Detlev von Liliencron Der Maecen Meinem Freunde Maximilian Fuhrmann zugeeignet. Seit Anfang des Jahres bin ich zu meinem Vergnügen in Tanger. Ich wohne auf dem Marschán, einem Höhenzuge, der mit vielen Landhäusern bedeckt ist. Meine Aussicht ist nach allen Himmelsrichtungen unbeschreiblicher Schönheit voll: vor mir die weißmauerige Stadt, nach Westen der Atlantik, unabsehbar, nach Norden das Mittelmeer, Europa, nach Süden der Atlas, seine Schneemützen. Meine Villa ist im arabischen Stil gehalten. Eine alte einländische Jüdin, die so gut spanisch wie englisch spricht, besorgt mit ihren Schwarzen die Haushaltung. Wenn nur der ewige Frühling nicht wäre, die ewig kühlende, wundervolle Seeluft, der ewig tiefblaue Himmel. Wir Menschen können das Paradies nicht ertragen. Viel hab ich schon gesehn und täglich schau ich neues. Nachmittags reit ich gewöhnlich auf die Playa. Hier treff ich Europa: alle, die sich zeitweise zum Vergnügen, zur Forschung aufhalten; die gezwungen sind durch ihren Beruf, durch ihre Geschäfte, in Tanger zu bleiben. Und es ist kein Abbrechen neuer Bekanntschaften. Näher gesellig geworden bin ich nur mit Mr. Fraser, dem Löwenjäger, mit dem ich zuerst im Hotel Continental zusammenwohnte. Es ist im April. Ich sitze lässig im Schaukelstuhl und lese in Storms Gedichten: Kaum zittert durch die Mittagsruh Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten, Dem Alten fällt die Wimper zu, Er träumt von seinen Honigernten. Kein Klang der aufgeregten Zeit Drang noch in diese Einsamkeit. Mein todkranker Freund und nächster Gutsnachbar, Graf Wulff Gadendorp, Erbherr der Schleifengüter mit dem Sitz auf Schloß Gadendorp, hat mir Storm mitgegeben; außerdem hat er mir noch eine kleine Bücherei seiner Lieblingsdichter, ich möchte sagen »aufgehalst« in einem äußerst zweckentsprechenden Koffer, den er mir am Abend vor meiner Abreise sandte. Dieser Plunder! Ich wäre auch sicher nicht dazu gekommen, darin zu blättern, triebe mich nicht die Langeweile meines Paradieses zu dieser sonst für uns Deutschen so überflüssigen Anstrengung. Als ich Abschied von Wulff nahm, hielt er so lange meine Hand, sah mir so tief zuletzt ins Auge, lächelte so gutmütig-boshaft. Und ich höre seine Stimme: »Timmo Boje Tetje, du nimmst die Bücher mit. Denk, wie die reichen Russen, Engländer, Amerikaner reisen; ich meine, denk daran, welch Gepäck die meistens mit sich schleppen. Dagegen ist Dein Troß nichts. Laß in der Beziehung Deine wunderlichen, engherzigen deutschen Ansichten laufen. Du nimmst sie also mit, Timmo Boje Tetje!« Und wenn er mich mit meinen sämtlichen Vornamen feierlich anredete, dann half kein Sträuben mehr. Und so schleppte ich denn die kleine, von meinem Freunde ausgewählte Bücherei mit mir und las deutsche Schriftsteller im schwarzen Erdteil. Aber ich tat es sehr selten. Ich bin darin ein Deutscher. Unter der ungeheuern Menge Schundes, die uns überregnet als »National-Literatur«, als Schönwissenschaft insbesondere, hab ich seit vielen Jahren verlernt, mich zurechtfinden zu können. Es ist ja immer der gleiche Quark. Da hab ichs längst aufgegeben. Es ist mir einfach zur Unmöglichkeit geworden, Gedichte zu lesen. Ich erachte es für ein Wunder, daß Wulff Gadendorp nicht müde wird, sich Bücher zu kaufen. Nur dann, wenn er mir vorlas, was er besonders für wert hielt, muß ich gestehen: welche Schätze an Poesie birgt das gute Deutschland. Ob ich meinen Freund wiedersehn werde? Seit einem halben Jahre bin ich unterwegs. Zuerst kamen seine Briefe zahlreich, dann wurden sie spärlicher; seit vier Wochen bin ich ohne Nachricht von ihm. Ich fürchte das Schlimmste. Und wieder, als wenns ein eben angesprochener Wunsch Wulffens sei, lese ich Stormsche heimatziehende Strophen: in meinem Palmengärtchen, das, nach vielfach arabischer Sitte, vom Hause umschlossen ist. Ein Brunnen plätschert. Dem Alten fällt die Wimper zu, Er träumt – von – seinen – Honig . . . »Gan Se man na Hus, Herr, wat wüllt Se bi all de Narrenslüd,« sagt plötzlich schauderhaft nah eine Stimme, die ich als die meiner Haushälterin auf Wulffhägen, Wiebke Hinrichsen, erkenne. Ich war eingeschlafen. Die gute, treue Person hatte sich mir im Traume gezeigt. Unwillig schieb ich mit den Füßen das Löwenfell von mir, das vor meinem Schaukelstuhl liegt. »Wat wüllt Se bi de Kakerleikers, Herr? Se schulln sick würkli wat schamn, son lütte nackigte swatte Dirn för sick to laten,« spricht wieder die Stimme. Nun aber reiß ich zornig die Augen auf. Vor mir, auf dem Löwenfell, in der Stellung des »sterbenden Fechters«, nur, daß der Kopf nicht gesenkt ist, sondern zu mir erhoben, kauert das fünfzehnjährige Negermädchen Dschemá. Sie ist landesüblich ein wenig spärlich gekleidet. Ein um die Hüften gebundenes Schürzchen ist alles, außer einem von mir geschenkten dunkelroten Halsbändchen. In die Ohren sind winzige Ringe gepreßt; in diesen aber hängen wahre Wagenräder. Dschemá, ein sehr lustiges Ding, gehört zum Haushalt meiner Wirtin. Sie spricht geläufig englisch. Seit Wochen hatte ich mir, aus irgend einer Laune, die größte Mühe gegeben, ihr, wie einem Papagei, Theodor Fontanes »Lied des James Monmouth« einzuprägen. »Das ist einer der wenigen Dichter, die ich von ganzem Herzen liebe,« hatte Wulff auf die erste Seite von Fontanes Gedichten geschrieben. » Now, go on, Dschemá,« sag ich. Und sie beginnt mit breiter englischer Betonung: Es zieht sich eine blutige Spur Durch unser Haus von alters, Meine Mutter war seine Buhle nur, Die schöne Lucy Walters. Am Abend wars, leicht wogte das Korn, Sie küßten sich unter der Linde, Eine Lerche klang und ein Jägerhorn, Ich bin ein Kind der Sünde. Meine Mutter hat mir oft erzählt Von jenes Abends Sonne; Ihre Lippen sprachen: ich habe gefehlt, Ihre Augen lachten vor Wonne. Ein Kind der Sünde, ein Stuartkind, Es blitzt wie Beil von weiten, Den Weg, den alle geschritten sind, Ich werd ihn auch beschreiten . . . Die kleine Negerin hält inne. Die großen Augen sehen mich fragend an . . . » And now, and now, Dschemá,« sag ich mit gerunzelter Stirn. » And now, and no—w, antwortet sie weinerlich. Ich helfe aus: Das Leben geliebt, und die Krone geküßt, Und den Frauen . . . Da fällt sie rasch ein:                                   das Herz gegeben, Und den letzten Kuß auf das schwarze Gerüst – Das ist ein Stuart-Leben. » All right, Dschemá.« Sie lacht mich an. Ihre Hände sind in der Zottelmähne des Löwenfells vergraben. Nun erhebt sie sich und tanzt vor mir. Vor einer blühenden Agavenhecke heben sich ihre reizenden Bewegungen ab. Palmenkronen beschatten sie. Ich schaukele mich träg im Stuhle wie ein fauler Pascha. Alles ist um mich voller Sonne, heller Afrikasonne. Der Springbrunnen plätschert durch die Stille. Mein Paradies wird mir immer langweiliger. Auch die Paschas schlafen viel, und ich bin ein Pascha. Warum soll ich nicht die Augen schließen. Und im Traume wandre ich durch meine heimatlichen Redder und höre die langen, breiten, langsamen Sprachtöne Schleswig-Holsteins. Plötzlich wach ich durch Lärm auf: Mein Diener, Jürgen Naeve, gleichaltrig mit mir, aus Söbenecksknüll, Gutsbezirk Wulffhägen, Kreis Eckernsund, wirft just die Kleine, die ihm vielleicht auf seinem eiligen Gange zu mir im Wege gewesen ist, unsanft beiseite. Dschemá hat nur noch so viel Zeit, daß sie wütend hinter ihm herspuckt und ihm seinen Rockrücken besprengt. Jürgen bemerkt es nicht, sondern eilt schleunig auf mich zu und meldet mir, daß der Dampfer der Slomann jun.-Linie »Messina« angekommen sei auf der Heimfahrt aus dem Mittelmeer; in zwei Tagen gehe er nach Hamburg in See. »Nun, dann belege für uns Plätze.« Jürgen ist außer sich vor Freude. Aber er bewahrt mir gegenüber seine Haltung. Wenn er seinen Rock morgen abbürsten wird, hat die Hitze längst den kleinen Wassersegen getrocknet. Höchstens denkt er, daß eine der häßlichen, großen schwarzen Schnecken ihm nachts übers Zeug gekrochen ist. Ich glaube, daß er sonst aus Ärger das Mädchen totschlüge, erführ er ihre Rache. Die Schwarzen sind ihm ein Greuel; er haßt sie. Menschen gibt es für ihn nur in Schleswig-Holstein, und im besondern im Kreise Eckernsund, noch weiter gesondert in Wulffhägen und Söbenecksknüll. Keinen aufmerksamern und treuern Diener hätt ich haben können. Einer seiner Fehler ist, daß er gern prahlt. Und die Mordgeschichten, die er auf Wulffhägen den horchenden Knechten und Mädchen erzählen mag, wenn wir von Reisen zurückgekehrt sind, werden ungeheuerlicher Art nicht entbehren. Ich mache meine Abschiedsbesuche. Sie fallen mir nicht schwer. Ein zehrendes Heimweh treibt mich. Ehe ich auf den Slomanndampfer gehe, gebe ich eine Depesche auf: Frau Wiebke Hinrichsen, Wulffhägen, Kreis Eckernsund, Provinz Schleswig-Holstein, Deutschland. Öfen nachsehen. Ich komme in den nächsten vierzehn Tagen. Alle fünfzig Jahre etwa haben die Schleswig-Holsteiner einen wirklichen Mai wie anno 1889. Bei dem letzten Schritt, wörtlich zu verstehen, den ich auf dem dunklen, geheimnisvollen Erdteil tat, ehe ich mich einschiffte, hörte ich lautes Rufen hinter mir. Als ich mich wandte, erblickte ich einen Kawassen des deutschen Konsulats, der in der hoch gehobnen Rechten ein Schreiben trug und schwenkte. Er lief, was er laufen konnte. Mir kams wie aus einer Erinnerung, als ich den bunt und phantastisch gekleideten Boten kommen sah, als wär er einer jener Schnellläufer, wie ich sie früher, zu meinem höchsten Erstaunen und wohl auch Grauen. als Kind hatte in meiner Heimat ihren Rennweg nehmen sehn. Er brachte mir eine Zuschrift mit dem Poststempel Eckernsunds. Die Hand der Aufschrift kannte ich nicht, oder wenigstens nicht im ersten Augenblick. Doch schon nach Sekunden wußte ich, daß sie die Hans Negendanks sei, des langjährigen Haushofmeisters meines Freundes Wulff. Ich erschrak. Es mußte die Todesanzeige sein. Aber erst als ich mich eingerichtet hatte, erbrach ich den Brief: Haus Gadendorp, März 1888. Mein lieber, guter Herzensfreund, Mein alter Timmo Boje Tetje, so muß ich Dich noch einmal nennen, und wohl zum letztenmal. Du weißt, ich tats zuweilen. Und dies ist auch die Gelegenheit dazu, Timm: Wulff Gadendorp heute noch und nimmermehr. Gestern hats mir unser alter Reese, auf mein dringendes Bitten, gesagt: vierzehn Tage vielleicht noch . . . Nun denn – ich muß in Absätzen schreiben, und täglich nur in kleinen »Portionen« meiner Schmerzen halber; verzeih auch deshalb die kritzliche Schrift – einmal müssen wir ja alle in die dunkle Bucht einbiegen, wo ein gütiger Geist uns den roten Mohnkranz des ewigen Vergessens um die Stirn legt. Ich zittre nicht, ich bin nicht feig; Du kennst mich darin. Vor einigen Tagen gab ich noch auf meinem Krankenbette einen Nachtrag zu meinem letzten Willen. Alles ist nun geordnet. Zugleich verschenkte ich mit warmer Hand, unter amtsrichterlicher Beglaubigung, sechsunddreißig Millionen Mark, und zwar wie folgt: Sechs Millionen habe ich zur Verfügung Seiner Majestät, meines allergnädigsten, bis zum Tode treu geliebten Herrn gestellt mit der Bitte, über diese Summe, in welcher Weise gewünscht, allerhuldvollst Bestimmung treffen zu mögen für verschuldete Offiziere. Ich sahs zu oft in meinem Leben, daß wegen des Quarks von einigen tausend Mark tüchtige, brave, geniale, dem Staate brauchbare Offiziere ins Elend gehen mußten. Sechs Millionen übergab ich dem Reichskanzler mit der Bitte, der Not solcher Witwen und Waisen und Verwandten Hilfe zu bringen, deren Ernährer durch Fallen oder Stürzen von Baugerüsten (auch in ähnlichen Fällen) plötzlich getötet sind. Ich machte die Bedingung, daß vor allem nicht auf das Glaubensbekenntnis zu sehen sei. Übrigens hätte ich dies gar nicht mehr in unsern humanen Zeiten zu erwähnen brauchen. Nur die Frage sei zu berücksichtigen: Ist die Witwe, sind die Kinder, die Verwandten in augenblicklicher Not. Ein Würdigkeitsattest ist unter keinen Umständen beizubringen. Ob der Verblichene ein Rauhbein, ein Söffling oder was immer für ein Teufelskerl gewesen ist – ganz gleich, ist die Witwe, sind die Waisen, die Verwandten in Not, soll ihr (ihnen) binnen zwei Tagen, auf Telegramm hin, das vom Ortsvorsteher auszugehn hat, die Summe von 300 Mark ausgezahlt werden. Über die nähern Bemerkungen will ich Dich nicht länger langweilen. Endlich, vierundzwanzig Millionen Mark der deutschen Schillerstiftung. Der »berechtigten Eigentümlichkeit« des lieben Vaterlandes, unter allen Umständen seine nicht mit Gold gesegneten oder verarmten Dichter und wackern Schriftsteller verkümmern und verhungern zu lassen, setz ich damit hoffentlich ein Dämmlein entgegen. Denn sollen die deutschen Dichter bei jener grenzenlosen Gleichgültigkeit, bei jener schamlosen Prüderie – das ist ein Widerspruch, aber Du verstehst mich – wie sie Deutschland zeigt, auch noch Hungerpfoten saugen, so hats ein End. Ich machte zwei Bedingungen: 1. Tüchtig zu geben, Summen, keine Sümmchen. 2. Keine Veröffentlichung. Denn jetzt nimmt jedes Wurstblättchen, das sich sonst nie um die Literatur bekümmerte, und zwar mit sattestem Behagen, die namentlichen Listen der Empfänger in ihre Spalten auf. Das war also das. Für die Armen auf meinen Gütern, für liebe, bedürftige Freunde, für meine Dienerschaft hab ich durch reiche Stiftungen gesorgt. Dir, Timm, als recht wohlhabendem Menschen, vermache ich Kleinigkeiten, unter andern die kleine zerbrochne Meißner Vase, auf meinem Schreibtische, die Dir stets so gefallen hat. Und das hat mich so oft innerlich mit Dir ausgesöhnt: trotz aller Deiner Rederei und Tuerei: Du hast doch Schönheitssinn.. Du weißt. mein Timm, wie widerwärtig mir von jeher chauvinistischer Patriotismus gewesen ist. Aber das darf ich einmal an dieser Stelle hervorheben: Meine Kaiser und mein deutsches Vaterland, Preußen, mein Schleswig-Holstein hab ich immer aus meinem tiefsten Herzen geliebt. Ein Schuft, der nicht für seinen Kaiser und für das Vaterland mit hoher Freude in den Tod geht. Möge der Blitz einschlagen in alle die neidischen äußern und innern Reichsfeinde. Sonst, von der Welt, von den Menschen, mein Alterchen . . . nun, Du kennst meine Ansichten: Mumpitz, Mumpitz, wie ein Berliner Ausdruck ist . . . Und so ist auch hier der Ort, Dir zu sagen, daß ich Dir mein »Notizbuch«, wie Du es zu nennen beliebtest, hinterlasse. In einer ruhigen Stunde nimm es einmal »vor«. Du findest darin allerlei Gespräche mit Dir, mit andern, mit mir selbst, Auszüge und Gedanken aus Büchern, meine Lieblingsgedichte aus meinen Lieblingsdichtern, namentlich der jungen Garde nach 1880. Von den »Alten« habe ich nur Platen, Lenau und Uhland genommen, glaub ich. Den neuern nur Conrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller vorangestellt. Tausend ja, das sind zwei Dichter! Auch findest Du Beobachtungen, Stimmungen, Bilder, Erlebtes, Gedachtes: im ganzen ein ziemlicher Mischmasch (und Wischwasch geruhst Du zu sagen, Du ewiger Spötter). Zuweilen wirst Du lachen, zuweilen den Kopf schütteln: Mein Gott, wie hat der die Welt angesehen; ja, so war der wunderliche Kauz. Damit sie mich, die guten, treuen, aber so nüchternen Schleswig-Holsteiner, nicht poesielos (wie vor einigen Jahren den letzten Qualen) in die Gruft senken, bat ich unsern Adelsmarschall, bei meinem Grabe, da ich der letzte meines alten Geschlechtes, die Ritterschaft zu versammeln und über meinem Sarge, wenn er in die Tiefe gegangen ist, mein Wappen zu zerbrechen mit den Worten: Von Gadendorp heute noch und nimmermehr. Unser guter, liebenswürdiger, immer gefälliger Adelsmarschall – Du erinnerst Dich, er sagte mal von mir mit seiner näselnden Stimme: »Ja, ja, begreife nicht, der Gadendorp, wohl Poet oder so was ähnliches,« – hat es mir auch versprochen. Reese hat mir heute sein Wort gegeben, mir nach meinem Tode die Pulsadern zu öffnen. Ich bin nun ganz beruhigt. Und nun zu Dir, mein Timmo. Mein alter, immer gleich treu mit mir den Weg gegangner Freund, nimm auf meinem Sterbenslager meinen herzlichen Dank. Ich weiß es wohl, Du hast mich nicht immer verstanden. Du hast über mich hinter meinem Rücken, wie mir ins Angesicht gelacht und gescherzt. Qu'importe. Nicht allzuviel Freude hast Du an der Kunst und an dem, das doch einzig und allein nur das sonst so öde Leben in etwas aufhellen kann, an der Poesie. Aber ich danke es Dir, daß ich Dir vorlesen durfte zuweilen, wenn ich erglüht war durch Gedanken, Gedichte, Sätze, die ich in meinen Büchern gefunden hatte. Wie geduldig Du dann immer saßest. Freilich, freilich, einige Male sank Dein Köpfchen bedenklich in das Burgunderglas. Meinen im Keller liegenden Burgunder, nebenbei gesagt, hab ich Dir, dem Kenner, vermacht. Daß Du stets Deine eignen Zigarren rauchtest, weil Du behauptetest, ich verstünde nichts von Tabak, sei Dir vergeben. In bezug auf die kräftige, frische Bewegung in der Literatur, wenn Dir auch nicht verständlich, bin ich der festen Überzeugung, daß sie siegen wird, wenn auch vielleicht erst in zwanzig Jahren . . . Sei nur ruhig; ich kenne Deinen Einwand: »Das deutsche Gemüt . . .« Nein, nein, mein Timm, »das deutsche Gemüt« leidet niemals darunter. Das deutsche Gemüt soll und wird unser Heiligstes bleiben. Und nun leb wohl und keine Flennerei, was ja auch nicht Deine Sache zu sein pflegt. Und Dank, Freund, für Alles, was Du mir getan hast, was Du mir gewesen bist. Stell Dich gut mit meinem Nachfolger. Es ist Dir ja bekannt, daß er ein Rheinländer ist, aber immer auf seinen Gütern in Rußland lebt. Es ist ein Verwandter mütterlicherseits. Vor mir hat dieser Pedant (da paßt er ja übrigens ganz gut zu Dir) immer einen gewissen Ekel gehabt. Mir war er auch nie sympathisch, und wenn ich daran denke, daß meine Leute, meine Güter und Dörfer in seine Hände übergehen, so ist es mir wie ein Stich ins Herz. Ein letzter Stich. Wann hatt ich mein letztes Glück? Eines meiner liebsten Worte Goethes war immer: Der Mensch erfährt, er sei auch wer er mag, Ein letztes Glück und einen letzten Tag. Ich werde wohl kaum mehr zum Schreiben kommen. Dieser Brief brauchte schon zwölf Tage . . . Viele, viele Schmerzen . . . Starke Dosis Morphium, Reese hat sie »vergessen«; wenns zu unerträglich wird . . . Du Timmo, mein Freund, Dank, Dank . . . und eines noch, ich war immer frei, frei! Immer nur mir verantwortlich; das war so schön . . . Morgen mehr . . . Du, vergiß meine Pferde nicht und meine Hunde und Katzen und das übrige Getier, das mir gehört. Nimm sie lieber zu Dir . . . Negendank Bescheid sagen . . . Wer weiß . . . der Pedant vielleicht, der Vetter, dies, ja so . . . ich glaube, kaltes Herz . . . alle Menschen mit kalten Herzen sind mir . . . Meine Pferde, meine Hunde, meine Tiere, nimm sie zu Dir . . . Pferde, Hunde haben keine kalten Herzen . . . Die Menschen, die Menschen . . . nun will ich schlafen, wenn ich kann . . . Morgen mehr . . . Das war der letzte Brief meines Freundes Wulff Gadendorp. Unter dem Schreiben stand: Auf Wunsch des Herrn Grafen soll ich diese Zuschrift, eingeschrieben, durch das kaiserliche Konsulat in Tanger, an den Herrn Baron senden. Die Herren Doktoren meinen, daß unser guter Herr Graf nur noch einige Tage werde leben können. Der Herr Graf trägt seine schweren Schmerzen bewunderungswürdig. Sie scherzen, wie es der Herr Baron kennen, so wie es der böse Zustand nur irgendwie zuläßt. Genehmigen u. s. w. Hans Negendank, Haushofmeister. Nachschrift. Ich mußte diesen Brief noch einmal öffnen. Ich soll noch berichten, daß jedem durchziehenden Orgeldreher von der Gutsobrigkeit in Gadendorp ein Zwanzigmarkstück auszuzahlen ist. Dafür ist dieser verpflichtet, eine ausgeschlagene Stunde unter den Vorderfenstern des Schlosses zu spielen. Es ist mir expreß befohlen worden mitzuteilen, daß sich der Herr Graf die Freude nicht versagt hätte, hiermit seinen Herrn Vetter, den Nachfolger der Schleifengüter, hoffentlich gründlich zu ärgern. Ich war tief erschüttert, als ich das lange Schreiben gelesen hatte. Die Herzensgüte und der nie versagende Humor meines Freundes traten wie die sinkende Sonne noch einmal aus den Abendwolken hervor. Wo er helfen, wo er Freude machen konnte, gab er mit verschwenderischen Händen und nie in verletzender Weise. Wohl keinen reichen Menschen traf ich je im Leben, dem so die Gabe gegeben war, zu schenken, Gutes zu tun. Der Kunst, und namentlich den Dichtern, war er ein Mäcen, wie ihn Deutschland nie gesehen hat. Wulff Gadendorp stand als Ironiker über dem Leben, über den Parteien. Alles kleinliche Denken und Treiben war ihm verhaßt. Seine Schlösser und Güter – in jedem europäischen Lande besaß er Grundeigentum – boten, ein einziger Fall im ganzen deutschen Reiche, ihre Dächer den Künstlern; und namentlich wieder zogen die Dichter ein und aus. Ob er selbst Verse geschrieben hat? Ich bin sicher der Meinung. Aber er war zu bescheiden, so sehr die Versuchung an ihn herantreten mochte, sie andern zu zeigen. Er wird seine Strophen verbrannt haben. Nie ist mir eine Zeile gebundner Sprache von ihm zu Händen gekommen. Welche unermeßlichen Summen sind aus seiner Hand geflossen. Ich habe mich gewundert, als ich las, daß er noch sechsunddreißig Millionen, außer den übrigen Schenkungen und Stiftungen, die er gemacht, zur Verfügung hatte. Und doch auch wieder nicht: Er verstand zu rechnen. Das ist allerdings keine Kunst, wenn man reich ist. Wär ich arm, würd ich mehr als einmal Blaumontag machen und mich an keine Berechnung kehren, hörte ich einmal Wulff sprechen. Sein Reichtum war märchenhaft. Er stand den amerikanischen Eisenbahnkönigen, den englischen Herzögen, denen der Londoner Grund und Boden gehört, völlig gleich zur Seite. Von Hause aus in ziemlich kläglichen Verhältnissen lebend, erbte er seit etwa zehn Jahren von allen Seiten. So war sein Ausdruck: »Als wär ich eine alte Müllgrube gewesen, schütteten von allen Seiten Verwandte, die die Güte hatten zu sterben und keine andern Erben zu hinterlassen, ihre Goldtonnen in mich aus.« Dazu kam ein vor vier Jahren gewonnener Prozeß, der ihm eine vielumstrittene Millionen-Erbschaft brachte: es steht ab und zu in den Zeitungen: Eine Erbschaft aus Batavia; und Zins auf Zinsen. Wulffs Eltern entsinne ich mich noch gut. Sein Vater, auch äußerlich mit seiner Habichtsnase und seinem starken Schnurrbart und seinen gesunden roten Wangen, war einer jener Landedelleute, wie sie recht und schlecht zu Hunderten auf ihren Gütern wohnen: L'Hombre, Pferde, Branntweinbrennerei, Kirchenbesuch als Beispiel für die»Untertanen«, Butter- und Käsegespräche. Wenn der alte Herr sich elend fühlte oder erkrankte, kam ein ungemein dickes Gesangbuch zum Vorschein, auf dessen erster Seite stand: For mein Louis. In diesem Gesangbuche wurde dann so lange eifrig gelesen, als die Unpäßlichkeit dauerte. War sie vorüber, wanderte auch »For mein Louis« wieder in die Ecke. Im übrigen noch trug er beständig silberne Tanzsporen . . . sonst wüßt ich wirklich nichts mehr von ihm zu sagen. Wulffs Mutter war eine russische Fürstin. Sie hatte den alten Grafen kennen gelernt, als dieser sich einige Zeit vergnügungshalber als dänischer Legationssekretär in Paris aufgehalten. Ihr Vater hatte dort zurzeit den Petersburger Botschafterposten inne. Die Gräfin steht mir deutlich vor Augen. Sie verzärtelte ihr einziges Kind außerordentlich. In Schleswig-Holstein fühlte sie sich unter den Butter- und Käsegutsbesitzern, die niemals auch nur eine Ahnung, geschweige denn Freude gehabt haben von und über Schönwissenschaft, unglücklich; um so mehr, als sie begeistert für die Literatur schwärmte. Von ihr hatte Wulff diese Vorliebe geerbt; auch wohl den Spottschnabel und manche Wunderlichkeiten, Verkehrtheiten und Fehler und Sonderbarkeiten. Das hab ich bei meinem Freunde herausgefühlt: Weil er anders dachte, wie die breite Masse der Menschen, weil er, wie das natürlich, deshalb viel Haß und Hohn zu erdulden hatte, weil seine Ansichten über Kunst und Künstler oft grundverschieden von der landläufigen Ästhetik abwichen, so tat es ihm wohl, in mir einen guten Kameraden gefunden zu haben, dem er sein übervolles, einsames Herz ausschütten konnte. Es war von Kindheit auf sein Wunsch gewesen, Kavallerieoffizier zu werden. Aber grade, als dies in Verwirklichung treten sollte, mußte sein Vater Konkurs erklären. Doch als unverkäufliches Majorat blieben die Hauptgüter unveräußerlich. Der Konkurs hatte den Alten so gekränkt, daß er, trotz seines Trostes in dem dicken Gesangbuch »For mein Louis« sich hinlegte und starb. Wulff konnte nicht weg aus dem Grunde. Als er durch die Erbschaften endlich imstande war, sein eigner Herr zu sein, wars zu spät. Er blieb, mit Unterbrechung durch weite Reisen in alle Erdteile, bis an seinen Tod in Gadendorp. * * * Nach einer nicht zu unruhigen Fahrt liefen wir in die Elbe ein. Tanger und Wulffhägen. Marokko und Schleswig-Holstein. Aus der Welt in die Einsamkeit. Mein erstes in Hamburg war eine telegraphische Anfrage nach Gadendorp. Die Antwort Negendanks, daß Wulff vor vier Tagen gestorben sei, konnte für mich nicht allzu überraschend sein. In Kiel erwartete mich mein Wagen. Wir sind im Mai, aber nirgendwo ist eine Spur des Wonnemonats zu bemerken. Die Luft ist kalt. Die Bäume stehen kahl. Die Buchenblätter, gerollt wie Papillons, wagen sich nicht heraus. Unbarmherzig würgt der Nachtfrost in Feld und Garten. Der Abend breitete seinen Mantel über die Landschaft. Auf einer nassen Wiese hör ich, kaum noch sehbar in ihren Schwingungen, das ununterbrochne Kuiwitt der Kiebitze. Eine Goldammer singt einsam im Knick ihre rührende, kurze Melodie. Eine zu früh ins Feld gelassene Kuh brüllt vor Kälte, aus Sehnsucht nach dem warmen Stall. Nun biegt mein Wagen von der Kunststraße in einen Landweg. Bald fahren wir durch ein Städtchen, wo Alles schon zur Ruhe gegangen ist. Ich kenne hier jeden . . . Vor der Apotheke kauert in tiefgebückter Haltung, so daß seine Stirn in Gefahr zu sein scheint, die Pflastersteine heftig begrüßen zu müssen, der Nachtwächter. Selbst die rollenden Räder und ein übermütiger Peitschenknall meines Kutschers erwecken ihn nicht. Weiter. Es ist so still, daß aus großer Entfernung die Schläge der Böttcher einer Brauerei zu hören sind. Sie hämmern im Dreivierteltakt Reifen ums Faß. Es geht gegen Mitternacht. In einer halben Stunde habe ich die Grabkapelle in Gadendorp erreicht. Zu dieser Stunde soll mein Freund in die Gruft gesenkt werden. Ein Reh springt quer vor meinem Wagen über den Weg von Knick zu Knick. Die scheu gewordnen Pferde sind bald wieder beruhigt. Plötzlich bemerk ich Feuerschein. Es ist der Glanz vieler Fackeln, die in Bewegung sind. Ich kenne ihre Bedeutung. Mit ihnen zugleich werd ich bei dem Gadendorper Kirchlein eintreffen. Näher gekommen, klingt mir von einer starken Musikbande sehr langsam gespielt: »Wenn Menschen auseinander gehn, dann sagen sie. Auf Wiedersehn – auf Wiedersehn« entgegen. Wie, das wäre das letzte Lied, das der ungläubige Gadendorp befohlen hätte, hinter seinem Sarge zu tuten? Oder tanzt der Schalk vor der Truhe? Immer näher klingt es: »Wenn Menschen auseinandergehn, dann sagen sie: Auf Wiedersehn – auf Wiedersehn.« Immer langsamer wird gespielt; stärker, stärker und stärker braust die Melodie mir ins Ohr. Es liegt etwas Herzzerreißendes in ihr, nichts Tröstendes, Beruhigendes. Mit dem Trauergefolge zugleich treff ich am Kirchtor ein. Die ganze Provinz ist vertreten. Die roten Uniformen der Ritterschaft leuchten heraus. Nur diese, nach den Satzungen der »wolleddelgepohrenen Ridder und ansehnliche Man«, darf in die Kirche. Alles übrige muß draußen bleiben, selbst die Geistlichkeit zu ihrem großen Ärger. Ein hoher Regierungsherr will sich durchdrängen: »Wir preißischen Beamten dürfen überall hin.« Seine Aussprache kennzeichnet ihn als Ostpreußen. Aber hier wird der»preißische Beamte« zurückgewiesen. Der Adel ist in der Kirche allein. Der Sarg, behangen mit Purpurdecken, die bis auf den Steinboden hängen und schleppen, in deren Ecken das Gadendorpsche Wappen gestickt ist, wird von den sechs jüngsten Herren bis an die unmittelbar vor dem Altar befindliche, jetzt zum Empfange weit gähnende Gruft getragen. Jedes andern Ritters Hand hält eine Fackel. Nun stehen alle um die schwarze Öffnung. Die Lichter beglitzern unheimlich die roten Röcke, die Metalleuchter, den Gekreuzigten, die alten Bilder, den Altarschmuck, die Kanzel mit ihrer über ihr schwebenden Taube. Der Adelsmarschall, ein außergewöhnlich kluger Geldmensch, aber sonst ein Gentleman durch und durch, steht vorn. Mit seinem Pferdegesicht und dem langen hinunterhängenden weißen Schnurrbart schaut er auf wie ein polnischer Starost. In Händen hält er das schon vorbereitet-angebrochne Wappen. Der Sarg gleitet in die dunkelblaue Finsternis. »Die Fackeln gesenkt«, befiehlt laut der Adelsmarschall. Und dann, im Zerbrechen, daß die beiden Stücke polternd unten aufschlagen, spricht er: »Von Gadendorp heute noch und nimmermehr . . .« Die Feierlichkeit ist beendet. Allerlei Gespräche beginnen sofort: Butter, Fettverkauf, Familienangelegenheiten, Branntweinsteuer, neue Dreschmaschine, L'Hombre-Verabredung, Wahlen, Parteitag, und wies so überall auf der Welt zugeht. Aber der letzte der Gadendorps hat, was dem letzten der Qualen vor einigen Jahren durch die bodenlose Nüchternheit seiner satten und gesunden Heimatsbrüder versagt gewesen, ein »poesievolles« Begräbnis gehabt. Um zwei Uhr morgens bin ich in Wulffhägen. Es ist mir, als wenn ich irgend einem Menschen zu danken hätte, daß ich wieder in meinem Arbeitszimmer sitze. Das »Notizbuch« Wulff Gadendorps hatt ich bald in Händen. Aber erst nach einigen Tagen löste ich die Siegel und begann an einem Juniabend die Lesung. * * * Das Notizbuch.         Wer wußte je das Leben recht zu fassen, Wer hat die Hälfte nicht davon verloren Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren, In Liebesqual, in leerem Zeitverprassen. August Platen. Freie Kunst.         Im Reich der Schönheit und Gedanken Galt nie ein fremdes Machtgebot, Sie selbst nur geben sich die Schranken, Von anderm Einspruch unbedroht. Hermann Lingg. * * * Fast erstickende Sommerhitze lieb ich; gar erst um die Mittagszeit. Als ich an einem brennenden Julitag um ein Uhr durch meine Knicks ging, hielt ich mit überhängenden Armen eine kurze Rast an einem Feldtor. »Schluplock« nennen wir ein solches Gitter. Mitten auf der Wiese lag, allein, ohne daß andres Vieh zu sehen war, mein dreijähriger, dunkelbrauner Stier Uranus. Die Bauern und Knechte rufen ihn: »de grote Urian«. Er schlief scheinbar. Plötzlich hörte ich, ohne daß er sich rührte, ein dumpfes Brummen von ihm her. Es klang wie das Grollen eines Erdbebens. Dies Grollen lief dicht über die Gräser zu mir. Er erhob sich schwerfällig und stampfte abwechselnd mit den Vorderhufen, kratzte Gras und Blumen aus. Dann bog er den Urnacken ein wenig zurück und begann ein fürchterliches Zorngebrüll. Nun legte er die Hörner auf mich ein. Ich empfahl mich »etwas plötzlich« und trat hinter den Knick zurück. Welch ein Bild der Kraft bot der tobende Stier. Auf dem Heimwege fiel mir mein deutsches Vaterland ein. So liegt es: ruhig im Bewußtsein seiner Riesenmacht. Zeigt sich der Feind lungernd, gierig an den Grenzen, erhebt es sich, setzt die Hörner ein, und wehe . . . Daß Du gesegnet seist, mein Vaterland.. Wie bin ich stolz, ein Deutscher zu sein! * * * Gottfried Keller-Tag. Poetentod.                 Der Herbstwind rauscht; der Dichter liegt im Sterben, Die Blätterschatten fallen an der Wand; An seinem Lager knien die zarten Erben, Des Leibes Stirn ruht heiß auf seiner Hand. Mit dunklem Purpurwein, darin ertrunken Der letzten Sonne Strahl, netzt er den Mund; Dann wieder rückwärts auf den Pfühl gesunken, Tut er den letzten Willen also kund: »Die ich aus luft'gen Klängen aufgerichtet, Vorbei ist dieses Hauses Herrlichkeit; Ich habe ausgelebt und ausgedichtet Mein Tagewerk und meine Erdenzeit. Das keck und sicher seine Welt regierte, Es bricht mein Herz, mit ihm das Königshaus. Der Hungerschlucker, der die Tafel zierte, Der Ruhm, er flattert mit den Schwalben aus. So löschet meines Herdes Weihrauchflamme Und zündet wieder schlechte Kohlen an, Wies Sitte war bei meiner Väter Stamme Vor ich den Schritt auf dieses Rund getan. Und was den Herd bescheidnen Schmuckes kränzten Was sich an alter Weisheit um ihn fand, In Weihgefäßen auf Gesimsen glänzte, Streut in den Wind, gebt in der Juden Hand! Daß meines Sinnes unbekannter Erbe Mit find'ger Hand, vielleicht im Schülerkleid, Auf offnem Markte ahnungsvoll erwerbe Die Heilkraft wieder der Vernachtung Leid. Werft jenen Wust verblichner Schrift ins Feuer, Der Staub der Werkstatt mag zugrunde gehn! Im Reich der Kunst, wo Raum und Licht so teuer, Soll nicht der Schutt dem Werk im Wege stehn! Dann laßt des Gartens Zierde niedermähen, Weil unfruchtbar; die Lauben brechet ab! Zwei junge Rosenbäumchen lasset stehen Für mein und meiner lieben Frauen Grab! Mein Lied mag auf des Volkes Wegen klingen, Wo seine Banner von den Türmen wehn; Doch ungekannt mit mühsalschwerem Ringen Wird meine Sippschaft dran vorübergehn!« Noch überläuft sein Angesicht, das reine, Mit einem Strahl das sinkende Gestirn, So glühte eben noch im Purpurscheine, Nun starret kalt und weiß des Berges Firn. Und wie durch Alpendämmerung das Rauschen Von eines späten Adlers Schwingen webt, Ist in der Todesstille zu erlauschen, Wie eine Geisterschar von hinnen schwebt. Sie ziehen aus, des Schweigenden Penaten, In faltige Gewande tief verhüllt; Sie gehn, die an der Wiege einst beraten, Was als Geschick sein Leben hat erfüllt! Voran, gesenkten Blicks, das Leid der Erde, Verschlungen mit der Freude Traumgestalt, Die Phantasie und endlich ihr Gefährte, Der Witz, mit leerem Becher still und kalt. Waldfrevel.     Seht den Schuft am Waldessaum Mit gewandten Sprüngen fliegend, Einen jungen Eschenbaum Auf den breiten Schultern wiegend! Hat die Axt, die er gestohlen, Vornen in den Stamm geschwungen, Weit noch hinter seinen Sohlen Kommt der Wipfel nachgesprungen. Wie er heimlich lacht und singt, Daß das Herz im Leibe springt! Und die Dirne kommt daher Mit geschnittnen Weidenruten; Von der Last, die drückend schwer, Stehn die Wangen ihr in Gluten. Und der Bursche wirft die schwere Bürde beider in den Graben, Beide springen nach, als wäre Dort ein Nest voll Glück zu haben. Wo ein kleiner Freudenquell Tief im Erlengrunde fließet, Und die Silberadern hell Durch das samtne Moos ergießet, Wirft der schlanke Dieb sich nieder Mit der Dirn im braunen Arm, Löst ihr hastig Tuch und Mieder, Und er flüstert liebewarm, Daß sein brennend Herz erklingt, Wie die Nuß im Feuer singt: Schätzchen, o du kommst mir just, Daß ich meine Schätze grabe, Wieder einmal meine Lust Am verborgnen Reichtum habe! Zeig mir der Korallen Schein An dem frischen roten Munde, Gib mir schnell dein Elfenbein, All das fein gedrehte runde! Wie der Has im Kohle springt Ihm das Herz und singt und klingt! Laß mich wägen all mein Gold, Deines Haares schwere Güsse! Laß mich zählen meinen Sold, Zähle mir einhundert Küsse Blank und bar auf meine Lippen, Weil uns kein Verräter lauschet! Laß mich von dem Weine nippen, Der mich armen Schelm berauschet! Nun verhüll die Herrlichkeit Mit den Lumpen, mit den Fetzen, Daß kein Auge ungeweiht Spähen kann nach meinen Schätzen! Dieses Tuch um deine Haare Dreimal, viermal sorglich winde, Daß die goldne Schimmerware Ja kein Strahl der Sonne finde. Gleich ist drauf die Dirn davon Durch den dunkeln Wald gesprungen, Wieder hat der Bursche schon Seinen Eschenbaum geschwungen; Wie die Beine rasch ihn tragen Mit dem langen schwanken Raube! Einen grünen Siegeswagen, Schleift die Kron er nach im Staube. Wie die Grill im Grase springt Ihm das Herz und singt und klingt! Abend auf Golgatha.             Eben die dornige Krone geneiget, verschied der Erlöser, Weißlich in dämmernder Luft glänzte die Schulter des Herrn; Siehe, da schwebte, vom tauigen Schimmer getobt die Phaläne Flatternd hernieder, zu ruhn dort, wo gelastet das Kreuz. Langsam schlug sie ein Weilchen die samtnen Flügel zusammen, Breitet sie auf und entschwand fern in die sinkende Nacht. Nicht ganz blieb verlassen ihr Schöpfer, den Pfeiler des Kreuzes Hielt umfangen das Weib, das er zur Mutter sich schuf. Winterabend.         Schneebleich lag eine Leiche und es trank Bei ihr der Totenwächter unverdrossen, Bis endlich ihm der Himmel aufgeschlossen Und er berauscht zu ihr aufs Lager sank. Von rotem Wein, den Becher voll und blank, Bot er dem Toten; bald war übergossen Das Grabgesicht und purpurn überflossen Das Leichenhemd; so trieb er tollen Schwank. Die trunken rote Sonne übergießt Im Sinken dieses schneeverhüllte Land, Daß Rosenschein von allen Hügeln fließt; Von Purpur trieft der Erde Grabgewand. Doch die verblaßte Leichenlippe tut Erstarrt sich nimmer auf der roten Glut. In der Stadt.           Wo sich drei Gassen kreuzen krumm und enge, Drei Züge wallen plötzlich sich entgegen Und schlingen sich, gehemmt auf ihren Wegen, Zu einem Knäul und lärmenden Gedränge. Die Wachtparad mit gellen Trommelschlägen, Ein Brautzug kommt mit Geigen und Gepränge, Ein Leichenzug klagt seine Grabgesänge; Das alles stockt, es kann kein Glied sich regen. Verstummt sind Geiger, Pfaff und Trommelschläger, Der dicke Hauptmann flucht, daß niemand weiche, Gelächter schallet aus dem Freudenzug. Dort oben, auf den Schultern schwarzer Träger Starrt in der Mitte kalt und still die Leiche Mit blinden Augen in den Wolkenflug. Nachtfahrer.           Es wiegt die Nacht mit himmelweiten Schwingen Sich auf der Südsee blauen Wassergärten, Daraus zurück wie Silberlilien springen Die Sterne, die in tiefer Flut verklärten. Wie ein entschlummert Kind an Mutterbrüsten Ruht eine Insel selig in den Wogen, So weich und weiß ist um die grünen Küsten Die Brandung rings, ein Mutterarm, gezogen. Ich wollt, es wär mein Herz so dicht umflossen Von einem Meer der Ruhe und der Klarheit, Und drüberhin ein Himmel ausgegossen, Deß einz'ges Licht das Sonnenlicht der Wahrheit. Und schöne Menschen schlafen in den Büschen, Wie Bildwerk in ein Blumentuch gewoben; Was ein erstorbnes Auge kann erfrischen, Das hat ein Gott hier sorglich aufgehoben. – Ein Blitz – ein Krach! – die stille Luft erzittert, Dicht wälzt ein Rauch sich auf gekräustem Spiegel – Ein Wasserdrache, der den Raub gewittert, So naht es pfeilschnell mit gespreiztem Flügel! Wach auf, wach auf, du stiller Menschengarten! Gib deine Blüte hin für Glaskorallen! Sieh, deines unschuldvollen Fleisches warten, Du sanftes Volk, Europas scharfe Krallen! Die Anker rasseln und die Segel sinken, Wie schneiend schallt das Wort der fremden Ferne. Viel hundert Bleichgesichter lüstern blinken Im fahlen Schein der trüben Schiffslaterne. Zuvorderst aus des Schiffes schwarzen Wänden Ragt schwärzer in der giererfüllten Rotte Der Christenpriester, schwingend in den Händen Das Marterholz mit dem gequälten Gotte.   Könnt ich doch jedem Deutschen meine Freude an Gottfried Keller übertragen. * * * Wie wir gute Gedichte lesen sollen? Vor allen Dingen müssen wir in Stimmung sein. Am besten bei verschlossenen Türen. Bequem sitzend oder liegend. Mit guten Zigarren versehn, wer Raucher ist. Durch nichts gestört. Und eigentlich nur eines zur Zeit: jedes Gedicht ist eine abgeschlossene Welt für sich. Nie mehr als zwei, drei, vier, fünf . . . wenn wir Genuß haben und mit- und nachempfinden wollen. Einen ganzen Band hintereinander zu lesen, ist vom Übel. Wen ich für die größten lebenden Lyriker deutscher Zunge halte? Unbedingt Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Ich hätte beinahe hinzugesetzt: Arnold Böcklin. Conrad Ferdinand Meyer-Tag. Über einem Grabe.         Blüten schweben über deinem Grabe. Schnell umarmte dich der Tod, o Knabe, Den wir alle liebten, die dich kannten, Dessen Augen wie zwei Tonnen brannten, Dessen blicke Seelen unterjochten, Dessen Pulse stark und feurig pochten, Dessen Worte schon die Herzen lenkten, Den wir weinend gestern hier versenkten. Maiennacht. Der Sterne mildes Schweigen. Dort! Ich seh es aus der Erde steigen! Unterm Rasen quillt hervor es leise, Flatterflammen drehen sich im Kreise, Ungelebtes Leben zuckt und lodert Aus der Körperkraft, die hier vermodert, Abgemähter Jugend letztes Walten, Letzte Glut verraucht in Wunschgestalten, Eine blasse Jagd:                               Voran ein Zecher, In der Faust den überfüllten Becher! Wehnde Locken will der Buhle fassen, Die entflatternd nicht sich haschen lassen, Lustgestachelt rast er hinter jenen, Ein verhülltes Mädchen folgt in Tränen. Durch die Brandung mit verstürmten Haaren Seh ich einen kühnen Schiffer fahren. Einen jungen Krieger seh ich toben, Helmbedeckt, das lichte Schwert erhoben. Einer stürzt sich auf die Rednerbühne, Weites Volksgetos beherrscht der Kühne. Ein Gedräng, ein Kämpfen, Ringen, Streben! Arme strecken sich und Kränze schweben – Kränze, wenn du lebtest, dir beschieden, Nie erreichte!                         Knabe, schlaf in Frieden. Erntegewitter.         Ein jäher Blitz. Der Erntewagen schwankt. Aus seinen Garben fahren Dirnen auf Und springen schreiend in die Nacht hinab. Ein Blitz. Auf einer goldnen Garbe thront Noch unvertrieben eine frevle Maid, Der das gelöste Haar den Nacken peitscht. Sie hebt das volle Glas mit nacktem Arm, Als brächte sies der Glut, die sie umflammt, Und leerts auf einen Zug. Ins Dunkel wirft Sies weit und gleitet ihrem Becher nach. Ein Blitz. Zwei schwarze Rosse bäumen sich. Die Peitsche knallt. Sie ziehen an. Vorbei. Schnitterlied.         Wir schnitten die Saaten, wir Buben und Dirnen, Mit nackenden Armen und triefenden Stirnen, Von donnernden dunkeln Gewittern bedroht – Gerettet das Korn! Und nicht einer, der darbe!                   Von Garbe zu Garbe                   Ist Raum für den Tod – Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot! Hoch thront ihr Schönen auf güldenen Sitzen, In strotzenden Farben umflimmert von Blitzen – Nicht eine, die darbe! Wir bringen das Brot! Zum Reigen! Zum Tanze! Zur tosenden Runde!                   Von Munde zu Munde                   Ist Raum für den Tod – Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot! Der Triumphbogen.         Ein leuchtend blauer Tag. Ein wogend Ährenfeld. Daraus ein wetterschwarzer Mauerbogen steigt. In seinem kurzen Schatten schläft das Schnittervolk, Allein empor gerichtet sitzt die schönste Maid, Des Landes Kind, doch welchen Lands? Italiens! Ein strenggeschnittnes, musenhaftes Angesicht, Am halbzerstörten Sims des Bogens hangt der Blick, Als müht er zu enträtseln dort die Inschrift sich. Wenn nicht des Auges Dunkel von dem Liebsten träumt. Sie hebt die erste sich, erweckt die Schnitterschar, Ergreift die blanke Sichel, die im Schatten lag, Und schreitet herrlich durch das golden wogende Korn, Umblaut vom Himmel als ein göttliches Gebild. 's ist Klio, die das Altertum enträtselnde, Vergilbten Pergaments und der Archive müd, Gelockt vom Rauschen einer überreifen Saat, Wird sie zur starken Schnitterin. Die Sichel klingt. Der römische Brunnen. Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut. Und jede nimmt und gibt zugleich               Und strömt und ruht. Mövenflug.         Möven sah um einen Felsen kreisen Ich in unermüdlich gleichen Gleisen, Auf gespannter Schwinge schweben bleibend, Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend, Und zugleich in grünem Meeresspiegel Sah ich um dieselben Felsenspitzen Eine helle Jagd gestreckter Flügel Unermüdlich durch die Tiefe blitzen. Und der Spiegel hatte solche Klarheit, Daß sich anders nicht die Flügel hoben Tief im Meer, als hoch in Lüften oben, Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit. Allgemach beschlich es mich wie Grauen, Schein und Wesen so verwandt zu schauen, Und ich fragte mich, am Strand verharrend, Ins gespenstische Geflatter starrend: Und du selber? Bist du echt beflügelt? Oder nur gemalt und abgespiegelt? Gaukelst du im Geist mit Fabeldingen? Oder hast du Blut in deinen Schwingen? Der Botenlauf.         Blicke gen Himmel gewandt, gebreitete flehende Arme!     Murmeln und schallender Ruf: knieende Mädchen und Frau'n. »Götter, beflügelt den Boten! Entscheidung, lieber als Bangnis!     Seit sich die Sonne erhob, ringen die Stadt und Tarquin. Siehe, die Sonne versinkt! Mitkämpfer, Castor und Pollux,     Denkt der verlassenen Frau'n, sendet den Boten geschwind!« Horch! Achthufig Geklirr bergan. Zwei reisige Reiter!     Schon am heiligen Quell spülen die Waffen sie rein. Dann, zwei gewaltige Jünglinge, stehn auf der ragenden Burg sie,     Gegen die schauernden Frau'n hat sich der eine gekehrt: »Freude, knospendes Mädchen! Entschlossene Römerin, Freude!     Herrlicher Sieg ist erkämpft! Geht ihr entgegen dem Heer?« Einer sprichts, und der Andere lauscht, zu dem Bruder gewendet.     Jetzt in das bleichende Licht springen die Rosse empor. Einer der Jünglinge schwindet im Abend, es schwindet der andre,     Denn wie ein liebendes Paar lassen die Brüder sich nicht. Über der römischen Feste gewaltigem dunkelnden Umriß     Hebt sich in dämmernder Nacht seliges Doppelgestirn. In einer Sturmnacht.         Es fährt der Wind gewaltig durch die Nacht, In seine gellen Pfeifen bläst der Föhn, Prophetisch kämpft am Himmel eine Schlacht Und überschreit ein wimmernd Sterbgetön. Was jetzt dämonenhaft in Lüften zieht, Eh das Jahrhundert schließt, erfüllt's die Zeit – In Sturmespausen klingt das Friedelied Aus einer fernen, fernen Seligkeit. Die Ampel, die in leichten Ketten hangt, Hellt meiner Kammer weite Dämmerung, Und wann die Decke bebt, die Diele bangt, Bewegt sie sich gemach in sachtem Schwung. Mir redet diese Flamme wunderbar Von einer windbewegten Ampel Licht, Die einst geglommen für ein nächtig Paar, Ein greises und ein göttlich Angesicht. Es sprach der Friedestifter, den du weißt, In einer solchen wilden Nacht wie heut: »Hörst, Nikodeme, du den Schöpfergeist, Der mächtig weht und seine Welt erneut?« Am Himmelstor.         Mir träumt, ich komm auf Himmelstor Und finde dich, die Süße! Du saßest bei dem Quell davor Und wuschest dir die Füße. Du wuschest, wuschest ohne Rast Den blendend weißen Schimmer, Begannst mit wunderlicher Hast Dein Werk von neuem immer. Ich frug: »Was badest du dich hier Mit tränennassen Wangen?« Du sprachst: »Weil ich im Staub mit dir, So tief im Staub gegangen.« * * * Seit einem halben Jahre lese ich keine Zeitungen mehr; ich befinde mich wohl dabei. Konnt ich schon seit langem das Parteigeschrei in den Blättern jeder Richtung nicht ertragen, so hab ich nun auch willig auf »Kunst, Literatur und Kritik«, »Buntes«, »Allerlei« verzichtet. »Kunst, Literatur und Kritik« (wer lacht da? wer lacht da, daß die Sterne wackeln?) . . . und »Verschiedenes«, »Buntes«, »Neuigkeiten«, oder wie die Überschriften heißen mögen, es ist ja stets der gleiche Brei: also die jährlichen Feuersbrünste, Wolkenbrüche, Überschwemmungen, Morde, Scheußlichkeiten, Gerichtsszenen, Schiffsunglück . . . Oder soll ich mich etwa für den löffelweise einzunehmenden Schund der Feuilleton-Romane begeistern? * * * Es gaben mir zu einer kleinen Gesellschaft die Ehre ihres Besuches: Pastor Gloy, Rittmeister Schwertle, Assessor Streblein und Tante, Fräulein Siebenknecht, Staatsanwalt Rehzart, Baron Rennbein, Landrat Krack, Regierungspräsident Wischer mit ihren Damen. Alle aus Eckernsund. Ich bat nach Tisch um die Erlaubnis, den Damen und Herren ein von mir als »Perle« gefundnes Gedicht von Alexis Lomnitz vortragen zu dürfen. Ich wollte mir nämlich das Vergnügen erlauben, diese ganze gute, gutmütige, liebenswürdige Gesellschaft blaß zu machen. Keines von ihnen hat natürlich eine Ahnung von Literatur. Den meisten ist sie schon auf der Schule vergreult. Nur Fräulein Siebenknecht dürfte noch an »Saphiren und Karfunkeln«, »Lämmlein und Lilien« usw. gesegnete Freude haben. Ich las: Ein Bettlerlied.                   Ich habe gebettelt um Lust und Lieb, Vor deinem Hause Nächte lang. Herz und Türe verschlossen blieb, Wie ich auch flehend sang: Schau meine Not, schau meine Not! Wild klopft mein Herz, mein Hirn ist heiß. O daß ich nicht andre Rettung weiß Als deine Liebe oder meinen Tod! Ich habe gehofft so lange Zeit, Wenn der Riegel sich hob, deine Stimme klang; Daß du öffnen wirst Herz und Türe weit. Still bliebs im Haus und ich sang: Schau meine Not, schau meine Not! Wild klopft mein Herz, mein Hirn ist heiß. O daß ich nicht andre Heilung weiß Als deine Liebe oder meinen Tod! Heut öffnet die Tür sich, dein Herz doch nicht; Du schaltest den Bettler, der harrenskrank. Segnend dein zürnendes Angesicht, Von der Schwelle weichend ich sang: Schau meine Not, schau meine Not! Bang klopft mein Herz, mein Hirn ist heiß, O daß ich nichts inniger zu bitten weiß, Als deine Liebe oder meinen Tod.. Du hast mir verwiesen Tür und Haus, Nicht mehr zu hören den Bittgesang; Jetzt schrei ich wahnsinnig aus Meines blutenden Herzens Drang: Schaut meine Not, schaut meine Not! Wild klopft mein Herz, mein Hirn ist heiß. Ist jemand, der andere Rettung weiß Als ihre Liebe oder meinen Tod! Ich hatte das leidenschaftliche Gedicht langsam begonnen, zurückhaltend, dumpf, aber schon wie außer mir. Durch die zweite Strophe ging ich schneller, aber immer noch mit dumpfer, erschütternder Stimme. Und immer schneller, vorwurfsdrängender, flehender. Endlich schrie ich die letzte Strophe wie im ausbrechenden Wahnsinn. Ich zeigte den Zuhörern: wie sich um den Unglückseligen (in der letzten Strophe) rasch auf der Straße die Menschen sammeln; wie er mit den Händen »fuchtelt«, wie er die Augen weit, weit aufreißt. Das »schaut« zuletzt statt »schau«. Es liegt in dem einen t. Die Wirkung war die beabsichtigte: sie waren alle blaß geworden, selbst der Rittmeister Schwertle und der Assessor Streblein. Das hätt ich wahrhaftig nicht von Deutschen geglaubt. * * * Ich bin eben mit dem Buch: »Über die beobachteten Erscheinungen auf der Oberfläche des Planeten Mars. Von Professor J. W. Schiaparelli« fertig. So nüchtern und klar und sachgemäß der Verfasser spricht, hat mir doch diese Lektüre eine Welt geöffnet. Es wird mir immer überzeugender: Tout comme chez nous . Nur in andrer Erscheinung. Die Urstoffe sind überall die gleichen. Wie mögen, wenn dort überhaupt solche leben, die Geschöpfe aussehn? Hunger, natürliche Zuchtwahl, Leben und Tod: Tout comme chez nous . Aber wie sehen die Kerls dort aus? Vielleicht schon Ansätze von Flügeln? Wenn ich mir den dicken, prächtigen Rittmeister Schwertle oder den langen, mageren (ängstlich nach der Kirchentür schielenden [sein Chef ist stark orthodox]) Assessor Streblein vorstelle mit Flügeln! Ob es dort auch Standesämter, Grützmacher, historische Romane gibt? Oder nachgemachte Bronze? Nachgemachte Bronze bringt bei mir starkes körperliches Unwohlsein hervor, ähnlich wie dies bei mir Öldruck-Bilder tun. Über den Geschmack ist nicht zu richten. Viele, viele Menschen – gleich, ob sie Könige oder Kärrner sind – können selbst nicht nachgemachte Bronze von wirklicher unterscheiden. Ihnen fehlt der Schönheitssinn und der Kunstsinn. Bei einem Oberpräsidenten fand ich einmal in seinem Arbeitszimmer eine Lampe: der Glasgriff hatte hellgelbe Farbe, der Ölbehälter hellgrüne, die Kuppel hellrosarote. Mein Gott, wenn die Oberpräsidenten auch Oberkunstrichter würden . . . * * * Das folgende schöne Gedicht von Julius Gesellhofen fiel mir auf: Ein Priester.                 Der Pfarrherr, der zum Ärger des Kaplans Ein Forscher ist in alter Sagenkunde, Hat, als er graben ließ in seinem Garten Nach eines Quells verborgner Wasserspende, Ein heidnisch Bildnis an den Tag gefördert, Das er für Czernibog, den düstern, hält, Zu dem die alten Wenden einst gebetet. Auf einem Block von Sandstein, der zur Fassung Des neuen Brunnens schon herbeigefahren, Ist das Idol einstweilen aufgestellt, Um, wenns gereinigt erst von Sand und Moder, Gesandt zu werden dem Museum, wo Der alte Herr darüber schon berichtet. Es ist ein trüber Nachmittag im Herbste, Ein grauer Schleier hüllt den Himmel ein, Der Wind rauscht durch die halbentlaubten Bäume, Fegt auf der Erde hin, den Kiessand wirbelnd, Und buntes Laub in tollem Reigen drehend. Trübsel'ge Stimmung liegt auf Feld und Garten. Da kommt den Fußpfad her vom Eichenwäldchen, Das an den Garten stößt, ein armes Weib. Ein bleicher Gram liegt auf den welken Zügen, Die vormals schön, doch vor der Zeit gealtert. Vor Wochen erst hat sie mit herbem Schmerze Den hoffnungsvollen ersten Sohn begraben, Und jetzt liegt auch der andre, noch gebliebne, Darnieder an der tückevollen Krankheit, Der Hoffnung bar und schon verlobt dem Grabe. Der Pfarrer soll den letzten Trost ihm spenden. Wie sie den weiten Garten jetzt durchschreitet, Sieht sie ein graues Steinbild dort errichtet, Mit düstrem zwar, doch würdevollem Antlitz, Das rings ein langer dichter Bart umwallt. Und da ihr kindliches Gemüt vermeint, Daß hier ein Heil'ger seine Statt gefunden, Sinkt leise schluchzend sie davor aufs Knie, Und betet innig, daß die fromme Bitte Des Unbekannten vor Gott Vaters Throne Ihr letztes Kind vor frühem Tod bewahre. Der Pfarrer sieht von seinem Fenster aus, Was vor dem Götzenbilde sich ereignet. Er lächelt mild und freundlich vor sich hin, Und harrt geduldig, bis die Frau geendet. Solch wahre Andacht, die aus tiefstem Grunde Der Menschenseele quillt, ist Gott gefällig, Selbst vor dem Bilde wahnbefangnen Glaubens. Dann steigt er langsam in den Garten nieder, Tritt zu der Beterin und legt ihr sanft Die Rechte auf die Schulter, also redend: »Kommt, Frau Marianne, betet in der Kirche Noch einmal für das Leben eures Kindes, Dann folg ich euch zu seinem Schmerzenslager. Vielleicht daß Gott der Mutter Flehn erhört. «Da bricht aus des Gewölkes dichtem Schleier Siegreich der Sonne lichter Strahl hervor, Glänzt um des alten Pfarrers grauen Scheitel, Küßt sanft das Antlitz des gequälten Weibes, Und streift sogar des Götzenbildes Züge, Die plötzlich wie verklärt dadurch erscheinen, Seit ihm der wahren Andacht Weihe ward. * * * Gestern kamen erregte Feldarbeiter auf den Hof. Ich hörte ihr Lärmen und Lachen. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß beim Graben auf dem »Kosakenacker«, der den Namen von im Jahre 1814 hier begrabenen Asiaten trägt, eine Gruft geöffnet sei, in der ein Schädel mit einem Glasauge gelegen habe. Alles sei entsetzt davongelaufen. Ich machte mich sofort auf den Weg dahin. Nach der Überlieferung soll ein russischer General damals auf Gadendorp beerdigt sein. Die Augustsonne stach in den zerwühlten Erdhaufen, der die Gebeine zeigte. Im Schädel, dessen Gebiß (einem Pferdegebiß nicht unähnlich) völlig mit allen seinen blendend weißen Zähnen erhalten war, steckte rechts ein Glasauge. Seltsamer Anblick. Gab es denn zu jener Zeit schon Glasaugen? Es muß doch gewesen sein. Ich entfernte das gläserne Ding und nahm es mit. Es hat seinen Platz auf meinem Schreibtisch gefunden. Dankbar erzählt es mir dafür Geschichten aus Rußland, von Napoleon, Ney, Murat, Blücher . . . * * * Platen-Tag.               O wohl mir, daß in ferne Regionen Ich flüchten darf, an einem fernen Strande Darf atmen unter gütigeren Zonen! Wo mir zerrissen sind die letzten Bande, Wo Haß und Undank edle Liebe lohnen, Wie bin ich satt von meinem Vaterlande! * Was habt ihr denn an euerm Rhein und Ister, Um neben dem Hellenenvolk zu thronen? Journale, Zeitungsblätter, Rezensionen, Tabak und Bier und Polizeiminister! Die nie ihr kanntet jene zwei Geschwister, Freiheit und Kunst, die dort in schönern Zonen Aufs Haupt sich setzten der Vollendung Kronen, Ihr haltet euch für Griechen, ihr Philister? Gestümpert habt ihr bloß nach vielen Seiten, Da Griechenland der Schönheit ewigen Schimmer Auf alles Seiende gewußt zu breiten. Was ist die Kunst, mit der ihr prahlet immer? In einem Ozean von Albernheiten Erscheinen einige geniale Schwimmer! * Dies Land der Mühe, dieses Land des herben Entsagens werd ich ohne Seufzer missen, Wo man, bedrängt von tausend Hindernissen, Sich müde quält und dennoch muß verderben. Zwar mancher Vorteil läßt sich hier erwerben, Staatswürden, Wohlstand, eine Last von Wissen, Und unsre Deutschen waren stets beflissen, Sich abzuplagen und geplagt zu sterben. Ein solcher darf zu keiner Zeit ermatten, Er fördre sich, er schmeichle jeder Mode Und sei dabei, wo Glück und Macht sich gatten. Mir, der ich bloß ein wandernder Rhapsode, Genügt ein Freund, ein Becher Wein im Schatten Und ein berühmter Name nach dem Tode. * Wer wußte je das Leben recht zu fassen, Wer hat die Hälfte nicht davon verloren Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren, In Liebesqual, im leeren Zeitverprassen? Ja, der sogar, der ruhig und gelassen, Mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren, Frühzeitig einen Lebensgang erkoren, Muß vor des Lebens Widerspruch erblassen. Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache, Allein das Glück, wenns wirklich kommt, ertragen, Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache. Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen: Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache, Und auch der Läufer wird es nicht erjagen. * * * Immer nur werden Platens venetianische Sonette vorgeritten. Diese werden aber doch nur von denen genossen werden können, die Venedig sahen und – Kunstkenner sind; und von dieser Art Leutchen gibt es bekanntlich wenig in Deutschland. Immer auch wird auf Platens Balladen hingewiesen. Platen aber hatte keine Ahnung von der Ballade; ihm fehlte jeglicher Zug und Muck und Murr dazu. Nun, »lispelt« nur weiter »nächtlich am Busento«, ihr Deutschen. Die herrlichste, unvergleichlichste Ballade, die je gedichtet ist, schrieb ein andrer deutscher Graf, Graf Strachwitz: »Das Herz von Douglas«. Platen reimte rein, und das können die Deutschen durchaus nicht leiden; sofort werden sie mißtrauisch: Das kann doch kein Dichter sein, der uns reine Reime schenkt. Mir ist ein unreiner Reim wie eine Ohrfeige. Deshalb wird es mir auch so schwer, einen von mir zu den Höchsten geschätzten Dichter, Martin Greif, zu lesen. Seine Reime, ähnlich wie bei Mörike, Schiller, Goethe, sind gradezu Seelenmörder. Es ist mir eine Unerklärlichkeit: ein Dichter muß doch starken Sinn für guten Klang und Schönheit haben; es muß ihm doch weh tun, ihn schmerzlich berühren, wenn er unrein reimt oder unreine Reime hört. Aber nein, es hilft nichts. Selbst Gottfried Keller reimt Erde und Gefährte. Wenn die Deutschen nicht mehr Teufel auf Zweifel reimen dürften, führen sie ohne Zweufel zum Teifel. * * * Der Frühlingsabendhimmel war blaß wie gänzlich erloschene Liebe. Das ist kein Vergleich. Mir schnuppe. Und »et stimmt«, sagt der Berliner. Ah, die Liebe. Die Herren der Schöpfung des Morgenlandes handeln vernünftig in der Liebe. Die Herren der Schöpfung des Abendlandes sind – Christen. Die Liebe. An einem Vergnügungsorte sitz ich unter weitstehenden schlanken Buchen mit einem Mädel, das ich erst seit kurzem kenne. Vor uns, noch im Schatten, steht ein kleiner, runder Tempel mit weißen Säulen, die ihn umstellen. Durch diese Säulen durch und rechts und links des Tempelhauses (er maskiert einen Tanzsaal) geht der Blick über eine im grellsten Sonnenlicht zitternde Ebene, die ein blinkerndes Flüßchen durchzieht. Hinter der Ebene, im blauen Duft, strebt das Hochgebirge himmelan. Lauter fremde Menschen sind um uns. Keiner kennt uns. »Kaffee, Bier, Wein, Limonade? Was willst Du haben?« »Bitte, Kaffee und Kuchen.« Wir sitzen uns gegenüber. Ich muß lachen; sie muß lachen. Ich bin wie toll verliebt: sie ist auch zu reizend. Sie legt den Strohhut ab und streichelt sich das Haar zurück . . . Nun ein Tanz im Tempel. Was im Leben geht über den Walzer, mit der Geliebten eine Viertelstunde lang hintereinander getanzt? Was für eine Seligkeit geht dieser noch voran? Und alle die fröhlichen, lustigen Menschen um uns. Wir brechen auf, um ein andres Wirtshaus am Wege zu besuchen. Mit uns, wie zufällig, ziehen uns Unbekannte. Ein alter Herr, der ein wenig getrunken zu haben scheint, singt, während er seinen geschlossenen Regenschirm wie ein Tambourmajor im Marsche auf und nieder gehen läßt, auf dem Wege das ergreifende Lied: O du schöne Adelheid In dem rosa Seidenkleid, O komm an meine Brust, Du meines Lebens Lust. Andre Gassenhauer folgen. Wir alle, im Takte schreitend, singen mit . . . Und die Sonne, die Sonne ist überall . . . * * * Lenau-Tag. In der Wüste.         Ists nicht eitel und vergebens, Lieben Freunde saget an, Durch den Wüstensand des Lebens Sich zu wühlen eine Bahn? Streut auch unser Fuß im Staube Spuren aus von seinem Lauf, Gleich, wie Geier nach dem Raube, Kommt ein Sturm und frißt sie auf. Einsam und in Karawanen Treibt es nach dem Land der Ruh, Und es flattern tausend Bahnen Hier und dort der Ferne zu. Wir auch wandern, vielverbündet Nach der Rätselferne aus; Doch der Strahl der Wüste zündet Sehnsucht nach dem kühlen Haus. Zündet heißer stets das Sehnen In die Gruft aus diesem Land, Wo, nie satt nach unsern Tränen, Lechzt herauf der dürre Sand. Herbstklage.           Holder Lenz, du bist dahin! Nirgends, nirgends darfst du bleiben! Wo ich sah dein frohes Blühn, Braust des Herbstes banges Treiben. Wie der Wind so traurig fuhr Durch den Strauch, als ob er weine; Sterbeseufzer der Natur Schauern durch die welken Haine. Wieder ist, wie bald! wie bald! Mir ein Jahr dahin geschwunden. Fragend rauscht es aus dem Wald: »Hat dein Herz sein Glück gefunden?« Waldesrauschen, wunderbar Hast du mir das Herz getroffen! Treulich bringt ein jedes Jahr Welkes Laub und welkes Hoffen. Der Schmerz.     Sie ließ sich überraschen Von diesem Trauerwort, Und ihre Tränen waschen Die rote Schminke fort. Das Leben täuscht uns lange, Du zeigst, der Schminke bar, Des Lebens welke Wange; O Schmerz, wie bist du wahr! Der einsame Trinker.     »Ach, wer möchte einsam trinken, Ohne Rede, Rundgesang, Ohne an die Brust zu sinken Einem Freund im Wonnedrang?« Ich; – die Freunde sind zu selten; Ohne Denken trinkt das Tier, Und ich lad auf andern Welten Lieber meine Gäste mir. Wenn im Wein Gedanken quellen, Wühlt ihr mir den Schlamm empor, Wie des Ganges heil'ge Wellen Trübt ein Elefantenchor. Dionys im Vaterarme, Mild den einzlen Mann empfing, Der gekränket von dem Schwarme, Nach Eleusis opfern ging. Der Kranke im Garten.         Noch eine Nachtigall, so spät? Schon sind die Blüten langst verweht, Der Sommer reift die Felder schon, Und noch ein Frühlingston? O Lenz, ward es dir offenbar, Daß ich noch sterbe dieses Jahr? Und riefest aus der Ferne du Noch einen Gruß mir zu? * * * In der Kreisstadt hab ich einen Besuch zu erwidern. Der Junimorgen ist so glanzvoll und staubfrei, daß ich selbst fahren will. Ich also, in Zylinder und schwarzem Rock, sitze auf dem Bock. Ich nehme den Waldweg. Nie habe ich eine solche Freude gehabt im Selbstlenken wie in dieser Stunde. Ein mir sonst unbekanntes Gefühl des Hochmuts überfällt mich. Wie die spielenden, durch den die Zweige bewegenden Wind entstehenden und ewig wechselnden Sonnenlichter und Punkte und Pünktchen auf den vier Hellbraunen tanzen. Ein Gefühl unermeßlichen Glückes kommt über mich. Freiheit, Freiheit. Keinem bin ich verpflichtet; keinem, außer meinem Kaiser, bin ich Gehorsam schuldig. Ich kann tun und lassen, was ich will. Nur die Göttin der Vernunft darf mir mit dem Finger drohn: Du, Du, Du, halt ein auf der Fettweide! »Herrenmoral!« Dahin gehört in diesem Augenblick meine gesättigte Lust; dahin gehört, gründlich materiell wie ich bin, jener immer, so zu sagen, unbewußt durch alle Gedanken sickernde Gaumenkitzel: Bei meiner Heimkehr esse ich frische Morcheln mit Krebsen, einen am Spieß gebratnen Hasen und trinke vorzüglichen Rotspohn. Meine Fröhlichkeit geht auf meinen Fingern durch die Zügel auf die Pferde über. Ja, das tut sie. Die Pferde wissen, wer sie reitet und fährt . . . Und die Welt ist so schön, so ohne Kummer und Elend und Schmerz . . . Schluchzt da einer? Schon seit einer Minute ist mirs wie im Ohr. Wer denn? Wo denn? Ich dreh meinen Kopf zurück: mein Diener sitzt da, wie er soll: er hat die Arme untergeschlagen. Unaufhörlich rollen ihm bei dieser eisernen Stellung die Tränen über die Backen. Mein neben ihm mitfahrendes Pinscherchen Cognac schaut ihn, so weit es die über die Augen fallenden Haare erlauben, von unten an. »Nun, Heinrich, was ist denn?« Und er, der sonst unter allen Umständen hochdeutsch geantwortet haben würde, erwidert mir plattdeutsch mit tränenerstickter Stimme: »Min Mudder is düsse Nacht storbn«. Dabei bleibt er mit untergeschlagnen Armen sitzen, in der Haltung, wie er hinter mir als gut eingeschulter Diener zu sitzen hat. Und der kleine Pinscher Cognac hält noch immer den Kopf schief hinauf zu ihm. Nun wendet er ihn zu mir, dann wieder zu Heinrich und wedelt wie in Verlegenheit; er weiß gar nicht, was das bedeuten soll . . . * * * Uhland-Tag. Abschied.                 Was klinget und singet die Straße herauf? Ihr Jungfern, machet die Fenster auf! Es ziehet der Bursch in die Weite, Sie geben ihm das Geleite. Wohl jauchzen die andern und schwingen die Hüt, Viel Bänder darauf und viel edle Blüt, Doch dem Burschen gefällt nicht die Sitte, Geht still und bleich in der Mitte. Wohl klingen die Kannen, wohl funkelt der Wein; »Trink aus und trink wieder, lieb Bruder mein!« »Mit dem Abschiedsweine nur fliehet, Der da innen mir brennet und glühet!« Und draußen am allerletzten Haus, Da gucket ein Mägdlein zum Fenster heraus, Sie möcht ihre Tränen verdecken Mit Gelbveiglein und Rosenstöcken. Und draußen am allerletzten Haus, Da schlägt der Bursche die Augen auf Und schlägt sie nieder mit Schmerze Und leget die Hand aufs Herze. »Herr Bruder, und hast du noch keinen Strauß, Dort winken und wanken viel Blumen heraus. Wohlauf, du Schönste von allen, Laß ein Sträußlein herunterfallen.« »Ihr Brüder, was sollte das Sträußlein mir? Ich hab ja kein liebes Liebchen wie ihr; An der Sonne würd es vergehen, Der Wind, der würd es verwehen.« Und weiter, ja weiter mit Sang und mit Klang, Und das Mägdlein lauschet und horchet noch lang: »O weh! er ziehet, der Knabe, Den ich stille geliebet habe. Da steh ich, ach, mit der Liebe mein, Mit Rosen und mit Gelbveigelein; Dem ich alles gäbe so gerne, Der ist nun in der Ferne.« Das Schifflein.         Ein Schifflein ziehet leise Den Strom hin seine Gleise, Es schweigen, die drin wandern, Denn keiner kennt den andern. Was zieht hier aus dem Felle Der braune Weidgeselle? Ein Horn, das sanft erschallet; Das Ufer widerhallet. Von seinem Wanderstabe Schraubt jener Stift und Habe Und mischt mit Flötentönen Sich in des Hornes Dröhnen. Das Mädchen saß so blöde, Als fehlt ihr gar die Rede, Jetzt stimmt sie mit Gesange, Zu Horn und Flötenklange. Die Rudrer auch sich regen Mit taktgemäßen Schlägen. Das Schiff hinunterflieget, Von Melodie gewieget. Hart stößt es auf am Strande, Man trennt sich in die Lande: »Wann treffen wir uns, Brüder, Auf einem Schifflein wieder?« Der Traum.             Es hat mir jüngst geträumet, Ich läg aus steiler Höh; Es war am Meeresstrande, Ich sah wohl in die Lande Und über die weite See. Es lag am Ufer drunten Ein schmuckes Schiff bereit, Mit bunten Wimpeln wehend, Der Ferg am Ruder stehend, Als wär ihm lang die Zeit. Da kam von fernen Bergen Ein lust'ger Zug daher; Wie Engel täten sie glänzen, Geschmückt mit Blumenkränzen, Und zogen nach dem Meer. Voran dem Zuge schwärmten Der muntern Kinder viel; Die andern Becher schwangen, Musizierten, sangen, Schwebten in Tanz und Spiel. Sie sprachen zu dem Schiffer: »Willst du uns führen gern? Wir sind die Wonnen und Freuden, Wollen von der Erde scheiden, All von der Erde fern.« Er hieß ins Schiff sie treten, Die Freuden allzumal, Er sprach: »Sagt an, ihr Lieben, Ist keins zurückgeblieben Auf Bergen noch im Tal?« Sie riefen: »Wir sind alle. Fahr zu! Wir haben Eil.« Sie fuhren mit frischen Winden; Fern, ferne sah ich schwinden Der Erde Lust und Heil. * * * Timm sagte mir neulich: »Du verschwendest Dein Geld. Du wirst nur Undank haben.« Und hätt ich nichts als Undank, und träf es nur Einen, dem ich geholfen hätte in Wirklichkeit unter Tausenden, so ist mein Geld gesegnet gewesen. Geld! Nun ja, wir müssen mit ihm umzugehen wissen: wenn wir Geld haben, lernen wir rechnen und können prahlen: seht, ich mache keine Schulden. Wenn wir arm sind, sind alle Ermahnungen zum Haushalten dummes Zeug. Soll ich etwa meine Millionen mit ins Grab nehmen? Immer weg damit. Glückliche Gesichter, glückliche Menschen machen; und nicht erst immer fragen: ist er auch meiner Hilfe würdig? Wär ich denn einer Hilfe würdig im umgekehrten Falle? Nein, nein . . . Ach so, da sorgt ja auch mein knurriger, ewig mürrischer Rentmeister, Kord Bindseil, für meinen Beutel. Dieser alte Geizhammel. Ich werd es nicht vergessen: Als ich wegen einer Torheit (bravo! für die Torheit damals ; jetzt würd ich sie mir nicht verzeihen) vor Jahren in Paris schnell 70000 Francs brauchte und deshalb Auftrag an Kord Bindseil nach Gadendorp telegraphierte zur Anweisung an Descamps, schrieb mir der Gute zurück: »60000 sind genug.« Und in der Tat, ich konnte nur mit Mühe 70000 bekommen. Kord Bindseil sorgt für mich . . . Ich weiß nicht, wie lange es her ist; ich hatte irgend einem armen Schlucker geholfen. Am Tage darauf saß ich auf dem Dammtorbahnhof in Hamburg und las, sie in beiden Händen haltend, in einer großen Zeitung. Ich war so vertieft, daß ich einen Eintretenden in dem sonst leeren Wartesaal nicht bemerkt hatte. Aber als dieser mit dem Kellner zu sprechen begann, hörte ich die Stimme dessen, dem ich tags zuvor das Geld gegeben hatte. Er bestellte sich ein Diner von nicht wenig Platten und eine Flasche Rotwein. Hätt ich nun mich, aus meinem Blatte aufsehend, bemerkbar gemacht, wär es eine Verlegenheit für ihn gewesen. Ich war also gezwungen, der unfreiwillige Zeuge seiner Essensbefriedigung zu sein. Und ich muß gestehn, es dauerte fast eine Stunde. Ich saß ruhig und las immer wieder dieselben Seiten von der Reise des Lords Churchill nach Petersburg an bis Warners Safe Cure. Immer blieb mein Kopf hinter der papierenen Wand. »Sagen Sie, Kellner, hier steht Hecht mit Sauerkraut.« »Zu dienen, mein Herr.« Später: »Haben Sie noch von dem Lammrücken, den ich hier verzeichnet finde?« »Zu dienen, mein Herr.« »Bitte vorher noch Nierenschnitte mit jungen Erbsen.« »Zu dienen, mein Herr.« »Was können Sie mir für einen Pudding empfehlen? Bringen Sie mir portugiesischen.« »Sehr wohl, mein Herr.« Und wies ihm schmeckte. Und wie mir die Arme lahm wurden. »Bitte um einen Persiko.« »Zu dienen, mein Herr.« »Und halt, eine Ihrer besten Zigarren.« »Zu dienen, mein Herr.« Nun erhob er sich, knöpfte einen Westenknopf auf, trat an den Spiegel, zupfte sich zurecht wie zu allerlei andern kleinen Abenteuern, die man so nett ungesehn in großen Städten haben kann, und sagte endlich mit nachlässiger Vornehmheit: »Macht?« »Zwölf Mark siebzig, mein Herr.« Anstandslos wurde die Börse gezogen. Der Kellner schien, nach dem Bückling zu urteilen, den ich verstohlen beobachtete, höchst zufrieden mit dem Trinkgeld. Ich war indessen beinahe ohnmächtig geworden von dem langen Stillsitzen und fand große Erleichterung, als ich mich erheben konnte. Bis zum heutigen Tage freue ich mich, daß er mich nicht bemerkt hat. Und innige Befriedigung hab ich gehabt, daß es dem armen Teufel so gut geschmeckt hat. Wie lange mag der ein solches Mittagessen entbehrt haben. * * * »Die goldene Mittelstraße.« Ein bequemes Wort für den Philister. Ich sage: »Ein widerwärtiges, kaltes, feiges Wort.« * * * Um das »Glück« einzufangen, bedarf es immer großer Geistesgegenwart. Das Teilchen einer Sekunde warten, fliegt es vorüber, heißt das Nachsehen haben. * * * »Vorgetan und nachgedacht, Hat manchem schon groß Leid gebracht.«                             Ach ja – – – * * * So fängt das Buch Esther an: Zu den Zeiten Ahasveros, der da König war von Indien bis an die Mohren, über hundertundsiebenundzwanzig Länder, Und da er auf seinem königlichen Stuhl saß zu Schloß Susan, Im dritten Jahre seines Königreichs machte er bei ihm ein Mahl allen seinen Fürsten und Knechten, nämlich den Gewaltigen in Persien und Medien, den Landpflegern und Obersten in seinen Ländern, Daß er sehen ließe den herrlichen Reichtum seines Königreichs und die köstliche Pracht seiner Majestät viele Tage lang, nämlich hundertundachtzig Tage. Und da die Tage aus waren, machte der König ein Mahl allem Volk, das zu Schloß Susan war, beiden, Großen und Kleinen sieben Tage lang im Hofe des Gartens am Hause des Königs. Da hingen weiße, rote und gelbe Tücher mit leinenen und scharlachenen Seilen gefasset in silbernen Ringen auf Marmorsäulen. Die Bänke waren golden und silbern, auf Pflaster von grünen, weißen, gelben und schwarzen Marmeln gemacht. Und das Getränke trug man in goldenen Gefäßen, und immer anderen und anderen Gefäßen, und königlichen Wein die Menge, wie denn der König vermochte. Ist das nicht eine Farbenpracht ohnegleichen? * * * Ich fand ein unendlich rührendes Gedicht von Karl Henckell. Tief menschlich. Es könnte Shakespeare oder Goethe als Urheber haben, so aus dem Leben ist es herausgeschrieben:   Das bejahrte Freudenmädchen. Schleiche auf dunklem Flur. Schleppe grauen Gram. Bin ja, bin ja nur eine alte Hur; habt mich für Geld. Kenne auf der Welt keine Scham – ein Tier! War doch auch ein Kind, rein wie Ihr, las in dem Angebind, dem Samtbrevier: Herr Gott, dich loben wir. – Bin wie Ihr gesprungen zu Spiel und Tanz, habe so hell gesungen auf sonniger Heide: Wir winden dir den Jungfernkranz – Jungfernkranz! – mit veilchenblauer Seide . . . Schleiche auf dunklem Flur, häßliche, alte Hur, gehorsamer Diener! gehorsamer Diener! – Gott!! – – Mütterchen, was sagt der liebe Gott? »Beten, beten.« Heissa, heissa, hopsassa. La la la . . . hopsassa! Schöner, grüner, schöner grüner Jungfernkranz! – – – mir wird schlecht. – Hunger – Brot! Brot! Liebste fürn Lumpengeld, ist doch ne elende Welt! – O läg ich tot! . . . * * * Ich habe endgültig beschlossen, eine Sammlung der Dichter herauszugeben, die nach 1880 an die Öffentlichkeit getreten sind. Es wird eine Riesenarbeit werden. Aber frisch daran. * * * Mein Vater war auf einem unsrer dänischen Güter in Jütland geboren, meine Mutter die Tochter eines russischen Fürsten, die Mutter meines Vaters stammt aus Westindien, die Mutter meiner Mutter war eine Sizilianerin. Sonderbarer Blutmischmasch. Ich bin fest überzeugt, hätte mein Vater eine Dame aus dem Landesadel geheiratet, hätt ich mich – aber dann wär ich als »Ich« ja nicht geboren – mehr für Yorkshirerasse und Engenburger Rindvieh begeistert. Ein Schaf, einen Stier, ein Tier überhaupt schau ich mir vom Schönheitsstandpunkte an. Daß mich meine Landschaft in die Körungs-Kommission gewählt hat, ehrt mich wie sie. Punktum. Bei dem Worte Tier fällt mir das indische Mitleid ein. Indisch nenn ich deutsch. Ripen in Jütland und Palermo und Prag sind für mich die drei Städte, in denen ich am liebsten, wenn ich mich überall in den Mauern einer Stadt aufhalten kann, verweile. Ich habe in ihnen mehr als zehnmal wochenlang gewohnt. Sonderbare Schwärmerei. Es mag daher kommen, weil dänisches, tschechisches und sizilianisches Blut in mir kreist. Und nun: die braune, harte, düstere Nordsee bei Ripen, das italisch-himmelblaue Meer und mein altes, herrliches Prag. An der jütischen Westküste hab ich oft gestanden und den rothaarigen wilden Seekönigen nachgeschaut, und ihren langen Booten, die oft von hundert und mehr Schiffssklaven im gleichen Takt gerudert wurden. Auch sah ich sie wieder, beutebeladen, zurückkehren. Einmal, als der Raubzug besonders nach Wunsch und Willen ausgefallen war, opferten sie, unmittelbar nachdem sie ihre Langboote verlassen hatten, hart am Ufer. Eine lange Stange, auf der oben, wie die Adler bei den Römern, ein kleiner bronzener Götze befestigt war, wurde so wuchtig in den Strandsand eingerammt, daß die zerbröckelten Muscheln weit in die Runde spritzten. Der kleine Götze zeigte eine abscheuliche Fratze. Zwei große, aus einem reichen Kruzifix gestohlene Edelsteine, von denen der eine in roter, der andere in blauer Farbe, staken ihm in den Augenhöhlen wie zwei Mandeln in einem Honigkuchen. Das Maul war breit gezogen in jenem bekannten schändlichen Lächeln. Die Feierlichkeit wurde eingeleitet durch eine ohrenbetäubende Musik. Der Seekönig erschien. Rotgelbe Locken fielen dem jungen Herrn um die Schultern. Er konnte zwanzig Jahre nicht überschritten haben. Trüb und mißmutig stierte er vor sich hin. Seine Krieger, wenn er bei ihnen vorüberging, schlugen ihre Hämmer an die Schilde. Das gab einen unerhörten Lärm. Der Häuptling grüßte weder rechts noch links. Er war seinem Volke ein Gott. Nur den Götzen hatte er noch über sich. Dem Könige folgten seine Weiber in ehrerbietiger Entfernung. Die Lieblingsfrau der letzten Tage – die Majestät fand Abwechslung amüsant – hatte insofern den Vorrang, als sie den anderen vorausgehen durfte. Es war ein sehr junges, zartes, blasses, psycheartiges Geschöpf mit blonden Haaren und verschleierten blauen Augen. Die mit blauem Band durchflochtenen Flechten trug sie, wie die Polinnen, um den Kopf geschlungen. In der Rechten hielt sie, wie einen Lilienstengel, einen Pfauenwedel. Sie machte das albernste Weibergesicht, das ich je gesehn habe. Als Alles im Kreise den Götzen umstand, wurde dieser aus der Erde gerissen und mußte eine Verbeugung vor dem Könige machen. Dieser küßte ihm die beiden Edelsteine. Ein markerschütterndes Jubelgeschrei erhob sich von allen Seiten. Die Schilde rasselten, die Tamtams dröhnten. Der Götze wurde wieder eingerammt. Darauf kam ein Schweigen. Die Majestät, mit den gleich langweiligen Zügen, lagerte sich. Daß er Mißmut, Gleichgültigkeit, Unempfänglichkeit, Übersättigung zeigen mußte, brachte seine Würde mit sich. Hinter ihm kauerten sich seine Weiber nieder. Die Lieblingsfrau wagte sich an ihn heran. Als sie sich aber in ihrer Siegesfreude, natürlich um vor den anderen zu prahlen, seiner Schulter näherte, stieß er sie, ohne daß er sich wandte, unsanft zurück. Bald begann zwischen dem Könige und dem Ufer der Kriegstanz: wild bewegte er sich hin und her. Die Abendsonne brach durch riesige, schwammige schwarze Wolken und übergoß mit feuerroten Lichtern die lebhaften, hüpfenden, dunklen Wellen der See, die tanzenden Krieger, den immergleich sich zu langweilen scheinenden König, das süße Lieblingsweib mit den albernen Lippen, die übrigen Königsfrauen, und endlich den kleinen bronzenen Götzen mit den Edelsteinaugen. Allmählich senkte sich die Nacht; von Fackeln begleitet, trat der ganze Zug den Weg ins Land an . . . Doch was ich schreiben wollte eigentlich: deshalb bin ich vielleicht so gern im alten Ripen, weil ich von dort nicht nur den Zug nach England unter Hengst und Horst abfahren sah, auch, weil ich Zeuge des Abschiedes des ersten Normannenheeres war, das sich nach Frankreich einschiffte. Von dort ging ein Teil dieser nordischen Männer nach Sizilien und wollte ein Weltreich gründen. Robert Guiscard . . . Weshalb doch Heinrich Kleist dreimal seinen Robert Guiscard verbrannte! Wir wissen von dem Dichter, daß er mit dem Drama nie zufrieden war. Welche Fülle von Geist, welche Fülle von Bildern und herrlichen Vergleichen sind damals von den Flammen verzehrt worden. Nur der Anfang des ersten Aktes ist auf uns gekommen. Weshalb konnten Tieck und Wieland Robert Guiscard nicht retten? Wie niederträchtig und bodenlos gemein hat die Kritik Heinrich von Kleist zu seinen Lebzeiten behandelt. Diese Bengel! Diese Affen! Diese Canaille! Die niemals überhaupt auch nur die blasseste Spur haben, was wirkliche Poesie heißt, wer ein wirklicher Dichter ist. Was Wilhelm Jensen mit großer Feinheit über Storm gesagt hat, könnte, in veränderten Umständen, auch über Kleist gelten: »Es liegt in der Art unserer Zeit und der in ihr Lebenden, daß die eigentlichste dichterische Bedeutung Theodor Storms nur von verhältnismäßig wenigen, selbst seiner eifrigsten Bewunderer, erfaßt worden ist.« Heinrich von Kleist, der seinen Prinzen von Homburg der Prinzessin von Oranien überreichte, erhielt von dieser zwei, schreibe zwei, Dukaten. Ein Douceur für einen Kammerdiener. Prinzeß oder Schneiderstochter verstehen allerdings in Deutschland, in den meisten Fällen, gleich wenig, was echte Poesie ist. Nicht, daß Deutschland seinem großen Dichter Heinrich von Kleist verhungern ließ, ist zu rügen, denn es geht einmal nicht anders in unserm Vaterlande; aber daß Deutschland ihn so schmählich verkannte, ist empörend. Fürst Hardenberg behandelte den unglückseligen Dichter wenig schön. Freilich: ein Bureaukrat und einen Dichter verstehn! Das ist so ein Unterschied zwischen einer Rechenmaschine und einer Rose. Nur der gutmütige, wahrhaft väterlich liebevoll denkende König Friedrich Wilhelm III. muß eine Ahnung von der Größe Kleistens gehabt haben, als er kurz vor dessen Tode ihm wieder eine Stelle anbot. Das wollen wir Deutschen dem edlen Könige nicht vergessen.. * * * Im Juli 1886 hatte ich mir durch einen ausgezeichneten Leiter eine tüchtige Theatertruppe erworben, um im Gadendorper Park an der Stelle, wo ich noch heute die alten Bühnenwände, die dort im Dorn verschnitten sind, aus liebevollem Gedächtnis an die Versailler Zeit des vergangenen Jahrhunderts erhalten habe, Shakespeares Antonius und Kleopatra mir darstellen zu lassen. Es geschah an einem trocknen Sommertag. Jede der siebenunddreißig Veränderungen kündete, wie in elisabethanischer Zeit, ein in die Farben meines Hauses gekleideter Herold. Ich hatte in dem Stücke nicht eine Silbe gestrichen. Alles wurde unverfälscht, wie der größte Dichter sein Stück geschrieben hat, gegeben. Um nicht die albernen, törichten, blödsinnigen Bemerkungen und lächerlichen Ausrufe meiner Nachbarn und der Menschen überhaupt hören zu müssen, war ich der einzige Zuschauer und Hörer. Den Proben hatte ich nicht beigewohnt; nur – ich ließ von zwei bis fünf Uhr nachmittags spielen – am Morgen das Drama noch einmal für mich, ungestört, in einem Zuge gelesen. Ich hatte einen Doppelgenuß. Die Erzählung von der Flucht Kleopatras und dem Folgen Antoniussens in der Seeschlacht bei Actium wurde vorzüglich gesprochen:   Enobarbus.                                               Wie schaut das Treffen? Scarus. Auf unserer Seite wie gebeulte Pest, Wo Tod gewiß. Die Schandmähr aus Ägypten, Der Aussatz treffe sie! – in Kampfes Mitte, Als Vorteil wie ein Zwillingspaar erschien, Sie beide gleich, ja älter fast der unsre, – Die Brems auf ihr, wie einer Kuh im Junius, – Hißt alle Segel auf und flieht. Enobarbus.                                                                   Ich sahs; Mein Blick erkrankte, wies geschah; nicht konnt ichs Ertragen mehr zu schaun. Scarus.                                       Sie kaum gewandt, Als ihres Zaubers edles Wrack, Antonius, Die Schwingen spreitend wie ein brünstiger Erpel, Die Schlacht verläßt auf ihrer Höh, und fliegt Ihr nach –   Bravo! alter Shakespeare. Es war Dir gänzlich gleichgültig, ob Du eine besondere »Schönheit« sagtest oder nicht; wenns nur charakteristisch getroffen. Und nicht nur charakteristisch, sondern unvergleichlich herrlich ist das Bild: Ente und brünstiger Enterich. Die Bühne im Garten konnte ich nicht als zulässig gelten lassen; ich war nämlich mehr und mehr (oder »voll und ganz«, wie das scheußliche Hauptwort der Deutschen zur Zeit heißt) für den Gedanken eingenommen, das alte Theater im Apollo-Saal des Schlosses umbauen zu lassen. Als Alles beendet war, nahm ich für vier Wochen die Mitglieder des Berliner Shakespeare-Theaters, in ihren Ferien, zu mir. Ich ließ von solchen zeitgenössischen Dichtern Dramen zur Darstellung bringen, denen es bisher nicht gelungen war, ihre Stücke auf die Bretter zu bringen. Es wurden gegeben: Karl Bleibtreus: Schicksal, Conrad Albertis: Brot, Julius Harts: Der Sumpf, Heinrich Harts: Sedan, M. G. Conrads: Firma Goldberg, Kummers: Tarquin, Wilhelm Walloths: Johann von Schwaben, Max Halbes: Ein Emporkömmling, Liliencrons: Die Merowinger, von Bartels: Johann Christian Günther. Eckernsund, sowie meine Dörfer und Gutsnachbarn bildeten die Zuschauer. Ich hatte die genannten Dichter und wer sonst von Schriftstellern und Literaten Lust hatte, mein Gast auf einige Wochen zu sein, eingeladen. Es kamen viele, und wir hatten die fröhlichsten, angeregtesten Tage. Das nahe Eckernsund mußte zwar – und der »grüne Elefant« wünscht sich oft solche Wiederholungen – die meisten beherbergen. Ich hatte sie, da ich nicht Alles bei mir in Gadendorp unterbringen konnte der großen Anzahl wegen, dort einquartieren müssen. Tag und Abend aber waren wir in Gadendorp zusammen. Nächstes Jahr will ich mir ähnliche frohe Stunden verschaffen. Mein Zweck ist der, den jungen Dichtern, deren Stücke nicht auf den Bühnen Eingang gefunden haben, eine Freude zu machen, und vor allem: Deutschland auf sie aufmerksam zu machen. Die Professoren und Akademiker rümpfen wohl hochmütig die Nase und schielen höhnisch unter ihren Nachtmützen nach Gadendorp: »Laßt sie sich nur austoben; es ist doch nichts mit ihnen.« Aber ich merke, ich rege mich auf. Ich habe Lust, nach Poggfred zu fahren. Ich werde nichts mitnehmen. Ich will einige Tage nichts lesen, keine Menschen, selbst nicht meine guten, treuen, soliden, nüchternen Schleswig-Holsteiner sehen. Auf nach Poggfred! * * * Poggfred, Juli. Wie oft hat mich Tante Aurelie gefragt, weshalb ich dem Jagdhäuschen keinen andern Namen gäbe, z. B. Veilchental. Dies würde die Regierung gern genehmigen. Zum Kuckuck auch: Veilchental. Nein, Poggfred bleibt der Name, der Jahrhunderte alt ist. Hier soll vor langer Zeit ein Einsamkeit suchender Besitzer von Gadendorp das bescheidne Häuschen gebaut haben. Die Felder, das Gelände um dies Haus heißen schon in alten Urkunden von 1273: Poggfred (Froschfriede). Wie? Und nun sollte ich diesen wundervollen alten Namen etwa in Veilchental oder Liliengrund umtaufen lassen? Haben die Menschen denn – natürlich Tante Aurelie voran – nicht einen Schimmer von Poesie? Zwei Zimmer mit einem Balkonchen hab ich oben, zwei Zimmer und eine Küche für meinen Diener – ich habe diesmal meinen alten Bertouch zu Hause gelassen und Marcs mitgenommen – unten. Marcs kocht. Meine Aussicht sind Felder, von Knicks eingerahmt, Wiesen mit weidendem Vieh; eine Aue fließt munter meinem Tuskulum vorüber: das ist Alles. Ganz in der Ferne Wälder und die Nordsee. Auf eine Stunde ringsum keine Menschenseele. Ah, ah – – – Ich sitze auf dem Balkon. Er liegt nach Osten. Die Nachmittagssonne brütet. Ich sitze im Schatten. Ein Kohlweißling fliegt eben vorüber. Wenn wir Menschen alle in den Himmel kämen, und wir Menschen hätten Schmetterlingsgestalt: mit wie lädierten (das Fremdwort muß ich hier brauchen) Flügeln kämen wir oben an? Jede Stunde risse und zerknitterte an ihnen. Und der sanfte Staub, darf ich hier Seelenstaub sagen, wie schnell ist der abgestreift. * * * »Du läßt nicht von der Sünde; wohl aber läßt die Sünde von dir.« Herzog von Larochefoucauld. * * * Haus Gadendorp. Ich besuchte Tante Aurelie. Sie wohnt wieder »ihre zwei Monate«, wie sie es nennt, auf Schloß Moorhude. Da läßt dieses bösartige Frauenzimmerchen ihren Besuch durch zehn, sage zehn, Zimmer, deren Türen alle geöffnet sind, auf sich zukommen. Sie sitzt im elften in der Mitte auf dem Sofa und paßt nun auf die Angemeldeten. Diese zehn Zimmer läßt sie jeden Morgen zwei Stunden lang bohnern, daß sie die Glätte des fabelhaftesten Glatteises haben. Ein tausendjähriger Oberzeremonienmeister selbst müßte hier die Beine brechen. Wie auf Schlittschuhen trifft man endlich bei ihr ein. Sie hatte zwei allerliebst gewaschene, mit blauen Seidenhalsbändchen gezierte Ferkelchen um sich, denen sie Gummibälle und Strickknäuel hinwarf. Es war zu drollig anzusehen. Und ihr siebzigjähriger Kammerdiener: sein Lächeln zu schauen . . . Sie lud mich zum Mittagessen ein. Landrat v. Birkenbusch käme; Generalsuperintendent Tiefstimm; Baron Schwynkuhlen; Missionar Schwarzhaupt, der eben aus Toango angekommen sei. Es solle ein Missionsfest auf Moorhude verabredet werden. Ich empfahl mich mit dem lebhaftesten Bedauern; ein Gastfreund aus Smyrna habe sich bei mir zu Tisch angesagt. Das Tantchen drohte mir mit dem Finger und sagte mir, daß sie aus Strafe für meine Unart nächsten Sonntag in Gadendorp vorfahren wolle, um mich zur Kirche nach Moorhude abzuholen; der junge Pastor Eifrig halte seine erste Predigt. Auf dem Rückwege ging ich mit abgezogenem Strohhut durch den Wald. Die starke Schwüle preßte mir Schweiß auf die Stirn. Der Wind konnte nicht den Holzesrand durchbrechen. Ich blieb stehen: ein Klatschen, wie von spielenden Wellen drang an mein Ohr; ein mir seit meinem ersten Erinnernkönnen bekanntes Klatschen. Ich weiß es, in fünf Minuten schau ich die See vor mir. Mein Schritt bleibt der gleiche. Der Weg neigt sich ein wenig. Das Geräusch der spielenden Wogen wird stärker. Leise Windfächer kommen: aber immer noch dringt der Schweiß mir auf die Stirn, muß ich mein Taschentuch zum Betupfen gebrauchen. Nun noch zwanzig Schritte, ich trete gleichsam wie aus einer Schachtel hinaus – und vor mir liegt die blaue Ostsee, blendend, glitzernd bis in die Unendlichkeit, im grellsten Sonnenlicht. Ein angenehm kühlender Wind umweht mich. Ich brauche mein Tuch für die Stirn zum letztenmal und setze meinen Hut wieder auf. Schifflos, wolkenlos, mövenlos – nur das Meer, das Meer. So heiß ist es, daß die Sonne einen eben noch bespülten Uferstein, eine von der Welle verlassene Muschel sofort trocknet. Dann spielt wieder ein Wellchen heran . . . * * * Ich hatte im »Grünen Elefanten« in Eckernsund gegessen. Wir waren sieben Gäste am Tisch gewesen. Keiner kannte den andern. Von gegenseitiger Vorstellung war nicht die Rede. Wir waren sieben Schleswig-Holsteiner, und so aßen wir denn in unerschütterlicher Ruhe unser Diner bis zum Käse »herunter«, ohne daß ein einziges Wort gefallen war. Wir waren eben sieben Schleswig-Holsteiner . . . Ich hatte meinen Wagen nach Gadendorp vorausgeschickt, um an dem schönen Tage zu gehen. Im Durchschreiten Eckernsunds hatte ich zwei reizende Bilder: Aus einem Heckenwege trat eine mir unbekannte, gut und geschmackvoll gekleidete, junge Bürgersfrau heraus; sie war stattlich, hatte etwas echt Mutterhaftes. Vor ihr gingen vier Kinder, zwei Knaben und zwei Mädchen, etwa im Alter von acht bis zu vierzehn Jahren, in einer Reihe. Mutter und Kinder trugen je einen großen Farnbüschel in der Rechten, wie Palmenzweige. Ich sah lange, lange diesem Himmelsfrieden nach. Gleich darauf, am Strande, fand ich einen alten Fischer auf einem Stein sitzen. Er spielte die Harmonika. Nach den Klängen dieser tanzten zwei sechs-, siebenjährige blonde Mädchen sehr artig. Sie hatten sich Hand an Hand gefaßt, und zierlich, wie ich es nur in Ägypten gesehen, ruhig machten sie die Schritte. Es war ein entzückendes Bild: der alte, stille, glückselig lächelnde, spielende Großvater; die beiden aschblonden Zöpfchen. Friede, Friede sei mit euch. * * * Professoren der Syntax und des Parallelepipedons, Poesie beurteilend . . . Das kommt nur in Deutschland vor. * * * Glimmende Liebe – – – * * * Ich hatte vor Jahren das Glück und die Freude, von Freunden aufmerksam gemacht, einem am Hungertuche nagenden Dichter helfen zu dürfen; natürlich gründlich helfen zu dürfen, denn ein Almosen zu geben ist eben so hochmütig, wie es keine Wirkung haben kann. Der Betreffende hat längst Alles an Kord Bindseil zurückgezahlt. Er steht deshalb in meines Rentmeisters Augen als ein ehrlicher Mann da. Kord Bindseil war zeitweise so aufgebracht über die Summen, die ich, wie er sagte: dem Moloch der Poesie als Opfer brächte, daß er heimlich nach Hornheim fuhr, um dort Rücksprache mit dem Leiter zu nehmen. Ich erfuhr es bald darauf, hab es ihm aber selbstverständlich nicht übel genommen. Über solche Kleinigkeiten muß man im Leben hinwegsehn, lächeln. Nebenbei gesagt, wie stehen wir im Leben mit einem Arm schon in der Zwangsjacke, wenn es einem unsrer geehrten Mitmenschen gefällt, uns heimlich anzuklagen, daß wir Handlungen begingen, die nicht zu verantworten wären. Ein schauerlicher Gedanke. Von diesem Dichter hatte ich Gelegenheit, zur Kenntnis zu gelangen, was und wie er gelitten. Er sandte mir später einen Auszug aus seinem Tagebuch, aus dem ich Entsetzliches ersah: »Daß ich hungern mußte, habe ich immer ertragen. Ich sagte mir, daß es nicht anders möglich sei in Deutschland, ehe man sich als Schriftsteller durchgebissen hat; daß es vielen anderen auch so ergangen sei. Böse aber war es, daß die Gerichte mir bei den Pfändungen mein Handwerkszeug fortnahmen, meine Nachschlagebücher und Lexika. Jedem Schuster, jedem Schneider im Vaterlande wird, bei Pfändungen, das zum Leben Notwendigste gelassen durch das Gesetz. Der Dichter macht eine Ausnahme: es werden ihm die Hilfsbücher genommen. Als es anfing, mir besser zu gehen, konnte ich jahrelang nicht vorwärts kommen, weil nach jeder Rezension, nach jeder Kritik über Bücher von mir, mochten sie (die Kritiken) gut oder schlecht sein, die Gläubiger mit erneuter Wut und verstärktem Eifer über mich herfielen und mich peinigten. Ich zitterte, wenn ich Beurteilungen über meine Schriften las; ich wußte, daß mir wenige Tage darauf eine Klage überreicht würde. Auch das wußte ich, daß die Menschen, die jetzt meiner Armut wegen nicht mit mir umgehn mochten, später prahlen würden: Ja, ja, den hab ich genau gekannt, das war mein Duzbruder. Das, was ich als das Teufelischste in jener jahrelang anhaltenden Zeit habe durchmachen müssen, war die ewige Not, der ewige Mangel an Postmarken. Das ist nicht zu sagen, wie schmerzlich es ist. Da liegen notwendig abzusendende Briefe, Manuskripte, Pakete: und sie können durchaus nicht weg . . . Als mein erstes Drama zum erstenmal aufgeführt wurde, hatte der Intendant die Liebenswürdigkeit, mich einzuladen. Ich mußte unter irgendeinem Vorwande absagen: Ich hätte keine fünf Mark aufbringen können, geschweige denn die dreihundert Mark, die Fahrt und Aufenthalt mich gekostet hätten. Statt daß ich in der Loge des Intendanten saß, ging ich, bei starkem Unwetter, um sieben Uhr abends, zu dem vor der Stadt wohnenden Gerichtsvollzieher, um mit diesem, der in dienstlichen Angelegenheiten mein täglicher Besuch war, etwas in Ordnung zu bringen. Ehe ich sein Haus erreichte, geriet ich in der Dunkelheit in eine Dornenhecke und zerriß mir Gesicht und Hände. Während im selben Augenblicke hunderte von Menschen ihre Operngläser auf die Bühne richteten, wo mein Stück gegeben wurde, arbeitete ich mich, aus Hunger und Schwäche kaum mehr leben könnend, mit Anstrengung aus den Dornen heraus. Blutend traf ich bei dem Exekutor ein. Diesem muß ich hier herzlichen Dank aussprechen: er blieb stets freundlich, blieb immer ein Mensch. Als ich wegging von ihm, entlieh ich drei Mark. Er war der einzige, der mir in jener Zeit Geld vorschoß: ein strenger Gerichtsvollzieher einem deutschen Dichter . . . Mit den drei Mark wußte ich, was ich ausführen wollte: mich sinnlos betrinken. Ich, der ich nie oder selten über den Durst in den Krug sehe, ging an jenem Abend, ein Regen hatte unterdessen eingesetzt und durchnäßte mich tüchtig, und kaum war der heftige Wind imstande, meine flatternden Kleider zu trocknen, so unaufhörlich goß es vom Himmel – ins Wirtshaus und trank, bis ich bewußtlos wurde. Noch weiß ich den Anfang dieser Orgie: an meinem Tische saßen zwei Handlungsreisende und erzählten sich Klapphornverse. Mein Stück ging währenddessen, mein Stück, an dem ich begeistert geschrieben hatte, über die Bühne in einer fernen Stadt. Der Dichter, zerkratzt, krank, verhungert, verelendet, durchnäßt, trank, trank, trank, bis er unter den Tisch sank.« Ich war erstarrt, als ich jenen Tagebuchauszug gelesen hatte. Ich glaube, wenn ich nur einen Tag hungern müßte, würd ich Sozialdemokrat, schlüge Menschen tot, raubte, was ich bekommen könnte, um mich satt zu essen. Mein Dichter ist jetzt wohlhabend; er ist »Schriftsteller« geworden und hat seine sechzigtausend Mark jährlich. Er schreibt für den großen Pöbel; er schreibt vier, fünf, sechs Romane in einem Jahre, genau nach der Vorschrift der Familienblätter. Er »arbeitet« von morgens acht Uhr bis nachmittags vier Uhr täglich. Er ist ein Liebling der Deutschen geworden: also albern, sehr »sittlich«, völlig blutlos und marklos; mit einem Wort: ein Liebling der Deutschen. Und das ist auch die Gefahr für deutsche Dichter: Sieht ein Genie oder Talent, nachdem es sich jahrelang mit reiner Seele der Kunst geweiht und – keinen Erfolg gehabt, daß es mit der Schleuderware sofort »geht«, setzt er sich hin und schmiert Possen und Romane, Novellen; und das Geld fließt nur so . . . Er sagt sich: Was hab ich davon, daß ich nach meinem Tode auf dem Sockel stehe? Jetzt will ich Geld haben, Geld, Geld, Geld, um zu genießen, zu genießen, zu genießen; und er wird Schriftsteller für den deutschen Lesepöbel. Bald ist er ein angesehner, wohlhabender Mann. Seine Ware wird viel verlangt. Der Dichter, der mir Auszüge aus seinem Tagebuch zu senden die Güte hatte, war mir von Hause aus nicht recht als Dichter erschienen, es fehlte ihm das unerklärbare Kenn- und Kernmal des Dichters, trotzdem aber hatte ich geglaubt, daß aus ihm etwas hätte werden können. Statt dessen schreibt er jetzt für Zeitungen und Familienblätter. * * * Über das tiefste Wesen eines echten Dichters ist eine Erklärung nie möglich. Goethe schrieb das unerreichbarste Deutsch; die Gedichte seiner Jugendjahre werden von keinem Dichter je »nachgemacht« werden können. Diese Freude, dieser Puls, dies Jauchzen, diese überquellende Dankbarkeit, wenn er glückliche Stunden genossen hatte, dies Entzücken dann. Shakespeare und Kleist gaben uns den Vergleich, das Bild. Daran namentlich ist auch ein wirklicher Dichter zu erkennen. Das »gewöhnliche« Publikum achtet nicht auf die Schönheit des Vergleiches, des Bildes; es kann diese Schönheit nicht verstehen, es fehlt ihm der feine Sinn dafür. Hebbel wär ein noch gewaltigerer Lyriker geworden, hätt er – ich bitt um Entschuldigung – weniger Verstand besessen. Ein durchdringender, grübelnder, zersetzender Verstand verhindert, den Thron eines Lyrikers besteigen zu können. Bei einzelnen Dichtern und Schriftstellern les ich es genau: ganze Seiten, lange Sätze sind zuweilen nur für einen einzigen geschrieben, den der Verfasser glühend haßt oder glühend liebt. Er erleichtert sein Herz auf diese Weise; er bestraft kalte, hochmütige, alberne Menschen, die ihn gekränkt, ihn von oben herab angesehen haben. Ich fühls, welche Wonne es ihm gewesen sein muß, sich ausschreiben zu können. Solche Stellen kann jeder bei aufmerksamem Lesen eines wahren Dichters leicht finden. Schlagt Goethe, Kleist, Shakespeare, Fontane, Storm auf . . . Ich liebe solche Dichter, die, um im Literatenkauderwelsch zu sprechen, eine »kleine Gemeinde« haben. * * * Poggfred, August Über dem schlafenden Schleswig-Holstein liegt eine herrliche Sommernacht. Es ist eine Nacht, von der Eichendorff sagt: Sie singen von Marmorbildern, Von Gärten, die überm Gestein In dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, Wo die Mädchen am Fenster lauschen, Wann der Lauten Klang erwacht, Und die Brunnen verschlafen rauschen In der prächtigen Sommernacht. Der alte gute deutsche Freiherr mit dem treuen Königs- und Volksherzen. Sein Name wird unser Vaterland begleiten bis in seine letzten Tage. In Eichendorff war kein Falsch. Bis auf den Grund deutsch war er wie Uhland. Uhland und Eichendorff bleiben mir für immer ans Herz gewachsen. Am heißen Nachmittag, als ich in Stendhal las, flog eine Fliege durchs Fenster zu mir. Es war nicht die gewöhnliche Zimmerfliege, auch nicht jene, die sekundenlang still zu stehen scheint, um dann mit großer Schnelligkeit fortzuschießen. Es war eine Fliege, wie ich sie nie gesehen hatte. Meine Fliege flog, ganz bestimmt mit unnennbarer Grazie wie eine Fee, wie eine Sylphide, wie eine Tänzerin vor mir hin und wider. Sie tanzte ganz bestimmt vor meinen Augen. Sie war, das weiß ich ganz bestimmt, Tänzerin am Stadttheater in Mainz gewesen. Die ganze Fliege, dies putzige Ding, hatte ziegelrote Farbe mit schwarzen Ringen. Und sie tanzte, tanzte, tanzte . . . und ich legte Stendhal beiseite, und sah ihr lächelnd, ja zuletzt entzückt zu . . . Und sie tanzte, tanzte, tanzte, und dann hörte ich ein feines Stimmchen: »So, Herr Graf, nun haben Sie mich genug bewundert. Es hat mich gefreut, Sie einmal wieder gesehen zu haben. Erinnern Sie sich noch? Ich empfehle mich Ihnen. Es geht mir übrigens gut.« Und dann tanzte, flog, flog, tanzte dies zierliche Geschöpf wieder zum Fenster hinaus, und ich nahm wieder meinen Stendhal auf, nachdem ich meinen mir im Schoße liegenden Dachshund, Herrn Didel, beruhigt, dem eine ganz gewöhnliche Stubenfliege die Nase gekitzelt hatte. Ich las in Stendhals »Physiologie der Liebe«. Warum nannte er sein Buch nicht »Psychologie der Liebe«? Stendhal gehört zu den Schriftstellern, die erst fünfzig Jahre nach ihrem Tode entdeckt und gelesen werden. Er hat das selbst von sich voraus gesagt. Ich fand ein vorzügliches Wort von ihm: »Es ist eines der Leiden des Lebens, daß jenes Glück, den geliebten Gegenstand zu sehen und mit ihm zu sprechen, keine deutliche Erinnerung zurückläßt. Die Seele ist augenscheinlich zu erregt von ihren Empfindungen, um darauf zu achten, was sie hervorruft oder begleitet.« Da hat Stendhal das ausgesprochen, worüber ich mir vergeblich so oft den Kopf zerbrach, um die Erklärung zu finden. Bis zur Stunde sind mir Gesichter im Gedächtnis geblieben, die ich nur auf kurze Zeit, während einer Fahrt auf der Bahn, gesehen habe, vielleicht vor zwanzig Jahren. Ich habe mit diesen Menschen nicht ein Wort gewechselt, und doch stehn sie noch heute haarscharf vor mir. * * * Überreicht man in Deutschland einem einen Band Gedichte von sich, so ist man, so weit sind wir jetzt, einer Pistolenforderung gewärtig. Ich kann froh sein, nie einen Vers geschrieben zu haben. * * * Haus Gadendorp. Es ereignete sich in einer schwülen Julinacht. Ich spielte im gelben Gartenzimmer seit zwei Stunden Chopin. Ich hatte ihn lange nicht genossen. Zum gelben Gartenzimmer gehört ein Balkon. Dieser ruht auf zwei Säulen. In meiner Knabenzeit kletterte ich einmal an einer dieser hinauf, um meine Mutter, die am Flügel saß, zu erschrecken. Ich kam unbemerkt ins Zimmer und überraschte sie mit einem lauten Schrei. Sie war vor Schreck einer Ohnmacht nahe. Mein Vater gab mir dafür die Reitpeitsche. Es ist das einzige Mal gewesen, daß er mich geschlagen hat. Wie erschrak ich selbst bis zum Bleichwerden, als mich, während ich ganz vergessen in der schwülen Julinacht Chopin spielte, ein Fall auf den Fußboden auffahren ließ. Ein Mann, von unten bis oben in eine weiße, scheinbar Sträflings-Uniform gekleidet, war heraufgeklettert an einer der Säulen und stand nun mitten im Raum. Er ging ruhig an einen mit einer Lampe bestellten Tisch, setzte sich und sagte mit dumpfer Stimme: »Spielen Sie weiter«. Ich war wie gelähmt, ich konnte mich nicht erheben. Der weiße Mann wiederholte, ebenso ruhig, aber lauter, bestimmter: »Spielen Sie weiter«. Ich starrte ihn noch immer an. Da ergriff er die schwere Lampe, nahm sie in die Höhe und brüllte, in der gleichen Ruhe: »Spielen Sie weiter«. Ich wußte längst, daß ich einem entsprungenen Irren gegenübersaß. Ich hatte meine Besinnung wieder. Ich überlegte blitzschnell: erst wieder die Finger auf die Tasten. Ich begann den As-dur-Walzer. Der weiße Mann setzte sich. Plötzlich sprang er auf, blieb aber an der Stelle. Er schrie mich an: »Aufhören, Sie Garnichtskönner. Sie haben keine Idee vom Klavierspiel. Hören Sie mich. Wissen Sie, daß ich der Vetter Robert Schumanns bin? Robert Schumann und ich sind auf der Sonne geboren; wir sind Sonnenkinder. Sie, mein Herr, sind der erbärmlichste Stümper, der mir je vorgekommen ist. Platz da. Weg da vom Flügel!« Er kam auf mich zu. Ich hatte meine Fassung wieder. Meine Rettung blieb vorläufig: den Wahnsinnigen gewähren lassen. Ich trat ein wenig zurück. Er ging, mich höhnisch und verächtlich anschauend, ans Instrument, setzte sich und spielte mit unendlicher Zartheit Schumanns »Abendmusik«. Ich dachte indessen nur, wie ich mich aus meiner Lage befreien könne. Kaum hatte er geendet, als er plötzlich in rasende Wut ausbrach. Mit beiden Fäusten hämmerte er auf die Tasten. Er zerschlug sich die Haut. Das Blut lief ihm aus den Händen. Vor seinem Munde stand Schaum. Er fiel ohnmächtig vom Sessel. In diesem Augenblick, durch den Lärm gelockt, traten zwei meiner Diener ein. Wir brachten den Unglückseligen aufs nächste Bett. Es stellte sich richtig heraus, daß es ein entsprungener Irrsinniger gewesen war. * * * Ein nasser Tag. Der Regen rinnt unaufhörlich. Oft wird er stärker, oft schwächer. Eine halbe Stunde setzt er aus. In dieser Zeit klatscht es in den Bäumen und unter ihnen. Es ist der Nachtropfenfall von Blatt zu Blatt. Nun beginnt er wieder. Der Wind ist eingeschlafen. Senkrecht fällt der Wolkensegen. Durch das offenstehende Fenster gähnt die Ruhe herein. Ganz hinten im Garten erklingt eine mir unbekannte, glockenhelle Vogelstimme. Es sind immer drei Töne mit einem Vorschlag. Ich habe in Grillparzers Sappho gelesen. Das alte begehrliche Frauenzimmer ward mir langweilig. Ich kanns dem jungen Kerl wahrlich nicht verdenken, daß er sich hinter die kleine niedliche Zofe macht. Ich hätts grade so ausgeführt. Und immer nur die Stille. Ganz hinten im Garten die unbekannte glockenhelle Vogelstimme mit den drei Tönen und dem Vorschlag. Ich setzte mich an den Bechstein, aber ich mag heute nicht spielen. Ich räkele mich im Lehnsessel, strecke die Beine weit vor, schließe die Augen. Aber die Vogelstimme, die Vogelstimme. Soll ich das Gewehr nehmen, mich anschleichen und . . . o pfui, pfui! Was klingt heraus aus der Vogelstimme? Was will sie sagen? Wie? Was hör ich? »Verbrenn den Kram, verbrenn den Kram, verbrenn den Kram.« Verbrenn den Kram? Was soll ich verbrennen? Und immer ruft es aus dem Garten: »Verbrenn den Kram«. Ich gehe langsam an eine geschnitzte Truhe, die ich bei einem Bauern als Haferkiste fand. Ich kaufte sie. Vom Tischler Hans Petersen ließ ich sie säubern. Er und ich standen wie ein paar neugierige Affen an der Lade: was wird sich da zeigen? Wir entdeckten eine Schrift: So lang du in dit Schap wat hest, Schient di de Sünn un freut sick de Gäst. Jochim Harms unde Metta Harms. anno 1621. Zwei Engelsköpfe und die andern Schnitzereien auf der Kiste sind von hohem künstlerischen Wert. Vielleicht hat sie nur ein armer Tagelöhner an unsrer Westküste gearbeitet. Ich stehe an der Truhe. Der Vogel ruft immer noch: »Verbrenn den Kram«. Und er schreit wie toll: »Verbrenn den Kram«. Ich öffne sie. Ah so . . . »Verbrenn den Kram,« hör ichs zum letztenmal; dann scheint er weggeflogen zu sein. Vor mir liegen Liebesbriefe, verjährte. »Verbrenn den Kram,« da hat er Recht. »Aber aus Welschland . . .« Heute ist ein Nachmittag zum Verbrennen. Und keine Rührung, kein Aufbäumen. Nicht hineingesehen in die Briefe. Ins Feuer, ins Feuer. Ich lasse einige Eichenklötze entzünden und schließe mich dann ein. Ich nehme das erste beste mit rotem Seidenfaden umschnürte Paketchen heraus: Stasia. Mon cher ami! Je m'empresse de vous donner des nouvelles, car je pense, que vous vous ennuyez, depuis si long temps, que nous nous sommes vus, on est dans ce cas bien heureux d'être à même d'épancher son coeur; afin de se consoler d'être autant éloigner. En espérant que la bonne occasion, nous rapprochera bientôt l'un de l'autre. Je vous souhaite toujours beaucoup de bonheur. Je n'entrerai pas de trop long détails pour ce moment bien court que je vous écris ces mots à la hâte pendant l'absence de mon pêre. Alors je finis ma lettre et je désire de votre part aussitôt une aimable réponse celle qui est pour la vie votre amie                         Stasia Portant des longs cheveux tresés. Und die kleine Polin Stasia stand lebhaft vor mir. Ihr Französisch, nicht einmal fehlerfrei, im Stile, wie ihn junge Mädchen in der Erziehungsanstalt lernen, hatte mich damals nicht belästigt, und viele, viele Male habe ich den Brief geküßt. Nach dem gezierten Brieflein kamen heiße, glühende. Ich entsinne mich unsers ersten Stelldicheins. Wir trafen uns zehn Minuten vor der kleinen polnischen Stadt an einem ungepflegten Felde. Der Märzwind wehte die großen, dicken weißen Wolken von der Sonne. Neben uns stand ein vergeßner Spaten. Am Rande eines Birkenwäldchens sahen wir Wildschweine, die vergnügt mit ihren Gewehren den Boden brachen. Wie reizend sprach sie ihr fürchterliches Französisch. Ein junger Weidenbusch, in dem erst sechzehn, siebzehn Jahre der Saft treiben mochte, barg uns vor der Welt. Er war über und über mit gelben Kätzchen behangen. Als wir uns zuerst geküßt hatten, radebrechte sie deutsche Worte und schlug die Arme um meinen Nacken und rief: »O Libber, Libber . . .« Die beiden langen roten Hutbänder wehten im Winde . . . Leb wohl, Stasia. Und ihre Briefe verflammten im Ofen. Ich bin erregt; ich verbrenne heute keine Briefe mehr. * * * Poetenlos: ».Des Himmels Prinzen und der Erde Lumpen«, sagt Freiligrath. * * * Farben. Hellblaue Husaren reiten, zu Zweien hintereinander, aus dem Ausgang eines dunklen Buchenwaldes in den hellsten Sommersonnenschein; immer mehr, immer mehr – immer reiten zwei heraus, und immer mehr, und immer nur zwei zugleich. Die hinter ihnen ziehen, die noch kommen sollen, sind nicht zu sehen. Neulich, als ich jagte, suchte mein kurzhaariger, goldbrauner Hühnerhund in einem blühenden Lupinenfelde. Der Hund verschwand; nur sein Kopf war, fortwährend witternd (Luft ziehend) über dem Felde sichtbar. Dieses dunkle Goldbraun in den eiergelben Lupinen. Auf dieser Jagd auch fiel mir ins Auge: Auf einem niedergelegten Knick stand ein Ebereschenbäumchen mit knallroten Beeren übersäet. Diese stachen ab von der Lilaheide, die den Wall übersponnen hatte. Rote Beeren und Lilaheide wieder von den Stoppeln, auf denen gebräunte Garben sich aneinander lehnten. In diesem Frühjahr sah ich und behielt im Kopf: Eine dunkle Tannenwand; zwei nebeneinanderstehende Silberpappeln in der Höhe der Fichten, vor dieser. Und vor den beiden Silberpappeln, vor deren Mitte ein Buchenbäumchen mit den ersten hellgrünen Blättchen. Reizend. Die Mutter meines Vaters, in Westindien geboren, hängt, das Bild zwei Zoll im Geviert, sehr fein, auf dem Wiener Kongreß, auf Elfenbein gemalt, über meinem Schreibtisch. Das purpurne Samtkleid ist stark ausgeschnitten, nach damaliger Sitte mit hohem Gürtel. Wundervoll gemalte Spitzen sitzen oben, glatt übergelegt, am Ausschnitt; die herrlichen Arme sind entblößt. Der linke ruht auf der Lehne eines Sessels; seine Finger halten ein halb gefallnes weißes durchsichtiges Tuch. Meine Großmutter, damals neunzehn Jahre alt, hat ein wenig schläfrige Augen; aber es ist ein entzückendes Gesicht. Der Prinz von Ligne sagte von ihr, daß sie die schönste Dame des Kongresses gewesen sei. Und dieses vornehme Großmütterchen sieht mich jetzt an. Ich habe eben einen Gräserstrauß dicht vor sie hingestellt. Und nun seh ich durch die zarten Rispen das süße Gesichtchen und Teile des purpurnen Samtkleider der Spitzen, und die leuchtenden Arme. In einem Bronzeteller Vergißmeinnicht; in diese steckte ich einige Jasminblumen. Glühender Julimittag in einem einsamen Garten. So grell scheint die Sonne, daß kaum eine Form zu erkennen ist; alles ist getaucht in weißflüssiges Licht. Eine große, leuchtende, flimmernde Marmorsphinx liegt vor gleißenden Steinstufen. Ein ziegelroter Schmetterling, die einzige Farbe in all dem zittrigen Schimmer, umwebert unaufhörlich den Hals des Ungetüms. * * * Cornelius Gurlitt sagt (er spricht von der Kunst zu Peter Corneliussens Zeit): »So sank die deutsche Kunst dahin. Ihr tiefster Verfall äußert sich in einem ihrer größten Meister, in Peter Cornelius.« Mir aus dem Herzen gesprochen. * * * Marie von Ebner-Eschenbach, die ich so hoch verehre, sagt irgendwo, bei Betrachtung eines Bildes: »Möchte wissen, in welche Kategorie die Alleskenner und Nichtskenner den einreihen, der das gemalt hat? Ein Idealist? Ihr Herren! seht nur die Wahl des Stoffes: Eine Balgerei zwischen einem Soldaten und einem Matrosen, um die sich ein neugieriges Publikum schart. Und nun die Ausführung. Wessen ist sie? Eines Realisten? Nein, eines Künstlers, dem das Häßliche und Rohe widerstrebt, und der dennoch die Wahrheit darstellt, die höchste, in den Gluten seiner Feuerseele geläuterte Wahrheit. Der macht aus einer Prügelei, die wir in Wirklichkeit schwerlich mit ansehn möchten, ein unvergeßliches Kunstwerk!« Ich nehme tief den Hut ab, Frau Baronin. * * * Vor einigen Jahren nahm in seinem engern Kreise ein wohlhabender Gutsbesitzer, Freiherr v. Heesten, Abschied, um, wie er sagte, eine Reise um die Welt zu machen. Einige Wochen später verschwand ein junges Mädchen seiner Nachbarschaft, die Tochter des Kammerherrn v. Schierensee, Felicitas. Jeder brachte dies Verschwinden in Zusammenhang mit der Reise Joachims von Heesten. Aber dieser erschien zum Erstaunen aller nach achtzehn Monaten auf seinem Gute. Felicitas blieb verschwunden. Nach einiger Zeit entführte Joachim Anna v. Schierensee, die jüngere Schwester Felicitassens, dieser auffallend ähnlich. Ich lasse einen Brief weiter erzählen: Bald nach ihrer Flucht waren Joachim und Anna in Paris angekommen, wo sie sich trauen ließen. In einer eleganten Wohnung der Rue Rivoli richteten sie sich ein. Gleich nach ihrer Verehelichung hatte Joachim dem Kammerherrn geschrieben, und um die Einwilligung der Eltern gebeten. Herr v. Schierensee antwortete, daß er, wenn noch einmal ein Schreiben von Joachim einträfe, die Botschaft und die Pariser Polizei in Anspruch nehmen werde. Als ihnen ein Söhnchen geboren wurde, fehlte zu ihrem Glücke nur die Wiedervereinigung mit ihrer Familie. Doch bald sollte Schweres kommen, das Schwerste im Leben: Geldsorgen. Gegen die riesige Kriegsdrommete der Geldnot sind alle anderen Lebenssorgen Kindertrompeten. Joachim, der sein Gut verkauft, hatte törichterweise das ganze Kapital bei einem Bankhause hinterlegt. Das Bankhaus fallierte, Joachim verlor sein Vermögen. Der Schlag war betäubend. Aber Joachim raffte sich auf. Mit möglichster Schonung teilte er die böse Zeitung seiner Frau mit. Sie aber fiel ihm um den Hals und rief: Ich teile mit dir gute und böse Stunden. Im Anfang des Märzes schifften sie sich auf einem Dampfer der französischen Linie von Havre nach New-York ein. Als Anna den letzten Blick auf europäisches Land warf, fiel ihr nicht das Elternhaus ein, auch kein Heimatsgefühl schien sie zu bewegen. In der furchtbaren Brandung, die an der Insel Guernsey stand, sah sie deutlich eine Sphinx liegen. Sie nahm die Rechte ihres neben ihr stehenden Mannes und beugte ihre Stirn darauf. Dann starrte sie wieder, ohne die Hand loszulassen, in die Brandung. Astoria ist eine Vorstadt New-Yorks nach Norden zu. Hier liegt, hart am East River, der die Rieseninsel von Long-Island trennt, ein einsames Haus in einem einsamen Garten. Der Besitzer war gestorben, und die Erben hatten es an Joachim vermietet. Es war einige Tage nach ihrer Ankunft. Die Tulpenbäume blühten. Vor dem Hause bedeckten die Schatten eine glückliche Familienszene. Während Anna vor der Türe stand, hatte Joachim sein Söhnchen genommen und schaukelte es so hoch, daß sich die Mutter entsetzte. Es ging ihnen gut. Zwar waren die wenigen Schmucksachen verschwunden. Sie litten keine Not. Zwei Monate waren sie nun hier in der fremden Welt. Joachim, der seine Frau mehr als je liebte, hatte bald eine entsprechende Beschäftigung gefunden, die ihn und seine Familie vor Mangel schützte. So kam der Herbst. Joachim verlor, nicht durch seine Schuld, seine Stelle. Die erste wirkliche Geldnot trat ein. Er nahm zum Notenabschreiben seine Zuflucht und spielte abends in guten Häusern zum Tanz. So erzählte er wenigstens seiner Frau. In Wahrheit aber spielte er in elenden Kneipen und begleitete hier die Sänger und Sängerinnen zum Gesang. Er kämpfte für sein Weib, für sein Kind. Was sich ihm bot, ergriff er. Es war am Ende des Novembers. Er hatte abends im Franklin Garden zu spielen, einem Lokal in der Nähe der Bowery. Auf dem Thron der kleinen Bühne stand ein ältlicher Herr mit fetttriefendem Haar, schmutzig weißen Handschuhen und in einem kurzen, abgefaserten Frack, der dem Publikum verkündete, daß jetzt auftreten wörde die beröhmte Säncherin Freilein Anastasia Kampanella aus Neapel, die auf ihrer ersten amerikanischen »Tour« begriffen, diesem Lokale »zuerst« die Öhre antun wörde. Sie wörde sinchen das beröhmte Lied: Killarney. Dann machte er mit der Linken eine Bewegung nach dem vor der Bühne stehenden Klavier. Joachim begann das Vorspiel. Fräulein Anastasia Kampanella erschien: eine gänzlich verblichene Schönheit, mit verwüstetem Gesicht. Aus den matten braunen Augen sprach die herbste Gleichgültigkeit. Sie begann, das bekannte Lächeln auf den Lippen, mit trockner Stimme: By Killarneys lakes and . . . Dann blieb sie stecken, und ihre Augen richteten sich starr und unbeweglich auf Joachim, der ruhig, ohne aufzuschauen, die Begleitung weiter spielte. Nun ein Sprung von der Bühne, und sie lag vor ihm, umfaßte seine Kniee, und schrie wie ein Tier, doch dumpf und leise, als müßte sie ersticken: »Joachim, Joachim; ich vergeb . . .« Er war aufgesprungen in furchtbarer Bewegung und hatte sie von sich gestoßen. Aber sie warf sich ihm zu Füßen und umklammerte wieder seine Kniee: »Töte mich, Joachim, töte mich.« Nun stand er regungslos. Er war aschfahl im Gesicht. »Felicitas«, sagte er tonlos. » Voyez donc, Pierre, voyez donc: C'est drôle! « rief ein Franzose. »Kiek mal, dat's mal fein, de spelt Komedi«, sagte ein Hamburger Matrose zu seinem Nachbarn. Es entstand ein rasendes Klatschen, ein donnernder Applaus. Nur der Wirt des Lokals, ein Schwabe, der mit grenzenlosem Staunen die Szene beobachtet hatte, schien die Lage zu erkennen. Er ging auf Joachim los: »Wasch isch dasch? Warum schpiele Se nit?« Als er keine Antwort erhielt, wollte er ihn schütteln. »Zurück,« rief Joachim, und sich zu dem Sänger auf der Bühne wendend, sagte er in dem alten Ton: »He, Sie da! Geben Sie mal den Hut der Dame her« – und dann ihr den Arm bietend, verließen sie den Saal. »Arischtokrateblut« schrie ihnen der Wirt nach. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und jener Sänger brüllte zur allgemeinen Befriedigung, mit stets gleich bleibender Stimme: »Üch woiß nihcht, was sohl es bedeiten, Taß üch so trau–au–a–rich bühn . . .« Am andern Morgen, nachdem sie sich schwer geängstigt hatte, erhielt Anna einen Brief von Joachim durch die Stadtpost. Er enthielt nur wenige Worte. Das Blatt fiel ihr aus der Hand. Das Zimmer drehte sich mit ihr im Kreise. Sie stürzte an das Bettchen ihres Knaben und riß ihn heraus. Sie schien wahnsinnig geworden. Endlich kam die rettende Ohnmacht; sie brach zusammen. Das Kind fiel glücklich und schlief weiter. Nach einer Stunde trat das kleine Negermädchen, ihre einzige Bedienung, hinein und trug ihre Herrin aufs Bett. Im vierten Stock eines Riesengebäudes in der elften Avenue, wo auf jeder Etage, genau abgeteilt, vier Familien leben, wohnte Anna seit acht Tagen. Das Geld ging zu Ende. Sie kannte keinen Menschen. Wer bekümmert sich in einer großen Stadt um den andern, wer bekümmert sich in einer Mietskaserne um seine Nachbarn. Ein wüster Schneesturm fegte durch die Stadt; es fror wie in Petersburg. Anna hatte kein Holz mehr, keine Nahrung. Ihr fiel ein, daß sie Morphium besitze, das sie für frühere Fälle gegen Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit gebraucht hatte. Sie nahm ihr Kind in die Arme, es war eiskalt, die Augen gebrochen. »Gerechter Gott« schrie sie im Wahnsinn. Sie wickelte ihr Söhnchen in ihre Kleider und in die wenigen Decken, dann nahm sie rasch eine starke Dosis Morphium und legte sich zu ihrem Liebling. Vor ihrer Tür fiel in diesem Augenblick ein altes, betrunkenes irländisches Weib mit einem derben Fluch zusammen. Auf einer Insel in der Nähe New-Yorks liegt der Armenkirchhof dieser Stadt. Es ist nur eine öde, sandige, schattenlose Fläche. Keine Blumen, keine Zeichen der Liebe. Jeden Morgen bringt ein Regierungsdampfer die »Namenlosen« dahin. Dort, unter den kleinen, hölzernen Kreuzen, schläft Anna. Ihr Grab hat die Nummer 12731. Das Kind gab man ihr mit in den Sarg, nicht aus Mitleiden; des billigern Preises wegen. Praktisch, praktisch muß man sein, und besonders Amerika zeichnet sich darin aus. * * * Eine kleine Stadt von viertausend Augen hat, was Aufpasserei betrifft, vierhunderttausend Augen. Höchst unangenehm, wirklich höchst unangenehm. * * * Heut erließ ich für meinen großen Schubertsaal ein Preisausschreiben zu vier Standbildern für Schubert, Schumann, Brahms und Robert Franz. Zehntausend Mark dem Sieger. Für die Denkmäler, die im Saale ihren Platz finden sollen, habe ich, für jedes, hundertundfünfzigtausend Mark bestimmt. Bindseils Gesicht! * * * Ich hatte einen fröhlichen Brief von meinem kleinen Maler aus Rom. Lachend muß ich immer noch an den Nachmittag zurückdenken, an dem ich einen Menschen glücklich machte. In Eckerts Salon in Berlin standen Bilder aus. Ich war in einem der kleineren Nebensäle auf Minuten allein. An der riesigen Leinwand eines Akademikers – irgendwie Onkel Homer und die Musen oder sonstige olle Griechen mit graden Nasen und Schafsgesichtern und flachem Fleisch, Fleisch ohne Leben, auf Marmorfliesen lungernd und sich vielleicht Ebersens »Ägyptische Königstochter« vorlesen lassend – die tadellos gezeichnet, aber ohne gute Farbe mir langweilig entgegengähnte, stand auf einem Täfelchen die Verkaufssumme: achtzigtausend Mark. Neben diesem Ungeheuer hing, von einem mir bisher nicht bekannten Maler, ein ganz kleines Gemälde: im grellsten Sonnenschein lag im Grase, platt auf dem Leibe, eine junge, nackte Frauengestalt. Sie stützte das Haupt auf den stark verzeichneten linken Arm. Den rechten hielt sie nach der Seite gestreckt; in der offenen Hand saß ein vollendet wiedergegebener Frosch, der sie anschaute, und dem auch sie das Gesicht lächelnd zuwandte. Ein Bild, dessen Vorwurf tausendmal von Idealisten und Realisten gebraucht ist; aber wie? Leben. Das war gesundes, rundes, rosiges Fleisch, vorn und hinten. Das linke Bein hatte sie im Knie nach rückwärts gebogen. Alles farben- und formenfreudig, wie bei Rubens. Hier zeigte das Täfelchen die Verkaufssumme: dreihundert Mark. Ich war mutterseelenallein. Rasch wie der schnellmachende Dieb vertauschte ich die Summen. Dann ging ich zum nächsten Galerie-Diener und bat ihn mitzukommen. Als wir uns vor den Bildern befanden, deutete ich auf die Täfelchen. Zuerst geriet der Mann ganz außer sich, dann aber beruhigte er sich lächelnd, während er wieder die Sache in Ordnung brachte: »das wird ein Schalk getan haben«. Ich aber ging stracks zum Aussteller und erkundigte mich nach den Verhältnissen des Malers. Da mußte ich ein trübes Geschichtchen vernehmen: daß er aus Armut nicht weiter könne, daß es sein erstes Bild sei, das er ausgestellt, daß das Publikum wütend auf den »Materialisten« sei; und daß er (der Aussteller) sich leider genötigt sähe, das Bild wegzunehmen, weil er zu viele unangenehme Worte dessenwegen habe hören müssen. Nun eilte ich zum Maler selbst, fand ihn in fürchterlichen Verhältnissen, erzählte ihm, daß ich gesonnen sei, für sein Bild achtzigtausend Mark, wie an ihm die Summe genannt, zu zahlen. Als der junge Herr anfing, mich für verrückt zu halten, gab ich ihm den Sachverhalt. Er schrie, lachte, weinte, rief in einem fort: »Herr Graf, Herr Graf.«Am andern Tag schon packte ich ihn und seine Siebensachen nach München ein. Heut nun erhielt ich wieder einen seiner lustigen, sprudelnden Briefe. Er hat noch immer in Deutschland mit dem »Publikum« (natürlich!) stark zu kämpfen. Aber sein Sieg rückt näher und näher. Glücklich machen, glücklich machen; Menschen erlösen aus ihren steinernen und versteinerten Mitmenschen. Wozu hab ich denn den Quark. Helfen, helfen! frohe Gesichter leuchten sehen. Und wer ist denn der Beglücktere: Der, dem geholfen wird oder der Helfer? * * * Poggfred, Anfang des Dezembers. Seit gestern bin ich in meiner Einsamkeit. Außer Marcs nahm ich meinen dunkelbraunen Hühnerhund Flambeau, meine Dächsel Männe und Herr Diedel, meinen Pudel »Olle Söhn« und meinen Papagei Glokko mit. Wir sind schon eingeschneit. Betracht ich mir vom Fenster aus die Landschaft: Totenstille, weiße Decken überall; den einzigen schwarzen Fleck bietet ein Rabe, der sich, in sich zusammen gedrückt, auf dem Zweige, an einen Ellernstamm drängt. Es ist mir, als wenn ich seine glänzenden schwarzen Augen sähe, wie sie nach Raub ausspähn. Er wendet beständig den Schnabel nach rechts und links. Nur ein Baum ist klar sichtbar; es ist eine Eiche in Mittelgröße, die im Sommer dem Vieh Schatten gibt. Sonst, wenn auch in leichten Wellenlinien, alles eine Ebne, die nur durch Knicks unterbrochen wird. Marcsen hab ich, wie hier stets, einen jungen Knecht aus Schmeerstedt, dem nächsten Dorfe von Poggfred aus, zur Gesellschaft und als Aushilfe gegeben. Die jungen Leute drängen sich zu dem Posten, weil sie ein tüchtiges Stück Geld dabei erobern. Augenblicklich sind, unter Gelächter, Frohsinn sechshundert Männer aus meinen Dörfern beschäftigt, den Weg von Poggfred nach Schmeerstedt frei zu machen. Der muß offen sein. Denn wenn mich Despotenlaunen anwandeln, wenn mich die Schwere der Einsamkeit niederdrücken will, lasse ich in Schmeerstedt ansagen: »Heute Abend Ball im Blauen Auge«. Und dann strömen sie herbei, auch aus andern Dörfern. Das geschieht einmal zum mindesten, wenn ich mich längere Zeit in Poggfred aufhalte. Und dann tanze ich mit den Töchtern des Landes. Meine beiden Zimmer hier hab ich mir höchst gemütlich eingerichtet. In meinem Arbeitsraum steht ein riesiger Schreibtisch, neben diesem eines jener breiten Bismarck-Sofas. Auf einem Gestell stehen die Bücher, die ich auf allen meinen Gütern und Liegenschaften, wo es sei, zu finden wünsche. Unter ihnen die einzige Dichterin, die Deutschland gehabt hat: Annette von Droste. O du mächtiges, lebensstarkes Frauenzimmer; ständest du vor mir, fiel ich aufs Knie und küßte, überströmend, dir die Hände und dankte dir für dein großes, gütiges, liebeschweres, edles, geheimnisvolles Herz. In persische Stoffe hab ich mich von jeher verliebt, und so ist auch hier alles mit ihnen behangen und belegt. Ich schickte die an meinem Abfahrtstag in Gadendorp angekommnen Bücher mit den andern Sachen hierher voraus. Sie lagen schon, ausgepackt, auf meinem Schreibtisch: Es sind »Adam Mensch« von Hermann Conradi und neue Dichtungen der beiden Schlesier: Theobald Nöthig und Paul Barsch. Von Paul Barsch fand ich sofort ein reizendes Poem: Mittag.         Kein Ton, kein Hauch. Das Bergtal ruht In greller Mittagssonnenglut. Und Gras und Blumen, Strauch und Baum Umfängt es wie ein tiefer Traum. Da plötzlich – aus dem Blumenflor Blitzt jäh ein Schlangenhaupt empor. Es starrt zur Ferne unbewegt, Als ob sichs leise dort geregt. Nur Täuschung wars. Die Schlange neigt Sich still zurück. Die Heide schweigt. Wie Traum liegts auf dem Blumenflor, Und Frieden ist es wie zuvor. Das Gedicht könnten Storm oder Keller geschrieben haben. Es hat mich entzückt. Diese brennende Stille; kein Hauch. Und plötzlich hebt eine Schlange das Haupt aus dem Grase, wie erschreckt durch ein Geräusch. Sie sieht sich um, sie züngelt – und fällt in den Schlaf zurück. Die Bewegung in der ungeheuern Ruhe, die plötzlich entstehende und wieder ersterbende Bewegung ist es, die dies kleine Gedicht so warm macht.   15. Dezember. Von Nöthig fand ich folgendes, das mir ins Herz wuchs: Der Ärmste.           »Weswegen gab sich dieser Narr den Tod? Das deutsche Reich hat jetzt doch Lohn und Brot Selbst für den ärmsten Karrenschieber?« Er war noch ärmer, war ein Musensohn, Und schwebte gern in höherer Region, Drum, Freund, hing er sich lieber. Verwandlung.               Wie der Falke kaum merkbar höher kreist, Wie der Wind, der die Rosen erwachen heißt, Wie Meeresleuchten auf schlummernder Flut, Wie über den Wassern schwebte der Geist. So hat mir im Herzen die Liebe geruht. Noch jetzt, da ich alles, alles verlor, Der lachende Garten ein trauriges Moor, Ist treu mir geblieben das alte Bild Mit seinen Gestalten noch wie zuvor, Und doch verwandelt so schaurig und wild. Wie der Falke, der die Taube zerfleischt, Wie der Nachtwind, der schmerzlich im Rohre kreischt, Wie züngelnder Blitz auf brandendem Meer, Wie der Geist, der den Sohn von Abraham heischt, So macht nun die Liebe das Herz mir schwer. Vergeben.         Sie warf zurück die dunklen Locken, Mich pressend an die volle Brust, Und lachte, als ich froh erschrocken Ihr Auge leuchten sah voll Lust: »Ich habe dich zum Schatz erkoren, Mein blonder, blöder Troubadour,« Sprach sie »doch sei dabei geschworen Kein heil'ger, unlösbarer Schwur. »Ich kann nicht an die Treue glauben, Die man beim ersten Kuß gelobt. Ein Narr ist, wer die Glut der Trauben Im Most, nicht erst im Wein erprobt. Die Liebe folge jenem Drange, Der frei den Vogel singen ließ, Sie sei nicht listig wie die Schlange, Die uns betrog ums Paradies. »Wie rührend preist man treue Minne! Ich habe sie noch nie geschaut. Vielleicht werd ich des Wunders inne, Wann mir die Auferstehung graut. Für Sterbliche hat sie nur Fesseln; Ob für ein Herz du glühend brennst, Es kommt ein Tag, wo fast als Nesseln Der Liebe Rosen du erkennst. »Ich beichte dir, magst du auch grollen, Daß die Natur mein rotes Blut Dem Bergstrom gleich läßt flüchtig rollen, Und Ebbe wechselt schnell mit Flut. Noch bist du frei, zertritt den Funken, Bevor das Dach gerät in Brand.« Als Antwort küßt ich wonnetrunken Den Mund, der solches mir gestand. So wie verwöhnte Kinder fassen Bald andres Spielzeug, so hat auch Mich bald das schöne Weib verlassen; Die Liebe schwand wie Frühlingshauch. Doch aus der Wüste Zauberbronnen, Gesprengt durch ihren Mosesstab, Entperlen heute noch mir Wonnen, So daß ich ihr schon längst vergab.   16. Dezember. Ich habe meine Reiserichtung für das nächste Jahr vorläufig festgesetzt: gleich nach Neujahr zwei Monate in Berlin, dann, bis ich die Depesche erhalten »Die Waldschnepfe ist da,« nach Paris, wie ich das seit Jahren gehalten habe. Die vierzehn Vorfrühlingstage der Schnepfenjagd auf meinem Hofe Orstedt in Seeland. Das sind so glückliche vierzehn Tage immer: nur Waldmensch. Dann einige Wochen in Unteritalien und Sizilien. Den Sommer hindurch in Gadendorp. September: Ostende. Oktober: Schweiz oder einige Tage nach New-York. November und Dezember: Ripen und Gadendorp (Poggfred). Das sind meine vorläufigen Reisepläne. Wer weiß, ob sie ausführbar sind. Jede Stunde kann uns Hindernisse bringen. Jede Stunde kann uns der Tod einen Klotz zwischen die Füße werfen, daß wir auf die Nase fallen. Nächsten Sommer erwarte ich vielen Dichterbesuch auf Gadendorp. Jeder lebt da nach seinem Geschmack. Diner um sechs Uhr abends. Dann sind wir meistens alle versammelt. Lebhafte Gespräche bei Tisch lieb ich. Feuer entzündet sich aus Funken, und Funken knistern, springen aus Flammen.   23. Dezember. Vier Tage brauchte ich, um Hermann Conradis Roman: »Adam Mensch« zu lesen. Ich muß sagen: es hat mich angegriffen. Es ist das furchtbarste, abstoßendste, anziehendste Buch, das ich je gelesen habe. Der Dichter hatte die Güte, mich oder einen andern »Herrn der Schöpfung« nackt auf einen großen Tisch zu legen. Dann rief er seinem Oberwärter zu: »fertig!« Dieser stürzt heran, stülpt die Chloroformkappe auf die Nase des Liegenden, und ruft: »Bitte, zählen!« Hermann Conradi, der Arzt, in Hemdsärmeln, die bis an die Ellenbogen aufgekrempelt sind, tritt heran, nimmt das denkbar schärfste Messer, und, indem er den Zuschauern und Zuhörern sagt: »Ich bitte, näher zu treten«, tut er mit größter Sicherheit, ohne auch nur einen Augenblick zu zittern und zu zögern, den ersten Schnitt. Bald liegt das Gehirn des Umstandenen bloß. Und nun erzählt Hermann Conradi. »Sehen Sie, so und so . . .« Schließlich kommt es dann klar zu Tage, daß der Aufgeschnittene ein fürchterlicher Schuft ist. Wer? Ich? Jeder »Herr der Schöpfung«? Ja wohl, es bleibt nichts anderes. Erbarmungslos geht Conradi vor. Das Werk enthält außerdem zahlreiche vorzügliche Vergleiche. Die, wie hineingestreuten. Naturbilder sind meisterhaft. Es ist ein entsetzliches Buch, schonungslos, grenzenlos, Wunden schlagend, Wunden heilend. Ein paarmal war es mir, als müßte ich es weglegen, aber dann immer sagte ich mir: Es ist von einem großen Künstler geschrieben, von einem Künstler, von einem Dichter der Kraft – und las weiter.   27. Dezember. Es fällt ein sanfter Schnee. Die Flocken sind klein, bleiben liegen und hüllen alles in ein »Leichentuch«. Tiefste Stille. Von unten hör ich Marcs und Jürgen, die gedient haben, schwach herauf. Sie singen Soldatenlieder, zweistimmig. Beide haben gute Stimmen. Ist das eine beendet, beginnen sie, ohne Übergang, ein zweites. Jetzt klingt es: An einem schönen Sommertag In der Schweiz, in der Schweiz, in Tirol. Männe und Herr Diedel, mit den Alligatorengebissen, liegen in sich zusammengerollt. Flambeau schläft auch. Eben hatte er den Kopf gehoben, mich angesehn, mit strengem, wichtigem Ernst sozusagen, einen Augenblick auf den Gesang gehört und war dann mit einem Seufzer wieder eingenickt. Ich denke immer noch an Conradis Roman. Von diesem bin ich auf den Dichter selbst gekommen, und dann auf den deutschen Dichter im allgemeinen. Wie ist es doch so garstig bei uns, daß erst Jahrzehnte hingehen müssen, ehe es einem echten Dichter gelingt, durchzudringen, wenigstens in den meisten Fällen. Die Familienblätter, die seinen Namen ins Volk bringen könnten, sind ihm ausnahmslos versagt. Diese »Journale« schreiben bekanntlich für Backfische und Köchinnen. Auch nicht das geringste Blut darf in ihre Romane hinein. Schreibt der Dichter in einem »neuen Tone«, so sind ihm auch die paar besseren Zeitschriften nicht zugänglich. Und dagegen das Geschrei, Bekränzen, Betoasten, Befestessen der Pseudodichter. Einem aber, wenn er im »neuen Tone« singt, ist, wenn er arm, und er keinen Mäcen findet, nur zu raten, sich schleunigst einen Strick zu kaufen. Denn unerträgliche Leiden und Qualen erwarten ihn. Wenn es nur die bodenlose Gleichgültigkeit seiner Landsleute gälte, müßt er es natürlich ertragen. Das ist nie anders gewesen. Kommt aber hierzu noch die Schmach der Geldnot – der Hunger ist nicht das schlimmste, so toll das klingt – dann halt ich in Deutschland den Kampf für unmöglich und aussichtslos. Ein Trost bleibt dem jahrzehntelang Kämpfenden: nach seinem Tode kommt er in die Literaturgeschichte. Ein netter Trost. Geld verdienen wird er nur, wenn er sich dem jämmerlichen Geschmack des großen Publikums anbequemt. Von dem Augenblick an ist er als Künstler verloren. Er wird dann Handwerker. Wenn ich Dichter wäre, würd ich mir sagen: soll ich für den Sultan »Volk« schreiben? Aber das will der gute Michel Deutsch: zu ihm soll der Dichter, als Hanswurst versteht sich, kommen. Nein, nein, mein Sultan, mein guter Michel Deutsch, wenn ich ein Dichter wäre, würd ich sagen: komm zu mir. Und wenn du nicht willst, so laß es bleiben. Außerdem hast du genug und aber genug der »Dichter«, die vor dir kriechen und gehorsam Alles tun, was du willst. Von den meisten Zeitungskritikern, namentlich in den kleineren Blättern, wird ein solcher Neutöner, wenn das tolle Wort erlaubt ist, auf das Abscheulichste behandelt: mit Schmutz beworfen, verhöhnt, lächerlich gemacht. Diese Art Kritiker sind nüchterner und unwissender als ein Dorfkrämer. Aber ich möchte hierbei erwähnen, daß der Zeitungen- und Zeitschriftenleser mehr und mehr abgestumpft ist. Er sieht in die Hölle hinein, lacht und glaubt nichts mehr. Überhaupt bin ich der Meinung, daß die »Neutöner« schließlich nur sich untereinander lesen. Das Publikum liest die Bücher nicht. Es ist durch die Familienblätter dermaßen verseucht und versumpft, daß es gar nicht weiß, was sonst in der Literatur seiner Zeit vorgeht und geschrieben wird. Traurig, traurig. Es ist selbstverständlich, daß der Dichter nach den gleichen Gesetzen der Moral und Wohlanständigkeit zu leben hat wie seine Mitbürger. Aber es ist ihm dennoch mehr zu verzeihen: Seine Freuden und Schmerzen sind tiefer und größer, seine Nerven feiner, seine Sinne schärfer. Ein Dichter ist leicht erregt, leicht verliebt, hat ein leicht entzündliches Herz. Er sollte deshalb nicht heiraten. Auch aus andern Gründen nicht: er wird durch die Heirat unfrei. Jedermann wird durch die Heirat unfrei. Er verliert also das köstlichste Gut, das ihm eignet, die Freiheit. (Oder nimmt er sie sich, wenn er verehelicht ist, so ist er eben nicht verheiratet.) Die Heirat ist eine Fanggrube: wer hineinfällt, dem wird die Philistermütze über die Ohren gezogen. Ein Dichter und – ein Philister: zwei undenkbare Freunde. Die christliche Religion hat uns die Kultur und tausend andre Segnungen gebracht. Wir liegen dankbar auf den Knieen vor ihrem herrlichen, erhabenen Stifter. Aber das Christentum tritt todfeindlich der Natur gegenüber: alle geschlechtlichen, also die unabweisbarsten, unabwendbarsten, despotischsten Neigungen haßt sie und möchte sie ausrotten. Die Einehe gibt sie mit sauersüßer Miene zu. Der Natur aber ist es gleichgültig, daß so das Christentum will. Der Natur ist das Christentum so gleichgültig wie der Mohammedanismus, der Kult der Hottentotten. Sie sagt: weg da! und tritt das ruhig mit ihrem plumpen Fuß zu Brei, was sich ihr hindernd entgegenstellen will. In spätern Jahrhunderten werden wir eheliche Verbindungen haben, die in andrer Weise wie jetzt geschlossen werden. Das ist unzweifelhaft. Heute noch, und das ist unser teuerstes Gut, ist die Einehe die breiteste Grundlage aller guten Sitte, der Familie, des Staates, unendlichen Segens, des Friedens (wenn Mann und Frau gut zusammen passen; nach den Flitterwochen gute Freunde werden). Aber ein Dichter sollte nicht heiraten. Wie ist mir das so rührend, wenn ich von einzelnen namhaften Dichtern lese, daß sie, sei es durch Armut oder welche Umstände immer gezwungen, aus ihrer winzigen Umgebung nie herausgekommen sind. Was erst wäre aus ihnen geworden, wenn sie mitten in der Welt gestanden hätten. Es ist oft von Goethe gesagt, es sei betrübend gewesen, daß er nicht in großen Städten: wie Hamburg, in großen Verhältnissen gelebt habe. Ich meine, es rührt mich das: In dieser kleinen, kleinlichen, engen, engherzigen Umgebung, wo sie wie ein Taubstummer umhergehen müssen, weil sie sich mit keinem Menschen über literarische Dinge unterhalten können, über ihre Pläne, Begeisterung, Entzückungen (um das mir widerwärtige Wort einmal zu gebrauchen), wo sie stets wie Gefangne im Einzelgefängnis leben müssen – wie ihnen dann eine Wolke, ein Baum, ein Stein, eine Blume, ein Schmetterling, ein ihnen auf der Heide begegnender Bauer, ein Vogel den bescheidenen Ur- und Untergrund »liefert«, aus dem sie aufbauen. Nein! verschwenderisch soll das Leben den Dichter umgeben! Je verschwenderischer, je besser. Anregung, Abwechslung sind dem Dichter die erste Notwendigkeit! * * * Haus Gadendorp, Juni. (Gang durch die Niederung.) Wenigstens jeden Sommer einmal durchwandre ich meine Schleifendörfer. Ich muß mir zu dem Ende einen ganzen Tag nehmen. Die Schleifendörfer haben diesen Namen, weil sie, in einer einzigen großen Marschniederung gelegen, von dem Bande eines kleinen Flusses eingeinselt sind. Sie gehörten, aber immer als freie Dörfer, in frühern Jahrhunderten zu Gadendorp. Jetzt hab ich, zur Freude der Bauern und Kätner, auch meine letzten Rechte (Spann-, Hede- [Spindel- und Spinnt-]), Arbeiterdienste, ablösen lassen. Das hat zu all meinem Mammon mir wieder eine Scheune voll Gold gebracht. Das Flüßchen, das diese schwere, reiche, üppige Niederung umschließt, bildet bei Gadendorp eine Schleife. Daher stammt wohl der Name. Übrigens kommt in alten Urkunden: Schleufmarsch vor. Es wird das gleiche sein. Wenn ich meinen Niederungsweg vorhabe, muß es brennender, glühender Mittsommertag sein. Alle Taschen pfropf ich mir zu diesem Ausflug mit Zwanzigmarkstücken voll. Es würde sich nicht übel lohnen, mich an solchem Tage totzuschlagen und zu berauben. Ich liebe vor allem, Freude zu machen, wo ich kann, zu helfen, wo ich kann, mit dem gelben Metall; glückliche Stunden zu bereiten, fröhliche Gesichter zu sehen. So pflaster ich denn, beinahe wörtlich zu nehmen, meine Fußtapfen mit Gold. Doch bin ich so klug, keiner Seele vorher zu sagen, welchen Tag ich wähle. Selbst bei dem bescheidnen, nie aufdringlichen, prächtig stolzen Charakter der Schleswig-Holsteiner könnt ich am Wege vielleicht allerlei Männlein und Weiblein treffen, die mir bittend in die Augen schauen würden. Und das wäre ja auch nur menschlich. Aber das wäre denn doch zu viel, selbst für meinen Geldbeutel. Aber eine kleine Liste, nach vorsichtig eingezognen Erkundigungen ausgefüllt, führ ich bei mir, so daß ich in diesen Stunden wohl öfter in ein Hüttlein eintrete, als in ein wohlhabendes Bauernhaus. Gegen sechs Uhr abends treff ich in Schloß Moorhude bei Tante Aurelie ein, um bei ihr zu essen und ihr anzusagen, daß sie im Sommer neben ihrer jährlichen Manöver-Einquartierung auch »eine Portion« Dichter aufnehmen soll, da ich dann wieder Leben in meinen Apollosaal bringen will. Ich freue mich schon auf Tante Aurelies Gesicht: wie es die guten Deutschen im allgemeinen tun, hält sie den Dichter für einen – Gelehrten, der mit fürchterlich langem, »wallendem«, sagen die Poeten, Haar, fettigem und schmutzigem, offenem Hemdkragen, ewig in Wahnsinn rollenden Augen, in der Hand einen mit Saiten bespannten Stiefelknecht, genannt Lyra, in den Wäldern und Haiden, wie der alte Ossian, umherschwärmt, jede Nachtigall besingt in Strophen wie etwa die folgende: O du süße Nachtigall, Du Lämmlein in den Bäumen, Die zarten, süßen Veilchen im Tal, Wie innig und sinnig sie träumen, nie einen Tropfen Geld hat, und, ohne Ausnahme Demokrat ist. Es nützt auch Alles nichts, daß ich ihr sage, daß wir große Dichter gehabt hätten und haben, die wirkliche Könige und Prinzen waren und sind; daß Bismarck in seinen wundervollen naturalistischen Briefen an Frau und Schwester ein großer Dichter ist. In Moorhude laß ich mich von meinem Wagen abholen, trinke in Eckernsund im »Grünen Elefanten« noch ein Glas Bier, und gehe, wenn der Abend schön ist, den Wagen vorschickend, durch die Wälder und Walddörfer nach Gadendorp zurück. Und einer jener Vollsommertage ist aus der hellen Nacht gestiegen. Die Sonne glüht von ihrem Aufgange an, bis sie hinabtaucht in gleicher Wut und Glut. Kein Hauch rührt sich, kein Wölkchen zeigt sich. Die Schwalben schießen schwirrend hintereinander durch die Luft; kommen sie beim offenen Fenster vorüber, klingt ihr Rufen und Jubilieren scharf ins Zimmer. Es ist nur ein sekundenlanges Geräusch, das uns ins Ohr schlägt. Alles ist früh auf den Beinen. In Eckernsund steht schon gewiß der dicke Schlachtermeister Hansen hemdärmelig in der Haustür; neben ihm sitzt sein Mops und niest in die Sonne. Ich ziehe meinen Leinenkittel an, als wollt ich, wie im September, auf Hühner gehen, hab mir in meine Jagdtasche Rotwein, ein halbe kalte Ente, harte Eier und Brot gesteckt, nehme mir ein leichtes Büchslein aus dem Gewehrschrank und pfeife meinen Hunden: Taps, Männe und Herr Diedel begleiten mich. Der Morgen ist herrlich. Ich gehe, als wenn mir das ein besondres Vergnügen macht, sofort durchs taunasse Gras. Die feuchten Blumen und Gräser schlagen mir um die Stiefel. Ich krempe mir die Hosen auf. Beim ersten Bauernhause, an dem ich vorübergehe, hör ich eine Frauenstimme: »Lise, mak de Middeldör to.« Gleich darauf Lachen aus einem Garten. Einer entfernt sich dort. Sehen kann ich ihn nicht, aber ich hör sein letztes Wort: »Na, dor lu'r up«. Langanhaltendes Gelächter folgt ihm. An der Fähre, die mich über das Flüßchen in die Schleifenmarsch bringen soll, steht schon die alte Frau bereit; sie hat mich von weitem gesehn. Die alte Frau mit ihren grauen Strähnen lieb ich. Wenn sie mich in trüben, nebligen Herbsttagen übersetzt, und die ganze Landschaft in Bleifarbe getaucht ist, kommt sie mir oft vor, als führe sie mich auf die Toteninsel. Sie lacht nicht; sie antwortet karg. Ich weiß, daß sie ein schweres Leben hat mit acht Kindern. »Na,« sag ich, als wir drüben sind, »Trien, ick bün Se ja noch wat schüllig (schuldig) blevn vunt letzte Mal«. Jetzt weiß sie Bescheid; sie lächelt. Ich gebe ihr ein Zwanzigmarkstück. »Kümmt de Herr hüt abend werr?« fragt sie. »Ja, dat kann sien; hüt abend avers kann'k ni wesseln, denn is dat düster«, antworte ich, und gebe ihr noch eine Doppelkrone. Sie lächelt wieder; sie sagt ganz leise: »Dank ok.« »Addüs, Trien.« »Addüs, Herr Graf.« Während ich mich auf den Weg mache, fühle ich, daß sie mir nachschaut. Ich seh mich verstohlen um. Sie hat die Hand als Schatten gegen die Sonne über die Augen gelegt, um besser sehen zu können. In diesem Augenblick kommt ein Lüftchen und kräuselt des Flüßchens Fläche, nimmt einige ihrer grauen Haare und läßt sie als Fähnchen flattern. Nach wenigen Schritten schon mach ich Halt. Ich sehe auf einen breiten Wassergraben, der sich, in grader Linie auf mich zu, vor mir zeigt. Birken biegen sich zu beiden Seiten zu ihm hinab. Was ist das für ein trauliches, schlichtes Bild. Ich breche blauen Klee aus dem Grase und stecke ihn mir ins Knopfloch. Ah, sieh da! Wer kommt denn dort? Wahrhaftig, der »Stabsoffizier«. Der Stabsoffizier, wie ihn das Städtchen nennt, ist ein von seinem Ruhegehalt in Eckernsund lebender Postmeister, der Tag und Nacht unendlich lange Spaziergänge macht. Außerdem ist seine Vorliebe für das Militär, besonders für die Stabsoffiziere, und für die Literatur bekannt. Das letzte Mal, als ich ihm begegnete, meinte er: Schopenhauer käme ihm immer vor wie ein alter, vergrämter Stabsoffizier. Was er wohl heute auf der Pfanne hat. »Ah, sieh da, sieh da, Herr Postmeister, schon so früh unterwegs.« »Gehorsamer Diener, Herr Graf, erlauben Sie auch mir, meine Verwunderung über Ihren zeitigen Morgengang anzusprechen. Ich konnte nicht schlafen, weil ich gestern einmal wieder Hamlet las. Wissen Sie, Hamlet . . . ja Hamlet . . . ich habe mal einen sehr schneidigen, aber fetten und ruhigen Stabsoffizier gekannt. So, denk ich mir, sah Hamlet aus. So diese . . . diese Ironie . . . diese sanfte Totstecherei; ganz gleichgültig, Ratte oder Mensch . . . wenn der uns unangenehm ist . . . Ja, der sprach auch so . . . wissen Sie, das Leben, Sein oder Nichtsein . . . das war so ein Gentleman . . . eigentlich fürchtete ihn jeder . . . seine Ironie, seine Ironie . . .« Herr Gott, Schopenhauer und Hamlet mit Stabsoffizieren zu vergleichen. Übrigens, so ganz . . . ich wandere schon wieder fürbaß. Überall sind die Leute mit der Heuernte beschäftigt. Ich bleibe öfter stehn, um es mir zu betrachten. Vor einem »bis oben« vollgepackten Wagen reitet auf dem linken Gaul ein Greis mit dem fröhlichsten Gesicht. Er hat den linken Pantoffel ausgezogen und schlägt, wie nach dem Takt, unaufhörlich mit diesem die Hinterbacken des dicken Braunen. Hinter einer der Katen, in die ich eintrete, tönt mir klägliches Schweinegeschrei entgegen. Als Kind verkroch ich mich auf den höchsten Boden, wenn ich Schweinegeschrei hörte. Es hat für mich das Kläglichste und zugleich Nervenerschütterndste, das ich mir denken kann. Von einer Dorfschule her, weit über die Ebne herüber, klingt Kindergesang aus den offnen Fenstern. Zuweilen ist der dünne Violinstrich vernehmbar dazwischen. Das bewegt mein Herz: diese jungen, feinen Stimmchen. Sie singen: Ich hab mich ergeben Mit Herz und mit Hand Dir Land voll Lieb und Leben, Mein teures Vaterland. Auf meinem Wege, den ich verfolge, ist es recht einsam. Die Menschen sind alle auf den Feldern. Nur einmal begegnet mir ein Schuster aus Eckernsund. Er raucht einen kalten Zigarrenstummel, den er sabbernd scharf in den linken Mundwinkel gebracht hat. Ohne diesen kalten Zigarrenstummel hab ich ihn noch nie gesehen. Es gibt übrigens Männer, die man nie ohne einen solchen kalten Zigarrenstummel sieht. Gleich nach dem Schuster kommen mir noch zwei Menschen entgegen. Der eine sitzt auf einem Bauernwagen. Es ist der Doktor aus Eckernsund. »De Doktor mit de grote Tasch«, heißt es, wenn er, wie jetzt, eine gewaltige schwarze Ledertasche mit sich führt. Diese Tasche kennen die Bauern, vornehmlich die Weiber. Hat er die Tasche bei sich, so fährt er zu einer schweren Entbindung. Allerlei Zangen und gräßliche Instrumente enthält sie. Hinter dem Doktor nähert sich mir der in Ruhestand befindliche alte würdige Pastor Grau, genannt Almanach. Er ist in seinem Dorfe bis heute geblieben. So lieb mir der Mann ist, und so gern ich mich mit ihm unterhalte, so hat er doch die mir nicht angenehme Gewohnheit, Neuigkeiten zu erzählen. Kaum treffen wir uns, so kramt er aus: »ja, ich weiß ganz genau, früher aß Frau von Zwingele mit stählernen Gabeln, nun hat sich diese hochmütige Person silberne Forken angeschafft . . .« Wir nennen ihn alle, in der ganzen Umgegend, weil er alles zu wissen scheint, Pastor Almanach. Weiter. In dem Hause eines armen Arbeiters, wo ich ein wenig verweilte, um glückliche Gesichter zu machen: die Doktor- und Apothekerrechnungen müssen – das läßt sich der ärmste Mensch nicht nehmen und quält sich damit – bezahlt werden, und das drückt das Herz; in diesem Hause liegt auf dem Tisch das Heft eines Kolportageromans. Es ist betitelt: Adelgunde und ihr Dämon oder das Geheimnis des Kellers. Beim Blättern entdeck ich sofort einen abscheulichen Baron und einen abscheulichen »Pfaffen«. Das versteht sich, die Barone und die Pastoren sind ja immer Scheusäler. Eine Stelle begann: »Der Baron sah sie höhnisch an, und indem er die vor ihm sich windende Adelgunde, die arme Näherin, mit lüsternen Augen betrachtete . . .« Eine andere: »Komtesse Aurelie« (dacht ichs nicht: einen echten, rechten Kolportageroman-Namen führt ja auch mein Tantchen in Moorhude) »sah dem ankommenden Leutnant, Grafen Arthur von Nesselstein, entgegen. In der Rechten hielt er ein noch lebendes, zappelndes, blutendes (!) Rebhuhn. Beide weideten sich an dem Anblick des gequälten Tieres . . .« Aber der Staatsanwalt kann nichts machen. Das trieft alles in solchem Roman von Tugendhaftigkeit und Sittlichkeit. Nicht nur, daß der letzte Rest von Geschmack an guter Lektüre bei unsern Bauern und Kleinbürgern vernichtet wird, so reizen auch diese Art Bücher gradezu zum Klassenhaß. Wann endlich wird Abhilfe kommen. Unterdessen ist es sehr heiß geworden. Überall »an den Enden der Welt«, nach allen Seiten hin, flimmert die Ferne in der Sonne. Ich gehe auf einem schmalen Sommerdeich; in ununterbrochener Reihenfolge muß ich sich quer über den Deich ziehende, geschlossene Hecktore übersteigen. Das macht müde. Das Rindvieh, das der ausgezeichneten rotweißen Engenburger Rasse angehört, »birs't«, das heißt, es hebt den Schwanz in die Höh und rast in tollen, drolligen Sprüngen umher. Das wirken die bösen Fliegen. In einem Graben, von stolzen langen gelben Wasserlilien umgeben, steht ein reinigender Arbeiter, dessen Hosen so hoch wie möglich emporgezogen sind. Er hält im Hinauswerfen der Kleie inne und ruft mir, mich nicht erkennend, zu: »Wat is de Klock all?« Ich forme meine Hände zum Sprachrohr und brülle: »De Klock is ülben (elf),« den Ton stark auf »ül« legend. In unsrer Gegend wird elf plattdeutsch zu ülben; nicht ganz so reizend klingt es in anderen Gegenden meiner Heimat, dort sagt man: ölben. Männe und Herr Diedel hatten vorhin einen Hasen aufgestöbert und läuteten ihm nach. Und, mit Beschämung muß ich es sagen, selbst Taps, mein vortrefflich erzogner, gesetzter, von sich stark eingenommener, würdevoller Hühnerhund hat sich an der Jagd beteiligt. Nun treffen die drei, reumütig wie bekehrte Sünder, mit langen Zungen, hechelnd, wieder bei mir ein; aber in welchem Aufzuge. Sie scheinen sich alle drei den denkbar dicksten und zähesten Marschdreck ausgesucht zu haben. Männe und Herr Diedel kriegen sofort ein »gehöriges Jack voll« von mir. Aber Taps? Nein, das kann ich nicht. Wer so mit den guten, reuevollen, sich schämenden Augen bitten kann, den kann ich nicht schlagen. Ich zupfe ihm nur ein wenig rechts, ein wenig links den langen Behang und halte ihm eine kleine Strafpredigt, die er mit gebeugtem Haupte über sich ergehen läßt. Und dann wandern wir wieder weiter in der Glut. Mein Rotwein, meine halbe Ente, meine Eier, mein Brot, Alles ist längst den Weg durch die Gurgel gegangen; und ich bin deshalb froh, als ich auf einer Anhöhe – diese liegt auf einem Haidestück mitten in der Niederung – das Gewese des reichen Hufners Hans Runge sehe. Also hin. Melk, Melk, Melk. Ein Milcheimer ist das Wappen der Schleifenmarsch. Ich verdurste. Es ist keiner zu Hause. So scheint es mir. Alles wird auf der Wiese beim Heuen sein. Ich trete in die Wohnstube. Da tritt mir die hübsche Anna entgegen. Wir kennen uns seit Jahren. »Milch,« sag ich, »Milch, Milch, Anna.« Und sie kommt gleich mit großen Kannen und Gläsern für mich, und mit Schüsseln für die Hunde. Ich lösche meinen Durst. Als sie die Trinkgeschirre vom Tische nehmen will, ziehe ich sie einfach an mich, die sanfte, schmiegsame, gute, gesunde, frische Anna, und küsse sie. Das werd ich wohl schon früher getan haben. Und das ist so über Alles im Leben entzückend: die Hände schwach gegen meine Brust stemmend, halb im Wehren, halb im Gewähren, läßt sie sich mir. Dann setzt sie sich zu mir aufs Sofa, ohne Ziererei. Es ist die Mittagstunde. »Ünnermeel«, wie die Dithmarschen es nennen (»Unter Mittag«). Meine beiden großen Landsleute, die Dichter Klaus Groth und Johann Meyer, haben in unsterblichen Liedern diese Ünnermeel-Stimmung verwertet. Und Alles ist so ruhig. so still, so heimlich, so rätselhaft. Diese Stunde ist die Königin des Tages. Fortwährend, und das ist eigentlich das einzige Geräusch, das wir hören, singt aus einem Zweige der Linde vor unserm offen stehenden Fenster der graue Iritsch, wie wir plattdeutsch den Hänfling nennen. Ohne abzusetzen singt er. Ich möchte behaupten, daß es der einzige Vogel ist, der in der Mittagshitze seinen Gesang nicht aufhören läßt. Von fern schallt ein Dudelsack. Näher und näher kommt er. Endlich steht er am Hause. Es ist ein dunkeläugiger, ältlicher Italiener. Sein Dudelsack ist mit einem rot und weiß geviereckten Betttuch überzogen. Am linken Stiefelabsatz sitzt dem Manne ein Haken wie ein Sporn. An diesem Haken ist ein Band befestigt. Stampft er mit dem linken Fuße, klirren Trommel und Schellen mit. Anna und ich sind ans Fenster getreten. Ich rufe ihm zu: »Eviva Italia, eviva Sicilia, eviva Garibaldi, Umberto, Margarita.« Er ist außer sich vor Freude. Ich werfe ihm ein Goldstück zu. Er wird im Tanzen dermaßen lebhaft, daß ich fürchte, er wird verrückt. Ich winke ab. Allmählich entfernt er sich. Und in unser Zimmer klingen schwächer und schwächer werdend der Dudelsack und, gleichstarkbleibend, der süße Lärm des grauen Iritsches. Ünnermeel . . . Ein Uhr. Die zweite Hälfte des Tages beginnt. Herein tritt Tante Martha. Sie ist kugelrund, gutmütig blödsinnig, noch beim Waschen zu gebrauchen, und ißt außergewöhnlich viel. Sie lächelt uns an und nimmt aus einem Schranke eine Glasbüchse mit eingemachten Bickbeeren. Sachte trippelt sie mit diesen wieder hinaus. Gleich darauf kommt Großvater Jochen. Er ist neunzig; aber körperlich und geistig noch ganz frisch. Er beginnt sofort damit, daß er mir erzählt, einen so schönen Sommer hätte er seit 1817 nicht erlebt. 1816 hätte er schon am 21. Mai Buchweizen gesäet. »Jau, dat war up de Voßkoppel . . .« »Addüs, lütt Anna.« Sie lacht; ich lache auch. Und schon bin ich wieder unterwegs: ich langer Schlaks »mit den schwarzen, sizilianischen Augen und den roten Normannenhaaren und der asiatischen Nase«, wie Timm von mir zu sagen beliebt. Ich nähere mich dem Dorfe Tütdiek. In Tütdiek ist eine Kirche, die eine gute neue Orgel hat. Immer wenn ich in Tütdiek bin, spiele ich mit dem dortigen Küster, Herrn Spottoog, die Orgel, abwechselnd, er Händel, ich Bach. Und das muß wohl in meiner Seele etwas Wunderbares sein: Eben hab ich jene Mannesfreude an einem frischen Mädchen gehabt, bin außer mir in köstlichstem, natürlichstem Jubel gewesen, und jetzt werde ich mich mit tiefster Seele, eine halbe Stunde später, in Bach und Händel versenken. Küster und Schullehrer Greis (Gregorius, Greggert, Greis) Spottoog hat seine Achtzig hinter sich. Ist das ein sonderbarer Kauz. Schenkt ich ihm neulich ein gutes Klavier. Und heute noch hat ers nicht geöffnet, sondern spielt nach wie vor auf dem schrecklichen Spinett, das ihm seit Urzeiten gehört. Ja, ein wunderbarer Kauz ist er: kein Gedanke daran, daß wir gleich in die Kirche gehen können, um Bach und Händel zu spielen. Kein Gedanke daran. Da käm ich schön an, wollt ich ihm mit dieser Bitte ins Haus fallen. Unser Gespräch entwickelt sich etwa so: »Guten Tag, Herr Spottoog, wie gehts, wie stehts?« »Ach, immer die alte Schmiere, Herr Graf. Ja, Sie können lachen; Sie können spazieren gehen, wohin und wann Sie wollen. Unsereiner . . .« Herr Spottoog hält Offenheit für die erste Tugend. »Nun, nun, Herr Spottoog. Jeder hat zu tun im Leben. Sagen Sie mal: ich schmachte nach Musik.« »So.« »Ja, wie wär es denn?« Gleich darauf sitzt Herr Spottoog am Spinett, und ich muß, ehe wir zu Bach und Händel übergehen können, noch allerlei mir ins Ohr klingen lassen. Der Küster beginnt, indem er mit den krummsten Fingern in fabelhafter Geläufigkeit die Tasten regiert: »Das Gewitter«, »Kühe auf dem Nachhauseweg« – »Muh, Muh, Muh«, singt er leise dazu –, »Die Eisenbahn«, »Die Husaren kommen«, »Die Lokomotive« – »Zsch, zsch, zsch«, murmelt er dabei –, »Die Nachtigall«, »Der Fabrikhammer« und so fort und so fort. Endlich geht er in Gesang über. Er dichtet und ist Tonsetzer zugleich. Und ich muß gestehn, einige von seinen volksliederartigen Gesängen sind »Perlen«. Er beginnt ein Lied von Busch. Seine Stimme ist leise, eintönig, wie ein über Kiesel rollendes Bächlein. Ich sitze dicht hinter ihm, um zu lauschen. Ich sehe, wie der alte Kopf im Takt wackelt . . . Und er singt: Kohjungenleed.         Wees't noch, Johann, hier hebt wie seten, Hier hebt wi unser Vesper eten, Hier an denn Wall, in düsse Eck, Ick weet noch, wie dat Brot uns smeck. Hier lag dat Bottermasch, de Sweb, Un dor de Strohhut, un wenn ick di reep, Johann, dann nehm wi uns in'n Arm, Un legn tosam as wi so 'n Schwarm. Un snakn vun de düre Tid, Ach nä, vun de Vagelnest in de Twid, Späln Steen up Steen mit barfde Been, So güngn wi in de Buernmeen . Un wöhln uns in Gras un Krut, Un wärn ok mennimal wis vun Snut , Un fragn ock, wat is all de Klok, Und späln ok mennimal Schap und Bock. Un jauln ock mennimal as de Voß, Un wörr'n gau heesch in de Boß. Wi mak'n ut Ellhorn uns en Sprütt, Hal'n Water in de Stefels, as wär'n dat Pütt. Dann geht er über in ernstere Weisen. Mir ist oft bei ähnlichen Gelegenheiten der Gedanke gekommen,. wie viel Urkraft in manchem Volksschullehrer auf den Dörfern verloren geht. Sie kennen, wie die Dorfpastoren, die Bauern »in- und auswendig«. »Und manche Rose verduftet so« – – ja, manche Rose. Greis Spottoog erhebt sich. Ich werfe so hin: »Mein verehrter Herr Spottoog, Bach habe ich lieber als Händel.« »So, so, immer die alte Sache, Herr Graf.« Jetzt hab ich ihn, wohin ich ihn haben will. Wir gehn, streitend, in die Kirche. Der Balgentreter lauert schon lange. Er weiß Bescheid. Und er weiß, daß er heut abend im Krug »een utgevn« kann, wenn ich mit Küster Spottoog in der Kirche war. Und nun spielt dieser selbe Küster Spottoog, der eben noch »Kühe auf dem Nachhauseweg« (»Muh, Muh, Muh«) zum Besten gegeben hat, und »Die Lokomotive« (»Zsch, Zsch, Zsch«), in einer Weise Händel, daß ich gar nicht weiß, wohin ich soll mit meinem jubelnden Herzen. Der ganze Händel ist das: der pompöse Händel, der Triumphator. Dann muß ich auf die Bank, und ich spiele meinen Liebling, Johann Sebastian. Und dann wieder Greis Spottoog Händel, und ich wieder Johann Sebastian; und das geht so drei Stunden durch. Und wir spielen uns satt und sind übervollen Herzens von all dem Unvergleichlichen, Herrlichen. Greis Spottoog und ich trennen uns ganz gemütlich. Die beiden großen Meister haben allen Groll, haben alle lustige Streitlust aus uns herausgetrieben. Greis Spottoog verspricht mir sogar, mich in Gadendorp zu besuchen und sich auf meiner mächtigen Orgel dort zu versuchen. Das hätt ich kaum von ihm gedacht, mir das zu versprechen. Um sechs Uhr bin ich bei Tante Aurelie in Moorhude. Wir essen im chinesischen Saal. Der chinesische Saal ist sehr kühl. Ich sehe aus den weit offen stehenden Fenstern in den welligen Park hinaus. Die Schatten werden schon schräger. Ein fast die Sinne benehmender Duft der Rosenbeete strömt herein. »Spottoog und ich spielten heute wieder einmal Bach und Händel.« »Ja, Händel oder Bändel, wie heißt er, der hat ja unsere Gesangbuchlieder komponiert, nicht wahr? Die Regierung hat jetzt das neue Gesangbuch herausgegeben . . .« Ich lächele, lächele und sage: »Tantchen, Dein Geisenheimer Kosackenberg ist wirklich vorzüglich. Aber wie ist es mit meiner Dichter-Einquartierung bei Dir? Im September bin ich in Gadendorp. Dann wollen wir wieder Theater ›machen‹. Da werden viele Dichter und Schauspieler kommen, und in Eckernsund und Gadendorp bring ich sie nicht alle unter . . .« »Um Gotteswillen, auch noch Schauspieler . . .« Aber wir einigen uns. Mein Wagen ist vorgefahren. Und weiter gehts nach Eckernsund. Die Hunde hab ich mit in den Wagen genommen. Sie haben sich müde gelaufen. In der Nähe Eckernsunds komm ich bei einer Villa vorbei. Hier wohnt ein pensionierter dänischer General. Alle dänischen Offiziere sind Gentlemen, Kavaliere. Und erst recht einer der alte General. Wir lieben und schätzen ihn sehr, den freundlichen Menschen. Neulich hat er seine Frau begraben, mit der er vierzig Jahre überaus glücklich gelebt hat. Ich war beim Begräbnis. Schon ist der Sarg auf den Leichenwagen geschoben, schon wankt der alte Herr, von mir geführt, die Treppe hinab, tief, tief gerührt, mit tränenden Augen, schon ziehen die Pferde an, als der alte General plötzlich sagt: »O, i hab mei Sigarrtasch vergessen,« und er verschwindet noch einmal in der Villa. Vorn in Eckernsund liegt eine berühmte große Lederfabrik, die einen Weltumsatz hat. Auf dem glatten Dach eines Trockenraums stehen etwa fünfzig Blechwindfänge mit beweglichen Klappen. Diese Klappen drehen sich, immer gleich zusammen, nach dem leichten Zuge. Ein Abendlüftchen hat sich aufgemacht. Und die Klappen drehen sich: sie stellen mir Philosophen und Professoren vor, die in höchster Weisheit mit höchster Erkenntnis die Perückenhäupter wenden. Ach, ach, ach, was soll denn alle diese Weisheit und Gelehrsamkeit? Dünkel, Dünkel; wer sagt denn, ob sie das richtige treffen. Im »Grünen Elefanten« trink ich statt Erlanger weißen Burgunder. Die Nacht ist so schön, daß ich meinen Wagen mit den ermatteten Hunden nach Gadendorp vorausschicke, um zu Fuß den Weg durch die Wälder und Walddörfer zu nehmen. Der Vollmond stand in der hellen Sommernacht am Himmel. Es war eine jener lichten Nächte: Morgen und Abend laufen gleichsam ineinander. Starke Dunkelheit tritt nicht ein. Gegen den blassen klaren Himmel, auch wenn der Mond nicht schiene, würde man die ganze Nacht die schwarzen Umrisse der Bäume scharf unterscheiden können. Die Sterne flimmern schwach. Aber sie sind deutlich sichtbar. Im Vorwärtsschreiten mußte ich oft das Bild des großen Bären betrachten, das mir gegenüber glitzerte. Über dem Mittelstern der Deichsel (des Wagens) blinkt ein kleiner, kaum erkennbarer; er hockt wie ein Äffchen auf dem Kameel. In Schleswig-Holstein wird dies Sternlein Hans Dünk genannt. Eigentlich aber ist sein Name Hans Dühmk (Däumling). Wir finden auch in andern Ländern, die die Sage vom Däumling haben, gleichentsprechende Benennungen. Ich wanderte in gemütlichem Schritte durch die Dörfer. Als ich schon das letzte durchschritten, ward ich durch ein Geräusch angehalten. Am letzten Haus, das stumm wie alle andern der Mitternacht sein treues Dach vertraut, will ich vorübergehn. Noch nicht am End der blühenden Gartenhecke blieb ich stehn, wie angewurzelt; mich erschreckt ein Lärm. Zwei Menschen sprachen eifrig aufeinander. Vielleicht ein Ehezwist, was gehts mich an. Der Mann sagt wütend Vorwurf schnell auf Vorwurf. Von tiefem Gram gab seine Stimme oft wie bebend ausgesprochnes bittres Wort. Die Frau besänftigte und sprach zur Güte. Doch hatten sie die Stimmen ganz gesenkt, zum Flüstern fast, brach es mit Ungestüm von neuem um so heftiger nur los . . . Die Tür klinkt auf und bleibt geöffnet stehn; ein breiter Lichtstrahl führte eine Straße durch des entschlafnen Gartens dunklen Hauptgang. Syringen dufteten und Nachtviolen . . . Und seine Hände überm Haupte ringend, entstürzt der Mann dem Garten in die Weite. Sie hinterher, doch kaum zehn Schritte sinds, da macht sie halt und schreit ihm nach: »Hans Dünk.« Und ungestümer ward ihr Ruf: »Hans Dünk, kumm weller« (wieder) »Hans, Hans Dünk, kumm weller, Hans.« Doch er lief immer noch, und leiser klang und ängstlicher die Mahnung: »Hans, min Hans.« Alles das war so überraschend für mich gekommen, daß ich im Schatten wie gebannt stehn geblieben war. Ich wagte nicht über den breiten Lichtstrahl, den die Lampe aus der Tür geworfen hatte, hinüberzutreten. Ich kannte, wie ich von jedem in meiner Gegend unterrichtet bin, die beiden und ihre Verhältnisse. Es waren Peter Jönksen und seine Frau, junge Leute. Ich wußte, daß sie höchst unglücklich lebten. Sie war eine böse Keiftrine, die ihrem Manne auf alle Weise das Leben sauer machte, ihn namentlich durch eine blödsinnige Eifersucht bis aufs Blut peinigte. Alte Weiber und Kinder wurden ihm von ihr auf allen Wegen heimlich nachgesandt zum Auskundschaften und umstellten ihn, wo er sich befand. Sie machte ihren Mann überall lächerlich dadurch. Ich hatte tiefes Mitleid für den Unglücklichen, dem sein bißchen Freud und Freiheit, die ihm so wie so durch die Ehe genommen waren, noch mehr geschmälert wurden durch das unangenehme Weibsbild. Peter Jönksen blieb auf den Ruf seiner Frau: »Hans, Hans Dünk,« wirklich stehn. Ich konnte Alles deutlich beobachten in der hellen Nacht. Erst schritt er langsam, dann schneller zurück. Ich konnte die Augen des bösen Weibes über ihren Sieg funkeln sehen. Als er bei ihr angekommen war, überhäufte sie ihn mit Schmeichelreden, von denen ich nur einmal verstand, daß sie ihn daran erinnerte, wie er ihr so oft erzählt habe, er wäre Hans Dünk, der Mittelreiter vorm Geschütz – der große Wagen wurde in ein solches, wohl aus einer lustigen Erzählung ihres Mannes, der Artillerist in Rendsburg gewesen war, verwandelt. Und sie zeigte nach dem kleinen Stern hinauf. Der gutmütige, stark beschränkte Peter schien sich beruhigen zu wollen. Doch mit einemmal,. als käme ihm die schreckliche Lage seines ewigen Gefängnisses mit dem ewigen Wärter und Aufpasser klar zu Sinnen, riß er sich von ihr los und lief, mit erhoben Händen, querfeldein in grader Richtung weg. Ich sehe ihn heute noch: wie von großen Vögeln verfolgt, die ihm den Kopf umschlugen, wehrte er sich mit den Armen in der Luft. Allmählich verschwand er im blauen Duft, der am Himmelsrand nebelte. Ich konnte, da die Frau ins Haus zurückkehrte, meinen Weg ruhig fortsetzen. Im Stillen hoffte ich, daß Peter Jönksen nach der nächsten Station gerannt sei, um über Hamburg nach irgend einem überseeischen Platze zu entkommen. Aber ich hatte mich getäuscht, denn am andern Morgen erzählte mir Marcs, daß Peter Jönksen tot im Rehrmoor gefunden worden sei. * * * Wer von den beiden ist ein echter Dichter, Byron oder Tennyson? Ohne Zweifel Byron. Aber hunderttausende, unterschiedslos, ob sie Königinnen oder Küchenmädchen sind, würden sich für Tennyson entscheiden. Wirkliche, wahre, echte Poesie muß empfunden werden. Und wirkliche, wahre, echte Poesie zu empfinden, ist immer nur sehr wenigen gegeben. * * * »Naturalismus im Frack,« könnten wir von einigen Schriftstellern ganz gut sagen. * * * Ich kritzele: »Einig es aus der deutschen Dichterei«: »Dichtung« hätte besser geklungen in der Überschrift. Was tuts. Früher schrieb jeder Deutsche Gedichte und las jeder Deutsche Gedichte. Auch heute noch schreibt jeder Deutsche Gedichte, aber kein Deutscher liest mehr Gedichte. Sehr verständlich: es ist einfach zur Unmöglichkeit geworden, den unglückseligen Pegasus (in Form von Gedichten, Gedichtsammlungen \&c.) von fern herangaloppieren zu sehn, ohne Übelkeit zu verspüren. Werden einem Deutschen Gedichte (im einzelnen, als Buch \&c.) gesandt, so hat der Absender eine Pistolenforderung zu gewärtigen, oder ladet sich womöglich den Staatsanwalt auf den Hals. Sehr erklärlich: wir halten es für eine Bosheit, für eine böswillige Absicht, wenn uns einer seine »Gedichte« überreicht. Wenn ich eben übertrieben habe, so geschah es, um zu zeigen, in wie unerhörter Weise durch dieses Meer von Gedichten der Geschmack und die Freude an wahrer Poesie erstickt und verdorben wird und schon erstickt und verdorben ist. Wer ist ein Dichter? Nun, vor allem ein solcher, der, durch sich gezwungen zu dichten, für sich allein und nur zu seiner Freude dichtet. Ist es nicht im Grunde ein empörender Gedanke, sich dem Urteil eines jeden preisgeben zu müssen? Zu mehrerer Reizung steht des Dichters Bild in den Fensterläden und in den Zeitschriften. Wie widerwärtig, von jedem Hansnarren bekrittelt zu werden, jedem Laffen die eigensten, tiefsten Herzensgeheimnisse offenbaren zu müssen: denn ein wirklicher Dichter macht sich – es ist bis zum Überdruß oft genug gesagt – frei von seinen Schmerzen und Freuden durch »Schreiben«. Aber statt den Erguß vornehm im stillen Kämmerlein zu verschließen – wen gehts denn an – kommt die Eitelkeit, der Ehrgeiz und wohl auch der Schachergedanke: und er wandert vor die Augen der Welt. Wie? Dichten wir (ich spreche hier zunächst von der »gebundnen« Poesie) etwa, um andern eine »Freude« zu machen? Dann wären wir keine Dichter, sondern Seiltänzer. Durch den Überschwall und Übelschwall von gebundner Dichtung sind wir heutzutage so weit, daß in Deutschland der Versschreiber für einen, ja wie soll ich sagen, für einen Eunuchen gilt, der unter Männern nicht mehr mitsprechen darf. Wer denn läuft nicht weg, wenn ihm einer mit Gedichten kommt. »Tun Sie mir den einzigen Gefallen, und lassen Sie mich mit dem Zeug zufrieden,« hören wir immer häufiger. Dieses Dreikreuzemachen vor dem Poeten in unsern Tagen hat seinen höchst berechtigten Grund, denn es ist gradezu fürchterlich, was »zusammen«geschmiert wird an Gedichten. Schon in technischer Beziehung hätten wir einen Fortschritt erwarten müssen. Aber wir reimen noch ebenso erbärmlich, wie es Goethe, Schiller, Heine, Mörike und viele andre Götter getan haben. Wie klingt denn, um ein Beispiel zu geben, das Gedichtchen Heines, so gelesen, daß wir richtig (rein) reimen müßten: Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute. Klinge, kleines Frühlingsl ü d, Kling hinaus ins W äu te. Kling hinaus bis an das Haus, Wo die Blumen sprießen, Wenn du eine Rose schaust, Sag, ich laß sie gr ie ßen. Das »schaust« und »Haus« stört nicht, weil der Doppellauter »au« gleich klingt. Mir wird hier das alte Wort: »Erst der Inhalt, dann der reine Reim« zugerufen werden. Natürlich! Aber lassen wir es ruhen, weil es selbstverständlich ist. Der unreine Reim ist einfach ein Zeichen der Trägheit. An die Häßlichkeit des Hiatus, an diese wenig anständige Mundaufsperrung möchte ich kaum erinnern. Wir haben längst jede Feinheit in dieser Beziehung verloren. Eine ängstliche Vermeidung würde auch vom Übel sein. Oft klingt der Hiatus ebenso schön bei uns wie im Griechischen. » Wie einst«, es liegt auf der Hand, klingt häßlich; »wie einst « (also mit dem Ton auf einst ) herrlich. Zahlreich ließen sich ähnliche Beispiele anführen. Die Alliteration feinfühlig angewandt, bringt entzückende Wirkung. Der Leser und Hörer darf nur unbewußt die Schönheit fühlen; er darf sie unter keinen Umständen merken als gewollte Absicht. Lange Stabreimdichtungen werden deshalb unerträglich. Durchaus unmodern ist das »e«, besonders in der zweiten und dritten Person der Einzahl und in der zweiten Person der Mehrzahl. Wo dies »e« stehn muß, weiß jeder. Aber dies Dichter-»e« klingt veraltet in tanz»e«t, geh»e«t, steh»e«t und unendlich vielen andern Worten. Weg damit! Wir sprechen es nicht mehr, so soll es auch nicht mehr in den Vers. Der Dichter hat keinen Vorzug vor seinen Mitmenschen. An diesem »e« erkennt man in unsern Tagen den Dilettanten. Bei den Dramatikern finden wir bis zur Stunde das Wort »Euch« statt »Dir« und »Ihnen« u. s. f. Karl der Große redet seine Grafen mit Euch (Ihr) an, wie Napoleon seine Marschälle. Ja, selbst im Salonstück hören wir das »Euch« (»Ihr«). Haben sich die Dramatiker klar gemacht, wie gevatterhaft, altväterisch und spießbürgerlich das klingt? Bis 1750 etwa »Du« usw., von dort bis zur Gegenwart »Sie«, möchte ich vorschlagen. Das »Er« und »Ihr« für die Zeit, wo es als Anrede gesagt wurde, und da nur, wo es hingehört. * * * Im menschlichen Leben ist mir eine der merkwürdigsten Erscheinungen: der Traum. Sicher bin ich, daß es nicht ein »Hineingreifen« aus einem »andern« Dasein ist. Träume entstehen z. B. so: Es fällt uns im Schlaf ein Wasser tropfen auf den nackten Fuß; sofort glauben wir mit allen Qualen des Ertrinkens im Ozean unterzugehn. Aber andrerseits, wie ist so vieles im Träumen unerklärlich. Ist da irgend in unsrer Seele ein tiefer, tiefster See, in den das Senkblei hineinzulassen uns der Tag nicht einmal ein Ahnen erlaubt, niemals auch nur ein Ahnen zuläßt? Im Traum ist unsre Seele zusammengedrängt, durch keine äußeren Eindrücke gestört. Ich schreibe meine Gedanken über den Traum nieder, weil ich in den beiden letzten Nächten im Schlaf so wunderbare, lebhafteste Bilder und Darstellungen hatte. Überhaupt kommen mir im Traume Erscheinungen, die ich verwerten würde, wenn ich nur eine Spur zu einem Dichter in mir fühlte. Nacheinander hatt ich in den beiden letzten Nächten ein Kriegsbild und ein Friedensbild aus der Soldatenzeit. Und ich bin doch nie Soldat gewesen. Mein innigster Wunsch, Kavallerieoffizier zu werden, ließen die beim Tode meines Vaters zerrütteten und verwirrten Geldverhältnisse nicht zu. Und als Alles geordnet war, als ich reich wurde, daß ich mir Tausende von Pferden aus eignem Beutel halten konnte, war es zu spät. Wie schwärm ich heut noch in dem Gedanken, als Reitergeneral, vor hundert Schwadronen, in den Feind einbrechen und für Kaiser und Vaterland siegen oder sterben zu dürfen. Wie selten haben wir große Reitergenerale. Caesar und sein Unterfeldherr Labienus, der Treulose, waren es. Warum, Labienus, verließest du Caesar? Wie ist es schäbig, ein Genie zu verlassen. Pfui, welche kleinliche Gedanken müssen da die Oberhand gewinnen. Dann haben wir eigentlich nur noch Cromwell (auf seiner langen hellbraunen Worcester Stute), Seidlitz, Zielen, Murat, Jackson Stonewall, den alten Wrangel (ja! und wie!), den Prinzen Friedrich Karl. Ich habe oft über die Blutmischung nachgedacht, die einen Reitergeneral durchströmen muß. Nachdenklich und kaltblütig soll er sein wie Sokrates, heißblütig und flott wie ein echter, rechter Husarenoffizier, geduldig im Warten wie eine Pyramide, und schneller als sein Angriffsblitzgedanke: ist der Augenblick zum Einhauen gekommen; vorsichtig, ruhig überlegend, zögernd, sogar langweilig scheinend, und wieder jung und leichtsinnig bis zur Tollheit, ein Tänzer, Trinker, und »Feuer« bis in sein Greisenalter. Bei keinem der von mir Erwähnten stimmt diese Zusammenstellung völlig; und da ist ein letztes, wie bei jedem Genius, ein Unaufklärbares, das ihm im Blute sitzen muß. Klare Stirn und tobendes Blut, Sanft wie ein Lamm, wie der Wolf in Wut; Das Herz dem Kaiser, den Frauen ein Gott, Im Sattel dem Feinde der Teufel im Trott. Ich entsinne mich nicht, wer diese Strophe geschrieben hat. In der vorletzten Nacht hatt ich einen Traum vom Kriege: lebhaft kämpfte ich in einem Gefecht. Der Junitag war »bruttheiß«. Ich lag mit meinem Schützenzuge in einem Waldrand. Wir gaben ein rasendes Feuer. Über uns in die Bäume schlugen, wie geworfne Erbsen, die feindlichen Schüsse ein. Ab und zu trafen sie in den Sand, ins Gras; dann stäubten ganz kleine Erdwolken auf. Nun prasselte mit großem Getöse die erste Granate in unser Holz. Sie riß, dicht hinter mir, Blätter und Zweige von einer Buche. Ich wurde von ihnen überschüttet. Es war ein fortwährendes Zischen und Heulen und Krachen und Ästebrechen um uns. Mein Hornist, der neben mir stand, sank als erster Verwundeter. Der Schuß hatte ihn in den linken. Oberschenkel getroffen. Er fiel zu Boden, sich mit beiden Händen die Wunde zupressend. Das Blut lief ihm wie ein vielverzweigtes Rinnlein durch die Finger. Er ächzte nicht, sagte ganz trocken und mehrere Male hintereinander: »Gott verdor ich« (verdamm mich), »se hebt mi schoten«. Der Lazarettgehilfe stand gleich bei ihm. Die Sonnenhitze stieg bis zur Unerträglichkeit. Wir hatten nichts mehr in unsern Flaschen, deshalb stopften wir uns Moos und Blätter in den Mund. Einmal wollte uns der Feind im Sturmschritt zu Leibe; aber wir warfen ihn durch unser Schnellfeuer. Als er zurückging, riß ich einem verwundet liegenden Musketier das Gewehr weg. Ich versuchte vergeblich, auch seine Patronen zu nehmen, aber er lag stöhnend auf dem Leibe ausgestreckt. Da rief ich dem Nächsten zu: »Behling, Patronen.« Und nun »pfefferte« ich selbst hinterher, ganz ruhig zielend, wie auf der Jagd. Ich nahm mir einmal einen wie wild gewordnen feindlichen Hauptmann, der sein Pferd gegen die Fliehenden zur Umkehr wie außer sich drängte, aufs Korn. Ich setzte wartend, bis sein Gaul die Breitseite zeigte, den Sattel auf. Er stürzte, sich ans Herz greifend, auf den Rasen. Bald warf ich das Gewehr weg und nahm wieder meinen Säbel. Und so stand ich und zog mir, ich Tor, frische Handschuhe wie zum Tanzen an. Ein junger Leutnant war mir zu Hilfe gesandt und hatte seinen Zug in den meinen geschoben. Dieser Leutnant, ein freches, hübsches Kerlchen, stützte sich eben so kaltblütig wie ich auf den Säbel. Er lachte mir zu: »Wie denkst Du über Spanien?« Aber kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als ihn eine Granate förmlich verschlang. Wie aus einem Krater steigend, zog, nachdem der erste mächtige Sandspritzer in die Höhe gegangen war, der Rauch schwer von uns weg in der Windrichtung. Ich stand regungslos. Jetzt nur erwägend, was zu tun sei gegen größere Massen, die zum abermaligen Sturme gegen mich ansetzen wollten. Die Gewehrläufe glühten, die Patronen gingen auf die Neige. Meinen Helm in den Nacken geschoben, starr in den Feind blickend, überlegte ich, vollständig über meine Lage geklärt . . . Aushalten, hier den Tod . . . In diesem Augenblicke knickten die Äste und Zweige neben mir: der Hauptmann, der seit gestern mit zwei Zügen abkommandiert gewesen war, erschien plötzlich mit dem Rest der Kompagnie . . . Er und ich fielen uns in die Arme; wir, Offiziere und Mannschaften, drückten uns die Hände wie nach jahrelangem Wiedersehen. Aber keine Zeit, denn näher und näher . . . und ich erwachte. In der vergangenen Nacht hatte ich noch einen viel absonderlicheren Traum: In einem Jagdschlößchen, das mitten im Walde lag, an einem Wege, stand ich auf einem Balkon. Hinter mir, rechts und links, hielten mich an leichten Ketten, die mir, je eine, um die Arme geschlossen waren, zwei übergroße Mohren: diese hatten mich als Wächter zu bewahren, denn ich war wahnsinnig. Während ich auf die Waldstraße hinuntersah, hörte ich Musik, eine lustige Hörnerweise. In der Ferne zeigte sich die Spitze eines marschierenden Bataillons. Es rückte näher und näher. Als sie bei mir vorüberzogen, nahmen Offiziere und Soldaten ihre Helme ab und jauchzten zu mir hinauf. Ich aber weinte bitterlich. Und als das Bataillon verschwunden war, bog ich meine Augen in die hohle Hand und schluchzte und – befand mich mit einemmal im Offizierkasino. Die beiden Mohren, meine Wärter, wurden hart zurückgewiesen. Viele Offiziere drängten sich stürmisch mir entgegen, breiteten mir ihre Arme zum Empfang aus, und ein alter General mit einem auffallend häßlichen Gesicht, aber den gütigsten, liebevollsten Augen, nahm mich und führte mich an die blumenüberschwemmte Tafel. Und ich setzte mich neben ihn. »So, Gadendorp,« sagte er, »nun sind Sie wieder mitten unter uns und werden uns nicht mehr verlassen.« Als der erste Toast, wie die schöne Sitte ist, wo Deutsche versammelt sind, auf den Kaiser ausgebracht war, kamen mir die Gesichter alle bekannt vor, und ich trank ihnen allen zu und rief ihre Namen: »Busse, Brandt, Seydlitz, Schröder, Winterfeldt, Ledebur, Hans Ledebur, alter Kerl, lebst Du noch?« Und sie alle tranken mir wieder zu. Die Musik spielte in einem Nebensaal den Hohenfriedberger. Als sie geendet hatte, hob ich mein Glas: »Nun bin ich wieder unter Euch und bleibe für immer. Von meinen alten treuen Kameraden trenne ich mich nicht wieder. Ich war auf einem andern wüsten Sterne, wo noch größere Qualen die Geschöpfe zu erleiden haben, als wir Menschen auf unsrer Erde. Aber meine Sehnsucht zu Euch ließ nicht nach, und Gott in seiner Güte gab es zu, daß ich wieder in Eure Reihen eintreten durfte.« Alles umringte mich, und es waren wieder die alten lieben Kameradenaugen, die ich früher, auf einem schönern Stern gekannt hatte, wo . . . und ich erwachte. Wie wunderbar sind unsre Träume. * * * Ich las in den letzten Tagen zwei vorzügliche Romane von M. G. Conrad und Wilhelm Walloth. In Conrads Roman: »Was die Isar rauscht« fand ich unter vielen ursprünglichen Gedanken und »Stellen« eine, die mich wegen ihrer so natürlichen wie graziösen Darstellung außerordentlich fesselte: Ein junger, schüchterner, liebenswürdiger Kandidat, der in einem Hause mit einer töchtergesegneten Schneiderfamilie wohnt, wird, aus Mutwillen, während die Eltern nicht daheim sind, von den Mädchen auf der Treppe belauert und, wollend oder nicht, in die Werkstatt gezogen. Die nun folgende Szene zwischen dem allmählich feuerfangenden Kandidaten und den ausgelassenen Mädchen ist das Reizendste, was je geschrieben ist in dieser Art. Ich kann nur Goethe anführen, dem jene Anmut, Leichtigkeit, dem jene Frische und Natürlichkeit aus innerstem Herzen quoll, wie sie hier Conrad zeigt. Das Beste an Anschaulichkeit las ich in Walloths Roman: »Der Gladiator«. »Die kaiserlichen Fechter, zu denen auch Markus und Valerius gehörten, hatten die auf dem cälischen Berge gelegene Fechtschule schon vor Sonnenaufgang verlassen und waren in die Zellen des circus maximus geführt worden, um daselbst zu verbleiben, bis das Kampfspiel beginne. Auf Befehl des Spiculus hatte jeder Mitkämpfer einige Stunden geschlafen; jetzt waren alle erwacht und man reichte ihnen, um sie für das bevorstehende Spiel zu stärken, Wein und kräftige Nahrung, während üppige Tänzerinnen ihre Lebenslust zu wecken suchten. Während die Genossen in der größten Zelle um den Tisch herumlagen, zechten und den Flötenspielerinnen lauschten, saß Markus abseits. Er lehnte den Kopf an die unbeworfne Mauer und sah durch das weitgeöffnete Tor auf die Arena hinaus. Der gelbe Sand der Arena dehnte sich so glatt und blendend im Sonnenglanz aus, daß man glaubte, man müsse die sich in der Ferne verlierenden Sitzreihen in seiner schimmernden Fläche sich spiegeln sehen. Ganz fern erhoben sich einige Erzstatuen in den weißlichblauen Morgenhimmel, die man schließlich, als die Sonne höher stieg, wie Flammen blitzen sah; rechts und links krönten Hallen den Zirkus, die ihre Säulenschäfte wie ein Manipel Soldaten starr und feierlich bis zu den vordersten Sitzreihen aufmarschieren ließen. Markus sah, wie sich allmählich kleine bunte Punkte zwischen die weitgeschweiften Linien der grauen Sitzreihen schoben; diese Punkte verlängerten sich zu Linien, die zu bunten Flächen anwuchsen. Es waren die erwartungsvollen Zuschauer, die allmählich das eintönige Grau der Steinsitze mit wimmelndem Farbengemisch überzogen. Ihre Stimmen hallten wie das Gesumme der Sumpfvögel, das aus dem Schilf zu hallen pflegt, herüber in die düstere Zelle, die nur durch vergitterte Fenster ihr Licht empfing.« Ich habe nie den römischen Zirkus so klar, so deutlich vor mir liegen sehen. »Markus sah, wie sich allmählich kleine bunte Punkte zwischen die weitgeschweiften Linien der grauen Sitzreihen schoben; diese Punkte verlängerten sich zu Linien, die zu bunten Flächen anwuchsen. Es waren die erwartungsvollen Zuschauer, die allmählich das eintönige Grau der Steinsitze mit wimmelndem Farbengemisch überzogen.« Das ist einzig. Das mache einer Walloth nach. Und wie, mit welchem Malerauge, kennt er Lichter und Schatten und ihre tausend Untertöne. Was macht Walloth Alles aus einer einzigen Fackel! * * * Künstler nennt der Deutsche Maler, Bildhauer und Musiker. Daß von ihm ein Dichter Künstler genannt wird und wurde, ist mir nicht bekannt. In den deutschen Romanen spielen, abgesehen von den ewig wiederkehrenden Typen, stets Maler und Musiker die Hauptrollen. Diesen werden fast immer die beliebten Namen Werner und Walter gegeben. Rittmeister, Barone und Gutsbesitzer werden sehr gerne von Felsen, von Felden, von Feldern getauft. Dem deutschen Dichter rat ich, sich ein Nilpferdfell überzuziehen, sonst hält ers nimmer aus in seinem Vaterlande. Vor nicht langer Zeit verblich der als Mensch so liebenswürdige und vortreffliche, wie als Romanschreiber fleißige, tüchtige, wackere Schriftsteller Ewald August König. Er war bei den Deutschen sehr beliebt. Zeitschriften und Zeitungen rissen sich um seine Arbeiten. Fürstinnen und Nähmamsells lasen ihn »unbeschreiblich« gern. Er soll Vermögen hinterlassen haben. In demselben Jahre, fast an einem Tage, starb der Dichter Albert Lindner, der aus Nahrungssorgen wahnsinnig geworden war, im Irrenhause. Acht Leidtragende nur folgten dem Sarge. Deutschland – – – * * * Mein Buchhändler sandte mir eine kleine, allerdings ein wenig boshafte, aber sonst höchst ergötzliche Broschüre: »Shakespeare und Goethe treten im Jahre des Heils 1890 zuerst in die ›literarische Welt‹ ein und erscheinen auf dem deutschen ›Büchermarkt‹.« Freilich, die Überschrift ist lang, aber sie zeigt von vorn herein den richtigen Weg. Shakespeare (ist er doch aus angelsächsischem, niederdeutschem Stamme) wird in der Schrift als Deutscher angenommen. Er reicht den Theatern Hamlet ein. Die kleinern antworten ihm, wie sich das von selbst versteht, überhaupt nicht; von einigen größern erhält er die gewöhnlichen Abschlagephrasen. Erscheint er selbst bei den Intendanten und Direktoren, wird er, als wahnsinnig, die Treppe hinuntergeschmissen. Nur ein Vorstadttheater in Hamburg hat den Mut, das Trauerspiel darzustellen, läßt aber den Titel drucken: »Hamlet, oder der verrückte Dänenprinz. Theater im Theater. Ballett. Große Geistererscheinungen.« Das Stück wird von Matrosen, Lehrlingen, Dienstmädchen wütend beklatscht. Am andern Morgen wird es von der Polizei aus »Sittlichkeitsgründen« verboten. Zur selben Zeit hatte ein Herr Wolfgang Goethe den Theatern sein dramatisches Gedicht »Faust« angeboten. Es erging ihm wie seinem Freunde Wilhelm Shakespeare, nur mit dem Unterschiede, daß sein Stück in einem Kasperletheater auf der Hasenheide bei Berlin zur Aufführung kam. Am andern Morgen wird auch »Faust« von der Polizei aus »Sittlichkeitsgründen« verboten. Nun wird die Staatsanwaltschaft aufmerksam, und beide Dichter, namentlich Wolfgang Goethe wegen Herausgabe eines Bandes »Gedichte«, werden in Anklagezustand versetzt wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit, verurteilt und erhalten Gefängnisstrafen. Als sie diese abgesessen hatten, wandern Wilhelm Shakespeare und Wolfgang Goethe, »stark satt von ihrem Vaterlande«, wie Graf Platen sagt, Arm in Arm in die Negerrepublik Liberia aus. Dort ist der lustige, harmlose, entzückende Boccaccio nicht verboten; und beide fühlen sich bald unter den Dalla-Dallas und Orangutangs außerordentlich wohl. Von den Verlegern der beiden Dichter waren »Hamlet« und »Faust« und die »Gedichte« mit den gewöhnlichen Waschzetteln allen Zeitschriften und hervorragenden Zeitungen eingereicht. Diese »Waschzettel« sind für die Dichter im höchsten Grade peinlich; um so peinlicher, je feinfühliger der Poet ist. Aber sie sind für den Verleger, der vor allen Dingen Kaufmann ist und sein muß, eine Notwendigkeit geworden. Diesmal aber kehrten sich die Herren Kritiker nicht an diese Zettel. Wilhelm Shakespeare und Wolfgang Goethe waren Neulinge auf dem berühmten Dichterberg: es sind also in keiner Weise Rücksichten zu nehmen. Zudem war allen der Theaterlärm bekannt geworden. Armer Wilhelm, armer Wolfgang, wenn ihr die Beurteilungen hättet lesen müssen. Eine Wochenschrift erklärte in ihrem »Briefkasten«: Herrn Dr.  M. P. in P.: »Sie haben vollkommen Recht, hochgeehrter Herr. Was je an Roheiten und Widerwärtigkeiten von den jüngsten Naturalisten erzielt ist (möchten wir sagen), wird in den Schatten gestellt von den beiden ›allerjüngsten‹ Naturalisten, den Herren Wilhelm Shakespeare und Wolfgang Goethe, oder heißt er Gothe, ich weiß es in diesem Augenblicke nicht mehr. So schamlos aller Sitte und Sittlichkeit ins Gesicht zu schlagen wie in ihren Dramen ›Hamlet‹ und ›Faust‹, ist nur diesen beiden vorbehalten gewesen. Und wenn diese ›Dichter‹ (Pseudodichter, Schmierer, Sudler müßten sie genannt werden) nur wenigstens etwas Geist gezeigt hätten, aber alles ist hohl, elend, albern, erbärmlich, widerlich, ohne auch nur einen Funken von Geist. Der ›Faust‹ ist sogar, man staune! in Knittelversen, natürlich den denkbar schlechtesten geschrieben. Das Ekelhafteste liefert Herr Goethe (oder Gothe) in seinen ›Gedichten‹. Lieder wie ›Christel‹, ›Brautnacht‹, ›Neue Liebe, neues Leben‹, ›Wahrer Genuß‹, ›Morgenklagen‹, ›Mahomed‹, ›Prometheus‹ sind ganz einfach ein Skandal auf die Menschheit . . . Aber es ist den Dichtern schön heimgeleuchtet. Wohl bekomms ihnen.« * * * Der Mensch hat nichts so eigen, So wohl steht ihm nichts an, Als daß er Treu erzeigen Und Freundschaft halten kann.           Simon Dach. * * * Serbisches Sprichwort: Ein schlechter Wolf, dem die Hunde nicht nachbellen. * * * Allen deutschen Zeitschriften, Ausnahmen überall, mit Bildern und ohne Bilder (aber eigentlich sind sie alle Bilderbücher), empfehle ich als stete Kopfleiste den »Brief eines Malers an seinen Sohn« des unsterblichen Heinrichs von Kleist. Da würden die Leser merken, welch elender, scheußlicher Kohl ihnen unaufhörlich als Kunst vorgesetzt wird; wie Alles auszuarten scheint in der deutschen Literatur als Kinderei und Verkindischtheit und Schablonenkram. Der erwähnte Brief Kleistens steht in der Ausgabe Eduard Grisebachs, im zweiten Teil, Seite 370. * * * Wär ich ein Dichter, würd ich zu stolz sein, um auf Beifall zu warten. Das Schnellverstandne ist auch schnell vergessen. * * * Einer der beiden Herren von Goncourt sagt: im Schriftsteller ist immer Neigung vorhanden, das Publikum zu verachten, das ihn heute liest, und jenes hoch zu achten, das ihn nach zehn, zwanzig, dreißig Jahren liest. * * * Lieber Johann! Du bittest mich, Dir eine Übersicht der Bücher der Weltliteratur zu senden, »in denen ich immer wieder lese.« Also mit andern Worten, ich soll Dir, wie es vor kurzem lautete: die besten Bücher aller Zeiten und Literaturen nennen, d. h. nach meinem Geschmack und nach meiner Liebe. Dazu gehören Wochen, liebes Menschenkind. Das läßt sich nicht im Handumdrehen abmachen. Und Du neckst mich zugleich, daß wir immer andre Nationen »kopieren«. Nach einem Monat: Ich habe die folgende Liste aufgestellt. Aber sie dürfte nicht vollzählig sein: es wird dies oder jenes Buch zu leicht vergessen. Die lebenden deutschen Dichter, die mir gefallen, kennst Du. Die Bibel. Chroniken jeder Art, Wappenbücher, alte Kalender. Von den Römern: Marc Aurel! Die Geschichtsschreiber der Kaiserzeit; die Satiriker (Juvenal, Martial). Homer (Verzeihung) kann ich noch immer nicht recht genießen: er wurde mir zu meiner Knabenzeit zu furchtbar verekelt durch meine Lehrer. Du sagst zwar: »Barbar!« Aber ich kann mir nicht helfen. Nibelungenlied. Walther von der Vogelweide. Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde. Viele alte Kirchenlieder: Luther, Paul Flemming, Paul Gerhard. Goethe (Alles, mit Ausnahme von »Hermann und Dorothea«. Ich komme dagegen nicht an. Wahrscheinlich aus dem Grunde, daß es mir auf der Schule verwiderlicht ist). Schiller – nicht so gern wie früher; aber das darf ich nur Dir sagen. Und Du wirst es um des Himmels willen auch keinem weiter erzählen. Aus Jean Paul: alle die vielen unvergleichlichen Stellen von der Morgenröte und Abendröte und die tausend ähnlichen; sonst ist er mir ungenießbar. Heinrich von Kleist. Jedes Komma, jedes Titelchen. Mein Lieblingsdichter. Bismarcks Briefe. Uhland. Eichendorff. Hebbel. Lenau. Strachwitz. Platen. Mörike. Grabbe. Chamisso. Adalbert Stifter. und Theodor Storm und Annette von Droste: beide mit hunderttausend Ausrufungszeichen. Die lieb ich. Otto Ludwig. Von Körner einige unglaublich schöne Vaterlandslieder; sonst mag ich ihn nicht. Vieles von Freiligrath. Vieles von Herwegh. Bürger. Weltgeschichte und aus dieser Einzelgeschichte und Lebensbeschreibungen. Schopenhauer. Frankreich. Rabelais!!! Balzac. Staël. George Sand. Musset. Molière Zola. Flaubert. Daudet. Maupassant. Stendhal. Béranger (Chansons). England. Shakespeare (besonders auch die Königsdramen). Byron (Don Juan). Burns. Fielding (Tom Jones). Scott. Thackeray. Dickens. Macaulay. Carlyle. Darwin. Percy (Altenglische Balladen). Italien. Dante (wenn nur das zeitraubende Nachschlagen und Anmerkung-Nachsehen nicht wäre). Boccaccio! Prächtig! Lustig! Eins meiner Lieblingsbücher. Die Veristen (namentlich Stecchetti). Spanien. Cervantes. Calderon (»Der standhafte Prinz«, »Das Leben ein Traum«). Dänemark, Skandinavien. Rudolf Schmidt (»Die Kammerherrin«, »Die jüngere Schwester«, »Bertradas Ritter«). Jacobsen. Andersen. Kjelland. Ibsen. Björnstjerne Björnson (erste Dramen und erste Novellen). Rußland. Gogol. Puschkin. Lermontow. Garschin. Tolstoi. Dostojewski. Turgeniew (vor allen). * * * Wenn die gutmütigen Deutschen wüßten, wie ihre Schönwissenschaft und wie – in Schönwissenschaft gemacht wird. Ein belebter Fischmarkt, schon stark von der Julimittagsonne »angestochen«, ist ein Rosental dagegen.. * * * Meine beiden kürzlich gekauften jungen jütischen Dunkelfüchse mit den kräftigen hellgelben Mähnen und Schwänzen, Kastor und Pollux, hatt ich vorm Wagen. Ich kutschierte selbst. Ich fahre das prächtige Gespann in antiken Riemen und Geschirren, ohne Hinterzeug. Als ich durch mein Dorf Ridders kam, hörte ich vom Kruge, wo sämtliche Fenster des Tanzsaales geöffnet standen, ein Geräusch her, wie wenn einer spricht und von Zeit zu Zeit beifälliges Gemurmel dem Vortragenden lohnt. Ah so, es fällt mir ein. Es ist zur Stunde die Wahl der Wahl zur Wahl eines Wahlmannes. Während meiner Vorüberfahrt seh ich im Saale die Eckernsunder Bürger, meine Bauern und Fischer mit aufgesperrten Lippen. Der Redner brüllt grade: »Meine Herren, Fichte, der berühmte Fichte, jener hehre deutsche Dichter . . .« Wie, was? Ich denke, mich rührt der Schlag vor Vergnügen: Fichte, der berühmte Fichte, jener hehre deutsche Dichter? Und drinnen sitzen die Menschen, und haben überhaupt nie den Namen Fichte gehört. Und hier wird ihnen Fichte gar noch zum Dichter vorgeblasen. Noch einmal hör ich die Stimme drinnen: »So wollen wir denn, meine Herren . . . Fichte, der berühmte Fichte, jener hehre deutsche Dichter . . .« Ich werde plötzlich unwohl. Ein Schnalzen mit der Zunge und ich bin schon vorm Dorfe und bald bin ich mitten in meinen Feldern. Wir ziehen langsam durch die Redder. Wie die Füchse mit den Köpfen nicken; wie sie den Schaum auf die Silberbeschläge und wohin immer werfen. In den bestaubten Knicks hängen von der begonnenen Ernte und von dem frühern Heudurchzug Ähren, Halme, Gräser, Klee. Die Vogelbeeren röten sich, die Ahlkirsche färbt sich, die Nüsse bräunen sich schon. Die langen gelben Königskerzen ragen über all den bunten Wirrwarr der Blumen und Ranken empor. Und all das frische, fröhliche Leben im hellsten Sonnenschein: da taucht ein alter Bauer in Hemdsärmeln in ein durchsichtiges, spärliches Fichtenwäldchen, das auf der andern Seite blaue Höhenzüge durchscheinen läßt, ein. Da kommen die Kuhjungen, die mich gesehen haben, an die Hecktore, und der hinter mir sitzende Heinrich muß ihnen Nickel in den Weg schicken. Einige schlagen Rad vor mir als Dank. Auf einer entfernten Stoppelkoppel übt sich eine reitende Batterie. Einmal rasen die Geschütze, nebeneinander, über einen abgehaunen Wall. Wie sich das entzückend macht. Wie sechs Doggen beim Wettrennen, so springen sie, krabbeln sie, arbeiten sie hinauf, hinab . . . Ein Häschen setzt sich vor mir einen Augenblick hin, um dann schnell zu verschwinden. Eine Viertelstunde durchfahre ich eine Straße, die rechts und links außergewöhnlich große, nur in den Kronen belaubte Tannen zeigt. Es macht sich fast wie eine der Palmenalleen im botanischen Garten in Rio . . . Der Roggen wird geschnitten; die Sensen sind in ihrem friedlichen Kriege: im Takte, mit gewisser Würde und Ruhe, schneiden die scharfen Messer: es ist fürwahr keine leichte Arbeit . . . Greten Schmalstedt begegnet uns barfuß. Sie trägt eine Harke auf der rechten Schulter. Ich ruf ihr zu: »Na, Greten, Du hest wull de Strümp bi Din Brüdigam vergeten?« Sie lacht, daß auf dem dunkelbraunen Erntegesicht die weißen Zähne schimmern. Und nun zu allem der tiefblaue Sommerhimmel. Ein einziges kleines weißes Wölkchen, wie ein Inselchen, wie ein segelndes Inselchen, schwimmt hoch, hoch oben im Äthermeer. Und meine Füchse! wie sie, ein wenig trippelnd, ein wenig nervös, unruhig, ins Gebiß schäumend, in all dem Glast und Gleißen stolz, langsam durch die Redder ziehn. Bei schönen Punkten, wenn die Knickgitter den Wall unterbrechen, bleib ich zuweilen halten und schaue in die blaue Ferne: blaue Berge, Sehnsuchtberge . . . Was nähert sich mir? Im Trabe, schon seh ich die Bewegungen der beiden Reiter, naht Tante Aurelie, die nie anders als à la d'Aumont fährt. Wir halten beide. Tantchen ist liebenswürdig; freut sich über meine Pferde. Sie bittet mich heute zu Tisch. Herr Missionar Frischwohl ist bei ihr aus Rem-plem-'nuga angekommen. Ei freilich werd ich zusagen. Denn ich höre zu gern den Berichten dieser kühnen, tapfern Männer zu. Mut, moralischer und physischer, steht bei mir so hoch. Im deutschen Schrifttum könnten wir ihn tüchtig gebrauchen. Tante Aurelie fängt auch wieder von ihrem Lieblingsthema an: den Strumpfbedürfnissen der Dalla-Dallas. Aber ich necke sie und sage ihr, wenn sie etwas rasch fahren ließe, würde sie noch Greten Schmalstedt – auf dem Lande kennt sich Alles, vornehm und gering – einholen, die mir auch an Strumpfmangel zu leiden schiene. Sie droht mir mit dem Finger und ruft: »Zu! zu!« Und der Wagen setzt sich in Bewegung. Ich sehe ihm eine Minute nach. Dies gleichmäßige englische Traben, der Hut meines Tantchens, die weißen Hosen der Reitknechte, die vier Pferdeköpfe, die beiden blanken Laternen. Dann beginne auch ich die unterbrochne Fahrt wieder. Vor mir liegt die Haide: es zeigt sich als meine Richtung, zwischen kleinen Kiefern; ein krummer, sanft ansteigender, dicksandiger, sich schlängelnder, menschenleerer, sich mehrfach durch eingeschobene Haidestücke gabelnder Weg . . . Ich hebe mich, wie in der Muschel stehend, im Siegeswagen, und plötzlich in all dem Licht, in all der Schönheit schrei ich laut: »ahoi! ahoi!« und schwenke meine Peitsche wie eine Fahne. * * * (Venus Anadyomene.) Die Ostsee wogt nicht eine Stunde von Gadendorp entfernt. Dennoch ist nur in seltnen Fällen ihr »Atem« zu hören. Es mag dies an dem zwischen ihr und dem Schlosse stehenden Walde, der das Geräusch auffängt, liegen. Wir hatten stürmisches Wetter gehabt. Ein heftiges, kurzes Gewitter schloß den Tanz. Und dann war wieder die Hitze eingebrochen. Ich konnte nicht schlafen in der schwülen Sommernacht. Wenn ich die Augen schloß, schoß ich sofort wieder in die Höhe, als wenn mir die Luft weggehn, das Herz stillstehn wollte. Jedermann kennt solche Nächte. Ich hatte weder aufregende, anstrengende Lektüre gehabt, denn die mächtige Poesie des Propheten Jesaia, in dem ich gelesen, hatte mich gehoben, noch waren mir durch zu spät eingenommenes Essen Unbehaglichkeiten entstanden: nach sechs Uhr hatte ich keinen Bissen verzehrt, keinen Trunk getan. Solche Schlaflosigkeit, dies Hin- und Herwälzen liegt im Blut; wir müssen es ertragen. Durch die offen stehenden Fenster hörte ich die tote See. Nach dem heftigen Sturme war sie, wie so oft, zurückgeblieben. Wohl die tiefe, windlose, nächtliche Stille machte es, daß ich das Rollen der Wellen vernahm: wie das ferne brodelnde Geräusch einer Großstadt klang es; auch wie das Summen zahlloser Fliegen, wie wir es hören, wenn wir in einer glühendheißen Stunde in der schattenlosen Haide gehen und plötzlich still stehen. Ich richtete mich im Bett auf. Es fiel mir ein, ein Bad zu nehmen. Gedacht, getan. Und ich bin schon mit Taps und den beiden Dachshunden unterwegs. Am Strande angekommen, betrachte ich mir die See. Die langen, schaumlosen, glatten Wogen ziehen geräuschlos, brechen nicht in sich zusammen. Nur wenn sie das Ufer erreichen, zerfließen sie, wie Schnee, murmelnd auf Kies und Kieseln. Über der See ruht das Licht des halben Mondes und der Sterne. Ich stehe mit untergeschlagnen Armen. Taps sitzt vor mir zwischen meinen Stiefeln und schaut tiefernst aufs Meer. Männe und Herr Diedel haben sich mir zu beiden Seiten postiert. Die Frische und Kühle des Ufers tut mir unendlich wohl. Plötzlich ward vor mir das Wasser unruhig, immer unruhiger. Die Wellen krönten sich mit Schaumspitzen, wie in einem Strudel wirbelt es zusammen, wirbelte, senkte und hob sich; und es stand vor meinen Augen die »Emporgetauchte«, Venus Anadyomene. Na, so was. Ich war wie geblendet, wandte meinen Oberkörper, meinen Kopf halb nach rückwärts, mit den Händen abwehrend. Ich sah meine Hunde, diese Helden, mit eingekniffnen Schwänzen dem nahen Waldrande zulaufen. Wartet, ihr Feigen! Aber nun . . . ich drehte ohne Furcht, ohne auch nur eine Spur von Furcht, die Stirn wieder der Schaumgebornen zu. Es war ein hoheitsvolles Weib: so hoheitsvoll, daß mir ein Schauer durch die Seele ging. Sie wrang sich, und das nahm sich nicht schön aus, als wenn eine Wäscherin ein Stück Zeug auswringt, die Tropfen aus dem Haar und – ging dann, aus dem Wasser, dem Ufer, mir zu. Mit jedem Schritte ward sie bekleideter, und hielt endlich vor mir an in einem schwarzen Kleide, mit einem hellgrauen, sich anschmiegenden, eng anliegenden Jäckchen. Die fast übergroße, strenge, hoheitsvolle Venus Anadyomene hatte sich in die kleine, blonde, hübsche Lene Dethlefs verwandelt. Lene Dethlefs war eine jener flüchtigen Bekanntschaften gewesen, an die ich längst, längst nicht mehr gedacht hatte. Ich hielt sie umschlossen, und so, als wenn wir mit der Linken (übrigens sehr unschön verglichen) einen großen Laib Brotes halten, um mit der Rechten ein Stück »abzusäbeln«. Das Mädchen hatte die rechte Schulter, während ich sie an mich zog, gegen meine Brust gelehnt. Dann aber bog sie sich in meinen Arm zurück. Zwei sehr liebe, freundliche, gute Augen schauten mich an, ihre Lippen öffneten sich ein wenig, als wenn sie trinken wollte, und ich verschloß ihr den roten Mund. »Nicht zu liebeln leis mit Augen, Sondern fest uns anzusaugen An geliebte Lippen . . .« Und sonderbar, während wir uns küßten und also nicht sprechen konnten, hörte ich neben mir, zweimal in kurzen Zwischenräumen, die Worte: »Sie sind sehr gütig, Sie sind sehr gütig . . .« O Lene, kleine Lene Dethlefs, was hab ich in diesem Augenblick für eine Sehnsucht nach dir. Und dann war Alles verschwunden, und ich starrte auf die langen, glatten Wellen der toten See. Am Waldrande empfingen mich meine Hunde. Männe und Herr Diedel, als wenn sie sich entschuldigen wollten, wedelten und wanden sich um meine Füße wie Schlangen. Der alte Taps aber hielt das nicht für nötig: er trabte wie ein hoher, greiser Würdenträger hinter mir her. Einmal sah ich mich noch nach der See um: ganz in der Ferne zog, mit leisem Geräusch, das Dampfschiff Kiel-Korsör. Die Lichter verschwanden aber bald wieder. * * * (Max Semmelbrott.) Ich muß nämlich offen gestehen, daß ich lieber zwei Meilen Trab reite auf einem guten Pferde, oder Whist spiele, oder eine Nacht mit lustigen jungen Leuten durchtrinke, oder auf die Hühnerjagd gehe, oder einem Wettrennen zuschaue, als daß ich über neue Gedichte lese. Es kann mich von »den neusten Erscheinungen« selten etwas erwärmen. Vor einiger Zeit bin ich auf eine sonderbare Art (wie wir in Schleswig-Holstein sagen) »dazu« gekommen. Auf einer langen, langweiligen Eisenbahnfahrt kaufte ich mir auf einer Haltestelle aus Verzweiflung eine Zeitung. Nachdem ich sie flüchtig durchgesehen hatte, legte ich sie weg. Durch was immer gezwungen, rafft ich sie noch einmal an mich und nahm, wunderbar, aber es war so, die Spalte vor: »Kunst, Theater und Literatur.« Da entdeckte ich denn zuerst in dieser Abteilung, daß der Justizrat Abelmeier ertrunken sei. Abelmeier. Abelmeier? Wer war Herr Abelmeier? Wie kommt Herr Abelmeier in die Spalte: »Kunst, Theater und Literatur«? Gleichviel. Ich forschte weiter: . . . »Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben«, stand als Überschrift. Ah, also doch. Aber es kam, zu diesen Worten gehörend, eine Gesundheitversprechung für kranke Nieren, namentlich den Weibern empfohlen: es wurde Warners Safe Cure angepriesen. Kunst, Theater und Literatur? »Kunst, Theater und Literatur« . . . Nun folgte: Central-Viehmarkt         Sengschweiue 39–40 Mark, Beste dänische Versandware 00–00 Mark, Mittelware 39–40 Mark, Sauen 30–41 Mark, Ferkel 40–41 Mark per 100 Pfund. Kunst, Theater und Literatur? »Kunst, Theater und Literatur.« Endlich, immer unter dieser Überschrift, in derselben Abteilung, erschaute ich die Besprechung einer eben erschienenen Gedichtsammlung. Der Dichter hieß Max Semmelbrott. Der Besprecher hatte sich mit einem »w.« begnügt. Ich las und las und brach schließlich in lautes Gelächter aus. Ein mir gegenüber sitzender Engländer erwachte. Zuweilen aber hatte ich beim Durchlesen die Stirn gerunzelt über einige Schändlichkeiten, die sich der Verfasser der Beurteilung erlaubte. Es ging mir durch den Kopf: vielleicht kennt der Besprecher den Dichter nicht und erlaubt sich, weil er sonst so manche Rücksicht zu nehmen hat, einmal seinen Lesern zu zeigen: Seht, was für ein strenger, unparteiischer Richter ich bin. Es war vielleicht auch die unbezähmbare Lust, einem Anfänger, der ihm noch nicht schaden kann, auf die Finger zu klopfen. Ei, ei, Herr Kritikus. Abends kam ich an meinem Endziel an. Es war zu spät, um auszugehen. Ich griff, nachdem ich gegessen hatte, in den Wust von Tagesblättern, der vor mir auf einem Nebentischchen durcheinander geworfen war. Und wieder spielte mir der Zufall, wenn ich nicht irre, in den »Allerneuesten Nachrichten« »Kunst und Wissenschaft« vor die Augen. Sofort fiel mir der Name Max Semmelbrott auf. Was finde ich nun wohl über diesen hier? Unbegreiflich, aber es steht da: Herr Max Semmelbrott ist ein zweiter Shakespeare. Ich brach wieder in Gelächter aus. Der Kellner kam herbeigesprungen: »Der Herr befehlen?« . . . »Bitte, eine Flasche Rüdesheimer.« Im stillen sagte ich: die deutschen Dichter und Besprecher will ich leben lassen. Neugierig geworden, griff ich zu andern und immer andern Zeitungen: und richtig, ich fand in allen eine mehr oder minder lange »Kritik« über die Gedichte Max Semmelbrotts. Aber jede war grundverschieden. Die eine gemein: ich dachte mir, der Besprecher hat sich gewiß mit dem Dichter als Schüler einmal geprügelt, und ist von diesem tüchtig durchgewalkt worden; nun rächt er sich. Oder was ihn sonst bewogen hat. Möglich, daß er den Dichter nur schlägt und will den von ihm gehaßten Verleger oder des Dichters »Schule« treffen. Die nächste Kritik war katzenbuckelig, die dritte: ganz augenscheinlich war das Buch gar nicht von dem Besprecher verstanden worden, vielleicht rührte sie her von einem Nüchternen: philisterhaft und langweilig-belehrend klang Alles; eine vierte: ein Witzbold gab sein ledernes Bestes; eine fünfte: »wir begrüßen in diesem Dichter endlich einmal wieder ein Original . . .«; eine sechste: » . . . Langweiligeres, mehr Althergebrachtes als in diesen Versen, die auch nicht eine Spur von Ursprünglichkeit verraten, ist uns nie vorgekommen . . .«; eine siebente: nur zwei oberherrliche Worte in unausstehlich hochnäsigem Tone; eine achte, und so fort, und so fort. Ich stieß in Ermangelung eines Zechgenossen mein Glas an die Flasche an und sprach vor mich hin: »Max, Du sollst leben. Sieh, das sind Deine Beurteiler; möge sie alle der Teufel an den Beinen aufhängen. Das aber rufe ich Dir zu, Mäxchen, in dieser Mitternachtsstunde: kehr Dich nicht daran; schreibe, wie Dirs ums Herz ist, lösche die Gluten, wenn Du brennst, was geht Dich die Ästhetik der Akademiker an, was Deinen Schönheitssinn entzückt; hältst Du es nicht länger aus: nimm die Feder und schreibe, jauchze Dich aus auf dem Papier. Hast Du eine Freude gehabt, einen Schmerz, quält Dich etwas, weißt Du nicht vor Glückseligkeit nach einer süßen Stunde, wohin: schreib Dich nur aus, für Dich. Ob das dann andre schön finden, ist ja gänzlich Wurst. Bist Du was, so bleibst Du was, und aller Neid und alle Bosheit und Gemeinheit, und alles Todschweigen (ein berühmtes und bewährtes Mittel in Deutschland), um Dich zu ersticken, hilft nichts. Gehörst Du zu der großen Zahl derer, deren Gedichte nichts taugen, dann nützen Dir alle Lobredner der Erde nichts. Brüderle, halt aus! Behalt den Pust: denn Du hast als Dichter das Unglück, ein Deutscher zu sein.« Das, was ich über Max Semmelbrott in den Zeitungen las, hat doch im großen und ganzen nur einen bestimmten Leserkreis, der eben nur jahrein, jahraus dies eine »Organ« hält und hineinblickt. Dieser Leserkreis nimmt nun Max Semmelbrott für das, als was er von dem Beurteiler, der oft auf Jahrzehnte der gleiche, hingestellt ist. Er gilt also nun dem betreffenden Leser als: der Lächerliche, der Langweilige, der Herrliche, der Ursprüngliche, der Anempfinder, der Edle, der Rohe, der Neuerstandene, der Wegmitihm und so fort in tausend Schattierungen. Nur wenn der Schriftsteller »Mode« wird, hebt er sich in einer einzigen stechenden Farbe vom dumpfen Grau des Hintergrundes ab; dann ist er bei Lebzeiten Gemeingut seines Volkes geworden. Hat Max Semmelbrott Geld, zeigen sich der erstaunten Welt Max Semmelbrotts Dichtungen in zweiter Auflage; etwa mit der Empfehlung: »daß eine zweite Auflage in so kurzer Zeit nötig geworden ist, beweist, daß unser Dichter \&c.« Hat Max Semmelbrott Geld, so würde ich ihm empfehlen, die Anzeigen seiner Gedichte zwischen die Butter- und Bohnenpreise immerwährend einrücken zu lassen und in die Börsenberichte. Das erachte ich als das einzige Mittel, wenn der deutsche Dichter auf sich aufmerksam machen will. Denn die Butter- und Bohnenpreise liest das deutsche Volk, Kritiken nicht. Oder es müßten über Max Semmelbrott jene geheimnisvollen Ausrufe erlassen werden, wie wir sie in den Zeitungen und an den Litfaßsäulen lesen. Z. B. »Max Semmelbrott kommt« oder: »Max Semmelbrott ist da«. Dann wäre die Neugierde erregt. Endlich platzt die Bombe: Max Semmelbrott wird in einer langen Anzeige an den Litfaßsäulen und in den Zeitungen zwischen den Bohnen- und Butterpreisen als der »berühmte Dichter« angepriesen. Alles lacht natürlich, aber – sein Name ist doch bekannt geworden. Das wäre am Ende . . . na, die »hehre Muse« . . . o Gott, die »hehre Muse« in Deutschland . . . . * * * Meine kleine arabische Schimmelstute mit dem wenig morgenländischen Namen: »Hab dich nicht« ritt ich. Sie ist seit einem halben Jahr mein Lieblings-Reitpferd. Ich hatte sie zäumen lassen, als solle sie einen reichen Beduinenfürsten tragen. Ich selbst trug, wunderlich im Gegensatz stehend zu meinem südländisch aufgeputzten Gaule, ein schwarzes Samtwams, das ein breiter, hellbrauner Ledergurt hielt. An diesem Gurte hing das dolchartige, phantastisch geschnitzte Elfenbeinmesser, das mir meine Mutter vererbt hat. Als Kopfbedeckung führte ich wie immer meinen uralten, riesigen, ruppigen, grauen Filz mit der kurzen Sperberfeder. Der Hut paßt mir so gut, daß ich auch im Winde oder bei schnellern Gangarten ihn nicht besonders zu befestigen brauche. Was die lieben Menschen über meine Person, über meine Kleidung, Gewohnheiten, Eigentümlichkeiten sagen, ist mir stets gleichgültig gewesen. Auf meinen Besitzungen kennt mich zudem jedes Kind, so daß es nicht mehr auffällt. Die feurige adliche Stute ist andrerseits das sanfteste Tier, das ich je geritten habe. Ich habe sie nur mit Zucker gezogen. Sporn und Peitsche würde sie so übel empfinden, daß sie vor Scham, so lächerlich das klingen mag, sterben könnte. Die wenigen Unarten hab ich ihr bald abgewöhnt. Ein merkwürdiges Tier: es kommt mir stets vor, als wüßte sie, daß alle Welt sie liebt und hätscheln müßte. Sie vertraut jedem. Sie hält alle Menschen für liebe gute Geschöpfe, weil sie selbst ein so gutes, treuherziges Geschöpf ist. So spricht man eigentlich nicht von einem Pferde. Was gehts mich an. Willkommen ist mir jener schnelle Schritt, den die Pferde gern annehmen, wenns nach Hause geht. Das ist dann wie das rasche, gleichmäßige Ticktack einer Stutzuhr. Ich reite in diesem Schritt, bei dem »Hab dich nicht« den Hals auf und nieder bewegt, und mal rechts, mal links den Kopf ausbiegt, als wenn sie nach dem Zügel beißen will. Wir ziehen durch eine Tannenallee, deren Bäume schon vor Jahrhunderten gepflanzt sind. Über mir liegt ein schleswig-holsteinischer Himmel gespannt, also grau, und ein ganz, ganz klein wenig langweilig (Pardon.). Die Luft steht gleichsam still heut. Es ist wie Sonntagsluft. Sonntagsluft würde ich nicht schreiben, wenn ich deutscher »Schriftsteller« wäre. Da würden mir die Herren Kritiker schön die Wahrheit sagen. Während wir noch im Baumweg sind, klingt von Zeit zu Zeit ein Gelächter aus dem Waldkrug: »Kiek ut«. Ich reite auf ihn zu. Es ist so, als wenn in einer Schule, unter deren geöffneten Fenstern wir sitzen, stehen oder vorbei gehn, der Lehrer leise etwas vorsagt, das wir nicht vernehmen: plötzlich fällt dann brüllend, laut die ganze kleine Herde mit dem Stichwort ein. So kommt mir das Gelächter vor: einer muß dort eine Geschichte erzählen, in die mit kurzer stürmischer Heiterkeit die übrigen einbrechen. Näher und näher schallen mir diese Ausbrüche entgegen. Endlich halt ich, doch so, daß mich die Besucher des Gastzimmers nicht sehn können, vor einer Seitentür. Aus dieser tritt mit gerötetem Gesicht und verlegnem Lächeln der junge beweibte Bauer Klaus Asmussen und entfernt sich, ohne sich umzusehn. Gleich hinter ihm her erscheint das Schenkmädchen Marie und schilt, halb zu mir, den sie schon entdeckt hat, gewendet, ohne an irgendwelche Höflichkeit in diesem Augenblick zu denken: »Dat's ja'n verheirat'ten Kerl. Wat de sick wull inbild't. Wat de mi vör'n Narr'n hol'n will«. Wie zur Bekräftigung knallt eine Lachsalve von der Trinkstube her. Ich beruhige die erregte Marie. Nachdem ich einen tüchtigen Schluck aus einem braunen Tonkrug getan habe, um den herum steht: »Peifer, Peifer, du mußt plasen, dann danzen die Pauern, als wär'n sei rasend«, und nachdem das Mädchen der Stute Zucker gereicht hat, setze ich meinen Weg fort. Vor mir verschwindet in einem Knicktor der betröpfelte Klaus Asmussen. Hinter mir hör ich immer schwächer die Lachfolgen. Das kommt davon, mein lieber Klaus Asmussen. Und ich breche selber in ein lautes Gelächter aus und singe den bekannten Gassenhauer: »Das kommt davon, das kommt davon, wenn man auf Reisen geht . . .« * * * In den letzten zwei Wochen zog ich aus neuerschienenen Büchern und Zeitschriften folgende Gedichte aus, die ich in meiner Sammlung niederlegen will: Heinrich von Reder:         Einsam sitz ich auf dem Bühle, Sinnend blick ich ins Gefild, Bis zuletzt die Abenddämmrung Mir verdeckt ein jedes Bild. Überm dunklen Tannenhange Glüht nur noch ein roter Schein, Mählich ist auch der erloschen, Dunkel hüllt nun alles ein. Tiefe Trauer füllt die Seele, Wenn verglüht das Abendrot; Und ich denk: verdämmernd leben Ist noch schlimmer als der Tod. * * * Ferdinand Avenarius: Ein Traum.                 Im tiefsten Innern unsrer Seele, dort, Wo nicht des Denkens helle Sonne scheint, Glimmt eine heiße, unbekannte Welt. Wir wissen nicht, was in ihr webt und wühlt, Nur manchmal dehnt sie plötzlich sich und tastet Stöhnend am Boden unsrer Sonnenwelt Und schüttelt ihn und reißt sich einen Spalt Und glüht herauf. Doch vor der Sonne Licht Schreckt sie zurück und kriecht in sich zusammen. Nacht wars. In einem langen dumpfen Saal Stand ich im Siechenhaus. Nur Stöhnen hört ich Und Röcheln. Grelle Lichter warf der Mond, Sah durch die lange Fensterreihe. Dunkel Dazwischen lag der Pfeiler Schatten. In ihm Die betten: ich erkannt sie nicht, trat ich Nicht dicht davor. Da faßt es plötzlich mich Mit diabolischer Grimasse an, Wahnsinnig an – ein weißes Leinentuch Umwand ich mir, und aus dem Dunkel jetzt Trat ich ins helle Mondeslicht und nickte Mit wüst satanischer Schauspielerei Als Sterbegeist dem Kranken zu. Der schrie Schrill gellend auf, warf sich empor und zuckte Und starb. Und leise schleichend schritt ich fort Von Licht zu Nacht und aus der Nacht ins Licht, Von Bett zu Bett. Sie schrieen auf und starben. Und weiter schritt ich, und sie schrieen auf und starben. Bis endlich, endlich auch aus mir herauf Ein Schrei sich preßte – weg von meiner Brust Schrie er die Hölle, und im Schrei erwacht ich. Spätfrost.             Wie war des Lenzes erstes Träumen schön! Wie Kindeslächeln sah es von den Höhn. Wie eine Seele, deren warmes Hoffen Noch nie des Schicksals kalte Hand getroffen. Da ward es Nacht. Und grau im Osten wards, Gelb hob der Mond sich aus der Berge Schwarz – Mir wars, ich säh sich einen Schädel recken Vom Sarge auf aus schwarzen Totendecken. Und mehr und mehr belebt sich sein Gesicht Geheimnisvoll von fahlem Geisterlicht: Wie Wahnsinn lags, wie Durst nach warmen Tränen, Wie Zucken drin von totgepreßtem Sehnen. Und wie sein Vampyrblick herabgesehn, Fühlt ich ein Schaudern durch den Frühling gehn, Und wie sein blasses Licht die Knospen küßte, Da wußt ich es, daß alles sterben müßte. Die Pest.           Einst hat ein Mann die Pest gesehn Frühmorgens über die Felder gehn, Die Hähne krähten nur heiser und schwach, Mißtönig nur bellten die Hunde ihm nach. In einem grauen Bettlerkleid, Gebückt, so hinkte sie über die Heid, Nach allen Seiten langsam dreht Ihr rotes Auge sie und späht. Und wo ein Dorf von fern sie sah, Still winkend stehen blieb sie da Und nestelt hüstelnd im Gewand Und suchte drin mit gelber Hand. Und wedelt, wie man Mücken schreckt, Ein weißes Tuch, von Blut befleckt, Dreimal und schnell – und einen Fluch Murrt sie, dann barg sie rasch ihr Tuch. Und hüstelnd schlich sie fort am Stab, Und wo sie trat, sprang auf ein Grab, Wohin sie winkte, Haus für Haus, Starb dort ein Dorf zum Abend aus. Wipfelrauschen.                 Am alten Eichstamm Ins Moos gestreckt, Von Farrenfächern Und Zweigen bedeckt, Kann in den Wipfeln Dem Windgesang Lauschen ich Stunden und Stunden lang. Von weitem kommts her Und senkt sich und schwillt, Bald sanft wie die Liebe, Wie Haß bald wild. Stürmisch aufbrausend Wie Jugendmut, Leise dann knirschend Wie dumpfe Wut. Doch da flicht sichs dazwischen Wie Einspruch schon Von treuen Lippen Im Schmeichelton. Dann wie heimliches Weh, Das der Lauscher erspäht, Wenn des Schläfers Lallen Den Traum verrät. Dann wieder bäumts auf, Wie ein Roß unterm Sporn Wiehernd schäumt In den Zaum vor Zorn – Du Reiter, und hältst du Es gut in Haft? Und wirft sie nicht ab dich, Die Leidenschaft? . . . Und plötzlich ergreifts mich, Daß was daher Hoch über mir braust, Doch in mir wär – Daß droben tönend Als ein Lied Meine eigene Seele Vorüberzieht . . . * * * Prinz Emil zu Schönaich-Carolath:         Es ragt auf dunklen Eiben Das Grafenschloß ins Land, Auf den Türmen und in den Scheiben Liegt der Sonne letzter Brand. Die rotbestrahlten Zinnen Verraten dem Wanderer nicht, Daß ein Frauenherz dort drinnen Um mich Verlorenen bricht. Vorüberreitend.             Dort wo die Wiesen abwärts gehn Zur blauen Bergeskette, Mag tief im rauschenden Walde stehn Die kleine verlaßne Gloriette. Es liegt das Schlößchen bis an den Hals In Efeu verstrickt und verloren, Die alten Gewaffen von Mainz und Kurpfalz Bröckeln über den Toren. Es klettern über den Erker stumm Wildwein und Feuerbohnen, Am lecken Brunnen blähn sich dumm Pausbäckige Tritonen. In jener verwilderten Einsamkeit, Die Ranken umsponnen haben, Ward zu verschollener Frühlingszeit Einst großes Glück begraben. Da stand, umstoben von Sommerwind, An Hecken von Georginen, Ein lachendes Lieb, ein glückseliges Kind Von Sonnenglanz beschienen. Es blühten die Nelken düsterbunt Und ein Duft kam von der Wiese, Doch glühte wohl süßer ihr roter Mund Im Jugendparadiese. Des Hirsches Brunftruf schnob vorbei, Es war zur Mittagsstunde, Von ferne nur scholl ein Häherschrei Über dem schwülen Grunde. Zuweilen die brütende Flur entlang Zog es wie Taubengirren, Zuweilen murrten die Bäume bang, Rauschend in Traumeswirren. Und um uns schloß im Dämmerschein Der Wald sein goldgrünes Gitter; Da brach ein Windstoß jäh herein, Es kam ein Lenzgewitter. Ich habe verlassen mein Heiligtum, Um trügendes Glück zu jagen – O goldnes Fließ, o finstrer Ruhm, Wie seid ihr schwer zu tragen! Mag lachen das Leben königlich Aus allen Türen und Toren, Ich trage Treue und Leid um dich, Die ich verkannt und verloren. Nun decken die Wälder in Ewigkeit Ein Glück, das ich verscherzte, O Jugend, wie bist du so weltenweit, Du heilige, nie verschmerzte. Wohl zieht bald über die Heimatflur Der Lenz, der lachende, neue – Doch krächzend um meiner Schritte Spur Flattern die Raben der Reue. Der Tag bricht an, ein Sturm aus West Wälzt sich über die Hügel, Dicht hinter mir, finster, in Stahl gepreßt, Reiten Heeresflügel. Wir ziehen des Wegs zum letztenmal, Und auf dem Schild, mit Beschwerde, Trag ich ein Kreuz von schwarzem Stahl Nach der gelobten Erde. Am Kaisergrabe.           Das war ein Frühling bang und schwer, Der über Deutschland gekommen Und unsren Herzen, unserm Heer Zwei Heldenkaiser genommen! Der Märzschnee stob in grimmem Flug Um Kaiser Wilhelms Bahre, Dran zogen vorüber, ein Schattenzug, Gewappnet fast hundert Jahre; Fast hundert Jahre, die reich an Streit Und reich an köstlicher Mühe Um des Reiches Macht und Einigkeit, Um Deutschlands Morgenfrühe. Jetzt hat den neu erwachten Tag Ein finstrer Schatten getroffen, In Kaiser Friedrichs Sarkophag Schläft unser stolzestes Hoffen. Es hat uns Gottes allmächtige Hand Mit schwerer Fügung geschlagen; Schon ballt sich Gewölk in Feindesland – Wir wollen doch nie verzagen. Und müßten wir zahlen im Wasgauwald Jedwede grüne Tanne Mit einer stürzenden Heldengestalt, Mit einem sterbenden Manne, Und müßten wir geben für jeden Stein, Für jeden Münsterquader, Eines brechendem Auges letzten Schein Und eine Herzensader, Kein Zoll breit deutschen Bodens sei Entrissen unsrem Gebiete, Wir trotzen welschem Hahnenschrei Und welschem Plebiszite. Wir haben des Kaisers letzten Pfad Betaut mit mannhaften Tränen, Doch nichts hat solche Herzenssaat Gemein mit Drachenzähnen. O könnten schmücken den neuen Thron Unblutige Lorbeerreiser, O würde des Toten starker Sohn Der dritte Friedenskaiser! Wir aber wollen ohn Unterlaß Das Totenopfer bringen: Für ewig allen Parteienhaß Aus unsrer Brust zu ringen. Wir wollen am doppelten Kaisergrab Die Einigkeit fest gestalten, Die der Entschlafnen Geist uns gab – Gott mög des Schwures walten. So schließe denn über der Fürstengruft Getrost sich Gitter und Riegel, Die Liebe findet in deutscher Luft Nicht leichtlich End noch Siegel. Ein Volk, ein Herz! Seis Friedenszeit, Seis Tag der ernsten Wehre, Wir stehn vereint in Ewigkeit Den toten Kaisern zur Ehre. Einer Fremden.         So wie man Sterne findet, deren Bahn Den Erdkreis streift auf Nimmerwiedersehen, Wohl deshalb nur, daß ihr Vorübergehen Heimweh nach Gott und Schmerz uns angetan, Zog deiner Liebe tiefe Melodie An mir vorbei, zu Gott zurück zu schweben, Und in der ewigen Melancholie Meiner Gedanken ewig fort zu leben. * * * Peter Hille: Törichte Menschheit, in usum Delphini liest du die Erde, Grade den herrlichsten Satz nimmt der Magister dir weg. Seegesicht.         Triefendes, sonniges Blut, Silberne Wunden der Flut. Scheitlige Grate und plätschernde Flossen, Krähende Pausbacks auf halsenden Rossen. Schnaubende Augen der Wut, Hohles Tritonengetut. Gleitendes, kräftiges Leibesumschließen, Wildes Bedräuen mit Zacken und Spießen, Fleischgelbe Muschel, duftig zart, Von Amorinen flüsternd bewahrt. Hingegossen weiche Linien, Grüßende, rauschende Palmen und Pinien, Angeblühte rosige Brüste, Lächelnde sonnengestreifte Küste. * * * Prinz Reuß: Der deutsche Jäger.         In Waldestiefen ist des Jägers Ort, »Die Augen auf!« sein stetes Losungswort, Der Brunfthirsch seines Schusses beste Wahl, Der Tannenwuchs sein Schönheitsideal. Mit Elch und Hirsch im Nordmanianaforst, Wild, weit und tief mit manchem Hau und Horst, Efeu im Ringkampf mit dem Eichenbaum, So malt der Jäger sich den Wald im Traum. Und schau den Waldbach dir im Frühling an, Der über Feld und Wurzeln springen kann, Der hier zu Tale braust in wilder Flut, Das ist des deutschen Jägers frischer Mut. Und fragst du nach des deutschen Jägers Herz, Komm in den Wald und sieh den Wald im März. Mit mildem Hauch zieht da die Sehnsucht ein Und füllt des Jägers Herz mit süßer Pein. Heia! ihr Mädchen, schaut ins Herz dem Mann, Ein rauher, reicher, undurchforsteter Tann; Durchbrecht, durchstrahlt ihn mit der Liebe Licht – Seht ihr die Veilchen und die wilden Rosen nicht? * * * Franz Sandvoß:     Ein überquellend Herz verhöhnen, Es ist so leicht und so gemein; Den kämpfend Lebenden zu krönen, Wie fiel es je den Stumpfen ein? Die Goldwage.         Sorgsam präge das Wort und genau dann wäg es der Dichter, Braucht er doch einzig die Goldwaage zu solchem Geschäft. * * *         Sprach nicht der Heiland: Wer ein Weib begehrend sieht, Der bricht die Eh in seinem Herzen schon? Und ich, O Gott, in diesem Sinn, wie brach mit dir ich oft Die Ehe, die du Engelsreine treu gewahrt! Wahrhaftig, wär in deiner Brust von gleicher Glut Ein Fünklein je erwacht, der Teufel hätt es leicht Bei des Infernos Ehebrechern einen Platz Uns aufzusparen – – »Schweig, um Gottes willen schweig! Der Teufel hat es immer leicht. Ach, wider ihn Was sind wir Arme?« Dann mit ihren Küssen heiß Erstickt sie ihm das Wort und hing am Nacken ihm In Tränen lächelnd – – – * * * Reinhold Fuchs: (Sonette vom Nordseestrande.) Auf dem Hünengrabe.         Den Geierhelm auf seinen blonden Haaren, Zog einst, der friedlich schlummert hier im Grunde, Im Siegesflug bis fern zum Griechensunde, Umjubelt laut von kühnen Wickingsscharen. Ein lustig Spiel nur deuchten ihn Gefahren; Sein Preis erscholl aus aller Skalden Munde – Und dennoch ist verweht von ihm die Kunde Im Meergebrause schon seit tausend Jahren. Aus seinem Grabe, drauf einst Roß und Sklave Geblutet wie an Herthas Heiligtume, Nun weiden ungestört die Hallig-Schafe. Im Winde schwankt darauf die Heideblume, Und gähnend streckt der Hirt sich drauf zum Schlafe; – Sprich, Herz, begehrst du noch nach ew'gem Ruhme? Die verlorene Quelle.         Im öden Meere gibt es eine Stelle, Weit draußen vor dem letzten Dünenrande, Da sieht erstaunt beim tiefsten Ebbestande Der Wandrer sprudelnd eine frische Quelle. Einst war umblüht der Born, der kühle, helle, Von rotem Klee, von grünem Wiesenlande; Jetzt geht verloren in dem dürren Sande, Im Salzgeschäume spurlos seine Welle. Als dort ich stand, betäubt vom Mövenschreien, Da schien es mir, als ob vom herben Lose Des Dichters Quell und Sand ein Abbild seien. Einst schlang ums Haupt ihm Lorbeer sich und Rose, Doch heut verhallt sein Lied in der Parteien Und in der Völker wildem Sturmgetose. * * * Ernst Ziel:         Heut berühmt zu werden, kann nicht schwer, Nein, es muß sehr leicht sein. Eines macht, Poet, dich populär: Was du schreibst, muß seicht sein. Was jeder weiß und jeder kennt, Gefällig formt es das Talent – Sein eigenstes Wesen, weil er muß, Gestaltet und bildet der Genius. Sei sentimental – Sie nennen es ideal. Sei überpathetisch – Sie heißen es poetisch. Doch läßt du Grazie sehen – Sie werden dich nicht verstehen. Ihr wollt am Lied, weil es pikant, Tendenz und Farbe bloß – Allein der echte Diamant Ist immer farbelos. Eines kränkt die Subalternen, Wird an mir sie ewig kränken: Daß ich nicht wie sie konnt lernen Subaltern zu denken. * * * Otto Ernst: Dichterruhm.         So leicht entgeht der Dichter nicht dem Ruhm! Kann er die Gunst der Massen nicht erlungern, So preist die Nachwelt doch sein Heldentum, Daß ers verstand, heroisch zu verhungern. * * * . . . und wie sagt in »den zwei Reigen« Conrad Ferdinand Meyer:         Doch Leben hat das Leben gern, Und leicht gewöhnt sich Brust an Brust. Die Toten liegen tief und fern Und wissen nichts von unsrer Lust . . . Kellinghusen (Holstein), 1886 .