Marie de France Poetische Erzählungen nach altbretonischen Liebes-Sagen übersetzt von Wilhelm Hertz.     Stuttgart. Verlag von Gebr. Mäntler (A. Kröner). 1862.     Herrn Professor Conrad Hofmann in München                 gewidmet.   München, im Mai 1861.     Inhalt.         Einleitung Widmung an König Heinrich III. von England Das Lied von Gugemar Das Lied von Equitan Das Lied von Frêne Das Lied vom Werwolf Das Lied von Lanval Das Lied von den zwei Liebenden Das Lied von Yonec Das Lied von Milun Das Lied vom Geißblatt Guildeluec und Guilladun oder das Lied von Eliduc Anhang     Einleitung. Mit den erobernden Normannen kam die französische Sprache in England zur Herrschaft und verdrängte mit ihrer graziösen Beweglichkeit den schwerfälligen Ernst der angelsächsischen Dichtung. Die ritterlichen Fremdlinge machten sich's bequem auf den Burgen und Gütern des bei Seite geschobenen englischen Adels, und in den Hallen, welche bisher den monotonen Vortrag einer stabreimenden Legende oder einer uralten sturmrauhen Nordlandssage vernommen hatten, ertönte jetzt der zierliche Reimgesang des höfischen Trouvere und erheiterte nun die nachsichtigen Zuhörer ein muthwilliges Fabliau oder ein erstaunliches Abenteuer fahrender Ritterschaft. Die sächsische Sprache hatte sich aus der Literatur in das Leben des niederen Volkes zurückgezogen, wo sie sich erst nach jahrhundertelangem X Widerstand zu einem ebenbürtigen Kampf mit der Sprache der Eroberer emporzuraffen vermochte. Während aber der Streit noch auf die tieferen Schichten der Gesellschaft beschränkt war, entfaltete sich in den höheren die normannische Sprache in eigenthümlicher Dialektform zu einem reichen und feinentwickelten Kunstleben und trieb unter dem Schutz des Hofes, wo Heinrich I. Beauclerc mit seinen Frauen Mathilde und la bele Alice , wo Stephan, Heinrich II., wo Richard Löwenherz, der königliche Trubadur, und nach ihm besonders Heinrich III. den Sängern ehrenvolle Gastlichkeit gewährten, die schönsten Blüthen vorzugsweise erzählender Dichtung. Man bezeichnet diese Sprach- und Literaturperiode mit dem Namen anglonormannisch und sie war es, welche auch die junge englische Poesie in Sold und Nahrung nahm, so daß sich diese erst gegen das Ende des Mittelalters in Chaucer zu einer selbstständigen Stellung emancipierte. Die Stoffe, welche die anglonormannische Dichtung behandelte, waren neben den Mährchen von Karl dem Großen und den zwölf Pairs, neben den alten Stammesüberlieferungen von Rollo und seinen wilden Enkeln, neben vielen andern aus der Fremde und namentlich aus Frankreich herüberverpflanzten Erzählungen vorzüglich die wälisch-bretonischen Sagen , welche hier mit dem größten Interesse gepflegt und bald in den XI manichfaltigsten Formen durch das ganze Abendland verbreitet wurden. Die großen Epen von Arthur, Parcival, Lanzelot und Tristan sind allenthalben bekannt, weniger bekannt mögen die kleineren Erzählungen sein, von denen ich als Probe die vorliegenden Lais der Marie de France ausgewählt habe, Dichtungen, welche mir in Stoff und Form würdig scheinen, als Repräsentanten normannischer Erzählungskunst, die so manches Ohr und Herz in den Jahrhunderten des Mittelalters ergötzte, der deutschen Uebersetzungsliteratur, welche das Schöne und Charakteristische aller Völker und Zeiten in sich vereinigen soll, ohne Bedenken einverleibt zu werden. Die Nachrichten über die Person der Verfasserin fließen wie bei den meisten Dichtern des Mittelalters äußerst spärlich. Es werden ihr drei Werke zugeschrieben, sämmtlich in Handschriften des dreizehnten Jahrhunderts erhalten. In zweien nennt sie sich einfach Marie, im dritten setzt sie noch ihr Geburtsland bei: Al finement de cest escrit, Que en romanz ai traite e dit, Me numerai pur remembrance: Marie ai nun si sui de France . Am Schlusse dieser Schrift, welche ich in romanischer Sprache behandelt und erzählt habe, will ich mich zum Angedenken nennen: Marie heiß ich und bin aus Frankreich. (Schluß der Fabelsammlung.) XII Daher gaben ihr die französischen Gelehrten, welche sich zuerst mit ihr beschäftigten, den nunmehr in der Literatur eingebürgerten Namen Marie de France . Jene Werke sind aber folgende: Der sogenannte Isopet, der kleine Aesop, eine Sammlung gereimter Fabeln, einem Grafen Wilhelm, »dem Tapfersten des Königreichs« gewidmet; eine über 3300 Verse umfassende Bearbeitung der vielverbreiteten Legende von Ritter Owen im Fegefeuer des heiligen Patricius ( L'espurgatoire Seint Patriz ), einem ungenannten Edelmann gewidmet, und endlich die Sammlung von Lais oder poetischen Erzählungen, welche wir vor uns haben, einem ungenannten König dediciert. In jenem Grafen » Willame, ki flourz est de chevalerie, « haben Einige den Bastardbruder Richards I., Wilhelm Langschwert, Grafen von Salisbury und Romare († 1226) erkennen wollen. Es ist jedoch durch das Zeugniß eines gleichzeitigen flandrischen Trouveres Der ungenannte Verfasser des Renard couronné schrieb sein Werk für den preu vaillant comte Williaume, qui jadis fu comte de Flandres und sagt am Schlusse, daß er es ihm widme, » come Marie, qui pour lui traita d'Isopet. « S. Dinaux, Les Trouvères de la Flandre, p. 310 . Die Ansicht Roberts ( Tables inédites, Paris 1826, Vol. I, Préliminaires ), beide Dichter wenden sich an den ziemlich obscuren Grafen Guillaume d'Ypres (um 1119) ist aus sprachlichen Gründen unhaltbar. mehr als XIII wahrscheinlich geworden, daß Wilhelm von Dampierre, Graf von Flandern, gemeint ist, ein in Krieg und Kreuzfahrt hochberühmter Held und freigebiger Gönner des Gesanges, der nach manichfachen Abenteuern zu See und Land in einem Turnier auf Schloß Trazegnies unter den Hufen der Rosse seinen Tod fand (3. Sept. 1251). Unsere Lais dagegen sind in England geschrieben, was unläugbar aus wiederholten englischen Worterklärungen So am Anfang des Lai du Laustic : Une aventure vus dirai, Dunt li Bretun firent un lai; L'austic ad nun, ceo m'est avis, Si l'apelent en lur pais; Ceo est roisinurs en Franceis E nihtegale en dreit Engleis. Hier wird also der Ausdruck für Nachtigall in den drei Nachbarsprachen angeführt: bretonisch eaustic , französisch roisinurs ( lusciniolus ; nicht reisun , wie die Handschrift hat), englisch nihtegale , jetzt nightingale . – Ferner am Schluß des Lai du Chevrefoil : Gotlef l'apelent en Engleis, Chevrefoil le nument Franceis. und der Bezeichnung des Festlands als »jenseits« ( de la ) hervorgeht. Tutes les teres de la. Milun v. 332. Jener »edle König«, dem Marie die Sammlung widmet, ist also ein Herrscher von England und zwar ohne Zweifel Heinrich III. (1216–1272). XIV Fassen wir kurz die Personalien unserer Dichterin zusammen. Sie ist geboren in Frankreich – und zwar, ihrer Sprache nach, in der Normandie –, von adlichem Stamm, was außer ihrer Bildung ihr Verkehr mit Grafen und Königen und der ihr von Denis Pyramus (siehe p. XVI ) beigelegte Titel Dame beweisen; sie lebte an den Höfen von Flandern und England, und schrieb eines ihrer Werke zu Lebzeiten des Grafen Wilhelm von Dampierre, also vor der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. – Alles Weitere fällt in's Gebiet der Hypothese. So die in der Histoire litteraire de la France T. XIX, p. 793 ausgesprochene, von Dinaux (les Trouvères de la Flandre p. 310) und Wolf (Ueber die Lais p. 54 ) recipierte Ansicht, unsere Dichterin sei identisch mit der von dem altfranzösischen Satiriker Jehan Dupin citierten Marie de Compiegne . Dupin beginnt sein Evangile as fames , eine scharfe Invektive gegen das schöne Geschlecht, mit dieser ironischen Strophe: L'euvangile des femmes si est et bonne et digne; Femme ne pense mal, ne nonne, ne beguine, Ne que fait le renart, qui frappe la geline, Si come le raconte Marie de Compiegne .         (Dinaux, Trouvères de la Flandre p. 310.) An einer andern Stelle heißt es: L'evangile des femmes jeo veil vous recorder; Moult grand prouffit si a, qui le veult escouter: Cent jours dehors pardon si porroit conquester, Marie de Compiegne le conquist oultre mer.         (Histoire litteraire de la France T. XIX, p. 793.) Diese Marie de Compiegne , welche die Fabel erzählt, wie der Fuchs die Henne berückt, soll unsere Erzählerin sein; demnach wäre sie aus dem Herzen des alten Frankreich, aus Isle de France ; dem widerstreitet aber ihre normannische Sprache, welche sie nicht bloß in ihren für Anglonormannen bestimmten Lais, sondern auch in ihren an den Grafen von Flandern gerichteten Fabeln anwendet; überdieß findet sich im Isopet von Marie de France keine Fabel von Fuchs und Henne. Den Ausdruck oultre mer möchte man wohl gerne auf Marie's Reise nach England deuten, allein dieser bezieht sich fast ausnahmslos auf Palästina, und hier, wo es sich um die Erwerbung eines Ablasses handelt, ist sicher nichts anderes gemeint. Wir haben es hier also wohl mit einer altfranzösischen Fabeldichterin zu thun, von der wir bis jetzt nichts Näheres wissen. Eine weitere Hypothese, Marie de France sei Marie Gräfin von Champagne, Tochter Eleonors, der bekannten Gemahlin Heinrichs II. von England, und ihres ersten Gatten Louis VII. von Frankreich, siehe bei Turner, History of England, VII, 304, Note 31. – Im Falle sich Jemand dafür interessierte, unsere Erzählerin als die Heldin eines romantischen Gedichtes kennen zu lernen, verweise ich auf The Lay of Marie von Mathilde Betham (printed for Rowland Hunter, London 1816), der Verfasserin des Biographical Dictionary of the celebrated Women of every age and country, London 1804. XV Wenn wir uns aber für ihre Person auf die bisherigen Angaben beschränken müssen, so sind uns doch für die Erfolge ihrer Werke gewichtige Zeugnisse erhalten. Denis Pyramus nämlich, einer von Maries Zeitgenossen, führt sie am Eingang seiner gereimten Lebensgeschichte des heiligen Edmund unter den ersten Lieblingsschriftstellern des Adels auf. Nach Ankündigung seines Vorhabens eine ernste und wahre Geschichte zu erzählen, wirft er einen tadelnden Seitenblick auf die bewunderten Dichter des Tags, deren Werke trotz der gelungenen Reime eitel Lug und Trug enthalten, als Beispiel erwähnt er den Verfasser XVI des berühmten Feengedichtes Parthenopex de Blois Doch ohne seinen Namen zu nennen. Die Stelle wurde von den französischen Literarhistorikern dahin mißverstanden, als ob Denis Pyramus sich selbst zur Autorschaft des Parthenopex bekenne. und gleich nach ihm Marie de France : E dame Marie autresi, Ki en ryme fist e basti E composa les vers de lays, Ki ne sunt pas de tut verais, Si en est ele mult loée E la ryme par tut amée. Kar mult l'aiment si l'unt mult cher Cunte, barun e chivaler E si en aiment mult l'escrit, Lire le funt si unt delit E si les funt sovent retreire. Ses lays solent as dames pleire, De joie les oient e de gré (?), Qu'il sunt sulum lur volenté. Und Dame Marie ebenfalls, die in Reimen schuf und baute und verfaßte die Verse der »Lais,« die ganz und gar nicht wahr sind; und doch wird sie darum viel gelobt und ihr Reim allenthalben geliebt. Denn gar sehr lieben sie und halten sie werth Grafen, Barone und Ritter. Diese lieben sehr ihre Schriften, lassen sie lesen und haben ihre Lust daran und lassen sie häufig recitieren. Ihre Lais pflegen den Damen zu behagen, mit Freude hören sie dieselben und mit Wohlgefallen, denn sie sind ganz nach ihrem Sinne. La vie Seint Edmund le rey , Pergamenthandschrift des britischen Museums ( Bibl. Cotton. Domitian. A. XI, 4 ) v. 25  ff. XVII Die Lais werden hier als das beliebteste und verbreitetste Werk von Marie bezeichnet und wenn es für diesen Ausspruch eines Beweises bedürfte, so könnte es keinen bessern geben, als die Thatsache, daß dieselben kurz nach ihrem Entstehen auf Befehl des norwegischen Königs Haakon Haakonssohn (1217–1263) in's Altnordische übersetzt wurden. Die unter dem Namen Strengleikar bekannte Sammlung der in Prosa übersetzten Lais haben Keyser und Unger herausgegeben, Christiania 1850. – Das Wort lai oder lay (irisch laidh mit stummem dh ) bedeutet ursprünglich Lied, Gedicht und zwar speciell Volksgesang, episches Volkslied, weiterhin aber wurde die Bezeichnung auf diejenigen Producte der Kunstpoesie ausgedehnt, welche Volkslieder zur Quelle oder zum Muster hatten, Siehe ausführlich hierüber bei F. Wolf, Ueber die Lais, Sequenzen und Leiche, Heidelberg 1841. und in letzterem Sinne findet das Wort auf die poetischen Erzählungen von Marie de France Anwendung. Marie verfaßte dieselben, wie sie selbst bei jedem einzelnen gesteht, nach »Liedern im Bretonenmund,« welche seitdem alle, mit Ausnahme eines einzigen, Des Lai de L'austic , siehe den Anhang . verloren gegangen sind. Die Auswahl die sie dabei getroffen, macht ihrem dichterischen Gefühl alle Ehre; denn bis auf wenige, mit denen sie den Wunderlichkeiten des Zeitgeschmacks ihren Tribut XVIII zollte, Ich habe dieselben in den prosaischen Anhang verwiesen. zeichnen sich ihre Stoffe durch einheitliche Handlung, durch anmuthige oder merkwürdige Begebenheiten, durch ein tiefer gehendes psychologisches Interesse vortheilhaft vor der Mehrzahl der übrigen aus. Daß Marie diese ihre Quellen nicht einfach aus dem Bretonischen in's Normannische übersetzte, liegt in der Natur der Sache. Denn während es dem Volkslied und der schlichten Volkssprache überhaupt charakteristisch ist, mehr zu erzählen, als zu erklären, die Ereignisse mit wenig kecken, unvermittelten Zügen vorzuführen, die aus dem Gemüth hervorgehenden Handlungen schlechthin als etwas Fertiges hinzustellen oder ihre innern Gründe höchstens in kurzen, lyrischen Tönen anklingen zu lassen, – finden wir bei Marie eine künstlerische Durchbildung des Stoffs, welche keine Lücken, keine Räthsel duldet, eine liebevolle Versenkung in die Gemüthswelt, eine feine Dialektik der Leidenschaft, ein episches Behagen der Erzählung ohne Geschwätzigkeit, eine Klarheit und Gewandtheit der Sprache, – Alles Eigenschaften, welche ihren Werken den Werth selbstständiger Schöpfungen sichern. Bei aller Kunstvollendung hat sie aber die Frische und Wahrheit der Empfindung, die Naivität der Darstellung keineswegs eingebüßt, und mit modernen Augen angesehen wird XIX ihre Erzählungsweise gar Manchem mit der des Volks in Sage und Märchen zusammenfallen. Mag man sie immerhin in diesem Sinne genießen und, wenn man sich an dem kindlich einfachen Ton erfreut, auch die kindliche Freiheit manches Ausdrucks mit nachsichtigem Lächeln in den Kauf nehmen. Es ist ein eigenthümliches Zeichen der Zeit, daß ein Dichter des neunzehnten Jahrhunderts eine Dichterin des dreizehnten nicht ohne eine derartige Bevorwortung seinen Lesern vorführen darf, daß ein Mann unserer Zeit prüder sein muß als eine Frau des Mittelalters. Man war in jenen Tagen so ehrlich, die Liebe nicht für einen Geist ohne Fleisch und Blut auszugeben, und die Berechtigung unseres irdischen Theils wurde trotz der mönchischen Askese von unstudierten Laien noch frischweg, wie bei den Alten, in vollkommener Unbefangenheit vorausgesetzt, daher denn auch die Besten sich nicht scheuten, für die noch unanstößige Vorstellung den wahren Ausdruck zu brauchen. Es wäre höchst unbefugt, aus dieser Offenheit des Mundes auf eine Leichtfertigkeit des Herzens zu schließen, wie heutzutage, wo sich die verschwiegene Phantasie dieses Gegenstands alleinherrisch bemächtigt hat. Wir wollen zwar nicht verkennen, daß mit jener Freiheit von den mittelalterlichen Dichtern da und dort Mißbrauch getrieben wurde, aber Marie de France ist über diesen Vorwurf erhaben. Daß sie das XX Bild reinster Weiblichkeit in der Seele trug, das beweisen ihre zarten, innigen Frauengestalten, unter denen Frêne und Guildeluec dem Schönsten beizugesellen sind, was Wirklichkeit und Einbildungskraft in dieser Richtung geschaffen haben, – das beweist vor Allem ihre ethische Auffassung der Ehe, worin sie mit der Mehrheit der Fabliauxdichter in entschiedenen Gegensatz tritt. Weit entfernt, in der Darstellung des Ehebruchs ihren Witz zu üben, premiert sie an ihm den Begriff der Schuld und die innere Nothwendigkeit einer sühnenden Strafe; am deutlichsten zeigt sich dieß im Lied von Equitan, wo die Untreue sich selbst ein tragisches Ende bereitet, und im Lied vom Werwolf, wo selbst das unheimliche Treiben des Gemahls den Verrath der Frau nicht entschuldigt. Nur in dem einen Falle zeigt sich die Dichterin nachsichtig, wo auch das Gesetz mit Milde verfuhr, – wenn nämlich die Frau mißhandelt wurde, wenn sie der eifersüchtige Ehemann mit schmählichem Mißtrauen ihrer persönlichen Freiheit beraubte und ihr damit die moralische Freiheit gab, ihm als ihrem Feind zuwiderzuhandeln, sofern sie es vermöchte. Gegen dieses Verfahren blinder Eifersucht äußert sich Marie mit Hohn und Unwillen und sieht in der Selbsthülfe der Frau eine gerechte Vergeltung der Männertyrannei, welche wohl Pflichten beansprucht, ohne Rechte zu gewähren, und diesem angemaßten, künstlichen XXI Zwang gegenüber verficht sie das Recht der Natur, die Freiheit des gekränkten Herzens. Wer hier einen Grund zu Vorwürfen finden will, der mag dieselben überhaupt der damaligen Zeit machen, in welcher unsere Dichterin athmete, und sein Gewissen mit kulturhistorischen Betrachtungen beruhigen. Was die Anzahl der Lais betrifft, so halte ich nur die in der Haupt-Handschrift des britischen Museums ( Harleiana Nr. 978 ) enthaltenen zwölf für echt; die mit Unrecht unserer Dichterin zugeschriebenen Lais de Graelent und de l'épine habe ich in der Uebersetzung unberücksichtigt gelassen. Mein Verständniß des von Roquefort Poésies de Marie de France, publiées par B. de Roquefort, Paris 1832, T. I. unglaublich schlecht edierten Textes wurde theils durch eine von mir selbst vorgenommene sorgfältige Collation der Londoner und Pariser Handschriften, theils durch die bereitwillige Unterstützung des Herrn Professor Conrad Hofmann in München wesentlich gefördert, welch letzterem ich für seine unermüdlich freundschaftlichen Bemühungen zum tiefsten Danke verpflichtet bin. Indem ich nun das Buch in die Hände des Publikums lege, glaube ich insofern auf eine nachsichtige XXII Entgegennahme Anspruch machen zu können, als ich der Erste bin, der in diesem Gebiet als Uebersetzer auftritt, und ich würde mich für meine Mühe reichlich belohnt wissen, wenn es mir gelingen sollte, für die reiche Erzählungsliteratur des Mittelalters ein neues Interesse in weiteren Kreisen anzuregen. XXIII   Widmung an König Heinrich III. von England.         Wem Gott in Wissenschaft gegeben, Der Rede Kunstgewand zu weben, Der soll die Gabe nicht verschweigen, Nein, freudig allen Menschen zeigen. Hört man das Gute dann und wann, So fängt es erst zu knospen an, Doch lebt's in jeglichem Gemüthe, So steht es recht in voller Blüthe. Es war dereinst der Alten Brauch, Und Priscian bezeugt es auch, Daß ihnen in den Büchern viel Der Rede Dunkelheit gefiel, XXVI Damit, die später kommen sollten Und ihre Weisheit lernen wollten, Den Text mit Glossen möchten kränzen Und ihn mit ihrem Sinn ergänzen. Die Philosophen, sich zur Ehre, Gedachten, daß man eine Lehre Nur um so tiefer dann begreift, Jemehr die Zeiten sie gereift. Der die Widmung enthaltende Prolog ist (nur in einer Handschrift, Harl. 978 ) ziemlich mangelhaft überliefert und darum schwer verständlich. Der Zusammenhang der in Spruchform lose aneinander gereihten Gedanken (wie in der Einleitung von Gottfrieds Tristan) scheint folgender zu sein. Wer die Gabe der Rede empfangen hat, der soll sie gebrauchen; denn das Gute will verbreitet sein. (Damit spricht die Verfasserin ihre Berechtigung oder vielmehr Verpflichtung aus, sich einer literarischen Arbeit zu unterziehen, und geht nun über zur Wahl des Stoffes.) Die alten Philosophen pflegten (wie Priscian der Grammatiker bezeugt) den Sinn ihrer Bücher in dunkeln Worten zu verbergen, damit dadurch Andere zum Nachdenken gereizt würden und das Interesse für die Schriften sich so bis auf die späteste Nachkommenschaft lebendig erhalte. Am Verständniß und der Verbreitung solcher Werke zu arbeiten, ist verdienstvoll und gereicht dem Strebenden zu innerem Frieden. Deßhalb möchte die Dichterin gerne eine gute Geschichte aus dem Latein in ihre Muttersprache übersetzen, fürchtet aber, daß sie auf diesem Gebiet, wo so viele neben ihr thätig seien, wenig Lob gewinnen könne. Darum macht sie sich an die ihr wohlbekannten bretonischen Lieder, welche ja gleichfalls von ihren Verfassern dazu bestimmt wurden, unter den Menschen fortzuleben, und welche es auch nach Maries Ueberzeugung verdienen. – Das Uebrige ist klar. Wer sich vom Uebel will entfernen, Dem ziemt's zu forschen und zu lernen, Und daß er schweres Werk beginne; Denn leichter wird's ihm dann zu Sinne, Des Lebens Unlust bleibt ihm fern; Darum versucht' ich allzugern, Latein'sche treffliche Geschichten Getreu romanisch zu berichten. XXVII Doch käm' ich da nicht wohl zu Preis Bei soviel Andrer Kunst und Fleiß. Und darum nun gedenk' ich wieder, Der lieben, oftgehörten Lieder, Die Sänger in vergang'nen Tagen Ersonnen und durch's Land getragen, Damit, was Schönes einst geschehn, Im Geiste möge fortbestehn. Ich weiß, kein Ohr ist für sie taub, Sie zu vergessen, dünkt mich Raub; Drum hab' ich Reim und Vers erdacht Und oftmals emsig drob gewacht. Euch, edler König , nun zumeist, Der Ihr von kühnem, mildem Geist, Den Glück umwohnt und lieblich Scherzen, Dem alles Gute keimt im Herzen, Hab' ich die Lieder ausgewählt Und in den Reimen nacherzählt. XXVIII Ich dachte in der Seele mein, Euch, edler Herr, mein Buch zu weihn, Und wenn Ihr's zu empfahn geruht, So werd' ich tragen hohen Muth Und Freude alle meine Tage. – Denkt nicht, wenn dies Geschenk ich wage, Daß Hoffahrt wohnt in meinem Sinn! – Nun höret, Herr, auf den Beginn! 1   Das Lied von Gugemar. Die Sage erinnert in einzelnen Zügen an den Parthenopex von Blois. – In der Hindin ist eine über Gugemars Schicksal waltende Fee verborgen, welche wohl in der ursprünglichen Fassung der Sage deutlicher hervortrat. Sie läßt ihn zur Strafe für seine Verachtung der Liebe jene Wunde empfangen, welche ihm nur Liebe heilen kann, und ihr gehört das Zauberschiff, das die Liebenden zusammenführt.                     Schon oftmals hat es mich gequält, Wird gute Sache schlecht erzählt. Nun hört, ihr Herren, auf Marie, Des Müßigganges pflag sie nie. Den soll man preisen, habet Acht, Der Gutes von sich reden macht; Doch hört der Neider Bande In irgend einem Lande, Daß man von Menschen Gutes sprach, Gleich reden sie von ihnen Schmach; Sie trachten ihren Ruhm zu trüben Und wollen so das Handwerk üben Des feigen Hunds, der kläfft und bellt Und euch von hinten überfällt. Doch soll mich das mit nichten schrecken, Ob Possenreißer oder Gecken Zum Schlimmen kehren, was ich schuf; Denn Schmäh'n ist einmal ihr Beruf. Die wahren Mähren, die mir kund Aus Liedern im Bretonenmund, 4 Die will ich kürzlich euch erzählen, Und hier zu Anfang will ich wählen Ein Abenteuer, das mit Fleiß Ich aus der Schrift zu künden weiß, Und das einst in Armorica In alter Väterzeit geschah. Damals war Hoel Hoel ist ein alter sagenhafter König und Gesetzgeber der Bretonen. – Leon, St. Pol de Leon, früher Hauptstadt von Leonais in der nordwestlichen Bretagne. Herr im Land, In Krieg und Frieden wohlbekannt. In seinem Leh'n war ein Baron, Das war der Obherr von Leon. Er hieß mit Namen Oridial Und war ein trefflicher Vasall, Vom Herrn zu hoher Gunst erkoren. Zwei Kinder hat sein Weib geboren, Ein Knäblein und ein Mädchen klein; Noguent, so hieß das Töchterlein, Den Knaben nannt' er Gugemar, In keinem Reich ein schön'rer war. Die Mutter liebt das theure Kind, Der Vater war ihm wohlgesinnt. Als er zu Jahren war gekommen, Ward er in Königs Dienst genommen. Dort hielt er sich gar klug und fein, Und jeder mußt' ihm günstig sein. Doch als in Waffen er gewandt, 5 Gereift an Alter und Verstand, Ward er zum Ritter ausgerüstet So prächtig, wie's ihn nur gelüstet. Dann theilt er reiche Spenden aus Und wandert in die Welt hinaus. Nach Flandern lenkt er seinen Lauf, Dort hören Streit und Krieg nicht auf. – Nicht in Loreine, nicht in Bourgogne, Nicht in Anjou, nicht in Gascogne, In keinen Erden-Reichen Gab's Ritter Seinesgleichen. Nur Eins mißglückte der Natur: Nie folgt sein Herz der Liebe Spur. Es war kein Fräulein auf der Welt, Wenn noch so schön und wohlbestellt, Das ihn nicht gern in Dienst genommen, Wenn er auf Werbung wär' gekommen. Gar Manche schaut ihn zärtlich an, Er blieb ein liebeleerer Mann. Nie wurde Jemand inne, Daß er auf Minne sinne. Und für verloren hielten bald Den schönen Ritter Jung und Alt. Doch als sein Ruhm in Blüthe stand, Da fuhr er in sein Heimatland, 6 Auf's Neu zu schau'n den Herren sein, Die Eltern und das Schwesterlein, Die nach ihm trugen groß Verlangen. Er wurde liebevoll empfangen, Und einen Mond blieb er zu Haus. Da trieb's ihn einst zu jagen aus, Und alsbald wurden noch bei Nacht Gefolg' und Jäger aufgebracht. Am Morgen zog er in den Tann, Die Kurzweil taugt dem kühnen Mann. Ein großer Hirsch sprang auf im Grunde, Und schnell entkoppelt man die Hunde, Die Jäger laufen hinterdrein, Der Jungherr folgt; mit lautem Schrei'n Hirschfänger, Armbrust und den Bogen Trug ihm ein Knappe wohlgezogen. Da kam im Busche tief und dicht Ihm eine Hindin zu Gesicht, Ihr junges Kalb lag nebenbei, Weiß war sie, trug ein Hirschgeweih; Sie scheucht empor der Bracken Bellen; Der Jungherr eilt, den Pfeil zu schnellen, Und schießt sie auf den Vorderbug, Zusammen bricht das Thier im Flug. Doch auf den Schützen mit Gewalt Kommt das Geschoß zurückgeprallt 7 Und trifft ihn an die Hüfte schwer, Im Sattel hält er sich nicht mehr Und fällt auf's grasige Gefild, Hinab zu dem erlegten Wild. Das Thier begann zu klagen: »Weh mir! Ich bin erschlagen! Und du, Vasall! für diesen Mord Künd' ich dein Schicksal dir sofort. Nie wirst du eine Medicin Aus Wurzeln oder Kräutern ziehn, Kein einz'ger Arzt, kein einz'ger Trank Macht dir's in Wahrheit je zu Dank; Nie wird die Hüfte dir gesunden, Bevor du die zum Arzt gefunden, Die dulden wird im Herzen Um dich so heiße Schmerzen, Daß mehr kein Weib auf Erden trug, Du selbst sollst tragen Leid genug, Daß alle Die sich wundern werden, Die jemals lieben hier auf Erden. Nun aber hebe dich im Nu! Mach dich davon! Laß mich in Ruh!« – Der Ritter war verwundet schwer, Doch was er hört, entsetzt ihn sehr, Und er begann bei sich zu denken, 8 Wohin er sollt' die Schritte lenken, Da er Genesung find' und Leben, Nicht wollt er sich dem Tod ergeben. Er weiß und muß es sich gestehn, Nie hat er eine Frau gesehn, Der seine Lieb' er schenken wollte, Und die ihn nun erretten sollte. Er rief herbei den Jägerknaben Und hieß ihn schnell von dannen traben: »Ruf meinen Leuten durch den Tann Und bringe schleunigst sie heran!« Der sprengt davon, er bleibt zurück, Beklagt gar sehr sein schlimmes Glück, Dann legt er auf der Wunde Rand Von seinem Hemd ein festes Band; Er steigt zu Rosse sonder Weilen, Denn nöthig dünkt ihm sehr zu eilen, Wenn es den Rittern sollt mißlingen, Von seinem Weg ihn abzubringen. Er reitet mühsam durch die Tannen Auf einem grünen Weg von dannen. Da kam er aus dem Walde Hinaus in eine Halde, An deren Fuße glänzt das Meer, Und Felsen ragen drüber her. Er sieht ein Schiff im Hafen liegen 9 Und einsam Mast und Segel wiegen. An schönem Rüstwerk fehlt's ihm nicht, Von allen Seiten war's verpicht. Kein Mensch dort eine Spalte sah, Nicht Pflock, nicht Lucke gab es da, Die nicht von Ebenholz gemacht; – Kein andres Schiff hat solche Pracht. Von Seide war das Segel ganz Und gab gebläht gar schönen Glanz. Der Ritter aber staunte sehr, Denn in der Gegend rings umher Hat er zuvor niemals vernommen, Daß Schiffe da zur Landung kommen. Er glitt vom Roß und stieg allein Zum Bord hinauf mit Müh und Pein, Er hoffte Menschen zu gewahren Die mit dem Schiffe hergefahren: Doch einsam war die Stätte, Inmitten stand ein Bette Mit Gold und zieren Kleeblattreihn, Cypressenholz und Elfenbein, Und Knauf und Pfosten glänzt und blitzt, Nach Salamonis Kunst geschnitzt. Es liegt ein prächt'ger Teppich oben Aus Afrika, mit Gold durchwoben. Da ist ein Kissen ohne Gleichen: 10 Dem werden nie die Locken bleichen, Der darein schmiegt sein Angesicht. Die Tücher alle nenn' ich nicht: Sie flossen nieder reich an Wellen Von Purpur und von Zobelfellen. Dann waren an des Stevens Rand Zwei schöne Kerzen angebrannt Auf goldnen Leuchtern reich und werth, Ihr Kauf hätt' einen Schatz geleert. Dem Ritter dünkt es wunderlich, Auf's hohe Bette stützt er sich, Die Wunde brennt, er legt sich nieder. Doch hebt er bald darauf sich wieder; Ihn drängt's, daß er zum Lande kehre, – Da schwamm das Schiff auf hohem Meere, Von dannen glitt es sacht und stet Von sanften Winden angeweht. Die Rückkehr war ihm ganz benommen. Gar rathlos ward er und beklommen. Kein Wunder, wird das Herz ihm schwer, Denn seine Wunde schmerzt ihn sehr. Doch muß er's tragen mit Geduld, Er fleht zu Gott um seine Huld, Daß er zu einem Port ihn sende Und das Verderben von ihm wende. Er liegt auf's Bett und schlummert ein, 11 Vorüber ist die schwerste Pein. Er landet noch an diesem Tag Da, wo er Heilung finden mag. Denn tief im Schlafe fährt er bald Nach einer Hauptstadt reich und alt; Ihr Vogt, der war bejahrt und grau Und hatte eine junge Frau. Die Dame war von hohem Stand, Gar schön, verständig und gewandt. Voll Eifersucht war der Gemahl; – Dieß, glaubet mir, liegt nun einmal In der Natur der alten Herrn, Denn Hahnrei ist ja Niemand gern. Das ist des Alters Thorenweise. – Der Frau gieng's übel bei dem Greise: Es war ihr Thurm und Gartenland Von einer Mauer rings umspannt, Erbaut von grünem Marmelstein; Der Bau war hoch, der Raum war klein. Die Mauer hatt' ein einz'ges Thor; Da stand ein Wächter stets davor. Den andern Theil das Meer umfloß: Wer in Geschäften wollt' auf's Schloß, Der konnte nicht zum Garten kommen, Wenn er nicht über's Meer geschwommen. 12 Ein Zimmer hat der Herr bereit Für seines Weibes Sicherheit, Ein Zimmer, das war schön und helle, Gleich bei der Thür' war die Capelle. Es war bemalt mit Bildern klar, Venus, die Liebesgöttin, war In Farben künstlich anzuschau'n. Sie predigte den Ehefrau'n, Wie man den Männern treu verbleibe Und jede sünd'ge Lust vertreibe; Doch was Ovid der Ehrendieb Von frechen Liebeslisten schrieb, Das schleudert sie mit strenger Hand In einen rothen Scheiterbrand, Und die noch künftig lesen sollten Und ketzerisch befolgen wollten, Was ihm der Lügengeist dictiert, – Die wurden excommuniciert. Dieß scheint mir annähernd die Intention der sehr corrupten Stelle zu sein, welche ich hier der weiteren Prüfung halber folgen lassen will: La chambre ert peinte tut entur: Venus la deuesse d'amur Fu tres bien (mise) en la peinture; Les letres So in ter Pariser Handschrift ( Ms. Français Nr. 23168 ), die Harleianische hat les traiz mustrez e la nature . mostrent la nature, Cument hum deit amur tenir E lealment e bien servir; Le livre Ovide ou il enseine, Coment chascuns s'amur estreine, En un fu ardent les gettout E tuz iceus escumengout, Ki jamais cel livre lireient E sun cumandement fereient. So die Pariser Handschrift. Die Londoner hat: Ne sun enseignement nient fereient . Das Bild kann mit seinem Urheber und seiner Umgebung nur dann in Zusammenhang gebracht werden, wenn es eine Venus verticordia darstellte. Dort saß die Frau mit trübem Sinn; Ihr gab der Herr zur Dienerin Ein Fräulein, seiner Schwester Kind, Von guter Zucht und wohlgesinnt. Es liebten sich gar sehr die Beiden, Und keines wollt' vom andern scheiden. Wenn dann der Alte Urlaub nahm, So durfte, bis er wiederkam, 13 Sie weder Frau'n noch Männer sehn, Noch aus dem Thor in's Freie gehn. Ein alter Priester weiß von Haaren Bekam die Schlüssel zu verwahren; Weil er das kleinste Glied verloren, War zum Vertrauten er erkoren. Er las ihr dort die Messen Und schnitt ihr vor beim Essen. Heut gieng die Dame ungesäumt Zum Garten, eh der Tisch geräumt; Sie wollte sich zum Schlummer legen Und dann im Grün der Kurzweil pflegen. Das Fräulein folgt ihr auf dem Pfad, Sie giengen nach dem Seegestad', Die Fluth stieg höher und sie sahn Ein Segelschiff dem Hafen nahn, Doch sahn sie Niemand auf dem Deck. Die Dame wandte sich im Schreck Und wollte fliehen voll Erbangen, Es stieg das Blut ihr in die Wangen. Ihr Fräulein aber hielt sich gut, Sie trug im Herzen größern Muth Und sprach ihr zu, da blieb sie stehn, Sie giengen, nach dem Schiff zu sehn. Das Fräulein warf den Mantel fort 14 Und stieg zum schöngeschmückten Bord, Wo sie kein lebend Wesen traf Als Gugemar in tiefem Schlaf. Bleich war er wie ein todter Mann, Das Mädchen stand und blickt' ihn an, Dann stieg sie eilends wieder Zu ihrer Dame nieder Und sagt ihr an, was sie erschaut, Und um den Todten klagt sie laut. Die Frau sprach: »Steigen wir empor, Und wenn das Leben er verlor, So graben wir ihn ehrlich ein, Der Priester muß uns dienstbar sein; Das ist, so dünkt mich, kein Verbrechen. Doch lebt er noch, so wird er sprechen!« Sie giengen hin in schnellem Lauf, Die Dame kam zuerst hinauf. Doch als das Fahrzeug sie erstiegen, Sah sie den bleichen Ritter liegen; Lang blickt ihn an das junge Weib Und klagt um seinen schönen Leib, Gar traurig wird's ihr im Gemüth: »Weh, daß die Jugend schon verblüht!« Sie legt die Hand auf seine Brust Und fühlt sie warm und fühlt mit Lust Nach seines Herzens kräft'gen Schlägen. 15 Der Ritter, der so lang gelegen, Erwacht und sieht die Frau sofort Und grüßt sie froh mit holdem Wort; Er weiß, daß er an's Land geschwommen, Die Dame, die den Gruß vernommen, Stand weinend, und mit güt'gem Munde Fragt sie nach seines Schicksals Kunde: »Wie kamt Ihr her, aus welchem Land? Seid Ihr um einen Krieg verbannt?« »Frau,« sprach er drauf, »so ist es nicht. Doch wollt Ihr hören den Bericht, So sag' ich Alles ohne Lügen, Mit keinem Wort will ich Euch trügen: Im Britenland bin ich zu Haus, Ritt gestern früh zu jagen aus, Und eine Hindin schoß ich dort, Doch rückwärts sprang der Pfeil sofort Und schlug mir eine tiefe Wunde, – Nicht glaub' ich, daß ich je gesunde! Die Hindin klagte bitterlich Und einen Fluch warf sie auf mich, Daß nur von einem Weib auf Erden Mir sollte Heil und Rettung werden. – Wie aber soll ich zu ihr kommen? – Als ich mein hartes Loos vernommen, Da gieng ich eiligst aus dem Wald, 16 Und dieses Fahrzeug fand ich bald; Ich stieg hinein mit blinden Sinnen, Da trug's die Fluth mit mir von hinnen, – Wohin, das ist mir unbekannt, Nicht weiß ich, wie die Stadt genannt. Ihr, schöne Frau, die mir genaht, O schenkt mir huldvoll Euren Rath! Denn ich weiß nicht, wohin ich kehre, Noch kann ich lenken diese Fähre!« – Da sprach die Dame zu dem Herrn: »Mein theurer Held, ich rath' Euch gern. Ob dieser Stadt herrscht mein Gemahl Und rings umher ob Berg und Thal. Er ist gar reich, von hohem Stand, Doch schnöd vom Alter übermannt: Die Eifersucht verzehrt ihn schier. Bei meiner Treue glaubet mir: In diesen Thurm schloß er mich ein, Ein einz'ger Zugang führt herein, Und den bewacht ein alter Pfaffe, – Daß schlimmes Feuer ihn entraffe! So sitz ich nun seit langen Tagen, Hinauszugehn darf ich nicht wagen, Es sei denn, daß mein Gatte Mir gnädigst es gestatte. Capell' und Zimmer hab ich hier, 17 Und dieses Fräulein ist bei mir. Doch, edler Ritter, wollt Ihr nun Zur Lind'rung hier ein wenig ruhn, So wollen wir Euch gerne hegen, Und Euch mit gutem Herzen pflegen.« – Da neigt sich ihr zum Danke Gar hold der schöne Kranke; Wie gerne blieb er hier zur Stätte! Drauf stemmt er sich empor im Bette, Die beiden Frauen stützen ihn, Und führen ihn mit Mühe hin, Da wo des Fräuleins Lager stand. Ein Manteltuch fiel von der Wand Als Umhang nieder reich an Pracht, Dort ward der Held zur Ruh gebracht. Drauf trugen Wasser sie herein Und wuschen ihm die Wunde rein, Sie trockneten das Blut sogleich Mit einem Linnen weiß und weich Und legten fest mit güt'ger Hand Um seine Hüfte den Verband. Doch als die Mahlzeit kam zur Nacht; Da ward so viel beiseit gebracht, Daß sie mit liebevollen Gaben Den kranken Ritter konnten laben. Der war in's Leben schon getroffen; 18 Es schwankt sein Herz in Angst und Hoffen: Ihn zwingt die holde Pflegerin, Nicht nach der Heimat steht sein Sinn. Die Wunde macht ihm keine Schmerzen, Doch seufzt er auf aus tiefem Herzen. – Es wacht bei ihm das Jungfräulein, Er bat sie: »Lasset mich allein!« Die Maid stand auf bei diesem Wort Und gieng von seinem Bette fort; Zur Dame ist sie hingegangen, – Die hatte schon ein Theil empfangen Von jener Gluth, die, wie verkündet, Des Ritters ganzes Herz entzündet. Der Ritter blieb in Einsamkeit Und sann umher in Sorg und Leid; Doch das erkennt er unverweilt: Wird er nicht von der Frau geheilt, So kann er nicht dem Tod entrinnen. »Weh!« rief er, »was soll ich beginnen? Ich werde zu ihr gehen Und sie um Gnade flehen Für mich viel unberath'nen Mann. Doch hört sie mich nicht günstig an, Ist sie von stolzen Sitten, Und zürnt sie solchen Bitten, 19 So muß im Elend ich verschmachten, Bis daß der Tod mich wird umnachten.« Er seufzt, doch kam nach kurzer Zeit Ein Trost in seine Traurigkeit: Wer sich kein bessres Loos kann geben, Der dulde sonder Widerstreben. So hat der Held die ganze Nacht In Mühn und Seufzen hingewacht; Erinn'rung hält sein Herz gefangen: Er denkt der Augen und der Wangen, Er denkt des Mundes, dessen Grüße Sein Herz berührt mit Huld und Süße. Und heiß und halblaut rief er dann Die schöne Frau um Gnade an. Ach, wenn sie wüßte, was er sinne, Und wie ihn peinigte die Minne, Sie würde, meines Wissens, froh Und tröstete den Kranken so, Daß ihm der Kummer sollt entweichen, Davon ihm nun die Wangen bleichen. Liegt er von Minnequal umkettet, So ist auch ihr nicht weich gebettet. Am Morgen noch vor Tagesgrau Erhebt sich schon die holde Frau Und klagt, sie habe stets gewacht; Das that sie durch der Liebe Macht! 20 Das Fräulein, welches bei ihr war, Erschaut an ihrem Anblick klar, Daß Lieb in ihren Sinn gekommen Zum Ritter, den sie aufgenommen, Um seinen kranken Leib zu heilen. Mag er wohl dieses Sehnen theilen? Zur Kirch' gieng die Gebieterin, Das Fräulein gieng zum Ritter hin, Und setzte sich an's Bett heran. Er sprach zu ihr: »Kind, sagt mir an, Wohin schon meine Dame wallt! Warum erhob sie sich so bald?« Er schweigt und seufzt von Herzensgrund, Da sprach die Maid mit holdem Mund: »Ihr liebt, was anders sollt Euch quälen? Doch wollt' es nicht zu sehr verhehlen. Bewahrt die Lieb in Eurem Sinn, Nach hohem Ziele blickt sie hin: Wer einer Frau wollt' Minne schenken, Der müßte meiner Frau gedenken. Und diese Liebe fügt sich gut, Hegt ihr nur beide steten Muth; Denn schön ist sie und schön seid Ihr!« – Da sprach der Ritter voll Begier: »Ich bin von solcher Lieb' entbrannt, Zum Schlimmen wird mein Loos gewandt, 21 Will Niemand Hülfe mir verleihn. Nun rathet mir, schön Jungfräulein! Was soll aus dieser Liebe werden?« – Sie sprach mit freundlichen Geberden Und tröstete den kranken Mann Und bot ihm ihre Hülfe an, Nach Kraft zu fördern seine Minne; Das Fräulein war von mildem Sinne. Derweilen hört die Frau die Messen, Der Rückkehr hat sie nicht vergessen; Sie wollte wissen, was er mache, Ob er noch schlafe, ob er wache, Der Mann, um den ihr Herz so schwer. Sie rief sogleich das Fräulein her Und ließ mit feinen Sitten Den Ritter zu sich bitten, Nun kann er seinen Sinn ihr zeigen Und schau'n ob sich's zum Heil mag neigen. Sie grüßen sich mit Bangen, Und Beide stehn befangen. Er ist im Werben nicht gewandt, Und da er war aus fremdem Land, So zagt' er, daß sie ihn vertriebe, Wenn er ihr künde seine Liebe. Doch wer sein Uebel will verhehlen, Dem wird es stets am Arzte fehlen. 22 Die Lieb' ist eine Herzenswund', Und thut sie sich nicht außen kund, So wird sie nie von Schmerzen scheiden; – Aus der Natur kommt dieses Leiden. Doch Manche halten sie zum Spotte, Wie jene niedre Höflingsrotte, Die schlemmen in der Welt herum Und prahlen dann mit Heldenthum. Das ist nicht Lieb', das ist Verrath, Ist Laffensinn und Bubenthat. Wer treue Minne hat gefunden, Der soll ihr folgen alle Stunden Und ganz in ihren Diensten sein. – Der Ritter liebt in Herzenspein, Wird sie nicht bald ihm Hülfe geben, Dann ist umsonst sein ganzes Leben. Die Lieb' ermuthigt seinen Mund, Er thut ihr all sein Sehnen kund: »Ich sterb' um Euch, holdsel'ge Dame, Mein Herz ist schwer von Sorg' und Grame, Ich muß im Leid erbleichen, Wollt Ihr nicht Trost mir reichen. Laßt werben mich um Euer Minnen, Erhört mich, weist mich nicht von hinnen!« So sprach der junge süße Mann, Da hub die Frau mit Züchten an, 23 Und lächelnd sagt sie: »Lieber Gast, Ihr sprecht in allzugroßer Hast, Und zu gewähren solche Bitte, Das ist mir eine fremde Sitte!« – »Habt Gnade,« sprach er, »zürnet nicht Dem Mund, der solche Worte spricht. Ein feiles Weib auf Markt und Gassen, Die muß sich lange bitten lassen, Daß theurer werde ihre Liebe Und ihr Gewerb verborgen bliebe. Doch eine Frau von edler Art, Die ächten, klugen Sinn bewahrt, Die stoße nicht mit stolzem Wort Den ebenbürt'gen Freier fort! Sie soll ihn lieben hold und traut, Und eh es Jemand weiß, noch schaut, Ruh'n sie in Glück und Seligkeit. Drum, Süße, enden wir den Streit!« – Sie weiß wohl, daß er Wahrheit sprach, Und ohne Weigern giebt sie nach; Der Ritter küßt sie auf den Mund Und ist von allem Weh gesund, Sie liegen plaudernd Leib an Leib, Er herzt und kos't das holde Weib, Nun mag sie all das Andre laben, Was Liebende im Brauche haben! – 24 Ich hör', daß länger als ein Jahr Der Ritter bei der Dame war, In holdem Spiel und süßem Thun. Jedoch Fortuna will nicht ruhn; Sie dreht ihr Rad nach kurzer Stund, Der steigt, der Andre fällt zu Grund: So gieng's auch diesen Beiden, Sie mußten bald sich scheiden. Im Sommer war's, daß früh am Tag Die Dame bei dem Jüngling lag, Sie küßt ihm Mund und Angesicht Und sprach: »Mein Freund, ich hehl' es nicht, Mein Herz sagt, bald muß ich dich missen, Du wirst verräth'risch mir entrissen. Stirbst du, so will ich mit dir ziehn; Doch ist es dir vergönnt zu fliehn, So wirst du andre Liebe finden, Ich aber muß in Qual mich winden.« – »Nie gebe Gott mir Fried' und Ruh, Kehr' ich mich andrer Liebe zu! Sei ohne Furcht, denn sicherlich Um keine Andre laß ich dich!« – »Gewährt mir, süßer Freund, ein Pfand! Gebt Euer Hemde mir zur Hand! Den Schoß will ich zum Knoten schnüren, Und Die sollt Ihr zur Liebsten küren, 25 Ich sag's Euch zu, herzlieber Mann, Die diesen Knoten lösen kann.« – Er reicht das Hemd ihr und sie flicht Den Knoten kunstreich wirr und dicht, Den wird kein Weib auf Erden scheiden, Wenn sie nicht reißen darf noch schneiden, Und wieder giebt sie's ihm sodann. Er sprach dabei: »Ich nehm es an, Doch gebt auch eine Bürgschaft mir!« In einen Gürtel schließt er ihr Den bloßen Leib mit leisen Händen Und schmiegt ihn eng um ihre Lenden. Drauf sprach er zu ihr: »Welcher Mann Das Schloß des Gürtels öffnen kann, Den liebe du, das bitt ich dich!« – Drauf schwiegen sie und küßten sich. An jenem Tag noch ist's geschehn, Da ward das junge Paar gesehn Von einem Kämmerling, der war Gekommen von dem Herren dar, Mit einer Botschaft ausgesandt; Als er die Thür verschlossen fand, Blickt er durch's Fenster, sah den Helden Und gieng, es seinem Herrn zu melden. Als das der alte Mann vernahm, – 26 Nie fühlt er früher solchen Gram, Drei der Vertrauten nahm er mit Und gieng zum Thurm in schnellem Schritt. Er sprengt die Thüre mit Gewalt, Den Ritter fanden sie gar bald, In seines Herzens Grimm und Nöthen Befahl er, sogleich ihn zu tödten. Doch Gugemar, der kühne Degen, Springt ihnen unverweilt entgegen, Die dickste von den Fichtenstangen, Daran die Tücher aufgehangen, Schwingt er, entschlossen drein zu schlagen, Und harrt des Angriffs ohne Zagen. Eh ihn die Feinde können fahn, Hat er wohl Allen Leid gethan. Scharf blickt nach ihm der alte Mann Und ruft: »Sagt Euren Namen an! Aus welchem Stamm seid Ihr entsprungen? Wie kam's, daß Ihr hier eingedrungen?« Der sagt, wie er herbeigeschwommen, Wie ihn die Dame aufgenommen, Thut ihm die Schicksalsworte kund Aus der getroffnen Hindin Mund, Sagt, wie sein Pfeil ihn wundgeschlagen, Und wie das Schiff ihn hergetragen. – Der Alte aber zürnt und spricht: 27 »Was Ihr da sagt, das glaub ich nicht; Doch können wir das Schiff gewahren, So sollt Ihr drauf von dannen fahren. Wenn Ihr entkommt, so freut's mich schlecht, Daß Ihr ertrinkt, das wünsch ich recht!« Und er gelobt ihm Sicherheit, Gab ihm zum Meere das Geleit; Im Hafen lag die Barke schon, Er stieg hinein und trieb davon. Hinglitt das Schiff durch's weite Meer, Der Ritter seufzt und jammert sehr, Der Dame rief er tausendmal Und fleht zu Gott in herber Qual, Daß er ihm schnelles Ende schenke Und nie das Schiff zum Hafen lenke. Das Leben kann er missen, Da ihm sein Lieb entrissen. So lange müht er sich im Gram, Bis daß das Schiff zum Hafen kam, Wo er's zum ersten Male sah; Nun war er seiner Heimat nah. Er eilt mit schnellen Schritten Fort durch der Wälder Mitten. Da war der Zufall ihm gewogen: Ein Knappe, den er aufgezogen, Ritt hinter einem Rittersmann 28 Und führt ein Roß mit sich heran. Er hat den Knappen schnell erkannt Und bei dem Namen ihn genannt, Der sieht ihn, eilt sich abzusteigen Und giebt das Streitroß ihm zu eigen; So ritt er heim, und Jubel scholl; Die Freunde waren freudenvoll, Er ward im Land gar hoch geehrt, Doch blieb er trüb und leidbeschwert. Die Freunde wollten ihn vermählen, Doch er verbat sich, ihn zu quälen, Nie lieg' er einer Dame bei, Ob's nun um Lieb', um Habe sei, Der es zuvor nicht sollt' gelingen, Des Hemdes Knoten aufzuschlingen. Als diese Mähre ward bekannt Rings um durch der Bretonen Land, Da kamen Frau'n und Fräulein viele, Doch ihrer keine kam zum Ziele. Nun sag' ich von der Dame mehr, Die dieser Ritter liebt so sehr. Im Kerker schloß ihr Herr sie ein, Erbaut von dunklem Marmelstein. Tags geht's ihr schlimm und Nachts noch schlimmer, Und es beschrieb' ein Mensch euch nimmer 29 Die Pein, die Aengsten und das Leid, Das sie erduldet lange Zeit. Mehr als zwei Jahre blieb sie so Sie wurde keine Stunde froh; Um den Geliebten klagt sie laut: »Weh! daß ich jemals dich geschaut! Nicht länger trag ich diese Noth, Viel lieber duld' ich gleich den Tod. Ich gienge, könnt ich nur entkommen, Zum Meer, darauf du fortgeschwommen!« Bei diesem Wort sprang sie empor Und lief verzweiflungsvoll zum Thor, Da war kein Riegel mehr zu sehn, Sie konnte frei von hinnen gehn. Kein einz'ger Wächter hielt sie auf, Zum Hafen lenkte sie den Lauf, – Und sieh, da lag das alte Schiff Gebunden an ein Felsenriff. Als sie es sah, stieg sie hinein, Das Eine nahm ihr Sinnen ein; Daß hier ihr Liebster einst ertrunken, Zu Boden ist sie hingesunken, Und konnte sie zum Bord sich wenden, Sie würd' im Sprung ihr Leben enden. Sie duldet Pein und Müh' genug, Von dannen fährt das Schiff im Flug 30 Und landet auf breton'scher Mark, Bei einer Burg gar schön und stark. Der Herrscher über Burg und Land War Herr Meriaduc genannt; Der führte just zu dieser Zeit Mit einem Nachbar Krieg und Streit. Früh war er heute aufgestanden, Zu ordnen seine Kriegerbanden, Und als er durch ein Fenster sah, Da kam ein Schiff dem Lande nah. Dem Kämmerling hat er gerufen Und stieg hinab die Wendelstufen; Sie gehn zum Schiff in schnellem Lauf Und klettern an der Leiter auf; Da finden sie das schöne Weib, Von Feenanmuth glänzt ihr Leib. Er faßt sie bei des Mantels Schoß Und führt sie mit sich auf sein Schloß. Er freut sich seines Fundes sehr, Denn sie war schön wie keine mehr; Woher auch ihre Barke schwamm, Er weiß, sie ist von hohem Stamm, Und Liebe hat ihn ganz durchdrungen, Nie hat ein Weib ihn so bezwungen. Ihm saß ein Schwesterlein im Haus, Ein Mägdlein lieblich überaus, 31 Die nahm den schönen Gast in Hut Und ehrt sie wohl und dient ihr gut. Man kleidet sie, man schmückt sie reich, Doch immer bleibt sie trüb und bleich. Der Ritter, der auf Liebe hofft, Der kommt und spricht zu ihr gar oft, Er wirbt um sie, sie kümmert's nicht, Den Gürtel zeigt sie ihm und spricht: »Ich liebe niemals einen Mann, Der dieses Schloß nicht öffnen kann.« Das war dem Ritter ungelegen, Und hämisch sagt er ihr dagegen: »So findet sich auch hier zu Land Ein Ritter kühn und vielgenannt, Der sich mit einem Hemd erwehrt Jedweder Frau, die sein begehrt. Am rechten Schoße sitzt ein Knoten, Den, da zu schneiden ist verboten, Kein Weib zu lösen je vermocht: Mich dünkt, Ihr seid es, die ihn flocht!« Sie seufzt, es wanken ihre Glieder, Und wenig fehlt, so fällt sie nieder, Er hielt mit Armen sie umspannt Und schnürte auf ihr Hüftgewand, Er müht sich eifrig unverdrossen; Jedoch der Gürtel blieb verschlossen. – 32 Es kamen drauf von Nah und Fern Als Werber viel der edlen Herrn, Doch blieb ganz unnütz ihre Fahrt, Das Schloß war von gar seltner Art. So ist es lange Zeit geblieben, Bis ein Turnei ward ausgeschrieben Vom Herrn der Burg zu Trutz und Leid Dem Feind, mit dem er lag im Streit. Gar Manchem schickt er Boten dar, Der Erste war Herr Gugemar. Er lud ihn als Genossen ein, Ihm seinen Beistand zu verleihn, Er sollt's ihm dießmal nicht versagen, Im Kampfe sich zu ihm zu schlagen. Der Held in Pracht und Reichthum ritt, Und hundert Herren ritten mit. Der Wirth ließ der geschätzten Degen In seinem Thurm gar trefflich pflegen. Drauf sandt' er hin ein Ritterpaar Zum Bau, wo seine Schwester war, Und ließ sie bitten, daß sie käme Und auch die Fremde mit sich nähme. Sie thaten, wie er sie befandt, Sie trugen köstliches Gewand Und schritten Hand in Hand zum Saal; 33 Die Frau war bleich von inn'rer Qual. Sie hört des Liebsten Namen sagen, Die Füße wollen sie nicht tragen, Zu Boden sänke sie vor Harm, Hielt' sie das Fräulein nicht im Arm. Aufstand vor ihr der edle Mann, Er sieht die Frau und blickt sie an Und ihre Mienen, ihre Sitten. – Er tritt zurück mit zagen Schritten. »Ist dieß mein Lieb,« sprach er betroffen, »Mein Herz, mein Leben und mein Hoffen? Die schöne Frau, die mich erkürt? Wer aber hat sie hergeführt? Ach, Thorheit nimmt den Sinn mir ein: Wohl weiß ich ja, sie kann's nicht sein! Die Frauen gleichen sich zu Hauf, Umsonst reg' ich mein Sinnen auf, Doch jener andern Dame wegen, Der seufzend schlägt mein Herz entgegen, Red' ich sie wohl mit Liebe an.« Und vorwärts trat der edle Mann, Er küßte sie zum Gruß sofort; Doch sprach er drauf kein andres Wort, Als daß er sie zum Sitzen lud. Meriaduc bemerkt' es gut, Der Anblick macht ihm viel Beschwer, 34 Und hämisch lachend redet er: »Herr Ritter, sollt es Euch behagen, Dies Fräulein hier wird es wohl wagen, Euch Euer Hemde aufzuschlingen. Laßt sehn, ob es ihr mag gelingen!« Der Ritter sprach: »Ich füge mich.« Er rief den Kämmerling zu sich, Der seines Hemdes Wächter war. Er sprach: »Nun reicht's dem Fräulein dar.« Man legt's der Dame auf den Schooß, Doch lange saß sie regungslos, Wohl war ihr das Geflecht bekannt, Ihr Herz war ängstlich eingespannt, Zu lösen hätt' sie's gern gewagt, Doch sie war schüchtern und verzagt. Meriaduc durchschaute sie, Herb ward sein Inn'res wie noch nie. »Frau,« sprach er, »so versucht es doch, Vielleicht Ihr lös't den Knoten noch!« Als ihr dies Wort zu Ohren kam, Das Hemd sie bei dem Schosse nahm Und lös't ihn leicht mit schneller Hand, Der Held stand wundernd festgebannt, Nun kannt' er sie, doch glaubt er's kaum; Ihm dünkt dies Alles wie ein Traum, Und dieses Wort sprach er zu ihr: 35 »Seid Ihr's Geliebte, sagt es mir, Damit ich meinen Augen traue, Ist's Euer Leib, den ich erschaue, Der Gurt, mit dem ich Euch umspannt?« Er faßt nach ihrem Hüftgewand Und fand den Gürtel unverletzt. »Welch Abenteuer!« rief er jetzt, »Find' ich Euch hier! Wer bracht' Euch her? Wie kamt Ihr über's weite Meer?« Sie sagt ihm all das Herzeleid, Des Kerkers Noth und Traurigkeit, Wie sie darauf dem Thurm entkommen Und auf dem Schiff hieher geschwommen, Wie sie Meriaduc geehrt, Doch stets nach ihrer Huld begehrt. »Nun, Freund, erneut ist all mein Glück, Nehmt Euer treues Lieb zurück!« Der Ritter sprang darauf empor. »Ihr Herren, leiht mir euer Ohr! Hier bin ich meinem Lieb' vereint, Das ich verloren längst gemeint. Nun bitt' ich den Meriaduc, Er geb' sie huldvoll mir zurück. Ich will dafür sein Lehnsmann sein, Drei Jahr ihm meine Dienste weihn 36 Mit hundert Rittern treu und wahr.« Meriaduc rief: »Gugemar, Mein lieber Freund, was fällt Euch ein? So steck' ich nicht in Noth und Pein, Daß solchen hohen Kriegersold Ihr hier von mir verlangen sollt! Ich fand und halte sie mit Rechten Und will sie gegen Euch verfechten!« – Doch Gugemar rief zu den Rossen All seine Mannen und Genossen. Er sagt ihm auf zu Fehd und Streit, Von seinem Lieb schied er in Leid. Und alle Ritter in der Stadt, Die man zum Fest geladen hat, Führt Gugemar mit sich von dannen, Sie dienen ihm wie seine Mannen Und wollen gehn, wohin er gehe, Und Schmach dem, der nicht zu ihm stehe! Sie suchten noch zur Nacht vereint Meriaducs geschwornen Feind; Der nahm sie auf mit holden Mienen Und ließ sie ritterlich bedienen. Da sich der Held ihm zugewandt, Weiß er den Sieg in seiner Hand. Sie waren Morgens frühe wach Und wappnen sich im Gastgemach, 37 Sie zieh'n durch's Thor mit lautem Schalle, Der Held ist Führer über Alle. Doch sicher saß Meriaduc Und schlug den ersten Sturm zurück, Da hat der Held die Stadt umrungen, Nicht geht er, bis er sie bezwungen, Zu ihm strömt Dienstmann und Vasall. Durch Hunger kam die Stadt zu Fall, Da ward von ihm das Schloß gebrochen, Meriaduc im Kampf erstochen. Heimführt er drauf sein Lieb in Frieden, Und all ihr Kummer war geschieden. Von dieser Mähre nun fürwahr Schuf man das Lied vom Gugemar. Zu Harf und Rotte singt man sie, Und lieblich klingt die Melodie. Harfe ( telyn ) und Rotte ( crwth ) sind die beiden Lieblingsinstrumente der Kymrer, Rotte bedeutet ein Saiteninstrument mit buckelförmigem Kasten. (Wolf, Ueber die Lais p. 242 ff.) 39   Das Lied von Equitan.             Es waren unter den Baronen Geschätzt die Edlen der Bretonen; Durch Kampfeslust einst pflegten sie, Durch Adel und durch Courtoisie Von Abenteuern allerhand, Die mancher kühne Held bestand, Viel schöne Lieder sich zu weben, Die fort im Menschenmunde leben. Auch eins, ihr sollt es selbst bemessen, Das nicht gemacht ist zum Vergessen, Von einem höfisch feinen Mann, Vom Vogt von Nantes, Herrn Equitan. Sein Name war mit Preis genannt, Und hoch verehrt im ganzen Land: In Frauenlieb' und Manneskraft, Da pflegt' er edler Ritterschaft. Die sind des eignen Lebens Diebe, Die nicht erfüllt das Maß der Liebe; 42 Ihr Maß ist, wollt ihr's selbst erfahren, Daß sie nicht mag Vernunft bewahren. Des Königs tapferster Vasall, Das war sein treuer Seneschal, Der wacht im Land nach Recht und Pflicht, Schuf Ordnung rings und hielt Gericht. Das Liebste für Herrn Equitan, Das war die Jagd im grünen Tann, Und von der Beize ließ er nur, Wenn er zum Krieg in's Ausland fuhr. Der Seneschal nahm ein Gemahl, Das ward dem Land zu Leid und Qual. Sie war ein herrlich schönes Weib Von hohem Wuchs und feinem Leib; Fürwahr Natur bemüht sich lang, Bis ihr das holde Bild gelang: Das Auge schillernd, süß der Mund, Die Nase grad, die Wange rund. Nicht ihres Gleichen war im Land, Dem König ward ihr Lob bekannt; Er schickt ihr Gruß und Gabe Von köstlich edler Habe; Nach ihrem Anblick schmachtet' er, Nach ihrem Wort stand sein Begehr. 43 Mit heimlich sehnsuchtvollem Sinn Ritt er nach ihrem Wohnsitz hin, Mit Jagdgetös und Hörnerschall Lud er sich ein beim Seneschal. Die Dame sprach er manche Stund, Und Liebe quoll aus seinem Mund. Er fand sie sittig, klug und fein, Von Leib und Antlitz schön und rein, Ihr Wesen licht und freudenhold, – Da trat er in der Minne Sold. Die schoß ihn da mit einem Pfeil, – Die Wunde wird ihm nimmer heil, – Der nahm im Herzen tief den Sitz; Nichts half ihm da Verstand und Witz. Bewältigt ward er dieser Dame, Viel sann er nach in herbem Grame; Er muß sie minnen all sein Leben, Was nützt ihm da sein Widerstreben? Nachts schlief er nicht vor Sorg und Leid, Und mit sich selbst lag er im Streit: »O welches strengen Schicksals Hand Hat mich geführt in dieses Land? Seit ich die schöne Frau erblickt, Hat heiße Qual mein Herz umstrickt, Daß alle Glieder mir erbeben; Ich muß sie lieben, will ich leben; 44 Doch lieb' ich sie, – komm ich zu Fall: Sie ist die Frau des Seneschal. Wie fordr' ich von ihm Treu' und Pflicht, Halt ich ihm selbst die Treue nicht? Würd' er nur einmal davon hören, Im Herzensgrund würd's ihn empören. Doch schlimmer wär's, – wie er auch grollte, – Wenn ich um sie vergehen sollte. Wofür wär' sie so schön geschmückt, Wenn keinen Trauten sie beglückt? Um ihre Anmuth wär mir leid, Liebt' sie nicht holde Heimlichkeit. Wo lebt die Dame, deren Werth Die süße Minne nicht vermehrt? Der Seneschal, wird er's auch hören, Muß sich drum nicht zu sehr empören. Allein behalt' er sie nicht mehr. Mit ihm zu theilen, drängt's mich sehr.« – Der König sprach's und seufzte bang, In tiefem Sinnen lag er lang. »Warum doch,« sprach der wunde Mann, »Kommt Zwiespalt mich und Schrecken an? Da mir doch alle Zeichen fehlen, Ob sie mich will zum Trauten wählen. Doch ich erfahr' es wohl geschwinde: 45 Empfindet sie, was ich empfinde, – Das ist es, was mich heilen mag. Ach Gott! Wie lang ist's noch zum Tag! Wie lange doch, vom Schlaf geflohn, Lieg' ich seit gestern Abend schon!« – Der König wachte bis zum Morgen, Er harrt' auf ihn in großen Sorgen. Dann zog er früh zu jagen aus; Jedoch gar bald kehrt er nach Haus. Er sprach, ihm sei so weh, so schwach Und legt sich in sein Schlafgemach. Trüb ward des Seneschals Gemüth, Er weiß nicht, was den König müht Und Schauer gießt durch seinen Leib – Der Krankheit Ursprung war sein Weib. Sie rief er da in rechten Treun, Den Herrn zu trösten, zu zerstreun. Der bringt ihr dar sein Minnewerben Und sagt, er müsse für sie sterben. »Ihr könnt mir bieten Trost und Leben, Ihr könnt den bittern Tod mir geben!« Da sprach die edle Dame: »Sire, Gewähret einen Aufschub mir. Denn Eure Rede hat mein Haupt Jeglichen Sinns und Raths beraubt. 46 Ihr seid der König hier zu Land, Ich bin nicht von so hohem Stand, Als daß mir immer treu verbliebe Euer Verlangen, Eure Liebe. Hab ich nach Willen Euch gethan, – Fürwahr, ich zweifle nicht daran, – So laßt Ihr mich gar bald allein; Und bitter elend würd' ich sein, Wenn ich Euch lieben könnte Und Euch Gewährung gönnte. Es wär' der Liebe Leid und Lust Nicht gleich getheilt in uns'rer Brust, Ihr seid ein König, denkt daran – Mein Herr ist Euer Lehensmann: Ist ungleich wo der Liebe Pflicht, Das ist die rechte Liebe nicht. Ein Mann, der arm an Geld und Gut, Doch reich an Sinn und stetem Muth, Der wird, liebt er in Treuen, Mit Liebe mehr erfreuen, Als jeder König dieser Welt, Der nichts auf feste Treue hält.« Doch Equitan, der König spricht: »O Gnade, Dame, sagt das nicht! Der hat nicht adlich hohe Minne, 47 Nur bürgerliche Krämersinne, Der, Geld und schnöden Lohn zu erben, Hingeht, am schlechten Ort zu werben. Nicht wandelt unter'm Himmelsblau Die feine, freigesinnte Frau, Die, wenn auch ohne Schmuck und Habe, Nicht bieten kann solch' süße Gabe, Daß ihr der höchste Fürst mag glüh'n, In Ernst und Treue sich bemüh'n, Wenn sie stets neu die Glut belebt, Und nicht nach fremder Liebe strebt. Die flatterhaft im Minnen Und die auf Ränke sinnen, Die sollen ganz von Ehren kommen, Das haben oftmals wir vernommen. Kein Wunder, flieht Den Glück und Huld, Der es verdient durch eigne Schuld. Ach schöne Dame, nehmt mich hin! Denkt nicht, daß ich der König bin, Nein, Euer Liebster, Euer Knecht, Das schwör' ich Euch in vollem Recht. Nach Eurem Lob nur will ich trachten, O laßt im Leid mich nicht verschmachten! Ihr seid die Frau, der Diener ich Und fleh' Euch an, erhöret mich!« 48 Er sprach so lang, er bat so lang. Bis auch ihr Herz die Liebe zwang, Und ihm das minnigliche Weib Zu eigen gab den süßen Leib. Sie tauschten Ring und Wort zum Pfand Als unverbrüchlich Liebesband, Das hielten sie mit treuen Sinnen, Bis daß der Tod sie nahm von hinnen. Lang währte der geheime Bund Und wurde keiner Seele kund; Verlangten sie sich zu vereinen, So sagte Equitan den Seinen, Er lasse in den nächsten Tagen Nach Brauch sich eine Ader schlagen. Es war ein allgemein verbreiteter Brauch im Mittelalter, der sich noch da und dort bis in die neuere Zeit herein erhalten hat, in bestimmten Zwischenräumen sich zur Ader zu lassen. Verschlossen war die Thüre dann, Am Hof war kein so kühner Mann, Der störte der Gemächer Frieden, Ward er vom Herrn nicht selbst beschieden. Der Seneschal hielt Hof indessen, Sprach Recht in Klagen und Processen. Der König liebt' die Frau gar sehr, Nach andern kam ihm kein Begehr, Und schweigen hieß mit Spott und Schmach Er jeden, der vom Freien sprach; 49 Das schuf im Land viel Sorg' und Klagen. Die Dame hörte davon sagen; Ihn zu verlieren, ward ihr bang, Sie saß in Thränen stundenlang. Und als er wieder kam, zu scherzen, Mit ihr zu ruhen Herz am Herzen, Kuß und Umarmung zu erneu'n Und holden Spieles sich zu freu'n, Da weint sie laut voll Angst und Wehen. Der König sprach: »Was ist geschehen? Was müht Euch, Dame? Thut mir's kund?« Und seufzend öffnet sie den Mund: »Um uns're Liebe klagt mein Herz, Die mich gebracht in Sorg' und Schmerz: Ihr werdet eine Fürstin frei'n, Und ganz werd' ich verlassen sein. Ich weiß es wohl, so wird es werden. Was soll ich weiter dann auf Erden? Mein einz'ger Trost nur wär' zu sterben, Nicht bessern wüßt' ich zu erwerben!« Er aber kos't mit ihr und spricht: »Mein schönes Lieb', o grämt Euch nicht! Nicht denk ich dran, mich zu beweiben; In Eurer Minne will ich bleiben. Die Wahrheit hört, bei meiner Ehre: Wenn Euer Herr gestorben wäre, 50 Um keine Frau gäb' ich Euch hin, Ihr würdet meine Königin.« »Ich dank Euch,« sprach die Dame, »Ihr bringt mir Trost im Grame; Und seid Ihr wirklich mir so hold, Daß Ihr mich nicht verlassen wollt, So will ich wohl auf Mittel sinnen Um Euch für immer zu gewinnen. Leicht schaff' ich meinen Herrn bei Seit, Wenn Ihr mir Eure Hülfe leiht.« Er sprach, es sei sein ganzes Streben, Nur ihrem Willen nachzuleben, Nur ihr zu folgen früh und spat, Ob thöricht oder klug ihr Rath. Da sprach die Dame: »Reitet bald Zu jagen wieder in dem Wald, Der meinem Wohnsitz nicht zu fern, Kehrt ein im Schlosse meines Herrn! Dort laßt zu Ader, pflegt Euch gut, Sorgt, daß mein Herr das Gleiche thut. Am dritten Tag sollt' Ihr ihn laden, Mit Euch im Zimmer sich zu baden. Die Wasser misch' ich dann mit Fleiß, Sein Bad so brodelnd siedendheiß, Daß unterm Himmel lebt kein Mann, 51 Der heil daraus entrinnen kann. Und ist er todt, dann ruft geschwind Zusammen Heervolk und Gesind, Und zeiget ihnen, daß in Frieden Er unvermerkt im Bad verschieden.« – »Der Plan ist gut,« sprach er, »und traun, Ihr sollt auf meine Hülfe bau'n!« Und eh' der dritte Mond verrann Ritt auf die Jagd Herr Equitan; Zur Ader ließ er sich im Schloß, Der Seneschal war sein Genoß. Am dritten Tag ließ er ihn laden, Mit ihm im Zimmer sich zu baden. Die Bäder mischt die list'ge Frau, Das eine heiß, das andre lau, Den siedend heißen Wasserschwall Setzt sie vor's Bett des Seneschal. Der war zu früher Stunde wach Gegangen just aus dem Gemach. Indessen hielt der König warm Das minnigliche Weib im Arm; Sie lagen auf des Herren Bette Und freuten sich der weichen Stätte. Doch an der Thür im Morgenschein Hielt Wacht ein kleines Mägdelein. 52 Da plötzlich kam mit schnellen Tritten Der Seneschal herangeschritten; Er naht sich rasch und pocht im Nu, Das Mägdlein hält die Thüre zu. Doch grimmig wird der Herr gar bald, Er sprengt die Thüre mit Gewalt Und findet kosend Leib an Leib Den König und sein schönes Weib. Auffuhr der König voller Schrecken, Und seine Schande zu bedecken Springt nackt er ohne Sinn und Rath Hinunter in das heiße Bad. Dem konnt' er nimmer heil entrinnen; In Qualen fuhr sein Geist von hinnen. So fiel er in sein eignes Schwert, Der Seneschal blieb unversehrt. Genug sah dieser treue Mann, Die Dame faßt er zürnend an Und stürzt, zu sühnen seine Schmach, Kopfüber sie dem Buhlen nach. Das sollt' des Frevels Ende sein: Sie starben hin in heißer Pein. Wer weisem Wort sich will bequemen, Der kann sich hier ein Beispiel nehmen: 53 Wer And'rer Glück zu schaden glaubt, Dem fällt das Unglück selbst auf's Haupt. Ich sag' in Wahrheit, so geschah's, Und die Bretonen sangen das; Equitan war des Liedes Name Vom Tod des Königs und der Dame. 55   Das Lied von Frêne. Lai del Freisne. Dieses reizende an Griseldis und an bekannte deutsche Märchen erinnernde Gedicht existiert auch in einer schönen, leider unvollständigen altenglischen Uebersetzung aus dem Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, abgedruckt bei Weber, Ancient metric Romances, Edinburgh 1810, I, p. 357  ff.                 Von Frêne hört' ich die Geschichte, Nun horcht mir zu, was ich berichte. Es wohnten im Bretonenland Zwei Ritter einst von hohem Stand, Begütert waren sie und reich, An edler Rittertugend gleich Und gute Nachbarn allezeit. Ein jeder hat ein Weib gefreit. Von Segen schwoll der Einen Schooß, Und als sie ward der Bürde los, Da hatte sie ein Knabenpaar, Darob ihr Herr gar fröhlich war. Er schickt in seinem freud'gen Sinn Dem Nachbarn einen Boten hin, Zu künden ihm, was sich begeben, 58 Wie reich sein Haus an neuem Leben; Des Einen Pathe sollt' er sein Und seinen Namen ihm verleih'n. Bei Tische saß der edle Mann, Da kam in Hast der Bote an; Er kniet beim Hochsitz in den Saal Und meldet, was sein Herr befahl. Den Himmel segnet' der Baron Und gab ein Roß zum Botenlohn. Nur seine stolze Frau allein, Die lächelte gar spöttisch drein. Denn sie war falsch, voll Uebermuth, Böszüngig und ein neidisch Blut; Thörichte Reden sie begann, Und vor den Leuten hub sie an: »Bei Gott! Mich wundert in der That, Wer gab dem guten Mann den Rath, Daß er zu meinem Herren sendet Mit Botschaft, wie sein Haus geschändet? Von der Geburt der beiden Knaben Soll er und sie nur Schande haben: Wohl weiß ich das, ich muß gesteh'n, Niemals geschah's, noch wird's gescheh'n, Daß eine Frau aus eig'ner Kraft Durch eine einz'ge Schwangerschaft 59 Zwei Kinder mag zumal empfahn, Wenn nicht zwei Männer das gethan.« Zwillinge und Drillinge traf im Mittelalter nach dem Volkswahn Verdacht ehebrecherischer Zeugung. (Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer, 2. Auflage p. 456 .) Auch bei den Negern ist noch dieser Wahn heimisch: Une negresse d'Ardra (Guinéa), qui accouche de deux jumeaux, est réputée adultère; on n'imagine pas que le même homme engendre deux enfants. (L'Esprit des Usages et des coutumes des différents peuples. London 1785, T. I, p. 269.) Eine ähnliche Verleumdung findet sich in der Geschichte des Kaisers Octavian. Der Ritter blickt sie strafend an, Und strengen Tones sagt er dann: »Dame,« so sprach er, »haltet ein, Und lasset solche Reden sein! Denn unbescholten lebt die Dame Und guten Klanges ist ihr Name.« Die Leute, die bei Tische saßen, Der schlimmen Rede nicht vergaßen; Sie ward verbreitet und bekannt Ringsum durch's ganze Britenland, Und wer es immer dort vernahm, Der ward der bösen Dame gram, Und alle Frauen in der Runde, Die haßten sie von Herzensgrunde. Der Botschaft trug, der hub sich fort Und sagt dem Herrn das arge Wort. Den Ritter faßte Zorn und Schmerz, Und Zweifelsinn beschlich sein Herz; Das Wort befängt ihn stets auf's Neue, Irr ward er an der Gattin Treue, 60 Und schuldlos hielt er sie gar lang Argwöhnisch in gestrengem Zwang. Die Dame, die so Schlimmes sprach, Fühlt selbst sich Mutter bald darnach, Und als die Zeit vollendet war, Zwei holde Mägdlein sie gebar. Wie fuhr der Schreck ihr durch den Sinn, Gerochen war die Nachbarin. Da ward sie voller Angst und Leid Und klagte mit sich selbst entzweit: »Weh, Weh, wie sich mein Loos gewendet, Ich bin auf immerdar geschändet! Fürwahr, ich kam zu tiefem Fall; Mein Herr und die Verwandten all Verzweifeln ganz an meiner Ehre, Wenn sie vernehmen diese Mähre. Verdammt werd' ich nach eig'nem Recht, Ich sprach von allen Frauen schlecht: Nie, sagt ich einst, ist es gescheh'n, Noch haben wir die Frau geseh'n, Die jemals Zwillinge gebar, – Und nicht zwei Männern willig war. Nun hab' ich selbst Zwillinge hier, Das Schmachwort kehrt zurück zu mir. Der kennt sein eig'nes Schicksal nicht, 61 Wer über Andre Schlimmes spricht, Und Mancher wird von uns geschmäht, Der über uns im Lobe steht. Soll ich nicht ew'gen Schimpf erwerben, So muß der Kinder eines sterben, Ich büß es eh'r am jüngsten Tage, Als daß ich Hohn und Schande trage.« Da tröstet sie der Frauen Schaar, Die Hülfe reichend um sie war, Und alle sagten ihr sofort, Sie dulden nicht des Kindes Mord. Ein Fräulein war am Hofe, Der Dame liebste Zofe, Von gutem Stand und feinen Sitten, Im Haus von Kind auf wohlgelitten, Sie hörte, wie die hohe Dame Sich härmt und weint in herbem Grame, Und wie sie ganz in Aengsten war; Da trat sie tröstend zu ihr dar Und sprach: »Laßt ab! es thut nicht noth! Laßt ab und grämt Euch nicht zu todt! Reicht mir das eine Mägdelein! Ich werd' Euch ganz davon befrei'n, Daß Euch kein Mensch beschimpft und schmäht, Und Ihr es niemals wiederseht. Ich will das Kind, bevor's mag tagen, 62 Gesund und heil zum Münster tragen; Dort findet's, wenn es Gott gefällt, Ein wackrer Mann, der es erhält.« Die Dame, wie sie dieß vernahm, Zumal von allen Sorgen kam. »Ach, solltest du den Rath vollenden. Ich lohne dir's mit reichen Spenden.« Darauf mit Linnen fein und lind Umhüllten sie das holde Kind; In einen Teppich ward's geschoben, So schön wird keiner mehr gewoben; Den hat einst wegen seiner Pracht Der Ritter aus Byzanz gebracht. Mit einem Gürtel ward's umwunden Und ihm ein Goldreif angebunden, Der war wohl eine Unze schwer; Reich von Jachanten funkelt' er, Und in das Gold mit feinem Stift War eingeritzt geheime Schrift; Davon wird Jedem leicht bekannt, Das Mägdlein sei von hohem Stand. Das Fräulein nahm sodann das Kind Und gieng aus dem Gemach geschwind. 63 In tiefer Nacht lag rings die Welt, Sie eilt heraus in's freie Feld, Bis einen Heerweg sie gewann; Der führte ferne durch den Tann. Dort durch das Dunkel schritt sie da, Bis sie den Forst sich lichten sah. Sie folgt dem Heerweg mit Bedacht; Von fernher hört sie durch die Nacht Hofhunde bellen, Hähne schrei'n, Dort muß ein Menschenwohnort sein. Und als den Weg sie rechtshin nahm, Woher der Ruf der Stimmen kam, Da trat das Fräulein allsogleich In eine Stadt gar schön und reich, Und in den Straßen nahebei Lag eine prächtige Abtei, Nonnen, so hört ich, waren drin, Beherrscht von einer Priorin. Das Münster ragt im Mondenschein Mit seinen Thürmen groß und klein, Sie sputet sich, dahin zu geh'n, Und vor der Pforte blieb sie steh'n. Sie legt das Kindlein vor sich nieder Und beugt in Andacht ihre Glieder. »Bei deines Namens Majestät, O Gott, erhöre mein Gebet; 64 Dies Kind, das hier verlassen ruht, Nimm du in deine starke Hut!« Dann stand sie auf demüthiglich Und blickte forschend hinter sich. Da sah sie einen Eschenbaum Hoch ragend mit der Wipfel Saum, Vier starke Aeste dehnt er aus Beschattend weit das Gotteshaus; Darauf legt sie das Mägdelein: »Nun möge Gott dir gnädig sein!« Dann kehrt sie heim zur Dämmerstunde Und sagt der Herrin ihre Kunde. Ein Pförtner war in der Abtei, Der wohnt' dem Thore nahe bei; Aufschloß er, wenn das Volk zur Metten Begehrte nach den heil'gen Stätten. Früh auf war heut der wack're Mann; Er zündet Lamp' und Leuchter an, Er zieht den Glockenstrang im Chor Und öffnet drauf des Münsters Thor; Da schimmert's bunt im Eschenlaub, Er denkt, es sei verborg'ner Raub, Eilt hin, betastet es geschwind – Und findet das verlass'ne Kind. Deß freut er sich im Herzensgrund 65 Und dankte Gott für diesen Fund. Er kehrt in's Haus, vor allen Dingen Es seiner Tochter hinzubringen. Ihr war verstorben jüngst der Gatte, Von dem sie einen Säugling hatte. »Tochter, steh' auf,« so rief der Mann, »Und zünde Licht und Feuer an! Ich bring' ein Kind, schön wie der Tag, Das draußen auf der Esche lag. Nun säug' es mir, leg's in den Arm, Und bad' es gut und halt' es warm!« Auf stand sie nach des Vaters Willen, Mit ihrer Milch das Kind zu stillen; Sie hebt und badet es sogleich Und bettet ihm dann warm und weich; Da schauten sie des Ringes Glanz, Den theuren Teppich von Byzanz Und sagten: »Dieses Mägdelein Muß wahrlich hochgeboren sein.« Als die Aebtissin und die Damen Am Morgen aus der Kirche kamen, Da trat zur Herrin ihr Getreuer Und meldete sein Abenteuer; Sie hieß ihn von der Sache schweigen Und ließ sich seinen Findling zeigen. 66 »Ich will,« so sagte sie dem Alten, »Das Kind wie meine Nichte halten.« Sie trug es selber zum Altar, Und weil nichts zu erkunden war, Als daß man's auf der Esche fand, So ward das Kindlein Frêne genannt. Frêne, altfranzösisch freisne , lateinisch fraxinus , die Esche. Die Dame pflegt' den Schützling gut Und hielt sie lang in sichrer Hut; Verschlossen hinter Thür und Thor, In der Clausur wuchs sie empor. Doch als zur Zeit sie sich entfaltet, Wo die Natur das Weib gestaltet, Da mocht' im Lande der Bretonen Wohl keine schön're Jungfrau wohnen. Nichts Hold'res kann gefunden werden Als ihre Worte und Geberden, Und Jeder, der sie mochte schau'n, Hieß sie das Wunder aller Frau'n. Ein edler Ritter saß zu Dol, Den kannten alle Tapfern wohl; Auch seinen Namen nenn' ich nun: Im Lande hieß man ihn Gurun. Vom Lobe Frêne's vernahm er viel, Bis heiße Sehnsucht ihn befiel. Als einst er vom Turniere kam, 67 Den Weg er durch das Kloster nahm; Nicht konnt' er seinen Wunsch verschweigen Und ließ sich die Gepries'ne zeigen. Da fand er sie so schön und klug, So fein und hold in jedem Zug: Kann er nicht ihre Lieb' erwerben, So wird im Elend er verderben. Ganz rathlos wird er und verwirrt, Wenn oft er wiederkehren wird, Kann's der Aebtissin nicht entgehn, Und nie wird er sie wiedersehn. Da fällt ein sich'rer Weg ihm ein: Er schenkt dem Kloster Länderei'n Gar fruchtbar und von hohem Werth, Der sich von Tag zu Tage mehrt. Dagegen bittet er im Haus Sich einen freien Zugang aus, Und die Fraternität zu haben, Erwünscht er sich für seine Gaben. Doch hegt er einen andern Plan, Als reichen Ablaß zu empfahn, Gar oftmals kam und kehrt er wieder Und setzt sich zu dem Fräulein nieder; So lange drängt er früh und spat, Bis ihm das Kind den Willen that. Als sie so ganz sich ihm geweiht, 68 Da sagt er ihr nach kurzer Zeit: »Mein schönes Lieb', nun ist's gekommen, Daß Ihr zum Trauten mich genommen. So geht denn ganz und gar von hier Und bleibt auf immerdar bei mir. Denn zweifelt nicht, Euch droh'n Gefahren, Wird Eure Muhme dieß erfahren! Und Angst und schweres Leid ersteht, Wenn Ihr mit einem Kinde geht. Drum glaubt und folget meinem Wort: Kommt mit, wir fliehen Beide fort! Mein Lieb', nicht will ich Euch berücken, Nein reich und überreich beglücken!« Und sie, nur ihm allein ergeben, – Sie folgt ihm ohne Widerstreben. Zusammen flohen sie geheim, Nach seinem Schloß führt er sie heim, Nur Tuch und Ring ward mitgenommen, – Das kam ihr einst zu Heil und Frommen. Die gab in einer guten Stunde Ihr die Aebtissin mit der Kunde, Wie sie dereinst der Pförtner fand Hülflos, allein und unbekannt; Drauf schloß sie Beides in den Schrein Gleich einem theuren Kleinod ein; 69 Nichts andres hatte sie besessen, Drum will sie's scheidend nicht vergessen. Der Ritter ehrt' das holde Weib Und liebte sie mit Seel und Leib, Und Niemand war im Schlosse Vom Heergefolg' und Trosse, Der sie nicht hielt gar hoch und werth, Der nicht die Liebliche verehrt. So blieb sie bei dem theuren Mann, Bis daß ein böser Streit entbrann, Denn seine Ritter nah und fern Bestürmten laut den edlen Herrn, Zu werben bei des Landes Großen, Und seinen Liebling zu verstoßen; »Sie freuten sich, wenn einen Erben Von edlem Stamm er sollt' erwerben, Der nach ihm Ordnung hielt und Recht, Fortpflanzend sein erlaucht Geschlecht, Doch werd' er nie den Aufruhr stillen, Wenn er der niedern Kebsin willen Sich keinen Erben wollte zeugen, – Nicht zwingen werd' er sie, nicht beugen: Zerbrochen sei die Lehenspflicht, Folg' er des Landes Willen nicht.« Der Lehnsherr mußte sich bequemen, 70 Und er verhieß, ein Weib zu nehmen. »Herr,« sagten sie, »wir sprachen schon Mit einem mächtigen Baron; Es liegt sein Gut nicht allzufern, Nur eine Tochter erbt den Herrn, La Codre ist die Maid genannt, La codre , neufranzösisch le coudre , der Haselstrauch ( corylus ), eine mit der Liebe in geheimnißvollem Zusammenhang gedachte Pflanze. Und keine schön're lebt im Land. So laßt, o Herr, die Esche steh'n; Zur Haselstaude sollt Ihr geh'n, Laßt Euch den harten Kern behagen, Die Esche hat nie Frucht getragen. Gott gebe diesem Bund Gedeih'n! Wir wollen Eure Werber sein.« – Sie thaten Alles unverdrossen, Die Heirath ward nach Brauch geschlossen. – Ach, kann was Seltneres ergeh'n, Als diesen Fräulein ist gescheh'n? Es hatte noch kein Mensch erfahren, Daß beide Zwillingsschwestern waren. Die Eine schaffte man bei Seite, Ihr Liebster wirbt nun um die Zweite. Das Fräulein hörte den Bericht, Kein Schmerz kam auf ihr Angesicht, Sie dient getreu dem Herren fort 71 Und ehrt sein Volk mit Gruß und Wort. Die Ritter all' im Herrenschloß, Die Edelknaben und der Troß, Sie grämten sich gar sehr und grollten, Daß sie die Maid verlieren sollten. Der Ritter lud am Hochzeitstag All' seine Freunde zum Gelag Und auch den Erzbischof von Dol, Der war sein Lehnsmann, hört' ich wohl. Da führte man die Braut in's Haus, Auch ihre Mutter blieb nicht aus; Die fürchtete des Fräuleins Macht, Für die der Herr in Lieb' entfacht, Er möcht' sein Weib um ihretwegen Nicht mit der rechten Liebe pflegen. Drum hatte die Gebieterin Für den Baron den Rath im Sinn, Sich einen wackern Mann zu wählen, Und ihm das Mädchen zu vermählen. Die Hochzeit hielten sie mit Pracht, Viel ward gejubelt und gelacht. Auch Frêne, das holde Mägdelein, Gieng durch die Zimmer aus und ein, Nicht zeigt ihr Wesen Gram noch Groll, Ihr Antlitz war so liebevoll, 72 Sie gieng mit sanften Mienen, Der fremden Braut zu dienen. Und alle Gäste ringsumher, Die wunderten sich dessen sehr. Die Mutter folgt ihr mit dem Blick, Es jammert sie dies Mißgeschick, Sie liebt und lobt ihr Thun im Stillen: »Ach, daß um meines Kindes willen, Dir alle Freude muß vergeh'n! O könnt' es anders doch gescheh'n!« – Doch als die Nacht sich rings verbreitet, Da ward das Hochzeitbett bereitet; Hingieng die Maid von Tanz und Schmaus, Zog eilig ihren Mantel aus Und rief den Kämmerling heran; Ihn zu belehren sie begann, Wie es ihr Herr am liebsten hätte; Wohl kannte sie des Freundes Bette. Und als das Lager wohl gepflegt, Ward eine Decke drauf gelegt. Die Maid erschaute da betroffen, Daß sie von altverblichnen Stoffen; Das ward ihr leid, ihr dünkt mit Fug, Die Decke sei nicht schön genug, Und ihren Teppich bunt und fein 73 Holt sie aus ihrem Kämmerlein Und legt ihn freudig dienstbeflissen Hin auf des Hochzeitbettes Kissen. Als das Gemach verlassen war, Da führt ihr Kind die Dame dar: »Nun Tochter, es ist Schlafenszeit, Entkleidet Euch und seid bereit!« Da sah die Frau die bunten Falten, Die von dem Lager niederwallten, Das war ganz jenes Teppichs Art, Darein ihr Kind gewickelt ward; Als ihr sein Angedenken kam, Da bebt ihr Herz in Reu und Gram. Sie rief dem Kämmerling heran: »Bei deiner Treue, sag' mir an, Wo ward das schöne Tuch gefunden?« Er sprach: »Das kann ich wohl erkunden. Das Fräulein, also nahm ich Acht, Hat diesen Teppich hergebracht, Ihr schien zu schlecht des Lagers Zier, Mich dünkt, das Tuch gehöret ihr!« – Da rief die Dame nach der Maid, Sie nahte mit Bescheidenheit Und legt den Mantel nieder, Die Dame fragte wieder: 74 »Verhehlt mir nichts, sagt an geschwind, Woher ist dieser Teppich, Kind? Erzählt mir, wie's damit ergangen, Und sagt, von wem Ihr ihn empfangen!« Das Fräulein drauf antwortet ihr: »Frau, meine Muhme gab ihn mir, Die mich erzog in jungen Jahren, Sie sprach, ich sollt' ihn wohl bewahren, Ein Ringlein noch ward mir als Pfand Von denen, die mich ihr gesandt.« – »Du Holde, kann den Ring ich seh'n?« – »Ja Dame, das mag gern gescheh'n.« – Sie bracht' ihr schnell das Ringlein da, Als das die edle Dame sah, Wie wohlbekannt war ihr sein Glanz Gleichwie der Teppich von Byzanz! Der Zweifel all ist überwunden, Sie hat ihr Töchterlein gefunden. »So sag' ich's denn vor Aller Ohren: Du bist mein Kind, das ich verloren!« Vom Jammer ward ihr Herz so krank, Daß sie bewußtlos niedersank. Doch als sie kam zu Sinn und Wort, Schickt sie nach ihrem Herrn sofort; Der eilte her von Schrecken bleich, Ihm fiel zu Füßen sie sogleich, 75 Hielt seine Kniee fest umschlossen Und küßt sie thränenüberflossen. »Vergebt mir, Herr, was ich verbrach!« Er wußte nicht, wovon sie sprach. »Was soll das, Dame? Sagt, fürwahr! Wir lebten friedlich immerdar. Vergebung ist Euch ganz gewährt; So sagt mir nur, was Ihr begehrt?« – »Da Ihr verziehen meine Sünden, So will ich Alles Euch verkünden. Ihr wisset, wie ich unbedacht Dereinst die Nachbarin verlacht; Von ihren Kindern sprach ich schlecht, Doch meine Bosheit ward gerächt. Denn, als ich bald darauf gebar, Entwand sich mir ein Mädchenpaar. Das eine Kindlein setzt' ich aus Unfern an einem Gotteshaus, Mit unserm Teppich ward's umwunden Und ihm der Goldring angebunden, Den ich empfieng, da Ihr als Braut Zum ersten Male mich geschaut. Nicht länger bleib' es Euch verschwiegen: Hier seht Ihr Ring und Teppich liegen. Wißt, daß mein Kind ich wiederfand, Das meine Thorheit einst verbannt. 76 Dies Fräulein ist's, von der Ihr wißt, Wie standhaft, schön und klug sie ist, Die um den Ritter kam in Leid, Der ihre Schwester heut gefreit.« – Da sprach der Herr: »Deß bin ich froh, Ich war's im Leben niemals so. Ist uns auf's Neu' dieß Kind bescheert, So hat uns Gott groß Glück gewährt, Bevor verdoppelt ward die Schuld. – Kommt, Tochter!« sprach er voller Huld. Hin war des Fräuleins Herzensnoth; Ihr Antlitz wurde freudenroth. Nicht säumt ihr Vater, der Baron, Er gieng zu seinem Schwiegersohn, Er und der Erzbischof daneben, Und kündet ihm, was sich begeben. Als das der edle Herr vernahm, Sein Herz in Glück und Freuden kam. Der Erzbischof rieth ihnen nun: »Laßt diese Nacht die Sache ruh'n, Dann will am Morgen ich die Beiden, Die heute Neuvermählten, scheiden.« – Beschlossen ward, daß es geschehe, Am Morgen lös'ten sie die Ehe. Drauf ward dem Herrn für's ganze Leben Sein treues Lieb' zum Weib gegeben. 77 Der Vater schenkte hold gesinnt Das halbe Erbgut seinem Kind; Er und die Dame blieben Gäste Auf ihrer Tochter Hochzeitfeste, Und als ihr Zug nach Hause ritt, Da nahmen sie La Codre mit, Der ward ein Nachbar auserwählt, Mit dem man prächtig sie vermählt. Als dieses Abenteuers Kunde Verbreitet ward von Mund zu Munde, Geschah's, daß man dies Lied erfand, Das nach der Dame Frêne genannt. 79   Das Lied vom Werwolf. Lai du Biclaberet. Eine spätere Bearbeitung dieses Gedichtes findet sich im Roman du Renard Contrefait von dem Clerc de Troyes . ( Collection des poètes champenois antérieurs au XVI e  siècle, Reims 1851, p. 138: L'histoire de Biclarel. )               Soll ich ein neues Lied euch schenken, Dann will ich Bisclavrets gedenken. »Bisclavret« heißt's bei den Britannen, Doch »Garwalf« nennen's die Normannen. Man hört' es viel in frühern Tagen, Und oft hat es sich zugetragen, Daß Menschen nahmen Wolfsgestalt Und hausten in dem tiefen Wald. Der Werwolf ist ein Thier ergrimmt; Wenn ihm die Wuth den Sinn benimmt, Dann ras't er schlimm, bringt Menschen um Und treibt sich wild im Forst herum. Bisclaveret ist ein corruptes bretonisches Wort, vielleicht bleiz-garu ( bleiz Wolf, garu bretonisch bös: – oder das normannische garou , garulf , Werwolf). Ueber die Vorstellung vom Werwolf verweise ich auf meine Abhandlung: Der Werwolf, Beitrag zur Sagengeschichte. von Dr. W. Hertz, Stuttgart 1862. Doch will ich hiernach nimmer fragen Und will von Bisclavret euch sagen. Im Britenland ein Ritter war, Den hört' ich loben wunderbar; An Huld und Schönheit auserlesen Und adlig war sein ganzes Wesen. 82 Von seinem Herrn ward er geehrt, Und allen Nachbarn war er werth. Er nahm ein Weib von jungen Jahren Und schönem, trefflichem Gebahren. Sie liebten Beide sich gar sehr, Doch eine Sache ward ihr schwer: Daß in der Woche der Gemahl Drei Tag' sich heimlich von ihr stahl, Und daß es Niemand ward bekannt, Wohin er sich die Zeit gewandt. An einem Tag kam er zurück Und schien in Freuden und im Glück, So daß zu forschen sie begann. »Freund,« sprach sie, »lieber, süßer Mann! Ich wollte dich wohl etwas fragen Gar gerne, dürft' ich's vor dir wagen; Doch bangt mir, Du wirst zornig werden, Und Schlimm'res fürcht' ich nicht auf Erden.« Da hielt er innig sie umfangen Und küßt ihr schmeichelnd Mund und Wangen. »Dame,« so sprach er, »sagt es frei, Was immer diese Sache sei, Weiß ich's, so sag' ich's Euch genau.« – »Ich bin geborgen,« sprach die Frau, »In Aengsten leb' ich früh und spät Die Tage, wenn Ihr von mir geht. 83 Beim Aufstehn, Herr, da wein' ich lang, Euch zu verlieren wird mir bang. Soll mich nicht bald ein Trost erlaben, So werd den Tod ich davon haben. Nun sagt mir doch, wohin Ihr flieht Und wo Ihr hin und wieder zieht! Ihr liebet wo, so scheint es mir, Und ist es so, dann sündigt Ihr.« »O Frau,« rief er, »um Gottes Gnaden Ich werde Unheil auf mich laden; Ihr liebt mich nimmer, thu' ich's kund, Und selber richt' ich mich zu Grund!« Sie brennt zu wissen, was es sei; Mit allem Zaudern war's vorbei: So vielmals fragte sie den Mann Und schmeichelt' ihm und schwatzt' ihn an, Bis er die Mähre ganz erzählte Und ihr kein einz'ges Ding verhehlte. »Ich geh' des Werwolfs Haut zu tragen Und in dem großen Forst zu jagen, Da wo am dichtesten das Laub; Von Beute nähr' ich mich und Raub.« – Als er dies Alles ihr gesagt, Da hat sie weiter ihn gefragt, 84 Ob er bekleidet immerdar. Er sprach: »Nackt geh' ich ganz und gar.« – »Wo legt Ihr dann die Kleider nieder?« – »Laßt das!« so sprach der Herr dawider, »Ich kann's nicht sagen, wie ich's wollte, Denn wenn ich sie verlieren sollte, So blieb ich Wolf hinfort auf Erden. Mir könnte keine Hülfe werden, Bis ich sie wieder aufgefunden. Drum soll mir dieß kein Mensch erkunden.« Sie spricht, indem sie fest ihn hält: »Ich lieb Euch mehr als alle Welt! Mir dürft Ihr nichts verschweigen; Wollt Ihr mir Zweifel zeigen? Das wär' kein Zeichen Eurer Huld, Ach Gott, was ist denn meine Schuld, Daß Ihr mir nimmer wollt vertrau'n? Sagt mir's, laßt Eure Lieb' mich schau'n!« Sie hört nicht auf, ihn so zu quälen, Und Alles mußt' er ihr erzählen: »Im nächsten Tanne nah dem Wege, Auf welchem ich zu wandeln pflege, Steht eine alte Waldkapelle, Gar dienstlich ist mir diese Stelle. Dort liegt ein hohler Stein versteckt, Von dichtem Buschwerk überdeckt. 85 Da halt ich bis zum vierten Morgen Im Dunkel mein Gewand verborgen.« – Die Dame hörte den Bericht, Geröthet ward ihr Angesicht, Entsetzen bebt ihr durch die Glieder; Von Stund an sann sie hin und wieder, Wie sie sich von ihm scheiden sollte, Da sie sein Bett nicht theilen wollte. Ein Ritter saß im Land nicht weit, Der hatte lang um sie gefreit, Er war getreu in seinem Lieben Und stet in ihrem Dienst geblieben. Sie hat ihm keinen Blick gewährt; Er schien ihr wenig liebenswerth; Doch nun ward ihm ein Brief gesandt, Daß sich ihr Sinn ihm zugewandt. Sie sprach: »Mein Freund, habt frohen Muth, Ich will das lang ersehnte Gut Euch allsogleich zu eigen geben, Ihr habt mich ohne Widerstreben. Geht aus auf süße Abenteuer! Mein Lieben und mein Leib ist Euer.« Er dankt ihr schön mit freud'gem Sinn, Und sie gab ihren Schwur ihm hin; Drauf kündet sie dem Buhlen bald 86 Des Gatten heimlich Thun im Wald. Sie schickt ihn aus, das Kleid zu holen, Und so ward Bisclavret bestohlen. Er kam in Unheil und Verrath Durch seines Weibes Missethat. Weil er so oft geschieden war, So dünkt es Allen offenbar, Daß er nun ganz und gar von dannen. Lang suchten ihn die treuen Mannen; Doch wurde keine Spur gefunden, Er blieb verschollen und verschwunden. Bald nahm die Dame zum Gemahl Den Ritter, der die Kleider stahl. Ein Jahr vergieng, so hört' ich sagen, Da ritt der König aus zu jagen; Grad nach dem Orte ritt er dar, Wo Bisclavret gelagert war. Man ließ den Hunden freien Lauf, Sie scheuchten bald den Werwolf auf, Die Meute trieb ihn fort im Flug, Und ihnen folgt der Jägerzug. Bald hätten sie mit grimmen Bissen Den Wolf gefangen und zerrissen; Da sieht den König er nicht fern, Und Hülfe sucht er bei dem Herrn. 87 Den Bügel hält er, wie zum Gruß Leckt er ihm bittend Bein und Fuß, Und Mitleid hat den Herrn befallen, Er rief den Jagdgenossen allen: »Ihr Herrn,« so sprach er, »kommt heran Und schauet dieses Wunder an! Wie sanft sich schmiegt das wilde Thier, Es sucht wahrhaftig Schutz bei mir. Wohlan denn, treibt zurück die Meute, Auch schlag ihn keiner meiner Leute! Er hat Verstand und Menschensinn, Brecht auf! Wir ziehn zum Schlosse hin, Nicht sei dem Thier mein Schutz versagt; Wir haben heut genug gejagt.« – Er kehrt sich, als er solches sprach; Da folgt der Bisclavret ihm nach; Nicht weicht er von des Königs Roß Und geht mit ihm hinein in's Schloß. Dort nahm der Fürst das Thier in Hut Und hielt es werth und pflegt es gut, Einschärft' er Allen in der Nähe, Daß ihm von Keinem Leid geschehe. Im Kreis der Ritter jeden Tag Das Thier an seiner Seite lag, Es war ganz folgsam, treu und zahm, Daß nie ein Mensch in Aengsten kam. 88 Und wohin auch der König schritt, Da gieng es als Begleiter mit, Und allen war es offenbar, Daß ihm der König theuer war. Nun hört, was ferner ist geschehn: Einsmals da hieß der König gehn Auf einen Hoftag die Barone, Die Lehenträger seiner Krone, Und alle sind sofort erschienen, Um glänzend ihm beim Fest zu dienen In reichem Schmucke naht sich auch Der Ritter, der nach schlimmem Brauch Bisclavrets Frau zum Weibe nahm; Nicht mocht' er ahnen, als er kam Und sich im Schloß ergötzen wollte, Daß er so nah ihn finden sollte. Der Wolf erschaut ihn und im Nu Fährt vollen Sprungs er auf ihn zu, Er zerrt ihn vor mit festem Biß Und thät ihm großes Leid gewiß, Folgt' er nicht seines Herrn Gebote, Der ihm mit einem Stocke drohte. – Noch zweimal griff der Wolf ihn an, Darob erstaunte Jedermann, Denn niemals hatte solch Gebahren 89 Ein andrer Mensch von ihm erfahren. Das schien dem ganzen Hause kund, Er thue das nicht ohne Grund, Und irgend ein geheim Verbrechen Woll' er an jenem Ritter rächen. So nun verblieb es diesen Tag; Doch als zu Ende das Gelag, Da nahmen Urlaub alle Gäste Und zogen heim vom Königsfeste. Von jenem Ritter ist mir's klar, Daß er der Ersten einer war, Den Bisclavret so grimm gefaßt; Mich wundert's nicht, wenn der ihn haßt. Gar bald ist es daraus gekommen, Mich dünkt, ich hab es wohl vernommen Daß jagen ritt zum Forst nach Wild Der König, der so klug und mild, Im Thal, wo man das Thier gefangen; Das ist auch diesmal mitgegangen. Als er mit Jagd den Tag verbracht, Blieb in der Gegend er zur Nacht. Bisclavrets Dame ward es kund, Sie schmückt sich aus zu früher Stund Und kam zum Herrn, mit holden Mienen Und reichen Gaben ihm zu dienen. 90 Sie sah der Wolf, da zürnt er sehr, Und Niemand konnt' ihn halten mehr, Und ganz wie toll lief er sie an, Nun hört, was er im Grimm begann! Er riß die Nas' ihr vom Gesicht; Für sie gab's härt're Strafe nicht. Viel ward gescholten und gekreischt, Sie hätten gänzlich ihn zerfleischt, Hätt' nicht ein weiser Mann gesprochen: »Herr König, laßt es ungerochen! Lang war um Euch dies treue Thier, Und traun von uns ist Keiner hier, Der es nicht oftmals mochte sehn Und ihm ganz nah zur Seite gehn. Doch keinen hat es je berührt, An ihm ward Tücke nie verspürt, Nur dieser Dame schuf er Leid. Nun glaubet mir bei meinem Eid: Er heget einen Zorn zumal Auf sie und ihren Ehgemahl. Sie hat der Ritter einst gefreit, Der Euch so lieb war lange Zeit, Den wir so lange nun vermissen, Von dessen Schicksal wir nichts wissen. Herr, so verhört die Dame strenge, Bringt sie mit Fragen in die Enge, 91 Warum das Thier sie haßt so heiß, Und laßt sie's sagen, wenn sie's weiß. Manch Wunder haben wir gesehn, Das im Bretonenland geschehn.« Der König glaubt dem Rath des Alten, Der Ritter ward zurückgehalten, Beiseit führt man die Dame jetzt, Mit Fragen wird ihr zugesetzt, Aus Angst und Schrecken sagt sie an, Was mit dem Buhlen sie ersann, Wie sie verriethen den Gemahl Und wie man ihm die Kleider stahl. Sie glaube wohl, sagt sie dabei, Daß dieses Thier Bisclavret sei. Der König drauf verlangt das Kleid, Ob es ihr lieb sei oder leid, Und unverzüglich läßt er's holen Und giebt dem Wolf, was ihm gestohlen. Hin vor das Thier wird es gebracht, Das liegt und nimmt es nicht in Acht; Da kam der alte Mann genaht Und gab dem Herrn den zweiten Rath: »Ihr thut nicht recht in diesen Dingen, So wird er's nimmermehr vollbringen. Er streift vom Leib die Thierhaut nicht 92 Vor eurer Aller Angesicht. Ihr wißt nicht, was da wird geschehn, Mit Scham nur müßt' er vor Euch stehn. In Eure Zimmer laßt ihn führen, Die Kleider mit, die ihm gebühren. Dort laßt ihn eine lange Stunde, Dann soll uns werden sichre Kunde.« – Der König eilt, ihn hinzuführen Und sperrte hinter ihm die Thüren. Drauf gieng er zur bestimmten Zeit Zwei Ritter waren sein Geleit. Sie wandeln eilends nach der Stätte, Und auf des Königs eignem Bette Da schlummert der Baron in Ruh; Der Fürst eilt freudig auf ihn zu, Er hält ihn liebevoll umfangen Und küßt ihm hundertmal die Wangen; Belehnt ihn drauf in wenig Tagen, Mehr gab er, als ich weiß zu sagen. Die Dame aber ward verbannt Und ausgetrieben aus dem Land, Und mit ihr gieng ihr zweiter Gatte, Dem sie den Herrn verrathen hatte. Viel Kinder wurden diesen Beiden, Von andern leicht zu unterscheiden: 93 Von Ansehn sind sie wundersam, Viel Frauen giebt's von ihrem Stamm, Das kam mir wahrlich oft zu Ohren, Die ohne Nasen sind geboren, So gleichen sie bestraften Schächern Und schnöd verstümmelten Verbrechern. Esnasées – exnasatae , das Nasenabschneiden war eine schmachvolle Strafe im Mittelalter. Doch dieser seltsame Bericht Ist volle Wahrheit, zweifelt nicht! Daß sein Gedächtniß nicht vergeht, Singt man das Lied vom Bisclavret. 95   Das Lied von Lanval. Dieses prächtige Feenmärchen scheint unter den Lais der Marie de France den meisten Anklang gefunden zu haben; es ist uns in drei Handschriften erhalten und wurde zweimal in's Altenglische übersetzt. Im Gang der Handlung lehnt es sich an ein älteres Lied, das Lai von Graëlant , welches von Roquefort gleichfalls aber mit Unrecht Marie de France zugeschrieben wurde. Die in roherer Form erzählte Geschichte ist folgende. Graelant ist ein Ritter am Hofe des Königs von der Bretagne, dessen schöne Gemahlin in Liebe für ihn entbrennt, als er ihre Werbung zurückweist, verleumdet sie ihn beim König, so daß ihm dieser alle Unterstützung entzieht und ihn verarmen läßt. Da lockt den Ritter eines Tags eine Hindin zu einem Bach im Wald, wo eine schöne Dame badet; er raubt ihr die Gewande und unterwirft die Spröde mit Gewalt seiner Minne. Nun giebt sie sich als Fee zu erkennen und stellt an ihn dieselben Anforderungen, wie Lanvals Geliebte (im englischen Gedicht Tryamour geheißen). Er wird reich und zieht auf ein Turnier an den Hof; dort läßt der König vor den versammelten Gästen seine Gemahlin erscheinen und fragt, ob ein schöneres Weib auf Erden sei. Alle bewundern einstimmig ihre Schönheit, Graelant allein blickt vor sich hin und schweigt. Die Königin bemerkt es und macht den König aufmerksam, daß Graelant sie nicht loben wolle. Nun wird der Ritter zu einer Erklärung gedrängt: er hält dem König die Thorheit vor, seine Frau zur Schau auszustellen, und fügt bei, daß er übrigens eine Dame kenne, welche dreißig solcher aufwiege. Darauf wird er in Anklagestand versetzt und die Geschichte verläuft wie im Lai de Lanval . Nur ist Graelants Fee nicht so schnell wegen seines Wortbruchs zu versöhnen, sie flieht vor ihm in die Waldquelle, er stürzt ihr nach, aber sie setzt ihn wieder an's Ufer, erst als er zum zweiten Mal in das Wasser springt und schon von den stürmischen Wellen fortgerissen wird, fühlt sie Erbarmen mit ihm und entführt ihn in ihr Land. Die Bretonen glauben, daß Graelant immer noch lebe. Sein Roß aber kam lange noch alljährlich an die Stelle, wo es ihn verloren hatte und suchte mit Wiehern und Scharren den verschwundenen Herrn. – Graelant ist, wie das Lied selbst sagt, der alte halbmythische Bretonenheld Graalant-Mor aus dem fünften Jahrhundert, von dem sich noch bis in die neuere Zeit Sagen und Lieder erhalten haben.               Nun will ein andres Lied ich wählen, Sein Abenteuer euch erzählen, Bretonen heißen es Lanval, Das war ein adlicher Vasall. Zu Carduel im Königsschloß Hielt Artus Hof mit reichem Troß, Er lag im Kampfe mit den Rotten Der wilden Pikten und der Schotten, Die Logrien gar hart beschwerten, Logrien , Lloegrwys , ein alter wälischer Name für England. Mit Raub und Brand das Land verheerten. Auf einen Pfingstentag geschah's, Daß Artus dort zu Hofe saß, Mit reichen Gaben zu belohnen All seine Grafen und Baronen, Die Herren von der Tafelrunde, Von keinen Bessern ward mir Kunde. Er theilt an alle Land und Macht, Ein einz'ger nur blieb unbedacht, 98 Es war Lanval, den er vergessen, Und auch kein Andrer mahnt ihn dessen; Denn Lanval's Schönheit, Lanval's Stärke Und seine ritterlichen Werke Hat längst das Höflingsvolk beneidet, Und so war er den Herrn entleidet, Daß keiner sich beklagen wollte, Wenn ihn ein Unfall treffen sollte. Er war von königlichem Blut, Doch ferne lag sein Vätergut. Lang hat im Hofstaat er verweilt Und seine Habe ganz vertheilt, Denn Artus hat ihm nichts bescheert, Noch Lanval selbst etwas begehrt. Da kam der Held zu trübem Sinn, Er dacht' in Nöthen her und hin. Ihr Herren, stoßt euch nicht daran, Er war ein rathlos fremder Mann; Weh, wenn ihr fern der Heimaterde Nicht wißt, woher euch Hülfe werde! Der Ritter, den ich euch genannt, Der lang in Königs Diensten stand, Schwang eines Tages sich zu Roß Und ritt zur Kurzweil aus dem Schloß. Fern aus der Stadt lenkt er den Lauf 99 Und ritt an einem Fluß hinauf, Der reißend über Wiesen floß; Da scheut' und schwindelte sein Roß, Er löst den Gurt ihm, läßt es grasen Und wälzen sich auf grünem Rasen. Er selber legt sich in die Kühle Und nimmt den Mantel sich zum Pfühle, Der Sorgen voll und wenig munter Liegt er und blickt den Strom hinunter. Da sieht er fern zwei Fräulein nah'n, Schön, wie sie nie die Augen sah'n; Ein dunkles purpurnes Gewand Hielt ihre Lenden knapp umspannt, Ihr Kleiderschmuck war reich und licht, Und lieblich war ihr Angesicht. Die Aeltre trug ein Becken fein Von zierem Golde klar und rein; Nicht will ich mich vom Wahren wenden, Die Andre trug ein Tuch in Händen. Sie giengen grad dem Orte zu, Wo Lanval pflag der Mittagsruh. Lanval, der wohlerzogne Degen, Sprang auf und gieng den Frau'n entgegen. Sie grüßten ihn mit holdem Mund Und thaten ihre Botschaft kund: »Sir Lanval, unser Fräulein zart, 100 Die gar von schöner, hoher Art, Schickt uns zu Eurem Frommen: Wollt Ihr nicht mit uns kommen? Wir führen sicher Euch zu ihr, Das Lustzelt steht nicht fern von hier.« – Schnell ward der Held ihr Weggenoß, Nicht länger dacht' er an sein Roß, Das vor ihm gras't im grünen Feld; Sie kamen bald zum Lustgezelt, Das war so herrlich, daß gewiß Die Königin Semiramis, – Wär' sie auch von noch klüg'rem Wesen, Noch reicher, mächtiger gewesen, – Selbst Kaiser Octavian der Hehre Zu arm, um es zu kaufen, wäre. Ein Adlerbildniß sah man ragen, Nicht weiß ich seinen Werth zu sagen, Noch den der Pflöcke und der Seile, Die hielten des Gezeltes Theile. Und eine Jungfrau liegt darin, Vor deren Schönheit schwindet hin Der Lilie Glanz, der Rose Glühen, Die jung in Sommertagen blühen. Der Stoff des Bettes ist so reich, An Werth wohl einem Schlosse gleich, Darauf die holde Jungfrau liegt 101 Allein vom leichten Hemd umschmiegt, So ruht ihr Leib nur halb bedeckt In ihres Mantels Pracht versteckt. Hervor aus Purpur und Hermin Enthüllt die volle Hüfte schien, Und bloß war Antlitz, Hals und Brust, Die war so zart wie Weißdornblust. Da trat in's Zelt der edle Mann, Die schöne Jungfrau rief ihn an; Zu ihr an's Bette setzt er sich, Sie sprach: »Mein süßer Freund, um dich Komm ich aus weiten Landen her, Nur dich zu schau'n ist mein Begehr. Und bist du ritterlich und brav, So soll kein Kaiser und kein Graf Mehr Freuden schau'n in diesem Leben, Denn ich bin ganz dir hingegeben.« – Er sieht sie liegen freudetrunken, Ihm fällt in's Herz der Minne Funken, Und jählings lodert die Begier; Mit holden Blicken sagt er ihr: »Und seid Ihr, Schöne, so gesonnen, Schenkt mir mein Schicksal solche Wonnen, Daß Ihr mich wollt zum Liebsten wählen, 102 So sollt Ihr nichts mir anbefehlen, Was ich nicht bringe rasch zur That, Ob thöricht oder klug der Rath. Ich dien' Euch ganz mit Herz und Hand, Um Euch verlaß ich Leut' und Land. Fürwahr das schwerste meiner Leiden, Das wäre, mich von Euch zu scheiden!« Als so die Maid ihn reden hört, Die ganz in Minne ihm gehört, Da giebt sie Alles ihm in Pflege, Nun ist er auf dem rechten Wege. Und sie bescheert ihm eine Gabe, Nicht braucht er ferner and're Habe: Daß Alles ihm soll werden, Was er nur wünscht auf Erden, Daß Gold ihm wächst in seinen Händen, Je mehr er dessen mag verschwenden. »Ich rath Euch, Freund,« so sprach sie dann, »Ich bitt Euch und befehl Euch an, Thut Niemand diese Mähre kund! Denn, Liebster, merket wohl den Grund: Auf immer wär' ich Euch verloren, Käm' uns're Lieb' in Menschenohren; Nie sollt Ihr Blick und Kuß erneu'n, Noch meines Leibes Euch erfreu'n.« – 103 Da gab er eifrig das Versprechen, Nie das Geheimniß ihr zu brechen. Er blieb dem Bett nicht länger fern, Gar süße Herberg ward dem Herrn, Und es begann zu nachten, Eh' sie an's Aufsteh'n dachten, Doch länger wär' er noch geblieben, Hätt' ihn sein Lieb' nicht fortgetrieben. »Auf, süßer Freund, wir müssen eilen, Ihr dürfet hier nicht länger weilen. Geht Ihr hinweg, ich bleibe hier, Doch hört zuvor noch dieß von mir, Wenn Euer Herz verlanget mein, So wird kein Ort auf Erden sein, Auf dem man mag mit Ehren Nach seinem Lieb' begehren, Wo ich nicht alsbald Euch erscheine Und Euch in Minne mich vereine. Kein Mensch hört meiner Stimme Laut Und nur von Euch werd ich erschaut.« – Er küßt die Schöne freudenreich, Dann ward bekleidet er sogleich, Die Botinnen, die Fräulein beide, Umhüllten ihn mit Gold und Seide. Da mochte auf der weiten Erden Kein schön'rer Held gefunden werden, 104 Der auch so klug und höfisch war. Sie reichten ihm drauf Wasser dar, Das Tuch zum Trocknen, und sodann Führt man zu Tisch den feinen Mann. Mit der Geliebten nahm Lanval Ein köstlich reiches Abendmahl, Sie legt ihm vor mit heitern Mienen, Er läßt sich freudig so bedienen. Doch süß und lieblich deucht ihm gar, Was ihre Zwischenspeise war: Mit Mund an Mund zu liegen Und Leib an Leib zu schmiegen. Doch als die Mahlzeit war vorbei, Da führten sie sein Roß herbei, Gar schön gesattelt, auf der Welt Fand nie solch reichen Dienst ein Held. Er nahm drauf Urlaub, sprang zu Roß Und ritt zurück zum Königsschloß. Gar oftmals blickt er hinter sich, Und Schmerz und Sehnsucht ihn beschlich. Er sann, was ihm begegnet wäre, Und wie ein Traum däucht ihm die Mähre, Er schwankt, soll er auf Worte bau'n? Wird er sie jemals wiederschau'n? 105     Zur Herberg ritt er ein und fand Die Mannen all im Festgewand: Er hielt ein prächtig großes Haus, Theilt' ungezählte Gaben aus, Ob's ihn gleich selber Wunder nahm, Woher ihm all der Reichthum kam. Es weilt kein Ritter in der Stadt, Der Hülf und Obdach nöthig hat, Den Lanval nicht zu sich entbeut, Mit edler Gastlichkeit erfreut. Lanval schenkt Gaben reich und groß, Lanval kauft die Gefangnen los, Lanval reicht Kleider den Jongleren, Lanval kommt zu gewalt'gen Ehren. Hei, wie sein Herz in Freuden lacht! Sei es bei Tag, sei es bei Nacht, Stets kann er schau'n sein Lieb im Stillen, Und Alles geht nach seinem Willen. Im selben Jahr begab sich's dann, Bald nach dem Fest von St. Johann, Daß dreißig Ritter hochgeboren Zur Kurzweil zogen aus den Thoren Nach einem schatt'gen Garten hin, Nah bei dem Thurm der Königin; Und unter ihnen war Gawain 106 Mit seinem schönen Freund Iwein. So sprach Gawain, der kampfgewandte, Den jeder liebte, der ihn kannte: »Bei Gott! Ihr Herren, hört mich recht! Wir handelten an Lanval schlecht, Der ein so höfischer Baron Und eines mächt'gen Königs Sohn, Daß, als wir aus dem Schlosse kamen, Wir ihn nicht mit zum Spiele nahmen.« Da zogen sie vor Lanvals Haus Und führten ihn mit sich hinaus. In dem durchbrochnen Fenster lag Die Herrin diesen Nachmittag, Drei Damen saßen neben ihr. Die Königin sah mit Begier Auf Lanvals blühende Gestalt, Der Damen eine rief sie bald, Nach allen Fräulein auszuschicken, Den schönsten, die am Hof zu blicken, Daß sie mit der Gebieterin Lustwandelten zum Garten hin. Wohl mehr als dreißig ließ sie rufen Und stieg hinab des Thurmes Stufen. Gar fröhlich wandten sich die Degen Den königlichen Frau'n entgegen, 107 Und führten zierlich und gewandt Die Damen plaudernd an der Hand. Lanval gieng abseits durch den Garten Allein in sehnendem Erwarten; Ihn drängt's, die Liebste zu empfangen, An ihrer schönen Brust zu hangen, Und dem, der solches Glück begehrt, Dünkt Andres nicht begehrenswerth. Als ihn ersah die Königin, Gieng ungesäumt sie zu ihm hin, Saß nieder zu dem theuren Mann Und sagt ihm all ihr Sehnen an: »Lanval, ich hab' Euch stets geehrt, Ihr seid mir lieb und innig werth. Mein ganzes Herz ist Euer, Sagt mir, bin ich Euch theuer? Ich will, deß sollt Ihr fröhlich sein, Euch all mein heimlich Minnen weihn!« – Er sprach: »Laßt mich in Recht und Pflicht, Nach Eurer Minne dürst ich nicht! Lang dien' ich Eurem hohen Herrn Und dien' ihm ehrlich, bleibt mir fern! Nicht wegen Euch, noch Eurer Minne Komm jemals mir Verrath zu Sinne!« – Da zürnt die Frau im Herzensgrund, 108 Und üble Worte sprach ihr Mund: »Lanval, mir ist es wohl bewußt, Ihr liebtet niemals solche Lust. Nicht dürstet Ihr nach Frauenliebe, Ich hör's, Ihr heget andre Triebe. Von Knaben seid Ihr hold umgeben, Mit diesen wißt Ihr wohl zu leben. Ha, Feigling, niedrig und mißrathen! Mit Euch ist Artus schlecht berathen: Daß er Euch nicht vom Hof verbannt, Das büßt er in der Hölle Brand!« Die Knabenliebe , welche besonders durch die Kreuzzüge im Abendland bekannt wurde, wird auch anderwärts spröden Rittern von minnebegehrenden Damen vorgeworfen (so in einem Gedicht der Berner Liederhandschrift). Die Derbheit der Stelle war nicht zu umgehen, wenn man nicht der ganzen Erzählung den Nerv abschneiden wollte. Mr. Way , der das Gedicht in's Englische übersetzte, ist hiefür ein klägliches Beispiel, seine Verehrbarung unserer Stelle lautet folgendermaßen: In fine, the sequel of my tale to tell, From the shent queen such bitter slander fell, That with an honest indignation strong The fatal secret 'scap'd Sir Lanval's tongue.     Fabliaux or Tales, London 1815, III, p. 227. – Wie Lanval's Herz dies Wort durchsticht, Da säumt er mit der Antwort nicht Und redet zornig unbedacht, Was ihn in großes Leid gebracht: »Frau Königin, mit solchem Streben Hab' ich mich niemals abgegeben. Doch hab' ich mir ein Lieb erkürt, Dem aller Schönheit Preis gebührt Vor jedem Weib der Erden, Die Wahrheit soll Euch werden, Bewahrt sie sorglich: Jede Zofe, Die meiner Freundin folgt am Hofe, Die allerärmste Dienerin Gilt mehr als Ihr, Frau Königin, 109 An Antlitz, Leib und Jugendblüthe, An feiner Zucht und Herzensgüte.« Aufstand die stolze Königin Und gieng hinweg mit grimmem Sinn, Gar schmerzlich ward ihr diese Schmach, Sie sucht mit Weinen ihr Gemach Und legt sich krank daselbst zu Bette: »Nie mehr verlaß ich diese Stätte, Giebt mir der König für mein Leid Nicht völlige Gerechtigkeit.« Heim kehrt der König von der Jagd, Die heut vor Allem ihm behagt, Und geht zum Zimmer seiner Dame. Die ruft ihn an in bittrem Grame, Fällt nieder, fleht um seine Gnaden: »Lanval hat mich mit Schimpf beladen! Er dachte meiner zu genießen, Und als ich ihn zurückgewiesen, Da schalt er und verhöhnt' er mich, Und einer Freundin rühmt er sich, Die sei so schön von Geist und Mienen, Und unter allen, die ihr dienen, Sei mehr als ich die ärmste Magd. Dieß sei, mein König, Euch geklagt!« – 110 Herrn Artus war das grimm und leid, Er schwur mit einem hohen Eid: »Kann er nicht Rechenschaft mir geben, So geht es wahrlich ihm an's Leben!« Er eilt hinweg, der Ritter drei Ruft er sofort zu sich herbei Und sendet sie nach Lanval aus. – Der war gekommen in sein Haus Und hatte jammernd schon erkannt, Daß sich sein Lieb von ihm gewandt. Sein Glück war hin; in jenem Streit Verrieth er ihre Heimlichkeit. Im Zimmer saß er ganz allein, Gedankenvoll in Angst und Pein. Er ruft des holden Namens Klang, Er ruft ihr laut und ruft ihr lang, Er klagt und seufzt mit bangem Munde Und stürzt besinnungslos zu Grunde. »Vergieb mir!« rief er fort und fort, »O sag' mir nur ein einz'ges Wort!« Er schilt mit Flüchen Mund und Herz, Fast legt er Hand an sich im Schmerz; Nicht enden will er mehr, zu klagen Und jammernd seine Brust zu schlagen. »Nur soviel Gnade hab für mich: 111 Ein einzig's Mal noch zeige dich!« – Weh, wie doch wird's dem Armen geh'n, Wenn er soll Artus Rede steh'n? Da kamen, die der Herr gesandt: »Lanval, nun folgt uns unverwandt, Artus, der König, schickt uns her, Die Königin verklagt Euch schwer.« Der Ritter folgte dem Gebot, Am liebsten litt er gleich den Tod. Und als er vor den König kam, Da stand er stumm vor Sorg' und Gram, Von großem Schmerz ein rührend Bild. Doch Artus rief ergrimmt und wild: »Vasall, Ihr sprecht gar unbesonnen Und habt ein schlechtes Spiel begonnen, Daß Ihr mit Schimpf mein Haupt beschwert, Den Ruf der Königin entehrt. Ihr prahlt in rechter Thorheit gar, Sehr stolz ist Euer Lieb fürwahr, Wenn ihre ärmste Dienerin Mehr werth ist als die Königin!« – Lanval erwehrt sich jeder Schmach, Daß er vom König Schlimmes sprach; Entschlossen war er, nicht zu sagen, Was ihm die Herrin angetragen, 112 Doch Alles, was er selber sprach, Das gab er an der Wahrheit nach. – Die Liebe, der er sich vermessen, Die hat ihn, ach, nun selbst vergessen. – Die Sache mag der Hof erwägen, Er sieht dem Spruche stumm entgegen. Der König stand in Zornesflammen, Er rief das ganze Haus zusammen, Sie sollten ihren Rath ihm spenden, Die Sache rechtlich zu vollenden. Sie thaten, wie der Herr befahl, Zusammen giengen sie zumal, Und, wie es Artus auch gefalle, Als gut und klug befanden Alle, Daß einen Rechtstag man besende, Der Held mit Bürgen sich verpfände, Den Richtern sich zu stellen, Daß sie das Urtheil fällen; Das wär' vor seines Gleichen Allen, Vor dem Gesammthof der Vasallen. Zuerst wird Lanvals Rechtsfall der maisnie , den Rittern des Hofs. vorgelegt; diese aber erklären sich für incompetent und verweisen die Sache an das Vasallengericht . Hingiengen da die Herrn zur Stund Und thaten dieß dem König kund. Der fragte nach den Bürgen da, Lanval in Sorgen um sich sah. Er war verlassen und allein, Da stellt zum Bürgen sich Gawain 113 Und nach ihm seiner Freunde Schaar. Der König sprach: »Gebt Pfänder dar! Ein Jeder setzt für sich, was ihr An Lehn und Land empfiengt von mir!« Als rechtlich dieß vollbracht die Mannen, Gieng Lanval heimwärts nun von dannen, Die Ritter gaben ihm Geleite Und schritten tröstend ihm zur Seite, Der Kraft gemahnten sie sein Herz, Verwünschten seinen Liebesschmerz. Und jeden Tag sah man sie geh'n, Um nach des Ritters Thun zu seh'n, Ob er auch esse, ob er trinke Und nicht im Leide ganz versinke. Am festgesetzten Tag darauf Versammeln sich die Herrn zu Hauf, Der König und die Königin; Die Bürgen führten Lanval hin. Gar Manchen Mitleid da beschlich, Dreihundert waren's sicherlich, Die Alles gerne setzten ein, Um ihn zu retten, zu befrei'n. Doch Artus zeiht ihn großer Schuld, Der drängt die Herrn voll Ungeduld, Sie haben über das Verbrechen 114 Nach Klag und Antwort Recht zu sprechen. Und unter Zweifeln gieng zumal Die Schaar der Richter aus dem Saal, Der freie Mann aus fremdem Land Schuf ihnen Sorgen mancherhand. Die Einen wollten ihn verderben, Des Königs Gunst sich zu erwerben. Da sprach der Herzog von Cornwall: »Hier ist nicht König, nicht Vasall, Mag's dem auch lieb, dem leidig sein, Das Recht geht seinen Weg allein. Ihr edlen Herrn, hier schuldigt an Der König seinen Lehensmann, Daß er geschworner Treu vergaß, Weil er zu rühmen sich vermaß Sein eig'nes Lieb in solcher Art, Daß uns're Herrin zornig ward. Der König zeugt für sich allein, Die Klage würde rechtlos sein, Doch er ist Herr, und sein Begehren Das müssen seine Mannen ehren. Drum sollt' es Lanval wohl gelingen, Sein Lieb als Rechtsschutz beizubringen. Ist sie so schön, wie er gesagt, So ist er fälschlich angeklagt, Das kann die Herrin nicht verdrießen, 115 Dann soll er alle Huld genießen. Doch schafft er den Beweis uns nicht, So scheid' er aus der Lehenspflicht Und bleibe fortan unserm Herrn Und dessen Haus- und Hofdienst fern.« Zum Ritter schickten sie sofort Und baten ihn mit mildem Wort, Nach seiner Dame hinzusenden, Damit sie käm', ihm Schutz zu spenden. Er aber sprach: »Wie kann ich das, Da mein auf immer sie vergaß?« Die Nachricht brachte man den Herrn, Daß Lanval jede Hoffnung fern. Doch Artus drängt, des Rechtes Gang Deucht seiner Königin zu lang. Als sie zum Schlusse wollten schreiten, Da sahen sie zwei Fräulein reiten Auf einem weißen Zelterpaar, Von Anblick hold und wunderbar: Um ihre schönen nackten Glieder Fiel nur ein Purpurcindal nieder. Drauf schauten die Barone gern; Gawain mit dreien edlen Herrn Gieng hin, wo Lanval stand beklommen, 116 Zeigt ihm die Fräulein, die gekommen. »Nun freu' dich, Lanval, sag' uns frei, Ist deine Dame nicht dabei?« – Er schüttelt trüb das Haupt und spricht: »Ich kenne diese Fräulein nicht!« – Sie kamen näher alsobald, Sie waren reizend von Gestalt, Voll Anmuth und voll Courtoisie; Vor Artus Hochsitz ritten sie, Zur Erde stiegen sie sodann Und huben so zu sprechen an: »Herr König, laßt uns Zimmer geben, Schmückt sie mit köstlichen Geweben, Denn uns're Dame folgt uns nach, Sie hofft von Euch wohl gut Gemach!« – Artus gewährt es ihnen gern, Er rief herbei zwei edle Herrn, Sie kamen schnell und führten fein Die Damen in die Zimmer ein. Der König ließ den Hof befehlen, Nicht länger hin und her zu wählen, Ihm schaff' es Aerger und Verdruß, Er dringe streng nun auf Beschluß. – 117 »Vergebt, Herr, daß wir Rücksicht nahmen, Als diese beiden Fräulein kamen.« So sprach der Hof: »Wir hielten ein, Bald soll der Rath beendet sein!« – Auf's Neue setzten sie sich nieder, Die Stimmen lärmten hin und wieder. Da kam, so lange sie noch stritten, Ein and'res Damenpaar geritten. Hispanische Mäuler trugen sacht Die holden Frau'n in Schmuck und Pracht, Man sah die Mäntel glänzend wallen; In Freuden saßen die Vasallen, Sie sagten sich mit frohen Mienen: »Nun ist Herrn Lanvals Heil erschienen.« Gawain gieng hin mit schnellem Schritt, Und seine Freunde giengen mit. »Nun freut Euch, Lanval, trüber Mann, Um Gottes Liebe sagt uns an: Es kommen and're Frau'n geritten Gar wohl geziert und hold von Sitten, Da muß wohl Eure Liebste sein.« Doch Lanval sprach ein kurzes Nein: »Die beiden Fräulein sah ich nie, Noch kenn' ich sie, noch lieb' ich sie.« – 118 Als sie dem König nahe kamen, Da stiegen ab die beiden Damen, Und viele Stimmen priesen laut, Der Züge Reiz, den Schmelz der Haut. Fürwahr, sie überstrahlten weit Die Königin an Lieblichkeit. Die Aelt're that mit feinem Mund Dem Herren ihre Botschaft kund: »Herr König, weis't uns Zimmer an Drin uns're Dame wohnen kann. Sie kommt heran um Euch zu schauen.« Da führte man die beiden Frauen Zu denen, die vorher gekommen, Und weitres wurde nicht vernommen. Doch als sich Artus sah befreit, Da rief er: »Nun ist's hohe Zeit, Daß die Barone sich entscheiden, Nicht längern Unmuth will ich leiden!« Dem Aufschub zürnt in ihrem Sinn Die ungeduld'ge Königin. Doch eh' man die Berathung schloß, Kam eine Jungfrau hoch zu Roß Hereingeritten zu den Thoren, So hold wird keine mehr geboren. 119 Der weiße Zelter naht im Flug, Der sanft die schöne Bürde trug, Sein Hals und Kopf war glatt und zier, Auf Erden lebt kein stolz'res Thier. Gar reiches Rüstzeug trug das Pferd, Kein König zahlte seinen Werth, Wollt' er nicht all sein Gut verschwenden, Wollt' er nicht Leut' und Land verpfänden. Ein Hemde trug das schöne Weib, Durch seine Falten schien ihr Leib; Gewoben war's von feinen Stoffen, An beiden Seiten war es offen. Die Glieder glänzten zart und blank, Die Brust war voll, die Hüfte schlank, Ihr weißer Nacken überschimmert Den Schnee, der frisch auf Zweigen flimmert; Ihr Aug' war hell, ihr Antlitz rein, Die Nase grad, die Lippe fein, Die Braue braun, die Stirne klar Und wellenreich ihr blondes Haar; Goldfäden glüh'n und leuchten nicht Wie dies Gelock' im Sonnenlicht. Um ihre Brust geschlagen wallten Des Mantels dunkle Purpurfalten; Den Sperber hielt sie hoch im Reiten, Ein Windspiel lief dem Roß zur Seiten. 120 Sie spornt den flinken Zelter an, Und in der Burgstadt war kein Mann, Der, als sie durch die Straßen sprengte, Sich nicht nach ihrem Anblick drängte, – Und wer sie schaute, dem erglühte Ein Wunsch der Sehnsucht im Gemüthe. Ihr folgten Diener und Vasallen, Ein holdes Wunder däucht sie allen. Und wieder gieng der Freunde Hauf Zu Lanval hin in schnellem Lauf Und thaten ihm mit frohem Mund Das Nah'n der hohen Dame kund. »Herr Bruder, auf! Hier sollt Ihr schau'n Ein Fräulein, das nicht fahl noch braun, Es ist die lichteste Gestalt, Die schönste, die auf Erden wallt!« Da beugt sich Lanval seufzend vor – Und richtet hoch das Haupt empor, Ihm steigt das Blut in's Angesicht, Und mit der Antwort säumt er nicht: »Bei Gott, das ist die Liebste mein! Nun ist der Tod mir ohne Pein, Hab ich auch ihre Huld verloren, Ihr Anblick macht mich neugeboren!« 121 Die Dame ritt in den Palast, Der schaute nie solch holden Gast, Mit Staunen blickten die Barone Sie stieg vom Roß vor Artus Throne, Den Mantel ließ sie niederweh'n, Und Allen sichtbar blieb sie steh'n. Artus, der Herr voll Curtoisie, Gieng nach ihr hin und grüßte sie; Die Andern all mit lichten Mienen Erhoben sich, um ihr zu dienen. Sie standen wundernd in der Runde, Ihr Lob erscholl aus jedem Munde. Drauf hat zu reden sie begonnen, Zu weilen war sie nicht gesonnen: »Ich liebte, König!« hub sie an, »Sir Lanval, deinen Lehensmann; Ich seh' verklagt ihn vor euch steh'n, Doch soll kein Leides ihm gescheh'n. Denn falsch ist, was die Herrin sagt, Er ist mit Unrecht angeklagt. Nach ihr stand niemals sein Begehren, Und wollt ihr mich in Wahrheit ehren, So sei nicht peinlich ihm bezahlt, Daß er mit meiner Huld geprahlt!« Der Fürst sprach, daß er dem sich eine, Was den Baronen Recht erscheine. 122 Da war kein Einziger hernach, Der nicht für Lanval's Unschuld sprach, So daß sie völlig ihn befreiten; Die Dame gieng hinwegzureiten. Vergebens lud sie Artus ein, Ihr folgten dienend Groß und Klein. Es ragte bei der Halle Thor Ein brauner Marmorstein hervor, Da stiegen in dem Königsschlosse Die schwerern Herren all zu Rosse. Dort stand der Ritter voll Verlangen, Und als die Dame kam gegangen, Da schwang sich Lanval hinter ihr In vollem Sprung auf's treue Thier. Mit seinem Lieb ritt er davon – Man sagte mir – nach Avalon. Avalon , wälisch Ynys Afallon , die Apfelinsel, oder Ynys Gsydrin , die Glasinsel genannt, heißt ursprünglich ein von Wasser und Sümpfen eingeschlossener Landstrich in Somerset, auf dem das Kloster Glastonbury stand. Im Laufe der Zeit jedoch verstand man darunter eine vom Ocean umflossene Insel der Seligen, wo die entrückten Lieblingshelden des keltischen Volks bis zu ihrer dereinstigen Wiederkehr verweilen. Nach einer Insel reichbeglückt Ward unser junger Held entrückt. Mehr konnt' ich nicht von ihm erfragen Und weiß euch weiter nichts zu sagen. 123   Das Lied von den zwei Liebenden. Lai des deus Amanz. Dieses Gedicht oder das Volkslied, nach dem es geschrieben ist, wird auch im Roman de Giron le Courtois erwähnt: Tenoit une harpe, et harpoit, et chantoit tant doulcement un lay qui avoit esté fait nouvellement, et qui etoit appellé le lay des deux amans.           Bei den Normannen ward mir theuer Ein vielgehörtes Abenteuer Von zweier junger Herzen Noth, Die eins im Leben und im Tod. Ein Lied geht durch's Bretonenland, »Die beiden Liebenden« genannt. In Neustrien, das wohl wir kennen, Und das wir Normandie benennen, Da steht ein hoher Berg fürwahr, Und droben ruht das junge Paar. Ein König ließ auf grünen Au'n Beim Berg sich eine Stadt erbau'n; Er war der Herrscher der Pistreisen Und Pistre ward die Stadt geheißen. Der Name währte fort und fort, Noch sieht man Stadt und Häuser dort, Und wohlvertraut ist uns das Land, Das Thal von Pistre wird's genannt. Pistre , heute Pître , ist ein altes königliches Schloß an der Seine gegenüber der Stadt Pont de l'Arche oberhalb Rouen. In der Nähe der letztern Stadt liegt noch heute auf einem 350 Fuß hohen Berge eine Priorei des deux Amants . 126 Der König hatt' ein Töchterlein Von Antlitz hold, von Sitten fein; Zum Trost war ihm das Kind geboren, Früh hatt' er sein Gemahl verloren, Und er beschloß für's ganze Leben Sie nicht aus seinem Hans zu geben. Das wollt' ihm Jeder übel deuten, Er ward gerügt von allen Leuten. Als solche Reden er vernahm, Sein Herz in Leid und Sorgen kam, Und er hub an zu sinnen, Wie er es sollt' beginnen, Daß Niemand mehr sein Kind begehre; Da ließ verbreiten er die Mähre, Wollt' einer seine Tochter frei'n, Kund sollt ihm und zu wissen sein: Wer zu dem Berge vor dem Thor Sie mit den Armen trüg' empor, Doch ohne einmal nur zu ruh'n, Dem wollt' er ganz nach Willen thun. Als diese Mähre ward bekannt Und weitverbreitet durch das Land, Da fuhren hin der Freier viel, Doch ihrer keiner kam zum Ziel. Wer auch mit angestrengtem Schritte 127 Sie trug bis zu des Berges Mitte Der mußte müde stille steh'n Und konnte nimmer weiter geh'n. So kam's, daß alle Freier schieden, Das Königsfräulein hatte Frieden. Nun lebt' ein schöner Knab im Land, Ein Grafensohn von hohem Stand; Der hatte nur nach Preis zu streben Sich vorgesetzt für's ganze Leben. Der Jungherr gieng im Königshaus Seit frühen Jahren ein und aus; Der König war ihm sehr gewogen, Denn er war klug und wohlgezogen. Er aber liebt' sein Töchterlein Und sprach gar viel mit ihr allein Und bat sie lang mit treuem Sinne In Heimlichkeit um ihre Minne. So traf sich oft das junge Blut, Sie wurden sich von Herzen gut; Doch sorgten sie, daß ihre Liebe Den Leuten stets verborgen bliebe; Ob ihnen das auch Schmerzen trug, Der treue Jungherr dachte klug, Viel besser ist der Schmerzen Last Als Untergang durch eig'ne Hast. 128 Doch immer schwerer ward sein Sinn. Da gieng er einst zum Fräulein hin, Und unter Klagen sagt er ihr: »Du holdes Liebchen, flieh mit mir, Ich fleh' dich an viel tausendmal, Nicht länger trag ich diese Qual. Sag' ich dem Vater mein Begehr, Ich weiß, er liebt dich allzusehr, Nicht wird die Werbung mir gelingen, Kann ich nicht sein Gebot vollbringen Und dich zum hohen Berge tragen.« Das Fräulein spricht auf diese Klagen: »Ich weiß, zu mühsam ist der Lauf, Ihr tragt mich nimmermehr hinauf. Nicht ist Euch solche Kraft verlieh'n, Doch sollt ich heimlich mit Euch flieh'n, So wär' mein Vater freudenarm Und lebte fort in Zorn und Harm, Ich halt' ihn lieb und hoch in Ehren Und will ihn nicht mit Leid beschweren. Laßt uns auf andre Mittel sinnen, Denn dieses weis' ich ganz von hinnen. Es lebt mir eine Muhme fern Mit reichen Schätzen in Salern; Salerno . Die berühmteste medicinische Hochschule des Mittelalters. Dort war sie mehr als dreißig Jahr, Physik versteht sie ganz und gar, 129 Sie kennt der Medicinen Kraft Und aller Kräuter Eigenschaft. Wollt Ihr zur Fahrt Euch nun bequemen Und meine Briefe mit Euch nehmen Und ihr das Abenteuer künden, So wird sie guten Rath ergründen. Sie wird in ihren Büchern schau'n Und einen solchen Trank Euch brau'n, Daß Ihr von seinen feinen Säften Sollt kommen zu gewalt'gen Kräften. Mit diesem ziehet heim sodann Und haltet offen um mich an: Mein Vater glaubt, Ihr seid ein Fant Und macht Euch das Gesetz bekannt, Daß mich kein Einz'ger wird erringen, Dem nicht die Arbeit sollt' gelingen, Daß er in ruhlos stetem Lauf Mich trage diesen Berg hinauf.« Der Knabe hört die Kunde Aus seines Mädchens Munde. Da dankt er ihr an Freuden reich Und Urlaub heischt er alsogleich. In Eile wandert er nach Haus, Zur Reise rüstet er sich aus Mit Teppichen von bunten Säumen, Lastthier und Zelter läßt er zäumen, 130 Und die getreusten seiner Mannen, Die nimmt der Jungherr mit von dannen. So ritt er durch die Lande fern, Die Muhme fand er in Salern; Er gab den Brief in ihre Hände, Sie las vom Anfang bis zum Ende. Dann forscht in einsamem Gemach Sie sorgsam seinem Wesen nach; Auspreßt sie manche Medicin, Und einen Trank braut sie für ihn, Der, sollt er noch so kraftlos sein Und abgequält in Müh' und Pein, Den Leib ihm schaffe frisch und stark Bis in die Adern, bis in's Mark, – Und so, daß ihn die Kraft durchdringe, Sobald er ihn zum Munde bringe. Der frohe Jüngling sagt ihr Dank In ein Gefäß gießt er den Trank; Dann kehrt er um in raschem Lauf, Doch hält er sich daheim nicht auf. Einsprengt er durch des Schlosses Thor Und bringt dem Herrn die Werbung vor Und sagt ihm gleich, er wollt' es wagen Die Maid den Berg hinaufzutragen. Der König sprach kein Wort dagegen, 131 Die Thorheit schien ihm zu verwegen; Der Werber däucht ihm doch zu jung, Wo Männer klug und stark genung Versucht das Mühsal zu vollbringen, Doch ohne bis an's Ziel zu dringen. Und er bestimmt ihm einen Tag Und lädt dazu, wer kommen mag; Er sendet rings umher zu allen Zu seinen Freunden und Vasallen, Den Jungherrn mit der Maid zu sehn, Der jenes Wagniß wollt' bestehn, Mit ihr den Berg hinan zu schreiten; Sie kamen her von allen Seiten. Das Fräulein machte sich bereit Und fastete die ganze Zeit, Damit an dem Entscheidungstage, Der liebe Freund sie leichter trage. Und bei des Tages erster Helle War schon der junge Held zur Stelle. Auf grünem Wiesenlande Hinab am Seinestrande Da sitzt das Volk in langen Reihn, Der König bringt sein Töchterlein. Ein Hemd war einzig ihr Gewand, 132 Drauf hat der Jüngling sie umspannt. Sein Zauberfläschlein seltner Art, – Er weiß, daß sie's ihm wohl bewahrt, – Giebt ihrer Hand er nun in Hut; Ich fürcht', es wird ein unnütz Gut Durch seine maßlos trotz'gen Sitten, – Fort trägt er sie mit großen Schritten. So stieg der junge kühne Mann Mit ihr den halben Berg hinan, Ihm schafft's ein wonniges Erbangen, Die zarten Glieder zu umfangen, Und drum vergißt er ganz zu trinken, Sie aber fühlt ihn mälig sinken. »Freund,« sprach sie, »trink von deinem Saft! Er wird dir bringen neue Kraft; Ich fühl es, matter wird dein Lauf.« Der Jüngling aber sprach darauf: »Mein Herz ist stark, ich trag dich fort, Hier ist zu ruhen nicht der Ort. Zu trinken bleib ich nimmer stehn, So lang ich kann drei Schritte gehn, Die Leute schrieen sicherlich, Und ihr Gelärm verwirrte mich, Ich würde schwindlig ganz und gar. Nein, nein, hier halt ich nimmerdar.« 133 Als er zwei Drittel aufwärts drang, Da schwankt und taumelt er im Gang. Gar oftmals bat das Mädchen ihn: »Du Süßer, trink die Medicin!« Er wollt' nichts hören und nichts glauben, In Mühsal schritt er und im Schnauben; Gleich ist er oben auf dem Berg, – Er ist's, vollendet ist das Werk – Da stürzt er lautlos nieder Und hebt sich nimmer wieder. Die Seele seinem Leib entrann; Das Mägdlein blickt den Liebsten an, Und Ohnmacht dünkt ihr sein Erbleichen, Sie kniet, um ihm den Trank zu reichen. Doch seine Lippe rührt sich nimmer, Gebrochen ist der Augen Schimmer, Sein Herz ist todt – es ist vorbei! Aufschrickt das Kind mit hellem Schrei. Sie warf das Zauberfläschlein fort, – Rings ward bethaut der wüste Ort, Und tausend süße Blumen sprossen, Wohin der feine Trank geflossen. Nun soll ich sagen, was geschah, Als ihn das Fräulein sterben sah? Hinstreckt sie sich in stummem Harm 134 Und drückt ihn fest in ihren Arm, Sie küßt ihm Aug' und Mund im Schmerz, – Da dringt der Jammer ihr an's Herz. So starb das Kind von hoher Art, Das Königsfräulein klug und zart. Lang harrten unten in dem Thal Der König und das Volk zumal; Doch als sie keines kommen sahn, Da stiegen sie den Berg hinan. Zu Boden fiel der Fürst sofort, Doch als er kam zu Sinn und Wort, Da ließ er mit den Gästen allen Gar lauten Klageruf erschallen. Und als der vierte Tag erwacht, Da ward ein Marmorsarg gebracht, Die beiden Kinder legt man drein Und senkt sie auf dem Berge ein. So riethen Volk und Königmannen; Dann huben Alle sich von dannen. Noch heute wird der Berg im Land Li munz des deus Amanz genannt. Darüber haben, wie berichtet, Bretonen sich ein Lied gedichtet. 135   Das Lied von Yonec. Das Lai sollte eigentlich nach seinem Haupthelden Muldumarec heißen. – Ein in einen blauen Vogel verwandelter König, der die schöne gefangene Florine nächtlich besucht, jedoch ohne sein Vogelkleid ablegen zu können, und der durch Messer verwundet wird, welche in den Zweigen des Baums, in dessen Höhlung er nistet, angebracht sind, kehrt wieder in dem modernen französischen Märchen L'oiseau bleu von der Gräfin d'Aulnoy, Cabinet des fées, Amsterdam 1785, T. II, p. 62  ff.             Da ich begann zu singen nun, So will im Lied ich nimmer ruhn. Die Abenteuer, die ich weiß, Erzähl' ich euch mit allem Fleiß. Ich trag im Denken und im Sinnen, Von Yonec will ich beginnen, Wer ihn erzeugt, wer ihn gebar, Und was der Eltern Schicksal war; Der Vater von Herrn Yonec, Der war genannt Muldumarec. Es lebt' einst auf breton'scher Au Ein reicher Mann gar alt und grau, Er war der Vogt von Caërwant, Im Lande ward er Herr genannt. Der Duelas fließt der Stadt zur Seit', Da war dereinst viel Tod und Leid. Der Alte zählte manches Jahr, Und da er reich an Gütern war, 138 So hat ein Weib er sich genommen, Von der ihm sollten Erben kommen. Die Jungfrau war von hohem Stand, Gar schön, verständig und gewandt. Manch Herz für ihren Reiz entbrann; – Nun gab man sie dem alten Mann. Nicht will ich von der Wahrheit weichen: Bis Lincoln gab's nicht ihresgleichen Noch bis nach Irland über'm Meer; Wer sie ihm gab, der fehlte schwer. Dieweil sie stand in Jugendblüthe, Hat er bedacht, wie man sie hüte; In einen Thurm schloß er sie ein, In ein Gemach belegt mit Stein, Und seine Schwester grau von Haaren, Die Wittwe war seit langen Jahren, Die bringt er zu ihr, daß die Alte Sein Weib in strenger Zucht erhalte. Wohl waren dort noch andre Frau'n, Sie aber durfte keine schau'n. Wenn es die Alte nicht befahl; Sie saßen fern von ihr im Saal. So gieng es über sieben Jahr, Die Frau kein einz'ges Kind gebar; Nicht aus dem Thurm ließ man sie gehn, 139 Um ihre Lieben je zu sehn, Und wenn die Frau zu Bette gieng, Nicht Pförtner war, nicht Kämmerling, Der in's Gemach sich durfte wagen, Das Wachslicht ihr voranzutragen. In vielem Weinen saß die Dame, In Seufzen und in schwerem Grame; Ihr Reiz entschwand in solchem Maß, Weil ihrer selber sie vergaß; Nur eines wünschte noch die Arme, Daß ihrer sich der Tod erbarme. Einsmals in erster Frühlingszeit, Die Vöglein sangen weit und breit, Da hob sich ihr Gemahl gar bald Und schickte sich zur Jagd im Wald. Er rief das alte Weib hervor, Zu schließen hinter ihm das Thor. Die Alte dreht die Schlüssel um, Drauf nahm sie das Psalterium Und gieng in ein Gemach sodann, Dort hub sie bald zu singen an. Die schöne Dame weint im Wachen, Sie sieht das Licht der Sonne lachen; Sie nahm zuvor es wohl in Acht, Daß sich das Weib bei Seit' gemacht; 140 Da hub sie schluchzend an zu klagen Und jammernd sich die Brust zu schlagen: »Weh mir, zum Leid bin ich geboren! Mir ist ein hart Geschick erkoren. In diesen Thurm schließt man mich ein, Draus wird mich nur der Tod befrei'n. Was hält man mich? Was kam denn an Den alten, eifersücht'gen Mann? Er ist ein Thor von Sinn und Thaten, Er glaubt sich jeden Tag verrathen. Nicht darf ich in das Münster kommen, Nie hab ich Gottesdienst vernommen. Dürft' ich nur sprechen mit den Leuten, Mit ihm hingehn, wo sie sich freuten, Gern zeigt' ich mich ihm hold und lieb, So fühl' ich dessen keinen Trieb. Meine Verwandten sei'n verdammt Und all die Andern insgesammt, Die mich dem Alten aufgequält Und seinem Leibe mich vermählt! An zähem Stricke muß ich ziehn; Giebt es denn keinen Tod für ihn? Beim Taufen ward er eingetaucht Im Pfuhl, der aus der Hölle raucht. Ihm sind die Adern hart und gut Und alle voll von Lebensblut. 141 Ich hörte doch schon oftmals sagen In Mähren aus vergangnen Tagen, Wie manches Herz in diesem Land Viel heitern Trost im Kummer fand. Es trafen Ritter zarte Frau'n Gar hold und lieblich anzuschau'n, Es trafen Frauen ihre Helden Gar schön und kühn, so hört ich melden; Doch ihrer Liebe Treiben war Für alle Andern unsichtbar. Ob Trug, ob Wahrheit der Bericht, Mir widerfuhr dergleichen nicht. Gott der Allmächt'ge möge nun Mir einmal nur nach Willen thun!« – Als dieses Wort die Dame sprach, Da fiel ein Schatten in's Gemach; Drauf kam zum engen Fensterbogen Ein großer Vogel eingeflogen. Wurfbänder trug er an den Krallen, Dem Falken glich er wohl vor allen. Er ließ sich vor der Dame nieder, Und bald entwand sich dem Gefieder Ein schöner ritterlicher Mann; Die Dame starrt ihn wundernd an, Ihr Blut erbebt, sie hält im Bangen 142 Die beiden Hände vor die Wangen. Der Ritter aber grüßte sie Und sprach zu ihr voll Courtoisie: »Laßt Euch nicht schrecken, Dame zart! Ein Falke ist von edler Art. Bleibt Euch das Wunder auch verborgen, So scheucht doch von Euch alle Sorgen Und schenket Eure Liebe mir, Denn wisset, darum bin ich hier. Ich habe lang an Euch gehangen Und trug im Herzen groß Verlangen, Und traun! kein andres Weib auf Erden Sollt jemals meine Liebste werden. Doch war ich in mein Heimatland Fern Eurem Anblick festgebannt, Bis daß Ihr selbst begehrtet mein: Nun darf ich ganz der Eure sein!« Da zagt die Dame länger nicht, Und sie enthüllt ihr Angesicht. Drauf sagte sie dem edlen Herrn, Sie nähm' ihn wohl zum Liebsten gern, Wenn er nur gläubig Gott verehre, Und menschengleich sein Minnen wäre. Sie spricht mit Huld, denn ganz und gar In Schönheit prangt sein Leib fürwahr, Daß ihres Lebens keinen Tag 143 Sie einen schönern finden mag. »Ihr sagtet wohl,« so sprach der Held, »Ich wollt um keinen Preis der Welt, Daß meinetwillen ein Verdacht Und Argwohn würd' in Euch entfacht. Ich glaub' an Gott, der uns befreit Aus unsrer großen Traurigkeit, Darein uns Adam unbedacht Mit seinem Apfelbiß gebracht. Er ist und war und wird hinfort Der Sünder Leben, Licht und Hort. Doch daß Ihr ganz von Zweifel frei, Ruft Euren Kapellan herbei! Sagt ihm, Ihr liegt in schwerer Qual Und heischt das heil'ge Abendmahl, Das Gott gestiftet hat auf Erden, Damit die Sünder selig werden. Mit Euch vertausch' ich die Gestalt Und nehm den Leib des Herrn alsbald. Ich will Euch all mein Glauben sagen, Nicht sollt Ihr darum Zweifel tragen.« – Sie sprach, sie habe nichts dawider, Er legt in's Bett sich zu ihr nieder, Doch ohne ihrem Leib zu nahn, Nicht heischt er Küssen und Umfahn. Derweilen kam die Alte sacht 144 Und fand die Herrin aufgewacht, Sagt, es sei Zeit sich zu erheben, Und wollt ihr die Gewande geben. Da sprach die Frau: »Ich lieg' in Schmerzen, Mir ist so todesweh im Herzen, Macht, daß man nach dem Priester sende, Ich fürcht', es geht mit mir zu Ende.« Die Alte sprach: »Das müßt Ihr tragen, Denn unser Herr ist aus zu jagen, Und Niemand darf in diese Kammer.« – Da kam die Frau in großen Jammer, Hinfiel sie wie besinnungslos, Die Alte sieht's, ihr Schreck ist groß. Dann öffnet sie das Thor behende Und ruft, daß man zum Priester sende. Der Kapellan ist eilends hie Und bringt das Corpus domini . Das nahm für sie der Ritter ein Und trank des Kelches heil'gen Wein. Drauf gieng der Kapellan hinaus, Die Alte aber schloß das Haus. Die Beiden lagen heimlich traut, Nie ward ein schönres Paar geschaut. Als sie des Spielens wurden matt, Des Lachens und des Plauderns satt, 145 Da macht der Ritter sich von dannen Nach seinem Land zu seinen Mannen. Sie bat ihn hold bei seiner Ehre, Daß er noch oftmals wiederkehre. »Wißt,« sprach er, »daß sobald Ihr wollt, Ihr jederzeit mich haben sollt! Doch haltet Alles wohl versteckt, Daß Niemand unser Thun entdeckt; Nehmt vor der Alten Euch in Acht, Denn sie wird lauern Tag und Nacht, Sie wird erlauschen unsre Thaten Und Eurem Herren uns verrathen. Doch wenn ihr dieses sollt' gelingen, Wird es den sichern Tod mir bringen.« Der Ritter ließ in großem Glück Die eingeschloss'ne Frau zurück, Sie sprang zur nächsten Morgenstund Vom Bette heiter und gesund, Sie pflegte sorglich ihre Glieder; Die alte Schönheit kehrt ihr wieder. Nun dünkt's ihr sanfter, hier zu leben, Als draußen Freuden nachzustreben. Sie kann gar oft den Liebsten finden Und selig sich mit ihm verbinden, So bald ihr Gatte scheiden mag, 146 Zu jeder Stunde Nacht und Tag. Sie führt mit ihm ein wonnig Leben: Gott mög' ihr lange Freuden geben! Von ihrer Herzensfröhlichkeit In dieser heitern Liebeszeit Ward ganz verändert ihr Gebahren; Ihr Herr war schlau und vielerfahren, Er nahm in seinem Sinne wahr, Daß sie nicht mehr wie früher war, Und alsobald ist ein Verdacht Auf seine Schwester ihm erwacht. Er sprach zu ihr: »Mich wundert sehr, Was geht mein Weib geputzt einher? Was das bedeute, möcht ich fragen.« Die Alte wußt's ihm nicht zu sagen; Sie sprach: »Es kann ihr Niemand nahn, Sie sieht nicht Liebsten noch Galan. Sie bleibt jetzt öfter nur allein, Als sie es früher mochte sein, Nur dieses Eine fällt mir auf.« – Der Herr, ihr Bruder, sprach darauf: »Bei Gott, was soll sie da beginnen? Nun müssen wir ein Ding ersinnen: Sobald ich mich erhob am Morgen, Sollt Ihr die Thüren wohl versorgen, Dann thut vor ihr, sobald sie wach, 147 Als ob Ihr giengt aus dem Gemach, Und lasset sie allein im Bette, Doch lauschet an geheimer Stätte, Wie und woher es kommen mag, Daß sie so fröhlich Nacht und Tag.« – Bei diesem Plan sind sie geblieben. – Ach, schlechtberathen sind die Lieben, Daß man sie will mit List bewachen, Um gänzlich elend sie zu machen! Drei Tag, nach dem's beschlossen ward, Da rüstet sich der Herr zur Fahrt, Er sagt der Dame, daß in Gnaden Der König ihn zu sich geladen, Doch nicht zu lange bleib' er aus; Er geht hinweg und schließt das Haus. Aus ihrem Bett die Alte schlich Und hinter'n Vorhang stellt sie sich, Dort schaut und hört sie Alles klar, Was ihr zu wissen nöthig war. Die Dame liegt und schläft nicht mehr, Nach ihrem Lieb verlangt sie sehr, Und kurze Zeit ist hingezogen, Da kam der Falk hereingeflogen. Gar große Lust ist zwischen ihnen An Worten und an holden Mienen, 148 Bis seine Stunden ihm verrannen; Dann brach er auf und schied von dannen. Sein Kommen, Weilen und sein Gehn, Das hat die Alte wohl gesehn, Doch fürchterlich bedeucht's ihr gar, Daß er bald Mensch, bald Falke war. Nach der Zurückkunft ihres Herrn, – Der war geblieben nicht zu fern, – Da sagt sie nach der Wahrheit aus, Wie jener Ritter kam in's Haus. Groß Leid hat drob der Herr gewonnen, Des Ritters Mord ward ausgesonnen: Daß er des Gastes habe Frieden, Ließ er vier starke Spieße schmieden Von Stahl mit spitzgeschliffnem Rand, Kein schärfres Messer giebts im Land; Die rammt er unbemerkt und fein In jenes enge Fenster ein, Durch das den Weg der Ritter nahm, Wenn er zur Frau geflogen kam. Ach, daß ihm fremd blieb dies Beginnen, Nicht wird er dem Verrath entrinnen! Vor Sonnenaufgang in der Nacht Hat sich der Herr schon aufgemacht, Er wollte jagen, gab er vor, 149 Die Alte öffnet ihm das Thor Und legt sich nieder noch einmal, Zu schlafen bis zum Tagesstrahl. Die Dame harrt, sich sein zu freuen, An dem sie hängt mit rechten Treuen. Sie sprach, nun dürft' er zu ihr eilen Und ganz nach Muße bei ihr weilen. Kaum hatte sie den Wunsch gethan, So hörte sie den Liebsten nahn, Durch's Fenster kam er eingefahren, In dem die scharfen Spieße waren; Von einem ward er ganz durchstochen, Das rothe Blut ist vorgebrochen, Und weh ward ihm im Herzensgrund, Er fühlt, er sei zum Tode wund. Er sank auf's Bett in seiner Noth, Die weißen Linnen wurden roth; Sie mußte da mit Schreck und Grauen Des Freundes Blut und Wunden schauen. Der Ritter sprach: »Nun ist's erfüllt, Was ich weissagend dir enthüllt: Dein froh Gesicht ward zum Verderben, Ich muß um deinetwillen sterben!« Da fiel in Ohnmacht sie vor Leid Und lag wie todt gar lange Zeit. Ihn drängt's, ihr sanften Trost zu spenden: 150 »Kein Klagen kann mein Schicksal wenden. Laßt ab, Ihr tragt ein Kind im Schooß, Das wird ein Degen kühn und groß. Der wird Euch allem Leid entreißen, Und Yonec sollt Ihr ihn heißen. Er rächet unser Beider Noth, Und unserm Feind bringt er den Tod.« – Nicht länger kann er sich verweilen, Das Blut fließt rasch, er muß enteilen, Er fliegt in großem Schmerz davon; Die Dame schreit im Jammerton Und stürzt ihm durch das Fenster nach, Ein Wunder, daß kein Glied sie brach! Denn zwanzig Fuß wohl mocht es haben Von jenem Fenster bis zum Graben. Sie war fast nackt, im Hemde nur, So folgte sie des Blutes Spur, Das tropfend aus des Ritters Wunde Bei seinem Fluge fiel zu Grunde. Sie folgt dem Weg, den er genommen; An einen Berg ist sie gekommen, Drin eine Höhle sie erschaut, Die war vom Blute ganz bethaut; Doch tief im Innern war es Nacht, Nicht lange hat sie sich bedacht: »Hier muß er durchgegangen sein.« 151 Mit großer Mühe drang sie ein. Kein Licht erhellt den finstern Ort, Sie gieng so lang gerade fort, Bis sie der Höhle Ausgang fand. Da war ein schönes Wiesenland Ganz feucht vom Blute war das Gras, Mit großem Schmerz erschaut sie das; Hin durch den Anger lief der Pfad, Bis einer Burgstadt sie genaht. Die war von Mauern ganz umgeben, Da sah man keinen Bau sich heben, Der nicht erglänzt dem Silber gleich, Die Hallen waren hoch und reich; Die Mauern lief ein Sumpf entlang, Das Burgholz und der enge Gang; Am anderm Theil ein Wasser floß, Das ganz den Herrenthurm umschloß, Drauf schwammen viele Schiffe her, Dreihundert waren es und mehr. Geöffnet stand das untre Thor, Die Frau gieng durch die Burgstadt vor, Die war ganz öde und verlassen, Kein Mensch erschien ihr auf den Gassen. Der Blutspur folgt sie unverwandt, Bis daß sie vor dem Schlosse stand. Sie trat hinein mit bangem Muth, 152 Die breite Treppe trof von Blut; Durch eine Kammer schritt sie hin, Ein einz'ger Ritter schlief darin, Sie kannt' ihn nicht und eilte vor Durch eines zweiten Zimmers Thor, Wo sie nichts als ein Lager traf, Drauf lag ein andrer Mann im Schlaf. Doch ließ sie nicht ihr Suchen sein, In's dritte Zimmer trat sie ein, Da lag er, dem ihr Herz so hold; Die Bettstatt war von reinem Gold, Die Pracht der Decken nenn ich nicht; Die Leuchter mit der Kerzen Licht, Das Tag und Nacht den Saal verklärt, Die glichen einer Stadt an Werth. Der Ritter hat sie wohl erkannt, Sobald sie auf der Schwelle stand; Sie naht, es beben ihre Glieder, In Ohnmacht sinkt sie zu ihm nieder. Er fängt sie auf mit trübem Blick Und jammert um sein Mißgeschick. Doch als zum Leben sie erwacht, Hat er ihr sanften Trost gebracht. Dann sprach er: »Hier hilft kein Besinnen, Um Gottes Liebe, geht von hinnen! Ich sterbe heute noch am Tage; 153 Dann hebt sich hier so große Klage, Trifft man Euch hier, so müßt mit Qualen Dem Land Ihr meinen Tod bezahlen. Denn bald wird es dem Volk bekannt, Daß ich den Tod durch Liebe fand. Geht, häuft nicht Angst zu meinem Grame! »O süßer Freund!« so rief die Dame, »Viel besser ist's, daß hier ich sterbe, Als daß mein Gatte mich verderbe! Er ist zum Tod auf mich erbost.« Auch hiefür wußt' ihr Liebster Trost: Ein Ringlein hat er ihr bescheert Und dessen Tugend ihr erklärt. Wenn sie ihn trägt, bleibt ihrem Herrn Erinnerung auf immer fern, Er wird vergessen ganz des Alten Und sie nicht mehr im Kerker halten. Drauf gab er ihr sein Schwert in Hut Und sprach: »Mein Lieb, bewahrt es gut, Kein Andrer soll's ans Erden führen, Nur unsrem Sohne soll's gebühren. Wenn er zur Mannheit wird erblühn, Zum tapfern Ritter stolz und kühn, Dann zieht ihr eines Tags als Gäste Zu einem heil'gen Kirchenfeste, Auch Euer Alter ist dabei; 154 In einer stattlichen Abtei Seht ihr ein Grabmal aufgerichtet, Das euch von meinem Tod berichtet. Dann gebt das Schwert in seine Hand Und macht die Wahrheit ihm bekannt, Daß er nicht Eures Gatten Kind – Dann soll man schaun, was er beginnt.« – Er gab, als dieser Rath zu Ende, Ein Prachtgewand in ihre Hände Und hieß sie rasch sich damit kleiden, Und dann befahl er ihr zu scheiden. Sie gieng und trug das Ringlein werth Und ihren Trost, das gute Schwert. Sie war der Stadt des theuren Herrn Noch keine halbe Meile fern, Da hörte sie die Glocken schlagen Und in der Burg ein lautes Klagen. Im Herzen ward's ihr offenbar, Daß nun ihr Freund verschieden war. Sie fiel mit jammernder Geberde Viermal besinnungslos zur Erde, Doch als sie wieder zu sich kam, Den Weg sie durch den Hügel nahm, Sie folgt der Höhle unverwandt Und kam so heimwärts in ihr Land. Nach ihrem Thurme gieng sie hin 155 Und blieb gar manchen Tag darin; Nicht wußte mehr ihr alter Gatte, Was sich mit ihr begeben hatte; Sie blieb nicht in Gefangenschaft, Er ließ sie frei von Hut und Haft. Ein Sohn war ihrer Liebe Frucht, Der wuchs empor in guter Zucht, Sie nannt' ihn Yonec, im Reich Kam ihm kein andrer Jungherr gleich: Schön war er, kühn im Kampfgefilde Und von verschwenderischer Milde. Er reift heran von Tag zu Tag, Bald gab man ihm den Ritterschlag. Nun hört mich an, ich will euch sagen, Was jenes Jahr sich zugetragen. Am heil'gen Aaronsfest geschah's, – Zu Carlion begieng man das Und in den Städten rings im Land, – Da ward ihr Gatte hinbesandt, Nach altem Brauch zum Fest zu wallen Mit seinen Freunden und Vasallen. In reichem Schmuck zog er davon Nebst seinem Weib und ihrem Sohn. So ritten fürder sie durch's Land; 156 Der Weg war ihnen unbekannt, Drum gieng ein Bursch an ihrer Seite, Daß er den rechten Pfad sie leite. Sie kamen auf ein Schloß zur Nacht Auf Erden glich ihm keins an Pracht. Ein schönes Kloster war darin Mit Leuten von gar frommem Sinn. Dort brachte sie der Bursch zu Gast, Sie fanden Herberg dort und Rast; Es lud der Abt sie zu sich ein, Bewirthet sie mit Speis und Wein. Am andern Tag zu früher Zeit Macht sich der Herr zur Fahrt bereit; Da bat der Abt, nicht so zu eilen, Sie sollten länger noch verweilen, Zu schauen sein Capitulum, Dorment und Refectorium, Und da so lieblich hier zu leben, So hat der Alte nachgegeben. Der Abt gieng nach dem Mahl mit ihnen Hinunter zu den Officinen; Sie kamen zum Kapitelsaal, Da ragt ein hohes Todtenmahl Von einem reichen Tuch umwallt, Mit goldnen Fransen manichfalt, 157 Und zwanzig Kerzen brennen hell, Von reinem Gold ist ihr Gestell; Wer ist, der ihren Werth ermißt? Rauchfässer ganz aus Amethyst Durchräuchern fort und fort die Luft, Gar hochgeehrt ist diese Gruft. Die Gäste wollten Kunde haben Von dem, der hier so stolz begraben, Und fragten dieses Landes Leute, Was solcher Trauerpomp bedeute. Die weinten laut und sagten dann Den Fremden diese Kunde an: »Hier liegt ein hoher Held, fürwahr, Der Beste, den ein Weib gebar; So schön und so geliebt wie er, Lebt wohl auf Erden keiner mehr. Er war der König hier im Land, Von edlem Sinn und milder Hand; Zu Caërvent kam er in Noth, Um eine Frau fand er den Tod. Kein König thront seitdem im Saal: Wir harren, wie er uns befahl, Auf seinen Sohn manch langes Jahr, Den jene Dame ihm gebar.« – 158 Da rief die Frau mit lautem Ton Und sprach zu ihrem jungen Sohn: »Mein schönes Kind, hast du vernommen? Wir sind durch Gott hieher gekommen. Es ist dein Vater, der hier ruht, Er starb durch dieses Alten Wuth.« Sie spricht's und reicht das Schwert ihm dar, Das lang von ihr verborgen war, Und als sie alles wohl verkündet, Wie sie dem Ritter sich verbündet, Und wie er kam und wie er schied, Und wie der Alte ihn verrieth, Da sank sie auf das Grabmal nieder Und regte nie die Lippen wieder. Der Sohn sah sie des Geists beraubt Da hieb er ab des Alten Haupt Und rächte so mit einem Schlage Des Vaters Schmerz, der Mutter Klage. Darauf als diese neue Kunde Die Stadt durchflog von Mund zu Munde, Hat man die Frau mit Ehr und Pracht In einen reichen Sarg gebracht: Bei ihrem Freund senkt man sie ein, – Gott mag den Beiden gnädig sein! Ihr Sohn regierte drauf im Frieden, Bis er aus dieser Welt geschieden. 159 Treu dem Bericht, den wir erfahren, Singt noch das Volk in spätern Jahren Vom Liebesbunde jener Beiden, Von ihrer Qual und ihren Leiden. 161   Das Lied von Milun Der bretonische Hildebrand. .             Wer manichfaltig will erzählen, Muß manichfalt'ge Stoffe wählen Und reden also klug und frei, Daß er dem Volk willkommen sei. Darum mit kurzen Worten nun Will ich beginnen von Milun Und künden euch mit guter Art, Warum dies Lied ersonnen ward. In Süd-Wales war Milun geboren; Als man zum Ritter ihn erkoren, War Keiner, der im Lanzenbrechen Von seinem Roß ihn konnte stechen. Er war ein Degen auserlesen Von kühnem Muth, von feinem Wesen; In Irland war er wohlbekannt, In Norweg und im Gothenland, 164 In Logrien und Albion, Und jeder Neider war zum Hohn; Gar Vielen war er lieb und werth, Von manchem Fürsten hochgeehrt. Ein Ritter saß im Land des Helden, Den Namen kann ich euch nicht melden; Dem ward bescheert ein züchtig Kind, Ein Fräulein hold und wohlgesinnt. Sie hörte Milun rühmend nennen, Ihr Herz begann ihm zu entbrennen, Sie schickt' ihm einen treuen Mann Und bot ihm ihre Liebe an. Den Ritter freut des Boten Wort, Er dankt der schönen Maid sofort. Gern woll' er ihren Dienst beschwören Und ihr auf immer angehören. Er gab die Antwort zier und hold, Dem Boten schenkt' er reiches Gold, Und Freundschaft sichert er ihm zu: »Nun Lieber,« sprach er, »schaffe du, Daß im Verborgnen dann und wann Ich meine Dame sprechen kann. Laß sie von mir den Ring empfangen Und wann sie meiner mag verlangen, So komm als Bote du zu mir, Wir gehn zusammen dann zu ihr.« 165 Mit Urlaub eilt der Kämmrer fort Und bringt dem Fräulein Gruß und Wort, Sagt, daß er nicht umsonst entsandt, Und legt den Ring in ihre Hand. Von Freuden ward ihr Aug verklärt, Daß er sein Minnen ihr gewährt, Und hinter'm Schloß in ihrem Garten Begann sie seiner oft zu warten, Und er versäumte keinen Tag, Daß er mit ihr der Rede pflag, So häufig gieng er aus und ein: Ein Kind empfieng das Mägdelein. Als sie des Neuen sich versah, In schweren Aengsten klagt sie da: »Mir geht, kommt dieß zu Menschenohren, Mein Vater und mein Gut verloren. Wird er mich so geschändet sehn, Muß ich ein streng Gericht bestehn. Ich werd verhört in Pein und Banden Und dann verkauft nach fremden Landen.« (Das wurde damals von den Alten Als strenge Satzung festgehalten.) Herr Milun fragt um ihren Rath, Er sei bereit zu jeder That. Sie sprach: »Wenn ich das Kind gebar, So bringt es meiner Schwester dar, 166 Die fern in reichem, hohem Stand Vermählt ist in Northumberland. In einem Briefe schreibt von mir, Mit Wort und Rede meldet ihr, Das Kind sei mein, und daß ich Leid Darum erduldet lange Zeit, Sie soll ihm ihre Pflege leihn, Mag's Knäblein oder Mädchen sein. Der Ring, den ich von Euch empfangen, Wird um das Hälschen ihm gehangen Und noch ein kurzer Brief dabei, Drin Euer Nam' enthalten sei. Und wenn dann einst nach langer Frist Das Kind so weit erwachsen ist, Daß es Vernünft'ges mag erstreben, So soll sie Ring und Brief ihm geben Und mahn' es mit dem Angebinde, Zu schau'n, daß es den Vater finde.« Sie ließen es bei diesem Rath, Bald drauf war ihre Zeit genaht, Und sie berief in ihren Wehen Ein altes Weib, ihr beizustehen, Die zur Vertrauten sie erwählt. Da ward's verborgen und verhehlt: Nie that die Frau mit Blick und Mund Ein heimlich Einverständniß kund. 167 Ein Sohn war's, den die Maid gebar, Man hängt ihm um das Ringlein klar, Ein Täschchen auch, in dessen Hut Der kleine Brief der Eltern ruht, Dann bringt das Kind man in die Wiege, Daß weich es in den Linnen liege; Man holt ein Kissen dicht und voll, Darein sein Kopf sich bergen soll, Und drüber fließt in breiten Wellen Ein Tuch verbrämt mit Marderfellen. Die Alte nimmt das Kind bei Nacht Zum Garten, wo Herr Milun wacht, Der übergab es treuen Leuten, Die sich des zarten Schützlings freuten. Sie zogen über Berg und Thal Und ruhten täglich siebenmal, Das Kind zu tränken und zu pflegen, In neue Windeln es zu legen: Sie hatten zu des Säuglings Frommen Sich eine Amme mitgenommen. Sie zogen graden Weges fort Und kamen zum bestimmten Ort. Die Dame nahm das Kind zu eigen Und ließ sich Brief und Siegel zeigen, Und als ihr alles ward bewußt, Herzt sie das Kind in Liebeslust. 168 Die Leute ließen's ihr in Pflege Und fuhren heimwärts ihre Wege. Der Held ertrug es nicht zu ruhn, Durch ferne Lande zog Milun, Damit sich seines Namens Ehre Im Solddienst fremder Herren mehre. Indeß verlobte man sein Lieb, Das ohne Schutz zu Hause blieb; Ihr Vater sprach in aller Ruh Sie einem mächt'gen Ritter zu. Das Fräulein saß in ihrer Kammer Geheim in namenlosem Jammer, Sie klagt um Miluns Zorn und Gram, Doch schwerer drängt sie Furcht und Scham, Denn bald wird ihr Gemahl erkunden Daß sie schon eines Kinds entbunden. »Weh,« rief sie aus, »was soll ich thun? Ein Andrer freit mich als Milun. Ich hab mein Mädchenthum verloren, Zur Sklavin bin ich auserkoren. Nicht so, vermeint' ich, sollt es sein; Der Liebste, hofft' ich, werde mein! Ich dachte, unsern Bund zu hehlen Und mich ihm heimlich zu vermählen, Nun wär mein Ende mir willkommen! 169 Doch jede Wahl ist mir benommen; Denn Späher lauern hier genung, Die Kämmerlinge alt und jung, Die stets getreue Minne hassen Und über Liebestrauer spassen. Ich muß mich dieser Qual ergeben. Gott, warum lässest du mich leben?« Sie ward vermählt und in der Nacht Von ihrem Herrn nach Haus gebracht, Und was sie ahnte angstbeklommen, Ist reichlich über sie gekommen. Der Ritter fand sein Bett geschmäht, Ihr half nicht Weinen noch Gebet; Er schloß sie ein in schnöde Haft, In klägliche Gefangenschaft. Hier ist in der Handschrift offenbar eine Lücke, indem wenigstens gesagt sein muß, daß des Fräuleins Befürchtungen eintrafen. Da auch die ziemlich abgekürzte altnordische Uebersetzung keinen Anhalt giebt, so habe ich die wenigen Zeilen zur Ergänzung eingeschoben. Milun kam heim in's Vaterland, Woselbst er Gram und Kummer fand. Er wurde traurig und erbost, Und nur das Eine schuf ihm Trost, Daß nah bei ihm die Dame war, An die er dachte immerdar. Er hub die Sinne drauf zu wenden, Wie man ihr könnte Botschaft senden, Daß ihr Geliebter in der Nähe, 170 Doch so, daß Niemand es erspähe. Nun höret zu, was er gethan: Er hatte einen treuen Schwan, Dem ward ein Brieflein angesteckt Und mit den Federn ganz bedeckt. Dann rief er seinen Knappen her Und sagt ihm offen sein Begehr: Er sprach: »Verkleide dich, Genoß, Du sollst nach meiner Liebsten Schloß, Den Schwan hier nimm und trage du Zum Burghof und dann sieh mir zu, Daß einer von den Kämmerlingen Ihn möge meiner Dame bringen.« Der Knappe folgt des Herren Wort, Er nahm den Schwan und trug ihn fort; Auf gradem Weg, der ihm bekannt, Hat er sich nach dem Schloß gewandt. Er ist die ganze Stadt durchgangen, Um an dem Hauptthor anzulangen, Dort sprach er so den Pförtner an: »Hört mich,« begann er, »lieber Mann, Ich bin ein Vogler sicherlich, Vom Vogelstellen nähr' ich mich; Den schönen Schwan hier fieng ich nun Im Netz nicht fern von Karliun, Drum möcht' ich, einen Schutz zu haben, 171 Des Schlosses Frau damit begaben, Daß man mich nicht im Lande störe Und nicht verklage, noch verhöre.« Der Pförtner sagte: »Glaubet mir, Mein Freund, kein Fremder spricht zu ihr; Doch sollt Ihr so nicht wieder gehn, Ich will versuchen, sie zu sehn, Daß, wenn es Euch das Glück vergönnt, Ihr doch zu ihr gelangen könnt.« Zum Saale gieng der Mann sofort, Und nur zwei Ritter fand er dort, Die still am großen Tische saßen, Beim Schachspiel jeder Wacht vergaßen. Er kommt zurück in voller Hast Und führt hinein den fremden Gast, So schlau, daß Niemand ihn erblickt, Noch ausgefragt und heimgeschickt. Er kam zur Kammer, rief hinein, Die Thür' erschloß ein Mägdelein, Zur Edeldame gieng das Paar, Den Schwan reicht ihr der Bote dar. Sie rief nach einem Diener schnell Und sagte: »Wache drauf, Gesell, Daß Niemand mir den Vogel quäle, Und daß ihm niemals Futter fehle!« – Der Bote sprach: »Seid Ihr mir gram? 172 Blickt her, das Thier ist schön und zahm, Ihr müßt die Gabe selber nehmen, Dran dürfte sich kein König schämen.« Sie hat sich lächelnd hingewandt Und nahm den Schwan mit eigner Hand, Streicht ihm den Hals so schlank und glatt, Da fühlt sie das verborgne Blatt. Ihr Blut erbebt, sie weiß es nun: Die Gabe kommt ihr von Milun. Sie dankt und lohnt den Boten reich, Und sie entließ ihn alsogleich. Doch als die Kemenate leer, Rief sie das Mägdlein zu sich her, Sie nahm den Vogel auf den Schooß, Bald wanden sie das Brieflein los. Des Siegels Wachs zerbrach die Dame, Am Eingang stand des Liebsten Name. Noch liest sie nicht vor Herzensqual, Sie weint und küßt ihn tausendmal. Drauf las sie, was der Held geschrieben Von seinem Sehnen, seinem Lieben Und von der großen Schmerzen Macht, Die er muß tragen Tag und Nacht; Nun lieg' es ganz in ihrem Willen: Sein Leid zu mehren und zu stillen, Wenn sie ihm ihren Rath vergönne, 173 Wie er zu ihr noch sprechen könne, Und einen Brief ihm zuzuwenden, Soll sie den Vogel heimwärts senden. »Erst laßt bei guter Kost ihn rasten, Dann lasset ihn drei Tage fasten; Ihr bindet heimlich ihm sodann Das Brieflein an den Fittich an Und laß ihn frei, dann fliegt er fort Zu mir nach seinem Heimatort.« Sie hielt das Blatt so lang in Handen, Bis sie's gelesen und verstanden. Dann hieß den Schwan sie gastlich hegen Und reich mit Trank und Speise pflegen; Sie ließ ihn einen Mond im Haus, Drauf sann sie gute Listen aus, Und sie erwarb sich ungesehn Die Tinte und das Pergamen, Damit sie tröstlich, hold und lieb Ein Brieflein an den Helden schrieb. Dem Schwan ward Speis und Trank entzogen, Da war er bald davongeflogen Und ließ mit eiligem Gefieder Vor Milun, seinem Herrn, sich nieder. Gar fröhlich war der edle Mann Und faßt ihn bei den Flügeln an; Dem Speisemeister ließ er sagen, 174 Ein reichlich Futter herzutragen; Er nahm von seinem Hals den Brief, Den er mit heitrem Blick durchlief, Die Züge schaut er an, die süßen, Und labt sein Herz an ihren Grüßen: Fern sei mit ihm ihr Heil und Glück, Sie bitte Botschaft sich zurück Auf gleichem Wege, durch den Schwan; – Und glaubet mir, so ward's gethan. Es lebte das getrennte Paar In solcher Weise zwanzig Jahr, Und emsig war des Schwanen Flug, Der hin und her die Briefe trug. Sie sah'n sich wohl auch dann und wann; Denn Niemand liegt in solchem Bann, Daß er, wie fest man ihn auch binde, Nicht eine freie Stunde finde. Ihr Sohn wuchs in der Jahre Lauf Indessen bei der Schwester auf. Hernach in seinen Jünglingstagen Hat man zum Ritter ihn geschlagen; Er war von adlicher Gestalt, Die Dame gab den Brief ihm bald Und sagt ihm treu die ganze Mähre Und kündet, wer sein Vater wäre, 175 Ein guter Ritter allbekannt Von kühnem Muth und starker Hand, Kein Held besiege seinen Ruhm Durch Edelsinn und Ritterthum. Als Alles ihm die Frau gesagt Und er sie eifrig ausgefragt, Da ward er stolz und freute sich Des tapfern Vaters inniglich, Und bei sich selber sprach er so: »Ich würde kleinen Lobes froh, Wenn ich, erzeugt von solcher Art, Dem solch ein kühner Vater ward, Nicht durch die Länder wollte schweifen, Nach höhern Ehren noch zu greifen.« – Er leistet selbst sich Wort und Schwur, Noch einen Abend blieb er nur, Dann war nach Urlaub sein Begehren, Die Dame gab ihm weise Lehren Und schickt' ihn aus mit Gold und Habe, Am Morgen schied der kühne Knabe. Southampton hatt' er bald erreicht, Er eilt zu Schiff, die Fahrt war leicht, Bei Barfleur stieg er an den Strand Und ritt nun durchs Bretonenland. Dort sucht er Hoffest und Turnei, Gesellt sich großen Herren bei, 176 Kein Kampf war, den er unternahm, Aus dem er nicht als Sieger kam. Die armen Ritter zog er an; Was er den Reichen abgewann, Das gab er freundlich ihnen hin, Weit pries man seinen milden Sinn; Doch Ruhe war nicht sein Begehr, Durch alle Länder über'm Meer Trug er des jungen Namens Ehren, Um sie mit neuem Ruhm zu mehren. Auch bei den Briten ward's bekannt, Ein junger Mann aus ihrem Land Bezwinge Alle weit und breit Durch kühnen Sinn und Tapferkeit. Sie rühmten drauf sein sanft Gemüthe, Und es geschah durch seine Güte, Daß sie den edlen Unbekannten Sanz-Per , den Ohnegleichen, nannten. Von seinem ritterlichen Thun Vernahm zu Hause Herr Milun, Und Sorge fieng er an zu hegen Und Schmerz des eignen Namens wegen. »So lang' ich mir für Strauß und Fahrt Der Waffen alte Kraft bewahrt, Sei Keiner, den dies Land geboren, 177 Zu höhern Ehren auserkoren!« Nach einer That verlangt er sehr, Schnell will er fahren über Meer, Um mit dem Ritter dort zu kämpfen Und schmählich seinen Stolz zu dämpfen. »Den eignen Namen muß ich rächen, Kann ich den Herrn vom Rosse stechen, So folgt der Hoffahrt Spott und Hohn. Dann wandr' ich aus nach meinem Sohn, Der meerwärts seine Straße nahm, Und Niemand weiß, wohin er kam.« Er that der Dame noch zur Stund Durch eine Schwanenbotschaft kund, Was er beschlossen zu erstreben, Sie soll ihm Rath und Urlaub geben. Und sie erwidert ihm sofort Und dankt mit manchem frohen Wort, Daß er die Fahrt, die mühevolle, Nach ihrem Sohne wagen wolle; Auch dürfte sie's ihm nicht verwehren, Zu schirmen seines Namens Ehren. Den Brief empfieng der edle Mann Und hub sich reich zu rüsten an; Zu den Normannen setzt' er über, Ritt in's Bretonenland hinüber Und fand daselbst der Helden viel, 178 Sucht' emsig nach Turnier und Spiel, Hielt Rast in manchem prächt'gen Haus Und theilte reiche Spenden aus. Milun, soviel ist mir bekannt, Blieb einen Winter dort zu Land Und mit ihm manch ein Ritter werth, Bis Ostern war zurückgekehrt, Wo die Turniere neu beginnen Und Krieg und Fehden sich entspinnen. Mont Seint Michel war Sammelort, Mont St. Michel ist ein berühmter Inselfels mit einem Kloster an der Küste der Normandie. Breton und Normann fand sich dort, Franzosen kamen und Flamänder, Doch sah man wenig Engelländer. Milun, der kampfberühmte Held, Hat frühe dort sich eingestellt, Um nach dem jungen Herrn zu fragen; Man wußte viel von ihm zu sagen, Woher zum Kampfspiel und Turnei Der junge Held gekommen sei; Man zeigt ihn Milun im Gefild, Erklärt ihm Waffenschmuck und Schild; Der Alte hat ihn lang betrachtet Und jedes Wort gar wohl beachtet. Bald schaart sich Alles gut gerüstet, Nun mag tjostieren, wen's gelüstet; Tjostieren altfranzösisch juster , mittellateinisch juxtare ist der Ausdruck für das einzelne Aufeinanderreiten. Wer in die Reih'n begehrt zu stehn, 179 Mag einen Gegner sich ersehn, Und schnell wird zwischen ihnen Beiden Sich Sieg und Niederlag' entscheiden. Es that Milun in dieser Stund' Die alte Heldenstärke kund, Man ruft ihm zu, man preist ihn sehr, Den Jungen aber doch noch mehr, Denn der war Meister im Turnieren Und ohne Gleichen im Tjostieren, Mit hohem Staunen schaut Milun Des jungen Helden kühnes Thun, Und ob's ihm selber Kummer schafft, Er freut sich solcher Ritterschaft. Er stellt sich ihm Mann gegen Mann, Sie sprengen auf einander an, Und Milun traf ihn also hart, Daß ihm der Speer zersplittert ward; Doch ruhig saß der junge Degen Und gab so mächt'gen Stoß dagegen, Daß, ob's ihm selbst auch schlecht gefiel Herr Milun aus dem Sattel fiel. Da schob sich sein Visier empor, Die grauen Locken quollen vor: Der Jungherr schaut des Alten Haar Und klagt, daß er gefallen war. Er ritt nach seinem Roß im Nu 180 Und führt es ihm am Zaume zu. »Herr, steiget auf!« so redet er, »Glaubt mir, mein Herz ist kummerschwer, Daß einem Mann von Euren Jahren Durch mich die Unbill widerfahren!« Der Jungherr hielt des Rosses Zügel, Milun sprang dankend in den Bügel, – Da deucht ihm an des Jungen Hand Der goldne Ring so wohl bekannt. »Freund!« sprach er bittend, »höre mich,« »Um Gottes Huld beschwör' ich dich: Sag deinen Namen mir fürwahr Und nenne mir dein Elternpaar! Du sollst mir's ohne Rückhalt sagen: Viel schaut' ich schon in meinen Tagen, Viel schweift' ich durch die Welt und fand Turnier und Krieg in manchem Land, Doch war kein einz'ger Held am Leben, Der mich vom Sattel mochte heben. Dir ist's in rechter Tjost gelungen, Und auch mein Herz hast du bezwungen.« – »Gern sag' ich Euch mit treuem Mund, Was mir von meinem Vater kund: Wales, denk ich, ist sein Heimatland, Und Sir Milun ist er genannt. Er liebt' ein Fräulein reich an Macht, 181 Ich ward geheim zur Welt gebracht, Man trug mich in's Northumbergau Zu einer milden Edelfrau, Der Mutter Schwester, die mich pflag Und Zucht mich lehrte manchen Tag; Sie gab mir diese Kampfgewande Und ließ mich ziehn in fremde Lande. Hier schweift' ich rastlos her und hin, Doch Eines trag' ich nun im Sinn: Ich fahre heimwärts über Meer, Nach meinem Vater drängt's mich sehr, Nicht länger duld' ich, ihn zu missen, Auch von der Mutter will ich wissen; Ich zeig' den Ring dem edlen Mann Und sag ihm diese Zeichen an; Glaubt mir, er wird mich anerkennen Und seinen lieben Sohn mich nennen.« In Freuden pocht das Herz des Alten, Er kann nicht länger an sich halten, Er drängt sich an des Jungen Roß Und faßt ihn bei des Halsbergs Schoß: »Gott!« rief er, »welch ein reicher Lohn! Traun, lieber Held, du bist mein Sohn; Ich leb' ein Jahr im Lande hier Und frag' und suche nur nach dir.« Da sprangen ab die beiden Degen 182 Und liefen grüßend sich entgegen, Sie faßten sich und küßten sich Und jubelten herzinniglich, Daß allen ihren Kampfgenossen Vom Auge Freudenthränen flossen. Doch als zu Ende das Turnier, Da brannte Milun vor Begier Und kehrte heimwärts ohne Zaudern, Nach Muße mit dem Sohn zu plaudern. In ihrem Gasthaus ward die Nacht In Glück und Lustbarkeit verbracht Mit vielen Rittern in der Runde. Da sagt Milun dem Sohn die Kunde, Wie er die holde Mutter fand, Und wie ein Herr aus ihrem Land Vom Vater sie zum Weib empfangen, Wie sie sich dennoch angehangen In ächter Liebe lange Zeit, Und wie sie niemand eingeweiht Als ihren Schwan nur, der im Flug Getreu der Liebe Botschaft trug. Der Sohn rief: »Ich vereine dich Mit meiner Mutter sicherlich. Hingeh' ich, ihren Mann zu tödten, Und schaffe Frieden Euren Nöthen.« 183 Dann ließen sie die Rede ruhn, Am Morgen rüstet sich Milun, Und Urlaub nahm er mit dem Sohn, Zur Heimat zogen sie davon. Sie fuhren über's Meer geschwind, Gut war das Wetter, sanft der Wind. Drauf kam den Herrn auf ihren Wegen Ein junger Edelknab entgegen, Der freut sich, wie er sie erblickt, Er war, von Miluns Lieb geschickt, Nach der Bretagne auf der Fahrt, Doch jetzt war ihm der Weg erspart. Er gab ein Blatt in Miluns Hand, Darauf ihm frohe Kunde stand, Ihr Herr sei todt, er möge eilen, Um Alles nun mit ihr zu theilen. Herrn Milun deucht die Mähre gut, Der Sohn auch hört's mit frohem Muth. Fort ritt das Paar ohn' Aufenthalt, Zum Schloß der Dame kam es bald; Die dankte Gott mit Herz und Hand, Als sie den schönen Sohn erkannt. Und dieser, ohne je zu fragen, Ob's den Verwandten wollt' behagen, Führt seine Mutter nun in Ruh Dem Vater als Gemahlin zu. 184 Sie lebten drauf in Glanz und Macht Und Liebeswonne Tag und Nacht. Von ihrer Minne, ihrem Glück Blieb uns ein altes Lied zurück; Mir ward es recht im Herzen lieb, Als ich es treulich niederschrieb. 185   Das Lied vom Geißblatt. Lai du Chebrefoil.           Mir ist gar lieb und wohlbekannt Das Lied, das Geißblatt wird genannt, Diese Episode aus der Liebesgeschichte von Tristan und Isolde wird erzählt, um (wie es beim Lied vom Unglücklichen der Fall war) die Entstehung eines bekannten Liedes, des Lai du Chevrefoil , das dem harfenkundigen Tristan selber zugeschrieben wurde, poetisch zu erklären. Von dem fraglichen Lied ist meines Wissens nichts erhalten als die kurze Andeutung, welche eben im Lai der Marie de France gegeben ist. Und nun erzähl' ich euch fürwahr, Was dieses Liedes Ursprung war. Mir ward's erzählt zu manchen Stunden, In Büchern hab' ich's auch gefunden, – Von Tristan und der Königin, Von ihrer Minne festem Sinn, Davon sie hatten Schmerz und Klage, Und starben drauf an einem Tage. Dem König Marke schuf zur Zeit Sein Neffe Tristan grimmes Leid, Er hat ob seinem Lieben Ihn aus dem Land getrieben; Da gieng nach Süd-Wales seine Fahrt, In's Land, da er geboren ward. Dort blieb er wohl ein ganzes Jahr, Weil Rückkehr ihm benommen war. 188 Dann aber wollt' er lieber sterben, Als in der Sehnsucht Pein verderben. Ihr sollt nicht staunen und nicht scherzen! Wer treue Minne trägt im Herzen, Der wird gar trüben Sinns und klagt, Wenn ihm sein Wille wird versagt. Auch Tristans Herz muß klagen, Nicht länger will er's tragen. Er gieng gerad nach Cornwall hin, Dort wohnte seine Königin; Er barg im Wald sich in der Nähe, Nicht wollt' er, daß ihn Jemand sehe. Zur Abendzeit gieng er hinaus Und pochte an ein Bauernhaus; Dort hat der Ritter manche Nacht Mir armen Leuten hingebracht. Er konnte Neues dort erfahren Von seines hohen Ohms Gebahren; Sie sagten ihm, es sei bekannt, Daß die Barone man besandt Nach Tintajol von nah und fern Auf einen Hoftag vor den Herrn; Der sollte sein am Pfingstenfeste, Viel Kurzweil harre dort der Gäste; Dahin komm' auch die Königin: – Deß hatte Tristan frohen Sinn, 189 Sie kann nicht anders dahin gehn, Er muß im Wald sie ziehen sehn. Am Tage, da das Fest begann, Da wandert Tristan durch den Tann Hin auf den Weg, von dem er wußte, Daß ihn die Herrin gehen mußte. Dort schnitt nach altem Liebesbrauch Schon früher hatte Tristan durch Stäbe , welche er in den durch Isoldens Wohnung fließenden Bach warf, der Geliebten seine Botschaft gesandt. Er einen Zweig vom Haselstrauch, Er zog ihm ab den ganzen Bast, Und in's Geviert schnitt er den Ast, Drauf ritzt er seinen Namen fein Mit seinem spitzen Messer ein. Das wird der Herrin nicht entgehen, Sie wird die Botschaft wohl verstehen; Das aber war der Zeichen Sinn Die er entbot der Königin: Er sitze lang nun auf der Wart, Und habe manchen Tag geharrt, Ob es nicht möcht geschehen, Daß er sie könnte sehen; Denn ohne sie versterb' er hie. Dasselbe Schicksal hätten sie. Gleichwie der Geißblattschoß der schwanke, Der um den Haselstrauch sich ranke, Wenn er sich an ihm aufgeschwungen Und völlig seinen Stamm umschlungen, 190 So dauern wohl die Beiden, Doch wollte man sie scheiden, So welkte schnell der Haselstrauch, Die Geißblattranke stürbe auch. » Bele amie, si est de nus: Ne vous sanz mei, ne mei sanz vus. « Ich erlaube mir hier eine jedenfalls durch den Vorgang Gottfrieds von Straßburg stilgemäß gewordene Licenz, indem ich die in ihrer Kürze unübersetzbaren, refrainartigen Zeilen in Original anführe: Schöne Freundin, so ist's mit uns: »Weder Ihr ohne mich, noch ich ohne Euch.« Geritten kam die Königin, Nach einer Halde blickt sie hin; Sie sieht den Stab und hat erkannt Die Züge einer lieben Hand. Der Ritterschaar an ihrer Seite, Die mit ihr hinfuhr als Geleite, Gebot die Herrin: »Machet Halt, Wir wollen ruhn im grünen Wald.« Das thaten gleich die edlen Herrn; Sie aber gieng dem Trosse fern, Ihr Fräulein winkte sie bei Seit, Brangän, die vielgetreue Maid. Sie giengen durch die Halde, – Da fand sie den im Walde, Der mehr sie liebt als alles Gut. Gar fröhlich wurde Beider Muth, Er sprach mit ihr nach Herzenslust, Sie sagt ihm an, was ihr bewußt, Und zeigt ihm, was er sollt' beginnen 191 Den König wieder zu gewinnen; Der Alte habe viel geklagt, Daß er ihn aus dem Land gejagt, Durch falschen Rath sei das geschehn. – Drauf mußte sie von dannen gehn, Und als es kam zum Scheiden, Da weinten stumm die Beiden. Tristan gieng in sein Heimatland, Bis daß sein Oheim ihn besandt. Und von dem Glück, das er empfunden, Als er im Wald die Frau gefunden, Und von den Worten, die er schrieb, Und was ihm rieth sein holdes Lieb, Schuf, dem Gedächtniß es zu wahren, Tristan, im Harfen wohl erfahren, Ein neues Minnelied sofort. Ich nenn es euch mit kurzem Wort: Auf Englisch ist's Gotlef genannt Und Chevrefoil im Frankenland. Die volle Wahrheit wisset ihr Von diesem Lied, das glaubet mir! 193   Guildeluec und Guilladun Diese Benennung des Gedichtes ist, wie Marie selbst bemerkt, richtiger als die früher gebräuchliche nach Elidüc. oder Das Lied von Eliduc.               Von einem Lied aus alten Tagen Hört' ich bei den Bretonen sagen; Die ganze Mähre treu beflissen Verkünd' ich euch nach meinem Wissen. Ein Ritter war im Land der Briten Von stolzem Sinn und feinen Sitten, Herr Elidüc, im ganzen Reich War ihm kein Held an Kühnheit gleich. Ein edles Weib war ihm vermählt Von Stamm und Namen auserwählt. Sie lebten Beide sonder Leid In treuer Liebe lange Zeit. Doch er war Fahrt und Kämpfen hold Und zog in fremder Herren Sold, Dort wandt' er sich mit Herz und Sinn Nach einem Königsfräulein hin, Schön Guilliadun das war ihr Name, Im weiten Reich die schönste Dame. 196 Doch seine Hausfrau war genannt Guildeluec in ihrem Land, Drum heißt man diese Mähre nun: Guildeluec ha Guilliadun . Einst hieß nach Elidüc die Sage, Doch anders ist's nun heut zu Tage, Denn ihr sollt selber bald erschaun: Des Liedes Preis gebührt den Fraun, Und um die Wahrheit zu ergründen, Will ich euch Alles treulich künden. Der Held war von den Lehensmannen Beim Königshaus der Kleinbritannen; Treu dient er stets dem edlen Herrn, Und dieser sah den Ritter gern. Er ließ ihm Hof und Reich in Handen, So oft er fuhr nach fremden Landen. Er durfte jagen durch das Grün, Da war kein Förster je so kühn, Daß er den Ritter drob verklagte Und einmal nur zu murren wagte. Das war durch seine Tüchtigkeit; Doch kam ihm bald viel Herzeleid. Denn wie's auch Andern oft geschah, Der Neid, der ihn im Glücke sah, 197 Hat ihn verläumdet und geschändet Und ihm des Königs Huld entwendet: So ließ der Fürst ihm bald bescheiden, Von nun an seinen Hof zu meiden. Der Ritter wußte keinen Grund Und bat den König manche Stund', Daß er Vertheid'gung ihm erlaube Und nicht an Lug und Tücke glaube, Treu dien' er ihm seit manchen Tagen, – Doch keine Antwort ward den Klagen. Er fand den König taub und stumm, Da wußt' er, seine Zeit sei um. Er ritt nach Haus gedankenschwer Und rief die Freunde um sich her, That ihnen kund, was er erduldet, Ungnade jäh und unverschuldet. (Der Bauer sagt's im Spruche frank, Steht er mit seinem Knecht in Zank, Daß Herrengunst kein Erb und Lehn. Drum achten, die es recht verstehn, Daß ihre Treu dem Herrn verbliebe, Dem guten Nachbar ihre Liebe .) Nicht länger lieg' er hier im Lande, Er ziehe weg nach fremdem Strande, In Logrien denk' er zu bleiben Und seine Zeit sich zu vertreiben. 198 Doch seine Frau befahl er dann Der Treue seiner Mannen an Und seiner Freunde Rath und Lehre, Daß sie in stetem Schutze wäre. Beschlossen ward's in solcher Weise, Er rüstet reichlich sich zur Reise; Betrübt schaut man die Freunde stehn, Als sie so rasch ihn scheiden sehn. Zehn Ritter giengen ihm zur Seite, Die Gattin gab ihm das Geleite, Laut jammert sie im Herzensgram, Als es darauf zum Abschied kam. Er tröstet sie mit dem Versprechen, Ihr niemals seine Treu zu brechen. Sie schied mit manchem Liebeswort, Doch er zog seine Straße fort. Er kam an's Meer, er stieß vom Strand Und stieg zu Toteneis an's Land Toteneis – Totneß am Dart in Devonshire. Viel Herrn gab's dort zu jener Zeit, Die lagen unter sich im Streit. Es saß bei Exeter im Gau Ein stolzer König alt und grau, Der nannte keinen Erben sein Als nur ein einzig Töchterlein. Ein Nachbar bat um ihre Hand Und ward unfreundlich heimgesandt, 199 Da kehrt er wieder wohlbewehrt, Das Reich des Alten ward verheert, Er selbst im Hofsitz eingeschlossen, Und keiner seiner Burggenossen Getraute sich den Kampf zu wagen, Im Ausfall auf den Feind zu schlagen. Doch Elidüc vernahm die Mähr, Zu wandern lüstet ihn nicht mehr: Krieg, den er suchte, fand er nun Und denkt im Land sich umzuthun. Dem König, der in bittrer Noth, Der hart bedrängt und schwer bedroht, Will er sich selbst zum Helfer leihn Und seinen Dienst nach Kräften weihn. Er schickt ihm Boten denn zur Stund' Und thut in einem Brief ihm kund, Er sei gekommen über Meer, Zu helfen ihm mit guter Wehr, Doch wenn's ihm nicht gefallen sollte, Daß er im Dienst ihn halten wollte, So bitt' er um ein frei Geleit, Zu suchen auswärts Kampf und Streit. Der König hielt die Boten werth Und hielt sie lieb und hochgeehrt, Den Connetable ließ er holen 200 Und hat ihm hastig anbefohlen, Ein Gastgeleit sich zu erküren Und die Barone her zu führen; Herbergen auch sollt' er erfragen, Wo man sie pflege nach Behagen, Und ihnen soviel Schätze spenden, Als sie nur lüste zu verschwenden. Das Gastgeleit war schnell zur Hand Und ward zu Elidüc gesandt, Der hat es ehrend aufgenommen Und ist zur Königsstadt gekommen. Sein Gasthaus wies man ihm sodann Bei einem braven Bürgersmann, Der hatte willig ungesäumt Sein Teppichzimmer ihm geräumt. Teppichzimmer – Chambre encurtinée , des Hauses, an dessen Wänden die Teppiche, nicht wie unsere Tapeten, dauernd befestigt, sondern nur bei feierlichen Gelegenheiten aufgehangen wurden. Herr Elidüc hielt große Feste Und lud dazu als Ehrengäste Die armen Ritter all in Schaaren, Die eben in der Burgstadt waren. Doch seinen Mannen insgemein Schärft er mit strengen Worten ein, Daß in den ersten vierzig Tagen Sie kein Geschenk zu fordern wagen. Bald, eh der dritte Tag vorbei, Hub in der Stadt sich das Geschrei: »Der Feind! Schon füllt er Mann an Mann 201 Ringsum die weite Landschaft an! Schon rückt er nach der Burgstadt vor, Noch heut berennt er Thurm und Thor! Als Eldüc den Lärmen hört, Der so die Städter aufgestört, Bewehrt er sich und säumt nicht weiter Und mit ihm alle seine Reiter. Noch vierzehn Herrn mit guten Rossen War'n in der Stadt als Kampfgenossen, Gefangener ein gutes Theil Und Andre kaum von Wunden heil. Die sahn den Gast in Waffen blitzen Und eilten, selber aufzusitzen, Um ungemahnt ihn zu begleiten Und mit ihm vor das Thor zu reiten. »Herr Ritter, laßt uns mit Euch gehn Und thun, was wir von Euch ersehn!« Er dankt und spricht: »Von Herzen gern! Doch sagt, weiß einer von den Herrn Wohl einen Engpaß in der Nähe, Wo man geschützt den Feind erspähe?« Sie sagten: »Herr, auf unser Wort, Beim Wald durch jenes Flachsfeld dort Da läuft ein Hohlweg schmal und enge, Dort drängt sich oft der Feinde Menge, Dann fahren sie zum Rauben aus, 202 Ziehn sie auf jenem Weg nach Haus. Oft sah man's, daß der Trupp im Schritt Entwappnet auf den Zeltern ritt. Wenn wir dem Glück uns überlassen Und mit des Todes Schrecken spassen, So könnt' es uns vielleicht gelingen, Sie schmählich dort zum Fall zu bringen.« Da sprach Herr Elidüc: »Fürwahr, Mein Wort geb' ich zum Pfande dar, Wer je sich vor dem Orte scheut, Wo Tod ihm und Verderben dräut, Der wird nichts Tüchtiges erjagen; Noch großen Ruhm zu Lohne tragen. Der König schenkt euch seine Huld, Ihr seid ihm rechte Treue schuld. Kommt mit mir, Herrn,« so rief er laut, »Und thut, was ihr mich thun erschaut! Ich schwör's euch zu in Treu und Ehren, Sie werden uns kein Haar versehren, So lang ich euch zur Hülfe bin; Doch was auch sei des Streits Gewinn, Mit Ruhm wird's unsre Schaar beladen, Dem Feind in solchem Kampf zu schaden.« Sie sicherten sich alsobald Und führten Elidüc zum Wald Und lauerten beim schmalen Passe, 203 Bis sich der Feind erblicken lasse. Doch Elidüc zeigt ihnen an Und unterwies jedweden Mann, Wie auf den Feind sie reiten sollten, Und was im Kampf sie rufen wollten. Bald kehrt darauf der Feind zurück, Da schreit ihn an Herr Elidüc Und mahnt die Freunde, in den Schauern Des Streites mannlich auszudauern, Mit hartem Streich dem Feind zu lohnen Und ihrer Keinen zu verschonen. Bald ward der Gegner wirre Schaar Zersprengt, zersplittert ganz und gar; In Kurzem war ihr Stolz vergangen, Ihr Connetable ward gefangen, Mit vielen Rittern noch daneben, Und Knappen in die Hut gegeben. Die fünfundzwanzig führten dort Wohl dreißig als Gefangne fort, Sie fanden Schmuck für Roß und Leute Und nahmen wunderreiche Beute. Drauf kehrten sie voll Ruhm und Glück Vereint nach ihrer Stadt zurück. Der König auf des Thurmes Dach Fühlt um die Schaar viel Ungemach; 204 Er fürchtet und beklagt sich bitter Ob Elidüc, dem fremden Ritter, Daß er mit trügerischen Thaten Die Herrn verlassen und verrathen. Da zog die Schaar von Beute schwer In gut geschlossnen Reihn daher: Mehr sah der König heimwärts fahren, Als aus der Stadt gezogen waren; Da ward vom Schreck er übermannt, Er hat die Treuen nicht erkannt. Die Thore ließ er rasch verrammeln, Das Volk sich auf den Mauern sammeln, Sie zu empfahn mit Lanzenwürfen; Doch dessen wird es nicht bedürfen. Ein Knappe kommt, den Zaum verhängt, Der Ritterschaar vorangesprengt Und meldet, wie der fremde Held Den Feind gebrochen und gefällt: Ein solcher Kämpe mag auf Erden In keinem Land gefunden werden. Des Königs Herz in Freuden kam, Als er des Boten Wort vernahm; Er stieg vom Thurm mit seinem Degen Und gieng Herrn Elidüc entgegen. Er hat nicht Lob, noch Dank gespart 205 Für seine kühne Heldenfahrt. Doch die Gefang'nen unverwandt Gab Elidüc in seine Hand, Den Raub vertheilt er an die Leute, Und nichts behielt er von der Beute Als nur drei Ritter, die ihr Leben In seine Siegerhand gegeben; Das Andre ließ mit vollen Händen Er Freien und Gefangnen spenden. Nach dieser That, so sagt die Mähre, That ihm der Fürst viel Lieb' und Ehre, Er hielt ihn noch ein ganzes Jahr Mit seiner tapfern Reiterschaar Und hat, nachdem er Treu geschworen, Zum Landesvogt ihn auserkoren. Herr Elidüc war weis' und gut, Von mildem Sinn und kühnem Muth; Die Königstochter hört die Kunde Und fand sein Lob in jedem Munde. Da wurde heimlich unerkannt Ein Kämmerling zu ihm gesandt, Um ihn zu der Prinzessin Gnaden Zu Red und Kurzweil einzuladen: Groß Wunder hab' es sie genommen, Daß er noch nicht zu ihr gekommen. 206 Und er antwortet ihr im Stillen, Er handle gern nach ihrem Willen. So sprang er denn sofort auf's Roß, Ein Ritter war sein Weggenoß, Er sucht des Fräuleins Kemenat; Doch eh' er in die Thüre trat, Schickt er den Kämmerling hinein Und wandelt sachte hinterdrein. Bald kam der Kämmerer zurück, Zum Fräulein gieng Herr Elidüc. Mit Anstand redet er zu ihr, In Blicken hold, in Worten zier, Gar freundlich war sein ganzes Thun; Er dankt der schönen Guilliadun, Daß sie so güt'gen Sinns gewesen, Ihn zur Gesellschaft auszulesen. Sie aber führt ihn bei der Hand Zum Sitze an des Bettes Rand; Gar Manches sprach der kühne Mann, Das Fräulein saß und blickt' ihn an, Der Züge Reiz, der Glieder Adel, – Sie fand ihn ohne Fehl und Tadel. Sie hieng an ihm, in ihre Sinne Fiel jäh das Aufgebot der Minne: Den liebe du und keinen mehr! – Doch sie ward blaß und seufzte schwer. 207 Nicht sagen will sie, was sie kränke, Daß er nicht Schlimmes von ihr denke. Gar gute Weile blieb er dort, Dann Urlaub heischend gieng er fort. Sie hielt' ihn noch von Herzen gern, – Doch sie entließ den edlen Herrn. Zu seiner Herberg gieng er heim, Im Herzen trüber Sorge Keim: Es strebt sein aufgeregter Sinn Nach seines Königs Tochter hin, Die ihn so liebevoll empfangen, Ihr Seufzen war ihm nicht entgangen. Ihn reut, daß er so manchen Tag In ihres Vaters Lande lag, Bevor sie ihm zu Augen kam; Doch ob der Reue faßt ihn Scham. Er denkt des Weibes, der beim Scheiden Er angelobt mit theuren Eiden, Die Treu zu halten fest und rein Und stets in ihrem Lehn zu sein. Doch Guilliadun begann zu denken, Dem Ritter ihre Huld zu schenken. So stand bei ihr kein Mann in Ehren, Sein Minnedienst war ihr Begehren. Drum ward von ihr die lange Nacht 208 Mit offnen Augen hingewacht; Sie hob sich, als der Tag begann, Und rief den Kämmerling heran, Sie führt an's Fenster ihn bei Seit', Erzählt ihm ihre Heimlichkeit. »Weh mir!« so sprach sie, »Weh vor Allen! Ich bin in schlimmes Leid gefallen! Dem Herrn in meines Vaters Sold, Dem fremden Ritter bin ich hold. Nicht Ruhe kommt in meine Glieder, Noch Schlaf auf meine Augenlider. Will er in Lieb' sich zu mir wenden Und Leib und Seele mir verpfänden, So geb ich ganz mich ihm dahin, Und ihm bringt's reichlichen Gewinn: Er wird einst König hier zu Land, Denn er ist tapfer und gewandt. Doch kann sein Herz ich nicht erwerben, Muß ich verschmachten und verderben.« Drauf als der Kämmerling gehört, Was seiner Dame Sinn verstört, Gab seinen Rath er ohne Trug; Darum schilt Niemand ihn mit Fug. »Nun, Herrin, raubt's Euch so die Ruh, So schickt ihm eine Botschaft zu Und ein Geschenk, wenn auch gering, 209 Sei's Litze, Gürtel oder Ring. Freut Euer Gruß den edlen Herrn, Empfängt er Eure Gabe gern, Dann zweifelt nicht, daß er Euch liebt. Glaubt, daß es keinen Kaiser giebt, Dem der Gedanke Eurer Minne Nicht Freude bringt in Herz und Sinne.« Das Fräulein hört des Dieners Wort, Und Antwort gab sie ihm sofort: »Wie weiß ich es durch meine Gabe, Daß er im Sinn mein Minnen habe? Es lebt kein Ritter, wie ich denke, Der, – schickt ihm irgendwer Geschenke, Mag er nun lieben oder hassen, – Sich lang darum wird bitten lassen, Sie anzunehmen unbesehn; Nur heft'ger Groll wird drüber schmähn. Jedennoch wird aus dem Gebahren Wohl manchen Mannes Sinn erfahren. Drum sei bereit! Geh zu ihm hin!« – »Ich bin bereit, Gebieterin!« – »Bring ihm den Ring in schnellem Schritt Und nimm noch meinen Gürtel mit! Bring's ihm von mir mit tausend Grüßen!« Er eilt hinweg auf flinken Füßen. Sie folgt ihm an der Treppe Stufen, 210 Um hastig ihn zurückzurufen, Jedoch sie schweigt und läßt ihn gehn; Dann bleibt sie händeringend stehn: »Weh, wie ist all mein Herz entbrannt Für diesen Mann aus fremdem Land! Nicht weiß ich, von Begier entflammt, Ob er aus edlem Blut entstammt, Noch, wann er wieder mit den Mannen Auf Abenteuer zieht von dannen. Dann sitz' ich hier in Qual verloren, Die Liebe macht mich recht zum Thoren. Erst gestern kam er mir zu Sinne, Heut bitt' ich ihn um seine Minne. Er wird mich schelten, weh mir Armen! Doch ist er gut, fühlt er Erbarmen. Ich gab mein Glück dem Zufall hin: Wohnt Liebe nicht in seinem Sinn, So ist mein Leben freudenbar Und elend, ach, auf immerdar!« Indeß sie klagt in trübem Muth, Hat ihr Vertrauter nicht geruht; Er war zum Ritter hingeeilt Und sagt ihm heimlich unverweilt Den Gruß, den ihm die Frau gesandt, Legt ihm das Ringlein in die Hand 211 Und giebt den Gürtel ihm zu eigen; Da dankt Herr Elidüc mit Neigen, Er steckt das Ringlein an den Finger Und sagt kein Wort dem Ueberbringer, Er gürtet sich die Borte um, Der Kämm'rer stand betrachtend stumm; Viel Gold bot ihm der Ritter an, Ablehnend schied der treue Mann. Zu seinem Fräulein trat er ein, Die seiner harrt im Kämmerlein, Er grüßt sie von Herrn Elidüc Und bringt ihr seinen Dank zurück. »Sag an! Du darfst mir's nicht verhehlen: Will er zu seinem Lieb mich wählen?« Der Kämm'rer sprach: »Dran zweifl' ich nicht! Zwar ruhig blieb sein Angesicht; Doch er ist klug, daß er mit Fleiß Sein Innerstes zu bergen weiß. Ich, wie es Euer Wille war, Bracht' ihm Geschenk' und Grüße dar. Er nahm den Gurt mit beiden Händen Und schnürte fest ihn um die Lenden, Das Ringlein steckt er an sofort; Doch weiter sprachen wir kein Wort.« – »Empfieng er's nicht als Liebesgabe? Weh mir, so bringt es mich zu Grabe!« 212 »Ich weiß nicht, edle Frau! Doch traun, Ihr mögt auf meine Worte baun: Wär Euch sein Sinn nicht ganz zum Frommen, So hätt' er nichts von Euch genommen.« »Dein Wort ist sonder viel Gewicht! Das weiß ich wohl: er haßt mich nicht. Ich that ihm niemals was zu Leid, Als daß ich ihm mein Herz geweiht, Und wollt' er dieß mir nicht vergeben, Verdient' er wahrlich nicht zu leben. Nicht thu ich mehr durch fremden Mund Dem theuren Mann mein Sehnen kund, Nein selbst will ich ihm Alles sagen Und ihm das Weh der Liebe klagen. Nur macht die Sorge mich verwirrt, Ob er im Lande bleiben wird.« »Frau,« sprach der Kämm'rer, »sorget nicht! Er steht in Eures Vaters Pflicht, Dem bot er auf ein ganzes Jahr Sich eidlich zum Gehülfen dar, Und Muße findet Ihr in Fülle, Daß Euer Herz sich ihm enthülle!« Sie hört mit freudiger Geberde, Daß er im Lande bleiben werde, Sie jubelt drob in ihrem Herzen 213 Und ahnet nicht die heißen Schmerzen, Die er bekämpft, seit er sie sah; Denn keine Freude kommt ihm nah, Als wenn an ihr sein Sinnen hängt, Und das ist, was sein Herz bedrängt. Denn seiner Frau that er den Schwur, Als er aus seiner Heimat fuhr, Nach keiner Andern zu verlangen; Nun aber ist sein Herz gefangen. Treu will er sein in allen Dingen; Doch wie er mag dagegen ringen, Nicht will in ihm die Liebe ruhn Zur Königstochter Guilliadun. Er will sie sehn, er will ihr nahn, Er will sie küssen und umfahn, Jedoch es deucht ihm schlimme Sitte, Daß er um ihre Liebe bitte. Recht dünkt ihm, daß er seinem Weibe Und seinem Dienstherrn treu verbleibe. Als so die Sorgen ihn beschwerten, Rief er nach seinen Kampfgefährten, Er schwang mit ihnen sich zu Roß Und sprengte nach des Königs Schloß. Es trieb ihn sein erregter Sinn Nach der Geliebten Anblick hin. 214 Der König saß nach Tisch beim Schach In seiner Tochter Wohngemach Mit einem Herrn von hohem Stand, Der heim kam aus dem heil'gen Land; Das Fräulein auch blieb bei ihm stehn Um lernbegierig zuzusehn. Gar freundlich blickt der König da, Als er den Ritter kommen sah. Er lud ihn rasch zum Sitzen ein Und sprach zu seinem Töchterlein: »Kommt, Fräulein, diesem edlen Degen Mit Zucht und Höflichkeit entgegen Und haltet ihn an Ehren reich, Es leben wenig, die ihm gleich!« Das Fräulein hörte sonder Qual, Was der Herr Vater ihr befahl; Es lacht ihr Herz ob dem Begehr, Sie ruft den Ritter zu sich her. Sie sitzen abseits stumm beisammen, Die Herzen glühn, die Augen flammen, Sie fürchtet sich, ihn anzusprechen, Er wagt das Schweigen nicht zu brechen. Doch endlich dankt er für die Gabe Und spricht: »Nie ward mir liebre Habe, Als ich von Eurer Huld gewann!« – Da hub das Kind zu sprechen an: 215 »Nach Euch ist all mein Sinn gewandt, Drum hab ich Euch den Ring gesandt; Mein Leib ist ganz in Eurer Macht, Drum ward mein Gürtel Euch gebracht. Ich lieb' auf Erden Euch allein, Drum sollt' Ihr mein Gebieter sein, Und werd ich nimmer Euch gehören, So will ich's wahrlich hier beschwören, Daß mein kein andrer Mann genießt! Nun sagt, was Euer Herz beschließt!« – »Dank, Dame!« sprach er, »sicherlich, Ob Eurer Minne freu' ich mich! Und traun, nach meiner Sehnsucht Pein Darf ich mit Fug in Freuden sein! Mit kurzem Wort: Ich bin Euch hold. Ich bleib' in Eures Vaters Sold, So schwur ich ihm mit hohen Eiden, Dies Jahr mich nicht von ihm zu scheiden, Bis wir den Gegner übermannt; Dann kehr' ich in mein Vaterland, Denn länger denk' ich nicht zu weilen, Wenn Ihr mir Urlaub wollt ertheilen.« Das Fräulein aber sprach zurück: »Ich dank Euch, lieber Elidüc! Ihr seid zu edel, mich zu kränken, Zu klug, um nicht vorauszudenken, 216 Was dann mit mir geschehen soll: Ich geb' mich Euch vertrauensvoll.« Sie wechselten ihr Wort zum Pfand, Drauf hat er heimwärts sich gewandt. Nach Hause kam Herr Elidüc In der erfüllten Wünsche Glück. Er sah die Holde manche Stund; Herzinnig war ihr Liebesbund. So nahm er sich des Krieges an, Bis er zuletzt den Sieg gewann, Den Feind gefangen nahm im Streite Und so das ganze Land befreite. Man pries den Helden allerwärts, Sein weises Haupt, sein mildes Herz: In Glück und Freuden lebt' er da. Doch in der Zeit, als dieß geschah, Da schickt sein Lehnsherr über Meer Drei Boten, ihn zu suchen, her; Der war in Schaden und in Leid, Bedrängt und mit sich selbst entzweit: Der Feind war ihm in's Land gekommen Und hatt' ihm Schloß für Schloß genommen. Oft warf er sich voll Reue vor, Daß er den treusten Mann verlor. Ein böser Rath hat ihn geraubt, 217 Dem er zu seinem Gram geglaubt; Die Schurken, die den Rath gespendet, Den Herrn verleumdet und geschändet, Hat er gejagt aus Hof und Land, Hat er auf immerdar verbannt. Nun schickt er ihm sein Aufgebot, Und er beschwört ihn in der Noth Beim Bunde, den sie eingegangen, Als seinen Lehnseid er empfangen Nicht länger auswärts mehr zu weilen Und ihm zum Schutz herbeizueilen. – Der Ritter hört die neue Mähr Und grämt sich für das Fräulein sehr, Denn er war treulich ihr ergeben, Und sie liebt ihn mehr als ihr Leben. Doch stets erhielten sie sich rein Von lüstern süßen Spielerein, In Plaudern und in holden Mienen Und mit Geschenken sich zu dienen, – Darin nur that ihr Herz sich kund, Voll echter Liebe war ihr Bund. Das war ihr Sehnen und ihr Sinnen, Ihn ganz und einzig zu gewinnen; Von Hoffnung war der Wunsch beseelt, – Sie wußte nicht, daß er vermählt. »Weh!« rief der Ritter, »wehe mir! 218 Zu lange blieb im Land ich hier. Weh, daß ich diese Gegend sah, Denn eine Jungfrau lieb ich da, Schön Guilliadun, das Königskind, Das mir so treu und hold gesinnt. Und soll ich von der Liebsten scheiden, Muß eins von uns den Tod erleiden, Wenn wir nicht beide gar vergehn; Und dennoch muß es jetzt geschehn! Mein Lehnsherr, der sein Land verloren, Hat mich bei meinem Eid beschworen, Und drüben harrt die Gattin mein. Nun gilt es, auf der Hut zu sein! Ich kann nicht bleiben hier am Ort, Ich muß durchaus bei Zeiten fort; Und wollt' ich mir mein Lieb vermählen, Würd' ich am Glauben mich verfehlen. Wohin ich blicke, seh ich Leiden: Ach Gott, wie schwer wird mir mein Scheiden! Doch wie man mich auch schmähen kann, Ich sag' ihr all mein Denken an. (Nach ihrem Rathe wähl ich nun, Ich will ihr ganz nach Willen thun). Ihr Vater herrscht im Frieden still, Kein Feind lebt, der ihm schaden will. Mein Herr und König ist bedroht, 219 Und darum zwingt mich seine Noth, Urlaub zu heischen vor dem Tag, An dem zu Ende der Vertrag. Nicht darf's der Liebsten ich verschweigen. Ich geh, ihr Alles anzuzeigen; Sie wird mir ihren Wunsch enthüllen Und ich nach Kräften ihn erfüllen.« Er zaudert drauf nicht länger mehr Und sagt dem König sein Begehr, Verkündet ihm, was er vernommen, Und liest den Brief, den er bekommen. Nachdenklich war der Fürst sodann Und bot ihm reiche Gabe an; Sein ganzer Schatz sei für ihn feil Und seines Erblands dritter Theil, Er bot die herrlichsten Geschenke, Daß er nicht mehr an's Scheiden denke. »Traun,« sprach der Held, »für dieses Mal, Da mir's mein Lehnsherr anbefahl, Da er in Noth um Leut' und Land Und gar so weit nach mir gesandt, Will ich ihm doch zu Hülfe eilen; Doch braucht Ihr mich, werd' ich nicht weilen: Ich kehr' in Euren Dienst fürwahr Mit einer großen Ritterschaar!« 220 Der König dankt dem edlen Herrn Und giebt ihm nun den Urlaub gern; Er schwört, es steh' ihm Alles frei, Was Köstliches im Hause sei, So Gold wie Silber, Roß wie Hund, Und Seidenstoffe fein und bunt. Er nimmt davon bescheidentlich, Dann vor dem König neigt er sich Und spricht, er möcht' es gerne wagen, Dem Fräulein Lebewohl zu sagen. Der König sprach: »Das freut mich sehr! Und einen Pagen rief er her, Daß er ihn zu dem Fräulein führe; Der öffnet Elidüc die Thüre. Bei seinem Anblick lacht die Süße Und sagt ihm tausend holde Grüße; Er spricht vom Brief, den er empfangen, Und daß nach Urlaub sein Verlangen. Doch eh' er Alles ihr gesagt Und sie um ihren Rath gefragt, Hat Ohnmacht ihren Sinn umfangen, Und jäh verblichen ihre Wangen. Der Ritter hob sie von der Erde Mit herber, jammernder Geberde, Küßt oftmals ihren stillen Mund Und weint aus vollem Herzensgrund; 221 Er hielt mit Armen sie umschlungen, Bis neues Leben sie durchdrungen. »Mein süßes Lieb, um Gottes Huld! Hört meine Worte mit Geduld! Du bist mein Sein, mein Tod bist du, In dir kommt all mein Leid zur Ruh! Wir sind vereint für's ganze Leben, Drum sollst du deinen Rath mir geben. Heim muß ich in mein Lehensland, Dein Vater hat mich schon entsandt. Doch wie sich auch mein Loos mag wandeln, Nach deinem Willen werd' ich handeln,« Das Fräulein sprach: »Bleibst du nicht hier, So nimm mich mit, ich geh mit dir, Und thust du's nicht, so will ich sterben, Denn all mein Glück fällt in's Verderben.« Sanft sprach Herr Elidüc darein: »Ich bleib' in fester Treue dein! Drum, süßes Lieb, verzage nicht! Ich steh in deines Vaters Pflicht, Und führ' ich dich mit mir davon, Brech' ich mein Wort in Schand' und Hohn. Doch bis zu unsrer Trennung Ende Leg ich den Schwur in deine Hände: Willst du mir Urlaub zuerkennen Und einen festen Tag mir nennen, 222 An dem du mich zurückverlangst, So heg' vor keinem Hemmniß Angst, – Sofern ich heil bin, komm ich wieder, Und dir verpfänd' ich Seel' und Glieder!« Sie folgte, weil er drauf bestand, Und hat ihm einen Tag genannt, An dem er wieder sollt' erscheinen. Ihr Abschied war ein bittres Weinen; Goldringlein wechselten die Beiden Und küßten zärtlich sich beim Scheiden. Er gieng zum nächsten Hafenort Und fuhr mit günst'gen Winden fort. Dem Lehnsherrn war sein Leid benommen, Als Elidüc ins Land gekommen, So seinen Freunden und Verwandten Und Allen, die den Helden kannten. Am frohsten war sein gutes Weib Von weisem Sinn und schönem Leib. Doch geht er immer in Gedanken, Davon ihm Kopf und Busen kranken, Bei keinem Anblick kommt ein Licht Der Freude auf sein Angesicht, Denn alles Glück wird ihm zergehn, Bis er sein Lieb mag wiedersehn. Stets wandelt er in Einsamkeit, 223 Das schuf dem Herz der Gattin Leid. Nicht wußte sie, was in ihn kam, Und klagt bei sich in stillem Gram. Sie fragt ihn oft, was ihn verstört, Ob er Verleumdung wo gehört, Daß sie nicht treu an ihm gehangen, Seit er in's fremde Land gegangen; Sie rufe, wenn es ihm gefalle, Zu Zeugen seine Diener alle. »Frau,« sprach er, »Niemand dürfte wagen, Euch übler Sitten anzuklagen. Doch in dem Lande, wo ich war, Gab ich mein Wort dem König dar, Der Alles setzt auf meine Kraft, – Sobald ich Frieden hier geschafft, Nicht eine Woche still zu liegen Und schnell zu seinem Schutz zu fliegen. Mein harrt gar mancherlei Beschwerde, Bis ich zur Rückfahrt ledig werde, Und eh ich nicht zurückgekehrt, Dünkt mich kein Ding der Freude werth: So ängstet's mich, mein Wort zu brechen.« – Da mied die Frau, davon zu sprechen. Bei seinem Lehnsherrn war der Held Und half ihm viel in Rath und Feld, 224 Er zog durch's Land die Kreuz und Quer Als königlicher Vogt umher; Doch näher kam der Zeitpunkt jetzt, Den ihm das Fräulein festgesetzt; Da unterhandelt er um Frieden Und hat den langen Streit geschieden. Dann rüstet er sich wegzuziehn, Nur Wenige begleiten ihn: Zwei Neffen, die ihm hold und werth, Ein Kämm'rer, der sich treu bewährt (Er war im Liebesrath gewesen Und oft zum Boten auserlesen), Und ihre Knappen noch allein, Sonst sollte Niemand bei ihm sein. Sie wurden gegen Pfand und Eid In sein Geheimniß eingeweiht. Er geht zu Schiff, er pflegt nicht Rast, Hinüber fahren sie mit Hast; Er kommt in's Land mit seiner Schaar, Wo er so lang erwartet war. Er wählt sich ein entlegnes Haus Dem Hafen fern zur Herberg aus. Er thut das kluger Listen voll, Daß Niemand ihn erkennen soll. Dann ward der Kämm'rer unverwandt 225 Zum Königsfräulein abgesandt, Zu melden, daß er sich erprobt, Und daß er kam, wie er gelobt, Sie möge nach des Tags Erbleichen Sich heimlich aus dem Thore schleichen Und ganz dem Boten sich vertraun, Er werde kommen, sie zu schaun. Der Kämm'rer in verstellter Tracht Hat sich zu Fuß nun aufgemacht; Er gieng geraden Weges hin Zur Stadt der jungen Königin Und hat sich rüstig umgethan, Bis er der Kammer durfte nahn; Dort kniet er zu des Fräuleins Füßen, Von ihrem Freunde sie zu grüßen; Sie hört es, und in Weh und Lust Erschrak das Herz in ihrer Brust; Sie weint vor Wonnen licht und weich Und küßt den Boten freudenreich. Er bat sie drauf, mit ihm zu kommen, Sobald des Tages Licht verglommen. So blieb es bis zur Dämmerzeit, Sie machte sich zum Weg bereit, Und Abends durch die dunkeln Gassen Hat sie mit ihm die Stadt verlassen; Der Kämm'rer führt sie ganz allein, 226 Und Niemand war sonst mit den Zwein. Ihr Busen war von Angst erfüllt. Sie gieng in Seide ganz verhüllt, Bedeckt mit dichten Stickerein, Und trug ein faltig Mäntelein. Auf einen Bogenschuß vom Thor Ragt schattiges Gehölz empor, Ein schöner Park mit Wildgehege, Dort harrt ihr Freund abseits vom Wege. Bald war sie mit dem Führer hie, Er sprang zu ihr und küßte sie, Der beiden Herz war freudenhell, Er schwang sie auf ein Rößlein schnell, Sprang selbst zu Pferd, nahm ihre Zügel Und ritt davon, als hätt' er Flügel. Er kam nach Toteneis zum Port, Zu Schiffe stiegen sie sofort, Dort war er und sein Troß allein Und Guilliadun das Mägdelein. Still war das Wetter, gut der Wind, Die Fahrt gieng sicher und geschwind, Doch als sie dachten bald zu landen, Begann die glatte Fluth zu branden, Ein Sturm kam gegen sie daher Und warf sie weit zurück in's Meer, Die Segel wurden ganz zerrissen, 227 Der Mast gebrochen und zerschlissen. Sie flehn zu Gott ohn Unterlaß, Zu Clemens und Sankt Nicolas, Zu Frau Marie, der Gnadenreichen, Den Sohn mit Bitten zu erweichen, Daß er den Armen Beistand schenke Und sie zum sichern Hafen lenke. Ihr Schifflein treibt dem Land entlang, Bald vor-, bald rückwärts schwankt sein Gang, Schon naht ihr Tod im Sturmesgrimme, Ein Schiffsjung ruft mit lauter Stimme: »Was thun wir, Herr? Wer wird uns schützen? Was kann Gebet und Arbeit nützen, So lang Ihr die noch hegt und pflegt, Die einzig diesen Sturm erregt. Ihr habt ein Ehweib lange schon Und führt die Andre nun davon, Ihr wagtet gegen Recht und Glauben Zum Hohne Gottes sie zu rauben – Drum laßt sie werfen in die See, Und rasch wird enden unser Weh!« Als Elidüc die Worte hört, Wird ihm das Herz von Zorn empört. »Schweig, Hundesohn!« so wüthet er, »Still, du Verräther! Sprich nicht mehr! Und hielt ich nicht mein Lieb im Arme, 228 Es würde schleunigst dir zum Harme!« Er hat bis jetzt ihr Haupt gekost Und sprach ihr für das Uebel Trost. Das auf dem Meer sie angekommen. Doch als die Kunde sie vernommen, Daß dieser Mann, der sie entführt, Ein andres Weib sich schon erkürt, Da ward sie bleich, ihr schwand der Sinn, Und vorwärts stürzt sie leblos hin. Sie liegt auf ihrem Angesicht Und wacht nicht auf und athmet nicht; Doch Elidüc in Herzensnoth, Er blickt sie an und glaubt sie todt: Voll Schmerz und wilder Zorneskraft Hat er ein Ruder aufgerafft Und giebt dem Jungen einen Schlag, Davon er stumm am Boden lag. Beim Fuße warf er ihn hinaus, Der Leib trieb hin im Wellenbraus. Dann aber faßt der grimme Mann Mit kräft'ger Hand das Steuer an, Und lenkt und hält das Schiff mit Macht, Bis er's zum Hafen eingebracht. Sie warfen Anker unverwandt, Und ihre Brücke fiel auf's Land. Noch lag das Fräulein still und bleich, 229 Von Anblick einer Todten gleich. Doch Elidüc klagt schmerzbeklommen, Der eigne Tod wär' ihm willkommen. Er ruft die Freunde Mann für Mann Um ihren Rath und Beistand an, Wohin sein Lieb er bringen solle, Da er sie nicht verlassen wolle; Recht sei's, daß in geweihter Erde Ihr holder Leib bestattet werde, Mit Hochamt und mit Ehr und Prangen, Wie Königskinder es verlangen. Doch rathlos standen in'sgemein Die Freunde und die Diener sein. Und Elidüc begann zu denken, Wohin er soll die Schritte lenken: Unfern dem Meer lag seine Veste, Dorthin zu gehn, schien ihm das Beste. Die Burg umschloß ein Tannengrund Wohl dreißig Meilen in der Rund', Und dort an abgelegner Stelle Lag eine kleine Waldkapelle, Drin wohnt' ein Klausner vierzig Jahr, Bei dem er oft zu Gaste war. »Ihm bringen wir die Todte nun, In seinem Kirchlein mag sie ruhn, Von meinen Gütern werd' ich geben, 230 Ein Kloster soll sich dort erheben, Das füll' ich mir von nah und fern Mit Nonnen oder Klosterherrn, Die sollen beten Nacht und Tag, Daß Gott ihr gnädig werden mag.« Dann rief der Ritter nach den Rossen, Aufsitzen hieß er die Genossen. Doch Elidüc befahl zuvor, Daß Jeder nochmals Treue schwor. Dann ritt er fort von Leid beschwert, Die Leiche vor sich auf dem Pferd. Auf gradem Weg erreichte bald Der Reiterzug den tiefen Wald, Sie hielten vor des Kirchleins Stufen Und pochten lang mit lautem Rufen, – Doch keine Antwort klingt hervor Und keine Hand erschließt das Thor. Durch's Fenster steigt ein Mann vom Troß, Von innen öffnet er das Schloß. Acht Tage waren's, daß im Frieden Der alte heil'ge Mann verschieden, Davon das frischgehäufte Grab Dem trüben Helden Kunde gab. Die Andern wählten nun im Haus Den Ort zur Gruft des Fräuleins aus, Um gleich den Spaten anzulegen; 231 Doch er sprach: »Laßt es unterwegen, Bis ich in meinen Rath besandt Die weisen Männer hie zu Land, Ob's Münster oder Kloster wäre, Was diesen Ort am besten ehre. Drum legt mein Lieb vor den Altar Im Gottes Hut und seiner Schaar!« Ein Lager breiten sie sogleich Aus Prachtgewanden bunt und weich, Drauf legt die Maid Herr Elidüc Und läßt als Todte sie zurück. Doch wie es an ein Scheiden kam, Da brach ihm schier das Herz vor Gram, Er küßt ihr Aug' und Angesicht Und rief: »Der Himmel woll' es nicht, Daß ich je wieder Waffen trage, Noch in der Welt zu leben wage. Weh, Lieb, daß je du mich erschaut, Weh, daß du arglos mir vertraut! Nun wärst zur Fürstin du erlesen, Wär nicht dein Herz so treu gewesen, Dein Herz, das ganz mein eigen war! Nun muß ich jammern immerdar. Wenn wir zu Grabe dich getragen, Werd' ich als Mönch der Welt entsagen, 232 Und täglich sollen diese Hallen Von meinem Schmerze widerschallen.« Er riß sich los von ihrem Bette, Verschloß dann die geweihte Stätte, Und seiner Ehefrau nach Haus Schickt einen Boten er voraus, Zu künden, daß er kommen werde, Doch matt von Mühsal und Beschwerde. Sie freut sich ob des Gatten Nahn Und rüstet sich, ihn zu empfahn, Sie eilt ihm liebevoll entgegen, Doch bringt sein Kommen wenig Segen. Nie ward sein Antlitz aufgeklärt, Er hielt kein Wort des Redens werth, Und Niemand wagt ihm eine Frage. So blieb er dort zwei trübe Tage, Die Messe hört er frühe schon, Dann macht er einsam sich davon, Gieng durch den Wald zur heil'gen Stätte Zu seines Liebchens Ruhebette. Sie lag noch immer leblos hier, Kein Athem regte sich in ihr, Doch Eines dünkt ihm wunderbar, Daß sie noch weiß und rosig war, Die Farbe war ihr nicht entwichen, 233 Nur daß ein wenig sie verblichen, Er weint um sie und betet lange, Daß Gott in Gnaden sie empfange, Und ist's gethan, so steht er auf Und wendet heimwärts seinen Lauf. Doch eines Tages folgt von fern Ein Späher dem betrübten Herrn, Der war gewonnen von der Frau. Sie sprach: »Beobacht' ihn genau! Kannst du mir sichre Kunde schaffen, So schenk' ich Rosse dir und Waffen.« Der Diener thut nach dem Geheiß Und folgt ihm unbemerkt und leis: Er sieht ihn in das Kirchlein treten Und hört sein Klagen und sein Beten. Doch eh der Ritter kam heraus, War der Vertraute schon zu Haus Und sagt der Frau, was er vernahm, Davon ihr Herz in Zweifel kam, Vom Jammerruf und Schmerzensschrei. In der verlassnen Siedelei. Die Dame sprach: »So laß uns gehn Und selber nach dem Kirchlein sehn. Denn heute denkt mein Herr bei Zeiten Zum König an den Hof zu reiten. 234 Ich weiß, er hat den heil'gen Alten, Der dort begraben, hochgehalten, Doch glaub' ich nicht, daß solche Klage Und solchen Schmerz er um ihn trage.« Sie ließ damit die Sache ruhn, Am Nachmittag begab sich's nun, Daß Elidüc zum König ritt; Sie gieng und nahm den Diener mit, So kommt sie zu der öden Klause Und sieht im kleinen Gotteshause Das Fräulein auf des Altars Stiegen Gleich einer jungen Rose liegen. Sie naht und hebt die Decke bald Und schaut den Leib so wohlgestalt, Die Arme lang, die Hände blank, Die Finger lang und glatt und schlank: – Die edle Frau, sie sieht es klar, Warum ihr Herr so traurig war. Sie ruft herein den treuen Mann Und zeigt ihm dieses Wunder an. »Siehst Du,« so sprach sie, »dieses Weib? Wie ein Juwel erglänzt ihr Leib. Das ist die Liebste meines Herrn. Drum ist ihm alle Freude fern, – Und traun, bei Gott, mich wundert's nicht, Da solche Schönheit ihm gebricht. 235 In Lieb' und Mitleid muß ich klagen, Das Glück ist fort aus meinen Tagen!« Sie setzt sich nieder auf's Gestein Und jammert um das Mägdelein. Doch als sie vor dem Bette saß In Klag' und Weinen, da geschah's, Daß hinter'm Altar aus dem Gang Hervor ein flinkes Wiesel sprang; Es hüpfte auf des Fräuleins Rock, Der Diener schlug es mit dem Stock Und warf es auf des Vorhofs Schwelle; Nicht lang darauf kam sein Geselle, Der fand es liegen still und stumm, Gieng lang um seinen Kopf herum, Berührt und zupft es mit der Pfote, Doch unbeweglich lag das Todte; Da, wie es deutlich war zu sehn, Kam sein Gesell in Angst und Wehn. Aus der Kapelle lief er bald Nach Kräutern in den grünen Wald Und brachte in den Zähnen schnell Ein rothes Blümchen purpurhell, Legt's in des todten Wiesels Mund – Und dieß ward lebend und gesund. Das Wiesel ist nach altem Volksglauben ein zauberkundiges Thier; das belebende Kraut kehrt in zahlreichen Sagen der verschiedensten Völker wieder und findet sich schon im Alterthum, in der griechischen Sage von Glaukos und Polyidos, Apollodor III, 3 . Die Dame sah's und rief im Nu: 236 »Geh, jag's ihm ab! Schlag zu! Schlag zu!« Der Diener traf es, daß am Thor Das flüchtige Thier sein Kraut verlor. Die Dame hob es eiligst auf, Sie gieng zurück in schnellem Lauf Und schob der Maid mit seiner Hand Das Blümchen durch der Lippen Rand. Ein kleines Weilchen nur verrann, Da hebt die Maid zu seufzen an, Blickt auf und spricht mit sanftem Ton: »Mein Gott! Wie lange schlaf' ich schon!« Die Dame, die das Wunder schaut, Dankt Gott mit hellem Freudenlaut, Und sie begann die Maid zu fragen, Die hub ihr alsbald an zu sagen: »In Logre liegt mein Heimatort, Mein Vater herrscht als König dort. Es war mein einzig Liebesglück Der edle Dienstmann Elidüc: Ich floh, ihm völlig zu gehören, Er that nicht recht, mich zu bethören, Denn eine Gattin hat er schon Und sprach mir nie ein Wort davon. Doch als die Mähr' ich drauf vernahm, Da fiel ich hin vor Schreck und Gram, Und nun in diesem fremden Land 237 Hat er sich schnöd von mir gewandt Und läßt mich liegen hier im Staube. Schmach der, die noch an Männer glaube!« »Nein, Kind, Herrn Elidüc gefällt Kein lebend Wesen auf der Welt, In Trübsinn geht er Nacht und Tag, Was Jeder Euch bezeugen mag. Die Wahrheit ist: er glaubt Euch todt, Drum ist sein Herz in Wundernoth, Und täglich hat er hier geklagt, Wo Ihr in tiefer Ohnmacht lagt. – Ihr mögt's an meinem Schmerz bemessen: Ich bin sein Weib, das er vergessen. – Ich sah ihn gehn mit trübem Sinne Und wollte sehn, was er beginne, Drum kam ich her: mein Trost im Leid Ist, daß Ihr nun am Leben seid. Kommt, holdes Kind, ich nehm Euch mit Und sag' ihn seines Eides quitt, Nur Euch gehört er, nehmt ihn hin! Ich will hinweg ins Kloster ziehn.« Sie spricht ihr Trost, führt sie hinaus Und bringt sie liebevoll nach Haus. Sie hieß den Diener sich bereiten, Zum Ritter an den Hof zu reiten. Der ritt von dannen unverwandt, 238 Bis er den edlen Herren fand, Er hat ihm Alles wohl erklärt, Da stieg Herr Elidüc zu Pferd, Nicht länger harrt er auf den Troß, Zur Nachtzeit kam er auf sein Schloß. Er fand sein holdes Lieb gesund Und dankt der Frau mit sanftem Mund. Nun dünkt er sich zum Glück erlesen, So heiter war er nie gewesen. Oft küßt sein Lieb Herr Elidüc, Und sie gab's zärtlich ihm zurück. Doch als die edle Dame da Das frohe Thun der Beiden sah, Ist sie zum Ritter hingetreten, Um seinen Urlaub zu erbeten, Sie sprach: »Ich scheide sonder Pein, Dem Dienste Gottes mich zu weihn. Gieb mir ein Stück von deinen Triften, Daß ich drauf mag ein Kloster stiften. Du aber sollst dein Lieb umfahn; Denn es wär' nimmer wohlgethan, Zwei Frau'n in deinem Haus zu hegen, Der Bund wär' ohne Gottes Segen.« Der Ritter hat, wie sie begehrt, Den Urlaub dankbar ihr gewährt Und gab ihr gern mit voller Hand 239 Ein großes Stück von seinem Land Rings um des Eremiten Klause Im Wald, nicht fern von seinem Hause. Dort ließ er schnell die Waldung lichten Und ihr ein Gotteshaus errichten. Er schenkt ihr weiter reiche Gabe, Daß sie ein lieblich Leben habe. Und als der Bau vollbracht im Wald, Nahm sie den Schleier alsobald Und mit ihr eine Nonnenschaar, Die unter ihrer Obhut war. Doch Elidüc von Glück beseelt Hat sich das Königskind vermählt Und feierte bei Tag und Nacht Das Hochzeitfest mit reicher Pracht. So lebten Beide manches Jahr In rechter Liebe immerdar, Beschenkten Arme nah und fern; Dann weihten sie sich Gott dem Herrn. Der Ritter ließ auf andern Aun Unfern dem Schloß ein Münster baun, Das ward mit weiser Kunst vollbracht Und mit Geschenken reich bedacht. Er spendet Gold und klar Gestein, Und viele Mönche lud er ein Von gutem Orden allerwegen, 240 Des Gottesdienstes dort zu pflegen. Als Alles völlig eingeräumt, Hat er nicht länger mehr gesäumt, Und er gesellte sich zu ihnen, Dem Herrn sein Leben lang zu dienen. Die Liebste, die sein Herz erquickt, Hat er zur ersten Frau geschickt, Die nahm sie auf an Freuden reich Und hielt sie einer Schwester gleich; Sie gab ihr fromme Liebeslehren Und unterwies sie Gott zu ehren. Die Frauen beteten fortan Vereint für den geliebten Mann, Er bat für sie mit gleichem Sinn Und sandte häufig Boten hin, Zu fragen, wie die Frauen leben Und in ihr Schicksal sich ergeben. So strebte Jegliches für sich Nach Himmelsliebe brünstiglich Und gab an seinem sel'gen Ende Den Geist in Gottes Gnadenhände. Bretonen waren's, die vor Zeiten Dies Lied dem Angedenken weihten, Daß man noch heut am spätern Tag Sich jener Drei erinnern mag. 241   Anhang Außer diesen zehn von mir übertragenen Lais finden sich in der Harleianischen Handschrift zu London noch zwei: Lai de l'austic und Lai du Chaitivel , welche ich ihrer geringeren Bedeutung wegen unübersetzt ließ. Ich will sie jedoch der Vollständigkeit halber kurz analysieren. Das Lied von der Nachtigall ( Lai de l'austic ) beginnt folgendermaßen: »Ein Abenteuer will ich euch sagen, worüber die Bretonen ein Lied verfaßten; es heißt L'austic , das ist mir kund, so nannten sie es in ihrem Land, das ist Roisinurs auf Französisch und Nihtegale in rechtem Englisch.« s. p. XI der Einleitung. Zwei gute Ritter wohnten in Sankt Malo, der eine hatte eine schöne Frau, der andere war Junggeselle und liebte sie. Da er von großer Tugend war, so blieb sein Werben nicht unerhört, und die Beiden standen lange in einem innigen Liebesverkehr, den sie um so leichter unterhalten und verbergen konnten, als ihre Wohnungen 244 einander so nahe lagen, daß man von einem Fenster zum andern sprechen konnte. »Lange liebten sie sich gegenseitig, als es zu einem Sommer kam, Busch und Wiese wieder grünten und die Baumgärten in Blüthe standen, die Vögelein in ihrer großen Süße trieben ihr fröhlich Spiel unter den Blumen. Nicht wundert's mich, daß der auf sie hört, welcher Liebe im Herzen trägt.« In den milden Mondnächten schlich sich denn auch die Frau gar oft von ihres Gatten Seite, warf ihren Mantel um und trat lauschend an's Fenster, ihr Geliebter drüben that ebenso, und sie erfreuten sich des gegenseitigen Schauens, da ihnen nicht mehr vergönnt war. Ihr Herr aber ward erzürnt über dieses Thun und fragte die Frau häufig, warum sie aufstünde und wohin sie gienge. »Herr,« sagte sie, »die größte Freude in der Welt ist der Gesang der Nachtigall, ich erhebe mich, ihr zuzuhören; denn ich kann vor Entzücken darüber doch nicht schlafen.« Da lachte der Ritter in Zorn und Mißgunst; er gedachte, die Nachtigall zu verderben. Alle seine Diener bot er auf, Fallen, Netze und Schlingen zu fertigen; die ließ er ringsum im Garten legen, in jeden Haselstrauch, auf jeden Kastanienbaum, und das Vögelein ward gefangen. Der Ritter trug es lebend zu seiner Frau und sprach: »Hier habe ich die Nachtigall gefangen, um derenwillen Ihr so oft gewacht, Ihr sollt hinfürder Eure Nachtruhe haben, sie wird Euch nicht mehr erwecken.« Mit diesen Worten riß er dem Vögelein den Kopf ab und warf es in der Dame Schooß, daß ihr Brusthemde 245 blutig ward. Die Dame aber bejammerte das arme Thierchen und ihr eigenes Loos, daß sie nun ihren Freund Nachts nicht mehr schauen sollte, sie hüllte den kleinen Leichnam in goldgestickten Sammt und überschickte ihn dem Geliebten mit der treuen Erzählung dessen, was geschehen. Der junge Ritter ward herzlich traurig, er verschloß die Nachtigall in ein goldenes, edelsteinverziertes Reliquienkästchen und trug es von Stund an immer bei sich. »Dies Abenteuer wurde erzählt und konnte nicht lange verborgen bleiben. Ein Lied machten die Bretonen darüber und L'austic nennt man es: die Nachtigall.« Dieses bretonische Volkslied, worauf sich Marie beruft, ist noch erhalten Ann Esostik , im Dialekt von Leon. Ich will es hier, da die Parallele nicht ohne Interesse sein mag, in Villemarqé 's wörtlicher Uebersetzung folgen lassen.         La jeune épouse de Saint-Malo pleurait, hier à sa fenêtre: »Hélas! hélas! je suis perdue! mon pauvre rossignol est tué!« ——— »»Dites-moi, ma nouvelle épouse, pourquoi donc vous levez-vous si souvent, Si souvent d'auprès de moi, au milieu de la nuit, de votre lit, Nu-tête et nu-pieds? Pourquoi vous levez-vous ainsi?«« »Si je me lève ainsi, au milieu de la nuit, de mon lit, 246 C'est que j'aime à voir les grands vaisseaux aller et venir.« – »»Ce n'est sûrement pas pour un vaisseau, que vous allez si souvent à la fenêtre; Ce n'est point pour des vaisseaux, ni pour deux, ni pour trois, Ce n'est point pour les regarder, non plus que la lune et les étoiles. Madame, dites-le moi, pourquoi chaque nuit vous levez-vous?«« – »Je me lève pour aller regarder mon petit enfant dans son berceau.« – »»Ce n'est point pour l'aller regarder, pour voir dormir votre fils; Ce ne sont point des contes qu'il me faut. Pourquoi vous levez-vous ainsi?«« – »Mon vieux petit homme, ne vous fâchez pas, je vais vous dire la vérité; C'est un rossignol que j'entends chanter toutes les nuits dans le jardin, sur un rosier: C'est un rossignol que j'entends toutes les nuits, qui chante si gaiement, qui chante si doucement, Qui chante si doucement, qui chante si harmonieusement, toutes les nuits, toutes les nuits, lorsque la mer s'apaise.« Quant le vieux seigneur l'entendit, il réfléchit au fond de son coeur; Quant le vieux seigneur l'entendit, il se parla ainsi à lui-même: 247 »»Que ce soit vrai, ou que ce soit faux, le rossignol de nuit sera pris!« – Et quand brilla l'aurore, il alla trouver le jardinier. »»Bon jardinier, écoutez-moi; il y a une chose qui me donne du souci: II y a dans le jardin un rossignol, qui ne fait que chanter, la nuit; Qui ne fait, toute la nuit, que chanter, si bien qu'il me réveille. Si tu l'as pris ce soir, je te donnerai un écu d'or.«« Le jardinier l'ayant écouté, tendit un lacet dans le jardin; Et il prit le rossignol, et il le porta à son seigneur; Et le seigneur, quand il le tint, se mit à rire de tout son coeur, Et en riant, il l'étouffa, et le jeta sur les genoux de la dame. »»Tenez, tenez, ma jeune épouse, voici votre joli rossignol; C'est pour vous que je l'ai attrapé; je suppose, ma belle, qu'il vous fera plaisir.«« – En apprenant la nouvelle, le jeune amoureux disait bien tristement: »Nous voilà bien pris, ma douce et moi; nous ne pourrons plus nous voir, Au clair de la lune, à la fenêtre, selon notre habitude.« Villemarqué, Barzaz-Breiz, Paris 1839, T. I, p. 123 ff. 248 Es ist nicht zu verschweigen, daß uns dieser anspruchslose Stoff im naiven Ton des Volkslieds weit lieblicher anmuthet, als in der breiten sentimentaleren Erzählung der höfischen Dichterin. Sein leichtes Wesen taugt nur für die Falterschwingen einer schwebenden Melodie, die Schwere des gesprochenen Wortes zieht ihn zu Boden. Der Schelm Boccaccio hat ihm nach seiner Weise aufgeholfen in der von den Damen des Decamerone fast über Gebühr belachten Novelle von der gefangenen Nachtigall des jungen Fräuleins Da Valbona . ( Gior. V. Nov. 4. ) Das Lai du chaitivel (Lied vom Unglücklichen) erzählt die Entstehungs- und Taufgeschichte eines damals wohl ziemlich bekannten Liedes. Zu Nantes in der Bretagne lebte eine Dame, um deren Besitz vier bretonische Ritter warben, diese waren einander an Schönheit, Tapferkeit und adelichem Wesen so gleich, daß die Dame nicht zur Wahl kommen konnte, da sie mit der Bevorzugung des Einen den Anderen Unrecht zu thun glaubte. So kam es, daß Jeder sie für seine Geliebte hielt, daß Jeder ein Zeichen von ihr trug, Ring, Aermel oder Fähnlein, und Jeder im Kampf ihren Namen rief. Ein Turnier ward abgehalten um Ostern, und die vier Ritter mit ihren Begleitern unternahmen es, zu Ehren der Dame die Gesammtheit der übrigen Turniergenossen zur Tjost herauszufordern. Sie vollbrachten herrliche Heldenthaten und der Sieg des Tages schien ihrer zu sein. Dieß machte sie zu sicher und als es gegen Abend gieng, begannen sie so tollkühn sich preiszugeben daß sie bald in ein dichtes Gedränge der Gegner geriethen, 249 in welchem drei von ihnen getödtet wurden und der vierte eine schwere Wunde am Schenkel empfieng. Man trug sie unter dem Jammer von Freund und Feind zu ihrer Dame in die Stadt, welche bei dem Anblick ohnmächtig niedersank. Als sie wieder erwachte, beklagte sie schmerzlich ihre Handlungsweise gegen die vier edlen Herrn, ließ die Todten feierlich beisetzen und den Lebenden von guten Aerzten pflegen. Um die Gefallenen weinte sie Tag und Nacht und beschloß, zum ewigen Angedenken ein Lied verfassen zu lassen, das Quatre Dolz heißen sollte. Als sie diesen Entschluß dem wunden Ritter mittheilte, sagte er: Dame, laßt das Lied »der Unglückliche« heißen, denn meine drei Genossen hat der Tod von allem Leid erlöst, das sie in Liebe um Euch erduldet; ich aber bin zu beweinen, da ich noch lebe und Euch sehen, mit Euch reden kann, ohne das Glück der Liebe genießen zu dürfen. Diese Bitte ward ihm von der Dame gewährt und als das Lied fertig war, nannte man es Le Chaitivel . ( Captivellus , der Unglückliche.