Guy de Maupassant Hans und Peter frei übertragen von Georg Freiherrn von Ompteda I »Hol's der Teufel!« rief plötzlich der alte Roland, der seit einer Viertelstunde unbeweglich dasaß, die Augen auf das Wasser geheftet, und ab und zu mit leichter Bewegung seine Angel, deren Schnur in die Meerestiefe niedergesunken war, anzog. Frau Roland saß hinten im Schiff neben Frau Rosémilly, die zu diesem Fischzug eingeladen war. Nun wachte sie auf und wendete den Kopf zu ihrem Mann: – Was ist denn! – Was ist denn! – Hieronymus. Der gute Mann antwortete wütend: – Es beißt absolut keiner mehr an, seit Mittag habe ich nichts gefangen. Man sollte nur mit Männern angeln gehen, die Frauenzimmer sind immer schuld, daß man zu spät abfährt. Seine Söhne, Hans und Peter, die beide, der eine auf Backbord- der andere auf Steuerbordseite, eine Angelschnur hielten, die sie um den Zeigefinger gewickelt, begannen zu gleicher Zeit zu lachen, und Hans antwortete: – Das ist aber nicht artig gegen unseren Gast, Papa! Herr Roland wurde verlegen und entschuldigte sich: – Bitte um Verzeihung, Frau Rosémilly, ich bin nun mal so. Ich lade Damen ein, weil ich gern mit ihnen zusammen bin, aber wenn ich dann mal das Wasser unter mir weiß, denke ich nur noch an die Fische. Frau Roland war ganz wach geworden und blickte verzückt auf die Klippen und das Meer in der Weite. Sie murmelte: – Aber ihr habt doch eine Menge gefangen. Doch ihr Mann schüttelte den Kopf, während er einen liebevollen Blick auf den Korb warf, in dem die Fische, die die drei Männer gefangen, noch leise zappelten mit dem dumpfen Geräusch der Schuppen und zuckenden Flossen, ein ohnmächtiges, ersterbendes Schnappen und Einsaugen der todbringenden Luft. Der alte Roland klemmte den Korb zwischen die Kniee, neigte ihn so, daß das silberglänzende Gewirr der Tiere bis an den Rand rutschte und er die unten liegenden sehen konnte. Das Zappeln wuchs, und aus dem Grund des gefüllten Korbes stieg der kräftige Geruch der Tiere, gesunder Meeresduft. Der alte Fischer sog ihn mit vollen Lungen ein, wie man Rosen riecht, und meinte: – Verflucht, die sind schön frisch! Dann fuhr er fort: – Wie viel hast Du denn davon gefangen, Doktor? Peter, sein ältester Sohn, ein Mann von dreißig Jahren mit schwarzem, kurz gehaltenem Backenbart, wie ihn die Beamten zu tragen pflegen, antwortete: – Ach, nicht viel! Drei oder vier. Der Vater wendete sich zum jüngeren: – Und Du, Hans? Hans, ein großer, blonder Bursche mit starkem Bart, der viel jünger war wie sein Bruder, lächelte und sagte: – Etwa so viel wie Peter, – vier oder fünf. Jedesmal kehrte dieselbe Lüge wieder, worüber der alte Roland glückselig war. Er hatte seine Angel um eine Rudergabel gewickelt, kreuzte die Arme und sagte: – Das thue ich nie wieder, nachmittags fischen. Wenn es mal zehn vorüber ist, ist's aus. Die Burschen beißen nicht mehr an, jetzt halten sie Ruhe in der Sonne. Der gute Mann blickte auf das Meer ringsum mit einer Miene, als gehörte es ihm. Er war früher Juwelier in Paris gewesen, den eine nicht zu dämpfende Passion für Schiffahrt und Fischfang dazu geführt hatte, sein Geschäft aufzugeben, sobald er eines Tages genug verdient, um bescheiden von seinen Renten zu leben. Er zog sich also nach Havre zurück, kaufte eine Barke und wurde aus Liebhaberei Schiffer. Seine beiden Söhne, Hans und Peter, blieben in Paris, ihre Studien fortzusetzen, und kamen nur von Zeit zu Zeit in den Ferien, um an dem Wassersport ihres Vaters Teil zu nehmen. Als der Älteste, Peter, der fünf Jahr mehr zählte als Hans, das Gymnasium verlassen hatte, zogen ihn die verschiedensten Berufsarten an, und er hatte wohl ein halbes Dutzend, eine nach der andern, versucht. Schnell war ihm jede zuwider geworden, und immer hatte er neue Pläne begonnen. Zuletzt hatte es ihm die Medizin angethan, und er hatte sich mit solchem Eifer auf die Hosen gesetzt, daß er, nach ziemlich kurzem Studium und nachdem er vom Ministerium die Erlaubnis erhalten, das Examen früher als vorgeschrieben abzulegen, eben seinen Doktor gemacht hatte. Er war klug und für alles begeistert, aus einer Stimmung in die andere fallend, voller Pläne und philosophischer Ideen. Hans war so blond wie sein Bruder schwarz, so gesetzt wie sein Bruder aufgeregt, so nachgiebig wie sein Bruder nachtragend. Er hatte ruhig Jura studiert und zu gleicher Zeit sein erstes juristisches Examen abgelegt, als Peter Doktor wurde. Alle beide ruhten sich jetzt im Schoß der Familie eine Zeit lang aus, und beide hatten die Absicht, wenn das Schicksal ihnen günstig wäre, sich in Havre niederzulassen. Aber eine unbestimmte Eifersucht, eine von jenen in Seelentiefen schlummernden Eifersuchtsregungen, die zwischen Brüdern oder Schwestern, bis sie erwachsen sind, langsam reifen und zum Durchbruch kommen, etwa bei der Verheiratung des einen oder bei irgend einem Glück, das dem anderen widerfährt, blieb immer zwischen ihnen wach, eine brüderliche, dumpf schlummernde Feindschaft. Sie hatten sich gewiß lieb, aber sie trauten einander nicht. Peter, der fünf Jahr alt gewesen als Hans geboren wurde, hatte mit der Feindschaft des kleinen verzogenen Lieblings dies andere kleine Wurm betrachtet, das plötzlich Vater und Mutter im Arm hielten und das so viel Liebe und Liebkosung erfuhr. Hans war von Kind auf ein Muster an Weichheit, Güte und gleichmäßigem Charakter gewesen, aber Peter war mit der Zeit unruhig geworden, als er unausgesetzt diesen dicken Bengel loben hörte, dessen Sanftmut ihm als Schlappheit erschien, dessen Güte ihm wie Dummheit vorkam und dessen Gutmütigkeit nur Beschränktheit für ihn war. Die Eltern, ruhige Leute, die für ihre Söhne eine anständige mittelmäßige Stellung im Leben erhofften, warfen ihm sein Schwanken vor, seine Begeisterung, all seine verunglückten Versuche, seine fehlgeschlagenen phantastischen Ideen, seine Neigung zum Besonderen. Seit er erwachsen war, sagte man nicht mehr zu ihm: »Du, sieh mal den Hans an, dem kannst Du nacheifern,« sondern er hörte immer und immer wieder: »Hans hat das gemacht und Hans hat jenes gemacht«, und er verstand sehr wohl, was das heißen sollte. Ihre Mutter, eine ruhige, gesetzte, sparsame, etwas sentimentale Bürgersfrau, die richtige Kassiererinnen-Seele, beruhigte unausgesetzt die kleinen Eifersüchteleien, die täglich zwischen den beiden großen Söhnen durch die unbedeutenden Geschehnisse des Zusammenlebens entstanden. Aber in diesem Augenblick störte ein kleines Ereignis ihre Ruhe, und sie fürchtete eine Verwicklung. Denn während ihre Kinder ihre Studien vollendeten, hatte sie diesen Winter die Bekanntschaft einer Nachbarin gemacht, der Frau Rosémilly, der Witwe eines Kapitäns, der überseeische Fahrten gemacht und vor zwei Jahren auf dem Meere umgekommen war. Die junge Witwe – sie war ganz jung, erst dreiundzwanzig Jahr alt – war eine Frau, die unbewußt wie ein Tier das Leben kannte. Es war, als wäre ihr alles schon einmal vorgekommen, als begriffe und wäge sie alle Möglichkeiten ab, die sie mit gesundem Menschenverstand wohlwollend, aber mit etwas engem Horizont beurteilte. Sie hatte sich gewöhnt, abends mit einer Handarbeit zu einem kleinen Schwätzchen zu ihren liebenswürdigen Nachbarn zn kommen, um eine Tasse Thee zu trinken. Der alte Roland, den sein Seefexentum unausgesetzt beschäftigte, fragte die neue Freundin nach dem verstorbenen Kapitän, und sie erzählte rückhaltlos von ihm, von seinen Reisen, von den Abenteuern, die er berichtet, als verständige Frau, die sich in ihr Schicksal ergeben hat, das Leben liebt und den Tod achtet. Als die beiden Söhne zurückkehrten und die hübsche Witwe in ihrem väterlichen Haus trafen, begannen sie sofort, ihr den Hof zu machen, weniger mit dem Wunsch, ihr zu gefallen, als weil sie sich gegenseitig ausstechen wollten. Ihre praktische, vorsichtige Mutter hoffte sehr, daß einer von beiden Sieger bleiben würde, denn die junge Frau war reich, aber sie hätte es gern gesehen, wenn es dem andern kein Herzeleid gebracht hätte. Frau Rosémilly war blond, hatte blaue Augen, und bei dem leisesten Luftzug war ihr lockiges Haar immer in Bewegung. Sie sah etwas herausfordernd, unternehmend aus, was garnicht mit ihrer vernünftigen Denkungsweise in Einklang stand. Schon schien sie Hans vorzuziehen, da sie ähnlichen Charakters waren. Aber diese Bevorzugung zeigte sich nur durch einen kaum wahrnehmbaren anderen Ausdruck in Stimme und Blick und darin, daß sie öfter derselben Ansicht war wie er. Sie schien zu ahnen, daß Hans' Ansichten ihre eigenen bekräftigen würden, während sie mit Peter unfehlbar in Streit geriet. Wenn sie von der Gedankenwelt des Doktors sprach, von seinen politischen, künstlerischen, philosophischen, moralischen Ansichten, nannte sie sie wohl ab und zu: »Ihre Ideen«. Dann blickte er sie mit dem kalten Blicke des Staatsanwaltes an, der die Anklagen gegen Frauen führt, gegen alle Frauen, diese jämmerlichen Geschöpfe. Ehe die Söhne zurückgekehrt waren, hatte der alte Roland die junge Witwe niemals zu seinen Fischzügen eingeladen, denn auch seine Frau nahm nicht daran Teil, da er vor Tagesanbruch auszufahren pflegte mit Kapitän Beausire, einem Seefahrer außer Dienst, den er einmal im Hafen kennen gelernt und mit dem er innig befreundet worden; als dritter kam der alte Matrose Papagris, Jean-Bart geheißen, dazu, der die Leitung des Bootes übernahm. Da hatte eines Abends in der vergangenen Woche, als Frau Rosémilly bei ihnen saß, diese gesagt: »Das Fischen muß doch sehr amüsant sein,« und der ehemalige Juwelier fühlte sich geschmeichelt in seiner Passion und empfand die Lust, Proselyten zu machen wie ein Priester. Deshalb sagte er: »Wollen Sie mal mitkommen?« »Sehr gern.« »Nächsten Dienstag?« »Schön, nächsten Dienstag.« »Sind Sie aber auch dabei, wenn wir um fünf Uhr früh in See stechen?« Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus: »Nee! Das auf keinen Fall.« Er war enttäuscht, abgekühlt und bedauerte nun plötzlich seine Einladung. Dennoch fragte er: »Ja, wann könnten Sie denn fort?« »Na, um neun.« »Früher nicht?« »Nein, früher nicht, das ist schon sehr zeitig. Der gute Mann zögerte. Fangen würden sie ja nichts, denn wenn erst die Sonne brennt, beißen die Fische nicht mehr an. Aber die beiden Brüder wollten durchaus, daß die Bootfahrt zu Stande käme, und setzten alles durch. Am folgenden Dienstag hatte also die »Perle« unterhalb der weißen Felsen des Kap de la Hève Anker geworfen, und bis Mittag hatten sie gefischt, dann geschlafen, dann wieder gefischt, ohne etwas zu fangen. Und nun hatte der alte Roland, der etwas spät begriff, daß Frau Rosémilly nur Spaß an der Seefahrt hatte, und als er sah, daß seine Angel nicht mehr zuckte, in einem Augenblick der Ungeduld dieses energische: »Hol's der Teufel« gerufen, das ebensowohl der gleichgiltigen Witwe als den Tieren galt, die sich nicht fangen ließen. Jetzt betrachtete er die gefangenen Fische, seine Fische, mit der zitternden Freude des Geizigen, dann schlug er die Augen zum Himmel auf, sah, daß die Sonne schon, niederstieg und sagte: »Na, Jungens, wenn wir nun ein bißchen nach Haus führen?« Beide zogen ihre Schnuren ein, rollten sie auf, steckten die gereinigten Angelhaken in ein Stück Kork und warteten ab. Roland hatte sich erhoben, um wie ein Schiffskapitän nach dem Wetter zu sehen. Dann sagte er: »Kein Wind mehr, da müssen wir rudern, Jungens!« Und plötzlich schloß er, indem er den Arm nach Norden ausstreckte: »Da seht mal, seht mal, der Dampfer von Southampton.« Über dem ebenen Meer, das wie ein blauer, riesiger, leuchtender Stoff mit Goldflecken und Feuerblitzen ausgebreitet lag, ruhte in der Ferne in der angegebenen Richtung am rosigen Himmel eine dunkle Wolke und darunter bemerkte man das durch die Entfernung winzig erscheinende Schiff. Nach Süden zu sah man noch andere zahlreiche Rauchwolken, die alle nach der Rhede von Havre zu gingen, dessen weiße Mole, mit dem wie ein Horn an der Spitze aufgerichteten Leuchtturm, man von weitem kaum unterschied. Roland fragte: »Ist nicht heute die »Normandie« fällig?« Hans antwortete: »Jawohl, Papa.« »Gieb mir mal das Fernrohr, ich glaube, da drüben ist sie.« Der Vater zog das Messingrohr auseinander, setzte es ans Auge, suchte den Punkt und rief dann plötzlich, glückselig, es erkannt zu haben: »Ja, ja, sie ist's, ich erkenne die beiden Schornsteine. Wollen Sie mal sehen, Frau Rosémilly?« Sie nahm das Glas, richtete es in den fernen Ozean hinaus, aber wahrscheinlich ohne den Dampfer zu finden, denn sie unterschied nichts, als das Blau mit einem farbigen Rand, einem runden Regenbogen und ganz seltsamen elliptischen Linien, daß sie ganz seekrank wurde. Sie reichte das Fernrohr zurück: »Ich habe nie etwas sehen können durch so ein Ding. Das ärgerte meinen Mann immer, der stundenlang am Fenster stand, um die Schiffe vorüberfahren zu sehen.« Der alte Roland sagte, erstaunt: »Das muß an Ihren Augen liegen, denn mein Glas ist ausgezeichnet.« Dann bot er es seiner Frau an: »Willst Du mal sehen?« »Nein, danke. Ich weiß schon vorher, daß ich's nicht kann.« Frau Roland, eine Frau von achtundvierzig Jahren, der man ihr Alter kaum ansah, schien die Seefahrt und den Abend noch mehr zu genießen, als die anderen. Ihr braunes Haar begann nur wenig zu ergrauen. Sie hatte etwas Ruhiges, Vernünftiges, Glückliches, Gutes, daß man sich freute, sie anzusehen. Wie ihr Sohn Peter sagte, kannte sie den Wert des Geldes. Aber trotzdem liebte sie zu träumen, sie liebte zu lesen, liebte Romane und Gedichte, nicht wegen ihres Kunstwertes aber wegen der melancholischen, süßen Träumerei, die sie in ihr erweckten. Irgend ein, vielleicht schlechter, banaler Vers traf ihre Herzenssaite, wie sie sagte, und flößte ihr das Gefühl wundersamer Wünsche ein, die ihr fast erfüllt zu sein schienen. Und sie gefiel sich in diesen angenehmen Aufregungen, die ein wenig ihre Seele, die sonst in Ordnung war wie ein Hauptbuch, in Schwingungen versetzten. Seitdem sie in Havre waren, hatte sie ziemlich an Leibesfülle gewonnen, so daß ihre einst sehr schlanke, biegsame Gestalt etwas schwer geworden war. Über diese Spazierfahrt auf dem Meer war sie glückselig. Ihr Mann behandelte sie manchmal etwas grob ohne böse zu sein, wie die Ladentyrannen, ohne Zorn und Haß oft grob sind, weil für sie befehlen soviel wie schimpfen heißt. Vor jedem Fremden hielt er sich im Zaum, aber in der Familie ließ er sich gehen und that manchmal wie ein Bullenbeißer, obgleich er sich eigentlich vor aller Welt fürchtete. Sie hatte Angst vor Scenen, Lärm, Aufregung und unnützen Auseinandersetzungen, gab immer nach und wollte nie etwas haben. Und so wagte sie es schon seit langer Zeit nicht mehr Roland zu bitten, sie mal auf dem Meere spazieren zu fahren. Sie hatte also mit größter Freude diese Gelegenheit ergriffen und genoß nun das seltene und neue Vergnügen. Seitdem sie auf der See waren, überließ sie sich ganz mit Leib und Seele dem Wohlgefühl, sanft auf dem Wasser dahin zu gleiten. Sie dachte nichts, keine Erinnerungen tauchten vor ihr auf, und sie schmiedete keine Zukunftsträume. Es war ihr, als ob ihr Herz ebenso wie sie selbst auf etwas Flüssigem, Weichem, Köstlichem dahinglitte, das sie wiegte und einschläferte. Als der alte Roland die Rückkehr befahl: »Vorwärts an die Riemen,« lächelte sie beim Anblick ihrer Söhne, der beiden großen Söhne, wie sie ihre Jacken auszogen und über die nackten Arme die Ärmel aufstreiften. Peter, der näher bei den Damen saß, nahm den Steuerbord-, Hans den Backbordriemen, und sie warteten bis der Schiffsleiter befahl: »Setzt ein,« denn er hielt darauf, daß die Manöver prompt und gleichmäßig ausgeführt wurden. Sie ließen mit einem Schlag die Riemen eintauchen, legten sich rückwärts und zogen an, so sehr sie konnten, um ihre Kraft zu zeigen. Sie waren hergesegelt, aber der Wind war abgeflaut. Und nun erwachte plötzlich in den beiden Brüdern der Mannesehrgeiz bei der Aussicht, sich gegen einander zu messen. Wenn sie mit dem Vater allein fischen fuhren, ruderten sie, ohne daß gesteuert wurde, denn Roland bereitete die Angeln vor, indem er den Gang des Schiffes regelte, durch irgend eine Bewegung oder ein Wort: »Hans schwächer, Peter stärker«, oder er sagte: »Vorwärts Nummer eins, vorwärts Nummer zwei! Ein bißchen in die Hände spucken!« Der, der geträumt hatte, legte sich dann stärker in die Riemen, der, der eifrig gerudert, ließ etwas nach, und das Schiff gewann wieder seinen Kurs. Heute konnten sie ihre Muskeln zeigen. Die Arme Peters waren behaart, mager, nervig; die von Hans dick, weiß, rosig, mit einem Muskelknoten, der unter der Haut hin- und herglitt. Zuerst legte sich Peter stärker in die Riemen; mit zusammengebissenen Zähnen, gefurchter Stirn, ausgestreckten Beinen, fest das Holz umfassend, bog er es in seiner ganzen Länge, und die »Perle« richtete den Bug der Küste zu. Der alte Roland, der am Vordersteven saß, um die ganze Bank hinten den beiden Damen zu überlassen, brüllte aus voller Lunge: »Sachte Nummer eins! Feste Nummer zwei!« Nummer eins ruderte noch stärker, und Nummer zwei konnte dieser wahnsinnigen Anstrengung nicht folgen. Endlich befahl der Schiffsleiter: »Stop!« Die beiden Riemen hoben sich gleichzeitig, und Hans mußte auf Befehl des Vaters ein paar Augenblicke allein rudern. Aber von diesem Moment ab war er im Vorteil, ward lebhaft, wuchs in seinen Kräften, während Peter, durch die übermäßige Anstrengung ermattet und außer Atem, schwächer ward und schnaufte. Viermal hintereinander ließ der Vater Roland abstoppen, um den Ältesten Atem schöpfen zu lassen, und damit das abluvende Schiff wieder den Kurs gewönne. Da sagte der Doktor, Schweiß auf der Stirn, mit bleichen Wangen, wütend und beschämt: »Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist, ich habe eine Herzbeklemmung; ich bin zu toll in's Zeug gegangen, und das liegt mir in den Armen.« Hans fragte: »Soll ich beide Ruder nehmen?« »Nein, danke. Es wird schon vorübergehen.« Es ärgerte die Mutter, und sie sagte: – Aber Peter, was hat denn das nur für einen Zweck, Dich in so einen Zustand zu bringen? Du bist doch kein Kind mehr. Er zuckte die Achseln und begann wieder zu rudern. Frau Rosémilly schien nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu begreifen. Ihr kleiner blonder Kopf neigte sich bei jedem Anziehen des Schiffes etwas zurück, so daß an der Schläfe die feinen Haare flatterten. Aber der alte Roland rief: – Seht mal, da überholt uns der »Prinz Albert«! – Und alle blickten hin. Langgestreckt, niedrig, mit seinen rückwärts geneigten Schornsteinen und den gelben Radkästen, rund wie ein paar Backen, kam das Schiff von Southampton mit vollem Dampf heran. Auf dem Deck standen lauter Passagiere mit aufgespannten Sonnenschirmen. Die flüchtigen rauschenden Räder peitschten das Wasser, daß der Schaum flog, und verliehen ihm die Eile eines Schnelldampfers. Der Vordersteven durchschnitt das Wasser und ließ zwei feine durchsichtige Wellen aufspritzen, die längs des Schiffes hinglitten. Als er ganz nahe an der »Perle« war, zog Vater Roland seinen Hut, die beiden Frauen wedelten mit dem Taschentuch, und ein halbes Dutzend Sonnenschirme antworteten dem Gruß, indem sie sich lebhaft auf und nieder neigten auf dem Packetboot, das sich, auf der glatten, leuchtenden Meeresfläche ein paar leichte Wellen hinterlassend, entfernte. Nun tauchten andere Schiffe auf, gleichfalls mit einer Rauchhaube darüber, von allen Punkten des Horizontes gegen den schmalen, weißen Hafendamm laufend, der sie wie ein Rachen, eines nach dem andern, verschlang. Und die Fischerbarken und die großen Seegelschiffe mit leichter Takelage glitten über den Horizont hin, von winzigen Schleppern gezogen, und alle näherten sich schnell oder langsam diesem Rachen, der sie verschlang, der von Zeit zu Zeit übersättigt zu sein schien und nun in das weite Meer hinaus eine andere Flotte von Packetbooten, Briggs, Jachten und Dreimastern hinausspie: die eiligen Steamer entflohen nach rechts, nach links über den platten Bauch des Ozeans, während die Segelschiffe, nachdem die Fliegengleichen Schlepper, die sie hinausgebracht, sie verlassen, unbeweglich blieben, indem sie sich, vom Großmarssegel bis zum kleinen Bramsegel, mit weißer Leinwand oder brauner überzogen, die rötlich schimmerte beim Sonnenuntergang. Frau Roland sagte mit halb geschlossenen Augen: – Gott, ist das schön, das Meer! Frau Rosemilly antwortete mit langem Seufzer der aber nichts Trauriges hatte: – Ja, aber es kann einem doch auch viel Leid anthun Roland rief: – Seht mal da, da taucht die »Normandie« auf! Kolossal, was? Dann erklärte er die Küste gegenüber, dort drüben, weit drüben am anderen Ufer der Seine – zwanzig Kilometer war die Mündung breit – sagte er. Er zeigte Villerville, Trouville, Houlgate, Luc, Arromanches, die Küste von Caen, die Felsen von Calvados, die bis Cherbourg der Schiffahrt Gefahren bereiteten. Dann sprach er über die Sandbänke in der Seine, die bei jeder Flut den Platz ändern und sogar die Lotsen von Quilleboeuf in Verlegenheit bringen, wenn sie nicht täglich das Fahrwasser abfahren. Er setzte auseinander, wie Havre die untere und die obere Normandie trennt. In der unteren Normandie stieg die Küste niedrig in weiten Wiesen und Feldern bis ans Meer hinab; die Küste der oberen Normandie, im Gegensatz dazu, hohe, zersägte, zerschnittene, wundervolle Klippen, die bis Dunkerque eine riesige weiße Mauer bildeten, deren Einschnitte immer ein Dorf oder einen Hafen enthielten: Etretat, Fecamp, St.Valery, Le Treport, Dieppe und so weiter. Die beiden Frauen hörten ihm nicht zu, in molligem Wohlgefühl dasitzend, ganz bewegt durch den Anblick dieses Ozeans, der übersät war mit Schiffen, die wie Tiere um ihre Höhle herumliefen, und sie schwiegen, etwas benommen durch die Weite von Luft und Wasser, schweigsam geworden durch den wundervollen, stillen Sonnenuntergang. Nur Roland schwatzte ununterbrochen, er war eine Natur, die nichts begeisterte. Die feinfühligeren Frauen empfinden manchmal, ohne sich darüber klar zu werden, daß das Geräusch überflüssigen Geschwätzes auf die Nerven geht wie eine Grobheit. Hans und Peter, die sich beruhigt hatten, ruderten gleichmäßig, und die »Perle«, die ganz klein aussah neben den großen Schiffen, hielt dem Hafen zu. Als sie an den Quai kamen, reichte der Matrose Papagris, der sie erwartet, den Damen die Hand beim Aussteigen, und sie gingen in die Stadt. Eine zahlreiche, stumme Menge, Leute, die täglich zur Flutzeit an den Hafen kommen, kehrten gleichfalls zurück. Frau Roland und Frau Rosemilly gingen voraus, die drei Männer folgten. Als sie die Rue de Paris hinaufgingen, blieben sie ab und zu vor einem Modemagazin oder bei einem Juwelier stehen, um einen Hut oder einen Schmuckgegenstand zu betrachten. Dann gingen sie weiter, nachdem sie darüber ihre Meinung ausgetauscht. Vor dem Börsenplatz betrachtete Roland, wie er das täglich that, das von Schiffen erfüllte Bassin du Commerce, von dem Grachten ausgingen, in denen Bauch an Bauch, vier oder fünf Reihen nebeneinander, die großen Schiffe lagen. Ein Mastenwald erhob sich dort in einer Ausdehnung von mehreren Kilometern Quailänge mit Spitzen, Takelagen und Raaen, so daß dieses Hafenbecken mitten in der Stadt aussah wie ein großer, abgestorbener Wald. Unter diesem blätterlosen Walde strichen die Möwen hin, spähten nach allen Seiten, um dann niederzustoßen, wie ein fallender Stein, und die Abfälle zu suchen, die man ins Wasser geworfen. – Wollen Sie nicht zum Essen bleiben, damit wir noch den Abend zusammen sind? Wir sind allein, fragte Frau Roland Frau Rofsmilly. – Ja, sehr gern, ich nehme ohne Umstände an. Es wäre heute abend für mich traurig allein zu Haus. Peter hatte es gehört, und da ihn die Gleichgiltigkeit der jungen Frau anfing zu ärgern, brummte er: – Na, da setzt sich also die Witwe bei uns fest. – Seit ein paar Tagen nannte er sie »die Witwe«, und obgleich dieses Wort nichts besonderes ausdrückte, ärgerte es Hans, nur durch den Ton, der ihm böse und verletzend vorkam. Und die drei Männer sprachen, bis sie an ihre Wohnung kamen, kein Wort mehr. Es war ein schmales Haus auf der Rue Belle-Normande, das aus einem Erdgeschoß und zwei kleinen Stockwerken bestand. Das Mädchen der Rolands, Josefine, ein Ding von neunzehn Jahren, vom Lande, um billigen Lohn dienend, besaß in außerordentlichem Maße das ewig erstaunte, fast tierische Aussehen der Bauern. Sie öffnete, schloß die Thür wieder und ging hinter der Herrschaft bis ins Wohnzimmer, das im ersten Stock lag, und sagte: – Ein Herr ist dagewesen, schon dreimal. Der alte Roland, der nie mit ihr redete, ohne zu fluchen und sie anzubrüllen, rief: – Wer ist gekommen? Gott verdamm mich noch mal! Das Gebrüll ihres Herrn störte sie nie, und sie antwortete: – Ein Herr vom Notar. – Was für ein Notar? – Nun von Herrn Canu. – Was hat denn der Herr gesagt? – Der Herr Canu würde selbst heute abend mal vorsprechen. Der Notar Lecanu war Rechtsbeistand des alten Roland, dessen Geschäfte er besorgte, und zugleich mit ihm befreundet. Da er seinen Besuch für den Abend angekündigt hatte, mußte es sich um eine wichtige, dringende Angelegenheit handeln. Und die vier Rolands blickten sich an, etwas beunruhigt durch diese Neuigkeit, wie alle Leute, die in bescheidenen Verhältnissen leben, bei der Berührung mit einem Notar, die sofort den Gedanken an Kontrakt, Erbschaft, Prozesse wachruft, kurz Dinge, die man wünscht oder fürchtet. Der Vater sagte nach ein paar Augenblicken Schweigen: – Was kann denn das wohl bedeuten? Frau Rosémilly begann zu lachen: – Ach, es wird eine Erbschaft sein, dessen bin ich gewiß. Ich bringe immer Glück. Aber sie hofften auf niemand, durch dessen Tod sie hätten erben können. Frau Roland, die für Verwandtschaft ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte, begann sofort alle Verwandten auf Seiten ihres Mannes und auf ihrer eigenen durchzugehen und allen Zweigen der Familie zu folgen. Sie fragte, ehe sie noch den Hut abgesetzt: – Sag mal, Vater (sie nannte ihren Mann zu Haus ›Vater‹ und nur manchmal in Gegenwart von Fremden ›Herr Roland‹), sag mal, Vater, wen hat denn nur Josef Lebru in zweiter Ehe zur Frau gehabt? – Ja, ich weiß, eine kleine Duménil, die Tochter eines Papierhändlers. – Haben sie Kinder gehabt? – Ja, ich glaube vier oder fünf mindestens. – Nein, dann ist's damit nichts. Sie wurde schon ganz erregt beim Suchen, bei der Idee, es könnte ihnen ein wenig Geld vom Himmel in den Schoß fallen. Aber Peter, der seine Mutter sehr lieb hatte, der wußte, daß sie sich gern in Hoffnungen wiegte und der eine Enttäuschung fürchtete, einen kleinen Kummer, eine kleine traurige Stimmung, wenn die Nachricht statt gut zu sein etwa schlecht wäre, warf ein: – Mutter, glaube nur sowas nicht, wir haben keinen Onkel in Amerika. Ich dächte eher, es handelt sich um eine Heirat für Hans. Alle Welt war erstaunt über diese Idee, und Hans war etwas verletzt, daß sein Bruder das vor Frau Rosémilly gesagt hatte. – Warum für mich und nicht für Dich? Deine Vermutung ist sehr anfechtbar. Du bist der Älteste, also würde man doch zuerst an Dich gedacht haben. Und dann will ich mich garnicht verheiraten. Peter lachte: – Du bist wohl verliebt? Der andere antwortete unzufrieden: – Muß man gerade verliebt sein, wenn man sagt, daß man sich noch nicht verheiraten will? – So, so, – das »noch« ändert allerdings die Sache. Du wartest also? – Meinetwegen nimm an, daß ich warte, wenn Du willst. Aber der alte Roland, der zugehört und nachgedacht hatte, fand plötzlich die wahrscheinlichste Lösung: – Herr Gott noch mal, wir sind doch zu dumm, uns hier den Kopf zu zerbrechen. Herr Lecanu ist unser Freund, er weiß, daß Peter irgendwo ärztliche Praxis sucht, Hans Advokat werden will, und er hat irgend etwas für einen von euch beiden gefunden. Das war so einfach und wahrscheinlich, daß alle einstimmten. – Es ist angerichtet! – sagte das Mädchen. Und jeder lief auf sein Zimmer, um sich die Hände zu waschen, ehe es zu Tisch ging. Zehn Minuten später saßen sie im kleinen Eßzimmer im Erdgeschoß beim Essen. Zuerst wurde kaum gesprochen, aber nach ein paar Augenblicken wunderte sich Roland wieder über den Besuch des Notars. – Ja, warum hat er denn übrigens nicht geschrieben? Warum hat er dreimal seinen Bureauchef geschickt und warum kommt er denn selbst? Peter fand das ganz natürlich: – Er muß wahrscheinlich sofort Antwort haben, und er hat uns vielleicht Dinge unter vier Augen zu sagen, die man nicht gern schreibt. Aber alle vier beschäftigte die Sache, und es war ihnen eigentlich peinlich, daß sie die Fremde eingeladen hatten, die sie bei den Besprechungen und zu treffenden Entscheidungen stören konnte. Als sie eben wieder ins Wohnzimmer hinauf gegangen waren, wurde der Notar gemeldet. Roland sprang auf: – Guten Abend, lieber Meister! Er gab Herrn Lecanu den Titel Meister, wie er in Frankreich jedem Notar zukommt. Frau Rosémilly stand auf: – Ich will gehen, ich bin sehr müde. Man machte schwache Versuche, sie zurückzuhalten, aber sie ging nicht darauf ein und entfernte sich, ohne daß einer der drei Herren sie, wie sonst gewöhnlich, nach Haus gebracht hätte. Frau Roland bemühte sich sofort um den neuen Gast: – Trinken Sie eine Tasse Kaffee? – Nein, danke. Ich komme eben von Tisch. – Also eine Tasse Thee? – Ich sage nicht nein, aber vielleicht etwas später, denn wir müssen erst über Geschäfte sprechen. In der tiefen Stille, die diesen Worten folgte, hörte man nur das gleichmäßige Ticken der Wanduhr und im Stockwerk darunter das Klappern der Schüsseln, die das Mädchen aufwusch, das sogar zu dumm war, um auf die Idee zu kommen, an der Thür zu lauschen. Der Notar begann: – Haben Sie in Paris einen gewissen Herrn Maréchal gekannt, Leo Maréchal? Herr und Frau Roland riefen in einem Atem: – Natürlich! – War das einer Ihrer Freunde? Roland antwortete: – Jawohl, mein bester Freund. Aber ein eingefleischter Pariser, der nie vom Boulevard kommt; er ist Bureauchef im Finanzministerium. Ich habe ihn, seitdem wir die Hauptstadt verlassen, nicht wiedergesehen, und dann haben wir uns auch nicht mehr geschrieben. Wissen Sie, wenn man so weit von einander ist .... Der Notar sagte ernst: – Herr Maréchal ist gestorben. Mann und Frau zuckten beide in jenem schmerzlichen echten oder gespielten Erstaunen zusammen, mit dem man eine traurige Nachricht aufzunehmen pflegt. Herr Lecanu fuhr fort: – Mein Kollege in Paris hat mir die wichtigste Bestimmung seines Testamentes mitgeteilt, durch die Ihr Sohn Hans, Hans Roland, zu seinem Universalerben ernannt ist. Das Erstaunen war so allgemein, daß keiner eine Antwort fand. Frau Roland bemeisterte zuerst ihre Bewegung und stammelte: – Mein Gott, der arme Leo, unser armer Freund! Mein Gott, mein Gott, tot! Thränen traten in ihre Augen, jene stillen Frauenthränen, Perlen des Leides, die aus der Seele steigen, über die Wangen laufen und so schmerzlich scheinen, wie sie klar und hell sind. Aber Roland dachte weniger an die Trauer und den Verlust, als an die angekündigte glückliche Nachricht. Er wagte jedoch nicht gleich nach Einzelheiten des Testamentes zu fragen, auch nicht nach der Höhe der Summe. Und er meinte, um der interessanten Frage näher zu kommen: – An was ist er denn gestorben, der arme Maréchal? Herr Lecanu hatte davon keine Ahnung. – Ich weiß nur, daß er ohne direkte Nachkommen gestorben ist und sein ganzes Vermögen, etwa zwanzigtausend Franken Rente, in dreiprozentigen Obligationen Ihrem zweiten Sohn, den er geboren werden und heranwachsen sah, und den er der Erbschaft für würdig hielt, vermacht hat. Sollte Herr Hans die Erbschaft nicht annehmen, würde sie Waisenkindern zufallen. Der alte Roland konnte seine Freude schon nicht mehr zurückhalten und rief: – Verflucht noch mal, das war ein schöner Zug seines guten Herzens! Wenn ich keine Kinder hätte, hätte ich unsern alten Freund meinerseits auch nicht vergessen. Der Notar lächelte: – Ich wollte mir die Freude machen, Ihnen die Sache selbst mitzuteilen. Man freut sich immer, den Leuten etwas Angenehmes sagen zu können. Er dachte garnicht daran, daß diese glückliche Nachricht der Tod eines Freundes, des besten Freundes des alten Roland war, der seinerseits ebenso plötzlich die vorhin ausgesprochene enge Freundschaft vergessen hatte. Allein Frau Roland und ihre Söhne blieben ernst. Sie weinte noch immer ein wenig, wischte sich die Augen mit dem Taschentuch, das sie dann auf ihren Mund hielt, um ihr tiefes Schluchzen zu unterdrücken. Der Doktor brummte: – Er war ein braver Mann und uns sehr zugethan. Er lud meinen Bruder und mich öfters zu Tisch ein. Hans strich sich den schönen blonden Bart, die leuchtenden Augen groß aufgerissen, mit der rechten Hand und ließ ihn bis zum letzten Haar durch die Finger laufen, als wollte er ihn verlängern und zuspitzen. Zweimal bewegte er die Lippen, um gleichfalls etwas Passendes zu sagen. Aber nachdem er lange gesucht, fand er nur die Worte: – Ja, er liebte mich sehr, er küßte mich immer, wenn ich ihn besuchte. Aber des Vaters Gedanken gingen in rasendem Tempo weiter. Er war ganz beschäftigt mit der in Aussicht gestellten Erbschaft, die schon ausgemachte Sache war, ganz benommen von dem Geld, das vor der Thür nur wartete und sofort morgen, es kostete nur ein Wort, ins Haus fiel. Er fragte: – Es können doch keine Schwierigkeiten eintreten .. ein Prozeß etwa .. eine Anfechtung? Herr Lecanu schien ganz beruhigt zu sein: – Nein. Mein Kollege in Paris meint, die Sache wäre ganz klar. Es handelt sich nur darum, daß Herr Hans annimmt. – Schön also. Und das Geld ist in Ordnung? – Alles in Ordnung. – Alle Förmlichkeiten sind erfüllt? – Alle. Plötzlich schämte sich der ehemalige Juwelier etwas; es war eine unbestimmte, instinktive Scham über die Eile, mit der er sich alles hatte auseinander setzen lassen, und er sagte: – Wissen Sie, daß ich Sie sofort nach all den Dingen fragte, das ist ja nur, um meinen Sohn vor etwaigen Unannehmlichkeiten, die er nicht voraussehen kann, zu bewahren. Es hängen da manchmal Schulden daran, die Lage ist vielleicht nicht ganz klar, was weiß ich, und man fällt da manchmal in ein Loch ohne Boden. Übrigens bin ich ja nicht der Erbe, aber ich sorge natürlich vor allen Dingen für den Kleinen. Hans wurde in der Familie der »Kleine« genannt, obgleich er viel größer war wie Peter. Es war, als ob Frau Roland plötzlich aus einem Traum erwachte, sich an etwas erinnerte, das weit hinter ihr lag, fast vergessen war, das sie ein paar Mal gehört hatte, dessen sie übrigens nicht ganz sicher war, und sie stammelte: – Sagten Sie nicht, daß unser armer Freund Maréchal sein Vermögen meinem kleinen Hans vermacht hat? – Jawohl, Frau Roland. Da sagte sie ganz einfach: – Das macht mir große Freude, denn es beweist mir, daß er uns gern hatte. Roland war aufgestanden: – Lieber Herr Notar, wünschen Sie, daß mein Sohn gleich die Annahme unterzeichnet? – Nein, nein, Herr Roland. Morgen, morgen, auf meinem Bureau, um zwei Uhr, wenn es Ihnen paßt. – Natürlich, natürlich, selbstverständlich! Da that Frau Roland, die sich gleichfalls erhoben hatte, die unter Thränen lächelte, zwei Schritte zum Notar, legte ihre Hand auf seine Stuhllehne, schaute ihn mit dankbarem Mutterblick an und fragte: – Ist Ihnen nun Thee gefällig, Herr Lecanu? – Jetzt sehr gern, Frau Roland. Mit Vergnügen. Das Mädchen wurde gerufen und brachte zuerst in ein paar großen Blechkästen Cakes, jene faden englichen Backwaren, die für Papageienschnäbel gemacht zu sein scheinen und in Metallbüchsen verwahrt werden zu Reisen um die Erde. Dann holte sie ein paar kleine, graue Servietten, viereckig zusammengelegt, jene Theeservietten, die bei sparsamen Leuten nie gewaschen werden. Zum dritten Mal kam sie mit der Zuckerdose und den Tassen, dann ging sie hinaus, um das Wasser zu kochen, und man wartete. Niemand konnte sprechen, man hatte zu viel zu denken und nichts zu sagen. Frau Roland allein suchte nach ein paar banalen Worten. Sie erzählte von der Seefahrt und lobte die »Perle« und Frau Rosémilly. – Reizend, reizend! – sagte der Notar. Roland, der sich wie im Winter, wenn das Feuer brannte, an den Marmor des Kamins gelehnt, stand da, die Hände in den Taschen, bewegte die Lippen, als wollte er pfeifen, und in der unwiderstehlichen Lust, seine Freude von sich zu geben, konnte er nicht mehr auf einem Fleck stehen bleiben. Die beiden Brüder saßen auf zwei gleichen Stühlen, beide die Beine übereinander geschlagen, rechts und links vom Sofa, und starrten genau in derselben Stellung, aber mit verschiedenem Ausdruck vor sich hin. Endlich kam der Thee. Der Notar nahm ihn, that Zucker hinein und trank seine Tasse, nachdem er ein Cake, das zu hart war zum beißen, hineingebrockt. Darauf erhob er sich, schüttelte jedem die Hand und ging. – Also abgemacht, – sagte Herr Roland, – morgen um zwei Uhr bei Ihnen. Hans hatte nicht ein Wort gesagt. Nachdem der Notar fort war, schwiegen sie noch alle. Dann schlug der alte Roland mit beiden Händen seinem jüngeren Sohn auf die Schultern und rief: – Na, verfluchter Kerl, küßt Du mich denn nicht? Da lächelte Hans und umarmte seinen Vater mit den Worten: – Ich meinte nicht, daß es unbedingt nötig wäre. Aber der Alte konnte es vor Freude nicht mehr aushalten, lief hin und her, spielte mit seinen ungeschickten Nägeln auf den Möbeln Klavier, drehte sich auf dem Absatz herum und rief: – So ein Glück, so ein Glück! Da haben wir aber mal Glück! Peter fragte: – Kanntet ihr denn früher den Maréchal so genau? Der Vater antwortete: – Nun, er war doch jeden Abend bei uns. Aber Du erinnerst Dich doch, daß er Dich, wenn Du einen freien Nachmittag hattest, am Gymnasium abholte und daß er Dich nach Tisch öfters nach Haus brachte. Na, zum Beispiel gerade an dem Morgen, als Hans geboren wurde, da holte er den Doktor. Er hatte bei uns gefrühstückt, als die Mama sich unwohl fühlte. Wir wußten gleich, was los sei, und er rannte spornstreichs davon. In der Eile nahm er noch meinen Hut statt seinen. Ich weiß das noch so genau, weil wir nachher so furchtbar darüber lachten. Möglicherweise hat er sich noch in seiner Sterbestunde dieser Geschichte erinnert, und da er keinen Erben hatte, wird er sich wohl gesagt haben: da ich nun einmal bei der Geburt dieses Kleinen geholfen habe, werde ich ihm mein Vermögen hinterlassen. Frau Roland lag in ihrem Stuhl, ganz in Gedanken verloren. Sie flüsterte, als dächte sie laut: – Ach, er war ein braver Freund, treu und ergeben – ein seltener Mensch in unsern Zeiten. Hans war aufgestanden: – Ich will ein bißchen spazieren gehen. Sein Vater wunderte sich, wollte ihn zurückhalten, denn sie hätten miteinander zu sprechen, Pläne zu schmieden, Entschlüsse zu fassen. Aber der junge Mann blieb dabei und behauptete, er hätte eine Verabredung. Übrigens wäre ja noch Zeit genug, sich zu besprechen, ehe die Erbschaft angetreten würde. Und er ging fort, denn er wollte allein sein und nachdenken. Dann erklärte auch Peter, er müsse ausgehen, und nach einigen Minuten folgte er seinem Bruder. Sobald der alte Roland mit seiner Frau allein war, schloß er sie in die Arme, küßte sie ein dutzendmal auf beide Wangen und sagte, um einen Vorwurf zu entkräften, den sie ihm oft gemacht: – Siehst Du, meine Liebe, es hätte mir garnichts genützt, länger in Paris zu bleiben und mich für die Kinder zu ruinieren, statt hier meiner Gesundheit zu leben, da uns das Geld vom Himmel in den Schoß fällt. Sie war ganz ernst geworden: – Es fällt vom Himmel für Hans, – sagte sie. – Aber Peter? – Peter ist Doktor, der wird schon Geld verdienen. Und dann wird sein Bruder schon was für ihn thun. – Nein, der nimmt nichts an. Und dann gehört die Erbschaft Hans, nur Hans. So ist Peter sehr benachteiligt. Der gute Mann war starr: – Na, da hinterlassen wir ihm in unsern Testament etwas mehr. – Nein, das ist auch nicht gerecht. Er rief: – Na also denn nicht. Was soll ich denn dabei thun? Du suchst immer bloß alles Unangenehme, Du verdirbst mir jeden Spaß. Ich werde lieber zu Bett gehen. Gute Nacht! Übrigens, jedenfalls wir haben Schwein, verfluchtes Schwein! Und er ging davon, trotz alledem glückselig, ohne irgend ein Wort des Bedauerns für den toten, edelmütigen Freund. Frau Roland träumte weiter beim Schein der Lampe. II Sobald Peter im Freien war, ging er nach der Rue de Paris, der glänzend beleuchteten, belebten, geräuschvollen Hauptstraße von Havre. Die frische Luft vom Meer her umkoste ihm das Gesicht, und langsam ging er, den Stock unter den Arm geklemmt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, dahin. Er fühlte sich unbehaglich, belastet, unzufrieden, wie wenn man eine unangenehme Nachricht bekommen hat. Nichts Bestimmtes drückte ihn, er hätte auch nicht gleich sagen können, woher diese Verstimmung kam, diese Schwere, die ihm in den Gliedern lag. Irgendwo that es ihm weh, er wußte nicht wo. Eine kleine Stelle schmerzte ihn, eine jener winzigen Wunden, die man nicht finden kann, aber die einen stören, ermüden, traurig machen, quälen. Ein unbekanntes, leichtes Leid, etwas wie der Keim zu einem Kummer. Als er auf den Theaterplatz kam, zogen ihn die Lichter des Café Tortoni an, und langsam ging er auf die erleuchteten Fenster zu. Aber als er eben eintreten wollte, dachte er daran, daß er dort Freunde finden würde, Bekannte, Leute, mit denen er sprechen mußte. Und plötzlich stieß ihn der Gedanke an dieses banale Geschwätz bei Kaffee und Schnaps ab. Er drehte um und ging die Hauptstraße nach dem Hafen hinab. Er fragte sich: »Wo soll ich hingehen?« und suchte irgend ein Lokal, das ihm zugesagt und seinem Seelenzustand entsprochen hätte. Er fand keines, denn es ärgerte ihn, allein zu sein, aber er wollte auch niemand sehen. Als er am großen Hafenquai angekommen war, zögerte er noch einmal, dann wendete er sich zum Meer. Er hatte sich für die Einsamkeit entschieden. Bei der Mole stand eine Bank, und er setzte sich, schon müde vom Gehen, und des Spazierganges überdrüssig, schon ehe er ihn begonnen. Er fragte sich: »Was fehlt mir nur heute abend?« Und er suchte in der Erinnerung, was für eine Unannehmlichkeit er nur gehabt, wie man einen Kranken ausfragt, um den Grund seines Leidens kennen zu lernen. Er war von leicht erregbarem Sinne und doch zu gleicher Zeit überlegt. Es packte ihn plötzlich, aber dann dachte er nach und entschied sich besonnen, je nachdem, für oder gegen seine ersten Absichten. Aber eigentlich behielt zu guterletzt doch immer seine Naturanlage die Oberhand, und die plötzliche Empfindung siegte über das Nachdenken. Er suchte also, was nun eigentlich der Grund dieser Nervosität sei, dieses Bedürfnis, fortzulaufen ohne allen Zweck, dieser Wunsch, jemandem zu begegnen, um ihm widersprechen zu können, und dabei der Ekel davor, Menschen zu sehen, zu hören, was sie ihm etwa sagen könnten. Und er fragte sich, sollte es etwa Hans' Erbschaft sein. Ja, das war immerhin möglich. Als der Notar ihnen die Nachricht mitteilte, hatte er sein Herz stärker klopfen fühlen. Man ist nicht immer Herr seiner selbst, man hat manchmal plötzlich irgend eine Stimmung, gegen die man vergeblich ankämpft. Er dachte gründlich über das physiologische Problem des Eindrucks nach, den irgend ein Ereignis auf eine Seele ausübt. Diese Summe von Gedanken und Empfindungen, freudigen oder schmerzlichen, die vielleicht denjenigen gerade entgegengesetzt sind, die der gesunde Menschenverstand, die das denkende, durch Bildung und Intelligenz über sich selbst hinausgewachsene Wesen als gut und vernünftig ansteht. Er suchte sich in den Seelenzustand des Sohnes zu versenken, der ein großes Vermögen erbt und der dadurch eine Menge Genüsse sich zu eigen machen kann, die er längst sich gewünscht, die ihm aber durch den Geiz des Vaters bisher versagt geblieben waren. Er stand auf und ging auf den Hafendamm hinaus. Es ward ihm wohler. Er freute sich, den Grund entdeckt zu haben, sich selbst klar geworden zu sein, den zweiten Menschen, der in uns liegt, entschleiert zu haben. »Ich war also neidisch auf Hans,« dachte er. »Das ist eigentlich sehr niedrig. Ich weiß es jetzt, daß es so ist, denn der erste Gedanke, der mir gekommen ist, war der an seine Heirat mit Frau Rosémilly. Und doch mag ich ja diese kleine, vernünftige Pute garnicht, die so recht geeignet ist, einem den gesunden Menschenverstand und jede brave Gesinnung zu verekeln. Es ist also grundlose Eifersucht, ja die Eifersucht in ihrer konzentriertesten Form, lediglich um der Eifersucht willen. Ich muß mal auf mich achten.« Er kam an den Signalmast, der den Wasserstand im Hafen anzeigt und zündete ein Streichholz an, um die Liste der gesichteten Schiffe zu lesen, die bei der nächsten Flut einlaufen sollten. Man erwartete ein paar Dampfer aus Brasilien, vom La Plata, aus Chile, aus Japan, zwei dänische Briggs, einen norwegischen Kutter, einen türkischen Dampfer, was Peter so sehr verwunderte, als ob er gelesen hätte, einen Schweizer Dampfer. Und nun sah er vor sich in einem seltsamen Spiel seiner Phantasie ein mächtiges Schiff voll beturbanter Männer, die in weiten Pluderhosen in der Takelage aufenterten. Das ist doch zu dumm, dachte er, die Türken sind doch ein seefahrendes Volk. Er machte noch ein paar Schritte und blieb stehen, um die Rhede zu betrachten. Rechts über Saint-Adresse warfen die beiden elektrischen Leuchttürme des Kap de la Hève, die aussahen wie zwei gewaltige Zwillings-Cyklopen, ihren mächtigen Lichtschein weit hinaus aufs Meer. Die beiden Strahlen aus den benachbarten Laternen liefen parallel hinaus wie die Riesenschwänze zweier Kometen, den gewaltigen geraden Hang von der Höhe der Küste hinab und hinaus bis zum Horizont. Dann bezeichneten auf den beiden Hafendammen zwei andere Feuer, Kinder dieser Kolosse, die Einfahrt von Havre. Und weit drüben auf dem anderen Ufer der Seine sah man noch viele, viele andere, konstant leuchtend oder ab und zu erlöschend, indem sie sich öffneten und schlossen, wie ein paar Augen, die gelben, roten, grünen Augen der Häfen, die auf das dunkle mit Schiffen bedeckte Meer hinausspähten; die lebendigen Augen der gastfreundlichen Erde, die nur durch die ewig gleiche, mechanische Bewegung ihrer Lider sagten: »Ich bin's, ich bin Trouville, ich bin Honfleur, ich bin das Ufer von Pont-Audemer.« Und alle überragend, so hoch, daß man ihn von weitem für einen Planeten halten konnte, bezeichnete der Leuchtturm von Etouville die Straße nach Rouen, hindurch durch die Sandbänke der Mündung des großen Stromes. Dann meinte man auf dem tiefen Wasser, auf der endlosen Flut, die dunkel war wie der Himmel, hier und da Sterne zu erblicken. Sie zitterten in dem nächtlichen Dunst, klein, nah oder fern, weiß, grün oder auch rot. Beinah alle waren unbeweglich, nur einzelne schienen zu laufen. Das waren die Lichter der vor Anker gegangenen Schiffe, die auf die nächste Flut warteten, oder der weiterfahrenden Schiffe, die ihrem Bestimmungsorte zueilten. Gerade in diesem Augenblick ging der Mond hinter der Stadt auf. Er sah aus wie ein gewaltiger, göttlicher Leuchtturm, der am Firmament angezündet worden, um der unendlichen Flotte der wirklichen Sterne als Richtpunkt zu dienen. Peter sagte fast laut: – Na, und wir schinden uns um ein paar Groschen. – Ganz nahe bei ihm erschien in der weiten, dunklen Öffnung zwischen den Hafendämmen ein Schatten, ein großer, finsterer Schatten und glitt dahin. Er beugte sich über das Granitgelänber und gewahrte eine Fischerbarke, die heimkehrte, ohne einen Laut menschlicher Stimmen, ohne daß die Wellen anschlugen, ohne Ruderschlag, nur ganz langsam durch das hohe, braune Segel getrieben, das gegen den Wind gespannt war. Er dachte: »Wenn man auf so einem Schiff leben könnte, wie friedlich wäre das!« Dann machte er noch ein paar Schritte und sah plötzlich einen Mann, der an der Spitze des Hafendammes saß. Ein Träumer, ein Verliebter, ein Weiser, ein Glücklicher oder ein Trauriger? Wer war es? Neugierig trat er näher, um die Züge des Einsamen zu sehen, Und er erkannte seinen Bruder. – Nein, so was. Du, Hans! – Ach, Peter, was suchst Du denn hier? – Ich will frische Luft schnappen. Und Du? Hans begann zu lachen: – Ich auch. Peter setzte sich neben seinen Bruder: – Das ist doch wundervoll hier. – Ja, allerdings. Am Ton der Summe sah er, daß Hans überhaupt nichts um sich her gesehen hatte. Und er fuhr fort: – Jedesmal wenn ich hierher komme, packt mich ein verrückter Wunsch: nur fort, fort mit all den Schiffen, hinaus nach Norden oder Süden. Denke nur, daß alle die kleinen Lichter dort draußen aus allen Ecken der Welt kommen, aus,den Ländern der Riesenblumen und der bleichen oder bronzefarbenen Mädchen, aus den Ländern der ganz kleinen Vögel oder der großen Elefanten, der freien Löwen und der Negerkönige. Aus all den Ländern, die für uns wie Feenmärchen sind, für uns, die wir nicht mehr an den gestiefelten Kater oder Dornröschen glauben. Es müßte doch wunderschön sein, mitfahren zu können. Aber dazu müßte man Geld haben, viel Geld ... Er schwieg plötzlich, indem er daran dachte, daß sein Bruder es ja jetzt hatte, das Gold, das alle Sorgen nimmt, das einen frei macht von der täglichen Arbeit, frei, glücklich, heiter. Der konnte nun gehen, wohin, er wollte, zu den blonden Schwedinnen oder den dunklen Mädchen der Habana. Da plötzlich durchschoß ihn einer jener unwillkürlichen Gedanken, wie sie häufig bei ihm waren, so schnell, so plötzlich, daß er sie nicht ahnen, nicht aufhalten, ihnen keinen anderen Sinn geben konnte, die bei ihm kamen, wie aus einer zweiten unabhängigen glühenden Seele: »Ach, er ist viel zu dumm! Der heiratet einfach die kleine Rosémilly.« Er war aufgestanden: – Ich lasse Dich weiter von der Zukunft träumen, ich muß ein bißchen gehen. Er drückte seinem Bruder die Hand und sagte in sehr warmem Ton: – Sieh' mal an, mein kleines Hänschen, nun bist Du reich. Es freut mich doch, daß ich Dich heute abend allein getroffen habe, um Dir zu sagen, wie mich das freut, wieviel Glück ich Dir wünsche und wie lieb ich Dich habe. Hans, der von weicher, zärtlicher Art war, sagte ganz bewegt: – Danke, danke, mein guter Peter, danke! Und Peter machte Kehrt und ging mit langsamen Schritten, den Stock unter dem Arm, die Hände auf dem Rücken, davon. Als er sich wieder in der Stadt befand, fragte er sich von neuem, was er anfangen sollte. Er war verstimmt über den abgebrochenen Spaziergang, daß er nun seines Bruders wegen nicht am Meer bleiben konnte. Und ihm kam plötzlich eine Eingebung: ich werde ein Schnäpschen beim alten Marowsko trinken. Und er ging zum Stadtviertel Ingouville. Er hatte den alten Marowsko in Paris in den Krankenhäusern kennen gelernt. Er war ein alter Pole, ein politischer Flüchtling, der in seiner Heimat, wie es hieß, Gräßliches durchgemacht hatte und der in Frankreich, nachdem er neue Examina abgelegt, seinen Beruf als Apotheker ausübte. Man wußte nichts von seiner Vergangenheit, allerlei Geschichten liefen über ihn um. Der Ruf, der ihm vorausging, als gefährlicher Verschwörer, Nihilist, verzweifelter Patriot, der nur durch ein Wunder dem Tode entronnen, hatte Peter Rolands immer abenteuerliche Phantasie gefesselt, und er hatte sich mit dem alten Polen angefreundet, ohne übrigens jemals irgend etwas Thatsächliches von seinem vergangenen Leben zu erfahren. Auf Veranlassung des jungen Arztes hatte sich der alte Mann in Havre niedergelassen, indem er auf eine gute Kundschaft rechnete, die ihm der junge Doktor zuführen sollte. Inzwischen führte er in seiner bescheidenen Apotheke eine ärmliche Existenz, indem er den kleinen Bürgersleuten und den Arbeitern der Stadtgegend Heilmittel verkaufte. Peter suchte ihn oft nach Tisch auf, um eine Stunde mit ihm zu schwatzen, denn er liebte das ruhige Gesicht und die spärliche Unterhaltung Marowskos, dessen lange Redepausen er sehr tiefsinnig fand. Über dem mit Flaschen bedeckten Tisch brannte nur eine Gasflamme, die im Fenster waren der Sparsamkeit wegen nicht angesteckt worden. Hinter dem Ladentisch saß, die lang ausgestreckten Beine übereinander gelegt, ein alter, kahlköpfiger Mann mit einer mächtigen Raubvogelnase, die aus der haarlosen Stirn vorsprang und ihm das Aussehen eines alten traurigen Papageien verlieh. Er saß, das Kinn auf der Brust, und schlief fest. Beim Klang der Glocke an der Thür wachte er auf, erhob sich, erkannte den Doktor und kam auf ihn zu, indem er ihm beide Hände entgegenstreckte. Sein schwarzer Überrock, der besät war mit Flecken von Säuren und Süßigkeiten, war viel zu weit für seinen mageren kleinen Leib und sah aus wie ein alter Priesterrock. Der Mann sprach mit stark polnischer Aussprache, die seiner Fistelstimme etwas Kindliches verlieh, das Stammeln und die Betonung eines jungen Menschenkindes, das eben anfängt zu sprechen. Peter setzte sich und Marowsko fragte: – Was giebts Neues, lieber Doktor? – Nichts. Überall immer dasselbe. – Sie sehen nicht gerade sehr heiter aus heute abend. – Das geht mir oft so. – Na, na, na. Sie müssen sich nicht gehen lassen. Wollen Sie ein Gläschen Schnaps? – Ja, gern. – Ich will Ihnen mal etwas Neues zu kosten geben. Seit zwei Monaten schon mache ich Versuche mit Stachelbeeren, die man sonst nur zum Syrup benutzt. Und denken Sie mal, ich hab's 'raus. Einen wirklich ausgezeichneten Schnaps. Ganz glückselig trat er an einen Schrank, öffnete ihn, nahm eine Flasche und brachte sie herbei. Er bewegte sich nie sehr stark, machte nur ganz kurze Bewegungen, streckte nie ganz den Arm aus, öffnete nie ganz die Beine, machte niemals eine ganze, entschlossene Bewegung. Und seine Gedanken schienen wie seine Bewegungen zu sein, er deutete nur an, skizzierte, versprach, suggerierte sie einem, aber drückte sie nicht wirklich aus. Seine Lebensaufgabe schien übrigens die Bereitung von Schnäpsen und Fruchtsäften zu sein. »Durch einen guten Saft oder einen guten Schnaps kann man reich werden,« sagte er oft. Er hatte hunderte von süßen Tränken erfunden, ohne daß er je einen einzigen in den Handel gebracht. Peter behauptete, daß ihn Marowsko an Marat erinnere. Aus der Hinterstube holte er zwei kleine Gläser, die er auf einem Brettchen brachte. Dann sahen die beiden Männer den Schnaps an, hoben die Gläser, um gegen das Licht der Gasflamme die Farbe zu prüfen. – Farbe wie ein Prachtrubin! – sagte Peter. – Nichtwahr? Der alte Papageikopf des Polen schien zu strahlen. Der Doktor versuchte, schmeckte, dachte nach, kostete noch einmal, überlegte sich die Sache wieder und sagte: – Sehr gut! Sehr gut! Und als Spezialität was ganz Neues. Das ist einfach ein Fund, mein Lieber. – Wirklich? Das freut mich sehr. Da bat Marowsko um Rat, wie er den neuen Likör taufen solle. Er wollte ihn »Stachelbeeressenz« oder «Stachelbeer fein« oder «Stachlius« oder «Stachelbeer« nennen. Peter fand keinen dieser Namen gut. Da hatte der Alte eine Idee: – Wie Sie es vorhin genannt haben, das ist ausgezeichnet: »Prachtrubin.« Der Doktor bestritt auch die Eignung dieses Namens, obgleich er ihn selbst gefunden hatte, und riet, es doch einfach »Stachelchen« zu nennen. Das fand Marowsko ausgezeichnet. Dann schwiegen sie, blieben ein paar Minuten so sitzen, ohne ein Wort zu sagen, beim Schein der einen Gasflamme. Endlich meinte Peter, es kam ihm so, er konnte nicht anders: – Denken Sie mal, heute abend ist uns was ganz Eigenes passiert. Ein Freund meines Vaters, der gestorben ist, hat meinem Bruder sein Vermögen hinterlassen. Der Apotheker schien die Sache nicht gleich zu verstehen. Aber nachdem er nachgedacht, sprach er die Hoffnung aus, daß der Doktor wenigstens die Hälfte bekäme. Als ihm dann der Thatbestand genau auseinandergesetzt worden, schien er geärgert und erstaunt zu sein. Und um zu zeigen, daß er nicht damit zufrieden war, daß sein junger Freund schlecht weggekommen, sagte er mehrmals: – Das wird keinen guten Eindruck machen. Peter wurde wieder nervös und wollte nun wissen, was Marowsko damit meine. – Warum soll das keinen guten Eindruck machen? Warum soll es einen schlechten machen, daß mein Bruder das Vermögen eines Freundes unserer Familie erbt? Aber der vorsichtige Mann ließ sich nicht weiter darüber aus. – In so einem Falle setzt man beide Brüder zu Erben ein. Ich sage Ihnen, das wird keinen guten Eindruck machen. Und der Doktor ging ungeduldig davon, kehrte heim und legte sich zu Bett. Eine Zeit lang hörte er noch Hans im benachbarten Zimmer leise auf und niedergehen. Dann schlief er ein, nachdem er zwei Gläser Wasser getrunken. III Der Doktor wachte am nächsten Morgen mit dem festen Entschluß auf, sein Glück zu machen. Diesen Entschluß hatte er schon öfters gefaßt, ohne ihn jedoch ausführen zu können. Beim Beginn aller Versuche, in eine neue Laufbahn einzutreten, spornte ihn die Hoffnung, er könne rasch zu Gelde kommen, und gab ihm Vertrauen, bis sich das erste Hindernis einstellte, bis ihn der erste Mißerfolg wieder zu etwas anderem trieb. Er lag unter den warmen Decken in seinem Bett versunken und dachte nach. Wie viel Ärzte waren binnen kurzer Zeit Millionäre geworden. Man mußte es nur ein ganz klein wenig anzufangen verstehen. Denn während seiner Studienzeit hatte er die berühmtesten Professoren kennen gelernt und fand, sie wären alle Esel. Er war gewiß ebenso viel wert wie sie, wenn nicht mehr. Wenn es ihm durch irgend ein Mittel gelänge, die eleganten und reichen Patienten in Havre zu gewinnen, konnte er es auf hunderttausend Franken Rente im Jahr mit Leichtigkeit bringen. Und er berechnete sich ganz genau seine sicheren Einkünfte. Früh würde er ausgehen und seine Krankenbesuche machen, durchschnittlich, das war noch nicht einmal viel, zehn täglich, jeden zu zwanzig Franken. Das gäbe mindestens zweiundsiebzigtausend Franken jährlich, sogar fünfundsiebzigtausend Franken. Denn die Zahl von zehn Kranken blieb doch weit hinter der ihm sicheren Anzahl zurück. Nachmittags in der Sprechstunde würde er durchschnittlich zehn Patienten abthun, zu zehn Franken das Stück. Das gäbe sechsunddreißigtausend Franken – also rund hundertzwanzigtausend Franken. Ehemalige Patienten und alte Freunde, denen er den Besuch nur zu zehn Franken rechnen würde und die Sprechstunde zu fünf, mochten die Summe ein wenig heruntersetzen. Aber das wurde ausgeglichen durch Konsultationen mit anderen Ärzten und durch all die laufenden Geschenke, die eine Praxis mit sich bringt. Nichts war leichter, als durch geschickte Reklame so weit zu kommen. Durch Notizen im Figaro, die besagten, daß die Pariser Ärztewelt ihr Augenmerk auf ihn geworfen und sich für die überraschenden Kuren interessierte, die dem jungen bescheidenen Gelehrten aus Havre glückten. Und so würde er reicher sein, als sein Bruder, reicher, berühmter und zufriedener, denn er verdankte sein Vermögen nur sich allein. Und er würde sich gegen seine alten Eltern freigebig zeigen, die stolz waren auf seinen Ruf. Verheiraten wollte er sich nicht. In seinem Leben sollte nicht eine einzige Frau eine Rolle spielen, sondern er wollte mit seinen hübschesten Patientinnen Verhältnisse anfangen. Er fühlte sich seiner Sache so sicher, daß er aus dem Bett sprang, als wollte er gleich daran gehen. Und er zog sich an, um in der Stadt die Wohnung zu suchen, die für ihn gepaßt hätte. Als er so durch die Straßen strich, dachte er, wie gering doch die Ursachen sind, die unsre Handlungen bestimmen. Seit drei Wochen hätte er diesen Entschluß, der ohne Zweifel plötzlich in ihm in Folge der Erbschaft seines Bruders sich festgesetzt hatte, bereits fassen können. Er blieb an den Häusern stehen, an denen eine Tafel hing, die anzeigte, daß hier eine schöne Wohnung oder eine teure zu vermieten sei. An den Anzeigen ohne weiteren Zusatz ging er voller Verachtung vorüber. Nun sah er großspurig Wohnungen an, maß die Zimmerhöhe, zeichnete den Plan in sein Notizbuch, die Wege, die Lage der Zugänge, sagte, er sei Arzt und sehr beschäftigt. Die Treppe mußte breit sein, gut gehalten, er konnte nicht höher wohnen als im ersten Stock. Nachdem er sieben oder acht Wohnungen angesehen und noch zweihundert Adressen notiert, kehrte er mit einer Viertelstunde Verspätung zum Frühstück heim. Als er in den Flur trat, hörte er schon Tellerklappern. Man aß also ohne ihn. Warum? Sonst ging es doch nicht so pünktlich bei ihnen zu. Er schöpfte einen Verdacht, er fühlte sich verletzt, denn er war empfindlich. Sobald er eintrat, sagte sein Vater zu ihm: – Himmeldonnerwetter, Peter, mach mal schnell. Du weißt doch, daß wir um zwei zum Notar müssen. Wir haben heute keine Zeit zum trödeln. Der Doktor setzte sich, ohne zu antworten, nachdem er die Mutter geküßt und Vater und Bruder die Hand gedrückt. Und er nahm aus der runden Schüssel mitten auf dem Tisch das Kotelett, das für ihn übrig geblieben. Es war kalt und vertrocknet, jedenfalls hatten sie das schlechteste übrig gelassen. Er meinte, man hätte es, bis er kam, auf dem Herd lassen können. Man brauchte nicht so den Kopf zu verlieren, daß man den anderen Sohn, den ältesten, gänzlich vergaß. Die Unterhaltung, die bei seinem Eintritt unterbrochen worden, wurde an der Stelle wieder aufgenommen, wo sie aufgehört. – Ich würde, – sagte Frau Roland zu Hans, – gleich folgendes thun. Mich reich einrichten, um Aufsehen zu erregen, dann in Gesellschaft gehen, reiten und mir ein oder zwei interessante Fälle aussuchen, um mich bei Gericht gut einzuführen. Ich würde an Deiner Stelle versuchen, ein allgemein gesuchter Advokat zu werden, mehr aus Liebhaberei. Gott sei Dank brauchst Du es ja nicht, und wenn Du einen Beruf ergreifst, so ist es schließlich nur, um Deine Studien zu verwerten und weil ein Mann thätig sein muß. Vater Roland schälte eine Birne und sagte: – Sakrament, ich wüßte, was ich an Deiner Stelle thäte. Ich kaufte mir ein hübsches Schiff, einen Kutter wie die Lootsen, und mit dem Ding führe ich bis zum Senegal. Nun sagte auch Peter seine Ansicht. Er meinte, schließlich gäbe nicht das Geld dem Menschen Wert und Bedeutung. Durchschnittsmenschen zöge es herab, während es im Gegenteil für bedeutende Leute einfach eine Macht darstelle. Aber die bedeutenden wären eben dünn gesät, und wenn Hans wirklich zu ihnen gehörte, könnte er es zeigen, nun, wo er von den Tagessorgen frei wäre. Aber er müßte gerade hundertmal mehr arbeiten wie sonst. Es handelte sich nicht darum, für oder gegen die Witwe so und so und die Waisen so und so zu plaidieren und für jeden gewonnenen oder verlorenen Prozeß Geld einzustecken, er müsse ein bedeutender Jurist werden, eine Leuchte des Rechts. Und er fügte als Schlußforderung hinzu: – Wenn ich Geld hätte! Ich wollte mal eine Praxis machen. Der alte Roland zuckte die Achseln: – La, la, la. Am besten im Leben ist immer, sich nicht zu überanstrengen. Wir sind keine Lasttiere, sondern Menschen. Wenn man als armer Schlucker geboren ist, muß man schuften. Na schlimm genug, daß man arbeiten muß. Aber wenn man Geld hat, Teufel nochmal, da müßte man doch wirklich ein Einfaltspinsel sein, um sich zu schinden. Peter antwortete von oben herab: – Wir haben nicht die gleichen Tendenzen. Ich achte auf der Welt nur das Wissen und die Intelligenz. Alles andere verachte ich. Frau Roland suchte immer die Zusammenstöße zwischen Vater und Sohn zu mildern. Sie lenkte also die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet und fing an von einem Morde zu sprechen, der in der vergangenen Woche in Bolbec-Nointot begangen worden. Sofort waren alle für die Umstände interessiert, die mit der Mordthat in Verbindung standen, gefesselt durch das angenehme Gruseln, durch das anziehende Geheimnis, das den Verbrechen anhaftet, die, mögen sie auch noch so gemein, abstoßend und widerlich sein, doch auf die menschliche Neugierde eine seltsame allgemeine Anziehungskraft ausüben. Aber von Zeit zu Zeit zog der alte Roland die Uhr: – Kinder, wir müssen aufbrechen. Peter lachte: – Es ist noch viel Zeit. Es war wirklich nicht der Mühe wert, mir ein kaltes Kotelett zu geben. – Kommst Du mit zum Notar? – fragte seine Mutter. Er antwortete trocken: – Nein. Zu was denn? Meine Gegenwart ist ganz unnötig. Hans schwieg, als handelte es sich nicht um ihn. Als man vom Mord in Bolbec gesprochen, hatte er als Jurist ein paar Gedanken geäußert und ein paar Betrachtungen über Verbrechen und Verbrecher angestellt. Jetzt schwieg er wieder. Aber seine lachenden Augen, die angeregt geröteten Wangen, sogar sein glänzender Bart schienen sein Glück zu verkünden. Als Peter, nachdem seine Familie gegangen, wieder allein war, setzte er seine Streifzüge nach einer Wohnung wie am Morgen fort. Nachdem er zwei Stunden treppauf treppab gelaufen, fand er endlich auf dem Boulevard Franz I etwas Hübsches. Ein großes Zwischengeschoß mit zwei Thüren nach verschiedenen Straßen, zwei Salons, einer Glas-Galerie, wo die Kranken warten und dabei mitten unter Blumen auf und ab gehen konnten, und ein reizendes rundes Eßzimmer mit dem Blick auf das Meer. Als er mieten wollte, schreckte ihn doch der Preis von dreitausend Franken ab, denn er mußte das erste Quartal im voraus zahlen und besaß nichts, nicht einen Pfennig. Das kleine Vermögen, das der Vater sich zusammengespart, gab kaum achttausend Franken Zinsen jährlich. Und Peter warf sich vor, daß er oft seine Eltern in Verlegenheit gesetzt, weil er so lange gezögert, einen Beruf zu wählen, immer wieder aufgehört zu studieren und etwas Neues begonnen hatte. Er ging also fort und versprach, innerhalb zweier Tage zu antworten. Nun kam er auf den Gedanken, seinen Bruder um das erste Quartal oder vielleicht sogar das erste Halbjahr zu bitten, also fünfzehnhundert Franken, sobald Hans die Erbschaft bekommen. »Das ist ein Pump auf kaum ein paar Monate,« dachte er sich. »Ich kann's ihm vielleicht vor Jahresschluß noch wiedergeben. Es ist eine ganz einfache Sache, und er wird sich freuen, das für mich zu thun.« Da es noch nicht vier Uhr war und er nichts, aber auch garnichts zu thun hatte, setzte er sich in die öffentlichen Anlagen. Er blieb lange auf der Bank sitzen, ohne daß ihm etwas einfiel, die Augen zu Boden geheftet, von einer Müdigkeit überfallen, die fast Verzweiflung war. Und doch hatte er alle Tage bisher, seitdem er in das väterliche Haus zurückgekehrt, so zugebracht, ohne so sehr unter der Öde seines Daseins und seiner Tatenlosigkeit zu leiden. Wie hatte er denn nur die Stunden von früh bis abends totgeschlagen?! Er war zur Zeit der Flut am Strande hingebummelt, war durch die Straßen gelaufen, in Cafés gegangen, zu Marowsko, kurz überall hin. Und nun wurde ihm plötzlich dieses Dasein, das er bis dahin ausgehalten, gräßlich, unerträglich. Wenn er Geld gehabt hätte, hätte er sich einen Wagen genommen, um weit über Land zu fahren, an den Grenzgräben der von Ulmen und Buchen überschatteten Bauernhöfe hin. Aber er mußte genau auf jedes Glas Bier, auf jede Briefmarke achten, und solche Scherze waren ihm nicht erlaubt. Er dachte plötzlich daran, wie bitter es doch ist, wenn man schon dreißig Jahre zählt, gezwungen zu sein, errötend die Mutter ab und zu um ein Goldstück zu bitten. Und er brummte, indem er mit dem Stock im Boden wühlte: – Verflucht noch mal, wenn ich doch Geld hätte. Und wieder überfiel ihn der Gedanke an die Erbschaft seines Bruders wie ein Wespenstich. Aber ungeduldig vertrieb er ihn, er wollte sich nicht im Neide gehen lassen. Rings um ihn herum spielten die Kinder im Straßenstaub. Blonde Kinder mit langem Haar, die mit Andacht und größtem Ernst kleine Sandberge häuften, um sie nachher wieder breit zu treten. Peter hatte einen jener traurigen Tage, an denen man in alle Ecken seiner Seele späht und in alle ihre Falten. »Alles was wir thun, ist genau dasselbe wie die Arbeit dieser Kinder hier,« dachte er. Und er fragte sich, ob es nicht eigentlich das schlaueste wäre im Leben, zwei oder drei jener kleinen unnützen Wesen auf die Welt zu setzen und neugierig und gemütlich zuzusehen, wie sie größer würden. Und ihm kam der Wunsch zu heiraten. Dann ist man nicht mehr so verloren im Leben, nicht mehr so allein. Dann hört man wenigstens in seiner Nähe, in Zeiten der Dumpfheit und Unentschlossenheit, etwas sich bewegen. Und es bedeutet doch schon etwas, wenn man leidet, zu einer Frau »Du« sagen zu können. Er dachte an die Frauen. Er kannte sie sehr wenig, denn er hatte im Quartier Latin in Paris nur immer Verhältnisse auf etwa vierzehn Tage gehabt, die er gelöst, wenn sein Monatsgeld alle war und im nächsten Monat wieder neue angeknüpft oder die alten erneuert. Aber es mußte wohl sehr gute, weiche, trostreiche Geschöpfe geben. War seine Mutter nicht der gute Geist, die Sonne des väterlichen Hauses gewesen! Er hätte so gern eine Frau kennen gelernt, eine echte Frau. Plötzlich erhob er sich mit dem Entschluß, Frau Rosémilly einen kleinen Besuch zu machen. Dann setzte er sich aber plötzlich wieder hin. Sie mißfiel ihm doch. Warum? Sie war zu hausbacken und gewöhnlich. Und dann, schien sie nicht Hans lieber zu haben? Ohne es sich selbst genau einzugestehen, war diese Vorliebe sehr viel daran schuld, daß er von der Witwe weniger hielt. Denn wenn er auch seinen Bruder liebte, so konnte er doch nicht anders, als ihn für einen etwas mittelmäßigen Menschen und sich ihm weit überlegen zu halten. Aber er konnte doch nicht, bis es Nacht wurde, hier sitzen bleiben. Und ängstlich fragte er sich, wie den Tag vorher: »Was soll ich thun?« Er fühlte jetzt in der Seele das Bedürfnis weich zu werden, geküßt und getröstet zu werden. Getröstet – weshalb? Er hätte es nicht sagen können. Aber es war eine jener Stunden der Schwäche und Lässigkeit, in denen die Anwesenheit, die Liebkosung einer Frau, nur die Berührung ihrer Hand, ihres Kleides, ein lieber Blick aus schwarzem oder blauem Auge unserm Herzen unentbehrlich scheint. Und da dachte er an eine kleine Kellnerin aus einem Bierlokal, die er einmal nach Haus begleitet und von Zeit zu Zeit besucht hatte. Er stand also auf, um mit dem Mädchen ein Glas Bier zu trinken. Was sollte er ihr sagen, was sie ihm? Wahrscheinlich nichts. Was that es. Er konnte wenigstens ein paar Augenblicke ihre Hand halten. Sie schien ihn gern zu mögen, warum suchte er sie nicht öfters auf? In dem fast leeren Lokal traf er sie auf einem Stuhl schlafend. Drei Gäste rauchten ihre Pfeifen, die Ellbogen auf die Eichentische gestützt; die Kassiererin las einen Roman, während der Wirt in Hemdsärmeln auf einer Bank lag und schlief. Sobald das Mädchen ihn gesehen, erhob sie sich schnell und ging ihm entgegen: – Guten Tag. Wie geht es Ihnen? – Ganz gut. Und Dir? – Mir? Sehr gut. – Sie kommen ja gar nicht mehr. – Ja, ich habe sehr wenig Zeit. Weißt Du, ich bin Arzt. – So. Das hatten Sie mir nicht gesagt. Wenn ich das doch gewußt hätte. Letzte Woche war ich krank, dann hätte ich Sie konsultiert. Was trinken Sie? – Ein Bier. Und Du? – Ich auch ein Bier, wenn Du mir's zahlst. Und nun nannte sie ihn weiter »Du,« als ob sie die stillschweigende Erlaubnis dadurch bekommen, daß er sie zu einem Glase Bier einlud. Nun saßen sie einander gegenüber und schwatzten. Ab und zu nahm sie seine Hand mit jener leichten Familiarität der Mädchen, deren Liebe käuflich ist. Sie blickte ihn unternehmend an und sagte: – Warum kommst Du nicht öfters? Du gefällst mir sehr gut, Kleiner. Aber er ekelte sich schon vor ihr. Sie war dumm, gemein, ordinär. Die Frauen, sagte er sich, müssen uns im Traum erscheinen, oder in einem Sonnenglanz von Luxus, der ihre Gewöhnlichkeit verklärt. Sie fragte ihn: – Neulich mal bist Du früh mit einem schönen Kerl mit blondem Bart vorübergegangen. Ist das Dein Bruder? – Ja, mein Bruder. – Das ist ein riesig forscher Kerl. – Findest Du? – Ja. Und dann sieht er sehr lebenslustig aus. Welch seltsames Bedürfnis packte ihn nur plötzlich, dieser Kellnerin von Hans' Erbschaft zu erzählen? Warum kam ihm nur dieser Gedanke, den er, wenn er allein war, von sich wies, den er, nicht ausdenken mochte, wegen der Erregung, die er ihm verursachte? Warum kam der ihm in diesem Moment auf die Lippen, und warum äußerte er ihn, als ob er wieder das Bedürfnis gehabt, sein Bitterkeit-gefülltes Herz zu öffnen? Er sagte, indem er die Beine übereinanderschlug: – Der hat einen Riesendusel entwickelt, mein Bruder. Er hat eben zwanzigtausend Franken Rente geerbt. Sie öffnete groß ihre blauen, gierigen Augen: – O, wer hat ihm denn das vermacht? Die Großmutter oder die Tante? – Nein, ein alter Freund meiner Eltern. – Ach, nur ein Freund. Nicht möglich! Hat er Dir denn nichts hinterlassen? – Nein. Ich kannte ihn nur sehr wenig. Sie dachte ein paar Augenblicke nach. Dann sagte sie mit seltsamem Lächeln auf den Lippen: – Na, Dein Bruder hat aber Glück, solche Freunde zu haben. Da ist's auch weiter nicht wunderbar, daß er Dir so wenig ähnlich sieht. Die Lust kam ihm an, ihr ein paar herunter zu hauen. Und er fragte mit gekniffenem Mund: – Was willst Du damit sagen? Sie machte ein dumm-naives Gesicht: – Ich? Gar nichts. Ich meine, er hat eben mehr Glück wie Du. Er warf zwanzig Sous auf den Tisch und ging. Nun wiederholte er sich unausgesetzt den Satz: »Da ist's weiter nicht wunderbar, wenn er dir nicht ähnlich sieht.« Was hatte sie dabei gedacht? Was hatte sie in diese Worte gelegt? Darin lag doch gewiß eine Bosheit, eine Gemeinheit und Niederträchtigkeit. Natürlich, das Mädchen hatte gedacht, Hans wäre Maréchals Sohn. Die Bewegung, die ihn ergriff bei dem Gedanken, daß dieser Verdacht auf seine Mutter fiele, war so groß, daß er stehen blieb und irgend eine Gelegenheit suchte, um sich zu setzen. Ihm gegenüber lag ein anderes Café. Er trat ein, nahm einen Stuhl, und als der Kellner kam, sagte er: »Ein Bier.« Sein Herz klopfte, ein Frösteln lief ihm über die Haut. Und plötzlich kam ihm die Erinnerung an das, was Marowsko den Tag vorher gesagt hatte: »Das wird keinen guten Eindruck machen.« Hatte der etwa denselben Gedanken, denselben Verdacht gehabt, wie das dumme Mädchen? Er beugte sich auf das Bierglas nieder, sah den weißen Schaum aufsteigen und zergehen und fragte sich: »Kann man nur wirklich auf so einen Gedanken kommen?« Der Grund, der solche entsetzliche Zweifel aufsteigen ließ, schien ihm nun einer nach dem anderen klar, ganz augenfällig, verzweiflungsvoll. Wenn ein alter Junggeselle, der keine Erben hat, sein Geld den beiden Kindern eines Freundes hinterläßt, so ist das das einfachste und natürlichste Ding von der Welt. Wenn er aber sein Vermögen bloß einem der Kinder hinterläßt, so ist's ebenso klar, das man sich wundern, darüber reden und schließlich lachen wird. Wie hatte er das nur nicht vorher sehen können! Wie konnte sein Vater das nicht fühlen, seine Mutter das nicht erraten! Nun, sie waren eben zu glücklich über die unvermutete Erbschaft gewesen, als daß eine solche Idee ihnen hätte kommen können. Und dann, wie hätten die ehrbaren Leute an eine solche Gemeinheit denken können. Aber würden nicht die Leute, der Nachbar, der Kaufmann, der Lieferant, alle die sie kannten, diesen niederträchtigen Verdacht weitertragen, darüber kichern, sich amüsieren, seinen Vater auslachen und seine Mutter verachten. Und die Beobachtung, die die Kellnerin gemacht, daß Hans blond war und er brünett, daß sie sich weder im Gesicht noch im Gang, in der Haltung, in Geistesanlagen ähnlich wären, würde nun allen Augen und Geistern auffallen. Wenn man von einem der Söhne Rolands sprach, würde es jetzt heißen: »Welcher denn, der echte oder der falsche?« Er erhob sich mit der Absicht, seinen Bruder davon in Kenntnis zu setzen und ihn zu warnen vor der furchtbaren Gefahr, die der Ehre seiner Mutter drohte. Aber was würde Hans thun? Das einfachste währe wohl, die Erbschaft abzulehnen, die dann an die Armen gefallen wäre, und nur den Freunden und Bekannten, die von dem Legat wußten, zu sagen, daß das Testament unannehmbare Klauseln und Bedingungen enthalten, die Hans nicht zum Erben gemacht haben würden, sondern nur zu einer Art Verwalter. Als er in das väterliche Haus zurückkehrte, überlegte er, daß er seinen Bruder nun allein sehen müßte, um nicht vor seinen Eltern über den Gegenstand zu sprechen. Schon an der Thür hörte er laute Stimmen und Lachen im Salon. Und als er eintrat, vernahm er die Stimme von Frau Rosémilly und Kapitän Beausire, die der Vater mitgebracht und zum Essen dabehalten, um die glückliche Erbschaft zu feiern. Man hatte Wermut und Absinth kommen lassen, um Appetit zu machen und sich in Stimmung zu versetzen. Kapitän Beausire, ein kleiner Mann, der kugelrund geworden war, weil er immer auf dem Meer herumgerollt, und dessen Ideen alle ebenso rund zu sein schienen, wie die Kiesel am Strand, der ein tiefes ›r‹ in der Kehle gurgeln ließ, wenn er sprach, fand, das Leben sei eine wundervolle Einrichtung und alles wunderschön. Er stieß mit dem alten Roland an, während Hans den Damen wieder zwei volle Gläser anbot. Frau Rosémilly wollte nicht trinken, aber da rief Kapitän Beausire, der ihren verstorbenen Mann gekannt: – Nun vorwärts, vorwärts, gnädige Frau. Bis repetita placent , wie wir auf Platt sagen. Das heißt so viel als, zwei Wermut schaden nicht. Sehen Sie, seitdem ich nicht mehr See fahre, schlingere ich so vor dem Essen zwei oder drei Mal auf künstliche Weise. Nach dem Kaffee füge ich noch einen fürs Stampfen des Schiffes hinzu, und dann ist bei mir abends starker Seegang. Bis zum Sturm lasse ich's nicht kommen, nie, nie, denn ich habe Angst vor Havarie. Roland, bei dem der alte Seefahrer immer seine Seemannslust anstachelte, lachte aus vollem Herzen; er war puterrot geworden, und durch den Absinth sah er schon alles doppelt. Er hatte einen mächtigen Kaufmannsbauch, war ganz Wanst, in den der übrige Teil des Körpers sich zurückgezogen zu haben schien. Einer jener Quabbelbäuche, wie sie Leute bekommen, die immer sitzen, die dann keine Schenkel mehr haben, keine Brust, keine Arme, keinen Hals, da beim Sitzen sich alles in eine einzige Kugel zusammenschiebt. Beausire dagegen war, obgleich er klein und dick war, wie ein volles Ei und hart wie eine Kanonenkugel. Frau Roland hatte ihr erstes Glas noch nicht einmal geleert. Und rosig angehaucht vor Glück, betrachtete sie mit lächelnden Blicken ihren Sohn Hans. Bei dem kam jetzt der Freudenausbruch. Die Geschichte war erledigt, unterschrieben, er besaß zwanzigtausend Franken Rente. In der ganzen Art, wie er lachte, wie er mit erhobener Stimme sprach, wie er die Menschen betrachtete, wie er sich entschiedener bewegte, an seiner ganzen wachsenden Sicherheit fühlte man den Hintergrund, den das Geld gewährt. Das Essen wurde gemeldet. Doch als der alte Roland Frau Rosémilly den Arm bieten wollte, rief seine Frau: – Nein, nein, Vater! Das ist heute Hans' Sache. Der Tisch strahlte in ungewohntem Luxus. Vor Hans' Teller, der heute auf dem Platz seines Vaters saß, erhob sich ein riesiger Blumenstrauß, wie es bei großen Gelegenheiten üblich, gleich einem bewimpelten Dom von vier Compottschüsseln umringt, deren eine, pyramidenartig aufgebaut, wundervolle Pfirsiche enthielt. Auf der zweiten Schüssel lag ein gewaltiger crêmegefüllter Kuchen, ganz überstreut mit Glöckchen aus gebranntem Zucker, eine Art Kathedrale aus Bisquit. Die dritte enthielt Ananasschnitte in heller Zuckersauce und die vierte, als unerhörten Luxus, dicke schwarze Weintrauben aus dem Süden. – Verflucht! – sagte Peter, indem er sich setzte. – Wir feiern wohl die Thronbesteigung von ›Hans im Glück.‹ Nach der Suppe gab es Madeira. Schon schwatzten sie alle zugleich. Beausire erzählte von einem Diner, dem er in San Domingo beigewohnt am Tisch eines Negergenerals. Der alte Roland hörte zu, indem er immer versuchte, zwischen die einzelnen Sätze der Erzählung selber eine Geschichte zu schieben von einem Diner, das einer seiner Freunde in Meudon gegeben und nach dem alle Teilnehmer vierzehn Tage lang krank gewesen. Frau Rosémilly, Hans und seine Mutter schmiedeten Pläne, einen Ausflug zu machen und in Saint-Jouin zu frühstücken. Sie versprachen sich davon unendliches Vergnügen. Peter bedauerte, nicht irgendwo in einer Kneipe am Meeresstrand allein gegessen zu haben, um all diesem Lärm, Lachen und dieser Freude aus dem Weg zu gehen. Er überlegte, wie er es nur anfangen sollte, um seinem Bruder seine Befürchtungen beizubringen und ihn zu bereden, auf das angenommene Geld zu verzichten, das er bereits genoß, an dem er sich schon im voraus berauschte. Gewiß würde es ihn hart ankommen, aber es mußte eben sein. Er konnte nicht zögern, der Ruf seiner Mutter stand auf dem Spiel. Als eine riesige Barbe aufgetragen wurde, kam Roland wieder auf Fischergeschichten zu sprechen. Beausire erzählte Erstaunliches, das er beim Fischen in Gaboon und Sainte-Marie auf Madagascar, vor allen Dingen aber an der Küste Chinas und Japans erlebt, wo die Fische ebenso verrückte Gesichter hätten wie die Menschen. Und er erzählte, wie die Tiere aussähen mit ihren großen, goldenen Augen, ihren blauen oder roten Bäuchen, ihren ulkigen Flossen, die wie Fächer waren, ihren halbmondförmigen Schwänzen. Und er machte ihre Bewegungen nach, so daß die andern, die ihm zuhörten, bis zu Thränen lachen mußten. Peter allein schien ungläubig zu sein und brummte: – Es ist garnicht so falsch, wenn man behauptet, daß die Normannen im Norden aufschneiden wie die Gascogner im Süden. Nach dem Fisch gab es eine Blätterteig-Pastete, dann ein gebackenes Huhn, Salat, frische Bohnen und eine Lerchenpastete aus Pithiviers. Das Mädchen von Frau Rosémilly half beim Servieren. Und die Fröhlichkeit wuchs mit der Zahl der getrunkenen Gläser. Als von der ersten Champagnerflasche der Pfropfen sprang, ahmte der alte Roland, der schon sehr heiter war, mit dem Munde das Geräusch des Pfropfenknallens nach und sagte: – Das ist mir lieber wie ein Pistolenschuß. Peter ärgerte sich immer mehr und antwortete neckend: – Das mag schon sein, und doch ist's gefährlicher für Dich. Roland, der eben trinken wollte, setzte sein volles Glas wieder auf den Tisch und sagte: – Warum denn? Seit langem schon klagte er über seine Gesundheit, über Schwere in den Gliedern, Schwindelanfälle, unausgesetztes, unerklärliches Übelbefinden. Der Doktor meinte: – Weil die Pistolenkugel sehr gut neben Dir vorbei fliegen kann, während das Glas Wein Dir unbedingt in den Leib geht. – Und dann? – Dann brennt es Dir den Magen, bringt Dein Nervensystem in Unordnung, erschwert die Blutzirkulation und bereitet langsam einen Schlaganfall vor, der allen Menschen Deines Temperaments droht. Die beginnende Trunkenheit des ehemaligen Juweliers schien weggeblasen, wie eine Rauchwolke. Und er blickte seinen Sohn mit starren, entsetzten Augen an, um zu sehen, ob er nicht etwa einen Scherz mache. Aber Beausire rief: – Diese verfluchten Ärzte sind sich immer gleich! Trink nicht, iß nicht, liebe nicht, tanze nicht. Alles könnte dem lieben, kleinen Wohlergehen schaden. Na, ich habe das alles gemacht, in allen Weltgegenden, wo ich nur konnte, und so viel ich's nur konnte, und 's ist mir doch nicht schlecht bekommen. Peter antwortete etwas scharf: – Erstens mal, Kapitän, sind Sie kräftiger, wie mein Vater. Dann sprechen alle Lebemänner so wie Sie, bis zu dem Tag, wo sie ..... Und am nächsten Tage kommen sie nicht zum vorsichtigen Arzt und sagen: »Sie hatten recht, Doktor.« Wenn ich sehe, daß mein Vater das thut, was für ihn am schlechtesten und gefährlichsten ist, habe ich doch wohl das Recht, ihn zu warnen. Ich müßte ein schlechter Sohn sein, wenn ich anders handelte. Frau Roland war außer sich und redete nun auch ihrerseits hinein: – Aber Peter, was hast Du denn? Einmal wird's ihm doch nichts schaden. Denk doch mal, was für ein Festtag heute für ihn ist, für uns alle ist. Du wirst uns noch die ganze Freude verderben. Das ist nicht hübsch von Dir! Er brummte und zuckte die Achseln: – Er kann ja thun was er will. Ich habe gewarnt. Aber der alte Roland trank nicht. Er blickte sein Glas an, sein Glas voll leuchtend hellen Weines, dessen leichte, trunken machende Seele in kleinen Kügelchen davonflog, die vom Boden kamen, aufstiegen, schnell und eilig, sich an der Oberfläche zu verflüchtigen. Er sah das Glas an mit dem Mißtrauen eines Fuchses, der ein totes Huhn gefunden hat und eine Falle fürchtet. Er fragte zögernd: – Glaubst Du, daß es mir sehr schaden könnte? Peter hatte Gewissensbisse und warf sich vor, daß er die anderen störte durch seine schlechte Laune: – Na, einmal kannst Du ja trinken, aber nicht wieder. Es darf nur nicht zur Gewohnheit werden. Da hob der alte Roland sein Glas, ohne sich jedoch noch entschließen zu können, es an den Mund zu setzen. Er betrachtete es schmerzlich, mit Begierde und Furcht zugleich. Er beroch es, kostete, trank Schluck auf Schluck, schmeckte, das Herz voll Beklemmung, Schwäche und doch Gier. Dann, sobald er den letzten Tropfen getrunken, that es ihm leid. Da begegnete plötzlich Peters Auge dem der Frau Rosémilly. Es ruhte auf ihm, klar und blau, durchdringend und hart. Und er fühlte, durchdrang und erriet den klaren Gedanken, der diesen Blick beseelte, den Blick dieser einfachen, kleinen Frau mit geradem Verstand, diesen Blick, der da sagte: »Du bist neidisch, mein Lieber, das ist schändlich!« Er neigte den Kopf und begann wieder zu essen. Er hatte keinen Hunger und fand alles schlecht. Der Wunsch fortzugehen quälte ihn, der Wunsch, nicht mehr unter diesen Menschen zu weilen, nicht mehr ihr Schwatzen, Scherzen und Lachen zu hören. Doch der alte Roland, den der Wein wieder zu erregen begann, vergaß bereits die Ratschläge seines Sohnes und liebäugelte zärtlich mit einer Flasche Champagner, die beinah noch voll neben seinem Teller stand. Er wagte sie nicht zu berühren, in der Befürchtung, daß er wieder etwas zu hören bekommen könne, und überlegte sich, wie er es geschickt anfangen könnte, um sich einzuschenken, ohne daß Peter etwas sagte. Er verfiel auf eine List, die denkbar einfachste. Er nahm gleichgiltig die Flasche, hielt sie unten am dicken Ende, streckte den Arm aus über den Tisch, um zuerst das leere Glas des Doktors zu füllen. Dann goß er der Reihe nach den anderen ein, und als er an sein Glas kam, schwatzte er möglichst laut und goß sich etwas ein, so daß alle bestimmt glauben mußten, es wäre in der Zerstreutheit geschehen. Übrigens achtete auch niemand darauf. Peter trank eine ganze Menge, ohne weiter nachzudenken. Nervös erregt nahm er den hohen Krystallkelch, in dessen durchsichtigem Inhalt man die Blasen steigen sah, alle Augenblicke in die Hand, setzte ihn mit unbewußter Bewegung an die Lippen, dann ließ er das Getränk langsam in den Mund fließen, um auf der Zunge das leise gezuckerte Prickeln der entweichenden Kohlensäure zu spüren. Allmählich erfüllte süße Wärme seine Adern. Sie kam vom Leib herauf, der den Körper zu heizen schien, stieg in die Brust, verteilte sich in allen Gliedern, in seinem ganzen Fleisch, wie eine laue wohlthuende Welle, die Freuden mit sich bringt. Er fühlte sich besser, weniger unzufrieden. Und sein Entschluß, noch heute abend mit dem Bruder zu sprechen, verblich mehr und mehr. Nicht daß ihm der Gedanke gekommen wäre, es überhaupt aufzugeben, aber er wollte die angenehme Stimmung, die er jetzt empfand, nicht so schnell stören. Beausire erhob sich, um den Toast auszubringen. Er sah sich im Kreise um und sprach: – Meine schönsten Damen und liebwerten Herren! Wir sind hier vereinigt, um ein glückliches Ereignis zu feiern, das einen unsrer Freunde betroffen hat. Früher sagte man, das Glück sei blind. Ich glaube, es war nur kurzsichtig oder böse und hat jetzt ein wundervolles Marineglas an die Augen gesetzt, so daß es imstande gewesen ist, im Hafen von Havre den Sohn unseres braven Kameraden Roland, des Kapitän der »Perle« zu erkennen. Allgemeines Bravo klang, und man klatschte in die Hände. Und der alte Roland erhob sich, um zu antworten. Nachdem er sich geräuspert, denn er fühlte etwas in der Kehle sitzen, und die Zunge war ihm schwer, begann er zu stottern: – Danke Kapitän! Herzlichen Dank für mich und meinen Sohn. Ich werde nie vergessen, was Sie bei dieser Gelegenheit gethan haben. Ich trinke auf alles, was Sie wünschen. Er hatte Augen und Nase voll Thränen und setzte sich, weil er nicht weiter wußte. Hans ergriff nun lachend das Wort: – Ich, – sagte er, – muß danken. Unseren trefflichen Freunden, unseren lieben Freunden, (er sah Frau Rosémilly an) die mir heute diese rührende Probe ihrer Zuneigung geben. Aber ich kann durch Worte meine Dankbarkeit nicht bezeigen. Ich werde sie Ihnen morgen bezeigen, in jedem Augenblicke meines Lebens, immer. Denn unsere Freundschaft ist nicht von jenen, die da vergehen. Die Mutter stammelte ganz gerührt: – Sehr gut, mein liebes Kind! Aber Beausire rief: – Na, Frau Rosémilly, nun reden Sie mal im Namen der Damen. Sie erhob ihr Glas und sagte sehr nett, in einem etwas traurigen Ton: – Ich trinke auf das gesegnete Andenken des Herrn Maréchal. Ein paar Minuten war alles still, ein passendes Schweigen, wie nach einem Gebet. Und Beausire, der immer gleich etwas Artiges wußte, sagte: – So etwas Zartes kann nur eine Dame finden. Dann wendete er sich zum alten Roland: – Sag mal, wer war denn eigentlich dieser Maréchal? Ihr wart wohl dicke Freunde mit ihm? Der Alte, den der Wein in rührselige Stimmung gebracht, fing an zu weinen und stammelte mit gebrochener Stimme: – Ein Bruder ... weißt Du ... einer von jenen Leuten, die es nie wieder giebt .... Wir trennten uns niemals ... er aß bei uns jeden Abend ... er lud uns zum Theater ein .... Ich sage nur das ... nur das ... nur das ... ein wirklicher Freund ... ein wirklicher. Nichtwahr, Luise? Seine Frau antwortete einfach: – Ja, er war ein treuer Freund. Peter blickte Vater und Mutter an. Aber da man von anderen Dingen sprach, begann er wieder zu trinken. Vom Ende dieses Abends blieb ihm keine Erinnerung mehr. Man hatte noch Kaffee getrunken, so und so viel Schnäpse und unter allerlei Scherzen gelacht. Gegen Mitternacht ging er zu Bett, mit verstörtem Sinn und schwerem Kopf, und bis zum anderen Morgen neun Uhr schlief er wie tot. IV Dieser von Champagner- und Chartreusegeistern umnebelte Schlaf hatte ihn ohne Zweifel beruhigt und milder gestimmt, denn er wachte in wohlwollender Laune auf. Er beurteilte seine Gedanken vom Tag vorher, wog sie ab, zog einen Schluß, suchte klar und vollständig die thatsächlichen geheimen und persönlichen Beweggründe, zugleich auch alles, was äußerlich dafür oder dagegen sprach, festzustellen. Die Kellnerin konnte ja wirklich den gemeinen Gedanken gehabt haben, die Idee einer Prostituierten, als sie erfuhr, daß nur einer der Söhne Rolands erbte. Aber verdächtigen diese Geschöpfe nicht immer, ohne auch nur den Schatten eines Grundes, alle anständigen Frauen? Beschimpfen, verleumden, schmähen sie nicht immer die Frauen, deren Reinheit sie ahnen? Jedesmal wenn man in ihrer Gegenwart eine anständige Dame erwähnt, ärgern sie sich, als hätte man sie beleidigt, und rufen: »Ach weißt du, die verheirateten Frauen, die kenne ich, das ist 'ne schöne Gesellschaft. Die haben noch viel mehr Liebhaber wie wir. Sie verbergen sie nur, weil sie heucheln. Die können mir gestohlen werden.« In jedem anderen Fall hatte er das, was diese Kreatur über seine arme, so gute, so einfache, so ehrwürdige Mutter sagte, garnicht begriffen oder hätte keinen Wert darauf gelegt. Aber die Eifersucht wühlte in ihm und trübte seinen Blick. Vielleicht hatte auch seine erregte Phantasie, die, ohne daß er es selbst wollte, alles, was seinem Bruder schaden konnte, aufgriff, dieser Biernymphe einen schlechten Gedanken untergeschoben, den sie garnicht gehabt hatte. Es war wohl möglich, daß nur seine Einbildung, diese Einbildung, die er nicht beherrschen konnte, die ohne seinen Willen immer arbeitete, keck und frei in der Welt der Gedanken umherflog und ab und zu garnicht einzugestehende, schimpfliche Vorstellungen weckte, die sie in den Tiefen seiner Seele barg, in heimlichen Schlünden wie gestohlenes Gut; daß diese Einbildungskraft ganz allein diesen furchtbaren Zweifel geschaffen und erfunden hatte. Sein eigenes Herz hatte gewiß Geheimnisse für ihn. Und hatte dieses verwundete Herz nicht in diesem widerlichen Zweifel ein Mittel gefunden, seinen Bruder um die Erbschaft zu bringen, um die er ihn beneidete? Er hatte sich jetzt selbst im Verdacht und behorchte alle Geheimnisse seiner Seele, wie ein Gläubiger sein Gewissen. Frau Rosémilly hatte ganz gewiß, obgleich ihre Geistesgaben beschränkt waren, den Takt, das Ahnen und das feine Gefühl der Frauen. Und dieser Gedanke war ihr doch nicht gekommen, da sie mit größter Naivetät auf das Gedächtnis des seligen Maréchal getrunken. Sie hätte das bestimmt nicht gethan, wenn sie den geringsten Verdacht gehegt. Jetzt zweifelte er nicht mehr daran, daß seine Unzufriedenheit über das plötzliche Glück, das seinem Bruder in den Schoß gefallen, und gewiß auch seine unendliche Liebe für seine Mutter seine Zweifel übertrieben hatten, fromme und ehrwürdige Zweifel, die aber doch ungerechtfertigt waren. Als er zu diesem Schluß kam, freute er sich, wie man sich über ein gutes Werk freut, das man gethan hat, und nahm sich vor, gegen alle Welt nett zu sein und damit bei seinem Vater zu beginnen, dessen ganze Gedankenwelt, thörichte Redensarten und oberflächliche Behauptungen, dessen zu auffallende Mittelmäßigkeit ihn fortwährend ärgerten. Er kam zur rechten Zeit zum Frühstück zurück und unterhielt die ganze Familie durch seinen Geist und seine gute Laune. Die Mutter sagte glückselig zu ihm: – Mein kleiner Peter, Du weißt garnicht, wie amüsant und geistreich Du bist, wenn Du nur willst. Und er redete, er fand Wortspiele, schilderte ihre Bekannten, so daß sie alle lachten. Beausire diente zur Zielscheibe seiner Witze und auch ein wenig Frau Rosémilly. Aber auf milde Art, nicht gar zu bösartig. Und er dachte, indem er seinen Bruder ansah: »Na, da verteidige sie doch! Dein Geld nützt Dir garnichts, ich schiebe Dich doch bei Seite, wenn's mir paßt.« Als sie beim Kaffee waren, sagte er zu seinem Vater: – Brauchst Du die »Perle« heute? – Nein, mein Junge. – Kann ich mit Jean-Bart hinausfahren? – Ja, so viel Du willst. Er kaufte sich eine gute Cigarre im ersten Tabak-Trafik, und ging guter Laune zum Hafen hinunter. Er sah nach dem klaren, leuchtenden Himmel auf, der in hellem Blau frisch wie vom Seewind gereinigt glänzte. Der Matrose Papagris, Jean-Bart genannt, lag schlafend im Schiff, das er täglich, wenn früh nicht gefischt worden war, bereit halten mußte. – Los, Alter, wir fahren zusammen! – rief Peter. Er stieg die eiserne Leiter vom Quai hinab und sprang ins Schiff. – Was für 'nen Wind giebts? – fragte er. – Ostwind, Herr Peter. Draußen weht 'ne steife Brise. – Na, Alter, denn los. Sie zogen das Focksegel auf, lichteten den Anker, und das freie Schiff begann langsam über das ruhige Wasser dem Hafenausgang zuzugleiten. Der leichte Wind, der aus den Straßen herabblies, traf oben das Segel so schwach, daß man nichts davon spürte und die »Perle« den Eindruck machte, als habe sie eigenes Leben, als rege sie sich wie die Schiffe, die eine geheimnisvolle Kraft, die in ihnen liegt, vorwärts treibt. Peter hatte die Ruderpinne in die Hand genommen; die Cigarre zwischen den Zähnen, die Beine von sich gestreckt, sah er mit bei den blendenden Sonnenstrahlen halb geschlossenen Augen die großen getheerten Pfähle des Wellenbrechers an sich vorbeischießen. Als sie an der Nordspitze des Hafendammes, der sie bisher beschützt, das offene Meer erreichten, wurde der Wind stärker und traf Gesicht und Hände des Doktors, wie eine etwas kalte Liebkosung, blies ihm in die Brust hinein, daß sie sich blähte und er ihn tief seufzend einsog, füllte das braune Segel, das sich anfing zu runden, und drückte die »Perle« zur Seite nieder, daß sie schneller dahinschoß. Jean-Bart hißte plötzlich das Focksegel, dessen Dreieck windgefüllt einem Flügel glich. Dann eilte er mit zwei langen Schritten nach hinten und band das Bramsegel ab, das am Maste lag. Leise und lebhaft schäumte und gurgelte das Wasser an der Barke, die sich plötzlich auf die Seite legte und es nun mit aller Geschwindigkeit durchschnitt. Bei jeder Welle, die sie traf – kurz und schnell hintereinander – bekam die »Perle« einen Stoß vom Bugsprit bis zum Steuer, das in Peters Händen bebte. Und als der Wind ein paar Sekundenlang stärker blies, spritzten die Fluten über Bord, als wollten sie die Barke füllen. Ein Liverpooler Kohlendampfer lag vor Anker, um die Flut abzuwarten. Sie kamen hinten um ihn herum, dann liefen sie an all den Schiffen, eines nach dem anderen, vorüber, die auf der Rhede lagen, und fuhren dann etwas weiter hinaus, um den Blick auf die Küste zu haben. Drei Stunden lang irrte Peter so ruhig und zufrieden auf der bewegten Flut umher, indem er dieses Ding aus Holz und Leinwand, das ging und kam unter dem Druck seiner Hand, wohin er wollte, steuerte wie ein flinkes, gelehriges, beflügeltes Tier. Er träumte, wie man nur auf dem Rücken der Pferde träumt oder auf dem Deck eines Schiffes, dachte an seine Zukunft, die schön sein würde und wie prächtig es wäre, sich sein Leben vernünftig einzurichten. Gleich morgen wollte er seinen Bruder bitten, ihm auf drei Monate fünfzehnhundert Franken zu borgen, um sich dann gleich in der hübschen Wohnung Boulevard Franz I einzurichten. Der Matrose sagte plötzlich: – Der Nebel fällt ein, Herr Peter. Wir müssen zurück. Er blickte auf und gewahrte gegen Norden einen grauen, tiefen, leichten Schatten, der den Himmel einnahm und das Meer verdeckte und auf sie zulief wie eine von oben herabgesunkene Wolke. Sie legten bei. Und den Wind im Rücken ging es nun wieder dem Hafen zu, von der Nebelwand gefolgt, die ihnen näher kam. Als sie die »Perle« berührte und sie dicht einhüllte, lief es kalt über Peters Glieder, und ein Geruch von Rauch und Schimmel, der sonderbare Geruch der Seenebel, ließ ihn den Mund schließen, um den eisigen feuchten Dunst nicht einzuatmen. Als die Barke im Hafen an der gewöhnlichen Stelle wieder fest machte, war schon die ganze Stadt von dem Nebeldunst erfüllt, der, ohne doch niederzufallen, alles näßte wie ein Regen, und über Häuser und Straßen hinglitt wie ein strömender Fluß. Peter kehrte mit eiserstarrten Händen und Füßen heim und warf sich aufs Bett, um bis zum Essen zu schlafen. Als er ins Eßzimmer kam, sagte die Mutter zu Hans: – Die Glashalle wird reizend. Dort stellen wir Blumen hin. Du wirst mal sehen. Ich will schon dafür sorgen, daß sie blühen und immer erneut werden. Wenn Du ein Fest giebst, wird das aussehen, wie die reine Feenpracht. – Wovon sprecht ihr denn? – fragte der Doktor. – Von einer reizenden Wohnung, die ich für Hans gemietet habe. Ein wirklicher Fund. Ein Halbgeschoß mit der Front nach zwei Straßen. Es enthält einen Salon, eine Glas-Galerie, ein kleines, rundes Eßzimmer. Ganz reizend für einen Junggesellen. Peter ward bleich, der Zorn stieg in ihm auf: – Wo liegt es denn? – fragte er. – Boulevard Franz I. Er zweifelte nicht mehr und setzte sich in so wütender Stimmung, daß er am liebsten gerufen hätte: »Das ist aber zu toll! Muß er denn alles haben.« Die Mutter war strahlend und redete immer weiter: – Und dann denk Dir mal, ich habe das für zweitausend achthundert Franken bekommen. Es sollte dreitausend kosten, aber ich bekam es zweihundert billiger, da ich einen Kontrakt gemacht habe auf drei Jahr, der immer um drei Jahr verlängert werden kann. Das ist eine wundervolle Wohnung für Deinen Bruder. Ein Advokat braucht nur eine anständige Wohnung zu haben, dann macht er schon Carrière. Das zieht die Leute an, verführt sie, giebt ihnen Vertrauen. Und dann weiß man gleich, daß jemand, der in so einer Wohnung wohnt, auch seine Dienste teuer bezahlen läßt. Sie schwieg ein paar Sekunden und fuhr dann fort: – Wir müssen was Ähnliches für Dich finden. Natürlich etwas bescheidener, da Du nichts hast, aber trotzdem sehr nett. Ich glaube sicher, das würde Dir viel helfen. Peter antwortete wegwerfend: – Ach, ich will meinen Weg durch Arbeit und Können machen. Die Mutter fuhr fort: – Ja. Aber ich glaube sicher, daß eine hübsche Wohnung Dir eine große Hilfe sein würde. Mitten während des Essens fragte er plötzlich: – Woher kanntet ihr eigentlich den Maréchal? Der alte Roland blickte auf und dachte nach: – Warte mal, das weiß ich nicht mehr genau. Es ist so lange her. Ja, ja, ich weiß es. Die Mama hat ihn im Laden kennen gelernt. Nichtwahr, Luise? Er hatte irgend etwas bestellt. Und dann kam er immer wieder. Wir hatten ihn als Kunden, ehe er unser Freund wurde. Peter aß Bohnen und pickte sie einzeln mit der Gabel auf, als spießte er sie auf einen Degen, und sagte: – Wann ist denn das gewesen, als ihr ihn kennen lerntet? Roland überlegte es sich wieder, kam aber nicht darauf und wollte, daß seine Frau seinem Gedächtnis nachhelfen sollte: – Wart mal, Luise, welches Jahr war denn das. Du wirsts ja noch wissen. Du hast ja so'n gutes Gedächtnis. Warte mal, das war – – das war fünfundfünfzig oder sechsundfünfzig. Überleg Dir doch mal, Du mußt's doch besser wissen, wie ich. Sie überlegte es sich in der That, dann sagte sie ruhig und sicher: – Das war achtundfünfzig, Dicker. Peter war damals drei Jahr alt. Ich weiß ganz bestimmt, daß ich mich nicht irre, denn es war in dem Jahr, wo das Kind Scharlach hatte. Und Maréchal, den wir noch sehr wenig kannten, war uns eine große Hilfe. Roland rief: – Das ist wahr! Das ist wahr! Er benahm sich sogar großartig. Als Deine Mutter vor Müdigkeit nicht mehr konnte, und ich im Laden zu thun hatte, ging er in die Apotheke, um Deine Medizin zu holen. Er war wirklich ein guter Kerl. Und als Du gesund warst, hättest Du mal sehen sollen, wie er sich freute und Dich küßte. Von dem Tag ab wurden wir dicke Freunde. Und plötzlich traf mit aller Heftigkeit der Gedanke Peters Seele, wie eine Kugel die ein Loch macht und alles zerreißt: »Da er mich doch zuerst kannte und er so nett zu mir war, da er mich gern hatte und mich so oft geküßt hat, und da ich der Grund war zur engen Freundschaft mit meinen Eltern, wie kommt es dann, daß er sein ganzes Geld meinem Bruder vermacht hat und mir nichts?« Er fragte nicht weiter, blieb, mehr innerlich beschäftigt, als träumend, finster sitzen. Eine neue Unruhe war über ihn gekommen, noch etwas Unbestimmtes, der geheime Keim einer neuen Qual. Er ging zeitig fort und irrte durch die Straßen. Sie lagen in tiefem Nebel, der die Nacht drückend finster und unangenehm machte. Es war, als drückte ein Pestilenzhauch auf die Erde. Er schien über die Straßenlaternen hinzuhuschen und sie manchmal wie zu verlöschen; das Pflaster auf der Straße wurde schlüpfrig, wie wenn Glatteis wäre, und aus dem Innern der Häuser schienen alle Übelgerüche auszuströmen, der Gestank aus den Kellern, Gruben und Gossen, aus armseligen Küchen, um sich mit dem gräßlichen Geruch dieses fliegenden Nebels zu verbinden. Peter machte den Rücken krumm, versenkte die Hände in die Taschen. Da er bei der Kälte nicht draußen bleiben wollte, ging er zu Marowsko. Der alte Apotheker saß beim Schein seiner einen Gasflamme, die für ihn wachte, und schlief. Als er Peter erkannte, den er liebte, wie ein treuer Hund, schüttelte er seinen Stumpfsinn ab, holte zwei Gläser und den Schnaps. – Nun, – fragte der Doktor – wie stehts mit dem Likör? Der Pole erzählte, daß vier der Hauptcafés in der Stadt ihn vertreiben wollten und daß die beiden Zeitungen »der Leuchturm« und »der Telegraph von Havre« versprochen hatten, Reklame für ihn zu machen, wofür er den Redakteuren einige Apothekenprodukte überlassen wollte. Nach langem Schweigen fragte Marowsko, ob Hans schon endgiltig das Geld bekommen hätte. Dann stellte er noch zwei oder drei allgemeine Fragen darüber. Seine zärtliche Vorliebe für Peter empörte diese Bevorzugung. Und Peter meinte, ihn denken zu hören, erriet und verstand, las in seinen rollenden Augen, dem zögernden Ton seiner Stimme die Worte, die ihm auf die Lippen kamen und die er doch nicht äußerte, die er nie sagen würde, er, der so vorsichtig, so zurückhaltend, so verschlagen war. Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, der Alte dachte: »Ihr hättet ihn die Erbschaft nicht annehmen lassen dürfen, denn man wird von eurer Mutter Übles reden.« Vielleicht dachte er sogar, Hans sei Maréchals Sohn. Ja das dachte er ganz bestimmt. Und wie sollte er es auch nicht denken? Die Sache schien so wahrscheinlich, augenfällig und sicher. Kämpfte er, der Sohn, er, Peter selbst, nicht seit drei Tagen mit aller Kraft dagegen, mit allen Beweggründen seiner Seele, um die Vernunft zu betäuben. Kämpfte er nicht gegen diesen schrecklichen Verdacht. Und plötzlich kam wiederum das Bedürfnis über ihn, allein zu bleiben, um nachzudenken, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, um diese entsetzliche Möglichkeit offen, ohne Hinterhalt, ohne Schwäche, zu überlegen. Und das kam so zwingend über ihn, daß er aufstand, ohne sogar sein Glas Schnaps ausgetrunken zu haben, dem zu Tode erschrockenen Apotheker die Hand drückte und wieder in den Nebel der Straße untertauchte. Er sagte sich: »Weshalb hat der Maréchal nur dem Hans sein ganzes Vermögen hinterlassen?« Jetzt war es keine Eifersucht mehr, weshalb er danach forschte, nicht mehr jene etwas niedrige Lust, die er in sich fühlte und gegen die er seit drei Tagen ankämpfte, sondern das Entsetzen vor etwas Furchtbarem, der Schreck, selbst glauben zu müssen, daß Hans, daß sein Bruder der Sohn jenes Mannes sei. Nein, er glaubte es nicht. Er konnte sich diese sträfliche Frage garnicht stellen. Aber er mußte diesen leisen, so unwahrscheinlichen Verdacht ganz von sich abwälzen, ein- für allemal. Er mußte Licht haben, Gewißheit. Er mußte die Sicherheit seines Herzens wiedergewinnen, denn er liebte nur seine Mutter auf dieser Welt. Und wie er ganz allein durch die Nacht irrte, suchte er in seinen Erinnerungen, mit seiner Vernunft genau alles festzustellen, was die Wahrheit ans Licht brächte. Dann wäre alles aus, er wollte nicht mehr daran denken, nie wieder, und schlafen gehen. Er überlegte: »Wir wollen erst einmal die Thatsachen feststellen, dann will ich mir alles ins Gedächtnis rufen, was ich von ihm weiß, von seinem Benehmen gegen meinen Bruder und mich, alles was zu dieser Bevorzugung hat führen können. Er hat Hans geboren werden sehen? Ja, aber er kannte mich schon früher. Hätte er meine Mutter in stiller stummer Zurückhaltung geliebt, würde er mich lieber gehabt haben, denn durch mich, durch das Scharlach das ich hatte, wurde er der intime Freund meiner Eltern. Also mußte er notgedrungen mich wählen, für mich eine stärkere Zuneigung haben. Es sei denn, daß er für meinen Bruder, als er ihn heranwachsen sah, eine Neigung, eine unwillkürliche Vorliebe empfunden.« Nun suchte er in seinem Gedächtnis, mit verzweifelter Anstrengung aller Sinne, alles Nachdenkens, diesen Mann wieder vor sich zu sehen, ihn wieder aufleben zu lassen und ganz zu durchdringen, diesen Mann, der, seinem Herzen fern stehend, während all dieser Jahre in Paris ihm vor Augen gewesen war. Aber er fühlte, daß das Gehen, die leise Erschütterung und Bewegung ihn im scharfen Nachdenken störte, die Sicherheit seiner Gedanken, ihre Tragweite hemmte und sein Gedächtnis verschleierte. Er mußte irgendwo in der Einsamkeit, in der Weite sein, um auf die Vergangenheit und die Ereignisse, die er nicht kannte, jenen scharfen Blick zu werfen, dem nichts entging. Und er beschloß sich wieder an den Strand zu setzen, wie vor ein paar Tagen in der Nacht. Als er sich dem Hafen näherte, hörte er nach dem offenen Meer zu einen kläglichen dumpfen Schrei, wie das Gebrüll eines Stieres, aber länger und lauter. Es war der Ton einer Sirene, der Ruf der Schiffe im Nebel. Ein Schauer traf ihn und zog ihm das Herz zusammen. In seiner Seele und in seinen Nerven hatte dieser Schrei der Verzweiflung einen Widerhall gefunden, als hätte er ihn selbst ausgestoßen. Nun stöhnte wieder eine andere Stimme etwas weiter entfernt, dann stieß ganz nahe die Hafenstrene als Antwort einen herzzerreißenden Schrei aus. Peter eilte mit schnellen Schritten an den Hafendamm, ohne noch über irgend etwas nachzudenken, nur glücklich in diese traurige, heulende Dunkelheit zu tauchen. Als er an der Spitze der Mole saß, schloß er die Augen, um die elektrischen Lichter, die vom Nebel verschleiert waren, nicht zu sehen, die Lichter, die es möglich machen, daß man auch bei Nacht den Hafen gewinnt, noch auch das rote Licht des Leuchtturms am südlichen Hafendamm, das man jedoch kaum erkannte. Er wendete sich zur Hälfte herum, stützte die Ellbogen auf den Stein und verbarg das Gesicht in den Händen. In seinen Gedanken klang, ohne daß er das Wort ausgesprochen hätte, als riefe es ihn fortwährend, als wolle er immer seinen Schatten heraufbeschwören: »Maréchal! Maréchal!« Und im Dunkel, als er die Lider geschlossen hatte, sah er ihn plötzlich genau so vor sich stehen, wie er ihn gekannt. Er war ein sechzigjähriger Mann, mit weißem, spitz geschnittenem Bart, und gleichfalls weißen, starken Augenbrauen. Er war nicht groß, nicht klein, sah freundlich aus, seine grauen Augen blickten weich, er benahm sich bescheiden wie ein einfacher, zartfühlender, braver Mensch. Peter und Hans nannte er: »Meine lieben Kinder.« Und nie hatte er einen vor dem anderen vorgezogen, wenn sie alle beide zu ihm zum Essen kamen. Und Peter begann mit der Beharrlichkeit eines Hundes auf frischer Fährte sich alle Worte, Bewegungen, Betonungen, Blicke dieses Mannes wieder zn vergegenwärtigen, der von der Erde verschwunden war. Allmählich erinnerte er sich seiner genau wieder, wie er seinen Bruder und ihn in seiner Wohnung in der Rue Tronchet zum Essen empfing. Zwei Mädchen bedienten, beide alt, die seit langer Zeit wahrscheinlich sich angewöhnt hatten, »Herr Peter« und »Herr Hans« zu sagen. Maréchal streckte den beiden jungen Leuten die Hand entgegen, dem einen die rechte, dem anderen die Linke, wie sie gerade eintraten. – Guten Tag, liebe Kinder! – sagte er. – Habt ihr Nachricht von euren Eltern? Mir schreiben sie ja nie. Man sprach leise und intim von gewöhnlichen Dingen. Bei diesem Mann gab es nichts Außergewöhnliches, aber er besaß viel Liebenswürdigkeit, Reiz und Zauber. Er war wirklich für sie wie ein guter Freund, einer jener guten Freunde, an die man kaum denkt, weil man ihrer so sicher ist. Nun kamen Peter allerhand Erinnerungen. Manchmal, wenn er sah, daß er Sorgen zu haben schien, hatte ihm Maréchal, der wußte, daß er als Student nicht viel zu verthun hatte, Geld angeboten und geborgt, vielleicht ein paar hundert Franken, die von beiden Seiten vergessen und nie zurückgegeben worden. Der Mann hatte ihn also immer gern gehabt, hatte immer an ihm Interesse genommen, da er sich um seine Bedürfnisse gekümmert. Ja aber dann, warum hinterließ er dann Hans sein ganzes Vermögen? Nein, er war damals niemals gegen den jüngeren zärtlicher gewesen, als gegen den ältesten, hatte sich nie mehr um den einen gekümmert, als um den anderen, hatte sich nie gegen diesen herzlicher gezeigt, als gegen jenen. Ja aber dann – dann? Dann mußte er doch einen geheimen, ausschlaggebenden Grund gehabt haben, um Hans alles zu geben und Peter nichts. Je mehr er darüber nachdachte, je mehr er die vergangenen Jahre wieder durchlebte, desto unwahrscheinlicher, unglaublicher ward ihm der Unterschied, den er zwischen ihnen gemacht. Und ein stechender Schmerz, eine unerklärliche Beklemmung überkam ihn, so daß ihm das Herz flatterte, wie eine Flagge im Wind. Es war ihm, als wäre die Spannkraft seines Herzens gebrochen, als strömte das Blut frei in großen Fluten hindurch und versetzte es in gewaltige Aufregung. Da flüsterte er in unbestimmten halben Worten wie im Traum vor sich hin: »Ich muß es wissen, mein Gott, ich muß es wissen.« Er suchte sich jetzt noch weiter zurück zu versenken in die Zeit, wo seine Eltern in Paris wohnten. Aber die Züge wurden undeutlich, so daß seine Erinnerung sich verwischte. Er wollte sich vor allem entsinnen, ob Maréchal blondes, braunes oder schwarzes Haar gehabt. Er konnte es nicht mehr. Das Aussehen dieses Mannes, wie er zuletzt gewesen als Greis, hatte jede andere Erinnerung verwischt. Und doch erinnerte er sich, daß er schlanker gewesen, daß er eine weiche Hand gehabt, daß er ab und zu Blumen gebracht. Ja, sehr oft, so daß sein Vater unausgesetzt sagte: »Wieder ein Bouquet! Aber das ist ja eine Verrücktheit, lieber Freund. Sie werden sich noch an den Rosen ruinieren.« Maréchal antwortete: »Lassen Sie doch, es macht mir solchen Spaß.« Plötzlich schoß ihm die Stimme seiner Mutter durchs Gedächtnis, so genau, daß er meinte, sie zu hören, wie sie lächelte und sagte: »Danke, lieber Freund.« Sie mußte die drei Worte wohl oft gesagt haben, daß sie sich so in des Sohnes Gedächtnis gegraben. Maréchal brachte also Blumen. Er, der reiche Mann, der Herr, der Kunde, dieser kleinen Ladenfrau, der Gattin des bescheidenen Goldarbeiters. Hatte er sie geliebt? Wie wäre er der Freund dieser Kaufleute geworden, wenn er die Frau nicht geliebt! Er war ein kluger Mann gewesen von seiner Bildung. Wie oft hatte er nicht über Dichtung und Dichter gesprochen mit Peter. Er beurteilte die Schriftsteller nicht als Künstler, sondern als begeisterter Liebhaber. Der Doktor hatte oft über seine Überschwenglichkeiten, die er ein wenig thöricht fand, gelacht. Heute begriff er, daß dieser etwas sentimentale Mensch niemals, aber auch nie der Freund seines Vaters hatte sein können, dieses so positiven Mannes, der fest auf der Erde stand und so hausbacken war, daß das Wort Poesie für ihn etwas Lächerliches hatte. Also dieser Maréchal, dieser junge, freie, reiche Mann, zu allerlei Liebesunternehmungen aufgelegt, war eines Tages zufällig in einen Laden gekommen, wo ihm vielleicht die hübsche Frau Eindruck gemacht. Er hatte etwas gekauft, war wiedergekommen, hatte mit ihr gesprochen, war von Tag zu Tag zutraulicher geworden und hatte durch häufiges Kaufen das Recht sich errungen, in diesem Haus seinen Platz einzunehmen, der jungen Frau zuzulächeln und dem Manne die Hand zu drücken. Und dann, dann! O mein Gott, dann! Er hatte das erste Kind geliebt und verhätschelt, das Kind des Juweliers, bis zur Geburt des anderen. Dann hatte er sein Geheimnis bewahrt bis zum Tode. Aber nun, wo sein Grab geschlossen, sein Leib zerfallen war, sein Name aus der Liste der Lebenden gelöscht, er für immer verschwunden, nun wo es nichts mehr zu schonen gab, er nichts mehr befürchten und verstecken mußte, hatte er dem zweiten Kinde sein ganzes Geld hinterlassen. Warum? Der Mann war doch klug gewesen. Er hatte doch begreifen und vorhersehen müssen, daß es beinah unvermeidlich war, daß man dadurch annehmen mußte, dieses Kind wäre seines. Er brachte also eine Frau um Ehre und Ruf. Wie sollte er das gethan haben, wenn Hans nicht sein Sohn gewesen wäre. Und plötzlich durchschoß eine ganz scharfe, fürchterliche Erinnerung Peters Seele: Maréchal war blond gewesen, blond wie Hans. Er erinnerte sich jetzt, früher ein kleines Miniaturbild gesehen zu haben, in Paris auf dem Kamin im Wohnzimmer, das jetzt verschwunden war. Wo war es hin? Verloren oder versteckt? Ach, wenn er es nur einen Augenblick hätte in der Hand halten können. Vielleicht hatte es seine Mutter irgendwo in einem Fach verborgen, wo man Liebeserinnerungen bewahrt. Seine Verzweiflung wurde bei diesem Gedanken so groß, daß er ein Stöhnen ausstieß. Eine jener kurzen Klagen, die bei allzu großem Leid den Menschen entfahren. Und plötzlich heulte die Hafensirene ganz nahe neben ihm, als ob sie ihn gehört, ihn verstanden und nun ihm antworte. Das Gebrüll, das wie von einem übernatürlichen Ungetüm klang, stärker als der Donner, ein wilder, furchtbarer Schrei, um die Summe von Wind und Wellen zu übertönen, klang in die Dunkelheit hinaus über das unsichtbare Meer, das unter den Nebelschleiern verborgen lag. Da erhoben sich in dem Dunst, weit oder nah, wieder Antwortrufe in der Nacht. Sie waren furchtbar diese Schreie, die die großen, blinden Dampfer ausstießen. Dann war tiefes Schweigen. Peter hatte die Augen geöffnet und blickte erstaunt um sich, aus seinem Traum erwacht. »Ich bin verrückt,« dachte er. »Ich verdächtige meine Mutter.« Und ein Ansturm von Liebe und Zärtlichkeit, von Reue, Gebet und Verzweiflung überkam ihn. Seine Mutter, da er sie kannte, wie sie war, wie konnte er sie überhaupt in Verdacht haben. Lag das ganze Leben dieser einfachen, keuschen, ehrlichen Frau nicht heller vor ihm, als klares Wasser. Wer sie gesehen und gekannt, mußte sie doch für erhaben über allen Verdacht halten. Und er, er, der Sohn, zweifelte an ihr. Ach, wenn er sie diesen Augenblick hätte in den Armen haben können, wie hätte er sie umschlungen, geküßt und geliebkost, wäre vor ihr niedergekniet, sie um Verzeihung zu bitten. Sie sollte seinen Vater betrogen haben. Sie, seinen Vater! Er war ja gewiß ein braver, ehrlicher, trefflicher Mann, zuverlässig in Geschäften, dessen Geist aber doch nie über den Horizont seines Ladens hinausgekommen. Wie hatte nur diese Frau, die einst sehr hübsch gewesen sein mußte, – er wußte es und man sah es noch – die eine zarte, liebebedürftige, weiche Seele gehabt, sich mit einem Mann verloben und verheiraten können, der so verschieden war von ihr. Warum sollte er sich den Kopf zerbrechen? Sie hatte eben geheiratet, wie junge Mädchen den vermögenden Mann nehmen, den ihr die Eltern vorschlagen. Sie hatten sich sofort einen Laden in der Rue Montmartre eingerichtet, und die junge Frau war Geschäftsfrau geworden. Die neuen Verhältnisse hatten sie ganz in Bann geschlagen, das ausgeprägte, geheiligte, gemeinsame Interesse, das bei der Mehrzahl Kaufmannsehen in Paris an Stelle der Liebe oder der Zuneigung tritt. Sie hatte begonnen zu arbeiten mit all ihrer eifrigen, feinen Intelligenz, um das erträumte Vermögen zu verdienen. Und so war ihr Leben gleichmäßig ruhig, ehrenhaft, ohne Leidenschaft dahingeflossen. Ohne Leidenschaft? War es überhaupt möglich, daß eine Frau niemals geliebt? Eine junge, hübsche Frau, die in Paris lebt, Bücher liest, Schauspielerinnen beklatscht, die in Liebesleidenschaft auf der Bühne sterben. Konnte sie von der Jugend bis zum Alter ihr Leben hinbringen, ohne daß nur ein einziges Mal sich ihr Herz gerührt? Bei einer anderen hätte er es nicht geglaubt. Warum sollte er es bei seiner Mutter glauben? Sie hatte gewiß auch geliebt, wie eine andere. Warum sollte sie anders sein, wie die übrigen, wenn sie auch seine Mutter war. Sie war jung gewesen mit aller idealen Schwachheit, die das Herz junger Wesen befällt. Im Laden ihr Leben hinbringend, an der Seite eines gewöhnlichen Mannes, der immer nur vom Geschäft redete, hatte sie geträumt von Mondschein, Reisen, Küssen in dunkler Nacht. Und dann war eines Tages ein Mann in ihr Leben getreten, wie der Liebhaber in den Romanen und hatte gesprochen, wie solche sprechen. Sie hatte ihn geliebt. Warum nicht? Sie war seine Mutter! Nun, mußte man denn blind sein und so dumm, die Wahrheit nicht zu sehen, weil es sich um die Mutter handelte? Hatte sie sich ihm hingegeben? Gewiß, da der Mann keine andere Geliebte gehabt. Gewiß, da er dieser Frau, auch in der Ferne und als sie alt geworden, treu geblieben. Gewiß, da er dem Sohn dieser Frau, dem Sohn von ihnen beiden, sein ganzes Vermögen hinterlassen. Und Peter stand auf, von einer solchen Wut gepackt, daß er jemand hätte niederschlagen mögen. Er streckte den Arm aus, öffnete weit die Hand mit dem Wunsch, jemand anzupacken, zu stoßen, zu erwürgen. Wen? Alle. Seinen Vater, seinen Bruder, den Toten, seine Mutter. Er setzte sich in Gang, um heimzukehren. Was sollte er thun? Als er an einem Turm neben dem Signalmast vorüberging, klang ihm der grelle Schrei der Sirene ins Gesicht. Er war so erschrocken, daß er beinah gefallen wäre, und bis an die Granitbrüstung zurückwich. Dort setzte er sich kraftlos, gebrochen durch die Aufregung. Der Dampfer, der zuerst antwortete, schien schon ganz nahe zu sein und tauchte am Hafeneingang auf, da Flut war. Peter wandte sich um und gewahrte sein dunstverschleiertes, rotes Auge. Dann zeichnete sich zwischen den beiden Hafendämmen im Licht der elektrischen Scheinwerfer des Hafens ein großer, schwarzer Schatten ab. Hinter ihm klang die Stimme des Wächters im heiseren Ton eines alten Seemannes: – Wie heißt das Schiff? Und durch den Nebel klang die Stimme des Lootsen, der auf der Kommandobrücke stand, gleichfalls heiser zurück: – Santa Lucia. – Land? – Italien. – Hafen? – Neapel. Und es war Peter, als sähe er vor seinen geblendeten Augen die Feuergarbe des rauchenden Vesuv, während zu Füßen des Vulkans in den Orangenhainen von Sorrent oder Castellamare Glühwürmchen flogen. Wie oft hatte er von diesen Namen geträumt, die ihm geläufig waren, als kennte er diese Gegenden. Ach, wenn er doch fortgekonnt hätte, gleich fort, irgendwohin und nie wiederkehren, nie schreiben, nie Nachricht von sich geben, was aus ihm geworden. Aber nein, er mußte zurückkehren, mußte in das Vaterhaus heimkehren und in seinem Bett schlafen. Ach was, er wollte nicht heimkehren. Er wollte bis zum Morgen warten. Der Ton der Sirenen machte ihm Spaß. Er erhob sich und begann hin und her zu laufen, wie der wachhabende Offizier an Deck. Ein zweites Schiff kam heran, hinter dem ersten, riesig, ganz rätselhaft, ein Engländer, der aus Indien wiederkehrte. Dann folgten noch mehrere, die alle, eines nach dem anderen, aus dem Schatten tauchten. Als dann die Feuchtigkeit des Nebels unerträglich ward, kehrte Peter zur Stadt zurück. Er war so durchfroren, daß er in eine Matrosenkneipe trat, um einen Grog zu trinken. Und als die scharfe, heiße Flüssigkeit ihm Gaumen und Kehle netzte, fühlte er die Hoffnung zurückkehren. Vielleicht hatte er sich doch getäuscht. Er kannte sich ja, wie seine Gedanken hin und her irrten – er hatte sich sicher getäuscht. Er hatte alle Beweismittel angehäuft, wie man gegen einen Unschuldigen die Anklageschrift aufstellt. Gegen einen Unschuldigen, der immer leicht zu verurteilen ist, wenn man ihn für schuldig halten will. Wenn er erst einmal ausgeschlafen hätte, würde er anders denken. Da kehrte er heim, um zu Bett zu gehen. Und alle Willenskraft zusammennehmend, schlief er endlich ein. V Aber der Doktor fand kaum ein oder zwei Stunden Schlaf, einen Schlaf, der von Träumen gequält war. Als er in dem dunklen, warmen, geschlossenen Zimmer aufwachte, empfand er, ehe er wieder ganz Herr seiner Sinne geworden, jene schmerzliche Beklemmung, jene unangenehme Seelenstimmung, die in uns ein Kummer zurückläßt, über dem man eingeschlafen ist. Es ist, als hätte das Unglück, das uns am Tage vorher nur gestreift, sich während der Ruhe in unser Fleisch eingewühlt, daß es nun peinigt und erschlafft wie ein Fieber. Mit einem Male kam ihm die ganze Erinnerung wieder, und er setzte sich aufrecht im Bett. Nun begann er langsam, sich alle Überlegungen, die ihn am Hafendamm gestern, während die Sirenen ihre Wehrufe ausstießen, gequält, wieder in Erinnerung zu bringen. Je mehr er nachdachte, desto weniger war er zweifelhaft. Er fühlte sich durch seine Logik fortgerissen, wie durch eine Hand, die uns zu unerträglicher Gewißheit hinzieht und uns erwürgt. Er hatte Durst, ihm war heiß, sein Herz schlug. Er stand auf, um die Fenster zu öffnen und zu atmen. Als er aufrecht stand, hörte er durch die Wand ein leichtes Geräusch. Hans schlief ruhig und schnarchte leise. Er schlief! Jawohl, er hatte nichts davon geahnt, nichts davon empfunden. Ein Mann, der ihre Mutter gekannt, hatte ihm sein ganzes Vermögen hinterlassen, und er nahm das Geld und fand es ganz natürlich und richtig. Er schlief den Schlaf der Reichen und Satten, ohne zu wissen, daß sein Bruder vor Kummer und Leid stöhnte. Und eine Wut erhob sich in ihm gegen diesen nichts ahnenden, selbstzufriedenen Schläfer da drüben. Am Tag vorher hätte er an die Thür geklopft, wäre hineingegangen, hätte sich an sein Bett gesetzt, hätte ihm in der Verstörtheit seines plötzlichen Aufwachens gesagt: »Hans, Du darfst diese Erbschaft nicht behalten, weil sie unsere Mutter in Verdacht bringen und ihre Ehre antasten könnte.« Aber heute konnte er nicht mehr sprechen, konnte Hans nichts mehr sagen, da er ihn nicht mehr für den Sohn seines Vaters hielt. Jetzt mußte er die Schmach, die er entdeckt, in seiner Seele verschließen, vor jedem fremden Auge den Flecken, den er gefunden, verbergen und dafür sorgen, daß niemand, nicht einmal sein Bruder, vor allem nicht sein Bruder, etwas davon merke. Jetzt dachte er kaum mehr an die Rücksicht auf die öffentliche Meinung. Er hätte gewollt, daß alle Welt die Mutter anklage, wenn er nur gewußt hätte, daß sie unschuldig sei. Er, er allein. Wie konnte er noch an ihrer Seite leben, täglich, und wenn er sie anblickte glauben, daß sie seinen Bruder der Liebe eines fremden Menschen verdankte. Und wie sie doch ruhig und heiter war und ihrer selbst sicher schien! War es denn möglich, daß eine Frau wie sie, von reinem Herzen und unberührter Seele, hatte fallen können, von der Leidenschaft verführt, ohne daß man ihr später irgend welche Gewissensbisse anmerkte oder eine Mahnung ihres getrübten Gewissens. Ach, die Gewissensbisse! Die Gewissensbisse! Einst, in der ersten Zeit hatten sie sie quälen müssen! – Aber allmählich waren sie verblaßt, wie alles verblaßt. Sie hatte sicher ihren Fehltritt beweint, aber nach und nach hatte sie ihn vergessen. Haben nicht alle Frauen jene wunderbare Eigenschaft, zu vergessen, so daß sie nach ein paar Jahren kaum den Mann wiedererkennen, dem sie ihren Mund und ihren ganzen Leib zum Kusse überlassen haben. Der Kuß schlägt ein wie ein Blitz, die Liebe geht vorüber wie ein Gewitter. Dann glättet und ebnet sich das Leben wieder, wie der Himmel, und es beginnt alles von neuem. Denkt man noch an Gewitterwolken? Peter konnte es im Zimmer nicht mehr aushalten. Dieses ganze Haus, das Haus seines Vaters lastete auf ihm. Es war ihm, als drückte ihn das Dach auf den Kopf, als erstickten ihn die Mauern. Und da er sehr durstig war, zündete er sein Licht an, um in der Küche ein Glas frisches Wasser zu trinken. Er stieg die beiden Stockwerke hinab. Und als er dann mit der gefüllten Flasche zurückkam, setzte er sich im Hemd auf eine Treppenstufe in den Zug und trank gleich aus der Flasche in langen Schlucken wie ein durstiger Schnellläufer. Als er wieder still saß, bedrückte ihn das Schweigen im ganzen Haus. Und allmählich hörte er jedes Geräusch. Zuerst vernahm er den Gang der Uhr im Eßzimmer, deren Ticken von Sekunde zu Sekunde zu wachsen schien. Dann hörte er wieder ein Schnarchen, das Schnarchen alter Leute, kurz, mühsam, hart, wahrscheinlich war es sein Vater. Und es traf ihn der Gedanke, als ob er ihm eben erst gekommen, daß diese beiden Menschen, die in demselben Hause schnarchten, Vater und Sohn, einander ganz fremd waren. Es war kein Band zwischen ihnen, nichts einte sie. Und sie wußten es nicht. Sie sprachen zärtlich miteinander, sie küßten sich, lachten und freuten sich über dieselben Dinge, als ob dasselbe Blut in ihren Adern rollte. Und doch konnten zwei Menschen, die am entgegengesetzten Ende der Welt geboren waren, einander nicht fremder sein, als dieser Vater und dieser Sohn. Sie meinten sich zu lieben, weil eine Lüge sie zusammengeführt. Eine Lüge schuf diese Vaterliebe und diese Sohnesneigung, eine Lüge, die nicht zu enthüllen war und von der nie jemand etwas wissen würde als er, der echte Sohn. Und doch, doch, wenn er sich nun täuschte! Aber wie sollte er es wissen. Wenn wenigstens eine Ähnlichkeit, nur eine leichte Ähnlichkeit, zwischen seinem Vater und Hans bestünde. Eine jener seltsamen Gleichheiten in den Zügen, die vom Großvater bis auf den Onkel übergehen, beweisend, daß ein ganzes Geschlecht von der gleichen Umarmung stammt. Für ihn, den Arzt, hätte es nur einer Kleinigkeit bedurft, um das herauszufinden. Vielleicht die Bildung der Kinnbacken, der Schwung der Nase, die Stellung der Augen, die Art der Zähne oder des Haares. Ach, noch viel weniger, eine Bewegung, irgend eine Gewohnheit, eine Manier sich zu geben, gemeinsamer Geschmack, irgend ein beliebiges Zeichen, das dem geübten Auge charakteristisch erscheint. Er suchte und fand nichts, aber auch nichts. Doch er hatte vielleicht nicht ordentlich hingesehen, schlecht beobachtet, da er doch bisher keinen Grund gehabt, jene feinsten Zeichen zu erforschen. Er stand auf, um in sein Zimmer zurückzukehren. Und langsam stieg er die Treppe hinauf, immer noch in Gedanken. Als er an seines Bruders Zimmerthür vorüberkam, blieb er kurz stehen und streckte die Hand aus, um zu öffnen. Der unwiderstehliche Wunsch überkam ihn, sofort Hans zu sehen, ihn lange anzublicken, ihn im Schlaf zu überraschen, während sich das Gesicht, die schlaff gewordenen Züge ausruhen und alle Zeichen des beseelten Lebens verschwunden sind. So würde er vielleicht das schlummernde Geheimnis seiner Physiognomie entdecken und wenn wirklich eine zu konstatierende Ähnlichkeit existierte, würde er sie finden. Aber was sollte er sagen, um seinen Besuch zu erklären, wenn Hans aufwachte? Er blieb stehen, die Finger an der Thürklinke zusammengekrallt, und suchte einen Grund, einen Vorwand. Da erinnerte er sich plötzlich, daß er vor acht Tagen seinem Bruder eine Flasche Laudanum geborgt, um Zahnschmerzen zu beruhigen. Er konnte ja sagen, er hätte Schmerzen, jetzt, diese Nacht, und wollte sein Mittel haben. Er trat also ein, aber er schlich sich ein wie ein Dieb. Hans lag mit offenem Mund da und schlief tief wie ein Tier. Auf den weißen Kissen zeichnete sich der blonde Bart und das Haar ab. Er wachte nicht auf, aber er hörte auf zu schnarchen. Peter beugte sich über ihn und betrachtete ihn gierig. Nein, dieser junge Mann sah Roland nicht ähnlich. Und zum zweiten Mal stieg in ihm die Erinnerung auf an Maréchals verschwundenes Miniaturbild. Er mußte es finden. Wenn er es sah, löste es ihm vielleicht jeden Zweifel. Sein Bruder bewegte sich. Vielleicht fühlte er seine Gegenwart, oder der Lichtschein drang ihm durch die Augenlider. Da trat der Doktor zurück und ging auf den Fußspitzen zur Thür, die er geräuschlos schloß. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück, legte sich jedoch nicht schlafen. Der Tag kam nur langsam. Die Uhr im Eßzimmer, die tief und ernst klang, als ob das kleine Uhrwerk eine große Kirchenuhr in sich trüge, schlug die Stunden, eine nach der anderen. Der Klang kam herauf über die Treppe, ging durch Mauern und Thüren und verscholl in der Tiefe der Zimmer, im Ohr der Schläfer. Peter ging im Zimmer auf und ab, vom Bett bis ans Fenster. Was sollte er thun? Er fühlte sich so verstört, daß er den Tag nicht in der Familie zubringen, mochte. Er wollte noch allein bleiben, mindestens bis zum andern Tag, um nachzudenken, sich zu beruhigen, sich zu stärken für den gleichmäßigen Lauf der Tage, den er nun wieder aufnehmen mußte. Nun, er wollte nach Trouville, um die Menschenmenge am Strand hin und herfluten zu sehen. Das würde ihn zerstreuen, ihn auf andere Gedanken bringen, ihm Zeit geben, sich an das Furchtbare zu gewöhnen, das er entdeckt. Sobald es Tag geworden, wusch er sich und zog sich an. Der Nebel war verschwunden, es war wunderschön. Da der Dampfer nach Trouville erst um neun Uhr den Hafen verließ, überlegte sich der Doktor, daß er vorher seine Mutter begrüßen mußte. Er wartete bis zu der Zeit, wo sie täglich aufstand, dann ging er hinunter. Sein Herz schlug so laut, als er an die Thür trat, daß er erst stehen bleiben mußte, um Atem zu schöpfen. Die Hand, die er auf die Klinke legte, war schlaff und zitterte, er war beinahe nicht imstande sie herunterzudrücken, um zu öffnen. Er klopfte. Die Stimme seiner Mutter fragte: – Wer ist da? – Ich. Peter. – Was willst Du? – Dir adieu sagen, weil ich den Tag mit Freunden in Trouville zubringen will. – Ich bin noch im Bett. – Gut, also laß Dich nicht stören. Ich küsse Dich heute abend, wenn ich zurück bin. Er hoffte fortzukommen, ohne sie zu sehen, ohne auf diese Wangen den falschen Kuß zu drücken, den Kuß, bei dem sich sein Herz zusammenzog, wenn er nur daran dachte. Aber sie antwortete: – Einen Augenblick, ich mache auf. Warte, bis ich mich wieder hingelegt habe. Er hörte ihre bloßen Füße auf dem Fußboden. Dann glitt der Riegel zurück und sie rief: – Komm herein. Er trat ein. Sie saß im Bett, während ihr zur Seite Roland, eine Nachtmütze auf dem Kopf, zur Wand gekehrt beharrlich weiterschlief. Er war nicht zu wecken, wenn man ihn nicht schüttelte, daß man ihm beinah den Arm ausriß. An den Tagen, wo er auf Fischfang ging, war es das Mädchen, das, durch den Matrosen Papagris zur verabredeten Zeit herausgeklingelt, ihren Herrn aus diesem totenähnlichen Schlaf rüttelte. Peter blickte seine Mutter an, während er auf sie zuschritt. Es war ihm plötzlich, als hätte er sie noch nie gesehen. Sie hielt ihm die Wangen entgegen. Er drückte zwei Küsse darauf. Dann setzte er sich auf einen niedrigen Stuhl. – Hast Du diesen Ausflug gestern verabredet? – fragte sie. – Ja, gestern abend. – Bist Du zum Essen zurück? – Ich weiß noch nicht. Jedenfalls wartet nicht auf mich. Er betrachtete sie mit erstaunter Neugierde. Das war seine Mutter, diese Frau. Plötzlich schien ihm das ganze Gesicht, das er von Kindheit an kannte, seit seine Augen zu sehen gelernt, dieses Lächeln, diese altgewohnte Stimme so neu, so anders wie sie sonst für ihn gewesen. Er begriff jetzt, daß er sie, da er sie liebte, nie genau angesehen. Und doch war sie es, und er kannte jeden kleinen Zug ihres Gesichts. Aber die Einzelheiten ihrer Züge sah er jetzt wie zum ersten Mal. Die ängstliche Aufmerksamkeit, mit der er dieses liebe Antlitz untersuchte, machte es für ihn anders, als er es jemals gesehen. Er erhob sich, um fortzugehen. Dann, indem er der unwiderstehlichen Lust, die Wahrheit zu erfahren, die ihn seit dem Tage vorher quälte, nachgab, sagte er: – Sag mal, ich glaube mich zu erinnern, daß wir früher im Salon ein kleines Bild von Maréchal hatten. Sie zögerte ein oder zwei Sekunden, oder er bildete es sich wenigstens ein. Dann sagte sie: – Gewiß. – Ja, und wo ist denn das Bild hin? Sie hätte noch schneller antworten können, als sie that: – Dieses Bild? ... Warte mal ... Ich weiß nicht recht. Ich hab's vielleicht in meinem Schreibtisch. – Ach sei so gut und such es mal. – Ja. Ich will es suchen. Wozu willst Du es denn haben? – Ach, es ist nicht für mich. Ich habe mir überlegt, daß es doch ganz natürlich wäre, es Hans zu schenken, und daß ihm das Freude machen müßte. – Ja, Du hast recht, das ist eine gute Idee. Ich werde es suchen, sobald ich auf bin. Und er ging fort. Es war ein strahlend heller Tag. Kein Windhauch rührte sich. Die Menschen auf der Straße schienen guter Laune zu sein, die Geschäftsleute, die ihren Geschäften nachgingen, die Beamten, die ihr Bureau aufsuchten, die Mädchen, die zu ihren Läden eilten. Einzelne summten etwas vor sich hin, in glücklichster Laune bei diesem schönen Wetter. Die Leute stiegen schon auf den Dampfer nach Trouville. Peter setzte sich ganz hinten auf eine Holzbank. Er fragte sich: »War sie eigentlich bei meiner Frage nach dem Bild verstört oder nur erstaunt? Hat sie's bloß verkramt oder versteckt? Weiß sie, wo's ist, oder weiß sie es nicht? Und wenn sie es versteckt hat, wozu das?« Und sein Geist, der immer denselben Weg von Schluß zu Schluß ging, sagte sich: Dieses Bild, das Bild eines Freundes, eines Liebhabers war vor aller Augen immer im Salon geblieben, so lange, bis die Gattin oder die Mutter gemerkt hatte, zu allererst vor andern Menschen, daß ihr Sohn dem Bilde ähnlich sah. Sie hatte wahrscheinlich längst nach dieser Ähnlichkeit gespäht. Aber nun, als sie sie wirklich gefunden, als sie sie allmählich kommen sah und begriff, daß nun jeder andere sie eines Tages ebenso entdecken könnte, hatte sie eines Abends das kleine Bildchen, das gefährlich wurde, fortgenommen und es versteckt, da sie es nicht zu vernichten wagte. Und jetzt erinnerte sich Peter ganz genau, daß das kleine Bild schon längst fort war, längst, ehe sie Paris verlassen. Es war verschwunden, meinte er, als Hans' sprossender Bart ihn plötzlich dem jungen, blonden Mann, der auf dem Bildchen lächelte, ähnlich gemacht. Die Bewegung des abfahrenden Schiffes störte seine Gedanken. Er stand auf und blickte auf das Meer hinaus. Der kleine Dampfer bog, als er den Hafen verlassen, links um und steuerte keuchend, stöhnend, zitternd auf die ferne Küste zu, die man im morgendlichen Nebel sah. Hier und da lag das rote Segel eines schweren Fischerbotes unbeweglich auf der ebenen Flut und sah aus wie ein großer Felsen, der aus dem Wasser ragte. Und die Seine, die von Rouen herabfloß, ähnelte einem breiten Meeresarm, der zwei benachbarte Länder trennt. In einer knappen Stunde kamen sie nach dem Hafen von Trouville. Und da gerade Badezeit war, ging Peter an den Strand. Dieser sah von weitem aus wie ein langgestreckter Garten voll farbiger Blumen. Vor der großen Düne gelben Sandes, die vom Hafendamm bis zu den schwarzen Felsen sich erstreckte, ähnelten die Sonnenschirme in allen Farben, die Hüte in allen Formen, die Kleider in allen Färbungen, die man gruppenweise vor den Kabinen sah, entweder in langen Reihen an der Flut oder hier und da verstreut, wirklich gewaltigen Blumsträußen auf einer riesigen Wiese. Und das unbestimmte nahe oder ferne Geräusch der Stimmen in der klaren Luft, die Rufe, das Geschrei der Kinder, die man badete, das helle Lachen der Frauen gab einen unausgesetzten Lärm, der sich leicht mit dem Windhauch mischte. Man schien beide zugleich einzuatmen. Peter ging zwischen den Menschen auf und ab. Ferner, fremder, abgeschiedener von ihnen, in seine quälenden Gedanken versenkt, als ob man ihn hundert Meilen im Meer draußen vom Deck eines Schiffes in die See geworfen. Er streifte die Menschen, und ohne daß er zuhörte, trafen ein paar Redensarten sein Ohr. Und ohne hinzublicken sah er, wie die Herren mit den Damen sprachen und die Damen mit den Herren lächelten. Aber plötzlich, als sei er aufgewacht, gewahrte er sie deutlich. Und ein Haß stieg in ihm auf gegen sie alle, denn sie schienen glücklich und zufrieden zu sein. Jetzt ging er durch die Gruppen der Menschen hindurch, um sie herum, plötzlich mit neuen Gedanken. All diese verschiedenfarbigen Toiletten, die den Sand wie ein Bouquet bedeckten, diese schönen Stoffe, die hellen Sonnenschirme, die Grazie der eingeschnürten Taillen, all jene genialen Erfindungen der Mode, vom winzigen Schuhchen bis zum extravaganten Hut, die ganze Verführung, die in den Bewegungen lag, in der Stimme, im Lächeln, kurz die Koketterie, die sich an diesem Strand breit machte, erschienen ihm plötzlich wie eine Riesenblume der Perversität des Weibes. Alle diese geschmückten Damen wollten gefallen, verführen, irgend jemand in ihre Netze ziehen. Sie hatten sich schön gemacht für die Männer, für alle Männer, nur nicht für den eignen Ehemann, den sie nicht mehr zu erobern brauchten. Sie hatten sich schön gemacht für den Liebhaber von heute und den von morgen, für den unbekannten Mann, dem sie begegneten, den sie vielleicht schon gesehen und schon erwarteten. Und all diese Männer, die neben ihnen saßen, Auge in Auge getaucht, Mund an Mund mit ihnen sprachen, lockten sie, begehrten sie, machten Jagd auf sie, wie auf ein flüchtiges feines Wild, obgleich es so nahe bei ihnen war und so leicht zu erreichen. Dieser ganze weite Strand war also nichts als ein Liebesmarkt, wo die einen sich verkauften, die anderen sich verschenkten, diese verschacherten ihre Liebe und jene versprachen sie nur. All diese Frauen dachten nur immer an dasselbe. Ihr schon anderen Männern geschenktes, verkauftes, versprochenes Fleisch anzubieten und begehrenswert erscheinen zu lassen. Und er meinte, daß es auf der ganzen Erde ebenso sei. Und seine Mutter war genau so, wie alle anderen. Wie die anderen? Nein. Es gab Ausnahmen, viel, viel Ausnahmen. Die, die er hier um sich sah, die Reichen, die Verrückten, die Liebesjägerinnen gehörten im großen ganzen zur eleganten galanten Welt oder sogar zur käuflichen eleganten Welt. Dann an diesem Strand, wo alle diese Beschäftigungslosen hin und herliefen, traf man nicht die ganze, große Menge der anständigen Frauen, die sich in ihren Häusern hielten. Das Meer stieg und trieb allmählich die vorderste Reihe der Badenden gegen die Stadt zu. Ganze Gruppen standen schnell auf und entflohen, indem sie ihre Stühle mitnahmen, vor der gelben Flut, die mit einem kleinen schäumenden Spitzensaum näherkam. Die Kabinenwagen wurden auch von den Pferden den Strand hinaufgezogen. Und auf den Brettern des Promenadenweges, der von einem Ende des Strandes zum andern läuft, ergossen sich jetzt ununterbrochen zwei breite, langsam dahinfließende Ströme eleganter Menschen, die gegen einander flossen, sich trafen und sich mischten. Peter machte die Menge nervös. Er lief fort und ging in die Stadt. Und draußen, fast schon an den Feldern, frühstückte er in einem kleinen Weinschank. Nachdem er seinen Kaffee getrunken, streckte er sich auf zwei Stühlen vor der Thür aus. Und da er diese Nacht kaum geschlafen, schlummerte er im Schatten einer Buche ein. Nachdem er sich ein paar Stunden ausgeruht, rüttelte er sich auf und gewahrte, daß es Zeit sei, das Dampfschiff zur Heimkehr zu nehmen. Und er setzte sich in Gang. Er wollte heim. Er wollte wissen, ob seine Mutter das Bild Maréchals wiedergefunden, ob sie zuerst davon anfangen würde oder er sie wieder danach fragen müßte. Wenn sie abwartete, daß er sie noch einmal danach frug, dann hatte sie bestimmt einen Grund, das Bild nicht zu zeigen. Aber als er wieder in seinem Zimmer saß, zögerte er, zum Essen hinunter zu gehen. Er litt zu sehr. Sein verwundetes Herz hatte noch keine Zeit gehabt, sich zu beruhigen. Aber er entschloß sich trotzdem und erschien im Eßzimmer, als man sich eben zu Tisch setzen wollte. Ein Ausdruck der Freude lag auf allen Gesichtern. – So, so, sagte der alte Roland, eure Einkäufe machen sich gut? Na, ich will nichts sehen, bis alles fertig ist. Seine Frau antwortete: – O ja, wir kommen vorwärts. Man muß sichs nur ein bißchen überlegen, daß man keine Dummheiten macht. Die Möbelfrage giebt viel zu schaffen. Sie hatte den ganzen Morgen mit Hans beim Tapezierer und Möbelhändler zugebracht. Sie wollte gern reiche Stoffe haben, ein wenig pompös, daß sie auch gleich ins Auge fielen. Ihr Sohn dagegen wünschte einfache Vornehmheit. Nun hatten sie angesichts all der Muster und Proben immer beide ihre Gründe auseinandergesetzt. Sie behauptete, daß der Client vom Rechtsanwalt gleich gefangen genommen werden müsse, daß er sofort fühlen müsse, wenn er in das Wartezimmer tritt: der Mann ist reich. Hans aber, der nur gern elegante und wohlhabende Clienten haben wollte, hatte die Absicht, im Gegenteil die Leute durch bescheidenen und sicheren Geschmack einzunehmen. Und der Streit darüber, der schon den Morgen gedauert, fing schon bei der Suppe wieder an. Roland hatte gar keine Meinung. Er sagte: – Ich will von nichts hören. Ich werde mir die Geschichte ansehen, wenn's fertig ist. Frau Roland berief sich auf das Urteil ihres ältesten Sohnes: – Nun, Peter, was meinst Du denn dazu? Er war so nervös, daß er am liebsten mit irgend einem Schimpfwort geantwortet hätte. Aber er sagte dennoch in trockenem Ton, aus dem aber seine Erregung zitterte: – Ach, ich bin ganz Hans' Ansicht. Ich bin für Einfachheit im Geschmack, die sich beim Charakter mit Ehrlichkeit und Offenheit vergleichen läßt. Die Mutter sagte: – Aber vergiß nicht, daß wir in einer Handelsstadt leben, wo man guten Geschmack nicht auf der Straße findet. Peter antwortete: – Was thut das? Ist das etwa ein Grund, es den Dummen gleich zu thun. Wenn meine Landsleute dumm oder unehrlich sind, muß ich sein wie sie? Eine Frau wird nicht ein Verhältnis anfangen, nur, weil ihre Nachbarinnen Liebhaber haben. Hans fing an zu lachen: – Du stellst Vergleiche an, wie ein Moralprediger. Peter antwortete nicht. Mutter und Bruder setzten ihr Gespräch über Stoffe und Stühle fort. Er betrachtete beide, wie er seine Mutter am Morgen schon betrachtet, ehe er nach Trouville gefahren. Er beobachtete sie wie ein Fremder. Und es war ihm, als wäre er wirklich plötzlich in einer ganz fremden Familie. Vor allem fiel sein Vater seinem Auge und seinen Gedanken auf. Dieser dicke, schlappe, selbstzufriedene, alberne Mann sollte sein Vater sein? Nein, nein, Hans sah ihm in keiner Beziehung ähnlich. Seine Familie! Seit zwei Tagen hatte eine böse, fremde Hand, die Hand eines Toten, alle Bande, die diese vier Wesen aneinanderknüpften, eins nach dem andern zerrissen. Es war aus, alles zerstört. Er hatte keine Mutter mehr. Er konnte sie nicht mehr lieb haben, da er sie nicht mehr mit dem absoluten Respekt achten konnte, mit der heiligen, zarten Liebe, wie sie ein Sohnesherz braucht. Keinen Bruder – denn dieser Bruder war der Sohn eines Fremden. Er behielt nur noch einen Vater, diesen dicken Mann da, den er nun einmal nicht liebte, so sehr er sich auch Mühe gab. Und plötzlich fragte er: – Sag mal, Mama, hast Du das Bild wiedergefunden? Sie riß erstaunt die Augen auf: – Welches Bild? – Das Bild von Maréchal. – Nein. Das heißt, jawohl. Gefunden habe ich's nicht, aber ich glaube, ich weiß, wo es ist. – Was denn? – fragte Roland. Peter sagte zu ihm: – Das kleine Bild von Maréchal, das früher in unserm Salon in Paris stand. Ich dachte, es müßte Hans Freude machen, es zu besitzen. Roland rief: – Natürlich! Natürlich! Ich erinnere mich genau. Ich hab's sogar Ende voriger Woche noch mal gesehen. Die Mama fand es im Schreibtisch, als sie Papiere ordnete. Es war Donnerstag oder Freitag. Weißt Du noch, Louise? Ich war gerade beim Rasieren, da nahmst Du es aus einem Fach und legtest es auf einen Stuhl neben Dich mit einem Haufen Briefe, von denen Du die Hälfte verbranntest. Es ist doch wirklich komisch, daß Du zwei oder drei Tage vor Hans' Erbschaft das Bild wiederfandest. Wenn ich an Ahnungen glaubte, das wäre eine. Frau Roland antwortete ganz ruhig: – Ja, ja. Ich weiß wo's ist, ich werde es nachher suchen. Sie hatte also gelogen. Sie hatte gelogen, als sie an diesem Morgen dem Sohn, der sie fragte, was aus dem Miniaturbilde geworden, geantwortet: »Ich weiß nicht recht, vielleicht habe ich's in meinem Schreibtisch.« Sie hatte es in der Hand gehabt, hin und hergedreht und betrachtet ein paar Tage vorher, dann wieder in dem geheimen Fach versteckt mit Briefen, seinen Briefen. Peter betrachtete seine Mutter, die gelogen hatte. Er betrachtete sie mit der Verzweiflungswut eines hintergangenen Sohnes, der sich in seinen heiligsten Gefühlen betrogen fühlt, mit der Eifersucht eines blinden Mannes der endlich den schmachvollen Betrug entdeckt. Wenn er, der ihr Sohn war, der Mann dieser Frau gewesen wäre, hätte er sie bei den Handgelenken gepackt, bei den Schultern, bei den Haaren, zu Boden geworfen, sie geschlagen, gestoßen und zerstampft. Und er konnte nichts sagen, nichts thun, sich nichts merken lassen. Er war ihr Sohn, er hatte nichts zu rächen. Ihn hatte man ja nicht betrogen. Und doch hatte sie ihn betrogen, in seiner Zärtlichkeit betrogen, in seiner frommen Ehrfurcht. Sie mußte für ihn unantastbar sein, wie jede Mutter für ihr Kind. Wenn die Wut, die in ihm groß geworden war, sich fast bis zum Haß gesteigert hatte, so war es deshalb, weil er meinte, sie sei ihm fast noch strafbarer als seinem Vater gegenüber. Die Liebe von Mann und Frau ist ein freiwilliger Vertrag, in dem derjenige, der sich schwach zeigt, sich nur einer Treulosigkeit schuldig macht. Wenn die Frau aber Mutter geworden ist, so ist damit ihre Pflicht gewachsen, weil die Natur ihr das Gedeihen eines neuen Geschlechtes anvertraut. Wenn sie dann unterliegt, so ist sie feige, unwürdig und niederträchtig. – Na jedenfalls – sagte plötzlich der alte Roland, indem er seine Beine unter dem Tisch streckte, wie er es jeden Abend that, um sein Glas Johannisbeerschnaps zu trinken, – ist's garnicht dumm, nichts zu thun, wenn man sein kleines Einkommen hat. Ich hoffe, daß Hans uns nun mal zu 'nem Dinerchen einladen wird. Hol's der Teufel, wenn ich mir auch den Magen dabei verderbe. Dann wandte er sich zu seiner Frau: – Suche doch mal das Bild, Alte, da Du fertig gegessen hast. Mir macht's Spaß, das Ding mal wieder zu sehen. Sie stand auf, nahm ein Licht und ging hinaus. Dann kam sie nach einer Abwesenheit, die Peter sehr lang erschienen, obgleich sie kaum drei Minuten gedauert hatte, lächelnd wieder und hielt an einem Ringe ein vergoldetes altertümliches Rähmchen. – Hier – sagte sie. – Ich hab's beinah sofort wiedergefunden. Der Doktor hatte zuerst die Hand danach ausgestreckt. Er nahm das Bild in die Hand, und mit ausgestrecktem Arm betrachtete er es von weitem. Und dann, als er fühlte, daß seine Mutter ihn ansah, hob er langsam die Augen zu seinem Bruder, um zu vergleichen. Er hätte in seiner Wut beinah gesagt: »Da sieh' mal einer an, das ist der reine Hans!« Und wenn er auch die gefährlichen Worte nicht auszusprechen wagte, gab er doch seinem Gedankengang Ausdruck durch die Art und Weise, wie er das gemalte Gesicht mit dem lebendigen verglich. Sie hatten unbedingt gemeinsame Züge. Derselbe Bart, dieselbe Stirn. Aber doch nichts, was so in die Augen fiel, daß man hätte behaupten dürfen: »Das ist Vater und Sohn.« Es war mehr eine Familienähnlichkeit. Eine Ähnlichkeit der Physiognomien durch das gleiche Blut. Aber was für Peter viel entscheidender war, als der Gesichtsschnitt, war seine Mutter, die aufgestanden war, ihnen den Rücken gewendet hatte und viel zu langsam sich damit beschäftigte, Zucker und Schnaps in den Wandschrank einzuschließen. Sie hatte begriffen, daß er wußte, was geschehen oder es wenigstens ahnte. – Gieb mir mal das Ding her! – sagte Roland. Peter reichte ihm das Miniaturbild, und sein Vater rückte das Licht heran, um besser sehen zu können. Dann sagte er ganz weich vor sich hin: – Armer Kerl! Und so sah er wirklich aus, wie wir ihn kennen lernten. Jesus nochmal! Wie so was schnell geht. O, er war damals ein hübscher Kerl und hatte so ein angenehmes Benehmen. Nichtwahr, Louise? Da seine Frau nicht antwortete, fuhr er fort: – Und dieser sich immer gleich bleibende Charakter. Ich habe ihn niemals schlechter Laune gesehen. Na, nun ist's aus. Von dem ist nichts mehr übrig, als ... was er Hans hinterlassen hat. Jedenfalls ist eins klar, daß er ein guter und treuer Freund bis an's Ende geblieben ist. Er hat uns selbst im Tode nicht vergessen. Nun streckte auch Hans den Arm aus, um das Bild anzusehen. Er betrachtete es ein paar Augenblicke und sagte dann mit Bedauern: – Ich erkenne ihn absolut nicht wieder. Ich habe ihn nur noch vor Augen mit weißem Haar. Und er gab das kleine Bild seiner Mutter zurück. Sie warf einen flüchtigen nur kurzen Blick darauf, ängstlich wie es schien, und sagte dann im Ton wie immer: – Das gehört jetzt Dir, Hänschen, da Du sein Erbe bist. Wir nehmen es in Deine neue Wohnung mit. Und als sie in den Salon traten, stellte sie das Bildchen auf den Kamin neben die Uhr, wo es früher gestanden. Roland stopfte eine Pfeife; Peter und Hans zündeten sich Cigaretten an. Sie rauchten gewöhnlich, indem einer im Zimmer auf und ab ging, der andere mit übereinandergeschlagenen Beinen in einen Lehnstuhl versunken saß. Der Vater setzte sich immer rittlings auf einen Stuhl und spuckte von weitem ins Kaminfeuer. Frau Roland pflegte auf einem niedrigen Stuhl an einem kleinen Tisch, auf dem die Lampe stand, zu sitzen, stickte, strickte oder zeichnete Wäsche. An diesem Abend begann sie eine Stickerei für Hans' Zimmer. Es war eine schwierige, komplizierte Arbeit, die im Anfang ihre volle Aufmerksamkeit erforderte. Und doch schlug sie ab und zu die Augen, die die Kreuzchen zählten, auf, um kurz und flüchtig das kleine Bild des Toten zu betrachten, das an die Kaminuhr gelehnt stand. Und der Doktor, der mit vier, fünf großen Schritten durch das Zimmer eilte, die Hände auf dem Rücken, die Cigarette zwischen den Lippen, begegnete jedesmal dem Blick der Mutter. Es war, als bespähten sie einander, als wäre zwischen ihnen der Krieg erklärt. Und ein schmerzliches, unerträgliches Wehgefühl schnürte Peters Herz zusammen. Er sagte sich, gequält und doch befriedigt: »Muß sie jetzt leiden, wo sie weiß, daß ich sie erkannt habe!« Und jedesmal, wenn er am Kamin vorbeikam, betrachtete er Maréchals blondes Antlitz, um recht zu zeigen, daß ihn ein Gedanke beschäftigte. So ward dieses kleine Bild, kaum so groß wie eine Handfläche, zu einem lebenden Menschen, einem bösen, furchtbaren Geist, der plötzlich in dies Haus, in diese Familie eingedrungen. Da klang die Klingel an der Hausthür. Frau Roland, die sonst so ruhig war, zuckte zusammen und verriet dadurch dem Doktor die Erregung ihrer Nerven. Dann sagte sie: – Es wird Frau Rosémilly sein. – Und ihr ängstliches Auge schweifte wieder zum Kamin hinüber. Peter begriff ihre Angst und ihr Entsetzen, oder meinte, sie zu verstehen. Der Blick der Frauen ist durchdringend. Sie begreifen schnell und sind mit einem Verdacht schnell bei der Hand. Wenn sie einträte, würde sie dieses unbekannte kleine Bildchen sofort sehen und vielleicht die Ähnlichkeit zwischen diesem Gesicht und Hans herausfinden. Und dann würde sie alles verstehen und begreifen. Er bekam Angst, eine plötzliche, fürchterliche Angst, daß diese Schmach enthüllt werden könnte. Und als die Thür aufging, wendete er sich um, nahm das kleine Bild und schob es, ohne daß Vater oder Bruder es gemerkt hätten, unter die Standuhr. Als er wieder die Augen seiner Mutter traf, schienen sie ihm verändert, starr und verstört. – Guten Abend! – sagte Frau Rosémilly. – Ich komme, um mit Ihnen eine Tasse Thee zu trinken. Aber während man sich um sie bemühte und sie fragte, wie es ihr ginge, verschwand Peter durch die offengebliebene Thür. Als man sein Verschwinden bemerkte, waren alle erstaunt. Und Hans, der darüber unzufrieden war wegen der jungen Witwe, die er verletzt wähnte, brummte: – So ein Bär. Frau Roland antwortete: – Du mußt es ihm nicht anrechnen. Er ist heute nicht ganz wohl und müde von seinem Ausflug nach Trouville. – Ach was, – meinte Roland, – das ist noch lange kein Grund, um auszureißen wie ein Wilder. Frau Rosémilly wollte vermitteln und versicherte: – Nein, nein. Er hat sich auf englisch empfohlen. So macht man's in der Gesellschaft immer, wenn man zeitig fort will. – O, – antwortete Hans, – in der Gesellschaft kann das wohl so sein, aber man macht das nicht in seiner Familie. Und mein Bruder thut's erst seit einiger Zeit. VI Während ein oder zwei Wochen geschah bei Rolands nichts Neues. Der Vater fischte, Hans richtete sich mit Hilfe der Mutter ein. Peter war immer finster und erschien nur zu den Mahlzeiten. Als sein Vater ihn eines Abends fragte: – Zum Teufel nochmal! Warum machst Du denn immer so ein Leichenbittergesicht? Ich bemerke das nicht zum ersten Mal heute! – antwortete der Doktor: – Weil das Leben furchtbar auf mir lastet. Der gute Mann verstand ihn nicht und sagte betrübt: – Nein, das ist wirklich zu toll. Seitdem uns das Glück mit dieser Erbschaft zugestoßen ist, scheint alle Welt unglücklich zu sein. Das ist ja, als ob uns ein Unglück passiert wäre, als ob wir um jemand trauern müßten. – Ich trauere allerdings um jemand! – sagte Peter. – Du? Um wen denn? – O, jemand, den Du nicht gekannt hast und den ich zu lieb gehabt habe. Roland meinte, es handelte sich um ein Verhältnis, irgend ein Mädchen, dem sein Sohn den Hof gemacht. Und er fragte: – Doch gewiß eine Frau? – Ja, eine Frau. – Tot? – Nein, schlimmer, – verloren. – O! Obgleich er sich über das unvorhergesehene Geständnis, das in Gegenwart seiner Frau geschehen, wunderte und auch über den seltsamen Ton, den sein Sohn anschlug, fragte der Vater nicht weiter, denn er fand, daß diese Dinge einen dritten nichts angehen. Frau Roland schien nichts gehört zu haben. Sie schien nicht wohl zu sein und war ganz blaß. Ein paar Mal schon hatte ihr Mann, weil sie zu seiner Verwunderung in einen Stuhl gesunken war und er sie hatte atmen hören, als bekäme sie keine Luft, zu ihr gesagt: – Du siehst wirklich schlecht aus, Louise. Du mutest Dir wahrscheinlich bei Hans' Einrichtung zu viel zu. Donnerwetter! Ruh Dich doch mal ein bißchen aus. Es hat doch mit dem Jungen keine solche Eile, er ist doch reich. Sie schüttelte den Kopf, ohne zu antworten. An diesem Tage war sie so bleich, daß Roland das wiederum bemerkte. – Nanu, – meinte er, – meine arme Alte, so gehts nicht weiter. Du mußt Dich mal ein bißchen pflegen. Dann wendete er sich zu seinem Sohn: – Du siehst doch, daß Deine Mutter krank ist. Hast Du sie wenigstens mal angesehen? Peter antwortete: – Nein. Ich habe nicht gemerkt, daß ihr was fehlt. Da war Roland böse: – Donnerwetter! Aber das sieht man doch gleich. Wozu bist Du denn Doktor, wenn Du nicht mal merkst, daß Deine Mutter unwohl ist. Da guck sie doch mal an, sieh sie mal an. Ist doch wirklich wahr, man könnte krepieren, und der Doktor da merkt's garnicht. Frau Roland holte wieder tief Atem und war so leichenfahl, daß ihr Mann rief: – Es wird ihr schlecht. – Nein, nein. Es ist nichts weiter, es wird schon vorbeigehen. Es ist nichts. Peter hatte sich ihr genähert und blickte sie gerade an: – Sag mal, was fehlt Dir denn ? – fragte er. – Nichts. Nichts. Ich versichere Dir, nichts. Roland war fortgegangen, um Essig zu holen. Er kam wieder und hielt seinem Sohn die Flasche hin: – Da. Hilf ihr doch mal. Hast Du denn wenigstens ihren Herzschlag untersucht? Als Peter sich zu ihr beugte, um ihren Puls zu fühlen, zog sie so plötzlich die Hand zurück, daß sie an den benachbarten Stuhl stieß. – Nun, – sagte er in kaltem Ton, – laß Dich doch wenigstens untersuchen, wenn Du krank bist. Da hob sie den Arm und streckte ihn Peter entgegen. Ihre Haut brannte, das Blut pulste heftig in den Adern. Er flüsterte: – Ja, das ist allerdings doch ernst. Du mußt etwas Beruhigendes nehmen. Ich werde Dir etwas verschreiben. Und wie er, auf das Papier gebeugt, schrieb, klang leise ein unterdrücktes Stöhnen, ein Seufzer, kurzer, zurückgehaltener Atem, so daß er sich plötzlich umdrehte. Sie weinte, beide Hände vor das Gesicht geschlagen. Roland fragte verzweifelt: – Louise, Louise, was fehlt Dir denn? Aber was hast Du denn nur? Sie antwortete nicht. Ein furchtbarer, tiefer Schmerz schien sie zu quälen. Ihr Mann wollte ihre Hand nehmen und sie vom Gesicht ziehen. Sie widerstand und meinte: – Nein, nein, nein. Er wendete sich gegen seinen Sohn: – Aber was fehlt ihr denn nur? Ich habe sie noch nie so gesehen. – Es ist nichts weiter, – meinte Peter, – eine kleine Nervenkrise. Und es war ihm, als ob sein Herz sich erleichtert fühlte, als er ihre Qual sah, als ob ihr Schmerz sein Gefühl beruhigte und die Schuld seiner Mutter verringerte. Und er betrachtete sie, wie ein Richter, der mit seinem Urteil zufrieden ist. Aber plötzlich stand sie auf, rannte zur Thür, so schnell und mit so heftiger Bewegung, daß man sie nicht zurückhalten konnte. Und sie lief auf ihr Zimmer, um sich einzuschließen. Roland und der Doktor blieben einander gegenüber stehen. – Kapierst Du das? – sagte der eine. – Ja! – antwortete der andere. – Es ist ein einfacher, nervöser Zustand, der in Mamas Alter öfters eintritt. Sie wird wohl noch manche solche Anfälle bekommen. Und sie bekam in der That Anfälle und beinah täglich, die Peter durch ein einziges Wort hervorzurufen schien, als ob er das Geheimnis ihres unbekannten seltsamen Leidens gekannt hätte. Er forschte in ihrem Gesicht, wenn der Anfall vorüber war, und mit der Arglist eines Inquisitors weckte er durch ein einziges Wort den eben beruhigten Schmerz. Und er litt ebenso viel wie sie. Er litt entsetzlich darunter, daß er sie nicht mehr lieben, sie nicht mehr achten konnte und sie quälte. Wenn er die offene Wunde, die er dem Herzen der Frau und Mutter geschlagen, aufgewühlt hatte, wenn er fühlte, wie elend, wie traurig und verzweifelt sie war, ging er allein durch die Straßen der Stadt von Gewissensbissen gefoltert, von Mitleid mit ihr gequält. Er war so verzweifelt, sie unter seiner Verachtung als Sohn leiden gemacht zu haben, daß er Lust hatte, sich ins Meer zu stürzen, sich zu ertränken, um ein Ende zu machen. Ach, wie gern hätte er ihr jetzt verziehen. Aber er konnte es nicht. Er war nicht imstande zu vergessen. Wenn er nur sie nicht hätte leiden machen können. Aber er konnte nicht anders, er litt selbst. Zu den Mahlzeiten kehrte er heim, voll weicher Stimmungen, aber sobald er sie sah, sobald er ihrem Blick begegnete, der früher so offen und gerade gewesen, jetzt ängstlich verzweifelnd umherirrte, verletzte er sie, ohne gegen sich ankämpfen zu können, denn er konnte das niederträchtige Wort, das ihm auf die Lippen stieg, nicht zurückhalten. Das schmähliche Geheimnis, das nur sie beide kannten, stachelte ihn immer gegen sie auf. Es war ein Gift, das er in den Adern trug, das ihn reizte zu beißen, wie ein toller Hund. Nichts hinderte ihn nun mehr, sie unausgesetzt zu verletzen, denn Hans hielt sich jetzt beinah immer tagsüber in seiner neuen Wohnung auf und kam nur zum Essen und Schlafen jeden Abend nach Haus. Dieser bemerkte manchmal Bitterkeiten und scharfe Worte seines Bruders, die er auf Eifersucht schob. Und er nahm sich vor, ihm mal tüchtig die Wahrheit zu geigen und ihm eines Tages eine Lektion zu erteilen. Denn das Leben zu Haus wurde infolge dieser unausgesetzten Scenen immer peinlicher. Aber da er nicht viel da war, litt er jetzt weniger unter Peters Roheiten, und seine ruhige Gemütsart machte ihn geduldig. Und dann hatte ihn das Geld ganz berauscht, und er dachte nur noch an Dinge, die ein direktes Interesse für ihn hatten. Er hatte immer alle möglichen kleinen Gedanken im Kopfe: der Schnitt eines Anzuges beschäftigte ihn, die Form eines Filzhutes, wie groß seine Visitenkarten sein müßten. Und er sprach beharrlich über alle Einzelheiten seines Hauses, über Bretter, die in den Wandschrank seines Schlafzimmers gelegt werden müßten, um die Wäsche unterzubringen, über einen Kleiderständer im Vorsaal und einen elektrischen Meldeapparat gegen Einbruch. Es war verabredet worden, daß sie zu Ehren seines Einzuges eine Landpartie nach Saint-Jouin unternehmen und nach dem Essen bei ihm Thee trinken sollten. Roland war mehr für eine Segelpartie gewesen; aber die Entfernung und die Ungewißheit, wo man landen würde, wenn etwa ungünstiger Wind wehte, standen seinem Wunsche entgegen, und es wurde ein Wagen für den Ausflug gemietet. Gegen zehn Uhr fuhren sie fort, um rechtzeitig zum Frühstück da zu sein. Die große staubige Chaussee zog sich durch die normannische Landschaft, die wegen der Wellenlinien der Ebene und wegen der von Bäumen umgebenen Pachthöfe am Wege, wie ein endloser Park aussieht. Im Wagen, den in langsamem Trab zwei dicke Pferde zogen, saßen die Familie Roland, Frau Rosémilly und Kapitän Beausire schweigend beim Rasseln der Räder und schlossen bei jeder Staubwolke die Augen. Es war zur Zeit der reifenden Ernte. Neben den dunkelgrünen Kleefeldern und den helleren Rübenpflanzungen leuchteten mit goldblondem Schein die Getreidefelder in der Ebene. Es war, als hätten sie das auf sie niedergestrahlte Sonnenlicht eingesogen. Hier und da wurde schon geerntet, und auf den Feldern, wo die Sense klang, sah man Männer schreiten, die ihre großen flügelförmigen Sensen über den Boden hinsausen ließen. Nachdem sie zwei Stunden gefahren waren, bog der Wagen links ab, an einer Windmühle vorbei die die Flügel drehte, ein melancholisches Gebäude, halb verfault und, eine der letzten überlebenden alten Mühlen, auch schon zum Tode verdammt. Dann fuhren sie in einen hübschen großen Hof ein, der Wagen blieb vor einem netten Häuschen, einem bekannten Gasthaus, halten. Die Wirtin, die schöne Alphonsine genannt, erschien lächelnd in der Thür und streckte den beiden Damen die Hand entgegen, die zögernd ausstiegen, da der Tritt zu hoch war. In einem Zelt am Wiesenrande, von Apfelbäumen überschattet, saßen ein paar Leute und frühstückten, Touristen, die aus Etretat gekommen. Und im Haus hörte man Stimmen, Lachen und Geschirrklappern. Alle großen Restaurationsräumlichkeiten waren voll, und sie mußten in einem Zimmer allein essen. Da sah plötzlich Roland an der Wand Netze zum Granatkrebsfang. – Ach so was! – rief er, – hier werden Garnelen gefangen. – Ja! – antwortete Beausire. – Es ist sogar der Punkt an der ganzen Küste; wo sie am häufigsten sind. – Donnerwetter! Wollen wir nicht nach dem Frühstück mal auf den Fang gehen? Es traf sich gerade so, daß um drei Uhr Ebbe war. Und sie beschlossen alle, nachmittags in die Klippen zu gehen, um Granatkrebse zu suchen. Man aß wenig, damit ihnen das Blut nicht zu Kopf stiege, wenn man nachher mit den Füßen im Wasser wäre. Und dann wollte man den Appetit aufsparen für das Mittagbrot. Es war ein wundervolles Festmahl bestellt worden, das um sechs Uhr bei ihrer Rückkehr fertig sein sollte. Roland konnte es vor Ungeduld nicht mehr aushalten. Er wollte für diesen Fang besonders geeignete Netze kaufen, ähnlich den Schmetterlingsnetzen, die man benutzt, um auf den Wiesen Falter zu fangen. Es waren kleine Säcke aus Netzgeflecht auf ein rund gebogenes Holz gespannt an einem langen Stock. Alphonsine borgte sie ihm, immer lächelnd. Dann half sie den beiden Damen sich umzuziehen, um sich nicht naß zu machen. Sie bot ihnen Röcke an, dicke Wollstrümpfe und Ginsterschuhe. Die Herren zogen die Strümpfe aus und kauften beim Schuhmacher im Ort Holzpantoffeln. Dann gingen sie fort, das Netz auf der Schulter und eine Butte auf dem Rücken. Frau Rosémilly sah in dem Kostüm reizend aus, wirklich wie eine kleine Bäuerin. Der Rock, den Alphonsine geborgt hatte, war kokett aufgesteckt und mit ein paar Stichen festgenäht, so daß sie laufen und springen konnte in den Felsen. Man sah den Knöchel und den unteren Teil der Wade, die derbe Wade einer geschmeidigen, kräftigen, kleinen Frau. Sie hatte eine lose Taille an, um sich nach Belieben bewegen zu können, und einen riesigen Gartenhut aus gelbem Stroh mit Riesenrändern auf, an dem ein Tamariskenzweig saß, der die eine Hutkrämpe aufbog. Das sah keck und schneidig aus. Hans fragte sich, seitdem er geerbt hatte, täglich, ob er sie heiraten sollte oder nicht. Jedesmal wenn er sie wiedersah, war er entschlossen, sie um ihre Hand zu bitten. Wenn er sich aber dann wieder allein befand, meinte er, er wolle sich's noch überlegen, er habe Zeit, nachzudenken. Jetzt war sie weniger reich wie er, denn sie hatte nur etwa zwölftausend Franken Rente, aber gut angelegt in Pachthöfen und Grundbesitz in der Stadt Havre am Hafen. Das konnte später mal sehr wertvoll werden. Die pekuniären Verhältnisse waren also doch etwa gleich. Und die junge Witwe gefiel ihm sehr gut. Als er sie heute so vor sich gehen sah, dachte er: »Na, ich müßte nun mal einen Entschluß fassen. Eine bessere finde ich doch nicht.« Sie folgten einem kleinen Thälchen, das sich vom Dorf nach dem Strand hinabzog. Die Felsen der Klippen am Ende dieses Thälchens erhoben sich etwa noch achtzig Meter über den Meeresspiegel. Zwischen den grünen Küsten, die sich rechts und links senkten, erschien eine große, dreieckige Wasserfläche im Schein der Sonne silbern glänzend, und ein kaum sichtbares Segel darauf sah aus, wie ein kleines Insekt. Der lichtstrahlende Himmel mischte sich mit dem Wasser, so daß man nicht erkennen konnte, wo das eine aufhörte und der andere begann. Und die in die Mieder eingezwängten Taillen der beiden Damen, die vor den drei Herren herschritten, hoben sich von dem hellen Horizont scharf ab. Hans sah mit erregtem Auge vor sich den feinen Knöchel, das schlanke Bein, die schmiegsame Hüfte und den großen herausfordernden Hut der Frau Rosémilly. Und dieser Anblick machte ihm Lust und brachte ihn zum Entschluß, wie es zögernden, schüchternen Menschen plötzlich geht. Die laue Luft, in die sich der Seegeruch, der Duft des Ginsters, des Klees und der Wiesen mischte, der Tangduft von den vom Wasser entblößten Klippen erregte ihn noch mehr, so daß er bei jedem Schritt, bei jedem Blick auf die flüchtigen Umrisse der jungen Frau entschlossener ward. Er wollte nicht mehr zögern, wollte ihr sagen, daß er sie liebte, und sie um ihre Hand bitten. Beim Fischfang würde das leicht gehen, denn sie würden ohne aufzufallen allein zurückbleiben können. Und dann wäre es doch wunderhübsch, gerade hier von Liebe zu reden, die Füße in einer kleinen Lache klaren Wassers, wenn vor ihnen die langen Fühler der Krevetten sich unter dem Tang versteckten. Als sie an das Ende des Thälchens kamen, an den Rand des Klippenabsturzes, sahen sie einen kleinen Fußweg, der längs der Küste hinabführte und unter sich, zwischen dem Meer und der Felshöhe, mitten drin etwa, ein erstaunliches Gewimmel von riesigen Felsen zusammengebrochen, umgestürzt, einer gehäuft auf den anderen, auf einer Art von begrünter Ebene, die, so weit die Blicke reichten, sich nach Süden zog. Auf diesem langen Band von Gestrüpp und durcheinander geworfenen Rasenstücken war es, als lägen die durch Vulkanausbrüche ausgeworfenen Felsen da, wie die Ruinen einer alten versunkenen Stadt, die einst hier im Ozean gelegen, durch die hohen, weißen, endlosen Mauern der Klippenfelsen überragt. – Das ist ja wundervoll! – sagte Frau Rosémilly und blieb stehen. Hans hatte sie eingeholt, und etwas bewegt bot er ihr die Hand, um sie die enge, in den Felsen eingetretene Treppe hinabzuführen. Sie schritten voraus, während Beausire seinen kurzen Beinen einen Stoß gab und den gekrümmten Arm Frau Roland bot, die vor der Tiefe schwindlig wurde. Roland und Peter schlossen den Zug. Und der Doktor mußte seinem Vater helfen, der so schwindlig war, daß er von einer Stufe zur anderen auf seinem Hinterteil rutschte. Die jungen Leute waren schnell voran, und plötzlich entdeckten sie neben einer Holzbank, die als Ruhepunkt mitten auf dem Wege stand, einen klaren Wasserstrahl, der aus einem Loch im Felsen brach. Er stürzte zuerst in ein Bassin klein wie eine Waschschale, das er sich selbst gehöhlt, und fiel dann kaum zwei Fuß hoch in einem Wasserfall herab, suchte sich seinen Weg über den Felsenpfad, auf dem dichte Kresse gewachsen, und verschwand endlich in den Wurzeln und Gräsern der Ebene. – Ach, bin ich durstig! – rief Frau Rosémilly. Aber wie sollte sie trinken. Sie versuchte, mit der hohlen Hand Wasser zu schöpfen, aber es lief ihr durch die Finger. Hans hatte eine Idee. Er legte einen Stein auf den Weg, und sie kniete sich darauf, um die Lippen selbst an die Quelle zu legen, die sich so in gleicher Höhe mit ihrem Munde befand. Als sie aufblickte, ganz besät von kleinen glitzernden Tropfen auf der Haut, auf den Haaren, auf den Augenbrauen, auf der Taille, beugte sich Hans zu ihr und flüsterte: – Ach, Sie sind so hübsch. Sie antwortete in einem Ton, wie man ein Kind auszankt: – Wollen Sie wohl still sein. Es waren die ersten, etwas intimeren Worte, die sie miteinander wechselten. Hans war sehr verlegen und sagte: – Wir wollen weiter gehen, ehe man uns einholt. Er sah nun in der That schon ganz nahe den Rücken des Kapitän Beausire, der rückwärts hinabstieg, um Frau Roland mit beiden Händen zu stützen. Und höher, noch weiter entfernt, Roland, der sich, immer noch auf dem Hosenboden sitzend, mit Füßen und Ellbogen steuernd wie eine Schildkröte, niedergleiten ließ, während Peter vor ihm schritt und auf seine Bewegungen achtete. Der Weg war weniger tief eingeschnitten, wurde nun breiter und ging um die großen Felsblöcke, die früher vom Berg herabgefallen waren, herum. Frau Rosémilly und Hans begannen zu laufen und waren bald am Strande. Sie durcheilten ihn, um zu den Felsklippen zu gelangen, die sich als lange, ebene Fläche, mit Seegras bewachsen, hinstreckten, und auf denen unzählige kleine Lachen stehen geblieben waren. Die Ebbe war weit zurückgetreten hinter dieser grün und schwarz leuchtenden, tangbedeckten Ebene. Hans krempelte die Hose bis über die Waden auf und die Ärmel bis an den Ellbogen, um ohne sich naß zu machen ins Wasser gehen zu können. Dann sagte er: – Vorwärts! – und sprang entschlossen in die erste Lache, die sie trafen. Die junge Frau ging obgleich sie auch gleich ins Wasser wollte, um das enge Bassin herum, vorsichtig, mit ängstlichen Schritten, denn sie rutschte auf den klebrigen Pflanzen aus. – Sehen Sie etwas? – fragte sie. – Ja. Ich glaube, Ihr Gesicht zu sehen, das sich im Wasser spiegelt. – Wenn Sie bloß das sehen, werden Sie nicht viel fangen. Er sagte mit zärtlichem Ton: – Ach, das würde ich doch am liebsten fangen. Sie lachte: – Versuchen Sie es doch. Sie werden mal sehen, wie das durch Ihr Netz durchläuft. – Aber ... wenn Sie wollten. – Ich will Sie Granatkrebse fangen sehen, etwas anderes ... in diesem Moment ... nicht. – Das ist bös von Ihnen. Wir wollen weitergehen, hier ist nichts. Er bot ihr die Hand, um sie auf den glatten Felsen zu führen. Ein wenig ängstlich stützte sie sich auf ihn. Und plötzlich packte ihn die Liebe, Wünsche regten sich in ihm, er begehrte sie, als ob das, was in ihm schlummerte, in diesem Augenblick hervorgebrochen wäre. Sie kamen bald an einen tieferen Tümpel, in dem sich in dem hin- und herziehenden Wasser, das zum fernen Meer durch eine unsichtbare Öffnung floß, lange, feine, seltsam gefärbte Gräser, rosige und grüne haarartige Pflanzen, hin und her bewegten, als schwömmen sie. Frau Rosémilly rief: – Da! da! Ich sehe eine, eine ganz große. Dort drüben, eine ganz große. Auch er sah sie jetzt, trat entschlossen in das Loch hinab, obgleich er bis zum Gürtel naß wurde. Aber das Tier, das seine langen Fühler hin und herzittern ließ, entfloh langsam vor dem Netz. Hans trieb es bis zu einer Seetanggruppe, gewiß, es zu fangen. Als es sich in die Enge getrieben sah, schoß es mit einem plötzlichen Stoß über dem Netz fort durch das Wasserbecken und verschwand. Die junge Frau, die in größter Aufregung der Jagd zugesehen hatte, konnte nicht anders als rufen: – Ach, wie ungeschickt! Er war verletzt. Und ohne zu überlegen, stieß er das Netz in eine Seegrasgruppe. Als er es an die Oberfläche zog, sah er drei große durchsichtige Granatkrebse darin, die er auf gut Glück aus ihrem unsichtbaren Versteck gezogen. Triumphierend hielt er sie Frau Rosémilly hin, die sie nicht anzugreifen wagte, aus Furcht vor den spitzen gezackten Scheeren, mit denen ihr kleiner Kopf bewehrt ist. Aber sie faßte doch Mut und nahm die Spitze ihres Bartes zwischen zwei Finger und warf sie dann eine nach der anderen in die Bütte mit etwas Seetang, um sie frisch zu erhalten. Als sie dann eine Wasserlache fand, die weniger tief war, trat sie mit zögernden Schritten hinein, durch die Kälte etwas zusammenschauernd, die ihr von den Füßen herauflief, und fing selbst an zu fischen. Sie war geschickt und schlau, hatte eine leichte Hand und den Instinkt des Jägers, der notwendig ist. Beinah bei jedem Eintauchen zog sie ein paar Tiere, die sie überlistet durch die geschickte Vorsicht ihrer Verfolgung, heraus. Aber Hans fing jetzt nichts. Er folgte ihr nur Schritt auf Schritt, streifte sie, beugte sich über sie, that, als wäre er verzweifelt über seine Ungeschicklichkeit und wollte es sich von ihr zeigen lassen. – Ach, zeigen Sie mir's doch! – sagte er. Als dann ihre beiden Gesichter nebeneinander sich im klaren Wasser spiegelten, dessen schwarze Pflanzen auf dem Grund die Oberfläche zu einem hellen Spiegel machten, lachte Hans dem Gesicht neben sich, das ihn von unten ansah, zu und warf ihm hier und da mit den Fingerspitzen einen Kuß zu, der darauf niederzufallen schien. – Ach, Sie sind langweilig! – sagte die junge Frau. – Mein Lieber, man muß nie zwei Sachen zugleich thun. – Ich thue nur eins: ich liebe Sie. Sie fuhr auf und sagte ernst: – Nanu? Was fällt Ihnen denn ein. Wie sind Sie denn seit zehn Minuten. Haben Sie denn ganz den Kopf verloren. – Nein, ich habe nicht den Kopf verloren. Ich liebe Sie und wage endlich, es Ihnen zu sagen. Jetzt standen sie in dem salzigen Tümpel, der sie bis an die Waden näßte, die wassertriefenden Hände auf den Stiel des Netzes gestützt, und blickten sich in die Augen. Sie sagte in liebenswürdigem, etwas ärgerlichen Ton: – Wie ungeschickt, mir das jetzt zu sagen. Konnten Sie nicht einen anderen Tag abwarten und mußten Sie mir den Fischfang verderben? Er flüsterte: – Seien Sie nicht böse, ich konnte nicht mehr schweigen. Ich liebe Sie schon längst. Heute haben Sie mich berauscht, daß ich nicht mehr an mich halten konnte. Da schien sie plötzlich sich damit abzufinden, entschlossen, von Geschäften zu reden und auf das Vergnügen Verzicht zu leisten. – Kommen Sie, wir wollen uns auf den Felsen setzen. Da können wir ruhig sprechen. Sie kletterten auf den etwas hohen Felsen. Und als sie so Seite an Seite saßen und die Füße hängen ließen, mitten im Sonnenschein, sagte sie: – Lieber Freund, Sie sind kein Kind mehr und ich kein junges Mädchen. Wir wissen beide ganz genau, um was sich's handelt, und können alle möglichen Folgen abwägen. Wenn Sie mir heute hier Ihre Liebe erklären, so nehme ich natürlich an, daß Sie mich heiraten wollen. Er war auf diese klare Auseinandersetzung der Sachlage nicht gefaßt und antwortete darauf los: – Gewiß. – Haben Sie davon mit Ihrem Vater oder Ihrer Mutter gesprochen? – Nein. Ich wollte erst wissen, ob Sie mich erhören würden. Sie streckte ihm noch die nasse Hand entgegen, und als er schnell die seine hineinlegte, sagte sie: – Ich bin gern bereit. Ich glaube, Sie sind gut und brav. Aber vergessen Sie nicht, daß ich doch gern möchte, Ihre Eltern wären einverstanden. – Ach, glauben Sie, daß meine Mutter nicht so was geahnt hat und Sie so gern haben würde, wie sie Sie hat, wenn sie nicht wünschte, daß wir einander heirateten. – Das ist wahr. Ich bin etwas verwirrt. Sie schwiegen. Und er war im Gegenteil erstaunt, daß sie so wenig verwirrt war und so vernünftig. Er hatte ein galantes Spiel erwartet, ein ›Nein‹, das doch ›Ja‹ hieß, eine ganz kokette Liebeskomödie mitten beim Fischen, beim Plätschern des Wassers. Und nun war es aus, er fühlte sich gebunden, verheiratet nach zwanzig Worten. Und seitdem sie einig waren, hatten sie sich garnichts mehr zu sagen. Und jetzt waren sie beide etwas verlegen über das, was so schnell zwischen ihnen vor sich gegangen, vielleicht etwas verstört, wagten weder zu sprechen, noch zu fischen und wußten nicht, was sie machen sollten. Da kam ihnen Rolands Stimme zu Hilfe: – Hierher Kinder! Hierher! Seht mal Beausire an, der Kerl leert das ganze Meer. In der That hatte der Kapitän einen fabelhaften Erfolg. Im Wasser bis an die Hüften, lief er von Tümpel zu Tümpel, sah auf einen Blick die besten Stellen, und durchsuchte langsam und sicher mit seinem Netze alle verborgenen Höhlen unter dem Seetang. Und die schönen, durchsichtigen Granatkrebse, graublond, zappelten in seiner Hand, wenn er sie mit kurzer Bewegung faßte, um sie in die Bütte zu werfen. Frau Rosémilly war begeistert, verließ ihn nicht mehr, ahmte ihn nach, so gut als möglich, und vergaß fast ihre Verlobung und Hans, der in Gedanken träumerisch folgte, um sich ganz der kindlichen Freude hinzugeben, die Tiere unter den hin und herschwimmenden Gräsern zu fangen. Roland rief plötzlich: – Da seht mal, Frau Roland kommt auch. Sie war zuerst allein mit Peter am Strand geblieben, denn beiden machte es keinen Spaß, zwischen den Felsen herumzulaufen und in die Pfützen zu treten. Und doch zögerten sie, nebeneinander sitzen zu bleiben. Sie fürchtete sich vor ihm, und ihr Sohn hatte Angst vor ihr und vor sich selbst, Angst vor seiner Grausamkeit, die er nicht beherrschen konnte. Aber sie setzten sich doch dicht nebeneinander auf den Kies. Und alle beide dachten, wie sie so im Sonnenschein saßen, der durch die Seeluft gemildert war, angesichts des weiten, wunderbaren Horizontes von blauem, silberglitzerndem Wasser, zu gleicher Zeit: »Ach, wie schön wäre es sonst hier gewesen!« Sie wagte nicht, Peter anzureden, denn sie wußte, daß er mit irgend einer Rücksichtslosigkeit antworten würde. Und er wagte nicht, mit seiner Mutter zu sprechen, weil er wußte, daß er nicht dagegen an konnte, heftig zu sein. Mit der Spitze seines Stockes schob er die runden Kiesel hin und her, stieß und schlug sie, und sie hatte, unbestimmt hinausblickend, drei oder vier kleine Steinchen in die Hand genommen, die sie langsam und mechanisch von einer Hand in die andere gleiten ließ. Da gewahrte ihr träumerischer Blick, der in die Ferne irrte, mitten im Seegras ihren Sohn Hans, der mit Frau Rosémilly fischte. Da verfolgte sie die beiden, bespähte ihre Bewegungen und hatte mit Mutterinstinkt eine dunkle Ahnung, daß sie nicht wie gewöhnlich redeten. Sie sah sie nebeneinander sich niederbeugen, wenn sie ins Wasser blickten, Auge in Auge stehen bleiben, wie wenn sie sich ihr Herz ausschütteten, und erblickte sie dann, wie sie auf den Felsen kletterten und sich nebeneinander setzten, um sich auszusprechen. Ihre Umrisse zeichneten sich deutlich ab, als wären sie allein, und nahmen in diesem weiten Raum von Himmel, Meer und Strand etwas Großes und Symbolisches an. Auch Peter betrachtete sie, und ein kurzes trockenes Lachen klang von seinen Lippen. Frau Roland sagte, ohne sich zu ihm umzuwenden: – Was hast Du denn? Er lachte noch immer: – Ich lerne, wie man sich auf die Hörner vorbereitet. Sie fuhr voll Wut und Empörung zusammen, durch das Wort beleidigt, ganz außer sich über die Anspielung, die sie herauszuhören meinte. – Auf wen geht das? – Nun, meiner Treu, auf Hans. Es ist furchtbar komisch, sie so neben einander zu sehn. Sie flüsterte mit leiser, vor Bewegung zitternder Stimme: – Peter, Du bist hart. Diese Frau ist die Anständigkeit selbst. Dein Bruder könnte nichts Besseres finden. Jetzt lachte er laut heraus, abgehackt und absichtlich: – Ha! Ha! Ha! Die Anständigkeit selbst. Alle Frauen sind die Anständigkeit selbst ... und alle Männer tragen Hörner. Ha! Ha! Sie erhob sich, ohne zu antworten und ging schnell den Strand hinunter, auf die Gefahr hin, auszurutschen und in eines der Löcher zu stürzen, die sich unter dem Gras verbargen, und sich Bein oder Arm zu brechen. Sie lief fast, wie sie so hinging, trat in die Tümpel hinein und in die Lachen, ohne es zu merken, und ging geraden Weges zu ihrem anderen Sohn. Als Hans sie kommen sah, rief er: – Nun, Mama, willst Du auch anfangen? Ohne zu antworten, nahm sie seinen Arm, als wollte sie sagen: »Rette mich, verteidige mich!« Er gewahrte ihre Verlegenheit und fragte sehr erstaunt: – Du bist ja ganz blaß. Was hast Du denn? Sie stammelte: – Ich wäre beinah gefallen. Ich fürchtete mich auf den Felsen. Da führte sie Hans, stützte sie und erklärte ihr, wie man Krebse finge, damit sie sich dafür interessieren sollte. Aber sie hörte kaum zu. Und da er das dringende Bedürfnis fühlte, sich jemand anzuvertrauen, zog er sie ein Stück fort und sagte leise: – Rate mal, was ich gethan habe. – Ja, ich ... ich ... ich weiß ja nicht. – Rate doch! – Ich weiß nicht. – Nun, ich habe Frau Rosémilly gesagt, daß ich sie heiraten möchte. Sie antwortete nicht. Der Kopf wirbelte ihr, sie war so verzweifelt, daß sie kaum verstand, was er sagte. Und sie fragte: – Sie heiraten? – Ja. Habe ich nicht recht gethan? Sie ist doch reizend, nicht wahr? – Ja, reizend. Du hast ganz recht gethan. – Dann bist Du einverstanden? – Ja, ganz einverstanden. – Du sagst das so komisch, man könnte beinah glauben, daß Du nicht zufrieden bist. – Aber doch, ich bin zufrieden. – Wirklich? – Wahrhaftig. Und um es ihm zu beweisen, schloß sie ihn in die Arme, küßte ihn lange mit mütterlicher Zärtlichkeit auf die Wangen. Als sie sich dann die Augen abgewischt, die voll Thränen standen, sah sie drüben am Ufer einen Körper ausgestreckt auf dem Bauche liegen, das Gesicht in die Kiesel gedrückt – wie einen Leichnam: das war ihr anderer Sohn, Peter, der sich seinen verzweifelten Gedanken überließ. Da führte sie ihr Hänschen noch ein Stück fort, nahe ans Meer. Und sie sprachen lange von dieser Heirat, an der ihr Herz hing. Die Flut kam und trieb sie zu den Fischenden hinauf, die sie bald einholten. Dann gingen alle zur Küste zurück. Man weckte Peter, der gethan, als ob er schlief. Und die Mahlzeit dauerte lange, es wurde viel getrunken. VII Als sie zurückfuhren, schliefen, außer Hans, alle Männer im Wagen. Beausire und Roland sanken alle fünf Minuten auf eine andere Nachbarschulter, von der sie durch einen Stoß des Wagens wieder zurückschnellten. Dann richteten sie sich auf, hörten auf zu schnarchen, öffneten die Augen und brummten: – Wunderschön heute. Beinah sofort sanken sie nach der anderen Seite wieder zurück. Als sie nach Havre kamen, waren sie so verschlafen, daß man sie kaum aufrütteln konnte, und Beausire weigerte sich sogar, mit zu Hans hinauf zu kommen, wo sie der Thee erwartete. Man mußte ihn nach Haus schaffen. Der junge Advokat sollte zum erstenmal in seiner neuen Wohnung schlafen. Und plötzlich hatte ihn eine große kindliche Freude gepackt, gerade an diesem Abend seiner Braut die Wohnung zu zeigen, in die sie bald einziehen sollte. Das Mädchen war fortgegangen. Frau Roland hatte erklärt, daß sie Wasser kochen und alles selbst anrichten wollte; denn sie liebte nicht, daß das Mädchen aufblieb, aus Furcht vor Feuersgefahr. Außer ihr, ihrem Sohn und den Handwerkern war noch niemand in der Wohnung gewesen, da die Überraschung eine vollständige sein sollte, wenn man sehen würde, wie hübsch es hier war. Im Flur bat Hans, sie möchten warten. Er wollte erst die Lichter und Lampen anstecken und ließ so lange Frau Rosémilly, seinen Vater und seinen Bruder im Dunklen, bis er »Herein« rief, indem er beide Flügelthüren öffnete. Die Glashalle war durch einen Kronleuchter und farbige Lichter, die zwischen den Palmen, Gummibäumen und Blumen versteckt waren, erhellt, so daß sie den Eindruck einer Theaterdekoration machte. Einen Augenblick herrschte allgemeines Erstaunen. Roland brummte, ganz geblendet von dem Luxus: – Dunnerlitzchen! – Er hatte Lust, in die Hände zu klatschen, wie im Theater. Dann traten sie in den ersten kleinen Salon, dessen Wände mit goldgelbem Stoff bespannt waren, genau so wie die Stühle. Das große Konsultationszimmer war einfach, in lachsfarbenem Rot gehalten und sah großartig aus. Hans setzte sich in den Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch, auf dem eine Menge Bücher standen, und sagte mit ernster Stimme, etwas geziert: – Jawohl, meine gnädige Frau, der Wortlaut des Gesetzes ist so und giebt mir mit der Zustimmung, von der ich Ihnen gesprochen, die vollkommene Sicherheit, daß die Angelegenheit, von der wir uns unterhalten haben, noch vor Ablauf eines Vierteljahres eine glückliche Lösung finden wird. Er sah Frau Rosémilly an. Diese begann zu lächeln und blickte ihrerseits Frau Roland an. Frau Roland nahm ihre Hand und drückte sie. Hans war glückselig und machte einen Luftsprung wie ein Schüler, indem er rief: – Hört nur, wie's hier klingt. Hier müßte man plaidieren in dem Zimmer: Und er begann zu predigen: – Wenn die Menschlichkeit allein, wenn das Mitgefühl, das wir allem Leiden gegenüber empfinden, Sie zur Freisprechung, die wir von Ihnen fordern, bewegen sollte, würden wir uns an Ihr Mitleid wenden, meine Herren Geschwornen. Wir würden an Ihre Herzen als Väter und Männer appellieren. Aber auf unserer Seite steht das Recht, und wir werden uns also vor Ihnen hier auf den Rechtsstandpunkt stellen. Peter sah sich diese Wohnung an, die die seine hätte sein können, und ärgerte sich über die Scherze seines Bruders, die er albern und geistlos fand. Frau Roland öffnete rechts eine Thür: – Das ist das Schlafzimmer! – sagte sie. Sie hatte ihre ganze Mutterliebe aufgewendet, hier alles hübsch in Ordnung zu bringen. Die Wände waren mit Cretonne aus Rouen bespannt, eine Nachahmung alter normannischer Leinwand. Das Muster im Stile Ludwig XV., – eine Schäferin in einem Medaillon, das durch die verbundenen Schnäbel zweier Tauben geschlossen wurde, – gab den Wänden, den Vorhängen, dem Bett, den Stühlen etwas reizend Ländliches und Galantes. – O, das ist entzückend! – sagte Frau Rosémilly, die etwas ernst geworden war, als sie in dieses Zimmer trat. – Gefällt es Ihnen? – fragte Hans. – Sehr. – Wenn Sie wüßten, wie mich das freut. Sie blickten sich eine Sekunde mit zärtlichem Vertrauen in die Augen. Aber sie fühlte sich doch etwas geniert, etwas verlegen in diesem Schlafzimmer, das ihr Ehegemach werden sollte. Als sie eingetreten waren, hatte sie die Wahrnehmung gemacht, daß das Bett sehr breit sei, ein richtiges Ehebett, von Frau Roland ausgesucht, die ohne Zweifel eine baldige Verheiratung ihres Sohnes vorausgesehn und gewünscht. Und diese zarte mütterliche Vorsorge machte ihr Spaß, weil sie ihr zu sagen schien, daß man sie in der Familie erwartete. Als man dann in den Salon zurückgekehrt war, öffnete Hans plötzlich die Thür, und man sah das dreifenstrige runde Eßzimmer wie eine japanische Laterne ausgestattet. Mutter und Sohn hatten hier alle Phantasie, die sie besaßen, aufgewendet. In dem Zimmer standen Bambusmöbel, Pagoden, Vasen, goldgestickte Seidenstoffe hingen da, durchsichtige Stores befanden sich an den Fenstern mit Glaskugeln wie einzelne Wassertropfen. An die Wände waren Fächer genagelt, um die Stoffe zu raffen, dann Schirme, Säbel, Masken, Kraniche mit wirklichen Federn und all jene verschiedenen kleinen Gegenstände aus Porzellan, Holz, Papier, Elfenbein, Perlmutter, Bronce. Das sah etwas prätentiös und geschmacklos aus, wie es ein ungeschultes Auge, eine plumpe Hand diesen Dingen, die am meisten Takt, Geschmack und künstlerisches Gefühl brauchen, eben leicht giebt. Aber dies Zimmer bewunderte man am meisten. Nur Peter machte ein paar bitter ironische Bemerkungen, und sein Bruder fühlte sich verletzt. Auf dem Tisch erhoben sich Früchte in Pyramidenform und hoch aufgebaute Konditorwaren. Eigentlich hatte niemand Hunger. Man aß ein paar Früchte und knabberte die Süßigkeiten mehr, als daß man sie aß. Dann nach Ablauf einer Stunde bat Frau Rosémilly, sich zurückziehen zu dürfen. Es wurde beschlossen, daß Vater Roland sie nach Haus bringen sollte, und daß er augenblicklich mit ihr fortginge, während Frau Roland in der Abwesenheit des Mädchens noch einmal mit dem Auge der Mutter die ganze Wohnung durchgehen wollte, um zu sehen, ob ihrem Sohn auch nichts fehle. – Muß ich wieder herkommen, um Dich zu holen? – fragte Roland. Sie zuckte die Achseln, dann antwortete sie: – Nein, Dicker, geh nur zu Bett. Peter bringt mich nach Haus. Sobald sie fort waren, löschte sie die Lichter aus, schloß Kuchen und Zucker und Schnaps in einen Schrank, dessen Schlüssel Hans bekam. Dann ging sie ins Schlafzimmer, deckte das Bett ab, sah nach, ob frisches Wasser in der Karaffe und ob das Fenster gut geschlossen war. Peter und Hans blieben im kleinen Salon; Hans noch immer etwas verletzt über des anderen Urteil wegen seines Geschmacks, und Peter immer unwilliger darüber, seinen Bruder in dieser Wohnung zu sehen. Sie saßen beide da und rauchten, ohne zu sprechen. Da stand plötzlich Peter auf. – Verflucht, – sagte er, – die Witwe sah heute abend recht ramponiert aus. So ein Ausflug bekommt ihr gar nicht gut. Da packte Hans einer jener plötzlichen Wutanfälle gutmütiger Menschen, die man tödlich verletzt hat. Er war so erregt, daß er keinen Atem bekam und stotterte: – Ich verbiete Dir von jetzt ab, ›die Witwe‹ zu sagen, wenn Du von Frau Rosémilly sprichst. Peter wendete sich zu ihm und antwortete von oben herab: – Ich glaube gar, Du willst mir was befehlen! Du bist wohl verrückt geworden. Hans fuhr auf: – Ich bin nicht verrückt geworden, aber ich habe genug von Deinem Benehmen mir gegenüber. Peter lachte laut auf: – Dir gegenüber! Bist Du etwa ein Teil von Frau Rosémilly? – Gut, dann will ich Dir sagen, daß Frau Rosémilly meine Frau werden wird. Der andere lachte noch mehr: – Ha, ha! Ausgezeichnet! Jetzt kapiere ich, warum ich sie nicht mehr ›die Witwe‹ nennen soll. Aber das ist eine komische Art, mir Deine Verlobung mitzuteilen. – Ich verbitte mir solche Scherze. Hörst Du, das verbitte ich mir. Hans war, bleich, mit zitternder Stimme, ganz zur Verzweiflung gebracht über die Ironie, mit der jener die Frau angriff, die er liebte und die er erwählt, an seinen Bruder herangetreten. Aber auch Peter wurde plötzlich wütend. Alles was seit einiger Zeit sich in ihm an ohnmächtiger Wut, an zurückgehaltenem Haß, an gedämpfter Empörung, an schweigender Verzweiflung angehäuft, stieg ihm zu Kopfe, wie eine Blutwelle. – Das wagst Du! Das wagst Du! Ich befehle Dir zu schweigen. Hörst Du, das befehle ich Dir. Hans, der ganz überrascht war von diesem Ausbruch, schwieg ein paar Sekunden, suchte in der Geistesverwirrung, die uns in der Wut überkommt, Worte, Dinge, Redensarten, um den Bruder tödlich zu verletzen. Und er sagte, indem er sich zu möglichster Mäßigung zwang, um ihn desto besser zu treffen, und indem er langsam sprach, um seine Worte bittrer zu machen: – Ich habe schon lange bemerkt, daß Du neidisch auf mich bist. Von dem Tage ab, wo Du angefangen hast, ›die Witwe‹ zu sagen, weil Du merktest, daß mich das verletzt. Peter antwortete mit seinem gewohnten verächtlichen, schneidenden Lachen: – Ha! Ha! Mein Gott, neidisch auf Dich! Ich, ich. Weswegen denn? Um Gottes willen, weswegen denn? Wegen Deines Gesichts oder Deines Verstandes? Aber Hans fühlte wohl, daß er die wunde Stelle dieses Herzens getroffen: – Ja, Du bist neidisch auf mich, neidisch von unsrer Kinderzeit an. Und jetzt bist Du wütend geworden, als Du einsahst, daß diese Frau mich vorzieht und Dich nicht will. Peter stotterte, außer sich über diese Unterschiebung: – Ich, ich neidisch auf Dich! Wegen dieser Strohpuppe! Wegen dieses Kamels! Wegen dieser dicken Gans! Hans, der fühlte, daß sein Hieb gesessen, antwortete: – Nun und damals, als Du versuchtest stärker zu rudern als ich, auf der »Perle«? Weißt Du noch alles, was Du damals gesagt hast, um vor ihr zu renommieren. Du platzst ja vor Neid. Und als ich das Geld geerbt, da bist Du toll geworden. Du hast mich gehaßt, Du hast's auf alle Art gezeigt, Du hast alle anderen gequält, und unausgesetzt spuckst Du Dein Gift, an dem Du fast erstickst, aus. Peter krampfte in solcher Wut die Fäuste zusammen, daß er Lust hatte, seinem Bruder an die Kehle zu springen und ihn zu würgen. – Schweig darüber! Von dem Gelde sprich nicht. Hans rief: – Der Neid schwitzt Dir ja aus allen Poren. Du kannst kein Wort mehr zu Vater, Mutter oder mir sagen, aus dem nicht der Neid klingt. Du tust, als verachtest Du mich, weil Du neidisch bist. Du suchst mit allen Leuten Krakehl, weil Du neidisch bist. Und jetzt, wo ich reich geworden bin, kannst Du gar nicht mehr. Du bist ganz giftig geworden. Du schindest die Mutter, als ob sie daran schuld wäre. Peter war bis an den Kamin zurückgewichen, den Mund offen, mit starren Augen, von einem jener Wutanfälle gepackt, die zum Verbrechen treiben. Er antwortete mit leiserer, aber keuchender Stimme: – Schweige doch, schweige doch! – Nein. Ich habe Dir schon lange sagen wollen, was ich eigentlich denke. Jetzt veranlaßt Du es, daß ich's thue. Meinetwegen. Ich liebe eine Frau. Du weißt es, und Du ziehst sie in meiner Gegenwart auf, so treibst Du mich zum Äußersten. Schlimm genug für Dich, aber ich werde Dir die Giftzähne ausbrechen. Ich will Dich schon zwingen, Achtung vor mir zu haben. – Achtung vor Dir? – Ja, vor mir! – Achtung vor Dir, Dir, der uns entehrt hat durch seine Geldgier. – Was sagst Du! Sag das noch einmal. Sag das noch einmal. – Ich sage Dir, daß man das Geld eines Mannes nicht annimmt, wenn man für den Sohn eines anderen gilt. Hans blieb unbeweglich stehen. Er begriff garnicht, ganz verstört angesichts dieser Unterschiebung, die er ahnte: – Was sagst Du da? Sag das noch einmal. – Ich sage nur das, was sich alle zuflüstern, was alle kolportieren, daß Du der Sohn des Mannes bist, der Dir sein Geld hinterlassen hat. Nun, ein anständiger Mensch nimmt nicht Geld an, das seine Mutter entehrt. – Peter! Peter! Peter! Überlegst Du Dir ... Du, Du sagst solch ein Gemeinheit?! – Ja, ich, ich. Kapierst Du denn nicht, daß ich seit einem Monat vor Kummer darüber umkomme. Daß ich nachts nicht schlafen kann und mich am Tag verstecke wie ein verwundetes Tier. Daß ich nicht mehr weiß, was ich sage und thue, noch was aus mir werden soll, weil ich so leide, weil Scham und Schmerz mich so verrückt machen, denn ich habe es zuerst geahnt, – und jetzt weiß ich's. – Peter – schweige! Mama ist im Nebenzimmer, bedenke, daß sie uns hören kann, daß sie uns hört. Aber er mußte sein Herz erleichtern. Und er setzte alle seine Zweifel, seine Überlegungen, seine Kämpfe auseinander, seine Gewißheit und erzählte die Geschichte des Bildes, das wieder verschwunden war. Er sprach in kurzen, abgehackten Sätzen, beinah ohne Zusammenhang, wie ein Irrsinniger. Er schien, Hans und seine Mutter vergessen zu haben. Er redete, als hörte ihn niemand, weil er reden mußte, weil er zu viel gelitten, seine Qual zu lange verschlossen und verborgen. Sie war angewachsen wie ein Schwär, und dieser Schwär brach auf und bespritzte alle Welt mit Eiter. Wie er es immer that, begann er, auf und nieder zu gehen. Die Augen starr vor sich hin gerichtet, gestikulierte er, in äußerster Verzweiflung schluchzend, sich in Selbstanklagen ergehend. Er sprach, als hätte er all sein Elend und das Elend der Seinen gebeichtet, als hätte er seine Qual hinausgeschleudert in die unsichtbare taube Luft, in der seine Worte verklangen. Hans war ganz verzweifelt und war plötzlich beinah überzeugt durch die blinde Wut seines Bruders. Er lehnte sich an die Thür, hinter der seine Mutter war, die, wie er meinte, sie gehört haben mußte. Sie konnte nicht heraus, sie mußte durch den Salon. Sie war nicht zurückgekommen – sie hatte es also nicht gewagt. Peter stampfte plötzlich mit dem Fuß auf und rief: – Ja, ich weiß, ich bin ein Vieh, sowas gesagt zu haben. Und er floh barhaupt die Treppe hinab. Der Krach, mit dem die große Hausthür zufiel, schreckte Hans aus dem starren Entsetzen auf, in das er versunken. Ein paar Sekunden waren vergangen, die ihm länger schienen als Stunden. Und seine Seele war verfallen in stummes idiotisches Brüten. Er fühlte wohl, daß er nachher nachdenken und handeln mußte. Aber er wartete, er wollte nichts mehr verstehen und wissen, sich nicht erinnern in seiner Angst, Schwäche und Feigheit. Er war von jenen, die alles auf den nächsten Tag schieben, und wenn er durchaus augenblicklich einen Entschluß fassen mußte, so suchte er instinktmäßig wenigstens noch ein paar Augenblicke zu gewinnen. Aber die tiefe Stille, die ihn jetzt umgab nach Peters Gebrüll, diese Stille, die von den Wänden, den Möbeln kam, im hellen Licht der sechs Kerzen und der zwei Lampen, erschreckte ihn plötzlich, so daß er Lust hatte, auch zu entfliehen. Da gab er Gehirn und Herz einen Stoß und suchte nachzudenken. Noch nie in seinem Leben hatte er eine Schwierigkeit gehabt. Es giebt Menschen, die sich treiben lassen, wie das Wasser, das bergab rinnt. Er war fleißig gewesen auf der Schule, um nicht bestraft zu werden, hatte mit größter Gewissenhaftigkeit studiert, so daß sein ganzes Leben ruhig dahinfloß. Alles auf der Welt schien ihm natürlich zu sein, wie es war und erregte seine Aufmerksamkeit nicht. Er liebte Ordnung, Vernunft und Ruhe, seiner Natur gemäß. Sein Charakter hatte keine Strömungen und Gegenströmungen. Und angesichts dieser Katastrophe war ihm zu Mute wie einem Mann, der ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann. Er versuchte zuerst zu zweifeln. Hatte sein Bruder aus Haß und Neid gelogen? Aber wie hätte er so niederträchtig sein können, so etwas von ihrer Mutter zu sagen, wenn ihn nicht selbst die Verzweiflung dazu gebracht? Und dann klangen Hans noch immer im Ohr, sah er noch vor sich nnd behielt er noch in den Nerven, im Innersten seiner Seele gewisse Worte, einen Schmerzensschrei, Bewegungen und Töne Peters, die so qnalvoll gewesen, daß sie unwiderstehlich wirkten, daß sie wie eine Gewißheit waren. Er war zu niedergeschmettert, um nur eine Bewegung zu machen, einen Willen zu haben. Seine Traurigkeit wurde unerträglich. Und er fühlte, daß hinter der Thür seine Mutter war, daß sie alles gehört hatte und wartete. Was that sie? Kein Laut, kein Zucken, kein Hauch, kein Seufzer verriet die Anwesenheit eines Menschen hinter diesen Brettern. Sollte sie entflohen sein. Aber wohin? Wenn sie entflohen war, konnte sie nur durch das Fenster auf die Straße gesprungen sein. Da packte ihn ein fürchterliches Entsetzen, so zwingend, so überwältigend, daß er die Thür mehr einstieß, als aufriß und in das Zimmer stürzte. Es schien leer. Nur ein Licht, das auf der Kommode stand, erleuchtete es. Hans eilte ans Fenster. Es war geschlossen, die Läden vor. Er drehte sich um, durchsuchte die dunklen Ecken mit ängstlichem Blick und entdeckte, daß die Vorhänge des Bettes zugezogen waren. Er lief hin, riß sie auseinander. Seine Mutter ruhte auf dem Lager, das Gesicht in das Kopfkissen vergraben, das sie mit den zusammengekrampften Händen über den Kopf gezogen hatte, um nichts mehr zu hören. Er meinte zuerst, sie sei erstickt. Dann packte er sie bei den Schultern, wendete sie um, ohne daß sie das Kopfkissen losließ, das ihr Gesicht verbarg und in das sie biß, um nicht zu schreien. Aber die Berührung mit diesem starren Körper, mit diesen krampfhaft geschlossenen Armen zeigte ihm ihre furchtbare Qual. Er erriet aus der Energie und Kraft, mit der sie mit Fingern und Zähnen das geblähte Federkissen an den Mund, auf Augen und Ohren preßte, damit er sie nicht sähe und nicht mit ihr spräche, erriet durch die Erschütterung, die sich ihm mitteilte, wie entsetzlich man leiden kann. Und sein Herz, seine einfache Seele ward von Mitleid zerrissen. Er war nicht ihr Richter, nicht einmal ihr nachsichtiger Richter, er war ein Mensch voll Schwäche und ein zärtlicher Sohn. Er wußte nichts mehr davon, was der andere ihm gesagt hatte. Er dachte nicht nach, er redete nicht, er streichelte nur mit seinen Händen den starren Körper seiner Mutter. Und da er das Kissen nicht von ihrem Gesicht reißen konnte, küßte er ihr Kleid und rief: – Mama! Mama! Meine arme Mama! Sieh mich an. Man hätte sie für tot halten können, wenn nicht über ihre Kleider ein fast unfühlbares Zittern gelaufen wäre, wie das Beben einer gespannten Saite. Er wiederholte: – Mama! Mama! Höre mich an. Es ist nicht wahr. Ich weiß, daß es nicht wahr ist. Sie bekam wieder einen Krampf, ein Schütteln. Dann plötzlich schluchzte sie unter dem Kissen. Da ließ die Spannung ihrer Nerven nach, ihre starren Muskeln wurden weich, ihre Finger öffneten sich halb, ließen das Kissen los, und er entblößte ihr Gesicht. Es war bleich, totenbleich. Und aus ihren geschlossenen Lidern tropften Thränen. Er schlang seine Arme um sie, er küßte ihre Augen langsam mit langen Verzweiflungsküssen, die sich mit ihren Thränen mischten. Und er sagte immerfort: – Mama, meine liebe Mama! Ich weiß ja, es ist nicht wahr. Weine nicht, ich weiß es, es ist nicht wahr. Sie erhob sich, setzte sich auf, blickte ihn an, und mit jener äußersten Mutanstrengung, die man unter gewissen Umständen bedarf um sich zu töten, sagte sie zu ihm: – Doch, es ist wahr mein Kind. Und schweigend blieben sie einander gegenüber. Sie schluchzte noch ein paar Augenblicke, hob die Brust und neigte den Kopf rückwärts um zu atmen. Dann überwand sie sich wieder und sagte noch einmal: – Es ist wahr, mein Kind. Wozu lügen. Es ist wahr. Du würdest mir doch nicht glauben, wenn ich löge. Sie sah aus wie eine Verrückte. Im Entsetzen sank er auf die Knie neben dem Bett und flüsterte: – Schweige, Mama. Schweige doch. Sie war aufgestanden mit entsetzlicher Energie und sagte entschlossen: – Aber ich habe Dir nichts mehr zu sagen, mein Kind. Adieu. Und sie ging zur Thür. Er schloß sie in die Arme und rief: – Mama, was willst Du thun, wo gehst Du hin? – Ich weiß nicht. Wie soll ich's wissen? Ich habe nichts mehr zu thun – ich bin ja ganz allein. Sie machte sich los und wollte fliehen. Er hielt sie zurück und fand nur ein Wort, das er immer wiederholte: – Mama! Mama! Mama! Und sie sagte, indem sie sich bemühte, seine Umarmung abzuschütteln: – Nein, nein. Ich bin Deine Mutter jetzt nicht mehr, ich bin nichts mehr für Dich, für niemand. Nichts, nichts. Du hast keinen Vater mehr, keine Mutter mehr, mein armes Kind. Leb wohl! Er begriff plötzlich, daß, wenn er sie fortließ, er sie nie wieder sehen würde. Und er hob sie auf und trug sie zu einem Lehnstuhl, setzte sie mit aller Gewalt hinein, kniete vor ihr nieder und umschlang sie fest mit seinen Armen: – Du wirst nicht fortgehen, Mama. Ich liebe Dich und behalte Dich bei mir. Du bleibst immer bei mir. Du gehörst mir. Sie flüsterte mit müder Stimme: – Nein, mein armer Junge, das ist nicht mehr möglich. Heute abend weinst Du, und morgen würdest Du mich vor die Thür setzen. Du wirst mir auch nicht verzeihen. Er antwortete mit solch stürmischer, aufrichtiger Liebe: – Ich? Ich? Du kennst mich ja gar nicht! – daß sie einen Schrei ausstieß, mit beiden Händen in sein Haar griff, seinen Kopf nahm, ihn heftig an sich zog und ihn wie wütend über das ganze Gesicht küßte. Dann blieb sie unbeweglich, die Wange gegen die Wange ihres Sohnes gelehnt und fühlte durch den Bart hindurch wie sein Fleisch brannte. Und sie sagte ihm ganz leise ins Ohr: – Nein, Hänschen, morgen würdest Du mir nicht mehr verzeihen. Du glaubst es jetzt, aber Du täuschest Dich; heute abend hast Du mir verziehen, und diese Verzeihung hat mir das Leben gerettet. Aber Du darfst mich nicht wiedersehen. Er preßte sie an sich: – Mama, sag das nicht. – Doch, mein Kind. Ich muß fort. Ich weiß nicht, wohin, ich weiß nicht, was ich thun werde, was ich sagen will. Aber es muß sein. Ich kann Dich nicht wieder ansehen. Dich nicht mehr küssen. Verstehst Du das nicht? Nun flüsterte er ihr leise ins Ohr: – Mein liebes Mütterchen, Du bleibst! Ich will es und ich brauche Dich. Du mußt mir schwören, daß Du mir gehorchst, und zwar sofort. – Nein, mein Kind. – O Mama, Du mußt. Hörst Du, Du mußt. – Nein, mein Kind, das ist unmöglich. Ich mache uns ja allen das Leben zur Hölle. Ich weiß seit vier Wochen, was das für eine Qual ist. Du bist jetzt weich, aber wenn das vorüber ist, wenn Du mich ansiehst, wie Peter mich ansieht, wenn Du daran denkst, was ich Dir gesagt habe, – nein, mein Hänschen. Denke doch, denke doch, ich bin Deine Mutter. – Du darfst nicht fort, Mama, ich habe nur Dich. – Aber denke doch, mein Sohn, daß wir uns garnicht mehr ansehen können, ohne rot zu werden, ohne daß ich vor Scham sterbe, und daß ich vor Deinem Blick meine Augen zu Boden schlagen muß. – Das ist nicht wahr, Mama. – Ja, ja, ja, es ist wahr. Ach, ich habe ja all die Kämpfe wohl verstanden, die Dein armer Bruder durchgemacht hat, vom ersten Tage ab. Wenn ich jetzt nur seinen Schritt im Haus höre, klopft mir das Herz, als wollte es die Brust zersprengen. Wenn ich seine Stimme höre, ist mir, als würde ich ohnmächtig. Dich hatte ich noch, Dich. Jetzt habe ich auch Dich nicht mehr. O mein Hänschen, glaubst Du, ich könnte es aushalten, zwischen euch weiter zu leben? – Doch, Mama. Ich will Dich so lieb haben, daß Du nicht mehr daran denkst. – Ach, das ist ja nicht möglich! – Ja, es ist möglich. – Aber wie soll das möglich sein, daß ich nicht mehr daran denke, immer zwischen Deinem Bruder und Dir. Werdet ihr denn nicht mehr daran denken? – Ich kann's Dir schwören. – Aber Du wirst jeden Augenblick den ganzen Tag über immer daran denken. – Nein, das schwöre ich Dir. Und dann hör zu, wenn Du fortgehst, gehe ich in den Krieg und lasse mich totschießen. Sie war zu Tode erschrocken durch diese kindliche Drohung und umarmte Hans und streichelte ihn mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Er fuhr fort: – Ich liebe Dich mehr, als Du denkst, viel viel mehr. Nun sei vernünftig, versuche nur mal, acht Tage da zu bleiben. Willst Du mir das versprechen? Acht Tage, das kannst Du mir nicht abschlagen. Sie legte beide Hände auf Hans' Schultern, und indem sie ihn mit ausgestreckten Armen von sich abhielt, sagte sie: – Mein Kind, wir wollen versuchen, ruhig zu sein, und nicht weich werden. Laß mich zuerst mal mit Dir sprechen. Wenn ich von Deinen Lippen nur ein einziges Mal das hörte, was ich seit vier Wochen von Deinem Bruder höre, wenn ich nur ein einziges Mal in Deinen Augen lesen müßte, was ich in den seinen lese, wenn ich nur durch ein Wort, durch einen Blick merken sollte, daß ich Dir verhaßt bin wie ihm, eine Stunde darauf, hörst Du, eine Stunde später wäre ich fort auf Nimmerwiedersehn. – Mama, ich schwöre Dir ... – Laß mich ausreden. Seit vier Wochen habe ich so gelitten, wie ein Mensch nur leiden kann. Vom Augenblick an, wo ich begriff, daß Dein Bruder, daß mein anderer Sohn mich in Verdacht hatte, daß er von Minute zu Minute mehr die Wahrheit erriet, waren alle Augenblicke meines Lebens eine Qual, wie ich sie Dir nicht ausdrücken kann. Es klang ein so schmerzlicher Ton aus ihrer Stimme, daß Hans mit ihr litt, und seine Augen sich mit Thränen füllten. Er wollte sie küssen, aber sie stieß ihn zurück: – Laß mich. Hör mich an. Ich muß Dir noch viel sagen, damit Du alles verstehst. Aber Du wirst es nicht verstehen. Wenn ich nämlich bleiben sollte, müßte .... Nein, ich kann nicht. – Sage doch, Mama, sage. – Nun also gut. Dann habe ich Dich wenigstens nicht hintergangen. Ich soll bei Dir bleiben, nichtwahr? Damit dies möglich ist, damit wir uns noch sehen noch sprechen, noch den ganzen Tag über im Haus treffen können – denn ich wage ja keine Thür mehr aufzumachen, immer in der Angst, daß Dein Bruder dahinter steht, – dazu brauchst Du mir nicht zu verzeihen, – nichts thut weher als Verzeihen – nein, nur zürnen darfst Du mir nicht um des Geschehenen willen. Du müßtest Dich stark genug fühlen, anders wie andere Menschen, um Dir, ohne zu erröten, sagen zu können, daß Du nicht Rolands Sohn bist. Ich habe genug gelitten, ich habe zu viel gelitten. Ich kann nicht mehr. Nein, nein, ich kann nicht mehr. Und das ist nicht seit gestern erst, das ist schon lange. Aber das kannst Du nie begreifen. Damit wir noch zusammen leben, uns noch küssen, uns umarmen können, mein Hänschen, merke wohl, daß, wenn ich auch die Geliebte Deines Vaters gewesen bin, ich doch noch mehr seine Frau, seine richtige Frau war, daß ich im Grunde meines Herzens mich nicht schäme, daß ich nichts bedauere und daß ich ihn noch liebe, ihn, der tot ist. Daß ich ihn immer lieben werde, daß ich nur ihn geliebt habe, daß er mein ganzes Lebensglück, alle meine Hoffnung, mein Trost gewesen ist, mir alles, alles war, – so lange, lange Zeit. Höre mein Kind, vor Gott, der mich hört, nie hätte ich in meinem Leben etwas Gutes, Schönes gehabt, wenn ich ihm nicht begegnet wäre, nie Zärtlichkeit, Milde und Weichheit, keine jener Stunden, die es uns so schwer machen, alt zu werden. Ich verdanke ihm alles. Ich habe nur ihn besessen auf der Welt und euch beide, Deinen Bruder und Dich, ohne euch wäre alles leer, schwarz, tot wie die Nacht. Ich hätte nie etwas geliebt, nichts gekannt, nichts gewünscht. Ich würde nur geweint haben, denn ich habe viel geweint, mein Hänschen. Jawohl, ich habe geweint, seitdem wir hierher gekommen sind. Ich hatte mich ihm geschenkt mit Leib und Seele auf alle Ewigkeit, mit vollstem Glück. Und mehr als zehn Jahre bin ich seine Frau gewesen, wie er vor Gott mein Mann war, vor Gott, der uns geschaffen hatte eines für das andere. Und dann fühlte ich, daß er mich weniger lieb hatte. Er war immer noch gut und zuvorkommend gegen mich, aber ich war ihm nicht mehr das, was ich ihm einst gewesen war. Es ging zu Ende. O was habe ich geweint! Das Leben ist so elend, ein einziger großer Betrug. Nichts bleibt. Und nun sind wir hierher gekommen. Ich habe ihn nie wiedergesehen, er ist nie gekommen. Er versprach es in jedem Brief, ich erwartete ihn immer. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Und nun ist er tot. Aber er liebte uns noch, da er doch an Dich gedacht hat. Ich werde ihn lieben bis zu meinem letzten Hauch. Und ich liebe Dich, weil Du sein Kind bist, und vor Dir kann ich mich seiner nicht schämen. Verstehst Du, das könnte ich nie. Wenn ich bleiben soll, mußt Du es hinnehmen, daß Du sein Sohn bist, und wir müssen ab und zu von ihm sprechen dürfen, und Du mußt ihn ein wenig lieb haben, und wenn wir uns ansehen, müssen wir seiner gedenken. Wenn Du das nicht willst, wenn Du das nicht kannst, dann leb wohl mein Kind. Dann können wir nicht mehr beieinander bleiben. Jetzt will ich das thun, was Du entscheidest. Hans antwortete mit weicher Stimme: – Bleibe, Mama. Sie drückte ihn in die Arme und begann wieder zu weinen. Dann sagte sie, mit ihm Wange an Wange gelehnt: – Ja, aber was soll aus Peter werden? Hans flüsterte: – Wir wollen schon etwas für ihn finden. Du kannst nicht mehr mit ihm zusammen leben. Beim Gedanken an den Ältesten zog sich ihr das Herz zusammen: – Nein, das kann ich nicht, kann ich nicht, kann ich nicht. Sie warf sich an Hans' Brust und rief in Todesverzweiflung: – Rette mich vor ihm, Du, mein Kleiner, rette mich! Thu irgend etwas, ich weiß nicht was. Finde etwas. Nur rette mich. – Ja, Mama, ich werde etwas suchen. – Sofort. Es muß sein. Sofort. Verlaß mich nicht. Ich fürchte mich so vor ihm, fürchte mich so. – Ich werde etwas finden, das verspreche ich Dir. – Aber gleich, gleich! Du kannst Dir nicht denken, was in mir vorgeht, wenn ich ihn nur sehe. Dann flüsterte sie ihm ganz leise ins Ohr: – Behalte mich hier bei Dir. Er zögerte, dachte nach und begriff mit seinem gesunden Menschenverstand die Gefahr, die in dieser Lösung lag. Aber er mußte lange sprechen, ihr zureden und mit genauen Beweggründen ihr Entsetzen und ihren Schrecken bannen. – Nur heute nacht, – sagte sie, – nur heute nacht. Du läßt morgen Roland sagen, daß mir unwohl gewesen ist. – Das ist nicht möglich, denn Peter ist nach Haus gekommen. Mama, nun hab doch Mut. Ich will schon alles in Ordnung bringen von morgen ab. Ich werde um neun Uhr bei euch sein. Nun setz Deinen Hut auf, ich bringe Dich hin. – Ich will thun, was Du willst! – sagte sie in kindlicher Ergebung, furchtsam und dankbar. Sie versuchte aufzustehen, aber der Schlag war zu stark gewesen, sie konnte sich nicht auf den Füßen halten. Da gab er ihr Zuckerwasser zu trinken, Alkali einzuatmen und wusch ihr die Schläfe mit Essig. Sie ließ es geschehen, ganz gebrochen aber erleichtert, wie nach einer Entbindung. Endlich konnte sie gehen und nahm seinen Arm. Es schlug drei, als sie am Rathaus vorüberkamen. Vor der Hausthür küßte er sie und sagte: – Adieu, Mama. Sei guten Muts. Mit eiligen Schritten ging sie die schweigende Treppe hinauf, trat in ihr Zimmer, entkleidete sich schnell und glitt, mit der wiedererwachten Erinnerung an die Süßigkeit des einstigen Ehebruchs, neben den schnarchenden Roland. Peter allein schlief nicht im ganzen Haus und hatte sie zurückkommen hören. VIII Als Hans in seine Wohnung zurückgekehrt war, warf er sich auf das Sofa; denn derselbe Kummer und die Sorgen, die seinem Bruder die Lust eingaben, zu entfliehen wie ein gehetztes Tier, wirkten anders auf seine ruhige Natur und machten ihn wie zerschlagen, daß er nicht mehr aufrecht stehen konnte. Er fühlte sich so müde, daß er kaum einer Bewegung fähig zu sein meinte. Er war unfähig zu seinem Bett zu gehen, war schlaff an Körper und Geist, ganz verzweifelt und gebrochen. Die Reinheit seiner Sohnesliebe war nicht getroffen wie bei Peter, jene geheime Würde, die stolze Herzen umgiebt. Aber er war niedergeschmettert durch einen Schicksalsschlag, der zu gleicher Zeit seine liebsten Interessen bedrohte. Als sich seine Seele endlich beruhigt hatte, als seine Gedanken wieder klar geworden waren, wie wild bewegtes Wasser sich glättet, faßte er die Lage ins Auge, wie sie ihm eben enthüllt war. Wenn er das Geheimnis seiner Geburt auf irgend eine andere Weise erfahren hätte, wäre er gewiß empört und tief traurig gewesen. Aber nach dem Streit mit seinem Bruder, nach dieser heftigen brutalen Auseinandersetzung, die seine Nerven erschüttert hatte, war er durch die tiefe Bewegung seiner Mutter bei ihrem Geständnis energielos geworden, so daß er nicht mehr empört sein konnte. Der Stoß, den seine Empfindsamkeit bekommen, war stark genug, um in unwiderstehlicher Liebe alle Vorurteile und alle Regungen der natürlichen Moral fortzufegen. Er war auch nicht der Mann, Widerstand zu leisten. Er liebte keinen Kampf, gegen niemand, am wenigsten gegen sich selbst. Er ergab sich also in das Schicksal. Und aus instinktiver Neigung, aus unendlichem Ruhebedürfnis, weil er ein ruhiges, stilles Leben liebte, erregte ihn sofort alles, was um ihn her vorgehen sollte und ihn traf. Er fühlte, daß es unvermeidlich war, und um es zu bannen, entschloß er sich zu übermenschlicher Anspannung von Energie und Thätigkeit. Sofort, gleich am anderen Morgen mußte das schwere Werk in Angriff genommen werden. Denn auch er hatte für Augenblicke das zwingende Bedürfnis eines sofort zu fassenden Entschlusses, worin die ganze Kraft der Schwachen besteht, die unfähig sind, mit Zähigkeit ihren Willen durchzusetzen. Seine juristische Schulung, die gewohnt war, sich mit komplizierten Sachen zu beschäftigen und sie zu klären, mit Fragen intimer Art, mit zerrütteten Familienverhältnissen, zog sofort alle Schlüsse, die sich aus dem momentanen Seelenzustand seines Bruders ergeben konnten. Er faßte diese Folgen ins Auge, unwillkürlich, beinah in berufsmäßiger Weise, als ob er nach einer Familienkatastrophe die zukünftige Stellung seiner Klienten zu einander zu ordnen gehabt hätte. Eine fortdauernde nahe Beziehung zu Peter war unbedingt unmöglich. Er konnte ihm leicht aus dem Wege gehen, indem er zu Haus blieb. Aber es war beinah undenkbar, daß die Mutter unter demselben Dache mit ihren ältesten Sohn wohnen bleiben durfte. Und lange saß er unbeweglich auf den Kissen, überlegte, fand Lösungen, ließ sie wieder fallen und kam zu keinem Entschluß, der ihn befriedigte. Aber plötzlich traf ihn ein Gedanke, wie ein Donnerschlag. Durfte ein anständiger Mensch ein Vermögen, zu dem er auf die Weise, wie er, gekommen, wirklich behalten. Zuerst antwortete er sich ›nein‹ und beschloß, es den Armen zu geben. Das war hart, aber es ging nicht anders. Er wollte seine Möbel verkaufen, arbeiten wie ein anderer, wie alle, die einen Beruf beginnen. Dieser männliche, schmerzliche Entschluß stachelte seinen Mut an. Er erhob sich und preßte die Stirn gegen die Scheiben. Er war arm gewesen, er würde wieder arm werden, und er starb ja nicht daran. Seine Augen fielen auf die Gaslaterne, die ihm gegenüber auf der anderen Seite der Straße brannte. Als da plötzlich eilig ein Frauenzimmer den Bürgersteig hinabging, dachte er mit einem Male an Frau Rosémilly. Und jene tiefe Erschütterung kam über ihn, die die Folge eines grausamen Gedankens zu sein pflegt. Auf einmal wurden ihm alle unglücklichen Folgen seines Entschlusses klar. Er mußte darauf verzichten, diese Frau zu heiraten, mußte verzichten auf das Glück, auf alles. Konnte er überhaupt so handeln, nun wo er sich gegen sie verpflichtet hatte. Sie hatte ihn erhört, da sie wußte, daß er reich war. Wenn er arm war, würde sie ihn trotzdem nehmen. Aber hatte er das Recht, ihr dieses Opfer zuzumuten? Wäre es nicht besser gewesen, das Geld zu behalten, so zu sagen als ein Depot, das er später den Armen zurückerstatten würde? Und in seiner Seele, in der der Egoismus sich unter der Maske der Anständigkeit verbarg, stritten und kämpften alle verschiedenen Interessen gegeneinander. Die ersten Zweifel machten klugen Erwägungen Platz, erschienen dann abermals, um aufs neue zu verbleichen. Er setzte sich wieder hin und suchte einen neuen Beweggrund, einen zwingenden Vorwand, um seine Zweifel zu bannen und seine angeborene Ehrlichkeit zu überzeugen. Er hatte sich schon zwanzigmal die Frage gestellt: »Da ich nun einmal der Sohn dieses Mannes bin, da ich es weiß und mich damit abfinde, ist es nicht ganz natürlich, daß ich auch seine Erbschaft annehme?« Aber dieses Argument konnte das ›nein‹, das im stillen sein Gewissen sprach, nicht übertäuben. Plötzlich dachte er: »Da ich nicht der Sohn dessen bin, den ich für meinen Vater gehalten habe, kann ich nichts mehr von ihm annehmen, weder bei Lebzeiten noch nach seinem Tode. Das wäre weder anständig noch billig. Das hieße meinem Bruder bestehlen.« Diese neue Art, die Sache anzusehen, erleichterte ihn, beruhigte sein Gewissen. Und er kehrte ans Fenster zurück. »Ja,« sagte er sich, »ich muß auf die Erbschaft von Rolandscher Seite verzichten, die ich Peter ganz allein überlasse, da ich nicht der Sohn seines Vaters bin. Das ist ganz richtig. Ist es nun nicht ebenso richtig, daß ich das Geld meines Vaters behalte?« Da er klar erkannt, daß er Rolands Geld nicht annehmen durfte und sich entschlossen hatte, vollkommen darauf zu verzichten, so kam er mit sich überein, das Vermögen Maréchals zu behalten, denn wenn er alle beide zurückgewiesen hätte, wäre er ein Bettler gewesen. Nachdem diese zarte Angelegenheit einmal geordnet war, kam er wieder auf die Frage zurück, ob Peter bei der Familie bleiben durfte. Wie sollte er ihn fortbringen? Er verzweifelte schon daran, eine praktische Lösung zu finden, als die Pfeife eines Dampfers, der in den Hafen einlief, ihm die Antwort zuzurufen schien und ihn auf eine Idee brachte. Da streckte er sich angezogen, wie er war, auf sein Bett und träumte bis Tagesanbruch. Gegen neun Uhr ging er aus, um sich zu überzeugen, ob sein Entschluß ausgeführt werden könnte. Dann, nachdem er noch einige Erkundigungen eingezogen und ein paar Besuche gemacht, ging er zum Haus seiner Eltern. Die Mutter erwartete ihn. Sie hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. – Wenn Du nicht gekommen wärest, hätte ich niemals gewagt, hinunter zu gehen. Da hörte man Rolands Stimme auf der Treppe: – Himmeldonnerwetter! Heute giebts wohl nichts zu essen. Niemand antwortete, und er brüllte: – Josephine! Gott verdamm mich, was machen Sie denn? Die Stimme des Mädchens klang aus der tiefsten Tiefe des Hauses: – Da bin ich ja. Was wollen Sie denn? – Wo ist die Gnädige? – Die ist oben mit Herrn Hans. Nun rief er, indem er zur oberen Etage hinaufblickte: – Louise! Frau Roland öffnete halb die Thür und antwortete: – Was ist denn, mein Freund? – Nun, wird denn heute nicht gegessen? Sackerment! – Gleich, mein Freund. Wir kommen. Und sie ging, von Hans gefolgt, hinab. Als Roland den jungen Mann sah, rief er: – Da bist Du schon wieder! Du langweilst Dich wohl in Deiner Wohnung? – Nein, Vater, aber ich hatte heute früh mit Mutter zu sprechen. Hans ging ihm entgegen mit ausgestreckter Hand. Und als er den väterlichen Händedruck des Greises sich über seine Finger schließen fühlte, ergriff ihn eine seltsame plötzliche Rührung wie bei einer Trennung und einem Lebewohl auf ewig. Frau Roland fragte: – Ist Peter nicht gekommen? Ihr Mann zuckte die Achseln: – Nein. Das schadet nichts, der kommt immer zu spät. Wir wollen uns nur ohne ihn setzen. Aber sie wendete sich zu Hans: – Du solltest ihn holen, mein Junge. Es kränkt ihn, wenn man nicht auf ihn wartet. – Gut, Mama! Und der junge Mann ging hinaus. Er stieg die Treppe hinauf mit dem fieberhaften Entschluß eines Ängstlichen, der sich mit einem anderen schlagen soll. Als er an der Thür geklopft, antwortete Peter: – Herein. Er trat ein. Der andere schrieb, über die Tischplatte gebeugt. – Guten Morgen! – sagte Hans. Peter stand auf: – Guten Morgen. Sie reichten sich die Hand, als ob nichts geschehen wäre. – Kommst Du nicht zum Frühstück? – Jawohl. Aber ich habe viel zu thun. Die Stimme des ältesten zitterte, und sein ängstliches Auge schien den jüngeren Bruder zu fragen, was er thun sollte. – Man erwartet Dich. – Ah so. Ist denn .... ist denn die Mutter unten? – Ja. Sie schickt mich sogar, um Dich zu holen. – Ah so. Ich komme. Vor der Eßzimmerthür zögerte er zuerst, einzutreten. Dann öffnete er sie mit einem Ruck und sah Vater und Mutter einander gegenüber am Tisch sitzen. Er näherte sich der Mutter, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne ein Wort zu reden, beugte sich nieder und reichte ihr die Stirn zum Kuß, wie er seit langer Zeit that, statt sie wie früher auf beide Wangen zu küssen. Er erriet, daß ihr Mund sich ihm näherte, aber er fühlte nicht die Lippen auf seiner Haut. Und er richtete sich nach dieser Scheinzärtlichkeit mit klopfendem Herzen auf. Und er fragte sich: was mögen sie sich gesagt haben, nachdem ich fort war. Hans sagte immer zärtlich: »Mutter« und »liebe Mama«, bemühte sich um sie, reichte ihr die Speisen hin, goß ihr zu trinken ein. Da begriff Peter, daß sie miteinander geweint hatten. Aber ihre Gedanken konnte er nicht erraten. Hielt Hans seine Mutter für schuldig oder seinen Bruder für einen Schuft? Und wieder bedrängten ihn alle Vorwürfe, die er sich gemacht, das Entsetzliche gesagt zu haben, sie schnürten ihm die Kehle zusammen, schlossen ihm den Mund und hinderten ihn, zu essen und zu sprechen. Ein unwiderstehliches Bedürfnis zu entfliehen überkam ihn, dieses Haus zu verlassen, das nicht mehr seines war, diese Leute, die an ihm nur durch die Bande der Gewohnheit hingen. Am liebsten wäre er sofort weg, ganz gleich wohin. Denn er fühlte, es war aus, er konnte nicht mehr bei ihnen bleiben. Immer würde er sie quälen, schon allein durch seine Gegenwart, immer würden sie ihm zu unstillbaren Qualen werden. Hans erzählte und schwatzte mit Roland. Peter achtete nicht darauf und hörte nichts. Und doch glaubte er, in der Stimme seines Bruders eine Absicht zu vernehmen und merkte auf den Sinn seiner Worte. Hans sagte: – Es wird, wie's scheint, ihr schönstes Schiff werden. Man redet von sechstausendfünfhundert Tonnen Gehalt. Nächsten Monat macht es seine erste Reise. Roland wunderte sich: – Schon? Ich dachte, es würde diesen Sommer nicht fertig zum auslaufen. – Bitte sehr, man hat die Arbeiten möglichst beschleunigt, damit die erste Fahrt vor Herbst stattfinden kann. Ich bin heute früh auf dem Kontor der Gesellschaft gewesen und habe mit einem der Direktoren gesprochen. – O, mit welchem denn? – Mit Herrn Marchand! Der spezielle Freund des Vorsitzenden des Aufsichtsrates? – Ach, kennst Du ihn denn? – Ja. Und dann wollte ich ihn um eine Gefälligkeit bitten. – O, dann mußt Du es mir aber auswirken, daß ich die »Lothringen«, wenn sie in den Hafen kommt, genau besichtigen darf. Nichtwahr? – Gewiß. Das ist sehr leicht. Hans schien zu zögern, innezuhalten, die Worte zu suchen zu einem Übergang, den er nicht fand. Und er sagte: – Übrigens lebt man auf den großen transatlantischen Dampfern sehr angenehm. Die Hälfte des Jahres ist man in zwei wundervollen Städten, New-York und Havre; die übrige Zeit auf der See mit sehr netten Leuten. Man kann sogar auf den Schiffen sehr angenehme Bekanntschaften machen, die für später nützlich sind. Ja wirklich, sehr nützlich. Ich meine unter den Passagieren. Denke Dir nur, der Kapitän kann, wenn er Kohlenersparnisse macht, durch die Prämie auf fünfundzwanzigtausend Franken jährlich kommen, wenn nicht mehr. Roland sagte: – Verflucht! – und pfiff, um seine Hochachtung vor der Summe und vor dem Kapitän auszudrücken. Hans fuhr fort: – Der Proviantmeister kann es bis zu zehntausend Franken bringen. Und der Arzt hat fünftausend Franken festes Gehalt, Wohnung, Beköstigung, Licht, Heizung, Bedienung und so weiter frei. Das heißt also mindestens zehntausend Franken. Das ist doch sehr schön. Peter hatte aufgeblickt. Seine Augen begegneten denen seines Bruders, und er verstand ihn. Da fragte er nach kleiner Pause: – Ist es sehr schwierig, eine Arztstelle auf einem transatlantischen Dampfer zu bekommen? – Ja und nein. Es hängt von den Umständen und der Protektion ab. Ein langes Schweigen trat ein. Dann fragte der Doktor wieder: – Die »Lothringen« geht nächsten Monat ab? – Jawohl. Am siebenten. Und sie schwiegen. Peter dachte nach. Das wäre etwas, wenn er sich als Arzt auf diesem Dampfer einschiffen könnte. Später konnte man ja sehen; vielleicht würde er etwas anderes suchen. Aber inzwischen konnte er doch, ohne etwas von seiner Familie anzunehmen, seinen Lebensunterhalt verdienen. Zwei Tage vorher hatte er seine Uhr verkaufen müssen, denn jetzt konnte er seine Mutter um nichts bitten. Und er hatte keine Hilfsmittel als dies, keine Möglichkeit, ein anderes Brot zu essen, als das Brot des Hauses, in dem er nicht wohnen konnte. Er war nicht imstande, in einem anderen Bett, unter einem anderen Dach zu übernachten. Und da sagte er etwas zögernd: – Wenn man mich nähme, würde ich gern mit dem Dampfer fahren. Hans fragte: – Warum sollte man nicht? – Weil ich bei der transatlantischen Gesellschaft niemand kenne. Roland war starr: – Und was soll aus all den schönen Plänen werden? Peter brummte: – Es giebt Augenblicke, wo man alles opfern und auf die schönsten Hoffnungen verzichten muß. Übrigens ist ja das nur der Anfang, das Mittel, ein paar tausend Franken zu verdienen, um mich dann niederzulassen. Sein Vater war gleich überzeugt: – Das ist allerdings richtig. In zwei Jahren kannst Du sechs- oder siebentausend Franken bei seite legen. Wenn Du das gut benutzt, kommst Du zu etwas. Was denkst Du davon, Louise? Sie antwortete leise, fast unhörbar: – Ich denke, Peter hat recht. Roland rief: – Aber ich will doch mit Herrn Poulin darüber sprechen. Den kenne ich sehr gut. Er ist Handelsrichter und hat mit den Geschäften der Gesellschaft zu thun. Dann kenne ich ja auch Herrn Lenient, den Schiffsrheder. Der ist sehr intim mit einem der Vicepräsidenten. Hans fragte seinen Bruder: – Soll ich mal bei Herrn Marchand anklopfen? – Ja. Meinetwegen. Peter fuhr fort, nachdem er ein paar Augenblicke nachgedacht: – Vielleicht wäre es doch das allerbeste, den Professoren von der Universität zu schreiben, bei denen ich sehr gut stand. Auf solche Schiffe kommen oft sehr mittelmäßige Ärzte. Ein paar Empfehlungsbriefe von den Herren Mas-Roussel Rémusot, Flache und Borriquel würden in fünf Minuten mehr fertig bringen, als alle zweifelhaften Empfehlungen. Es wäre ganz genügend, wenn Du diese Briefe dem Aufsichtsrat durch Deinen Freund Marchand vorlegen ließest. Hans billigte es ganz: – Das ist eine ausgezeichnete Idee, ausgezeichnet. Und er lächelte beruhigt, fast zufrieden, des Erfolges gewiß. Er konnte nicht lange traurig sein. – Du wirst ihnen sofort heute schreiben, – sagte er. – Nachher sofort. Ich gehe schon. Ich trinke keinen Kaffee heute, ich bin zu nervös. Er erhob sich und ging hinaus. Da wendete sich Hans zu seiner Mutter: – Und was machst Du, Mama? – Nichts. Ich weiß nicht. – Willst Du mit mir zu Frau Rosémilly kommen? – Nun ja; ja natürlich. – Weißt Du, ich muß unbedingt heute hin. – Ja, ja, das ist wahr. – Warum unbedingt? – fragte Roland, der übrigens daran gewöhnt war, nie zu kapieren, was man in seiner Gegenwart sagte. – Weil ich versprochen habe, hinzugehen. – Gut. Ausgezeichnet! Das ist was anderes. Und er begann seine Pfeife zu stopfen, während Mutter und Sohn die Treppe hinauf gingen, ihre Hüte zu holen. Als sie auf der Straße standen, fragte Hans: – Mama, soll ich Dir den Arm geben? Er bot ihr nie den Arm, sie gingen immer einfach nebeneinander her. Aber heute nahm sie ihn und stützte sich darauf. Einige Zeit sprachen sie nicht mehr, dann sagte er: – Du siehst, Peter ist ganz einverstanden, fortzugehen. Sie flüsterte: – Der arme Junge. – Warum denn armer Junge? Der wird auf der »Lothringen« garnicht unglücklich sein. – Ja, das weiß ich wohl, aber ich überlege mir doch alles mögliche. Den Kopf gesenkt, ging sie in gleichen Schritten neben ihrem Sohn hin und dachte nach. Dann sagte sie in jenem seltsamen Ton, den man manchmal annimmt, um einen langen und im stillen geführten Gedankengang abzuschließen: – Das Leben ist häßlich. Wenn es uns manchmal etwas Glück bietet, ist es Sünde, sich dem hinzugeben, und man muß es später teuer bezahlen. Er sagte ganz leise: – Rede doch nicht mehr darüber, Mama. – Ist das möglich? Ich muß immer daran denken. – Du wirst schon vergessen. Sie schwiegen wieder. Dann sagte sie mit tiefem Bedauern: – Ach, wie glücklich hätte ich sein können, wenn ich einen anderen Mann geheiratet hätte. Jetzt ward sie wütend über Roland und schob seiner Häßlichkeit, seiner Dummheit, seiner Ungeschicklichkeit, seiner Schwerfälligkeit, seinem gemeinen Äußern alle Schuld an ihrem Fehltritt und ihrem Unglück zu. Deswegen, wegen der Gewöhnlichkeit dieses Mannes hatte sie ihn betrügen müssen, hatte sie einen Sohn in Verzweiflung gestürzt und dem andern die schmachvollste Beichte ablegen müssen, unter der ein Mutterherz nur bluten kann. Sie flüsterte: – Es ist so furchtbar für ein junges Mädchen, einen Mann wie meinen heiraten zu müssen. Hans antwortete nicht. Er dachte an den, dessen Sohn er bisher zu sein geglaubt hatte. Und vielleicht hatten die unbestimmte Vorstellung von der Mittelmäßigkeit seines Vaters, die fortwährenden ironischen Bemerkungen seines Bruders, die verächtliche Gleichgültigkeit anderer, die bis zu des Dienstmädchens Verachtung für Roland ging, seine Seele für das fürchterliche Geständnis seiner Mutter vorbereitet. Es war für ihn nun nicht mehr so schlimm, der Sohn eines anderen zu sein. Und wenn er bei dem großen Ansturm der Gefühle am Tage vorher doch nicht so empört, so wütend und außer sich gewesen, wie Frau Roland es befürchtet, so lag es vielleicht daran, daß er seit langer Zeit unbewußt darunter litt, Sohn dieses schwerfälligen alten Philisters zu heißen. Sie waren an Frau Rosémillys Haus gekommen. Sie wohnte auf der Straße Saint-Adresse im zweiten Stock eines schönen Hauses, das ihr gehörte. Von ihren Fenstern aus überblickte man die große Rhede von Havre. Als sie Frau Roland sah, die zuerst eintrat, öffnete sie, statt ihr wie sonst die Hand entgegen zu strecken, die Arme und schloß sie an ihre Brust, denn sie erriet, weshalb sie kam. Die Möbel im Salon waren immer mit Überzügen bedeckt. An den geblümten, tapezierten Wänden hingen vier Bilder, die ihr erster Mann, der Kapitän, einst gekauft hatte. Sie stellten sentimentale Scenen aus dem Seeleben dar. Auf dem ersten erblickte man die Frau eines Fischers, die am Meeresstrand stand und mit dem Taschentuch winkte, während am Horizont das Segel verschwand, das ihren Mann davontrug. Auf dem zweiten kniete dieselbe Frau an derselben Küste, rang die Hände, wahrend in der Ferne unter dem Zucken der Blitze auf einem Meer von ganz unnatürlichen Wellen das untergehende Schiff des Gatten zu sehen war. Die beiden anderen Bilder stellten ähnliche Scenen dar, nur in einer höheren Gesellschaftsklasse. Eine junge, blonde Frau lehnte sich auf den Bord eines großen Dampfers, der davonfuhr, und blickte, Thränen im Auge, mit einem Seufzer nach der schon fernen Küste zurück. Wen hat sie dort zurück gelassen? Dann gewahrte man dieselbe junge Frau an einem offenen Fenster, das auf das Meer hinaus ging, ohnmächtig in einem Sessel, ein Brief war von ihrem Schoß auf den Teppich hinabgeglitten. Er ist also tot. O Jammer! Gewöhnlich waren die Besucher durch die banale Traurigkeit der leicht zu verstehenden poetischen Darstellungen ganz bewegt und gerührt. Ohne weitere Auseinandersetzung und Fragen begriffen sie gleich, was es bedeuten sollte. Man beklagte die beiden Frauen, obgleich man bei der Vornehmen nicht recht wußte, worüber sie eigentlich traurig war. Aber diese Ungewißheit gerade verführte zu Träumen. Sie hatte wahrscheinlich ihren Bräutigam verloren. Wenn man eintrat, blieb das Auge unwillkürlich auf diesen vier Bildern haften und wurde von ihnen festgehalten wie durch Zaubermacht. Und wenn man einmal wo anders hinsah, kehrten die Blicke immer wieder dahin zurück, um die vier Ausdrucksarten der beiden Frauen, die sich wie Schwestern ähnlich sahen, zu betrachten. Vor allen Dingen ruhte das Auge auf der feinen, sauberen und geleckten Zeichnung, die an Modekupfer erinnerte, und auf dem glänzenden Rahmen. Das gab den Eindruck der Reinlichkeit und der Ordnung, der durch die übrige Einrichtung noch gehoben wurde. Die Stühle blieben genau so stehen, wie sie einmal gestellt worden, der Reihe nach an der Wand oder im Kreise um den runden Mitteltisch. Die beiden weißen, tadellosen Vorhänge waren so regelmäßig und glatt gefaltet, daß einen die Lust ankam, sie ein wenig zu zerknautschen. Und niemals lag auch nur ein Stäubchen auf der Glasglocke, in der die goldene Empire-Kaminuhr, eine Weltkugel vom knieenden Atlas getragen, gelb und rund wie ein Kürbis erschien. Die beiden Frauen verschoben beim Sitzen etwas die gewohnte Stellung der Stühle. – Sie sind heute nicht spazieren gegangen? – fragte Frau Roland. – Nein, ich bin etwas müde heute. Und als wollte sie Hans und seiner Mutter danken, betonte sie noch einmal, welche Freude ihr der Ausflug und der Fischfang gemacht. – Wissen Sie, – sagte sie, – daß ich heute früh meine Krebse gegessen habe. Sie waren wundervoll. Wenn Sie wollen, können wir so eine Partie noch einmal machen. Der junge Mann unterbrach sie: – Wenn wir nun, statt eine zweite zu unternehmen, die erste beendigten. – Wieso denn? Ich denke doch, sie ist aus. – O ich habe meinerseits in diesen Felsen von Saint-Jouin etwas gefischt, was ich auch gern heimbringen möchte. Sie nahm ein naiv-listiges Gesicht an: – Sie? Was haben Sie denn gefangen? – Eine Frau. Und Mama und ich kommen zu fragen, ob sie heute früh nicht anderer Ansicht geworden ist. Sie begann zu lächeln: – Nein, mein Herr, ich ändere nie meine Ansichten. Da hielt er ihr die Hand hin. Sie schlug schnell und entschlossen ein, und er fragte: – Sobald als möglich, nichtwahr? – Wann Sie wollen. – In sechs Wochen? – Ich kann das nicht bestimmen. Was denkt meine zukünftige Schwiegermutter darüber? Frau Roland antwortete mit einem melancholischen Lächeln: – Ach, ich denke garnichts. Ich danke Ihnen bloß, daß Sie Hans haben wollen, denn Sie werden ihn sehr glücklich machen. – Ich will thun, was ich kann, Mama. Frau Roland stand bewegt auf, und zum ersten Mal umschloß sie Frau Rosémilly mit beiden Armen und küßte sie lange wie eine Tochter. Und bei dieser neuen Zärtlichkeit schwellte eine gewaltige Bewegung das verwundete Herz der armen Frau. Sie konnte nicht sagen, was sie empfand, es war traurig und süß zu gleicher Zeit. Sie hatte einen Sohn, einen großen Sohn verloren und an seiner Stelle ward ihr eine Tochter, eine große Tochter geschenkt. Als sie wieder einander gegenüber saßen, nahmen sie sich bei den Händen und blieben so lange sitzen, blickten sich an, lächelten einander zu, während Hans fast von ihnen vergessen schien. Dann sprachen sie von einer Menge Dingen, die man für die bevorstehende Hochzeit besorgen mußte. Und als alles in Ordnung war, schien sich Frau Rosémilly plötzlich einer nebensächlichen Kleinigkeit zu erinnern und fragte: – Ihr habt doch darüber mit Herrn Roland gesprochen? Mutter und Sohn wurden zugleich rot. Und die Mutter antwortete: – Ach, das ist nicht nötig. Dann zögerte sie, da sie doch fühlte, daß sie es erklären mußte und sagte: – Wir machen alles, ohne ihn zu fragen. Wir brauchen ihm nur zu sagen, was beschlossen worden ist. Frau Rosémilly war weiter nicht erstaunt, lächelte, fand es ganz natürlich, denn der gute Mann hatte ja keine Bedeutung weiter. Als Frau Roland mit ihrem Sohn auf der Straße stand, sagte sie: – Wir wollen ein bißchen zu Dir gehen, ich möchte mich ausruhen. Sie fühlte sich ohne Halt, ohne Schutz, sie fürchtete sich vor ihrem eigenen Hause. Sie gingen zu Hans. Sobald sie fühlte, daß die Thür sich hinter ihr geschlossen hatte, stieß sie einen lauten Seufzer aus, als ob sie jetzt hinter Schloß und Riegel in Sicherheit sei. Dann begann sie, statt sich auszuruhen, wie sie gesagt, die Schränke zu öffnen, die Wäsche zu legen, die Taschentücher und Strümpfe zu zählen. Sie legte die Sachen anders, wie es ihrem hausmütterlichen Auge besser gefiel. Und als sie alles nach ihrem Geschmack geordnet, die Handtücher aufeinander gehäuft, den Unterhosen und Hemden ihren besonderen Platz angewiesen, die ganze Wäsche in drei Hauptabteilungen geteilt, Leibwäsche, Hauswäsche und Tischwäsche, trat sie zurück, um ihr Werk zu betrachten und sagte: – Hans komm doch mal her, sieh mal, wie hübsch das ist. – Er stand auf und bewunderte, um ihr Freude zu machen. Plötzlich näherte sie sich, als er sich wieder gesetzt hatte, mit leisen Schritten seinem Stuhl von hinten, schlang ihren rechten Arm um seinen Hals und küßte ihn, indem sie einen kleinen Gegenstand, der in weißes Papier eingewickelt war, mit der anderen Hand auf den Kamin legte. Er fragte: – Was ist denn das? Als sie nicht antwortete, ahnte er es, als er die Form des Rahmens erkannte. – Gieb mal her! – sagte er. Aber sie that, als hörte sie nicht und kehrte zu ihren Schränken zurück. Er stand auf, nahm jene schmerzliche Reliquie, schritt durch das Zimmer und schloß sie im Schreibtisch ein. Er drehte zwei Mal den Schlüssel herum. Dann wischte sie mit den Fingerspitzen eine Thräne fort, die in den Augenwinkel getreten war und sagte mit etwas zitternder Stimme: – Nun will ich einmal sehen, ob Dein neues Mädchen sich auch ordentlich um ihre Küche kümmert. Da sie gerade ausgegangen ist, kann ich alles genau untersuchen. IX Die Empfehlungsbriefe der Professoren Mas-Roussel, Rémusot, Flache und Borriquel waren in schmeichelhaftesten Wendungen für ihren Schüler Doktor Peter Roland abgefaßt. Sie wurden durch Herrn Marchand dem Verwaltungsrat der transatlantischen Schiffahrtgesellschaft vorgelegt, unter Fürsprache der Herren Poulin, Handelsrichter, Lenient, Großrheder, und Marival, Sekretär des Bürgermeisters von Havre, eines intimen Freundes des Kapitän Beausire. Es fand sich, daß für die »Lothringen« noch kein Arzt verpflichtet war, und Peter hatte das Glück, nach ein paar Tagen ernannt zu werden. Der Brief, der es ihm anzeigte, wurde ihm eines Morgens, als er sich eben anzog, durch Josephine überbracht. Seine erste Regung war die eines zum Tode Verurteilten, dem man mitteilt, daß er begnadigt worden ist. Er fühlte sogleich seine Qual erleichtert durch den Gedanken an die Abreise und das bevorstehende ruhige Leben auf dem ewig schaukelnden Wasser, das immer kommt und geht. Er lebte jetzt in seinem väterlichen Haus, stumm und für sich, wie ein Fremder. Er fühlte seit dem Abend, an dem ihm das fürchterliche Geheimnis, das er entdeckt, entschlüpft, wie er die letzten Bande, die ihn mit den Seinigen verknüpften, zerrissen hatte. Gewissensbisse peinigten ihn, daß er Hans das alles gesagt. Er fand sich niederträchtig, böse, hassenswert und fühlte sich doch erleichtert, daß er gesprochen hatte. Er blickte nie mehr seine Mutter oder seinen Bruder gerade an. Ihre Augen hatten, um sich nicht zu treffen, eine geradezu erstaunliche Beweglichkeit angenommen, und sie gebrauchten Listen, wie zwei Feinde, die sich nicht begegnen wollen. Er fragte sich immer, was kann sie bloß Hans gesagt haben. Ob sie gebeichtet hat oder geleugnet? Was glaubt mein Bruder? Was denkt er von ihr und was von mir? Er ahnte es nicht und war verzweifelt darüber. Er sprach auch kaum mehr mit ihnen, außer in Rolands Gegenwart, weil er allen Fragen aus dem Wege gehen wollte. Als er den Brief bekommen, der seine Ernennung brachte, zeigte er ihn gleich seiner Familie. Sein Vater, der sich immer gern über alles freute, klatschte in die Hände. Hans antwortete in ernstem Ton, aber voll stiller Glückseligkeit: – Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen, denn ich weiß, daß Du viel Konkurrenz hattest. Das hast Du sicher den Empfehlungen Deiner Professoren zu danken. Und seine Mutter senkte den Kopf und flüsterte: – Ich bin sehr glücklich, daß Du Dein Ziel erreicht hast. Nach dem Frühstück ging er auf das Kontor der Gesellschaft, um sich noch nach allerlei zu erkundigen. Er fragte nach dem Namen des Doktors auf der »Picardie«, die am anderen Morgen in See gehen sollte, um von ihm alle Einzelheiten seines neuen Daseins zu erfahren. Da Doktor Pirette sich an Bord befand, ging er aufs Schiff und wurde in einer kleinen Kabine des Dampfers von einem jungen Mann mit blondem Bart, der seinem Bruder ähnlich sah, empfangen. Sie unterhielten sich lange Zeit. In der Tiefe des gewaltigen Schiffes hörte man unausgesetzt eine unbestimmte Bewegung. Das Rollen und Hin- und Herschieben der zu verladenden Waren klang zusammen mit Schritten, Stimmen, mit den Bewegungen der Maschinen, welche die Wasserreservoire füllten, dem Pfeifen der Bootsleute, dem Rasseln der Ketten, die aufgewunden oder geschleift wurden, mit dem rauhen Fauchen des Dampfes, der das ganze Gebäude erschütterte. Aber als Peter seinen Kollegen verlassen hatte und auf der Straße stand, überkam ihn neue Traurigkeit, hüllte ihn ein wie die Nebel, die über das Meer huschen, vom anderen Ende der Welt kommend, und die in ihrer undurchdringlichen Dichte etwas Geheimnisvolles, Unreines mit sich tragen, wie den Pestilenzhauch ferner ungesunder Länderstriche. Noch nie in den Stunden seiner großen Verzweiflung hatte er sich so jammervoll gefühlt. Das letzte Band war zerrissen, nichts einte ihn mehr mit den Seinen. Als er die Wurzeln aller Zärtlichkeit aus seinem Herzen riß, hatte er nicht eine solche Verzweiflung gleich einem obdachlosen Hund empfunden, wie es ihn jetzt überkam. Das war kein seelischer quälender Schmerz, mehr, sondern der Jammer eines schutzlosen Tieres, die körperliche Verzweiflung eines umherirrenden Wesens, das kein Obdach mehr hat, das dem Regen, Wind, Gewitter und allen rauhen Gewalten der Erde preisgegeben ist. Als er den Fuß auf das Deck des Dampfers setzte und in dieses winzige auf den Wellen hin und hergeschaukelte Zimmerchen trat, hatte sich gegen die Unsicherheit der nun für ihn kommenden Zeit der Mensch in ihm empört, der immer im ruhigen sicheren Bett geschlafen hat. Bis dahin hatte er sich sicher gefühlt im Schutz der tief in die Mutter Erde eingelassenen Mauer und weil er wußte, daß er immer an der gleichen Stelle Ruhe fand, unter dem Dach, das gegen alle Stürme schützt. Jetzt hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen, nur das Meer, das rollt, brüllt und verschlingt. Er hatte keinen Raum um sich, um spazieren zu gehen, zu laufen, ferne Wege einzuschlagen. Er hatte nur noch ein paar Meter Bretterboden, auf dem er hinschritt, wie ein Verurteilter unter anderen Gefangenen. Er würde keinen Baum mehr sehen, keinen Garten, keine Straßen, keine Häuser, nur Wasser und Wolken. Und unausgesetzt würde er das Schiff sich bewegen fühlen unter sich; an stürmischen Tagen mußte er sich an den verschlossenen Fenstern halten, sich ankrallen an den Thüren, sich festkrampfen am Rand des schmalen Lagers, um nicht zu Boden zu fallen. Und an ruhigen Tagen würde er das schnarchende Zittern der Schraube fühlen, fühlen, wie das Schiff aus dem Hafen floh in ununterbrochener, regelmäßiger, verzweiflungsvoller Flucht. Und er war zu diesem irrenden Sträflingsleben gezwungen, nur weil seine Mutter sich der Liebe eines fremden Mannes überlassen. Jetzt schritt er dahin, fast zusammenbrechend, in der verzweiflungsvollen Stimmung eines Menschen, der sein Vaterland verloren. Er fühlte nicht mehr in sich jene hochmütige Verachtung, jenen wegwerfenden Haß für Unbekannte, die an ihm vorübergingen, sondern eine traurige Lust wandelte ihn an, mit ihnen zu sprechen, allen Leuten zu sagen, daß er Frankreich verließe. Er wollte gehört und getröstet sein. In seinem Innern schlief das schmachvolle Bedürfnis des Armen, die Hand auszustrecken, ein starkes und doch schüchternes Bedürfnis, zu fühlen, daß jemand trauert um seinen Fortgang. Er dachte an Marowsko. Nur allein der alte Apotheker liebte ihn so, daß er wirklich traurig sein würde. Und der Doktor entschloß sich, ihn sofort aufzusuchen. Als er in den Laden trat, fuhr der Apotheker, der eben in einem Marmormörser Pulver stieß, zusammen, ließ seine Beschäftigungen ruhen und fragte: – Man sieht Sie ja garnicht mehr. Der junge Mann erklärte, daß er eine Menge Schritte hätte unternehmen müssen, ohne aber zu sagen wozu, und setzte sich, mit der Frage: – Nun, wie geht's Geschäft? Das Geschäft ging nicht. Die Konkurrenz war fürchterlich. Es gab wenig Kranke, und die Kranken waren arm in diesem Arbeiterviertel. Man konnte hier nur billige Arzeneien verkaufen, und die Ärzte verordneten in dieser Stadtgegend die komplizierten, seltenen Mixturen nicht, an denen man fünfhundert Prozent verdient. Der gute Mann schloß: – Wenn das noch drei Monate so weitergeht, muß ich die Bude zumachen. Wenn ich nicht auf Sie rechnete, mein guter Doktor, wäre ich schon Stiefelwichser geworden. Peter fühlte sein Herz zusammenkrampfen und entschloß sich plötzlich, da es sein mußte, ihm die Enttäuschung zu bereiten: – O ich – ich könnte Ihnen in keiner Weise helfen. Anfang nächsten Monats verlasse ich Havre. Marowsko war so erschrocken, daß er die Brille absetzte: – Sie? Sie? Was sagen Sie denn da? – Ich sage, daß ich fort muß, fortgehe, armer Freund. Der alte Mann war ganz niedergedonnert. Seine letzte Hoffnung brach zusammen, und er war plötzlich ganz empört gegen diesen Menschen, dessen Rat er gefolgt war, den er liebte, in den er solches Vertrauen gesetzt, und der ihn jetzt so im Stich ließ. Er stammelte: – Aber Sie werden mich doch nicht auch noch verraten? Peter fühlte sich so weich werden, daß er ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre: – Ich verrate Sie doch nicht. Ich habe hier keine Stellung finden können und gehe als Schiffsarzt auf einen transatlantischen Dampfer. – Aber Herr Peter, Sie hatten mir doch versprochen, mir vorwärts zu helfen. – Ja, was soll ich thun? Ich muß selbst leben. Ich habe nicht einen roten Heller Eigenes. Marowsko wiederholte: – Das ist schlecht, was Sie da thun. Jetzt kann ich Hungers sterben. In meinem Alter ist nichts mehr zu machen. Das ist schlecht. Sie lassen einen armen alten Kerl sitzen, der Ihnen nachgelaufen ist! Das ist schlecht. Peter wollte sich näher erklären, dagegen reden, seine Gründe auseinandersetzen und beweisen, er hätte nicht anders gekonnt. Aber der Pole hörte nicht zu. Er war über diesen Verrat so empört, daß er endlich, indem er wahrscheinlich auf Politisches anspielte, sagte: – Ihr Franzosen haltet eure Versprechungen alle nicht. Da stand Peter auf, und nun seinerseits etwas verletzt, sagte er von oben herab: – Sie sind ungerecht, Papa Marowsko. Um das zu thun, wozu ich mich entschlossen habe, bedarf es stärkerer Beweggründe. Das müßten Sie einsehen. Auf Wiedersehen! Ich hoffe, Sie werden vernünftig. Und er ging, indem er dachte: »Niemand weint mir von Herzen eine Thräne nach.« Er suchte in Gedanken alle, die er kannte, oder die er gekannt hatte. Und unter all den Gesichtern, die an seiner Erinnerung vorüberzogen, stand plötzlich vor ihm die Kellnerin, die ihm den ersten Zweifel an seiner Mutter beigebracht. Er zögerte, denn er empfand gegen sie etwas, wie ein instinktives Rachegefühl. Dann entschied er sich plötzlich mit dem Gedanken: »Übrigens hatte sie ja recht.« Und er suchte die Straße. Zufällig saß das Lokal ganz voll Menschen und war voll Cigarrenrauch. Die Gäste, Bürgersleute und Arbeiter, denn es war Festtag, riefen nach der Bedienung, lachten, brüllten, und der Wirt mußte selber mit helfen, lief von Tisch zu Tisch, leere Biergläser abholend und überschäumende zurückbringend. Als Peter einen Platz gefunden hatte in der Nähe des Büffets, wartete er, in der Hoffnung, das Mädchen würde ihn sehen und erkennen. Aber sie kam und ging an ihm vorüber, ohne ihm einen Blick zuzuwerfen, mit dem Kleid kokett hin und herschwänzelnd. Endlich klopfte er mit einem Geldstück auf den Tisch. Sie kam: – Sie wünschen, mein Herr? Sie sah ihn an, ganz in Berechnungen vertieft. – Nun, – sagte er, – so begrüßt man seine Freunde? Jetzt blickte sie ihn an und antwortete eilig: – Ach, Sie sind's. Geht's Ihnen gut? Ich habe heute keine Zeit. Wollen Sie ein Bier? – Ja, ein Bier. Als sie es brachte, meinte er: – Ich wollte adieu sagen, ich reise ab. Sie antwortete gleichgiltig: – Ah so. Wohin denn? – Nach Amerika. – Das soll sehr schön dort sein. Weiter sagte sie nichts. Es war doch zu dumm, überhaupt heute, mit ihr zu reden. Es saßen eben zu viel Leute im Lokal. Und Peter ging ans Meer. Als er an den Hafendamm kam, sah er die »Perle«, wie sie mit seinem Vater und dem Kapitän Beausire hereinfuhr. Der Matrose Papagris ruderte, hinten saßen die beiden Männer mit glückseliger Miene und rauchten ihre Pfeifen. Als der Doktor sie vorüberfahren sah, sagte er: »Selig sind, die geistig arm sind.« Und er setzte sich auf eine Bank auf dem Wellenbrecher und döste vor sich hin. Als er am Abend heimkehrte, sagte seine Mutter, ohne daß sie es wagte, ihn dabei anzublicken: – Du wirst eine Menge Sachen brauchen zur Reise, und das macht mir etwas Sorge. Ich habe Dir vorhin Deine Wäsche besorgt und bin beim Schneider gewesen wegen Deiner Kleider, aber brauchst Du sonst nichts? Etwas, was ich vielleicht nicht weiß. Er öffnete kaum den Mund: – Nein, nichts. Aber er überlegte sich, daß er zum mindesten etwas annehmen mußte, um sich anständig anzuziehen, und antwortete nun ganz ruhig: – Ich weiß noch nicht, ich werde bei der Gesellschaft anfragen. Er erkundigte sich, und man gab ihm eine Liste der unbedingt notwendigen Gegenstände. Als seine Mutter sie in die Hand nahm, sah sie ihn seit langer Zeit zum ersten Mal an, und in der Tiefe ihrer Augen lag ein unendlich weicher, demütiger, trauriger Ausdruck, der Blick eines armen Hundes, der um Verzeihung bittet. Am ersten Oktober lief die »Lothringen«, aus Saint-Nazaire kommend, in den Hafen ein, um am siebenten desselben Monats nach New-York abzudampfen, und Peter Roland mußte in die kleine Kabine einziehen, in der er von nun ab sein Gefangenendasein zu verbringen hatte. Als er am anderen Morgen ausging, traf er auf der Treppe seine Mutter, die ihn erwartete und mit kaum hörbarer Stimme ihm zuflüsterte: – Soll ich Dir nicht helfen, Dich auf dem Schiff einzurichten? – Nein, danke. Es ist alles in Ordnung. Sie flüsterte: – Ich möchte so gern Dein Zimmerchen sehen. – Das lohnt sich nicht. Es ist sehr häßlich und sehr klein. Er ging vorüber, ließ sie vernichtet stehen, und mit aschfahlem Gesicht lehnte sie sich an die Wand. Roland aber, der die »Lothringen« an dem Tage besichtigt hatte, sprach während des Essens nur von dem wundervollen Schiff und war sehr erstaunt, daß seine Frau es sich nicht einmal ansehn wollte, da doch ihr Sohn sich darauf einschiffte. Peter lebte während der folgenden Tage kaum mehr in seiner Familie. Er war nervös, aufgeregt, kurz und hart, und seine groben Worte schienen alle zu ohrfeigen. Aber am Abend vor der Abfahrt war er plötzlich ganz verändert, ganz weich. Und er fragte im Augenblick, als er seine Eltern umarmte, um an Bord zu gehen und dort die erste Nacht zu schlafen: – Kommt ihr morgen, um mir Adieu zu sagen? Roland rief: – Natürlich, natürlich! Donnerwetter! Nichtwahr Louise? – Aber gewiß, – antwortete sie leise. Peter gab zurück: – Wir fahren punkt elf Uhr ab. Ihr müßt spätestens halb zehn da sein. – Ein Gedanke! – rief sein Vater. – Wenn wir Dich verlassen haben, laufen wir schnell nach der »Perle«, fahren hinaus, und können Dich noch draußen vor dem Hafendamm einmal sehen. Nichtwahr Louise? – Ja gewiß. Roland fuhr fort: – So verschwinden wir wenigstens nicht in der Menge, die am Quai steht, wenn der Dampfer abgeht. In dem Haufen kann man die Seinen nie erkennen. Ist Dir das recht? – Aber gewiß ist mir's recht. Abgemacht. Eine Stunde später lag er ausgestreckt auf seinem kleinen Schiffsbett, das so schmal und so kurz war wie ein Sarg. Lange blieb er mit offenen Augen liegen und dachte an alles, was seit zwei Monaten in seinem Leben und besonders in seiner Seele vor sich gegangen. Indem er litt und die anderen leiden machte, hatte sich sein Rächergefühl allmählich beruhigt. Er hatte kaum mehr den Mut, jemandem böse zu sein über irgend etwas. Er fühlte sich so kampfesmatt, müde, zu hassen, jemanden zu verletzen, müde durch alles, daß er nicht mehr konnte, und versuchte sein Herz ganz in Vergessenheit zu tauchen wie in den Schlaf. Um sich hörte er die ungewohnten Geräusche der Schiffe, leise Töne, in der stillen Nacht kaum zu unterscheiden. Und seine Wunde, die bis dahin so gebrannt, fühlte er nur noch leicht, als ob sie sich schlösse und vernarbte. Er hatte fest geschlafen, als er durch Lärm, den die Matrosen machten, geweckt wurde. Es war Tag. Der Zug, der zur Flutzeit die Reisenden brachte, kam an. Nun irrte er mitten unter den beschäftigten Leuten auf dem Schiff umher, die unruhig ihre Kabinen suchten, sich riefen, fragten, darauflos antworteten, in der ganzen Unruhe des Reisebeginns. Nachdem er den Kapitän begrüßt und seinem Kollegen, dem Zahlmeister, die Hand gedrückt, ging er in den Salon, in dem schon in den Ecken ein paar Engländer schliefen. Der große Raum mit weißen Marmorwänden von Goldrahmen umgeben, setzte sich durch die Perspektive der Spiegel in der Unendlichkeit fort. Man sah die langen Tische, von zwei unendlichen Reihen von Drehstühlen in granatfarbigem Sammet umgeben. Das war das Bild des großen, schwimmenden, internationalen Speisesaales, wo die reichen Leute aller Kontinente aßen. Sein Luxus war der der großen Hotels, der Theater, der öffentlichen Orte, jener banale, eindruckslose Luxus, der dem Auge der Millionäre wohlthut. Der Doktor ging hinüber in den Teil des Schiffes, der den Passagieren zweiter Klasse gehörte. Und da erinnerte er sich, daß am Abend vorher eine große Herde Auswanderer eingeschifft worden. Er stieg ins Zwischendeck hinab, dabei schlug ihm zum Übelwerden der Armeleutegeruch entgegen, jener Gestank von schwitzenden Menschen und von Fleisch, der schrecklicher ist, als der der Tiere. Da bemerkte Peter in einer Art dunklen niedrigen Souterrain, ähnlich den Grubengängen, etwas von Menschen, Frauen und Kindern, die auf übereinander befestigten Brettern lagen oder haufenweise auf dem Boden herumwimmelten. Er konnte keine Gesichter unterscheiden, aber er sah unbestimmt die ganze in Lumpen gehüllte Menschenmenge. Jene Menge der durch das Leben besiegten Elenden, die erschöpft, erdrückt sind und mit einer abgemagerten Frau und abgezehrten Kindern hinausfahren in ein unbekanntes Land, wo sie hoffen, wenigstens nicht vor Hunger zu sterben. Und wie er an die verflossene Arbeit dachte, an all die verlorene Arbeit, an die unfruchtbaren Mühen, den Verzweiflungskampf, der jeden Tag vergeblich gekämpft worden, an alles, was diese armen Lumpen hier versucht und geschuftet, die drüben noch einmal beginnen wollten, ohne zu wissen wo, an diese traurige Existenz des Elends, wandelte den Doktor die Lust an, ihnen zuzurufen: »Stürzt euch doch lieber ins Wasser mit euren Weibern und Kindern.« Und sein Herz schnürte sich zusammen vor Mitleid, so daß er fortging, denn er konnte ihren Anblick nicht ertragen. Sein Vater, seine Mutter, sein Bruder und Frau Rosémilly erwarteten ihn schon in seiner Kabine. – So früh, – sagte er. – Ja, – antwortete Frau Roland mit zitternder Stimme, – wir wollten Zeit haben, Dich noch ein bißchen zu sehen. Er blickte sie an. Sie war in Schwarz, als ob sie Trauer trüge. Und er bemerkte plötzlich, daß ihr Haar, das einen Monat vorher doch erst grau gewesen, jetzt ganz weiß wurde. Er konnte nur mit Mühe die vier Personen in seinem kleinen Zimmerchen unterbringen, er selbst schwang sich aufs Bett. Durch die offen gebliebene Thür sah man eine große Menschenmenge, wie an Festtagen auf den Straßen, hin und hergehen, denn eine Menge Neugieriger und alle Freunde der Abreisenden hatten den riesigen Dampfer überschwemmt. Auf den Gängen lief man auf und ab, in den Salons, überall, und bis in die Kabine hinein steckten sie ihre Köpfe, während sie draußen murmelten: »Das ist die Doktorwohnung.« Da schloß Peter die Thür. Aber sobald er sich mit den Seinen eingeschlossen fühlte, kam ihm wieder die Lust, zu öffnen, denn das Leben auf dem Schiff täuschte sie über die Verlegenheit und das Schweigen hinweg. Endlich wollte Frau Rosémilly sprechen. Und sie sagte: – Durch die kleinen Fenster kommt recht wenig Luft herein. – Es ist ein Deckfenster, – meinte Peter. Er zeigte die Dicke, wodurch das Glas imstande war, den stärksten Druck auszuhalten. Dann erklärte er genau den Verschluß. Und nun fragte Roland: – Hast Du Deine Apotheke hier? Der Doktor öffnete einen Schrank und zeigte eine große Anzahl Flaschen, mit lateinischen Namen auf viereckigem Papier. Er nahm eine, um die Wirkungen der Flüssigkeit, die sie enthielt, auseinanderzusetzen, dann eine zweite und dritte und hielt eine wahre therapeutische Vorlesung, der man mit Aufmerksamkeit zu folgen schien. Roland schüttelte den Kopf und brummte: – Das ist fabelhaft interessant. Man klopfte leise an der Thür. – Herein! – rief Peter. Kapitän Beausire erschien. Er sagte, indem er ihm die Hand entgegen streckte: – Ich komme spät, weil ich nicht beim Abschied stören wollte. Auch er mußte sich aufs Bett setzen. Und nun schwiegen sie wieder. Aber plötzlich lauschte der Kapitän. Er hörte durch die Thür Befehle und sagte: – Wenn wir uns auf der »Perle« einschiffen wollen, um euch noch beim Auslaufen zu sehen und euch in offener See Adieu zu sagen, ists Zeit jetzt. Dem alten Roland lag daran sehr viel. Er wollte wahrscheinlich Eindruck machen auf die Reisenden der »Lothringen.« Und er stand eilig auf: – Also adieu, mein Junge. Er küßte Peter auf beide Wangen, dann öffnete er die Thür. Frau Roland bewegte sich nicht, blieb bleich, mit gesenkten Augen sitzen. Ihr Mann legte ihr die Hand auf den Arm: – Schnell, schnell, wir haben keine Minute zu verlieren. Sie erhob sich, machte einen Schritt ihrem Sohn entgegen und hielt ihm, eine nach der anderen, ihre beiden wachsbleichen Wangen hin, die er küßte, ohne ein Wort zu sagen. Dann drückte er Frau Rosémilly und seinem Bruder die Hand und fragte: – Wann heiratest Du? – Ich weiß noch nicht sicher. Wir werden es mit einer Deiner Reisen einrichten. Endlich gingen alle hinaus an Deck, das voll Reisender, Seeleute und Gepäckträger stand. Im gewaltigen Leib des Schiffes stöhnte der Dampf, als zitterte es vor Ungeduld. – Adieu! – sagte Roland eilig. – Adieu, antwortete Peter, der an einem der kleinen Landungsstege stand, die von der »Lothringen« auf den Quai hinübergeschoben waren. Er drückte wieder allen die Hand, und die Familie ging. – Schnell, schnell, einsteigen! – rief der Vater. Ein Wagen erwartete sie, der sie in den Vorhafen brachte, wo Papagris die »Perle« segelfertig hielt. Kein Windhauch regte sich. Es war einer jener trockenen, ruhigen Herbsttage, wo das ebene Meer kalt und hart daliegt wie Stahl. Hans ergriff einen Riemen, der Matrose den anderen, und sie begannen zu rudern. Am Wellenbrecher stand bis an die Granitbrüstung eine unzählige Menge, lärmend, hin und hergehend, und wartete auf die »Lothringen.« Zwischen den beiden Menschenfluten schoß die Perle durch und war bald außerhalb des Hafendammes. Der Kapitän Beausire, der zwischen den beiden Damen saß und das Steuer lenkte, sagte: – Sie werden sehen, wir sind gerade auf dem Kurs, aber mitten drauf. Und die beiden Ruderer legten sich in die Riemen, um so weit hinauszukommen als möglich. Plötzlich rief Roland: – Da! Ich sehe die Takelage und die beiden Schornsteine. Sie kommt aus dem Hafen. – Vorwärts, Kinder! – rief Beausire. Frau Roland zog ihr Taschentuch und preßte es an die Augen. Roland stand, sich am Mast haltend, und verkündigte: – Jetzt fährt sie eben in den Vorhafen. – Sie rührt sich nicht mehr. – Sie geht wieder los. – Ah, sie hat ihren Schlepper vorgespannt. – Bravo! Sie kommt an den Eingang. – Hört ihr die Leute rufen? Bravo! – Der Neptun schleppt sie. Da ist sie, da ist sie! Donnerwetter so ein Schiff! Seht nur mal. Frau Rosémilly und Beausire drehten sich um, die beiden Männer hörten auf zu rudern, nur Frau Roland rührte sich nicht. Der gewaltige Dampfer kam, von einem starken Schlepper gezogen, der vor ihm aussah wie eine Schnecke, langsam, königlich aus dem Hafen. Und die Bevölkerung von Havre, die auf den Hafendämmen, am Strande, an den Fenstern erschienen war, begann plötzlich in patriotischem Stolz zu rufen: »Hip hip hurra! Lothringen!« Aber sobald sie die enge Durchfahrt zwischen den beiden granitenen Mauern hinter sich hatte und sich endlich frei fühlte, ließ sie den Schlepper los und glitt allein wie ein Riesenungetüm auf dem Wasser hin. – Da ist sie! Da ist sie! – rief Roland immer wieder. – Sie kommt gerade auf uns zu. Und Beausire wiederholte strahlend: – Was habe ich euch gesagt. Na also, kenne ich nicht den Kurs? Hans sagte leise zu seiner Mutter: – Sieh nur, Mama, jetzt kommt sie. Und Frau Roland nahm das Taschentuch von den thränenblinden Augen. Die »Lothringen« fuhr bei dieser ruhigen See mit Volldampf, sobald sie den Hafen verlassen. Beausire, der durch das Marineglas sah, rief: – Achtung! Herr Peter steht hinten ganz allein. Man kann ihn genau sehen. Achtung! Jetzt kam, hoch wie ein Berg und schnell wie ein Eisenbahnzug, das Schiff so nahe an der »Perle« vorbei, daß es sie fast berührte. Und Frau Roland streckte, ganz bekümmert und verzweifelt, die Arme nach ihm aus. Sie sah ihren Sohn, ihren Sohn Peter mit seiner goldgestreiften Mütze stehen, wie er ihr mit beiden Händen zum Abschied Küsse zuwarf. Aber er entfloh, verschwand, wurde schon ganz klein, wie ein winziger Fleck auf dem riesigen Schiff. Sie bemühte sich, so viel sie konnte, ihn noch zu erkennen. Doch man unterschied ihn nicht mehr. Hans hatte ihre Hand genommen: – Hast Du ihn gesehen? – fragte er. – Ja. Ich habe ihn gesehen. Er ist so gut. Und sie kehrten zur Stadt zurück. – Jesus noch mal! Das geht aber schnell! – erklärte Roland mit enthusiastischer Überzeugung. In der That ward der Dampfer von Sekunde zu Sekunde kleiner, als ob der Ocean ihn aufgesaugt hätte. Frau Roland hatte sich umgewendet und blickte ihm nach, wie er in den Horizont tauchte, einem unbekannten Weltteil, am anderen Ende der Erde, zueilend. Auf diesem Schiff, das niemand mehr aufhalten konnte, auf diesem Schiff, das sie bald nicht mehr sehen würde, war ihr Sohn, ihr armer Sohn. Und es war ihr, als ob die Hälfte ihres Herzens mit ihm davonginge, es war ihr, als ob ihr Leben beendet sei und als würde sie ihr Kind niemals wiedersehn. – Weshalb weinst Du denn? – fragte ihr Mann. – Er ist ja, ehe vier Wochen um sind, wieder hier. Sie stammelte: – Ich weiß nicht. Ich weine, weil ich traurig bin. Als sie wieder an Land waren, verließ sie Beausire sofort, weil er bei einem Freunde frühstücken wollte. Als nun Hans mit Frau Rosémilly vorausging, sagte Roland zu seiner Frau: – Unser Hans ist doch famos gewachsen. – Ja, – antwortete die Mutter. Und da sie viel zu bekümmert war, um genau zu wissen, was sie sagte, fügte sie hinzu: – Ich bin sehr glücklich, daß er Frau Rosémilly heiratet. Der gute Mann war baff: – Nanu! Wieso? Er wird Frau Rosémilly heiraten? – Nun ja. Wir wollten ja heute fragen, was Du dazu meinst. – Schau, schau! Ist denn schon lange davon die Rede? – Ach nein, erst seit ein paar Tagen. Hans wollte erst sicher sein, daß sie ihn nähme, ehe er Dich fragte. Roland rieb sich die Hände: – Das ist famos! Famos! Ausgezeichnet! Ich bin ganz einverstanden. Als sie den Quai verließen und eben auf den Boulevard Franz I einbiegen wollten, drehte sich seine Frau noch einmal um, um einen letzten Blick nach der hohen See hinaus zu werfen. Aber da war nichts, als eine kleine graue Rauchwolke, so fern, so leicht, daß sie aussah wie ein bißchen Nebel.