Rosalie und Cleberg auf dem Lande. Von Sophie, Wittwe von La Roche. (1791) Freundschaftliche Frauenzimmer-Briefe Erster Brief. Rosalie an Mariane S— Seedorf – Heute soll ich also wieder anfangen, mich mit Schreiben über den Verlust Ihres so lang genossenen Umgangs zu trösten! Ach Mariane! wie öde ist mein Haus, wie leer unsere Unterredungen geworden, seit der traurigen Stunde welche Sie uns nahm; denn ich kann mich jetzo nicht mehr die allein Traurende nennen, wie es bei unserer ersten Trennung war. Der ganze Cirkel unserer Freunde und Bekannten: Cleberg – mein Onkel – meine Kinder und Bediente suchen und vermissen Sie überall. Denken Sie was mein Antheil bei diesem allgemeinen Verlust war und noch ist! Doch Sie wollen durch meine Briefe mit uns fortleben; – also hören Sie, wie es nach Ihrer Abreise zugieng – Ich sagte den guten Menschen allen, die in unserm Vorhaus versammlet waren und mit mir um Sie weinten: sie möchten mir verzeihen, keines sey – keines könne mir seyn, was Sie mir immer waren! Alle standen Ihnen den Vorzug gerne zu, und waren mit der zweiten und dritten Stelle nach Ihnen zufrieden. Cleberg führte mich unmittelbar aus dem Kreis der in dem Saal getretenen Freunde, auf unser Landhaus nach Seedorf; wo, wie Sie wissen, schon vor acht Tagen alles veranstaltet war, heute mit einander hinzugehen; indem wir damals gar nicht auf Ihre Abreise dachten. Es war mir lieb, aus dem Hause zu kommen, das von Ihnen verlassen war, und die Straße aus dem Gesicht zu verlieren, durch welche Sie sich entfernt hatten. Ruhe, Güte und Sanftmuth der Natur, sollte Balsam für mein zerrissenes Herz werden; aber ich sah den ganzen Weg beinah fühllos mich um, wenn mein Mann und Kinder von den Schönheiten der Gegend sprachen; und in meinem Hause wurde meine Seele neu gepreßt, als ich an der Thüre Ihres Zimmers vorbeikam, und bei Eröffnung des Saals die Stelle sah, welche mir, so viele Sommer hindurch, die liebste edelste Freundinn zeigte. Ich war äusserst bewegt und weinte stark. »Muth, meine Rosalie! Muth!« sagte Cleberg, bei dem Arm mich fassend – »wir werden sie wieder sehen; und indessen mußt du, meine Liebe! für mich und unsere Freunde, Marianen in Rosalien uns zeigen.« – Damit führte er mich in den Saal zu Ihrem Sitz. Sträubend hatte ich mich von ihm führen lassen; immer stark weinend hatte ich mein Schnupftuch vor die Augen gehalten, selbst noch, da Cleberg auf Ihren Stuhl mich sitzen machte, weinte ich inniger. Cleberg schwieg, ich sagte auch nichts; aber meine Kinder kamen uns nach, und alle drei riefen zugleich, indem sie an meinem Schnupftuch zupften und bei den Händen mich faßten: »O, Mama! da ist Tante Mariane!« – Ich wollte nicht aufsehen, indem ich dieses als Kindergeschwätz nicht achtete – aber sie sagten alle sehr lebhaft: Mama! sehen sie doch die Tante, sie schreibt – Nun stellen Sie sich mein Entzücken – mein Staunen und den damit verbundenen süßen Schmerz vor, als ich nach den Kindern sehen wollte, und da, mir gegen über in der Vertiefung des Erkers, Ihr Bild in Lebensgröße erblickte; – voller Bewegung aufstand; das liebe vortreflich ausgeführte Bild küßte; meinen Mann umarmte und für diese Freude segnete. O! was für ein Glück lag für mich in Clebergs Talent, alles was er sieht zu zeichnen. Sie wissen, daß, als er bemerkte daß Sie ungern lange einem Maler saßen, er nur um die Gedult zu einem Brustbild gebeten hatte. Nun zeichnete er dann selbst einige Tage an der Stellung des Ganzen, wie Sie mit dem Bleistift in der Hand aufsahen, als wir zum Schertz in meines Carls Lehrstunden uns mit ihm im Zeichnen übten. Dadurch habe ich das vollkommenste Bild meiner besten und geliebtesten Freundinn erhalten. Sie sind in dem großen Erker des Saals, in ihrem weissen englischen Kleid, mit der violetten Binde, ihren simplen Strohhut auf dem Kopf, in edler natürlicher Stellung, an ihrem Tischgen, die Feder in der Hand und aufsehend, als ob gerad jemand Sie anredete, da Sie geschrieben: – »Rosalie! heilige Pflichten entfernten mich, aber die Freundschaft führt mich wieder zurück.« Ein Fenster des Saals ist offen und man sieht einen Theil des Genfersees, und das liebe gastfreie Schloß zu Nyon, wohin wir zu den edlen liebenswürdigen von Bonstetten geladen sind. O wie glücklich macht mich dieses Gemälde, so redend, so ähnlich! – Hundertmal sah ich Sie so, nach mir blickend, mit der Feder oder mit der Nadel in der Hand! Füger ist einer der größten schätzbarsten Künstler; unser Teutschland kann stolz auf ihn seyn, denn er besitzt das hohe Talent, Seele und Grazie zu malen. Aber Liebe! wie verbindlich war Cleberg bey diesem schönen Geschenk – wie liebreich belehrend für das Uebermaaß meines Schmerzens über Ihre Abreise, da er Sie schreiben läßt was Sie mir sagten: – » heilige Pflichten entfernen mich.« Wie schön benützte er den Einfluß, den Sie, den (dem Himmel sey Dank) der Ausdruck: heilige Pflichten! immer bei mir haben werden. Was für einen edlen Gebrauch machte er von der Kenntniß des menschlichen Herzens und meines Geschmacks an großen Bildern, da er auf einer Seite die süße Hofnung mir zeigt, indem er hinzu setzt: – » Die Freundschaft bringt mich zurück! « und dieses alles in dem herrlichsten Gemälde vereint; denn er will nicht daß ich Sie vergesse, er sucht nur meine Gefühle zu veredlen. O Mariane! wenn jeder, dem das Schicksal Gewalt über das Glück seines Nächsten, und Kentnisse gab – beide so großmüthig zum Besten eines leidenden Gemüths verwendete, wie Cleberg hier für mich that, wie schön wäre, das Leben in der aufgeklärten Welt! Sie denken wohl Beste! daß ich dem edlen Mann sehr innig für diesen Beweis seiner Liebe dankte, und sehen auch, wie sehr es mich freuen mußte, in der Seele meines Gatten diese seine Empfindung, und das Nachsinnen auf ein gleich tröstendes und lehrreiches Geschenk zu bemerken: denn ich bekenne, niemand hätte mir über Ihre Abreise, so was eindringendes sagen, oder meinen Kummer so wirksam lindern können, als auf diese Art es geschehen ist, wo meine Dankbarkeit aufgefodert wurde, den heitern Ton der Seele zurückzurufen, welchen Cleberg so sehr liebt. – Ich erinnere mich auch wohl, daß Sie, als Ihre Abreise mich so sehr kümmerte, mir sagten: – »Rosalie! denken Sie an die Jahre welche ich mit Ihnen verlebte – denken Sie an die Pflicht welche wir alle haben, geduldig dem Schicksal zu folgen und vergessen Sie nicht, daß Sie als Mutter – als Gattin, und Freundinn verbunden sind, Ihr Weh über den Verlust einer von Ihnen für Sie allein gewälten Freude, dem Wohl, und der Ruhe der Ihrigen aufzuopfern – Ich fühle sie auch noch, die Erhebung der Seele, zu welcher Sie mich ermunterten, indem Sie dazu setzten: »Wir wollen, liebe Rosalie! unserer zärtlichen Freundschaft den auszeichnenden Charakter geben, daß wir uns zur Uebung der Klugheit und wahren Güte anfeuern. Stärken Sie, Liebe! sagten Sie, stärken Sie mich zu Erfüllung der Pflicht des Vergebens und Vergessens der Beleidigungen. Muntern Sie mich auf, meinen ehmals so unfreundlichen Bruder, und meine harte Tante gerne zu besuchen; weil sie mich nun sehen, und sich versöhnen wollen – und lassen Sie mich Sie bitten, Ihren Kummer zu unterdrücken; weil er die Freude und die Ruhe der Ihrigen stört. Wir werden, liebe Rosalie! unsere Freundschaft durch gegenseitige Hochachtung bestärken, wenn wir beide das Zeugniß in unsern Herzen finden, das wir fähig sind Unrecht zu vergessen, und andren ein Vergnügen zu opfern.« Ihr geliebtes Bild scheint mir diese Unterredung zurückzurufen. Ich will Ihnen folgen – will Ihrer würdig seyn, und auch meinen Cleberg für seine Güte lohnen. – Es ist Abend, und ich habe noch eine halbe Stunde vor dem Nachtessen mit Ihnen zu sprechen. – Ich habe, glaub ich, was recht Großes gethan, ich bin zu ihrem Blumenstück gegangen, weil ich bey dem Thee sehr tapfer sagte: – Ich wolle es in Ihrer Abwesenheit besorgen – denn Liebe! ich konnte es heute früh noch nicht ansehen, als ich auf ihrem Platz saß: doch es ist gewiß, wenn man seine Kräfte aufsucht, so findt man ihrer oft mehr als man vermuthete. Aber Sie haben diese Kräfte in mir geweckt – Dank sey Ihnen, edle theure Mariane! daß Sie seit so vielen Jahren Vorbild und Rathgeberin mir waren. – Ich wurde heut doppelt für meine Folgsamkeit belohnt; denn ich erhielt den Dank meines Onkels und meines Mannes, für die muthvolle Ueberwindung: da ich mit ihnen zu Ihrer Laube gieng, mich auf die Bank setzte und gelassen von Ihrer Reise sprach. Als aber die Wahrheit von mir foderte die Triebfeder zu nennen welche dies gute Betragen in mir hervorbrachte: so genoß ich die süße Freude, diese zwei rechtschaffene Männer mit der vollkommensten Hochachtung von Ihnen sprechen zu hören. Wir sind alle auf Lattens Zurückkunft begierig; der glückliche Mann! der noch so lang um Sie ist; Sie von allen Gegenständen die vorkommen, reden hört; und Zeuge von Ihrem Betragen, und von Ihrer Aufnahme seyn wird. Ich liebe und segne ihn recht herzlich, daß er so gerne und ohne das mindeste Bedenken, in den Plan unserer Vorsicht für Sie, eintrat; wodurch mein Herz die Beruhigung erhielt, Sie unterwegs wohl besorgt zu wissen und wodurch ich sicher bin, daß ich die reine Wahrheit aller Umstände und Gesinnungen erfahren werde, welche mir, da Sie ohne anders meinen Cleberg nicht haben wollten, durch ihre Großmuth verborgen geblieben wären – Noch einige Zeilen eh ich schlafen gehe: – Ich hoffe Sie sind in einem guten ordentlichen Gasthof und freue mich meiner Erfindung des großen Schlafrocks mit der Caputze – da kann meine Freundinn doch ohne die Unruh des Ekels, sich zu Bett legen, denn Ihr Kißchen war Ihnen auch schon lieb. – Erquickender Schlaf solle Sie umgeben – und mich ein beruhigender! – Zweiter Tag Ihrer Abwesenheit. – Sie sollen, meine liebe gütevolle Freundinn, immer alles wissen was in der Seele Ihrer Rosalie vorgeht. – Ich bin früh erwacht; erinnerte mich Ihrer mit Zärtlichkeit; bat Gott um einen glücklichen Fortgang Ihrer Reise; und auch um Wiedersehen – Aber in der That, meine Seele war ruhig dabei, obschon Cleberg sagte: daß es die Ruhe eines Tages zu seyn schiene, wo der Horizont mit still niederhängenden Wolcken bedeckt ist, welche wohl das Licht durchfallen lassen, aber doch jeden erheiternden Sonnenstral auffangen, wobei alles ohne Glanz und Vergoldung bleibt. War dieses nicht ein edler freundlicher Wink auf die Art von Trübsinn, welcher mich bei dem Aufstehen beherrschte? – »Wie geht es Rosalie?« sagte mein Onkel; mich gütig bei der Hand fassend – »Ziemlich, lieber Onkel! ich habe den Himmel auch um heitre Ruhe gebeten« – Er sah mir lächelnd in das Gesicht und sagte: – »Ich glaube, Liebe! es gieng dir heute, wie ich in deiner Kindheit oft von deiner Mutter hörte – Es war dir mit deiner Bitte nicht recht Ernst, denn sie blieb unerfüllt. Nun lieber Onkel! will ich einen andern Weg nehmen, ich will mich aufmuntern, und den Himmel um seinen Seegen anflehen« – Das ist gut, Liebe! nach dem alten Sprichwort: – »Mensch hilf dir, ich will dir beistehen!« – Denn nur der Träge und Muthlose verläßt sich allein auf Wunder und Gnaden, die ohne sein Zuthun wirken sollen.. Nun kam nach geendigtem Frühstück der Bediente mit der Brieftasche. Ich traf noch nichts von Ihnen, und auch nichts von van Guden darinn – aber die Zeitungen und Journale. Cleberg faßte sie ohne das Pack ganz auszuziehen, wobei er mich ansah – Ich merkte wohl, daß dieses in Erinnerung von Ihnen geschah; weil er immer diese Papiere Ihnen zuerst gab – Ich zeigte dann wieder meinen Muth und sagte mit einer Hand nach dem Pack reichend – Laß mich lieber Mann! in die Rechte meiner Freundinn treten, ich will auch die Artikel lesen, welche sie las – Bravo! sagte mein Onkel – Bravo – und Cleberg gab mir, freundlich nikend, den Vorrath hin. Ich las aber gewiß nicht so gut als zu der Zeit da Sie mit zuhörten; und wie ich an die Stücke kam wo ich in Ihrem Namen eintrat, so wurde meine Stimme etwas gehemmt, aber sie beredeten es nicht, und ich gewann Zeit mich zu fassen und fortzufahren, wo mir am Ende: Liebe – Ehrgeitz – Dankbarkeit und Nacheifrung Ihres Beispiels, wechselsweiß Dienste leisteten. »Durch Ueberwindung des Widerwillens schmeckt am Ende der bitterste Trank gut« – sagte mein Onkel mich bei der Hand fassend – »und Uebung der Kräfte macht stark« – fügte Cleberg mit einer Umarmung hinzu – Sollte ich da nicht gut, nicht gefällig werden? Sollte unser Bündniß meine Mariane! und Ihr Beispiel nichts über mich vermögen? Ich versprach nichts, weil ich nicht ganz sicher war wie ich es halten würde; aber in dem Grund meiner Seele war der feste Vorsatz: meine Trauer zu überwinden; mit Gelassenheit den Verlust Ihres Umgangs zu tragen; und den übrigen zu zeigen: daß auch sie einen Werth in meinem Herzen haben. Ja ich will sie dadurch zu verbinden suchen: daß ich glaube, sie könnten mir was von Mariane ersetzen. Und dann muß ich ja auch, um meine aufrichtige Liebe, für Vernunft und redliche Verehrung meiner Pflichten, zu beweisen, in allen Fällen ein Beispiel geben! – Ihre letzte Umarmung und Bitte, weihten mich dazu ein, und gewiß unterstützen Sie mich mit Ihren Wünschen – Abends: dieser Morgen, meine würdige Freundinn! hat sich schön, recht schön geendet, und gewiß hat Ihr Andenken in meiner Seele die Stelle eines Genius vertreten – Ich habe nach dem Frühstück meinen gewöhnlichen Hausgang in der Küche, Zeit zwischen der Lehrstunde meiner Buben, und ich wandte sie an, Ihr Zimmer zu sehen, dessen Cabinet Ihnen allein geheiligt bleibt, sowie auch Ihr Bett verschlossen wurde, und nur allein das Canapee im Vorzimmer in dem ungewöhnlichen Fall vieler Gäste gebraucht werden soll. Meine Freundinn sieht, daß ich schon auf einen Grad Stärke gekommen war! Ich gieng nun, um einen Rest Empfindlichkeit zu überwinden, in mein Zimmer, holte Bücher und Schreibzeug meiner Kinder, um die Lehrstunden in dem Ihrigen zu halten, und weil um diese Zeit noch niemand im Saal ist, will ich immer die doppelte Thüre öffnen, damit ich Ihr Bild sehen kann. Mein Carl wollte den Augenblick da er kam die Thüren schliessen, indem er sagte: Liebe Mutter! Sie werden wieder weinen, wenn Sie die Tante sehen, und dann können Sie nicht lesen, weil das Thränenwasser die Augen trübt. Mein Lieber! der Anblick der guten Tante wird mich ermuntern Euch recht hübsch zu lehren, und recht viel Gedult mit Euren Fehlern zu haben. Er sah so liebenswürdig zweifelhaft mich an, als er die schon halb geschlossene Thüre wieder öffnete, daß ich ihn fragte: Carl! es scheint, du glaubst nicht was ich dir sage? – – O ja Mama! Sie lehren uns immer hübsch – und wir machen auch Fehler – aber – er hielt inne – Was aber, mein Sohn? Sie haben gestern früh und den Abend so viel bei dem Bild geweint, warum sollen Sie heut lachen und munter dabei seyn – Weil ich nachgedacht habe, liebe Kinder! daß mein Weinen zu nichts dient, und daß ich damit Euch – den Papa und den guten Onkel mit allen Freunden betrübe – Ei Mama! da ist es ja mit Ihnen, wie mit uns; denn Sie sagen auch, daß unser Weinen nichts hilft, und daß Papa und Onkel trauren, wenn – hier stokte er und ich war aufmerksamer auf meine eigene Rolle in diesem Augenblick, da alle dreie genau auf mich acht gaben. Ich suchte mir mit einer Frage zu helfen, um Zeit zu gewinnen – sagte also: was wenn? lieber Carl! Wenn wir nicht ganz gut waren, und gestraft werden sollen – oder weinen, wenn man uns was versagt was wir gerne hätten. Du hast recht, liebes Kind, mit deiner Vergleichung: denn die erwachsene Menschen sind die großen Kinder unsers Vaters im Himmel, und sind auch nicht alle so gut, als sie Gott haben möchte; der sie dann mit Leiden und Unglück straft und bessern will. Und auch Guten giebt er nicht alles was sie bitten; weil es ihnen nicht nützlich wäre, oder damit er bei andern mehr Gutes dadurch wirken kann, wie es mit der Tante Mariane geschieht, die nun ihre kranke Tante besorgt und den traurigen Bruder tröstet. Ich weinte über meine verlohrne Freude, und dieß war dem weisen Onkel und dem Papa leid, weil sie gleich wußten, daß die Reise der Tante recht sey – Bei dem Nachdenken fand ich es auch: denn man solle ja Freude haben, wenn etwas Gutes geschieht; deswegen hat auch der Papa und der Onkel nicht geweint, wie die Tante wegreisete – Die Männer wissen also gleich was recht ist – weil sie nicht weinen? – sagte wieder mein Carl. Ja Lieben! Männer wie der Onkel und der Papa, aber von den andern nicht alle, denn sonst würden sie nicht so oft bei Kleinigkeiten zornig und ungeduldig – Nun kamen die zwei kleine Schmeichler, und sagten wie von einem Geist getrieben, nur daß Carl immer das Wort zuerst führte: Mama! Sie haben gewiß von Papa gelernt daß Sie nie zornig werden, o lernen Sie auch daß Sie nicht mehr weinen – weil Sie (sagte Wilhelm) ein großes Kind von dem lieben Gott sind – Nun war ich mit eigenen selbst gewebten Banden verwickelt, und muß jetzo der Pflicht des Beispiels den ganzen Rest meines Kummers opfern, wobei mich ihr liebes Bild unterstützt: denn ich war sicher, daß Ihnen das kleine Geschwätz meiner Lieblinge und mein Vorsatz gefallen würde. Ich fieng also meine Lehrstunde mit der Charte an; suchte die Gegend unsers Teutschlands wo Sie hinreisen; bezeichnete den Weg welchen Sie nehmen müssen, und wurde über das Wort reisen von beiden ausgefragt, wobei ich den guten Knaben Freude geben und sie mit manchen Ideen bekannt machen konnte, welche den Grund zu einem nützlichen Gespräch bei Tisch für sie legten; denn Sie wissen, Liebe! daß Cleberg den Kindern das Schwätzen nicht erlaubt, ausser wenn wir allein sind, oder wenn man sie fragt. Heute da wir ohne Fremde waren, fragten Sie: ob der Papa und der Onkel auch in dem Land der Tante gereiset wären? und wie? denn ich hatte ihnen von Fußgängern, von reitenden, und fahrenden Reisenden erzählt. Und in der halben Stunde, welche der Onkel noch wegen des Koffee da blieb, zeigte er ihnen, auf der großen Charte von Teutschland die in dem Saal hängt, den Weg, welchen er auf seinen Reisen im Vaterland zurückgelegt hatte. Er war so liebreich, Ihnen von den Reisen zu erzählen, welche ich das Glück hatte mit ihm zu machen. Er lobte meine Wißbegierde dabei, indem er sagte wie sehr es ihn freute, daß ich alle Bäume, alle Pflanzen, Steine und Erdarten rennen wollte. – Es wurde sodann auch von den Beschwerden und Vortheilen des Reisens gesprochen, und der Ton muß gut gewesen seyn, denn meine Buben erzählten Abends dem Gärtner davon, den sie immer bei der Gartenarbeit besuchen müssen, und von welchem sie ein neues Reisewort eroberten; – denn als sie ihn fragten: ob Er auch gereiset sey ehe er zu Papa gekommen? – so sagte er: daß Handwerkspursche nicht reiseten, sondern wanderten ; von ihnen würde man einmal sagen, daß sie reiseten, aber von ihm und seines Gleichen, daß sie auf die Wanderschaft gehen – Wilhelm sagte dann: So sind die armen Leute, die wir auf der Straße begegnen, auch auf der Wanderschaft? aber der Gärtner (erzählten sie) sey da sehr böse und ganz roth im Gesicht geworden, hätte auch trozig gesagt: – Nein die Bettler wandern nicht, die ziehen nur faul im Land umher, und plagen oft einen ehrlichen Wanderer, der sich um Arbeit und Lernen müde läuft. – Am Ende von allem dem fanden die gute Knaben: daß Handwerkpursche die wegen Arbeiten wandern; junge Herren, wie der Papa war da er auf Universitäten zog; der Onkel und die Mama, welche von allen Steinen und Bäumen redeten, die Kaufleute welche viel gute und nützliche Sachen aus fremden Ländern holten; und Tante Mariane – recht hübsche Reisende sind, zu denen sie sich gesellen werden, wenn sie nun auch groß gewachsen seyn und fortreisen wollen. Doch werden beide lieber gesunde Leute besuchen als Kranke. Das ist gut (sagte Cleberg) daß Eure Schwester Nanny, und August Ott dieses bald wissen: denn da dürfen sie sich auch einmal keine Mühe geben zu Euch zu reisen, wenn Ihr krank seyd, wie die Tante und Herr Latten jetzo zu den Kranken reisen. – Aber Papa! Nanny ist unsere Schwester – und August Ott? fragte Cleberg. – Ei der hat uns auch lieb! »Das weiß ich wohl, und beide würden zu Euch eilen, wenn Ihr in der Fremde krank würdet. – Aber da Carl und Wilhelm sie nicht besuchten, wenn sie voll Schmerz zu Bette liegen müßten, so wären sie thöricht wenn sie wegen Euch sich die Mühe nähmen: wer nur gesunde Freunde liebt, verdient in Krankheit keinen zu sehen. –« Jetzo war aller Muth, alle Reisefreuden dahin. Beide sahen zur Erde. Wilhelm stellte sich näher zu Carl und faßte dann die Hand seiner Schwester, die neben mir saß – Nanny! sagte er gerührt, ich besuche dich gewiß wenn du krank bist – und ich, fiel Carl ein, (mit einem Blick auf seinen Vater) besuche den August recht oft – wenn er gesund ist sagte Cleberg – Nein Papa! wenn er viel oder wenig krank ist, im Winter und Sommer – So liebe Kinder! werdet Ihr verdienen eine gute Schwester, und einen guten Freund zu haben. – Damit umarmte er beide, welche dadurch wieder froh und munter wurden. Sie Beste! werden zufrieden seyn, daß die Erinnerung Ihrer Tugend so viel Gutes bei uns weckte; mich neue Güte meines Mannes – und neue Weißheit meines Onkels geniessen machte, und Keime des nützlichen Wissens und richtiger Gefühle in meine Kinder legte. Ach Segen begleite Sie für alles, was Sie mir immer waren und noch sind. Adieu! – Dritter Tag Ihrer Abwesenheit – N. S. – Eh ich diese Blätter wegschicke, muß ich noch sagen, daß ich heute, wie die Posttasche ohne Nachricht von van Guden kam, ausrief: O das ist zu arg – Mariane weg – und kein Brief von Guden! Mein Onkel sagte nichts – Cleberg nahm einen Band von Youngs Nachtgedanken, und deutete mir auf die Stelle: – Der Rückfall . Adieu, ich suche Ihr Bild – Zweiter Brief. Rosalie an Marianen. Ich hoffe daß Sie nun glücklich angelangt sind, denn es würde mich gegen meine Gewohnheit traurig über die Witterung machen, wenn ich Sie bei dem ausserordentlich starken Regenwetter noch auf der Landstraße denken müßte. Sie erinnern sich mir gesagt zu haben, daß ich in sehr nahem Verhältniß mit der Natur stünde, weil Regen meinen Geist wie die Luft zu erleichtern schiene, indem ich niemals nur das geringste Kennzeichen übler Laune zeigte, wenn die Witterung sich änderte; ich weiß aber heute nicht was ich thun würde, wenn ich nun in einer Postkalesche unter dem dichten kalten Regen fort müßte. Mögen Sie also Ihre Wallfahrt wohlbehalten geendigt haben! Ich fragte meinen Onkel und Cleberg: ob sie nicht wahrscheinlich sagen könnten, wie die Witterung in der Gegend sey, wo Sie sie jetzo finden? denn ich fühle heute die Beschwerden Ihrer Reise viel lebhafter, als die Trauer Ihrer Abwesenheit. Abends – Gewiß vermutheten Sie nach der Anzeige des Regens, eben so wenig als ich, die Ueberraschung eines Besuchs in Seedorf? Wir hatten um die gewohnte Stunde das Frühstück verlassen. Jedes gieng seinem Beruf zu folgen. Ich hatte aber kaum jede Anordnung in meinem Haus fertig gebracht, und saß mit meinen Kindern zur Lehrstunde in Ihrem Cabinet, als ich auf einmal Clebergs Stimme und das Tripplen von Weiber- und Kinder-Füßen hörte; bei Bewegung der Thürschlinge begierig aufsah, und unsere theure immer lebhafte Madame Grafe, mit zwei Mädchen und einem Knaben, mir zueilen sah, die sagte: »Da liebe Rosalia! drei nun ganz eigene Kinder, Grafe aus A–! Hier, auf mich deutend, sagte sie den Kleinen, ist die Tante Cleberg, von welcher ich euch unterwegs erzählte!« Die gute Geschöpfe blickten mich an, reichten nach meinen Händen, küßten sie, und ich umarmte die Kinder mit der äussersten Bewegung, denn ihre Trauerkleider und die Erklärung der Madame Grafe – meine nun eigene Kinder , sagten mir, daß die kranke Mutter, wie man es befürchtet hatte, den Tod des Vaters nicht überlebte. Die gute alte Wärterinn von den verstorbenen Kindern unserer Grafe kam nun auch in die Stube, und letzte sagte: »Rosalie! ich bleibe heute bei Ihnen, ich kann in diesem Regen nicht zurück, und muß Sie, als einen Lohn für erlittenen Kummer, wenigstens auf vier und zwanzig Stunden geniessen.« »Herzlich gerne, liebe Frau! es ist Raum und es sind auch Betten im Hause:« »Wenn Sie uns nur Raum und Betten für mich und Frau Sille geben, so ist es genug, denn die Betten der Kinder hab ich noch bei mir, und die sind bald in einer Ecke des Zimmers zurecht gelegt – aber ich will Ihnen erzählen wie ich herkam. »Mein letztes Nachtquartier war nahe an W. Wir standen früh auf und waren bald in der Stadt, ich fragte gleich nach Ihnen, man sagte, Sie wären schon nach Seedorf gezogen, um dort die Abreise von Marianen zu beweinen! Es war mir leid für Sie, daß Ihre Freundinn fort ist; und für mich, daß ich Sie nicht fand. Ich gieng unmuthig in meinem Zimmer auf und ab. Mittlerweile wurden die Pferde von meiner Kutsche abgespannt und die Koffers abgepackt – mein Mann bleibt noch für mehrere Tage in A – ich konnte den Gedanken nicht tragen Sie zu missen, und gab kurz den Befehl, man solle den Bettsack wieder festbinden und die zwei Kutschenkistgen auch nicht auspacken, sondern um frische Pferde sich umsehen, weil ich weiter wollte. Frau Sille und mein guter Jacob sahen wechselsweis bald mich bald sich selbst an, und giengen zugleich an das Fenster, welches Frau Sille stillschweigend öffnete, und mit der Hand auf das gegenüber stark überströmende Dachtrauf zeigte. Ich seh es wohl ihr lieben Guten! aber Rosalie ist nicht hier – Rosalia weint wie der Himmel über uns; ich muß sie sehen – Herr Grafe kommt erst in sechs Tagen – Jacob setzt sich zu uns in den Wagen, in den Kistchen ist alles was wir brauchen und die Kinderbetten im Sack, die großen Koffers bleiben hier, und der Postillion wird für doppeltes Trinkgeld wohl den Regen ausdauren. Und so kam ich her, sicher, daß Sie mich beide willkommen heissen und auf meinem neuen Weg mir die Hände reichen werden!« – wobei sie eine von Clebergs, und eine meiner Hände ergrif, und mit Thränen in dem sonst so muthvollen Auge uns anblickte. – Mein Mann und ich versicherten – daß sie gewiß auf alles zählen könne was in der Gewalt unsers Herzens, und unserer Kräfte seyn würde. – Indessen hatten sich die Kinder angeguckt, und traten sich näher. Frau Grafe sagte: – Ich habe schon gefragt, ob meine alte Stube leer sey? »Herr Cleberg sagte ja, und der Bettsack wird schon hingetragen – Liebe Sille! sagte sie der Wärterinn, führe Sie die Kleinen ein wenig auf dem Hübschen Gang des Hauses spatzieren. – Meine Kinder sahen bittend nach ihrem Vater und mir. – Carl – Wilhelm! sagte Cleberg, führt Eure artige Gäste in den Gang, aber kommt weder mit Händen noch Füßen in die Blumentöpfe – Meine Nanny stockte, weil sie nicht mit genannt war, da kam die Reihe der Erlaubniß an mich: ich ermunterte sie nachzufolgen und hübsch mit den Fremden zu sprechen. Die drei Grafische Kinder hüpften zu ihrer Tante und sagten: – »Adieu liebe Mutter bis zum wiedersehen!« – Sie nickte ihnen freundlich zu ohne zu reden, aber sobald die Kinder aus der Thüre und wir allein waren, brach sie in Thränen aus und sagte: – »Sehen Sie jetzt, lieben Freunde! warum ich meine eigene Kinder alle verlohr. – Ich sollte Kinderlos werden, um diese Vater- und Mutterlose Waisen aufzunehmen, und ungetheilt zu besorgen: Ich will es auch« (sagte sie mit zum Himmel erhobenem Auge) »getreu erfüllen, das mir zugefallene Loos des thätigen Lebens; und ich freue mich des Trostes, den ich dem Vater und der Mutter noch geben konnte eh sie starben, – freue mich meinem theuren Mann zu zeigen, wie lieb sein Name und seine Familie mir immer war; denn ich bekenne, es ist mir lieber, daß ich alles für Kinder von seinen Verwandten zu thun habe, als wenn sie von den meinigen abstammten.« Während den letzten Worten hatte sie ihre Reisekappe abgenommen, und nun bemerkte ich erst ganz wie blaß und abgefallen sie aussah, und blickte mit Rührung sie an, indem ich sagte: – »Beste Frau! ich sehe die Spuren dessen was Sie gelitten haben – »Es waren zwei harte Schläge« – setzte Cleberg hinzu, und sie erwiederte: – »Ja gewiß, es ist hart, einen Mann von sieben und dreissig Jahren, und ein Weib von acht und zwanzig in Zeit von wenigen Wachen hinfallen zu sehen. Sie wissen, daß ich oft sagte. daß ich keinem Baum fällen sehen konnte, ob ich schon eine Forstmeisterstochter war; denken Sie, wie die Schläge des Schicksals auf den Bruder meines Mannes mich beugten! Seine Güte und zu viel Vertrauen in Freunde und Untergebene machten sein Unglück. – Aber es ist vorbei; er hat seine Probezeit geendet, und sein gutes Weib, welche diesen vielfachen Kummer nicht tragen konnte, leidet nun auch nicht mehr. Aber, fuhr sie fort, wie viele herzzerreissende Auftritte folgten sich in dem Hause, ehe der wohlthätige Tod alles endigte! – Sie erinnern sich, meine Freunde, wie sehr mein Schwager meinen Sohn Eduard liebte. Zwei Tage vor seinem Tode sagte er: Euren Eduard , den ich so innig liebte, sehe ich nun bald wieder, und werde ewig mit ihm leben. Bruder! Schwester! (seine Arme nach uns bewegend) liebt die drei Waisen, die ich zurücklasse, nur den zehenten Theil, wie ich euren Eduard liebte, und führt meinen Sohn auf die Lebensbahn des frühen Engels.« »Rosalie!« sagte sie, sich weinend gegen mich beugend, »denken Sie sich diese Scene, welche den Verlust meines Sohnes zurückrief! – O wie sollte ich das Uebrige erzählen! Wie den Abschied von der Frau, welcher seinen Tod beförderte, als er sie nach dem zitternd gesagten Lebewohl ohnmächtig hinsinken sah! Wie vermöchte ich den Dank und den Segen auszudrücken, welche von den sterbenden Lippen des Vaters und der Mutter auf uns flossen, als wir ihnen für ihre Kinder Vater- und Muttertreue gelobten! Ach es ist eine unaussprechliche Sache um das Gefühl, welches die Bitten und der Dank eines Sterbenden geben. Aber tröstend ist es, die Freude in einem halbtodten Auge noch schimmern zu sehen. Sehr tröstlich, wenn man keine Beleidigung abzubitten, keine Kälte zu erwärmen braucht, sondern nur die Erinnerung erhaltener und gegebener Liebe und Freundschaft sich denkt; wenn die Sterbenden ihren Segen uns lassen, und den unsern über das Grab hinübernehmen. Als ich und mein Mann die drei Kinder vor dem Bett des Sterbenden vereint umfaßten, so übergab ich ihnen meine drei vorausgegangen Lieben zur Gesellschaft in der andern Welt, so wie ich die ihrigen als Unterpfand ihres Vertrauens in mein Herz für dieses Leben aufnahm. Dem Himmel sey Dank, daß sie vorüber sind, diese Scenen. Wünschen Sie nur, daß ich diese neuen Pflichten getreu und glücklich erfülle.« Cleberg und ich waren mit ihr bewegt, umarmten und segneten sie, mit der Versicherung: Daß alles, was wir beitragen könnten, ihr herzlich gewidmet sey. Sie dankte uns nur mit einer stillen Umarmung, und gieng dann schweigend auf und ab. Wir verehrten den sichtbaren Kampf und das Ringen nach Stärke auch mit stiller Ruhe; aber nach einigen Minuten suchte Cleberg unsere Freundinn von ihren Trauer-Ideen abzuleiten, und stellte sich unter die Saalthüre, wobei er dann, als Frau Grafe im Hin- und Hergehen von der Fensterseite sich etwas näherte, mir zuflüsterte. »Rosalie! wenn unsere gute Mariane alles dies gehört hätte?« – – Ich verstand seine Absicht, und gieng zu ihm, da ich auch halb leise sagte: »Ach Lieber! wer weis, zu was für Auftritten die edle Seele berufen wurde.« – Nun kam Frau Grafe, blieb stehen und erblickte ihr Bild, staunte es an, und rief aus: »Ei da ist sie ja lebend, die gute Mariane!« Zugleich trat sie in den Saal; konnte nicht anders, als von der Schönheit und der Aehnlichkeit des Gemäldes gerührt werden, und davon sprechen. Solche Augenblicke sind der wahre Triumph der Künste, wenn sie die Erinnerung an Verdienste zurückrufen, und durch die zauberische Gewalt der Täuschung ein Uebel oder einen Schmerz von uns entfernen; denn gewiß, die getheilten Gefühle über das hohe Talent des Malers in Darstellung der sprechenden Aehnlichkeit, und des Andenkens an Marianens Geist und Tugenden, brachten unsere Frau Grafe in eine allerliebste Stimmung der Seele. Es war nicht Munterkeit, sondern ganz eigen die Erheitrung eines Sonnenstrals, welcher graue Wolken mit einem goldenen Saum umfaßt, und nach und nach ganz erhellt; denn als sie das Gemälde nach allen Theilen betrachtet und bewundert hatte, so sagte sie am Ende, mit dem frohen Blick, welchen uns die Hofnung immer giebt: »Der junge Grafe wird mit Entzücken vor diesem Bilde stehen, und Sie werden finden, daß wahres Genie aus dem Jungen spricht.« Dann war die Frage von Ihnen, von Ihrem Ruf, von dem Aufenthalt unserer van Guden , von den kindischen wiewohl kostbaren Festen, welche Herr von Pinndorf der neuen Freundinn seiner Schwester giebt, welches Cleberg und Frau Grafe als die wahre Ursache der Entfernung unserer van Guden ansehen: »Denn, sagte sie, wie kann eine edeldenkende Seele Zeuge von dem Verfall eines Mannes seyn, an welchem sie so grosen Antheil nahm?« – Cleberg erwiederte: »Gewiß haben Sie darinn die Hälfte der Beweggründe gesehen, welche unsere Freundinn in fremde Gegenden führten; aber Sie werden mir erlauben, daß ich die andre Hälfte dazu setze: Der Schmerz über eine neue Liebe des Herrn von Pinndorf hat gewiß das erste Triebrad zu dieser Entfernung geliefert.« »Das weis ich nicht, sagte Frau Grafe – denn van Guden sah ihn ja schon zweimal verheurathet. Das erstemal zog sie um seinetwillen in unsere Gegend, und blieb auch bei der zweiten Verbindung in der Nähe von Pinndorfs Wohnsitz. Es muß eine andre Ursache da seyn, als die, welche die männliche Eitelkeit zu entdecken glaubte.« Gut! dachte ich, liebe Frau Grafe! Du bist also wieder in den gewöhnlichen Gang deines Geistes gerathen, und wir haben von dem Uebermaas der Trauer nichts mehr zu befürchten. Cleberg antwortete gelassen lächelnd: »Nein, meine theure Frau Grafe! Diesesmal hat die Eitelkeit ganz stille geschwiegen, wie sie immer thut, wenn die Wahrheit in vollem Glanz vor sie tritt; ich wollte nur als eine Art Naturkundiger von einer Erscheinung reden, und Sie haben mir, ohne es zu wollen, einen Beweis meiner Ideen geliefert, denn ich nehme die Ihrige wegen den zwei Heurathen an. Bei der ersten genoß die edle Eigenliebe unserer van Guden den Trost des schönen Entschlusses: ihn den Pflichten des kindlichen Gehorsams, den Erforderungen seines Standes, und der Erfüllung seines Versprechens aufzuopfern. – Sie wußte, daß es von ihr abhieng, ihn alle diese Bande zerreissen zu machen, wie unbesonnene Mädchen und Buben schon so oft gethan haben; aber besser und klüger als Tausende wählte sie die schöne Entsagung auf diese Rechte, und genoß die Freude der Grosmuth und Vernunft, neben der Versicherung, gewiß ewig geliebt und geschätzt zu seyn. Bei der zweiten Heurath waren eine Menge Entschuldigungen vorhanden. – Pinndorf konnte nicht wissen, daß sie Wittib, daß sie reich sey! – Er war in Verlegenheiten gerathen, die ihm keinen andern Ausweg offen ließen, als eine reiche Heurath. – Dabei war die Ueberredung seiner Schwester. Alles dies erregte van Gudens Mitleiden. Sie sah ihn dann weinend zu ihren Füßen, mit vielen Merkmalen erhaltener Liebe; sie that ihm in seinen Kindern Gutes, und war dadurch in einem edeln Bündnis mit ihm. – Dieses war der schätzbaren delikaten Schwärmerinn genug, und stützte sie bei dem zweiten Verlust. Aber die Winterbekanntschaft mit der Marquise, der ganz abgeänderte Weg seiner Ideen bewiesen, daß die Sympathie der Seelen völlig verschwunden, daß die Erinnerung ihrer Liebe und Verehrung ausgelöscht sey. Alles dieses schmerzt, und die Ideen dazugenommen, von welchen Sie sprachen, bringen den Gedanken hervor: Die Zeugen und die Ursache unsers Kummers zu fliehen . – Ruhiger Genuß der Freundschaft hilft nicht gleich, sonst würde die liebe Frau bei uns geblieben seyn.« – »Rosalie! (sagte Frau Grafe) ich bin nicht munter genug, um diese Herzensgeschichte Schritt vor Schritt zu verfolgen; aber ich will edelmüthig seyn, und bekennen: daß mich dünkt, Cleberg habe die wahre Spur des Reisewagens unserer Freundinn aufgefunden. Lassen Sie mich nur sagen: daß ich keinen Mann kenne, der verdient, daß so ein Weib so viel um seinetwillen leide, und so viel für ihn thue!« Cleberg erwiederte: »Ich bin so froh, daß Sie mir Recht geben, daß ich auch gerne zugebe, daß Sie bei dem letzten Ausspruch Recht haben. Wir wollen bei unsern Töchtern Sorge tragen, daß die Waagschale der Gefühle und der Wahrheit nicht zu sehr aus dem Gleichgewicht komme.« » Und daß unsere Buben keine Pinndorfe werden « setzte Frau Grafe hinzu. Cleberg fuhr fort: Da werden Ihnen kluge Mädchen und rechtschaffene Männer dafür danken: – denn warlich, die Pinndorfe sind eben so wenig zu Freundschaft als zu edler Liebe geschaffen.« Doch waren wir überaus vergnügt, die Unterredung in diesen Ton geführt zu haben, und mein Mann sagte mir nachher: »Wir haben glücklich den Punkt der Zerstreuung erreicht; die angeborne Heiterkeit wird die Oberhand gewinnen. Ich will jetzo zum Oncle, und ihn vorbereiten; suche auch Frau Grafe einen Wink zu geben: daß es dem theuren Alten empfindlich seyn würde, von ihrem Verlust zu reden.« Ich besorgte diesen Auftrag sehr gerne, und es gieng recht artig. Cleberg kam mit dem Oncle vor dem Mittagessen in den Saal, und legte einen Pack ungebundener Bücher auf den Tisch. Mein Oncle gieng zu Frau Grafe, drückte ihr die Hand, und hieß sie willkommen; blickte dann auf die eben eintretenden Kinder, und setzte hinzu: »Gott segne und erhalte Sie und Ihren Gemahl!« Sie verstand ihn, umarmte ihn schweigend, und rief den Kindern zu: sie sollten auch den Grosoncle grüßen. (Denn Sie wissen, daß wir in unserm Zirkel Clebergs Idee angenommen haben, daß die Kinder alle erwachsenen Freunde und Freundinnen Oncle und Tante nennen.) Nach dem Essen sagte mir mein Mann, daß er den Eintritt der Kinder mit der Kindsfrau verabredete, damit die Trauerscene auf einmal geendet würde. – Mein Oncle fragte ihn da nach den Büchern, und man griff, weil oben ein Bild lag, gleich mit Eifer nach dem Pack; und da die Kinder auch Antheil nehmen konnten, weil es Bilder aus der Naturgeschichte waren, so beschäftigte sich Kleberg mit den Kleinen, um ihnen die Bilder zu erklären. Die Freude der Kinder erheiterte neu die Seele der Frau Grafe, welche seit ihrem Eintritt bewölkt schien. Den Nachmittag kamen Linke und Ott geritten, sich nach mir umzusehen; und auch diese erhielten eine Weisung von Cleberg wegen des Betragens gegen Frau Grafe. – Sie sagte mir nachher, daß sie sich sehr viel Dank wisse, sogleich in mein Haus und in meine Arme geeilt zu seyn, weil sie hier die Trauerbesuche am besten ausdauren könne. »Es ist, Liebe! (fuhr sie fort) doch in der That ein höchst schätzbares Wesen um einen edeldenkenden Mann, wie Ihr Cleberg ist; denn ich habe nichts von der feinen Bemühung übersehen, mit welcher er mich von meinem schwarzen Gesichtspunkt ableitete, und ich danke ihm die Kraft, der Wahrheit wieder in das Gesicht sehen zu können; denn es ist doch so: Nur Wahrheit ist gut , und macht glücklich! – wohl nicht allezeit wenn man von ihr spricht, aber doch immer wenn man auf sie achtet und nach ihr wandelt. – Ich sagte ihr dann, daß mich sehr freue, daß Clebergs Art, mit den Menschen umzugehen, auch bei ihr eben so sicher wirkte, wie ich es an mir erfahren hätte; und erzählte, wie er es angriff, meinen Kummer über Ihre Abreise zu unterbrechen und zu lenken. – Sie erwiederte: »Es ist vortreflich, liebe Frau! daß Cleberg einen so edeln Gebrauch von seiner Obergewalt des Redens und Handelns macht. Aber, Rosalia! an Ihrer Stelle würde ich doch dem Mann die ewige Superiorität nicht lassen, und in der ersten Gelegenheit würde ich mich auf eigenen Flügeln in die Höhe schwingen, ohne daß er meinen Weg bezeichnete.« – Ich fragte sie hier sogleich freimütig, wie der Gedanke sich zeigte: Ob sie nicht glaube, daß es leichter sey, einen solchen Plan gegen den Mann der Freundinn zu machen, als bei dem eignen Gatten durchzusetzen? – besonders bei einem Mann, wie Cleberg. – Und warum sollte ich ihm nicht lieber die Freude gönnen, daß ich dem seidenen Faden gerne folge, den er mit Schonung und Liebe mir darbietet, als daß ich, meiner Eigenliebe zu gefallen, ihm ein Vergnügen zerstörte? »Sie zeigen mir, Rosalie! daß Sie sich als Gattinn betragen, wie Sie als Freundinn sind; nie im Voraus etwas wegnehmen – nichts unterbrechen. Sie würden aber auch, glaube ich, als Regentin nie Ihre Gerechtsame mit dem Degen in der Faust vertheidigt haben – nie einem ehrgeitzigen Nachbar zuvorgekommen seyn!« – Das folgt gar nicht aus meinem Betragen; denn ich würde als Regentinn die Stelle eines Mannes bekleidet, und also auch männliche Gesinnungen gefaßt haben. »Ich glaube auch, Beste! daß Sie mit Clebergs Geist besser zurecht kommen, als es durch mich gehen würde; aber mit einem andern Manne würden Sie auch einen andern Gang der Ideen haben. – Doch ist es gut, daß Sie alles für den süßen häuslichen Frieden thun. – Der Himmel stiftete die Verschiedenheit der Charaktere, und er selbst liebt die Mannichfaltigkeit, aus welcher die schönsten Harmonieen entspringen.« Ich erwiederte: Ich glaube auch, daß die kleinen Züge der Verschiedenheit unserer Denkart den Grund zu daurender Melodie gelegt haben. »Ja, ja, Sie sind die vortreflichste zweite Stimme, die ich kenne, und es mag oft geschehen, daß ein fremder Meister sich wundert, daß Sie nicht die erste haben, besonders wenn er den genauen und reinen Takt bemerkt, der Sie unterscheidet.« Ich mußte lachen, und antwortete: Dieses Zeugnis freut mich ungemein, weil es beweist, daß ich nie zur Unzeit einfalle.   Still! Still! sagte sie, als die Männer aus der Bibliothek zu uns zurückkamen. – Sie war den ganzen übrigen Tag voll von ihrer gewohnten Heiterkeit; nur als sie mit den Kindern gebetet hatte, kam sie mit gerührter Miene und rothen Augen wieder zu uns. – Adieu. Dritter Brief. Rosalie an Marianen. Es regnet auch heute noch, aber nun müssen Sie angelangt seyn, und ich erwarte jetzo die Rückkehr schöner Tage mit aller Gelassenheit. Frau Grafe ist noch hier, und wir haben Briefe von van Guden , welche, wie die Erste sagt, meinem Cleberg den Stolz eines Drachen geben, indem der Inhalt dieses Briefs in allem beweist, daß er die wahre Ursache von Gudens Reise durchsah. Doch Sie müssen den Brief selbst lesen, und haben die Güte, ihn mit der ersten Post zurückzusenden. Van Guden an Rosalie – Lausanne. »Ich konnte bisher, meine lieben Freunde! keine große Briefe schreiben; mein Fuß und meine Ideen waren nirgend fest genug; aber hier, wo ich ein artig Landhaus gemiethet habe, und, liebe Rosalia verzeihen Sie mir! wo ich den ganzen Sommer zu bleiben gedenke, hier kann ich viel schreiben, und will es auch um Ihrer und meinetwillen thun: um Sie mit mir zufrieden, und mich selbst auf dem Weg der besten Absicht stärker zu machen. Aber dieses mag bis auf den Augenblick ein Räthsel für Sie seyn, und ich will es erklären. Ich werde bei Ihnen verlieren, weil Sie oft meine Weisheit zu sehen glaubten, und mächtige Ueberreste einer nie ganz gedämpften Leidenschaft entdecken werden! Aber Wahrheit und fester Vorsatz einer völligen Aenderung sollen die noch mangelnde Klugheit ersetzen. Sie wissen, daß Herr von Pinndorf seit vier Jahren nicht mehr auf seinem Guth bei W. wohnte, aber mir doch, während seinen Wandrungen mit seiner Frau und seiner Schwester, immer schrieb. Ich hörten wohl auch, daß diese Reisen viel Geld kosteten; aber ich dachte: Der arme Mann hat wegen Gelds eine ihm so ungleiche Frau genommen, da will er wenigstens Etwas genießen. Zu Hause mag er dieser Gesellschaft müde seyn; auswärts trift er tausend Zerstreuungen an, und die Familie seiner Frau muß doch überzeugt bleiben, daß er seine Gattinn liebt, weil er sie immer bei sich hat – –. Ich legte so viel ich konnte auf die Waagschale der Gewalt der Umstände, und gönnte ihm den edeln einzigen Ersatz des Schadens, welchen er seinem wahren Glück zugefügt hatte. Ich wollte dieses Jahr wieder auf einige Monate nach Wollinghof, und hörte, daß Herr von Pinndorf mit seiner Familie und einer fremdem Dame zurückgekommen sey, und gleich den ersten Abend sein Haus und die Terrasse erleuchten ließ, vor wenigen Tagen aber einen großen Ball gegeben habe. Diese Nachrichten, ich bekenne es, führten mich bälder nach Wollinghof, als ich anfangs nicht dachte. Die fremde Dame und die Feste gaben mir Neugierde und Unruhe; auch, Liebe! war dies wohl natürlicher, als Gleichgültigkeit es gewesen wäre. Pinndorf hatte die einmal durch Verdienste erhaltene Stelle in meinem Herzen behauptet. Lange hatte ich ihn nicht gesehen; lange nichts von ihm gehört. Nun kam ich in seine Nachbarschaft; meine Wollinge, die Mooß, der Pfarrer zu Grünburg, alles sprach von sonderbaren Auftritten in dieser Familie. Ich schwieg, und fragte gar nicht mehr nach Neuigkeiten, konnte aber einmal selbst, von der Höhe bei dem alten Schloß, das Feuerwerk sehen, welches er, bei dem Geburtsfest der fremden Dame, gab. Man sagte auch, seine Untertanen hätten keinen guten Herrn mehr an ihm. – – Alles dies grämte mich sehr, und ich wurde unschlüssig, ob ich den Sommer auf dem Berg ausdauren würde oder nicht. Der Pfarrer von Grünburg, welcher auf einige Tage in der Stadt war, schrieb mir so viel Umstände, daß es mich bewog, alle Zeichnungen aus den Zimmern des alten Schlosses wegzunehmen, und daß ich keinen Fuß mehr hinsetzte: denn Ihre weise van Guden konnte diese Nachrichten auf keine Art tragen, wie Sie sehen. Kurz hernach kam eines Tags Herr von Pinndorf mit seiner Frau gefahren, um mich und die Kinder zu besuchen. Sie war angezogen wie eine verabschiedete Komödiantinn. Er – ach Rosalia! – sein Eintritt, seine Blicke auf mich, auf seine Kinder, o mir schaudert noch darüber! – Sonderbar wirkte die Darstellung der Kinder auf die Leute! Sie wissen, daß ich immer sehr sorgsam für Henriettens schöne Haare, für ihre Gestalt und ihre Gesichtsfarbe war; daß sie, um sie äusserst reinlich zu gewöhnen, immer weiß gekleidet ist, und nur farbige Leibbinden trägt; und daß ich ihre Haare selbst in Locken lege. Sie erinnern sich wohl auch, daß der Tanzmeister von ihr und Gustav sagte: Sie würden die edelsten Tänzer werden. Nun waren sie auch in vier Jahren sehr gewachsen; sassen bei der Ankunft des Vaters bei mir, und schrieben Auszüge. Die Mutter, die arme Frau! bückte sich vor Henrietten, welche sich auch mit vortreflichem Anstand zeigt, wenn sie gegen Jemand geht, oder in ein Zimmer kommt. – Pinndorf staunte seine Kinder an, und seine Frau fragte: ob sie französisch reden könnten? Henriette sprach gleich fertig mit ihr. Es gefiel mir, daß Pinndorf nicht zu reden vermochte, und wollte ihn eben mit Heiterkeit aus der Verlegenheit ziehen, in welche ich ihn versunken sah, als den nämlichen Augenblick seine Schwester und die berühmte fremde Dame mit lautem Lachen in das Zimmer stürzten, und ihm zuschrieen: So heimlich wollten Sie weg, und eine Wallfahrt auf den romantischen Berg machen! – Dies sagte die romantisch gekleidete Dame zu Pinndorf, wobei sie einen Seitenblick nach mir warf, und er völlig aus aller Fassung war. Ob er schon lächelte, so erröthete er doch auch, und vermied meine Blicke. Seine Schwester umarmte ihre Nichte und ihren Neffen, und führte sie dann der sogenannten Marquise zu. Bei der Benennung: Marquise! betrachtete ich sie, mit Vorsatz, vom Kopf bis zu den Füßen; heftete dann einen Blick auf Pinndorf, wandte mich ab, und näherte mich meinen Pflegkindern und ihrer Mutter, welche nicht anders als französisch sprach, um zu zeigen, daß sie lang in Frankreich war. Doch stammelte sie eine Danksagung für die Sorge her, welche ich für die Kinder getragen hatte. Ich antwortete nicht. Sie fragte die Kleinen: ob sie noch ferner bei mir bleiben wollten? – Gerne, sehr gerne! sagten Beide zugleich, und Gustav dazu. Sie können mir, gnädige Mama, keine größere Freude machen! – Du mußt den Papa fragen – sagte sie, denn ich sorge nicht für die Buben. – Nun gieng er zum Vater, faßte eine seiner Hände, und mit Furcht und Wehmuth im Auge fragte er: Gnädiger Papa! Sie lassen mich doch auch bei Mama van Guden, da Henriette da bleibt? Er jammerte mich, der ehmals so edle entschlossene Pinndorf, da er Mühe hatte, seinem jungen Sohn anständig: Ja! zu sagen, und er stockte, ehe der Ausdruck. Wenn Madame van Guden euch behalten will! – deutlich gesagt wurde, indem er zugleich eine halbe wirklich ungeschickte Verbeugung gegen mich machte. Freund Wolling rettete uns alle aus dem Gedränge, da er in das Zimmer kam, und uns zu einem ländlichen Frühstück bei seiner Hütte bat. – Die artige Marquise faßte Pinndorfs Arm; und er hatte das Ansehen eines verschämten Studenten, den eine lustige Dirne in ihr Gelage zieht. Meine Kinder mußten ihrer Mutter folgen, und ich konnte und wollte nicht zurückbleiben. O Rosalia! was können Marquisinnen für Verwandlungen hervorbringen! Ich mag sie nicht mehr denken, diese Stunde; sie war mir schrecklich. Alles vorhergegangene war nichts dagegen. Ich hatte die Hochachtung meines Freundes, und er die meinige: und dieses sind mächtige Stützen auf rauhen dunklen Wegen des Schicksals. Beide scheinen mir gebrochen und zerstört! Sie wissen, daß Henriette, neben dem Klavier, auch die Cither sehr artig spielt – weil ich ihre Finger nach und nach zu der Laute gewöhnen will. Die liebe Kleine verstand einen meiner Winke so gut, daß sie, als die Damen sich bei dem alten Schloß zu dem Frühstück gesetzt hatten, davon eilte, und, mit dem Gedanken einer Ueberraschung beschäftigt, den Rückweg um die Ruinen nahm; sich oben in die Ecke der Moosbänke setzte, und sehr schön auf ihrer Cither spielte. Gustav, der mit ihr gegangen war, hatte die Noten, welche er, eine Stufe niedriger sitzend, seiner Schwester vorhielt, wodurch das Ganze eine allerliebste malerische Gestalt erhielte. Denn es war in der That ein Bild von Wateau , welches ich auch wirklich ausarbeite, aber anstatt des Herrn v. Pinndorf und seiner Damen sitzt Wollings Familie bei dem Frühstück am ländlichen Tisch. Frau von Pinndorf und ihre Schwägerinn sprachen viel von dem angenehmen Anblick der zwei Kinder; die Marquise wenig; Hr. von Pinndorf gar nichts, so wie er auch nichts mehr aß und trank, und endlich den Herrn Wolling bat: ihn auf den alten Thurm zu führen. Aber vielleicht, setzte er hinzu, haben Sie den Schlüssel nicht bei sich? und da will ich Sie nicht bemühen. Wollings Antwort gab mir eine Art Schadenfreude; denn Sie können nicht glauben, wie zerstört Pinndorf aussah, als er hörte: wir brauchen keinen Schlüssel mehr, denn die Thüren sind weg. Ich hatte meinen Kopf abgewandt, als Pinndorf, mit so wenig Delikatesse in meiner Gegenwart, der Marquise sagte: daß die Einrichtung der Zimmer in den Ruinen so schön sey. Er, der wußte, wie oft sein Bild, von meiner Hand gezeichnet, da aufgehängt war – er hatte also die ehmals in ihm ruhende Edelmüthigkeit so weit verloren, daß er nicht einmal meiner Leidenschaft schonte! – Es war mir sehr schmerzhaft; aber Geringschätzung seiner Schwäche erhob mich zu innerm Muth. Wolling sagte mir aber nachher: Es wäre ein Lächeln und Blicke bei mir entstanden, welche er nie mehr sehen möchte, indem er es schrecklich fände, Sonnenstralen und Blitze vereint zu sehen. Die schöne Dame und der galante Herr giengen doch zu den Ruinen, und Wolling folgte aus Neugierde nach. – Still und scheu (sagte er) blickte Herr von Pinndorf um sich. – Mein Freund Wolling wurde rachgierig für mich; denn als die Marquise den schmalen Gang zu der Altane allein vorausging, und er mit Pinndorf noch in meinem ehmaligen Kabinet stand, dieser aber seine Blicke auf die Wand heftete, wo sonst seine Bilder waren, so streifte Wolling mit seinem Arm über die Wand hin, und sagte: Alles, alles ist fort! – Auch Sie selbst sind nicht mehr da! – Er glaubt, Pinndorf habe den Doppelsinn verstanden, welchen er hineinlegte, denn er erröthete, und eilte der Marquise nach, redete aber kein Wort mehr mit Wolling, den ich bat, die Gesellschaft ja nicht zu dem Denkmal zu führen, welches er mir errichtet hatte, und mich auch bei dem Herumgehen nicht mehr zu nennen. Die Frau von Pinndorf bemerkte, daß ich den Kindern ganz leise etwas auf englisch sagte, und bat mich sogleich, mit einer gezwungnen Parisermiene, alles zurückzulassen, nur daß ihre Kinder recht gut Französisch lernten. – Seyen Sie ruhig: (sagte ich) Ihre Kinder werden alles Schöne und Gute lernen. – Pinndorf gieng dann mit den Damen spazieren, und kam erst wieder, als der Postillion sein Horn ertönen ließ. Er setzte sich mit der Marquise in den niedlichen Phaeton; seine Frau und Schwester kehrten in dem andern Wagen zurück. Wolling blieb noch lange nachdenkend an der Thüre stehen, und ich eilte, mich einige Minuten in mein Kabinet einzuschließen, um mich wegen der Empörung zu sammeln, welche diese Erscheinung hervorgebracht hatte; und auch, weil dieses eine Ecke des Hauses war, wo mich nichts an Pinndorf erinnerte: denn sein Andenken machte mir weh. – Abends gieng ich spazieren, aber nicht zu dem alten Schloß. Wolling sagte: Mein Gott! was ist aus dem Mann geworden? Ich antwortete: Alles, was aus ihm werden konnte; denn wäre die Anlage nicht da gewesen, so könnte die Verwandlung nicht entstanden seyn. Möge er sein Glück auf diesem Wege finden! – Aber wir reden nie mehr von ihm, lieber Freund! nie mehr. – Der gute Wolling! wie er mich da anblickte und meine Hand küßte, indem er sagte: Edle gütige Frau! Gott segne Ihren Muth mit Frieden der Seele! – Amen, lieber Wolling, Amen! – sagte ich, und dann durchwanderten wir das ganze Gebiet von Wollinghof. – Es war, glaube ich, schon eine Ahndung in mir, daß ich die sonst so liebe Gegend bald nicht mehr sehen würde. Ich wollte da nur müde werden, um des Schlafes sicher zu seyn; aber er floh mich, der balsamische Schlaf. Unruhe über mich selbst hielt mich wach, und Widerwille gegen mein Zimmer, in welchem ich die verwünschte Marquise gesehen, stand mit mir aus meinem Bette auf. Mit Pinndorfs Frau, mit der zweiten Mutter seiner Kinder, konnte ich reden, hätte wohl auch freundlich mit ihr leben können; aber mit der aufgefundenen Marquise unmöglich: – und in dieser Gesellschaft war er und sein Andenken mir unerträglich. Diese Stimmung kam in alles, und am Ende auch das Gespenst vor meine Seele: Pinndorf könnte durch diese Frau dahin gebracht werden, die Kinder zu fordern, an welche mein ganzes Herz gefesselt ist. Da stieg der Gedanke des Entfliehens auf. Wohin? In die Stadt – Im Sommer unmöglich, da ich so viel vom Landleben halte, und so sehr nach Wollinghof eilte. – Zu Rosalien nach Seedorf? Nein! Ich kann niemand sehen, der mich und Pinndorf kennt. Ich fühlte mich klein und schwach – meine vortreflichen Freunde sollten mich nicht so sehen. Ich wollte von Allem weg, und einen Aufenthalt suchen, der dem Zustand meiner Seele angemessener war. Verzeihen Sie mir, liebe würdige Freunde! es war nicht verminderte Achtung und Liebe für Sie, die mich ferne von Ihnen führte: aber ganz eigen das Gefühl einer unangenehmen Krankheit, die mich besorgen machte, mehr Widerwillen als Mitleiden zu erwecken. Ich wollte Ihnen und mir dieses Misvergnügen vermeiden, und gieng in die Schweiz, um die Luft und die Berge um Stärke zu bitten. – Ich hofte gleichsam, das physische Erheben meines Körpers und meiner Blicke sollte auch die Erhebung meiner Seele befördern, und daß die Entfernung von dem Einfluß niederer Dünste im reinern Luftkreis mich auch alles Moralisch-Niedre und Kleine übersteigen und übersehen machen werde. – – Ich weis nun nicht, Liebe! ob der Geist dieses Landes mir sagte: Dein Glaube hat dir geholfen! – oder ob eine andre innere oder äussere Kraft wirkte: aber mich dünkt, ich bin heil ; kein Wundfieber meldet sich mehr; ich sehe auch kaum die Spur einer Narbe; die ganze Welt ist mir neu: ich genieße alles, wie im Frühling des Lebens. Wenn irgend noch etwas verborgen sich findet, so liegt es in der Ecke des Unmuths gegen alles Glänzende und Schöngeordnete, ja beinah gegen Formen und Ausdrücke des Edeln. Ich will nichts, als Tag und Stärke; letztere soll, weil ich doch von Fieber sprach, mir die Dienste leisten, wie Essig oder sonst eine Speise dem Fieberkranken hilft, wenn er seine Begierde darnach befriedigen kann. Wirklich, Rosalia! dieses Land thut mehr für mich, als quinquina jemals bei körperlichem Fieber that. Ich bin zu meiner ursprünglichen Gesundheit zurückgebracht; habe den guten Gesichtspunkt wieder, der ehmals mein Glück machte; ich kann Pinndorf bei einem Dutzend Marquisen denken – meine Ruh und mein Wohl bleiben ungestört. Aber ich will die Kur bis in den Herbst fortsetzen, und hoffe dabei, Alpenrosen zu sammeln, und Bemerkungen über das gesellschaftliche Leben zu machen, welches hier mehr gesucht und genossen wird, als bei uns; so wie mich deucht, daß wir mehr lesen, und uns mit fremdem Geist aufhalten, hier aber wird ein lobwürdiges Selbstvertrauen des eigenen Kopfs mehr geschätzt und benützt. – Ich denke diesen Augenblick: Ob es wohl unsere Kaufleute auch so machen, daß sie mit fremdem Geld ihren Handel in größere und schnellere Aufnahme zu bringen hoffen? – Geht es wirklich schneller, als wenn das eigene Kapital oft, wie man sagt: umgesetzt, und eigenes Produkt des Vaterlandes bearbeitet wird, wie mich dünkt, daß andre thun! – Meine jungen Leute befinden sich vortreflich bei meinen Bergreisen; und ich könnte die Schätze von Holland erschöpfen, wenn ich überall Häuser baute, und Gärten anlegte, wo sie wohnen wollen; – und alle Feen hätten zu thun, Wollinghof hin und her zu tragen, wo sie es schon hinwünschten. – Frau von Pinndorf wird aber sehr zufrieden seyn, weil die Kinder nichts als Französisch hören. Mir blüht eigene edle Freude im Lesen der Geschichte eines jeden Cantons, auf der Stelle selbst, möchte ich sagen, wo ihr Schicksal und ihre Verfassung entschieden wurde; ich diktire meinen Kindern kleine Auszüge davon, und lehre sie dabei loben und tadeln, je nachdem die eigenen Bemerkungen zu Tag kommen. Selbstständigkeit, dünkt mich, wohnt in dem Innern des Landes; an den Grenzen bemerkt man, daß fremdes Denken mit eingemischt wurde – so wie es scheint, daß die schätzbaren Bewohner der Waat zwischen dem Alten und Neuen eine schwankende Biegsamkeit erhielten, durch welche sie bald zu alter, bald zu neuer Sitte sich neigen. Schön ist das Lob, welches der Geist der Regierung von Bern erhält; denn es muß wahrhaft verdient werden, wenn es von überwundenem und mit Gewalt unterjochtem Volk gegeben wird. Aber das Nachdenken findet bei jedem Schritt, welchen man am Genfer See macht, redende Beweise der bessern Gesetze und des bessern Schutzes, welche für Berner Unterthanen sorgen, als die sind, welche der Scepter von Sardinien giebt. – Diese haben jenseits der See schöneres und fruchtbareres Erdreich, weniger Mühe bei dem Anbau, und doch ist das herrliche Stück Land weniger bevölkert, und die Leute arm und träge. Hingegen wird die steinigte Saat bald einem vollkommnen Garten gleichen, in welchem Männer voll wahrer Philosophie, Weiber voll heiterer Weisheit, und muntere geistvolle Söhne und Töchter, Anhöhen, Einsiedeleien, Städte und Dörfer beseelen. Ich bin in verschiedene Cirkel aufgenommen, und genieße, seit der Rückkehr meiner Ruhe und Vernunft, die edelsten Freuden; sollte ich auch nur diese berechnen, welche ich in Betrachtung der Modelle aller Art höchstliebenswerthen Alten fand: Frauen in den Sechszigen vortrefliche Gesellschafterinnen! – Und einen verehrungswerthen Greis von 85 Jahren, Mons. Polier de St. Germain , welcher vor vier Jahren noch ein Werk ausarbeitete, das ihm die Bürgerkrone erworben hätte, wenn sie noch ausgetheilt würde; denn er behandelte die Regierung der Sitten , als einen der wichtigsten Gegenstände der gesetzgebenden Macht und der Pflichten einer Magistratsperson. – O Rosalia! es ist gewiß ein liebes Land, wo der Umgang alter Frauen noch anmuthsvoll, und Greise mit ihrem Geist noch so thätig sind. Ich sprach einmal an einem Fenster von diesem auszeichnenden Charakterzug der Stadt Lausanne, gerade in der Abendstunde, als die niedergehende Sonne noch die Spitzen der Schneegebirge beleuchtete; die ganze Gesellschaft beobachtete das herrliche Schauspiel mit Entzücken, und in meiner Seele entstand der Gedanke: Sind diese Berge nicht in diesem Zeitpunkt das Sinnbild von den edeln Bewohnern, von welchen wir eben sprachen! Alle Menschen interessiren sich für die von den Sonnenstralen vergoldeten Schneeberge: und gewiß eben so werden Menschen in grauen Haaren geliebt und gesucht, wenn heitre Weisheit und Güte ihre Stirne umglänzen! Die geistreiche Lausannerinn S—i sagte: Sie sind eine glückliche Frau, die zwei schätzbarsten Eigenschaften der Einbildungskraft zu besitzen! – Wie verstehen Sie dieses? fragte ich. – Ganz natürlich nach dem Geist, wie Sie sprechen, und den Beweis geben, daß Sie fremde Bilder schnell auffassen, und eigene leicht erschaffen. – Dies war artig, meine Liebe, nicht wahr? Es freute mich dabei nicht allein das Kompliment, sondern auch der neuerlangte Schwung meiner Bilderliebe; denn diese Uebung hat oft meiner Seele erquickende Zerstreuung gegeben. Und da die Schwingen meiner Ideen sich wieder in die heitre Region erheben, so wird es in allem besser werden. Und dann, Rosalia! müßte ich wohl zu der Klasse schlechter Zöglinge der Vorsicht herabgesetzt werden, wenn nicht edles Lob eines guten Betragens, oder wohl gehaltener Lektion des Schicksals, etwas auf mich wirkte, und meinen Fleiß in Aufsuchung der Wahrheit und Vernunft verdoppelte! Und dann: Was hab' ich verloren? Ein halb vorgefundenes und die andre Hälfte durch mich hinzu gesetztes Bild einer Traumgestalt, welche der Hauch einer Marquise zerstörte! Verdiente ich wohl, Freunde zu haben, wie Sie – und lassen Sie mich hinzusetzen: verdiente ich meine Kenntnisse und den Anblick dieser Gebirge, wenn ich um einen Traum forttrauerte? Nein! van Guden will Ihre Achtung verdienen! Mariane ist mir Vorbild geworden; jünger als ich, überwand sie jedes Gefühl von erlittenem Unrecht, und eilt, ihren Verfolgern Liebe zu zeigen! Gieng auch von Rosalien hinweg, aber warlich ihr Beweggrund war edler, als der, so mich leitete! Cleberg soll mir doch sagen: Ob es nicht ein Zeichen naher Genesung sey, wenn das Fieber aussetzt, die Stunden später nimmt, wenig Wallung bei Wärme, und ruhigen nicht zitternden Frost giebt? Ich bitte in Ernst, Liebe! mir zu melden, was er sagt. Ich glaube, ich werde Sie rufen, mich abzuholen, und meine Schweizer kennen zu lernen! Doch dies hat noch Zeit. Adieu an Alle – und Nachricht von Cleberg: freimüthig! «   Mariane! ich kann nichts hinzusetzen; wir haben Fremde bekommen, und der Bote geht – –. Vierter Brief. Rosalia an van Guden. Sie haben uns, theure Freundinn! unsere Sorgen über Ihre schnelle Reise, und Ihre weite Entfernung, so viel es möglich war, durch Ihren lieben offenherzigen Brief vermindert; aber dies mußte auch seyn, um unsere Unruhen zu stillen, denn der Ton Ihrer kleinen Briefe war nicht befriedigend. Dem Himmel und den Bergen der lieben Schweiz sey Dank, wenn sich die starke große Seele unserer Mutter van Guden durch sie geheilt findet; und gerne wollen wir die ganze Kurzeit abwarten, wenn Sie am Ende gesund und vergnügt in die Arme der Freundschaft zurückkommen. Schreiben Sie uns nur oft, meine unschätzbare Freundinn! Sie wissen, was Sie und Mariane mir sind, und daß ich jetzt auf einmal Ihrer Beiden beraubt leben muß. Ich will aber, da Sie meine erzählenden Briefe lieben, die Beschäftigungen mit meinem Hauswesen und meiner Kinderstube so eintheilen, wie ich es machte, als Sie mir in der Nähe waren, damit ich immer eine Stunde Unterhaltung genießen konnte, und ich werde Ihnen schreiben, wie ich, mich neben Sie setzend, gesprochen hätte. Sie wollen Clebergs Gedanken über Ihre Reise und Ihren Brief. Sie kennen ihn und seine Freimütigkeit; Sie kennen meine Wahrheitsliebe, und meine zärtliche Achtung für Sie; so wie ich Ihre edelmütige über alles Kleine erhabene Güte kenne: also werde ich, ohne Abändrung, und so viel mein Gedächtnis mir hilft, auch ohne abzukürzen, Ihnen das Gespräch mittheilen, welches Ihr Brief veranlaßte. Cleberg sagte: »Dieses offene Geständnis der Verirrung eines der besten Weiberköpfe verdient meine doppelte Verehrung in eben dem Grade, als ich die seltene Dauer ihrer Liebe bewunderte. Aber schon lang war ich überzeugt, daß Pinndorf nicht mit ihr stimmte. Er fühlte nur die Macht ihrer unwiderstehlichen Anmuth, wenn er sie sah; er hatte eine Art von Liebe, aber nicht die, welche van Guden für ihn nährte: es war keine Sympathie der Seelen. Nun sieht sie es selbst, und das mußte seyn; denn wer hätte sie davon überzeugen können? Schreibe ihr, Salie! ich wolle sie in einem Triumphwagen abholen, und auf einem der schönsten Berge der Schweiz, als auf einem Altar, dem Genius des Landes ein Dankopfer bringen, wenn er sie gesund macht, und uns wiedergiebt.« Dieser freundschaftliche Eifer freute mich sehr. Aber ich fragte. Ob er mich nicht zur Einholung mitnehmen wollte? »Gewiß! denn ich muß ja Jemand zum Aufhängen der Blumenkränze, und zum Singen der Danklieder, bei mir haben.« Ich danke für diese Hofnung, und für die Freundschaft, welche Du unserer van Guden zeigst. Cleberg erwiderte: »Ich liebte sie warlich von der ersten Stunde, da ich ihre Briefe las, und sie kennen lernte. Oft sagte ich mir: Es ist Jammerschade, daß die einzige Unvollkommenheit dieses Weibes gerade in der schwächsten Leidenschaft sich zeigen mußte! Was würde sie in dem Gebiet der Wahrheit gewirkt, und in Kenntnissen geleistet haben, wenn sie diesen so lange nachgestrebt, und sie von allen Seiten so umfaßt hätte, wie die Ideen für Pinndorf!« Lieber Mann! zählst du die vielen Wohlthaten nicht, welche sie in unsern Gegenden über so Viele ergoß? Gehören sie nicht in die Klasse verdienstlicher Wahrheiten? »O ja! Aber ich möchte sie lieber aus einer andern Quelle entspringen sehen.« Warum dieses? Würde sie mehr Gutes gethan haben? »Vielleicht weniger! Aber ihre Wohlthätigkeit würde reine Tugend gewesen seyn – –« O Cleberg! (sagte ich) wäre ich nicht überzeugt, daß jetzo ein wenig Muthwillen gegen mich in Dir ist, so würde mich diese Gattung theologischer Unterscheidung grämen. – »Warum das? Meine Rosalie kennt doch den Unterschied der Beweggründe zu dieser und jener Tugend, und weis, daß einige weniger rein sind, als andre?« O ja; aber ich kenne auch den Unterschied der Grundsätze des Tadelns, wenn Ihr Herren Juristen philosophische oder theologische Ausdrücke gebraucht! »Und was siehst Du bei diesem Unterschied?« In dem Einen sanften Ernst – in dem Andern etwas Spott. »Rosalie! beurtheilst Du mich oft nach diesem Maasstab, und bist Du sicher, immer gerecht zu seyn?« Ja, so oft es eine dritte Person angeht; denn da hält uns die Eigenliebe kein gefärbtes Glas vor. – »Ich bin auf der nämlichen Stelle, denn van Guden ist da die dritte Person unter uns, von welcher ich rede.« Aber die Arme ist ein Weib, und mich dünkt, Ihr Männer schätzt in uns weder die Liebe noch die Tugenden, welche ohne Eure Wünsche und ohne Eure vorgeschriebenen Modelle entstanden: und das ist doch ungerecht! – »Dies ist mein Fall gar nicht, denn ich urtheile wirklich, wie man soll: ohne Ansehen der Person – sonst würde ich gewiß van Guden geschont haben, weil ich das edle Weib unendlich liebe.« Nun, Bester! so vergiß nicht, daß sie einen Mann liebte, um ihn so viel Kummer litte, um seinetwillen so viel Schönes that, und zeige Dich nicht undankbar, wie meist alle Männer. »Nein, das will ich nicht, Salie! und bin es nicht, weil ich wahr und gerecht sage: Daß kein Mann lebt, der von einem solchen Weibe so viele Achtung und Liebe verdiente. Ich verurtheile also nur das Uebermaas, wie es die vortrefliche Frau nun selbst einsieht. Sage ihr, daß ihre Genesung mich freue, so wie ihre Freundschaft und ihr Geist mir werth sind. Das Wechseln der Fieberstunden sey wirklich von guter Bedeutung; aber ich glaubte, sie solle alles Schwärmerische vermeiden, wie körperliche Fieberkranke alles Unverdauliche.« Ich weis nicht, was er damit wollte, denn seine Miene setzte noch etwas hinzu; aber als ich ihn darüber fragen wollte, trat Latten in die Stube, um uns sogleich nach seiner Zurückkunft von Mariane zu erzählen. Ich war überrascht, sprang von meinem Stuhl auf, war aber so bewegt, daß ich gleich wieder zurücksank, und nur sagen konnte: Ist Mariane wohl? War sie es? »Ja, meine würdige Freundinn! sie ist wohl, und so glücklich, als ausübende Tugend ein edles Herz machen kann, welches von Ihnen sich losreissen mußte.« Ich erholte mich nun, und dankte ihm für die Sorge, welche er für unsere geliebte Mariane getragen, und für den Dienst, welchen er dadurch besonders mir erzeigte; indem ich mit Ruhe an Marianens Reisetage gedenken konnte. »Ich freue mich, sagte er, Ihnen einen Dienst erwiesen zu haben. Aber in Wahrheit, ich habe unter der Menge meiner großen und kleinen Wanderungen keine schönere Reise gemacht, als diese: – denn, überall der neuaufblühenden Natur entgegenzusehen; Klugheit, Kenntnis und wahre Güte zur Seite zu haben – ist ein Loos, das wenig Reisenden zu Theil wird. Mich dünkt auch, ich habe den Geist und den Charakter unserer Freundinn besser kennen gelernt, als da sie bei uns lebte. Wissen Sie wohl, daß ihr die Astronomie eben so bekannt ist, als die Litteratur? Und gewiß hat Niemand aufgeklärtere Begriffe von Gott und Menschen, als die edle Mariane! Die Tage flogen mir nur zu schnell vorüber. In den ersten zwei Stunden war sie still und traurend; endlich, als gerade die Sonne uns ganz beleuchtete, sagte sie: »Herr Latten! Sie vergeben mir gewiß meinen Tiefsinn; Sie kennen den Werth des Glücks, welches ich in Clebergs Hause zurücklasse. So viele Jahre hat die edelste Freundschaft mich an die Beste meines Geschlechts gebunden; Rosalie, die immer den hohen Werth des Vertrauens und der Liebe auf mein Herz legte, Rosalie schätzte mich, kannte mich, als alle die Meinigen Unrecht und Misverständnis um mich häuften; sie nahm mich auf, als die nächsten Verwandten und das Schicksal mich verlassen wollten. Sie waren Zeuge, Herr Latten! der schönen, nur zu bald vorüber geflohenen sechs Jahren! – Und nun, zu wem gehe ich? Sie sind mir alle fremd geworden! Aber sie baten mich um Versöhnung, um einen letzten Besuch; war es möglich, Nein! zu sagen; mich dadurch rächen zu wollen? Meine Tante krank, und meinen Bruder in Kummer zu wissen, und zu antworten: Ihr habt Mariane mishandelt, lebt nun ohne sie fort! – – Mein Glück würde nicht mehr Glück gewesen seyn; ich habe es nun geopfert! Möge dieses Opfer die Grundlage des Wohls der leidenden Verwandten werden, welchen ich zueile! Und möge meine Belohnung mich in Rosaliens Hause erwarten, so wie der Geist dieser Familie mir Herrn Latten zum Beschützer gab! Helfen Sie mit der Frühlingssonne zu meiner Erheitrung; man kann den beschwerlichsten Weg mit leichtem Schritt zurücklegen, wenn der Geist heiter ist.« »Dieses war (fuhr er fort) der Eingang zu Unterredungen, die mir unvergeßlich bleiben werden. Ich sollte sie gemeinsam mit der Sonne erheitern, sagte sie; aber ihr Geist war für mich Sinnbild der Lichtstralen, denn ihre Bemerkungen beleuchteten die Gegenstände auf unserm Weg, über welche ich hundertmal hinweggesehen hätte. – In Wahrheit, lieber Cleberg! diese von ohngefähr einfallenden Stralen sind es, welche ganze Landschaften in abändernder Schönheit zeigen, und nach Sturmregen die Granaten im öden Felde blinken machen: – man sollte den Geist der Damen nie einen Kleinigkeitsgeist nennen!« »Das wird auch niemals geschehen, wenn er sich als Sonnenstral zeigt; aber wie oft sehen wir diesen Geist nur wie das Flämmchen eines dünnen schön gefärbten und niedlich gerollten Wachsfadens!« – Ich war über diese Ausschweifung und den Vergleich unzufrieden, und sagte: Ach Cleberg! bei Euren Stralen und Lämpchen verliert sich doch der Faden von Lattens Erzählung. – Sie lachten, und ich hörte dann von guten und schlimmen Wegen, von Aussichten, und dem Andenken an mich, viel Schönes und Gutes, am Ende aber auch von dem Zittern und der Aengstlichkeit unserer Freundinn bei der Annäherung gegen den schon lange im Auge gelegenen Wohnsitz ihres Bruders. »Hier werde ich ohne Rosalie, ohne einen vertrauten Freund seyn! – sagte sie, und schwieg dann eine Zeitlang, um sich schauend – »Aber die Natur ist reizend in dieser Gegend, die wird mich unterstützen.« Damit waren sie an dem Thorweg. Als der Wagen hielt, lief das Hausgesinde beiderlei Geschlechts herbei, und ein paar alte Leute weinten für Freude über den Anblick der edeln gütevollen Dulderinn, welche sie einst durch mich erretten halfen, und nun als Engel des allgemeinen Trostes wieder erscheinen sahen. Sie grüßte Alle liebreich, besonders die zwei Alten, welchen sie die Hände drückte, und zugleich fragte. Was macht meine Tante? Wie lebt mein Bruder? – Indem gieng eine Thüre auf, die sehr nahe bei ihnen war, und eine bewegte männliche Stimme sagte: »O Du fragst nach mir, Mariane!« Zugleich eilte der ansehnliche Mann, sie zu umarmen. Sie konnte nicht reden; der Mann schwieg auch eine Zeitlang, sah dann auf Latten, und fragte: »Liebe! ist dieser Herr Dein Begleiter?« »Ja, mein Bruder! und er verdient allen meinen Dank.« Nun erhielt Latten eine sehr höfliche Verbeugung, mit der Anrede: »Sind Sie vielleicht Herr Resident Cleberg? – »Nein, sagte Mariane, aber sein bester würdigster Freund.« Und hierauf wurde Mariane in das Zimmer geleitet. Latten wollte zurückbleiben, aber der Herr sagte: »O Sie müssen mit hereinkommen, und sehen, was Marianens Ankunft für Freude macht.« Sie schwieg immer, und Latten folgte ihnen in das zweite Zimmer, wo die Tante zu Bett lag, ihre Arme ausbreitete, und rief: »Ach gute, gute Mariane!« – Mehr erlaubten ihr Thränen und Seufzer nicht auszudrücken. Unsere edle Freundinn küßte dem nun gezähmten Ungeheuer die Hand, und wünschte, etwas zu ihrer Genesung beitragen zu können. – »Das kannst Du, Liebe!« schluchzte die Kranke, »wenn Du alles Vergangne vergißt, und bei uns bleibst.« Indessen war der Bruder weggegangen und kam mit vier in tiefe Trauer gekleideten Kindern zurück, die er seiner Schwester, nach dem Verlangen seiner verstorbenen Frau, zur Liebe und Aufsicht empfahl. – Sie umarmte Alle, mit einer stillen Thräne der Erinnerung an die selige Aufgelößte, welche von ihrem Mann und ihrer Mutter so viel ertragen hatte, Marianen immer liebte, und selbst an mich schrieb: »Daß, obschon sie den süßesten Trost ihres eignen Herzens verlöre, so bitte sie mich doch, Marianen einzuladen, und sie dann bei mir zu behalten.« Diese Scene rührte unsern Latten ungemein, besonders aber die Ergießung der Zärtlichkeit der ältern Tochter von zehen Jahren, welche sich gleichsam an ihre Tante anklammerte, schluchzte, und beinah ohnmächtig wurde, als sie mit abgebrochner Stimme sagte: »Ach Tante! die Mama hat versichert, Sie blieben gewiß bei uns, und würden uns lieben! Und das solle ich Ihnen geben.« Es war ein Medaillon mit dem Portrait der Verstorbenen, und dem Billet: »Du kamest nie aus meinem Herzen: Nimm meine Kinder in Deines auf, und erfülle die letzte Bitte von Emilien.« Mariane küßte das Bild und das Billet, öffnete ihre Arme gegen die Kinder, und sagte mit einem begeisterten Ton: »Kommt ihr Lieben an das Herz, in welches ein Engel so viel Vertrauen setzte! Ich will seyn, was möglich ist.« Und so umfaßte sie sie, so weit sie konnte, in einer Hand das Bild, in der andern das Billet haltend, ihre Augen zum Himmel erhoben. In dem Augenblick kam der Bruder, der sonst so harte rauhe Mann, nahm eine von Marianens Händen, küßte sie, und sagte sanft: »Nicht wahr, liebe Schwester! um Emiliens willen, um ihrer unschuldigen Kinder willen, vergißt Du alles Vergangne?« Mit bescheidener Würde, die aus dem Andenken des Verflossenen und dem Zeugnis ihres Herzens entstand, antwortete sie: »Ja, mein Bruder! ich will es um ihrentwillen, aber auch für Dich.« Ach mir schauerte bei diesem Theil von Lattens Erzählung; ich verliere Mariane auf lange Zeit! Aber dann folgte auch die Betrachtung: Daß doch die größten Bösewichter, welche bei der Befriedigung ihrer Leidenschaften den Kummer und die Leiden der Unschuld und Tugend nie achten, doch immer, wenn sie selbst leiden, und etwas zu bitten haben, sehr ernst um der Unschuld ihrer Kinder, um der Tugend einer guten Gattinn willen etwas zu erhalten hoffen, und also eingestehen, wie sie es fühlen: Daß nur der Gute und Schuldlose Gutes verdient. Latten und Cleberg sind überzeugt, daß Marianens Bruder entweder in sehr unglücklichem Familien- oder Gemüthszustande ist, weil er so weit von seinem Stolz und der Art von Antipathie gegen seine Schwester zurückkam, und es sogar bei einem Fremden zeigte. Ich glaube aber, der Tod seiner Frau, und das langsame Hinsterben seiner Tante, haben, neben seinem eigenen Uebelseyn, mechanisch auf ihn gewirkt; denn Leute, die ihre Bosheit auf eine niederträchtige Art zeigen, haben bei der Güte kein anderes Modell; ihre Seele ist keiner edeln Erhebung zu Gott, keiner anständigen Würde gegen Nebenmenschen fähig; sie fordern in glücklichen Tagen von den Andern niedres Bücken, und handeln dann in den Stunden ihrer Niedergeschlagenheit auf die nämliche Art gegen Gott und Menschen. – Latten mußte bei dem Abendessen bleiben, und im Hause übernachten. Den andern Tag reisete er wieder ab, weil er in der nächsten Stadt einige Geschäfte hatte. Mariane, welche bei dem Frühstück den Kindern alle Sorgfalt und Liebe einer Pflegemutter bewies, gieng nachdem mit Latten in dem Hof des Hauses auf und ab, damit sie sicher vor aller Art des Behorchens, welches vormals ein großes Talent ihres Bruders war, mit Latten sprechen konnte. – »Sie haben, theurer würdiger Freund meiner Cleberge! (sagte sie) meine Aufnahme, und die Bedürfnisse meiner Tante und meines Bruders, gesehen. Ich bin froh, dem Rufe, sie zu besuchen, gefolgt zu haben, und will alles thun, was in meinen Kräften steht, die Ordnung des Hauses, die Pflege der Kranken, und die Ruhe der Gemüther zu besorgen. Emilie war die Tochter meinem Tante, aber ihr Herz war so verschieden gestimmt, daß sie mit ihrer Mutter und ihrem Manne in ewigem Kampf war – und darinn erlag. Sie hat oft mich unterstützt, und Kummer darüber gelitten; nun will ich ihr vergelten, und ihre Kinder unterstützen. Ich sehe es als einen Wink der Vorsehung an, mein Leben nützlich zu machen. Sagen Sie meiner geliebten Rosalie: Daß ich von ihrem edeln Herzen und guten Geist erwarte, daß es sie freue, ihre Freundinn auf die Bahn thätiger Tugend berufen zu sehen, und daß wir Beide, sie als wahre Mutter, und ich als Pflegerinn, unsere Tagarbeit getreu ausrichten wollen. Das Schicksal gab mir sechs Jahre Glückseligkeit, nun erwartet es billig einiges Verdienst als Rückgabe.« Dann schwieg sie einige Minuten, gab Latten mit einer Thräne im Aug die Hand, und sagte etwas bewegt: »Nehmen Sie meinen Dank und meinen Segen für Sie und meine Cleberge, und gönnen Sie mir alle Tage den Ihrigen, ich werde ihn bei jedem Schritt in diesem Hause nöthig haben. – Damit gieng sie in das Vorhaus gegen das Zimmer ihrer Tante, Latten küßte ihr stillschweigend die Hand, und reiste mit dem Segen der zwei alten Dienstleute ab. »Sie waren mir ehrwürdig, die zwei Leute, sagte er, und ich erblickte Mariane noch auf einem Altan mit den Kindern, während der alte Hausmeister und die Beschliesserinn mir noch mit ihren Blicken folgten. Mich deuchte, ich verließ unsere Freundinn bei Redlichkeit und Unschuld auf einer ihrem Charakter angemessenen Laufbahn, winkte ihr noch meinen Segen zu, und bringe Ihnen den, mit welchem sie mich beladen hat.« Ich konnte mir nicht anders als mit Thränen helfen. Cleberg sagte lange nichts, küßte mir nur nach einiger Zeit die Hand, und munterte mich auf: »Liebe! wir wollen der edeln Freundinn nachahmen, dankbar an genossenes Glück uns erinnern, und uns bemühen, neues zu verdienen.« Ich stimmte mit ein, und nahm Antheil an der Unterredung über Gegenden, Feldbau und Schönheit der Natur, der Gebäude und Gärten, welche Latten bemerkt hatte; denn schon lange bin ich von dem Eigensinn befreit, auf dem zu bestehen, was mich besonders anzieht, und was gegen die Gesinnungen der Andern läuft. Man findet auch immer am Ende eine doppelte Belohnung bereit, denn man hat etwas zu dem Wohl der Andern beigetragen, und unser Kummer ist verscheucht, welcher immer eine Menge trüber Wolken über den Verstand verbreitet, und ihn hindert, mit wahrer Einsicht zu handeln, so wie er auch manche Blume mit Schatten bedeckt, welche an dem Rand unseres Weges blüht. Cleberg und mein Oncle begleiteten dann unsere Freund bis zur Hälfte des Wegs, und kamen mit der Nachricht zurück: Daß sie einen Rüstwagen mir dem Geräthe von Otts angetroffen, welche Morgen mit ihren Kindern ankämen. »Du siehst also, liebe Salie! (sagten mein Oncle) daß wir einen Theil unserer Gesellschaft behalten haben, mir welchem wir von den Tugenden und den Begebenheiten der Andern sprechen können! – Deine van Guden wird uns in dem schönen Gebiete der Natur in der Schweiz, und deine Mariane in dem, von der edeln Wohlthätigkeit gegen Feinde, herumführen – und du wirst uns zeigen, was vernünftige Güte und Freundschaft über ein edles Weib vermögen – und wir (sagte er, mit seiner Hand nach Cleberg reichend) werden dadurch einen doppelt schönen Sommer haben.« »Lieber gütiger Oncle! (sagte ich) wie glücklich werde ich seyn, wenn ich dieses zuwegebringe.« »Ja, meine Liebe! du kannst durch deine Heiterkeit die Wohlthat der Sommertage verdoppeln: denn gewiß sproßt unter den liebreichen zufriedenen Blicken einer klugen Hausfrau nicht allein das tägliche Glück ihres Mannes und ihrer Hausgenossen empor, sondern es reift auch mancher schöner guter Gedanke in den Kindern, mancher nützliche Entwurf in dem Gesinde, wie in der Sonne die Aehre reift; wohingegen der kalte Ernst und das trübe Wesen der Hausfrau alles zurückhält und erstickt.« Sie denken wohl, meine Freundinn! wie sehr ich gerührt wurde, und mich aufgerufen fühlte, dieses Lob zu verdienen. – Ich merkte wohl, daß es eine feinversteckte Vorschrift war; aber ich empfand auch den Werth der Güte, daß der Mann, welcher mir befehlen konnte, seine Wünsche auf diese Art zeigte. Wäre ich wohl werth, seine Nichte zu seyn, wenn ich nicht alle meine Kräfte anstrengte, das zu thun, was ihn glücklich machen kann! Also mit heiterm Geiste denke ich Mariane vierzig Stunden von mir entfernt, das unaussprechliche Glück ihres Umgangs auf Andre ergießend; und van Guden auf den Bergen der Schweiz, Stärke suchend. – O wünschen Sie mir, daß ich die finde, in Wahrheit heiter zu seyn! – Adieu. Fünfter Brief. Rosalie an Marianen. Ich sagte vorgestern Ihrem Bilde, an der Seite meines Oncles: Neun Jahre sind nun seit unserer ersten Trennung verschwunden; manche freudige und manche ernste Begebenheiten haben diesen Zeitraum ausgefüllt, und meine Menschenkenntnis und Erfahrungen vermehrt. Mein Oncle setzte sogleich hinzu: »Sie sollen aber auch gelassenes Zusehen bei den Abänderungen, ruhiges Ertragen eines Verlustes , und Befestigung geprüfter Grundsätze hervorbringen; sonst, meine liebe Rosalie! ist der Gewinnst der Erfahrung von neun Jahren zu gering.« Der liebe Mann merkte, daß ich der ersten Trennung von Ihnen so ernsthaft gedachte, weil die zweite noch so lebhaft vor mir war. Und ich glaubte genug gethan zu haben, da ich alle Tage Ihrem Bilde gegenüber den Nachmittag und den Abend hinbringe; von hundert andern Sachen rede; nichts von dem, was ich zu thun habe, versäume; und an allen mindern Menschenbegebenheiten Antheil nehme. Ich erwiederte auch ganz sanft: Wissen Sie wohl, lieber Oheim! daß gerade heute der Jahrtag ist, an welchem ich meine erste Reise mit Ihnen antrat? – Er lächelte, und schüttelte den Kopf, wie er immer zu thun pflegt, wenn er freundlich zweifelt – und sagte dabei: »Rosalie! sey aufrichtig, und bekenne, daß du diesen Tag eher wegen der Trennung von Mariane, als wegen deiner Reise mit mir bemerktest.« Ich fiel ein: O mein Oncle! dieser Verweis ist so strenge, daß ich Sie bitten muß, ja nicht zu vergessen, daß Sie mir doch lieber waren, als Mariane und Alles; denn ich reiste mit Ihnen, ob Sie mir schon mit vieler Güte die Freiheit gelassen hatten, mitzugehen oder zu bleiben. »Das war damals auch mein Ernst. Aber dein Entschluß, mitzugehen, freute mich um so mehr, weil er mir die erste Blüte von Stärke und Standhaftigkeit zu seyn schien, welche wir Alle in dem Lauf unsers Lebens so nöthig haben. Ich bemerkte wohl, was dir dein Entschluß kostete – indessen wäre es mir leid, wenn diese Blüte nur eitle Blätter ohne Früchte seyn sollte!« Nun war ich äusserst gerührt und verlegen, faßte seine Hand, und fragte ihn: Theurer, theurer Oncle! was sagen Sie da? Habe ich wirklich Anlaß dazu gegeben? »Beinahe, meine Liebe! Aber (setzte er mit milderer Güte hinzu) du weist, daß man immer die Gleichnisse von Sachen nimmt, die uns am nächsten umgeben; und ich hörte gerade heute frühe bei meinem Morgengang den Gärtner von einem schön aussehenden Strauche sagen: daß er falsch geblüht habe.« Dank, lieber Oncle! für die fein gesagte Ermahnung. Ich will keine Ihrer Hofnungen täuschen; aber Sie müssen auch gütig bedenken, daß, wenn ich schon lange um Sie war, ich doch immer ein schwaches weibliches Geschöpf bleibe. – Hier sah er ganz ernst, und sagte: Rosalie! ich bin mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden; weil mich dünkt, ein versteckter Unwille habe dich zu der falschen Demuth gebracht, von weiblicher Schwachheit zu reden. Aber auch wenn es dir Ernst war, so möchte ich meine Rosalie niemals einen Fehler mit diesem allgemeinen Decke bemänteln sehen.« Sie wissen, man darf nicht wohl wagen, ihm einzusprechen, ehe er alles gesagt, was er sagen wollte. Die Zeit, da ich hören mußte, war also lang genug, um den Ernst deutlich in seinem Gesichte zu lesen. Eine Thräne füllte mein Aug, aber ich faßte mich, und sagte ihm ruhig: Theurer Oncle! Sie müssen nicht so unwillig auf das Mäntelchen blicken, mit dem ich einen vorübergehenden Fehler in der Eile verbergen wollte; denn alles, was ich sagte, geschah nur, die Vermuthung zu unterbrechen: als ob ich mehr am Vergangnen als am Gegenwärtigen hienge. – Ich küßte ihm dabei die Hände, und er mich auf die Stirne; wie er immer bei einer Aussöhnung thut, weil er zu sagen pflegt: »Ich muß mich mit deinem Kopf versöhnen; denn dein Herz fehlt nie.« So gieng es wieder gut. Aber ich ward etwas ängstlich sorgsam auf meine Worte und Mienen. Cleberg bemerkte es, und fragte nach der Ursache, welche ich sagte. Er bat mich, ruhig zu seyn, und die genaue Empfindlichkeit unsers guten Oncles als eine Wirkung des Alters anzusehen und zu schonen. »Wir bekommen, setzte er hinzu, in gewissen Jahren alle so etwas, wo die Begierde des Alleingenusses mit hervorblickt. Alte fürchten, vergessen zu werden, und bekommen eine Art Eifersucht. Spreche nicht so oft, oder wenigstens in heiterm ruhigem Ton von Marianen. Die Alten fühlen, daß mit ihren Kräften so viele Freuden verschwinden, und heften sich dann eifriger an das, was sie noch haben. Du weist, liebe Rosalie! was du für deinen Oncle bist – sey es gerne; du siehst es: die Liebe für dich, und seine edeln Gefühle, haben immer die Oberhand.« Ich dankte meinem Mann für seine Weisung, und habe mich nun mit der äussersten Sorgfalt darnach gerichtet. Gestern war ein vortreflicher Tag; Ott und Julie sind mit der alten erprobten Freundschaft hier angekommen; und wir werden nun wieder alle Abende zusammen verleben, bald mit unsern Männern, bald einen Nachmittag ohne sie, nur mit unsern Kindern und unserer Arbeit. Heute frühe wurde ein liebes Pack landwirthschaftlicher Bücher durchsucht, welche Ott mitbrachte. Und Cleberg sprach mit meinem Oncle über einen Plan in Ansehung seines Oberamts, welcher dem Oncle sehr wohl gefällt. Unser lieber Pfarrer soll nächstens, ganz freimüthig, von der Kanzel, von den Pflichten eines guten Landbeamtens reden, und sie in allem, bis auf die kleinsten Theile, streng anzeigen, ohne nur mit einer Sylbe die Pflichten der Untergebenen zu berühren. Cleberg sagte: »Ich will die Aufmerksamkeit des Oberamts auf meine Person und meine Handlungen erwecken, das wird mich selbst aufmerksam machen, und das Uebrige wird kommen.« Dann will er, von Morgen an, alle Amtstage einen Pfarrer und zwei Schultheiße der acht Dörfer bei dem Mittagessen haben, und ihnen alles Neue der Entdeckungen und Anlagen in der Landwirthschaft bekannt machen, von den Absichten seiner Verbesserungen mit ihnen reden, und sie darüber befragen. – Dann werden die Schulmeister auch einen Tag bekommen, denn sie sind meinem Oncle beinahe lieber als die Pfarrer und die Schultheiß. Sie wissen, daß er vor zwei Jahren für die Schule von Seedorf eine Stiftung machte, welche auch einen sehr glücklichen Erfolg hat: denn unser Schulmeister ist ein rechtschaffener und geschickter Mann, so wie seine Zöglinge wohlgesittete und geschickte Bauernkinder werden. Herr von Rochow hat wirklich unsterbliches Verdienst erworben, daß er mit der treuen Menschenliebe Modelle für Landschulen bearbeitete. – Liebe! ich kann nicht fortfahren, der Bote geht schon – ich ende diesen Brief morgen.   Nun, heute hatte ich die erste Amtsgäste, und ich segnete den redlichen Mann, der das Leben eines Bauern-Schultheißen in dem Journal für Deutschland beschrieb. – Cleberg las es mit seiner schönen Stimme und dem vollkommnen Lesetalent vor. Es ist das Leben des Schultheißen Bauer zu Eissingen in den Baadischen Landen . Unsere Gäste waren sehr aufmerksam dabei, und mein Mann munterte sie auf, so viel möglich nach dem Beispiele dieses Mannes zu handeln, und versichert zu seyn, daß er ihnen mit der anvertrauten Obergewalt, mit seinen erlernten Wissenschaften und seinem Vermögen alle Unterstützung geben wolle, sobald sie etwas zum gemeinen Besten, oder zur Unterstützung eines redlichen Landmannes vornehmen wollten. Er bot ihnen auch von seinen Büchern an, und bat sie, ihm zu sagen, wenn sie etwas Brauchbares darinn gefunden hätten. Die Leute schienen sehr bereitwillig und vergnügt; und gewiß, der Mittag war schön dadurch, daß Cleberg durch sein gutes Betragen gegen die Leute ihren guten Willen in wirklichen Eifer verwandelt hatte. Mein Oncle hoft eine Menge Gutes von diesem, wie er sagt, weisen Gebrauch der Menschenkenntnis meines Mannes: da er den Leuten lieb zu werden sucht. – Ich habe im Sinn, Ihnen die Liste der Bücher zu schicken, welche Cleberg für jeden Herrn und jeden Beamten nützlich hält; denn Sie lieben die guten Landleute – Sie lieber Ihren Neffen, und sind nun so großmüthig entschlossen, die Erziehung dieser Kinder zu besorgen; und da Sie (wie ich Sie kenne) alle Kräfte Ihrer Seele dazu verwenden, und schon alle Erziehungsschriften lesen: so würde ja vielfaches Gute für Ihren Neffen gethan, wenn auch jetzo schon an die verbesserte Schuleinrichtung und Besorgung des Landmannes auf den Güthern gedacht würde. Sie sehen hier, Liebe! wie ich so ganz mit diesem Gegenstand erfüllt bin; aber gewiß werden Sie es auch seyn, wenn Sie nun das Leben des Schultheißen Bauer gelesen haben, welches ich in der Eile für Sie kopirte. Sie werden mit uns den Mann segnen, und sich für die Gemeinde freuen, deren Vorsteher er ist. Cleberg will sich erkundigen, ob der Mann nicht mehrere Söhne hat, und dann will er einen zu sich berufen – indem er an das Blut einer guten Race glaubt. Sehen Sie, wie mein Mann in Allem den mir unschätzbaren Ehrgeitz zeigt: der beste Beamte zu seyn, und das Andenken seines Namens durch den Wohlstand des Amts Seedorf zu gründen. Er freut sich seiner Sprachkenntnisse, damit er, von dem Homer an, in der Geschichte der Ceres und des Bacchus, bis auf das Garten-Journal von Stuttgardt, alles lesen könne, was die Landwirthschaft betrift. Die englischen Arbeiten darüber, und die lieben Auszüge, welche er von seinem Pausanias, seinem Hesiodus, Virgil und Columell machte, werden mir alle vorgelesen. Dann hat unsere van Guden ein vortrefliches Stück aus dem Französischen übersetzt, und an Cleberg geschickt: Moyens d'ameliores la Condition des Laboureurs \& Moissoneurs. Ich sagte da herzlich: Segen ruhe auf den Tagen und den Feldern des Mannes, der sich mit diesem Gefühl der Menschheit zu Aussetzung eines Preises, für Mittel, den Anstand der Bauern und der Schnitter zu verbessern, entschloß. Und ich freute mich, daß das Geburtsfest meines Mannes gerade in den Erndtemonat fällt. Er verdient den Kranz, der ehmals, mit Kornähren und Eichenblättern durchflochten, dem guten Landmann und Bürger gereicht wurde. Cleberg soll ihn aus der Hand unserer Schulkinder erhalten. Was mich unter anderm in dem Leben des Schultheißen Bauer, und in dem Plan meines Mannes freut, ist die Sorge für Anpflanzung der Wälder, Obstbäume und nutzbarer Hecken. Der brave Schultheiß hat 246 Morgen Wald angepflanzt. Cleberg untersucht nun das Erdreich und die Waldlagen des ganzen Amts. Daneben macht er sich alle Holzgattungen und den Boden bekannt, den sie lieben, um vortheilhafte Anpflanzungen zu machen; daß also die guten Dryaden auch das Glück genießen werden, dessen sie in ihrer Klasse fähig sind. Denn da man den Pflanzen das Krankseyn und das kümmerliche Fortkommen ansieht, und sie bedauert; so ist gewiß Freude dabei, sie in Wohlstand zu sehen, und ihren Wachsthum zu befördern. Sie wissen, wie sehr ich immer die Engländer wegen ihres Geschmacks an Waldung und Bäumen liebte! Ich gieng auch heute Abend noch, am Ende der vorletzten Zeilen, mit meinem Oncle und meinen Kindern in den Wald. Ueber dem Graben an dem kleinen See fand ich in dem Dickigt Ihre Lieblingsbank, von welcher man, über die abhängende Grasplatte hin, den See und das anderseitige Ufer sehen kann. Dieser Platz weckte recht die Erinnerung an englische Gärten, und an Sie ; aber ich sprach nur von den ersten, und lobte meinen Mann, daß er auf seinen Reisen so viel Gutes und Schönes sammelte, und es nun, zum Vergnügen seiner Freunde und dem Besten seiner Untergebenen, in sein Denken, seinem Umgang und seine Handlungen verwebt.   Sie wissen, man sieht von Ihrer Bank im Wäldchen das Dach des ersten Hauses, welches Cleberg in dem von ihm und durch seine Anstalt ausgetrockneten Sumpf erbauete. Die Weiden auf dem Damme sind vortreflich gewachsen, und haben immer ein freundliches Aussehen, indem er sie so setzen ließ, und auch das jährliche Behauen so anordnete, daß beständig eine Reihe voll Blätter bleibt, während die Aeste der zwei andern benutzt werden. Mein Oheim zeigte meinen Kindern aufkeimende Bäumchen, und lehrte sie verschiedene Moose kennen. Denn die kleinen Blümchen, welche wegen der Farben die Kinder immer am meisten locken, hatten sie schon gepflückt. Mein Oncle legte aber auch Blätter von allerlei Bäumen dazu, welche Carl aufheben und Trocknen lernt, damit sie ihm so bekannt werden, daß er gleich die Bäume darnach zu nennen weis. – Ueberhaupt sollen meine Kinder dieses Jahr mit allen möglichen Arten der Feld- und Gartenpflanzen unserer Gegend sich bekannt machen; und da Cleberg ohne anders unsere Nanny bei den Unterrichtsstunden der Knaben gegenwärtig haben will, wo sie auch Bellermanns Holzsammlung mit benutzen wird: so habe ich ihr eine artige Arbeit bestimmt: Sie soll im Zeichnen und Malen der Blumen so weit gehen, daß sie sich die illuminirten Kupferblätter von den Blüten, Saamen und Früchten dieser Holzsammlung auf holländisches Papier abkopire, und den Text der Beschreibung mit ihrer Handschrift dazusetze. So, denke ich, wird die Uebung dieser Talente zu einer nutzbaren und rühmlichen Vollkommenheit gebracht werden. – Mir habe ich auch eine Arbeit zu Stiftung meines Andenkens bei ihr vorgenommen: Zwölf Stühle und zwei Kanapees im Tapetenstich auszunähen, welche jede schöne Aussicht unseres lieben Seedorfs zeigen sollen. Cleberg wird die Zeichnungen dazu machen – und Sie glauben doch, daß nicht so bald ein schöneres Brautgeschenk gefunden werden sollte? Wie phantastisch! – werden Sie denken: Ein Brautgeschenk für ein Mädchen von vier Jahren zurecht zu machen! – Ach Liebe! wenn Sie wüßten, wie viele Hofnungen und Entwürfe bei den ersten Umarmungen eines Neugebornen in der Seele seiner Mutter erscheinen – wenn Sie die Zunahme dieser Hofnungen und Entwürfe bei dem ersten Lallen, bei den Blicken und Begierden nach Gegenständen um sie, bemerkt und berechnet hätten – o so würde Ihnen mein Geschenk für Nanny nicht so phantastisch vorkommen. –   Erinnern Sie sich, daß in einem artigen Dorf in Flandern, sobald ein Mädchen geboren ist, von dem Vater eine Anzal Bäume gepflanzt wird, welche sie mit zum Heurathgut bekommt. Wir lobten diese Gewohnheit – warum sollte die langsame Tapetennäherei zu der Ausstattung meiner vier Jahre alten Tochter zu tadeln seyn? Es gieng wohl noch eine andre Grille mit mir umher, welche ich, wie die erste, Ihrem Urtheil unterwerfe, während ich den Einfall zur Ausführung zu bringen gedenke. Sagen Sie, liebe Mariane! ob es nicht schön wäre, die Blüten und Blätter unserer Bäume und Gesträuche in einer Einfassung von Stickerei nachzuahmen, so daß man einmal diese Einfassung bei einer einfarbigen Tapete gebrauchen könnte? Man mögte nun dabei meine für Nanny ausgenähten Stühle nehmen, oder, um ein zusammenstimmendes Ganzes zu machen, die Stühle und Kanapees mit Blumenbouquetten sticken. Aber wie weit hat die Phantasie der Mutterliebe mich verleitet, da ich doch in dem Wald selbst so viel mit Ihnen beschäftigt war, und mir vorsetzte, eine kleine Betrachtung über die Wälder abzuschreiben, welche ich so angenehm fand, und wobei mein Oncle selbst mich fragte, ob sie Ihnen wohl bekannt sey, da er, nach Lattens Erzählung von der Gegend Ihres jetzigen Aufenthalts, sich erinnerte, daß schöne Waldungen in der Nähe seyen, und Ihnen also der kleine Auszug gefallen würde. Der mir unbekannte Verfasser sagt: »Was für sanfte und tröstliche Gefühle erweckt ein schöner Wald! Wollen wir nachdenken, so finden wir dort die Stille und Verschlossenheit. – Sind wir verfolgt, so bietet uns der Wald eine Zuflucht an. – In der Hitze findet man kühlende Schatten; haben wir Ruhe nöthig, so treten wir unter schön verbreiteten Aesten der Eiche weiches Moos zu einem Lager an; durstet uns, so werden wir schon durch die frische Luft des Waldes gelabt, und wir finden gewiß auch eine Quelle; im Hunger geben auch einige unter den vielen Bäumen und Gesträuchen etwas Nahrung. Wird uns die Stille unangenehm, so dürfen wir uns nur wenige Minuten ruhig halten, so werden die Stimmen von tausend Vögeln in kurzer Zeit zu unserer Gesellschaft ertönen.« – Welch ein langer Brief, zu welchem mich der gute Schultheiß führte! – Und ich erinnere mich nun, daß Sie immer etwas von unsern Kindern wissen wollen. – Die meinigen gehen und hüpfen, dünkt mich, ihren Weg recht artig fort; denn der Himmel verhüte, daß wir ja nie fordern, daß sie unsere gemessenen Schritte nehmen sollen. – Ich fragte Julie nach ihren Kindern, und sie erzählte mir einen Auftritt, der Ott und seinem ältern Knaben eigen war. Sie erinnern sich des jungen Engländers, der nur das lernen wollte, was man ihm mündlich erzählte, und nie etwas annahm, was er aus Büchern bemerken sollte. Otts älterer Bube und das Mädchen wollen aus keinen Büchern lernen, die für Kinder geschrieben sind, und fordern, man solle sie andre Sachen lehren, als dies, was Kinder wissen. – Nach diesem Sinn sagte der kleine Ott seinem Vater: »Geben Sie mir das Buch, in welchem Sie lesen, ich mag das von den kleinen Buben nicht!« Ott gab ihm das Buch, aber es war Latein, da konnte der Junge nichts lesen, und brachte es wieder. Ott sagte ruhig: »Das ist wahr, die Sprache hast du noch nicht gelernt.« Nun fordert der eigensinnige Knabe ein großes deutsches Buch von seinem Vater. Er bekommt auch eins, und setzt sich hin, zu lesen. Ott läßt aber eines seiner Kleider und ein Paar von seinen Schuhen bringen. Indem hatte die Langeweile den Buben schon angewandelt, da er las, und nichts verstehen konnte. Nun muß er sich ausziehen, und den Rock und die Schuhe des Vaters anpassen, auch sich, alles Sträubens ungeachtet, hinsetzen und lesen. Nun fallen ihm die großen Schuhe von den Füßen, und seine Arme reichen nicht durch die Ermel des Kleids; doch muß er einigemal die Schuhe wieder aufheben, anziehen, und fortlesen. Anfangs lachte er; sein Vater blieb ruhig an seinem Schreibtisch; dann bekam der Bube Widerwillen an dem Buch, und Ungeduld über das Beschwerliche der weiten Kleidung. Ott sah nicht um sich, und seine Kinder wissen, daß, wenn er sie schon mit einem Buch um sich duldet, sie ihn nicht unterbrechen dürfen, so lange er die Feder in der Hand hat. Sie denken wohl, daß er diesesmal lange schrieb, und aufmerksam fortarbeitete, bis der Junge herzlich seufzte: »Ach Papa!« Mit Güte fragte Ott: »Fehlt dir was, August?« »Nein, Papa, ich bin nicht krank, aber Ihr Rock ist so schwer, und die Schuhe sind so gros, ich verliere sie immer, sehen Sie nur: Sie haben ja größere Füße als ich.« »Das weis ich wohl; ich habe diese Kleider auch nicht getragen, wie ich so klein war als du bist: aber meine Kleider und meine Bücher gehören zusammen. Du willst keine Bücher, die für dich taugen; ich gab dir ein großes, und die Kleider dazu: nun sind dir diese beschwerlich! – Hat dir aber das Buch Vergnügen gemacht? Erzähle mir was davon!« »Ach Papa! ich habe gelesen, aber ich verstehe nichts!« »Wiederhole es noch einmal, vielleicht verstehst du dann etwas, und gewöhnst dich auch an den Rock.« Mit diesen Worten fieng er wieder an zu schreiben, und der Bube mußte wieder schweigen und stille sitzen. Indem schlug aber die Stunde, wo Ottens Kinder immer vor dem Essen mit einander herumspringen. und August ergriff diese Gelegenheit, sich zu befreien. »Papa! darf ich jetzo mit Salie in den Garten?« »Ja gehe hin!« »Aber geben Sie mir meine Schuhe und Rock, ich kann in diesen nicht gehen.« »Ich glaube es. Wie steht es denn mit dem Buch?« »Ach ich weis nichts daraus!« »Das glaube ich auch, so wie ich nun weis, daß mein August viel später, als andre Jungen, gros und klug seyn wird, weil er ausser der Ordnung gehen will: denn jeder von den Kleinen, die du verachtest, wird mehr wissen und liebenswerther seyn, als du; sie werden besser wachsen und munterer seyn, weil sie Gottes Ordnung folgen, der dem Geist der Kinder, wie ihrem Leib, einen kleinen Anfang gab, und dann ihren Fleiß mit Kenntnis und Wachsthum segnet. Aber wer als Knabe die kleinen Bücher nicht liebt, wird die großen nie kennen lernen.« – Nun war August beschämt und verwirrt, bat aber um seine Kleider, und versprach, in kleinen Büchern fleißig zu seyn; und Ott zeigte ihm die Reihe der Bücher, welche er durchgehen müsse, bis er das lesen könne, was er forderte. Verzeihen Sie, liebe verdienstvolle Erzieherinn anvertrauter Kinder, diese Erzählung. Sie dient immer zu einem Merkstab, Kinder zu bemessen und zu leiten, wie auch über die verschiedene Art nachzudenken: wie Fehler der Kleinen und ihrer Führer zu berichtigen sind; denn so viel ich weis, ist ein Hofmeister bei Ihren Nepoten. August Ott ist durch die Langeweile und den Ernst des Vaters, ohne daß er eigentlich verspottet wurde, ganz geändert; denn das Mittel: Kinder auch durch Domestiquen ausspotten zu lassen – ist bei Anlage starker Charaktere gefährlich. – Adieu Beste! Mein Mann bringt Fremde in den Saal; ich muß gehen. Sechster Brief. Rosalie an Marianen. Ich schreibe Ihnen zwar an einem ungewöhnlichen Posttag: aber dies soll Sie nicht in Ihrer Ordnung stören und zu mehreren Briefen an mich verleiten; wodurch ich freilich für die kleinen Blättchen entschädigt würde, welche ich von Ihnen erhalte: aber da Ihre Lage und Ihr edler Lebensplan fordern, alle Ihre Stunden aufzuopfern, so verehre ich die Beharrlichkeit, mit welcher Sie Ihren Weg fortsetzen. Sie sagen dabei: meine Briefe wären für Sie, was die Brunnen und Ruhebänke auf dem Weg nach Palermo den Reisenden in Sizilien seyn müssen, wenn die Hitze und Dürre sie abgemattet haben. Auf diese Art brauche ich wohl keine Schutzschrift für einen ausserordentlichen Brief, bei welchem ich selbst so viel genieße, wenn ich etwas mit Ihnen theile, und goldene Zeiten zurückrufe! Ich sagte letzthin, da ich meinen Brief schnell endigte: Cleberg bringt mir Fremde! Das war auch. Ein Mann von ohngefähr fünfzig Jahren, seine Frau von acht und dreißig, liessen sich unter dem Titel des Herrn Raths und Frau Räthin von Sand melden – mit dem Zusatz: sie hoften, daß sie in ihrer Reisekleidung erscheinen dürften. Das ward ganz natürlich bewilligt. Und ihr Besuch befriedigte auch unsere Neugierde; da man uns schon viel von den Fremden gesprochen hatte, welche im Rasthof das Mittagessen bestellten, und dann das ganze Dorf durchwanderten, am Ende aber bei zwei Stunden mit dem Seebauern sich unterhielten, der sie auch auf den zerfallnen Schloßmauern und Thürmen herumführte. Nun brachte sie Cleberg in den Saal. Der untersuchende Blick des Mannes, als ich ihm und seiner Frau vorgestellt wurde, dünkte mich kühn und beleidigend; aber es lag viel feuriger Verstand in seiner Miene, und da er sehr große schwarze Augen und Augbraunen hat, so mögen auch diese seinen Blicken dies doppelt geben, was mir darin misfiel. Sobald sie sich gesetzt hatten, wandte sich Herr von Sand zu meinem Manne, und sagte: »Ich wünsche sehr, daß der Herr Resident mir eine Stunde gütiger Aufmerksamkeit schenken könnten, ohne Ihren andern Geschäften abzubrechen!« Cleberg erwiederte: Ich bin vollkommen zu Ihrem Befehl, Herr Rath! und habe heute kein so wichtiges Geschäft; so daß ich Ihnen diese Stunde mit Vergnügen wiedme. Wollen Sie mit mir in mein Zimmer? setzte er hinzu, als er aufstand. Die Frau Räthin wird indessen, wie ich hoffe, mit der Gesellschaft meiner Frau zufrieden seyn. Herr von Sand fiel ein: »Sie erlauben, daß ich in Gegenwart der Madame Cleberg und meiner Frau sprechen darf; denn Ihre Gemahlinn hat einen großen Antheil an dem, was ich zu sagen habe.« Dies gab mir Staunen! Ich hatte den Namen des Mannes nie gehört, hatte nie weder ihn noch sie gesehen. Ich blickte in meiner Verlegenheit nach ihr hin – sie lächelte, und sagte mit einer Verbeugung: »Ja gewiß, Frau Residentinn! Sie haben einen großen Antheil an dem, was mein Mann vorzutragen hat.« Ich sagte nun eifrig gegen den Mann: Ich muß bitten, daß Sie es bald erzählen; denn ich bekenne, daß ich unruhig bin. »Doch nicht sehr, hoffe ich?« erwiederte er – »denn Ihr Antheil an meiner Geschichte ist sehr schön!« Ich bückte mich nun schweigend, und Cleberg sah auch begierig nach ihm. Er fieng an: »Ich bin ein Schwabe. Sie könnten es nicht nur in meiner Sprache, sondern vielleicht auch in dem Titel des Herrn von Sand finden; denn ich glaube, daß wir am meisten nach dem Wörtchen von begierig sind; und daß unsere alten adelichen Familien auch Vergnügen daran haben, eine Gattung Edelknechte um sich herum zu sehen, weil der erhöhte Stand des Dienstmannes natürlich den Oberherrn selbst erhöht! Ich habe noch einen Bruder. Wir dienten zwei verschiedenen Herren, und hatten das Glück, in einer vortreflichen Familie zwei schätzbare Töchter zu finden, die uns mit Liebe ihre Hand gaben, und uns sehr glücklich machten. (Hier traten der Frau Thränen in die Augen, und sie drückte ihrem Manne freundlich die Hand. Er fuhr fort:) Der Himmel versagte mir Kinder; und dies setzte mich in einen Stand von Unabhängigkeit, den ich liebe. Weil nach dem Tode unserer Eltern das Vermögen gros genug war, die mäßigen Wünsche meiner Lotte und die meinigen zu vergnügen, und ich bei meinem Herrn nichts Gutes wirken konnte, so hofte ich, indem ich an den Ort zog, wo mein Bruder in einem angesehenen Amte stand, diesem zur Hand zu seyn, und seinen und seiner guten Frau angenehmen Umgang zu genießen. Dies geschah, und wir lebten einige Jahre als ehrliche Männer durch die guten Dienste, welche der Herr und die Unterthanen von uns erhielten, sehr glücklich. Der Fürst fühlte sich wohl dabei; aber der Neid misgönnte meinem Bruder die trauliche Achtung des guten Landesherrn, und den Ruhm, den seine Dienste und sein Verstand ihm erworben hatten. Er wurde verfolgt, sein Wohlstand und das Vertrauen seines Herrn untergraben, so, daß er seine Stelle verließ. – – – Herr Latten kann darüber mehr sagen, als ich – und Sie, Herr Resident! lesen diese Papiere. (Wobei er meinem Mann ein Paquet übergab, und fortfuhr:) Sie denken wohl, Herr Resident! daß der Ort und die Einwohner alles Angenehme für mich und meine Frau verloren hatten, und daß wir mit meinem Bruder an einen andern Wohnsitz dachten? – Dienste wurden uns angeboten, wohl von größern Herren, als die erstern; aber wir waren zu tief in der Seele verwundet. – Mein Bruder wollte bei keinem Großen mehr Glück und Ehre suchen, sondern in einem kleinen Cirkel von vernünftigen und rechtschaffenen Menschen den Rest seiner Tage mit mir und seinen Kindern verleben, welche wir gemeinschaftlich erziehen und ausbilden wollten. Wir sprachen darüber mit einem wackern Mann der Stadt, und dieser, wenige Tage nachher, mit Herrn Latten, der von einer Reise in unserer Gegend zurückkam. Er hörte unsere Geschichte und unsere Wünsche mit Nachdenken an, und sagte am Ende: Wenn die zwei Brüder von Sand Vernunft, Rechtschaffenheit und wahre Liebenswürdigkeit in ihrem künftigen Wohnsitz zu treffen wünschen; so sollen sie nach Seedorf bei W. ziehen: da finden sie in dem Schoos der schönsten Natur gewiß zugleich in der Familie des fürstlichen Beamten die edelsten Menschen. Er gab dann, setzte der Rath hinzu, eine Beschreibung von Ihnen, Herr Resident, und von Madame Cleberg; daß wir keine andre Wünsche mehr hatten, als sobald möglich nach Seedorf zu kommen. – Herr Latten sollte gar nichts von uns sagen; wir wollten erst alles selbst sehen, und auch – verzeihen Sie! – (sagte er gegen meinen Mann) von den Nachbarn und Unterthanen von Ihnen reden hören; dann unser Wort führen, und sehen, ob der gerade redliche Antrag und Eröfnung uns Zutritt verschaffen würde! Meine Frau und ich kamen zur Umsicht hieher; die Lage und das Ansehen von Seedorf entzückten uns; der Segen, welcher den Ausdruck Ihrer beiden Namen immer begleitete, vermehrten unsere Begierde, aufgenommen zu werden. Aber da man im Gasthof sagte: es sey schwer, ein Haus zu bekommen; so wollten wir sehen, ob nicht eine Hütte für zwei philosophische Köpfe in Ordnung zu bringen wäre, und wir trafen alles bei dem Bauern im Seehaus: denn wenn Sie, Herr Resident, es erlauben, und uns nach dem Lesen der Papiere aufnehmen; so wird uns der Bauer das sogenannte alte Seehaus, so ihm als Scheuer dient, abtreten, und ich baue ihm eine Scheune und Wagenschoppen auf der andern Seite des Hofs; lasse das Haus und die zwei alten Thürme für mich und meines Bruders Familie zurecht machen, und trage die Zinsen davon bei dem fürstlichen Rentamt ab.« Nun schwieg er, und Cleberg dankte ihm nicht nur für das Vertrauen, mit welchem er sich eröfnet hatte, sondern auch für das Vergnügen, welches er über diesen Beweis seiner Hochachtung fühle, indem er es seinem Freund Latten zu danken habe. Sand fiel ein: »Nicht ganz, Herr Resident! denn die angrenzenden Nachbarn und die Amtsuntergebenen haben auch Antheil daran.« – »Es freut mich sehr, wenn diese beiden mit mir zufrieden sind!« sagte mein Mann. – Sand drang darauf, Cleberg möge doch die Papiere durchlesen, und ich erlauben, daß er und seine Frau indessen bei mir seyn könnten. Beides geschah, denn Cleberg gieng mit den Papieren in sein Kabinet, und ich fragte sie: ob wir nicht einen Gang in den Garten thun wollten? welches sie gern annahmen. Meine Kinder waren mit dabei, und da ich seit einiger Zeit alle meine Verhältnisse und Beschäftigungen nur für den Nutzen meiner Kinder berechne, so gab mir die freundliche Unterhaltung des Mannes mit meinen Knaben eine schöne Hofnung und innige Wünsche für den glücklichen Erfolg seiner Absichten auf Seedorf. Denn ich bemerkte so oft bei fremden und auch bei meinen Kindern, daß sie Lehrsätze, Ideen und Erzählungen aus dem zweiten und dritten Mund mit mehr Eifer und Begierde auffassen, als das, was ihnen von den Eltern oder dem ordentlichen Lehrer täglich zufließt. Die Brüder von Sand wollen ihre Kinder unterrichten und erziehen; kann da nicht eine Mittheilung entstehen, die meinem Carl und meinem Wilhelm nützlich seyn würde? – Ich führte sie in den kleinen Wald, und konnte mich nicht enthalten, von der Austrocknung des Sumpfes, und andern guten Anstalten zu sprechen, welche das Amt meinem Manne zu danken hat. Sie wissen, wie ich die Erde und die guten Bauersleute liebe, und wie sehr ich daneben an den Verzierungen hafte, und Verschönerung einer Gegend wünsche. Cleberg hat alles erfüllt, was ich von dieser Seite begehren konnte: es blieb um unser Seedorf, wie Sie wissen, kein Fleck Erde unangebaut; kein Landmann des ganzen Amts ohne Unterstützung; und er weis die Eintheilung der Grundstücke, den Satz der Häuser, und die Anlage der kleinen Gärten, so anzugeben und einzurichten, daß das Ansehen der Schönheit aus der Ordnung entspringt, welche in allem herrscht. Herr von Sand hörte mich mit vieler Gefälligkeit an, lobte die Hochachtung, welche ich für meinen Mann bezeugte, und sagte mir aber auch: Daß er darinn die Frau finde, von welcher Herr Latten mit so vieler Verehrung gesprochen hätte. Ich fand in diesem Kompliment die Ursache der ersten Blicke des Herrn v. Sand, welche mir so kühn und so untersuchend schienen, daß sie mich beleidigten. Ohne Zweifel hat der gute Latten mit seinem alten Vorurtheil von mitgesprochen, und Sand wollte gleich beobachten: ob das alles so wahr sey. Es ist an sich unaussprechlich süß, Freunde zu haben, welche gerne einem Fremden eine vortheilhafte Idee von uns geben. Aber wenn die Farben zu glänzend genommen werden; wenn die Ausdrücke etwas Ungewöhnliches anzeigen: so schadet man sicher der gelobten Person, indem man sie unmöglich so vollkommen finden kann, als man erwartete, und setzt sich selbst dem Tadel des Uebertreibens aus. Wirklich, sollte ich erleben, meine Kinder bis zu den Jahren zu führen, wo ihr Urtheil etwas gelten kann; so werde ich mich bemühen, sie in einen mäßigen Ton zu stimmen, damit sie bei dem Tadeln das Beissende, und bei dem Loben das Entzückende vermeiden. Diese letztre Erfahrung giebt mir Beweggründe genug an die Hand: wenn ich nur bedenke, daß mir mein kleiner Unmuth über das untersuchende Gucken des Herrn von Sand ein sehr unangenehmes Aussehen geben mußte, welches auf ihn einen sehr widrigen Eindruck machen konnte, und gewiß dem Ruhm des Herrn Latten eben so wenig günstig war, als mir! – Alle diese Ideen umschwebten mich auf Ihrer Bank im Walde, und ich gab mir Mühe, ich bekenne es, unsern Freund und mich in gutem Rufe zu befestigen. Doch hat, glaube ich, Clebergs Ankunft bei uns am meisten beigetragen, mich in einem vorteilhaften Licht zu erhalten; denn er kam mit den Papieren des Herrn von Sand, und sagte ihm: »Theurer Herr Rath! ich habe in langer Zeit keine so rührende Familiengeschichte gelesen! Diente ich nicht einem der besten Fürsten, so würde ich in der ersten Bewegung, welche diese Papiere in mir erregten, meine Stelle niedergelegt haben. Aber dem Himmel sey Dank! es giebt Fürsten, welche verdienen, daß man für sie lebt und stirbt. Diese Ueberzeugung sollen Sie in Seedorf finden, wenn Sie, wie ich es wünsche, bei dem Entschlusse bleiben, hieherzuziehen.« O meine Freundinn! wie glücklich ist ein Mensch, wenn er einem Andern ein gewünschtes Glück geben kann! Wären Sie nur an meiner Seite gewesen, und hätten die Züge der Freude und Zufriedenheit gesehen, welche in den Gesichtern der Frau und des Mannes erschienen, als Cleberg die letzten Worte gesprochen hatte, und wie freudig der Ton war, in welchem der Rath antwortete: »Herr Resident! es soll Sie gewiß nie reuen, zween ehrlichen Männern die Hand geboten zu haben! Nehmen Sie diese Versicherung, und meinen innigen Dank für Ihre Willfahrung an.« Seine Frau weinte dabei, wie sie sagte, Thränen der Freude, und bat mich um meine Freundschaft, die ich ihr gerne versprach. Die Männer giengen dann zusammen nach dem Seehaus, wo sie alles besahen, und auch Cleberg mit dem Bauern sprach, Herr von Sand aber sogleich mit unsern geschickten Handwerksleuten sich beredete, und Bestellungen machte. Cleberg giebt aus der herrschaftlichen Vorratskammer, wo immer – in Nachahmung der herrlichen Anstalten des grossen Grafen Friederich von Stadion-Warthaußen – alles Gebälke und Holzwerk zu Häusern fertig liegt, das Wenige her, was man braucht; und Sand liefert neues Holz, zum Ersatz des großen Vortheils, welchen er durch trockenes Holz erhält. Die Scheunen des Bauern werden morgen schon angefangen. Mein Mann wird Oberaufseher seyn – und diese Arbeit freut ihn, weil er sehr gerne baut und anordnet. Die Sands reisten diesen Nachmittag ab, nachdem die Männer die Zeichnungen und Einteilung miteinander berichtigt hatten. – Mein Oncle und wir alle sind mit der Eroberung dieser Familie sehr zufrieden, und bezeugten es gegen Freund Latten, der heute frühe von meinem Manne berufen wurde, und mit bescheidener Freude unsere Zufriedenheit und die Danksagungen der Sands anhörte. – – Siebenter Brief. Van Guden an Rosalia. Ich habe, meine liebe Rosalie! die Urtheile und die Ideen Ihres Clebergs alle vorausgesehen und bemerkt; bin aber auch meistens mit ihm einverstanden, besonders da er sagt: Daß kein Mann lebt, welcher den Grad von Liebe und Verehrung verdiene, den ich so lange Jahre für Pinndorf nährte. Liebe Freundinn! er hat recht, Ihr Cleberg, nicht nur in Ansehung meiner und Pinndorfs, sondern eines jeden Menschen, welcher aus übertriebener Leidenschaft seine Ruhe, die Herrschaft seines Verstandes, und die Freude seines Lebens, an die Gesinnungen eines andern Menschen bindet, und diesem freiwillig die Gewalt läßt, ihn elend zu machen. Spat, sehr spat sah ich diese Wahrheit ganz, und ich mußte warlich auf eine gewisse Höhe gebracht werden, um die lange Strecke der Zeit, und die wunderbare Wendungen zu übersehen, welche durch meine übertriebene und daher tadelhafte Leidenschaft erfüllt wurden! – Glauben Sie mir, Liebe! es schauert mir jetzo selbst vor alle dem – geradaus sey es gesagt – wahren Unsinn, welcher aus dieser Quelle über meine Tage floß. Hätte nicht der selige Hang zur Wohlthätigkeit dieser unglücklichen Schwärmerei eine Ableitung gegeben, hätte die Grosmuth meines edeln Freundes van Guden mich nicht eine bessere Art von Glück kennen gelehret, was würde aus mir geworden seyn, da jetzo noch die Gährung der Liebe und des Unmuths so heftig in mir stürmte, daß ich fliehen mußte, und mich vor meinen Freunden scheute? – Ach Rosalie! wir wollen unsere anvertrauten Mädchen sorgsam vor diesem Abweg ihrer Bestimmung bewahren; wir wollen ihnen deutlich und tief die Pflicht eingraben: Eher alles zu tragen, als gegen die Vernunft zu handeln!  – Haß und Liebe gehen immer, sobald sie einen gewissen Grad von Stärke haben, gegen die Vernunft! Wir wollen unsere Kinder verwahren, meine Liebe! und sie üben, immer unserm Rath zu folgen, bis ihre eigene Seele Stärke und Kenntnis genug hat, unsere Stelle zu vertreten, und sie auf den Weg der Klugheit zu leiten. Ich werde auch vor dieser Zeit weder Henriette noch Gustaven mehr nach Wollinghof führen, bis sie eine Festigkeit des Charakters haben, welche den Eindrücken des Romantischen widerstehen kann. Ja ich werde bälder nach Seedorf zurückkommen, als Sie vermuten, weil ich mich jetzo beinahe selbst von den Eindrücken des Großen und Schönen der Natur fürchte, und das religiöse Entzücken gefährlich finde. Ich machte deswegen kleine Reisen, um Gustaven die verschiedene Art des Anbaues der Erde in Thälern und auf Bergen recht anschaulich zu machen. Henriette lernt zugleich mit ihm die Botanik, das heist: sie lernen alle Kräuter selbst kennen, pflücken und trocknen, wie die herrliche Sammlung der Schweizerkräuter von dem Herrn Thomas justicier à Fênalet sur Bex, au Valais en Suisse sie zeigt. – Die Kenntnis der Gebirge und Erdarten tritt natürlich mit ein, und macht einen lieben sehr nützlichen Theil meiner Schweizerreise. Indessen glauben Sie mir, Ihre Kinder sind glücklicher als die meinigen: denn sie sehen immer das thätige Leben vor sich, welches einst auch sie auffordern wird, ihre Talente auf eine ruhmvolle und nützliche Art zu zeigen. Auch um dieser Betrachtung willen werden Sie mich bald wiedersehen; denn da Gustav einmal die väterlichen Güter antreten soll, so ist ja daran gelegen, daß er den vaterländischen Boden und seine Bewohner kennen lerne. Das Modell eines Raths und Beamten trift er in Seedorf. Edeln gesellschaftlichen Ton, Arbeiten und Belustigungen des wahren Geistes und der wahren Tugend haben wir auch da; und die Pflegemutter van Guden hat alles, was die Gesundheit der Seele unterbricht, so nahe kennen gelernt, daß sie ihre geliebten Zöglinge wohl zu rechter Zeit vor Schaden warnen kann. – – – Sagen Sie! bemerkten Sie nicht etwas Ungewöhnlich Eifriges gegen das Romantische in dieser ersten Hälfte meines Briefs? Ich denke ja! und ich will es Ihnen in der sonderbarsten Geschichte erklären, in welche ich am Ende mit verflochten wurde; welches gewiß nicht geschehen wäre, wenn sich nicht etwas Romantisches in mir fände, das noch sichtbar genug ist, um dergleichen Menschen an mich zu heften! Ich traf letzthin bei dem Mittagessen eines Banquiers eine sehr schöne und noch sehr junge englische Wittwe, die mit ihrem Bruder reist, der ein geistvoller lebhafter Mann zu seyn scheint. Sie kennen meine Vorliebe für Land und Leute dieser Nation; Sie glauben also auch, daß es mich unendlich freute, in dieser Gesellschaft zu seyn, und wieder einmal viel und gut Englisch zu sprechen. Natürlich kamen auch die Fragen: Wohin reisen Sie? Wann? Wie lange bleiben Sie? Wir gehen auch dahin, können uns wieder treffen, u. s. w. Ich war es sehr zufrieden, und willigte nach dem Essen, als der Bruder und die Schwester sich einige Zeit unterredet hatten, sehr gerne in ihren Vorschlag, meine Relaispferde auf das Jagdhaus des Fürsten von B** zu bestellen, und dort mit ihnen zu frühstücken. Ich hatte mit meiner Reise nichts zu eilen, und ich wußte durch den Ruf, daß die Gegend bei diesem Jagdhause sehr schön sey. Meine Engländerinn war es auch, und daher desto einnehmender für mich. Der Banquier kannte sie schon lange, und lobte mir sie und ihren Bruder, während sie sich allein sprachen. Nun kam ich, meinem Vertrage gemäß, gegen eilf Uhr des andere Tages bei dem Jagdhaus an, wo mich schon ein Bedienter der artigem Engländerinn erwartete, und mir einen Brief übergab, in welchem sie mich auf das inständigste bat: bei ihrer Ankunft die Rolle ihrer Tante zu spielen; indem sie mit einer ziemlich großem Gesellschaft anlange, und das Glück einer schätzbaren Familie von dieser Gefälligkeit abhänge; sie fügte hinzu, daß ich wohl wüßte, daß sie und ihr Bruder keine Avanturiers wären; daß sie aber auf dem Jagdhause, vor ohngefähr zwölf bis vierzehn Zeugen, die letzte Scene eines ungewöhnlichen Heldenstücks spielen würde, welches ohne meine Herablassung zur Rolle ihrer Tante nicht gut ausgeführt werden könnte; sie wäre sicher, ich würde mit ihr und ihrem Bruder zufrieden seyn, und gewiß meine Gefälligkeit für sie nie bereuen: indem ich dadurch einen großen Antheil an einer der schönsten Handlungen der Gerechtigkeit haben würde, welches sie mir, da sie mit einer Parthie der Gesellschaft vorausreise, bei ihrer Ankunft erklären würde, mich aber doch inständig bitte, sogleich in einem etwas ernsten Tone mit ihr zu sprechen, und eine Unterredung zu verlangen! – Artig setzte sie hinzu: Das günstige Vorurteil, welches sie für ihre Nation in mir gefunden, und die Güte, welche ich ihr bewiesen, ließen sie hoffen, ich würde diesen Gesinnungen gerne den Ton der Verwandtschaft geben, in welchem das Recht, ihr zu befehlen, und ihre Pflicht, mir mit Ehrerbietung zu gehorchen, in dem vollkommensten Licht erscheinen würde. – Sie wollte nur ein Wort durch den Courier; ich gab es. Aber dieser Brief erfüllte mich mit sonderbaren Erwartungen über die Gesellschaft, und die Ursache der Rolle, die ich dabei spielen sollte! Doch, selbst meiner jugendlichen Einbildungskraft würde es unmöglich gewesen seyn, mir die Scene vorzustellen, die der brittische freimütige und unternehmende Geist uns allen bereitete. Meine liebenswürdige Engländerin kam mit einem vierspännigen Wagen in Gesellschaft zweier Frauenzimmer und eines Mannes; flog, als ich der Stiege etwas langsam und ernst zugieng, mit dem Eifer der Zärtlichkeit gegen mich; nannte mich den Andern als ihre gütige Tante, welche aus Gefälligkeit ihr den rendesvous erlaubte, u. s. w. Bald nachher äusserte ich die Begierde, sie allein zu sprechen, entschuldigte mich bei den Fremden, und führte sie in ein Nebenzimmer. Hier dankte sie mir mit einnehmendem Betragen für die Güte, mit welcher ich ihre Bitte bewilligte, und erneute das Ansuchen: den Charakter der Tante noch ein paar Stunden zu behalten! – Dann fieng sie ihre Geschichte an: »Ich reise, seit dem zweiten Tag meiner wiedererhaltenen Freiheit, mit dem besten Bruder, der je lebte. Wir sind reich und gut – hatten hinlänglich Zeit, und volle Freiheit, uns aufzuhalten, wo wir wollten, und Gutes zu thun, wo unser Herz dafür sprach, oder der Zustand der Unglücklichen es forderte. Wir wußten aber wohl, daß es Kummer giebt, welchen das Gold nicht lindern und nicht heilem kann: wo aber Freunde mit edler Gesinnung auftreten müssen, der Bosheit Einhalt zu thun, sie zu entlarven, und dem unschuldig Gekränkten eine tröstende Hand zu reichen. Und das habe ich gethan, als ich in C** ein edles liebes Mädchen von angesehenem Stande durch einen ränkevollen eiteln Menschen, mit aller Kunst, welche seine Weltkenntnis ihm gab, angezogen und mit den Versicherungen seiner ewigen Liebe geblendet sah. Die Familie, welche auf diese Verbindung zählte, verschafte ihm eine der schönsten Ehrenstellen des Vaterlandes, und der Elende opferte das vortrefliche Mädchen und ihre reine zärtliche Liebe einer der größten Koquetten, welche schon lange einen Haß auf Emilie L** geworfen hatte, und ihn dadurch befriedigte, daß sie überall mit ihrem Liebhaber und seiner Leidenschaft für sie im Triumph erschien. Ich hörte die Geschichte von einer Freundinn der holden Emilie, welche über die Treulosigkeit ihres Geliebten, besonders auch, da sein Herz in die Hände ihrer größten Feindinn kam, tödtlich krank wurde. Das Mädchen hatte mir in einer Gesellschaft sehr gefallen; nun wünschte ich, ihren gewesenen Liebhaber zu kennen, weil ich den Plan machte, ihn der Koquette zu entreissen, seine Leidenschaft für mich auf das höchste zu treiben, und ihn dann auch öffentlich zu verlassen, wie er seine erste Geliebte verlassen, und sie tausend nachtheiligen Vermuthungen preisgegeben hatte. Es kostete mich wenig Mühe, den Menschen an mich zu ziehen, da er der Familie der Koquette in ein Baad nachgefolgt war, wohin ich auch mit meinem Bruder reiste, um uns einige Tage daselbst aufzuhalten. Er suchte uns, weil er England kannte, auf, pralte mit seiner Kenntnis unserer Sprache, und zeigte mir bald eine Leidenschaft, die nur mit seinem Leben enden sollte. Er folgte uns in die Stadt, wo er mein Schatten wurde. Ich äusserte Zweifel in seine Liebe, sprach ihm von seinen vorhergehenden Verbindungen, und erhielt sogleich die völlige Aufopferung der Koquette! – Nachher begehrte ich, als einen der ganzen Stadt vorzulegenden Beweis, er liebe eine Engländerin, daß er Emiliens Bruder die Anwartschaft auf die Stelle abtrete, welche er von ihrer Familie erhalten hatte – indem ich zeigen wollte, daß wir unsern Liebhabern edle Gesinnungen einflössen. Er mußte mich überall begleiten, und am Ende erlaubte ich ihm zu sagen: daß er mit mir reise. Nachdem habe ich alle unsere Bekannte aus der Stadt hieher gebeten, wo ich eine Zusammenkunft mit meiner Tante hofte. – Nun kommt er mit meinem Bruder – Alles ist bestellt, ihm nach dem Essen seinen Abschied zu geben. Dies wird in französischer Sprache geschehen, wobei ich mich an Sie wenden werde, um Ihnen die Vermuthung zu nehmen, als hätte ich den Gedanken gehabt, diesem Manne meine Hand zu geben.« – – Ich war überrascht – die ganze Scene, so wie der Charakter, waren mir neu; ich hatte mich aber damit verwickelt, und wollte nun sehen, wie es sich endigen würde. Die übrigen Gäste kamen, wir vereinigten uns mit ihnen, und waren schon lange zu Tische, ehe die zwei Männer anlangten. – Die Gesellschaft war artig, meine Nichte sehr liebenswürdig, und mein Neffe aufgeräumt. Nur ein Herr, und seine, wie er, etwas bejahrte Frau, schienen wenig Antheil an der Freude zu nehmen, die uns einige Zeit beherrschte. Der Liebhaber meiner Nichte glühte vor Stolz und Begierde, mit ihr zu sprechen, redete aber viel mit seinen Nachbarn von der Reise mit Mylady, und gab noch spottweise Aufträge an seine alte Freundinn in C**. Er wußte aber eben so wenig, als ich, daß eine kürzlich von B** angelangte Tante und Oheim von Emilie L** mit zu Tische waren, welche ihre geliebte Nichte auf einige Zeit zu sich nehmen wollten; denn meine Engländerinn führte sie mit auf das Jagdhaus, damit sie ihrer Emilie von der Strafe des elenden Menschen erzählen könnten. Als man meldete, die Kutschen seyen bereit, trat meine Nichte vor, und redete mich an. »Meine liebe Tante! ich danke Ihnen, daß Sie sich hier antreffen ließen; und danke meinen Bekannten von C**, daß sie mich hieher begleiteten. Es ist alles zu Ihrer Rückreise besorgt. Aber weder Sie, meine Tante! noch meine Damen und Herren sollen glauben, daß es mir je Ernst war, mit dem Herrn von F. Freundschaft oder Gesellschaft zu machen! Nein! – ich habe aus edeln Beweggründen für Emilie v. L. gehandelt. Ich wollte ihr beweisen: Daß der Mensch, welcher sie verlassen konnte, ein Mann von schlechten Grundsätzen und Charakter sey; daß er nur sich liebt, und aus Eitelkeit sich einbildet, jedes Frauenzimmer müsse ihn lieben. Die arme Koquette von R. genoß die niedrige Freude: einer edeln Seele Verdruß zu machen! Ich habe mir das Vergnügen gegeben, sie wieder zu kränken – und die Gewalt meiner schönen Augen angewendet, den leichtsinnigen Mann zu vermögen, eine gerechte Handlung zu thun, indem er die Anwartschaft auf eine unverdiente Ehrenstelle dem Herrn v. L. zurückgab. Ich habe ihn nie allein gesprochen – das weis er und mein Bruder – ich spreche ihn heute vor Zeugen zum letztenmal, und wünsche, daß er sich der Engländerinn zu seiner Besserung erinnern möge!« Sie können nicht glauben, Rosalie! was dieser Auftritt für Staunen bei den Zuhörern, und Wuth des unvorgesehenen Schmerzens bei Herrn v. F. hervorbrachte! Er wollte einigemal gegen meine Nichte und zur Thüre hinaus rennen, wurde aber von ihrem Bruder und den in die Nähe gestellten Kammerdiener und Bedienten daran gehindert. Sie war bei der durch die Scene und den Eifer des Redens erhöhten Gesichtsfarbe noch schön – wie ein erzürnter Engel immer noch schön bleibt! Adel und Hoheit der Seele waren mit Grazie in ihr vereint. Sie umarmte mich, küßte meine Hände, und sagte: »Ich bin, hoffe ich, bei meiner theuren Tante gerechtfertigt?« Ich umarmte Sie schweigend – und sie gieng gegen den Oncle und Tante von Emilie v. L., übergab der Letztern Armbänder mit ihrem Bildnis, mit der Bitte: sie Emilien, zum Andenken ihrer Freundschaft und ihrer Hochachtung, zu übergeben. – Dem Oncle gab sie ein Paquet mit den Briefen des Herrn v. F. an sie, und den Kopieen ihrer Antworten. Hier rief v. F. aus: »O Mylady! wie grausam behandeln Sie mich!« Mit Würde und erhöhter Stimme sagte sie: »Ich glaube, daß es Sie schmerzt, auf diese Art entdeckt zu seyn; aber denken Sie einen Augenblick an den Kummer von Emilie v. L., an den von ihrer würdigen Familie, bei Ihrem unedeln Betragen – und dem Verlassen Ihrer Braut! Wollte der Himmel! (setzte sie hinzu) ich könnte einen Orden stiften, in welchem schöne Weiber sich verbänden, meineidige Männer zu bestrafen – ich würde gerne mein ganzes Vermögen dazu verwenden.« Nach diesem gab sie mir die Hand, und sagte: Ich muß Sie zu ihrem Wagen begleiten. Mein Bruder wird dem artigen Herrn hier Gesellschaft leisten, bis wir alle abgereist sind. Nun verbeugte sie sich gegen ihre noch immer staunende Zuhörer, und gieng mit mir aus dem Saal. Die Andere folgten. Wir stiegen in unsre Kutschen, und sie versprach mir, mich noch vor ihrer Abreise nach England zu besuchen. Alles eilte davon, und für Herrn v. F. war weder Kutsche noch Pferde da. Sein Koffer und Gepäcke wurden in das Jagdhaus gestellt. Mein gefundener Neffe setzte sich, nachdem er ihn eingeschlossen, mit seinen Leuten zu Pferde, und jagte davon. Der arme Büssende mußte bis den andern Tag warten – und soll nach Frankreich gereist seyn. Er konnte unmöglich nach Hause, wo seine Schwestern und ihre Männer sich seines Unfalls freuen, da er immer Liebling der Eltern, und verzärtelt war. Er hat Vermögen; sonst würde ihm meine Nichte Geld zu seiner Reise gegeben haben. Können Sie wohl, Rosalia! über die Engländerinn böse seyn? – Ich kann es nicht! – Aber dieser Auftritt hat mir einen neuen Widerwillen an dem Romantischen gegeben, ohngeachtet es mir in der ersten Betäubung, auch durch die Schönheit der Heldinn, eine edle Handlung zu seyn schien, die völlig nach den Gesetzen der alten Cour d'amour oder der Gerichtshöfe der Liebe eingerichtet und ausgeführt war. Rosalie! wir wollen unsere Töchter nach der guten und wahren Welt bilden. Ich komme bald, bald wieder zu Ihnen; dann wollen wir an diesem Plan arbeiten, sonst werde ich bange für meine Kinder, und beinahe auch für die Ihrigen! Wahrheit, Rosalie! Wahrheit, Fleiß und Ordnung und nützliche Kenntnisse müssen die Grundlage zu unserm Plan seyn. – Alles Uebrige sey nur weise sparsame Zierde, die dem Fleiß keine Zeit wegnimmt, und die Seele in keine besondre Bewegung setzt. – Denken Sie auch auf Ihrer Seite darüber nach; denn zwei gute Hälften machen ein schönes Ganzes! –   N. S.   Sagen Sie mir doch etwas von Madame Grafe, und ihren Pflegkindern. Ich bin äusserst begierig darauf. – Adieu. Achter Brief. Rosalia an van Guden. Ihr letzter Brief hat durch die sonderbare Geschichte, welche Sie uns mitteilten, wirklich eine Cour d'amour hervorgebracht; denn Cleberg wollte ohne anders, daß Ott, Julie, Herr und Frau von C**, Latten und Caroline den Auftritt vorlesen hörten. Madame Grafe war nicht wohl, also fehlte ihr Mann und sie. Aber die übrigen von unsern Freunden wurden nach dem Mittagessen in einen Cirkel gesetzt, und Latten, als der Allerromantischste von der ganzen Gesellschaft, mußte präsidiren. Cleberg las vor. Die Neuheit des Charakters und der Scene setzte Alle in das nämliche Staunen, welches mein Mann, der Oncle und ich bei dem ersten Lesen empfanden. Die Frauenzimmer waren alle mit Ihrer Engländerinn zufrieden, und die Männer mit Ihnen, wegen des Ekels, den Sie gegen das Romantische zeigen. Herr S**, welchem Cleberg einen reitenden Boten geschickt hatte, war beinah am aufmerksamsten auf den Faden der Geschichte; doch sagte er auch am lebhaftesten: »Ich glaube, daß es der lieben van Guden mehr vor dem Gefäß ekelt, in welchem ihr das Schicksal den Zaubertrank der romantischen Liebe darbot, als vor der Liebe selbst. Denn warum heftete sie sich so schnell an die romantische Ausländerin?« – – – Madame C** (glaube ich) sagte aus feiner Schonung ihres Mannes – wegen der Koquette, welche er ehemals liebte, und vielleicht wegen des Uebertriebenen in ihr selbst – sehr wenig, und etwas sehr unbedeutendes. Julie und Karoline freuten sich über die Strafe der Koquette, und nannten zugleich einige junge Männer in der Stadt, welchen das Schicksal des Herrn von F. sehr belehrend seyn könnte. Hier siel S** ein und sagte: »Das Nützlichste dieser närrischen Geschichte wäre: wenn man junge Mädchen lehrte, einen Mann nach guten, rühmlichen Handlungen, und nach dem Zeugnis rechtschaffener Vorgesetzten zu beurtheilen; nicht nach dem Modekleid und der Artigkeit, welche der Schneider und Tanzmeister geben. Er sey überzeugt, der Herr von F. wäre einer von den galanten Irrwischen, welche so vielen guten Mädchen falsche Ideen von Glück, Pflichten und Liebe geben, und wenn sie dann ihre Vernunft irregeführt haben, oder Familienvortheil die Ehe schließt, machen sie arme Geschöpfe nach der Heurath elend – oder verlassen sie, der feierlichsten Versprechen ungeachtet.« – Ihre vorübergehende Nichte wurde als höchst romantisch und wie eine Art weiblicher Don Quichote beurtheilt, und wirklich verdammt. Cleberg – mögte weder ihr Bruder noch ihr Mann seyn. – Julie und Caroline wurden der Anlage zur Eifersucht und Rachbegierde beschuldigt, weil sie den Muthwillen der Engländerin so sehr lobten. Doch wünschten die Männer alle, ja selbst mein Oncle: Sie möchten das Ansehen einer Tante anwenden, um sie in unsere Gegend zu bringen, weil sie die schöne Heldinn kennen lernen wollen, die für die Rechte und Unschuld ihres Geschlechts kämpfte, und abentheuer bestand! – Ich sagte: Daß mir sehr angenehm wäre, daß die schöne Wittwe den bösartigen flatterhaften Menschen an sich lockte, um ihn wegen seines schlechten Betragens gegen Emilien zu strafen; aber ich liebte nichts daß sie ihn öffentlich beschimpfte. – »Das mußte seyn, erwiederte Julie Ott, denn ein solcher Mann würde die Fremde eben so wenig geschont haben, als die einheimische Emilie! Man war ja Zeuge, daß er die Engländerinn oft sprach, daß sie ihn anhörte – da hätte er am Ende erzählen können, was ihm vorteilhaft gewesen wäre, und die gute Wittwe würde auch noch ein Opfer seiner Eitelkeit geworden seyn!« Diese Anmerkung unserer Julie wurde selbst von den Männern wahr gefunden, und auch von ihnen behauptet, daß Ihre Nichte diesen öffentlichen Schritt ihrer eigenen Ehre schuldig war. Mir wurde von der Seite die Erinnerung zugeworfen: Daß ich immer alles auf dem sanftesten Weg finden wolle. – Sie können leicht rathen, wer dieses sagte. – Cleberg äusserte: Daß man eine sehr artige Komödie aus diesem Stück Ihres Reisejournals ziehen könnte, und will es Herrn Ifland vorschlagen, dessen Witz und Scharfsinn gewiß diesen neuen Stoff in reizende Falten bringen würde, und dadurch manchen eiteln falschen Mann strafen und bessern könnte. S** lachte sehr über diesen Vorschlag, und sagte: »Der Einfall sey ein sicheres Mittel, die Geschichte bald und weit bekannt zu machen, aber gewiß nicht tauglich, das Uebel zu heilen. Er wäre überzeugt, daß die Theater unter der feinern Menschenklasse auf die nämliche Art wirkten, wie Gerichtsstätten unter den rohen und wenig gebildeten. Man wäre mit dem öffentlichen Tadeln und Strafen bekannt geworden, hätte sich daran gewöhnt, und dieses hindere immer die Besserung. Ueberhaupt glaube er: die Komödien hatten nichts gethan, als den Geschmack an Putz und schönem Schwätzwerk so vermehrt, daß ein großer Theil Menschen ihr ganzes Verdienst in das äusserliche gute Ansehen, und einige schön deklamirte Gedanken setzten: in ihrem Innern aber, wie die Schauspieler, ganz andre Personen wären, als die, welche sie vorstellten.« Sie denken wohl selbst, Liebe! wie viele Noten über diesen Text gemacht werden können, und wie viele hier vorkamen, wovon mehrere unsern S** bestritten, und andre ihm beistimmten. Ich freue mich immer, wenn eine so anfallende Idee unter Leuten von Kopf und Geschmack erscheint, welche gleichsam mit heftigem Pochen eine Menge schlummernder Gefühle und Gedanken weckt, die sich eilends aufraffen, und auf den Platz treten, wo der Lärmen entstand; wobei ich dann, wie ein ruhiger Zuschauer, an meinem Fenster laure, und etwas Nützliches zu bemerken suche. – Gestern fand ich aufs neue wahr, daß unser Geschmack, und selbst unser Charakter, uns zu Vorurtheilen stimmen, und uns daher oft schaden; denn es ist gewiß, daß ich mich eher geneigt fühlte, die Meinung dessen anzunehmen, der in dem sanftesten Ton und den feinsten Wendungen sprach, als die eines Andern, der vielleicht eine größere Wahrheit, eine tiefer gedachte Bemerkung sagte, aber seine Gedanken in einem rauhen unscheinbaren Gewand, oder mit einer zu harten Stimme vorbrachte. Endlich erhielt Latten, als Präsident, allein das Feld, und die Freiheit, am längsten zu reden. Munter scherzend fieng er an: »Unser deutscher National-Charakter würde noch lange Jahre hindurch mit dem schönen Romantischen der Engländer im Widerspruch stehen, wie unser ernster abgemessener Gang mit den leichten Schritten der Franzosen, und den halsbrechenden Sprüngen der Italiener. Er für sich sehe in der von Madame van Guden erzählten Geschichte von der holden englischen Wittwe den edelsten Gebrauch der Schönheit und Talente einer muthvollen rechtschaffenen Frau, die von einem Volk abstamme, bei welchem es erlaubt sey, zu werden und zu thun, was die Kräfte des Verstandes, des Körpers und des Vermögens zulassen, wenn nur die Gesetze, welche natürlich die Sitten und Menschen in Schutz nähmen, nicht verletzt würden. Warum darf die Schönheit locken, reizen, und von der Bahn des Fleißes und des Ruhms entfernen? Warum wird sie gelobt, wenn sie den wilden Zorn besänftigt, und die Freuden des gesellschaftlichen Lebens erhöht? – Warum soll sie nur den Sinnen der Männer schmeicheln, und ihren Genuss und ihre Fehler vergrößern – Warum soll sie nicht auch Werkzeug der Strafe und Besserung werden? – Es ist sonderbar, (fuhr er fort) daß man sich angewöhnte, eine außerordentlich schöne Gegend der Natur, oder eine schöne Handlung unter den Menschen, Romantisch zu nennen; – noch sonderbarer aber ist, daß dieser Ausdruck bei der schönen Natur als Lob, und bei der schönen That als eine Art von spöttischem Tadel gebraucht wird! – Könnte es, meine Freunde! nicht ausgelegt werden: als ob wir mit dem wahren verdienstvollen Romantischen noch gar nicht bekannt sind, weil wir das Wort so widersprechend anwenden – oder daß uns ein hoher Grad des Schönen so fremd ist, daß wir eine Sache sogleich Romantisch nennen, sobald sie von dem Alltäglichen abgeht? Wir wollen nie vergessen, daß England uns in Allem Modelle des wahren Schönen gab – und daß die vortreflichen Romanen von Richardson, Fielding, Makensie, Goldschmid, von Miß Burney und Mimifie, zu allen ihren so interessanten Roman-Personen die Originale in ihrer wirklichen Welt vor sich sahen. – Ich schließe mich hierüber an die Gesinnungen des Chevalier v. R** an, welcher in seiner artigen Abhandlung über das Lesen der Romane sagt: Glücklich, wer mit den Liebhabern der englischen Romane lebt, und die bald einfachen, bald höchst edeln Bild liebt, welche so viel Sanftes in die Gesellschaft, so viel Theilnahme an den Nebenmenschen – Muth und Entschlossenheit zum Guten hervorbringen.« – – Da die wenigsten von unserer Gesellschaft das Werkchen des Chevalier v. R** kannten, so gieng Cleberg, es aus meinem Bücherschrank zu holen, und als sie bemerkten, daß es nur wenige Blätter faßte, bat Alles, Cleberg möchte es vorlesen. – Sie fanden es allerliebst, besonders auch wegen des Bildes des Mannes von Gefühl, welches der Chevalier so vortreflich schilderte. Latten erzählte dabei eine Anekdote, welche diese Blätter noch einnehmender macht, indem sie die ganz eigene Erziehung des Chevalier bezeichnet: »Er wurde bis in sein drei und zwanzigstes Jahr von dem Lesen der Romane abgehalten, hingegen in allen andere Kenntnissen auf das sorgfältigste unterrichtet. Wie er nun alles Große, Gute und Schöne der alten und neuen Schriftsteller hinreichend kannte, so bekam er endlich auch Romane zu sehen. Aber man forderte zugleich, daß er seine Urtheile darüber schreiben solle. Nun bekam er natürlich die besten französischen und englischen, auch einen damals aus dem deutschen Original übersetzten Roman, damit er zugleich den Unterschied bemerken könne, welchen der National-Charakter in diesem Fach erzeuge. Nachdem er sie alle durchlesen, und seine Noten geschrieben hatte, so entstand die niedliche Abhandlung: über das Lesen der Romane « – welche durch Ihre sonderbare Reisebegebenheit hervorgesucht wurde. – Die Frauenzimmer waren alle ungemein vergnügt, daß er den deutschen Roman so günstig beurtheilte, und ihm den Vorzug gab. Sie fanden, daß die Verfasserinn sich recht freuen müsse, ihren Ton und ihre Vorstellungsart so vortheilhaft bemerkt zu finden, und Julie sagte zu Latten: »Sehen Sie, daß wir Deutschen des Romantischen auch fähig sind, und sogar Ihre Engländer übertreffen.« »Theure Julie! (antwortete er) erlauben Sie mir zu wünschen, daß wir unsern alten angelsächsischen Landsleuten in Allem ähnlich werden möchten, wie es bisher mit ihren Phantasien gehalten wurde – und daß unsere Männer Vaterlandsliebe, Unterstützung des gemeinen Besten und Beförderung der Künste und Wissenschaften nachahmten – so wie ich gerne bei unsern lieben Freundinnen Sanftmuth, Nettigkeit und häuslichen Familiengeist mit dem schönen Geschmack der simpeln Kleidung der Engländerinnen vereint sehen möchte.« Ein einiger sehr flüchtiger Blick auf seine Karoline zeigte, wie innig er ihren feinen Geschmack liebe; denn es ist wahr, Madame Latten hat kein Falbala, keine Manschetten, keine Spitzenhalstücher, keinen mit vielen Bändern besetzten Hut, und doch ist sie unter uns allen die, welche ein Maler, der aus Italien kam, sogleich zu zeichnen wünschte; indem er sie nach dem reinesten und edelsten Geschmack gekleidet hielt, ihr überall nachsah, wo sie hingieng, und jede ihrer Bewegungen mit Entzücken betrachtete. Nun soll ich Ihre edle Freimütigkeit auf die Probe setzen, und nach der allgemeinen Danksagung von uns allen für das Vergnügen, welches Ihre Erzählung uns schafte, Sie bitten: Daß sie sich doch über den Argwohn des Herrn S** erklären mögten – ob Sie wirklich durch nähere Kenntnis und Liebe des Wahren in der Menschenwelt, und ihrer Pflichten, einen Widerwillen gegen das Uebertriebene und Romantische bekamen – oder ob es, wie S** glaubt, nur aus dem Verdruß entsprungen sey, der Ihnen durch die Veränderung des Herrn von Pinndorf zufloß? Sie sehen hier, meine theure Freundinn, daß ich nicht unrecht hatte, unsere versammelte Gesellschaft eine Cour d'amour oder Gerichtshof der Liebe zu nennen: denn es wurden ja Leute berufen, ein Präsident erwählt, eine Begebenheit vorgelegt, Stimmen darüber gesammelt, ein Endspruch gegeben, und wirklich noch Sie vor die künftige Gerichtssitzung geladen! – Vielleicht hat wohl auch mein Brief das Ansehen, als ob ich die Feder bei der Rathsversammlung geführt hätte? – Aber gewiß, ich schriebe alles dies nach dem Frühstück, da Herr v. C** und seine stets liebenswerthe Frau schon abgereist waren. Ich fühle wohl, daß meinem Gedächtnis mancher artige Gedanke entflohen ist, wie der feine Geruch eines mit Geist erfüllten Flacons verfliegt, den ein Nachbar dem andern einen Augenblick zum Riechen öfnete. Sie wissen aber auch, daß es meistens in den Gesellschaften so geht, und unmöglich anders gehen kann. Indessen ist immer wahr: Alle, alle von unserm Cirkel verehren und lieben unsere romantische van Guden – aus dem nämlichen Grunde, der uns ein Schönheitvolles fruchtbares Gefilde, wie das Thal von Richmond in England, und die Aussicht aus den Zimmern der edeln liebenswürdigen Frau von Bonstetten zu Nyon, mit Entzücken betrachten und segnen heist. Auf Ihre Frage nach Madame Grafe antworte ich künftige Woche, wo ich Briefe von ihr erwarte; denn sie war nicht so sehr krank, daß sie nicht hätte zu uns kommen können: aber ihr Mann war zu gleicher Zeit zu sehr mit dem Vermögen seiner Pflegkinder beschäftigt. – Neunter Brief. Rosalie an Marianen. Ich wundre mich nicht über die mehr als gewöhnliche Kürze Ihres letztern Briefes; die zunehmende Schwäche und das Sterben Ihrer Tante, neben der Krankheit Ihres Herrn Bruders, sind Entschuldigung genug; mögen Sie nur auch immer Kräfte genug haben, alles zu tragen, was Sie übernahmen, und Ihren Plan auszuführen! Aber Sie schrieben mir letzthin: »Ich fühle Segen bei der treuen Mühe, die ich mir gebe, wohl für Alles zu sorgen: – Nie war ich gesünder, nie muthiger, nie hatte ich mehr Freude über Ordnung, als jetzt, da ich sehe, daß acht verschiedene Hausbedienten über die neueingeführte Ordnung froh sind, meines Bruders Nutzen dadurch befördern, und sich dabei zu einem Stolz erhaben fühlen, der sie glücklich macht.« Ach Mariane! der Geist Ihrer edeln Mutter ruht ganz auf Ihnen, und Sie sind also in Allem neue Stifterinn des Wohlstandes Ihrer Familie; gewiss ist über jeden Ihrer Tage Segen des Himmels ausgegossen – die Vorsicht lasse Sie ihn genießen, und gebe Ihnen Wohlseyn, so wie Sie es um sich verbreiten! Aber alles dieß wird für mich Aufforderung zu grosmüthiger Theilnahme an dem Glück Anderer, und zu gelassenem Hingeben meiner innigsten Wünsche. Cleberg sagte mir: Wenn Ihr Herr Bruder sich wieder besser befinde, so führe er mich auf einige Tage zu Ihnen. Ich dankte ihm zärtlich für diesen freundlichen Entwurf – es war lindernder Balsam in eine brennende Wunde: denn, Mariane, ich vermisse Sie noch immer mit Schmerzen; doch ich soll Sie nachahmen, und den Beruf, nützlich zu seyn, allem vorziehen, damit meinen Kindern das Beispiel davon in mir gegeben werde. – Ich will es auch thun, und ich glaube, ich mache die Sache recht artig. Fragen Sie nur meinen Oncle und Cleberg darum. Dachten Sie aber wohl, daß Ihr kleines Briefchen uns den Anlaß zu großen Betrachtungen über die erste Anlage zu Tugend und Fehlern geben würde? Es war die Zeile, wo Sie von Jemand sagten: »Stolz und spöttisch in Gesundheit und Glück – niedergeschlagen und bitter in Krankheit und Kummer.« – Eitelkeit, in der ersten Jugend genährte Eitelkeit giebt diese Fehler (sagte mein Oncle). Buben, die etwas Geist – Mädchen, die eine Anlage zu Schönheit blicken lassen, schmeicheln der Eigenliebe der Eltern; man horcht auf jedes Wort des Papageyen; man betrachtet jeden Zug des Meerkätzchens mit Bewunderung, und pflanzt also die Keime der Selbstgefälligkeit in die jungen Seelen, bis der Knabe am Ende das Schwätzen für Verdienst, und das Mädchen den Putz und ihr Gesicht für Tugend hält; und je nachdem die Umstände den Eltern einen Rang und Vermögen dabei gaben, so vermehren die Schmeichler unter den Bekannten des Hauses und die Domestiquen diese Eitelkeit, welche dann in dem Sohn jede edle männliche Gesinnung erstickt, und die Tochter zu einer eiteln Thörinn macht. – Sie können nicht glauben, mit was für einem Eifer mein Oncle dieses vorbrachte; und als ich sagte: Aber, theurer Oncle! – das sind wohl auch sehr mittelmäßige und begränzte Köpfe, Väter und Mutter, bei welchen dieses geschieht – so sagte er: »Mittelmäßige Köpfe! – Wollte Gott, Rosalie; aber, leider! Stolz der Eigenliebe greift die edelsten Seelen, selbst Weise, an.« – Er gieng nun eilends weg, kam sogleich wieder, und brachte die Briefe des jungen Lord Litteltons mit sich, von welchen er dann die Untersuchung vorlas, welche der Bösewicht über seine Fehler angestellt hatte, und dabei ganz dreiste seinen so großen, so edeln und weisen Vater, seinen Oncle, und seine vortrefliche Mutter, als Urheber seiner Laster anklagte, weil sie in der ersten Jugend zu viele Güte, zu viele Gefälligkeit für ihn hatten; alles, was er sagte, artig fanden, und selbst beleidigende oder verwegene Ideen belobten, und als Funken des Genies betrachteten. – Der nichtswürdige Mann! – Ich hörte mit Widerwillen zu; er empörte mich: denn ich habe alle Werke seines verehrungswerthen Vaters gelesen, und besonders die Briefe geliebt, welche er dem undankbaren Sohn über die englische Geschichte und Gesetze schrieb. – Mein Oncle war, möchte ich sagen, muthwillig genug, sich Mühe zu geben, mir eine Art Zutrauen auf das Urtheil dieses bösen Menschen einzuflößen, weil er mir auch den Brief vorlas, in welchem der Satan der Tugend huldigte. – Da er von einer vortreflichen und höchstliebenswerthen Lady sagt: »Daß sie ihm stets ihr Haus verschloß, und auf einem öffentlichen Spaziergang, wo er sie anredete, ihm die Ursache sagte – so bekennt er: »Daß die Lady Recht hatte, einem so unverschämten Menschen, wie er sey, ihren Umgang zu versagen; – er würde aber ihren Geist, ihre Tugend und Schönheit ewig verehren.« Auch wiederholt er diese Ausdrücke in einem Brief, wo er ihren Tod beklagt. Durch diese Anerkennung des Werthes der Tugend wollte mein Oncle den Ausdrücken des Tadels über seine Eltern ein Gewicht geben; ich wollte aber schlechterdings nichts als die Anmerkungen meines Oncle annehmen: der Bösewicht Littelton war mir zuwider. Nach diesem wurden die Anlagen des Charakters und Verstandes meiner Kinder genau untersucht, und Entwürfe gemacht, dem Versehen der Eitelkeit vorzubeugen. – Ich freue mich seit diesem Augenblick doppelt, sagen zu können, daß mein Karl eher zum Denker als zum Schwätzer geboren ist, und deswegen habe ich auch bei dem Kleinen eine Sorge weniger, weil Wilhelm seinen Bruder so innig liebt, daß er in allem sich an ihn schmiegt, und also gewiß auch den Ton seiner Sitten am ersten nachahmt. – Cleberg lehrt sie dabei gut reden, da er, ohne auszusetzen, alle Abend den Kleinen eine Stunde schenkt, wo sie ihm von dem, was sie lernten, und was sie den Tag über freute, erzählen müssen, und er an sie immer nützliche Fragen thut, und ihnen richtige Begriffe von den Worten und Ideen giebt. Auch manchmal, wenn er Zeit hat, sie lange zu sehen, widerspricht er ihnen, scherzt und spottet ein wenig, um sie zu gewöhnen, dieses in allen Menschengesellschaften vorkommende Betragen mit guter Art anzunehmen und zu erwiedern. Nachdem sagt er mir allein seine Bemerkungen über die Kinder in Lob und Tadel, damit ich meiner Seits in den Morgenstunden die Gelegenheit nehme, seine Erinnerungen mit andern Worten und in meinem Ton neu in ihr Gedächtnis zu graben. – Denn Uebereinstimmung der Grundsätze des Vaters und der Mutter ist, neben dem guten Beispiel der Eltern, Hauptsache der Erziehung im väterlichen Hause. Wie oft, meine Beste! danke ich dem Himmel, daß ich meinem Söhnen mit Zuversicht sagen kann: Folget den Fußtapfen Eures Vaters! O wünschen Sie mir, daß Cleberg stets meine Tochter auf mich verweisen könne! Nun muß ich Ihnen sogleich eine edle Handlung von meinem Cleberg erzählen, die Sie überzeugen wird, daß meine Söhne verdienstvoll werden müssen, wenn sie ihm folgen. Sie wissen schon lange, daß zwischen meinem Oncle und seiner Familie eine Erkältung herrschte, deren Grund ich nie vollkommen erforschen konnte; Sie wissen auch, daß ich viele Mühe brauchte, den lieben Mann nur in etwas auszusöhnen. Cleberg war edelmüthig mit der Hälfte des mir einst ganz zugedachten Erbes zufrieden; aber er that jetzo noch mehr: Er suchte unter einem fremden Namen die Kinder von der meinem Oheim verhaßten Schwester kennen zu lernen, und fand in ihrem zweiten Sohn einen wirklich vortreflichen Jüngling. Diesen ließ er durch einen Freund unseres guten Latten unterstützen und ausbilden; schickte ihn auf eine Universität, und nach Frankreich. Ueberall sammelte der junge Mann Kenntnisse, und vortrefliche Zeugnisse von seinem Fleiß und seinen Sitten folgten ihm nach. Cleberg sah ihn am dritten Ort, gab sich ihm zu erkennen, reiste, da er nach Hof mußte, zu den Eltern des jungen Mannes, und schlug ihnen vor, ihm diesen Sohn, unter dem Namen Waller , durch Herrn Latten zuzuschicken, mit dem Ersuchen, daß Herr Waller bei ihm die gute Landwirtschaft studieren möge, und in der Amtsstube arbeiten könne; – er wolle ihn dann in sein Haus und an seinen Tisch nehmen, wo er dem Oncle bekannt werden könne – und da der junge Mann viel Sanftes und Gefälliges in seinem Betragen habe, so würde er dem ehrwürdigen, aber etwas ernsten Oncle gewiß mit der Zeit lieb werden, Cleberg und ich aber ihm alle Anweisung geben, die Zuneigung des lieben Alten zu gewinnen, weil wir ihn zu kleinen Diensten im Vorlesen, Spazierengehen, wenn er ihn allein sehe, u. s. w. anweisen würden. – – Auf diese Art kam wirklich der junge Mann in mein Haus, und nach so vielen Jahren der Entfernung von allen diesen Verwandten trat der edle gute Jüngling wieder in die Rechte der Freundschaft, welche immer zwischen Neffen und Oheim erhalten werden sollten. Cleberg selbst lehrte ihn so vorlesen, wie mein Oncle es liebt; sagte ihm alles, was dem alten Mann angenehm seyn konnte – und der liebe Greis heftete sich an den jungen Mann, äusserte aber manchmal die Sorge, daß er ihn zu viele Zeit kosten würde. – Da sagte aber mein Mann: Daß ihm der Umgang meines Oncles mehr nützen könnte, als die Canzleiarbeit des Nachmittags, wo immer nur mechanische Beschäftigungen vorkämen: Und auf diese Art will er eine vollkommne Versöhnung bewirken. – Ist dieses nicht schätzbar? – Und ist die Verbindung der Freundschaft mit Latten, mit Otts und ihren vortreflichen Weibern, nicht das beste Glück, das man ausser seinem Hause geniessen kann? Frau Grafe hat wohl Recht, zu sagen: »Das Schicksal hat uns in einen günstigen Boden zusammengepflanzt, wie es oft schöne Baumkeime von verschiedener Gattung zusammenführt, und sie aufwachsen läßt, daß Große und Kleine in ihren Schatten und ihrer Schönheit glückliche Tage finden.« – In Wahrheit, selbst Fremde heften sich gerne an uns, und nehmen von uns ein Liebesbild in ihre Heimath mit. – Gewiß! treue Erfüllung seines Berufs und liebreiches Betragen gegen seine Nebenmenschen erwerben immer Achtung, Vertrauen und Liebe. – Cleberg zeigte mir aufs neue die Stärke des schönen Stolzes, der ihn sagen machte: Daß er ohne anders der beste Landbeamte seyn will. »Rosalie! (sagte er) die Zierlichkeit deines Wuchses hat drei Wochenbetten widerstanden, und deine geschmackvolle Nettigkeit giebt deiner Kleidung immer ein Ansehen von neuem Putz, ungeachtet deine Kleiderkammer seit zwei Jahren keinen neuen Anzug erhalten hat; du bist auch mit meiner Jagduniform zufrieden, die mir eben so viel Ausgaben auf meiner Seite erspart. Ich möchte das Geld, welches unsere Garderobe weniger kostet, auf das neue amerikanische Futtergras und andre fremde nützliche Pflanzen verwenden, die in das neuangelegte Stück Land taugen, wo ich ohnehin meinen guten Bauern ein neues Schauspiel bereite, wenn sie den16 Schuh hohen Hanf sehen werden, in dessen Schatten man spazierengehen kann.« Sie können denken, wie gerne ich einwilligte, und mich freute, daß der Entwurf meines Mannes, das zwischen der Stadt und Seedorf öde liegende Sandstück anzubauen, so gut gerathen ist. Der unter dem Sand entdeckte Lettich wurde mit dem Sand vermischt, gab guten Boden, und nun, da Ott, Grafe, Latten und mein Oncle sich auch Stücke zu kleinen Pachthöfen zumessen lassen, so bekommen wir an der Landstraße hin recht artige Bauerhöfe, die auf Kosten der vereinten Freunde aufgeführt werden – wo aber auch, wie mein Oncle sagt, mein Mann und Latten eine Grille auferziehen. Denn diese Höfe werden nach Art der Bauergüter in der Normandie angelegt, da um das Haus, den Obstgarten und die Scheune ein Graben läuft, von dessen aufgeworfener Erde eine Art Wall entsteht, der mit Brennholz besetzt wird; denn da man diesen neuen Pächtern, ohne Beschädigung der alten, keinen großen Antheil an dem Gemeindewald geben kann, so gerieth Latten auf diesen Vorschlag. Der Vortheil, den die Leute davon ziehen werden, und ich glaube wohl, auch die Neuheit, machten, daß der Gedanke mit allem Eifer aufgefaßt wurde; und unser Latten, welcher ohnehin, einem jungen Kaufmann zu Liebe, mit seinem Fritz und Karolinen eine Reise nach Frankreich machte, gieng bis in die Normandie, und brachte einen wackern Landmann von dort mit sich, welcher alles sehr genau und ordentlich angeben kann; denn die Häuser selbst werden auch anders gebaut, als bei uns gewöhnlich ist. – Latten sagte mir jüngst: »Er habe auf dem Guthe Ihres Herrn Bruders eine öde etwas sumpfige Strecke Landes gesehen: und wenn einmal Ihr kluger Rath in Allem angenommen würde, so wolle er kommen, und mit Hülfe seines Normanns den Sumpf in Pachthöfe verwandeln. – Es ist ein sehr glücklicher Zufall für mich, welcher vier edle junge Männer zusammenführte, und durch ihre Freundschaft eine Kette von zusammenhängenden guten und nützlichen Handlungen bildete, welche sich nun bis in Ihre Gegend erstrecken wird. Warum machen nicht Mehrere solche Verbindungen? Denn sie sind gewiß eben so leicht auszuführen, als Gewerbs- und Fabrik-Gesellschaften, wo man alle Triebräder in einander greifen macht. Zwei meiner innigen Wünsche für Seedorf sind nun zu ihrer Erfüllung gekommen: Es ist kein Bauerhaus mehr da, an welchem nicht entweder Hollunder mit weissen oder blauen Blüten, oder Geißblatt und sogenannte Schneeballen, eine Bank an dieser oder jener Seite der Häuser beschatten. Cleberg sorgt bei unserm Fürsten und den Benachbarten für Verbesserung der Landstraßen, und mein Oncle hat einem hier wohnenden alten Pflasterer freie Stube, Bett und Unterhalt mit der Bedingnis gegeben, daß er durch die kleinen Buben im Dorfe nach ihren Schulstunden kleine Kieselsteine sammeln lasse, und sie dann lehre, längs den Häusern hin drei Schuh breit einen Weeg für die Fußgänger zu machen. Der alte Brunnen wird neu gefaßt, und im obern Theil des Dorfs einer gegraben, damit die Leute, welche dort wohnen, erleichtert werden. Julie und ich haben vier große Felder in Pacht genommen, und mit Lein besäen lassen, damit wir für den künftigen Winter den fleißigen Armen etwas zu spinnen geben können; und mein Oncle will, wenn wir eine gute Flachserndte machen, Räder, Spindeln und Kunkeln schaffen. Latten hat eine Wittib mit ihrer Tochter hergebracht, welche ehmals in sehr gutem Stand und Vermögen lebte, aber durch viele unvermeidliche Unglücksfälle nach dem Tode ihres Mannes ganz herabgekommen ist, und nun hier in einem kleinen Nebengebäude des Pfarrhauses eingemiethet ist, wo sie eine Näh- und Strickschule für unsere Bauermädchen errichtete, und ihnen daneben freundlich und einfach aus des Herrn von Rochow Leben und Schriften erzählt, auch von den Arbeiten andrer Mädchen in den übrigen Orten und Ländern sagt; sie zu Reinlichkeit und Ordnung ermuntert; ihnen auch öfters von ihrer Tochter einige nützliche Volkslieder bei dem Klavier vorsingen läßt. Sie können nicht glauben, was diese vernünftige und gute Frau für eine Aenderung in unsern Mädchen hervorbrachte; wie mancher Bauer sich schon freute, ein Hemd zu tragen, das seine Tochter nähte – daß vielleicht auch mancher braver Bauernsohn sich im Voraus durch eines dieser geschickten Mädchen glücklich denkt. – Verbesserung des Lebens, der Denkart und Arbeit des Landmannes ist Hauptwunsch und Beschäftigung meines Clebergs geworden. Er hat mit Bestellung guter Schulmeister angefangen; und um den Leuten das Verbot, länger als bis acht Uhr in der Schenke zu sitzen, durch etwas angenehm zu machen, so bekommen alle Dörfer ein Exemplar von der Braunschweigischen Bauern-Zeitung auf seine Kosten, welche ihnen der Schulmeister vorlesen muß, und die Leute freuen sich jetzt sehr darüber. – Wenn er nun den Tag mit dieser schönen Erfüllung seiner Amtspflichten geendigt hat, so kommt die süße väterliche Stunde, welche er seinen Kindern wiedmet. Nach dieser sind wir, wie gewöhnlich, mit dem Oncle und Otts, in unserm Saal vereint. Zeitungen, neue Bücher, Musik, und eine mäßige freundliche Abendsuppe, schließen die Scene: aber Ihre Stelle ist unbesetzt, und Sie vermisse ich noch immer; der Tisch wird aber so gerückt, daß Ihr Bild uns allen zulächelt kann, denn ich leide nicht, daß Jemand so zu sitzen käme, Ihnen den Rücken zuzukehren – ich könnte es nicht dulden, selbst wenn wir alle versammelt sind, oder Fremde bei uns haben. – Sie sollten doch sehen, wie artig Ihre Pathe Nanny, an dem Nebentischgen, bei Otten und Linkens Kindern die Hausehre macht, ob sie schon nicht viel größer ist als ihre Puppe – aber es macht mich sehr glücklich, daß ich alles natürliche Geschick zu einem gutgesinnten und artigen Mädchen in ihr aufblühen sehe. Montesquieu sagt wohl. » Erziehung thut alles. « Ich liebe den großen Mann, ich verehre ihn, und glaube ihm gerne – aber Erziehung kann doch keine Anlage geben – dieses kann nur die Mutter Natur. – »Und wir, sagt mein Oncle, können nichts besseres thun, als die Fähigkeiten und Neigungen unserer Kinder in den ersten Jahren auszuspähen, den ersten Gelegenheiten zu ihrem Anbau, und den zweiten lauter gute und edle Gegenstände vorzustellen.« – Ernst, sehr ernst setzte er hinzu: – Rosalie! vergesse nie, daß die Erziehung der Kinder in drei Zeiten getheilt wird – daß die erste Epoche der Mutter anvertraut ist; in der zweiten der Vater allein alle Anstalten zu machen hat, und in der dritten Beide vereint arbeiten müssen. – Vielleicht, Mariane, sind die vier ersten Jahre der Kinder die wichtigstem für Leitung zu Kenntnis und Güte! O wie wichtig für Mütter! Zehnter Brief. Rosalie an van Guden. Sie wollen, meine theure Freundinn, etwas von Madame Grafe wissen, besonders weil sie sich einige Zeit her mit Erziehungs-Ideen beschäftigen muß; ich kann nichts besseres thun, als Ihnen ihren letzten Brief an mich mittheilen, welcher alle diese Fragen auf das vollkommene beantwortet, und zugleich statt eines großen Briefes von mir gelten kann, wozu ich auch heute nicht Muße genug habe, und die Post nicht versäumen will. Madame Grafe an Rosalie. »Ich war so lange nicht in Seedorf, sagen Sie – und schriebe auch so lange nicht. – Das ist alles wahr, und ich fühle es selbst als einen Verlust für mich: Aber, Rosalie! denken Sie doch, in welch eine Laufbahn meine anvertrauten Pflegekinder mich zogen. – Denken Sie an die vorigen Zeiten, und an die Verwendung meiner Tage und meines Kopfs – da ich erst als einzige Tochter, nach dem Abschied von meinen Puppen, nichts anders zu besorgen hatte, als ein recht artiges erwachsenes Mädchen und liebenswürdige Gesellschafterinn zu seyn. Meine zu allem Glück wohlgeleitete Eigenliebe spornte auch in den nachfolgenden Jahren meine Fähigkeiten immer an, mehr als eine gewöhnlich gute Frau und gute Mutter zu werden. Ich glaube, es bei meinem Mann, Kindern und Freunden durchgesetzt zu haben; – nun ist wohl die Eigenliebe das letzte Gefühl, welches in Unthätigkeit übergeht, und gewiß immer das erste, das in allen Vorfällen des Lebens sich zeigt. Ich war bei meinem neuen Beruf als Pflegemutter sehr beschäftigt, mir den Ruhm einer guten Erzieherinn zu erwerben. Dieses konnte nun ohne blondere Eingebung, oder Nachdenken, nicht geschehen; aber das erste liegt nicht mehr in unsern Zeiten und unserm Glauben – nur das zweite hieng von mir allein ab, so wie es das einzige Mittel war, meinen Zweck und die Wünsche meines Mannes zu erfüllen. – Ich packte also alle Erziehungsschriften von der Bibliothek meines Mannes, welche zu der glücklichen Zeit meines Eduards angeschaft wurden, zusammen, setzte sie auf meine Büchergestelle, von denen meine bisherigen Lieblinge vertrieben wurden. Ich las, was ich konnte; machte es aber am Ende wie alle Genies, das ist, wie Leute, die in ihren Füßen die Kraft haben, selbst zu gehen, und in ihrem Kopf das Gefühl des Selbstdenkens finden, und so ihren Weg mit den ihnen gemächlichen Schritten fortsetzen; Dinge, die Andre schufen oder entdeckten, erst betrachten, und dann nur dasjenige in ihr eigenes Denken verweben, was sie dem Geschmack ihres Geistes angenehm, und ihren Umständen anpassend finden. Ich mußte natürlich voraus über den Umfang meiner Pflichten nachdenken; dann das Herkommen und die Aussichten der Kinder betrachten – die eine treu zu erfüllen mir vornehmen, und für die andre aus dem ungeheuren Vorrath von Kenntnissen und Künsten, von Ideen des Glücks, der Verdienste und des Vergnügens die auswählen, welche am wahrscheinlichsten für diese Kinder taugten und paßten; aber bald war ich des genauen Entwurfs und Anpassens müde, denn ich fühlte mich bei dem Plan selbst in Zwang, und daß auch die Kinder in einen zu engen Cirkel gebannt würden: da sann ich auf eine andre Weise. Herr Grafe hatte mir Kleidung und Nahrung ihrer Körper sogleich übergeben; da mußte ich für das eine mein Aug, ihre Gestalt und die Jahrszeit befragen – für das zweite aber ihre Gesundheit und die gewohnte Lebensart im väterlichen Hause. Ich that dieses freilich noch in ihrer Geburtsstadt, aber dort war ich gleichsam nur noch gelehnt – selbst da ich Sie in Seedorf besuchte, war kaum der Umriß meiner Arbeit gemacht. Seitdem sprach ich mit meinem Mann, und fragte: wie viel er mir von der Sorge für Nahrung und Bildung der Seele übertragen wolle? damit ich meine Maasregeln und Eintheilung der Zeit darnach richten könne . . . . Er lobte und benutzte meinen Eifer beinah zu viel, weil dadurch meine Kette stärker und kürzer wurde, so daß ich mich nie losmachen, und mich auch in keiner großen Entfernung bewegen kann. Die Mädchen sind mir ganz übergeben; der Knabe nur für das Gefühl moralischer Gesinnungen und des Anständigen; doch bin ich auch bei den Lehrstunden des Lateins und der Geometrie – das Französische und die ermunternde Lektüre habe ich auch übernommen. – – Also sehen Sie, Rosalie! daß ich nun wohl Kopf und Hände voll zu thun hatte, bis ich mit den Erwartungen meines Mannes und den Entwürfen meiner Ruhmbegierde im Klaren stand. Die Sache war wichtig, sie forderte mich ganz; ich wollte das Beste für die Kinder und für mich; mein Gang in diesem Gebiete mußte sicher, aber für den lange gewohnten Schritt meiner Seele auch leicht seyn. Es war mir in dieser Sache, wie auf dem Spazierweg oder Landstraße, unmöglich, gerad in die Fußtapfen der Andern zu treten; und da ich die Frage aufgeworfen hatte: Was sollen die Kinder wissen? so folgte auch unmittelbar die: Wie können sie es am leichtesten lernen? und: Zu was, oder wie weit haben sie Kräfte und Lust? Nun schien das Nachsuchen ihrer Fähigkeiten und Neigungen das erste Stück meiner Arbeit zu seyn; – da gerieth ich aber, bald möchte ich sagen, unglücklicher Weise, in des La Chambre Buch: von den Kennzeichen der Leidenschaften – und der Mann gab mir eine Menge von Angst und Arbeit; das letzte durch die Auszüge, welche ich machte, und das erste durch seine Behauptung, daß die Aehnlichkeit mit Thieren und andern National-Menschenphysiognomien die nämlichen Neigungen anzeigen – wie zum Beweis weibische Züge im Gesicht der Buben weibischen Charakter, und die männlichen im Mädchen Mannstugenden und Fehler weissagen. – Denken Sie nun, Rosalie! wie aufmerksam ich die Bildungen meiner drei Pflegkinder untersuchte, besonders aber bei dem Artikel der eingebogenen Mohrennasen und der dicken Lefzen mich verweilte, da eines von ihnen die Spuren von diesen mir unerträglichen Zügen zu haben schien, und also auch nach la Chambre die Laster der Negern haben würde. – – Am Ende glaube ich doch, die Quelle der wahren Anweisung für Erzieher gefunden zu haben, indem ich über die Natur der Leidenschaften nachlas, und diese Anweisung besteht in den wenigen Zeilen: Meine Leidenschaften zu kennen ; und: die von den Kindern zu entdecken . – Sicher ist es, daß, je genauer ich meine Leidenschaften im Zaum halte, je leichter ich Andre beobachten und beurtheilen kann. Aber nun kam der wichtige Aufsatz: Was für Andre geschieht, ist Handlung; – was für mich – Leidenschaft  . . . . Ach Rosalie! der Herr la Chambre gab mir viel zu schaffen; denn kaum hatte ich diesen Ausspruch gelesen, so stand die Betrachtung vor mir: Daß ich die Obergewalt des Handelns über die guten Kinder habe, und also doppelt verbunden bin, Sorge zu tragen, immer gerecht zu handeln, und die Leidenschaften zu kennen, welche mit der Obergewalt verbunden sind, aber mit eben der Genauigkeit die, welche den Kindern mit dem Temperament gegeben wurden, und auch in der Lage der Unterwürfigkeit entstehen. Ich mußte in die Klasse der Obergewalt Liebe, Haß, Zorn, Verlangen, Abscheu, Vergnügen und Schmerz – zu den unterworfenen Hofnung, Furcht, Scham, Neid, Reue und Eifersucht setzen. Nun ist schon lange gesagt, daß uns die Leidenschaften gegeben wurden, um uns dem Guten mit Eifer zu nähern, und schnell von dem Uebel zu entfernen: – – da war es ja meine erste Pflicht, diese Uebung bei meinen Pflegkindern zu besorgen. – Sollte dieses nun nicht alle meine Stunden genommen haben? Ich wußte, Sie vergeben mir, und das um so mehr, als Ihnen bekannt ist, wie der Gedanke, einem Freund zu dienen, mich in Eifer und Bewegung bringen kann. – Doch sind, meine liebe Rosalie! seit den glücklichen jüngern Jahren unserer Bekanntschaft – da ich mich mit Cleberg und Ihrem Oncle verband, heimlich ein Haus für Sie zu kaufen und einzurichten – Ihre Trauung veranstalten zu helfen, und meine theure D** dem Manne ihres Herzens zu nähern – – – – meine Beste! in mir die Züge der lebhaften Lustigkeit in gemäßigte Heiterkeit übergegangen. So wie Sie, die als Mädchen in dem schönen Gebiet edler und feiner Gefühle lebten und webten, gleich nach dem ersten Wochenbett die ernsten Beschäftigungen der Mutter und Hausfrau umfaßten, und mit jedem Jahre diese verehrungswürdige Rolle durch vermehrte Uebung schöner spielten; eben so hat diese auch über meinen Kopf hingeflogene Zeit, mit dem mir aufgelegten Gewicht mehrerer Jahre, auch etwas mehr Bedachtsamkeit in mich gebracht, besonders seitdem ich den Blick eines rechtschaffenen Sterbenden auf die verflossenen Tage und Handlungen seines Lebens geheftet sah – ihn davon sprechen hörte, und die dankbare Freude bemerkte, als er mit dem letzten Gefühl der Erdeglückseligkeit von einem Zeitraum sagte: »In diesen Jahren habe ich alle Kräfte meines Verstandes, alle Thätigkeit meines Geistes, und meiner Art, zu handeln, zum Besten meines Nächsten verwendet.« – Das Lächeln der innigsten Zufriedenheit bei dieser Erinnerung, welche ihn gewiß in die andre Welt begleitete, machte einen unauslöschbaren Eindruck auf meine Seele. Es war der sterbende Vater meiner Pflegkinder, der dieses sagte, und dadurch den Wunsch in mir erregte: Auch einst, in dieser ernsten Stunde der Untersuchung meines Lebens, dieses Zeugnis auf einem Theil meiner Tage zu finden! Und bei welchem könnte ich es mehr wünschen, als bei dem von der Besorgung seiner Kinder! Es wurde also dieses meine größte Angelegenheit; ich setzte alles, selbst Sie und Seedorf, bei Seite, um die Kinder und mich für's erste zusammenzustimmen, und dann die Mittel zur Hand zu legen, durch welche sie glücklich mit mir leben, und verdienstvoll für Andre aufwachsen mögen. Darüber habe ich nun einen allgemeinen Umriß, und kleine Merkstäbe aufgezeichnet, wornach ich sie leite; und finde vortreflich, ihr Gedächtnis und Denkart, die Ordnungsliebe und Genauigkeit des Auges, Abends in dem Erzählen und Aufschreiben alles dessen zu üben, was den Tag über sie freute, und was sie für den folgenden wünschen. Wenn ich nun diese Blätter mit ihnen lese, und sie dabei an das erinnere, was sie lernten und lernen sollten, so kommen eine Menge Warum hervor, die mir Gelegenheit geben, ihre Köpfe und Herzen kennen zu lernen, wovon ich mir für die Zukunft einige Merkzeichen sammle, und mich sehr glücklich achte, wenn ich ihnen eine neue gute Idee recht deutlich und gefällig gemacht habe. Alle Woche führe ich sie zu einem andern Handwerksmann in seine Arbeitsstube, besonders aber zu denen, von welchen wir gerade etwas nöthig haben, und ich finde in dieser Anordnung meines Mannes einen großen Nutzen für die Charakterzüge der wahren Menschenliebe, indem sie mit dem Gefühl eines Bedürfnisses zu Kleidung, zu Hausrath, oder Gemächlichkeit, zugleich den Werth der Künste und des Fleißes ihrer Nebenmenschen kennen lernen. Wir kommen dieses Jahr ohnehin viel später auf das Schloß R., wo ich den guten Geschöpfen ländliche Freuden und Unterricht vorbehalte, worüber ich aber mit Ihnen und Herrn Cleberg sprechen will, und hoffe, daß Sie mir alle Ihre Erziehungsgeheimnisse mittheilen werden – nicht nur aus edler Menschenliebe zum Besten der Kinder, sondern auch aus alter Freundschaft für mich, wenn Sie bedenken, daß mein Amt bei Pflegkindern viel schwerer, und mehrerer Verantwortung unterworfen ist, als das Ihrige bei den eigenen, wo Sie schon von der Natur und den Gesetzen mehr Unterstützung und Macht haben – auch die Welt in ihren Urtheilen einen für Sie sehr vorteilhaften Unterschied macht, indem gewöhnlich bei den natürlichen Eltern alles Gute berechnet wird, das sie ihren Kindern erzeigen, – Pflegeltern und Erziehern aber alle Fehler und Versäumnisse aufgesucht und nachgezählt werden. Jetzo, Rosalie! sind Sie doch wohl mit meinem Stillschweigen ausgesöhnt, und vergeben mir auch die wenigen Besuche in Seedorf – lieben mich, wie bisher, und haben, wie ich vermuthe, mehr Hochachtung für mich bekommen, da Sie mich in der vollen Ausübung eines der wichtigsten Aemter betrachten konnten, denn ich habe Ihnen doch einen ganzen Begriff von meinen Gedanken gegeben, und meine Arbeit angezeigt.« Ihre Grafe.   Finden Sie nicht, liebe van Guden , daß unsere Freundinn eine sehr schätzbare Frau ist? Und wünschen Sie nicht mit mir, daß alle lebhafte Frauenzimmer unserer Bekanntschaft diesen Weg der Thätigkeit und Munterkeit nehmen mögen? – Cleberg wird sie übermorgen abholen, denn Herr Grafe verreist, und da sollte sie unterdessen mit den Kindern bei uns oder auf dem Schlosse R. wohnen, und sie zog uns vor, wie Herr Grafe vor einer Stunde an meinen Mann schrieb. – Wann kommt denn die Zeit, wo wir Sie abholen sollen? Ach van Guden! Eilfter Brief. Rosalie an Mariane. Dem Himmel sey Dank, daß Sie eben so gerne Briefe lesen, als Sie ungern schreiben – denn sonst wäre ja das Band unserer Freundschaft abgeschnitten, als ob schon die Scheere der Atropos den Faden des Lebens geendet hätte – und ich würde sehr unglücklich seyn, wenn unsere schriftliche Unterhaltung eben so wie der süße tägliche Umgang abgebrochen wäre; ich leide genug von dem einzigen Fehler, welchen ich an Ihnen kenne, und muß froh seyn, daß Sie den Grundsatz unseres lieben St. Pierre auf unsern Briefwechsel anwandten, welcher sagt. » Daß gerade Widerspruch die genaueste Verbindung stifte. « – Zum Beweis setzten Sie hinzu: »Sie, Rosalie! schreiben gerne – mich quält das Schreiben; aber ich liebe doch die Tage, an welchen ich Briefe bekomme, und dieses Bedürfnis befriedigt meine Freundinn.« Bekennen Sie doch, theure Liebe! daß ich nicht die Hälfte mehr von Ihnen habe und genieße, seitdem Sie weg sind – und daß ich meist nur mit Erinnerungen, und dem so vortreflich gemalten vielsagenden Blick Ihres Auges in Ihrem lieben Bilde mich trösten und Ersatz suchen muß. – Gewiß es ist unbillig, daß Sie Ihren Widerwillen gegen das Schreiben nicht besser bekämpften. – Grosmüthige Güte und Gerechtigkeit gegen Ihre Freunde sollten Ihnen die Kraft dazu gegeben haben: denn was ist das einseitige Mittheilen von mir – Ich höre nichts dagegen. Ihre mündlichen Bemerkungen machten mich so reich an Klugheit – an Ruhe und Stärke des Geistes – – Ach! ich muß aufhören daran zu denken. – Ich will weggehen, und ganz andre Gegenstände aufsuchen, denn dieser Ton und diese Ideen mißfallen Ihnen, schmerzen mich jetzo schon, und bei Ihrem Misvergnügen darüber noch einmal. – – Um 12 Uhr Mittags. Da bin ich wieder, voll Staunen und Freude über unvorgesehenes Gute: Ich gieng, weil meine Knaben bei dem Vetter schrieben, nach Otts Hause, wo ich seit vorgestern nicht war, und auch Julien nicht sah; diese fand ich aber auch nicht, weil sie heute frühe mit ihren Kindern nach der Stadt reiste; doch da ich hörte, Cleberg sey bei Herrn Ott, so gieng ich nach der zweiten Stube, und traf Beide bei einem Haufen Geld. Sie stutzten über meine Erscheinung, sahen sich an, und Ott rief, als ich umkehrte. »Nein, bleiben Sie da, Sie können alles wissen, und schweigen wohl gegen Julie, wenn ich Sie aus guten Ursachen darum bitte. – Ich wollte doch fortgehen, und sagte nur: Ich bin überzeugt, liebe Männer! daß Ihr nichts Uebels wollt, und wenn Euch Euer Geheimnis so werth ist, so laßt mich nur fort – ich will keine Sylbe von dem sagen, was ich sah. »Liebe Salie! bleib da; (sagte Cleberg) du wirst ein Vergnügen genießen, und du verdienst es.« Nun rollte Ott einen Plan auf, und breitete ihn über den Tisch. Ich erkannte sogleich, daß es die Gegend von der einzigen Anhöhe war, welche wir nahe bei Seedorf haben; ich fand Otts Haus und Garten mit dem schönen Laubengang, welchen er durch den vor drei Jahren gekauften Acker mit so gutem Erfolg gepflanzt hatte. Alles war mir bekannt; nur zwei Gebäude nicht, wovon eines an der Spitze der Anhöhe, das andere gegen die obere Felder stand; ich sagte es, und Ott erwiederte: »Ich glaube, daß es Ihnen fremd ist, denn es wurde an dem einen erst gestern gearbeitet, und das andre aufgedeckt. Sie wissen, wie oft wir alle wünschten, daß an dem Bauerhaus auf der Höhe nur ein kleiner Anbau seyn möchte, wo man, gegen Sonne und Regen geschützt, die schöne Gegend betrachten könnte; Sie wissen auch, wie oft Julie mit ihren Kindern zum Frühstück und Vesperbrod hinaufgieng, und den Pachthof sich wünschte: Nun, meine Freundinn, der Pächter starb im Oktober des verflossenen Jahrs; die Wittwe und der Sohn, welcher als Knecht bei mir diente, konnten den Pacht nicht erneuern – ich sprach mit Herrn Cleberg, und er half mir, das Guth als Erbpacht zu erhalten; mein Jakob wurde mein Bauer, seine Mutter und Geschwister bleiben auf dem Hof, den ich nach meinem Sinn und Ideen anpflanze, und es da oben auf dem Berge am ruhigsten ausführe, weil ich da nicht so viel Gaffer und Schwätzer treffe, wie hier unten auf der Fläche. Ich habe unlängst von meiner Grosmutter eine kleine Summe geerbt, und mit dieser bezahlte ich so eben den Pacht, und mein erhaltenes Bauholz. Ich wollte dann Herrn Cleberg hinaufführen; wollen Sie mit, so soll es mich freuen, Ihre Gedanken über Popens Gang und seine Halle zu hören; vielleicht können Sie mir noch etwas angeben, das meiner Julie angenehm seyn könnte, denn ich bestimme das Ganze zu einem Angebinde bei ihrem Namensfest.« – Diese Erzählung und das Anerbieten waren zu reizend für mich, als daß ich es hätte ausschlagen können. Wir machten uns also auf den Weg, und ich hörte, daß Ott der Allee und dem kleinen Anbau diese englische Benennung gab, weil er sie bei seiner Reise in England in Hagley Park, dem Landsitz des vortreflichen Lord Littelton , den er, wie den Dichter Pope , vorzüglich liebt, abzeichnete. Der Weg an der Anhöhe ist gut zubereitet, und man kommt in vollem Schatten hinauf. Da hat nun Ott auch dem Bauernhaus gegen die Aecker und Wiesen hin mehr freies Ansehen gegeben, wodurch es freundlicher und gesünder wurde; so wie er auf einer Seite nach Schweizerart einen Anbau in Holz setzte, und diesen den Leuten zur Schlafstätte anwies, wo sie jetzo von den Ausdünstungen des Düngers entfernt sind, der vorhin gerade vor den Wohn- und Schlafstuben lag, und nun in einer ordentlichen mit Letten ausgeschlagenen und mit Steinen eingefaßten Grube liegt, die auf drei Seiten mit einer Reihe von Bäumen und einer Hecke umgeben ist; wie auf der Linken der kleine Gemüsgarten der Bäuerinn die nämliche Einfassung bekam, und zwischen diesen beiden der Hof und Fuhrplatz liegt, von welchem man die Felder und den unten liegenden Wald sieht. Sie wissen, daß man gegen Seedorf zu nicht das geringste von dem Bauerhause sehen kann, weil die ganze Anhöhe mit Bäumen und Gesträuchen bewachsen ist, und daß die schmale Seite der Bauerwohnung gegen die Spitze der Anhöhe steht; An diese läßt Ott Popens Halle aufrichten: man hat den ganzen Winter über daran gearbeitet; alles Holz ist, nach Bauart in der Ukraine, wie in Steinen behauen, und mit Steinfarbe in Oehl angestrichen. Fenster, Thüren, alles wurde in die Scheune des Bauern gebracht, und in vier Tagen alles in Ordnung aufgestellt. Der kleine Saal, welchen die Halle faßt, ist für zwanzig Freunde berechnet, und zwischen diesem Bau und dem Bauernhause ein Abschnitt zu einer Küche und einer Vorrathskammer gemacht, worinn man alles Geräthe verwahren kann, das man zu Frühstück und Mittagessen braucht, damit das Geschleppe aus Seedorf vermieden würde, und der Bauer auch hören kann, wenn Nachts etwas entwendet werden sollte. – Ott will aber hier nur drei Schüsseln, also die Hälfte weniger wie in der Komödie, geben, wornach wir uns gerichtet haben. Eine Milchstube hat er nach englischer Art eingerichtet, und diese wird von der zweiten Tochter der Bäuerinn besorgt, welche auch den Hühnerhof unter ihrer Aufsicht hat. Es ist Lise, die als Haus- und Milchmagd bei Julien diente, und auch von der Küche so viel lernte, daß sie die drei Schüsseln recht gut zubereiten kann, welche wir in Popens Halle verzehren sollen; und das wird immer geschehen, so oft Lise eine Parthie fetter Hühner, Enten, Gänse, oder welscher Hahnen zu Markt getragen hat, als von welchen wir alsdann Probestücke bekommen. Es ist alles recht niedlich und häuslich eingerichtet und angelegt. Besonders sind auch große Felder mit Sonnenblumen zu Oehl da, alle Aecker mit Quetschenhecken durchschnitten, und ein ödes Stück Land mit der neuen amerikanischen Grasart angepflanzt, welche ein Engländer, Sir Thomas Walter, entdeckte, und Europa die wohltätige Pflanze mittheilte, die selbst im Sandboden so gut fortkommt, und weder von Hitze noch Frost leidet. Alles dieses freute mich ungemein; doch dachte ich auch an das Glück der Männer, welche so leicht jeden ihrer Wünsche erfüllen, jeden Entwurf ausführen können – und wir! . . . Ott fürchtete anfangs, der Bau der Brüder von Sand an dem Seehaus würde etwas von der malerischen Aussicht der Anhöhe verderben, wenn nun das Stück von den zackigten Mauern und der noch stehende Thurm geebnet, und mit einem neuen rothen Ziegeldach gekrönt würde; aber Cleberg benahm ihm diesen Kummer sehr schnell, da er ihn versicherte, das nöthige Dach des Thurms sey schon gemacht, und drei Schuh unter den ruinirten Zinnen geführt, weswegen man nichts davon sehe, so wie die alte dichte Mauer in den ungleichen Bruchstücken stehen bleibe, nur von innen ausgebessert, und gegen den Hof zu einer Altane benutzt würde, bei welcher man sich des neugefundenen Steingusses bedienen wollte, damit die unten angebrachten Holzschoppen und des Bauers Wagen und Ackergeschirre gegen den Regen geschützt würden. – – Beide Männer sprachen nach dem von manchem schönen Tag, den wir auf Juliens Berg zubringen wollten, weil Ott dem Pachthof diesen Namen gab, obschon Cleberg sagte: »Es würde mit dieser schönen Benennung nicht lange dauern, indem es den Bauern zu beschwerlich sey, Julienberg zu sagen, es würde bald Juleberg heißen, und dieses wäre gar nicht einstimmend mit dem sanften Wesen der Besitzerinn.« Ott aber, der dem Landmann selten etwas übel nimmt, sagte: »Da er wünsche, dem Bauern alles zu erleichtern, so wolle er ihm auch diese Abkürzung des lieben Namens gerne erlauben; der Pachtbrief und seine Kinder würden doch immer Julienberg sagen.« Ich für mich habe mir vorgesetzt, manches Frühstück da zu halten, weil sie mir lieber sind, als Mittagessen; denn bei unsern Frühstücken werden, wie Sie wissen, immer gute Bücher gelesen, welches dann bei dem damit verbundenen Genuß der Aussicht auf eine schöne Landschaft so viel mehr nützt, als es scheint, daß die Seele selbst offener und vielfassender ist, als in einer Stube. denn, theure Mariane! er ist noch immer in mir, der Stolz, zu sagen: J. J. Rousseau würde, wenn er uns besuchte, recht sehr mit unserm Leben in Seedorf zufrieden seyn, weil wir von der Stadt nichts mitgenommen haben, als was die gesellschaftlichen Neigungen des Mittheilens und Einsammelns guter Gedanken und Gefühle betrift, wodurch man der Natur sehr ähnlich bleibt, denn sie giebt auf dem Lande überall, und weckt dabei immer alle Gefühle für den Schöpfer und seine Geschöpfe. – Sie glauben mir gewiß, wenn ich sage, daß ich bei diesem Spaziergang sehr glücklich war, die zwei jungen Freunde zu betrachten, welche sich bei jedem guten Entwurf die Hände reichen, und dadurch ihre Verbindung in dem schönsten Licht zeigen; dann eine Bauerfamilie, welche mit dem neuen Gutsherrn, den sie erhielt, unendlich zufrieden ist, ohngeachtet sie so vieles von ihren alten Gewohnheiten ablegen mußten, auch das ihnen so lange bekannte Feld nicht mehr auf ihre alte Weise anbauen dürfen, und also die neue Obergewalt täglich fühlen; aber Ott sagte ihnen so liebreich: »Gute Leute! stellt Euch vor, der Vater lebe noch, und habe nur während einer Reise alles, was auf dem Hof geschehen solle, bei mir bestellt, mit der Bedingnis, für Euch zu sorgen, und alle Kosten zu tragen, wenn Ihr nur in Allem folgt, so wie Ihr dem Vater gehorcht hättet.« Diese Vorstellung konnten die Leute fassen, und blieben auch wirklich in dem Gang der Folgsamkeit, zu der sie bei dem ernsthaften alten Vater gewöhnt waren. Aber es lag doch ein großer Vortheil für Ott in dem Zufall, daß der älteste Sohn so lange als Knecht bei ihm stand, und mit seiner Art Landwirtschaft bekannt war, wodurch er sich um so leichter in die Abänderungen auf Julienberg schickte, wovon er Pächter wurde. Ott trägt allen Schaden allein, welchen Frost, anhaltende Hitze, oder Hagelwetter, und überhaupt alle Naturbegebenheiten, anrichten. Cleberg sagte aber: Er müsse auch den Schaden mislungener Versuche tragen – und Ott bewilligte es. Versäumnisse müssen die Pachtleute allein büssen; hingegen theilen sie die Vortheile der Verbesserungen, so wie überhaupt den Ertrag des Hofs, für ihre Arbeit. Sie können nicht glauben, wie sehr es die alte Frau freut, daß sie auf dem Guth, wo sie und alle ihre Kinder geboren worden, sterben kann – daß wir sie Muster heißen – und wie glücklich sie durch die zwölf weisse Schürzen wurde, die sie von Herrn Ott geschenkt bekam; so wie er auch jeder der zwei Töchter sechs blaue Schürzen zur Arbeit, und sechs weisse zum ordentlichen Umhergehen gab – weil er durchaus seinem Bauernhof ein englisches Ansehen geben, und beweisen will, daß man die nämliche Arbeit mit weniger Menschen, und dabei mit Ordnung und Reinlichkeit eben so gut verrichten kann, als sie mit der bösen Gewohnheit des Schmutzes ausgeführt wird. – Die Schweizer sind ihm nach seiner Reise nach Britannien nicht reinlich genug, ob er schon Manches von ihnen borgte und nachahmte. Jetzo haben wir nur den Wunsch in uns, daß auf Juliens Namenstag die Witterung günstig sey, damit Popens Halle mit allgemeinem Vergnügen eingeweiht werden könne. Unsere muntere Frau Grafe taugt recht zu einem solchen Fest – mir wird sie dabei noch zu etwas mehr nützen: denn da sie ihre Pflegkinder mitbringt, Ottens seine mit Julien wiederkommen, und die meinigen schon da sind, so werde ich Gelegenheit haben, einige Bemerkungen über unsere verschiedene Erziehungsart zu machen. – Wir wollen alle das Gute, das weis ich; wir lesen alle die besten Erziehungsschriften, machen Auszüge, und suchen sie anzuwenden. Natürlich muß doch alles den Umständen der Familie angepaßt werden, und bekommt daneben die Falten und Bügen unserer Charaktere; nun dünkt mich, dieses muß eine Verschiedenheit hervorbringen, welche in der Wirkung auf die Kinder sichtbar seyn wird. – Denn es ist bedenklich, daß bei dem Mittheilen der Bücher, und dem Geständnis, daß man Auszüge machte, dennoch zwischen Ott und Cleberg keine Mittheilung der Auszüge entstand, und keine Zusammenkünfte gehalten wurden, in welchen allein von diesem Gegenstande gesprochen worden wäre, wie doch über alles andre so traulich gesprochen wird. Nur Julie und ich theilen uns darüber meistens alles mit; – doch ist, dünkt mich, Frau Grafe die offenherzigste von uns allen, so wie Linke und Hannchen die verstecktesten sind, auch ihre Kinder selten zu uns bringen, wie sie denn selbst, bei der immer gleichen Freundschaft, doch sehr wenig zu uns kommen, und meist, nach der Weise ihrer Eltern, nur für sich leben. Bei dieser Erinnerung an das Stillschweigen zwischen Ott, Cleberg und Herrn v. C., über die Grundsätze der Erziehung, fällt mir ein, daß wir schon einmal davon redeten, und daß Sie mir sagten: »Es könne ja über diesen Artikel Familiengeheimnisse geben, wie feine probirte Waschwasser, welche man nur zum ausschliessenden Vortheil der Seinigen gebrauchen will.« Ich glaube auch selbst, daß die Liebe der Eltern dazu beiträgt: denn man will nicht gerne von den entdeckten Fehlern seiner Kinder sprechen; man schont sie – man will auch bei seinen besten Freunden nicht von den Gebrechen des Körpers und der Seele reden. Denken Sie nur, was für ein Unterschied schon zwischen der Anzeige einer Krankheit und derjenigen eines Fehlers an dem Bau des Leibes gemacht wird: diesen sucht man zu verbergen und zu bemänteln, weil Mangel an Schönheit und Wuchs, durch Vorurtheil , als Fehler betrachtet und getadelt wird, also dem Glück des Kindes schädlich ist. Bei Fiebern wird man bedauert, so wie bei unvorgesehenen Unglücksfällen, aber bei Fehlern des Kopfs und des Charakters nicht – und dieses ist gewiß die Ursache, warum sie, so viel es möglich ist, von der ersten Jugend an, durch den so viel umfassenden Mantel der Vater- und Mutterliebe gedeckt werden. Ich denke auch hier, daß Sie einst auf dem jetzigen Julienberg waren, und mir bei Betrachtung des so mannichfaltig angebauten Landes sagten: »Fühlen Sie nicht, Rosalie! wie unendlich wohlthätig die Natur durch ihre Mannichfaltigkeit wurde? Was wäre unsere süße Freude auf dieser Stelle, wenn nun die ganze Gegend einerlei Form und Anbau hätte. Der verschiedene Geschmack der Gutsbesitzer, so wie die Verschiedenheit des Bodens in Höhen und Tiefen, macht den Grund unsers Vergnügens. Wir wollen, Liebe! die Verschiedenheiten des Denkens unter den Menschen über moralische Gegenstände auch aus dem Gesichtspunkt der Mannichfaltigkeit ansehen und beurtheilen – da sind wir zugleich gerecht und menschenfreundlich.« – Sanfte Stimme der liebreichen Weisheit! warum, ach warum höre ich dich nicht mehr auf diesen Fluren? »Weil du ausgelernt hast, meine Liebe!« – sagte Cleberg, der unbemerkt in mein Zimmer kam, und wirklich das erstemal meiner Feder nachguckte. – Aber die Eigenliebe tröstet mich hier nicht – nur der Gedanke, daß Sie dort, wo Sie sind, viel Gutes thun. – Der Himmel segne Sie dafür, und erhalte Sie für Ihre Rosalie. Zwölfter Brief. Rosalie an Marianen. Nun haben wir die Einweihung von Julienberg gefeiert, und waren ungeachtet einer kleinen Wolke von zufälligem Misvergnügen recht wohl und munter. Ich will Ihnen aber das Ganze erzählen, und etwas zurückgehen. Die Lattens und Julie waren mit Frau Grafe gekommen, und alle brachten den Abend in meinem Hause zu. Bei dem Abschied, da wir die Ottens unter dem offenen Gang von meinem Haus und der Amtsstube hin begleitet hatten, sagte Ott bei dem Anblick des äusserst schön gestirnten Himmels.: »Wir werden morgen einen heitern Tag haben, der mir doppelt lieb ist, da er den Namen meiner Juliane trägt. Sie helfen ihn feiern, meine lieben Freunde! und verleben den mir so theuern Tag mit uns.« Wir willigten, wie Sie wohl glauben, alle ein, und giengen den andern Morgen, nicht kostbar aber artig gekleidet, jedes mit einem hübschen Blumenstrauß in der Hand, zu Otts Hause, umarmten die liebe bescheidene Julie, und wünschten ihr alles Gute, das sie verdient. Sie freute sich unserer Freundschaft, und ihr Mann bat uns, so gefällig zu seyn, mit ihnen auf den Berg zu gehen, wo er, so gut als ein Mann und zwei Bäuerinnen es vermögten, ein ländliches Mittagessen bereitet habe. Dies war uns allen sehr lieb; wir wanderten munter schwätzend bergan, und kamen von der Seite des Hauses, die gegen den Wald steht, an der hübschen Einfassung bei den Stallungen vorbei, zu der Wohnung, wo uns alle Hofleute neugekleidet entgegenkamen, und wir über der mit grünem Reissig und rothen Pavotblumen eingefaßten Hausthüre auf einer Tafel in großen grünen Buchstaben die Aufschrift sahen: Julienhof . Die alte Bäuerinn überreichte Julien auf einem mit Blumen gezierten Teller einen Pack Papier, worauf stand: »Der Erbpacht Julienberg – zum Angebinde der besten Frau und Mutter.« Zu gleicher Zeit drangen sich die jungen Bauerleute um sie her – der älteste Sohn mit einer mit Blumen umwundenen Korngarbe; der zweite mit einem Milchkalb; das auch einen Kranz von Pavot um den Hals hatte; die älteste Tochter mit einem Korb voll Gemüs, und einem großen Gebund Flachs; die zweite mit einem Korb voll Hühner an einem Arm, und auf der andern Hand eine mit Blättern belegte Schüssel mit Butter und Eiern; der jüngste Sohn brachte ein Schaaf mit einem Halsband von Jerichrosen. – Sie können nicht glauben, wie das alles, bei der besondern Nettigkeit in allem, so schön und so rührend war. Julie wußte sich nicht mehr zu helfen, und fiel ihrem Mann um den Hals, wo sie das Uebermaas ihrer Freude ausweinte, und schluchzend ihm dankte; dann den guten Bauerleuten die Hände bot, und sie versicherte, daß sie alles zu ihrem Glück beitragen würde, wie sie zu ihrer Freude beigetragen hätten. – Nun wurden wir überall herumgeführt; das Bauernhaus, die Scheune, die Ställe, der Hühnerhof und Gemüsgarten, die Felder und Wiesen, alles wurde betrachtet, und darüber gesprochen. Besonders hielten wir uns bei dem Milchhaus auf, welches in zwei Theilen besteht. Der erste bei dem Eingang hat auf einer Seite eine kleine Küche für den Käs- und Spühlkessel, auf der andern den Raum zum Butterfaß und allem mit schönen kupfernen Reifen besetzten Holzwerk, welches in der besten Ordnung und Reinlichkeit dastand. Von hier geht man ein paar Stufen hinunter in den an allen Wänden mit holländischen weissen Fayancetäfelchen besetzten Milchkeller. Große und kleine Milchtöpfe, hohe und niedre, weite und enge Schüsseln von grün glassirtem Erdengeschirr standen auf weissen Gestellen umher geordnet; nur auf einer Seite waren einige Porcellantassen, in welchen man zierlichen Fremden , wie das Milchmädchen sagte, den süßen Rahm reichen könne. Die ganze Einrichtung war nach der Form der englischen Milchhäuser; nur ist hier in Fayanceplättchen und Erdengeschirr, was die Engländer in Marmor und seinem Porzellan haben – so wie wir die schönen Formen der weissen englischen Kleider in gutem Schweizermusselin tragen, welche die englischen Damen in den feinsten ostindischen haben. Unsere gute Julie war wie betäubt, oder vielmehr berauscht, und es war mir beinah vor der letzten Ueberraschung bange; aber es muß wohl wahr seyn, daß Erschütterungen der Freude selten schaden – so wie man behauptet, daß Freudenthränen die Augen nicht röthen. – Wir giengen, als man uns zum Mittagessen rief, unter dem vorragenden Schweizerdach des neuen Anbaues gegen die vordere Seite des Berges, wo Popens Halle aufgerichtet ist. Am Ende dieses Ganges trift man gerade das neue Gebäude. Julie stutzte und blieb stehen, ihr Mann aber sagte, indem er sie bei der Hand faßte: »Liebes Kind! der Bauernhof ist dein; diese kleine Halle habe ich mir vorbehalten, weil ich sicher bin, daß du meinen Phantasieen gerne ein Plätzchen gönnst – und wir speisen in meines Popens Halle mit dir zu Mittag.« Mit diesen Worten führte er sie zu der Thüre, welche, wie die zwei Seitenfenster, niedlich verziert war. Stellen Sie sich aber Juliens Erstaunen und Bewegung vor, als sie bei dem Eintritt ihre vier allerliebst gekleidete Kinder auf einem sechs Stufen erhöhten grün bedeckten breiten Gerüste erblickte, wo ihr ältester Sohn an der Aufschrift: Gute Mutter! lebe lang! das letzte Wort zu endigen schien, ihre zwei Mädchen aber beschäftiget waren, um ihr schönes in einer ovalen Rahme aufgehängtes Bildnis eine Blumenkette zu befestigen, welche von der ältern oben in einen Kranz gebogen, von der jüngern aber unten zusammengebunden wurde. Das kleinste ihrer Kinder saß auf der breiten obersten Stufe neben einem Vorrath von Blumengewinden, welche es der Schwester zu reichen schien, die für die Schleife besorgt war. – Gewiß ist sich wirklich keine lieblichere und angenehmere Gruppe zu denken, als diese war. Julie lief mit ausgebreiteten Armen gegen sie, konnte aber nichts anders sagen, als: Liebe Kinder! – denn die Thränen der Freude und der Rührung hemmten den Gang der Worte; – ihre Stimme und ihr Anblick machte die Kinder ihre Blumenketten verlassen, und der Mutter um den Hals fallen, welche sie mit einer unaussprechlichen Zärtlichkeit umarmte, und dadurch ihr überfließendes Gefühl ausdrückte. Endlich eilten auf die Ermahnung des Vaters die jungen Leute ihrem Eßtisch zu, welcher ihnen auf der kleinen Terrasse vor der Thüre der Halle bereitet war, und wo die unsern mit Frau Grafens Kinder versammelt standen, wir Aeltern aber bei dem Anblick des großen Tisches uns theils mit dem Ausdruck des Staunens über das Ungewöhnliche, theils mit dem Lächeln ansahen, mit welchem man eine kleine Irrung an einem Freund bemerkt. – Sie wissen, daß man bei Ott nie eine Suppe bekommt, sondern gleich mit dem Gemüs bedient wird, und daß er die Porcellanschüsseln und Teller nicht leiden kann, als bei dem Desert. Nun sahen wir seine schön geformte und wie Silber blinkende zinnerne Teller, und Juliens niedliches weisses Tischzeug dabei, aber auch in der Mitte des ziemlich schmalen Tisches zwischen vier Blumenkörbchen eine große mit einem hohen Fuß versehene Schüssel, welche in der Mitte der ganzen ovalen Länge hindurch eine Scheidwand hatte, und uns auf einer Seite das Gemüs, auf der andern aber die dazu bestimmten Schinkenstücke zeigte. Auf der rechten Seite in der nämlichen Linie stand eine große länglichte eben so durchzogene Schüssel, wo auf einer Seite gebratne Hühner, auf der andern aber Wildprett war, und dieser Platte gegenüber zur Linken eine eben so geformte, welche diesseits der Scheidwand kleine Kuchen, und jenseits den Salat faßte. Es sah an sich recht artig, sehr reichhaltig, und doch einfach aus, nur war die Sache so neu, so unerwartet, daß wir alle still drauf hinlächelten, besonders da Ott mit der Hand eine Bewegung über den Tisch hin machte, und dabei sagte: »Nicht mehr als drei Schüsseln, ist das Gesetz auf Julienberg.« – Unsere lebhafte Frau Grafe fiel aber äusserst schnell ein: »Ein hübsches Gesetz mit diesen Abtheilungen!« Diese Anmerkung wäre genug gewesen, und wir hätten alle mitsprechen können, aber sie setzte eben so schnell hinzu, indem sie rings auf uns blickte: »Sollten wir wohl von dem feinen moralischen Ott ein Modell erwartet haben, wie man neue und alte Gesetze umgehen könne?« – Sie ist seine Verwandtin, er sollte ihre Art schon lange kennen, aber diese Anmerkung traf ihn empfindlich, er wurde über und über roth, und wir alle sehr verlegen, die gute Julie aber schmerzhaft bewegt, sie, die den Augenblick vorher so freundlich zufrieden auf ihren Mann und auf diese Schüsseln geblickt hatte. Mein lieber Cleberg trat ein, und half uns allen zurecht, indem er lebhaft sagte: »Es ist ein sehr böser Muthwille von der Frau Baase Grafe, daß sie diese Erfindung tadelt; ich achtete sie von dem ersten Anblick an, indem ich sehr glücklich finde, daß man dadurch bei der Entfernung von dem Wohnhaus und allem Vorrath, den man dort an der Hand hat, hier, ohne daß etwas mangle, und ohne daß die Dienstboten mit Hin- und Herschicken gequält werden, eine gute reichliche Mahlzeit genießen kann. – Und (setzte er hinzu, sich gegen mich wendend) Salie! das ist für unsern Waldgarten mehr werth, als die Feldküche; wir wollen auch solche Schüsseln, mit dem Zusatz von einem Deckel und einer Handhabe in der Scheidewand, machen lassen.« – Nun war der etwas zerstörte Ott und die betretene Frau Grafe wieder in Ordnung gekommen, sie fieng auch zu unserer aller Freude recht artig an zu sagen: »Sie haben recht, Herr Resident! meine Anmerkung war zu voreilig; ich sehe, daß es wirklich auch deswegen sehr gut ist, weil der Tisch um so viel kleiner seyn darf, und man sich alle freundliche Dienste mit Gemächlichkeit erlauben und begehren kann. Vergeben Sie mir, guter Ott! und setzen Sie sich auf die Seite des Schinkens; ich will das Gemüse vorlegen.« Zugleich setzte sie sich, und nahm den Löffel ganz munter zur Hand – Ott, noch mit einer etwas mürrischen Miene, die Gabel, um jedem Teller in dem nämlichen Augenblick seine Zulage zu geben. Julie war, ihre Empfindung zu verbergen, zu dem Tisch der Kinder gegangen, wo sie zwei dergleichen Schüsseln, nur etwas kleiner, die eine mit Gemüs und gebackenem Brod, die andre mit Kuchen und einer Milchspeise, fand, welche zu beiden Seiten eines mit Blumen gefüllten Körbchens gestellt waren. Sie setzte sich dann oben zwischen Cleberg und meinen Oncle, denn sie wollte, wie sie sagte, nicht zu ihrem Mann sitzen, weil sie Ihr Portrait ansehen müßte: aber sie bekannte mir nachher, daß es aus Unmuth gegen Madame Grafe geschah, welche sie nicht gegen sich über leiden konnte, weil ihr diese Frau den so schönen Tag verdarb. »Ich (setzte sie hinzu) möchte nie um des feinsten Gedankens willen irgend jemand weh thun, und hasse dieses Wesen wie die fein geschliffenen Taschenspiegel, mit welchen man Sonnenstralen auffängt, und damit auf einmal eine Person, welche etwas eifrig oder mit Vergnügen betrachtet, schmerzhaft verblendet.« Doch wurden wir alle nach und nach heiter und unbefangen, um so mehr, als Frau Grafe, die im Grunde eine recht gute liebe Frau ist, zu Ott sagte: »Lieber Vetter! Sie haben mir wohl meine unbesonnene Kritik vergeben, sagen Sie mir aber jetzo doch, wie kamen Sie zu dem Gedanken mit diesen zwiefachen Schüsseln?« Er sagte ziemlich ruhig: »Durch Unzufriedenheit und Rückerinnerung.« »Wie das?« erwiederte sie. »Ich war unzufrieden mit mir selbst, so gar ernsthaft gesagt zu haben, daß ich hier nicht mehr als drei Schüsseln geben wolle, denn ich bemerkte sogleich, daß Alle dachten, es sey unmöglich, unsere Gäste satt zu machen; und als ich die kleinen Anstalten für Juliens Fest ordnen wollte, so wurde ich davon überzeugt, wollte aber doch bei meinem Vorsatz bleiben, und erinnerte mich an die Erfindung der Dänen: Als ihnen bei ihren Festen nur eine gewisse Anzahl Schüsseln erlaubt wurde, liessen sie große Platten mit Abtheilungen verfertigen, in welchen verschiedene Speisen unvermischt erscheinen konnten, und doch nur die vorgeschriebene Zahl der Schüsseln auf dem Tisch waren. Diese Idee dünkte mich zugleich neu und artig in unserm Cirkel; der Tisch konnte schmaler seyn, versperrte also weniger Raum in meiner Halle, und, wie Herr Cleberg sagt, es paßte auch zu der geringen Zahl meiner Dienstboten, und zu den Pflichten der Schonung ihrer Kräfte. – Indessen ist es wahr, es ist ein schiefer Bug in meinen selbstgegebenen Gesetzen, und ein Beweis, daß die Behauptung eines irrigen Gedankens zu weitern Irrungen führt: aber ich bin von meiner liebenswerten Baase so ernsthaft dafür gestraft worden, daß ich mir nun auch bei meinem offenherzigen Bekenntnis allgemeine Entschuldigung verspreche.« Er bückte sich dabei gegen uns alle. Madame Grafe wurde sehr bewegt, und sagte: »Lieber Ott! mich dünkt, ich allein habe Vergebung nöthig, denn ich störte Ihre liebreichen artigen Entwürfe der Feier des schönen Tags; nehmen Sie auch dieses Geständnis als Genugtuung an. – Herr Cleberg hat mich im Namen der ganzen Gesellschaft ausgemachte weil Ihre Unzufriedenheit Allen eine Art von Schmerz gab, und so, hoffe ich, (sagte sie, einen drolligen Knicks machend) ist meine Rechnung im Reinen.« So endete der unvorgesehene Zwist, durch Klugheit und Güte der streitenden Theile. Doch werden Sie einsehen, daß meines Clebergs Geist dem Ganzen die gute Sendung gab, welche es bekam; aber unsere Frau Grafe hat bei Allen etwas verloren. Mein Oncle sagte ihr auch: »Sie hätte mit ihrem zu feurigen Geist Allen einen elektrischen Schlag gegeben, weil die Freundschaft uns so verbinde, daß Freude und Schmerz von Allen in gleichem Maaß gefühlt würde. »Nun, lieber Oncle! (erwiederte sie) ich will nicht mehr mit dem himmlischen Feuer spielen, besonders da ich am Ende meine eigenen Finger verbrannte« Dieses alles wurde auf der artigen Terrasse vor der Halle gesagt, auf welche man drei Stufen absteigt, und die gegen den Abhang des Bergs mit einem starken Geländer verwahrt ist. Wir tranken da Caffee. Indessen wurde der Tisch und alles aus der Halle geräumt; eine Harfe und zwei Violinen stimmten zum Tanzen, welches bis an Abend dauerte, wo man Lattens und Grafe zu mir begleitete, noch einen warmen Wein trank, und Alle mit Zufriedenheit schlafen giengen. Heute nach dem Mittagessen aber sind meine Gäste wieder nach der Stadt, und ich, mit tausend Wünschen für Mariane beladen, an meinem Schreibtisch. Dreizehnter Brief. Rosalie an van Guden. Sie klagen über meine kleine und seltene Briefe, aber meine theure Freundinn muß sich erinnern, daß ich den Vertrag machte, Ihnen und Marianen immer wechselweise dasjenige zu schreiben, was ich Beiden gefällig zu seyn achte, und ich weis wohl, daß Sie sagten: Mir wird alles, was in Seedorf vorgeht, angenehm seyn. Dies war sehr liebreich von Ihnen; aber nicht alles verdient das Schreiben – und dann habe ich, aufrichtig zu sagen, als Hausmutter viel weniger Muße, als ich in dem Stand eines Gasts bei Frau Grafe hatte, und jetzo nimmt mir auch die obschon noch entfernte Aussicht auf ein neues Wochenbett manche Viertelstunde in kleinen Uebelkeiten weg, so daß mein ehmals so sorgfältiges Malen tausend kleiner Gegenstände sich nicht mehr mit meinen täglichen Beschäftigungen verbinden läßt; aber ungewöhnlichen Ideen, die mir erscheinen, kann ich das Aufzeichnen und Mittheilen nicht versagen, so wie es wirklich mit einem Stück des Aufenthalts der Frau Grafe in Seedorf ist, welches auch ganz eigentlich Ihnen vorgelegt werden muß, da es meist die Erziehung betrift. Frau Grafe kam gestern in meine Stube, und wollte uns ohne anders sogleich einen Erziehungsplan vorlesen, den sie eben ins Reine gebracht hätte, und darinn wörtlich bewiese, daß sie wenigstens für sich sehr wahr sagte, als sie behauptete: »Wir machten alle nur willkürliche Auszüge aus den Schriften, welche die Weisheit des Lebens und der Erziehungskunst betreffen; und daß Männer und Weiber, Rath , Vorstellungen und Vorschriften nur in dem, was das Aeusserliche der Kleidung und Verzierung in Hausgeräthe, Nahrung und Belustigung angehe, gerne und genau befolgten, nachahmten und auffaßten – aber bei dem innern Anordnen des Denkens und der Gesinnungen trete immer ein Widerstreben und das willkürliche Wählen und Verwerfen der vorgelegten Ideen ein.« – Sie hatte, wie sie mir einst schrieb, schon bei ihrem Mann alle Erziehungsschriften durchblättert, denn ordentlich gelesen konnte sie sie in der kurzen Zeit nicht haben, ob sie schon Auszüge mit hieher brachte. Uns fragte sie links und rechts nach unserm Plan, und durchstürte auch unsere Bücher. Endlich schrieb sie einige Morgen sogleich nach dem Frühstück sehr eifrig, und legte nun den neuen Einfall zu Tage: Ihre zwei Nichten durch die Geschichte der Musen und Grazien zu bilden, und einen neuen Versuch über die Zaubergewalt des Wörtchens Schön zu machen. Weil dieses bei allem Aeusserlichen so vielen Einfluß auf Erwachsene und Kinder habe, so will sie es auch bei der Moral gebrauchen, und sehen, ob nicht schönes Denken aus dem Lob des schön gedachten – und schöne Gesinnung aus dem Ruhm einer schönen That , aus schönen Ideen in Büchern oder von Personen einzupropfen wäre. Alle diese fragen, sagte sie, erschienen in ihrer Seele bei einem Kapitel in meinem mir durch Großens neue Uebersetzung neu schätzbar gewordenen Beaties wo er von der Dichtkunst sagt: »Daß sie ähnliche Anlagen in unserm Geist weckt und thätig machte denn der lebhafte Witz, die biegsame Einbildungskraft, die Gabe zur Erfindung und die Reizbarkeit des Herzens zeigten sich in dem Dichter, wie in denen, die ihn lesen; bei dem erstem in seinen Werken, und bei dem zweiten in dem Vergnügen und Wirkung bei dem Lesen: denn Gefühle und Witz, edle Erhebung der Seele und der Ideen, würden durch vorzügliche Poesie stärker und thätiger; die Sprache, als Einkleidung unserer Gedanken, werde durch Dichter verschönert und bereichert,« u. s. w. Dieses war, sagte sie, ein Lichtstral auf meine Papiere, wo meine Ideen noch dunkel lagen. – Bei den Alten waren die Dichter eine Quelle von Heldenseelen – bei den Neuen werden Bildhauer, Poeten und Maler aus dem Homer mit vollen Eimern geschöpft, Moral, Geschichte und Lehrsätze der alten Griechen darinn gefunden; da will ich auch Etwas heraus holen, und der Weise der Alten folgen, meine Mädchen in lauter Bildern zu belehren. Sie haben ohnehin Zeichnen- Musik- und Schreibmeister; sie lernen Sticken: da erscheinen ja auch lauter Bilder in Landschaften, Noten, Buchstaben und Blumen; dies giebt mit meinem Plan ein harmonisches Ganzes. – Ich schaffe mir schöne Kupfer von der Minerva und den neun Musen; führe dann in der ersten zum Nachdenken und Lernen bestimmten Stunde mein junges Volk mit einer Art Feierlichkeit in die Bibliothek meines Mannes, (weil mir dort die Luft selbst etwas Günstiges zu haben scheint) stelle sie vor die große Erdkugel, und erzähle ihnen kürzlich etwas von der Erschaffung der Welt, und wie diese Erde, die wir bewohnen, durch die Hand der Allmacht in dem Luftraum erhalten wird, täglich sich umwälzt, in so viel Zeit einen Cirkel um die Sonne beschreibt, und uns dadurch Tag und Nacht und die vier Jahrszeiten giebt. Dann zeige ich ihnen die Meere und das feste Land; nachher folgt die Benennung der Welttheile und die Verschiedenheit ihrer Bewohner, deren Geschichte ich ihnen nach und nach verspreche, und bei Asien anfange, weil dort das Menschengeschlecht zuerst aufkeimte, und auch zuerst die besten Geschenke der Natur in allen Produkten der Erde und allen edeln Gaben des Himmels, in Wissenschaften und Künsten, genoß. – Nun halte ich mich an Griechenland, und sage: Hier, meine Lieben! wohnten die klügsten und besten Menschen, welche auf alles Schöne und Gute um sie her aufmerksam waren, und sich ein oberstes allmächtiges und allgütiges Wesen dachten, welches Alles auf der Welt weise und liebreich ordnete; nun verehrten sie dieses Wesen über Alles, und dankten ihm für Alles wurden aber immer aufmerksamer und fleissiger in Beobachtung der wohlthätigen Schönheiten der Natur, und über sich selbst. Sie bemerkten, daß Alles durch unsichtbare Kräfte entstand, die weit über die ihrigen erhaben waren. Die Sonne des Tages, der schöne Sternhimmel bei Nacht, däuchte sie das Schönste und Prächtigste, und war ihnen also der natürliche Wohnsitz dieses obersten Wesens; doch konnten sie noch nicht begreifen, daß Alles auf Erden nur durch seinen Willen entstehe, und faßten den lieben kindlichen Gedanken, zu sagen: »Wenn ein kleines hilfloses Kind zur Welt kommt, so wird es durch die Mutter und pflegende Hände der Wärterinnen besorgt und geleitet; das oberste Wesen hat dieses so gütig für unsern Körper besorgt, gewiß hat es auch eben so freundliche unsichtbare Pflegmütter für das Beste von uns allen geschaffen, welche wie das denkende Wesen in uns, unsichtbar wie die oberste Gottheit selbst, immer wie unsere guten leiblichen Mütter für uns arbeiten.« Und so wurden aus dankbaren Kindern – dankbare Menschen gegen den Schöpfer. Sie dachten sich so viele unsichtbare Wohltäterinnen, als sie sichtbares Gutes erblickten. Nun war es natürlich, daß sie diesen Wesen auch Namen gaben. Sie hatten Gewitter am Himmel, Zorn und Stärke in ihren Vätern gesehen: nun ward das oberste Wesen, Jupiter , ein Mann mit Donnerkeilen; die Sturmwinde, das Empören des Meeres, der Krieg, der Weinbau wegen des Rauschtrinkens – alles dies wurde Männern zugeschrieben; aber sanfte wohlthätige Erfindungen dem weiblichen Geschlecht. – Die Wiesen wurden durch freundliche liebe Mädchen, die Napeen , geschmückt; die Blumen kamen von der Flora ; kleine liebliche Bäche wurden durch Najaden ergossen; schöne Wälder durch Oreaden besorgt; die Göttinn Ceres pflanzte das Korn; die Pomona Obst; u. s. w. Nun waren die Menschen und Thiere mit Nahrung und anmuthigen Aussichten versorgt. Nachdem fiengen sie an, über die Gabe des Denkens und der Erfindungen ihre Betrachtung zu machen. Klugheit und alle Tugenden wurden der Minerva , einer sehr gescheuten Göttin, verdankt; man verehrte sie auch vorzüglich, und ihre großen Bilder wurden in Tempeln, die kleinen aber in den Häusern aufgestellt, damit man sich immer an die Wohlthaten der Weisheit erinnern, und die Göttin darum bitten möge. Dann zeige ich ihnen das Bild der Göttin, und lese aus des Herrn Müllers schöner Abhandlung über Minerva faßliche Auszüge vor; z. B. wo er von ihrer Kleidung sagt: »Die Weisheit sey bewaffnet, weil sie immer gegen Thorheit und Vorurtheil kämpfen müsse. Der Morgenstern über ihrem Haupt zeige an, daß er die Stunden der frühen Weisheit herbeiführe; daß Minerva die Erfinderinn der Künste des Friedens und die Beschützerinn des gesellschaftlichen Lebens sey; daß sie stille Häuslichkeit und Fleiß liebte, und die Menschen die sanftesten unentbehrlichsten Künste, den Oehl- und Feldbau, das Spinnen und Weben, und die Kunst die Wiesen zu mähen lehrte, indem die Weisheit ihre Kräfte nicht an unnütze Dinge verschwende, weshalb Minerva auch wegen dieser häuslichen glücklichen Erfindungen den Namen Ergane bekam.« Von der Minerva gehe ich dann zu der Erzählung der Geschichte von den Musen, den Töchtern der Mnemosine , Göttin der Erinnerung, welche den Auftrag haben, die schönen Eigenschaften, womit die Weisheit die Menschen beschenkte, zu bewahren und im Gedächtnis zu behalten, damit sie die Sterblichen immer unterrichten könnten. Wer nun die Geschichte der Erde und der Menschen wissen wollte, mußte die Wissenschaft der Muse Clio studiren, welche ein großes Buch hält, worinn sie alle merkwürdige Thaten der Menschen aufzeichnete. Urania , mit dem Sehrohr und dem Cirkel, lehrte die Sternkunde, Mathematik und Philosophie. Calliope lehrt die Heldengedichte, weswegen sie auch einen Schreibgriffel und eine Rolle Papier hat. Euterpe hält eine Flöte, welche die Minerva erfand, und sie blasen lehrte, um die Menschen in trüben Tagen mit einer sanften Musik zu trösten. Polyhimnia , mit Noten in der Hand, lehrt die Redekunst und liebliche Lieder, weil beide harmonisch seyn müssen. Erato gab die Maler und Bildhauerkünste ein, und erfand die Laute. Melpomene besorgte die Trauerspiele, und hat deswegen einen Dolch in der Hand. Terpsicore lehrte schöne Stellung und Tanz, wie man es in ihrem Bild sehen kann. Thalia lehrt den feinen Scherz und die Lustspiele, denn die Maske zeigt, daß alles nur Spiel, nicht Ernst sey. Nun folgte die Geschichte der Grazien oder Göttinnen der Anmuth, welche den Musen als Freundinnen gegeben wurden, damit diese lernten, selbst bei ernsten Beschäftigungen immer etwas Gefälliges zu haben. – Wohl bemerkt, Rosalie! (setzte sie hinzu) ich zeige meinen Mädchen die bekleideten Grazien des Sokrates, nicht die andern, welche in unsern Zeiten und Landen bei unsern Söhnen und Töchtern wenig Nutzen schaften. Nun, (fuhr sie fort) wenn ich die Bilder gewiesen, und so davon erzählt habe, so werde ich den Mädchen sagen, daß die göttliche Vorsicht in der That alle Künste und Wissenschaften in Asien aufblühen machte, und den Menschen dort wirklich ein doppeltes Paradies bereitet hatte, nämlich dies der ersten Schönheiten der Erde, und dann auch das reizende Gebiet der Kunst und der Kenntnisse; – daß aber Künste und Wissenschaften auch Wandrungen machten, und andre Weltgegenden besuchten, welches ich ihnen nach und nach erzählen, und den Antheil zeigen wollte, der unserm Vaterland von den Gaben der Musen und Grazien zugeflossen sey. Und um ein richtiges Maaß für uns und andre Weltteile anzumerken, will ich mir das englische Buch über Wunder der Natur und Kunst von allen Theilen der Erde anschaffen, welches ich in Ihrer Büchersammlung fand, indem ich darinn einen guten Leitfaden zu meiner Absicht angetroffen habe, damit ich zwischen abschreckendem Ernst und seichte Köpfe machenden Spielen einen Weg zur Ausbildung des Geistes meiner Mädchen finde, wo mir das Unterrichten angenehm, und den Kindern das Lernen leicht seyn wird. Ich denke dabei, die Mädchen sollen sich freuen, daß alles Gute und Schöne in der Welt aus weiblichen Händen kommt, und sie sollen von Nacheifer beseelt werden, Tugend und Verdienste in das kommende Jahrhundert verpflanzen zu helfen; der Bube aber, glaube ich, wird desto mehr Verehrung für unser Geschlecht bekommen. – A pro pos , setzte sie schnell hinzu, da giebt es ja Widerspruch und Wettstreit mit Herrn Cleberg, denn dieser will Ihre Nanny bei den Lehrstunden der Buben haben, damit sie ja recht frühe die Verdienste der Männer bewundern lerne. Wir wollen nun sehen, ob mein Neffe artiger als andre Buben – und ob Ihre Nanny klüger als die übrigen Mädchen wird. Ueberhaupt (sagte sie) zähle ich bei diesem Plan wenigstens zur Hälfte auf den Beistand der Eigenliebe, welche in meinen zwei Nichten liegt, und sie immer Eigenes für sich wünschen macht, daher zu hoffen ist, daß, wenn sie nun wissen, dieser Weg des Lernens sey allein für sie gefunden worden, sie auch aus Eitelkeit schnelle Fortschritte machen werden. – Nun eilte sie in ihr Zimmer zum Abschreiben, und ich sagte gegen Cleberg und meinen Oncle: Da wir das Ganze aus diesem Gesichtspunkt betrachten müßten, so könnte man es wohl artig finden; besonders da immer alles zu unsern Umständen passen soll, und Herr Grafe die Munterkeit seiner Frau ungemein liebte, und auch wünschte, daß die Kinder bei heiterm Sinn erhalten würden, so sollte man auch deswegen diesen Plan gut heißen. – Aber Cleberg und mein Oncle dachten nicht so. Der Erste sagte mir nach einem Auszug aus Klopstock: » Gesonderte Pfade führen zum hohen Ziel . Aber, liebe Rosalie! je mehr Sonderbares die Andern machen, je einfacher wollen wir bleiben.« – Und der Zweite setzte hinzu: »Kinder! erinnert Euch des Wegs, den Ihr geführt wurdet! Macht Euern Söhnen das Lernen nicht zu leicht, denn die Kräfte des Verstandes erschlaffen, wie die des Körpers, wenn sie nicht durch Anstrengung und ernste Uebung gestärkt werden.« Lieber Oncle! sagte ich, Sie verwerfen doch nicht alles, was die gute Frau in ihren Plan verwebte? – Nein! antwortete er, und fügte hinzu: Die Art, mit den Kindern über die griechische Götterlehre zu sprechen, habe ihm gefallen; der Vorsatz, das Buch über Wunder der Natur und Kunst zu gebrauchen, sey auch gut – doch gefalle ihm am besten, daß sie nach Müllers Minerva das Verdienst der Handarbeit angezeigt habe. Frau Grafe sey eine Frau von Verstand, und würde das Unzuverläßige ihres Plans bei der Ausführung bemerken; im Ganzen sey viel Gutes darinn, mehr als man von einem Aufsatz des herrschenden Witzes erwarten könne, ihm wäre aber ihr Erster Vorsatz, die Keime der Leidenschaften zu entdecken, und sie zum Guten zu lenken, viel schätzbarer gewesen. – – Abends bei dem Thee sagten ihr mein Oncle und Cleberg: Sie liebten nicht, daß lauter zufällige Sachen auf sie wirkten. »Ach Männer! (antwortete sie mit etwas Erröthen auf Beide blickend) hat Zufall keine Gewalt über Euch? Die Hälfte der Geschichte Eurer Kriege und Siege, Eurer Künste und Erfindungen, auf was ruhen sie, als auf Zufall, der von dem Klugen benutzt wird? Warum sollte ich in dem Streiten und Wählen von Erziehungsideen, da sich so Viele die Freiheit nehmen, Vorschriften zu machen, nicht queer über das noch ziemlich unangebaute Feld einen Fußpfad nehmen können, der mich früher in den Schatten führt?« Gewiß, beste Frau! haben Sie die Freiheit, Ihren Weg zu wählen; – aber mich dünkt, Sie haben manches angebaute Stück übersehen, und von andern nur die Blumen genommen – und diese allein sind nicht genug, Ihren Zweck zu erreichen – sagte mein Oncle. »Ich nahm sie nur, weil mir das Korn noch nicht reif schien. (erwiederte sie) Oder hätte ich es machen sollen, wie meine Haushälterin, welche die noch grünen Aehren abschneidet, sie mühsam trocknet, aber dann doch nichts als Suppen davon einkochen kann? Und Sie wissen, zu viele Suppen verderben den Magen für bessere Speisen.« Eine gewisse Erhöhung des Tons und des Kopfs der lieben Frau ließ mich Unmuth besorgen, und da ich gar zu gerne Jeden bei seiner Weise lasse, besonders wenn sie unschädlich ist, so sagte ich: Weil doch die Rede von Blumen sey, so dünkten sie mich dem Alter der zwei Nichten unserer Freundinn sehr passend zu seyn, indem beide jung genug wären, um das Reifen des Waizens abzuwarten. – Sie bemerkten alle meine Absicht, und stimmten mit ein. Dadurch wurde ich von der Sorge befreit, Frau Grafe noch den letzten Abend ihres Aufenthalts misvergnügt zu sehen. Sie saß einige Minuten stille, mein Oncle und Cleberg giengen auf und ab, da faßte sie mit liebreicher offener Miene meine Hand, und sagte: »Haben Sie Dank, gute Rosalia! daß Sie so sorgsam den Faden mir reichten, aus dem kleinen Labyrinth zu kommen. Der Widerspruch, den mein Plan mir zuzog, hat mein Nachdenken angefeuert, denn es ist mir nicht gleichgültig, ob der Oncle da, und der ihm nacheifernde Nepote, mich loben oder tadeln, weil ihre Verdienste wirklich den Werth ihres Beifalls erhöhen, wie sie das Gewicht des Tadels erschweren. – Ich will doch auch den Unfall benutzen, der mich meinen Plan hier entwerfen und vorlegen machte, denn ich will die Winke des Leichten, welches die Herren unter den Blumen verstehen, mir merken, und Sorge tragen, ganz nahe der Natur zu folgen, welche allem, was Früchte tragen soll, erst Blumen gab, die als Blüte nie Tadel finden. Indessen können die Ideen in meinem Kopf mit dem Waizen reifen, zwischen welchem ich die Blumen pflückte.« Das ist gut, recht gut, schätzbare Frau, sagte mein Oncle, der mit Cleberg ein paar Schritte von uns stille gestanden, und ihr zugehört hatte. Sie haben allen Geist und alles Nachdenken, welche dazu gehören, die Kinder stufenweise zu Kenntnis und Vergnügen zu leiten, und ihnen von beiden das zu geben, was den Jahren zukommt; nicht wie Viele aus mißverstandenem Ehrgeitz thun, und den ersten Jugendjahren geben, was Genuß und Nahrung des reifen Alters seyn sollte. – Auf diese Art zeigten Alle, daß sanfter wohlmeinender Widerspruch von der edeln Seele immer gut aufgenommen wird, und unser Abend war in vollkommner Harmonie mit der Natur; denn als wir uns zum Thee setzten, war es bei einem mit kleinen Wolken durchzogenen Himmel noch helle genug, um die auf eine gewisse Art unnützen Blumenbeete des Gartens vor uns zu sehen, und ich glaube, man hat auch deswegen um so eifriger und länger davon gesprochen. – Nach und nach sank, wie der Dichter sagt, die Nacht herunter, aber es erschienen hingegen immer mehr Sterne an dem schönen ganz heiter gewordenen Firmament, wie bei unserm erheiterten Humor immer neue, nützliche und angenehme Ideen in dem Gespräche hervorkamen. – Nun Adieu! und meine Wünsche zu glücklichen Tagen für Sie! Ich bemerke, daß ich bei einem Lieblingsgegenstand war; sonst würde mein Brief nicht einem kleinen Buch ähnlich geworden seyn. Vierzehnter Brief. Rosalie an Mariane. Ach! wie wechselnd ist das Schicksal unserer Tage! Wie glücklich war ich sieben Jahre hindurch – wie munter noch vor einiger Zeit! Und wie umwölkt ist alles seit einer Woche! – Mein Cleberg ist krank, schmerzlich krank; es ist das erstemal seit unserer Verbindung, der Anfall ist mir also nicht nur neu, sondern auch schrecklich, weil es Steinschmerzen sind, die ihn quälen. Er trägt sie mit dem starken männlichen Sinn, mit welchem er alles vornimmt, alles thut – und wenn der Anfall vorbei ist, so spricht er ganz ruhig von allem und über alles; aber wenn er die kommenden Schmerzen fühlt, muß sich Jedermann entfernen, und besonders ich am weitesten weggehen. Ich würde ihn so gerne pflegen. Er ist dessen überzeugt, und dankte mir gestern innig dafür, sagte aber dabei: »Ich bin froh, liebes Weib! daß die Vorsicht unsere Umstände so segnete, daß ich einen treuen Bedienten halten kann, welcher mir alle nöthige Hülfe leistet. Mein Herz ist also doch von der Sorge befreit, dich in deiner jetzigen Lage übermäßig bemüht zu sehen. Hätte ich Niemand, so würde ich deine Liebe auffordern; aber so, meine Salie! sorge für dich und unser Kind. Mein Uebel ist wohl schmerzlich, aber nicht tödtlich. Ich war lange gesund – etwas muß einmal meine Geduld, prüfen. Diese Krankheit hat ihren Lauf; Arzneien können nicht sogleich helfen. Versprich mir, Liebe! wenn du mich winken siehst, immer in den Saal zu gehen, und ja nicht heimlich hier in dem Nebenzimmer zu bleiben. Wenn der Anfall vorbei ist, so wird mir deine Gegenwart und dein Anblick immer willkommen und erquickend seyn.« Mariane! ist mein Cleberg nicht der Mann, welchen der Graf Buffou beschreibt, wenn er sagt: »Der kluge rechtschaffene Mann, der allein Hochachtung verdient, ist Herr über sich selbst und die Zufälle des Lebens. Zufrieden mit seinem Stand, begehrt er nichts anders zu werden; verlangt nicht anders zu leben, als er immer lebte. Sich selbst genug, bedarf er Andrer nur sehr wenig, und fällt ihnen niemals zur Last. Er beschäftigt sich unaufhörlich, die Fähigkeiten seiner Seele zu üben, und seine Kenntnisse zu vermehren; und so befriedigt er jeden Augenblick seinen Geschmack, indem er die ganze Welt geniest. Dieser Mann ist das glücklichste Geschöpf der Erde; er verbindet mit den sinnlichen Vergnügen, welche ihm mit den Thieren gemein sind, die Ergötzlichkeiten des Verstandes, welche nur dem Menschen gehören – und wenn er durch einen Zufall Unglück oder Schmerz empfindet, so leidet er weniger als ein Andrer, denn die Stärke seiner Seele unterstützt ihn – die geläuterte Vernunft tröstet ihn, und er geniest noch selbst in seinen Leiden die Freude, Leiden ertragen zu können. – Liebe! es freute auch mich, dieses Bild meinem Mann zueignen zu können; aber da er mir dadurch um so werther wurde, so vermehrte dieses auch den Kummer, welchen ich seit fünf Tagen um ihn leide – da ich bald um ihn, bald von ihm entfernt lebe. Mit jedem Tage sieht er hagerer, seine schönen Züge entstellter, seine Stimme wird matter – aber sein Geist, sein Charakter, sind sich immer gleich. – Es ist mir eine traurige Gelegenheit, ihn auf dieser Probe zu beobachten; aber es ist schön und verehrungswerth, einen Kranken so gelassen zu sehen. – Mein Oncle, mein Vetter, Ott, Latten und der Pfarrer sind wechselweise Tag und Nacht um ihn. Mein Vetter ist unaussprechlich traurig und besorgt. Oft sagt er: » Könnte ich nur das Weh meines Wohlthäters auf mich nehmen! « Geistliche, Schulmeister und Schultheiß des ganzen Amts wollen ihren geliebten obwohl sehr ernsten Vorgesetzten warten und pflegen. Mad. Grafe war zwei Tage hier, und ich erhalte eine Menge Briefe und Besuche um seinetwegen. Er sagte mir heute, als Frau Grafe abreiste: »Ach wäre van Guden oder Mariane um dich!« Alles dies macht mir ihn hochachtungswürdiger. – Der Arzt sucht mich zu beruhigen; er that es schon den zweiten Tag, aber das Uebel ist immer ärger geworden, und ich hörte erst vor einer halben Stunde, daß Cleberg schon vor acht Tagen den Arzt um eine Zusammenkunft auf dem Mooshof gebeten hatte, damit er dort, unbemerkt von mir, mit ihm sprechen konnte, weil er schon damals des Nachts von den Schmerzen beunruhigt wurde. Nun ist er im obern Stock in seiner Lieblingsstube, wo die Fenster bis auf den Fußboden reichen, und er also aus seinem Bett eine freundliche Aussicht genießen kann. Er bat mich, ihn heute nicht mehr zu sehen, küßte meine Hände, und die Thränen von meinen Wangen, als ich ihn umarmte und ihm eine ruhige Nacht wünschte. Mein Oncle begleitete mich in meine Stube, und bat mich, wie Cleberg selbst gethan hatte: Meinen Kummer in gelassene Ergebenheit zu stimmen, so wie er seinen Schmerz mit stiller Geduld trage. – Mein Oncle setzte hinzu: »Cleberg leidet, wie ein vernünftiger Mann – betrage dich, liebe Rosalie! als vernünftige Frau; – bitte Gott um Hülfe, und bete ihn an, wenn er auch nicht so bald hilft, als du es mit deiner Liebe verlangst.« So verließ er mich. Ich hatte meine Nanny in mein Zimmer genommen, aber die Scheidwand von Clebergs Kabinet nicht aufziehen lassen, seitdem er krank liegt. – Gute Nacht! auch Ihnen, liebe Theure! Meine Augen versagen mir den Dienst. Achter Tag meiner Sorgen. Meine beste Freundinn! Ich glaube, die Leute haben mir gestern etwas Betäubendes zu essen oder zu trinken gegeben; denn ich schlief fest, wahrend mein Mann die grausamste Nacht durchwachte, und sogar für Schmerz in Ohnmacht fiel. Beinahe wäre es mir auch so ergangen, als ich ihn des Morgens sah, und so entkräftet fand, daß er kaum reden konnte. Alle Versicherungen des Arztes und unseres Pfarrers, die beide so geistreich und erfahren sind, und die ich um 6 Uhr in der Frühe im Nebenzimmer antraf, alles was mein Oncle mir sagte, beruhigte mich nicht – ich war sehr unglücklich. Mein guter Mann sagte sehr liebreich: »Mein Kind! es wird besser; ich bin nur müde, wie man immer bei durchwachenden Nächten wird.« Aber, bester Mann! warum darf denn deine arme Salie nichts für dich thun? Warum darf sie nicht bei dir seyn? Er lächelte, und sagte: »Liebe! du wolltest mich auch niemals bei dir haben, wenn du mit Geburtsschmerzen kämpftest. Dein Kummer schmerzt mich, lieber Mann! sagtest du, ohne daß du mir helfen kannst. Die Amme ist mir nöthiger. – So ist es nun mit mir: Der Wundarzt ist mir nöthiger, als du – und ich sehe dich nicht leiden. Alles hat seine Zeit, und endet, wie auch mein Weh enden wird. Du thust genug, meine Liebe! in Besorgung der Kinder, des Hauswesens, und alles dessen, was man für mich nöthig achtet.« – Nun bat ich ihn auf meinen Knieen, mir das Wahre von seinem Befinden zu sagen; und er versicherte mich heilig, daß er viel besser sey, aber sehr matt, wie ich es selbst fände – er wolle mich nie betrügen, ich möchte aber ruhig seyn, damit er das Vergnügen, mich zu sehen, auch ruhig genießen könne. »Ich bin besser,« sagte er. Ich küßte da seine Hände, benetzte sie mit Thränen der Freude, als ich ein herzliches: Gott sey Dank! sagte, und überwand mich. Er faßte sich so sehr, daß ich ihm des Nachmittags die Zeitungen vorlesen mußte. Seit vorgestern kommen alle Tage Leute von den Amtsdörfern, und fragen nach seinem Befinden mit unendlicher Sorge und Liebe. Alle versichern, daß in dem Frühgebet in der Kirche, und gewiß auch in den Häusern, für ihn gebetet würde. Diese Anhänglichkeit der Landleute macht ihn sehr glücklich, und mich auch, weil es mir Beweis ist, daß er gerecht und menschenfreundlich mit ihnen umgeht. Mein Vetter machte Mittags die Bemerkung über die Verschiedenheit des Ausdrucks, dessen sich die Stadt- und Bauerleute bedienten. Die ersten, behauptet er, sagten immer: »Der artige galante Mann« und die zweiten: »Der gute, brave Herr.« Mein Oncle freute sich, daß der junge Mensch hinzusetzte: Wie glücklich er sich fände, von einem solchen Manne gebildet zu werden. – Neunter Tag. Abends 10 Uhr. Ich konnte heute kein Wort schreiben. Der Arzt blieb bis acht Uhr da, und versicherte mich, daß ich nun ganz ohne alle Sorgen seyn könne, indem etwas vorgegangen sey, worüber er selbst dem lieben Kranken einen sanften Schlaf verspreche. Der Himmel gebe es! Denn wenn Cleberg noch zweimal vier und zwanzig Stunden so viel an Kräften abnimmt, wie seit vorgestern, so ist er verloren. – Gott! Liebe! – verloren – wie konnte ich das schreiben? O gewiß, wenn nicht Hofnung in den Grund meiner Seele gelegt wäre, so könnte ich in diesem Augenblick ohnehin nicht schreiben, und am wenigsten das fürchterliche Wort, das ich jetzo nicht wiederholen kann, weil es mit allen seinen schrecklichen Folgen vor mir ist. O! Cleberg wird erhalten werden – wird leben und noch viel Gutes thun, der edle schätzbare Mann! Denn wie vortreflich erfüllte er immer alle seine Tage mit vielfacher verdienstvoller Arbeit zum Nutzen seines Fürsten und zum Besten der Unterthanen! – Wie glücklich macht er mich, seine Kinder und seine Freunde! Und alles dieses ist Folge des Fleißes seiner Jugendjahre, und der Aufmerksamkeit auf seinen Reisen. O wenn alle junge Studirende den edeln lieben Ehrgeitz meines Clebergs hätten – sich auch, wie er, aus dem Grund ihrer Seele zu sagen: » Ich will der Beste, der Geschickteste meiner Klasse werden! « Ach Liebe! wenn wir so glücklich sind, unsern Söhnen diese Gesinnung einzuflössen, so wachsen den Nachkommen zwei edle junge Männer auf. Frau Grafe machte letzthin, als sie mich über Clebergs Krankheit so traurig sah, einen Ausfall auf den verheuratheten Stand, und auf die Mühe, Kinder zu erziehen. – Aber ich sagte doch mitten in meinem Leiden: Er ist schön, der verheurathete Stand, besonders wenn man mit Kindern gesegnet ist, und sie gut erziehen kann. Beschwerden oder Misvergnügen sind mit dem Leben eines jeden Sterblichen verbunden; man sieht auch oft, daß der Sturm eine Rose entblättert, und die Aeste der hundertjährigen Eiche bricht – wie Kummer ein jugendliches Herz, und Sorge die Alten ergreift. Ich kann aber unverheurathete Personen herzlich lieben und ehren. Sie können, wie meine edle würdige Freundinn, aus vortreflichen Beweggründen jede Verbindung abweisen, und dennoch große gesellschaftliche Verdienste sammeln; aber ich bekenne, daß selbst in dieser traurigen Stunde der Prüfung während der Krankheit meines Mannes, bei dem Gedanken, der natürlich sich zeigte: Du kannst Wittwe werden! selbst bei diesen Vorstellungen und bei dem Gefühl meines Kummers, nie eine Reue in mich kam, daß ich meine freie Hand mit diesen bald hie bald da drückenden Banden umschlang – nie der Wunsch, daß meine Kinder ungeboren seyn möchten, damit sie ja nicht als Waisen leben sollten. Aber es mag mancher guten Mutter dieser schmerzvolle Wunsch entfliehen, wenn sie keine Nahrungs- und Erziehungs-Hülfsmittel sieht. Denn ach Liebe! wie oft liegen die Keime der Tugenden und der Laster in den Umständen, die uns umgeben; wie viele von beiden werden durch Umstände begünstigt oder unterdrückt! Vielleicht hat, ohne daß ich es weis, die Versicherung des Unterhalts für mich und meine Kinder eben so viel und wohl noch mehr Antheil an meinem gelassenen Ton, wenn ich von Wittwen- und Waisenstand rede, als irgend ein großer Grundsatz der Vernunft und Moral. Doch glaube ich auch, daß die Ideen meines Oncles über Tod und Sterben, welche er mir so oft, und so schön, bei verschiedenen Anlässen, vor mein Herz und meinen Verstand legte, sich auch beiden auf eine beinah angenehme Art eingeprägt haben. – »Der Tod ist kein Uebel, sagte er, sonst würde ihn die göttliche Allmacht und Güte nicht allgemein über das ganze Menschengeschlecht verhängt haben. Er ist nur der letzte mühsame Schritt am Ende eines mehr oder minder beschwerlichen Weges, und der Uebergang in das Gebiet der Vollkommenheit, wo die Tugend Belohnung, und das Verbrechen eine bessernde Strafe zu erwarten hat.« Wenn er einen geliebten Freund, einen geschätzten Bekannten verlor, so sagte er so rührend und nachdrucksvoll: »Er ist näher bei seinem Urheber – sieht jetzo nichts als Wahrheit und Güte – weis, warum er leiden mußte – und ist über alle unsere Begriffe glücklich und zufrieden.« Ich selbst wurde dadurch gewöhnt, in Denkmälern und Grabhügeln den Gedanken von Ruhe zu sehen. Ich gieng dann immer mit sanften Schritten zwischen ihnen umher, sprach leise, wie ich in dem Zimmer eines schlafenden Freundes thun würde . . . Ich gieng weg von meinem Schreibtisch, um mich nach Cleberg umzusehen. Man sagt, er schlafe sehr ruhig seit mehr als einer Stunde. Ach Dank, Dank sey der Vorsicht für diesen stärkenden Schlaf, der ihm vergönnt wurde; denn erst jetzt sagt man mir, daß der arme liebe Mann schon eilf Tage ohne Schlaf gewesen ist – und ich träumte vielleicht schöne Träume, während er schmerzvoll der Morgenstunde entgegenseufzte. Muß meine Dankbarkeit für seine schonende Sorgfalt für mich nicht meine Zärtlichkeit für ihn vermehren? O ich will sorgsam lauschen, wie ich seine Erholungstage angenehm und wohlthätig machen kann. Theure liebe Mariane! schlafen auch Sie recht wohl! Mögen Cleberg und Sie mit neuen Kräften und Heiterkeit erwachen! Ich gehe mit vieler Hofnung zu Bette. Zehnter Tag. Cleberg ist besser – ist auf dem Weg zur Genesung! O freuen Sie sich mit mir! Er hat in dem ganzen Amt nach den Kranken forschen lassen, besonders ob auch Leute an seinem Weh darnieder liegen. Man fand aber nur einen Taglöhner in einem der entferntesten Dörfer. Da bat er meinen Oncle, für den armen Mann sorgen zu lassen, und schickte auch den Doktor hin, welcher nun diesem Mann auch Hülfe verspricht, weil das Uebel bei ihm noch nicht so lange, aber drückender als bei Cleberg, wüthete. Nun haben wir uns eingeteilt: Ich gab dem armen Mann ein Bett und Weißzeug, mein Oncle zahlt die Wartung und Lebensmittel; Cleberg aber den Arzt und die Arzneien. – Ich sagte: Er denke wie der Amerikaner, welcher sagte: »Ich will so viel ich kann verhindern, daß Andre nicht leiden, was ich litte.« – Der liebe Mann lächelte, und sagte sogleich mit seiner edeln freundlichen Miene: »Du denkst an den rechtschaffenen Mann, welcher im Krieg alle junge Männer rettete, die das Alter seines verlornen Sohnes hatten. Und ich erinnere mich der guten Chineserinn, die über den Absturz, wo ihr Kind sich todtgefallen hatte, eine Brücke bauen ließ, damit nie wieder eine Mutter diesem Jammer erleben möge.« Sagen Sie, theure Mariane! war dieses nicht ein Beweis, daß seine Seele sich immer gleich blieb, und daß jeder Zug seines Charakters voll Wahrheit ist? In keiner Bewegung der Seele, sie mogte Ernst, Zorn oder Fröhlichkeit seyn, hörte ich ihn weder niedre noch schlechte Redensarten gebrauchen – nie sah ich ihn eine gewisse Würde und Güte vergessen. Ich fragte ihn einst um die Ursache, und er sagte nach einigem Nachdenken: »Er hätte diese stets gefällige Aussenseite seiner Gesandtschaftssceretärstelle zu danken, wo er alles Aufbrausende unterdrücken mußte, und nachher, wie er glaube, ein zu ehrlicher Mann war, diese stets schuldige Mäßigung nur aus Politik, nicht aus Menschenliebe zu zeigen. Denn, setzte er hinzu, warum sollten diese Pflichten weniger vermögen, als die Absichten der Politik für meinen Herrn? Wurde ich nicht durch deine Liebe, und durch die Achtung unseres Oncles und unserer Freunde, belohnt?« – Ach Mariane! was ist dieses für ein großer Beweis des Satzes: Daß Tugend eine Fertigkeit ist, gut zu Handeln . – Und wie viel habe ich der Politik zu danken, da sie dem Thun und Lassen meines Mannes lauter angenehme Formen gab. – Denken Sie, was meine Söhne für ein herrliches Beispiel an ihrem Vater haben. Was für ein Glück, meine Beste! Aber ich war beinah immer glücklich, und bin es in dieser Stunde mehr als je. Dank, Dank der ewigen Güte! Ich will auch gut seyn, und meine Kinder Güte lehren. Mein Karl und mein Wilhelm sehen daneben den Fleiß, den Geist der Ordnung ihres Vaters, und wenn sie jetzo nur die Brosamen seines Wissens auffassen, die in ihrer Gegenwart vorkommen, so findet ihr Geist schon edle Nahrung. – Adieu! Ich genieße nun mein eigen Leben wieder frei – und Sie vergeben mir gerne, daß mein Brief ein Tagebuch wurde, und daß ich Sie an meinem Kummer Theil nehmen ließ. – Eine Idee muß ich noch schreiben, so wie sie diesen Augenblick vor mich trat. – Sie wissen, ich bekam von meinem Mann und meinem Oncle zwei Pettschafte von Wedgewood , wovon das eine die Hofnung mit dem Anker, das andre aber eine mit Nachdenken beschäftigte Frau vorstellt. Ich wollte dieses Paket mit dem Bild der Hofnung siegeln, und da ich es betrachtete, dachte ich, wie wahr dieses allegorische Bild sey – da die Hofnung wirklich unsere Seele fest hält, wie der Anker das Schiff, aber, wie er, nicht hindern kann, daß es nicht von Wind und Wellen hin und her getrieben werde, indem selbst in den Armen der Hofnung unser Herz zwischen Angst und Sorgen wankt. – Fünfzehnter Brief. Rosalie an Mariane. Theure Liebe! Ich bin wieder glücklich! wir alle ganz glücklich! Cleberg ist wohl und munter. Der Arzt sagt mir, daß er alle sichern Anzeigen habe, daß mein Mann bei einer gewissen Diät auf immer von dem fürchterlichen Uebel geheilt seyn werde. – Der edle Charakter meines Mannes glänzt neu in der Dankbarkeit gegen Gott und Menschen für alles, was der Himmel, seine Freunde und seine Untergebenen für ihn gethan haben. Er ließ auch in dem ganzen Amt von den Kanzeln eine Danksagung an die Gemeinden ablesen, und sagte jüngst, da wir in den Garten zu Otts kamen: »Ihr guten Menschen, und die liebe Erde, alles ist mir neu! Und die Gesundheit – o Lieben! was für ein unschätzbares Gut! Ich hin auch deswegen froh, noch zu leben, um sie recht mit Kenntnis und Dankbarkeit zu genießen.« Für alle Uebrigen blüht auch Alles neu auf; denn Cleberg ist doch die Seele von unserm Cirkel. Latten fühlte dieses mit den Andern, und drückte es sehr schön aus, als vor fünf Tagen nach Clebergs Wunsch die Freunde wieder bei uns versammelt waren, und Alle ihn noch so matt und blaß fanden, daß die innere Trauer darüber den Gang der sonnst gewöhnlich muntern Unterredung hemmte. Als Cleberg es bemerkte, so sagte Latten: »Wir sind in der That alle wie reichbeladene Kornähren, die von einem Regensturm gebeugt wurden, und die volle Wiederkehr der Sonne erwarten, um sich wieder aufzurichten, und neu in dem Licht ihrer Stralen zu glänzen.« Alle Uebrigen stimmten mit ein, und sagten: »Ja Latten hat recht, wir können nicht ganz fröhlich seyn, bis unser Freund Cleberg ganz gesund ist.« Mein Mann war außerordentlich gerührt, küßte beide Hände gegen sie alle, und sagte: »Er wolle sich seine übrigen Tage angelegen seyn lassen, ihre gütige Achtung auf immer zu verdienen.« Sie giengen dennoch früher zurück, als sonst, um das Haus des so geliebten Kranken bälder in die ihm noch so nöthige Ruhe zu bringen. Cleberg hat sich aber seither erholt, daß er gestern mit meinem Vetter nach der Residenz reiste, um den Fürsten über mehrere Geschäfte zu sprechen. Indessen waren Herr und Frau v. C** vor zwei Tagen zu uns gekommen, und wollten bis zu seiner Rückkunft da bleiben. Diese haben, wie Sie meine Liebe wissen, einen einzigen Sohn, den sie, ich weis nicht aus welcher Eigenheit, Richard nannten, und auch einen neuen Erziehungsplan befolgten. Der Vater spricht mit dem Jungen immer Latein – die Mutter französisch – und die Leute im Haus deutsch. – Der Knabe hat viel Geist, und Herr C** behauptet mit vielen Andern, daß die Gedächtniskraft zuerst blühe, und auch zuerst benutzt werden müsse. – Sein Richard hat jetzo sechs Jahre vorbei, und kennt schon nicht allein eine Menge Kräuter und andre Pflanzen nach dem lateinischen und deutschen Namen, so wie er alles Französische versteht und beantwortet, sondern er schreibt und zeichnet auch sehr artig; aber er hat auch die Miene des Nachdenkens, welche in seinem Alter nicht sehr natürlich ist, und will immer bei erwachsenen Personen, nie bei andern Kindern seyn – welches die meinigen sehr schmerzte, wenn sie ihn vergebens zu einem Spiel oder einem Spaziergang baten. – Ott bemerkte dieses heute Nachmittag mit großer Unzufriedenheit, gieng dann mit seinen und meinen Kindern auf den Rasenplatz in dem Vorhof, und spielte Volant mit ihnen, indessen der kleine C** am Fenster stand und Bilder ausschnitt, auch manchmal, sobald die Unterredung bei uns etwas lebhaft wurde, zu seinem Vater oder Mutter sich stellte, und die Redenden wechselsweise aufmerksam betrachtete. Der Zufall brachte gerade diesen Nachmittag die Familien v. Sand noch frühe genug hieher, um mir durch den Rath und seine Frau zugeführt zu werden. Cleberg hatte dieses Frühjahr, wie Sie es im Herbst wünschten, dem edeln geschmackvollen Baron von Großschlag in Dieburg Etwas abgesehen und nachgeahmt: Einmal da er an dem Seedamm, den er zum Spaziergang machte, ein kleines nur in Holz gesetztes Bauernhaus errichtete, dessen eine Hälfte uns zu einem Saal an dem See, und die andre mit einer Treppe in das Wasser zum Baden dient. Vor dem Haus aber hat er eine Kegelbahn angelegt, daneben steht ein erhöhter Taubenschlag, und ein schön geebnetes Grasstück liegt an den beiden, zwischen welchen Bänke stehen – welches alles jungen Dorfleuten zum Erholungsplatz gewidmet ist, wo wir ihnen auf Schulfeiertagen, oder unserer Kinder Namensfest, Kuchen, Bier und gute Käse geben, und sie bei Hackbrett und Schalmay tanzen lassen. Aber mein Mann erinnerte sich bei dem Kauf des letzten Ackers und Wiese nochmals an Baron Großschlag, und ließ, wie dieser, den Dorfleuten einen abgekürzten Weg auf ihre Felder durch unsere Garten frei. Wir haben auch, wie er, die Probe, daß die Leute, durch ein Gefühl der Dankbarkeit geleitet, nicht das mindeste verderben. Dieser Weg läuft nach dem Seehaus hin, und die Sands kamen unbemerkt daher in meinen Hof. Ihre Kinder sahen im Vorbeigehen die meinigen spielen, und ich las in den Augen der zwei Söhne den Wunsch, auf dem Hof zu seyn. Da ersuchte ich Julien, meine Stelle in dem Saal zu vertreten, und bat den Präsidenten von Sand um Erlaubnis, seine Söhne mit den meinigen und Herrn Otts seinen bekannt zu machen. Es wurde gerne bewilligt, und ich führte die jungen Leute in den Hof. Die Eltern von Sand kamen nach, und fragten, ob der Herr, welcher mit den Kindern spielte, ihr Hofmeister sey? Sie freuten sich aber sehr, als ich sagte, es waren der Rath Ott, Vater des ältesten Knaben, und ein Freund aller Kinder, der immer gerne mit den Jungen spielte, da er ihnen ein Vorbild von körperlicher Geschicklichkeit geben könne; daß auch bei ihm und uns allerlei Anstalten zum Springen, Klettern, Wurfspießwerfen und Ballschlagen gemacht würden, weil Ott und Cleberg ihre Buben zugleich geschickt und stark bilden wollten; daß sie daneben alle Arbeiten der Bauerknaben ihres Alters beobachten und versuchen müßten, so wie man sie in der Stadt mit allen Handwerkern bekannt zu machen suche. – – Dieses gefiel dem Rath von Sand ungemein. – Die zwei jüngere Söhne seines Bruders spielten sogleich mit, hatten auch bald andre Spiele vorzuschlagen, und der ältere gesellte sich dazu, welches denn eine Art von Wettstreit veranlaßte, der uns allen angenehm war, aber den jungen Richard C** nicht einen Augenblick in seinem Ausschneiden unterbrach. – Mein Oncle und der Präsident von Sand wurden über den stolzen Buben (wie sie ihn nannten) recht böse, so daß sie seine Bilder nicht einmal ansehen wollten, als er damit herumpralte, (wie sie im Unmuth sagten.) Beide Brüder von Sand freuten sich auch, als sie hörten, daß der Junge und seine Eltern nicht immer hier wohnten. – Ich mußte aber wieder zu Madame C**, welche indessen mit ihrem Sohn an das andre Ende des Saals gegen den Garten gegangen war, von wo man das Feld und die Landstraße übersieht, weil der junge C. durch die lärmenden Spiele der Knaben im Hofe an seinem Nachdenken bei dem Ausschneiden gehindert würde. Dieses hätte mir beinah einen widrigen Begriff von einem Theil des Geistes und des Charakters von Herrn und Frau v. C** gegeben, weil ich darinn wirklich etwas sehr Kleines fand. besonders da er selbst in sein Zimmer gieng, als er die Brüder von Sand und meinen Oncle zu lang und zu lebhaft von den Bubenspielen reden hörte. – Aber während dieses in meinem Saal vorgieng, wurde von Otts älterm Sohn der Zimmermannsjunge geholt, der immer, wenn sie das Hausbauen spielen, den Meister, und die Andern die Gesellen vorstellen. Sie wollten nun den Neuangekommenen sogleich alle ihre Künste zeigen, und schlossen ihr kleines Holzmagazin auf. Der Zimmermannsjunge kommandirte die Andern, und diese trugen die nummerirten Stücke Balken und andre Hölzer auf den angewiesenen Platz, fügten sie in Ordnung zusammen, und bald stand das Gerippe einer kleinen Scheune da. – Die jungen von Sand hatten große Freude darüber, und der ältere von den zwei Kleinen wurde von dem Ehrgeitz ergriffen, denn er sagte: »Nun will ich eure Scheune von allen Seiten geometrisch zeichnen.« Er kam auch zu mir, und bat mich um einen Bogen Papier, damit er die Scheune und ein paar Bäume dabei recht deutlich und schön zeichnen könne. – Der älteste Sohn zeichnete sie mit dem Stock in den Sand auf dem Hofe, und ein Bauerhaus dazu. Ott kam voll Entzücken zu uns in den Saal gelaufen, und erzählte von den jungen Sands, deren Eltern er Glück wünschte, und sich mit mir freute, daß unsere Kinder so schöne Vorgänger gefunden hätten. Bald darauf nahm Madame C** die Zeichnung des acht Jahr alten v. Sand, wies sie ihrem Richard, und fragte ihn, ob er sie nicht ausschneiden wollte? »O ja; aber das ist nichts besonders« – sagte der arme eitele Knabe. Mein Oheim kehrte sich um; Ott gieng zurück auf den Hof, und die Familie von Sand bald darauf nach Hause, wohin wir sie den halben Weg begleiteten, und nach einem Spaziergang zu Nacht speisten, wo nichts mehr vorkam. Aber heute, als wir Kaffee getrunken, und mein Oncle den kleinen Richard, der mit seinem Vater aus der Stube gieng, etwas ernst betrachtete, sagte Frau v. C**: »Mein Richard wird viel Eigenes in seinem Charakter bekommen, weil er so allein, und so ganz besonders sorgfältig erzogen wird.« Das ist wahr, (erwiederte mein Oncle) Kinder, die ohne Umgang mit andern, und ohne Geschwister erzogen werden, bekommen was Eigenes, Abgezogenes – aber ich bitte Sie, liebenswerthe Frau v. C**, lassen Sie ihm den Ausdruck: »Es ist nichts »besonders« wie er gestern bei der Zeichnung des jungen Sands sagte, nicht zu sehr geläufig werden: es kann dem Grund seines Charakters schaden.« – Sie antwortete: »Der Herr Geheimderath wissen doch auch, daß jedes Kind einen eigenen Charakter hat, und daß dieser in der Privaterziehung zu einer größern Kraft und Tugend gebildet werden kann, als bei der Vermischung mit andern Kindern.« Mein Oncle sagte sanft ernst: Sie haben auch in dieser Anmerkung recht; aber ich bedaure die Kinder, welche so erzogen werden, weil diese besondre Veredlung des Charakters, wie Sie es ansehen, den jungen Leuten Eigenheiten giebt, welche ihnen das bürgerliche Leben erschweren; sie finden selten ihren rechten Platz, und verstossen sich oft gegen das Gewöhnliche – In der öffentlichen Erziehung werden die Anlagen des Geistes und der Gefühle leichter zu den Verhältnissen des gesellschaftlichen Lebens geleitet – man wird zu Vertragsamkeit, Teilnahme, Muth und Standhaftigkeit gebildet und gewöhnt, welches alles notwendige Eigenschaften sind, wenn wir glücklich und geliebt seyn wollen. Mir wurde bei diesem Ernst ganz bange; aber Richard kam mit seinem Vater zurück, und ich schlug einen Spaziergang in der grosen neuangepflanzten Allee vor, weil ich Cleberg auf seiner Rückreise zu treffen hofte. Dadurch wurde diese Unterhaltung geendigt, welche doch, ohne den geringsten Nutzen zu stiften, nur Misvergnügen gegeben hätte; denn gewiß Herr und Frau v. C**, welche beide einen sehr schätzbaren Charakter haben, sind in ihrem Leben und Denken sehr eigen. Sie kennen den Reichthum ihres Verstandes, und besorgen die Erziehung ihres Sohnes nach einem weitaussehenden Plan, den sie für den besten halten, wie wir Andre den Entwurf, welchen wir nach unsern Umständen, unsern Neigungen und nach dem Umfang unsers Geistes bei unsern Kindern veranstalten, und vielleicht beide mit Rechte weil die Kräfte der Mannichfaltigkeit sich immer in allem so wirksam zeigen, und wohlthätig, wie alles was die Natur giebt, für die süßesten Vergnügen unsers Erdelebens sorgen. Denn, meine Liebe! was wäre unser Glück ohne die unerschöpfliche Anmuth des Mannichfaltigen, welches der Allmächtige über die physische und moralische Welt, im Großen und Kleinen, verbreitete? Ich bin froh, sehr froh, daß ich mit Ihnen die Produkte der Erde und der Menschen aus diesem Gesichtspunkt betrachten lernte. – Mehr und Minder findet sich ja bei allen Größen, bei allen Höhen, wie bei dem Guten und Schönen: Wer möchte überall eine Form und eine Farbe sehen? Unser Spaziergang an der Landstraße war sehr angenehm, und Herr v. C. fand unsere normannische Bauerhäuser mit ihrem Umfang von Brennholz und übrigen Eintheilung recht hübsch und nützlich. Wir trafen meinen Mann bei dem Modellhof, der um deswillen so heist, weil er zuerst erbaut, und unserm lieben Normann übergeben wurde, damit er sein Vaterland nie bereuen, und bei uns durch seinen Fleiß glücklich seyn möge, wie er es verdient, indem er unausgesetzt und vortreflich arbeitete, bis die fünf Pachthöfe dastanden, die Bäume gepflanzt, und die Felder angebaut waren. – Cleberg befindet sich nach dieser kleinen Reise noch besser als vorher, aber die edeln menschenfreundlichen Gesinnungen des Fürsten haben viel zu seinem gesunden und zufriedenen Aussehen beigetragen. – Mein Mann hatte ihm den gezeichneten und illuminirten Plan von dem verbesserten Theil des Dorfes, von dem Schloß und dem Mooshofe an, vorgelegt. Der Fürst betrachtete ihn mit vielem Vergnügen, und gelobte den Eifer meines Mannes in dem versammelten geheimen Rath; machte die neue Bauerhöfe alle zu Erbpachtgüther für die Familien der Erbauer; bezahlte meinem Mann die Kosten für den Modellhof, und bekräftigte die Rechte des Normanns in seinem Besitz; bestimmte auch die in fünf Jahren anfangenden Abgaben der fünf Höfe zur Hälfte für den Förster in Seedorf, mit dem Beding, daß er immer den guten Wachsthum des Brennholzes der Höfe besorgen, und die Söhne der Pächter darinn unterrichten solle. Er nannte selbst alle Höfe nach den Namen der Erbauer; meines Oncles seiner wurde Frankenhof, die andern Latten- Clebergs- und Stiegenhof genannt. Dann wünschte Er nur, daß die Besitzer arme fleißige Bauerpursche zu den ersten Pachtern erwählten, weil Er glaubt, daß es diesen nicht fehlen könne, entweder die Tochter eines vermögenden Bauern, oder auch wieder ein armes fleißiges Mädchen zu erhalten, worinn man sie ganz frei wählen lassen solle. – Er schenkte jedem Pächter zwei Kühe, und den Erbauern das Holz, welches sie von der Rentkammer aus dem Magazin genommen hatten. – Sie denken wohl, daß diese Erzählung uns alle freute, und daß die Bedingnisse getreu erfüllt seyn werden. Mich macht das Ganze unaussprechlich glücklich; ich war es schon so vielfältig durch diesen Anbau eines öden Stück Landes, da ich oft von meinem Speicher nach dem Platz sah, als man arbeitete, und alle Tage neue Freude genoß, wenn ich den glücklichen und schnellen Fortgang bemerkte, oder mit meinem Oheim, Cleberg und den Kindern hingieng, letztern die Arbeiter und ihre Handwerkszeuge bekannt machte, und dann durch Fragen es tiefer in ihr Gedächtnis prägte. Cleberg, der kein Wort von dem kleinen Zwist über Erziehungsideen wußte, welcher während seiner Abwesenheit bei uns vorgefallen war, und der sich freute, seine guten Knaben wieder zu sehen, welche auch ihrem Vater überall nachhüpften, gieng mit ihnen in Clebergshof, welcher zuletzt erbaut, und noch nicht ganz fertig war. Alle folgten nach, und wir hörten, daß er seine Buben fragte, wie ihnen das Haus gefalle? Mich freute sehr, daß sie ihm so gut zu sagen wußten, wo es noch hie und da fehle, und welche Handwerksleute er müßte kommen lassen, um das Haus fertig zu machen, damit der Bauer darinn schlafen könne. Bei dieser Gelegenheit erschien der Unterschied der Grundsätze meines Mannes und seines Freundes v. C** recht deutlich und auffallend. Der kleine Richard v. C. konnte Bäume, Häuser, Thüren und Fenster auf Latein und Französisch nennen – unsere Buben aber alle Werkzeuge, welche zum Haus- und Feldbau nöthig sind, neben den dazu erforderlichen Materialien, aber freilich nur im Deutschen, beschreiben. – Der Grosoncle und Cleberg wurden darüber entzückt, und Jeder umarmte einen meiner Knaben. Frau von C** gieng zu ihrem Richard, um die nämlichen Fragen im Französischen zu wiederholen. Da sagte Ott, der mit Julie neben mir stand: »Sehen Sie den Unterschied zwischen Wort- und Sachkenntnis. Der Himmel segne Ihren Mann; er ist auf dem rechten Weg der Erziehung, oder alles müßte mich betrügen. Dieser Richard da wird einst von Allem schwätzen – und Ihre Söhne werden in Allem gründlichen Unterricht geben können.« Der Himmel wolle es, lieben Freunde! sagte ich, Beide an der Hand fassend – denn meine Wünsche sind, meine Kinder verdienstvoll und bescheiden zu sehen. – Nun kehrten wir nach Hause, aber ich bemerkte, daß Herr und Frau v. C** eben so misvergnügt sind, daß man ihrem Richard den gewünschten Beifall versagt, als alle die Männer mit dem Buben unzufrieden scheinen. – Es ist schlimm, Beste! daß die vortreflichsten Männer so wenig Schonung für kleine Schwächen haben, und gar nicht an den Schmerz denken, welchen das Uebergewicht ihres Geistes ihrem Tadel giebt. – Heute nach dem Frühstück sind Herr und Frau v. C** wieder abgereist. Es ist mir ganz weh und unheimlich bei dem allgemeinen Vergnügen über ihre Entfernung. – Liebe! warum sind vorzügliche Menschen so gerne ungerecht, und möchten alles gerade nur nach ihrem Sinn haben? – Ihnen, meine Beste! darf ich sagen, daß ich auch deswegen so lang zu leben wünsche, bis meine Kinder zu den Jahren erwachsen sind, wo ihre Stimme in der Gesellschaft gezählt wird, weil ich suchen werde, sie zu sanfter Verträglichkeit zu stimmen. – Frau Grafe sagte mir aber einst bei Aeusserung dieses Gedankens: »Ich müßte eine sorgfältig Abtheilung machen, wenn ich diese Idee meinen Buben oder meinen Mädchen geben wolle. Die letztern würden die Vorstellung der sanften Schonung gerne aufnehmen; aber den jungen Männern müßte ich sagen, daß sie grosmüthig über das Unvollkommne hinsehen sollen: indem sich die Männer gewöhnt hätten, Güte, Nachsicht und Sanftmuth für Anzeigen eines schwachen Charakters zu halten – daß aber der Ausdruck: übersehen , eine Höhe anzeige, bei welcher sich ihr Stolz wohlbefinden würde.« – Meine Beobachtungen liefern mir keine Gegenbeweise, denn leider wird oft ein Anfall von Zorn, Unversöhnlichkeit und bittrer Satire für Stärke des Geistes und der Gesinnung gehalten – und ich glaube dann die Schwäche der Philosophie zu sehen. – Sechszehnter Brief. Rosalie an Mariane. Heute bekommen Sie die Zeit, welche unserer seltsamen van Guden bestimmt war, denn gerade da ich nach dem Frühstücken ihr schreiben, nach ihrem Befinden und Herumwandern fragen wollte, so erhalte ich aus der Brieftasche ein kleines Zettelchen, (denn ein Brief ist es wohl nicht zu nennen) worinn sie schreibt. »Liebe Rosalie! werden Sie über das Ausbleiben meiner Nachrichten nicht unruhig. Ich reise den Augenblick nach den Bädern von Aix in Savoyen, wohin die Leiden einiger Bekannten mich rufen; von dort aus schreibe ich wieder, aber es wird in den ersten Tagen nicht seyn können.« van Guden . Was ist das? sagte ich, meinen Mann und meinen Oncle mit Staunen anblickend. Der Letzte schüttelte stillschweigend den Kopf, aber Cleberg, der den Zettel in die Hand nahm, und ein paarmal überlas, lächelte und sagte: »Dieses Räthsel ist mir ganz klar: Gewiß Herr von Pinndorf ist mit seiner Familie in dem Bad zu Aix, und hat dort erfahren, daß van Guden am Genfer See ist. Er hat Mangel an Geld – da ist seine schöne Marquise fort, und er zählt auf die romantische Generosität unserer Freundinn, die er mit einem Gemälde seiner Leiden zu rühren wußte.« Mein Oncle war sicher, daß die Geschichte so ausfallen würde, und daß unserer van Guden die Ehre vorbehalten sey, Pinndorfs Schulden zu bezahlen; aber da sie in allem so gerne eine ungewöhnliche Grosmuth zeige, so würde sie bei dieser Gelegenheit vieles Vergnügen genießen. In diesem Tone sprachen die beiden Männer fort. Es ward mir unheimlich und ärgerlich dabei, indem ich fühlte, daß dieser Spott nicht ganz ungerecht war. Am Ende bat ich sie, die gute Frau doch ein wenig zu schonen, indem dieser Fehler aus schöner überfließender Güte herkäme. – »Da ist noch etwas zu sagen – (fiel Cleberg ein) denn es ist im Grunde nicht mehr und nicht weniger, als Ueberrest der alten Liebe. Schöne überfließende Güte könnte es nur dann genannt werden, wenn Pinndorf ihr immer gleichgültig gewesen, und ihr eine gerechte Ursache zu klagen gegeben hätte. Aber jetzo, lieber Oncle! wollen wir die Sache als eine Abrechnung behandeln, und sagen: Mancher rechtschaffene Mann that für eine Kokette, die ihn zu fesseln wußte, tausenderlei närrisches Zeug: nun ist einmal eine sonst schätzbare Frau in diese Lage gekommen, und thut eben so viel für einen Mann. Da ist also nichts als Wiedervergeltung eingetreten, um die Sachen im Gleichgewicht zu halten.« Ich glaube, ich sah etwas ernst und unzufrieden aus, denn mein Oncle betrachtete mich, und sagte: »Nun Liebe! deine Freundschaft für van Guden macht dich unwillig über deinen Mann und mich – man muß aber die Billigkeit so wenig als möglich aus den Augen lassen; und ich fordre dich auf, zu sagen, ob du in dem Grund deines Herzens und mit deinem eigenem guten Verstande unserm Cleberg Unrecht geben kannst, wenn er sagt, daß van Guden romantisch ist.« Ich mußte nach der Wahrheit und dem wirklichen Gang der Dinge in der Welt es zugeben; nur sagte ich: Da ich die große Herzensgüte dieser Frau kenne, so schmerze es mich, wenn ich sie streng beurtheilen hörte – da sie doch nie etwas Schlechtes, nie irgend jemand etwas zu Leide, sondert so viel sie konnte Allen Gutes that. – Mein Oncle sagte: »Ja sie verdient unsere Achtung, und auch daß wir sie entschuldigen, und von ihren Fehlern nur unter uns reden – denn Fehler sind es doch, Beste! über welche wir sprechen können, da wir ihren andern guten Eigenschaften Gerechtigkeit erweisen, und niemand anders mit ihren sonderbaren Eigenschaften bekannt machen. – Wir Dreie, denke ich, sollten uns über alles öfnen können, ohne daß dir gleich so weh würde, meine Liebe!« – Ich fühlte, daß er Recht hatte, und stimmte mit ein, aber ich war doch über die Brieftasche böse, denn da ich alle Briefe durch sie bekomme, so wird auch natürlich über diesen und jenen gefragt. Bekäme ich meine Briefe apart, so hätte ich warlich immer nur die gezeigt, welche uns unterhalten konnten, ohne Andern bei meinen zwei Oberherrn zu schaden. – Doch muß ich Ihnen hier sagen, daß Ihre Briefe, so wie Ihr Charakter, bei Beiden einen solchen Vorzug haben, daß sie mir die ersten mit einer besondern Achtung überreichen, und daß man unsere Freundschaft wie eine heilige Verbindung betrachtet, und auch von unserm Briefwechsel nie mehr zu wissen verlangt, als ich freiwillig sage. Mit van Guden dünkt mich was anders vorzugehen: sie wird als Gegenstand des Zeitvertreibs angesehen, und da wollen sie gleich alles wissen, weil ihre Reise und Ideen immer nur als drolligtes ausserordentliches Zeug erscheinen, wovon man das Ende gerne sehen möchte, indem man das scheckigte Gewebe anfangen sah. Ich hoffe, meine Mariane! daß ich meine Tochter bis zu dem thätigen Leben führen werde, um sie vor dem Romantischen zu hüten, und auf das Urbild ihrer edeln weisen Pathe aufmerksam hinzuleiten. Sie wurden ja auch auf dem Lande in Einsamkeit gebildet, daher kann ich nicht glauben, daß van Gudens Bemerkung sicher sey, als sie mir schrieb: »Sie wolle Henrietten und Gustav vor Wollinghof und den Schweizergegenden bewahren, weil beide das Romantische nährten.« – Das mag seyn, denke ich, wenn man den jungen Leuten nur von dem Schmelz der Wiesen, nicht von der wohlthätigen und nöthigen Nutzbarkeit des Grases spricht, in den Kornfeldern nur die blaue und rothe Blumen zeigte und sie weder mit den Pflanzen des Landes, noch mit der schätzbaren Arbeit des Landmannes bekannt macht, und die Geschichte des Korns von der Saat an bis zu dem Becker unberührt läßt. – Nein Beste! diese Fehler werden bei uns nicht vorgehen. Clebergs Plan ist: Die Kinder frühe mit dem thätigen Leben rechtschaffener Menschen bekannt zu machen – und da muß man wohl mit den Arbeiten des Landmannes anfangen, um von ihnen stufenweise zu den Beschäftigungen der Uebrigen zu steigen, welche ohne die fleißige Hand des Bauers nicht lange leben könnten. Ihnen, meine Mariane, darf ich sagen, daß ich alle Tage mehr sehe, wie jede Bemühung nach Verfeinerung uns in Gefahr setzt, von Glück und Wahrheit entfernt zu werden. – Nun aber was anderes. Die Sands haben gebeten, daß ihre wenigen Briefe von unserm Amtsboten in der Tasche mitgebracht würden, und wir hätten wohl Unrecht gehabt, ihnen die kleine Gefälligkeit zu versagen. Gestern erhielten sie das erste Paquet, und wir wurden schon für den kleinen Dienst belohnt, weil sie uns eine artige Geschichte eines Frauenzimmers mittheilten, welche nach dem Tode ihres Mannes sich mit ihrer Tochter auf das Land an einen ziemlich einsamen Wohnort begeben mußte, worüber alle ihre Freunde, besonders aber die Sands in Sorge waren, weil diese Frau meist nur die artige gesellschaftliche Talente angebaut hatte, und gar nicht für das ländliche Leben geschickt schien. Sie fürchtete es selbst, und bat also ihre Freunde um fleißigen Briefwechsel, als einen Ersatz alles dessen, was sie in der Stadt und in ihrem Cirkel verlor. Alle willigten gerne in diese Bitte, besonders der ältere Rath von Sand, der am wenigsten beschäftigt schien, und ihr immer die größten Briefe schreiben konnte. Ihre Paquette waren die ersten Wochen noch mit Klagen über Alleinseyn und mit Berechnungen ihres vielfachen Verlustes erfüllt, aber endlich schrieb sie von der Entdeckung eines fremden und wie sie einsamen Bewohners des Dorfs, welcher nun alle Abende mit ihr und ihrer Tochter in vortreflichen Unterredungen verlebte, und ihr beinah alles ersetzen würde, was sie verlor, wenn es möglich wäre, Freunde, wie sie zurückgelassen habe, zu vergessen. – Ihre Briefe enthielten in der Folge immer Auszüge der Unterhaltungen mit dem Fremden, dessen Miene ihr, wie sie sagte, im Anfang zu ernst und zu trocken geschienen hatte. – Alle ihre Freunde wurden mit Hochachtung für den schätzbaren Mann erfüllt, welcher einer beinah verlassenen Wittwe ihre Tage verschönerte, und auch für den Geist ihrer Tochter alles wurde, was reine Vernunft und richtige Kenntnis des Werths aller Güter der Erde seyn können. – Alle wurden begierig, seinen Namen und seine Geschichte zu erfahren, und baten sie lange vergebens darum. Nun fand sich gerade in dem Brief, der in unserer Posttasche ankam, der Aufschluß, daß dieser einsam wohnende vortrefliche Freund niemand anders war als Seneca , dessen Werke sie in den glücklichen und muntern gesellschaftsvollen Tagen der Stadt, ja selbst in dem Anfang ihres Aufenthalts auf dem Landen zu trocken und abschreckend gefunden hatte. Jetzo bei geendigter Einrichtung ihres Hauses und Aufstellung ihrer Bücher, welche sie neu durchgieng, wurde er ihr Trost, Rathgeber und Unterhaltung. Sand hatte die Gefälligkeit, mir alle die Briefe zu holen, und ich konnte der Begierde nicht widerstehen, sie sogleich durchzulesen, so daß ich Ihnen meinen Brief erst morgen schicken kann. Liebe! die Frau hat viele Betrachtungen in mir geweckt, unter andern auch diese: Wie wichtig es ist, auf die Eigenschaften der wirksamen Nebenursachen und Triebfedern bedacht zu seyn. Denn gewiß würde diese Frau den Seneca niemals so nützlich und mit so viel Nachdenken gelesen haben, als da sie den artigen Einfall bekam, ihren Freunden darüber zu schreiben, als ob sie den merkwürdigen Einwohner des Dorfs gefunden hätte. Die Auszüge, welche sie machte, sind aber ihrer Lage ganz angemessen. Zum Beispiel: »Mäßigkeit und einfache Lebensart in Allem – die ruhigen Stunden auf dem Land zu gebrauchen – seine Vernunft zur Vollkommenheit zu führen – der Beweis, daß man in Abwesenheit mit dem Herzen seiner Freunde lebt, und sie dadurch oft länger und vollkommner geniest, als wenn man sie in der Nähe hat.« – Ach Mariane! was für ein Grundsatz wurde mir da vorgelegt! Ich bekam Zweifel gegen alles andre, was Seneca Weises und Gutes sagen mochte: denn mein Herz widersprach da ganz; und es ist immer schlimm für die Folge der Vorschriften, wenn der Lehrer unser Herz empört. Denn, sagen Sie! wie soll ich glauben, daß ich Sie und Ihren holden lehrreichen Geist besser genießen kann, seitdem Sie von mir entfernt leben, als es die lieben unvergeßlichen sechs Jahre hindurch geschah, da Sie in meinem Hause wohnten? Mich dünkt, es war ein merkwürdiger Fehler des großen Rathgebers Seneca, etwas dem Herzen unglaubliches aufzustellen. – Er söhnte mich allein wieder in etwas aus, da er von dem Briefwechsel sagte: »Daß in den Briefen unsere Empfindungen auf dem Papier festgesetzt werden, und einen tiefern und dauerndern Eindruck machen, als die mündliche Unterredung nicht zuläßt.« In einem andern Briefe folgen sehr gute Sachen gegen die Einbildung, welche immer das Gute und Schlimme vergrößerte – von dem ersten mehr hoffen, und von dem zweiten mehr fürchten machte, als die Natur und die Wahrheit geben und bestimmen. – Ein andermal – sagt die artige Frau, hätte ihr Philosoph von der Anmuth des Landlebens gesprochen, wo unsere Bekümmernisse gemildert, unsere Gemüthsbewegungen besänftiget, und unsere Vernunft überzeugt würde, daß die Fesseln, welche Eitelkeit und Ueberfluß in den Städten in das gesellschaftliche Leben gebracht hätten, in dem Freien der Natur abfielen, und wir dann unsere Gefühle und unsere Vernunft genießen könnten, indem der Friede der Seele bei dem Stillschweigen der Leidenschaften wohnte, und sanfte Neigungen mit edler Kenntnis vereint uns lehrten, daß wahres Glück leicht zu finden ist; und daß ländliche Eingezogenheit allein von den Fehlern des Ehrgeitzes, der Prachtliebe und Verschwendung heilen kann, weil diese nirgends als in großen Gesellschaften und bei vielen Zeugen sich erhalten können, in der Einsamkeit aber uns von selbst verlassen. Sehr schön ist eine Ermahnung – ihren Aufenthalt auf dem Lande zu guter Anwendung der Tage zu gebrauchen, welche ihr in der Stadt in kleine Stücke zertheilet, zu kleinen nichtswürdigen Dingen entwendet wurden – denn die Zeit allein sey unser wahres Eigentum, alles Uebrige entlehntes Guth. – Eine vortrefliche Idee, welche auch mich sehr freute, ist: »Die Laster sind unserer Seele fremd; man kann ihren Saamen leicht ausrotten, wenn man sich Mühe gehen will. – Die Tugend findet sich bei uns in ihrem natürlichen Boden, und wurzelt sich gerne ein, wenn sie nur ein wenig besorgt wird.« – »Ach liebe Rosalie!« sagte Julie, als sie den Abend kam, mich noch bei dem Schreibtisch fand, und ich ihr dann mit Vergnügen von dem artigen Einfall dieser Freundinn der Sandischen Familie erzählte, und die Auszüge ihr vorlas, wovon der letzte sie besonders einnahm, so daß sie mit mehr als gewohntem Eifer sagte: »Mein ganzes Herz stimmt mit diesem Gedanken ein, weil er in der Güte unsers Urhebers und unserer Bestimmung gegründet ist. Gewiß ist uns die Tugend auf dieser Erde natürlich; so wie sie uns zum wahren Glück dieses Lebens nöthig ist: denn die Wesen der andern Welt brauchen sie ja nicht. – Sie ist, dünkt mich, in dem moralischen Gebiet die unserer Seele angewiesen stärkende Kraft, wie unter den Pflanzen eine Anzahl für die unserem Körper gesunde Nahrung bestimmt ist . . . . . .« Diese Betrachtung von Julie ermunterte mich, die Briefe dieser Frau ganz mit ihr durchzulesen, und wir hatten heute auch Zeit genug dazu, denn Cleberg ist mit meinem Oncle, mit Ott und dem Vetter sammt dem Pfarrer ausgeritten, um ein Schulhaus auf einem etwas entfernten Dorf zu besuchen. Die Auszüge, welche wir in diesen Briefen fanden, und der erste Gedanke der Frau, den Seneca als einen lebenden Freund einzuführen, machte uns sehr dankbar sagen: Sind nicht unsere Männer – ist nicht der Oncle für uns, was Seneca in seinem Leben für seine Freunde war, und nun durch seine Schriften für einen Theil der Bedürfnisse unserer Zeit ist? Können wir nicht nach diesen Auszügen, wie nach vielen andern Schriften der Alten, sagen: Griechen und Römer hatten die nämlichen Fehler, welche die Leidenschaften uns geben, und hatten die nämlichen moralischen Hülfsmittel nöthig, wie wir – so wie ihre Körper den nämlichen Menschenbau und Bedürfnisse hatten – nur daß ihre Köche eine andre Art von Zurichtung der Speisen, und ihre Schneider eine andre Form zu den Kleidern hatten, als bei uns. Julie setzte hinzu: Ist es nicht merkwürdig und angenehm, daß alles, was unmittelbar für die edle Beschäftigung, für den Nutzen und das Vergnügen des Geistes gehört, in Moral, Wissenschaft und Künsten bis zu uns erhalten wurde, und auch unsern Ideen und Gefühlen noch immer gefällig und anpassend ist – während daß beinah alles, was die Belustigungen und Besorgung für den Körper betraf, aus dem Gedächtnis verloren und verbannt wurde? Fragen Sie doch (fuhr sie fort) den Oncle und Ihren Cleberg – ich will meinen Ott fragen: Ob es nicht in der Natur der Unsterblichkeit des Geistes liegt, daß auch seine Werke nie ganz untergehen – und daß hingegen alles, was den Körper allein betrift, dem Tod und Verwesen unterworfen ist? War das nicht recht artig von unserer Julie? Und bin ich nicht ein glückseliges Geschöpf, so viele gute edle Menschen zu kennen, und mit ihnen verbunden zu seyn? Aber Mariane! wie Viele müßten in die Wagschaale, um das Gleichgewicht mit Ihnen zu halten? Denn wenn ich zurückdenke, was Ihr Beispiel und Ihr sanftheiterer Ton in Ihren Bemerkungen, im Beifall und Rath, zu meinen Glück und meinen Verdiensten beigetragen haben, so finde ich nur meinen Oncle, welchen ich an Ihre Seite stellen kann. Cleberg paßte mit allen seinen vortreflichen Eigenschaften nicht ganz dazu. – Er mußte mich durch Sie, durch meinen Oncle gebildet finden, wie ich vor acht Jahren war, sonst würde er nie mein Cleberg geworden seyn: aber nun kann ich hoffen, daß meine Kinder in ihm die Weisheit und Güte meines väterlichen Freundes finden werden – möge ich ihnen Klugheit und Zärtlichkeit von Mariane zeigen! – Siebenzehnter Brief. Rosalia an Mariane. Wir haben auch in dieser neu verflossenen Woche nicht eine Zeile von van Guden gesehen, aber Latten hat einen Brief von mir nach Geneve geschickt, und will uns durch einen Freund genaue Nachrichten von den Badgästen zu Aix einholen lassen; – indessen haben wir bei ihm, und ich darf wohl sagen mit uns selbst, einige äusserst schöne Tage durchlebt, von welchen ich Ihnen erzählen will. Es ist nun Sommer, wo wir immer nach alter von meinem Oncle eingeführter Gewohnheit Morgens 7 Uhr frühstücken, und wie Sie wissen, auch dabei von der Modesitte abgehen, daß wir alle, ja selbst meine Kinder, ganz angekleidet dabei erscheinen. Ich zähle dieses auch unter die vorteilhaften Ueberreste der Jugendjahre meiner zwei Hausherren, weil mein Oheim und Cleberg in dem Anfang ihrer Laufbahn Gesandtschaftssecretairs waren, und ihre Ministers das Frühgekleidetseyn von ihnen forderten, so wie mein Mann mich darum bat, welches mich wenig Mühe kostete, indem ich bei meiner Mutter auch schon um 7 Uhr ganz gekleidet seyn mußte, da sie es gegen die schuldige Ehrerbietung zu seyn achtete, wenn die Kinder sich ihren Eltern in den Nachtkleidern zeigten. Madame Grafe sagte wohl immer, daß dieses unserm Landhaus ein gezwungenes Ansehen gebe, und daß man bei dieser Gewohnheit nie das angenehme Malerische einer niedlichen Morgenkleidung fände. Mein Oncle sagte aber dagegen sehr ernsthaft: »Da unsere Kinder und wir selbst nicht reich und vornehm genug wären, um ohne Ordnung und Arbeit einer malerischen Phantasie nachzuhängen, und dabei viele Zeit zu verlieren, so halte er das Beispiel und die Gewöhnung an frühe Nettigkeit, an Fleiß und Gebrauch der Morgenstunden, für nützlicher, als die tägliche Vorstellung eines Gemäldes.« Sie kennen diese Grundsätze, und fanden sie gut; Sie hatten wohl auch die edle Gefälligkeit, sich selbst darnach zu richten, damit der gute Eindruck des Beispiels auf keine Art vermindert würde. Cleberg nahm deswegen unsere Kinder zum Frühstück, damit sie daran gewöhnt würden, und zugleich den muntern Ton der Freundschaft bei dem Wiedersehen des Morgens, und die Miene der Zufriedenheit bemerkten, mit welcher die Entwürfe zu Arbeiten gemacht, und der Ausdruck des freudigen Danks über Tag, Sonne und Gesundheit geäussert wurden; wobei er zugleich auch das Gefühl in sie legen wollte, daß Briefe und Bücher einen großen Theil Glückseligkeit in sich fassen müßten, weil Papa und Mama, Oncle und Freund Waller der Brieftasche und den Bücherpaquetten entgegenlächelten, und die Arme darnach ausstreckten, wie man es bei langgewünschten Freunden macht. Die den Kindern immer willkommne Bilder werden dann gleich ihnen gezeigt. An den Tagen, wo keine Bücher kommen, müssen sie sich mit dem Vertheilen der Pettschafte und Couverte begnügen, wo meine Buben die von den Männern, Nanny aber die von den Frauenzimmern bekommt, wobei ihnen der gute Oheim die Farben der Wappen bekannt macht, und dann auch auf der Charte die Länder und Städte zeigt, wo die Freunde wohnen, die uns Briefe schickten, und bald von der vortreflichen Einrichtung der Posten und dem Fuhrwesen, bald von dem Verdienst einer schönen Handschrift erzählt. Wenn wir nun anfangen zu lesen, so gehen sie in den Hof zu ihren Spielen, Nanny bringt den Hühnern, und die Buben dem Haushund den Ueberrest ihres Frühstücks. Aber warum setze ich dieses in einen Brief an Sie, da Ihnen das alles bekannt ist? Verzeihen Sie es mir, um des Vergnügens willen, das Sie, wie ich weis, haben werden, alles noch in der ersten Ordnung zu wissen; und ich schreibe von etwas neuerm. Letzthin kam ein Pack französischer Schriften, und unter andern ein Stück, das uns ungemein freute und rührte: Le Patriarche, ou le vieux Laboureur. Paris chèz Demonville 1784. Alle Arbeiten, alles Glück und Unglück, die Moral, die Vergnügen und Leiden des Landmannes sind darinn geschildert. Der Verfasser ist ein Cartheusermönch von Chalons sur marne, Dom Gerard , der Bibliothekarius und wirklich ein gelehrter Mann war, Mathematik, Physik, Astronomie, Moral, Geschichte und Geographie sich eigen gemacht hatte, vielleicht aber in der Zeit des Sammelns dieser Wissenschaften sich zu sehr angriff, und seine Nerven zerrüttete, daß er nicht nur öfters einer tödtlichen Krankheit ausgesetzt wurde, sondern seit zwanzig Jahren den Schlaf beinah ganz verlor, und die Nächte hindurch in einem abgelegnen Corridor des Klosters auf und ab gieng; aber nie klagte er über seine Leiden, besuchte die Landleute, tröstete sie in Kummer, sammelte Wohlthaten für sie, und in den Schmerzenfreien Stunden arbeitete er an diesem Gedicht zum Besten armer Landleute. Es wurde von der Akademie in Paris wohl aufgenommen, und von ihrem Buchdrucker zum Besten der Armen verlegt. Gewiß fühlen Sie mit mir, daß die Geschichte des Verfassers das Werk selbst sehr einnehmend macht, aber es ist an sich voll lieblicher und rührender Gemälde von den Arbeiten und dem Schicksal des Landmannes. – Cleberg hat meinem Vetter aufgetragen, es in schöne einfache Prosa zu übersetzen, und mein Oheim will es dann unter dem Titel. Der alte Bauer in Champagne drucken und unter die Schulkinder des Amts austheilen lassen, damit sie sehen, daß der Bauer allerwärts Arbeit, Verdienste, Kummer und Freude hat. Bei diesem Entwurf hörte ich, daß Cleberg vorige Woche, da er wieder zwei Tage abwesend war, alle Dörfer seines Amts besucht, und den Leuten für ihre ihm bezeugt Liebe gedankt hatte. Ich weinte Thränen der Freude über diesen Zug der Rechtschaffenheit seines Herzens, welcher auch den Bauern so viel Vergnügen machte, und ich bei dem Lesen des Gedichts und dem lieben Entwurf der Übersetzung wirklich gerührt wurde. O wie heilig ist mir der Funke guter und edler Gesinnung, welcher in Thaten, Schriften und Erzählungen verborgen liegt, durch den Zufall entwickelt wird, und das schöne Feuer der Nachahmung in gleichgestimmten Seelen entzündet! Ich erinnere mich hier des sonderbaren Grundsatzes, welchen ich einst bei Vorlesung einiger edeln und wohltätigen Handlungen aufstellen hörte: »Daß man diese Vorfälle nicht verkündigen sollte: – jeder Mensch sey schuldig, Gutes zu thun; es sey nicht nöthig, Aufhebens davon zu machen.« Mich dünkte aber doch ganz simpel: Daß, da man gut fand, den Leuten zu sagen, daß Gutesthun eine Pflicht sey, man Acht haben müsse, ob sie diese erfüllen – und dann wohl sagen könne: Dieser ehrliche Mann that alles, was er schuldig war – so wie Gerichtsstätten die Leute anzeigen, welche gegen die Gesetze handelten. – Ein andermal hörte ich ein paar Bücher tadeln, weil der Verfasser in den Lauf seiner Erzählung einige Lobsprüche über gute ihm bekannt gewordene Menschen eingeflochten hatte. Man fand es ermüdend, so viele Leute, die man nicht kenne, mit ihren Tugenden beschrieben und aufgestellt zu sehen. Ich konnte mir über diese Klagen keinen befriedigenden Aufschluß geben, aber die alte und neue Welt, dünkt mich, streitet dawider. Man darf nur die Geschichte und moralischen Schriften lesen – was enthalten sie, als Bilder guter und böser Thaten von Menschen, die vor Jahrtausenden, und andrer, die neben uns lebten, indem man durch die ersten zum Nachahmen ermuntern, und mit den zweiten davon abschrecken will? Ich für meinen Antheil an Freiheit des Denkens und Urtheils, segne Jeden, der mir den Namen eines Menschen bekannt macht, welcher weit von mir, oder in der Nähe meines Wohnsitzes, durch Tugend und Verdienste seinen Schöpfer ehrt, und seinen Nebenmenschen Gutes thut; aber sehr deutlich fühle ich, daß ich unter diesen Tadlern keine Freunde haben kann. Sonderbar dünkt mich, daß man in Beschreibung der Länder sagen darf: Dieser Banquier hat viel Gold; Herr N. hat ein prächtig verziertes Haus; dieser großes Ansehen, jener schöne Gemälde, u. s. w.: und von den Tugenden eines Andern soll man nicht reden, weil man damit ermüden könnte. – O wie freut mich, daß meine Briefe nur Ihnen zukommen, und daß ich bei Ihnen von allem sprechen darf, was mich glücklich macht. Da will ich nun meinem Hang folgen, und sogleich mich freuen, daß die Betrachtung der artigen Anstalt zu Julienberg, die Ott, und der Spaziergang, welchen Cleberg am See mit einem Geländer und Bänken eingerichtet hat, in der Seele unsers Latten die Begierde entzündete, ein Stück seiner Bleichwiesen zu einem öffentlichen Lustplatz zu widmen. Er nahm die fünf Morgen des magern Weidbodens, welchen er vor zwei Jahren kaufte, und mit Pappeln einfaßte, wo oben das Bauerhaus steht, an welches er die Wohnung eines Bleichknechts anbaute. – – Aber wie Ott, sagte er auch niemand nichts von seinem Vorhaben, als Cleberg, und hat alles dazu nöthige Holzwerk eilf Stunden weit oberhalb des Flusses bearbeiten, anstreichen und zurechtmachen, zu Schiff herunterbringen, und in einem Tag aufrichten lassen. – Man sah wohl einige Zeit her, daß die Wand der zwei Häuser gegen die Wiese hin beworfen und geweißt ward, daß zehen Pfeiler in einer Reihe aufgemauert wurden, auch daß man am Ufer des Flusses, und an den Seiten der Wiese hin, Löcher gegraben hatte, aber man achtete weiter nicht darauf, weil man gewohnt ist, daß bei Fabrikanten immer etwas Neues von Gebäuden und andern Anstalten vorgenommen wird. Aber nun kamen auf einmal zwei Schiffe gelandet, aus welchen eine Menge Zimmerleute grau angestrichene Balken und andres Holzwerk trugen, und dann mit Eifer arbeiteten, bis Abends die aufgemauerten Pfeiler mit einer großen schönen Altane bedeckt waren, und rings um die Wiese Geländer, Bänke und Tische gefestigt dastanden; unter der Altane erblickte man einen großen offenen Saal in welchen man zwischen den Pfeilern zwei Stufen hoch eintritt. Die Wiese wurde gestampft und gesäubert, das Ganze aber machte auf einmal eine Schönheit und eine Erscheinung, welche die Bürger sagen ließ: »Es sey hingehext worden.« Indessen wurden wir Seedorfer alle, das heist, mein Haus, die Ottens, Sands, und die Familie im Pfarrhaus, von unserm guten Latten auf Sonntag Nachmittag zu seiner Bäurinn zu Thee und Butterbrod gebeten; unsere Kinder alle mußten mit, und wir hatten Kutschen aus der Stadt nöthig, welche uns einholten. Er war recht schön, der Anblick, da unsern Kutschern der kleine Umweg um die Stadt vorgeschrieben wurde, wir also gerade in den Hof des Bauernhauses kamen und abstiegen, wo Latten und seine liebenswerthe Karoline, Linke und Hanchen mit ihren Kindern, Herr und Frau Grafe mit den Ittens uns entgegenkamen, Latten aber sogleich mir die Hand gab, und mich in den erweiterten Gang des Bauerhauses führte, die Andern aber von seiner Frau ermuntert wurden, nachzufolgen. Fritz Latten eilte voran, und öfnete am Ende des Gangs eine große doppelte Thüre, von welcher man sogleich in den neuen Saal trat, und zwischen den Pfeilern die Wiese sah, auf welcher es von Bürgern, ihren Weibern und Kindern wimmelte. Wir sammelten uns um Latten, und standen wie betäubt von der äusserst angenehmen Ueberraschung da. – Lieber Latten! was ist das? fragten wir alle zugleich. Er antwortete: »Ein einfacher Erholungsplatz für unsere Mitbürger, welchen ich dem Andenken des Bürgereides meines Fritz widmete.« Nun gieng er mit mir die zwei Stufen des Saals nach der Wiese hinunter, und die Andern alle folgten nach. – Fritz war Latten zur Seite; die Bürger drängten sich um Beide. Latten zeigte ihnen seinen geliebten Sohn, und bat sie um ihre Freundschaft für ihn. – O Liebe! hätten Sie dieses gesehen, gehört – was für herzliche Blicke und Wünsche den jungen Mann und seinen Pflegvater segneten – wie Alle unserm Latten dankten – und ihre Kinder aufforderten, ihm für den herrlichen Spazierplatz zu danken! – Wir giengen umher, kehrten uns aber natürlich besonders gegen das Gebäude, und lasen über dem Gebälke in einem Aufsatz zwischen dem Geländer der Altane: Dem Menschenfreund Rochow und meinen Mitbürgern geweiht! Dann winkten uns Karoline und Hanchen zu unserm Thee in den Saal, wo alles niedlich bereitet war, und wir ganz auf englische Art bedient wurden, die Bäurinn aber mit ihren Schwestern, nebst der Frau des Bleichknechts und den Mägden, für die Uebrigen sorgte. Die Wagen mit den mürben Brodringen, welche Latten für diesen ersten Tag hatte backen lassen, kamen auch an, und man theilte sie aus, damit sie die Leute bei Thee, Milch und Butterbrod essen möchten – denn man darf, so lang als Latten lebt, nichts anderes da essen und trinken; so lang muß auch die Bäurinn Milch und Butter um zwei Kreuzer wohlfeiler geben, als auf dem Markt, weil Latten den Verlust ersetzt; aber niemand darf auch mehr nehmen, als er essen kann. Sie können nicht glauben, wie glücklich uns das frohe Gewühl der Erwachsenen, das Hüpfen und Jauchzen der Kinder, das Nachsuchen um noch leere Tische und Bänke, bei dem Zusehen machte. Ich, meine Liebe! war wirklich bewegt, als ich über der doppelten Thüre die Aufschrift las: Schöne Natur und einfache Freuden geben wahres Glück. Auf beiden Seitenwänden sind Tafeln, an welchen ein Auszug aus des Herrn von Rochow vortreflichen Abhandlung über Simplicität geschrieben ist, die in der neuen deutschen Monatschrift erschien, und gewiß in jeder redlichen und vernünftigen Seele gute Gesinnungen wecken muß: »Der Freund der Simplizität geht frühe schlafen, um desto früher wieder aufzustehen, weil die Nacht ihm zu seinem Thun und Lassen minder günstig ist, als der Tag, und ihm nur zum Schlafen dient. »Er theilt die lange Zeit seines Wachens in drei Theile, wovon zwei der nützlichen Arbeit, und einer dem Frühstück, dem Mittag- und Abendessen, der Erholung und Reinlichkeit gewidmet ist. »Wie leicht, wie wohlfeil freut er sich! Ein schöner Tag, der auf ein nächtliches Gewitter folgt – die Flur, von der Abendsonne beleuchtet – der Ueberblick weiter Gefilde – das Thal, vom schönen Fluß durchschlungen – die Wiese, Kornfelder und Obstbäume – der Gesang der Vögel – das Geläute heimkehrender Viehheerden, und der feierliche Klang der Abendglocke – alles hat Freude für ihn.« Mich dünkte dieser Auszug ungemein passend, indem alles, was der verdienstvolle Rochow beschrieben hat, hier in Wirklichkeit gesetzt ist: denn sogar liegt die Viehtrifft unten an dem Spazierplatz, und man sieht die Kühe weiden. – Lieb war es mir, auf der zweiten Tafel die Aufmunterung für uns Weiber zu finden: »Dreimal seelig ist der Freund der Simplicität, wenn die Gefärthin seines Lebens, von gleichem Geschmack belebt, keine Wünsche hat, die auf Kosten der Simplizität befriedigt werden müßten; wenn sie ganz Mutter ist, und ihre selbst gesäugten Kinder am Abend des nützlich verlebten Tages mit dem Vater in die Wiese führt, und da jede Schönheit der Natur doppelt von ihm empfunden wird; wenn das selbstgemachte Kleid der Kinder, ohne thörichte Kostbarkeit, sie an keinem Spiele verhindert, und allenthalben ein Platz für sie ist, wenn sie ruhen wollen, und kein Kaufmann nöthig ist, ihnen Spielzeug zu liefern; Feldblumen, bunte Steine, Wettlaufen, Tanz und Gesang die ganze Freudenzurüstung ist, welche sie brauchen. Voll Gesundheit und Kraft sehen dann die beglückten Eltern ihre Nachwelt um sich her, und rufen in die jungen Seelen: Freuet euch! Gott hat alles, was lebt, zur Freude geschaffen. Liebet den gütigen Gott, und thut aus Dankbarkeit alles, was ihm gefällt.« Wir segneten alle unsern Freund Latten, und wünschten nur, daß Mariane da seyn möchte, denn wie sehr würde sie die Volksfreude gefreut haben, welche so dankvoll für den freundlichen Mitbürger sich zeigte. Der Platz ist wirklich ungemein gut gewählt. Er liegt gegen Abend an dem Fluß, und die hohen Pappeln werfen den Schatten über die Wiese hin. Auf der dritten Seite ist ein Feld des Bauern, und über den Weg hin gegen die Stadt Lattens grosses Bleichehaus, wo wir zu Nacht speisten und tanzten, nachher aber im schönsten Mondschein zurückreiseten. Dieser Tag war also in allem bis auf den Augenblick des Schlafengehens schön. Mein Oncle sagte auch im Heimfahren: »Rosalie, dieses Fest gehört ganz eigen in deine Rechnung von dem Mannichfaltigen, welches schon in der Natur gegründet ist, aber auch durch Umstände und Menschen hervorgebracht wird. Die zwei Freunde Ott und Latten beweisen es neu; der Erste hat Kinder, und weihte Julienberg als Pachthof seiner Familie; der Zweite wurde dort zu einer Art Nachahmung gereizt, stiftete aber, da er keine Kinder hat, einen Lustplatz für das Publikum, durch welchen sein Name neben der Schönheit der Natur erhalten wird, und gewiß von seinen Freunden und Miteinwohnern ewige Achtung verdient.« Wir stimmten aufrichtig bei, und ich weis, Sie denken wie mein Oncle und wir. Mögen Alle, die Gutes lieben und gerne Gutes thun, diese edeln Freuden lange genießen, und uns von Zeit zu Zeit erscheinen! Adieu! Achtzehnter Brief. Rosalie an Mariane. Sie wissen, Liebe! daß Ihre theilnehmende Güte immer mein Glück vermehrte, aber ich danke doch auch dem Himmel, daß er uns einen gleichen Geschmack gab; denn wie oft hätte ich sonst den Vorwurf verdient, daß ich Ihr gefälliges Zuhören bei meinen Erzählungen, und Ihre Geduld bei meinen Briefen misbrauchte. Nun weis ich seit so vielen Jahren, daß Ihnen jede Ergiessung meiner Ideen und Gefühle willkommen ist, und daß Sie eben so gerne Gutes von Andern hören, als Sie gerne Gutes thun. »Wenn Sie dies alles wissen, Rosalie! warum machen Sie eine so große Vorrede?« sagten Sie einst, als ich ungefähr diese Art Schutzschrift bei einer Geschichte vorausgehen ließ, welche mich ungemein interessirte, und ich vermuthe wirklich, Sie wiederholten diesen Gedanken mit sich selbst bei dem Eingang meines Briefes; auch hätte ich in der That keine Vorrede nöthig, weil nur die Fortsetzung der Nachrichten von der Familie von Sand vor meiner Feder liegt, welche Sie selbst nach der ersten Eröfnung so sehr wünschten, und ich also heute nur eine Bitte von Ihnen erfülle. Ich sagte in meinem vorletzten Schreiben, daß die lieben Leute angekommen sind, und mich sogleich besuchten, dabei aber baten, daß ich meine Gegenvisite bis zu Ende ihrer völligen Einrichtung verschieben möchte. Ich war es zufrieden, aber ich beschäftigte mich oft mit dem Gedanken an diese Familie, besonders da ich einen meiner liebsten Spaziergänge nach dem Seehaus vermied, damit sie nicht in die Sorge geriethen, ich wollte sie überfallen, ehe sie ganz in Ordnung wären; heute früh haben sie mich aber zu sich gebeten, und ich freute mich darüber, weil ich begierig war, das Ganze ihres Hauswesens, und auch die zwei Kostgängerinnen zu sehen, welche sie mitbrachten, indem zwei Familien ihrer Freunde einen Trost darinn fanden, eines ihrer Kinder bei den edeldenkenden Sands zu wissen, und auf diese Art bei ihrer gezwungnen Entfernung die wechselseitige Liebe und Erinnerung zu erhalten; ich bin aber jetzo sehr fest überzeugt, daß es auch aus dem Grund geschah, damit die guten Mädchen in dem fortdauernden Gang der vorzüglichen Erziehung blieben, welche sie in dem Haus des Präsidenten von Sand mit seinen Töchtern genießen. Tadeln Sie mich nicht, Liebe! über den Ausdruck des Lobes, dessen ich mich hier bediente, da ich doch von der Denkart dieser Menschen noch nicht so viel wissen kann – und sagen Sie mir, warum der wichtigste Kauf dieser und jener Waare nur auf Probestücke geschlossen wird – und ob denn die Menschen in diesen Fällen stets redlicher sind, als wenn sie moralische Eigenschaften zur Schau bringen? Lassen Sie mich aber, theure Mariane! bei der Handlungsweise, zu glauben, das Ganze sey wie die Probe, und sehen Sie nur, wieviel ich auf diesem Weg bei den Sands gewinne. Ich kam zu ihnen, und wurde sogleich in den alten Saal geführt, dessen jetzt so gros gebrochene Fenster die Aussicht auf den kleinen See geben. Ich wußte aber nicht, daß ein Holzhau in dem nahen Wald das Dorf, wo ehmals meine liebe Kahnberge wohnten, gerad diesen Fenstern gegenüber zeigte. Die Vorderseite des damals so lieben Hauses und die Ulmenbaume daneben, die Altane, alles, was mir schöne verflossene Tage und ihren Verlust zurückrufen konnte, war auf einmal vor mir, und schmerzte mich wirklich so, daß ich mich davon entfernen mußte, und die Sands bat, mir, da ich die Aussichten von Seedorf kenne, ehender ihre Wohnung in dem vor kurzem noch verlassenen Schloß zu zeigen. Der ältere Bruder hat auf der Seite des beinah ganz abgestumpften Thurms einen Theil der großen Halle des alten Schlosses abgeschnitten, und davon seine Schreibstube und Bibliothek gegen den See eingerichtet. An dieser ist sein Schlafzimmer, wo er auch in Nachahmung von unserm Hause eine Schiebwand zwischen die Betten brachte, wodurch er auf seiner Seite gleich in seinem Schreib- und sie in ihrem Wohnzimmer ist. Sie haben aber dadurch noch einen Vortheil erhalten: Da dieser Abschnitt von dem alten ungeheuern Saal durch die ganze Tiefe des Hauses geht, so konnte er gegen den Hof hin einen freien Gang erhalten, welcher von der Küche im alten Thurm an, auch bei dem Saal vorbei, zu der Abtheilung seines Bruders läuft. Frau von Sand kann von ihrem Bette in das Wohnzimmer kommen, und hat dann ihre Geräthkammer und ihre Küche gleich zur Hand, welches für sie sehr gemächlich ist, indem sie bei der Einteilung der Beschäftigungen die Küche, das Tischzeug, und alles was dazu gehört, zu besorgen übernahm, die jüngere Schwester aber alle andre Arbeiten des Hauswesens versieht, worinn sie auch die vier Mädchen unterrichtet, welche bei der ältern Frau die Einrichtung des Küchenwesens lernen, und dann, wenn sie herangewachsen seyn werden, beides zugleich besorgen sollen, wie alle gute Hausmütter thun müssen. Auf der andern Seite des Saals, wo der Eckthurm noch drei Stockwerke hat, und ohnehin der jüngere Bruder wegen der eigenen und Kostkinder mehr Raum brauchte, ist von dem Saal aus neben der Stiege hin eine recht artige Eintheilung gemacht: Die Schlafzimmer sind alle im zweiten Stock, das Wohn- und Bücherzimmer aber im dritten, weil der jüngere Bruder von Sand und seine Frau einen hohen Werth auf eine weite schöne Aussicht legen. Von der Wohnstube, wo die Frauenzimmer arbeiten und wechselsweise vorlesen, übersehen sie meinen Garten, mein Haus und den Hof, nebst einem Theil des Dorfs mit der Kirche, und einer großen Strecke Felder und Wiesen, von der Bibliothek aber den See, die Waldungen, Julienberg und die Stadt. Die drei Söhne haben ihr Zimmer neben der Schlafkammer des Vaters, die vier Mädchen die ihrige auf der Seite der Mutter, wo zwei und zwei in artigen Kämmerchen wohnen. Alle diese Stuben wurden zur Verwahrung gegen die Kälte mit grauem auf grobes Leinen gepappten Papier ausgeschlagen, und dann auf dieses von den Personen der Familie selbst Farben aufgetragen, in den Schlafzimmern zwar nur eine breite grüne Einfassung, aber der Saal und die Wohnzimmer hatten weisses Papier bekommen, und wurden zu meinem Erstaunen ganz lichtblau gegründet, und dabei eine meiner Tapetenideen ausgeführt, indem die breite obere Einfassung lauter verbundene in Blüte stehende Zweige aller Gattungen Europäischer Bäume und Sträuche, mit ihren in Form und grüner Farbe verschiedenen Blättern, zeigt – von der Lambris an aber so vielerlei Grasarten und Kräuter de untere Einfassung ausmachen, und dem Saal ein sanftes liebes Ansehen geben, welches zugleich jungen Leuten Unterricht, und den älteren angenehme Erinnerungen giebt; die Mädchen aber haben die Wände ihrer Zimmerchen mit bunten Blumen geziert. Ich traf sie auf der Altane bei einem zwischen zwei Schießscharten der alten Burg gestellten Tisch mit einer Schreibung beschäftigt, die mir viel Vergnügen machte, denn da ich der Form des Papiers ansah, daß es eine Art von Denkbuch sey, in welches sie etwas einschrieben, so konnte ich mich nicht enthalten, darnach zu fragen, und fand, als sie mir die vor ihnen liegenden Blätter übergaben, einen äusserst schönen Theil des Unterrichts, indem sie nicht nur gewöhnt werden, schön und richtig zu schreiben, sondern auch über alles nachzudenken, und ich sah auch den Beweis, daß jede Gelegenheit benutzt wird, ihnen alles auf eine angenehme Art eigen zu machen. Ich bat um Erlaubnis, den ersten Theil über Seedorf zu lesen. Diese Blätter reden von Wohnungen der Menschen ; der Gegenstand wurde vorgenommen, als die Familie nach Seedorf gezogen war, und so viel ich bei dem schnellen Durchlesen im Gedächtnis behalten konnte, stand darinn: »Sie hätten ihren bisherigen Wohnort verlassen, und mußten also natürlich wieder einen Aufenthalt suchen. Diesen fanden sie auf dem Land, in einer anmuthsvollen Gegend, welche dabei auf alle Weise belehrend wurde – da sie nicht allein die Bedürfnisse eines Hauses, nöthiges Geräthe und Einrichtung bemerken konnten, sondern auch dieß, was Bedürfnis, Wohlstand, Gemächlichkeit, Ueberfluß und Pracht durch alle Stufen verbreitete – von der Hütte des armen Taglöhners zu dem wohlstehenden Bauern auf Julienhof, von dem Haus des Schultheißen zu dem des Beamten – dann die Schule und Schulhaus, Pfarrhaus, Kirche und Amtstube, Heu- und Kornscheunen nach ihren verschiedenen Bauarten sich bekannt machen konnten; bei den Unterthanen, Vorgesetzten und Lehrern die ersten Arbeiten und Pflichten sehen könnten, und also in Seedorf Lebensmodelle getroffen hätten.« Nun folgte der Unterricht über Theile und Eigenschaften der Wohnung: »Wie vier Wände, welche die Kälte, den Regen und Wind abhalten, dabei Licht genug zu häuslichen Verrichtungen einlassen, für die eine genug sind, der Seebauer aber schon diese Wände mit Brettern bedeckte, und daher wärmer wohnte; daß die Leisten der Schreinerarbeit bei andern schon nicht mehr Bedürfnis, sondern Zierde seyen, welche der Wohlstand hervorbrachte, u. s. w. – Dann kamen die Abtheilungen und Wirkungen des Wohlstandes und Reichthums in allen Klassen bis zu dem Pallast des Fürsten – und dieses alles so deutlich, mit so viel Ordnung und richtigem Begriffe der Worte verbunden, daß ich beim Durchlesen selbst noch lernte. – Nachdem folgte die Anwendung, was nun die Familien von Sand, nach eingeführter Ordnung bei fürstlichen Räthen, und bei vollem Genuß der Einkünfte und Ehrenstellen hatten, jetzo aber bei dem Verlust noch haben und genießen könnten. – – Artig und rührend war der darauf folgende Beweis, daß gute Wahl und Unterhaltung des Nöthigen den Ueberfluß unnütz mache – guter – Geschmack und Reinlichkeit den Pracht ersetze; wobei ihnen zugleich eine genaue Zeichnung vorgelegt wurde, wie das alte Seehaus war, als Herr von Sand es in Pacht nahm, und was er nach den Bedürfnissen der zwei Familien daraus machte, auch wie der Bauer vorhin die Ruinen benutzte. – – Dann kam ein schöner Uebergang zu den Vortheilen, welche ihnen die Talente des Zeichnens und des Malens in Wasserfarben gewährten, indem sie dadurch die angenehme Unterhaltung auf dem Lande, neben dem Vortheil der Ersparnis von Tapeten, und der gefälligen Verzierung der Zimmer, erhalten hätten. Es war auch die Berechnung des Ganzen, – der Vergleich des Hauszinses und der Kosten in der Stadt dabei, und die Ursachen angezeigt, warum man dem alten Gebäude sein ruinirtes Ansehen gegen den See und das Dorf gelassen, und nicht nur für die Bewohner der Gegend den stets gefälligen Anblick von Ruinen erhalten, sondern auch häusliche Vortheile damit verbunden habe, indem man bei den zwei innerhalb der Thürme und an der hohen Saalmauer geführten Dächern nur die Hälfte brauchte, und also malerische Schönheit von aussen mit innerm Nutzen vereint erhalten konnte.« – – Die jungen Frauenzimmer zeigten mir dann auch ihre übrigen Denkbücher, und ich fand in einem den Auszug eines artigen französischen Gedichts: An die Erinnerung – worinn diese Göttinn als Mutter der Musen gebeten wird, alles Nützliche und Schöne in dem Gedächtnis zu befestigen, und alles Traurige und Beleidigende auszulöschen – nur das Lächeln unserer Freunde, die Tage der unschuldvollen Freuden der Jugend, das zum fernern Wohlthun ermunternde Gefühl der Zufriedenheit bei Erleichterung eines Wehes unsers Nächsten, und die Geschichte tugendhafter Menschen auf dem Thron und in den Hütten, neben den Lehren der Weisheit und Güte, einzuprägen. Sehen Sie, Liebe! ob dies nicht auch wieder ein eigner Gang der Erziehungskunst, und ob er nicht vortreflich ist? Mußte ich nicht den Mädchen Glück wünschen, daß sie diesen schönen Weg geführt werden, und konnte ich anders, als Herrn und Frau von Sand loben, daß sie ihre Kenntnisse so treu und auf so angenehme Weise mit den jungen Leuten theilen? Ganz natürlich äusserte ich die Begierde, den ganzen Erziehungsplan zu kennen, weil gerade die Frage von Führung der Töchter sey, und Cleberg mir die Bildung unserer Mädchen meist allein überlassen wollte. – Die Präsidentinn antwortete: »Der Plan ist sehr einfach aus dem guten alten Montagne ausgezogen worden, welcher sagte: Man solle Nachdenken und Urtheilskraft früher anbauen, als das Gedächtnis – Die Kinder reden machen, und sie ausfragen, damit man sie kennen lerne, und ihnen richtige Ideen gebe – Alles zum Unterricht anwenden, was vorkommt – Spaziergänge, Besuche, Fehler und Tugenden derer, die mit uns leben. – »Wir haben uns (fuhr sie fort) bei diesem Rath sehr wohl befunden, und die Abschrift, welche Sie lasen, ist eine Probe, wie wir ihn anwendeten. – Jetzo wird die Beschäftigung des Bauern und der Bäurinn, welche sie täglich vor sich haben, die Grundlage des Unterrichts von allen möglichen Arbeiten der Menschen, es mag Kopf oder Hände betreffen, wobei mein Mann die Geschichte der Menschheit mit ihnen lesen wird. – Uebrigens (setzte sie hinzu) werden wir uns bei unsern Kindern den schönen Gedanken des Herrn Geheimenraths zu nutz machen, welchen er dem Herrn Waller in sein Stammbuch schrieb. Sey einfach in deinem Aeusserlichen, aber laß deinen innern Werth edel und erhaben seyn. Nimm das erste vom Schäfer , das zweite von dem Weisen ; von dem Hofmann eine artige Sittsamkeit . – Denn wenn du weise, einfach und sittsam bist, so bist du der Vollkommenheit nahe. – Dieser vortrefliche Auszug, welchen mein Oncle aus den kleinen Schriften des Moses Mendelson gemacht hatte, freute mich ungemein, weil man über diesen Text manche Noten machen kann, und es ist so angenehm, etwas zu dem allgemeinen Besten beigetragen zu haben; ich selbst bekam aber auch noch eine unerwartet Ermunterung zur Klugheit und Güte, weil die eine Schwester mir sagte: »Sie selbst, Frau Residentinn, werden einen Theil der Erziehung erleichtern helfen.« Das wollte ich sehr gerne, wenn es möglich wäre, aber ich bin eine noch zu junge Mutter. »Dies ist gar nicht die Frage, (erwiederte Frau von Sand) – sondern wir freuen uns, daß wir unsern Mädchen sagen können: Seht, liebe Kinder! an Madame Cleberg, was ein junges Frauenzimmer werden kann.« Ich war bestürzt, denn ich hatte nichts Weniger als dieses Kompliment, sondern nur die Bitte vermuthet, die Mädchen manchmal zu mir kommen zu lassen, aber die so verschiedene Wendung der Ideen brachte mich in Verlegenheit, und ich sagte ganz beschämt: Theure Frau Räthin! Sie müssen mir nicht in diesem Ton sprechen, wenn ich Ihren Umgang mit Freimütigkeit genießen soll. – – Da ich nun bei dem Kompliment über und über roth geworden, und meine Stimme auch die Verlegenheit anzeigte, so betrachtete mich die ältere Frau von Sand mit einer Art gerührter Zärtlichkeit, und umarmte mich, indem sie sagte: »Vergeben Sie das wenige, was gesagt wurde, und nehmen Sie den innigen Dank für das Vergnügen an, welches Sie uns eben jetzo durch Ihre Bescheidenheit gaben; dulden Sie nur noch einen Ausdruck, und dann nichts mehr: – Freuen Sie sich, daß Ihr Haus, Ihr Oncle, Ihr Gemal und Sie – in der Berechnung unsers Glücks in Seedorf neben der Ruhe und Schönheit der Natur stehen, und daß Sie alle, zur edeln Bildung unserer Kinder, dem besten Buch gleichgeachtet werden, über welches wir nützliche Vorlesungen halten können.« Liebe Frau Räthinn! lassen Sie mich aus der Liste, ich bitte Sie! und hören Sie auf, darüber mit mir zu reden – denn wie soll ich mich erholen, wie um mich sehen, wenn Sie in diesem Ton fortfahren? »Wie? (fiel sie lebhaft ein) – Daß Sie Gott innerlich danken, der Ihnen die Kraft gab, die edeln Pflichten des Lebens so schön erfüllen zu können; daß Sie die gute Erziehung annahmen, welche man Ihnen gab, und die Talente, welche der Himmel Ihnen schenkte, zum Guten verwendeten. – Mit diesem Zeugnis seines Herzens kann man um sich sehen, und sich sehen lassen.« Ich umarmte sie nun auch, und sagte sehr bewegt: Möge alles wahr seyn, theure Frau Räthinn! – Aber ich glaubte zu bemerken, daß man hier nach den Grundsätzen der Familie den Töchtern und Kostgängerinnen eine zufällige Lektion geben wollte, welche ich mir als Ermahnung, auf dem guten Wege zu bleiben, in das Gedächtnis schrieb, und in diesem Brief auch tiefer einprägte. Denn Mariane ist (nach dem Ausspruch der Madame de St. Lambert von dem Werth der Freunde) mein zweites Gewissen. – Nun bin ich müde, und mein Brief ist gros genug. – Neunzehnter Brief. Madame Grafe an Rosalie. Heute vor meiner Abreise nach R** sollen Sie, da alles schon gepackt und in Ordnung ist, ich auch mit niemand mehr schwätzen will, einen herrlichen Brief bekommen, voll der schönsten sonderbarsten Dinge von der Welt: Stumme, die redend wurden – Todte, welche mit drei Kindern auferstanden – eine drei und zwanzig Jahre lang glühend gebliebene Liebe, welche weder durch eine Heurath, noch durch Abwesenheit und Stillschweigen, noch durch alle Wasser des Weltmeers gedämpft werden konnte – eine Schwester, welche zu den Füssen der andern Dank- und Segenswünsche ergiest – das Entzücken eines hübschen braunen Mannes, und das Zittern eines noch artigen aber halb verwelkten blonden Mädchens – und Ausrufungen: Ist es wohl möglich! und: Dem Himmel sey Dank, daß ich noch lebe! – dann Gold, Perlen, Diamanten und persische Teppiche, ostindische Mousselins und chinesische Taffente – Umarmungen – Aufsuchen einer alten Freundinn – eine Vermählung – und eine Stube voll Leute, die sich verwundern, freuen und gaffen. – Denken Sie nicht, Rosalie! daß, wie man mit einem Loth Gold einen Drath von Paris bis nach Lyon, also ein Stück von einer Million 96 tausend 7 hundert und 4 Fuß lang vergolden kann, man wohl auch aus dem oben beschriebenen romantischen Text eben so viele Blätter zu einer rührenden Geschichte finden könnte? – Aber ist nicht die Vermuthung in Ihnen entstanden, daß, weil unser Oncle letzthin die meisten bekannten Romane verwarf, ich nun da einen Plan ausheckte, nach welchem ich selbst etwas recht abenteuerliches zu Markt bringen wollte; aber das ist es ganz und gar nicht, Dame Rosalia! sondern eine von Anfang bis zu Ende völlig wahre, während unsern Lebenstagen angezettelte, und eben jetzt ausgeführte Menschen- und Liebesgeschichte, worinn Ihre Freundinn Grafe eine der angenehmsten Rollen spielte, und viel Glückseligkeit genoß. – Dieses alles will ich nun recht fein erzählen, und bin froh, daß unser Ritter Latten abwesend ist, denn sonst wäre dieser wohl nach Seedorf geeilt, hätte den schönen Stoff der Historie in Falten gelegt, und, wie die Stücke seiner Leinenfabrik, mit farbigen Bändchen und Franzen verziert. Ich aber sage ganz platt und einfach: »Es war einmal in einer deutschen Stadt ein angesehener Kaufmann, das heist, wie Sie wissen, ein reicher Mann. Dieser hatte drei Töchter und einen Sohn, die alle recht artige wohlerzogene Kinder waren. Aber die Mutter des Mannes und seine Frau stammten aus einer etwas vornehmen Familie; da war man stolz auf das vornehme und reiche Wesen, und Sie denken wohl, Rosalie, daß man in diesem Hause, wo man nur hinsah, kostbare Sachen erblickte, und daß die Mutter und Töchter Aufwartmädchen hatten. Der Himmel und die Natur waren aber auch in die Familienangelegenheiten gemischt, weil sie am besten wußten, was darinn vorgehen sollte. Da wurde nun die älteste Tochter ein recht gescheutes Mädchen, welche nie heurathen wollte – die zweite ein Alltagsgeschöpf – die dritte hübsch, zärtlich und gutmüthig, ohne Stolz – nur blieb sie immer mit ungewöhnlicher Beharrlichkeit bei ihrem Sinn, worüber sie als kleines Mädchen oft die Ruthe, dann als großes Frauenzimmer Verweise bekam, und in ihre Stube gesperrt wurde, in welcher die schöne Geschichte, die ich Ihnen erzähle, ihren Anfang nahm. – Das Aufwartmädchen wurde in den Tagen des Kummers zur Trösterinn und zur Vertrauten; es war auch ein wackeres Bürgermädchen, welche dann in der Einsamkeit der artigen Gefangenen von ihrem väterlichen Hause, besonders aber von einem guten Bruder, erzählte, den sie gar sehr liebte, der alle Kuchen, alle Aepfel und Spiel-Pfennige mit ihr und den Armen theilte, auch in der Schule sehr fleißig gelernt hatte, und lieber ein Geehrter oder Kaufmann werden wollte, als ein Handwerker, wie der Vater es wollte. – Nun war der Grund der Achtung und Theilnahme für den jungen Rieme in aller Unschuld gelegt. Er kam nachher an einem Sonntag zu seiner Schwester, weil die Mademoiselle ihn sehen wollte. Er war geputzt, und ein gar hübscher demüthiger Mensch. Die Mademoiselle lobte ihn wegen seines Lernens, und weil er ein so guter Bruder ihrer lieben Martha sey. Und, denken Sie Rosalie! das gute listige Mädchen von 15 Jahren, welche hingeht und in ihres Vaters Bücherkammer den Schauplatz der Künste und Handwerker holt, damit der Junge sich darinn umsehe und eines wähle, indem sie das Lehrgeld für ihn bezahlen wollte. – Nun sagt Rieme. »Ach liebe Mademoiselle! wenn Sie Geld für mich geben wollen, so zahlen Sie meine Lehrjahre bei einem Kaufmann. Dann werde ich ein Herr, und kann oft in Ihr Haus kommen.« Die gute Auguste bewilligt es, und giebt Marthen alle ihre Gevattergeldstücke und übrige Sparpfennige, die zum Lehrgeld vertauscht werden. – – Natürlich kam er nun öfter, seiner Wohlthäterinn zu danken. Er spricht sehr bald das Französische gut, und liest mit unter alle schöne Schriften, die er finden kann; sein Verstand fängt an zu glänzen, und sein Ehrgeitz, mit Dankbarkeit vereint, heißt ihn auf die Hand seiner Wohlthäterinn hoffen. Bei ihr wünschte er einmal ein Prinz zu seyn, um sie zu einer glücklichen Prinzeßinn zu machen. Ihre Eigenliebe fand dieses artig, doch meint sie, es sey genug, wenn man ein guter Kaufmann würde. – Am Ende ist Wohlthat und Dank in Liebe verwandelt, und das arme Mädchen sagt in Gegenwart einer falschen schwätzigen Baase, als der Junge bei dem Haus vorbei gieng, und sie grüste: »Ich wollte, der Mensch wäre bald reich.« – – Die Schlangenbaase erzählt dieses mit vielen Zusätzen: Auguste wird übel behandelt, und auf das Land zu einer sehr strengen Tante geschickt, Martha aber aus dem Dienst gejagt. Der junge Rieme entlauft, und der erste Theil des Romans endigt mit Augustens Vorsatz, nie zu heurathen, und nie mehr, man möge auch mit ihr anfangen was man wolle, ein Wort zu reden. Sie durfte lange nicht zu ihren Eltern; von Martha und ihrem Bruder hörte sie nichts. – Einige Zeit nachher machte ihr Vater Bankerott; der Stolz grämte sich, und rafft das Uebrige seines ehmals großen Vermögens zusammen, zieht in eine andre Stadt, wo er und seine Frau sterben. Der Sohn stand schon lange in einem Handlungshaus; und die ältere Tochter konnte nun ihrem Herzen folgen, ihre aus Gram stumm gewordene Schwester zu sich nehmen, welche wir unter dem Namen der melancholischen Mademoiselle Bogen kennen lernten, und die mit ihrem Vogel und ihren Nelkenstöcken meine Rosalie so sehr interessirte. – Sie bekannte nun ihrer guten Schwester ganz allein, daß sie nie stumm war – aber nicht gesprochen habe, um alle Unterredungen und Heurathsvorschläge zu vermeiden, und sich selbst zu strafen, weil sie durch voreiliges Reden sich, Rieme und Marthen unglücklich gemacht hatte; und weil bei ihren zu sehr erzürnten Eltern alle ihre Bitten, Erklärungen und Vorstellungen nichts halfen, so habe sie in ihrer Seele gesagt: »Nun da Ihr taub seyd, so will ich stumm werden.« Bald gefiel ihr der Zustand des stillen Zuhörens, und sie bat auch ihre Schwester, sie darinn zu lassen, und als eine melancholische Person zu behandeln. Ein Blutfink mußte immer um sie seyn, und das einfache Liedchen singen, weil Rieme ihr den ersten geschenkt hatte, von welchem sie auch den Kefich und das Drehorgelchen erhielt, so wie sie von ihm die fayancene mit rothen Nelken besetzte Blumentöpfe bekam, und die Enkel davon nachzog. – Abends schrieb sie alles auf, was ihr in der Unterredung der Fremden gefallen, hielt ein genaues Verzeichnis von den Personen, welche ihr Haus besuchten, und machte Noten mit der Schwester. Sie wissen, theure Rosalie! wie angenehm der Bogens große Stube immer für alle gute Menschen war, und es bis zu dem Tod der zweiten Schwester blieb, wo die ältere selbst etwas düster wurde. Vor vier Tagen kommt nun ein Fremde mit einer ältlichen Frauensperson, zwei Buben und einem Mädchen, in den besten Gasthof, fragt nach Mademoiselles Bogens, besonders nach der jüngsten. Man erzählt ihm von ihrer Melancholie; der Mann wird bis zu Thränen gerührt, und schreibt an die ältere: »Ich heiße Rieme, und bin der Bruder der Martha, welche ehmals in Ihrem Hause diente. Mademoiselle Auguste, welche meine Wohltäterinn gewesen, hat dadurch mein in Ostindien gefundenes Glück gegründet, und ich bitte um Erlaubnis, Ihnen beiden aufzuwarten, und meine dankbare Verehrung zu bezeugen.« Unsere gute ältere Bogen wurde etwas unruhig und verlegen; doch sann sie nach und sagte bei sich selbst: »Warum führt die Providenz diesen Menschen aus Ostindien zurück? Warum ließ sie meine gute Schwester die sonderbare Beharrlichkeit des langen Stillschweigens durchsetzen? Es mögen wohl gute Ursachen dazu vor den Augen der Vorsicht gewesen seyn, da ich keine angeben könnte, wenn ich mich dem Besuch widersetzte. – Er mag kommen, und meiner Schwester die Sprache und die Ordnung des Geistes wieder geben, welche sie um seinetwillen aufopferte.« Während man Herrn Rieme die Antwort brachte, gieng sie zu ihrer Schwester, umarmte sie, und sagte: »Liebe Auguste! ich habe nie von Herrn Rieme gesprochene um dein Gefühl zu schonen – aber nun mußt du diesen Brief lesen.« Auguste erröthete bei Erwähnung des Namens von Rieme, und sah ihre Schwester nachdenkend an, welche ihr den Brief offen hinhielt und zärtlich sagte: »Liebe! ich bitte dich, lies das Billett.« Nun blickt Auguste auf die Unterschrift, und ruft aus: »Ewiger Gott! er lebt noch! – fällt ihrer Schwester um den Hals und bittet sie, ihr zu sagen, ob sie nicht böse sey, daß ihre Auguste nach mehr als zwanzigjährigem Nachdenken noch so bewegt sey? »Nein, Liebe! denn es freut mich, daß der Mann so dankbar und rechtschaffen ist, uns aufzusuchen. Lies doch, ich bitte dich, sein Billet, damit du weist, was er will.« Nun liest sie, zittert, und sagt: »Ach Schwester! er will kommen; wie soll ich ihn ansehen? – »Als einen alten Freund, dessen Glück deiner edeln Seele lieb ist!« – – Bald darauf kam Rieme äusserst bewegt in die Stube. Zitternd wurde er von Auguste gegrüst; sie konnte ihm nicht weit entgegengehen; er steht, sieht sie an, erblickt dann den Kefich mit dem Blutfinken, und die Nelkenstöcke, bricht in Thränen aus, nähert sich Augusten und küßt ihre Hände. Lange kann keines sprechen; dann fängt er an: »O meine Wohlthäterinn! gütige Mademoiselle Bogen! Sie haben die kleinen Geschenke, welche der arme Rieme machen konnte, so liebreich erhalten. O nehmen Sie alles, was der reiche Rieme besitzt, mit seinem Herzen an, das Ihnen immer ergeben war.« Auguste warf sich da halb ausser sich zu den Füßen ihrer Schwester, umfaßte, küßte sie, und schwieg lange; endlich rief sie aus: »O du gute treue Schwester! die mich mit so viel Weisheit und Liebe ertragen hat. Gott vergelte dir alles, und auch die Freude dieser Stunde!« Sie hieng sich dann an den Hals ihrer Schwester, legte sich an ihre Brust, und weinte, wie die gute ältere auch that. Rieme war stumm, und betrachtete mit gefalteten Händen die zwei Schwestern. Endlich faßt sich die ältere Mademoiselle Bogen, und sagt zu Augusten, indem sie selbige aufrichtet: »Nun Liebe! wenn es dich freut, daß Herr Rieme so glücklich geworden ist, so sey freudig, richte dich auf, und grüße unsern alten so lang abwesenden Landsmann!« Auguste stand auf, und antwortete: »Ja wohl ist er lange abwesend geblieben. Sagen Sie, warum haben Sie nie geschrieben? – Rieme blickte mit einem Seufzer auf sie, und sagte: »Ach Gott! ich gieng ja im Anfang im Elend herum, und dann hörte ich, Sie wären, durch Krankheit unheilbar stumm, melancholisch und verwirrt, auf dem Lande. Ich reiste nach Indien. Das, was ich Ihnen sagen wollte, konnte ich keinem Briefe anvertrauen – nur von Zeit zu Zeit nachfragen, ob Sie noch lebten? und wie? Dann hörte ich von dem Unglück und dem Tode Ihrer Eltern – aber ich konnte nicht früher zurück. – Gott sey Dank, daß ich Sie lebend finde; daß meine Erfahrungen und meine Umstände mir erlauben, allen Menschen zu Gesicht zu kommen, und mit allen zu reden, weil der Name Rieme in meinen Händen kein verächtlicher Name geblieben ist: Denn, theure Mademoiselles! (sagte er, sich gerad aufrichtend) ich stehe als ein rechtschaffener Mann vor Ihnen, welcher von andern Rechtschaffenen geschätzt wird, und dessen Fleiß mit zweimalhunderttausend Gulden gesegnet ist, welche ich nur mit Mademoiselle Auguste zu theilen wünsche. – Oft bat ich Gott um Erfüllung dieses Wunsches, und will es jetzt auch von Ihrer Güte erbitten.« Auguste verbarg sich an dem Busen ihrer Schwester, blickte dann auf ihren Vogel und ihre Nelken. Rieme bemerke es, legte eine Hand an den Kefich, die andre an die Blumentöpfe, und sagte gerührt: »O du gutes Tierchen! du sollst einen Kefich von Golddrath haben; und die Nelken will ich mein ganzes Leben hindurch in den schönsten Gefäßen pflegen, weil sie mein Andenken in der besten Seele unterhalten haben. Ach geben Sie (sagte er zu Auguste) dem alten treuem Rieme die Güte wieder, die Sie für ihn hatten!« Auguste sagte nun erröthend: »Ich glaube, der Vogel und die Blumen reden für mich von dem, was Sie bis auf den heutigen Tag mir waren – aber ich muß, ehe ich weiter gehe, Ihr Leben wissen, und überzeugt seyn, daß die 20 Jahre, welche seit unserer Trennung verflossen sind, meiner Gestalt in Ihren Augen keinen Schaden gethan haben.« Nun kam die Erzählung der Reisen, der Arbeiten, der kleinen Vortheile des Fleißes, und des großen Vermögens, das er durch seine Heurath mit einer reichen edelmüthigen Wittwe erhielt, die seine Wohlthäterinn wurde. Hier ward Auguste merklich roth, fragte aber doch sogleich nach der Heurathsgeschichte und nach Kindern. – Da wurden zwei Söhne aus der ersten Ehe genannt, die er als wahrer Vater liebe – und eine Tochter von ihm, welche der guten Mutter das Leben kostete. Hier zeigte sich ein herrlicher Zug des Charakters von Auguste; denn als Rieme das letzte sagte, war seine Stimme bewegt – und Thränen in seinen Augen: sie weinte auch, stand aber auf, reicht ihm ihre Hand, und sagte: »Rieme! Ihre dankbare Zärtlichkeit für Ihre verstorbene Frau hat beinahe mehr auf mich gewirkt, als Ihre mir erhaltene Liebe. Ich sehe, daß Sie kein Heuchler sind. Bringen Sie mir Ihre Kinder; ich will Ihnen, so viel ich kann, ihre Mutter ersetzen.« Rosalie! wenn Sie dieses nicht freut, wenn Sie es nicht schön finden, so ist mir leid, so viel geschrieben zu haben. Denken Sie sich nun das Uebrige. Ich sage nur noch, daß die ältere Schwester Abends selbst zu mir kam, sie, die sonst niemals aus dem Haus geht, und mir kurz die Geschichte von ihrem gefundenen Schwager erzählte. Ich führte sie zurück, um Herrn Rieme zu sehen, und traf ihn mit Auguste, mit den Kindern und der Martha, welche er aus seiner Vaterstadt mitgebracht hatte. Er kauft das ganze Haus von der Wittwe des närrischen Gartenmannes, und wir haben nun ein paar herrliche Menschen mehr in unserm Cirkel. Aber das Gucken, das Gaffen, das Aufhorchen hätten Sie mit ansehen sollen, als die ältere Mademoiselle Bogen den zweiten Abend ihre Schwester als Braut des Herrn Rieme vorstellte, und diese mit einem Halsband und Braseletten von Diamanten und Perlen dastand, und die Andern auf einem so schönen Teppich herumtappten, dergleichen sie nie auf dem Tische einer der vornehmsten Prunkstuben gesehen hatten. – Rieme ist ein vortreflicher und noch sehr hübscher Mann; seine braunen Buben sind recht lieb, sein Mädchen artig, und Martha recht brav und bescheiden. – Aber wir wollen doch keine große Tochter, wenn wir sie gezankt haben, zu einer Martha einsperren, und sie in Gefahr setzen, die Gesinnungen einer Martha anzunehmen: – Nicht alle junge Liebhaber kommen nach Ostindien, und von dort mit Redlichkeit, Gold und Liebe zurück zu den Füßen einer Wohlthäterinn. – Nun danken Sie mir hübsch für meinen Roman, und schicken Sie mir bald das Ende von der langen Geschichte unserer van Guden . N. S. Theure Mariane! ich kann Sie heute nur umarmen, aber der Brief von Frau Grafe dient wohl für zwei Blätter von Ihrer Rosalie Zwanzigster Brief. Rosalie an Mariane. Ich schickte Ihnen neulich nur den Brief unserer stets muntern Frau Grafe. Weil die Bogens Ihnen lieb waren, so, dachte ich, interessirt Sie die Geschichte. Heute kann ich Ihnen nach eigenem Gefühl davon schreiben, denn sie waren gestern alle bei uns. Herr Rieme ist ein vortreflicher Zuwachs zu unserer Gesellschaft, denn man kann nicht leicht einen vernünftigern und angenehmern Mann in einen Cirkel bringen, als er durch so lange und ausgedehnte Erfahrungen geworden ist. Die stumme Auguste Bogen zeigt sich als liebenswerthe Frau, und die Kinder sind artig, ob sie schon etwas Scheues und Fremdes an sich haben. Sie waren mit Frau Grafe gekommen, und reisten Abends wieder zurück, Letzte aber blieb auf ein paar Tage bei uns. Sie denken wohl, daß noch lange von Rieme und seiner Familie gesprochen wurde, denn ein jedes von uns hatte seine eigenen Bemerkungen gemacht, und auch gefunden, daß Madame Rieme wirklich durch ihr langes eigensinniges Schweigen jetzo noch ungern und langsam spricht. Madame Grafe hat sie gefragt: Ob es ihr nicht anfangs viele Mühe gekostet hätte, ihr Gelübde zu halten? Sie antwortete lächelnd: »Ja wenn ich bei meinen Geschwistern geblieben wäre, die ich alle sehr zärtlich liebte; aber bei meinem Oncle und Tante, die ich nie gern hatte, und die mich zu sehr schmälten, freute es mich, sie durch mein Schweigen zu plagen.« Aber es war doch ein sonderbarer Eigensinn, durch welchen auch Ihre besten Freunde geplagt wurden. – »Diese waren weit von mir – waren, wie meine Geschwister, glücklich; ich schrieb ihnen und meinen Eltern, daß ein innerlicher schmerzhafter Krampf mir das Reden sauer und beschwerlich machte, und daß ich immer schweigen wollte, von meiner Familie also weiter nichts begehrte, als meinen Unterhalt. Dieser wurde mir gegeben, und ich war bald gewohnt, nur zu hören, ohne je mit zu reden. – Manchmal, wenn ich mich ganz allein wußte, sprach ich leise mit mir selbst, oder las laut, um zu prüfen, ob die Organe der Sprache noch biegsam seyen.« Aber zwanzig Jahre lang, liebe Auguste! wie konnten Sie das durchsetzen? »Durch die Erinnerung an das Frauenzimmer in F—t, welche auch von strengen Eltern mishandelt wurde, und 23  Jahre lang im Bette lag. Mein Schweigen dünkte mich artiger, denn ich blieb doch in Menschenumgang – mein Verstand erhielt Nahrung; ich arbeitete ungestört, und war also noch nützlich.« Das waren zwei ausserordentliche Mädchen – sagte ich; aber mein Oncle und Cleberg möchten keine von beiden weder zur Tochter noch Schwester haben, und sind froh, daß aus dieser Ehe keine Kinder kommen werden, indem sie diesen Starrsinn nicht fortgepflanzt wissen möchten. Doch war uns das bettliegende Mädchen viel unangenehmer als das schweigende, und Frau Grafe behauptete, es müsse auch in den andern Personen dieser Familien ein sonderbarer Geist regiert haben, da man dieses Betragen der Töchter duldete – – Ich glaube wohl auch, daß in der ersten Erziehung Fehler vorgingen, welche am Ende die Kinder zu einer verdorbenen Phantasie führten – und ich umarmte Abends meine Nanny mit Thränen im Auge, indem ich den Himmel bat, mich auf einem guten Weg ihrer Bildung zu erhalten. – Frau Grafe ist überzeugt, daß wir und unsere Kinder in unsern Umständen einen großen moralischen Vortheil genießen, wodurch uns der Unterricht, und den Kindern das Gehorchen ungemein erleichtert würde, da sie den Rang von Cleberg und Grafe als einen Mittelpunkt betrachtet, von welchem man sehr gemächlich aufwärts und abwärts alle Stufen des höhern und niedern Standes betrachten und kennen lernte; daß die letztere uns zufrieden und glücklich, die erstere aber bescheiden und zurückhaltend machen sollten; daß auch unser Auge auf unserer Stelle in Allem jede Wahrheit des Guten und Schönen finden könne, welche wir dann unsern Kindern mittheilten, und ihnen die gründliche Güte unserer Lehrsätze durch den heitern liebreichen Ton unseres Umgangs und Betragens bewiesen. – Sie wurde über diese artige Betrachtung gelobt; aber als sie hinzusetzte: Daß eine edle Selbstzufriedenheit der wahre Grund des Glückes sey, bei welchem man niemand anders beneide – so wurde sie von meinem Oncle beinahe gezankt, indem er befürchtete, wenn sie diesen Gedanken in ihre Erziehungsgrundsätze verwebte, so würde sie dem Charakter ihrer Pflegkinder schaden, und äusserst lebhaft setzte er hinzu: »Aber, liebe Frau! ich hoffe, Sie haben uns ein Wort für das andre gesagt, und edle Genügsamkeit gemeint, denn Selbstzufriedenheit ist so nahe mit Eigendünkel verwandt, daß junge Leute nicht sorgfältig genug vor diesem Irrthum bewahrt werden können.« Sie versicherte nun, daß sie auch nichts anders sagen wollte, und daß ohnehin noch nicht Zeit wäre, mit ihren jungen Leuten über diese Gegenstände zu sprechen; aber es war meinem Oncle so angelegen, daß er Abends, als Frau Grafe in ihr Zimmer gegangen war, noch bei uns blieb, mich und Cleberg bei der Hand nahm, und sagte: »Lieben Kinder! versprecht mir, meinen Carl und meinen Wilhelm nie nach den Ideen der Frau Grafe zu leiten. – Gebt den lieben Knaben herzliche Ehrfurcht gegen Gott und die Gesetze der Ordnung vom Unterschied der Stände, welche er in der Welt entstehen ließ – und zeigt ihnen durch euer Beispiel, daß große Kenntnisse und vernünftige Güte das schätzbarste Glück der Erde seyen.« Ich küßte seine Hand und sagte: Dieser Rath soll die Richtschnur meiner Lehrstunden werden, theurer Oncle! Und ich kann alles hoffen, weil ich meinen zwei Söhnen in Ihnen und meinem Cleberg die edelsten Vorbilder des wahren Glücks und wahrer Verdienste zeigen kann. – Mein Oncle umarmte und segnete mich; Cleberg küßte eine meiner Hände, und sagte so artig. »Die ganze Welt kann Gutes hoffen, wenn zärtliche tugendvolle Mütter ihren Söhnen die Bilder des Verdienstes bekannt machen.« »Thue es immer, liebe Rosalie!« fiel mein Oncle ein, und gieng dann mit freundlicher aber nachdenkender Miene schlafen. Cleberg fand, daß der Oncle in seinen Anmerkungen über die Ideen der Frau Grafe Recht habe; und auch den folgenden Morgen wurde bei dem Frühstück noch lebhaft über die moralische Schattirung gesprochen, welche in den Ausdrücken: Seldstzufriedenheit und Genügsamkeit , liege. – Unsere liebe Frau Grafe hehauptete noch: Das erste mache einen Grund irrdischer Glückseligkeit; das zweite sey eine Tugend. – Cleberg wollte durch einen muntern Einfall den Ernst ablenken, welchen er bei dem Oncle befürchtete, und sagte: »Sie haben recht, liebe Frau! aber das Glück der Selbstzufriedenheit steht auf keinem so sichern Grund, als die Tugend des Genügsamen , weil diese immer zugleich einen Grad stillen Glücks in sich schließt.« Die muthwillige Frau stand auf, betrachtete ihn von Kopf bis zu den Füßen, und lustig fragte sie: »Ei, mein Herr! wo wurden Sie mit dieser Tugend bekannt, daß Sie sie mit der Genauigkeit beschreiben können?« Cleberg erwiederte: »Zu der nämlichen Zeit, da ich ihre übrigen Schwerstern kennen lernte – denn Sie wissen ja wohl, daß die Tugenden in dem Gebiete der Weisheit wohnen.« »O ja; und ich weis auch, daß Sie sich diesem Gebiet näherten, als Sie die Freundschaft des guten Oncles suchten, aber mit der Genügsamkeit scheinen Sie mir nicht sehr bekannt zu seyn.« »O wie wenig wissen Sie von meinem Glück und meinen Verdiensten! Besitze ich nicht in Rosalien diese Tugend, da sie sich bei der Wahl einer großen Menge Liebhaber mit mir begnügte?« Diese drollige Wendung hatten wir nicht erwartet, und mußten herzlich lachen. »Aber Frau Grafe sagte: »Dieser Gedanke scheine ihr ein schreckenvoller Ueberrest seiner Politik zu seyn, wo man immer die Tugenden der Andern benutzt, ohne viel eigene zu haben.« »Sie sind sehr streng; (sagte Cleberg) aber Sie kennen doch auch Leute, welche mit geborgtem Gold große eigene Reichthümer erwarben?« »O ja; und ich glaube, Sie gehören dazu, wenn ich Sie als Neffen dieses Mannes – (auf meinen Oncle blickend) und als Gatten dieser Frau betrachte.« Bei diesen Worten faßte sie mich bei der Hand. Mir wurde bange, denn Cleberg lächelte fein, so wie wenn er anfängt böse zu werden. Doch antwortete er sehr artig: »Beides ist immer Beweis, daß ich überzeugt bin, daß nur Tugend glücklich macht.« Frau Grafe drohte ihm hier mit dem Finger, und endigte dieses sonderbare Gespräch mit einem: O Sie! Ich war froh darüber; und gewiß es war Zeit, daß sie endigten, denn es ist selten, daß nicht der Wettstreit zwischen zwei witzigen Köpfen auf einmal etwas Beleidigendes herbeiführe, welches eine Frau ungern vergiebt, und die Männer sind auch nicht edelmüthig genug, es zu übersehen. Doch hatte dieser Streit meinen Oncle belustigt. Nun kam die Brieftasche, und ein groses schwarz versiegeltes Paquet an Herrn Waller. Mein Mann wurde etwas betreten, denn er hatte es meinem Vetter sogleich übergeben, als er nur die Aufschrift las. Der junge Mann wandte es um, sah das schwarze Siegel und erschrack. Mein Oncle, der es bemerkte, sagte: »Lieber Herr Waller! gehen Sie und lesen Ihre Briefe; ich hoffe, es ist nichts Schlimmes für Sie darinn.« Der gute junge Mann hatte schon das Paquet eröfnet, eilte weg, sah in der Thüre noch traurig um sich, und sagte: »Ach mein Vater ist todt! – Cleberg gieng ihm nach, und mein Oncle sprach sehr teilnehmend von dem Kummer des guten jungen Menschen, und lobte ihn ungemein über alles, was er von ihm wußte. Mir war nicht wohl dabei, weil ich fühlte, daß nun die ganze Sache von Clebergs Versöhnungsplan ohne anders entdeckt werden müßte, und ich nicht wissen konnte, wie es mein Oncle ohne alle Vorbereitung aufnehmen würde; denn dieser Schwager hatte ihn so unerhört beleidigt, und selbst seine Grosmuth so ermüdet, daß man, wie Sie wissen, in vielen Jahren die Leute nicht einmal nennen durfte. Endlich kam Cleberg in das Zimmer; mein Oncle fragte gleich mit so viel Güte. »Was macht der junge Mann?« Er ist sehr traurig – antwortete er mit bewegter Stimme, worüber mein Oheim ihn mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete, zu ihm trat, und ihm mit den Worten die Hand reichte: »Lieber Sohn! was ist an der Sache? Ihr Aussehen beunruhigt mich.« Mein Mann drückte seine Hand, und blickte ihn mit einem Ausdruck an, der mich unendlich rührte. »Cleberg! was haben Sie?« (sagte mein Oncle lebhaft.) – »Theurer Oncle! kommen Sie mit mir in Ihre Stube.« Nun giengen sie weg; ich umarmte die staunende Frau Grafe, indem ich sie bat, uns ihre Segenswünsche zu schenken. Da ich weinte, erschrack sie, sagte aber doch halb munter: »Gütiger Himmel! was habt Ihr Leute? Es ist ja, als ob eine Art Seelenpest in dem verwünschten Pack angekommen sey. Rosalie erklären Sie mir das, ich bitte Sie.« Ich erzählte ihr nun die Sache; sie tröstete mich, und behauptete, es würde gut gehen, weil der Tod immer, auch bei den schlimmsten Leuten, alle Beleidigungen aussöhne. Aber es wäre eine Probe für die Weisheit und Güte des Oncles, welche sie begierig abwarte, und auch sehen wolle, wie sich Clebergs feiner Geist aus dieser selbstgeflochtenen Schlinge ziehen würde. – Sie war böse, daß er nicht in unserer Gegenwart mit dem Oncle sprach, damit wir Zeugen von seiner Demüthigung gewesen wären, u. s. w. Aber alles dies vermehrte meine innerliche Unruhe; und da es lange dauerte, bis ich daraus gezogen wurde, auf einmal aber die zwei Männer Hand in Hand in den Saal traten, so überwältigte mich meine Freude, denn indem ich aufstand und meinem Oncle entgegeneilte, sank ich beinah zu seinen Füßen nieder, indem ich ganz übel wurde. Sie erschracken, und faßten mich auf; mein Oncle, der mich todtenblaß sahe, rief aus: »Mein Gott! werden mir diese Leute Rosalien tödten, die ihnen so viel Gutes that?« Frau Grafe war fort, um frisch Wasser und mein Mädchen zu holen, aber als sie kam, lag ich an dem Busen meines Oncles, der mich umarmt hielt, und über mir weinte. – Das erste, was ich sagte und sagen konnte, war: Ach lieber Oncle! vergeben Sie! – »Liebes Kind! sey ruhig! Gott segne dich und deinen Mann! Lebe, meine theure Rosalie! Ich habe alles, alles, und recht gerne vergeben.« Nun konnte ich weinen, und küßte seine Hände. Cleberg war auch ausserordentlich gerührt, und ich wurde bald ganz hergestellt. Da sagte mein Oncle zu Frau Grafe. »Nicht wahr, vor einer Stunde hätten wir diese Scene nicht vermuthet?« »Wie wäre das möglich gewesen? – (sagte sie). Ich bin jetzo noch in einer Art von Traum dabei.« »Ich will Ihnen erzählen, (erwiederte mein Oncle) wie die Rosalie da und der Cleberg mich täuschten,, und Sorge trugen, einen Fehler aus meinem Herzen zu bringen.« Mir ward bei dem Wort täuschten etwas bange, aber der liebe gütige Mann sagte nur ganz einfach: »Daß ehmals sehr große Beleidigungen gegen ihn und meine vortrefliche Mutter ihm seine ältere Schwester und ihren Mann verhaßt machten, und er niemals mehr etwas von ihnen wissen wollte; daß ich aber von ihm erhalten hätte, sein Vermögen, welches er mir ganz zugedacht habe, zum Theil denen in der That unschuldigen Kindern der Leute zu geben, welches er auch in seinem Testament verordnet habe. Da hätte aber Cleberg einen Sohn der Leute gefunden, der wirklich von Kopf und Herz ein schätzbarer junger Mann sey; den habe er studieren lassen, und unter dem fremden Namen Waller in das Haus gebracht, um durch ihn eine gänzliche Aussöhnung zu erhalten. – Der Mensch wurde mir lieb, setzte er hinzu; ob ich schon manchmal etwas von einigen mir sehr widerlichen Gesichtszügen in ihm ahndete, so strafte ich dieses als Unrecht und zu tief eingewurzelten Haß. Nun haben Sie den Auftritt bei der Brieftasche gesehen, und Clebergs Verlegenheit bemerkt, als er mich zu sprechen wünschte. Ich bekenne, (fuhr er fort) es war mir unbegreiflich, meinen edeln entschlossenen Cleberg beinahe zitternd vor mir zu sehen. Ich faßte ihn auch fest in das Auge, und fragte: Was geht vor, daß Sie mit dieser Bestürzung mich anblicken?« Ach, mein würdiger Freund! Sie müssen mir etwas vergeben! – »Ich! Ihnen! Wie? Ich verlor die Kraft zu reden. Nun erzählte er mir die Anstalten, wodurch er den Sohn meiner Feinde in sein Haus und in mein Herz führte – denn warlich, der junge Mann hat Theil an meinem Herzen. Sein Vater ist todt – ich wollte, ich wäre versöhnlicher gewesen. Ich habe nun meinen Neffen umarmt, habe ein paar Worte an seine Mutter geschrieben, und er ist zu ihr gereist, um den Frieden zu verkünden.« Ich, theure Mariane! war die ganze Zeit über, als er sprach, und eine meiner Hände hielt, stille. Als er sagte: »Ich wollte, ich wäre versöhnlich gewesen« beugte ich mein Gesicht auf seine Hand – er drückte sanft die meinige, war aber Mann genug, um den Ueberrest seiner Erzählung ruhig zu endigen, und dann meinen Cleberg aufzusuchen, mit welchem er zu uns kam, und den übrigen Theil des Abends mit der gewöhnlichen Miene und Ton verlebte. – Wir freuten uns alle darüber, fanden aber auch natürlich, daß, da auf einer Seite die unangenehmen Ideen entfernt waren, welche dieser Vorgang in ihm erneuerte, er auch die innere Zufriedenheit der Güte und des Vergebens genoß. Uns beiden war die Gegenwart der Frau Grafe unschätzbar, weil sie uns allen eine Art von Zerstreuung gab – und (wie Cleberg sagte) weil die Erzählung, welche der gute Oncle ihr nach seiner Weise gemacht hatte, die Hochachtung und der Beifall, welche sie ihm bezeigte, ihn mit sich selbst und uns Uebrigen zufriedener machte. – Ott und Julie besuchten uns Nachmittags. Ich vermuthete, daß mein Oncle über alles mit Ott sprach, da er mit ihm auf dem großen Vorplatz meines Hauses auf und ab gieng, bis die Theestunde kam, wo er bei dem Eintritt in den Saal Clebergs Hand in Otts seine legte, sie stillschweigend mit seinen Händen drückte, und dann seinen Sitz nahm. Wir wollten nach dem Thee den Sands eine kleine Visite machen, aber ein Regen hinderte uns, und Julie freute sich darüber, weil sie uns mit einem allerliebsten Buch unterhalten wollte: Die Sagen der Vorzeit . In Wahrheit, Liebe! die Auszüge, welche sie vorlas, gaben uns die größte Begierde, den Verfaser zu kennen, nicht nur wegen des eignen einnehmenden Gangs der Gedanken, sondern auch wegen der großen edeln Charakrerzüge und Feinheit des Geistes, welche er in dem simpelsten Gewand einführt. Ich hoffe, alle Adeliche unsers Deutschlands lesen die Sagen, welche so viel Glanz auf ihre Ahnen werfen. Lesen Sie selbige doch auch; wir können beinah nicht aufhören. – Ein und zwanzigster Brief. Rosalie an Mariane. Heute, meine theure Mariane! hören Sie von einem neuen Lebensplan Ihrer Freunde Cleberg. Frau Grafe bekommt unser schönes Haus in der Stadt, und wir bleiben für immer in Seedorf. Die Ottens, Latten, Grafe selbst, Linke und Bogens, nebst Andern, bedauern es sehr, besonders wegen der Fremden, für welche unser Haus eine sichere, und ich darf sagen, angenehme Zuflucht war. Der höfliche und heitere Ton meines Mannes und meines Oheims, mein gutmüthiges Wesen, mein Klavier, und die liebenswerthe Weiber und Mädchen, welche von Zeit zu Zeit meine Winterstube zierten, alles dies wird als Verlust der Freude von den besten rechtschaffensten Freunden bedauert. Madame Grafe will unsere Rolle in diesem Fach übernehmen, und wir werden alle Woche einmal in die Stadt kommen. »Wer uns liebt, (sagt Cleberg) besucht uns in Seedorf, und die wir lieben, besuchen wir in der Stadt.« – Es freute ihn, daß ich sogleich innig zufrieden war, in den Armen der Natur zu bleiben. Er dankte mir für meine frohe Einwilligung, und sagte. »Nun hoffe ich hier meinen Plan ganz durchzusetzen, weil der erste Theil so gut gelang. Du weist, Liebe! daß ich eine Predigt von den Pflichten der Beamten veranstaltete, und unter andern auch sagen lassen mußte, daß der Beamte, wenn er getreu handeln wolle, bei der Wahl der Schultheißen auch immer den rechtschaffensten Mann nehmen müsse; daß diese, der Pfarrherr, die Schulmeister und Wundärzte unter seiner Aufsicht stünden, und er immer wegen ihrer Fehler angeklagt werden könne. Ich ließ den Unterthanen nichts von ihren Pflichten sagen, weil ich berechnete, daß ihnen der Gedanke kommen müßte: Hat unser Oberamtmann so viel für uns und den Herrn zu thun, so wird er auch fordern, daß wir als Unterthanen unsere Pflichten erfüllen . – Sie haben es gethan, weil ich redlich die meinige erfüllte – und deswegen bleibe ich hier, um das Gute, das ich angefangen, zu vollenden, und meine Amtsunterthanen zu den besten und glücklichsten Landleuten zu machen.« Ich hörte dieses so gerne, er war von einem so heiligen Eifer beseelt, daß er mir doppelt lieb und verehrungswürdig war; ich küßte seine Hände, und segnete seinen Plan, indem ich ihn bat, mir zu sagen, ob ich meiner Seits etwas beitragen könnte, wodurch die Ausführung erleichtert würde. Er umarmte mich, und sagte: »Du hast mir durch vergnügte Einwilligung in mein Hierbleiben alles erleichtert. Dein Leben, und deine Art zu handeln, ist die Krone meines Glücks.« So ein Mann! Mariane! ist er nicht auch das Glück, das größte Glück seiner Frau und Kinder? Verehren Sie nicht mit mir den Zug von Menschenkenntnis und Schonung, welche er in den Entwurf dieser Predigt legte? – Der Zufall hat aber auch das Seine gethan, und wenigstens den Entschluß des Hierbleibens schneller zur Reife gebracht; denn Cleberg fand jüngst von ungefähr im Durchblättern neuer Bücher den Gedanken: »Große Männer in Wissenschaften und Künsten gehören nicht dieser Ration, oder diesem Jahrhundert, welche wir dem Guten und Schönen besonders günstig achten, sondern sie entstehen unter dem Fürsten, der sie liebt und schätzt.« Sogleich sagte mein Mann: »Mein Fürst liebt und schätzt gute Untertanen; da will ich versuchen, ob nicht dieses Mittel uns vorzüglich gute Landleute schaft.« Nun sind seit diesem Zufall etwa sechs Tage verflossen, und ich glaube ganz richtig zu urtheilen, wenn ich sage, dieser Zufall beschleunigte die Ausführung des schon lange gefaßten Plans. Ich habe mir nun auch neu vorgenommen, alles, was die ländliche Wirthschaft angeht, mir eigen zu machen, und ich möchte es wohl zu der rühmlichen Vollkommenheit bringen, wie Frau N. bei Eisenach, welche das herrlichste Gemüs und Obst der ganzen Gegend zieht, und es dabei auch am besten zu kochen und aufzubewahren versteht. Ich bilde mir ein, auch schon mehrere Schritte auf diesem schönen Wege gemacht zu haben, da ich Herrn Bryants Werk, über die zur Nahrung dienenden Pflanzen, so fleißig studierte, auch den Anbau des Flachses und des Hanfes dazusetzte, weil ich gerne auf weissem Tischzeug esse, und in weissem Leinen schlafe. Mein blühender Flachs machte mir daher eben so viel Freude, als der Blumenteppich meinem Oncle. Sie kennen von diesem nur den Entwurf, den Abhang des Gartens vor dem Saal, gegen die Landstraße hin, in zerstreute mit schönem Gras eingefaßte Blumenstücke anzulegen. Die Ausführung ist so gut gerathen, daß wir keinen bessern Namen finden konnten, als des Oncles Blumenteppich. Cleberg aber hat, nach dem Ausspruch von Frau Grafe, eine andre Grille ausgeheckt, indem er alle Gemüsbeete mit Blumenbüschen zieren ließ, als ob sie hier und da von ungefähr aufgewachsen wären. Sie wissen, wie viel dieses alles im Ganzen für mich ist, und daß ich bei aller Verschiedenheit, welche Geschlecht und Erziehung dem Weibe geben, doch meistens mit meinem Oncle und Cleberg einstimmig denke, und es war wirklich überraschende Freude für mich, als mein Mann sagte: »Wir wollen die glückliche Eroberung der Familie von Sand zu mehr als gesellschaftlichem Vergnügen benutzen, denn ich werde Gelegenheit suchen, mit den Schülern des ältern Bruders die ganze Naturlehre zu hören.« – Diese Idee ist vortreflich; denn die Sands haben eine Sammlung physikalischer Instrumente mitgebracht, welche der ältere Bruder nach Clebergs Zeugnis, wie ein Professor, zu gebrauchen weis. Ganz sicher werden wir bei diesen schätzbaren Menschen eine der schönsten und angenehmsten Früchte der Wissenschaften genießen. – Sie können nicht glauben, wie sehr mich diese Aussicht freut, welche uns gestern ganz freimüthig gegeben wurde, als wir bei Sands einen Besuch machten. Der ältere führte uns sogleich in das oberste Zimmer des Thurms, wo er alle physikalische Instrumente in der größten Ordnung aufgestellt hat, und sie uns zeigte. Er mag nach seiner Wissenschaft vorhergesehen haben, daß der Sonnenuntergang sehr schön seyn würde, und er also, dem Grundsatz des Montagne zufolge, seinen Kindern eine obwohl zufällige doch nützliche und eindringende Lehre geben könne. Denn nachdem wir die Einrichtung des Zimmers gelobt hatten, zeigte er, daß unser Beifall ihn freue, setzte aber sogleich hinzu: »Dieses Zimmer ist mir auch wegen seiner ringsumher freien Lage doppelt angenehm, weil man hier viel lebhafter, als in einer Stube in der Stadt, von den Wundern und Schönheiten der Natur reden kann. Zum Beweis: Sehen Sie nur gegen Kahnberg hin die von der niedergehenden Sonne so herrlich gefärbten Abendwolken in der Luft, und ihren Wiederschein in dem kleinen See.« Natürlich traten wir alle an die Fenster, und er bat um Erlaubnis, seinen jungen Leuten bei diesem Anlaß etwas über Wolken, Licht, Farben und Strahlenbrechung zu erzählen, indem der Himmel wirklich von seltener Schönheit sey, und er vermuthe, daß sie gerne etwas von den Ursachen dieses Schauspiels wissen möchten. Wir dankten ihm für den Vorschlag, und erstaunten über die Deutlichkeit und Anmuth seiner Erklärungen, welches aber nicht allein aus der Quelle seiner Kenntnisse, sondern auch seiner edeln Gefühle floß, und seiner Rede jene sanfte Wärme gab, die immer auch nach dem Herzen der Zuhörer dringt, den Lebensgeistern eine schnellere Bewegung giebt, Aug und Ohr aufmerksamer hält, und die Lehren des nützlichen Wissens mit Vergnügen auffassen macht. Mein Oncle lebte ganz auf, und horchte wie ein lehrbegieriger Schüler. Sand dankte uns am Ende für die Gefälligkeit, welche wir hatten, seinen Kindern eine Lehrstunde zu verschönern. Mein Oncle war der erste und schnellste zur Antwort, und sagte: »Es ist lange, theurer Herr Rath! daß ich physikalische Vorlesungen hörte, aber ich versichere Sie, wenn Sie mir erlaubten, mich unter Ihre Schüler zu gesellen, so würde ich, so wahr ich lebe, gewiß keine Lehrstunde versäumen, und wirklich denken, daß sich an solchen Abenden, wie heute, ein Bild der Morgenröthe meiner Jugend erneure.« Keines von uns, am wenigsten aber der gute Rath von Sand, hatte diese Erklärung vermuthet; wir sahen alle meinen Oncle mit einer Art von Staunen an, und Sand antwortete ganz bewegt: »Mein würdiger Herr Geheimerrath! Sie können mir glauben, wenn ich sage, daß mir nie etwas schmeichelhafteres vorkam, und daß ich mich unendlich glücklich achte, Ihren Beifall erworben zu haben. Das Zuhören steht Ihnen frei, so oft Sie wollen, denn ich werde oft mit meinen guten Schülern reden, weil es mein Vorhaben ist, daß ich hier meine Kinder mit Gottes Welt und seiner Güte bekannt machen will, indem es nicht möglich ist, daß sie je einen bessern Zeitpunkt dazu finden können.« – – Als er aufhörte zu reden, sagte mein Oncle: »Nun, Herr Rath, schreiben Sie mich unter Ihre Schüler« – Cleberg stand auf, winkte mir, faßte Herrn von Sand freundschaftlich bei der Hand, und sagte: »Herr Rath, Sie müssen auch mir und meiner Rosalie einen Platz bei Ihren Vorlesungen geben; ich versichere, daß wir sehr dankbare Lehrlinge seyn werden.« Auf diese Art wurde halb scherzend die Sache angefangen, und dann ernsthaft verabredet, daß der Rath von Sand uns allen einen vollständigen Unterricht in der Naturlehre geben wolle. Nun umarmte ich die Mädchen, als meine Mitschülerinnen, und die Buben mußten meinem Oncle und Cleberg die Hände zu guter Schulkameradschaft geben. Wir sprachen dann von Wetteifer und Freude über das Glück gründlicher Kenntnisse alles Guten und Schönen; die jungen Leute wurden trauter mit uns, und wir jünger mit ihnen. Als wir nach Haus giengen, begleiteten uns die Brüder Sand, und segneten uns für das Beispiel der Lehrbegierde, welches wir ihren Kindern gegeben, und für die freundliche Anerkennung der Schulgesellen. Sie glauben, daß wir dadurch ihren Kindern mehr Wißbegierde und mehr Hochachtung für ihre Lehrer einflößten. Mein Carl wurde zu den geometrischen Lehrstunden eingeladen, weil Sand die Ueberzeugung hat, daß diese Wissenschaft nicht zu früh erlernt werden könne. Wir wollen es versuchen, besonders da die Probe dieses Grundsatzes mit den Sandischen Buben so vortreflich gelang – warum sollten Clebergs seine dabei zurückbleiben? Ich wünschte, Sie könnten sehen, was für ein neuer Schwung in uns alle kam, seitdem wir wissen, daß wir beständig hier bleiben; der Eifer hat sogar meine Dienstboten ergriffen. Seedorf ist doch keine Linie breit weiter von der Stadt gerückt, als die zwei kleine Stunden Entfernung, welche es immer hatte, und wir sagten unsern Leuten nur: Wer von ihnen die Stadt vorziehe, müsse es bald sagen. Nun wollte Keines unsern Dienst verlassen, alle waren zufrieden bei uns zu bleiben; aber seit dieser Anzeige haben alle ihre Kleidungsstücke durchsucht, und sprechen sich viel von dem, was sie noch aus der Stadt brauchen. Alle gehen geschwinder, eilen sich mit ihrer Arbeit, und haben ein seltsames Treiben in sich. Cleberg baut auf beiden Seiten des Hauses an die alten Remisen neue, weil er aus der Hälfte der ersten, deren Mauern nun schon trocken sind, auf jeder Seite drei Zimmer macht, und zugleich einen meiner alten ländlichen Wünsche erfüllt, daß der ganze zweite Stock auch einen gegen den Hof zu offenen Gang erhält, von welchem eine Treppe sogleich in den Garten, die andre an das Thor gegen das Dorf führt; dieser Bau, welcher bei meiner zunehmenden Familie nöthig ist, wurde noch gestern Abend bei dem Nachtessen beschlossen. Heute bei dem Frühstück belustigte mich der Eifer, mit welchem mein Mann und mein Oncle von ihren neuen Studierstunden sprachen, und auch schon eine andre Eintheilung ihrer bisherigen Arbeiten machten. Bei Ankunft der Posttasche wurde unter den Artikeln der gelehrten Leitungen sogleich die von der Physik aufgesucht, und die mathematischen Abhandlungen erhielten auch eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit. – Mein Oncle sagte: »Daß die Grundlinien, welche von dieser Wissenschaft in seiner Seele geblieben, ihm nun bei dem neuen Lauf physikalischer Uebungen große Erleichterung geben würden.« Cleberg, der noch viel näher bei der Zeit dieser Studien ist, genoß eine wirklich edle Selbstzufriedenheit bei dem Zeugnis der Wiedererinnerung, daß er immer die Mathematik liebte, und ihren vielfach nützlichen Einfluß in allen Geschäften des Lebens täglich erfahren habe, indem es gewiß sey, daß die Mathematik den Blick sicher und die Urtheile richtig leite. – – Ich freute mich ungemein über den lebhaften und vergnügten Ton, in welchem Beide über diesen Gegenstand sprachen, und immer ihre neuen Lehrstunden dazwischen nannten, weil es gewiß einen großen Einfluß auf meine obgleich noch sehr junge Söhne haben kann; denn ich glaube, daß Kinder, weil die Freude dieses Alters immer lärmend ist, auch bei dem erhöhten muntern Ton der Erwachsenen den Gesprächen desto aufmerksamer zuhören, um die Ursache des Vergnügens zu entdecken, wovon sie den Ausdruck in den Mienen und der Stimme bemerken. Da kann ja bei diesem Frühstück die Idee: Das Studium der Mathematik giebt Vergnügen – in die Seele eines meiner Knaben gekommen seyn, wurzelt in dieser Gestalt in seinem Gedächtnis, und erleichtert ihm einst die Schritte auf dieser Laufbahn; denn da allein die Hofnung des Genusses eines ungewöhnlichen Vergnügens selbst edle Jünglinge auf den Weg des Verderbens führt, so ist es ja eine höchst glückliche Stunde, in welcher die Aussicht zu Freuden an der Seite des Wissens und der Verdienste erscheint. Das ist Zufall – aber, o meine Mariane! wie viel müssen wir immer dem Zufall übergeben, ihm überlassen, selbst von unsern bestüberdachten Entwürfen! Wissen Sie noch, was wir uns alles sagten, als Sie bei uns wohnten, und weit entfernt waren, je wieder in Ihre Familie zurückzukehren? – Aber Ihre Schwägerinn stirbt; dieser Tod erweckt materielle moralische Gefühle (wenn ich so sagen kann) in Ihrer Tante und Ihrem Bruder; sie fürchteten das eigene Sterben und Gottes Richterstuhl – erinnerten sich des Unrechts gegen Mariane, und wünschten Aussöhnung. Sie , mit einem Herzen voll wahrer edler Tugend, vergaben alles und versöhnten sich: – Und so beraubte mich der zufällige Tod einer fremden Frau des größten Glücks seines Lebens – denn ich verlor Sie . – Ach zanken Sie mich nicht! Ich habe lange Zeit geschwiegen – aber die Veränderung, welche nun in meiner Familie vorgeht, und hundert neue Entwürfe entstehen macht, ruft auch die vergangene Zeit zurück. Kann ich Mariane vergessen? Kann ich den natürlichen Gang des Vergleichens von dem, was war, was jetzo da ist, und nach unsern Wünschen seyn sollte, hindern? Lassen Sie mich immer das Vergangene zurückrufen; ich denke dabei dankbar an das genossene Gute, und gewiß ich sage mir auch: »Was hast du für Recht, für Verdienste, daß dein Wohl, deine Freude nicht unterbrochen, und deine Geduld nicht zur Uebung berufen werde?« – Ich bekenne Ihnen hier, daß ich etwas lebhaft von der Trauer meines Herzens sprach, als gestern Abend, da von neuer Einrichtung des Hauses die Rede war, man auch Ihre zwei Zimmer nannte. – Mein Oncle hörte mir zu, und sagte am Ende: »Rosalie! sage mir doch einmal, woher es kommt, daß du niemals weder über den großen noch kleinen Regen, noch über Sturm oder Hitze klagst, auch wohl ein bischen stolz darauf bist, gar nicht wetterlaunigt zu seyn, wie man zu sagen pflegt – es ist dies auch wirklich eine schöne Eigenschaft an dir: – aber sage, warum willst du dem Schicksal nicht eben so viel zu gut halten, als der Witterung? Warum wird bei großen oder kleinen Gelegenheiten der heitre Ton deiner Seele gehemmt? Sage dir, Liebe! doch einmal recht ernsthaft, daß es mit Glück und Freude wie mit dem Aether und der Sonne geht. Die Luft bringt Wolken und Gewitter, der Zufall große und kleine Beschwerden des Lebens herbei, welche den Glanz des Tages und den Schimmer der Zufriedenheit trüben. – Sie werden aber alle durch gleichmütige Ruhe erträglich, wie die Regen- und Wintertage es dir immer waren.« Ich sah betreten aus; Cleberg wollte mir etwas helfen, aber nur etwas – denn er faßte den Gedanken meines Oncles auf, und sagte: »Diese widersprechende Anlage in unserer Rosalie dünkt mich eine Vorbedeutung von ihrem Schicksal zu seyn, welches wohl sah, daß sie auf das Land versetzt würde, wo man dem Wind und Regen näher ist als in der Stadt, so wie man hingegen in dem Cirkel der Städtebewohner einer Menge Vorfälle ausgesetzt ist, die unsere feine Gefühle verletzen. – Die Natur machte sich also Rosalien zu ihrer Freundinn, und lenkte ihre Ungeduld gegen die Fehler und Unvollkommenheiten, welche unter den Menschen vorkommen, damit sie desto ehender an die ländliche Einsamkeit gewöhnt werde.« Sagen Sie! war ich da entschuldigt oder angeklagt? Ich mußte lächele und dankte für den freundlichen Ton der zwei Strafreden über meine wiederholte Trauer wegen Ihrer Abwesenheit, und über das nach meines Clebergs Meinung zu feine Gefühl: – Ach! wenn es mich ungerecht machte – wenn es mich hinderte, das Gute zuerst zu betrachten und zu suchen – da wäre es wohl sehr strafbar. – Sie selbst, ich weis es, würden mir nicht vergeben. – Da aber das Vergleichen des Guten mit dem Bessern kein Fehler ist, so bitte ich Sie, mir bald, bald einige Zeilen über diesen Brief zu schreiben. Zwei und zwanzigster Brief. Rosalie an Mariane. Die Sands sind recht liebe Menschen, und wissen Zeit, Kenntnis und Zufall zu benutzen. Unmöglich könnten die ihnen anvertrauten Kinder besser gebildet, und ihr Verstand artiger geübt werden, als in dieser Familie geschieht, und gewiß ist niemals ein größerer Beweis für die Vorzüge des Geistes des beinahe veralteten Montagne erschienen, als diese Leute in den von ihm genommenen Grundsätzen der Erziehung darlegen. Sie erlauben mir gewiß gerne, daß ich sogleich ein paar Proben aufschreibe. Vorgestern gegen Abend giengen wir alle nach Julienberg, und faßten von ungefähr den Gedanken, auf der etwas jähen und beschwerlichen Seite zwischen dem Gesträuche bergan zu gehen. – Cleberg und mein Oncle waren in der Stadt; Ott, mein Vetter und die beiden Brüder von Sand waren bei uns, um bald einem Kind – bald einem von uns Frauenzimmern nachzuhelfen. – Die jüngere Frau von Sand hat, glaube ich, durch viele eigene Kinder eine Uebung zärtlicher Nachsicht gegen junge Leute erhalten, und ist überhaupt immer so liebreich und munter mit ihnen, daß sie gerne um sie sind, so daß auch bei dem Klettern auf Juleberg (wie die Bauern sagen) Ottens und meine Knaben um sie schwebten. Auf dem dritten Theil des Wegs ist eine Moosbank; Frau v. Sand setzte sich, sah in der Gegend umher, heftete aber ihren Blick auf Kahnberg und die entfernte Stadt, lächelte freundlich dahin, und mit bedeutender Miene sagte sie: »Ey das ist artig, da habe ich ja alles vor mir, was ich und meine Schwester in unserm Leben als junge Mädchen machten, und was ihr gute Kinder jetzo thut.« – Die freundliche Miene gegen die Aussicht hin hatte die Buben und Mädchen schon nach der nämlichen Seite gucken machen, bald sahen aber wieder alle auf sie, welche sagte: »Ja ihr Lieben! da liefen wir auch erst in einer Tiefe umher, wie diese da unten, durch welche wir zu dem Berg kamen – wir pflückten auch Blumen und fiengen Käfer, wie ihr – konnten aber nicht weit sehen; da führten uns Vater und Mutter zu Kornfeldern, und erzählten uns von den guten Bauern, die sie anbauen, damit sie und wir Brod bekommen. Dann zeigten sie uns blühende Bäume, wie ihr im Frühjahr gesehen habt, und stiegen mit uns in einen Weinberg, da waren wir höher und sahen ein großes Stück Land, wie wir jetzt sehen, mit vielen Feldern und Bäumen, dann Dörfer, Schlösser und eine Stadt, wie hier Kahnberg, Altdorf, Neubau und die Stadt vor uns liegen. Es freute uns sehr, das alles zu betrachten, aber wir wollten doch höher steigen, wie ihr auch schon die Füße aufhebt und den Weg aufwärts blickt. – Da sagte mein Vater: Seht, liebe Kinder! mit dem Bergweg da ist es wie mit dem Lernen: Die Wiesenblümchen sind das ABC, nachdem kann man lesen, und die Bücher nützen dem Verstand, wie der blühende Baum und der Acker uns gute Früchte geben; dann kommt ihr weiter und lernt mehr, steigt also in den Kenntnissen, wie auf einen Berg, mit guten Freunden und Lehrern, die euch unterrichten; da sehet ihr vieles, und bemerket, was Gott auf der großem schönen Erde wachsen läßt, und was die Menschen in den Städten und Dörfern arbeiten und wissen, und wie sie sich am Abend freuen, wenn sie den Tag fleißig waren. Ist es nicht so? – Und hatten wir nicht recht freundliche Eltern?« (fragte sie.) » Gewiß! und: O ja! « – riefen die Jungen Leute. Frau von Sand sagte aber, da sie munter von ihrem Sitz aufstand: »Wir müssen weiter hinauf, Lieben! Wer wird aber am leichtesten und glücklichsten oben seyn – der Geschwinde oder der Aufmerksame?« »Ei, der Geschwinde!« antworteten ein paar Knaben, und fiengen an zu steigen – sie wußte aber wohl, warum sie das so hinwarf: denn ihr zweiter Sohn hat etwas Schnelles, Feuriges, der erste aber etwas Stilles, Nachdenkendes; dieser gieng dem Schein nach langsam, während die andern eilten, aber manchmal stolperten, wohl auch hinfielen, und oben ohne Athem keuchten, wo sie ihn schon fanden, und er auch ihnen die Hände reichte, damit sie noch sicher auftreten konnten. Es wurde aber nichts darüber gesprochen, denn die Sands halten nichts von öffentlichen Verweisen, und sagen: »In der Privaterziehung sollen die Kinder überzeugt werden, daß sie in den Hängen ihrer besten Freunde sind, welche sie sanft vor Schaden warnen, und ihnen stille ihre Fehler anzeigen, wie wahre Freunde immer thun, und alles Gute und Nützliche mit ihnen theilen.« Sie wollen dadurch auch den jungen Leuten einen tiefen Eindruck von dem Werth der Freundschaft geben, und immer den edeln Weg offen lassen, daß sie sich selbst zur Besserung entschließen – vor sich selbst sich schämen, und einen Werth auf das Zeugnis ihres eigenen Herzens legen. »Bei der öffentlichen Erziehung in Schulen (sagen sie) sey es anders. Da stünden die Kinder unter einem Oberster und Führer, und die Versammlung der Schüler wäre das Vorbild von unsern erwachsenen Miteinwohnern, die immer Zeugen und Richter unserer Handlungen sind: da müsse alles öffentlich zum Beispiel für die Andern gerügt werden. – Und doch (sagte der Direktor von Sand) wird immer der weise Lehrer, der am meisten Menschenkenntnis hat, nur allgemeine Lehren und allgemeine Anzeigen und Warnungen vor Fehlern geben, und die Fehlenden gerne allein und ohne Zeugen sprechen – ausgenommen bei dem Wetteifer der Arbeiten des Kopfs, die er vielen zugleich aufgab, und wo es seine Pflicht ist, mit allen von den Fehlern des Verstandes zu reden. – Bei diesem sind auch der Ehrgeitz und der öffentlich erhaltene Tadel sehr taugliche Triebfedern; aber sie dienen zu Gründung des sittlichen Charakters nicht so gut: denn dieser muß durch das moralische Gefühl erhalten werden, und dieser Fühlbarkeit sind Verweise in Gegenwart von Zeugen sehr gefährlich, weil sie die Eigenliebe empören, und in jungen zur Stärke gestimmten Seelen Erbitterung , – in weichen Gemüthern aber Niedergeschlagenheit hervorbringen – und beide hindern die Thätigkeit des Willens, bei den ersten durch eine Art von Rachbegierde, bei den zweiten aber durch Aengstlichkeit und Zweifel.« – Cleberg und mein Oncle waren mit dieser Unterredung sehr zufrieden. Aber ich will wieder zu meiner Gesellschaft. Wir waren oben auf dem Berg alle sehr munter, und genossen ein ländliches Vesperbrot mit Milch und Butter. Man besah dann die Felder, und verglich sie mit denen in der Ebene, wobei der junge Bauer das Wort führte, so wie seine Mutter und ältere Schwester, als man den Mädchen die Flachs- und Hanfstücke zeigte. Nachdem kamen wir wieder an die Stelle, wo wir bergauf gestiegen waren, da wurde nun Adolph von Sand wie von ungefähr gefragt: Wie er es gemacht habe, daß er zuerst oben gewesen sey, da er doch allen langsam zu gehen schiene? »Ich will es zeigen« – antwortete er, und war in wenig Augenblicken zu dem Platz hinunter, wo wir ausgeruht hatten, sah um sich, und fieng dann an mit großen Schritten zu steigen, indem er sorgsam bald einen Stein, bald einen kleinen Büschel Pflanzen zum Fustritt nahm. Die andern Buben sahen ihm aufmerksam zu, und versuchten es dann auch, ohne daß man es ihnen sagte, und Adolph theilte ihnen seine Vortheile mit, indem er zugleich ihr Anführer wurde. – Der Direktor von Sand, Ott und mein Vetter stiegen dann mit den Jungen um die Wette auf und ab. – Wir Frauenzimmer blieben am Rand des Berges auf dem Moos sitzen, reichten manchmal dem müden Kletterer eine Hand, und banden ihnen von dem in tausend Blumen um uns blühenden Thymian Kränze um ihre Hüte. Indessen war es ganz Abend geworden; wir sahen den Vollmond aufgehen, und sangen bei dem artigen Harfenspiel der jüngern Frau v. Sand das liebe einfache Lied nach Sterkels Melodie: 1.               Wie schön kommt dort, in freundlich hellem Lichte,       Der volle Mond daher! Wie wiegt im Silberglanz die Pappel und die Fichte       Die schlanken Aeste hin und her! 2. O welch ein Blick – o welch ein sanfter Schimmer!       Oft hab' ich dich gesehn – Du stiller guter Mond! und doch bist du mir immer       So neu – so lieb, so wunderschön. 3. Wer lehrte dich so abgemessen gehen?       An keinem Ort zu früh, An keinem Ort zu spat, hat je das wer gesehen?       O Freund! verirrst du dich denn nie? 4. Gewiß dich führt ein gütig weises Wesen!       Wohl muß es gütig seyn: Du leuchtest liebreich ja dem undankbaren Bösen,       Nicht dem Erkenntlichen allein. 5. Und doch geschiehts, daß Menschen, die es sehen,       Wie du so huldreich bist, Im Herzen Neid und Haß, bei deinem Lichte gehen –       Auf Rache sinnend und auf List. 6. Ich aber will an dir ein Beispiel nehmen,       Und milde seyn wie du; Durch Liebe will ich den, der mich nicht liebt, beschämen,       Und seyn der Fördrer seiner Ruh. 7. Und du wirst's seh'n von deiner Höhe oben,       Du holdes Licht bei Nacht! Mit Freude wirst du's seh'n, und deinen Schöpfer loben,       Der dich so schön gemacht. – Sie können nicht glauben, wie vergnügt wir alle bei diesem Gesang wurden, und Frau von Sand sagte mir und Julien: »Unsere jungen Leute werden noch öfter die Poeten von dem Mond singen hören, und selbst seinen Einfluß fühlen; aber gewiß diese erste feierliche Empfindung auf diesem Berg – die Idee, daß man gütig wie der Schöpfer des Mondes seyn solle, wird sich nie ganz verlieren. David Hume versichert, daß die Züge der ersten Geliebten immer eine Gewalt auf das Herz des jungen Mannes behalten – warum sollten es moralische sinnliche Gefühle nicht haben?« Nachdem giengen wir in Popens Halle, wo uns Julie warme Spargeln, und Jedem ein weichgesottenes Ey bei gutem Brod und Wein, statt Abendessens gab; und wir kamen erst um 11 Uhr in der Nacht von der lieben Wallfahrt auf Julienberg zurück, wo uns auf dem Wege der ältere Sand das Versprechen machte, uns den Mond durch sein großes Telescop zu zeigen, und viel von ihm zu erzählen. – Heute frühe aber erwartete mich ein anderer Auszug (möchte ich sagen) von der Erziehungsgeschichte, welche diese Familie liefert. Ich gieng nach dem Frühstück, ohne das mindeste zu ahnden, mit meinen Kindern in den Gemüsgarten, damit sie die Zuckererbsen zu dem Mittagessen pflücken helfen möchten, welches ihnen eine große Freude ist. – Sie werden sich erinnern, daß, da mein Cleberg durch seine Reise nach Italien und seinen Aufenthalt bei Hof an den Genuß des Eises gewöhnt wurde, er den Grosen das Einzige nachahmte, eine kleine Eisgrube anzulegen, ihr aber gegen unsern Garten zu die Gestalt eines artigen Hügels gab, von welchem man eine allerliebste Aussicht geniest. Meine alte Gewohnheit, manchmal gerne allein zu seyn, ergriff mich; ich wußte, daß ich meine Kinder ganz sicher bei dem guten alten Gärtner lassen konnte, und gieng durch unser Obstwäldchen an den großen Hasselnußsträuchen hin gegen den Eishügel zu, als ich auf einmal eine Stimme hörte, stille stand und horchte, denn es tönte vom Hügel herab. Bald hörte ich eine andre Stimme, die in einem rührenden Ton einige Worte sprach; nun schlich ich näher, und lauschte durch das Gesträuch, indem ich sorgfältig die Zweige etwas theilte, um die Redenden zu sehen: da erblickte ich die jüngere Frau v. Sand mit den vier Mädchen, in einer netten aber sehr simpeln Morgenkleidung und leichten Strohhüten, alle auf dem Hügel sitzend, wo eine von ihnen etwas vorlas. Das Bild war so schön, daß ich es durch meine zu frühe Erscheinung nicht zerstören wollte. Die Vorleserin, Eleonore Berg, saß neben Frau Sand, ihr schönes blondes Haar lag in Locken um ihre offene Stirne und ihren Nacken; sie erhob manchmal bei einem Absatz ihr Auge gen Himmel, und blickte, während Frau Sand etwas sagte, mit einem Ausdruck voll sanfter Empfindung auf den Blumengarten. Luise von Sand, die liebe Brunette mit gedämpftem Feuer in ihren großen braunen Augen, schob ihren Strohhut aus dem Gesicht, um freier umzusehen, da ihre Mutter sie alle mit ausgestrecktem Arm auf die Gegend umher aufmerksam zu machen suchte, als die vortrefliche Betrachtung über den Anblick einer Landschaft vorgelesen wurde, wo der Verfasser sagt: »Der weise Beobachter der Natur mag seine Blicke hinwenden, wohin er will, so entdeckt er Gegenstände des Vergnügens und Unterrichts, indem der liebreiche Schöpfer so viele Schönheiten in Gestalt, Nutzen und Farben vor unsern Augen verbreitete, und nicht nur jede Jahrszeit, sondern jeden Tag mit Verschiedenheit zierte. Denn wie reizend ist des Morgens das frische Grün – und die glänzenden Tropfen des Thaues auf dem Teppich der Wiesen! Wie herrlich schimmern die Stralen der Mittagssonne in dem zwischen Kornfeldern und Obstgärten hinfliegenden Bach! Und wie glücklich ist die nach der reichen Morgenweide unter Bäumen ruhende Heerde!« »Gestern, liebe Kinder! (sagte Frau v. Sand) genossen wir, wie der Engländer hier fortfährt, einen Theil dieser schönen Gegend Abends in der Gesellschaft verdienstvoller Freunde. Als der Sonnenschein milder wurden und die Wolken in Westen, mit unnachahmlichen Farbenstreifen geschmückt, den halben Himmel umfaßten, und schöne dunkle Schatten im sanften Licht des Mondes sich ausdehnten – waren wir nicht alle glücklich und wohl?« Ja, sagte Babette, ich erinnere mich wenig so süßer Abende. – Und ich, fiel Luise ein, freue mich auf die Geschichte des Mondes, die uns der Oncle versprach. Frau von Sand lächelte freundlich auf alle, und sagten »Diese Freude, liebe Mädchen, macht mich in diesem Augenblick sehr glücklich, weil unser Engländer sagt: Daß die Liebe und Kenntnis der schönen Natur nur in edeln tugendhaften Seelen wohnt, und sie durch Bewunderung, Dank und Verehrung ihrem Schöpfer immer näher bringt, und die Begierde in ihnen weckt, in seinen Augen durch moralische Vollkommenheiten den Werth zu erhalten, welchen die Schönheit und der Nutzen der Blumen und Pflanzen der Erde für uns haben.« Die kleine Emilie v. Sand sagte nun sehr artig: Mama! man vergleicht ja auch die Eltern und Erzieher mit den Gärtnern, die Gutes säen und pflanzen. »Aber auch das Unkraut der Fehler ausjäten, und, wie bei jungen Bäumen falsche Auswüchse, falsche Ideen aus den jungen Köpfen nehmen.« Und, (setzte die Kleine hinzu) wie Sirach sagt, den Baum in der Jugend biegen. »Das freut mich, meine Emilie, daß du dieses an mir merkst. Du bist also zufrieden, meine Tochter! wenn ich deinen Sinn manchmal biege?« Ja, Mama! denn Sie sind sanft und gut dabei. »Liebes Kind! dies ist eine der ersten Pflichten des Gärtners, sanft zu biegen, er stünde ja sonst in Gefahr, das Stämmchen zu brechen; und dann muß er auch das Keimen des ausgestreuten Saamens geduldig erwarten, sonst handelt er gegen Recht und Klugheit.« Liebe Mutter! wie gütig sind Sie! – sagte Leonore Berg mit dem innigen Gefühl des Vergnügens, welches der Untergebene immer hat, wenn er bemerkt, daß der Obere auch seine Pflichten anerkennt. »Nun (sagte Frau von Sand) wollen wir noch Thomsons Betrachtung eines Blumengartens lesen, und noch ein paar nützliche Gedanken mit nach Hause nehmen.« Die Blicke der Mädchen schienen alle mit Luise zu fragen: »Welche?« Sie antwortete: »Die, diesen Garten und die Gegend als Sinnbild einer großen menschlichen Gesellschaft anzusehen, in welcher verschiedene Stände und Verdienste erscheinen, wovon die einen unserm Geschmack angenehmer sind als die andern, aber doch alle im Ganzen so passend und nützlich zusammenstehen, wie hier die Blumen, die Gesträuche, die Bäume und Kräuter. So, Lieben! seht die Verschiedenheit der Talente und Beschäftigungen an; verachtet keines; laßt jedem in seiner Stelle seinen Werth, und denkt: Gott ordnet Verschiedenheit in Allem!« Wie schön, meine Mariane! waren die Blicke der Mädchen, welche sie da auf den Garten und die Gegend umher hefteten, und das mit der Lehrerinn sympathetisch vereinte Erheben der Augen zum Himmel bei dem Ausdruck: Gott ordnete Verschiedenheit! Mich dünkte, daß diese frommen Gesinnungen der Seele sich, wie Thomson in seinem Frühlingsgebet sagt, mit den Gerüchen der Blumen zum Himmel erhoben. – Denken Sie aber, wie angenehm Cleberg für den Einfall belohnt wurde, den er hatte, unsern Gemüsgarten mit Blumenbüschen zu zieren, denn Frau v. Sand sagte zu ihren Pflegtöchtern: »Kinder Berg! ein Wunsch, den ich diesen Augenblick für euch thue, wird sich, so oft ich diesen Garten sehen werde, lebhaft erneuern.« Hier legte die jüngere Berg ihre Arbeit hin, – knieete sich vor die liebreiche und weise Lehrerinn, und fragte zärtlich. Was wünschen Sie uns, liebe Pflegmutter? »Daß ihr in der Stadt seyn möget, was dieser Garten hier ist.« Nun sahen die Mädchen wieder alle im Garten umher, und Leonore Berg sagte: Das ist gewiß von den Gemüsbeeten zu verstehen, daß wir die Zierlichkeit der Blumen mit dem Nützlichen der Gemüspflanzen verbinden sollen. – Frau v. Sand küßte Leonoren auf die Stirne, und antwortete: »Dieser Gedanke ist schön passend, und verherrlicht mir diese Morgenstunden durch den seligen Einfluß, welchen diese Aussicht auf dein Herz hatte; aber ich setze noch hinzu, daß ich wünsche, meine Eleonore und Friedericke Berg möchten einmal edle Simplizität, bescheidene Schönheit und wahre Nutzbarkeit mit sich in die Stadt bringen, wie die Besitzer dieses Gartens die Verfeinerung des Geschmacks edler Städtebewohner hieher brachten.« Beide Mädchen küßten ihr mit sanftem Erröthen die Hände, denn das Wörtchen Schönheit hatte seine Wirkung schnell gemacht. Doch sagte Friedericke: Liebe Mutter! behalten Sie uns nur lange genug, daß wir in dem Guten, das Sie uns lehren, recht fest werden. – Luise von Sand fiel ein: Mama! wir dürfen also den Clebergs die Verfeinerung ablernen, die sie mitbrachten? – »Ja, liebe Kinder! so weit das Vermögen euch führt.« Nun gieng ich mit starken Schritten dem Hügel zu – es schien alle zu freuen, mir einen Gutenmorgen zu geben. Frau Sand betrachtete mich etwas ernst, blickte zur Seite, und drückte meine Hand; ich umarmte sie mit zärtlicher Bewegung, und sagte ihr leise: »Gott segne Sie – und den Hügel da!« Denn ich sah wohl, daß sie überzeugt war, ich habe sie etwas belauscht. Nachdem nahm ich Friedericken das Buch aus der Hand, und sagte: »Sie wollten was lesen, geben Sie mir diese Aufgabe, denn ich sehe, Sie haben alle eine Arbeit bei sich, und ich nicht.« Nun setzte ich mich unter sie, und las Thomsons Beschreibung des Blumengartens: aber gewiß, so oft ich auch immer mit inniger Bewegung der Seele die Jahrszeiten las, so fühlte ich doch ihre nützliche Schönheiten nie stärker, als bei diesem Lesen. Ja ich empfand die Bewegung des Kindes unter meinem Herzen verdoppelt, und wünschte, daß es als Knabe, sympathetisch mit Thomson – oder als Mädchen, mit Frau v. Sand, werden möge. Sagen Sie mir doch, finden Sie nicht diese Erziehungsart gut, so wie sie angenehm ist? Drei und zwanzigster Brief. Rosalie an Mariane. Hier, Liebe! haben wir Briefe von van Guden . Für das lange Warten entschädigt sie uns durch die sonderbarsten Nachrichten, welche ich Ihnen im Original mittheile, aber bald zurück bitte. Van Guden an Rosalie. »Wie viele Unruhe mußte mein Schweigen bei Ihnen, und wie viele Vermuthungen bei Cleberg verursachen! Aber ich konnte in dem Wirbel, in welchen ich gerissen wurde, nicht schreiben. Jetzo hat der Tod eine Art von Ruhe um mich verbreitet, und diese will ich anwenden, meinen Freunden zu Seedorf einen Umriß von den Begebenheiten der letztverflossenen Monate meines Aufenthalts in der Schweiz zu zeichnen. – Sie wissen, kleine Ursachen meiner gekränkten Leidenschaft und Eigenliebe führten mich in dieses Land, wo die Vernunft noch einige Zeit mit der Phantasie kämpfte, endlich aber die Größe der Gegenstände der Natur und der meist edle starke Charakter der Einwohner in vollem Maaß auf mich wirkten, und mir Gemüthsruhe gaben. Ich genoß alles, und benützte, wie ich schrieb, jede Gelegenheit zur Bildung meiner Pflegkinder. Vor sechs Wochen gieng ich an dem schönsten Abend, mit Mathisons Gedicht: auf den Genfer See , in der Hand, an seinen Ufern spazieren, und dachte, wie glücklich ein edler poetischer Geist den Dichter macht, wenn er nun jedes erhabene oder innige Gefühl in der reizenden Schreibart ausdrücken, oder auch mit Begleitung seines Klaviers singen kann. Ich erzählte dann meinem Kindern und dem guten jungen Mooß von dem höchstedeln und geistvollen Herrn Carl von Bonstetten, welchem das Gedicht geweiht ist, zeigte ihnen das liebe einsame mit Pappeln umpflanzte Landhaus, welches der schätzbare Dichter sich wünschte, und las ihnen am Ende auch die Beschreibung seines Grabs. – Dieses alles – die Ruhe der Natur um uns, das letzte zitternde Flimmern des Wiederscheins der gefärbten Abendwolken in den kleinen Wellen der See, die herabsinkende Nacht, alles stimmte mich zur Sanftheit und Wehmuth. Schweigend und langsam gieng ich zurück, als mir auf dem halben Weg mein Bedienter entgegen gelaufen kam, und einen Kourier anmeldete, der wichtige Briefe an mich zu bestellen habe. Ich eilte mit banger Unruhe und einer Art von Ahndung nach Haus, und fand sie wahr, die Ahndung: denn es war der alte treue Georg des Herrn von Pinndorf, der mir einen offenen kaum leserlichen Zettel von seinem Herrn brachte, der mir sagte: »Von meinem Krankenlager – neben dem Bett meiner sterbenden Frau – sehe ich keinen Trost und keine Hülfen als in der edeln Seele der Pflegmutter meiner glücklichen ältern Kinder. – O kommen Sie! und nehmen auch das drei Monat alte arme Geschöpf in Ihren Schutz, wenn Vater und Mutter dahin sind.« Pinndorf. Ich wurde heftig bewegt, zweifelte etwas, war aber bald sicher, daß er einer solchen Lüge unfähig sey, und fühlte nur den immer herrschenden Zug meines Charakters, zu helfen, wo ich kann, und schickte Georgen, ohne ihn viel anders zu fragen, auch mit dem offenen Zettel zurück: »Ich komme morgen. Gott gebe, daß ich Sie alle besser finde!« Durch Georg ließ ich mir auch überall Relaispferde bestellen. Aber was für ein Unterschied zwischen meinem Abend und der Nacht, die ich durchlebte! Die Natur hatte durch einen heitern Himmel und mit den sanften Bewegungen des schönen Sees ruhige sanfte Gefühle in meine Seele gegossen, und Leidenschaften der Menschen erregten stürmische Unruhe. – Denken Sie, wie sehr sich das Bild, welches ich bei der gewälten Grabstätte des Dichters hatte, durch den Gedanken des nahen Todes der Frau von Pinndorf veränderte. – – Ich reiste mit dem anbrechenden Tag ab, traf Abends ein, und fand wirklich die Frau ohne Hofnung an den Folgen ihres Wochenbettes – ihn aber schwach und elend vor Kummer – aber vergeben Sie mir, wenn ich den Rest der Scene meiner Ankunft nicht ausmahle. – Ein artiges französisches Kammermädchen, welche bisher Pinndorfs Schwester und seine Frau bedient hatte, war hier geblieben, und besorgte sie mit wahrer Zärtlichkeit. Eine gute Schweizeramme bei der kleinen Sophie, und ein junger Mensch, der Koch- und Kammerdienerdienste thut, war alles, was ich fand: – denn die Schwester und die Marquise waren mit einander fort, als die Krankheit der armen Frau am heftigsten wurde, indem beide sagten, daß sie den Jammer, ohne selbst zu sterben, nicht mehr ansehen könnten. – Dieses warf Pinndorf zu Bette. Der unglükliche Mann wollte nun seiner Frau noch Liebe beweisen, und ließ sich in ihr Zimmer bringen, wo ich beide seufzend und weinend antraf – ihn aber in der nämlichen Stunde in eine andre Stube schafte, wo Mooß, Gustav und Einer von den Bedienten um ihn seyn mußten, ich aber mit den Frauenspersonen bei ihr blieb. Sie war sehr zufrieden, daß er sich entfernte, indem sie da von allem mit mir sprechen konnte. – O Rosalie! was hat die Welt für Menschen – und was für Ungeheuer macht die Eitelkeit und Wollust aus ihren Sklaven: Lügner, Grausame, Niederträchtige! – Pinndorfs Schwester ist alles das, und ihre arme Schwägerinn war der Spielball von zwei elenden Geschöpfen. Alle ihre Diamanten und ihre schöne Perlen sind verkauft, so wie ihre Toilette. – – – Er, der arme Mann, weis nicht, wie er sich mit mir benehmen soll. – Ich sah ihn die zehen Tage hindurch, die seine Frau noch lebte, nur wenige Augenblicke, worinn ich von ihrem Befinden sprach, und nach dem seinigen fragte. – Er liegt, ich kann es sagen, an einer in allem abzehrenden Krankheit. – Ach Rosalia! wer hätte mir je gesagt, daß ich diesem Mann am Ende nichts als Mitleiden geben könnte – Denn sein Charakter, Ruhm, Vermögen und Gemüthsruhe sind mit der Gesundheit dahin. – Ich danke dem Schicksal, daß es mich in dem Stand erhielt, als Freundinn an ihm zu handeln: denn, wäre es nicht klein, nicht ungerecht gewesen, ihm Hülfe, Rath und Beistand zu versagen, da er litte, und verlassen ward? – Wie sehr würde es mich einst an dem Ende meines Lebens schmerzen, wenn ich die letzten Bitten eines Kranken und einer Sterbenden unerfüllt gelassen hätte. Die bedaurungswerthe Frau war doch wegen ihres Mangels an Verstand nicht strafbar, und für ihre kindische Eitelkeit und Pracht hat sie bitter gebüßt, da sie alles Glänzenden beraubt wurde; ehe sie noch ihre Augen schloß; – und sogar die arme Freude verschwand, welche sie dieses Frühjahr in Wollinghof über das Französischsprechen zeigte: denn sie war nun sehr glücklich, ihre Klagen bei mir im Deutschen auszudrücken, weil ihr Kammermädchen nur Französisch redt und versteht. Ich bin froh, ihre letzten Tage versüßt zu haben, denn ich weis, daß ihr unter meiner Fürsorge an nichts mangelte, was Menschen für sie thun konnten. Die arme kleine Sophie ist das einzige von ihren Kindern, das bei Leben blieb. Als sie mir von der Mutter übergeben wurde, fand ich die Beobachtung sehr wahr, daß jede Leidenschaft ihren eigenen Geist und Beredsamkeit habe: denn die mütterliche Liebe gab der Frau Ausdrücke und Gedanken ein, welche ich niemals in ihr vermuthet hätte, so daß mein Staunen über den reinen Sinn ihrer Worte, und über die treffenden Ideen bei den Umständen der Uebergabe des Kindes in meine Arme, eben so gros war, als mein Mitleiden mit ihr. Aber, meine Freunde! mein eigener Zustand ist lauter Staunen über mich und mein Schicksal. Immer war ich im Kampf; in der ersten Jugend zwischen meinen Wünschen und den engen Gränzen meines Vermögens: – doch überwand ich jede Schwierigkeit, als ich in Dienste trat, um meine Sehnsucht nach Reisen und Selbstsehen zu befriedigen. – Alles Große und Schöne, das ich kennen lernte, hemmte nicht das mindeste an dem Gang meiner Lebhaftigkeit; alles loderte neu in meiner Seele – aber alles bekam (lassen Sie mich es sagen) eine edle Gestalt; ich wurde fähig, der Grosmuth meine erste einzige Liebe zu opfern, aber da war doch auch Kampf. – Das ruhige Glück, welches ich mit van Guden genoß, war raisonnirtes Glück des Verstands. – Sie wissen, was nachfolgte, und wie viele Gegenstände ich umfaßte, die Trauer meiner Seele zu mildern. – Mein erstes Leben auf dem Berg war ewiger Kampf; – das zweite war es so sehr, daß ich mich selbst fliehen mußte, und – dem Himmel sey Dank! – noch Kraft genug hatte, mich allem zu entreissen und vernünftige Ruhe zu suchen – ich fand sie – und nun erhielte ich den Ruf:  Edle Menschenliebe und edle Freundschaft auszuüben. – Ich folgte mit Angst, und heimlicher Freude Gutes zu thun dem, der mir so lange Jahre Schmerzen gegeben! Ich van Guden Pinndorfs letzte Hofnung! – O um alles in der Welt hätte ich es nicht versagt! Ich war in den ersten Tagen gar nicht mein, nicht ihm, sondern rein ungetheilt seiner sterbenden Frau. – Aber jetzt, Rosalie! jetzt, da diese Frau schon einige Wochen todt ist, und alles, was die Familie betrift, in Ordnung geht – da ich so viele Stunden mit seinen Kindern, und auch ohne sie nur mit einem Wärter um ihn bin, ihn leiden sehe – wünschen, bereuen und seufzen höre – bei dem simpeln Ausdrucke: meine Kinder! der mir bei Gustav und Henrietten so natürlich, so geläufig wurde, seine todtblasse Wange erröthen, aus seinem matten abgewandten Auge Thränen fließen sehe, und als ich das erstemal mit der kleinen Sophie auf dem Arm zu ihm kam, er nach einem Blick auf mich – nach dem Ausruf: O  van Guden! in Ohnmacht fiel – glauben Sie nicht, daß ich in einer kämpfenden Lage bin? Ja ich bins, Rosalie! – Cleberg! ich bins desto mehr, da mich dünkt, ich sehe das Ziel, wohin ich in tausend Sendungen geleitet wurde. Es kann nicht anders seyn: ich muß, wenn der furchtsame unglückliche Pinndorf bei Leben bleibt, seine Hand begehren – ich muß sie begehren, wenn er sterbend ist, damit ich alle Rechte erlange, die Vormünderinn seiner Kinder zu werden, so wie ich ihre Pflegemutter bin: denn wer! wer wird an dem Fus der Alpen die armen Geschöpfe aufsuchen? wer sie hier aufnehmen? und wer wird für sie , für ihn so treu, so thätig sorgen? Ach, beste Freunde! Sie müssen es tausendmal gedacht haben – meine Liebe für Henriette, für Gustav, war Ausströmen meiner unsterblichen Liebe für Pinndorf – mein Haß gegen seine Schwester, gegen die Marquise, war Liebe für ihn – mein Fliehen, mein Suchen nach Ruhe, war Liebe, und mein Eile nach den Bädern zu Aix war Liebe. – Edel war sie immer, so stark als sie war, und so oft ihre äussere Form sich änderte; aber sie kann jetzo nur noch unter der Gestalt der angetrauten Freundinn erscheinen, und die so wohlthätige Stärke und Größe der Schweizerberge, welche erst gegen das Toben der unmuthsvollen traurenden Liebe mich schützten, müssen nun auch über Vorurtheile der Welt und meines Geschlechts mich erheben, ihm meine Hand selbst anzubieten – denn wer mich, wer Pinndorf kennt – wer meine Verhältnisse mit ihm und den Seinigen weis – wer meine Reise hieher sah, kann auf vielerlei Art urtheilen – ich bin selbst in mir unruhig, in dem Hause des Mannes zu wohnen, da seine Schwester weg, und seine Frau todt ist. O meine Lage ist schwer und sonderbar! – Zwei Tage nach diesen ersten Blättern . Ich konnte nicht endigen, und die Post gieng ohne meinen Brief. Jetzo, ach meine Freunde! wird wohl alles enden: Pinndorf ist ganz ohne Hofnung. Er hat in der Nacht von vorgestern alle seine Kräfte angestrengt, an mich zu schreiben, und mich, wie in einem Testament, zur Vormünderinn seiner Kinder erklärt; aber mehrere Ohnmachten hinderten eine mündliche Unterredung darüber, und er ist so schwach, daß meine Thränen, meine Mitleidsvolle Blicke, ein sanfter Druck meiner Hand, oder das Reichen einer Medizin, ihm eine Ohnmacht zuziehen. – Nachschrift. Voll Vertrauens zu Ihnen, Rosalie! und muthvoll gegen Cleberg, sey es gemeldet: Als Pinndorf vor einer Stunde nach dem Zeugnis der zwei Aerzte Kräfte genug hatte, etwas zu sprechen, wie er es so eifrig wünschte, verlangte er zwei Herren von Lausanne, die sich hier aufhalten, und bat auch die Aerzte, da zu bleiben. Die Herren kamen, und Pinndorf erklärte mich da mündlich vor ihnen und seinen Domestiquen für seine Wohlthäterinn und seine einzige Freundinn – zur Vormünderinn seiner Kinder. – Ich war unendlich gerührt und bewegt, trat an sein Bette, und sagte, indem ich ihn bei der Hand nahm: »Pinndorf! ich will mehr seyn – lassen Sie mich als Ihre Gemalinn, als Mutter Ihrer Kinder zurück: ich weihe ihnen mein Leben und mein Vermögen. – Einer der Herren, der mich kennt, und Professor der Theologie ist, legte eben so schnell, als ich diese Erklärung machte, seine Hand auf die unsere, und sagte: »Gott segne diese Vereinigung!« Pinndorf versuchte mit einem Blick der Freude sich aufzurichten, da er an meiner Hand sich hielt. Ich weinte, zitterte, und küßte ihn – er sank aber so schwach zurück, daß man ihn sterbend glaubte. – Er lebt noch, aber ach vielleicht nur noch wenige Stunden, für seine treue zärtliche Freundinn! – O Rosalie! was für ein Ausgang – was eine Erfüllung vier und zwanzig Jahre lang genährter Wünsche! Cleberg! schonen Sie mich! Aber es ist wahr, ich wünschte Pinndorfs Frau zu seyn seit dem ersten Augenblick, da ich ihn sah – ich bins, und möchte es bleiben.« –   »Ja, ja, das wird geschehen, (sagte mein Oncle) der Mann kommt wieder auf.« »Gewiß, (fiel mein Mann ein) er ist lange nicht so krank, als sie glaubt; aber die moralische Schwäche seines Charakters wirkt in Verlegenheiten auch heftig auf seinen Körper, und es hatte freilich auch vieles auf ihn losgestürmt: Verlust seines Vermögens, und die Abreise der Marquise mit der Schwester; die Idee der erschöpften Hülfsmittel; Freude über van Gudens Liebe, Angst für Vorwürfen; Verwirrung der Eigenliebe, so elend vor dem großen Weibe zu erscheinen – auch der Tod seiner Frau.« Er hat durch dieses alles herzlich gebüßt, (sagte ich) und die arme van Guden bekommt ein schönes Stück Arbeit in diesem Haus. – »Das ist wahr; (erwiederte Cleberg) aber denke auch an den Genuß der erfüllten Wünsche, und der Hauptzüge ihres Charakters. Sie kann wohlthun, anordnen, lieben, wird geliebt – glaube, Rosalie! sie schwebt hoch über den Alpen in lauter Wonne.« Mein Oncle lächelte aus den Brief hin, den er gefaßt hatte, und sagte: »Kinder! es ist mir drollig, zu denken, daß der ganze Lebensweg dieser Frau immer so romantisch war. Sie ist gewiß erst jetzt auf der Stelle der eigentlichen Bestimmung des Weibes – Gattinn und Mutter zu seyn; aber durch wie viele Träume und Feereien gieng sie zu der Wahrheit! Selbst die letzte Scene in Aix ist klarer Roman – und das Beste, daß die Kinder und die Gläubiger geborgen sind.« – – Ich setzte hinzu: Auch Pinndorfs Unterthanen: denn unsere Freundinn führt ihn gewiß zu edelm menschenfreundlichem Gebrauch der Obergewalt, und Gustav wird auch dazu geleitet – so giebt es doch auf den Pinndorfischen Güthern zwei Geschlechter hindurch glückliche Bauerleute. – Meine zwei Oberherren waren auch davon überzeugt, und freuten sich auf den ersten Besuch des zärtlichen Paars, und auf die Verwandlungen in Pinndorfs Wohnsitz. Cleberg schrieb, nach dem auf einem kleinen Blatt gezeigten Wunsch der van Guden, die Heurath an Wolling und unsere Grafe, um diese, wie er behauptet, für die Zahlung der Riemischen Hochzeit zu belohnen, und endigte seine muthwillige Beschreibung mit den kleinen Versen: Durch Ströme und Seen – Auf Berge und Höhen –     Find't Liebe den Weg. – Ich bekenne, ich glaube auch, daß Pinndorf leben bleibt, aber gewiß ist doch, daß van Guden um diesen Menschen vieles litte, und daß ihre Lage bei der todtkranken Frau, und dem kummervollen Mann, sehr peinlich seyn mußte. Für unsere Gesellschaft ist sie nun verloren, denn was sind Besuche selbst von acht und vierzehn Tagen gegen den vertrauten Umgang der verflogenen Zeit! Und dann bemerkte ich deutlich, daß die Idee von Schwäche des Charakters meinem Oncle und meinem Mann einen Grad von Geringschätzung für Pinndorf gab, so wie die Ueberzeugung von dem Romantischen in ihr auch der Achtung für sie schädlich ward – diese Gesinnungen würden in jedem von ihnen zu sehen seyn, und also auch den Pinndorfs ihren Aufenthalt bei uns unangenehm machen. Es ist also bei der neuen Lage des Ganzen sehr gut, daß ich so viele Monate hindurch an ihre Abwesenheit, und selbst an den Mangel ihrer Briefe gewöhnt wurde, damit ich den neuen Riß, den ihre Heurath in unsere gesellschaftliche Verbindung macht, desto gelassener ertrage. Diese Gelassenheit in mir düngte mich sonderbar, und ich fand ihren Grund in einem innern Mißvergnügen über diesen Schritt unserer Freundinn; doch wollte ich auch Cleberg und meinen Oncle darüber hören, nahm aber mit meiner Frage den kleinen Umweg, ihnen zu sagen: Sie schienen mir mit dem Ausgang der Geschichte unserer van Guden etwas unzufrieden, und ich glaubte sogar, daß sie für ihre Liebe, ihre Trauer und ihre Eifersucht mehr Nachsicht erhalten habe, als für die Heurath. – Cleberg sagte schnell: »Das ist wahr, Rosalie! denn wir hoften immer, sie einmal von der so lang herrschenden Leidenschaft geheilt zu sehen, und jeder Auftritt von Größe und Stärke der Seele hätte uns noch manches Schöne gezeigt, aber jetzo ist alles zernichtet, selbst das Große, was in ihrer romantischen Lage und Betragen war, ist durch das Gewöhnliche der Heurath verschwunden, und macht die nämliche Wirkung, wie in Romanen – man schließt das Buch zu, und wünscht sich ein anders.« – Dieses gefiel mir nicht, und ich sagte meinem Oncle: Er solle mir doch ernsthaft erklären: Ob van Guden die Bitte des Besuchs versagen konnte? »Nein – und das sollte sie auch nicht; aber das ungebetene Anerbieten ihrer Hand war überflüßig, und beweist, wie sehr dieser Wunsch in ihrer Seele lag.« Ich erwiederte: Bedenken Sie aber doch, daß sie es allein wegen der Vormundschaftsrechte bei den Kindern that. »Ich glaube, daß sie dieses sich selbst sagte, aber gewiß war es nicht der Hauptbeweggrund, denn sonst würde sie bei der Anzeige seiner zunehmenden Krankheit doch auch gesagt haben: Bald wird er seinen Kindern entrissen – oder so was; aber sie klagt nur, daß er nicht mehr lang für seine zärtliche Freundinn leben werde.« Cleberg sagte lächelnd: »Salie! ist dies nicht eine der Ritzen, durch welche man mehr sieht, als wenn die Thüre offen ist?« Wie sollte ich nun gegen die zwei Männer fortstreiten? Die Geschichte unserer Freundinn war, wie sie sagten, zu Ende, und ich fühlte es, in ihren Anmerkungen lag Wahrheit; ich setzte also nur munter hinzu: Mich freue es, durch die nämliche Ritze zu entdecken, daß das Romantische einen größern Reiz für uns habe, als ich nicht dachte, weil uns die für die Kinder so wohlthätige sichere Heurath nicht so angenehm sey, als das Schwankende des bisherigen Zustandes, worüber wir uns manchmal lustig machen konnten. Cleberg sah mit seinem großen Auge lebhaft nach mir, und sagte zum Oncle: Ich glaube, wir sehen bei dieser Gelegene heit auch etwas Neues in Rosalien – denn sie hat, bei dem Vorwurf über den Geschmack an dem Romantischen, das Wörtchen uns nur aus Finesse eingeschaltet – wir Beide, lieber Oncle, sind allein gemeint.« »Woher käme es aber, Liebe! (erwiederte mein Oncle) daß du den Muth nicht hättest, uns eine Wahrheit gerade heraus zu sagen?« Bei Ernst (sagte ich, seine Hand küssend) werde ich gewiß niemals einen Umweg nehmen, aber bei Scherz kann man wohl durch eine Seitenthüre erscheinen. Beide lächelten nun freundlich, und ich dachte, wenn Frau Grafe da gewesen wäre, so hätte ich ihr gedankt, wenn sie schnell gesagt hätte: »Rosalie nimmt die Seitenthüre, weil sie des Oncles Ernst, und des Mannes Feinheit fürchtet.« Denn gewiß solche Wahrheit würde von der Nichte und Gattinn nicht so gut aufgenommen, als von einer fremden Frau. Nun bin ich aber begierig zu hören, ob meine theure Mariane auch denkt, sie habe mit uns verschiedene Theile eines Romans gelesen, der den Titel führte: Heurathsgeschichte der Sophie van Guden. Vier und zwanzigster Brief. Rosalie an van Guden Pinndorf. Theure, theure Freundinn! was für ein Familiengemälde haben Sie uns in Ihrem letzten Brief zugeschickt! Die Pinndorfs – Sie – o vergeben Sie, wenn meine Antwort etwas verwirrt lautet; aber Sie vermutheten selbst, daß die Nachrichten Ihrer neuen Begebenheiten, und das lange vorhergehende Stillschweigen, Unruhe und Staunen erregen mußten. Es ist auch so gegangen, meine Liebe! ungeachtet Cleberg und mein Oncle schon lange eine Zusammenkunft mit Ihnen und der Familie von Pinndorf ahndeten und mir vorhersagten. Aber es war niemals weder Tod noch Heurath damit verbunden, welche doch jetzt aus den Zuständen folgen mußten. Mein ganzes Herz wünscht, daß das Ihrige sein Glück und seine Ruhe in der jetzigen Lage finden möge! Für Ihren Geist der Ordnung und für Ihren Hang zur Wohlthätigkeit haben Sie nun Beschäftigung genug. Der Himmel erhalte Sie dazu, so wie ich wünsche, daß er den Herrn von Pinndorf erhalte, und das um Ihrentwillen, denn ich kann Sie nicht an seinem Sterbebette denken, ohne Sie selbst sterbend zu sehen; aber ich und alle Ihre Freunde glauben an seine Genesung. – Wahr ist es, der Weg zu Erreichung Ihrer Wünsche war sehr mit Dornen bepflanzt, und als ein wahres Labyrinth gezeichnet, wenn ich nur die Linien annehme, welche Cleberg gestern von Ihrer Geburtsstadt aus nach den Ländern, welche Sie durchreisten, und nach den abgeänderten Wohnorten, bis auf den Landsitz des Herrn von Pinndorf zog. Verzeihen Sie ihm den kleinen Muthwillen über den Ausdruck Labyrinth , dessen ich mich bediente, als ich bei Ihrem Brief von Ihrem änderbaren Schicksal sprach, und er hinzusetzte: »Herr von Pinndorf wäre auf einer andern Seite, durch einen sehr bösartigen Geist, durch Moräste und Abgründe geführt worden, ehe die glückliche Stunde Ihrer Erscheinung in Savoyen kam, die ihn gewiß zu wahrem Wohlergehen leiten würde.« – – Nachdem folgte aber auch der Wunsch: »Daß er das in der That theuer erworbene, uns nun entzogene Glück immer verdienen möge!« Aber wie viel hatten Sie zu tragen und zu überwinden, ehe Sie zu dem ernsten grosmuthvollen Schritt kamen, einem Sterbenden Ihre Hand anzubieten! – Ich verehre Sie deswegen, und schätze in Herrn von Pinndorf die stille Bescheidenheit der großen Wünsche, die er machen, und Sie errathen mußten. – Für die guten unschuldigen Kinder freue ich mich der edeln Mutter, welche der Himmel ihnen gab; derselbe segne Sie für Ihr Erbarmen! – Denn was würde aus diesen lieben Geschöpfen geworden seyn? – Ich habe nun wieder die Aussicht, Sie zu meiner Nachbarinn zu erhalten, da Seedorf zwei Stunden näher bei den Pinndorfischen Güthern liegt, als die Stadt. Doch sehe ich deutlich, daß Sie jetzt nicht mehr mit uns leben können wie sonst; aber da man immer das größere Gute dem kleinern vorziehen soll, und Sie in dieser Familie, wie mein Oncle sagt, erst in ordentliche Uebung und wahrhaft wohlthätige Verwendung Ihres Geistes und Ihres Herzens kommen, so beuge ich mich bei diesem neuen Verlust eines von mir geliebten Vergnügens unter die Hand des Schicksals, und sage mir wohl auch: Daß Ihre und Marianens Entfernung mit vieler Güte herbeigeführt wurdet da es just zu der Zeit geschah, als meine Kinder und ihre Bildung, neben der vermehrten Landwirtschaft, die erste und angenehmste Pflicht und Beschäftigung meines Lebens wurden. Es kommen doch manche Festtage vor, wie die Besuche meiner Freunde sind, und besonders der Ihrige seyn wird. – Diesen Augenblick kam Herr Wolling zu uns, um das Ganze von Ihrer veränderten Lage zu hören. Sein redliches und dankvolles Herz ergoß sich in tausend Segenswünschen für seine Wohlthäterinn. Er erzählte uns auch, daß er gestern viele Besuche von dem Pinndorfischen Amt bei sich hatte, welche vorher nie da waren, aber jetzo gleich das Haus und das Guth sehen wollten, welches die neue Frau von Pinndorf im Wald angelegt hätte. Er versichert, daß alle sich über dies freuten, was er ihnen von dem Glück erzählte, welches er aus Ihrer Hand erhielt. – Ich hoffe, meine edle Freundinn! Herr von Pinndorf soll durch Sie für seine eigenen Unterthanen werden, was mein Cleberg für die von seinem Fürsten ist, indem ich sehr überzeugt bin, daß dieses meine grosmüthige Freundinn für jedes Opfer lohnen, und ganz glücklich machen wird. Lassen Sie mich doch hier sogleich bei dem Bild, welches mir nun von Ihnen als herrschaftliche Landfrau vorschwebt, eine Frage und eine Bitte anschließen: Kennen Sie des Abbe Rosier landwirthschaftliche Schriften? – und wollen Sie mir nicht, da sie gewiß in Geneve sehr leicht zu haben sind, ein Exemplar mitbringen? – Sie sehen, wie ich auf das Leben und Wohlseyn Ihres Gemals zähle, da ich schon auf Ihre Rückreise denke – aber gewiß sein Uebel lag meistens in seiner Seele, und diese muß nun geheilt, und glücklich seyn. – Sagen Sie uns doch bald nur mit wenigen Zeilen etwas von seiner Besserung, weil sie als wichtiger Theil des Wohls unserer unschätzbaren Freundinn uns sehr angelegen ist. – Und nun, nebst den Grüßen und Glückwünschen des Oncles und Clebergs, Adieu! – Der Himmel erhalt Sie, und bringe Sie bald zu uns! – Fünf und zwanzigster Brief. Rosalie an Mariane. Theure Liebe! ich schickte Ihnen die Abschrift meines Briefs an die Frau v. Pinndorf; sagen Sie mir doch, warum dieser Brief so kurz war, und, ohngeachtet meiner Aufmerksamkeit, unsere eingetretene Kälte gegen sie zu verbergen, eine jede Zeile etwas Frostiges und Trockenes hatte? Doch er ist fort, und sie mag wohl mit ihrem vortreflichen Geist selbst fühlen und denken, daß wir Mühe haben werden, sie als Frau von Pinndorf anzusehen. Dennoch sind wir überzeugt, daß dieses der einzige Ruhpunkt war, den ihre Seele finden konnte. Möge sie glücklich seyn, und der Himmel alle jetzt lebende und nachkommende Frauenzimmer vor einer Leidenschaft von dieser Dauer und Stärke bewahren – wodurch, wie mein Oncle sagt, die Weiber das wahre Glück ihres Lebens, und die Verdienste ihres Charakters und ihres Geistes verlieren, weil diese Empfindungen bei uns eben so stark und so schädlich wirken, als der Zorn und Ehrgeitz bei den Männern – das hingegen nur die Vernunft und die Erfüllung unserer Pflichten glücklich mache. – Cleberg behauptete mit neuem Eifer seinen Vorsatz, unsere Töchter in allem, was den Verstand betreffe, bei den Lehrstunden der Söhne zu halten; nicht nur die Talente und Wißbegierde der Mädchen zu prüfen, und ihnen, nach der muthwilligen Anmerkung der Frau Grafe, von Jugend auf einen großen Begriff von den Verdiensten der Männer zu geben, sondern hauptsächlich mehr Stärke des Charakters in sie zu legen, als Mädchen bei der gewöhnlichen Erziehung erhalten. Mich dünkt, er habe nicht unrecht, zu hoffen, daß er dadurch das Glück und die Tugend unserer Nanny befestigen wird; so wie ich glaube, daß die Abtheilung gut ist, welche er zwischen den Uebungen des Verstandes und den körperlichen Beschäftigungen macht, indem er den Mädchen von den letzten nur das Reiten nach englischer Art, aber sonst keine männlichen Unternehmungen erlaubt – wie auch jetzo schon meine Nanny, wenn die Buben laufen, ringen, oder so was von heftigen Spielen treiben, bei mir sitzen und sich mit netter Mädchenarbeit abgeben muß. – Gleich streng aber, wie von den Buben, will er von ihnen die größte Genauigkeit bei allem, was mechanisch ist, fordern, wie zum Beispiel schön schreiben, Zeichnen, Tanz, Stellung, Gang, Reinlichkeit und Ordnung mit Kleidern und Sachen, vorgeschriebenes Halten der Arbeitstunden, – deutliche Erklärung ihrer Ideen und ihrer Wünsche – »weil, wie er sagt, richtige Begriffe nicht nur die besten sind, sondern auch immer einen Theil unseres Glücks in sich fassen, und selten viel Umschweife machen lassen, welche selbst zum schön sprechen unnöthig seyen.« – Der Himmel lasse uns dieses schöne Ziel erreichen, oder ihm nur nahe kommen! Gestern kam Frau Grafe gleich nach dem Frühstück zu uns, blos deswegen, um mit uns über van Gudens Heurath zu sprechen, und war froh, den Brief selbst noch getroffen zu haben. – Cleberg machte sich wieder sehr lustig über die arme Frau, aber Abends waren Ott, Julie und Latten bei uns, welche sich ihrer annahmen, und diesen Schritt noch für den klügsten hielten, den sie in ihrer Liebesschwärmerei gethan habe. Hätte ich nur alles aufzeichnen können, was über Erziehung der Mädchen gesagt wurde, welche man diesen Abend von der Wiege an bis in die Arme eines Mannes führte, und alle Arten von Glück und Unglück erzählte, welche aus guter oder verkehrter Erziehung entstünden – wobei Julie etwas sehr artiges sagte, indem sie als einen großen Fehler anzeigte, daß man bei der sogenannten guten Erziehung zuviel Werth auf glänzende Talente lege – wie Klavierspiel, Gesang, Zeichnen und Malen. Sie behauptete: »Daß diese Vorzüge sehr oft zum Unglück guter Geschöpfe beitrügen, indem die Mädchen selbst dem Ruhm dieser schimmernden Verdienste zu viel Gewicht gäben, ihr Herz an den jungen Mann hefteten, der sie darüber am meisten lobte, und dabei dieses Loben für Beweis der Uebereinstimmung der Gemüther hielten, weil natürlich die Bewunderung, so lange sie unverheurathet wären, fortdaure, da sie der Freier meist nur bei dem Klavier, der Reißfeder, dem Sticken, oder andrer, galanter Arbeit, niedlich gekleidet, antreffe; aber nach den hochzeitlichen Festtagen, wenn die junge Frau im gemächlichen Hauskleid nachläßig aussehe, und die Unterredung über alle Gegenstände des Hauswesens nöthig werde – wenn Freunde gewählt, Zeitvertreibe, Beschäftigung und Ausgaben bestimmt würden, da zeige sich die Verschiedenheit der Charaktere und der Grundsätze oft so stark und so empfindlich, daß die arme junge Frauen gleich in den ersten Monaten allen ihren Verstand brauchten, um ihre Reue über die getroffene Wahl zu verbergen.« – Ich weis nicht mehr, welches von uns von gelehrten Frauenzimmern sprach, aber das weis ich, daß Ottens, Clebergs und Lattens Scherze dabei sehr bitter wurden, und mich etwas unzufrieden machten; denn da eine wirklich gelehrte Frau eben so selten erscheint, wie die volle Blüte der Aloe, so dünkt mich, könnte sie auch mit eben der kleinen Bewunderung behandelt werden. – Unsere liebe muntere Frau Grafe faßte den Artikel der Aufnahme in gelehrte Gesellschaften, worüber stark gespottet wurde, sehr artig, indem sie, von ihrem glücklichen Gedächtnis unterstützt, den Streit von zwei gelehrten Spaniern erzählte, als die Donna Amar in die königliche Akademie aufgenommen werden sollte, und einige stolze Männer die gelehrte Frau ausschlossen – die Donna aber eine Vertheidigung unsers Geschlechts schrieb, worinn sie mit vieler Bescheidenheit den Männern den unsichern und unsteten Gang ihrer Ideen von den Weibern verweist, da wir in einem Lande mit Recht und Vernunft als Freundinnen und Gehülfinnen, in andern aus Unsinn und Uebermuth der Männer als Sklavinnen gehalten – bald in einem Reich über alles verehrt, und in dem andern verachtet werden; hier alle Geheimnisse anvertraut bekommen, und unsere Urtheile als Orakelsprüche angesehen werden – dort aber Vorwürfe wegen unserer angebornen Unwissenheit hören, und dabei von dem ordentlichen Anbau des Geistes entfernt leben müssen. Die liebenswerthe Donna durchging die ganze Geschichte der Menschheit, und sagte, daß nicht nur in den physischen Gefühlen beider Geschlechter eine vollkommne Gleichheit herrsche, sondern daß auch alle Zeiten Beweise lieferten, daß unsere Seele die nämliche moralische Fähigkeiten besitze, wie die von den Männern. – Sie sprach von dem Scharfsinn der hebräischen, von der Klugheit der spartanischen, den Wissenschaften der atheniensischen, und dem feinen großen Geist der römischen Weiber. Sie bezeichnete dann die Fortschritte, welche Italienerinnen, Französinnen, Deutsche, Spanierinnen und Engländerinnen in dem Gebiet der ernsten und schönen Kenntnisse machten, ohngeachtet wir wegen der so sehr versäumten ersten Erziehung viel mehr Schwierigkeiten zu überwinden hätten, als junge Männer auf der Laufbahn ihrer Studien fänden. Mit edelm Muth fährt sie fort: Daß unsere allgemeine Unwissenheit nicht uns, sondern den Männern vorgeworfen werden sollte, indem wir, als ihre bestimmten Gattinnen und Mütter ihrer Kinder, das Recht haben, zu verlangen, für ökonomische Akademieen gebildet und in sie aufgenommen zu werden, weil wir da für den Staat und für unsere Familien in allen Theilen so viel Gutes und Nützliches wirken könnten – wie z. B. die Engländerinn Miß Rhodes mit ihren Erfahrungen und Nachdenken über die Seidenwürmerzucht fand, daß im Mangel der Maulbeerblätter diese nützlichen Thiere sehr gerne Spinat, Latuke, Johannisbeere und Löwenzahnblätter fressen, und dabei eben so schöne Seide spinnen, so daß man sie auch noch, wann die Maulbeerblätter kommen, sehr nützlich damit vermischen könne. – – Diese bescheidene Vorstellung der Donna Amar erhielt allen Beifall und alle Stimmen unserer Männer, welche dann uns aufforderten, freimüthig unsere Gedanken darüber zu sagen. Eine kleine Verlegenheit kam über uns; indessen war es schön, uns, die wir keine Verabredung nehmen konnten, doch mit einem Geist sprechen zu hören, indem wir alle auf den Punkt vereint erklärten: »Daß wir, auch wenn wir uns für gelehrt halten könnten, doch, wie die edle Spanierin, auf alle gelehrte Akademieen Verzicht thun, und, wie sie, uns nur bei ökonomischen , die Erziehung , Sitten, schöne Kenntnis und gesellschaftliches Leben betreffenden Gegenständen eine Stimme ausbitten würden.« Madame Grafe setzte nun zum Beweis unserer wahrhaft sympathetischen Uebereinstimmung mit Donna Amar hinzu: »Daß in Madrid 1787 eine Damenakademie errichtet wurde, welche, unter königlichem Schutz, Freischulen für Mädchen mit der Sorgfalt und Oberaufsicht über alle Arten Frauenzimmerarbeit verbinde.« Mein Mann versicherte uns sogleich den ersten Rang in der Damenakademie zu Seedorf, welche er stiften wolle, wenn ich mein erstes Winterprobejahr gut zurückgelegt, und meine Beobachtungen gemacht haben würde. Er sagte dieses mit einem für blosen Scherz zu bedeutenden Blick auf mich, so daß ein kleines staunendes Schweigen entstand. Ich hatte allein den Schlüssel zu dieser Aeusserung, den ich Ihnen mittheile. Cleberg will alle Jahre die Dörfer seines Oberamts bereisen, und in jedem Haus sich nach dem umsehen, was den Hauswirth betrift; ich solle in Seedorf bald hier bald da freundlich eine Bäurinn besuchen, aber die lobenswerthe Weiber immer zuerst – solle ihnen Achtung beweisen, Dienste und Rath in gesunden und kranken Tagen anbieten, die nachläßige Hausmutter allein sprechen, und liebreich zu Ordnung und Fleiß ermuntern. – Auf diese Art hoft Cleberg, mit unserm vortreflichen Pfarrherrn vereint, nach und nach den Unterthanen die schätzbare Ehrbegierde zu geben, als die besten Landleute gerühmt zu werden. »Ich (sagte er an einem wichtigen mir unvergeßlichen Abend, da er zwischen dem Pfarrer und mir auf Ihrer Bank saß) »ich will mich bemühen, sie zu glücklichen Menschen zu machen, die bei ihrem Beamten Schutz, Gerechtigkeit, Rath und Hülfe, wie bei ihrem Pfarrherrn Lehre und Beispiel, guten Unterricht für ihre Kinder in der Schule, und in meiner Frau die Ausübung aller Pflichten einer guten Gattinn, Mutter, Führerinn ihrer Wirthschaft und Menschenfreundinn finden.« Er hatte dabei eine von meinen und eine von des Pfarrers Händen genommen und sanft gedrückt. Ich war gerührt, der rechtschaffene Geistliche war es auch, und segnete ihn mit dem Zusatz: »Daß er gewiß die Pfarre von Seedorf nie, weder gegen eine Superintendentenstelle, noch gegen den Platz des Hofpredigers vertauschen würde.« Ich, meine Mariane! dachte bei dem schönen Niedergang der Sonne, die so wohlthätig immer den nämlichen Kreislauf macht, an den schönen Cirkel meiner vorgeschriebenen Beschäftigungen. Wenn ich ihn mit redlichem gutem Willen getreu erfülle, so muß einst diese Erinnerung eine eben so sanfte Heiterkeit auf den Abend meines Lebens verbreiten, als die weichende Sonne auf dem angebauten Feld und in den Abendwolken zurückließ. Ich habe diese Erinnerung, welche Clebergs Blicke so lebhaft in mir erneuerten, hier eingeflochten, weil ich Ihnen, ich weis nicht warum? noch nie von diesem Abend schrieb, und ich war doch von der Zeit an so sehr in diesen wahren Gang des Geistes eines guten Beamten eingetreten, daß ich auch deswegen mit van Gudens Heurath zufrieden bin, weil ich weis, daß sie die Pinndorfischen Güther und Pächter so behandeln wird, daß die ersten, wie Wollinghof, verschönert und einträglich, die zweiten aber glücklich seyn werden. Dieses führt mich zu dem gestrigen Tag zurück, wo endlich auch die Frage entstand. »Ob wohl unsere van Guden jetzo glücklich sey?« – Und diese Frage brachte den Einwurf hervor: Daß man erst bestimmen müsse, was eigentlich Glück sey . – Hier schwiegen wir Weiber, und waren bei unserer Arbeit äusserst aufmerksam auf den ersten Ausspruch, welcher meinem guten Oncle aufgetragen ward. Er sagte aber: »Kinder! wenn der Anlaß zu dieser Frage nicht auf dem seichten Boden einer romantischen Geschichte entstanden wäre, so wollte ich Euch die Grundlage und Ideen meines Glücks bekannt machen; aber der Genius meines Mark-Aurels ist mir zu heilig, um ihn bei dem Gewirre phantastischer Gedanken und Begebenheiten hervorzurufen. Meine ganze Seele ist seit meinem fünfzehnten Jahre den Grundsätzen dieses Mannes geweiht, und ich werde bei dem so wichtigen Punkt von Glück keine leichtere, reine geringere Idee annehmen, oder angeben, als Mark-Aurel hatte.« Wir waren alle mehr oder weniger über diese mit einem edeln aber tiefen Ernst gesagte Anrede betroffen, baten ihn aber alle inständig, aus Liebe zu unserm Glück uns mit den Begriffen des großen tugendvollen Mannes bekannt zu machen. Er war so gefällig, sein Taschenbuch zu nehmen, und uns den Auszug vorzulesen, welchen er vor so vielen Jahren machte: »Das Glück besteht weder im Reichthum , noch in schönen Reden voll erlernter Kenntnis , – noch in Ruhm oder Ehrenstellen, und Belustigungen: – sondern in guten Handlungen . Dazu ist aber nöthig, das Gute und Böse zu kennen – zu wissen, zu was der Mensch geboren ist , und was die Pflichten seines Standes fordern ; dahin führt uns der wahre Geist, und zeigt, daß das Glück in guten Neigungen unserer Seele und guten Handlungen besteht.« Diese wenigen Zeilen, von meinem Oncle gelesen, dessen ganzes Leben eine zusammenhängende Kette guter Thaten ist – der Name Mark-Aurels , welcher jedem unterrichteten Menschen herzen heilig ist, und die Gefühle der Wahrheit, welche uns alle durchdrangen, brachten in unsern Physiognomien und Blicken auf meinen Oncle einen so schönen Ausdruck der Verehrung für den Schriftsteller und Leser, und zugleich eine Anerkennung der Grundsätze und Gelübde ihrer Befolgung hervor, daß mein Oncle uns mit stiller Rührung betrachtete, und sagte: »Ich glaube, lieben Freunde, die Gesinnungen Ihrer Seelen zu bemerken; Gott segne Sie mit dem wahren Glück, dessen Werth Sie alle so innig fühlen – und gesegnet sey das Andenken Mark-Aurels bei uns allen!« Er legte hier sein Taschenbuch wieder zusammen, und wir näherten uns ihm, mit Dank und Liebe für seine Gefälligkeit, welche uns diese schöne Stunde gegeben hatte. Frau Grafe, welche zunächst an meinem Oncle saß, und die Person ist, die am leichtesten von sanftem Ernst zu munterm Scherz übergeht, faßte ihn bei der Hand und sagte ihm zulächelnd: »Diese schöne Erinnerung an den philosophischen Kaiser haben wir doch der romantischen van Guden zu danken! – Ich, die ich meinen Oncle am besten kenne, bemerkte eine Bewegung von Unmuth in ihm, als ob diese Idee ihm unschicklich dünkte, aber seines Lehrers gütevolle Weisheit unterdrückte sein Misfallen, und er antwortete mit Heiterkeit: »Ja, aber vergessen Sie nicht, daß es in der Zeit geschah, wo die gute Frau in das thätige Leben einer Hausmutter verpflanzt ward. – Den nämlichen Augenblick aber sah er Frau Grafe mit einem so ungewöhnlich lebhaften Lächeln an, daß sie ihn fragte: »Lieber Oncle, was denken Sie?« »Daß Sie selbst mich an Mark-Aurel erinnern – aber ich darf es wohl nicht sagen, wie .« – Sie stutzte etwas, sagte aber gleich: »Warum nicht, lieber Oncle! Sie können alles sagen – und ich bitte Sie darum.« Nun kam das Taschenbuch wieder zum Vorschein, welches er ihr vorhielt und auf eine Stelle deutete, die sie lesen sollte; sie that es, aber unsere Grafe ward roth und schlug die Augen nieder. Der Oncle wollte das Buch nehmen, sie sagte aber: »Nein! Alle sollen Ihre Schärfe gegen mich sehen, und las laut: »Einbildung! was machst du hier? Geh im Namen der Götter, ich brauche dich nicht; du kamest nach deiner alten Gewohnheit – ich bin nicht böse darüber – geh nur weg, ich beschwöre dich.« Wir waren alle um unsere Freundinn bekümmert – mein Oncle faßte sie aber bei der Hand. »Brave Frau! (sagte er liebreich), verzeihen Sie mir! Ich war zu ernsthaft.« Nein, bester ehrwürdiger Freund! (erwiederte sie) ich kam in diesem Moment sehr unbesonnen mit einem Scherz; wenn Sie nur nicht so böse sind, wie Mark-Aurel, und mich gleich fortschicken. »Gewiß nicht; Sie sehen ja auch, daß die Einbildung oft zu dem weisen Kaiser kam.« – So endigte unser Abend recht schön, mit der Anmerkung, wie nützlich es sey, immer Auszüge zu machen – und ich freute mich sehr, daß dieses Anlaß wurde, unsre Freundinn Grafe in einem vortheilhaften Licht zu sehen, denn sie sagte, ihre Brieftasche nehmend: »Nun, guter Oncle! bin ich stolz, etwas gethan zu haben, das Sie gut finden: Denn sehen Sie! diese Betrachtung über das Lesen der Geschichte schrieb ich mir ab.« Wir baten sie, es vorzulesen, und ich schicke Ihnen hier die Kopie: »Die großen Vortheile der Geschichte sind: Daß sie uns das Vergangne vor die Augen stellt, welches uns sonst eben so verborgen bliebe, als die Zukunft; man kann sie als uneigennützige aufrichtige Freundinn betrachten, welche uns gerne belehrt, ohne uns zu ermüden; sie lehrt uns, große Geburt und Würden nur als Mittel zu schätzen, dem Vaterland große Dienste zu leisten ; Wissenschaft und Talente , Reichthum und Ansehen hauptsächlich deswegen zu lieben, weil man dadurch Andre erleuchten , und Unglückliche unterstützen kann ; – Feinden zu vergeben , das gemeine Beste allem vorzuziehen , in seinem Amt arbeitsam , rechtschaffen und unbestechlich zu seyn. Diese edeln Gesinnungen giebt die Geschichte, wenn sie mit Aufmerksamkeit und Nachdenken, nicht allein aus Neugierde gelesen wird.« Das Lob des Oncles, und der Beifall, welchen wir Uebrigen diesem wohlgewählten Auszug gaben, heilte die kleine Wunde völlig zu, welche der letzte Artikel von Mark-Aurel gegeben hatte, und wir giengen alle sehr vergnügt schlafen. Der heutige Morgen aber wurde mit einem wahren Seelenfest gefeiert, wo ich Sie jeden Augenblick zu uns wünschte. Sie erinnern sich wohl, daß unser Garten, gegen die Landstraße hin, in einen erhöhten und mit Bäumen besetzten Winkel läuft, wo ich selten hinkam, und nur einmal einen englischen Ruhsitz hinwünschte. Nun ließ mir mein Oncle gleich nach dem Aufstehen sagen: Daß er uns mit Frau Grafe bei des Gärtners Haus zum Frühstück erwarte, und mit den Kindern vorausgehe. Wir kamen auch miteinander hin. Denken Sie sich mein Staunen, als ich hinter dem Busch bei des Gärtners Haus einen schön erbauten Ruhsitz erblickte, zu welchem auf beiden Seiten eine artige fünf Stufen hohe Treppe führt, der übrige Platz aber geebnet, und gegen das Feld hin mit einem Geländer eingefaßt ist. Mein Oncle stand mit den Sands, Ottens und Latten schon oben, winkte uns und sagte: »Wir »wollen hier das Denkmal eines geliebten und verehrten Mannes einweihen.« – Kaum waren wir oben, als eine ländliche Musik von Flöten und Schalmeyen ertönte, und meine, Otts und Sands Kinder, weiß gekleidet und mit Blumen bekränzt, die eine Stiege heraufkamen. Die kleinen hatten Körbchen, mit Blumen gefüllt, in den Händen, die älteren trugen eine Blumenkette, mit Eichenblättern und Weidenzweigen durchflochten, welche sie, während die Musik den Schweizerreihen anstimmte, an den Knöpfen eines Altars aufhiengen, der unter Geßners Brustbild steht, welches in halberhobener Arbeit mitten an der Wand des Ruhsitzes befestigt ist, und von dem geschickten und bescheidenen Künstler Ohmacht ausgearbeitet wurde. – Die kleinen Kinder streuten ihre Blumen um den Altar, alle aber legten ihre Kränze, als ein Dankopfer, bei dem daliegenden ersten Band der Idyllen in Quart zu beiden Seiten hin. Als die Musik aufhörte, sagte mein Oncle, auf das Bild deutend: »Dies, lieben Freunde! ist das ähnliche Bild eines der verdienstvollsten Männer, dessen edle Seele und Güte ich kennen lernte, als ich, um mich über den Tod des großen Friederich von Stadion zu trösten, in die Schweiz reiste.« Er war, da er dieses sagte, merklich bewegt, hielt inne, nahm das Buch, winkte uns, auf die zu beiden Seiten des Altars laufende Bänke zu sitzen, und sagte: »Ich glaube, die Beredsamkeit selbst kann von Salomon Geßner nichts würdigers sagen, als etwas von seinen unsterblichen Werken zu lesen;« sah auf die Wiesen, und sagte: »Hier schickt sich Geßners Morgenbetrachtung: Der Grasplatz ; dann lehnte er sich etwas an den Altar, wo er mit wahrer hoherpriesterlichen Würde, wie ein Patriarch unter seinen Kindern sich gegen das Feld wandte, und die herrliche Stelle las: »O wie schön bist du, Natur! in deiner kleinsten Verzierung, wie schön! – Die reinesten Freuden misset der, der nachläßig deine Schönheiten vorübergeht, dessen Gemüth, durch tobende Leidenschaften und falsche Freuden verderbt, der reinesten Freuden unfähig ist. Selig ist der, dessen Seele, durch keine trüben Gedanken verfinstert, durch keine Vorwürfe verfolgt, jeden Eindruck deiner Schönheiten empfindet! Wo Andre mit ekler Unempfindlichkeit vorübergehen, da lächeln mannichfaltige Freuden um ihn her. Ihm schmückt sich die ganze schöne Natur; alle seine Sinne finden immer unendliche Quellen von Freude, auf jedem Fussteig, den er wandelt, in jedem Schatten, in dem er ruhet. Sanfte Entzückungen sprudeln ihm aus jeder Quelle, duften aus jeder Blume ihm zu, ertönen und lispeln ihm aus jedem Gebüsche. Kein Ekel verdirbt ihm die immer neue Freuden, die die Schönheiten der Natur in endloser Mannichfaltigkeit ihm anbieten; auch in der kleinsten Verzierung unendlich mannichfaltig und schön, jedes zum besten Endzweck in allen seinen Verhältnissen schön und gut. Selig! o selig! wer aus diesen unerschöpflichen Quellen seine unschuldigen Vergnügen schöpft; heiter ist sein Gemüthe, wie der schönste Frühlingstag, sanft und rein jede seiner Empfindungen, wie die Zephire, die mit Blumengerüchen ihn umschweben.« – Wir waren alle sanft gerührt, nicht nur durch den schönen Theil der Idylle, sondern gewiß auch dadurch, in einem 76 Jahre alten Manne noch die Wärme der Verehrung für die Verdienste der Menschheit, und der Anmuth der Natur, zu sehen. – Sands, Ottens und meine Kinder hatten sich zu beiden Seiten auf die Stufen der Stiegen gesetzt – die Familie des Gärtners und einige unserer Domestiquen standen unten so aufmerksam und ehrfurchtsvoll, als in der Kirche. Ich kann mit dem edeln Recensenten in der allgemeinen Litteraturzeitung sagen: »Voll von dem Vergnügen, welches der abermalige Genuß dieser herrlichen Geistesprodukte des unsterblichen Geßners uns gab, feierte ich durch Thränen süßer Wehmuth das Andenken des edeln Mannes, durch welchen die deutsche Poesie an innerm Gehalt so viel, als durch wenige, und an Achtung bei den Ausländern mehr, als durch irgendeinen Andern, gewonnen hat.« Nun brachten unsere Leute das bei dem Gärtner fertig gehaltene Frühstück auf einem Tisch, und noch einige Stühle, wo wir dann bei dem Anblick der freien Natur und mehrerer Arbeiten des Landmanns, zu den Füßen des Bildes ihres liebreichen Sängers, mit der größten edelsten Freude frühstückten, und von verdienstvollen Deutschen sprachen. Sollte ich da nicht an Sie gedacht, Sie nicht unter uns gewünscht haben? O Mariane! muß ich nicht gerade da am lebhaftesten an Sie denken, wenn die Frage von Geist und Tugend ist? Sechs und zwanzigster Brief. Frau von Pinndorf an Rosalien. Es war gut, theure Freundinn! daß ich etwas von dem Geist, der in Ihrem letzten Brief schwebt, zum voraus ahndete, denn sonst würde er mich unendlich mehr geschmerzt haben; ich muß auch hinzusetzen, daß ich mir sagte. »Wenn Marianens Eingebungen Ihre Feder gelenkt hätten, wie Sie jetzo Clebergs seinen folgten, so würde mehr Sanftmuth und Gerechtigkeit darinn gewesen seyn.« Indessen kann ich es Ihnen allen, für die Pinndorf nie war, was er ewig für mich seyn wird, nicht ganz übel nehmen, wenn Sie mich unrecht beurtheilen, und will daher meinem Schicksal auch diesen Schmerz vergeben. Pinndorfs Gemüthsruhe, seine Rückkehr zu sich selbst, und das gesicherte Glück seiner Kinder, müssen der gemischte Balsam für diese Wunde werden; nach diesem wird eine Zeit kommen, wo meine nun etwas strenge Freunde gerne ihren Anteil an der Freude des erneuten Wohlstandes einer unschuldigen Familie nehmen werden, und mir ist doch aus diesem Brief eine befriedigende Betrachtung zugeflossen, als ich die staunende Frage machte: Wie war es möglich, daß der Oncle Frank, mit so vieler Menschenkenntnis und Philosophie, nicht gleich sagte: Daß bei dieser Gelegenheit die Sache so enden mußte, weil die Umstände einen Hauptzug meines Charakters in Bewegung brachten, welcher meiner nur erst eingeschlafenen Leidenschaft neues Leben und Stärke gab? Denn gewiß, Rosalie! wäre mein Mitleiden und mein immer gleich starker Hang zur Wohlthätigkeit nicht mit Pinndorfs Bild vereint vor meine Seele getreten, so würden Sie keine Heurathsnachrichten erhalten haben. Meine Belehrung ist gewesen: Kann der weise gütige Oncle Frank, kann der scharfsehende edle Cleberg, und meine liebevolle Rosalie, in einer Sache, welche nicht ganz nach ihrem Sinn ist, ungeachtet der Vortreflichkeit ihres Geistes und ihres Herzens, ungerecht urtheilen, was soll man von Andern erwarten? – Und dadurch wurde ich über alle Uebrigen ruhig. Ich möchte nun hören, was man immer wollte – was sollten die Andere auf mich vermögen? Oder wie sollt' ich, ohne unrecht zu haben, Andern etwas übel nehmen, oder etwas von ihnen erwarten? Mit dem Frühjahr werden Nebel zerstreut, und dunkle Ideen durch Erklärung erhellt werden, die alte Freundschaft wiederbringen, und der erneute Wohlstand meiner Pflegekinder wird mich alles Vergangne als einen düstern lange gedauerten Traum betrachten lassen; so wie ich selbst von Ihnen hoffe, daß Sie finden werden: Das Schicksal ziehe angenehme Begebenheiten aus Kummer und traurigen Tagen – wie die Natur nach dem Winter schöne Blumen aus schwarzer Erde treibt. – Indessen gehen wir nach den Hierischen Inseln, und wollen sehen, ob sie nicht noch jetzo den alten Beinamen der glücklichen Inseln verdienen; ich erwarte nur die Ankunft des andern Sohnes, welchen man bei dem Pfarrer in Pinndorf zurückgelassen hatte, denn ich will alle die verwaisten Küchelgen unter meinen Flügeln haben. Gustav und Henrik bestimmen Ihnen schon Geschenke von Hieres; weil sie wissen, daß man schöne und seltene Pflanzen da findet, und sie die Kunst, Pflanzenabdrücke zu machen, gelernt haben, so wollen sie eine ganze Sammlung nicht nur trocknen, sondern auch abdrucken, und Ihnen bringen. Schreiben Sie mir noch einmal hieher, und schicken Sie mir des Oncles und Ihren Segen. Mir ist wohl, wenn ich Segen von Pinndorfs Lippen höre, aber der Oncle und Sie müssen mich auch segnen, wenn ich auf dieser neuen Bahn ganz glücklich und zufrieden seyn soll. Schreiben muß mir meine Rosalie, auch mir dabei die daurende Güte meiner Freunde zu Seedorf versichern, und sagen, wie sie leben. Ich erkenne, daß Cleberg Recht hat zu sagen, der Weg meines Lebens bilde die Zeichnung eines Labyrinths. Warlich er war sehr verwunden der Pfad, der mich zwischen Steinklippen und Dornbüsche führte, ehe ich auf die schöne Stelle der wahren weiblichen Tätigkeit gelangte; aber wie vielen Dank bin ich dem edeln gütigen van Guden schuldig, der so vielfach mein Glück gründete: denn dieses mußte mit dem Seltsamen meines Charakters und meines Schicksals vereint werden, damit ich zur Zeit der Rettung der Pinndorfischen Familie meine Liebe in nützlicher Vollkommenheit zeigen konnte. – Sie wissen, mein Herz war immer für alle Leidenden zur Hülfe bereit – warum sollte es für Pinndorf verschlossen werden? Legen Sie, theure geliebte Freunde! keinen fernern Tadel auf mich – nehmen Sie mir nichts von Ihrer Achtung; Sie liebten mich, als ich in Ihrer Vorstadt die arme Handwerksleute unterstützte – betrachten Sie mich ohne Vorurtheil. – Was that ich durch meine Verbindung, als daß ich meine Hand zum Trost eines lange geliebten Freundes, und zum Besten seiner Kinder, hingab. Ach! lange wird die Freude, die mich lohnt, nicht dauern; denn die Besserung, welche die Aerzte von der milden und gesunden Luft der Hierischen Inseln hoffen, ist nichts als eine Frist. Kummer und Reue haben Pinndorfs Lebenskräfte zernichtet – – Der Himmel, welcher alles so kommen ließ, bleibt die Grundfeste meiner Stärke und Hofnung, denn ich glaube, wenn mein Betragen und meine Handlungen dem Herrn der Schicksale misfiele, so würde meine Gesundheit und mein Muth sich unmöglich auf der Höhe halten, wo sie ohngeachtet der Sorgen, die in meiner Seele liegen, und der vielen Mühe und Unruhe meines Körpers, immer gleich stark sind. Sehen Sie nicht, Rosalie! wie weit ich von dem ehemaligen romantischen Ton entfernt bin? Eifer des Wohlthuns allein beseelt mich – und ich fühle, ich werde alles Uebrige, nur Sie und Ihre Freundschaft nicht, vergessen. Doch ruhet auf den großen Fittigen der Zeit eine große künftige Freude für mich – in der Idee, daß sechs Monate bald dahin sind, und daß das Frühjahr mich zu Ihrer Nachbarinn macht – wo dann auch der schädliche Dunst verschwunden seyn wird, mit welchem mich jetzo die meisten unserer Freunde umgeben sehen. Indessen bleiben Sie, theure Liebe! unter dem Schutz der weisen Güte Ihres Oncles, und werden von seiner Hand, wie von einem aufmerksamen Genius, auf die Bahn der schönsten Tugenden unsers Geschlechts geleitet. Sie sind zugleich in dem Zirkel auserlesener Freunde – und also hat die mir liebste Person meines Vaterlandes nichts von meiner Abwesenheit zu leiden. Doch wünsche ich, daß bald ein Anlaß erscheine, der Sie zu Marianen führe. Ich schreibe Ihnen noch vor unserer weitern Reise. Pinndorf, Gustav, Henriette, und die zwei Mooß, sagen Ihnen tausend Schönes, und ich umarme Sie zärtlich. van Guden Pinndorf. Sieben und zwanzigster Brief. Rosalie an Mariane. Dieser Brief von unserer van Guden Pinndorf beweist, daß meine Vorbedeutung von dem schlimmen Eindruck meines etwas gezwungnen Tons richtig war; doch sieht man auch, daß sie anfängt, den rechten Gesichtspunkt ihrer Lage zu fassen, und dies ist nach meines Oncles Urtheil immer der erste Schritt zu Gemüthsruhe und klugem Betragen. Mein Cleberg war über das gänzliche Stillschweigen, welches sie in Ansehung seiner beobachtete, etwas empfindlich, denn ich bemerkte es in dem Ton, mit welchem er sagte: »Die gute Frau zürnt über mich, weil ich der Wahrheit so nahe kam; es ist aber sehr glücklich für sie und die Pinndorfs, daß ihr Vermögen mit ihren Phantasien im Gleichgewicht steht.« – Mein Oncle sagte darüber: Er habe Recht. Ich mußte bei diesem Ausfall etwas lächeln; aber da mein Oncle seit einigen Tagen mehr ernst und stiller ist als gewöhnlich, und nichts hinzusetzte, so führten wir auch das Gespräch über diesen Gegenstand nicht weiter fort, und da heute ohnehin wieder ein Schulzentag war, so mußte Cleberg gleich nach dem Frühstuck in die Amtsstube; mein Oncle, der schreiben wollte, gieng in sein Kabinet, wodurch ich nach meinen Hausgeschäften die Zeit gewann, den Brief der Frau von Pinndorf für Sie abzuschreiben, und also diesen Abend noch mehr Muße für meine eignen Ideen zu finden, womit ich das Angenehme und Wichtige dieses Tages für Sie bezeichnen will. Die Unterhaltung bei Tisch wurde durch eine Uebersetzung, welche mein Vetter aus dem Französischen gemacht hatte, auf eine sehr gefällige Art für uns alle sehr nützlich. Sie, welche uns und die Landleute lieben, werden die Wiederholung gerne mit mir genießen. Die Schulzen erzählen immer bei diesen Mittagessen nach der Reihe, wie es bei ihnen mit den Verordnungen geht, oder wie die neuen Anstalten fortrücken. Da war nun die Frage von der eine Stunde von hier neuerrichteten Ziegelhütte; dann von dem in einem andern Ort des Oberamts eröfneten Steinbruch; von der an einem dritten gefundenen Mergelgrube – lange Zeit aber redete man von dem Anpflanzen der meinem Mann so lieben und bei den neuen Bauerhöfen angelegten Quetschenhecken, mit den alle 20 bis 30 Schritte in die Höhe laufenden Quetschenbäumen, weil diese Frucht zum Essen und Dörren, zur Mast der Schweine, und zum Brantweinbrennen so brauchbar ist, sehr artige Hecken bildet, und auch durch diese geschwinder tragbar wird. Unsere Seedorfer haben sie wirklich eingeführt; – aber aus Mistrauen gegen einander zogen sie zwischen die zwei Hecken ihrer kleinen Hausgärten einen Graben – und sind nun, da ihnen unser Gärtner immer aus der Baumschule gutes Obst geben, und sie in dem Beschneiden und Anlage der Bäume unterrichten muß, sehr zufrieden mit dem niedlichen Ansehen ihrer Gärtchen – so wie jetzo alle Clebergs Verordnung zu besserer Verwahrung des so äusserst nöthigen Düngers befolgen, und nicht Einer ist, welcher nicht seine Grube in ein ordentlich Viereck ausgegraben, mit Letten ausgeschlagen, und gegen die Mittagseite mit Bäumen besetzt hätte, um das Ablaufen der fetten Lacke, so wie das durch die Sonne vermehrte Ausdünsten zu verhindern. Gewiß alles Sinnen und Nachdenken von Cleberg für seine Bauern zielet zu dem Beweis ab: Daß Vernünftiger und anhaltender Fleiß die Erde zu doppeltem Ertrage bringe. – »Gott lohne Sie für alles, was Sie für uns Landleute thun! – (sagte ein Schulze) Wenn nur auch die Herren, welche die Fürsten umgeben, bedächten, daß der Bauer durch die Hofnung einer friedlichen Erndte, eines freien Verkaufs, und durch die Sicherheit gegen neue Auflagen zu eifrigem Feldbau ermuntert wird.« Nun folgte die Erzählung von einem äusserst thätigen und edelmüthigen Cavalier in dem Hessen-Casselschen Lande, welcher den allerliebsten Gedanken faßte, in seiner Nachbarschaft bald diesem bald jenem Landmann sein Guth abzupachten, mit dem größten Fleiß in guten Stand zu setzen, und es dann den Leuten wieder mit der freundlichsten Ermahnung zurück zu geben, daß sie es nun so unterhalten möchten. – Unsere Schulzen gaben diesem seltenen Edelmanne, wie sie ihn nannten, ihren herzlichen Segen, und freuten sich, als Cleberg sagte, er würde nächstens mit meinem Vetter, der diese Geschichte erzählte, in das Hessische reisen, um diesen Edelmann und seine Landwirthschaft selbst zu sehen. Die Leute hatten alle freundlich auf meinen Vetter geblickt, und Einer sagte: »Er wünsche ihm Glück, diese nützliche Reise mit meinem Mann zu machen.« – Cleberg, der meinen Vetter den Amtsleuten beliebt machen will, sagte: »Ich weis, daß es ihn freut; denn er liebt die Landhaushaltung über alles, sucht auch in meinen Büchern nur dies, was dazu gehört, und ist wirklich Ursache, daß unser Oncle im Frühjahr einen Sohn unsers Müllers und einen von dem Becker nach Frankreich reisen läßt, um das dort so sehr verbesserte Müller- und Beckerhandwerk recht zu lernen.« Nun nahm einer der Schulzen, welcher nahe bei meinem Vetter faß, ihn bei der Hand, und sagte: »Ei das ist ja gar brav, Herr Amtssecretarius: wie machten Sie denn das?« Mein Vetter erwiderte: »Ich fand in einem französischen Buch eine gar schöne Beschreibung von der Landarbeit – die übersetzte ich in das Deutsche, und las dann weiter, wo ich die Nachricht von einer Schule über Müller und Beckerkunst fand; da dachte ich: Unsere jungen Leute müssen immer eine gewisse Zeit wandern; wenn nun ein paar brave Pursche nach Frankreich giengen, und dort bei den vortreflichen Brüdern Parmentier ihr Handwerk vollende lernten, so wäre dies ja ein großer Vortheil für Seedorf, nicht nur wegen des viel nützlichern Mehlmachens, welches die Herrn erfanden, sondern auch wegen des bessern Brodbackens, in Ansehung der Nähe der Stadt. – Ich sagte es dem Herrn Oncle, und dieser versprach gleich das Reisegeld und den Unterhalt für die Leute.« Dies freute die Schulzen ungemein, sie lobten meinen Oncle, und dankten ihm dafür. Er versicherte sie seiner eigenen Freude darüber, und setzte hinzu: »Der Herr Amtssecretair hat nicht alles gesagt, was er that: denn er lehrt jetzt, und den Hinter hindurch, die zwei Pursche das Französische, damit sie gleich alles verstehen und fragen können.« Da fiel unser Seedorfer Schultheiß ein: »Ach Herr Resident! was machen Sie alles aus den Leuten?« »Warum, lieber Schulz?« fragte mein Mann. »Ei wären Sie nicht selbst ein so braver Beamter, der Tag und Nacht für uns sorgt, so würde der junge Mann da in der kurzen Zeit nicht geworben seyn, was er ist.« Cleberg unterbrach ihn, indem er meinem Vetter sagte, er solle die Uebersetzung holen, welche er von dem Lob der französischen Landarbeit gemacht habe, besonders weil auch so was Schönes von einem Landpfarrer und einem Oberaufseher darinn stehe. – Mein Vetter brachte diese Auszüge bald, und las uns die Aufsätze vor, welche Ihnen gewiß auch angenehm seyn werden. »Die im Freien sich übende Landwirtschaft beschäftigt sich im Feld mit Anpflanzung der großen Feldfrüchte des Waizens und Roggens , der Gerste und des Habers ; dann auch mit denen, welche man die kleinere nennt, Bohnen , Erbsen , Linsen , Hirsen , Buchwaizen , Heidekorn , mit Reben und öhligten Pflanzen, – Rüben , Hanf , Flachs , Mohnsaamen und Reps , dann mit fruchttragenden Bäumen und Gesträuchen, wie auch mit den angenehmen und nährenden Gemüspflanzen. Die häusliche Wirthschaft aber ist auf die Mittel bedacht, dieß, was die im freien Felde sich übende aussäete und einerntete, zu bewahren und nützlich zu verwenden. Sie besorgt die Speicher für die Feldfrüchte und den Hopfen ; die Keller und Fässer für das Obst und den Wein , dessen Saft von der Natur bestimmt wurde, die Kräfte des Menschen zu stärken und zu erfrischen; sie kennt auch die verschiedenen Arten, Aepfel - und Birnweine zu machen, und sie erfand die Kunst, aus dem gährenden Satz des Obstes noch die süßen und geistigen Theile auszuziehen, und als viele Jahre daurenden Brantewein zu benutzen; sie trocknet auch Obst, wodurch es zu Nahrung und Verkauf dient. Unter Pressen von verschiedener Erfindung läuft das Oehl der Oliven und Nüsse , des Leins und Mohnsaamens , des Reps und der Bücheln . Dort verfertigt die gute Landwirthinn Käse und Butter ; eine andre besorgt die Zubereitung des Hanfes und Leines ; eine dritte den Ertrag des Wachses und Honigs , wie die arbeitsame Biene, welche auch den geringsten Tropfen des Saftes der Blumen, so wie den kleinen wachshaltenden Saamenstaub, in ihr Gehäuse trägt und verwendet. Die Besorgung der Seidenwürmer , welche uns den der Prachtliebe so kostbaren Faden liefern; die Zucht der Schaafe , die so gern ihre Wolle allen Ständen zu einer warmen und gesunden Kleidung hergeben; der Wiesenbau und die Viehzucht , mit dem Hühnerhof , erfüllen den verdienstvollen Cirkel der Beschäftigungen des Landmanns – wer kann sie alle erzählen? – Wie schlecht, wie träge und unglücklich muß der Mensch seyn, dessen kalte Seele diese auf so vielfache Weise nützlichen Arbeiten mit Geringschätzung oder mit Gleichgültigkeit betrachtet! – Mein Herz verehrt jede Hand, welche sich damit beschäftigt, und segnet die Brüder Parmentiers , welche die Kunst des Müllers so verbesserten, daß man nun aus dem nämlichen Maaß Korn ein Drittel Mehl mehr erhält, als vorher. Und wie verehrungswürdig ist mir der Bischof von Amiens, der mit dem Oberbeamten und den jungen Geistlichen seines Kirchspiels, die zu Landpfarrern bestimmt waren, den Lehrstunden über die Kenntnis des Korns, des guten Mahlens und Backens, beiwohnte, damit diese jungen Geistlichen von der für gesunde Nahrung des Volks so nöthigen Kenntnis wohl unterrichtet würden, und auch die Entdeckung benutzen möchten, welche gemacht wurde, auf was für Art man im Fall der Noth geringes und schlechtes Gesäme, ja selbst schon gekeimtes Korn zu gutem Mehl und Brod gebrauchen könne.« Die Schulzen hörten da sehr aufmerksam zu, und zeigten ihre Bewunderung und ihren Beifall mit lebhaften Mienen. Am Ende sagte einer von ihnen, mir recht herzlichem Ton: »Ich danke, Herr Secretarius! für die Mühe des Lesens – aber es freut mich, daß man in dem kostbaren Paris, wo lauter lustige und vornehme Herrn wohnen, die Arbeit der Landleute lobt, und ich sehe auch, daß da in Frankreich ein braver Bischof ist, wie unser Herr Pfarrer in Seedorf, und ein Oberaufseher, gerad wie der Herr Resident bei uns – die auf alles Acht geben, was uns nützlich seyn kann.« In diesem Augenblick wurde aber der junge Schreiner gemeldet, welchen mein Cleberg hatte reisen lassen, und ihn nun seit mehreren Wochen auf Clebergshof hielt, damit er Proben ausarbeite, die er auf der Messe in der Stadt und der Nachbarschaft zeigen, und sich Kundschaft erwerben könne. Mein Mann möchte gar zu gerne in allem schöne Formen haben, und diesen Wunsch wollte er mit den Produkten des Landes und dem Vermögen der Leute vereint ausführen, damit man das Nützliche und Gemächliche mit dem Angenehmen ohne viele Kosten genießen könnte; deswegen ward der junge Mann verbunden, allein die vollkommne Bearbeitung des Tannen- Eichen- Nuß- und Quetschenbaumholzes sich eigen zu machen, weil diese Gattungen in hiesigen Gegenden sehr schön und häufig wachsen, wohlfeil sind, und auch durch Cleberg sorgsam nachgepflanzt werden. – Seine Absicht wurde vollkommen erreicht, denn Sie können nicht glauben, was der junge Mann für Geschicklichkeit hat, die Zeichnungen, welche er bekommt, auszuführen. Er hatte meinen halben Saal vollgestellt, um seinem Wohlthäter alles zu weisen, ehe es nach der Stadt geführt würde. Diese zufällige Bekanntwerdung der auf allen Seiten wohltätigen Absichten ihres Beamten machte meinen Mann bei seinen Schulzen neu beliebt und Segenswerth. Sie sehen darinn, liebe Freundinn! wie verehrungswürdig die Beschäftigung eines edeln und eifrigen Landbeamten mir werden muß, und wie gerne ich auf meiner Seite ihm nachahmen werde. Ich sagte auch Cleberg, nachdem die Schulzen weg waren, mit einer Umarmung: Daß ich wirklich keinen andern Wunsch mehr für meine Söhne habe, als daß sie nach dem Beispiel ihres Vaters sich bilden möchten. Mein Oncle faßte dieses auf, lobte mich darüber, und setzte hinzu. »Rosalie! diese Gedanken kommen oft in meine Seele, wenn ich Clebergs anhaltende gemeinnützige Thätigkeit, und das Aufkeimen des Verstandes und Charakters deiner Söhne betrachte. – Kinder! (fuhr er fort) kommt noch auf eine halbe Stunde in den Garten zu Marianens Bank, ich will Euch etwas lesen, das ich für Karl und Wilhelm aufsetzte; die Kleinen können dabei ihre Felder jäten, oder auf dem Grasplatz ihre Abendspiele halten.« Wir folgten ihm den Augenblick, da er die Papiere aus seiner Stube, und Cleberg unsere Buben bei dem Vetter geholt hatte, welcher sie, ohne Grammatik, lateinische Worte im Gedächtnis behalten und schreiben lehrt; Nanny wurde durch mich gerufen, und so wanderten wir zu der lieben Ruhebank, die von jeher zum Genuß der Weisheit, Güte und Freundschaft bestimmt war. Ich hatte mein Strickzeug; mein Oncle setzte sich mit seinem Heft Papier in Ihre Ecke; ich nahm meinen Platz zu einer, Cleberg zur andern Seite, wobei er einige seiner Nelkenstöcke vor sich stellte, um sie auszuputzen, die er aber bald zurücksetzte, als der Oncle anfieng: » Zufällige Gedanken über die Erziehung der Knaben meiner geliebten Kinder Cleberg . »Die Erziehung soll das wahre Glück der Kinder zur Absicht haben, und sie also dieß lehren, was sie jetzt und in Zukunft glücklich machen kann. Da wir nun während unserm Erdeleben von zwei immer auf uns wirkenden Kräften abhangen, so ist es nöthig, daß sie diese kennen, und daß man sie bei der Bildung ihres Geistes und ihrer Empfindungen gebrauche. Die erste dieser so sehr wichtigen Kräfte liegt in der physischen Welt, welche die Bedürfnisse für unsern Körper schaft, und auf allen Seiten immer in Luft und Wasser, im Licht, in dem wärmenden Feuer, und in der uns tragenden Erde auf uns wirkt. – Die zweite ist physisch und moralisch zugleich, denn sie liegt in unsern Nebenmenschen, und ihrer Verbindung mit uns. Die Geschichte der Menschheit lehrt diese , und die Naturgeschichte die erste kennen. Unser Aufenthalt in Seedorf führt uns glücklich zu dem, was den Kindern am leichtesten und angemessensten ist; denn da die Sinne der Jugend von der Natur die größte Feinheit erhielten, und ihr Gedächtnis die erste Stärke hat, aber ihre Urtheilskraft noch nicht gebildet seyn kann, so muß man sie nichts lehren, was vieles Nachdenken erfordert, so wie Grammatik und Sprachen, welche, nach mir , erst in die zweite Klasse des nützlichen Wissens gehören, und sie auch in der zweiten Jugend wenig Mühe kosten werden. Da ist nun das beste, sie vieles von dem sehen zu machen, was für ihre Fassungskraft taugt, und ihnen am ersten nöthig ist. – Dieses sind die Werke der Natur . – Es wird keine ermüdende Arbeit, sondern, da sie immer neue Sachen sehen werden, ein immer neues Vergnügen für sie seyn, wenn ihre Freunde und Lehrer die Mühe nehmen wollen, die Neugierde der Kinder auch durch die gute Art, ihnen die Sachen zu zeigen, rege zu halten. Da wird ein Insekt, eine Pflanze, ein Stein, ein Stück aus dem Mineralreich, – – ihnen eben so viel Freude machen, als die Spielsachen der ersten Jahre, und sie werden die verschiedenen Gestalten und Eigenschaften dieser Gegenstände bemerken, und in ihr Gedächtnis einprägen. Von dem äussern Ansehen leitet man sie dann zu dem innern Bau, und Verbindung der Theile; zeigt ihnen auch da vieles durch microscopische Beobachtungen – und durch öftere Wiederholung wird ihr Blick so sicher werden, daß sie sich nie mehr betrügen. Nachdem lehrt man sie, und zeigt ihnen den Gebrauch, welchen Künstler und Handwerker von den Thieren, den Steinen, Pflanzen und Metallen machen; denn die Geschichte der Künste fordert mehrentheils auch nichts als ein gutes Auge, ist deswegen der Fassungskraft der ersten Jugend angemessen, und sicher nach Kenntnis der Natur eine der nützlichsten Wissenschaften. Nun folgte die Geometrie, und Stückweise die Experimentalphysik und Chymie. Diese werden sie unterrichten, ohne sie zu ermüden; sie werden damit zu der glücklichen Gewohnheit nützlicher Beschäftigung geführt, und der Zeitpunkt des Zeichnens tritt ein. Abends lenkt sich das Auge so leicht gegen den Himmel, und es ist kein Kind, welches nicht die Sterne zählen möchte. Diese Begierde kann zu der Anfeurung des geometrischen Fleißes, und zu den ersten Ideen der Sternkunde benutzt werden, und mit Hülfe kleiner Erdkugeln und Himmelscharten sollten sie bald die Planeten, ihren Lauf und Verbindungen, neben den wichtigsten Sternbildern kennen, und auch mit den Sehrohren und Teleskopen schicklich bekannt werden. Nach diesem kommt Menschenkenntnis . Diese erlangen sie durch die Geschichte, welche eine neue Quelle von Vergnügen für sie wird. Die Geschichte der Griechen und Römer lieben die jungen Leute alle; man muß aber dabei die Landcharten hinlegen, und ihnen die Länder bekannt machen, wo alte und neue große Menschen wohnten, und in Krieg und Frieden handelten und wandelten – welches man bei der Geschichte aller Völker durchsetzen, ihnen dadurch eine beseelte Geographie geben, und die Sprachen alter Völker lehren muß. So leitet sie bis zum dreizehnten Jahre, wo ihre Urteilskraft anfangen wird, gründlich und richtig zu werden; – dann führt sie zu der Mathematik . Die Gegenstände dieser in das Innere der Wesen dringenden Wissenschaft sind immer vor uns; die Gewißheit und die Ueberzeugung begleiten sie, und gewöhnen die jungen Leute zur Liebe und zu dem Gefühl des Wahren. Optik und Mechanik , so wie alle Zweige der gemischten Mathematik, verbinden sich mit den ersten Grundsätzen – und so werden sie bis zu fünfzehn, sechszehn Jahren, aus einem angenehmen und sichern Weg, zu einem unerschöpflichen Vorrath von so viel Kenntnissen und Thatsachen gebracht seyn, daß sie wissen können, was ihnen nützlich ist, und gewiß werden sie dann, wenn sie sich zu einer Wissenschaft entschließen, schnelle und große Fortschritte machen. – Rosalie kann ihnen dann auch große Dienste thun, wenn sie sich alle Tage etwas, als eine Gefälligkeit für die Mutter, in dem Plutarch und andern historischen Lebensbeschreibungen verdienter Männer, und Auszüge von ihren merkwürdigen Gedanken vorlesen läßt, weil die Kinder ohnehin das Französische bei ihr lernen. Mit dem siebenzehenten Jahr führt sie in das Heiligthum der ganzen Moral . Ihre Herzen werden noch das unverdorbene Gefühl edler Seelen haben. Zeigt ihnen, was sie Andern schuldig sind, und was sie von ihnen fordern können. Legt ihnen die Rechte des Standes der Natur , und die der gesellschaftlichen Verbindungen , neben den Pflichten dieser Gesellschaften gegen einander, vor Augen. Ich hoffe, das rechtschaffene Herz unserer Kinder, die Geschichte, und unser Beispiel, sollen sie schon lang darüber unterrichtet, und vorbereitet haben. Dann laßt sie die Höhen der Philosophie besteigen, wozu ihnen diese Reihe von Vorkenntnissen den Weg erleichtern werden – und Ihr zwei Lieben werdet den Trost fühlen, Eure Söhne glücklich zum neunzehnten Jahre geführt zu haben, ohne daß die guten Jungen die schönste Zeit ihres Lebens in Zwang und Trauer, bei Erlernung tausend unnützer Dinge, verloren. – Die selige Gewohnheit in nützliche Beschäftigung und edle Freuden eingetheilter Stunden wird ihnen zum Bedürfnis geworden seyn, und sie vor schädlicher hinreissender Leidenschaft bewahren, welche vielmehr für Wirkung des Mangels nützlicher Arbeit, als eines feurigen Temperaments und jugendlicher Bewegung des Herzens angesehen werden muß.« – O Mariane! was für eine Wirkung machte das Vorlesen dieser Blätter auf Cleberg und mich, da wir unsere Knaben zur Seite spielend, vor uns aber den treuen weisen Oncle, von dem Wiederschein der niedergehenden Sonne beleuchtet, an dem anfangenden Abend seines verdienst- und gütevollen Lebens, für die glückliche Zukunft dieser Kinder so besorgt sahen. Kennen Sie etwas Simpleres, der Natur der Kinder und dem wahren Geist angemesseners, als diesen Plan? Cleberg hat auch die ganz treue Befolgung angelobt, indem er in voller Bewegung der Seele hingieng, unsere Knaben holte, sie zum Oncle führte, und ihn bat, die gute Kinder in diesem schönen seligen Augenblick zu küssen und zu segnen, auch ihn zu segnen, da er gewiß diesen Plan getreu befolgen wolle. Ich weinte, mit einem Blick zum Himmel, die süssesten Thränen, indem ich die Hände meines Oncles und meine Buben küßte. – Acht und zwanzigster Brief. Cleberg an Mariane. Theure würdige Freundinn! reichen Sie mir die Hand, meine Rosalie zu unterstützen; ich bin in dem äussersten Kummer – unser Oncle ist todt, und der edle gute Mann sorgte noch so für seine Nichte, daß er immer ein Billet für sie bereit hielt, in welchem er ihr sagt: »Liebe! ich gehe zu einer völligen Aussöhnung mit meinen Verwandten; reise sogleich mit deinen Kindern zu Marianen – dort hörst du bald mehr von deinem dich innig liebenden Oncle Frank.« Hier ist auch ein Paquet an Sie, welches gewiß Rosalien betrift. Meine gute Frau kommt zu Ihnen. Sie weis noch nichts; aber ich habe die Reiseanstalten so schnell gemacht, als es möglich war, wie auf Befehl des Oncles, der, wie ich ihr sagte, mit Latten und dem Vetter abgereist sey. Die unverhofte Freude, Sie zu sehen, machte Rosalien in alles einwilligen, und sogar selbst eilen, als ob sie fürchtete, es möchte etwas diese schon so lang gewünschte Reise unterbrechen. Sie glaubt fest, der Oncle würde bei dem Rückweg einen Besuch bei Ihnen machen. Die arme Salie dachte, ich sähe ihre Reise nicht gerne, weil sie etwas Düsteres und Nachdenkendes in mir bemerkte. – Ich bin, wie Sie leicht denken können, zu bestürzt und zerstört, um viel zu schreiben, aber der erste Moment von Fassung wird Ihnen gewidmet von Cleberg . Per Estaffette.   Zweiter Brief von Cleberg an Mariane. Aus Julienberg. Nun ist Rosalie bei Ihnen. Die Reise, das Vergnügen, Sie zu sehen, und die Hofnung, einige Zeit bei Ihnen zu seyn, werden sie stark genug gemacht haben, diesen Einschluß von ihrem verewigten Oncle. und die Geschichte seines Uebergangs in die andre Welt, zu lesen. – Ihr Schmerz wird groß seyn, ich fühle es in der Heftigkeit des meinigen, denn ich mußte mich in eine Einsamkeit flüchten, um mein ganzes Herz ungestört zu ergießen, indem selbst meine besten mit mir trauernden Freunde mir zur Last waren, und auch jetzo noch kann ich ehender schreiben als sprechen: Wir bemerkten alle seit einigen Wochen eine ungewöhnliche Liebe zum Alleinseyn, und mehr stilles Wesen, in unserm väterlichen treuen Oncle; er heiterte sich aber sogleich auf, sobald er merkte, daß wir ihn beobachteten. Als wir den Plan für die Erziehung unserer Knaben erhielten, wurden wir ruhig, und dachten, daß dieser Aufsatz die Ursache seines öftern Einschliessens und des nachdenkenden Aussehens gewesen sey. Aber vor vier Tagen nahm er nicht seine gewohnte Portion Frühstück, und bat mich, mit ihm nach dem Frankenhof zu reiten, wo er sich Appetit holen wolle, vielleicht gar nach der Stadt gehe. Unterwegs gegen den neuen Bauerhöfen zu sagte er zu mir: »Lieber Sohn, mir ist nicht wohl, wir wollen der Stadt zu, damit ich mit dem Arzt reden kann. Wenn ich ihn holen lasse, wird Rosalie ängstlich.« Ich war es herzlich zufrieden, fragte ihn aber, was er denn eigentlich fühle? – Ein dumpfes drückendes Wesen im Kopf und allenthalben – vielleicht hilft Bewegung. – Mit diesem trieb er sein Pferd stärker an, ich mußte nach, auch war es mir lieb, um so eher mit dem Arzt zu sprechen. Wir ritten zu Lattens Bleiche, wo dieser jetzt beständig wohnt; der Oncle sah sehr roth aus, und hatte mehr Mühe als sonst, von dem Pferd zu steigen. Bei dem Eintritt in die Seitenstube greift er in seinen Sack, nimmt seine Brieftasche und reicht sie mir, indem er sagte: Ich werde übel – und schwankte. Latten und ich faßten ihn auf, und brachten ihn zum Kanapee. Wir sahen den Anfall eines Schlags, schickten nach dem Arzt, machten alle Kleidungsstücke los, und rieben ihn. Der Arzt und Chirurgus kamen sogleich. Alle nur mögliche Mittel werden angewandt – aber vergeblich – in vier Stunden war er leblos vor uns. Ich sage Ihnen nichts von meinem Schmerz und von der Angst, welche mich mit dem Gedanken an Rosalien überfiel; doch dankte ich Gott, daß mir dieser grausame Zufall in dem Haus eines treuen und klugen Freundes begegnete; auch besann sich Latten zuerst auf die Brieftasche, und sagte: »Der liebe Mann fühlte sich, als er sie Ihnen gab – sehen Sie doch nach, ob er nicht etwas darinn verordnete.« Ich öfnete sie, und fand lauter Papiere, die seinen Tod anzeigten; einen Brief an mich, schon vor fünf Wochen datirt, mit der Ueberschrift: An meinen theuren Sohn Cleberg. Ich bat Latten, mir ihn vorzulesen, denn meine Thränen erlaubten mir es nicht. Hier lesen Sie die Worte des immer edeln Mannes: »Lieber Sohn! Meine fünf und siebenzig Jahre sagen mir, daß der Zeiger gegen die letzte Stunde rückt; meine körperliche Disposition neigt zu einem Steckfluß, wie mir unser würdiger Arzt ohnlängst freimüthig sagte. Mein Haus ist seitdem bestellt, und Sie finden alles in Ordnung; so wie ich weis, daß Sie alles befolgen werden, weil ich gesucht habe, gerecht zu seyn. Sie und Rosalie haben edelmüthig mit den andern Schwesterkindern theilen wollen, und ich habe eine billige Eintheilung gemacht. Meine Schwester hat eine lebenslängliche Pension; ihre zwei Töchter ein Heurathsguth, und die zwei Söhne eben so viel. Den einen von diesen, welchen Sie in Ihr Haus nahmen und in mein Herz einführten, behalten Sie in Ihrem Schutz, und bilden Sie ihn zum rechtschaffnen Landamtmann. Das Uebrige meines Vermögens sollen Sie, Rosalie und Ihre Kinder von dem väterlich gesinnten Oncle als Erb und Eigenthum annehmen, wie es Ihnen gesetzmäßig versichert ist. – Meine Rosalie wird gewiß Ihre Hochachtung und Ihre Liebe immer verdienen – und Sie, mein Cleberg! werden das vortrefliche Weib gewiß immer glücklich machen. Nehmen Sie meinen Segen und meinen Dank für die Freude, welche Sie stets durch Ihr Leben, durch die Führung Ihres Amts und Ihre Kenntnisse mir gaben. Meine letzten Jahre waren schön – ich habe Gott dafür zu danken – mögen die Ihrigen in noch höherm Alter eben so seyn, und Ihre Söhne einmal Ihnen gleichen! Mein Tod, ich hoffe und glaube es, wird schnell seyn; nur bitte ich Gott, daß Rosalie kein Zeuge davon werde, und daß ich Ahndung genug haben möge, um mich von ihr zu entfernen. Erfüllt Gott diese meine letzte Bitte. so schicken Sie sie gleich zu Mariane, damit ihr in den Umständen, worinn sie ist, und bei der Liebe, die sie für mich hat, mein Sterben und mein Begräbnis verborgen bleibe, bis sie bei dieser klugen zärtlich geliebten Freundinn ist – dann lassen Sie ihr durch Marianen diesen Brief übergeben, welcher die letzten Beweise ihrer Liebe und ihres Gehorsams fordert. Sie und Ihre Kinder umarme ich, segne Sie, und bitte Sie, unsere Freunde meines Segens, meiner Liebe und Verehrung zu versichern, und daß ich sie alle bitte, edle treue Freunde zu bleiben bis in den Tod, wie ich Georg Frank .   An Rosalien. Geliebte schätzbare Nichte! Du weist, was du von deiner ersten Jugend an mir warest, und daß ich mir Mühe gab, dein Glück in deiner Seele zu gründen. Zeige, liebe Rosalie! zeige unsere Freunden, daß meine treue Mühe nicht vergeblich war. Der Augenblick, in welchem dieses Blatt in deine Hände kommt, ist eine Gelegenheit zur Probe meiner dir gegebenen Grundsätze, mit welchen ich vor Gott an der Seite deiner Mutter und Groseltern seyn werde. Tod ist Uebergang in die zu ewiger Seligkeit bestimmte Welt, und das Gesetz der Natur führt die Alten zuerst an die Gränze. Sage dir dieses – liebe mein Andenken, laß aber die Thränen deiner Trauer nicht bitter, nicht heftig seyn – zeige Liebe und Verehrung für mich in Befolgung meiner letzten Bitte: Schone dich; suche zu leben, und zu beweisen, daß dies, was man uns in gesunden und glücklichen Tagen als Grundsätze aufstellen hörte, auch in der Zeit der Prüfung in uns wirkt. Ich habe an Gottes besten Gaben dieser Erde einen grosen Antheil genossen, und sehe die Anlage zu einem schnellen Tod als letzte irrdische Wohlthat an. Traure also nicht darüber, wenn der Allgütige diesen meinen letzten Wunsch erfüllt, und freue dich, wenn du hörst, daß mein Uebergang in die Ewigkeit schnell und leicht war. Danke Gott, daß dein bester Freund mit dem Zeugnis eines guten Gewissens vor seinen Richter kam, und zerstöre die Anstalten nicht, die ich noch mache, um dir diese deiner Liebe für mich so traurige Begebenheit zu erleichtern. – Bleibe gute Gattinn, gute Mutter, Hausfrau und Freundinn, wie bisher – du warest in jeder Scene deines Lebens mein Stolz und meine Freude. Nimm noch neben diesem Zeugnis meinen Segen, und lege in die Seelen deiner Kinder, was ich mit treuer Liebe in die deinige legte. – Danke Gott für dies, was er an mir that – und bete ihn an für dich und für deine Kinder – Denke, wie sie hinschwinden, die Jahre des Erdenlebens, und wie bald du wieder sehen wirst deinen treuen Oncle Frank .   An Mariane von Edelbach. Edle verehrte Freundinn! Ich schreibe Ihnen noch in dem Genuß des Lebens eines fröhlichen Alters von 75 Jahren, aber ich sehe, der Abend nähert sich, wo ich zur Ruhe gehen werde. Sie, die mit Beispiel und Rath, mit Lehren der Tugend und Weisheit, meine geliebte Nichte Cleberg bilden half – nehmen Sie den Dank des Oncles an der Pforte der Ewigkeit dafür an, und erfüllen Sie meine letzte Bitte: Niemand hat näheren Eingang in Rosaliens Seele als Sie – wenden Sie diese Obergewalt an, ihren Schmerz bei meinem Tod in sanfte Gelassenheit zu bringen, und suchen Sie, womöglich, einige Zeit in Seedorf zu wohnen, um meine Rosalie zu erinnern, daß ihr Oncle in dem Genuß der Seligkeit ihre anbetende Ergebung in Gott, der ihn schickte und rief, von ihr wünscht. – Segen ruhe auf Ihrer ausübenden Tugend! Ihr Wiedersehen wird einst Zusatz zu meiner Seligkeit seyn. – Georg Frank .   Diese Briefe (fährt Cleberg fort) und das kleine Billet, welches ich Ihnen in der ersten Nachricht schickte, waren in der Brieftasche. Der Arzt sagte uns, er habe den Fall vorgesehen, und dem Oncle auf seine Anfrage freimüthig gesagt, daß alle Anzeigen eines Steckflusses allmählig erschienen, und ihm weniges Essen und mässige Bewegung empfohlen, sobald er etwas Schwermüthiges an sich fühlte. – Das Reiten nach der Stadt sey zu stark gewesen, und habe den Anfall befördert. Seit gestern ruhen seine Ueberreste in dem Schoos der Erde. Heilig ist mir sein Andenken und sein Beispiel. Wer mich liebt und schätzt, soll wünschen, daß ich in die Fustapfen dieses edeln Weisen treten möge. Aufsuchen werde ich jede Spur seines Denkens und seiner Handlungen – und gewiß, seine Rosalie soll, so viel an mir ist, das glücklichste Weib seyn. Unser Ott kommt mit mir zu Ihnen; bereiten Sie Rosalien zu dieser Erscheinung. Erwarten Sie nicht, daß ich die Trauer meiner Landleute beschreibe, als sie mich wieder sahen. – Der Oncle hatte alles verordnet; auch das stille nächtliche Begraben in der Stadt, wenn es möglich sey, damit Rosalie bei einem Grab in Seedorf keinen Anlaß zur Schwäche und Phantasie habe. Mein ganzes Amt trägt die Trauer; alle liebten ihn, alle segnen sein Andenken, besonders auch noch die Weiber, weil er eine Stiftung machte, von welcher alle Jahre eine Hebamme des Amts in der Stadt unterrichtet werden solle, und für jede hat er zehn Gulden jährliche Verbesserung ihres Gehalts, und vier Gulden für Bücher bestimmt – mehr konnte ich noch nicht nachsehen. Dieser Verlust, und die Abwesenheit meiner Frau und Kinder, haben mein Haus zu leer gemacht; deswegen bin ich hieher gegangen – die abgesonderte Lage dieser Wohnung, und die gänzliche Ruhe um mich bei dem weitausgebreiteten Himmel und der freien Landschaft, thun mir wohl; ich warte, bis mein Reitknecht von der Residenz zurückkommt, wo ich um Erlaubnis bat, auf einige Tage zu verreisen, und dabei die Ursache meldete. Mein Herz preßt sich bei dem Gedanken, Rosalien zu sehen; Gott gebe, daß ich sie wohl finde. Lassen Sie mich auf der letzten Station Nachricht antreffen, denn wir nehmen die Post, weil ich nicht lange weg seyn, und keinen Amtstag versäumen möchte, auch dem Oncle zum ewigen Gedächtnis niemals eine Pflicht zurücksetzen will. – Er hatte einmal von Wieland gehört: »Die beste Art, verehrungswerthen Verstorbenen seine Liebe zu zeigen, sey, von ihren Verdiensten zu sprechen, und alles Gute zu thun, was man sie ausüben sah.« Ach Mariane! könnten Sie doch, mit unsern übrigen Freunden vereint, in der Nähe von Seedorf Zeuge seyn, ob der glückliche von dem edeln Verstorbenen gewählte Neffe dieses Gelübde hält. – Ich kann Rosalien nicht schreiben – sprechen Sie ihr von mir. Morgen Abend kommt mein Reitknecht wieder – dieses läuft noch mit Estaffette an Sie. Cleberg . Neun und zwanzigster Brief. Rosalie an Julie Ott. Unsere Männer, theure Freundinn, reisen zurück, weil Cleberg mich gefaßt glaubt. Ach Julie! Schauer überfällt mich, wenn ich an Seedorf, an mein Haus, an die Zimmer und die Gesellschaft dieses Oncles denke, der mir mehr war, als je ein Vater hätte seyn können. Nie würde ein Mann so viel für ein eigenes Kind gethan haben. Bedenken Sie nur seine letzten Wohlthaten, und wie wahr es ist, daß allein richtige Begriffe von diesem und jenem Leben, von Gott, und der weisen Verwendung unserer Kräfte, in allen Fällen, selbst bei dem Gedanken des Todes, Stütze für uns werden können. Aber Julie! was ist Erdenfreude für ein schwankendes Rohr! Reiste ich nicht wie im Rausch des Glücks von Seedorf ab? Dachte meine Eigenliebe nicht, die ernsten stillen Mienen, welche ich bei Ott und Ihnen, bei Cleberg und meinen Hausbedienten sah, seyen Beweis der Trauer über meine Abreise, und der Furcht, ich bleibe zu lange abwesend, weil es zu Mariane gieng? Wie sehr, wie gerne eilte ich, um keinen Aufschub zu erleben. In dem Moment, da ich in Edelbach ankam, war eine von Marianens Nichten todtkrank, und der Vater abgereist, um seinen Verlobungstag in Lichtenhayn zu feiern – so daß mir das traurige und bestürzte Wesen meiner geliebten Freundinn auch ganz natürlich schien; nur hätte ich bald gestutzt, da sie, wie ich sagte: Mein Oncle kommt gewiß, mich abzuholen – mir, wie mich dünkte, zu kalt antwortete: »Es wird mich freuen, ihn einmal wieder zu sehen. – Sein Billet und die schnelle Reiseanstalten für mich, machten mich daran glauben; der Ausdruck, wo er schrieb: – Ich gehe zu vollkommner Aussöhnung mit meinen Verwandten« zeigte mir nur den Beweis, daß er seine Schwester sehen und sie seiner erneuten Freundschaft versichern wolle. Ach woher hätte mir der Gedanke des Todes kommen sollen? Ich genoß den Anblick und die Umarmung meiner Mariane, neben den abgebrochenen Nachrichten von ihrem Schicksal, und von der neuen Verbindung ihres Bruders – und wurde beinah ohnmächtig für Freude, als sie mir sagte: »Rosalie! ich ziehe mit meinen zwei Nichten zu Ihnen nach Seedorf!« Wie voll Weisheit von Mariane, wie barmherzig von der Vorsicht war diese Erklärung, die schon voraus als ein Gegengewicht des großen Schmerzens, der mich erwartete, in meine Seele gelegt wurde, mir meine Kräfte, und meinem Kind das Leben erhielt; denn gewiß im ersten Anfall meines unaussprechlichen Kummers, da ich in Glück und Unglück zu heftig fühle, würde ich und das arme unschuldige Wesen unter meinem Herzen gelitten haben. Mariane sagte mir den ersten Abend nichts mehr, vermied auch von Seedorf zu sprechen, und weil sie wegen ihrer holden Nichte Emilie so beängstigt schien, wollte ich ihr nicht von meinen freudigen Hofnungen reden, sondern zeigte ihr den Antheil, welchen ich an ihrem Kummer nahm. Meine Knaben wurden dem schätzbaren Hofmeister der zwei jungen Edelbache übergeben, und Nanny war mit der kleinen Sophie um mich. Den zweiten Tag nach meiner Ankunft versicherte der Arzt, daß die liebenswürdige Emilie auf dem Weg der Besserung sey, und Mariane schickte sogleich einen Bedienten zu Pferd an ihren Bruder mit dieser guten Nachricht. Ich war überzeugt, daß diese Hofnung sie freute, und doch bemerkte ich Tiefsinn, und eine Art Trauer in ihrer Seele, wovon mir die Quelle verborgen war; da aber ihre Freundschaft für mich in dem zärtlichsten Ton und dem vollkommensten Vertrauen über alles sich zeigte, so wagte ich ihr zu sagen: Mich dünke, ihre Freude sey umwölkt. Sie antwortete: »Ja, meine Liebe! sie ist es, denn ich dachte so eben an den frühen Tod von Emiliens liebenswerthen Mutter, welche so bald abgefordert wurde, und nicht alles Gute thun konnte, was sie wollte; denn gewiß, Rosalie! der Tod, welcher ohnehin die Bestimmung aller Geschöpfe auf Erden ist, muß doch dem Menschen sehr leicht seyn, der mit dem Zeugnis der nützlichen Tugend und wohltätigen Weisheit seine Tage schließt.« Ich erwiederte hierauf: Das ist gewiß, und Sie werden sich nicht wundern, daß ich hier an meinen Oncle denke, indem Sie selbst sagen werden, daß er mit diesem Zeugnis in die andre Welt gehen kann. Sanft ernst sagte sie: »Sie haben recht, liebe Rosalie! Ich dachte es oft, wenn ich sein Alter, sein Leben, und die nöthige Folge seines Sterbens mir vorstellte; aber mich dünkte auch, der Tod eines solchen Mannes könne seinen Verwandten und Freunden nicht so bitter seyn, als der eines Menschen, für dessen Seligkeit man Wünsche thun muß.« Ich habe doch welche für meinen Oncle. – »Und was sind das für Wünsche bei dieser Gelegenheit?« Ach da es doch seyn wird, daß er vor uns aus der Welt geht, so thue ich den Wunsch der frommen Frau Rowe für ihn und mich – einen schnellen Tod, ja kein langes schmerzhaftes Lager – aber diesen Tod doch ja nicht in meiner Gegenwart, ich wüßte mich nicht zu fassen. »Sie sind doch in allen Ihren Gesinnungen eben so sehr Nichte dieses rechtschaffenen edeln Mannes, wie nach dem Blut – denn er that in seinem letzten Brief eben den Wunsch wegen Ihnen.« So, Liebe! wann schrieb er Ihnen denn? »Vor einigen Tagen, und er bat mich, wo möglich mit Ihnen nach Seedorf zurück zu reisen, weil er glaubte, daß ich Ihnen in den jetzigen Umständen Erheiterung geben würde. – Er wußte noch nichts von der neuen Heurath meines Bruders, noch weniger von dem Entwurf, den ich in meinem Herzen gemacht hatte, meine zwei Nichten bei den Sands und bei Ihnen auszubilden.« O wie schön hat sich dieses getroffen, Mariane! Es ist doch Ihr Ernst? Denn schon seit vorgestern erfüllt diese Hofnung mein ganzes Herz. – Wie glücklich, wie höchst glücklich werde ich und wir alle seyn! Dies sagte ich, indem ich Mariane umarmte, und aus zärtlicher Freude, aus Zweifel und Wünschen etwas weinte Sie umfaßte mich, und sagte: »Gewiß, Rosalie! ich, meine nun gerettete Emilie, und Sophie mit dem wackern Stubenmädchen, ziehen zu Ihnen. Mein Bruder und seine Braut sind es zufrieden. Emilie bleibt mir, bis sie in ein Stift kommt, oder vermählt wird; ich aber schließe mein Leben bei Ihnen.« Nun weinte ich wahre Freudenthränen, und dankte Gott, der alles so fügte. Sie unterbrach mich, und sagte: »Ich bin froh, daß Cleberg baute, denn sonst würden Sie wegen meiner in Verlegenheit gewesen seyn, ob mir schon der gute Oncle sein Zimmer anbot, und versicherte, er nähme andre Wohnung.« Ich sagte da freimüthig und schnell: Liebe! das möchte ich nicht, denn mein Oncle liebt seine Zimmer, sie sind ihm auch sehr gemächlich; – wenn Gott ihn einst nimmt, und Sie bezögen sie dann, so wäre es mir ein wahrer Trost, Sie an der Stelle des besten Freundes meines Lebens zu sehen. – Julie! o Sie, Sie allein können sich den Eindruck vorstellen, welchen die plötzlichen Thränen von Marianen auf mich machten, da sie mich zugleich in ihre Arme faßte, und schluchzend sagte: »Theure Rosalie! geben Sie mir die Zimmer, denn Ihr verewigter Oncle bewohnt sie nicht mehr.« O Gott! rief ich, sie starr und mit trocknem Auge ansehend; ich sank aus ihren Armen auf meine Kniee, Mariane saß und hielt mich umfaßt, ihre Thränen flossen über mich, und das sanfte Flüstern ihrer Stimme, als sie sagte: »Liebe, liebe Rosalie! Gott stärke dich!« gab mir etwas Kraft; ich weinte nun auf ihren Schoos, konnte nur abgebrochen den Namen meines Oncles ansprechen, es war ein Gemisch von Zweifel, Furcht und Ueberzeugung in mir; endlich rief ich: Ist es wahr? Lebt er nicht mehr, mein Wohlthäter, mein Lehrer? »Er lebt bei Gott! und bat seine Rosalie noch um gelassenes Tragen seines Todes.« Denken Sie, wie heftig ich weinte, bis ich fragen konnte: Er sah also seinen Tod? Und er litte, und ich war nicht um ihn? »Nein, Liebe! Gott nahm ihn nach seinem und Ihrem Wunsch schnell; seine Briefe waren voraus geschrieben.« Nun wollte ich sie sehen, und Mariane mich von der Erde aufheben, aber ich versagte es, und da knieete sie neben mich, wies mir die Briefe, und las mir sie vor; meine Seele wurde mit Dank, Bewunderung, Liebe und Wehmuth erfüllt. Mariane weinte mit mir, und drückte mich an ihre Brust; nachdem sie eine Zeitlang geschwiegen, küßte sie mich, und sagte: »Rosalie! ich habe Gott und unserm edeln geliebten Todten jede Ausübung der Tugend und Freundschaft angelobt; thun Sie es auch, Liebe! Legen Sie Ihre Hand, wie ich, auf den Brief Ihres Oncles – wir können ihn als einen Altar ansehen, und wollen versprechen, seine letzte Bitte und Wünsche getreu zu erfüllen.« Sie faßte meine Hand, legte sie mit der ihrigen vereint auf die auf ihrem Stuhl vor uns liegenden Briefe; ich stammelte ihr weinend nach, mein Kopf sank auf die Briefe, die ich küßte und mit meinen Thränen benetzte; Mariane schwieg wieder einige Minuten, dann trocknete sie ihre Augen, und sagte mit einer Art sanfter Feierlichkeit: »Nun, theure Rosalie! wollen wir zeigen, daß unsere Gelübde uns Ernst waren; wir wollen genau die letzten Befehle der weisen liebreichen Güte befolgen. – Unser verewigter Freund sagt Ihnen: »Zeige deine Liebe und Verehrung für mich in Befolgung meiner letzten Bitte: – Freue dich, wenn du hörst, daß mein Uebergang in die Ewigkeit leicht und schnell war; Zerstöre die Anstalten nicht, die ich noch mache, dir diese Begebenheit zu erleichtern.« Diese mit einem feierlichen Ton vorgelesenen Zeilen vollendeten die Art von enthusiastischer Spannung, in welche mich das Schwören vor dem letzten mir heilig gewordenen Brief gebracht hatte. Ich stand auf, setzte mich zu Marianen, und bat sie, mir auch den Brief zu lesen, welchen sie empfangen hatte. Sie sagte erst jetzt, wie froh sie war, diesen Wunsch zu hören, indem ihr mein hastiges Aufstehen und das jähe Trocknen meiner Thränen bange gemacht hätte; aber der Brief meines Oncles an sie, der so voll Liebe für mich war, machte mich wieder weinen. Mariane wiederholte ihre Bitte, ihr seine Zimmer einzuräumen, und führte auf diese Art eine milde Besänftigung meines Schmerzens in meine Seele; aber ich trage ihn bei mir, den letzten Brief des treuen geliebten Oncles – Mariane hat mir eine eigene Brieftasche dazu verfertigt. Mit genauer Bemerkung des Gangs meiner oft wiederkehrenden Trauergefühle nahm sie vorgestern ihren Brief aus der Tasche, und wies mir, mich stillschweigend umarmend, die Stelle, wo mein Oncle sie bittet: Seine Rosalie zu erinnern, daß er in dem Genuß der Seligkeit wünscht, daß seine Nichte mit gelassenem Schmerz um ihn traure. Mein Cleberg und Ihr guter Ott haben mir auch so gesprochen, und meine anbetende Liebe für den edelsten besten Verwandten, dessen Schatten und Andenken mir heilig ist, haben vereint den Entschluß, mich zu fassen und ihm zu folgen, bewirkt, und Sie können, theure Julie, wohl glauben, daß ich ziemlich standhaft bin, weil ich die Auftritte dieser Trauerpost beschreiben konnte. Mariane sagt aber, es sey Genuß meiner Wehmuth darinn, und dies mache mich schreiben. Es ist, dünkt mich selbst, eine wahre Bemerkung von ihr; aber mein theurer Oncle fordert nicht, daß ich ihn vergesse oder nicht weine, und ich fühle, mit welcher Klugheit Mariane meine nun ruhige Ergebenheit herbeiführte. Dieses war aber auch noch Wohlthat meines Oncles, der mich hieher reisen machte. Soll ich nicht sagen: Ich will sie nicht zerstören, diese letzte Arbeit seiner mehr als väterlichem Güte – ich will leben, nach seinem Willen, nach seiner Vorschrift leben? – Es kostet freilich immer Mühe, wenn wir eine Neigung unterdrücken sollen; ich mußte alle Kräfte meiner Seele anspannen, um den Hang zur innigsten Trauer und die stete Betrachtung des düstern Bildes zu unterbrechen, in welchem mir seit der Nachricht dieses Todes unser mir sonst so liebes Seedorf erschien; ich sagte auch Marianen, daß ich oft in diesem Kampf ermüdete, ohne den mindesten Sieg über mich selbst zu erhalten, und sie antwortete mir mit edelm sanftem Ernste: »Liebe Rosalie! Sie müssen die Kraft Ihres Willens gebrauchen, alles andre hilft nicht.« Und so leitete sie meine wankenden Schritte bis zu der Höhe ruhigen Nachdenkens, wo ich mich jetzo befinde, aber wirklich nicht mit eignem Entschluß und Kräften, sondern wie jede schwere Last durch Kunstwerk hinaufgebracht wurde, indem ich mir sagte: Ich will meinem Oncle meine Schwermuth opfern; er sah mich ungern traurig – vielleicht sieht er mich noch: Er soll seine Grundsätze in mir ausgeführt sehen. – Sagen Sie, liebe Julie! dienten diese Ideen nicht als Maschine eines Hebwerks? Ich bin es sehr zufrieden, daß ich anerkennen muß, fremde Hülfe nöthig zu haben; brauche ich sie nicht bei viel minder wichtigen Anläßen? Dabei sehe ich unsre Mariane so froh über meine Gelassenheit; Cleberg dankte mir so innig dafür, und meine gute Kinder hüpfen nun wieder, denn so lange ich weinte, hatten die lieben Geschöpfe beinahe den Muth nicht, sich zu bewegen. – Auch diese Betrachtungen, Liebe! wurden Triebfeder zu Befolgung der großen edeln Vorschrift meines Oncles. – Und dann muß ich wohl auch dankbar erkennen und sagen: Gott selbst erfüllte die liebreichen Wünsche des weisen gütigen Mannes, in der Art seines Hingangs in die bessere Welt? Und ich sollte mich sträuben – sollte nicht ansehen, was für einen Trost mir die Vorsicht bereitete, da Mariane sich mit uns vereint? O Julie! ich sage es mir nun aufrichtig: Ich verdiente das viele Gute nicht, welches Gott in mein Leben legte, wenn ich das Bittre des Kelches der menschlichen Schicksale mit so viel Widerwillen kostete. Ach, ewiger Segen des Himmels umgebe die Seele meines Oncles, und seine Tugend werde mit seinem Vermögen das Erbtheil meiner Kinder! Sein Andenken wird bei uns gewiß nicht erlöschen, und die Verwendung meiner Tage soll meine nahe Verwandtschaft mit ihm beweisen. – Es werden, meine Liebe! wie es scheint, wohl noch eine oder zwei Wochen hingehen, ehe wir abreisen, denn Mariane will sogleich mitkommen. – Sie freut sich der Bekanntschaft der Familien von Sand, und Ihres Entschlusses, immer bei uns zu wohnen; Sie aber glauben doch meiner Liebe und meiner innigen Hochachtung für Sie, daß ich gewiß, selbst an Marianens Seite, meine theure würdige Freundinn Julie mit Schmerzen vermissen würde. Sie wissen, wie sehr mein Oncle Ihren Umgang liebte, und was Herr Ott für ihn war – auch dieses verstärkt in meiner Seele unsere freundschaftliche Bande. Sagen Sie doch Ihrem schätzbaren Mann, Ihnen selbst und den Sands, allen meinen Dank für den Ersatz, welchen mein geliebter gütevoller Gatte, über den Verlust des Oncles und meine Abwesenheit, bei Ihnen findet. Sie alle , besonders er , der rechtschaffene Cleberg, sollen in mir, in meinem Thun und Bezeugen alles finden, was aufrichtige Liebe für Tugend und edle Freunde, was Dankbarkeit für ihre Güte, und Ausübung der Pflichten in einem redlichen Herzen hervorbringen können. Der Vorsatz, meines Oncles immer würdig zu seyn, ist in dem Heiligthum meiner Seele – geben Sie mir, theure Julie! bei Ihrer ersten Umarmung Ihren Segen dazu, und bitten Sie jetzt den Himmel, daß er meinen Muth erhalte: Wenn ich Marianen nur das erstemal glücklich und gelassen in ihr Zimmer führen kann! Ach Julie! beten Sie für mich und mein Kind! – Dreißigster Brief. Rosalie an Frau van Guden Pinndorf. Mein Cleberg hat Ihnen unsere Trauer gemeldet, und Sie haben ihm die guten Nachrichten von der völlig hergestellten Gesundheit des Herrn von Pinndorf gegeben: Es war auch ganz natürlich, daß der Mann, welcher nur 48 Jahre zählt, seine Lebenskräfte erhalte, und daß der 76 Jahr alte zu Grabe gehe. Sie wünschten, mich ruhig zu wissen; mich dünkt, der Anfang und der Ton meines Briefs zeigen, daß dieser freundliche Wunsch in etwas erfüllt ist: aber Sie denken doch, daß vieles Weh und viele Hülfsmittel vorausgegangen sind. – Die Betrachtung der allgemeinen Verordnung des Himmels, die Sicherheit des bessern und ewigen Glücks des edeln geliebten Verwandten, und die Pflichten, welche ich zu erfüllen habe, um ihn dort anzutreffen, wurden meine Stärke im Innern der Seele. Mein Mann, meine Freunde thaten mehr zu meinem Trost, als ich zu wünschen gewagt hätte; und das Schicksal, Gott! wie gütig legte es edle Freude in die Waagschale meines Lebens, um das Gegengewicht des Kummers zu seyn, welchen dieser Verlust mir gab. Mariane ward in der nämlichen Zeit frei, hinzugehen wohin sie wollte, und sie kam zu mir – begehrte aber die drei große Zimmer, welche mein Oncle bewohnte; Cleberg freute sich darüber, und ließ uns vierzehn Tage länger in Edelbach bleiben, während welchen er alles Geräthe des lieben Verstorbenen zwischen sich und meinem Vetter theilte, auch die obere Stuben für sich einrichtete, und das Portrait meines Oncles über seinem Schreibtisch befestigte, indem er sagte: »Das Bild des weisen gütigen Führers seiner jungen Jahre zeige ihm jetzo noch das Muster eines thätigen und klugen Menschenfreunds, dessen Fustapfen er verehre, und ihnen nachfolgen wolle. – Marianens Zimmer hat er neu mit grünem Papier ausgeschlagen, seine schöne englische Kupferstiche da aufgehängt, und die Brustbilder des Apolls , der Diana , der Venus , der Niobee , der Martiana , des Socrates und Pythagoras , wovon Sie selbst die schönen Abdrücke bewunderten, auf grau marmorirten Gestellen zwischen den Kupfern erhoben geordnet. Ein kleiner Abschnitt des wirklich sehr großen Zimmers schafte Raum für Marianens Bücher und ein Schreibkabinet, an dessen Ende eine Abtheilung mit niedlichen Schränken angebracht ist, wo sie alles, was ihr lieb und schätzbar ist, unter ihrem Schlüssel und ihren Augen hat; das zweite ist auch abgeheilt, und zum Schlafzimmer für sie und ihre zwei Nichten verwendet; das dritte wurde zur Hälfte für das Kammermädchen, halb zur Kleiderkammer eingerichtet, und dadurch nicht nur Mariane und ihre Pflegtöchter besser und gemächlicher besorgt, als in Edelbach selbst, sondern auch mein Auge vor Trauererinnerungen gesichert, – welche Cleberg mit einemmal zu schwächen wußte. Nachdem bei unserer Ankunft meine Leute, die Ottens und die Sands, mich gleich im Vorplatz stillschweigend gegrüßt hatten, und fortgiengen, Mariane aber in ihre Zimmer eingeführt war, und mein Mann mich über die Aendrung darinn, da selbst die Thüren anders waren, beinahe freudig staunen sah, faßte er mich bei der Hand und sagte: »Liebe Rosalie! ich danke dem Himmel herzlich für deine glückliche Ankunft, und für die Zufriedenheit, welche ich in deinen Blicken sehe. Komm doch, Liebe! bis der Tisch gedeckt ist, und Mariane ihre Reisekleider ausgezogen hat, in mein neues Arbeitzimmer. – Ich folgte ihm, und da er mich langsam die Treppe hinaufführte, sagte er unterwegs: »Du denkst wohl, mein Kind! daß ich die Zimmer unserer Freundinn mit den wenigsten Kosten einzurichten suchte, und du wirst bemerkt haben, daß nichts als die Tapeten und die Abtheilungen neu sind, indem ich alles Uebrige aus den obern Zimmer nahm, in welchen ich mich aufhalten, und arbeiten will, wobei ich das ältere Geräthe benützen konnte.« Ich mußte diese Anstalt gut heißen; er freute sich darüber, »um so mehr, (setzte er hinzu) weil er die neue Einrichtung seines Arbeitzimmers unendlich liebte.« Nun waren wir an der Thüre; er legte eine Hand auf die Schlinge, mit dem andern Arm umfaßte er mich, und, indem mich küßte, öfnete er das Zimmer und sagte: »Theures Weib! du findest hier das Bild und die Meuble unsers Oncles, die mir heilig und schätzbar sind, weil sie mich immer, nicht nur an den Wohlthäter meines Lebens, sondern auch an die Nachfolge seiner Tugend erinnern, und ich hoffe, deine Fühlbarkeit über seinen Verlust solle sich nicht auf der schwachen Seite des Weinens und Fliehend bei diesen Erinnerungen, sondern auf der schönen gerechten Stelle der ewigen Liebe und Verehrung seiner und alles dessen zeigen, was sein war. Ich (fuhr er mit erhöhter aber doch sehr zärtlichen Stimme fort, indem er mich wieder küßte) ich versichere dich hier vor dem Bild des edeln Mannes, der uns vereinigte, daß dein Glück mir immer so theuer seyn soll, als mein Leben, und daß ich deine Liebe immer verdienen will.« Ich weinte, an seinen Hals geschmiegt, einige Minuten recht herzlich. Cleberg wischte dann, schweigend und liebreich ernst mich ansehend, meine Thränen einigemal von meinen Wangen; nun umarmte ich ihn, und so standhaft ich es konnte, sagte ich: Mein Cleberg! ich danke dir auch im Angesicht des besten Verwandten für diese Versicherung, und bitte dich, überzeugt zu seyn, daß deine Rosalie ihr Glück nur in deiner Liebe, und in deiner Zufriedenheit mit ihr finden kann. Er antwortete munter: »Dank sey dem Himmel und dir für diesen Moment! Wir wollen nach dem Willen unsers Oncles heiter auf der Bahn der Tugend unsers Standes fortwandeln, unsern Geist, Leben, Wohlstand und Freunde geniessen, wie es war, als er lebte. Gewiß, daß es ihn freute, wenn er Zeuge davon seyn könnte.« – Nun zeigte er mir alles, was er für sich vom Oncle nahm, machte mich auch als von ungefähr eines und das andre berühren, führte mich in die gegenüber liegende Stube meines Vetters, und wies mir, was er diesem gegeben hatte. – So brachte er mich in der ersten Stunde dahin, wo ich nach der Vernunft seyn sollte, und ich wußte ihm Dank, denn es war mir wohl dabei. Die von dem Oncle eingeführte Tagordnung wurde neu befestigt, und noch Abends mit Mariane verabredet. Sie war auch froh, daß Cleberg sogleich rasch, ohne viele Vorbereitungen, einen Durchschnitt (möchte sie sagen) durch meine Trauergefühle machte, denn sie hatte die ganze Reise von Edelbach aus den Kampf bemerkt, welcher bei dem Gedanken des Eintritts in mein Haus, des Anblicks von Cleberg, und der Zimmer meines Oncles, entstand. – Julie und Ott kamen noch den Abend zu uns; den andern Morgen waren Alle, Sands zwar nur auf einige Minuten, da; doch half dieses alles meine Ideen in den natürlichen und schicklichen Gang leiten. Mariane wurde mit ihnen bekannt, und sie begehrte auch sogleich, zu den Vorlesungen über die Naturlehre aufgenommen zu werden. Nachdem gieng sie, die Einrichtung in ihrem und ihrer Nichten Zimmer zu besorgen. Ich besuchte mein ganzes Haus, nebst allen Schränken und Vorrath, und machte mich meinen Leuten neu bekannt. Nachmittags zeigten wir den Edelbachischen Kindern den Garten, und Marianen Geßners Denkmal. Abends waren unsere Seedorfer Freunde bei uns zum Thee, und ich spielte Klavier. Den zweiten Tag nach dem Frühstück, da wir, weil es kein Post und kein Amtstag war, durch nichts Fremdes gestört werden konnten, nahm Cleberg die sonst den Neuigkeiten gegebene Zeit zu einer der wichtigsten Unterredungen, indem er Marianen und mich mit innigen, ernsthaften Blicken ansah, und Folgendes sagte: »Ich darf wohl meine zwei Freundinnen bitten, heute mit mir einen Blick auf unsere jetzige und künftige Tage zu werfen, damit wir den Genuß unsers Glücks, und die dafür schuldige Abgabe in Pflichten und Arbeiten, festsetzen, und ruhig darüber übereinkommen?« Recht sehr gerne; (sagte Mariane) ich liebe Ordnung in allem: man kann mehr thun, und mehr genießen. Aber, Cleberg! Sie müssen Ihre Ideen zuerst sagen. »Ja, und auch zuerst für Sie, theure Mariane! Ihr eignes Glück lieget, wie dasjenige aller edlen und guten Menschen, in den Kenntnissen und Grundsätzen Ihrer Seele; Sie sind auch dadurch glücklich, so wie Sie uns durch Ihre Liebe und Ihre Gegenwart beseligen. – Dieses, und die Leitung Ihrer Nichten auf dem Weg der Tugend und Klugheit, das Beispiel, welches Sie auch andern jungen Frauenzimmern geben, ist eigentlich die schöne edle Berufsarbeit eines unverheuratheten Frauenzimmers.« Er wandte sich dann zu mir: »Unser Oncle, liebe Rosalie! und sein Lieblingslehrer Mark-Aurel, sagten uns, die erste wichtige Arbeit sey, seinen Stand zu kennen , und zu wissen, was man darinn Gutes und Nützliches thun kann . Dies, meine Liebe! glaube ich wissen wir; und ich weis auch, daß wir es befolgen werden: nur ist die Frage von dem Genuß unsers Glücks in gesellschaftlichen und Erholungsstunden. Lesen Sie, liebe Freundinnen! (sagte er, ein Papier aus der Tasche ziehend) diesen Entwurf miteinander, bis ich wiederkomme, und sagen Sie mir beide freimüthig Ihre Bemerkungen darüber.« Er verließ uns, als wir mit einer Art Staunen ihn und uns anblickten. Mariane las sogleich den Aufsatz; bescheiden erröthete sie bei den erstem Zeilen: »Die schöne Gegend bei Seedorf, der tägliche Umgang mit Mariane von Edelbach, die Freundschaft der Otts, unsers vortreflichen Pfarrherrn, und der Sands, nenne ich Glück, welches die Vorsicht um uns verbreitete. Ich schätze und liebe den Zufall, der oft Freude und nützliche Entdeckungen hervorbringt; aber ich bekenne, daß ich, ohne Mann nach der Uhr zu seyn, doch sehr auf eine Richtschnur zu Verwendung meiner Tage halte: denn nur Gott allein konnte aus einem verwirrten Chaos das Schöne und Nützliche auf der Stelle schaffen. Wollten wir nicht eine Art Cirkelbesuche einrichten? Zum Beispiel: Sonntags Nachmittags den Thee im Pfarrhaus trinken, wo auch der Schulmeister und der Chirurgus dazu gebeten würden: da sprächen wir von religiösen Gegenständen, den Schulen, den Armen und Kranken, von moralischen Schriften, und Kirchengeschichte. – Montags blieben wir alle für uns zu Hause. – Diensttags Vorlesung der Naturlehre und Thee bei Sand dem Jüngern. Der folgende Tag ist Mittwoch, also mein lieber Schulzentag, und der Abend gehört unserm Haus. Donnerstag ist wieder der Physik bei Sands geweiht. Freitag gehört Ott, wo von allem, was der Gutsherrn Landleben, Ackerbau und Gärten betrift, gesprochen, und in Journalen die Artikel gelesen werden, welche davon handeln. Sonabend ist wieder unserm Haus; so wie die Morgenstunden und Nachmittage bis vier Uhr, Familienbeschäftigungen gehören, und die Frauenzimmer auch allezeit ihre Arbeiten mitbringen. An Nachmittagen, wo wir zu Haus bleiben, können Freunde zu uns kommen – nach dem Thee kleine Parthieen Ombre und Wist , wie bei Ott Billard , gespielt werden. Kommen die Sands mit ihren Kostgängerinnen, weil diese Familien nicht spielen, so machen wir Musik, besehen Kupferstiche, durchblättern, loben und tadeln neue Bücher, lesen Lebensbeschreibungen interessanter Menschen, wohl auch Romane, besonders aber in der Sammlung nützlicher Uebersetzungen aus dem Englischen, Poesien und anderes. So werden wir nach gewissenhafter Erfüllung unserer Berufsgeschäfte, welches die einzige Quelle wahres Vergnügens ist, abwechselnde Ergötzungen des Verstandes und Herzens genießen, und auch unsern Kindern dadurch das Muster des Vergnügens der Tugend geben.« Mariane sah bei Endigung des Blatts mich an, eine Thräne der edeln Freude war in meinem Auge – sie sagte nun: »Rosalie! Vernunft und Geschmack können nichts gegen diesen Plan einwenden, und Sie, Beste, müssen noch die Politik einer guten Frau dazusetzen: Die Anstalten des klugen Mannes gerne zu befolgen.« Wir unterschrieben also beide unsern Namen, bis er wieder zurückkam, und uns die Einwilligung der Familien von Sand, der Otts und des Pfarrherrn, mitbrachte. Er freute sich sehr, als Mariane und ich ihm mit so vieler Zufriedenheit von den nützlichen und angenehmen Aussichten dieses Plans sprachen. – Gestern war schon die erste Cirkelgesellschaft bei mir, und Alles schienen äusserst vergnügt über diese Anstalt zu seyn. Cleberg hatte, als er die Zimmer des Oncles für Mariane zurecht machte, jenes, welches sie ehemals neben dem Saal bewohnte, zur Bibliothek gemacht, weil er seinem Haus, so viel ihm möglich ist, den Ton von den englischen Landhäusern geben will, welches auch einer meiner brittischen Grillen zu statten kam, indem ich nun auch ein eben so artiges Milchhaus habe, als Julie auf ihrem Berg. Unsere viele Obstbäume haben auch eine Kelter und eine Dörrstube nöthig gemacht, die beide für Aepfelweinmachen und Obsttrocknen sehr niedlich eingerichtet sind; denn ich möchte um alles nicht das Geringste versäumen, was nur irgend einen Vorteil oder Ersparnis verschaffen kann. Sowohl Cleberg als ich haben unsern Geschmack für Ordnung und schöne Formen auf das höchste getrieben, doch auch die Klugheit damit verbunden, nichts Kostbares, weder in Kleiderzeug, noch Holzwerk, noch anderm Hausgeräthe zu kaufen, so wie auch nicht ein unnützes oder überflüssiges Stück in unserm Haus ist, hingegen auch nichts mangelt. – Die täglichen Arbeiten unsrer Domestiquen sind eingetheilt, wie Räder einer Uhr, und genau auf die Stunde bestimmt, so wie auch keines unrein oder mürrisch seyn darf, aber auch sehr selten eines gescholten wird, und doch gewiß viele Arbeit in meinem Hause geschieht. – Auch die Dienstboten haben Antheil an der Bibliothek, da alles, was für ihre Klasse geschrieben wurde, angeschaft wird, und sie Reisebeschreibungen, Erbauungs- Viehzucht- Ackerbau- Küchen- und Gartenbücher zum Lesen bekommen. Nun, glaube ich, können Sie sich mitten in unsern Cirkel denken. – Die lieber Lattens kommen ziemlich oft zu uns – aber Karolinens und ihres Mannes Gesundheit, so wie auch die Gewohnheit zu reisen, führen sie im Frühjahr und Sommer bald in diese, bald jene Gegend, – wobei wir dann unsern Gewinnst in ihren Erzählungen finden, auch wohl den Plan zu eigenen, noch dabei großen Reisen für künftige Zeiten machten, wenn unsere Kinder, deren wir, wie Cleberg sagt, nur vier haben wollen, Antheil daran nehmen können, und zwar nur die Töchter, nicht die Söhne, welche er beide solchen Studien widmet, die sich seinem Fach nähern, indem unser Karl die Bergwerks-, Wilhelm aber Forst- und Landwirthschaftkenntnis sich eigen machen, und dann miteinander reisen sollen, wenn wir mit den Mädchen wieder zu Hause sind, denn wir machen unsern Zug, während sich die Söhne auf der Universität befinden. Unsere schätzbare Linkens kamen, wie Sie wissen, nachdem sie zwei Mädchen hatten, immer seltener in unsere Gesellschaften, indem sie auf einer Seite die gute alte Grosmutter nie verlassen wollten, auf der andere aber Linke seine Töchter ohne Ausnahme erzogen haben will, wie sein Hannchen erzogen wurde, und also, wie er sagt, den zu eleganten Anblick unsers Hauses, so wie den gesellschaftlichen Ton, für seine Mädchen fürchtet, vielleicht wohl gar für seine Frau besorgt ist, (weil sie einige Zeit bei mir wohnte) es möchten alte Ideen in ihr erwachen, welche er nicht vergnügen könnte, indem er niemals etwas anders als Stadtschreiber seyn will. Die Stiegens und Kahnberge sind, wie Sie wissen, wegen Verbesserung ihrer Familienumstände links und rechts von uns entfernt worden, und können uns daher keine Besuche mehr geben. – Herr und Frau von C** aber sind wirklich in eine moralische Erkältung gegen uns und die Otts gerathen, welche sie und uns, wie ein Eismeer, von einander abscheidet. Unsere theure liebe Grafens hingegen kommen gewiß jede Woche; es mag auch einen Tag treffen, welcher es sey, so gehen Sie mit zu unsern Seedorfer Freunden, und theilen, was wir nach der eingeführten Ordnung an Unterredung, Spaziergängen und Unterricht genießen, bleiben gewöhnlich ein paar Tage, erzählen uns Stadtneuigkeiten, bringen manchmal Fremde mit, welche, wie Frau Grafe sagt, die wunderbare Seedorfer Leute, oder die schöne Anlage der neuen Höfe, und das nützlich verschönerte Dorf sehen wollen, wo ein junger Mann so viele Veränderungen machte, und doch seinen Leuten lieb ist. Diese Bemerkung hat in den Sands einen ganz neuen Entwurf hervorgebracht: – Da im Frühjahr die zwei junge Frauenzimmer wieder nach Haus gehen, wollen sie vier Kostgänger annehmen, weil sie glauben, Seedorf sey zu einer Pflanzschule guter, einem Staat so unentbehrlichen geschickten Landbeamten geschaffen, und sie wollen sich, wie sie sagen, das Verdienst bei ihrem Vaterland erwerben, die Kenntnis der weisen Tugend, und Verbreitung einer edeln wohlthätigen Handlungsart, für die Klasse wahrer Menschenfreunde allgemeiner bekannt zu machen, besonders die obige Frage aufzulösen: »Woher es komme, daß Cleberg, der so viele Veränderungen vornahm, doch von seinen Landleuten geliebt wird?« Sie wollen den jungen Leuten sagen: »Das Geheimnis bestehe in dem Betragen des Beamten, den seine anvertrauten Unterthanen immer gerecht und liebreich fanden, und der ihnen sagte: Kinder, wir wollen dies und das zu unserm Besten vornehmen – und sich sehr hütete, das widerliche und abschreckende Befehlen: Ihr müßt das thun , vorauszuschicken. Denn unweiser Uebermuth, stolze und harte Behandlung, erzeugen die Schwierigkeiten, und das Widerstreben; lassen so viele Gegenden unangebaut, und machen unzufriedene Unglückliche.« Cleberg hat nun auch eine Anlage zu guter Pferdezucht im Sinn, welche bei einem nahe an die Pinndorfische Güther gränzenden Weiler sehr vorteilhaft angelegt werden kann. Er berechnete mir dabei auch das Vergnügen Ihrer Nachbarschaft, denn Wollinghof ist nur eine Stunde von Wiesenholz entfernt, und man kann dieses von einer Ecke Ihres neuangelegten Waldes ganz übersehen. Mariane und ich haben auch einen weitaussehenden Plan für unsere Nadel entworfen, indem wir neben der Beschäftigung der Bildung unserer Kinder, und den täglich nutzbaren Haus- und Putzarbeiten, die Tapeten für ein Zimmer unternehmen, in welches wir vier Stücke bestimmen, wovon eines die schöne halbruinirte gothische Kirche in dem Garten des Herzogs von Athol in England, zwischen Bäumen, neben dem an dem großen Spaziergang hinlaufenden Fluß, und einem Denkstein mit Thomsons Namen bezeichnet, vorstellen soll. Das zweite zeigt die Ueberreste des Tempels der Sybillen mit einem Theil des Wasserfalls zu Tivoli unweit Rom, nebst Bäumen und Gesträuchen, welche dieser Gegend eigen sind, und einem mit Virgils Namen gezierten Altar. Das dritte wird das in Frankreich nahe bei Bourdeaux liegende altgothische, aber noch völlig bewohnbare Schloß des großen Montesquieu , neben den von ihm angepflanzten Theilen der sonst so unfruchtbaren Heide, und auf dem Grasplatz gegen den Garten ein Denkmal mit den Namen Rouget und Abbe de Lille , vorstellen. Das vierte zeigt den Pavillon und einen Theil des Gartens des Grafen von Stadion in Budenheim, mit der Aussicht auf den Rhein und die Rheingauer Berge, sammt einem an den Gränzen des Feldes errichteten Obelisk mit dem Namen unseres Salomon Geßners . Cleberg läßt uns die Bilder dazu von Herrn Georg Schütz , würdigen Sohn des großen Landschaftmalers in Frankfurt, malen, der eben von Rom kommt, wo er sechs Jahre seine Kunst studirte. Kanefas und Seide kommen von Lyon. Dieser große Nährahm wird in meinem Saal stehen, welchen wir diesen Winter durch einen Ofen von der vortreflichen Erfindung des Herrn Rieß in Frankfurt wärmen werden, wodurch dieses Zimmer eines der angenehmsten und nützlichsten seyn wird: – indem die anstoßende Bibliothek alle merkwürdige Arbeiten des männlichen Geistes faßt, und Cleberg auf der Seite gegenüber einen großen Schrank mit Musikalien und Instrumenten versehen hat, neben diesem aber einen eben so großen Behälter mit allen möglichen Werkzeugen und Maschinen füllte, welche zu alten und neuen Frauenzimmerarbeiten nöthig sind. Latten und Karoline mußten auf ihren Reisen dazu sammeln; Linkens Grosmutter und Frau Itten haben Beiträge ihrer Zeiten geliefert, und ich nebst Julie und Mariane mußten allerlei Arbeiten anfangen und hinlegen, damit, wenn Frauenzimmer zum Besuch kämen, und bei dem Anblick unsers Fleißes jammerten, ihre Arbeit vergessen zu haben, sie sogleich eine wählen, und ihre Geschicklichkeit zeigen könnten. Nun hat Mariane diesem Schrank seine Vollkommenheit damit zugedacht, daß sie eine Büchersammlung von den Werken weiblicher Schriftstellerinnen in allen uns bekannten Sprachen darinn aufstellen will. Ich habe Kochbücher , das ökonomische Lexikon , Geißlers Archiv weiblicher Kenntnisse , Zeichnungen zum Sticken und Stricken , und alle für uns geschriebene Bücher schon hineingestiftet; da uns nun Emilie und Sophie von Edelbach bei unserer Arbeit gewisse Stunden vorlesen, so wird manches aus diesem Vorrath geholt werden, obgleich sie vor das erste die Geschichte von Deutschland nehmen mußten, weil Mariane und Cleberg wollen, daß man vor allem sein Vaterland kennen und schätzen lernen solle; und deswegen wird auch das deutsche Tapetenstück zuerst vorgenommen. Glauben Sie nicht, daß sie schön und leicht vorüberfließen werden, die Tage, deren Eintheilung und Verwendung von der Vernunft, der Pflicht, und edler Kenntnis, vorgezeichnet wurde? Sie sind gewiß eben so weit von der Einförmigkeit entfernt, als die Arbeiten des Landmanns, welche bald im Haus, bald auf dem Felde, oder in dem Wald, im Großen und Kleinen, einen verschiedenen Gebrauch und Anstrengung seiner Kräfte und seines Nachdenkens fordern. So ist es auch mit den Geschäften meines Mannes, unserer Freunde, und den meinigen, indem der Eifer, unsern Kinder überhaupt gut, und so viel möglich nach der Vorschrift und dem schönen Plan unseres lieben verewigten Oncles zu erziehen, von Cleberg und mir Aufsicht über die Kinder und ihren Lehrer fordert. Nanny ist ohnehin meist bei mir. Mein ziemlich großes Hauswesen ist in dem Innern völlig nach der Art eingerichtet, wie wir in der Stadt lebten, in dem Aeusserlichen aber zeigt es eine nette und nützliche Landwirthschaft, die ich ernstlich und fleißig studiren mußte, und jetzt neben den altern Gewohnheiten zu leiten und zu besorgen habe; aber es geht doch recht hübsch, weil nach Clebergs Grundsatz der Natur, der Sonne und Jahrzeiten nachzuahmen, Tag und Stunden mit ordentlicher Arbeit erfüllt sind; wobei unsere Dienstboten selbst nach ihrem Mittagessen eine halbe, und Abends eine ganze Stunde frei haben, wo sie thun können, was ihnen gefällt – so wie alle Montage meine Mägde, wenn die täglich nöthige Hausarbeit gethan ist, nicht für mich spinnen oder nähen, sondern ihre eigenen Sachen besorgen, woher ich auch um so eher fordern kann, daß keine von ihnen unordentlich erscheine – so wie wir die Pflicht getreu gegen sie erfüllen, ihnen mit gutem Beispiel der Ueberlegung, des Fleisses, der Ehrliebe, Religion, Demuth, Güte, Ordnung und Menschenliebe, vorauszugehen. Ich hoffe, es soll auch während meinem Wochenbette an nichts fehlen, da ich die jüngste Schwester von Frau Mooß, eine verwittwete Pfarrerinn, zu mir nahm, welche als Gehülfinn um mich und meine Kinder lebt, wodurch ich ohne Sorgen in meinem Bette, und sie ohne Kummer auf der Welt seyn kann, mithin unserem beiderseitigen Bedürfnis wechselsweise abgeholfen wurde. Nun haben Sie, theure Freundinn, das ganz ausgemalte Bild meines neuen Schicksals, Lebens und Arbeitens vor sich, wie Sie es wünschten. – Mögte es Ihnen gefallen, und Sie bei den ersten Strahlen der Frühlingssonne begierig werden, es in der Nähe zu sehen, und Marianens süßen geistvollen Umgang mit mir zu theilen! Der Himmel erhalte Sie, edle liebe Frau! in vollem Segen Ihres wohlthätigen Lebens, durch das Glück und Leben Ihrer Pinndorfe! – Wir lieben, ehren und segnen Sie Alle. Adieu