Guy de Maupassant Vater Milon und andere Erzählungen Neue Novellen aus dem litterarischen Nachlaß Autorisierte Übersetzung von Fr. von Oppeln-Bronikowski Inhalt Vorwort des Übersetzers Vater Milon Am Frühlingsabend Der Blinde Der verhängnisvolle Kuchen Der Schäfersprung Aus alten Tagen Magnetismus? Ein korsikanischer Bandit Die Totenwache Träume Eine Beichte Mondschein Eine Leidenschaft Briefwechsel Angeführt Yveline Samoris Freund Josef Das Pflegekind Vorwort des Übersetzers Wir beginnen hiermit die Veröffentlichung des Nachlasses von Guy de Maupassant. Er enthält Erzählungen, Novellen, litterarische Chroniken und Aufsätze, an deren geordneter Herausgabe der Verfasser durch einen frühen und jähen Tod verhindert worden ist. Dieser erste Band enthält eine Reihe von Geschichten, deren Grundidee Maupassant in einigen seiner Bücher wieder aufgenommen und ausgestaltet hat. Sie finden hier ihren natürlichen Platz, denn sie lassen uns – ganz abgesehen von dem Interesse, das sie an sich zu beanspruchen haben, – die Entwickelung des Maupassant'schen Denkens und Schaffens bis in ihre Anfänge zurück verfolgen. Wir sind uns bewußt, daß die Veröffentlichung dieser in seinen Papieren vorgefundenen und von ihm selbst noch geordneten Arbeiten dazu beitragen wird, das Interesse für den großen Schriftsteller und seinen Ruhm zu mehren. Mit dieser etwas knappen Vorrede beginnt der am heutigen Tage zugleich mit dieser Übersetzung erscheinende posthume Novellenband Guy de Maupassants » Le Père Milon «. Die Kürze der mir gesteckten Frist erlaubte nicht, den oben angedeuteten Gedanken, daß es sich in diesem Bande um mehrere Urbilder später ausgestalteter Werke handelt, des längeren auseinander zu setzen, und muß ich mir diese Aufgabe bis auf weiteres vorbehalten. Ein paar einleitende Worte mögen dennoch am Platze sein. Maupassant erscheint auch in diesem posthumen Bande als der Seelenkünstler und Meister des Styls, als der er geschätzt wird. Jedes der nachfolgenden Genrebildchen ist mit epigrammatischer Kürze wie mit unnachahmlicher Klarheit und Einfachheit hingezeichnet und erschließt in dieser meisterlichen Beschränkung eine ganze reiche Welt. Natürlich hat der große Seelenkenner und Pessimist, der eben, weil er Seelenkenner war, zum Pessimisten wurde, auch in dieser Sammlung mehr die Schattenseiten der menschlichen Natur als ihre Lichtseiten – in freilich virtuoser Weise – herausgearbeitet. Wenn trotzdem kaum eine dieser Novellen einen durchaus unbefriedigenden, quälenden Eindruck hinterläßt, so liegt das wohl daran, daß die bittere Wahrheit stets in die himmelblaue Schönheit feinster Stylkunst getaucht ist, und daß Maupassant neben den Dissonanzen des Menschenlebens auch die wundervollen Akkorde der Natur erklingen läßt, die er wie kein zweiter zu schildern weiß. Impressionistische Naturbilder, wie sie in der Novelle »Ein korsikanischer Bandit« entrollt werden, oder die Schilderung des regungslosen Teiches in der Herbstnacht, oder der Zauber eines Mondaufganges am feuchten Frühlingsabend gehören zu den Perlen Maupassant'scher Kunst und stehen den berühmten Schilderungen der Afrikanischen Reise nicht nach. Natürlich stehen auch in dieser Sammlung die Weiber im Brennpunkt des Interesses. Wir sehen sie alle, von der Abenteuerin, deren Tochter aus Gram über den leichtfertigen Wandel der Mutter in den Tod geht, und der kleinen Pariser Beamtenfrau, die einen Minister des zweiten Kaiserreiches nasführt, von der jungen Frau, die der ungeliebte Gatte aus blinder sinnloser Eifersucht fast umbringt und sie gerade dadurch zu Mißtrauen und Untreue erzieht – bis zu der liebebedürftigen schönen Seele, die an einen langweiligen korrekten Pedanten gekettet ist und in einer zauberischen Mondnacht am Genfer See ihr Herz verliert, bis zu der alternden Frau, die in dem wehmütigen Gedanken: »Wie kurz ist doch ein Menschenleben!« an die fröhlichen und sorglosen Tage ihrer glücklichen Jugend zurückdenkt und unter altem Gerümpel von den Bildern der Vergangenheit wehmütig befallen wird, und bis zu der rührenden Gestalt der alten Jungfer, die in der Frühlingsnacht weint, als sie, das arme, nie geliebte Mädchen, das liebende, schäkernde Brautpaar bewachen soll ... Ich möchte an dieser Stelle eine technische Schlußbemerkung nicht unterdrücken. Es versteht sich von selbst, daß dieses Buch nicht nach beliebter Manier »frei nach Maupassant« erfunden ist, sondern sich eng an das Original anschließt. Wenn ich trotzdem an gewissen Stellen nicht bis zur Grenze des Erlaubten gegangen bin, so glaube ich mich trotzdem nicht am Urtext versündigt zu haben, der mir heilig ist. Die französische Sprache hat – ganz abgesehen davon, daß es französische Art ist, alles viel freier, naiver und ungeschminkter herauszusagen, als es bei uns anständig wäre – eine Fülle von Worten, die alles mögliche bedeuten können, während die Äquivalente bei uns – sehr eindeutig sind. Man lese z.B. einen Roman von Zola auf Französisch, und man wird verhältnismäßig wenig direkt Anstößiges darin finden; man lese ihn in »realistischer« Übersetzung, und man wird vorziehen, ihn nicht zu Ende zu lesen. Es heißt darum nicht, einen Autor fälschen, wenn man ihn in einer solchen Abtönung wiedergiebt, daß die Wirkung, die er hervorruft, in beiden Sprachen dieselbe bleibt. Berlin , im Juli 1899. Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Vater Milon Seit einem Monat flammt die Sonne mit Macht über der Landschaft. Leuchtend entfaltet sich das Leben unter diesem Feuerregen. Blau spannt sich der Himmel bis an die Ränder der Welt. Die normannischen Höfe, die über die Ebene verstreut sind, sehen von ferne wie kleine Waldungen aus, die ein hoher Buchengürtel umschlingt. Kommt man näher und öffnet das verwitterte Hofthor, so glaubt man in einen Riesengarten zu treten, denn all die alten Apfelbäume, die so knorrig wie die Bauern des Landes sind, stehen in Blüte. Ihre alten schwarzen, gekrümmten und gewundenen Stämme stehen reihenweise im Hofe und entfalten ihre weißen und rosa Blütenwipfel unter dem blauenden Himmel. Der süße Blütenduft mischt sich in die fetten Gerüche der offenen Ställe und die Ausdünstungen des gährenden Düngerhaufens, auf dem es von Hühnern wimmelt. Es ist Mittag, die Familie sitzt im Schatten des Birnbaums vor der Thür, Vater, Mutter, vier Kinder, zwei Mägde und drei Knechte. Gesprochen wird nicht, nur gegessen. Erst die Suppe, dann wird die Fleischschüssel aufgedeckt, auf der Kartoffeln mit Speck liegen. Von Zeit zu Zeit steht eine Magd auf und geht in den Keller, um den Äpfelweinkrug zu füllen. Der Mann, ein stattlicher Vierziger, dreht sich nach dem Hause um und blickt auf ein Weinspalier, das noch ziemlich kahl ist und sich wie eine Schlange unter den Läden weg um die Mauer windet. Endlich thut er den Mund auf. »Vater sein Wein« sagte er, »schlägt dies Jahr früh aus. Vielleicht wird er was tragen.« Die Frau dreht sich gleichfalls um und blickt hin, ohne ein Wort zu sagen. Dieser Wein ist gerade an der Stelle gepflanzt, wo der Vater erschossen wurde.   Es war im Kriege 1870. Die Preußen hatten das ganze Land besetzt. General Faidherbe stand ihnen mit der Nordarmee gegenüber. Das preußische Stabsquartier befand sich just in diesem Hofe. Vater Milon, der Besitzer, mit Vornamen Pierre, hatte den Feind gut aufgenommen und nach besten Kräften untergebracht. Die preußische Avantgarde lag seit einem Monat hier in Beobachtungs-Stellung. Die Franzosen standen zehn Meilen entfernt, ohne sich zu rühren, und doch verschwanden allnächtlich Ulanen. Alle einzelnen Reiter, die auf Patrouille geschickt wurden, auch wenn sie zu zweit oder zu dritt ritten, kamen nie wieder. Man fand sie am nächsten Morgen im Felde, am Rande eines Gehöfts oder Grabens tot. Selbst ihre Pferde lagen an den Straßen hingestreckt; ein Säbelhieb hatte ihnen die Kehle zerschnitten. Diese Mordthaten schienen immer von denselben Leuten verübt zu werden, die man nicht entdecken konnte. Das Land wurde eingeschüchtert, Bauern auf einfache Denunziation hin erschossen, Weiber gefangen gesetzt. Aus den Kindern suchte man durch Drohungen etwas heraus zu pressen. Es kam aber nichts heraus. Doch da lag eines Morgens Vater Milon im Stall auf der Streu und hatte einen klaffenden Hieb im Gesicht. Zwei Ulanen mit aufgeschlitztem Leibe lagen etwa drei Kilometer vom Hofe entfernt. Der Eine hielt seine blutige Waffe noch in der Faust; er hatte sich gewehrt und gekämpft. Sofort wurde ein Kriegsgericht auf dem Hofe unter freiem Himmel abgehalten und der Alte vorgeführt. Er war achtundsechzig Jahre alt, von kleiner Statur, mager, etwas gebeugt, und hatte große Hände wie Krebsscheeren. Sein Haar war gebleicht, spärlich und zart wie der Flaum einer jungen Ente; überall ließ es die Kopfhaut durchschimmern. An der braunen, runzeligen Haut des Halses quollen dicke Adern hervor, die unter dem Kinn verschwanden und an den Schläfen wieder zu Tage traten. Man stellte ihn zwischen vier Soldaten und an den herausgezogenen Küchentisch setzten sich fünf Offiziere sowie der Oberst ihm gegenüber. Dieser ergriff das Wort auf Französisch. – Vater Milon, sagte er, seit wir hier sind, haben wir uns über Euch nie zu beklagen gehabt. Ihr seid immer gefällig und sogar aufmerksam gegen uns gewesen. Aber heute lastet eine furchtbare Anklage auf Euch, und die Sache bedarf der Aufklärung. Woher habt Ihr die Wunde, die Ihr da im Gesicht tragt? Der Bauer antwortete nicht. – Euer Schweigen verdammt Euch selbst, Vater Milon, fuhr der Oberst fort. Aber ich wünsche, daß Ihr antwortet, versteht Ihr mich. Wißt Ihr, wer die beiden Ulanen getötet hat, die heute morgen am Kruzifix gefunden wurden? Der Alte sagte laut und deutlich: – Das bin ich gewesen. Der Oberst war betroffen. Er schwieg eine Sekunde und blickte den Gefangenen scharf an. Vater Milon stand ungerührt in seiner schwerfälligen Bauernart und senkte die Augen, als ob er vor seinem Beichtiger stände. Nur eines verriet vielleicht seine innere Bewegung: er schluckte fortwährend mit sichtlicher Anstrengung, als ob ihm die Kehle zugeschnürt wäre. Seine Familie, d. h. sein Sohn Jean, seine Schwiegertochter und die zwei Kleinen, standen zehn Schritt dahinter, verstört und in ängstlicher Spannung. Der Oberst fuhr fort. – Wißt Ihr auch, wer alle Meldereiter unserer Armee umgebracht hat, die seit einem Monat jeden Morgen auf den Feldern gefunden wurden? Und mit derselben brutalen Gleichgültigkeit antwortete der Alte: – Das bin ich gewesen. – Ihr? Ihr habt sie umgebracht? – Freilich, ich bin es gewesen. – Ihr allein? – Ich allein. – Sagt mir doch, wie habt Ihr das angestellt? Dießmal schien der Mann bewegt. Der Zwang, lange reden zu müssen, belästigte ihn sichtlich. Ich ... ich weiß nicht. Ich hab' das gethan, wie sich 's grade machte. – Ich mache Euch darauf aufmerksam, fuhr der Oberst fort, daß Ihr nichts zu verschweigen habt. Ihr werdet also gut thun, Euch auf der Stelle zu entschließen. Wie habt Ihr sie umgebracht? Der Bauer warf einen unruhigen Blick auf seine Angehörigen, die hinter ihm horchten, schien noch einen Augenblick zu zaudern und entschloß sich dann plötzlich, zu reden. – Ich kam eines Abends heim, sagte er. Es war um zehn Uhr, den Tag darauf, wo Sie hergekommen waren. Sie und Ihre Soldaten hatten mir mehr als für fünfzig Thaler Futter und eine Kuh und zwei Hammel fortgenommen. Ich habe mir gleich gesagt: So viel mal sie mir zwanzig Thaler nehmen, soviel will ich ihnen heimzahlen. Und dann hatte ich noch andre Sachen auf dem Herzen, die will ich Ihnen nachher sagen. Ich sehe da also einen von Ihren Reitern, der sitzt auf meinem Grabenrand und raucht seine Pfeife hinter meiner Scheuer. Ich gehe und nehme meine Sense herunter und schleiche mich ganz sachte von hinten an ihm 'ran, daß er nur ja nichts merkt. Und mit einem Schlage hau' ich ihm den Kopf ab, wie einen Halm, daß er nicht mal mehr »Uff!« sagte. Sie brauchen nur im Moor nachsehen lassen, da werden Sie ihn in einem Kohlensack finden, mit 'nem Feldstein drangebunden. Ich hatte so meinen Gedanken dabei; ich nahm alle seine Sachen samt den Stiefeln und der Mütze mit und versteckte sie in der Kalkbrennerei am Martinswald hinter dem Hofe. Der Alte schwieg. Die Offiziere blickten sich sprachlos an. Das Verhör begann von neuem und hatte folgendes Ergebnis. Sobald er den Mord vollbracht hatte, hatte er nur noch den einen Gedanken: »Tod den Preußen!« Er haßte sie mit heimtückischem, erbittertem Haß, sowohl als beeinträchtigter Bauer wie als guter Patriot. Er hatte so seinen Gedanken, wie er sagte, und wartete ein paar Tage ab. Man ließ ihn thun und lassen, was er wollte, und aus- und eingehen, wie er wollte, so demütig, unterwürfig und gefällig hatte er sich gegen die Sieger benommen. So sah er jeden Abend die Patrouillen abreiten und merkte sich die Namen der Orte, wohin sie reiten sollten. Des Nachts ging er dann hinaus, nachdem er im Verkehr mit den Soldaten die paar deutschen Brocken gelernt hatte, die er brauchte. Er verließ den Hof, schlich in den Wald und erreichte die Kalkbrennerei, schlüpfte bis an's Ende des langen Ganges und zog sich die Kleider des Toten an, die auf der Erde lagen. Dann begann er querfeldein zu streifen, kroch in den Geländefalten entlang, um nicht gesehen zu werden, und lauschte, unruhig wie ein Wilddieb, auf das leiseste Geräusch. Als er glaubte, daß die Zeit gekommen wäre, zog er sich an die Straße heran, versteckte sich da in einem Strauche und wartete. Endlich, um Mitternacht, hörte er den Galopp eines Pferdes auf der harten Straßendecke. Er legte das Ohr auf den Boden, um sich zu vergewissern, ob auch nur ein einziger Reiter käme; dann hielt er sich bereit. Der Ulan kam im schlanken Trabe daher; er brachte Meldungen zurück. Er hielt das Auge wach und das Ohr gespannt. Als er bis auf zehn Schritte heran war, schleppte sich Vater Milon über die Straße hin und schrie plötzlich »Hilfe! Hilfe!« Der Reiter machte Halt, erkannte einen Reiter ohne Pferd, und hielt ihn für verwundet. Als er nichtsahnend näher kam und sich über den Unbekannten beugte, stach ihm dieser mit dem krummen Säbel mitten in den Leib, sodaß er ohne Todeskampf aus dem Sattel sank; nur ein letztes Zucken lief durch seinen Körper. Da erhob sich der alte Bauer stumm und freudestrahlend und schnitt dem Leichnam zum Spaß noch die Kehle durch. Dann zog er ihn nach dem Graben und warf ihn hinein. Das Pferd wartete ruhig auf seinen Herrn; Vater Milon setzte sich in den Sattel und galoppirte davon. Nach etwa einer Stunde erblickte er noch zwei Ulanen, die Schenkel an Schenkel in's Quartier ritten. Er galoppirte stracks auf sie zu und schrie wieder: »Hilfe! Hilfe!« Die Preußen ließen ihn, da sie die Uniform erkannten, ohne irgend welches Mißtrauen herankommen. Der Alte platzte mitten zwischen sie hinein, wie eine Kugel, und machte sie mit Säbel und Revolver unschädlich. Dann schnitt er den Pferden – es waren ja deutsche Pferde! – die Hälse durch, kehrte in aller Gemütsruhe nach seinem Kalkofen zurück und verbarg das Pferd am Ende des dunklen Ganges, legte seine Uniform ab, zog seine armseligen Bauernkleider wieder an, ging heim und schlief bis zum andern Morgen, Vier Tage lang hielt er sich ruhig, um das Ende der angestellten Untersuchung abzuwarten. Am fünften Tage brach er wieder aus und tötete noch zwei Soldaten durch dieselbe Kriegslist. Seitdem ging er allabendlich auf Menschenjagd, durchquerte auf's Gerathewohl die Gegend, schlug die Preußen bald hier, bald dort zu Boden und galoppirte im Mondschein als Ulan durch die verlassenen Felder. Hatte er seine Absicht erreicht, so ließ er die Leichen an den Straßen liegen und versteckte Pferd und Uniform wieder im Kalkofen. Gegen Mittag ging er dann mit dem ruhigsten Gesicht von der Welt wieder hin und brachte seinem Reittier Hafer und Wasser in den unterirdischen Gang, wo es angebunden war, und fütterte es gut, denn es mußte ihm viel leisten. An einem der Abende jedoch setzte sich einer der Angegriffenen rechtzeitig zur Wehr und schlug dem alten Bauern mit dem Säbel in's Gesicht. Er hatte indessen Beide getötet und war noch bis zu seinem Kalkofen gekommen, hatte dort sein Pferd untergestellt und seine unscheinbare Kleidung wieder angelegt. Dann hatte er sich nach Hause geschleppt, war aber unterwegs von einer Schwäche befallen worden, und hatte nur noch den Stall, nicht mehr das Haus erreicht. Dort hatte man ihn blutüberströmt auf der Streu gefunden. Als er seine Erzählung beendet hatte, erhob er plötzlich den Kopf und blickte die preußischen Offiziere stolz an. Der Oberst zog an seinem Schnurbart und fragte: – Weiter habt Ihr nichts zu sagen? – Nein, weiter ist's nichts. Die Rechnung stimmt. Ich habe sechzehn getötet, keinen mehr, keinen weniger. – Ihr wißt, daß Euch der Tod bevorsteht? – Ich habe Sie nicht um Gnade gebeten. – Seid Ihr Soldat gewesen? – Zu meiner Zeit, ja. Außerdem habt Ihr meinen Vater getötet, er war Soldat unter dem ersten Kaiser. Und meinen jüngsten Sohn François, den habt Ihr vergangenen Monat bei Evreux getötet. Was ich Euch schuldig war, ist nun bezahlt. Wir find jetzt quitt. Die Offiziere blickten sich an. – Acht für meinen Vater, fuhr der Alte fort. Acht für meinen Sohn. Nun sind wir quitt. Ich habe den Streit mit Euch nicht gesucht. Ich kenne Euch nicht. Ich weiß nicht einmal, wo Ihr her seid. Ihr seid zu mir gekommen und schaltet in meinem Hause, als ob es bei Euch wäre. Ich habe mich für Alles gerächt. Ich bereue nichts. Der Alte richtete seinen steifen Körper auf und kreuzte die Arme, wie ein schlichter Held. Die Preußen sprachen lange mit gedämpfter Stimme. Ein Hauptmann, dessen Sohn im letzten Monat gleichfalls gefallen war, verteidigte diesen armen Teufel. Da stand der Oberst auf, trat auf Vater Milon zu und sprach mit milderer Stimme: – Hört mich an, Alter, vielleicht giebt es noch ein Mittel, Euch das Leben zu retten, wenn Ihr ... Aber der hörte nicht. Er starrte dem Offizier des siegreichen Heeres fest in die Augen, während der Wind in seinem dünnen Haarflaum spielte, und schnitt eine schauderhafte Grimasse, daß sein zerhauenes Gesicht sich furchtbar verzerrte. Dann blies er die Brust auf und spie dem Preußen mit aller Gewalt in's Angesicht. Der Oberst erhob wütend die Hand, aber da spie er schon wieder ... Die Offiziere waren sämtlich aufgesprungen und brüllten Kommandos durcheinander. Ehe noch eine Minute verging, war der wackere Kerl, der noch immer ungerührt schien, an die Mauer gestellt und erschossen. Seinem ältesten Sohne, seiner Schwiegertochter und den beiden Kleinen, die verzweifelt zusahen, hatte er noch zugelächelt. Am Frühlingsabend Jeanne sollte ihren Vetter Jacques bald heiraten. Sie kannten sich schon von Kindheit an, und darum hatte die Liebe zwischen ihnen nicht jenes zeremonielle Gepräge angenommen, wie es sonst bei Brautleuten beobachtet wird. Sie waren zusammen groß geworden, ohne zu ahnen, daß sie sich liebten. Das junge Mädchen, das etwas gefallsüchtig war, hatte zwar ein paar unschuldige Tändeleien versucht; sie fand den jungen Mann überdieß recht nett und hielt ihn für brav, und jedesmal, wenn sie sich wiedersahen, küßte sie ihn recht von Herzen. Aber sie küßten sich doch ohne jeden Schauder, der den Körper von den Fingern bis zu den Zehen durchrieselt ... Er dachte ganz einfach: sie ist ein nettes Ding, meine kleine Cousine; und wenn er an sie dachte, so geschah dieß mit jener instinktiven Zärtlichkeit, die jeder Mann einem hübschen jungen Mädchen gegenüber empfindet. Weiter gingen seine Gedanken jedoch nicht. Doch da hatte Jeanne eines Tages durch Zufall gehört, wie ihre Mutter zu ihrer Tante sagte – Tante Alberta, denn Tante Lison war ledig geblieben –: »Ich kann dir versichern, sie werden sich sofort lieben, diese Kinder; das sieht man ja. Und Jacques ist ganz der Schwiegersohn nach meinem Herzen.« Von diesem Tage an hatte Jeanne ihren Vetter Jacques angebetet. Seither errötete sie bei seinem Anblick und ließ ihre Hand in der des jungen Mannes zittern, Ihre Augen senkten sich schamhaft, wenn ihre Blicke sich begegneten, und wenn er sie küßte, that sie, als ob sie sich sträubte, – und dieß alles so gut, daß er's merkte ... Er hatte verstanden, und in einem holden Augenblicke, wo ihn die geschmeichelte Eitelkeit nicht weniger hinriß, als die wahre Neigung, hatte er seine Cousine fest in die Arme geschlossen und ihr ein »Ich liebe dich! Ich liebe dich!« in's Ohr gehaucht. Seither herrschte ein zärtliches Girren und artiges Tändeln in allen Tonarten der Liebe; die vertraute Bekanntschaft von Kindheit an machte ihr Benehmen doppelt zwanglos und ungebunden. Im Wohnzimmer küßte Jacques seine Zukünftige ungeniert vor den drei alten Damen, seiner Mutter und ihren beiden Schwestern, Tante Alberta und Tante Lison. Tagelang ging er mit ihr allein in den Wald, am Flüßchen entlang oder durch die Wiesen, deren Grasteppich schon von den ersten Frühlingsblumen durchwirkt war. So erwarteten sie den festgesetzten Tag ihrer endlichen Vereinigung ohne allzugroße Ungeduld; vielmehr schwammen sie in eitel Seligkeit und genossen den prickelnden Reiz der verhaltenen Liebkosungen, der warmen Händedrücke und langen, glühenden Blicke, in denen ihre Seelen zu verschmelzen schienen ... Das unbestimmte Verlangen nach innigeren Umarmungen quälte sie mit süßer Pein, und auf ihren Lippen, die sich suchten, lag eine lauernde, wartende, verheißende Ungeduld ... Manchmal, wenn sie den ganzen Tag im schwülen Dunstkreise dieser platonischen Zärtlichkeiten zugebracht hatten, spürten sie Abends eine lähmende Starre am Herzen und seufzten aus tiefster Brust, ohne zu wissen, warum, ohne zu verstehen, daß es die Erwartung war, die ihre Seufzer schwellte. Die beiden Mütter und ihre Schwester, Tante Lison, sahen dieser jungen Liebe mit zärtlichem Lächeln zu; besonders Tante Lison war bewegt, wenn sie die beiden zusammen sah. Sie war ein kleines Dämchen, sprach wenig, war meist für sich allein, stets geräuschlos, und erschien eigentlich nur zu den Mahlzeiten, um gleich nachher wieder auf ihr Zimmer zu gehen, wo sie sich beständig einschloß. Sie hatte ein gutes, ältliches Gesicht und sanfte, traurige Augen; von der Familie wurde sie kaum beachtet. Die beiden verwitweten Schwestern, die in der Welt doch etwas vorgestellt hatten, sahen sie als etwas ganz Bedeutungsloses an. Man behandelte sie mit größter Vertraulichkeit und mit einer leicht verächtlichen Nachsicht gegen die alte Jungfer ... Eigentlich hieß sie Lise; sie war jung gewesen, als Béranger Frankreich beherrschte. Als man aber sah, daß sie nicht heiratete, daß sie ganz gewiß nicht mehr heiraten würde, änderte man ihren Namen in Lison um und nannte sie Tante Lison. Jetzt war sie ein altes, bescheidenes, etwas eigenes Dämchen, und höchst ängstlich gegen die Ihrigen, deren Zuneigung zu ihr sich aus Gewohnheit, Mitleid und wohlwollender Gleichgültigkeit zusammensetzte. Die Kinder kamen nie zu ihr herauf, um sie zu küssen. Nur das Mädchen betrat zuweilen ihre Schwelle. Wenn man mit ihr sprechen wollte, ließ man sie holen. Man wußte kaum, wo das Zimmerchen lag, in dem dieses arme, einsame Leben verfloß ... Sie hatte durchaus keine Stellung. Wenn sie nicht zugegen war, war von ihr nie die Rede. Man dachte auch nie an sie. Sie gehörte zu jenen vergessenen Wesen, die selbst ihren nächsten Angehörigen unbekannt und gleichsam unentdeckt bleiben, deren Tod in einem Hause keine Lücken reißt, und die nicht verstehen, in das Dasein und die Gewohnheiten oder in die Liebe ihrer Mitmenschen einzudringen. Sie ging immer mit kleinen eiligen und gedämpften Schritten; sie machte nie ein Geräusch, stieß nie an etwas an und schien den Dingen die Eigenschaft absoluter Lautlosigkeit mitzuteilen. Ihre Hände hätten von Watte sein können: so leicht und behutsam faßte sie alles an. Wenn man »Tante Lison« sagte, so erweckten diese zwei Worte in der Vorstellung der Hörer keinen anderen Eindruck, als ob man »die Kaffeekanne« oder »die Zuckerdose« sagte. Die Hündin Louche hatte entschieden eine ausgesprochenere Persönlichkeit; sie wurde fortwährend geliebkost und gerufen: »Komm, mein liebes Louchechen, mein schönes kleines Louchechen!« Man hätte ihr ungleich mehr nachgeweint. Der Vetter und die Cousine sollten Ende Mai heiraten. Die jungen Leute lebten nur noch Aug' in Auge und Hand in Hand; sie waren bereits ein Herz und eine Seele. Es wurde dieses Jahr erst spät und nur zögernd Frühling. In den hellen Frostnächten und morgens in den Frühnebeln war es noch zum Zähneklappern. Dann plötzlich kam der Lenz mit Macht. Ein paar warme, etwas dunstige Tage hatten genügt, um den Saft, der noch in der Erde schlief, in Bewegung zu setzen. Die Blätter entfalteten sich wie durch ein Wunder, und überall schwebte ein berauschender, ermattender Duft von Knospen und erblühenden Blumen. Endlich, eines Nachmittags, hatte die Sonne die umhertreibenden Dünste aufgesogen und war mit siegreichem Prangen über der Ebene aufgegangen. Ihre heitere Klarheit durchströmte das ganze Land und durchdrang Alles, Pflanzen, Tiere und Menschen. Die Vögel schwirrten lockend und suchend umher und schlugen mit den Flügeln. Jacques und Jeanne saßen den ganzen Tag lang bei einander auf einer Bank vor dem Schloßportal. Das neue Glück beängstigte sie; sie waren furchtsamer als gewöhnlich. Sie fühlten, wie es sich in ihnen regte, ganz wie in den Bäumen, und wagten nicht allein hinauszugehen. Ihre Augen ruhten unbestimmt auf dem Teich, der dort unten lag und auf dem die großen Schwäne sich verfolgten. Erst als es Abend ward, fühlten sie sich erleichtert und ruhiger; nach dem Essen lehnten sie im offenen Fenster des Wohnzimmers und plauderten verliebt, während die beiden Mütter in dem Lichtkreise, den der runde Lampenschirm abschloß, ihr Piket spielten und Tante Lison für die Ortsarmen Strümpfe strickte. Fern hinter dem Teiche breitete ein einzelner Baum seine hohen Wipfel, und plötzlich brach durch das kaum entsproßte Blättergrün das silberne Mondlicht. Langsam wandelte die lichte Scheibe durch die Äste, die sich feingezähnt dagegen abhoben, zu den Höhen des Himmels empor, und die Sterne umher erloschen. Über alle Welt ergoß sich der magische Schimmer, in dem die Dünste und die Träume der Betrübten, der Dichter und Liebenden sich wiegen ... Die jungen Leute hatten dem aufgehenden Monde zugeschaut; dann, als die weiche Milde der Nacht sie umfloß und der Dämmer, der auf den Wiesen und über den Baummassen webte, sie lockend verzauberte, waren sie hinausgegangen und wandelten langsamen Schrittes auf dem großen, mondweißen Rasenplatz bis zum schillernden Teiche. Inzwischen hatten die beiden Mütter ihre allabendlichen vier Partieen Piket beendet und die Augen begannen ihnen zuzufallen; sie sehnten sich nach Ruhe. – Wir müssen die Kinder rufen, sagte die Eine. Mit schnellem Blicke durchflog die Andere den Teil des Gartens, in dem die zwei Schattengestalten sich langsam ergingen. – Laß sie doch noch! riet sie. Es ist ja so schön draußen. Lison kann auf sie warten. Nicht wahr, Lison? Die alte Jungfer hob unruhig die Augen und antwortete mit ängstlicher Stimme: – Gewiß, ich werde auf sie warten. Darauf gingen die beiden Schwestern zu Bette. Als sie heraus waren, stand Tante Lison auch auf, ließ die angefangene Arbeit sammt der Wolle und der großen Nadel auf dem Arme des Lehnstuhls liegen und legte sich mit den Ellenbogen in's Fenster, um die liebliche Nacht zu genießen. Die beiden Liebenden gingen immer noch über den Rasenplatz, vom Teich bis zur Treppe und von der Treppe bis zum Teiche. Sie drückten sich die Hände und hatten aufgehört, zu sprechen, als wären sie ganz entrückt und bildeten nur noch einen Teil dieses Märchenzaubers, der auf der Welt lag. Jeanne erblickte plötzlich im Fensterrahmen den Schatten der alten Dame, der sich scharf gegen das Lampenlicht abhob. – Halt, sagte sie stehen bleibend, Tante Lison beobachtet uns. Jacques blickte auf. – In der That, Tante Lison beobachtet uns. Sie gingen dann ungestört weiter, wie vorher, und träumten und liebten, wie vorher. Doch das Gras war voller Thau. Es war kühl und sie fröstelten. – Wollen wir nicht hinein gehen? schlug Jeanne vor. Jacques nickte und sie gingen wieder in's Haus. Als sie in's Wohnzimmer traten, saß Tante Lison wieder über ihre Arbeit gebeugt und strickte; ihre kleinen, dürren Finger zitterten ein wenig, wie von Übermüdung. Jeanne trat näher. – Wir wollen jetzt zu Bette gehen, Tante. Das alte Dämchen schlug die Augen auf. Sie waren rot, als hätte sie geweint. Doch Jacques und seine Braut achteten nicht darauf. Der junge Mann merkte nur, daß die dünnen Lederschuhe seines Mädchens von Thau trieften. Ängstlich fragte er: – Hast du nicht kalt an deinen lieben kleinen Füßchen? Plötzlich begannen die Finger der alten Tante so heftig zu zittern, daß die Arbeit ihnen entfiel und das Wollknäuel weit über den Boden rollte. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und fing an zu weinen; es war ein heftiges, krampfhaftes Schluchzen. Die beiden Kinder stürzten auf sie zu; Jeanne kniete nieder und nahm ihr die zitternden Hände von den Augen. – Was ist dir, Tante Lison? Warum weinst du? – Weil ... Weil ... stotterte die alte Dame; ihre Stimme schien in Thränen zu zerfließen, und ein kramfhaftes Zittern ging durch ihren Körper, Weil er dich fragte ... hast du nicht kalt ... an deinen lieben kleinen Füßchen ... Das ... hat mir nie einer gesagt ... mir nie! ... Der Blinde Warum freuen wir uns doch so sehr über die erste Lenzsonne? Warum erfüllt uns dieses Licht, das die Erde bescheint, so mit neuem Lebensglück? Der Himmel ist so blau, die Flur so grün, die Häuser so weiß; und unsre Augen fangen diese Farben mit Entzücken auf, um sie in Seelenfreude umzusetzen. Und uns wandelt die Lust an, zu tanzen, zu laufen und zu singen; unsre Gedanken sind so glücklich und leicht; unser Herz weitet sich so zärtlich; wir möchten die Sonne umarmen ... Nur die Blinden sitzen stumpf in den Thüren, von ewiger Nacht umfangen. Sie sind ruhig, wie immer, auch inmitten dieses lachenden Frohsinns, und alle Minuten heißen sie ihren Hund, der mit springen und jagen möchte, sich ruhig zu verhalten; sie verstehen ja nicht ... Erst wenn sie bei sinkender Sonne am Arm eines jüngeren Bruders oder einer kleinen Schwester ins Haus zurückkehren und das Kind sagt: »Ach, heute war es schön draußen!«, dann antworten sie wohl: »Ich hab' es wohl gemerkt, daß es schön war; Loulou wollte garnicht stillsitzen«. Ich kannte einen solchen Menschen, für den das Leben eine der grausamsten Martern war, die sich denken lassen. Er war ein Bauer, der Sohn eines Pächters aus der Normandie. So lange Vater und Mutter lebten, wurde einigermaßen für ihn gesorgt, sodaß er nur an seiner entsetzlichen Blindheit zu tragen hatte, aber seit die Alten tot waren, begann sein Martyrium. Eine Schwester nahm ihn zu sich, aber jederman im Hofe behandelte ihn wie einen Bettler, der anderer Leute Brot aß. Keine Mahlzeit verging, bei der man ihm nicht seine Nahrung mißgönnte, ihn Faullenzer und Klette schalt; und trotzdem sein Schwager sich seines Erbteils bemächtigt hatte, gab man ihm kaum soviel Suppe, daß er nicht verhungerte. Sein Gesicht war ganz fahl; zwei große weiße Augensterne waren wie Oblaten hineingedrückt. Er blieb gleichgiltig gegen die Scheltworte und so in sich gekehrt, daß man nicht wußte, ob er sie überhaupt empfand. Er hatte ja auch nie ihr Gegenteil kennen gelernt. Seine Mutter hatte ihn immer etwas unsanft behandelt und liebte ihn nicht eben sehr; denn auf dem Lande gilt alles, was unnütz ist, für schädlich, und die Bauern thäten es am liebsten den Hühnern nach und brächten, wenn sie könnten, alle Gebrechlichen um. Sobald er seine Suppe herunter hatte, stand er auf und setzte sich – im Sommer vor die Hausthür, im Winter an den Ofen, und von dort rührte er sich nicht mehr bis zum Abend. Er blieb ohne Gebärden, ja ohne Bewegungen sitzen; nur seine Augenlider durchlief oft ein nervöses Zucken, während sie über seine weißen Augäpfel herabfielen. Hatte er Geist, Verstand und deutliches Lebensbewußtsein? Diese Fraoe legte sich nie einer vor. So ging es einige Jahre lang. Doch sein Stumpfsinn und mehr noch seine absolute Unbrauchbarkeit erbitterten schließlich seine Angehörigen und er wurde bald zur Zielscheibe des Spottes, zum Märtyrer-Popanz, zur willkommenen Beute der angeborenen Niedertracht und barbarischen Freude seiner brutalen Umgebung. Alle Possen, die seine Blindheit ermöglichte, wurden mit ihm angestellt. Und um sich für das, was er aß, bezahlt zu machen, trieben seine Anverwandten während der Mahlzeit ihren Spott mit ihm und foppten ihn zum Vergnügen der Nachbarn und zur Qual für den Wehrlosen. Alle Bauern aus der Nachbarschaft erschienen zu diesen Belustigungen; man sagte sich von Thür zu Thür Bescheid, und die Küche des Pachthofes war jeden Tag gedrängt voll. Zunächst setzte man einen Hund oder eine Katze auf den Tisch vor den Teller, aus dem der Unglückliche seine Fleischbrühe löffelte. Das Tier, das die Schwäche des Essers bald heraus hatte, kam sachte herangeschlichen und schleckte in stillem Behagen mit, bis ein zu lautes Zungenschnalzen die Aufmerksamkeit des armen Teufels schließlich erregte: dann machte es sich behutsam davon und wich dem Löffel, mit dem der Blinde planlos vor sich hinschlug, ohne viel Mühe aus. Lautes Gelächter, Gedränge und Getrampel der Zuschauenden, die dicht gedrängt an den Wänden standen, folgte dieser Prozedur, während der Gefoppte, ohne ein Wort zu sagen, wieder zu essen begann, und mit der vorgehaltenen Linken seinen Teller beschützte und verteidigte. Dann gab man ihm Pfropfen, Holz, Blätter und schließlich Dreck zu essen, was er nicht unterscheiden konnte. Und schließlich, da auch das langweilig wurde und die Späße nicht mehr zogen, begann der Schwager in seiner Wut, daß er ihn ernähren mußte, ihn mit Püffen und Schlägen zu traktieren und lachte über die vergeblichen Anstrengungen des Unglücklichen, die Schläge zu parieren oder hinauszugeben. Daraus wurde dann ein neues Spiel, das Maulschellenspiel: Ochsen- und Pferdeknechte, Mägde, alles zog ihm fortwährend die Hände durch's Gesicht, und seine Lider zuckten dann noch heftiger. Er wußte nicht, wohin er sich vor ihnen retten sollte, und ging darum immer mit vorgestreckten Armen, damit ihm keiner zu nahe käme. Endlich zwang man ihn, zu betteln. An Markttagen stellte man ihn auf die Straßen, und sobald das Geräusch von Schritten oder das Nahen eines Wagens hörbar ward, mußte er seinen Hut ziehen und sein: »Bitte um ein kleines Almosen!« herbeten. Aber der Bauer ist knickerig, und so vergingen oft Wochen, wo er nicht einen Sous heimbrachte. Seitdem wuchs der Haß gegen ihn in's Grenzenlose, Erbarmungslose. Und dieß war sein Tod. Einmal im Winter, als die Erde dicht verschneit und es mörderisch kalt war, führte ihn sein Schwager am frühen Morgen weit fort auf eine Landstraße, wo er um Almosen betteln sollte. Dort ließ er ihn den ganzen Tag über stehen, und als es Nacht wurde, erklärte er seinen Leuten, er hätte ihn nicht wiedergefunden. »Nee«, setzte er hinzu, »um Den brauchen wir uns keine Sorge zu machen. Es wird ihn schon Einer mitgenommen haben, wenn ihm kalt war. I wo, der ist nicht draufgegangen. Der wird morgen schon wieder kommen und seine Suppe wollen.« Er kam aber nicht wieder. Stundenlang hatte er gestanden und gewartet. Dann, als er fühlte, daß er erfrieren würde, war er blindlings drauf losgegangen. Er konnte den verschneiten Straßenzug unter der Schneedecke nicht erkennen und stürzte in verschneite Gräben, arbeitete sich wieder hoch und suchte stillschweigend nach einem Hause. Aber der eisige Schnee durchkältete ihn allmählich immer mehr, und als ihn seine schwachen Beine nicht mehr tragen konnten, setzte er sich mitten auf einen Acker, von dem er nicht mehr aufstand. Bald hatten die weißen Schneeflocken ihn ganz zugedeckt. Sein steif gewordener Körper verschwand unter ihrer dichten Decke, die sich beständig erhöhte, und bald verriet nichts mehr die Stelle, wo der Leichnam lag. Seine Verwandten stellten zum Scheine Nachforschungen an und suchten acht Tage. Sie weinten sogar. Aber der Winter war rauh und es thaute erst spät. So fand sich vorderhand nichts. Als die Pächtersleute eines Sonntags zur Messe gingen, sahen sie, wie ein großer Rabenschwarm unablässig über der Ebene kreiste und sich dann wie eine schwarze Regenwolke auf einen bestimmten Fleck niederließ, wieder aufflog und immer wieder zurückkehrte. Die Woche darauf waren sie immer noch da, die unheimlichen Vögel. Der Himmel war schwarz von ihrem Gewimmel, als wären sie von allen vier Winden zusammengeflogen; sie ließen sich mit lautem Gekrächz auf den glänzenden Schnee nieder, wühlten hartnäckig darin herum und befleckten ihn eigentümlich. Ein Bursch lief hin, um nachzusehen, was sie da machten, und entdeckte den Kadaver des Blinden; er war zerhackt und schon halb aufgefressen. Seine weißen Augapfel waren von den gefräßigen Schnäbeln herausgehackt ... Und jedesmal, wenn ich die Lebensfreude der ersten Sonnentage spüre, kommt mir die trübe Erinnerung und der wehmütige Gedanke an diesen Enterbten des Lebens wieder, dessen schauerlicher Tod für alle, die ihn kannten, eine Erlösung war. Der verhängnisvolle Kuchen Sagen wir, sie hieß Madame Anserre, um ihren wahren Namen nicht bloßzustellen. Sie gehörte zu jenen Pariser Kometen, die einen leuchtenden Schweif hinter sich zurücklassen. Sie dichtete und schrieb Novellen, hatte ein gefühlvolles Herz und war entzückend schön. Sie empfing wenig und auch nur Größen ersten Ranges, solche, die man gemeiniglich Fürsten in irgend einer Sache nennt. Von ihr empfangen zu werden, war ein wirklicher Adelstitel der Intelligenz; wenigstens schätzte man ihre Einladungen so. Ihr Gatte spielte die Rolle des dunklen Trabanten. Der Gatte eines Sterns zu sein, ist nie leicht. Und doch hatte dieser Gatte keinen schlechten Einfall gehabt: er wollte einen Staat im Staate bilden und seine Berühmtheit für sich haben, eine Berühmtheit zweiten Ranges freilich – aber schließlich konnte er doch auf diese Weise an den Tagen, wo seine Frau empfing, auch empfangen; er hatte sein besonderes Publikum, das ihn schätzte, anhörte und ihm mehr Beachtung schenkte, als seiner glänzenden Gefährtin. Er hatte sich der Landwirtschaft gewidmet, und zwar der Landwirtschaft im Zimmer. Es giebt ja auch Zimmer-Generale; alle die am grünen Tisch des Kriegs-Ministeriums groß werden und leben, sind ja dieses Schlages; ebenso Zimmer-Marine, siehe das Marine-Ministerium, Zimmer-Kolonisten u. s. w. Er hatte also Landwirtschaft studiert, und zwar tiefgründlich, Landwirtschaft in ihren Beziehungen zu den andern Wissenschaften, zur National-Ökonomie, zu den Künsten ... Die Künste werden ja überall dazwischen gemengt, und selbst die schauderhaften Eisenbahnbrücken werden zu »Kunstwerken« gestempelt! So hatte er es endlich erreicht, daß man ihn einen »tüchtigen Mann« nannte und in technischen Zeitschriften zitierte. Seine Frau hatte es ferner durchgesetzt, daß er zum Mitgliede einer Kommission im Ackerbau-Ministerium ernannt wurde – und dieser bescheidene Ruhm genügte ihm. Seine Freunde lud er unter dem Vorwande, die Kosten zu verringern, immer an denselben Abenden ein, wo seine Gattin die ihren empfing, doch teilten sie sich alsbald in zwei gesonderte Lager: die Dame des Hauses mit ihrer Suite von Künstlern, Akademikern und Ministern »tagte« in einer Art Gallerie, die im Empire-Styl möbliert und ausgestattet war; während der Herr sich mit seinen Landwirten gewöhnlich in ein bescheidneres Zimmer zurückzog, das als Rauchzimmer diente und von Madame Anserre ironisch das »Landwirtschaftliche Kabinet« genannt wurde. Die beiden Heerlager waren streng geschieden; nur Herr Anserre, dem jede Eifersucht fern lag, erschien bisweilen in der »Akademie«, wo sich ihm ein Dutzend Hände zum Gruße entgegenstreckten, wahrend die Akademiker es völlig unter ihrer Würde hielten, das Landwirtschaftliche Kabinet zu betreten. Nur ganz selten erschien einer der Fürsten der Wissenschaft, des Gedankens oder anderer Attribute unter den Landwirten. Diese Empfangs-Abende kosteten wenig; es gab Thee und Kuchen, weiter nichts. Herr Anserre wollte anfänglich zwei Kuchen haben, einen für die Akademie und einen für die Landwirtschaft; aber seine Frau bemerkte ganz richtig, daß damit zwei verschiedene Lager anerkannt würden, und darauf hatte denn ihr Gatte seinen Anspruch fallen lassen. Es wurde also immer nur ein Kuchen herumgereicht, den Frau Anserre zuerst den Akademikern anbot, worauf er dann nach dem Landwirtschaftlichen Kabinet herüberwanderte. Dieser Kuchen wurde für die Akademiker bald zum Gegenstande der eigentümlichsten Beobachtungen. Frau Anserre schnitt ihn nämlich nie selbst an. Dieses Amtes waltete stets einer der illustren Gäste, und bald wurde es zum gesuchten Ehrenamte, das jeder der Reihe nach kürzer oder länger bekleidete, meist drei Monate lang, selten länger. Merkwürdig war, daß das Privilegium, den Kuchen zu schneiden, eine Fülle von anderen Vorrechten mit sich brachte und dem damit betrauten den Königs- oder doch Vize-Königs-Rang zu verleihen schien. Der regierende Zerleger führte das lauteste Wort; es war ein ausgesprochener Kommandoton; und alle Gunstbeweise der Herrin fielen ihm zu, alle. Halblaut und hinter den Thüren nannte man diese intimen Günstlinge des Hauses die »Kuchen-Favoriten«, und jeder Favoriten-Wechsel rief in der Akademie große Umwälzungen hervor. Das Messer wurde zum Szepter, das Gebäck zum Wahrzeichen der Macht; die Erwählten wurden lebhaft beglückwünscht. Herr Anserre war natürlich ausgeschlossen, trotzdem er auch seine Portion aß. Der Kuchen wurde der Reihe nach von Poeten, Malern und Romanciers zerlegt. Ein großer Komponist teilte die Portionen eine Zeit lang ein; ein Gesandter folgte ihm im Amte. Bisweilen kam auch ein weniger berühmter, aber darum nicht minder eleganter und gesuchter Herr vor den symbolischen Kuchen zu sitzen, einer von denen, die man je nach der herrschenden Mode einen wahren Gentleman, einen perfekten Kavalier, einen Dandy oder sonstwie nennt. Jeder von ihnen schenkte während seiner kurzlebigen Herrschaft dem Gatten etwas mehr Beachtung; dann, wenn die Stunde seines Falles gekommen war, übergab er das Messer einem andern und verlor sich wieder in der Menge von Vasallen und Anbetern der »schönen Frau Anserre«. So währte es lange, sehr lange. Aber die Kometen leuchten nicht immer mit demselben Glanze. Alles auf Erden hat sein Ziel. Auch hier konnte man beobachten, wie der Eifer der Kuchenschneider allmählich nachließ, wie sie bisweilen zu zögern schienen, wenn ihnen der Kuchenteller gereicht ward, wie das einst so beneidete Amt immer weniger gesucht, immer weniger lange behauptet wurde und der Stolz, es anzunehmen, immer mehr nachließ. Umsonst verschwendete Madame Anserre Lächeln und Liebenswürdigkeit; bald wollte keiner mehr aus freien Stücken schneiden. Wer neu hinzukam, schien sich direkt zu weigern, und die alten Favoriten erschienen Einer nach dem Andern wieder im Amte, wie entthronte Fürsten, die man für Augenblicke wieder auf den Thron erhebt. Dann wurden die Erwählten selten, ganz selten. Einen Monat lang schnitt Herr Anserre – o Wunder! – selbst den Kuchen, bis er es schließlich überdrüssig wurde und man eines schönen Abends Madame Anserre – »die schöne Madame Anserre!« – höchst eigenhändig ihren Kuchen schneiden sah! Aber das war ihr höchst langweilig, und am nächsten Abend setzte sie einem ihrer Gaste dermaßen zu, daß er ihre Bitte nicht ausschlagen mochte. Indessen war das Symbol zu gut bekannt und man blickte sich mit ängstlichen, ratlosen Gesichtern von unten her an. Den Kuchen zu schneiden, war ja nicht gefährlich, aber die Vorrechte, unter denen diese Gunst bisher vergeben worden, beängstigten jetzt, sodaß die Akademiker, sobald die Platte nur erschien, sich in wirrem Knäuel in das Landwirtschaftliche Gemach flüchteten, wie um sich hinter dem beständig lächelnden Gatten zu verstecken. Und wenn Madame Anserre sich bestürzt auf der Schwelle zeigte, den Kuchen in der einen Hand haltend, das Messer in der andern, so schien sich alles um ihren Gatten zu schaaren, wie um ihn um Schutz zu bitten. So vergingen Jahre. Niemand wollte mehr den Kuchen schneiden, aber immer noch suchte sie, die man galanter Weise immer noch die »schöne Frau Anserre« nannte, aus alter Gewohnheit mit flehenden Blicken einen Ergebenen, der das Messer ergriffe – und jedesmal entstand dieselbe Bewegung im Umkreise: sobald die verhängnisvolle Frage auf ihre Lippen trat, begann eine allgemeine geschickte Flucht voller Listen und Manöver. Eines Abends nun wurde ein blutjunger Mensch, ein »reiner Thor«, bei Frau Anserre eingeführt, dem das Geheimnis des Kuchens noch unbekannt war. Als nun der Kuchen erschien und Madame Anserre Platte und Backwerk aus den Händen des Dieners nahm, blieb er ruhig in ihrer Nähe. Vielleicht glaubte sie, er wüßte bescheid und kam lächelnd und mit bewegter Stimme auf ihn zu. – Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben, lieber Herr, und diesen Kuchen aufschneiden? – Aber gewiß, gnädige Frau, mit dem größten Vergnügen! erwiderte dieser, entzückt über die Ehre, die ihm zuteil ward, zog die Handschuhe aus und begann eifrig zu schneiden. Fern in den Ecken der Gallerie erschienen im Rahmen der Thür, die nach dem Landwirtschaftlichen Zimmer ging, ein paar verblüffte Gesichter. Dann, als man sah, daß der Neuling unverzagt drauf losschnitt, kam alles schnell näher. Ein alter, spaßhafter Dichter schlug dem Neubekehrten lustig auf die Schulter. – Bravo, junger Mann! sagte er ihm ins Ohr. Alles blickte ihn neugierig an; selbst der Gatte schien überrascht. Und er selbst wunderte sich über die besondere Beachtung, die ihm plötzlich von allen Seiten zuteil wurde; vor allem konnte er sich nicht erklären, warum ihn die Herrin des Hauses durch ausgesprochene Zuvorkommenheit, augenscheinliche Gunstbezeugungen und eine Art stummer Dankbarkeit auszeichnete. Schließlich aber hat er es doch begriffen. Wann und wo ihm diese Offenbarung kam, ist unbekannt; aber als er am nächsten Abend wieder erschien, machte er einen etwas betretenen, fast verschämten Eindruck und blickte unruhig um sich. Als die Theestunde schlug und der Diener erschien, ergriff Madame Anserre mit holdem Lächeln die Platte und suchte ihren jungen Freund mit den Augen. Er war aber so schnell entflohen, daß er nicht mehr zu sehen war. Da stand sie auf und ging ihm entgegen. Sie fand ihn bald in der äußersten Ecke des Landwirtschaftlichen Zimmers. Er hatte seinen Arm in den ihres Gatten gelegt und drang ängstlich in ihn, welche Mittel zur Vertilgung der Reblaus die besten wären. – Mein lieber Herr, kam Madame Anserre an, würden Sie so liebenswürdig sein, diesen Kuchen zu schneiden? Er wurde rot bis an die Ohren, stotterte ein paar Worte und verlor den Kopf. Herr Anserre erbarmte sich seiner und wandte sich zu seiner Frau. – Meine Theuerste, sagte er, es wäre sehr schön, wenn du uns nicht stören wolltest: wir sprechen über Landwirtschaft. Laß den Kuchen doch von Baptist schneiden. Seit dem Tage schnitt kein Mensch mehr den Kuchen im Hause Anserre. Der Schäfersprung Die Küste von Dieppe bis Le Havre bildet ein ununterbrochenes Steilufer von etwa hundert Meter Höhe, das senkrecht wie eine Mauer zum Meere abfällt. Von Zeit zu Zeit wird diese starre Felslinie plötzlich unterbrochen, und ein kleines, enges Thal mit steilen Hängen, die mit kurzem Gras und Meerbinsen bedeckt sind, kommt von der bebauten Hochfläche herab und mündet schluchtartig, wie das Bett eines Gießbachs, in das Ufergeröll. Diese Thäler sind von der Natur selbst geschaffen. Ihre Ränder sind von den Gebirgsbächen gehöhlt, welche die Reste des stehenden Hochufers fortgespült und den Wassern ein Bett bis zum Meere gegraben haben, das den Menschen jetzt als Weg dient. Bisweilen klemmt sich ein Dorf in den engen Thalkessel, in dem der volle Seewind sich fängt. Ich habe einen ganzen Sommer in einem dieser Küsteneinschnitte verbracht; ich wohnte bei einem Bauern, dessen Haus der See zugekehrt lag, sodaß ich von meinem Fenster aus zwischen den grünen Thalhängen ein großes Dreieck dunkelblauen Wassers erblickte, das oft von weißen Segeln wimmelte, die von der Sonne getroffen in der Ferne vorüberzogen. Der Weg zum Meere lief auf der Sohle der Schlucht und versank dann plötzlich zwischen zwei senkrechten Mergelwänden wie ein tiefeingeschnittenes Geleise, um alsdann auf einen schönen Kiesplatz zu münden, dessen Steine durch das Jahrhunderte lange Spiel der Wogen kugelrund abgeschliffen und poliert waren. Diese tiefe Hohle hieß der »Schäfersprung«. Die Geschichte, der sie ihren Namen verdankt, ist folgende.   Früher, so sagte man mir, herrschte in diesem Dorfe ein junger fanatischer und gewaltthätiger Priester. Voll Haß auf Alle, die nach den Naturgesetzen und nicht nach den Gesetzen seines Gottes lebten, war er aus dem Seminar gekommen. Er war von unbeugsamer Strenge gegen sich selbst und von unversöhnlicher Unduldsamkeit gegen Andere. Eines vor allem erfüllte ihn mit Wut und Abscheu: die Liebe. Hätte er in Städten, im Schooße der raffinierten Kulturmenschheit gelebt, welche die brutalen Akte, die uns die Natur gebietet, in den zarten Schleier des Gefühls und der Zärtlichkeit zu hüllen weiß, hätte er im Halbschatten der großen, eleganten Kirchenschiffe im Beichtstuhl gesessen und die duftenden Sünderinnen gehört, deren Vergehen sich durch die Anmut ihres Falles und die ideale Einkleidung der höchst materiellen Umarmung zu mildern scheint, so wäre jene rasende Empörung, jene zügellose Wut vielleicht nicht über ihn gekommen, wenn er der unsauberen Umarmung des Gesindels im Schlamm eines Straßengrabens oder auf dem Stroh einer Scheune gegenüberstand. Er hielt sie durchaus für Vieh, diese Menschen, welche die Liebe nicht kannten, und sich nach Art der Thiere vereinigten; er haßte sie wegen ihrer Seelen-Rohheit, wegen der eklen Befriedigung ihrer Lust, wegen der widerlichen Freude, die sie noch als Greise empfanden, wenn sie von diesen Dingen sprachen. Vielleicht auch ward er selbst wider Willen von ungestillten Gelüsten gepeinigt und durch den Kampf seines keuschen, aber despotischen Geistes mit seinem widerspänstigen Körper dumpf gequält. Denn alles, was auf das Fleisch Bezug hatte, empörte ihn, brachte ihn außer sich, und seine wilden Predigten voller Drohungen und wütender Anspielungen riefen das höhnische Lachen der Dirnen und Burschen hervor, die sich durch die Kirche hin verstohlene Blicke zuwarfen. Und wenn die Pächter in ihrer blauen Bluse und die Pächtersfrauen in ihrem schwarzen Mantel Sonntags aus der Messe heimkehrten und auf ihre Hütte zusteuerten, deren Schornstein lange Strähnen bläulichen Rauches durch die Luft wob, dann sagten sie sich wohl: »Darin versteht er keinen Spaß, der Herr Pfarrer.« Einmal nun geriet er um nichts so außer sich, daß er fast die Besinnung verlor. Er wollte einen Kranken besuchen. Als er den Pachthof betrat, wo der Kranke lag, bemerkte er einen Haufen Kinder aus dem Hause und der Nachbarschaft, die um die Hundehütte herumstanden. Sie rührten sich nicht und blickten mit gespannter und stummer Aufmerksamkeit auf etwas, das am Boden lag. Der Priester trat naher und erblickte die Hündin, die gerade warf. Sie lag vor ihrer Hütte. Fünf Junge krochen bereits um die Mutter herum, die sie zärtlich leckte und gerade in dem Augenblick, wo der Pfarrer seinen Kopf über die Köpfe der Kinder hinausreckte, noch ein sechstes Junges zur Welt brachte. Da fing der ganze Schwarm vor Freude an zu schreien und in die Hände zu klatschen: »Da kimmt noch eins! Da kimmt noch eins!« Es war dies eine Belustigung für sie, eine ganz natürliche Belustigung ohne irgend welche unreine Beimischung. Sie sahen dieser Geburt zu, wie sie Äpfel hätten fallen sehen. Aber der Mann im schwarzen Rocke erbebte vor Entrüstung und verlor völlig den Kopf. Er erhob seinen blauen Regenschirm und schlug damit wütend auf die Kinder ein. Da liefen sie, was sie laufen konnten. Dann wandte seine Wut sich gegen die niedergekommene Hündin. Er schlug bald mit der Rechten, bald mit der Linken auf sie los, und als das Tier, das an der Kette lag und nicht fortlaufen konnte, sich stöhnend wehrte, trampelte er darauf herum und zertrat es mit seinen Füßen – wobei noch ein letztes Junges zur Welt kam; dann gab er ihm mit dem Hacken den Rest. Den blutigen Körper ließ er inmitten der Neugeborenen liegen, die kläglich piepsend herumtapsten und bereits nach den Brüsten der Mutter suchten.   Eine seiner Gewohnheiten war, lange Ausflüge zu machen; er ging dann mit großen Schritten und wilder Miene durch's Feld. Eines Abends im Mai nun, als er von einem solchen weiten Spaziergang zurückkehrte und das Steilufer entlang ging, um das Dorf zu gewinnen, überfiel ihn ein furchtbarer Guß. Kein Haus war in Sicht, überall nackte Küste, von Wetterströmen zerspült. Das Meer ging hoch und rollte seine Schaumkämme. Große finstre Wolken zogen vom Horizont heran und verdoppelten den Regen. Der Wind pfiff und heulte und legte die jungen Saaten nieder, schüttelte den triefenden Abbé und preßte seinen durchnäßten Rock gegen seine Beine, erfüllte seine Ohren mit Sturmgeheul und sein Herz mit trunkener Erregung. Er riß sich den Hut ab und bot seine Stirn dem Gewitter preis, während er sich allmählich dem Abstieg in's Niederland näherte. Doch da packte ihn ein Windstoß mit solcher Gewalt, daß er nicht mehr weiter kam, und da er plötzlich eine Schafhürde und daneben den Schutzkarren eines Schäfers erblickte, lief er darauf zu, um Unterschlupf zu finden. Die Hunde, die der Orkan peitschte, schlugen nicht an, als er nahte, und ließen ihn ungehindert an die Hütte, eine Art Hundehütte auf Rädern, wie sie die Schäfer im Sommer von Weide zu Weide mitschleppen. Über einem Trittbrett öffnete sich die niedrige Thür, sodaß man das Stroh darinnen erkennen konnte. Der Priester wollte hineinschlüpfen – als er plötzlich im Dunkel des Raumes ein Liebespärchen gewahrte. Da klappte er den Wetterschirm in jäher Entschlossenheit zu, legte den Riegel davor, spannte sich zwischen die Arme der Schubkarre und legte sich weit vornübergebeugt davor. Er zog wie ein Pferd und rannte, unter seinem feuchten Tuchrock keuchend, dem jähen Steilfall des todbringenden Abhangs entgegen. Das überraschte Liebespaar glaubte wohl, ein Vorübergehender machte sich einen Scherz, und trommelte mit den Fäusten gegen die Wände des Holzhauses. Als er den Kamm des Abfalls erreicht hatte, ließ er das Wanderhaus fahren, und nun schoß es den schrägen Hang hinunter, in immer schnellerer Fahrt, in rasendem Laufe dahinrollend, bald hochspringend und stolpernd, wie ein Tier, und mit den Armen aufschlagend. Ein alter Bettler, der in einem Graben hockte, sah es über seinen Kopf hinweg sausen und hörte das entsetzte Geschrei in dem hölzernen Kasten. Plötzlich prallte es auf, verlor ein Rad, legte sich auf die Seite und begann wie eine Kugel bergab zu rollen, wie ein entwurzeltes Haus vom Gipfel eines Berges herunterrollen würde. Am andern Rande des untersten Hohlweges sprang es auf und flog in hohem Bogen auf den Kies, wo es wie ein Ei zerplatzte. Dort hob man die Liebenden auf. Sie waren zerschlagen und zermalmt, alle Glieder gebrochen, aber immer noch eng verschlungen. In ihrer Angst hatten sie die Arme um den Nacken geschlagen, als wäre es aus Liebe geschehen ... Der Pfarrer erlaubte nicht, daß ihre Leichen in die Kirche kamen, auch verweigerte er den Segen an ihren Särgen. Und am Sonntag bei der Predigt sprach er donnernd vom sechsten Gebote Gottes des Herrn und drohte den Liebenden mit rächend erhobenem Arm und geheimnisvoller Miene, indem er ihnen das Beispiel der beiden Unglücklichen vorhielt, die in ihrer Sünde gestorben waren. Als er die Kirche verließ, nahmen zwei Gendarmen ihn fest. Ein Zollwächter, der im Guckloch gelegen hatte, hatte alles gesehen. Er wurde mit Zuchthaus bestraft.   Und der Bauer, von dem ich diese Geschichte habe, setzte ernst hinzu: – Ich habe ihn noch gekannt, Herr, ich selbst. Er war ein strenger Mann und von der Liebe wollte er überhaupt nichts wissen. Aus alten Tagen Meine liebe Colette! Ich weiß nicht, ob du dich eines Verses aus Sainte-Beuve entsinnst, den wir zusammen gelesen haben, und der sich meinem Gedächtnis fest eingeprägt hat; denn er sagt mir Manches, dieser Vers, und oft hat er mein armes Herz beruhigt, besonders in der letzten Zeit. Er heißt: »Im selben Haus geboren werden, leben Und sterben ...« Hier bin ich nun ganz allein in diesem Hause, in dem ich geboren bin, gelebt habe und auch zu sterben gedenke. Es ist nicht alle Tage heiter, aber es ist süß; denn ich bin von Erinnerungen umgeben. Mein Sohn Henry ist Advokat; er besucht mich jährlich zwei Monate. Jeanne wohnt mit ihrem Manne am andern Ende Frankreichs; sie besuche ich jeden Herbst. So bin ich denn hier allein, ganz allein, aber vertraute Gegenstände umgeben mich und erzählen mir unausgesetzt von den Meinen, von den Todten wie von den fernen Lebenden. Ich lese nicht mehr viel, aber ich denke viel, oder besser, ich träume! Freilich nicht in meiner Art von ehedem. Du kennst ja unsere abenteuerlichen Grillen, unsere Pläne, die wir schmiedeten, als wir zwanzig Jahre alt waren, all die glücklichen Aussichten, die sich uns eröffneten! Von alledem ist nichts in Erfüllung gegangen, oder vielmehr, es ist alles anders gekommen, weniger süß und poetisch, aber doch zufriedenstellend, wenn man sein Schicksal zu nehmen weiß. Denn weißt du, warum wir Frauen so oft unglücklich sind? Weil man uns in der Jugend zu viel an das Glück glauben lehrte. Wir sind nicht mit dem Gedanken erzogen worden, daß der Mensch zu kämpfen, zu harren und zu leiden hat. Und unser Herz bricht beim ersten Stoße. Mit offener Brust erwarten wir Ströme von glücklichen Ereignissen, und es kommen immer nur halbwegs gute. Dann weinen wir gleich. Das Glück, das wahre Glück unserer Träume habe ich erst lernen müssen. Es besteht nicht in einem glücklichen Ereignis, denn die sind sehr selten und von kurzer Dauer, sondern einfach im steten Erwarten einer Reihe von guten Dingen, die niemals kommen. Glück, das ist das glückliche Warten, das ist ein Dunstkreis von Hoffnungen, also die Illusion ohne Ende. Ja, meine Liebe, es giebt nichts Gutes, als die Illusionen, und so alt ich bin, mache ich mir noch alle Tage welche; nur hat sich ihr Gegenstand geändert, denn meine Wünsche sind nicht dieselben geblieben. Ich sagte dir schon, daß ich die meiste Zeit mit Träumen verbringe. Was soll ich auch andres thun? Ich habe dazu zwei Arten. Ich will sie dir nennen: vielleicht, daß sie dir nützlich sind. Die erste ist sehr einfach; sie besteht darin, daß ich mich in einen niedrigen Lehnstuhl, der meinen alten Knochen weich genug ist, vor mein Kaminfeuer setze und meine Blicke auf Das zurück schweifen lasse, was dahinter liegt. Oh wie kurz ist doch ein Menschenleben! Besonders, wenn es ganz an einem Orte verfließt. »Im selben Haus geboren werden, leben Und sterben ...« Welche Fülle von Erinnerungen! Sie drängen sich förmlich. Und wenn man alt wird, deucht es einem kaum zehn Tage her, daß man jung war. Ja, es ist alles verflossen, als wär' es nur Ein Tag gewesen! Morgen, Mittag und Abend – und die Nacht fällt schnell, die Nacht ohne Morgenrot! Wie ich so Stunde auf Stunde in's Feuer starre, wird mir die Vergangenheit wieder lebendig, als wäre es gestern gewesen. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin; der Traum reißt mich fort; mein ganzes Dasein lebe ich noch einmal durch. Und oft glaube ich wieder, ich wäre noch ein Mädchen: so stark sind die Eindrücke der Vergangenheit, die Gefühle der Jugend, ihre hohen Stunden und selbst ihr Herzklopfen, all diese achtzehnjährige Lebensfreude; und das Vergangene steht greifbar, wie neue Wirklichkeit, vor meinen Augen. Namentlich meine Jugendspaziergänge suchen mich wieder heim! Hier auf meinem Lehnstuhl, als ich vor meinem Feuer saß, dachte ich neulich wieder an einen Sonnenuntergang auf dem Mont Saint-Michel und gleich darauf an eine Hetzjagd im Walde von Uville; und der Duft des feuchten Sandes und des thaufrischen Laubes, die Glut der Sonne, die in's Wasser tauchte, und die feuchte Wärme ihrer ersten Strahlen, als ich durch's Holz galoppierte – das alles umschwebte mich plötzlich wieder. Und alles, was ich damals gedacht habe, meine Begeisterung vor den endlosen Weiten des Meeres, mein frohes Selbstgefühl, als die Zweige im Reiten mich streiften, meine kleinsten Gedanken, all die kleinen Ergebnisse meiner Beobachtungen, meiner Wünsche und meiner Gefühle, alles, alles ist wieder da, als wären die fünfzig Jahre nicht verflossen, die mein Blut gedämpft und mein Hoffen gewandelt haben. Meine andere Art aber, die Vergangenheit zu beschwören, ist bei weitem die bessere. Du weißt oder du weißt nicht, meine liebe Colette, daß im Hause nichts weggeworfen wird. Oben unter dem Dache haben wir eine große Trödelkammer, die »das Antiquitätenkabinet« heißt. Alles, was nicht mehr gebraucht wird, wandert dort hinein. Ich gehe oft herauf und sehe mich um. Da erblicke ich dann einen Haufen von Nichtigkeiten wieder, an die ich nie mehr dachte, und die mir eine Menge Dinge in's Gedächtnis zurückrufen. Zwar sind es nicht die trauten Möbel, die man von Kindheit auf kennt, und an denen die Erinnerungen von Ereignissen, von Freuden und Leiden, von Tagen unserer Geschichte haften. Keine Gegenstände, die mit unserem Leben verknüpft sind, und darum eine Art von Persönlichkeit und Charakter angenommen haben. Keine Gefährten unsrer holden und trüben Stunden, – die einzigen, ach! die wir sicher sind, nicht zu verlieren, die einzigen, die nicht sterben werden wie die andern, deren Züge, deren liebe Augen, deren Mund und Stimme auf ewig dahin sind! – Aber ich finde in dem alten Trödel eine Menge von alten, nichtssagenden Dingen wieder, die vierzig Jahre um uns herum gewesen sind, ohne daß sie einem je aufgefallen wären, und die nun, wo man sie wieder sieht, plötzlich die Bedeutung und den Ausdruck alter Zeugen annehmen. Sie kommen mir vor, wie Leute, die man unbestimmt gekannt hat, ohne daß sie sich je offenbart hätten, und die plötzlich eines Abends ohne jede Veranlassung zu schwatzen beginnen, ohne wieder aufzuhören, und uns ihr ganzes Dasein und alle ihre Intimitäten erzählen, von denen wir nichts ahnten. Und ich gehe vom einen zum andern und mein Herz krampft sich wehmütig zusammen. Halt, sage ich mir, das habe ich an dem Abend zerbrochen, wo Paul nach Lyon abreiste. Oder: Ach, da ist ja die kleine Laterne, mit der Mama an den Winterabenden immer zum Gottesdienst ging! Es sind auch Sachen darunter, die nichts sagen, die von den Großeltern herstammen, Dinge, die niemand unter den Lebenden gekannt hat, von denen sogar niemand weiß, wer sie besessen. Niemand hat die Hände gesehen, die sie angefaßt, noch die Augen, die sie beschaut haben. Die geben mir lange zu denken! Sie kommen mir wie Verlassene vor, deren letzte Freunde gestorben sind ... Vielleicht, meine liebe Colette, wirst du das alles kaum begreifen, vielleicht wirst du über meine Einfalt und über meine kindlichen und sentimentalen Anwandlungen lachen. Du bist Pariserin, und Euch Pariserinnen ist dieses in sich gekehrte Leben, dieses ewige Zurückgreifen auf sein eigenes Herz etwas Unbekanntes. Ihr lebt nach außen, und alle eure Gedanken flattern in den Wind. Ich lebe allein, darum kann ich dir nur von mir erzählen. Wenn du mir aber antwortest, dann sprich mir auch ein wenig von dir, damit ich mich auch in deine Lage versetzen kann, wie du dich morgen in die meine wirst versetzen können. Aber nie wirst du den Vers von Sainte-Beuve ganz verstehen: »Im selben Haus geboren werden, leben Und sterben ...« Tausend Küsse. Deine alte Freundin Adelaide. Magnetismus? Die Herrengesellschaft war zu Ende, und damit begann das endlose Zigarrenrauchen und das unaufhörliche Liqueurtrinken im Rauche. Die Köpfe waren von dem vielen Durcheinander von Speisen und Getränken nicht mehr ganz klar, und eine schlaffe Verdauungsruhe herrschte. Man kam auf den Magnetismus zu sprechen, auf die Wunderkuren Donatos und die Erfahrungen des Dr. Charcot. Und mit einem Male begannen diese blasierten, lächelnden, jeder Religion abholden Lebemänner, sich die merkwürdigsten Geschichten zu erzählen, lauter unglaubliche aber wahre Begebenheiten, wie sie versicherten; sie fielen plötzlich wieder in die abergläubischesten Vorstellungen zurück, klammerten sich an diesen letzten Rest des Geheimnisses an und beugten sich dem Magnetismus, den sie im Namen der Wissenschaft verteidigten ... Nur Einer lächelte hartnäckig; er war ein übermütiger Gesell und großer Schürzenjäger; sein Unglauben war so fest eingewurzelt, daß er nicht einmal zulassen wollte, daß über diesen Gegenstand geredet wurde. – Unsinn! Unsinn! Unsinn! rief er höhnisch dazwischen. Über Donato ist garnicht erst zu reden, er ist ganz einfach ein schäbiger Quacksalber. Und Herr Charcot, der ja ein namhafter Arzt sein soll, macht mir immer den Eindruck eines Fabulisten vom Schlag Edgar Poes: er denkt über besondere Fälle von Verrücktheit so lange nach, bis er selber verrückt wird ... Er hat Nervenzustände konstatiert, die unerklärlich und jedenfalls noch unerklärt sind; er lebt in jenem Unbekannten, das tagtäglich unsern Witz herausfordert, und da er nicht immer alles versteht, was er sieht, macht er vielleicht von den religiösen Erklärungen des Geheimnisvollen einen zu ausgiebigen Gebrauch. Außerdem möchte ich ihn selbst einmal hören; das ist etwas ganz andres, als was Sie mir hier nacherzählen. Diese Worte des Ungläubigen riefen unter den Anwesenden eine mitleidige Bewegung hervor, als ob er in einer Gesellschaft von Mönchen Lästerliches gesagt hätte. – Jedenfalls hat es früher Wunder gegeben! bekräftigte einer der Herren. – Das leugne ich. Sonst müßte es ja auch heute noch welche geben. Da brachte nun jeder ein Beweisstück vor, phantastische Vorahnungen und Mitteilungen von Seelen durch weite Räume, geheime Einflüsse eines Wesens auf das andere u.s.w. Und diese Thatsachen wurden betheuert und für unbestreitbar erklärt, während der hartnäckige Leugner immer noch sein »Unsinn! Unsinn! Unsinn!« dazwischen schrie. Endlich stand er auf, warf seine Zigarre fort, steckte die Hände in die Taschen und begann: – Nun wohl. Auch ich kann Ihnen zwei Geschichten der Art erzählen, die ich Ihnen aber nachher erklären werde. Die eine ist folgendermaßen. Die Männer des kleinen Stranddorfes Etretat sind sämmtlich Fischer und fahren jedes Jahr nach den Bänken von Terre-Neuve zum Stockfischfang. Eines Nachts nun wachte das Kind eines der Fischer plötzlich auf und schrie: »De Vatter is im Mee ätunken!« Man beruhigte den Schreihals, aber bald wachte er von Neuem auf und heulte, sein »Vatter wäre ätunken«. Einen Monat spater wurde nun wirklich bekannt, daß der Vater von einer Sturzsee erfaßt und von der Brücke in's Meer geschleudert worden wäre, wo er seinen Tod gefunden hätte. Da schrie nun alles: »Ein Wunder! Ein Wunder!« und regte sich groß auf. Es wurde nachgerechnet, und es fand sich, daß der Unfall und der Traum ungefähr zusammenfielen. Daraus wurde dann geschlossen, daß beides in derselben Nacht und zur selben Stunde geschehen wäre. Das ist so ein Wunder der Fernwirkung ... Der Erzähler hielt inne. – Und wie erklären Sie das? fragte einer der Zuhörer sehr erregt. – Sehr gut, meine Herren; ich habe das Geheimnis gelüftet. Die Thatsache hatte mich allerdings verblüfft und selbst lebhaft beunruhigt; aber sehen Sie, ich glaube grundsätzlich an nichts. Wie die Andern damit anfangen, zu glauben, so fange ich damit an, zu zweifeln. Und wenn ich es auch garnicht begreife, so leugne ich doch ruhig weiter fort, daß es eine Fernwirkung von Seelen giebt, und ich bin gewiß, daß mein Scharfsinn allein ausreicht. Nun wohl, ich habe also gesucht und gesucht, bis ich es heraus hatte. Ich fragte alle Weiber der abwesenden Fischer aus und überzeugte mich, daß keine Woche verging, wo nicht eines von ihnen oder eines der Kinder davon träumte, daß sein »Vatter im Meer ätunken« wäre, und dies beim Erwachen ausposaunte. Die beständige schreckliche Furcht vor diesem Unglück ließ sie stets davon reden, immer daran denken. Wenn nun eine dieser häufigen Ahnungen durch einen ganz einfachen Zufall mit einem solchen Unglücksfalle zusammentrifft, schreit alles gleich: »Ein Wunder!« – und alle anderen Träume und Vorahnungen, alle unglücklichen Prophezeiungen, die sich nicht erfüllt haben, werden vergessen. Ich selbst habe an die fünfzig in der Erinnerung, von denen der Urheber schon acht Tage später nichts mehr wußte. Wäre aber der Mann wirklich umgekommen, dann wäre das Gedächtnis unversehens erwacht, und die Einen hätten ein Wunder Gottes, die Andern den Magnetismus gepriesen. – Das ist alles ganz richtig, was Sie da sagen, unterbrach ihn einer der Raucher. Aber wie steht es mit Ihrer andern Geschichte? – Oh, meine andre Geschichte ist ein heikeles Thema. Sie ist mir selbst begegnet, und darum mißtraue ich meiner eigenen Ansicht darüber ein wenig. Man kann nicht Richter und Partei zugleich sein. Nun also, die Sache war folgende: – Unter meinen Bekanntschaften, die ich hatte, befand sich eine junge Frau, an die ich nie gedacht, die ich nie angesehen hatte, kurz, die mir nie aufgefallen war, wie man sagt. Sie gehörte nach meiner Meinung unter die nichtssagenden Wesen, obwohl sie nicht häßlich war. Schließlich hatte sie Nase, Mund und Ohren, Haare von irgend einer Farbe und eine, wie soll ich sagen, verblichene Physiognomie. Sie war eines von den Wesen, an denen unsre Gedanken scheinbar nur durch Zufall haften, ohne bei ihnen zu verweilen, und die unser Verlangen nie wachrufen. Eines Abends nun schrieb ich vor dem Schlafengehen Briefe am Kamin, und wie ich so meinen Gedanken die Zügel schießen lasse und Bild auf Bild mir durch den Kopf gehen, wie ich so mit der Feder in der Hand vor mich hinträume, läuft mir plötzlich ein leiser Schauder durch's Hirn und ein Beben durch's Herz, und unmittelbar darauf sehe ich, ohne vernünftigen Grund, ohne logische Ideen-Verkettung, sehe ich dieses junge Weib ganz deutlich vor mir, zum Greifen nahe, vom Kopf bis zu den Füßen ... Sie, an die ich noch nie länger als drei Sekunden gedacht hatte, solange mir ihr Name durch den Kopf ging ... Und plötzlich entdeckte ich an ihr eine Fülle von holden Eigenschaften, die mir nie aufgefallen waren, einen sanften Zauber, einen bestrickenden Reiz ... Und sie rief jene verliebte Unruhe in mir wach, die uns einem Weibe nachgehen heißt. Sie alle kennen jene eigentümlichen Träume, die einen zum Herrn des Unmöglichen machen, einem die verschlossenen Thore unverhoffter Freuden und die sprödesten Arme öffnen. Wer von uns hat nicht jene unruhigen, aufregenden, atemlosen Träume gehabt, wo wir das Weib, nach dem uns der Sinn stand, mit der größten sinnlichen Schärfe und Deutlichkeit in den Armen gehalten haben? Und haben Sie nicht gemerkt, welche überirdische Wonne in solchen verzückten Träumen liegt? In welchen Taumelzustand sie einen versetzen, wie sie einem das ganze Wesen durchkämpfen und das Herz mit unendlicher, zärtlichster, überströmender Zärtlichkeit erfüllen; wie man das Wesen liebt, das man in diesem göttlich teuflischen, Wirklichkeit scheinenden Gaukelspiel ohnmächtig und glühend im Arme hält ... Alles dies empfand ich damals mit unvergeßlicher Deutlichkeit. Dies Weib war mein eigen gewesen, ich fühlte es! Als ich längst enttäuscht erwacht war, hatte ich das sammetweiche Gefühl ihres Haares noch an den Fingern, den Schmelz ihrer Haut noch in den Sinnen, die Süßigkeit ihrer Küsse noch auf den Lippen, den Klang ihrer Stimme noch im Ohre, den Druck ihrer Umarmung noch um den Hals; und der berauschende Zauber ihrer Liebkosungen erfüllte mich ganz und gar. Und dreimal in derselben Nacht hatte ich denselben Traum. Als es Tag wurde, erfüllte mich nur der Gedanke an sie; ihr Bild spukte mir durch Herz und Hirn; es verging keine Minute, wo ich nicht an sie dachte. Ich wußte nicht mehr aus noch ein; schließlich stand ich auf, kleidete mich an und ging zu ihr. Als ich die Treppe herauf stieg, zitterte ich vor Aufregung und fühlte mein Herz gegen die Rippen hämmern; ein unwiderstehliches Verlangen erfüllte mich vom Kopf bis zu den Füßen. Ich trat ein. Als sie meinen Namen hörte, richtete sie sich hoch auf, und plötzlich begegneten sich unsere Blicke mit merkwürdiger Starrheit. Ich setzte mich und stotterte ein paar unzusammenhängende Worte, die sie garnicht zu hören schien. Ich wußte nicht, was ich thun und sagen sollte; dann plötzlich stürzte ich auf sie zu und umschlang sie mit beiden Armen. Mein ganzer Traum verwirklichte sich so rasch, so leicht und süß und toll, das ich plötzlich in Zweifel war, ob ich auch wach wäre ... Sie war zwei Jahre lang meine Geliebte ... – Und was schließen Sie daraus? fragte eine Stimme. Der Erzähler schien zu zögern. – Was ich daraus schließe? fragte er langsam. Ich schließe daraus, daß dieß ein einfaches Zusammentreffen war, ja gewiß! Und dann – wer weiß? – vielleicht auch ein Blick von ihr, den ich nicht bemerkt hatte, und den mir mein Gedächtnis an jedem Abend wieder wachrief; denn es giebt ja solche geheimnisvollen und unbewußten Erinnerungen, welche gerade Das wiedergeben, was unser Bewußtsein vernachlässigt und unser Intellekt nicht beachtet hat! – Nun, wie Sie wollen, schloß einer der Gäste. Aber wenn Sie hierauf nicht an Magnetismus glauben, dann, mein verehrter Herr, sind Sie ein ganz undankbarer Mensch! Ein korsikanischer Bandit Der Weg stieg im Walde von Aïtona sanft an. Riesige Pinien wölbten sich über uns zum seufzenden Dache und rauschten in ewiger Schwermut; rechts und links stiegen ihre geraden dünnen Stämme wie ein Meer von Orgelpfeifen empor, aus denen die eintönige Musik des Windes in den Baumkronen hervorzuquellen schien. Nach dreistündigem Marsche lichtete sich dieses Durcheinander von langen Baumschäften; hin und wieder wölbte eine riesige, alleinstehende Pinie, deren Wipfel sich wie ein ungeheures Schirmdach ausspannten, ihr dunkles Grün, und plötzlich erreichten wir den Waldrand ein paar hundert Schritt unterhalb der Enge, die in das wilde Niolothal führt. Auf den beiden hochragenden Kuppen, die diese Stelle überragten, erhoben sich ein paar unförmige alte Bäume, die dem nachfolgenden Gewimmel wie Aufklärer voranzugehen schienen. Als wir uns umdrehten, sahen wir den ganzen Wald sich vor uns dehnen, wie ein ungeheures Becken voller Grün, dessen Ränder, von nackten Felsen umstarrt, an den Himmel zu stoßen schienen. Wir gingen weiter und hatten den Hohlweg nach zehn Minuten erreicht. Eine erstaunliche Landschaft erschloß sich da. Hinter einem neuen Walde lag ein Thal, wie ich es noch nie gesehen, eine Steinwüste von zehn Meilen Länge, von fünftausend Fuß hohen Bergen eingeschlossen, nirgends ein bebautes Feld oder ein Baum. Es war das Niolothal, die Heimat der korsischen Freiheit, das unbezwingbare Bollwerk, aus dem noch kein Eroberer das Bergvolk verdrängt hat. – Hier flüchten sich auch alle unsere Banditen hin, meinte mein Begleiter. Bald schritten wir auf der Thalsohle dieses wilden und unvergleichlich schönen Bergkessels. Kein Halm, keine Pflanze war umher, nichts als Granit, soweit das Auge reichte, eine leuchtende Granitwüste, welche die pralle Sonne wie einen Backofen durchglühte. Es war, als ob sie eigens über diesen Steintopf schwebte. Wenn man die Augen zu den Felsgraten erhob, blieb man geblendet und gebannt stehen. Sie schienen rot und gezähnt, wie lange Korallenschnüre, die zwischen den roten Porphyrgipfeln aufgehängt waren, und der Himmel darüber war von sattem, veilchenfarbenen Tone; so verfärbte er sich in der Nähe dieser seltsamen Felszinken. Weiter unten war der Granit von stechendem Grau und unter unsern Füßen war er wie zermahlen und zerkörnt; wir schritten auf funkelndem Staube. Uns zur Rechten zuckte in langem, gewundenen Bette ein ungestümer Bergbach. Wie betäubt wankte man unter dieser schwebenden Glut, in diesem Lichtmeer durch das nackte, brennende, trockene, wilde Thal, dem das schäumende Wildwasser in Hast zu enteilen schien; denn es war ohnmächtig, dieses Gestein zu befeuchten, und verloren in diesem Schmelzofen, der es gierig aufsaugte, ohne je davon durchtränkt und erfrischt zu werden ... Zu unserer Rechten tauchte plötzlich ein kleines Holzkreuz auf, das in einen Steinhaufen steckte. Dort war einer getötet worden. – Erzählt mir doch etwas von Euren Banditen, bat ich meinen Gefährten. – Den berühmtesten davon habe ich selbst gekannt, rühmte er; es war der schreckliche Santa Lucia; dessen Geschichte will ich Ihnen erzählen. Sein Vater war im Streit erschlagen worden; ein junger Mann dieses Landes sollte den Mord begangen haben, und Santa Lucia blieb allein mit seiner Schwester zurück. Er war ein schwacher, furchtsamer Knabe, klein, oftmals krank und ohne irgend welche Willenskraft. Dem Mörder seines Vaters schwur er keine Vendetta. Alle seine Verwandten kamen zu ihm und beschworen ihm hoch und heilig, sich zu rächen; aber er blieb taub gegen ihr Flehen und selbst gegen ihre Drohungen. Da nahm ihm seine Schwester nach altem korsischen Brauche entrüstet seine schwarzen Kleider fort, damit er nicht um einen Toten trauerte, der ungerächt geblieben. Aber selbst dagegen blieb er unempfindlich, und anstatt die noch geladene Flinte seines Vaters herunter zu nehmen, schloß er sich ein und zeigte sich nirgends mehr, denn er wagte den verächtlichen Blicken seiner Altersgenossen nicht Trotz zu bieten. So vergingen Monde. Es schien, als hätte er die Unthat ganz vergessen und lebte mit seiner Schwester in der Tiefe ihrer gemeinsamen Behausung. Eines Tages nun heiratete der, den man des Mordes bezichtigte. Santa Lucia schien diese Nachricht nicht zu rühren, und der Bräutigam ging auf dem Wege zur Kirche, wie um ihn herauszufordern, an dem Hause der beiden Waisen vorbei. Bruder und Schwester saßen gerade am Fenster und aßen Gebackenes, als der Bursche den Brautzug erblickte, der vor seiner Wohnung vorbeizog. Plötzlich überkam ihn ein Zittern; er stand auf, ohne ein Wort zu sagen, bekreuzigte sich, langte die Flinte von der Heerdwand herunter und ging heraus. Wenn er später hierauf zu sprechen kam, pflegte er zu sagen: »Ich weiß nicht, was mir war, aber ich hatte es im Blute; ich fühlte, es mußte so sein, ich könnte doch nicht widerstehen, und darum ging ich und versteckte die Flinte im Rohr an der Straße nach Corte.« Eine Stunde darauf kehrte er mit leeren Händen und seiner alltäglichen Miene zurück. Seine Schwester glaubte, daß er an nichts mehr dächte. Aber des Nachts verschwand er. Sein Feind mußte noch in derselben Nacht mit seinen beiden Hochzeitsbittern zu Fuße nach Corte gehen. Sie schritten singend auf der Straße einher, als plötzlich Santa Lucia vor ihnen auftauchte und den Mörder anblitzte. »Jetzt ist's Zeit!« schrie er und jagte ihm einen wohlgezielten Schuß durch die Brust. Einer der Hochzeitsbitter lief davon, der andere blickte ihn an und fragte: »Was hast du da gethan, Santa Lucia?« Damit wollte er nach Corte laufen und Hilfe holen. Aber Santa Lucia wetterte ihn an: »Steh oder ich schieße dir dein Bein entzwei!« Der Andere, der seine bisherige Furchtsamkeit kannte, erwiderte geringschätzig: »Das wagst du ja doch nicht!« und ging. Aber da krachte schon der Schuß und er brach zusammen; die Kugel hatte ein Bein zerschmettert. Santa Lucia kam näher. »Ich will deine Wunde besehen«, sagte er. Ist sie nicht schwer, so werde ich dich hier liegen lassen; ist sie tötlich, so werde ich dir den Rest geben.« Damit untersuchte er die Wunde, und da er sie für tötlich befand, lud er sein Gewehr noch einmal, forderte den Verwundeten auf, sein Paternoster zu beten, und schoß ihm dann durch den Schädel. Am nächsten Morgen war er in den Bergen. Und wissen Sie, was er da gethan hat, dieser Santa Lucia? Seine ganze Familie wurde von Gendarmen festgenommen. Selbst sein Onkel, der Pfarrer, den man als Anstifter des Mordes im Verdacht hatte, wurde in's Gefängnis geworfen und von den Verwandten des Erschossenen angeklagt. Es gelang ihm indessen, zu entfliehen; er griff gleichfalls zur Flinte und that sich mit seinem Neffen zusammen. Lucia tötete nun nacheinander die Ankläger seines Oheims und riß ihnen die Augen aus, um den Andern die Lehre zu geben, daß sie nichts behaupten sollten, was sie nicht mit eigenen Augen gesehen hätten. Er tötete alle Verwandten und den ganzen Anhang der feindlichen Familie. Er brachte in seinem Leben vierzehn Gendarmen um, zündete die Häuser seiner Widersacher an und war bis zu seinem Tode der gefürchteteste Räuber, dessen man sich entsinnen kann. – – – Die Sonne verschwand hinter dem Monte Cinto, und die mächtigen Schatten des Granitstockes legten sich auf den Granit des Thales. Wir beschleunigten unsern Schritt, um noch vor Anbruch der Nacht nach dem kleinen Dorfe Albertacce zu kommen, das wie ein großer Steinklumpen an den Rändern der wilden Schlucht klebte. Und ich sagte im Gedanken an den Banditen: – Was für eine schreckliche Sitte ist doch Eure Vendetta! – Was wollen Sie? entgegnete mein Begleiter. Man thut nur seine Pflicht! Die Totenwache Sie war ruhig gestorben, ohne Todeskampf, wie ein Weib, das ein unsträfliches Leben hinter sich hat, und nun lag sie mit geschlossenen Augen und friedlichen Zügen auf ihrem Bette, als ob sie schliefe; ihr langes weißes Haar war sorgfältig frisiert, als ob sie es erst zehn Minuten vor ihrem Tode geordnet hätte. Ihr marmornes Todtenantlitz drückte solche Sammlung und Ruhe, eine solche Ergebung aus, daß man sich wohl vorstellen konnte, welche schöne Seele in diesem Körper gewohnt, welches sturmlose Leben diese heitere Greisin geführt, welches friedliche Ende ohne Qualen und Gewissensbisse diese unsträfliche Frau gefunden hatte. An ihrem Bette knieten in verzweifeltem Schluchzen ihr Sohn, ein Beamter von unbeugsamen Grundsätzen, und ihre Tochter Marguerite, die als Nonne Schwester Eulalia hieß. Sie hatte sie in strenger Moral erzogen, im Glauben ohne Wankelmut unterwiesen und mit unwandelbarem Pflichtgefühl beseelt. Der Sohn war Beamter geworden; er hielt das Gesetz hoch und schlug die Lässigen und Saumseligen mit unerbittlicher Strenge. Und die Tochter war im Drange der Tugend, mit der sie dieses fromme Haus erfüllt hatte, und weil sie die Menschen verschmähte, Gottes Braut geworden. Ihren Vater hatten sie nicht gekannt; sie wußten nur, daß er ihre Mutter unglücklich gemacht hatte; Einzelheiten hatten sie nie erfahren. Die Nonne drückte in irrem Schmerz einen Kuß auf die herabhängende Elfenbeinhand der Toten, eine wahre Christushand. Die andere Hand, die auf der andern Seite des hingestreckten Körpers ruhte, hatte sich noch vom Todeskampf her mit irrendem Tasten in das Betttuch gekrampft, und das Leinen lag noch in kleinen weißen, welligen Falten, wie in Erinnerung an diese letzten Bewegungen, die der ewigen Unbeweglichkeit vorausgehen. Es klopfte leise an die Thür und die beiden verweinten Gesichter blickten auf. Es war der Priester, der vom Essen kam und eben eintrat. Er war rot und pustete von der beginnenden Verdauung, denn er hatte viel Cognac in den Kaffee gegossen, um die Müdigkeit der letzten verwachten Nächte und der bevorstehenden Nacht zu bekämpfen. Er blickte traurig drein, mit jener berufsmäßigen Traurigkeit, hinter der die Freude über den einträglichen Todesfall grinst. Er machte das Zeichen des Kreuzes und kam in berufsmäßiger Gangart näher. »Meine lieben Kinder«, hub er an, »laßt mich Euch helfen, diese traurigen Stunden zu verbringen. « Aber Schwester Eulalia richtete sich plötzlich auf und sagte: »Danke, mein Vater, aber es ist unser beider Wunsch, allein bei der Todten zu bleiben. Es sind dieß die letzten Augenblicke, wo wir sie sehen, und da wollen wir wieder alle drei zusammen sein, wie einst, als wir ... als wir klein waren und unsere arme ... arme Mutter ...« Weiter kam sie nicht; der Schmerz und die hervorbrechenden Thränen erstickten ihre Stimme. Der Priester verneigte sich; im Grunde freute er sich auf sein Bett. »Wie Ihr wollt, meine lieben Kinder«, sagte er salbungsvoll, kniete nieder, bekreuzigte sich, verrichtete sein Gebet, stand wieder auf und verließ das Zimmer mit sanften Schritten. »Sie war eine Heilige!« murmelte er. Nun waren sie wieder allein, die Todte und ihre Kinder. Eine Wanduhr, die man nicht sah, unterbrach das Schweigen mit regelmäßigem Ticken, und durch das offene Fenster quoll der weiche Duft des Heus und der Wälder mit dem sehnsüchtigen Schimmer des Mondes herein. Alles war still; nur zitternde Unkenrufe vernahm man, und zuweilen das nächtliche Surren eines Insekts, das wie eine Kugel hereingeflogen kam und brummend an die Wand stieß. Unendlicher Frieden, himmlische Schwermut und schweigende Heiterkeit waren um diese Tote, sie schienen von ihr auszugehen und sich besänftigend auf die Natur ringsum zu legen. Da schluchzte der Beamte, der noch immer auf den Knieen lag und das Haupt in die Leinentücher des Bettes vergraben hatte, plötzlich mit heiserer, herzbrechender Stimme durch Decken und Tücher hindurch: »O Mutter! Mutter! Mutter!« Und die Schwester warf sich wild auf den Fußboden nieder und schlug mit rasender Stirn gegen den Bettpfosten. Sie wand sich krampfhaft am Boden und zitterte, wie bei einem epileptischen Anfall. »Jesus! Jesus! O Mutter! Jesus!« hauchte sie. Dann keuchten und röchelten beide, wie von einem Schmerzensorkan gepeitscht. Nur allmählich ließ der Anfall nach und machte einem sanften Weinen Platz, wie windstille Regengüsse nach Gewitterböen auf tobendem Meere. Erst lange nachher erhoben sie sich wieder und begannen die teure Leiche zu betrachten. Und die Erinnerung, die gestern noch so süße, heute so quälende Erinnerung, befiel ihren Geist mit allen ihren vergessenen Einzelheiten, allen ihren intimen und trauten Kleinigkeiten; und die geliebte Todte lebte ihnen wieder auf. Sie erinnerten sich der mannigfachsten Lebenslagen, der Worte, des Lächelns, des Stimmfalls der Frau, die nun nie mehr mit ihnen reden sollte. Sie vergegenwärtigten sie sich in ihrer glücklichen Ruhe, sie entsannen sich aller Worte, die sie zu gebrauchen pflegte, und einer gewissen kleinen Handbewegung, die sie bisweilen machte, wenn sie ein wichtiges Gespräch führte. Und sie liebten sie, wie sie sie nie geliebt hatten, uud ermaßen an ihrer Verzweiflung, wie theuer sie ihnen gewesen war, wie allein und verlassen sie jetzt waren. Sie war ihr Halt, ihr Leitstern gewesen; ihre ganze Jugend, die ganze fröhliche Hälfte ihres Daseins war mit ihr dahin; das Band, das sie an's Leben geknüpft, ihre Mutter, der Leib, der sie geboren, das Glied, das sie an die Kette der Vorfahren gebunden, war zerrissen. Von nun an würden sie allein und vereinsamt sein und nicht mehr zurückblicken können. – Du weißt, sagte die Nonne zu ihrem Bruder, wie gerne Mama ihre alten Briefe wieder las. Sie sind da alle in ihrer Schublade. Wenn wir sie jetzt lesen, werden wir ihr ganzes Leben in dieser Nacht noch einmal durchleben. Es wäre wie ein Gang auf den Kirchhof, denn wir würden auch ihre Mutter und ihre Großeltern kennen lernen, die wir nicht kannten, deren Briefe auch da sind, und von denen sie so oft sprach. Du entsinnst dich doch? – Und sie nahmen aus der Schublade ein Dutzend Päckchen von vergilbtem Papier, die sorgfältig zusammengebunden und auf einander gelegt waren. Sie warfen diese Reliquien auf das Bett und nahmen ein Päckchen mit der Aufschrift »Vater« heraus, machten es auf und lasen. Es waren alte Episteln, wie man sie in alten Familien-Schreibtischen vorfindet, Episteln, die nach dem letzten Jahrhundert schmeckten. Die erste begann: »Mein Herzchen«, eine andre »Mein liebes kleines Mädchen«, wieder andre: »Liebes Kind« und schließlich auch »Meine liebe Tochter.« Und plötzlich begann die Nonne laut zu lesen – der Toten ihre eigene Lebensgeschichte vorzulesen, all ihre holden Erinnerungen, und der Beamte hörte aufmerksam zu, während er einen Ellenbogen auf das Bett stützte und seine Mutter anblickte. Die Leiche lag unbeweglich; ihr schien wohl zu sein. Schwester Eulalia hielt plötzlich inne und sagte: »Wir sollten sie ihr alle in's Grab legen, ihr ein Leichentuch daraus machen und sie darin begraben.« Dann nahm sie ein andres Päckchen zur Hand, das keine Aufschrift trug, und begann mit lauter Stimme: »Angebetetes Weib! ich liebe dich bis zur Besessenheit. Seit gestern schmachte ich wie ein Verdammter im Fegefeuer; die Erinnerung an dich verzehrt mich. Ich fühle deine Lippen noch auf meinen Lippen, deine Augen noch in meinen Augen, deine Brust an meiner Brust. Ich liebe dich! Ich liebe dich! Rasend hast du mich gemacht. Meine Arme strecken sich dir entgegen. Ich atme beklommen und sehne mich unendlich, dich noch einmal mein zu nennen! Mein ganzes Wesen schreit nach dir! Auf meiner Zunge liegt mir noch der Geschmack deiner Küsse« ... Der Beamte hatte sich hoch aufgerichtet, die Nonne hielt inne. Er riß ihr das Blatt aus der Hand und suchte nach der Unterschrift. Es stand nichts darunter, als diese Worte: »Dein dich anbetender« und darunter »Henry.« Ihr Vater hatte René geheißen. Er konnte es also nicht sein. Da wühlte der Sohn mit zitternder Hand in den Päckchen herum, riß ein anderes Schreiben heraus und las: »Ich kann es ohne deine Liebe nicht mehr ertragen« ... Er war aufgestanden, streng, als ob er von seinem Richterstuhl aufstünde, und sah die Todte unverwandt an. Die Nonne stand hoch aufgerichtet, wie ein Marmorbild, und blickte, während Thränen ihr in die Augenwinkel traten, ihren Bruder erwartungsvoll an. Der aber schritt langsam durch's Zimmer bis an's Fenster und starrte träumend in die Nacht hinaus. Als er sich umdrehte, stand Schwester Eulalia, jetzt trockenen Auges, noch immer am Bette der Toten und senkte das Haupt. Er trat wieder näher, hob die Briefe hastig aus und warf sie durcheinander in die Schublade, dann zog er den Bettvorhang schweigend zu. Und als die Kerzen, die auf dem Tische brannten, im Tagesschein verblichen, erhob sich der Sohn langsam aus seinem Lehnstuhl, ohne die Mutter, die er so von ihren Kindern getrennt und verdammt hatte, noch eines Blickes zu würdigen, und sagte in langsamem Tone: »So, Schwester, nun können wir zur Ruhe gehen!« Träume Es war nach einem Essen unter guten, alten Freunden. Es waren ihrer fünf, ein Schriftsteller, ein Arzt und drei reiche Junggesellen ohne Beruf. Sie hatten von allem Möglichen gesprochen und waren nun jener Abspannung verfallen, wie sie dem Aufbruch voranzugehen und ihn zu bestimmen pflegt. Endlich unterbrach einer der Gäste das Schweigen. Er hatte seit fünf Minuten dem lärmenden Treiben auf dem lichterdurchfluteten Boulevard unverwandt zugesehen. – Ja, seufzte er, wenn man so vom Morgen bis in die Nacht nichts zu thun hat, sind die Tage lang! – Und die Nächte gleichfalls, bemerkte sein Nachbar! Ich schlafe schon lange nicht mehr, die Vergnügungen langweilen mich, und die Unterhaltung ist immer dieselbe. Nicht einem neuen Gedanken begegnet man, und ehe ich mit irgend jemand spreche, packt mich schon ein heißes Verlangen, nichts zu sagen und nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie ich meine Abende unterbringen soll. – Und ich, erklärte der dritte Müßiggänger, ich würde eine Prämie dafür aussetzen, wenn einer ein Mittel erfände, das einem wenigstens zwei Stunden am Tage erträglich macht! – Der Mensch, sagte der Schriftsteller, der soeben seinen Paletot über den Arm geworfen hatte, der Mensch, der ein neues Laster entdeckte, thäte der Menschheit einen größeren Dienst, – auch wenn er ihre Lebenszeit um die Hälfte verringerte – als jemand, der ein Mittel ausfindig machte, das ihr ewige Gesundheit und Jugend sichert. Der Arzt mußte lachen. – Jawohl, sagte er, indem er an seiner Zigarre kaute, aber solch ein Mittel entdeckt sich nicht so leicht, trotzdem man die Sache nach allen Richtungen hin versucht hat, seitdem die Welt steht. Die ersten Menschen sind da mit einem Schlage zur Vollendung gekommen und wir können uns kaum mit ihnen messen. – Leider! brummte der eine Nichtsthuer. Dann ließ er eine Minute verstreichen und fuhr fort: Wenn man nur wenigstens schlafen könnte, ohne irgend etwas zu empfinden; so schön schlafen, wie nach großen Anstrengungen, ganz fort sein, ohne Träume ... – Warum ohne Träume? fragte sein Nachbar. – Weil Träume nie angenehm sind, erwiderte jener. Außerdem sind sie stets verdreht und unmöglich, ja ganz ungereimt, und im Schlafe können wir die besten nicht mal nach unserm Wunsche auskosten. Man muß im Wachen träumen! – Wer hindert Sie denn daran? fragte der Schriftsteller. – Mein Freund, sagte der Arzt, indem er seine Zigarre wegwarf, um im Wachen zu träumen, bedarf es einer großen Kraft- und Willensanstrengung, und darauf folgt dann eine große Schwäche. Gewiß gehört der wirkliche Traum, dieses Schweifen unserer Gedanken durch die Gefilde der Einbildung, zum Schönsten auf Erden, aber er muß von selbst kommen und nicht mühsam hervorgerufen werden. Auch muß er bei völligem leiblichen Wohlbefinden kommen und gehen. – Und diesen Traum, setzte er hinzu, kann ich Ihnen verschreiben, vorausgesetzt, daß Sie mir versprechen, keinen Mißbrauch damit zu treiben. Der Schriftsteller zuckte die Achseln. – Ja wohl, weiß schon, Haschisch, Opium, grünes Konfekt und künstliche Paradiese. Ich habe Baudelaire gelesen und selbst das berüchtigte Zeug genommen; und tüchtig krank bin ich davon geworden. Der Arzt hatte sich wieder gesetzt. – Nein, sagte er, Äther, nichts als Äther. Und zwar sollten gerade Sie, die Schriftsteller, zuweilen Gebrauch davon machen. Die drei wohlhabenden Herren drängten sich wißbegierig heran. – Erzählen Sie uns doch, welche Wirkungen das hat, bat der Eine. Und der Arzt begann. – Zunächst wollen wir die großen Worte lassen, nicht wahr? Ich spreche weder medizinisch, noch moralisch, sondern einfach praktisch. Sie leisten sich jeden Tag Ausschweifungen, die Ihre Gesundheit zerrütten. Ich will Ihnen ein neues Gefühl sagen, das nur intelligenten, vielleicht nur sehr intelligenten Menschen zugänglich ist. Es ist gefährlich, wie alles, was unsre Organe reizt, aber großartig. Ich bemerke noch, daß es einer gewissen Vorbereitung bedarf, d. h. einer gewissen Gewohnheit, damit man die eigentümlichen Wirkungen des Äthers voll genießen kann. Sie sind anders als die Wirkungen des Haschisch oder Morphium und dauern nur so lange, als der Genuß des Medikamentes anhält. Wogegen die Wirkungen der andern Traumerzeuger Stunden lang fortdauert, wie Sie wissen. Ich will nun versuchen, Ihnen so deutlich wie möglich zu machen, was man dabei empfindet. Es ist dich nämlich keine leichte Sache: so delikat, so unfaßlich sind diese Empfindungen. Was mich zu diesem Mittel greifen ließ, das ich in der Folge vielleicht etwas mißbraucht habe, waren heftige neuralgische Schmerzen. Sie plagten mich in Kopf und Nacken, wärend ich eine unerträgliche Hitze in der Haut und eine fieberhafte Unruhe am ganzen Körper verspürte. Ich nahm mir also eine große Flasche Äther vor, legte mich hin und atmete sie langsam ein. Nach einigen Minuten glaubte ich ein unbestimmtes Murmeln zn vernehmen, das bald zu einem lauten Schwirren wurde. Dabei war mir, als ob das ganze Innere meines Körpers leicht, federleicht würde und in Dunst zerginge. Dann kam eine Art seelischer Starre, ein schläfriges Behagen, und trotz alledem dauerten die Schmerzen fort, hörten aber auf, qualvoll zu sein. Es war eine Art von Schmerzen, wie man sie gerne hinnimmt, und nicht mehr dieses schauderhafte Reißen, gegen das der ganze Körper sich sträubt. Bald verbreitete sich dieses seltsame und angenehme Gefühl von Leere, das ich in der Brust hatte, auch über die Glieder; sie wurden gleichfalls so leicht, als ob Fleisch und Knochen schmölzen und die Haut allein übrig bliebe: gerade soviel Haut, um mich empfinden zu lassen, wie herrlich das Leben ist und das Liegen in diesem seligen Zustand ... Ich merkte auch, daß ich nicht mehr litt, daß der Schmerz fort war, wie weggeweht, verdunstet ... Ich hörte Stimmen, vier Stimmen, zwei Unterhaltungen, ohne von den Worten etwas zu verstehen. Bald waren es nur unbestimmte Laute, bald fing ich einzelne Worte auf, bis ich schließlich erkannte, daß es einfach das starke Brausen in meinen Ohren war, was sich so anhörte. Ich schlief nicht, ich wachte, ich hatte Verstand und Gefühl, ich dachte mit einer Helligkeit, mit einer tiefen, außerordentlichen Kraft und Lust am Geiste, einer seltsamen Trunkenheit, die von dieser mächtigen Entfaltung meiner mentalen Fähigkeiten herrührte. Es war kein Haschischtraum noch eine jener krankhaften Visionen des Opiumrausches, sondern eine wunderbare Schärfe des Gedankens, eine neue Art, alle Dinge zu sehen, zu schätzen, zu beurteilen, und dieß alles mit einer Sicherheit und dem unbedingten Bewußtsein, daß diese Art die richtige war. Und plötzlich kam mir das alte Wort der Schrift in den Sinn. Mir war, als hätte ich vom Baum der Erkenntnis gegessen, als enthüllten sich mir alle Geheimnisse der Welt. Ich fühlte mich im Besitz einer neuen, seltsamen, unwiderleglichen Logik. Gründe, Vernunftschlüsse, Beweise strömten mir in Menge zu, um gleich darauf durch stärkere Gründe und Beweise wieder umgestoßen zu werden. Mein Kopf war zum Schlachtfeld von Ideen geworden. Ich war ein höheres Wesen mit unüberwindlicher Intelligenz, und ich hatte einen wunderbaren Genuß daran, meine Macht zu konstatieren... Das dauerte lange, lange. Ich hatte immer noch das Mundstück meiner Ätherflasche vor dem Munde. Plötzlich merkte ich, daß sie leer war, und eine unglaubliche Traurigkeit überfiel mich. – Doktor, schrieen die vier Herren wie aus einer Kehle, schnell ein Rezept für ein Liter Äther. Aber der Arzt setzte seinen Hut auf und ging. – Das ... nein! versetzte er. Gehen Sie zu Andern, um sich vergiften zu lassen.   Nun, wie wäre es damit, meine Herrschaften? Haben Sie keine Lust darauf? ... Eine Beichte Sie baten mich, mein Freund, Ihnen die lebhaftesten Erinnerungen meines Daseins zu erzählen. Ich bin sehr alt und habe weder Verwandte noch Kinder; ich fühle mich also frei genug, mich Ihnen anzuvertrauen. Versprechen Sie mir nur, meinen Namen nicht preiszugeben. Ich bin viel geliebt worden, das wissen Sie, und oft habe ich mich selbst geliebt. Ich war sehr schön, was ich heute unverhohlen sagen kann, da nichts mehr davon übrig ist. Die Liebe gab meiner Seele Leben, wie die Luft dem Körper Leben giebt. Ich wäre lieber gestorben, als ohne Zärtlichkeitsbeweise, ohne jemanden, der an mich dachte, zu leben. Die Frauen behaupten oft, daß sie nur einmal mit ganzer Seele liebten. Mir ist es oft so ergangen, daß ich so heiß liebte, daß ich das Ende meiner Leidenschaft für unmöglich hielt. Und doch verlosch sie allemal, wie ein Feuer, dem es an Holz mangelt. Ich will Ihnen heute mein erstes Abenteuer erzählen, an dem ich sehr unschuldig war, das aber die andern nach sich zog. Die furchtbare Rache des Apothekers Du Pecq gemahnt mich wieder an das erschütternde Drama, dem ich sehr wider Willen beiwohnte. Ich war damals seit einem Jahre verheiratet. Mein Mann war ein Großgrundbesitzer, Graf Hervé de K...., ein Bretone von altem Adel, den ich – wohlverstanden – garnicht liebte. Die wahre Liebe bedarf, so glaube ich wenigstens, der Freiheit und der Hindernisse zugleich. Die gebotene, durch das Gesetz geheiligte, vom Priester geweihte Liebe – ist das überhaupt noch Liebe? Ein erlaubter Kuß – ist er einen geraubten wert? Mein Mann war von hoher Statur, von elegantem Äußern und in seinem Auftreten ein wahrer Grandseigneur. Er sprach scharf und hart; seine Worte waren wie schneidende Klingen. Man merkte, daß dieser Geist ganz aus fertigen Gedanken bestand, die sein Vater und seine Mutter ihm eingeimpft – und ihrerseits wieder von ihren Voreltern überkommen hatten. Er zögerte nie mit seiner Meinungsäußerung, fällte über Alles ein unbedingtes, borniertes Urteil ohne irgend welche Einschränkung, und ohne zu begreifen, daß es auch eine andere Anschauung geben könnte. Man begriff, daß dieser Kopf verschlossen war, daß kein Gedanke aus und ein ging, der seinen Geist wieder verjüngte und erneuerte, wie der Wind durch ein Haus fährt, dessen Fenster und Thüren offen stehen. Das Schloß, das wir bewohnten, lag mitten im offenen Lande verloren. Es war ein großes, düsteres Gebäude mit riesigen Bäumen ringsum. Ihr langes Moos gemahnte mich immer an die weißen Bärte der Greise. Der Park, ein wahrer Wald, war von einem tiefen Graben umgeben, welcher der »Wolfssprung« hieß, und ganz am Ende, nach der Haide zu, hatten wir zwei große Teiche voller Schilf und schwimmender Wasserpflanzen. Zwischen beiden hatte mein Mann am Rande des kleinen Baches, der sie verband, eine kleine Hütte errichtet, um wilde Enten zu schießen. Wir hatten außer unsern gewöhnlichen Dienstboten noch einen Wächter, der meinem Manne auf Tod und Leben ergeben war, und ich eine Zofe, fast eine Freundin, die für mich durch's Feuer ging. Ich hatte sie vor fünf Jahren aus Spanien mitgebracht. Sie war ein verlassenes Kind. Man hätte sie für eine Zigeunerin halten können, so dunkel war ihre Haut und ihre Augen, so schwarz ihr Haar, das dicht wie ein Wald ihr kraus und störrisch die Stirne umrahmte. Sie war damals sechzehn Jahre alt, sah aber aus wie zwanzig. Als es herbstete, wurde viel gejagt, und zwar bald bei uns, bald in der Nachbarschaft, wobei mir ein junger Mann, Baron von C... besonders auffiel. Seine Besuche auf dem Schloß wurden merkwürdig häufig, dann hörten sie plötzlich ganz auf, und ich dachte nicht mehr daran; aber ich merkte sehr bald, daß mein Gatte sein Benehmen gegen mich änderte. Er schien frostig und kalt und küßte mich nicht mehr. Und trotzdem er nie in mein Zimmer kam – ich hatte mein eigenes Zimmer für mich verlangt, um ungestört allein sein zu können – hörte ich Nachts oft leise Schritte bis zu meiner Thür kommen und dann wieder verhallen. Da mein Fenster im Erdgeschoß war, glaubte ich auch oft im Schatten um das Schloß herum etwas schweifen zu hören. Als ich es meinem Gatten sagte, blickte er mich einen Augenblick fest an und erwiderte dann: »Es ist nichts, es ist der Wächter.«   Eines Abends nun nach dem Essen schien Hervé besonders aufgeräumt, aber von heimtückischer Heiterkeit. »Würde es dir Spaß machen«, fragte er mich, »ein paar Stunden mit mir auf den Anstand zu gehen, um einen Fuchs zu schießen, der mir jeden Abend meine Hühner wegschnappt?« Ich war überrascht und zögerte; da er mich aber mit seltsamer Beharrlichkeit anblickte, sagte ich schließlich: »Aber selbstredend, mein Lieber!« Ich muß hinzufügen, daß ich damals Wolf und Eber jagte, wie ein Mann. Sein Anerbieten hatte also nichts Unnatürliches. Indessen schien mein Mann plötzlich von merkwürdiger Nervosität befallen, er war den ganzen Abend über sehr unruhig und stand in einem fort fieberhaft auf, um sich wieder zu setzen. Gegen zehn Uhr sagte er plötzlich zu mir: »Bist du bereit?« Ich stand auf, und als er mir selbst meine Flinte brachte, fragte ich: »Soll ich mit Kugel oder Schrot laden?« Er war verblüfft, dann antwortete er: »Oh, nur mit Schrot, das ist genug, verlaß dich drauf!« Und nach einigen Minuten setzte er in eigentümlichem Tone hinzu: »Mit deiner Kaltblütigkeit kannst du dich wirklich sehen lassen!« Ich mußte lachen. »Ich – warum? Kaltblütigkeit, um einen Fuchs zu schießen? Was du dir denkst, mein Freund!« Wir gingen also möglichst geräuschlos durch den Park. Das ganze Haus schlief. Der Vollmond beglänzte das Schieferdach des alten düstren Gebäudes, das er ganz in fahles Gelb zu tauchen schien. Die beiden Seitentürmchen trugen auf ihrem First zwei silberne Fähnchen. Kein Laut störte das Schweigen dieser hellen, trüben Nacht, die weich und schwer war und wie tot auf der Erde lag. Kein Lüftchen regte sich, kein Unkenruf ertönte, kein Nachtkauz seufzte; eine trübe Starre lastete auf Allem. Als wir unter den Bäumen des Parks waren, ergriff mich ein leichter Schauder und ein Duft von gefallenen Blättern wallte auf. Mein Gatte sagte nichts, aber horchte, spähte und witterte im Dunkeln; er schien vom Kopf bis zu Füßen von der Jagdpassion erfaßt. Bald kamen wir an den Rand der Teiche. Unbeweglich stand das Schilf; kein Hauch regte sich darin. Nur über den Wasserspiegel lief ein leiser, kaum wahrnehmbarer Schauer. Bisweilen bewegte sich auch etwas auf der Oberfläche, und erregte leichte Wasserringe wie leuchtende Runzeln, die in's Weite zerflossen. Als wir die Hütte erreicht hatten, die uns zum Hinterhalt dienen sollte, ließ mein Mann mir den Vortritt und lud dann langsam sein Gewehr. Das trockene Knacken seiner Hähne verursachte mir einen eigentümlichen Eindruck. Er sah mich zusammenfahren und fragte: »Sollte diese Probe dir genügen, dann sprich.« Sehr überrascht antwortete ich: »Keineswegs. Ich bin nicht hierhergekommen, um wieder umzukehren. Bist du sonderbar heute Abend!« – »Wie du willst,« murmelte er. So blieben wir, ohne uns zu rühren. Ungefähr eine halbe Stunde verging, ohne daß etwas die lastende, klare Stille dieser Herbstnacht störte. Da fragte ich meinen Mann ganz leise: »Bist du auch sicher, daß er hier vorbeikommt?« Hervé zuckte zusammen, als ob ich ihn gebissen hätte, und hielt den Mund an mein Ohr. »Ich bin sicher, verlaß dich drauf!« Wieder Schweigen. Ich glaube, ich begann einzuschlafen, als mein Mann mich plötzlich am Arme zerrte und mit scharfer, veränderter Stimme zischte: »Da – siehst du ihn? Da unten, unter den Bäumen?« Ich blickte hin, erkannte aber nichts. Hervé legte langsam an, indem er mich fest im Auge behielt. Ich selbst hielt mich schußbereit, und plötzlich, keine dreißig Schritt vor uns, tauchte ein Mensch im vollen Mondlicht auf; er ging mit raschen Schritten, vornübergebeugt, als ob er flöhe, und eilte an uns vorüber. Ich war dermaßen entsetzt, daß ich einen furchtbaren Schrei that. Aber ehe ich mich umwenden konnte, flammte es vor meinen Augen auf, ein betäubendes Krachen folgte, und der Mann rollte am Boden, wie ein Wolf, der eine Kugel bekommen hat. Ich stieß ein schrilles, entsetztes, wahnsinniges Geschrei aus. Eine wütende Hand, Hervés Hand, packte mich an der Gurgel. Ich wurde zu Boden geworfen und von starken Armen hochgehoben. Er lief, während er mich hoch in der Luft hielt, auf den in's Gras gestreckten Körper zu und warf mich gewaltsam darauf, als ob er mir den Kopf zerbrechen wollte. Ich hielt mich für verloren; er wollte mich töten. Schon setzte er den Hacken auf meine Stirn, – als er selber umschlungen und niedergeworfen wurde, ohne daß ich noch begriff, was geschah. Ich fuhr jäh auf und sah Paquita, meine Zofe, auf ihm knieen. Sie hatte sich festgekrallt wie eine wütende Katze, und riß ihm in rasender Wut den Bart und die Haut vom Gesichte. Dann schnellte sie, wie von einem andern Gedanken ergriffen, wieder empor, warf sich über den Leichnam, umschlang ihn mit beiden Armen, küßte ihn auf die Augen, auf den Mund, schob seine Lippen mit den ihren auseinander und suchte einen letzten Lebenshauch, eine innige Liebkosung in des Toten Munde. Mein Mann war aufgesprungen und blickte starr zu. Er begriff und fiel mir zu Füßen. »Verzeihung, meine Theuerste!« flehte er. »Ich hatte dich im Verdacht und ich habe den Geliebten dieses Mädchens getötet. Mein Wächter hat mich betrogen.« Ich schaute den seltsamen Küssen dieses Toten und dieser Lebenden zu und hörte ihr Schluchzen und die Ausbrüche ihrer verzweifelten Liebe. Und von Stund' an begriff ich, daß ich meinem Manne untreu sein würde. Mondschein Frau Julie Roubère erwartete ihre ältere Schwester, Frau Henriette Létoré, die von einer Schweizer Reise zurückkehrte. Létorés waren seit etwa fünf Wochen verreist, und Frau Henriette hatte ihren Gatten allein nach seiner Besitzung bei Calvados zurückkehren lassen, wo er geschäftlich zu thun hatte, um selbst auf ein paar Tage nach Paris zu gehen und ihre Schwester zu besuchen. Es war schon Abend. In dem kleinen bürgerlichen Wohnzimmer war es bereits recht dämmerig. Frau Roubère saß am Fenster und las zerstreut, um bei jedem Geräusche den Kopf zu heben. Endlich klingelte es und ihre Schwester erschien in ihren wallenden Reisekleidern. Sie flogen sich gleich in die Arme, noch ehe sie sich wiedererkannt hatten, und hielten mit Küssen nur inne, um gleich wieder anzufangen. Dann sprachen sie und befragten sich über ihr Befinden, ihre Familie und tausend andere Dinge; sie schwatzten hastig, mit eiligen, abgerissenen Worten und sprangen vom Einen zum Andern über, während Henriette ihren Schleier und Hut ablegte. Die Nacht brach herein. Frau Roubère schellte nach der Lampe, und als sie gebracht war, blickte sie ihre Schwester aufmerksam an und wollte sie von neuem umarmen. Aber plötzlich hielt sie betroffen, starr und sprachlos inne: auf den Schläfen ihrer Schwester schlängelten sich zwei große weiße Locken. Ihr übriges Haar war kohlschwarz und von tiefem Glanze, aber da – nur da – an den beiden Seiten zogen sich zwei Silberflechten hin, die sich alsbald in der dunkelen Masse verloren. Und sie war doch kaum vierundzwanzig Jahre alt, und dieß war vor ihrer Schweizer Reise auch nicht gewesen. Frau Roubère starrte sie unverwandt an; die Thränen waren ihr nahe, als ob irgend ein geheimnisvolles, furchtbares Unglück über ihre Schwester hereingebrochen wäre. »Was hast du, Henriette?« fragte sie. »Nichts,« antwortete die Gefragte mit traurigem, krankem Lächeln. »Ich versichere dir, nichts. Du blickst so auf meine weißen Haare?« Frau Roubère faßte sie ungestüm an der Schulter und blickte sie forschend an. »Was hast du?« wiederholte sie. »Wenn du die Unwahrheit sagst – ich merk' es sogleich.« Sie standen sich Aug' in Auge gegenüber. Frau Henriette war blaß geworden, als ob sie ohnmächtig würde; sie senkte die Augen, deren Winkel sich mit Thränen füllten. »Was ist dir zugestoßen?« wiederholte ängstlich die Schwester. »Was sagst du? Gieb mir Antwort!« Frau Henriette schien besiegt und legte schluchzend die Stirn auf die Schulter ihrer jüngeren Schwester. »Ich habe einen Liebhaber,« flüsterte sie. Dann, als sie sich ein wenig beruhigt hatte und das krampfhafte Schluchzen nachließ, begann sie plötzlich mitteilsam zu werden. Es war, als ob sie ein lastendes Geheimnis loswerden und ihr Herz einem theuren Menschen ausschütten wollte. Die beiden Frauen schritten, sich mit verschlungenen Händen haltend, auf das Sofa zu, das im Grunde des Zimmers stand, und ließen sich darauf nieder. Die jüngere Schwester schlang ihren Arm um den Hals der älteren und zog deren Kopf an ihr Herz, während sie aufmerksam zuhörte. – Ja, begann jene, ich bekenne mich ohne Umschweife schuldig. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Seit jenem Tage bin ich wie toll. Sieh du dich nur vor, Kleine, paß auf dich auf. Wenn du wüßtest, wie schwach wir sind, wie leicht wir nachgeben, wie schnell wir fallen! Ein Nichts, ein ganzes kleines Nichts genügt, eine zärtliche Regung, eine jener plötzlichen Anwandlungen von Schwermut, die unsre Seele durchziehen, ein Bedürfnis, die Arme aufzuthun, zu küssen und zu herzen, wie wir es alle in gewissen Augenblicken verspüren. Du kennst meinen Gatten, und du weißt, wie lieb ich ihn habe, aber er ist gesetzt und verständig, und ahnt nichts von all den zärtlichen Regungen eines Frauengemütes. Er ist sich immer gleich, immer gütig und lächelnd, immer gefällig, immer vollkommen. O wie gern möchte ich, daß er mich manchmal jäh in seine Arme risse, daß er mich mit jenen langsamen und tiefen Küssen beglückte, die zwei Seelen vereinen und wie stumme Liebesschwüre sind; wie wünschte ich, daß er sich manchmal vergäße und Schwächen zeigte, daß er ein Bedürfnis nach mir und meinen Liebkosungen, meinen Thränen hätte! Das alles ist dumm, wie er sagt, aber wir sind doch nun einmal so. Was können wir dafür? Und doch ist es mir nie in den Sinn gekommen, ihn zu betrügen. Heute ist es nun so gekommen, ohne Liebe, ohne Grund, ohne Ursache, nur weil es in einer Mondnacht am Vierwaldstättersee war. Den ganzen Monat lang, wo wir auf Reisen waren, hatte mir mein Mann mit seiner ewigen Gleichmütigkeit alle Begeisterung genommen, alles Hochgefühl erstickt. Wenn wir so Morgens bei Sonnenaufgang die steilen Hänge im Galopp herunterfegten, vier Pferde vor der Postkalesche, und ich durch den durchsichtigen Frühnebel hindurch die langgestreckten Thäler und Wälder, die Flüsse und Städte erblickte, und entzückt in die Hände klatschte und sagte: »Wie schön ist das! Mein Freund, küsse mich doch!« – dann antwortete er mit wohlwollendem, frostigen Lächeln und zuckte dabei mit den Achseln: »Das ist doch kein Grund, sich zu küssen, weil die Landschaft dir gefällt!« So etwas erkältet mich immer bis in's Herz hinein. Denn mir scheint, wenn man sich lieb hat, muß man immer Lust haben, sich noch mehr zu lieben, wenn ein solches Naturspiel uns bewegt. Zudem hatte ich manchmal poetische Wallungen, die er durch seine bloße Anwesenheit unterdrückte. Was soll ich dir sagen? Ich war nicht viel anders als ein Kessel voll Dampf, der luftdicht verschlossen ist. Eines Abends, wir waren schon seit vier Tagen in einem Hotel in Fluelen, hatte Robert etwas Migräne und war darum gleich nach dem Essen zu Bett gegangen; und ich ging ganz allein am Rande des Sees spazieren. Die Nacht war zauberhaft. Der Vollmond stand hoch am Himmel; die großen Berge mit ihren Schneehäuptern waren mit Silber umsäumt, und über das tiefschwarze Wasser gingen leichte Lichtschauder. Die Luft war weich, sie war von jener bezaubernden Weiche, die uns schwach bis zum Umfallen macht und uns ohne Veranlassung zärtlich stimmt. Wie ist die Seele in solchen Momenten empfindsam! Wie bebt sie! Wie leicht regt sie sich dann und wie stark empfindet sie alles! Ich setzte mich in's Gras und ließ mein Auge auf diesem großen, träumerischen, bezaubernden See ruhen, und etwas Seltsames ging in mir vor. Ich empfand plötzlich ein unersättliches Verlangen nach Liebe, eine Empörung gegen die trübe Plattheit meines Lebens. Sollte es mir nie vergönnt sein, am Arm eines geliebten Mannes das hohe Ufer eines mondbeglänzten Sees zu umwandeln? Würde ich nie jene tiefen, süßen, bethörenden Küsse auf mich eindringen fühlen, wie man sie in solchen Mondnächten austauscht, die von Gott eigens für die Liebe geschaffen scheinen? Sollte ich nie in mondheller Sommernacht von trunkenen Armen zitternd umspannt werden? Und ich begann zu weinen, wie eine Thörin. Da – hörte ich Geräusch in meinem Rücken: ein Mann stand hinter mir und blickte mich an. Als ich den Kopf wandte, erkannte er mich und kam näher. »Sie weinen, gnädige Frau?« fragte er zartfühlend. Es war ein junger Advokat, der mit seiner Mutter reiste und den wir schon mehrfach getroffen hatten. Seine Augen hatten oft auf mir geruht. Ich war so außer Fassung, daß ich nicht wußte, was ich sagen und denken sollte. Ich stand auf und sagte, daß ich krank wäre. Er schritt ungezwungen und ehrerbietig neben mir her und sprach von unserer Reise. Alles, was ich empfunden hatte, deutete er sich. Alles, weswegen ich zitterte, verstand er wie ich, besser als ich. Und plötzlich sagte er mir Verse, Verse von Musset. Ich brach in Thränen aus, von unaussprechlicher Sehnsucht gepackt. Mir war, als wären die Berge droben, der See und der Mondschein voll unvergänglich süßer Musik ... Und so kam es, ich weiß selbst nicht wie, ich weiß selbst nicht warum, es war wie in einer Art von Traumwachen ... Was ihn betrifft ... ich habe ihn nur noch am nächsten Tage gesehen, es war bei der Abfahrt. Er hat mir seine Karte gegeben ... Frau Létoré sank erschöpft in die Arme ihrer Schwester und stieß Seufzer auf Seufzer, fast Schreie aus. Und Frau Roubère sagte ernst und gesammelt, aber sanft: – Siehst du, große Schwester, oft ist es nicht ein Mann, den wir lieben, sondern die Liebe. Und an diesem Abend war der Mondschein dein wahrer Geliebter. Eine Leidenschaft Das Meer lag ruhig und glänzend, wie ein Spiegel, von der andringenden Flutwelle kaum gekräuselt. Die ganze Bevölkerung stand auf dem Hafendamm und sah dem Einlaufen der Schiffe zu. Sie waren schon weithin sichtbar und zahlreich, große Dampfer mit der Rauchfeder am Schornstein, und Segelschiffe, von kleinen Schleppdampfern gezogen und mit nackten Masten gen Himmel starrend, wie entlaubte Bäume. Sie kamen von allen vier Winden in die enge Mündung des Hafens eingelaufen, der diese Ungetüme alle verschlang, während sie stöhnten und kreischten und zischten und Dampfströme ausspieen, als wären sie außer Atem. Zwei junge Offiziere promenierten grüßend und wieder gegrüßt und zuweilen stehen bleibend, um zu plaudern, auf der menschenbedeckten Mole. Plötzlich drückte der größere von ihnen, Paul d'Henricel, den Arm seines Kameraden Jean Renoldi und flüsterte: »Schau, da ist auch Frau Poinçot; sieh nur genau hin, ich versichre dich, sie wirft dir Blicke zu ...« Die Genannte kam am Arm ihres Gatten, eines reichen Schiffsrheders, ihnen entgegen. Sie war gegen Vierzig, aber noch sehr stattlich, ein wenig stark, aber gerade infolge ihrer üppigen Fülle noch so frisch wie eine Zwanzigjährige. Ihre Bekannten nannten sie wegen ihres stolzen Auftretens, ihrer großen schwarzen Augen und der ganzen Vornehmheit ihres Wesens die Göttin. Sie war stets unbescholten geblieben. Nie hatte ein Verdacht ihren Wandel gestreift. Sie wurde als Vorbild einer ehrbaren und einfachen Frau hingestellt, und kein Mann hätte gewagt, an sie zu denken; so hoch stand sie. Und nun versicherte Paul d'Henricel seinem Freunde Renoldi seit einem Monat, daß ihm Frau Poinçot zärtlich Blicke zuwürfe, und war nicht davon abzubringen. »Ich versichere dir«, sagte er, »daß ich mich nicht täusche. Ich sehe es deutlich, sie liebt dich. Sie liebt dich leidenschaftlich, wie ein keusches Weib, das nie geliebt hat. Vierzig Jahre sind ein gefährliches Alter für die anständigen Frauen, wenn sie Herz und Sinne haben. Sie werden thöricht und machen Thorheiten ... Sie ist getroffen, mein Freund, wie ein verwundeter Vogel. Sie fällt, sie fällt – dir in die Arme. Sieh nur, sieh!« Die stattliche Frau rauschte hinter ihren beiden zwölf- und fünfzehnjährigen Töchtern vorüber und erblaßte plötzlich, als sie den Offizier erblickte. Sie sah ihn glühend an, mit starrem Blick, und schien nichts mehr um sich zu sehen, weder ihren Mann, noch ihre Kinder, noch die Menschenmenge. Sie erwiderte den Gruß der jungen Leute, ohne ihren heißen Blick zu senken. Es war ein Blick von so lodernder Glut, daß der Leutnant Renoldi endlich zu begreifen begann. »Ich wußte es ja«, triumphierte sein Freund. »Hast du's diesmal gesehen? Wetter! Das ist noch ein schöner Bissen!«   Aber Renoldi wollte nichts von derartigen Liebschaften wissen. Er suchte die Liebe nicht und sehnte sich vor allem nach einem ruhigen Leben. Im übrigen begnügte er sich mit Gelegenheits-Liebschaften, wie sie einem jungen Manne stets begegnen. Denn ihm waren all die Sentimentalitäten eines solchen Verhältnisses, all die Zärtlichkeitsbeweise und Rücksichten, die eine verwöhnte Dame fordert, ein Greuel. Die Kette, die ein solches Abenteuer immer knüpft, und mag sie noch so leicht sein, flößte ihm Angst ein. Er sagte sich: Nach einem Monat hab' ich es über und über satt, und ich muß anstandshalber sechs Monate aushalten. Zudem war ihm ein Bruch mit den obligaten Scenen und Vorwürfen, dem Sich-Anklammern des verlassenen Weibes entsetzlich. Er ging darum Frau Poinçot aus den Wege. Eines Abends jedoch wollte es der Zufall, daß er beim Diner ihr Tischnachbar wurde. Er fühlte den glühenden Blick seiner Nachbarin unaufhörlich auf seiner Haut, auf seinen Augen und bis in die Seele hinein; ihre Hände begegneten sich zufällig und drückten sich fast wider Willen: Das war schon der Anfang zur Liebschaft. Dann sah er sie wieder, immer wider Willen. Er fühlte, daß sie ihn liebte, und das rührte ihn; ein selbstgefälliges Mitleid mit der glühenden Leidenschaft dieses Weibes überkam ihn. Er ließ sich also anbeten und war einfach galant, in der Hoffnung, daß es dabei sein Bewenden haben würde. Aber eines Tages gab sie ihm ein Stelldichein, um ihn zu sehen und ungestört mit ihm plaudern zu können, wie sie sagte. Sie fiel ihm ohnmächtig in die Arme und er war wohl oder übel genötigt, ihr Liebhaber zu werden.   Das währte so sechs Monate. Sie liebte ihn unsinnig, atemlos. Im Banne dieser fanatischen Leidenschaft dachte sie an nichts mehr; alles gab sie ihm hin, Leib und Seele, Ruf, Ansehen und Glück. Alles hatte sie in die Flamme ihres Herzens geworfen, wie man vor Zeiten alles, was einem teuer war, auf den flammenden Holzstoß warf, wenn man opferte. Er war der Sache längst überdrüssig und bedauerte lebhaft, daß sein hübsches Gesicht ihm zu so leichtem Siege verholfen hatte; aber er sah sich gebunden, festgehalten, gefangen. – Bei jeder Gelegenheit sagte sie ihm: »Ich habe dir alles gegeben, was willst du noch?« Er hatte dann große Lust, zu antworten: »Aber ich habe dich um nichts gebeten, und ich bitte dich, wieder zurückzunehmen, was du mir gegeben hast.« Jeden Abend kam sie zu ihm; es kümmerte sie nicht, ob sie gesehen wurde, ob sie sich kompromittierte und verloren wäre; und jedesmal liebte sie ihn heißer. Sie warf sich ihm in die Arme, umschlang ihn leidenschaftlich und verschmachtete schier in verzückten Küssen, die ihn schauderhaft langweilten. Er sagte dann mit müder Stimme: »Komm, sei vernünftig!« Sie antwortete nur: »Ich liebe dich« und setzte sich zu seinen Füßen, um lange in anbetender Haltung vor ihm zu verharren. Bei diesem beharrlichen Anstarren verging ihm schließlich die Laune und er suchte sie aufzurichten. »Komm«, sagte er, »setz' dich; plaudern wir etwas.« Aber sie murmelte beständig: »Nein, laß mich!« und blieb verzückt sitzen. Eines Tages sagte er zu seinem Freunde d'Henricel: »Weißt du, nächstens schlage ich sie. Ich bin es satt, ich will nicht mehr. Die Sache muß ein Ende nehmen und das schleunig!« Und dann setzte er ruhiger hinzu: »Was rätst du mir zu thun?« – »Brich!« riet jener. Aber Renoldi zuckte die Achseln. »Du sagst das so leicht hin. Glaubst du, das wäre so leicht, mit einer Frau zu brechen, die einen mit Aufmerksamkeiten verfolgt, mit Zuvorkommenheit martert, mit Zärtlichkeit quält, deren einzige Sorge ist, dir zu gefallen, und deren einziges Unrecht ist, daß sie sich dir an den Hals geworfen hat ...« Aber da kam eines Morgens die frohe Botschaft, daß das Regiment seine Garnison wechseln sollte, und Renoldi hüpfte vor Freude. Er war gerettet, gerettet ohne Scenen und Aufregung, gerettet! ... Es handelte sich nur noch darum, zwei Monate Geduld zu haben! ... Gerettet! ... Als sie am Abend zu ihm kam, war sie noch aufgeregter, als sonst. Sie hatte die Schreckenskunde vernommen. Ohne ihren Hut abzuthun, ergriff sie seine Hände und preßte sie fieberhaft, indem sie ihm fest in's Auge blickte und mit bebender, entschlossener Stimme sagte: »Ich weiß, du willst fortgehen. Die Nachricht brach mir anfangs das Herz; nun aber weiß ich, was ich zu thun habe. Ich zögere nicht mehr. Ich will dir den größten Beweis meiner Liebe bringen, den ein Weib bringen kann: ich folge dir. Um deinetwillen verlasse ich Mann, Kinder, Familie. Ich richte mich zu Grunde, aber ich bin glücklich. Mir ist, als gäbe ich mich dir von neuem zu eigen. Es ist das letzte und größte Opfer. Ich bin dein für immer!« Es lief ihm eiskalt über den Rücken, als er das hörte. Eine dumpfe, ingrimmige, ohnmächtige Wut überkam ihn. Trotzdem hielt er an sich und wies ihr Opfer mit sanfter Stimme zurück. Er suchte sie zu beschwichtigen, sie zur Vernunft zu bringen und ihr ihre Thorheit auszureden. Sie hörte mit verächtlich aufgeworfener Lippe zu und blickte ihm mit ihren schwarzen Augen in's Gesicht, ohne etwas zu antworten. Als er geendigt hatte, sagte sie nur: »Du bist also so feige, ein Weib zu verführen und es dann bei der ersten besten Laune zu verlassen!« Renoldi wurde bleich und fing wieder mit Vernunftgründen an. Er stellte ihr die unausbleiblichen Folgen dieser Handlungsweise bis zu ihrem Tode vor Augen; er machte ihr klar, daß sie ihr Lebensglück zerstörte, daß die Welt für sie verschlossen wäre ... Aber sie antwortete beharrlich: »Was thut das, wenn man sich liebt?« Da brauste er schließlich auf. »Nun wohl, ich will nicht! Nein! Verstehst du, ich will nicht, ich verbiete es dir!« Und sein Herz quoll von dem lange genährten Widerwillen über. »Ei zum Himmel, es ist jetzt lange genug, daß du mich gegen meinen Willen liebst. Es fehlte noch, dich mitzunehmen. Ich danke schön!« Sie antwortete nichts, aber über ihr leichenfahles Gesicht zog ein langsames und schmerzliches Zucken, als ob alle Muskeln und Nerven sich krümmten. Sie ging, ohne Lebewohl zu sagen. In derselben Nacht vergiftete sie sich. Eine Woche lang hielt man sie für verloren. Und in der Stadt steckte man die Köpfe zusammen, beklagte sie und entschuldigte ihren Fehltritt mit der Macht ihrer Leidenschaft; denn alle bis auf Äußerste gesteigerten Gefühle, die den Menschen zum Heroismus hinreißen, werden immer verziehen, wenn sie an sich auch verwerflich sind. Ein Weib, das in den Tod geht, ist sozusagen keine Ehebrecherin mehr. Und so entstand denn allgemach eine allgemeine Erbitterung gegen den Leutnant Renoldi, der sich weigerte, sie wieder zu sehen, und ein einmütiges Gefühl der Mißbilligung. Man erzählte sich, daß er sie verlassen, verraten und geschlagen hätte. Selbst sein Oberst empfand Mitleid mit der Selbstmörderin und ließ ein paar Worte des Tadels in eine Unterredung mit seinem Untergebenen einfließen. Paul d'Henricel kam zu seinem Freunde und sagte: »Aber zum Henker, mein Lieber, man läßt ein Weib doch nicht in den Tod gehen. Das ist nicht anständig ...« Renoldi war erbittert und hieß seinen Freund schweigen. Der aber ließ das Wort Infamie fallen; es kam zum Duell und Renoldi wurde zur allgemeinen Zufriedenheit verwundet. Er mußte lange das Bett hüten. Als sie es erfuhr, liebte sie ihn noch mehr, denn sie glaubte, er hätte sich ihretwegen geschlagen. Da sie ihr Zimmer indeß nicht verlassen durfte, sah sie ihn vor dem Aufbruch des Regiments nicht wieder. Er war schon drei Monate in Lille, als er eines Morgens den Besuch einer jungen Frau bekam. Es war die Schwester seiner früheren Geliebten. Frau Poinçot hatte lange schwer gelitten und war von einer Verzweiflung befallen, gegen die sie nicht ankämpfen konnte. Jetzt war sie dem Tode nahe. Sie war hoffnungslos aufgegeben und wollte ihn nur noch eine Minute sehen, ehe sie die Augen schloß. Trennung und Zeit hatten den Verdruß und Zorn des jungen Mannes gelindert; er war gerührt und weinte. Noch am selben Tage reiste er nach Le Havre. Sie schien in den letzten Zügen zu liegen. Man ließ ihn allein am Bette der Sterbenden, die er ohne seine Schuld getötet hatte. Eine furchtbare Reue schüttelte ihn. Schluchzend küßte er sie mit sanften, glühenden Lippen, wie nie zuvor, und stammelte: »Nein, du sollst nicht sterben. Du sollst wieder genesen. Wir werden wieder zusammen sein. Immer ...« »Ist's wahr?« lispelte sie. »Liebst du mich noch?« Und in seiner Verzweiflung schwur und versprach er, sie zu erwarten, wenn sie genesen sein würde. Er empfand das tiefste Mitleid mit ihr und küßte die abgemagerten Hände der armen Frau, deren Herz unregelmäßig schlug. Am nächsten Tage war er wieder in seiner Garnison. Sechs Wochen später kam sie nach. Sie war nicht wiederzuerkennen, so war sie gealtert, und verliebter denn je. In seiner Ratlosigkeit nahm er sie wieder zu sich und sie lebten zusammen, als wären sie durch das Gesetz vereint. Aber derselbe Oberst, den es damals empört hatte, daß er sie verlassen, entrüstete sich jetzt über diese wilde Ehe; so etwas wäre mit dem Vorbilde, das ein Offizier im Regiment geben sollte, unvereinbar. Erst erteilte er seinem Untergebenen einen Verweis, dann wurde er wütend, und Renoldi reichte seinen Abschied ein. Sie lebten nun in einer Villa am Mittelmeer, dem klassischen Meer der Verliebten. Drei Jahre gingen so hin; Renoldi war gebeugt, besiegt, erlegen, an diese hartnäckige Zärtlichkeit gewöhnt. Sie hatte jetzt weißes Haar. Er hielt sich für einen verlorenen, vernichteten Menschen. Alle Aussichten schienen ihm dahin, die Karriere verpfuscht, alle Freude benommen, alle Befriedigung versagt. Eines Morgens bekam er eine Karte mit der Aufschrift: »Josef Poinçot, Rheder, Le Havre.« – Der Mann! Der Mann, der nichts gesagt hatte, weil er wohl auch einsah, daß gegen den verzweifelten Eigensinn der Weiberliebe nichts zu machen sei. Was wollte er? Er wartete im Garten und weigerte sich, in die Villa zu kommen. Er grüßte höflich, wollte sich aber nicht einmal auf eine Gartenbank setzen und begann deutlich und langsam zu sprechen: – Mein Herr, ich bin nicht hierher gekommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen. Ich weiß zu gut, wie die Dinge gekommen sind. Ich bin ... wir sind ... einer Art von Verhängnis unterlegen. Ich hätte Sie hier in ihrem Wohnsitz nicht belästigt, wenn die Verhältnisse es nicht erheischten. Ich habe zwei Töchter, mein Herr. Die eine liebt einen jungen Mann, der ihre Liebe erwidert. Aber seine Familie widersetzt sich der Heirat. Es ist wegen der Lage, in der sich die ... die Mutter der Kinder befindet ... Ich hege weder Zorn noch Rachsucht gegen sie, aber ich bete meine Kinder an, mein Herr. Ich komme also, um meine ... meine Frau von Ihnen zurückzufordern; ich hoffe, sie wird heute darein willigen, in mein ... ihr Haus zurückzukehren. Was mich betrifft, so werde ich den Schein zu erhalten wissen, daß ich ihr wegen meiner Töchter verziehen habe. Renoldi glaubte sich in den Himmel versetzt. Ein Freudentaumel durchfuhr ihn; es war ihm wie einem Verurteilten, der begnadigt wird. – Aber natürlich, mein Herr, stotterte er. Ich selbst ... glauben Sie mir ... ohne Zweifel ... es ist gerechtfertigt, nur zu gerechtfertigt ... Am liebsten hätte er die Hände des Mannes ergriffen, ihn in seine Arme geschlossen und auf beide Backen geküßt. – Treten Sie doch näher, bat er. Im Salon ist es doch besser. Ich werde sie gleich rufen. Dießmal weigerte sich Herr Poinçot nicht länger und setzte sich. Renoldi hüpfte die Stufen herauf; vor der Thür seiner Geliebten sammelte er sich und trat ernst herein. »Du wirst unten erwartet,« sagte er. »Es ist wegen Deiner Töchter.« Sie richtete sich auf. »Wegen meiner Töchter? Was ist denn mit ihnen? Sie sind doch nicht gestorben?« – Nein, erwiderte er, aber sie sind in einer ernsten Lage, aus der du sie allein erlösen kannst. Sie hörte nicht mehr hin und ging schnell herunter, während er auf einen Sessel sank und mit pochendem Herzen wartete. Er wartete lange, lange. Dann, als heftige Stimmen durch die Decke bis zu ihm herauf drangen, entschloß er sich, herunterzugehen. Frau Poinçot stand anstecht im Zimmer und wollte eben gehen; ihr Gatte hielt sie am Kleide fest und sagte eindringlich: »Aber verstehen Sie doch, Sie vernichten das Glück Ihrer Töchter, unserer Kinder!« Aber sie antwortete hartnäckig: »Ich will nicht zu Ihnen zurück!« Renoldi erkannte sofort die Gefahr, trat niedergeschlagen näher und stotterte: »Was, sie will nicht?« Da drehte sie sich um und sagte, indem sie ihn in einer Anwandlung von Scham vor dem rechten Gatten nicht mehr zu dutzen wagte: »Wissen Sie, was er von mir verlangt? Zurückkommen soll ich in sein Haus!« Dabei lachte sie höhnisch und mit verächtlicher Miene gegen den Mann, der sie kniefällig bat. Da sprach Renoldi mit der Entschlossenheit eines verzweifelten Spielers, der alles auf die letzte Karte setzt. Er trat für die armen Mädchen ein, für den Gatten, für sich. Als er innehielt, um nach neuen Beweggründen zu suchen, lispelte Herr Poinçot, der mit seiner Weisheit auch zu Ende war, indem er sie aus alter Gewohnheit plötzlich wieder dutzte: – Komm, Delphine, denke an deine Kinder! Sie warf ihnen beiden einen Blick souveräner Verachtung zu, riß sich los und war mit einem Satz auf der Treppe. – Ihr seid zwei elende Gesellen! rief sie ihnen von oben aus zu. Als sie wieder allein waren, blickten sie sich einen Augenblick gebrochen und niedergeschlagen an. Dann hob Herr Poinçot seinen hingefallenen Hut auf, klopfte sich das vom Kniefall bestaubte Beinkleid ab, und Renoldi begleitete ihn nach der Thür. »Wir sind beide sehr unglücklich, mein Herr!« sagte er draußen mit verzweifelter Gebärde, grüßte, setzte seinen Hut auf und ging mit kummervollen Schritten. Briefwechsel Etretat, Freitag. Meine liebe Tante! Ich komme Dir allmählich entgegen. Ich werde am 2. September in Les Fresnes sein, den Tag vor Beginn der Jagd, den ich nicht verfehlen möchte, um diese Herren zu ärgern. Du bist zu gut, liebe Tante, und wenn du mit ihnen allein bist, erlaubst du ihnen ohne Frack und unrasiert zum Essen zu kommen, weil sie angeblich ermüdet sind. Darum sind sie auch entzückt, wenn ich nicht da bin. Aber ich werde da sein und Besichtigung abhalten, wie ein General, wenn es Essenszeit ist. Und wenn ich Einen finde, der sich vernachlässigt, werde ich ihn zu den Mägden in die Küche schicken. Die Herren von heute sind so wenig rücksichtsvoll und haben so wenig Lebensart, daß man nie streng genug sein kann. Es ist wirklich die Zeit der Kutschermanieren. Wenn sie mit einander in Streit geraten, gebrauchen sie Schimpfworte wie Fuhrknechte, und vor uns benehmen sie sich weit schlechter, als unsre Dienstboten. In den Seebädern muß man sie sehen! Da sind sie in hellen Haufen und man kann sie in Masse beurteilen, wie ungehobelt sie sind! Stelle dir vor: in der Eisenbahn sitzt mir ein Herr gegenüber, der es seinem Schneider zu danken hatte, daß er auf den ersten Blick anständig aussah. Plötzlich zieht er in aller Ruhe seine Stiefel aus und legt Schlappen an. Ein anderer, ein älterer Mann, scheinbar ein reicher Emporkömmling – die sind immer am schlechtesten erzogen – sitzt mir gegenüber und legt gemütlich seine beiden Füße auf den Sitz neben mir. So etwas ist erlaubt. In den Seebädern herrscht ein geradezu zügelloses Flegeltum. Freilich stammt meine Empörung, wie ich hinzufügen muß, vielleicht daher, daß ich gar nicht gewöhnt bin, mit diesen Leuten, die man hier mit dem Ellenbogen streift, zu verkehren; ihr Benehmen würde mich vielleicht weniger verletzen, wenn ich es nicht anders kennte. Im Hotelbureau wurde ich neulich von einem jungen Menschen fast umgestoßen: er nahm über meinen Kopf weg seinen Schlüssel vom Brette. Ein andrer rempelte mich beim Verlassen des Kasinoballs mit aller Gewalt an, ohne mich um Entschuldigung zu bitten oder auch nur den Hut abzunehmen; ich habe noch heute Brustschmerzen davon. Und so sind sie alle. Sieh sie dir an, wenn sie Damen auf der Terrasse anreden: sie grüßen kaum. Sie legen höchstens die Hand an die Kopfbedeckung. Da sie indeß zumeist Kahlköpfe haben, ist dieß vielleicht das beste. Aber etwas empört und verletzt mich vor allem: das ist die Art, wie sie sich ganz öffentlich und ohne die geringste Vorsicht von den empörendsten Dingen unterhalten. Wenn zwei Männer zusammen sind, erzählen sie sich in den rohsten Ausdrücken und gemeinsten Gedankengängen wahrhaft unerhörte Geschichten, ohne sich im geringsten zu genieren, wenn ein Frauenohr in ihrer Nähe ist. Gestern am Strande mußte ich meinen Platz wechseln, um nicht länger die unfreiwillige Zuhörerin einer skandalösen Geschichte zu sein, die sie sich in so brutalen Ausdrücken erzählten, daß ich nicht wußte, ob ich mich mehr schämen oder mehr empört sein sollte, daß ich so etwas hatte mitanhören müssen. Das geringste Anstandsgefühl hätte ihnen sagen können, daß man in unsrer Nähe von solchen Sachen leise zu sprechen hat. Etretat ist übrigens das Land, wo von allem Aufhebens gemacht wird, und folglich die Heimat der Klatschbasen. Nachmittags von fünf bis sieben Uhr sieht man sie auf der Jagd nach Verläumdungen, die sie von Haus zu Haus tragen. Du sagtest mir einmal, liebe Tante, die Klatschsucht wäre ein Zeichen von kleinem Geiste und schlechter Herkunft. Sie ist auch der Trost der Frauen, denen keine Liebe mehr blüht und der Hof nicht mehr gemacht wird. Man braucht sich die nur anzusehen, die als die Klatschsüchtigsten bezeichnet werden, und man ist sicher, daß du dich nicht täuschtest. Neulich wurde eine musikalische Soirée im Kasino von einer namhaften Künstlerin, Frau Masson, veranstaltet. Sie sang wirklich zum Entzücken. Ich hatte auch Gelegenheit, den prachtvollen Coquelin zu beklatschen, ebenso zwei reizende frühere Mitglieder vom Baudeville-Theater, M... und Meillet. Ich konnte bei dieser Gelegenheit Alles, was diesen Sommer am Strande war, zusammen sehen. Viel Gutes war nicht darunter. Am nächsten Tage ging ich zum Frühstück nach Yport. Ich sah einen bärtigen Menschen aus einem großen festungsartigen Hause kommen; es war der Maler Jean Paul Lorens. Es genügte ihm anscheinend nicht, seine Personen mit Mauern zu umgeben; er möchte sich auch noch selbst einmauern. Am Strande saß ich neben einem noch jungen Manne von zartem und feinem Aussehen und stillem Wesen, der Verse las. Aber er las sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er nicht ein einziges Mal nach mir aufsah. Ich war etwas verwundert und fragte den Bademeister scheinbar unabsichtlich, wer dieser Herr wäre. Im Grunde lachte ich ein wenig über diesen Versleser; er schien mir für einen Mann etwas zurückgeblieben. Das ist ein Simpel, sagte ich mir. Nun wohl, liebe Tante, jetzt bin ich ganz entzückt von meinem Unbekannten. Denke dir, er hieß Sully Prudhomme. Ich kehrte um und setzte mich neben ihn, um ihn in aller Gemütsruhe betrachten zu können. Sein Gesicht hat vor allem einen starken Ausdruck von Ruhe und Feinheit. Da ihn jemand abholte, hörte ich auch seine Stimme; sie ist sanft und fast furchtsam. Der wird gewiß keine Roheiten ausposaunen, dachte ich, noch Frauen anrempeln, ohne sich zu entschuldigen. Er muß anders sein, als die Übrigen, aber kränklich und nervös. Diesen Winter werde ich sehen, daß er mir vorgestellt wird. Ich weiß nichts mehr zu schreiben, liebe Tante, und schließe diesen Brief in Eile, da die Post bald abgeht. Ich küsse dir Hände und Wangen. Deine treue Nichte Bertha von X... P. S. Zur Rechtfertigung der französischen Höflichkeit muß ich hinzusetzen, daß unsere Landsleute auf Reisen im Vergleich zu den schauderhaften Engländern wahre Muster von Höflichkeit sind. Denn Die scheinen in der Kutscherstube erzogen zu sein und geben sich alle Mühe, sich selbst nie und ihren Nachbarn stets zur Last zu fallen.   Les Fresnes, Sonnabend. Meine liebe Kleine! Vieles, was du mir da schriebst, hat Hand und Fuß, was freilich nicht verhindert, daß du unrecht hast. Früher war ich ganz wie du voll Ingrimm über die Unhöflichkeit der Männer gegen mich; später, als ich älter wurde, und meinen koketten Sinn verlor, und die Dinge betrachten lernte, wie sie sind, wurde mir klar, daß die Männer vielleicht nicht höflich, die Frauen dagegen immer von ausgesuchter Rücksichtslosigkeit sind. Wir glauben, uns sei alles erlaubt, meine Liebe, und wir glauben zugleich, daß man uns alles schuldig sei, und wir begehen am hellen lichten Tage tausend Unarten, die jenes Anstandsgefühles, von dem du sprichst, völlig baar sind. Jetzt finde ich im Gegenteil, daß die Männer gegen uns – im Vergleich zu unserem Benehmen gegen sie – noch sehr rücksichtsvoll sind. Zuletzt, mein Täubchen, sind die Männer immer das, und müssen es sein, was wir aus ihnen machen. In einer Gesellschaft, in der die Frauen alle vornehme Damen wären, müßten die Männer alle zu Edelleuten werden. Mach nur die Augen auf und denke nach. Sieh dir zwei Damen an, die sich auf der Straße begegnen. Welches Benehmen! Welche abschätzigen Blicke, welche Verachtung in den Augen! Welches Sich-Abmessen von Oben bis Unten, um zu verurteilen. Und wenn der Bürgersteig zu schmal ist, glaubst du, eine von ihnen wiche aus und bäte um Entschuldigung? Niemals! Wenn aber zwei Männer sich in einem zu engen Gäßchen anrempeln, lüften beide den Hut und machen sich Platz. Wir aber drängen uns Leib an Leib, Nase an Nase an einander vorüber und blicken uns unverschämt an. Sieh dir zwei Damen an, die sich kennen und sich auf der Treppe vor der Thür einer Freundin begegnen, die die eine besuchen will und die andre verläßt. Sie fangen an zu schwatzen und versperren die ganze Breite der Treppe. Wenn nun jemand, Mann oder Frau, hinter ihnen herkommt, glaubst du, sie machten nur einen halben Fuß breit Platz? Niemals, niemals! Letzten Winter wartete ich zweiundzwanzig Minuten, die Uhr in der Hand, an der Thür eines Salons. Und hinter mir warteten zwei Herren, und keiner von beiden machte Miene, wütend zu werden, wie ich. Sie waren eben seit lange an unsre unbewußten Rücksichtslosigkeiten gewöhnt. Neulich, ehe ich Paris verließ, ging ich – gerade mit deinem Gatten – in ein Restaurant der Champs Elysées, um mich zu erfrischen. Alle Tische waren voll. Der Kellner bat uns zu warten. Ich sah eine ältere Dame von vornehmem Aussehen, die ihre Rechnung bereits beglichen hatte und zum Aufbruch bereit schien. Als sie mich sah, blickte sie mich von Oben bis Unten an und rührte sich nicht vom Fleck. Sie blieb länger als eine Viertelstunde unbeweglich sitzen, zog ihre Handschuhe an, musterte alle Tische und sah sich die Leute, die wie ich warteten, mit Gemütsruhe an. Zwei junge Herren, die ihre Mahlzeit eben beendeten, erblickten mich und riefen schleunigst den Kellner, um ihre Rechnung zu begleichen. Sie boten mir sofort ihren Platz an und wollten nicht einmal so lange sitzen bleiben, bis die Rechnung bezahlt war. Und dabei, meine Liebe, bin ich nicht mehr jung und hübsch, wie du, sondern alt und grau. Uns, siehst du, sollte die Höflichkeit beigebracht werden, und diese Arbeit wäre so schwer, daß Herkules sie nicht vollbrächte. – Du sprichst von Etretat und den Leuten, die an diesem schönen Strande klatschen. Für mich ist die Gegend längst tot, aber früher habe ich mich dort prächtig amüsiert. Wir waren damals nur wenige, Leute aus der Gesellschaft, aus der wirklichen Gesellschaft, und Künstler in brüderlicher Einigkeit. Damals wurde nicht geklatscht. Wir hatten zu unserer Zeit freilich noch nicht das abgeschmackte Kasino, wo man sich aufspielt, tuschelt, stumpfsinnig tanzt und sich übermäßig langweilt. Wir hatten eine andere Weise, unsre Abende fröhlich zu verbringen. Rate mal, was unsre Herren sich ausdachten: wir tanzten jeden Abend in einem Bauernhofe der Gegend. Wir brachen im Trupp auf und nahmen einen Leierkasten mit; gewöhnlich drehte ihn der Maler Le Poittevin, eine Baumwollmütze auf dem Kopfe. Zwei Herren gingen mit Laternen voraus. Wir folgten hinterdrein und lachten und schwatzten wie toll. Der Pächter wurde geweckt, Knechte und Mägde herausgetrommelt. Oft wurde sogar – o Schauder! – Zwiebelsuppe gekocht, und nachher tanzten wir unter dem Birnbaum nach den Klängen der Drehorgel. Die Hähne krähten aufgestört in der Tiefe der Gebäude und die Pferde wieherten unruhig auf der Streu. Der frische Nachtwind streichelte uns die Wangen und wehte uns feuchtem Laubgeruch und Heuduft entgegen. O wie weit, wie weit liegt das jetzt hinter mir! Dreißig Jahre sind es jetzt! – Ich möchte nicht, meine Liebste, daß du zur Eröffnung der Jagd herkommst. Warum unsern Freunden den Spaß verderben und ihnen den Zwang auferlegen, sich an diesen Tagen des derben, ländlichen Vergnügens elegant anzuziehen? So verdirbt man die Männer, Kleine! Herzlichen Gruß und Kuß. Deine alte Tante Geneviéve von Z... Angeführt – Ja, die Weiber! – Nun, was ist denn mit den Weibern? – Je nun, es giebt keine geschickteren Tausendkünstler, als sie. Sie legen uns bei allem und jedem herein, mit und ohne Grund, oft aus bloßer Freude am Ränkespinnen. Sie überlisten uns mit unglaublicher Naivetät, mit erstaunlicher Keckheit und unnachahmlicher Feinheit. Sie betrügen uns vom Morgen bis in die Nacht, alle ohne Ausnahme; die anständigsten, die rechtschaffensten, die sinnbegabtesten – alle sind Ränkeschmiede. Freilich, das muß man sich sagen, nicht selten werden sie dazu gezwungen. Der Mann hat ohne Zweifel oft eigensinnige Launen, Launen wie ein Blöder, und tyrannische Gelüste. Ein Mann trifft in seinem Hause jeden Augenblick die lächerlichsten Anordnungen. Er ist voller Narrheiten, denen seine Frau schmeichelt, um sie zu hintertreiben. Sie macht ihm weis, daß etwas so und soviel kostete, denn wenn es mehr kostete, gäbe es Spektakel. Und sie weiß sich immer geschickt aus der Klemme zu ziehen, und dieß durch so einfache und niederträchtige Mittel, daß wir die Arme sinken lassen, wenn wir zufällig dahinter kommen. Dann sagen wir verblüfft: »Wie habe ich das nur nicht merken können!?«   Der Mann, der so sprach, war ein alter Minister des Kaiserreiches, Graf von L..., ein sehr verschlagener Mann, wie es hieß, und von überlegenem Geiste. Eine Gruppe von jungen Leuten umstand ihn und hörte aufmerksam zu. Mich, begann er von neuem, hat einmal eine kleine Bürgersfrau in ebenso drolliger wie meisterhafter Weise angeführt. Ihnen zur Lehre will ich die Geschichte erzählen. Ich war damals Minister des Auswärtigen und hatte die Gewohnheit, jeden Morgen einen langen Spaziergang nach den Champs Elysées zu machen. Es war im Monat Mai; ich ging und sog in vollen Zügen den angenehmen Duft des ersten Grüns ein. Bald wurde ich gewahr, daß mir Tag für Tag eine allerliebste kleine Person begegnete, eines jener reizenden, graziösen Geschöpfe, die den Stempel von Paris tragen. Ob sie hübsch war? Ja und nein. Schön gewachsen? Nein, besser als das. Die Taille war zu schlank, die Schultern zu grade, die Brust zu gewölbt. Aber wenn auch, ich ziehe diese köstlichen lebenden Puppen mit ihrer rundlichen Form dem großen Knochengerüst der Venus von Milo vor ... Und dann trippelte sie auf eine unnachahmliche Weise, und das bloße Rauschen ihrer Röcke läßt es uns heiß und kalt durch die Glieder rieseln ... Es sah aus, als blickte sie mich im Vorübergehen an. Aber diese Kreaturen sehen immer nach allem Möglichen aus, und man weiß doch nie ... Eines Morgens erblickte ich sie auf einer Bank sitzend; sie hatte ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. Schnell setzte ich mich neben sie und in fünf Minuten waren wir die besten Freunde. Dann begrüßten wir uns jeden Morgen lächelnd: »Guten Tag, meine Dame!« – »Guten Tag, mein Herr!« und darauf wurde geplaudert. Sie verriet mir, daß sie die Frau eines Beamten sei, daß das Leben traurig, die Vergnügungen selten und die Sorgen häufig wären, und tausend andre Dinge mehr. Ich sagte ihr zufällig und vielleicht auch aus Eitelkeit, wer ich wäre, und sie spielte die Erstaunte sehr gut. Tags darauf besuchte sie mich im Ministerium und kam danach so oft wieder, daß die Diener im Ministerium sie bald kannten und sich, wenn sie erschien, ihren Namen, den sie ihr gegeben, gegenseitig zutuschelten. Sie hatten sie »Frau Léon« getauft; Léon ist nämlich mein Vorname. So sah ich sie drei Monate lang jeden Morgen, ohne ihrer je überdrüssig zu werden: so schön verstand sie ihre Zärtlichkeiten zu variiren und zu tönen. Aber eines Tages merkte ich, daß ihre Augen rot waren und von zurückgehaltenen Thränen schimmerten; sie sprach auch nur widerwillig und schien in geheime Gedanken versunken. Ich bat und beschwor sie, mir den Kummer ihres Herzens anzuvertrauen, und sie stammelte schließlich zusammenschaudernd: »Ich ... ich bin guter Hoffnung.« Dann fing sie an zu schluchzen. Ich schnitt ein grimmes Gesicht und wurde blaß, wie man es bei dergleichen Anlässen thun soll. Sie machen sich gar keinen Begriff davon, welchen unangenehmen Schreckschuß einem die Ankündigung einer solchen unerwarteten Vaterschaft einjagt. Aber früher oder später werden Sie's ja auch zu erfahren haben ... Ich stotterte also verlegen: »Aber ... aber du bist doch verheiratet.« »Ja«, antwortete sie, »aber mein Mann ist seit zwei Monaten in Italien und wird noch lange nicht zurückkommen.« Ich wollte die Verantwortlichkeit um jeden Preis von mir abwälzen und sagte: »Du mußt sogleich zu ihm hin.« Sie errötete bis in die Schläfen und senkte die Lider. »Ja ... aber ...« Sie wagte nicht weiter zu sprechen oder wollte auch nicht. Ich verstand jedoch und übergab ihr in schonendster Form ein Couvert mit dem nötigen Reisegeld.   Acht Tage später erhielt ich einen Brief aus Genua, die Woche darauf einen aus Florenz, dann aus Livorno, Rom und Neapel. Sie schrieb mir: »Es geht mir gut, Geliebter, nur sehe ich schauderhaft aus. Ich möchte nicht, daß du mich siehst, eh' alles vorüber ist; du würdest mich sonst nicht mehr mögen. Mein Mann ahnt nichts. Da sein Auftrag ihn noch lange hier im Lande hält, werde ich erst nach dem Ereignis nach Frankreich zurück können.« Und nach acht Monaten etwa erhielt ich aus Venedig nur diese Worte: »Es ist ein Junge.« Einige Zeit darauf erschien sie plötzlich des Morgens in meinem Arbeitszimmer. Sie war frischer und hübscher denn je und warf sich mir an die Brust. Und unsre alte Zärtlichkeit wurde fortgesetzt. Als ich das Ministerium verließ, kam sie in mein Hotel in der Rue Grenelle. Sie sprach mir oft von ihrem Kinde, aber ich hörte garnicht hin; denn das ging mich nichts an. Ich übergab ihr hin und wieder nur ein recht hübsches Sümmchen und sagte einfach: Lege das für ihn an.« So vergingen zwei Jahre, während sie mir immer eindringlicher von dem kleinen Léon erzählte. Zuweilen weinte sie auch und sagte: »Du liebst ihn nicht, du willst ihn nicht einmal sehen. Wenn du wüßtest, welchen Kummer du mir damit bereitest!« Schließlich setzte sie mir so stark zu, daß ich ihr eines Tages zusagte, am nächsten Morgen nach den Champs Elysées zu kommen, wenn sie mit dem Kinde dort spazieren ginge. Aber in dem Augenblick, wo ich gehen wollte, befiel mich eine seltsame Unschlüssigkeit. Der Mann ist schwach und dumm; was wußte ich, was in meinem Herzen vorgehen würde, wenn ich dieses kleine Wesen – meinen Sohn! erblickte. Vielleicht würde mein Herz sich regen. Ich hatte bereits den Hut auf dem Kopfe und die Handschuhe angestreift; ich warf die Halbschuhe wieder auf mein Schreibpult und meinen Hut auf einen Stuhl. »Nein«, sagte ich zu mir, »ich gehe ganz bestimmt nicht. Das ist verständiger!« Plötzlich öffnete sich die Thür und mein Bruder trat ein. Er übergab mir einen anonymen Brief, den er diesen Morgen erhalten hatte und der folgendermaßen lautete: »Setzen Sie Ihren Bruder, den Grafen L..., davon in Kenntnis, daß die kleine Frau aus der Rue Cassette sich in unverschämtester Weise über ihn lustig macht. Erkundigungen über sie einzuziehen, wäre angezeigt.« Ich hatte nie und mit keinem Menschen von dieser Geschichte gesprochen. Ich war höchst verblüfft und erzählte meinem Bruder den Hergang der Sache von Anfang bis zu Ende. »Was mich betrifft«, setzte ich hinzu, »so will ich nichts mehr damit zu thun haben. Du würdest mich aber sehr verbinden, wenn du Nachforschungen darüber anstellen wolltest.« Als mein Bruder gegangen war, sagte ich mir: »Worin kann sie mich betrügen? Sie hat vielleicht noch andre Liebhaber. Aber was geht das mich an? Sie ist jung, frisch und hübsch, mehr verlange ich nicht von ihr. Sie scheint mich zu lieben und kostet im Ganzen nicht viel. Ich verstehe es wirklich nicht.« Mein Bruder kam bald zurück. Auf der Polizei hatte man ihm über ihren Gatten die besten Auskünfte gegeben. »Beamter im Ministerium des Innern, korrekt, wohl accreditiert, wohlgesinnt, hat aber eine Frau, die weit über ihre bescheidenen Verhältnisse zu leben scheint.« Das war alles. Hierauf war mein Bruder in ihre Wohnung gegangen, und da er hörte, daß sie aus wäre, hatte er sich an den Portier gewandt und diesen durch Gold zum Reden gebracht. »Frau D... eine sehr brave Frau und Herr D... ein sehr braver Mann, nicht stolz, nicht reich, aber freigebig.« Um doch etwas zu sagen, fragte mein Bruder: – Wie alt ist ihr Kleiner jetzt? – Aber sie hat ja gar keine Kinder, Herr. – Wie? Sie hat doch den kleinen Léon? – Nein, mein Herr, Sie täuschen sich. – Aber der, den sie auf ihrer italienischen Reise bekam, es ist jetzt zwei Jahre her. – Sie ist nie in Italien gewesen, mein Herr. Seit fünf Jahren, wo sie hier wohnt, hat sie das Haus nicht verlassen. Mein Bruder war betroffen, fragte von neuem und sondierte so tief wie möglich. Aber es blieb dabei: Kein Kind, keine Reise. Ich war höchst erstaunt, ohne doch den Sinn dieser Komödie recht zu verstehen. – Ich will Klarheit in der Sache haben, sagte ich, und dieß sogleich. Ich werde sie bitten, morgen hierher zu kommen und du wirst sie an meiner Statt empfangen. Wenn sie mich angeführt hat, wirst du ihr diese zehntausend Franks übergeben und ich will sie nicht mehr sehen. Ich fange wahrhaftig an, ein Haar darin zu finden.   Was glauben Sie wohl? Vorher hatte es mich verstimmt, daß ich von dieser Frau ein Kind hatte, und jetzt war ich ärgerlich, beschämt und gekränkt, daß ich keins hatte. Ich war jeder Verpflichtung und Sorge ledig und doch wütend. Mein Bruder empfing sie am nächsten Tage in meinem Arbeitszimmer. Sie trat lebhaft ein, wie gewöhnlich, lief ihm mit offenen Armen entgegen und stutzte erst, als sie ihn erkannte. Er grüßte und entschuldigte sich. – Ich bitte um Entschuldigung, sagte er, wenn ich Ihnen an Stelle meines Bruders entgegentrete. Aber er hat mich beauftragt, Sie um eine Auskunft zu bitten, die er nicht gerne selbst erhalten möchte. Dann blickte er ihr scharf in's Auge und sagte plötzlich: – Wir wissen, daß Sie kein Kind von ihm haben. Sie war einen Augenblick stutzig, gewann aber sogleich die Fassung wieder, setzte sich und blickte diesen Richter lächelnd an. – Nein, ich habe kein Kind, antwortete sie einfach. – Wir wissen auch, daß Sie nie in Italien gewesen sind. Dießmal begann sie laut aufzulachen. – Nein, ich bin nicht in Italien gewesen. Mein Bruder war betroffen und sagte: – Der Graf hat mich beauftragt, Ihnen dieses Geld zu geben und Ihnen zu erklären, daß er seine Beziehungen zu Ihnen abbräche. Sie wurde wieder ernst, steckte das Geld ruhig in die Tasche und sagte naiv: – Also ... soll ich den Grafen nicht wiedersehen? – Nein, meine Dame. Sie schien das nicht zu erwarten und setzte ruhigen Tons hinzu: – Schade. Ich liebte ihn sehr. Als mein Bruder sah, daß sie so entschlossen war, fragte er sie, gleichfalls lächelnd: »Sagen Sie mir bitte nur, warum Sie diese lange und komplizirte Geschichte von der Reise und dem Kinde erfunden haben?« Sie blickte meinen Bruder ganz erstaunt an, als ob er etwas sehr Dummes gefragt hatte, und antwortete: – Das ist doch aber arg! Glauben Sie denn, eine arme kleine Bürgersfrau wie ich, an der garnichts dran ist, hätte einen Mann wie den Grafen von L..., einen Minister, einen Grandseigneur, einen reichen und verführerischen Gentleman, drei Jahre lang festhalten können, wenn ich nicht etwas hatte, womit ich ihn hielt? Nun, es ist jetzt zu Ende; schade drum! Aber es konnte ja nicht ewig so bleiben. Drei Jahre lang ist mir's wenigstens gelungen. Bitte sagen Sie dem Grafen viele Grüße von mir. Sie stand auf. – Aber ... das Kind, fing mein Bruder wieder an. Sie hatten doch ein Kind, das Sie ihm zeigen wollten. – Gewiß, es ist das Kind meiner Schwester. Sie hat es mir geliehen. Wahrscheinlich stammt der Brief von ihr. – Schön, aber alle diese Briefe aus Italien? Sie setzte sich wieder und schüttelte sich vor Lachen. – Oh, diese Briefe! sagte sie. Ein ganzes Gedicht. Der Graf war nicht umsonst Minister des Auswärtigen. – Aber ... wie denn ... – Das ist mein Geheimnis. Ich will niemand blosstellen. Sie grüßte mit leicht spöttischem Lächeln und ging ohne jede Gemütsbewegung, wie eine Schauspielerin, deren Rolle zu Ende ist. – »Und die Moral«, setzte Graf L ... hinzu: »Traue keiner diesen lockren Vögeln!« Yveline Samoris – Gräfin Samoris. – Die Dame da unten in Schwarz? – Sie selbst. Sie trauert um ihre Tochter, die sie getötet hat. – Nicht doch! Was erzählen Sie mir da! – Eine ganz einfache Geschichte ohne Verbrechen und Gewaltthaten. Frau Samoris hat mit Herrn Rappaport nichts zu thun. – Was war denn aber der Grund? – Fast nichts. Viele Hetären, sagt man ja, sind zu anständigen Weibern geboren, und viele sogenannte anständige Damen sind geborene Hetären, nicht wahr? So ist Frau Rappaport – pardon! Frau Samoris – eine geborene Hetäre, und ihre Tochter war zum ehrbaren Weibe geboren. – Ich verstehe Sie nicht recht. – Ich werde es Ihnen gleich erklären. Die Gräfin Samoris gehört zu jenen Talmi-Fremden, wie sie auf Paris alljährlich zu Hunderten herabregnen. Sie war eine Gräfin aus Ungarn oder der Walachei, oder sonst woher, und tauchte eines Winters in einem Hause der Champs-Elysses, dieses Abenteurer-Viertels, auf, wo sie ihre Salons aller Welt öffnete. Ich ging auch hin. Warum? werden Sie fragen. Ich weiß es selbst nicht recht. Ich ging hin, wie wir alle hingehen, weil dort gespielt wird, weil die Weiber gefällig und die Männer Gauner sind. Sie kennen ja diese Freibeuterwelt mit ihren mannigfachen Aushängeschildern, sie sind alle von edler Geburt, alle haben Titel, und alle sind auf den Gesandtschaften unbekannt, ausgenommen die Spione. Alle sprechen von Ehre, auch wenn von ihren Stiefeln die Rede ist, prahlen mit ihren Vorfahren und erzählen von ihrem Leben; sie sind allesammt Aufschneider, Lügner und Schelme, verdächtig wie ihre Karten, trügerisch wie ihre Namen, kurz, eine rechte Galgen-Aristokratie. Ich liebe diese Leute! Es ist interessant, sie zu durchschauen, interessant, sie kennen zu lernen, amüsant, sie anzuhören; sie sind oft geistreich und nie banal, wie öffentliche Beamte. Ihre Weiber sind immer hübsch, mit einem kleinen Stich in's Ausländisch-Gaunerhafte, vom Geheimnis ihres Daseins umwittert, das sie vielleicht zur Hälfte in einem Korrektionshause verbracht haben. Im Allgemeinen haben sie prächtige Augen und unwahrscheinlich schönes Haar; sie liebe ich gleichfalls! Frau Samoris ist der Typus dieser Abenteuerinnen. Sie ist elegant, üppig und noch schön, reizend und verschlagen; man spürt, sie ist lasterhaft bis in's Mark. Bei ihr amüsirte man sich besonders gut, man spielte, tanzte, soupierte... kurzum, man ging in ihrem Hause allen weltlichen Vergnügungen nach. Sie hatte eine schon erwachsene Tochter, eine große und stolze Erscheinung. Sie war immer fröhlich, immer zu Kurzweil aufgelegt, immer über das ganze Gesicht lächelnd und von leidenschaftlicher Tanzlust. Aber sie war unschuldig, unwissend und von Herzen naiv; sie sah nichts, wußte nichts, verstand nichts und erriet nichts von alledem, was im Hause ihrer Mutter vorging. – Woher wissen Sie das? – Woher ich das weiß? Das ist bei der ganzen Sache das drolligste. Eines schönen Morgens klingelte es bei mir und mein Kammerdiener meldete einen Herrn Joseph Bonenthal, der mich zu sprechen wünschte. Ich fragte gleich: – Wer ist dieser Herr? – Ich weiß nicht recht, gnädiger Herr, sagte mein dienstbarer Geist, es ist vielleicht ein Diener. Es war auch wirklich ein Diener, der bei mir in Stellung gehen wollte. – Woher kommen Sie? fragte ich ihn. – Von Frau Gräfin Samoris. – Ach! ... Aber in meinem Hause geht es anders zu, als bei ihr. – Ich weiß wohl, gnädiger Herr, deshalb wollte ich grade zum gnädigen Herrn kommen. Ich habe von den Leuten da genug; das macht man wohl mal mit, aber man bleibt doch nicht da. Da ich grade noch einen Diener brauchte, nahm ich ihn. Einen Monat später starb Yveline Samoris auf geheimnisvolle Weise. Ich habe alle Einzelheiten ihres Todes von Joseph erfahren, der sie wiederum von seiner Freundin, der Kammerzofe der Gräfin, hatte. Eines Abends war Ball bei Samoris und zwei neue Gäste plauderten hinter der Thür. Fräulein Yveline, die eben getanzt hatte, lehnte sich gegen diese Thür, um ein wenig Luft zu holen. Sie sahen sie nicht kommen und das Mädchen verstand ihre Unterhaltung. – Aber wer ist denn der Vater des jungen Mädchens? fragte der Eine. – Ein Russe, scheint es, ein Graf Ruwaloff. Er sieht die Mutter nicht mehr. – Und der jetzt regierende Herr? – Jener englische Prinz, der sich in's Fenster lehnt. Frau Samoris betet ihn an. Nur dauern ihre Anbetungen nie länger als vier bis sechs Wochen. Übrigens sehen Sie ja, daß es an Freunden nicht fehlt; alle sind berufen ... und fast alle werden auserwählt. Das ist ein etwas teurer Scherz, aber ... Basta! – Woher hat sie denn aber den Namen Samoris? – Von dem einzigen Manne vielleicht, den sie geliebt hat, einem jüdischen Bankier aus Berlin, der Samuel Borris hieß. – Gut. Ich danke Ihnen, Jetzt, wo ich unterrichtet bin, sehe ich klar. Und ich werde gerade auf's Ziel gehen. Welcher Sturm der Entrüstung in dem Gehirn dieses jungen Mädchens ausbrach, das alle Instinkte eines anständigen Weibes besaß; welche Verzweiflung diese unschuldige Seele erfaßte; welche Qualen diesem unaufhörlichen Frohsinn, diesem bezaubernden Lachen, dieser übermütigen Lebensfreude ein Ende bereiteten; welcher Kampf in dem Herzen des armen jungen Wesens tobte, bis der letzte Gast gegangen war: das alles hat mir Joseph nicht verraten können. Aber noch an demselben Abend trat Uveline plötzlich in das Zimmer ihrer Mutter, die sich gerade hinlegen wollte, hieß das Kammermädchen herausgehen, das hinter der Thür stehen blieb, und sagte mit bleichem Gesicht und großen Augen: – Mama, dieß habe ich eben im Salon gehört. Und damit erzählte sie die Unterhaltung, die ich Ihnen eben anvertraute, Wort für Wort wieder. Die Gräfin war betroffen und wußte zu Anfang nicht, was sie sagen sollte. Dann stellte sie alles energisch in Abrede, erfand eine Geschichte, schwur und rief Gott zum Zeugen an. Das junge Mädchen ging verwirrt, aber nicht überzeugt, und paßte seither auf. Ich ensinne mich noch sehr deutlich der seltsamen Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. Sie war immer ernst und traurig und blickte uns mit ihren großen Augen starr an, als ob sie auf dem Grund unserer Seelen lesen wollte. Wir wußten nicht, was wir davon halten sollten, und glaubten wohl, sie suchte einen Mann, sei es für immer, sei es vorübergehend. Eines Abends war sie nicht mehr in Zweifel: sie überraschte ihre Mutter. Da sagte sie kalt, wie ein Geschäftsmann, der seine Vertrags-Bedingungen vorschlägt: – Mama, ich habe mich zu Folgendem entschlossen. Wir werden alle beide fortziehen, in eine kleine Stadt oder auf's Land, wir werden dort ohne viel Aufsehen leben, wie wir können. Dein Schmuck allein ist ein Vermögen wert. Wenn du Gelegenheit findest, einen anständigen Mann zu heiraten, um so besser. Finde ich auch einen, noch viel besser. Wenn du nicht darein willigst, werde ich mich töten. Dießmal schickte die Gräfin ihre Tochter zu Bett und verbot ihr ein für alle mal, ihr wieder solche Lektionen zu halten, die sich in ihrem Munde nicht geziemten. – Ich gebe dir einen Monat Bedenkzeit, antwortete Yveline. Wenn unser Dasein sich in einem Monat nicht geändert hat, werde ich mich töten, da es für mein Leben keinen andern anständigen Ausweg giebt. Damit ging sie. Als ein Monat herum war, wurde im Hause Samoris immer noch getanzt und soupiert. Yveline gab nun vor, sie hätte Zahnweh, und ließ bei einem Apotheker in der Gegend etwas Chloroform holen. Am nächsten Tage fing sie wieder an, und jedesmal, wenn sie ausging, brachte sie sich belanglose Dosen dieses Betäubungsmittels mit und füllte sie in eine Flasche. Eines Morgens fand man sie tot in ihrem Bette; sie war schon kalt und hatte eine Chloroform-Maske vor'm Gesicht. Ihr Sarg war mit Blumen überdeckt, die Kirche weiß ausgeschlagen. Bei der Trauerfeier war ein großer Menschenandrang. Donnerwetter ja! wahrhaftig, wenn ich das vorher gewußt hätte – aber man weiß ja nie etwas – ich hätte das Mädel vielleicht geheiratet. Sie war ganz allerliebst. – Und die Mutter, was ist aus der geworden? – Oh, die hat geweint ... Erst seit acht Tagen beginnt sie ihre nächsten Bekannten wieder zu empfangen. – Und was hat sie gesagt, um diesen Tod zu erklären? Sie hat von einem Füllofen gesprochen, dessen Mechanismus entzwei gegangen wäre. Da die Unfälle mit diesen Dingern ehedem viel Lärm gemacht haben, lag nichts Unwahrscheinliches darin. Freund Josef Den ganzen Winter in Paris hatten sie in engsten Beziehungen gestanden. Als sie die Schule verließen, hatten sie sich wie gewöhnlich aus den Augen verloren, bis sie sich plötzlich eines Abends in einer Gesellschaft wiederfanden, beide schon alt und grau, der eine als Junggeselle, der andre als Ehemann. Herr von Méroul wohnte ein halbes Jahr in Paris und ein halbes Jahr in seinem kleinen Schloß bei Troubeville. Er hatte die Tochter eines Schloßherrn der Gegend heimgeführt und still wie ein Mensch, der nichts zu thun hat, ein friedlich beschauliches Dasein geführt. Er war von ruhigem Temperament und gesetztem Geiste ohne jegliche Keckheit oder Unabhängigkeits-Gelüste; seine Zeit verging ihm damit, daß er die Vergangenheit sanft zurückwünschte und den Sitten und Einrichtungen der guten alten Zeit nachweinte; und bei jeder Gelegenheit wiederholte er seiner Frau, die dabei die Augen und zuweilen auch die Hände gen Himmel hob, um kräftiger beizustimmen: »O Gott, unter was für einer Regierung leben wir!« Frau von Méroul stand ihrem Gatten geistig so nahe, als ob sie Bruder und Schwester gewesen wären. Sie wußte durch die Tradition, daß man zuerst den Papst und den König ehren muß! Und sie liebte und ehrte sie beide von Herzensgrund, ohne sie zu kennen; sie liebte sie mit poetischer Begeisterung und angeborener Hingebung, mit aller Zärtlichkeit einer Frau aus guter Familie. Sie war gut bis in die Falten ihrer Seele. Sie hatte nie Kinder gehabt und sehnte sich stets danach. Als Herr von Méroul seinen alten Freund Josef Mouradour bei einem Balle wiederfand, bereitete ihm diese Begegnung eine tiefe, ungeschminkte Freude, denn sie hatten sich in ihrer Jugend sehr geliebt. Nach den ersten Ausrufen des Erstaunens, wie sehr ihr Aussehen und Gesicht vom Alter verändert wären, hatten sie sich gegenseitig nach ihrem Leben erkundigt. Josef Mouradour, ein Südfranzose, hatte es in seiner Heimat zum General-Direktor gebracht. Er war von freiem Benehmen, redete lebhaft und ohne Rückhalt, und sprach alles aus, was er dachte, ohne zarte Rücksichten zu kennen. Er gehörte zu jenem gemütlichen Schlage von Republikanern, die sich ein Gesetz daraus machen, möglichst formlos aufzutreten und die Freiheit des Wortes bis zur Rücksichtslosigkeit zu treiben. Er kam in das Haus seines Freundes und machte sich hier durch seine ungeschminkte Herzlichkeit trotz seiner fortschrittlichen Ansichten bald sehr beliebt. Frau von Méroul rief immer aus: »Wie schade! Ein so reizender Mensch!« Und ihr Gatte sagte zu seinem Freunde in überzeugtem und vertraulichem Tone: »Du ahnst gar nicht, welches Unheil Ihr über unser Land bringt.« Trotzdem hätschelte er ihn, denn nichts ist fester, als die Beziehungen der Kindheit, die im reifen Alter wieder aufgenommen werden. Josef Mouradour seinerseits zog Mann und Frau auf, nannte sie »meine lieben Rückwärtsler« und konnte es sich bisweilen nicht versagen, mit tönendem Phrasenschwall über die Konservativen und ihre Vorurteile und Traditionen herzuziehen. Wenn er so den Strom seiner demokratischen Beredsamkeit entfesselte, schwiegen seine Gastgeber wohl oder übel aus Anstand und Lebensart, und der Gatte suchte dann das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, um das Aufeinanderprallen der Meinungen zu vermeiden. Auch sahen sie Josef Mouradour nur im eugsten Kreise. Als der Sommer kam, zogen die Mérouls auf ihre Besitzung bei Troubeville. Hier kannten sie keine größere Freude, als ihre Freunde zu Besuch zu haben. Es war dieß eine innige und gesunde Freude, die Freude redlicher Leute und Landbewohner. Sie kamen den Gästen bis zur nächsten Eisenbahn-Station entgegen und fuhren sie in ihrem Wagen heim; dabei horchten sie begierig auf jedes Kompliment über ihre Gegend, den Pflanzenwuchs, den Zustand der Straßen im Kreise, die sauberen Bauernhäuser und das wohlgemästete Vieh, das auf den Feldern zu sehen war, kurz, über alles, was in ihrem Gesichtskreise lag. Sie machten ihre Gäste darauf aufmerksam, wie erstaunlich gut ihr Pferd trabte, das doch einen Teil des Jahres mit auf's Feld mußte, warteten ängstlich auf die Meinung des Angekommenen über ihren Familiensitz, und waren für jedes Wort empfänglich, für die geringste Schmeichelei erkenntlich. Josef Mouradour wurde eingeladen und sagte sein Kommen zu. Mann und Frau waren zur Ankunft des Zuges auf der Bahn und freuten sich kindlich, ihm die Honneurs erweisen zu können. Sobald er sie erkannte, sprang er aus dem Wagen und eilte mit Lebhaftigkeit auf sie zu, was ihre Befriedigung noch steigerte. Er drückte ihnen die Hände, beglückwünschte sie und umspann sie förmlich mit Komplimenten. Während des ganzen Weges war er reizend und in steter Bewunderung über die Höhe der Bäume, den Stand des Getreides und die Schnelligkeit des Pferdes. Als er den Fuß auf die Treppe des Schlosses setzte, sagte Herr von Méroul mit einer gewissen freundschaftlichen Feierlichkeit: »Du bist jetzt bei Dir, Josef!« worauf dieser antwortete: »Danke, mein Freund, ich rechnete darauf. Übrigens thue ich mir bei meinen Freunden nie Zwang an. Ich verstehe die Gastfreundschaft nur so.« Damit ging er herauf in sein Zimmer, um sich als Bauer anzuziehen, wie er sagte. Bald erschien er in blauer Leinewand wieder. Auf dem Kopfe hatte er einen Farmerhut, an den Füßen gelbe Lederschuhe, kurz, er sah aus wie ein Pariser im Schwank-Kostüm. Auch schien er noch gewöhnlicher, vertraulicher und jovialer geworden zu sein und mit seiner Bauernkleidung eine Zwanglosigkeit und Ungebundenheit angethan zu haben, wie er sie hier wohl für angebracht hielt. Sein neues Auftreten berührte Herrn und Frau von Méroul etwas peinlich, denn sie blieben auch auf ihrem Landsitz ernst und würdig, als ob die drei Buchstaben vor ihrem Namen sie zu einer gewissen Feierlichkeit selbst im engsten Kreise verpflichteten. Nach dem Frühstück wurden die Höfe besichtigt, und der Pariser machte die ehrerbietigen Bauern durch seinen plump vertraulichen Ton stutzig. Abends aß der Pfarrer im Hause, ein alter, wohlbeleibter Herr, und steter Sonntagsgast; er war zu Ehren des Neuangekommenen ausnahmsweise zu diesem Tage gebeten. Als Josef ihn erblickte, schnitt er ein Gesicht und blickte ihn dann erstaunt an, wie ein seltenes Wesen von besonderem Schlage, das er noch nie so nahe gesehen hatte. Im Verlaufe der Mahlzeit erzählte er allerhand gewagte Stücklein, die im vertrauten Kreise wohl durchgehen mochten, hier aber, in Gegenwart eines Geistlichen, den Mérouls sehr wenig am Platze schienen. Auch sagte er nicht einmal »Herr Pfarrer«, sondern ganz kurz »Herr« und setzte den Priester durch philosophische Betrachtungen über die verschiedenen Arten von Aberglauben auf dem Erdrund in nicht geringe Verlegenheit. »Ihr Gott, mein Herr«, sagte er, »gehört zu denen, die man achten soll, aber auch zu denen, über die man streiten muß. Der meine heißt Vernunft; er ist von jeher der Feind des Ihren gewesen« ... u.s.w. Die Mérouls waren verzweifelt und bemühten sich, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken. Der Pfarrer ging frühzeitig. Da sagte der Gatte sanft: »Du bist in Gegenwart dieses Priesters vielleicht etwas zu weit gegangen.« Aber Josef rief sofort: »Das ist ausgezeichnet! Ich werde mich vor so einem Schwarzen wohl noch genieren! Übrigens weißt du: Thue mir den Gefallen, und setze mir diesen Biedermann bei Tische nicht mehr vor. Ihr mögt ihn ja frequentieren, soviel Ihr wollt, Sonntags und Werkeltags, aber sapperlot! setzt ihn nicht Euren Freunden vor. – Aber mein Lieber, in seiner heiligen Eigenschaft ... – Jawohl, weiß schon, fiel ihm Josef Mouradour in's Wort. Man muß sie behandeln, wie zarte Jungfern. Kennen wir, mein Freund! Wenn die Leute da meine Überzeugungen ehren, ehre ich die ihren auch! Das war der erste Tag. Als Frau von Méroul am nächsten Morgen in das Wohnzimmer trat, sah sie mitten auf ihrem Tische drei Zeitungen liegen, vor denen sie unwillkürlich zurückwich; es waren der »Voltaire«, die »République Française« und die »Justice.« Und alsbald erschien Josef Mouradour, wieder ganz in blau, auf der Schwelle, mit der Lektüre des »Intransigeant« beschäftigt. – Hier, rief er, steht ein famoser Artikel von Rochefort. Der Kerl ist wirklich überraschend. Er las ihn dann mit lauter Stimme vor, indem er auf die Kraftstellen einen besonderen Nachdruck legte, und war so begeistert, daß er das Erscheinen seines Freundes garnicht bemerkte. Herr von Märoul trat mit dem »Gaulois« und dem »Clairon« in der Hand ein, diesen für seine Frau, jenen für sich mitbringend. Er hörte, wie die glühende Prosa des meisterhaften Schriftstellers, der das Kaiserreich niederdonnerte, in südlichen Accenten und leidenschaftlicher Tonart vorgetragen, durch das friedliche Zimmer scholl, die alten Gardinen mit ihren graden Falten in Schwingung versetzte, und die Wände, die großen gewirkten Lehnstühle, die ganzen schweren Möbel, die seit einem Jahrhundert auf demselben Fleck standen, mit einem Hagel herumschnellender, boshafter, höhnender, vernichtender Worte überschüttete ... Mann und Frau, er stehend, sie sitzend, hörten mit Staunen zu und ärgerten sich dermaßen, daß sie kein Glied rührten. Mouradour schmetterte das Finale heraus, wie man eine Rakete abbrennt, und fragte dann in triumphierendem Tone: – Was? Ist das nicht gut gesalzen? Plötzlich aber bemerkte er die beiden Blätter, die sein Freund mitgebracht hatte, und blieb dießmal selbst vor Staunen starr. Dann eilte er mit großen Schritten auf ihn zu und fragte mit wütender Stimme: – Was willst du mit den Wischen da? – Aber ... machte Herr von Méroul zögernd, das sind ja meine ... meine Zeitungen! – Deine ... Zeitungen? Ei sieh, du machst dich wohl über mich lustig! Du wirst mir das Vergnügen machen, die meinen zu lesen; die werden dir den Kopf zurechtsetzen. Die deinen aber ... sieh mal, das mach' ich mit ihnen, das ... Und ehe sein verdutzter Wirt etwas dagegen thun konnte, hatte er die beiden Blatter ergriffen und zum Fenster hinaus geschleudert. Dann überreichte er die »Justice« mit wichtiger Gebärde der Frau von Méroul, übergab den »Voltaire« ihrem Gatten und ließ sich selbst in ein Fauteuil fallen, um den »Intransigeant« zu Ende zu lesen. Mann und Frau thaten anstandshalber so, als läsen sie etwas darin und gaben ihm darauf die republikanischen Blätter zurück, faßten sie dabei aber nur mit den Fingerspitzen an, als wären sie vergiftet. Da lachte er, lachte laut und erklärte: – Acht Tage diese Kost und ich bekehre Euch zu meinen Ideen! Nach acht Tagen war er wirklich der Herr im Hause. Er hatte dem Pfarrer die Thür verschlossen; Frau von Moroul besuchte ihn nur insgeheim; er hatte verboten, daß der »Gaulois« und der»Clairon« in's Haus kamen; dafür wurden sie von einem Bedienten heimlich von der Post geholt, und wenn er erschien, unter das Sophakissen versteckt; er bestimmte alles nach seinem Gutdünken und war stets bezaubernd und jovial in seiner tyrannischen Allmacht... Indessen wurden andre Bekannte erwartet, gute und fromme Legitimisten. Ein Zusammentreffen mit ihm hielten die Gastgeber für unmöglich, und da sie nicht wußten, was sie thun sollten, erklärten sie ihm eines Abends, daß sie genötigt wären, einer kleinen Angelegenheit halber für ein paar Tage zu verreisen und ihn allein zu lassen. – Sehr wohl, erklärte er, das ist mir ganz gleichgültig. Ich warte hier auf Euch, solange Ihr wollt. Ich sagte Euch ja gleich zu Anfang: Unter Freunden keinen Zwang! Teufel auch, Ihr thut ganz recht daran, wenn Ihr zu Eurer Geschichte da fahrt. Ich nehme Euch das nicht übel, im Gegenteil! Das benimmt mir den letzten Rest von Zwang Euch gegenüber. Geht nur, meine Verehrtesten, ich warte auf Euch! Herr und Frau von Méroul reisten am folgenden Tage ab. Er wartet noch auf sie. Das Pflegekind Fräulein Source hatte diesen Knaben unter sehr traurigen Umständen adoptiert. Sie war damals sechsunddreißig Jahre alt, und ihre Häßlichkeit – sie war als Kind von den Knieen des Kindermädchens in den Kamin gerutscht und hatte sich ihr ganzes Gesicht furchtbar verbrannt, so daß sie noch immer höchst garstig aussah – ihre Häßlichkeit hatte sie bestimmt, nicht zu heiraten, denn sie wollte nicht ihres Geldes wegen geheiratet werden. Eine Nachbarin wurde, als sie in guter Hoffnung war, plötzlich Witwe und starb darauf im Wochenbett, nicht einen Pfennig hinterlassend. Fräulein Source nahm sich des Neugeborenen an, that das Kind zur Amme, erzog es, schickte es in eine Pension und nahm es dann im Alter von vierzehn Jahren wieder zu sich, um in ihrem leeren Hause ein Wesen zu haben, das sie liebte, sich um sie kümmerte und ihr Alter sonnig machte. Sie hatte einen kleinen Landsitz vier Stunden von Rennes und lebte jetzt ohne Magd. Die Ausgaben hatten sich seit der Ankunft dieses Waisenknaben um mehr als das Doppelte gesteigert und ihre dreitausend Frank Rente konnten nicht hinreichen, um drei Personen zu ernähren. Sie führte nun selbst den Haushalt, kochte, und schickte den Kleinen, den sie außerdem im Garten beschäftigte, auf Einkäufe aus. Er war sanft, furchtsam, schweigsam und zärtlich. Und sie hatte eine innige Freude, eine neue Freude daran, wenn er sie umarmte, ohne sich von ihrer Häßlichkeit abschrecken zu lassen. Er nannte sie Tante und behandelte sie wie seine Mutter. Abends saßen sie beide am Herd und sie bereitete ihm Leckerbissen. Sie bereitete Glühwein und röstete ein paar Brotscheiben; das war ein köstlicher kleiner Schmaus vor dem Zubettgehen. Oft nahm sie ihn auch auf ihren Schoß und überhäufte ihn mit Liebkosungen, indem sie ihm zärtliche und leidenschaftliche Worte in's Ohr flüsterte. Sie nannte ihn denn wohl: »Mein Herzblatt, mein angebeteter Engel, mein himmlischer Schatz«, und er ließ sich das ruhig gefallen, indem er seinen Kopf an der Schulter der alten Jungfer barg. Obwohl er jetzt bereits fast fünfzehn Jahre zählte, war er zart und klein geblieben, und sah etwas kränklich aus. Zuweilen nahm ihn Fräulein Source nach der Stadt mit, um zwei Verwandte zu besuchen, ein paar Kousinen, die in einer der Vorstädte verheiratet waren. Es war dies ihre ganze Familie. Die beiden Frauen grollten ihr im Stillen noch immer, daß sie dieses Kind angenommen hatte, denn sie hofften selbst auf die Erbschaft; doch empfingen sie sie immer mit Wärme, denn sie erwarteten noch immer einen Teil davon, ein Drittel wenigstens, wenn redlich geteilt wurde. Sie war glücklich, sehr glücklich, und jederzeit mit ihrem Kinde beschäftigt. Sie kaufte ihm Bücher, um seinen Geist zu bilden, und er begann leidenschaftlich zu lesen. Am Abend kam er jetzt nicht mehr auf ihren Schoß, um sie zu liebkosen wie vordem, vielmehr setzte er sich schnell auf seinen kleinen Stuhl in die Ecke am Feuer und schlug ein Buch auf. Die Lampe stand am Rande des Tischchens über seinem Haupte und beschien sein lockiges Haar und ein Stück der Stirn. Er rührte sich nicht mehr, schlug die Augen nicht auf, machte keine Gebärde, sondern las, las wie geistesabwesend und ganz in das Abenteuer des Buches versunken. Sie saß ihm gegenüber und blickte ihn starr und voll innerer Erregung an; sie wunderte sich über seine gespannte Aufmerksamkeit und war voller Eifersucht; die Thränen waren ihr nahe. Zuweilen sagte sie zu ihm: »Du wirst dich müde machen, mein Schatz!«, denn sie hoffte, daß er die Augen aufschlagen und sie küssen würde. Aber er antwortete nicht einmal; er sah und hörte nichts und wußte von nichts andrem, als was auf den Seiten des Buches stand. So verschlang er zwei Jahre lang ungezählte Bände. Sein Charakter veränderte sich. In der Folge bat er Fräulein Source mehrmals um Geld, und sie gab es ihm. Da er aber immer mehr wollte, schlug sie es ihm schließlich aus, denn sie war haushälterisch und energisch und wußte am rechten Platze vernünftig zu sein. Er setzte ihr aber so lange zu, bis sie ihm eines Abends doch noch einmal eine beträchtliche Summe gab; als er aber ein paar Tage später wiederkam und bettelte, zeigte sie sich unerbittlich und gab thatsächlich nicht mehr nach. Da schien er seinen Entschluß zu fassen. Er wurde wieder ruhig, wie vordem, saß wieder Stunden lang unbeweglich, ohne einen Ton von sich zu geben, mit gesenkten Augen, in seine Träumereien verloren. Er sprach nicht mehr mit Fräulein Source und antwortete auf ihre Fragen kaum mit kurzen und knappen Sätzen. Trotzdem war er aufmerksam gegen sie, voller Rücksicht, aber er küßte sie nie mehr. Am Abend, wenn sie schweigend und unbeweglich rechts und links vom Feuer saßen, flößte er ihr jetzt manchmal Furcht ein. Sie wollte ihn aufrütteln, wollte irgend etwas sagen, um aus diesem schrecklichen Schweigen herauszukommen, das so unheimlich war, wie ein finsterer Wald. Aber er schien sie nicht zu hören, und sie bebte vor Schrecken, die arme alte Jungfer, wenn sie fünf oder sechsmal zu ihm gesprochen hatte, ohne ein einziges Wort zu bekommen. Was hatte er? Was ging in diesem verschlossenen Kopfe vor? Wenn sie so zwei oder drei Stunden ihm gegenüber gesessen hatte, fühlte sie den Wahnsinn nahen; sie wollte fliehen und sich in's Freie retten, um diesem ewigen stummen Beisammensein zu entgehen, sie bangte vor einer unbestimmten Gefahr, ohne doch recht zu wissen, weshalb. Und oft weinte sie ganz allein. Was hatte er? Sprach sie einen Wunsch aus – er führte ihn ohne Murren aus. Brauchte sie etwas aus der Stadt – sogleich ging er hin. Sie hatte sich über ihn gewiß nicht zu beklagen. Und doch ... So verging noch ein Jahr, und es schien ihr, als hätte sich in dem Geiste des geheimnisvollen Jungen eine neue Wandlung vollzogen. Sie spürte es, sie ahnte es, sie wußte nicht wie, aber sie war dessen sicher; sie wußte, daß sie sich nicht täuschte, aber sie wäre nicht im Stande gewesen zu sagen, worin die unbekannten Gedanken dieses seltsamen Knaben sich geändert hatten. Ihr schien nur, als ob er bis dahin ein zauderndes Menschenkind gewesen wäre und jetzt plötzlich einen Entschluß gefaßt hätte. Dieser Gedanke kam ihr eines Abends, als sie seinem Blicke begegnete, einem eigentümlichen, starren Blicke, den sie nicht kannte. Allmählich begann er sie alle Augenblicke so anzusehen, und sie hätte sich dann am liebsten versteckt, um diesem kalten Auge auszuweichen, das auf ihr ruhte. Bald blickte er sie ganze Abende lang an und wandte den Blick nur ab, wenn sie es schließlich nicht mehr ertragen konnte und zu ihm sagte: – Sieh mich doch nicht immer so an, mein Kind! Dann senkte er den Kopf. Sobald sie ihm aber den Rücken gekehrt hatte, fühlte sie von neuem sein Auge auf ihr ruhen. Wohin sie auch ging, überall verfolgte er sie mit seinen beharrlichen Blicken. Manchmal, wenn sie in ihrem Gärtchen spazieren ging, erblickte sie ihn plötzlich in einem Gebüsche zusammengekauert, als ob er im Hinterhalt läge. Oder wenn sie in ihrer Hausthür saß und Strümpfe ausbesserte, während er ein Gemüsebeet umgrub, blickte er sie bei der Arbeit mit heimtückischen Blicken unausgesetzt an. Vergebens fragte sie ihn: – Was hast du, mein Kleiner? Seit drei Jahren bist du so ganz anders geworden. Ich erkenne dich nicht mehr wieder. Sage mir doch, was du hast, was du denkst, ich beschwöre dich. Er antwortete dann immer mit demselben ruhigen, ermüdeten Tone: – Aber ich habe nichts, Tante. Und wenn sie in ihn drang und ihn beschwor: – Mein Kind, antworte mir doch, antworte mir doch, wenn ich dich frage. Wenn du wüßtest, welchen Kummer du mir bereitest, du würdest mir immer antworten und würdest mich nicht immer so anblicken. Hast du irgend ein Leid? Sage's mir, ich werde dich trösten ... Dann ging er mit müdem Wesen und murmelte: – Ich versichere dich, ich habe nichts. Er war nicht viel größer geworden; er hatte immer noch das Ansehen eines Kindes, wiewohl er die Züge eines Mannes trug. Sie waren hart und doch unfertig. Er schien unvollendet, schlecht geraten und gleichsam nur hingeworfen zu sein, und beunruhigend war er wie ein Geheimnis. Ein verschlossenes, undurchdringliches Wesen, in dem jeden Augenblick eine thätige und gefährliche Geistesarbeit vor sich zu gehen schien. Fräulein Source empfand das alles sehr wohl und schlief vor Angst nicht mehr. Schreckliche Beklemmungen, entsetzliche Träume quälten sie oft. Sie schloß sich in ihr Zimmer ein und verbarrikadierte ihre Thür; so ängstigte sie das Unbestimmte. Wovor fürchtete sie sich? Sie wußte es selber nicht. Sie fürchtete sich vor allem, vor der Nacht, den Wänden, den Gestalten, die der Mond durch die geblümten weißen Vorhänge hindurchwarf, und vor allem – vor ihm! Warum? Was hatte sie zu fürchten? Wußte sie es? Und doch konnte sie so nicht länger leben. Sie war sicher, daß ein Unglück sie bedrohte, ein schreckliches Unglück. Eines Morgens brach sie insgeheim auf und ging nach der Stadt zu ihren Verwandten. Sie erzählte ihnen alles mit bebender Stimme. Die beiden Frauen dachten, daß sie verrückt würde, und suchten sie zu beruhigen. – Wenn ihr nur wüßtet, klagte sie, wie er mich von morgens bis abends anstarrt! Seine Augen verlassen mich nie. Zuweilen möchte ich am liebsten um Hilfe schreien und die Nachbarn herbeirufen, so fürchte ich mich. Aber was sollte ich ihnen sagen? Er thut mir ja nichts, als daß er mich anblickt. – Ist er denn zuweilen brutal gegen dich? fragten die beiden Kousinen. Giebt er dir freche Antworten? – Nein sagte sie, niemals. Er thut alles, was ich will, er arbeitet fleißig und ist die Sparsamkeit selbst, aber ich halte es vor Furcht nicht mehr aus. Er hat etwas im Kopfe, deß bin ich sicher, ganz sicher. Ich will nicht mehr so ganz allein mit ihm auf dem Lande bleiben. Die Verwandten waren betroffen und stellten ihr vor, daß man sich wundern, daß man es nicht begreifen würde, und gaben ihr den Rat, ihre Befürchtungen und Pläne zu verschweigen, rieten ihr indessen nicht ab, nach der Stadt zu ziehen, denn sie hofften, daß dadurch die ganze Erbschaft noch an sie zurückfallen würde. Sie versprachen ihr sogar, ihr beim Verkauf ihres Hauses behilflich zu sein, und wollten etwas andres in ihrer Nähe aussindig machen. Als Fräulein Source in ihr Heim zurückkehrte, war ihr der Kopf so wirr, daß sie beim geringsten Geräusch zusammenfuhr und ihre Hände bei der kleinsten Bewegung zu zittern begannen. Sie ging dann noch zweimal zu ihren Verwandten, um sich mit ihnen zu besprechen, und war jetzt ganz entschlossen, nicht mehr so allein in ihrer Wohnung zu bleiben. Endlich fand sie in der Vorstadt ein kleines Gartenhaus, das ihr zusagte, und das sie insgeheim kaufte. Der Kontrakt wurde an einem Dienstag Morgen unterzeichnet, und Fräulein Source verbrachte den Rest des Tages mit Vorbereitungen für den Umzug. Um acht Uhr abends stieg sie wieder in den Postwagen, der tausend Schritt vor ihrem Hause vorbeiging, und ließ an dem Punkte halten, wo der Kutscher sie gewöhnlich abzusetzen pflegte. Als sie ausstieg, rief der Mann ihr zu, indem er auf seine Pferde einhieb: – Guten Abend, Fräulein Source, gute Nacht! – Gute Nacht, Schwager Joseph, antwortete sie im Gehen. Am andern Morgen um halb acht Uhr, als der Briefträger seine Briefe nach dem Dorfe trug, bemerkte er auf dem Querweg nicht weit von der Straße eine große, noch frische Blutlache. »Halt!« sagte er sich, »hier hat einem die Nase geblutet.« Zehn Schritt weiter bemerkte er indessen ein – gleichfalls blutiges – Taschentuch und hob es auf. Es war von feinem Leinen. Als der Fußgänger sich dem Graben näherte, glaubte er einen seltsamen Gegenstand zu sehen. Fräulein Source lag auf der Grabensohle mit durchgeschnittener Kehle im Gras. Eine Stunde später standen die Gendarmen, der Untersuchungsrichter und viele Beamte um die Leiche herum und stellten Vermutungen an. Die beiden Verwandten wurden als Zeugen vorgefordert und erzählten die Befürchtungen und letzten Pläne der alten Jungfer. Der Pflegesohn wurde festgenommen. Seit dem Tode seiner Adoptiv-Mutter weinte er vom Morgen bis in die Nacht und war – wenigstens scheinbar – auf das tiefste bekümmert. Er führte den Beweis, daß er den Abend bis elf Uhr in einem Café gewesen war. Zehn Personen hatten ihn gesehen und waren bis zu seinem Aufbruch geblieben. Nun aber erklärte der Postkutscher, er habe die Ermordete zwischen halb zehn und zehn Uhr auf der Straße abgesetzt. Das Verbrechen konnte nur auf dem Wege von der Straße bis zum Hause und spätestens um zehn Uhr verübt worden sein. Darauf hin wurde er freigelassen. Ein Testament von älterem Datum, das bei einem Notar in Rennes deponiert war, machte ihn zum Universalerben, und er trat die Erbschaft an. Die Leute der Gegend ächteten ihn lange Zeit, da sie ihn für verdächtig hielten. Sein Haus, das der Todten, galt für verfehmt. Auf der Straße wich man ihm aus. Aber er offenbarte sich als so gutmütig, offenherzig und vertraulich, daß man ganz allmählich den schrecklichen Zweifel fallen ließ. Er war freigebig und zuvorkommend, er unterhielt sich selbst mit dem Niedrigsten, er sprach von Allem und so lange man wollte. Der Notar, Herr Rameau, war einer der ersten, der wieder für ihn eintrat; seine lächelnde Redseligkeit bestach ihn. Eines Abends, auf einem Abendessen beim Steuereinnehmer, erklärte er: – Ein Mensch, der so ungezwungen spricht und stets guter Laune ist, kann ein solches Verbrechen nicht auf dem Gewissen haben. Den Anwesenden hatte dieses Argument Eindruck gemacht, sie dachten nach und entsannen sich in der That ihrer langen Unterhaltungen mit diesem Menschen, der sie fast wider Willen in der Plauderecke festhielt, um ihnen seinen Gedanken mitzuteilen, der sie zwang, bei ihm einzukehren, wenn sie an seinem Garten vorübergingen, dem die schönen Redensarten leichter flossen, als selbst dem Gendarmerie-Leutnant, und dessen Lustigkeit so ansteckend war, daß man trotz des Widerwillens, den er einflößte, in seiner Gesellschaft immer herzlich lachen mußte. Seitdem öffneten sich ihm alle Thüren. Jetzt ist er der Bürgermeister des Städtchens.