Gustav Landauer Arnold Himmelheber Novelle Vorspiel Erstes Kapitel Schon seit einer halben Stunde stand in der Mitte des Gemachs ein ausgewachsenes Menschenkind und sang in bald schwermütigen, bald jubelnden, aber immer eigenen Weisen: lalala, lalalala, lala, lalalala. Das Zimmer war sonst leer, und das Menschenkind war ein schönes Mädchen. Es klang nicht kindisch, dazu sang sie zu kunstvoll; aber es war weder eine Melodie noch hatte je ein Komponist diese Weise gesetzt. Auch kam es ihr nicht darauf an, plötzlich abzubrechen, um dann wieder ganz leise anzuheben, und zwar diesmal vermischt mit dem Gesang der Worte: »Bald kommt Vater – freu' dich, Seele – Vater kommt!« Aber er schien lange ausbleiben zu wollen, und das blasse Mädchen hörte endlich auf, seine sehnsüchtige Unruhe tönen zu lassen; sie seufzte und trat ans Fenster. Die Berge drüben waren im Schnee begraben; auf den Bäumen im Garten unten lag aber nur eine dünne silberne Schicht, und die Straße war trocken und klirrte bei den Schritten der rasch Vorbeigehenden in eisiger Härte. Das Mädchen faltete die Hände über dem Busen und ließ den Kopf hängen; ihr Mund verzog sich klagend, und es fehlte nicht viel, so wäre ihr das Weinen gekommen. Da klingelte es außen an der Korridortüre. »Vater, Lieber, endlich, Vater!« rief sie jubelnd und eilte hinaus. Sie öffnete und schrie unterdrückt auf, laut genug. Dabei ward sie sehr blaß. Doch sagte sie fast augenblicklich, ehe der junge Mann, der außen stand, Zeit hatte zu reden: »Sie sind's. Gegrüßt, vielmals. Das heißt überrascht. Kommen Sie. Wie wird sich Vater freuen. Legen Sie doch ab.« »Grüß Sie, Fräulein Suse. Wie geht's? Hab' ich Sie so sehr erschreckt?« »Ich glaubte sicher, Vater käme. Die Überraschung, wie Sie so unvermutet – nun, kommen Sie ins warme Zimmer. Vater wird kommen – bald.« Die beiden traten ins Zimmer und setzten sich einander gegenüber an den Tisch. Er stand aber sofort wieder auf und blickte rasch im Gemach umher. Derweil sah sie zu Boden und schaute auch nicht auf, als sie seinen Blick auf sich gerichtet ahnte. Langsam war ihr das Blut wieder gekommen, und jetzt blieb sie glühend rot. Dabei zuckte es ihr wieder hilflos, weinerlich um die Lippen. »Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Fräulein Suse. Wie geht es Ihnen?« »Oh – mir – fehlt nichts. Und Vater ist sehr, sehr wohl.« »Na, was sollte dem Alten fehlen? Aber auch Sie haben eine sehr gesunde Farbe. Blühend, rot. So kannte ich Sie gar nicht.« »Sie täuschen sich leider. Es ist nur – es ist so heiß hier. Das wechselt sehr bei mir. Doch meist bin ich blaß. Sie wissen ja – das Herz. Es ist – wohl nicht besser.« Sie sagte das alles zaghaft, schüchtern, mit Pausen der Verlegenheit. Sie tat ihm leid. Er war nie klug aus ihr geworden; aber er merkte jetzt bald, sie mußte dumm sein. Anders konnte er sich's nicht erklären. Unterdessen fand sie, daß sie wieder etwas äußern müsse. »Sind denn jetzt schon – Ferien?« »Nein. Aber ich habe eine Überraschung für unsern Alten. Ich bin mit dem Examen fertig.« Sie stand steil auf, als ob es ihr einen Stoß gebe. Doch sagte sie ruhig und freundlich: »Da wünsche ich Ihnen schönstens Glück. Dann – bleiben Sie jetzt wohl hier?« Er blickte sie etwas erstaunt an. Ihm schien doch auf dem Grunde ihrer Frage etwas Banges zu lauern. »Wäre Ihnen das wirklich so unangenehm?« »Ich glaube, ich habe das nicht gesagt. Aber – wenn auch –« Sie verstummte. Die Situation war ihr schrecklich. »Sie meinen? Fräulein Suse?« Nun überwand sie sich und sagte in freundlich aufrichtigem Tone: »Herr Prinz, Sie wissen, das kann nicht gegen Sie gemeint sein. Wir haben uns ja auch als Kinder vertragen. Es ist nur, weil Sie mir den Vater so viel entziehen werden.« »Aber bestes Fräulein, Sie werden ihn doch nicht einschließen wollen? Wir reden ja nur zusammen. Wenn unsere Gespräche Sie interessieren würden, können Sie ja immer dabei sein. Nicht?« Sie starrte in ihren Schoß und antwortete nicht. Endlich fragte sie leise, indem sie aufblickte: »Sie glauben nicht, daß mich Ihre Gespräche interessieren?« Er schaute ihr langsam in die Augen, die in dunklem Glanze unter ihrer weißen Stirne lagen. »Fräulein Suse, ich kenne Sie nicht. Ich weiß es nicht. Es liegt etwas in Ihnen, das Sie mir nicht zeigen. Ich muß mich bescheiden, nicht zu urteilen.« Das Mädchen war aufgestanden und preßte die linke Hand an die Schläfe. Dann warf sie den Kopf wie mit plötzlichem Entschluß zurück. »Herr Prinz,« fing sie mit veränderter Stimme an; es war eine seltsame Klarheit in sie gekommen. »Sind Sie noch wie früher? Sind Sie wie mein Vater? Sie verstehen nicht. Ich meine – sind Sie anders als diese – andern? Kann man mit Ihnen sprechen, wie man mit sich selber spricht? Das heißt, manche sprechen ja auch mit sich nur ebenso wie mit der Welt oder wohl gar nicht. Nun verstehen Sie. Kann man aus sich herausgehen? So ist Vater. Und so waren Sie früher. Aber nun – vielleicht haben Sie sich geändert, seit Sie von ihm fort sind. Bitte – sagen Sie mir das. Dann können wir uns vielleicht verstehen.« Was er sagen sollte, wußte er. Aber was sollte er denken? Dumm – nein wirklich, dumm schien sie doch nicht. Was war das? »Fräulein Suse,« entgegnete er, »ich bin, der ich war. Was Ihr Vater, unser Vater aus mir gemacht hat, das kann keine Welt mehr ändern.« Sie besann sich, dann lächelte sie ihn an. »Nun denn – so will ich Ihnen mir die Hand geben, die wir vorhin vergessen haben. So. Und was ich also sagen wollte – ich hoffe, Sie lachen mich aus, aber ich muß es doch sagen – also... bitte, bitte, ver... ver... verlieben Sie sich nicht in mich. Ja, ja, wenn man von Anfang an nicht will, dann kann man's ganz schön lassen. Bitte, nehmen Sie sich's vor. Dann – auf gute Freundschaft!« Er war starr. Schließlich platzte er heraus. »Aber – warum denn nicht? Verstehen Sie mich nicht falsch – ich möchte nur – ich verstehe nur nicht –« »Brauchen Sie auch nicht,« lachte sie nunmehr ganz fröhlich, wie ein Kind, das seinen Willen bekommen hat, »also versprechen Sie mir's mit Ihrer Patschhand!« Er sah sie an. Ihr Auge strahlte feucht. Ihre kußlichen Lippen, das einzige, was jetzt Farbe war in ihrem Gesicht, waren leicht zu einem Lächeln geöffnet. »Nun, Fräulein Suse, da uns doch einmal die freie, schöne Wahrheit gestattet ist: Sie sind nicht kokett? Das müssen Sie mir sagen.« Und sie versicherte in ernstem, selbstverständlichem Tone: »Nein, wahrhaftig, ich bin nicht kokett.« »Nun, so will ich's denn nur versprechen. Ich werde –« Er zögerte »Herr Prinz!« »Aber Beste, das ist nicht so leicht. Mein Herz ist frei, und Sie –.« »Herr Prinz, Sie müssen es sich vornehmen. Nochmals. Ich bitte Sie darum. Sagen Sie mir's.« »Wir sind wahrhaftig zwei kuriose Menschen. Können Sie mir denn nicht ganz einfach und schlicht den Grund sagen?« »Das ist's ja eben. Dann wäre ja alles natürlich und – nein, ich kann nicht. Bitte!« »Nun denn hier meine Hand. Wir wollen sehen, daß wir uns nahe treten und gute Freunde werden.« »Aber – jawohl, jawohl – das wollen wir, aber Sie sollten mir ja sonst etwas sagen.« »Ach ach, ach ach, Sie Quälgeist. Konnte das nicht drin liegen. Ja, ich verspreche, mich nicht – Sie nicht – Sie nicht lieben zu wollen und Sie nicht zu bedrängen.« »Schön, Sie guter Mensch. Das haben Sie lieb und recht gesagt. Hier!« Sie drückte ihm mit festem Griff die Hand. »Und nun sollen Sie in Ihr Zimmer gehen und sich waschen. Kommt Ihr Gepäck? Haben Sie Hunger?« »Weder das eine noch das andere. Ich habe am Bahnhof gefrühstückt, und im übrigen – ich werde mich vom Alten emanzipieren. Ich will mir heute noch ein Zimmer mieten. Das wird auch für unsern wunderlichen Vorsatz das Beste sein.« »Ach Sie – es war ja gar keine Gefahr. Ich will nur Sicherheit.« »Nun, da Sie nicht kokett sind, will ich nicht schmeicheln. – Ist das Kleid hier Ihr eigener Geschmack? Es ist schön.« Suse trug ein sehr einfaches Morgenkleid aus feinem, lichtem Flanell, das nur durch eine breite, purpurne Schleife auffiel. Die zarte weiße Farbe des Stoffes und das glühend rote Band stimmten schön zu der Blässe ihrer Wangen und ihrer Stirne und zu ihrem brennenden Lippenpaar. »Gefällt es Ihnen auch? Ich habe es so gewählt, damit es dem Vater gefällt. Nun – es ist sein Geschmack.« »Wo steckt er denn eigentlich? Ich dachte sicher, ihn vorzufinden.« »Und fast hätten Sie uns beide nicht getroffen. Er ist auf dem Eise – Schlittschuh laufen – nun bald zwei Stunden. Wir laufen fast immer zusammen – aber er meinte, es sei mir bei dem scharfen Wind zu anstrengend. Aber ich kenne ihn schon. Er hat manchmal so die Stimmung, mit Siebenmeilenschuhen auszufahren, das einsam trunkene Rasen – das ist so seine Sache, wenn ihm besonders wohl und herrlich zumut ist. Nun – und bei dem Wetter – da kommt ihm seine Götterstimmung. Da muß eben selbst Lysa zu Hause bleiben.« »Lysa? Was ist das für ein Wesen?« »Sehen Sie, nun bekommen Sie gleich Ihren Lohn, weil Sie brav waren. Sie dürfen mich auch so nennen. Lysa – so nennt mich Vater. Suse, vorhin von Ihnen, das klang mir nun schon ganz fremd.« »Lysa, Lysa, das klingt so eigen, wie kam er nur darauf?« »Sie kennen ihn ja, wie er ist. Er sagte plötzlich, das sei mein Klang. Lysa, das klinge wie ich. So heiße ich denn, wie ich dem Vater klinge.« »Also, Fräulein, hm, Lysa, Sie haben ja heute den Tag Ihrer kalten Einfälle; wollen Sie Ihr Versprechen einlösen und mir für Waschwasser sorgen?« »Mit größtem Vergnügen, durchlauchtigster Prinz Ludwig; ich muß aber bemerken, daß Ihnen hier der heimliche Nebengenuß von Wortwitzen erschwert wird; Vater Arnold lehrt mich in unseren Mußestunden Griechisch.« »Hol, mich der Teufel – entschuldigen Sie –, ist dem Alten schwach geworden? Er hat doch sonst nicht viel für die Alten übrig gehabt. Mir hat er damals nur das Notdürftigste fürs Examen beigebracht.« »So? Was hat er denn damals mit Ihnen gelesen?« »Ich glaube, ein Stückchen Plato und ein bißchen Demosthenes.« »Sehen Sie wohl? Und wissen Sie, was ich lese? Ein Stückchen Demosthenes und die Verteidigungsrede des Sokrates. Ein anständiger Mensch muß das im Urtext lesen – sagt Vater; es steckt Stil drin – sagt Vater. Und extra darum lern' ich Griechisch.« »Und mein Waschwasser?« Sie sah ihn lächelnd an. Dann sprach sie mit guter Innigkeit: »Sehen Sie, so viel und so vertraut wie jetzt haben wir die ganzen Jahre nicht gesprochen, selbst uns Kinder trennte etwas Fremdes. Und wer hat uns zu Freunden gemacht, zu offenen Menschen? Ich und mein Mut! Stolz will ich sein. Na – nun kommen Sie nur.« Und sie zog ihn strahlend an der Hand zum Zimmer hinaus in eine Gaststube und holte ihm selbst das Wasser und ein frisches Handtuch. Dann nickte sie ihm noch einmal zu und trat wieder in das Wohnzimmer. Sie fing fröhlich an zu trällern, brach aber rasch ab und spitzte die Ohren. Unten auf der Straße kam's gewichtig heran, langsamen, festen und so bekannten Trittes; und zwischen jedem Schritt machte es: klirre, klirre, klirre. Sie riß das Fenster auf – »Lysa, ich hab' was für dich!« rief eine schöne Baßstimme herauf. »Vater, ich hab' was für dich!« entgegnete sie jubelnd und aufgeregt, schloß rasch das Fenster, da er im Haus verschwunden war, und ging ihm öffnen. Eine halbe Treppe hinunter, ihm entgegen – »was hast du für mich?« aus beider Mund, dann küßten sie sich und nickten sich lachend zu. »Erst ich« – »erst du« schwatzten sie durcheinander. So kamen sie ins Zimmer hinein, und er zog seine linke Hand hinter dem mächtigen Rücken hervor, entfernte von etwas Eingewickeltem das Seidenpapier und fragte: »Hast du je zwei schönere Rosen gesehen?« Es war eine wunderzarte, magere, lichtgelbe Marschall Niel-Rose und eine volle samtene in dunklem Purpur. Lysa streichelte mit zwei Fingern über die gelbe Rose, die auf dünnem Stiel zitterte, und flüsterte traurig scherzend: »Herzkranke Rosenprinzessin, senkst erschauernd dein Köpfchen zu Grabe –« »Lysa! Willst du! Sei nicht bös! Schau lieber hier die rote. Das ist purpurner Liebesmund, leidenschaftliches Glück –« Lysa lehnte sich an ihn, schaute ihm in das scharfe Auge, das selbst jetzt in die Ferne glänzte, und streichelte leicht über seine Backe und den langen, greulichen Vollbart. Dann hielt sie ihm die Blüte unter die Nase. »Den Duft? Spürst du ihn? So süßlich schmerzhaft! Das ist nicht gesund, Vater! Doch laß nur. Wir wollen ja beide recht haben. Nicht?« Und dabei befestigte sie die Rosen leicht und gewandt an ihrem Gürtel. Dann legte sie ihm beide Hände auf die Schultern – sie war nicht klein und mußte sich doch fast strecken, um zu dem mächtigen Riesen in die Höhe zu kommen – und sah ihn lange mit lachenden Augen an, die ihn fragten: Rätst du es wohl? »Komm, Alter, jetzt bin ich daran, mich zu freuen.« Als sie ihn »Alter« nannte, stutzte er. So nannte sie ihn sonst nicht; ein anderer wohl. Sollte –? wohl kaum. Rasch folgte er ihr zur Gaststube, wo sie leicht an die Tür pochte und fragte: »Kann man eintreten, Prinz Ludwig?« Der Alte ließ ihm keine Zeit, zu antworten. Er stürzte, sowie er den Namen hörte, hinein, umarmte den jungen Mann, der in Hemdärmeln dastand und gerade sein Haar abtrocknete, und wirbelte ihn im Kreise. Dabei rief er, daß es in dem kleinen Zimmer ordentlich dröhnte: »Mein Junge ist wieder da! mein Kaspar! mein Peter mit der Geiß! mein Don Quixote! Herzwillkommen! Junge, was tun Sie denn hier?« »Arnold, Alter, Närrischer, väterlicher Freund und Verführer, Menschenjäger und Satan, lassen Sie mich erst zu Atem kommen, dann steh' ich Euch Rede, Herzensvater! – Entschuldigen Sie, Fräulein Suse, meine Toilette, aber Ihr riesiges Väterchen ist verrückt geworden!« »Tut nichts, Herr Prinz,« antwortete Lysa lachend. »Sie wissen ja, unsere Abmachung. Aber hören Sie, Sie werden doch hübsch schweigen?« »Versteht sich, Fräulein Suse. Schämen Sie sich.« Der Alte hielt es nicht länger aus. »Lysa, wollt ihr nicht euer heimliches Wesen lassen? Was will der junge Mann hier?« »Herr Medizinalrat a. D. Doktor Arnold Himmelheber, vielleicht gestatten Sie mir, Ihnen in diesem strebsamen, jungen Mann einen frischgebackenen Kollegen, den praktischen Arzt und Privatgelehrten Ludwig Prinz vorzustellen – nur von Freunden auch Prinz Ludwig genannt.« »Menschenskind, schon fertig? Geölt mit heiliger Salbe, mit allen Wassern gewaschen und mit allen Hunden gehetzt? Das Examen bestanden? Vortrefflich! Junge, jetzt bleiben Sie aber hübsch hier. Ja? jetzt wollen wir anfangen zu studieren, wir zwei!« Und er faßte ihn beim Arm und führte ihn in sein gemütliches, geheiztes Studierzimmer. Lysa folgte den beiden. »Na, meine Lysa, wie wär's für den Anfang –« »Um Himmels, willen,« rief Ludwig entsetzt, »Sie werden mich doch nicht im Plato prüfen wollen, Alter?« »Hat das Kind schon geplaudert? Nein. Eigentlich meinte ich, wir wollten eine Flasche Wein zusammen trinken. Wie wär's, Lysa?« »Ich hole euch gern eine herauf. Aber welche Sorte?« »Na, rat' einmal. – So groß ist der Vorrat ja nicht.« »Raten – ...? Etwa – Lützelsachsener...?« »Hm, wär' nicht übel. Aber direkt aus dem Keller ist er etwas zu kalt. Aber wenn du zu Martha in die Küche wanderst, wird sie dir verraten, daß in der Speisekammer noch so eine Aßmannshäuser mit schöner Zimmertemperatur steht – hm, Schatz, das wär' etwas für uns!« » Für mich nun nicht, Vater. Ich trink' euch zu und dann laß ich euch euren Gesprächen. Die interessieren mich gar nicht, Herr Prinz, aber auch kein bißchen!« Die Augen des Alten blieben an der Tür hängen, hinter der sie verschwunden. »Junge, haben Sie so ein Mädel schon einmal gesehen?« »Gevatter Arnold, in der Tat, nein. Ich sehe sie heute zum erstenmal.« Himmelheber blickte ihn rasch und scharf an, preßte die Lippen flüchtig zusammen und machte »hm«. Dann ließ er die Augen auf der Decke spazieren, kratzte sich im Bart und murmelte im Singsangton vor sich hin: »Das wär' eine schöne Geschichte.« »Alterchen fehlt Euch was?« »Was? Ach, Unsinn. Was ein Mensch für Mucken in den Schädel kriegt. – Und Gott sprach: Es werde Licht! Da trat meine Lysa herein – und brachte den Wein!« Alle drei mußten lachen. »Vater reimt,« sprach Lysa, indem sie die Flasche und die Gläser sowie einige Brötchen auf den Tisch stellte. »Meinst du vielleicht, das sei einzig dein Vorrecht?« »Was höre ich?« fragte Ludwig erstaunt. »Fräulein Suse, Sie dichten?« Lysa wurde tiefrot. »Doch nicht, Herr Prinz, vom Dichten ist gar nicht die Rede. Vater scherzt nur.« »Papachen, wollen Sie nicht erklären –?« »Sie hören ja, Ludwig; Lysa wünscht, daß ich scherze. Die Sache ist erledigt. Komm Lysa, zuerst kommen wir zwei.« Und er reichte ihr das volle Glas und ergriff das seine. Dann sprach er ernsthaft: »Du sollst – leben!« Lysa schüttelte leicht in Ergebenheit den Kopf. »Sie lebe!« erwiderte sie mit Betonung, stieß mit ihm an und trank. »Ich schließe mich an,« sagte Ludwig verlegen und etwas erregt und trank sein Glas in einem Zuge leer. Himmelheber sah ihn ernsthaft und eindringlich an und legte die Hand auf seinen Arm. »Lieber Junge,« fragte er langsam, »haben Sie eben unsere Feierlichkeit verstanden?« »Nicht im mindesten,« erwiderte Ludwig ebenso verlegen wie zuvor, »aber schließlich, ich bin jung und – und – phantastisch – hol's der Teufel, ich kann mich eben trotz euch auch noch begeistern; ich spürte eine duftige Stimmung im Zimmer, und ihr zwei, ihr gefielt mir. War's nicht recht, daß ich mittrank?« Lysa öffnete ihre Augen und ließ sich von ihrem Vater hineinblicken. Der nickte ihr zu und sprach dann: »Ihr seid unser lieber Junge, Ludwig, und habt sehr wohlgetan – Aber uns verstehn, das ist nicht nötig – vorerst. Vielleicht – später. Nicht Lysa?« »Nein, niemals, Vater,« flüsterte Lysa, indem sie flüchtig seine Stirne küßte. Dann reichte sie Ludwig die Hand: »Prinz Ludwig, ich werde mich freuen, Sie bald wiederzusehen. Und wenn der Vater Sie langweilt oder sonst, wenn Sie gelegentlich Lust haben, dann dürfen Sie an mein Mädchenzimmer klopfen und mich besuchen.« Sie nickte nochmals graziös und war fort. Die beiden Männer aber, der alte und der junge, blieben noch lange bei ihrem duftenden roten Rheinwein sitzen und rauchten ihre Zigarre und hatten sich viel zu erzählen und viele Gedanken und Einfälle zu tauschen. Zweites Kapitel Einige Wochen waren ins Land gegangen, der Frühling hatte schon spärliche laue, regnerische, stürmische Grüße gesandt, da saß oder lag eines Nachmittags in seinem Schaukelstuhl im Studierzimmer Arnold Himmelheber rauchend und langsam-nachdenklich in einem dicken Buche lesend. Um den Leib hatte er einen Schlafrock, auf dem Kopfe ein rundes Käppchen aus hellgrünem Samt und an den Füßen leichte Pantoffeln aus grellrotem, sehr dünnem Schafleder. Da trat Lysa ins Zimmer, geräuschlos, denn sie vermutete ihn schlafend. »Väterchen,« flüsterte sie, ohne sich ihm zu nähern. »Mein Kind, mein liebes, gutes Kind, warum läßt du uns beide so lange allein?« sprach er ebenso mit mehr gedämpfter Stimme, als gelte es, auch sie nicht zu erwecken. Doch war sie gerade dadurch leicht zusammengefahren. Sie sprang mit zwei Sprüngen zu ihm hin, kniete und kuschelte sich an ihn. »Rasch, rasch, wir haben keine Zeit. Ich komme – es ist nämlich jemand draußen, ein Fremder, der dich sprechen will.« Die Hand auf ihr braunes, schlichtes Haar gelegt und sie sanft streichelnd, fragte er etwas erstaunt: »Mich? Sprechen? Was will er denn?« »Weiß nicht. Sieht aus wie ein Jude vom Land.« »Hm, so – da hat sich wieder einmal einer verirrt, der nicht weiß, daß ich nicht mehr praktiziere. Merkwürdig, diese Dorfjuden hängen mit einer seltsamen Zähigkeit an mir. – Na, so laß ihn eben eintreten.« Lysa schaute noch rasch von unten zärtlich zu ihm auf, dann ging sie den Fremden hineinschicken, während sie in ihr Zimmer schritt. Der Mann, der nun näher trat, war in der Tat gekommen, um »den Herrn Doktor« als Patient zu konsultieren. Auch war es richtig ein Jude aus Schöneck, einem Dorfe, das nur etwa zwei Stunden entfernt war. Himmelheber war ihm nicht unfreundlich zu Diensten und klärte ihn auch über die Natur und die Aussichten seines Leidens bereitwillig auf. Der Patient war schon dabei, sich zu verabschieden, da sagte Arnold: »Warten Sie doch mal« und sann nach. »Sag, Sie sind aus Schöneck?« »Jawohl, Herr Medizinalrat, ich bin da ansässig.« »Hm – lebt der Alte noch, wie heißt er nur – den ich einmal vor Jahren in der Kur hatte – hm, ja – Kalme Tilsiter – lebt der noch?« »Ach nein, jetzt ist er doch schon ein paar Jährchen tot. Kein Mensch hatte ja geglaubt, daß Sie ihn noch einmal so in die Höhe bringen.« »Hm ja, das ewige Leben hab' ich ihm ja nicht garantiert. Weiß kaum, ob ich mir's selber leisten kann. Hatte er nicht auch einen Sohn dort in Schöneck?« »Zwei Söhne, Herr Doktor, der Isaak und der Wolf.« »Richtig – Wolf – Wolf Tilsiter, den mein' ich. Wie geht's denn dem?« »Oh, sehr gut, Herr Doktor. Daß er verheiratet ist, wissen Sie wohl?« »Verheiratet? Hab' ich nicht gewußt. Seit wann denn schon? Es ist freilich schon lange, daß er zu mir kam –« »Das muß nun wohl an acht Jahre sein, daß er Hochzeit hatte.« »So lange schon? Aber Kinder hat er doch gewiß keine.« »Das haben Sie wirklich geraten, Herr Medizinalrat. Es macht ihm wahrhaftig viel Kummer.« »So? hm,« brümmelte der Alte und schmunzelte ganz wenig in seinen Bart. »Was hat er denn für eine Frau? Ist sie hübsch?« »Hübsch, Herr Doktor?! Eine großartig schöne Frau. Sie haben noch keine so gesehen.« »So, Seht einmal den Racker. – Schön? und keine Kinder? Na, ihm würd' ich schon welche gönnen. Geschäh' ihm schon recht. – Nun, danke schön für die Auskunft. Man hört immer gern, was alte Bekannte machen.« »Ich muß danken, Herr Medizinalrat. Was hab' ich zu –?« Arnold schüttelte den Kopf, und mit nochmaligem wortreichen Dank entfernte sich der Fremde. Der Alte schaute eine Zeitlang, ohne viel zu denken, vor sich hin, dann blies er die Luft von sich und murrte widerwillig: »Schweine!« Er wartete eine Weile, dann aber hob er den Kopf und machte erstaunt: »Na!« Er machte ein paar Schritte und blieb wieder stehen. »Wo bleibt sie denn nur?« Nun rief er, daß es laut durch die Wohnung schallte: »Ly–sa!« Sie steckte den Kopf zur Türe herein. »Vater, willst du nicht zu uns herüberkommen? Es ist so mollig bei mir. Prinz ist gekommen.« »So? Ist er da? Drum läßt du mich warten, böser Mensch. Na ja, so muß ich eben auswandern.« Und er warf einen Blick voll Erbarmen auf seinen Schaukelstuhl. Dann legte er leicht seinen Arm in den ihren, und sie gingen hinüber. Prinz saß auf dem Sofa und aß ein Stück Apfelkuchen. Auf einem kleinen Tischchen vor ihm stand eine geleerte, zierliche Kaffeetasse. »Natürlich, wir kommen ins Weibliche,« lachte Arnold, indem er Ludwig die Hand drückte. »Die reine Konditorei. Komm, meine Lysa, gib mir auch so ein Stück Kuchen.« Im ersten Moment wurde sie glühend rot. Dann lachte sie verlegen. »Ach, Väterchen, Herr Prinz hat ihn aufgegessen.« Arnold lachte laut auf. »Macht nichts, Kind. Aber beichten, Junge, wieviel Stück?« »Viere, Alter!« »Brav, mein Sohn!« Lysa hatte sich rasch wieder erholt. »Warte, ich hole etwas.« Sie brachte ein kleines, schwarzes Holzkästchen mit Zigaretten. »Um dir eine Freude zu machen,« sagte sie zu Arnold und zündete sich eine an. »Ich mache mir eigentlich nicht mehr viel daraus,« fügte sie, zu Ludwig gewandt, hinzu, »aber Vater findet es so schrecklich ungemütlich, wenn ich ihn allein rauchen lasse.« Unterdessen schenkte sie dem Vater seinen Kaffee ein und steckte auch ihm eine Zigarette an. Er ließ ihr die frische und bat sich die ihrige aus. »Schmeckt besser,« sagte er entschuldigend. Dann ließ er seine Augen funkelnd über den kleinen Kreis und das Erkerzimmer schweifen, durch dessen Fenster man einen weiten Ausblick ins Tal hatte, das jetzt ganz vom Schnee befreit war. Nur vereinzelt glänzten noch auf den Bergen weiße Flecke. Arnold nickte vor sich hin und schnalzte vor Vergnügen mit der Zunge. »Schön, schön!« sagte er dann, »ich bin nun zweiundsechzig Jahre alt, aber nie hab ich mich wohler gefühlt als jetzt. Ach, Kinder, wären wir nicht dumm, o wie dumm, wenn wir am Leben nippen wollten, da wir's in vollen Zügen trinken können? Ah, wahrhaftig, ich bin kein Kostverächter! Lysa, mein Kind, ich möcht's hinausschreien in alle Welt!« »Vater, tu's nicht,« bat Lysa leise und innig, aber doch wohlig berührt von seiner Kraft. »Ich – du weißt, dein Kind ist nur ein schwacher Mensch.« Er nickte ihr nur leicht zu und blickte in die Welt hinaus. Dann rieb er sich seine Schenkel. »Frühjahr wird's! Mich brennt's und juckt's und bitzelt's auf meiner Haut, und die Knochen dehnen sich ordentlich.« »Leimsieder!« schrie er auf einmal Ludwig an, der geträumt hatte und ein wenig zusammenfuhr. »Was ist, Alter?« Der lachte in sich hinein. »Wenn ich damals, in Eurem Alter, wenn ich da gewesen wäre, wie jetzt, ich meine, so entsprechend, also: noch anders... so, so... na, das läßt sich nicht sagen. Und Euch, Prinz, ist Euch nicht auch so zum Zugreifen zumut? Zum Stürmen und Jubeln?« Der machte zu alledem ein recht zweifelhaftes, verdächtiges, Gesicht. »Könnt's nicht sagen, Gevatter,« antwortete er nun und schüttelte sich, als ob ihn fröstle. »Theoretisch, ja, und wenn ich Sie ansehe, Alter, da lacht mir's Herz freilich – aber für mich selbst – ich hab' nichts, ich bin nichts. Wir, wir – ja! jawohl! wir sind dazu da, zum Freuen und Genießen! Es läg' schon in uns... aber wo ist die Welt, die sich von uns verzehren läßt? Wo Ihr sie hernehmt, das weiß ich nicht, es ist mir ein Rätsel. Aber ich sehe sie nicht, ich habe sie nicht. Ihr seht Täler und Höhen und Dickichte. Wo denn, Alter? Ich sehe nur breite, gepflasterte, fade Landstraßen – und lehmige, schmutzige Holzwege! Ich möchte so sein können, wie Ihr's schildert, aber – äh! Ekel! Diese Welt – das Elend und die Not, und all dies Häßliche. Und, Alter, das Entbehren, kennt ihr das? Ich kann... nein, ich kann es nicht aus der Tiefe des Gemüts schöpfen, das Glück, wenn mir die Welt statt Feuertrank nur schale Suppen anbietet!« Arnold kraute nachdenklich und zutulich in Lysas Haar. Dann deutete er mit einer hinweisenden Kopfbewegung zu Ludwig hinüber und fragte sie: »Verstehst du, war er meint, Lysa?« Sie nickte ernsthaft. »O ja, Vater. Er ist unglücklich. Da ist ihm wohl nicht zu raten. Sein Glück, das muß einer abwarten, ganz geduldig, manchmal kommt's über Nacht. Und, Herr Ludwig, schon in diesem Warten, da steckt viel Glück. Nur das Gefühl gehört dazu, das gewisse, daß es doch noch kommt, daß es kommen muß.« »Schön gepredigt, mein weises Mädel, aber auf das Laster versteh' ich mich besser. Hab' ich recht, Junge?« Und dabei blickte er ihn sehr scharf an und strich seinen Bart. Ludwig verstand ihn und antwortete mit nur geringer Verlegenheit: »Sie sind ein ganz gemeiner Satan, Alter. Aber das, was Sie meinen – o ja, es ist vorhanden, ab und zu, aber das wär's nicht. Das ist nur unbedeutend. So jung bin ich ja nicht mehr. Aber kennen Sie nur den einen Holzweg? Sind die andern Pfade vielleicht appetitlicher? Und wissen Sie auch, daß ich sechsundzwanzig Jahre alt bin? Sechsundzwanzig?« Lysa stand auf, um hinauszugehen. Sehr erstaunt blickte Ludwig sie an. »Fräulein Himmelheber,« sagte er in besonderem Tone, »Sie haben mich verwöhnt und werden begreifen, daß ich derb frage: Sie sind doch nicht dämlich? Können Sie dies Gespräch nicht hören?« Der Alte aber hatte schon seinen Arm um Lysa gelegt. Jetzt warf er Ludwig einen zornigen Blick zu. »Dummkopf! Sind Sie nicht Arzt? Sehen Sie nicht, daß das Mädchen krank ist? Ist wieder blaß geworden bis in die Ohren.« Er legte seine Hand auf ihr Herz. »Komm, armes Kind,« sagte er traurig, »es wird bald besser.« Er führte sie in das Nebengemach, das ihr Schlafzimmer war. Auf der Schwelle warf sie dem bestürzten Ludwig noch trübselig lächelnd einen Blick zu, der ihn aufmuntern sollte. Nach wenigen Minuten kam der Alte wieder herein. »Lysa,« sprach er noch ins Zimmer zurück, »du weißt, nicht hinlegen. Stell' dich ein wenig ans Fenster, und dann zerstreuen, lesen. Am besten ist dein Singen, wenn du kannst. Komm dann wieder, mein armes, krankes Herz, nicht wahr?« Das sagte er in innig bittendem, weichem Tone. Ludwig trat verstört auf ihn zu und fragte hastig: »Aber, lieber Vater, was ist mit Lysa? Ich – es war ja schrecklich – und durch mich!« Der Alte war unsäglich traurig, wie hilflos schaute er auf seinen jungen Freund. »Ist es nicht ein Jammer?« sprach er leise. »Das süße Wesen so – so vergehen zu sehen – und nicht helfen können – Schuld? Lassen Sie nur. Nicht einmal ich trage da eine Schuld. Ich könnte es gewöhnt sein, und doch, jedesmal wieder – als ob mir das Herz bräche – mit dem ihren.« Das letzte flüsterte er nur ganz leise. »Aber Alter, es ist doch keine Gefahr?« »Gefahr?« Im höchsten Schmerze zucken des Menschen Lippen in einem krampfhaften Lächeln. Der Alte lächelte »Nein, Gefahr hat es keine. Aber Rettung – auch nicht.« »Sie weiß es?« Der Alte nickte nur. »Keine Möglichkeit?« Arnold brachte ein heiseres »Nein!« hervor. Nach einer Pause fing Ludwig an. »Darum! darum! nun verstehe ich dieses Sonderbare –« »Nein, nein,« unterbrach Arnold sein Selbstgespräch. »Im Gegenteil. So ist Lysa nicht. Sie verstehen es nicht. Gar nicht. – Ja so. Nämlich, Geheimnis, das kann nicht sein zwischen ihr und mir. Sie hat mir das wunderliche Gespräch mit Ihnen berichtet; keine drei Tage waren vergangen. Junge, ich spräche wahrhaftig gerne mit Ihnen darüber, aber ihr fehlt noch die Kraft. Ich glaube, bald – bald ist sie so stark, daß sie das nicht mehr scheut. Ernsthaft. Sie wird nicht schwächer, sie wird stärker – ah, es ist ja furchtbar.« Er seufzte tief auf. Nach einer Weile, in der sie beide vor sich hinsahen, begann Ludwig: »Aber Vater, Sie werden doch nicht – um meinetwillen hier außen sein? Gehn Sie doch hinein zu ihr.« »Nein, Ludwig, jetzt muß sie ganz allein sein. Aber ich habe noch einen kranken Mann im Haus, noch ein krankes Kind, und mein' ich, dem kann ich helfen.« Ludwig sah ihn etwas verwirrt an. »Ja, ja, mein Junge, eben Sie. Sechsundzwanzig, sagen Sie? Ein hübsches Alter für so blühenden Unverstand. Also heraus mit der Sprache. Ich hab nichts, sagt Ihr. Aber das Geld meint Ihr doch nicht damit, hm?« »Nein, wahrhaftig.« »Die Weiber auch nicht?« fragte der Alte nun, indem er ihn von der Seite anblickte. »Das wäre – – schon eher möglich.« »Nun also, Kind, beichten Sie. Wie stehen Sie mit den Frauen?« »Gar nicht.« »Gar nicht wäre sehr dumm. Aber ich glaub's nicht.« »Aber Alter, stellen Sie sich doch nicht wie eine Nonne an. Auch wissen Sie ja doch schon einiges. Ich war ein paarmal verliebt – in Damen. Nun, bei denen ist Liebe ein Wechsel auf die Zukunft und kranke, hilflose Geilheit in der Gegenwart; von wegen der Sitte. Dann rechtschaffene Leidenschaft – schön war's, solange es war, aber dann stellte sich doch heraus, daß sie ein verhältnismäßig gemeines Lebewesen war. Und seitdem und in der Zwischenzeit – es sehnt sich in mir, aber ich finde nichts. Sie lassen mich alle kalt. Und das übrige – gemeine Notdurft und Leibesdrang. Der Überschuß schlägt sich wohl ins Hirn und macht verrückte Gedanken – und ab und zu tolle Verse. Da habt Ihr das Ganze. Glücklich – o ja, schöner Gedanke. – Nur bin ich's eben nicht. Nun will ich doch sehen, ob Ihr mir was anderes wisset als: warten. Das weiß ich selber. Und Lysas zartes Glück: wohl huscht es manchmal verstohlen vorbei: aber nur sehr manchmal. Nun, Beichtvater, jetzt Euer Zaubertrank!« Der Alte hatte öfters ins Nebenzimmer hinübergehorcht, wo alles still blieb, aber doch gut zugehört und einige Male wie zu einer altbekannten Geschichte genickt. Nun pfiff er leise vor sich hin. »Nun, ist das Eure ganze Antwort, Meister Arnold?« »Wenn Ihr Rat wollt, junger Mann, dürft Ihr mich vor allen Dingen nicht anlügen. Wenn Ihr die Hauptsache weglasset –« »Vater, ich verstehe diesmal wirklich nicht –« »Das sollte Eure ganze Liebesgeschichte sein? Denkt einmal nach.« Ludwig wurde rot. »Nun, Sie werden doch nicht gar an die Kindereien eines Bauerntrottels denken?« »Lieber Freund, wohl werd' ich. Ich kenne Sie, seit ich Sie vor acht Jahren aus dem Bauernteich gefischt habe, und im Grunde sind Sie derselbe. Es spukt nicht noch, das glaub' ich nicht – aber es spukt wohl wieder – wieder einmal, das Bildnis der Dorfschönen! Ludwig blieb rot. »Was soll ich's leugnen, daß ich Vergleiche anstelle, und daß sie mir zum – nun ja, zum Idealbild geworden ist? Wenn ich die Rechte – na, das ist wohl Unsinn, sagen wir: eine Rechte, wenn ich die fände, da würde das Bild aus der Jugendzeit schon verblassen. Glaubt Ihr das nicht?« Sie blieben beide ein wenig still. Von drinnen drangen nun leise, melodische Töne heraus. Ludwig sah den Alten fragend an. »Lysa phantasiert,« antwortete er gedämpft. »Das ist ihre Medizin. Wir müssen weiter sprechen. Unser Stummsein würde sie stören. Wir dürfen sie nicht herausreißen. – Also wo hielten wir? Richtig, am Idealbild – Hm, hm – schwierige Sache. Und die Holzwege – die sind Euch natürlich ganz und gar verleidet?« Der Junge zog eine Grimasse. »Ist ja ein Ekel und ein Jammer dazu.« »Kann's Euch nachfühlen, mein Sohn. – Und wie ist's mit den Schleichwegen?« Ludwig fragte nur durch einen Blick, was er meine. »Nun seht einmal – nein –« Der Alte unterbrach sich und schaute mit einem Blick inniger Sympathie auf Ludwig. Er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sieh nun einmal an, mein lieber Sohn, daß diese Weit, wie sie heute ist, ganz einfach eine Sauerei – das ist mir so sicher, daß ich bei dem Gedanken kaum mehr feierlich werden kann.« »Und Ihr meint,« unterbrach ihn der Jüngere empört, »daß man einfach mitschweinen müsse? Für den Essig danke ich.« Arnold Himmelheber richtete sich auf und schaute ein klein wenig verächtlich auf den jungen Mann herunter. »Kind, Kind! Kennst du mich nicht oder kannst du nicht denken, oder woran liegt es? Sei doch kein Tropf! Jetzt, das steht fest, und du weißt es wohl, jetzt bist du unreinlich genug. Ich aber sage: Krieg mit dieser Zeit und ihren Menschen und ihren Satzungen; nicht, was, die Kreaturen, die sich im Staub der Zeitungen ernähren, Krieg nennen, Federkrieg, Wortgeprassel; ich rede vom Kampf für die Person, vom Kampf ums Glück! Wo willst du dir die Stätte der Freiheit schaffen für die Gestaltungen deines Geistes, wenn du dem höchsten und natürlichsten Drängen deines Menschenleibes nicht schön Genüge tun kannst? Was soll mir all euer Phantasieren und Forschen von schönerer Zukunft und idealen Gestaltungen, wenn eure Phantasie unrein ist und euer Denken verstümmelt, verschroben und abhängig von den Launen eurer Eingeweide? Glaube mir, mein Lieber, was wir in der Zukunft wollen, was wir ihr überlassen müssen, das ist das Glück und das äußere Behaben unserer Umgebung weil wir die nicht so rasch ummodeln können nach unserem Willen. Aber unser eigenes Glück, das Höchste, woran unser Herz hängt, wie könnten wir das aufschieben – um es unsern Nachkommen zu überlassen? Nein, unser Glück, das schaffen wir uns jetzt, und den Krieg, den führen wir, oft ganz geräuschlos, aber aus eigener Kraft. Was soll ich mit Menschen anfangen, die großartig freie Liebe im Munde führen, die von den oder jenen Wirtschaftsbedingungen abhängen soll? Ihr lieben jungen Leute, ich bin wahrhaftig gerne feurig und jung mit euch; aber wenn ich ein Buch lese, es mag von lauter ganz abstrakten Dingen reden, wenn ich sehe, es ist alles nur verhaltene Geilheit oder eine Verstopfung der Gedärme und der Gedanken, da kommt mir bei meinem Meister, dem Satanas, das Fluchen an, und ich muß rufen: »Hol's der Teufel, haltet mir euren Leib offen, sonst sind wir in euren Büchern beschissen!« Ich mag keine unreinlichen Lüste, und wenn sie sich hundertmal hinter geistigen und reingeistigen Gewändern verstecken, gerade wie sich die Mönche hinter den geistlichen Habitus verzogen; ich mag keine Jünglinge, ich will junge Männer! – In diesem Krieg mit der Welt, da gibt's viele Wege, aber überall heißt es; durchgeschlagen! Und wenn du sie nicht hast, die große, hinreißende Leidenschaft – – still!!« »Lala – lala – lala, lalala, la – la – la!« Langsam und klar phrasiert klangen die Töne aus dem Nebenzimmer. Es war nicht Trauer, nicht Freude, nicht melancholische Resigniertheit und nicht Jubel, aber von alledem etwas: ein schwelgendes Hingerissensein in der Erhobenheit. Die beiden lauschten. In des Alten wunderbarem Augenpaar schimmerte es feucht, und er hub wieder an, die ersten Worte leise, aber es lag eine mächtige Glut in ihnen. »Mein Sohn! die große Leidenschaft – sie ist nicht wild, sie kann zart und milde sein – hörst du? Aber sie stemmt sich der ganzen Welt, der Welt entgegen und raubt sich ihre Liebe. Nun, die kennst du jetzt nicht. Wenn du sie kenntest, Junge! da würdest du nicht mehr töricht fragen, wo hernehmen, auf daß du genießen kannst. Im Warten schon liegt Glück, sagt Lysa. Sie meint etwas Ähnliches wie ich, wenn ich sage: ihr jungen Menschen, ihr müßt das Glück wollen, dann habt ihr es. Weihen müßt ihr euch der Leidenschaft, andächtig sein, indem ihr ihrer gedenket, alle Kräfte hinspannen nach diesem Ziele – glaubt mir, Männlein und Weiblein, ihr findet euch dann, so wie ihr euch begehret und brauchet, und ihr fragt nicht mehr unruhig tastend gleich den Blinden: wo nehme ich meine Nahrung her? – ›Wo hernehmen und nicht stehlen?‹ Du kennst wohl die Redensart. Nun, da hast du fürs erste für dich eine Antwort. Die große Leidenschaft fehlt dir – zunächst kannst du dir die kleine schaffen. Wo hernehmen? Eben – stehlen! Auf Schleichwegen!« »Vater, wollen Sie nicht deutlicher –« »Sag du, mein Sohn! Wir sind jetzt ganz nahe dem höchsten Vertrauen, wir dürfen schon traulich zueinander reden. – Du willst noch nicht verstehen? Nun: ich weiß geheime Wege, die zwar auch schon ein andrer betrat – – ganz sauber sind sie nicht; aber recht schmuck und appetitlich können sie sein. Und so verlassen und oft so voll zitterndem Sehnen, betreten zu werden. Du lächelst? Schön von dir. Ist das, was in den Häusern sitzt, gefesselt an einen Klotz, der sie vernachlässigt und mißhandelt, ist das nicht besser und reiner, als was sich auf den Straßen herumtreibt? Wenn man die Liebe vermißt – und ein Liebchen braucht – dann ist das ein reizvolles Spiel – für ihn und sie – niemand wird hintergangen; denn vom Ehemann lohnt sich's ja nicht zu reden. Und auch sonst – man spricht nicht gern von diesen Dingen – aber gerade dieses Beiwerk, diese Zurüstungen und Ängstlichkeiten, die sind auf euren Jünglingspfaden das besonders Widerliche. Hier findest du nur eine kleine, süße, herzwärmende Heimlichkeit – und wenn schließlich etwas eintritt, was dich besonders herzlich lachen macht – ich sage dir, über so einen kleinen Rebellen, der unsere Ordnung der Dinge besser erschüttert als all unser Geschwätz, nämlich durch sein Dasein, da lachen auch die Engel im Himmel nicht schlecht. Also, du trüber, plumper Deutscher, das ist mein Rezept: Leichtsinn, Keckheit, drauf! Vielleicht meinst du, du verplemperst damit dein Bestes. Bildest du dir aber ein, die Leidenschaft, die käme dir in der Nacht beim Traume angeflogen? Plötzlich, unvermutet wirft sie sich oft auf dich, aber nur, wenn du reif bist für sie, und wenn du sie gerufen hast. Glaube mir, ich bin jetzt zweiundsechzig und kann mitreden, jetzt erst recht, die Leidenschaft, die kann geübt werden. Wenn du so weiter machst wie jetzt, dann verkommst du mir ganz und gar und bist zu nichts mehr imstande, zu nichts Großem und zu nichts Schönem; und zum Herrlichen erst recht nicht. Ich habe manchen gekannt; er war wie die Seifenblase. Wenn die Sonne drauf schien, lieblich zum Ansehen, und man meinte, er wolle wie ein kühner Ballon hinauf zu Wolken sich schwingen. Aber dann, wenn er einen kleinen Anlauf genommen hatte – da platzte er, und man merkte betrübt, es steckte nichts in ihm; und wenn er einem auf die Zunge kam, da hatte er einen verflucht bitteren Geschmack, und war nicht hinunterzukriegen. Sieh' mein lieber Junge, laß dich nicht von einem Strohhalm in die Luft blasen und laß dich nicht einseifen mit der Schwermut der Jünglinge. Drauf, sage ich, drauf! Dann bist du ein Mann. Wenn du rauben lernen willst, dann rat' ich dir ehrlich: beginne mit Stehlen!« Ludwig wußte nicht, wo er hinhören sollte. Drinnen sang jetzt Lysa mit voller Stimme, und hier die Weise, in der Arnold Himmelheber zu ihm sprach – »Alter,« begann er mit einem leichten, ungewissen Beben in der Stimme, »du hast wahrhaftig einen Bund mit dem Teufel geschlossen. Dein Zauberlied lockert mir jetzt schon halb die Glieder«. »Das macht die Frühjahrsluft,« erwiderte Arnold und trat ans Fenster und öffnete es. »Wir wollen sie ganz hereinlassen.« Draußen tobte ein warmer Sturm. Der Himmel war von gelben Wolken bedeckt; das Licht war eigentümlich, die Berge und alles ganz nah, und doch keine grellen Farben. Sie standen beide am Fenster, ohne zu reden. Ihnen war heiß, und die Luft tat ihnen wohl, und es war schön, das Ächzen der alten Bäume im Garten zu hören und das ferne Brüllen des Windes. Drinnen war Lysa still geworden. »Wir sollten reden, wir haben sie gestört,« flüsterte Ludwig dem Alten zu. »Vielleicht,« gab er leise zurück, »kann sein, sie sammelt sich auch.« Sie blickten wieder stumm hinaus, der Alte leicht an Ludwig angelehnt. Auf einmal fing Lysa wieder an, erst leise präludierend, dann hörte man vernehmlich in schlichter, kräftiger Weise mit ruhiger Heiterkeit die Worte singen: »Vater und Freund, Laßt mich es sagen: Heut bei Gelagen, Morgen im Schragen – – Nicht, mein Geliebter, geweint! Heut nur – sind wir vereint! Heut noch – sind wir vereint!« Dem Alten liefen ein paar Tränen die Backen hinunter. Sie drückten einander, ohne ein Wort zu sagen, stark die Hände. Nach einer geraumen Weile, als eben der Alte anfangen wollte: »Das kommt ihr nur so im Moment, immer in solcher Weise« – da trat Lysa unbefangen in die Tür; ihr Gesicht war von einer sanften Röte angehaucht; sie strich mit beiden Händen leicht und ohne Nervosität über ihr glattes Haar. »Es ist nun alles ganz gut,« sprach sie, und die kranke Klarheit lag wieder in ihrem Ton. »Die Störung hat nichts weiter zu sagen, nicht wahr, Freund Ludwig? Der Kaffee war etwas zu stark, und das ungewohnte Rauchen – das war hauptsächlich schuld.« Arnold trat auf sie zu und küßte sie. »Mein kleiner Doktor, du sollst ja deinen Willen haben. Das soll schuld sein. Komm, sei jetzt wieder gesund und stark, mein Mädchen. Ja?« Sie nickte nur lächelnd. »Nun – und Sie, Prinz Ludwig? Vater hat Ihnen ja wohl eine Rede gehalten? Hat's gewirkt?« »Es wäre wahrhaftig möglich, liebe Freundin. Er ist ein Teufelskünstler.« Der Alte aber hatte mittlerweile aus Lysas Schreibmappe ein Blatt Papier genommen und hastig einen Zettel davon gerissen. Nunmehr schrieb er rasch wenige Worte und reichte das Blatt seinem jungen Freund hinüber. Ludwig und Lysa lasen und lächelten, und der alte Doktor rückte sein grünes Käppchen zurecht und lächelte gleichfalls. Auf dem Zettel stand zu lesen: Rec. Jugend, Leichtsinn (viel). Kraft. Durst, Schönheit Aqu. vitae destillat. Morgens und abends einen Löffel voll, Dr. Himmelheber (Ende des Vorspiels) Drittes Kapitel Der junge Prinz versäumte nicht, getreu dem Rate des erfahrenen Freundes, wie er meinte, ins Blaue hinein, frech und schüchtern, seine Fragen ans Schicksal zu stellen. Aber dem Süchtigen wurde eine Antwort, auf die er am wenigsten gefaßt war. – Wenn man zum südlichen Ende der schönen Bäder- und Künstlerstadt, in der Haus und Garten Arnold Himmelhebers sich befanden, hinausging, so wandelte man auf einer wohlgepflegten Landstraße, die zwischen bewaldeten Hügeln dem anmutigen Laufe eines kleinen Forellenbaches folgte. An einigen Fabriken, Gehöften und kleinen Ansiedlungen vorbeigehend, konnte ein guter Fußgänger in zwei kleinen Stunden das hübsch im Talkessel liegende Dorf Schöneck erreichen. Wenn die Sonne auf den Häusern brannte, vom Kirchturm bis zur niedrigeren Hütte, da prangte alles, und das Dorf schmiegte sich schön in seine Naturumgebung hinein; man durfte aber den erhöhten Standpunkt des still stehenden Betrachters nicht verlassen. Denn im Dorfe selbst herrschte eine liederliche Verwahrlosung; die Straßen fast immer voll Kot, statt Pflastersteinen fand man Mistfetzen, der Verputz der Häuser war vielfach abgebröckelt. Die Bewohner von Schöneck fielen in zwei getrennte Teile auseinander, es waren da etwa hundert christliche Familien, Bauern, Taglöhner, vereinzelte Handwerker, und vielleicht vierzig jüdische. Außerdem stand gleich beim Eingang ins Dorf noch das Schloß da, aber der Herr Baron mit den Seinen bewohnte es nur noch einige Monate im Jahr und kam überhaupt, abgesehen von seinen Gütern, die er verwalten ließ, und dem großen Respekt vor seinem Titel, den er mit Würde trug, nicht in Betracht; denn alle früheren Rechte, ohne die kleinste Ausnahme waren dem alten Baron, dem verstorbenen Vater des jetzigen, Anno achtundvierzig von der Bevölkerung eigenhändig weggenommen worden. Von diesem Sturm auf das Schloß erzählten vor allem die Juden noch gerne ihren Kindern; diese waren vorwitzig genug, aber achtundvierzig war doch schon zu lange vorbei, als daß sie auf den Gedanken kommen konnten, zu fragen, ob denn die damaligen Juden sich auch an dem Sturme beteiligt hätten. Nun mochte sich dies verhalten, wie es wollte, soviel stand fest daß die Bauern gestürmt hatten, und daß jetzt die Juden so ziemlich an die Stellte des Barons getreten waren. Sie waren zwar allesamt nur Viehhändler, von einigen abgesehen, die für ihre Glaubensgenossen schlachteten, was notwendig, und von ein paar andern, die Güterschlächterei betrieben, was wenigstens vorteilhaft war. Aber trotzdem bildeten sie unzweifelhaft in jeder Beziehung die Aristokratie der Bevölkerung. Kein Wunder, denn wenn auch nur wenige reich waren, im Vergleich zu der ärmlichen Bauernbevölkerung waren sie fast alle wohlhabend, und vor allem verfügten sie eben über bares Geld und waren so ziemlich die einzigen, bei denen der Bauer welches kriegen konnte. Früher, in den schlichteren Zeiten, hatte man das Geld ganz einfach beim Juden geholt und ihm dafür Wucherzinsen gegeben, jetzt ging das nicht mehr, und man verkaufte ihm sein Vieh. Die Juden waren aber nicht nur schlauer und vermögender, sie waren auch gebildeter, fast alle lasen die Zeitung, was bei den Bauern seltener vorkam, und Politik, aus der sich das Landvolk nichts Sonderliches machte, trieben sie ohne Ausnahme, manche sogar mit Leidenschaft. Sonst waren sie eine überaus verrohte und teilweise durch Inzucht verkommene Gesellschaft; aber es gab doch wenigstens immer etwas Neues zu bereden und zu belachen, und es war ein lautes und lärmendes Treiben. Selbstverständlich waren vor allem die weiblichen Familienglieder der Judenschaft vollkommen nach neuester städtischer Mode gekleidet, und zwar recht elegant, während die Bauernmädchen und -frauen die bunten Farben ihrer alten Tracht fast ganz aufgegeben, aber den vielfach häßlichen und entstellenden Schnitt der Gewandung beibehalten hatten. Das war schon ein sehr deutlicher äußerlicher Unterschied der beiden Rassen, und wenn ganz selten ein Besuch aus der Stadt bei einem Bauern abstieg, wunderten sich die Judenkinder Schönecks nicht wenig, daß auch eine Christin wie ein jüdisches Fräulein gekleidet sein könne. In dieser anmutigen Umgebung wohnte seit nunmehr fast acht Jahren Frau Judith Tilsiter, eigentlich aber schon Zeit ihres Lebens; denn was ihr Geburtsort war, Breitenau, sechs Stunden von da gelegen, und zwar vier Stunden nördlich von der Stadt, so war das ein Judendorf von ganz genau derselben Beschaffenheit, weshalb es schon immer ab und zu vorgekommen war, daß die jungen Leute der beiden Gemeinden miteinander verheiratet wurden. Darum wunderte sich auch kein Mensch, als es mit einem Male hieß, Wolf Tilsiter sei verlobt mit der Tochter des Löb Schammes von Breitenau; denn man wußte sogar, daß er sie kurz vorher auf einem Balle flüchtig kennengelernt hatte, was übrigens durchaus kein Erfordernis war. Höchstens wunderte man sich dann über ihre außerordentliche Jugend und über ihre ganz und gar ungewöhnliche Schönheit; über die erste zu staunen hörte man nach und nach auf, denn sie wurde älter; ihre Schönheit aber wurde von Jahr zu Jahr auffallender und war den Bewohnern, trotzdem in der Tat an hübschen Mädchen und jungen Frauen nie Mangel gewesen war, etwas ganz und gar Unerhörtes. Kein anderes Wort als das eine: »schön« stimmte zu dem Eindruck ihrer Erscheinung und ihrer Züge. Schön blieb sie immer, alles andere galt nur für den Moment, in dem man sie eben sah. Stolz – das war sie meist; finster – sehr häufig; heiter – selten; hingebend – immerhin ab und zu; abstoßend – manches Mal. Wenn etwas ihre Schönheit noch am ehesten hätte bezeichnen können, dann hätte man sie traumhaft nennen müssen; wie ein verträumtes Märchenkind, das noch nicht recht ausgeschlafen hat, war sie damals im Hochzeitswagen von Breitenau nach der Synagoge von Schöneck gefahren, und als ob zwischen ihr und der Welt ein Schleier liege, der ihr alles fern hielt, gleichgültig und trübe machte, erschien sie auch jetzt noch, wenn sie gleich inzwischen mit Auge, Ohr und Nase auf etwelches Häßliche in der Welt gestoßen war. Der Schleier war dem Kinde jählings und grob durchbrochen worden, als habe ein stinkender Bock mit seinen Hörnern dagegen gestoßen, aber vielfach war ihr immer noch das Bild der Welt und ihr eigenes Innere in unbestimmten Nebel gehüllt. Wie das so gekommen war? Oh, das war ihr nur allzu klar! Nicht viel anders war es ihr ergangen als tausend andern ihrer Geschlechtsgenossinnen, und anfangs hatte sie es auch ungefähr ebenso aufgenommen. Warum hätte sie ihn auch nicht heiraten sollen? Weil er nicht besonders hübsch war und nicht allzu klug und kaum gebildet und mit einem rohen, breiten Lachen behaftet? Aber ihre männliche Umgebung hatte dieselben Tugenden aufzuweisen. Und sie sehnte sich so sehr, hinauszukommen, sie fühlte sich so eingeengt, so hungrig, so unglücklich. Eine flackernde Wildheit brannte und zehrte an dem Kinde. Bald drückte sie sich tagelang scheu und stumm in den Winkeln des Hauses umher, dann war sie wieder ausgelassen lustig und machte sich und den andern ein tolles Vergnügen daraus, einen Bekannten nach dem andern nachzuahmen, Possen und Komödien aufzuführen und an keinem Menschen ein gutes Haar zu lassen. Dann konnte sie schon ein paar Stunden darauf in ihrem Bette einsam schluchzen und weinen; sie kam sich so einfältig vor und so schlecht und so unnütz. Ein heftiges Sehnen war in ihr – wonach? Nach dem Anderssein. Wie aber die Welt draußen beschaffen war, wie es in den fremden Menschen aussehen mochte, davon hatte sie nur eine sehr verworrene Vorstellung. Aber soviel wußte sie, das war nicht das Rechte, das Leben, wie sie und ihre Leute es führten, das war kein Leben, das war so erbärmlich, stimmte so gar nicht zu der reizenden, ausgeglichenen Natur, in der sie wohnten. Es kam ihr so vor, als ob es ganze Menschen irgendwo geben müßte, die einen ebenso reinen und völligen Eindruck machten wie die Tiere des Waldes und die Blumen auf dem Felde. Glücklich war sie oft stundenlang, wenn sie sich allein, ohne ihre Kameradinnen, im Wald und auf Bergen und Felsen umhertrieb. Da sprang sie und rief dem Echo und lachte hell auf, und sie merkte wohl, daß es ein anderes Lachen war, als wenn sie sich damit vergnügte, den watschelnden Gang oder die lispelnde Sprache eines Judenjünglings nachzuahmen. Aber sie kam nicht oft zu diesem reinen Genuß, denn sie sollte Werktags im Hause arbeiten und Samstags sich nicht von den andern absondern. So mußte sie sich denn heimlich davonschleichen. Und glücklich war sie auch gewesen, seit sie sich mit dem jungen Gänseludwig auf der Wiese befreundet hatte und von ihm in das Wunderland seiner Blumen und Steine und Tiere und seiner Erfindungen eingeführt worden war. Aber von diesem Verkehr mit dem verwahrlosten Christenknaben durfte erst recht keine Seele etwas erfahren, ja es war ihr selbst oft wie eine Sünde, wenn sie an die Stunden dachte, wo sie mit ihm im Grase oder auf Felsen lag. Sie gestand es sich denn auch nicht ein, daß ihr der Gänsejunge lieb geworden war und ein unentbehrlicher Freund ihres Herzens, sie wollte abbrechen mit diesem seltsamen Verkehr, sie war ja doch ein jüdisches Fräulein – und er! Ein Trottel, der nicht einmal lesen und schreiben konnte! – Frau Tilsiter, wenn sie nunmehr zurückdachte, und gerade an diese sonderbare Episode erinnerte sie sich besonders oft, wurde auch jetzt noch rot, wenn manche Szene dieser Wald- und Wiesenheimlichkeit aus dem Leben der Sechzehnjährigen wieder hell vor ihr aufstieg, aber doch war ihr jetzt so, als ob sie sich nicht schämen sollte und als ob der vernachlässigte, dumme Gänseludwig von allen in ihrer Umgebung noch am ehesten der ganze Mensch gewesen wäre, von dem das wilde Mädchen träumte. Das war jetzt – aber damals war ihr dieser Verkehr eine unbegreifliche Verirrung, die nicht in Betracht kam, nicht kommen durfte. Die ganzen Menschen, die mußten draußen sein; die Menschen der großen Städte mit der umfassenden Bildung, mit dem weitreichenden Wissen, mit dem feinen Benehmen, diese Menschen waren in ihrer Phantasie wie mit einem Zauberschein umflossen. Was ihr schließlich so fürchterlich zum Widerwillen geworden war, der Duft des Stalles und des kleinen, gierigen Gelderwerbs bei ihren Eltern, Brüdern, Verwandten und Bekannten, das ewige, unermüdliche Geschwatze ringsherum immer im selben engen, dumpfen Kreise, das haftete jenen fernen Menschen nicht an. Freilich – wie sollte sie herauskommen aus dieser Welt? Und dann lernte sie den Wolf Tilsiter kennen; auch nur ein Viehhändler und aus Schöneck, aber seine Kleidung, seine Wäsche, selbst seine Krawatte machte auf das unerfahrene Kind den Eindruck, er sei anders als die »Hiesigen«. Er sprach geläufiger, und vor allem: er huldigte ihr galant und doch zurückhaltend, und er hatte ein Stück von der Welt gesehen, und er erzählte von großen Städten, Theater und Konzerten. Er machte auf sie den Eindruck, als ob er besser und gebildeter sei als die jungen Leute, mit denen sie alle Tage beisammen war, und als sie in den nächsten Tagen einen nach dem andern von den Ballbesuchern vornahm und durchhechelte, ließ sie ihn weg, denn er hatte ihr fast imponiert im Vergleich mit den übrigen. Und bald erhob sich allerlei Gemunkel, und unzarte Andeutungen fielen, der Vater bekam und schrieb einige Briefe, und schließlich teilten ihr die Eltern mit, was sie für ein großes unverdientes Glück mache, Wolf Tilsiter wolle sie heiraten. Und es war ihr fast selbst wie ein Glück erschienen. Sie wußte nichts anderes, als daß sie einen Viehhändler nehmen sollte, und er war, dachte sie, jedenfalls besser als die andern. Sie war ein paar Tage sehr erregt, fiel aus dem Lachen ins Weinen, dann kam er, man ließ sie mit ihm allein, die Art, wie er seine Sache vorbrachte, machte einen gewinnenden Eindruck auf sie, ihre Backen brannten sie wie Feuer, und schließlich wußte sie nicht, wie sie an seiner weißen Weste lag und es duldete, daß er sie küßte. Ein paar Tage darauf aber lag die junge Dame mitten im Wald auf einem hohen, sonnigen Felsenstück und neben ihr der Gänseludwig, ungesehen von der Welt, über die sie hoch erhoben waren und auf die sie hinabsehen konnten. Und dem großen Jungen, der schon fast ein Mann hätte sein sollen, liefen ein paar Tränen die Backen hinunter, Judith aber schluchzte und tat wie verzweifelt. Und dann schlang sie ihre Arme um seinen Hals, er aber war auf einmal sehr ernsthaft geworden, und noch heute klang ihr der feste Ton seiner Stimme in den Ohren, wie er ihr sagte: »Judith, heirate den fremden Mann nicht. Bist du nicht mein? Weißt du das nicht, so wie ich weiß, daß ich dir gehöre? Warte nur, aus mir wird schon noch was.« Da aber war der Dame der ungeheure Abstand ihrer Lebensstellungen zum Bewußtsein gekommen, und glühend vor Zorn und Schmerz hatte sie sich von ihm losgerissen und hatte geschrien: »Was soll aus dir denn werden, du dummer Gänsetrottel? Soll ich warten, bis du in die Luft fliegst in dein Königreich Gagafuia? Oder bis der Kaiser von Polexa sieben Stund hinterm Mondschein dich endlich zum Erben einsetzt? Pfui, wie einfältig du bist! Und wie schlecht ich bin, daß ich dich nur ansehe!« Und dann war sie davongerannt, aber seinen Blick, den letzten, nahm sie noch mit und konnte ihn nicht vergessen, und sie hörte auch, wie er vor sich hinsprach, als ob er es nicht fassen könne: »Oh! oh! Judith! Judith! oh! oh!« Einige Tage nachher waren die Gänse ihren Hirten und das Dorf einen Esser losgeworden; man vermißte den Gänseludwig, und bald war er im Dorfe vergessen, denn es kümmerte sich eigentlich niemand so recht um den Buben. Jung-Judith aber, die blasse Braut, lag manche Stunde wach in ihrem Bette und ließ den Mondschein in ihren Tränen spiegeln und träumte vom Königssohn aus Gagafula, der bald in strahlender Schönheit herabkomme, um sie heimzuholen in sein Reich. Aber der Gänseludwig, den sie so rauh und stolz von sich gestoßen hatte, blieb verschwunden, und niemals hatte sie wieder etwas von ihm gehört. Und einige Wochen später wurde sie in Schöneck dem Viehhändler Wolf Tilsiter als Ehefrau angetraut. Das Alter, in dem Judith sich damals befand – sie war eine Siebzehnjährige – bringt auch sonst den Mädchen große und rasche Umwälzungen im seelischen Erleben. Aber ihr war es in den folgenden Wochen, als ob die Welt geborsten wäre und ihre Trümmer auf ihr ungeschütztes Haupt schleuderte, während im innersten Kern der Welt zugleich ein strahlendes Licht aufginge, das sie anzog und blendete. Zuerst barst zu ihrem jähen Entsetzen ihr keuscher Sinn; denn das Dorfkind hatte immer vor den Menschen Respekt gehabt und sich selbst und ihresgleichen stolz für etwas Rechtes gehalten, für ganz etwas anderes als das Getier, dessen Treiben sie nahe genug vor Augen gehabt und das sie verachtet. Der Traum war aus – und sie überlegte sich jetzt, ob nicht der Hahn, der auf dem Misthaufen vor ihrem Elternhause mit dem Hühnervolke sein Wesen trieb und über den sie sich als Kind schon immer geärgert hatte, erst recht erbärmlich und abscheulich wäre, wenn er über seine nackten Beine Hosen gezogen hätte. Wie häßlich doch diese Welt war! Und wie gemein, daß man das, so plötzlich erfahren und erdulden mußte! Was war alle Angst und Beklommenheit ihrer jungfräulichen Zeit gewesen gegen diesen widrigen Alpdruck des Ehelebens, an den sie sich über Nacht gewöhnen sollte! Und dann – ihr Mann! Es war wohl nur die verlegene Unsicherheit eines Heiratslustigen, der sich auf neuem Boden bewegt, gewesen, die ihm den leichten Schimmer der Feinheit und der Bildung gegeben hatte. Denn kaum nach zwei Tagen, als er seiner Sache sicher war, kannte sie ihn schon auswendig und wußte, daß er genau derselbe war wie die anderen: roh, albern, anmaßend, ohne jeden Schwung, geldgierig und niedrig. Sie war geblieben, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, nur daß sie kein Mädchen mehr war, sondern ein angekettetes Weib, das zur Ahnung und zum sehnenden Hoffen kein Recht und keinen Mut mehr hatte. Und doch war zur selben Zeit eine neue, strahlende Welt vor ihr aufgegangen, in die – sie immer und immer mit leidenschaftlicher Begierde hineinzog und von der sie sich zu ihrem ewigen Schmerze wieder so tief getrennt sah. Diese neue Welt war ihr erschienen auf ihrer Hochzeitsreise. Sie war in der Hauptstadt gewesen, und sie hatte Galerien, Theater und Konzerte besucht. Große Kunst hatte zu ihr gesprochen, und vor allem in der Musik hatte sich ihr der moderne Mensch und sein feines Empfindungsleben offenbart. Sie kannte keine Note, auch ihr Gesang zeugte von keinem besonderen Talente, aber die Gabe des Vernehmens besaß sie in hohen Grade. Sie hörte jetzt die längst geahnte Welt, deren Schimmer sie bisher kaum in flüchtigem Morgentraum geschaut hatte. Vor allem die Wagnerschen Klänge übten eine zauberische Wirkung auf sie aus. Etwas in ihr wollte sich hoch in die Lüfte hinaufschwingen, es rang alles in ihr empor, eine schnürende Sehnsucht beängstigte all ihr Inneres, und der jubelnde Schrei wollte mehr als einmal aus ihr herausbrechen: Das bin ich! das bin ich! Dann aber fiel ihr Blick mit unwilligem Schrecken auf den Mann neben ihr, der die Hochzeitsreise auch zugleich zu einigen Geschäften benutzte und von dessen Sinn für Kunst es zeugte, daß er bei den erschütternden Klängen von Siegfrieds Trauermarsch in die Tasche nach einem schmutzigen, abgegriffenen Notizbuche langte und darin blätterte, bis er endlich zu seiner Befriedigung die gesuchte Bemerkung gefunden hatte. Und mit Abscheu mußte sie sich sagen: Das bin ich! das für alle Zukunft! Und dann war sie nach Hause gekommen, in die neue Heimat, die sie doch wieder in die alte Häßlichkeit versetzte. Stumpfsinn, Roheit und aufdringliche Wesen, wohin sie nur blickte. Aber die neue Welt war ihr auch hierher nachgekommen. Nicht nur, daß ihr die großen Eindrücke der Reise zu einem Bilde verschmolzen waren, das sie gar oft vor Augen hatte; der äußerliche Schliff und die Bildungsnachahmung ihrer neuen Verwandten verschafften ihrem Kopf und ihrem Herzen neue Nahrung, die sie begierig verzehrte. Unter den Hochzeitsgeschenken, die in der neuen Wohnung aufgestapelt waren, befand sich eine stattliche Anzahl mit äußerlicher Pracht eingebundener Bücher, von denen nicht wenige für Judith eine neue Welt der Schönheit und der Größe bedeuteten. Es begann jetzt für sie die Zeit, die fast jeder ursprüngliche Mensch einmal durchmacht, wo sie aus jeder Blume einen Saft zog, der gerade für sie bereitet war, wo sie in jedem Buche, das sie in die Hand nahm, das ausgesprochen fand, was in ihr lag und nach einer Form rang. Die Leidenschaft des Lesens kam über sie, und sie frönte ihr mit einem Genuß, der sich von Woche zu Woche steigerte. Sie hatte ja auch so außerordentlich viel Zeit. Sie hielt sich, soviel es nur möglich war, von den Leuten zurück, unter denen sie auch nicht einen einzigen fand, mit dem sie, wie sie jetzt war, in Berührung treten mochte. Und ihr Mann war wie die anderen Viehhändler fast stets nur von Freitag nachmittag bis Montag zu Hause, im übrigen besorgte er über Land seine Geschäfte. Sie log sich nichts vor und zwang sich in keiner Weise zum Glauben an Liebesgefühle oder zärtliche Regungen irgendwelchen Art, und sie wußte, daß sie ihre freie Woche für sich benutzen mußte, wenn sie nach eigner Lust etwas empfinden und denken wollte. Sie sparte am Wirtschaftsgeld, um sich Bücher zu leihen und zu kaufen, sie versteckte die Bücher vor ihrem Mann und verhehlte ihm ihre Bildung, soweit es ihr möglich war. Sie hatte noch mehr zu verhehlen als das bißchen Bildung, das ungeordnet in ihr hin- und herwogte. Und nicht bloß vor ihrem Manne und der lieben Nachbarschaft, viel mehr vor sich selber. Kein banges Sehnen war mehr in ihr, nein, glühendes, reifes Begehren. Nicht mehr erschrecktes Abwenden mit gerümpfter Nase und verzogenem Mäulchen, nein, ihr Ekel vor dem Leben, das sie schon so lange jetzt führte, war endlich so mächtig angeschwollen, daß ihre Faust sich zornig ballte, wenn sie beim Vorübergehen am Spiegel flüchtig ihr eigenes Abbild gewahrte. Sie war keine von den geordneten, nüchternen Frauennaturen, die fähig sind, sich eine Stellung im Leben auch spät noch aus eigener Kraft zu erringen. Sie taugte durchaus zu keinem Beruf, hatte trotz allem Interesse für die Fragen des freien Frauenlebens, über die sie mancherlei gelesen, nie daran gedacht, etwa anzufangen zu studieren und Ärztin zu werden. Sie wußte in keiner Weise, was sie mit sich anfangen sollte, und sie hatte von Stunde zu Stunde und so von Jahr zu Jahr ihr jammervolles Leben mit innerem Stöhnen weitergeschleppt. In seltenen Stunden, wenn sie sich einsam im Walde erging und gewaltige Leidenschaft sie anfallen wollte, hatte sie mitunter angefangen, zornige Worte voll Feuer laut hinauszurufen, und es war ihr so, als ob sich Sätze fügen wollten zu starkem Gedicht oder auch Perioden zu schwungvoller Rede vor versammeltem Volk. Aber die Stimmung kam allzu selten und dann reißend über sie, und bislang hatte weder eine Dichterin noch eine Sprecherin aus ihr werden wollen. Aber gerade diese altfränkische Hilflosigkeit, diese harrende Unselbständigkeit war nur allzu geeignet, ihrer Verachtung vor sich selber und der Art, wie sie ihr Leben führte oder vielmehr dahingleiten ließ, immer neue Nahrung zu spenden. Sie war also gar nicht fähig, ein eigenes Leben zu führen? Sie verdiente das Los, das Bett Wolf Tilsiters zu teilen? Was jeder Stallknecht und jede Viehmagd konnte, ein freies Leben führen und fortgehen, wenn es ihnen nicht mehr paßte, das war ihr versagt? O ja, sie hatte nicht selten mit dem Gedanken gespielt, irgendeinen, wenn noch so niedrigen Beruf zu ergreifen, um nur Wolf Tilsiters ewiger Nähe zu entrinnen. Und gar oft sagte sie sich mit düsterm Ernste, wenn es selbst zum schlimmsten kommen müßte, daß sie als Straßenläuferin gleich dem ewig wandernden Geld von einer Hand der andern gegeben würde – das Schlimmste wäre es nicht. Elender noch erschien ihr, sich festhalten zu lassen von diesem einen, vor dessen Zärtlichkeit ihr mehr als vor seiner Roheit schauderte. Und dennoch blieb sie und blieb – acht volle Jahre nun schon an der Seite eines Menschen, mit dem sie nichts gemein hatte, nichts. Warum? weil sie Ansprüche ans Leben machte, weil sie fürchtete, das bißchen, was sie von der Welt und ihrer Schönheit genießen konnte, auch noch einzubüßen? O wie so feige und energielos sie sich vorkam. Wenn sie Mut hätte, dann müßte sie rasch und entschieden ein Ende setzen dem alten Leben – das wäre der Anfang des neuen, und das übrige müßte sich finden. Und doch war ihr dann wieder so schwach und elend zumute. Ihre Träume flogen hoch hinauf in die Höhen der freien und stolzen Menschlichkeit – und statt dessen sollte sie hinabgleiten in den Pfuhl, in dem so manche verlorene Existenz haltlos versunken war. Die Sklaverei ihrer Ehe war ihr unerträglich geworden – und doch schauderte sie bang zurück vor den Fährlichkeiten der Freiheit, die ihrer warteten, wenn sie ihre Ketten zerriß. Was tun? Sie wußte sich keinen Rat; denn sie stand allein. Nirgends in der weiten Welt auch nur ein einziger Mensch, an den sie sich hätte wenden können. Manchmal zuckten ihre Lippen in höhnendem Schmerz, denn ihr fielen wieder die selbstgeschaffenen Wunderträume und Märchen aus der Kinderzeit ein. Da war immer im rechten Augenblick der Retter und Erlöser erschienen, der alles in die besten Wege leitete. Ihr aber wollte nicht der kleinste Zufall über den Weg laufen; vor ihr wie hinter ihr lag dasselbe bleierne, graue Einerlei, und nur in ihrer Seele lebte die Sehnsucht nach dem Abenteuer, mochte es so toll sein, wie es nur konnte, wenn es sie nur einhüllte in einen bunten, flatternden Mantel und sie hinübertrug über alle Berge! – – – Und wieder einmal fegten die Märzstürme über die Berge, und mit hochgebauschtem Mantel brauste der kecke, göttliche Gelegenheitsmacher, der Lenz, über das Tal herein und brach die starren Bande des Eises und lockerte die Schollen und rief die zarten Keime heraus ans Licht der Sonne. Und Frau Judith Tilsiter stand hochaufgerichtet am offenen Fenster, blickte hinüber auf den Bergabhang, wo die jungen, schlanken Buchen sich ächzend bogen, und ließ ihre heißen, geröteten Wangen von der starken Luft bestreichen. Zum drittenmal sprach sie nun laut vor sich hin, was ihr seit einer Viertelstunde im Kopfe herumging. »Mich kann er haben, jawohl!« Sie bückte sich, um die Zeitung, die neben ihr auf dem Boden lag, aufzuheben. Und noch einmal überlas sie die drei kleinen Zeilen, die sie erst zum Lächeln gebracht, dann seltsam angelockt hatten, bis mählich all ihr Blut in Aufruhr und der Entschluß in ihr schon nahezu reif war, diesmal endlich einen Schritt in dunkle Ungewißheit zu wagen. Am Tage vorher, dem Montag, kurz vor dem Aufbruch ihres Mannes, hatte sie wieder einmal eine entsetzliche Szene durchmachen müssen, wo sie trotz allem Entschluß, kalt und trocken zu bleiben, schließlich doch nicht mehr sich hatte halten können, wo alles aus ihr herausgesprudelt war, kochend, rasend, bis zu den Worten: »Ich habe dich satt! Satt bis zum Halse hinauf! Lieber alles – alles andere als deine rohen Gemeinheiten voll Knoblauchduft noch länger mit anhören!« Und sie war dann fortgegangen in den Wald hinauf, ohne Abschied. O wie oft schon hatte sie sich gesagt, das sei das Letzte und Äußerste, nun sei es zu Ende, und als der Freitag nachmittag wieder kam, war sie immer noch im Hause, und bis zum Abend hatte Wolf Tilsiter sich wieder mit ihr versöhnt, und am Tage darauf ging er wie alle andern Gemeindeglieder mit seiner Frau am Nachmittag ins Wirtshaus und freute sich, daß ihre stolze Schönheit die übrigen Weiber überstrahlte. Sollte es auch jetzt wieder so kommen? Alles in ihr sträubte sich dagegen, aber was tun, um alles in der Welt, was tun? Diese Aufregung wirkte noch in ihr nach, als sie heute bei gedankenlosem Durchfliegen der Zeitung die folgende kleine Anzeige gelesen hatte: Eine Frau wird gesucht. Briefe postlagernd Chiffre: 1 – 2 – 3 – Frei. Und wieder lächelte sie erregt, und es dachte in ihr: ›Dem Mann kann geholfen werden.‹ Vielleicht freilich war das, was hinter diesen unscheinbaren Zeilen steckte, noch viel widriger und häßlicher als die Bande, aus denen sie sich befreien wollte. Aber sie glaubte es nicht, und je länger sie über dieses Gesuch phantasierte, um so sicherer wurde sie. Ihr schien eine freie Heiterkeit aus diesen Worten herauszuwehen, es lag Geist darin und doch wieder eine sonderbare Hilflosigkeit. Und gerade das zog sie so mächtig an. In dieser abscheulich schlechten Welt, so überlegte sie sich, wie kam da dieser Mann dazu, sich scheu hinter eine knappe, harmlose, scheinbar wie eine Heiratsannonce aussehende Anzeige zu verstecken? Aus diesen dürren Worten sprach sie eine verwandte, vereinsamte Seele an, die nach einem sich sehnte und zu allem bereit war. Wahrhaftig, zu dieser Tat hatte ihr feiges Herz gerade Mut genug. Es lockte sie – warum sollte sie nicht im Schatten der Namenlosigkeit ausspähen nach dem, der sie befreien sollte? Und wieder nahm sie das Blatt, und ihre Lippen lächelten. »Eine Frau wird gesucht? Mich kann er haben. Frei? Das bin ich. Beinahe – feil!« Sie grübelte noch eine Weile vor sich hin; und währenddem wanderten ihre Augen auf dem Zeitungsblatt hin und her. Nach ein paar Minuten stutzte sie plötzlich, denn sie bemerkte, daß ihr Blick ganz gedankenlos schon geraume Zeit auf denselben Worten haften geblieben war. »Was ist das? Ach, Kinderei und Unsinn. Es gibt mehr als einen, der so heißt.« Sie hatte eine Anzeige gelesen, in der Ludwig Prinz mitteilte, daß er sich als praktischer Arzt in der Stadt niedergelassen hatte. Ludwig Prinz, wahrhaftig, so hatte ihr Gänseludwig geheißen. Daß aber aus ihm etwas Rechtes geworden sein sollte – den Gedanken wies sie rasch weit weg. Und doch – klangen ihr nicht wieder seine zuversichtlichen Worte in dem sicheren Tone ins Ohr: »Aus mir wird schon noch etwas. Wart' auf mich, Judith. Wir zwei gehören zusammen!« Hätte sie doch warten sollen? Und alles Blut schoß ihr bei dem plötzlichen Einfall in die Wangen, daß ihr faßt die Augen überliefen: Sie suchte nach ihrem Märchenprinzen, der sie befreien sollte? Hatte sie ihn nicht von sich gestoßen, hoch oben auf dem Felsen, ihren Ludwig Prinz, der die Gänse des heimatlichen Dorfes behütete? »Ach, Unsinn!« murmelte sie und griff nach der Feder. Was sollten ihr die Erinnerungen an die Kinderzeit? Aber die Träume wollten sich nicht verscheuchen lassen, und lächelnd, mit halb geschlossenen Augen phantasierte sie weiter. So saß sie sehr lange. Auf einmal zuckte sie zusammen und fuhr mit der Hand über die glatte, reine Stirne. Sie mußte einen Moment geschlafen haben; aber in diesem Augenblick hatte sie mit aufdringlicher Deutlichkeit zweimal hintereinander eine Anzeige gelesen, deren Worte lauteten: »Eine Frau wird gesucht. Ludwig Prinz.« Ihr armer, geplagter Kopf war heute nicht ganz recht in Ordnung. Was für ein Unsinn das doch war. Sie tauchte die Feder ein. Und mit jähem Entschluß legte sie einen Briefbogen zurecht und schrieb das Datum. Und dann blieb sie noch lange am Schreibtisch sitzen. – – – Am Abend dieses Tages sagte die Frau des alten Schönecker Dorfschullehrers, der zugleich Postmeister war, während des Sortierens der wenigen Briefe, die sie m Kasten vorgefunden hatte, zu ihrem Mann: »Guck einmal, Alter, soll denn der da befördert werden? Der hat eine ganz komisch Adresse. Ich glaube, da will dich wieder einer uzen.« Der Alte nahm die Pfeife aus dem Mund, setzte die Brille auf und las langsam: »1 – 2 – 3 – Frei. Postlagernd. – Ist ganz recht. Das sind jetzt die neumodischen Adressen.« Die Frau aber meinte wundernd: »Nein, nein, was man alles erlebt, wenn man alt genug wird!« Und kopfschüttelnd drückte sie mit derbem Aufschlag den Stempel auf den neumodischen Brief. Viertes Kapitel Briefe neumodischer Menschen 1. Mein Herr! Ich vermute, daß Sie selbst nicht recht wissen, warum Sie Ihre merkwürdige Anzeige ins Blatt setzen ließen; und da ich gleichfalls mir gar nicht klar darüber bin, warum ich Ihnen schreibe – nun, eben darum schreibe ich Ihnen. Ich gestehe, der Anfang läßt sich nicht sonderlich logisch an, aber vielleicht erwarten Sie auch von einer Frau, die sich Ihnen unter der von Ihnen gewünschten Devise naht, etwas ganz anderes als Verstand. Nun also – was wünschen Sie? Ihrer Hauptbedingung entspreche ich; ich bin verheiratet. Denn ich verstehe den Sinn doch richtig? Wenn Sie aber doch, allem Vermuten zuwider, zu heiraten wünschen und weiter nichts, dann wissen Sie jetzt, daß mein Brief nicht für Sie bestimmt ist. Ich setze auch voraus, daß Sie sich nicht einen schlechten Witz erlauben, etwa um einige interessante Briefe zu ergattern. Kurzum, ich nehme Sie ernsthaft. Wollen Sie mir gleich zu Beginn ein freies Wort gestatten? Sie müssen Seltsames, Ungewöhnliches hinter sich haben, denn ich kann mir nicht denken, wieso ein Mann mit gewöhnlichem Erleben auf eine so – wenn Sie erlauben! – auf eine so häßliche Idee kommt. Ich kenne das Leben ja freilich nur aus meinem Geträume und aus den Büchern der Kundigen und der Phantasten, denn was ich bisher geführt habe, kann ich wahrhaftig nicht Leben nennen; aber so viel ist mir doch einleuchtend, daß ein Mann der Natur nach mehr Angriffslust und Eroberungskunst besitzen sollte, als Ihnen eigen zu sein scheint. Jedenfalls, glaube ich, haben Sie die Liebe bisher noch nicht kennengelernt; aber vielleicht glauben Sie wenigstens an Liebe. Vielleicht sind Sie ein Mann, voll von unerfüllter Sehnsucht, der seine Arme winkend und begehrend ausstreckt nach einem bekannten Wesen, das sich hinaussehnt aus grauenvoller Verlassenheit, das voll ist vom Glauben an Liebe, an ein Glück, das irgendwo doch noch seiner warten muß. Vielleicht – mit einem Worte, vielleicht sind Sie der, den ich suche. Ich bin ein armes Weib, das in seines Herzens Unverstand als kindisches Mädchen sich von einem häßlichen Kerl hat heiraten lassen; ich lebe auf dem Lande und habe keinen Menschen auf der Welt, der mir nahe steht; ich halte es so nicht länger aus; und ich werde von heute ab jeden noch so ungewöhnlichen Weg einschlagen, der irgendwie mich von hier wegführen könnte. – – – Der Brief fällt mir doch schwerer, als ich anfangs gedacht habe, und ich will mich kurz fassen. Ich könnte fortfahren mit geheimnisvoller Sprache und könnte damit mein ungewöhnliches, jede Moral verletzendes Tun verschleiern. Aber ich will nicht; ich glaube keineswegs an eine verborgen wartende Vorsehung; nicht einmal der blinde Zufall hat es bisher freundlich mit mir gemeint. Im Grunde genommen, was habe ich mir vorzuwerfen? Die Menschen, zwischen denen sich die Liebe oder sonst ein inniges Verhältnis festsetzt, sie haben sich getroffen, ebenso gut, wie sie sich hätten nicht treffen können. Was hat sie zusammengeführt? Warum gerade die beiden? Sie waren nicht von Ewigkeit füreinander bestimmt, wohl aber waren sie beide in den Stunden, die für sie entscheidend waren, zur Liebe gestimmt. Wohl den Menschen, die beim Ungefähr gut angeschrieben waren! Wir haben alle dem Zufall, der von außen wirkt, mehr zu danken und mehr zu fluchen, als den Kräften, die in unserm eigenen Innern wohnen. Wenn es nun so bestellt ist, warum sollte ich nicht selbst, so gut es einem dilettantischen Weib eben geraten will, an den äußeren Verhältnissen der Geschehnisse, die mich treffen, mitarbeiten? Was ich damit sagen will? Ich will mir, ehrlich gesprochen, mit diesen Betrachtungen die Scham ausreden, daß ich diesen Brief schreibe, aber es gelingt mir nicht recht. Nun, denken Sie von mir, was Sie wollen. Sie kennen mich ja nicht. Daß ich meinen Namen nicht nenne, wird ihnen selbstverständlich sein. Sind Sie eine verwandte Seele, und will der Zufall, daß ein von einer andern geschriebener Brief Sie nicht näher trifft als der meine, so werden Sie wohl antworten. Ich sehne mich fort aus meiner dumpfen Umgebung und blicke voll heißer Sehnsucht zum Fenster hinaus. Vielleicht trifft unterwegs ein Blick auf ein gleichgestimmtes Gemüt. Bitte, wollen Sie, falls Sie mir schreiben, den Brief postlagernd hierher nach Schöneck senden und auf die Adresse den hier folgenden Namen setzen, der auf meine Existenz keinen Bezug hat. Ida. 2. Verehrte Dame! Nicht leicht hätte mich etwas so beschämen können, wie Ihr Brief. Man sagt ja sonst, es töne aus dem Walde wieder, wie man in ihn hineinrufe; gewiß war ich nicht auf das stolze Echo gefaßt, das meinen kläglichen Ruf erwidert hat. Sie haben recht, jetzt wenigstens, ihnen gegenüber, weiß ich durchaus nicht, was ich mir bei dieser Anzeige gedacht habe. Ich weiß nur, daß ich eine unglückliche Natur bin, verdorbenes Blut oder was weiß ich; vielleicht ist auch mein Sinn zu stolz, nicht leichtflüssig genug für unsere Zeit. So ging ich denn mit melancholischem Mut und trüben Blickes durch die Welt; mir war alles verleidet, ich wußte nach keiner Richtung, was ich mit mir anfangen sollte. Und vor mir, als mahnendes Vorbild, habe ich immer, seit Jahren schon eine prächtige Menschengestalt, ein alter Mann ist es jetzt schon, der durch alle Poren Leben saugt und Glück ausatmet und ausstrahlt, daß es gefährlich ist, in seine feurige Nähe zu kommen. Mir wenigstens hat er Gefahr gebracht; seine Reden haben mich plötzlich aus meiner Verdüsterung in den Leichtsinn geworfen; und in einer raschen Stunde, war ich so weit, daß ich »eine Frau suchte« – um allgemeine Sinnenglut zu löschen – oder was weiß ich. Verzeihen Sie mir. Ich bitte Sie, mir zu erlauben, davon zu schweigen. Mir ist das Herz sehr, sehr schwer. Draußen, über den Gärten, die eben zu knospen beginnen, und über der Stadt und den Bergen liegt ein wunderbarer Frühlingsabend, der Himmel schwelgt in flammender Glut, unten am plätschernden Brunnen höre ich lachende, so recht kindische Mädchenstimmen, von weiter her läuten die Kirchenglocken, es ist Samstag abend, und morgen ist Palmsonntag, und durch die Straßen laufen die Kinder und bieten Palmkätzchen aus. Mir aber ist, als dürfte ich nicht hinaus zu den fröhlichen Menschen, als trennte mich von ihnen eine unübersteigbare Schranke, als säße ich im Gefängnis. Wissen Sie, was ich glaube, daß das für ein Gefängnis ist? Es ist das Gefängnis der Freiheit. Lassen Sie mich erklären, was ich sagen will. Wir modernen Menschen – ja ja, ich gehöre eben auch dazu – wir sind eine versprengte Schar von armseligen Schluckern, die aus freiem Willen ausgeschlossen sind von ihrer Umgebung und darum vom Glück. Was Moral! Wir pfeifen auf die Moral, wir sind zu ehrlich, um uns länger an sie zu halten. Aber wir machen uns elend mit unserer Ehrlichkeit. Wir sind zu wenige, als daß wir aneinander genug haben könnten, und wenn wir zahlreich genug wären, wir finden uns nicht und scheuen uns ja auch vor einem festen Band, das uns zusammenhalten könnte – wieder aus Ehrlichkeit. Draußen in der alten Welt, da gibt es Gemeinschaften; diese Kirchenglocken – ich kann ihre Klänge auch nicht mehr ästhetisch genießen, seit es mir schmerzvoll zum Bewußtsein gekommen, daß sie etwas bedeuten – für eine unendliche Menschenschar, die zusammengehören, die einander verstehen. Wir aber sind ausgeschlossen. Und macht uns denn unser Wahrheitsdrang selig? Mich nicht. Ich wage ja doch nicht, die Konsequenz meines Denkens zu ziehen; ich bin zu sehr verbunden mit dieser Welt; ich brauche Menschen, mit denen ich verkehren kann. Und kaum bin ich zu ihnen zurückgekehrt, so hält es mein freier Sinn wiederum nicht bei ihnen aus – und ich fliehe zurück in die Einsamkeit, ins Gefängnis der Freiheit. Manchmal drückt es mir so furchtbar lastend auf die Hirnschale, daß ich mit dem Gedanken spiele, recht bald verrückt zu werden; das wäre doch ein Abschluß dieser qualvollen Ungewißheit; dann hätte ich doch eine Gemeinschaft gefunden, und vielleicht, im Narrenhaus, wäre ich dann bei Menschen, die mich verstehen wie ich sie. Aber ich glaube, das ist nur eine Einbildung meiner Wünsche; der Mensch ist ein gar zu zähes Tier. Aber ganz normal bin ich nicht; das ist mir nunmehr deutlicher als je. Es ist geradezu komisch, wie ich davor bange, irgend etwas zu tun und eine Gelegenheit beim Schopfe zu nehmen. Glauben Sie mir, verehrte Unbekannte, daß ich eine ordentliche Scheu vor Ihnen habe? Merkwürdig – Sie sind nun in kurzer Zeit die zweite wertvolle Frau, der ich begegne. Die erste ist ein liebes, vortreffliches, schönes Mädchen, das ich lange kenne, aber nie gekannt habe, kaum recht beachtet. Wir verkehrten viel zusammen, und eine wunderliche Fügung, die mir selbst nicht klar ist, hat mir den Gedanken, mich liebend an sie zu klammern, verführerisch nah gelegt. Nie ist mir ein Mensch lieber gewesen als dieses Mädchen; wie oft frage ich mich: regt sich denn nun wirklich gar nichts in mir? Aber trotz der unbestimmten Sehnsucht in all meinen Gliedern – ich kann auch nicht eine Spur von dem, was Liebe ist, in mir finden. Ich gebe ihr die Hand wie einem andern Freunde, weder lockt es mich zu körperlicher Berührung, noch scheue ich davor zurück. Was ist das nur mit mir? Und nun Sie, meine Dame – – sollte ich nicht lieber ins Kloster gehen oder mich aufhängen, als bei meinem trüben Wesen in dieser verwirrten Welt auf Abenteuer ausziehen? Oh, ich begreife sehr, sehr wohl, wie man katholisch werden kann. Die alten Mächte sind in Wahrheit noch von einer imposanten, wuchtigen Stärke, und wir sogenannten freien Menschen sind leider fast allesamt Schwächlinge. Ich hätte vielleicht lieber schweigen sollen als in dieser unangenehmen Stimmung an Sie schreiben. Und doch zieht es mich wieder zu Ihnen, so daß ich eigentlich an den Schreibtisch gegangen bin in der Absicht, Sie zu ersuchen, eine Zusammenkunft zu ermöglichen, damit wir uns persönlich kennenlernen. Aber jetzt traue ich mich kaum, diese Bitte zu stellen. Sie werden den Eindruck bekommen, daß ich nichts für Sie tauge und Ihnen in Ihrer entsetzlichen Lage nicht helfen kann. Aber doch, Werteste, möchte ich Sie bitten: geben Sie mich nicht auf! Ein wunderliches Geschick war es doch, das uns einander genähert hat. So ganz katzenjämmerlich wie heute ist mir auch nicht immer zumute. Vielleicht wird doch noch etwas Rechtes aus mir. Freilich warte ich schon lange darauf. Jedenfalls – wenn es ernstlich so weit ist, daß Sie mir sagen ich könne das geringste dazu tun, einen Menschen wie sie aus dem Elend zu befreien, ich stehe ganz und gar, in jeder Weise, zur Verfügung – selbst wenn Sie einen Ritterdienst in Kleistscher Art von mir heischten. Bitte seien Sie davon jetzt schon überzeugt. Ich habe wenig Hoffnung, ganz ehrlich gesagt, daß diese Sache mit meinem Glücke irgend zusammenhängt – aber gerade darum. Mein Glück oder Unglück kommt gar nicht in Betracht. Und immerhin wäre es mir eine wohltuende Erleichterung, wenn ich mich dazu brächte, etwas, was meiner Natur entspricht, zu tun. ich wollte, ich könnte mich so recht aufraffen, etwas Befreiendes zu leisten. Also – verfügen Sie über mich. Jedenfalls seien Sie von meiner aufrichtigen Hochachtung überzeugt. Ich darf doch eine Antwort erwarten? Unter der alten Chiffre, bitte. Ludwig. 3. Werter Herr! Sie haben wohl, und mit Recht, eine unmittelbare Antwort auf Ihren Brief erwartet; aber mein Mann, der sonst um diese Zeit meistens weg ist, war einige Tage länger hier als gewöhnlich, und so fand ich nicht so rasch die richtige Stimmung. Ich habe bisher Menschen Ihres Schlages nur in meinen Büchern angetroffen, und zwar meist in solchen, die heute nur noch wenige lesen; an die wirkliche Existenz solcher Unseliger habe ich aber nie recht geglaubt, und ehrlich gesprochen, glaube ich auch jetzt noch nicht recht an sie – und an Sie. Oder solltet ihr draußen wirklich schon so weit vorgeschritten sein, daß ihr schon wieder daran seid, rückwärts zu gehen, während ich Ärmste kaum schon von einem Hauch des Fortschritts gestreift bin? Nehmen Sie mir's nicht übel, daß ich so geradeheraus meine Meinung sage, aber wenn Sie wüßten, wie wohl und leicht mir ist, seit Ihr Brief gekommen ist! Können Sie das begreifen? Vielleicht ja, wenn Sie daran denken, daß mir zum erstenmal in meinem Leben ein Mensch meinesgleichen nahe gekommen ist. Der allererste! ohne die Spur einer Übertreibung. Und dann habe ich das Gefühl, ganz gleich, was nun auch werden mag, ich bin doch etwas; es wird! Sie haben mein unklares Geschreibsel verstanden, so wie ich es meinte; Sie haben mir Ihr Wesen erschlossen, ich habe Sie angeregt; ich freue mich sehr. Sie müssen wahrhaftig viel Glück gehabt haben in Ihrem jungen Leben (ich stelle Sie mir nämlich ganz jung vor; habe ich recht?), sonst wären Sie nicht so übermütig, Ihres freien jugendlichen Denkens überdrüssig zu sein. Und Sie haben auch wirklich Grund dazu! Schämen Sie sich ein bißchen; Sie selbst teilen mir mit, daß Sie schon zwei ebenbürtige Menschen gefunden haben, einen alten Mann und ein weibliches Wesen (als ob man derlei alle Tage fände!). Und Sie wollen vereinsamt sein, ausgeschlossen, verlassen oder was weiß ich? Was soll dann ich sagen? Sie sehnen sich nach der Gemeinschaft der Gewöhnlichen? Kommen Sie nur hierher und leben Sie in meiner Umgebung dann vergehen Ihnen aber ganz gewiß die frevelhaften Wünsche. Wenn ich nur erst hier aus diesem jammervollen Nest heraus wäre und befreit von diesem Mann, ich wollte mir's schon wohl sein lassen. Glauben Sie nicht, daß ich in weichlichem Luderleben aufgehen will. Aber mir würde nicht einsam zumut sein. Ich hoffe, mir, wenn ich einen festen Halt hätte (den freilich glaube ich kaum entbehren zu können), schon eine Umgebung, oder wenn die nicht, doch eine Art Tätigkeit schaffen zu können. Warum drängt es uns, auch wenn uns leider die Möglichkeit fehlt, die neuen Ideen unermüdlich mit solchem Eifer, und wenn's nur in der träumenden Phantasie wäre, weiter zu verbreiten und neue Anhänger zu werben? Ich denke doch, eben weil wir nicht allein sein wollen. Weil wir unseresgleichen um uns scharen wollen. Und dann auch um recht zu haben. Ich denke nur, es kann gar nichts Köstlicheres geben als weiche, bildsame Köpfe unter die Hände zu bekommen. Nichts Befriedigenderes, als aus sich herausgehen, sich äußern können und ein Stückchen Welt, und wenn es das kleinste Zipfelchen wäre, umzugestalten nach seinen Ideen. Und gar nicht um der Ewigkeit willen, nicht um etwas Unvergängliches zu schaffen, so hoch hinaus braucht es noch gar nicht zu reichen; wenn auch nichts von mir in der Welt bleibt, ich werde mich trösten können. Aber solange ich da bin und zusehe, etwas schaffen, einen Kreis um mich sammeln, auf Menschen wirken, damit das wird, was ich will, damit das vorhanden ist, was ich vorhabe, damit das geschieht, was ich sehe, und damit das schließlich dann getan ist was ich gedacht habe – das ist schön und das lockt mich. Sie nicht auch? Wir haben hier, es ist nur ein Viertelstündchen zu gehen, ein ganz kleines Tannenwäldchen; ich bin gern da und bin erst gestern nachmittag wieder droben gewesen. Es muß da, wer weiß woher, ein besonderer Boden sein, denn ringsum ist es von Laubwald eingeschlossen, vielleicht Meilen weit. Aber die paar Tannen, die da beisammen stehen, gedeihen ganz prächtig. Denen ist's ganz wohl in ihrer Vereinsamung, und manchmal bringt ihnen vielleicht ein freier Windstoß einen frischen Gruß von ihren fernen Brüdern draußen, hinten im andern Land, und dann fühlen sie vielleicht, daß sie doch nicht einzig in der Welt sind, und daß sie allüberall ihresgleichen haben, Gleichgestaltete, von selbem Wuchs, der nämlichen Triebkraft, die gerade wie sie Jahr um Jahr ihre Ringe ansetzen. So sollte uns, meine ich, auch zumute sein. Und dann da liegen in meinem Wäldchen eine Menge großer und kleiner Steine umher; ganz weicher, mürber Kalkstein, den man fast mit den Fingern zerbröckeln kann. Da sitze ich oft und klopfe zum Vergnügen Steine, und sie lösen sich in wagrechten Schichten auseinander, und fast in jedem finde ich den deutlichen Abdruck von Schnecken und Muscheln, die vor Jahrtausenden einmal lebendige Geschöpfe gewesen sind. Es waren ganz gewöhnliche, unbedeutende Tiere, die von der launischen Welle des breiten Gewässers verewigt worden sind. Ich habe dann meine besonderen Grillen dabei, die im Grase um mich herumhüpfen. Wesen von ganz besonderer Art – die kündet vielleicht kein Stein, die sind lautlos und ohne Abbild im Zeitenmeer versunken. Was tut's ihnen? Gar nichts. Das was nachher ist, nach uns, ich denke oft, es sei ganz und gar Nebensache, gleichgültig. Jetzt aber, jetzt leben wir, jetzt wollen wir leben. Ob wir viel sind oder wenig, oder fast ein Nichts – gleichviel, wir sind. Die Gemeinschaft, der Zusammenhang mit dem Ewigen, das Einsfühlen mit dem All –, es ist mir manchmal, als ob das auch nur eine trockene Phantasie sei. Daß ich mich herausheben kann –, aus dem wäßrigen Brei, daß ich mich für mich als etwas Besonderes fühle, das ist mir viel mehr wert. Mir schaudert gar nicht vor der Vereinzelung. ich will eine Einzelne sein. Den Anschluß an die Meinigen, den Umgang schließe ich damit nicht aus. Im Gegenteil, der gehört zu mir, ich brauche ihn, ich sehne mich nach ihm. Aber all das übrige Zeug – vielleicht ist das nur jetzt so meine Stimmung, vielleicht denke ich auch wieder einmal anders darüber, aber jetzt brauche ich es nicht. Ich verzichte völlig auf die Welt, auf den Anschluß an das Vergangene und schließlich auch auf meinen Wert für das, was kommt. Von meinen lieben Mitmenschen, wie sie gemeiniglich sind, brauche ich es erst gar nicht zu versichern. Ach wahrhaftig, ich fühle mich! Lang Unterdrücktes will heraus aus mir. Mir ist frei und heiter, und ich könnte nur immer hier sitzen und zu Ihnen reden. Ich danke Ihnen; so wie ich bisher gewesen bin, so bleibe ich nicht mehr. Das war einmal und wird nicht wieder. Ihre Klagen über Ihre Verlassenheit, die kann ich Ihnen kaum nachfühlen, gewiß mache ich nicht mit. Meine Vereinsamung, die ist etwas sehr Wirkliches – die besteht in den Menschen, die um mich sind und auf meine Sinne eindringen. Bin ich die erst los, und wenn ich ganz allein wäre – ich würde mich, glaube ich, nicht mehr einsam fühlen. Aber ich glaube, wenn man nicht will, dann ist man auch nicht allein. Freilich – zu recht gewalttätigen Mitteln muß man oft greifen – wie unser Beispiel lehrt. Gewiß wollen wir uns persönlich kennenlernen; aber meinen Sie nicht auch, wir sollten noch ein wenig warten? Es kann uns beiden nicht schaden, den unangenehmen Eindruck des Beginnes unserer Bekanntschaft zu verwischen. Und dann – ich denke, wir beide gehen schriftlich eher aus uns heraus, als wenn wir uns gegenüberstehen. Sie scheinen mir auch ein bißchen ein Hasenfuß – wie ich. Glauben Sie nicht, daß ich immer so trocken bin im Gegenteil, ich leide oft an einer sehr ausschweifenden Phantasie. Wollen Sie mir nicht ein wenig von Ihrem Leben erzählen; vielleicht auch Ihren Namen nennen? Das wird gut sein gegen meine Träume, die nicht mehr ruhen wollen, seit ich den Namen »Ludwig« gelesen habe. Aber Sie können ja nicht mein Ludwig sein; Sie schreiben ja so jünglingsmäßig, und der, den ich meine – von allem andern abgesehen – müßte noch älter sein als ich, und ich bin nun schon fünfundzwanzig. Also bitte, vertreiben Sie mir bald meine Grillen und erfreuen mich mit einem recht großen Brief. Adressieren Sie ihn in das benachbarte Dorf Kondersingen. Die ich mich nenne Ihre ergebene Ida. 4 Sehr werte Frau! Alles dringt auf mich ein, um mich in eine Region der Heiterkeit zu verpflanzen; aber mir wird fast bange davor, ich möchte mich manchmal allen Einflüssen entziehen und allem Fremden davonlaufen. Wundern Sie sich nicht, daß ich Sie eine Fremde nenne; mein Herz ist ein empfindliches Ding, und wer mir daran rühren will, den schaut es groß an, wie einen Eindringling. Mein Freund freilich läßt nicht ab, mit einem unsagbaren, ein bißchen verachtungsvollen Lächeln und scharfglänzenden Augen mich emporreißen zu wollen, der Frühling lockt mich mit seinen sonnigen Tagen und den kleinen zarten Blumen und streichelt mich mit milden Winden, und meine Freundin, die leider von einer schlimmen Krankheit verzehrt wird, blüht auf wie eine Magnolie. Und zu dem allem kam nun noch Ihr, ja ich muß ihn so nennen, Ihr lieber Brief. Noch ein bißchen Sonnenschein und laue Lüfte vom Süden her – vielleicht werfe ich scheuer Mensch mich dann auch in den Strom und schwimme mit. Sie wollen nun gar etwas von meinem Leben hören; weil ich Ludwig heiße. Fürchten Sie nicht, mich gekannt zu haben; ich wüßte nicht wieso. Ich habe zufällig von den Verhältnissen Ihres Dorfes vor kurzem sprechen hören, und ich glaube nicht, daß ich mich irre, wenn ich annehme, daß Sie im Schloß daselbst wohnen und die Frau Baronin sind. Ich wüßte nicht, woher sonst nach Schöneck eine Dame Ihrer Bildung kommen sollte; da das Dorf katholisch ist, können Sie auch nicht die Frau Pfarrerin sein. Fassen Sie das nicht als Zudringlichkeit auf: nun, so weit sind wir ja wohl schon vertraut mit unserem Wesen, daß wir über die ängstliche Wahrung der Anonymität hinaus sind. Auch fragten Sie mich nach meinen Umständen und nach meinem Namen; ich heiße Ludwig Prinz und bin seit ganz kurzer Zeit hier praktischer Arzt – aber leider so ziemlich ohne Praxis bisher. Das Alter freilich würde gut stimmen; denn Sie irren sich, wenn Sie mich der Zahl der Jahre nach für einen Jüngling halten; ich bin ein Jahr älter als Sie. Sonst freilich können Sie recht haben; ich empfinde mich selbst als einen Spätling, und mein Leben ist auch so merkwürdig verlaufen, daß ich zweimal geboren wurde, einmal als lebendes Wesen, als ein Stück wilde Natur, und später noch als Mensch, als Mitglied der großen Gemeinschaft der Kultur. Lassen Sie sich meine Geschichte erzählen, vielleicht schöpfen Sie daraus mehr als aus theoretischen Erörterungen die Erkenntnis, daß es doch eine ungeheure Gemeinschaft der Überlieferung und der Sitte gibt, in die einzutreten etwas unendlich Bedeutungsvolles und aus der auszutreten ein Wagestück ist, zu dem viel Mut gehört – oder viel Oberfläche. Vielleicht berührt es Sie trotz aller Vorurteilslosigkeit doch etwas peinlich, wenn ich Ihnen sage, daß ich ein Dorfbankert bin. In Breitenau bin ich zur Welt gekommen, meine Mutter habe ich nicht gekannt, sie starb bei der Geburt. Sie war die Tochter eines Tagelöhners; ich habe nichts über sie vernommen, als daß sie nicht sonderlich hübsch war. Ich wurde auf Gemeindekosten – nein, erzogen kann man es nicht nennen; sagen wir: gefüttert. Mein Großvater muß wohl ziemlich bald nach meiner Geburt auch gestorben sein, und die andern »Angehörigen« kümmerten sich nicht um mich. Und nach dem Vater dürfen Sie mich nicht fragen; er muß wohl nicht aus dem Dorfe gewesen sein. Ich schlief in einem Winkel beim Schafhirten, der wohl ein ganz braver Mann gewesen sein wird; ich glaube aber nicht, daß er während all der Jahre mehr als zehn Worte mit mir geredet hat. Ich half ihm und seinem Wolf – so hieß der Hund – die Schafe hüten, bis man mir dann später den Posten des Gänsehirten übertrug. Es war, wenn ich's jetzt ehrlich sagen soll, ein herrliches Leben. Freilich hatte ich leider oft Hunger, denn richtig regelmäßig zu essen hat mir kein Mensch gegeben; ich wandelte so die einzelnen Höfe und Bauernhäuser ab, und gewöhnlich wurde ich bei den Ärmsten noch am ehesten satt. Aber schön war's doch. Wenn die andern in der Schule sitzen mußten und buchstabieren und kopfrechnen und sich beim Lehrer Schläge holen, da lag ich friedlich bei meinen Gänsen und schnitzelte mir eine Pfeife, und wenn sie fertig war, blies ich auf ihr, stundenlang eine eintönige Leier, und ich kam mir vor, wie ein König auf seinem Thron. Ich hatte mein Leben für mich und glauben Sie mir, trotz aller Unbildung, ich hatte auch meinen Verstand für mich. Und nun erst die Phantasie! Die bunten Steine, und die Käfer, und die Blumen, alle der Farbe nach geordnet und mit meiner hellen Kommandostimme beherrscht – heute noch könnte ich mich sehnen nach den Gesichten, die ich damals schaute, und nach den Geschichten, die ich ganz still für mich erlebte. Es ist wunderbar, aber ich weiß es bestimmt: es war auch nicht eine Spur von Roheit in mir; ich war ein ganz stiller verträumter Bube. Freilich – es war lange Zeit ein ewiger Stillstand, einen Fortschritt gab's nicht, und wenn nicht eine gewaltige Erschütterung dazwischen gekommen wäre, hätte ich ohne Zweifel den Dorfsimpel abgegeben, der verkümmerte, weil er keinen Anstoß hatte, über das Erleben des Zehnjährigen hinauszuwachsen. Nun, etwas zurückgeblieben bin ich ja um die Zeit herum, als ich sechzehn, siebzehn, achtzehn Jahre alt war, den Dorfbewohnern schon vorgekommen; für voll hat mich damals kein Mensch angesehen. Aber was machte ich mir daraus? Wenn sie mich nur in Ruhe ließen. Ich hatte meine Welt für mich. Ich sah ordentlich, wie die Blumen im Grase um mich herumwuchsen und sich um mich gruppierten, wie die Halme sich vor mir neigten, ich hörte die Vögel, die traulich an meinen Futterplatz heranflogen, mir ihre Lieder singen. Und hoch oben in den abenteuerlichen Wolken, da waren meine Königreiche, für die ich eigne Namen hatte. Daher war ich gekommen, und es stand ganz und gar in meinem Belieben, wann ich die Rückreise antreten sollte. Wäre damals ein harter strenger Mann gekommen, der keinen Spaß verstanden hätte, und hätte der mich barsch gefragt, ob ich denn all dies Geträume selber glaube, ich hätte ihm und mir wohl eingestanden, daß es nur Erfindungen zu meiner Freude seien, aber die Welt wäre mir dann leer gewesen und ich ganz hilflos und verlassen, und ich hätte, glaube ich, bitterlich geweint, daß er mir mein Reich zerstört. Aber der rauhe Mann kam nicht mich zu fragen – und statt seiner gesellte sich mir ein wunderliebliches Mädchen, das willig mit mir in meinen Märchen lebte, obwohl sie mit souveränem Bewußtsein nur ihr Spiel trieb mit meinen Phantasien, denn sie war in die Schule gegangen und war damals schon ein Backfisch. Aber, Sie dürfen nicht lächeln, niemals habe ich wieder ein so schönes Mädchen gesehen, wie meine Judith; es war ein Judenmädchen. Ich hatte sie natürlich immer gekannt, im Dorfe ist das ja nicht anders. Aber sie hatte wohl nie ein Wort an mich gerichtet. Eines Tages aber lag ich auf einer Wiese auf einer Bergterrasse und flocht Blumenkränze, und da kam sie des Weges, und ich sah zum erstenmal, wie schön das Kind war, und ich streckte ihr einen Kranz hin. Sie schrak aus ihren Träumen auf und starrte mich großäugig an, und ich sagte zu ihr: »Da, Judith, nimm deinen Kranz, der ist für dich!« Ich weiß noch, was sie erwiderte; sie lachte schließlich und sprach: »Du bist ja ordentlich galant, Ludwig – hier kann ich ihn ja nehmen« – sie meinte, weil es niemand sah, denn sie war ein gar hochmütiges Wesen. Aber wir kamen ins Gespräch und wurden vertraut, und schließlich, schon nach ein paar Tagen, ließen wir nicht mehr voneinander. Wann sie nur konnte, schlich sie sich zu mir, und am Bachufer und am Waldrand und bei den Felsen – da gab es so viele verborgene Winkel. Denn sehen durfte uns niemand zusammen, und im Dorf durfte ich kein Wörtlein zu ihr sprechen. Das machte mir nichts aus, wenn sie nur oft zu mir in die Blumen und Steine kam, und das tat sie. Sie erzählen in Ihrem Briefe von Ihrer vergnüglichen Liebhaberei, Steine zu klopfen – wissen Sie, das tat auch meine Judith gar zu gern, oft stundenlang, und auch sie schlug Muscheln und Schnecken wie Funken aus dem Gestein. Schließlich, ohne daß wir ein Wort darüber redeten, liebten wir uns, und ich glaube jetzt, es war eine glühende Leidenschaft, die zwischen uns wob. So daliegen im Grünen, nebeneinander, sie mit ihrer linden, molligen Hand auf meinem verbrannten Nacken, manchmal auch auf der Wange – stundenlang, nichts weiter; aber wir wagten kein Wort, keine Regung, wir starrten nur in die untergehende Sonne oder in meine zerrissenen Wolkenkönigreiche. Und dazu sangen die Nachtigallen aus dem Ufergebüsch – es war ein ganzer Chor, und die Gänse drängten sich um uns herum und schnatterten, die Heuschrecken hüpften, und die Grillen zirpten immer und wieder in Wiesen und Ried, und rings unaufhörlich ein Gesumme und Gewirre der Mücken, die Amseln flöteten, und aus den Äckern jubilierten die Lerchen tief in den Himmel hinein, das Eidechschen kroch aus dem Ginster hervor und drehte sein elegantes Köpfchen und wärmte sich in der Sonne, im Wald lachte und hämmerte der Specht, und wir folgten dem Eichhörnchen von Zweig zu Zweig, die Libellen tanzten im flimmernden Sonnenschein, der goldige Pirol pfiff mit lockendem Ruf, und von ferneher rief immerfort geheimnisvoll der Kuckuck, und ich hörte nur: Judith! Judith! und sie einzig und allein: Ludwig! Ludwig! – Meine Freundin, wahrhaftig! es war schön! Und eines Tages hatten wir Mut gefunden, und wir küßten uns zum erstenmal, in stiller, seliger Feierlichkeit. Gemein machte sich unsere Liebe nicht, und es war immer etwas Besonderes, wenn unsere heißen, jungen Lippen sich langsam aufeinanderlegten; die glänzenden Tränen standen uns dabei in den Augen, und mir durchschütterte und durchrieselte es meinen ganzen Leib! Oh, diese Erinnerungen – ich sehe Judith noch neben mir, wie sie an meinem Halse lag – und dann, wie sie rasend sich losriß, jenes fürchterliche, gräßliche letzte Mal! Warum? Das stand ganz außer dem Zusammenhang unseres Liebesbundes. Ich glaube, auch sie hat leidenschaftlich an mir gehangen, aber es war ihr ein Traum, der für nichts Wirkliches galt. Denn dann – es ist lächerlich zu erzählen, aber so war es: dann verlobte sie sich regelrecht mit einem fremden Juden, ich weiß nicht, woher er auf einmal aufgetaucht war – obwohl ich ihr lieb war, wie sonst kein Mensch in der Welt! Wie wir da zusammenlagen, bis sie aufsprang, als ob sie mich verachtete und mich ob ihrer Schande zerreißen könnte, wie sie dann, ohne umzublicken, den Berg hinunterlief, nie habe ich einen so entsetzlichen Schauder gefühlt wie da – es war mehr als Betäubung, alles drehte sich um mich und in mir. Ein paar Tage vorher – vielleicht auch ein paar Wochen, das weiß ich nicht mehr – war im Dorfe ein großes Gerede darüber gewesen, daß sich der junge Schafhirt eines Nachbardorfes gehängt hatte, weil er von seiner Liebsten verraten war. Ich weiß noch, in der Erzählung wurde immer besonders betont, daß er einen Zettel hinterlassen hatte, in dem er der Geliebten alles, was sie ihm angetan, verzieh und ihr viel Glück im Leben wünschte. Das hatte mich gleich sehr gerührt, und jetzt, in meiner jammervollen Verzweiflung stand es mir hell als Vorbild vor Sinnen. Adieu, Welt! ade, schlimme Vielgeliebte! Es war mir sicher, ich konnte nicht mehr leben. Aber auch ich wollte nicht ohne ein Abschiedswort gehen. Sie sollte durchdrungen werden, sie sollte alles vernehmen, und sie sollte ewig in Liebe an den verstorbenen Ludwig denken, der ihr selbst das hatte vergeben können, daß sie ihn aus dem Leben getrieben. – Aber da kam mir's, wieviel mir fehlte! Ich hatte kein Mittel, um über den Tod hinaus zu sprechen. Ich konnte nicht schreiben. Im Dorfe konnte ich mich keinem Menschen anvertrauen. Immer ging mir das im Kopfe herum, ich schlief keine Minute. Endlich faßte ich den Plan, ich müsse das Schreiben lernen, um den Zettel hinterlassen zu können. Es waren vielleicht drei Tage vergangen nach jenem Abschied – da brannte ich durch, der Stadt zu. Ich war niemals da gewesen, und mit wirrem Kopf schlich ich durch die Straßen und blickte ratlos an den hohen Häusern hinauf. Ab und zu fragte mich ein Vorübergehender, was ich suche. Meine stetige Antwort war: Wo wohnt der Lehrer? Die Leute hatten keine Zeit für mich und ließen mich stehen. Da endlich traf ich einen Menschen, der immer Zeit gehabt hat für alles Ungewöhnliche und Absonderliche – ich kann ihn Ihnen beschreiben, wie er heute noch ist, denn er hat sich nicht verändert, mein Freund, von dem ich Ihnen schon gesprochen habe, mein Nähr- und Lehrvater Arnold Himmelheber: ein mächtiger, breitschultriger Mann hielt mich an, mit graumeliertem Vollbart, eine gesunde Röte um die Backenknochen und mit Glanzaugen unter der Stirn, wie ich sie sonst noch bei keinem Menschen gesehen habe, höchstens annähernd so bei Tizian in seinem Selbstbildnis, dem er auch sonst ein wenig gleicht. Der verstand es, mich zum Reden zu bringen, bis er endlich wußte, daß ich einen Zettel schreiben wolle, aber nicht könne. Und sowie er vernahm, daß ich keinem Menschen angehöre, nahm er mich mit nach Hause, um mich das Schreiben zu lehren. Nun – von der ersten Stunde an, mit dem ersten Federstrich, den er mich aufs Papier malen ließ, hat er mich auch in aller Weisheit der Welt unterrichtet, ich konnte noch kein Wort zusammenhängend lesen, da wußte ich schon von der Gestalt unserer Erde und vom Sonnensystem, und woher man das wisse und was man früher davon geglaubt. Er hatte eine eigene Weise, er, verstand es, meine Märchen aus mir herauszuschöpfen, und auf die ging er ein und weitete sie aus und schließlich, kaum daß ich merkte wieso, war meine bunte Geschichte anders geworden und nur noch ein Symbol für eine Lehre der Wissenschaft. Und so hat er mich weiter erzogen, und wir haben miteinander meinen Verstand neu entdeckt. Was gingen mir da für Welten auf! Sie werden mir's glauben, daß ich die nächsten Monate mit keinem Gedanken mehr daran dachte, daß ich mich eigentlich töten wollte, und daß ich jetzt den Zettel schreiben konnte. Später dann freilich, als mir die herrliche Kulturwelt, in die ich hineingewachsen war, schon wieder fragwürdig zu werden begann, da habe ich oft meines Dorfes und meiner Blumen und Tiere und Wolken gedacht, und nun erst das Bild meiner Judith hat sich sehr, sehr oft vor mir aufgestellt. Und auch der Gedanke mich zu hängen ist mir, wie Sie wissen, wieder etwas vertrauter geworden. Aber immerhin, trotz alledem! Ich habe zwei Leben erlebt, ein drittes möchte ich nicht noch einmal neu zu beginnen wagen. Ich bin mit allen Fasern hineingewachsen in die gebildete europäische Welt, und glauben Sie mir, wenn man wie ich aus der natürlichen Wildheit kommt, da weiß man: es gibt ein tausendjähriges Reich, das Macht über uns hat; mir ist die Vergangenheit nichts Totes; mir ist sie eine Welt, in die ich spät eingetreten bin, eine sehr lebendige, eine uralte Macht, von der ich ein winziges Teilchen bin. Ich glaube, mir ist das alles, Sitte, Überlieferung, Zusammenhang, viel neuer, mehr persönlich gegenüberstehend als euch, die ihr drin aufgewachsen seid. Kurz, ich bin feig, und trotz aller Erkenntnis und Sehnsucht mag ich mich gegen die neue Pflegemutter nicht aufbäumen; mag mich nicht recht der neuen Wildheit, die aus der Zukunft herüberwinkt, anvertrauen. Es müßte, glaube ich, schon etwas ganz Gewaltiges kommen, auf daß ich den Mut fände zu ungewöhnlicher Tat. Den Mut, irgend etwas ganz, ganz Besonderes zu tun und dann zu sterben – den habe ich immer noch, dazu gehört aber leider auch nicht viel; aber das Weiterleben gegen die Welt – ich traue mir's nicht zu. Vielleicht unterschätze ich mich, ich fürchte aber, es ist schon so. Hoffentlich verachten Sie mich nicht. Der Schreibebrief ist Ihnen wohl lang genug, und ich glaube, die Geister meiner Jugend, die Sie wieder geweckt haben, werden mich in den nächsten Stunden noch nicht verlassen. Ich würde mich freuen, wenn recht bald wieder ein ermutigender Brief von Ihnen käme. Ich bitte Sie darum. Seien Sie gegrüßt von Ihrem Ludwig. Ich darf doch auch weiterhin einfach Ludwig für Sie sein, obwohl Sie jetzt meinen vollen Namen kennen? Wir haben's nun schon eingeführt. Wollen Sie immer noch »Ida« bleiben? oder vertrauen Sie mir? 5. Mein Freund! Haben Sie Dank für Ihren Brief; aber lassen Sie mich ganz kurz sein. Ich bin so gar nicht gestimmt, ruhig zu schreiben. Nun also – haben Sie noch Lust, mich kennenzulernen? Eine Stunde von hier und etwa drei Stunden von Ihnen ist der Eisenhammer; Sie kennen den Wald wohl. Wenn Sie sich da nach links wenden, komme. Sie zur sogenannten Kanzel, ein bequem zugänglicher, breiter Felsen, von Buchen umrauscht. Dort werde ich übermorgen nachmittag gegen vier Uhr sitzen und lesen. Also – auf Wiedersehen! Bitte, lassen Sie auch diesmal mich noch sein Ihre treulich ergebene Ida. Fünftes Kapitel Ununterbrochen waren sich die heiteren, sonnigen Apriltage gefolgt; nun aber, just an dem Tage, da Frau Judith und Ludwig Prinz zusammenkommen wollten, hatten sich von allen Seiten her die weißen, unheimlich glänzenden Wolken zusammengezogen, und nachmittags ging das erste Gewitter des Jahres mit dröhnenden Schlägen und violetten Schlangenblitzen über die Gegend nieder. Man wußte schon, daß ein schlimmes Unwetter herannahe, da verließ Frau Judith Tilsiter mit einem hellgrauen, enganliegenden Regenmantel bekleidet und einen Regenschirm in der Hand eiligen Schrittes das Dorf Schöneck; und sie war mitten auf dem Wege, als ihr von ferneher riesige Staubwolken entgegenkamen, und eine Minute nachher war der erste starke Windstoß bei ihr. Sie war erregt; aber keine Spur von Angst; ihr lag nur die verhaltene Spannung auf den Nerven, und sie spürte deutlich den Schwefelgeruch. Dann ging sie rasch weiter. Es folgte Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag, aber immer noch war kein Tropfen gefallen. Ihr war jetzt doch unheimlich zumute, als sie durch den reglosen Wald in die Höhe stieg – zur Teufelskanzel hinauf. Sie war rasch oben, aber der Schweiß lief ihr auch von der Stirne. Nun hörte der Wald auf, und vor ihr lag der steile Felsen. Seine hellgrauen Flächen erschimmerten schreckhaft in der Gewitterbeleuchtung. Und jetzt fielen die ersten großen Tropfen langsam und schwer herunter, während sie auf den schmalen Zickzackwegen, die den Felsen umgingen, hinaufklomm. Sie machte Laufschritt, laut keuchend – aber jetzt war sie auch schon oben auf der grünen Rasenfläche – und befriedigt mit dem Kopfe nickend, zog sie ihr Taschentuch heraus und trocknete die nasse Stirn und die Backen. Und dann spannte sie ihren Schirm auf: denn da war er nunmehr auch endlich, der Platzregen. Und so stand sie nun, hoch oben, ganz unbeweglich, rings um sie die hellen grauen Wolken, unter ihr der graue Felsen, sie selbst wie eine graue Steingestalt. Aber hinter ihrer heißen, reinen Stirne, da wogten die Gedanken wild und aufgeregt durcheinander: Im Gewitter kam er zu ihr – ihr Prinz. Hier stand sie nun, wie ein verzaubertes Steinbild, und sie wußte, er kam, der ihr Erlöser sein mußte; der liebe Genosse ihrer schönen Kindertage – ihr Gänseludwig. Hoch oben auf dem Felsen, ähnlich dem, wo sie zuletzt sich getrennt hatten, da sollten sie nun wieder zusammenkommen. Es war ein Märchen, und das Märchenhafteste von allem: es war Wirklichkeit. Sie mußte es sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen; Ludwig Prinz – Arzt – sie sah seine Briefe vor sich und seine großen, gewandten Schriftzüge – sie hörte seine Sätze – er war ein moderner Mensch – und er war doch derselbe. War er derselbe? Wie mochte er jetzt nur aussehen? Sie konnte sich kein anderes Bild von ihm machen, als wie sie ihn zuletzt gesehen – braune, verbrannte Backen, verträumte, glanzlose Augen, ein entzückend kleiner Mund mit roten, trotzig aufgeworfenen Lippen – ein Kindergesicht, und dazu ein schwacher, magerer, aber geschmeidiger Körper. Nun wurde ihr aber doch bald das Phantasieren verleidet, und sie wünschte, er wäre schon da. Der Boden unter ihr wurde immer weicher, sie fühlte wie ihre Füße langsam einsanken, die Blitze ließen nach, hinten fing es auch bereits an, sich aufzuhellen, aber der Regen strömte heftiger als vorher, und es schien nach der Redensart der Bauern kommen zu wollen: es hellte sich auf zu einem Wolkenbruch. Fünf Minuten von da wäre sie im Trocknen gewesen, in der Falkenhöhle, aber hierher hatte sie ihn bestellt, und dort konnte er sie nicht treffen. Sie wartete und wartete und wurde immer erregter, die Minuten kamen ihr vor wie Stunden. Endlich – es waren kaum zehn Minuten vergangen, seit sie oben war – trat aus dem Bergwald unten ein großer, magerer Herr heraus – das war er. Er hatte keinen Schirm bei sich, und er triefte ordentlich von Wasser. Er schaute an dem Felsen in die Höhe – dann sah sie, wie er einen Zwicker von der Nase nahm, ihn rasch an der Innenseite des Rockes abtrocknete und wieder aufsetzte. Sie beobachtete alles voll gespannter Erwartung, aber sie konnte seine Züge noch nicht unterscheiden. Nun hatte er sie gewahrt, und er zog grüßend seinen breitkrempigen schwarzen Schlapphut – und eine schwere Menge Wasser ergoß sich aus dem Rand auf seine Stiefel. Frau Judith lachte – und er fing rasch an, seine ermüdeten Beine in Bewegung zu setzen, um die kleine Strecke vollends heraufzusteigen. Aber jetzt war es ein viel schwierigeres Werk als eine Viertelstunde zuvor, denn der lehmige Weg war gänzlich aufgeweicht, und nur mit Mühe und schwankenden Körperbewegungen gelang es ihm, nicht hinunterzugleiten. Judith trat bis an den Rand des Felsens vor und blickte ängstlich hinab. »Vorsicht, Vorsicht!« rief sie ihm nun halblaut zu. Er blickte zu ihr auf und blieb stehen. Beide betrachteten einander eine Weile. Sie erkannte ihn nicht wieder, kein Zug von ihrem Jugendgenossen; ein blasser Mann mit schmalem Gesicht und einem wenig entwickelten blonden Schnurrbart. Nun fuhr er sich über die Stirn; vielleicht trocknete er nur den Schweiß, aber es sah fast so aus, als wolle er sich besinnen oder einen Gedanken verscheuchen. Er winkte grüßend mit der Hand und rief ihr zu: »Gegrüßt, gnädige Frau, und danke, daß Sie trotzdem gekommen sind.« Und nun stand er eben ihr, und sie streckte ihm die Hand entgegen, die er rasch ergriff und herzlich schüttelte. »Ich danke Ihnen,« sprach sie, »herzlich willkommen, Herr Ludwig!« Er schaute ihr unverwandt, wie einem schönen Bildnis, in die Augen. Dabei sprach er, und es klang so, als ob seine Gedanken nicht recht dabei wären: »Fürchterliches Wetter. Nicht sonderlich gemütlich zu unserer Aussprache.« »Wenn es Ihnen recht ist, können wir's uns viel hübscher machen. Und vor allem trocken. Ganz nahe bei ist die Falkenhöhle.« »Ja? aber das ist herrlich; gewiß. Kennen Sie den Weg? Bitte führen Sie mich, gnädige Frau.« »Aber nun muß ich Ihnen doch gleich Ihren Irrtum benehmen. Sehe ich wirklich wie eine Baronin aus?« Er sah sie fest an, und eine leichte Röte verbreitete sich über seine Wangen. »Eigentlich, nein. Sogar – im Gegenteil –« Er stockte, und sie lachte fröhlich. »Im Gegenteil? Das ist nicht sehr schmeichelhaft, – Aber nun kommen Sie.« Sie schritt voran über die Rasenfläche, und er folgte ihr in äußerster Verwirrung. Der Regen fing an nachzulassen, aber im Wald in den sie nun wieder eintraten, tropfte es von allen Bäumen. Sie konnten nicht nebeneinander gehen und so schritten sie schweigend auf dem schmalen Steg dahin. Rechts neben ihnen senkte sich der Wald steil in die Schlucht hinunter, links stiegen riesige Felsenwände gerade in die Höhe. Der Steig war dicht bedeckt mit grauem, kleingebröckeltem Felsenschutt, der unter ihren Schritten knirschte. Sonst war kein Laut in der Wildnis zu hören als das eintönige Fallen der Regentropfen. »Hier könnte fürwahr der Eingang zur Unterwelt sein,« meinte Ludwig beklommen. Frau Judith machte noch ein paar Schritte und wies dann mit der Hand nach links: »Hier ist er auch schon. Da haben wir unser Asyl. Die Falkenhöhle.« Ein hohes Felsenportal tat sich vor ihnen auf. Es war wie ein ziemlich geräumiges Vestibül, hinten abgeschlossen von einer grauen, leicht gewölbten Wand; nur unten, wenig über dem Boden erhoben, befand sich eine Öffnung. Frau Judith zeigte auf sie: »Da soll es noch länger als eine Stunde weitergehen. Anfangs müßte man sich freilich recht klein machen, aber später sollen wieder hohe Hallen kommen, in denen sich Seen finden mit unheimlich schwarzem Wasser. Dort sollen sogar Forellen von besonderer Art sich aufhalten. Nun – treten wir ein, wie? für uns genügt ja der Raum hier außen.« So traten sie denn beide ein. Aber in diesem Moment schwirrte etwas Gelbes, Großes dicht an ihren Köpfen vorbei ins Freie hinaus. Beide schrien erschreckt leise auf. Dann blickten sie sich scheu an als ob ihnen die Heimlichkeit ihres Tuns bang vors Bewußtsein trete. »Wir haben etwas Lebendiges verscheucht,« sagte Ludwig ernst. »Ein lichtscheues Wesen – es war eine Eule.« Es trat eine Weile Schweigen zwischen sie; dann fing Frau Judith an: »Aber Sie sind ja fürchterlich durchnäßt; Sie werden sich eine schöne Erkältung holen um meinetwillen.« Ludwig blickte in der Höhle umher und gewahrte in einem Winkel ein ziemlich umfangreiches Reisigbündel. »Da haben wir ja das Nötige; das ist ja prächtig! Das soll uns bald durchwärmen.« Und er schleppte die dürren Zweige in die Mitte des Raumes und zündete sie mit einem Streichholz an. Im Nu flackerte eine lichte Flamme zum Steingewölbe hinauf. Darin setzten sich beide, da ein bequemerer Sitz nicht zu finden war, auf die unebene, festgestampfte, trockene Erde und streckten ihre Füße möglichst nahe gegen das Feuer. Beide starrten laut atmend in die gelbe, prasselnde Flamme, sie waren heftig erregt und ihnen pochte das Herz. »Reden Sie doch etwas,« bat Ludwig endlich leise. »Wir haben uns zu viel zu sagen, als daß wir einen Anfang finden könnten. Ich wußte, auf dem Papier nimmt es sich alles freier und leichter aus. Jetzt kennen wir uns wohl nicht mehr so gut wie früher.« Ludwig schaute sie wieder an. Sie senkte den Blick zu Boden; dann aber, mit jähem Entschluß, hob sie das Haupt und sah ihn lächelnd und mit ermunterndem Fragen an. Nun aber sprang er auf, als ob etwas Unglaubliches aus ihm heraus wolle. »Was ist Ihnen denn?« fragte sie und lächelte ihm immer noch grüßend zu. »Nichts – es ist nichts,« erwiderte er und ließ sich wieder nieder. Nochmals trat eine Pause ein. Endlich fing sie an. »Ich könnte Ihnen mancherlei sagen; aber es scheint ja, Sie wollen nicht. Ich glaube, Ihre Gedanken sind gar nicht so recht hier.« Und nun nahm sie, wie in Gedanken, von den am Boden zerstreut liegenden Steinen zwei in die Hand und schlug sie langsam und achtlos gegeneinander. Ludwig sah ihr zu, und eine tiefe, glühende Röte überzog seine Wangen bis in die Stirne hinauf. Er senkte den Kopf, seine Arme legten sich schlaff zwischen die Knie, und ganz leise, fast unhörbar, flüsterte er, wie vor sich hin: »Judith... Judith...?« Sie legte die Hand leicht auf seinen Am und fragte in weichem, innigem Tone mit leichtem Zittern in der Stimme: »Denken Sie immer noch an Ihre Judith?« Ohne seine Haltung zu ändern, rief er rasch: »Sie – Judith, du bist es... Judith!« Da drehte sie sich zu ihm und lag auf den Knien und barg den Kopf tief in seinem Schoß. Er legte zuinnerst erschüttert seine beiden Hände auf die volle Krone ihres schwarzen Haares, und die zwei Menschen feierten ihr wundervolles Wiederfinden und sprachen lange kein Wort. Endlich schob er sanft ihren Kopf zurück, so daß er ihr ins Auge sehen konnte, und ergriff ihre beiden heißen Hände. »Ist es denn möglich – Judith?« Ihre Augen glänzten, und sie nickte ganz leicht. »Ja, ich bin's. Und jetzt erkenne ich auch – dich wieder – an deinem Mund, Ludwig!« Und wie sie das »Du« über die Lippen brachte, kam neuem die beglückte Scham über sie, und sie verbarg wieder ihr Gesicht. »Mir sagte es gleich der erste Blick,« sprach Ludwig nun rasch und heftig erregt, »aber ich wollte mir nicht glauben. Und – kann es denn sein? Geschehen denn noch Wunder? Judith! – aber dann – nein, dann sind Sie wohl nicht meine Briefstellerin? Sie kannten sich wohl und – auf meinen letzten Brief, da schrieb sie Ihnen wohl –?« »Ich bin dieselbe, Ludwig! Wir sind beide zwei neue Menschen geworden. Und nun – ach, es ist ja nicht zu sagen. Komm, laß mich schweigen!« Und wieder mußte es aus ihm heraus: »Judith? Judith! Ich kann es ja nicht fassen!« Aber fast erschrocken fügte er jetzt hinzu: »Aber so stehen... Judith, nicht doch! Steh doch auf!« Sie erhob sich nicht, doch drückte sie freudig seine Hand: »Du!« Ihre Blicke flossen ineinander, und beide waren wieder still. Und dann zog er langsam, zart ihre Hände an seine Lippen und küßte sie auf ihre Fingerspitzen. »Judith!« Und sie legte den Kopf an seine Brust und entzog ihm die Hände und legte sie auf seine Schultern: »Ludwig!« Er aber nahm ihre Hände wieder von seinen Schultern und hielt sie fest. Dann fragte er ernst: »Judith, warum hast du mir das getan?« Sie schaute ihn fest an, und das Wasser trat ihr in die leuchtenden Augen, während ihr das Blut ins Gesicht stieg. »Ludwig – ich war ja so dumm; ich wachte ja nicht, war ja noch gar kein Mensch. Als es mir tagte, da war es zu spät und alles vorbei und nichts mehr gutzumachen. Kannst du's verstehen?« »Ja. Aber ich bin anders. Ich habe dich nie vergessen, und ich – ich habe dich immer sehr geliebt. Judith!« Plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie fing laut an zu weinen. »Judith! Um alles! Was hast du?« »Ach, dieses Häßliche! All die Jahre. So gemein und widrig – und nun du in deiner Reinheit – du glaubst mir ja nicht – daß – auch – ich – oft – dich –« Sie konnte vor heftiger Erregung nicht weiter reden und bemühte sich vergebens, ihr lautes Schluchzen zu unterdrücken. »Judith – so sei doch ruhig. Liebe, – Freundin, aber vor allem: ich bin ja doch nicht rein. Erhebe mich nur nicht, und du brauchst dich gar nicht zu verachten und nicht zu schämen. Aber fasse dich doch. Sprich mir, Judith, was wolltest du noch sagen?« »Ludwig, nicht so wie ich. Nicht wie ich. Ich bin erniedrigt, geschändet, oh, du weißt ja nicht, was es heißt, eine Ehe mit einem rohen Tier, nein, schlimmer als Tier, mit einem entarteten Menschen. Und vor allem, der mir widerlich ist, sein Leib, sein Atem, alles! und immer um mich, jede Woche!« Er starrte ernst in das glühende Feuer, während sie ihre Augen trocknete. »Ja ja!« seufzte er tief auf. Sie griff wieder nach seiner Hand, dann holte sie rasch tief Atem, als wolle sie all ihren Mut zusammenfassen, und sprach. »Ludwig, jetzt nicht grübeln und forschen. Und – wir wollen es nicht zerfasern. Und – mißachten darfst du mich nicht. Der Anschein ist nicht so schön und sicher wie bei dir, aber glaube mir, Ludwig. Das hab' ich dir nur sagen wollen.« Ludwig rückte näher, und ein feines, glückliches Lächeln legte sich auf seine Züge. »Du meinst, Judith? Du sprichst so dunkel. Sag' es doch frei heraus.« »Ach – nun hat alles so ein falsches Aussehen. Du willst nicht glauben, daß es echt ist und Natur.« »Doch, doch, ich glaube, ich werd' es glauben. Sprich es nur aus.« Noch einen ganz kurzen Moment schwankte sie, dann ließ sie sich hinreißen, schlang ihm die Arme um den Hals und küßte ihn langsam auf den Mund. Und dann auf die Augen. Und dann wieder auf den Mund. Und Ludwig legte die Arme um ihren Leib und preßte sie fest an sich. Und beide wurden nicht müde, einander in glühender Leidenschaft zu küssen. Das Feuer glimmte nur noch, aber die beiden brauchten auch keine Wärme von außen mehr. Sie überließen sich schrankenlos ihrer Seligkeit. Sie bedachten nichts, sie wußten, daß kein Mensch ihnen diese Stunde stören würde, und sie gaben einander ihr Innerstes. Sie sprachen wenig, und dann nur Törichtes; was war ihnen Vergangenheit? nicht mehr als die Asche, die da auf dem Boden lag. Was die Zukunft? Soviel wie der Rauch, der sie flüchtig umschwebte. Die allgewaltige Stunde preßte sie in ihren Zauberbann. Sonst ist wohl die Liebe in Kleidern ein häßliches, widriges, schamvolles Ding; aber ihre jähe, starke Leidenschaft stieg in sicherer Blindheit auch über die Dämme der Kultur hinweg. Sie gaben sich hin, und es fühlte sich einer im andern erfüllt von großem Glück. Endlich hatte sich der erste Sturm ihres berauschten Jubels gelegt, und sie schauten sich an, ohne Scham, voll befriedigter Freude. Es war dunkler geworden in ihrem Höhlengemache, von draußen aber klang ein lustiges Konzert der Singvögel zu ihnen herein; das Gewitter mußte vorüber sein. Ludwig legte die Hand auf ihr Haar und drückte ihren Kopf an sich, während er traurig sagte: »Judith, wir müssen ans Gehen denken. Sonst überrascht uns die Nacht.« »Gehen? Aber – wir haben ja noch kein vernünftiges Wort miteinander reden können.« »Weißt du eines?« »Ja. »Sag' es mir.« Da sprach sie langsam, jedes Wort betonend, die feierlich-ernste Bitte: »Nimm mich mit!« Ludwig schaute sie ein, Weile ernst an. Dann fragte er: » Wo lebst du, Judith?« »Ludwig – bei dir!« »Ich dachte fast im Märchenreich – droben in meinen Wolken. Oder – im Lande der Zukunft, in freier Schönheit –« »Ludwig – wenn wir wenigen nicht heute schon tapfer sind, wie soll dann je die Zukunft kommen?« »Judith, hast du alles bedacht, was kommen könnte? Verachtung, Ächtung – vereinsamt – ohne Tätigkeit, und ich liebe meinen Beruf. Und du – wolltest du all das auf dich nehmen? Ernsthaft, Judith, willst du das? Heruntersinken ins Zigeunervolk, verkommen, vertrotteln? Nachdem wir so weit in die Höhe gekommen sind? Willst du das?« »Aber was sonst? Und es kommt gar nicht dazu. Wer will, der bleibt oben, trotz allem Ansturm. Ludwig, Mut! Die Menschen sind nicht mehr alle, wie du sie malst. Denke an deinen Freund! Was würde er dir raten?« »Das war ein gutes Wort, Judith. Er muß raten, er wird einen Ausweg finden in dieser Not. Ja, wenn es viele gäbe wie ihn! Und inzwischen...« »Inzwischen?« fragte Judith und fügte in bittendem Tone hinzu: »Ludwig?« »Meine Geliebte, überwinde dich, ich bitte dich sehr. Vielleicht nur für ganz kurze Zeit. Geh jetzt zurück zu diesem – zu deinem Mann. Denke, Judith! acht Jahre! Dann mußt du's jetzt auch noch können. Komm, sei gut. Und vertraue mir. Gibt's nichts anderes, dann – dann gehen wir deinen Weg, frei und beherzt, das versprech' ich dir. Ja?« »Das versprichst du mir, Ludwig?« »Ja, Geliebte! Wir lassen uns nicht!« »Ludwig, dann sei es nach deinem Willen. Oh, wie sehne ich mich nach der klaren Entscheidung. Ach, so wie manche ihr Leben hinrinnen lassen, vom Sumpf zum Glück und dann wieder in den Sumpf – jahrelang in ewiger Aufregung und in Angst und Ungewißheit – ich kann es nicht. Lieber gar nicht leben, als so. Dieses Ehebrechen in der Ehe – es ist eine Häßlichkeit ohnegleichen. Nicht der Bruch ist das Gemeine daran, sondern die Ehe!« »So denk' auch ich. Und so kommt es bei uns auch gewiß nicht. Aber manchmal ist die Widerlichkeit noch viel verwickelter; auch der Ehebruch hat nun schon seine Konvention. Ich habe einen Mann gekannt, der war verehelicht in eine Gans – und sie blieben beisammen, wegen der Sitte und wegen der Kinder. Und daneben hatte er eine Geliebte – doch auch diese Liebe gehörte schon der Vergangenheit an – aber er kommt auch von der Geliebten nicht mehr los, die er nicht mehr liebt, und er späht schon nach einem dritten, heimlichen Nebenglücke. Aber die beiden Frauen, die Gans und den Drachen, die schleppt er mit sich bis zum Grabe.« Judith lächelte bei dieser Schilderung, dann aber sagte sie mit gutmütigem Spott: »So? Auch du denkst darin wie ich? Ich dachte, ein gewisser Herr Prinz sei es gewesen, der eine Frau gesucht, die er wie ein Taschenspieler mit einem graziösen 1-2-3 kommen und verschwinden lassen konnte? Wie kann ein reinlicher Mensch nur so häßlich sein?« »Wie? Das siehst du an mir und – auch an dir, Judith! An allen, die heute leben, siehst du es, leider auch an den Besten. Entsetzlich genug, daß man im Drang und der Not des Lebens nach Surrogaten der Liebe suchen muß! Ach – die Welt umgestalten nach der Sehnsucht unseres Kopfes und unseres Herzens, wenn wir das könnten!« »Wenn jeder wartet, bis die Welt anders wird, dann wird sie nicht anders. Gestalte jeder sein eigenes Leben, unbekümmert um alle Welt. Mut – seinen Kopf durchzusetzen, und sein Herz, und seinen Leib – das fehlt; und wenn das da wäre, da sollte die Welt bald ganz anders ausschauen. Aber jetzt – jeder blickt auf den andern und denkt: Jockele, geh du voran, du hast die größeren Stiefeln an! – Ludwig, Ludwig! Herzensmann! Komm, laß uns beide vorausschreiten. Wollen wir nicht? Laß uns mit dabei sein, bei denen, die den Anfang machen zum neuen Leben. Mich lockt es so unbeschreiblich, alles von mir zu werfen, was mich beengt, mit einemmal Ludwig? Willst du nicht mit? Ich – ich will mit dir gehen!« Ludwig holte tief Atem. »Judith ich bin weich wie Wachs. Wenn du weiter so redest – wenn du mich erst entflammt hast, dann glühe auch ich, und dann reiße ich dich mit mir – in den Abgrund. Es ist schön, ein Erster zu sein und ein Vorläufer; und es ist ein prachtvoller Anblick, zu schauen, wie das Herrlichste im Menschen den Menschen vernichtet. Locke nicht mehr, Judith, dich nicht und mich nicht; die Menschen sind's vielleicht gar nicht wert, daß man sich für sie opfert. Und – wir haben beide unser Glück noch nicht gehabt, Wir wollen's uns jetzt erkämpfen, nicht? Wir wollen unser Glück! Judith, tu's nicht, führe uns nicht in Versuchung. Es ist ein Jammer, wenn Menschen statt des großen Lebens ein großes Ende finden, und wenn dann die Welt, die zurück bleibt, höhnisch das Urteil spricht. Sie waren zu klein; zum Leben zu schwach, blieb ihnen nichts übrig als zu sterben!« Judith schwieg; fast kam ihr trotz allem Glück das Weinen. Sie lauschte hinaus und sprang nun rasch auf: »Hörst du die Nachtigall draußen? Wir wollen gehen – wir müssen! – Ich möchte dir gar zu gern etwas mit auf den Weg geben, aber ich hab' nichts. Weißt du nichts?« Ludwig stand auf, und sie lagen sich wieder in den Armen und küßten sich. Dann strich ihm Judith über seine Wange und sagte leise, mit raschem Entschluß: »Ich hab' etwas, das will ich dir schenken zum Abschied.« »Gib es mir, Judith, was ist es?« »Es sind aber nur Worte.« »Nun, sage sie mir, Liebe –« Da drückte sie ihn dicht an sich und flüsterte ihm ins Ohr: »Er soll mich nicht mehr berühren. Von heut an. Was er auch anstellen mag, der Erbärmliche; das halt' ich.« Ludwig sah sie mit strahlenden Augen an und küßte sie voll Verehrung auf die Stirn. »Was hast du für einen wundervollen Menschen aus dir gemacht, Judith! So sehr ich dich lieb habe, so groß ist auch mein Respekt vor dir.« Da entgegnete sie stolz lächelnd: »So soll es sein. Sonst ließe ich mir auch deine Liebe gar nicht gefallen. Manche Liebe entehrt. – Und nun – es muß sein. Komm, Geliebter!« Eine prachtvolle, kühle Luft strömte ihnen entgegen, als sie aus der Falkenhöhle heraustraten. Über ihnen ein kleines Stück des lichtblauen Himmels, und Judith, die wieder vorausging, rief froh erregt: »Rasch, Ludwig, Sonnenuntergang auf der Kanzel!« Und wie zwei lustige Kinder liefen sie beide durch den erfrischten Buchenwald hin zur Felsenlichtung. Als sie da ankamen stießen sie beide zugleich einen hellen Schrei des Entzückens aus. Groß und rot hing die Sonnenkugel im lichten Abendhimmel. Und darüber eine einzige abgeschlossene Wolke mit zackigen Rändern, die von funkelndem Golde trieften. Nach allen Seiten waren die Gewitterwolken vor dem herrlichen sieghaften Gestirn auseinandergestoben und hingen in Fetzen und zerrissenen Flocken an den Bergwände. So blieben sie still nebeneinander stehen, während die Sonne versank. Dann, als der letzte goldene Punkt verblitzt war, stiegen sie langsam hinunter, Hand in Hand. Kurz bevor sie aus dem Walde auf die Landstraße hinaustraten, hielten sie an. Es galt sich zu trennen. »Begleite mich dann nicht weiter,« sprach Judith, und ihre Stimme zitterte vor Erregung; »es fahren immer viele Judenfuhrwerke, und ich möchte nicht, daß – der Klatsch ist so erbärmlich.« Sie fielen sich in die Arme und verharrten so lange ohne Kuß, ohne zu reden; nur Auge in Auge. Endlich fragte Judith leise: »Wann – wieder?« »Morgen!« »Ja. Wo? Falkenhöhle?« »Ja. Aber erst um fünf Uhr. Ich habe Patienten.« »Gute Nacht.« »Gute Nacht, liebe, teure Judith.« Beide rührten sich nicht in ihrer Stellung. Dann küßte sie ihn rasch und feurig auf den Mund. »Adieu, liebster Ludwig.« »Leb' wohl, Judith. Wenn's nur erst morgen wäre.« »Und ich erst. Wär' nur schon diese Nacht um.« »Ist er zu Hause?« »Ja. Seit gestern.« Ludwig ballte die Faust. Dann küßte er sie stürmisch rasch nacheinander und riß sich gewaltsam los. »Es muß ja doch sein. Bald – für immer – Judith zusammen. Bald.« Und sie flüsterte, traurig lächelnd: »Bald – Auf Wiedersehen.« Sie gingen langsam, zögernd, die wenigen Schritte bis zur Landstraße, dann reichten sie sich nochmals die Hand, ein letztes, rasches Küssen, ein letzter Blick. »Leb' wohl, Judith!« »Auf morgen, Ludwig!« Dann gingen sie auseinander. Keiner blickte sich nach dem andern um; sie scheuten sich, den schmerzlichen Abschied noch mehr zu verlängern. So schritten sie, beide in traumhaftes Denken verloren, nach entgegengesetzten Richtungen in den dämmernden Abend hinein. Nachspiel Sechstes Kapitel Es war einige Monate später, da saßen an einem warmen Juniabend, der Tag lag nur noch auf den Gipfeln der Berge, auf der Gartenterrasse am Hause Arnold Himmelhebers zwei Frauen, die eine üppig und voll, die andere zart und schlank. Zwischen ihnen brütete schwüle Stille. Endlich begann die eine, wie um nur dem Schweigen und dem ewigen Gezirpe der Grillen ein Ende zu machen. »Sie heißen Lysa?« »Nicht doch, nicht doch. Nur mein Vater nennt mich so und Herr Ludwig.« »Ja ja, ich weiß. Er hat mir's erzählt. – Ist's denn immer noch nicht zu Ende? Es ist entsetzlich, dieses endlose Warten aufs Gleichgültige.« Lysa schwieg, als wolle sie nicht durch die kleinste Antwort ein Vertrauen verlangen, das jene ihr vielleicht nicht schenkte. Die andere stöhnte laut auf und blickte unruhig nach einem Fenster in den oberen Räumen des Hauses, aus dem unangenehm greller Lichtschein herausdrang. »Immer noch nicht, immer noch nicht. Wie lange sind sie nun schon oben?« »Eine halbe Stunde vielleicht.« Wieder trat Schweigen zwischen sie. Es war allmählich fast völlig dunkel geworden. Nichts als das gelbe, stechende Licht des Fensters oben. Ab und zu sah man hinter den Gardinen undeutlich eine weiße Gestalt. »Lysa,« fing die Frau endlich zaghaft wieder zu sprechen an, »Sie wissen natürlich alles. Sie zürnen mir wohl?« »Ich? Wahrlich nicht. Ja, ich weiß. Vater hat mir's gesagt. Es ist so wunderlich.« »Was soll ich nun wünschen?« flüsterte die Frau fast keuchend – »Sein Leben?... natürlich, sein Leben. Hundertmal, tausendmal hab' ich ihm alles, alles gewünscht – alles! Und nun? Oh, wir Erbärmlichen –« Da öffnete sich rasch die Türe. Arnold Himmelheber trat hastig heraus, in der einen Hand eine hohe brennende Lampe, in der andern ein zusammengefaltetes Stück Papier haltend – Er war mit einer langen weißen Schürze bekleidet, auf er kleine rote Spritzerchen zu sehen waren. »Bitte, Lysa, trag' doch rasch den Zettel zum Amt. Die Adresse steht drauf.« Lysa ging. Die andere brachte kein Wort heraus. Sie war beim plötzlichen Erscheinen des alten Arztes totenblaß geworden. Nun saß sie mit halbgeöffnetem Mund und großen, brennenden Augen da. Arnold Himmelheber, der nur mühsam eine starke Erregtheit verhielt, brach endlich das Schweigen. »Sie fragen ja gar nichts, Frau Judith?« »Was soll ich auch fragen? ja, ja, das weiß ich wohl vorher. Es war ja nur eine Kleinigkeit. Zehn, zwölf Tage gute Pflege, dann ist alles vorbei. Nichts vorbei. Alles beim alten.« »Dann lassen Sie mich wohl einmal fragen. Wie kam der Mann denn zu der Verletzung?« Frau Judith Tilsiter lächelte höhnisch. Dann sagte sie hart: »Er ist gefallen.« »Gefallen. So. Wohl ein Rad am Wagen gebrochen? Oder der Gaul durchgegangen?« Immer im selben bösen, trockenen Ton erwiderte die Frau: »Nein, nicht auf der Straße. Nachts aus dem Bett ist er gefallen.« »So? Aber wie kann denn ein Mann, selbst wenn er total betrunken ist, so unglücklich aus seinem Bette fallen.« Da sprang Judith rasch und heftig auf und rief mit schneidender Stimme: »Nicht aus seinem. Aus meinem Bett ist er gefallen. Sie wissen alles, ich weiß es. Nun denn, er kam zum hundertsten Mal an. Ich bat, ich flehte, ich weinte. Ich kniete, ich schrie, ich tobte. Er wollte sein Recht. Wild war er und trunken. Er würgte mich, er schlug mich, er liebkoste mich. Da, Herr Himmelheber, eine Kraft, eine Wildheit kam da über mich, ich war nicht mehr, was ich war. Ich nahm ihn, ich schüttelte ihn, ich hob ihn, ich stand im Bett. Ich weiß nicht, ob ich ihn hinschmiß oder nur fallen ließ. Er gab keinen Laut. Aber er ließ mich in Ruhe. Und nun – werter, teurer Herr Doktor, es ist ja zum Totlachen, nun ist er wieder gesund. Ich hab's mit der Angst bekommen, daß er ja nicht stirbt. Sie und Ludwig haben ihn wieder zurecht geflickt. Wenn er auch jetzt ein bißchen ein Krüppel ist. Er ist immer mein Mann, mein Mann!« »So – so. Da ist es wohl auch wahr, was mir Ludwig vorhin erzählen mußte, daß er Sie in letzter Zeit, nach jenen Andeutungen, die Sie ihm machten, mehr als einmal mißhandelt hat?« »Ja,« flüsterte Judith. »Es stimmt wohl auch, daß er höhnisch lachte, als Sie von Trennung sprachen? – Daß er meinte, es falle ihm gar nicht ein zu klagen, und Sie hätten keinen genügenden Grund? – Und wenn Sie ihm davonliefen, dann klage er vielleicht, aber dann lasse er sich vom Gericht, wenn der Bankert erst da sei, das Kind zusprechen?« »Ja, es ist wahr! Mein und Ludwigs Kind!« »Hat er nicht auch erklärt, er sei beim Advokat gewesen? Der habe ihm versichert, er werde von den Richtern trotz alledem als Vater des Kindes, das kommen soll, anerkannt werden?« »Ja, ja, ja! Aber warum peinigen Sie mich?« »Doch, doch – noch eine Frage. Hat er Sie nicht jüngst nachts im Schlaf überfallen und –« Judith fuhr heftig auf und blickte ihn wie wahnsinnig an. » Woher wissen Sie? Nicht einmal Ludwig – entsetzlich –« Da richtete sich Himmelheber wie ein Gewaltiger in die Höhe und schüttelte mit einer Wucht, als gelte es ein Zermalmen, die Fäuste gen Himmel. »Er hat gesprochen, der Elende, er hat gestanden. In der Narkose, im Traum –« Wild unterbrach ihn Judith: »Und Ludwig? Er hat das gehört? Und er – er konnte da noch – als Arzt – –« Sie lachte wild auf. Der Alte schwieg. Er preßte die Lippen zusammen und sah ihr mit einer Bestimmtheit in die flackernden Augen, vor der sie zusammenschrak. Dann sagte, er langsam, jede Silbe betonend: »Nun denn, Frau Tilsiter, hören Sie. Reden ist leicht, Vernehmen nicht so ganz. Hören Sie, aber bleiben Sie ruhig. Sie irren sich, haben Sie verstanden, Sie irren sich! Von einer Herstellung ist keine Rede. Der Mann ist tot.« Die Frau sah ihn nur an, mit irrem Zweifel. »Er muß sterben. Aber Sie sagten doch – –« »Ach, was sag' ich nicht alles! Begreifen Sie aber nun endlich! Ich hab' nichts vom Sterbenmüssen gesagt. Er ist tot, haben Sie gehört? Da oben, wo vorhin das Licht war, liegt jetzt eine Leiche. Und ein Lebendiger sitzt daneben und stützt den Kopf auf und weiß nicht wohin.« Frau Judith war auf den Stuhl zurückgesunken. Sie flüsterte: »Ist es denn möglich, so schnell? Ist es denn möglich?« Der Alte sah prüfend auf die zusammengeknickte Frauengestalt, dann sagte er mit einem Ton, der einen ganz leisen, kaum hörbaren Spott in sich barg: »Es muß wohl möglich sein. Manchmal geht es unglaublich schnell. Sehen Sie da den Mondschein im grünen Laub? Wie ein Mondenstrahl ist Wolf Tilsiter uns fortgehuscht. Er hat einen sanften Tod gehabt. Ein süßer Duft hat ihn umfangen, und da war er weg. Er ist mir im Chloroformschlaf geblieben.« Judith sah fragend, als käme ihr ein fernes Verstehen, zu ihm auf. Der Arzt nickte freundlich bestätigend: »Ja ja, in der Narkose ist er gestorben. Hätt' sich's bei Lebzeiten nicht träumen lassen, der Wolf Tilsiter selig, daß er sich im Tod um die Wissenschaft verdient macht. Die ganze Statistik hat er über den Haufen geworfen. Hab's auch gleich gemeldet, wie's Vorschrift ist.« Judith wiegte wie in tiefsten Gedanken den Kopf. Himmelheber fuhr fort, als spräche er nur mit sich selbst: »Was kann man da machen? Kein Mensch hätt's geglaubt. Eine Lunge hatte er wie ein Ochse. Und ein urgesundes Herz. Ist ganz unberechenbar. Hol' mich der Teufel, wer soll wissen, wie so was möglich ist? Verstehen Sie's? Wir Ärzte haben keine Ahnung davon.« Er schaute lange mit mildem Blick auf die erschreckend blasse Frau, die nur immer sann und sann. Dann rückte er die Lampe etwas zur Seite, beugte sich über den Tisch vor und legte ihr langsam die Hand auf die Schulter. »Sie brauchen keine Angst vor sich selber zu haben, liebe Frau. Ja, ja, erschrecken Sie nur nicht, wir von der Sorte, wir kennen einander. Ich kenne auch Ihre Abgründe. Der erste Schreck ist beinahe vorbei, und nun ist ganz da unten etwas aufgewacht und arbeitet mit Händen und Füßen und will laut schreien vor Freude und Entzücken. Schreien lassen brauchen Sie's nicht, ist ja nicht nötig und schickt sich auch nicht. Aber ersticken müssen Sie's auch nicht. Ganz stille, nur stille, es wächst und wächst, und im Kämmerlein, wenn Sie allein sind da sinken Sie dann in die Knie vor dem Namenlosen: Unaussprechlichen, Unglaublichen und stammeln: Ich danke dir aus meinem tiefsten Grunde, du herrlicher, erlösender Zufall! Zum Teufel, warum sollen wir lügen? Wir!« »Ist es denn wirklich wahr? Ist er tot?« »Ganz gewiß, er ist tot, mausetot. Gleich werden die Leichenbeschauer kommen und werden's zu Protokoll nehmen. Morgen Abend steht's im Blatt.« »Und – Ludwig?« »Ludwig sitzt und ist sehr erschrocken. Er war ganz bei der Sache. Keine Spur von lästerlichen Nebengedanken. Ein wunderbarer Pflichtmensch. Und ich – ich hab' halt getan, was ich konnte. Ich hab' chloroformiert, und da ist er eben gestorben. Vor zwanzig Jahren ist mir's schon einmal passiert. – –Übrigens: einmal stirbt jeder. Die Welt muß sehen, wie sie ohne Wolf Tilsiter fertig wird.« Lysa kam jetzt zurück, mehr als bestürzt über den Vorfall, über den sie auf dem Amt aufgeklärt worden war. Kaum brachte sie die Botschaft heraus, die Herren könnten erst morgen kommen, da sie den Johanniszug mitmachten. Himmelheber trat auf seine Tochter zu, die beide Hände auf die Brust drückte, als ob sie ihr Herz halten wollte, und mit verzweifeltem Blick zu ihm aufsah, während sie sprach: »Vater, Vater, geliebter Vater! Was hast du getan?« Arnold antwortete ihr nicht; er bohrte sein Auge in das ihre. Dann trat er rasch zurück. In seinem weißen Gewand und in dem seltsamen Licht von der Lampe und dem Mond, wie er sich nun leicht auf den Tisch stützte und wie mahnend die Hand erhob, sah er fast aus wie ein Hohepriester am Altar. »Lysa, wir haben heut' Johanni, das brünstige Sommerfest. Du weißt alles, du stiehlst mir die Wahrheit aus meinem Innersten. Ich will mich nicht bergen. Weißt, du noch, meine Lysa, als damals unser Freund zu uns heimkehrte, als unsere Gläser zusammenklangen, was du da sagtest? Sie lebe! hast du leise geflüstert. Nun denn, sie soll leben, die Liebe soll leben! – Nicht nur die deine. Da sind noch andere. Sie kann jetzt leben, die ihre. Der fremde Mann ist tot.« Sie wollte reden. Aber er winkte ihr heftig ab und mit eisig kaltem Klang in der Stimme fügte er hinzu: »Wir sterben alle. Er hat kaum gelebt. Tausend Schmerzen hat er erzeugt. Er war ein Schmutzfink. Ihm ist kein Unrecht geschehen, bis zuletzt; ihm hat keiner weh getan. Er war überflüssig. Er hat sich gedrückt.« Lysa sah eine Weile stumm ins Leere. Dann trat sie rasch zu Judith und drückte ihr die Hand. Ohne ein weiteres Wort ging sie darauf ins Haus zurück. Arnold Himmelheber folgte ihr, nachdem er Frau Judith versprochen hatte, oben nach dem Rechten zu sehen. Sie brauche sich um nichts zu kümmern. Die einsame Frau erhob sich schwerfällig; ihre Glieder schmerzten sie. Mit langsamen Schritten stieg sie zum Garten hinab und lehnte sich an den Stamm einer Kastanie. Sie dachte nicht, sie träumte nicht, kaum empfand sie ihr eigenes Dasein. Sie schloß die Augen. Plötzlich wurde sie von schmetternder Musik von der Straße her erweckt. Der Johanniszug ging draußen vorbei. Entsetzlich falsch suchte die Stadtkapelle einen Marsch nach der Melodie »Tochter Zions, freue dich« zu blasen. Dazwischen vernahm man das Geräusch vieler Tritte, Lachen und Schwatzen. Judith umfaßte den Baum mit beiden Armen und schluchzte laut auf; aber sie fand kein erleichterndes Weinen. In ihrem Ohr summte und dröhnte es: jauchze laut, Jerusalem! »Nein, nein, nein!« rief sie laut, um das fröhliche Surren zu übertönen. Da hörte sie hellen, harmonischen Gesang. Männer, Frauen und Kinder hatten dicht vor dem Garten halt gemacht und stimmten das Johannislied an: »Johannisnacht, Johannisnacht, Es glänzet die funkelnde Sternenpracht, Wir ziehen hinaus zum Werke. Hinaus ins Feld, wo der Mondschein lacht, Laßt flammen die Feuer der Berge. Freinacht, Johannisnacht, Die Geister sind alle ledig gemacht, Was sündig ist scheut ihre Stärke. Raus aus dem Haus, Du Gespenstergraus, Hinaus, hinaus! Vertreibt sie mit brennendem Werge, Wir ziehn auf die Berge, die Berge!« Noch während des Gesanges hatte sich Frau Judith Tilsiter hoch aufgerichtet. »Ich scheue ihn nicht,« murmelte sie vor sich hin, »kommt ihr alle an, ihr toten Gestalten, ich will mich nicht fürchten. Ich hab' ihn im Leben gehaßt, ich will ihn im Tod nicht lieben!« Sie öffnete eine Türe. Es war alles dunkel. Aus der Mitte des Zimmers schimmerte es weißlich. »Bist du hier, Ludwig?« rief sie in die Dunkelheit hinein. » Judith!« antwortete ihr Ludwigs Stimme, »nicht hierher, geh! Ich werde kommen!« Sie fühlte, wie ein Arm sich um ihren Leib legte, und sah jetzt undeutlich verschwommen die Gestalt ihres Freundes. »Ich bin jetzt gefaßt,« erwiderte sie. »Gerade hier will ich zu dir sprechen. Ich hätt' ihn nie fürchten sollen, der da liegt. Ich will dir hier sagen: ich hab' dich lieb, du sollst mein Glück sein, Ludwig!« »Judith, glaube mir, es ist nicht meine Schuld. Aber ich schäme mich so furchtbar. Es lastet auf mir: ich hab' es so oft, so unsagbar oft gewünscht, was jetzt geschehen ist!« Judith entgegnete mit gedämpfter Stimme: »Ich auch, ich auch. Er war schon tot unter euren Händen, da hab ich es noch gewollt.« »Glaubst du,« fragte Ludwig flüsternd, »daß Gedanken töten können? Glaubst du daran, daß der Wille das Haupt eines Menschen verlassen kann und andrer Hände und Taten lenkt? Judith, Judith! es gibt so vieles Dunkle, Schwere, Drückende! Wenn wir einen bösen Geist in unserem Haupte wohnen hätten, der zur Tat schritt, weil er in unserm Dienst stand, wenn wir ihn gemordet hätten?« »Ludwig, Ludwig!« erwiderte Judith flehend, »du bist ganz verstört! Wenn wir's getan hätten, wenn wir über seinen Leichnam den Weg zum Glück gegangen wären, fürwahr, es wäre nur Menschenfurcht, was ich kennte. Ludwig, ich frage dich hier bei meinem toten Gemahl, der dort aus der Finsternis leuchtet, willst du der Meine sein?« »Laß uns heraustreten aus diesem Gemach. Laß den Toten. Laß auch das Unfaßbare. Und wenn du es hören willst: Bei dem Kinde, das du unterm Herzen trägst und das nicht dieser Tote gezeugt hat, bin ich dein, Judith!« Sie wollten eben den Raum verlassen, als Arnold Himmelheber mit einem Licht hereintrat. Er blickte ernst auf die beiden, die aneinandergelehnt standen und in den Hintergrund, wo der Leichnam, mit einem Laken bedeckt, noch auf dem Operationstisch lag. Dann sprach er mit einer Stimme, die in dem weiten leeren Raum laut dröhnte: »Der Mann da hinten war nur ein häßlicher Kerl, der mehr vom Vieh wußte als vom Menschen. Aber wenn er könnte, jetzt würde er drohend den Arm erheben und denen fluchen, die an seiner Leiche sich zusammengetan haben. Ich, der ich ihn getötet habe, ich sage: Amen, Amen, Amen, so soll es sein. Ich segne euch!« Und damit drückte er Ludwig die Hand und gab Judith einen Kuß auf die Stirne. »So will ich denn auch noch das Letzte tun,« flüsterte sie und trat an den Tisch. Einen Augenblick schauderte sie, dann schlug sie rasch das Laken zurück. Da lag der nackte, blutleere Körper Wolf Tilsiters. Die Augen waren geschlossen. Das Gesicht hatte einen Ausdruck der Müdigkeit und Erdenferne, den der Lebende nie gekannt. Es war lange still im Gemach, Das Gefühl der menschlichen Hinfälligkeit hielt die Überlebenden im Bann. Judith konnte jetzt weinen; ein paar warme Tränen tropften ihr aus den Augen. Dann sprach sie still. »Und erlöse uns von allem Übel. Da liegt ein Stück Vergangenheit. Auch du warst schuldlos, Wolf. Ruh' aus von deinem Handel und Wandel. Ich fühle den Haß jetzt nicht mehr. Ruh' aus und verwandle dich.« Plötzlich zuckten die drei Menschen, die ernst und fest auf den toten Körper geblickt hatten, vor einer seltsamen Erscheinung zusammen. Es war, als ob ein starker roter Schein aus dem Innern des Leichnams dränge; das Antlitz des Toten erschimmerte schreckhaft, als ob es von zorniger Glut erfüllt zum Leben zurückkehrte. Das ganze Zimmer war von dem Schein erhellt. Einen Moment lang verharrten die drei in atemloser Spannung; dann aber drehte sich der alte Himmelheber um und blickte zum Fenster. Jetzt klang sein erlösendes Lachen durch das Gemach. »Dummköpfe und Schwächlinge, die wir sind,« sprach er zürnend, »das Johannisfeuer flammt von den Bergen.« Judith und Ludwig atmeten auf. Überall auf den Gipfeln rings herum waren wie mit einem Schlag die Holzstöße entzündet worden. Es war ein prachtvolles Bild: die roten, flammenden Feuer auf den Höhen und dahinter die gespensterhaft schimmernden Kronen der Bäume. Lysa trat jetzt geräuschlos herein und schritt sofort, wie von einem inneren Zwange getrieben, an den nackten, leuchtenden Körper des Toten heran. Lange blickte sie hin, dann wiegte sie den Kopf und sprach mit Entschiedenheit: »Der Mann war nicht böse.« »Nein,« erwiderte Judith, »er war nur gemein.« »Ich gehe mit ihm,« fuhr Lysa fort, wie in einer Vision. »Ich gehe mit ihm, in die fernen Zeiten hinein. Wir werden hintreten vor nackende Menschen, wir werden unschuldig sein im Guten und Bösen, Und dann wird er vortreten dürfen und sagen: Auch ich habe Güte in mir, laßt mich noch einmal leben! – Sieh hin, Vater! Ist es nicht, wie wenn er spräche? Weißt du, was er uns sagt? Hätte ich leben können, leben, wie ich jetzt tot bin, ein nackender Mensch im Feuerschein der Freude, ihr hättet euch die Arbeit ersparen können. O wie wohl ist mir, sagt Wolf Tilsit zu uns, daß ich tot bin. Seht auf mich, den ihr nur in Schacherkleidern gekannt habt, seht, daß ich schön bin.« Der alte Himmelheber deutete mit der Hand gegen die flammenden Höhen. »Sieh hin, sie haben Bäume fällen müssen, damit ihre Freude gen Himmel dampft. Werden die Zeiten kommen, wo wir nicht mehr die Axt bereit halten müssen, um zu stürzen, was uns im Wege steht?« Und Lysa erwiderte: »Der Tod hier löst uns das Rätsel. Hört ihr, wie sie jubeln da droben auf den Bergen? Werft alles von euch, was euch gemein macht, tanzt, tanzt um das läuternde Feuer! Mir ist, auch wir sollten jubeln, daß Wolf Tilsit so tot sein kann. Wenn die Menschen so leben können, wie sie tot sind, dann werden die Zeiten kommen.« Nach einer Weile fragte Lysa sehr leise den Alten: »Wie sah meine Mutter im Tode aus?« Inzwischen waren die Bergfeuer jäh erloschen. Nur noch dumpfe, rauchverhangene Glut stierte da und dort aus der Nacht. Himmelheber blickte das Mädchen bei ihrer plötzlichen Frage erschrocken an und gewahrte, daß sie entsetzlich blaß war. Er antwortete nicht. Judith sagte mit bebender Stimme: »Es ist wahr, er ist beinahe schön. Er wirbt um uns, der Tote.« »Lysa, Lysa,« erwiderte Himmelheber nun, »Wie du jetzt hat sie ausgesehen, die Mutter. Ja, ja, er ist schön, der Tod, und der Tod am schönsten. Das Leben aber ist schöner. Lysa, Lysa! Laß den Tod. Sieh, um dich wirbt das Leben!« Plötzlich fuhr er auf. »Ich habe eine schwere Arbeit getan; wie es hier dumpf ist!« Und rasch, ohne sich noch einmal nach dem Leichnam umzublicken, verließ er das Zimmer. Draußen auf dem Flur und die Treppe zum Garten hinunter hörten sie ihn halb singen, halb rufen: »Und daß Leben erwacht. Freinacht, Johannisnacht! Hinaus, Gespenster, hinaus, Hier ist Himmelhebers lachendes Haus!« Die Stimme des Jubelnden verklang allmählich. Lange schwiegen die Drei. Lysa blickte mit unendlicher Sehnsucht in den mondhellen Garten hinab. Ludwig trat an Judith heran und preßte sie an sich. »Judith,« sprach er dann, »wie groß und herrlich er ist. Ich kann nicht mehr bange sein. Ich glaube, ich verstehe jetzt alles. O Judith! Judith! Wie hat sich alles gelöst. Mir ist, als ob –« »Ich wußt' es, ich wußt' es!« rief auf einmal Lysa am Fenster; ein Jauchzen zitterte in ihrer Stimme. »Vater! Vater!« Sie eilte in stürmischer Hast in den Garten hinab. Judith und Ludwig achteten kaum auf sie. Sie umschlangen sich fester und inniger. Sie wußten nichts mehr vom Tod und nichts mehr vom Leben, das sie umgab. In Garten aber stand derweile, im magischen Schein des Mondes mit weit ausgebreiteten Armen in voller Nacktheit Arnold Himmelheber und rief in die Weite: »O daß ich jetzt singen könnte gleich einem Gott! Du schöne, du reiche, du strahlende Welt, wie liebe ich dich! O wie umfasse ich dich, du glitzerndes, herrliches Leben. Lysa! Lysa! Lysa! Komm doch, komm!« Jetzt trat das Mädchen auf die Schwelle des Hauses. Sie stand wie gebannt. Ihre Blicke hingen voll Zärtlichkeit, voll inniger Sehnsucht an seiner Gestalt. »Sieh, wie dort am Strauch die Glühwürmchen leuchten,« sprach sie dann mit einer so seltsam klaren Stimme, wie wenn eine andere aus ihr spräche. »Ist es nicht wie eine durchscheinende Seele? O wenn auch die Menschen all all ihr Inneres erscheinen, erglühen lassen wollten!« Und sie warf rasch ihre Kleider von sich. Mit hellem Jauchzen trat Himmelheber zu ihr. Auf einmal rief Judiths Stimme vom Fenster oben: »Ludwig! Wir kommen, wir kommen. Dahin, Wolf Tilsiter, für immer und ewig. Da unten ist nackendes Leben!« So sah der lachende Mond denn bald vier nackte Menschen im Garten beim Weine sitzen. Der Alte erhob sein volles Glas und rief: »Es lebe die Nacktheit, es lebe die Schönheit, es lebe das Leben! Es geht ein Märchen von einem alten Juden, der nicht sterben kann, weil er die Sünde nicht los wird. Ich möchte jetzt schreien können so stark wie ein Riese. Ihr Menschen alle zusammen: Ich entsündige euch! Es gibt keine Sünde. Laß dich begraben, du ewiger Jude, alter Jehova! Es gibt keine Sünde. Ich bin der ewige Heide! In alle Ewigkeit möcht' ich das Leben so schlürfen, wie ich diesen Wein hier trinke. Es gibt keine Sünde, es gibt nur Leben. Das Leben aber höret nimmer auf.« Er leerte sein Glas und schleuderte es an einen Stamm, wo es klirrend zerbrach. »Sprich mehr zu uns, Vater,« flüsterte Lysa. »Ja, ja, ich habe noch mehr zu sagen. Nackt wie ich bin, will ich es vor euch hinlegen. Er ist tot, der ewige Jude, der keine Liebe und keine Freude kannte. Nicht von ungefähr ist er hinübergefahren. Ich, ich, mit Wissen und Willen hab' ich ihn heute gemordet.« »Wen hast du umgebracht, Vater?« »Ihn, der der Liebe im Wege war. Ihn, der dort oben liegt, Wolf Tilsiter. Ich hab' den Jammer nicht länger mitansehen wollen. Die Liebe aber höret nimmer auf.« Lysa wollte sprechen, aber Judith kam ihr zuvor. Sie stand auf und erhob ihr Glas. »Nicht viele Worte, Arnold Himmelheber. Ich weiß nicht, ist es mein Herz, das jetzt so laut pocht, oder das keimende, knospende Leben, das ich hier unterm Herzen trage. Ich weiß nicht, was aus diesem Kinde geworden wäre. Dies Kind der Sünde soll es Euch danken, durch Glück und Größe und Schmerzen soll es Euch danken, was Ihr an seinen Eltern getan habt.« Sie leerte ihr Glas. Nun hielt sich Lysa nicht länger. Sie erhob sich rasch und griff nach dem Glas. Es war wundervoll zu sehen, wie das Mondlicht durch den funkelnden Wein hindurch auf ihre Brüste schien. Sie sprach: »Auch ich eine Sünderin, auch ich will bekennen, auch ich will stolz sein. Dieser Mann hier, Ludwig, den alle Welt Mörder nennen würde, wenn sie es wüßte –« »Dein Vater, Lysa?« »Mein Vater oder meiner Mutter Mann – gleichviel – »Lysa!« Sie achtete nicht auf Himmelhebers lauten, jauchzenden Schrei. Sehr leise fuhr sie fort: »Sie ging, und schickte mich. Ich gab ihm... Liebe – Liebe...« Es trat Totenstille ein. Ein ganz leichter Wind hatte sich erhoben; die Blätter an den Bäumen fingen an, sich zu regen. Judith fröstelte. Noch einmal hub Lysa an: »Ich und die Mutter sind eins... Mutter, in deine Hände...« »Um alles in der Welt, Lysa, was hast du?« rief auf einmal Ludwig. Lysa hatte sich tief in ihren Stuhl zurückgelegt und ließ den Kopf nach hinten sinken. Sie war furchtbar blaß geworden. Sie schien ohnmächtig werden zu wollen – Da stand sie langsam auf und winkte müde mit der Hand. »Vater,« sprach sie mit fremder Stimme, »es reicht, es reicht fürs Leben. Ich hab' dir alles, alles gegeben; ich möchte noch lange, lange so mit dir leben. Ich kann nur mein Herz nicht mehr halten; es will überfließen, und ich weiß nicht, wohin. Es ist mir heute abend ganz, ganz sonderbar geworden. Mir ist, ich sei gar nicht da. Als ob ich nur der Traum einer andern wäre. Mir ist so schwach, so schwach. Ich will lieber zu Bett gehen. Seid ihr auch so müde?« »Ja, ja, Kind, komm, ich bringe dich nach oben. Komm nur, komm, es wird wieder besser werden, Aber leg' dich jetzt noch nicht hin. Du weißt, es geht dann bald vorbei.« »Meinst du? Nicht wahr, es ist wohl wieder mein Anfall? Ich weiß nicht, mir ist nicht so wie sonst. Da sollt' ich wohl am besten wieder singen? – Da, da! habt ihr die Sternschnuppe gesehen? Und noch eine! Da wieder! Wo sie nur alle hingehen mögen? Was wird aus all den Sternen?« Niemand antwortete ihr. Himmelheber war zu ihr getreten und umfaßte leicht ihren Leib. Lysa lehnte sich an seine Schulter und blickte wie träumend vor sich hin. Dann hob sie die Hand und ließ sie schlaff wieder sinken. Dann sang Lysa leise, aber klar, öfters anhaltend, manchmal die Worte mehrfach wiederholend, eine seltsame Weise: »Leise, leise webt die Liebe, schwebt der Friede, leise, leise, zarte Gleise – Lysas Seele, stille Weise, in die Fernen, zu den Sternen. Leise kreise all mein Blut, leise, leise, zu den Sternen geht die Reise. Rote Flut, wild und schrille, still, o stille, mild und gut. Ich vergehe ohne Wehe Liebe wacht. Goldne Kreise, Sternenpracht. Leise, leise, fortgemacht, der Tag erwacht, gute Nacht.« Sie blickte wie aufschreckend einen nach dem andern an. Dann sprach sie unsagbar matt: »Nicht böse sein. Ich kann nicht mehr. Gute Nacht. Ich will zu Bett.« Sie wollte sich aufraffen. Dann rief sie ängstlich, keuchend: »Vater, halte! Ich... kann... nicht –« Sie war am Zusammenbrechen. Arnold und Ludwig, keines Wortes mächtig, faßten an und trugen sie nach oben. Nach einigen Stunden, als der Morgen gekommen war, war alles vorbei. Als die Leichenbeschauer kamen, fanden sie zwei Leichen im Hause Arnold Himmelhebers.