Hermann Löns Kraut und Lot Ein Buch für Jäger und Heger Inhalt             Kraut und Lot Das eine Jahr Tote Zeit Wenn der Tauber ruft Hahnenfieber Raubzeug Der Grenzbock ›Hurra, die Enten! Die Lockjagd Auf Birkwild In der Feiste Ein Mastjahr Holztreiben In Reih und Glied Die Betze rennt Hahn in Ruh! Ein rohes Vergnügen Das andere Jahr Im weißen Zeug Balzjagdsünden Anstandsregeln Der Standhauer Tinamu \& Cie. Der Bock treibt Pfui laut! Vom Hochsitz Jägerlatein Volle Wände In Acht und Aberacht Der Überjäger Wahr too! Jagd und Politik Auf der Wildbahn. Jagdschilderungen An der Bergwiese Auf dem Bullerberge Vor den Bruchwiesen Abseits der Welt Waldpfingsten Vor der Brandung Auf dem roten Haititel Am Forellenwasser Hinter dem Sommerdeiche In der wilden Wohld Quer durch den Bruch Die Höltenkammer Unter der schwarzen Wand Auf weißer Heide Im hohen Venn Moorfrühling Am Deipenmoor In den Hungerbergen Im Schweinebruch Der Beberteich An der Beeke Am Abstich Den Bach entlang In Risch und Rohr Auf Pirsch im Porst Durch Dick und Dünn Am Fließe Unter dem Hange Über dem Sommerdorfe Am Langenkampe Ho Rüd'hoh Rauhreif Nebel Vollmond Blachfrost Anstand Märzenschnee Vor dem Uhu Unter dem Espenbaume Auf dem Abendstrich Vor Tau und Tag Minne im Moor Im Frühlicht Des Täubers Ruf Um die Unterstunde Am schwarzen Luch Gewittersegen Am Wildbache Am Aeschenwasser Südsüdwest Von Knick zu Knick Zwischen den Hecken Strandgang Auf der Lauer Mit dem Frett Auf der Heide Im gelben Bent Auf der Stoppel Ein grüner Bruch Am Heidsee Vor der Wildwiese Auf dem Einlaufe Die stille Nacht Über dem Tale Auf Sauen Kraut und Lot Der Jäger     Der weiß es nicht, was Jagen ist, der nur im Felde knallt; Denn Jagen, das ist Pirschen Im heimlichstillen Wald, Und Jagen, das ist Schleichen In Heideeinsamkeit, Und Jagen, das ist Schweifen In Moorunendlichkeit, Ist Harren hinter Klippen Ist Lauern an dem Strand; Wer nur im Wald zu jagen weiß, Hat nie die Jagd gekannt. Der Heger         Das Schießen allein macht den Jäger nicht aus; Wer weiter nichts kann bleibe besser zu Haus. Doch wer sich ergötzet an Wild und an Wald, Auch wenn es nicht blitzet und wenn es nicht knallt, Und wer noch hinauszieht zur jagdlosen Zeit, Wenn Heide und Holz sind vereist und verschneit, Wenn mager die Äsung und bitter die Not, Und hinter dem Wilde einherschleicht der Tod; Und wer ihm dann wehret, ist Weidmann allein, Der Heger, der Pfleger kann Jäger nur sein. Wer bloß um das Schießen hinausging zur Jagd, Zum Weidmanne hat er es niemals gebracht. Das eine Jahr Tote Zeit Wenn die Jagd auf den Hasen schließt, dann beginnt auch für den Durchschnittsjäger die Schonzeit. Einige sind dessen froh; Tag für Tag Kesseltreiben oder Standtreiben mitzumachen, das ist bei hartem Sturzacker und steifem Nordostwind auf die Dauer kein Genuß mehr, so herrlich es einem anfangs auch dünkt. Andere aber sind voller Betrübnis. Neidischen Herzens gedenken sie der Männer, denen es vergönnt ist, auf Sauen, geltes Wildbret und geringe Hirsche zu pirschen oder am Seestrande und Flußborde allerlei fremdes Geflügel anzugehen, und sehnsüchtigen Herzens wünschen sie den Vorfrühling herbei, der ihnen Schnepfenstrich und Hahnenbalz beschert. Nur wenige sind es, die auch in der stillen Zeit zu Holze ziehen. »Was soll ich draußen?« sagt man sich, »es gibt doch nichts zu schießen!« Meistens gibt es das allerdings nicht, aber ein gerechter Weidmann vergißt sein Wild und seine Jagd auch wintertags nicht; er sieht einmal zu, ob das Rehzeug nicht Not leidet, ob es nicht nötig ist, den Hühnern und Fasanen zu schütten, ob es nicht am schneehellen Abend bei den Kohlgärten knallt und ob die Pässe und Wechsel schlingenfrei sind. Ein Gang in die Jagd lohnt sich immer, vorzüglich zur kargen Zeit. Es hat geschneit und es hat getaut. Hartschnee deckt die Saat, zugeweht sind die Himbeeren, verschneit ist das Heidkraut. Dankbar nehmen es die Rehe auf, tritt der Mensch ihnen von ihren Ständen zu der Äsung Bahn, denn allzu leicht klagen sie an den Läufen, müssen sie sich selber die Wechsel durch die scharfe Schneekruste treten, und die laufkranken Stücke reißt dann ohne viel Mühe der Fuchs. Eine Kleinigkeit ist es für den dickbestiefelten Jäger, über der Saat und auf heidwüchsigen Blößen den Schnee zu zertreten und hin- und hergehend das Himbeer- und Brombeergestrüpp vom Schneebehange zu reinigen; leichte Arbeit ist es, hier und da mit der kurzen Wehr für Proßholz zu sorgen, wenige Mark kostet es, den Abraum, der beim Ausasten der Obstbäume beiseite fällt, in die Jagd zu fahren und an passenden Stellen auszulegen, aber reiche Frucht trägt alles das dem Jäger. Nicht nur einen Wechsel auf die Zukunft bringt so pflegliches Tun, es fällt nebenbei auch noch mancherlei ab, was nützlich und angenehm ist. Freischützen und Ströpper sehen sich sehr vor in einer Jagd, in der der Jäger auch dann auftaucht, wenn das Wild Schonzeit hat, und die Dorffixe, die sich das Hetzen angewöhnten, bleiben gern zu Hause, spürten sie einmal Nummer acht mit Pfeffer und Salz auf den Keulen. Auch glückt es dem Jäger gar zu leicht, den heimlichsten seiner heimlichen Böcke wieder zu Blick zu bekommen und sich einen Vers darauf zu machen, wo er den Herrn Geheimrat im jungen Sommer, wenn Dickung und Stangenort grüne Mauern sind, zu suchen hat, und so haut er sich heute schon hier einen Pirschsteig und da eine Bucht und sorgt für einen Hochstand oder eine Kanzel, wo es nötig ist. Ab und zu aber kommt dann auch ein Tag, an dem der Gang sich bar bezahlt. Am hohen Ufer des schnellen Baches holt der Jäger den Erpel herunter und schmückt mit den krummen Wirken den Hut; aus dem hohen Schnee tritt er das Kaninchen, und schießt er das erste Mal auch daneben, er lernt es bald, zu unterscheiden, was es heißt, das Wild in die Schrote hineinlaufen zu lassen; heute erbeutet er im gelben Röhricht am Teiche den überzähligen Fasanenhahn, morgen glückt es ihm, aus der pfeilschnell dahinbrausenden Schar Birkwild einen stolzen Hahn herunterzuholen, und ist er ganz begnadet, so bringt er auch wohl einen seltenen Gast mit, eine Trappe, einen Säger oder ein anderes Stück fremden Wassergeflügels. Je öfter der Jäger zwischen Schonzeit und Jagdaufgang zu Holze zieht, um so mehr sieht er ein, daß es keine tote Zeit gibt. Ist er harter Art, macht er sich aus kniehohem Schnee und pfeifendem Winde nichts, so dünken ihm Wald und Heide zur winterlichen Zeit ebenso schön wie sommertags. Wenn der Hunger hinter dem Hartfrost im Walde hergeht, dann hat es der Fuchs gut. So manches Reh, das mit zerschundenen Läufen dahinzieht, fällt ihm zur Beute, und manchen kümmernden Hasen reißt er im Lager. Niemals ist die Maus leichter zu greifen als unter dem Schnee, und rund um die Gehöfte liegen die Abfälle von den Schlachtfesten. So wird Reineke bald der Balg zu eng, und das üppige Leben bringt ihn auf zärtliche Gedanken. Die Betze rennt. Baue, die lange unbefahren waren, führen auf dreißig Gänge gegen den Wind, starke Wechsel führen aus allen Dickungen zu ihnen, und rundumher ist der Schnee zertreten. Der Jäger, der von der Fütterung kommt und vergnüglich der guten Dinge gedenkt, die ihn im Kruge erwarten, fährt zusammen, denn aus dem raumen Orte kommt ein Gekreisch, das gellend durch den Wald schallt. Hier ist es, da ist es, jetzt dort und nun wieder hier, es schwillt an und ebbt ab, steigert sich zu bellendem Gemecker, geht in ein langes Gekeife über und bricht jäh ab. Unwillkürlich flog die Waffe von der Schulter, spannte der Daumen die Hähne. Erste Dämmerung verwischt die Umrisse der Buchen, aber der Himmel ist hoch und der Schnee leuchtet. Da, wo der Wurfboden der Fichte als schwarzer Klumpen droht, fahren drei Schatten durcheinander, verknäulen sich, lösen sich, verschwinden und tauchen wieder auf. Vergessen ist Frost und Kälte, Hunger und Durst. Heiß läuft es dem einsamen Manne über den Rücken, und unter der Mütze kribbelt es ihm, als wäre sein Haar gut abvermietet. Er weiß nicht, soll er oder soll er nicht, nämlich Stand halten oder sich heranpirschen, oder aber, denn für Schrot ist es noch zu weit, den Rieker auf den Drilling schlagen und eine Kugel wagen. Hätte er es nur getan, denn fort ist die liederliche Bande und treibt ihr zuchtloses Spiel mit Gekreisch und Gerauf in der Dickung weiter. »Pech!« denkt der Jäger und kratzt sich den Kopf. Aber langsam sinkt seine Hand an der Joppe nieder, schließt sich um den Kolbenhals, noch langsamer knicken sich die Ellbogen ein, krümmen sich und heben sich die Arme, und noch viel langsamer richtet sich die Laufmündung der Waffe dahin, wo zwischen den Bäumen zwei lange schwarze Streifen bald erscheinen, bald verschwinden. Jetzt tauchen beide Schulter an Schulter auf dem Schnee wieder auf, und da denkt der Mann der Kunst, die ihm sein Lehrprinz beibrachte: ein dünnes Zirpen kommt zwischen seinen gespitzten Lippen hervor und läßt die Füchse verhoffen. So schwach das Geräusch auch ist, das das Richten der Waffe erfordert, sie vernahmen es doch; aber ehe daß sie wenden können, reißt sie der Hagel zusammen. Der eine will wieder hoch, doch der Würgelauf spricht sein Donnerwort. Der Jäger lacht über das ganze Gesicht. Zwei Füchse, zwei starke Winterfüchse, beide gut im Balg, ein Rekel und eine Betze, das ist doch etwas anderes, als einen Krummen nach dem anderen im Kessel umzulegen. Eigentlich wolle er diesen Abend schon nach Hause; aber es waren drei Füchse da, und so bleibt er die Nacht im Kruge und zieht vor der Sonne zu Holze. Zu Schusse kommt er morgens am Bau freilich nicht, aber der dritte Fuchs liegt ihm zu sehr im Sinne; so verpaßt er den besten Zug und da der Neuschnee so weich und der Tag so warm ist, läßt er Geschäft Geschäft sein, pfeift auf die Stadt und bleibt, wo er ist. Da, wo er weiten Blick und etwas Deckung hat, frühstückt er ausgiebig von den derben Dingen, die ihm die Krugwirtin in den Rucksack tat, und dann bummelt er gemütlich, aber mit offenen Augen, durch sein Reich. Es ist so viel zu sehen und zu hören im Walde, daß ihm bei seiner Pfeife die Zeit nicht lang wird. Meise, Häher, Dompfaff, Specht, Zeisig, Kreuzschnabel, Krähe, Zaunkönig und Ammer unterhalten ihn; er sieht dem Eichhorn zu, das Fichtenzapfen zerraspelt, und der Maus, die bei der Fasanenschüttung fett lebt, freut sich über den Eisvogel am Bachkolk und über des Bussards Gleitflug, und dann fällt ihm ein, daß in der Dickung da unten bei jedem Treiben ein Fuchs steckt. So meinte er, es lohne sich wohl, die Kanzel zu erklimmen und Musik aus der hohlen Faust zu machen. Gedacht, gemacht! Jämmerlich klingt Lampes Todesklage durch die Stille, mit Gezeter von den Hähern, mit Gequarre von den Krähen begleitet. Eine kleine Viertelstunde vergeht. Der Jäger überlegt, ob er nicht wieder hinunterklettern soll. Aber fünf Minuten will er noch daran wenden. Aus fünf werden zehn, aus zehn fünfzehn. Nun, es ist wohl alle Tage Jagdtag, aber nicht jeden Tag Fangtag. Doch was war das? Da bewegte sich doch etwas am Rande der Dickung? Es kann ein Hase sein, aber vielleicht ist es das Gegenteil. Wahrhaftig, der Fuchs ist es. Da ist der Kopf, und da die Lunte; den Rumpf decken die Fichtenzweige. Aber jetzt tritt er vor, windet und tritt aus der Dickung heraus. So steht er gerade richtig für die Kugel. Drauf, eingestochen, gedrückt! Das glückte! Er rollt bergab, schlägt noch einige Male und rührt sich nicht mehr. Sehr vergnügt ist der Jäger. Sobald er kann, will er wieder draußen sein. Es sind noch viel mehr Füchse im Berge, und Marder auch, und eine leere Redensart ist es, das Wort von der toten Zeit. Wenn der Tauber ruft Es gibt einen alten Spruch, der da lautet: »Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.« Er klingt kleinbürgerlich und philisterhaft in unserer großartig auftretenden Zeit, in der die Millionäre wie die Fliegenpilze aus dem sozialen Humus hervorbrechen, um freilich oft genug nach der Schwammerlinge Art zu vergehn und weiter nichts zu hinterlassen als Stank und Schleim. Darum ist es gar nicht so dumm, kramt man einmal wieder das alte, arg verschossene Sprichwort heraus, denn ein bißchen philiströse Gewissenhaftigkeit, so ein wenig kleinbürgerliche Genauigkeit, die kann uns im täglichen Leben wahrhaftig nichts schaden. Auch der Jäger tut gut, neben Patronen, Butterbroten, Zigarren und Kognakfläschlein dieses Leitwort unsrer Ahnen im Rucksack zu verstauen, sintemal und alldieweil er von der Hauptkrankheit unserer Zeit, der dicketuerischen Großmannsucht, recht erheblich angesteckt zu sein pflegt. Einst war die Jagd bei uns ein adlig Spiel, adlig insofern, als es ernst genommen wurde. Kein Zweig der Jagd galt als gering, jeder mußte, sollte der Jäger nicht als Fleischmacher und Luderjäger gelten, gerecht gehandhabt werden. Heute ist das anders: » a' la mode -Kleider, a' la mode -Sinnen; wie sich's wandelt außen, so sich wandelt binnen.« Nicht nur ihre abgelegten Kleidermoden trägt der deutsche Jäger den engelländischen Halbvettern nach, er zieht sich dadurch auch eine karierte Gesinnung zu und wird zum Sportschützen, zum Schießer und Rekordathleten. Von des deutschen Weidwerks heimlicher Luft versteht er so viel, wie die Kuh vom Kunstdünger. Die Beute, das ist ihm die Hauptsache, das Was, aber nicht das Wir ist sein Ziel, die hohe Ziffer sein Ideal. »Na, wieviel Böcke haben sie denn jetzt tot?« das ist die gängigste Frage am Jägerstammtisch. Man möchte meinen, es handle sich um den Stand der Aktien oder um Kurengewinne. Auch die Höhe der Strecke hat ihren Wert, aber nur bei Treibjagden auf Hasen oder ein anderes gemeines Feld-, Wald- und Wiesenwild. Sobald aber das Wild zur Mittel- und Hochjagd gehört, soll nicht die Endsumme der erbeuteten Stücke, sondern die Stärke des einzelnen Stücks und die Art, in der es erlegt ist, das wichtigste daran sein. Drei Hirsche, vor der Treiberwehr geschossen, wiegen nicht so schwer wie einer, nach wochenlanger Mühe auf der Pirsche erbeutet, und das Gehörn ist dem wahren Weidmann am liebsten, das ihn die meisten Schweißtropfen kostete. »Welch ein Blödsinn!« sagt der Mann von heute, dem der mühelos erworbne Gewinn, sei es Mammon, sei es eine Jagdtrophäe, lieber ist denn der, so mit Schweiß und Arbeit verknüpft ist; »wie ich den Bock oder den Hirsch kriege, das ist mir wurst, wenn ich ihn nur kriege.« Es muß auch solche Leute geben, es ist sogar gut, daß es solche gibt, denn wenn es keine Schießer gäbe, so hätte der Weidmann nicht das wärmende Gefühl unter der Weste, neunundneunzig Prozent mehr wert zu sein als der Jagdprolet, und wenn dieser auch die Tasche voll brauner Lappen hat, einen Kragen mit Rückantwort trägt und im eigenen Auto zu Holze stänkert. Der andere aber fährt dritter Klasse, trägt ein Flanellhemd und dreht jede Mark in der Hand herum, ist aber doch dreißig Male und drei mehr Jäger, als der Jagdprotz. Der saust im Sechzigkilometertempo zu Jagd, liest derweilen ein Börsenblatt, nimmt in dem Herrenzimmer des Dorfkruges den Bericht des Jagdaufsehers entgegen, keilt in den drei Tagen drei Böcke vorbei und erschlägt sechse unter Zuhilfenahme von Streifenlader, Zielfernrohr und Zielstock, und gondelt in dem erhebenden Bewußtsein, seinen Gästen beim Rochefort die neuesten Knochen, einer noch kapitaler als der andre, vorweisen zu können, dem großen Asphaltdorfe wieder zu, froh, seinem Jägerruhm einige neue Lorbeerblätter hinzugefügt zu haben. Na ja, es gibt solche Jäger und so 'ne, so 'ne aber sind die meisten. Knöpft man einem so'nem den Kieker und den Zielstock ab, setzt ihn piquesolo und unbevormundet durch den Jagdaufseher in einem leidlich besetzten, möglichst urwüchsigen Reviere ab mit dem guten Rate, es einmal mit der Pirsche aus der freien Hand zu versuchen, wetten, daß er verloren und verkauft ist? Oder stellt ihn in den Vorfrühlingswald und sagt ihm: »So, Verehrtester, nun beweist einmal, daß ihr pirschen könnt, und schießt in einer Stunde einen Ringeltauber, aber wohlgemerkt, nicht einen, der Euch zusteht, sondern den da, der da hinten ruckst und der leicht an dem gedoppelten Endreim seines Rufes zu erkennen ist!« übel steht es mit dem Manne; er wird dahinpoltern wie ein altes Holzweib, wird dem Tauber eine ganze Masse Bewegung verschaffen, aber kriegen wird er ihn nicht. Denn es ist nicht so einfach, sich an den rucksenden Tauber heranzupirschen, und mancher Mann, der ganze Wände voll selbsterbeuteter Rehkronen und einige gute Geweihe darunter hat, kann sich krumm und krüppelig schleichen, und muß doch heimziehen, ohne einen der Waldbauchredner bekommen zu haben. »Aber,« wird dieser Mann sagen, »zu was soll ich denn hinter diesem Jammervogel herkrebsen, der noch nicht einmal auf dem Jagdscheine steht? So bei Wege kann man ja mal auf eine abstreichende Wildtaube hinhalten, aber sich um sie abzuquälen, wie um einen Bock, das hat doch sehr wenig moralischen Wert!« Hierauf könnte man ihm antworten: »Ihre Meinung in Ehren, Allerwertester, aber sie ist blödsinnig.« Man kann wohl einer abstreichenden Taube hinhalten, besonders wenn man Wert darauf legt, sich mit Aasjägerodeur zu parfümieren, denn Tauben, das heißt, weibliche Tauben, schießt ein anständiger Mensch erst im Herbste. Aber einen Täuber kann man immer schießen, denn es gibt genug Junggesellen davon, die liebendgern eine Taubenwitwe trösten. Jetzt zum Beispiele, wo der Wald noch laublos ist, da kann man bei der Jagd auf den rufenden Tauber das Pirschen lernen; nachher, wenn der Wald erst dicht ist, ist es keine große Kunst mehr. Leicht ist es nicht, jetzt den Weißkragen zu erbeuten; aber schlägt er hart zwischen die Blumen, die im Fallaube leuchten, dann hat man seine Freude an seiner Geschicklichkeit. Geduld muß man freilich haben, eine Bussardsgeduld, denn hat schon der Birkhahn auf jeder Feder ein Auge, der Tauber hat darauf mindestens zweie, und er vernimmt noch dazu sehr scharf. Da heißt es denn oft, zehn Minuten und länger sich so still zu benehmen, wie ein frischgebackner Reichstagsabgeordneter, und hinter dem Baume auszuharren, bis der abendwolkenfarbige Vogel seinen Argwohn schießen läßt und sein dunkles Lied wieder beginnt. Schlumpt es, so braucht man vielleicht eine halbe Stunde dazu, um einen einzigen Ringeltauber herunterzuholen, aber es kann auch eine volle Stunde darauf hingehn. Macht man das aber öfter, dann bekommt man das Pirschen so in die Glieder, wie der Artist seine Arbeit, und man braucht sich nicht erst, pirscht man sich an einen Bock heran, bei den Ohren zu nehmen und sich zu sagen: »Jetzt wird gepirscht, oller Junge!«. Man pirscht, wie man ißt oder trinkt oder raucht. Die Sonne fällt auf die altsilbergrauen Buchenstämme; die Windröschen im goldbraunen Vorjahrslaube blitzen luftig, und fröhlich leuchten aus dem grünen Moose am Grabenborde die treuen Blüten des Leberblümchens. In jedem Baume beinahe sitzt ein Fink und zeigt, was er kann, vor dem Wipfel der zopftrocknen Eiche verzapfen die Stare einen ulkigen Heringssalat von Melodien, ein halbes Dutzend von Meisensorten piepsen auf ebenso viele Weisen, selbst der Häher bekommt es mit der Dichteritis, und sogar die Krähe empfindet das Bedürfnis, sich lyrisch zu benehmen, wenn der Versuch auch nur höchst mangelhaft ausfällt; dazu trommelt der Buntspecht nach der Schwierigkeit, der Zaunkönig riskiert eine Lippe, als wäre er nicht einen Zoll lang oder vielmehr kurz, sondern einen halben Fuß, die Amsel jodelt, die Spechtmeise flötet wie ein Scherenschleifer, das Monstrekonzert ist in vollem Gange. Aber einer fehlt noch, der mit dumpfem, warmen Rufe alle anderen Laute übertönt, der Tauber. Da hinter ruft einer. »Dudu, dududu,« ruft er seiner Taube zu, wirft sich vom Aste, schwingt sich über die goldig schimmernden Kronen, schwebt da in herrlichem Fluge, klatscht wie ein Berufsklaqueur, tanzt auf und ab, fußt auf der Eiche, verschweigt eine Weile und fängt dumpf zu knurren an. »Hurr, hurr, hurr,« klingt es. Den wollen wir uns einmal langen. Pst, nicht so eilig! Erst muß er wieder rufen, sonst äugt er uns und reitet ab. Jetzt los. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn Schritte. Halt! Er will eben »huk« sagen und das ist der Schlußvers. Eine ganze Weile sagt er gar nichts, aber jetzt legt er wieder los. Also vorwärts, marsch, aber Vorsicht, Vorsicht! Denn er äugt scharf. Also immer in Deckung geblieben, und leise getreten, sonst geht er hin und singt nicht mehr, oder vielmehr da irgendwo ganz hinten im Walde. Sie schwitzen ja jetzt schon, Liebwertester, und den Tattrich haben Sie auch! Sehen Sie, der Appetit kommt en mangeant ! Sie haben Blut geleckt, die Sache fängt an, Ihnen Spaß zu machen! Und nun: noch einmal, weil es so schön ging! So recht, so schön, so brav, das haben Sie gut gemacht! Da sitzt er, da! Sie sehen ihn nicht? Kein Wunder, denn nicht umsonst gab ihm die Natur fast dieselbe Farbe, die der Himmel hat. Da, wo der spitze Hornzacken steif gegen den Himmel steht, links davon, das ist er! So, nun noch sechzig Gänge, dann haben Sie ihn! Aber das dicke Ende kommt immer zuletzt, denn nun geht uns die Deckung aus. Sehen sie zu, daß Sie da nach der Fichtengruppe hinkommen. Jetzt ist es Zeit, jetzt ruft er wieder. So, nun dreißig Gänge, dann gehört er Ihnen. Los! Halt! Er hat Unrat gewittert. Wir haben ja Zeit, er aber auch. Endlich! Eins, zwei, drei, vier, fünf Schritte, halt! Warten, warten, noch zu weit: der Tauber hat eine Art von Doweschen Panzer an und kann viel vertragen. Darum noch zehn Gänge näher heran, bis zu der Eiche da, und jetzt ist es Zeit. Er ist unbequem, der Schuß steil nach oben, aber um so schöner ist es jetzt, wo der bunte Vogel uns dicht vor die Füße schlägt und dann ein Gestöber von weißen Federn hinterherrieselt. Blanke Augen haben Sie, eine nasse Stirn, vergnügte Finger und linkerhand unter Ihrer Weste klopft irgendetwas recht deutlich. »Na, war das nicht schön? und haben Sie nicht viel gelernt bei Ihrem ersten Tauber?« Man soll nicht viele Tauber schießen, denn sie rufen so schön. Aber man soll sich so oft wie möglich an einen heranpirschen, und so nahe, als es eben geht, und möglichst an solche, die ganz hinten im Walde rufen. Denn ist auch ein gut gedämpfter Tauber nicht zu verachten, des Bratens wegen schießen wir ihn wahrhaftig nicht. Lernen sollen wir an ihm die edle Kunst der Pirsche aus der freien Hand, des Schleichens von Stamm zu Stamm, beibringen soll er uns die Fähigkeit, lautlos zu sein und unsichtbar, damit wir sie in den Gliedern haben, gilt es dem guten Bocke oder dem braven Hirsch. Ob Hirsch, ob Bock, ob Tauber, im Grunde ist das gleich. Die Hauptsache ist es, sich als Urmensch zu betätigen, seine Sinne zu gebrauchen, seine Kräfte anzuspannen, einmal wieder ganz Mann zu sein und Mensch, den Asphalt zu vergessen und die ganze städtische Lackiertheit, die uns allen Murr und Purr aus den Knochen saugt und uns solange knechtet und knetet, bis wir uns wie unsere eigenen Urgroßväter vorkommen und ganz vergessen, daß der Mensch seine Augen nicht nur zum Lesen und Schreiben über die Nase gesetzt bekommen hat, und mit den Ohren auch noch etwas anderes anfangen kann, als den Hörer des Fernsprechers davor zu halten. Und das ist das Beste, das Wichtigste und Wertvollste, das uns die Jagd bietet. Sie legt uns einmal wieder der Natur an die runde nahrhafte Brust, auf daß wir daraus neue Kräfte und frische Stärke saugen, wir armen Kinder einer Zeit, die mit unseren Nerven Schindluder spielt und unsere Sinne zu Appelmus rührt. Auf dem Asphalt, im Kurszettel, im Salon, da finden wir uns zurecht; wehe aber, wenn wir in die Natur hineingeraten, wo sie der Wege und Wegweiser entbehrt. Dann stehen wir da wie die Muhkuh vor dem neuen Tore, brüllen ängstlich, wissen nicht aus noch ein und kommen uns vor, wie der bekannte Leipziger Wassergreis mit der mangelnden Hilfswissenschaft. Im Kursbuche haben wir im Handumdrehen die Anschlüsse von Inowrazlaw nach Cognac bei Bordeaux herausgeknobelt; aber nach der Wetterseite der Bäume und dem Stande der Sonne den Weg zu finden, dazu sind wir viel zu gebildet, viel zu fein, Gott sei's geklagt. Und deshalb stellt sich der junge deutsche Mann, steckt ihn der Staat in den bunten Rock, so dämlich an, wenn er bei der Felddienstübung oder im Manöver auf Patrouille muß, denn die Natur, in der er aufwuchs, besteht aus Backsteinen, Asphalt, Schienen, Leitungsdrähten und Restaurants, und verraten und verkauft ist er, sieht er um sich herum einmal weiter nichts als Wald und Heide. Der Sportplatz, das Ruderboot, das Rad und das Auto, sie geben uns das nicht wieder, was die Zivilisation uns nahm an gesunden Instinkten, und die Jagd, wie sie gemeiniglich betrieben wird, auch noch nicht. Hühner- und Hasensuche und Treibjagd bringen uns der Natur nicht näher: das kann nur die Pirsche aus der freien Hand. Diese aber erlernt man nur, wenn man sie oft ausübt. Woran, das ist ganz gleich. Ist der Bock noch nicht frei, nun, pirschen kann man immer, heute auf die Ente in der Uferbucht, morgen auf das Kaninchen, den anderen Tag auf den alten Fasanenhahn, auf die streunende Katze und den stromernden Fix. Jeder solcher Pirschgang, und ist die Beute, die er bringt, auch noch so gering, bringt uns dauernden Gewinn, schärft unsere Sinne, ölt unsere Gelenke, schafft den Gliedern Leichtigkeit und den Bewegungen Sicherheit. Darum soll man nicht versäumen, der Pirsche zu pflegen um die Zeit, wenn der Tauber ruft. Hahnenfieber Es gibt unterschiedliche Arten von Hähnen: Zins-, Mist-, Gewehr-, Kampf-, Kirchturm-, Manöver-, Kanarien-, Haupt- und andere Hähne. Im Vordergrund des jagdlichen Interesses steht in der demnächstigen Zukunft der Birkhahn. Die Farbe des Birkhahns ähnelt im großen und ganzen denen des Deutschen Reiches, doch ist das Schwarz mehr ein schillerndes Blau. In der Jugend ist er etwas weniger patriotisch gefärbt. Das Gefieder der Birkhenne ist politisch indifferent. Das Beste am Birkhahn ist nächst dem Braten das Spiel, worunter man den Stoß begreift, denn einen Schwanz hat er bekanntlich ebensowenig wie die übrigen jagdbaren Tiere, z.B. das Reh. Sonstige Eigentümlichkeiten des Birkhahnes sind, daß er auf jeder Feder ein Auge hat, wodurch er stets in der Lage ist, sich über alles, was um ihn vorgeht, so gut zu orientieren, als ob er ein Orientale wäre. Ferner besitzt er eine große Abneigung gegen Schrotkörner, die er nur dann annimmt, wenn es gar nicht anders geht. Lange bevor Ernst von Wolzogen und die sieben Scharfrichter auftraten, erreichte der Birkhahn schon Überbrettl, indem er mit mehreren von seinesgleichen jeden Morgen um dieselbe Stunde zusammenkam und mit Spiel und Tanz sich und die im Kreise versammelten weiblichen Festteilnehmer ergötzte. Wie sein Gesang dem Schnadahüpfl, so ähnelt sein Tanz dem Schuhplattler. Der Hahn macht bald einen langen Hals und bläst sein Tschuhuit, oder er trommelt wie unklug und rutscht dabei über die Erde. Manchmal hopst er in die Höhe, manchmal läßt er es bleiben. Zu diesen Überbrettlvorstellungen ladet sich der Jäger gern zu Gast. Er macht sich in der Nähe der Bühne ein Loch in die Erde, steckt Wachholderzweige herum und bezieht bei nachtschlafender Zeit diese Parterreloge, um der Dinge zu warten, die da kommen sollen. Meist kommt erst eine ganze Weile gar nichts, nur daß irgendwo im Hintergrunde die Mooreule seufzt. Dann geht in der Luft das Gemecker der Bekassinen los. Darauf macht sich der Wind auf, worauf der Jäger kalte Füße bekommt, weswegen er einen Schnabus trinkt, infolgedessen es ihm nach einer Viertelstunde so kalt über den Rücken läuft, daß er noch einen trinken muß. Eine ganze Weile kommt dann weiter nichts als eine Gänsehaut nach der anderen. Die kalten Füße verlängern sich bis an die Gegend, wo die Hosenträger ihr Ende finden. Auch die Finger werden bis an die Schultern kalt, das, was zwischen den Zehen und Fingern sitzt, schließlich auch, und der Jäger stellt mit Entsetzen fest, daß seine Pulle nichts mehr enthält. Um sich zu erwärmen, raucht er, worauf sich jener Zustand einstellt, der den spanischen König seinerzeit veranlaßte, auszurufen: »Der Aufruhr gärt in meinen Niederlanden.« In diesem schönen Augenblick geht es: »Dß, dß, dß« über den Jäger hin, »buff« sagt es, denn nun wird die Sache erst richtig, denn der Hahn ist da. Wo, das weiß der Jäger nicht, er weiß nur, daß er sich jetzt nicht rühren darf. Eine Viertelstunde vergeht; dem Jäger wird elend. Es folgt eine zweite Viertelstunde; dem Jäger wird nicht besser. Eine dritte Viertelstunde sinkt im Meere der Vergessenheit; der Jäger nimmt alle fünf Sinne zusammen, aber sowohl der Un- wie der Schwach-, der Stumpf- wie der Blöd,- ja sogar der Irrsinn lassen ihn im Stiche. Er hört nichts als das Schweigen, und er sieht nichts als die Dunkelheit. Endlich hört er halblinks einen Ton, ähnlich dem eines Menschen, dem etwas übel wird. Erst denkt der Jäger, sein eigener innerer Mensch sei es, denn ihm ist danach zumute, aber bei reiflicher Überlegung kommt er zu dem Ergebnis, der Hahn müsse es gewesen sein. Nach einer Viertelstunde hört er den Ton wieder. Und dann ist abermals alles still. Endlich, als der Jäger schon im Hintergrunde seiner Seele den freventlichen Wunsch äußert, im warmen Bett geblieben zu sein, hört er halbrechts einen andern Ton. Der Hahn schüttelt sein Gefieder. Dem Jäger läuft es so warm über den Rücken wie beim Kaisergeburtstagsessen, als ihm der Lohndiener die Suppe hinter den Halskragen goß. Mittlerweile wird es auch ein wenig heller. Durch die Schießlücke zwischen den Wacholderbüschen seines Schirmes sieht der Jäger einen dunklen Fleck, der sich bewegt. »Er ist es!« frohlockt des Jägers Herz. Da geht, es rechts: »Tschuhuit.« Also ist er es nicht, sondern ein Busch Heide. Aber nun wird die Szene lebendig. Die Mooreule gibt ein ulkiges Couplet zum besten. Der Kiebitz trägt eine rührselige Romanze vor. Alles bei verdunkelter Bühne. Endlich wird es etwas heller, so hell, daß der Jäger sagen kann: »Wenn das da vor mir kein Binsenbusch ist, dann ist es der Hahn oder ein Heidbult, wenn es überhaupt etwas ist.« Und nun balzen auf einmal zwei Hähne bei ihm, nein drei, oder sogar vier, wenn nicht fünf. Einen sieht er genau. Wäre der Jäger nun schlau, dann schösse er. Er schösse ja vorbei, denn das, was er sieht, ist der Hahn nicht, und wenn er es wäre, so knallte er erst recht daneben. Aber dann jagte er wenigstens alle Hähne fort und könnte ohne Gewissensbisse machen, daß er fortkäme; denn in seiner rechten Keule zwickt es ihn bedenklich und in der linken Schulter auch, und ein siebenmal verlöteter Backenzahn, der seit Wochen keinen Spur von eigenem Leben mehr verriet, beginnt, sich auf seine alten Rechte zu besinnen, und verlängert sich ein wenig. Aber der Jäger bleibt sitzen, teils weil er zuviel Charakter, teils weil er zu wenig eigenen Willen mehr hat. Die vier Hähne um ihn herum haben ihn mit ihrem Blasen und Kullern so hypnotisiert, daß er die freie Selbstbestimmung völlig verlor. Und so sitzt er und beobachtet teils die dunklen Klumpen, die er für Hähne hält, teils die Fortschritte, die die Ischias in seiner rechten Lende und der Rheumatismus in seiner linken Schulter machen. Ein scharfer Wind pustet über das Moor. Das Heidkraut bedeckt sich mit Reif, der Jäger mit einer neuen Gänsehaut. Es scheint ihm allmählich, als hätte er längst jeden inneren Zusammenhang mit seinen Zehen verloren. Am Himmel taucht ein Rosenschimmer auf. Ergriffen von der Schönheit des Vorfrühlingsmorgens klappert der Weidmann heftig mit den Zähnen, wobei er feststellt, daß die siebenmal plombierte Festruine in der letzten Viertelstunde um das Doppelte ihrer vorschriftsmäßigen Länge zugenommen hat. Die Sonne geht mit einem plötzlichen Ruck auf. Ringsum balzen die Hähne, nur die nicht, die irgendwo um den Schirm des Jägers sein müssen. Der Brachvogel flötet so jämmerlich, als hätte er sich die Zehen erfroren. Ein vorüberfliegender Schwarzspecht lacht den Jäger aus, desgleichen eine Krickente, desgleichen eine Mooreule, desgleichen die Bekassine, desgleichen der Kiebitz, desgleichen die Krähe, desgleichen die Schwarzdrossel, desgleichen der Pieper, desgleichen der Würger, desgleichen der Grünspecht. Der Jäger lacht hysterisch in sich hinein. Er sieht eine Fata Morgana vor sich, bestehend aus einem warmen Bett, und darin liegt er, und seine Frau bringt ihm heißen Kaffee mit zwei dick belegten Brötchen, oder Kakao, oder Tee, oder Punsch, oder Grog, oder Fleischbrühe, oder seinetwegen auch heiße Milch, kuhheiße Milch, wenn möglich mit einem Kognak oder zweien; drei schaden auch nicht. Er strengt seine Augen an, daß sie wie bei einem Hummer aus dem Kopfe kommen. Er versucht seine Ohren zu verlängern. Alles balzt herum, nur seine vier Hähne balzen nicht. Aber auf hundert Schritt balzt einer. Der Jäger überlegt, ob er nicht mit einer Kugel hintupfen soll. Beinahe ist er entschlossen, da balzt es dicht bei ihm. Er stößt einen lautlosen Fluch aus. Da balzt nun ein Hahn zu weit und einer zu nahe. Wenn er will, kann er ihm einen Tritt geben. Aber schießen? Kein Schimmer von einem Schein von einer Spur von einer Ahnung von einem Dunst von einer Idee einer Möglichkeit. Erstens würde der Hahn in tausend Fetzen geschossen und zweitens geht es überhaupt nicht. Der Jäger hat das Gefühl, als habe er einen Ameisenhaufen unter dem Hut, dessen Einwohner zur Gründung einer Zweitniederlassung über seinen Rücken marschieren. Ein wohltätiger Schweiß stellt sich ein. Ihm folgt ein weniger wohltätiges Frostgefühl. Der Senior der Hähne macht sich immer bemerkbarer. Der Hahn balzt vor den eiskalten Zehen des Jägers und nun balzt auch unmittelbar hinter dem Rücken des Jägers ein Hahn. Eine Henne fußt auf dem Schirm unmittelbar über dem Kopfe des Jägers und macht sich in der gemeinsten Weise über den unglücklichen Menschen lustig. Weit weg fällt ein Schuß. Das Herz des Jägers ist eine Mördergrube. Da streicht die Henne fort und die Hähne folgen ihr. Der Jäger kann nun singen: »Ich bin allein auf weiter Flur«, aber er tut es nicht. Er trampelt sich die Eisbeine warm und stellt mit Befriedigung fest, daß der Hahn vor ihm, von dem er glaubte, daß er nicht mehr da sei, nun auch abstreicht. Wutentbrannt steckt er seinen Kopf aus dem Schirm. Da geht noch ein Hahn ab. Der Jäger sinkt in sich selber hinein. Er schnürt den Rucksack auf und langt ein Butterbrot heraus. Gerade hat er sein Butterbrot ausgekramt, da fällt in guter Schußnähe ein Hahn vor ihm ein. Er hat das Knittern des Papiers vernommen und äugt scharf nach dem Schirm hin. Der Jäger sitzt da wie eine ägyptische Königsbildsäule, nur daß er kein Sichelschwert, sondern ein Schinkenbutterbrot in der Hand hat. Das Gewehr liegt gesichert zu den Füßen des Jägers. Die Sachlage ist einfach niederziehend und bleibt es eine ganze Viertelstunde. Fünfzehn geschlagene Minuten äugt der Hahn nach dem Schirme. Fünfzehn geschlagene Minuten sitzt der Jäger da, ein Viertel des Schinkenbutterbrotes im halboffenen Munde, den Rest in der fieberisch zitternden Männerhand. In allerliebster Abwechslung laufen ihm kalte und warme Schweißausbrüche über die gerunzelte Epidermis. Zur richtigen Zeit stellt sich ein Hustenreiz ein und nötigt den Jäger, seine Backentaschen schnell von ihrem Inhalte gemischter Nahrung zu befreien. War die Situation bisher shakespearisch, so wird sie jetzt sophokläsisch, entwickelt sich zum Schicksalsdrama schwerster Gattung. Der Jäger denkt: »Nun brauchte ich nur noch zu niesen, dann war es richtig.« Die durch diesen Gedanken beeinflußte Nase beeilt sich ihn in die Tat umzusetzen. Er sucht sie daran zu verhindern, indem er sie mit Daumen und Zeigefinger krampfhaft schließt. Aber die Nase niest nun gerade, und nicht zu knapp, nur infolge der Fingerpressung etwas außergewöhnlich, so daß es klingt, als ob ein Birkhahn blase. Der Hahn da drüben fällt auf den Schwindel hinein. Er hält die Nase des Jägers für einen Nebenbuhler und beeilt sich, den Nebenbuhler, daß heißt in Wirklichkeit die Nase, aus dem Felde zu schlagen. Er reckt den Hals, sperrt den Schnabel auf und zischt. Der Jäger macht ein Gesicht wie ein Schafottanwärter, dem der Staatsanwalt die Begnadigungsurkunde vorliest. Aus jedem Auge laufen zwei dicke Tränen, von denen je zwei die Freude, je zwei die Nasenexplosion zur Ursache haben. Der Jäger, bis eben noch ein willenloser Spielball unlenkbarer körperlicher Kräfte: Epidermisrunzelung, Schweißdrüsentätigkeit, Hüftnervenaffektion, Zahnwurzelhautentzündung, Hustenreiz und Nieszwang, ist mit einem Male wieder ein höheres, mit freiem Willen und Vernunft begabtes Wesen. Ruhig und besonnen bückt er sich, nimmt das Gewehr auf, spannt es, zieht den Kolben an die Backe, schiebt die Mündung durch die Schießlücke, krümmt den Drückefinger und nimmt den Hahn auf das Korn. In demselben Augenblick streicht der Hahn ab und fällt zwanzig Schritte weiter rechts ein. Das Antlitz des Jägers, das eben die Siegesfreude mit purpurner Glut bedeckte, wandelt sich mit affenartiger Plötzlichkeit zu fahlem Asch- oder Eselgrau um und der Ausdruck seines Gesichtes weist neunzig Prozent Intelligenz weniger auf, als von einem zum aktiven und passiven Wahlrechte befähigten Staatsbürger billig verlangt werden kann. Was er denkt, ist nichts Christliches. Der Hahn sitzt in der langen Heide. Der Jäger sieht nichts als den Kopf mit feuerroten Rosen. »Oller Siegellackkopp,« knirscht er vor sich hin, und frißt erst seinen Grimm, dann sein Schinkenbutterbrot in sich hinein, und als er damit fertig ist, tut er so, als pfiffe er auf alle Birkhähne, wappnet sich angesichts der Fatalitäten dieses Morgens mit Fatalismus und steckt sich eine Zigarre in die verlängert Physiognomie. Kaum brennt sie, da balzt der Hahn los. Einen Hopser nach dem anderen macht er, und bei jedem kommt er dem Jäger besser. Der hat längst die Zigarre in den feuchten Boden gesteckt, wo sie ächzend und stinkend ihren blauen Geist aufgab, und nun sitzt er da, hat den Kolben an der Backe und wartet, daß der Hahn schußgerecht kommt. »Jetzt,« denkt er, »nur noch einen Hopser, dann hab' ich dich.« Aber der Hahn macht keinen Hopser mehr, sondern einen langen Hals. Der Jäger bekommt es mit der Angst und denkt: »Der Hahn hat mich geäugt.« Kreidebleich wird ihm zumute. Das Herz klopft dem Jäger erst im Halse, dann im Flintenkolben, dann im Gewehrschaft, dann im Gewehrlauf, so daß der hin und her pendelt wie ein freudig erregter Hundeschwanz. Jedes Glied gibt sich auf eigene Kanne Bier dem Veitstanze hin. Der Jäger ist kein Mensch mehr. Was er ist, weiß er nicht genau, aber er hat so eine Ahnung, daß er eine Kreuzung von Kamelelefantenkalb und Hammelkuh sei, ein Riesen- oder Abgottsidiot in idealer Konkurrenz mit einem Gummizelleninsassen hoch Vier, ein zielbewußter Idiot, ein konsequenter Gehirnweichling, ein umgekehrter Übermensch oder sonst etwas Außergewöhnliches. Fünf Minuten später sind seine Gefühle anderer Art. Denn der Hahn gibt einen seltsamen Ton, ein giftiges, haßerfülltes Girren von sich, und fortwährend girrend, schiebt er sich, einer schwarzweißroten Schlange ähnelnd, durch das Heidkraut, und gerade wie der Jäger den Finger krumm machen will, da kommt der selbe böse Ton von links, und von da schiebt sich auch ein Hahn näher, und jetzt stehen sich beide gegenüber, zischend, girrend, kullernd, und nun fahren sie aufeinander los, ein schwarzweißroter Ball wirbelt in dem Heidkraut umher, merkwürdige Laute erschallen, Federn, Grasblätter, Heidkrautstengel, Sand und Steine sausen in der Nachbarschaft herum, im Hintergrunde applaudieren sieben Hennen laut und anhaltend, und jetzt hält es der Jäger für angebracht, der häßlichen Szene ein Ende zu machen. Er krümmt den Finger, es knallt, rundherum ist alles blau und es riecht beträchtlich nach Pulver. Der Jäger steht auf. Langsam verzieht sich der Dampf. Da liegt ein Hahn; er rührt sich nicht mehr. Der andere kam mit dem Leben davon. Schade! denkt der Jäger und geht hin, seinen Hahn zu holen. Da liegt der andere Hahn auch, ebenso tot wie der andere. Der Jäger nimmt die Hähne auf. Er hat alles vergessen, Hunger, Kälte, Übelkeit, allgemeine geistige Körperschwäche, sogar den Zahnveteranen. »Das Weidwerk das ist voller Lust und alle Tage neu,« denkt er und sucht im Rucksack seine Zigarrentasche. Die Tasche ist da, die Zigarren sind hin; sie vertragen es nicht, tritt man sie mit Füßen. Aber selbst über diesen Schmerz setzt er sich hinweg. Er hat zwei Hähne. Und was für Hähne! Alte Haupthähne! Mit Spielen, so lang, und mit Rosen, wie Daumendöppe dick! Vor einer Stunde schwor er noch, sofort nach Hause zu fahren und nie wieder zur Balz zu gehen. Jetzt denkt er anders; er will noch einen Tage draußen bleiben, vielleicht auch zwei, wenn nicht gar drei. Denn nun hat es ihn erst recht, das Hahnenfieber. Raubzeug Die Jagd ist heutzutage in Deutschland, faßt man sie rein wirtschaftlich auf, ein Nebenzweig der Land- und Forstwirtschaft; die Interessen des Landwirtes, Forstmannes, Waldbesitzers und ähnlicher Berufsarten, wie des Gärtners und Fischzüchters, sind also stets den Interessen des Jägers voranzustellen. Dieser Grundsatz wird meist außer acht gelassen, wenn es sich um die Bewertung derjenigen Tiere handelt, die sich zum Teil von Wildbret nähren. Nur ganz wenige Jäger, und meistens nur solche, die entweder Land-, Forst- oder Nutzgartenbesitzer oder Forstverweser sind, vermögen bei der Beurteilung des von dem Haar- und Flugraubzeuge in der Wildbahn angerichteten Schadens den Nutzen mit in Rechnung zu bringen, den die Räuber in anderer Weise bringen. Der größte Teil der Jäger ist auch gar nicht imstande, diesen Nutzen zu erkennen. Die meisten Jäger sind naturwissenschaftlich so wenig gebildet, daß sie die Lebensweise des Raubzeuges so gut wie gar nicht kennen. Sie leben in dem Wahne, daß der Fuchs nur von Hasen, Hühnern, Fasanen usw. lebe, und als Flugraubzeug schlechthin gilt ihnen alles, was einen krummen Schnabel und wehrhafte Griffe hat, mag es nun der böse Hühnerhabicht oder der reizende, harmlose und durch das Vogelschutzgesetz wenigstens auf dem Papier geschützte Turmfalke sein. Es ist noch nicht lange her, da wurde in der Jagdpresse unausgesetzt der Krieg gegen das Raubzeug gepredigt. Man bekam fast keine Nummer in die Hand, in der nicht die Losung: »Tod dem Raubzeug!« und das Feldgeschrei: »Fort mit dem Raubgesindel!« zu lesen war, meist unter höchst verdächtiger, stark nach Provisonsschriftstellerei riechender Empfehlung dieses oder jenes Fallenfabrikanten. Diese kindische Hetze, die meist in eine Form gekleidet war, als gelte es den Kampf gegen den Gottseibeiuns, und die ganz mittelalterlich hexengläubig anmutete, hat sich ein wenig gelegt, seitdem Fachmänner, in erster Reihe Prof. Dr. G. Röhrig von der Versuchsanstalt für Land- und Forstwirtschaft zu Dahlem, in mehr als zehnjährigen, an vielen Tausenden von erlegten Raubvögeln vorgenommenen Kröpf- und Mageninhaltsuntersuchungen den unumstößlichen Nachweis geführt hat, daß der Glaube, der Bussard und einige andere Raubvögel seinen gefährliche Jagdschädlinge, ein Irrwahn naturwissenschaftlicher Laien sei. Auch die Meinung, daß das Haarraubwild jagdlich nicht so schädlich ist, als der Durchschnittsjäger meist annimmt, bricht sich mehr und mehr Bahn. Der Fuchs ist ein hervorragender Mäusevertilger, der in der Hauptsache von Mäusen und nur nebenbei von Wild lebt, worunter außerdem das angeschweißte und das gefallene Wild noch mindestens die Hälfte bildet. Außer Mäusen vertilgt der Fuchs noch eine Unmasse von Kerbtieren und deren Larven; so frißt er Maikäfer sehr gern, desgleichen Saateulenraupen und Drahtwürmer, die ich mehrfach in großen Mengen in erlegten Füchsen fand. In ähnlicher Weise nützen die Marderarten: Dachs, Baum- und Steinmarder, Iltis, Groß- und Kleinwiesel, dem Landwirt, Forstbesitzer und Gärtner. Ebenso steht es mit dem Flugraubzeug. Selbst die gefährlichsten Feinde der Niederjagd, der Wanderfalke und der schon recht selten gewordene Hühnerhabicht, stiften neben dem vielen Schaden, den sie anrichten, nicht unbeträchtlichen Nutzen. Beide greifen recht viele Krähen und Wildtauben, die dem Landwirt zu Zeiten recht unbequem werden, und der Habicht räumt stark unter den Eichhörnchen und Hamstern auf. Außerdem, und das kommt auch für das Haarraubzeug in Betracht, sind sie jagdlich von Nutzen, denn sie erbeuten in erster Reihe kranke, kümmernde, schwache und mit schlechten Sinnen ausgerüstete Stücke, beugen also der Seuchenausbreitung vor und dienen der Höherzüchtung des Schlages ihrer Beutetiere. Deswegen soll nun der Jäger nicht ausnahmslos diese beiden Räuber schonen. Für den Wanderfalken wäre allerdings eine Schonung in der Horstzeit zu empfehlen, denn dieser stolze Vogel ist schon so selten bei uns geworden, daß sein Verschwinden bevorsteht. Der Hühnerhabicht ist hinwieder so gerissen, daß er so leicht nicht ausgerottet werden wird, und da sein Schaden sehr groß ist, soll der Niederjagdbesitzer ihn nicht schonen, während der Inhaber einer Hochwildjagd ein paar schon dulden darf. Unsere übrigen Raubvögel bringen aber entweder deswegen der Allgemeinheit keinen Schaden, weil sie sich meist von ganz gemeinen Vögeln oder von solchen Tieren nähren, die schädlich oder wirtschaftlich und ästhetisch bedeutungslos sind, und sie leben auch meist nur dort, wo ein Überfluß von Kleingetier aller Art ist. Ob nun die Rohrweihe einmal eine Jungente schlägt, ob die Korn-, die Wiesen- und die Steppenweihe Lerchennester plündert, das ist belanglos für das allgemeine Wohl dem Nutzen gegenüber, den diese Räuber durch die Vertilgung von Mäusen leisten. Es gibt so viele Lerchen und Ammern, daß es gar nichts bedeutet, greift der Baumfalke oder der Merlin eine Lerche oder Ammer, und der Turmfalke nützt so sehr durch Mäuse- und Maikäferaufnahme, daß man ihm einen Jungvogel schon gönnen darf. Selbst der Sperber ist lange nicht so schädlich, wie man annimmt. Er schlägt manchen Singvogel, aber doch meist die überaus gemeinen, offen lebenden Arten, wie Lerche, Ammer, Star und Amsel, macht diesen zweifelhaften Schaden aber durch den unzweifelhaften Nutzen wieder gut, den er durch das Kröpfen von Sperlingen, Mäusen, Käfern und Raupen stiftet. Zu neunundneunzig Teilen vom Hundert nützlich aber sind unsere beiden Bussarde, der Mäuse- und der Wespen-Bussard, und nicht minder der nordische, uns wintertags besuchende Rauhfuß-Bussard. Fast ebenso nützlich sind beide Milane, der rote und der schwarze Gabelweih, beide ganz selten bei uns. Der Nutzen der Eulen ist so allbekannt, daß es nicht zu begreifen ist, daß der Raubvogelfang mit dem Pfahl- und Hügeleisen, in denen sich zur Hauptsache Eulen fangen, noch nicht gesetzlich verboten ist. Eine Falle, die unterschiedslos jedem Vogel, der in sie hineingerät, die Beine zerbricht, gehört dahin, wo Daumenschrauben und Halseisen sind, in das Museum. Wo unter besonderen Verhältnissen ein planmäßiger Raubvogelfang nötig ist, z.B. in Fasanerien, soll der Habichtskorb oder eine andere Falle zur Anwendung kommen, die den gefangenen Vogel unversehrt fängt, so daß harmlose Stücke wieder in Freiheit gesetzt werden können. Unter den Griffen, die ein Jagdaufseher seinem Brotherrn einsandte, fand ich fünfzig Paare vom Turmfalken und vierundzwanzig vom Steinkäuze, unserer kleinsten, niedlichsten, fast nur von Mäusen und Kerbtieren lebenden Eulen. Alle diese Turmfalken und alle Käuzchen waren in einem Vierteljahr im Pfahleisen gefangen. Wo es die Mittel und die Umstände erlauben, wende man auch gegen das Haarraubzeug Fallen an, die, wie die Kastenfalle, das Tier entweder unversehrt fangen, oder die, wie die Knüppel-, Mord- und Würgefallen, es sofort und schmerzlos töten. Es läuft auch bei der notwendigen und zuverlässigen Bekämpfung des Raubzeuges noch sehr viel Tierschinderei mit unter, eine Tatsache, die sich eben nur daraus erklären läßt, daß viele Jäger dem Raubzeug gegenüber in einer Art von mittelalterlichem Irrwahn sich befinden. Der Fuchs, das ist ein entsetzlicher Dämon, der nachts umgeht und suchet, was er verschlingen könne, der Habicht gilt als eine Art von Vampyr, der aus dem Grunde seiner schlechten Seele auf Unheil sinnt. Und wie man im Mittelalter in den Hexen den ††† selber zu treffen suchte, wenn man sie zu Tode marterte, so bekämpft der Jäger im Raubwilde die Vertreter des schlechten Prinzips, ausführende Organe Kloakenkaspers, Ahrimans oder Siwas, denen gegenüber man zu keiner Rücksicht verpflichtet ist. So schießt man die Füchsin in der Heckezeit und läßt die Welpen elend verhungern, man knallt das Habichtsweibchen vom Horst fort und läßt die Brut verschmachten, läßt den Fuchs vierundzwanzig Stunden im Eisen sitzen und sieht seine Pfahleisen nur gelegentlich nach, so daß Eulen und Bussarde oft tagelang mit zerschmetterten Füßen darin hängen. Ein solches Verfahren ist unwürdig. Sind wir gezwungen, uns des Raubzeugs zu erwehren, so haben wir das unter Einhaltung aller für die Ausübung der Jagd auf Nutzwild üblichen Rücksichtsnahme auf das Schmerzgefühl der Tiere zu tun. Andernfalls sind wir genau solche Aasjäger, als wenn wir auf fünfzig Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot bespritzen oder ein angeschweißtes Stück Wild nicht nachsuchen. Werden also Fallen gestellt, so sind sie in der Morgenfrühe nachzusehen. Aasjäger ist außerdem auch, wer fremdes Eigentum nicht achtet, wer also Eisen so legt, daß Haus- und Hirtenhunde leicht hineingeraten können. Manche Hunde sind der Jagd schädlicher als alles andere Raubzeug zusammen, und bietet sich eine gesetzliche Handhabe, so kann man es dem Jagdinhaber nicht übelnehmen, legt er sie um. Viele Jäger nehmen sich aber das Recht, jeden Hund, den sie im Revier treffen, niederzuschießen, selbst wenn es sich um nachweislich nicht jagende Hunde handelt, die womöglich für den Besitzer sehr wertvoll sind, wie Hütehunde. Ein solches Verfahren ist ein Zeichen von Gemütsroheit und verdient in jedem Falle strengste gesetzliche Ahndung. Überhaupt soll der Jäger stets einige Patronen mit halber Pulverladung und dünnstem Schrot bei sich führen, mit denen er einen jagenden Hunde, ohne ihm weiter zu schaden, seine Jagdleidenschaft sehr bald austreiben kann. Zum Raubzeuge im weiteren Sinne gehören dann noch die Katzen, die aber verhältnismäßig wenig jagdlichen Schaden anrichten. Wo auf die Niederjagd großer Wert gelegt wird, sind sie im Felde doch schließlich nicht zu dulden. Die Krähen nützen durch Mäuse- und Ungeziefervertilgung sehr viel, richten allerdings durch das Abpflücken reifender Ähren und durch das Abbrechen von Tragreisern an Obstbäumen bedeutenden Schaden an. Außerdem ist ihr jagdlicher Schaden nicht unbedeutend. So kann man sie, zumal sie recht häufig sind, getrost abschießen. Die Elster schadet dem Land- und Forstwirt kaum und ist nur dort abzuschießen, wo sie sich zu sehr vermehrt, zumal ihr jagdlicher Schaden ziemlich gering ist. Der Häher kann in Saatkämpen sehr lästig werden und ist deshalb dort, wo es nötig ist, kurz zu halten. Als Jagdschädling ist er bedeutungslos. Dasselbe gilt von der Eichkatze. Ein Vogel, der so selten geworden ist wie der Kolkrabe, ist mit dem Abschusse völlig zu verschonen, zumal er in der Hauptsache von Kleingetier und Aas lebt. Von den Tieren, die der Fischzucht Abbruch tun, ist der Otter niemals zu schonen, denn der Schaden, den er anrichtet, ist bedeutend. Auch der Reiher verdient nur insofern Schonung, als man die sowieso schon kurz gehaltenden Siedlungen im naturwissenschaftlichen Interesse bestehen lassen soll. Im übrigen wird sein Schaden nur dort sehr groß sein, wo Teichwirtschaft getrieben wird, und außerdem ist er ein fleißiger Mäusevertilger. Der Storch ist überall zu schonen, wo er nicht allzu häufig auftritt. Er nimmt zwar Junghasen und junge Hühner und Fasanen auf, vertilgt aber eine Unmenge von Mäusen und sonstigen Unzeug, plündert aber auch gern Fischteiche. Als schädlich gelten auch zwei unserer reizendsten Vögel, Eisvogel und Wasseramsel, die aber in der Hauptsache von zum Teil der Fischbrut sehr schädlichem Gewürm leben. Deswegen soll man ihnen das gelegentlich erbeutete Fischchen gönnen. So kommen also für den Jäger, der die Jagd neben der Land- oder Forstwirtschaft betreibt, folgende Gesichtspunkte für sein Handeln in Frage: Es ist immer zu überlegen, ob der sonstige Nutzen eines Tieres nicht größer ist als sein jagdlicher Schaden. In Gegenden, wo leicht Mäusefraß in Feld und Wald eintritt, sind, liegen nicht besondere jagdliche Verhältnisse vor, der Fuchs, die Marder und die Wiesel und selbstverständlich Bussarde und Weihen zu schonen. Spielt dagegen die Niederjagd eine sehr wichtige Rolle und ist Mäusefraß nicht zu befürchten, so ist es etwas kürzer zu halten, das sogenannte Raubzeug. Der Grenzbock Kein Tag im Jahre verursachte ehedem bei allem, was einen grünen Rock trug, eine solche Aufregung, wie der erste Mai. Schon wochenlang vorher krebsten die Jäger in ihren Jagden umher, suchten Wechsel, Plätze und Fegestellen, und zählten abends, wenn die Sonne sich verabschiedete, und in der Frühe, wenn sich der Morgen vor ihnen graute, die Häupter ihrer Lieben und das, was daraufwuchs. Der Bock, der Bock, und nichts als der Bock, das war das Alpha und das Omega aller Reden, so an jedem Tische geschwungen wurden, wo drei Jäger sich mit Bierverdrängen beschäftigten. Schon Anfang April hatte Meier einen gesehen, der blank gemachte hatte, worauf Müller ihn mit einem übertrumpfte, der um dieselbe Zeit völlig verfärbt war. Die Böcke waren also reif, abschußreif; das stand fest. Na, und wenn einer auch noch so grau war, wie ein Milchwagenesel, schad't nichts, macht nichts, ist alles einerlei, man jug ja um die Decke nicht, man jug ja um das Geweih! Denn man war kein Fleischmacher, kein Wildbretschütz, man war Weidmann, gerechter Weidmann, sah verächtlich auf den Bratenjäger und kam sich als wunder wer weiß was vor, trug man im Rucksack ein braves Gehörn heim, an dem so nebenbei zwanzig oder vierundzwanzig Pfund Wildbret herumbaumelten, für das der Wildhändler einen Pappenstiel herausrückte. So mancher Bock wurde damals vordatiert, hing schon vor dem ersten Mai aufgebrochen und gut verblendet in einer Dickung, denn es war ein Grenzbock und er hätte am ersten Mai vielleicht den Einfall haben können, dem Nachbar den Gefallen zu tun und über die Grenze zu wechseln. Denn der Grenzbock, das ist ein gemeines Tier. Eine Kreuzotter, Klapperschlange oder Kobra ist so harmlos wie ein Regenwurm im Vergleiche zu dem Grenzbock. Aller Tücken voll ist er, arglistigen Herzens und schmutzig von Besinnung. Andauernd wimmelt er an der Grenze umher, und es ist ihm eine Wollust, bald hüben, bald drüben den Revierinhaber zum Narren zu halten. Den ganzen April trat solche Bestie jeden geschlagenen Abend Punkt siebeneinhalb Uhr auf den Klee in Maiers Jagd aus, so daß Meier schon das Gehörn an der Wand und den Rücken auf dem Tische hatte; am Abend des ersten Mai aber spazierte er hohnlachend über die Grenze und ließ sich von Müller totschießen. Ja der Grenzbock! Es ist nicht Treu noch Glauben in ihm. Gerieben ist er, wie ein Viehhändler, und boshaft, wie ein Affe. Eine Wonne ist es ihm, Meier zu veralbern und Müller zur Raserei zu bringen. Denn Müller hat auch einen Grenzbock, und der ist noch viel gemeiner. Acht Tage lang hat Müller auf ihn angesessen, aber das Schwein, wie Müller bei sich sagt, tritt immer so aus, daß er Wind kriegt, oder er hält sich außer Büchsenschußnähe, oder er tritt erst dann in Erscheinung, wenn das Büchsenlicht anfängt, negativ zu werden. Und morgens verzieht sich das Ekeltier so früh in die sichere Dickung, daß Müller erst recht nichts anfangen kann. Er hockt draußen, bis er das Ende seiner Kanone nicht mehr sehen kann, er schlägt sich eine Nacht nach der anderen um die Ohren, er schleppt seine müden Knochen auf die Faulpürsch und läßt ihnen auch über Mittag, wenn der Bock seinen dummen Gang hat, keine Ruhe, aber es ist alles gelogen. Endlich aber, endlich, endlich hat er Weidmannsheil. Er hat eines Morgens die Zeit verschlafen und bummelt mehr aus Gewohnheit, denn in böser Absicht, an der Grenze herum, zu der es ihn immer wieder hinzieht, wie den Bräutigam zur Braut. Wie er nun so, den Leib voll Ärger und das Herz gefüllt mit Mißmut, hinter den Büschen herkriecht, da denkt er, er soll umfallen, denn fünfzig Gänge vor ihm steht der Bock und äst sich so seelenvergnügt, als wenn es keinen grünen Jäger gäbe. Er steht zwar ein bißschen sehr hart an der Grenze, denkt Müller, aber dafür steht er ja auch so schön breit, so daß es mit dem Kuckuck zugehen müßte, bekäme er die Kugel nicht zwölfe Ring und bliebe im Feuer. Und so jagt der gute Müller alle Bedenken in die Ecke, nimmt dem Bocke das Maß, macht den Finger krumm und schreit innerlich: »Ha là lit!« und »Bock tot!« Denn im Feuer sah er den Bock koppheister schlagen. Und als er sich dann vorsichtig heranstiehlt, um ihm den Fang zu geben, da verlängert sich seine Physiognomie um das Doppelte ihrer vorschriftsmäßigen Länge, denn Schweiß ist da, sehr viel Schweiß sogar, so viel, als wäre er mit einer Gießkanne ausgegossen, aber wer nicht da ist, das ist Musche Blix, denn mit dem letzten Reste von Besinnung hat sich Urian über die Grenze gemacht und ist gerade vor Meiers Jagdaufseher zusammengebrochen. Na, und da Müller und Meier in demselben zärtlichen Verhältnisse stehen wie ein Teckel und ein Zaunigel, so kann Müller sich die Rehbratenzähne vorläufig ausziehen, und der Platz an der Wand, den er für das Gehörn vorgemerkt hatte, bleibt so wie er ist. Ist es nach solchen Erfahrungen Meier und Müller zu verdenken, wenn sie den Grenzböcken Krieg bis auf das Messer erklären? Nein, nein und zum abermalten Male nein, denn schließlich ist sogar der Jäger ein Mensch und kein Engel. Meier schwur Rache und Müller gelobt dasselbige, und nun muß alles daran glauben, was in der Nähe der Grenze von Rehen lebt und mehr als zwei Lauscher auf dem Haupte hat, und sowohl der Jüngling wie der Greis am Stabe, das heißt, jeder Untertianer von Spießbock wie der alte Bock mit runzeligen Zügen muß daran glauben. Denn das Scheußliche ist: die Grenzböcke werden nicht alle. Kaum liegt der eine auf der Decke, ist schon ein Ersatzmann da, denn die Grenze ist gesucht bei den Böcken, angeblich wegen der dichten Dickungen, des guten Windes und der üppigen Äsung, in Wirklichkeit aber, so glauben Meier und Müller wenigstens, weil die entsamten Böcke sich ein Vergnügen daraus machen, ihnen beiden die Schwindsucht an den Hals zu besorgen. Anders läßt sich das nämlich gar nicht erklären, denn sonst würden hier doch nicht immer die besten Böcke stehen. An der Grenze stehen nämlich immer die besten Böcke. Wenigstens gilt ein krummer Gabelbock, der dort seinen Stand hat, Meier dreimal mehr als ein Hauptbock, der in der Mitte der Jagd steht, und Müller ist derselbigen Ansicht. Sogar ein Spießbock, der sich als Grenzer verkleidet, genießt Ansehen genug, um der Kugel gewürdigt zu werden. Er wiegt zwar nicht viel mehr als ein alter Rammler, sieht auch so grau aus, wie ein Aschermittwochmorgen, und so ruppig, als säßen die Motten drin, und das Gehörn, ach du lieber Himmel, es ist halbfingerlang und gänzlich ungefegt! Aber Grenzbock bleibt Grenzbock, und so schlägt Meier ihn tot und freut sich aus dem Grunde seiner vergrämten Seele, daß Müller ihn nicht kriegte, und da eine Liebe der anderen wert ist, metzelt Müller drei Tage später ein ähnliches Jammertier nieder. So geht es das ganze Jahr über, und da die Grenze lang ist und an ihr die Hauptrehstände sind, rennen in der Brunft die jungen wie die alten Rehdamen voller Verzweiflung herum, erfüllen die Luft mit Sehnsuchtslauten und sind froh, wenn sie alle zusammen, dreißig und mehr, eines elenden Schneiders habhaft werden, der sich ihrer erbarmt, was beiden Teilen natürlich nicht besonders bekommt. Als aber das Jahr sich wandte, da kratzt Meier seine Glatze und Müller kraut sich die seinige, der eine voller Kummer, der andere voller Zorn, denn es sind wohl einige Böcke da, wenigstens haben sie einen Pinsel; mit den Gehörnen aber sieht es nicht gerade sehr berühmt aus und das Militärmaß haben sie man eben. »Daran ist bloß der verfluchte Müller Schuld,« denkt Meier und zornentbrannt meuchelt er alles ab, was rauh zwischen den Lauschern ist, und da Müller denkt: »der Meier, der Schinder, dem werde ich es besorgen!« so handelt er demgemäß und diesbezüglich und es erhebt sich diesseits und jenseits der Grenzsteine ein Morden und Blutvergießen, grauenhaft anzuhören und entsetzlich zu betrachten, und die Folge davon ist, daß im Juli und August zwei bis drei Rehjünglinge die Hähne im Korbe sind, was weiter zur Folge hat, daß übers Jahr die Gehörne und Gebäude um ein Erkleckliches hinter denen des vorigen Jahres zurückbleiben, und damals war schon kein großer Staat damit zu machen. Meier und Müller aber zermartern sich das Zentralnervensystem mit der Doktorfrage, woher die unerklärliche Entartung des Rehwildes komme, denken aber nicht daran, an ihre Wesen zu klopfen und zu stammeln: »Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa,« sondern schlachten nach wie vor die Grenzböcke ab und erbosen sich der eine über den anderen schließlich so, daß erst der eine im Herbste die Ricken zehntet, worauf der andere hingeht und das gleiche, nur in verstärktem Maßstabe, tut, worauf dann allmählich Ruhe im Lande herrscht, weil nicht nur die Grenzböcke, sondern auch die Grenzricken den Weg alles Wildbrets gegangen sind. So war es früher, und so ist es heute noch; denn trotz der hartnäckigsten Machtstellungen sterben die Grenzböcke nicht aus. Es ist eine zähe und dauerhafte Rasse, und sie vererbt sich gut. Wissenschaftlich ist sie noch so gut wie gar nicht erforscht. Die moderne Subtilformenforschung hat zwar verschiedene Unterformen von Linnés Cervus capreolus festgestellt, aber das Grenzreh, Capreolus terminalis, bedarf noch in morphologischer, physiologischer und nicht zum mindesten in phsychologischer Hinsicht emsiger Beobachtung, zumal es so scheint, als entarte es allmählich, und zwar scheint das eine Folge der neuen Jagdgesetzgebung zu sein, die dem Rehbock eine längere Schonzeit zu billigte, indem er seit einigen Jahren erst von der Mitte oder gar erst vom Ende des Maien zu seinen Vätern versammelt werden darf, was nicht ohne tiefgehenden Einfluß auf seine Gemütsart geblieben zu sein scheint, und auch auf die seines Todfeindes, oder umgekehrt, was schließlich für die Praxis dasselbe ist. Jedenfalls: das eine steht fest, daß der Grenzbock an Tücke und Hinterlist abnimmt, ja schon abgenommen zu haben scheint, was vom rein wissenschaftlichen Standpunkte ebenso bedauerlich, wie vom jagdlichen hoch erfreulich ist. Die Sache ist nämlich so: Früher, als vom ersten Mai ab der Bock frei war, war es selbst für den grünsten Jagdstümper und für den krummsten Tapergreis leicht, den Bock zu kriegen. Das Holz ist um diese Zeit noch hellsichtig, die Böcke sind noch vertraut. Also war es, wenn auch kein großes Vergnügen, so doch keine schwere Kunst, einen Bock zu weidwerken, und noch bequemer war es, ihn auf dem Anstande abzufassen. Denn das Holz bietet dann nur schmale Äsung, und so treibt es den Bock schon vor der Dämmerung auf die junge Saat und den frischen Klee, wo er spielend leicht zusammenzuknallen war. Da das nun so leicht war, nahmen Fleischjäger und Gehörnschützen, denen jeder Funken von echtem weidmännischem Empfinden abging, alles, was sie kriegen konnten, den guten Bock mit reinem Gehörn und rotem Rocke sowohl, wie das graue Böcklein, das noch im Baste ging, und der pfleglich gesinnte Nachbar mußte zusehen, wie ein halbfertiger Bock nach dem anderen heimgeschleppt ward. Das wurde ihm schließlich zu dumm; böse Beispiele färben bekanntlich ab, und so handelte er ebenso, und die Folge war eine elendigliche Entartung des Rehwildes überall da, wo die kleinen Nachtjagden vorwiegen. Heute aber, wo im Deutschen Reiche der Bock erst vom fünfzehnten oder letzten Mai ab frei ist, bekam die Sache ein anderes Gesicht. Um die Mitte des maien verschränkt sich das Holz, ist nicht mehr so hellsichtig, so daß das Weidwerken schon beträchtlich schwieriger ist. Auch bietet der Wald dann Äsung genug, so daß der Bock nicht mehr bei hellichtem Tage zu Felde ziehen muß, besonders, da ihn dort nur noch der Klee lockt, denn die Saat ist dann meist schon zu hart. So hat denn eine ganze Menge von Jägern, und zwar gerade die ruppigen, Pürsch und Anstand bald leid, weil sie sich für sie nicht lohnen, und weil die Mücken ihnen jeden Spaß verderben. Diese Sorte schätzt eine Jagdart nur dann, wenn sie schnell und bequem etwas einbringt; die Wonne, drei Wochen hinter einem abgefeimten Hauptbock herumzukriechen, kennen sie nicht. So rennen sie denn nicht einen um den anderen Tag hinaus, sondern hängen, sind sie dreimal mit ledigem Rucksacke heimgefahren, mit einer fuchtigen Bemerkung die Kartaune an den Nagel und warten, bis die Jagd auf solches Wild offen wird, die ihnen mehr einbringt, auf die Hühner und Hasen nämlich, lassen den Bock Bock sein und bringen ihre Abende viel zweckmäßiger bei Bier und Skat und die frühen Morgenstunden in der Klappe zu, was ihnen nicht hoch genug angerechnet werden kann. Infolgedessen kann der bessere Teil der Jäger es sich erlauben, den Bock glimpflicher zu behandeln, sogar den Grenzbock, und soviel von den vereidigten Schießern und Schindern auch anfangs darüber gezetert wurde, daß der Bock eine längere Schonzeit genießen darf, heute schon hat es gute Früchte gezeigt, und immer bessere wird es hervorbringen. Viel mehr brave Böcke retten ihre Decke bis in die Brunftzeit hinein, viel weniger Jämmerlinge kommen infolgedessen zum Beschlag, viel gesünder gestaltet sich das Zahlenverhältnis zwischen Böcken und Ricken. Wo einst fünf, zehn, ja zwanzig Ricken auf einen guten Bock kamen, besteht heute ein natürlicheres Verhältnis, indem ein starker Bock viel weniger Ricken und Schmalrehe zu versorgen hat. Die Folgen liegen klar auf der Hand. Nur der starke, völlig ausgereifte Bock ist imstande, einen Nachwuchs starker Art zu erzeugen, stark an Gewicht und gut im Gehörn, und nur der verbesserten Jagdgesetzgebung hat Nordwestdeutschland es zuzuschreiben, daß es auf der letzten Berliner Geweihausstellung nicht so erbärmlich abschnitt wie alle die Jahre zuvor, und wenn, was sehr zu wünschen wäre, dem Bocke auch noch im November und Dezember Schonung erwirkt würde, so würde sich die Rasse noch bedeutend verbessern. Die Jagdgesetzgebung aber allein kann das nicht bewirken: jeder Jäger kann dabei mithelfen. Wenn er es sich klar macht, daß die Jagd nicht nur ein Sport, sondern ein wichtiges Stück Volkswirtschaft ist, wenn er nicht nur darauf ausgeht, sich einen Haufen von Knochen für die Wand zusammenzuschießen, sondern danach strebt, in erst Linie Rehe zu züchten, die viel Wildbret für den Volkshaushalt liefern, so trägt er sein Teil dazu bei, das deutsche Reh höher zu züchten. Unbenommen soll es ihm bleiben, schon vor der Brunft diesen oder jenen ganz alten Bock abzuschießen, wobei natürlich das Hauptaugenmerk auf zurücksetzende Böcke zu richten ist, und sind genug gute Böcke da, so mögen auch einige von solchen, die auf der Höhe ihrer Kraft sind, fallen; in der Hauptsache soll der Abschuß vor der Brunft aber solchen Böcken gelten, die im Verhältnisse zu ihrem Alter zu schwaches Gebäude und schlechte Stangen besitzen. Dabei ist aber sorgfältig darauf zu achten, daß man keine jungen Böcke abschießt, die nur Knubben oder ganz schwache Spieße bei gutem Gebäude vorweisen, denn nachweislich schieben solche Böcke oft im nächsten oder übernächsten Jahre sehr brave Gehörne. Es gehört freilich eine ganze Menge von Selbstüberwindung dazu, den Hahn in Ruhe zu lassen, hat man einen guten Bock in Schußnähe. Aber woher sollen wir starke Böcke bekommen, wenn wir Jahr für Jahr den Bock abschießen, ehe er seine Pflicht getan hat? Daß der sibirische Bock ein so gewaltiges Gebäude und solch fabelhaften Hauptschmuck besitzt, ist nicht allein daraus zu erklären, daß es sich bei dem Cervus pygargus um eine andere Rasse handelt, sondern auch daher, daß bei ihm das Ziffernverhältnis zwischen Böcken und Ricken gesünder ist als bei uns, so daß dort also nur die alten Böcke zur Fortpflanzung kommen, während bei uns auch die Schneider und jungen Böcke den Beschlag vollziehen können, weil allzuviel Ricken vorhanden sind. Somit bedeutet der Abschuß eines jeden guten Bockes vor Ablauf der Brunft einen schädigenden Eingriff in die gesunde Entwicklung der Rasse, eine Tatsache, deren sich nur wenige Jäger bewußt sind. Je mehr gute Böcke in der Brunft da sind, um so weniger Ricken kommen auf jeden Bock, um so weniger brunftet er sich ab, um so besser wird der Nachwuchs werden an Wildbret und Gehörnbildung. Nicht die Menge der erlegten Böcke ist es, die einen gerechten Weidmann erfreuen soll, nicht die Anzahl der Gehörne, die an der Wand hängen, sondern die Stärke des einzelnen Stückes muß für ihn ausschlaggebend sein. Was hat er davon, schießt er einen Bock ab, der gering wiegt und ein Zukunftsgehörn aufweist? Ein ganz anderes Ding ist es, liegt ein Hauptbock von vierzig Pfund vor ihm, dessen weiße Enden weit über die Lauscher hinausprahlen; ein solches Gehörn ziert die Wand mehr denn ein volles Dutzend leidlicher Kronen, bei deren Betrachtung jeder sagt: »Die hätten noch einige Jahre wachsen müssen!« Und um wie viel fesselnder als die Pürsch vor der Brunft weidwerkt es sich auf den roten Bock, wenn er das Schmalreh sprengt oder das Altreh treibt, wenn jeder Schritt und jeder Tritt die tollsten Überraschungen bringen kann! Aber wer sich auch dann noch bezähmen kann und den Hauptabschluß an Böcken erst in die Zeit nach der Brunft verlegt, der wird schon in einem halben Dutzend von Jahren Gehörne züchten, die sich sehen lassen können. Er wird nicht so viele Böcke erbeuten, wie Jäger, die es anders machen, aber er wird auch nicht bei jedem Bock, den er erlegt, von dem Gefühl gequält werden, daß er eigentlich unpfleglich gehandelt habe. Vor allem aber muß der Mann, der seinen Rehstand nach jeder Richtung in die Höhe züchten will, sich von der Schreck- und Angstvorstellung frei machen, die sich für ihn mit dem Begriffe des Grenzbockes verknüpft. Und wenn er einen Schinder zum Nachbar hat, so muß er erst recht pfleglich handeln und nicht Böses mit Bösem vergelten, denn damit schneidet er nur sich in das eigene Fleisch. Jeder Bock wechselt über eine weite Strecke; selbst der beständigste wird einmal zum Grenzbocke, folglich müßte der Jäger, will er aus der falschen Theorie vom Grenzbocke heraus folgerichtig handeln, alle Böcke abschießen, damit sie nicht dem Nachbar zum Opfer fallen. Er mag, um seinen Böcken die Grenze zu verekeln, dort um die Ulenflucht oder vor Tau und Tag verstohlen umherschleichen, um sie in die Mitte der Jagd zu drücken; doch ist dieses Mittel nicht ungefährlich, weil oft genug das Gegenteil davon herauskommt. Das Beste ist, er jagt, wie es sich für einen anständigen Weidmann geziemt, und tut so, als gäbe es das Ungetüm gar nicht, so da geheißen wird: der Grenzbock. ›Hurra, die Enten! Jahr für Jahr, sobald die Entenjagd aufgegangen ist, erhebt sich in der Jagdpresse ein bewegliches Gestöhne über die Tatsache, daß es mit den Enten immer schlechter wird. Erstens gibt es überhaupt keine, zweitens in diesem Jahre erst recht nicht, drittens ging die Jagd viel zu früh auf, sagen die einen, oder viel zu spät, meinen die anderen, und viertens, fünftens und sechstens ist sonst noch was los. Daß die Entenjagd in den letzten Jahren immer schlechter geworden ist, das stimmt, und daß sie es werden mußte, weil mit der zunehmenden Urbarmachung, Entwässerung und Ufergeradelegung die Enten immer weniger Brutgelegenheiten bei uns finden, das leuchtet von vornherein ein. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so würde ihre Anzahl doch zurückgehen müssen. In mancher Beziehung haben die Enten es ja heute besser als ehedem. Ihre hauptsächlichsten Feinde, der Seeadler und der Hühnerhabicht, sind teils ganz verschwunden bei uns, teils sehr selten geworden. Gänzlich verschwunden ist ferner der Nerz, der auch wohl manches Entennest geplündert haben mag, und alles andere Haarraubzeug, Otter wie Fuchs, Marder wie Iltis und Hermelin sind fast überall spärlich geworden, denn die Bälge werden heute drei- und vierfach so hoch bezahlt wie früher. Aber der Haupttodfeind der Enten hat sich bedeutend vermehrt, und das ist der Jäger, der von der Art, die dumm auf die Welt kommt und sich alle mögliche Mühe gibt, sich die angeborene Anlage dadurch zu erhalten, daß sie die Augen zusperrt und die Ohren zuknöpft, brav und bieder altem Aberglauben anhängt, weder in Dietzel, noch in den Dietrich aus dem Winkel die Nase hineinsteckt, keine Jagdzeitung hält, sondern als blutiger Anfänger seine jagdliche Laufbahn beginnt und beendet, nicht daran denkt, daß wer mähen will, auch säen muß, und nachher Mord und Brand schimpft, verschlechtert sich seine Jagd von einem Jahre zum anderen ganz bedeutend. Wenn ein junges Ehepaar zu einem Hausbesitzer, der eine Wohnung leerstehen hat, kommt, um sie sich anzusehen, und der gute Mann schnauzt sie zum Hause heraus, so wird er bald als Oberrindvieh gelten. Wenn der Jäger, brav und bieder, aber ebenso handelt, dann kommt er sich noch klug und weise und als bedeutendes Jagdlicht vor. Aber was ist er denn anderes, wenn er in der Reihezeit hingeht und die Paarenten aus der Luft herausballert? Er ölt sein Gewissen mit dem schönen Spruch ein: »Sind ja doch alles Zugenten!« Natürlich sind sie das, wenigstens gibt er sich alle Mühe, sie dazu zu machen, denn so dumm ist die Ente nicht, daß sie sich sagt: »Wirst du wo krumm aufgenommen, mußt du recht bald wiederkommen,« sondern sie erhebt ihr Gefieder und begibt sich fort und an einen anderen Ort, wo man sie nicht andauernd mit Schrot bespritzt. Es ist ein wahrer Segen, daß man der Ente für den März ein schwarzes Viereck im Jagdschein zugebilligt hat, denn früher ging jeder zweite Jagdjäger hin und schlug so viel Märzerpel tot, wie er bekommen konnte. War die Hälfte davon zufällig nicht im Besitze von krummen Federn am Hinterviertel, na, schmecken taten sie auch, und es waren ja doch bloß Zugenten, dachte man. Daß die Enten sich schon alle gereihet hatten, daß sie auf der Suche nach Brutplätzen waren, daß sie gern im Lande geblieben und sich redlich genährt und vermehrt hätten, mache das einmal einer einem klar, der ein Brett vor dem Kopfe und darin recht wenig Grütze hat! Selbst wenn er nachher an den Wassern niedersaß, seine Flinte an die Weiden hängte und laut und anhaltend über die entenlosen, die schrecklichen Zeiten jammerte, niemals dachte er in der Armseligkeit seines einfältigen Herzens daran, daß er, er, er nur allein, Schuld an seinem eigenen Unglück war, und im Märzen ging er abermals hin und begann ein schnödes Herausschmeißen der mit den allerbesten Niederlassungsabsichten umherziehenden Enten. Den März haben unsere Enten ja nun glücklich zur Schonzeit zubekommen, aber das genügt noch nicht; auch den Hornung soll man ihnen in Gnaden bewilligen, denn schon Ende Januar kommen die Enten auf vergnügte Gedanken. Für umsonst stürzen sie sich nicht in die Unkosten und legen sich ihre großartigschönen Hochzeitskleider mit grünem Samt und blauen Aufschlägen zu. Wenn ein Jüngling auf einmal anfängt, sich berauschende Halsbinden und berückende Westen zuzulegen, seinen Schnurrbart spitzt und seine Nägel glättet, so weiß der Weise Bescheid und sieht den Unglücklichen schon mit einem Fuße im Trauring stehen. Und so ist es auch bei den übrigen Wirbeltieren. Wenn der Buchfinkenhahn seinen Schnabel himmelblau schminkt, legt der Birkhahn die Landluft dreidoppelt dick auf seine Rosen, schmiert sich der Fuchs mit Eaudemillstinke ein und läßt sich der Hirsch einen Vollbart stehen, dann hat der eine wie der andere ganz bestimmte Absichten. Desgleichen wenn der Erpel sich in Wichs schmeißt, so beweist er damit, daß er auf den Gedanken kommt, daß es nicht gut ist, wenn der Mensch, beziehungsweise der Erpel, alleine sei, und da er das schon im Februar tut, so läßt ihn ein verständiger Jäger dann in Ruhe und hindert ihn nicht durch Totschießen an seinem löblichen Beginnen, denn tote Erpel haben für die Zucht nur noch einen mangelhaften, negativen Wert. »Das ist das eine«, fragt Herodot; und nun kommt das andere. Alljährlich wimmert ein Teil der Jäger den Bezirksausschüssen so lange die Ohren voll, bis diese, das heißt, die Bezirksausschüsse, nicht die Ohren, es nicht mehr aushalten können und die Entenjagd schon vor dem ersten Juli eröffnen. »Denn,« so sagt der Durchschnittsjäger, »denn: sobald die Schoofe voll beflogen sind, begeben sie sich wärtser, und ich kann hinterherflöten. Und darum, lieber Bezirksausschuß, sei so gut und gib frei den Abschuß.« Dieser Vers ist abscheulich, aber abscheuliche Dinge verlangen die entsprechende dichterische Form. Denn abscheulich, übel und albern ist eine solche unlogische Logik. Denn wo bleiben schließlich die Enten? A. klagt, sie zögen fort, sein Nachbar B. desgleichen, und so geht es bis X, Y und Z. Streichen denn unsere Enten, sobald sie beflogen sind, nach Tibet oder anderen entfernten Gegenden, oder verziehen sie nach dem Mars? Aber recht haben die Jäger schon, die den Jagdaufgang so früh gelegt haben wollen, daß die Hunde die Jungenten greifen können, denn eine der Haupttriebfedern der Menschenseele, der edle, Schwefel- oder zitronengelbe Neid, steckt dahinter. Keiner gönnt dem anderen etwas, und der andere keinem, und die Folge ist: Keiner hat schließlich etwas, denn sobald die Entenjagd auf ist, rast alles hinaus und schießt vor allen Dingen die Mutterenten tot. Jawohl, die Mutterenten! Man sollte es nicht glauben, aber es ist so. Den ganz winzigen Jungenten, die noch keine blasse Ahnung vom Kompagnieerziehung haben und die Kniffe, mit denen man dem Raubzeug, der Dürre und dem Sommerhochwasser aus dem Wege geht, noch nicht halb auswendig können, denen schlachtet man die liebe Frau Mutter vor der Nase, oder vielmehr vor dem Schnabel, ab, damit sie nicht fortziehen. Na, das tun sie dann ja auch nicht; denn die einen schlägt der Habicht, die anderen reißt der Fuchs, die dritten kommen um, trocknet die Hitze den Brutteich aus, und die vierten ersaufen elendiglich im Gewitterregen. Der Jäger aber, der sich stolz zu der Spezies Homo sapiens rechnet, obgleich er besser Homo insipiens heißen müßte, wundert sich nachher Stein und Bein, wenn das ganze Schoof durch völlige Abwesenheit glänzt, denn niemals wird er auf den Gedanken kommen, daß das Totschießen der Mutterente der jungen Brut irgendwelchen Schaden tun kann. Denn so, wie er, so hat ja schon sein Papa gehandelt, und der Opapa auch, und der Uropapa nicht minder; mithin muß es doch damit seine Richtigkeit haben. So geht er hin und grübelt vergeblich darüber nach, was aus seinen Enten geworden ist. Er kriegt es aber nicht heraus. Wenn man ihm nun sagt: »Mein Lieber, Ihr Urgroßvater war ein Rhinozeros, aber ein dreihörniges, und was Sie sind, das können Sie sich sagen!« Meinen Sie, daß er das glaubt? Fällt ihm gar nicht ein, denn je dümmer ein Mensch ist, umsomehr Gebrauch macht er von dieser der besseren Einsicht sehr hinderlichen Eigenschaft. Jahr für Jahr geht darum die Hälfte der deutschen Jäger hin und schießt die Mutterenten ab, und nachher weinen sie nasse Tränen, fällt die Jagd dementsprechend und diesbezüglich aus. Denn abgesehen davon, daß die mutterlosen Jungentenschoofe mindestens zur Hälfte umkommen, weil es noch keine Entenkinderwaisenfürsorge gibt, ist es klar, daß eine alte Mutterente erstens mehr Eier legt als eine, die es zum ersten Male tut und in diesem Geschäft noch nicht soviel Übung hat, und außerdem wird eine weltkundige Entenmatrone ihr Nest viel versteckter anlegen und nicht gerade da, wo Fuchs und Katz, Hund und Marder und sonstiges vier- und zweibeiniges Raubzeug mit Vorliebe seinen Abendbummel macht. So züchtet der Jäger planmäßig seine Enten gerade so dumm, wie er selber ist, indem er die erfahrenen, geriebenen Mutterenten totschießt und es verhindert, daß sie ihre Erfahrungen vererben. Vernunft nehmen solche Leute niemals an, einmal, weil sie nicht wollen, und dann, weil sie nicht können. So muß man sie zu ihren eigenen Glücke zwingen, und das geht nicht anders als dadurch, daß man ihnen die Flinte etwas höher hängt und die Jagd so spät wie eben möglich aufgehen läßt, mindestens erst am l. Juli, denn auf eine andere Weise können wir der Abnahme der Enten nicht vorbeugen, und anders kann man der Verschleuderung von Volkseigentum in der üblichen Art, in der die Jagd betrieben wird, nicht steuern. So, wie sie jetzt gehandhabt wird, führt die Jagd einmal zur Verminderung der Enten, zweitens zur Entartung, und drittens ist es eine Sünde, schießt man die Brut ab, ehe sie voll beflogen und gut entwickelt ist, denn bei der Menge von Enten, die alljährlich in Deutschland geschossen werden, kommt sehr viel darauf an, ob jedes Stück ein halbes Pfund mehr oder weniger wiegt. Es ist eine wahre Schande, welch elende Dinger geschossen werden, deren Wildbret so wabbelig wie Stärkepudding ist, und von denen ein tüchtiger Kerl bequem drei ißt, ehe er weiß, daß ihm die Katze den Magen nicht fortschleppt. Außerdem: Jagd kann man das Erlegen solcher Entensäuglinge nicht gut nennen; eher fällt es unter den Begriff des Kindermordes. Für einen Satiriker ist es ein Vergnügen, so einer Entenjagd zuzusehen. Da gehen die Männer an den Tümpel heran und jagen den Hund hinein. Schon steht die Entenmama mit Getöse auf und wird kurzhändig, aber wenig ergebenst, heruntergeknallt. Dann kommt eine halbe Stunde lang gar nichts. Fliegen können die Jungenten noch nicht, darum laufen sie nach der Schwierigkeit vor dem Hunde, der sich im Schilf und Rohr zuschanden arbeitet. Schließlich schießt ein Jäger auf etwas, das vor ihm im Kraut herumkrabbelt, und Juno, oder wie sie sonst heißt, bringt ein Entenküken angeschleppt, das so groß wie eine Turteltaube ist. Große Freude! Nun arbeitet Juno auf eigene Kanne Bier und beißt eine Ente nach der anderen tot, und die Jäger freuen sich darüber sehr, denn auf die Art sparen sie die teueren Patronen. Und dann ziehen sie ab mit den Enten im, und nicht am Rucksack, denn sie scheuen sich doch ein bißchen, sich mit dem unkonfirmierten Zeug blicken zu lassen. Mutter zu Hause macht ein höhnisches Gesicht. »Das lohnt ja das Ruppen nicht,« meint sie, und fährt fort: »Ohne Füllung werden wir davon man halb satt. Die hättet ihr man lieber noch vierzehn Tage leben lassen sollen!« Der Gemahl wirft kleinlaut ein: »Dann wären sie heidi gewesen.« Und damit salbt er seine innerlich doch schuldbewußte Seele, als die winzigen Brätlein auf den Tisch kommen. Das Erlegen unbeflogener Enten ist eine häßliche Vergeudung, und das Abschießen von Mutterenten im Sommer eine hochgradige Dummheit, und nicht minder das Erbeuten der Paarenten im Spätwinter. Und deshalb ist zu verlangen, daß den Enten noch der Februar als Schonzeit zugebilligt wird, daß im Juni und Juli keine Mutterenten und keine unbeflogenen Jungenten auf den Markt gebracht werden. Geschieht das eine Reihe von Jahren, dann werden wir auch wieder, wie einst, rufen können: »Hurra, die Enten!« Die Lockjagd Ein frisch überzogenes Bett ist etwas Schönes; aber eine frisch überzogene Landschaft ist auch nicht schlecht. So schön ist es heute draußen bei dem Neuschnee, daß ich laut flöten muß, und am liebsten sänge ich sogar das althannöversche Schützenlied laut durch den weißen Wald: »Auf und an spannt den Hahn, lustig ist der Jägersmann!« Aber die Bauern, die beim Holzabfahren sind, würden mich auslachen. Frisia non cantat , und in ganz Niedersachsen singen die Männer nicht, höchstens wenn sie einen sitzen haben. Sie flöten nur, wenn ihnen vergnügt zumute ist. Das Singen ist was für die Frauensleute. Ein Pirschjäger, der flötet: »O meine Brüder, laßt uns mit den Köpfen schütteln!« Dieses schöne Wort von Wilhelm Busch, das irgendwo in »Eduards Traum« oder im »Schmetterling« steht, fällt dem ernsthaften Weidmanne ein. Ein Jäger flötet doch nicht draußen! Ja, sehen Sie, das ist wieder so ein neumodischer Aberglaube und Irrwahn. Ich flöte sehr oft beim Pirschen. Ich habe mehr als einen guten Bock nur deshalb so schnell bekommen, weil ich in schlohweißen Hemdsärmeln und laut flötend fürbaß ging, als wäre ich ein Bergbummler oder sonst etwas harmloses, und richtig fiel der Bock darauf hinein. Was soll man auch machen, wenn vor Dürre jedes Stück Geknick unter den Sohlen kracht? Da hilft kein Pirschen, da muß gepfiffen sein. Und heute ist es so schön, daß ich der Herzensfreude auf irgendeine Weise Luft machen muß; also: »Ja, ich sag's und bleib dabei, lustig ist die Jägerei; darum frei Jägerei stets gepriesen sei!« Sehen Sie, da haben wir es schon! Da schnürt der Fuchs ganz gemächlich durch den Bestand, verhofft vor der Schneise, äugt vertraut nach mir hin und bummelt weiter. Wäre ich angeschlichen gekommen, so hätte er sich heimlich abgestohlen, denn wenn ich auch noch so leise pirsche, etwas knurpft der Neuschnee doch und das verträgt der Fuchs viel schlechter, als wenn irgendwer laut flötend durch den Schnee stampft. Nun wollen wir doch einmal sehen, ob Reineke Rotvoß sich doch nicht noch anschmieren läßt. Nicht weit von hier steht eine Kanzel. Da hinauf und dann einen Doppelschuß in die Lüfte gedonnert. Glück muß ein junger Mann haben! Kaum habe ich wieder geladen, da rutscht ein Krummer bei mir heraus und macht mir im Schusse sein Kompliment. Er schweißt beträchtlich, und das ist sehr gut, denn so gibt es eine vortreffliche Schleppe kreuz und quer durch den Wald bis zu der Kanzel, und da mache ich es mir auf dem Rucksack bequem, quäke dann ganz gefährlich aus der hohlen Faust, stecke mir eine Pfeife an, qualme vergnügt vor mich hin, mache dann ein bißchen Hähergezeter und nach zehn Minuten Krähengequarre, wiederhole das ab und zu und verhalte mich dann mucksmausestille. Wenn jemand bei mir wäre, würde er von mir denken: »Übergeschnappt, aber restlos!« Würde ihm das nicht weiter übel nehmen, denn die erste Regel, wenn man den Fuchs heranquälen will, heißt: »Stille, Stille, kein Geräusch gemacht!« Aber keine Regel ohne Ausnahme, und die liegt hier vor. Der Fuchs hat mich geäugt, also ist ihm das Quäken von vornherein verdächtig. Aber vorgestern und vor acht Tagen ist das Holz getrieben, und mehr als ein krankgeschossener Krummer mußte mit dem Hunde nachgesucht werden, und so wird der Fuchs wohl dahinter gekommen sein, daß, wenn auf das laute Knallen Lampe loslegt: »O weh, o weh, o weih mir!«, daß dann Aussicht auf warmen Hasenbraten in greifbarer Nähe ist, besonders wenn die Häher sich hinterher schrecklich aufregen und die Krähen desgleichen; denn ohne Grund tun sie das nicht. Und so machen wir zur Abwechselung die Sache einmal anders, als Meister Dietzel und Diedrich aus dem Winkel es uns lehrten. Es ist kirchenstill im Holze, kaum daß man ein Goldhähnchen in den Fichten piepsen hört. Und so bleibt es eine volle Viertelstunde. Dann meldet sich, aber noch recht weit, der große Buntspecht. »Juck, juck,« ruft er. Das ist verdächtig. Aber dann ist es wieder Stille. Doch nun zetern in den Fichten die Häher, und jetzt keift eine Amsel los, und ein Zaunkönig schimpft mörderlich, und die Krähe schreit: »Gewalt, Gewalt!« Jetzt kann ich grieflachen und denken: »Siehste woll, da kimmt er!« Denn es ist so. Marlborough s'en va-t-en guerre! Wenn das nicht Urian in höchst eigener Person ist, dann will ich Hans heißen und meine Suppe acht Tage lang mit der Gabel essen. Er ist es, ist es bestimmt; die Häher geben ihm das Ehrengeleit. Vorsichtig, sich immer in Deckung haltend, fortwährend windend, schleicht er unter Wind neben der Schweißschleppe her, verschwindet hinter dem Behang der Fichten, taucht wieder auf, ist abermals fort und steht jetzt sehr schön breit da, auf sechzig Gänge das volle Blatt vorweisend. Er spitzt die Gehöre, denn so leise auch der Stecher einsprang, er vernahm den Laut doch. Aber da bin schon drauf und sehe ihn im Feuer Rad schlagen. Es ist bloß ein jähriger Fuchs mit mäßigem Balge, und wer weiß, ob der Versuch bei einem alten Geheimrate angeschlagen hätte. Aber ein großes Vergnügen war es doch, gerade, weil es einmal etwas anderes war, und zehnmal so lieb ist mir der geringe Balg als der des alten Rekels, den ich vor acht Tagen bei der Stokeljagd vor den Kopf schoß. Denn auf das Wie kommt es bei der Jagd immer am meisten an, nicht auf das Was. Und deshalb ist die Lockjagd so wunderschön, ist, vorzüglich, wenn sie mit der Pirsch aus freier Hand verbunden ist, des Weidwerks Krone, mag sie dem Brunfthirsch gelten oder dem brünftigen Bock, dem Fuchse oder der Krähe. Ein Ringeltäuber, auf den Ruf geschossen und hinterher gut gedämpft, das ist eine Herrenmahlzeit, und dreimal so gut schmeckt der herangereizte Birkhahn, als der, der aus dem Schirm geschossen oder auf der Suche heruntergeholt wurde. Wer das alles nicht kennt, wer noch niemals die Lockjagd auf den Haselhahn ausübte, den Erpel nicht herbeiquarrte, sich den Marder nicht vor das Gewehr mäuselte, noch nie ein ganzes beflogenes Sperber- oder Habichstgehecke Stück um Stück auf den Lockruf herunterlangte, der kennt das Allerschönste nicht, was es im Wald und auf der Heide für den Mann im grünen Rocke gibt. Erst dann ist man Jäger, wenn man alles das, so da kreucht und fleugt, an der Strippe hat; dann erst ist der Jäger Herr der Natur. Und das Handwerkszeug dazu muß er nicht in der Tasche tragen; Faust und Fingerspitze, Lippe und Mundwinkel müssen ihm genügen, und im Notfalle ein zurechtgeschnittenes Buchenblatt, ein Stück Birkenrinde oder ein angekerbter Roggenhalm. Man kann ja beinahe jeden Wildruf fertig kaufen, die Muschel für den Hirsch, Blatten aller Arten, sogar pneumatische Selbstblatter, deutsches Reichspatent, die nie versagen, selbst beim blutigsten Anfänger nicht, Enten-, Tauben- und Rebhuhnlocker, Vogelangstgeschrei, Mäuselmaschine und Hasenklage, denn wir leben ja im Zeitalter der Technik, und da das transportable Schmalreh schon erfunden ist, so fehlt nur noch künstliche Brunftrickenwitterung und eine Maschine, die das Poltern des treibenden Bockes nachmacht, und dann ist da Geschäft richtig. Weidwerk kann man diese Art von Jagdbetrieb aber nicht nennen; jagdliche Patentfatzkerei ist es. Ganz etwas anderes ist es, wenn der Jäger außer der Waffe, Kraut und Lot nichts bei sich hat und doch sagen kann: » Omnia mea mecum portans! « Zärtlich küßt er seine Damenspitze und siehe da, die Junghasenklage klingt so lieblich durch den Maienwald, daß die Krähe schleunigst angestrichen kommt und im Knall durch das junge Buchenlaub schlägt. Hinterher gelüstet es ihn, einen Holztäuber zu schießen. Je nachdem er sich darauf versteht, holt er den Taubenruf aus den verschränkten Händen heraus oder flötet ihn aus gehöhltem Munde hervor, und sofort steht ihm der Täuber zu. Er hört den Pfingstvogel rufen und flötet ihn sich zum Spaße so nahe heran, daß er ihm in die Karfunkelaugen sehen kann, und königlich amüsiert er sich über den Kuckuck, den er herbeilockte und der nun vor ihm sitzt, sich vor Wut heiser ruft und aus Eifersucht sich ganz albern anstellt. Ein Jäger, der das kann, langweilt sich nie. Geht er am dunkeln Abend heim, so kann er sich den Weg verkürzen, daß er sich mit dem Waldkauze oder der Ohreule unterhält. Langweilt er sich bei der Birkhahnbalz, so flötet er sich den Brachvogel heran und freut sich über dessen stolzen Flug, und wollen die Hähne nicht zustehen, er bläst und kullert so lange, bis einer darauf hineinfällt, und geht es nicht anders, so gackert er zärtlich, wie eine verliebte Henne, und das hilft dann sicher. Er steht auf Enteneinfall, aber alle Enten streichen vorüber. Da setzt er die hohle Faust an den rechten Mundwinkel. »Brät, brät, brät«, schallt es in den Abend hinein, und bald darauf klingelt es über ihm und zwei Schatten kreisen über der klucksenden Flut; einen davon holt er herunter. Oder er pirscht im Vorwinter hinter der Holzkante im alten Dohnenstiege entlang und sieht im Felde den Fuchs mausen. Es fällt ihm nicht ein, mit der Hasenklage zu arbeiten, denn wenn der Fuchs im Felde maust, springt er auf das Quäken kaum. Aber dem Mausepfiff widersteht er nicht, und so macht der Jäger einen kleinen Mund und zirpt zweimal leise. Hilft das noch nichts, so tut er so, als wolle er dem Rotbalg ein Kußhändchen zuwerfen, legt die Spitzen von Zeige- und Mittelfinger an die Lippen; schrill klingt der Vogelangstruf und der Fuchs denkt: »Da hat sich was in den Dohnen gefangen,« kommt angeschlichen und muß daran glauben. Die Jagd auf den Brunfthirsch ist nur wenigen Glücklichen gestattet, die in der Wahl ihrer Ahnen sehr umsichtig waren oder zum Geschlechte derer von und zu Braunlappen gehören, und selbst von denen wissen nur die wenigsten den schreienden Hirsch auf den Ruf zu erlegen. Auch das ist eine Kunst, die so langsam ausstirbt. Den alten Wildmeister Fritz Bühmann, der nun in Walhalla jagt, mußte man erzählen hören, wie man das machte. »Tja,« sagte er und entwickelte vulkanmäßige Ausdünstungen vermittelst seiner Zigarre, »tja, da sollte ich einen Brunfthirsch schießen, aber der Ekel trat nicht für einen Doppeltaler aus der Dickung. I, denke ich, und folgst du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Ich schreie ihn also auf Deubel komm raus an und ziehe ihm durch die geschlossene Dickung entgegen, daß es nur so knastert, und ab und zu schreie ich wieder und haue mit der Faust in die Fuhren, daß die alten Telgen wie Glas brechen. Und darauf fiel der Döllmer wahrhaftig rein. Er zog mir schreiend und schlagend entgegen, und ich schoß ihn auf zwanzig Gänge mitten auf den Stich. Wäre ich nicht beiseite gesprungen, so wäre er mir in der letzten Flucht geradewegs auf den Kopp gestürzt!« Ja, die Jäger aus der alten Schule, die verstanden die Kunst. Jeder Lage waren sie gewachsen Und handelten nicht nach Schema F. Heute fällt es einem Mann, nachdem er sich in fünfundzwanzig Jahren ein Vermögen gemacht hat, ein, daß es Zeit sei, ein bißchen den Kavalier zu spielen, und so wird Jäger geworden. Das Blatten läßt er sich vom Waffenhändler in fünf Minuten beibringen, wenn er sich Blatten von allen Systemen kauft, und dann schiebt er los. Er blattet morgens, mittags und abends, aber kein Schwanz springt. Fuchsteufelsfuchtig erklärt er die ganze Blattjagd für einen Ober- und Generalschwindel und sitzt brav und bieder seine Böcke von der Leiter aus zu Tode. Freilich, der gute Mann hat den Bock doch für dümmer gehalten, als er ist. Der Bock hat das Gezirpe wohl vernommen, aber erstens gibt es in der Jagd genug junge Damen, und zweitens blattet der Jäger mit Altrehton, und so dumm ist der Bock denn doch nicht, daß er alten Weibern nachrennt, wenn es junge gibt. Außerdem weiß er, daß die alten Scheunen erst viel später im Jahre an zu brennen fangen, und darum kümmert er sich um die abnorme alte Schachtel weiter nicht, denn er ist für das Normale. Oder aber, wenn der Jäger gegen Ende der Brunft auf den Gedanken kommt, es einmal im hellsten Backfischdiskant zu versuchen, dann denkt der Bock wieder: »Ja, Mädchen, du hättest dich eher melden sollen, denn jetzt mußt ich mich den älteren Damen widmen. Alles zu seiner Zeit.« Ach ja, es ist nicht so einfach, das Blatten, und wenn man auch alle Taschen voll von Uhlenbut, Buttolo, Andrä und anderen Patentinstrumenten hat. Es kommt ja vor, daß der Bock auf das dilettantischste Getön hineinsaust, denn wenn er springen will, springt er schließlich auch auf ein Feuerlöschhorn. Aber wenn er nicht will, und meist will er nicht, dann hat die Sache ihre Kanten und Zacken, und dann muß man schon seine drei bis vier Sinne zusammennehmen. So ein Untertertianer von Spießbock, der rennt einem wohl von vorne mitten auf den Balg; was aber ein ausgewachsener Bock mit allerlei Erfahrungen ist, der holt sich erst eine Mütze voll Wind, kommt ganz leise von hinten angeschlichen, grient schmutzig vor sich hin und stiehlt sich ebenso leise wieder ab, selbst wenn der Jäger mit dem Geschreiblatter arbeitet. Wer damit umzugehen versteht, dem ist selbst ein Obergeheimrat von Hauptbock verfallen, vorausgesetzt, daß der Jäger ebenso schlau wie der Bock ist und sich von diesem nicht unter dem Winde anschleichen läßt, weswegen ein kluger Jäger dort, wo kein Kunst- und Naturhochstand ist, nicht dort stehen bleibt, wo er geblattet hat, sondern sich schleunigst, aber lautlos und in Deckung soweit zurückbegibt, daß der unter dem Winde heranziehende Bock über ihm kommen muß. Ja, sie hat ihre Kniffe, die Lockjagd. Wenn die Brunft sich ihrem Ende naht, der Bock schon halb abgebrunftet ist und nur mehr noch aus Höflichkeit bei der Ricke steht, dann macht er sich aus dem schönsten Fiepen nichts mehr und reagiert auch auf den Plärrblatter sauer. Der gerissene Lockjäger legt ihn dann aber dennoch hinein. Er macht Kitzangstruf, dann stürmt die Ricke totsicher heran und reißt den Bock mit sich. Es genügt nicht, daß man sich von jemand vormachen läßt, wie das Angstgeschrei klingt; wer es nicht oft hörte, und von Kitz, Schmalreh, Altricke und Bock hörte, hier als lang ausgedehnten Fiepton, da als durchdringendes Quietschen und dort als gellendes Plärren, der holt sich wohl mit dem teuren Instrument mal einen Bock heran, aber verlassen kann er sich nicht darauf. Ich habe es von einem alten Jagdaufseher, der auf einem Stück Holz, das er spaltete, ausschabte, und mit einer Zunge versah, gelernt, wie man mit dem Geschreiblatter jagt. Wir stellten uns barfuß zwischen zwei Dickungen. Der Alte blattete, daß es schallte, lief dann in Hopssprüngen nach Rehart, unter Wind nach der Holzkante, ab und zu in Deckung stehen bleibend, blattend und dabei wie wild den Boden stampfend, bis wir am Felde waren. Nach zehn Minuten zog der Bock in halber Deckung an uns vorbei und bekam die Kugel von mir. »Wissen Sie,« sagte der Alte, »so dumm ist der alte Bock auch nicht, daß er nicht merkt, daß etwas nicht richtig ist, wenn man auf einer und derselbigen Stelle mit dem Geschrei blattet und dabei nicht Lärm macht, als wenn der Bock die Schmalricke treibt. Daran denken aber die wenigsten und darum kriegen sie die besten Böcke nicht.« Aber woher soll das der Mann wissen, der sich heute eine Jagd pachtet und morgen blatten geht? Der in dem Kurszettel oder auf dem Montanmarkt oder mit den Holzpreisen besser Bescheid weiß als in der Natur? Und wer bringt es ihm bei? Der echte, gerechte Lockjäger schon gar nicht, denn der denkt: »Erstens begreift er es doch nicht und zweitens fällt mir das gar nicht ein,« und er amüsiert sich königlich, wenn der Mann mit dem tragbaren Hochsitz, dem künstlichen Schmalreh und zwei bis siebenzehn Blatten hinauszieht und schließlich einen elendiglichen Spießbock erschlägt. Er denkt noch nicht einmal daran, ihm beizubringen, wie man mit Verstand die Hasenquäke gebraucht, und freut sich diebisch, wenn der andere ihm erzählt: »Ich quäke doch ganz richtig, aber immer kommen bloß Krähen!« Ja, erstens hat der Biedermann statt der Hasenklage das Krähenhilfsgeschrei gemacht, zweitens hat er viel zu früh den Stand verlassen und drittens ist ihm der Fuchs vielleicht doch gekommen, denn er frißt auch Krähen ganz gern und kommt oft sofort auf das Quäken, aber wenn es irgend geht, unter dem Winde und meist so leise, daß er schon wieder heidi ist, ehe der Jäger noch weiß, was das war, das da hinter ihm so leise krispelte, als hätte da ein Mäuslein gehüpft. Von Jugend auf muß man die Kunst geübt haben, will man ein guter Lockjäger werden, und alles Getier muß man heranzuziehen verstehen, dann erst wird man Fuchs und Bock am Bande haben. Verzweifelt schiebt der Durchschnittjäger ab, streicht das beschossene Volk Hühner über die Grenze oder fällt es zu Busche; der alte Lockjäger ruht sich ein Stündchen aus und dann legt er den Handteller an den Mund und lockt Stück um Stück über die Grenze zurück oder aus dem Holze heraus. Auf dem Schnepfenstriche macht er kein ellenlanges Gesicht, morkt allzuweit ein Schnepf an ihm vorbei; er hat die Locke zwischen den Lippen und pfuizt darauf so zärtlich, wie eine arg verliebte Siecke. Und um, wie die Artisten sagen, die Arbeit nicht aus den Knochen zu verlieren, übt er sich an allem, was da fleugt und kreucht. Er holt den Bussard mit dem Mausepfiff und das Wieselchen mit dem Vogelangstruf heran, nicht um sie zu schießen, sondern rein zum Vergnügen; er macht den Drosselwarnruf oder läßt das Rotkehlchen mahnen, will er wissen, ob das eine Ricke oder ein Bock ist, was sich da vor ihm im hohen Grase äst, er versucht es auch einmal mit dem Quäken am Dachs oder mit Kitzangstgeschrei an Sauen. Je mehr Tierstimmen er beherrscht, um so mehr Herrscher ist der Jäger über die Natur. Erscheint es auch wertlos, daß er das Gequarre der Frösche nachmacht und einen ganzen Teich zum Schallen bringt, es kann unter Umständen doch von Nutzen bei Pürsch und Anstand sein, denn wenn vor dem anschleichenden Jäger die Grünröcke verstummen, so fällt das dem Bocke sofort auf, prahlen die Großmäuler aber wieder los, dann denkt der Bock: »Es war doch wohl nichts«. Außerdem, so manchen hübschen Spaß, so viele angenehme Stunden kann man sich verschaffen, versteht man sich gut auf die Lockjagd. Auf Birkwild Man kann jagen, was man will: die schönsten Jagden im ebenen Lande sind und bleiben die Heidjagden; das ganze Jahr über bieten sie dem Jäger Gelegenheit, draußen zu sein. Sie haben natürlich auch ihre Schattenseiten: Moorstellen, an denen man bis über die Hüften einsinkt, Kreuzottern, Mücken und Gelsen. Wer sich aber im Moor auskennt, der weiß, daß er überall gehen darf, wo Heide und einblütiges Wollgras sich erhebt; an die Kreuzottern muß man sich gewöhnen und an die Mücken und Gelsen schließlich auch, was allerdings für den, der süßes Blut und eine dünne Haut hat, nicht leicht ist. Keine Rose ohne Dornen; das ist nun einmal so auf dieser Welt. Wären die Mücken und Gelsen nicht, dann wären die Heidjagden überhaupt nicht zu haben. Gesegnet seien darum diese lieben Tiere; sie halten die waschechten Stadtjapper, die zünftigen Asphaltmänner davon ab, sich Heidjagden zu pachten, und wenn sie es schon tun, so gehen sie im Juni einmal auf den Bock und sobald nicht wieder: Sie rauchten sich die Zungen zu Reibeisen und verdarben sich die Mägen erheblich und wurden trotzdem so zerpickt, daß sie mit Wutgeheul von dannen liefen. Es gibt nur ein gutes Mückenmittel und das heißt: stechen lassen, was da stechen will. Wer das anwendet, der wird unempfindlich gegen die Stiche, auf deutsch: immun, und wenn er das ist, weiß er, wie schön die Heide ist, wie reich an Wild und Weidmannsluft, vorzüglich, wenn das Gelände bruchig ist und Wald und Busch aufweist. Das Frühjahr bringt die Suche auf Bekassine, Doppelschnepfe und Lumme, und wer die Hüttenjagd liebt, macht die Krähen dünn und übertölpelt den Habicht. Mittlerweile sind die Birkhähne platzbeständig geworden und die Jagd aus dem Schirme lohnt sich, oder für den, der die Kunst versteht, die Pirsch auf den einzeln balzenden Hahn. Sie bringt nicht viel ein, macht aber Freude und ist eine gute Übung für den Pirschgang auf Bock und Hirsch, wie auch die Schleichjagd auf den rufenden Täuber, mit das Schönste in der faulen Zeit, was es gibt, schon weil die Sache nicht so einfach ist. Im Juni geht es dann auf den roten Bock; dann kommen die Jungenten daran, die Hühner, das Birkwild, die Hasen, und wer Rotwild hat und sogar Sauen, der Mann, der kann singen: Im Wald und auf der Heide, da such' ich meine Freude, das ganze liebe Jahr. Ich bin kein Suchjäger; die Sache ist mir zu geräuschvoll und nicht heimlich genug. Die Klutentreterei und das Kilometerfressen auf der Stoppel ist nicht mein Geschmack. Aber eine Suche auf Birkwild in Bruch und Heide, das lasse ich mir noch gefallen; da braucht man nicht immer Angst zu haben, Menschen anzubleien, und stelzt nicht andauernd auf Bauland umher, sondern hat immer Urland unter den Füßen. Und dann erst fühlt man sich ganz als das, was der Stadtmensch im tiefsten Herzen von der Jagd verlangt, sich als Urmensch zu fühlen und allen Stadtschnedderengtengteng und Asphaltklimmbimm gründlich zu vergessen, alten Speck und hartes Brot mit Wonne über den Daumen zu vespern, einen unentfuselten Kornschnaps mit demselben Genuß hinter die Krawatte zu gießen, wie zwischen weißen Schultern und vor blitzendem Kristall die feinste Marke, und seinen Knaster aus der Kurzen mit demselben Hochgefühle zu schmöken, wie nach sechs bis acht Gängen die hochadeligste Giftnudel. Muß man dazu noch hinterher samt den Herren Hunden in der Jagdbude auf dem Strohsack schlafen, sich am Bache reinlich machen und sich sein Mittagessen auf dem Kochofen selber zurecht schmurgeln, dann ist die Höhe der Gefühle erreicht und mit Schaudern und Beklemmung denkt man wieder an den Tag, an dem man in die Bügelhosen steigen, den Börsenhelm aufstülpen und sich als gebildeter Mensch benehmen muß. So ein Frühherbsttag in der kniehohen Heide oder im lendenlangen Porst hinter dem Birkwilde zugebracht mit dem unvermeidlichen Grabennehmen und Tümpeldurchwaten, wer den zum ersten Male im Rücken hat, der weiß, wo er seine Beine hat, und schläft auf der Pritsche wie in Eiderdaunen. Vielleicht, daß er beim Einschlafen den, der ihn dazu einlud, siebenzig Male und sieben verwünscht. Aber da er nun einmal da ist, so macht er am folgenden Tage wieder mit und siehe da: das Moorturnfieber und der Knieschnackler, sie geben sich, das Springen von Bülte zu Bülte fängt an, Spaß zu machen; man bekommt es nicht mehr mit der kalten Angst, gibt der Boden nach und quillt Moorwasser in die ehemals piekfeinen Schuhe, die man auf dem Asphalt trug, und trifft man erst ein Volk Birkwild an, dann vergißt man die Steifbeinigkeit und flucht innerlich nicht mehr darüber, daß die Sonne so ungesund brennt, daß einem die Bluse auf dem Rücken klebt und man eine Fata Morgana vor sich sieht, bestehend aus einem kühlen Schankzimmer und der hübschen Wirtstochter, in jeder Hand ein großes Helles, sondern sieht nur noch die Rute des Hundes, die zwischen den hohen Porstbüschen herumwimmelt. Drüben knallt es auch schon. »Wahr to!« schallt es herüber, und es braust heran, ein, zwei, drei Stück Birkwild, nein, vier, fünf, sechs, sogar sieben, acht, neun. Sophieken und das Bier sind vergessen, der Kolben fliegt an die Backe, domm, domm, und noch einmal domm, domm, denn man führt die Jagdmitrailleuse, Browning benamset, und macht ein dummes Gesicht, denn das infame Zeug hat kein Schrot angenommen. Ach ja, es hat alles seine Wissenschaft, und ein Birkhuhn ist kein Feldhuhn. Birkwild in vollem Fluge ist vorne scheußlich schnell und hinten niederträchtig kurz. Darum, mein Sohn, verlasse dich nicht darauf, daß andere Leute dir das Wild heraustreten, sondern suche das beschossene Volk nach. Es hat sich in drei Linien gespalten. Vier Stück schlugen sich nach den Birkenbüschen. Vorsicht, der Hund steht! »Voran! Faß!« Prrr, trrr! Domm, domm. Einmal daneben, das zweite Mal traf. Schon hat der Hund das Stück. Schade, daß es die alte Henne ist! Das kostet eine Mark. Man schießt keine alte Henne, ebensowenig, wie man ein hochbeschlagenes Tier schießt. Aber woran soll man sie kennen, wenn sie aus den hohen Moorbirkenbüschen herauspoltert? Ja, das ist schwer zu sagen; am besten daran, daß man hinterher eine Reichsmark für den Verein Waldheil zugunsten von Witwen und Waisen im Dienst verunglückter Forst- und Jagdschutzbeamten ausgeben muß. Mit der Zeit kommt man aber dahinter, lernt es, den Kolben sofort im Gesicht zu haben, poltert das Zeug vor dem Hunde auf, aber erst dann zu drücken, wenn man sieht, daß man keine alte Madamm und Familienmutter vor der Laufschiene hat, und ist man gegen Abend auch hundemüde und hat nur drei ganze Dinger am Rucksack baumeln, es hat ebensoviel Spaß gemacht, als wenn man unter der Last von zwanzig Feldhühnern dahinkeucht. Außerdem, was gibt es dabei nicht alles für Überraschungen. Das eine Mal werden Enten hoch, die im tiefen Graben lagen, dann wieder kommt man auf den Habicht zu Schusse, und der unverbesserliche Drillingsmann, der im offenen Moore jagte, hat einen Bruch am Hute. Es war einem so, als wenn man den kurzen Knall eines Kugelschusses hörte, und siehe da, man hat sich nicht verhört, denn mitten auf dem Moordamme liegt ein guter Bock, das bessere Drittel eines schießtechnischen Unikums: zwei Stück Birkwild mit den Schrotläufen und der Bock mit der Kugel. Und selber hat man ein Monstrum erlegt, ein Stück Birkwild eigener Art, einen Hahn nach dem Stoße, aber noch Kopf- und Halsgefieder so hennenmäßig wie nur möglich. Aber der Weißbart, der den Bock erlegte, weiß Bescheid. »Der alte Birkhahn trägt nach der Sommermause an Kopf und Hals erst die Hennenfarben, wie Dr. Ernst Schaff feststellte.« So hat man noch etwas hübsches dazugelernt und kann sich in der Stadt am Stammtisch als Jagdzoologe aufspielen und hat wieder einmal etwas anderes zu reden, als ewig und ewig das Geschimpfe über die schlechte Hühnerjagd und die elendiglichen Hasenaussichten und ähnliche abgedroschene Gegenstände. Und merkwürdig jung kommt man sich vor, hat man erst die Müdigkeit aus den erschlafften Muskeln verloren. Man hat die Glieder tüchtig gerührt, bis in die tiefsten Lungenecken geatmet, kurzum, den Leichnam einmal wieder in Schwung gebracht, daß der Rost von den Gelenken flog, und das tut einem gebildeten Mitteleuropäer ab und zu sehr nötig. Spielte man früher in weißen Höschen Tennis und hüpfte wie ein Lämmlein hinter den Netzen umher, um nicht vor der Zeit an den Folgen des gebildeten Lebens dahinzusiechen, man weiß jetzt, daß es noch etwas Besseres gibt, um Herz und Beine aufzufrischen: man geht auf Birkwild. In der Feiste In den »Fliegenden Blättern« stand vor langen Jahren einmal eine ganz wunderschöne Schauerballade. Ein Wanderer sieht auf einem Berggipfel eine Burg, von der er vernommen hat, daß eine Sage von ihr gehe. Er fragt Haus bei Haus das ganze Dorf ab, um was für wie'ne Sage es sich handele, bekommt es aber nicht heraus. Schließlich weist man ihn an den ältesten Mann des Dorfes, einen uralten Greis mit ehrfurchterweckendem Tatterich, und dieser flüstert ihm, nachdem er sich erst scheu umgesehen hat, zu: »Es geht von dieser Burg die Sage, daß eine Sage von ihr geht.« Solche Sage geht auch von dem Feisthirsch. Dem jungen Jäger, der den Hirsch nur aus Jagdzeitungen und Galanteriewarenhandlungsschaufenstern kennt, wird kreidebleich zumute, trägt ihm am Stammtische ein alter Jäger mit geheimnisvoll erhobenem Zeigefinger die Verse vor: »Der Feisthirsch ist das Waldgespenst, das du nur ahnst, doch niemals kennst; denn wo er geht, da steht er nicht, und wo er steht, da geht er nicht, und ist bloß hoch bei Sternenlicht,« und dann die anderen, in denen dem Jäger der billige Rat verzapft wird, den ganzen Tag zu verschlagen, aber wenn die Sonne kommt und wenn sie geht, auf dem Quivive zu sein. Das tut denn der Jüngling auch, denn das Alter soll man ehren und ihm nachfolgen in Worten und Taten. Nach bewährtem Muster verschläft er den Tag, so gut er kann, und begibt sich, wenn der Abend sich vor ihm zu grauen beginnt, auf den Anstand. Er kriegt alles mögliche zu sehen: einen Fuchs, zwei Böcke, drei Ricken, vier Hasen, bloß keinen Hirsch, ja noch nicht einmal ein Tier. Er hockt so lange auf dem Hochsitze, bis Himmel und Erde zu einer unentwirrbaren Masse verschmelzen und er das Ende des Büchsenlaufes nur noch vermittelst des Ahnungsvermögens feststellen kann. Dann trinkt er einen Kognak oder auch zwei gegen die Überhandnahme der Gänsehäute und schleicht von dannen. Als er so in ziemlich geknicktem Zustande das Gestell entlang stolpert, ist ihm mit einem Male so, als ob, und er sinkt teils in sich zusammen, teils in den Erdboden hinein, denn mitten auf dem Wege, und auf fünfzig Gänge, es können aber auch bloß vierzig sein, steht der Hirsch, oder vielmehr, es stehen zwei da, nein, sogar drei, wenn nicht überhaupt vier, und machen lange Hälse und dienern und prusten, als wenn sie fragen wollen: »Entschuldigen Sie gütigst! Sind Sie vielleicht ein Busch oder das Gegenteil?« An Schießen ist natürlich nicht zu denken, denn Sternenlicht ist kein Büchsenlicht, selbst wenn man einen Kieker für hundert Mark auf der Achtmillimeter hat; so bleibt dem Jäger weiter nichts übrig, als die Luft anzuhalten und so lange achtungsvoll zu verharren, bis die Herren Hirsche sich davon überzeugt haben, daß das da vor ihnen doch bloß ein Busch ist, und infolgedessen ganz gemütlich weiterbummeln. »Quos ego!« denkt der Jäger, das heißt: »Ich wer' euch besalben,« macht einen gefährlichen Bogen, um die Fährte der Edelen nicht zu kreuzen, kommt klappermüde in der Jagdbude an, würgt seinen Ingrimm und ein Schinkenbutterbrot hinunter und schläft erst gar nicht und dann mit Fußnoten, denn er träumt in einem Ende von Hirschen, so feist wie Molkereimastochsen und mit soviel Enden, daß einer allein sie ohne Logarithmentafel nicht zählen kann. Längst bevor die Weckuhr ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit getan hat, ist er hoch, host sich an, stülpt sich eine Tasse Kaffee in sein Inneres, nötigt ein Stück Butterbrot hinterher und schleicht wieder nach dem Hochsitze. Eine ganze Weile bekommt er gar nichts zu sehen, dann dasselbe, wie am Abend vorher, nur in umgekehrter Reihenfolge, nämlich vier Hasen, drei Ricken, zwei Böcke und einen Fuchs, aber mit den Hirschen geht es ihm genau so, denn dieselben sind nicht daselbst, sondern sie glänzen durch Längstdagewesensein, wie folgendermaßen wie folgt und also im Sande an ihren Fähren zu sehen ist. »Hol's der sogenannte dieser und jener!« denkt der Jäger, döst noch eine halbe Stunde auf dem Hochsitze herum und als die Sonne nach allen Regeln der Kunst auf ihn losscheint, schiebt er ab, nicht für fünfzehn Pfennig grüner Hoffung in der Seele. Ebenso geknickt, wie am Abend vorher, pintschert er das Gestell zurück. Da fällt ihm auf einmal der Nikotinspargel aus der verlängerten Physiognomia, denn hundert Gänge vor ihm, es können aber auch achtzig sein, treten die vier Hochgeweihten über die Bahn, äugen ihn an, als wollten sie ganz ergebenst fragen: »Wat seggst'e nu?«, halten sich aber nicht solange auf, bis er die Knarre vom Rücken gelangt und scharf gemacht hat, sondern empfehlen sich mit unangenehmer Plötzlichkeit. »Das entfamtige Gesindel hat doch noch im vordersten Jagen gesteckt!« denkt der Jäger und schämt sich gar nicht wegen dieses groben Verstoßes gegen die anerkannten Regeln der Weidmannssprache. »Na, dümmer wer' ich da auch nich von,« denkt er weiter und stellt sich am anderen Morgen auf der Bahn an. Wer aber nicht kommt, das sind die Hirsche, und als ihm gegen acht Uhr der Magen bis in die Kniekehlen hängt, macht er, daß er fortkommt, läßt aber dabei den Kopf hängen wie ein Leithund, einmal aus allgemeiner geistiger Körperschwäche, zweitens, um abzuspüren. Er spürt die Hirsche aber nicht und denkt: »?« Einem inneren Drange folgend, dreht er sich um, und möchte sich am liebsten selber in das Gesicht springen, denn gerade beim Busche, hinter dem er drei ausgeschlagene Glockenstunden gelauert hat, treten die vier Hirsche in aller Seelenruhe über das Gestell, beäugen anscheinend seine Fährte oder überzeugen sich davon, daß er juchtenlederne Schuhe mit Gummisohlen trägt, und schlagen sich dann seitwärts in die Büsche. Einen Augenblick überlegt der grüne Jägersmann, dann reibt er seinen inneren Menschen mit einem Kognak ein, teils des Heißhungers halber, teils überhaupt und so, und dann macht er, daß er nach dem Quergestelle kommt, um ihnen auf der nächsten Bahn aufzulauern. Er lauert bis neune, er lauert bis zehne, er lauert bis elfe; aber wer immerzu nicht kommt, das sind eben die vier Feisthirsche. Mit einem Gefühl, als hätte er seit vierundzwanzig Stunden keinen warmen Löffelstiel im Leibe gehabt, geht er zurück und wankt das Hauptgestell entlang, und als er auf die Landstraße kommt, denn er will zum Dorfe und einmal wieder richtiggehend zu Mittag essen, da kommt der Briefträger angeradelt und sagt ihm, daß eben die vier Hirsche in langsamem Schritt quer über die blitzblanke Heide spaziert seinen. Wahrscheinlich steckten sie nun längst im Königlichen. Das tun sie aber gar nicht, sondern im Gegenteil, mitten in der Heide ist eine junge Kieferbesamung, und darin haben sie es sich so gemütlich wie möglich gemacht. Da sitzen sie in ihren Betten, lassen sich von den Grillen und Heidlerchen Musik vormachen und beschäftigen sich mit Dösen und Wiederkauen, und das bekömmt ihnen denn so schön, daß sie gar nicht daran denken, zur Äsung zu ziehen, ehe Himmel und Erde zusammenfließen. Denn es ist eine Sage, daß der Feisthirsch besonders schlau sei; das ist einfach nicht wahr. Faul ist er in der Feiste, sündenfaul sogar, und das Sprichwort: »Ein voller Bauch studiert nicht gern,« trifft auf ihn ebenso voll wie ganz zu. Warum soll denn der Feisthirsch besonders schlau sein? Vielleicht, weil er zwei Zoll feist auf der Probierstelle zu sitzen hat? Steigt beim Menschen etwa die Menge der Gehirnwindungen mit der Zunahme des Bauches? Julius Cäsar, ein ziemlich gerissener Vertreter, war gegenteiliger Ansicht, sonst hätte er, wenigstens bei Shakespeare, nicht den Wunsch geäußert, lauter schlachtereife Mitbürger um sich zu sehen, da ihm die Dürren in politischer Hinsicht unzuverlässig vorkamen. Wer am hellen Tage in aller Gemütsruhe über die Bahn bummelt, wer seine Siesta in der blanken Heide verbringt, von dem kann man doch wahrhaftig nicht sagen, daß er an allzugroßer Gerissenheit krankt. Faul ist er und Zeit hat er, eine ganze Masse sogar, das ist der ganze Zauber. Der Jäger aber ist nicht faul, und Zeit hat er auch nicht, und deswegen ist er so oft der Dumme. Er denkt: »Tja. Ist denn das keine Schlauheit, wenn der Hirsch erst nach dem Ende des Büchsenlichtes auf das Geäse zieht und vor Tau und Tag seinen Kirchgang macht?« Nein, mein Lieber, das ist keine Schlauheit, das ist einfach Faulheit und Bequemlichkeit. Wenn sie sich von drei bis sieben Uhr durch ein Diner von neun Gängen durchgequält haben, wetten, daß Sie nicht schon um acht Uhr zum Abendessen hinauswechseln?« Wozu soll denn der Hirsch bei hellichtem Tage auf die Äsung treten, wenn er Nacht für Nacht ein Souper von neun Gängen ausstehen muß, nämlich l. Johannistriebe im Walde; 2. Wildklee auf der Waldwiese; 3. junges Gras auf der Bahn; 4. frische Brombeerspitzen im Vorholze; 5. Seradella; 6. Rauhfutter; 7. Hafer; 8. Spörgel; 9. Kartoffeln? Bloß etwa um Ihnen einen kleinen Gefallen zu tun? So menschenfreundlich ist er nun doch nicht. Er bleibt eben so lange im Bette sitzen, bis ihn wieder hungert, und da das meistens vor neun oder zehn Uhr nicht der Fall zu sein pflegt, so tritt er erst dann aus, aber nicht etwa aus Gemeinheit und Niedertracht. Außerdem ist er kein Freund von labbriger Kost, und wenn den ganzen Tag die Sonne nach der Schwierigkeit geschienen und der Wind wie wild geweht hat, so daß die Äsung welk und unappetitlich ist, dann tritt er erst aus, wenn der Tauschlag sie wieder schmackhaft und lecker machte, und der Jäger, eingebildet wie er sich hat, glaubt, daß täte der Hirsch eigens und nur alleine, um ihm einen Kaspar zu bauen. Aber was soll der Hirsch mit welker Seradella und staubigem Klee, wenn in den engen Stangenörtern das bildschönste saftige Gras wächst? Er wäre doch ein Riesen- oder Abgottsesel, sein beschauliches Dasein aufzugeben und bei vollem Büchsenlicht eine Äsung aufzusuchen, die nicht ohne Leibes- und Lebensgefahr genossen werden kann. Selbst dem dämlichsten Edelknaben, der zum ersten Male mehr als sechs Enden trägt, fällt das nicht ein, geschweige denn einem älteren Herrn vom soundsovielten Kopfe, der schon manche Kugel pfeifen und manche Nummer Nullnull flöten hörte. Das wäre wirklich grobe Fahrlässigkeit in Verbindung mit schwerer Selbstmordanwandlung, und an so etwas denkt kein anständiger Hirsch, denn er weiß, daß er sich für die Brunft seiner Familie zu erhalten hat. Und so bleibt er in der Dickung, so lange es ihm paßt, und wenn der Jäger das auch noch so rücksichtslos und unliebenswürdig findet. Denn hat der Hirsch da nicht alles, was sein Herz begehrt? Ruhe und Frieden, kühlen Schatten und eine noch viel kühlere Suhle? Blühen da nicht die Blümelein so schön, wächst da nicht mannigfaches Kraut, daß lieblich zu sehen und gut zu äsen ist, und auch so manch leckerer Pilz? Und singen da nicht die Vögel so tadellos, und rauschen die Zweige dort nicht wirklich großartig? Was soll er darum jetzt vor dem Felde, wo die grünen Jäger sitzen und die blauen Bohnen flitzen? Wer das kennt, der reißt sich nicht darum, der kann sich mächtig beherrschen! So denkt der Hirsch, wenn er überhaupt denkt, und danach handelt er. Fällt es ihm aber aus irgendeinem Grunde ein, vielleicht, weil es ihm in der Dickung zu kühl wird, oder zu warm, oder weil ihm dort die blinden Fliegen zu frech werden, oder die, die gar nicht blind sind, oder weil es dort mehr Holzböcke gibt, als ihm lieb ist, oder Hirschläufe, oder weil er gerade auf dieses oder jenes Kraut Appetit hat, dann kann es sich begeben, daß er sich wärtser begibt und zum baffen Erstaunen etwelcher Holzweiher oder Beerenkinder mitten auf der Schneise steht, oder der Schäfer oder der Briefträger oder die Botenfrau oder der Doktor oder Tierarzt sehen ihn nachmittags um halb fünfe quer über die Heide spazieren, und so etwas hält dann der Jäger, dem das noch kuhwarm hinterbracht wird, für eine ganz ausbündige Schlauheit, weil wieder einmal er selber nicht derjenige welcher war. Es war aber weiter nichts, als etwas Magendrücken oder ein kleine Blähung, die den Braven veranlaßte, sich ein bißchen Bewegung zu machen, weiter nichts. Eins vergißt der Hirsch aber nie, und das ist das, was seine Mutter ihm in ziemlich unsanfter Weise eingebläut hat: die Nase nach dem Winde zu drehen, und deswegen ist er dem Jäger meist über. Der Hirsch weiß, daß es optische Täuschungen gibt, daß ein Wacholderbusch unter Umständen keiner ist, sondern ein Ding, daß donnert und blitzt und sich einer Körperverletzung an einem friedlichen und harmlosen Hirsche schuldig macht, aber von Nasentäuschungen hat er noch nie etwas vernommen und ein Wacholderbusch, der nach Mensch riecht, ist kein Wacholderbusch, sondern eins von jenen niederträchtigen Wesen, die den ganzen Mund voll edler Redensarten und das Herz voller heimtückischer Absichten haben. Und darum sagt sich der Hirsch jeden Tag dreimal dasselbe vor, und das heißt: »Immer an dem Waldrand lang,« bis er merkt, ob die Luft rein oder, für sein Gefühl wenigstens, dreckig ist. Und ist das der Fall, na, dann wartet er noch ein Weilchen, denn er hat Zeit, und der Jäger auch, wenn es ihm auch nicht so vorkommt, denn der hockt da zwischen Holz und Feld, läßt sich lebendig von den Mücken treffen, schwitzt Blut und Wasser, und denkt in einem fort: »Jetzt kommt er!« denn er hat hinter sich etwas brechen gehört. Er kommt auch, bloß noch nicht so schnell, und auch nicht da, wo der Jäger kauert, sondern dreihundert Schritte oberhalb der Stelle, und dann läßt er sich den Hafer schmecken, daß es eine Freude ist, und schlägt die Kartoffeln mit einem Getöse heraus, daß es dem Jäger vorkommt, als wenn ihm eine ganze Schale Vanilleeis über den Puckel liefe, und hinterher ein Teller voll Krebssuppe, aber sehr heißer, und er sockt heim und sagt: »Es war wieder mal nüscht!« So geht ein Tag hin und noch einer; der Jäger handelt nach dem bewährten Reimrezepte, das aber mehr ein Leimrezept ist, sitzt abends an, sitzt morgens an und verschläft die schönen Tagesstunden, sogar auch an dem Tage, da es Ritzeratz und Kladderabums am Himmel macht und Wald und Heide in die Waschbütte kommen. Würde er nun machen, daß er hinauskäme, und, sobald es nicht mehr so gießt, die Stangenörter abpirschen, und einen Blick auf die Besamungen und Lichtschläge werfen und sich an den Kreuzgestellen ein Weilchen aufhalten, dann hätte er vielleicht Glück und erwischte einen von den Vieren. Aber er hält sich an die Regel und die lautet, daß man dem Feisthirsche nur in der Frühe und in der Späte aufpassen soll, und so bleibt der Hirsch ungeschossen und der Fleck an der Wand leer. Denn die erste Regel für den Mann, der einen Feisthirsch erlegen will, die lautet: es gibt keine Regel für die Jagd auf den Hirsch in der Feiste. Ein Mastjahr Die Waldfrau hat das Land gesegnet; Eiche und Buch tragen reiche Mast, der Haselstrauch biegt sich unter seiner Last und die Beerenbüsche sind über und über bunt. Man mag im Walde gar nicht fest auftreten; es tut einem beinahe wehe, daß man bei jedem Schritt zehn Bucheckern und fünf Eicheln zertritt. Und doch hört man den krachenden, knirschenden Ton gern, mit dem die reifen, nahrhaften Früchte unter den Sohlen zerbersten. Wie sie blitzen und funkeln in der hellen Sonne, die glatten, braunen, blanken, dreieckigen, niedlichen Buchnüsse, die ihre haarigen, struppigen Hüllen verließen und zwischen dem kupferrot leuchtenden Fallaub herumliegen. Und wie hell glänzen dazwischen die grünen und gelben Eicheln. Ist das ein Leben heute hier vorne im Walde. Es wimmelt von Kindern; und alle suchen Bucheckern. Es gibt doch nichts Schöneres für ein Kind, als der freien Natur irgend etwas abzugewinnen, Waldbeeren, Pike oder die fetten, süßen Buchnüsse. Ob arm, ob reich, sie rutschen alle im Laube umher, die kleinen Leutchen, und sammeln und suchen und lachen und quieken. Und der Förster schmunzelt. Dieser Herbst, das ist ein Herbst nach seinem Sinne. Schon vor Monaten hat er den Boden in den Altholzbeständen verwunden lassen, damit die Waldfrüchte leichter keimen können und nicht zwischen Laub und Moos verschimmeln und vermodern, ehe der Keim Wurzel fassen kann. Im nächsten Frühling wird der ganze Waldboden von hellgrünen, fetten Keimblättern nur so schimmern, und fünf Jahre später werden dichte Buchenjugenden ihn verhüllen. Aber der Förster hat zwei Herzen, eins für seinen Wald und eins für sein Wild, und das letztere freut sich erst recht. Im nächsten Jahre werden die Hirsche schwere Geweihe tragen und die Böcke werden gut aufsetzen, alle Ricken werden zwei und viele drei Kitze führen, die Sauen werden nicht soviel Flurschaden machen und der Wildhändler wird bessere Preise zahlen, denn alles Schalenwild wird um ein Viertel schwerer wiegen als in den letzten Jahren. Die schönste Waldäsung und der beste Klee, sie setzen doch nicht so gut an wie Buchecker und Eichel. Klee vergeht, Buchecker besteht. Wenn die Felder ganz kahl sind, wenn im Holze die Äsung immer seltener wird, in einem Mastjahre leidet das Wild keine Not; unter dem Laube liegen zu Tausenden und Abertausenden die Bucheckern und Eicheln, und platzend und schlagend zieht das Rehzeug und das Rotwild dann hin und her und äst sich an den nahrhaften Früchten satt, die ihnen besser bekommen als Kleeheu, Kartoffeln, Rübenschnitzel, Viehbohnen und Mais. Zwar die Mäuse, denen wird es auch gut gehen, zu gut. Mastjahr, Mausjahr, das ist eine alte Regel. Die Waldmaus, die ist noch zu ertragen, denn in der grünen Zeit frißt sie zumeist Raupen und Käfer. Aber die Rötelmaus und Feldmaus, das sind böse Gäste; im nächsten Herbst wird es von dem Unzeuge wimmeln und viel Jungholz wird geschält werden. Darum Hahn in Ruh, wenn ein Fuchs anläuft, keine Eisen gestellt und keine Knüppelfalle gebaut für den Marder! Fuchs und Marder müssen über Winter dem Grünode helfen, daß die Mäuse dünner werden, und Bussard und Krähe, Sperber und Eule auch und Meister Grimbart, der Dachs, erst recht. Der hat es jetzt auch gut; er wird sich eine zweizeilige Schmerschicht anmästen an den Bucheckern und im Frühling dafür gründlich zwischen der Mäusebrut aufräumen. Mag er auch einmal einen Junghasen reißen oder ein Fasanengelege verderben, er tut doch allerlei Nutzen. Die Fasanen haben es aber auch gut. Hier mitten im Hochwalde, wo sie sonst kaum liegen, sind sie jetzt anzutreffen. Da unten funkelt und schimmert ein alter Ringfasenenhahn im Sonnenlichte, dort auf dem Gestelle sind drei Hennen zu sehen; sie alle suchen Bucheckern im Fallaube. Der Pächter der Feldjacht sucht sich matt und müde; er trifft keine Fasanen an; alle liegen sie im Holze. Ein gesegneter Herbst ist es; ein wohltätiger Herbst für Wald und Wild. Alles was da lebt und webt wird es gut haben; die Eichkatzen werden fett wie die Schnecken werden und jeder Häher wird sich ein Bäuchlein anmästen; die Buchfinken bleiben im Lande, und die Ringeltauben denken noch lange nicht daran, zum Süden zu reisen. Dieses Jahr fressen sie den Bauern den Futterkohl nicht ab aus Mangel an Waldmast. Und welche Masse von Bergfinken bald den Wald beleben wird. Im vorigen Winter war es stille; die bunten Vögel zogen eilig durch. Dieses Jahr werden sie verweilen, und der Wald wird dann nicht so langweilig sein. Wie die Häher kreischen und quarren; sie loben den Herbst auf ihre Art. Und wie vertraut die Rehe umherziehen und ganz gemächlich Buchnuß auf Buchnuß aufnehmen und zermahlen. Reiche Äsung macht kirre, das ist alte Waldweisheit. Jammervoll sah es im letzten Winter aus. Da zog das Rehwild halbverhungert scheu hin und her, und manches Stück, das sich an der harten Schneekruste wund getreten hatte und an den Läufen klagte, rissen die Füchse und die Sauen, und auch manches Stück Rotwild kam um. Im nächsten Winter wird es nicht so viele Abgänge geben, und wenn er auch noch so hart wird. Mast wärmt, das steht fest. Gräßlich, so ein harter, mastloser Winter, wenn Buchen und Eichen nicht getragen haben, die Schlehenbüsche kahl sind und noch nicht einmal die Eberesche ein paar Beeren trägt, wie im letzten Jahre. Der reißt Löcher in die Forstkasse und Lücken in den Wildstand, denn die Beschickung der Fütterungen kostet Geld, und alles Anfuttern hilft doch nicht so, als wenn die Natur selber den Tisch deckt und reichlich Eicheln und Buchnüsse, Schlehen, Mehlbeeren und Vogelbeeren schüttet. Schrecklich, solche Forsten, in denen es nichts gibt als Kiefern und Fichten und Fichten und Kiefern, wie oben im Gebirge oder da in den sandigen Marken. Wenn dann der Winter arg wird, kann der Förster und Jagdinhaber hinter seinem Wilde herpfeifen. Die Sauen verschwinden, das Rotwild wechselt aus, selbst das Rehwild verläßt seine Stände und auch die Fasanen verstreichen und kehren nicht zurück. Und das, was standhält, verbeißt die jungen Pflanzungen, daß sie wie geschoren aussehen und schält, daß es zum Erbarmen ist, und leidet doch Not, denn Heide, dürres Gras und Kiefernrinde füllt nur den Pansen, hält aber nicht vor. Der geschlossene Nadelwald, praktisch mag er sein, vielleicht, aber doch nur auf dem Papiere. Er ist leichter zu bewirtschaften, bequemer in Bargeld umzusetzen; aber wie er der Wildbahn schadet, wie sehr er den Boden aushagert, wie durch ihn Raupengefahr und Borkenkäferfraß künstlich herangehegt werden, das wird nicht bedacht. Und wie langweilig ist er zudem noch! Darum, wo es eben geht, über der Kiefer und der Fichte die Eiche und die Buche nicht vergessen. Wo eine mergelige Stelle ist, wo der Boden tieferen Grund hat, sollen Eichen und Buchen zwischen Kiefern und Fichten stehen, und es soll auch Platz bleiben in jedem Walde für Pappel und Birke, Erle und Espe, Eberesche und Dornbusch. Sie machen sich alle bezahlt, durch ihr Holz an den Mollenhauer und Pantoffelmacher, durch ihren Stockausschlag, durch Beeren und Fallaub. Der Boden will auch einmal andere Nahung, als immer und immer nur Nadelstreu und Nadelstreu, auf der nichts wächst als Heide und Heidelbeere, und unter denen sich der böse Bleisand bildet, der die Wurzeln nicht durchläßt und nur hungrige Schattengräser aufkommen läßt, die keiner Wildart Äsung bieten. Auch die Pilze, die Ernährer des Waldes, die seinen Wurzeln die Nahrung übermitteln, gedeihen besser da, wo Fallaub und Nadelstreu sich mischen. Kurzsichtige Waldpolitik ist darum die reine, ausschließliche Nadelholzwirtschaft. Wir kommen davon ja auch immer mehr wieder ab. Wir sind nicht mehr so arm wie vor hundert Jahren, wo es hieß, raschwüchsige Holzarten zu züchten, die schnell Bargeld brachten. Wir können langsamer wirtschaften, dürfen den Enkeln und Urenkeln das Ernten überlassen. So kommen mehr und mehr Eiche und Buche wieder an die Reihe, verliert nach und nach der deutsche Wald sein trauriges Aussehen, wird wieder, wo es eben geht, vom armen, langweiligen Nadelforste zum reichen, bunten Walde, den Menschen zur Freude und dem Wilde zu Wohle. Man denkt so allerlei, geht man jetzt durch den Wald und hört die Obermast unter den Fußsohlen zerkrachen, denkt daran, wie es ist und war, und wie es sein sollte im deutlichen Walde. Geld muß er tragen, gewiß, viel Geld sogar, aber auch Gewinn für die Augen und wirkliche, wahre Weidmannsluft, die nicht von Winterfütterung und Kunsthege abhängig ist, sondern sich auf die Natur verlassen kann und ihre Gaben, die sie reichlich bietet, wenn der Mensch ihr etwas den Willen läßt und sie nicht allzusehr unter Vormundschaft stellt. Das lehrt uns dieses Mastjahr. Holztreiben Alles Weidwerks Krone ist die Pirsch aus der freien Hand; darum soll aber der heimliche Anstand, die frischfröhliche Suche und die lustige Treibjagd nicht verachtet sein; sie haben alle ihren Reiz und ihren Wert. Jede Gesellschaftsjagd hat ihre Licht- und ihre Schattenseiten; sie kann Jäger erziehen und Schießer machen, Weidmänner bilden und Aasjäger züchten, edeln Ehrgeiz wecken und gemeine Rekordsucht hervorrufen. Ein einziger tüchtiger Mann, der sich nicht scheut, selbst als Jagdgast mit seiner Meinung nicht hinter dem Busche zu bleiben, kann an einem einzigen Jagdtage ein Dutzend Schießer auf bessere Wege bringen. Es ist ein Dutzend Jahre her, da war das Rickenabknallen in vielen Pachtjagden allherbstlich im Schwange. Bei jedem Holztreiben wurde jedes Stück Rehwild, das sich nicht offenbar als Kitz aufwies, mit Schrot bespritzt. Hunderte und Aberhunderte von Rehen wurden angeflickt oder zu Schaden geschossen, kümmerten von da ab oder verluderten in der Dickung. Der Unfug griff, besonders in Nordwestdeutschland, dem Land der Pachtjagden, so um sich, daß es nicht mehr zum Ansehen war. Da fanden sich hier und da einzelne Jäger, die beim Stelldichein offen erklärten: »Auf Rehzeug schießen wir nicht.« Erst wurden sie ausgelacht, aber als sie Hahn in Ruh' ließen, wenn ein Stück Rehwild sie anlief, als sie darauf bestanden, daß jedes beschossene Stück nachgesucht werden müsse, als sie in der Jagd- und Tagespresse dafür sorgten, daß besonders abscheulich ausgefallene Treibjagden als Schlachtfeste unter voller Benennung der Reviere und der Pächter gebrandmarkt wurden, da zeigte es sich, was gute Beispiele helfen können. Es wurde mit einem Schlage anders. Selbst die hungrigsten Jagdschinder protzten nicht mehr mit großen Rickenstrecken; heimlich trieben sie ihr übeles Handwerk, aber von Jahr zu Jahr fanden sie weniger und weniger anständige und gute Schützen dafür, und da es ihnen peinlich war, wenn man sie mied oder wenn sie in der Presse mit offenem Hohn begossen wurden, so gewöhnten sie sich allmählich das Ausschinden der Jagden ab und ganz ohne ihren Willen weidmännischere Gesinnung an, und heute verabscheut so mancher Mann, der vor einem Jahrzehnt ein in der Wolle gefärbter Schießer und Schinder war, den Abschuß von Rehwild und Treibjagden vollkommen. Immer öfter findet sich auf den Einladungen zu Holztreibjagden die Bemerkung: »Rehwild wird geschont.« Das ist ein sehr erfreuliches Zeichen, denn der Abschuß von Rehen auf Treibjagden ist, ausgenommen in den Fällen, wo es sich um ausgesprochene Feldrehe handelt, die anders kaum zu erbeuten sind, eine Schinderei schlimmster Art, denn selbst bei lauter guten und sicheren Schützen bleibt es nicht aus, daß so manches Stück scheinbar gefehlt wird, aber dennoch ein Hagelkorn abbekam und entweder, ohne Schweiß zu verlieren und eine Nachsuche zu ermöglichen, in der Dickung zusammenbricht und verloren geht, oder monatelang kümmert und schließlich dahinsiecht. Die Hauptgefahr aller Gesellschaftsjagden liegt in der Rekordschießerei. und Kesseltreiben auf Hasen, für Standtreiben auf Fasanen, für Streifen auf Hühner und Treibjagden auf Moorschneehühner kann man das gelten lassen, denn bei ihnen liegt der Hauptreiz lediglich im Vielschießen. Bei Holztreibjagden soll der Reiz nicht darin liegen; eine Holztreibjagd soll still und heimlich sein; sie soll eine fröhliche Geselligkeit vor und nach der Jagd bieten, aber daneben jenen eigenen Zauber, den das Alleinsein mit der Waffe dem wahren Jäger bringt. Sie ist etwas anderes, etwas viel Vornehmeres als das Kesseltreiben auf dem Hartschnee, wenn die Treiberschar klappernd über das Feld rückt und es rundherum kracht wie bei einer Manöverschlacht. »Stille, Stille, kein Geräusch gemacht!« sei ihr Leitwort. Leise den Stand einnehmen, lautlos verharren, auf jedes Geräusch im Fallaube achten, jede Bewegung zwischen den Büschen wahrnehmen, vorsichtig das Gewehr an die Backe ziehen, wenn der Fuchs heranschnürt, blitzschnell anbacken und Dampf machen, wenn das Kaninchen über die Schneise flitzt, eilig mitfahren und vorhalten, streicht der Fasan oder die Schnepfe über die Bahn, und lächelnd dem guten, noch beide Stangen tragenden Bocke nachsehen, der dicht bei dem Schützen vorbeizieht. So soll eine Holzjagd sein. Ein frischer, heller Morgen, bereifter, leicht gefrorener Boden, stille Luft und hoher Himmel, ein Dutzend guter Schützen, das ist das Wahre. Zeisigschwärme brausen zwitschernd dahin, Goldfinken flöten in der Dickung, Meisen pfeifen in den Kronen, über den Wipfeln locken die Kreuzschnäbel, und vom Felde her tönt das Quarren der Krähen. Es raschelt im Laube. Eine Waldmaus, die über das Fallaub springt, ist es nur. Aber jetzt meldet der Häher. Und dann bricht es in der Dickung. Vorsichtig, vorsichtig, es kann der Fuchs sein! Aber es wird wieder still. Doch jetzt, endlich, zetert die Amsel. Also ist da doch Wild! Trapp, trapp, trapp geht es und wieder ist es still. Dann bewegt sich etwas langes, rotes zwischen den Stämmen. Auf der anderen Seite knallt es. Der Fuchs, der in guter Deckung lange gesichert hat, schnürt weiter. Jetzt gibt er den Kopf frei. Den rechten Vorderlauf gehoben, äugt er zurück. So steht er gut. Es knallt, und im Feuer macht er dem Schützen seinen ergebensten Diener. Ein Klopfen ertönt tief im Holze, wieder rauscht es im Dürrlaub. Hopp, hopp, hopp; das ist der Has. Sorglos hoppelt er näher und steht im Schusse auf dem Kopfe. Rechts ein Schuß, noch einer, links ein Doppelschuß, dann eine Ricke mit Kitz, die leise bis an den Rand des Stangenortes ziehen und dann, da der Wind ihnen Menschenwitterung zubringt, zurücktreten. Und wieder Stille; nur die Häher schimpfen mordsmäßig. Achtung, es bricht wieder. Aber es ist ein Reh. Also Hahn in Ruh! Langsam zieht der Bock an dem Schützen vorbei, verhofft, windet und überfällt mit jäher Flucht das Gestell. Noch ein Hase, aber er geht zurück, eh er in Schußnähe ist. Und dann ein Zuruf aus der Dickung: »Zieht hoch! Fasan!« Das Gewehr fliegt empor, der Schütze hat die Augen über sich, terr, terr, braust der blanke Hahn dahin, domm, vorbei, domm, das faßte; prasselnd bricht der bunte Vogel durch das bunte Geäst, und dumpf schlägt er in das bunte Laub. Zur Rechten flötet es leise. Ein Treiber taucht auf. Das erste Treiben ist beendet. Die Folge geht nach der alten Zwillingsbuche, wo Strecke gemacht und gefrühstückt wird. Man könnte jetzt getrost laut sein, ist es aber nicht; das hat Zeit, bis man am Nachmittage im Kruge ist, denn welcher anständige Mann prahlt im Walde, wie der Häher? Schmunzelnd besieht man die Strecke. »Wenig, aber von Herzen!« meint der Jagdgeber. Ein Fuchs, sechs Hasen, zwei Fasanen und ein Sperber. »Und das noch!« schmunzelt ein Weißbart, langt unter die Joppe und legt einen Edelmarder hin, vor den Fuchs natürlich, denn an den Kopf der Strecke gehört das seltenste Stück. »Und noch etwas!« grinst ein junger Dachs und legt eine Schnepfe vor den Marder. Da lachen alle lustig, selbst die drei Schützen, die nicht zu Schusse kamen. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, denn einer von ihnen macht im zweiten Treiben vor den Treibern einen Doppler auf Hase und Fasan, Kunstschuß erster Güte, der zweite legt einen alten Dachs um, und der dritte bringt Fuchs Nummer zwei zur Strecke. Es werden noch einige Hasen geschossen, vier Fasanenhähne kommen dazu. Summa Summarum: Ein Marder, ein Dachs, zwei Füchse, zwölf Hasen, sechs Fasanen, eine Schnepfe, ein Sperber, also vierundzwanzig Kreaturen mit sechsundzwanzig Schüssen. Nur zwei Fehlschüsse und keine Nachsuche; das ist eine Holzjagd, die die Note eins verdient. »Ich danke Ihnen, meine Herren,« sagt der Jagdherr; »so muß es immer sein!« Auch in der Nachbarjagd ist Buschtreiben; es ballert dort in einem fort. Vierundzwanzig Schützen, sechs Treiber. Gesamtstrecke: drei Ricken, achtzehn Hasen, zwei Fasanen, darunter eine Henne, ein Mäusebussard, eine Eichkatze, ein Grünspecht und ein Treiber, der ein Korn in die Wade bekommen hat, das mit einer Doppelkrone gepflastert werden mußte. Die Fehlschüsse gehen auf keine Kuhhaut. Der Fuchs ist dreimal vorbeigekeilt; zwei Fasanenhähne und eine Schnepfe sind gefehlt. Zwei Schützen haben sich auf ewig verfeindet; der Jagdherr schnauzt, weil nicht genug geschossen ist. Er hat Unrecht; der Fuchs weiß besser Bescheid. Ein Bock ist in der Dickung zusammengebrochen. »Er hat nichts abgekriegt,« meinte der Schütze. Auch ein Kitz ist zuschanden geschossen; ein Schrot zerschmetterte ihm den Vorderlauf. Drei Hasen sind kaput, wurden aber nicht gefunden, desgleichen ein Fasanenhahn, der geflügelt wurde. Reineke ist sehr zufrieden; er kann vierzehn Tage fett leben. »Ich danke Ihnen, meine Herren,« denkt er; »so muß es immer sein nach einem Holztreiben.« In Reih und Glied Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden; der eine trinkt gern echten Kognak und Sekt, der andere einen Kümmel und eine große Weiße. Das ist ein wahrer Segen, besonders in jagdlicher Hinsicht. Wenn alle Jäger Pirschjäger wären, so wären Rehböcke und Hirsche längst Fabelwesen, wie das Einhorn und die Seeschlange. Darum ist es besonders lobenswert, daß es Männer gibt, die sich aus dem heimlichstillen Weidwerk im einsamen Walde durchaus nichts machen und denen die Jagd erst dann ein Vergnügen ist, tritt der Mensch bei ihr rudelweise auf, um den Hasen zu erlegen. Der eine mag's, der andere nicht; beide soll man nicht schelten. Hat die Gesellschaftsjagd auch nicht den Wert für die Gesunderhaltung der Rasse, wie die Einzeljagd, bei der der Mann auf sich selbst gestellt ist, ihre großen Reize hat sie dennoch und einen bedeutenden wirtschaftlichen Wert, denn eine gutbesetzte Feldjagd steht heute hoch im Preise und liefert viel Ware auf dem Markt, und außerdem: jeder Jäger jagt dort vor den Augen der Öffentlichkeit, sein Können findet dort den verdienten Lohn und sein Nichtkönnen nicht minder. Das Treffenkönnen ist allein schon etwas wert, denn ein Mann, der es versteht, den Hasen im Feuer Rad schlagen zu lassen, liefert damit den Beweis, daß seine Nerven mit dem Willen in Einklang sind, er wird, schon um Jagdkönig zu werden, ein vorsichtiges Leben nach mancher Richtung führen, nicht zu oft und nicht zu lange den Becher schwingen und sich auch sonst Maß auflegen in allem, was in die Knochen zieht, denn es ist ein peinliches Gefühl für den Mann, der ein Jahrzehnt unbestrittener Jagdkönig bei allen Hasenschlachten war, mit einem Male auf der untersten Bank sitzen zu kommen. Dann herrscht bei der Gesellschaftsjagd noch der gute alte Brauch, daß der Mensch nicht nach Rang, Stand, Titel und Vermögen eingeschätzt wird, sondern lediglich danach, ob er seine Sache gut oder schlecht macht. Was Ahnen, was Mammon? Heute geht es nur danach, wer am schnellsten darauf ist, und am besten abkommt. Der wird am höchsten geehrt, kommt obenan zu sitzen, und wird am meisten angeprostet, der die meisten Treffer und die wenigsten Fehlschüsse aufzuweisen hat, und ist er sonst auch eine Null in geistiger und sonstiger Hinsicht, während des Schüsseltreibens und einige Tage hinterher ist er eine Respektsperson und ein großes Tier. Es gibt ja Männer, die weiter nichts können, als Schießen; im allgemeinen aber ist der gute Schütze auch im Leben ein tüchtiger Kerl und ein braver auch sehr oft, denn Können ist ein Zeichen von Kraft und aus Kraft entspringt sehr oft Güte. Noch eins ist, das den Gesellschaftsjagden einen hohen Reiz gibt, der harmlose Humor, der bei ihnen zutage tritt. Das Leben hat so seine Mücken und wer sich lachend darüber hinwegsetzen kann, hält es am besten aus. Und wo wird froher und freier gelacht, als bei und nach der Treibjagd, wenn Meier Müllern seine heutigen und Müller Meiern seine geringen Pudel vorwirft, weil Müllern die Hasen vorn zu schnell und hinten zu kurz waren und Meier wieder einmal aus Versehen krummes Pulver und Butterschrote geladen hatte? Und diese allbekannten, oft belachten und doch immer wieder ziehenden Jagdscherze, wie z.B., wenn es gelang, einem, der seine Fehlschüsse immer damit entschuldigt; »Aber Wolle ist geflogen!« Patronen in die Tasche zu mogeln, die mit Gänsedaunen geladen sind, und er hält hin und es kracht, und die weiße Wolle fliegt, und der Hase läuft wie verrückt und hinterher zeigt es sich, daß er Gänsefedern gelassen hat. Da ist der Mann, der furchtbar darüber schimpft, daß er keinen Anlauf hat, und alles grinst, aber keiner sagt es ihm, daß er sich mit seinem hochmodischen langen Mantel, Deutsches Reichs-Patent Nummer Soundso, alle Krummen selber wegwinkt, und da ist der Herr, der jedesmal, wenn ein Hase auf ihn losrennt, schon so früh anbackt, daß der Löffelmann sofort einen Haken schlägt und einem anderen Schützen kommt, der das Talent etwas länger halten kann. Aber dort die beiden Athleten mit den Browninggewehren! Nicht umsonst machte der Jagdherr sie zu Nachbarn, denn es sind die besten Schützen und jagdliche Todfeinde bis aufs Messer, und nun gönnt der eine dem andern nichts, sie knallen schon auf hundert Gänge in den Kessel hinein und der eine schießt dem anderen den Hasen vor den Stiefelspitzen tot und ringsumher freuen sich die andern Schützen über die Maßen; ist das nicht ein Anblick für Götter? Und dann nachher das Gezanke darum, wem nun eigentlich der Hase da gehört, diese hagebüchenen Redensarten, die haßerfüllten Augen, die puterroten Köpfe, und beim Schüsseltreiben sind sie wieder die dicksten Freunde, wie sie es seit fünfundzwanzig Jahren sind. Aber deswegen schreit der eine doch, wenn der andere nach endlos langem Jagdgericht die Königswürde zugesprochen bekommt: »Gemeinerei! Ich haben sieben mehr, aber er hat alles mitgezählt, was bei ihm umfällt!« Der andere aber grinst und kommt ihm einen Trosthalben. Auch das Strafgeldeinziehen macht ebensoviel Spaß, wie die ganze Jagd. Da sperrt sich der Millionär ebenso sehr wie der Mann mit dem schmalen Gehalt, nicht von wegen der einen Mark mehr oder weniger, sondern weil man doch kein vorbestraftes Individuum sein will. Schade, daß die alte schöne Sitte, auf Strafen mit der kalten Waffe zu erkennen, so ganz abgekommen ist! Strafgelder sind ja ganz schön, besonders wenn sie in die Kasse des Vereins Waldheil fließen und den hinterbliebenen im Dienst verunglückter Forst- und Jagdbeamten zugute kommen; aber es hatte doch einen mächtig erzieherischen Wert, wenn irgendein Sünder über die Strecke gebogen wurde und es hieß dann bei sichtiger Schurhand: »Das ist für unsern genädigsten König und Herrn, und das für die Ritter und Edelknecht, und so ist das edele Jägerrecht!« und das Sitzfleisch des Verbrechers erbebte unter den Schlägen des Weidblattes. Und noch eins ist Schade, daß das Jagdhorn fast ganz verschwunden ist. Da wird gepfiffen und gebrüllt und gehupt, aber an- und abblasen, das kann kaum einer mehr und beim Schüsseltreiben vertritt womöglich das Klavicymbalum das Jagdhorn, wenn nicht gar das Grammophon laut und anhaltend beteuert, daß es den Hirsch im wilden Forst und so weiter schieße. Ganz anders macht sich ein Treiben, wenn Hornruf es eröffnet und Hornklang es schließt, und wer anderer Ansicht ist, der wird nie hinter den wahren Sinn der Jagd kommen, die ein Spiel, aber ein edel und gerecht Spiel mit harten Gesetzen und strengen Regeln sein muß, soll sie nicht zum sinnlosen Morden werden. Darum kann nicht streng genug darauf geachtet werden, daß die Jagdregeln bis zum letzten Tüpfel beachtet werden. Wer nach dem Signal »Treiber vor!« noch in den Kessel knallt, wer vor jedem Triebe ladet und nach jedem Triebe nicht sofort entladet, wer durch die Schützenkette durchzieht, wer die Waffe wider die Regel trägt, und selbst wer sich kleine Verstöße zuschulden kommen läßt, die Strecke übertritt oder dem Hasen nachsagt, daß er einen Schwanz habe, der soll es büßen mit schmerzhaften Pfunden auf den Keulen oder mit einem bitteren Gefühl in der Portemonnaiegegend. Wer sich kleine Verstöße gegen die Jagdregeln erlaubt, dem sind auch schwere zuzutrauen. Irgendwelche Nachsicht ist darum nicht am Platze. Möge der Mann, der allein jagt, das so machen, wie er es vor sich selber verantworten kann; anders aber ist es bei der Gesellschaftsjagd, bei der eine Unvorsichtigkeit ein schweres Unglück herbeiführen kann. Nicht umsonst sind die militärischen Strafen gegen Verstöße und Vergehen, begangen in Reih und Glied, besonders hart; wer öffentlich sündigt, den soll auch eine Strafe treffen, die man weithin sieht. Und so sei es auch auf der Treibjagd, denn da ist man auch in Reih und Glied. Die Betze rennt Dem een' sin Ul, is dem annern sin Achternagel«, sagt die Uralte Bauernweisheit. Die Zeit der schweren Not ist gekommen für alles Friedwild; Schnee und Eis verhüllen das Land, überdecken die Gewässer, erschweren das Zuwechseln und decken die ohnehin schon spärliche Äsung zu. Am besten geht es noch den Waldhühnern, die sich an Fichtennadeln, Birkenkätzchen und Knospen äsen können; schlimmer geht es schon dem Feldhuhn und noch ärger den Fasanen, und auch die Enten müssen oft weit streichen, ehe sie ein offenes Gewässer antreffen. Noch übler ist das Haarwild daran. Hase und Reh können nicht an die Saat; der eine verdirbt sich am steifgefrorenen Futterkohl, das andere tritt sich beim Plätzen die Läufe wund. Auch der Hirsch leidet in rauhen Lagen und wo er nicht angefüttert wird, Mangel und muß schälen, solange Hartschnee Heidkraut und Beerensträucher zudeckt. Das Haarraubzeug hat es um so besser; sein Tisch ist jeden Tag gut beschickt. Der Hartschnee ist sein bester Freund. Bei jedem Tritt bricht das Reh durch, und es dauert nicht lange, und es klagt an den Läufen. Dann aber ist es reif für den Fuchs. Er hat es nicht mehr nötig, das Kitz zu beschleichen; er jagt es mit Gewalt und hetzt es bald zu Stande, denn bei jeder Flucht, die es macht, zerschneidet ihm die Schneekruste die Läufe noch mehr, und schließlich kann es nicht mehr weiter. Oben in den Bergen, wo der Schnee so hoch liegt, daß die Fichten kaum die Wipfel herausstecken, geht es dem Rotwild nicht besser. Zwei, drei, vier Eisschichten, hart wie Stein und scharf wie Glas, ziehen sich durch den Schnee. Was hilft dem starken Hirsch seine Kraft, was nützt ihm sein braves Geweih. Abgekommen infolge der ungenügenden Äsung tritt er sich mühsam ein Lager im Windschatten. Da raschelt es leise; ein alter Fuchsräkel steht vor dem Zehnender. Der äugt ihn gleichgültig an, denn das winzige Tier, was kann es ihm tun. Aber da raschelt es wieder, und eine alte Betze schleicht heran, und nun geht die Quälerei los. Der eine Fuchs zwickt den Hirsch in die Keule, der andere springt ihm nach dem Vorschlage, und da wird es dem Hochgeweihten zu dumm, er flüchtet, aber er flüchtet in den Tod. Bei jeder Flucht tritt er durch, einen Lauf nach dem anderen reißt er sich zu Schaden, und doch muß er weiter, denn vier Füchse jagen jetzt an ihm; mit hellem Halse jagen sie ihn, und ehe die Nacht auf der Mitte ist, ziehen sie ihn nieder. Gut, sehr gut geht es dem Fuchs um diese Zeit. So manches Huhn, dem das Gefieder vereiste, reiß er, manchen Fasan, der vor Sturmgeheul den Rotrock nicht vernahm, greift er, und im wilden Schneetreiben gelingt es ihm oft genug, die wilde Ente in der Uferbucht zu übertölpeln. Zudem sind noch Mäuse da, auf jeder Miste liegen die Reste von den Hausschlachtungen, so mancher Hase hat den Tod im Leibe, weil er sich am Kohl verdarb, also hat der Fuchs nichts auszustehen. Sein Balg ist blank und sitzt ihm strammer als je und ist dick mit Ungel ausgepolstert. Auf der Höhe seiner Kraft ist er; der Haber sticht ihn. Wenn es friert, daß die Rinde reißt und das Holz kracht, wenn am hellen Himmel alle Sterne blitzen, dann hallt es von der steilen Bergwand: »Waff, waff, waff,« und aus den Klippen kommt die Antwort: »Wäff, wäff, wäff«. Das ist die Betze, die dem Räkel antwortet. Sie ist heiß und beginnt zu rennen. Ihre Spur hat dreimal so viel Witterung denn vordem, und lange dauert es nicht, und ein Räkel ist hinter ihr her, und bald darauf noch einer, und womöglich noch ein dritter, und gellend klingt durch mondhelle Winternacht das schneidende Gekecker der drei Rüden, die sich um die Tiffe balgen. Jetzt ist es Zeit für dich, du Jägersmann, den Drilling vom Hirschhornhaken zu langen, die Patronen mit Nummer drei in den Rucksack zu stecken und zu Holze zu ziehen, warm, aber nicht zu schwer angezogen, und mit einer handfesten Erbsensuppe unter der Wollweste. Als tote Zeit gilt den meisten Jägern die jetzige; du weißt es besser. Erstens gibt es für den Heger überhaupt keine toten Wochen, denn er hat immer etwas draußen zu tun, und sei es auch nur, um etwelchem zweibeinigen Raubzeug zu beweisen, daß es besser bei Muttern bleibt. Aber lohnt es sich nicht, im Holze den Edelmarder auszugehen oder an der Scheune sich auf die ranzenden Hausmarder anzustellen, die Knüppelfallen und Würgekästen fängisch zu stellen, am Bache nachzusehen, ob nicht ein Erpel zu erwischen ist, oder einen überzähligen Fasanenhahn mit dem Hunde zu suchen, und schließlich, was gibt es wohl Schöneres, als bei klirrendem Froste, die Füße im Raffsack, in den warmen alten Mantel gehüllt und die Pferdedecke über den Knien, an einem guten Passe auf den Fuchs zu warten? Dann sind noch die Baue da, und die füchseln jetzt streng, den Teckel hinein, den schneidigen, oder den giftigen Fox, und dann gewartet, bis es poltert und Er mit Ihr springt, Reinke Rotvoß nebst Gatting, um im Feuer dem Schützen ihre Diener zu machen. Wahrhaftig, wer da noch von toter Zeit redet, dem ist das Weidwerk ein Buch mit sieben Siegeln. Hohe Weidmannslust bietet das alles, aber noch höhere ein heimlicher Pirschgang bei rieselndem Schnee im stillen Walde, vorzüglich, hat man das weiße Zeug an und ist der Schnee weich, so daß man unsichtbar und lautlos dahinschleicht. Es ist nicht nötig, daß man sich die halbe Nacht um die Ohren schlägt, oder vor der Sonne aus dem Bette kriecht, denn die Betze ist heiß, die Betze rennt, die rennt den ganzen Tag. Zu jeder Stunde kannst du sie antreffen, lieber Jägersmann, sie und ihre verliebte Gefolgschaft. Jetzt, am hellen Vormittage, wo die Sonne über das ganze Gesicht lacht, ist es prachtvolle Zeit, still dahinzuschleichen, die Pfeife im Munde. Die Luft ist warm, kein Lüftchen rührt sich, die Meisen piepen und die Dompfaffen locken und unten im Vorholze schimpfen die Markolse. Fällt dir das nicht auf? Denkst du nicht darüber nach, daß die Prahlhänse einen Grund haben müssen, solchen Lärm zu schlagen? Und warum zetert jetzt der Zaunkönig so entrüstet in dem Himbeergestrüpp, und weshalb warnt der Buntspecht auf einmal? Sperr die Augen auf und pirsche dich vorsichtig, aber sehr vorsichtig bergab; der Schnee ist weich, und du hast das weiße Zeug an, darfst es also getrost wagen. Siehst du, nun reißt du die Augen auf, denn da unten ist ein Fuchs auf der Maussuche! Mach dich fertig und mäusele, aber nur einmal und nicht zu laut! Das muß man sagen, er hat Folge, der Fuchs; er kommt auf den Pfiff. Aber lasse ihn noch zehn Gänge näher heran und warte, bis er sich bereit stellt! So, jetzt ist es Zeit! Nicht wahr, das macht doch mehr Spaß, als in der Stadt zu stecken, Bitterbier zu trinken und Skat zu dreschen? Und deine liebe Frau wird sich über den Balg sehr freuen, denn es ist etwas ganz feines, ein Silberfuchs, wie er im Buche steht. Nun wird erst einmal gründlich gefrühstückt, und dann der Fuchs gestreift und der Kern für die Meisen hingehängt. So und nun? Auf einem Beine kann man nicht stehen; vielleicht daß dir noch einer kommt. Es fängt an zu schneien, erst dünn und wenig, und dann dick und viel. Das ist gerade das Richtige, denn nichts hat der Fuchs lieber, als so ein weiches, warmes Schneegeriesel, weil er dann lautlos pirschen kann und der Hase ihn aushält. Der breite Steg im hellen Stangenorte ist zu verlockend. Rundherum sind wilde Klippen und mehr als ein alter Bau ist unter ihnen; da hast du Hoffnung auf Anblick. Und außerdem, wie sagt doch der Dichter: »Und folgst du nicht willig, so brauch ich Gewalt!« Du kannst doch noch den Vogelangstruf zwischen Unterlippe und Vorderzähnen schrillen lassen, und der geht dem Fuchs lieblich ein, und hilft das noch nichts, dann mußt du mit der gröberen Nummer heraus, mußt den Hasen klagen oder das Kitzangstgeschrei erschallen lassen. Hier zum Beispiel wäre ein guter Fleck dafür; rechts über dir am Hange in dem wilden Felsgetrümmer, das in Jungfichten verborgen liegt, steckt der Fuchs liebendgern, und links unter dir in der Steilwand ist ein alter Mutterbau. Also losgequäkt! Das genügt; nicht mehr! Und nun ruhig eine halbe Stunde gewartet. Bedenke, die Betze rennt, der Fuchs denkt jetzt noch an etwas anderes, als an warmen Hasenbraten, und so wird er sich vielleicht sehr viel Zeit lassen. Doch hat er das Quäken vernommen, so kommt er dir bestimmt, vorausgesetzt, daß du nicht zu früh den Stand verlässest. Achtung, da bricht etwas, da oben am Hange! Langsam den Kopf gedreht, ganz langsam! Aber es ist nur ein alter Rammler, der da einen Kegel macht und spielohrt, weil er gern wüßte, warum einer aus seiner Sippe so jämmerlich klagt. Langsam hoppelt er bergaus. Aber jetzt zetert der Zaunkönig halblinks, und nun fangen die Meisen an zu schimpfen, und in der Buchenjugend krispelt es leise, wird wieder still, krispelt lauter, Schnee raschelt vom harten Winterlaub, der Zaunkönig zetert gewaltig, die Meisen schimpfen über die Maßen, und jetzt, ist das nicht ein Bild für einen Jagdmaler? Da steht er ja, der Fuchs, auf der verschneiten Steinplatte, den rechten Vorderlauf gehoben, mit den gelben Sehern scharf nach dir hinäugend und sorgfältig Wind nehmen! Nicht schießen, noch nicht! Ehe du angebackt hast, ist er fort. Aber jetzt äugt er nach der anderen Seite und nun ist es an der Zeit. Der liegt; er schlug ein bildschönes Rad! Es ist nur ein jähriger Rüde, aber sein Balg ist nicht schlecht. Zwei Füchse in drei Stunden; das nennt man: genossen gemacht werden! Aller guten Dinge sind aber drei. Nach dem Mittag wollen wir gleich wieder heraus, denn Füchse gibt es hier am rauhen Hange genug, und jetzt sind sie zu kriegen, weil die Betze rennt. Hahn in Ruh! Vier Wochen lang haben sich der Winter und der Frühling geprügelt, jetzt scheint dem Winter die Sache über geworden zu sein. »Ein ander' Mal,« sagt er, und droht mit der Faust, »da kriegst du es aber.« Und damit macht er, daß er um die Ecke kommt. Der Frühling aber, die Hände in den Taschen, lacht hinter ihm drein. Ja ja, jetzt sind wir so weit. Schon darf die Amsel sagen: »Jetzt kann ich es aber!« und der Fink: »Und ich erst recht!« Alles, was vorne einen Schnabel und hinten einen Schwanz hat, singt, pfeift, flötet, trillert und piept nach der Schwierigkeit; sogar die Krähe macht verzweifelte Versuche, sich lyrisch zu benehmen, obgleich das sich beinahe so anhört, als hätte sie zu viel Schlachtfestabfälle gegessen und ihr sei nun elend geworden. Nur den Jäger, den singert es nicht; für ihn ist es mit Spiel und Tanz vorbei. Wenn er das Waldhorn blasen könnte, was er als moderner Jäger natürlich nicht kann, dann würde er sich hinstellen und folgendermaßen wie folgt und also Trübsal blasen: »Jagdjahr tot, Jagd vorbei, ha ha lit!« So aber pfeift er bloß aus dem letzten Loche und läßt den Kopf hängen wie ein Huhn, das den Pips hat, einmal, weil er gestern Jagdsilvester gefeiert hat und infolgedessen das Gefühl hat, als schwämme ihm das Gehirn in Mostrichsauce, und dann überhaupt und so, denn an Wald und an der Heide, da hat er keine Freude mehr, der arme Jägersmann, der arme Jägersmann. »Was hilft mich der Mops, wenn er nicht gerollt ist?« sprach jener Studiosus cerevisiae, und der Jäger denkt: »Was nützt mir die Natur und die umliegenden Bierdörfer, wenn ich nichts darin totschlagen kann?« Denn das ist ihm die Hauptsache bei der Jagd. Eine Träne der Wehmut läuft ihm aus seinen schönen blauen Augen über die etwas verkaterte Backe in den à la Zahnbürste gestutzten Schnurrbart, wenn er die schwarz und grün karierte Hälfte der Hinterfront seines Jagdscheines ansieht und die scheußliche Entdeckung macht, daß im Monat Märzen die Ente tabu ist. »Gemeinerei!« denkt er, »früher war es besser, die Welt wird immer übler.« Ach ja! Früher konnte man im März wohl noch einen Stockerpel herunterholen, und war es zufällig eine Ente, so schadete das auch nichts, denn schließlich ist eine jährige Ente immer noch zarter als ein dreijähriger Erpel und auf die Schönheit allein kommt es auch nicht an. So hat man Jahrzehnte lang gehandelt und unentwegt die Enten in der Reihezeit totgeschossen, ohne zu bedenken, daß sich das mit der Zeit bitter rächen müsse. Die Ente galt eben, solange sie noch nicht brütete, als Zugwild, und man stellte ihr nach, solange der Jagdschein sie freigab, und womöglich noch länger. Die Köchin fand dann nicht sehr selten in den Enten stark entwickelte Eier, aber sie hielt dem Herrn des Hauses keinen Vortrag darüber und dieser hielt es für unter seiner Würde, sich nach derartigen zarten Angelegenheiten zu erkunden. Wenn er dann im Juli so gut wie gar keine Jungenten fand, so schimpfte er Mord und Brand, daß es mit der Entenjagd von Jahr zu Jahr mäßiger würde, und erging sich in den unziemlichsten Äußerungen gegen den Landrat, der die Jagd erst dann eröffne, wenn die Mutterente das beflogene Schoof schon wer weiß wohin geführt habe. Daß er selber aber die Mutterente samt dem ungelegten Gelege an einem Sonntag Mittag im Märzen sich zu Gemüte geführt hatte, auf diesen Gedanken kam der gute Mann natürlich nicht, und deshalb schoß er, sobald das Frühjahr wieder kam, ruhig und besonnen alles tot, was er am Ufer beschlich oder beim Einfall belauerte. Man geht nicht zu weit, wenn man sagt: »Von hundert Jägern haben fünfzig von einer pfleglichen Behandlung der Jagd keinen Schimmer von einem Schein von einem Dunst einer Ahnung.« Es fehlt nicht an guten Jagdzeitungen, es gibt hervorragende jagdliche Werke, wie die neueren Ausgaben von Dietrich aus dem Winkell, von Diezel und, um ein ganz neues Buch zu nennen, die ausgezeichnete Jagdkunde des Zoologen Dr. Ernst Schäff. Aber man gehe einemal hin und stöbere die Bücherschränke der Durchschnittsjäger durch und man wird sich wundern. Tolstoi, Zola, Gorkij, Ibsen und ähnliche moderne deutsche Klassiker, die Memoiren des Obergauners Manulescu, der Amethyst und andere Zeitschriften für Hypersexualität, die findet man wohl, denn das gehört zur Bildung, aber sehr selten trifft man ein gutes Lehrbuch der edlen Jägerei an. Den meisten Jägern geht es so, wie jener Protzensgattin, die da sagte: »Vor das Französche halten wir unsere Tochter einen Moßjöh und vor das Engelländische eine Miß,« und als man sie fragte: »Und Deutsch?«, da sprach sie voller Würde: »Das lernen wir se!« So ist es; der Durchschnittsjäger von heute lernt sich selbst die Jagd, denn er ist Selfmademan in allen Dingen. Einen Lehrprinzen braucht er nicht, denn er hat Pinkepinke, und wem das Schicksal Moneten gab, dem gab es auch den nötigen Sachverstand. Jäger wird man heut dadurch, daß man sich eine Jagd pachtet, einen Jagdschein löst, sich eine Schrotspritze, womöglich eine Browning, kauft und einen englischen Jagdanzug, Wickelgamaschen, karierte Joppe und Schlachtermütze, und dann kann der Spaß losgehen. Was da fleugt und kreucht, wird heruntergedonnert, und stimmt die Beute einmal nicht mit dem, was der Jagdschein erlaubt, na, der Himmel ist hoch und der Landrat weit. Alle unsere Naturschutzbestrebungen, soweit sie sich auf die Tierwelt beziehen, werden in der Hauptsache zwecklos bleiben, ehe nicht an den Erwerb des Jagscheins eine Prüfung geknüpft ist, in der der Jäger zu beweisen hat, daß er nicht nur mit einer Schußwaffe umgehen kann, sondern auch, wenn auch nur oberflächliche, jagdzoologische Kenntnisse besitzt. Jahr für Jahr wird eine Unmenge von Menschen auf unsere Tierwelt losgelassen, die von der Natur soviel Ahnung haben, wie Cook vom Nordpol, und denen die einfachsten Begriffe von pfleglicher Jagdausübung Hekuba sind. Bald rennt die weiße Bachstelze über den Acker und verkündet die Ankunft der Schnepfe. Sofort holt der Schießer den Hund aus dem Stalle, stopft sich den Rucksack voller Patronen und gondelt los, denn wenn er auch sonst von der Jagd nichts weiß, so kennt er doch den alten Weidvers: »Reminiscere, putzt die Gewehre« und so sucht er nach Schnepfen. Er sucht heute und sucht morgen und sucht übermorgen und überübermorgen, und damit der Vogel mit dem langen Gesichte ja nicht auf den tobsüchtigen Gedanken komme, daß man in Deutschland auch brüten können, wird er abends, wenn er streicht, auch noch mit Nummer sechs bespritzt, bis es ihm zu albern wird und er mit Busch denkt: »Knopp begibt sich weiter fort bis an einen anderen Ort.« Der Ente hat das neue Jagdgesetz vernünftigerweise einen Monat Schonzeit mehr zugebilligt, der Schnepfe hat sie nicht gedacht, und so kann bis zum sechszehnten April, wo die meisten Schnepfen schon auf dem Gelege sitzen, zum mindesten aber legereife Eier tragen, die Schnepfe beschossen werden, und sie wird es, denn von hundert Jägern sind kaum sieben Weidmänner. Ehe nicht mit dem letzten Märzen die Jagd auf die Schnepfe schließt, ist unsere Jagdgesetzgebung noch lückenhaft. Nicht viel besser steht es um das Birkwild. Sobald der erste Hahn kullert und bläst, wird er unter Feuer genommen und das geht so vom März ab bis zum Juni hin. Hinterher klagen die Jäger dann, daß das Birkwild von Jahr zu Jahr abnähme. Würden die Schießer ihre drei bis vier Sinne einmal zusammennehmen, so würden sie bald herausbekommen, woran das liegt. Du lieber Himmel, jedem Menschen ist es peinlich, wenn er bei seiner Liebeserklärung gestört wird, und dem Birkhahn geht es nicht anders. Die ganze Nacht über hat er sich die Sache zurechtgelegt; aber so wie er anhebt, vor seiner, oder meistens seinen, Herzallerliebsten herumzuhopfen und zu schwärmen: »O due du du du,« rabums, knallt es aus dem Schirm und wenn er nicht tot wäre, der Hahn, so könnte er nach Wilhelm Busch singen: »Und hinderlich, wie überall, ist hier der eigne Todesfall.« Wenn ein Bauer seinen Roggen mäht oder seinen Legehennen den Kragen umdreht, so setzt er sich dem Verdachte aus, daß in seinem Zentralnervensystem die Ventile nicht mehr genügend funktionieren; räuchert aber der Jäger seine Birkhähne gerade dann tot, wenn sie mit den besten statistischen Vorsätzen umgehen, dann denkt obbemeldeter Grünkittel nicht daran, daß er mehr als unklug handelt. Im Märzen und April soll man dem Hahne Zeit lassen, die Hennen zu betreten, und ihn erst im Maien schießen, denn dann balzt er noch flott genug und der Jäger holt sich dann nicht so leicht irgend etwas Übles an den Hals, das er erst mit Fliedertee, Packungen und Antipyrin wieder los wird. Mindestens den März, am besten schon den Februar, sollte der Birkhahn gesetzliche Schonzeit genießen, und dem Urhahne sowie dem Haselhahne könnte es auch nur nützen, schlösse die Jagd auf sie am letzten April oder spätestens am fünfzehnten, denn bis dahin können die überzähligen Hähne abgeschossen sein. Die Zeiten haben sich eben geändert. Die Anzahl der Jäger hat sich so sehr vermehrt, ohne daß die Weidgerechtigkeit zugenommen hat, daß die Jagdgesetzgebung sich danach richten muß, soll nicht eine ganze Anzahl der interessanten Wildarten von Jahr zu Jahr mehr abnehmen. Die Umformung des Geländes durch die Zunahme der Bebauung und Aufforstung, das Verschwinden der Ödländereien, die Entwässerungen, Uferbegradigungen und Verkoppelungen sorgen so wie so schon dafür, daß alle die Wildarten, die auf Urland angewiesen sind, stark zurückgehen. Verhältnismäßig wenige Jäger mausern sich zur Weidgerechtigkeit durch und handeln pfleglich; die weitaus meisten knallen einfach drauf los und bedenken nicht, daß eine toter Birkhahn keine Henne mehr tritt und daß eine gebratene Ente kein Gelege mehr macht. Deshalb hat der Staat die Pflicht, dafür zu sorgen, daß der Schießer nicht mehr in die Lage kommt, unpfleglich zu handeln, und das kann er auf die einfachste Weise dadurch erzielen, daß er noch einige der grünen Felder des Jagdscheines schwarz anstreicht. Wären alle Jäger, oder auch nur die Hälfte, gerechte Weidmänner, so wäre das nicht nötig. Wenn der Schießer schon oder noch den Finger auf Ente, Schnepfe und Birkhahn krumm macht, dann bleibt der Weidmann zwar nicht zu Hause, aber er hält den Hund an der Leine und läßt das Gewehr ungespannt. Wohl zieht er zu Holze, holt sich auch wohl die erste und zugleich letzte Schnepfe aus dem Striche oder pirscht sich an einen einzelnen balzenden Hahn heran, aber er ist nicht so dumm, daß er sich selbst das Wasser abgräbt, indem er die Schnepfe solange belästigt, bis sie macht, daß sie weiterkommt, und er läßt seine Birkhähne erst ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit tun, ehe er sich einige von ihnen langt. Im allgemeinen läßt er jetzt den Hahn in Ruh'. Ein rohes Vergnügen Eine Menge von den Leuten gibt es, die von der Jagd sagen, sie sei ein rohes Vergnügen, ein Sport, nicht würdig eines gebildeten Menschen. Hasenbraten essen sie aber sehr gern, lassen auch Rehrücken und Rebhühner nicht stehen; aber nachdenken tun sie nicht gern, denn sonst würden sie einen solchen Unsinn nicht daherreden. Die Bedeutung der Jagd wird im allgemeinen viel zu gering eingeschätzt. Ihr reiner Nutzwert in volkswirtschaftlicher Hinsicht entzieht sich zu sehr der allgemeinen Kenntnis, da wir weder im Reiche noch in Preußen eine Jagdstatistik besitzen. Die von Preußen alljährlich veröffentlichte Zusammenstellung des in den Staatsforsten erlegten Wildes gibt nur einen ganz schwachen Einblick in die wirtschaftliche Bedeutung der Jagd und ihrer Nebenzweige. Man hat schätzungsweise den Geldwert der Jagd festzustellen versucht und ist zu folgenden Zahlen gekommen, die aller Wahrscheinlichkeit nach aber viel zu niedrig sind. Die jährliche Nutzwildbeute im Reiche soll danach betragen: 22.400 Stück Rotwild, 13.600 Dammwild, 14.400 Sauen, 19.200 Rehe, 4.000.000 Hasen, 500.000 Kaninchen, 14.500 Auer-, Birk- und Haselhühner, 400.000 Rebhühner, 160.000 Wachteln, 240.000 Fasanen, 1.300 Trappen, 6.400 Waldschnepfen, 80.000 Bekassinen, 400.000 Enten, 2.000.000 Kramtsvögel; das sind nach Abzug von zwei Hundertstel Abfall jährlich 20 Millionen Kilo Wildbret im Werte von über 25.000.000 Mark. Die Decken, Schwarten und Bälge von Nutzwild, also von Rot-, Dam- und Rehwild, Hasen und Kaninchen werden auf 2.500.000 Mark geschätzt. Bei der großen Preissteigerung, die die Bälge von Raubwild seit ungefähr zehn Jahren erfahren haben, ist auch das Raubzeug von bedeutendem volkswirtschaftlichem Werte. Die Ausbeute an deutschen Rauchwaren beziffert sich im Durchschnitt auf jährlich 11.000 Haus- und 6.000 Baummarder, 130.000 Füchse, 8.000 Dachse, 6.500 Ottern, 1.000 Wildkatzen, 4.000 Iltisse und 360.000 Hermeline, was bei Annahme von Durchschnittspreisen einen Marktwert von l.430.000 Mark ergibt. Eine große Bedeutung hat ferner noch die Verarbeitung der Decken und Bälge; ebenso die des Haares, besonders der Hasenwolle, doch ist deren Abschätzung nur annähernd möglich, ebenso, wie der durch den Verkauf, die Verarbeitung und Zurechtmachung der Jagdtrophäen entstehende Volksverdienst. Man schätzt die erbeuteten Rothirschgeweihe und Damschaufeln auf jährlich 15.000, die Rehkronen auf 75.000 Stück, wozu noch die Abwürfe kommen, die beim Rot- und Damwild von ziemlich großer Bedeutung sind. Der Handelswert wird auf nur 200.000 Mark veranschlagt; da aber der Liebhaberwert durchschnittlich fünfmal so hoch wie der Materialwert zu veranschlagen ist, so ergibt sich immerhin schon mehr als eine Million Mark Erlös allein aus den Geweihen und Gehörnen. Andere Jagdtrophäen und der dadurch erzielte Umsatz, wie Keilerköpfe, gestopfte Bälge usw., sind noch gar nicht auf ihren wirtschaftlichen Wert eingeschätzt, doch kann man getrost annehmen, daß ungefähr die Hälfte aller der Objekte, die von den deutschen Ausstopfern zugerichtet werden, als Jagdtrophäen anzusprechen sind, während die andere Hälfte auf die Seite der Wissenschaft, Sammlerei und Liebhaberei zu schreiben sind. Die unmittelbaren Einnahmen, die der Staat und die Gemeinden aus der Jagd ziehen, werden folgendermaßen abgeschätzt: Das Reich nimmt durchschnittlich 6 Millionen Mark aus Jagdscheinen ein. Vom 1. April 1904 bis zum 31. März 1905 gab Preußen 151.282 Jahresjagdscheine, 22.647 Tagesjagdscheine für Reichsangehörige und für Ausländer 387 Jahre- und 1.113 Tagesjagdscheine aus, wofür 2.360.626 Mark einkamen. Hiervon entfielen für die Provinz Sachsen 282.520, für Hannover 270.443, für Brandenburg 219.558, für Westfalen 212.072 Mark. Der Erlös, den die Gemeinden aus den Jagdpachten herausschlagen, wird für das Reich auf 40 Millionen Mark geschätzt. Aller genauen Berechnung entziehen sich die Summen, die von den Jägern für die Jagdreisen mit der Eisen- und Straßenbahn und mit Gespannen ausgegeben werden, desgleichen die Unkosten, die ihnen aus der Besoldung von Jagdaufsehern, Treibern, für Hundehaltung, Eingatterung, Wildfütterung und Fanggeräte erwachsen. Die Kosten für Jagdverwaltung, Jagdschutz, Jagdbetrieb, Wildhege und Raubzeugvertilgung werden auf 15 Millionen Mark angeschlagen, sind aber sicher viel zu niedrig genommen. Der durch die Zucht von Jagdhunden verursachte Güterumlauf wird auf 17 Millionen Mark eingeschätzt, die Einnahmen aus der Besteuerung von Jagdhunden auf eine Million. Eine Statistik über die mit der Jagd zusammenhängenden Industrien und Gewerbe besitzen wir nicht, also über die Waffen-, Munition-, Fallen-, Jagdbekleidungs- und Lockinstrumentefabrikation. Der Jagdschriftsteller D. Brock nimmt an, daß alljährlich 80.000 neue Gewehre im Reiche verkauft werden, die einen Wert von 4 Millionen darstellen; der Munitionsverbrauch wird auf 2 Millionen veranschlagt, die Jagdausrüstung auf 6 Millionen, der dem Gastwirtgewerbe durch den Jägerverkehr, das Jagdvereins- und Ausstellungswesen zufallende Verdienst auf 2, die Reise- und Wildversandkosten auf 1 Million. Die wirtschaftliche Bedeutung der Jagdliteratur und der damit verbundenen Papierindustrie und des jagdlichen Kunsthandels beziffert man auf ungefähr 6 Millionen Mark. Die meisten dieser Zahlen dürften zu gering bemessen sein. Ihr Gesamtergebnis ist folgendes: Wildbret: 25 Millionen, Häute, Bälge, Geweihe: 5, Jagdscheine: 6, Jagdpacht: 40, Jagdverwaltung: 15, Hunde: 18, Ausrüstung usw.: 12, Vereins- und Austellungswesen: 2, Reise, Wildversand usw.: l, Literatur und Kunst: 6, zusammen 130 Millionen Mark, wovon 30 Millionen auf den Kapitalwert und 100 Millionen auf den Arbeitswert entfallen, während außerdem der Wildvorrat des Reiches auf 75 Millionen Mark geschätzt wird. Gegenüber dem Fleische von Vieh und Geflügel spielt das Wildbret im Volkshaushalte nur eine verhältnismäßig geringe Rolle. Der größte Teil unsere Wildes wird bei uns verbraucht, doch geht auch eine ganze Menge davon ins Ausland, besonders das wildarme Frankreich ist auf deutsche Hasen angewiesen. Anderseits beziehen wir sehr viel Wild aus dem Auslande, Böhmen, Niederösterreich und Ungarn liefern uns Massen von Fasanen und Rebhühnern, die Mittelmeerländer Wachteln und Schnepfen, Rußland und Skandinavien Wald- und Schneehühner, sowie Rennwildbret, Schottland Moorhühner. In ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung liegt aber bei weitem nicht der Hauptwert der Jagd, sondern dieser dürfte noch von ihrer rassestärkenden, rasseerhaltenden Wirkung übertroffen werden. Wenn ein Volk, wie das deutsche, zu einer so hohen Kulturstufe gelangt ist, wird es notwendigerweise zu einer Vernachlässigung und Geringschätzung der körperlichen Arbeit kommen und immer mehr in eine künstliche, unnatürliche und auf die Dauer ungesunde Lebensführung hineingeraten. Jede Naturentfremdung aber führt zu Entartung. Aus einem ganz gesunden Gefühle heraus neigt nun besonders die städtische Bevölkerung dazu, den durch ihre vorwiegend geistige Beschäftigung vernachlässigten Körper durch den Sport zu seinem Rechte kommen zu lassen. Jeder Sport, welcher Art er aber auch sein mag, ist immer nur ein Notbehelf, ist ein Selbstbetrug, der einem ernsthaft veranlagten Volke auf die Dauer nicht genügen kann; zudem liegt uns Deutschen der Sport im Grunde gar nicht, allein schon deshalb, weil der Durchschnitt unserer Bevölkerung noch nicht so verkünstelt in seiner Lebensführung ist, als daß ihm nicht die Beschäftigung in und mit der Natur als schönste Erholung erschiene. Wenn nun auch in den letzten Jahrzehnten, in denen die Lebensführung der Bevölkerung Deutschlands viel künstlicher geworden ist, der rein städtische Sport eine gewaltige Ausdehnung erfahren hat, so haben doch die ursprünglichsten Sportarten, die Jagd und die Fischerei, in demselben Maße an Umfang gewonnen. Die Kultur drängt unser Volk immer mehr von der Natur ab; darum greift es begierig nach allem, was es wieder der Natur, dem großen Körper- und Seelenbade, zuführt. Wenn auch scheinbar vielfach der Wunsch, den Kavalier zu spielen, so manche Leute bewegt, die Flinte in die Hand zu nehmen, schließlich liegt darin doch das unbewußte Bestreben, sich aus der Kompliziertheit des städtischen Lebens und der Hetzjagd des Berufes in einfachere Verhältnisse zu retten und durch eine urwüchsige Beschäftigung das Gleichgewicht zwischen dem überreizten Geiste und dem vernachlässigten Körper wiederherzustellen. In dem Maße, wie die Jagdleidenschaft zunimmt, werden große, zum größten Teil städtische Schichten des Volkes wieder an die Natur gewöhnt, werden durch sie in ihrem Denken und Empfinden umgestaltet, kommen von der Überschätzung der Überkultur zurück, werden also einfacher und gesunder. So ist die Jagd ein wichtiges Mittel, die Schäden der Überkultur abzuschwächen und der Rassenentartung vorzubeugen. Noch in anderer Weise ist sie von der größten volklichen Bedeutung. Wildhege läßt sich zum großen Teil nur in einem Gelände ausüben, das im allgemeinen das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt. Die Forst- und die Landwirtschaft sind ihrem innersten Wesen nach aber Todfeinde aller urwüchsigen Bodenbeschaffenheit. Andererseits ist die Wirkung urwüchsigen Geländes, ursprünglicher Wälder, Moore und Heiden von nicht zu unterschätzender Wirkung auf die Ausbildung der Volksseele. Die kahle Ackerbausteppe, der durchforstete Wald langweilen auf die Dauer das Gemüt; es will ab und zu wilde Natur haben, will die Kultur vergessen. Nicht zum geringsten Teile haben wir es der Jagd zu verdanken, daß unsere Wälder, Moore und Heiden vielfach noch das urwüchsige Gepräge zeigen; die Rücksicht auf das Wild hielt den Staat und den Großgrundbesitz ab, aus dem Walde eine reine Nutzforst zu machen, und so haben Staat und Großgrundbesitz unbewußt schon seit Jahrhunderten Heimatschutz und Naturdenkmalspflege getrieben, die heute von dem Staate als wichtige Aufgabe betrachtet werden. Hand in Hand mit dieser unbewußten Naturdenkmalspflege ging der heute erst planmäßig betriebene Schutz der einheimischen Tierwelt. Hätte es keine staatliche Jagdpflege gegeben, so wären mit dem Hirsche und der Sau viele schöne und seltene Vogelarten verschwunden, die mit dazu beitragen, uns die Heimat lieb und wert zu machen, und mit den urwüchsigen Beständen wären viele schöne und seltene Pflanzen vernichtet worden. Jede Beraubung unserer Natur bedeutet aber eine Verarmung des Volksgemüts, eine Schwächung des Heimatsgefühls und eine Verringerung der Vaterlandsliebe. Je bunter, mannigfaltiger und abwechslungsreicher eine Landschaft ist, um so lieber ist sie ihren Bewohnern, um so fester hält sie diese, denn wenn es auch oft so scheint, als seien die rein wirtschaftlichen Verhältnisse allein dafür ausschlaggebend, in Wirklichkeit ist es nur zum Teil der Fall, und somit ist der Einfluß, den die Jagd seit Jahrhunderten mittelbar auf die Gestaltung unseres Vaterlandes und dadurch auf das Heimatsgefühl und die Bodentreue ausübte, nicht hoch genug anzuschlagen. Und so ist die Jagd doch wohl mehr als bloß ein rohes Vergnügen. Das andere Jahr Im weißen Zeug Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der Verfasser des Romans »Der abenteuerliche Simplicissimus«, hat auch den Roman »Das wunderbarliche Vogelnest« verfaßt, in dem der Held Springinsfeld vermittelst eines unsichtbarmachenden Vogelnestes seine Mitmenschen belauscht. Das wunderbarliche Vogelnest hat Springinsfeld, als Reue und Scham ihn packten, in viele Fetzen gerissen und in einen Ameisenhaufen vergraben; einige feine Fäserchen davon trieb der Wind hier- und dahin, und so ist es gekommen, daß etliche an den Jacken der Pirschjäger kleben blieben und ihnen die Gabe verliehen, ungesehen ihre Kunst auszuüben. Denn Pirschen, das heißt nicht da zu sein, wo man ist, nicht geäugt, vernommen und gewittert zu werden von dem Wilde, das man weidwerkt, unhörbar dahin zu schleichen, den Wind hinter sich zu lassen, und jederzeit, wenn es nötig ist, zum Baumstamm zu werden im Walde, zum Wacholderstrauch auf der Heide, zum Felsblock im Gebirge, zum Schilfhorst am Strande, die Beute eher erspähen, ehe man eräugt wird, federleichte Füße zu haben und keine Witterung. Da ist gar nicht so schwer, wie sich das anhört, aber mancher Mensch lernt es nie und die Unbegabten noch später. Da pirscht ein Jüngling von Windhundgestalt auf Gummisohlen mit angehaltenem Atem und so vorsichtig, daß er sich erst dreimal besinnt, ehe er den Fuß niedersetzt, und doch kracht hier ein Dürrast und warnt den Bock, und da geht laut schmälend eine Ricke ab, weil sie den Jäger eräugte und seine Witterung auffing. Hier aber pirscht ein Weißbart, der seine anderthalbhundert Pfund ohne Verpackung wiegt; er bewegt sich so ohne Scheu, als mache er nur einen Spaziergang, und schmökt dabei seine Pfeife, daß der Dampf zehn Fuß lang hinter ihm herzieht, vertritt sich aber keinen Bock und verwittert sich keine Ricke. Er kann es eben, und der andere kann es eben nicht. Denn nicht die Gummisohlen und die atembeklemmende Vorsicht machen den Pirschjäger aus, sondern die Anlage und die Gewohnheit, die dem Manne die völlige Sicherheit gibt. Ob der Rock in den Wald paßt oder nicht, darauf kommt es schließlich auch nicht an, wenn er nur nicht gerade schneeweiß, schwefelgelb, knallrot oder blitzblau ist, oder donnergrün um die Zeit, da kein grünes Blatt mehr am Busche hängt. Freilich ist es besser, man paßt sich dem Lokalton des Geländes an, funkelt in der Kiefernheide nicht in einer spinatgrünen Jacke umher und trägt im lichten Maibuchenwalde kein fichtendunkles Gewand, sondern sieht halbwegs so aus wie der landschaftliche Hintergrund, denn um so leichter gelangt man zum Ziele. Ganz besonders ist das der Fall, wenn Frau Holle ihre Betten gemacht hat, daß die Federn und Flusen stoben. Dann kann man anziehen, was man will, man ist immer ein auffallender Fleck auf dem weißen Hintergrunde, ganz gleich, ob man grau oder braun oder grün gekleidet ist. Und wenn man sich noch so vorsichtig von Busch zu Busch drückt und noch so behutsam von Stamm zu Stamm schleicht, mit jeder Bewegung fällt man auf, und wenn man nur den Kopf dreht oder das Bein hebt, und da geht der Fuchs hin oder die Sau oder was es sonst ist, dem der Pirschgang gelten soll. So mancher Jäger pfeift darum auf die Pirsche im Schnee und wartet, bis das Land wieder offen ist, und so betrügt er sich um das Allerschönste, was das Weidwerk bieten kann nächst der Pirsch im grünen oder roten Walde. Denn herrlich ist ein Pirschgang bei einer guten Neuen. Zu keiner Zeit kann man so vortrefflich eine Hauptaufnahme von alledem machen, was im Wald und auf der Heide leibt und lebt. Man hat lange keinen Fuchs mehr zu Gesicht bekommen, aber siehe da, es sind deren drei über Nacht dagewesen, und hier spürt sich ein Marder, und dort ein Iltis, und da gar Grimbart, der Dachs, trotzdem das Wetterglas sehr tief stand. Es sind auch mehr Rehe da, als man dachte, und das eine klagt stark an den Läufen, und hier hat wahrhaftig ein Fixköter an einem Hasen gejagt, und dort ist Hinz, der Kater, gewesen, eine halbe Meile vom Dorf, also wo er durchaus nicht hingehört. Das lohnt alleine schon den Pirschgang, abgesehen von den blauen Schlagschatten der Bäume, den Koboldsgestalten der Jungfichten, dem Spiel der Sonne auf der weißen Decke, dem Kupferrot der Buchjugenden und dem goldenen Geflatter des Bandgrases am Grabenbord. Alles, was an einem solchen Tagen nicht weiß ist, wirkt zehnmal so prächtig als sonst, und so lustig ist es im Walde, und so feierlich dabei, daß man nicht weiß: sollst Du nun singen oder beten? Aber dann erinnert man sich daran, daß man ein gar zu unpassender Farbenklecks in dem feinen Bilde ist, und das verdirbt einem die ganze Stimmung. Doch gibt es dagegen kein Mittel? Des Springinsfeld wunderbarliches Vogelnest steht uns nicht zur Verfügung, aber Nadel und Faden und weißer Schirting oder Barchend, und damit kann man sich heute ebenso unsichtbar machen, wie ehedem durch geheime Künste. Er kostet auch gar nicht viel, so ein weißer Überzug, und eine weiße Kopfbedeckung und ebensolche Handschuhe sind bald beschafft und drei weißleinene Schläuche für die Riemen an Rucksack und Waffe, und damit ist nur noch das Angesicht da mit seiner unverschämten Farbe, die bei jedem Kopfruck wie ein roter Blitz wirkt. Aber auch dagegen gibt es ein Mittel, eins, das sonst nur allerlei Geflügel anwendet, das um die Abendzeit auf dem Asphalt auftaucht, Griesmehl und Puderquaste. Damit tüchtig das Gesicht eingemehlt, und bei weichem Schnee Schneereifen unter die Sohlen, und das unsichtbare, lautlose Waldgespenst ist fertig. Eine Lust ist es, so angezogen und bemalt im Neuschnee zu pirschen. Da stehen die Rehe, verhoffen und winden, äugen erstaunt hin und her, denn der Schnee, so weich er ist, ein ganz klein wenig knurpft er doch noch unter den Schneereifen. Doch da die Rehe nichts, aber auch gar nichts gewahren, so treten sie wohl etwas hin und her, springen aber nicht ab und machen den roten Fleck, der sich am Hange entlang bewegt, nicht aufmerksam. Denn das ist Reinke Rotvoß, der Schleicher. Über Nacht wehte ihm der Nordost zu bitter, und so hielt er sich im Baue. Jetzt kneifen ihn aber die leeren Därme und so schnüffelt er an dem Graben entlang, ob es nicht eine Maus zu greifen gibt. Hätte der Jäger nun nicht das weiße Zeug an, so stände er da und dächte: »Du bist mir nah und doch so fern!« So aber geht er getrost den Fuchs unter dem Winde an, aufrecht und stolz, wie es sich für einen freien Mann geziemt, und nicht mit krummen Knien und gebeugtem Rücken, streicht gemütlich an dem Handweiser an, wartet, bis der Rotrock sich richtig hinstellt und setzt ihm dann in voller Gemütsruhe das Neunkommadreiblei dahin, wo das meiste Leben sitzt. Auch wenn man für die Mutter einmal einen Küchenhasen kuren will, ist das weiße Zeug trefflich zu gebrauchen, denn dann kann man sich hinstellen, wo man will, und braucht sich nicht an die Büsche zu drücken und in den Graben zu kauern, und halb so leicht ist es, sich an die Sauen oder ein Rudel Wild heranzupirschen, als wenn man als wandelnder Baumstamm daherkommt. Desgleichen macht es viel mehr Spaß, so gekleidet die Enten auf dem Bache anzuschleichen, als man mit der Nase auf der Erde nach Leithundsart herankriechen muß, und Wildgans und Trappe halten den Jäger, kommt er wie eine Festjungfrau daher, gut aus. Auch bei der Waldtreibjagd ist der weiße Überzug von bester Wirkung, vorzüglich im hellen Bestande, wo jede Bewegung von weitem eräugt wird. Nur bei der Feldtreibjagd gehört es sich nicht, im Gewande der Unschuld anzutanzen; erstens verdoppelt man dadurch seine und verringert man der Mitschützen Aussichten beträchtlich und man setzt sich der Gefahr aus, gehörig angebleit zu werden, denn was der Hase nicht äugen kann, übersieht auch leicht der Jägersmann. Schließlich hat der Überzug aber noch den Nutzen, daß er den Jäger auch für das zweibeinige Raubzeug unsichtbar macht. Es geht so mancher Mann Tannenzapfen suchen und findet dabei einen Hasen, und Dürrholzlesen ist oft sehr einträglich, zumal in guten besetzten Rehrevieren. Geht der Jagdinhaber in der grünen Joppe los, dann hat ihn der Marder, der mit dem Wurfknüppel beißt, bald spitz und macht sich rechtzeitig dünne; anders aber ist es, kommt der Jäger unsichtbar an, unsichtbar durch das weiße Zeug. Balzjagdsünden Zu den hannoverschen Zeiten galt es für unweidmännisch, den balzenden Birkhahn vor dem Tage der Odinsfreite, dem ersten Mai, zu erlegen. Sie war damals nicht sehr verbreitet bei uns, die Jagd aus dem Schirme, und die, die sie ausübten, waren durch und durch Weidmänner, die genau wußten, was sie taten, und nicht so dumm waren, den Roggen grün zu mähen und den Hahn eher zu schießen, bevor er die Hennen betreten hatte. Heutzutage ist das anders. Was läuft nicht alles zur Birkhahnbalz! Leute, die die meckernde Bekassine für den balzenden Birkhahn und den Pfiff der Lokomotive für das Bellen des Waldkauzes halten, die den Bock nur mit dem Glase, Trieder natürlich, ansprechen können, und mit großem Getöse den heruntergedonnerten Brachvogel als heiligen Ibis auf den Tisch des Dorfkruges schmettern. »Es gibt Menschen und es gibt Bergleute,« sagt man auf dem grünen Harze, und es gibt solche Jäger und so'ne; so'ne aber sind die mehrsten. Daß eine Kuh keine Milch läßt, wenn man ihr kein Futter gibt, wissen sie; daß aber eine Birkhenne sich nicht durch Jungfernzeugung fortpflanzen kann, darüber haben sie noch nicht nachgedacht. »Hähne gibt es genug,« sagen sie in ihrer jugendlichen Einfalt, und schießen soviel davon, als sie kriegen können, am liebsten noch einmal soviel, und wenn dann nach drei Jahren der ehemals so fidele Balzplatz so still ist, wie ein Berliner Nachtcafé um elf Uhr vormittags, dann orkeln sie von der sprichwörtlichen Zigeunernatur der Tetraonen im allgemeinen und von der von Tetrao tetrix im besonderen, aber es fällt ihnen nicht im Traume ein, an ihre Männerbrust zu klopfen und »Peccavi!« zu stammeln. Es gibt ausgezeichnete Waldhuhnmonographien, es gibt herrliche Jagdtierkunden, es gibt vorzügliche Jagdzeitungen, aber was so ein richtiger Jäger vom Asphalte ist, der flötjet auf die graue Theorie und lernt sich alles selber, das heißt, er stellt auf eigene Kanne Bier einen Blödsinn nach dem anderen an, bis er sämtliche vorhandenen Sorten durchgeprobt und noch eine erkleckliche Anzahl neuer dazu herausgetüftelt hat. Da hat er gehört, der Hahn habe auf jeder Feder ein Auge. »Schönchen,« sagt er mit der unfehlbaren Logik des Dilettanten, der stets mit großer Sicherheit daneben haut; »also muß man schießen, ehe es ganz hell ist!« Gedacht, gemacht! Der Hahn steht zu bei schwarzdunkelfinsterer Nacht. Kaum graut sich der Morgen vor dem Jäger, so daß dieser mit knapper Not den Hahn erkennen kann, so wird losgeräuchert. Ob der Hahn getroffen ist oder nicht, der erfolg ist derselbe; durch den Feuerstrahl sind auf eine Viertelstunde sämtliche Hähne vergrämt und streichen ab. Veranstaltet der Jäger dieses Brillantfeuerwerk drei Vormorgen nacheinander, dann kann er am vierten, so laut wie er nur will, singen: »Ich bin allein auf weiter Flur«, denn er vergrämt dann keinen Hahn mehr. Warum? weil keiner mehr dort balzt! den Knall eines Schusses nimmt ein Birkhahn so leicht nicht krumm; italienische Nächte schätzt er aber nicht im mindesten. Item: du sollst den Drückefinger nicht eher krümmen, als bis du die Reichsfarben am Hahn haarscharf erkennen kannst, bis du also die Rosen glühen siehst. Des weiteren: du sollst das Gewerbe des Balzjagdausübens nicht im Umherziehen nach Art der Scherenschleifer und Harfenmädchen betreiben. Mache dir feste Schirme, aber keine aus Bambusrohr und Rupfen, die du heute hier, morgen da aufschlagen kannst, wie der Kirgise die Kibitke. Dadurch kommst du bloß auf allerhand Dummerhaftigkeiten. Junge Hähne fallen auf diesen Schwindel wohl hinein, aber ein alter, mit siebenerlei Salben eingeriebener Haupthahn ist nicht so unweise, einen viereckigen Kasten von Sackleinwand für ein abnormes Exemplar von Juniperus communis, zu deutsch: Wacholder, zu halten. Er balzt davor, so lange mitternächtliche Beleuchtung ist; sobald es hell wird, läßt er dich hinter deinem Windschirm sitzen und warten, bis dir die Zehen bis zum Hosenbund kalt werden. Und noch eins: pirsche dich nie an den Hahn heran! Falle nicht auf das Wort von Mohammed und dem Berge hinein; ein Birkhahn ist kein Berg und du bist kein arabischer Kolonialpionier. An einen Birkhahn im Moore kann sich mit Erfolg nur ein alter, abgefeimter Pirschjäger heranpirschen, vorausgesetzt, wenn er sich nicht geniert, wie die bibliche Schlange auf dem Bauch zu kriechen und Erde, in diesem Falle Moorerde oder Bleisand, zu treffen, und in neunzig von hundert Fällen hat auch er nur den Erfolg, daß der Hahn entweder vor dem Ziele abstreicht, oder daß er ihn im besten Falle mit der Kugel vorbeikeilt; denn wenn er ihn trifft, fliegt das halbe Wildbret in der Nachbarschaft umher und drei Mark sind hin und futsch. Das führt uns zu Nummer vier. Es gibt Leute, die die Stirnhaut in weiße Querfalten legen und sagen: »Der kleine Hahn gehört zur hohen Jagd, also gebührt ihm die Kugel!« Wer so spricht, dem gebühren Pfunde, drei wohlgezählte Pfunde, aber nicht Silbers oder Goldes, sondern Stahles, erstens vor unsern König und Herrn, zweitens vor die Ritter und Knecht, Klatsch, Klatsch, Klatsch, denn so will es das edle Jägerrecht! Nur ein zielbewußter Idiot kann auf die Idee kommen, ein Stück Wild von Birkhahngröße mit einer Kugel zu spicken. Schießt man Vollmantel, so geht der Hahn ab und verludert; nimmt man Halbmantel oder Vollblei, so bleibt von dem ganzen Hahn nicht viel mehr übrig als die Schwungfedern ersten Grades und bestenfalls das halbe Spiel. Also mache keine Sportwitze, lieber Freund, und schieße mit Hagel. Fünftens: Aber sei nicht so töricht und lasse dir vorschnacken, Nummer drei zu nehmen. Davon kriegt bestenfalls der Hahn ein Korn und reitet damit von dannen und du stehst da und siehst ihm nach und dein Gesicht wird immer länglicher und du kannst beim Barbier nachher die doppelte Taxe bezahlen, nimm getrost Nummer sechs, junger Mann, und schieße nicht auf mehr als fünfundzwanzig Schritt, und halte auf Hals und Kopf. Man hat dir gesagt, du sollest Nummer drei nehmen und den Hahn von hinten in das Spiel schießen. Tue das ruhig, denn dümmer wirst du davon nicht! Erstens schießt du das Spiel kapores, zweitens das Gescheide, und deine Frau Gemahlin oder die Köchin machen hinterher einen Riesen- oder Abgottskrach über die Ferkelei von wegen der zu Heringssalat zerschossenen Gedärme nebst Inhalt, oder aber, du schießest den Hahn weidewund und hast dann das Vergnügen, in der Achtung von Reineke Rotvoß um ein Erkleckliches zu steigen, denn er mag Birkhahnbraten ebenso gern wie du. Also: Nicht zu früh mit dem Abschusse beginnen, nicht zu viele Hähne schießen, erst schießen, wenn du die Rosen sehen kannst, keine fliegenden Schirme bauen, keinen Hahn anpirschen, nicht mit der Kugel auf den kleinen Hahn schießen, sondern mit Hagel, aber nicht mit Nummer drei, sondern mit sechs, und nicht von hinten, sondern von der Seite, und auf Kopf und Hals hinhalten. Hast du den Hahn, so proppe ihn nicht in den Rucksack, sondern hänge ihn daran, nachdem du ihn etwas umschnürt hast, und iß ihn am dritten Tage. Will er sich nicht erweichen lassen, so schmore ihn in zugedecktem Topfe und tue einen guten Eßlöffel guten, oder sogar noch besseren Rum oder Kognak, das heißt, nicht das, was man dafür gewöhnlich trinkt, daran, und iß den Hahn mit Verstand und Sauerkohl, und gedenke dabei dankbar dessen, der dir so viele gute Ratschläge gab zur Vermeidung von Balzjagdsünden. Anstandsregeln Daß man beim Essen keine Degenschluckerei treiben und sich das Messer nicht bis an das Heft in den Mund stoßen soll, ansonsten man leichtlich in die Gefahr gerät, sich die Backen aufzuschlitzen, falls man nicht die Absicht hat, die schwere Kunst zu erlernen, sich selbst etwas in die Ohren zu flüstern, das ist männiglich bekannt in allen Kreisen, so auf Zucht und Sitte halten. Auch wird ein anständiger Mensch, ausgenommen bei der Table d'hote, sich nicht die ganze Kalbsniere angeln, wird auch nicht, ausgenommen in Italien, auf den Teppich speisen, auch nicht, ausgenommen in Amerika, im Salon die Hände in die Taschen stecken, auch nicht, ausgenommen im Lande Habesch, bei Tisch rülpsen, auch nicht, ausgenommen in der Türkei, seinen Reis mit der Hand essen, auch nicht, ausgenommen in Berlin, fremde Damen auf der Straße anquaken, denn ein anständiger Mensch hält auf Anstand. Ganz besonders tut das der Jäger. Der hält nicht nur auf Anstand im allgemeinen viel, sondern er hat seine eigene Art von Anstand, der mit dem landesüblichen anständigen Benehmen gerade so viel zu tun hat, wie in systematischer Beziehung ein Walfisch mit den Fischen oder die Laus, die einem manchmal über die Leber kriecht, mit den Pediculiden und sonstigen peinlich wirkenden Kerbtieren. Der Anstand, den der Jäger schätzt, ist nämlich eine Art der Jagdausübung, für die es, wie für den gewöhnlichen Anstand, eine ganze Menge von zum Teil sehr verzwickten Regeln gibt. Es kann einer zwölf Couponscheren im Monat abnutzen, ein Hotel in der Stadt und eine Villa auf dem Lande haben, jedes Jahr nach Marienbad und hinterher nach Ostende müssen, auf Gummi mit oder ohne Benzin fahren, nach der Mode von morgen sich kleiden und Bilder von wer weiß wann an den Wänden haben, nur im Frack Mittag essen und in der elegantesten Kuliuniform zu Bett gehen, deswegen braucht er noch nicht zu wissen, was Anstand ist. Und es kann ein anderer eine Jagd mit zahllosen Hirschen und noch zahlloseren Rehböcken sein eigen nennen, und märchenhaft viel Knochen erster Güte an den Wänden herumhängen haben, und trotzdem bleiben ihm die einfachsten Anstandsregeln ein Buch mit sieben Siegeln und Geheimverschluß. Im Grunde ist die Sache nämlich ganz einfach. Einer kanns, sobald er das Gewehr schleppen kann, von selber; der andere kann Diezels Niederjagd und Dietrich aus dem Winkell auswendig, ist Mitglied von drei Jägerstammtischen und des Landesvereins des A.D. J.-D., hält sieben Jagdzeitungen, hat alle Wände voller Kröners und Zimmermanns hängen und benimmt sich auf dem Anstand wie ein Heuochse, niest gerade dann, wenn die Sachlage das Gegenteil fordert, hustet, wenn er besser diese seine Äußerung für sich behielte, und gibt sich sonstwie alle mögliche Mühe, Hirsch, Sau, Bock, Fuchs und alles, was sein ist, von seiner Anwesenheit gebührend in Kenntnis zu setzen, was zwar sehr edel, aber schließlich nicht der Zweck der Übung ist, indem der Anstand darin besteht, sich möglichster Zurückhaltung zu befleißigen und von seiner Wenigkeit recht wenig Aufhebens zu machen, auch seine Gefühle zu bezähmen und sich den Hauptpersonen gegenüber, wie Hirsch, Sau, Bock und Fuchs, so lange im Hintergrunde zu halten, bis sie in guter Schußnähe sind, worauf man sein Benehmen allerdings ändern und die höfliche Zurückhaltung aufstecken muß. Wer nun aber denkt, die Hauptsache beim Anstand sei die Unsichtbarkeit, der befindet sich am Abgrund eines Irrtums, die Hauptsache ist, daß man unriechbar ist. Nun soll ja ein verständiger Mensch von Rechts wegen überhaupt nicht riechen, weder gut, also nicht nach irgendwelchen Eudemilledausendfleur, noch schlecht. Wenn aber ein Mensch von Anstand auf Anstand geht, dann soll seine Witterung durch die Formel ausdrückbar sein: Null hoch fünf dividiert durch nichts. Das ist nun nicht etwa dadurch zu erreichen, daß man die Luft bis zur Bewußtlosigkeit anhält, sich jedliche Spur von Transpirieren verkneift oder sich eine Glasglocke überstülpt, sondern dadurch, daß man sich so anstellt, daß man dem Wilde gegenüber unter dem Winde ist, daß heißt so, daß die Luft ganz oder halb von dem Wildwechsel zu dem Jäger hinstreicht. Alle unsere Jagdtiere, der Hase, der ja überhaupt etwas dumm geboren wird, und meist wenig zulernt, weil er vor Ablauf seiner Studien verzehrt wird, haben ein von unserem Standpunkte aus als gänzlich abnorm aufzufassendes Witterungsvermögen, indem sie von der Ausdünstung selbst des rein gewaschensten Jägers ungefähr ebenso betroffen werden, wie dieser von den Dünsten, die ein Gemüsebauer der Atmosphäre mitteilt, wenn er sein Land jaucht. Denn mag einer von uns für den anderen auch scheinbar keine Spur von Geruch an sich haben, auf das Wild wirkt unsere Ausdünstung ungefähr so, wie auf uns die von einem Nigger oder Japp. Und wenn es nur eine Mütze voll Wind ist, die Hirsch, Bock oder was es sonst ist, auf die Geruchsnerven bekommt, das genügt ihm, um sich peinlich berührt rückwärts zu begeben. Es gibt nun ganz schlaue Jäger, und die sagen: »Tja, und deshalb darf man auf Anstand nicht schmöken.« Das ist, mit Verlaub, Blödsinn. Natürlich, wenn einer solche vulkanmäßigen Ausdünstungen entwickelt, daß es aussieht, als wenn ein Häusling Brot backt oder als ob der Fuchs Bier braut, wenn einer wie eine Kleinbahnlokomotive, die gegen den Wind anjappt, qualmt, so genügt allein schon die optische Wirkung des Tabakdampfes, um das Wild zu veranlassen, die Stätte, der der blaue Nebel entquillt, zu meiden, zumal wenn der Jäger so schnell pafft wie ein Automobilauspuff. Wer aber langsam und ruhig raucht, verstößt nicht gegen die Anstandsregeln, denn ob das Wild den Tabaksdampf oder die Witterung des Jägers in den Windfang kriegt, das ist toute la mème Piepe. Der richtige Anstandsjäger schmökt immer auf Anstand, einmal, damit er weiß, was hinten und vorne ist, alsdann, um sich die Langeweile, ferner, um die Mücken zu vertreiben, und drittens, damit er weiß, wie der Wind weht, denn besonders bei unsicherem Wetter quirlt der Wind oft erheblich. Stellt nun so ein rauchloser Jäger sich bei gutem Wetter unter einem Hauptwechsel an und bekommt weiter nichts zu sehen als seine immer länger werdende Nase, so geht er ab und kommt nicht wieder. Hätte er aber einen Nikotinspargel oder die Röchelmaschine zwischen den Zähnen gehabt, dann hätte er sich vielleicht schon fünf Minuten nach bezogenem Anstand davon überzeugt, daß der Wind im Caprivischen Kurse ging, und er hätte sich wärtser begeben. Wer nun aus der Tatsache, daß dem Wilde der Tabakgeruch nicht unangenehmer ist als der Geruch des Menschen an und für sich, schließt, er dürfe ungescheut die Zigarrenstummel überall herumstreuen oder die Pfeife in der Nähe der Wechsel ausklopfen, der befindet sich auf dem Holzwege. Alte Zigarrenstummel wirken nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf das Wild unästhetisch, und Pfeifenjauche ist etwas anderes als Maiglöckchenduft. Deshalb bohre man mit dem Wanderstabe ein Loch in die Erde und bestatte die Zigarrenleiche in geziemender Weise und mache auf ähnliche Weise die Tabakjauche unschädlich. Auch schleudere man Butterbrotpapier und Wurstpellen nicht in der Natur umher, sondern grabe sie ein, denn der Wald ist weder ein Papierkorb noch eine Abdeckerei. Überhaupt soll der Jäger im Walde so wenig wie nur möglich Spuren seines Daseins hinterlassen, nicht seinen Stand dadurch auf halbe Meilen kenntlich machen, daß er die abgeschnittenen Zweige davor hinwirft oder sie abschneidet, daß die weißen Schnittflächen weithin prahlen, sondern lege die Zweige fein säuberlich auf einen Haufen in das Buschwerk und schwärze die Trennflächen mit feuchter Erde, denn besser ist besser. Am allerbesten ist es, wenn er sich eine geraume Weile vor Anfang der Jagd an allen guten Stellen Lauben und Buchen schneidet, denn als sehr zweckmäßig kann es nicht angesehen werden, fängt er, wenn er sich anstellt, ein Gesäbel und Getrampel an, daß es sich anhört, als wenn eine wilde Sau Eicheln sucht. Auch soll man nicht, tritt der Bock um acht Uhr aus, fünf Minuten vor zu spät angewackelt kommt, sondern lieber eine Stunde früher, denn der Bock ist kein Bureaumensch, sondern macht es oft mit dem Auswechseln so wie der Pfarrer Aßmann, nämlich gerade so, wie es ihm paßt. Eine der wichtigsten Anstandsregeln ist die, daß es gar keine gibt, sondern daß man, wie im Kriege, in der Politik, beim Skat und ähnlichen Angelegenheiten, von Fall zu Fall handeln muß. Wer sich zum Beispiel einbildet, guter Wind sei der beste, der kann manchmal dumm anlaufen. Angenommen: ein alter, geriebener Geheimrat von Bock trete aus einer Dickung auf eine Wiese, in der allerlei Ellernbüsche stehen. Eines Abends zieht der Wind steil von der Dickung in die Wiese. »Famos,« denkt der junge Jägersmann, »Besseren Wind kriege ich nicht,« und so stellt er sich in einem der Ellernbüsche an. Er lauert eine Stunde; der Bock kommt nicht. Er lautert noch eine Stunde; er kommt abermals nicht. Endlich, als Tag und Nacht sich »guten Abend!« sagen, kommt er, das heißt, es kommt etwas, aber es kann ebensogut eine Ricke, wie ein Bock sein, falls es nicht ein Weidenbusch ist. Der Bock ist nämlich folgender Ansicht: »Der Wind ist für einen etwa vorhandenen Jäger tadellos, also ist er für mich schäbig. Also werden wir warten, bis das Büchsenlicht durch Abwesenheit glänzt, und derweilen in dem Stangenorte von der Dickung ein wenig äsen.« Wäre der Jäger etwas weniger grün gewesen, so wäre er dem Bock auf halbem Wege entgegengekommen und hätte sich zwischen Dickung und Stangenort angestellt, denn dann hätte er den Bock schon in der ersten von den drei Stunden auf die Decke gebracht. Überhaupt, wer da wähnt, ein starker Bock sei am besten auf der Äsung zu erbeuten, der wird meistens ohne den Bock, aber mit der Überzeugung im Rucksack heim pilgern, daß das Sprichwort: »Hoffen und Harren macht manchen zum Narren« zu Recht bestehe, denn auf die blanke Äsung, also auf die Wiese oder den Klee, tritt der gute Bock entweder erst aus, wenn das Büchsenlicht heidi gegangen ist, oder wenn er sich durch Umziehen der Äsung davon überzeugt hat, daß es nirgendwo frisch nach Mensch duftet. Darum ist der beste Anstand, wo die Verhältnisse es erlauben, immer zwischen dem Hauptstande des Bockes oder Hirsches und der Äsung, denn im Holz sind Bock und Hirsch viel vertrauter und lange nicht so aufmerksam, als wenn sie auf das blanke Feld oder in die offene Wiese austreten. Ferner ist nicht der gute Wind meist der beste, sondern der schlechte, oder der mittlere, und darum stellt sich ein abgefeimter Jäger am liebsten mit halbem Winde, also so, daß der Luftzug in schräger Richtung zwischen dem Stande des Wildes zieht, wenn es irgend geht, am liebsten gegen den Wind. Und weiter stellt sich ein ausgepichter Weidmann nie so an, daß er seinen Stand nicht verlassen kann, ohne von dem Wilde gewahr zu werden, denn stellt man es noch so gerissen an, sehr oft muß man hinterher denken: Wilhelm Busch hatte ja so recht, als er so schön sang: »Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt«. Nichts ist erschütternder, als wenn man sich in einen kleinen Wiesenbusch eingeschoben hat und der vermaledeite Bock zieht gegen jede Verabredung zu weit vor dem Jäger aus, aber doch so, daß er ihn eräugen kann, verläßt dieser seinen Stand, und der steht da zwischen den grünen Ellernbüschen, wie Butter an der Sonne, und sieht dem Bock mit den gemischtesten Gefühlen nach. Überhaupt, wer Überraschung liebt, der übe die Anstandsjagd aus. Manchmal, ja meistens, werden die Überraschungen ja nicht so sein, als wenn man bei der Staatslotterie mit einem Bombentreffer herauskommt, sondern eher umgekehrt, aber auf jeden Fall kann der Jäger sich hinterher sagen: »Na, dümmer werde ich davon auch nicht.« Wer sich z. B. ein bildschönes Loch vor dem Felde buddelt und es dicht mit Zweigen umsteckt, sodaß er bloß geradeaus kucken kann, dahin nämlich, wo der Bock nach der Volkssage Tag für Tag sich einfindet, und mit einem Male steht der Bock unmittelbar neben dem Jäger, aber an der ungefährlichen rechten Seite, der weiß, wie einem Menschen zumute ist, der in Damengesellschaft sitzt und die Entdeckung macht, daß ein Floh auf seinem Rücken Tiefbohrungen veranstaltet. Ober aber, und das ist auch sehr schön, der Bock steht famos, bloß er ist noch von einigen Halmen gedeckt, so daß an ein Schießen nicht zu denken ist, und das Schmalreh zieht im spanischen Tritt auf den Jäger los, streckt seinen Windgang in den Schirm, erschrickt maßlos und geht mit Getöse ab, und hinterdrein der Bock, bloß noch mit viel mehr Getöse. Oder eine alte Tante stellt sich vor den Jäger, dreht ihm den enormen Spiegel zu, äst sich eine geschlagene Stunde auf demselben Fleck und versperrt mit ihrer matronenhaften Fülle dem Unglücksmenschen von Jäger nicht nur die Aussicht auf die Landschaft, sondern auch auf den Bock, der sich vor der Ricke äst, das ist ebenfalls eine von den Gelegenheiten, die den Jäger veranlassen können, zu denken: »Sie gefallen mir nicht.« Derartige Scherze stoßen einem meist aber nur zu, wenn man sich ansetzt, und darum ist es besser, man stellt sich an, damit man, wollen die Rehdamen zudringlich werden, es machen kann, wie Knopp, von dem es heißt: »Knopp begibt sich weiter fort und an einen andern Ort.« Sehr scherzhaft ist es auch, wenn es dem Jäger plötzlich kreidebleich zumute wird, weil der Bock mit einem Male vor ihm steht und der Jäger, so gespannt er auch selber ist, hat vergessen, die Büchse zu spannen. Wenn er bis dahin noch nicht wußte, was Angstschweiß ist, so lernt er diese Flüssigkeit bestimmt jetzt kennen. Oder der Bock ist da, der Jäger backt an, und der Bock ist fort. der Jäger setzt ab; schon ist der Bock wieder da, aber so wie der Jäger wieder in Anschlag geht, ist Urian verschwunden. Es ist nämlich gar nicht der Bock, es ist noch nicht einmal ein Reh, es ist eine rote Spinne, die an einem Faden gerade vor den Augen des Jägers hängt und von den überreizten Sehnerven zum Bock umfrisiert wurde. Dieselbe witzige Rolle kann auch ein rotes Blatt, eine Sauerampferrispe oder Lichtnelkenblüte spielen, und mehr als ein Weidenbusch hat schon sein junges Leben lassen müssen, weil er einen Rehbock markierte. Das ist dann ja weiter nicht gefährlich, aber wenn es knallt und der Jäger rennt durch den Dampf, um sich an Auslage und Perlung des Gehörns zu laben, und er hat weder das eine noch das andere, weil es trotz allen Fählens und Fummelns nicht vorhanden ist, indem der Rehbock sich mit dem letzten Rest von Lebenskraft in ein Schmalreh oder sogar in eine alte Ballmutter von Ricke verpuppte, dann ähnelt das Gesicht des sicheren, allzu sicheren Schützen auffallend den Photographien, die wir von Marius aus jener Zeit besitzen, da er auf den stilvollen Ruinen von Karthago saß und philosophische Betrachtungen über die Eitelkeit der irdischen Dinge anstellte. Manchmal ist der Bock hinterher aber kein Schmalreh und eine Ricke erst recht nicht, sondern ein Mensch, denn die Dämmerung ist eine arge Hexe und hat schon mehr als ein Menschenleben und viel Not auf dem Gewissen. Wer solange ansteht, bis er das Ende der Büsche nicht mehr sehen kann, der kann zu leicht in die Gefahr kommen, ein Unglück anzurichten, denn aus Büschen macht das böse Weib Böcke, aus Böcken Ricken und manchmal aus Rehen und Hirschen einen Menschen. Die Augen auf, aber weit, ganz weit, und immer kalt Blut, und nie eher den Finger krumm gemacht, ehe man todsicher erkennt, was man vor sich hat, das ist die erste und letzte von allen Anstandsregeln. Der Standhauer Es gibt ein Wort, das jeder vernünftige Mensch auf den Tod haßt, das Wort: modern, denn mit keinem Wort wird mehr Unfug getrieben. Modern ist man, wenn man nach der Urgroßväter Weise Rollschuh läuft, modern ist man, wenn man einen Gehrock trägt, wie er 1813 beliebt war, modern ist man, wenn man erotische Verirrungen in Damengesellschaft bespricht, die Austern kaut, für das Frauenwahlrecht schwärmt, Edmund Rostand für tief hält, Absinth trinkt, Kalikuxe kauft, auf die Regierung schimpft, ohne Fischmesser keinen Fisch essen kann, den Angelus Silesius vor der Lotterbank liegen hat, in dem Nigger seinen Bruder sieht, mit revolutionären Ansichten kokettiert, in Buddhismus macht, nur noch Zigaretten rauchen kann, Bonapartekultus treibt und was des dummen Zeuges mehr ist. Als unmoderner Mensch gilt dagegen der, der nicht sofort auf jeden Modeschwindel hineinfällt, der erst abwartet, ob irgendeine Sache oder eine Richtung Sinn hat, der ruhig und besonnen an alles Neue oder Aufgewärmte herantritt und sich solange mit dem Alten und Bewährten behilft. Das war früher in der Jägerwelt üblich. Mit kalten Augen sah sich der Mann, der aus Beruf oder Neigung den grünen Rock trug, jede Neuerung auf dem Gebiete der Jagd an, und erst, wenn er sich genau davon überzeugt hatte, daß es sich um eine Einrichtung von wirklichem Nutzen handelte, machte er sie sich zu eigen, oft aber dann noch nicht einmal, denn der gerechte Jäger setzte einen gewissen bäuerischen Stolz darein, sich nicht von der Mode beeinflussen zu lassen, sondern möglichst lange die Ausrüstung zu tragen, die schon der Vater trug, zog er zu Holze. Als die Hinterladerwaffe aufkam, gab es eine Menge alter Jäger, die ihr jahrzehntelang fern blieben. »Unsinn!« sagten sie sich; »was ich an meiner alten Pumpe habe, das weiß ich.« Sie hatten nicht so unrecht. Das Lefauchex hatte sofort eine Vermehrung der Jagdunfälle zur Folge, und nicht minder eine ziemlich ungesunde Zunahme der Jäger von Liebhaberei, und mit ihm kam das Schießertum auf. Es war so schnell zu bedienen, daß neue Gewehr; im Handumdrehen war es entladen und neu versorgt. Bis dahin sparte man mit dem Schusse, des umständlichen Ladens wegen; nun aber wurde frisch, fromm, froh, vergnügt darauf losgeballert und Dampf gemacht auf alles, was da kreuchte und fleugte. Das war um die Zeit, als Deutschland zu Gelde kam. Jagen gilt als herrschaftliche Beschäftigung, also jug alles, was als Kavalier gelten wollte. Weidmännische Erziehung hatte man nicht; also stürzte man sich nach Emporkömmlingsart auf alles, was neu war, und warf das Gewährte zum alten Eisen. Kaum hatte man die Lefauchex, da kam die Zentralfeuerwaffe auf; die Büchsflinte wurde von dem Drilling verdrängt, die einläufige Büchse und der Zwilling mußten der Repetierwaffe weichen; heute haben wir schon die Browning, und hier und da sieht man auch schon die automatische Pirschbüchse, aus der man ein Dutzend Kugeln herausspritzen kann, ohne daß man ein einziges Mal absetzen muß. Es versteht sich von selbst, daß, wie auf anderen Gebieten, auch in der Jagd nicht alles beim alten bleiben kann. Niemand von uns möchte den Hinterlader mit Zentralfeuerung entbehren; bei großen Hasenschlachten, in stark besetzten Hühnerjagden, auf der Suche auf Enten und Birkwild ist auch die Browning nicht zu verachten; der Drilling ist für den Jäger, der eine Heid- oder Moorjagd sein nennt, kaum entbehrlich; der Streifenlader ist bei der Jagd auf wehrhaftes Wild eine ausgezeichnete Waffe, und die rauchschwachen Treibmittel haben ihre unleugbaren Vorzüge dem alten Schwarzpulver gegenüber, freilich auch ebenso viele Nachteile. Erinnern Sie sich noch der Aufregung, als das Spiralit auf dem Munitionsmarkte erschien? Jeder, der etwas sein wollte, schoß mit Schießpappe. Nach zwei Jahren gab es kein Spiralit mehr; es konnte atmosphärische Feuchtigkeit ebensogut vertragen wie ein Spitzenkleid, brannte in der abwitzigsten Weise nach und hatte nicht mehr Durchschlagskraft als die meisten Witze in dem »Simplicissimus«. Versunken und vergessen, das ist des Spiralites Fluch. Mag man nun aber auch über die scheinbaren und wirklichen Fortschritte in der Waffentechnik und Munitionsfabrikation denken, wie man will, zwei große Nachteile sind nicht abzuleugnen. Einmal wird es dem Menschen von heute, der Geld und Zeit genug hat, allzu bequem gemacht, Jäger zu werden, und zum anderen wird der Jäger nach mehreren Richtungen hin zu unselbständig gemacht. Früher bildete man sich unter Führung eines gerechten Weidmannes langsam zum Jäger aus; heute wird man im Handumdrehen, wenn auch nicht gerade Jäger, so doch Schießer. Früher goß sich der Jäger die Kugeln selber, fertigte sich selbst die Pflaster an, maß die Ladung ab, stellte sich selbst allerlei Wildlocken her; heute kauft er das alles fix und fertig im Laden. Das ist ja an und für sich weiter nicht schlimm; aber es entwöhnt den Mann davon, sich selber zu helfen, ist es einmal nötig. Welcher Jäger von heute ist imstande, seine Waffe gänzlich auseinanderzunehmen, blitzblank zu putzen und wieder zusammenzusetzen? Wer eine Selbstspannerwaffe führt, braucht sich dessen nicht zu schämen, denn um sich in deren verzwickten Klappmatismus hineinzufinden, muß man schon gelernter Mechaniker sein, aber auch die meisten Hahngewehrjäger überlassen das Reinigen der Waffe dem Jagdhüter oder dem Büchsenmacher, und unter hundert von ihnen gibt es kaum dreizig, die imstande sind, sich ihre Patronen selber herzustellen. Aber noch nicht zwei von hundert Jägern bringen eine Blatte oder Habichtslocke zusammen, und mit der Laterne des Diognes kann man sich Jäger suchen, die das Haus der Wellhornschnecke so beschneiden können, daß es einen guten Hirschruf abgibt. Und so ist es überall. Man führt seinen Hund nicht mehr selber ab, sondern läßt das von irgend einem Förster besorgen. Man baut sich kaum mehr selbst einen Schirm oder Stand; denn dafür hat man den Jagdaufseher. In einer Viertelstunde aus Buschwerk eine Krähenhütte herzustellen, das bringen nicht viele Männer mehr fertig, und daß man, hat man eine kleine Säge, eine Hand voller Bretternägel und einen Hammer, in derselben Zeit einen leidlichen Hochsitz zurechtzimmern kann, das klingt den meisten Jagdjägern wie eine Fabel. Schießen kann man, das ist aber auch alles. Das schöne Gefühl, ganz auf sich selber gestellt zu sein, ist man draußen, niemand zu brauchen als seine beiden Augen und seine zwei Hände, das geht den meisten Jägern von heute ab. Sie können sich zur Not einen Bock selber ausmachen, brechen ihn auch schließlich selbst auf, geht es nicht anders; aber dann ist es auch Schluß. Daß man Knüppel- und Würgefallen ohne andere Werkzeuge als mit der Säge selbst machen kann, das glauben sie nicht, und daß es ein männliches Vergnügen ist, Pirschsteige zu hauen, das erscheint ihnen als ein guter Spaß. Den transportablen Hochsitz, daß künstliche Schmalreh, die pneumatische Blatte und ähnlichen Unsinn kennt der moderne Jägersmann; frage man ihn aber: »Haben Sie einen Standhauer bei sich?« so wird er vielleicht antworten: »Nee, aber einen alten Steinhäger.« Es ist rührend anzusehen, wie solch ein Mensch, dessen Wiege von Asphaltdünsten umsäuselt wurde, sich anstellt, wenn er sich einen Stand schneiden will und einige Zweige von Daumenstärke beseitigen muß. Er hat ein Taschenmesser, das eine prachtvoll geperlte Hirschhornschale und mindestens zwanzig Klingen und dergleichen hat. Er zückt es und säbelt los. Im Schweiße seines Angesichts schnippelt er fünf Minuten an dem Zweige herum, zieht sich ein halbes Dutzend Wasserblasen in der Hand zu, bricht sich drei Scharten in die viel zu sehr gehärtete Klinge, reißt sich seinen schönsten Fingernagel ein und bricht schließlich den Zweig mit solchem Getöse herunter, daß der Rehbock sich fragt: »Aha! also werden wir für das erste nicht gerade dort zur Äsung austreten!« Würde der Mann draußen aufgewachsen sein, so hätte er den Ast mit drei Schnitten entfernt, indem er ihn stark bog und das Messer durch die Beuge zog, eine Kunst, die der Bauer schon lernt, wenn er noch Hosen trägt, aus denen hinten das Hemdchen flaggt. Und ist so ein Bauernjüngelchen seine zehn Jahre alt, dann steht er nicht hilfslos da, braucht er einen Bindfaden und hat er keinen; er schneidet sich einen Zweig, entblättert ihn, klemmt ihn mit dem dicken Ende in die linke Achselhöhle, und hast du nicht gesehen, ritscheratscheratz, hat er mit fünf Drehbewegungen eine Weide daraus gemacht, die dieselben Dienste leistet wie eine Zuckerschnur. Darum tut ein kluger Jägersmann gut, wenn er sich, hat er Zeit, ab und zu einmal hinstellt und zusieht, wie ein Bauer oder Waldarbeiter den Busch rodet; er kann eine Menge dabei lernen, vorzüglich, wenn er nicht so ein Glacémännchen ist, daß er schon Quesen in die Hände bekommt, denkt er daran, daß er sich selber einmal einen Pirschsteig hauen muß. In die Lage kommt aber jeder Jäger einmal, der nicht immer und ewig mit dem Jagdaufseher hinter sich zu Holze zieht, ein Genuß, der nur solchen besseren Menschen Spaß machen kann, für die es ein schweres Problem ist, ohne Kammerdiener in ihre unaussprechlichen Unterhosen einzuschliefen. Wer aber auf eine ähnliche Unabhängigkeit beim Jagen keinen besonderen Wert legt, wer sich draußen dann am wohlsten fühlt, bekommt er den ganzen Tag außer ein paar hübschen Mädels, die zum Heuen gehen, kein menschliches Wesen zu Blick, der sieht oft urplötzlich ein, daß er heute oder morgen auf den Bock nur dann zu Schusse kommt, wenn er sich vor dem Lichtschlage nach der Wiese hin einen Pirschsteig baut, und darum führt er den Standhauer bei sich, das alte, schwere, auf der Rückseite mit einer Säge versehene Messer, daß so schnell und sicher arbeitet wie ein Handbeil, und so zückt er es, schlägt sich in zehn Minuten den Steig, ohne mehr Lärm zu machen, als eben nötig ist, und ohne den Bock zu vergrämen, denn an lautes, ungescheutes Hacken ist der gewohnt von den Waldarbeitern her. Um doppelbaumdicke Äste zu beseitigen, bedarf es nur eines einzigen Hiebes, und die glatten Trennflächen schaden den Bäumen nicht ein bißchen. Das ist ein anderes Werk als das Herumsäbeln mit dem Taschenmesser, das nebenbei noch den großen Nachteil hat, daß der Bock es scheußlich übel nimmt, denn er ist es nicht gewöhnt und als eingefleischter Gewohnheitsmensch, wollte sagen, Gewohnheitstier, ist ihm alles Ungewohnte verdächtig. Wer sich daran gewöhnt, den Standhauer zu führen, dem wird das Steigehauen bald nicht mehr eine Zwangsarbeit, sondern ein Vergnügen, um nicht zu sagen, ein Sport sein. Es wird ihm Spaß machen, eigenhändig seine Jagd mit einem Netze von Pirschsteigen zu überziehen, die Blößen miteinander zu verbinden und Buchten und Auskicke zu schlagen, wo es nötig, nützlich und angenehm ist: Lieb und wert wird ihm diese Arbeit werden, so lieb, daß er überhaupt nicht mehr weiß, daß es eine tote Zeit für ihn gibt. Ödet ihn der Asphalt, mopst ihn die Zivilisation, dann macht er, daß er hinauskommt. Er hat da einen jungen Stangenort, der an seine beste Rehwiese stößt. Will er dort einen Bock schießen, so geht das meist nicht anders, als wenn er sich stundenlang in einen Hochsitz klemmt, und das macht ihm keinen Spaß, denn er erpirscht sich lieber den Bock, als daß er sich ihn erbockt. Wenn er sich aber schräg durch den Stangenort einen Steig haut, dann kann er sich bei jedem Winde bequem an die Weise heranpirschen und braucht nicht stundenlang wie ein Affe in der Eiche zu kauern und sich Gesäßschwielen zuzuziehen. So stiefelt er dann fröhlich los, schuftet den ganzen Tag wie ein Holzhacker, hat hinterher einen Hunger, wie lange nicht, und schläft, daß ein Auge das andere nicht sieht. Auch macht er allmählich die Bemerkung, daß seine Weste anfängt Wellen zu schlagen, und mit Genugtuung stellt er fest, daß ein Fünfgroschenbrot in seiner Hose Platz hat, findet auch, daß sein Gang straffer, sein Blick frischer, seine Brust- und Armmuskeln weniger schlaff sind und daß ihn nicht mehr, wie im letzten Vorfrühling, der Atem in der Lunge schrammt. Da er nun nicht auf den Kopf gefallen ist, macht er sich, so oft er Zeit hat, daran, das fröhliche Handwerk auszuüben und findet immer mehr Gefallen daran. Bisher war er faul und bequem; er graulte sich vor Treppensteigen und ein Umzug dünkte ihm eine Art Selbstmordversuch. Nun aber hüpft er die Treppen in die Höhe, wie ein Backfisch, und setzt seine Hausehre dadurch in erhebliches Erstaunen, daß er die Gardinenleisten selber anschlägt und es sich nicht nehmen läßt, die Bilder aufzuhängen, und sogar, man höre und staune baß, die Hausfrau nicht erst vom Bratenwenden fortzetert, reißt ihm ein Knopf ab, sondern sich Nadel und Faden holt und den Verlust höchsteigenhändig wieder gutmacht. Die uralte, schöne Freude an der körperlichen Selbstbestätigung ist wieder in ihm erwacht. Er freut sich, kann er, der Tag für Tag sechs bis acht Stunden am Schreibtisch sitzen muß, einmal seine Knochen üben. Früher turnte er, um den Bauchspeck loszuwerden, in staubdurchwirbelten Sälen, oder kegelte im himmelblauesten Tabakdampfe, radelte auf menschenüberfüllten, langweiligen Radfahrwegen, ja, spielte sogar, schauderhaft, aber wahr, trotz seiner fünfundvierzig Jahre, zum Vergnügen der Einwohner Tennis, wobei er sich halb schick, halb albern vorkam. Jetzt hat er alle diese Leibesübungssurrogate nicht mehr nötig. Mit dem Standhauer in der gebräunten Männerhand schafft er sich in reiner Luft frische Bewegung, bringt seine roten Blutkörperchen auf die doppelte Anzahl, reckt seine Lungen um ein beträchtliches aus, weiß nicht mehr, was Appetitlosigkeit ist, schläft schon ein, ehe er noch beide Beine im Bett hat, und wacht früh mit leichterem Kopfe auf, als wenn er, wie ehedem, nach dem Turn- oder Kegelabend noch die üblichen drei halben Liter zur Erzielung der nötigen Bettschwere in sich hineinschwemmte. Er ist überhaupt ein ganz anderer Kerl geworden, schindet seine Untergebenen nicht mehr so, wird nicht gleich nervös, unterhalten sich die Kinder anders als im Flüsterton, fällt nicht gleich um, schlägt eine Tür etwas plump zu, hat nicht andauernd einen Schnupfen und schmeißt keine neronischen Blicke um sich, ist der Braten einmal nicht weich genug. Und das alles hat er niemand anders zu verdanken als dem alten, unmodernen Möbel, so man beinahe nur noch in Museen und Althandlungen findet, dem Standhauer. Tinamu \& Cie. »Das ist nicht weit her,« sagt der deutsche Biedermann, wenn er ausdrücken will, daß ein Ding nicht wert sei. Kein Volk der Welt außer uns hat ein ähnliches, von so rührender Selbstlosigkeit zeugendes Sprichwort. Überall kann man die herrlichen Wirkungen dieses erhebenden Zuges völkischer Uneigennützigkeit erblicken: in der Mode, in der Tierzucht, im Bühnenwesen, in der erzählenden und bildenden Kunst, natürlich auch im Sport. Ha, und wenn es zur Jagd geht, dann sieht man erst das gute deutsche Bierherz. Grün, das ist gewöhnlich; kariert muß man gehen, als trüge man die von der seligen Urgroßtante mütterlichseits geerbten Umschlagetücher auf. Auf dem Kopfe trägt man keinen Hut mehr, sondern eine Zuhältermütze und um die Hinterbeine eine Kreuzbandage. Mit seinem Eirischsetter oder Pointer spricht man nur im elegantesten Cockney-Englisch, und schießen tut man nur noch mit der Brauning, damit das Ausland darüber hinwegkommt, daß die deutsche Büchsenmacherei sie immer mehr schlägt. Das ist ein schöner Zug von uns: »Deutschland for ever! Vive la Vaterland! Hie bon deutsch. Weidwerk every here!« Und darum auch: »Unser Wild ist ja nicht weit her!« Fort mit dem Rotwild! Totschießen im Bast, wenn es zu Schaden geht! Das Haselwild sind wir glücklicherweise schon überall los, desgleichen den Urhahn. Und unser Rothirsch, pfui Deibel, wie sieht denn der aus? So altväterlich, so unmodisch, so unverzüchtet, so natürlich! Das muß anders werden, und zwar vom nächsten Ersten ab! Wapitiblut muß hinein, damit unser Hirsch modern wird. M. w! Die Sache schlumpte. Eine Freude war es, die hochmodernen Hirsche zu sehen. Das waren keine so stumpfsinniglangweiligregelmäßigen Geweihe mehr, die die Hirsche schoben, nein, Sezessionsgeweihe, impressionistisch-symbolistisch geschwungene Stangen mit Enden, die wie epileptische Neunaugen aussahen und von denen jedes seinen persönlichen Stil hatte, während die Kronenbildung durch das Yankeeblut glücklich beseitigt wurde. Etwas sind die Waitis ja aus der Mode gekommen, aber es gibt noch genug Gatterhirsche, deren Giraffenhälse, Pferdeläufe, Eselslauscher und Baumastgeweihe die glücklich abgelaufene Bluttransfusion ad bestiam demonstrieren. Dann auf einmal hieß es: »Hirsch? Ach was, langweilig! In der Jagd auf das edle Känguruh zeigt sich erst das deutsche Weidwerk in seiner höchsten Blüte!« Und flugs ließ man sich diese Riesenflöhe kommen, setzte sie aus, freute sich an den wunderbaren Fluchten, mit denen sie über die Grenze hüpften, und schrie Mord und Brand über den Aasjäger von Nachbar, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als diesen lebendigen Hohn auf den natürlichen Zusammenhang zwischen der Landschaft und ihrer Tierwelt möglichst schnell zu vertilgen. Dann wieder setzte man amerikanische Bronzeputer aus, sehr smartes Flugwild, das als echter Amerikaner das nicht unbillige Verlangen stellte, daß sich die Tier- und Pflanzenwelt seiner neuen Heimat ihm anzupassen habe, und voller Entrüstung in einen Fortpflanzungsstreik eintrat, als diesem Wunsche die Erfüllung versagt wurde. Ein sehr beliebtes Flugwild war eine Zeitlang die amerikanische Baumwachtel. Ob man eine halbe Baumwachtel oder huntertausend aussetzte, das war ganz gleich. Nach drei Jahren waren sie immer, wie es im Polizeideutsch heißt, unbekannten Aufenthalts verzogen. In derselben Weise benahm sich die Schopfwachtel, ein sehr feinfühliges Tier; denn nachdem es bei seinen Antrittsbesuchen auf kühlen Empfang durch die bereits ansässigen Flugwildarten gestoßen war, sagte es, es wolle nicht länger stören und verschwand spurlos und unauffällig, was allseitig bedauert wurde. Nicht minder tief bedauerte man, daß der irgendwo in der Kalmuckei aufgegabelte Königsfasan sich hier nicht wohl fühlte. Er war doch so ein herrlicher Piepmatz, und er verursachte auf der Jagd so entzückende Überraschungen. Die Hunde standen ihn freilich nicht, denn sie behaupteten: »Das ist Blech! So 'ne Vögel gibt es gar nicht. Die sind gemacht.« Lief der Königsfasan, so sah er aus, als wälze sich eine Riesenschlange durch die Landschaft, und wenn man auch noch so gut darauf abkam beim Schießen, was herunterflog, das war immer nur ein Stück vom Stoß, so daß manche Jäger behaupteten, dieses Wild bestände aus nichts als aus Federn. Tatsächlich gibt es auch in ganz Deutschland keinen Menschen, der ein Stück Wildbret von diesem Jagdpapagei zwischen den Zähnen gehabt hat. Auch Perlhühner hat man irgendwo schon ausgesetzt, wahrscheinlich, um diese Radaumacher vom Hofe loszuwerden. Der Fuchs war damit sehr zufrieden, denn während er bei allem anderen Flugwilde die Nase gebrauchen mußte, um es zu spüren, konnte er schon auf eine deutliche Meile feststellen, wo die Perlhühner waren, denn das fortwährende, an die Musik der Scherenschleifer erinnernde Getöse, das sie von sich gaben, ließ ihn darüber nicht lange im unklaren. Nachdem man so Asien, Afrika, Amerika und Australien abgeklappert hatte, um die deutschen Wildbahnen zu vervollständigen, auch durch Einführung von Mufflons und anderen wilden Schafböcken dem trotzenden Geldbeutel wohltuende Erleichterung verschafft hatte, kehrte man reuevoll zur paläarktischen Fauna zurück und begnügte sich mit dem welschen Rothuhn und dem schottischen Moorhuhn, auf deutsch Grause. Ersteres war infolge seines krankhaften Chauvinismus nicht zu bewegen, sich fortzupflanzen, und gehörte bald unter die in historischer Zeit in Deutschland ausgestorbenen Tiere, wie Wisent und Bär; letzteres macht es meist ebenso. Da in unserer jagdbaren Tierwelt das Romano-Amerikanertum noch nicht vertreten war, so sind opferfreudige Menschen, die aus ihrem Edelmut ein Geschäft machen, augenblicklich dabei, uns das argentinische Steißhuhn aufzuhalsen, das sie aber wegen seines anstößigen Namens Tinamu getauft haben. Dieser Vogel ist sehr bescheiden und es ist ihm peinlich, wenn er Aufsehen erregt; deswegen fliegt er nur, wenn man ihn in die Luft wirft. Am besten geht das mit einer Tontaubenwurfmaschine. Man muß übrigens nicht denken, daß nur der augenblicklich lebende deutsche Jäger am Wildaussatz erkrankt sei; o nein, schon die Großväter unserer Ahnen litten daran. Denen genügten die Hasen nicht mehr, und so führten sie das Kaninchen ein, ein dankbares Tier, dessen Vermehrungskraft bis an die Barrieren der Unmöglichkeit geht. Setzt man in einer Jagd ein paar dieser Nagetiere aus und stellt den berühmtesten Rechenkünstler daneben, so ist der Mann nicht imstande, auch nur annähernd der Vermehrung des Paares zu folgen, selbst nicht mit Hilfe der Integral- und Differentialrechnung. Da das Kaninchen ein Amphibium ist, das mit der gleichen Fertigkeit über und unter der Erde fortkommt, und da es ferner, wie man auf allen Treibjagden sehen kann, hieb- und schußfest ist, so wird es in absehbarer Zeit die gesamte Pflanzenwelt Deutschlands vernichtet haben. Darum hat das neue preußische Wildgesetzbuch es von der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen, es in Acht und Aberacht erklärt und jedem Menschen erlaubt, es totzuschlagen. Es fällt aber keinem ein, das zu tun, denn es hat keinen Zweck. In der Zeit, daß man eins vom Leben zum Tode bringt, haben die übrigen schon wieder zweimal gejungt. So hat wenigstens ein eingeführtes Säugetier sich dankbar gezeigt, und auch ein Vogel, der Fasan. Sein Wildbret muß zwar erst ein bißchen riechen, ehe es für einen anständigen Menschen zu genießen ist, und dann richtet er auch dreimal so viel Wildschaden an, als er einbringt, aber das wahre Weidwerk hat ja auch mit der Volkswirtschaft nichts zu tun, und wie beim Rehbock das Gehörn, so ist beim Fasan der Schuß die Hauptsache. Seit einiger Zeit sind wir um ein neues schönes Wild bereichert, den böhmischen Rübenhasen, Lepus intimidus tschechicus L. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die deutschen Hasen entartet sind. Sie entwickeln eine krankhafte Flüchtigkeit, halten höchstens auf zwanzig Schritt und sind infolgedessen sehr schwer im Lager zu erlegen. Diesen Entartungserscheinungen will man durch die Kreuzung mit den künstlich auf Vertrautheit und Langsamkeit massenhaft gezüchteten Böhmaken abhelfen, ein Beginnen, das höchst lobenswert ist. Denn gelingt es, dann braucht man sich nicht mehr mit dem schweren Gewehr abzuschleppen, sondern kann mit dem Spazierstock auf die Hasenjagd gehen. Welche ungeheueren Vorteile die Einführung fremden Blutes mit sich bringt, das hat die Einfuhr böhmischer Krebse gezeigt. Sie verschaffte uns die für den Bakteriologen höchst interessante Krebspest, und da es infolgedessen keine Krebse mehr in Deutschland gibt und die Bakteriologen in Verlegenheit um Studienmaterial sind, so wird ihnen die Einführung bömischer Hasen bald Gelegenheit zu neuen Entdeckungen geben, denn da, wo es geschehen ist, sind die Hasen in größerem oder kleinerem Umfange an allerlei schlechten Krankheiten zugrunde gegangen. Und deswegen ist es vielleicht nicht ganz unangebracht, die zur Einführung bestimmten böhmischen Häsinnen, ehe man ihnen gestattet, ihr liderliches Gewerbe im Umherziehen zu betreiben, unter sittenpolizeiliche Kontrolle zu stellen. Aber einen kleinen Fehler hat schließlich alles. Ein wenig Franzosenkrankheit oder Sauenräude kann man schon mit in Kauf nehmen. Die Hauptsache ist und bleibt, daß unsere lieben, guten Freunde in Böhmen, die sich ja erst kürzlich wieder Deutschen gegenüber so gebildet benommen haben, recht viel an uns verdienen. Und deshalb: Es lebe die Firma Tinamu \& Cie! Die Jagdkleidung Drei Eigenschaften muß die Kleidung des Jägers haben: sie muß unempfindlich gegen Witterungseinflüsse, bequem und leicht sein. Der beste Stoff, den wir für Jagdanzüge haben, ist der Loden, den man in jeder Stärke und Farbe bekommt. Meist begeht der Neuling, der sich einen Jagdanzug machen läßt, zwei Fehler dabei; er nimmt den Stoff zu schwer und zu dunkel. Ein leichter Loden hält wärmer als ein schwerer, da er den Gliedern mehr Bewegungsmöglichkeit erlaubt und die Ausdünstung befördert. Mit dünneren oder dickeren Netzhemden kann man sich zudem der Witterung leichter anpassen, als wenn man von vornherein einen zu dicken Stoff nimmt. Die Farbe sei möglichst unauffällig, in jenem Tone, den die Sonnenseite der Bäume zeigt, also ein lichtes Graugrün, Graubraun oder Braungrau; am vorteilhaftesten sind leicht gemusterte Lodenstoffe, wie man sie heute in Deutschland so hübsch herstellt, daß ganz England sie trägt, während der deutsche Jäger noch vielfach so töricht ist, die teuren englischen Stoffe zu kaufen, die das Drei- bis Achtfache des deutschen Lodens kosten, von dem der Stoff zu einem Anzug, Jacke, Weste und zwei Hosen, kaum mehr als fünfundzwanzig Mark kostet und fast unvergänglich ist. Ein guter Loden ist selbst dann noch wasserdicht, wenn er schon den nackten Faden zeigt. Niemals nehme man einen dunklen Ton für den Stoff; das ist ganz verkehrt, denn damit fällt man überall auf. Aber auch zu hell darf man nicht nehmen. Die schlechteste Farbe, die es ungefähr für die Jagd gibt, ist jene Dienstkleidung der Forstbeamten, die, wenn ihr Träger sich bewegt, wie ein grüner Blitz wirkt. Der Schnitt der Jagdkleidung sei so einfach wie möglich. Die vielen äußeren Taschen haben gar keinen Zweck, denn damit bleibt man nur hängen. Die Jacke sei hochgeschlossen mit breitgeschnittenem Umlegekragen, der, wenn er hochgeklappt wird, mit Haken und Öse, nicht aber mit Knopf und Riegel zu schließen ist. In den Seitennähten sind zwei Taschen in der Art der an den Försterjoppen befindlichen, doch ohne Klappen, anzubringen; damit bleibt man im rauhesten Stangenorte nicht hängen. Äußere Brusttaschen sind gänzlich überflüssig, innere notwendig. Sehr zweckmäßig ist es, läßt man sich auf der linken Schulter einen zum Ärmel quer stehenden daumendicken Wulst aus hart übersponnenem Stoff anbringen, damit der Gewehrriemen dort Halt hat. Für Pirschjäger, die zu Schweißarbeiten Gelegenheit haben, empfiehlt es sich, wenn sie sich auf dem Joppenrücken dicht unter dem Rockkragen aus der Kordel eine flache Schlinge annähen lassen, in die sie, wenn es durch dick und dünn geht, den Karabinerhaken einknipsen können, der an einer fußlangen Kordel des Hutes hängt, genau so, wie es die Jagdreiter tragen. Schlägt ihnen dann ein Reis den Hut vom Kopf, so brauchen sie sich nicht erst danach zu bücken. Quetschfalten und Windgürtel sind zwecklos. Einen mindestens handbreiten Windgürtel trage man aber lose im Rucksacke, um ihn, ist man heiß oder schlägt das Wetter um, umknöpfen zu können. Dieser Gürtel muß eng und weit zu knöpfen sein. Sehr wichtig ist die Weste. Sie muß nach Art der alten Bauernwesten ganz hoch geschlossen sein, und ihr Rückenteil soll aus demselben Stoffe bestehen wie das Vorderteil, denn sonst erkältet man sich leicht. Die Westentaschen nehme man quer über die ganze Brust und den Bauch und lasse in der Mitte Knopf und Knopfloch anbringen; auf diese Weise kann man sie gleich als Patronentaschen gebrauchen. Für die Uhr lasse man sich am untersten Westenknopfe eine eigene Tasche machen, in deren untere rechte Ecke man einen Ring einnäht, in den man die Kordel, an der ein richtiger Jäger die Uhr hat, einschlingt. Man hat dann die Uhr mit dem ersten Griffe in der Hand und kann sie niemals verliegen. Der Westengurt sei mindestens drei Finger breit; zieht man ihn enger, so ersetzt er den Windgürtel. Lederwesten nehme man nur aus weichem, durchlässigen Wildleder; solche aus glasiertem Leder taugen gar nichts, weil sie die Ausdünstung verhindern, was unbedingt zur Verzärtelung und Erkältung führt. Die Hose soll hinten einen recht tiefen Schlitz haben, der zuzuknöpfen ist. Je tiefer der Einschnitt, um so besser die Ableitung der Ausdünstung. Vorn ist sie am besten nach der Väter Weise geschlossen; unsere Ahnen wußten wohl, warum sie die Klapphosen trugen; erstens blitzten sie nicht in lächerlicher Weise mit einem Knopfe herum, den sie zuzuknöpfen vergaßen, und dann erkälteten sie sich auch nicht so oft den Unterleib. Die Seitentaschen sollen in der Naht liegen, wie bei Uniformhosen; die Gesäßtaschen seien groß und zuknöpfbar. Unterhalb der rechten Seitentasche soll in der Naht die Tasche für das hannoversche Weidmesser sein, das beste Jagdmesser, das es trotz aller englischen Fabrikate gibt und das billigste, denn die Goslarer und Celler Messer kosten drei Mark. Die Kniehose ist die praktischste Hosenform; man geht viel leichter darin und erkältet sich wegen des Schlusses unterhalb des Knies lange nicht so leicht, wie im Ofenrohrformat. Sehr zweckmäßig ist es, läßt man vor den Knien den Stoff doppelt nehmen; der Jäger kniet oft auf feuchtem Boden. Es schadet auch nichts, wenn man sich in die Hose einen doppelten Boden, wie ihn die Radfahrer tragen, setzen läßt. Immer denke man daran, daß er ganze Kerl möglichst einfarbig aussehen müsse; deshalb wähle man den Hut möglichst in der Farbe des Anzuges. Seine Krempe sei nicht breiter, als daß sie die Augen schütze. Im Winter ist eine leichte Leporinmütze oder ein Wolkenschieber zu empfehlen; die englischen Mützen im Schlachteruniformformat sind albern. Bei ganz bösem Wetter ist eine leichte Schlauchkappe unter der Mütze sehr angenehm. Federn oder sonstiger Weiberschmuck gehören nicht auf den Hut des norddeutschen Jägers, höchstens eine Feder von der letzten Beute; nur bei Gesellschaftsjagden darf man in voller Kriegsbemalung kommen. Je verschossener der Hut ist, um so besser stimmt er zu der Natur, doch vermeide man absichtliche Verdreckung des Hutes wie der ganzen Kleidung; ein Jagdanzug kann verschossen sein, aber er muß sauber und anständig aussehen, wenigstens solange man auf dem Asphalt oder auf der Bahn liegt; im Jagdhause kann man getrost die ältesten Klatern anziehen. Sehr wichtig ist die Fußbekleidung. Auch hier wird meist der Fehler gemacht, daß man in der warmen Jahreszeit viel zu dicken Kram an den Füßen herumschleppt. Der Jäger hat Angst vor nassen Füßen und trägt darum sehr dicke Schmierschuhe; die Folge davon ist, daß seine Füße vom Schweiß naß werden. Im Sommer sind das beste abgetragene, leichte Schuhe, auch bei Wasserjagden. Hört man auf zu jagen, so wechselt man Schuhe und Strümpfe. Diese sollen im Sommer dünn sein. Am besten steht sich, wer gar keine braucht, sondern sich mit einer Strohsohle begnügen kann, und am allerbesten, wer von der Natur so begnadet ist, daß er barfuß pirschen kann, denn gar keine Schuh sind die bequemsten. Im Winter muß man natürlich derbes Schuhzeug tragen. Die Strümpfe nehme man aber auch dann nicht zu dick; man steht sich am besten, zieht man erst ein Paar ganz leichte alte Sommerstrümpfe an und darüber ein Paar leichte Wollstrümpfe; dringt Feuchtigkeit in den Schuh ein oder schwitzt der Fuß, so saugt der äußere Strumpf alle Nässe auf, der innere aber bleibt warm und trocken. Um den Fuß abzuhärten, soll man ihn jeden Tag in stubenwarmen Wasser waschen und möglichst viel, zu Hause sowohl wie draußen, den nackten Fuß der Sonne auszusetzen. Selbst ein weicher Fuß härtet sich dann bald ab. Wer Kniehosen trägt, trage keine Strümpfe mit Füßen, sondern nur Längen. Man hat heute Strumpfgamaschen, die so eng gewebt sind, daß sie Tau und Regen abhalten, und die bei aller Dünne so derbe sind, daß Dornen und Felsen ihnen nichts anhaben. Der lange Strumpf ist unter dem Knie mit einem Bande, das zweimal leicht herumgelegt und zur Schleife gebunden wird, zu befestigen. Die Manschette der Kniehose ist am besten mit einer Schnallenvorrichtung zu schließen und sei für die Sommerhose nur schmal. Ob man Schuhe oder Stiefel trägt, ist Gewohnheitssache. Ein halblanger Stiefel ist lustig und bequem. Die Schürstiefel sollen mit geschlossenen Ösen, durch die die Schnur läuft, versehen sein. Sehr empfehlenswert sind für die warme Jahreszeit Segeltuchschuhe. Pirschsohlen aus Gummi sind schwer und teuer; Gummiabsätze, die mit einer Schraube befestigt werden, genügen völlig, den Tritt leicht und geräuschlos zu machen. Gänzlich zu verwerfen sind Ledergamaschen aus hartem Leder, besonders die mit Federmechanik; sie üben einen unablässigen Druck auf die Wade aus und knarren beständig. Schilfleinen ist auch zu hart. Das Beste sind Gamaschen ohne Vorfuß aus Wildleder oder Loden, noch besser derbe, aber nicht zu dicke Strumpfgamaschen. Die englischen Wickelgamaschen sind etwas für Leute, die überflüssige Zeit oder einen Diener haben; zudem sind sie zu teuer und recht schwer; ein handbreiter, langer, ungesäumter Lodenstreifen tut schließlich dieselben Dienste. Das Unterzeug soll nie aus Leinen, sondern aus einem jener famosen Netzstoffe aus Halbwolle oder Baumwolle sein, die man jetzt in vielen verschiedenen Arten bekommt. Ein steifer Hemdkragen, sowie Manschetten sind Unsinn. Wer wintertags hohen Halsschutz braucht, kaufe sich eine jener Binden, die die Jagdreiter tragen, aber nicht aus weißem, sondern aus waldfarbigem Schilling. Man hat jetzt sehr schöne Jagdhemden aus waldfarbigem Woll- und Halbwollstoffen mit Stehumlegekragen, die im Sommer ohne Weste und Jacke als Bluse getragen sehr nett aussehen. Wer in Bluse, Kniehosen und leichten Schuhen pirscht, leistet das Doppelte, wie der Jagdphilister in Joppe, langer Hose und schweren Stiefeln. Im Winter tut ein Swetter ausgezeichnete Dienste. Pulswärmer halten den ganzen Kerl warm. Im Winter trage man nur enggestrickte Wollhandschuhe ohne seidenen Schießfinger, denn sonst friert einem die Drückefingerspitze stets. Ein Paar Ersatzstrümpfe soll man stets bei sich haben. Als Wetterschutz ist ein leichter Lodenmantel das Beste, die Umhangform ist unpraktisch. Der Mantel soll keine Taschen, sondern nur Schlitze und zuknöpfbare Ärmelqueder haben. Sehr bequem ist ein Kittel aus Kassenet nebst dazu gehöriger Überhose ohne Taschen, die weit über die Knie fallen soll. So angezogen, kann man den ganzen Tage im Regen herumlaufen und bleibt doch trocken. Die neumodischen, federleichten, oft knapp dreiviertel Pfund wiegenden Regenhäute aus Verbandsbatist sind ausgezeichnet, vertragen aber auf die Dauer kein scharfes Knicken, sondern sind zu rollen und lose um den Rucksack zu schlingen. Geschmack und Gewohnheit spielen bei der Wahl der Kleidung die Hauptrolle; jeder Jäger muß an sich selbst ausproben, was für ihn am zuträglichsten ist. Immer aber denke der Jäger daran, daß er ein deutscher Jäger ist, kleide sich nur in deutsche Ware und mache keine ausländischen Modetorheiten mit, sondern bleibe seiner Volksart treu, auch in der Jagdkleidung. Der Bock treibt Dem einen sin Ul is dem annern sin Achternagel, sagt eine uralte Bauernweisheit. Das stimmt; wenn die Nächte hell und kalt sind, kommt der Hirsch auf zärtliche Gedanken, wogegen der Rehbock sich dann mächtig beherrschen kann. Ist aber die Luft schwül und weich, dann stellt sich bei ihm ein heftiges Verlangen nach passender Damenbekanntschaft ein, oder vielmehr, der Fall entwickelt sich umgekehrt, denn die Schmalrehe und Altricken singen dann ein Lied, das ihm durch Herz und Nieren geht. Denn Musche Blix ist, nimmt man ihn unter die Lupe, einer kleinen Courschneiderei eigentlich niemals abgeneigt. Von Rechts wegen hat ihn die Natur so veranlagt, daß er seinem Drange nach statistischer Betätigung im Juli und August Ausdruck geben soll. Daran hält er sich ja auch im allgemeinen; aber wenn es einmal ganz besonders weiche, warme, schwüle Maitage gibt, oder auch im Juni solche von dieser Art, dann poussiert er nach der Schwierigkeit darauf los, selbst wenn er bei seinen Damen auf gänzlich ablehnende Haltung stößt, und es kommt ihm auch nicht darauf an, im September und Oktober, ja sogar im Januar und Februar den angenehmen, oder vielmehr, wie man an dem Benehmen der Gegenpartei ersehen kann, den unangenehmen Schwerenöter zu spielen. In der Hauptsache aber hält er sich an die gesetzmäßige Zeit und teilt sich seinen Vorrat von Zärtlichkeit auf die Frist von Mitte Juli bis Mitte August ein. Alle die Unbilden, die ihm Winter und Vorfrühling brachte: Äsungsmangel, wunde Läufe, Haarwechsel, Rachenbremsenhusten, hat er, leichtsinnig wie er nun einmal ist, längst verschwitzt, und wenn er auch nicht vergessen hat, daß es grüne Jäger und blaue Bohnen gibt, augenblicklich denkt er mehr an rote Schmalrehe, denn auch darin ist er eigen: im Umfang der Brunstzeit hält er sich an die Mädchen, bis ihm hinterher einfällt, daß er den älteren Damen gegenüber auch noch Verpflichtungen hat, und so läßt er sich schnell eine davon an den linken Hinterlauf trauen, und wenn es nicht anders geht, auch zwei oder drei. Denn er nimmt es darin nicht so genau. In allen Naturgeschichten heißt es zwar: »Das Reh lebt monogam.« Das Reh vielleicht, wenigstens soweit es weiblich ist. Die Monogamie der Herren Böcke aber schmeckt stark nach Polygamie, doch sollen, einem gut verbürgten Gerücht zufolge, es die Schmalrehe und Altrehe auch nicht so genau nehmen, sondern nach dem Spruche handeln: »Wie du mir, so ich dir« und bei Gelegenheit ganz fidel aus der Reihe tanzen und, wenn der rechtmäßige Alte gerade sein Mittagsschläfchen hält oder botanisieren geht, einem Spießbocke oder Gabelbocke ihre Gunst nicht versagen. Merkt der Gebieter aber etwas von solchen Geschichten, dann geht es den jungen Herren höchst dreckig; wie ein Ungewitter fährt er aus dem Busche heraus, deckt ihn gehörig zu und bringt ihn derartig auf den Schwung, daß er für das Erste sein Weichbild fliehet, denn wo so ein alter Bock hinforkelt, daß wächst sobald kein Gras, oder vielmehr, Haar wieder. Die übelsten Vertreter sind in dieser Beziehung die uralten Böcke, die schon ganz weiß um den Windfang sind und von Jahr zu Jahr weniger Sorgfalt auf die Anschaffung der Hauptzierde legen. Wenn so ein alter Bock sich aus den kleinen Ricken keinen Deut mehr macht, sondern ihnen als vereidigter und geschworener Misogynerich am liebsten im großen Bogen aus dem Wege geht, dafür ist er um so feinfühliger in seinem moralischen Empfinden geworden gemäß dem alten Spruche: »Jugend hat keine Tugend; dafür hat das Alter aber die Moral.« Sobald er nun vernimmt, daß irgendwo ein Schmalrehchen, natürlich nur aus Ziererei, aufquietscht, oder wenn es gar »Mämä, Mämä« schreit, dann steigt ihm die moralinsaure Entrüstung bis in den Hals, und wupp, wupp, wupp ist er da und beult den verliebten jungen Bock für alles das, was ihm, dem alten Herrn, in seinen grünen Jahren doch so viel Freude machte, ganz abscheulich durch. Er nennt das dann: moralische Entrüstung. Der andere aber schimpft aus der Dickung hinter ihm her: »Bö, böö, bööö,« das heißt: »Neid der besitzlosen Klasse.« Mit diesen Umwandlungen der Rehe, und zwar a) mit der Unmoral der Schmalrehe, Ricken und jüngeren und b) mit der über jeden Verdacht erhabenen Moral der alten Böcke rechnet der Jäger bei der Blattjagd, indem er dabei teils auf die Unmoral, teils auf das schöne Gegenteil spekuliert. Er zieht zu Holze, holt sein Messer heraus, schneidet sich einige Rotbuchen- oder Birnbaumblätter, oder ein Stück Birkenrinde, oder einen Gras- oder Schilfhalm, verfertigt daraus mehr oder minder einfache Lockinstrumente und macht damit jene süße Musik nach, der kein fühlendes Rehbockherz auf die Dauer widerstehen kann. Das heißt, heute macht der Jäger das nicht so, sondern er steckt sich einige Goldfüchse in die Westentasche und pilgert damit zu seinem Waffenhändler, um sich dort die neueste patentierte Rehlocke zu erstehen. Davon gibt es verschiedene, solche zu einer Mark und andere, die fünf und mehr kosten. Alle miteinander aber haben das gemeinsam, daß ein Stümper in der edlen Kunst des Blattens damit ebenso gute Erfolge erzielt, wie mit einem Feuerwehrhorn oder einer Automobilhupe, wogegen ein gerechter Blattjäger mit dem Mundstück einer Gießkanne oder einem alten Stiebelschacht besser plattet, als die andern mit System Ulenhut, Buttolo oder wie die Dinger sonst heißen. Es gibt nämlich beinahe mehr Systeme von Blatten heute, als gute Blattjäger. Ulenhut ist großartig; wer damit nicht umzugehen weiß, dem rücken, nimmt er die Fiepblatte, sämtliche Bussardweibchen der Umgegend auf die Pelle, weil der gute Mann auf dem kleinen schwarzen Ding genau so piept wie ein hungriges Bussardkücken. Nimmt er dagegen den Geschreiblatter, so wird er von sämtlichen umliegenden Hasenmamas bestürmt, oder, fängt er es noch ungeschickter an, so kommen die Krähen in hellen, oder richtiger, in dunklen Haufen angefuchtelt, während auf die falsch gehandhabte Buttolo sogar alle alten Frauen, die Holz oder Beeren sammeln, herbeikeuchen, in dem Wahne, es martere irgendein Unmensch einen Säugling. In Sauenrevieren kommen womöglich alte Bachen, deren Mutterinstinkte durch das Kunstgequietsche heftig erregt wurden, angetobt, so daß unter Umständen so ein Tapps von Jäger mehr Schwein hat, als ihm irgend jemand von seinen guten Freunden gönnt. Das Blatten ist nämlich gar nicht so einfach, wie es nach den gedruckten Beschreibungen, die den käuflichen Blatten beigegeben sind, aussieht. Wer es kann, der hat meist Jahrzehnte dazu gebraucht, um es zu lernen, und außer seinem Sohne bringt er die Kunst niemand weiter bei. Wer noch nie ein Schmalreh oder eine Ricke hat piepen hören, wer noch nie das Angstgeschrei von Kitz, Schmalreh, Ricke, Spießbock, Gabelbock und Sechserbock vernahm, dem kann ja wohl einmal der richtige Ton gelingen, einer von denen, die zwischen dem einfachen, verlangenden Pi und dem langhingezogenen, angstvollen Piä liegen, und es kann ihm darauf auch wohl einmal ein Bock springen, aber ebensogut kann sich das ereigenen, wenn er eine laut quietschende Schiebkarre schiebt oder sich derartig schnäuzt, daß ein Ton von Herz und Gemüt dabei zutage gefördert wird. Dagegen gibt es wiederum Männer, die fiepen mit den blanken Lippen so schön wie das niedlichste Schmalreh, und plärren mit dem Halse so ergreifend, daß selbst ein Obergeheimrat von Urbock vor Wut und Ingrimm aus der Dickung fährt und sich zum Schusse stellt. Es gibt Leute, die noch nie das Angstgeschrei eines Rehes gehört haben und sich einbilden, sie könnten mit dem Geschreiblatter arbeiten. Eitler Wahn! Krähenangstgeschrei, Hasenklage, Entengequake und den Todesschrei der Leberwurst bringen sie hervor, aber im Leben nicht den Jungfernschrei des vom Bock getriebenen Schmalrehchens. Der klingt nämlich so, wie der Angstschrei des Frosches oder der Knoblauchkröte, die ein Igel oder eine Natter am Hinterbein erwischt, ist ein schrilles, durchdringendes I-i-i, das aber auch manchmal auf E oder Ä oder Ö und mitunter auf A gestimmt ist, je nachdem das Rehchen bloß Angst vorschützt oder wirklich welche hat. Am gräßlichsten hört sich das Angstgeplärre eines Bockes an, den ein anderer zuschaden forkelt, denn so harmlos, wie er von Dichtern und Malern dargestellt wird, ist der Bock nicht, was ja schon allein aus manchem Unglück zu ersehen ist, das in Gefangenschaft aufgewachsene Rehböcke anrichteten. Nicht nur des Mordes am Nebenbuhler, auch des Lustmordes macht sich der Bock schuldig, indem er, ist er toll vor Brunft, die Kitze zu Tode forkelt. Das sind natürlich Ausnahmefälle, denn im allgemeinen hat er Auswahl genug. Da jeder Jäger nur gute Böcke schießen will, gibt es fast überall zu wenig davon, so daß auf jeden guten Bock zwei bis siebzehn Schmalricken und Altrehe kommen. Wer in einem solchen Reviere blattet und sich wundert, daß ihm kein Bock springen will, höchstens die Untertertianer und Quartaner mit Spießen und Gabeln, der liefert den Beweis, daß er von der Naturgeschichte des Wildes so viel weiß, wie der Eskimo von der Pferdezucht. Der Bock ist mit Gelegenheit zur Liebe so übersättigt, daß er froh ist, wenn er seine Ruhe hat und sich höchstens noch dünne macht, hört der Jäger mit seinem Gefiepe nicht auf. Denn nur ein brunfttoller Bock stürmt ohne Besinnung los, vernimmt er den Fieplaut; ist er aber bereits etwas abgebrunftet, so verhält er sich vorsichtig, erkennt entweder schon von weitem, daß hier eine Metallzunge oder ein Hornblättchen Musik macht, aber kein Schmalreh, oder aber er schleicht sich unter dem Winde an den Jäger heran und sobald er sich überzeugt hat, daß es vor ihm nach Mensch riecht erst recht, wenn auch sein höhnisches »Bö, böö, bööö« dem Jäger nicht gerade wie Gesang erscheint. So ist im allgemeinen in Jagden, wo jeder Bock einen fünf- oder mehrköpfigen Harem um sich hat, mit dem Fiepblatter nicht viel zu machen, und oft auch mit dem Geschrei nichts, vorausgesetzt, daß nicht ein mit sieben Salben eingeriebener alter Blattjäger den Bock aus seiner leicht verständlichen Faulheit herausstört. Es kommt auch ganz darauf an, um welche Zeit man blattet. Wer im Anfang der Brunft, wo der Bock beim Schmalreh steht, mit Rickenton reizt, der wird ebensowenig Erfolg haben, als wenn er später, wo der Bock sich an die Ricken heranschlängelt, mit Schmalrehlaut vorgeht. Aber mit dem Kitzangstschrei läßt sich dann unter Umständen etwas machen, denn darauf springt die Ricke selbst dann noch, wenn sie ihre eigenen Kitzen schon abgeschlagen hat, und hat der Bock sie sehr lieb, dann poltert er womöglich hinterher. Sehr oft kommt auch auf den Fieplaut des Schmalrehes ein Schmalreh angezogen: und zottelt den Bock hinter sich her, aber mitunter stürmt auch eine alte Ricke, vor Eifersucht auf die jungen Mädchen beinahe platzend, dem Jäger vor die Nase, bekommt Wind und geht mit Getöse von dannen. Kurzum: so ganz einfach ist die Geschichte nicht. Einen ganz krummen Haken bekommt die Sache noch dadurch, daß die wirklich guten Böcke, solche, deren Gehörne an der Wand sofort die Augen jedes Besuchers an sich reißen, polizeiwidrig gerissen sind und den Jäger oft eine halbe Stunde lang warten lassen, ehe sie sich aus der Dickung herausbemühen. Ist der Jäger nun ein Anfänger in der Kunst, dann geht er nach zehn Minuten ab, oder aber, er bleibt sitzen, und dann ist er erst recht der lackierte Mitteleuropäer, denn was so ein alter Bock ist, der denkt: »Wollen doch lieber mal die Kehrseite der Medaille beäugen- oder besser benasenscheinigen,« und indem macht er einen beträchtlichen Bogen um den Jäger, bis sein Geruchsorgan unrein ist, worauf er sich auf französische, oder, wenn es ihm gerade paßt, auch auf deutsche Art empfiehlt. Darum blatten viele Jäger am liebsten vom Hochsitze, aber dann fehlt der Jagd der Hauptwitz. Ein gerechter Blattjäger macht es deshalb anders; er blattet vor dem Hauptstande des Bockes und verkrümelt sich dann schnell, aber lautlos, nach rückwärts, sucht sich gute Deckung und wartet, bis der Bock zwischen dem Platze, wo der Jäger steht, und dem, von wo aus er blattete, vorbeizieht. Wenn es auch eine Stunde dauert, er wartet, denn er hat ebensoviel Zeit wie der Bock, ja sogar noch mehr, denn er kann sich die Ungeduld mit Schmöken vertreiben, und der Bock kann das nicht. Und deshalb dauert es meist nicht allzulange, und er kommt angezogen. Der beste Blattjäger aber ist der, der am liebsten gar nicht blattet, weder mit dem Fiepblatter, noch mit dem Geschrei, sondern der zur Blattzeit nur pirscht, nur noch langsamer und bedächtiger als sonst, der auch nicht vor Jammer umkommt, bringt er kein Gehörn mit, sondern der schon zufrieden ist, gewann er nur eine wichtige Beobachtung. Jeden Tag in der Jagd sein, weniger, um zu jagen, als um die Sinne zu schärfen, um das Leben und Treiben des Rehwildes zu beobachten, um die so gewonnenen Erfahrungen dazu zu verwerten, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Böcken und Ricken zu schaffen, minderwertige Stücke auszumerzen, vielversprechende zu schonen, dem Jammerbock die Kugel anzutragen, ehe er sich vererbt, und den alten Einsiedler, der weit und breit keinen anderen Bock um sich duldet, mit dem Geschrei aus der Dickung herauszuziehen und auf die Decke zu bringen, ein solches Tun kennzeichnet den gerechten Weidmann. Wer aber im Heumond und Erntemond lediglich zu dem Zwecke zu Holze zieht, um sich seine Wände vollzuschießen, wer vor Knochenhunger nicht auf die feinen Unterschiede in dem Ton der Stimmen des Rehes merkt, wem ein Durchschnittsgehörn lieber ist denn eine außergewöhnliche Feststellung im Benehmen des Rehwildes, der weiß es nicht, was das Schönste ist in der schönen Zeit, wenn der Bock treibt. Pfui laut! Sieben Männer sitzen beim Biere und schimpfen nach der Schwierigkeit, während sie so heftig rauchen, als wenn ein Häusling am Brotbacken ist. »Eine Schande wert ist es,« knurrt der eine, ein Weißbart mit krebsrotem Gesicht; »ein Schkandal, wie die Jagdpachten gestiegen sind, Es ist, als ob die Pysen den Hals nicht voll genug kriegen können. Vor zwanzig Jahren kostete meine Jagd sechzig Mark. Dann stieg sie auf dreihundert, und jetzt wollen die Leute tausendfünfhundert haben. Ja, wer kann sich soviel leisten, wenn er nicht gerade mit einem Geldschrank um den Hals auf die Welt gekommen ist. Otto, ich trinke noch eins!« Der andere nickt und zieht die Stirnhaut in Querfalten. »Ja, das wird von Jahr zu Jahr doller! Ob ich meine Jagd behalte, das ist die Frage. Vor sechs Jahren bin ich von achthundert auf zwölfhundert Mark gesteigert worden, und jetzt wollen die verdammten Bauern zweitausendfünfhundert haben. Am liebsten schmisse ich ihnen die ganze Geschichte vor die Beine; aber kriege mal einer eine Jagd wieder, vorzüglich so eine, wie mein Kubbendorf, wo ich mit dem Auto in einer Stunde mitten drin bin; na, und für andere Leute habe ich nicht einen so bildschönen Rehstand herangezüchtet. So wer' ich denn wohl die zweieinhalbtausend Emmchen bluten müssen.« Der sehr elegante Doktor, Spezialist für Damens mit ausgefranzten Nerven, putzt seinen Klemmer sehr sorgfältig, setzt ihn auf die klassische Nase, nippt ein Schlückchen Rotwein, steckt sich eine neue Zigarette an und seufzt: »Das ist alles noch zu ertragen, meine verehrten Freunde; aber mir geht es noch schlimmer. Ich kriege meine Jagd überhaupt nicht wieder, und wenn ich drei braune Lappen hinlege. Meißenhagen wollen die Bauern selber haben, und Enkenrode werde ich an Bankier Samuelson los, denn er braucht es, um seine Jagd zu arrondieren. Hat ja auch an fünfundzwanzigtausend Morgen noch nicht genug. Er selber jagt so gut wie gar nicht, aber als guter Geschäftsmann schmeißt er mit Rehböcken nach Einlagen für seine Bank, und so hat er an den hundertfünfzig Böcken, die er bisher auf dem Abschusse stehen hatte, nicht genug, und muß meine dreizig dazu haben. Und das Dümmste ist, daß ich ihn selber mit der Nase darauf gestoßen habe. Hätte er die Gehörne bei mir nicht gesehen, so hätte er wohl die Finger davon gelassen. Aber natürlich: man renommiert ja gern mit seinen Trophäen und nun habe ich den Salat. Na, Senatorchen, Ihnen geht es ja nicht besser.« Der Senator nickte trübselig. Er hatte sich drei Gemeindejagden gepachtet, alles in allem so an achtzehntausend Morgen Holz, Feld, Wiesen und Bruchland, hatte einen Rehstand erster Güte in achtzehn Jahren hochgebracht, konnte jährlich fünfzig Böcke an gute Freunde abgeben, veranstaltete Treibjagden, bei denen fünfhundert Krumme auf der Strecke lagen, schoß seine fünf- bis achthundert Hühner und an hundert Fasanen, und nun es zur Neuverpachtung kam, wurden ihm die drei Jagden von einem unbekannten Menschen so hoch getrieben, daß es ihm zu dumm wurde und er verzichtete. So bekam der Fremde den Zuschlag, und hinterher stellte es sich heraus, daß er für ein Konsortium geboten hatte, das aus sechs Herren bestand, von denen zwei als Jagdgäste des Senators Gelegenheit gehabt hatten, sich von der Vortrefflichkeit der drei Jagden zu überzeugen. »Eine Gemeinerei ist es,« hatte er hinterher am Stammtisch gesagt, ultraviolett im Gesicht, und auf den Tisch hatte er geschlagen, daß die Gläser Polka tanzten. Jetzt sagt er gar nichts und raucht stumm vor sich hin, und als ihn der Professor fragt: »Na, sind sie mit Ihrer neuen Jagd zufrieden?« da zuckt er die Achseln und macht ein mißvergnügtes Gesicht. »Viel los ist da nicht,« meint er, »und es ist ein höllisches Ende bis dahin, drei Stunden Eisenbahn und anderthalb Stunden Wagen, und dann noch eine Stunde Laufen, ehe man halbwegs in der Jagd ist. Die Wirtschaft ist auch nicht viel wert, das Volk da gefällt mir erst recht nicht, die Pacht ist übel hoch, Wildschaden muß ich auch bezahlen. Aber was soll man machen? Otto, einen Nordhäuser!« Er trinkt den Trostschnaps und fährt fort: »Ich glaube, es wird da ganz gehörig gewilddiebt. Dem Jagdaufseher traue ich kein bißchen. Mit der Winteräsung steht es faul; wenn ich nicht stark füttere, habe ich einen Haufen Fallwild. Hasen wachsen da auch wenig und mit den Hühnern steht es ganz mieß. Nicht wahr, Korle?« Der Graubart zu seiner Rechten, sein ältester Jagdfreund, nickt und seine treuen blauen Augen sehen so bierehrlich aus, als hätte der Senator die reine Wahrheit gesagt, nichts verschwiegen und nichts hinzugesetzt. Gewiß, der Rehstand ist nicht allzu groß, und etwas Fütterung tut im Winter not, schon des Rotwildes wegen, und einiger Wildschaden muß auch bezahlt werden, denn es sind ständig Sauen da, die den Bauern ab und zu über die Kartoffeln gehen. Aber der Herr Senator ist durch den Verlust seiner drei schönen Jagden so schlau geworden, wie sein Freund Korle, der ihn oft genug gewarnt hatte, wenn er allzu freigebig mit Jagdeinladungen war und jedem, der sie sehen wollte, seine Wände voll Gehörne zeigte. So hält er jetzt seinen Munde, zeigt die acht guten Gehörne, die er in der neuen Jagd erbeutete, und das brave Zehnendergeweih nur seinen allvertrautesten Freunden, die alle gerade solche Heimtücker sind wie Korle. Von dem weiß man, daß er irgendwo in der wildesten Heide eine Jagd hat, eine große Jagd sogar, dreißigtausend Morgen zusammenhängend, aber gesehen haben sie nur ganz wenige Leute und die sprechen darüber nicht. Die sechs alten Jagdfreunde, die der Major bat, schießen alle Jahre ihre zwei, drei Hauptböcke dort, und sie allein wissen, welch ein großartiger Schnepfenstrich da ist, und daß man in jedem Herbst dort auf Schnepfen treiben kann, ein Unikum weit und breit. Auch Birkwild ist die schwere Menge da, an Enten mangelt es gleichfalls nicht, Bekassinen, Stumme und Doppelschnepfen finden sich zur Genüge, und mit den Hasen und Hühnern ist es auch recht gut bestellt. Dazu die ausgezeichnete Wirtschaft mit den prächtigen Wirtsleuten, eine goldehrliche Bevölkerung, ein gemütliches Jagdhaus, ein Netz von sauber gehaltenen Pirschsteigen, überall Hochsitze, eine Jagd, wie man sie selten findet, zumal sie landschaftlich ganz entzückend ist und alles enthält, was ein Jägerherz sich nur wünschen kann, hohe Geest und tiefes Bruch, grüne Feldmark und braunes Moor, Wald jeder Art und Wasser jeglicher Gattung. Der Major, der wegen eines jetzt verheilten Lungenschusses ziemlich früh den Abschied nehmen mußte, hat einen großen Bekanntenkreis und macht ein Haus, denn an Geld mangelt es ihm nicht. Im Treppenhause und im Speisezimmer hängen allerlei Rehgehörne, auch einige Geweihe und Keilerköpfe und dazwischen balzen Ur- und Spielhähne, und auch im Rauchzimmer ist manches leidliche Beutestück zu sehen. Es gibt bei seinen Gesellschaften einen vortrefflichen Wein und eine ausgezeichnete Zigarre, aber seinen allerbesten Wein, ein Geschenk vom Vetter Weingutsbesitzer, und die feinsten Zigarren vom Schwager Großhändler, die bekommen nur die sechs Bluts- und Busenfreunde zu schmecken. Wie auch nur diese sechs erprobten Wahlbrüder der Ehre gewürdigt werden, von dem Hausherrn zur Jagd eingeladen zu werden, so bekommen auch sie allein nur dessen Arbeitszimmer zu sehen und das, was dort an den Wänden hängt, und das ist der Mühe wert, denn dort prahlen Rehkronen, wie man sie so leicht nicht zu Blick bekommt, alle so hoch oder noch höher, von bester Auslage und prachtvoll geperlt und dazwischen einige ganz besonders gute Geweihe, und ein Hauptkerl von Urhahn, und das Haupt eines uralten Bassen. Würde der Major jeden in diesen Raum hineinlassen, der bei ihm zu Gaste kommt, so behielte er seine schöne Jagd nicht lange; viele gierige Hände würden danach langen, und bald würde sie ihm von Leuten, die anstandshalber eine Jagd haben müssen, so hoch getrieben, daß er sie fahren lassen müßte. Da er nun als Gutsbesitzerssohn seit dem zwölften Jahre Jäger ist, so ist er darüber lange hinaus, seine jagdlichen Erfolge vor dem Volke leuchten zu lassen, und seine drei Jungens halten desgleichen den Mund, so daß, während ringsumher alles, was überflüssiges Geld hat, nach guten Jagden giert und ein guter Bekannter dem andern seine Jagd abpachtet, der Major sich seit anderthalb Dutzend Jahren seiner Jagd in Frieden freuen kann. Aber nur wenige Jäger vermögen es über sich zu gewinnen, ihrem frohen Herzen ein »Pfui laut!« zuzurufen, haben sie eine gute Jagd gepachtet; den meisten läuft der Mund über. Ist dann erst ein gutes Gehörn oder gar ein braves Geweih erbeutet, so ist des Prahlens kein Ende. Das Gehörn wird am runden Tisch vorgezeigt, und kaum hat der Drechsler das Geweih, dann kommt die ganze Freundschaft des glücklichen Schützen angestrolcht und läßt es sich zeigen. Läuft dann die Pachtzeit ab, dann sieht der Jagdpächter mit Grimm und Grausen, daß zwanzig Bieter mehr, als beim letzen Male, im Dorfkrug zu sitzen, und er schimpft Mord und Brand über die ruchlosen Leute, die einem braven Manne seine Jagd nicht gönnen, anstatt sich vor den Spiegel zu stellen und sich einen Heuochsen zu nennen, denn nur er selber hat die Schuld daran, daß er seine Jagd los wird; hat er sie doch, wenn auch nicht in der ausgesprochenen Absicht, an allen Stammtischen, an denen er verkehrt, feilgeboten. Außerdem war er in der Wahl seiner Freunde nicht vorsichtig genug. Zu Suche und Treibjagd hat er Hinz und Kunz eingeladen, denn er ist ein Streber und sucht sich recht viel Leute zu verpflichten. Auch mit seinen Böcken war er viel zu freigebig, hatte er doch genug, und so drangen mehr Leute in die Geheimnisse seiner Jagd ein, als für ihn ersprießlich waren. Als dann dieser oder jener aus einem Bekanntenkreise sich an den Jagdvorstand heranmachte und ihm sagte, die Jagd sei eigentlich, vergleiche man sie mit anderen, reichlich billig, da spitzte der Herr Jagdvorsteher die Ohren, denn ob die Gemeinde tausendzweihundert oder dreitausend Mark bekommt, das ist für die Gemeindkasse durchaus nicht einerlei, und stand eines scheußlichschönen Tages der Jagdpächter vor der qualvollen Wahl, entweder mehr als das Doppelte zahlen zu müssen, oder die Jagd schließen zu lassen, und nun sitzt er da, schimpft über die Gemeinheit der Menschen im allgemeinen und über die Jäger im besonderen und stellt die These auf, daß Treu und Glauben nur noch bei den Hunden zu finden sei. Das hätte er füglich eher bedenken sollen, und sich des Sprichwortes erinnern: »Trau, schau, wem!« Die Anzahl der Jäger hat so zugenommen, daß gute Jagden sehr gesucht sind. Früher galt es für unanständig, daß Bekannte sich gegenseitig die Reviere fortschnappten. Aber wie unser Geschäftsleben seit der Gründerzeit in der Hauptsache derartig geworden ist, daß nur noch das als unfein im Handel gilt, was gegen das Strafgesetzbuch verstößt, so ist es auch mit der Jagd geworden; es gibt in weiten Kreisen der Jäger weder Treu noch Glauben mehr. Heute wird Müller bei Meyer zur Jagd eingeladen, und in Jahresfrist pachtet Müller Meyern die Jagd vor der verlängerten Visage fort oder, hat er noch einen Funken Ehrgefühl im Leibe, so überläßt er das seinem Freunde Kötter, dessen stiller Teilhaber er dann wird. »Pfui laut!« ruft der Rüdemann der Meute zu, wird ihr Ball zu störend. Der Jäger, der eine nette Jagd sein eigen nennt, tut gut, will ihm von dem, dessen ein Herz voll ist, der Mund überlaufen, sich zu erinnern, wie übel es seinen Bekannten gegangen ist, die die Schönheiten ihrer Jagden an allen Biertischen priesen. Und juckt es ihn auch noch so sehr, kund zu geben, wie viele und wie gute Böcke er schoß, er steht sich besser, ruft er sich zu: »Pfui laut!« Vom Hochsitz »Abwechslung macht Spaß,« sprach jener bekannte Koppelknecht; da aß er seine Erbsensuppe mit der Heuforke. So ist es: der Mensch liebt die Veränderung. Es ist ja wahr: la donnà mobile, aber wir Männer stehen dem niedlicheren Geschlechte darin wenig nach, besonders wir besseren Männer, die wir keine schönere Erholung kennen, als wenn wir nach dem Verse handeln können: »Im Wald und auf der Heide« usw. Mir geht es nicht anders. Die Pirsch, vorzüglich die Pirsch aus freier Hand im Bergwald oder im wilden Bruch, das ist mir A und O aller Jagd; zuzeiten klettere ich aber auch ganz gern auf einen Hochsitz, sehe mir die Natur von oben herunter an mit demselben Gefühle, daß der Rentier und vierstöckige Hausbesitzer hat, wenn er mit der Zigarre in den wohlgenährten Zügen im Fenster liegt und das Gekrabbel der Geschäftsmenschen unter sich mit dem Lächeln des Mannes betrachtet, der es nicht mehr nötig hat. Man sitzt dann da so gemütlich, macht sich mit seiner Pfeife blauen Dunst vor, denkt an gar nichts oder an noch weniger und beäugelt alles das, was sich unter einem bewegt: den Hasen, der sich in der Abendsonne den billigen Balg wärmt, die alte Standricke, die sich am jungen Grase den letzten Rest von Taille wegfuttert, den Bock, der einen Busch frisiert, daß die Blätter in der Nachbarschaft herumlaufen, den Birkhahn, der da hinten nach der Schwierigkeit balzt, den Storch, der sich befleißigt, dem Überhandnehmen der Frösche zu steuern, den Bussard, der mit einer Eselsgeduld auf ein und dieselbe Maus lauert, und was es sonst an besseren Wirbeltieren noch gibt. Nur jagen, das tue ich in der Eifelturmlage im allgemeinen nicht gern; die Waffen sind dabei nicht gut und gleich. Ich komme mir beträchtlich hinterlistig und bequem vor, soll ich vom Hochsitze aus den Finger krumm machen; denn den wichtigsten Sinn, den das Haarwild hat, die Witterung, stehle ich ihm. Unter Umständen geht es freilich nicht anders. Wer seine Hirsche seinem Nachbarn gönnt, der tut gut, auf den Hochsitz zu verzichten und hinter ihnen andauernd herzukrebsen; nach acht Tagen kann er zu Hause bleiben und braucht sich keine Nacht mehr um die Ohren zu schlagen. Aber wer den Bock nur vom Hochsitze aus zu jagen versteht, dem müßte von Rechts wegen der Jagdschein abgeknöpft werden. Ich weiß noch, welch ein geistloses Gesicht ich machte, als ich vor zehn Jahren eine Postkarte bekam, auf der zu lesen stand: »Holtendorf, 14. Mai. Geerter Her, ihr Bok tritt Klock halbig achte aus auf der Dreigroschenwise. Sie gebrauchen also for halbig fünfe nich zu varen. Womit ich bin ihr hochachtungsfoller Piepke, Jagdaufs.« Heißt 'n Geschäft, dach't ich; da soll ich also einen bombensicher angebundenen Bock totschlagen. Und ich hatte mich so darauf gefreut, mir in der wüstesten Ecke selber einen Bock auszuknobeln und ihn im Schweiße meines Angesichts zu weidwerken. Und nun sollte ich auf dem Hochsitze hocken wie ein Baumaffe und einen Bock schießen, der so pünktlich war wie ein Regierungssupernumerar oder ein Schnellzug. Lieber wäre ich in meiner Raubjagd herumgekrochen, aber ich durfte den Besitzer der Jagd nicht vor den Kopf stoßen, und so mußte ich denn hin. So fuhr ich denn am selben Tage los. Es war wunderschön. Der Jagdbesitzer und der Jagdaufseher waren mit Gespann an der Bahn, mit einem so feinen Gespann, daß ich mich meines damals erst sieben, heute siebenzehnjährigen Jagdmantels schämte und meine Pfeife schleunigst wegsteckte, um sie durch die Zigarre zu ersetzen. Im Kruge dienerte der Wirt, knickste die Wirtin; knickste die Tochter, knickste die Magd; beinahe hätte ich auch geknickst. Der Tisch war mit blütenweißem Damast gedeckt und prangte im Schmucke des Silbernehochzeitsilbers. Es gab Kaffee, zweierlei Brot, dreierlei Mus, viererlei Kuchen, fünferlei Wurst, sechserlei Aufschnitt, siebenerlei Schnäpse, Zigarren, wie ich sie nur bei Kaisers Geburtstag rauche, und Zigaretten von ähnlicher Höhe. Als ich dieses ländliche Vesperbrot binnen hatte, dankte ich meinem Schöpfer, daß ich mir den Bock ersitzen durfte und nicht zu erpirschen brauchte, denn mein unterster Westenknopf, zwischen dem und dem Tische vor dem Vesper ein halber Fuß Luft gewesen war, klingelte und klapperte jedesmal, wenn ich schnaufte, an der Tischkante herum, trotzdem ich die Westenschnalle schon auf die weiteste Nummer gestellt hatte. Der Bock, den ich um halb achte, Schlag halb achte mitteleuropäischer Zeit, schoß, war ein guter Bock, sogar ein viel zu guter Bock. Wir fuhren eine halbe Meile durch prachtvollen Wald und hielten vor einer Wiese; dort wurde erst der Hochsitz, eine Kanzel von beträchtlicher Größe, des Windes wegen, der inzwischen umgeschlagen war, mit bedeutendem Getöse durch den Jagdaufseher und einen Waldarbeiter von seinem alten Platze dreihuntert Schritte weiter durch Dorn und Dickicht geschleift und aufgerichtet, wobei ich mir dachte: »Na, wenn der Bock nicht an Gehirnerweichung leidet oder mit dem Dummbeutel geschlagen ist, dann kommt er sicher nicht.« Nachdem sich der Jagdinhaber verabschiedet hatte, blieb ich mit dem Jagdaufseher allein. Der Mann erzählt mir, während er dabei gewaltig qualmte, mit seiner verrosteten Stimme ganz laut allerlei schöne Sachen, und als ich um dreiviertel sieben meinte, es wäre für mich Zeit, aufzubaumen, sah er mich erstaunt an und meinte: »Wo der Bock doch erst um halbig achte kommt?« Um sieben bestiegen wir dann endlich das Hochgericht. Wir, sage ich, denn Piepke kam mit, was mich maßlos erschütterte, denn mit dem Jagdaufseher neben oder hinter mir, na, das ist doch ungefähr so, wie eine Hochzeitsreise mit der Schwiegermutter dabei. Also Piepke saß neben mir, rauchte auf Deubel komm raus und erzählt so laut, als wenn die Böcke keine Lauscher hätten. Ich sagte gar nichts, nickte bloß ab und zu und starrte mit dummem Gesichte auf die schöne Wiesenlandschaft, in der drei Störche langsamen Schritt machten, während aus allen Büschen die Rehe heraustraten. Zehn Minuten nach sieben Uhr stellte Piepke sein Geknarre ein. Fünfzehn Minuten nach sieben Uhr flüsterte er in seiner noch reichlich deutlichen Weise: »Die Ricke!« Ein alter grauer Kasten von mächtigem Umfange stolperte unmittelbar an dem Hochsitze vorbei, ächzte sich über den Graben fort, stürzte sich auf das grüne Gras und schlug sich heißhungrig den Pansen voll, ohne sich um Piepke, der ganz ungescheut mit dem Finger auf sie zeigte, was sich doch Damen gegenüber schon gar nicht paßt, zu kümmern. Mit einem Male warf sie auf, äugte zurück und kniete sich dann wieder hinter ihr Abendbrot. Piepke zog die Uhr; es waren fünfzehn Minuten nach sieben. Er nickte. »Das Schmalreh!« flüsterte er. So war es. Eine dürftige Schmalricke trat aus und fiel über die Äsung her. Zehn Minuten später flüsterte Piepke: »Sie können stechen; er kommt.« Ich hörte es einige Male brechen. Nach fünf Minuten stand ein sehr starker Bock unter dem Hochsitze, sicherte einen Augenblick und zog in die Wiese. Als er sich bereit stellte, schoß ich. Der Bock zeichnete stark, machte eine Wendung, floh dem Holz zu und brach vor dem Hochsitze verendet zusammen, während das Altreh und die Schmalricke sich entrüstet nach der Mitte der Wiese begaben, um ihre Mahlzeit fortzusetzen. Ich bekam meinen Bruch, Piepke seine zehn Mark und der Fall war erledigt. Der Bock hatte ein recht gutes Gehörn, aber ich habe es mit anderen mir gleichgültigen Knochen in einer Kiste auf dem Boden liegen. Doch ein anderes Gehörn, nicht so gut, wie das des Klockhalbigachtuhrbockes, und das ich auch vom Hochsitze aus erbeutete, das hängt an der Wand, und zwar an dem Ehrenplatze, nämlich über der alten Tabakpfeife, deren Porzellankopf das fröhliche Gesicht von Eidig, dem Wildschützen, ziert, und zwischen den gut ausgelegten, doch nur leidlich geperlten Stangen hängt meine Lieblingszwille. Den Bock, der es trug, den habe ich totgesessen. Der Nachbar, mit dem ich auf freundschaftlichem Kriegsfuße stand, sagte mir abends beim Biere: »Den Bock kriegen Sie nicht,« und ich sagte: »Wetten, daß?« Der Bock stand nämlich hart an der Grenze in einer Buchenjugend, die er immer erst verließ, wenn die Eulen aufwachten, obgleich er dann und wann auch zu ganz unpassenden Zeiten, zum Beispiel am hellen Mittag, auf diesen Gedanken kam. Deswegen versah ich mich mit Speis und Trank für zwölf Stunden, desgleichen mit Räucherwerk, dem Nibelungensang und einem derben Strick, begab mich um neun Uhr morgens zu der alten hohen Grenzbuche, sprang so lange, bis ich den untersten Ast erwischte, machte mit Gewehr und Rucksack einen bildschönen Aufschwung, krabbelte so lange, bis ich eine gute Sitzgelegenheit erwischte, wo ich sowohl Rückenlehne wie Fußstütze fand, band mich da fest und wartete der Dinge, die da kommen sollten. An Unterhaltung fehlte es mir nicht und die Zeit wurde mir keineswegs lang. Erstens die Landschaft: eins der schönsten, und eins der bekanntesten Stücke des schönen Harzes, ein weites Bachtal, von Blumen bunte Hänge, wilde Felsgruppen auf allen Kuppen, ein Dutzend von kleinen Wäldern, dahinter das Gebirge, aus dessen Waldbekrönung grau und ernst die Ruine heraussah, und dann hier ein Wartturm, von der Zeit zernagt, da, noch deutlich in der Wiese zu erkennen, der gedoppelte große Ring, der den Wall und den Graben der Kirche des Dorfes anzeigte, das im dreißigjährigen Kriege in Rauch aufging. Und dann die Tauben, die unter mir bei der Salzquelle herumpickten, die Rehe, die sich auf den Wiesen ästen, hier eine mausende Fuchsbetze, und da noch eine, und da die dritte, und dicht dabei ein Hase, und das Gabelweihenpaar, und der Wanderfalke, und, ei sieh mal, lieber Freund, was machen Sie denn da? Sie waren mir schon längst verdächtig, Sie Biedermann! Nun weiß ich doch, wer dreiviertel aller Wechsel mit dürren Zweigen verstellt und die anderen mit Rehschlingen versieht! Es hat doch manchmal sein Gutes, schwebt man dreißig Fuß über der Gegend. Dir wollen wir den billigen Rehbraten schon verpfeffern! Na, und dann war da zwischen lauter schwarzen auch noch eine schlohweiße Krähe, sogar in Schußnähe, die ich aber doch leben ließ, und der Vogel Bülow, den ich mir so nahe heranpfiff, daß ich ihm auf fünf Schritt in seine schönen roten Augen sehen konnte, und der Kohltäuber, den ich mir heranruckste und der ganz wild umheräugte, weil er den Nebenbuhler nicht gewahrte, und die Häher mit ihrer Faxenmacherei, wahrhaftig, ich dachte gar nicht daran, das Nibelungenlied aus dem Rucksacke zu langen, und als um neun Uhr abends der Bock die Dickung verließ, um im Feuer zusammenzubrechen, da war mir bis auf ein etwas gepreßtes Gefühl in der Sitzgegend gar nicht so, als hätte ich zwölf ausgeschlagene Stunden in der Buche geklebt. Dieser Hochsitz macht mir heute noch Freude, nicht allein wegen des verlängerten Antlitzes des lieben Nachbars, denn mit dem saß ich nachher noch eine Stunde hinter dem Biere, und als er mich mit dem Bocke neckte, sagte ich: »Der hängt all' lange im Keller,« worauf er das Bier plötzlich fad fand. Aber ich hatte mir den Bock selber ausgemacht, hatte manche Nacht seinetwegen in der klapprigen Jagdbude geschlafen, statt im Gasthause, manchen vergeblichen Gang vor Tau und Tag seinetwegen gemacht, mehr als einen Mittag auf ihn geweidwerkt, hatte ihn mir also sauer verdient. Wenn ich ihn auch lieber auf der Pirsche erlegt hätte, als aus dem Baume heraus, denn der Hochsitz ist und bleibt doch immer ein unedler Notbehelf, mag man sagen, was man will, es war immerhin kein angebundener Bock, wie mein Klockhalbigachtuhrbock von Holtendorf, der auf die Sekunde auf die Äsung dämelte, sondern ein wirklicher und geheimer Rat, mit sieben Salben geschmiert, den man auf andere Art kaum zu fassen kriegte, und den Sprung in die Buche in vollem Kriegsschmucke soll mir einer einmal nachmachen, und die Sitzerei von neun bis neun! Doch sonst schätze ich es nicht für Weidwerk, hoch vom Hochsitz her, wo die Eichkatz haust, den Finger krumm zu machen, denn es sind und bleiben Eselsbrücken der frohen Jägerei, hier und da unvermeidlich, im allgemeinen aber nur zum Bestätigen zu benutzen oder zum Beobachten von Wild und vier- und zweibeinigem Raubzeug. Der letztgenannten wegen ist es gut, steht der Hochsitz nicht so da, daß man ihn auf eine Viertelmeile mit freiem Auge sehen kann, und darum soll man in allen Jagden, in denen verdächtiges Volk umherschleicht, auf Leitern und Kanzeln verzichten und sich geheime, unverdächtige Hochsitze bauen, was fast überall leicht zu machen ist. Man schneidet sich ein halbes Dutzend knieförmiger gebogener Äste und nagelt sie mit dem einen Schenkel so an einen Baum, daß sie nicht auffallen; ein Brett, das man unauffällig in der Krone befestigt, gibt den Sitz ab, ein derber Strick oder ein Stock, den man mit Draht festmacht, die Rückenlehne, und ist keine Fußstütze vorhanden, die unbedingt nötig ist, damit einem die Beine nicht absterben, so ist eine solche durch einen aufgenagelten Zweig schnell gemacht. Derartige Hochsitze lassen sich fast überall schnell herstellen; sie kosten so gut wie nichts, fallen nicht auf, sind also der Zerstörungswut nicht ausgesetzt und erfüllen ihren Zweck vollkommen, handelt es sich darum, einen Bock oder Hirsch auszumachen oder auf etwas anderes Obacht zu geben. Angenehmer ist natürlich die mit einem Sitze sowie Seiten- und Rückenlehne versehene Leiter. In derselben Zeit, in der man aber eine solche Leiter baut, kann man sich bei einiger Übung sechs von den einfachen Hochsitzen herstellen. Wie das Jagen vom Hochsitz im allgemeinen für die Katz ist, so ist eine Jagd ohne Hochsitze durchschnittlich mangelhaft. Wo Blößen mit Stockaufschlägen sind oder das Gelände sonstwie unübersichtlich ist, ist ohne Hochsitze kaum auszukommen, will man sich nicht von zehn Böcken neun verpirschen und seinen Rehstand unnötig beunruhigen. Eine Rotwildjagd aber ist ohne Hochsitze überhaupt nicht weidmännisch zu bejagen; denn nimmt schon der Bock eine frische Fährte oft sehr übel, so vergrämt sie den Hirsch jedesmal. Deshalb müssen in Hochwildjagden mindestens für die Jagdhüter Hochsitze beschafft werden, denn anders ist ein Bestätigen ohne empfindliche Störungen gar nicht möglich. Wo sie zu stehen haben, dafür lassen sich allgemeine Regeln nicht aufstellen; die Hauptsache ist, daß sie nicht in der Nähe der Wechsel stehen und daß Pirschsteige zu ihnen führen, so daß sie ohne Geräusch zu erreichen sind und daß sie so fest gebaut sind, daß sie nicht knarren, denn es gibt kein größeres Elend, als auf einer Knasterkanzel zu sitzen und fortwährend aufpassen zu müssen, daß man nicht zu tief Luft holt, weil dann das Jammerding sofort erheblich an zu krächzen beginnt, so daß der Jäger andauernd Blut und Wasser schwitzt. Auf solchem Ungetüm habe ich einmal vier Stunden gesessen, um einen Mönch zu schießen; ich bekam ihn glücklich, hatte aber, so lange ich da saß, das Gefühl, als säße ich in einem Ameisenhaufen, und war gänzlich fertig, als ich hinabkletterte. Es waren ungefähr die schwersten Stunden meines Lebens, und wenn ich jemand etwas Übles an den Hals wünsche, dann denke ich im Abgrunde meiner Seele: »Ich wollte, du säßest auf der Knasterkanzel, bis du verschwarzen mußt!« Ich habe auch schon auf Kanzeln gesessen, die Drehschemel mit Rückenlehne, Auflegevorrichtung, Bodenbelag von Torfmull, einen Aschenbecher und sogar ein Schutzdach hatten; es fehlte nur noch ein Zeitungsschrank und eine Kellnerin, dann war das Kaffeehaus fertig. Mancher liebt so was, mancher auch nicht, und dazu gehöre ich. Aber ein Hochsitz, der Gelenkrheumatismus hat und bei jedem Zephir vor Wehtag wimmert und stöhnt, das ist alles eher denn ein reiner Genuß, und die schönste Freude ist es auch nicht, auf einer Leiter zu hocken, die so steil steht, daß man es nicht wagen darf, mit den Ohren zu wackeln aus Angst, samt seiner treuen Knarre abwärts zu sausen. Auch ist es nicht gerade ein süßes Gefühl, ist da irgendwo ein nicht genug, aber dafür zu spitz abgeschnittener Ast, der einem bei jeder Bewegung zwischen den Rückenwirbeln herumstochert, oder irgendwo ein herausstehender Nagel, an dem man gerade dann mit dem Ärmel hängen bleibt, wenn man den darin befindlichen Arm ganz dringend gebraucht, oder wenn die Fußstütze so hoch angebracht ist, daß die Kniescheiben mit den Ohren Zwiesprache halten können, oder so tief, daß einem nach zehn Minuten die Beine mit Grundeis gehen, oder ist das Dings so eng, daß man darin eingeklemmt ist, wie die Auster in der Schale, oder ist da irgendwo ein Stück lose Rinde, das Freikonzert gibt, wenn man auch nur mit dem Schulterblatte zuckt, oder wippt einem vor seinen schönen blauen Augen ein Zweig herum, der mit tödlicher Bosheit gerade das verdeckt, was man nun gerade sehen will; kurzum: wenn Theodor Vischer Jäger gewesen wäre und Hochsitze gekannt hätte, so würde er in seinem köstlichen Roman »Auch einer« bei dem Kapitel über die Tücke des Objekts sicher einige schnöde Bemerkungen über Hochsitze angebracht haben. Der Krieg ist ein Übel, aber ein notwendiges, sagt man. Mit dem Hochsitze steht es ähnlich. Wo keiner ist, gebraucht man ihn dringend; sitzt man aber einmal darauf, so kommt es nicht selten vor, daß man singen möchte: »Und da will er wieder runter und da kann er nicht, radibimmel, radibammel, radibumbumbum, und da feixen ihm die Böcke in das Angesicht« usw. Noch heute, und dabei sind schon zehn Jahre darüber hin, sträubt sich mir alles, was ich auf dem Kopfe habe, denke ich an einen weichen, warmen, allzu weichen, allzu warmen Abend scheußlichen Angedenkens. Mückenfest, das bin ich, aber die infamigten Gnitten, die soll der sogenannte Dieser und Jener holen! Dreiunddreizig Tausend von dem Ungeziefer stürzten sich mindestens auf mich, nach meinem Herzblute lechzend, so daß ich das Gefühl hatte, ich müßte vor Angst auf die höchsten Akazien klettern; da aber im Bruch keine vorhanden waren, so erklomm ich eine Eiche und verankerte mich dort, so gut es ging, hielt mich mit dem linken Fuße an einem Aste fest und ließ den anderen in die Atmosphäre herunterbaumeln, bis er vor Langeweile vollkommen einschlief. Dann kam das Schmalreh und äste sich in bequemster Schußnähe, nämlich halblinks von mir, und dann kam der Bock und äste sich in unbequemster Schußnähe, nämlich halbrechts von mir, und ich saß da, wie der bekannte Leipziger Dachgreis bei der großen Wassersnot, kam mir vor, wie jeder verhagelte Lohgerber, dem die Petersilie wegschwamm, und konnte singen: »Du holdes Licht, du schöner Stern, du bist mir nah und doch so fern«, aber das tat ich nicht, sondern als der Bock sich taktvoll zurückzog, fluchte ich lästerlich. Da ist aber noch gar nichts. Ein anderes Mal kletterte ich in eine Eiche bei einem Kahlschlag, in dessen hohen Stockausschlägen ein Bock sein Schmalreh wie ein Wilder trieb. Als er mir endlich schußgerecht kam, machte ich eine kleine Drehung und stach mir dabei einem spitzen Zweigstumpf derart in die Gesäßschwielen, daß ich glänzend vorbeiräucherte und wie ein übergefahrener Hund pfiff. Aber das Schönste kommt noch. Sitz ich da wieder mal in einer Eiche über einer unmenschlichen Porstdickung; kommt der Bock auch, aber natürlich von hinten, stellt sich unter die Eiche und plätzt, so daß ich ihm mitten auf den Grind gucken konnte. Als ich das tat, fiel mir ohne jede Vorrede der Hut herunter und dem Bocke auf das Genick, worauf sich mein Bock auf Nimmerwiedersehen empfahl und mich allein mit meinem Schmerz auf weiter Flur zurückließ. Und das ist auch noch nichts, denn das Allerallerschönste stieß einem Bekannten von mir zu, der seine zwei Zentner aufgebrochen wiegt. Er hatte sich eine Leiter bauen lassen, die er ab und zu mit sich herumschleppte. Er macht sich einen Bock aus, stellte die Leiter in eine Eiche, verblendete sie mit Zweigen und quetschte sich in den Baum. Schon war der Bock da. »Sieh da,« sagte er zu sich, als er die Zweige sah, »daran wollen wir eben mal ein bißchen fegen.« Er fegte, fegte, bis die Leiter umfiel, empfahl sich mit lautem Schreckensgeschrecke, kam auch nie wieder, und oben saß der Zweizentnermann und erfüllt die Luft solange mit lautem Wehklagen über sein hartes Geschick und den noch härteren Sitz, bis zwei Waldarbeiter ihn erlösten. Der Bock ließ sich aber nie wieder in jener Gegend sehen und wurde, wie die Ohrmarke nachwies, zwanzig Meilen von jeder Stätte erlegt. Ohne Luft kann man bekanntlich nicht leben, von der Luft erst recht nicht. Und mit den Hochsitzen geht es nicht viel anders: es jagt sich unbequem ohne Hochsitze, aber auch nicht immer bequem vom Hochsitz. Jägerlatein Von allen Wesen auf der Welt ist der Witzblattredakteur das bedauernswerteste Geschöpf. Es ist gar nicht so einfach, alle Wochen zwanzig Druckseiten mit guten Witzen zu füllen, und gäbe es nicht die alten bewährten Gestalten, den stets betrunkenen und verschuldeten Studenten, den an Größenwahn unheilbar erkrankten Leutnant, den unglaublich zerstreuten Professor, den maßlos dummen Bauern und den stets aufschneidenden Oberförster, wer weiß, ob manches Witzblatt nicht schon längst sanft und selig entschlafen wäre. Die allwöchentliche Witznot der Witzblätter ist Schuld daran, daß alles, was einen grünen Rock trägt, vom Oberförster bis zum Sonntagsjäger, in dem Verdacht steht, es mit der Wahrheit recht ungenau zu nehmen. Selbstverständlich gibt es Jäger, die noch doller aufschneiden als die Besitzer von Fleischwarengeschäften, die jede Strecke mit drei multiplizieren, aus einem Duselschuß eine Glanzleistung, aus einem Frischling eine grobe Sau und aus einem traurigen Spießbocke einen strammen Sechser machen. Aber gesohlt wird schließlich überall und unter den Jägern gibt es schließlich nicht mehr Übertreibungskünstler als unter der umliegenden Menschheit. »Jägerlatein!« denken die Mitreisenden, wenn die beiden Jäger im Abteil sich einige besonders auffallende Vorfälle erzählen. Die wissen eben nicht, wie es auf der Jagd hergeht, haben keinen Schimmer davon, wieviel Seltsamheiten sich dabei ereignen, daß Dinge vorkommen, beinahe so toll wie die, so der Meister des Jägerlateins, der Bodenwerderer Baron von Münchhausen, als eigene Erlebnisse so bildschön erzählte. Darum hüten sich viele Jäger, die es mit der Wahrheit recht genau nehmen, auch sehr, Laien ihre abenteuerlichsten Erlebnisse mitzuteilen, ja selbst anderen Jägern gegenüber halten sie sich zurück, da sie keine Lust haben, als Lateiner zu gelten. Wie spöttisch würde ein Laie sein Gesicht verziehen, hörte er einen Jäger erzählen, daß dieser mit einem Schusse einen Birkhahn und einen Hasen geschossen habe, denn der Hase läuft doch auf dem Erdboden herum, wogegen der Birkhahn durch die Lüfte saust, Aber die Geschichte ist vor Zeugen vor sich gegangen und die ganze Sache ist im Grunde mordseinfach. Ein stadthannöverscher Großindustrieller suchte im Herbste Birkwild, Ein Hahn steht auf kurze Entfernung auf und wird geliefert. In demselben Augenblicke, da er in das Heidkraut schlägt, macht auf demselben Flecke ein Krummer dem Schützen seinen Diener. Da der Hahn tief strich und der Schütze von oben nach unten feuerte, traf ein Hagelkorn einen Hasen, der nichts Böses ahnend in seiner Gasse kauerte, in den Bürker, und so kam mit dem Hahn der Hase zur Strecke. Wohl ein Dutzend Male bin ich selber bei derartigen unbeabsichtigten Doppeltreffern dabei gewesen. Ich sah, wie ein alter Jäger auf einen Hasen flüchtig schoß, und sowie es knallte, schlugen zwei Krumme ein Rad, der Flüchtige und der, der unter ihm im Potte gesessen hatte. Ein anderes Mal blattete ich mit einem guten Schützen Rücken an Rücken an einer steilen Berglehne. Da es gegen Ende der Brunft war, blattete ich mit Kitzlaut, um mit der Ricke den Bock heranzuziehen. Hinter mir knallte es auch bald darauf und ein guter Bock lag. Als er gegnickt wurde, hörten wir in den Stangen etwas schlagen. Banger Ahnung voll gingen wir dahin, denn wir dachten, nun läge die Ricke da; es war aber ein Gabelbock, der das Hartbleigeschoß, das den Sechserbock kurz Blatt durchschlagen hatte, tief weidewund bekommen hatte. Also zwei Böcke, und noch dazu einen, den der Schütze nicht gewahrt hatte, mit ein und derselben Kugel! Lögenhaft to vertellen, und doch wahr. Wieder ein anderes Mal schoß ich aus der Krähenhütte vor Bemerode bei Hannover eine Krähe. Da die Führung sich verheddert hatte, ging der Jagdpächter hinaus, um sie zu richten, und ich bat ihn, gleichzeitig die zappelnde Krähe zu töten. Er griff hin, aber sie biß ihn so, daß er sie los ließ, und da strich sie ab. Der Pächter konnte nicht schießen, da er seine Waffe in der Hütte hatte, und ich und der andere Jäger nicht, weil der Pächter in der Schußrichtung stand. Nach langer Zeit kam eine Krähe angestrichen. Ihr Flug war sonderbar kreisend. Sie beschrieb außerhalb Schußweite einen großen Bogen um die Hütte und verschwand. Bald tauchte sie wieder auf und beschrieb abermals einen Bogen, der aber enger und tiefer war. »Ich will Karl der Große heißen, wenn das nicht meine Krähe ist,« meinte ich und bat, daß nicht geschossen würde. Die Kreise, die die Krähe zog, wurden immer enger und tiefer und schließlich kam sie genau auf demselben Fleck herunter, auf dem sie nach meinem Schusse hingefallen war. Es war meine Krähe; sie hatte einen Streifschuß über dem linken Auge, das davon gänzlich zugequollen war. Hätte ich für das Vorkommnis nicht zwei Eideshelfer, so würde ich mich hüten, es zu erzählen. Viel eigentümlicher aber ist noch folgender Fall, der sich vor vier Zeugen ereignete. Um eine mächtige Wiese, die ein vorzüglicher Balzplatz war, standen vier Schirme, und in jedem derselben saß ein Jäger. Dem einen stand nun ein Hahn zu, den er schoß, in den Schirm holte und unter seinen Dreifuß legte. Nach einer Weile stand ihm abermals ein Hahn zu und balzte sich langsam näher.«Mit eins,»so erzählte mir der Jäger,«denke ich, ich träume, denn unter mir fängt es an loszubalzen, und ehe ich die Sache noch recht begreife, läuft der tote Hahn zwischen meinen Beinen laut kullernd aus dem Schirme heraus und rückt dem anderen Hahn auf den Balg, der ihm entgegenlief und ihn gleich annahm. Na, und als sie sich dann am Wickel hatten, schoß ich und hatte alle beide.»So wunderbar die Geschichte sich anhört, so einfach ist sie. Der erste Hahn hatte wahrscheinlich einen Prellschuß bekommen, der ihn betäubte. Als er aus der Ohnmacht wieder erwachte, hatte er wahrscheinlich solches Schädelbrummen, daß er sich über den Sachverhalt nicht ganz klar war, seinen Dröhnkopf mit dem vor ihm balzenden Hahne in ursächlichen Zusammenhang brachte und sich rächen wollte. «Es geht nirgendswo doller her als auf der Welt,»sagen die Bauern in der Lüneburger Heide. Das stimmt. Jeder Mensch weiß, wie vorsichtig der Bock ist. Dabei habe ich einmal eine halbe Stunde neben einem schlafenden Gabelbock gestanden, ihn erst angeblattet und als er dann nicht aufwachte, ihm guten Morgen gesagt. Aber auch das half nichts; er klappte seine Lichter nur halb auf und pennte weiter. Da setzte ich mich auf den Grabenbord, frühstückte in aller Gemütsruhe, steckte mir dann die Pfeife an und blies dem Bock den Tabakdampf in den Windfang, und da erst stand er verdrossen auf und verzog sich langsam und mißmutig. Ein anderes Mal drückte uns im Spätherbste der Jagdaufseher eine Kieferndickung durch. Plötzlich hörten wir Hilferufe, und als wir hinliefen, sahen wir den kleinen, aber zähen Kerl an der Erde liegen und sich mit einem starken Bock herumzanken, den er am Gehörn festhielt. Es war ein großartiges Theater, und wir mußten so lachen, daß wir nicht daran denken konnten, Fritzen beizustehen. Bald lag er oben, bald der Bock, und Kiefernadeln, Zweige, Moos und Sand flogen in schöner Reihenfolge in der Natur herum. Mit einem Male bekam der Bock Vorhand und heidi ging er. ›So 'n Schwaan,‹ sagte Fritze in seinem schönen hannöverschen Dialekt, womit er meinte, daß der Bock ein Schwein war, ›So'n Schwaan! Sitzt da und schläft wie ein Nachtwächter! Ich nicht faul und packe ihn. In meinem Leben nicht wieder! Meine Hände sind ja rein kaputte und, o Gotte, ich bin ja halbig nackigt!‹ Das war auch so, der Bock hatte ihm mit den scharfen Schalen die Hosen von oben bis unten aufgeschlitzt. Derartige heftig nach Latein duftende Fälle sind gar nicht so selten. Ich baute mir einst in meiner Jagd unter einer krausen Kiefer einen Sitz aus Torfsoden. Dann steckte ich mir die Pfeife an und warf den Tabaksbeutel neben mich, und gerade einer Birkhenne auf den Rücken, die neben mir auf ihrem Gelege gesessen und es ruhig abgehalten hatte, daß ich zehn Minuten lang unmittelbar bei ihr herumwirtschaftete. Als Junge stieg ich auf eine große Höhlung, und als ich eine Weile still gesessen hatte, kam es mir so vor, als atmete etwas in dem Loche. Ich leuchtete mit einem Streichholze hinein und sah einen Marder daliegen, der fest zusammengerollt war und schlief. Ich machte meinen Rucksack auf, packte zu, stopfte den Marder hinein und schnürte den Rucksack zu. Der Marder rührte sich nicht und schlief weiter. Der Bock kam nicht und ich schob, als es dunkel wurde, mit meinem Marder ab, der sich auch dann noch nicht rührte, als er auf dem Gute in eine Kiste geschüttelt wurde. Erst am anderen Morgen ermunterte er sich. Nach der Menge von Losung, die in der Kiste lag, mußte er sich bis zur Bewußtlosigkeit vollgewürgt haben. Ähnlich ging es einem mir befreundeten großen Bauern mit einem Fuchse. Es war zur Strichzeit. Der Bauer trampelte sich neben einem Ellernbusche, an den er seine Flinte gestellt hatte, mit viel Getöse einen Stand in dem dürren Gekraut, deckte dann seinen sehr hellen Hund zu, und als er sein Gewehr zur Hand nehmen wollte, sah er, daß in dem Ellernbusche ein Fuchs lag und sanft und selig schlief. Zum Aufwachen kam er nicht mehr, denn mein Freund schoß ihn auf zehn Schritt in den Nacken und das konnte der Fuchs nun doch nicht gut vertragen. Ein anderer mir als durchaus wahrhaftig bekannter Bauer erlegte beim Frühanstand auf Enten fast auf dieselbe Weise seinen stärksten Otter, nachdem er dicht neben ihm, der in einem Hinterbusche schlief, eine Ente geschossen hatte. Sowohl der Fuchs wie der Otter werden, wie mein Marder, so fett gelebt haben, daß der Verdauungsvorgang ihnen alle Besinnung genommen hatte. Es gibt mehr Dinge in Wald und Heide, als die Bücherweisheit der Stadtmenschen sich träumen läßt. So sind mir zwei völlig gleiche Fälle bekannt, in denen je ein Bock mit der Kugel noch eine Weile abging und, als er zusammenbrach, von je einem anderen Bocke, der aus der Dickung herausstürmte, angenommen und geferkelt wurde, wobei die beiden Nordböcke gleichfalls zur Strecke kamen. Ich selber bekam als Junge von vierzehn Jahren meinen zweiten und dritten Bock auf ähnliche Weise. Ich wollte Jungkrähen schießen und nahm den alten Vorderlader mit. Als ich so durch den Wald bummelte, hörte ich ein Reh ganz schrecklich klagen. Ich pirschte mich heran, glaubend, es hätte sich in einer Schlinge gefangen, denn in jener Gegend wurde viel geströppt, und sah einen Bock, der einen anderen zu Tode forkelte. Den Mörder, einen alten Gabelbock mit fast endlosen, nadelscharfen Stangen, schoß ich an den Hals, dem anderen, dem das Gescheide fußlang aus der rechten Dünnung quoll, gab ich den Kälberfang. Der Gutsförster sagte mir nachher, daß der Mörder in demselben Frühjahr schon ein Schmalreh und einen Spießbock umgebracht hatte. Der Rehbock ist nämlich gar nicht so harmlos, wie er aussieht, und wenn weichherzige Dämchen mich mit vorwurfsvollem Augenaufschlag zwischen Fisch und Braten fragen: ›Wie können Sie es über das Herz bringen, einen Rehbock zu schießen? Sie haben doch so wundervolle Augen!‹ dann führe ich sie mit dem Mordbocke meist sehr schnell ab. Allerdings ist es mir dabei schon einmal begegnet, daß mir eine hübsche Frau lächelnd sagte: ›Na, das ist doch wohl Jägerlatein?‹ Und ich antwortete: ›Ist es, gnädige Frau! Ich war dabei, als ein Förster eine Krähe aus einer Fichte schoß, und mit der Krähe kam ein Edelmarder heruntergeplumpst. Ich habe an einer steilen Felswand sieben Male mit der Kilometerbüchse nach einem Bocke geschossen, der auf über zweihundert Gänge vor der Felswand stand, so daß die Kugeln immer pitsch patsch gegen den Kalkstein prasselten, und nach jedem Schusse trat der Bock näher, bis er schließlich so stand, daß ihn die siebente Kugel herunterholte. Ich war dabei, daß jemand mit Vollmantelgeschoß auf einen auf einem Torfhaufen sitzenden Birkhahn schoß, worauf der Hahn abritt und auf zweihundert Gänge wie ein Stein herunterkam, und als wir ihn aufnehmen, hatte er auch nicht eine Spur von Verdauungswerkzeugen mehr im Leibe. Ich war dabei, als jemand mit Nummer Null auf eine Gans schoß, die nach dem Schusse himmelte und aus unglaublicher Höhe mit solcher Wucht dem Teckel des Schützen auf den Kopf stürzte, daß dieser eine halbe Stunde in Ohnmacht lag. Ich habe es erlebt, daß als wir nach einer Drückjagd frühstückten, ein mausetoter Fuchs plötzlich zwischen zwei Jägern saß und wahrscheinlich weggekommen wäre, wenn nicht der Jagdaufseher ihn mit dem Jagdstuhle eins übergezogen hätte. Ich habe es gesehen, daß ein toter Hase einem Treiber aus der Kiepe sprang und nie weider gesehen wurde. Es geht eben nirgends doller her als auf der Welt.‹ Das Hübscheste aber habe ich einmal auf einer Eisenbahnfahrt erlebt. Zu uns drei Jägern stieg ein großer Jagdjäger vor dem Herrn ein, der uns allerlei wüste Sachen erzählte. Unter anderem prahlte er damit, daß sein Freund, bei dem er schießen gehen wollte, wie er sagte, mit einem Schusse vier Stück Rotwild umgebracht habe. Als wir drei sonderbare Augen machten, sagte er: ›Sie glauben wohl, daß ist Jägerlatein?‹ Da sprach der Älteste von uns, ganz langsam und ruhig: ›I wo, Jägerlatein ist das nicht, aber eine ludermäßige Aasjägerei.‹ Sodann erzählte er uns, daß sein Lehrprinz, einer von der althannoverschen grünen Gilde, den Reihern die Hälse abschoß, den flüchtigen Sauen mit Vorliebe die Kugel zwischen Licht und Lufer antrug und bei Treibjagden stets die Büchsflinte führte, weil er, wenn die Hasen sich genierten, auf Schrotschußnähe zu kommen, ihnen das dicke Blei gab, und nun dachte der Jagdjäger, er redete lateinisch, und grinste hinter seinem Gesichte. So aber ist es: was man nicht kennt und kann, daß kommt einem unglaublich vor. Daher der Name: Jägerlatein. Volle Wände Irgendwo zwischen Frankreich und dem Böhmerwald, die aber beide damals anders hießen, lebte vor ewigen Zeiten ein großer Bauer, dessen Name nicht auf uns gekommen ist. Wenn das Gesinde sich das Salzfleisch übergegessen hatte, oder die Reihen der Würste und Schinken anfingen räumig zu werden, dann sagte seine liebe Frau wohl zu ihm: ›Na Vatter, nu man los! Schieß uns was in' 'n Pott! Ansonsten können wir die Zähne in die Wand schlagen.‹ Dann gähnte sich der Herr Gemahl die Faulheit aus dem lästerlich langen Leibe, brummte irgendeine Redensart über die Frauensleute im allgemeinen und über seine Hausehre im besonderen vor sich hin, stöhnte sich in die Wickelgamaschen hinein, langte sich die Saufeder von der Wand, nahm Pfeil und Bogen zur Hand, steckte sich ein paar ganz gefährliche Schinkenbutterbröte in den Buckelsack, vergaß auch die Kruke mit dem Honigbier nicht, pfiff seinem Hundevieh und schob los. Meist brauchte er nicht zu weit zu laufen, bis er ein Wild antraf, denn es gab damals genug davon, mehr, als ihm eigentlich lieb war; denn das Unzeug, wie er sich ausdrückte, machte ihm allerlei Schaden auf seinem Ackerlande. Deswegen machte er sich im allgemeinen nicht sehr viel aus der ganzen Schüttgerei, wie er sagte, vor allem sah er nicht darauf, wieviel Enden so ein Happbock, wie er den Hirsch nannte, aufwies; ein Kalb war ihm dreimal so lieb als ein Haupthirsch vom zwölften Kopfe, denn ihm lag an erster Stelle etwas am Wildbret, und seiner lieben Frau auch, und wenn er einmal einen alten Hirsch nach Hause brachte, knurrte seine Eheliebste und meinte: ›Das olle Gräuel ist ja kaum zu beißen! Na, schließlich müssen die Leute neue Buchsen haben, und ein anständiger Kleiderhaken fehlt mir schon lange.‹ Wenn dann auch alles bei Mittag lange Zähne machte und die Hunde gute Tage hatten, weil die Knochen bloß oberflächlich abgeschabt wurden, es war schließlich doch noch besser als das alte ranzige Salzfleisch, und so ergab man sich mit Würde in das Unvermeidliche und vertröstete sich auf bessere Zeiten, wo es ein zartes Hirschkalb oder einen saftigen Fröschling, am Spieße gebraten und mit Thymian gewürzt, gab. Die Decke des Hirsches aber wurde gegerbt und zu Schuhleder verarbeitet, und die Stangen mit den mächtigen Enden wurden an der Wand festgemacht und dienten als Kleiderhaken, denn sie machten sich schließlich besser als die Haken aus Zweigen, und hielten auch mehr aus. Aber als Wandschmuck an und für sich sah man die Stangen nicht an, und wie schwer sie wogen, wie groß die Auslage, wie stark die Perlung war und ob sie nun zwölf oder sechszehn Enden aufwiesen, das galt als Nebensache. Wer zuerst auf den Gedanken gekommen ist, die Hauptzier von Elch oder Hirsch an die Wand zu nageln, das weiß man nicht. Wahrscheinlich ist es ein Mann gewesen, der nach langem Hängen und Würgen endlich ein geweihtes Stück Wild auf die Decke brachte, oder ein vornehmer Herr, der aus reiner Liebe zum Weidwerk jagte und dem es ein Hauptvergnügen dünkte, die ältesten und heimlichsten Hirsche oder was es sonst war, zu überlisten. Der hing sich dann die Kopfzierde von Ur und Wisent, Elch und Hirsch an die buntbemalten Wände seines Kneipzimmers, anfänglich aber auch wohl nur, damit er und seine werten Gäste ihre Mäntel und Waffen daran lassen konnten. Erbeutete er ein stärkeres Stück, so kam das schwächere beiseite, und so wurde mit der Zeit aus einem Gebrauchsgegenstand eine Trophäe und ein Wandzierat. Heute noch kann man bei bäuerlichen Jägern, die noch nicht von der städtischen Zivilisation beleckt sind, die Rehkronen rechts und links am Türrahmen in bequemer Handhöhe angenagelt finden, als Huthalter zu dienen oder als Haken für Gewehr, Jagdtasche und Hundeleine, und das saubere Brettchen, auf das der Jäger heute seine Rehgehörne und Hirschgeweihe vom Drechsler aufsetzten läßt, beweist, was ursprünglich das Geweih dem Jäger war; denn das runde, schwarzlackierte oder braunpolierte Scheibchen Holz ist der zum reinen Zierate gewordene spärliche Rest der Wandtäfelung, auf die man ehedem die Geweihe nagelte, um Hut und Waffe oder Mantel daran zu hängen. Es hat im Grunde denselben Sinn, wie unser Schlips, der aus den Bindebändern entstand, mit denen man einst das Hemd schloß; ein Stück Schmuck ist es geworden samt dem Geweih oder Gehörn, das es trägt. Seitdem Geweihe und Gehörne Wandzierden wurden, hat sich ihr Wert immer mehr vergrößert. Anfänglich wählte man die stärksten oder sonstwie ausgezeichneten Stücke dafür aus, oder hing die Hauptzier des ersten Hirsches, des ersten Bockes, den man erlegt hatte, auf, und dazu kamen mit der Zeit noch die besten Stücke, die man erbeutete. Nur dort, wo Hirsche als seltenes Wechselwild auftauchten, oder wo es so gut wie gar keine Rehe gab, wurde auch das Geweih eines elenden Schneiders oder ein minderwertiges Gehörn dazu auserlesen, hoch von der Wand her zu verkünden, welch ein gewaltiger Nimrod vor dem Herrn sein Erleger sei, und diesem bedeutete schließlich der geringe Sechsender oder der kümmerliche Gabelbock ebensoviel, wenn nicht mehr, als einem ändern ein Klobengeweih oder Bombengehörn. Denn der Wert der Jagdtrophäe beruht in erster Reihe auf der Einbildung. An und für sich ist ein Zehnendergeweih nicht wertvoller als das eines Vierzehnenders. Sehr oft kann das Geweih eines schwächeren Hirsches für den Schützen einen bedeutend größeren Gemütswert darstellen als das eines Haupthirsches, je nachdem, ob er den einen selbst ausmachte und bestätigte und ihm nach langem Weidwerken endlich die Kugel antrug, oder ob es sich um einen angebundenen Hirsch handelte, der unschwer zu erlegen war, oder gar um einen, der vor den Treibern geschossen wurde. Dem echten, gerechten Weidmann wird eben immer das Wie ausschlaggebend sein und nicht das Was. Je mehr Mühe ihm ein Stück Wild macht, je mehr Nächte er seinetwegen um die Ohren schlug, um so wertvoller dünkt ihm die Trophäe, die er ihm verdankt. Schießer lachen über den Forstlehrling, der einen Kümmerer zum Abschuß frei bekam und stolz die Knubben an die Wand nagelt, und nur wem der wahre Sinn des Weidwerkes nicht aufging, macht seine Witze über den Mann, der zwischen mäßigen Gehörnen ein noch mäßigeres Geweih hängen hat oder seinen einzigen Birkhahn oder Fuchs in theaterhafter Stellung gestopft auf den Gewehrschrank stellt. Der Weidmann aber denkt sich, daß diese Trophäen vielleicht mehr Mühe kosteten und ihren Schützen mehr wahre Freude bereiteten als die starken Hirsche und braven Böcke, die so mancher Mann mit der goldenen Kugel oder mit silbernem Hagel schoß, und die trotz ihrer Güte und Menge herzlich wenig Eindruck auf ihn machen, weiß er doch, wie leicht es ihrem Besitzer wurde, sie zu gewinnen. Die Wand voll mehr oder minder guter Knochen macht noch lange nicht den Weidmann aus, ja sehr oft ist der beste Beweis dafür, daß der Besitzer so einer Sammlung wohl ein guter Jäger und sicherer Schütze, aber kein Jäger in des Wortes bester Bedeutung ist. Das erkennt man sofort, sieht man sich die Abschußdaten an; die weitaus meisten Rehgehörne sind im Mai, Juni, Juli und Anfang August erbeutet, also vor und während der Brunft; die Gehörne der Böcke, die nach der Brunft erlegt wurden, sind zumeist in der Minderzahl vertreten, auch weist die Sammlung im Durchschnitt lauter Gehörne vor, deren Träger auf der Höhe ihrer Kraft zum Abschüsse kamen; mithin hat der Jagdinhaber unpfleglich gejagt, was schon daraus zu ersehen ist, daß schlecht gestellte Gehörne und solche von Kümmerern an der Wand fehlen, und zwar nicht etwa, weil sie nicht des Aufhängens für wert erachtet wurden, sondern weil der Jagdbesitzer sich um sie nicht kümmerte, denn auch in der Wohnung des Jagdaufsehers sind sie nicht zu finden. Da ist aber nun ein anderer Jäger, der ebenso viele Gehörne an den Wänden hängen hat, und es sind eine ganze Menge braver darunter, aber auch sehr viele erbärmliche. Die Vermerke darauf ergeben, daß die braven Böcke fast alle nach der Brunft erlegt sind, einige kapitale schon früher; das waren dann entweder ganz unsichere Kantonisten, Herumtreiber, die der Jagdbesitzer vielleicht nie wieder zu Blick bekommen haben würde, oder solche alte Raufbolde, die alles, was rauh zwischen den Lauschern war, über die Grenzen jugen und deshalb sterben mußten. Die Jammergehörne aber, die da noch so herumhängen, Knubben, Bleistifte, enggestellte und gänzlich perlenlose Stangen, die tragen als Abschußmonat den Mai und Juni, denn sie mußten ihr Leben lassen, ehe sie auf verliebte Gedanken kamen, diese in die Tat umzusetzen und ihre mangelhaften Eigenschaften vererbten. Vergleicht man nun beide Sammlungen, so kommt man zu dem Ergebnis, daß die Trophäen, die der eine Jäger an der Wand hat, sich entweder von Jahr zu Jahr gleichbleiben oder allmählich schwächer werden, während die, die der andere Jäger besitzt, die umgekehrte Neigung zeigen, und da er sie nach Jahrgängen geordnet hat, ist sehr schnell herauszufinden, daß er meistens Jammerböcke hatte, als er die Jagd antrat, daß er aber in zehn Jahren durch die Hege mit der Büchse Gehörne züchtete, die sich sehen lassen können, und zwar sowohl nach Gehörnbildung wie nach Gewicht. Denn nicht nur in der Erzielung guter Gehörne und Geweihe, sondern in der Herausbesserung der Kasse liegt der Wert der Hege mit der Büchse, und da, im allgemeinen wenigstens, Gehörnbildung und Gewicht von einander abhängig ist, hat die Wichtigkeit, die der Jäger der Stärke der Hauptzierden des Wildes beilegt, ihre große Bedeutung. Würde das nicht der Fall sein, so wäre den Jagdtrophäen nicht mehr Wert zuzubilligen als Liebigbildern, Briefmarken und anderen in Wirklichkeit durchaus wertlosen Gegenständen der Sammelsucht. Es gibt freilich Reviere, in denen die Rehe selten über dreizig Pfunde aufgebrochen wiegen, wo aber die Böcke ganz kapital aufsetzen, und es gibt Jagden, in denen das Umgekehrte die Regel ist. Im ersten Falle liegen geographische oder andere Verhältnisse vor, die es kaum möglich erscheinen lassen, daß durch eine planmäßige Hege das Gewicht aufgebessert wird; im zweiten Falle wird das meist unschwer zu erreichen sein. Im Durchschnitt aber darf man getrost sagen: wie der Schlag, so das Gehörn, und wo eine an sich starke Rehrasse nur mangelhafte Gehörne aufweist, liegt immer ein zu scharfer Abschuß von Zukunftsböcken vor. Der größte Fehler, den die meisten Jäger begehen, liegt eben darin, daß sie ihre Böcke nicht alt genug werden lassen, indem ihnen jeder Sechserbock jagdbar dünkt. Somit wird die Hauptmenge der Böcke im dritten oder vierten Jahr abgeschossen, anstatt daß man sie noch zwei bis drei Jahre stehen läßt. Das ist ganz besonders dort der Fall, wo, wie in Mittel- und Westdeutschland, die Pachtjagden überwiegen. Gäbe es dort keine Staatsund Provinzialforsten, in denen die Böcke alt genug werden, so würde die an sich schon schwächer als der ostelbische Schlag veranlagte Rasse noch mehr entarten. Erfreulicherweise hat die Erkenntnis, daß der Bock nicht alt genug wird, sich in den letzten Jahren sehr verbreitet, und nachdem sich in vielen Sauen, zumeist auf Veranlassung der Oberförstereien, die Jagdpächter zu Jagdpflegevereinen zusammengeschlossen haben, die in ihren Satzungen eine vernünftige Abschußpraxis festsetzen, konnte sehr bald eine Verbesserung des Schlages nach Gewicht und Gehörnbildung beobachtet werden. Die Jagdpächter schießen jetzt nicht mehr so viele Böcke; aber die sie erbeuten, daß sind auch solche, die die Mühe lohnen, und die nicht wie Hasen in den Rucksack hineinrutschen. Das Gehörn ist ein Maßstab für die Güte des Schlages, aber auch nur einer. Jeder wirkliche Jäger wird ein ganz anderes Gesicht machen, hat er einen Bock vor sich liegen, der aufgebrochen seine vierzig Pfund wiegt, und ein Haupthirsch ist ein solcher, der ein Hauptgeweih trägt, sondern man soll auch ein entsprechendes Gewicht von ihm verlangen. Wer den Bock oder den Hirsch bloß nach der Hauptzier beurteilt, mag sich Jäger nennen; als Weidmann kann er nicht gelten. Sehr bezeichnend ist es, daß die Weidmänner vom alten Schlage in ihren Schußbüchern stets das Gewicht der erlegten Stücke verzeichneten, es auch, zum Teil wenigstens, auf den Schädelabschnitten vermerkten, ein guter Brauch, der heute leider fast ganz in Vergessenheit geraten ist, aber von jedem gerechten Jäger wieder eingeführt werden sollte. Denn das Gehörn oder Geweih, so wichtig es auch ist, soll die Jagd ein fürnehm Spiel bleiben und nicht in öde Schießerei ausarten, das Ausschlaggebende darf es doch nicht sein, sondern das soll und muß stets das Wildbret bleiben; als dessen Wertmesser hat es zu gelten im Grunde, mag es auch noch so sehr Selbstwert vortäuschen. Hirsche mit märchenhaft viel Enden und Böcke mit Riesen- oder Abgottsgehörnen wogen mitunter recht gering, waren also für die Zucht in Wirklichkeit wenig wertvoll, denn dafür ist an erster Stelle das Gebäude anzusehen. Darum: lockt auch den Jäger von heute hauptsächlich das Gehörn oder das Geweih, es sei ihm nicht das Allerwichtigste; immer soll er bedenken, daß er die Pflicht hat, daran mitzuwirken, daß das Wild nicht entarte, an Gewicht nicht abnehme, und daß er so jagen soll, daß der gewaltige Wert, der in unseren Wildbahnen steckt, verbessert wird. Wer nach solchen Grundsätzen jagt, der ist Weidmann; nicht aber der, dessen einziges Ziel sind: volle Wände! In Acht und Aberacht Immer zahmer wird das Weidwerk von Jahrhundert zu Jahrhundert; die niedrige Jagd tritt in den Vordergrund, die hohe schrumpft zusammen. Vorbei sind die Zeiten, da der Bär bei uns lebte; längst verschwand der Luchs aus den deutschen Gauen. Der Wolf wechselt nur noch selten über die Nordost- und Südwestgrenze des Reiches ein. Die wenigen Adlerpaare, die bei uns horsten, unterstehen der amtlichen Naturdenkmalpflege, und der Uhu, der Rufer der Nacht, wird ausgestorben sein, ehe wir in der Mitte des Jahrhunderts angekommen sind. Der Mörz ward zur Mär aus grauen Tagen, und ein halb sagenhaftes Getier wurde die Waldkatze. Wer heute einen Otter erlegt, dünkt sich König und Held, und einen Marder haben die wenigsten Jäger anders als gegen Eintrittsgeld im Zoologischen Garten gesehen. Wer einen Fuchs schießt, steckt die Brust heraus, wie auf dem Exerzierplatz, und der Mann, der einen Ilk oder ein Wieselchen erlegt, läßt ihn sich bestimmt ausstopfen und hängt ihn hinter Glas und Rahmen an die Wand, damit Kinder und Kindeskinder noch des Ahnen Heldentat rühmen können. Es ist eine ergötzliche Lektüre, das feingebundene, hochmoderne Schußbuch eines Durchschnittsjägers von heute. Der Rehbock ist das Hochwild und dann fängt das Gewimmel von Hasen und Hühnern und Fasanen und Enten und sonstigen jagdlichem Gesindel an, das ja ganz lustig zu jagen ist, dessen Erbeuten aber schließlich doch mehr unter den Begriff des Schießsportes als unter den der Jagd fällt. Denn man kann sagen, was man will: Jagen, das ist mehr als Stoppelhopfen und Rübenstolpern, ist mehr als Hinhalten und Treffen; es ist Pirschen und Schleichen, Lauern und Harren, ist eine Beschäftigung, bei der der ganze Kerl samt Herz und Lunge mit heran muß, und nicht bloß die Gehwerkzeuge und der Drückefinger; bei der es auch einmal eine Hose voll Angst gibt und wobei der Mann beweisen muß, daß er noch mehr kann, als bloß und immer wieder bloß schießen. Eine einzige Wildart gibt es heute noch bei uns, die den ganzen, den vollen Mann erfordert, das ritterliche Schwarzwild, dessen Jagd unter Umständen nicht nur einen grünen Bruch am Hute, sondern auf einen roten an den Beinen mit sich bringt, oder einen Schmiß, in den eine ganze Hand hinein- und aus dem eine ausgewachsene Seele hinausgeht, und bei der mancher Mann, der sonst die schönsten Pfingstrosenbacken und recht stämmige Gehwerkzeuge hat, leicht weiß um die Nase wird und das Gefühl bekommt, als wimmle sein Herz plötzlich in jenen Kleidungsstücken umher, von denen man ehemals in der guten Gesellschaft nur auf Umwegen sprechen durfte. Aber das ist gerade das Schöne bei der Sache; das in Silber gefaßte Gewaff einer wehrhaften Sau, die den Schützen annahm, ist diesem dreimal so viel wert denn sein stärkster Hirsch, und wenn er mehr Enden hat, als der Mensch an Gliedmaßen zweiter Art besitzt. Aber welcher gewöhnliche Sterbliche kommt heute noch dazu, einem Schwarzkittel in freier Wildbahn die Kugel anzutragen? Die wenigen Stände, die heute noch Sauen in freier Wildbahn beherbergen, sind bald aufgesagt. Zum größten Teile lebt das Schwarzwild fingerzahm und ziegenkirre und jammervoll entartet trotz aller Blutzufuhr als Parkwild hinter dem Gatter, wechselt pünktlich zur Körnung, läßt sich in aller Gemütsruhe von den Sommerfrischlern besichtigen und grunzt geschmeichelt, wenn es heißt: »Wie nüdlich!« Höchstens wird es einmal einen alten Eingänger zu dumm, wenn ihm sein Verdauungsschläfchen durch das Gejodel etwelcher Touristen jählings unterbrochen wird, und er macht sich den Spaß, sie auf die Bäume zu jagen, damit sie am Stammtisch in der großen Stadt etwas zu erzählen haben von den grausamen Abenteuern und erschröcklichen Leibesgefahren, so sie in den unwirtlichen Gegenden mit den knallbunten Wegbezeichnungen und den polierten Touristenpfaden ausstehen mußten. Nur in solchen Gegenden bekommt der Durchschnittsmensch heute noch den Anblick auf eine Sau. Die schonungslose Verfolgung hat das wehrhafte Wild, da früher weder dem Menschen noch den Rüden wich, sondern sich auf sein blankes Gewaff und seine dicke Schwarte verließ, so scheu gemacht, daß es erst lange nach Eintritt der Ulenflucht die Dickungen und Brüche verläßt und sich vor Tau und Tag darin wieder steckt. Und wer, der überhaupt auf Sauen zu jagen Gelegenheit hat, bekommt es anders zu Schusse denn vor den Treibern und Hunden, wo es zusammengeknallt wird wie Hasen und ähnliches Wildgesindel? Höchstens auf dem Anstande, von der Kanzel oder aus dem Lauerloche wird es unrühmlich abgeschossen, aber mit der Laterne kann man sich die Männer suchen, die die Sau ganz allein weidwerken oder sie gar nach alter guter Art mit den Findern jagen, wenn Spurschnee das Fallaub bedeckt, die Fichten alle weiße Hemden anhaben und der Frost den Eichen seine Krallen in die Borke schlägt. Es gibt nicht viele Reviere, in denen sich die Pirsche und die Suche auf Sauen lohnt, und wo es sich lohnt, da sind dem Jagdinhaber seine heilen Knochen viel zu wert und zu teuer, als daß er einer persönlichen Auseinandersetzung mit einem hauenden Schwein oder einer alten Bache nicht gern aus dem Wege ginge; denn was hat der Mensch von ein paar Schmissen, mit denen er höchstens in der Schwimmanstalt glänzen kann? Und die Hauptsache bei der Jagd von heute ist und bleibt doch die Strecke! Denn wir Menschen von heute kennen ein Wort, und das heißt: praktisch, und eins, das heißt: unpraktisch, und das eine bringt etwas ein und das andere nicht, und darum befassen wir uns mit Dingen, die unpraktisch sind, ungern. Und deswegen schießen wir das ritterliche Wild auf der Treibjagd tot, anstatt es zu weidwerken mit jenem köstlichen Gefühle von Furcht und Hoffnung, das nur der Herrenreiter kennt, der mit Meister Klapperbein neben sich dem Ziele zuhetzt, das lustige Spiel mit dem Tode, einst ein männlicher Sport, heute eine Unbequemlichkeit, wie ein Skandalprozeß oder eine Ehrenangelegenheit. Es ist heute gar kein Kunststück mehr, Sauen zu jagen, hat man den Streifenlader in der Hand; ehe die angeschweißte Sau noch recht weiß, wo der Schütze steht, knickknack, und sie hat die zweite Kugel, und wenn nicht, in der Kammer sind noch reichlich. Wir sind ja so unglaublich praktisch. Wenn man einem der Leute, die mit der Jagdmitrailleuse losziehen, erzählt, daß heute noch Männer leben, die mit der einläufigen Vorderladerbüchse, die höchstens auf sechzig Gänge Fleck schoß, ganz allein auf Sauen pirschen gingen, so lächeln sie das Lächeln des Thomas und verstehen nicht, wie das ein Vergnügen sein konnte, sich bis auf fünfzig Gänge an einen grimmen Bassen heranzuschleichen, ihm die Kugel anzutragen und ihm dann kniend die Wehr entgegenzuhalten und ihn aufrennen zu lassen; denn es ist doch entschieden praktischer, den Keiler so lange mit Mantelgeschossen zu betupfen, bis die durchlöcherte Schwarte das Leben nicht mehr halten kann. Von wieviel mehr Weidmannswonne und Jägerlust aber so eine alte kurze Büchse mit schön ausgeziertem Lauf, reich geschnitztem Kolben und buntgesticktem Tragriemen erzählen kann, als die langweilige, schmucklose und ganz technisch abstrakt aussehende Siebenmillimeterkanone, davon haben sie keinen Dunst und dafür kein Verständnis. Überhaupt Sauen! Na ja, ist ja ganz schön, kann man sich mal auf eine lösen, und ein Keilerkopf auf einem von Eichenlaub umrahmten Schild an der Wand des stilvoll eingerichteten Speisesaales, das macht sich ja ganz gut! Sonst aber, im Grunde doch nicht mehr zeitgemäß, diese Biester, fressen zu viel Kartoffeln und bringen auch nicht viel ein, höchstens solange sie noch im ferkelhaften Zustand sind, denn die alten Bassen werden ja doch nur zu Würsten für bayerische Holzknechte und ähnliches Volk mit pöbelhaft gesunden Mägen weiter verarbeitet! Darum fort mit Schaden! Generalverfügung vom höchsten grünen Tische: Alles was Wildschwein heißt, ist bis zum Ersten des nächsten Jahres abzuschießen, des Wildschadens wegen und überhaupt und so! Stimmt ja, daß die Sauen gewaltig viel Ungeziefer fressen, und scheint wahr zu sein, daß die giftgrüne Waldpest, der Eichenwickler, mit dem Aufhören der Waldhude und der Vertilgung der Sauen so unverschämt zunimmt, aber Wildschaden bleibt Wildschaden, und Rehe und Hasen tun es zur Not auch. In seiner Schreibstube steht ein alter Oberförster, schmeißt erst sein zerknülltes Papier und dann seine Pfeife gegen die Wand, daß sämtliche Hunde unter das Sofa schliefen, stößt eine Unmenge von unchristlichen Redensarten aus, holt dann eine grüne Flasche aus einem braunen Schränkchen, genehmigt sich einen Doppelkümmel und, da der Mensch kein Storch ist und auf einem Schnaps nicht sicher genug steht, abermals einen, und zum Abgewöhnen Numero drei, bückt sich stöhnend, sammelt das amtliche Schriftstück auf, puhlt es auseinander, glättet es und plättet es und legt es in das Fach »Erledigt«, wo schon mehrere solcher arg zerknüllter Verfügungen liegen. Und dann steckt sich der Knasterbart eine Zigarre in das Gesicht, geht auf und ab und redet also: »Der Minister kann mir im Mondschein begegnen! Ich habe überhaupt keine Wildschweine, nur Keiler, Bachen, Überläufer und Frischlinge. Und Aasjägerei, die gibt's bei mir einfach nicht!« Und beim Försterappell sagt er zu seinen Belaufsbeamten: »Laut ministerieller Verodnung sind die Wildschweine auszurotten. 'standen? Wer mir aber eine Bache schießt, ganz Wurst, ob sie Frischlinge führt oder nicht, oder sich an Frischlingen oder überlaufenden Sauen vergreift, der hat sich das selbst zuzuschreiben. Und zuerst muß der alte Eingänger daran, hinter dem wir schon seit drei Jahren herumkrebsen; immer hübsch der Reihe nach! Und nun trinken wir ein Glas Bier zusammen.« Es gibt noch genug alte Grünröcke, die so handeln, und das ist ein Segen, denn der Schaden, den die Sauen auf dem Felde anrichten, den machen Sie im Walde reichlich wieder wett. Und außerdem: Geld haben wir schließlich genug, wenn es auch oft umgekehrt aussieht, aber an wehrhaftem Wilde, das zu mutiger Mannestat herausfordert, ist bitterer Mangel, und darum soll man sich dreizig Male und dreie bedenken, ehe man das ritterliche Schwarzwild zum aussterben verdammt und es in Acht erklärt und in Aberacht. Der Überjäger Die schöne alte Stadt Münster in Westfalen besitzt einen schönen Zoologischen Garten, eine Schöpfung des verstorbenen Naturforschers Hermann Landois, und in der Wirtschaft des Gartens hält die zoologische Abendgesellschaft, gleichfalls eine Gründung Landois', ihre Sitzungen ab, bei denen der Tischälteste eine große Glocke schwingt, auf der zu lesen steht: »Im neunzehnten Jahrhundert hat mancher sich gewundert.« Liest man das, so denkt man »Sie haben ja so recht!« Denn was hat uns das neunzehnte Jahrhundert nicht alles gebracht: das Lied vom kleinen Kohn, Maximilian Harden, die Frauenbewegungsbewegung, den amerikanischen Stachelbeermehltau, Marie Madeleine, die Krebspest, Dörings Seife mit der Eule, Hippolit Mehles, Wachsrings Hühneraugenpflaster in der Uhr, den Schäfer Äst, den Simplizissimus, den Tolstoirummel und ähnliche welterschütternde Etceterapepes. Heute aber können wir singen: »Im zwanzigsten Jahrhundert man sich noch viel mehr wundert«, denn eine Errungenschaft, so sagt man ja wohl, jagt die andere. Auch in jagdlicher Beziehung, auf das Repetiergewehr folgte die automatische Flinte, auf den mechanischen Uhu das künstliche Schmalreh, und so eröffnen sich dem denkenden Leser die schönsten Perspektiven auf eine vielleicht schon baldige Zukunft, in der der Jäger dem Wilde mit allen Hilfsmitteln der modernen Technik auf den Balg, die Decke, die Haut oder die Schwarte rücken wird, in der aus dem Jäger ein Überjäger, wenn nicht gar ein Überüberjäger wird, der auf den Weidmann von heute hinabblickt, wie dieser auf den Mann von Anno dunnemals, der mit Pfeil und Bogen durch Gebirg und Tal früh im Morgenstrahl dahinzog. Übrigens hat der Jäger von heute dazu gar keine Ursache. Man setzte ihn, nur mit einer Schwimmhose bekleidet, irgendwo aus, wo es weder Telephon noch Straßenbahn, ja noch nicht einmal eine Stehbierhalle und einen Briefkasten gibt, und sage ihm: »So, mein Lieber; nun jagen Sie, so weit der Himmel blau und die Heide braun ist. Es ist nicht so wie bei armen Leuten; es ist ja alles da, Hoch- und Niederwild, Feuersteine und was Sie sonst noch brauchen.« Er wird vollkommen aufgeschmissen sein und würde seinem Schöpfer danken, besäße er den leider verloren gegangenen »Kleinen Leitfaden zur Herstellung von Waffen und Handwerkzeug aus Flintstein«, herausgegeben von Wrodo Krwosohn im Jahre Zwölftausend vor unserer Zeitrechnung, in demselben Jahre, als im Spreewald die große Mammutpest herrschte. Mit aller unserer Technik bringen wir es nicht mehr fertig, aus dem spröden Flintsteine eine einzige lumpige Pfeilspitze einfachster Art zustande zu bringen, und wenn wir in die Museen gehen und uns die nadelscharfen, ganz gleichmäßig gearbeiteten, mit Widerhaken versehenen Pfeil- und Lanzenspitzen aus Feuerstein, oder die Sägen aus demselben Gestein ansehen, an denen ein Zahn wie der andere ist, und die in der jüngeren Steinzeit von Leuten angefertigt wurden, gegen die der Buschmann von heute ein hochgebildeter Mensch ist, dann machen wir doch ein etwas langes Gesicht und bilden uns nicht mehr so schrecklich viel auf unsere Technik ein, denn es knickt uns doch ein wenig, daß die Kunst der Feuersteinverwertung so restlos von uns vergessen ist, daß wir also bei unserem Fortschritte einen ganz gewaltigen Rückschritt gemacht haben. Aber trotz alledem: im neuenzehnten Jahrhundert hat mancher sich gewundert! Was würde wohl ein Steinzeitmensch sagen, und wenn er auch imstande war, einen Elche auf zweihundert Gänge den Pfeil bis auf den halben Schaft hinter das Blatt zu jagen, bekäme er ein Zentralfeuergewehr zu sehen und zu hören, oder sogar eine Browning, aus der man in sechs Minuten sechs Hühner mit Schrot bespritzen kann! Oder eine jener üblen Entenmitrailleusen, mit denen man an Hollands Küsten ganze Entenschwärme auf einmal erschlägt, und das Zielfernrohr und die pneumatische Blatte, und den tragbaren Hochsitz, und den mechanischen Uhu, den Hühnerdrachen, die künstliche Lockente, und alle die anderen neuen schönen mechanischen Spielsachen für Jäger, von denen der Anzeigenteil der Jagdpresse singt und sagt? Wissen Sie, was er sagen würde: »Das ist mir viel zu umständlich, Herrschaften! Ich schieße ebensoviel und mehr mit meinem Flitzebogen und hole mir mit dem Wurfholz genau soviel Federvieh aus der Luft, wie ihr mit euern Donnerbüchsen!« Der Mann ist eben ein blutiger Reaktionär, und mit solchen Leuten ist nicht zu reden; sie haben kein Verständnis für den wahren, den echten, den großen Fortschritt und sehen nicht ein, daß es rückständig ist, wenn des Mannes Auge und Muskelkraft den Hirsch auf die Decke legt, anstatt daß dieses das Fadenkreuz, die Stellschraube und der Zielstock besorgt. Denn ein moderner Mensch will sich bei der Jagd nicht anstrengen, er will seinem Deltoides keine Arbeit zumuten, die er nicht gerne leistet, Hühner will er an den Galgen und Knochen an die Wände haben, möglichst viele von beiden und auf so bequeme Weise wie es eben geht, und so stopft er sich den Rucksack und die Jackentaschen bis zum Platzen voller Apparate mit patentiertem Klappmatismus und erreicht damit nicht mehr, als Wrodo Krwosohn, der große Mammutjäger vom Jahre Zwölftausend oder so herum aus der Zeit, wo die Jahreszahlen noch nicht im Gebrauch waren. Heute befinden wir uns im zwanzigsten Jahrhundert; der Überjäger ist erst im Entstehen und bildet sich wer weiß was ein, wenn er in irgendeiner Zuckerrübengegend mit seiner Browning und zwei Büchsenspanneren zweihundert Hasen vom Leben zum Tode bringt. Das ist aber noch gar nichts, denn im Jahre 1224 veranstaltete Khan Temudschin in der Steppe am Dschinhun Jagden, bei denen an einem Tage hunderttausend Stück Hochwild zusammengeschossen wurden, und zehn bis zwanzig Löwen an einem Tage zur Strecke zu bringen, das war für Kurusch, den Perserkönig, das Übliche. Aber dabei ging es für die hohen Herrschaften nicht ohne Leibes- und Lebensgefahr ab, und darauf verzichtet der Überjäger von heute liegendgern, und selbst wenn er Elefanten, Nashörner und Nilpferde abmurkst, so vergißt er nie, daß Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist, und umgibt sich mit einem stoßzahnsicheren Verhau von Askaris, hinter dem her er dem Dickhäuter so viel Nickelmantelgeschosse mit Stahlkerneinlage in die Haut jagt, bis diese siebförmig durchlöchert ist und das Leben nicht mehr halten kann. Ob man heute einen Hasen oder einen Eisbären, einen Fuchs oder einen Tiger schießt, die Gefahr ist dank der modernen Waffen bei dem einen nicht größer als bei dem anderen, das Vergnügen aber doppelt so groß, »denn was nützt mir das schönste Eisbärenfell,« denkt der Überjäger, »wenn mein eigenes dabei reparaturbedüftig wird?« Mut zeiget auch der Mameluk; Hygiene ist des Weidmanns Schmuck; das ist die Forderung des Tages, und so läuft der Mann los in wasserdichten Schuhen mit Gummieinlage, einer Regenhaut, Lederhandschuhen und dem Mückenschleider mit verstellbarer Schießluke, ungefähr in der Tracht, die im Mittelalter zu Pestzeiten die schwarzen Brüder trugen. Aber recht hat er, der Mann; wer die ganze Woche auf dem Drehschemel hockt und am Sabbat sich behufs Jägerns in die Natur begibt, den kann schon ein Schnupfen in seinen Grundfesten erschüttern, und ein Mückenstich zerstört sein körperliches und seelisches Gleichgewicht völlig. Darum muß er sich die Sache so angenehm und bequem wie nur eben möglich machen, und Frau Industria kommt ihm darin auch in der besten Weise entgegen. Vorläufig befinden wir uns noch im Anfangsstadium der Überjägerei, aber wenn wir 1999 schreiben, so wird sich die Sache folgendermaßen, wie folgt und also entwickeln: D-Zug, Auto oder Aeroplan befördern den Überjäger in seine Jagdgründe. Es ist Blattezeit. Mit der automatischen Blitzlichtphotographiermaschine Schillingscher Erfindung hat der Jagdaufseher die Böcke bestätigt. Der Sicherheit halber werden die Dickungen mit Xpsilonstrahlen abgeleuchtet und es wird festgestellt, daß die Böcke zu Hause sind. Geblattet wird nicht mehr; die Blatte liegt neben der Pfeilspitze aus Flintstein im Museum. Der Überjäger hat eine bessere Weise, den Bock vor das Fadenkreuz zu bringen, als auf so altväterliche Art. Er setzt sich über dem Winde auf den transportablen Aluminiumhochsitz mit Rückenlehne und Regendach, der Jagdaufseher klappt das mechanische, infolge eines Uhrwerkes Äsungsbewegungen machende und ab und zu fiepende Schmalreh, D. R. P. Nr. 15763981041, auf und stellt es fünfzig Schritte vor dem Hochsitze auf, stellt das Uhrwerk an und klettert auf den zweiten transportablen Hochsitz. Eine Minute nachher löst das Uhrwerk in dem künstlichen Schmalreh den Verschluß der Flasche mit künstlicher Brunftwitterung aus, und eine Minute später darauf steht der Bock vor der Dickung und noch eine später bei dem künstlichen Schmalreh. Knips, er hat die Kugeln! Durch das Feuer braucht der Überjäger nicht zu sehen, denn erstens hat die Überbüchse kein Feuer, sintemal sie mit Preßluft geladen ist, wie sie denn auch weder Knall noch Rückstoß hat, dagegen in einer Sekunde sechs Kugeln von sich geben kann, und zweitens befindet sich in dem Zielfernrohre ein winziger, aber todsicherer Momentaufnahmeapparat, der beim Abdrücken in Tätigkeit tritt und in der Sekunde soviel Aufnahmen macht, wie Schüsse abgegeben sind. Schnell die Films heraus, in den Taschenentwickler getaucht und durch den Vergrößerungsapparat besehen. Weidmannsgeheul, er hat die Kugeln alle sechse nebeneinander. Da liegt er ja auch schon! Schade, die beiden Blätter sind hin! Aber der Überjäger ist Weidmann, und nicht Bratenschütze, und das Gehörn ist ihm die Hauptsache, und das ist eins a, denn seit zwölf Jahren ist sibirisches Blut eingeführt und feste mit phosphorsaurem Kalke gefüttert. Auslage zwanzig, höhe dreizig Zentimeter, Perlung tiptop, und darum erklinge, du Taschengrammophon, und verkünde über Berg und Tal: »Bock tot, Bock tot, Bock tot!« Und dann kommt zweitens Bock Nr. zwei an die Reihe und so weiter, bis es so dunkel ist, daß auch das elektrische Zielkorn nicht mehr ausreicht. »Ist das nicht reizend, ist das nicht schön, schade daß wir es nicht mehr erleben!« wie es in einem Tingeltangelliede heißt. Wie angenehm leicht wird man einst mit künstlicher Brunftwitterung und dem Grammophon, das das Orgeln eines Hirsches täuschend ähnlich wiedergibt, den Platzhirsch vor das Zielfernrohr bringen! Die automatisch quakende Lockente holt die streichenden Enten herbei, die künstliche Sieke den Schnepf, der mechanische Uhu mit Projektionsapparat jede Krähe und alle Raubvögel, der patentierte Quäkhase den Fuchs; der künstliche Hühnerdrache, Modell Latham, stellt die Hühner besser als jeder Pointer, das Einlappen macht man mit mehrfarbigen elektrischen Birnen, die ein abschreckendes Wechsellicht ausstrahlen, bei den Hasenschlachten arbeitet man mit dem Maschinengeschütz, und der eleganteste Sport ist die Pirsch vom Aeroplane aus, natürlich mit Damen vom Ballett und diversen dicken Pullen. Glauben Sie, ich übertreibe? Meinen Sie, so wird es nicht? Vor dreizig Jahren pumpten wir uns noch mit dem Ladestock müde; heute haben wir die Browning. Eins, zwei, drei, Geschwindigkeit ist keine Hexerei, der Fortschritt schreitet fort, die Technik macht nicht halt; wir stehen an dem bekannten Vorabende der bekannten großen Ereignisse, haben Radium und andere schöne Dinge und ahnen es nicht, was die Zukunft alles in der Unterrocktasche hat. Noch steht die Jagd im Anfange ihrer Fortentwicklung, ist urmenschenhaft und primitiv; aber über ein Kleines, dann wird er auf der Höhe der Situation stehen, der Überjäger. Wahr too! Wir leben in einer sonderbaren Zeit. Unser Herz ist so weich wie Margarine geworden und ein Gemüt haben wir, ein Gemüt! Es ist gar nicht zu sagen, wie zart das ist. Es wird in seinen Grundfesten erschüttert, wird einmal ein Schweinehund um einen Kopf kürzer gemacht; treten sich zwei Leute nach altem Brauche mit dem Säbel oder der Pistole entgegen, anstatt daß sie ihre ureigensten Angelegenheiten vor Gericht zerren, dann ist des Gejaules kein Ende, und Männer, die wie Moltke den Krieg für eine Notwendigkeit erklären, erscheinen dem modernen Menschen als Greulinge. In anderer Weise aber ist er sehr duldsam. Niemals wird es ihm einfallen, in dem blödsinnigen Rodelsporte, der allwinterlich mehr als ein junges Leben kostet, eine Gefahr zu sehen, und er denkt nicht daran, sich auszurechnen, wieviel Unglück die Automobilraserei im Gefolge hat. »Sport ist eben Sport.« heißt es dann. Dieser Standpunkt ist nicht falsch, und hätten wir einen Sport ähnlich den olympischen Spielen der alten Griechen, es sollte uns wahrhaftig nicht auf die heilen Knochen einiger Wagenlenker ankommen, wie wir ja auch kein großes Gezeter erheben, bricht sich einmal ein Herren- oder Berufswettreiter das Genick. Es fragt sich nur, ob diejenigen Sportarten, die die meisten Todesfälle zur Folge haben, das Rodeln und das Autofahren, überhaupt einen Wert für die Rassezüchtung haben, und das muß billig bezweifelt werden. Anders steht es mit der Jagd. Man kann, wenn man will, auch sie unter den Sport einreihen, obgleich sie in der Hauptsache etwas anderes ist, besseres. Das eine aber hat sie mit den meisten Leibessportarten gemein, die Leibes- und Lebensgefahr. Diese Gefahr liegt in der Hauptsache freilich heutzutage nur selten oder mittelbar bei dem, der die Jagd ausübt, denn außer der Sau haben wir kein wehrhaftes Wild mehr, das den Jäger annimmt, wie einst Wisent, Urochs und Bär, und selbst der Tropenjäger kommt heute sogar dem Nashorn und dem Wildbüffel gegenüber selten in schwere Gefahr, stellt er sich nicht gar zu dumm an, denn ehe so ein wehrhaftes Wild recht weiß, aus welcher Richtung es das Mantelgeschoß bekam, hat es schon das zweite im Leibe und gleich darauf das dritte, und so kommt es so leicht nicht dazu, zudringlich zu werden. Die Gefahren, die heute dem Jäger drohen, liegen nicht im Wilde, sondern in der Waffe. Auch früher war das schon so; die Armbrust war ein sehr gefährliches Werkzeug, und mehr als ein unvorsichtiger Schütze, dem der zurückschnellende Bügel Fleisch und Flechsen zerriß, mag ehedem zum Krüppel geworden sein. Immerhin gab es vorzeiten nicht so viele tödliche Jagdunfälle wie heutzutage. Bei der Menge von Betriebs- und Verkehrsunfällen, die die Tagespresse tagtäglich meldet, stechen die Jagdunfälle nicht so sehr durch ihre Anzahl hervor: wenn man daraufhin die Jagdpresse verfolgt, so ergibt sich im Laufe des Jahres eine ganz gehörige Zahl von schweren Jagdunfällen, selbst wenn man, wozu man sich für berechtigt halten darf, einige davon als bemäntelte Selbstmorde auffassen will. Fast jede Jagdart ist daran beteiligt, die Pirsch sowohl wie der Anstand, die Suche und Treibjagd, ganz gleich, ob mit Hagel oder mit der Kugel geschossen wird, doch ist die Anzahl der Unglücksfälle die auf Suche und Treibjagd vorkommen, im allgemeinen größer, weil Pirsch und Anstand meist da ausgeübt werden, wo es still und heimlich ist. In zwei Gruppen zerfallen die Jagdunfälle; in solche, die der ausübende Jäger selbst erleidet, und in solche, deren er sich anderen gegenüber schuldig macht. Die erste Gruppe enthält die geringere Anzahl von Fällen. Sie entsteht zumeist durch eigenes Verschulden gröbster Art, indem der Jäger mit der geladenen und gespannten Waffe in der Hand über ein Hindernis hinwegsetzt oder einen Hochstand erklimmt, oder wenn er nicht darauf acht gab, daß Erde oder Schnee die Läufe verstopfte, so daß im Schusse die Waffe platzen mußte. Bringt sich so ein unvorsichtiger Mensch selber zur Strecke, so ist das nur bedauerlich, wenn er Angehörige hat, die auf ihn angewiesen sind, sonst nicht, denn wer mit einem so gefährlichen Werkzeuge, wie es die Jagdwaffe ist, nicht so umgeht, wie es sich gehört, der verdient kein Mitleid. Ganz anders liegt aber der Fall, wenn ein Schütze das Leben anderer Leute in Gefahr bringt, sei es das seiner Mitjäger, sei es das eines Treibers oder eines Menschen, der bei der Feldarbeit ist; hier darf das Gefühl, das wir dem Verletzten oder Getöteten gegenüber haben, sich nicht nur als Mitleid ohne praktische Folgen äußern, vielmehr sollte jeder Fall uns veranlassen, dafür zu sorgen, daß die Anzahl der Jagdunfälle sich verringere. Das kann auf mehrfache Art geschehen. Ebenso, wie die Aufsichtsbehörde von einem Menschen, der einen Kraftwagen führt, einen Befähigungsnachweis fordert, so müßte sie einen solchen auch von jedem verlangen, der die Jagd ausübt. Wer oft an Treibjagden teilnimmt, der weiß, welche schnurrigen Vertreter von Jagdjägern dort manchmal anzutreffen sind, Leute, die oft nicht wissen, ob sie ihr Gewehr am Kopfe oder am Schwanze aufzäumen sollen, die mit dem harmlosesten Gesichte durch die Schützenkette mitziehen und ganz gelassen in die Treiberwehr hineinräuchern, als ob die Treiber Wesen wären, die gefeit gegen Bleivergiftung sind. So ein Mensch trägt das gespannte Gewehr quer über den Rücken geschlagen, entladet es zwischen den einzelnen Trieben nicht, sondern stolpert in scharfem Zustande über den steif gefrorenen Sturzacker, und er glaubt wunder wie übervorsichtig er ist; setzt er in der Frühstückspause die Hähne in Ruhe oder sichert er die hahnlose Waffe. Gegen solche Leute sollte man gar keine Rücksicht nehmen. Sie müßten erstens angeschnauzt werden, daß es alle Jäger und Treiber deutlich hören können, und Strafe zugunsten des Vereins Waldheil zahlen, daß sie noch nach acht Tagen ein heftiges Ziehen in der Portemonnaiegegend verspüren. So war es früher üblich, als noch die Mehrzahl der Jäger eine weidmännische Erziehung genossen hatte. Heute gilt es für unfein, setzt der Jagdherr für Verstöße gegen die Jagdordnung Geldstrafen fest, und anschnauzen, na, das ist doch ruppig! Kommt es dann aber einmal zu einem schweren Unfälle, so ist das Geschrei groß über den Unglücksmenschen, aber niemand denkt daran, daß alle, die es mit ansahen, wie falsch er das Gewehr trug und wie unvorsichtig er es handhabte, ihr vollgestrichenes Maß Schuld an dem Unfall zu tragen haben. Am schlimmsten aber sündigen die Teilnehmer an der Jagd dann dadurch, daß sie, kommt es zur gerichtlichen Verhandlung, den Fall als unverschuldetes Unglück darstellen, wie es leider oft genug der Fall ist. Man geht aber nicht fehl, wenn man sagt: »Drei Viertel aller Jagdunfälle beruhen auf grobem Leichtsinn.« Würden unsere Gerichte bei Abmessung der Strafe schärfer vorgehen, als es gemeiniglich der Fall ist, so würden, davon kann man überzeugt sein, die Jagdunfälle erheblich abnehmen. Solange aber, wie es heute der Fall ist, die Gerichte von dem Standpunkte ausgehen, daß die Ausübung der Jagd ohne schwere Jagdunfälle nicht zu denken sei, wird das blinde Drauflosknallen kein Ende nehmen, wird nach wie vor mit dem Gewehr umgegangen werden, als sei es ein Regenschirm oder ein Klistierspritze. Selbstverständlich kommen Unfälle vor, an denen der Jäger keine Schuld hat. Er sucht in anscheinend menschenleerem Feld Hühner oder Hasen; in demselben Augenblicke, in dem er den Drückefinder krummt macht, taucht der Kopf eines Mannes, der einen Graben auswirft, in der Schußrichtung auf. Auch kann die Kugel auf einem Steine oder an einer kienigen Aststelle abprallen und eine anscheinend unmögliche Richtung annehmen. Gegen solche Vorfälle schützt die allergrößte Sorgfalt nicht; die meisten Jagdunfälle aber haben Unwissenheit, Leichtsinn und Unvorsichtigkeit zu Ursachen. Nur die wenigsten Jäger haben eine Ahnung von der Gefährlichkeit des Schrotschusses. Sie meinen, weil sie auf fünfzig Schritte den Hasen meist nicht mehr tot kriegen, habe es keine Gefahr, wenn sie auf Hühner schießen, hinter denen auf eine Entfernung von hundert Schritten sich Landleute beim Kartoffelausmachen befinden. Neunundneunzig Male kann es gut ablaufen, aber beim hundersten Male ist ein Mensch blind geschossen oder zu Tode getroffen, denn unberechenbar ist das Hagelkorn. Andere Jäger wieder wissen nicht, daß es ein ander Ding ist, bei einer Treibjagd gegen offenen Boden oder auf Hartschnee oder steinhart gefrorenes Land zu schießen, von dem die Schrote mit verdoppelter Wucht zurückprallen, auch ist bei solchen Jagden sehr darauf zu achten, ob man gegen steinlosen oder gegen einen Untergrund schießt, der viele Steine aufweist. Besonders gefährlich ist die Wasserjagd, denn unter Umständen springen die Schrote, von dem Wasserspiegel abprallend, mit derselben Durchschlagsfähigkeit weiter, die sie hatten, als sie aufschlugen. Die Unfälle, die sich bei Waldtreibjagden ereignen, könnten zum Teil vermieden werden, wenn der Jagdgeber mehr Sorgfalt anwenden würde. Häufig genug aber überläßt er es aus Bequemlichkeit den Schützen selber, sich ihre Stände zu suchen, und weist ihnen nur ungefähr den Ort an; dadurch kommt es, daß die Schützen sich oft viel zu nahe stehen. Muß einmal bei reichlich viel Schützen ein verhältnismäßig kleines Jagen getrieben werden, so sollte der Befehl gegeben werden: »Nur nach links schießen!« Damit würde die Gefahrenmöglichkeit auf die Hälfte verringert. Am besten ist freilich in solchen Fällen, wenn ein Teil der Schützen, durch das Los dazu verurteilt, Gewehr bei Fuß hält. Ein Unfug schlimmster Art aber ist es, wenn bei Buschtreiben, falls die nötige Treiberzahl nicht vorhanden ist und einige Schützen mittreiben müssen, diesen erlaubt wird, daß sie sich im Treiben lösen; dadurch werden sowohl die Treiber wie die Schützen auf den Ständen in Gefahr gebracht. Bei Treibjagden auf Hochwild, auf denen mit Kugel geschossen wird, sollte es sich eigentlich von selber verstehen, daß nur ruhige und vorsichtige Schützen geladen werden; leider ist das häufig nicht der Fall, und es ist eigentlich ein Wunder, daß sich nicht viel mehr Unglück ereignet. Auf der Pirsche ereigenen sich verhältnismäßig wenig Unglücksfälle. In der Hauptsache ist diese Jagdart nur bei erfahrenen Jägern beliebt, die über genügend ruhiges Blut verfügen; sodann bringt die Pirsche es von vornherein mit sich, daß der Jäger vorsichtig handelt und nicht früher schießt, als bis er sich genau vergewissert hat, zumal das Pirschen zumeist bei vollem Büchsenlichte ausgeübt wird. Immerhin kann es dem pirschenden Jäger begegnen, daß er einen Menschen, der eine verschossene, fuchsig gewordene Jacke trägt, für ein Stück Rehwild anspricht. Dasselbe kann sich bei der Blattjagd ereigenen. Nicht allzuselten kommt es vor, daß Holz und beerensammelnde Menschen, neugierig gemacht durch die Fieptöne, sich dem Stande des blattenden Jägers zuschleichen, und ist dieser dann schußhitzig, so ist ein Unglück leicht geschehen. Noch leichter kann sich das beim Anstande ereignen, der meist bei schwindendem Lichte ausgeübt wird. Die fortwährende Spannung, in der der Jäger sich befindet, verursacht bei ihm schließlich eine Überreizung der Sehnerven, die leicht zu Täuschungen führt, so daß er einen Menschen für ein Stück Wild anspricht. Die Unfälle, die sich auf diese Weise ereignen, sind fast immer tödlich, da die Schüsse zumeist auf geringe Entfernungen abgegeben werden. Eine große Rolle bei der Entstehung von Jagdunfällen spielt die Übermüdung. Selbst der vorsichtigste Jäger vergißt, ist er einmal sehr müde, beim Verlassen des Standes zu entladen, nimmt die geladene und bei hahnlosen Gewehren also auch gespannte Waffe mit in den Dorfkrug, auf den Wagen oder in die Eisenbahn und hängt sie am Ende so wie sie ist zu Hause an die Wand. Ein Unglück ist dann leicht geschehen. Darum sollte es sich jeder Jäger zur Pflicht machten, bevor er zur Jagd geht, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, ob seine Waffe entladen ist, und verläßt er die Jagd, so soll er, sobald er sich dem Dorfe nähert, zusehen, ob er das Entladen nicht vergessen hat. Der Sicherheit halber tut er gut, auch vor dem Betreten des Dorfkruges oder des Bahnhofes noch einmal nachzusehen, und auch im Abteil das Gewehr noch einmal aufzuklappen, ja auch langt er daheim an, das noch einmal zu tun. Besser zuviel Vorsicht als zu wenig, denn ein Menschenleben wiegt schwer. Dazu kommen dann noch die Folgen des Haftpflichtgesetzes. Ein Mann von mittlerem Einkommen ist zugrunde gerichtet, verschuldet er auf der Jagd den Tod eines Familienvaters oder schießt er einen Menschen zum Krüppel. Um sich etwas dagegen zu wahren, sollte darum jeder Jäger seinem Landesvereine des allgemeinen deutschen Jagdschutzvereins beitreten und sich bei der diesem angeschlossenen Versicherungsgesellschaft sowohl gegen Jagdunfälle, die ihn selber betreffen sollten, als auch gegen solche, die er verschulden könnte, versichern. Sodann müßte jeder Jagdbesitzer, der zu irgendeiner Jagdart, besonders aber zu Treibjagden, Gäste ladet, verlangen, daß alle Gäste gegen Jagdunfälle genügend versichert sind, denn ereigenet sich ein Unglück und ist der betreffende Jagdgast nicht in der Lage, der Haftpflicht zu genügen, so wird unter Umständen der Jagdgeber haftpflichtig gemacht. Überaus leichtfertig ist es, wenn Jagdinhaber aus Gefälligkeit jagdlich ungewandte Leute mitnehmen, besonders junge Leute, die noch nicht über ein Einkommen verfügen, das sie in den Stand setzt, für die Folgen einer Fahrlässigkeit genügend aufzukommen. Eine gewisse Anzahl von Unfällen ist notwendigerweise mit der Ausübung der Jagd verbunden; der größere Teil aber ist bei einiger Vorsicht und Gewissenhaftigkeit zu vermeiden. ›Wahr too!‹ rufen die Treiber bei Waldtreibjagden den Schützen zu, springt ein Stück Wild vor ihnen ab, und dieses kann sich der Jäger nicht oft genug zurufen. Mag er allein jagen oder in Gesellschaft, immer soll er daran denken, daß er den Tod in der Hand hält; er soll die Waffe stets so tragen, daß, zieht einmal ein Zweig den Abzug ab, der Schuß steil gen Himmel geht, er soll, ehe er den Finger krümmt, erst seine Augen weit aufmachen und zusehen, ob es wirklich der Bock ist, den er vor sich hat, und nicht etwas anderes, und er soll darauf achten, ob sich in der Schußrichtung nicht zufällig ein Mensch befindet, und verläßt er die Jagd, so soll er sich lieber dreimal als nur einmal, davon überzeugen, ob er entladen hat. ›Wahr too!‹ soll er sich zurufen, schließt er den Gewehrschrank auf, ›wahr too!‹, nimmt er im Kruge die Waffe aus der Umhüllung, und ist er draußen im grünen Reviere, dann soll er erst recht zu sich sagen: ›Wahr tooo!‹ Jagd und Politik Einst konnte man stets, wenn irgendwo in unseren gesetzgebenden Körperschaften die jagdlichen Verhältnisse Gegenstand der Beratung waren, beobachten, in welcher schroffen, ja geradezu gehässigen Weise sich die Stimmung der links stehenden Parteien Luft machte. Zum Teil war die Parteidoktrin daran Schuld, die eben alles das für bekämpfenswert hielt, was sich des Wohlwollens der Regierung und der Parteien der rechten Seite erfreute, zum Teil auch die Anschauung, die Jagd sei lediglich ein Überbleibsel veralteter feudaler Einrichtungen und barbarischer Anschauungen, ferner die Meinung, sie sei ein Vorrecht einiger weniger Menschen und von geringem volkswirtschaftlichem Nutzen. Eine solche Anschauung entsprang einer völligen Unkenntnis von dem hohen volkswirtschaftlichen Nutzen der Jagd, und diese Unkenntnis mußte allmählich verschwinden, seitdem die Freude am Weidwerk immer größere Schichten des Volkes ergriff; damit gewann auch die Jagdpresse immer mehr Einfluß im Volke, und da auch die Tagespresse später begann, der Jagd Aufmerksamkeit zu schenken, so dringt das Verständnis für den Wert der Jagd in immer größere Volksschichten. Damit schwindet auch die Abneigung, die sich früher so stark gegen sie offenbarte. Selbst ein Laie hat wenigstens eine ungefähre Ahnung von dem gewaltigen Kapitalumsatz, der durch die Jagd und die damit verbundenen Gewerbe- und Industriezweige bewerkstelligt wird, und die Erkenntnis, daß die Jagd wohl das beste Gleichgewicht gegen die mit unserer Kulturform entstehende Nervenüberreizung ist, gewinnt überall mehr Boden. Noch niemals gab es eine Zeit, in der das Leben so verwickelt und infolgedessen so anstrengend war wie heute; selbst auf das Land dringt schon die Nervosität, die Krankheit der Zeit, denn Eisenbahn, Telegraph und Telephon und Tagespresse tragen Hast und Unrast in Handel und Wandel, Klassenkampf und Parteigetriebe bis in die stillsten Winkel, erfüllen das ganze Volk mit einer nervösen Erwerbssucht, einem ungesunden Genußfieber, einer krankhaften Sucht nach Veränderung, einer Überschätzung der geistigen und einer Geringschätzung der körperlichen Tätigkeit. Da aber jede Aktion den Keim zu ihrer Reaktion mit sich bringt, so tritt die Sucht nach urmenschlicher Betätigung heute wieder stärker auf, und daraus erklärt sich der gewaltige Aufschwung, den die Jagd und die Sportfischerei in den letzten Jahren genommen haben, und der sich selbst auf Kreise erstreckt, die, wie der Handel, infolge ihrer abgeklärten Urbanität allen Urwüchsigkeiten gegenüber eigentlich eine ererbte Abneigung besitzen. Mag in vielen Fällen, wo begüterte Handelsherren und Bankmenschen zu Jägern werden, auch nur der Hang zu feudaler Lebensführung der ausschlaggebende Grund dafür sein, auch die Mode ist schließlich nichts als ein Zeichen für die Richtung, die der Geist der Zeit einschlägt, und wenn Kreise, die früher sich auf ihre rein geistige Betätigung etwas zugute taten, den Drang zu körperlicher Erholung zeigen, so beweist das eben, daß unsere Zeit sich da ihr Gegengift zu holen sucht, wo es einzig und allein zu finden ist, in der Natur. Mag nun auch der Mann, der aus reiner Sportsfexerei zu Waffe greift, für sich kaum einen Funken Naturgefühl besitzen und anfänglich im ödesten Schießertum seine Befriedigung finden, entweder gewinnt er für sich selber allmählich den vielleicht sei Generationen verlorenen Zusammenhang mit der Natur zurück, oder er überträgt einen Teil dieses unbewußterweise von ihm aufgesogenen Naturempfindens auf die Erben seiner leiblichen und geistigen Eigenschaften, auf seine Kinder, und gibt ihnen dadurch mehr für das Leben mit, als er das durch seinen letzten Willen zu tun vermag. Was bei ihm verdorben war, wird vielleicht in seinen Kindern wieder aufleben und sich bei ihnen oder deren Nachkommen stärker weiterentwickeln, so daß die Enkel eines Mannes, der nur der Mode folgte, nicht dem eigenen inneren Triebe, als er Jäger wurde, mit ihrem Empfinden wieder dorthin gelangen, mit ihrem Gefühl wieder dort ankommen, wo jedes einzelnen Mensch, wo jedes Volkes einziger Jugendbrunnen quillt, bei der Natur. Und so hat die Jagd einen großen rassenpolitischen Wert, denn der politische Erfolg eines Volkes hängt im letzten Grunde von seiner inneren Gesundheit ab. Doch auch noch in anderer Weise ist die politische Bedeutung der Jagd nicht zu unterschätzen. Jede hohe Zivilisation bringt die Gefahr mit sich, daß das Volk in verschiedene, sich mehr oder minder feindlich gegenüberstehende Schichten zerfällt, so daß es zeitweise oder für immer jegliches Gefühl seines inneren Zusammenhanges verliert und des Bewußtseins verlustig geht, daß jeder Volksgenosse trotz der wirtschaftlichen und parteipolitischen Gegensätze, die zwischen ihm und den übrigen Mitgliedern des Volkes bestehen, zu einem und demselben Organismus gehört. Wirtschaftliche und politische Gegensätze gab und gibt es stets bei einem wirtschaftlich gesondertem Volke, ihr Vorhandensein ist also kein Zeichen von Ungesundheit; wenn die Auffassung davon aber so weit geht, daß es zu einer derartigen Feindseligkeit zwischen Stadt und Land kommt, wie es heute der Fall ist, so liegt darin eine schwere Gefahr für die Gesundheit des Volkes, denn es spaltet sich in zwei sich bis auf das Blut bekämpfende Parteien, von denen die eine nicht das geringste Verständnis für die berechtigten Forderungen der anderen besitzt. Der Landwirt wird schließlich in den Augen des Städters zum halbsüchtigen Agrarier, und diesem erscheint alles Städtertum schließlich als unproduktive Schmarotzerei auf Kosten des Landes. Eine gewinnsüchtige, jeder wahren Ideale bare Presse sorgt zur Genüge dafür, daß dieser Gegensatz sich von Tag zu Tag mehr vertieft, daß hüben wie drüben die Stimmung immer gereizter wird, und die Folge davon ist, daß höchst wichtige Angelegenheiten, wie zum Beispiel die Kanalfrage, lediglich infolge dieser urbanagrarischen Verfeindung ein Jahrzehnt lang trotz aller Bemühungen der Regierung verschleppt wurden. Das kann aber nur bei einem Volke geschehen, dem in seinen breiten Schichten das Gefühl der Zusammengehörigkeit abhanden gekommen ist, an deren Stelle dann ein kläglichkleinlicher Parteiegoismus trat. Alles, was imstande ist, diesen Parteiegoismus zu dämpfen und das Gefühl des Volksgenossentums zu erwecken, ist für die Gesunderhaltung der Volksseele und für die politische und wirtschaftliche Zukunft des Vaterlandes von dem größten Werte; ein Volk, daß in den allerwichtigsten Fragen einig ist, wird mit äußeren Gefahren leicht fertig. Ist der innere Zwiespalt sehr groß, so wird der Kampf, den ein Volk zu führen hat, selbst bei der geschicktesten Leitung nicht mit genügender Wucht geführt werden können, da vielfach die innere Überzeugung fehlt. Eins der Mittel nun, das imstande sein dürfte, einen Teil der Gegensätze in unserem Volke zu mildern und abzuschwächen, gewährt die Beschäftigung mit der Jagd. Der größte Teil der Feindlichkeiten innerhalb unseres Volkslebens beruht darauf, daß der eine Volksgenosse die Lebensbedingungen des andern und dessen daraus entspringende Forderungen an die Allgemeinheit wenig oder gar nicht kennt; jede Volksgruppe hält sich für die wichtigste, zu deren Gunsten alle anderen zurücktreten müssen; keine aber vermag sich zu einer sachlichen Betrachtung einer anderen Gruppe aufzuschwingen und von ihrem persönlichen Standpunkte zu einem allgemeinen zu gelangen, um dadurch zu dem Gefühle zu kommen, daß jeder Mensch und seine Partei weiter nichts sind als Glieder desselben staatlichen Gebildes. Die Jagd aber bringt den Städter mit dem Landwirt zusammen; auf der Jagd lernt der Städter alle möglichen Seiten des Landlebens kennen, lernt er den schweren, mit unablässiger Sorge und Angst verknüpften Kampf begreifen, den der Landmann jahrein, jahraus mit Hitze und Kälte, Nässe und Dürre, und mit Ebbe und Flut an der Getreide- und Viehbörse zu kämpfen hat. Er muß, ist er nicht ganz voreingenommen, einsehen, daß es kaum einen Beruf gibt, der so viel Hingebung, Mühe und Anstrengung erfordert wie der des Landwirts, und lernt er dessen vielfache Nöte genauer kennen, sieht er, wie dem Landmann Getreideeinfuhr und Viehimport den Ertrag seiner Arbeit entwerten, wie der Industrialismus das Land der Arbeitskräfte beraubt, dann wird er milder über den zumeist der Notwehr entspringenden Kampf des Landes gegen die Stadt urteilen. Anderseits wird auch der Landwirt zu einer besseren Auffassung städtischen Wesens kommen, wenn durch die Verpachtung seiner oder seiner Gemeinde Ländereien seine Interessen mit denen eines Städters verknüpft sind. Der Vorteil, den die ländlichen Grundeigentümer aus der Jagdverpachtung ziehen, ist sehr beträchtlich bei der jetzigen Höhe der Jagdpachten, und durch Anstellung von Jagdaufsehern werden für eine Menge Menschen auf dem Lande günstigere Daseinsbedingungen geschaffen, was beides nicht ohne Rückwirkung auf die Stimmung der Landbevölkerung dem Städtertum gegenüber ist. Sehr viel trägt dazu auch der persönliche Verkehr bei, ja wohl das meiste; der Städter und der Bauer, zwei Vertreter von Gruppen, die sich seit Urzeiten bekriegten, heimlich oder offen, mit der Waffe oder durch Parteipolitik, kommen durch die Jagd in einem harmlosen, von allen Geschäftsfragen freien Verkehr zusammen, der eine lernt in dem anderen den Menschen kennen, bekommt Verständnis für des anderen Leid und Freud, und die zwischen beiden infolge ihrer Zugehörigkeit zu ganz verschiedenen Interessenkreisen herrschende parteipolitische Spannung muß sich mit der Zeit bedeutend abschwächen. Noch in anderer Weise vermittelt die Jagd zwischen Stadt und Land. Früher verbrachte der vermögende Großstädter seine Erholungszeit fast ausschließlich in Bädern und Kurorten. Seitdem ihm aber durch die Jagd das einfache Landleben immer lieber wurde, wird es bei ihm immer mehr Mode, mit Weib und Kind in seinem Reviere Erholung zu suchen. Anfangs richtete man sich im Dorfwirtshause ein, mietete später eine Wohnung, wo das möglich war, um schließlich durch den Erwerb eines Grundstückes und den Bau eines Hauses auch wirtschaftlich dort Wurzeln zu schlagen, wo man schon so lange mit seiner Zuneigung haftete. Für beide Parteien kommt nur Gutes bei dieser Verschmelzung des Stadtlebens mit dem Dorfleben, die neuerdings immer mehr fortschreitet, heraus; das junge Stadtvolk, das auf dem Lande aufwächst, bekommt nicht nur klare Augen und gesundes Blut, sondern auch eine klare Auffassung der Dinge auf dem Lande und eine gesundere Bewertung des gesamten Volkslebens. Aber noch ein weiterer Nutzen für das gesamte Volksleben springt bei der Jagd heraus. Eine ganze Menge von Leuten, deren Tätigkeit als Richter, Landräte oder sonstige Verwaltungs- und Aufsichtsbeamte oder als Offiziere von der weitesttragenden Bedeutung für das Wohl großer Volkskreise ist, sind, wenn sie nicht vom Lande stammen, gar nicht imstande, ländliches Wesen zu verstehen und zu würdigen. So wenig wie sie die Umgangssprache des Landvolkes, besonders seiner niederen Schichten, beherrschen, ebensowenig verstehen sie auch seine Denkungsart. Es ist selbstverständlich, daß ein Beamter, der die Landbevölkerung nicht kennt, trotz der größten beruflichen Tüchtigkeit und trotz des eifrigsten Bemühens, billig und gerecht zu handeln und zu urteilen, sehr leicht verkehrt handelt oder urteilt, wenn er das Landleben nicht kennen lernte, oder wenigstens wird seine Tätigkeit nicht so ersprießlich ausfallen, als wenn er ländliches Leben und Denken genau kennt. Manche Handlungsweise, die sich mit dem städtischen Moral- oder Rechtsbegriffe nicht gut vereinbart, wird ihm dann erklärlicher und verzeihlicher erscheinen. Es gibt für den Offizier, Verwaltungsbeamten und Juristen, der aus der Stadt stammt, aber kaum ein besseres Mittel, das Landleben nach allen seinen Richtungen kennen zu lernen, als die Jagd; die Jagd bringt ihn in das Dorfwirtshaus, wo er hört, wie und worüber die Leute reden; im Verkehr mit dem ländlich erzogenen Jagdhüter, im Gespräch mit Bauern, Knechten und Waldarbeitern lernt er ein Leben kennen, sehr verschieden von dem in der Stadt, ganz anders, aber nicht geringer und ebenso beachtenswert. Er erkennt, welche Rolle hier Dinge spielen, die dem Städter winzig vorkommen, und daß billigere Rechts- und einfachere Moralanschauungen dort herrschen, wo alle Verhältnisse offener und einfacher sind, als im verworrenen, verhüllten Stadtleben. Ist er Richter, Landrat, Regierungsrat oder Offizier, so werden ihm diese Kenntnisse von dem größten Nutzen sein; die Leute, über denen er urteilend, führend oder befehlend steht, werden bald erkennen, daß er Verständnis für sie hat, und in ihm mehr den Freund und Helfer als den Vertreter einer gegensätzlichen Macht sehen, und sie werden ihm seine Berufsarbeit durch unwillkürliches Entgegenkommen erleichtern, so daß in seinem Wirkungskreise die Spannung zwischen oben und unten, zwischen Regierung und Volk bei beiden Teilen einer gesunden Auffassung Platz macht. So verknüpft die Jagd mit vielen feinen Fäden die Stadt und das Land, und wenn auch ihr volkswirtschaftlicher Wert durch die Millionen, die durch sie in Umlauf gesetzt werden, durchaus nicht zu unterschätzen ist, ihr politischer Wert ist noch bedeutend größer; zwischen zwei große Volksgruppen, die sich allmählich in einen blinden Haß hineinhetzen, tritt sie und vermittelt auf unauffällige Art und frischt das Gefühl des Volksgenossentums, das der aus den wirtschaftlichen Interessenkämpfen entspringende Parteizwist Tag um Tag schwächt, Tag um Tag wieder auf, die negative Wirkung der Parteipolitik durch positive politische Tat aufhebend. Und so haben sie viel miteinander zu tun, die Jagd und die Politik. Auf der Wildbahn Jagdschilderungen An der Bergwiese Die Erlen, die das Bächlein begleiten, sind schon fast abgeblüht, und die Haselbüsche, die die Bergwiese einfassen, desgleichen. Die Zitterpappeln über ihnen aber trotzen von silbergrauen Troddeln und die Hainbuchen entfalten ein helles Kätzchen neben dem anderen. Es könnte sein, daß heute die Schnepfe kommt. Schon dreimal habe ich hier gestanden. Zu Schusse kam ich nicht. Das Hoffen und Harren ist aber das beste beim Schnepfenstriche, und die stille Freude am neuen Leben, am Dufte des sprießenden Grases, am Geflatter der Nachwintermotten, am Aufbrechen der Vorfrühlingsblumen und am Gesang der wiedergekommenen Vögel. Die Schnepfe ist nur der Vorwand für mich; gäbe es weiter nichts als sie, so bliebe ich zu Hause, oder ich zöge erst zu Holze, fiele die Dämmerung über das Land. So aber bin ich schon früh hinausgestiegen, habe den Staren zugeschaut, die in Haufen auf den Buchen sitzen und pfeifen und schwatzen, und den Finken zugehört, die in einem fort schlagen, mich über den ersten Zitronenfalter gefreut, der zwischen den grauen Buchenstämmen umherflatterte, und über die vier verliebten Eichkatzen, die einen sonderbaren Tanz vollführten. Den Wanderfalken sah ich über seiner Horstklippe schweben, die Krähe Nestreisig brechen, den Hasen die Häsin treiben, den Schwarzspecht an der Bruthöhle zimmern, so wurde mir die Zeit nicht lang. Auch jetzt, da ich unter dem Salweidenbaum stehe, um dessen nach Honig duftende Schäfchen es summt, und brummt von allerlei Getier, habe ich Augenweide und Ohrenschmaus die Fülle. Das Bächlein ist dicht besäumt vom goldig blühenden Milzkraut, hier und da entfaltet sich dazwischen eine Dotterblume, die ganze Wiese ist bedeckt mit Märzglöckchen und Schlüsselblumen, und unter den Haselbüschen leuchten Leberblümchen, Scharfkraut und Windröschen blau, gelb und weiß, überragt von den großen, seltsamen Blumen des Nießwurzes, und der aus Efeu- und Haselwurzblättern gewebte Waldbodenteppich blitzt und schimmert im Lichte der heimgehenden Sonne. Noch schlagen die Finken und pfeifen die Stare, aber immer weniger werden es. Dafür läßt sich die Amsel um so fleißiger hören. Zippe und Misteldrossel flöten um die Wette, und überall lassen die Rotkehlchen ihre süßen, silberhellen Abendlieder ertönen. Ein Bussard streicht heran, fußt auf dem untersten Ast der alten Eiche, äugt lange dahin, wo zwei Waldmäuse im Fallaube rascheln, und fliegt weiter. Krähen kommen quarrend angeflogen und schwingen sich in den hohen Weißtannen unter den Klippen ein. Drei Rehe ziehen über das untere Ende der Wiese, aus der Dickung hoppelt ein Hase hervor und äst sich an dem jungen Grase. Rosenrot färbt sich der Himmel. Die Dämmerung stimmt Wald und Wiese immer mehr zusammen. Lauter murmelt der Bach, weil es stiller ringsumher wurde. Ein schwüler Luftzug weht vom Tale herauf, raschelt in dem Vorjahrslaub der Jungbuchen und schwenkt die Zweige der Zitterpappeln langsam hin und her. In dem anblühenden Schlehdorn rispelt und krispelt es. Ich sehe schärfer hin und erblicke in den wirren Strähnen, mit denen die Waldrebe den Busch durchflochten hat, eine Haselmaus, die behutsam von Ast zu Ast schlüpft, ab und zu eine Blütenknospe zerraspelnd oder eine der bleichen Motten erhaschend, die haltlos dahintaumeln. Da lockt der Waldkauz hinter mir; das seltsame Mäuschen schrickt zusammen und verschwindet. Eine Wolke verdunkelt den Himmel. Es beginnt fein und warm zu regnen. So ist es recht. Ist die Schnepfe da, dann streicht sie heute sicher. Der Waldkauz quiekt gellend auf, heult hohl, bäumt vor mir auf und beginnt zu rollen, so zärtlich, daß die Käuzin sich zu ihm gesellen muß. Lautlos verschwinden die beiden Dickköpfe im Walde, wo es fortwährend bricht. Ein Reh mag dort herumtreten. Aber nein, der Fuchs ist es. Er steckt sein schlaues Gesicht zwischen den Haselbüschen hervor, windet einen Augenblick und flüchtet eilig. Er wird meine Witterung bekommen haben, denn der Rauch meiner Pfeife deutet nach ihm hin. Leicht hätte ich ihn umlegen können. Aber wer weiß, ob es nicht eine säugende Betze ist, deren Geheck dann elend verschmachten müßte, und dann muß er auch leben bleiben, um die Mäuse dünn zu machen. Es sind mehr als genug da; überall raschelt es im Vorjahrslaub. Die graue Wolke ist weitergezogen. Wo sie stand, glimmt ein silbernes Pünktchen, der Schnepfenstern. Wie oft habe ich ihn erscheinen sehen beim Schnepfenstriche und auf dem Anstande, und immer ist er mir wieder lieb und wert, der Abendstern, der erste Stern am Himmel, lieb wie das Gedenken an den ersten Kuß, den ich ersehnte und bekam. Dieser erste Stern, er ist anders als die, die ihm folgen, anders, wie der erste Kuß anderer Art war als die, die ich später pflückte. Wie lange das her ist; dreimal zehn Jahre gingen seitdem hin, immer noch zittere ich, denke ich an den Abend im Heckengang, an das atembeklemmende Herzklopfen, als ein heller Hut um die Ecke bog, an das dumme Zeug, das ich hervorstammelte, an das blasse Gesichtchen, das über und über rot wurde, als ich vor lauter Schüchternheit frech wurde und mir meinen ersten Kuß nahm. Einen nur, einen einzigen, und einen beim Abschied. Ein tiefer, dumpfer, unirdischer Ton ruft mich zu mir selber zurück. Ich fasse den Dreilauf fester und lasse meine Augen hastig über alle nahen Wipfel gehen. Wo ist sie, die Erste von diesem Jahre? Wo morkt sie? Wo streicht sie? An meinen ersten Kuß dachte ich und verpaßte die erste Schnepfe. Auch gut! Mehr als ein halbes Hundert erbeutete ich, und das Gedenken an ein erstes Glück ist mehr wert, als noch einer der seltsamen Nachtvögel am Hühnergalgen. Elschen, schön Elschen, unsere Liebeszeit war kurz. Du wurdest Dame und lerntest das Kokettieren; ich riß die Liebe mit Stumpf und Stiel aus meinem blutenden Herzen und füllte ein ganzes Schulheft mit Liedern voller Herz und Schmerz und Not und Tod und wurde ein Weiberfeind und rauher Jägersmann. ›Quoark, quoark, quoark!‹ geht es irgendwo, und ›pffwitt, pffwitt‹ hinterher. Beinahe hätte ich sie wieder verpaßt, die Schnepfen. Da kommen sie angestrichen, drei Stück, mit lautlosem, langsamem Eulenfluge, voran die Schnepfin, hinterdrein, sich streifend, zwei Schnepfer. Jetzt, da die beiden wie ein einziges, vierfach geflügeltes Wesen aussehen, halte ich darauf. Ein roter Strahl umspielt sie, und darin sehe ich die eine fallen und die andere sich überschlagen. Dann schmeißt die Bergwand drüben den Schuß dreimal zurück, ein Reh beantwortet den Lärm mit lautem Schrecken, eilig stiebt der Hase ab und zäh klebt der stinkende Pulverdampf über dem Bächlein. Ich nehme die Schnepfen auf, ziehe jeder eine der silberendigen Stoßfedern aus, stecke die samt einem goldig blühenden Salweidenbruche an den Hut und schlendere langsam talabwärts. Unter dem Waldborde muß ich mich noch einmal umsehen. Ich suche den Schnepfenstern, kann ihn aber nicht mehr finden. Zu viele andere Sterne sind da. Mir ist, als zwinkerten sie mir spöttisch zu, gleich als wollten sie sagen: ›Dein erster Stern ist nicht mehr da; vorüber ist die schönste Zeit; dein Vorfrühling ist abgeblüht, dein Frühling ist verwelkt, dein Sommer ist vergangen.‹ Ein kühler Wind kommt mir entgegen; es fröstelt mich. Ich glaube, es ist Herbst in mir geworden. Auf dem Bullerberge Unten im Moore balzen viele Hähne. Oben auf dem Bullerberge balzt bloß einer und der ist verrückt. Hätte er nicht einen Klaps, so würde er nicht auf dem Bullerberge balzen. Denn ein vernünftiger Hahn balzt doch nicht nur, um sich Bewegung zu machen, sondern um Eindruck bei den Hennen zu schinden und daraus angenehme Folgen zu ziehen. Auf dem Bullerberge aber gibt es keine Henne. Folglich ist der Hahn, der da balzt, verrückt. Es ist ja möglich, daß er ein Hennenfeind ist und deshalb da balzt, wo es keine gibt. Vielleicht ist auch schon im Birkwild eine Hennenbewegung eingerissen, wie bei den Menschen, und hat den weiblichen Teil hahnenfedrig und zur Liebe und deren Folgen unbrauchbar gemacht, und es ist nicht unmöglich, daß der Bullerberghahn seine unangenehmen Eheerfahrungen hinter sich hat und deswegen allem, was weiblich ist, in großem Bogen aus dem Wege geht. Aber gesetzt, das wäre so; warum balzt er denn nicht in der freien Feldmark, wo er weit äugen kann, sondern gerade mitten zwischen den fünfhundert und mehr Riesenwacholderbüschen? Und warum balzt er nicht, wie es sich für einen anständigen Birkhahn gehört, so lange, bis es blanker Morgen ist, sondern tobt in schwarzer Nacht da herum und verschweigt und verschwindet, sobald der Morgen herankommt? Von sieben Uhr früh bis drei Uhr nachmittags glänzt er durch vollkommene Abwesenheit. Sobald es aber drei Uhr schlägt, ist er wieder vorhanden und faucht und kullert bis fünf Uhr nach der Schwierigkeit, um dann abermals unbekannten Aufenthaltes zu verziehen. Na, und von drei bis fünf balzt doch kein halbwegs vernünftiger Hahn, sondern schläft oder äset sich oder pfleget der Minne oder denkt über die Unsterblichkeit der Maikäfer nach oder löst sich oder tut irgend etwas anderes. Nur balzen, das tut er nicht. Der Geesthahn aber balzt von drei bis fünf. Und wie er balzt! So, wie nur ein Hahn balzen kann, der Darmverschlingungen im Gehirn hat. Er macht keinen langen Hals, wenn er bläst, sondern plustert ihn auf und spreizt die Flügel dabei, und kullert er, so macht er einen langen Hals. Alles umgekehrt wie es sein soll. Und dann auf einmal hopft er in die Höhe; aber nicht einmal, sondern zwei- bis siebzehnmal, und so hoch, daß er über den Wacholdern zum Vorschein kommt, und oben in der Luft dreht er sich im Kreise und kommt kullernd wieder herunter. Also vollkommen meschugge. Seit zwei Wochen kenne ich diesen sonderbaren Vertreter. Ich wollte zur Abendbalz nach dem Bruche, und da es noch ein bißchen früh war, so setzte ich mich in einen der räumigen Wacholderbüsche auf dem Bullerberge, rauchte und sah den Heidlerchen zu, die im Sande umhertippelten. Auf einmal ging hinter mir ein bedeutendes Getöse los und im nächsten Augenblick wirbelte etwas Schwarz-Weiß-Rotes hoch über mir in der Luft umher und verschwand hinter den hohen Ginsterbüschen. Ich hatte zum Mittage etwas viel roten Wein trinken müssen, denn der Vollmeier Hohmann, genannt der Mann mit der Zementkehle, und der Holzhändler Lohmann, der auch kein Wasser mag, hatten den Holzhandel mit einem tüchtigen Weinkauf abgeschlossen, und so befand ich mich in einem angenehmen Dämmerzustande. Deshalb glaubte ich, was ich da gesehen zu haben vermeinte, sei bloß der Widerschein des Rotspons auf meiner Netzhaut gewesen. Im nächsten Augenblicke ging der Krach aber von neuem los, und rechts von mir wirbelte das schwarzweißrote Ding abermals mit erklecklichem Gepolter und erheblichem Gekuller in der Luft herum und verschwand dann hinter einer Krüppelkiefer, ohne daß ich so recht dahinter kam, was das nun eigentlich gewesen war. Erst als der Radau zum drittenmal losging und der bunte Lappen halblinks von mir aus der Versenkung erschien und in der Luft herumulkte, sah ich, woran ich war, und spannte schleunigst den Drilling; aber als ich den Kolben an das Gesicht quetschte, sah ich nur noch die Stelle in der Luft, wo der Hahn gewesen war. Er selber aber war schon ganz woanders. Nun sprang ich auf und wartete, bis der Hahn abermals seine aberwitzige Hopferei begann. Das dauerte nicht lange; aber da der Hahn sich in der Luft in durchaus unberechenbarer Weise, ungefähr wie ein Bumerang bewegte, so knallte ich glatt vorbei, worauf er sich verstimmt empfahl und sich die nächsten drei Tage weder hören noch sehen ließ. Am vierten aber war er wieder da. Wo er inzwischen Gastrollen gegeben hatte, das blieb mir unbekannt. Ich weiß nur, daß ich andauernd an ihn dachte. Wo ich ging und stand, sah ich dieses irrsinnige Geflügel seine Saltos schlagen, und selbst im Schlafe wurde ich den Hahn nicht los. Ich lief in das Moor und erpirschte zwei alte Hähne, und einen schlich ich im Bruche an und übertölpelte ihn. Ich schoß drei Hähne aus dem Schirme, sah die Kraniche balzen, den Wanderfalken und den Kolkraben kreisen, aber alles das langeweilte mich über die Maßen, denn über- und überall wimmelte vor meinen Augen der blödsinnige Geesthahn herum. Ich dachte an nichts als an dieses irrsinnige Vieh, und selbst wenn ich in der Dämmerung Schön-Fieken in der Efeulaube im Arme hatte und ihr beibrachte, wozu sie ihren rosenroten Mund eigentlich habe, war ich nicht ganz bei der Sache, sondern dachte an den wahnsinnigen Birkhahn. Jeden Nachmittag, den Gott werden ließ, saß ich auf dem Bullerberg und lauerte auf das verdrehte Geschöpf. Aber saß ich hier, dann balzte er da, und saß ich da, so balzte er hier. Und schlich ich dahin, wo er eben in der Luft herumgeflattert war, so tobte er gleich darauf dort herum, wo ich gerade hergekommen war. Es dauerte nicht lange und ich kam mir fast selbst so vor, als schwömme mein Gehirn in Mostrichsause, und ich empfand das Bedürfnis zu blasen und zu kullern, in die Atmosphäre zu springen und mit allen vieren um mich zu schlagen, so verdreht hatte mich schon der alberne Piepmatz mit seinem abgeschmackten Benehmen gemacht. Das Gemeinste war, daß die Bestie auf kein Reizen zustand. Ob ich blies oder kullerte, ob ich mit Jung- oder Althennenlaut gickerte, es half alles nichts; er kümmert sich den Teufel darum. Auch war der verschrobene Kerl durchaus nicht platzfest. Heute klopfte er hier herum und morgen da, und so sauste ich andauernd hinter ihm her und machte mich vor den Heidlerchen und Haubenmeisen in hohem Grade lächerlich. Schließlich wurde mir die Geschichte zu dumm; ich mied den Bullerberg drei volle Nachmittage und bekümmerte mich um die Pirschsteige im Bruchwalde und um die Wechsel der besseren Böcke, ohne daß ich deshalb den meschuggenen Hahn vergessen konnte. Und obgleich ich mir heute vorgenommen hatte, ihn sich selber und seiner Gehirnerweichung oder was es ist zu überlassen, jetzt, wo ich meinen Kaffee in der Efeulaube trinke und nebenbei an Schön-Fieken und den Abend denke, murkst mir das geistesgestörte Federvieh andauernd in den Gehirnwindungen herum, so daß ich so recht nicht zum Genuß meiner Pfeife, der blühenden Leberblümchen, des Liedchens der Braunelle und des Geflatters der Zitronenfalter kommen kann. Zwei Uhr ist es; in einer halben Stunde bin ich zwischen den Wacholderbüschen. Etwas anderes wird mir nicht übrig bleiben, als mich dahin zu begeben; denn ehe ich den tobsüchtigen Hahn nicht in der Hand habe, eher habe ich nichts von dem Vorfrühling, der Heide und Fieken. Das ist mir ganz klar. Also los! Hinter dem Hause läuft mir Fieken in den Weg. »Komm her, Mädchen; dennso habe ich Weidmannsheil! Du sagst, du willst nicht? Das sagt ihr immer! Siehst du, nun hast du doch gewollt!« Mit rotem Gesicht und heißen Lippen läuft sie fort, und ich gehe flötend die Straße entlang, über der die Birken ihre Troddelchen entfalten. Himmel, ist das heute schön. Sämtliche Heidlerchen hängen in der Luft und dudeln, die Finken schlagen, die Krähen quarren, und da hinten über dem Reiherholz schwebt das Schreiadlerpaar. Heute muß der Blödhammel von Hahn dran glauben, und kriege ich ihn nicht, so breche ich allen jagdlichen Verkehr mit ihm ab. Zum Narren halten lasse ich mich nicht! So gelobe ich es mir mit drei Biereiden und weiß dabei doch ganz genau, daß ich morgen doch wieder hinauslaufen werden, uneingedenk aller Vorsätze, Gelöbnisse und Eide. So, da wären wir! Unsere Maler würden Holdrio und Hurra schreien, wäre ihnen diese Ecke bekannt. Wacholder, wie es sie weit und breit nicht gibt, einer irrsinniger als der andere, und dazwischen auf die wahnsinnige Weise verbogene Kiefern, und Fichten, wie man sie verrückter nicht findet. Und jetzt ist mir die Geschichte mit dem Hahn klar. Entweder balzt er hier, weil seinem verkorksten Gehirn die aberwitzigen Büsche und Bäume zusagen, oder er ist infolge der verdrehten Umgebung blödsinnig geworden; denn selbst ein ganz reifer, weiser und abgeklärter Mensch, der drei Wochen zwischen diesen gespenstigen Wacholdern, geisterhaften Kiefern, unheimlichen Fichten und widersinnigen Birken verkehren müßte, bekäme Zwangsvorstellungen, Wahngedanken und Tobsuchtsanfälle. Drei Uhr. Jetzt wird die Vorstellung gleich beginnen, denn die Kohlmeise läutet bereits zum drittenmal. Horch, da ist er! »Tschuchit, tschuchit, tschschschschscht!« Hoppla, da erscheint er schon über dem hohen Wacholderstrauch, der wie ein verzeichnetes Trampeltier aussieht, trudelt dreimal um sich selber und verschwindet. Kullerrullullulu! Abermals wimmelt er in der Luft umher, dieses Mal über einer Birke, die wie eine gichtbrüchige Riesenschlange wirkt. Ich reiß die Waffe in das Gesicht, aber ehe ich drücken kann, ist er schon anderswo. Holterdipolter! Jetzt wirbelt er über einer Fichte herum, die den Eindruck eines übermästeten Nilpferdes macht, und nun über einer Kiefer, die den Ehrgeiz zu entwickeln scheint, wie eine bucklige Giraffe zu wirken. Aber kein Gedanke, daß ich auf den Veitstanzkünstler abkommen kann! Kaum ist der Hanswurst in der Luft, schon ist er wieder hinter den Buschen verschwunden. Ich schwitze wie ein Schweinsbraten am Sonntagvormittag, so oft bin ich in dieser Stunde hin und her gesprungen, und es ist gar kein Wunder, daß der Eichelhäher, dieser Flegel, sich über mich lustig macht. Vier Uhr! Noch eine Stunde und ich kann abermals so abziehen, wie ich gekommen bin. Der Teufel soll das vermaledeite Geflügel lotweise holen! Ich habe es satt, mich von ihm veralbern zu lassen. Will lieber nach dem Reiherholze gehen und den Schreiadlern etwas zusehen. Aber einmal könnte man es doch noch versuchen. Hops! Da ist er wieder zwischen der Gorillafichte und dem Riesenkaninchenwacholder, und nun über der Krokodilkiefer, und jetzt bei der Elefantenfichte, so geht es weiter, bis mir ganz blaublümerant vor den Pupillen wird und meine Lunge wie eine Kleinbahnlokomotive bei Gegenwind arbeitet. Geht das bis fünf Uhr so weiter, dann ade, Fieken; ich schliefe dann mit gerädertem Gerippe und nüchtern in die Pofen, denn dieses Weidwerken geht noch über Stallausmisten. Uff! Hätte ich bloß einen kleinen Schnaps hier! Aber das Wichtigste vergißt man immer! Gewitterkeil, was ist das? Er balzt ja dicht hinter mir. Schnurrdiburr! saust er über mir herum. Aber schon ist er wieder zum Kuckuck. Klabums! Da rast er vor mir in der Luft umher. Rums! ist er schon wieder fort. Verdammtes Luder! Beinahe hätte ich geflucht. Aber da soll einer auch nicht fuchsteufelsfuchtig werden, wenn so ein gefiederter Idiot einem andauernd um die Ohren saust! Ich kann weiter nichts tun, als den Kolben in mein krebsrotes Anlitz zu schmeißen und mich fortwährend um meine Achse zu drehen. Ein Segen, daß kein Mensch mir zusieht. Mit meinen Ansehen wäre es für immer aus, wenn ich nicht gar unter Bedeckung in die Irrenanstalt geschafft würde. Hoppla he! da ist das Vieh schon wieder. Drauf! Jawollja! Futsch ist er. Holla! da ist er abermals. Drauf! Ach ja, es wär' so schön gewesen! Himmelhagelhühnerschrot! das ist ja zum Verrücktwerden. Mein Herz tanzt Krakowiak und mein Puls Hamburger Polka, und in meinen lieben Knien ist mir so, als wenn mir so wäre. Ich will machen, daß ich weiterkommen. Das hält ja kein Mensch aus, ohne den Drehwurm zu kriegen. Hscht! Infamiges Lork, schon ist er wieder anderswo. Schlschlschlt! Da fuchtelt das verblödete Gemüse dicht bei mir herum. Ich gebe es auf. Ich habe es dicke. Ich bin es satt, satter, am sattesten. Werde mich von dem Dämelack zum Hampelmann machen lassen! Das fehlte noch gerade. Ich schwitze so schon in ganz unwürdiger Weise. Ich möchte bloß wissen, wo mein Rucksack ist und wo ich meinen Hut gelassen habe und wie ich dieses Lock in der Hose gekriegt habe. Fahre zur Hölle, du Affenvogel. Meinen Segen hast du. Dreiviertel fünf! Gleich ist diese alberne Eselei zu Ende. Aber ich bin alle; vollkommen ausgepumpt; schlapp wie ein Handschuh. Jeden Knochen fühle ich einzeln. Ich wollte, ich hätte niemals die Bekanntschaft dieses Ekeltieres gemacht. Ich habe schon viel erlebt; dieses aber ist das Tollste. Ich will nicht mehr. Suche meine Brocken zusammen und gehe nach Hause. Meinen Rucksack habe ich endlich. Und da ist auch der Hut. Adjüs, du vernagelter Hahn, du gescherter Piepmatz, du Greuselviech. Ich bin überzeugt, mit dir hat es einen Haken. Entweder bist du der Satan selber oder sein Vetter. Lebe wohl, auf baldiges Nimmerwiedersehen! Such dir einen anderen, Dümmeren. Mich kriegst du nicht wieder zu sehen! Ich bedanke mich bestens! Ich mache, daß ich in die Efeulaube komme. Da will ich vespern und mich an Fiekens Lippen von dieser blödsinnigen Jagd erholen. Also: leben Sie sowohl als auch und grüßen Sie, bitte, Ihre Großmutter mütterlicherseits! Schladderadums! Da ist er wieder. Na, einmal ist keinmal! Ich spanne und lauere. Pldrrabum! Bautz! Ich glaube, ich kam richtig ab, denn zwei Händevoll Federn fliegen da herum. Aber wo ist der Hahn? Hier ist er nicht, da ist er nicht und dort erst recht nicht. Nun fehlte bloß noch, daß ich ihn weidwund geschossen hätte und er irgendwo untergekrochen wäre und ich fände ihn nicht. Eine solche Gemeinheit traue ich ihm schon zu, dem Ekel. Ja, was nun? Einen Hund habe ich nicht mit und hole ich den vom Förster, so kann ich erst morgen früh nachsuchen, und unterdessen hat ihn schon der Fuchs, der jede Nacht hier herumstinkt. Halb sechs! Nun habe ich eine halbe Stunde hier herumgesucht. Fieken wird schön lauern. Na, wenn nicht, dann nicht! Anders konnte es ja auch nicht kommen. Das konnte ich mir gleich denken. Fort mit Schaden! Jedenfalls brauche ich nun nicht mehr hierher zu rennen und mich abgeschmackt zu benehmen. Aber ärgern tut mich die Sache doch. Mächtig sogar. Ich hätte mir den Narren doch gern einmal von nahem besehen und ihn untersucht, was ihm fehlte oder was er zuviel hätte, Arterienverkalkung oder fettige Entartung des Kleingehirns. Aber was nicht ist, das ist nicht. Schließlich werde ich auch über dieses Unglück hinwegkommen. Hol's der Teufel. Gott gibt's reichlich wieder. Einen Blick nach dem Grabe seiner Habe usw. Da hängt er an einem dürren Ast des Eselwacholders. Hängt da wie ein Stilleben, aber wie eins, das ein trunkfälliger Maler im Säuferwahn verbrochen hat. Selbst im Tode noch blödsinnig. Finis coronat Opus! Und alt ist er, alt! Vollkommen ungenießbar. Ich werde ihn jemand schenken, den ich nicht leiden kann. Eine Freude will ich wenigstens doch von ihm haben! Vor den Bruchwiesen Vorgestern abend fuhren der Jagdaufseher und ich die Krähenhütte in das Bruch, ein übermannshohes, sechs Fuß im Lichten haltendes, aus Weiden geflochtenes Häuschen von der Gestalt eines Bienenkorbes. Tag für Tag raubt der Habicht hier; bald wird eine geschlagene Birkhenne gefunden, dann sogar ein Hahn, wieder einmal ein Fasan oder eine Ente. Das geht nicht mehr so weiter; deshalb soll es dem Gaudieb an den Hals gehen. Nebenbei sollen auch die Krähen daran glauben; es fanden sich schon zwei von ihnen zerstörte Entengelege. Die Hütte ist in einem eigens für sie gepflanzten Fichtenhorst gestellt und so mit Zweigen verblendet, daß nichts von ihr zu sehen ist. Rund umher ist kein Baum bis auf eine wenig beastete Birke, so daß ich weiten Blick habe. Vor mir auf dem Trittholze der Jule steht der Uhu. An seinem linken Griffe ist die Führung befestigt, die in Ringen an der Jule entlang und in anderen, die am Boden befestigt sind, bis an das Türloch der Hütte läuft. Gestern habe ich den halben Tag hier gepaßt, aber nichts geschossen als zwei Krähen, denn es war zu hell und zu windig, und bei solchem Wetter raubt der Habicht nicht gern. Heute ist es weich und schwül und die Luft ist dick und diesig. Das ist das beste Jagdwetter für den Strauchdieb. Und der Uhu hat die Liebe im Leibe; nicht einen Augenblick sitzt er ruhig, obschon er die ganze Nacht auf das zärtlichste gerufen hat. Heute brauche ich nicht an der Führung zu rucken, um ihn rege zu machen, wie gestern, wo er gar zu faul war. So stimmt alles auf das Beste. Dafür ist es um so langweiliger heute. Gestern sang und klang das ganze Bruch, heute flötet kaum eine Amsel und nur einen Täuber höre ich rucksen. Auch läßt sich kein einziges Reh blicken und noch nicht einmal ein Hase, trotzdem es auf den Abend geht. Das ist ein Zeichen dafür, daß wir Regen bekommen. Das irrsinnige Abendrot ließ mich das gestern schon wissen. So ist mein einziger Trost in dieser Einsamkeit denn die Pfeife, die gelben Kuhblumen am Bache und hier und da eine weiße Birke oder eine schwarze, mehr oder minder verzerrte Kiefer. Ein weiches, rundes, volles Flöten erhebt sich hinten im Bruche, steigt zu einem klirrenden Triller auf und erstirbt in einem kläglichen Pfeifen. Das ist der große Brachvogel; ich sehe ihn über der fahlen Fläche in wundervollem Bogen dahinschweben. Immer näher kommt er. Jetzt hat er den Uhu erspäht, schwebt über ihm und stößt dann jäh auf ihn herab. Unwillig faucht und knappt die Eule; es ist ihr zu dumm, daß ein Schnepfenvogel sich herausnimmt, auf sie zu hassen. Dreimal stößt der Brachvogel mit dem Sichelschnabel nach ihr; dann läßt er sich in der Wiese nieder und sucht Kerfe. Fern balzt ein Birkhahn und im Erlengebüsche lärmt ein Fasan. Über die Wiesen kommt eine helle Weihe angeschaukelt, streicht näher, haßt einmal gegen den Uhu und schwebt weiter. Ihr folgt eine Krähe, die den Uhu lange belästigt. Ich schone sie, den Habicht will ich haben und nicht den Galgenvogel; den hole ich mir morgen mit der Hasenklage vor das Rohr. Aus der Porstdickung treten zwei Rehe heraus und äugen dem Fischadler nach, der sich dicht vor ihnen in den Bach wirft und, einen starken Fisch in den Fängen, mit frohem Weidruf über den Uhu hinrudert, ohne sich, wie immer, um ihn zu kümmern. Ich halte den Drilling in der Hand und sehe durch die Schießscharte unverwandt nach dem Uhu. Jetzt zeigt er an. Aber es ist nur die Mooreule, die den großen Vetter anulkt. Und dann kommt wieder eine Krähe an und belästigt ihn, und noch eine. Beinahe hätte ich Lust, ihnen den Spaß zu versalzen; doch ich denke an den Birkhennenmörder und lasse den Drückefinger gerade bleiben. Es wird schon dämmring. Die Wiesen fangen an zu dampfen, und der ferne Wald verschleiert sich mehr und mehr. Ich will es einmal mit der Habichtslocke versuchen. Ich lege einen Riedhalm zwischen die Daumen und blase; ein Laut, halb sehnsüchtig, halb bösartig ertönt. Glühäugig dreht sich der Uhu um, pflustert sich auf und knappt feindlich nach der Hütte hin; er weiß es: kommt der Habicht, so muß er Federn lassen. Bald ist es aus mit der Hoffnung auf Weidmannsheil. Immer dichter wird die Luft, immer dunkler der Himmel. Das Murren der Moorfrösche verdoppelt sich, immer mehr Heerschnepfen locken und meckern, und schon klingeln die Enten hin und wieder. Und ich bekomme Hunger. Und kalt wird es auch. »Uhuu«, ertönt es. Na, Dicker, ich weiß schon, wonach du dich sehnst. Dir ist so sonderbar in der Herzgegend seit einiger Zeit. Nacht für Nacht rufst du nach einer Liebsten. Himmel! Der Uhu macht sich ganz breit, spreizt die Flügel, tritt hin und her und faucht und knappt gefährlich, und dicht an ihm vorbei saust der Habicht und steht dann über ihm. Eben kann ich noch den Schuß hinwerfen, und sehe im Feuer, daß er nicht vorbeiging, denn am Fuße der Jule schlägt der Raubvogel mit den Schwingen. Sowie ich mich ihm nahe, wirft er sich auf den Rücken, reckt mir die furchtbaren Griffe entgegen und funkelt mich aus gelben Augen vor Todesangst und Wut an. Es schaudert mich; das Nachrichteramt übe ich immer ungern aus, und mit einem Gefühl, als handle ich feige und gemein, töte ich ihn durch einen Stockhieb. Es ist ein ganz altes Weibchen, ein Riese seiner Art. Ich stopfe den Uhu in die Kiepe und gehe dem Jagdaufseher entgegen, der wie ein schwarzer Schatten den Damm entlang kommt. Er nickt, wie ich ihm den Habicht hinreiche, und lächelt grimmig. Den Bussard, die Weihen und den Kolkraben schont er, aber den Habicht kann er nicht leiden. Er hat mehr als ein Stück Wildgeflügel gefunden, das der Hühnerhabicht bei lebendigem Leibe gerupft und zerfleischt hatte. Das tut der Falke nie, und weder der Bussard noch irgendeine Eule ist so grausam. Wir trennen uns. Über den Heidbergen flammt es goldrot auf giftgrünem Grunde, und schwarzblaues Gewölk schleicht über dem Dorfe hin, von dem helles Lachen und Aufjuchen zu mir herunterschallt. Auf der Landstraße rattert ein Wagen an mir vorüber; eine dürre Gestalt hockt darin. Ich weiß, wer es ist; der alte Glimmann, der Holzhändler, Höfelschlachter und Halsabschneider. Er raucht; also hat er ein gutes Geschäft gemacht. Zwei Bauern, die ihm entgegenkommen, sehen mit kalten Augen nach ihm hin. Der ist noch grausamer. Gegen den Habicht hilft uns Kraut und Lot; aber den alten Wucherer schützt das Gesetz, und so darf er rauben und morden nach Herzenslust, was schwächer und dümmer ist als er. Gegen Habichte in Menschengestalt gibt es keine Hüttenjagd. Abseits der Welt Der Uhu sang mich gestern abend in den Schlaf, und der Waldkater. Der Föhn spielte die Begleitung zu dem seltsamen Zweigesang. Das Quarren des Kuders und das Juchen der Eule hob sich herrlich von dem dupfen Geheule des Tauwindes ab, der die Edeltannen auf grausame Weise mißhandelte, so daß sie ächzten und stöhnten, und ab und zu schrill aufschrien. Ganz allein lag ich in dem Blockhause auf der Pritsche, rauchte, las in Meister Eckehardts Predigtbuche und lauschte bald dem Untertone seiner Rede, bald dem was Uhu, Wildkater und Sturm mir sangen von Schneeschmelze, Frühling und neuem Leben, bis der Sandmann kam und ich die Laterne ausblies, in den Schlafsack kroch und bei dem wunderschönen Wiegenliede einschlief. Der Föhn ist stumm geworden, der Kater läßt nichts von sich vernehmen und der Uhu schweigt. Wie ein leises stetiges Atemholen ist es rundumher, mehr zu ahnen, als zu hören. Die wenigen Sterne am dunklen Himmel sehen müde aus und ganz blaß und übernächtigt steht der Mond hinter der zerfetzten Wettertanne, bis eine Wolke ihn langsam, aber unerbitterlich dahin bringt, wo er schon längst sein sollte. Ich stehe in dem Türloche der Jagdhütte und horche in die Stille hinein, die den Urwald erfüllt und durch einen schüchternen Mausepfiff und durch den dünnen, kläglichen Ruf einer wandernden Drossel noch mehr vertieft wird. Ich lausche, ob mein Hahn noch nicht erwacht ist. Fünf Morgen habe ich damit verbracht, ihn festzumachen. Jeden Morgen hörte ich ihn balzen; doch wo er stand, das fand ich erst gestern früh heraus. Aber das Schneetreiben war so stark und der Sturm so arg, daß ich nicht bis zu ihm hinfand. Ein Brausen zerstört auf einen Augenblick die Stille; schon ist es vorbei. Ein Stück Urgeflügel war es, das vorüberstob. Ein Windstoß schüttelt den Schneebehang von den Zweigen, und noch einer. Dann tritt wieder Ruhe ein. Eine Wanderdrossel nach der anderen streicht über mich hinweg, so angstvoll pfeifend, daß mir das Herz wehe tut. Aber dann geht es mir warm über die Brust. Unter mir, an der Stielwand, heult der Uhu. Dunkelblutrot hört sich das an. Mir ist zumute, als könnte ich sein Rufen sehen. Nun ist es an der Zeit. Ich setzte die Kappe auf, hänge den Drilling unter die Schulter und taste mich an dem Stricke, den ich von Stamm zu Stamm spannte, an dem Abgrunde entlang. Ganz langsam muß ich gehen und sehr vorsichtig; trete ich fehl, so fressen mich unten an der Wand die Füchse und die Raben. Und leise muß ich sein, denn es ist nicht unmöglich, daß der Hahn da balzt, wo ich gehe; unter drei weit voneinander entfernten Tannen fand ich eine Balzlosung. Ein unbeständiger alter Geselle ist es. Ich glaube, ich bin an Ort und Stelle. Zur rechten Hand muß die Zwillingstanne stehen, in der er gestern sang, zur linken die, der der Sturm den Wipfel nahm, und vor mir die krumme, die aus der Klippe heraushängt, und dann jäh aufsteigt. Und hier ist ja auch mein Felsensessel mit der bequemen Rückenlehne, auf dem ich gestern saß und horchte, während der Schnee mich umstob und aus dem Geschnaufe und Gefauche des Sturmes ab und zu das Balzen des Hahnes verloren zu mir herkam. Ich mache es mir gemütlich und stecke mir hinter der vorgehaltenen Kappe die Pfeife an, das beste Mittel gegen Grillen und Grappen. Irgendein Etwas krispelt und kraspelt über mir herum; ein Gartenschläfer wird es sein. Ich höre, wie er die Knospen zerraspelt. Dann bekommt mein zerdämmertes Bewußtsein einen Ruck, ich höre meinen Hahn anbalzen. Aber er ist es nicht; es klingt anders, geringer, jünger, und ist unter mir an der Wand. Es wird ein schwächerer Hahn sein. Aber es ist nichts dergleichen. Der Wind stieß ein paar dürre Zweige gegeneinander. Ich dämmere wieder in mir zusammen. Die Dunkelheit um mich beginnt zu flimmern und zu funkeln, und die Stille flüstert mir leise Lieder zu. Ich höre Stimmen, die ich längst vergaß, und sehe Gesichter, die es nicht mehr gibt, horche meinem Herzschlage, und lausche auf das Klingen des Blutes in meinen Schläfen. Dann tönt eine lustige Stimme zu mir her, ein rosiges Kinderanlitz verscheucht die bleichen Nachtgesichter und lächelt mich an, zwei Händchen greifen nach meinen Backen, und ein blondes Köpfchen huschelt sich an meine Schulter. Ich blicke auf; mein Traum ist vorbei, und mit leeren Augen starre ich ihm nach. Ein herber Hauch schüttelt die Zweige und stößt sie zusammen, daß sie leise klappern. Mich schaudert es vor Einsamkeit. Fünf Tage war ich froh, allein sein zu können; nun sehne ich mich nach einem Menschenherzen. Und dann lächle ich, aber ein bißchen bitter; man bleibt ja doch immer allein mit seiner Seele. Das weiß ich schon lange; aber die Sehnsucht bettelt darum doch Tag für Tag vor der Türe, und nachts erst recht, und tritt man sie auch noch so oft fort. Ich sehe mich nach der Vergangenheit um; die ist verworren und finster, wie ein abendlicher Wald, und die Zukunft ist ein Abgrund, voll von Nebel. Aus grünem Laub wird Moder und aus weißen Blüten Mulm, süße Gesichter sind fleischumhüllte Totenschädel und aus warmen Blicken blitzt kalte Selbstsucht. Wieder läßt ein Windstoß vor mir die Zweige klappern. Doch nein, denn das ist, wirklich, der Hahn ist es! Ganz deutlich höre ich das. Ich wische die grauen Spinnweben von meiner Seele und erhebe mich. So jetzt kommt der Hauptschlag; eilig, aber behutsam schleiche ich voran. Es ist noch sehr grau, aber doch schon licht genug für meine an Nacht und Nebel gewöhnten Augen. Aber nun muß ich innehalten. An einen Stamm gelehnt, harre ich bis zum nächsten Male. Eine blödsinnige geformte Klippe schneidet mir eine alberne Fratze. Ein zersplitterter Stumpf streckt gierige Hände nach mir aus. Lange Bartflechten winken mir höhnisch ab. Um mich herum schleicht das Grauen und versucht, mir bange zu machen. Ich puste ihm den Tabakdampf in die Fratze, und es verschwindet. Weiter! Bis zu der nächsten Klippe muß ich dieses Mal kommen. Ein übles Anspringen gibt das, denn scheußlich viel Geknick liegt am Boden, und alles ist voll von Schotter. Gut, daß ich Gummi unter den Sohlen habe; so erreiche ich die Stelle ohne Geräusch, wenn auch mein Herz Polka tanzt. Aber kühl ist es hier; der Wind hat sich wieder aufgemacht, und die Wipfel brummen und summen unwillig. Weiter, weiter, mit schnellen, leisen Sprüngen über Stock und Stein, Moos und Mulm, Gras und Grus! Halt! der Hahn verschweigt. Hat er mich vernommen? Reitet er ab? Nein, er hat sich nur überstellt. Wie schön er schleift und wetzt! Ein ganz alter Bursche muß es sein. Und ganz nahe bin ich ihm. Noch ein Ansprung und ich bin unter ihm. Da! Ein dumpfes Gedonner; fort ist er. Aber es prasselt schon wieder; er hat sich nicht sehr weit eingeschwungen, in der Klippenfichte wahrscheinlich. Richtig, er balzt schon wieder, und ganz toll und wild. Also dahin in hastigen Sprüngen, und wenn das Herz auch noch so dröhnt, aber vorsichtig, unter Deckung, denn ganz sichtig ist es mittlerweile geworden. So, da wäre ich; die tiefen Äste decken mich gut. Ganz dicht bin ich bei dem Hahne. Aber wo ist er? Ich verrenke mir den Hals und überanstrenge meine Augen, und sehe nichts als grauweiße Luft und schwarzgrüne Gipfel. Himmel, ich bin ja fast unter ihm; ganz deutlich klingt der Hauptschlag auf mich herab! Und jetzt habe ich ihn im Blicke; auf dem langen, geraden Ast steht er, ein langes, gerades Ding, schwarz und groß. Aber ist er es auch wirklich, und nicht etwa ein Zweig? Das Frühlicht ist ein gröblicher Schwindler und hat seine Tücken. Ich stiere und starre und weiß es nicht: soll ich schießen, oder lasse ich es bleiben? Aber jetzt erkenne ich ihn ganz genau, Kopf und Kragen, Schwingen und Stoß sehe ich, und Schnabel und Bart. Das ist einer, der den Schuß lohnt. Aber ob schon genug Licht da ist für Korn und Kimme? Denn mit Hagel möchte ich ihn nicht herabholen. Vorsichtig hebe ich den Lauf und hole mir Himmelslicht. Es wird gehen. Aber ich will lieber noch einige Augenblicke warten. Und doch nicht; wer kann einem alten Hahn trauen? So einer hat seine Launen und seine Mucken, und frisch gewagt ist schon gewonnen. Aber einstechen und abziehen muß eins sein in diesem Falle. Darum: ein, zwei, drei! Es hat geknallt, und ich stehe da und zittere, daß mir die Knie beben, und starre in den Dampf und lausche mit aufgerissenem Munde. Aber dann rauscht und bricht und poltert es, und wie ein Sack plumpst der Hahn vor mir nieder, und hinter ihm her stöbern die Federn. Was ist das? Hat der Feuerstrahl die Dämmerung zerrissen und der Schuß die Stille zerbrochen? Es ist ja auf einmal taghell um mich geworden, und die Wipfel sind voll von Goldhähnchengepiepe und Meisengezwitscher! Und unter der Wand rufen die Raben! Aber der Hahn vor mir liegt so schwarz da, wie die Nacht, und so stumm, wie sie; kein Leben ist mehr in ihm. Ich nehme ihn auf; da geht ein Zittern durch die mächtigen Schwingen, der Stoß hebt und fächert sich und fällt schlaff zusammen, und aus dem gewaltigen Schnabel tropft es rosenrot in den Schneefleck. Ich knicke einen Bruch von der Fichte, vor der er sein allerletztes Liebestrutzlied sang, färbe das Zweiglein rot, und stecke es an die Kappe, stecke auch eins dem edlen Säner in den stummen Schnabel, glätte sein ehernes Gefieder, trage ihn sorglich zur Hütte und hänge ihn an der Fichte auf, so daß die ersten Sonnenstrahlen auf den erzgrünen Kragenfedern spielen können. Ab und zu fällt ein dicker, roter Tropfen aus seinem Schnabel auf die bunte Steinplatte unter ihm; seltsam sieht das aus, und sonderbar hört sich das an. Einmal will mir so sein, als habe ich grausam gehandelt. Aber gibt es wohl einen schöneren Tod, als mitten im Singen zu sterben? Waldpfingsten Der Südost kam schon sieben Tage lang durch die Talscharte; er machte die Blumen welk, das Gras staubig, nahm den Faltern die Lust am Flug und den Vögeln die Freude am Singen und legte Langeweile auf die Wälder. Jeden Mittag stiegen schneeweiße Wettertürme hinter dem hellgrünen Walde am lichtblauen Himmel empor, Donner und Blitz drohend, Regen und Frische verheißend, jeden Nachmittag trieb sie der heiße Wind wieder hinter die Berge. Mißmutig liege ich auf der Pritsche und sehe mit halboffenen Augen dem Siebenschläfer zu, der langsam und bedächtig auf dem rohen Brettertisch nach einer Brotrinde sucht; da grollt es dumpf und drohend, das graue Kerlchen macht ein Männchen, und beim ersten Donnerschlage huscht es hinter den Stapel Dohnen in der Ecke. Ich springe auf und stelle mich unter die Türe. Noch ist es grau im Holze, noch pfeifen die jungen Ohreulen. Plötzlich Sturm setzt ein, rauscht in den Buchen, treibt Fallaub den Hang hinab, wird wieder still, und mit gelbem Geflamme, gellendem Geknatter bricht das Wetter los. Alle die leichtsinnigen Lieder, die ich in Spinnstuben und Wirtshäusern, von Himbeersucherinnen und Rekruten hörte, und die ich sieben Tage lang vergessen hatte, werden wach in mir. Ich summe das Lied von dem Mädchen, das früh aufstand, um Brummelbeeren zu pflücken in dem Wald, und pfeife die Weise von dem lustigen Pfannenflicker, während draußen der Platzregen rauscht, Blitze zucken und Donnerschläge krachen. Mit einem letzten harten Schlage bricht das Gewitter ab. Rot steigt die Sonne hinter den grauen Felsen auf, die Wiesen blitzen von Diamanten, im Bache rinnt flüssiges Silber zu Tale, das Espenlaub schimmert wie goldenes Glas. Laut flötet der Pirol, lustig pfeift die Drossel, der Fink schmettert, der Mönch schwatzt, und jauchzend preist der Gabelweih den schönen Tag, den ersten Tag des frohen Festes. Doppelt schön dünkt er mich, fern von der lauten Welt verlebt. Scharenweise strömt das Volk der Stadt in die Berge hinein, mit lautem Wesen die Wälder erfüllend; in mein stilles Felsental dringt heute kein Menschenwort. Keine alte Frau holt Dürrholz, kein Bauer arbeitet an den Gräben, und der Schäfer hütet heute weit von hier. Nur die Stimmen der Wildnis schlagen an mein Ohr. Barfüßig und barhaupt, nur in Bluse und Hosen, bummele ich durch den Wald. Ungespannt hängt die Waffe unter der Schulter; mit keinem polternden Schuß will ich heute die frohe Stille der Einsamkeit zerreißen, nur sehen will ich und lauschen, nur freuen mich über diesen Feiertag. Alles Leben hat der Regen fröhlich gemacht, sogar den schwarzgelben Feuermolch hat er aus seinem Mauseloch gelockt. Würdevoll watschelt er über den Weg, lange sich besinnend, ehe er über den flachen Stein steigt. Die Blindschleiche, stolz auf ihr neues veilchenblau geflecktes Kleid, liegt faul unter dem blühenden Türkenbund in dem Sonnenfleck und wärmt den silbernen Leib. An der Ecke des Waldes, unter der hohen Zwillingsbuche, liegt ein grauer Stein; da will ich meine Morgenpfeife rauchen. Neben mir her sprudelt der Bach zwischen blauem Ehrenpreis, weißem Schaumkraut und duftender Minze. Rechts und links von ihm steigt in schönen Schwingungen die Wiese auf und ab, bunt von Blumen, überflattert von Faltern, durchsummt von lustigem Bienenvolk. Alle meine Rehe sind da, die ich sieben Tage nicht sah. Den Bach entlang äst sich die alte Ricke mit ihren drei Kitzen, am Hütebaum steht eine andere mit zwei Kleinen, drüben am Rosenbusch eine dritte. Wohin ich sehe, ein roter Fleck, zwei braune Lauscher im langen Grase; so vertraut, als gäbe es weder Krauft noch Lot, sitzt unter mir der starke Gabelbock mitten zwischen lauter Vergißmeinnicht, und sein Schmalreh rupft um ihn herum die saftigen Köpfe des wilden Klees. Ein froher Tag ist dieser Tag. Klatschend steigt der Ringeltauber über die Kronen der Eschen und Ahornbäume, tanzt auf und ab und streicht zu der Buche, in der die Taube brütet. Dort ruft er laut und zärtlich. Vom steilen Hange, an dem die hohle Buche steht, antwortet ihm dumpf und heulend der Holtauber, und hoch aus blauer Luft erschallt des Wanderfalken scharfer Schrei. Ich freue mich, daß ich mich gestern von den Freunden losriß. Die sitzen nun hinter der Brüstung des Gasthauses und sehen den Stadtmenschen zu, die haufenweise vom Bahnhofe kommen. Erst macht es ihnen Spaß, das bunte Treiben, aber wenn der Lärm nicht aufhört, wenn kein Plätzchen im Garten frei bleibt, dann werden sie doch an mich denken und mich beneiden, trotz der Forellen, trotz des Rehrückens, trotz der kaltgestellten Flaschen, trotz der hübschen Mädchen an ihrem Tische. Ich esse Schwarzbrot ohne Butter, ein Stück harten Käses und drei Stangen Johannislauch, Quellwasser ist mein Tischtrank, und doch tausche ich mit den Freunden nicht. Und wenn ich auch hübsche Gesichter über hellen Kleidern gern sehe und lustige Augen, und frohe Worte und helles Lachen gern höre von einem frischen roten Mund, in Waldesstille und Bergfrieden misse ich sie nicht. Die Pfeife im Munde, die Hände auf Lauf und Kolben des Dreilaufes, bummele ich wohlgemut den Pirschsteig hinab. Schönes finden meine Augen bei jedem Tritt, bei jedem Schritt höre ich Neues. Am Rande der Fichtendickung leuchtet des Dompfaffenhahnes rote Brust, wie ein goldener Blitz fährt der Pirol um die Weichselkirchkronen, Kernbeißer atzen ihre flügge Brut, junge Drosseln huschen durch das Laub, purpurne Kuckucksblumen stehen feierlich zwischen schlanken Gräsern. Fährten narben überall den weichen Boden, winzige Fährten der Kitze, breitklaffende der Ricken, dann der geschlossene Schalenabdruck des Bockes. Dort, in den glitzernden Blättern des Haselwurzes steht einer und verhofft. Er hat meiner nackten Füße leises Rauschen in den nassen Blättern vernommen. Prächtig sieht er aus; brennend rot leuchtet seine Decke in der Sonne, und silbern funkeln über den Lauschern die weißen Enden. Leicht strecke ich ihn. Aber es ist Pfingsten heute; mein Finger soll gerade bleiben, und kein roter Reck soll des Waldmeisters reine Blüten verkleben. So lasse ich ihn weiterziehen in das lichte Haselgebüsch, und setze Fuß um Fuß wieder leise voran auf dem nassen, schlüpfrigen Boden, stehen bleibend, wo eine Bucht Ausblick auf die Wiesen bietet, mich an den roten Flecken freuend, die sich darauf hin und her bewegen, langsam und bedächtig, oder in mutwilligen Sprüngen. Zwischen zwei dicken grauen Stämmen hindurch sehe ich auf den Bach und den Weg. Auf der grauen Steinbrücke blocken zwei blanke Krähen. Mit lautem Gequarre stieben sie ab, dem blühenden Weißdornbusch zu. Dort stoßen sie, auf- und abschwebend, mit wütendem Gekrächze. Einen Augenblick besinnt sich die Füchsin, die dort maust, ob es sich wohl mit ihrer Würde vertrage, Reißaus zu nehmen, dann schnürt sie der Schlucht zu, von den Schreihälsen verfolgt. Am Rande des räumen Stangenholzes über der steilen Waldwiese habe ich mir einen Sitz gemacht. Ein moosiger Stumpf ist meine Rückenlehne, Buchenwurzeln sind Armstützen. Da lege ich mich hin, rauche und denke an nichts. Hinter mir warnt der Buntspecht; dann höre ich das gierige Kreischen der jungen Gabelweihen, die von den Alten geatzt werden, und über mich fort segelt einer der stolzen Vögel. In der Wiese tanzt eine Häherfamilie herum, macht Faxen, schwatzt närrisches Zeug, ahmt Bussard und Drossel, Specht und Wachtel nach, und stiebt mit Angstgekreisch von dannen. Und aus der Dickung, in der der Bock neulich mit meiner Kugel zusammenbrach, schiebt sich ein schwarzweiß gestreiftes Gesicht. Grimbart, der Einsiedler ist es. Auch er hat die Sonne gern, der heimliche Mann, und läßt sie sich gern auf die Schwarte brennen. Aber er traut ihr doch nicht ganz, er windet und verhofft lange und dann sticht er am Rande der Wiese entlang nach Engerlingen und Regenwürmern, ab und zu zusammenfahrend und sich hastig da kratzend, wo es ihn juckt. Ein Hase, der sich sonnte, macht erstaunt ein Männchen, wie er den grauen Burschen eräugt, und rückt dann langsam in die lückige Fichtenschonung hinein. Ein Schmalreh tritt aus, bei jedem Schritt verhoffend. Es ist dasselbe, von dem ich den Bock fortschoß. Ich denke nicht gern daran. Sehr spät war es, als ich ihn von der Grenze mit schlechtem Winde wieder zurückdrückte, wo vier Schrotläufe auf ihn lauerten. Im Sturmschritt keuchte ich dann bergauf, schnitt ihm den Wechsel ab, und nicht steif genug waren meine Arme, als der Finger an den Stecher zuckte. Mit abgeschossenem Vorderlauf mußt ich ihn ziehen lassen, und als ich ihn in der Frühe mit dem Hunde arbeitet, da war er noch warm. Unheimlich schön war das Bild, das er mir bot. Er lag wie schlafend da. Rechts und links standen, wie vor Schrecken aufgedunsen, je sieben bleichgrüne Aaronstabblüten. Um seine Geäse sproß die seltsame Schuppenwurz, rot gefärbt waren ihre menschenhautfarbenen Blumen. Eine hohe, leichenfarbige Vogelnestwurz hielt bei dem Bock Totenwacht, so fahlgelb aussehend, als hätte sie vor Grauen alle Farbe verloren. Und zwanzig Schritte davon stand das Schmalreh und sprang entsetzt ab, als der Frühwind die Witterung von Mensch und Hund heranwehte. Wie ein Mörder kam ich mir vor, wie einer der Buben, die dort, wo das schlichte Denkmal im kühlen Grunde steht, den Förster mit Schlingen aus Draht erdrosselten. Daß der mir auch heute einfallen muß. Gestern traf ich einen Bauern, der den Toten fand. Der Mann schüttelte sich noch, als er es mir erzählte: »Und wenn ich so alt werde wie die Buche da, Herr, ich werde es nie vergessen, wie er zwischen den Bäumen ausgereckt in den Schlingen hing. Besonders die Hände nicht; die hatten sie ihm mit Draht zusammengeschnürt. Ganz weiß wie bei einem kleinen Kinde waren sie vom Tau geworden. Und früher waren sie so braun wie meine.« Hinter dem Schmalreh tritt der Bock aus. Ich kann den Kopf nicht sehen, der blühende Heckenkirschenbusch deckt ihn, aber das Gebäude sagt mir, daß es ein braver Bock ist. Jetzt tritt er vor; ich fahre nach dem Kolben: das ist er ja, auf den ich drüben am Teiche fünf Abende und fünf Morgen paßte, ohne Glas erkenne ich ihn. Ein Heimlicher ist es, einer, der heute hier ist und morgen da, der keinen anderen neben sich duldet, der alle anderen Böcke dort abkämpft, wo er seinen stand sich wählt. Soll ich, oder soll ich nicht? Es ist weit, aber ich habe das Fernrohr hier. Ich brauche nur das Knie hochzuziehen, dann habe ich Stütze genug zum Anstreichen. Und Blatt genug gibt es jetzt auch frei. Aber einmal ist heut Pfingsten, und dann hat mir die Erinnerung alle Lust zum Jagen genommen, und drittens, ich schäme mich, ohne Mühe und Arbeit den Braven zu strecken, der mir durch Zufall vor die Büchse zog. Fort ist er auch schon. Mir ist es so lieber. Aber vom Liegen werde ich zu faul. Ich will die ganzen Grenzen an dieser Seite abpirschen. Kühl und frisch ist es im Altholze. Der Kuckuck ruft, am Stamme einer Riesenbuche hängt der Eichkater und faucht, überall rucksen die Täuber, ein Bussard miaut. Der blühenden Ebereschen Duft weht von der Rodung herüber. Dorthin zieht es mich, in dieses rote und gelbe Gewirre junger Blätter, die über blauem Waldvergißmeinnicht und gelbem Hahnfuß zittern. Eine halbe Stunde lang zieht sich der ungeheuere Kahlschlag die Bergflanke entlang, tiefe Erdfälle, wirr umwuchert von Bergholunder und Schneeball, unterbrechen ihn, und feuchte Quelleneinschnitte, strotzend von saftigen Kräutern. Hier will ich mein Mittagsmahl einnehmen und meine Unterstunde verdämmern, während Hänfling und Goldammer, Dorngrasmücke und Baumpieper mir etwas vorsingen. Ich esse und recke mich, der Sandmann kommt, verschwommen horche ich noch auf den Singsang des Ammers, das Kichern des Turmfalken, dann fällt mein Kopf gegen den Stamm des Eichenüberhälters. Rasseln und Prasseln weckt mich; flüchtige Rehe sind es. Laut schrecken sie hinter mir. Noch halb im Traume sinne ich über die Ursache nach. Da höre ich ein leises Räuspern und ein Mann kommt an mir vorbei. Er schrickt und faßt nach seinem Stick, dann lacht er. Ich lache auch, aber ich denke mir mein Teil. Umsonst trägt er nicht unter dem Arme abgeschnittene Rotbuchenzweige, genau solche, wie ich sie vor so vielen Wechseln in den Hagebuchenhecken fand, damit ihr trockenes klirrendes Laub die Rehe abhalte, diese Wechsel zu meiden und die versteckten einzuschlagen, die der Biedermann mit Schlingen bestellt. »Ich habe mir Besenreiser für meine Frau geschnitten,« meinte er, ohne daß ich ihn fragte, und sieht mir mit erkünstelter Festigkeit in die Augen. »Birken geben aber bessere Besen,« meine ich und gebe ihm eine Zigarre, und dann gehe ich noch ein Stündchen mit ihm und lasse mir allerlei erzählen, und denke nur daran, daß seine Fährte dieselbe ist, die ich überall da im Walde finde, wo kein Mensch um diese Zeit etwas zu suchen hat, und nehme mir vor, sie nachher hübsch auszumessen und mit den Maßen zu vergleichen, die ich dem Gendarm und dem Förster gegeben habe. Es dämmert schon im Holze, wie ich zurückkomme. Große braune Abendfalter Zickzacken über den Waldmeisterteppich, eine große Fledermaus taumelt um die Buchenstämme, im Erdfall quarren die Frösche, läuten die Unken, im Schatten der Böschung klingeln die Geburtshelferkröten. Aus allen Waldrändern treten die roten Rehe, über die Kuppen der Hügel schnüren die Füchse, aus den Bachgründen quellen Nebelstreifen und hinter der grauen Felszacke kommt der Mond hervor. Von der hohen Kanzel am Abhange aus sehe ich den Tag zur Rüste gehen. Hinter schwarzen Waldmauern verflammt die Sonne, roter Schein färbt den Himmel, dichter ziehen die Nebel über die Wiesen und verhüllen ein Reh nach dem anderen, dumpf unkt in den Fichten die Ohreule. Am Mordsteine vorüber gehe ich der Röte zu. Dumpf ist es hier im Grunde und die Ohreule seufzt kläglich in der Tanne. Etwas wie Angst, aus Mitleid entstanden, faßt mich an, und schneller gehe ich weiter. Da bleibe ich stehen; ein Schrei, gellend, kreischend, klingt aus der Dickung. Schon fasse ich nach dem Kolben, aber dann springe ich vorwärts, denn ich habe jetzt den Schrei erkannt, die Angstklage des Bockes. Da poltert es auch schon heran durch dick und dünn, zwei Schatten fahren durch das hohe Holz, mitten durch meinen Wind, ohne zu verhoffen, und rasselnd und prasselnd geht die Hatz talab. Das war der Bock von der Bergwiese, den ich heute vormittag sah; er forkelte einen anderen aus seinem Stande fort. Und nun weiß ich auch, wo ich den Raufer zu suchen habe. Kommst du mir morgen, dann ist Schluß mit dir; nur einmal im Jahre feiere ich mein Waldpfingsten. Vor der Brandung Fern von dem Orte liegt ein einsames Stück Strand, nach dem sich nie einer der Badegäste verirrt, oder, geschieht das doch einmal, so kehrt er bald um, denn es wird ihm zu lästig, immer und nur über loses Geröll wandern zu müssen. So habe ich dieses Stück Halbland ganz für mich allein. Wird es mir am Sandstrande zu laut und zu lustig, so rette ich mich unter das Steilufer, sehe mit dem Fernglase den Regenpfeifern zu, die auf dem Vorlande umhertrippeln, beobachte die Brandenten, die hinter den Felsblöcken ihre Brut führen, und scheint die Sonne sehr schön, so ziehe ich mich völlig aus und nehme in dem warmen Sande ein Luftbad. Ist das nicht der Fall, dann bummele ich am Strande entlang und sehe, was die Wellen mir beschert haben an Muscheln, Schnecken, Algen, Tang, Krebsen und Krabben und seltsamen Fischen, wie Seeskorpionen und Meernadeln, oder an anderem Getier. Jeden Tag finde ich etwas Neues. Einmal las ich eine ganze Hand voller Bernstein auf, ein anderes Mal traf ich einen Tümmler an, der auf den Schotter geworfen war, und was ich an versteinerten Seeigeln und Donnerkeilen zusammengeschleppt und auf meinem Tische angehäuft habe, das ist schon ein kleines Museum. Heute habe ich nun den Dreilauf mitgenommen. Nicht etwa, um Möwen zu schießen, denn das ist ein Sport, den ich gern solchen Leuten überlasse, deren Herz aus Sehnen und Knorpeln besteht und deren Augen keine Ehrfurcht vor Schönheit und Anmut kennen; auch denke ich nicht daran, dem Fuchse nachzustellen, der in dem Handdorngestrüpp seinen Bau hat, und der selbst am hellen Tage hier umherschnürt; ich habe etwas anderes vor. Als ich nämlich vor drei Tagen hier entlang schlich und mich an dem Spiel der Möwen am Strande labte, und so verloren danach hinsah, kam ein schwarzes Ding aus der Flut, verschwand, tauchte wieder auf, war abermals fort und erschien zum dritten Male, während ich mich hinter dem Seegraswalle ganz klein gemacht hatte. Es kam mir so vor, als wenn mir die Weste zu eng wäre, denn es war schon eine Weile her, daß ich auf Seehunde gejagt hatte, und das war in der üblichen Weise unter Führung eines Fischers und von einer Sandbank aus geschehen; hier aber konnte ich auf einen Hund zu Schusse kommen, den ich mir selber ausgemacht hatte, und auf einem Gelände ganz eigener, wilder Art, und außerdem auf ein Stück, wie ich es größer noch nicht sah, einen Haupthund, und wahrscheinlich auf den Schwerenöter, über den mein Gastwirt und Freund Korl Kipp immer so lästerlich schimpft, weil er ihm bei jedem Fange einige Dutzend Löcher in das Netz zu reißen pflegt. So blieb ich denn hinter dem Seegrasbord liegen und sah mir an, wie der Hund sich benahm, so wenig angenehm es sich dort auch lag bei den Tausenden und aber Tausenden von Strandfliegen, die mich umbrummten, und auch deshalb, weil der Sand, auf dem ich lag, reichlich naß war und mir den Flanellanzug in wenig behaglicher Weise durchfeuchtete. Ich blieb aber doch eine Stunde liegen, besah mir den Rundkopf mit dem Glase und stellte zu meiner Freude fest, daß er hier Stammgast zu sein schien, denn er benahm sich ohne jede Scheu, rekelte sich auf der Klippe, drehte bald den Bauch, bald den Rücken gegen die Sonne, kratzte sich ausgiebig und putzte sich sorgfältig, reckte und streckte sich wohlig, gähnte bisweilen auch herzhaft, ließ sich nicht im mindesten durch den Dampfer stören, kurzum, er verhielt sich so, daß ich mir sagte: »Morgen hast du ihn.« So wurde es aber nicht; denn der Wind drehte sich und kam von Osten, und er benahm sich so ungestüm, daß er die Wellen bis weit auf den Strand hin schmiß, so daß die Klippe, wo der Hund sich gesonnt hatte, kaum zu sehen war; außerdem war es so kalt, daß ich es nur eine knappe halbe Stunde aushielt, und so feucht, daß ich ganz durchweicht war, teils vom Boden aus, teils von dem Spritzwasser. Deshalb zog ich es bald vor, zu der schönen Wittib zu gehen und einen Grog nordnördlicher Beschaffenheit zu trinken, und gestern ging ich nur bis an den Sanddorn, sah durch das Glas nach der meistens überspülten Hundsklippe und verzog mich dann schnell zu der blonden Rieka, wo sie alle saßen, Rob und Hein und Jan und Harm und wie sie heißen, priemten oder schmökten und ein unterhaltsames Garn spannen oder mit ihren knarrenden Stimmen die Balladen von den Helden des Iltis und von Samoa sangen. Heute aber hat sich das Wetter besonnen. Es weht zwar noch, aber von Süden, und bei weitem nicht so stark wie die letzten Tage. Die Sonne lacht vom Himmel und brennt gegen den Strand, an dem ich entlang gehe und mir all das betrachte, was die Wellen dort abgeladen haben, den Möwen und Krähen zur Freude, die sich kreischend und quarrend darum balgen. Hunderte von toten Butts liegen da, Dorsche, Knurrhähne, unzählige Quallen und Hunderttausende von Steckmuscheln, umwirbelt von Strandfliegen. Das Seegras ist in hohen Bänken angehäuft, und überall auf dem Sande liegen, wie hingemalt, zierliche Rotalgen, während kopfdicke Feuersteinknollen, mit Blasentang bewachsen, bis dicht unter die Sanddornbüsche geschleudert sind, vor denen ich entlang gehe, und in denen die Grasmücken singen und die Hänflinge zwitschern, während um die voll blühenden, einen betäubenden Honigdunst ausströmenden silbernen Ölweiden Tausende von Bienen brummen. Doch jetzt kommt eine Lücke in den Sanddornbüschen und ich muß in die hungrigen, vom Sturme arg mißhandelten Kiefern treten, wo es nach Harz riecht und wo Fink und Amsel singen und der Boden bedeckt ist mit den seidigen Fruchtschöpfen der Küchenschellen, die der Wind hin und her bewegt. Bald aber beginnt der Sanddorn wieder und ich schleiche mich hinter ihm her, bis die Deckung aufhört und der kahle Strand beginnt mit seinem Gewirr aus Felsblöcken, gegen die die Brandung pratscht, und vor denen mächtige Bänke aus Seegras und Steckmuscheln vom Wellenschlage aufgehäuft sind. Lange nehme ich die großen Steine unter das Glas, sehe aber nichts als eine gewaltige Möwe, die über sie hinwegsegelt. Ich krieche, so schnell es geht, auf dem Bauche bis an die äußerste Seegrasbank, zupfe mir in ihrem Borde eine Schießscharte zurecht, von der aus ich die Seehundsklippe gut übersehen kann, stecke mir die Pfeife an und mache es mir so bequem in dem warmen Sande, daß ich es wohl einige Stunden hier aushalten kann. Sehe ich vor mich hin, so habe ich die Klippen, gegen die in strengen Abständen die Wellen anschlagen, und dahinter das blitzende Meer, mit den Fischerbooten und einem Dampfer, der eine großmächtige Rauchwolke hinter sich herzieht, während dort, wo Luft und Wasser zusammengehen, ein gewaltiger Schoner seine Segel leuchten läßt. Ab und zu fliegen Möwen vorüber, Schwalben fahren dahin, ein weißer Schmetterling gaukelt vorbei, und mit fröhlichem Getriller kommt ein Uferläufer angestrichen, rennt eilfertig am Strande entlang und fliegt trillender weiter. Neben mir im Sande ist auch vielerlei zu sehen. Hunderte von verschiedenen gefärbten Marienkäferchen, die der Sturm vertrieb, krabbeln umher, allerlei andere kleine Käfer rennen auf und ab, durchsichtige kleine Krebstiere tauchen aus dem Sande hervor und schnellen sich mit großen Sätzen weiter, und in dem Fluttümpel wimmelt es von Granat und Dorschbrut. Ich aber sehe kaum dahin, sondern spähe nach den Klippen, den Seehund erwartend. Die Sonne meint es zu gut. Trotzdem ich weiter nichts anhabe als das waldfarbige Wollhemd, die Hose und Strandschuhe, und eine ganz leichte Mütze trage, bricht mir der Schweiß aus allen Poren aus, eine bekömmliche Mattigkeit kriecht mir durch den Leib und meine Gedanken zerschwimmen zu Träumen, die so formlos sind wie die Wellen zwischen den Klippen. Das leise Klatschen des Wassers vor mir und das verstohlene Ruscheln des Sandhafers hinter meinem Rücken vermischen sich zu einer nervenberuhigenden Singweise, in die jetzt ein heller Möwenschrei und nun das dumpfe Heulen des Dampfers hineinklingen. Mit halben Augen starre ich nach den Klippen und von ihnen in die See, um dann mit dem Glase nach der Sandbank zu blicken, wo die Brandenten, bunt wie Fastnachtsgecken, nach Futter suchen. Dort, wo das Steilufer in das Meer hineinspringt, taucht ein schwarzer Heck auf, und noch einer und abermals einer und ein vierter und fünfter. Zuerst zuckte ich zusammen, denn ich dachte an den Seehund, aber ich sah sofort, daß es Tümmler waren. Wie eine gewaltige Schlange sehen sie aus, wie sie so hintereinander herschwimmen, so daß von jedem nur der Rücken sichtbar ist. Eine Weile kann ich sie noch mit dem Glase verfolgen; dann verschwinden sie in der Ferne. Aber nun gibt es in mir einen Ruck, denn geradeaus wippt ein schwarzes, rundes Ding auf und ab, einem Seehundshaupte täuschend ähnlich. Es ist aber ein Stück Holz oder ein anderer lebloser Gegenstand, denn seine Bewegungen folgen genau denen der Wellen. Ich kann es ja auch nicht erwarten, daß ich heute gleich Anblick bekomme, und noch viel weniger, daß ich die Kugel anbringen, denn wer weiß, ob der Hund sich ständig hier sonnt. Ob ich nun aber hier lieg, oder dort, wo Sandburg an Sandburg sich erhebt und der Strand von Stadtvolk wimmelt, das ist gleichgültig, oder vielmehr, hier gefällt es mir besser als dort, wo es mir zu voll und zu laut ist. Ich will jeden Tag hier passen, bis ich den Hund habe, und bekomme ich ihn nicht, so ist das weiter auch nicht schlimm. Ich rauche meine Pfeife und summe ganz sachte die schwermütige Weise, die Peter Muß gestern so schön sang: »Die Reise nach Jütland, und die fällt mir so schwer; Du einzigschönes Mädchen, ich sehe dich nicht mehr.« Dann suche ich zur Abwechslung die wunderschönen rosenroten Müschelchen aus dem Seegrase und sammele von den vielerlei winzigen Käferchen, die im Sande kriechen, eine Anzahl in ein Gläschen mit Weingeist, um einen Freund in der Stadt, der dieses Zeug erforscht, damit zu beglücken. Darauf blicke ich einer zierlichen Seeschwalbe nach, die mit spitzem Schrei an mir vorüberfliegt, oder den Mauerseglern, die pfeilschnell um das hohe Ufer jagen, und dann wieder nach den Klippen, auf denen jetzt eine blanke Krähe sitzt und sich der Sonne freut, bis sie sich aufmacht und dem Lande zufliegt, oder den blitzenden Wasserjungfern, die hin und wieder an mir vorbeiflirren. Sodann meldet sich der Magen; ich esse langsam und bedächtig, stopfe mir hinterher eine frische Pfeife und rauche und träume und starre auf die Flut, auf der tausend grelle Lichter spielen. Ich glaube, ich bin eingenickt; denn meine Pfeife liegt erloschen neben mir im Sande. Einen Blick will ich nach der Klippe werfen, und dann mit der Mütze auf dem Gesichte mein Mittagsschläfchen halten. Nur so aus Gewohnheit sehe ich nach den Steinblöcken hin, mache aber ganz schnell sehr große Augen, denn hinter ihnen war eben etwas, etwas Schwarzes, Rundes, Blankes, das sofort wieder untertauchte. Wenn das nicht der Seehund war, will ich Hans heißen. Ich lasse die Klippen nun nicht mehr aus den Augen, denn das Glas darf ich nicht gebrauchen, weil die Sonne mir gegenüber steht und das Blitzen den Hund vergrämen könnte. Es ist der Hund, er ist es ganz gewiß. Eben war er dort, jetzt ist er hier, und nun ist er dicht bei den Steinen; ganz deutlich habe ich ihn erkannt. Immer wieder kommt er hoch und verschwindet fast in demselben Augenblicke in dem Springwasser, bis er endlich den breiten, flachen Stein erklimmt und dort mit hohem Kopfe liegen bleibt. Nun heißt es zu warten, bis er mir das Hinterhaupt weist, denn der Herzschutz ist zu unsicher und damit kann er noch das Wasser erreichen und mir verloren gehen. Aber erst bleibt er lange Zeit so liegen, daß ich ihn von der rechten Seite habe; dann dreht er sich auf die andere; dann wälzt er sich auf den Rücken; nun liegt er so flach da, daß er mit der Klippe ganz verschmilzt, und so bleibt er liegen, als hätte er vor, mich zum Narren zu halten. Dann und wann kratzt er sich, oder fährt mit dem Kopf hin und her, aber so, wie ich es haben möchte, will er sich durchaus nicht stellen. Zum Unglücke kommen auch ein paar Krähen an und lassen sich am Strande nieder, und ich muß ganz still liegen und mich fest an das Seegras drücken, damit sie mich nicht spitz kriegen und Lärm schlagen. Schließlich aber nimmt der Hund die gewünschte Lage an, und das habe ich dem Dampfer zu verdanken, der dort oben angequalmt kommt. Ich richte den Drilling, bringe die Fadenkreuzspitze des Fernrohres dahin, wo der Kopf des Seehundes aus dem Rücken quillt, steche ein und drücke ab, sehe die Kugel über das Wasser tanzen und die Krähen mit wütendem Geplärre von dannen fuchteln. Die Klippe ist leer. Vielleicht ging die Kugel daneben; denn wenn es auch nicht weit war, Kopfschuß bleibt Kopfschuß. Ich ziehe schnell die Schuhe aus, streife die Hose hoch und gehe ziemlich aufgeregt über das Geröll in die Springwellen hinein, und dann lache ich vor mich hin, denn vor mir liegt auf dem Rücken, den hellen blanken breiten Bauch zeigend, der Seehund und schlägt nur noch ganz wenig mit den Finnen. Seine großen, dunklen, tiefen Augen sehen mich traurig an, als wollten sie mich fragen, warum ich ihm das schöne Leben nicht gönnte, die Jagd auf Dorsch und Butt und das Sonnenbad auf dem breiten Steine, und etwas wie Reue will in mir hochkommen. Doch ich schoß ihn ja nicht nur aus Freude an der Jagd, sondern weil er meinem Freunde Karl Kipp das Netz zerriß. Auf dem roten Haititel Sieben blutjunge Wandervögel zogen eben unter den sieben rosenroten Hügeln hin und sangen zur Zupfgeige: ›Ein Jägermädchen das trägt ein grüngrünes Kleid; ich liebe das Grüne zum Zeitvertreib.‹ Ich liebe dieses Lied sehr, und so flog die Brummfliege, die über meine Laune kroch, auf und davon. Ich erhebe mich von meinem Passeplatze unter der grauen Klippe, und während ich sachte weiterbummele, pfeife ich ganz leise den Kehrreim des Liedchens durch die Zähne. Was werde ich mir von dem dummen Bock diesen wunderbaren Morgen verderben lassen! Der Himmel ist hoch, die Sonne blank, die Grillen geigen, die Heidlerchen dudeln, Silberfliegen schwirren, Goldjungfern flirren, und aus blauer Luft jauchzt der Mußaar seinen Weidruf zum Hai hinab, auf diese sieben rosenroten Hügel vor dem dunklen Forst, auf denen ich weidwerken darf. Als mich der Förster vor fünf Tagen hierhin brachte, blieb mir der Mund offen stehen vor Freude. Sieben Hügel, einer immer höher und steiler als der andere, alle miteinander ganz und gar von hohem, rötlichgrauem Grase dicht bedeckt, aus dem sich Tausende und aber Tausende von purpurn blühenden Fingerhutstauden erhoben. Ich merkte nicht darauf, was mir der Grünrock wies, noch vernahm ich, was er mir sagte; ich stand und staunte und staunte, erst beklommen, und dann gehoben atmend, vor dieser roten Pracht. Es ist möglich, daß diese Überfülle von Schönheit Schuld daran ist, daß ich den Bock noch nicht auf die Decke gebracht hat. Als gestern abend die Sonne beim Abschied aus all den roten Blütenrispen glühende Fackeln machte und aus dem ganzen weiten Hai eine siebenfach geteilte Feuerflut, erhob meine Seele einen Lobgesang, und so verpaßte ich den Bock, der halbrechts von mir durch die Himbeeren zog und in der Bachdelle untertauchte, ehe ich ihm die Kugel antragen konnte. Und jetzt in der Morgensonne sieht der rote Hai wieder so wunderbar aus, und so ganz anders als gestern abend, daß ich mich zusammenreißen muß, damit meine Blicke nach dem Bocke suchen und nicht in der Blütenflammenpracht versinken. Aber ist es nicht der Fingerhut, der sie das Träumen lehrt, so ist es das taubeperlte, goldrot schimmernde Gras, und ist es dieses nicht, das sie ablenkt, so die hohen blauen oder weißen Glockenblumen, die stolzen Goldruten, die Buschwicken, die die Rosenbüsche mit einem Schleier zarter weißer Blumen umhüllen, die Himbeeren, die überall aus dem Grün funkeln, oder die alten Fichtenstümpfe, die wie blankes Silber leuchten, das Geschwirre blitzender Fliegen, das Geflirre glitzernder Libellen, und das Gepiepe und Geflatter der flüggen Vogelbrut in allen Büschen, dieses ganze volle starke Hochsommerleben um mich her, das meinen Willen lahmt. Doch ich habe dem Hegemeister, der mir sagte, der Bock vom roten Hai sei gefeit gegen Kraut und Lot, gelobt, ihn binnen sieben Tagen zu meinen Füßen zu haben, und so tue ich meinen Augen Gewalt an und zwinge sie zum Gehorsam, wenn sie auch immer wieder von der Fährte weichen wollen. Behutsam trete ich, hinter dem Buschwerk mich deckend, an die Schlucht hinan, in der der Wildbach glucksend und schluckend dahinschäumt. Aber nur das hellgelbe Schmalreh, zu dem sich der Bock vor zwei Wochen gehalten hat, und dem er dann den Scheidebrief gab, tritt dort herum und äst sich an dem quicken Grün, und weiter oben in der Quellfinke sitzt ein alter Hase und mümmelt an einem Grashalm. Ich klimme einen Hang empor und steige den anderen hinab, bis ich auf dem höchsten Kopfe bin, ohne etwas anderes zu Blick zu bekommen zu haben als ein Rottier mit seinem Kalbe, die sich ganz vertraut auf dem vierten Hügel äsen und langsam in den Wald treten. Obschon ich ganz sachte pirsche und barfuß und weiter nichts anhabe als die kurzen Hosen und das Jagdhemd, und mir die Morgenluft frei um den Hals, Brust, die bloßen Arme und die nackten Unterschenkel streichen kann, läuft mir der Schweiß über den ganzen Leib von dem ewigen Bergauf und Talab, und so werfe ich mich unter der hohen Klippe eine Weile hin, lasse mich von der Sonne abtrocknen, sehe dem Spiel der Schwalben zu und blicke den roten Käfern nach, die über mich hinwegfliegen, bis mir die Augenlieder immer heißer und schwerer werden. Ich glaube, ich habe eine gute Zeit geschlafen, denn die Sonne ist währenddem verschwunden, der Himmel ist ganz trübe und die Luft ist sehr schwül. Hinter dem Walde murmelt ein Ferngewitter und es tröpfelt verloren auf mich herunter. Nun aber auf, denn bei dieser dicken, geladenen Luft pflegt den Bock die Liebe stärker zu zwicken, und die Ricken sind williger denn je! Horcht, meine Ohren, fiept dort vor der Dickung nicht schon eine? Ich nehme das Glas vor die Augen, aber zu lang ist das Gras, und der Wind ist faul für jene Ecke. Bergab muß ich und dann wieder bergauf und einen großen Bogen schlagen, um unter den Wind zu kommen, und dann stehe ich da und dampfe aus allen Poren, und spähe nach der Dickung, und horche, und sehe anfangs nichts und vernehme zuerst nichts. Die Blindfliegen summen mir um Stirn und Nacken, Ameisen krabbeln über meine bloßen Füße, die Sonne, die wieder die Wolken zerschmolzen hat, versengt mir das Genick, und ich stehe und spähe und lausche, denn eben war mir so, als ertönte das Fiepen der brünstigen Ricke und als hätte ich einen rotbraunen Fleck sich zwischen den purpurnen Rispen bewegen sehen. Ich habe mich nicht geirrt. Deutlich höre ich ein Altreh nach dem Bocke rufen, und jetzt weist mir das Glas einen Kopf, der zwischen den Fingerhutstauden hin und her zieht. Ich will mich näher heranpirschen, aber der Pfeifenrauch zeigt mir, daß der Wind in dieser Ecke nicht Wort hält, und so muß ich wieder bergab und von der anderen Seite bergauf, immer durch das hohe, rötlichgraue Gras und zwischen den blutroten Fingerhutripsen entlang, bis ich endlich bei einem Haufen von Felstrümmern den Fleck gefunden habe, wo die Luft beständig ist und nicht quirlt. Derweilen ist das Reh aber in die Dickung gezogen; ab und zu höre ich es sehnsüchtig locken, bis es schließlich verschweigt und ich weiter nichts zu tuen habe, als meine Blicke an der roten Blütenfülle um mich her zu berauschen, die, je nachdem die Sonne voll leuchtet, halb verhüllt ist oder gänzlich abhanden kommt, ihren Ton abändert, so daß jetzt an jedem Stengel rubinrote Glocken hängen und nun lauter dicke Bluttropfen aus ihnen zu quellen scheinen, unheimlich schön zu schauen. Das Gewitter hat sich vorläufig ausgeknurrt, doch die Luft ist nur noch schwerer und schwüler geworden. Ich meine, ich könnte hineinfassen, Stücke daraus reißen und zu Klößen formen, so dick ist sie. Und so bleiern sieht der Himmel aus, als hätte es nie eine Sonne gegeben, und so tief hängt er, als wenn nur die Berge und die Fichten ihn hinderten, auf die Erde zu fallen. Das Gewitter wird wiederkommen; es kämpft mit dem Vollmonde um die Oberhand. Mag es kommen; ich geht nicht eher fort, bis daß es Abend ist und die Eule umfliegt. Ein Tropfen klatscht mir schwer auf die Backe, ein anderer auf den Arm, und nun platscht es bald hier, bald da in das Gras und auf die roten Blumen und die grauen Felsen, zwischen die ich mich hineinquetsche, um ein wenig Deckung zu haben. Jetzt aber ist die Sonne wieder da und sticht unbarmherzig, quellenden Dampf aus dem Boden saugend, und verzieht sich wieder, ohne daß es auch nur ein bißchen kühler wird. Ich atme schwer; mir ist, als knie mir der Nachtmahr auf der Brust und drücke mir den Hals ab. Allerlei Sinnestäuschungen narren mich. Der ganze Hai fängt an zu wallen und zu wogen wie ein Meer von Blut, aus dem die grauen Baumstümpfe wie angstverzerrte Sterbegesichter hervorgrinsen. Dann ist alles vor mir grau und der Himmel auf einmal blutrot. Überall, vor mir, neben mir und in meinem Rücken fiepen Rehe, allerorts huschen zwei braune Schatten hintereinander her. Ich bin übermüdet und überhungert und verdurstet, habe der Blindfliegen wegen und des unsteten Windes halber zuviel geraucht, und so spielen mir die Nerven einen Possen über den anderen. Ich schließe die Augen, atme tief aus und ein, bücke mich dann und wasche mir mit einem Busche nassen Grases Stirn und Hals und Brust, und mache mich schnell, aber vorsichtig wieder lang, denn vor mir höre ich es wieder locken; ganz deutlich höre ich es. Aber das Glas zeigt mir nichts als Gras und Gras und Gras und eine rote Blütenreihe neben der anderen, zusammengeschmolzen durch einen dicken Dunst und verklebt von hin und her schwankendem Brodem. Irgendein Nerv in meinen linken Schlaf zuckt wie unter einem Nadelstich; die geladene Luft erinnert ihn an die böse Schlittenfahrt in Graubünden, als drei Stunden lang der Schneesturm mein Gesicht mit harten Ruten strich. Ein Blitzstrahl, so kurz, daß er wie eine Täuschung wirkt, irrlichtert hinter dem Walde, ein Donnerschlag, als sollten die Berge bersten, brüllt ihm nach. Ohne Ankündigung gießt es herab, daß das Gras zu Boden stürzt und die roten Blumen zu Tausenden herunterfallen. Ich klemme mich zwischen die Felsen und sehe in den Platzregen hinein und auf meine Beine, die der Rückprall der Tropfen mit Schmutz bewirft, bis der Schwall dünner wird, in einem leichten Geriesel sich verläuft und die Sonne lustig lachend wieder da ist. Der Wind weht mir steif entgegen. Ich überlege nicht lange, denn mir gegenüber fiept es wieder. Tief gebückt pirsche ich mich nach der nächsten Felsgruppe, verschnaufe da, erklimme einen mannshohen Steinblock, auf dem ein krauser Quitschenbaum mir Deckung gibt, spanne und spähe um mich her. Zur rechten Zeit entschloß ich mich; vor mir treibt der Bock. Dahin kann ich nicht; also muß er her zu mir. Er treibt ein Altreh, und so will ich es mit dem Kniffe versuchen, den der alte Grünrock in Pomerellen mich vor drei Jahrzehnten lehrte, die Ricke bei der Mutterliebe zu packen und zu mir heranzuholen, und mit ihr den Bock. Ich stelle die Blatte auf den dünnsten Ton und lasse das Angstgeplärre des Kitzes erschrillen. Sofort steht die Ricke mit hohem Halse, und dann stürmt sie unbesonnen auf mich los, und hinter ihr her, wahr und gewiß, poltert der Bock. Auf dreizig Schritte lasse ich beide heran, fahre mit, und sobald ich mit dem Warnruf des Rotkehlchens den Bock in der vollen Fahrt zustande gebracht habe, nehme ich ihm das Maß, sehe ihn im Schusse zusammenrucken und dann, vorn ganz tief, in das Gestrüpp rutschen. Die Ricke macht nur eine kurze Flucht, äugt hin und her, tritt dann zu dem Bocke, prescht zurück und zieht zögernd, sich fortwährend umwenden, der Dickung zu. Der Bock ist verendet; er hat die Kugel ganz kurz Blatt bekommen, zu kurz fast; ein Zoll mehr nach links, so wäre er heil geblieben. Ich breche ihn auf, hänge ihn an den Quitschenbaum und sehe, während ich ein Stück Brot und ein paar Bananen esse, zu, wie der dunkelrote Brandadernschweiß auf die hellroten Fingerhutblumen tropft. Ein Tropfen klatscht einer Eidechse, die aus einer Felsritze hervorschlüpfte, mitten auf den Kopf, daß sie entsetzt zurückfährt. Darüber kommt mich ein Lächeln an. Doch dann wischt ein trüber Gedanke es von meinen Mundwinkeln fort. Morgen oder übermorgen muß ich von dannen, muß wieder in die große Stadt, kann nicht mehr zusammen mit Bilch und Waldmaus in der Röte schlafen, darf nicht mehr barfuß und bloßbrüstig laufen, soll wieder Mensch sein wie die anderen, leben wie sie, denken wie sie. Ich wollte, der Bock lebte noch und ich müßte ihn noch eine Weile weidwerken hier auf dem roten Hai. Am Forellenwasser Dumpf ist die Luft und drückend. Die Schwalben fliegen tief, die Fliegen sind lästig, die Menschen schwitzen und stöhnen. Das ist das richtige Wetter für den Fliegenfischer. Ich ziehe den leichten Manchesteranzug an, hole die Angel aus dem Gewehrschrank, suche Fliegenbuch, Kätscher und Fischkorb heraus und radle zur Bahn. Einzelne dicke, große Tropfen fallen, langsam und in Pausen. Drohend poltert es in den Wolken. Und kaum, daß der Zug im Gange ist, da schlagen dichtere Tropfen an die Fenster, ein gelber Schein, ein lauter Knall und aus den Wolken taucht die Sonne wieder auf. Auf der Haltestelle sehn mich die Bauern groß an. Forellen, die fängt man doch besser mit der Hand oder mit dem Netz, aber nicht mit so einer bleistiftdünnen, schwanken Rute, wie ich sie aus der Wildlederhülle ziehe. Und wie ich die Rolle einklemme und die Schnur durch die Ösen ziehe, das Vorfach anknüpfe und die Fliege vorschlinge, da schütteln sie die Köpfe: »Wenn das man was gibt?« Hinter dem Dorfe, bei der grauen Steinbrücke, wo die hohen Pappeln schatten, fängt mein Gebiet an. Zehn Schritt vom Ufer bleibe ich stehen, daß mein Schatten nicht auf das Wasser fällt, rolle fünfzehn Fuß Schnur ab, mache erst ein paar Probewürfe durch die Luft, und dann, aus dem Handgelenk mit lose angelegtem Arm, eins, »sßt«, sagt die Schnur, zwei, »sßt«, sagt sie noch einmal, und leise wie ein Hauch fällt die Fliege auf das Wasser. Dem Wurf folgt ein leiser Ruck. Das geht ja heute gut; auf den ersten Wurf gleich Anbiß! Ganz unbewußt habe ich den Ruck durch ein Zucken des Handgelenks beantwortet. Mit der Linken fasse ich die Kurbel der Rolle, kürze die Schnur, es plätschert im Bach, schnellt sich im Rasen, und zu meinen Füßen tanzt eine viertelpfündige Forelle. »Dunnerschlag,« meint der alte Bauer, der mir zugesehn hat, »wenn das so weiter geht!«´ Er macht aber ein dummes Gesicht, als ich den Fisch zart vom Haken löse und in den Bach zurückwerfe: »Stadtvolk, Narrenvolk!« denkt er wohl. Aber erstens ist es alter Fischerbrauch, den Erstlin nicht mit nach Hause zu nehmen, sonst jagt die Wasserfrau alle Fische fort, und dann, viertelpfündige will ich nicht, ein halbes Pfund müssen sie wiegen. Hier steht lauter kleines Zeug. Noch drei lande ich, dann gehe ich stromauf, wo über den Strubbelköpfen der Kohldisteln die breiten, weißen Schirme hoher Dolden stehen, wo die Weidenröschen ihre roten Rispen über den mächtigen Blättern der Pestwurz recken. Dort hat sich der Bach diesen März, als das viele Wasser aus den Bergen kam, einen tiefen Kolk bei dem anderen gewühlt, und da stehen gute Fische. Der Neuntöter mit dem zimtbraunen Rücken schlägt großen Lärm, als ich mich nähere, und der lasurblau und smaragdgrün schillernde Eisvogel verläßt mit schrillem Aufschrei seinen Lauerposten auf dem dürren Weidenzweig. Die Stieglitze aber zwitschern lustig weiter in der Feldeiche, und die dunkelblauen und tiefgrünen Wasserjungfern flirren ungestört hin und her. Ein hübscher, kleiner Blondkopf mit hellblauen Augen und einem ganzen Mund voll weißer Zähne sieht mir zu. »Willst du mir das halten, Junge? Kriegst auch 'n Groschen!« Er nickt und lacht. Ich gebe ihm die Jacke und den Fischkorb, und stolz über das wichtige Amt, sieht er seine barbeinigen Schwesterchen an, die Hand in Hand, dicke Sträußchen von Klatschrosen und Kornblumen in den freien Händen, mir erstaunt zusehn, wie ich zum Bachbett hinabsteige. Anders geht es hier nicht. Vom Ufer aus kann ich nicht angeln. Weiden hindern den Wurf, blühende Rosen schnappen mit zackigen Zweigen nach der Leine, Hopfen, Gaisblatt, Kletten und Disteln, Schlehen und Kreuzdorn bringen Fliege und Vorfach in Gefahr. So ziehe ich die langen Strümpfe aus, behalte nur die derben Sandalen an, und wate in das gurgelnde, sprudelnde Wasser hinein. Die Bachnixe will mir die glatten Steine unter den Sohlen wegziehn, ich lach sie aus, denn die Sohlen sind scharf genagelt. Aber die blinden Fliegen! Das ist ja schrecklich! Schnell die Pfeife heraus und Dampf gemacht. Das hilft. Und nun der erste Wurf. Nein, erst ein Probewurf durch die Luft. Sßt, sßt und noch einmal sßt, sßt. Und nun dorthin, wo der große schwarzweiße Schmetterling über den Erlenblättern gaukelt, die Fliege geworfen. Plumps, sagt es da, ehe ich geworfen habe, ein fußlanges, goldenes Ding fährt aus dem schwarzgrünen Wasser, und der edle Falter ist fort. Das war ein zweipfündiger Fisch, um den lohnt es sich. Dreimal lasse ich die Fliege über den Fleck fallen, wo die starke Forelle aufging, aber sie kümmert sich nicht darum. Ich reiße die Fliege ab, suche eine andere, das größte, grüne Heupferd, das in meinem Buche ist, und versuche es damit. Aber auch der fette Happen lockt sie nicht aus ihrem Bach. Na, warte nur, du Dickkopp, dich kriege ich doch. Ich habe ja schwarzweiße Hühnerfedern in meinem anderen Buch. Schnell zwei davon herausgeholt, mit der Schwere auf die Größe eines Falters zurechtgestutzt, mit seinem Silberdraht an einen mittelgroßen Haken gebunden, schnell das Vorfach darangeknotet, und nun wollen wir einmal sehn. Schlecht wirft es sich mit der riesigen Fliege. Erst nach zehn Probewürfen über den blau blühenden Quendel und den goldenen Mauerpfeffer am feien Ufer hinter mir habe ich den falschen Schmetterling so weit dressiert, daß er dahin flattert, wohin ich ihn haben will. Und noch ist er drei Zoll über der Stelle, wo der alte Räuber aufging, hat noch nicht den Wasserspiegel berührt, da blitzt es goldig aus dem Wasser heraus und schnell, blitzschnell haue ich an und fasse die Rollenkurbel. Wie sie sich wehrt. Bald tief im Kolk, daß die Rute krumm wie ein Flitzebogen wird und ihre Spitze fast das Wasser berührt, so daß ich vorsichtig Schnur geben muß, dann wieder oben auf, daß das Wasser platscht, daß die Rute sich streckt und ich schnell aufrollen muß, denn ist die Schnur einen Augenblick schlapp, dann schlägt sie sich los. Langsam wate ich bachab, den sich heftig sträubenden Fisch mit dem Strome drillend. Meine kleine Gesellschaft am Ufer erhebt ein dreistimmiges Freudengebrüll: »Er hat eine; ›ne dicke! Huih!« Still, ihr Krabben! Wollt mich wohl berufen! Hab' ihn noch lange nicht! Platsch, plumps, klitsch, klatsch, so geht es in es in einem fort. Jetzt ein Ruck, dann ein Sprung, da heißt's aufpassen! Aber allmählich wird sie matter, ihr Schlagen läßt nach, und jetzt kommt ihr Kopf über Wasser mit weitgeöffnetem Rachen. »Das Netz!« rufe ich dem Jungen zu. Er reicht es mir, natürlich verkehrt. »Umdrehn!« So, ich habe es, tauche in das Wasser, bringe, immer rückwärts watend, den Fisch darüber, hebe es hoch, und da habe ich ihn. Ein dreistimmiges, unmusikalisches Hoch am Ufer. »Och, Karl, was 'n Bengel.« »Dunnerschlag, was 'n Biest!« »Und so bunt is er: ordentlich wie Kattunzeug!« Ich löse den Mordskerl vom Haken, töte ihn schnell durch einen Schlag mit dem Weidmesser und lasse ihn in den Korb gleiten. Aber ansehn muß ich ihn mir. Das ist ja beinahe Größe Lachsforelle. Die wiegt mehr als zwei Pfund. Und aus ihrem Schlunde sieht ja etwas Grünliches heraus. Ich schlitze sie auf und fördere eine fast halbpfündige Forelle zutage. Und den Schmetterling hat sie auch noch im Leibe und einen halbwüchsigen Frosch. Kein Wunder bei dem Appetit, daß sie einen solchen Rücken hat, breiter als mein Handgelenk. Ordentlich warm hat sie mich gemacht. Und die Pfeife ist dabei ausgegangen. Ich glaube, ich habe eine Zigarette verdient. Und einen Augenblick Ruhe im Grase. Was haben nur die Grasmücken da drüben? Die machen ja einen Heidenlärm. Ach so, das Großwiesel! Ganz gemütlich kommt es da angetrabt, eine Wühlmaus im Mäulchen. Jetzt hat es uns bemerkt, macht, mit der Maus im Maul, ein Männchen, und wupps, ist es in den Schlehbüschen verschwunden. So, jetzt kann es weitergehen. Ich werfe den Rest der Papiros in den Bach. Plumps, sagt es. Wohl bekomm's! Die scheinen ja heute auf alles zu beißen. Ich wate wieder hinein und lasse die Fliege auf das Wasser fallen, erst unter die Weiden, dann vor die Ellern, dann dahin, wo der Baldrian blüht und das Mäuseholz rankt, aber ich kriege keinen Biß. Und immer sehe ich starke Forellen aufgehen. Wenn ich nur wüßte, wonach. Es fliegen da Wasserjungfern, aber danach sehe ich sie nicht springen. Auch um die auf und ab tanzenden Eintagsfliegen kümmern sie sich nicht. Aber halt, der ziegelrotflüglige, stahlblauleibige Käfer, der da oben so träge flog, verschwand im letzten Plumps. Also auf den harten, dicken Pappelblattkäfer beißen sie jetzt. Hab ich den in meinem Buche? Ja, sogar sechsmal. Der lange Forellenfischer im Harz empfahl ihn mir, der den drei Engeländern bei schlechtem Beißwetter in einer Stunde zwölf Pfund vorangelte. »Indeed splendid! In fact grand!« zischten sie neben ihren Pfeifen heraus, als er die dreipfündige durch die Klippen drillte. Ich reiße meinen Schmetterling ab und schlinge die rotblaue Fliege an. Fünfmal, sechsmal werfe ich, aber keine beißt. Ich hänge eine kleine, silbergraue Beißfliege, der Eintagesfliege ähnlich, an, aber auch die nehmen sie nicht. Das ist doch sonderbar! Aber so ist sie, die Forelle; nach Zigarettenstummeln geht sie aus, wenn sie will, und dann kann man sein ganzes Buch durchsehn und ihr anbieten, was man will, und es fällt ihr nicht ein, zu beißen. Große, dunkelbraune Köcherfliegen sehe ich flattern. Ich will es mit diesen Stinkern einmal versuchen. Ich suche mir etwas Passendes aus dem Buche und werfe. Plumps und platsch! Ich haue an. Nanu? Das sind ja zwei auf einmal! Ach so, an die Beißfliege habe ich gar nicht mehr gedacht. Ich wate rückwärts. Am Ufer geht das Freudengeschrei wieder los: »Jetzt hat er zwei! Hurra!« Sechs nackte, braune Beine führen einen Jubel tanz auf. Aber zu früh. Denn die starke Forelle, die die Endfliege nahm, schlägt sich los, und nur die halbpfündige lande ich. Aber von da ab fluscht es. Biß auf Biß, meist nur halbpfündige, ab und zu auch eine ganz schwache, die wieder in den Bach fliegt, es wird mir langweilig, dieser glatte Fang. Ich will nach dem großen Kolke gehen, wo ich vor acht Tagen den starken Fisch verpaßte. Da ist es wunderschön: dicht an den Kolk drängt sich das Rübenfeld, übersät mit den knallroten Wimpeln des Mohns. Eine Garde von hohen blaukelchigen Glockenblumen steht am Ufer. Weiße Spiräen werden von bunten Faltern und blanken Fliegen umschwärmt. An der anderen Seite ist ein Beet von himmelblauen Vergißmeinnicht, am steilen Ufer glüht ein rotes Weidenröschen neben dem andern. Schwer ist der Wurf da. Rechts reckt die Silberpappel einen langen Ast über das Ufer, links wartet ein Schlehbusch auf das Vorfach, und mitten im Kolk liegt ein entwurzelter Weidenbaum. Aber gerade an solchen schlimmen Stellen ist die Freude um so großer, landet man einen guten Fisch. Die Fliege pfeift hinter mich, kommt zurück und schwebt auf das tiefblaugrüne, stille Wasser, mitten zwischen die langbeinigen Wasserwanzen, die entsetzt auseinanderstieben. Es plumpst. Ich rolle auf und lache: ein dicker, grüner Frosch hampelt und strampelt das Lehmufer hinauf. Hinter mir geht es los: »Huih, 'ne Pogge!« fahr hin, Quaker, und sieh dich ein andermal besser vor! Wieder fällt die Fliege auf das Wasser: Nichts. Noch einmal: Nichts. Zum dritten Male: Nichts. Und jetzt weiter oben: Nichts. Und jetzt hier unten. Hoho, da ist sie! Das ist die große, ich merks am Ruck. Derb haue ich an, denn ich fühle es, der Fisch hat die Fliege fest genommen. Nun aber ist guter Rat teuer. Schießt der Fisch nach links, dann kommt er unter die Faschinen und ich bin ihn los. Geht er rechts ab, so fängt sich die Leine in der Weide, und ich kriege ihn auch nicht. Da muß ich mitten in den Bach hinein, und der ist hier tief. Aber was schadet das, es ist ja Sommer! Bis an den Leib stehe ich im Wasser. Die Kinder machen ängstliche Augen: »Er versäuft sich!« Beinahe wäre ich es. Hätte ich mich nicht noch schnell an der krüppeligen Esche festgehalten, so wäre ich hinterrücks in den Kolk gefallen. So aber werde ich nur bis an die Hüften naß. Den Fisch aber habe ich. Der kommt nicht los. Er wehrt sich sehr, doch das hilft ihm nichts. Rückwärts erklettere ich das Ufer, drille ihn unter Wasser hundert Schritt weit stromab, und wo die Wiese mit gelbweißen Margeriten, roter Kuckucksnelke und braunem Sauerampfer an das Ufer stößt, bringe ich ihn zu Land. Die große von neulich ist es nicht. Die wog mehr. Aber eine gute Anderthalbpfündige. Mit der will ich Schluß machen. Sechs Pfund habe ich, drei für mich, drei für meinen Jagdfreund. Mehr fangen, als man braucht, das ist Raubfischerei. Hinter dem Sommerdeiche Zwischen dem Moore und der Marsch soll kein Bock mehr geschossen werden, und im Bruche lohnt sich das Weidwerken nicht mehr, seitdem die Wiesen gemäht sind. Außerdem gefällt es mir dort nicht mehr. Erstens ist mir da jetzt zuviel Stacheldraht, und es ist kein Vergnügen, alle Augenblicke unter den Drähten durchkriechen zu müssen, und da das Bruch entwässert wird, ist es dort viel zu unruhig. So habe ich mich nach der Marsch hingewöhnt. Viel zu holen ist hier ja nicht; zwei gute Böcke stehen freilich dort, aber sie haben in der Frucht so viel Deckung und dicht dabei Äsung, daß es reiner Dusel ist, bekommt man sie zu Gesicht, und infolge der vielen Büsche und Hagen ist das Gelände so unübersichtlich, daß man meist erst dann von dem Bock etwas merkt, wenn er schreckend abspringt. Aber etwas anderes gibt es hier, auf das sich ein Pirschgang lohnt. Am heiligen Berge bei Hoya und in der Ahe bei Ahlden sind Reihersiedlungen, und von da aus streichen Tag für Tag die Reiher bis hierher und fischen an der Aller und an den Flutkolken, und einen Reiher zu beschleichen, das gilt mir ebensoviel, wie einen Bock zu weidwerken. Außerdem ist es hier so wunderschön in der grünen Marsch. Die Augen haben reiche Weide, die Ohren kommen zu ihrem Recht, und für die Nase ist auch gesorgt, denn das frisch gemähte Heu duftet wie Waldmeister, der Quendel blüht am Deich, und der Wind trägt Kiefernduft von den Heidbergen heran. Auf den Weidekoppeln grast schweres, schwarzweißes Vieh, da traben blanke Pferde; Störche stelzen hier umher, ganze Flüge von Kiebitzen und wahre Wolken von Staren beleben die Luft, überall ist Schwalbengezwitscher, an Krähen und Elstern ist kein Mangel, und die hübschen, strammen, braunarmigen Mädchen mit den weißen Helgoländern, den roten Leibchen und den blauen Röcken, die beim Heumachen sind, sehen sich auch nett an. So bummele ich denn, die Pfeife im Munde, den Drilling über das Kreuz geschlagen und die Hände in den Taschen, frohgemut den Sommerdeich entlang, erst auf seinem Scheitel, aber dann an seiner Sohle, und wo ich weiß, daß eine vom Weidicht umbuschte Bucht an ihn herantritt, oder daß ein Kolk, den das Winterhochwasser grub, liegt, da trete ich behutsam über den Deich und sehe zu, ob nicht ein Langhals zu übertölpeln ist, oder ich setze mich, gedeckt durch das Buschwerk, an einer guten Stelle an. Gestern abend saß ich ganz hinten in der Marsch unter einer krausen Eiche und sah auf den großen Kolk hinab, auf den die Sonne rote und goldene Lichter warf. Die Frösche quakten munter, Tausende von Staren brausten über mich hin, auf den Weidekoppeln riefen die Kiebitze, im Rohre schwatzte der Drosselrohrfänger, der Wachtelkönig rief im Kleeschlage, das Käuzchen schrie im Hag. Ich saß und rauchte und sah der Ricke zu, die sich mit ihren beiden Kitzen im blumigen Wiesengrunde äste, dem Hermelin, das unter dem Dornbusche hin und her huschte, und auf einmal stand ein alter Reiher vor mir. Lange sicherte er mit langem Halse; dann schüttelte er sein Gefieder zurecht und schlich dem Kolke zu. Ich konnte ihn leicht schießen, aber ich mochte es nicht, einmal, weil mich der Schuß aus dem Hinterhalte langweilt, und dann, weil ich drei Morgen nacheinander in der Sandwehe zwischen dem Kolk und dem Deiche und am Ufer den Otter gespürt hatte und auf diesen ansaß. So sah ich denn zu, wie der Reiher um den Kolk herumschlich und Frösche und Mäuse fing, wie er in das Wasser hineintrat und Karauschen fing, bis er plötzlich zurückschreckte, die Schwingen spreizte und abstrich, und da gab es in dem Schilfe ein lautes Platschen und Klatschen. Ich stellte mich hin und zitterte vor Aufregung, denn ich wußte, daß das der Otter war, der einen starken Fisch geraubt hatte. Ich hörte das Riedgras rauschen, sah das Rohr schwanken, den Otter aber bekam ich nicht zu Gesicht, obgleich der Mond hell genug schien und ich bis gegen Mitternacht anstand. Jetzt ist es vier Uhr morgens. Über dem Flusse zieht dick und weiß der Nebel. Die Enten schnattern im Uferschilf, Fische werfen sich, ein Reiher, in dem Nebel wie ein Schatten aussehend, streicht vorüber. Aus den Wiesen schallt der Ruf des Wachtelkönigs, im Felde lockt der Rebhahn. Ich warte unter der Eiche, bis die Sonne den Nebel von dem Wasser scheucht, sehe den Hasen zu, die den Deich einlang hoppeln, und horche, was die Elstern erzählen. Hoch am Himmel streichen Saatkrähen hin, alle in derselben Richtung, alle laut schreiend, und ein Storch nach dem anderen läßt sich in den Wiesen nieder. Auf der Schlickbank im Flusse trippeln die Uferläufer umher, eine Seeschwalbe ordnet da ihr Gefieder, weiterhin am Ufer waten die Kiebitze, und noch weiterhin stelzt ein Brachvogel. Hier und da streicht ein Reiher hin. Ein jäher Windstoß wirbelt den Nebel durcheinander und reißt ihn von dem Flusse. Schleunigst rudern die Enten in das Schilf hinein, und die Teichhühner retten sich in das Weidicht. Dort unten, wo das steile Sandufer goldig in der Sonne leuchtet, wird ein großer Raubvogel sichtbar. Der Fischadler ist es; sein heller Bauch leuchtet in der Sonne wie Silber. Vorgestern kam er mir auf Schrotschußnähe; ich ließ ihn leben. Es ist sowieso schon langweilig genug auf der Welt geworden; wenn man einmal einen Kolkraben sieht, so ist das ein Ereignis, und nur, um ein Wanderfalkenpaar zu beobachten, reise ich alle Frühjahr in die Berge, trotzdem die Jagd nicht mehr meinem Freunde gehört. Dort, wo der Fluß die Krümmung macht, stürzt sich der Adler in den Fluß, daß das Wasser aufspritzt, aber schon schwebt er weiter; er stieß fehl. Noch einmal senkt er sich, aber er hebt sich wieder, ohne gestoßen zu haben. Doch jetzt, wo er mir gerade gegenüber ist, stößt er zu und streicht davon, laut frohlockend, einen fußlangen Weißfisch in den Fängen. Ich schleiche wieder unten am Deiche her, ab und zu, wo ein Busch es erlaubt, einen Blick nach dem Ufer oder auf einen Kolk werfend. Es sieht heute schlecht aus mit der Pirsch auf den Reiher. Das haushohe Buschfloß, das den Fluß herunterkommt, hat sie verscheucht, und die Fischer, die ihre Aalkörbe aufziehen. Der eine winkt mir zu. Neugierig gehe ich weiter. Sollte sich wieder ein Otter gefangen haben? Vor acht Tagen zog er in einer großen Reuse einen Otter heraus, der in das Garn gegangen und ersoffen war. Aber heute hat er etwas anderes im Kahne liegen, etwas, wovor er sich ekelt. Eine armlange, armdicke Lamprete, die an einem starken Aale festgesogen ist, wälzt sich in dem Aalkorbe, ein seltener Fang hier mitten im Binnenlande. Er schenkt mir das Tier. »Dat is 'n Meegenoogenkönig. Essen kann'n den nich!« Ich will ihn auch nicht essen, aber ich will ihn dem Museum schicken. Es fängt an warm zu werden; die Sonne meint es gut. Ich bin froh, daß ich nur die Bluse und die kurze Hose anhabe, und wate mit Vergnügen durch das tauschlägige Gras. Überall brüllt das Vieh, überall klingt das Streichen der Mäher. Seeschwalben streichen mit klirrendem Schrei den Fluß entlang, ab und zu niederstoßend und ein Fischchen erbeutend, ein Turmfalke rüttelt über der Kleebreite, aber nur zwei Reiher sehe ich, und die streichen dort ganz hinten. Ich will aber einen haben, und so gehe ich den Deich entlang und sehe, ob ich nicht irgendwo einen Langhals erspähe. Endlich, nachdem ich schon eine Stunde gegangen bin, sehe ich, wie sich dort hinten einer herunterläßt. Wo er geblieben ist, weiß ich nicht; entweder steht er in der Bucht, oder an dem großen Kolke. Deswegen muß ich auf die lange Hecke zusteuern und an ihr entlang wieder zum Deiche zurückschleichen. Von da aus kann ich hinter dem Busche in den Kolk sehen, und steht der Graue dort nicht, dann muß ich über den Deich und an den Uferweiden entlang nach der Bucht. Es ist ein weiter Weg, aber langweilig wird er mir nicht. Den ganzen Deich entlang blüht das Johanniskraut in goldener Pracht, an den Gräben hängen die blauen und weißen Glocken des Beinwells aus dem Riedgrase heraus, aus den Weidenbüschen leuchten die weißen Blumen der Uferwinde, und über einem blauen Wulst von Wickenblüten erheben sich aus dem Kolke die mächtigen goldgelben Schirme der riesigen Sumpfwolfsmilch, betäubenden Honigduft herüberschickend. Die Luft lebt von Schwalben und Kiebitzen, und überall flirren Wasserjungfern. Die Kiebitze dürften sich jetzt aber beruhigen, und daß der Dorndreher warnt, ist auch nicht nötig, und die Krähe könnte auch den Schnabel halten, denn sonst warnen sie den Reiher vor mir. Deswegen ist es, glaube ich, besser, ich sehe erst einmal bei dem Kolke zu. Aber da ist nichts zu sehen als ein Wasserhuhn, das eilig über die Seerosen rennt. So mußt ich wieder hinter dem Deiche zurück bis dahin, wo der hohe Dornbusch steht, und von da über den Deich hinter die Weidenbüsche. Und jetzt heißt es, aufpassen! Jeden Augenblick kann der Reiher abstreichen. Hier ist er ganz frisch gewesen; der Schlick zeigt überall seine Spuren. Vorsichtig schleiche ich in dem Sande entlang, fertig zum Schnappschutz. Aber die Bucht ist leer; nur ein Eisvogel streicht mit schrillem Rufe ab, in der Sonne wie ein Edelstein blitzend. »Wenn nicht, denn nicht!« entfährt es mir, während ich abspanne und den Drilling über die Schulter werfe. In dem selben Augenblick schnellt hinter dem unterwaschenen Ufer ein silberweißer, schwarz gefleckter Hals hervor, graue Fittiche spreizen sich, und im Umsehen hat der Reiher Luft gewonnen, aber doch nicht so schnell, als ich den Drilling herunterreiße, spanne und anbacke. Im Feuer wirbelt der Reiher in das Wasser. Im Handumdrehen streife ich Bluse und Hose herunter und schwimme hinterher, hole ihn und lege ihn in den Sand und mich daneben, damit die Sonne uns beide trocknet. In der wilden Wohld Wo die Feldmark des Dorfes aufhört, kommt erst das Bruch, und dann die Heide, und dann das Moor und zuallerletzt die wilde Wohld. Das ist ein Wald, wie ihn der Wind säete, wie ihn die Drossel pflanzte und das Rotkehlchen, der Häher und die Eichkatze; der da wuchs, wie er wollte. Zwei Stunden hin und her ist er groß. Ein einziger Fahrweg durchschneidet ihn der Länge nach, und einer teilt ihn in die Quere. Alles andere ist Dickung, hier hoch, da niedrig, bald naß, bald trocken, aber überall gleicherweise wild und unwegsam. Hier und da führt ein vergraster Knüppeldamm in das Dickicht oder ein schon wieder halb geschlossener Holzweg, auf dem die Bauern die Stämme abfuhren, die der Sturm umschmiß, als er einmal schlechter Laune war. Alles andere aber, was wie Wege aussieht, sind Wildwechsel. Denn sie ist reich an jagdbaren Getier und Raubzeug, die Wohld. Zwar ist es schon mehr als vierzig Jahre her, daß der Wolf sich dort blicken ließ; aber noch immer hat der edle Hirsch hier seinen Unterstand, noch immer stecken sich dort die Sauen, an Rehen ist kein Mangel, Hasen gibt es dort auch, Fuchs, Marder und Dachs spüren sich jeden Morgen auf den sandigen Wegestellen und ab und zu auch der Otter, wenn er seinen Wechsel zwischen dem Flusse und den Fischteichen nimmt, die da hinten in der Heide liegen. Aber es ist ein schlechtes Weidwerken in der Wohld. Seitdem die Bauern nicht mehr mit der Bracke jagen, lohnt die Jagd dort nicht die Mühe. Müde vom weiten Wege, hungrig und halb verdurstet, ganz zerstochen von den Mücken, den Gnitten und den blinden Fliegen, kommen die Jäger in später Nacht mit leerem Rucksack zum Dorfkruge zurück, schimpfen mordsmäßig, essen wie die Wölfe, trinken mehr Bier, als gut ist, und ehe sie ins Bett fallen, salben sie sich die feuerroten Stellen mit den seltsamen schwarzen Punkten darin, die sie beim Ausziehen an Arm und Bein, Brust und Bauch vorfinden, mit Öl ein; aber noch eine volle Woche lang juckt es dort, wo die ekelhaften Tiere, die Holzböcke, sich eingesaugt hatten. So blieb die Wohld mir. Sie ist mir so, wie sie ist, gerade recht. Die Mücken und die Gnitten sind mir gleichgültig; sie stachen mich dreizig Sommer lang; ich fühle ihre Stiche kaum mehr. Gegen die blinden Fliegen ist die Pfeife gut, und für die Holzböcke Öl. Die weiten Wege kümmern mich nicht, denn dafür habe ich einmal das Rad, und dann ist ja auch die Jagdbude da. Es ist zwar bloß eine Hütte aus rohen Kiefernstämmen, mit Heidschollen gedeckt und mit einer Tür, durch deren Ritzen Sonne und Mond scheinen, und der Wind weiß sich auch hineinzufinden, aber wenn ich meine sechs bis acht Stunden gepirscht oder angestanden habe, dann kann die Sonne soviel scheinen, wie sie will, und der Mond auch; ich werde davon nicht wach. Gegen den Wind aber hilft der Schlafsack, und meint er es zu grob, dann schläft mein Hund bei mir; wir wärmen uns gegenseitig und schnarchen im Doppelklang gegen den Wind an. Heute nacht hat der Wind nicht schlecht gepfiffen; es war schon mehr eine Art Sturm. Ich glaube sogar, es hat einmal gewittert, und geregnet muß es ganz gehörig haben, denn vor der Tür steht noch das blanke Wasser, und das Torffeuer auf dem Herde ist aus, obzwar ich es gestern nacht frisch gespeist und gut zugedeckt hatte, trotzdem daß ich beinahe über meine eigenen Beine fiel und so müde war, daß ich nüchtern schlafen ging. Denn ich war in der allerletzten Ecke der Jagd gewesen, da, wo das Brandmoor und das Bullenbruch zusammenstoßen, wo die Welt ein Ende hat und kein Mensch die Jagdgrenze in der hüftenhohen Heide findet. So wurde es beinahe Mitternacht, als ich bei der Bude war, und darum hatte mich der Sturm nicht wecken können und das Unwetter auch nicht. Mein Magen wird es wohl gewesen sein, der so hart bellte, daß ich davon aufwachte, denn den Hund hatte ich ja bei dem Krüger gelassen, der Mücken und Stechfliegen wegen, und weil im Bruche zu viele Kreuzottern sind. So schlief ich bis in den hellichten Tag hinein, denn es ist jetzt sieben Uhr. Der Himmel ist blau, die Sonne meint es schon so gut, daß ich mit dem Jagdhemde und der dünnsten Kniehose allein auskomme. Je weniger man auf dem Leibe hat, um so leichter pirscht es sich, vorzüglich hier in der weglosen Wohld, wo der Boden überall mit Geknick bestreut ist. Während ich den verwitterten Hut aufsetze, ein Dutzend Bananen, ein Stück Brot und eine gebratene Wildtaube in den Frühstücksbeutel stopfe und diesen in den Netzrucksack stecke, hierzu die Teeflasche und den Tabaksbeutel, mir dann die fußlosen Kniestrümpfe überziehe und in die ausgetretenen Segeltuchschuhe fahre, überlege ich, wo ich weidwerken soll. Die Aussichten sind überall gleich gut, in der Schweineriede, am Bullenbruch, vor dem Brandmoor, bei der Furt, im Deipeloh und auf dem Bockshorn, und gleich schlecht. Denn nach einem mittleren Bocke gelüstet es mich nicht; ich will einen von den ganz alten Burschen mit den weißen Gesichtern haben, die einem den Rücken mürbe machen, muß man sie eine Stunde weit schleppen. Aber man muß es schon ganz dumm anfangen, will man auf so einen Schusse kommen, denn sie halten nie Wort und haben keinen festen Wechsel. Sie sind nie da, wo man sie sucht, und immer dort, wo man sie nicht vermutet, zumal diese Zeit, wo sie die Liebe im Leibe haben. Aber mit dem Anblatten ist hier in dieser Wildnis erst recht nichts zu wollen, denn die alten Böcke holen sich immer erst Wind. Deswegen werde ich es so machen, wie gewöhnlich, werde in die Kreuz und Quere durch die Wohld kriechen, je nachdem alte Holzwege und Wildwechsel da sind, und mich auf weiter nichts einrichten als auf den dummen Zufall. Kriege ich einen, so ist es gut, und geht es anders aus, so ist das auch weiter nicht schlimm, denn ich bleibe ja noch zwei volle Wochen hier. Der Jagdbude gegenüber führt ein grüner Streifen in das Wirrwarr von Fichten, Birken, Kiefern, Eichen und Ellern. Es war einmal ein Knüppeldamm, der vor zehn Jahren hier angelegt wurde, als der Sturm viele Hunderte von Bäumen umgeworfen hatte. Ich bummele ganz langsam durch das nasse Gras und den Waldklee, womit der Weg überzogen ist. Rechts und links und vor mir kurren die Kuhtauben, schnurren die Turteln, locken Fink und Meise. Auf die roten, weißen und grauen Stämme, auf den braunen Erdboden, das silberne Moos und die grünen Farne wirft die Sonne goldene Lichter, macht aus dem toten Gezweige der Fichten ein schimmerndes Geflecht und aus den Fliegen und Mücken lauter Diamanten. Vor mir her jagt eine Edeljungfer; kleegrün und vergißmeinnichtblau ist ihr schlanker Leib gefärbt. Ich sehe ihr nach, wie sie hin und her schwenkt, und drücke mich dann schnell hinter einen Stamm, denn keine fünfzig Schritte vor mir stelzt der Schwarzstorch an dem Graben entlang, der adelige Vogel. Jetzt, wo er aus dem Halbschatten in die volle Sonne tritt, zeigt er seine ganze Pracht, der stolze, heimliche, menschenscheue Waldstorch, wie rote Flammen leuchten der Schnabel und die hohen Ständer, wie frischer Schnee schimmert der weiße Bauch, und das erzfarbene Obergefieder sprüht das Sonnenlicht in goldgrünen und kupferroten Strahlen zurück. So wunderschön sieht er aus, daß ich das Rauchen vergesse und mich frage, wie es möglich ist, daß es Jäger gibt, die es über das Herz bringen können, so viel Pracht und Herrlichkeit zu vernichten. Jetzt, wo er bei den weißseidenen Rispen der Spierstaude und den goldenen Trauben des Weiderichs angelangt ist, die sich in dem Kolke spiegeln, langt er in das Gekraut und holt ein dickes, schwarzes Ding hervor, schleudert es gegen den Boden, hackt hastig darauf los, äugt nach rechts und links und schlingt die Beute hinab, die fette, dicke Wühlratte. Dann aber wird sein Hals ganz lang und steif, und starr sichert er nach dem Windbruch hinüber, pirscht aber gleich weiter, denn nur ein Reh ist es, das aus der Dickung heraustritt. Wieder wird sein Hals wie ein Pfahl, denn er hat mich eräugt. Er spreizt die gewaltigen Schwingen, macht drei weite Sätze und schwingt sich in das Dunkel der Fichten hinein. Auch das Reh, das da herumtritt, sichert zu mir herüber, äst dann aber weiter; es ist eine Schmalricke. Aber hinter ihm, in den Himbeeren, steht ein Bock, ein Bock von drei bis vier Jahren, den ich jeden Tag schießen kann, aber leben lassen will. Einen ganz alten will ich haben. Die Rehe sind vorübergezogen, ich schleiche weiter. Immer wilder wird es um mich her. Dreimannshoher Wacholder graue Totengerippe schimmern gespenstisch, Silbermoospolster gleißen seltsam, verrottete Wurfböden strecken unheimliche Wurzeln in die Luft. Immer dichter rücken die Bäume aneinander, immer enger verschränkt sich das Gesträuch, immer feuchter und weicher wird der Erdboden. Getreulich hat er jede Rehfährte festgehalten, und hier weist er mir, daß ein starker Hirsch über Nacht durchzog; alle vier Finger könnte ich in den Abdruck der Schalen hineinlegen. Aber ich stehe da, wie immer an dieser Stelle, und horche auf die große Stille. Zwar rufen die Tauben, läutet der Kuckuck, trillern die Haubenmeisen, aber Stille ist doch um mich her, eine Stille des Schattens, des Moders und der Verwesung. Mir ist, als hörte ich den Atem des Todes, der hier irgendwo liegt und schläft. Kein Sonnenstrahl fällt durch das Gezweige, kein heller Schein liegt auf einem der düsteren Stämme, keine lustige Stimme ist hier unten in dem verstohlenen Schweigen, in das der heisere Ruf des Reihers, der ungesehen von mir über die Wohld dahinfliegt, wie ein Angstgeschrei hineinfällt. Mich fröstelt. Mir fällt ein Abend ein, an dem ich hier einst zwei Stunden hinter einem Wurfboden lag, die gestochene Büche am Kopfe, denn hundert Gänge vor mir zwischen zwei alten Kiefern lag, mit dem Gewehr im Anschlag, in guter Deckung ein Mann, der sich das Gesicht schwarz gemacht hatte. So lagen wir, bis der Abend Baum und Boden zusammenschmolz, und erst als es ganz schwarz war, hörte ich den Freischützen sich abstehlen. Angst war es damals nicht, was ich in mir fühlte, nur Wut, denn tags zuvor hatte mein Teckel den Aufbruch einer hochbeschlagenen Ricke aufgefunden. Heute aber fröstelt mich, denke ich an jenen Abend. Wie leicht konnte es kommen, und Kugel und Posten flogen hin und her, und ich hätte eine blutrote Erinnerung gehabt, oder die Sauen hätten mich gefressen, und über meine Knochen wüchsen Moos und Kraut, wie auf dem Schädel des alten Tieres, das hier verluderte. Ich fand es vor drei Jahren; ein Wilddieb hatte es angeflickt, und es war elend eingegangen. So gespenstig sieht der grünliche Schädel aus, als wäre es einer von den dreizehn schwedischen Soldaten, die im Dreißigjährigen Kriege hier von den Bauern abgeschossen und eingegraben wurden, weswegen dieser Ort noch heute der Schwedenanger heißt und der Bach die Blutbeeke, denn sein Wasser sieht in der Sonne wie Blut aus. Hier stand einst ein Dorf, das in jenem Kriege in Rauch aufging; bei der Furt wälzt der Bach immer noch Ziegelsteinbrocken, unter Moos und Mulm liegen Mauerschutt und Balkenwerk, und um die Mitternacht gehen hier die toten Soldaten um und fluchen und rufen, und hinterher schallt das laute Lachen der Bauern. Ich fahre zusammen und lache mich dann selber aus; ein Bock schreckte halbrechts von mir in der Dickung. Aber ich will doch weiterpirschen. Hier an der Furt ist es freundlicher. Zwar sieht der Bach zwischen den hohen, dunkel bemoosten Ufern unheimlich genug aus, die Wacholder stehen da wie böse Männer, und die alte Eiche verrenkt ihre Äste, als wollte sie von dannen; doch weiter unten, an dem Steg, winken die weißen Rispen des Mädelsüß und des Weiderichs goldene Trauben, flattert auch ein gelber Falter und schwirren goldgrüne Wasserjungfern im hellen Sonnenlicht hin und wieder, bis ein schriller Schrei ertönt, ein blanker Blitz über das Wasser fährt und Tod und Verderben unter das leichtsinnige Völkchen bringt. Der Eisvogel ist es; er hängt drüben auf der Ranke des Nachtschattens, wie ein Kleinod aus Türkisen, Saphieren und Karfunkeln anzusehen. Und dann ist mir, als ob ich träume, denn den Bach entlang kommt ein funkelndes Ding nach dem anderen heran, widergespiegelt von der blutroten Flut, umflattert den Nachtschattenbusch mit spitzem Gekreische und bleibt dort hängen. Zehn schimmernde Edelsteine hasten jetzt dort, die beiden alten Eisvögel und ihre flügge Brut. Jedesmal, wenn einer der Alten eine Libelle fängt oder eine Ellritze aus dem Bache fischt, stiebt ihm die bunte Schar entgegen, und die Luft und das Wasser sind erfüllt von dem Funkeln und Flimmern ihres Gefieders. Doch da streichen die alten Vögel bachaufwärts und ihnen nach stiebt mit hungrigem Kreischen das junge Volk. Mir aber ist zumute, als wäre ich im Märchenlande gewesen, und ich muß mich erst besinnen, wo ich bin, ehe ich weiterpirsche. Jenseits des Steges, auf dem, wie immer, des Edelmarders Losung liegt, bleibt es eine ganze Weile licht und räum denn dort fängt der große Wildbruch an. Alle Fichten und Kiefern warf der Sturm hier in einer einzigen Nacht im Julmonde um; die Birken, Eichen und Ellern aber ließ er stehen. Noch ragen die Wurfböden der Bäume hier in die Luft, mit Himbeeren, Farnen und Weidenröschen bewachsen, vom Moose besponnen, von Flechten überzogen. Hier und da machen sich Wacholderbüsche breit und drängen den Faulbaum und den Porst beiseite. Hinter dem höchsten von ihnen steht eine Eiche, bis unten hin beastet; darin habe ich mir einen Sitz gemacht, von dem ich weiten Blick habe. Leise erklettere ich ihn, mache es mir darauf bequem und lasse meine Augen hin und her gehen, zum Boden hin, wo sich die Spitzmäuse jagen, in die Baumkronen, wo die Häher umherschlüpfen, zum Himmel, wo ein Wespenbussard laut rufend seine Kreise zieht, bis Himmel, Zweige und Gras ineinanderschwimmen und Fliegengesumme und Meisegepiepe zusammenklingen in eine einzige, einschläfernde Singweise und meine Augen immer kleiner werden. Doch mit einem Male besinnen sie sich wieder auf sich selber, denn linkerhand brach es leise. Aber es ist nichts zu sehen. Dann bricht es lauter und an mehr als einer Stelle, und es grunzt und quiekt, und eine alte Bache, ein halbes Dutzend Frischlinge hinter sich, tritt auf die Blöße, nimmt lange Wind und führt ihre Jungen der Dickung zu. Eine halbe Stunde lang bleibt es tot auf der Rodung, nur daß einmal der Hühnerhabicht herangestrichen kommt, auf einem Wurfboden fußt und so lange lauert, bis eine Eichkatze über den Boden hüpft, die er greift und fortträgt. Dann treibt ein Kuckuck laut rufend eins seiner Weiber von Baum zu Baum, der Pfingstvogel flötet so dicht vor mir, daß ich seine rubinfarbenen Augen sehen kann, und verschwindet, wie ein goldener Traum. Darauf erschien eine Häherschule, quietscht und quatscht und quiekt und quakt und benimmt sich bald frech, bald ängstlich, nun albern und jetzt gespreizt, bis sie mit gellendem Kreischen davonflattert. Da schicke ich meine Augen auf die Suche und horche, bis ich ein leises Brechen höre. Lange weiß ich nicht, wo es brach, bis der Misteldrossel Geschnarre es mir weist, und da macht mein Herz erst einen großen Sprung, dann duckt es sich und schämt sich, denn nicht der alte Bock ist der große rote Fleck dort vor dem spitzen Wacholderbusch, sondern ein Rottier, und was hinter ihm herzieht, ist das Kalb. Das alte Tier windet und windet und tritt schnell wieder zurück; wahrscheinlich hat die Luft ihm meine Witterung zugeführt, denn der Sitz im Baum ist für Rotwild nicht hoch genug. Nun ist wieder nichts vor mir als das Flirren der Wasserjungfern, das Flattern der Weißlinge und das Auf- und blitzen der Schwebfliegen, und über mir das Summen der Bienen, die in den Birken Honigtau sammeln, und ab und zu der leise Pfiff des Blutfinken oder das laute Auflachen des Grünspechtes. Wenn ich noch länger sitzen bleibe, schlafe ich ein und falle samt der Büchse aus dem Baume. Darum will ich machen, daß ich weiterkomme. Kaum habe ich die Büchse gesichert, da kreischt es hinter meinem Rücken, bricht es, poltert es, und ehe ich noch recht weiß, was da vorgeht, flüchtet unmittelbar unter meiner Eiche ein guter Bock hin, dicht hinter ihm ein Hauptbock, einer von denen, die ich haben möchte. Das ging aber so schnell, daß die wilde Jagd längst vorüber war, als ich den Kolben im Gesicht hatte. Aber nun will ich doch noch eine Stunde zugeben; vielleicht kommt der alte Raufbold auf dem Rückwechsel hier vorbei. Ich stopfe mir eine Pfeife, rauche und warte, die gespannte Büchse in den Händen, warte eine Viertelstunde, eine halbe, eine ganze, bekomme aber weiter nichts zu Blicke als ein Geltreh mit ganz weißem Gesicht, ein paar Kuhtauben, einen Buntspecht und allerlei Kleinvögel. Das wird mir auf die Dauer zu langweilig, mir werden mit der Zeit wieder die Augen schmal, auch schläft mir das linke Bein ein; so steige ich denn herab, recke und strecke mich und winde mich die Rodung entlang der Richtung zu, wo die beiden Böcke verschwanden. Das ist ein dummes Gehen hier; bald ist der Boden zu naß, daß er unter den Füßen quatscht, bald liegt alles voll von dürren Zweigen, dann ist überhaupt weder Weg noch Steg da, so dicht wuchert der Porst, und nun wieder stehen die jungen Fichten so eng, daß ich, ohne großen Lärm zu machen, nicht weiterkann. So dauert es eine halbe Stunde, ehe ich vor dem großen Kahlschlage bin. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und die Spinnweben aus dem Gesicht, nehme den Rucksack vom Rücken und lange die Flasche heraus, um einen Schluck Tee zu trinken, denn ich bin ganz trocken im Halse, da vernehme ich ein merkwürdiges Krächzen und sehe über das purpurne Bollwerk, das die Weidenröschen vor mir aufbauten, etwas Großes, Buntes, himmelblau und goldgrün Schimmerndes dahinschweben und in den Hängebirken verschwinden. Vor lauter Freude habe ich Herzklopfen bekommen, denn das war die Blauracke, der Wundervogel, von dem ich glaubte, er sei hier längst verschwunden. Den will ich mir aber etwas genauer ansehen, und so schleiche ich im Bogen unter Deckung den Birken zu, doch ehe ich nahe genug bin, krächzt es abermals, und eine zweite, dritte und vierte Racke funkelt über das purpurrote Blumenbeet, nimmt die vierte mit, alle zusammen blitzen noch einmal auf und sind dahin. Ich sehe ihnen noch mit offenem Munde und blanken Augen nach, doch ist mir so, als winke mir rechterhand jemand zu, und wie ich meine Augen dahinbringe, steht dort der alte Bock und äugt hin und her; das Gekreische der Zaubervögel hat ihm verkündet, daß die Luft nach Schießpulver riecht. Wenn ich jetzt hier einen Baum hätte, so hätte ich auch den Bock, denn ein Stück von seinem Blatte geben die Himbeerbüsche frei. Aber ich habe keinen Baum hier, und den Schuß aus der freien Hand darf ich nicht wagen, da es gute hundertfünfzig Gänge bis zu dem Bocke sind; halb spitz steht er zu all dem Unglück auch, und jetzt äugt er steif nach mir her, so daß ich die Augen zukneifen muß und mich nicht rücken und rühren darf, zumal der Wind nicht allzu günstig ist, wie mein Pfeifenrauch mir angibt. Nun muß ich eben stehenbleiben, mir die Sonne in die Augen scheinen lassen und warten, bis der Bock sich entweder weiteräst, oder bis er abspringt. Es ist selbstverständlich, daß ein halbes Dutzend von blinden Fliegen die gute Gelegenheit benutzt und mir ins Gesicht fällt, auch kommen einige Hirschläuse angeflogen und krabbeln mir im Nackenhaar herum, und schließlich, nachdem mir erst eine Viehbremse die Ohren vollgesummt hat, muß noch eine der allergrößten Hornissen angebrummt kommen, sich mir erst auf den Ärmel und dann auf die Brust setzen, bis sie endlich einsieht, daß ich kein alter Baum bin, an dem sie Baustoff für ihr Nest findet. Und ich stehe da wie Lots Weib, schwitze Blut und Wasser und denke nichts als grünes Gift und gelbe Galle, denn drüben steht der Bock, äugt nach mir herüber, und je länger ich hinsehe, um so mehr kommt es mir vor, als grinse er über sein ganzes weißes Gesicht. Wenn böse Blicke Löcher rissen, läge er längst im Moose und schlüge mit den Läufen. Endlich wage ich wieder einmal ordentlich Luft zu holen, denn mein Gegenüber senkt das Haupt, um ein Gräschen zu pflücken. Aber ehe ich dazukomme, in mich selbst hineinzusinken, steht der Bock schon wieder da und äugt nach mir hin. Das macht er dann noch ein dutzendmal, und erst nach mehr als einer Viertelstunde ist er beruhigt und beginnt eine junge Kiefer zu befegen, daß sie wankt und wackelt. Und da werde ich so kurz, wie das Himbeergestrüpp vor mir, krieche hinter den Weidenröschen nach den drei Birken hin, verschnaufe dort erst, entsichere die Büchse und lasse den Stecher einspringen, und dann richte ich mich auf und mache ein langes Gesicht, denn ich sehe von dem Bocke nur den Spiegel, dieweil er sich währenddem um sich selber gedreht hat. Aber er fegt immer noch an dem Kiefernbäumchen herum, so daß eine Amsel, die über ihm in der Fichte sitzt, ihrem Ärger über den Unfug durch lautes Schnalzen Luft macht. Dabei fällt mir ein alter Kniff ein, ich lasse den Drosselangstruf erschrillen. Im Hui hat der Bock den Kopf hoch und äugt zu mir herüber, dabei das Blatt hergebend, und da habe ich auch schon das Silberkorn mitten darin, mache den Finger krumm und lache vor mich hin, denn eine hohe Flucht sah ich durch das Feuer und hörte zugleich, wie die Kugel schlug. Ich merke mir das Bäumchen, an dem der Bock die Kugel bekam, genau, denn es stehen mehrere ihm ähnliche da herum, und alle sind gefegt, und dann werfe ich mich in die Heidelbeeren und halte Mittag, wobei ich nicht vergesse, den Ameisen die Taubenknochen gerade auf den Wechsel zu legen. Gierig fallen sie darüber her, doch die Bananenhülsen, die ich daneben lege, sind ihnen so neu, daß sie davor zurückprallen. Endlich wagt sich eine daran, betastet sie vorsichtig mit den Fühlern und rennt zurück; ein Weilchen nachher kommen viele Ameisen an, gehen erst sehr vorsichtig zu Werke, ehe sie sich dicht herantrauen, denn so etwas haben sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gerochen. Schließlich fressen sie aber so eifrig, daß sie sogar die blinden Fliegen, die ich totdrücke und ihnen hinwerfe, liegen lassen, denn sie sind auf den Geschmack gekommen. Ich füttere noch einen Ameisenlöwen mit halbtoten Mücken, necke eine Eidechse, die sich auf einem Birkenstumpfe sonnt, mit einem Grashalme, bis sie wütend hineinbeißt und sich hin und her zerren läßt, sehe einer großen Schlupfwespe zu, die ein Kiefernstämmchen anbohrt, beobachte eine Mordwespe, die eine Eulenraupe mit ihrem Giftstachel lähmt und fortschleppt, mache eine kupferfarbige Libelle, die sich in einem Kreuzspinnennetze fing, frei, freue mich über eine halbwüchsige Kreuzkröte, die hurtig hinter den Mücken her ist, mache eine Spitzmaushochzeit mit, entdecke in der Fährte eines Hirsches einen niedlichen versteinerten Meerigel, fange schließlich noch eine goldhaarige Renntierbremse, die ich für einen Freund, der solches Geziefer erforscht, in ein Glasröhrchen stecke, und dann gehe ich auf den Anschuß. Der ist leicht zu finden. Hier ist der Baum, wo der Bock fegte, da neben den Ranken des Bärentraubenpolsters ist der Ausriß, den er machte, als er die Kugel bekam, dort auf dem Ampferblatt ist Schweiß, und in dem schwarzen Moose hängt rotes Schnitthaar. Alles ist da, bloß der Bock nicht. Er kann hier dicht dabei liegen, aber auch da oder dort, und ich finde ihn vielleicht, kann aber auch wohl bis in die Nacht suchen, ohne ihn zu bekommen, denn es ist der reine Zufall, soll ich seiner in dieser Wüstenei von Himbeeren, Pfeifengras, Weidenröschen, Heide, Binsen, Sandrohr, Brombeeren, Birkenbüschen und anderem Jungwuchs sichtig werden. Da bleibt weiter nichts übrig, als nach der Röte zu gehen und von dort nach dem Dorfe zu radeln und den Hund zu holen. Ein Vergnügen ist das gerade nicht, denn die Sonne brennt ganz gefährlich. Aber was hilft das? Ich schlage die Büsche über das Kreuz und stapfe wacker los, laut dabei flötend, wie immer, wenn ich ohne böse Absichten durch die Jagd gehe, und die habe ich nicht. Selbst wenn mir noch einer von den alten Böcken schußgerecht käme, täte ich ihm nichts; erst will ich den hier haben, denn so gehört sich das. So wanke ich denn auf dem kürzesten Wege durch Dick und Dünn, bekomme auf dem Fahrwege noch einen mäßigen Hirsch zu sehen und lange klatschnaß vor Schwitzen bei der Hütte an, hole mein Rad aus dem Busche und bin trotz des scheußlichen Weges in einer halben Stunde bei dem Kruge, wo mein Teckel mit totfalschem Gesichte vor der Tür liegt, aber nicht schlecht zu Pfeifen anfängt, als er das Piepen meines Sattels vernimmt. Beinahe hätte er mich samt dem Rade umgeworfen, so freut er sich, und als ich ihn an dem roten Flecke an meinem rechten Zeigefinger schnüffeln lasse, schlägt er einen solchen Lärm und benimmt sich so albern, daß die drei Flachsköpfe auf der Bank hell auflachen müssen. Es dauert ihm viel zu lange, bis ich mein Glas Himbeersaft aus habe; er versteht es gar nicht, wie man so ruhig dasitzen und trinken kann, wenn es gilt, eine rote Fährte auszuarbeiten, und in dem Blick, mit dem er mich ansieht, liegt die schüchterne Frage, ob ich mir vielleicht unterwegs einen kleine Sonnenstich weggeholt habe. Aber sowie ich in den Sattel springe, macht er ein Getöse, daß alle Hunde im Dorfe loslegen, und saust vor mir her, daß die Hühner gar nicht wissen, wie sie schnell genug durch die Hecken kommen sollen. Beim Moorwege springe ich ab und stecke den Hund in den schweißdichten Rucksack, den ich aus dem Kruge mitnahm, hänge den Rucksack über, steige wieder auf und radle weiter. Der Teckel kennt das; er legt seine Schnauze auf meine linke Schulter und leckt mir ab und zu das Ohr. Die Bauern, die mit ihren Torfwagen uns begegnen, lachen hellauf, als wir beide so daherkommen, und die hübschen jungen Mädchen sehen mich ordentlich verliebt an, denn wer ihnen etwas zum Lachen gibt, das ist ein Mann nach ihrem Herzen. Auch ich lache, aber ich schwitze greulich, denn die Sonne sticht, und der Hund wärmt mir den Rücken nicht schlecht, so daß ich heilfroh bin, als wir bei der Bude sind und ich den Hund los werde. Er läßt kein Auge von mir, während ich das Rad in den Busch schiebe und mir dann Stirn und Nacken trockne, aber seine Augen leuchten, wie ich den Schweißriemen herkriege, und willig läßt er sich anleinen. Habe ich ihn in unserem Stadtwalde an der Leine, dann ist er immer vorneweg und zieht fortwährend; sowie er aber den Schweißriemen an der Halsung hat, bleibt er brav hinter mir und kümmert sich sogar um die frischeste Fährte nicht, die unseren Weg kreuzt. Sogar jetzt, wo er die Ricke äugt, die über die Bahn wechselt, ruckt er kaum ein bißchen an, und selbst die frische Fuchslosung hier auf dem Findelstein läßt ihn kalt, denn er weiß, was das bedeutet, wenn ihm die Dockung des Schweißriemens über die Nase hin und her pendelt. Hübsch artig tappelt er die ganze Stunde hinter mir her, und nur, wie ein einzelner Bauer aus dem Quergestelle auf uns zukommt, tritt er vor mich hin und knurrt, bis der Mann an mit vorüber ist, denn nach seiner Meinung hat hier in der Wohld außer mir und ihm selber niemand weiter etwas zu suchen. Keinen Menschen, dessen Witterung er nicht kennt, läßt er im Wald und auf der Heide auf zehn Schritte an mich herankommen, ohne ihm gegen die Beine zu fahren; auf der Landstraße und in der Feldmark aber nimmt er es nicht so genau, denn es ist ihm bewußt, daß da noch andere Leute freies Gehen haben. Jetzt sind wir an dem großen Kahlschlag. Ich hänge den Schweißriemen ab und schlinge ihn an. Mächtig legt sich der Hund in die Halsung, aber das ist doch nichts gegen die Wut, mit der er mich voranzieht, sobald er den Anschuß anfällt und Schweiß vorweist. Durch Dick und Dünn und Dorn und Distel geht es, daß die Stengel knistern und die Strünke krachen, Brombeeren reißen mir die Hände blutig, Birkenzweige peitschen mir Striemen in die Backen, und hätte ich den Hut nicht im Rucksack, ich sähe ihn nie wieder, und das wäre ein Jammer, denn ich trage ihn erst das erste Jahr, und von einem Jagdhute heißt es wie vom Käse: Je älter, desto schöner! Ist das eine wilde Jagd: da geht ein Hase hin, hier poltert Birkwild fort, das da eben schien ein Reh zu sein, und da sind wir wahrhaftig über eine Kreuzotter hingetobt, ohne daß sie Zeit hatte, zuzubeißen! Eine ersäufte Katze ist nichts gegen mich, so naß bin ich, und wer mich hier so sieht, der glaubt es wahrhaftig nicht, daß ich auch manchmal den Frack anziehe, wenn auch nur in Notfällen. Wupp, das war ein Graben, und hopp, noch einer, und hier geht es mitten durch das blanke Wasser, das vom gestrigen Nachtregen stehen blieb, und nun haben wir ihn aber auch, den Bock; hier zwischen den vier Krüppelfichten liegt er! Ohne den Hund hätte ich ihn wohl nie gefunden, so versteckt liegt er. Mensch, das war aber ein Vergnügen! Du natürlich hättest lieber eine flotte Hatz gehabt! Aber mir ist es so lieber. Ich höre es gar nicht gern, wenn der Bock klagt, ziehst du ihn an der Drossel nieder. Tot, tot! Dahin! Du kriegst schon dein Jägerrecht. Da, das ist die Milz! Magst du nicht, sagst du. Kann ich dir nicht verdenken. Aber hier ist das schöne Nierenfett und die zerschossene Lungenspitze, und diese Wildbretfetzen und das Netz, wie ist es damit? Nicht wahr, das schmeckt? Und morgen gibt es am Spieße gebratene Leber, ein herrschaftliches Essen! Himmel, ist der Bock schwer! Der wiegt seine dreiundvierzig Pfund. Mir wäre es lieber, er wöge zehn weniger und hätte etwas Besseres zwischen den Lauschern als diese beinahe endlosen, kurzen, ungeperlten Jammerstangen mit den abscheulichen scharfen Schneiden oben darauf, wenigstens eine, denn die andere ist abgebrochen; die hat er erst kürzlich abgekämpft, der Raufbold und Neidhammel, der den anderen Böcken das nicht mehr gönnte, mit dem er selber doch nichts mehr anfangen konnte. So, nun wollen wir uns beide gehörig ausruhen, und dann geht es zur Jagdbude, denn ich kenne schönere Vergnügen, als diesen Bock bis zum Dorfe zu schleppen; den kann morgen einer von den Bauern auf dem Torfwagen mitnehmen. Mir tut schon so jeder Knochen einzeln weh. Und habe ich auch kein Federbett und du deinen Korb nicht, wir werden uns auf der Pritsche schon vertragen. Da am Himmel stehen zwar allerlei Wetterköpfe, und ab und zu leuchtet es darin verdächtig auf. Schadet nichts; mag es blitzen, mag es donnern, wir werden schlafen, ohne aufzuwachen, in der Jagdbude vor der wilden Wohld. Quer durch den Bruch Den ganzen Abend und die volle Nacht über tanzte der Sturm in dem Bruch umher. Ich glaube, er tanzte die schwedische Quadrille, denn es hörte sich an, als habe er lange Stiefel an und trampele damit wie unklug. Und Grog hatte er anscheinend reichlich im Leibe, sonst hätte er nicht so mächtig in die Hände geklappt und wie ein Scherenschleifer geflötet. Aber einen Schnupfen, den hatte er bestimmt, denn er hustete gewaltig und nieste nach der Schwierigkeit. Ich wußte es gestern morgen schon; denn als ich aus der Jagdbude trat, knirschte der Reif unter den Sohlen meiner Schuhe, und als die Sonne aufging, war das ganze Bruch silberweiß. Wie ein gut geratenes Spiegelei sah sie aus, als sie über der Wohld stand, und als sie höher stieg, lachte sie über ihr ganzes rundes rotes Gesicht. Aber ihr Lachen war falscher Art; es kündete polternden Nordwest und grobe Regenböen. Um Mittag zogen die Windwolken auf, am Nachmittage fing es an zu wehen, und als ich abends mit der Pfeife auf der Pritsche lag und beim matten Scheine des Tranküsels das wunderbare Buch des Vlamen Charles de Coster über Tyl Ulenspiegel, den kecken Rebellen, las, schrien die Fichten und Eichen draußen erbärmlich, so mißhandelte sie der Sturm, und der Regen klopfte gegen die Blendladen. Mir war das gerade recht. Es war nicht viel zu machen gewesen in den letzten Tagen. Ein zudringlicher, messerscharfer Ostwind blies Tag und Nacht, machte den Boden hart und das Heidkraut brüchig, so daß jeder Schritt dröhnte und knisterte. Auf fünfhundert Gänge gingen die Rehe flüchtig ab, denn seitdem es einige Male geknallt hatte, waren sie nicht mehr so vertraut wie im Anfang des Nebelung, wo sie bis auf hundert Schritte bequem aushielten. Mit der Pirsche war es also nichts, und das Anstehen war kein Vergnügen bei dem spitzen Wind, der trotz Wollweste und Leinenkittel sich bis in die Rippen bohrte und dort Empfindungen wenig angenehmer Art auslöste. Tot war es im Bruche; alle die Zeisige und Dompfaffen, Meisen und Goldhähnchen steckten in den Dickungen und einzig und allein des Wanderfalken weiße Brust blitze von der weiten Krone des hohen Wahrbaumes, bis ein paar Birkhähne, von mir herausgetreten, über die abgefrorenen Rieselwiesen strichen und der edle Räuber aus Nordland herniederstieß und sich den letzten der beiden Schwarzweißroten langte. Jeder Mensch, der heute in die Wirtschaft oben im Dorfe kommt, ob Postillon oder Briefträger, Bauer oder Arbeiter, Handelsmann oder Trippelkunde, einer wie der andere wird sagen: »Binnen is 't beeter a's buten!« Die Regenhexe rennt über das Bruch; die zerfetzten Säume ihrer schlampigen Röcke flattern über die braune Heide und die fahlen Wiesen. Alle Stunde treibt die Alte eine ihrer ungezogenen Töchter, die Böen, über das Land, und die sprengt dann eiskaltes Wasser auf Wohld und Bruch, heult und johlt wie albern und tanzt so lange um die Fichten und Fuhren herum, bis die schwindelig werden, längelangs hinschlagen und die Wurzeln in die Luft stecken. Aber ich habe Strümpfe aus Schnuckenwolle an und darüber die langen Stiefel, unter der Joppe die Wollweste und über ihr den Regenkittel, die Überhosen schützen die Beine und der Wolkenschieber Stirn und Nacken, und in den rauhen Wollhandschuhen merken die Hände nichts von der Eisenkälte des Drillings. So kann mir Wind und Regen, mit Verlaub, den Puckel runterrutschen. Ich qualme frohgemut die kurze Pfeife und gehe dem Sturm entgegen dem offenen Bruche zu. Wie tot liegt es da in seiner braunen Stumpfheit, aus der hier und da die krause Krone einer Fuhre und der spitze Wipfel einer Fichte hervorragt, während ab und zu ein Birkenstamm sichtbar wird. Ein einziger Rohrammer flatterte piepend vor mir auf. Das ist das Leben seit einer Viertelstunde. Aber es ist Leben genug da. So mancher Hase birgt sich in der langen Heide, in den Fichtenhorsten steckt der Fuchs, unter dem Knüppeldamm der Otter; einen zog ich gestern ersoffen samt dem Eisen aus dem Bache. Der Iltis hat hier seinen Bau, der Birkhahn liegt hier, an Enten mangelt es nicht. Aber das Hauptwild ist das Reh. Es braucht nur der Sturm zu Bett zu gehen und die Sonne herunterzulachen, dann sind die Rehe da. Aus allen den undurchdringlichen, brusthohen Porstdickungen treten sie hervor und ziehen über die Wiesen, um sich am letzten frischen Grün der Grabenränder zu äsen. Heute aber ist keins zu sehen. Fest liegen sie im hohen Porst, so fest, daß man ihnen beinahe auf die Köpfe treten kann, daß man sie leicht überpirscht und sie hinter sich abpoltern hört, ohne mehr von ihnen zu Blick zu bekommen als das Aufblitzen der weißen Spiegel und das Auftauchen der Lauscher. Aber niemals kommt man auch leichter im Porstbruche auf sie zu Schusse, als bei solchem Hundewetter, als bei der Sturmpirsch. Das ist eine Jagdart, die es nur im Porstmoore gibt, und die nur da erlaubt ist, wo man einen so überreichen Rehbestand hat, wie hier. »Es müssen noch fünfundzwanzig bis dreißig Ricken fort!« sagte mir der Pächter; »ich habe viel zu viel Ricken und überhaupt mehr Rehe, als den Bauern paßt. Also macht, was ihr wollt.« Vollmacht nennt man das. Aber der Pächter kennt mich. Er weiß, daß ich keinen Bock um diese Zeit schieße, und wenn er auch noch beide Stangen auf dem Haupte hat, und daß mir eine alte Geltricke mit eselgrauem Gesichte dreimal so lieb ist als ein Mutterreh. Einige davon muß ich auch auf die Decke bringen, schon der Bauern wegen, und es schadet auch weiter nichts, denn es ist hier so viel Weichholzäsung, und an quickem Wasser fehlt es nirgendswo; so kümmert selbst das führungslose Kitz nicht, sondern kommt prick und feist aus dem Winter. Aber gern machte ich den Finger auf eine Ricke, die nicht ledig geht, nicht krumm; es geht mir einmal wider den Strich. Hier, wo das lange schmale, von Weiden und Erlen durchsetzte Birkengehölz den Anprall des Sturmes mildert, heißt es aufpassen! Hier liegen bestimmt Rehe! Der Porst ist dicht, aber nicht allzuhoch, und zwischen ihm wuchert lange Moorheide, und Risch und Wollgras, warmes, weiches Lager bietend. Ich spanne die Schrotläufe des Drillings und gehe, den Wind im Gesicht, den Hauptwechsel, der die Heide mit den Wiesen verbindet, entlang. Nach hundert Schritten poltert es schon halblinks von mir. Der Kolben fliegt an die Backe, die Laufmündung geht dahin, wo ein weißer Spiegel, und dann noch einer, aufleuchtet. Aber der Drückefinger bleibt vorläufig noch gerade, denn in dem hohen Gestrüpp läßt es sich nicht erkennen, was ich vor mir habe. Jetzt machen die Rehe halt und verhoffen. Dann tritt ein Stück über die Schluppe und bleibt fünfzig Gänge breit vor mir stehen. Ein Gabelbock ist es, ein dreijähriger Bock mindestens; er ist gut bei Leibe und hat noch das volle Gehörn, aber er soll stehenbleiben. Und das andere, das ist eine Ricke mit einem Kitze. Also weiter! Ich stampfe durch Porst und Heide und halbabgebautes Torfmoor, daß es knistert und knastert. Ein Hase rutscht neben mir heraus, aber ehe ich darauf bin, hat ihn das Buschwerk schon verborgen. Graben auf Graben muß übersprungen werden; der Porst wird niedriger, hört in langer Heide fast ganz auf und nimmt wieder an Länge und Dichtigkeit zu. Ich stampfe weiter, bald tretend, bald von Bülte zu Bülte springend, jetzt durch die Porstbüsche brechend, dann wieder zwischen ihnen einen Wechsel entlanggehend. Der Himmel wird grau, dann schwarz; ein eiskalter Regen sprüht mir in die Augen. Dann bricht die Sonne durch und verschwindet sofort, und ein Graupelschauer klappert herunter. Weiter, weiter, durch Dick und Dünn, denn hier stockt der Porst wie eine Mauer so dicht. Daumendick sind seine Stämme, und die mit rotbraunen Kätzchen dichtbesetzten Zweige streifen mir Kinn und Nase. Hier hat der alte Urbock seinen Hauptstand, den die Bauern den Dammhirsch nennen, weil er mit Vorliebe auf dem Damme spazieren geht, das heißt, immer gerade dann, wenn keine Büchse in der Nähe ist. »Hei kann dat Pulver rüken,« sagen die Bauern. Es muß wohl so sein; der Jagdpächter hat schon von morgens zwei Uhr bis nachmittags zwei Uhr auf dem Hochsitze gesessen, und als er mit einem unchristlichen Worte halb verhungert und vollkommen von den Gnitten zerstochen, abschob, da trat der Bock aus dem Porst und äste sich hundert Schritte von den Bauern, die die Wiese schnitten. Ich trample hin, ich trample her. Ab und zu höre ich ein Stück brechen, bekomme aber nichts zu sehen. Dann trete ich vier Birkhähne heraus und hole einen herunter. Das ist wenigstens etwas! Und dann stoße ich auf den Jagdaufseher, der mit seinem Hunde hinter einem Fichtenhorste hervorkommt. Jetzt wollen wir zu zweien jagen bei dreihundert Schritt Abstand. Damit wir uns nicht gegenseitig anbleien, steckt sich jeder ein weißes Taschentuch auf der Mütze fest. Das sieht ebenso dumm aus, wie es klug ist. Ein Viertelstunde bin ich schon durch den Porst gestiefelt, da gellt ein schneidender Pfiff zu mir heran. Ich mache halt und sehe nach links. Da blitzt es silberweiß. Drei Rehe kommen in hohen Fluchten an, nein, viere. Das rechte ist eine Ricke mit zwei Kitzen. Die bleibt zwanzig Schritte vor mir stehen und äugt dumm nach dem weißen Lappen auf meinem Kopfe. Dann flieht sie weiter und die Kitze hopsen hinter ihr her. Und dann kommt das vierte Stück angepoltert. Eine alte Geltricke! Sie bleibt auf fünfzig Gänge stehen und äugt zurück. Ich habe schnell auf Kugel gestellt und gestochen, da kommt mir ihr Hals so verdächtig vor. Ich nehme sie in das Glas. Es ist keine Ricke, es ist der uralte Bock. Sein Gehörn hat er nicht mehr bei sich; das liegt in dem verworrenen Ellernbusche, der das halbe Jahr über vor Morast unzugänglich ist. Jetzt hat er mich geäugt und geht in hohen Fluchten ab und ich breche weiter durch das Gewirre. Hier ist das Wasser über das Wehr gelaufen. Bis unter die Knie muß ich darin herumstapfen. Aber die Krempstiefel gehen bis unter den Leib. Eine Birkhenne poltert heraus, noch eine und eine dritte, ein Bock, der noch eine Stange trägt, rennt mich fast um, als ich von einer hohen Bülte auf die nächste springe, eine Ricke mit zwei Kitzen kommt mir stracks entgegengeflohen; der Jagdaufseher hat sie losgemacht. Ich sehe seine weiße Mützenblende ab und zu aus dem hohen Porst herausblitzen. Jetzt hebt er die große runde Hand und winkt. Ein grauer Kopf taucht ab und zu in dem rotbraunen Porstgewirre auf, und dann kommt ein mächtiger Kasten von Ricke über den Wieseneinschnitt getrollt. Ich habe das Glas am Kopfe und ihr Haupt darin. Das ist sicher eine alte Geltricke; sie hat ein ganz weißes Gesicht. Ich stelle auf Kugel und steche, gehe in Anschlag und warte, bis sie auf sechzig Gänge an mir vorbeitrollt, und pfeife sie an. Sie verhofft einen Augenblick und schlägt dann ein Rad; meine Kugel faßt sie kurz Blatt. Sie rührt keinen Lauf mehr. In demselben Augenblicke, als ich bei ihr bin, knallt es drüben zweimal. Ich sehe sechs Birkhähne nach dem großen Moore zustreichen, dann kommt der Pfiff über die vier Finger von dem Ellernhorst. Der Jagdaufseher steht da und hält zwei Dinger hoch in die Luft. Ich nehme das Glas: in der linken hält er einen Birkhahn und in der rechten, wahrhaftig, einen Fuchs. Das ist Doppelschuß, wie er nur vorkommt bei der Sturmpirsch. Die Höltenkammer Über das Land ging der graue Mann, triefäugig, schlurfenden Schrittes, ächzend und stöhnend. Seines grauen Mantels Fetzen strichen über die Dächer, aus seinen entzündeten Augen flossen Tränen, und Tag und Nacht spielte er auf den Telefondrähten trübselige Lieder. Schließlich weinte er sich zu Tode, und Frost und Sonne lösten ihn ab. Nun hält es mich nicht mehr in Stadt und Haus. Schneller wie sonst komme ich aus dem Bett und singe und pfeife auch wieder einmal beim Stiefelanziehen. Es sind halt auch die Schmierstiefel; denn wenn ich die Lackschuhe anziehe, dann singe und pfeife ich nie. Auch mein roter Teckel singt und pfeift in allen sieben Tonarten und macht einen Freudenhopser, wie ich den Riemen vom Haken lange. Stolz schwänzelt er den Weg zum Bahnhof vor mir her, als wollte er allen Hunden erzählen: »Wir gehen auf die Jagd, Herrchen und ich, jawohl!« Und im Jägerabteil ist er mit einem Satz neben mir, beschnüffelte erst lange den Rucksack und überlegt: »Das war der Bock im Moor und das die alte Ricke in der Heide und das war der Has im Stangenort,« und dann rollt er sich auf dem Wettermantel zusammen und schläft. Auf dem kleinen Bahnhof des kleinen Städtchens haben wir Aufenthalt, viel zu lang für unsere Ungeduld. Aber wir vertreiben uns die Zeit bei einem Riesenbeefsteak, bis endlich, endlich der Zug vorfährt und uns in kurzer Frist weiterbringt. Und dann geht es die hartgefrorene Straße hinab, wo die Forellen in der klaren Aue hin- und herflitzen, und zum Dorf. Dort läßt uns Freund Schulmeister nicht ohne eine Tasse Kaffee und eine Schale Milch fort, aber dann geht es durch das Dorf und zum Walde empor, zu dem blaubraunen Geklumpe des Kahnsteins, aus dem die grauen Felsennasen ernst herabsehen. Einer von ihnen nicke ich freundlich zu, der da rechts über dem dunkelgrünen Fichtenhorst, die sich scharf von dem braunblauen Gedämmer der Buchen abhebt. Ihr galten meine Gedanken die ganzen grauen Regentage lang, ihr, der Höltenkammer, dem wilden Felsgewirr, der Steintrümmereinsamkeit dort oben, wo Fuchs und Edelmarder und Dachs hausen, wo jedes Jahr der stärkste Bock seinen Stand hat, wo der Wanderfalke raubt, der freie Gesell, wo um Mittsommer die Wichtelmännchen sonderbare Rundtänze aufführen, Glühwurmlampen in den Spinnefingerchen. Ich habe geladen und den Hund angeleint und trete in den Wald. Dort ist es still und feierlich. In den Fichten piepsen unsichtbare Goldhähnchen, Meisen läuten im Buchengezweig, und dann dröhnt nur ab und zu ein Sprengschuß durch die Waldesstille und einer von der Axt gefällten Buche Krachen durch das Schweigen. Langsam steige ich bergan, an einem Sprung Rehe vorbei, die im Fallaub nach Bucheckern plätzen; ich mache eine Ringeltaube hoch, die den Anschluß nach dem Süden verpaßte, und treibe den Bussard vor mir her, der am Bache auf Waldmäuse lauerte. Aus dem Altholz trete ich in die Buchenjugenden, aus deren rotem Laube der Waldreben silberweiße Federfrüchte hervorleuchten. Die Dompfaffen locken rund umher, Bergfinken quäken im Stangenort, der Häher meldet mein Kommen an. Durch Tollkirschenstauden, Klettenskelette und Himbeerschossen zieht sich der Pirschweg unter dem Hange her, bald wie eine Laube geschlossen, bald geöffnet, freien Ausblick nach dem Hange bietend und auf die Rehe, die sich hoch oben unter den grauen, wild zerklüfteten Blöcken der Mardersteine äsen. Dort ragt, sturmverschlissen, blitzzerschmettert, ein alter Buchenüberhälter. Und auf seinem zackigen Stammende hakt ein dicker Klumpen. Ich setzte das Glas an das Auge. Sei mir gegrüßt, Wanderfalk, Treuweidgesell! Brauchst nicht die Schwingen zu lüften zur Flucht. Heilig bist du mir; konnte dich oft herabdonnern, wenn du die Taube schlugst und die Eichkatze schröpftest oder deine Brut atztest, machte aber nie den Finger krumm nach dir. Sah dir lächelnd zu vor einiger Zeit, wie du drüben, als ich zwischen den Klippen kauerte, den Häher unter mir schlugst und zwischen die Trümmer fielst. Dachte nicht daran, dich zu erlegen. Höre zu gern deinen Weidruf, ist mir zu lieb dein Raubflug, möchte dich niemals missen hier am wilden Hange. Weidmannsheil und froh Gejaid! Vom Pirschsteig führt ein steiler Weg in Schlangenwindungen hangauf durch den raumen Stangenort. Jedes Fleckchen kenne ich hier, jedes hat seine Erinnerung. Hier unter dem grauen Stein warf den Bock die Kugel in das braune Laub, dort blieb der Dachs im Feuer, da rollte der eine Fuchs den Hang hinab, da quäkte ich letzen Winter einen anderen. Will doch sehen, ob Lampes Todesklage noch hilft. Ich setze die hohle Faust an den Mund, jämmerlich schallt das Geschrei durch die Stille. Aber kein Rascheln ertönt im Fallaub, kein spitzer Fang schiebt sich über einen grauen, schwarzbemoosten Felsblock, nur die Häher unter mir plärren wie unsinnig. Oben auf dem Kamm gibt es auch nichts zu sehen. Rehfährten allein finde ich, aber keines Fuchses Spur im lehmigen Boden und nur alte Losung auf der Steinplatte. In den Buchenjugenden tummeln sich die Meisen, Dompfaffen flöten vor mir her, Krammetsvögel stieben ab und einen Hasen höre ich bergab poltern. Und auf dem alten Windbruch, wo der Fuchs gern bei hellem Wetter maust, ist auch nichts zu finden, als eine alte Ricke. Sie rührt sich nicht vom Fleck und äst sich an den Himbeerspitzen. Endlich tritt sie weiter; seltsam humpelnd ist ihr Gang, und kein Kitz folgt ihr. So ist es das alte Geltreh, das ich neulich vergeblich suchte. Lautlos spanne ich, suche zwischen den toten Wurzeln und den Stangen des Buchenaufschlages das Blatt und lasse fahren. Fort ist sie. Am Anschuß weder Haar noch Schweiß. Und dann lache ich; eine Buchenstange ist halb zerschmettert. Der Hund läuft mit dummem Gesicht hinter mir, traurig, daß es weder Suche noch Hatz gibt, wütend, daß er am Riemen bleiben muß. Sehnsüchtig gedenkt er der schönen Tage in der Heide, wo es jeden Tag für ihn Arbeit gab. Ich pirsche weiter, immer durch mannshohe, undurchdringliche Buchenjugenden, dann gibt es eine böse Kletterei über eine glatte Felsenrinne, ein vorsichtiges Schleichen den Hang hinauf, wo gewaltige Felsen aus dem stillen Wald starren, und jetzt sind wir an unserem Platz, über der Höltenkammer. Auf dem äußersten Bord der jäh abfallenden Wand lasse ich mich nieder, hänge die Beine über den Rand, mache dem Hund sein Lager auf dem Wettermantel, decke ihn zu, spanne den Drilling und stecke die Pfeife an. Dann erst sehe ich nach rechts und links und hinab, in dieses Wirrwarr von grauen, wild übereinander gestürzten Felsen, Blöcken und Platten, bedeckt mit Schutt und Moos, überlagert von mächtigen Baumresten, zersplitterten Stämmen, zerknickten Stangen, vermulmten Ästen. Ganz still ist es unter mir, über mir und zu meinen Seiten. Ich habe Zeit, die saftigen Polster krausen Mooses zu betrachten, die über die Steine hängen, die zierlichen Zwergfarne, die ihre Wedelbüschel aus allen Ritzen strecken, kann mich ruhig über die silbergraue astlose Säule auf der steilsten Klippe freuen, zu der der Sturm die alte Buche umwandelte, und an den goldbraunen Fichtenzapfen, die sich leise an den dunklen Zweigen schaukeln. Waldmäuse huschen ruckweise durch das Fallaub, Spitzmäuse schrillen im modernden Gezweig, der Kreuzschnäbel Locktöne erklingen, und über mich streicht quarrend eine Krähe fort. Die Sonne ist versunken, in das Tal dort unten zieht die Dämmerung ein. Drüben am Berg glühen die Lichter auf; ich bin zur rechten Stunde gekommen. Da höre ich auch schon Steinschlag links von mir. Vorsichtig drehe ich den Kopf; wie eine Gemse steigt ein starkes Reh die schmale Felsbank herab, unausgesetzt sichernd und witternd. Jetzt steht es unter mir. Ich beuge mich vor und sehe ihm gerade auf den Kopf. Er ist es, der alte Schlauberger, der hier an den drei Grenzen wechselt. Alle Jäger kennen seine Hegezeichen, seine Fährte und seinen Baß, aber schon vor Tau und Tag zieht er wieder in die Hölterkammer. Der Bock ist fort; lautlos, wie ein Dieb, stahl er sich bergab. Und nun bricht es unter mir wieder; aber ich lasse den Kolben los; ein Hase ist es, ein alter Rammler. Lange sichert auch er, äst sich ein wenig, macht erschrocken eine Flucht, wenn eine Maus raschelt, erstarrt zu einem grauen Pfahl, wie der Häher unten den Bock begrüßt, äst sich, sichert wieder, wie von der königlichen Forst Wagengepolter, rauhe Stimmen und Peitschenknall erschallen, und rückt endlich fort. Der Kauz ruft in den Fichten und streicht lautlos an meinem Gesicht vorbei. Hinter mir in den Felsen kreischen und quarren die Edelmarder. Unwillkürlich drehe ich den Kopf dahin, obgleich ich weiß, daß die Schleicher jenseits der Grenze sind. Da fällt mein Blick auf den Bügel einer Dohne. Ein Gedanke kommt mir: hilft das Quäken nichts, vielleicht reizt Reinecke der Vogelangstruf; der wird ihm schöne Erinnerungen bringen an den Herbst, als er im Sprunge die Drossel aus der Schlinge riß. Ich nehme die Pfeife aus den Mund, halte die hohle Faust vor die Lippen und lasse das durchdringende ängstlich schrillende Gezwitscher des gefangenen Vogels ertönen. Sofort streckt der Teckel den braunen Kopf aus den Falten des Mantels und äugt mich fragend an. Ich dampfe langsam weiter und starre in die Schlucht unter mir, in der Stein und Stamm, Strauch und Strunk, Holz und Halm, Moos und Mulm schon in der Dämmerung verschwinden. Aber nichts rührt sich, nichts zeigt sich. Verschwommener werden alle Umrisse der Dinge unter mir, matter alle Farben. Gellender kreischen die Marder hinter mir, lauter ruft der Kauz im Altholze, und von der Landschaft da unten sind nur noch glimmende Lichter auf schwarzen Klumpen übriggeblieben. Ich lasse die Hoffnung schwinden, wappne mein Herz in Gleichmut und stelle meine Sache auf den morgigen Tag. Da höre ich ein Rauschen, ein Trappeln im Laub, leise, verstohlen. Wo es war, weiß ich nicht. Meine Augen bohren sich in die Dämmerung, suchen die Felswände rechts und links ab, meine Blicke huschen von Block zu Block, von Spalt zu Spalt. Da war es wieder, links, deutlich hörte ich es. Auch der Hund vernahm es; er kraust die Stirn, zieht die Behänge hoch und äugt starr hinab. Und wieder rauscht es im Laub. Immer gieriger starren meine Augen, immer schärfer spannen sich meine Ohren an, und pfeifend vor Aufregung geht mir der Atem durch den Kehlkopf. Aber rechts und links und unter mir kein spitzer Fang, kein kurzer Lauscher, keine buschige Lunte. Da hebt der Teckel den Kopf. Zur Linken, an der Mitte der Felswand, auf dem schmalen Band, über das der Bock heranzog, steht er, Reineke Rotvoß und äugt zu mir herüber. Jetzt eine Bewegung des Hundes, und fort ist er, denn ehe ich anbacke, verschwindet er in dem Felsspalt. Ich schiebe die linke Hand vor, decke den Teckel zu und warte atemlos. Endlich rührt sich der lange, rote Streifen, schnürt das Felsband hinab, und wie er gerade unter mir steht, halte ich darauf und mache Dampf. Im Feuer sah ich eine hohe Flucht, doch der dröhnende Doppelwiderhall in der Schlucht läßt mich nichts vernehmen, und der Pulverdampf macht mich für eine Weile blind. Der Hund steht hochaufgerichtet neben mir, zerrt am Riemen und äugt mich fragend an und winselt leise. »Ruhig, Battermann, kleiner Kerl. Dahinunter geht kein Weg. Würde uns Hals und Kragen kosten. Erst den Rucksack umgehängt, die Waffe gesichert, den Mantel fortgesteckt, die Pfeife in die Tasche, und dann hier oben entlang, ganz langsam, Schritt um Schritt, an der Kante entlang, durch den Riß auf den Steig. Nicht so eilig. Ja, ich weiß schon, da ist Böckchen heruntergewechselt, da ist Füchschen herabgeschürt; immer hübsch sinnig, sonst machen wir einen Rutscher zwanzig Fuß zwischen die Trümmer. So, jetzt sind wir unten!« Ist das nicht eine wahre Freude, wie der kleine Kerl vom Anschuß ab auf der Fährte entlangstürmt. Jetzt ein kurzes Halsgeben, da liegt Schweiß, dann nach rechts, ich kann kaum mit, und nun nach links, lang liege ich auf der Nase und nun in die Dickung hinein. Hallo, was war das, da brach vor uns etwas. Der Teckel rast vor Aufregung und gibt hellen Hals. Ich schnalle ihn, denn da hinein kann ich nicht: »Weidmannsheil, Kleiner. Hu faß faß den schlechten Kerl!« Mit giftigem Halse stürmt er fort, und ich wische mir den Schweiß ab. Aber mit einem Ruck habe ich Hut, Drilling, Mantel, Glas und Rucksack auf der Erde liegen, die Joppe fliegt hinterher, und durch Geknick und Steinschotter, zwischen Zweigen und Stangen durchspringe ich die Dickung, denn ich höre den Fuchs giftig keckem und den Hund dreimal klagen. Aber nun höre ich nichts mehr, und um mich herum ist schwarzgraue Dunkelheit. Doch da, rechts, wo die zwanzig großen Blöcke liegen müssen, da höre ich das wütende Knurren des Kleinen, und jetzt ein freudiges Halsgeben, und das heißt: »Tot, tot, Herrchen, er ist tot, der schlechte Kerl; ich hab' ihn gefaßt, den Stinker!« Jetzt bin ich bei ihm. Er hat ihn an der Kehle und zerrt ihn, wütend knurrend, nach mir hin. Und will ihn erst gar nicht loslassen, bis ich endlich böse werde. Und dann suche ich meine Sachen und wir steigen bergab und verlassen, beide so müde und beide so froh, die schöne Hölterkammer. Unter der schwarzen Wand Es singt der Sturm ein dunkles Lied; er sang es den ganzen Tag und singt es immer noch. Weich ist mein Bett und warm, und müde sind meine Glieder, denn das war ein wildes Weidwerken heute hinter der Findermeute her, über Stock und Stein und Stumpf und Stiel durch weichen Schnee und harten Nordost. Und doch kann ich nicht einschlafen, denn jedesmal, wenn mir die Augen warm werden, höre ich den Sturm singen. Bald ist es mir, als sänge er Täubers buhlerische Weise und dann höre ich ihn hohl juchen: »Hu Su! Hu Su Su; wahr to, min Hund, wahr too, wahr tooo!« Aber jetzt singt mir der bittere Wind ein süßes Lied: »Su, su, suselasu, suselasuse, suselasu« summt er. Meine Augen werden wärmer, meine Arme schwerer und ich weiß nicht mehr, wo ich bin und was ich bin; ein kleines Kind bin ich und liege im Gastzimmer des Gutshauses in dem großen Himmelbett und bin zugleich ein erwachsener Mann, der in einer Wiege liegt, und die Mutter singt mit ganz leise das Lied: »Su su, suselasu!« Ein Schuß knallt, ein Peitschenhieb hallt. Ich fahre im Bette in die Höhe. Der Gutsherr steht vor mir, klatscht in die Hände und lacht. »Sechs Uhr! Schön Jagdwetter heut'. Eine gute Neue und Unwind! Auf, auf zum fröhliche Jagen!« Ich springe mit einem Satz aus dem Bette, ziehe mich an und gehe in das Eßzimmer, wo der Tee dampft und das Brot duftet, und die Tochter des Hauses, lang und schlank und rosig und blond, die Tassen füllt und nach guter alter Sitte mit freundlichem Lächeln zum Zulangen nötigt. Dann, als wir im Schlitten sitzen und die Schimmel schon anziehen, ruft sie uns mit heller Stimme nach: »Weidmannsheil und ein froh Gejaid!« Die Nacht und der Morgen zanken sich noch eine Weile um den Wald, bis die Helligkeit das Dunkel in die Dickungen schiebt. Krähen zerkrächzen die Stille, Dompfaff und Meise bringen Leben in das Schweigen, und auf den Weckruf des Hähers steigt die Sonne aus ihrem Bette und erfüllt den Wald mit Licht und Farben. Die ernsten Fichten scheinen zu lächeln, der Schnee sieht ganz warm aus, zu Silber werden die Stämme der Samenbuchen und das Laub der Jungbuchen zu rotem Golde. Am Stelldichein unter der alten Zwillingsbuche ist buntes Leben. Grüne Röcke und braune Pelze mischen sich mit verschossenen Kitteln, und davor wimmelt und krimmelt die Meute, edles und schlechtes Blut durcheinander. Aber zweierlei ist jedem Rüden eigen: Schmisse außen und Schärfe innen. Alle Augenblicke pfeift die Peitsche über sie hin und »Pfui laut!« erklingt es, wenn die hatzgierigen Finder zuviel Hals geben und allzu heftig an den Riemen reißen. Die Packer aber wahren ihre Würde und schnappen höchstens mit grobem Aufknurren in die Luft, kommt ihnen einer der Kläffer in die Quere. Der oberste Kreiser, ein Förster mit ledernem Gesicht und seidenweißem Barte, erstattet Bericht: eine Rotte Sauen hat sich im Wolfsgehege gesteckt, eine andere an der schwarzen Wand. Dieses Jagen wird zuerst genommen. Der Jagdherr gibt kurze Anweisung: »Nur Sauen mit Ausnahme führender Bachen, und wenn sie vorkommen sollte, die Wildkatze. Aber kein anderes Wild, auch nicht der Fuchs. Und,« er hebt den Finger und legt ihn an die Lippen, »stille, stille, kein Geräusch gemacht!« Nach rechts und links schlurfen die Schneeschuhläufer ab; hinter ihnen treten die Jäger auf ihren Schneereifen. Meinen Stand weist mir ein junger Förster an; er hinkt etwas, denn vor zwei Jahren zerschlug ihm eine grobe Sau eine Sehne im Fußgelenk. Trotzdem gleitet er auf den Schneeschuhen so leicht dahin daß ich ihm nur knapp folgen kann. Vor einer mächtigen Buche bleibt er stehen, deutet mit der Hand nach dem Ellerngrund und gleitet weiter, bis er hinter einer Felszacke verschwindet. Ich habe meinen Stand schneefrei gemacht, die Schneereifen abgebunden, die Pfeife angesteckt, und setzt mich auf die mächtigen Wurzelknollen des Überhälters. Vor mir liegt der quellige Ellerngrund, dahinter schiebt sich eine unsichtige Fichtendickung bergan, überragt von drei grauen Felsnasen. Ich rauche und denke an nichts und höre immer wieder das hohl gellende »Hu Su!«, höre es aus dem Kluckern der Quellen, aus dem Locken des Dompfaffen, aus dem Läuten des Schwarzspechtes. Ich rauche und blicke nach den himmelblauen Schlagschatten der Buchen, die den glitzernden Schnee zerteilen, lausche auf das Wispern der Goldhähnchen, das aus den Fichten herüberflüstert, sehe den Keiler von gestern in meiner Erinnerung auftauchen und die Finder abkämpfen, bis die beiden Packer ihm die Kraft nehmen, ein grüner Rock vor ihm ist, sehe in einer braunen Hand eine silberne Wehr und dann einen roten Strahl, und dann verwandelt sich das Bild: aus dem grünen Rock ward ein buntbenähtes Lederwams, über dem braunen blondbärtigen Gesichte flattert langes, blondes, zum Jagdknoten gedrehtes Haar, ich sehe den Mann knien, mit giftigem »Hu Su!« die Sau anjuchen und dann fahre ich auf aus meinen Träumen und lausche mit offenem Munde. Ich habe mich geirrt. Das Locken der Dompfaffen hinter mit hat mir ein fernes Geläute der Findermeute vorgetäuscht. Aber Zeit wäre es; über eine Stunde lauere ich hier schon. Die Eichkatze, die dort vor der Dickung aufleuchtet, ist mit eine willkommene Abwechslung. Da faßt die Hand den Kolbenhals unwillkürlich fester, der Fuchs ist es. Doch dann fällt es mir ein, daß der heute einen Freibrief hat, und lächelnd blicke ich ihm nach, wie er bergab flüchtet. Aber dann hebe ich mich von meinem Wurzelsitze; wird Reineke rege, so hat das einen Grund. So horche ich denn schärfer auf. Richtig, von ganz weit her läutet es herüber, grob und fein durcheinander: die Finder sind auf der Fährte der Sauen. Heiß kribbelt es mit unter der Mütze und einen Augenblick halte ich den Atem an. Aber die Jagd ist noch weit, sehr weit; mein Blut beruhigt sich und meine Augen bohren sich nicht mehr in Dickung und Stangenort, sondern schenken dem Bussard einen Blick, der hoch über den Wipfeln kreist, bald wie Silber, bald wie Gold aussehend. Aber im Nu ist mein Blick wieder an die Fichtendickung geheftet, denn da brach es. Nur ein ganz leises Geräusch war es und doch genügend; um meine Augen dahin zu zwingen. Und nun zetert der Zaunkönig auch noch und das Rotkehlchen warnt und die Amsel schimpft und es bricht wieder, stärker, näher, ein grauer Fleck ist in dem dunklen Grün, wird länger, und jetzt steht groß und breit im Schnee eine grobe Sau. Mit lautem Blasen nimmt sie Wind, trollt dann spitz auf mich zu und auf dreißig Gänge an mir vorbei. Auf meinen Schuß zeichnet sie stark und stiebt in einer Schneewolke davon, und eine Weile höre ich sie noch dahinpoltern und blicke ihr nach. Aber dann ruckt es mich zurück. Über mir am Hange ist heller Hatzlaut und gellend klingt es: »Hu Su, hu Su, wahr to, wahr too!« Die Jagd kommt auf mich zu. Ich möchte dabei sein, aber ich darf den Stand nicht lassen. Wie mein Herz klopft und mein Atem pfeift, und wie mir die Erregung den Schweiß auf die Stirne treibt und dieses scheußlichschöne Jucken unter der Mütze! H'ach, jetzt bei der Meute sein zu dürfen und zu juchen: »Su Su, mein Hund, hu hatz, mein Hund!« Ich kann kaum ruhig stehen, denn keine zweihundert Gänge über mir geht es: »Giff, gaff« und »Hick, huck«, und ich höre es rauschen und krachen und vernehme weiterweg einen Schuß und nahebei das klägliche und dabei noch giftige Aufklagen eines überrannten Rüden, und dann habe ich den Kolben an der Backe und gehe mit und lasse ihn wieder sinken, denn was da aus der Dickung herauspoltert und den Schnee umherschleudert auf der Flucht, eine Bache ist es, gefolgt von vier jährigen Frischlingen. Auf den letzten will ich gerade Dampf machen, da höre ich einen Hund schrill aufklagen und dann weiß ich nicht mehr, bin ich gelaufen oder gesprungen oder flog ich, ich stehe in dem Ellernbruch, bis an die Waden im Schmorboden und ziele und ziele und ziele unter den breiten Dornbusch, wo es kläfft und bläst und bellt und wetzt und schwarz und weiß und gelb und braun durcheinander wimmelt, und aufheult und zurückprallt und mit giftigem Halse wieder zufährt und ich sehe roten Schaum fliegen und Schnee wirbeln und dann höre ich der Packer dumpfen Hals näherkommen, und sowie der Keiler sich danach wendet, fasse ich ihn hinter dem Blatte und mache den Finger krumm. Nun aber ist es, als wenn in der Hölle Polterabend gefeiert würde. Sau und Hunde und Schnee und Laub und Zweige, das ist alles eins. Hier fliegt ein Hund hin und hinkt beiseite, da platscht einer mitten in die Quelle und fährt, ohne sich zu schütteln, der Sau wieder an die Schwarte, deren Gebräch, weißen Dampf und roten Schweiß hervorsprühend, blasend und wetzend hin und her fährt. Noch einmal nehme ich den Kolben an die Backe, aber zwecklos pendelt die Laufmündung über dem Wirrwarr vor Sau und Hunden umher. Da sehe ich am Hange einen grünen Rock und Eifersucht packt mich. Ich sichere die Waffe und hänge sie an die Buche, reite, ohne daß ich weiß, wie es kam, auf dem Keiler, trete, so gut es geht, die Hunde ab, fühle einen stechenden Schmerz in den Fingern der linken Hand, die das Gehör der Sau hält, und dann habe ich das Messer in der Hand, gebe meiner Beute den Fang und rette mich vor den Bissen der vor Gift blinden und tollen Rüden, indem ich mich hintenherüber werfe und längelangs in den Schnee falle. »Tot, tot!« brüllt es neben mir und scharf klatscht die lange Peitsche. Ich rappele mich auf. Der Förster lacht und nickt: »Gut gemacht; Weidmannsheil!« Er trinkt und reicht mir auch die Flasche. Ach ja; das tut gut! Aber meine erste Sau? Während die Koppelführer die Hunde anleinen, führe ich den Grünrock zum Anschusse. Schweiß ist da, aber es ist wenig, und das Haar zeigt an, daß der Schuß sehr tief sitzt. Das wird eine böse Suche geben. Doch erst müssen wir wieder auf unsere Stände zurück. Ich stehe wieder unter dem Überhälter und starre bald nach der Dickung, bald nach dem zerwühlten, rot bespritzten Fleck mit dem großen, schwarzen Klumpen darin, an dem eine bunte Meise, lustig lockend, herumpickt, vernehme, wie die Jagd immer mehr weggeht, höre einen Schuß fallen und nach einer Weile einen Doppelschuß und dann ist alles still und stumm bis auf das Wispern der Goldhähnchen und das Geflöte der Dompfaffen. Nach einer langen Weile erklingt ein Hörn; zum Sammeln ruft es. Ich binde die Schneereifen unter und warte meinen Nachbar ab. »Jetzt geht es erst los«, meint er; »im Wolfsgehege steckte sich eine Rotte von zwanzig.« Schnell lüftet er die Sau, und dann eilen wir zum neuen Schlage. Aber da gibt es lauter lange Gesichter. Die Hunde haben übergejagt und die Sauen im Wolfsgehege rege gemacht, so daß sie über die Grenze gewechselt sind. Sonst war das Treiben nicht schlecht. Zwei hauende Schweine, eine ledige Bache, eine angehende Sau und zwei Überläufer. Und dann, vielleicht, noch die grobe Sau, der ich die Kugel antrug. Aber erst wird gefrühstückt und dann soll nachgesucht werden: Zeit ist genug da. Ich besehe meine linke Hand. Am Zeigefinger ist ein Riß und im Mittelfinger sind zwei runde Löcher, von Hundezähnen gerissen. »Da ist der Krankenwagen, « sagt der Jagdherr und deutet lächelnd auf das Fuhrwerk, auf dem fünf geschlagene Hunde, alle schon geflickt angeleint sind. Alles lacht, aber ausgewaschen und verbunden werden mir die Krätzer doch. Sicher ist sicher. Das Frühstück ist zu Ende. Nun soll meine erste Sau nachgesucht werden. Am Anschüsse werden zwei der besten Finder zur Fährte gelegt; im Umsehen sind sie verschwunden. Wir Jäger aber machen es uns auf den Jagdstühlen und Baumstümpfen bequem, rauchen und lauschen. Eine Viertelstunde vergeht, da hebt der Jagdherr die Hand. »Standlaut!« Alles springt auf und eilt bergab. »In der Goldwäsche!« ruft der Oberkreiser, und wir rennen nach links. Immer näher erschallt der Standlaut, immer heller und schärfer, und jetzt sind wir an der Goldbeck. Ein Förster saust auf den Schneeschuhen voran, uns alle hinter sich lassend, und verschindet hinter einer Erdfalte. In demselben Augenblick bricht der Standlaut ab. Dann ertönt ein Hornruf. »Sau tot« schmettert es. »Schade!« meint mein Nachbar; »eine frische Hatz zum Beschluß wäre fein gewesen. Na, morgen ist auch ein Tag!« Wir treten an die Sau heran; sie ist schon eine Weile verendet. So geht es zurück zur Zwillingsbuche. Da kündet das Hörn: »Sau tot, Sau tot, Jagd aus!« Nun liege ich wieder in den Federn und sehe in der Dunkelheit schwarze Fichten auf weißem Schnee und dann weiße Fichten auf schwarzem Schnee, höre den Wind singen, bald »Hu Su!« und bald »Su se la su!« und schrecke aus dem Halbschlaf empor, von einem bösen Traume erschreckt. Hinter mir ging es »Giff, gaff, hick, huck«, und ich brach durch Dom und Dickung und ein Speer zischte und noch einer und dieser traf mich bis ins Mark. Ich schlug um mich und schäumte vor Angst und Wut, und Fratzen, Menschengesichter, aber mit spitzen Fangzähnen und langen roten Zungen waren vor mir und hinter mir und unter mir und über mir, warmer Atem wehte mich an und heißer Geifer besprühte mich, und eine Frau mit kalten Augen, die heiße Blicke in meine warfen, stand vor mir und juchte die greuliche Meute an. Mit einem Satze ritt sie auf mir und stieß mir das Messer unter die linke Achsel. Und davon wachte ich auf. Draußen singt der Wind bald »Hu Su!«, bald »Su se la su!« Sing' »Su se la su!« du Wind; ich bin müde der Hatz. Nicht mehr hören mag ich heute dein böses, giftiges »Hu Su!« Auf weißer Heide Das waren schwere Tage, böse Tage. Von früh bis spät an den Schreibtisch gebannt, immer die Feder auf dem Papier, den Kopf in der linken Hand, ohne aufzusehen. Denn wenn ich aufsah, lockten die weißen Dächer, und wenn ich weiße Dächer sehe, dann ist Arbeitslust und Schreibtischstimmung beim Kuckuck und die Sammlung zum Teufel; dann sehe ich vor mir weiße Weiten, dahinter weiße Hügel mit schwarzfleckigen Kuppen, hohe Fuhren mit weißen Kappen, Machangelbüsche mit weißen Mützen, sehe Fährten und Spuren, die der weiße Leithund mir zeigt, und schwarze Krähen in blauer Luft, und dann geht die Schreiblust durch die Lappen und die Arbeitsfreude über das Zeug. Darum fort mit den Augen vom Schneedach und auf das Papier, bis ich die Feder auswischen kann an der kohlschwarzen Hasenpfote. Dann aber hinaus! Schnee in der Stadt, schrecklich! Ein Rußgekrümel auf schmutzigen Haufen in den Gossen, ein Tropfen und Träufeln von allen Dachkanten, Schmiere und Matsch auf den Bürgersteigen, und trotz Winterüberzieher und Gummischuhen die unbehaglichste Behangnislosigkeit im Leibe. So packte ich den Rucksack und ölte den Drilling, zog die Schmierstiefel an, stülpte die alte Mütze auf, hing den Mantel über den Arm und dampfte heideinwärts, wo keine Mietskasernen mich ärgern und keine Prunkhäuser, keine Fabrikschlote und keine Theater, fuhr, bis die Strohdächer sich häufiger zeigten mit den Mährenköpfen am Giebel, bis der Schnee weiß wurde, mit den Augen in der Zeitung. Aber dann flog sie in die Ecke; bessere Augenweide gab es: Hasenspuren am Bahndamm, Rehfährten auf den Grabenborden, Krähengesindel, schwarzes und graues, und einen auf dem Grenzstein blockenden Bussard. Und noch weiter, wo hoher Fuhrenwald den Schneesturm von der Wintersaat abgehalten hatte, da kam Feuer in meine Augen; schwarz lag es da auf der Saat, glänzend in der Sonne, und weiß leuchtete es dazwischen, und auf den hohen Hängebirken saß es in schwarzen Klumpen, an der Wintersonne sich wärmend, Birkwild, ein Flug von sechzig Stück. Auf dem kleinen Bahnhof steht der Jagdaufseher schon. Ein junger Kerl, echtes Heidjerblut, ernst und still. Keine Spur von Jägertum zeigt sich in Haltung und Kleidung. Sein graugelber, verschossener Sammetanzug ist derselbe wie ihn alle Bauern tragen, er trägt dieselbe Mütze, dieselben Kniestiefel, und ist, wie alle Bauern, bartlos um Mund und Backe. Nur Rucksack und Gewehr und ein Stückchen der Hirschhornschale des althannoveranischen Weidmessers, aus dem Hosennahtschlitz sehend, verrät den Jäger. Und die Augen, die aus alter Gewohnheit hin und her wandern, die Kopfhaltung, die sich nie schnell verändert bei dem stillen, gelassenen Mann, der gewohnt ist, alle Glieder im Lot zu haben, mag da kommen, was da will, wie oder wo es sei. Er lächelt mich an und gibt mir die Hand: »Wat willt Sei scheiten? 'n Voß oder Anten oder 'n Barkhahn? Barkhoihner sünd de Masse da!« Ich lachte: »Erst'n Barkhahn, dann 'n Voß und tauleßt Aanten. Drei Dage hebb ick Tid.« Da lächelt er wieder und steckt sich mit Kennermiene eine von dem Dutzend an, die ich ihm mitbrachte. Er weiß, zur Balz kann er zwölf Mann jeden Morgen einen Hahn versprechen, aber wintertags? So stapfen wir durch das Dorf in die weiße Feldmark. Schorse erzählt: gestern hat er den achten Fuchs im Eisen gehabt, dazu drei Marder, sieben Iltisse. Birkwild liegt in der toten Flagge und auf Möllers Kamp. Auf der toten Flagge gibt es kein Anpirschen, da muß er es mir angehen; auf Möllers Kamp aber gehen zwei Gräben zu und ein Zug Buschwerk. Da geht's vielleicht! Vielleicht, vielleicht auch nicht; werden sie angegangen, so schlagen sie sich meist nach dem Moore, von wo sie morgens kommen und wo sie zur Uhlenflucht hinstreichen, aber alle Deckung meiden die Schlauberger und biegen seitab um jeden Busch. Sie kennen die Sache schon. Von dem höchsten den Hünengräber, die hier liegen, spähen wir nach der toten Flagge. Richtig, da sind sie; dicht an Plinkes Hause. Der kann sie vom Fenster aus totschießen, wenn er will; aber das tut Plinkenvatter nicht, der wildert nicht. Deutlich heben sich die dunklen Flecken von den verschneiten Findlingsblöcken ab, von dieser altmodischen Mauer, die der Heidjer vom alten Schlage so gern um seinen Hof hat. Ein Teil des Fluges bäumt auf den krummen Birken an der Mauer, und von dem Birkenhorst auf der Dünenkuppe kommt ein Flug angestrichen. »Na, Schorse?« Weiter brauch ich nichts zu fragen. Er beschreibt mit der Rechten einen Bogen: das heißt, ich soll um die Dünen gehen, zeigt nach der Einsattelung von dem Birkenhorst, das heißt: »Dar mot Sei ansitten gahn,« und macht mit der Linken eine Bewegung nach dem Hofe, und das heißt, daß er sie mir im Bogen angehen will. »Witt Tüg?« fragt er dann noch; ich nicke. Er meint, ob ich das Kapuzenhemd im Rucksack habe, das ich zur Entenjagd überziehe. »Na, denn 'n Dübel in'n Nacken!« Im weiten Bogen umschlage ich die Dünen. Überall Hasenspuren, kreuz und quer, Hühnergeläufe am Graben, eine Iltisspur an der Brücke, eine Rehfährte am verschneiten Brombeerbusch. Auf dem kahlen Ebereschenbaum der Grauwürger, warnend aufstreichend, einige Krähen auf den Eichen am Westermanns Hof, eine Elster auf dem Zaunpfahl. Der Weg ist weit. Jetzt bin ich hinter den Dünen. Aus dem Rücksack nehme ich das Hemd, ziehe es über und stapfe weiter durch den Schnee. Bei der Einsattelung schiebe ich den Mündungsdeckel auf, werfe mich hin und krieche auf dem Bauche empor. So, hier ist der richtige Platz, eine kleine Senkung, hinter der ich den Kopf heben kann. Nun den Mündungsverschluß ab, gespannt und gewartet. Da unten geht Schorse; übereilen tut er sich nicht. Jetzt verschwindet er hinter dem Eichkampe links vom Hofe. Ich liege und warte und spähe mit dem Glase nach dem Hofe; nichts ändert sich in der Gruppierung der dunklen Flecke auf der weißen Mauer. Aber jetzt ist es mir, als wenn die Flecke da fort sind, schon sehe ich eine schwarze Wolke über der weißen Fläche; die linke Hand faßt den Vorderschaft, mein Rücken hebt sich etwas, ich sehe es heranstreichen, es teilt sich, die Hälfte gerade auf mich zu, die andere links ab. Jetzt backe ich an, sie schwenken ab, ich fahre mit; natürlich lauter Hennen, sechs, sieben, zehn, fünfzehn, und mitten drin ein Hahn, und der ganze Flug Hähne da unten. Ja, so geht's! Warum strichen die Hähne nicht hier und die Hennen da? Warum mußte der eine Hahn mitten zwischen dem Weibsvolk sein? Warum lag ich nicht da unten? Ach was, wer wird sich ärgern! Morgen ist auch ein Tag und übermorgen noch einer. Bei den drei Eichen setzte ich mich auf den Findling und qualme bis Schorse kommt. Er fragt nicht lange; drei Worte, dann weiß er Bescheid. »Pech!« Weiter sagt er nichts. Am anderen Morgen geht's wieder los, wieder nach der toten Flagge. Ich habe mich hübsch in den Schnee gerodet und will das Birkwild erwarten; wenn es vom Moore heranstreicht. Aber ich warte und warte und umsonst; endlich mache ich mich hoch und sehe über den Hügel; da äst die ganze Bescherung auf der freigewehten Saat. Der Kuckuck weiß, wie sie dahingekommen sind. Da unten steht der Schorse; er schießt. Ich verstehe ihn und drücke mich hinter der Kuppe nach der Stelle, wo gestern die Hähne vorbeistreichen. Wieder vergeht eine halbe Stunde; da löst sich rechts vom Hofe ein schwarzer Fleck ab und bewegt sich im Bogen an den Hähnen vorüber. Jetzt machen einige den Hals lang, jetzt läuft alles durcheinander, und jetzt, wo der Aufseher hundert Gänge heran ist, streichen sie ab, ein Gewirr schwarzweißer Flecke, und da streichen sie hin, zweihundert Gänge von mir. Da soll doch dieser und jener! Auch Schorse ist falsch; ich sehe ihn eine Bewegung mit dem Arm machen, als wollte er wen mit der Faust auf den Kopf schlagen, und schon von weitem schreit er: »So'ne entfamten Lörke! Aber nu to, nah Möller sinen Kamp!« Etwas ist meine gute Laune zurückgegangen, aber schließlich, ist's hier nicht tausendmal schöner als in der engen Stadt? Und war das nicht herrlich gestern abend in der Luderhütte, als die Krummen über die Felder hoppelten und der Fuchs nicht kam. Wenigstens so lange ich da saß, denn seine Spur war heute morgen da. Und ich habe ja noch heute und morgen, und auf Möllers Kamp muß ich einen kriegen. Muß ich! Da sind sie, aber gerade da, wo ich nicht anpirschen kann. Nun wird's mir zu dumm; da äsen sich siebzig Hähne auf dem Roggen und ich kann zusehen, und höhnisch balzt ein halbes Dutzend. Ich sehe die weißen Flügelbinden, die weißen Stoßfedern, sehe die krummen Spiele, und der leise Wind trägt mir den Balzlaut zu. Möchte wissen, warum die nun eigentlich balzen; hat ja weiter gar keinen Zweck, keine Henne in der Nähe, und wennschon, bei vier Grad Kälte läßt sie das schönste Gebalze ja doch kalt. Und ein richtiges Balzen, wie im Frühjahr, mit Luftsprüngen, ist es nicht, nur ein langes Kullern, ein seltenes Schleifen. Ich glaube, sie äsen sich nach uns zu. Vielleicht geht es doch; bis zur Koppel decken mich die Büsche. Schorse bleibt auf dem Brink und sieht, wohin sie abstreichen. Jetzt bin ich an der Koppel; wahrhaftig, sie äsen sich nach mir zu. Vorsichtig trete ich hinter der Krüppelfuhre in den Graben. Das ist ein dummes Gehen in der viertelfußhohen überrieselten Grabensohle, tief gebückt; ab und zu, wo ein Busch am Bord stockt, hebe ich den Kopf und schiele nach der Koppel. Sie äsen sich immer mehr hierher, denn hier hat der Wind den Schnee fortgeweht. Sie kratzen und pflücken in der Saat herum, ab und zu sichert einer oder hält mitten im Äsen inne und balzt ein bißchen. Jetzt habe ich sie auf Büchsenschußweite; hinter diesem Busch kann ich mich bequem hochmachen. Einen kann ich jetzt mit dem Würgelaut kriegen, aber den will ich nicht, er ist mir zu minne. Ich will den alten Hahn, der in einem Ende balzt, aber das sind sechzig Gänge. Und Kugel, nee! Elf Millimeter, das ist nichts für den kleinen Hahn, dann fliegt das Wildbret in der Nachbarschaft herum. Fünfzig Schritte vor mir liegt ein Haufen Drainröhren, die haben es dem alten Burschen angetan. Prrr, nun steht er oben drauf, äugt nach rechts und links, vor und hinter sich, dann bläst er einmal, zweimal, und nun geht das Kullern los. Ich könnte ihm eine Stunde lang zusehen, wenn ich nicht im Wasser stände. So backe ich denn langsam an und lasse fahren. Dem Knall folgt ein Schwirren und Sausen, geradeaus streicht die bunte Schar, macht dann einen Haken und wie sie an den Brink kommt, knallt es zweimal; ein Hahn verliert Federn, läßt die Ständer hängen und tut sich vom Fluge ab. Ich sehe Schorse laufen, dann sehe ich nach meinem Hahn. Der liegt oben auf den roten Drainröhren, die Schwingen hängen rechts und links herab, der Kopf läßt rote Tropfen in den Schnee fallen. Ein alter Winterhahn in voller Balz angepirscht, der ist mir lieber, als, wer weiß, wie viel Augusthähne vor dem Hunde, als drei Althähne im Treiben. Im hohen Venn Aus den Bergen Graubündens war ich hinabgestiegen in den lachenden Rheingau, hatte den weißen Schnee mit rosigen Apfelblüten vertauscht, statt des duftlosen roten Weines aus dem Veltlin mich des duftenden Rheinweines gefreut, bis auch die Rebenhügel mein Herz beunruhigten und der Heidhunger immer quälender wurde, zumal, als bei Eltfeld eine Heidlerche über mir sang. Da fuhr ich dann den Rhein hinauf, an Bergen vorbei, prangend von Grün und Blumen, an Burgen vorüber, die mir alte Geschichten erzählten; aber erst, als die Berge rechts und links zur Seite wichen, als meine Augen weiter schweifen durften, wurde mir freier um die Brust, und als zum ersten Male nach langer Zeit gelbe Sandberge auftauchten, da tat ich einen tiefen, langen Atemzug und fühlte, wie mir die Augenwinkel naß wurden. Jetzt aber bin ich im Venn, im hohen Venn, und labe mich an seiner Unendlichkeit. Meine Augen grüßen das braune Land und liebkosen jeden Heidbusch, dieselben Augen, die kalt blieben, als sie an den sonnigen Steilhängen der Hochalpen die Bergheide rosenrot aus dem Schnee kommen sahen, und die stumpf und kühl die blühenden Bäume an den Ufern des Rheins betrachteten. Hier aber grüßen sie lächelnd jedes bißchen dürftigen Lebens, das sich an den Grabenborden zeigt, die rosigen Perlen des Moorrosmarins, die weißen Wollgrasflocken und die goldenen Kohmolken, die im Süden schon längst abgeblüht waren. Auch jetzt, da noch die Nacht auf dem Venn liegt, habe ich mehr zu schauen, kann mich an mehr laben, als da unten in den himmelshohen Schneebergen oder in dem lachenden Lande am Rheine. Mir ist zumute, als seien die Sterne hier heller und freundlicher als in den Alpen, und schöner erscheint mir die Mondsichel, als jüngst, wo ich sie über dem Taunus stehen sah. Aber da rief auch keine Mooreule, federte der Boden nicht unter den Füßen, roch es nicht nach Torf und Post. Alles ist mir hier lieb und wert, redet zu meinem Herzen und wärmt mir die Seele. Das Knistern des Heidkrautes klingt mir wie in zärtliches Flüstern, und es ist mir, als striche der laue Wind liebkosend mein Gesicht. Eine Stunde bin ich schon gegangen von dem letzten Kolonnenhause, das vor dem Venn liegt; eine halbe Stunde ist es noch bis zu dem Balzplatze. Das letzte Stück Wiesenland liegt hinter mir, der letzte Machangelbusch gleichfalls, und jetzt komme ich an die letzte Fuhre. Ein krüppeliger Baum ist sie nur, krumm und schief und halbmal so hoch als ich, und doch sieht sie riesenhaft aus hier, wo alles flach und eben und niedrig ist. Groß und gewaltig, wie ein Hünengrab, steht vor dem Vormorgenhimmel auch der Schirm, den ich mir aus Heidbülten gebaut habe, und er ist doch nicht höher, als daß ich, wenn ich in ihm sitze, gut geborgen bin; vorsichtig muß ich mir den Weg zu ihm suchen und mehr als ein dutzendmal den Springstock gebrauchen, um über die Abzugsgräben hinwegzusetzen. Nun aber bin ich bei ihm, steige hinein, ziehe den Lodenmantel über, stecke mir die Pfeife an und horche in die Halbnacht hinaus. Aber nichts vernehme ich eine ganze Weile, als das verhaltene Flüstern des Windes am Risch und das verstohlene Rieseln des Wassers in dem Graben. Nur einmal plumpst es dort, und dann fliegt eine Moorlerche vorbei, dünn piepend. Die Sterne werden weniger und der Mond hat sich von dannen begeben; halb rechts von mir hellt sich der Himmel über dem Venn auf, frischer geht die Luft und kühlt mir die Stirn, die noch etwas benommen ist; ich habe die Nacht in dem engen Alkhoven neben dem Bauern zugebracht, denn eine Dönze gibt es in dem altväterlichen Rauchhause nicht, das aus einem einzigen Raume besteht, in den sich die Menschen, die Kühe und die Hühner teilen müssen. Mit einen Male ist mir so, als müsse die Stille aufhören. Einen Augenblick später beginnt ein Ziegenmelker zu spinnen, ein zweiter antwortet ihm, pfeift gellend und klatscht laut mit den Schwingen. Mit hartem Geplärre streichen Enten vorüber und plantschen auf dem Graben ein, ein Kiebitz fuchtelt über mich hin und die Luft füllt sich mit dem Gemecker der Himmelsziegen. Tief im Venn ruft dumpf die Dommel, die Mooreule beginnt zu balzen, ein Regenpfeifer schreit traurig, und wehmütig flötet der Kolüt. Ganz fern bläst ein Hahn; aber der, auf den ich ansitze, meldet sich noch immer nicht. Gestern und vorgestern, als ich ihn ausmachte und verhörte, war er schon viel früher zu gange. Am Ende blazt er heute anderswo und ich habe mir umsonst die Nacht um die Ohren geschlagen. Allzu böse würde ich ihm darum aber nicht sein. Ich habe genug Hähne aus dem Schirm und auf der Pirsch geschossen, und das Schönste auf der Balzjagd ist das Passen vor Tau und Tag; dann zeigt mir die Dunkelheit seltsame Bilder und die Stille flüstert mir heimliche Mähren zu. Augen schwimmen mir entgegen, lieb und gut, und andere, kalt und feindlich; rote Lippen lächeln mich liebreich an, und andere verziehen sich höhnisch; liebkosende Hände nähern sich meinen Backen und geballte Fäuste tauchen vor meinen Blicken auf; sanfte Stimmen hauchen zärtliche Laute und werden von bitteren Worten verjagt, die mich haßerfüllt unzischeln. Und ich hocke da und sehe in die Vergangenheit und nach der Zukunft hin, lausche auf das, so da war, und das, so da sein wird, und vergesse Hahn und Jagd, bis ein heiseres Zischen mir sagt, weshalb ich eigentlich hier lauere. Der Hahn ist da. Dreimal bläst er und dann beginnt er so toll darauf los zu trommeln, daß ich meine, er müßte dicht vor mir sein. Aber dann würde es nicht so laut klingen, denn je näher ein Hahn beim Jäger balzt, um so mehr verliert sich das Balzlied. Ich zerpflücke mit meinen Blicken die schwere Dämmerung, sehe aber nur ein undeutliches Gewirre dunkler Klumpen, die bald still stehen, bald in Bewegung sind. So kommt es mir wenigstens vor, obgleich ich weiß, daß das nur eine Täuschung ist. Aber der eine Heidbült halblinks scheint wirklich seinen Platz zu verändern, bald lang, bald kurz zu werden, und jetzt erkenne ich, daß es eine Henne ist; zärtlich lockt sie, und der Hahn balzt sich näher an sie und an mich heran. Ein zweiter fällt ein, und ein dritter, und das Zischen und Blasen verschlingt sich mit dem Gemecker der Himmelsziegen zu einer sonderbaren, verworrenen Weise, die einlullend und betäubend wirkt, wie ein Schlummerlied, so daß ich nur mit Mühe die Augen aufhalte. Doch ein giftiges Gurren und ein heftiges Flügelgeflatter läßt mich nicht zum Einnicken kommen; zwei der drei Hähne kämpfen. Der Himmel rötet sich immer mehr und es wird schnell licht. Ich kann jetzt deutlich den einen Hahn erkennen, der, ohne sich um die beiden anderen zu kümmern, unentwegt trommelt und sich dabei langsam um sich selber dreht. Und jetzt sehe ich auch den Platzhahn; er sitzt da und ordnet sein zerzaustes Gefieder. Der dritte Hahn aber ist nicht mehr da; er ist abgekämpft von dannen gestrichen. Der alte Hahn ist mit dem Ordnen der Federn fertig. Er schüttelt sich, äugt nach dem anderen Hahn, bläst hart, gurrt giftig, und ehe ich mich versehe, ist er über den anderen Hahn her und flatternd und kratzend springen beide gegeneinander an, daß die Federn nur so fliegen, bis der Junghahn auf den Rücken zu liegen kommt, heftig behackt wird und sich endlich, arg zerplustert, retten kann. Wild äugt ihm sein Gegner nach, bläst stolz, pflückt wieder an seinen Federn herum und schiebt sich, in einem fort trommelnd, immer näher an mich heran, ohne daß ich ihn so frei bekomme, daß ich ihm die Kugel antragen kann, denn die Heidbülte decken ihn zu viel. Ich lasse aber kein Auge von ihm, blazt auch die Weihe noch so sehr hinter mir, trompetet der Kranich auch noch so lustig dort oben auf dem blanken Venn. Sogar dem Kolüt, der laut flötend sich auf der Brandfläche niederläßt, schenke ich nur einen halben Blick. Den scharf gemachten Drilling in den Fäusten spähe ich nach dem Hahne, der dichter, immer dichter an mich herankommt, meist wie eine schwarzweiße, am Kopfe feuerrot gezierte Schlange dahinkriechend, ab und zu sich hoch stellend und blasend. Ganz frei steht er nun, und der Kugelschuß glückt möglichen Falles. Vielleicht knalle ich aber auch daneben, oder treffe ich, dann schieße ich das Wildbret zuschanden. So will ich lieber warten, bis er auf Schrotnähe vor mir ist. Und ich lauere und lauere, bis mir die Arme zittern, und lauere, bis auch die Knie zu bebern beginnen, und lauere, bis Puls und Herzblut immer ungestümer werden, bis mir der Schweiß aus der Stirne bricht, Glühhitze in meinen Backen kribbelt, der Atem mir im Kehlkopfe piept und ich meine, es nicht mehr aushalten zu können. Und dann, endlich, endlich, endlich, habe ich ihn so nahe, schiebe den Lauf durch die Schießlücke, halte auf Kopf und Hals, drücke und sehe, daß er im Feuer rundum purzelt. Damit ist die Spannung in mir auch dahin. Ganz gelassen steige ich aus dem Lauerloche, nehme den Hahn auf, der nach Spiel, Rosen und Gefieder recht alt zu sein scheint, hänge ihn an den Rucksack, schiebe den Mantel dahinter, stopfe mir eine neue Pfeife und gehe den Damm, der vor dem hohen Venn einherläuft, entlang. Weihen balzen, Moormännchen zirpen, Himmelsziegen locken, der Kolüt flötet, und ich freue mich an allem, was da lebt und webt und grünt und blüht, und an dem weiten braunen Venn, das mir lieber ist als die himmelshohen Berge des Bündener Landes und das lachende Rheintal. Moorfrühling Es dauert immer lange, ehe das Moor sich aus dem Winterschlafe aufrafft; es scheint fast, als könne es die Eiszeit nicht vergessen, in der es entstand. Wenn in den Gärten der erste Flor vorüber ist und der Waldboden schon bunt von Blumen ist, dann besinnt sich auch das Moor darauf, daß es Frühling geworden ist. Die Wasserhirse bedeckt die Gräben mit hellgrünen Blättern; aus den Wollgrasblüten schieben sich graugelbe Schäfchen, die Kriechweiden verwandeln ihre silbernen Knospen in goldene Blüten, und an den Abstichen entfaltet die Rosmarinheide eine rosenrote Perle neben der anderen. Bisher verstärkte der Wiesenpieper dünner Lockton das Schweigen des Moores mehr, als daß er es durchbrach; jetzt meckern die Himmelsziegen, die Brachvögel flöten, die Kraniche trompeten, Weihen und Sumpfeulen schlagen die Kastagnetten, und allmorgendlich rühren die Birkhähne die Trommeln, daß es ringsumher hallt und schallt. Das Moor wacht auf. Neulich waren die Nächte noch zu eisig für die Balzjagd. So verhörte ich nur die Hähne, pirschte mich an drei Morgen an drei, die einzeln balzten, heran, und bekam auch am dritten Morgen einen, flickte die Schirme vom Vorjahre um die Balzplätze aus, baute einige neue und vertrieb mir die Zeit sonstwie. Nun aber haben wir südlichen Wind und es ist im Schirm schön auszuhalten. So milde ist es, daß ich am liebsten den dicken Mantel in der Köte ließe. Aber vor der Sonne wird eine eisige Luft hergehen und das Moor ist naß und kalt. So muß ich ihn denn schleppen. Es ist noch schwarze Nacht. Vom Ellernbruche her ertönt das dumpfe Brummen der Rohrdommel, aus dem Kiefernort kommt das Unken der Ohreule, in den Gräben murren die Moorfrösche und von den nassen Wiesen erschallt das Geschnatter der Enten. Die Himmelsziegen sind erwacht und locken und meckern immer mehr. Ein Kiebitz ruft und fuchtelt an mir vorüber. Die Ralle pfeift schrill, weich und rund flötet der Brachvogel und endet mit klagendem Triller. Ich muß schneller ausschreiten; sonst komme ich zu spät. Alle Augenblicke vernehme ich das Sausen vorbeistreichender Birkhähne, und im Moore bläst schon der erste. Es wird bald Tag werden. Aber ich komme doch noch rechtzeitig in den Schirm. Und der Tag läßt noch eine Weile auf sich warten. Die laue Luft ist schuld daran, daß das Moor so früh lebendig geworden ist. Doch ein kühler Luftzug, der durch die dichten Wacholderzweige, die mich verdecken, fährt, und in dem Heidkraute ruschelt, weist darauf hin, daß es so nicht bleiben wird. Doch das ist mir gerade recht; wenn unter dem Vormorgenwind das Moor Reif ansetzt, das gibt einen schönen Balzmorgen. Und der heutige wird so; alle Augenblicke saust und plumpst es und hinterher geht ein Blasen und Kollern los, daß es eine wahre Lust ist. Wohl ein Dutzend Hähne sind eingefallen, seitdem ich in den Schirm kroch, und immer mehr stehen mir zu. Ich drusele vor mich hin und denke an alles und nichts. Vorgestern habe ich das Tanzfest im Krug mitgemacht. Es war sehr lustig. Der beste Tänzer, der hübscheste Jungkerl im Dorfe, der den Kontrahinterum am schneidigsten tanzte, hat sich gestern totgefahren; die Gäule gingen ihm durch. So ist das Leben. Das tanzt und lacht und singt und trinkt, und hinter ihnen lauert einer und sucht sich einen von ihnen aus, gerade wie ich hier sitzt und auf einen von den Hähnen passe. Und wer weiß, ob nicht hinter mir einer in seinem Schirme sitzt, die Waffe auf den Knien mit der er mich zu fällen gedenkt. Der Gedanke stört mich wenig. Einmal kommt es dazu ja doch; ob das nun heute ist, oder morgen, das ist mir gleichgültig. Ich weiß, daß es so kommen wird, bin immer darauf gefaßt, und bereite mich darum nie darauf vor. Das mögen die tun, die aus dem Verneinen des Lebens einen Beruf machen, die Mönche. Ich aber sage zu ihm: Ja! Ich muß lachen. Dicht vor mir sagt es laut und deutlich: »Ja!« Und dahinter: »Jajajaja!«. Eine alt Birkhenne verulkt meine halblauten Gedanken. Doch ein alter Hahn zischt ihr ein barsches »Pscht« zu; das Weib schweige in der Gemeinde der Hähne! Aber die alte Hennenrechtlerin kümmert sich wenig um den Einspruch; fortwährend erschallt ihr Gegacker. Das macht den Hahn wild und er bullert ganz gefährlich los. Immer giftiger keift die Alte, immer lauter poltert der Hahn; es paßt ihm durchaus nicht, daß die ehemalige Liebste und Gattin ihn hier bei den Junghennen erwischt hat und ihn an seine gesetzlichen Verpflichtungen erinnert. Er fühlt polygam; sie nicht. So sagt sie wenigstens, obgleich sie es früher, als ihre Stoßfedern sich noch nicht zu krümmen begannen, es nicht so genau nahm, und je mehr Hähne um sie balzten, desto lieber war es ihr. Öfter trompeten hinten im Moore die Kraniche, häufiger flötet der Brachvogel, lauter quieken die Kiebitze, und die Luft ist erfüllt von dem Gemecker der Himmelsziegen. Fortwährend klingeln Enten vorüber und die erste Drossel pfeift. Es wird Tag; gegen Morgen hellt sich der Himmel auf. Wilder blasen und kollern die Hähne. Ihre Stimmen mischen sich durcheinander, so daß keine sich hervorhebt. Ab und zu gackern die Junghennen zärtlich Beifall, und jedesmal keift dann die Alte dazwischen, doch nicht mehr so anhaltend, wie vorhin; es hilft ja doch nichts. Es ist eine merkwürdige Sache, die Hahnenbalz; hundertmal war ich schon bei und bin immer noch nicht klug daraus geworden. Ursprünglich war sie wohl eine Veranstaltung, damit die stärksten Hähne in den Besitz der Hennen kommen; heute scheint das nicht mehr der Fall zu sein, sondern die Balz ähnelt den Bällen der guten Gesellschaft. Die Sonne macht den Versuch, aus dem Schlafe zu kommen. Es wird fußkalt, und das Heidkraut starr vor Reif. Ich zähle die Hähne. Dreizehn sehe ich, fünf höre ich; mithin sind anderthalb Dutzend versammelt. Dschtdschtdscht buff; da ist noch einer angekommen, und nun fällt der zwanzigste ein. Das ist ein Hauptschwerenöter. Ohne Vorrede bemächtigt er sich einer Henne, und noch einer. Aber jetzt, da er es mit einer dritten ebenso machen will, erregt sein Benehmen Anstoß; ein alter Hahn rückt ihm entrüstet entgegen, und ein Gekratze und Gebeiße geht los, daß die Federn fliegen. »Gickgack, gickgak« machen die Hennen; es freut sie daß es ihretwegen zu einer Keilerei gekommen ist. Das erhöht ihr Selbstgefühl bedeutend. Doch mit einem Male lassen die Hähne voneinander ab, der Alte pflückt einige Blätter und tut so, als ging ihn der andere nichts an, und dieser widmet sich wieder mit Erfolg einer Henne. Den schieße ich auf keinen Fall; der muß sich vererben. Der Alte aber soll daran glauben. Neidhammel, Rauhbein und Kneifer dabei, das gefällt mir nicht. Ich schiebe den Drillingslauf durch die Schießlücke und drücke. Da liegt er! Die nächsten Hähne poltern davon, die anderen machen lange Hälse; zwei aber balzen weiter. Das rauchlose Pulver knallt nicht laut. Der verendende Hahn schlägt noch einmal mit den Flügeln. Sofort stürzt sich ein anderer auf ihn und bearbeitet ihn mit dem Schnabel. Das kann ich nicht leiden! So! nun hast du auch dein Teil. Wieder stieben einige Hähne ab, doch es balzen immer noch sechs Stück, und da aller guten Dinge drei sein sollen, so werde ich mir noch einen langen. Ich lade sehr vorsichtig und spähe gerade nach einem alten Hahn, der sich langsam heranbalzt, da verdunkelt sich mein Lugloch und ehe ich noch recht weiß, was los ist, donnern alle Hähne samt den Hennen ab. Schnell springe ich auf und sehe noch eben, wie der Habicht, einen wild um sich fuchtelnden Hahn in den Griffen, hinter den Birkenbüschen verschwindet, mühsam flatternd. Ich reiße den halben Schirm auf und laufe, was ich kann hinter dem Strauchdieb her, aber er ist schon jenseits des Kanals und der ist gestrichen voll Wasser. Na, dann kann ich ja zur Jagdbude gehen. Den Mantel hinter dem Rucksack, daran die beiden Hähne, bummle ich los. Die Sonne taut den Reif von dem Heidkraut und wärmt mir den Rücken tüchtig durch. Die Kraniche trompeten, der Brachvogel trillert, die Täuber knurren, der Grünspecht wiehert, und in allen Büschen und Hölzern singt und klingt es. Der Frühling kam in das Moor. Am Deipenmoor Die Wiese im Deipenmoor war früher ein ausgezeichneter Balzplatz, auf dem in jedem Frühling bequem ein halbes Dutzend Hähne geschossen werden konnten. In diesem Jahre balzt nur ein einziger Hahn dort, ein alter, zänkischer Bursche, der alle anderen Hähne abkämpft und den ganzen Platz verdorben hat. Dafür soll er sterben. Dreimal habe ich es schon versucht, an ihn heranzukommen, aber auf zweihundert Gänge hatte er mich immer spitz und machte einen langen Hals, und dreimal flog die Kugel an ihm vorbei. Aber den Platz gab er darum doch nicht auf; erst vorgestern morgen hörte ich ihn in einem fort balzen. Er weiß, daß ich ihm nicht viel anhaben kann, denn es fehlt dort fast an jeder Deckung, und ein Mensch ist da schon von weitem sichtbar. Ich will ihn aber haben, gerade ihn. Auf den Bruchwiesen ist ja leicht ein Hahn aus dem Schirme zu erbeuten; aber diese Lauerjagd ist mir langweilig geworden; ich habe sie zu oft ausgeübt. Und dann kommt sie mir auch zu heimtückisch vor; die Waffen sind dabei nicht gut und gleich. Und dieses stumpfsinnige Stillsitzen und Frieren sagt mir nicht mehr zu. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und auf einen Schelmen anderthalbe. Ist der Hahn schlau, ganz dumm bin ich schließlich auch nicht. So habe ich mir denn Deckung geschaffen, habe vom Damme bis zu der Wiese ein Dutzend Wacholderbüsche und Krüppelkiefern eingesteckt. Zwar habe ich tüchtig schleppen müssen und gefährlich dabei geschwitzt; aber ohne Mühe gibt es keinen Gewinn, der Freude macht, und außerdem habe ich mir mit der Arbeit in der heißen Mittagssonne den Schnupfen aus den Gliedern fortgebracht, den ich mir beim Hahnausmachen geholt hatte, und der mich drei Tage lang lahm und faul gemacht hatte. Es ist schon recht dämmrig. Überall meckern die Heerschnepfen, alle Augenblicke klingeln Enten über mich hin, der Kiebitz ist auch schon wach, und mehr als ein Dutzend Hähne balzen im Bruche. Die Luft ist lau. Das ist mir lieb; dann ist sie nicht so sichtig. Wie schön die Glühwurmlarven zu beiden Seiten des Weges leuchten, und wie zärtlich die Moorfrösche murren. Und nun brummt sogar eine Dommel. Und der Brachvogel flötet! Und die Mooreule quäkt. Und die Ralle quiekt. Guten Morgen alle zusammen, meine liebe Freunde in der Stilleinsamkeit. Haben Töne Farben? Mir ist es manchmal so. Des Waldkauzes Ruf kommt mir tief blutrot vor, der der Dommel dunkelmoosgrün, das Murren der Moorfrösche graubraun und des Brachvogels Getriller himmelblau. Und neulich beim Tanz, die freche Rixdorfe Polka, die war ganz entschieden schwefelgelb und feuerrot geringelt, und wenn das lange blonde Mädel, mit dem ich tanzte, lachte, dann sah ich etwas Rosenrotes vor mir. Mein alter Hahn da hinten hat zwei Farben in seiner Stimme; sein Blasen klingt giftgrün und sein Kollern fast schwarz. Blödsinn! Ich habe entweder zu viel oder zu wenig gegessen, und nicht ausgeschlafen. Nächstens werde ich noch den Geschmack und Geruch der Töne wissenschaftlich feststellen. Allerdings: ich kenne einen Mann, wenn der redet, so muß ich an Sauerkohl, in Tran gekocht, denken, und wenn meine kleine Freundin plaudert, verspüre ich Erdbeerduft. Wie der Hahn balzt; als bekäme er wer weiß was dafür. Na, er bekommt es ja wohl auch. Eigentlich ist dieses Gehabe und Getue zu aberwitzig, wie ein Fahrradventil zu zischen und wie eine Sektflasche zu bullern, und dann diese ehrerbietige Haltung mit dem Schnabel auf der Erde und diese Flügelspreizerei und Spielfächerung. Mein Lieber, das ist einfach lächerlich. Aber schließlich benimmt sich alles, was verliebt ist, mehr oder minder albern. Der Mensch macht Gedichte, selbst wenn es ihm noch so sauer wird, und schlingt sich irrsinnige Halsbinden um die Gurgel. Und ob sein Tanzen künstlerischer ist als das des Birkhahns, darüber ließe sich streiten. Und errötende Backen und verdrehte Augen sind zuletzt auch weiter nichts, als was beim Birkhahn die geschwollenen Rosen und die Balzstifte sind. Also seien wir bescheiden. So! Wenn es noch ein bißchen sichtiger ist, soll das Anpirschen losgehen. Hätte ich mir einen Schirm gebaut, so bekäme ich den Hahn ja sicher; aber es ist ein fußkalter Genuß, so von zwei bis sieben Uhr im nassen Moore zu hocken und sich mit Gänsehäuten zu bedecken, und ich danke dafür, in meinen Schleimhäuten die Schnupfenerreger im Großbetriebe zu züchten. Kriege ich den Hahn heute nicht, so doch vielleicht morgen. Jedenfalls wird er solange unter Feuer genommen, bis er auswandert, denn daß er mir den besten Balzplatz durch seine Unliebenswürdigkeit verhunzt, das kann ich wirklich nicht länger dulden. Ich will doch mal sehen, wer hier mehr zu sagen hat, der Hahn oder ich. Auch ist es eine wahre Schande, daß, seitdem dieser Ruppsack hier herumtobt, die Hälfte unserer Hähne beim Nachbar balzt. Es ist ja ein guter Mensch, und ich gönne ihm alles, außer den Hühnern, Böcken, Enten, Hasen, Schnepfen und so weiter. Wenn nur die Mooreule mir nicht wieder den Spaß verdirbt, wie vorgestern. Ich war so hübsch nahe an den Hahn herangekommen und hatte ihn schon in Gedanken am Rucksack, da bekamen mich diese aufdringlichen Vögel spitz und ulkten solange mit ihrem öden Gequäke über mir herum, bis der Hahn hinter den Zweck dieser Übung kam und sich mir bestens empfehlen ließ. Überhaupt scheint er Wachen ausgestellt zu haben. Das erstemal, als ich an ihn herankroch, machte ich ein Entenpaar hoch, das mit gänzlich unbegründetem Getöse aufstand, beim zweiten Male bekam eine alte Ricke von mir Wind und schimpfte so lange, bis der Hahn sein Gefieder erhob, und beim dritten Mal waren es die Mooreulen, die mir die Suppe versalzten. Ich bin bloß neugierig, was mir dieses Mal wieder dazwischen kommt. Wahrscheinlich werden heute die Kraniche die Wache haben, und dann bin ich abermals aufgeschmissen. Auf alle Fälle werde ich mir Vorderdeckung verschaffen und den Kieker auf den Drilling schlagen denn auf Schrotschußnähe heranzukommen, so eingebildet bin ich nun doch nicht auf mein Pirschen. Es ist zwar eine langweilige Sache, mit einem Wacholderbusche in der Hand herumzukriechen, aber was tut der Mensch nicht alles, gilt es einem edlen und erhabenen Zweck! Ich habe ja schon mehr als einen Hahn mit Hilfe des fliegenden Schirmes geschossen; ob mir der Kniff aber bei diesem dreibastigen Lorbaß gelingen wird, das erscheint mir nicht so ganz sicher. Aber balzen tut er auf Deubel komm raus. Nicht einen Augenblick hält er damit ein. Man sollte meinen, er balze sich dumm und dammlich. Leider ist das nicht der Fall. Ach was: leider! Das ist ja gerade das Schöne bei der Pirsch, Schlauheit gegen Vorsicht zu setzen. Wär es anders, so verzichtete ich liebendgern darauf. Wenn ich ihn nur zu Blick bekommen könnte, den Prahlhans! Denn sonst eräugt er mich eher als ich ihn, und dann: »Schönen guten Morgen, Herr Jäger!« Ich sehe ganz genau, wo er nicht ist; doch wo er ist, das kann ich weniger genau feststellen. Also muß ich auf tauben Dunst lospirschen, das heißt, mich von einem meiner Wachholderbüsche zum andern hinstehlen. So ganz einfach ist das nicht, denn bald gilt es einen Graben zu nehmen, bald einen Abstich zu durchwaten. Schon habe ich in beiden Schuhen mehr Wasser, als mir lieb ist, und schwitzen tue ich, wie ein Hausschwamm. Dazu verschweigt der Hahn mit einem plötzlichen Rucke. Hat er mich eräugt oder macht er nur eine Kunstpause? Nichts Genaues weiß ich nicht. Jedenfalls muß ich solange stramm stehen, bis er wieder am Balzen ist. Das ist ja langweilig, jedoch nicht zu ändern. Ich habe währenddem Zeit, die Tier- und Pflanzenwelt eingehend zu betrachten, bestehend aus Heidkraut, Wollgras, Simsen und Renntiermoos, einem Wiesenpieper, der höchst hölzern singt und dabei anfängerhaft herumflattert, einem durch die Liebe vollkommen verblödhammelten und blau angelaufenen Moorfrosch und einer Krähe, die da hinten auf einer krüppeligen Kiefer sitzt und mich wahrscheinlich um den Hahn bringen wird. Ich warte mit einer Art von gegen mich selbst gerichteter Schadenfreude darauf, daß sie den Schnabel aufreißt und der weiteren Umgegend von meiner Anwesenheit Mitteilung macht. Aber sie streicht ab und benimmt sich anständig, was ich ihr hoch anrechne. Der Hahn verschweigt noch immer. Vielleicht ist er schon nicht mehr da, wo er vertragsmäßig zu sein hat. Aber nein; schon kollert er wieder los. Nun bin ich beim sechsten Wacholderbusche. Unter ihm liegt friedlich eine Kreuzotter und sonnt sich, zischt unwillig, wie ich mich ihr nähere, und macht mir dann höflich Platz. Der Raubwürger auf dem nächsten Wacholderbusche schrillt mir zum Possen laut und anhaltend und flattert zum nächsten Busche. Natürlich fällt dem Hahn der Fall auf, und er verschweigt zu abermalten Male, und ich habe wiederum Zeit, mich um Fauna und Flora zu bekümmern, bestehend in denselben Pflanzen und eben denselben Tieren, mit Ausnahme des Moorfrosches, wogegen als neue Erscheinung der Steinschmätzer hinzukommt, der auf einem halb verrotteten Torfhaufen seinen Frühlingsgefühlen auf ziemlich schnurrige Weise Ausdruck gibt, um dann in der ulkigsten Manier in die Luft zu steigen und dort die aberwitzigsten Töne von sich zu geben. Endlich wird der Hahn wieder laut, und ich pirsche mich drei Büsche weiter. Und nun bekomme ich ihn auch zu sehen. Er steht da auf ein und demselben Fleck und kollert dumpf vor sich hin. Es ist noch ein bißchen zu weit für ein so kleines Ziel, und so will ich lieber versuchen, die krumme Kiefer zu erreichen. An ihr kann ich dann auch anstreichen. Ich halte mir meinen Wacholderzweig vor das Gesicht und rücke Schritt um Schritt vor. Da verschweigt der Hahn und bleibt wie ein Klotz sitzen. Ich stehe da, wie Butter an der Sonne. Lange halte ich das so nicht aus; das ist mir vollkommen klar. Denn ich stehe im weichen Torfmoose, das mich langsam, aber sicher in sich hineinlutscht. Dazu ulkt mich der Raubwürger andauernd an. Ich wünsche ihm wer weiß was an den Hals. Ist das der Dank für meine naturschützlerischen Reden und Aufsätze, du schnöder Piepmatz? Ich glaube, der Hahn ist eingeschlafen. Rührt sich nicht und rückt sich nicht. Sein Benehmen wirkt ansteckend auf mich; ich beginne einen Gähnkrampf zu bekommen. Na endlich! Es ist auch die allerhöchste Zeit. Aber wozu balzt er nun mit dem Kopfe zu mir hin. Das ist ja sehr höflich, stimmt aber schlecht mit meinen Absichten überein. Länger kann ich es wahrhaftig in dieser Torfmoossuppe nicht mehr aushalten; ich stehe schon fast bis zu den Knien darin und nehme ein Dauerfußbad in Stiefeln und Strümpfen, was zwar nicht angenehm, dafür aber um so unbekömmlicher ist. Ich fange an, mich selber aus tiefster Seele zu bemitleiden. Beinahe habe ich es satt. Aber da dreht mir der Hahn die Kehrseite zu, ich komme glücklich bis zu der krummen Kiefer hin, habe aber solchen Tatterich, daß ich an Schießen vorläufig nicht denken kann. Und wie ich wieder soweit bin, da hat sich der Hahn nach rechts hingebalzt, und ich sehe nichts von ihm, als ab und zu das blendendweiße Unterspiel, und damit kann ich mächtig wenig anfangen. Was hilft aber alles Murren? So singe ich denn in mir das schöne Lied: »Freund, ich bin zufrieden, geh' es wie es will«, und gieße damit Öl auf die schäumende Brandung meines erbitterten Gemütes, denke auch »Na, wenn nicht, denn nicht!« und freue mich an Wilhelm Buschs herrlichem Verse: »Genügsamkeit ist das Vergnügen an Dingen, welche wir nicht kriegen«, ohne daß es mir gelingen will, meiner Erbitterung über den niederträchtigen Hahn vollkommen Herr zu werden. Erst verhunzt er mir den ganzen Balzplatz, und dann drückt er sich in frecher Weise um das Totgeschossen werden herum. Aber bin ich dumm; ich kann doch reizen! Also gestochen, angestrichen und dann: »Kutschschuhi!« Der Erfolg ist einfach niederziehend; er verschweigt und wird restlos unsichtbar. Ich warte nur darauf, daß er abstreicht, eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten, vier Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten. Endlich hat er sich von seiner Verblüffung erholt. Da steht er frei und blank und zischt mir seine gänzliche Verachtung entgegen. Peng! Das saß! Rundum schlägt er und bleibt liegen. Ein guter Schuß; der Kragen ist am Ansatze abgeschossen, das Wildbret heil und ganz. Ist das ein alter Bursche! Das Spiel ist ganz zerfasert und zerschlissen, und die Schwingen auf der rechten Seite haben abgeschossene Spitzen. Er ist also in diesem Frühjahr schon unter Feuer gewesen, und darum suchte er sich die einsame Moorwiese als Balzplatz. Nun hat es sich aber hier ausgebalzt, mein Lieber. Jetzt ist wieder Platz für den Nachwuchs. Und du hast dein Teil gehabt vom Leben und bist gestorben, wie es sich für einen Sänger geziemt: mitten in deinem Liede. So wünsche ich es mir auch. In den Hungerbergen Da hinten in der Heide, wo Fuchs und Wolf sich »gute Nacht!« sagen können, liegen die Hungerberge. So haben die Bauern die siebenfache Kette von Sandhügeln genannt, die sich dort hintereinander erheben, und die Jäger, die dort im Frühherbste auf Birkwild suchen, nennen sie die Schwitzmühle. Früher soll dort einmal ein Dorf und ein schöner Eichenwald gewesen sein; im dreißigjährigen Kriege brannten die Schweden das Dorf nieder oder die Kaiserlichen, denn von beiden zogen Kriegsvölker hier durch, und der Wald verschwand auch; jetzt wachsen dort Fuhren, die die Bauern gepflanzt haben. Es gibt in dieser großen Jagd viel schönere Ecken: das Bruch, die Wohld, die Gemeinheitsfuhren; aber mir sind die Hungerberge das Haupt. Dort stört mich niemals ein Mensch, und es ist schon ein Wunder, wenn ich irgendwo in der Heide die Twicke eines Heidbauern aufblitzen und seine weißen Hemdmaugen leuchten sehe. Einsam bin ich hier. Allein bin ich deswegen nicht. Wo Heide wächst und Fuhren stehen, kann ich es nicht sein, denn dort bin ich zu Hause. Mit allem, was um mich lebt und webt, stehe ich auf du und du, mit dem gelben Sande, mit dem bunten Gestein, mit den Bäumen und den Blumen und mit allem, was da kreucht und fleugt, singt und summt. Aber Gelegenheit, einsam zu sein, ist reichlich da in dieser Jagd, denn weit zieht sich die Heide hin, und breit liegt das Moor da; mich aber zieht es in die Hungerberge. Denn hier, wo ihn nie ein Mensch stört, steht Jahr für Jahr der stärkste Bock, weit und breit, von hier wechselt er, wenn der Abend Himmel und Erde verbindet, zur Äsung, heute in das Bruch, morgen zu Felde, je nachdem der Wind weht. Denn es kann einem alten Bock hier schon gefallen. Da sind Dickungen, so rauh, daß nur ein Bock sich zwischen den verfilzten Zweigen durchfinden kann; da sind enge Stangenörter und Bäume, die sich schon gereinigt haben; da sind Wacholderbüsche, das Gehörn daran zu fegen; Brombeeren und Himbeeren wuchern da und in den Sinken manches bessere Kraut. Sieben Jahre sind es her, daß ich die Hungerberge für mich entdeckte. Ich hatte im Bruche geweidwerkt und ging quer durch die Heide, denn der gelbe Sand lockte mich. Es war eine Hitze zum umstürzen. Ich zog Bluse und Hose aus und legte mich nackt in das feuchte Torfmoor der Sinke. Und wie ich da so lag und rauchte und ein Loch in den blauen Himmel sah und gähnte und die Augen mir zufallen wollten, da flammt es rot zwischen den krausen Fuhren auf, und vertraut, als gäbe es weder Kraut noch Lot, zog ein Hauptbock über die Heide und äste sich an den goldenen Blüten des Zwergginsters. Meine Büchse aber hing hinter mir am Baume, und rühren durfte ich mich nicht. Zwei volle Wochen kostete es mich, ehe ich dem Bock die Kugel antragen durfte, aber es waren zwei herrliche Wochen, reich an blutroten Sonnenuntergängen und goldenem Morgenrot und glühenden Unterstunden, reich zwar an Mühe und Schweiß und Enttäuschung und überreich an Aufregung, Spannung und Hoffnung. Als er dann im glühenden Mittagssonnenbrande wieder einmal über die hohe Heide zog und in der Todesflucht die Dickung annahm, und ich vor die Dickung schlich und horchte, und meine Pfeife zu Ende rauchte und mich barfuß in die Dickung stahl und ihn da liegen sah, da wünschte ich, meine Kugel hätte ihn verfehlt, damit ich noch weiter so reiche Tage leben dürfte. Der aber, der jetzt hier steht, der Bock kostet mich noch mehr Mühe und Schweiß. Zweimal bekam ich ihn zu Blick in diesen drei Wochen; das eine Mal jagt er einen anderen Bock, der sich in die Nähe der Hungerberge gewagt hatte, vor sich her; so rasend schnell stoben die Böcke an mir vorbei, daß die wilde Jagd längst vorüber war, ehe ich den Drilling schußgerecht in der Hand hatte; und das andere Mal zog er vor mir her in der langen Heide, die ihn bis zum Halse deckte, und ich mochte den Schuß nicht wagen. Jeden Morgen spürte ich ihn auf den Wegen, mehr als einmal vernahm ich seinen tiefen Baß, wenn ihm der Wind meine Witterung zutrug, aber vor die Augen bekam ich ihn nicht mehr, und wenn ich mir auch eine Nacht nach der anderen um die Ohren schlug und abends so lang paßte, bis die letzten Sonnenmale am Himmel verblichen waren. Die Hoffnung, ihn zu erbeuten, gab ich auf, die Hungerberge aber nicht. Zu schön ist es, hier in der Vormittagssonne die warme Luft mit allen Poren zu fühlen, zu köstlich, den Kiengeruch einzuatmen, der über der Heide schwebt, in der, halb grün, halb schwarz die Wacholder stehen, aus der wie blankes Gold des Zwergginsters Blumen leuchten. Vom Himmel herab singen die Heidlerchen, vom Moore kommt das Flöten der Brachvögel, die Luft lebt von Grillengesang, und die Hitze zittert über dem Sande. Hinter mir in dem hellen Holze singt ein Täuber sein dunkles Lied, und vor mir tanzt ein heller Falter hin. Heidlerchensang und Grillengefiedel machen müde; höre ich länger darauf hin, dann fallen mir die Augen zu. Und mir ist heute so, als sollte sich mir mein Wunsch fügen. Das Käuzchen, der Glücksvogel, wecket mich heute vor dem Tage, ohne Suchen fand ich Vierblattklee, und das schönste Mädchen im Dorfe kam mir im Bruche entgegen, lachte mich an und wünschte mir Glück. Ich lasse den Rucksack liegen, wo er liegt, schultere den Drilling und schleiche barbeinig voran. Blauflügelige Heuschrecken schnarren vor mir auf, goldgrüne Käfer blitzen vor mir hin, ein alter Rammler, vom knisternden Heidzweig geweckt, erhebt sich aus seinem Lager und hoppelt verdrossen fort. Von hier oben habe ich weite Sicht über die Dickung, die sich über die drei Hügelkämme hinzieht; hier steht der Bock. Jeden Morgen steht seine Fährte hier hinein. Und dort in der hohen Heide, wo die krausen Fuhren ihre Triebe recken, ist sein Hauptgang um diese Zeit. Aber da ist nur Heide und Heide und hier und dort ein Wacholderbusch, zerfegt und zerfetzt von dem Gehörn des Bockes. Ich muß jetzt ganz still stehen, denn eine Krähe baumte vor mir auf; äugt sie mich, so plärrt sie los, und der Bock weiß Bescheid. Endlich streicht sie weiter, und ich schleiche von Busch zu Busch, immer stehen bleibend, den Drilling fertig zum Schusse, die Augen überall, auf jeden Laut horchend. Aber hier ist nichts als Grillengezirpe und das Gepiepe der flüggen Meisenbrut. Ich stehe und warte und fühle, wie mir die Sonne die Haut unter der Bluse gerbt und den Schweiß über den Rücken schüttet; die Augen wollen mir mit einemmal zufallen und die Verdrossenheit stellt sich neben mich, schielt mich an und tuschelt: »Du Narr, du Narr!« Ein Schleier ist vor meinen Augen; das Glitzern ist von der Heide fort, und aus den Fuhren verschwand das Flimmern; die Heidlerche singt langweilig, und der Kiengeruch will mir nicht mehr schmecken. Ich denke an eine grüne Bank unter einem blühenden Lindenbaum, an eine helle Stimme und ein kühl beschlagenes, schäumendes Glas. Neben mir das unholde Wesen flüstert und tuschelt in einem fort: »Geh doch, du Narr!« Und dann rennt sie, was sie kann, die Verdrossenheit; der Schleier ist nicht mehr vor meinen Augen, süß singt die Heidlerche, labend duften die Fuhren, und die Heide glimmert und flimmert wie Gold. Denn irgendwo vor mir bricht und dröhnt es, bricht es hell und dröhnt es dumpf, und ich weiß, was das ist, und das ist der Bock; er fegt und plätzt. Und nun steht die Angst links bei mir und rechts der Wagemut; die eine hält mich zurück, und der andere stößt mich voran »Geh zu, geh zu, sonst kommst du zu spät!« Aber die andere wehrt ab: »Bleibe stehen, sonst springt er ab!« Ich höre nach rechts und horche nach links, und dann sage ich: »Ich will es wagen!« Und schleiche bis zu der nächsten Fuhre und spähe und lausche. Aber ich gewahre nichts und vernehme nichts und zürne mir selber, bis das Knicken und Poltern wieder beginnt; da wage ich mich einen Busch weiter, halte den Atem an und lasse die Augen verloren suchen, bis sie eine Wacholderspitze fassen, die ein klein wenig zittert. Jetzt schwankt sie wild hin und her, es rasselt und prasselt, es stöhnt und dröhnt, und jetzt zeigt sich ein roter Fleck, und darüber ein silberweißes Blitzen und Blenden. Das ist der Bock, aber er steht nicht frei; die hohe Heide deckt ihn und ein krauser Wacholder. »Warten, warten!« so flüstert es links von mir, und rechts: »Auf und an!« Und in mir singt es: »Auf und an, auf und an, spannt den Hahn, lustig ist der Jägersmann!« Die Hand liebkost den Kolben, der Finger streichelt den Abzugsbügel. Vor mir ist freie Heide; fort kann er nicht, der Bock! Ich trete vor den Busch, gehe in die Knie, und den Kolben an der Backe, den Ellbogen auf dem Knie, den Finger am Bügel, warte ich, bis der Wacholder wieder hin und her geht, und dann lasse ich des Rotkehlchens Warnruf erschallen. Still steht der Strauch, und hinter ihm hervor, das Haupt hoch, rundumher äugend, tritt der Bock. Die hohe Heide deckt mich gut, aber der Bock steht schlecht, ich muß warten, bis er sich dreht. Steif steht er da, wie ein dürrer Wacholder, so rot; der dünne Ton hat ihm allen Übermut genommen. Wenn das Rotkehlchen warnt, darf der Bock nicht weiterfegen, denn die Luft ist dann nicht rein, und sicherer ist es dann in der Dickung. Er wendet und äugt nach der Dickung hin; ich fasse Haar und lasse fliegen. Im roten Feuer sehe ich ihn eine hohe Flucht machen. Den habe ich! Er kann nicht weit; vor dem breiten Wacholderbusche brach er zusammen. Ich warte, ob er nicht doch den Kopf noch hebt, und gehe langsam, leise näher, immer näher, bis ich bei ihm stehe und sehe, daß er den Schuß nicht mehr vernommen hat. Als er die hohe Flucht machte, war sein Leben nicht mehr in ihm. Und jetzt, wo er an der Fuhre hängt und die Heide unter ihm sich purpurn färbt, da ist mir, als hätte ich mich selbst um viele reiche Tage bestohlen, an denen ich in Hoffnung und Enttäuschung noch weidwerken könnte den Bock in den Hungerbergen. Im Schweinebruch Der Kuckuck rief die ganze Nacht über, so sternklar und mondhell und warm war es. Gegen Abend war eine weiße Wetterwand hinter den Wäldern aufgestiegen, aber der Mond litt es nicht, daß sie hoch kam; er jagte sie dahin, wo sie hergekommen war. So wird es wieder einen solchen Tag geben, wie gestern und vorgestern, mit hohem, wolkenlosem Himmel, aus dem die Sonne siedeheiß heruntersengt; schon jetzt, in der dritten Morgenstunde, geht die Luft lau und sichtig, denn es ist fast gar kein Tau gefallen; nur in den tiefen Wiesen steht ein dünner Nebel und über der Ferne ein weißer Dunst. Der Kuckuck ist schon wieder im Gange. Sein Ruf vermischt sich mit dem des Wiedehopfes, mit dem Flöten der Brachvögel und dem Balzen der Birkhähne. Die Nachtschwalbe spinnt nicht mehr, die Himmelsziege hat ausgemeckert, die Mooreule ist verstummt; dafür erschallt vom Moore das Trompeten der Kraniche, aus den Eichen des Pfingstvogels Flöten und aus der Höhe das Dudeln der Heidlerchen. Von dort kommt auch ein rauher, herber Ruf: die Kolkraben sind es, sie warnen sich vor mir. Die Warnung ist unnötig, stolzer Vogel, du bist sicher vor mir. Deinetwegen habe ich gestern mittag bei sengender Sonne den Bock eine Viertelstunde lang aus dem Bruche nach den Sandbergen geschleppt, denen du jetzt zustreichst! Über den braunen Höhen, deren Kahlheit nur hier und da ein grauer Irrstein oder ein schwarzer Wacholder unterbricht, kreisen die fünf Raben, schrauben sich hinab, steigen wieder und lassen sich endlich bei dem Bocke nieder, ab und zu wieder aufflatternd, denn zuwenig traut heute Wodes heiliges Tier dem Menschen. Gestern traf ich den Bock von der Kösterbult zu dritten Male an; sein hohler Husten verriet ihn mir. Ein zweijähriger Bock war es, mit lauscherhohen, engestellten, ungefegten Spießen, tief eingefallenen Flanken und einem Widerrist, zackig wie ein Hahnenkamm. Er stand breit da und äugte mich auf anderthalb hundert Gänge groß an. Ich schlug das Fernrohr auf und setzte ihm die Kugel auf das Blatt. Sein Wildbret war ungenießbar, darum verehrte ich ihn den Raben. Eine Stunde später hatten sie ihn schon erspäht. Jetzt bin ich mit dem Frühstück fertig, und nun will ich am Schweinebruch entlang pirschen. Viel Zweck hat es nicht, denn alle Rehe sind noch grau, und ich will einen roten Bock haben. Aber der Winter war zu lang und zu bitter, und nur einen einzigen Spießbock traf ich an, der rot am Halse war. Der starke Sechserbock von der großen Besamung kam mir drei Abende bis vor die Leiter in der Birke; aber erstens wäre es schade um ihn, denn er kann noch zwei bis drei Jahre für Nachzucht sorgen, und dann, so grau wie er ist und mit dem eben erst gefegten Gehörn macht es keine Freude, ihn auf die Decke zu bringen. Es ist überhaupt lange nicht so schön hier wie vor einem Jahre. Zwar schimmern die Blüten des Wollgrases so silbern wie ehedem in den Torfstichen, zwar leuchtet der Zwergginster so golden wie damals von den Heidhügeln, zwischen den Ellernbüschen blühen die Ebereschen, die Wacholder begrünen sich, die Birken sehen wie smaragdene Springbrunnen aus, und die krausen Kiefern strotzen vor Blüten und jungen Trieben, aber das Gras in den Wiesen ist kurz und dünn, es fehlt an Blumen, die Heide schläft immer noch, nur hier und da zeigt sich ein frisches Spitzchen. Sie kann sich von dem harten Winter noch nicht so recht erholen. Den Rehen geht es nicht anders; zu trocken war der Nachsommer, zu dürr der Herbst, zu schlimm der Winter. Die alte Ricke dort mit den beiden jährigen Kitzen, sie zeigen alle drei noch kein rotes Haar. Es ist die einzige Ricke, die ich in den drei Tagen zu Gesicht bekam; sie wird dieses Jahr gelt sein, denn die ändern Ricken sind jetzt heimlich, wie der alte Bock vom Kanal. Auf den habe ich es abgesehen. Es ist nun das dritte Jahr, dass ich seinetwegen hier umherschleiche; so manchen guten Bock hätte ich anderswo schießen können, aber es zog mich immer wieder nach der Bruchwildnis, nach dem Ellernbusch, nach den Porstdickungen, in denen der stärkste Bock hier seinen Stand hat. Aber es hält schwer, ihm beizukommen, denn allzu nass ist es dort, selbst zu dürren Zeiten, und mannstief steht der weiche, schwarze Boden dort, und zu vorsichtig ist der Bock. Versuchen will ich es heute darum doch wieder einmal. Der Wind ist nicht schlecht. Wenn ich hier an dem Bache entlang schleiche, komme ich zu dem Brink, in dem der alte Mutterbau ist; da steht eine kranke Kiefer, und in der habe ich mir einen Sitz gebaut, von dem aus ich weit in das Bruch hineinsehen kann. So manches Mal habe ich von dort her die Kraniche beobachtet, wenn sie ihre halbbeflogene Brut die Schneckensuche lehrten, und die Dächsin, die ihren Jungen das kunstgerechte Stechen nach Untermast beibrachte, habe dem Brachvogel und der Bekassine, dem Birkhahn und der Krickente zugesehen und der Kreuzotter nachgeschaut, die am Grund des Hügels die Maus übertölpelte. Langweilig ist es dort nie. Auch jetzt ist es das nicht. Und wenn weiter nichts zu sehen wäre als das verschiedenfarbige Grün der Ellern, des Porstes, der Birken, Eichen und Kiefern, als der Rohrammerhahn, der von dem Weidenbusche herab sein dürftiges Liedchen zirpt, als die Hasen, die sich im Sandwege trocken laufen, als die hellen Tauben auf den dunklen Fichten und die Kiebitze auf der anmoorigen Wiese, als der Reiher, der würdevoll nach dem Flusse hinstreicht, es wäre schon genug für mich. Aber dann sind da noch Jungkrähen, die von den Alten geatzt werden, Stare streichen hin und wieder, ein Birkhahn, riesengroß aussehend auf der kahlen Weidekoppel, balzt, und über die Porstdickungen schaukelt ein heller Weih hinweg. Nur Rehe sind nicht da. Doch, vor dem breiten Wacholderbusche, der in der Sonne halb schwarz, halb grün aussieht, tauchen eben zwei Lauscher aus dem gelben Ried auf. Ein Gabelbock ist es, ein Zukunftsbock, denn höher als die Lauscher ist sein weit aus gelegtes Gehörn; aber grau wie ein Esel ist er noch, und das Schmalreh, das sich zwischen den Ellernbüschen äst, weist gleichfalls kein bißchen Rot auf. Sie ziehen beide auf mich zu, und ich sehe mir den Bock ganz genau an, wie er, ab und zu verhoffend, hier ein Gräschen und da eine goldene Blüte von dem Zwergginster pflückt. Und dann fegt er an einem schlanken, jungen Wacholder, daß die jungen Triebe weit umherfliegen, und plätzt, daß Sand und Renntiermoos nur so stieben. Jetzt aber wirft er auf und sein Schmalreh auch; beide äugen mit langen Hälsen dorthin, wo die Ellernbüsche und der Porst sich verfilzen, und dann ziehen sie eilig in die Heide hinein. In den Porstbüschen blitzte etwas auf, verschwindet wieder, blitzt abermals auf und ist schon wieder fort. Ich spanne, denn das muß der alte Bock sein. Anstreichen kann ich auf dem dicken Zweige vor mir; gibt der Bock nur den Hals frei, so bekommt er die Kugel; ich will nicht noch ein Jahr hinter ihm herpirschen in dieser Sumpfecke, in der die Luft zur Hälfte aus Mücken und Gnitten besteht und über der die Hitze wie gemauert steht. Aber er gibt den Hals nicht frei; ab und zu sehe ich die Lauscher und anderthalb Hände hoch darüber die weißen Enden und das Geäse, das die Zweige abstreift; einmal sehe ich auch den Spiegel, weiter aber nichts und jetzt ist er ganz verschwunden. Ich sitze und rauche und blicke immer dahin, wo der Bock verschwand. Meine ich da seinen Spiegel zu erblicken und nehme das Glas, so ist es eine Ebereschenblüte, und denke ich, dort ist das Gehörn, so sagt mir das Glas, daß es eine Geißblattblumenknospe ist, die ein Vogel bewegt. So begnüge ich mich damit, den balzenden Hahn unter das Glas zu nehmen, den Brachvogel, der kopfnickend über die magere Wiese stelzt, die Heidlerchen, die unter mir im Sande umhertrippeln, den Raubwürger, der auf der toten Fichte bäumt, schaue den Tauben nach, die zu Felde streichen, ärgere den Kuckuck, der vor mir auf dem Wacholder sitzt, mit seinem eigenen Rufe, freue mich, daß der Schwarzspecht im Porst seinen Anderwetterruf herüberklingen läßt, denn den Regen haben wir alle nötig, die Bauern sowohl als auch ich, wundere mich, woher die Seeschwalbe kommt, die mit klirrendem Schrei über die Heide fliegt, höre zu, was die Grillen und die Grasmücken geigen, und dann geht plötzlich durch mich ein Ruck, denn auf achtzig Gänge steht der Bock, steht breit da und zeigt mir sein volles Gebäude. So habe ich ihn nur einmal vor mir gehabt, aber es war im Spätherbst, als ich auf die alte Geltricke ansaß, und damals hätte ich ihm beinahe die Kugel angetragen, sah aber zum Glück noch durch das Zielfernrohr, daß er schon halb geworfen hatte. Ja, er ist es, es ist mein Bock, der älteste, der heimlichste Bock weit und breit, ein Bock mit einem Gebäude, daß ich ihm fünfundvierzig Pfund aufgebrochen gebe, und eine Gehörn, hoch, stark, gut geperlt, dunkelbraun bis auf die weißen Enden und weit gestellt. Nur schade, schade daß er noch das Winterkleid trägt! Darum bleibe ich auch so kalt. Wäre er rot, leuchtete er aus dem Grün heraus, dann vernähme ich wohl den eigenen Herzschlag und rückte mich nicht so gelassen zurecht, um die Spitze des Fadenkreuzes auf das Blatt zu bringen. Soll ich, oder soll ich nicht? Ich hänge mir ja das Gehörn an die Wand und nicht die Decke! Aber trotzdem: ich weiß, ich schieße auf ihn, wie auf eine Geltricke und hinterher werde ich mich ärgern, wenn er grau und ruppig zu meinen Füßen liegt. Andererseits: an sechzig Abende und Morgen hat er mich gekostet, und er hat mich oft genug zum besten gehalten, und ist erst die Wiese hoch, dann bekomme ich ihn bestimmt nicht. Darum will ich jetzt Schluß machen mit ihm, zumal er hier keinen andern Bock stehen läßt. Aber wo ist er? Eine Viertelminute hat es gedauert, daß ich die Wendung machte, und fort ist er. Ich warte eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, aber der Bock läßt sich nicht mehr sehen. Na, dann ein anderes Mal! Schließlich ist es mir auch so lieber. Die anderen würden mich ja auslachen, wenn ich ihnen erzählte, daß ich mich so lange besann, aber ich erzähle es ihnen nicht, denn diesen Bock behalte ich mir vor. Das Sitzen bin ich aber leid. Ich will noch ein bißchen hin und her bummeln und dann so langsam zum Krug gehen, denn heute gibt es die Keule von dem Bocke, der am vorletzten Mai meinen Freund anlief. Ich schlage die Büchse über das Kreuz und gehe achtlos den Damm entlang. Die Hitze ist schon wieder ganz gefährlich; ich werde keinen Bock mehr antreffen und außerdem: grau sind sie ja doch alle noch! Nein, es ist besser im Kruge; man läuft sich hier dumm und albern. Ich habe nichts an als Jagdhemd und Hose und schwitze wie ein Schweizerkäse. Die ändern wollten nicht aufstehen; die sitzen unter der Linde und spielen Skat, und ich mahle durch den weißen Sand! Doch was ist denn das da? Ein rotes Reh? Es wird ein dürrer Wacholder sein, dem die Sonne Feuerfarbe gibt. Aber es ist ein Reh, ein feuerrotes Reh, das sich dort zwischen den rauhen Kiefern an den Ginsterblumen äst. Eine alte Ricke, denn es ist ganz kahl zwischen den Lauschern, und wohl eine Geltricke; andere treiben sich hier in den öden Sandbergen nicht umher. Aber ich habe lange kein rotes Reh in der Nähe gesehen, und so will ich mich heranpirschen. Merkwürdig, für eine Ricke hat es einen reichlich kurzen Hals, und es schiebt beim Ziehen ganz so, wie ein Bock. Sollte es der alte Plattkopf sein? Der steht aber eine halbe Stunde weiter in der Osterheide. Jetzt steht das Stück breit. Es ist doch wohl eine Ricke! Und jetzt steht es spitz von hinten. Nein, es ist der Bock aus der Osterheide. Den muß ich haben; er soll sich nicht noch mehr vererben. Aber wie? Hier hört alle Deckung auf. Ein bißchen weit ist es sogar für das Fernrohr, doch ich glaube, wenn ich auf der Grabenkante auflege, geht es. Nur muß er sich wieder breit stellen. So, jetzt geht es. Ja, er ist es; ich sehe den Pinsel ganz deutlich. Und so steht er, wie er nicht besser stehen kann. Das saß, die hohe Flucht war gut! Ich gehe langsam näher. Da liegt er in der von den Schnucken kurz gehaltenen braunen Heide; er leuchtet nur so. Ein guter Bock und vorzüglich durch den Winter gekommen und hat er auch nichts zwischen den Lauschern, er freut mich doch, denn kein graues Haar hat er mehr, rot ist er von oben bis unten, und rot muß er sein! Der Beberteich Unstet und ruhelos ist das Land am Unterharz. Das macht der Gips, der unter dem Rotliegenden steht. Die Tagewasser sickern in ihn hinein, lösen ihn auf, höhlen ihn aus; eines Tages gibt die Rasenhängebank nach, der Acker sackt ein, der Wald rutscht hinab und ein trichterförmiger Erdfall, groß oder klein, bildet sich. Viele solcher Erdfälle gibt es im schönen Unterharz, ganz kleine und ganz große, alte und frische, wassergefüllte und trockene, lange und schmale und breite und runde. Unter dem Beberschwanze zwischen Barbis und Silkerode gähnt einer mit breitem, rotem Maule aus der Feldmark heraus. Da soll vor hundert Jahren einem Bauern das ganze Gespann versackt sein. Andere sehen mit tiefen, blauen Augen zum Himmel, so der Jües bei Herzberg, den jeder Harzwanderer kennt. Einen aber kennt keiner der lustigen Bergfahrer, die im Sommer mit leichtem Sinn und leichtem Gepäck Wald und Berge durchstreifen, den kleinen Beberteich. Zu weit abseits von den belaufenen Wegen liegt er in der großen Einöde zwischen Scharzfeld, Barbis, Bartolfelde, Bokelnhagen, Zwinge und Brochthausen. Nur die Bauern kennen ihn, die Schäfer und die Jäger. Er liegt auch in gar keiner dankbaren Gegend. Um ihn herum sind lauter sanfte, waldgekrönte Kuppen und nichts als Felder und Wiesen, dazwischen rote schattenlose Wege, tief aufgeweicht bei Westwind, knochenhart und schlecht zu gehen, wenn der Wind von Osten steht. Alles, was Schatten gab und Lieder, hat die Verkuppelung fortrasiert, die blühenden Obstbäume, die grünen Ellernbüsche an der Beber, die langen Birken an den Furten, die stolzen Tannen an den Brückenköpfen. Die Nachtigall zog fort aus dem kahlen Land und der Krebs starb im schattenlosen Wasser. Alles, was nicht bar Geld brachte, schlug man tot. Ein paar krüppelige Bäume ließ man hier und da stehen und in den Schluchten die Dornen. Und wenn sich nicht ein Mann, der Augen für das Schöne hatte, der Gastwirt Kühnemund zu Barbis, schützend vor die beiden riesigen Zwillingsbuchen am Beberteiche gestellt hätte, dann hätte man auch sie totgeschlagen. Aber jetzt ist nur eine noch da; Hirtenjungen steckten die eine an und sie brach um. Und Kühnemund ist auch tot. Sie waren wunderbar, die beiden Riesen. Knorrig mit weiten Wurzeln die Erde packend, waren die Stämme. Jeder Stamm zwillte sich über der Wurzel und schoß zwei Bäume gegen den Himmel. Zwei Stämme und vier Bäume, vier gewaltige Bäume und eine riesige Krone, so standen sie da, bis die Mordbrenner von Jungens den einen umbrachten. Jedesmal, ging ich dort vorbei, grüßte ich sie, die beiden Recken, die sich aus der bunten Zeit in die nüchternen Tage gerettet hatten. Es waren beseelte Bäume und wenn der Wind in ihren Kronen raschelte, der Sturm ihr Laub schüttelte, dann erzählten sie vergessene Geschichten aus uralten Tagen. Elf Weiden mit silbergrauem Laube stehen um den Teich. Früher standen sie mehr nach dem Wege hin. Als aber die Axt und die Säge umgingen im Bebertale, da flüchteten die Elf verschüchtert fort von dem Wege und suchten bei den Buchen Schutz vor den Menschen, die Tag für Tag blutende Baumleichen über den Weg fuhren. Einer von den elf Weidenbäumen war ganz an die Buche herangekrochen, denn er wußte, daß ihn da auch der Blitz nicht fassen konnte. Jetzt sind die Weiden verwaist und schutzlos. Wer weiß ob man ihnen das bißchen Leben läßt. Und der Teich ist nicht mehr das, was er vor einigen Jahren war. Seine Wächter sind tot, sein Reiz ist dahin, seine Schönheit verdorben. Er ist nichts mehr, ist ein Wasserloch, wie viele andere, eine langweilige Schaftränke. Einst war er voller Zauber. Ich will ihn nicht sehen, wie er ist. Aber ich sehe ihn, wie er war. Oft, wenn die Sonne auf das Land sengte, habe ich unter den Buchen gesessen, die Büchse unter den Knien, den Hund neben mir, und habe auf den Teich gesehen. Giftgrüne Algen glitzerten auf dem blauen Spiegel, weißgrünes Kolbenrohr schwenkte die langen Blätter, Wasserjungfern flirrten hin und her. Das war um die Mittagszeit. Dann lacht am Teich das blühende Leben. Im Rasen der Trift leuchten dann die hellen Sterne der Maßliebchen, die ausgelassenen Grauartschen tanzen zwitschernd hin und her, von der goldgelben Wolfsmilch zieht schwerer Honigduft und lockt die kleinen blauen Schmetterlinge heran, süß singt die Goldammer an dem knospenden Feldrosenbusch, die flinke Bachstelze und der schnelle Steinschmätzer schnappen nach Eintagsfliegen, Schwalben schießen dahin, die Krähen tränken sich, die Dorngrasmücke schwatzt, Drosseln und Stare fliegen hin und her. Manchmal kreischt ein Wasserhuhn lustig auf, ein dicker Frosch quakt behäbig, in den Kronen der Buchen flötet der goldne Pfingstvogel sein goldnes Lied. Geht aber die Sonne unter, dann verliert der Teich sein Lachen. Zu viel Böses fällt ihm dann ein und er denkt daran, wie rotes Blut in ihn hineinfloß. Lang ist es her, aber er muß immer daran denken, wie die Bauern aus Königshagen hier vorbeikamen, einäugig, blutend, geschunden, mißhandelt, lahm und krüppelig. Mit stieren Augen, verzerrten Gesichtern, keuchender Brust und bebenden Lippen kamen sie aus dem Bebertal heraufgestürzt. Hier am Teiche machten sie halt, sogen das Wasser ein, sahen sich um nach der Gegend, wo die Kaiserlichen sengten und raubten, und flohen weiter, nach Barbis, Scharzfeld, Herzberg und Pöhlde. Seit der Zeit steht kein Haus mehr dort. Weit und breit ist nur Wald und Feld. Aber im Rasen kann man noch Wall und Graben sehen, wo die Kirche stand. Im Warberg steht noch ein altes Steinkreuz und ab und zu stößt die Pflugschar auf Häuserreste. Ungern geht der Bauer hier spät abends vorbei. Nach Sonnenuntergang ist mir da nie ein Mensch begegnet. Es riecht dort immer noch nach Blut und Brand. Und wenn der Wind geht, hört man Angstfluche der Männer und Wehgeschrei der Weiber aus den schwarzen Wäldern, die rechts und links über die Hügel sehen. Ich bin so viel allein draußen gewesen bei dunklem Abend und schwarzer Nacht, daß ich das Grauen verlerne. Aber ich fuhr doch zusammen, als ich in später Stunde vor dem Teiche stand und über mir heiser der Reiher rief oder in der Haulung die Eule ihr Höllenlachen losließ. Eines Abends, als ich, den Bock auf dem Rücken hier vorbeikam, mußte ich haltmachen. Die Luft war so dumpf, daß sie mir den Atem nahm. Aus allen Gräben krochen bleiche Nebel, über alle Berge schlichen schwarze Wolkengespenster, matt schimmerten die Sterne aus der dichten Luft und der Mond hatte ein Leichengesicht. Todmüde war ich. Die Beine wollten nicht mehr, der Rücken brannte. Ich warf den Bock in das Gras und lehnte mich gegen die erste Buche. Die Teichfrösche grölten, die Laubfrösche meckerten, die Unken läuteten die Totenglocken. Ich schickte meine Gedanken den Lebensweg zurück, alles Schöne und Liebe zu sammeln, was an der Straße gestanden hatte. Sie kamen mit vollen Händen wieder und reichten mir die Sträuße. Aber die Frösche riefen »Quark, Quark«, und bei jeder Blüte wieder: »Quark«. Ich warf alle Erinnerungsblumen in das Wasser und starrte gleichgültig auf die Flut. »Quark.« Da fuhr es weich und warm über mein Gesicht. Mein Hund leckte mich. Ich lächelte. Er hatte seine große Freude heute gehabt, als er den Bock arbeitete und ich hatte mich an seiner Freude gefreut. Mir selber war die Jagd nur wenig noch, nur ein Mittel, draußen zu sein, und dem Hund eine Freude zu machen. Der ist nun auch tot. Ich höre den Schuß noch, der seine Leiden endete. Und höre die Frösche rufen: »Quark Quark, alles Quark.« Und die Unken läuten die Glocken, und eine Eule heult. Und die eine Zwillingsbuche schreit auf, windet sich in Flammen und bricht krachend zusammen. Und unter dem Teiche bohrt das Wasser den Stein aus. Die Buche ist verwaist, die Weiden werden sterben, der Teich versinkt im Felsengrab. Es wird nichts mehr da sein, als ein Loch, über dem in der Johannisnacht die Seelen der beiden Bäume umgehen, wie in grauen Stunden wehmütige Erinnerungen in den Herzen der Menschen, dann, wenn ringsumher die Frösche rufen: »Quark, Quark, Quark.« An der Beeke Der Wind hat mich genarrt. Als ich vor der Sonne aus der Jagdbude trat, zog er von Abend; so machte ich, daß ich nach der hohen Heide hinkam, über die jeden Morgen der älteste und heimlichste Bock vom Klee nach dem Porstmoor hinwechselt. Als ich aber vor der Heide war, drehte sich der Wind und so nahm der Bock einen anderen Wechsel an. Ich sah ihn in vierfacher Schußweite aus dem Fuhrenstangenort treten, aber da in der Heide so gut wie keine Deckung war, begnügte ich mich mit dem Anblick und sah ihm mit dem Glase nach, bis er außer Sicht war. Was soll ich aber nun mit dem ganzen Morgen anfangen? Denn es ist nicht viel mehr als fünf Uhr. Ich könnte einen von den beiden anderen guten Böcken weidwerken, die mir hier noch freigegeben sind, und von denen ich bestimmt einen im hellen Holze antreffe; doch einmal mache ich mir aus Böcken, die leicht zu erbeuten sind, gar nichts, und dann habe ich mir auch vorgenommen, den alten Bock zu strecken, ehe ich einem anderen das Maß nehme. Ich könnte ja nun einen rucksenden Täuber angehen; aber einen habe ich auf diese Art heruntergeholt und das ist mir genug. Der Ansitz auf Kaninchen ist mir auch zu langweilig; so weiß ich wirklich nicht, wie ich den schönen Morgen verbringen soll. Denn es ist ein wunderschöner Morgen. Die Heide schimmert in der Sonne, an allen Halmen hängt der Tau, die Dullerchen singen aus der hohen Luft herunter, überall läuten die Kuckucke und rucksen die Tauben, der Wiedehopf läßt sich fleißig vernehmen, in den hohen Eichen beim Schaf koben flötet der Pfingstvogel, und über der Wohld kreist der Schreiadler und schickt ab und zu einen hellen Weidruf hinab. Ich schlage den Drilling über den Rückenstrang und bummele die Hauptbahn entlang, die ganz von grünem Brahm eingefaßt ist, der über und über voller goldener Blumen hängt. Unaufhörlich blitzen Sandläufer vor mir auf, und ab und zu funkelt ein Dukatenfalter von einer Habichtskrautblüte zur anderen. Dann und wann raschelt eine Eidechse beiseite und stört die Grillen beim Singen. Das ist alles ganz schön und gut, aber es gelüstet mich nach einem bißchen Weidwerkes. Ich bin sonst gar nicht schießhungrig; doch heute möchte ich eine Pirsche machen auf etwas, das mich reizt, das mir das kühle Blut wärmer macht und mir das Herz zu eiligeren Schlagen bringt. Gerade messe ich die Fährte des starken Hirsches aus, der heute Nacht quer über die Bahn gezogen ist, und die nagelfrisch im Sande steht, da ruft mich ein Reiher an aus blauer Luft. Ich weiß, was er im Sinne hat und ich weiß, was ich zu tun habe. Tag für Tag besucht der Langhals die Teiche und macht die Forellen dünne. Der Jagdherr hat mich gebeten, dem Freifischer gelegentlich das Handwerk zu legen; doch mir steckt der alte Bock im Sinne und so ließ ich Reiher Reiher sein. Heute morgen habe ich aber nichts Besseres zu tun und will es versuchen, ob ich den Graurock nicht übertölpeln kann. So leicht wird das nicht sein: doch dann lohnte es sich auch nicht. Ich biege in das Quergestell ein und jage ein Dutzend Kaninchen, zwei Hasen und den Gabelbock fort, die sich an dem Wildklee äsen, lasse mich von dem Markwart ausschimpfen und von der Amsel ankeifen, freue mich an den beiden Stück Rotwildbret, die durch die Eichenbesamung ziehen, bleibe überall dort stehen, wo die Sauen gebrochen haben, finde auch die Fährte des heimlichen Hauptschweines, das im vorigen Winter die Treiberwehr durchbrach und seine Schwarte heil mitnahm, und dann stehe ich in Deckung vor dem Bachtale und nehme die Teiche unter das Glas, die in der Sonne blitzen und blinkern. Schwalben schießen auf und ab, Teichhühner rufen hin und wieder, der Zwergtaucher trillert, ein Turmfalke kichert über seinem Horstbaume, und ein Dutzend Rehe stehen in den bunt blühenden Wiesen. Meinen Reiher aber sehe ich nicht. So schleiche ich denn am Rande des Waldes auf dem Pirschsteige entlang, von jeder Bucht aus die Teiche und den jenseitigen Waldrand, unter dem die Beeke dahinfließt, abspähend. Alles mögliche bekomme ich zu Blick, sogar eine Mutterente, die ihre Brut quer über den Pfad nach den Teichen führt, auch einen Jungfuchs, der ganz harmlos mir entgegenschnürt, bis ihm die Luft meine Witterung zuführt und er mit einer schnellen Flucht in der Fichtendickung verschwindet; den Reiher aber finde ich nicht. Schon bin ich am vorletzten Teiche, in dem sich alle Augenblicke die Forellen werfen, da blitzt drüben unter dem Walde etwas Silbernes auf. Das muß er sein. Ich nehme das Glas vor den Kopf und suche, bis abermals der weiße Hals emporfährt. Steif wie ein Stock steht der Reiher da und sichert; dann schreitet er weiter in der Beeke entlang, meist von dem Schilf und dem Risch verdeckt. Aber wie komme ich an ihn heran? Zur linken Hand habe ich gar keine Deckung und von der anderen Seite erst, wenn ich einen Umweg von einer halben Stunde mache. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als hinter den Ellern her quer über die Wiesen durch den Staugraben zu waten. Also schnell die Schuhe und die langen Strümpfe ausgezogen und in den Rucksack gestopft, die Kniehosen hoch gezogen und dann hinein in das fußkalte und matschige Vergnügen. So; das wäre überstanden! Zwar sind die Hosen bis unter die Lenden naß geworden, doch die Sonne wird sie schon wieder trocknen. Jetzt kommt die Hauptsache. Vorläufig kann ich noch im Eilschritt den Pirschsteig entlanggehen, aber nachher heißt es mindestens so vorsichtig zu sein, wie der, den ich haben will. Mitten im eiligen Gange bekomme ich einen Schreck; ich sehe einen Reiher sich jenseits über dem Fichtenwald hinschwingen und mit heiserem Schrei verschwinden. Ist das mein Reiher, dann habe ich umsonst das Fußbad genommen und mir ein durchschwitztes Hemd geholt. Ich laufe nach der drittnächsten Bucht, von der ich einen guten Teil der Beeke übersehen kann, und will mich, da ich lange nichts entdecke, schon selbst auslachen, da zuckt hinter dem blühenden Maidornbusche der weiße Hals empor und ich atme auf. Und dann lächle ich hinter meinen Glase. Wie viele Reiher habe ich nicht schon geschossen, auf der Pirsch an Fluß und See, an den Flutkuhlen hinter den Sommerdeichen, in aller Frühe auf dem Anstande an den Teichen oder spät abends beim Einschwung vom Schlafbaume herab, habe auch einige Male, wiewohl ungern, an Massenabschüssen von halbbeflogenen Jungreihern teilgenommen, um angeekelt mit krauser Stirn hinterher heimzufahren. Und jetzt habe ich, wie der andere Reiher eben dahinstrich, wahr und gewiß ein schnelles Herz und einen hastigen Atem bekommen, und ich weiß, mir ist der Tag verdorben, bekomme ich diesen alten Burschen da unten nicht. Denn es ist ein ganz alter Reiher mit eisgrauem Rücken, ein Hauptreiher wie er im Buche steht; das weist mir mein scharfes Glas. Ich schleiche darum, als gälte es einem Hirsche vom zwölften Kopfe, Fuß vor Fuß den Steig entlang, ärgere mich, daß der Zaunkönig mich anmeldet und warte geduldig, bis das Altreh an mir vorüber gezogen ist, damit es nicht schreckend abspringt und mir den Reiher am Ende vergrämt, obgleich mir die Ungeduld Stirn und Brust kitzelt. Auf jedes dürre Blatt, auf jedes Stück Geknick, das am Boden liegt, gebe ich Obacht, denn es darf weder knacken noch knistern, soll ich meinen Willen durchsetzen. Jetzt müßte ich meiner Ansicht nach in der Höhe des Reihers sein. Aber nein; der Blick aus der Bucht zeigt mir, daß es noch hundert Gänge bis dahin sind. Just will ich weiter, da fällt eine Taube über mir ein und äugt zum Bache hinab. Ich muß lauern, bis sie sich getränkt hat; sonst poltert sie laut ab und warnt den Reiher. Es kommt mir vor, als wenn sie eine kleine Ewigkeit sichert, und dann hält sie sich länger an dem Wasser auf, als es üblich ist; endlich schwingt sie sich von dannen und ich kann von der Stelle. Nun aber: stille, stille, kein Geräusch gemacht! Den Drilling schußfertig in der Hand, jeden Tritt so gesetzt, daß kein Dürrblatt unter die Fußsohle kommt, immer in Deckung geblieben und die Augen nach links, wo die Beeke dahinquirlt! Und jetzt halbe Schritte, noch kleinere, und immer längere Pausen zwischen einem jeden, und immer noch nichts als lichte Birkenstämme, dunkles Ellernlaub, Schilf und Weidicht, und in mir Spannung, gepaart mit Hoffnungslosigkeit, Gier, durch gemachte Gleichgültigkeit gedämpft, und schließlich, hinter dem Weidenbusche, ein silberner Blitz, eisgraue Fittiche, ein schwarzer Brustfleck, ein gelber Schnabel, und Knall und Feuer und nichts mehr als Pulverdampf, die Augen lähmend und die Kehle beißend. Dann verzieht sich der Qualm, ich wate durch die Beeke und hole mir den Reiher, der mit ausgebreiteten Schwingen regungslos zwischen den Wiesenblumen liegt, gehe wieder zurück, hänge ihn vor der Sandgrube an eine Fuhre, werfe mich unter einen mannshohen vollblühenden Brahmbusch, starre in den hellen Himmel, sehe den weichen Wölkchen nach und denke an alles und gar nichts, bis meine Augen satt vom Blau sind und zwischen den weißen Birkenstämmen sich an der grünen, rosenrot, goldgelb und schneeweiß besternten Wiese erholen, und vor Staunen größer und größer werden. Denn dort kommt ein Reiter auf einem Falben angesprengt; grün ist sein Kleid, mit goldenen Litzen besetzt. Auf dem Stulphandschuh sitzt, braun und weiß gesprenkelt, eine purpurne, mit Gold besetzte und mit Federn ausgezierte Kappe über den Augen, das Federspiel. Mitten im schlanken Trabe verhält der Reiter das Roß, nimmt dem Falken die Haube ab, wirft ihn empor und jucht ihn mit hellem Kehltone an. Gellend beantwortet der edle Vogel den Ruf und steigt, hastig flatternd auf, daß die goldene Schelle an seinem Griffe lustig klingelt. Ein Horn ertönt, wilde Rufe erschallen, der Boden dröhnt von vielen Hufen, und dann braust die Jagd heran, Ritter und Edelfräulein, schnaubende Rosse, glühende Gesichter, Augen, die alle dahin starren, von wo ein heiserer Ruf erklingt, des Reihers Angstschrei, und ein weicher, des Falken Weidruf. Weiter, weiter geht die Jagd, daß das Bruchwasser spritzt. Da, wo die Beeke den Knick macht, springt ein Reiter zu kurz; das Pferd überschlägt sich, rappelt sich aber wieder auf und rast, den Reiter im Bügel hinter sich, der Jagd nach, bis sich der Bügelriemen in einem Busche verfängt und der Reiter allein zurückbleibt. Ein Horn erschallt; der Falke schlug den Reiher. Aber nein; auf der Heerstraße bläst der Postillon. Ich bin wieder bei mir und im heutigen Tage, und starre so lange in den Wipfel der Eiche, bis ich darin Gestände an Gestände stehen sehe, sparrig und weiß beschmissen, in jedem Wipfel drei oder vier oder mehr, und auf jedem hocken einige dreiviertel beflogene Jungreiher und spähen nach den Alten aus, ab und zu hungrig gierend. Aber dann donnern Wagen heran und halten, ein Jäger nach dem andern steigt aus, und lachend, schwatzend und qualmend gehen sie der Reihersiedlung zu. Ein Schuß fällt, und noch einer, und nun knallt es in einem fort, und alle Augenblicke prasselt und plumpst es, und ein Jungreiher nach dem anderen, schlägt tot oder halbtot zu Boden oder fällt angeschossen in den Horst zurück. Hoch über den Kronen der Eichen kreisen, verzweifelt schreiend, die alten Reiher, und spähen nach ihrer toten oder halbtoten Brut und nach den Menschen, die nach Schinder- und Fillerweise den goldenen Tag entweihen durch feigen Massenmeuchelmord. Ich stehe auf, klopfe mir den Sand von der Jacke, schultere die Waffe und nehme den Reiher in die eine Hand, mit der anderen die langen, breiten prächtigen Schmuckfedern seines Rückens glättend. Beim dahinschlendern denke ich an dieses und das, an die Zeit, die da war, und an die Zeit, die da ist, an die Tage, da man mit dem Federspiele auf der Faust den Reiher beizte, vor sich die hohe Weidmannslust, hinter sich den Tod. Das war ein ehrlich Spiel, bei dem die Waffen gut und gleich waren. Heute aber rudelt man sich in Horden zusammen und knallt die unbeflogene Brut des edlen Wildfischers vom Horstrande herunter und läßt sie in den Brennesseln verludern als stinkenden Fraß für Käfer und Made, und hinterher, beim Bier tut man noch groß, als habe man eine edle Tat vollbracht. Und es war doch weiter nichts als Schinderwerk und Fillerarbeit. Am Abstich Heute will ich tun, was ich lange nicht tat; auf junge Kricken will ich suchen gehen im weitweiten Bruche. Mit den Böcken ist hier nicht viel los; die lieben Nachbarn jenseits der holländischen Grenze ströppen jahraus, jahrein, und so sieht es mit dem Rehstande mager aus. Zudem habe ich den einzigen Bock, der das Weidwerken lohnte, den Alten vom Entenfang, jüngst auf die Decke gebracht, und der gute Sechser, der acht Tage darauf dort zuwechselte, muß für die Nachzucht leben bleiben. So will ich denn auf Kricken suchen gehen. Der Bauer, die Frau und die Magd lachen mir nach, wie ich vom Hofe gehe. Daß man ohne Kniestiefel im Bruche jagen geht, scheint ihnen eine Art von verschämtem Selbstmordversuch zu sein, denn ich habe ein Paar ehemals piekfeine, jetzt etwas zerrissene braune Halbschuhe an den Füßen, und um die strumpflosen Unterschenkel zum Schutz gegen die scharfen Rohrstengel Streifen von einem alten Sacke als Wickelgamasche gewunden. Die Hosen, ein paar ganz alte, reichen nur bis zum Knie, und den Oberkörper bedeckt ein nur bis zur Hüfte gehendes Jagdhemd. So werde ich es aushalten in der Prallsonne. Trete ich mir die Füße naß, so lauf ich sie mir wieder trocken und gehen die Schuhe dabei in die Binsen, ich verliere daran nichts. Aber lange Stiefel? Ich danke bestens! Lieber ein sechsstündiges Fußbad in Schuhen, als in den Schweißröhren umherzulaufen! Der Rucksack, ein Stück Fischnetz mit einer Kordel dadurch, drückt mich auch nicht, und die Denkerstirn schützt ein Hut für eine Mark, wie ihn die Mäher bei der Arbeit tragen. So muß man aussehen, jagt man im Bruche. Langsam, denn Zeit habe ich die schwere Menge, bummele ich los. Der Hund trottet vor mir her. Der alte Widu ist ein schnurriger Bursche. Daß er ein braunes und ein blaues Auge und über jedem eine gelben Fleck hat, also vieräugig ist, das ist das wenigste. Aber seine Rute, seine Rute, die ist einfach zum Schreien, denn sie hat genau in der Mitte einen Knubbel, so dick wie ein mittlerer Apfel, ein Andenken an den üblen Tag, als Widu mit seinem liebsten und einzigen Schwanze zwischen die große Türe kam. In der Farbe ähnelt er der Riesenschlange, indem er dunkelbraun, ockergelb, eisengrau und weiß angestrichen ist und den rechten Hinterlauf schont er ständig, und setzt ihn erst in Bewegung, wenn er zu suchen beginnt »Spare in der Not, so hast du in der Zeit«, wird er denken. Hinter der Wallhecke kommt etwas angeblänkert; der Gendarm ist es. Er ist noch nicht lange hier und kennt mich nicht. Sehr von oben herab, denn er sitzt hoch zu Rosse, mustert er mich. Er weiß nicht recht, was er aus mir machen soll. »Darf ich den Jagdschein sehen?« fragt er. Und ich reiche ihn ihm hinauf. Er wirft einen Blick darauf, lächelt freundlich und sagt »Danke sehr. Na denn: Hals und Bein!« Und dann sieht er den Hund an, lächelt wieder und trabt weiter. Ja, es würde jeder lachen, sähe er den Hund. So albern, wie eine verdauende Amsel, sitzt er da, die Nase hoch in der Luft, als wollte er sagen: »Was soll der Unsinn? Wir haben doch immer den Jagdschein bei uns!« Glatt zum Wälzen ist das. Vor dem Bruche dreht er sich halb um und äugt mich an. Das heißt: »Soll ich schon oder soll ich noch nicht?« Ich schüttele den Kopf, und dreiläufig trottet er hinter mir her. Zehn- oder zwanzig- oder dreißigtausend Jungstare brausen über uns hin; Widu hält es für unter seiner Würde, an sie auch nur einen einzigen Blick zu vergeuden. »Pfui Vogel« denkt er. Der Raubwürger flattert quatschend vor uns auf; Widu beachtet ihn nicht. Ein Hase rutscht dicht vor ihm heraus; »Schonzeit!« denkt der Hund. Und immer weitergeht es durch das trockene Bruch, durch den hohen, streng riechenden Porst, an Rohrdickichten vorbei, über heidwüchsige Stellen, an Moorwiesen vorüber, bis wir endlich vor den alten Abstichen sind, wo Jahr für Jahr mehrere Schoofe Kricken auskommen. Eine wilde Wüstenei ist das hier. Mehr als manneshoch erheben sich die rundlichen, breiten Weidenbüsche auf den Dämmen; Rohr, Pumpkeulen, Risch- und Schwertlilien füllen die Abstiche aus, und wo dieses alles nicht steht, da wuchert Porst. Hier und da reckt eine Krüppelkiefer ihr strubbeliges Haupt empor, oder ein Machangelbusch steht hoffärtig da, oder eine unnahbare Stechpalme, in der Sonne blitzend und glitzernd. Hier brütet allerlei leichtes Volk, Rohrsängerchen, Moorammer, Grasmücke, und mit Vorliebe führt die Birkhenne ihr Gesperre hier, wo sie es sicher vor dem Habicht, dem Gaudiebe, weiß. Ein scharfer Schrei ertönt, und zwei dunkle Vögel mit weißem Schwanzflecke, langgeschnäbelte, spitzflügelige, kreisen über uns, Waldwasserläufer, ein seltenes, seltsames Geflügel, eine Schnepfe, die im Walde lebt und auf Bäumen in verlassenen Drosselnestern brütet. »So, Widu! Wollen Sie die freundliche Gewogenheit haben?« So muß man nämlich mit ihm reden; sonst stellt er sich taub. Er läßt den rechten Hinterlauf herab und beginnt zu suchen, so lahm, so langsam, als mache es ihm nicht den geringsten Spaß. Doch das stört mich nicht, wir kennen uns. Jetzt steht die Rute auf einmal waagerecht; er hat altes Geläufe gefunden. Schon aber fällt sie matt wieder hinunter; es wird eine Ralle gewesen sein oder ein Sumpfhühnchen. Ich lasse den Hund machen, was er will; er kennt sich hier besser aus als ich, und seiner Nase bin ich sicher. Lahm und langsam, ohne jede unnütze Aufregung, sucht er weiter, sich durch Porst, Weiden und Risch schiebend. Wo es keinen Zweck hat, macht er sich die Füße nicht naß; er umgeht jeden Abstich, bis er unter dem Winde ist, bleibt stehen, holt sich schnuppernd Witterung und sucht weiter. Hier auf dem Damme fährt er plötzlich zurück und macht ein Gesicht, daß man vor Lachen sich umkrempeln könnte. Die Behänge hat er angezogen, das Rückenhaar gesträubt, vorn ist er ganz hoch, hinten ganz niedrig, und die Rute sieht aus, wie, na, was soll ich sagen: wie ein aus Fleisch, Bein, Haut und Haar bestehender Schreckensruf. Er hat aber auch Grund genug dazu. Vor zwei Jahren lief er zwei Tage lang mit einem Kopfe wie ein Nilpferd umher. Eine Otter hatte ihn gebissen. Und vor ihm liegt eine und bläst ihn an. Ich reiße ihn zurück, springe vor, trete auf den Giftwurm, fasse ihn an das Schwanzende, haue ihn mit dem Kopfe gegen den Flintenkolben und werfe ihn in den Graben. Sehr beifällig wedelt Widu, sieht mich dankbar an und sucht dann in seiner alten stumpfsinnigen Weise weiter an dem Graben entlang, über die Blöße, an den Abstichen vorbei, in den Porst hinein, aus dem Porst heraus, und dann setzt er sich und blickt mich dumm an. Das soll heißen: »Verstehst du das? Ich nicht; wer noch?« Ja, Widu, das trockene Frühjahr! Daran liegt es. Wasser ist ja hier, aber es ist erst von vorgestern da, von dem Unwetter. Wir müssen weiter, alter Freund. Aber bitte, nicht hier herum, wo der Bruchhof liegt; es könnte sein, daß es dir in den Kopf kommt, bei Minka fründjen zu gehen wie vor zwei Jahren, und ich kann in den Mond kucken, alter Kronensohn! Ja, tu' man nicht so, ich kenne dir. Alter schützt vor Torheit nicht und deine ehrwürdige weiße Schnauze, darauf falle ich nicht hinein. Also bitte, wollen Sie so gut sein und sich halblinks bemühen! Himmel, was er für ein Gesicht zieht! Und jetzt lahmt er wirklich, aber ich lasse mich nicht für einen Bauern kaufen, Verehrter; auch diesen Kniff kenne ich von dir. Also: keine Faulheit vorgeschützt und rin in die Katuffeln! Ja seufze nur; es hilft dir alles nichts. Jetzt wird gesucht und nicht gesungen: »Schöne Minka, ich muß scheiden.« Zum Fründjen hast du heute abend noch Zeit genug. So langsam hat er noch nie in seinem Leben gesucht, wie jetzt. Und wie er mich ansieht, als ich ihn anjuche, so vorwurfsvoll und bitter. Aber dann sucht er auf einmal mit etwas mehr als Kreisbahngeschwindigkeit, zieht die Behänge hoch; wackelt eifrig mit der verkorksten Rute und plätschert lustig in Wasser und Schlamm umher. Er hat gefunden! Ich passe auf wie ein Schießhund, und lasse kein Auge von dem Hunde, oder, verschwindet er in den hohen Rischbülten, von deren schwankenden Halmen. Da, da steht eine auf. Drauf, aber nein, es ist die Mutter. Mit Angstgeplärre verschwindet sie, kommt mit Warngequarre näher, umkreist uns, fällt hier ein, steht wieder auf und platscht irgendwo in das Wasser. Hallo! Eine Junge. Drauf, vorbei, und abermals, sie fällt! Schon hat Widu sie und bringt sie mir zu! Jetzt ist er ein anderer. Das linke Auge, das blaue, blitzt kalt, das andere, das braune, leuchtet heiß; er hat einen mordlustigen Zug um den scheußlich zurückgestoßenen Unterkiefer, über dem das braunweiße Staupegebiß auf unangenehme Weise bleckt und die Rute saust auf unheimliche Art hin und her. Ich lade und spanne, schleife die Ente ein, und der Hund sucht weiter. Er sucht nicht viel schneller als zuvor, aber es ist mehr Leben in ihm. Da steht wieder eine auf; rumms, da liegt sie! Und noch eine; bumms, das ging daneben und sie streicht zum nächsten Abstiche. Schnell geladen, schnell gespannt, und weiter durch Porst und Risch, Schlamm und Wasser! Der Hund sucht und sucht in dem Weidicht umher, aber die Enten wollen nicht aufstehen. Hin und her, auf und ab, kreuz und quer geht es. Bis an den Leib bin ich naß, von der Stirne heiß rinnt mir der Schweiß, das Hemd klebt mir auf der Brust und am Rücken und ich bekomme einen Durst und infolgedessen eine sonderbare Fata morgana: ich sehe das Hofbräuhaus in München vor mir und, eine ziemlich umfangreiche Schenkin, in jeder Hand fünf schäumende Maßkrüge. Fahre hin, du holder Traum; ich klucke drei Mundvoll kalten Tees hinab. In der Not frißt der Teufel Stubenfliegen! Widu, etwas weniger langsam voran, daß durch Moor und Mudde ich nachkommen kann! Hund, Rüde, Teebe, bist du denn ganz verrückt geworden? Es ist ja gerade, als ob du Minka auf heißer Fährte arbeitest! Aha, er ist mitten zwischen dem Schoofe und bekommt kein Stück davon, und mir geht es, wie einem Börsenpapierinhaber vor einem Haupttage; denn dies Geruschel und Geraschel und Gepantsche und Geplantsche und Gepladder und Gequadder und Gerispel und Geraspel und dabei diese Siedesengesonne und die dreimal vermaledeiten Blindfliegen, da braucht man eigentlich einen Ersatznervenapparat. Hol's der sogenannte Dieser und Jener! Und dabei kein Stück herauszubekommen von der Bande! Hier schlüpft es, da schlieft es, dort kribbelt, da krabbelt, da pladdert, da flattert es, hier ein Huschen, da ein Fluschen, und immer weiter nischt als nischt! Ach so, nun weiß ich auch, warum und wieso! Das halbe Schoof ist noch unbeflogen. Eben sah ich so ein dürftiges Jungentchen. Widu, daher, daher! Laß, laß! Kein Kindermord! Dumm schaut er mich an, wie er quietschplietschnaß aus dem Abstiche steigt. »Ente ist doch Ente!« denkt er. Ich weise ihn hinter mich. So, mein Lieber, da unter der krausen Eiche wollen wir uns erst ein wenig lang machen, denn die Wassertreterei ist mir doch etwas in das Knochengerüst gezogen. Ich lehne mich gegen den Stamm und zünde den Mutz an, er steckt die Nase unter sich und entledigt sich seines Bewußtseins mit einer Gewandtheit, die mich mit schwefelgelbem Neide erfüllt, denn ein halbes Dutzend Jahr saß Nacht für Nacht die Schlaflosigkeit vor meinem Bette und sah mich liebreich an, und ab und zu kommt das dumme Frauenzimmer noch ungebeten zu mir. Ich rauche und starre dahin, wo die Turmschwalben schwimmen, und finde, daß die Sonne eine andere Farbe bekommen hat, nicht mehr so klar ist, sondern mehr wie ein beträchtliches Spiegelei aussieht, bin aber zu faul, über die Ursache nachzudenken. So; der Nasenwärmer röchelt immer engbrüstiger. Ich erhebe mich, und sofort ist Widu wach. Er steckt die Nase in die Luft, schnüffelt, und dann sieht er mich an, als wolle er sagen: »Noch weiter suchen? Zweck hat es nicht. Und was keinen Zweck hat, hat keinen Zweck.« Ja, was ist denn los? Ich schnuppere und sehe mir den Himmel an. Der ist zart und grau und durchsichtig, und die Sonne steht rot darin. Auch weht ein anderer Wind, ein stoßweiser, kranker, hüstelnder. Aha, auf die Art! Wir haben Venndampf; irgendwo brennt das Moor. Ja, Widu, dann wird die Sache mulmig, denn bei Brandluft versagt selbst deine Nase. Doch: versuchen können wir es trotzdem; das kostet nichts. Also: sind Sie so freundlich. Mürrisch steigt er in den großen Abstich, so faul, so lahm, so zögernd, als sei Terpentin darin und kein Tropfen Torfwasser. Aber nachdem er ein Kurzweilchen gesucht hat, kommt Schneid in ihn; hei, wie die Rute wackelt, und wie eilig er es hat, und da sind sie schon: eins, zwei, drei Stücke, und noch eins; eine fällt, und dann noch eine, und im nächsten Abstiche wieder eine, und abermals eine weiterhin, und dann ist es aus: Widu streikt. Ich rede ihm vernünftig zu. Er fügt sich und sucht, aber wie? Ich blicke um mich; die Luft ist ganz grau. Der Wind ist kühl, und es riecht immer mehr nach Brand. Kein Wunder, daß Widu die Nase verloren hat. Der Klügere gibt nach, denke ich und rufe den Hund ab. »Endlich eingesehen?« So deute ich seinen Blick und lieble ihn ab. Gleichgültig nimmt er es hin und trottet hinter mir her. Beim Bruchhofe sehe ich mich um. Kein Widu da! Ich flöte. Kein Widu kommt. Ach so: Minka! Unter dickem, grauem Himmel, in dem blutrot die Sonne hängt, gehe ich dem Hofe zu, vor dem der Bauer steht und gen Westen sieht. Da quillt es rußig hinter dem Bruche heraus und qualmt schräg empor. Das ist ein großer, großer Brand; der wird alles Geflügel in meine Jagd treiben, und so wird es morgen noch besser schlumpen mit der Suche auf Kricken. Den Bach entlang Der Tag ist schwül, hinter den Dächern der Stadt drohen auf hellblauem Hintergrunde weiße Wettertürme, im Westen hängt eine bleigraue Wolke und die Sonne sticht. Das ist mir sehr angenehm. Heute beißt die Forelle. Ich ziehe den leichtesten Jagdanzug an, nehme Rucksack und Wetterkragen und lange den Angelstock aus dem Schrank. Nicht die Fluggerte, die ist an dem Bache nicht angebracht, an dem verwachsenen, unter Weiden, Winden und Hopfen dahinklucksenden, dessen Kolke nicht Raum bieten für den Wurf mit der Fliege. So bleibt das Fliegenbuch im Fach und in den Rucksack wandert die Wurmbüchse. Eine Stunde Bahnfahrt, eine Tasse Kaffee auf dem Kleinbodenhof, noch zehn Minuten Fahrt auf der Kreisbahn, dann bin ich angelangt. Ein kurzer Weg auf kalkweißer, flimmernder, augenblendender Landstraße, und ich bin an Ort und Stelle. Hinter der grauen Steinbrücke, aus deren Ritzen die zierlichen Wedel der Mauerraute herabhängen, klukst der Mühlgraben durch ein dichtes Gewirr von großblumigen Weidenröschen, Sauerampfer, Wasserhirse, wildem Bandgras, hohem Baldrian und noch höherer Kohldistel. Rechts und links ist Feld, Rüben mit blanken Blättern, blühende Kartoffeln, alles besät mit den roten Flatterblumen der Klatschrose. Weiterhin an den Hängen färbt der Quendel ganze Flächen rötlichblau, goldgelb prangt dazwischen das Johanniskraut. Die Angel ist ausgezogen, die Schnur angemacht, ein dicker, langer Wurm windet sich am Haken. Ich gehe den Bach entlang. In den wenigen offenen, seichten Stellen, wo das Wasser klar ist, schießt die junge Brut hin und her. Da habe ich nichts zu erwarten. Stände hier eine gute Forelle, wäre keine Brut da. Aber dort, wo des Pestwurzes riesige Schirmblätter den Bach beschatten, wo die dunkelblauen Libellen um die Windenblumen flirren, da ist es tief. Ein dicker Wasserfrosch macht einen tadellosen Kopfsprung, wie ich mich nähere. In die zwei Hände breite Lücke zwischen den breiten Blättern lasse ich den Wurm fallen. Ein Klatschen folgt und ein Reißen. Ich gebe Schnur und warte. So, jetzt! O weh! Die Schnur verfing sich. Ich streife einen frischen Wurm auf und lasse ihn auf demselben Fleck fallen. Die Schnur spannt sich, der Köder schwimmt. Aber kein Ruck erschüttert die Angel. Langsam ziehe ich den Köder und lasse ihn wieder schwimmen. Da ruckt es, die Schnur geht stromauf und pendelt hin und her; im Bogen fliegt eine Forelle in das Gras und schlägt sich frei. Hier oben will ich mich aber nicht länger aufhalten, hier steht nur geringes Zeug, viertelpfündiges höchstens. Ich gehe den Graben entlang, höre den Hänflingen und Stieglitzen zu, die in den Pflaumenbäumen zwitschern, gehe an dem Lehmabhang vorbei, um den die Uferschwalben fliegen, an Böschungen, prangend von rotem Mohn, an Uferbuchten, wo auf duftender Minze goldne Käfer kriechen, bis zu der Brücke, bei der der Mühlgraben in den Bach stürzt. In den Mühlgraben werfe ich den Köder. Die reißende Strömung wirft ihn zu mir zurück. Vor mir steht die Schnur einen Augenblick, dann geht sie langsam stromauf. Ich habe Anbiß. Jetzt ein kleiner Ruck, dann ein Zerren; ich reiße durch ganz leises Anziehen, und nun folgt ein Klatschen, ein Prasseln, daß das Wasser spritzt. Ich will mit einem Schwung die Forelle auf den Rasen holen, aber die Schnur sitzt fest. So springe ich bis an die Knie in den Bach, lange die Schnur heraus, ziehe an und fasse die Forelle. Eine stramme Amerikanerin, wohl über ein Pfund schwer. Ein Schlag mit dem Gnickergriffe über ihren Nacken macht sie schlapp, ich kann den Haken aus ihrem Schlund lösen und die Schnur frei machen. In ein breites Pestwurzblatt wickelte ich sie sauber ein, versenke sie in den Rucksack und überschreite die Brücke. Hier beginnt das Hauptwasser. Weiter unten ist es zwar besser, da sind offene Kolke. Aber hier, wo der Bach versteckt liegt, in einem Gewirr von Weiden und Winden, Ellern und Hopfen, Weidenröschen und Pestwurz, Baldrian und Spierstaude, da macht es mir Spaß, unter tausend Schwierigkeiten den Wurm hineinzubringen und den Fisch zu landen. Aber schwül ist es. Der Schweiß tropft mir von der Stirn. Ich gebe Hut und Joppe einem kleinen Blondkopf, der mir für einen Nickel die Sachen zur Wirtschaft trägt. Denn ziehe ich einen munteren Wurm auf und werfe da, wo großblumige Käspappeln ihre Stengel recken, ein. Dem Wurf folgt ein Anbiß. Ich lasse schlucken und ziehe an; bis in die Weiden habe ich die Halbpfündige schon heraus, da verfängt sich die Schnur und die Forelle schlägt sich los. Ein frischer Wurm und fünf Schritt weiter. Ärgerlich schimpft der Neuntöter; es paßt ihm durchaus nicht, daß ich bei seiner Kinderstube bin. Vor mir, unter dem Weidenbusch, ist eine tiefe Stelle. Aber wie da den Köder hinbringen? Oben hindern die Zweige, unten des Pestwurzes Blattschirme. Zehnmal versuch ich's, immer gelingt's vorbei. Aber nun gerade! Beim elften Male klappt's. Plumps, sagt der Wurm, ratschklatsch, die Forelle. Sie sagt, sie will nicht, tobt hin und her, bachauf, bachab. Die lohnt sich. Aber ich lasse ihr Zeit, rucke nur leicht an. Und dann ein Schwung, ein Silberblitz in der Luft, und da tanzt sie in den blanken Rübenblättern. Ein halbes Pfund mehr. Da unten ist wieder eine Lücke und darunter sprudelt der Bach recht munter. Ich bringe die Angel hinein, der Wurm treibt, aber es beißt nichts. Zurück und wieder schwimmen lassen. Und noch einmal und so sechsmal. Aber da spannt sich die Schnur. Heraus mit ihr. Ein Schierlingsstengel ist die Beute. Na, denn noch einmal. Siehste wohl, hat ihn schon. Ein Viertelpfund mehr für die Küche. So, jetzt will ich es bei den Malven noch einmal versuchen, wo mir die eine abfiel. Und ich will einen ganz dicken Wurm nehmen. Große Würmer, starke Fische. Fünfmal lasse ich es plumpsen, zehnmal ziehe ich zurück, dann schnappt's. Jawohl, sie ist es. Unter dem linken Nasenloch hat sie den Riß vom vorigen Mal. Aber nur knapp ein halbes Pfund. Hier unten ist gar nichts zu machen, hier hat die Waldrebe alles verfizt. Mit Angstschrei stiebt die Amsel ab, und das Großwiesel, das am Rande des Rübenstücks mauste, macht ein Männchen und fährt in das Gestrüpp. Hier geht's nicht, da stehen die dickköpfigen, roten, nickenden Disteln im Weg. Da auch nicht, da hindert mich die Krüppelesche. Hier erst recht nicht, da erlauben es die Brommelbeeren nicht, und da kann ich wegen des Schneeballbusches nicht heran. Aber hier geht es, wenn auch schlecht. Ich muß den Wurm unter den Weidenbusch treiben lassen. Hoppla, die erste. Hinein in den Rucksack. Und die zweite hinterher. Und zwei Schritt weiter die dritte. Alle von derselben Größe, vier auf ein Pfund. Das ist heute feines Beißwetter. Das meinen die blinden Fliegen auch. Ich muß schmöken, als wenn so'n armer Bauer backt, sonst ist es nicht zum Aushalten. Aber das schad't nichts. Wo ein Loch im Gebüsch ist, werfe ich ein. Jede Forelle kostet mindestens fünf Würmer, so oft verheddert sich die Angel, aber ich habe Zeit und Geduld. So Stücke sieben hole ich nach und nach heraus, dann wird's mir zu dumm, dieses ewige Angellosmachen und Herumgekrebse in Wurzelwerk und Faschinen, und ich gehe nach den Kolken. Hier unten macht der Bach Knick auf Knick und in den Ecken ist freies Wasser, und in diesen tiefen Löchern stehen die großen Räuber. Besonders hier in diesem Kolk, da kann man heute eine starke Forelle herausholen, und morgen hat eine noch stärkere die Wohnung bezogen. Ein dicker Grasammer, der von der Spitze des Kreuzdornbusches sein hölzernes Lied mit wenig Witz und viel Behagen herabrasselte, fliegt mit hängenden Beinen einen Busch weiter, wie ich einwerfe. Der Wurm sinkt bis auf den Grund, die Schnur rührt sich nicht. Ich ziehe auf und lasse ihn am hohlen Ufer vorübertreiben, einmal, zweimal, dreimal. Dann zuckt die Rute, die Schnur zittert und verschwindet unter dem Ufer. Leise ziehe ich an, aber sofort gibt es da unten ein Mordshallo. Das platscht und klatscht und spritzt und schäumt, als säße ein mittelstarker Haifisch am Haken. Von hier oben kann ich nichts machen, ich muß hinab in das Dschungel von Kletten, Disteln, Klebkraut und Nesseln und versenge mir Hände und Gesicht. Ich ziehe langsam die Forelle aus ihrem Uferloch. Aber immer wieder schießt sie unter das Ufer. Zehn Minuten lang gebe ich ihr Schnur und hole auf, dann läßt sie sich bis in die Mitte des blaugrauen, trüben Kolkes ziehen. Und dann ein Schwung, daß die Rute in ihren Gelenken knarrt, ein Plumpsen in den Hafer, und jetzt habe ich sie im Genick, die pfundige Bachforelle. Ein Staatskerl. Es ist gut, daß sie tot ist. So manchen aus der eigenen Sippe wird sie übergeschluckt haben. Die soll morgen, auf eigenem Teller serviert, von Vergißmeinnicht und Bachehrenpreisblüten umgeben, den Stolz der Tafel bilden. Hinter den Bergen grummelt das Gewitter. Einzelne Tropfen fallen. Ich hänge den Regenkragen um und fische weiter, aber nur die Kolke nehmend. Bei jedem dritten Wurf lande ich eine Forelle, ab und zu, wenn die Schnur sich verfängt, schlägt sich eine los, aber ich bringe doch so viele zu Land, daß mir das ewige Rucksackaufmachen schon lästig wird. Und ich habe auch genug, mehr als genug. Nur noch einige so bei Wege mitgenommen, und dann bei Blitz und Donnerwetter und strömendem Regen zum Kruge. Angeln macht Durst. Das hübsche roggenblonde Wirtstöchterlein setzt mir das Glas hin und wiegt die Forellen. Fünf Pfund und ein halbes. Das genügt. In Risch und Rohr Fern von der lauten Welt liegt mein Unterkriech. Ein Einzelhof ist es, im wilden Bruch belegen. Ganz altväterisch ist das Haus. In einem einzigen Raume wohnt der Bauer samt seinem Vieh und zwei Klucken mit ihren Küken. Keine Stube, keine Kammer enthält das Haus; die Schränke und Truhen stehen auf der Diele, auf der das offene Feuer unter dem Kesselhaken brennt; die Schlafstätten sind Alkoven in der Wand neben den Viehständen. Einen davon hat man mir eingeräumt. Wenn ich nicht pirsche, sitze ich auf dem Binsenstuhle am Feuer, rauche aus der langen, angeschwärzten Tonpfeife den krausen Tabak, der neben dem Feuer in einem offenen Fäßchen steht, trinke ab und zu einen Schluck Tee aus dem Köppje, sehe den Küken zu, die zwischen den Stühlen herumpiepen, und lasse mir von dem Beßvater von den Zeiten erzählen, da es hier noch keinen Kanal und so viel Wasser gab, daß die Leute nur hoch zu Roß, Mann und Frau auf einem Pferde, zur Kirche kommen konnten. Aber heute noch gibt es im tiefen Bruche Wasser genug, und der eine Teil sieht wie ein märkisches Luch aus. Es ist mir die liebste Ecke in der Jagd, denn zwischen ihm und der Heide, in den Porstdickungen, steht der Bock, den ich haben will. Der Bauer kennt ihn schon seit Jahren und behauptet, es sei mit ihm nicht richtig, weil er weder auf Pirsch und Anstand, noch vor Treibern oder Hunden zu Schusse gekommen sei. Als ich ihm sagte: ›Bevor er hier nich an der Wand hängt, min leiwe Jan, gah' eck nich weg,‹ grinste er und meinte: ›Dann büst du noch öbers Jahr um düsse Tied hier, Junge!‹ Fast will es mich dünken, als solle er recht behalten. Eine volle Woche weidwerke ich hier nun schon in Risch und Rohr und habe den Bock erst zweimal gesehen, einmal im Frühnebel, das andere Mal spät abends. Beide Male war es zu weit für die Kugel. Heute will ich es zur Abwechslung mit der Mittagspirsch versuchen. Es hat von zehn bis elf Uhr gegossen und deshalb glaube ich, daß der Bock aus den tropfenden Dickungen auf die Blößen austreten wird. Wenn ich aber nur wüßte, wo ich ihn suchen soll, im Porstbruch oder auf den Wiesen, im Stangenholze oder auf den Dämmen. Er findet überall Äsung genug, und Deckung ist mehr da, als mir lieb ist. Ganz sachte und behutsam pirsche ich den Damm entlang, fortwährend nach rechts und links blickend, denn überall kann der Schlaumeier stehen. Neulich äste er sich, wie mir der Hoferbe erzählte, ganz gemütlich auf der Wiese hin, obschon nicht weit davon die fünfzig Gänse des Bauern weideten. Heute steht dort aber nur der Spießbock, und ich schlendere weiter, ohne von ihm gewahrt zu werden. Augenweide habe ich in Hülle und Fülle. Die Gräben sind mit weißen Hahnenfußblüten und den Blumenquirlen der Wasserprimel bedeckt, überall leuchten die gelben Lilien, rote und weiße Kuckucksblumen, Sternkraut und Günsel zieren die Böschungen, und die Maidornbüsche sind beladen mit Blütendolden. Dazu stehen die Eichen im jungen Laube, die neuen Birkenblätter blitzen nur so, und es lebt und webt und singt und klingt in allen Büschen. Nun bin ich an dem Sumpfe, über dessen blankem, von Weiden, Rohr, Schilf und Risch durchbrochenem Spiegel Dutzende von Trauerseeschwalben auf und ab fliegen, dann und wann herniederstoßend und ein kleines Getier aufnehmend. Eine Wildentenmutter samt ihrer Brut kommt aus dem Röhricht geschwommen, warnt aber sofort und verbirgt sich wieder, weil dort hinten die Rohrweihe heranschaukelt. Ich pirsche langsam weiter, trete einen Reiher vor mir fort, den ich leicht herabholen könnte, aber leben lasse, bekomme dort, wo der Sumpf von dem Porstbruche abgelöst wird, einen leuchtend roten Reck zu sehen, schleiche mich dichter und dichter heran, ohne erkennen zu können, was es ist, bis er sich endlich, nach halbstündigem Passen, als eine alte, hochbeschlagene Ricke entpuppt, die faul und bequem auf demselben Flecken herumäst. Ich komme an ihr vorbei, ohne daß sie Arg vor mir hat, und bin nun vor dem Porstbrache. Hier an die Eiche habe ich sieben Knüppel als Tritte genagelt und kann sie so leicht erklimmen und in den Sitz gelangen, den ich mir in ihrer Krone gemacht habe. Abend für Abend habe ich hier gesessen und auf den Bock gepaßt, ihn aber nur zweimal erspäht. Es ist möglich, daß er ein jedes Mal vor mir war, aber an den meisten Stellen stehen die Büsche so dicht, daß man auch vom Hochsitze wenig sehen kann. Ich lasse meine Augen über das grüne Gewirr schweifen, von rechts nach links und von links nach rechts, rauche, denke halbe Gedanken und träume undeutliche Vorstellungen, sehe der Rohrweihe nach, die über das Brach hinwegschwebt, und bekomme allmählich faule Augen, denn ich habe in dem dumpfen Alkhoven und wegen des Gerassels, das das Vieh vollführte, nur wenig schlafen können. Da leuchtet plötzlich zwischen den Porstbüschen etwas Rotes auf und meine Augen werden wieder munter. Daß es ein Reh ist, sehe ich, und daß es mein Bock nicht sein kann, erkenne ich auch, denn der hat ein viel stärkeres Gebäude. Und nun, da es voll auf die Lichtung tritt, kann ich es genau ansprechen; es ist ein Schmalreh. Und daß es nicht allein ist, merke ich daran, daß es in einem fort hinter sich äugt. Sehr vorsichtig drehe ich mich mehr nach links und spanne den Büchsenlauf des Drillings, des Bockes wartend, der dort kommen müßte. Doch die Schmalricke zieht nach rechts hin, und eine Weile nachher höre ich es rechter Hand brechen, und breit und blank steht der Bock in bester Schußnähe da. Obgleich mir das Herz bis in den Hals hinein schlägt, wende ich mich sehr bedächtig, denn so nahe hatte ich den Bock noch nie, und es ist einer, der sich lohnt; mächtig ist sein Gebäude, eisgrau das Gesicht, und das Gehörn stark, hoch, breit ausgelegt und prächtig vereckt. Ich warte, daß er etwas mehr nach links hin ziehen soll, aber er tut gerade das Gegenteil, und es ist mir unmöglich, mich so weit zu drehen, ohne Geräusch zu machen. Langsam zieht er der Stelle zu, wo das Reh verschwand, und taucht in den Büschen unter. Mit langem Gesichte sehe ich ihm nach, überlege, wie ich es anfangen soll, um ihm den Paß abzuschneiden, klimme nach einer Weile hinunter und schlage den Damm zur Linken ein, um unter den Wind zu kommen, denn wenn ich nicht sehr irre, wechselt der Bock der frischen Wiese vor der Heide zu. So pirsche ich denn eilig, doch behutsam, voran, immer zwischen den Rohrdickichten hin, die die abgebauten Torfstiche ausfüllen, immer in Sorge, daß ich den Bock überpirschen könnte, fortwährend die Augen nach den Seiten werfend, und Obacht auf jedes dürre Blatt und jeden trockenen Zweig am Boden gebend, denn hier in der Stille geht kein Geräusch verloren, wenn auch Grasmücke und Laubvögelchen, Rohrsänger und Moorammer noch so lebhaft singen. Flüchtig nur streife ich die veilchenblauen Blüten des Fettkrautes, den zierlichen, hellgrünen Farn, die glitzernde Blattrose des Sonnentaus am Grabenborde, achte des Wiesels kaum, das vor mir über den Damm schlüpft, und der Schlingnatter, die sich eilig zur Seite schlängelt, wie mein Schatten auf sie fällt, bin aber etwas ärgerlich, wie neben mir aus dem Graben eine Ente mit großem Gepolter und viel Geplärre aufsteht, und sehr wenig froh, daß ein Birkhahn, der sich im Torfmull badete, mit Lärm hochgeht, denn alles das könnte den Bock warnen. Darum schleiche ich an dem alten Entenfange, der ganz voll von blühenden Schwertlilien ist, und auf dem die Enten mit Vorliebe liegen, besonders behutsam vorbei, und dann stehe ich hinter einem über und über mit weißer Samenwolle bedeckten Weidenbusche vor der Wiese und mache ein sehr dummes Gesicht, denn in ihrer hintersten Ecke zieht soeben der Bock hinter dem Schmalrehe in das Röhricht. Die Sonne scheint, die Wiese blüht, Falter fliegen, Vögel singen, und mir ist so, als wäre Herbst und der Regen rauschte auf mich herunter. Doch dann muß ich mich selber auslachen. Solchen Heimlichtuer, wie diesen Bock, binnen einer Stunde in solchem Gelände zweimal zu Blick zu bekommen, das ist schon allerlei, und da aller guten Dinge drei sein sollen, mag es am Ende doch noch schlumpen. Ich schleiche bis dahin, wo ein zu Dreivierteln ausgetrockneter Graben das Röhricht teilt, und in dem pirsche ich mich voran, Schritt um Schritt ganz bedachtsam setzend. Der Schilfrohrsänger schwatzt, irgendwo ruft ein Rohrhuhn, Schwalben zwitschern über mich hin, Spitzmäuse schrillen im Risch und ganz leise raschelt der laue Wind im alten Rohr. Ich passe scharf auf den Rauch meiner Pfeife, um nicht mit falschem Winde zu kommen, und horche angestrengt in das Dickicht hinein. Da, ein roter Fleck, der Bock! Aber nein, es ist nur ein krankhaft gefärbtes Blatt, das mich narrte. Aber brach es hier nicht laut genug, hier dicht vor mir, daß es ein Reh sein könnte? Doch nein, es ist nur eine Maus, die dort herumhüpft. Und das, was neben mir im Rohr rispelt und krispelt, ist nur ein Vogel. Weiter darf ich mich aber nicht vorwärts wagen, sonst komme ich über den Wind. Es ist ja möglich, daß der Bock schon über den Graben gezogen ist, aber nicht sehr wahrscheinlich, denn er hatte es wenig eilig. Ich suche mir eine Stelle an dem Grabenufer, wo ich bequem sitzen und weit genug spähen kann, und dort kaure ich mich hin, mich so klein wie möglich machend und mein Gesicht versteckend, so gut es geht. Die hohen Halme um mich rascheln leise, die Rohrsänger schwatzen auf eintönige Art, Bienen summen, fern weg flötet der Pfingstvogel immer und immer dieselbe Weise; ich muß mich zusammennehmen, daß ich nicht einschlafe. Zudem brütet die Sonne hier über die Maßen und heftiger Durst brennt mir im Halse. Ich kaue an einem jungen Rohrhalme, sehe bald den Käferchen zu, die auf der Grabensohle umherrennen, bald dem Rohrsänger, der an den Halmen auf und ab klettert, bin froh, daß ein Spitzmauspärchen, das sich zwischen den Rischblüten jagt, mich aus der Schlafsucht reißt, und horche währenddem scharf in das Röhricht, ob ich es darin nicht treten und brechen höre. Schon ist fast eine Stunde vergangen, daß ich hier bin, und ich habe das Lauern reichlich satt, zumal mir die Beine einschlafen und der Rücken zu schmerzen beginnt von dem regungslosen Sitzen. Aber eine halbe Stunde will ich noch darangeben, und dann noch einmal alle Blößen absuchen, denn ich habe so das Gefühl, als müsse ich heute zu Schusse kommen. Eine Viertelstunde vergeht, ohne daß sich im Geröhr etwas rührt, und noch eine, und schon denke ich daran, aufzustehen und freue mich darauf, wie ich mich recken und strecken will, da bricht es über mir ganz laut und aus dem Rohr schiebt sich das Schmalreh, äst ein paar Blättchen und tritt über den Graben. Mein Herz beginnt Polka zu tanzen, denn wieder bricht es vor mir, und das ist niemand anders als der Bock. Ich wage nicht, das Büchsenschloß einzustechen, und das leise Beben der Arme verstärkt sich, je länger ich warten muß. Aber es dauert und dauert und dauert, ehe es sich wieder rührt; dann aber steht der Bock breit wie eine Scheibe vor mir, erst nach mir hinäugend, dann nach der anderen Seite, und sobald er das Haupt wendet, habe ich das Korn auf seinem Blatte, drücke und sehe hinter dem Feuer her, daß er gut zeichnet, und wie ich aufspringe und horche, höre ich es einige Augenblicke heftig und regellos rauschen und brechen und dann poltert es, und das Brechen kommt nur noch von derselben Stelle; der Bock liegt. Ich steckt eine neue Kugelpatrone ein, spanne die Schrotläufe und gehe langsam und mit so wenig Lärm wie es geht, der Stelle zu, von wo das Schlagen ertönt. Nach dreißig Gängen stehe ich bei dem Bocke, der nur noch mit den Läufen etwas schnellt, und keine Versuch mehr macht, hochzukommen, als ich ihn an die linke Stange fasse und ihm mit dem Messer den Rest gebe. Dann schleppe ich ihn auf den Damm, breche ihn auf, hänge ihn an eine Eller, rode das Gescheide ein und werfe mich der Länge nach auf den Rücken, bis eine Viertelstunde vergangen ist und der Bock ausgeschweißt hat. Noch einmal betrachte ich das Gehörn, das bei weitem nicht so brav ist, wie es mir am lebenden Bocke vorkam, denn es verliert von der Mitte ab alle Stärke und die Enden sind schlecht vereckt. Mit dem schweren Bocke auf dem Rücken gehe ich langsam dem Hofe zu, wo die Bäuerin ganz erstaunt die Hände hochhebt, wie ich ihr den Rucksack vor die Füße lege. Aber als ich mit meinem Köppje Kaffee und einem Teller voll Buchweizenpfannkuchen mit Sirup vor dem Feuer sitze und der Bauer hereinkommt, da macht er noch rundere Augen als seine Frau, denn er ist ein ganz guter Jäger, und hat diesen Bock doch nicht bekommen können. »So'n Dusel,« meint er »Wahrhaftig, es ist der olle. Du kannst aber auch mehr, als bloß Brot essen, Junge!« Ich lache und sage: »Ja, Jan, auch Boakweitenjanhinnerk,« auf den Teller weisend, und ich setze hinzu: »Un' Genever drinken kann 'ck ook!« Da lacht er und holt die Flasche vom Wandbrett, schenkt mir einen Wacholder ein und sagt: »Zur Gesundheit! Und nun kommt der Bock vom Hünenberg an die Reihe!« Auf Pirsch im Porst Gestern hat es Gold geschneit; Silber fiel heute nacht; Rauhreif knirscht unter meinen Schuhen. Die hellen Wochen sind zu Ende, vorüber sind die Tage, da die Birken gelb vor dem klaren Himmel standen. Lustig schüttelte sie gestern der Nordost, der kecke Heidläufer; morgen wird der Nordwest, der alte Brummbär, ihnen die letzten Flittern aus den langen Haaren kämmen. Mag er! Ich habe mir meinen Teil Blauhimmel und Goldluft erpirscht auf brauner Heide und im fahlen Bruche, habe mich gewappnet gegen tiefen Himmel und dicke Luft, drei Wochen lang pirschend heidauf, heidab, heute dort oben auf der hohen Geest, wo der fünf uralten Steingräber schwarze Mäuler gähnen, morgen im lichtdurchsprühten Gedämmer der Fichten, und tags darauf im pfadlosen Bruche. Stäubt morgen der Regen über die Heide und rauscht er in das Moor, auch seiner will ich mich freuen und der mürrischen Wolken und des hohlen Windes, wie ich mich heute der silbernen Heide und der goldenen Birken freue. Wo soll ich ihn verpirschen, den letzten Sonnentag? Dort, wo der Forellenbach lustig plaudernd im tiefen Bette dahinschießt, wo sich der Eichen Herbstlaub und der Stechpalme Korallenschmuck in dem blanken Wasser spiegeln? Oder da, wo des Moorbaches ernste, verschwiegene Wasser langsam am heimlich flüsternden Ried vorbeiziehen? Da oben auf der hohen Heide am grünen Ginsterfelde entlang und zwischen den gespenstigen Wacholderhorsten, wo der Birke Silberstämme aus goldenem Fallaube ragen, im buschumhegten Weidelande, wo unter den roten Kronen der Buchen die Rehe nach Mast suchen, oder im braunen Kiefernstangenorte, wo sie sich an den roten Pilzen äsen? Wer sagt mir, wo es heute am schönsten ist auf diesen dreißigtausend Morgen Land. Drei Vorzeichen will ich befragen. Wo der erste Vogel hinfliegt, wo der Wind herkommt, wo mein Messer hinzeigt, wo die drei Linien sich schneiden, dort will ich hin. Mein Weidmesser blitzt durch die Luft und klirrt in den Sand; nach Südost zeigt die Spitze. Nach Südost zieht auch der Pfeifenrauch. Und jetzt ruft es rund und voll über mir, der Rauk ist es, der edle Rabe, mein Freund, den ich hege und pflege, dem ich den Junghasen gönne und das Birkhuhngelege, weil er so schön ist und so selten ward. Nach Südost geht sein Flug. Blitzendes Messer, blauer Rauch, blanker Vogel, gern folge ich euch. Da unten, zwischen Mittag und Morgen, da liegt das weite breite Bruch, das laute, lustige, bunte Bruch zur Frühlingszeit, wenn sich der Birkenbaum mit Smaragden schmückt, wenn der Porstbusch wie eine Flamme glüht, wo im April der Birkhahn tollt, der Kranich ruft, der Brachvogel pfeift, Weihe und Mooreule und Kiebitz ihre Minnespiele treiben und die Dämmerung voll ist von dem Gemecker der Heerschnepfen. Ich liebe dich, lustiges, lachendes Bruch, der Giftotter Wutgezisch, der Mücken Hohngesang verdirbt mir die Lust an dir nicht, und auch nicht das kniehohe Wasser, der schwarze Schlamm. Wir kennen uns so manches Jahr, und nie ward ich deiner leid. Zu allen Zeiten war ich in dir, kam oft mit krauser Stirn und kalten Augen und fuhr helläugig und glattstirnig wieder heim. Soweit der Himmel blau und die Heide braun ist, bist du mir das liebste hier Und heute wirst du schön sein, schön wie im Mai, und lustig. Wie ein Silberteppich, mit Purpur und Gold gestickt und mit grünem Sammet besetzt, liegst du da, wie ein Teppich aus eines Riesen Haus, ein Meile lang hin, eine Meile lang her. Eintönig erscheinst du unkundigen Augen, eine leere Wüstenei, und bist so reich an Wechsel, mit Schönheit gefüllt und von Zauber durchweht. Seltsame Dinge raunen die Krüppelkiefern, und alte Mären rauscht das Ried; dort wo sich der Damm zwillt, knallt um Mitternacht der ewige Fuhrmann; bei der Kösterbult weint die tote Spinnerin, drüben am Hellberge wiegt die Zwergenkönigin ihr Kind in einer goldnen Wiege, und im hohen Holze kräht um die Unterstunde der goldne Hahn; das klingt wie ein silbernes Horn. Wer ihn krähen hört, der stirbt. Ich höre ihn krähen und lache doch. Sterben muß ich, das weiß ich. Hier, wo unter tausend alten Eichen hundert Quellen springen, da hatte mich der Tod eine Stunde lang in der Hand. Bis unter die Arme saß ich im Quellsand. Hätte ich geschrien und gezappelt, so umspönnen Eichenwurzeln meine Knochen. Und drüben, wo des Moorbachs braune Wasser tückisch hinter dem fahlen Ried funkeln, da balgte ich mich ein halbe Stunde lang mit der Moorfrau umher. Sie liebkoste meine Brust und küßte meinen Mund, aber ich trat sie in ihr scheußlichschönes Gesicht und entwand mich ihrer klebrigen Liebe. Ich höre ihn krähen, den goldenen Hahn; wie einer silbernen Glocke Klang tönt sein Gesang, und schrilles Lachen trillert hinterdrein. Der Schwarzspecht ist es, der nach Regen ruft. Morgen ist es aus mit der Flitterpracht der Birken, mit der Heide Silbergeglitzer. Der Nebelhexen graue Schar wird über das Land reiten; ihre plundrigen Röcke werden bis in die Porstbüsche hängen, und mit ihren Reiserbesen fegen sie alle Farben aus dem Moore. Aber heute ist noch alles bunt. Frisch, wie im Mai, stehen die Wacholder da, die Stechpalmen prahlen mit ihrem Korallenschmucke, und die Birken protzen mit Flittergold. Allen voran aber ist der Porst. Sein Blattwerk loht und glüht und gleißt im blanken Sonnenlicht, so feurigflammend, wie seine Blüten nicht schöner brennen um die Zeit, wo der Birkhahn tollt und der Kiebitz gaukelt. Auch am lustigen Leben fehlt es nicht: viele, viele Kreuzschnäbel streichen über die weiße, rot durchwebte Weite, von Birke zu Birke klingt der Goldfinken Flöten, der Häher Gekreisch, und von dem hohen Moor schallen der Kraniche Fanfaren herüber. Eine Hütte, blitzend, wie aus altem Silber gefertigt, schimmert unter der krausen Eiche hervor. Manche Nacht lag ich dort auf Heu und auf Stroh, wenn es dem Birkhahn galt oder dem uralten Bock, der seit zehn Jahren in der undurchdringlichen Porstdickung seinen Stand hat. Manches liebe Mal sah ich von hier die Sonne aufgehn, sah dem Fischaar bei der Fischweid zu und dem Schwarzstorch beim Neunaugenfang, rief mir mit der Hasenklage den Fuchs heran und holte den Reiher aus der Luft herab und trug dem Bock die Kugel an. Aber nicht dem alten Bock; und ob ich auf ihn auch weidwerkte von einem Vollmond bis zum anderen, in der Maikühle fror und in der Junihitze schwitzte, vom Lerchenstieg an pirschte und bis nach der Uhlenflucht auf ihn anstand, er narrte mich ein wie das anderemal, und stellte ich es noch so klug an, aus der Ellerndickung, wo der Bach den Schlamm mannshoch zusammentrug, wo kein Menschenfuß Halt findet, verlachte mich sein tiefer Baß. Aber immer wieder zieht es mich hinter ihm her. Der Wind ist günstig; die Luft ist weich und warm, da wird der alte Bock wohl draußen stehn. Ich lache über mich selber, aber ich gehe doch den Damm entlang. Bis zur Brust pludern die hohen Halme mich mit Reif ein. Gestern, als der Wind zwischen Abend und Morgen herpfiff, war es tot und leer hier; heute lebt das ganze Bruch. Hier äst sich ein geringer Bock, drüben zieht die Standricke mit ihren Kitzen hin, und dort hinten vor der gewaltigen Porstdickung steht ein ganzer Sprung und äugt den zehn Birkhähnen nach, die über sie fortstreichen. Noch ein Hahn saust über das silberne Bruch, den ändern nach, und dreht und schwenkt, die Dickung zu gewinnen. Aber der Habicht ist schneller; mit sicherem Griffe schlägt er ihn, und mühsam flatternd schleppt er ihn über das Moor. Er sei ihm gegönnt! An Birkwild mangelt es hier nicht und an Enten, und die Eierdiebe, die Krähen, die hält der Habicht im Schach. Ich weiß, wo er Jahr für Jahr horstet, und ich störe ihn nicht. Allzu arm wurde das Bruch an den stolzen Räubern. Niedergeknallt ist der Gabelweih, der einst hier jagte, verschwunden ist der Wanderfalk, der oben auf der Geest horstete und Jahre sind es her, daß des Schreiadlers Jagdruf hier klang. Noch einige Zeit, und kein Kranichruf tönt im Mai mehr durch das Bruch, des Kolkraben Ruf wird verhallen, und der Schwarzstorch zur Sage geworden sein; haben sie hier auch eine Freistatt, rundumher droht ihnen der Mensch mit Kraut und Lot. Hier, wo der braune Bach unter und über der wankenden Knüppelbrücke gluckst, wo sich Erlen, Porst und Weiden verfilzen, wo ein Schritt vom Wege in das Bett der Moorhexe führt, in ihr schwarzes, weiches Bett, in dem sie ihre braunen Glieder räkelt, hier steht mein alter Bock, sicher vor Kugel und Schrot, sicher vor Treiber und Hund. Niemals tritt er nach Tau und Tag auf das freie Bruch, nie, bevor die Nacht nicht Himmel und Erde zusammenspann. Das weiß ich und dennoch zieht es mich durch Strunk und Strauch zu dem Pfad, der zum Hochsitze in der Krüppelkiefer führt, zieht mich die Leiter in die Höhe, läßt mich harren, wie oftmals schon. Meisen pfeifen und kichern im Dickicht, mit schrillem Schrei blitzt der Eisvogel über den Bach, eine gewaltige Möwe weht über den Bruch, wie ein weißes Gespenst vor dem schwarzen Walde dahinschwebend. In den fernen Wald träume ich hinein oder in dunkle Zeiten, aus denen tote Gesichter undeutlich hervorschimmern. Und ich reiße meine Augen und meine Gedanken los von dem Dunkel und den verdämmerten Jahren und hin auf des Porstes lodernde Pracht und des Bruches silberne Herrlichkeit unter mir, aus dem die Kiefern ihre Häupter recken, trotzig und doch so wehmütig, und über das sich die Birken erheben, eitel Tand im schwermutsvollen Gezweige. Und dann sehen meine Augen nichts mehr als einen großen, grauen Fleck, der sich aus dem Porste herausschiebt, und die Luft pfeift mir in der Kehle, das Herz fängt an zu tanzen, Siedehitze kribbelt mir unter dem Hut. Er ist es, er! Ein solches Gebände hat kein Bock weit und breit, und solange sichert kein Reh in der ganzen Heide. Wenn auch die Porstbüsche sein Haupt verdecken, ich sehe am Bau, daß es ein Bock, und an der Stärke, daß es mein Bock ist. Ein Druck am Stecher, und ich habe ihn! Aber was habe ich dann? Vielleicht das Wildbret. Denn wer weiß, ob er noch seinen Kopfschmuck trägt! Meine Hände ziehen langsam das Glas vor die Augen. Der Bock steht regungslos da, halb von dem rotgelben Laube verdeckt. Jetzt hebt er das Haupt und zieht einen Stengel herab. Er trägt noch seine Hauptzierde. Und er steht gut für die Kugel. Achtzig Gänge sind es bis dahin. Jetzt wendet er sich und weist mir das Haupt von rückwärts. Über dem einen Lauscher blitzt es hell, über dem anderen nicht; er hat schon eine Stange verloren. Ich lache vor mich hin; ich konnte es mir denken, daß es so kam. Nun dann, mein Lieber, auf Wiedersehen im Vorsommer! Eine Krähe quarrt hart und spitz über mich hin, sie hat mich eräugt. Der Bock ist verschwunden. Er weiß, wenn die Krähe warnt, ist die Luft nicht rein. Ich klettere von meiner Warte, schlüpfe durch das Buschwerk und gehe den Damm entlang, und ich weiß nicht, soll ich mich ärgern, oder soll ich mich freuen. Auf dieser alten Wurt hier unter den hohen Hängebirken, wo vor vielen Jahren einst das Hirtenhaus stand, in dem Eidig, der Freischütz, manchesmal Unterschlupf fand, wenn drüben in der königlich hannoverschen Forst die Luft unsauber wurde, will ich mich strecken; das Kauern auf dem Hochsitze machte mich müde. Ich recke und strecke mich und starre in die buntfarbige Weite. Und da reißt es mich hoch; dort unten, wo der Kanal hinter der Böschung fließt, humpelt ein Reh entlang. Es ist eine Ricke, die schwer an beiden Hinterläufen klagt; bei der Drückjagd in der Nachbarschaft wurde sie krank geschossen. Seit einer Woche weidwerke ich sie schon, aber ihr Leiden hat sie heimlich gemacht. Rucksack, Hut und Joppe werfe ich ab, schlage das Fernrohr auf den Drillingslauf, streife die Schuhe ab und schleiche barfuß dem schmalen Pfad zu, der, eingerahmt von hüftenhoher Heide, den Kanal begleitet. Die Ricke zieht der großen Porstdickung zu; es gilt zu laufen. Tiefgebückt, ab und zu den Kopf über das Heidkraut reckend, renne ich den Pfad entlang. Die Brombeeren wollen mich halten, Himbeeren stellen sich mir in den Weg, aber ich komme mit eiligem Herzen und schnellem Atem früher als die Ricke vor der Dickung an und knie hinter der krummen Birke nieder. Über die blanke Wiese muß sie jetzt; jämmerlich sieht es aus, wie sie den Graben zu überfliehen versucht. Jetzt steht sie und windet hin und her. Es ist weit, sehr weit, aber das Fernrohr hilft mir. Da, wo der Hals ansetzt, bringe ich die Spitze des Fadenkreuzes hin und mache den Finger krumm. Wenn sie nicht im Dampfe liegt, geht sie mir verloren, denn ich bin allein. Sie schlägt im Feuer rundum, und das Wasser spritzt auf. Ich recke mich hoch, lade und spanne und nehme das Fernrohr ab und schleiche näher, immer näher, bis ich vor dem Anschusse stehe. Regungslos liegt sie da, den Kopf im Wasser. Die Kugel sitzt, wo sie sitze sollte. Aber mich freut der Schuß kaum. Nicht deshalb, weil es eine Ricke war: lieber ist mir, daß ich ihr Leiden endete, als hätte ich den alten Bock vom Ellernbach auf die Decke gebracht. Auch daß die Luft dick wurde, und vom großen Moore her schwarze Wolken heranwehen, stört mir die Stimmung nicht. Es ist, weil ich allein bin, weil mein Hund nicht freudewinselnd die Ricke zerrt und zaust, wie vor Jahresfrist. Besser pirscht es sich, ist jemand da, der teilnimmt an der Weidmannsfreude, sei es ein Mensch, sei es ein Hund. Und wenn es ein Hund war wie mein Hund, mein Freund Battermann, der Teckel mit der Schweißhundmaske und dem Aalstrich über dem rotbraunen Rücken, dann war Jagen doppelte Lust. Wie oft legte ich ihn hier nicht am Schweißriemen zur Rotfährte, wie oft riß er mich nicht durch Bach und Graben, wie oft, wenn ich ihn, verlor die Wundfährte sich in wegloser Dickung, schnallte, klang sein heller Hals nicht am kranken Stücke, bis irgendwo im Bruche dumpf sein Totverbellen zu mir herscholl. Die Ricke über den Hals geschlagen, trete ich den Rückweg an. Auf der Hütewurt breche ich sie auf und hänge sie zum Ausschweißen an die Birke. Und ich esse mürrischen Sinnes mein Brot und die Äpfel und rauche und starre auf das Bruch, das im Grau verdämmert, und über das die Wolkenweiber die zerrissenen Säume ihrer schlampigen Röcke hinflattern lassen. Ein hohler Wind hat sich aufgemacht, und naß weht die Luft. Eine Krähe quarrt heiser, mit angstvollem Pfiffe streichen Wanderdrosseln hin. Ich rauche und denke an den langen, weiten Weg. Und dann fällt mir ein sonniger Wintertag ein und drei Kinder. Um die Mittagszeit war es, da kam ich aus dem Walde bei der großen Stadt und sah drei Kinder, Arbeiterkinder in dünnen, mißfarbigen Kleidchen, zwei Mädchen und ein Junge. Der Junge schwang etwas in der Hand und sang das Lied vom Tannenbaum und seinen treuen Blättern und das eine Mädelchen hatte die Jacke des Jungen gefaßt und das andere ihrer Schwester Rockzipfel. Und alle drei gingen mit lachenden Gesichtern und leuchtenden Augen den staubigen Weg und sangen das Lied vom Tannenbaum. Es war nach langer, trüber Zeit der erste sonnige Tag, und die Kinder taten recht, zu singen und zu jubeln. Sie wollten wohl, der Sonne zum Preise, ein Frühlingslied singen, aber sie wußten keins, und so machten sie das Weihnachtslied zum Lenzgesang. Und der Junge hätte wohl gern einen Tannenzweig geschwungen, und da er keinen hatte, begnügte er sich mit einem Ende Stacheldraht, das am Wege lag. Und ich lächelte und dachte mir weiter nichts. Warum fällt mir gerade jetzt dieses kleine Erlebnis ein? Warum begreife ich heute erst die Lehre, die mir die drei Flachsköpfe gaben? Gerade in dieser Stunde, da mich die Jagd öde dünkt, da graue Gedanken über meine frohe Stimmung fegen, und eine hohle Sehnsucht in meine Erinnerung seufzt. Und warum fällt mir heute mein Treugesell ein, der drei Jahre hier mit mir weidwerkte, und ohne den mir die Jagd ein sinnloses Morden scheint. Der Stacheldraht in der Hand des Knaben lehrt es mich: nichts auf der Welt hat eigenen Wert; die Einbildung ist alles. Ich will heimfahren morgen früh. Mit meinem Hunde begrub ich meine Weidmannslust. Durch Dick und Dünn Mit langem Gekreische beantworteten die Eichelhäher den kurzen Knall der Büchse. Ich sah mit langen Augen hinter den drei Hirschen her, die in den Krüppelkiefern verschwanden, das Moorwasser hinter sich herwerfend und den Frühnebel zerteilend. Nur kurz war die Pirsch gewesen, aber schweißtreibend und herzaufregend, dieses Anschleichen in dem nassen Birkenwalde, dieses behutsame Springen von Bülte zu Bülte und das ängstliche Vermeiden von Geknick und Gestrüpp. Und dann mußte ich sehr schnell schießen, denn die drei Geweihten verhofften mit einem Ruck, als der Specht mich meldete, und traten hin und her. Es wäre kein Wunder gewesen, hätte ich vorbei geschossen. Aber mir war so, als hätte ich Kugelschlag gehört und als hätte der Achtender mit dem zurückgesetzten Geweih ganz gut gezeichnet. Allerdings schien es mir, als wäre ich reichlich tief abgekommen, und wenn ich auch eine Stunde lang jede Wollgrasbülte, jeden Heidstengel, alle Porstbüsche und jegliche Pfütze auf Schweiß oder Schnitthaar abgesucht und überall nach dem Ausriß gespäht hatte, es fand sich kein Schußzeichen. Freilich, hier, in diesem hüftenhohen Heidkraut, und zwischen den ebenso langen Moorhalmen und den Porstbüschen genügt die Nachsuche mit Augen nicht. So ging ich denn zur Jagdbude zurück, aß erst gehörig, rief den Förster an, schlief zwei Stunden und wachte erst auf, als der Grünrock vor der Pritsche stand und sein roter Hund mein Gesicht beschnüffelte. Und jetzt stehen wir da, wo ich heute morgen jeden Heidbusch umkrempelte. Der Förster fragt mit den Augen »Wo ist der Hirsch hin?« und ich antworte ebenso »Da!« Der ernste Mann mit den engen Lippen sieht mich von der Seite an und nickt bedauernd, und das heißt: »Das gibt eine saumäßige Nachsuche!« Ich weiß das. Erst kommt das Porstbruch, dann das Ellernholz, naß und tief, dann die Dickung, eng und dunkel, und schließlich die wilde Wohld, und da ist es schlimm. Wieder fragt der Förster mit den Augen: »Sie oder ich?« und ich antworte auf dieselbe Weise: »Ich!« Die Nachsuche lasse ich mir nicht nehmen, und wenn ich dabei halb in Fetzen gehe und halb ertrinke. So nehme ich denn den Schweißriemen, docke ihn halb auf und gehe mit dem Hunde auf den Anschuß, ihm zurufend: »Such, verwund't, mein Hund, verwund't, verwund't!« Söllmann hat kaltes Blut; er hat schon viele Suchen gemacht. Er äugt erst mich und dann seinen Herrn an, und als dieser ihm zunickt, wedelt er ein wenig und legt sich in die Halsung. Hin und her sucht er, ganz ruhig und bedächtig, als täte er das mehr mir zu Gefallen, denn aus Freude an der Sache selbst. Das geht eine ganze Weile so, aber jetzt zieht er mächtig voran, wedelt kräftiger und stößt mit der Nase unter einen Porstbusch. »Weis' verwund't, mein Hund!« rufe ich ihm zu, als er weiter drängt, und da stößt er abermals auf dieselbe Stelle und weist mir drei rote Spritzer auf den gelben Birkenblättern. Der Förster und ich knien nieder: »Tiefblatt!« murmelt mein Begleiter, indem er ein Haarbüschel von einem Zweig fortnimmt. Ich ziehe die Mütze fest in die Stirn und docke den Riemen weiter auf, fortgerissen von dem Hunde, der auf einmal lauter Eifer ist. Das Moor quatscht, das Wasser platscht, die Porstbüsche knistern und knastern, Kiefernzweige fegen mir durch den Mund, Birkenruten peitschen mir die Backen, Brombeerranken zerschrammen mir die Hände. Nebensache! Es geht weiter durch dünn und dick, durch hohe Heide, lange Moorhalme, halshohen Porst, unter den Ästen der Schirmtanne durch, an verkrüppelten Kiefern vorüber, mitten durch tiefe Lachen, daß mir das Wasser bis in den Mund spritzt, und jetzt liege ich längelangs auf der Nase, mit den Beinen im Graben, denn ehe ich springen konnte, riß mich der Hund weiter und nahm den Riemen mit. Aber schon ist der Förster in langen Sätzen an mir vorbei, vier Sprünge, er tritt auf den Riemen, faßt ihn, gibt ihn mir in die Hand, und die Suche geht weiter. Drei Rehe poltern vor dem Hund aus der Porst, ein Birkhahn reitet ab, ohne daß der Hund oder ich hinterhersehen. Aber jetzt, in der Ellernriede, hält er an, zieht dann nach halblinks und weist mir das erste Wundbett. Haar klebt auf dem schwarzen Schmoorboden und dunkelrotbraune Flecke sind sichtbar. »So recht, mein Hund!« lobe ich, liebele ihn ein wenig und fasse den Riemen fester, um den Eifer des Hundes zu hemmen, denn hier ist der Boden trügerisch; bis an den Hals kann ich darin versinken. Doch der Hund hält nicht hinein in den Sumpf, er reißt mich nach links, nach dem große Windbruch vom letzten Jahre her, wo Wurfböden mit tiefen Lachen abwechseln und altes Astwerk mannshohe Bollwerke bildet. »Deuwel auch!« ertönt es hinter mir, denn nun wird die Suche ganz schwierig. Fortwährend schlieft der Hund unter den Wurfböden her, und ein jedes Mal muß ich den Riemen fahren lassen, über das Hindernis springen und den Riemen wieder festtreten und fassen. Der Schweiß läuft mir über Gesicht und Brust, das Herz klopft ungestüm, und der Hinterkopf brummt mir, denn der Büchsenlauf stieß mit ihm bei einem Sprunge zusammen, doch die kurze Frage des Försters, ob er mich ablösen solle, wehre ich mit einem Kopfschütteln ab. Eine ganz kurze Pause, während der Söllmann kaum zu halten ist, mache ich aber doch, als der vermaledeite Windbruch hinter mir ist, und den Schnaps, den mir mein Begleiter gibt, nehme ich dankbar. So, nun kann es weitergehen! Hier auf dem Kahlschlage ist die Arbeit leicht, und in der blanken Heide noch bequemer. Aber kaum haben wir die erreicht, da biegt der Hund nach der großen Dickung. Alle guten Geister! Jetzt wird die Sache sengerig. Pitsch, patsch, ritsch, ratsch, alle Augenblicke eine Backpfeife von den eng verschränkten Kiefernzweigen, aber eine gepfefferte. Ich kneife die Augen dreiviertel zu, befehle meine Nase meinem Schutzpatron, habe so das Gefühl, daß ich kein Abendbrot brauche, weil ich wer weiß was alles in den Mund bekomme, Kiefernnadeln, alte Spinngewebe und Kiengallen, falle alle naselang in die verteufelten Abzugsgräben, werde zweimal ein Ende geschleift, renne mir einen Jagenpfahl gegen den Leib, wo er am feinfühligsten ist, und muß gleich darauf lachen, denn gerade wie ich über den Graben will, wirft der Hund mich herum, ich falle bis an den Leib in das Wasser, denke noch eben: »Der Mensch denkt, doch Söllmann lenkt!« behalte aber doch den Riemen in der Faust und höre, trotzdem der Hund mich mit sich durch rauschendes Gezweig reißt, den Hirsch vor mir fortpoltern. In drei langen Sätzen stehe ich am zweiten Wundbett. Der Hund ist kaum zu halten. Seine Augen glühen, lang hängt ihm die Zunge zum Fange heraus. Der Förster hält ihm die Nüstern zu, das wilde Hecheln dämpfend und hinter dem Hirsche herhorchend. Dann kniet er bei dem Wundbette nieder und beantwortet mit seinen Blicken meiner Augen hastige Frage, und das heißt: »Schnallen!« Ich bin sehr froh darüber, denn ich bin mit meinen Kräften fertig. So rufe ich dem Hund zu: »Hu hatz, mein Hund, hu hatz!« und lasse den Riemen fahren. Mit einem heiseren, wütenden Freudenlaut verschwindet Söllmann in der Dickung. Wir beide aber stehen da, lächeln uns ein wenig dumm an, wischen uns die Spinneweben aus den Augen und den Schweiß von der Stirn und nehmen dann jeder einen ganz gefährlichen Hieb aus des Försters Flasche, aber hastig, denn schon sind unsere Ohren da, wo ab und zu der Hals des Hundes herläutet. Aber eine Zigarre stecken wir uns jeder doch an. Um uns piepen die Goldhähnchen in den Zweigen, über uns locken die Kreuzschnäbel, irgendwo, von der Hetze aufgestört, schreckt ein Reh; wir aber lauschen dahin, wo die Jagd hingeht. Das ernste braune Gesicht des Försters hellt sich plötzlich auf, und etwas wie ein Lächeln geht um seinen Mund, als er mir mit den Augen zuwinkt, und das bedeutet: »Schluß; hat ihn schon!« Ein anderer Ton als der helle, hastige, freudige Hatzlaut klingt zu uns herüber, dumpfer, dunkler, böser Standlaut. »Jagen ölwe!« sagt der Förster und lächelt zuversichtlich, und mir wird es leichter unter der Joppe, denn vorhin hörte es sich an, als ginge die Jagd auf Jagen dreizehn zu, und das liegt hart an der Grenze, und an einer bösen Grenze. Aber Jagen elf ist todsicher, und es ist nicht allzu unbequem hinzugelangen, wenn wir auch drei Dutzend Male über breite Gräben müssen und uns die Stiefel gehörig vollfüllen. In einer kleinen Viertelstunde sind wir an Ort und Stelle. Schnell wird der Wind geprüft, und dann geht es ihm entgegen, erst über die nasse Heide, dann in das noch nassere Bruch und dann in die Wohld hinein, bald kriechend, bald springend, doch immer so leise wie möglich, bis die Lichtung erreicht ist, die vor zwei Jahren ein Wirbelwind hier riß, und von deren Rande der Standlaut herüberschallt. Ganz behutsam schiebe ich mich von Stamm zu Stamm, von Wacholderbusch zu Wacholderbusch voran, die Augen weit voran schickend, bis ich hinter einer krausen Fichte das Geweih des Hirsches in der Sonne blinken sehe und wieder blinken, denn er versucht den Hund, der, für mich unsichtbar, vor ihm steht, zu forkeln. Noch vorsichtiger pirsche ich nach rechts, und noch viel langsamer, dann voran, und endlich, nach geraumer Zeit, habe ich den Hals des Hirsches frei, ziele bedächtig und lasse fliegen. Ein giftiger Wutlaut und ein dumpfes Dröhnen folgt dem Schusse, ein böses Knurren und ein heißes Hecheln. Langsam treten wir heran. »Tot, tot!« rufe ich dem Hunde zu, »laß ab, laß ab!« Und dann lieble ich ihn ab. Ein Fichtenreis bricht der Förster, zieht es über den Anschuß, legt es auf seinen Hut, spricht »Weidmannsheil!« und reicht es mir, und ich danke ihm. Dann aber fragen seine Augen listig: »Sie oder ich?« und meine antworten: »Sie!« Da lächelt er, kniet nieder, ich helfe ihm den Hirsch auf die Deck legen und er bricht ihn auf, macht den Hund genossen, bricht die Kusen heraus, und ich sehe zu. Sonst brech ich lieber selber auf, wie sich das gehört. Aber heute verzichte ich dankend. Mir tut jeder Knochen einzeln weh, und mancher doppelt und dreifach. Heute nacht wache ich, wie die letzte, nicht davon auf, daß in der Jagdbude die Waldmäuse auf mein Gesicht springen. Schweißarbeit ist Schwitzarbeit und Schwitzarbeit ist Schlafarbeit. Am Fließe Die roten Sonnenmale in der Bucht verbleichen; das Reit, eben noch loderndes Gold, wird fahl; das eherne Laub der hohen Stechpalmen funkelt nicht mehr. Katzenpfoten rennen über den See; der Wind frischt auf und die Wasser des Fließes beginnen zu plätschern. Eine Amsel zetert im Ellerngebüsch, in der Waldhecke ticken die Rotkehlchen, Wasserspitzmäuse schrillen im Fallaube. Ich rauche meine Pfeife und sehe über den See hin, von dem der Wind das Quieken der Nordlandsenten und das Bellen der Taucher zu mir heranbringt, und sehe nach der Lockente, die vor mir am Kopfe des Fließes gründelt, unbekümmert darum, daß eine Kordel ihr rechtes Ruder fesselt. Sie ist faul heute. Gestern wurde sie ein über das andere Mal laut und konnte gar nicht genug mit den Fittichen klappen, und so holte ich vier feiste Grünkragen herunter, die sie mir herbeirief. Heute verschweigt sie, und selbst wie ich die hohle Faust vor dem Mund halte und ihr etwas vorquarre, gründelt sie in dem Laichkrautgewirre weiter. Überall klingeln Enten; meine Bucht aber meiden sie. Sieben, die steil auf mich zuhalten, biegen ab und hasten wieder zurück. Mich können sie nicht eräugt haben, denn ich stehe im Schatten der alten Ellern, und die Schlehen geben mir Rückendeckung. Ich drehe den Kopf nach rechts, wo die Kähne der Stintfischer, Einbäumen der Vorzeit ähnlich, langsam dahingleiten, und zu Rechten, wo die Eiche wie eine seltsame Rune vor dem bunten Himmel steht, und ein Ruck geht durch meine Schultern, denn dort blockt der Seeadler. Ich mache schon eine Bewegung, um den Rucksack vom Boden zu langen, im dem das Zielrohr steckt; ein leichtes Ding wäre es, das auf den Drilling zu schlagen und den Meerkönig von seinem Throne zu werfen. Aber was hätte ich davon, wo mir die toten Bälge an der Wand ein Greuel sind und die Welt immer ärmer wird an adligem Geflügel? Lebe weiter, Wiking, und wenn du morgen, die Wildgans in den Griffen, mit hellem Weidgeschrei dahinklafterst, herzhaft will ich einstimmen in deinen Jubel und dir ein Horüdhoh zurufen, ein gellendes Hoh Rüd ho do do do nach althannöverscher Art, Weidmannsheil dir wünschend und gut Gejaid. Drei Fischerboote kommen von links. Der Adler erhebt sein Gefieder und streicht nach mir hin. Eilig schwimmt die Lockente unter die Ellernbüsche. Ich sehe dem Adler nach, der wie ein riesenhafter Schatten dahinrudert, mehr als bequem für den Schrotschuß, und kaum ist er verschwunden, so beginnt es hinter mir zu läuten, erst fein, dann gröber, und über mich hinweg wuchten, der Mitte des Sees zustrebend, zwei Singschwäne. Leicht gäbe ich einem von ihnen oder allen beiden den Tod, aber zuwider ist mir der Schuß auf die Zaubervögel, und der eine einzige, den ich erbeutete, heute noch denke ich ungern an ihn, obschon drei Jahrzehnte darüber hin sind. Der Nordost hatte mit handtellergroßen, nassen Schneeflocken um sich geworfen und den See angebrüllt, daß er sich vor Angst auf den Strand zu retten suchte. Zwischen Wasser und Land kam ich entlang gestapft, die Igelfellmütze in die Stirne gezogen, den Kragen der Pelzjacke hochgeschlagen, halb blind von den Hieben, die mir der Schlackschnee versetzte, aber den alten einläufigen Vorderlader schußfertig in den nassen, krebsroten Händen. Und als ich hinter den Schlehbüschen vor der Bucht hervortrat, sprang mir das Herz in den Hals, und unbesonnen warf ich den Kolben an das Gesicht und hielt auf den mittelsten der drei Schwäne, die vor mir aufstehen wollten, und dann stand ich zwischen Saum und Schnee und Sprühwasser und langte nach meiner Beute, die der Wogenprall vor meine Knie warf, und etwas wie Angst oder wie Mitleid überschattete den Jubel in mir, als der Schwan, wild mit dem heilen Fittich schlagend und den Hals emporreckend, einen hellen Schrei von sich gab, als riefe er um Hilfe. Seitdem habe ich nie wieder auf einen Schwan geschossen, wenn ich es auch mehr als einmal gekonnt hätte. Die Sonne hat den Wind mit zu Bette genommen; im Reit ruschelt es nur noch ganz leise und das Fließ strömt still dahin. Vom See kommt das Quieken und Pfeifen der Enten lauter herüber, grob kläffen und bellen die Taucher dazwischen und dann überschallt alle diese Laute das rauhe und rohe Gekrächze der Krähen, die hundertweis zu ihrem Schlafholze streichen. Ich könnte gehen, denn es dunkelt stärker. Aber ich kann das Käuzchen noch erkennen, das auf dem Netzpfahel fußt und lustig ruft, und die Tauchenten, die in langer Kette näher rudern. Und ich sitze bequem auf der Moosbank, die die Hütejungens sich unter der Eller bauten, und ich liebe diese Stunde viel zu sehr, um sie mir zu stehlen, und ich horche so gern auf alles das, was das dürre Reit mir zuflüstert, und der herbe Geruch des verwesenden Schwefelkrautes ist mir ein wahres Labsal, ruft er mir doch die Tage zurück, die lange vergangenen, verlebt an den Seeufern Pommerellens, wo die weißen Seeschwalben fröhlich über der blauen Flut kreischen und nach den Ukleis stoßen, unbekümmert um den Fischaar, der vor ihnen herniederplumpst und, einen silbernen Brassen in den Fängen, seinem Horst zustreicht. Dort warf der Sturm das Schwefelkraut in ganzen Wagenladungen an das Ufer, und die Sonne ließ es gären, daß es weithin stank. Mir aber roch es schöner als Veilchen und Rosen. In der Wallhecke raschelt es und dann plätschert es in dem Wasser. Eine Ratte wird es sein. Am Himmel bildet sich eine lichte Stelle, vergrößert sich und mit einem Male tritt der Mond hervor, eine helle Bahn über den See ziehend. Es ist mir, als ob die Helligkeit nicht nur die Gestalten der Büsche und Bäume mehr hervorhebt, sondern als verstärke sie auch den Geruch des verwesenden Krautes zu meinen Füßen, und abermals geistert vor mir die Erinnerung umher und beschwört die toten Tage herauf. Ich sehe mich auf der dürren Kiefernheide stehen, in der verschossenen Schilfleinenjacke, den verwitterten Lodenhut auf dem wirre Haare, Schweißtropfen im mageren, braunen Jungensgesichte, und mit leuchtendem Auge nach dem Waldrande spähen, vor dem zwei Blaurackenhähne, funkelnd und schimmernd, sich um die Henne balgen, und sehe mich dann, so wie die drei zwischen den silberweißen und kupferroten Stämmen verschwinden, im Walde untertauchen, in dem sich das Buchenblatt eben entfaltet, so daß es aussieht, als schwebten viele Hunderttausende von lichtgrünen Faltern um die strahlenden Stämme. Und ich stehe und staune über das junge Grün über mir und zu meinen Füßen, über die vielerlei bunten Blumen, und lausche dem Getriller und Geschmetter, das das ganze Tal des Fließes erfüllt, in dessen klarer Flut die Ellritzen und die rosenroten Wasserwurzeln der Ellern spielen, bis sie vor einer alten Forelle sich unter das hohe Ufer flüchten. Hinter mir in der Wallhecke raschelt es, und es schnauft und es niest, und ein scharfer Geruch sticht mich. Der Ilk jagt da auf Ratten, oder sucht ein Weibchen. Jetzt ist er rechts von mir und nun stöbert er vor mir herum, dort wo der große Hecht liegt, den die Wellen antrieben. Die Lockente drängt vom Land fort; sie hat den Schleicher geäugt. Ich sehe ihm zu, ohne den Dreilauf zu heben; zu putzig sieht es aus, wenn er ein Männchen macht und nach der Ente hinwindet, um dann mit einem Rucke in den Ellern zu verschwinden, denn der Wind trug ihm meine Witterung zu. Ich denke daran, wie stolz ich war, als ich mit zwölf Jahren den ersten Ilk am Kopfe des Fließes jenes Sees im Ostlande schoß, als er wie blödsinnig ein Dutzend Male zwischen den beiden hohlen Kopfweiden hin und her hüpfte und dabei fortwährend nieste. Und dann bin ich wieder als sechzehnjähriger Fant im maigrünen Buchenwalde, und breche den Bock auf, und Maruschka kniet bei mir und sieht mir mit blutdürstigen Augen zu, und rückt immer näher an mich heran, daß es mir eng und heiß um den Hals wird und ich mit einem Male das Messer fallen lasse und das Mädchen umfassen, sie küssen und an ihrem Hals flüstern muß: »Marja, Maruschka!« Und sie lacht und girrt und ihre graublauen, goldbraun geäderten Augen schließen sich bis auf einen schmalen Spalt, und die Finken schlagen und die Drosseln pfeifen, und viele Blumen blühen, weiße, gelbe und zuletzt lauter rosenrote; blaue aber nicht. Am Kopfe des Fließes plantscht und quatscht es; irgendwelche großen Fische sind es. Glockengeläute ist vor mir; die Schwäne rufen. Heute nachmittag, als ich im Kruge am offenen Feuer saß, den bleichen Flammen zusah, die aus dem Torf hervorzüngelten, und den goldenen Funken, die um den schwarzen Kesselhaken sprangen, und das Warmbier trank, das die blonde Wirtstochter in dem blanken Zinnkruge in die Glut geschoben hatte, und sie mich ansah mit ihren blaugrauen, goldbraun geäderten Augen, fiel mir jener Maienmorgen ein, und jetzt, wo ich in den gelben Mondhimmel starre und auf den blinkenden See, und auf das Flüstern des Reites horche und auf das Quieken und Bellen des unsichtbaren Geflügels, steht ein Winterabend vor mir, ein sternheller, scharfer, an den ich kaum je wieder gedacht hatte. Ich sehe mich unter dem stärksten der beiden hohlen Weidenbäume am Kopfe des Fließes stehen, die Igelfellkappe im Nacken, den Kragen der Pelzjacke emporgeschlagen, in den Fäusten den Zwilling. Vom anderen Ufer des Sees kommt das Kläffen eines Fuchses herüber, die Enten quieken, die Taucher bellen, und hart raschelt das gelbe Reit und ich stehe da, Wut und Ingrimm im Herzen, der Marja wegen, der Maruschka, denn sie sah mich kaum von der Seite an und schäkerte mit dem langen Verwalter. An Mord und Tod dachte ich und an andere Rache, bis ein Pfiff und ein Plantschen mich weckte und die Maruschka und alles, was das Haar geflochten trug, zum Kuckuck waren, denn vor mir auf der Sandbank war etwas Großes, Schwarzes, das auf ein alberne Art fauchte und sich auf die wunderlichste Weise krümmte, und wenn mir auch das Herz bis in den Gewehrlauf hinein schlug, sehr besonnen nahm ich Ziel und schickte den zweiten Schuß in gehörigem Abstand hinter dem anderen her, und dann kniete ich zwischen den Treibeisschollen und streichelte meine Otter, meine erste Otter, und pfiff auf alle Weibsleute und flötete als ich die beiden Wildfischer zum Gutshause schleppte, fröhlich vor mich hin: »Marie, Marie, Maruschka war die ganze Nacht nicht da; Marie, Marie, Maruschka, wer weiß, was heute nacht geschah.« Aber ich glaube, nun wird es Zeit, daß ich zum Krug gehe. Es gelüstet mich nach Warmbier und Rauchheringen, auf dem Rost über dem Torffeuer gebraten und nach den Liedern, die mir die moije Swaane singen wird, und wozu Jan ten Brink den Endreim mitbrummt. Jan, einst ein Dausenddeuwel und Dollhund, schnell zum Küssen bereit und zum Zuschlagen, kam ihm ein anderer in die Quere, und nun ein Wrack, das am Strande des Lebens in den Sand hineinfault. Aber wenn er das zehnte Glas Grog im Leibe hat, dann wird seine Stimme wieder jung und stramm und alle die Bauern und Fischer nicken mit den Köpfen, legt er los: »Hamburg ist ein schönes Städtchen, weil's so nah am Wasser liegt«, und wenn er losprahlt und erzählt, wie er bei Island dem Walfische den Wurfspeer in den Leib jagte, und gar erst, gibt er die Geschichte zum besten, wie er im fernsten Osten ganz allein dreißig malaiische Matrosen aus einer Spelunke prügelte, »dieweil es ein Mistvolk ist und man dreist gegen ein Hundert von ihnen angehen kann, wohlgemerkt, hat man eine Wand im Rücken, denn die Stinker sind falsch, wie alles, was 'n gelbes Fell haben tut», dann ist Jan ten Brink wieder der Dausenddeuwel und Dollhund, der er war, ehe ein Schlag seiner Faust ihn auf fünf Jahre hinter eiserne Stangen brachte. »Konnte ich wissen, daß der Mensch einen Kopf hatte, gebrechlich wie ein Hühnerei, Herr? Und es war ja auch man ein Franzmann, und er hätte seine Finger von meinem Mädchen lassen sollen, tja!»Also sprach Jan und trank und alle die Bauern und Fischer lachten, und ich lachte mit, aber nur mit dem Gesichte, denn ich liebe Jan und bedauere ihn, und mein Volk, das seine Wikinger in das Gefängnis schicken muß, weil es seit ewigen Jahren keine Arbeit mehr für Leute ihres Schlage gibt. Das Leben ist langweilig geworden. Die Helden werden in Acht und Aberacht gesteckt und die Jämmerlinge kommen oben auf. Den Hasen schützt man und den Wolf rottet man aus. Und darum lasse ich alles leben, was so ist, wie der alte Fahrensman Jan ten Brink. Soll ich nun gehen oder soll ich bleiben? Es ist so schön hier und ich habe nachher noch Zeit genug, mir die Füße am Feuer zu wärmen und zuzuhören, wie die schöne Swaane beim Gläserspülen singt: »An der Weichsel gegen Osten steht ein Grenadier auf Posten« und den goldenen Hakenkreuzen zuzusehen, die die Funken um den Kessel ziehen, und die Schatten zu betrachten, die die riesigen Mährenhäupter des Herdrahmens gegen die Wände werfen. Zu schön riecht das morsche Gekraut am Ufer, so seltsam plaudert das Wasser unter dem Stege und heimliche Kunde flüstert das Reit. So stopfe ich mir eine frische Pfeife, lausche dem dünnen Pfiff der ziehenden Drossel, dem Quieken der Enten, und starre auf die schimmernde Flut, bis ein lautes Platschen und Plumpsen mich aus dem Dämmern weckt und meine Augen dahin zwingt, wo ein schwarzes, langes Ding etwas Blankes, Glitzerndes bewältigt. Ganz gelassen hebe ich die Waffe und richte sie, und nachdem ich geschossen habe, trete ich dahin, wo der Otter liegt und daneben ein achtpfündiger Hecht, hänge den einen an den Rucksack und ziehe dem anderen eine Weidenrute durch Kiemenloch und Rachen, und erst als ich im Gehen bin, die Lockente unter dem Arme, merke ich, wie kalt es mit geworden ist, und ich denke an meinen Binsenstuhl vor der Feuerwand, an den glimmenden Torf und das dampfende Bier, und lächele über mich selber, daß mich der Otter nicht mehr freut, als wenn es ein Hase gewesen wäre. Wie Jan ten Brink komme ich mir vor, der nur noch jung wird, wenn er beim zehnten Glase ist, und sonst weiter nichts sagt als: »Das Leben ist ein Schiet, Herr, eine Hühnerleiter, Herr! Es könnte ganz schön sein, aber das mit dem Altwerden, das macht es einem über, Herr!« Aber heute soll er seine zehn Glas haben, steif wie ein Nordnordost, denn der Otter soll nach Gebühr totgetrunken werden, und den Hecht soll Swaane braten, und dann wollen wir singen, daß das ganze Fleet dröhnt, Jan ten Brink und ich. Unter dem Hange Drei Tage lang sang der Westwind am Berge sein grämliches Lied. Johlend und heulend, taumelnd und torkelnd kam er von einer wüsten Fastelabendsfeier, wo man Grog trank von reinem Rum. Zwei dicke liederliche Wolken hatten ihn untergehakt, eine graue und eine schwarze. Die hatten ihre schmierigen Schürzen über dem Gürtel zusammengerafft, griffen ab und zu mit den freien Händen hinein und warfen allen Leuten am Wege mit plumper Vertraulichkeit Hagel und Regen, Schlackschnee und Graupeln in die Gesichter. Jetzt ist sie vorübergezogen, die wüste Kumpanei. Über Uhrenfeld und Hemmendorf torkelte sie und Lauenstein hat da irgendwo im Ith Unterkunft gefunden, um den Rausch zu verschlafen. Ich bin froh, daß sie fort sind. Sie haben mir übel genug mitgespielt. Wo ich ging und stand, waren sie hinter mir her, brüllend, schreiend, lachend. Auf dem Wege durch die Felder warfen sie mir Regen in den Nacken, im hohen Holze schmissen sie mit trockenen Ästen nach mir, am steilen Hange rempelten sie mich an, daß ich mich festhalten mußte an Zweigen und Stämmen. Jetzt sind sie über alle Berge und die Welt ist noch einmal so schön. Der Ostwind ist gekommen, ein sauberer Bursch von guten Manieren. Der machte die Wege hart, ließ den nassen Schlackschnee erstarren und überzog die Pfützen mit blankem Eis. Er kam aber nicht allein, er brachte die Sonne mit. Die ließ die weißen Felder leuchten, brachte den Schnee oben am Hang zum Schimmern, ließ die überfrorenen Gräben flimmern und warf über die Kronen der Buchen goldenen Glanz und silbernen Schein. Drei Tage lang war es Herbst, kalter, nasser, häßlicher Herbst. Heute ist ein Frühlingstag, ein erster früher Frühlingstag. Liegt auch Eis auf den Gräben und Schnee im Fallaub, Frühling ist es doch. In der hohen Kaffeebuche am gelben Brink singt ein Buchfink, eine Kohlmeise zwitschert vom Fichtenast und über der Weizenstoppel steigt trillernd die Lerche auf. Und hier, am klingenden Rauschebach, vor einem schwarzen Schlehbusch, blüht voll der Hasel. Hunderte von gelben Bommeln pendeln im Winde und schütten Goldstaub in die Silberwellen. Aus blauer Luft kommt ein heller Schrei. Da kreist ein Bussardpaar. Silbern leuchten die Schwingen bei jeder Wendung. Höher und höher schrauben sich die beiden Räuber, suchend sich und fliehend im Minneflug. An der Holzkante gehe ich entlang, hinab den Brink, über den Bach, hinauf den Anberg, bis zur Grenze. Dort sehe ich hinunter in die helle Landschaft, auf rote Dörfer, auf das bunte Osterwald drüben am Berge, über weißschimmernde Felder, und sehe hinauf zum weißen, dunkelgestreiften Hang, aus dem graue Felsen drohend hervorragen, wie Räuberburgen. An den grauen, grünbemoosten Grenzsteinen entlang steige ich bergan im hohen Holz. Still ist es hier. Ab und zu nur klappert ein Wipfel im Wind, knirscht ein Ast, flüstert ein rotbelaubter Zweig. Feierlich ist es im Wald, wie in einem Dom an hohem Festtage. Auf die silbernen Buchensäulen fällt das Sonnenlicht, der braune Teppich am Boden ist festlich weiß bestreut, vom Hange her braust es wie Orgelton, und die Sprengschüsse aus den Steinbrüchen hören sich wie festliche Böllerschüsse an. Plötzlich rascheln alle Zweige nieder, brausen alle Wipfel, klirren alle Äste. Eine Brise fährt über den Wald, eine Wolke legt sich vor die Sonne, grau wird es ringsumher. Aber dann wird es wieder hell und klar. Langsam bin ich gestiegen, denn der Weg ist steil. Das hohe Holz hat aufgehört, ich stehe unter dem Hang. Rot ist er, kupferrot, hier und da ein weißer Schneefleck darin, oder ein grauer Stein, ein grünlicher Eschenwipfel. Und jetzt, wo die graue Wolke vorüber ist, glüht er auf, leuchtet wie rotes Gold, flammt und loht in der Sonne, und jäh verlischt sein Flammen und tief braunrot liegt er wieder da. Graublau bezieht sich der Himmel. Der Wind ist umgeschlagen und kommt aus Westen. Alles Licht, alle Farbe verfliegt. So schnell es der steile Weg erlaubt, steige ich bergan. Höher liegt hier oben der Schnee. Rehfährten narben ihn und Hasenspuren, und hier kreuzt ihn des Baummarders Spur. Ganz oben bin ich jetzt auf dem Kamm, von dem man weit in das Tal sehen kann. Aber ein grauer Schleier hängt über der Landschaft. Eben ist Heinsen noch zu erkennen und Deilmissen, aber Eime, Benstorf und Oldendorf sind schon verschwunden, die bleigraue Schneeluft verschluckt sie. Durch rote Buchenjugenden führt der weiße Weg. Ein hohler Wind raschelt in den braunen Blättern und flüstert in den gelben Schmeelen, ängstlich quarrt eine Krähe und wehleidig flötet der Goldfink. Es will wieder Winter werden. Schon fällt die erste, weiße Flocke, langsam und zögernd. Andere folgen ihr, erst einzeln verloren, hier und da auf das harte Laub klingend. Mehr und mehr kommen herab, es raschelt und rieselt überall, und immer dichter und dichter stiebt es aus dem düstern Himmel hernieder, bedeckt den Boden, verhüllt die roten Büsche, hängt sich an die kahlen Stangen. Es ist wieder Winter geworden. Ganz langsam bummle ich weiter in die weiße Stille hinein, in der gar kein Leben, gar kein Laut ist. Ich denke an die Sommertage, die ich hier verlebte. Da sang und klang es aus jedem Strauch, blühte und duftete es hinter jedem Stein, surrte und bunte es um jeden Stuken, und der rote Bock zog durch das helle Grün von Himbeer und Tollkirsche. Wo der Hilsweg links abzweigt, suche ich mir den Grenzhaufen als Ruheplatz. Aus dem Pfeifenrauch tauchen alte Bilder auf. Hier im Stangenholz vor mir hatte der Bock seinen Stand, den meine Kugel unten am Feld in den Klee warf. Hier begegnete mir am hellen Mittag der Dachs, dort weiterhin ließ ich im Dampf den Fuchs bergab rollen, den mit dem silbergrauen Balg; weiter links an einem weißen Morgen färbte ein anderer Rotrock den Schnee, und unter dem Felsen mehr oben am Hang schlug ein anderer sein Rad. Aber das war es schließlich doch nicht, was ich am Abhange des Kahnsteins suchte. Viel Besseres fand ich hier: Wildeinsamkeit und Waldruhe, Bergfrieden und Schattenstille. Ein seltsamer Laut kommt aus der Forst hinter mir, halb ein Stöhnen, halb ein Knirschen, ein Angstschrei, ein Todesruf. Ein Krachen, Splittern und Rauschen folgt ihm, ein dröhnender Fall macht den Schluß. Einer alten Buche Leben ging zugrunde unter Axt und Säge. Das jagt mich weiter, den schrägen Weg hinunter. Mir ist, als sähe ich den Tod durch den Wald gehen, die Deistermütze über den Schädel gezogen, um den Knochenhals den roten Schal, die Lodenjoppe um die Klapperrippen, Schmierstiefel und Manchesterhosen um die Dürrbeine und die Axt in der fleischlosen Faust. Er geht durch den Schnee und läßt keine Spur, und wo sein Blick hinfällt, da zittern die Bäume. Der Markwart, der Schreihals, scheucht mir das Gespenst weg. Wo der ruft, ist Leben. Da kommt es schon heran. Voran die alte Ricke, dahinter ihre Kitze, und dann der Bock mit dem hohen, rauhen Gehörn. Groß äugen sie mich an und ziehen den Hang hinauf. Lauteres Leben folgt ihnen. Ein Trupp Schwanzmeisen. Lockend, spulend, schnurrend fallen sie von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum, hängen hier, kleben da, purzeln kopfüber kopfunter und verschwinden in der Dickung. Und dann kommt Leben über die Wipfel. Zwanzig schwarze Galgenvögel krächzen hinter dem einen Bussard her, elendes Gesindel, das nur Mut hat, wenn es in hellen Haufen beieinander ist, und das nur im Schimpfen groß ist. Schräger wird der Weg, steiler fällt der Abhang ab, Felstrümmer liegen zwischen den Stangen. Der Berg wandert hier. Das Wasser nagt an ihm, höhlt ihn aus, zermürbt ihn. Alle die Mulden hier und da sind Todeszeichen. Und rechts und links der laute Donner, das dumpfe Dröhnen, das von Marienhagen und Hemmendorf kommt, Festböller sind es nicht, tödliche Schüsse sind es für den Berg und bei jedem schaudert er zusammen. Redet mir alles jetzt vom Tode, so will ich auch ein Lied davon singen. Ich setze die hohle Faust an die Mundwinkel und jammernd tönt Lampes Todesklage durch die Waldesstille. Hungriger Krähenruf antwortet ihr, über mir höre ich die Fittiche sausen. Und rechts am Hange poltert es im Schnee. Ein alter Rammler sitzt da und spielohrt. Ich lache ihn aus, den dummen Kerl. Aber wie ich noch lache, da ist mir, als wenn zur Linken sich auch etwas gerührt hätte. Ich drehe die Augen und sehe auf dem grauen Block, in würdiger Haltung, mit gespitzten Lauschern, Reineke Rotvoß, nach der Gegend hinäugend, wo der Hase den Kegel macht. Im Knall und Dampf ist er verschwunden. Auf dem grauen Block aber liegt roter Schweiß zwischen den Silberstriemen, die das Blei schlug. Ich trete an den Absturz. Unten auf der Platte ist wieder Schweiß. In den Spalten steckt er. Das gibt Arbeit für Männe, heut nachmittag. Über dem Sommerdorfe Über dem Sommerdorfe, just da, wo sich die alte vom Sturm und Rauhfrost mißhandelte Arve aus den Felsen herausreckt, ist der beste Fuchspaß weit und breit. Aber wie heißt doch der alte Weidspruch: »Alle Tage ist wohl Jagdtag; doch kein Fangtag.« Drei Nachmittage nacheinander habe ich mich hier hinaus fahren lassen, und jedesmal bin ich gegangen, wie ich gekommen war, mit ledigem Rucksack und unvermindertem Schießvorrat. Denn auf den Fuchs ist kein Verlaß und Worthalten ist nicht seine Haupttugend. Er richtet sich nach dem Wetter, und danach, ob er viel oder wenig Hunger hat, und nach dem Winde, und so läßt er den Bau heute ganz früh hinter sich, und morgen drei Stunden später, und ein anderes Mal bleibt er die ganze Nacht unter der Erde und fährt erst in der Frühe aus. So habe ich denn drei Abende hintereinander umsonst unter der Arve gesessen. Und doch nicht umsonst. Ich sah durch das Glas die Gemsen unter der Kuppe herziehen, beobachtete die Kolkraben, die an der verschneiten Wand herstrichen, hungrig rufend, und bekam sogar den weißen Hasen zu Blick. Bis auf zehn Gänge hoppelte er an mich heran; dann machte er einen Kegel, und als der Drehwind ihm meinen Pfeifenrauch zuwehte, stob er von dannen. Gestern war es bitter kalt hier oben, so an die zwölf Grad. Heute ist es auszuhalten. Es hat den ganzen Tag gelinde geschneit, die Luft ist weich und der Himmel leicht bewölkt, und nicht so unbarmherzig stahlblau, wie tags vorher, wo die steilen Berggipfel messerscharf in ihn hineinschnitten, und jede Arve, jede Lärche hart und klar sich von dem Schnee abhob. Heute hat alles verwaschene Umrisse und sieht nicht so bitterböse, kalt und unnahbar aus; die Hochberge machen einen herablassenden Eindruck und die Schroffen wirken fast gemütlich. Außerdem habe ich jetzt auch besseren Wind. Und so kann ich getrost qualmen, als wenn so ein kleiner Bauer backt. Es ist heute viel mehr Leben in der Welt, als gestern. Die Gemsen haben es nicht so eilig, und ziehen langsam den Latschenbüschen unter der Steilwand zu. Die Kolkraben rufen nicht so hungrig und streichen nicht so rastlos hin und her. In schönen Bogen schwimmen sie dahin, sich lockend und neckend, als wäre es Lenz, bald auf der Spitze einer Arve, bald auf einer Felszacke fußend, und in jähem Falle hinabstoßend, wenn sie eine Maus erspähen. Die weiße Stille ist mit einem Male von buntem Lärme erfüllt. Ein Flug Krammetsvögel, an die hundert Stücke, kommt vom Tale heraufgeflattert, satt von Ebereschenbeeren. Irgendwo dahinten, wo die Lärchen und Arven ein schwarzrötliches Mischmasch bilden, fallen sie zu Holze. Hinter ihnen her kommen, gleichfalls mit offenen Schnäbeln, anderthalb Dutzend Krähen an, schwenken unschlüssig hin und her, und verschwinden quarrend in dem Taleinschnitte. Vor mir in den Felsbrocken, die eine Zwerglawine bloßgelegt hat, huscht ein Flüevogel zwischen den Almrauschbüschen umher, und in der krüppeligen Lärche turnt die Alpenmeise, mit hellem Laute jeglich Getier mahnend, daß unter der alten Arve ein Jäger lauere. Aus dem Quertale kommt eine weiche Wolke gekrochen und schleicht unter der hohen Wand her. Die weiße Kuppe da ganz hinten leuchtet froh auf, getroffen vom Scheideblicke der abfahrenden Sonne, leuchtet noch einmal und fügt sich erblassend der kalten Farblosigkeit um sie herum. Über ihr sieht mich ein Stern freundlich an, ruhig und stet. Gestern blinzelte und zwinkerte er höhnisch auf mich hernieder. Hie und da zwischen dem Gewölk kommen seine Geschwister hervor; alle machen gute Augen, so daß es mir warm und behaglich zumute wird. Gestern war mir, als gehörte ich hier nicht hin. Aus jedem Busche funkelten mich böse Augen an und jede Felszinne schnitt mir ein niederträchtiges Gesicht. Heute glimmen goldene Pünktchen in den Zweigen und die Felsen lächeln mich wohlwollend an, bis die Wolken sie verhüllen. Unter mir deckt eine Wolke das Sommerdorf zu, über mir verbergen Wolken die Schroffen, und nun kommen andere aus dem Lande Nirgendwo angeschwommen und bringen einen Stern nach dem anderen zu Bette. Eben war die Welt so groß und so weit, und nun ist sie klein und eng, und gemütlich, so daß ich mich in meine Heide hineinträumen kann da oben im Norden, oder in meine Harzberge mit den Klippen und den Buschhängen darunter, wo ich so manches Mal an schneehellen Abenden und in mondklaren Nächten auf den Fuchs paßte und den Edelmarder. Meine Gedanken wandern sehnsuchtsvoll gegen Norden, nach den Heiden und Hügeln der Ferne und den ernsten, stillen Menschen, die so beredt schweigen können. Hier sagt mir der Menschen Reden nichts. Gellendes Geplärre weckt mich aus dem Sinnen. Wie lauter schwarze Lappen wirbelt ein Dutzend Krähen durch die Luft und zerkrächzt die Stille. Der Edelmarder wird eine von ihnen im Schlafe überrascht haben. Sie verschwinden in der Wolke, aber ab und zu flattert noch einer ihrer rauhen Rufe zu mir herüber. Ich sehe nach rechts und links über den Schnee, ob der Fuchs noch nicht kommt, horche auf das Pfeifen der Mäuse in den Almrauschbüschen und fasse den Kolbenhals des Drillings fester, wie etwas Schneeweißes, Langes, Dünnes aus den Felsbrocken hervortaucht und sich mit jähem Sprunge in das Gestrüpp stürzen läßt, worauf eine Maus schrill aufquiekt. Und dann lächle ich und mache die Faust wieder locker, denn vor mir auf der Felsplatte hockt, steif wie ein Pfahl, das Raubwiesel im schneeweißen Winterkleide, eine Maus im Fange. Dreimal verschwindet es, dreimal ist es wieder da und mustert mich halb frech, halb erschrocken, und dann ist es fort. Der Luftzug weht mir ein leises Geräusch von der Bergflanke zu, ein langes Brechen, ein kurzes Knicken. Das mag eine Gemse sein, die dort noch herumtritt oder ein Stück Rotwild. Ich bohre meine Augen in den Lärchenhorst und lausche mit offenem Munde, doch nur die Stille antwortet mir, bis nach langer Zeit ein Schnauben, oder ein Grunzen, heruntertönt, und es ganz laut bricht, als sei das Wild dicht vor mir. Und wieder ist es ruhig. Irgendwo aus dem Tale klingt ein zerstückeltes Jodeln herauf, und das zerbrochene Klingeln von Schlittenschellen, und dann donnert es an der Steilwand und rauscht und poltert, und hinterher kommt ein langes, banges Stöhnen; eine Lawine ist zu Tale gegangen. Heiß läuft es mir über die Stirn, aber mein Rücken wird kalt, obgleich ich hier geschützt bin vor den grausamen Witzen der Wetterhexe. Jüngst kam ein Frachtschlitten im Schritte durch den Ort gefahren, und darauf lag, von Decken verhüllt, ein toter Mann mit verzerrten Zügen und gekrampften Händen. In der Umarmung der Firnfrau hatte er sein Leben lassen müssen. Wieder rauscht eine Lawine an der Wand herunter; hohl seufzt es hinter ihr her, und dann hört es sich an, als knirsche ein Riese vor Wut und Weh mit den Zähnen. Unter dem Hute kribbelt es mir, und ein heißer Schauer wellt mir über die Brust, wonnig zugleich und weh. Seltsame Vorstellungen umflirren mich; ich sehe den Tod mir Liebesblicke zuwerfen und Aphrodite holt mit der Hippe nach mir aus, Amor tunkt seine Pfeile in tödliches Gift, und ein Totengerippe, in rosenrote Gewänder gehüllt, reicht mir einen Busch Küssekraut hin; ein Totengräber tanzt als Hochzeitslader vor mir her und eine Brautjungfer gräbt mir das Grab. Unwillig schüttele ich den Kopf, denn alles dieses erregt mein Mißfallen. Da höre ich etwas, das mich wieder zu mir bringt, einen Laut, halb laut, halb leise, giftig und zärtlich durcheinander, das Liebesgekläff der Fuchsbetze. Hab Dank, Frau Ermelin, daß du mir die bleichen Falter vor den Augen fortjagtest, und die grauen Motten, und die Riesenfledermaus mit dem Skelettgesicht und den grünen Augen! Und willst du ein Übriges tun, Rotröckige, Wohlbepelzte, Starkduftende, so ruf mir einen mehrjährigen Rakel heran, damit ich nicht wieder, wie gestern und vorgestern, mit ledigem Buckel heimschiebe, so daß alle die Kutscher und Fuhrleute mit den schwarzen Zipfelmützen über den gelben Stirnen, die in der rauchigen Kneipe beim roten Weine aus dem Veltlin hocken, grinsen müssen, wenn ich eintrete! Lauter noch kläffe deine Sehnsucht nach einem Gefährten für die Nacht herunter, daß jeder Fuchs es vernimmt, der um die Einzelhöfe im Tale herumschleicht. Und beeile dich, denn es dunkelt stärker, und ich bin des Fassens müde! Vier Stunden lauere ich hier schon. Ist auch der Abend weich und warm, allzuviel Gespenster steigen von den Wänden der Berge herab und aus den Tälern meiner Erinnerung herauf, geben sich die Hände und tanzen einen scheußlichschönen Ringelreihen um mich. Ich danke dir, du guter Mond, für deine Güte! Zur rechten Stunde bist du gekommen mit deinem Scheine, hast die Wolken geteilt und die Düsterheit in die Schluchten gejagt und meinen Blicken weiteren Raum gegeben. Klar sehe ich jeden Fels und jeden Baum um mich herum, und scharf gezeichnet heben sich die schwarzweißen Berge unter dem verwaschenen Gewölke ab. Und da ist er ja auch, auf den ich warte, Reineke Rotrock, der Schleicher. Als langer, dünner Strich schnürt er über den Lärchen her. Jetzt, wo er unter den freien Felsnasen ist, macht er einen Sprung. Er wird ein Maus oder eine Wühlratte erwischt haben. Und nun scharrt er eifrig, und darauf hält er es für nötig, auf seine Weise zu verkünden, daß er hier gewesen ist, und dann ist er auf einmal verschwunden. Vor mir bricht es abermals, leise und verstohlen. Ich weiß nicht, ob es am Boden oder in dem Gezweig ist. Aber jetzt vernehme ich ein Geflatter, und mit dünnem Angstpfiff schnurrt ein Kleivogel an mir vorbei. Angestrengt spähe ich in die Kronen der Lärchen, den Marder erwartend, der dort sein Wesen treibt. Fortwährend rauscht und bricht es dort, aber so viel ich auch meine Augen anstrenge, es hilft mir alles nichts. Noch einmal höre ich es brechen und dann nicht wieder. Und der Fuchs ist auch verschwunden. Soll ich gehen oder bleibe ich noch? Mit dem Fuchse scheint es nichts werden zu wollen; doch zu schön ist es hier, da der Mond nun unumschränkt herrscht und die Berge wie ein in derben Strichen gehaltenes Stück Schwarzweißkunst vor mir liegen, zauberhaft schön anzusehen. Der Mond steht so klar an dem Himmel und sieht so selbstzufrieden aus, wie das Antlitz eines Greises, der jenseits von Liebe und Haß, von Wunsch und Wille, von Gut und Böse angelangt ist. Das alte Lied geht mir durch den Sinn: »Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin«; ich fühle mich frei von Furcht und Hoffen, komme mir überlegen und kühl vor, wie das große Nachtgestirn, lächle über alles Gute und Böse, was hinter mir liegt, und betrachte gleichmütig das, was mir in dieser Weise die Zukunft noch bringen kann. Da bricht und rauscht es und hastig fährt etwas Weißes dahin. Der Schneehase ist es. Es ist sehr verdächtig, daß er es so eilig hat; sicher hat er den Fuchs vernommen. So fasse ich die Waffe fester und lockere sie von meinen Schenkeln, halte den Atem halb an und spähe vorsichtig hin und her, abwartend, ob nicht der Fuchs zwischen den schwarzen Stämmen und den blauen Schatten sichtbar werde. Wohl eine Viertelstunde starre ich gierig dahin; dann erschlaffe ich wieder zu matter Gleichgültigkeit. Das alte weiche wabblige Lied von dem Monde summt mir wieder in den Gedanken umher und ich mache mich darüber lustig »Guter Mohond du gehehest so stihille.« Albernes Lied, so recht eines zum Lebensverneinen und Verzichten, ein Lied für den geistigen Mittelstand. »Durch die Abendwohoholken hin.« Ich danke bestens dafür! Ich will leben und kämpfen, lieben und hassen, bis zu meinem letzten Atemzuge will ich das. Alles, nur kein geruhiges Leben soll mir beschert sein, und den Abschluß hätte ich gerne unter Donner und Blitz. Zwischen zwei blauen Schlagschatten steht ein schwarzer Strich. Ich halte darauf und drücke. Ein roter Blitz verjagt das Lied vom guten Mond, ein Donnerschlag, von der Wand sieben Male zurückgeschleudert, brüllt die schweigende Landschaft an. Hei joh, wie schön riecht der Pulverdampf; schöner als blondes Mädchenhaar. Hojoh, Füchslein, wie du den Schnee um dich wirfst! Liebe suchtest du, süße Liebe im warmen Bau, und fandest den bitteren Tod im kalten Schnee. Klage nicht deshalb; es geht uns ja allen so, den besseren von uns Menschen wenigstens. Das Pack allein findet Glück. Quer durch das toteinsame, tiefverschneite Sommerdorf fahre ich ab, daß der Schnee stiebt. Schwer hängt der alte Räkel auf meinem Rücken und wärmt mir die Rippen. Unten auf den Holzwege ist ein schwarzer Klumpen, mein Schlitten. Der Kutscher grinst, wie er den Fuchs sieht und er grinst noch mehr, als ich ihm sage, daß ich heute abend am runden Tische drei Liter Roten aus dem Veltlin schmeißen werde. Ein roter Fuchs, ein roter Fleck im weißen Schnee; dazu gehört roter Wein. Und dazu wollen wir singen »Mädchen, dein Mündchen, das ist so rosenrot, rot ist das Leben, rot ist der Tod.« Am Langenkampe Gestern Nacht war es kalt und klar; jeder Stern war an seinem Platze und das Heidkraut starrte von Reif. Aber nur ein einziger Hirsch meldete sich, ein geringer Hirsch, der Edelknabe von Tillmanns Holze; alle anderen verschwiegen. Heute früh ist es dunkel und schwül. Ein leiser Wind, feucht wie eine Fieberhand, streichelt mir die Backen. Nach der Regel müßte heute kein Hirsch schreien. Aber alle melden sich. Vom Ahrensloh ertönt der Baß des Zwölfenders, im Langenkampe orgelt der Zehnender, in Tillmanns Holz läßt sich ab und zu der Achtender vernehmen und nun dröhnt es auch von Thiebusche her; da schreit ein guter Hirsch, den ich bisher noch nie hörte. Wie warm es ist! Ich habe das leichteste Zeug an und dennoch rinnt mir das Wasser über Stirn und Nacken. Und wie die Hirsche schreien! Nicht einen Augenblick ist es still. Ein Hauptbrunfttag ist das heute, trotz der lauen Luft, oder vielleicht gerade deshalb. Rehbrunftwitterung ist das, kein Hirschbrunftwetter. Geradeaus, in nordnordöstlicher Richtung, erhellt ab und zu ein roter Schein den Himmel. Der Wind kommt aus Südsüdwest; also wird es ein Gewitter geben. Immer dicker und diesiger wird die Luft, und immer weicher und wärmer. Unaufhörlich streichen wandernde Drosseln über mich hin; alle paar hundert Schritte steht eine Schnepfe vor mir auf; in den Saubergen balzt ein Hahn; im Bruche trompeten die Kraniche; viel Leben ist heute in der Welt. Das Wetterleuchten paart sich mit der Morgenröte und in das Schreien der Hirsche mengt sich das ärgerliche Geknurre des Ferngewitters. Aus allen Büschen flattert es heraus; überall pfeifen Drosseln, quäken Bergfinken. Dann und wann streicht eine Schnepfe mit eiligem Flügelschlage über die goldenen Birken und quarrend rudern die Krähen dahin. In der Ferne schreckt ein Altreh lang und anhaltend das Gewitter an. Ich stehe an der Wegeszwille, an den Stamm der Hängebirke gelehnt, deren leuchtendes Laub im leisen Winde flüstert, und lausche den Hirschen. Alle vier sind fleißig, doch am meisten der Fremdling. Das muß ein alter Kämpe sein; hart und rauh schreit er und zieht dem Platzhirsche vom Langenkampe immer näher, hinter dessen Rudel jetzt auch der geringe Hirsch von Tillmanns Holz herschreit. Plötzlich verschweigt dieser; der Platzhirsch wird ihn weitergebracht haben. Endlich meldet er noch einmal, aber weit weg in der herrschaftlichen Forst; neidisch klingt sein Schreien. Ich eile dem Langenkampe zu; dort werde ich halben Wind bekommen. Die Sonne tritt hervor; ein Regen von Hirschläusen rieselt auf mich hernieder und bedeckt mir den Nacken. Die Büsche leben von Vögeln; Zippen, Schacker und Schnarren ziehen in losen Verbänden und rundumher quäkt und quiekt und zwitschert es. Wespen, Fliegen, Hummeln und Hornissen summen und brummen, als wäre es Mittsommer. Zeisigflüge lärmen dahin, Dompfaffen locken, ein Täuber ruft im hellen Holze. Ein Laubvogel singt wie im Frühling, hundert wandernde Häher kreischen. Alle Blätter funkeln, alle Halme blitzen im Morgensonnenlichte. Halt! Ein Hirsch schreit nicht weit von mir. Es ist der fremde Hirsch. Nach der Stimme ist es einer vom zwölften Kopfe, wenn er nicht noch älter ist. Ich laufe, was ich kann, um unter den Wind zu kommen, klatschnaß vor Schweiß lange ich vor der Dickung an, drücke mich hinter eine krause Fuhre und lasse meine Augen über den rauhen Heidberg gehen. Eine blaue Wolke schiebt sich halb vor die Sonne; unaufhörlich blitzt es daraus in die Sonnenstrahlen hinein. Unheimlich sieht sich das an, unheimlich schön. Die Hitze wird immer drückender. Einzelne breite Tropfen klatschen herunter; ein Regenschauer folgt hinterher. Schon ist es vorüber. Die Sonne ist wieder da und drückt das Gewitter fort. Die Hirsche sind jetzt ganz dicht beieinander und schreien sich böse an. Es knallt laut; sie kämpfen. Ein lautes Trompeten erschallt. Anderthalb hundert Kraniche ziehen hoch dahin; wie der Schwanz eines Papierdrachens sieht die Schar aus. Zwischen den rauhen Fuhren zur rechten Hand bewegt sich ein großer roter Fleck. Der Zehnender vom langen Kampe ist es; der zugereiste Hirsch hat ihn abgeschlagen. Eilig zieht er der Dickung zu. An Schießen ist nicht zu denken; es ist viel zu weit. Ich mache ein gleichgültiges Gesicht; aber in Wirklichkeit bin ich wütend. Am Ende geht es mir so wie vorgestern; da hatte ich auf drei gute Hirsche Anblick und kam nicht einmal zu Schusse. Welch ein sonniger, wonniger Morgen das ist! Überall singen die Rotkehlchen und die ganze Heide blitzt von auffliegenden Raubkäfern. Ein Küssetag ist es, ein Liebetag, ein Tag, an dem das Herz unter dem Hemde sich dehnt und ein anderes Herz ersehnt, an dem es klopfen möchte. Fahre hin, rosenroter, warmer, weicher Wunsch; ich habe die kalte Waffe in der Hand und gehe auf Mord aus, denn vor mir schreit mein Hirsch! Ich schleiche von einer Fuhre zur anderen, schnell, aber behutsam, um dem Hirsche den Wechsel nach der Porst abzuschneiden. Jetzt müßte er noch einmal schreien! Ich spähe rundum und fahre ein wenig zusammen, denn da ist ein rotbrauner Fleck. Doch es ist ein Stück Kahlwild. Aber das da ist der Hirsch, ein Achtender, den ich noch nie sah, ein ganz starker Hirsch. Unbesonnen streiche ich an und mache krumm. An mir vorüber poltert das Kahlwild. Der Schweiß bricht mir auf dem ganzen Leibe aus. Traf ich oder schoß ich vorbei? Ich glaube, ich habe Kugelschlag gehört; aber ob der Hirsch zeichnete, das weiß ich nicht. Ich schoß zu hastig, und als ich drückte, sah ich ein Gesicht, schmal, weiß, mit geröteten Wangen, von goldenem Haar umrahmt, zwei blaue Augen blickten mich freundlich an und ein edelgeschnittener Mund lächelte mir zu. »Wer bist du, Vieltausend schöne, Herzallerliebste, Süße? Ich habe dich drei Jahrzehnte gesucht und nie gefunden, mein Sonnenschein, mein Blütenduft, mein Herzensfriede. Warst du, bevor ich lebte? Wirst du sein, bin ich gewesen? Werden wir uns jemals begegnen, hier im kurzen Leben oder drüben in der langen Ewigkeit? Liebten wir uns einst vor vergangenen Zeiten, und sehnen uns immer wieder auf das neue nacheinander? Komm wieder, Goldgeliebte! Lächle mich noch einmal an! Und sprich ein freundliches Wort zu mir, ein einziges! Ich bin so arm und bettle um ein Liebeswort.« Gleichgültig gehe ich auf den Anschuß. Ich finde lange nichts; endlich sehe ich auf einem roten Fliegenpilze Schnitthaar, und nach einer halben Stunde treffe ich auch Schweiß an, drei hellrote Spritzer auf einem schneeweißen, runden Kiesel. Unachtsam bummele ich zurück, die Büchse über das Kreuz geschlagen, und qualme vor mich hin. Mit müden Augen sehe ich auf alles, was um mich ist, und freue mich über nichts, aber auch über gar nichts. Die schöne Welt ist stumm geworden für mich, und spricht sie zu mir, so redet sie trostlose Worte. Die gelben Moorhalme zischeln spöttisch, die Birken flüstern höhnisch, der Grünspecht lacht mich aus. Ist das langweilig, alles das, wenn man so ganz allein ist mit seinem leeren Herzen und seiner verwaisten Seele, wenn man keinen Menschen hat, dem man in Gedanken alle die große und kleine Pracht zeigen kann, keine liebe Seele, ihr einen Strauß letzter Blumen zu brechen, die Nachblüte des Brahms hier, die verspätete Heide dort, da die drei himmelblauen Glöckchen. Müde gehe ich dahin und rauche, rauche, rauche. Das ist noch das einzige, was mir blieb, eine gemacht Freude, ein eingebildeter Genuß, ein Gift, an das ich mich gewöhnte, um nicht ganz allein zu sein mit mir in meinen kalten Gedanken und der bitteren Angst. »Ätsch!« ruft es neben mir und ein Markwart flattert über das Gestell. Über mich fliegen Krähen hin und verhöhnen mich und abermals macht der grüne Specht sich über mich lustig. Mit verlorenen Augen sehe ich über die Heide. An dem alten Torfstiche steht ein Kranich. Er humpelt und der eine Flügel schlottert. Irgendein Schießer hat das edle Geflügel um die Zukunft betrogen. Ich nehme die Büchse vom Kreuze, steche, streiche an der krummen Birke an, drücke und das Wasser spritzt auf. Ich gehe hin; da liegt der schöne Vogel in dem häßlichen Gewässer, naß und schmutzig. Mir kommt er wie ein Sinnbild meiner selbst vor. Auch ich humple flügellahm durch die Einsamkeit, und mein Ende wird ähnlich sein, wie das dieses Tieres hier. In der Jagdhütte sieht der Hund mich mit gemachter Freundlichkeit an. Es ist meiner nicht; ich habe keinen eigenen Hund mehr, schon lange nicht mehr. Was habe ich denn überhaupt noch? Eine verregnete Vergangenheit und eine ausgewinterte Zukunft. Über die einen krächzen Krähen dahin, aus der anderen ruft mir die Eule entgegen. Wie bleiche Abendmotten sind meine Erinnerungen und meine Träume sind gleich grauen Fledermäusen. Ich komme aus einer kahlen Heide und gehe in einen dumpfen Wald. Hinter mir seufzen Geister und vor mir stöhnen Gespenster. Wo ist das Gesicht geblieben, das ich sah, als ich dem Hirsch die Kugel antrug, das süße, sanfte, sonnige, mit den innigen Augen und dem schönen Munde? Ich sehe es nicht mehr, denn der Himmel ist grau. Der hohle Wind summt eine traurige Weise und der Goldammerhahn singt: »Dein Glück ist weit, weit, weit!« Gleichgültig teile ich Brot und Wurst mit dem Hunde. Ich weiß es ja, ich bin ihm nichts, gar nichts, wie ich niemand mehr etwas bin auf der Welt und niemand mir etwas auf Erden ist. Das beste ist Schlafen. Aber es bringt Träume, böse Träume, und wenn es endet, so kommt das Erwachen. Unmüde schiebe ich mich in den Schlafsack; unfrisch krieche ich wieder heraus. Verdrossen folgt mir der rote Hund; es mißfällt ihm, daß ich, der fremde Mann, ihn an den Schweißriemen nehme. So gehen wir dahin, nur durch den Riemen verbunden und durch weiter nichts, geradeso, wie ich und das lebendige Leben, mit dem mich nichts mehr verknüpft als die lederne Pflicht. Der Himmel ist tief, die Luft dick, das Leben tot. Schüchtern piepsen die Goldhähnchen, ängstlich locken die Rotkehlchen, traurig flötet der Dompfaff; langweilig und trostlos endet dieser bunte, fröhliche Tag, trostlos, wie eine abblühende Liebe. Der schrille Ruf des Raubwürgers paßt vorzüglich zu der verschlafenen Stimmung dieser Stunde und zu meiner eigenen noch besser, in der auch ein bleicher Gedanke mit schrillem Schrei von Zeit zu Zeit ruft. Hier irgendwo muß der Anschuß sein. Ohne Erregung docke ich den Riemen halb ab; vor fünf Jahren flog ich vor Gier am ganzen Leibe, sobald ich den Hund zur Fährte brachte. Matt rufe ich: »Verwund't, mein Hund! Such', verwund't!« Matt legt sich der Hund in die Halsung. Jetzt bekommt er Leben; er hat gefunden und winselt kurz auf. »Weis' verwund't, mein Hund, verwund't mein Hund, verwund't, verwund't!« Er tupft mit der Nase auf den weißen Kiesel und reißt mich voran. »Verwund't, mein Hund, verwund't!« Es geht in die hohe Heide hinein, daß es knistert und knastert. Ist da nicht Schweiß gefallen? Nein, der rote Kopf einer grauen Flechte ist es. Aber dort? Auch nicht; ein blutroter Flintsteinsplitter ist es. Da aber? Wieder nichts als ein roter Pilz. Doch dort am Grabenbord? Nein, nein, nur die blutrote Blüte des Blutauges. Und hier? Eine Ebereschenbeere. Und drüben? Des Heideckers herbstrote Blättchen. Und das da? Eine halbreife Brombeere. Und dieses? Des Sonnentaues Blattrose. Und jenes? Der Unterflügel einer Schnarrheuschrecke. Und weiterhin? Ein Büschel Kronsbeeren. Und noch weiter? Eine rote Patronenhülse. Und immer wieder nichts, als eine Scheitelfeder vom Schwarzspechte, ein Fetzchen rotes Band, ein Marienkäfer, die Frucht der Moosbeere, spätblühendes Lausekraut, ein Stück Granitgeröll, rot wie Blut. Wohin ich sehe, Blut, Blut, Blut. Ein schlimmer Gedanke meiner grauen Seele wirft überall seinen Schatten hin, der böse, haßerfüllte, klebrige Gedanke an Rache. Das weiße Mädchenantlitz ist verschwunden und ein anderes sehe ich, ein Männergesicht mit gemeinen Zügen und häßlichen Augen, und mir ist, als arbeite ich die Fährte dieses Mannes mit dem roten Hunde aus. Meine Augen fangen an zu brennen. »Verwund't. verwund't, mein Hund, such', verwund't, mein Hund verwund't, verwund't, verwund't!« Heiser zische ich es durch die trockenen Lippen. »So recht, mein Hund so schön, mein Hund; verwund't, verwund't!« Die Machangeln bleiben zurück, die Krüppelfuhren lassen wir hinter uns, es geht durch nasse Sinken und über die Gräben hinweg, in den Stangenort hinein, durch die gelben Adlerfarne und die grünen Brombeerbüsche, geht weiter, immer weiter bis an die geschlossene Dickung und hinein in sie, mitten hinein. Vor mir taucht ab und zu das häßliche Gesicht auf, furchtverzerrt und mit verängstigten Augen, und ich arbeite es auf kranker Fährte mit dem roten Hund, der gierig hechelt und mich durch dick und dünn reißt. Und ich juche meinen schlimmen Gedanken an: »Verwund't, verwund't, weis' verwund't!« Und ich habe ein böses Lachen um die engen Lippen. Da liegt der Hirsch! Ach so, es galt nur einem Hirsche. Der Hund zaust ihn, wie seinen liebsten Feind. Er darf das nicht, doch ich lasse ihn gewähren und sehe schadenfroh zu. Und dann, wie ich das blanke Messer in den Hirsch hineingleiten lasse und ihn aufschürfe vom Weidloche bis zur Probierstelle und es rot heraushole und meine Hände rot werden bis zu den Gelenken, und warm und klebrig, und ich das Herz des Hirsches fasse und samt dem Geräusche hervorzwinge und alles da liegen habe, das dunkle Herz und die helle Lunge, böse von der Kugel zerfetzt, da denke ich Gedanken, verboten durch das Gesetz und verfemt durch die Sitte, Gedanken, wie ich sie bisher nicht fand in meiner Seele Gründen, Gedanken, rot, klebrig und zäh, wie die rote, klebrige, zähe Masse, die die Haut meiner Hände zusammenzieht, häßliche Gedanken. Ich knie an dem Graben nieder, reibe die Hände mit nassem Sande und trockne sie an meiner Jacke ab, bis sie so sind wie vorher. Hier und da, unter den Nägeln und in ihren Betten, bleibt aber noch ein Rest von dem roten Schweiße zurück. Und auf dem Weg zum Forsthause denke ich an das süße, weiße, geliebte Gesicht, das ich in der Frühe sah, und ich wünsche, ich könnte auch meine Seele wieder rein waschen von bösen Gedanken, häßlichen Träumen und bitteren Gelüsten. Und ich rufe mit stummer Stimme: Komm, du goldgeliebte Seele, komm zu mir, reines Gesicht, lächle mich an, gütiger Mund, liebkost mich, ihr stillen Augen, und tröstet mich, ihr ruhigen Hände, daß ich wieder so werde, wie ich war, als ich noch glaubte, die Sonne lüge nicht und der Frühling sei kein Betrüger; komm und hilf mir in meiner Not! Der Förster steht vor seinem Hause. Keine Miene regt sich in dem braunen, verschlossenen Gesichte. Weil ich so langsam gehe, meint er wohl, dieser Tag sei für mich ebenso ausgelaufen wie die bisherigen. Aber so wie er den schweißgetränkten Fuhrenbruch an meinem Hute sieht, kommt Leben in seine Augen, und wie ich ihm sage, daß es ein fremder Hirsch ist, den ich streckte, lacht er über das ganze Gesicht. Und noch mehr lacht er, wie wir mit dem Arbeiter bei dem Hirsche stehen und ihn auf den Wagen ziehen, lacht ein schadenfrohes Lachen, denn hinter diesem Hirsche ist der Pächter der Nachbarjagd seit dem Sommer schon hergestiegen und den kann er nicht leiden, den Protz. Darum macht er nach dem Abendessen den Tag zum Festtage und holt drei staubige Flaschen aus dem Keller. »Die letzten drei,« sagt er und lacht; »dann hat die Seele Ruh'.« Draußen heult der Kauz. In der Ofenecke schnarchen die drei Hunde. Blutrot glüht der Wein in den Erbgläsern und blaue Tabakswolken ziehen um die grüne Kuppel der alten Messinglampe. Ab und zu nippt auch die Hausfrau an ihrem Glase und bringt mit einem fröhlichen Worte oder einem freundlichen Lächeln Leben in unser Gespräch. Dann aber näht sie wieder weiter und ich sehe auf ihre großen, starken, guten Hände, deren Bewegungen so sicher und so ruhig sind, wie das ganze Wesen dieser schönen Frau, die Vater und Mutter verließ und dem, den sie liebte, in ein dürftiges Leben in der Einsamkeit folgte, auf alles verzichtend, was sie gewöhnt war und was ihr geboten wurde. Der gute Wein läßt mich alle Motten, Fledermäuse und Eulen meiner Erinnerung vergessen. Ich hole Schnurren und Geschichten hervor; der Förster lacht Tränen und seine Frau hat die Hand auf dem Herzen, so schüttelt es sie. Und dann bitte ich sie, zu singen. Sie lächelt, langt die Laute von dem Hirschgeweih und stimmt das schöne Lied an von dem Jäger und dem Mädchen auf der Heid', ein Lied, keck und innig, schalkhaft und süß, keusch und verliebt. Alle meine bösen Gedanken und häßlichen Erinnerungen verstecken sich im Glase und nicht mehr schleicht leise und verhalten das schlimme Gelüste hinter mir her, wie heute nachmittag, als ich die rote Fährte arbeitete. Hinter dem Gesichte der Frau sehe ich ein anderes mich anlächelnd, ein goldener Traum wärmt mir das kalte Herz, und rechts und links von meinem Weg liegen keine Schweißtropfen mehr; rosenrote Blumen wachsen dort. Ho Rüd'hoh Rauhreif Die Nebelhexe hielt gestern großen Waschtag. Schon am frühen Nachmittag, als ich unter dem hohen Hange entlang schlich, spürte ich es; die Luft wurde dick und unsichtig und roch schlechter und schlechter. Um die vierte Stunde mußte ich meinen Weidgang abbrechen. Berg und Tal verschwanden, Weg und Holz waren eins, die Bäume wurden zu Gespenstern, die Büsche zu Kobolden, mir war, als hätte ich keine Augen mehr, und des Kauzes Ruf, den ich so sehr liebe, wurde mir unheimlich. Darum ging ich früh zur Försterei zurück. Heute hat die Welt ein anderes Gesicht. Die Fichten sind alle zu Weihnachtsbäumen geworden; ihre bereiften Wipfel blinkern in der Morgensonne. Die dürren Blätter der Buchenjugenden und Eichenrauschen haben silberne Pelze angezogen, und sogar das kahle Gezweige der alten Buchen hat sich festlich geschmückt. Auf tauben Dunst bummele ich dahin, es dem Zufall überlassend, was er mir verehren will. Ich darf ein altes Gelttier abschießen, woran mir aber nicht viel gelegen ist, Sauen außer führenden Bachen, doch die lassen sich bei Tage wenig mehr sehen, seitdem sie mehrfach getrieben sind, und alles Raubzeug, das ich antreffe. Mit dem Marder ist es nichts, weil kein Spurschnee da ist, und da die Füchse wohl kaum schon rennen, so werde ich darauf auch keinen Anblick haben. Doch was liegt mir an einer Beute an diesem silbergraugoldenen Tage, wo Busch und Baum vor Reif blitzen und die Sonne hell vom hohen Himmel lacht, fröhliches Krähengequarre aus dem Tale kommt und die Luft voll ist von dem Gezwitscher allerlei lustigen Volkes! Sehen will ich und hören, und mit mir ganz alleine sein an diesem wunderschönen Wintertage, der eigens für mich gemacht ist. Holla, da ist schon etwa ganz Liebes und Schönes, ein Dutzend Seidenschwänze, putzwunderlich gekleidete Fastnachtsgecken aus Finnland, die zwischen den roten Hagebutten und blauen Schlehen unter silberweißen Waldrebenschöpfchen sitzen und auf eine Weise zwitschern, die nicht Landesbrauch ist. Wohin ich sehe, habe ich Anblick mannigfacher Art. Hier rasselt eine schwarze Eichkatze an der Eiche empor; dort fällt ein Flug Dompfaffen auf die Birke ein, daß es aussieht, als wäre sie ein Apfelbaum; hier zieht ein Reh, da stehen zwei Stück Rotwild und flüchten durch das helle Holz. Und rechts und links von der Brandrute haben Sauen gebrochen; überall ist der steinige Boden umgepflügt, sind tote Fichten ausgebrochen, morsche Stümpfe zerfetzt, und Felstrümmer, viermal so dick wie ein Menschenkopf, aus dem beinhart gefrorenen Boden gehoben. Vorgestern schoß ich hier am Kreuzgestell einen Fuchs und warf den Kern neben den Jagenstein; nicht ein einziges Knöchelchen ist davon geblieben. Diese Sauen nahmen den willkommenen Fraß an. Der weite, breite Hau hier ist so schön, daß ich vor ihm stehen bleiben muß. Daumendick hüllt der Rauhreif die Halme ein, daß sie sich unter der Last biegen und die vom Rotwild zu wunderlichen Puppen verbissenen Jungfichten, die um die alte krummästige Eiche einen Kreis bilden, sehen aus wie lauter weiß gekleidete Mädchen, die sich zum Reigen aufgestellt haben. Und dann zwitschert es und leuchtet und ein Flug Stieglitze, bunt wie ausländische Schmetterlinge, stiebt herbei, fällt auf die mannshohen Disteln ein, zupft an den Köpfen herum, findet sie leer und flattert weiter. Ich gehe durch Buchenaltholz, in dem die Nußhäher aus Norwegen hin und her fliegen und vertraut dicht vor mir auf dem Boden herumhüpfen, durch die hohe Fichten, die in der Sonne funkeln und flimmern und von dem Gewisper der Goldhähnchen erfüllt sind, durch einen alten Eichenbestand, in dem ein grüner Specht von Stamm zu Stamm schnurrt und von dessen Kronen hundert blanke Tauben fortklatschen, und scheuche schließlich am Rande des großen Windbruches eine Ricke fort, die in die Fichten zurückspringt, während das Kitz nach einigen Fluchten stehen bleibt und dumm hin und her äugt. Einmal mahnt das Altreh und noch einmal, und dann, wie das Junge nicht folgt, stürmt es heran, straft es mit einem derben Schlage der Hinterläufe ab, daß es laut aufklagt, und treibt es vor sich her in die Dickung hinein, daß der Rauhreif nur so herunterprasselt. Um den Windbruch schleiche ich herum, durch den ein wildes Bächlein kluckert, und drücke mich von Wurfboden zu Wurfboden tretend in ihn hinein, umsichtig hin und her spähend, denn gern brechen die Sauen auch bei Tage hier nach Untermast. Eine ganz Stunde bringe ich auf ihm zu, hier ein wenig passend, dort ein bißchen lauernd, da eine Weile auf einem Stamme kauernd und mich an dem wilden Wirrwarr von Felsblöcken, Stämmen, Wurzelscheiben und Astgetrümmer freuend, das der Sturm vor vier Wochen hier schuf. Aber nur einen Hasen jage ich heraus und einen Sprung Rehe treffe ich an, und stoße schließlich, als ich die Windwüste hinter mir habe und auf das Hauptgestell trete, auf ein ganzes Rudel Wild, das mir lange Hälse entgegenreckt und in hellen Fluchten in die Dickung hineinprescht. Gellendes, giftiges Hähergekeife ruft mich nach den Klippen hin. Vorsichtig stehle ich mich von Strauch zu Strauch, von Fels zu Busch, und spähe und starre dahin, wo ein Dutzend der bunten Narren mit gesträubten Hauben in der Krone der von einer alten Fichte durchwachsenen Eiche hin und her flattern, und zetern und schimpfen, als sei der böse Feind dort versteckt. Ich denke, sie werden den Kauz da erwischt haben und verhöhnen, aber da kommt es mir so vor, als gelte ihr Gekeife dem Eichkatzenkobel, das in die Drille der Eiche eingekeilt ist, und ich denke: am Ende haben die Strolche einen Marder vor. Noch etwas dichter pirsche ich mich heran, bis mich einer von den Blauflügeln spitz kriegt, Mordio schreit, und alle miteinander mit dem Schreckgeschrei: »Der Jäger, der Jäägerr, der Jääägerrr!« von dannen zappeln und mir aus sicherer Weite Schimpf und Schande an den Hals wünschen. Und dann trete ich unter den Doppelbaum und sehe, ob nicht die Rute des Nachtschleichers über den Rand des Horstes hängt, kann aber nichts erspähen und schicke darum eine Kugel unter das Nest. Brüllend schmeißt mir die Felswand den Widerhall zu, Borke und Rauhreif regnen mir entgegen, aber kein Marder springt aus dem Nest heraus. Ich lade und schicke eine andere Kugel dahin, denn heute ist Rauhfrost, morgen gibt es Schnee oder Regen und vor Wetterwechsel sitzt der Marder fester als je und da ist er auch schon, hat mit einem Satze die Fichte, gewinnt nach dem eilig hingeworfenen Schrotschusse die nächste Buche und ist schon fast so weit, daß er die Klippe hat, die viel zerrissene, wo er mir verloren wäre, da faßt ihn der dritte Schuß, und in einem silbernen Rauhreifgeriesel schlägt er durch das Gezweige in den Schnee. Ich atme auf und gehe heran und merke jetzt, daß diese wenigen Augenblicke mein Blut zum Sieden und meine Stirn zum Tropfen brachten, streichle den weichen, dunklen langhaarigen Balg, liebekose mit meinen Blicken die kuhblumengelbe Kehle, die breiten Branten und die buschige Lunte, und finde, daß es mein stärkster Marder ist, und der am besten geschossene, denn ein einziges Hagelkorn traf ihn und schlug ihm mitten durch den edlen Kopf. Fröhlich schlinge ich ihn ein an der Rucksackschleife und schlendere weiter, das Gekeife der Häher mit gleichem Laute erwidernd und mit hellen Augen alle die Pracht des Tages umfassend, die goldene Sonne, den blauen Himmel und den silbernen Rauhreif, den aber am meisten. Ihm, den glimmernden, flimmernden, schimmernden Wundergewebe, das Halm und Holz umsponnen hält, habe ich diese köstliche Beute zu danken. Wäre er nicht da, dieses hellen Wintertages Maientraum, niemals hätte ich ohne Wunsch und Willen meinen Waldgang getan, dem unbekannten Ziele entgegen. Mir ist so, als hörte ich hinter mir im fernen Moor die Nebelhexe lustig kichern, und ich schwenke den schäbigen Hut und rufe ihr zu: Weidmannsdank, altes Mädchen, hojoh! Nebel Den Sonnenuntergang von gestern vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht; er war von beängstigender Schönheit. Die bleiblaue Wetterwand über den schwarzen Kopfweiden riß mit einem Ruck auseinander, und in dem Loch erschien die Sonne mit blutrotem Wutgesichte, umgeben von einer Gefolgschaft tobsüchtiger Gespenster. Eine Viertelstunde währte der Kampf zwischen dem Tagesgestirn und der Abendwolke; dann mußte die Sonne die Walstatt räumen und abermals klatschte der Schneebrei in dichtem Gestöber herunter, begrub die letzten freien Stellen der vereisten Wiesen und verschüttete die Saaten. Ich stand unter den drei verrenkten Weidenkrüppeln, von schwarzem Ellergebüsch und gelbem Rohr gut gedeckt, und lauerte auf die Gänse. Vor mir fielen die Ammern in ihren Schlaf büschen ein, Saatkrähen und Dohlen flogen heiser krächzend und schrill rufend dem fernen Walde zu, ein Bussard ließ sich auf dem Stumpfe der vom Blitz zerschlagenen Pappel nieder, äugte eine Weile umher und schwang sich weiter, Enten klingelten vorüber, jenseits des Flusses schlich der Fuchs auf dem Eise entlang und bald hier bald da erklang das heisere Gegacker vorbeisausender Gänse. Aber alle strichen zu hoch oder zu weit weg, und erst als schon fast kein Schußlicht mehr war, kamen sieben über mich hingebraust, und die eine davon ward mein. Mein Freund brachte vier in den Krug mit. Da saßen wir noch eine Weile, tranken Teegrog mit den Fischern und Schiffern, sahen zu, wie die dralle Mieke die Arme am Spinnrade rührte, ließen uns von der bösen Flut erzählen, bis Janhein mit der Ziehharmonika kam. Da ging es denn los mit Spiel und Sang bis die Kastenuhr die elfte Stunde anmeldete und Klausenvater Feierabend machte. Als ich in dem breiten Bette lag, hörte ich den Sturm den Schnee gegen die Scheiben schmeißen und alle die Lieder gröhlen, die Mieke und die Burschen gesungen hatten, und als ich aufwachte, vernahm ich Mieke in der Küche hin und her gehen und mit ihrer schönen, klaren Stimme singen: »In einem Tale, wo Ostwind wehte, da stand Luise beim Blumenbeete, stand eine Blume so weiß wie Schnee; so eine Blume hatt' ich noch nie gesehn.« Nun gehe ich durch den Nebel, der so dick ist, daß ich meine, ihn mit Händen fassen zu können, und der einen strengen Waschküchengeruch hat. Die Kopfweiden, die ab und zu daraus hervortauchen, sehen wie lächerliche Gespenster aus, und die Büsche in den Wiesen sind zu allerlei albernen Ungeheuern geworden. Es ist viel Schnee gefallen über Nacht, und da es gefroren hat, so ist er fest geworden. Das ist schlimm für die Gänse, aber gut für mich, denn sie werden heute lange in Bewegung sein und der unsichtigen Luft wegen tiefer als sonst streichen. Hier und da und dort vernehme ich ihr heiseres Dadadadä und Gaigaigaigä und mache mich schußfertig, ehe ich auf dem Stande bin. Doch der Nebel ist so dick, daß ich die drei Flüge, die am nächsten bei mir vorübersausen, nicht zu Blick kriege. Ich nehme meinen alten Stand unter den drei zusammengedrängten Krüppelweiden ein, ziehe den Mantel über und stelle mich auf den mit Kaff gefüllten Rucksack. Ich kann kaum dreißig Gänge weit sehen. Hier steht ein Weidenbaum, der wie ein hagerer Bär aussieht, der mit der Pranke nach mir zu schlagen droht, da reckt ein anderer ein wild gemähntes Löwenhaupt aus dem Nebel, und dort wird ein dritter sichtbar, einem betrunkenen Kerl ähnlich, der mit den Armen in die leere Luft greift, um Halt zu finden. Vom Flusse kommt das Knirschen und Knarren des treibenden Eises und das Klickern und Kluckern des Wassers, ab und zu übertönt von dem anschwellenden und abflauenden Gegacker der Gänse, die drüben stehen müssen. Ich stehe und starre in den weißen Nebel hinein, lausche auf das gereizte Gespräch zwischen Eis und Flut und das aufgeregte Gequackel der Gänse, sehe dem Hasen nach, der wie ein Schatten zwischen den verschwommenen Rohrhorsten auftaucht und verschwindet, nehme den Drilling hoch, denn ich höre Gänse heranstreichen, lasse ihn wieder sinken, weil sie außer Sicht vorübersausen, höre von drüben viermal kurz hintereinander den Donner der Schnellfeuerflinte meines Jagdfreundes, habe mit einem Male den Kolben im Gesicht, drehe mich jäh herum und halte auf den mittelsten der vier Schatten, die mit Gegicker und Gegacker über mich hinbrausen, drücke zweimal, sehe eine Gans sich im Feuer drehen und höre sie in das Röhricht schlagen, freue mich und ärgere mich gleich hinterher, denn ehe ich geladen habe, rauschen schon wieder sieben Gänse und dann noch drei über mich fort, habe dann wieder den Kolben an der Backe, schieße zwei Löcher in den Nebel, lade hastig und fühle, wie mir trotz der rauhen Luft Stirn und Nacken heiß werden, höre abermals drüben drei Schüsse hart aufeinander folgen, muß die zwei Gänse, die mir von hinten kommen, auslassen, weil die Zweige der Weiden sie decken, solange sie in Schußnähe sind, und lauere dann eine ganze Weile umsonst. Mir ist so, als verdünne sich der Nebel etwas. Eine kühle Luft geht, die grauen Rispen des Rohres schwanken hin und her und die Halme rauschen eine herbe Weise. Lauter kluckst die Flut, stärker knirscht das Eis und das überschneite Schilf raschelt geisterhaft. Das Gequatter der Gänse am anderen Ufer bricht ab, setzt dann wieder ein, vermischt sich mit wildem Flügelschlagen, verliert sich ganz in der Ferne, und ist nach dem Doppelschusse, der von dort herüberschallt, plötzlich vor mir und über mir. Hier und da und dort tauchen lange Hälse und breite Schwingen auf. Ich lasse die Schar vorüber und feuere hinterher. Zweimal plumpst es dumpf herunter, und ein unregelmäßiges Geflatter und Geknaster folgt darauf, ich lade schnell, spring dann hin, greife die schwer geflügelte Gans und genicke sie, verpasse derweilen ein paar andere, die ganz tief vorbeisausen, bin aber dennoch froh über die drei, die vor mir liegen. Es weht stärker. Das Rohr schwankt hastig auf und ab, und die hart gefrorenen Ellernbüsche klappern. Der Nebel zerreißt und löst sich in lauter Geistergestalten auf, die einen heimlichen Tanz vollführen. Immer noch streichen Gänse, doch höher als bisher, desgleichen Enten. Vor mir sind Gänse eingefallen. Noch bekomme ich sie nicht zu Blick, zu dick steht der Nebel zwischen mir und ihnen. Aber jetzt beginnt es sich zu rühren. Ein Weidenbusch wird sichtbar, ein Pfahl taucht auf, Rohrhalme erscheinen. Ellern zeigen sich, ein Reh zieht vorüber, eine Krähe fliegt dahin. Irgendwo schnarrt ein Zaunkönig, ein Goldfink lockt, Zeisige zwitschern. Immer wieder schallt das Gegacker der Gänse aus dem Nebel heraus; doch bleiben sie unsichtbar, obgleich sie nicht allzuweit von mir stehen müssen. Schließlich werde ich das Passen leid, zumal meine Füße trotz der warmen Unterlage kälter und kälter werden. So streife ich mir den Reif aus dem Bart und aus den Augenbrauen und rücke bis zur nächsten Eller vor. Die Gänse sind gar nicht weit von mir, doch ist gerade hier der Nebel so dicht, daß ich sie nicht zu Blick bekomme. Über mir aber hellt es sich immer mehr auf. Lange wird es nicht mehr währen, dann schickt die Sonne den Wind hinunter und der jagt den Nebel von dannen. So pirsche ich noch etwas voran, drücke mich hinter einen geborstenen Weidenstamm und lauere dort weiter. Das Gegacker ist verstummt; die Gänse müssen das Knurpsen des Schnees unter meinen Stiefeln vernommen haben. Aber nun setzt der Lärm wieder ein und ich kann an ihm merken, daß ich mich verschätzt habe, die Gänse sind noch weit genug. Wieder geht es weiter; von der Weide schleiche ich nach einem Rohrhorst, von da zu einem Weidengebüsch, von dort hinter eine Eller. Die Luft wird kälter, der Nebel dünner. Immer mehr Vogelstimmen werden vernehmbar. Ein heftiger Windstoß hellt die Luft vor mir auf. Der Nebel zerreißt, ich sehe, aber nur als Schatten, fünf lange, hochgereckte Hälse im nächsten Augenblick fällt der hellgraue Schleier wieder davor herunter. Ich weiß nun nicht, soll ich vorwärts gehen oder soll ich stehen bleiben, denn ich kann nicht erkennen, ob ich noch weiter Deckung vor mir habe. Da flackert der Nebel abermals auf, zeigt mir die Gänse ganz klar und ehe er sie wieder verwischt, habe ich gestochen, angestrichen und der mittelsten Gans die Kugel angetragen. Sofort ist der Nebel wieder da. Ich stelle auf Schrot um und renne dahin, wo das Geschnatter und das Flügelschlagen erschallt. Doch ich komme vor einen Graben, dem Eise ist nicht zu trauen und so muß ich die Gänse unbeschossen abziehen lassen. Ich lange die eine, der mein Blei das Leben nahm, auf und gehe dahin, wo die anderen liegen. Von drüben her fallen zwei Schüsse. Dann kommt ein hohler Schrei daher. Ich schütte das Kaff aus dem Rucksack, hänge die Gänse daran, schlage ihn über den Rücken und gehe der Brücke zu. Der Nebel wallt hin und her, legt sich zu Boden, und über ihm kommt die Sonne heraus; sie vergoldet das Eis, versilbert den Schnee und macht aus den Weiden lodernde Flammen. Fortwährend zwitschern Zeisigflüge dahin, und überall locken Dompfaffen, quietschen Bergfinken. Dann und wann schwebt eine Krähe vorüber, macht eine Bogen, wenn sie mich eräugt, und warnt ihre Genossinnen durch einen rauhen Ruf. Das gellende Gelächter des Grünspechts kommt von der Kopfweidengruppe am Flusse. Ein Bussard schwebt über den Wiesen, deren Eisdecke glitzert und flimmert. Rund und voll steht die Sonne über den Pappeln und jagt den Nachtnebel völlig von dannen. An der Vorflutbrücke lehnt mein Freund. Sieben Gänse und ein großer Sägetaucher liegen zu seinen Füßen. Ich sehe ohne Neid danach hin, obschon meine Strecke nur halb so groß ist. Es ist lange her, daß ich nicht auf Gänse jagte, und so kann ich ganz zufrieden sein, zumal die Welt rundumher so schön ist, die silberne Welt im goldenen Sonnenscheine, seitdem der Nebelschleier von ihr wich. Vollmond Schnee versprach der Mond mir gestern, als er in einem Kranze rostroter Wolken über dem Berge stand. Er hat Wort gehalten. Es hat die ganze Nacht schwer geschneit. Eine fußhohe Decke von losem Schnee liegt über dem Lande. Mühelos gehe ich dahin auf den Schneereifen. Das Dorf schläft schon, denn es geht auf die elfte Stunde und die Männer sind müde von der schweren Arbeit im Forste. Nun bin ich hinter dem Berge allein mit mir, sehe kein Haus und kein Licht mehr. Kirchenstille liegt über dem Tale. Klar steht der Mond am wolkenlosen Himmel und alle Sterne sind um ihn versammelt; sie blitzen und funkeln in allen Farben. Es ist so hell, daß ich ebensogut sehe wie am Tage. Ich suche das Tal mit den Augen ab, die Hänge darüber und die Säume der Wäldchen darunter. An dem Erdfalle hoppelt ein Hase hin, vor der Fichte ziehen zwei Rehe her und äugen ab und zu nach der Eule, die aus Spielerei auf sie stößt. Drüben vor dem Forste schnürt der Fuchs zum Luderplatze. Einen seiner Sippe schoß ich am Tage, als ich hier ankam, einen alten Rüden, und am anderen Morgen einen jüngeren mit mäßigem Balge, der keine Lunte trug; er wird sie wohl bei einer Treibjagd eingebüßt haben. Den stärksten Fuchs aber, einen, mit silbern schimmerndem Balge, schoß ich vor dem Papenbusche vorbei, als er an der Quelle mauste. Es war ein bißchen sehr weit für den Kugelschuß aus freier Hand und auch zu stürmisch. Den möchte ich gern erbeuten. Es rieselt über mir; ein Schneeball kommt herabgerollt, wird größer und dicker und zerstiebt an einer Buche. Andere folgen ihm in der gleichen Weise. Ich sehe nach dem Uhlenbusche hin; Rotwild zieht unter ihm her. Scharf hebt sich jedes der vier Stücke von dem verschneiten Fichtenmantel ab, und lang fallen ihre Schatten über den weißen Hang. Jetzt verschwindet eins nach dem andern hinter der Quellschlucht. Ich steige ihnen nach, denn von dem Brinke habe ich einen weiten Blick in das Tal und auf die Hänge dahinter. Vor mir zieht das Wild hin; riesengroß sehen die vier Stücke auf dem weißen Plane aus. Ab und zu machen sie halt, verhoffen und wittern, äsen sich an den Büschen oder schlagen im Schnee nach Heide. Jetzt fahren sie zusammen, treten hin und her und flüchten dem Forste zu. Die Luft dreht hier an der scharfen Ecke und trug ihnen meine Witterung zu. Am Schäferkopfe kläfft ein Fuchs; von den Dreimannsklippen antwortet ihm ein anderer. Unten im Tale ziehen drei Rehe langsam dahin. Noch einmal schlägt der Fuchs drüben an; dann verschweigt er und es ist wieder so still wie zuvor. Weit weg fällt ein Schrotschuß. Mit breitem Lächeln steht der Mond über den Trümmern der Burg und lustig zwinkern ihm die Sterne zu. Ich möchte mir einen Fuchs heranquäken, mag es aber nicht. Mir ist zumute, als dürfe ich die feierliche Stille dieser weißen Nacht nicht stören. Ein Blitz fährt über den Himmel hin; eine Sternschnuppe ist es. Ehe sie erlischt, wünsche ich mir Glück und lächle dann über mich selber. Ein schrilles Gekreische kommt von den Uhlensteinen. Das sind Marder. Ich gehe auf die Klippen zu, die hell aus den dunklen Fichten hervorblenden. Ein Kaninchen rutscht aus den verschneiten Brombeeren heraus und noch eins aus dem fahlen Sandrohre, das hier den Lößboden bedeckt. Das weinerliche Gezeter der Marder ist ganz nahe vor mir; doch zu Blick bekomme ich keinen. Zu dicht drängen sich die Fichten um die Felsen. Ich suche mir eine freiere Stelle, lehne mich gegen einen großen Stein und mäusele. Es raschelt an dem Felsen, es ruschelt in den Wipfeln, es knistert im Gezweige, es knurpst im Schnee. Einmal ist es mir so, als hüpfe ein schmaler, langer Schatten über den Boden, aber ehe ich daraus klug werde, ist er verschwunden. Wieder fällt ein Schuß in der Ferne. In dieser hellen Nacht ist kein Wilddieb in seinem Bette. Die Zeit vergeht. Ich starre nach den silbern blinkenden Felsen nach den schwarzen Wipfeln, nach den Sternen und dem Monde und zum Boden, wo es ab und zu rispelt und krispelt. Die Eule schwebt vorüber. Ich mäusele leise. Sie macht einen Bogen, streicht bis vor mein Gesicht und wendet eilig, wie ich die Augen bewege. Im Haisohle schreckt ein Altreh; ein Schmalreh gesellt seine helle Stimme dazu. Der Wald drüben am Hange wirft den Doppelschall zurück. Und wieder ist es kirchenstill ringsumher bis auf das leise Kluckern der Quelle. Abermals schreckt ein Reh am Haisohl, und nun ist es, als ob die ganze Wand dort wild geworden sei; grob und fein schmält es durcheinander. Entweder schleicht ein Wilddieb dort umher oder die Sauen ziehen durch den Ellerngrund. Ich steige zum Haisohle hinab, das wie ein schwarzes Loch unter der Wand liegt, und drücke mich hinter den Büschen bis zu dem Hohlwege hin, der durch den vermoorten Erdfall führt. Ich spähe hinauf und hinab, bekomme aber keine menschliche Fährte zu Blick, nur die von Rehwild und die Spuren von Fuchs und Has'. Auch vernehme ich kein Treten und Brechen und höre nichts als das leise Rascheln einer Maus unter den Schneeballbüschen, deren abgefrorene Beeren im Mondenlichte blinken, und das gespensterhafte Tröpfeln eines Wasserfalles, das wie das Ticken einer Uhr anzuhören ist. Mit einem Male schneidet ein gellendes Gekreisch die Stille mitten durch, bricht ab, hebt wieder an, hört auf und setzt noch lauter ein. Es hört sich an, als wenn ein paar Hexen gegeneinander ankeifen. Ein paar Fuchsrekel sind es, die sich um eine Petze beißen. Ich trete leise in den Ellerngrund hinein, den gespannten Drilling in den Händen, und spähe zwischen den schwarzen Räumen und blauen Schlagschatten hin und her. Jetzt ist das Gezeter oben bei der Köte, nun weiter unten, wo das faule Wasserloch, das nie zufriert, gähnt, und sofort anderswo, ab und zu aufhörend und sofort wieder beginnend. Ich starre hierhin und dahin, bis lauter Glühwürmer vor meinen Augen tanzen, der Schnee schwarz wird und die Stämme weiß aussehen und ich die Lider schließen muß. Aber hastig reiße ich sie wieder auf, denn es bricht vor mir und kreischt und zetert und faucht und knittert, und zwei drei Schatten fahren bergauf, kommen bergab, verschwinden hinter Büschen und Felsbrocken und wirbeln als schwarzer Knäuel plötzlich auf einer freien Stelle. Mitten darauf halte ich; zweimal fährt es rot aus den Läufen, zweimal kracht es. Alle Wände antworten mit Wutgebrüll, und hier und da schmält ein Reh. Ich lade und springe voran. Ein Fuchs liegt; eine Spur, in der dicker Schweiß liegt, führt den Hang hinauf; die dritte geht gesund links ab. Ich stopfe den verendeten Fuchs in den Rucksack und steige der kranken Spur nach. Sie steht auf die Klippen zu, unter denen ein alter Bau voller Spalten liegt. Hat der Fuchs ihn erreicht, so ist er mir verloren. Aber dicht vor den unheimlichen Felsen liegt er im Schnee und rührt keinen Lauf mehr. Ich verpuste mich ein wenig. Dann hänge ich die Füchse an einen starken Ast und streife einen nach dem ändern. Und dann überlege ich, ob ich zum Kruge gehen oder ob ich lieber den Rest der Nacht verpirschen solle. Vom Papenbusche schrillt das Blaffen einer Fähe heran, an der Dreimannsklippe kreischen die Marder. Ich will weitersteigen; zu schön ist diese blanke Nacht. Blachfrost Der Nordostwind hat das Heidland zu Felsgestein gemacht; alle Teiche und Tümpel hat er übereist und auch die Gräben verschlossen. Der böse Wind fegt über den kahlen Sturzacker, verhüllt mit gelben Staubwolken die letzten Schneeflecke und nimmt den vereisten Gräben ihren Glanz. Schiene die Sonne nicht, so wäre es trostlos heute. Die Sonne aber bringt Leben in das erstarrte Land. Auf silbernen Stämmen wiegen die Birken goldig flimmernde Kronen, die Weidenbüsche strahlen wie Fackeln, die Pappeln lodern wie riesige Flammen und selbst das Gezweig der düsteren Ellern glitzert und glimmert. Wohin ich sehe, kreisen Enten. Hier klingelt ein halbes Dutzend Stockenten hin, dort schwenkt ein Flug Spießenten vorüber, und da hinten senkt sich eine gemischte Schar hinab. Alle sind auf der Suche nach offenem Wasser. Es wird nicht schwer sein, sie heute in den Buchten des Flusses anzugehen. Unter dem Winde, der in dem gelben Risch ruschelt, schleiche ich hinter dem Weidengebüsche vorwärts, den gespannten Dreilauf in den Händen. Die abgefrorene Wiese knistert und knastert unter meinen Schuhen. Das Flüßchen sprudelt und strudelt an mir vorüber; seine Wellen blitzen in der Sonne und klimpern lustig am Ufereise. Ein Rohrammer, der die Fahrt nach dem Süden verpaßt hat, flattert aus dem Buschwerke auf und piepst wehleidig. Von einem überhängenden Zweige stiebt schrill rufend, der Eisvogel fort und fährt, in allen Farben funkelnd, dicht über dem Wasser dahin. Ein Hase poltert dicht vor meinen Füßen aus dem Schilf und stürmt hastig über die Wiese. Drei Elstern baumen in sicherer Weite auf den Erlen und warnen in einem fort vor mir. Es klingelt in der Luft. Ein Dutzend Enten sausen hoch über mich hinweg, verschwinden, kommen wieder und machen sich abermals unsichtbar. Sie werden dort eingefallen sein, wo der Bach in den Fluß rinnt, und wo ich schon so manchen Grünhals auf dem Anstände um die Ulenflucht oder bei der Hahnenkraht herabgeholt habe. Wieder klingelt es, und noch einmal hüben und drüben ziehen kleine Flüge, kreisen einige Zeit und senken sich zum Flusse hinab. Langsam schleiche ich weiter. Der Bord ist hier hoch und hohl und überall können Enten liegen. Drüben am anderen Ufer huscht ein Wiesel unter dem mit rubinroten Trauben geschmückten Schneeballbusche, in dem die Goldammern sich eben noch zankten und nun davonflattern, hervor, macht ein Männchen und schlüpft unter den mit Karfunkeln besäten Stechpalmenstrauch. Ich sehe ihm noch nach, da rauscht es in dem vergilbten Röhricht, laut gockernd poltert ein Fasanenhahn heraus, nimmt den ersten Schuß nicht an und schlägt im zweiten in das Gestrüpp hinein. In demselben Augenblicke stehen keine zehn Schritte vor mir quarrend drei Erpel auf, denen ich mit langem Gesichte nachsehe, wie sie hinter den Weiden verschwinden. Ich drücke mich von Busch zu Busch. Allerlei gibt es zu sehen. Hier streicht mit schrillem Rufe der Würger von dem alten Kreuzdornbaume ab, auf dessen oberster Zacke er eine Maus gespießt hat. Dann muß ich stehenbleiben und den Birkenzeisigen zusehen, die in den Zweigen herumturnen und mich bis auf zehn Gänge heranlassen, ehe sie davonzwitschern. Den letzten von ihnen schlägt dicht vor mir der Merlin, fällt gar nicht weit von mir auf einem Pfahle ein und rupft seine Beute in aller Ruhe. Dann bleiben meine Blicke an einem Haselstrauche hängen, der drüben unter dem hohen Ufer steht und dessen Troddeln fast alle schon in der Prallsonne aufgeblüht sind. Aber dann merke ich auf; deutlich höre ich einen Erpel prahlen; ein anderer macht es ihm nach. Behutsam schleiche ich weiter und spähe durch die Büsche und das Röhricht nach dem Flusse hin. Laut quarrt der Erpel wieder; drei andere fallen mit ein, und ein paar Enten schnattern dazwischen. Ich recke den Kopf über das Schilf hinaus, da klingelt und klappert und quarrt es vor mir, schimmernde Hälse recken, blitzende Fittiche strecken sich, über zwanzig Stockenten erheben sich laut plärrend. Es knallt einmal und noch einmal; ein feister Erpel plumpst in die Wiese und ein anderer in das Wasser, das ihn gegen das Ufer treibt. Die anderen klingeln da und dort hin, scharen sich endlich wieder und verschwinden hinter der Wohld. Zufrieden schlendere ich weiter. Das Ufer hebt sich immer mehr, so daß ich zu dem Flusse hinabsehen kann. Ich spähe hinter den Fuhren her, ob ich nicht Anblick auf Enten habe, finde aber keine. Doch da unten am Vorlande blitzt es silbern auf der Sandbank. Die Sonne gleißt so darauf, daß ich nicht erkennen kann, was es ist. So steige ich hinab und habe ein Dutzend großer Barben vor mir, denen alle die Kehle aufgerissen ist. Das hat der Otter heute nacht getan; Barben mag er nicht, und so hat er nur die Leber gefressen. In zwei Tagen haben wir Vollmond; dann will ich hier auf den Freifischer passen. Ich sehe mir die Fische noch an, da klingelt es über mir und sechs Spießenten, die sich gerade senken wollten, heben sich wieder. Ich muß gegen die Sonne schießen und so geht der erste Schuß nebenher; mit dem zweiten hole ich aber einen wunderschönen Erpel herab, der hart am Ufer hinfällt. Heute ist ein guter Tag. Vorgestern trieb mir die Strömung zwei Enten fort. Aber der Magen meldet sich. Ich suche mir Deckung im Buschwerk, esse und sehe nach dem Himmel, der ganz blau und hoch ist, nach den Wiesen, über die ein Sprung Rehe zum Bruche zieht, oder nach meinen vier bunten Beutestücken, die mit dem Rucksacke an der krummen Eller hängen, denke so recht behaglich an gar nichts, lausche dem Gekrächze der Saatkrähen und dem Gekicher der Dohlen, die nach der Marsch ziehen, und den Lockrufen der Dompfaffe hinter mir und dem gellenden Gejauchze des Grünspechtes, der drüben hinschwenkt. Und wie ich so gedankenlos vor mich hindämmere und meine Pfeife rauche, platscht es aus hoher Luft in die blitzenden Wellen hinein, so daß ich schnell nach der Waffe fasse und sie langsam hochhebe, denn sieben Sägetaucher, herrlich anzusehen, rutschen auf dem Wasser hin, falten die Schwingen, recken die geschopften Köpfe, äugen hin und her und tauchen dann eine nach dem andern unter, um bald wieder da zu sein und ihren Fang hinabzuschlucken. Heiß läuft es mir über die Brust, und schon will ich anbacken, doch da besinne ich mich auf mich selbst und entkrampfe mein Fäuste; so schön sind die Wildfischer und ihr Wildbret ist tranig. Mögen sie sich weiter ihres Lebens freuen. Ich habe ja Beute genug heute. Zärtlich ruft eine dunkelhaubige Weidenmeise vor mir im Ellernbusche, dessen Troddelchen so aussehen, als wollten sie aufbrechen und mit goldenem Staubgeriesel den Vorfrühling verkündigen. Hinter mir in der Eiche sitzt eine Krähe, quietscht und quirlt und quakt und quakt und quinkelt, als wäre schon der Lenzmond eingekehrt. Und ein Zaunkönig singt im Mehlbeerbusch, an dem die roten Früchte leuchten, und die Sonne scheint hell aus des Himmels hohem Blau. Laut pfeifend stehe ich auf, daß die sieben bunten Wildfischer vor mir erschrocken aufstehen und von dannen flügeln; laut pfeifend gehe ich den Fluß entlang und dann über die hohe Heide der Mühlenschenke zu. Laß leben, was da leben mag heute; ich habe mir meinen Teil geholt! Anstand Die Wellen zwinkern in der Sonne mit tausend lustigen Augen und klimpern übermütig an dem Randeise des Flüßchens. Fünf bis sieben verschiedene Arten von Meisen zwitschern in den Fichten und Fuhren hinter mir. Mit erheblichem Geschnatter jagen vor den Ellern drei dickköpfige Erpel eine Ente, über den Weidenbüschen stechen sich zwei Krähen mit viel Gequarre, und auf der weißen Wiese treibt ein Rammler die Häsin. Wüßte ich es nicht besser, so könnte ich meinen, es ginge auf den Frühling zu. Die Sonnenstrahlen knallen nur so gegen das hohe Ufer hinter mir. Bleibt es noch zwei Tage so warm, dann schwenkt der Haselbusch zu meiner Rechten goldene Troddeln und die Ellern streuen ihren Blütenstaub in den Schnee. Es ist so warm, daß mir die Pelzjacke fast lästig wird. Ich dehne mich wie ein Hund vor dem Herdloch. Zwei Nächte hab' ich hier gehockt und mich von dem Nordost anschnauben lassen. Spöttisch blinzelten die Sterne, und die Birken pfiffen höhnische Lieder. Schließlich froren mir die Rippen im Leibe und ich konnte die Zähne im Munde nicht mehr still halten. Aber ich hatte es vor mir plantschen und plumpsen gehört, auch war mir einmal so, als vernähme ich einen zischenden Pfiff, und so paßte ich weiter, bis ich wie ein Windspiel zitterte und die Augen mir überliefen, so daß ich das schwarze Wasser weiß und das weiße Ufer schwarz sah, und ich hub mich von dannen, dumpfe Verwünschungen in meinen vergletscherten Bart murmelnd. Jetzt gefällt es mir viel besser hier als heute nacht, wo es erbärmlich fußkalt war. Der Sonnenschein ist entschieden bekömmlicher als das Geglitzer der Sterne und statt des nordöstlichen Windes weht gar keiner und das ist der angenehmste von allen. Außerdem macht es viel mehr Vergnügen, vormittags um elf Uhr anzusitzen, anstatt des Nachts um dieselbe Zeit, denn man bekommt allerlei zu sehen und zu hören und braucht sich nicht die Langeweile durch den dummen Gedanken zu vertreiben, daß man vernünftiger getan hätte, wäre man im Bette geblieben. So sitze ich denn ganz gemütlich auf dem Rucksacke, rauche die vorletzte Weihnachtszigarre und summe in meinem lieben Gemüte das alte, schöne Kleinbürgerlied: »Freund, ich bin zufrieden, geh' es wie es will.« Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Otter nicht kommt, aber es ist auch nicht unmöglich, daß er in der Sonne fischt, denn heute nacht hat er nur zwei starke Barben gefangen. Sie liegen da auf der Sandbank. Er hat nur die Lebern gefressen und das trockene Fleisch den Krähen gelassen. Neun Stück stoben mit ärgerlichem Gekrächze von dannen, als ich über dem hohen Ufer auftauchte. Jetzt sitzen sie da hinten auf den Ellern, machen lange Hälse und geben mir dann und wann zu verstehen, daß es unhöflich von mir sei, sie von der Mahlzeit abzuhalten. Weil aber eine von ihnen mir im Sommer hier den starken Bock vergrämte, so nehme ich nicht die geringst Rücksicht auf das schwarze Gesindel, Es ist heute schön hier, wirklich sehr schön. Das findet der Grünspecht auch, der da hinten jauchzt, als wäre es Mai, und die Elster ebenfalls, die dort in der Pappel in einem fort vor sich hinkichert, desgleichen der Zaunkönig, der hier auf dem alten Wurzelstock sitzt und singt, als hätte er Heiratsgelüste. Dann bebt auf einmal die Luft von dem Gezwitscher eines dahinbrausenden Zeisigschwarmes, gleich darauf ist sie erfüllt von den Locktönen der Goldfinken und jetzt überladen mit dem heiseren Gekrächze der Krähen, die aus Wut darüber, daß ich sie nicht an die Barben heranlasse, einen vollkommen harmlosen Mäusebussard aus dem Schwung bringen. Eine Spechtmeise flötet in der alten Eiche, eine Kohlmeise pfeift aus der jungen Birke, eine Tannenmeise piept in dem Weidenbusch, eine Blaumeise zwitschert in der Eller, eine Haubenmeise trillert in der Fuhre und etwelche Schwanzmeisen schnurren über mich hinweg. Ich habe also Unterhaltung die schwere Menge, zumal da hinten in der Wiese drei Rehe herumtreten. Nur ab und zu sehe ich nach dem Wasser, aber meist nach den Pappeln, die in der Sonne goldig strahlen, nach den Kopfweiden, die wie Feuerflammen aussehen, nach den Ellern und Eichen, deren Gezweige flimmert und glimmert, dem großen Stechpalmenbusche, der tausend silberne Lichter um sich wirft, und den schwarzen Fichten und Fuhren hinter den weißen Birken, vor denen sich als braunes, rotgekröntes Bollwerk die Porstbüsche hinziehen. Ein Eichelhäher kommt angeschwebt, tränkt sich, fortwährend scheu hinter sich blickend, und flattert wieder von dannen, eine Waldmaus schlüpft dicht vor meinen Füßen vorbei, und gleißend und glitzernd in unglaublichen Farben schießt der Eisvogel, schrill rufend, über die Wellen, die sein buntes Abbild einen Augenblick in der Erinnerung behalten und es gleich darauf, flüchtigen Sinnes, wie sie nun einmal sind, schon wieder vergessen haben. Was hat denn die dunkelköpfige Weidenmeise, die drüben in dem Ellernsiebenling, der auf dem hohlen Ufer steht, zu schimpfen? Ich richte mein Glas dahin, gewahre aber weder ein Wiesel noch eine Maus in dem vergilbten Schilfe. Doch jetzt knistert es laut dort, die bleichen Halme rühren sich, und während ich noch denke, daß eine Wühlratte dort herumhuscht, habe ich den Otter vor mir, dessen glatter Kopf schnell wie der einer Schlange, hin und herzuckt. Für Hagel ist es zu weit bis dahin; nehme ich die Kugel, so ist es fraglich, ob ich sie auf die richtige Stelle bringe und gelingt mir das auch, so rollt der Otter in den Fluß und geht mir verloren. Doch jetzt ist er auch schon wieder fort; ich erhebe mich vorsichtig, den Dreilauf in den ein wenig zitternden Händen, und lasse meine Blicke von Ufer zu Ufer gehen und über die silbernen Wellen gleiten, die mir bald hier, bald dort durch einen Strudel oder Wirbel den Kopf des Otters vortäuschen, bis ich vom Hin und herstarren schließlich nichts mehr sehe, als einen Otterkopf neben dem andern. Da schicke ich sie, damit ich nicht einschlafe, nach den vier schimmernden Wildtauben hin, die über den Fichten kreisen, nach den Rehen, die vor dem Porste entlang ziehen, nach den Elstern, die auf der Wiese umherhüpfen, und zu dem Zwergspechte, der dicht bei mir an der alten Weide heraufrutscht. Doch dann bin ich mit meinen Blicken plötzlich bei der halb überspülten Buhne, denn dort war eben ein blanker schwarzer Strich in dem silbernen Wasser; jetzt ist er hinter ihr, ist fort und wieder da, ist aber viel länger und breiter, als eben, und ich erkenne, daß es der Otter ist, der sich mitten in der Strömung mit einem Fische belustigt. Bald ist er lang und schlank, bald kurz und dick; er taucht unter und kommt hoch, kugelt sich herum schießt dahin, läßt den Fisch fahren, greift ihn wieder, ist fort und wieder da, versinkt abermals, läßt sich eine ganze Weile nicht blicken und hockt auf einmal rechts von mir hinter dem alten krummen Weidenbaume; ehe ich noch den Kolben an der Backe habe, plumpst es schon wieder und er ist schon am anderen Ufer, wo er hinter der Buhne untertaucht und da stehe ich nun und denke an den Mittsommerabend, als ich mich hier unter dem hohen Ufer an den alten Kreuzbock heranpirschte, der drüben durch die Wiese zog, und lauerte, daß er sich breit stellen sollte, bis eine Krähe mich eräugte und losquarrte; da warf der Bock auf und zog eilig in den Porst; und ich denke an den Vorherbstmorgen, als ich vor dem hohen Ufer her dem lauthals auf der Heide schreienden Hirsche entgegenschlich, und als ich meinte, ich käme mit bestem Winde, da zog die Luft da oben anders als hier unten, und ehe ich den Hirsch zu Blicke bekam, hatte er meine Witterung und polterte durch die rauhen Fuhren dahin. Und ich denke an den Nachwintermittag, als ich hier entlang kroch und mit dem alten Fuchs liebäugelte, der am anderen Ufer entlang schnürte, aber bevor er in Schußnähe kam, rechtsum kehrt machte und hinter den Ellern verschwand. Und als ich ihm noch mit dummer Miene nachsah, die Büchse entspannte und abstach, da plumpste und plantschte es dicht vor mir und ein starker Otter, der vor mir im Risch gedöst hatte, tauchte in dem Wellengewirbel unter. Aber das Spiel mit dem Ungewissen ist das schönste bei der Jagd, und so sage ich mir: »Wenn nicht, denn nicht!«, lehne mich gegen die alte Eller, stecke mir die letzte Weihnachtszigarre an, träufele Gleichmut auf meine Seele und tue so, als freute ich mich an all den bunten Farben und blanken Lichtern, mit denen die Sonne Baum und Busch ausziert. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig, ob ich den Otter kriege oder nicht. Morgen ist auch noch ein Tag, und weil ich weiß, daß er über Mittag hier herumspielt, so schmiere ich ihn am Ende doch noch an und zugleich Krusenvadder mit dem Anker Bier, um das wir gewettet haben. So widme ich mich denn gelassen der Betrachtung der zwölf Schwanzmeisen, die in der Weide herumkobolzen, sehe den Kreuzschnäbeln nach, die den Fichten zufliegen, und komme auf allerlei Umwegen mit meinen Augen auch nach der alten windschiefen Weide und da tut mein Herz einen Hopps, denn vor ihr gleitet der Otter durch das Seichtwasser gegen den Strom. Im nächsten Augenblicke habe ich ihn am Wickel und lache über das ganze Gesicht. Wie sich das zutrug, das weiß ich nicht, denn sehen, anbacken und drücken war eins. Aber die Hauptsache ist, daß ich ihn habe, und so zerbreche ich mir den Kopf nicht über den Zusammenhang zwischen Anblick und Schuß, sondern würge meinen Otter in die Schnirre des Rucksackes, schlage diesen über den Rücken und mache mich darüber lustig, daß ich mir eben noch vorredete, mir liege den Kuckuck etwas daran, ob ich ihn kriege oder nicht. Denn einen alten Otter schießt man nicht jeden Tag, und vorzüglich nicht mitten im hellichten Sonnenscheine. Und so flöte ich im Abgehen leise vor mich hin: »Freund, ich bin zufrieden.« Märzenschnee Mit sonnigem Lächeln stand der Tag heute auf. So schön war er, daß ich vor der Zeit die Jagdhütte aufgab und kreuz und quer über den Berg strolchte, der vielen Vogelstimmen mich freuend und der wenigen ersten Blumen. Allerlei erlebte ich, das nicht alltäglicher Art war. Als ich im hohen Holze an einer alten Samenbuche lehnte und dem Bocke nachsah, der mit dem hohen rauhen Gehörn stolz dahinschob, klapperte es vor mir in den Kronen und ein Flug Holztauben fiel ein. Eine Weile äugten die heimlichen Vögel umher, einige flatterten darauf zu Boden und suchten nach Schnecken und Gesäm, und dann fing ein Täuber an zu heulen, und noch einer, und immer mehr, daß es seltsam anzuhören war, und auf einmal stob die ganze Schar von dannen. Dem Schwanzmeisenpärchen sah ich zu, wie es in der Astgabel der krummen Birke sein Nest anlegte, beobachtete den Schwarzspecht, der mit gellendem Jauchzen sein Weibchen von Stamm zu Stamm trieb, blickte den Wanderfalken nach, die hoch über den wilden Klippen ihre Kreise zogen, fand zwischen drei verschlungenen Fichtenwurzeln ein Zaunkönignest, aus dem zwei schwarze Äugelchen mich unwillig anzwinkerten, sah den Fuchs unter mir auf der Wildwiese mausen und zwischen den krüppligen, ganz und gar voller grauseidenen, rosenrot ausgezierten Troddeln hängenden Espen den Zwergspecht, einem großen schwarzweißroten Schmetterling ähnelnd, mit zärtlichem Gekicher sein Weibchen umwirbeln, und traf im raumen Stangenholze ein Rottier mit seinen beiden Kälbern an, die wie toll umhersprangen, während die Mutter sich an dem jungen Grase äste, bis die Luft mich verriet und alle drei den Hang hinabpolterten. Nun stehe ich unter den drei hohen Espen und es fröstelt mich. Hunderte von Espenkätzchen, die vor einer Stunde noch lustig an den Zweigen schaukelten, liegen auf dem klatschnassen Boden, zwischen dessen jungem Grase grauer Schneebrei zerschmilzt. Mein Wetterkittel ist schwarz vom Regen, und meine Stiefel sind gelb von Lehm. Keine Biene, kein Falter fliegt mehr und alle Vögel haben ihr Singen eingestellt. Ein Buchfink zirpt verdrießlich seinen Regenruf, ärgerlich meldet eine Kohlmeise und mürrisch quarrt die Krähe über die Wipfel hin. Denn ein böses Wetter ging über den Wald. Die Sonne verlor auf einmal den Schein, schwarz wurde der Himmel, der Sturm mißhandelte die Bäume, und ein Mischmasch von Schnee und Regen, kalt wie Eis und scharf wie Peitschenhiebe, prasselte durch das Gezweig. Nun ist es wieder still geworden; doch die Luft ist kühl. Ich will aber trotzdem hier bleiben, wenn ich auch nicht glaube, daß ich Anblick haben werde. Zwar ist die Schnepfe da. Vorgestern schoß der Förster die erste und gestern machte ich eine aus den hellgrünen Stachelbeerbüschen bei dem alten Mutterbau hoch. Daß aber eine bei dieser Kühle streicht, daran ist kaum zu denken. Jedoch die Sonne beginnt wieder zu scheinen, ein Fink schmettert los, eine Meise läutet, die Stare lassen sich auf dem Hornzacken des Eichenüberhälters nieder, klappen mit den Flügeln und quietschen und pfeifen, im angrünenden Faulbaumbusche singt die Amsel, von der Spitze der Fichte flötet die Märzdrossel, ein Täuber ruckst, ein anderer erwidert ihm; es ist wieder Licht und Leben in den Wald gekommen. Die Zweige blitzen, die Äste schimmern, hell strahlen die nassen Stämme, und zu ihren Füßen leuchtet aus Moos und Fallaub hier ein weißes Blümchen, dort ein gelbes, und da sogar ein blaues zwischen den bräunlichen Blütchen der Simsen. Verloren ist der Abend aber immerhin nicht, warte ich ihn hier ab, auch wenn ich keinen Schuß los werde. Zu schön sind die roten und goldenen Lichter auf den braunen und grauen Stämmen, zu witzig ist der Wettstreit zwischen Tag und Nacht, Vorfrühling und Nachwinter, und zu süß des Rotkehlchens Lied. Am Tage hat es nicht den innigen Klang, auch in der Frühdämmerung nicht, wie jetzt, wo es zu schummern beginnen will und die Sonnenstrahlen schräger durch die Zweige fallen. Wehmütig und fröhlich zugleich ist es anzuhören, weich und kraftvoll dabei; es ist als ob silberne Tropfen in ein goldenes Becken hinunterperlen. Dicht vor mir in der dünnen Birke sitzt es die von dem Gaisblatt halb erwürgt ist; deutlich kann ich die Abendrotfarbige, graugeränderte Brust sehen und die großen dunklen Augen. Hier singt eins, und drüben ein anderes, und weiterhin ein drittes; sobald das eine fast geendet hat, fällt das andere ein, so daß alle die Strophen zu einer einzigen Kette von silbernen süßen Lauten verschmelzen. Es ist das zärtlichste Lied, das der Wald ersann, feiner und stiller als alle anderen, die er träumte. Blutrot färben sich die Sonnenmale an den Stämmen um, und wie blankes Kupfer strahlt das Laub der Eichenrauschen und Buchenjugenden vor mir, über denen die blühenden Saalweiden sich erheben, ganz und gar mit goldenen Lichtern bedeckt. Mit einem Schlage ist alle Glut vergangen; braun liegen die Dickungen vor mir, schwarz ist das Holz und dunkelgrau der Himmel. Dreimal versucht die Sonne noch, sich ihr Recht am Tage zu erringen; die schwarze Wetterwand ist stärker als sie. Ein hohler Wind kommt aus dem Tale, schwillt zu einem bösen Geheule an, ein giftiges Pfeifen mischt sich darein, ein gellendes Kreischen, ein wildes Winseln und ein wehes Weinen, und wieder prasselt der Regen, mit Schneeflocken gemischt, durch die knarrenden, quietschenden, klappernden Äste. Auch das ist schön zu besehen und gut anzuhören, und es paßt in diese Zeit. Langweilig wäre der Vorfrühling, hätte er nicht diese Zornausbrüche und Wutanfälle. Auch ist der schlimmste Guß schon wieder vorüber, der Schnee hat die Oberhand bekommen und treibt rein und sauber dahin. Im hohen Orte bellt der Kauz, und hinter mir singt ein Rotkehlchen sein Gutenachtlied. So lieb hat mir sein Sang noch nie geklungen, als in dieser weißdurchwirbelten Dämmerung, die mehr als ein Gesicht hat und bald so, bald anders redet, jetzt mit Eulenstimme und nun mit Rotkehlchensang. Langsam und stetig treibt der Schnee und wärmt die Luft an. Es bricht in den Eichenrauschen; ein Hase hoppelt über die Brandrute; ein anderer folgt ihm. Ich sehe ihnen nach; da reißt es meine Augen herum. Irgendwo, da oder da, oder dort, ist ein tiefer, dunkler Laut, vor mir oder hinter mir. Ich habe die Waffe im Nu gespannt, stehe da, blicke hierhin und dahin in das weiße Geriesel, und sehe zwei schwarze Schatten hintereinander langsam über die Buchenjugend schweben. Im Knall und Strahl bleibt der eine zurück, dreht sich und schlägt in das Gras; der andere verschwindet im Gestöber. Ich hebe die Schnepfe auf. So und nicht anders mußte dieser seltsame Tag enden, an dem ich mit Hoffnung hinausging, um sie bald hinter mir zu lassen. Gestern, als die Luft lind und lau war, strich kein Schnepfe; heute, im Schneetreiben, kam ich zu Schuß. Vor dem Uhu Jeden Morgen, bevor ich zum Frühstück gehe, mache ich meinem Freunde Hans einen Besuch und bringe ihm mit, was ich ihm geschossen habe, ein Krähe, einen Häher oder eine Eichkatze, und schon von weitem begrüßt er mich mit einem zärtlichen »Uuhu uuhu!« Gestern bekam er etwas ganz Feines. Als ich unter dem Holze herschlich, sah ich zwei Krähen, die sich bei einem Brombeerbusche zu schaffen machten, und als ich hinging, fand ich zwei totgehackte Junghäschen dort liegen und nahm sie für den Uhu mit. Ich mag Krähen gern leiden, wie alles, was da kreucht und fleugt. Sie sehen so schön aus auf der grünen Saat oder unter dem angeröteten Abendhimmel, wenn sie laut quarrend ihren Schlafbäumen zustreichen. Aber es sind ihrer zuviel in dieser Jagd, und mehr als eine Untat, wie die gestrige, haben sie auf dem Gewissen. »Komm, Hans! Du sollst mir helfen, sie dafür zu strafen.« Erst sträubt er sich zwar ein wenig, wie er in die Kiepe soll, aber schließlich schlüpft er doch hinein. Ich hänge den Tragkorb über und gehe dem Felde zu. Es wird schön heute werden; die Luft ist weich und warm und nur einige weiße Wolken sind zu sehen. Es ist gerade das Wetter, wie ich es für die Hüttenjagd nötig habe. Die Hütte ist ein winziger alter Steinbruch, mit Brettern zugedeckt, worauf Rasen gelegt ist, der mit Schotter beworfen ist. Die schmale Tür ist mit Schlehdorn benagelt und oben halbmondförmig ausgeschnitten. Vor ihr steht die Krakel, eine jüngere Eiche, die der Förster der meisten Äste beraubte. Ich hole den Uhu aus der Kiepe, hake die Führung in den Ring der Fußfessel und juche den Hüttenvogel an. Mit kurzem Aufschwung fußt er auf dem Trittholze. Schnell ist die Führung durch die Glasringe der Jule und die anderen, die an eingerammten Pfählen am Boden befestigt sind, geleitet, und nun sitze ich in der Hütte und warte, was da kommen soll. Den gespannten Drilling habe ich in den Fäusten, die Flobertbüchse steht in Greifnähe neben mir, und der Handgriff der Führung hängt vor mir aus dem Loch in der Tür. Langeweile werde ich nicht bekommen, denn ich habe einen wunderschönen Ausblick über die bunten Hügel, deren höchster eine zerfallene Burg trägt, und hinter ihnen erheben sich die blauen Berge. Der Auf ist heute faul; entweder hat er nicht ausgeschlafen, oder die beiden Junghasen und die Krähe von gestern müssen noch verdaut werden. Rund aufgeplustert blockt er da und scheint Lust zu haben, weiterzuschlafen. Ich lasse den Wutschrei der Krähe ertönen; sofort reißt er die Augen auf, macht sich lang und knappt mit dem Schnabel. Ganz hinten, vor der Ruine, kommen zwei Krähen angestrichen. Ich rucke an der Führung; Hans spreizt die Schwingen, um sich im Gleichgewichte zu halten, und wackelt hin und her. Die Krähen machen einen Bogen und rudern näher gellend plärrend. Hans dreht sich um, lüftet die Flügel, äugt ihnen scharf entgegen und ruft ihnen hohl sein »Uuhu!« zu, sich etwas duckend, wie sie noch giftiger quarrend auf ihn loshassen. Die eine fällt im Feuer wie ein nasser Lappen herunter und rührt sich nicht mehr, die andere ist geflügelt und flattert am Boden umher. Mit dem Flobert gebe ich ihr den Rest. Das schlumpte; hoffentlich geht es auch so weiter! Aber ein Sperberweibchen streicht vorbei, ohne sich um den Dickkopf zu kümmern, und der Turmfalke, der plötzlich über dem Uhu rüttelt und durchdringend kikkert, bleibt mit dem Schusse verschont, der reizende Mäusejäger und Maikäfervertilger. Sogar Hans scheint das zu wissen; er wirft ihm kaum einen Blick zu. Auch der Raubwürger, der erst ein Weilchen über ihm herumflattert und dann auf der Krakel fußt und ihn ankreischt, soll leben bleiben. Er ist so hübsch und nützt viel mehr, als er schadet, und dann wird er mir die Krähen heranlocken. Da quarrt es schon heran und bums, hat Hans einen Stoß weg. Unwillig schüttelt er den Kopf und knappt und faucht, und befriedigt äugt er nach der Krähe hin, die dicht vor ihm in den Schotter plumpst. Die andere fehlte ich leider. Hans glotzt lange nach der Krähe hin; dann läßt er sich zu Boden fallen, greift sie und schwingt sich mit ihr wieder auf, um sie erst zu rupfen und dann langsam und bedächtig zu kröpfen. Doch kaum ist er damit zur Hälfte fertig, da macht er sich ganz lang und dünn und äugt in die Weite. Es wird der Bussard sein, denn naht der Habicht, so fängt der Uhu an zu trippeln und spreizt die Fittiche. Der Gabelweih ist es; zweimal haßt er auf Hans, dann schaukelt er weiter der herrliche Flieger, der fast ausgerottet ist bei uns zulande, obschon er so schön ist und fast nur von Mäusen und anderem Unzeuge lebt. Kaum ist er in der Ferne verschwunden, da krächzt es wieder, und vier Krähen sausen in wildem Wirbel an dem Uhu vorbei der ärgerlich faucht, weil er beim Kröpfen gestört wird. Mir gelingt ein Doppelschuß. Aber die übriggebliebenen Krähen gehören entweder zu der ganz dummen oder der ganz frechen Art, denn sie fußen auf der Krakel und schreien von da aus Mordio. Es knallt noch zweimal, und auch mit ihnen ist es aus. Nun will aber auch gar nichts mehr vorkommen. Endlich erscheint eine Krähe, macht aber einen großen Bogen, sowie sie den Auf eräugt; entweder ist es die, bei der ich vorhin vorbeischoß, oder sie hat anderswo schon schlechte Erfahrungen mit dem Dickkopf gemacht. Ich warte und warte, habe aber eine Stunde lang nicht den geringsten Anblick. Schließlich fußt ein brauner Bussard auf der Krakel, eräugt den Uhu und schwebt davon. Nach einer Weile streicht ein zweiter, hell gefärbter, heran, kreist einmal über dem Auf und verschwindet ebenfalls. Beide waren leicht herunterzuholen, aber wer einen Bussard schießt, der beweist damit, daß er nicht weiß, daß dieser Raubvogel sich fast nur von Mäusen nährt. So warte ich wieder und warte und warte. Der Himmel bezieht sich immer mehr; die Luft wird grau und unsichtig. Das beste ist, ich gehe zur Försterei. Aber ob ich dort herumsitze oder hier passe, das ist schließlich ganz gleich. Und hier habe ich doch immerhin allerlei zu sehen, die beiden Hasen auf dem Kleestücke, den Fasanenhahn am Grabenbord, und jetzt fällt auch ein Feldhühnerpaar auf der Luzerne ein und rennt eilig hin und her, voran geduckt die Henne, hinterdrein, hoch aufgerichtet und ab und zu herrisch rufend, der Hahn. Ich sehe mit dem Glase bald hier-, bald dorthin, lausche dem Trillern der Lerche und dem wehmütig süßen Singen des Goldammerhahnes, der auf dem Schlehdorn da unten sitzt, höre die Stieglitze vorbeizwitschern und die Hänflinge locken, freue mich über das Bachstelzenmännchen, das auf die verliebteste Weise um sein Weibchen herumtanzt, und lasse Hans, der seine Krähe bis auf einen Rest herunter hat, ruhig in sich hineindämmern. Immer dichter wird die Luft und sie fängt an, nach Regen zu schmecken. Aber ich habe ja den Mantel mit und keinen weiten Weg, und noch sehr viel Zeit bis zum Mittag. So mache ich es wie Hans, falle in mir zusammen und dämmere mit kleinen Augen in mich hinein, bis ein großer Raubvogel da hinten über den Hügeln meine Augen größer macht. Auch der Uhu äugte nach ihm hin, sinkt nun, aber wieder in sich zusammen. »Willst du wohl aufpassen, fauler Kerl!« Ich rucke an der Führung, aber Hans kümmert sich nicht um den Raubvogel und schüttelt sich unwillig. Und dabei, ja, ich glaube, es ist wahrhaftig ein Adler. Das Herz klopft mir, und fester fasse ich den Dreilauf, und dann sage ich zu meiner Gier: »Kusch dich!« Einen Adler, den möchte ich wohl wieder einmal schießen, aber ich will es nicht. Zu selten wurden die edlen Räuber, und wer weiß ob nicht bald in Deutschlands Gauen Deutschlands Wappentier verschwunden ist, ausgerottet ganz und gar. Aber was ist das nur mit Hans? Der tut so, als ginge ihn der Adler nichts an, und er weiß doch kommt der über ihn, so geht es um Leben oder Tod. Gerade will ich ihn wieder anrucken, da fühle ich, wie mir das Blut in das Gesicht schießt. Ein Glück, daß ich keinen Zuschauer habe, denn ich schäme mich scheußlich, und mir ist zumute, als grinse der Uhu teuflisch. Denn das da hinten ist kein Adler, weder ein Steinadler noch ein Seeadler ist es, und auch kein Fischadler, und noch nicht einmal ein Schreiadler; es ist auch kein Weih und kein Habicht und kein Bussard, ist kein Wanderfalk, kein Sperber und kein Turmfalk, ist auch keine Krähe, sondern ein Drachenflieger; deutlich höre ich den Antrieb donnern. Ich kratze mich hinter den Ohren und entspanne die Waffe. »Komm, Hans, wollen nach Hause! Und daß du davon nichts erzählst, sonst ist aus mit unserer Freundschaft!« Unter dem Espenbaume Dem Tag wollen die Augen zufallen. Nur halb kann er noch den Blumen zulächeln, die sich für ihn putzten, und den Vögeln, die ihm zur Ehre singen. Langsam stake ich den Kahn an dem Ufer entlang, starre auf die goldenen Kringel in der dunklen Flut und horche auf das Abendlied der Vögel, das aus den Kronen des Birkenwaldes herüber- und hinüberschallt, Hunderte von Stimmen, die zu einer einzigen großen Lobweise zusammenklingen. Noch haben die Finken das große Wort und die Meisen, auch klingt des Laubvogels Liedchen deutlich aus dem Geschmetter und Geklingel heraus und des Baumläufers Getriller; aber der Grünspecht lachte zum letzten Male, die Täuber rufen seltener, und die Krähen ziehen quarrend unter dem verschleierten Himmel ihrem Schlummerholze zu. Kecker pfeifen die Drosseln, kühner flöten die Amseln, die Rotkehlchen lassen immer mehr ihre silbernen Lieder erschallen, und das Gemurre der Frösche schwillt an. Langsam gleitet der Kahn dahin und zieht hinter sich eine silberne Bahn. Bleiche Motten taumeln haltlos vorüber; wenn sie der leise Luftzug auf die Wellen wirft, klatscht es, und silberne Fische fangen sie fort. Ein Wasserhuhn steht auf, flattert eine Weile über den Fluß hin und taucht mit ärgerlichem Schrei im Röhricht unter. Hier vor der Wiese will ich bleiben, zwischen dem dunklen Ellernbruche und dem hellen Birkenwalde, dem Abendsterne gegenüber, der bald über der hohen Fichte aufblitzen wird. Ich stelle mich unter die hohe Espe, deren Krone dicht mit Blütenkätzchen behangen ist, weise dem Hunde seinen Platz hinter mir an, bringe die Pfeife in Brand und warte auf die Schnepfe. Im golddurchwirkten Haselbusche singt das Rotkehlchen sein Abendlied. Enten klingeln dahin und fallen zu Wasser, im Bruche kollert ab und zu ein Fasanenhahn. Das fahle Schilf rührt sich und flüstert allerlei, das ich bloß halb verstehe. In dem Flusse gluckst es einmal, und dann murmeln die Wellen wieder ihr gleichmäßiges Lied. Von irgendwoher kommt das Getrommel eines liebestollen Birkenhahnes, und die Kraniche, die sich zur Ruhe begeben wollen, trompeten gellend. Ein dicker Käfer brummt hart vor meinen Augen vorüber; eine Spitzmaus raschelt, schrill zwitschernd, durch das Gestrüpp; weit weg schmält ein Reh, und nicht fern von mir sind die Enten am Prahlen. Ich sehe nach dem Himmel hin, der so weich und warm aussieht, nach den hellen weißen Blüten, die unter den Ellern leuchten, und den langen silbernen Grasblättern auf dem schwarzen Wasser des Staugrabens, lasse mich von Amsel, Drossel und Rotkehlchen so lange in Halbschlummer bringen, bis es mir in den Sinn kommt, daß kein Fink mehr schlägt, die Täuber schweigen und es Zeit wird, daß ich die Auge offen und die Ohren wach halte, denn über mir meckert schon die erste Himmelsziege, und immer häufiger klingeln die Enten vorüber. Doch dann vergesse ich alles das und denke nicht mehr an das, weswegen ich hier bin, denn Menschenstimmen und Ruderschlag kommen mir näher. Ich kenne das Lied, das da gesungen wird, habe es oft in halbdunklen Spinnstuben und in verqualmten Dorfkrügen mitgesungen, und summe es in Gedanken vor mich hin, Takt haltend mit den Stimmen vor mir. Näher kommen die Ruderschläge und die Stimmen und nun kann ich auch die Worte verstehen: ›Und die Gärtnersfrau, so hold, so bleich, führte ihn in ihren Garten gleich; doch bei jeder Blume, die sie bricht, rollen Tränen ihr vom Angesicht.‹ Mit entsetztem Geplärre klappern drei Enten auf, die vor mir im Schilf lagen, und hasten über die Ellern fort, und das Rotkehlchen im Haselbusche hört auf zu singen und zetert über die Störung. Aber hinter den schwarzen Bäumen singen die vier Stimmen, zwei hohe und zwei tiefe, weiter: ›Warum weinst du, holde Gärtnersfrau? Weinst du um das Veilchen dunkelblau? Weinst du um die Rose, die du brichst? Nein, um dieses alles wein' ich nicht.‹ Ich sehe hinter dem Liede her und denke an den und die, die bei mir saßen, als wir es sangen. Der ist tot, und die ist alt, und die anderen sind wer weiß wo, und ich stehe hier und denke an sie und wundere mich, daß mir das alte Lied mit seiner süßen Weise das Herz nicht mehr rühren kann. Da dröhnt ein Schuß durch Drosselsang und Rotkehlchenlied, über mich fährt, hastig sich schwingend, die Schnepfe hin, und über der alten schwarzen Fichte steht der Abendstern, der Schnepfenstern, der Jägerstern, und blinkt mir spöttisch zu. Und ich stehe da und weiß nicht, ob ich fluchen oder lachen soll, ziehe aber schnell den Hahn über und warte, daß die zweite kommt, und will nicht hören und muß es doch, daß es da hinter den schwarzen Ellern weitersingt: ›Mit dem Blumenstrauße in der Hand will ich ziehen in das fremde Land, bis der Tod mein müdes Auge bricht; lebe wohl! Vergiß, vergiß mein nicht!‹ Hinter mir stößt die Eule ihren gellenden Lockruf aus, heult tief und schmachtend und kullert sehnsüchtig. Überall meckern die Himmelsziegen, ein Reiher rudert breitflügelig unter dem dunkelblauen Himmel hin, an dem der eine Stern wie ein goldenes Licht steht, und schickt in strengen Pausen seinen barschen Schrei hinunter. Im Risch schrillen die Spitzmäuse, über der Wiese taumeln keifend die Kiebitze hin und her, und es erheben sich hinter mir vom Flusse und neben mir aus den Gräben die Nebelfrauen und tanzen auf und ab. Von irgendwo kommt ein hohler Laut, von der Erde oder vom Himmel oder aus dem Wasser, ein gespenstiger Ton, ein geisterhafter Ruf, von einem scharfen Geschrille begleitet. Da bin ich bei mir, fasse Schafthals und Lauf fester, werfe die Blicke hin und her, weiß nichts mehr von dem weichen Liede, das die beide Liebespaare in dem unsichtbaren Kahne sangen, höre das Gequarre der Enten, das Meckern der Himmelsziegen und das Heulen der Eule fern von mir, sehe die weißen Birken nicht mehr und die schwarzen Ellern, will nur das haben, das da über der alte Fichte herankommt, das mit dem langsamen Fluge, mit den gebogenen Schwingen, mit dem langen Stecher, das so seltsam schrillt, und so wunderlich quarret, die Schnepfe. Ich reiße die Waffe an die Backe. Ein feuerrote Strahl teilt den dunklen Himmel, ein Donnerlaut zerbricht die Stille des Bruches, und beizender Pulverdampf drückt die weiche Stimmung des Abends herunter. Von dem Schnepfenpaare, das im Liebesspiel daherkam, schlug die letzte im Knall rundherum; die vordere stürzte sich in den Schatten. Ich winke den Hund heran. ›Such' verloren, mein Hund!‹ flüstere ich ihm zu. Wie ein Gespenst geistert er in der Wiese hin und her. Und dann sitzt er vor mir und reicht mir den langschnäbeligen Frühlingsvogel hin. Ich liebele ihn ab: »So recht, mein Hund, so schön mein Hund, sehr brav, mein Hund!« schnüre die Schnepfe in den Galgen und wende mich zu dem Kahne hin. Aber dann denke ich daran, daß ich den Abendstern, den goldig glühenden, so lange nicht mehr am dunkelblauen Himmel stehen sah, und daß ich nicht der Schnepfe wegen hinausfuhr, die mir am Holster hängt; ich will diesen schönen Tag schlafen gehen sehen, und so bleibe ich noch eine Weile unter der Espe. Von irgendwo, aus der tiefen Erde oder vom hohen Himmel oder vom Grunde des Wassers kommt wiederum der dumpfe Laut und das schrille Gepfeife. Aber ich mag nicht mehr schießen. Ich hänge das Gewehr über den Hals, winke dem Hunde, steige in den Kahn und stake leise, ganz leise den Fluß hinab, um nicht noch einmal den Schlummer des Lenztages zu stören. Auf dem Abendstrich Viel zu früh gehe ich heute den Patt, der von der Försterei zur Porst führt, viel zu früh. Fünf Uhr ist es jetzt, und die Schnepfe streicht erst gegen sieben. Aber was soll ich in der Stadt solange mit der Ungeduld im Leibe? Darum fuhr ich so früh. Hinter der Brücke ist eine stille Welt, in der will ich untertauchen. Ruhig ist es da, und doch so lebendig. Im dunklen Fuhrengeäst singt die Tannenmeise Liebesliedchen, vom höchsten Zweig der Eiche flötet die Zippe, im Himbeergestrüpp jubelt der Zaunkönig und vom Tannenzweig schlägt der Fink. Den Graben entlang gehe ich langsam und still mit frohen Augen. Frühlingszeichen und Frühlingswunder sind viel geschehen seit vorgestern. Der Grünspecht an den Weiden bei dem Forsthause verkündete lachend den Regen, und der Schwarzspecht tat es ihm nach aus der Buchenkrone. Sie lachten dem Regen entgegen, dem Regen, der Blumen und Blätter bringt. Blumen und Blätter hat er gebracht, der Regen von gestern. Im Algenschlamm des Grabens steckt das Vergißmeinnicht seine hellgrünen Blattrosen heraus, die Simse hat braune Blütenköpfchen geschoben, am Weidenbusch die Silberschäfchen sind golden geworden und überall im braunen Nadelgewirr am Boden kommt junges Gras aus fahlen Bülten. Hier aber, wo der Sand aufhört, wo das dunkle Knooprisch den Lehm anzeigt, wo Buchen und Eichen die Fuhren ablösen, da ist das größte Wunder geschehen. Da hat das Milzkraut den Rand des Baches mit hellem Gold überzogen, da nicken der Schlüsselblumen zartgelbe Kronen, verschämte Windröschen heben die Köpfe, und überall leuchten im nassen braunen Laub die blauen Leberblümchen. Dem großen Lichtschlag gegenüber am Grabenrand lasse ich mich nieder auf dem Jagenstein. Die Hälfte einer Pfeife dauert es kaum, da klatscht und klappt es über den Buchenkronen. Der Tauber macht seine Frau den Hof. Er schwebt wie ein Falke, steigt auf und ab, und dann klatscht er die bunten Flügel zusammen, daß es weithin knallt. Das gefällt der Täuberin, und verliebt folgt sie ihm in das Dunkel der Fichten. Zwei fuchsrote Dinger fegen über den Boden, ein Eichkatzenpaar. Über Laub und Braken geht die Jagd, einen Buchenstamm hinauf, und jetzt, wo er die spröde Kleine fassen will, da lacht sie und springt hinab. Er ihr nach, und die Jagd geht weiter. Dicht vor mir sind beide jetzt. Seltsam zucken die buschigen Ruten, die schwarzen Augen blitzen, die Pinselöhrchen wippen. Einen Augenblick verschnaufen sie, dann geht die Balgerei weiter, dahin, wo die Fichten dämmern. Ich will weiter. Da gellt ein Lachen durch die Stille, ein großer schwarzer Vogel saust daher, ein zweiter folgt ihm, und auf dessen Kopf leuchtet eine feuerrote Krone. Mit gellendem Lachen treibt der Schwarzspecht seine Liebste von einem altsilbernen Stamm zum anderen, und dann fahren beide dahin, wo das Taubenpaar blieb und die beiden Eichkatzen, in die dunkle Fichten. Im Dunkeln ist gut munkeln. Ich habe mich erhoben und gehe das Quergestell hinab, der Grenze zu, langsam, ganz langsam, denn die blauen und gelben Blumen zur Seite, das Drossellied und der Finkensang, die Rehe auf der Blöße und das Bussardpaar über mir halten meine Augen fest und die Wasserspitzmäuse, die im Graben sich jagen. Es ist ein verliebtes Wetter heut, so lau, so warm, so mild. Den Grenzgraben habe ich übersprungen und gewohnheitsmäßig die drei Patronen in die Läufe geschoben. Aber mordlustig ist mir gar nicht zumute. Ich stehe auf der altbekannten Lichtung im gelben Risch und roten Farnlaube und nicke den beiden Weidenbüschen zu, die über und über voll Gold sind. Eine Stunde hab' ich fast noch Zeit. Über die Blöße gehe ich und tauche im Walde unter. Große Pümpe bilden schwarze Flecke im braunen Boden und alles trieft von Feuchtigkeit. Darum wimmelt es auch hier von fremdem Drosselvolk, das Schnecken und Würmer sucht. Wie eine Wolke stiebt es empor und flüchtet sich in die Kronen, Schildamseln und Weinvögel, Schacker und Schnarrdrosseln; das Lärmen der Nordvögel übertönt Finkengesang und Meisenruf. Unter einer alten efeuberankten Eiche wächst um einen alten Stucken ein dichter Hülsenbusch. Das ist ein feiner Lauerposten. Da schmöke ich eine Piepe. Links von mir ist das Gestell mit den Gräben, darin murren die Grasfrösche zwischen den jungen Schossen der gelben Lilien. Rechts unter den Dornen ist alles voll von Blumen, blauen Leberblümchen, weißen Märzglöckchen, rosig angehauchten Windröschen, gelben Himmelsschlüsseln und goldenem Milzkraut. Das sehe ich mir stillvergnügt an und lasse mir dazu etwas vorsingen, bis die Sonne nicht mehr über den Kronen steht, bis sie durch die Äste scheint. Da schwingen sich die wandernden Drosseln in den Fichten bei mir zum Schlafen ein, und hundert Goldammern folgen ihnen. Bevor sie einschlafen, haben sie sich noch viel zu erzählen. Jetzt aber wird es Zeit. Ich gehe auf dem nassen Fußweg zurück. Ein heiserer Schrei vom Abendhimmel wendet meine Augen nach oben; ein Reiher klaftert turmhoch dahin. Ein Hase hoppelt über die Schneise, Spitzmäuse schrillen im Fallaub, große Motten fliegen. Da ist meine Lichtung. Wie oft habe ich hier schon gestanden, an feuchtwarmen Abenden, wo mir der Schweiß unter dem Hut weg lief, an kalten, wo mir die Zähne klapperten. Jeden Baum kenne ich hier, jeden Busch. Dort, in der Birke, blieb die Schnepfe hängen, die ich einmal hier herabholte. Da, neben der Eiche, schoß ich eine vorbei, dort rechts verpaßte ich eine. Es dämmert stärker. Rechts, über dem Eichenort ist im hellblaugrauen Himmel ein Silberpunkt. Da ist der Schnepfenstern. Aber er muß erst golden sein ehe ich aufpassen will, denn eher streicht die Schnepfe nicht. Vom Bruche ertönen Trompeten, Hörner und Fanfaren; Kraniche haben dort Rast gemacht auf ihrer Nordlandfahrt. Und hinter mir im Königlichen erhebt sich ein Knappen, Heulen und Höllenlachen, daß mir das Herz vor Freude hopst. Das ist der Kauz, und es ist sein Liebeslied. Die Birkenbüsche vor mir sind zu einer großen veilchenblauen Mauer zusammengeschmolzen; die Fuhren zur Linken sehen aus wie schwarze Wetterwolken. Die Ulenflucht tilgt mit breitem Pinsel alle Kleinheiten aus und läßt nur den großen, tiefen Eindruck übrig. Der Schnepfenstern ist größer geworden und hat sein Silberlicht in Gold umgetauscht. Jetzt könnte sie kommen. Schon ist sie da. Das Gewehr fliegt an die Backe, der Drückefinger sucht den Abzug und wird wieder gerade; das ist ja die Eule, die dahinschwebt. Aber Zeit war's. Die Amseln gehen schimpfend zu Bett, die letzte Drossel hat aufgehört. Aufmerksam gehen meine Augen hin und her. Gleich ist es sieben Uhr. Bald ist der Strich aus. Da, ich fahre zusammen! Irgendwo ein schrilles Pfeifen, scharf, dünn, durchdringend. Aber wo? Links, rechts, vor mir, hinter mir? Mein Kopf fliegt hin und her. Da ist sie, vor mir, rechts. Das Gewehr fliegt hoch und fallt wieder zurück. Viel zu weit. Über den Eichenort strich sie, fiel sechs Fuß und strich über die Jungbirken weiter. Ein helles Meckern kommt vom Bruch, ein scharfer Lockton dann. Die Bekassine. Es ist Zeit, daß ich gehe. Wenn die Kleine sich meldet, hat die Große ausgestrichen. Bommm! Ein Schuß, weit, irgendwo. Ich will doch noch bleiben. Und noch ein Schuß, näher. Ein Schwirren ist hinter mir, über mir, vor mir, aber das rührt mich nicht. Ein Entenpaar ist es. Es ist schon sehr dunkel. Ich sehe keine Einzelheiten mehr auf zehn Schritt, alles sind große graugelbe, schwarze, braune Massen. Nur mein Goldweidenbusch allein ist darin wie eine helle Flamme. Kommen wird mir ja nichts mehr, aber es ist so schön heute, und ob ich um neun oder zehn in der Stadt bin, das ist gleich. Mit den Augen liebkose ich die tiefen, weiche Töne vor mir. Da wird mir mit eins heiß und kalt. Es war ein Ton in der Luft, ein unheimlicher, und ich weiß nicht ist er fern oder nah. Es könnte hier sein, vor mir oder da, hundert Gänge hinter mir, das dumpfe, gespenstige, bauchrednerische Moork, moork, moork. Mein Kopf geht nach allen vier Winden, hier nichts, da nichts, und da nichts, und da erst recht nichts. Aber jetzt ist es über mir, ich sehe das schwarze Ding mit den langsam rudernden Flügeln, und davor, wie einen dicken Strich, den Stecher, und dahin dreht sich die Mündung meines Drillings. Ein Feuerstrahl, lang und rotgelb, und eine ungesprochene Verwünschung; beim Abdrücken schwenkte sie, und der Schuß ging daneben. Aber das schwarze Ding zieht die Laufmündung nach rechts, und gibt mir eine halbe Wendung, und im zweiten gelbroten Strahl sehe ich nicht zwei Flügel mehr, nein vier, ein schwarzes Kreuz, das sich in der Luft dreht und jäh zur Erde fällt, daß das dürre Farnlaub rasselt. Ich stehe ganz still. Da, dreißig Schritt vor mir knistert es. Ich gehe hin und nehme sie auf. Sie ist schlaff und tot. Ich bin jetzt gar nicht mehr so froh, daß ich sie habe, und mir ist, als wenn die Kraniche die, von meinen Schüssen aus dem Schlaf gejagt, im Bruch schreien und lärmen, wilde Klage erheben über den, der des seltsamen Vogels Liebesflug mit Kraut und Lot abschnitt. Und ich stecke mir auch nicht nach alter Sitte einen kleinen Bruch mit goldenen Weidenschäfchen an den Hut. Schnell gehe ich durch den dunklen Wald, fast bange, und ich habe mich doch schon als Kind nicht im Dunkeln gebangt. Erst, als bei der Brücke mich schnelle, goldene Lichter und laute Stimmen einholen, als Hundenasen an mir herumschnuppern, die beiden Jäger von ihren Rädern springen und mir Glück wünschen, da fühle ich mich wieder etwas. Wie mir aber bei der Heimfahrt der Abend in der Erinnerung zurückkommt, da ist mir doch wieder so, als hätte mir der rohe Schlußreim den Zauber diese Tages verdorben. Vor Tau und Tag Es ist nicht kalt, jedoch auch nicht warm, und obwohl es nicht hell ist, so ist es auch nicht dunkel. Zur Linken über dem schwarzen Bollwerk des fernen Waldes steht die schmale Sichel des zunehmende Mondes. Sie sieht aus, als habe sie keinen Zusammenhang mit dem Himmel. Rechter Hand über dem Bruche funkelt ein großer Stern. Auch er scheint dort nicht hinzugehören. Ganz leise raschelt das dürre Gras hinter mir. Die Frösche murren dumpf, und bald hier, bald da ächzt die Mooreule. Ab und zu geht der durchdringende, verängstigte Wanderruf einer Rotdrossel über mich hin. Die Krickente lockt, dicht bei mir pfeift die Ralle, und laut plumpst und platscht es in dem Staugraben. Dann tritt etwas hinter mir in den Porstbüschen umher, und ein kurzes Husten wird hörbar. Ich lehne mich bequem gegen die Rückwand des Schirmes, den ich mir aus Plaggen baute und mit Buschwerk verblendete, strecke die Beine von mir und sehe bald nach dem Monde, bald nach dem Sterne. Jedesmal wird der Mond dann dunkel und der Stern verschwindet auf eine Weile. Langsam dringt die Nässe des Bodens herauf und kältet mir die Füße, und die kühler werdende Luft läßt mich erschauern. Der Wind ist nach Osten umgeschlagen. Die Wiese wird heller; es reift. Ich sehe einen Schatten vor mir herhuschen und höre das bereifte Gras knistern. Ein Hase wird es gewesen sein. Es rauscht hastig in der Luft und fällt mit dumpfem Schlage auf der Wiese ein. Das ist der erste Hahn. Ein halblautes Gackern in den Porstbüschen begrüßt ihn. Stockenten klingeln vorüber, aufgeregt quakend. Wieder pfeift die Ralle, und die erste Bekassine lockt. Rundumher fallen die anderen ein, und auf einmal bebt die Luft von ihrem Gemecker. Im Moore bläst ein Hahn und beginnt zu trommeln. Es rauscht über mich fort und plumpst vor mich hin, rauscht noch einmal und plumpst wieder und abermals und wiederum. Ich renke mir die Augen nach den Hähnen aus und weiß, daß ich sie doch nicht sehen kann. Jetzt bläst einer halbrechts von mir. Ein seltsamer Laut ist das, der mir die Haut warm macht. Unwillkürlich fahre ich mit der Hand nach dem Kolbenhalse und ziehe sie wieder zurück. Es ist noch viel zu dunkel. Nun blasen zwei Hähne vor mir und ein dritter trommelt. Er muß ganz dicht bei mir sein, denn sonst würde sich sein Balzen lauter anhören. Ein dumpfes, hin und her taumelndes Gefuchtel ist über mir; das ist der Kiebitz. Jetzt ruft er; halb übermütig, halb wehleidig klingt es. Überall locken und meckern die Bekassinen. Eine Amsel beginnt zu pfeifen, noch eine, und die Singdrosseln fallen ein. Der Brachvogel flötet und steigert seinen Ruf zu einem gellenden, weinerlich verklingenden Getriller. Dieses Liebeslied ähnelt eine Totenklage. Der Wind setzt stärker ein und raschelt lauter im Grase. Da hinten hellt sich der Himmel ein wenig auf. Alle die Hähne vor mir trommeln wie toll und blasen ab und zu dazwischen; weiterhin im Moore und auf den Wiesen kullert es ebenfalls und läuft mit dem Meckern der Bekassine in eine gespenstige Weise zusammen, vor der das Gepfeife der Drosseln und das Klagen der Kiebitze fast verschwinden. Aus dem hellen Strich über dem Moore bricht eine rote Flamme hervor, von gellenden Trompetentönen begrüßt. Ein Trupp reisender Kraniche ist es, der im Bruche übernachtet hat. Es ist Tag geworden. Kalt ist die Luft, und Wiese und Bruch sind silbern vom Frühreif. Ich zähle vier Hähne vor mir, und höre noch vier balzen. Eine Krähe quarrt, der erste Fink schlägt, die Heidlerche dudelt. Die Mooreule ist verstummt und nur einige Bekassinen melden sich noch. Das Getrommel der Hähne verstummt wie auf Verabredung. Alle sitzen da und machen lange Hälse. Die Frühbalz ist vorbei; gleich wird die Sonnenbalz einsetzen. Ein Junghahn beginnt schon wieder. Er reckt sich, bläst zweimal, flattert in die Luft und schüttelt sein Gefieder, daß es laut schallt. Dann kriecht er tief gebückt mit dick aufgeplustertem Halse dahin und kullert dumpf und anhaltend, sich immer näher an die Henne heranschiebend, die zwischen dem Grase umherpickt und dann und wann leise girrt. Die andere Hähne fallen nun auch ein, bis auf den ganz alten dort unten, der mit hohem Kragen dasitzt und sich nicht rührt. Ein scharfer Ruf kommt hinter mir her. Ein helles Weihenmännchen steigt hoch empor, schwebt eine Augenblick dort und wirft sich mit schrillem Gemecker bis dicht auf die goldglühenden Porstbüsche, um wieder emporzuschweben und abermals hinabzufallen. Unter wütendem Gekeife hassen zwei Kiebitze auf eine vorbeistreichende Krähe. Mit klirrendem Flügelschlag saust der Grünspecht vorüber, bleibt in der Birke hängen und jauchzt sein wildes Lachen über das Bruch. Ich sehe den Kranichen nach, die über dem Moore schweben, sich zu einem Keile ordnen und nordostwärts ziehen, der Ralle, die niedrig, wie eine Ratte durch das Gras huscht, dem Schmalreh, das aus dem Porst tritt und sich von der Sonne bescheinen läßt und warte darauf, daß der alte Hahn mit den dicke Rosen und dem breiten Spiel sich näher heranbalzt. Ein Dompfaffenpaar fällt in dem lichterloh blühenden Saalweidenbaume ein, lockt zärtlich und fliegt weiter. Ein Pieper steigt mit blechernem Geschmetter auf, flattert ein Weilchen in der Luft umher und fällt wie kraftlos herunter. Überall läuten die Meisen, lustig singt der Weidenzeisig und wehmütig das Laubvögelchen. Der alte Hahn balzt unentwegt auf demselben Flecke; ein Porstbusch deckt ihn fast ganz. Die übrigen Hähne sind bis auf den Junghahn mit dem kurzen Spiel abgestrichen. Auch dieser nimmt sich jetzt auf und stiebt von dannen. Bald wird es mit der Balz aus sein. Die Sonne steht schon blank am Himmel und scheint so sehr, daß ich mich nicht rühren darf, denn sonst blendet mein Gesicht zu stark aus dem Schirm heraus. Der Hahn verschweigt. Er pflückt an seinem Gefieder herum und pickt etwas von dem Boden auf. Dann sitzt er da wie ein Klotz und rührt sich nicht. Jetzt, da er den Kopf nach dem Altreh wendet, das über die Wiese zieht, hebe ich den Drilling von den Knien, blase laut und trommele leise. Sofort macht er einen langen Hals und antwortet. Ich reize wieder und lauter und immer lauter. Er äugt hin und her, zischt wütend und kommt trommelnd hinter dem Porstbusche her. Der lohnt sich. Die roten Rosen sind fingerdick, der Rücken ist blank wie Stahl und das Spiel ist fast zum vollen Kreise gebogen. Hinter mir gackert eine Henne. Immer näher trippelt der Hahn, dumpf trommelnd und hell blasend. Und nun, wo er fast in Schußnähe ist, fängt die Waffe in meinen Händen zu schwanken an, obgleich ich mir einreden wollte, die Jagd aus dem Schirme reize mich nicht mehr. Noch einige Gänge lasse ich ihn herankommen; dann backe ich langsam an und drücke. Mit zwei hohen Fluchten setzen die Rehe in den Porst, hinter mir streichen laut gackernd die Hennen ab und mit schneidendem Schrei taumelt ein Kiebitz vorüber. Der Hahn liegt auf dem Rücken. Drei weiße Federn ziehen mit dem Pulverrauch in die Büsche. Ich stehe auf, ziehe den Mantel aus, recke und strecke mich und nehme den Hahn auf. Er ist sehr alt; die Sicheln sind lang und breit, aber zerschlissen und abgestoßen. Er hat sein Teil vom Leben gehabt und starb den besten Tod. Minne im Moor Drei Tage und drei Nächte kam der Nordostwind über die Geest. Drei Nächte hintereinander jagte uns die Weckuhr um halb drei von den Pritschen auf. Drei Nächte hatte ich die Tür der Jagdbude aufgerissen, aber immer hörte ich den Sturm in den hohen Fuhren heulen und ärgerlich warf ich mich wieder auf den Strohsack. Heute nacht ist es still. Am klaren Himmel funkeln die Sterne, der halbe Mond wirft hellen Schein auf die gelbe Düne. Im Stangenort unkt die Ohreule, und vom Moore klingt das Plärren der Frösche zu uns herauf. Gute Zeichen sind es. Froh steigen wir den Dünenabhang hinab. Bald haben wir den Sandweg und das Stangenholz hinter uns und gehen auf weichem Moordamm weiter. Am Wegrande im Grase leuchten überall mit gespenstischem Schein die Glühwurmlarven. Ein gutes Zeichen ist auch das. Vor uns steigt etwas Schwarzes auf. Ein heidwüchsiger Sandhügel ist es. Unheimliche Gestalten lauern da. Machangelbüsche sind es. Und der dickste von ihnen, der so breit ausladet, das ist der Schirm, den ich meinem Jagdfreund baute. Dort verschwindet er. Hals- und Beinbruch! rufe ich ihm nach und gehe weiter, tief in das Moor hinein, eine Viertelstunde lang, bis zu einem großen Wanderblock, der zwischen Krüppelkiefern versteckt ist. Dort sitze ich, esse Speck und Brot und rauche dann vor mich hin. Es ist ganz still um mich herum. Nur die Frösche murren in den Torfstichen, eine Kreuzkröte ruft, ein Mooreule streicht leise klagend vorbei, eine Nachtschwalbe schnarrt. Die Birkenbüsche vor mir rühren sich nicht, kein Lüftchen ruschelt im dürren Risch. Eine halbe Stunde vergeht, da raschelt das Gras an den Moorkuhlen und die Birken schauern zusammen. Im Osten zeigt sich ein schwacher, heller Schein, die Sterne blassen ab, der Frühwind regt sich. Eine Bekassine lockt vor mir, eine hinter mir. Ein Kiebitz ruft, ein anderer antwortet. Die Heidlerche steigt dudelnd in die Luft, Stockenten streichen schnatternd vorüber, und überall ertönt das Gemecker und das Locken der Bekassinen. Von fern ertönt ein volles, rundes, langgezogenes Flöten, ein weitschallendes Trillern. Das ist der Brachvogel. Und dann ein gellendes, hallendes Trompeten. Die Kraniche sind es. Regenpfeifer und Krickente fallen mit ein. Den Drilling auf den Knien sitze ich still da, höre auf die vielen Stimmen und sehe in die Weite, wo es heller und heller wird. Schon kann ich den Schattenriß des Schwedenbusches dort unten erkennen. Ein Sausen geht an mir vorbei. Ich zucke leicht zusammen. Das war ein Hahn. Gackernd begrüßt ihn sein Hennenvolk. Ein Fauchen höre ich ganz fern und ein tiefes, dumpfes Kollern. Am schwarzen Brink, wo mein Freund sitzt, balzt der erste Hahn. Vor mir erklingt ein würgender, gurgelnder Ton. Dann ein schwaches, leises Blasen. Zwei-, drei-, viermal setzt der Hahn an, dann kullert er, erst halblaut, immer lauter und schließlich aus voller Brust. Im Osten ist der Himmel rosenrot. Hellgraue Dämmerung ist um mich. Aus den Torfstichen quillt weißer Nebel und zieht über die Sinken. Der Baumpieper schmettert sein Lied, alle Frösche quarren, die Luft hallt vom Geschrei der Kiebitze, vom Dudeln der Heidlerche, vom Gemecker der Bekassine, vom Trillern des Brachvogels. Nachtschwalbe, Eule und Kröte schweigen. Am schwarzen Brink balzt ein zweiter Hahn, und jetzt ein dritter. Der vor mir kullert wie toll, oben nach den Dünen zu, hinter mir auf den neuen Wiesen überall blasen und kullern sie. Es ist völlig Tag geworden, nur die Ferne ist noch grau und in allen Sinken liegt der Nebel. Meinen Hahn verdeckt er ganz. Quarrend rudert ein Krähenpaar vorbei, mit heiserem Schrei klaftert ein Reiher hoch über mich fort. Aus dem Nebel vor mir tauchen die Birken und Kiefern auf und die braunen Postbüsche. Hellgrün färbt sich über dem Schwedenbusch die Luft, rosige Wolken ziehen durch das Grün, ein goldiger Schein fließt über die fernen Birken. Mit dem Glase suche ich den schwarzen Brink. Ein Windstoß, der den Nebel zerreißt, zeigt ihn mir. Ich sehe die drei schmalen, schwarzen Wacholder und den dicken, schwarzen Klumpen, den Schirm. Und rechts und links davon zwei schwarzweiße Dinger, die sich drehen, sich hin und her schieben und ab und zu eine Sprung machen. Als rotglühender Ball steigt die Sonne über den Schwedenbusch. Mit Schalmeien und Fanfaren grüßt sie der Kranich und mit Glockenklang der Schwarzspecht. Der Nebel fällt in das Moor zurück. Lauter und lauter schwillt das Gekuller der balzenden Hähne an, und ihr Blasen steigert sich zur Raserei. Ein Schuß dröhnt vom schwarzen Brink. Mord und Brand rufen die Kraniche, Gewalt schreien die Krähen, nach Hilfe wimmert der Raubwürger. Höher und höher steigt die Sonne. Schon wärmen ihre Strahlen meine kalten Finger. Im fahlen Gras funkeln die Taudiamanten, wie Smaragde leuchten die jungen Birkenblättchen, kupferrot erglühen die braunen Postbüsche, die blühenden Weidenbüsche brennen wie hellstrahlende Flammen aus dem weißen Nebel heraus, die alten Stümpfe schimmern wie gediegenes Silber und selbst die schwarzen Krüppelfuhren hellen sich auf. Das ganze weite Moor ist lebendig von lauten Stimmen, aber alle übertönt das Balzen. Pieperschlag und Lerchengesang, Rohrammergezwitscher und Schmätzergeschnarr, Häherschrei und Krähenruf, alles verschwindet vor dem heißen Gefauche, vor dem brünstigen Gekuller, sogar des Kolkraben rauhes Wort und des Kuckucks heller Ruf klingt matt daneben. Immer farbiger, wärmer, bunter wird das Moor, immer lebendiger. Die blühenden Postbüsche leuchten goldbraun, die Weidenhorste lohen in hellem Gelbes, glitzert und funkelt an jeden Zweig, an allen Blättchen, die Wollgrasblumen sehen ganz silbern aus und kupfriger Schein liegt auf den Fuhren. Vor mir der Hahn ist verdreht vor Liebeslust. Er kümmert sich nicht um die weiße Weihe, die über ihm fortschwebt, die Rehe, die sich an ihm vorüberäsen, stören ihn nicht in Spiel und Tanz. Bald tief geduckt, Stoß und Flügel gefächert, kullert er minutenlang, dann richtet er sich hoch, daß die roten Rosen wie glühende Kohlen über die braune Heide leuchten, und flattert, ein schwarzweißer Ball, mit schnalzendem Gefauche drei Fuß in die Höhe. Zärtlich gackern ihm sein Hennen Beifall. Einer hat er das Herz gerührt. Langsam, vorsichtig kommt die Kleine aus den Postbüschen heraus, kratzt ein bißchen im Torfmull, pickt an den jungen Moorbeertrieben, zupft ihr schlichtes braunes Kleid zurecht und trippelt dann näher. Er sieht nichts, er hört nichts. Fauchend und kullernd dreht er sich im Kreise, rutscht hin und her, macht einen Luftsprung und fährt fort im Tanz. Ein ganz alter Bursche ist es. Lang und rund sind seine Sicheln, daumenbreit die Rosen, ganz schwarz der Rücken. An den will ich mich heranpirschen. Um den lohnt es sich. Von meinem Sitze krieche ich bis hinter die nächste Krüppelfuhre. Der Hahn balzt weiter. Über rosenrot blühende Rosmarinheide, über glitzernde Preiselbeerbüsche, über gelbgrüne Torfmoospolster und silbern blühende Wollgrasbülten schleiche ich auf allen vieren bis an den ersten Postbusch. Das Wasser durchzieht mir Hose und Joppe an den Knien und Ellbogen, aber das schadet nichts. Weiter geht es, ganz langsam, bis an den Rand des Torfstiches. Tief ist er nicht, aber modrig, und lautlos komme ich da nicht durch. So winde ich mich platt auf der Erde, wie eine Schlange, um ihn herum, bis zu der Jungbirke an seinem oberen Rande. Da muß ich liegen bleiben, denn auf dem abgebleichten Wurzelgerippe fußte eben der Großwürger. Der Lärmhals kann mir alles verderben, wenn ich mich rühre. Endlich stiebt er weiter, und ich schlängle mich vorwärts. Der Hahn balzt immer noch. Jedesmal, wenn er seinen Satz macht, sehe ich es schwarzweißrot über den braunen Büschen flattern. Wenn ich nur erst bei dem Wacholderbusch wäre auf dem jetzt der Kuckuck herumprahlt! Zu dichte Postbüsche sind mir da im Wege, und das nickende Wollgras verrät mir eine nasse Sinke. Aber ich komm durch die Büsche, wenn sie auch einen dichten Schwefelregen auf mich streuen und über die Sinke, und wenn auch das Wasser bis auf die Haut an Brust und Bauch durchschlägt. Ich liege hinter dem Wacholderbusch, vollständig durchweicht, zitternd vor Frost und dampfend vor Schweiß. Mein Herz klopft so laut, daß ich meine, die Hennen müßten es vernehmen, der Atem kommt pfeifend durch meinen Kehlkopf, und ich habe einen Durst, daß ich gierig das muffige Wasser aus den Torfmoorpolstern sauge. Allmählich werde ich ruhiger. Der Hahn balzt, ab und zu klingt der Hennen zärtliches Gurren zwischen sein Blasen und Kullern. Durch die Zweige des Wacholderbusches kann ich ihn ab und zu sehen, den liebestollen Kerl. Und endlich gelingt es mir auch, den Lauf des Drilling durch die Lücke zu schieben. Aber da, gerade da verschweigt er. Schon fürchte ich, den polternden Flügelschlag zu hören, da vernehme ich ein giftiges, wütendes Girren. In wagerechter Haltung, mit gesträubten Halsfedern, dick geschwollenen Rosen, zitternd vom Schnabel bis zum weitgefächerten Spiel, rutscht er ruckweise nach rechts, und dann ein Sprung nach vorne und ein Flügelklatschen und vor mir wälzt sich ein Wirbel von Schwarz und Weiß und Feuerrot, Federn stieben, Heidstengel knistern und der gelbe Sand pulvert umher. Blitzschnell bin ich in die Knie gegangen, habe den Knopf zur Seite gebogen, die Waffe an die Backe gerissen und gerade, als das warnende Gegacker der Hennen ertönt, bin ich mit der Laufmündung mitten in dem bunten Knäuel und mache den Drückefinger krumm. Dem Donner des Schusses folgt das Angstgegicker der Hennen und ihr klappernder Flügelschlag. Eine dicke Pulverwolke schneidet mir den Blick ab, aber Flügelschlag tönt an meine Ohren. Ich gehe durch den stinkenden Dampf und sehe nach dem Anberg. Da liegen beide Kämpen, der eine mit ausgebreiteten Flügeln regungslos, der andere auf dem Rücken, ein letztes Zucken läuft durch ihn. Der Kopf hebt sich noch einmal und fällt schlaff zurück, gerade als vom schwarzen Brink ein Schuß dröhnt. Ich nehme die Hähne auf. Das eine ist ein Junghahn, aber auch sein Spiel ist breit. Am Findelstein binde ich sie an den Rucksack und gehe meinem Freund entgegen, den ich den Damm herunterkommen sehe. Überglücklich ist er. Zum ersten Male im Postmoor; das erstemal auf der Birkhahnbalz, und gleich zwei Hähne. Das, meint er, muß mit einer besseren Flasche gefeiert werden. Die trinken wir auch, aber nicht in der Jagdbude. Unter der Düne am Bornbusch, da ist ein wundervolles Fleckchen Erde. Milzkraut umwuchert eine klare Quelle. Im Erlbusch daneben schlagen Nachtigall und Fink, flöten Drossel und Meise. Dort trinken wir den toten ritterlichen Heidsängern Minne in goldenem Wein vom Rhein. Im Frühlicht Schwarze Nacht war um mich her eine Stunde lang; so dunkel war es, daß ich mich zu dem Verstecke hintasten mußte, das ich mir hier am Rand der Moorwiese gebaut habe. Und eine Totenstille war um mich, eine so beklemmende Stille, daß das leise Geruschel des Windes im Heidkraute eine liebe Sprache redete, der ferne Ruf der Mooreule wie ein erlösendes Wort klang und das Geplätscher eines Frosches im Graben mir eine Wohltat war. Ich kauerte in den Mantel gehüllt auf dem Sitz aus Torfsoden und sah nach den wenigen Sternen, die an dem dunklen Himmel standen, und mußte plötzlich loslachen, denn ich hatte die Vorstellung, daß der Himmel ein zerrissener Regenschirm sei und die Sterne die Löcher darin. Dann ging etwas vor mir auf und ab; deutlich hörte ich das Gras knistern und das Heidkraut rauschen. Ich wußte, daß ich nichts sehen konnte, und starrte dennoch so lange durch die Schießlücken zwischen den Wacholderzweigen, bis ein weißes Gesicht vor mir war, das mich mit schwarzen Augen höhnisch anblickte. Dann schreckte dicht bei mir ein Altreh und flüchtete laut schmälend in das Moor hinein. Der Spuk aber war fort. Die Sterne verschwinden immer mehr und der Himmel ist grauer geworden. Hier und da meckert eine Bekassine; ab und zu fliegt eine Drossel vorüber und pfeift dünn und ängstlich. Ein Sausen geht durch die Luft; hinüber und herüber kommt es. Das sind die Hähne, die zu ihren Balzplätzen streichen. Neben mir gackert zärtlich eine Henne und ein dumpfer Schlag ertönt; der erste Hahn ist mir zugestanden. Wieder gackert es, und abermals saust ein Hahn vor mir zu Boden und sofort ein dritter. Dann fuchtelt es dicht über mir. Das ist der Kiebitz. Gellend ruft er. Aus dem Abstiche, in dem die Frösche leise murren, kommt ein scharfer Pfiff. Die Ralle ist es. Ein einziger Stern steht noch über den dunklen Wipfeln des Birkenhains an dem grauen Himmel. Nun ist auch er verschwunden. Das Riedgras am Graben ruschelt auf einmal ganz laut, und das Heidkraut flüstert stärker. Ein Wind hat sich aufgemacht; er kündet die Sonne an. Ich ziehe den Gürtel fester und wickle den Mantel dichter um die Beine, denn die Kälte des Bodens steigt mir durch die dicken Sohlen in die Füße hinein. Vor mir schüttelt ein Hahn sein Gefieder, bläst dreimal heiser und beginnt dumpf zu kollern. Ein anderer bläst, und nun trommeln sie all durcheinander. Ich spähe durch das Schießloch nach der Wiese hin, die hell, wie Wasser, da liegt, sehe aber nichts als verwaschene dunkle Flecken. Überall blasen und trommeln die Hähne. Es hört sich an, als ob das Moor von ihrem Kollern bebe, und die Luft scheint von dem Gemecker der Bekassinen zu zittern. Seltener ruft die Mooreule, öfter der Kiebitz, fortwährend kommt das Gepfeife der Drosseln heran und verschwindet, und hin und wieder klingeln Enten dahin. Einige fallen aus dem alten Torfloche ein und quaken prahlerisch. Ein zweistimmiger Flötenruf ertönt im Moor, erhebt sich zu einem wilden Jubeln und endet mit einem kläglichen Triller. Das ist der Brachvogel. Weiterhin antwortet ihm ein zweiter. In den Birken beginnt die Amsel zu singen; die Graudrossel ist auch schon wach. Und dann dudelt die Heidlerche vom Himmel herunter ihr liebes Liedchen. Aber alle diese Laute verschwinden vor dem Getrommel der Birkhähne und dem Gemecker der Bekassinen, von dem nur manchmal das Geflöte des Brachvogels absticht, halb ein Hohngelächter und halb ein Angstschrei. Es ist schon recht licht geworden, doch immer kann ich noch nicht erkennen, ob die schwarzen Klumpen in der weißen Wiese Hähne oder Binsenbüsche sind. Das Balzen der Hähne schwillt an und ebbt ab, und dann kommen die Drosseln und Heidlerchen lauter zu Worte. Eine Krähe quarrt; sofort setzt das Gekeife der Kiebitze, die sie verjagen wollen, stärker ein. Dann bricht das Gekoller der Hähne vor mir ab, ein giftiges Girren und böses Keuchen ertönt, das Gras knistert, Fittiche rauschen, polternd streicht der abgekämpfte Hahn fort, und lauter balzt der Sieger weiter, ab und zu stolz loszischend und emporspringend, daß sein Gefieder rasselt. Das Riedgras hat sich beruhigt und die Heidbüsche schwanken nicht mehr; der Wind steht. Licht wird es über dem Walde dort hinten, und die Wiese vor mir ist so klar, daß ich deutlich zwei Hähne erkennen kann, die sich tief gebückt hin und her schieben, unablässig trommelnd. Aber noch ist es nicht so sichtig, daß ich die roten Rosen an ihren Köpfen erkennen kann und kaum einmal ein weißes Unterspiel zu sehen meine. Doch nun, wo über dem Walde ein rosiger Schimmer sichtbar wird, in dem eine glühende Flamme entbrennt, reißt die Dämmerung mit einem Rucke entzwei, und ich kann alle drei Farben an den Hähnen erkennen. Die Bekassinen hören auf zu meckern, und fast alle Hähne verschweigen eine Weile, bis die Sonne rund und rot über dem Nebel auftaucht; da setzt das Getrommel noch einmal so wild ein und ringsumher meldet sich eine Stimme nach der anderen. Das Gurren der Tauben ertönt in den Birken, der Wiedehopf ruft dumpf, der Kuckuck läutet und die Kiebitze taumeln dahin und stoßen mit wütendem Gekeife auf die Krähen. Das Moor hat Farben bekommen. Silberhell gleißt die schwer bereifte Wiese, goldig strahlt der blühende Weidenbusch am Graben, der Birkenhain leuchtet nur so, und selbst das fahle Heidkraut bekommt einen warmen Ton von der Sonne geliehen, deren heller Schein auf mein Gesicht fällt, so daß ich mich tiefer bücken muß und mich nicht ein bißchen rühren darf, um die Hähne nicht zu vergrämen, die vor mir ihr seltsames Minnespiel treiben. Sie drehen und wenden sich, zittern mit den Flügeln, schieben sich lang am Boden hin, recken und strecken sich, zischen heiser, trippeln wieder mit gesträubten Halsfedern dahin und springen rasselnd empor, während die Hennen, die auf der Wiese Blättchen rupfen, ab und zu den schwarzweißroten Sängern Beifall gackern. Drei Junghähne mit kurzen Spielen und niedrigen Rosen sind es, die hinter den Hennen balzen, und ein alter Hahn, der vor ihnen hertrommelt, und diesen schösse ich gern, doch geht das der Hennen wegen nicht, die ich mit treffen würde. Lang und schön gebogen sind seine Sicheln, zwischen denen das Unterspiel wie ein weiße Flamme leuchtet, daumendick die glühend roten Rosen an seinem Kopfe, und sein dunkelblaues Obergefieder schillert blank im Sonnenscheine. Und er schiebt sich hin und her, dreht und wendet sich und trommelt und trommelt, ohne sich um die anderen Hähne und das Hennenvolk zu kümmern. Nur für sich allein balzt er. Weiterhin am anderen Ende der Wiese sehe ich noch zwei Hähne sich herumdrehen, und von anderen, die ich nicht erblicken kann, tönt das Gekoller zu mir heran. Eine Henne trippelt jetzt nach dem Maulwurfshaufen am Rande der Wiese hin und scharrt daran herum, und eine andere schwingt sich auf die krumme Kiefer und ordnet ihr schlichtes Gefieder. Ich hebe leise das Gewehr und ziehe den Kolben an die Backe, und sobald der alte Hahn mir die Seite zeigt, drücke ich. Polternd reitet die Balzgesellschaft ab, nur die Henne auf der Kiefer äugt noch einen Augenblick nach dem Hahne hin, der im Grase auf dem Rücken liegt und mit den Schwingen zuckt, dann stiebt sie auch fort. Die Hähne dort unten in der Wiese balzen getrost weiter und flüchten erst, wie ich aus dem Versteck trete und meine Beute aufnehme, den alten, stolzen Hahn, der mitten im Minnegesang das Leben hinter sich ließ. Des Täubers Ruf Es klingt ein dunkler Laut durch den hellen Wald; der Täuber ruft; manche Erinnerung lebt in mir auf. Ein Junge von zwölf Jahren bin ich wieder, der mit der Büchsflinte in den Händen von Stamm zu Stamm schleicht. Mein Herz klopft, mein Atem pfeift, Schweiß perlt mir über die Stirn. Meinen ersten Täuber soll ich erlegen auf der Pirsch; der alte Hegemeister mit dem langen weißen Barte lehrt es mich. Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen, die Meisen klingeln und die Spechte trommeln, weiße Blumen leuchten und gelbe Falter taumeln dahin. Ich höre alles das nicht und sehe nichts von dem. Ich spähe nach dem Täuber, der dort hinten von dem Hornzacken des alten Eichenüberhälters mit seinem dunklen Rufe die hellen Stimmen überschattet. Gang auf Gang tue ich auf ihn zu; doch ein jedes Mal, wenn ich das Gewehr hochnehme, klappert er davon, verschweigt eine Weile und stimmt endlich wieder sein Liebeslied an. Und ich steige hinter ihm her mit klopfendem Herzen, wildem Atem und nasser Stirn, sehe nicht nach dem Gabelweih, der hell schreiend über den Kronen schwebt, nicht nach dem Hirsch, der vor mir abspringt, nicht nach der Blauracker, die mit hartem Gekrächze davonfunkelt. Den Täuber suchen meine Augen, nach ihm horche ich hin; bis der Schuß knallt, der schwere Vogel in die Blumen schlägt und hinter ihm ein Gestöber weißer Federn herniederschwebt. Fünfunddreißig Jahre sind das her. Der Täuber ruft wieder sein abenddunkles Lied in den morgenhellen Wald hinein, dessen Boden weiß und blau und rot und gelb von Blumen ist, dessen Kronen von jungem Laube leuchten und in dem die goldenen Schmetterlinge hin und her taumeln. Die alte Jungenslust, die einstige Gier packt mich wieder; ich fasse nach dem Lauf unter meiner Achsel, lausche und lausche, bis ich den einen Ruf, den mit einem doppelten Schlußreime, im Kopfe habe, und gehe darauf zu. »Ku ku kukurru« klingt es, und abermals und noch einmal von den hohen Altbuchen her, und zuallerletzt: »Ku, ku.« Der soll es sein und keiner von den anderen, die dort und da rucksen. Hinter dem anmoorigen Lichtschlage ruft er, wo die Schlüsselblumen wie Gold leuchten und Morgenrotfalter um die nebelfarbigen Schaukrautblüten tanzen, Birkenlaubduft und des jungen Grases frischer Hauch sich vermengen und die Luft von silbernen Fliegen blitzt. Vorsichtig gehe ich, daß ich keine von den fröhlichen Blumen zertrete, und mache einen Umweg, um nicht das dichte Milzkraut hineinzustampfen, das den lustigsprudelnden Spring umsäumt, um die Hummeln nicht zu stören, die um die rosenroten und himmelblauen Lungenblumen brummen. Zauberischer Glockenton hallt durch den Wald; der Schwarzspecht ist es, der seine Frau ruft. Über mir hängt er an dem höchsten Aste, trommelt, daß es weithin dröhnt, ruft wieder mit sehnsuchtsvoll jauchzendem ton und wendet den Kopf hin und her, daß sein Scheitel wie eine helle Flamme lodert. Aber ich habe nicht Zeit, nach ihm hinzusehen, denn vor mir ruckst mein Täuber. »O du, du, du du!« ruft er. Von Stamm zu Stamm schleiche ich, achte des Rehes nicht, das vor mir abspringt, und nicht des Hasen, den ich aus der Sasse trete, horche nicht auf den Kuckuck, den ich dieses Jahr zum ersten Male läuten höre, und atme nicht tiefer da, wo das Moschuskraut alles in schwülen Geruch hüllt, und auch da nicht, wo die Schlüsselblumen in der Sonne Pfirsichdüfte ausatmen; meinen Täuber will ich haben, den da vor mir mit dem gedoppelten Schlußreime. Er ruft nicht mehr. Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen, die Meisen klingeln und die Spechte trommelt, doch der eine tiefe schwere volle Laut fehlt. Hoch über dem schimmernden, flimmernden Kronen schwebt mein Vogel, klatscht mit den Schwingen, daß es laut knallt, tanzt auf und ab und senkt sich dahin, wo die schwarzen Fichten starren. Eine brummige Wolke schiebt die frohe Sonne beiseite, ein herber Wind pfeift den Wald an, daß er vor Angst schweigt, ein Regenschauer rasselt durch Knospen und junge Blätter in die Blumen hinein. Ich stehe da und warte, daß der Vogel mit der abendrotfarbenen Brust und dem silbernen Halbmonde um den Hals wieder rufe. Aber er bleibt still, und nur von irgendwoher krächzt eine schwarze Erinnerung mich an, ein Gedenken an den Tag, da ich es mir gelobte, keinen Täuber mehr zu schießen im hellen Frühlingswalde. Denn sein Ruf brachte Hand zu Hand, Auge in Auge und Mund an Mund. »O du, du, du, du!« rief er seiner Täubin zu, und wir beide befolgten seinen Ruf. Die Wolke ist vorüber; die Sonne scheint, und der Wald besinnt sich wieder auf seine Lieder; der Regen läßt nach, und die Erinnerung krächzt nicht mehr. Ich gehe weiter durch die himmelblauen Leberblumen über das goldene Milzkraut und in die schneeweißen Osterblumen, denn den Täuber will ich haben, meinen Täuber da, der von neuem an zu rufen beginnt: »O du, du, du, du!« Ich hatte gelobt, ich wollte keinen mehr herunterholen im angrünenden Walde. Aber da der eine mich belogen hat, bin ich meines Gelübdes ledig. Ich warte, bis er wieder ruft, schleiche mich von Baum zu Baum harre, wenn er verschweigt, pirsche voran, meldet er abermals, stehe endlich unter der alten Samenbuche um deren Zweige die jungen Blätter wie lauter grüne Schmetterlinge aus dem Lande Nirgendswo spielen, suche ihn und finde ihn, richte den Lauf empor, drücke, höre ihn in die bunten Blumen schlagen und sehe ein weißes Federgestöber hinter ihm herunterschweben. Ein doppelter Aufschrei aus Kindermund folgt dem Schuß. Zwei flachsköpfige Mädchen, Waldmeisterbündel in den braunen Händen, stehen auf der Blöße und blicken mich erschrocken an. Ich schenke ihnen den Vogel. »Sagt eurer Mutter, den soll sie braten.« Und dann nehme ich ihnen die Sträuße ab und gebe ihnen viel mehr Geld dafür, als sie sonst bekommen. Aber sie danken mir kaum, und ihre himmelblauen Augen sehen mich vorwurfsvoll an. Und während ich weitergehe, um zu sehen, wo ein guter Bock gefegt hat, daß ich ihn mir für späterhin merke, denke ich an mein Gelübde und daß ich es vergaß, weil mich einst im Frühlingswald eines Täubers Ruf betrog. Um die Unterstunde Auf dem Brombeerbusch sitzt der Goldammer und singt in einem fort: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« Aus der hohen Hängebirke flötet der Ortolan beständig: »Ich bin müde«, und hoch vom Himmel herab dudelt die Heidlerche unentwegt ihr Schlummerlied. Ich recke und strecke mich und sehe nach der Uhr. Über eine Stunde habe ich hier im Sande gelegen und geschlafen. Das hat mir gut getan, denn kurz war meine Nacht und lang der Morgen heute. Kreuz und quer habe ich das Moor abgepirscht, bis es mir vor den Augen flimmerte von dem unermüdlichen Gezappel der weißen Wollgrasblüten. Den schwarzen Bock mit dem kurzen Gehörn traf ich aber ebensowenig an, wie die Tage vorher. Es ist heiß geworden; die Luft schlägt sichtbare Wellen über dem Heidbrinke. Der Wind, der heute morgen ging, hat sich gelegt, denn die Unterstunde ist da. Die Menschen, die auf dem Moore und im Feld schaffen, ruhen sich aus, und die Tiere der Sonne leben auf. Um die jungen Schüsse der Fuhren flittern purpurne Libellen, blaue Falter flattern über die Heidkrautzweige, rote Mordwespen glühen auf und ab, und die Luft blitzt von schnellen Fliegen. Die Hänflinge schwatzen, die Baumpieper schlagen, hoch oben am hellen Himmel kreischen die Turmschwalben, und die Frösche im Graben plärren vor Behagen. Ich überlege, was ich beginnen soll. Um diese Zeit hat der Bock seinen dummen Gang, und ich kann ihn überall antreffen, aber eben deswegen auch nirgendswo. Es ist möglich, daß er jetzt, wo alles so still ist, auf die Wiese austritt, oder im Stangenorte herumbummelt; doch es ist ebenso wahrscheinlich, daß er in der dicksten Dickung sitzt. So sehe ich denn der Eidechse zu, die breit und faul auf dem Baumstumpfe liegt und hin und wieder nach einer Fliege schnappt, blickte den bunten Sandkäfern nach, die eilig dahinrennen und ab und zu auffliegen und ihre goldgrünen Leiber enthüllen, und entdeckte schließlich ein frisch ausgeschlüpftes Nachtpfauenauge, dessen Flügel zusehends länger und breiter werden. Dann ist noch der Steinschmätzer da, der hurtig über die Sandwelle rennt, der Neuntöter, der auf dem alten Rosenbusch sitzt, und der dreihörnige Dungkäfer, der sich bemüht, eine Schafmistkugel nach seiner Erdhöhle zu rollen. So habe ich genug zu betrachten und langweile mich kein bißchen. Eben beobachte ich eine lange Wespe mit langgestielten, rotem Bauche, die eine Raupe mit ihrem Giftstachel gelähmt hat und sie nun nach dem Loche zerrt, wo sie ihre Brut hat, und eine kleinere, die es mit einer unglücklichen Spinne ebenso macht, da höre ich den Würger warnen. »Täck täck«, sagt er und wippt mit dem schwarzweißen Schwanze. Er wird ein Kaninchen anmelden, denke ich, drehe mich aber doch zur Seite und blicke nach der Richtung, wohin er den Schnabel hält. Aber da sehe ich zwischen den Fuhrenkusseln zwei Lauscher und mache mich ganz klein, denn ein Reh steht dort. Ich kann nicht erkennen, ob es ein Bock oder eine Ricke ist, und so drücke ich mich noch tiefer in den Sand, bis es aus den Büschen heraustritt und sich als ein rotes Schmalreh mit schwarzer Sattel ausweist. Vertraut zieht es der alten Besamung unter mir zu. Dort macht es ein Weilchen halt, äugt zurück und taucht in den Fuhren unter. Die Elster in der hohen Pappel schwatzt, Uferschwalben sausen fröhlich plaudernd vorüber, eine Heidlerche trippelt zwischen den Seggenhalmen umher, die Haubenmeisen trillern und die Hummeln brummen. Die Eidechse hat Gesellschaft bekommen. Ein Männchen flitzt um sie herum, stellt sich hoch auf die Beine, wackelt auf schnurrige Weise mit dem Kopfe, schnellt den Schwanz auf lächerliche Art, sucht sie zu packen, wird abgeschüttelt, fährt wieder zu und verschwindet hinter dem davonrauschenden Weibchen im Heidkraute. Das Pfauenauge hat seine prachtvollen Flügel fertig und schwingt sie so heftig, daß eine winzige junge Kreuzkröte mit goldgrünen Augen aus Angst ganz platt wird und dann schleunigst unter ihren Stein zurückkriecht, wobei sie einen Pillenkäfer erschreckt, daß es alle seine Beine anzieht und wie eine Kaffeebohne aussieht. Eine Ameise kommt dem kleinen, sauber ausgezirkelten Trichter vor dem kleinen Wacholder zu nahe, eine Ladung Sand fliegt gegen sie, sie rutscht in die Tiefe, der Ameisenlöwe packt sie und zieht sie hinab. Aus dem Ginsterbusche kommt das dünne Todesgewimmer einer Fliege, die von einer Spinne eingewickelt wird, und eine dickköpfige schwarze Grille sitzt vor ihrem Sandloche und fiedelt lustig. »Täck täck«, macht der Würger wieder. Ich drehe mich zur Seite und sehe dort, wo das Schmalreh verschwand, den gelben Spiegel eines schwarzen Rehes in den Fuhren versinken. Sofort bin ich hoch, denn dem Bilde nach war es ein Bock. Ich pirsche, so schnell ich kann, unter der Besamung her, aber wie ich an der Schneise vor der Dickung bin, sehe ich hinter den hohen Heidbülten nur einen Streifen vom Widerrist dahingleiten. Ich laufe, was ich kann, bis ich am Kopfe der Dickung stehe, und da passe ich und passe, gewahre den Bock aber nicht. Ich lauere und vertreib mir die Zeit damit, dem Brachpieper zuzusehen, der auf dem Sandberge umhertrippelt, dem Turmfalken, der über dem Stangenorte Libellen greift, und den Kaninchen, die an den Fuhrenwurzeln scharren, höre, wie die Bienen summen und die reifen Kienäpfel mit Geknister aufbrechen, vernehme plötzlich, wie es in der Dickung laut bricht und brummt und rasselt. Das ist der Bock; er schlägt und plätzt. Das dauert eine kleine Weile, und dann hört es auf. Und ich stehe da und starre nach der rauhen Fuhre, die mir den Ausblick auf die Bahn versperrt, und in der unaufhörlich ein Laubvögelchen umherhüpft und auf jämmerliche Weise piept, bis mir das Harren zu langweilig wird und ich in den tauben Graben hineinschleiche, der sich durch den raumen Ort zieht. Da ist es kühler. Die Bienen summen um die blühenden Himbeeren, die den ganzen Boden überziehen, in den Kronen giert die flügge Meisenbrut hinter den Alten her, die Finken schmettern und der Buntspecht hämmert. Behutsam schleiche ich in der Grabensohle entlang, die ganz mit einem feinen Grase und mit weichem Moose überzogen ist, ängstlich die Kienäpfel und jedes Stück Geknick vermeidend. Wenn ein Rotkehlchen meldet oder die Amsel angibt, bleibe ich so lange stehen, bis sie sich beruhigt haben, und ich warte auch, bis der Hase, den ich aufstörte, weiter gehoppelt ist. So komme ich bis auf die Brandrute, die das Holz der Länge nach durchschneidet, spähe nach rechts und links herunter, nehme aber nichts wahr als ein Kaninchen und eine Holztaube, die im Sande Steinchen aufnimmt. Hier will ich bleiben, solange ich es aushalte. Zur Linken liegt das Moor und rechter Hand die Kleewiese. Es ist nicht unmöglich, daß der Bock um die Unterstunde hier herumbummelt. So lasse ich mich denn auf einem ganz vom Moose besponnenen Baumstumpfe nieder, bringe die Pfeife in Brand und passe. Eine große, grüne, blaugezierte Edeljungfer schwebt auf der Brandrute hin und her, ab und zu mit einer blitzschnellen Wendung eine schillernde Schwebfliege haschend. Ein Sperber kommt angeschwenkt, drückt sich an einen Stamm, äugt eine Zeit lang umher und streicht weiter. Das Laubvögelchen zwitschert zärtlich, ein Täuber gurrt, eine Krähe quarrt vorüber. Irgendwo singt der Goldammer, die Heidlerchen dudeln am Himmel, und die Hummeln brummen. Mir werden die Augen wieder klein. Da kreischt die Amsel gellend auf, der Specht warnt und der Häher sagt an. Ich bin sogleich ganz wach und werfe die Blicke hin und her. Brach es nicht eben da zur Rechten? Ich habe den Mund auf, um besser lauschen zu können. Da bricht es wieder und da ragt ja auch das Haupt eines Rehes über die hellgrünen Himbeeren. Es wird das schwarzrückige rote Schmalreh sein. Nein, es ist eine schwarze Ricke. Und hinter ihr ist noch eins, der Bock? Ich möchte aufstehen, um weiter sehen zu können, aber ich darf mich nicht rühren, denn die Ricke äugt nach mir hin. Jetzt tritt sie vor den lichthungrigen Wacholderbusch, und hinter ihr her zotteln zwei rote Kitze. Langsam ziehen die drei dem Ende des Stangenortes zu und verschwinden im Gestrüpp. Ich stehe auf, denn von dem Kauern auf dem niedrigen Sitze ist mir das linke Bein eingeschlafen. Gerade will ich mich nach meiner Pfeife bemühen, die ich aufzunehmen vergaß, da höre ich es wieder leise brechen, und wie ich hinsehe, steht ein schwarzes Reh dicht an der Brandrute, das heftig mit den Lauschern nach den blinden Fliegen schlägt. Ich kann es nicht ansprechen, denn die Stangen decken es. Es zieht gemächlich der Dickung zu. Einmal hebt es das Haupt, und da erkenne ich, daß ich den Bock vor mir habe. Sobald er sich wieder äst, falle ich in mir zusammen, lege Hut und Rucksack ab, ziehe die Schuhe aus und schleiche dann tief gebückt in den Graben zurück. Wenn ein Farn oder ein Wacholder mir Deckung gibt, mache ich mich lang und suche nach dem Blatte, doch immer deckt eine Stange es oder das Himbeergestrüpp. Und jetzt, wo er einigermaßen steht, rasselt eine Eichkatze vor mir den Stamm entlang und faucht und schnalzt wütend nach mir herunter. Sofort dreht sich der Bock spitz zu mir hin und sichert scharf. Einmal tut er so, als wenn er sich wieder äsen will, aber sofort hat er den Kopf wieder oben. Schließlich wendet er sich ein wenig, so daß er halb spitz zu stehen kommt. Und nun denke ich an den alten Weidmannsspruch: »Wo Vorsicht ihm nichts nützen kann, hilft Kühnheit oft dem Jägersmann«, ziehe langsam den Kolben in das Gesicht, bringe das Silberkorn in den Bock, steche schnell ein, drücke, springe nach dem Knall auf den Grabenrand und sehe den Bock mit dem Windfang am Boden dahinrutschen. Den habe ich, das weiß ich. Ich hole mir meine Sachen und gehe schnell im Graben bis auf die Schneise und dann an ihr vor dem Stangenorte entlang. Ich brauche nicht weit zu gehen; vor der rauhen Fuhre, hinter der er vor einer halben Stunde herzog, liegt er im Sande, steintot und ohne noch mit einem Laufe zu schlagen. Die Mühe habe ich mir um ihn gegeben, bin so manches liebe Mal seinethalben um Mitternacht in das Bett gekommen und verließ es schon zwei Stunden hinterher, und wurde doch immer von ihm angeführt. Und nun brachte ich ihn ohne viel Mühe auf die Decke um die Unterstunde, als er seinen dummen Gang hatte. Am schwarzen Luch Einen gehörigen Ruck mußte ich mir geben, als der Nachtwächter in mein Fenster hineinrief »Aufsteh'n! Drei Uhr!« Denn lang war der Tag gewesen, heiß und voller Verdruß. In aller Frühe hatte ich geweidwerkt, hatte über Mittag gepirscht und abends angestanden; aber alles war umsonst. Und als ich todmüde auf das Bett fiel, ließ mich das Gewitter nicht vor Mitternacht einschlafen. Aber nun bin ich froh, daß ich mich nicht auf die andere Seite gedreht habe, denn dieser Morgen ist frisch und kühl. Die Wiesenblumen biegen sich im Tau, der Wachtelkönig schnarrt im langen Grase, die Unken läuten und das Geplärre der Frösche schallt mit dem Quarren der Taucher vom See herüber. Dazu schlagen die Nachtigallen und schwatzen die Rohrsänger. Ich überlege einen Augenblick, unterdes ich auf das dumpfe Brummen der Dommel und das helle Quieken der Wasserhühner hinhorche und einen Blick auf den Fuchs werfe, der wie ein Schatten im Nebel auftaucht und darin wieder untergeht, ob ich an dem See entlang pirschen oder zwischen den Kleeschlägen umherspähen soll; hier wie dort ist mir ein Bock sicher. Aber dann denke ich an den alten Schlauberger vom schwarzen Luch und mache, daß ich in die Heide komme. Da ist es feierlich still. Gespensterhaft stehen die Wacholderbüsche da und die verkümmernden Kiefern schneiden mir sonderbare Gesichter. Kaninchen huschen lautlos vor mir fort; dann und wann warnt eins mit lautem, unheimlich klingendem Klopfen. Auf dem Windbruche singt der Steinschmätzer sein Nachtlied, und in der Ferne spinnt und pfeift die Nachtschwalbe. Vorsichtig schleiche ich über den moosigen Boden, der noch weich von dem Gewitterregen ist, bleibe alle zehn Gänge einen Augenblick stehen und lausche hin und her. Ein Rotkehlchen ist erwacht, geistert vor mir her und warnt leise, eine Kreuzkröte rennt eilig über den Fußpfad, eine Ohreule streicht lautlos vor mir ab; weit weg ruft der Kuckuck. Nun bin ich auf der Höhe des Sandberges und spähe nach dem Luch hinab, in dem die Unken feierlich läuten und von dem der betäubende Duft des Sumpfrosmarin herauskommt. Der Spring rieselt verstohlen in dem buntgeblümten Wiesengrunde, unter den grauen Morgenwolken dudelt die Heidlerche ihr liebes Lied, und von irgendwoher schallt der eintönige Ruf des Wiedehopfs. Der Nebel liegt ganz fest auf dem vermoorten Heidsee. Einmal will es mir scheinen, als tauche das Haupt eines Rehes darin auf; im nächsten Augenblick ist die Erscheinung verschwunden. Eine Krickente ruft, ein Bekassine meckert, eine Ralle pfeift; alle diese Laute sind auf lange Zwischenräume verteilt und machen die Stille noch stummer. Kühl weht es aus dem Luch heraus, so daß mich ein Frösteln ankommt. Und mir fällt ein, daß dieser Ort verrufen ist, denn vor Jahren wurde hier der junge Förster tot aufgefunden; ein Schrotschuß hatte ihm das ganze Gesicht fortgerissen. Die Nebel tanzen hin und her, geben einen Schatten frei, der zwischen ihnen ist, hüllen ihn wieder ein, und ich höre es keuchen und von dannen prasseln. Dann vernehme ich einen gellenden, plärrenden, schrecklichen Schrei, ein Poltern hier und da und nehme die Büchse herunter, mache scharf und spähe hin und her und her und hin. Aber der Schrei ist verweht und ringsum ist es wieder still. Das erste Rotkehlchen singt und eine Drossel flötet sich aus dem Schlafe, ein kühler Wind macht sich auf und stößt die Zöpfe der Kiefern gegeneinander, daß mir kalte Tropfen auf Nacken und Hände schlagen. Da merke ich, daß es ganz hell um mich geworden ist und daß der Nebel nicht mehr auf dem Luche liegt. Aber kein Reh steht an seinem Rande, auf dem stolzer Hahnenfuß seine goldenen Blumen emporreckt und rosige Knöterichrispen den Tau von sich schütteln. Doch hinter dem weißblühenden Sumpfrosmarin zwischen den kranken Kiefernstangen, die von dem Torfmoose um ihr Leben gebracht werden, war eben ein Etwas, das sich bewegte. Der alte Bock mit dem weißen Gesicht wird es gewesen sein. Ich lasse die Stelle nicht aus den Blicken. Mücken umsingen mich und setzen sich auf meine Handgelenke. Ich blase ihnen den Pfeifenrauch zu. Ein Holzbock kriecht langsam über meine rechte Hand und sucht eine Stelle, wo er sich einbohren kann. Ich setze ihn so lange unter Dampf, bis er still liegt. Ich starre aber immer dahin, wo hinter den weißen Blumen der graue Schatten hochkam, und lauere und lauere, bis er endlich wieder da ist und ich erkennen kann, daß es der alte greishäuptige Raufbold von Bock ist, der keine anderen in seiner Nähe duldet und die ganze Ecke hier von Böcken blank gemacht hat. Stolz und steif steht er da, gut gedeckt von den mit greisen Flechten bedeckten Kiefernstangen. Nur ein Handvoll von seinem Blatte gibt er frei und den halben Hals. Ab und zu schlägt er mit den Lauschern die Mücken ab; gleich darauf aber steht er wieder da wie hingemauert. Ich überlege, ob ich nicht zu ihm hin kann; doch das geht nicht. Er hat sich einen sicheren Stand ausgesucht. Das Luch schützt ihn hier und da, und an der dritten Seite der Luftzug. Eine Stunde würde es dauern, umginge ich ihn, und dann ist er vielleicht wer weiß wo schon. Ein bißchen weit ist es ja bis drüben hin; doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich nehme ihm das Maß und mache den Finger krumm. Mit Angstgequake stehen drei Erpel auf, die in dem Luche lagen, eine Misteldrossel zetert, und ein Specht schimpft. Ich warte und horche und spähe; aber drüben ist es still bis auf das Getriller der Haubenmeisen. So steige ich denn den Abhang hinab, wate durch die moorige Wiese, schleiche, so leise es geht, nach dem blühenden Sumpfrosmarin hin, und stehe dann bei dem alten, sehr alten, zu alten Bock vom schwarzen Luch, der keinen andere neben sich dulden wollte. Denn sein Gehörn ist häßlich; schwarz ist es und schlecht vereckt, ohne Perlung und brandig. In seinen Lichtern ist ein grünes Glimmen, das von Angst und Haß bis über den Tod hinaus spricht und laut zu mir redet: »Ich wollte ja weiter nichts mehr vom Leben als Einsamkeit und Ruhe; konntest du das mir wenigstens nicht lassen?« Fast ist mir so, wie ich den Sandberg hinaufsteige und er mir den Rücken wärmt, er habe recht. Aber dann denke ich: wer weiter nichts vom Leben will, hat auch darauf keinen Anspruch mehr. Gewittersegen Auf den dicken weißen Wetterkopf, der gestern abend, als die Nachtschwalben an zu prahlen fingen und die Frösche losquarrten, über das Moor kam, hatte ich meine Hoffnung gesetzt; sie wurde zuschanden. Ein jedes Mal, wenn die Wolke sich vor den Mond drängte, schlug er sie auf den Kopf, und ob sie auch murrte und knurrte und ihm wutrote Blicke zuwarf, immer und immer mußte sie wieder hinter das Moor zurück und sich dort bergen. So ist der Tag heute so tot, wie es der gestrige war. Die Sonne sticht vom hohen Himmel herab, die Lust bebt über den Sandbergen, kein Blatt rührt sich, die Vögel singen verdrossen, aber die weißen Falter und die blanken Schillebolde freuen sich ihres Lebens und die blinden Fliegen sind noch frecher als gestern. Ehgestern lachten meine Blicke die zarten Blumen der Wasserprimeln an, die sich aus den Gräben recken liebkosten die goldenen Lilien und streichelten die leuchtenden Vergißmeinnichtblüten; gestern lächelten meine Augen nur und heute sehen sie müde auf alle die Pracht rechts und links vom Wege, auf die mannshohen, blumenbedeckten Brombeeren und die strahlenden Schneeballdolden. Die Schwüle ist zu erdrückend und die Fliegen sind zu schlimm. Vergebens glüht das Wohlverleih, leuchtet das Knabenkraut; umsonst läßt die blaugezierte Edeljungfer ihre goldbraunen Schwingen schimmern, funkelt der Dukatenfalter vor mir her. Ich wische mir den Schweiß ab und fahre alle Augenblicke mit der Hand nach Nacken und Backen, zerquetsche das graue und schwarze Geschmeiß, das sich dort vollsaugt und das selbst dem Pfeifenrauche nicht weichen will. Da erhebt auf dem Windbruche plötzlich der Laubfrosch seine Stimme, vom hohen Holze her kommt das Getriller des Schwarzspechtes, und nun sehe ich auch daß die nackten schwarzen Schnecken, von denen sich gestern kaum eine sehen ließ, überall auf dem Weg umherkriechen. Wiederum meldet sich der Laubfrosch und in demselben Augenblicke schüttelt sich der Espenbaum, daß es rasselt, die Birken rühren ihre Zweige, die Ellern bewegen ihr Laub, sogar die Fuhren regen sich, oben vom Wege kommt ein Sandwirbel angetanzt und die Kuhtauben flüchten sich vom Felde. Fort ist die Sonne. Eine dicke dunkle Wolke beschattet das Bruch und vor ihr rennt ein keuschender Wind her. Ich eile den Pirschsteg an dem Bache entlang bis zu dem Windbruche, krieche unter die drei übereinander geworfenen mächtigen Wurfböden und sehe über die Blöße hin. Kein Vogel singt mehr, alle Falter sind fort, und von allen Libellen schwebt nur noch die große Edeljungfer über dem Bache hin und her. Ein böses Murren kommt durch die Kronen, es klappert hier und dort, die Libelle fällt tot vor mich hin, es rasseln die Schloßen herunter, daß Blüten und Blätter zerreißen und Stengel und Stiele zerknicken, der Bach verschwindet im Regengerausche, der Himmel füllt sich mit Flammen und die Luft mit Donnergebrüll und Sturmgeheul. Ich nehme die wunderschöne Libelle auf, die der Hagel erschlug, und betrachte sie, um nicht so ganz allein zu sein, und ich bin erfreut, daß dicht vor mir ein Rotkehlchen auf einer Wurzel Platz nimmt und mich mit seinen großen dunklen Augen ansieht. Denn das Wetter ist sehr böse. Es kommt mir fast vor, als habe es einen Groll gegen mich, so prasselt der Regen, rasselt der grobe Hagel auf mein Schutzdach, so blenden mich die gelben und blauen Flammen und so hart und schwer ist der Donner. Aber da läßt der Sturm nach, und der Hagel hört auf, und ob es auch noch flammt und grollt da oben, es singt schon wieder ein Fink, es trillert eine Meise, lustig meckert der Laubfrosch und vergnügt schmettert der Zaunkönig sein Liedchen dem abziehenden Wetter nach. Der Regen hat ein Ende genommen. Ich krieche unter den Wurfböden hervor, recke und strecke mich und atme so tief, wie ich es alle die Tage nicht tat, da ich matt und müde durch Bruch und Wohld schlich. Jeder Sonnenfleck freut mich wieder, jegliche bescheidene Blume und alles Getier, das ich zu Blick bekomme, selbst der Markwart, der Schreihals, der es weithin kundgibt, daß ich daherkomme. Ich lasse ihn kreischen und gehe dem Bruche zu, dem halben Wind zu, der erfüllt ist von dem schweren Geruche des Adlerfarns und dem Dufte der Fichten und Fuhren, und von dem es zu mir heranschallt von vielerlei lustigen Stimmen, das schöne, wilde, böse Bruch, das ich trotz der Otter liebe, die sich in seinem Mulme birgt, und trotz der Mücken und blinden Fliegen, und der Holzböcke und der Gnitten, die mich diese Tage quälten was sie nur konnten. Wie schön die Wasserprimeln in den Gräben schimmern, wie herrlich die goldenen Lilien strahlen und die Vergißmeinnichtblüten leuchten. So blank ist das Ellernlaub, so frisch sind die Farne, und die Brombeerbüsche funkeln und blitzen nur so. Und hier ist eine frische Fährte im hellen Sande, und da eine andere im dunklen Schmoor, und dort wieder eine, und da zwei durcheinander; die Rehe sind rege. Ehgestern und gestern und heute bargen sie sich in der Dickung, traten erst heraus, wenn die Eule längst gerufen, lagen und steckten sich wieder im Porste, ehe der Kuckuck den Tag einläutete. Nun zieht hier ein feuerroter Fleck über die Bahn, da leuchtet einer aus den Büschen und flammt dort einer am Ende des Dammes. Es sind zwar alles nur Ricken und Kitze; doch ich weiß es, daß die Böcke auch draußen sind. Ich fahre zusammen. Es rasselt dicht vor mir hinter den hohen Brombeeren, prasselt in die Ellern. Da war ein Bock; ich sah es blank zwischen den Lauschern blitzen, und so kurz und hart, wie dieses Stück aus der Dickung herausschimpft, schmält kein Mutterreh. Hätte ich nicht dem Pfingstvogel nachgesehen, der wie ein Stück Sonnenschein über das Gestell hinschwebte, und hinter dem Kukuck hergeblickt, der laut rufend dahinstrich, so hätte ich jetzt schon zu Schuß kommen können. Doch ich liebe die mühelos gewonnene Beute nicht, und so pirsche ich zurück bis zu dem Knüppeldamme, der an das Ende der Rodung führt der der Bock zufloh. Ganz langsam schleiche ich voran, den Brombeerranken ausweichend, die nach meinen Beinen langen, und den Ellernzweigen, die meine Schultern streifen wollen. Oft muß ich haltmachen, bis die Grasmücke sich beruhigt hat, oder die Amsel, die auf dem Boden Würmer sucht, davonfliegt, oder bis die Ricke mit den beiden Kitzen, die um sie herspringen, weitergezogen ist. Dann stehe ich lange vor der Sauerwiese, weil sich an deren Kante ein roter Fleck zwischen den Birkenbüschen bewegt und ich nicht klug daraus werde, bis er endlich heraustritt und sich als eine Schmalricke ausweist, und schließlich, dicht vor der Blöße, halten mich zwei Krähen auf, die an dem Bache herumwackeln. Und als die sich von dannen machen, merke ich, daß ich hier faulen Wind habe und wieder ein Ende zurück muß, bis zu der Stelle, wo ein alter Wildwechsel mich zu der Rodung bringt. Aber der Bock ist nicht da. Zwei Kuckucke zanken sich mit großem Lärm um ein Weibchen, das sich kichernd vor ihnen flüchtet, die Grasmücke schwatzt, der Baumpieper schmettert, der Goldammer singt, und ein Hase sitzt da und läßt sich von der Abendsonne bescheinen, deren Strahlen die ganze Blöße vergolden und auf die Fuhrenstämme rote Lichter malen. Die Turteltaube gurren zärtlich im Dickicht, ein Specht schnurrt dahin, die Rotkehlchen singen immer liebevoller. Unter dem Himmel rudert ein Reiher behäbig der Aller zu. Flüge von jungen Staren brausen vorbei. Am Holzrande erheben sich die Nebel und steigen vor den Büschen empor. Mücken kommen angesummt, singen sich bis an mein Gesicht heran und prallen vor dem Pfeifendampfe zurück. Die roten Sonnenmale auf den Stämmen verschwinden. In den Fuhren unkt die Ohreule. Der Nebel lege sich fester auf den Kahlschlag. Das Holz drüben wird unsichtig. Rote Abendfalter wirbeln um die Brombeeren, und Mistkäfer brummen schweren Fluges an mir vorbei. Eine kühle Luft streicht mir entgegen. Ich bekomme müde Augen. Aber der rote Schimmer vor dem Birkenbusch weckt meine Blicke wieder. Doch es ist der Bock nicht; es ist ein letzter Sonnenstrahl der einen Baumstumpf getroffen hat. Die erste Nachtschwalbe spinnt; eine zweite fällt ein, pfeift gellend auf und kommt lautlosen Fluges dahergetanzt, um wild jauchzend die Flügel zusammenzuknallen. Jetzt rüttelt sie vor dem breiten Brombeerbusche, hebt sich, senkt sich, schwingt sich weiter, kehrt zurück und rüttelt wieder, tut gerade so, als stände da ein lebendes Wesen. Nun ist die andere auch bei ihr. Wie zwei Gespenster schweben die beiden Nachtvögel dort auf und ab. Ich sehe schärfer hin, und mein Herz macht einen kleinen Sprung. Da steht der Bock, steht da und sichert nach mir hin. Das dauert eine ganze Weile. Endlich, als drüben eine Amsel zetert, weil sich dort ein anderes Reh aus der Dickung schiebt, eine Ricke nach Bau und Gang, äugt er dahin. Da wage ich es die Büchse zu heben, die Stelle zu suchen, wo sein bestes Leben sitzt, und einzustechen, und ehe er noch abspringen kann, drücke ich und sehe über den roten Strahl, der durch den weißen Nebel zuckt, hin; doch der Pulverdampf schlägt mir vor das Gesicht. Die Ricke springt ab, und links von mir flüchten Rehe von dannen, die ich nicht gewahrte. Das Schußfieber schüttelt mich ein wenig, aber ich warte doch, bis der stinkende Qualm sich verzogen hat, ehe ich zum Anschusse gehe. Der Bock ist nicht da, aber mein Taschentuch, mit dem ich über das Gras und die Brombeerblätter fahre, färbt sich hellrosenrot. Langsam gehe ich den Damm zurück, ein Stückchen von den Nachtschwalben begleitet. Der Himmel ist hoch und hell und auf den Wiesen liegt der Nebel. Das gibt einen frischen Morgen für eine fröhliche Nachsuche. Am Wildbache Die letzten Tage hatte der Bach schlechte Laune; holterdiepolter kam er dahergetobt, schäumend und zischend vor Wut. Nun hat er den Ärger darüber, daß das Gewitter da oben in den Bergen seine Wellen trübte, verwunden und sprudelt und strudelt wieder klar und lustig dahin. Die Forellen, die sich in den Felsspalten und unter den Ellernwurzeln verkrochen hatten, solange der Bach Hochwasser führte und seine Wellen trübe und schmierig waren, haben ihre alten Plätze wieder eingenommen, und ich will sehen, ob ich nicht ein paar Pfunde zusammenfischen kann, denn die Luft ist weich und drückend. Um die gelben Fingerhutblüten, die an den roten Felswänden nicken, und die blauen Glockenblumen, und über den weißen Schirmen der Dolden und den gelben Rispen des Goldweiderich summt und brummt es, und über dem Wasser schwirrt und flirrt es nur so von Wassermotten und Köcherfliegen; fortwährend gehen die Forellen danach auf. Ich glaube, sie beißen heute gut. Hier vor mir, wo die sechs alten Ellern den Kolk unter dem hohen Ufer beschatten, stehen meist gut Fische. Da will ich es zuerst versuchen. Ich gehe etwas dichter an das Ufer. Mit schrillem Rufe stiebt der Eisvogel ab; herrlich funkelt sein märchenhaftes Gefieder in der Sonne. Ein dutzendmal lasse ich die künstliche Fliege auf das dunkelgrüne, langsam dahinquirlende Wasser fallen, doch kein Fisch beißt. Ich nehme mehr Leine und werfe nach drüben hin, wo der Bergholunder die Klippe mit roten Korallen geschmückt hat und unter ihm das Waldkreuzkraut sich aus dem Geröll erhebt und mit breiten, goldenen Blütenschirmen prahlt. Zweimal, dreimal werfe ich, bekomme aber wieder keinen Anbiß auf die trockene Fliege. So will ich es mit der nassen versuchen. Ich werfe in den Strudel, und das sprudelnde Wasser führt den künstlichen Köder zwischen den Klippen hindurch nach dem Kolke unter den Ellern. Sofort habe ich Biß, haue an und fühle am Gegenzug, daß ein sehr guter Fisch den Haken hat. In das strudelnde Wasser muß ich nun bis über die Knie hinein bis an das andere Ufer; denn wenn ich von dieser Seite aus den Fisch drille, so verfängt sich die Leine in den Zweigen. Die Wellen schlagen mir bis an den Leib, und das Wasser ist kühl, aber das schadet nichts; die Hauptsache ist, daß ich meinen Fisch bekomme. Ich lasse ihm so viel Schnur, wie er haben will, und hole dann wieder auf. Aber das gefällt ihm nicht; er wehrt sich kräftig, und versucht sich loszuschlagen, und ich muß scharf aufpassen, daß Rute und Leine immer gespannt bleiben, und nur sehr vorsichtig kann ich den Fisch davon abbringen, das hohle Ufer anzunehmen und sich unter dem Stakwerke zu bergen. Fast eine Viertelstunde muß ich ihn drillen ehe er klein beigibt und ich ihn im Käscher habe. Er ist ein pfündiger Fisch, ganz dunkel gefärbt, so daß die roten Flecke kaum zu sehen sind. Hier darf ich vorläufig nicht mehr fischen, denn durch das lange Drillen habe ich den Platz beunruhigt. Dort unten, wo die Felsen weit in den Bach hineintreten und ihn von beiden Seiten einzwängen, ist eine gute Stelle hinter der überschäumten Klippe; tief ist das Wasser da und klar und still. Mehr als einen guten Fisch habe ich da schon herausgeholt. Die Wasseramsel knickst höflich, als ich herankomme, und schnurrt dann bachabwärts. Ich versuche einige Male, trocken zu fischen, doch auch hier habe ich damit kein Glück, und wieder muß ich, so wenig Freude mir das macht, mit der nassen Fliege fischen. Doch die braune Fliege wird nicht genommen; ich suche ein helles Heupferd in dem Fliegenbuche, knüpfe es als Hauptfliege an das Vorfach und werfe oberhalb der Klippe ein. Kaum hat der Köder das Stillwasser gefunden, so ist Anbiß da, doch auf mein Anhauen gibt es einen Plumps und ein Blitzen, und wie ich anrolle, sehe ich, daß die Beifliege sich in einer Steinspalte gefangen hat. Ich gehe bachabwärts, ziehe vorsichtig, bis der Haken sich löst, und suche mir einen anderen Platz. Da unten, wo Disteln, Dolden, Kletten, Glockenblumen, Blutweiderich, Rainfarn und Kreuzkraut ein hohes, bunt blühendes Bollwerk am Ufer bilden, gehen gute Fische auf. Ich werfe, habe Biß und lande ohne viel Mühe eine halbpfündige Forelle, und gleich darauf eine gleich schwere, und noch eine, die fast ebensoviel wiegt. Aber ich will ganz starke Fische haben, und so gehe ich bachaufwärts und lasse die Fliegen wieder nach dem Kolk unter den Ellern treiben, denn wenn eine der groben Standforellen gebissen hat, wird wohl auch noch eine die Fliege nehmen. Ich wate quer durch den Bach bis an das andere Ufer, was die Bergbachstelze, die dort nach Fliegen springt, sehr verdrießt, denn nun muß sie sich einen andere Platz suchen, und lasse die Fliege in den Strudel fallen. Sie verschwindet in dem Gischt, taucht wieder auf und treibt nach der falschen Seite hin. Erst beim vierten Male habe ich sie da, wo sie hin soll, sehe einen golden Schein unter ihr, fühle einen leisen Ruck, so daß ich denke, ein Häsling spiele an dem Köder, doch sowie ich anhaue, dreht sich die Rolle in rasender Eile, so daß ich kaum Zeit habe, die Kurbel zu fassen. Kreuz und quer saust der Fisch durch den Bach, ist bald im Kolke, bald in der Untiefe, nun dicht vor mir, dann da unten, jetzt drüben bei den Ellern in der dunkelgrünen Stillflut, und darauf zwischen den Klippen mitten in dem weißen Gischt. Fortwährend muß ich aufrollen und ablassen, bald Leine geben, bald nehmen und immer aufpassen, daß die Schnur sich nicht hier in den Zweigen der Ellern, dort in dem Rosenbusch, da in dem Kreuzdorn und den Schlehen verfängt. Schon denke ich, die Forelle ist matt und gibt sich, da geht das Getobe aufs neue los. Jetzt blitzt es unterhalb des rosig blühenden Wasserhanfes, nun da, wo die breiten Blätter der Pestwurz sich spiegeln, und zeigte die Spitze der Rute, die dicht über dem Bache hin und her zuckt, eben nach links, so ist sie jetzt wieder nach rechts geneigt, sie hebt sich, senkt sich, schnellt in die Höhe, krümmt sich von neuem, und je nachdem der Fisch sich hier- oder dorthin wendet, muß ich die Kurbel der Rolle so oder so drehen, muß drüben zum Ufer hin und wieder zurück, und bin schließlich bis an die Hüften vom Spritzwasser durchnäßt und tropfe im Gesicht von Schweiß. Der Fisch gibt sich jetzt anscheinend. Da, wo der Brombeerbusch sich über die Wellen neigt, endet die Schnur im Wasser. Ich gebe scharf acht, und als eine Weile die Schnur so bleibt, wie sie ist, versuche ich es mit dem Drillen. Doch sobald ich Schnur nehmen will, muß ich wieder welche geben, mit solcher Gewalt schießt der Fisch bachabwärts. Dann wendet er jäh und flieht gegen den Strom, und ich muß die Leine in aller Eile kürzen und mich schnell umwenden, um ihrer Bewegung zu folgen. Im Nu geht der Fisch aber wieder mit dem Strome; abermals muß ich mich umdrehen und ihm Leine geben. Ich lasse ihm so viel, wie ich habe. Dann aber ist es mit meiner Geduld aus und alle. Ich drille ihn, so schnell ich kann, gegen die Strömung, daß er das Atmen lassen muß, mit weit aufgerissenem Maule bis dicht vor meine Füße gerissen wird und den Käscher erst spürt, als er längst darin ist. Es ist ein Fisch von mehr als zwei Pfund, ebenso tiefgefärbt wie der pfündige, den ich vorhin hier holte; ein alter Räuber, der wohl manche geringe Forelle auf dem Gewissen haben mag. Nun will ich wieder zu der Klippe zurück, wo sich eben der Haken verfing. Ich lasse die Fliege einmal über das andere auf die Stillflut fallen, sehe auch, daß fast jedesmal ein guter Fisch daran zupft, doch beißen will keiner. So muß ich wiederum naß fischen. Sobald die Fliege aus dem Strudel hervortaucht, habe ich Biß und lande ohne viel Mühe einen halbpfündigen Fisch. Doch ein viel gröberer, wohl pfündiger, schlägt sich beim Anhauen los, und ein dritter reißt die Leine in den Schlehenbusch, daß sie sich verfängt und der Fisch abgeht. Ich sehe nach der Uhr; es ist Zeit, daß ich zum Forsthause gehe, damit die Fische noch zurechtgemacht werden können. Der Förster hat Gäste, und die sollen heute frische Forellen haben. Und was ich heute fing, das langt für uns alle. Wer mehr fängt als er braucht, ist Raubfischer. Am Aeschenwasser Zarte, kaum sichtbare, blaß rosenrote Wetterköpfe stehen über den dunkelen Fichten im perlgrauen Dunste. Die Luft ist weich und warm und still; kein Lüftchen rührt an Halm und Laub. Die Schwalben fliegen tief, die Bremsen sind böse; über dem Bach schwirrt, flirrt es von allerlei großem und kleinem Getier, und alle Augenblicke geht ein Fisch danach auf. Mit der Fluggerte über der Schulter spähe ich den Bach entlang, der sich dort sprudelnd und strudelnd durch die zerwaschenen Klippen quält und hier glucksend und klucksend an grauen Schotterbänken und blumigen Ufern vorüberströmt. Dort drüben, wo ein dichtes, manneshohes Bollwerk von Disteln, Dolden, Glockenblumen, Spierstauden, Nesseln und Riesenampfer sich bis an das Ufer drängt, wo auf den roten, blauen, gelben und weißen Blüten es von Faltern, Käfern, Fliegen, Bienen, Wespen und Hummeln surrt und burrt, ging eben ein gute Fisch auf. Silbern blitzt er: eine Äsche ist es. Die will ich haben. Ich suche im Fliegenbuche eine große, braune Fliege, schlinge sie an das Vorfach, mache einen Probewurf in der Luft und lasse die Fliege dahin fallen, wo es wieder einmal blitzte und platschte. Kaum hat der künstliche Köder die Flut berührt, da habe ich Anbiß, haue an, merke am Mangel an Widerstand, daß es nicht die starke Äsche ist, schwinge einen Fisch von knapp einem Viertelpfund in die Wiese, löse ihn von dem Haken und werfe ihn wieder ein, der Bachfrau zuliebe, damit sie mir nicht den Fang verdirbt. Der starke Fisch geht jetzt dort auf, wo die Waldrebe das dunkle Laub der Ellern mit silbernen Sternen durchflicht und der Berghollerbusch seine roten Korallen leuchten läßt. Dreimal lasse ich die Fliege dahinfallen, wo sich das dunkelgrüne Wasser mit goldene Kringeln schmückt. Beim dritten Male gibt es einen Ruck, doch wie ich anhaue, surrt die Leine leer durch die Luft. Der Fisch hat nur gespielt. Ich fische eine Weile verloren, bringe die Fliege jetzt dahin, wo die Pestwurz ihre breiten Blätter spreizt, dann auf die Stelle, wo das Waidkreuzkraut mit seinen mächtigen goldenen Blütenschirmen prahlt, darauf vor den krausen Schneeballbusch, der über und über mit rubinroten Beeren behängt ist, aber kein Fisch beißt, alle zupfen nur. Die Luft ist zu dick und zu unsichtig für die graue Fliege. Ich beiße sie ab, knüpfe eine ganz helle an und werfe dort ein, wo vorhin die starke Äsche alle Augenblicke ihren silbernen Bauch zeigte. Dem Wurfe folgt Anbiß, und ich fühle es, ich habe sie, so biegt sich die Rute, so strammt sich die Leine, so zerrt und ruckt und spritzt und plantscht es. Ich gebe dem Fisch so viel Schnur, wie ich habe, und nehme sie ihm wieder, dreimal drille ich ihn zu mir her, dreimal lasse ich ihn ab, erst dann wird er ruhiger, wehrt sich nur noch wenig, ich kann ihn bis an das Ufer drillen, ihm den Käscher unterschieben und ihn in das Gras werfen, wo er fußhohe Sprünge macht. Eine mehr als pfüdige Äsche ist es. Ich habe ihr eben den Rest gegeben und sie in den Kober gleiten lassen, da burrt es den Bach entlang. Sechs putzwunderliche Vögel fallen auf der Schotterbank ein, knicksen wie Zaunkönige, piepen und wippen mit den Stummelschwänzen. Ein Wasseramselpaar mit seiner Brut ist es. Die Alten stürzen sich in die Flut, rennen auf der Bachsohle umher, tauchen dann auf, irgendein Gewürm im Schnabel, und locken die Jungen heran, die piepsend und mit kurzen Flügen zitternd ihnen entgegentrippeln und laut girrend sich füttern lassen. Ich sehe ihnen zu, bis die Alten sich aufnehmen und den Bach hinabfliegen und die Jungen dicht hinter ihnen herflattern. Hinter den goldgelben großen Blüten der Gauklerblume, die die Schotterbank schmückt, blitzte es lang und breit auf, und platschte es ganz gefährlich; das ist ein Fisch, der sich lohnt. Ich rolle die Leine kürzer auf, wate in das Vorwasser und werfe ein. Der Fisch nimmt sofort an und geht mit der Fliege ab, daß die Leine nur so von der Rolle fliegt. Sobald ich aufrolle, wirft er sich wieder so, daß ich Angst habe muß, daß er sich losschlägt, und ihm wieder Schnur geben muß. Schon ist er da unten bei dem Tollkirschenbusche hinter dem Schilfhorste, um den ein Geflitter und Geflatter von braunen, blauen und grünen Wasserjungfern ist, und hinter dem die ausgespülte Weide quer in dem Bache liegt; geht der Fisch bis dahin, so ist er mir verloren samt Fliege und Vorfach. Schon strammt sich die Schnur allzusehr und die Rutenspitze berührt fast das Wasser. Da hilft nur Gewalt. Ich wate bis auf die Schotterbank, und dann drille ich den Fisch so schnell stromaufwärts, daß ich ihm die Atemluft nehme und er mit offenem Maule über dem Bache auftaucht und betäubt in den Käscher zurückfällt. Ich wiege ihn in der Hand: anderthalb Pfund! Hinter der losgespülten Weide sah ich aber gestern zwei Fische stehen, die noch viel stärker waren, die jedoch keine Fliege nehmen wollten, so viele ich ihnen auch anbot. Vielleicht beißen sie jetzt, wo die Luft so dick und so schwül ist. Vom Ufer aus kann ich nicht angeln, hüben hindern die Ellern, drüben stürzt die Felswand jäh ab. Ich wate bis an den Leib in den Bach hinein, der sich alle Mühe gibt, mich umzuwerfen, übersteige den Baum, dränge mich an die Wand und belauere die Fische. Aber was da unterhalb des dichten Gewirres von goldenem Labkraut und blutroten Lichtnelken aufgeht, ist nur geringes Zeug. Doch da, unterhalb der Klippe, von der die Bergbachstelze nach Fliegen springt, wird alle Augenblicke das stille Wasser von einem leichten Gekräusel gemustert; die groben Fische nehmen dort antreibende Kerfe fort. Ich werfe einmal, zweimal, dreimal, doch sie kümmern sich um die Fliege nicht. Hier hilft mir das Fischen mit der trockenen Fliege nichts. Ich suche ein hellgrünes Heupferd aus dem Fliegenbuche und versuche es damit. Zweimal treibt es falsch, das dritte Mal schwimmt es, wie ich es will, und kaum ist es unter der Klippe, da verschwindet es in einem blitzenden Wasserkringel. So leise zart nimmt der Fisch die Fliege, daß ich meine, es ist ein ganz geringer, den ich im Schwunge landen kann, ohne ihn drillen zu brauchen. Doch dem Anhiebe folgt ein solches Plantschen und Pratschen, daß ich eiligst aufrollen muß und ebenso schnell Leine hergebe und immer denke, der Fisch schlägt sich los oder das Vorfach reißt oder die Rute bricht, so strammt sich die Leine, so biegt sich die Angel. Bald hierhin, bald dorthin wird die Rutenspitze gerissen: jetzt schießt der Fisch stromabwärts und ich muß ihm schnell Leine lassen; nun fährt er bachaufwärts und ich muß mit aller Gewalt drillen, damit die Schnur nicht schlaff wird und die Äsche sich nicht losschlägt. Eben war er unter der Klippe, nun ist er vor der Weide, jetzt platscht er vor den Ellern, nun wieder drüben vor dem Schilfe. Ich muß mich fortwährend drehen und wenden, aufpassen, daß ich in dem tiefen Wasser nicht den Boden verliere und lang hinschlage, und zugleich, daß Rute und Leine immer gestrafft bleiben, und so bricht mir der Schweiß am ganzen Leibe aus und Herz und Puls klopfen und schlagen wie im Fieber. Endlich gibt sich der Fisch. Rute und Schnur rühren sich nicht. Langsam nehme ich Schnur, aber sofort folgt darauf ein wütendes Reißen und Rucken. Ich achte kaum auf den Eisvogel, der den Bach entlang geschrillt kommt und im Bogen um mich herumblitzt, ich weiß es nicht recht, fängt es an zu regnen, oder tröpfelt es bloß so von meiner Stirn, ich blickt immer nur dahin, wo die Spitze der Rute hinzeigt, denn es ist schon so dämmerig, daß ich die Leine nur noch ab und zu sehen kann in dem wilden Gewirbel von Köcherfliegen und Wassermotten, die über der Flut umherwirbeln. Fest halte ich die Rute mit der linken und habe die rechte Hand an der Kurbel der Rolle, jeder wilden Bewegung des Fisches mit Aufrollen und Ablassen folgend. Nun regnet es wirklich gröber; die Schnur verschwindet völlig im Tropfenfall und Wellengespritze, und sogar die Spitze der Rute wird zeitweise unsichtbar. Immer noch wehrt sich der Fisch. Ab und zu steht er, doch sobald ich ihn heranzudrillen versuche, tobt er wieder los. Ich glaube, ich bekomme ihn nicht. Zwar hat der Regen wieder aufgehört, doch es schummert immer stärker, und hier zwischen der steilen Felswand und den dichten Ellern ist es besonders dunkel. Die Rotkehlchen ticken überall im Unterholz, die Krähen streichen quarrend nach ihrem Schlafholze, der Bussard schwingt sich polternd in den Fichten über der Wand ein, Fledermäuse huschen über den Wasserspiegel, Salamander und Waldmäuse krispen im Vorjahrslaube. Die roten, blauen und gelben Blumen sind ausgelöscht, die Blüten des Gaisblattes leuchten immer stärker. Ich gebe dem Fische etwas mehr Leine und wate bachabwärts, bis die Ellern aufhören und die Wiese beginnt. Doch weiter darf ich nicht, denn nun kommt die Brücke, und vor ihr hängen die Weidenbüsch tief auf das Wasser hinab. So drille ich den Fisch vorsichtig nach dem Ufer hin. Einmal sträubt er sich noch tüchtig, dann gibt er sich, und ich kann ihn ausheben. Aber sobald er den Käscher unter sich fühlt, schlägt er dermaßen, daß ich Rute und Käscher im Bogen in die Wiese schleudern muß, und dann stürze ich mich auf den hin und her springenden Fisch und fasse ihn noch glücklich, als er schon hart am Bache umherzappelt. Es ist die stärkste Äsche, die ich jemals gefangen habe; sie wird nicht viel unter drei Pfund wiegen. Es ist gut, daß sie fort ist. Solche groben Fische leben fast nur von ihresgleichen und Forellen, und es ist ein wahres Wunder, daß dieser hier auf den künstlichen Köder ging. Morgen will ich versuchen, seine Genossen hinter dem Weidenbaume herauszuholen. Südsüdwest Die letzten Tage waren über die Maßen langweilig. Der Wind kam erst kühl aus Norden und dann naß aus Westen. Kein Bock trat aus, kein Fisch lief. Grau wie der Himmel war meine Stimmung. Als ich heute früh hinausblickte, hing der Himmel wieder voller schmutziger Wäsche; doch als ich das Fenster aufstieß, kam mir eine weiche, warme Luft entgegen, und als ich nach der kunstvollen Windfahne auf der Schmiede sah, lachte ich; der Wind kam von Südsüdwest. So aß ich denn mit fröhlicherem Gesichte als die Tage vorher, packte mir ein halbes Dutzend Butterbrote ein, langte den Fischkober von der Wand, machte die Schottangel klar, und jetzt bummele ich das Brummelbeerlied flötend, nach der Marsch, über die die Schwalben fliegen, und an deren Gräben Rohr und Risch in dem lauen Winde silberne Wellen schlagen. Heute ist es anders als gestern, wo ich faul und verdrossen durch die Wohld schlich und mich über alle ärgerte, über das Gezeter des Zaunkönigs, das Gepiepse der flüggen Vogelbrut, den Regenruf des Schwarzspechtes, die Schnecken am Boden, und die Wolken in der Höhe. Zum Lesen hatte ich keine Lust gehabt, zum Schreiben noch weniger, die Jagd brachte auch nichts, das wußte ich; so wankte ich stumpfsinnig durch den Wald, müde am Leibe, mürrisch von Gemüte. Ein toter Tag war es gestern. Heute ist er quick und frisch. Lustig schwenken die Eichen und Ellern ihre Zweige, die Hänflinge schwatzen, die Buttervögel tanzen, die Blumen am Grabenbord nicken fröhlich mit ihren blauen, weißen, roten und gelben Köpfen, die Kibitze tummeln sich über dem Brache, hoch über mir kreist das Storchenpaar mit seinen drei Jungen, die Weidenbüsche blitzen und blinkern nur so, der Goldammerhahn singt ein inniges Liedchen ohne Ende, die Heuschrecken fiedeln in den Hecken, Spatzenschwärme brausen zwitschernd dahin, Schillebolde flirren über jedem Kolk, und alle Bauern, die mir entgegenkommen, haben blanke Augen. Gestern war die Welt scheußlich; heute ist sie schön. Das meint auch der Müller, der in dem blauen, weiß bemehlten Beiderwandanzuge vor der Türe steht: »Schön' Wetter von Tage!« ruft er mir zu. »Heut beißt der Hecht, wenn er überhaupt gebissen hat.« So ist es nämlich. Im allgemeinen beißt er bei Südsüdwest am besten, aber es kann vorkommen, daß er auch dann nicht beißt. Ich will es hier im Mühlenkolke gleich einmal versuchen. Zwischen den Stengeln der Mummeln und Wasserrosen pflegen ganz gute Hechte zu stehen. Ich rolle auf, werfe und rolle an; wie ein Silberblitz schießt der Blenker durch die dunkle Flut. Hopp; schon habe ich Anbiß, haue an und schwinge den Fisch auf die Wiese, denn am Biß fühle ich, daß es ein geringer Hecht ist, den ich nicht zu drillen brauche. Ein halbpfündiger ist es nur, und er hat sich so oberflächlich gefangen, daß ich ihn leicht von dem Haken losmachen und wieder zurücksetzen kann, der Bachfrau zuliebe, damit sie mir nicht den Fang verdirbt. Hier am Kolke will ich aber nicht weiterfischen; im stillen Wasser freut mich das Angeln; nicht. Da unten, wo die drei dicken Ellern sich über das Flüßchen lehnen, dicht umsponnen von Hopfen und umstanden von rosig blühendem Kunigundenkraut, dort will ich es versuchen. Dazu muß ich aber über den schwankenden Steg und hinter den von weißblühenden Buschwinden durchflochtenen Weidenbüschen durch das brusthohe Gewirre von Nesseln und Disteln, Kletten und Klebkraut. Mit weitem Schwunge bringe ich den Blenker zu Wasser und lasse ihn dicht an den rosenroten Wasserwurzeln der Ellern vorüberspielen. Aber Anbiß habe ich nicht. Noch einmal fliegt er in die Wellen und blitzt hinter dem Uferschilfe durch die Flut. Und wieder beißt nichts. Und zum dritten und vierten Male flimmert er durch die Wellen; doch kein Zucken und Rucken kündet mir Fang. Weiter gehe ich durch die Wiese, in der die blauen Taubenblumen nicken und die weißen Dolden schwanken, bis ich bei dem Flutloche bin, das das Winterwasser in das Ufer riß. Da drängen sich Kalmus, Wasserlilien, Igelkolbe und Rohr durcheinander, gelbe Mummeln und weiße Seerosen erheben sich über ihren breiten Blättern und zwischen dem starren Laube der Krebsschere, ein guter Platz ist das für einen Fisch, er hat hier ruhiges Wasser, wie es der Hecht liebt, schattige Deckung und zugleich Sonnenwärme, und dicht dabei den offenen Fluß, will er seinen Stand verändern. Ich überlege: soll ich drüben einwerfen, wo an dem Grabenkopfe Blutweiderich und Goldweiderich mit weißen Spierstauden und blauen Klingelwicken ein grellfarbiges Gewirre bilden, oder weiter unten, wo das Gaisblatt den Eichbusch mit wachsgelben Blüten und purpurnen Beeren behängt hat? Und soll ich dippen oder spinnen? Hinter mir in der hohen Pappel kichert eine Elster; vor mir auf dem Schlehbusch macht sich der Dorndreher über mich lustig. Ich will erst dippen und dann spinnen. Behutsam lasse ich den Blenker an kurzer Leine auf ein Teichrosenblatt niedergehen und lotse ihn von da in das Wasser, ihn drei Male sinken lassend. Beim dritten Male habe ich Biß, haue an und winde auf. Schwer geht das; ein guter Fisch scheint gefaßt zu haben. Nur zieht er zu stetig, wehrt sich zu wenig. Am Ende ist es ein Ast oder eine Wurzel. Ich ziehe langsam und ein mit dicken Flußschwammklößen bedeckter Zweig erscheint zwischen den Mummelblättern. Also darum kicherte die Elster, lachte der Würger! Hätte ich doch lieber gesponnen! Nun habe ich mir an der beste Stelle vorläufig den Fang verdorben. Vielleicht schlumpt es weiter unten hinter den Kopfweiden, wo der Bach in den Fluß fällt. Langsam schlendere ich hinter den Ellern hin, in denen es von allerlei flügger Vogelbrut piepst und flattert. Dann schreien alle Schwalben auf, und mit einem Vogel in den Griffen streicht ein Sperbermännchen dicht über meinen Kopf hin. Die Kuhstelze flattert vor mir her und warnt, und von Busch zu Busch schlüpfen, von mir aufgescheucht, Rohrsänger und Grasmücken. Hier, wo ein Schilfhorst die kleine Bucht anfüllt und in den Fluß einspringt, könnte ich es versuchen. Gleichgültig werfe ich aus und rolle auf. Hui Anbiß! Und ein fester Ruck war es, also wohl ein guter Fisch. Ein Glück, daß ich keine Überlegung mehr zum Anhauen brauche. Ich rolle auf und versuche den Fisch zu landen, doch er wehrt sich gewaltig und strebt nach dem hohlen Ufer hin, wo der rosenrot blühende Brombeerbusch bis auf das Wasser hängt. So gehe ich rückwärts und drille den Hecht erst in das freie Wasser gebe ihm Leine und rolle dann so schnell auf, daß er Atemluft und Leben verliert, und lande ihn. Kein Riese, aber immerhin ein Hecht von vier Pfunden. Den hätte ich hier nicht erwartet. Ich gebe ihm durch Genickstich und Schwanzschnitt den Rest, mache ihn hohl, tue ihn in den Kober und bummele weiter. Hier hinter der Fahrbrücke ist ein tiefe Stelle mit ruhigem Grundwasser. Am Ende habe ich dort Biß. Der Blenker fliegt weit hinter den Kolk und blitzt durch das Wasser. Noch ehe er da ist, wo ich ihn hinhaben wollte, beißt es; schnell haue ich an und werfe einen pfündigen Barsch in das Gras. Wo ein Barsch steht, sind mehr, und beißt einer, so beißen alle. Wieder werfe ich aus und hole ein, und noch einmal, und noch sieben Male, und sechsmal hole ich einen pfündigen Barsch heraus. Jetzt fängt der Kober schon an, mir das Kreuz zu drücken, denn elf Pfund Fisch habe ich darin. Und nun bekomme ich Fanghunger. Ich lasse den falschen Fisch durch den Kolk spielen und harre gierig auf Anbiß. Ein Dutzend Mal sehe ich das silberne Ding durch das Wasser wirbeln; aber kein Hecht beißt. Der Himmel bezieht sich; die Sonne verkriecht sich; schwüler weht der Wind, es tröpfelt verloren und die Mücken werden lästig. Die Schwalben fliegen tief, das Habichtskraut faltet seine gelben Blumen zusammen und die Schmetterlinge hängen sich unter die Ellernblätter. Feines Beißwetter das; Südsüdwest und Gewitterluft! Ich gehe weiter und lasse den Blechfisch immer wieder spielen, hole aber nur einen pfündigen Hecht heraus. Aus dem Tröpfeln wird ein Geriesel. Ich habe keinen Regenrock mit, und so ist es besser ich mache, daß ich zur Mühle komme; Fische habe ich ja genug. Aber hier, bei dem Winterwasserloch, wo ich vorhin den Ast angelte, will ich es noch einmal versuchen, und nicht durch dippen, sondern mit spinnen. Ich lasse fliegen, doch der Blenker fängt sich an einem Reithalme und fällt auf die Sandbank, gerade einem dicken grünnasen Frosche vor das Maul, der hastig danach schnappt und sich fängt. Esel, komm, ich will dich losmachen! Ich ziehe langsam Blenker und Frosch quer über das Wasser, da platscht es und plumpst es. Blenker und Padde sind fort, ich kann gerade noch anhauen, und noch einmal anhauen, und dann rolle ich auf, muß aber wieder Leine geben, denn die Rute biegt sich zu sehr. Das muß ja ein Mordsfisch sein! Ich nehme Leine und gebe welche, einmal, und noch einmal, und zum dritten Male, und abermals, und während mir das Herz klopft und der Puls fliegt und der Schweiß ausbricht und das Haar mich juckt, denke ich an den Tag, wo ich am Schloßsee bei Deutsch-Krone in Westpreußen als fünfzehnjähriger Bengel mich eine volle Viertelstunde mit einem sechzehnpfündigen Hechte herumbalgte, bis ich ihn endlich landete. Am Ende ist dieser ein ähnlicher Unflat, denn er wehrt sich nicht schlecht. Bald schießt er zu Grunde, bald strebt er flußabwärts; jetzt ist er hier und nun wieder da. Die Rute biegt sich und windet sich, die Leine ist gespannt wie eine Bogensehne, und ich kann immer nur aufrollen und abrollen, denn jedesmal, wenn ich den Hecht dicht am Ufer habe und landen will, wupp, rasselt die Rolle und er geht wieder zu Grunde. Doch jetzt endlich scheint er matt zu sein. Langsam und stetig rolle ich auf, stoppe die Leine, schiebe die Rute hinter mich, greife die Leine und ziehe so lange, bis der Kopf des Hechtes sichtbar wird, und dann greife ich ihm schnell hinter die Kieme und werfe ihn in die Wiese, wo er wie wahnsinnig hin und her springt, bis ich ihm den Genickfang und den Schwanzschnitt beigebracht habe. Ein tüchtiger Kerl, wenn auch kein Sechzehnpfünder; doch seine acht Pfunde wiegt er sicherlich. Ich ziehe ihm eine Weidengerte durch die Kiemen und hänge ihn über die Angelrute, einmal, weil er zu lang für den Kober ist, und dann, weil ich nicht ganz frei von Stolz und Eitelkeit bin, denn solche Hechte fängt man nicht alle Tage. Von Knick zu Knick Nun hat es schon eine volle Woche lang gestürmt und geregnet. Bö auf Bö fegte über das Land, und schien einmal ein halbes Stündchen die Sonne, dann kam ein Guß hinterher, daß alle Hohlwege zu Bächen wurden. Ich habe längst die Hoffnung aufgegeben, den alten Schaufler zu strecken, der sich nur in der Brunft zum Rudel und sich die übrige Zeit bald hier, bald dort umhertreibt, je nachdem der Wind geht, und der mir freigegeben ist. Aber es ist auch kein Genuß, im Regenrock, Überhosen und hohen Stiefeln durch den aufgeweichten Klei zu steigen, immerhin ist es besser, als im Gutshause zu bleiben und die trüben Gesichter sehen zu müssen. Der Gutsherr und seine Frau zwingen sich wohl zu einem Lächeln und einem freundlichen Worte, aber ich weiß, wie ihnen zumute ist. Zwei Jahre gab es schlechte Ernten, das eine durch den Regen, das andere durch die Dürre, und jetzt geht auch die halbe Ernte zum Kuckuck. Noch ist längst nicht alles Korn eingefahren, der Hafer steht zum Teil noch auf dem Halm, teils wächst er auf den Stiegen aus, das Heu fault auf den hohen Wiesen und liegt auf den tiefen im Wasser, von den Frühkartoffeln ist die Hälfte krank und mit den späten wird es nicht anders sein. Ein schwerer Druck liegt auf dem ganzen Hause. So mache ich mich denn regenfest, öle die Büchse gründlich und gehe hinaus. Tief ist der Himmel, schwarze Wolkenfetzen hetzt der Nordwestwind unter ihm her. Die hohen Pappeln rauschen wild, die Eichen brausen und die Birken streuen schon gelbe Blätter auf den nassen Weg. Saatkrähen und Dohlen ziehen, rauh quarrend und schneidend lachend, über den Park dahin und am See, dessen Wogen wild gegen das Ufer schlagen, flattern die Möwen kreischend vor dem hastig zuckenden Röhricht auf und ab. Tiefer wird das Gewölk; ein heftiger Schauer pratscht daraus und drückt die wandernden Schwalben, die in losem Verbande stumm angeschossen kommen, fast bis auf den Bode herunter. Unter einer geköpften Esche am Knick habe ich den Guß abgewartet. Nun ist der Himmel wieder hell, die Sonne scheint blank und alle Büsche glitzern. Grell leuchten die Trauben der Eberesche und die Hagebutten aus dem Knick heraus, dunkel funkeln die Brombeeren und die Früchte von Faulbaum und Kreuzdorn, und sommerlich schimmern über den goldenen Rainfarnblüten und den blauen Glöckchen die rot und gelb gemusterten Blumen des Gaisblattes und große weiße Winden aus dem Laube. Schon lockt ein Fink wieder lustig, ein Hänfling fliegt zwitschernd dahin und im Schlehbusch schmettert der Zaunkönig sein keckes Liedchen. Eilig pirsche ich hinter dem Knick her, überall da, wo ich Ausblick habe, die quellige Wiese abspähend, die sich vor der Fichtenschonung hinzieht, und auf der sich der alte Eingänger ab und zu äst. Mit gellendem Gezeter warnt der alte Amselhahn vor mir, und sofort fährt hinter den bleichen Kohldisteln und dem schwarzen Schaftheu, die das Bächlein einfassen, ein Haupt mit langen Lauschern empor. Es ist aber nur die alte Ricke, die immer hier steht. Weiter schleiche ich, bis ich die ganze Wiese übersehen kann, und eile dann weiter den Hohlweg entlang, durch das rieselnde Wasser und den zähen, klebrigen Mergel, in den meine Füße tief einsinken, bis ich bei der Eschenschonung vor dem hohen Holze stehe. Unwillig zuckt im Winde das hohe Gras hin und her, die rostroten Adlerfarnwedel zappeln ungeduldig, und wütend schütteln sich die jungen Eschen. Ich sehe einen dunklen Fleck zwischen dem Gestrüpp, und darüber etwas sich hin und her bewegen. Lange habe ich das Glas vor dem Kopfe; endlich erkenne ich einen angehenden Schaufler, und hinter ihm einen Schneider, und dann noch zwei weitere geringe Hirsche. Der Hauptschaufler aber steht nicht bei ihnen. Vorsichtig trete ich hinter den Knick, gehe zurück, und komm hinter der Wallhecke, die das Holz von Süden einschließt, zu dem Pirschsteige, der es durchzieht. Da ist es trübe und unheimlich. Zornig rauschen die hohen Buchen, deren silbergraue Stämme auf der Wetterseite lange schwarze Regenstreifen bekommen haben. Zwischen dem dunklen Schaftheu, das alle quellige Stellen dicht überwuchert, in dem fußhohen Fallaube und dem blanken Efeugewirre protzen überall mißfarbige oder giftig rote Pilze, und große Schnecken kriechen über den nassen Steig. Kein Vogellaut ist zu vernehmen. Ich schleiche behutsam dahin, jede Blöße abspähend, aber taub bleibt mein Weidwerken; weder auf dem großen Kahlschlage, wo die jungen Loden seiner warten, noch auf den Gestellen, wo süßer Wildklee steht, noch unter den alten Eichen, wo die Steinpilze gedeihen, ist der schwarze Schaufler zu finden, aber ebensowenig in der tiefen Quellschlucht. So will ich ihn im Eschenbruche suchen gehen. Erst pirsche ich hinter dem Knick entlang, der es umhegt, trete einen Hasen heraus, dann einen Fasanenhahn, übersteige dann den Wall da, wo der Wacholder und die Haselbüsche eine Lücke lassen, und trete in das Bruch. Wild und wüst sieht es hier aus. Alle Stämme sind von Hopfen oder Geißblatt umrankt, der Boden ist verdeckt von einem hohen Wirrwarr von Riedgras, Disteln, Nesseln, Spierstaude und Klebkraut, aus dem hier und da eine letzte weiße oder rote Blüte leuchtet oder die Beeren des Mäuseholzes wie Rubine funkeln, und die Wasserlöcher und Gräben sind überwuchert von Schilf, Waldrohr und greis geworden Kunigundenkraut. Hier steckt der alte Hirsch mit Vorliebe, und so heißt es, sehr behutsam zu sein. Aber jetzt zetert der Zaunkönig, und nun keift eine Amsel, dann warnt die Braunelle und darauf kreischt der Häher auf, und so wird der Schlauberger mich wohl eher gewahren als ich ihn. Zudem hält der Wind hier nicht Wort; bald weht mein Pfeifenrauch so, bald so, und so komme ich nicht recht vom Fleck. Nun springt auch noch ein Bock vor mir ab und schreckt gewaltig, und schließlich donnert ein Fasanenhahn in die Höhe und gockert mächtig, und so gebe ich alle Hoffnung auf, zumal die Sonne wieder verschwindet, der Himmel dunkel wird und eine grobe Bö das Wasser in Strömen herunterpratschen läßt. Ich suche unter einem hohen, dichten Weißdornbusche Schutz, warte, daß es besser werden soll, und beobachte währenddem den Laubfrosch, der sich fest an einen Stamm gedrückt hat, und zähle die weißen Falter, die sich unter die Hopfenblätter geflüchtet haben. Über eine Viertelstunde plantscht und pladdert es; dann endlich hellt sich der Himmel auf und die Sonne kommt wieder hervor. Gerade will ich mich von dem Baumstumpfe erheben, da höre ich halbrechts brechen. Ich sehe dahin und erblicke ein Paar mächtige graue Schaufeln, die über dem Gestrüpp hin und her schwanken. Das ist der Hirsch. Er zieht nach links hin. Ich muß schnell zurück, denn sonst wechselt er mir in den Wind hinein. Ich pirsche rückwärts, versuche, ob ich ihn nicht schußgerecht bekommen kann, sehe aber nichts von ihm als die Schaufeln und einmal den hin und her schnellenden Wedel. Wieder muß ich über den einen Knick und an den anderen entlang bis dahin, wo das Bruch endigt und das hohe Holz wieder beginnt, aber wie ich dort bin, sehe ich den Hirsch schon den Graben überfallen. Ich renne, was ich kann, um ihm den Wechsel nach der Fichtenschonung abzuschneiden, aber er ist schneller als ich; nachdem ich eine Weile hinter dem Knick gelauert habe, pirsche ich an den Fichten entlang und finde seine nagelfrische Fährte in sie hineinstehen. Ich umschlage die Dickung, warte auf der anderen Seite auf dem Gestell, ob er nicht herauswechselt; bekomme eine neue Bö auf den Hals, umschlage die Fichten abermals und spüre den Hirsch zurück in das Bruch. Er hat den trockenen Graben angenommen, ist in ihm entlanggezogen und nach den Seewiesen hingewechselt. Von Knick zu Knick schleiche ich, finde zweimal die Fährte in dem Hohlwege und auf der Sandblöße, bis ich endlich hinter einem von Schilf umwachsene Wasserloche das hohe Schaufelpaar gewahre. Durch hüftenhohes, quatschnasses Gestrüpp arbeite ich mich den einen Knick hinauf und am anderen hinunter bis auf die Höhe des Wasserloches, aber inzwischen hat der Hirsch sich bis an den anderen Knick geäst, und wieder ist nichts von ihm zu sehen als sein Geweih. Abermals braust eine Bö daher, und er verschwindet nach dem Holze zu. Der Wind ist günstig. Ich laufe, so schnell ich kann, quer über die nasse Wiese, verschnaufe ein Weilchen vor dem Knick, übersteige das Siegel und sehe den Hirsch gerade noch in dem Hagen verschwinden. Wieder laufe ich, bis ich dort bin, verschnaufe hinter eine krummen, zerborstenen Eiche, bis mein Atem standhafter geworden ist, und schleiche dann in das Holz hinein. Ich spähe und spähe, bekomme den Hirsch aber nicht zu Blick. Es dämmert immer mehr; die Goldhähnchen suchen schon nach dem Boden herunter und die Sonne steht tief. Ein kühler Wind geht und es fröstelt mich, denn ich habe mich heiß gelaufen. Ich ziehe den Gürtel fester um den Leib und überlege, ob ich nicht doch lieber zum Gute zurückgehen soll, da bricht es zur Linken, und hinter der siebenfachen Buche her tritt der Schaufler hervor. Er steht gut, aber er hebt sich zu schlecht von dem schwarzen Schaftheu ab. So muß ich warten, bis er nach langem Sichern sich vorwärts schiebt, und so wie er da vor der dicken hellen Buche steht, von der er schärfer absticht, setze ich ihm die Kugel auf das Blatt. Ich vernehme sie schlagen und sehe die hohe Flucht, die der Schaufler macht, und höre ihn davonstürmen, dem Bruche zu. Ein Weilchen warte ich, dann gehe ich zum Anschuß, finde hellen Schweiß auf den dunklen Efeublättern und da ich in dem nassen Fallaube seine Fährte gut halten und lautlos darauf gehen kann, pirsche ich ihm nach. Er ist nicht weit gekommen; nach fünfzig Gängen höre ich ihn schlagen. Am Fuße einer mächtigen Buche liegt er, das Haupt gegen sie gelehnt. Bis auf dreißig Gänge gehe ich in Deckung heran und setze ihm die zweite Kugel zwischen Hals und Blatt. Da fällt sein Haupt herab; noch einmal schlägt er, zittert und streckt sich. Bei rauschendem Regen breche ich ihn auf. Über mir fallen die Krähen quarrend in den Kronen ein. Faulholz poltert zu Boden, die Äste quietschen und knarren im Winde und immer hohler heult es in den Lüften. Dann stapfe ich, den schweißgetränkten Bruch am feuchten Hute, auf lehmigen Wegen zwischen den tropfenden Knicks durch den dunklen Abend dem Gute zu, ohne rechte Freude im Herzen, der trüben Gesichter gedenkend, die mich dort erwarten. Zwischen den Hecken Der Wind, der die ganze Nacht über die See kam und die Wellen weit auf den Strand warf und Tang und Seegras bis hoch in die Dünen schmiß, hat sich gelegt, und nur die Zitterpappeln in den hohen Knicks rühren sich noch ein wenig, als könnten sie die stürmische Nacht nicht vergessen. Warm scheint die Sonne vom blauen, weiß bewölkten Himmel, unter dem die Schwalben hin und her fahren. Über dem gewaltigen Kleeschlage, auf dem schwarzweiße Rinder weiden, summen die Bienen, brummen die Hummeln und tanzen die weißen Falter. Hunderte von Saatkrähen ziehen krächzend nach den Brachen. Ich suche Hühner. Zehn Koppeln habe ich schon abgestreift. Ein Dutzend Knicks habe ich überstiegen, bin ebensooft durch die Drahtzäune gekrochen und habe nur ein einziges Volk gefunden. Aber nach dem ersten Schusse, mit dem ich ein Huhn herabholte, schlugen die anderen über den Knick und waren verschwunden. Der Hund säuft aus der Viehtränke, sieht mich an und wedelt, als wolle er mich aufmuntern. Ich steige zu der nächsten Koppel herab, auf der vor acht Tagen noch Roggen stand, und die jetzt ganz bunt ist von Tausenden von Stiefmütterchen, Rittersporn und Feldminze. Der Hund zieht an und sucht eifrig hin und her. Hier sind die Hühner frisch gewesen. Aber auch nur gewesen; wer weiß, wo sie jetzt schon sind. Vielleicht liegen sie dicht neben mir in den Brombeeren und Haselbüschen, vielleicht sind sie auch schon viel weiter. Ich will sie anrufen. Ich lege die Fläche der rechten Hand vor den Mund und sauge kurz und schnell, daß es einen doppelten Laut gibt. »Kieritt!« klingt es scharf und schrill, und noch einmal und abermals. Horch! Es antwortet mir von drüben her. »Komm', Kora! Da sind die Hühner!« Ich krieche durch den Drahtzaun. Hinter mir her schimpft die Elster und vor mir zetert der Dorndreher. Der Hund sucht quer über die Weizenstoppel, wendet dann plötzlich und zieht vor dem Knick an, erst langsam, und nun ganz eifrig vorangehend. »Langsam, Kora!« Da steht er schon vor einem dichten Gewirre von Brombeeren, Nesseln, Kletten und Glockenblumen. Burrend steht ein Teil des Volkes auf. Nur einen Schuß bringe ich an, nur ein Huhn hole ich herunter. Ehe ich den zweiten Schuß anbrachte, strichen die anderen Stücke über den Knick. Vielleicht drückte sich aber noch ein Huhn. Der Hund sucht und sucht. Endlich steht noch ein Huhn auf, das ich fehle, und sofort ein zweites, das im Knall in die Büsche fallt. Eine geraume Weile dauert es, ehe der Hund es mir zubringt, so tief fiel es in das Gestrüpp. Weiter geht es zur nächsten Koppel, einem gemähten Kleeschlag, auf dem Jungvieh weidet, das mich dumm anglotzt und Miene macht, den Hund anzunehmen. Ich jage es beiseite und lasse Kora suchen. Drei Hühner stehen auf, doch nur eins davon kann ich beschießen; die anderen streichen so unglücklich, daß ich nicht schießen kann, ohne das Vieh zu gefährden. Aber ich kann zufrieden sein. Schwierig ist die Jagd hier. Immer muß man Obacht geben, daß man in dem unsichtigen Gelände keinen Menschen anbleit oder ein Stück Vieh erlegt. Vorgestern suchte ich fünf Stunden und kam mit zwei Hühnern zurück. Die nächste Koppel kommt an die Reihe. Ihre Knicks strotzen von schwarzglänzenden Brombeeren, feuerroten Schneeballdolden, blauen Schlehen und rotbäckigen Wildäpfeln. Dazwischen protzt der Rainfarn mit seinen goldenen Blumen; hohe Glockenblumen erhebe ihre blauen Kelche, Wasserhanf schwenkt seine rosigen Federbüsche. Ich bleibe ein Weilchen stehen und lehne mich gegen das graue Drehkreuz des Schlagbaumes, teils um mich zu verschnaufen, teils um an der bunten Pracht ringsumher meine Augen zu weiden. Da ist kein Fleck in dem hohen Gebüsch, in dem es nicht von Früchten funkelt, und davor prahlen Disteln mit roten Köpfen, schwenkt der Beifuß sein silbernes Laub, leuchten gelbe Habichtskräuter. Es schwirrt und flirrt und summt und brummt von Fliegen und Faltern, Bienen und Hummeln, und überall, wo eine der großen grünen Heuschrecken singt, blitzt es silbern auf. Gestern war es tot hier und leer und still; heute lebt und webt es. Hänflinge und Stieglitze erfüllen das Gebüsch mit Geflatter und Gezwitscher, Drosseln rascheln im Gestrüpp; der Grünspecht wiehert, ein Turmfalke kichert, und hier und da und dort meckert hart und herb ein Laubfrosch. Doch der Vormittag muß ausgenutzt werden. Darum reize ich, als auf drei Koppeln die Suche unnütz war, wiederum, und so lange, bis ich Antwort bekomme. Ich übersteige den Knick und stehe vor einem Stier, der mit wütendem Schnauben auf mich losgeht. Er kann mir nichts tun, denn seine Augen sind verbunden. Die Hündin sucht die Koppel ab, findet aber nichts. Wieder geht es weiter. Mitten auf dem Überstieg liegt eine große blanke Ringelnatter in der Sonne, die eilig in das Gestrüpp kriecht. Kaum stehe ich auf dem Knick, da bunt es um mich her: ein Dutzend Hühner steht auf, ehe daß ich spannen kann, und fällt hier und da und dort ein. Schnell merke ich mir, wo sie blieben, und suche sie einzeln. Hinter dem nächsten Knick stehen drei auf einmal auf. An Schießen ist nicht zu denken, denn sie streichen dicht über eine Schafherde hinweg. Nach langem Suchen finde ich eins davon wieder und bekomme es. Und es geht wieder von Knick zu Knick, von Koppel zu Koppel, von Stoppel zu Stoppel, über gemähte Wiesen, bunt geblümte Brachen, Kleeschläge und Hohlwege, und nach zweistündiger Arbeit erbeute ich schließlich noch ein einziges Stück. Nun aber bin ich der Suche satt. Mein Gesicht trieft von Schweiß und das Hemd klebt mir am Rücken. Unter einem Wildpflaumenbaume lagere ich mich hin, füttere den Hund und ruhe mich aus. Über mir ist Schwalbengezwitscher, vor mir ist Schmetterlingsgeflatter und hinter mir in den Büschen das Geschrill der Heuschrecken. Und rundumher funkelt und leuchtet und blitzt es rot und blau und schwarz von Beeren und Früchten, und strahlt und schimmert es von stolzen Blumen, den letzten im Jahre. Die Augen wollen mir zufallen. Ich sehe noch eine große Möwe dahinsegeln, höre noch aus der Ferne die Brandung donnern, denn der Wind hat wieder aufgefrischt, und wache erst wieder auf, als drei Mägde laut redend und mit den Milchkannen klappernd hart an mir vorbeikommen und aufquieken, wie mein Hund sich knurrend erhebt. Ich lache ihnen, noch halb im Schlafe, zu, recke und strecke mich und wieder geht es den Hühnern nach zwischen den Knicks. Strandgang Seewind wehte gestern. Er brachte Regen mit und warf die Wellen weit über den Strand bis an das hohe Ufer. Heute weht der Wind vom Lande und treibt das Wasser vor sich her, daß der Strand breit und trocken ist. Die Sonne steht blank über der hohen See und wärmt die Luft an. Gestern war alles tot hier zwischen Meer und Land. Hungrig flogen die Schwalben vor meinen Füßen her und schnappten die Motten fort, die ich beim Gehen aufstörte, und all das lustige Vogelvolk, das sich sonst auf den Schlickbänken umhertreibt, hatte sich auf die Weidekoppeln im Binnenlande verzogen. Heute fahren die Schwalben lustig zwitschernd über mich hin, Hummeln brummen um die Stranddistelblüten, weiße Falter tanzen über die gelben Katzenpfötchen und die roten Sandnelken, und bei jedem Schritt trete ich aus dem weißblauen Helm allerlei Kleinvögel fort, die auf der Südlandsreise begriffen sind. Das meiste Leben aber ist an den Fluttümpeln und Seegrasbänken am Strande. Sandregenpfeifer rennen zwischen dem blitzenden Feuersteingeröll und den schimmernden Miesmuschelhaufen hin, Strandläufer schwirren fröhlich trillernd dicht über die Flut, bald hier, bald dort einfallend, Kiebitze haschen Fliegen, die die verwesenden Quallen umsummen, Brachvögel stelzen bedächtig durch das Seichtwasser und fischen Flohkrebse aus den Tangbüscheln, in allen Buchten liegen Enten, hier Stockenten, dort Brandenten, und da Tauchenten, die alle Augenblicke untersinken und nach einer Weile wieder emporkommen, und überall schweben Möwen. Ich schleiche hinter den hohen Sanddornbüschen her, die von reisenden Vögelchen belebt sind, und zwischen denen allerlei hohe Stauden mit roten, weißen, blauen und gelben Blüten prahlen, und werfe, wo eine Lücke ist, einen Blick nach dem Strande, nach Beute spähend, aber nach rechtschaffener, denn es widersteht meinem Herzen, mit Schrot zwischen die fröhlichen Scharen der Strandläufer und Brachvögel zu knallen, auch habe ich keine Lust, mich hinter eine der hohen Seegrasbänke anzulegen und zu lauern, bis ein Flug Enten vor mir einfällt. Die Reiher aber dort unter dem hohen Ufer locken mich. Dreizehn Stück stehen da und heben sich leuchtend von der grauen, silbern aufblitzenden Flut ab. So schlage ich denn einen Bogen, bis ich hinter den Dünen verschwinde, und wate durch den weichen, weißen, von der Sonne angewärmten Sand, in den die vom Winde herumgedrehten Helmblätter Kreis an Kreis gezeichnet haben, so genau, als wären sie mit einem Zirkel geschlagen. Lerchen und Pieper stehen vor mir auf, Steinschmätzer rennen über das Geröll, Kreuzkröten krabbeln dahin und ein Hase fährt dicht vor mir aus der Sasse und stürmt kopflos von dannen, daß der Sand fliegt. Allerlei finde ich unterwegs; tote Schwalben, die der Regensturm umbrachte, von den Krähen verschleppte Taschenkrebse, eine Lachmöwe, die irgendein roher Schießer im Lande anschoß und die hier ihr Ende fand. Sie ist noch ganz frisch. Langsam steige, ich den von Labkraut, Quendel, Glockenblumen und Schafgarben goldgelb, rosenrot himmelblau und schneeweiß gemusterten Hang hinauf, sehe den Krähen nach, die quarrend abstreichen, und dem Turmfalken, der in der Luft steht und auf eine Maus lauert, und quäle mich dann durch das silbergraue Verhau der Sanddornbüsche hindurch, um zu sehen, wie ich an die Reiher herankomme. Aber ich bin noch viel zu weit von ihnen, ich muß wieder zurück und noch einen Bogen schlagen und mich abermals durch das stachlige Bollwerk quetschen, und wie ich endlich den Kopf herausstecke, sehe ich ein, daß es immer noch zu weit ist, und zum dritten Male krieche ich zurück, bis ich endlich so weit bin, daß ich in der Höhe der Reiher anlange. Vorsichtig schiebe ich mich durch das Buschwerk, da saust es laut über mir, ein breiter Schatten fährt vor mir über den Strand, ich höre die Reiher aufkrächzen und wie ich vorspringe und die Büchse spannen will, erblicke ich einen gewaltigen braunen, breitklafternden Vogel, der mit mächtigen Stößen den Reihern nachjagt, den vorletzten greift und unter gellendem Siegesgelächter mit ihm um das Steilufer hinwegschwebt. Einer der beiden Seeadler war es, die ich vorgestern hoch am Himmel kreisen sah, und die den Hasen griffen und die Enten schlugen, deren Reste ich gestern in den Dünen fand. Er hat mir die Reiher vertrieben, der Meerkönig, und die Enten vergrämt, denn soweit ich auch mit dem Glase den Strand abspähe, ist alles kahl und leer. Doch ich bin ihm nicht böse, dem wilden Wiking, schenkte er mir doch einen Anblick, lieber mir als ein glücklicher Schuß auf einen Reiher und ein Vierteldutzend Enten am Rucksackgalgen. Und ich gelobe es mir, sollte er mir dieser Tage schußgerecht kommen, der königliche Strandräuber, Weidmannsheil und froh Gejaid will ich ihm zurufen, aber nicht die Waffe auf ihn richten, denn allzu sparsam ist seine Art geworden. Aber ganz ohne Beute will ich nicht heimkommen. So steige ich denn zum Strande herab, wate durch das Seichtwasser und baue mir aus Seegras und Zweige einen Schirm, unter dem versteckt ich der Enten warte, die über kurz oder lang hier einfallen werden. Lang wird mir die Zeit nicht. Weiße und braune Segel tauchen da auf, wo See und Himmel sich einigen, ein gewaltiger Dreimaster zieht dahin, ein Dampfer qualmt vorüber, Silbermöwen streichen am Strande entlang und hier und dort fällt allerlei kleines Geflügel am Strande ein und trippelt und rennt dort trillernd und flötend umher. Eine Stunde vergeht so im Fluge, und nun kommen auch die Enten. Zwölf Stück Stockenten sind es, die über der Kante des hohen Ufers auftauchen, seewärts schwenken, sich senken, wieder emporsteigen, abermals niedergehen, noch einmal hochflattern und schließlich vor mir hinplatschen, so nahe, daß ich sie bequem langen kann. Zweimal knallt es. Zehn Enten flattern mit Angstgequarre davon, zwei bleiben zurück, und auch eine dritte sondert sich ab und kommt herunter. Mit einem dritten Schusse mache ich ihrem Geflatter ein Ende. So gehe ich nicht mit ledigem Rucksack heim, wie gestern und ehegestern, und die Frau des Leuchtturmwarts bekommt frisches Fleisch zum Sonntag in die Pfanne. Aber lieber noch, viel lieber als die drei Grünkragen, die am Rucksack baumeln, ist mir die Erinnerung an den Augenblick, da ich den Meeraar jagen sah. Auf der Lauer An der äußersten Ecke der Jagd, fern von den Feldern, weitab von den Wiesen, liegt ein ödes Sandtal. Einst war es mit hungrigen Fuhren bestanden. An einem glühenden Mittsommertage kam Feuer dort aus und der ganze Bestand fiel in Asche. Köhler kamen und verarbeiteten die verbrannten Stangen, und seitdem sind die Bauern noch nicht wieder dazu gekommen, den Ort aufzuforsten. Das ist auch nicht so leicht, weil der Boden ganz aus weißem, leichtem, steinlosem Sande besteht, den der Wind hinweht, wo er ihn haben will. Hier und da haben sich einige krüpplige Fuhren angesiedelt, im Windschatten gedeihen auch magere Brombeeren, auf den Kuppen der Hügelchen, die sich wie Wellen nebeneinander erheben, wuchert das Sandrohr, in den Tälchen der Moorhalm; sonst ist nur etwas Heidkraut zu sehen und ein dürres, blaugrünes, struppiges Büschelgras. Ich liebe diese Ecke. Kein Mensch stört mich dort. Und so leer und verlassen es da auch ist, so ganz unlohnend ist das Weidwerken nicht. Allabendlich schleicht der Fuchs hier umher; gern sticht der Dachs unter dem Renntiermoose nach Käfern, die Rehe wechseln aus den Dickungen täglich über die Blößen, und die Hirsche brunften mit Vorliebe an diesem stillen Orte. Als ich mich neulich abends bis an die krumme krause Eiche heranschlich, konnte ich einen jagdbaren Bock schießen. Ich tat es nicht, denn er steht hier sicher und es sind nicht allzuviel Rehe in diesem Teile der Jagd. Hinterher bekam ich einen starken Fuchs mit grau bereiftem Balge zu Blick, und auf den will ich heute passen. Der Abend ist warm, die Luft ist still; keine der Fahnen des Sandrohres, nicht eine der Rispen des Moorhalmes rührt sich. Bekomme ich den Fuchs auch nicht, so werde ich doch eine schöne Stunde verleben. Der Abglanz der Sonne, die hinter den Stämme der Fuhren untergeht, liegt auf der Blöße und gibt ihr Farbe und Leben. Der Kohlenschutt glimmert und gleißt wie blanker Stahl, der Sand blinkt und blitzt wie klares Wasser. Die Sandrohrbüsche schimmern wie Silber, der Moorhalm scheint zu Gold geworden zu sein, die dürftigen Heidelbeerstauden vor den Krüppelfuhren glühen, als wären ihre Blätter aus Rubinglas, die ärmlichen Brombeerbüsche lodern wie rote Flammen, die kränklichen Birken strahlen hell und selbst der abgefrorene Knöterich auf dem Fahrwege lebt wieder auf. Die Sonne ist dahingegangen und nahm die Farbe und das Leben mit sich hinab. Kalt und tot liegt alles da. Leichenfarbig ist der Sand, sargschwarz stehen darin die mit Kohlengrus bedeckten Hügelchen, und die Baumstümpfe auf ihnen sehen wie vergessene Grabsteine aus. Unheimlich, wie ein Gespenst, nimmt sich der Bock aus, der dort drüben aus der schwarze Dickung tritt, und der helle Bussard, der an dem hohen Holze vorbeistreicht, scheint kein Vogel aus Fleisch und Bein zu sein, sondern der Schatten des jungen Försters, den vor zwei Jahrzehnten Wilderer hier hinterrücks erschossen. Der Bock ist hinter einer Sandwelle verschwunden. Ein Hase taucht auf, bleibt einen Augenblick sitzen und stiebt dann, als sei der böse Feind hinter ihm, von dannen. Ein kühler Luftzug läßt das schwarze Laub der verbogenen Espe vor mir laut aufrascheln und bewegt die blassen Fahnen des Sandrohres auf unheimliche Weise. Eine Eule schwebt lautlos über die Krüppelfuhren, sieben Wildenten hasten an dem kaltblauen Himmel dahin. Mich fröstelt; ich ziehe den Windgurt fester um den Leib. Es ist alles so tot, so leer und so kalt um mich und in mir wird es ebenso. Mir ist, als hätte ich kein Herz im Leibe und als würde keine süße Blume mehr in meinem Leben blühen und duften. Böse blickt mich mit leeren Augenhöhlen der grünliche Schädel eines Rehes an, der auf dem schwarzen Kohlenschotter liegt, und ich bin froh, als ein Mistkäfer dumpf brummend vorüberfliegt, zum Beweise, daß es doch noch Leben auf der Welt gibt. Aber dann geht es mir warm über den Leib, denn auf dem siebenten Hügelchen zu meiner Rechten steht der Fuchs. Lang und hoch steht er da, sichert nach mir herüber und schnürt auf mich zu. Ich habe den Dreilauf gehoben und warte, daß er wieder sichtig wird, um ihm die Kugel anzutragen; doch ich lauere vergebens, und endlich sehe ich ihn ganz hinten vor der Dickung entlang schleichen. Ich überlege noch, ob ich ihn mit der Todesklage des Hasen, mit dem Drosselangstgeschrei oder dem Mausepfiff heranzwingen soll, da kracht es so laut links im Holze, daß ich heftiger zusammenfahre, als es sich für einen Mann gehört, der drei und ein halbes Jahrzehnt weidwerken geht. Und es bricht und kracht, und mir pfeift der Atem im Halse, und das Herz schlägt schmerzhaft wild, und dann lache ich über mich selber, denn das, was sich da in dem Heidkraute bewegt, das ist weiter nicht als der Dachs. Er wird mit den Branten die faulen Stümpfe nach Larven und Käfern zerklaubt und darum so viel Lärm gemacht haben, wie ein brunfttoller Haupthirsch. Ich atme tief auf, lege die Waffe wieder auf die Knie und lange eine Zigarre als Langeweilevertreib aus der Tasche, lasse sie aber schnell wieder fallen, denn das, was jetzt dort auf der Sandscholle steht, schwarz und groß und hoch, das ist eine Sau, eine grobe Sau, und sogar ein hauendes Schwein. Meine Knie fangen an zu beben und die Hände zittern mir, als ich den Drilling hebe. Und jetzt, da ich anbacke, fliegen mir die Arme so, daß ich die Augen ein kurzes Weilchen schließen muß. Aber dann gebe ich mir einen Ruck, ziehe den Kolben wieder an die Backe und bringe das Fadenkreuz des Zielrohres so gelassen hinter das Blatt der Sau, als gelte es einem Wilde, auf das ich jeden Tag zu Schusse kommen kann, und drücke kalt und sicher. Im Feuer sah ich, wie der Basse rundum schlug. Aufatmend, mit hochklopfendem Herzen, stehe ich da und starre dahin, wo er stand, nehme dann das Fernrohr ab, lade eine neue Kugel, spanne wieder und lausche mit offenem Munde, bis ich aus den Brombeerbüschen ein Brechen kommen höre, und ein Blasen. Ich prüfe den Wind mit nassem Finger, finde ihn günstig und schleiche mich, jeden Gang genau berechnend, daß kein Halm knistert und kein Dürrast knastert, bis zu der verdorbenen Eiche, um etwas Schutz zu haben, falls die Sau mich annimmt, und von da bis zu der schneeweißen Sandwelle, hinter der das Blasen und Brechen ertönt, und Schritt um Schritt komme ich so weit, bis ich, durch einen Baumstumpf gedeckt, in die Sinke hineinsehen kann und das kranke Stück erspähe, das ganz frei im weißen Sande auf der Seite liegt und bläst. Da, wo das Blatt endet, halte ich hin und trage die zweite Kugel an. Aber erst als das Blasen längst aufgehört hat und kein Lauf mehr den Sand aufrührt, trete ich heran, tauche einen Fuhrenbruch in den roten Schweiß und stecke ihn an den Hut. Dann muß ich mich umsehen. Weiß ist der Sand, schwarz wie Gräber stehen die Hügel darin; ängstlich flüstert der Wind in den bleichen Halmen, unheimlich raschelt das düstere Espenlaub, und der Stern, der am kalten Himmel steht, funkelt giftgrün. Mich fröstelt. Ich wollte, ich hätte die Sau schon aufgebrochen und verblendet, und säße im Kruge des Dorfes, das da weit, weit hinter den schwarzen Wäldern jenseits der öden Heide liegt. Mit dem Frett Dick und fest liegt der Nebel auf der Heide, und die Luft ist rauh und naß. Das ist das Wetter, wie wir es brauchen. Die letzten Tage war es uns zu schön. Hoch war der Himmel und warm die Luft. Wunderschön war es in der Heide. Die Birken waren goldene Springbrunnen, der Bent gesponnenes Glas, die Rauschbeerbüsche hatten Blätter aus roter Seide. Mißfarbig sind heute die Birken, fahl der Bent und schmutzig sehen die Rauschbeeren aus. Und doch gefällt uns die Heide heute besser als gestern und ehgestern, denn da steckte kein Kaninchen im Bau; vergeblich schliefte das Frett ein, und auch die Suche brachte nicht viel, weil die Karnickel zu fest lagen. Heute aber wird das Fretten sich lohnen. Ich trete an den Zwinger und mache den Mausepfiff. Es raschelt in dem Heu, ein rotes Näschen erscheint, der gelbweiße Kopf taucht hervor, hellrote Augen blinzeln mich an. Ich fasse das noch halb verschlafene Tier, stecke es in die Manteltasche, und dann gehen wir drei Schützen los. Der Nebel wogt und wallt in den Gründen. Unsichtbare Krähen quarren, unsichtbare Häher kreischen, Bergfinken quäken, Zeisige quietschen, Dompfaffen flöten, Meisen trillern und pfeifen überall. Aber keine Heuschrecke fiedelt, wie gestern, kein Falter fliegt, keine Hummel brummt, kein Reh zieht über die Wiesen. Hier auf dem Kopfe des Hügels ist der große Bau. Gestern steckte kein Stück darin; heute wird er gut befahren sein. Ich lange das Frett heraus, ziehe ihm den Gummifaden mit der kleinen Schlittenschelle über den Kopf, setze es vor eine der Ausfahrten und gebe ihm, da es noch halb im Schlaf ist, einen kleinen Klapps. Faul schlieft es ein, aber sobald es unter Tage ist, hören wir an dem hastigeren Geklingel, daß es sich vermuntert hat und fleißig sucht. Ich sehe mir die beiden anderen Jäger an. Mein Freund steht mit aufmerksamen Gesicht da, das Gewehr in den Händen; eifrig gehen seine Augen hin und her. Der Jagdaufseher sieht aus, als schliefe er. Mit halbgeschlossenen Augen steht er da, die Pfeife im Mundwinkel, die Hände in den Taschen, den Drilling unter dem Arm. Wer ihn nicht kennt, möchte glauben, er höre und sehe nicht. Aber er wird, wie immer, so auch heute Jagdkönig bleiben. Es rumpelt unter der Erde. Meines Freundes Augen gehen blitzschnell hin und her. Der Jagdaufseher döst weiter. Da flitzt ein graues Ding vor seinen Füßen aus der Erde, schlägt einen Haken und flüchtet nach den hohen Heidbüschen hin. Aber schon hat der Jagdhüter den Kolben an der Backe, es kracht und etwas Weißes blitzt im Heidkraute auf. Noch einmal knallt es, und wieder leuchtet es weiß zwischen den braunen, rötlich beperlten Büschen. Der Aufseher legte das zweite Stück um. Und noch einmal knallt es und abermals. Mein Freund schoß ein Kaninchen mit dem zweiten Schuß. Nun rumpelt es bei mir; ein grauer Kopf mit großen schwarzen Augen erscheint in der Fahrt, geht wieder zurück, und gleich darauf flitzt das Karnickel aus einer anderen Fahrt, und so schnell heraus, daß ich es erst mit dem zweiten Schuß langen kann. Da klingelt es auch, das Frett schlieft aus, ich nehme es auf und es geht zu einem anderen Bau. Es ist etwas heller geworden. Die Sonne kämpft mit dem Nebel, und der Wind, den sie mitbringt, hilft ihr, ihn zu verjagen. Hier und da beginnt ein Birkenbaum zu strahlen, die Rauschbeerbüsche glühen auf, dort an der Hügelflanke lodern die Bickbeeren blutrot, das Sandrohr über ihnen schwenkt silberne Fahnen, und der Bent leuchtet wie blankes Gold. Lustiger locken die Meisen, öfter prahlen die Häher, der Grünspecht läßt sein gellendes Lachen erklingen und aus der Höhe kommt das Gekurre reisender Kraniche. Hier, wo zwischen den hohen Wacholdern und den krausen Fuhren weiße Sandflecke die Fahrten schon von weitem verrieten, wollen wir es abermals versuchen. Flott schlieft das Frett ein, und kaum ist es unter Tage, da poltert es laut und drei Kaninchen springen auf einmal. Gelassen, wie immer, läßt der Aufseher zwei davon Kobolz schlagen, eins erwische ich, und ein viertes langt sich mein Freund. Mit diesem Bau wären wir nun wohl fertig und könnten einen anderen nehmen, wenn Hänschen ausschliefte. Wir warten und warten, doch es taucht nicht auf. Wieder rumpelt es bald hier, bald da unter unseren Füßen, und dann vernehmen wir ein feines, dünnes Quietschen. Ein Kaninchen klagt, daß das Frett gerissen hat. Nun kann es uns gehen, wie vor einer Woche, wo wir drei Stunden vor dem Bau saßen und Schafskopf spielten, bis Hänschen mit rot beschmiertem Fange wieder ausschliefte. Aber da poltert es bei mir, ich mache mich fertig, lasse aber den Finger vom Drücker, denn auf dem Kaninchen, das unter mir herausfährt, hängt das Frett. Mit einem mächtigen Sprunge schüttelt das Karnickel es ab, kommt aber nicht weiter, denn schon läßt der Jagdhüter es im Feuer überrollen. Die Sonne ist jetzt ganz und gar da. Alle Birken strahlen, alle Brombeerbüsche glühen, goldig strahlt der Bent, silbern blitzt das Sandrohr und die abgeblaßte Heide sieht aus, als wolle sie von neuem aufblühen. Schon fliegt ein Trauermantel, summt eine Biene, brummt eine Hummel, blitzen Mücken und Fliegen dahin, und die Heuschrecken, die sich vor dem Nachtfrost retten konnten, zirpen leise. Hier zwitschert ein Hänfling, dort stümpert ein junger Finkenhahn, da singt ein Rotschwänzchen sein Abschiedslied, und in der Luft hängen die Heidlerchen und dudeln, als wäre es Mai. Auf den Wegen suchen die Mordwespen nach Raupen und Spinnen, und ab und zu flirrt sogar noch eine rote oder gelbe Wasserjungfer dahin. Bau auf Bau nehmen wir, aber mit jedem wird die Beute geringer. Die Sonne hat den Boden erwärmt und die Kaninchen herausgelockt, die sich nun in die hohen Heidbüsche stecken und nach der kalten, nassen Nacht durchsonnen. Nur fünf Kaninchen bringen wir aus sechs Bauen zur Strecke, und jetzt stehen wir da und machen dumme Gesichter, denn Hänschen kommt und kommt nicht wieder zutage; es wird ein Kaninchen gewürgt und sich vollgefressen haben und eingeschlafen sein. Wir locken mit Mausepfiff und Junghasenklage in die Fahrten hinein, trampeln auf dem Baue hin und her, aber das hilft alles nichts. So verlegen wir denn die Ausfahrten und Einfalle mit Fuhrenzweigen bis zum Abend, wo wir wiederkommen und zusehen wollen, ob das Frett seinen Blutrausch ausgeschlafen hat, und gehen zum Jagdhause zurück. Heiß brennt die Sonne, macht aus allen absterbenden Blättern Gold und Rubinglas, läßt die Kronsbeeren wie Silber blitzen, färbt das Risch an den Torfkuhlen blutrot und putzt die Heide wieder so schön wie gestern und ehgestern, und die Jagd auf Kaninchen ist ebenso unlohnend. So wollen wir denn die Hunde holen und im Bruche auf Hasen suchen gehn. Auf der Heide Herbsttage gibt es, die gefahrvoller sind als die schwülsten Maiabende. War das ein Gejuche und Gequieke gestern abend auf der Dorfstraße, als ich mit dem Rade zur Köte fuhr, und ein Singen und Lachen! Frigge war über Nacht heimlich wiedergekommen und hatte dem Jungvolke so viele Liebholzzweige und Küssekrautblüten geschenkt, daß es außer Rand und Band war. Auch mit den Hirschen mußte die hohe Frau irgend etwas angestellt haben. Die Tage vorher meldete nur ab und zu einer, und so schläfrig und verdrossen, als täte er das mehr aus Pflichtgefühl als aus innerem Drange. Gestern aber verschwieg nicht ein einziger; ununterbrochen klang ihr Orgeln zu mir heran. Ich konnte nicht schlafen, denn auch mein Blut schlug Wellen; und so saß ich noch eine Stunde vor der Bude und hörte zu, was sie in die Nacht hineinschrien von Liebe und Haß, Zeugung und Mord. Lange lag ich dann noch auf der Pritsche, ehe mir die Augen zufielen; aber mein Schlaf war bunt vor Bildern und heiß von Träumen, und mehr als einmal wachte ich auf. Dann stand ich vor einem Garten, dessen Bäume himmelblaues Laub trugen und in dem goldgelbe Blumen brannten; als ich eintrete wollte, brüllte mich eine schwarze Stimme an, und eine unsichtbare Hand schlug das eiserne Tor donnernd zu. Ich stand auf und zog mich an, während die Blitze die Hütte bald mit blauem, bald mit gelbem Lichte erfüllten. Schließlich kamen Blitz und Donner zu gleicher Zeit, und damit brach das Wetter ab und der Regen rauschte eine Stunde lang. Nun hat er ein Ende genommen, und es wäre Zeit für mich, dem Hirsch entgegenzugehen. Aber die Moorfrau spielt mir einen Possen. Sie hat den Regen gesammelt und aufgesetzt, und der graue Brieten liegt dick und fest auf Wald und Heide. Er riecht wie Waschküchendampf. Es wird Mittag werden, ehe die Luft sichtig ist. Ich will aber dennoch zu Holze ziehen. Es ist zu dumpf hier in der Bude, und das Blut geht mir schwül durch die Adern. Ich fühle es, daß das Gewitter wiederkommt. Ich kenne diese Tage; niemals sind die Hirsche reger. In der neuen Besamung meldet einer, und der vom Heisterloh schreit ihm entgegen. Weiterhin sind zwei andere im Gange. Jeder schreit anders. Mir ist, als schrie der da zur Linken tief blutrot, und der dort oben schwarz. Ich sehe ihre Stimmen wie rote und schwarze Wellen in den Nebel hineinfließen. Und mir kommt es vor, als sähe ich auch den dünnen, ängstlichen Pfiff der wandernden Drossel, die über mich hinstreicht, und das sehnsüchtige Flöten der reisenden Brachvögel. Dann aber, hier auf der Heide, scheint es mir, als müsse ich erblinden, so dick ist der Nebel. Das Heidkraut vor meinen Füßen und der hohe gelbe Bent ist alles, was ich mit den Augen fassen kann, und ab und zu ein Machandel, der wie ein Geist neben mir auftaucht, und wie ein Gespenst hinter mir verschwindet. So unheimlich ist das, daß ich mich jedesmal gegen meinen Willen umdrehen muß, als wüßte ich nicht, daß es der gute Strauch ist und nicht ein böses Wesen aus der Welt, die einmal war. Ich trage nie Blumen; aber diese goldene Habichtskrautblüte muß ich mir anstecken als Talisman gegen die Unholde, die mir die Nebelhexe nachhetzt. Nun bin ich bei den rauhen Fuhren. Sie sehen im Nebel aus wie eine Versammlung von verfluchten Seelen, die Baumgestalt angenommen haben. Zwischen ihnen kauern, wie zum Sprunge geduckte Tiger, die Machandeln. Rundherum ist ein verstohlenes Geflatter und ein verhaltenes Gezwitscher von unsichtbarem Vogelvolk. Dann kommt ein Schwirren durch die Luft, schwillt zum Gebrause an und geht in einem langen Zischen unter. Ein verlorener Krähenschrei klingt wie ein Ruf voller Furcht. Und wieder klagen Brachvögel, jammern Regenpfeifer. Und vor mir geht, das Gesicht verhüllend, die Jugend, und hinter mir her schleicht, mir schadenfrohe Augen machend, das Alter. Und ich gehe im Nebel und weiß nicht, wo der Weg hinführt. Aber dann schreit der Hirsch; er zieht nicht allzu weit über dem Winde vor mir her. Und drüben ruft der andere. Er bekommt keine Antwort. Und nun höre ich es brechen und poltern; gerade auf mich zu kommt es. Ich habe scharf gemacht und hinter einem Machandelstrauch halbe Deckung genommen. Die Gespensterangst ist vorbei; ich bin wieder jung und frisch und habe die Waffe in den Fäusten. Eine heiße Welle läuft mir über die Brust, die Halsadern schwellen mir an, das Herzblut stehe still und fängt dann an zu springen, denn ein Schatten taucht auf, und noch einer und ein dritter und vierter. Ich sehe, daß es Wild ist, aber genauer kann ich es nicht ansprechen. Und die Schatten sinken wieder unter. Lange warte ich. Die Hirsche verschweigen immer noch. Ein Häher schwebt wie ein blasses Traumbild vorüber. Eine kühle Luft macht sich auf und stößt die Bäume an, daß die Tropfen aus den Nadeln fallen. Der Nebel fängt an, sich zu rühren. Ab und zu habe ich Sicht; aber immer schließt sich der weiße Dampf gleich wieder, und ich stehe da und bin allein mit dem schwarzen Busch vor mir und dem grauen Baume hinter meinem Rücken, in dem eine Tostmeise kläglich trillert. Die Amsel zetert schrill, trocken schimpft die Schnarre, und nun meldet auch der Specht scharf, und wütend lärmt der Häher. Wahrscheinlich kommt der Fuchs. Aber so laut naht er nicht. Es wird ein Reh sein, das da vor mir bricht. Gleichgültig spähe ich dahin, bis mir die Augen müde werden von dem tauben Starren in das hellgraue Nichts. Es bricht wieder und rauscht ein wenig. Das Rotkehlchen meldet. Es schnurrt zu mir heran, knickst, sieht mich mit große Augen an und vergeht im dicken Dunste. Ich stehe da und fühle, daß ich müde werde. Die Augenlider werden mir warm, und der Nebel schneidet mir Fratzen. Weiße Gesichter, streng geschnitten, kommen aus ihm heraus, vornehme Gespenstergesichter ohne Bart, Brauen und Haar; sie blicken mich spöttisch an, schwimmen bis vor meine Augen und zerplatzen; aber sofort schweben andere heran, Frauengesichter ebenso edel, und gleich böse und höhnisch mich anstierend. Irgendwo vor mir rasselt eine Eichkatze an einem Stamme hinauf. Jetzt schimpft sie; halb lächerlich, halb unheimlich hört sich das an, zumal ich sie nicht sehe. Aber worüber regt sie sich bis zur Wut auf und faucht und schnalzt so erbittert? Mich kann sie nicht gewahrt haben; ich bin ebenso unsichtbar für sie, wie sie für mich. Und jetzt lärmt ein Häher, und sieben andere stehen ihm bei. Es ist ein Gekreische und Geschrei, als wäre der Habicht unter sie gefallen. Was war das eben da? Knörte dort ein Hirsch oder war es mein Magen, der Laut gab? Und das da, ist da ein Machandel? Es bewegt sich. Aber was rührt sich nicht, wenn die Moorfrau braut, die Hexe, die Zauberin, die aus Büschen Hirsch und aus Hirschen Büsche macht! Doch jetzt fängt die Büchse mir in den Händen an zu tanzen, denn ein Stück Wildbret steht dort, und noch eins, und beide haben die Häupter dahin gewandt, von wo sie herwechselten. Und hinter ihnen drein kommt ein selbstgefälliges, zufriedenes Brummen. Das ist er, er, der Hirsch! Langsam ziehen die beiden Stücke vorüber. Dann starrt ein Geweih aus dem Nebel, schiebt sich voran, zieht ein graues Haupt hinter sich her, dem ein schwarzer Hals nachwächst, auf das ein braunes Blatt folgt. Darauf bringe ich das silberne Korn, und sobald es darin feststeht, mache ich den Finger krumm. Ein Schnauben ertönt, ein Gepolter erschallt, Hähergekreische und Drosselgezeter ist um mich herum, und vor mir stürmt ein Hase dahin. Und ich stehe da, bohre die Blicke durch Pulverrauch und Nebel und suche ein Schlagen und Brechen zu erhäschen. Aber es ist still um mich bis auf das Quäken der Bergfinken und das Locken der Meisen. Ich lade ganz verstohlen wieder und horche, und dann schleiche ich in den Nebel hinein der Stelle zu, wo der Hirsch stand. Sie ist leer, aber zwei lange Ausrisse sind im Sande, und einen hellroten Fleck schaumigen Schweißes finde ich, und einen dunkleren hier auf dem weißen Kiesel. Der Hirsch ist mein; weit kann er nicht mehr fliehen mit dem Schusse. In der Wohld vor mir wird er liegen. Der Nebel tanzt und wirbelt. Über mir wird es hell. Die Sonne kommt. Ich fühle sie nicht nur auf dem Gesicht; ihre Strahlen dringen bis in mein Herz. Und während ich zur Jagdbude gehe, um das Rad zu holen und mir im Forsthause Söllmann, den roten Rüden, auszubitten, denke ich, daß der Herbst auch Sonne hat und Früchte, und nicht bloß Nebel und Dürrlaub. Im gelben Bent Das Moor ist abgeblüht. Hier und da steht noch ein rosiges Büschelchen, leuchtet noch ein blutrotes Glöckchen, doch verschwindet das ganz unter dem gelben Bent. Das ist der Moorhalm, der jetzt die Herrschaft antrat und dem Moor die Farbe gibt. Kein Gras ist so wie er. Drei bis vier Fuß hoch wird er und hat keinen Knoten. Spät kommt er und lange hält er aus. Den Ammern, Finken und Mäusen geben seine Körner Nahrung, und seine hohen Halme und dichten Blätter der Birkwilde Deckung. Ich liebe ihn. Wäre der Bent nicht, so wäre die Pirsch im Moore unmöglich, denn nur hier und da steht eine Krüppelkiefer, ein Machandel oder ein Birkenbusch, der mir etwas Deckung gibt, schleiche ich hier umher. Er hat seine Tücken und Nücken, der Bent. Als ich gestern früh vor dem Bauernwald entlangpirschte, um zu sehen, ob ich den lahmen Bock nicht anträfe, wurde ich bis an den Leib naß, so fest hatten die Halme den Nebel gehalten, und so lang und so dicht stand er da, daß ich den Bock überpirschte und ihn erst zu sehen bekam, als er hinter mir absprang. Gleich darauf knallte es; ich hatte ihn dem Nachbarn zugedrückt. Der Schmerz ist zu ertragen; der Bock hatte ein elendes Gehörn und mit dem Nachbarn stehe ich gut. Aber nun ist es hier aus mit der Pirsch; die beiden guten Böcke, die hier noch wechseln, sollen stehen bleiben. So will ich sehen, was es denn sonst noch hier gibt im Bent. Ein Volk Hühner ist im Moore ausgekommen; Holzböcke sind es; sobald man sie anrührt, schlagen sie sich in die Büsche. Und dann ist noch Birkwild da und vielleicht treffe ich auch Enten in den Abstichen an. Dieses ist ein Tag, der mir gefällt. Die Sonne ist warm, der Wind ist kühl, der Bent schimmert wie seidenes Gewebe, die Birken bewegen ihre stahlgrün und goldgelb gescheckten Kronen, die Brombeerbüsche an den Grabenbörden prahlen mit blutrotem Laube und feuerrot leuchten die Espenbüsche. Noch sind nicht alle Blumen tot. Hier stehen blaue Knaulen, da weiße Schafgarben, dort ein goldener Ulant, und um die alten Stucken blühen die Kronsbeeren zum zweiten Male. Sogar Bienen summen noch und kleine blaue Falter suchen nach blühenden Heidbüschen. Auch die Heuschrecken sind fleißig am Geigen. »Voran, mein Hund, voran!« Freudig setzt der Schwarztiger über den Graben und sucht in weitläufiger Weise. Fortwährend fliegen, ängstlich lockend Pieper vor ihm auf, oder eine Rohrammer. Ab und zu bleibt der Hund stehen und dreht die Nase in dem Heidkraut umher, um die Spinneweben abzuwischen, die ihm das Gesicht überziehen, oder schüttelt sich, um die Bentkörner loszuwerden, die ihm in die Auge gefallen sind. Jetzt, wo er den Graben genommen hat, zieht er an, steht einen Augenblick, und sucht dann weiter. Ich finde Hühnergestüber; die Hühner aber sind nicht da. Diesen Birkenbusch wollen wir vorsichtig nehmen; denn das Birkwild liegt da gern. »Langsam, Greif, ganz langsam!« Er verschwindet in dem dichten hohen Grase bis an die Rute, die bald hier, bald da darin herumwedelt. Die Schwanzmeisen warnen ärgerlich in den Birken, und mit großem Lärm flattern drei Häher davon. Wo ist der Hund? Ich sehe nichts als hohe gelbe Halme und gelb und grün gefleckte Büsche. Endlich habe ich ihn; er steht wie gemauert. Ich gehe näher. »Voran, Greif!« Er springt ein und da schnurrt es heraus, ein Dutzend Hühner. Eins fehle ich, eins fällt, die anderen machen sofort den Bogen nach dem Bauernwalde und fallen da ein. Ich will sie nachher wieder über die Grenze rufen. Noch einmal muß der Hund die Büsche absuchen, aber kein Huhn steht mehr auf. Ich rufe ihn ab. Ich will über das blanke Moor nach den Abstichen hin. Aber da steht der Hund schon wieder zwischen den blutroten und goldgelben Brombeerbüschen, die über und über voller Früchte hängen. »Zu, Greif!« Birkwild steht auf; ein, zwei, drei, vier, fünf Stück sind es, aber lauter Hennen, und die müssen leben bleiben. Sie streichen nach dem hohen Moore, goldig in der Sonne blitzend. Mit dummem Gesichte sieht der Hund mich an; er versteht es nicht, daß ich den Hahn in Ruhe ließ. Langsam gehe ich den Abstichen zu. Vor mir flattert der Raubwürger, bald auf einer Krüppelfuhre, bald auf einem Wacholder fußend und, sobald ich näher komme, mit schrillem Schrei weiterstreichend. So, da wären wir! »Ganz langsam, Greif, ganz sachte!« Kaum taucht er in den Weidenbüschen unter, da rumpelt es und ein mächtiger Kasten von Ricke, von zwei Kitzen gefolgt, stürmt heraus und flieht nach dem Moore hin. Ich sehe den Rehen nach, da poltert Birkwild heraus, drei Hähne. Auf den ersten Schuß kommt einer herunter; die anderen wollen keinen Hagel annehmen und schlagen sich dahin, wo die Hennen einfielen. Kreuz und quer geht es nun durch den gelben Bent; über trockene Stellen, durch nasse Sinken, an frische Abstichen vorüber, und an alten, die von jungem Torfmoose erfüllt sind, das durch sein Aussehen deutlich verrät, daß über Nacht die Enten darauf waren. Einmal stößt der Hund einen Hasen auf, dann jagt er aus den krausen Fuhren ein Schmalreh fort, doch Hühner und Birkwild findet er nicht. So lasse ich ihn denn suchen, wie er will, und so viel Feld nehmen, wie er Lust hat. Eine ganze Weile treibt er es so, bis er vor die krausen Fuhren kommt; da schlägt er zur Seite, sucht und steht dann wie ein Bild. Ich gehe ganz dicht heran, aber da sucht der Hund schon wieder, und sucht und sucht in der langen Heide und dem hohen Grase und endlich poltert mühsam ein alter Hahn hoch, läßt einige Federn im Schusse und fällt weiter oben ein. Der ist schwer krank und muß sofort nachgesucht werden. Heute ist viel Leben im Moore; es ist ein Hauptzugtag. Überall, wohin ich blicke, sehe ich einen reisenden Bussard. Hunderte von Hähern wandern in losem Verbande von Nordost nach Südwest. Auf Schritt und Tritt stehen nordische Pieper auf, und allerorts locken die Dompaffen. Am Ende sind schon fremde Enten da; ich will doch einmal bei der Brandkuhle zusehen. »Greif, zurück! Leg dich!« Er macht ein beleidigtes Gesicht, setzt sich aber doch hin und bewacht Rucksack und Hut. Ich aber gehe schlankweg auf die drei krummen Fuhren zu, doch dann muß ich kriechen, denn bis zur Kuhle ist weiter keine Deckung als der Bent. Bis auf fünfzig Gänge krabbele ich heran und feuchte mir Knie und Ellbogen auf dem Torfmoose gründlich durch, dann werde ich hoch, spanne und springe in großen Sätzen bis an das große Wasserloch heran. Hurrdiburr, geht es da aber los. Ein halbes Hundert Enten steht mit Angstgeplärre auf und läßt mir drei davon zurück, zwei Kricken und eine Stockente. Ich sehe dem Fluge lange nach; aber er streicht über die Forst fort. »Komm, Greif; jetzt wollen wir den alten Hahn suchen!« Das ist ein schweres Stück Arbeit, denn die Heide ist hier hüftenhoch. Wir finden allerlei, die Reste von Enten, Birkhennen und Häher, die der Habicht schlug, eine noch frische Patrone von der Art, wie ich sie hier und da in der Jagd finde, und die nur von einem Freischützen herrühren kann, einen Spießbock, der den Hund bis auf fünf Schritte aushält und dann wie wahnsinnig dahinflüchtet, einen Hasen, der so aus dem Brombeerbusch herausfährt, daß die Wolle nur so fliegt, aber den Hahn finden wir nicht. Schließlich wird mir ganz dumm vor den Augen von dem ewigen Geflirre des Bentes und der Herbstseide, die mir im Gesicht klebt, und einschläfernd wirkt das Geruschel der Halme und das Geschrille der Heuschrecken. Endlich bleibt der Hund vor einem alten breiten Wacholder stehen. Ich lasse ihn einspringen, doch steht nichts auf, und da bringt er mir auch schon den verendete Hahn. Beim Bauernwalde knallt es fortwährend; der Nachbar ist an den Hühnern. Mir ist es recht; ich kann doch nicht viel mit ihnen anfangen, denn sie schlagen nach dem ersten Schusse zu Holze und fallen über die Grenze. So will ich hier im hohen Bent weitersuchen, bis der Tag zur Rüste geht. Gar zu lange dauert das nicht; die Sonne steht schon nicht mehr so hoch und der Wind geht frischer. Ich suche die Abstiche ab, aber keine Ente steht auf. Ich gehe das Moor auf und ab, doch kein Birkwild wird hoch. Und allmählich spüre ich meine Knochen von dem beschwerlichen Gehen in der langen Heide und dem Springen von Bülte zu Bülte. Der Hund ist auch matt; er sucht von selbst schon ganz kurz und ohne Feuer. So breche ich ab. Eine Stunde gehe ich. Dann drehe ich mich um. Rot steht die Sonne über dem schwarzen Walde dahinten und vor ihm liegt das weite, breite Moor goldig glänzend. So gleichmäßig sieht es aus, als gäbe es gar kein Leben in ihm. Und es lebt und webt doch so viel zwischen dem gelben Bent. Auf der Stoppel In den hohen Pappeln am Feuerteiche pfeifen und quietschen die Sprehen, in dem Efeu des Schulhauses lärmen die Spatzen und auf dem Kirchdache singt das Rotschwänzchen. Die Sonne scheint ja auch so warm und die Luft ist so weich, als wäre es Mai. Ist es da ein Wunder, daß die Füchse fliegen und die Bienen summen, daß die Haubenlerche sich auf ihr Frühlingslied besinnt und vor der Schmiede zwei Bachstelzenhähne eine Henne treiben, als wie im Mai? Aber die roten und gelben und weißen Georginen hinter den Zäunen, die grellen Ringelblumen und die kleinen blauen Bauernastern sind keine Frühlingsblumen, die Linden haben schon fast abgeworfen, die Birken werden bunt, die Ebereschen hängen voll reifer Beeren, in den Grasgärten röten sich die Winteräpfel und der scharfe Geruch der brennenden Unkrauthaufen straft die falschen Frühlingslieder Lügen. Fahl und leer ist das Feld. Die Stoppel schimmert in der Sonne. Hier und da leuchtet hinter dem braunen Kartoffelkraut ein weißes oder goldenes Stück Wintersenf, ein hellgrünes Spörgelfeld, mit weißen Sternchen übersät, ein Serradellaacker, rötlich überhaucht, und was da am Grabenborde blutrot oder feurig prangt, das ist das Herbstlaub der Brombeeren und der Espenbüsche. Freudig, viel Feld nehmend, sucht der Schwarztiger vor mir her, und ich folge ihm. Die Roggenstoppel knistert unter meinen Sohlen und über mich hin flattern mit ängstlichen Locktönen die Pieper aus Nordland, um bald wieder in den Rüben- oder den Kartoffelfeldern einzufallen, bis der Hund sie abermals aufstört. Dann und wann hüpft ein frostlahmer Frosch mühsam dahin oder eine Maus huscht in ihr Loch. Stück um Stück sucht der Hund ab, aber er findet nichts. So geht es denn durch die Kartoffeln, in denen die letzten Kornblumen blühen, über das Kleestück, das bunt von Stiefmütterchen ist, an den Lupinen entlang, aus denen die Sonne schweren Honigduft herausholt und über die nasse Heide, wo hier und da noch ein rosiges Büschelchen blüht und die blauen Knaulen von Hummeln umbrummt werden. Vor dem Grenzstein fliegt ein licht gefärbter Bussard auf, von dem Immenzaune ein brauner und von der Wiese streicht ein gescheckter ab. Und hier schwebt einer und dort ein anderer und da wieder einer und vor dem Holze kreisen drei Stück. Wohin ich blicke, rüttelt ein Turmfalke oder ein Lerchenfalke jagt dahin, und hoch oben unter den Wolken wandern drei Habichte. Und dann kommt ein Häher angeflattert und noch einer und abermals einer und immer neue kommen an. Sie kommen alle von Norden, wo die Mäuse nicht gediehen und die Waldfrüchte mißraten sind, so daß der Hunger sie frühzeitig südwärts trieb. Hier liegt ein großes Kartoffelstück; da schicke ich den Hund hinein. Ein großer lichter Vogel steht lautlos auf und flattert der Heide zu und noch einer und abermals einer und wieder welche. Mooreulen aus Nordland sind es. Endlich steht der Hund, aber ein Hase rutscht heraus, als ich ihn einspringen lasse. Doch jetzt zieht er wieder an, und ich merke es ihm an, daß er Hühner hat. Aber nun sucht er wieder und steht und sucht von neuem, und nun, wo das Stück zu Ende ist, burren zwei alte Hühner heraus. Die sollen leben bleiben, sonst ist im nächsten Jahre die Jagd noch schlechter als heute. Wieder geht es über die knisternde Stoppel, in der allerlei kleine Blumen blühen und an der die Herbstseide im lauen Luftzuge flattert. Flüge von Ammern und Finken stehen auf, wieder fährt ein Hase aus der Sasse, Lerchen flattern auf und Pieper, und lustig zwitschert ein Trupp Hänflinge dahin. Hinüber und herüber flitzt der schwarzbunte Hund, bald auf der Roggenstoppel, nun da, wo der Hafer stand, jetzt dort, wo der Buchweizen war. Dann steht er, aber ehe ich bei ihm bin, höre ich schon die alte Henne warnen und dahin geht schwirrend das ganze Volk. Da hinten vor der Sandkuhle fällt es ein. Endlich bin ich da. Wieder raschelt der Hund über die Stoppeln, wieder knistern sie unter meinen Schuhen, wieder stehen überall Kleinvögel auf. Der Hund zieht fortwährend an, aber die Hühner sind hin und her gelaufen und am Ende schon wieder fortgestrichen. Doch jetzt steht er, und ich komme doch noch an sie heran. Eins fällt, eins ist geflügelt; die anderen teilen sich und fallen vor der Heide und bei der Feldscheune ein. Es dauert ein Weilchen, da bringt mir der Hund das geflügelte Huhn zu und stößt noch ein Stück heraus, das ich fehle. Über dem Forst steigt es schwarz herauf, die Sonne geht fort, der Wind nimmt sich auf und ein Regenschauer prasselt herunter. Die Sprehen in den Eichen am Wege lärmen aber lustig weiter und der Ammerhahn auf dem Zaunpfahl singt wie zur Frühlingszeit. Ich stapfe über die Stoppel nach der Heide hin und lasse den Hund von da aus weiter suchen. Er rennt das Feld auf und ab, nimmt dann die Heide an, sucht und sucht und steht endlich, ein Huhn. Es kommt auf den zweiten Schuß herunter, aber zugleich steht hier eins auf und da eins und dort noch eins; alle aber streichen über die Grenze. So muß ich nach der Feldscheune. Grau ist die Luft geworden und kühl. Aus ist es mit dem lustigen Leben; fort sind die silbernen Herbstfäden, kein Schmetterling fliegt mehr und die Heuschrecken haben ihr Gezirpe eingestellt. Die Ammern und Finken sind zu Holze gestrichen, und die Pieper sind nach dem Moore gezogen. Von dem Sturzacker kommt der wehmütige Ruf des Regenpfeifers, auf den abgeernteten Kartoffelstücken klagen die Kiebitze, und mißmutig quarren die Krähen, die nach dem Gemeindeholze fliegen. Der Hund sucht ohne rechte Freude, und mit wenig Lust folge ich ihm. Nicht mehr freuen mich die goldenen Blüten des Rainfarns und die blauen Glöckchen am Wege, und selbst das stolze Leinkraut neben dem bunten Steinhaufen läßt mich kalt und der hohe Ampfer mit seinen knallroten Blättern, die sonderbar im Winde hin und her wedeln. Misteldrosseln stieben vor dem Hunde mit trockenem Geschnarre auf; die letzte von ihnen holt sich das Sperberweibchen, das aus der Fuhre bei der Feldscheune herausgeschossen kommt. Schon habe ich es auf das Korn genommen, da besinne ich mich; hier sind ja die vier Hühner eingefallen. Es dauert nicht lange, so hat sie der Hund; hat sie und hat sie doch nicht, denn sie sind wieder lange gelaufen. Aber eins bekomme ich zum Schlusse doch. Wo aber die anderen bleiben, das kann ich nicht finden, denn die Luft ist schon zu unsichtig. So geht es denn heim. Der Regen fängt wieder an; der Himmel ist ganz grau; der Wind geht hohl über die Stoppel. Ein grüner Bruch Es hat die ganze Nacht gegossen und so gestürmt, daß ich mehr als einmal aufwachte, wenn ein dürrer Ast neben der Kote niederprasselte. Auch den Vormittag über jagte noch eine schwere Bö die andere. Jetzt ist das grobe Wetter vorüber. Die Fuhren und Fichten, die unter den Mißhandlungen des Sturmes kreischten und stöhnten, brummen nur noch unwillig, der Wind kommt stetig aus Süden, und die Sonne lacht ohne Tücke. An diesem lauen Spätnachmittag lohnt sich vielleicht der Pirschgang aus der freien Hand hier in der wilden Wohld. Ich trete aus der Kote auf den Knüppeldamm und sehe mich um. Oben tritt das führerlose schwache Kitz, dessen Mutter die Wilddiebe strickten, über die Bahn; unten zieht die alte Geltricke nach dem Quergestell. Hinter ihr hoppelt ein Hase aus der Dickung und bleibt mitten auf dem Wege sitzen. Haubenmeisen trillern, Finken locken, Dompfaffen flöten, Zeisigschwärme und Kreuzschnäbelflüge streichen lustig lärmend über die Wipfel, hell schreit der Bussard über den Kronen und der Schwarzspecht läßt seinen Schönwetterruf erklingen. Heute ist Leben in der Wohld. Ich pirsche, wie der Wind es will. Erst geht es ein Ende das Quergestell entlang, auf dem mir die hohen Moorhalme bis an die Hüften schlagen, und dann über den Graben in den alten Holzweg hinein, der auf den Bach zuführt. Ganz langsam schleiche ich und bleibe oft stehen, denn Hartsturm und Regen haben den hohen Adlerfarn rot gefärbt, und leicht verkennt sich darin ein Stück Wild, zumal die roten Gerippe der von der Nonne umgebrachten Jungfichten mit den roten Fuhrenstämmen und dem roten Farnlaub ganz zusammengehen. Aber ich, erspähe doch die Ricke mit ihren beiden Kitzen, die nach den Bruchwiesen hinziehen, und den leidlichen Bock, der sich so eifrig an den Pilzen äst, daß ich an ihm vorbeikomme, ohne daß er mich gewahrt. Hier an dem Bache hört endlich das welke Farngestrüpp auf und die toten Fichten bleiben zurück. Mächtige Fuhrenstämme recken sich aus hellgrünem Faulbaumgebüsch, das von schwarzen Beeren funkelt, Birken leuchten dazwischen, Eichen breiten ihre Kronen aus, und unter ihnen stehen ernst die Wacholder und unnahbar die Stechpalmen. Ich schleiche an dem Bach entlang, auf dessen buntem Kiesgrunde die Ellritzen dahinflitzen und in dessen goldbrauner Flut sich die stolzen Wedel des Edelfarns spiegeln. Überall zwischen den Weißmoospolstern quellen Pilze hervor, und jeder morsche Stumpf ist von ihnen überzogen. Viel von ihnen sind von dem Wilde abgeäst. Ein feuerroter Fleck vor einem verrotteten Wurfboden läßt mich halten. Ich nehme ihn unter das Glas, werde aber nicht klug daraus. Ganz langsam pirsche ich mich unter Deckung heran, und dann lache ich mich selber aus; ein Schleimpilz hat den Stumpf des Wurfbodens in eine einzige knallrote Masse verwandelt. Schon will ich wieder nach dem Bache zurück, da bricht es in dem Brombeergestrüpp, der graue Kopf eines alten Bockes erhebt sich einen Augenblick und verschwindet wieder. Ich lauere wohl eine Viertelstunde lang, an den Wurfboden gelehnt, bekomme aber nur noch einmal den Spiegel des Bockes zwischen den Ellernbüschen zu sehen. Ein wenig verdrossen gehe ich wieder an dem Bache entlang bis zu den großen schwarzen Kölken, die dem vermoorten Windbruche vorgelagert sind. Da steht vor mir die Fährte eines jagdbaren Hirsches in dem braunen Boden. Sie ist nagelfrisch; der Hirsch kann noch nicht eine Stunde hier vorbeigewechselt sein. Die Fährte steht auf den Windbruch zu. Ich wate durch den Bach und winde mich zwischen den vermorschten, von Moos überzogenen und mit leichenfarbigen Pilzen bedeckten Wurfböden hin, die Fährte haltend, bis sie sich endlich in dem hohen Gestrüpp verliert. Ich umschlage den Windbruch, finde sie aber nicht wieder. Noch verdrossener gehe ich den Knüppeldamm entlang, bis ich wieder einen alten Holzweg entdecke und auf ihm entlangschleiche. Die Sonne steht schon tief über den Kronen, und die Luft wird dunkler zwischen den Stämmen. Eine Misteldrossel fliegt mit trocknem Geschnarre vor mir ab, die Rotkehlchen ticken im Unterholze. Ich gehe an dem oberen Bache entlang, dessen schwarzes Wasser träge dahinschleicht, und dessen Rand mit ganzen Haufen düsterblauer Pilze besetzt ist. Überall spüren sich Rehe, und auf einer nassen Grasblöße finde ich die Fährte eines alten Rottieres. Die Luft riecht nach Mulm und Moder und nach dem muffigen Dufte der Hirschtrüffeln, deren grobe Knollen massenhaft aus dem schwarzen Boden quellen. Bald hier, bald da treffe ich die Stellen an, wo Sauen gebrochen haben. Ich pirsche ganz behutsam und leise, mehr aus Gewohnheit denn in der Hoffnung, ein Wild anzutreffen, das die Kugel lohnt. Da kreischt weit von mir im Unterholze der Häher. Mich kann er nicht eräugt haben, denn ich stehe schon ein Weilchen still, weil ich mir eine frische Pfeife stopfe, und bin in guter Deckung. Nun bricht es zwischen den Birken, und in eiliger Flucht kommt ein Hase an, überfällt den Bach, schlägt drei Haken und rasselt in die Himbeeren hinein. Ich stecke schnell Pfeife und Tabaksbeutel ein und nehme den Dreilauf in die Hände. Wieder bricht es, und laut schreckend kommt eine Ricke angestürmt, poltert durch die Farne und schreckt aus der Dickung anhaltend weiter. Und jetzt warnt der Buntspecht, der Zaunkönig schimpft und das Rotkehlchen zetert. Da ist etwas nicht in Ordnung. Entweder jagt ein Hund dort oder ein Wilderer schleicht da herum. Ich drücke mich hinter eine krumme Eiche und warte. Es ist schon recht schummerig geworden. Die Sonne steht hinter den Kronen, und auf den Stämmen glühen hier und da rote Mäler auf; bleiche Motten fliegen, die Tauben fallen zu Holze, die Goldhähnchen suchen schon tiefer, und im Gekraut schrillen die Spitzmäuse. Ich nehme jedes Stück des Birkensumpfes genau unter das Glas, sehe aber nichts als weiße und schwarze Stämme, Farne und Faulbaumgewirre, und so mache ich mich von der Eiche los, schleiche bis zu dem halbtoten, hohen Wacholder, harre da eine Weile, pirsche bis zu einer mächtigen Fuhre, spähe wieder, trete dann ganz langsam durch den Bach, dessen schmieriges Wasser mir in die Stiefel hineinläuft, bleibe einige Zeit hinter einem Wurfboden und gebrauche das Glas so lange, bis meine Augen anfangen zu schwimmen, bekomme aber nichts Lebendes zu Blick. Ich stecke mir vorsichtig die Pfeife an, um zu wissen, wie die Luft geht, und da höre ich ein ganz lautes Brechen vor mir, und dann ein Krachen und ein Quatschen, und hinterher ein Blasen. Mein Herz schlägt vor Freude schneller; Sauen sind vor mir. Es ist möglich, daß es die führende Bache ist, und dann bin ich betrogen; aber ich habe ehgestern außer ihr und ihren Frischlingen noch vier angehende Sauen und zwei Überläufer gespürt, und deren Fährten standen nach diesem Jagen. Wieder warnt das Rotkehlchen heftig, und der Zaunkönig steht ihm bei mit lautem Schimpfen. Und fortwährend bricht und kracht und quatscht und bläst es hinter den Wurfböden. Ich sehe mir fast die Augen aus dem Kopfe, aber keine Sau zeigt sich und dann ist es plötzlich still. Mein Herz schlägt, ich höre meinen Atem im Halse pfeifen, und heiß wird es mir unter dem Hute, denn das Brechen geht von neuem los. Eine Schnepfe steht klappernd auf und streiche mit Angstgequätsche über mich hin. Mein Herz geht noch wilder, und dann tut es einen Sprung, denn vor der Zwillingsfichte steht auf einmal, sich gut von dem bleichen Torfmoose abhebend, eine Sau und sichert nach mir hin. Nur Augenblicke sind es, aber wie eine Stunde kommt mir die Zeit vor, bis daß sie eine Wendung macht und mir das Blatt zeigt, und da trage ich ihr die Kugel an, sehe sie stürzen und gebe ihr mit dem Fangschusse den Rest, während es ringsumher bricht und kracht unter den Fluchten der davonstürmenden Rotte und bald dort, bald da ein Reh schmält. Es ist kein hauendes Schwein, das ich streckte, nur eine angehende Sau, ein Hosenflicker. Aber es ist mir lieber als der alte Bock mit dem kurzen, schweren Gehörn, den ich am Hellbache sah, und fast so lieb wie der Hirsch, dessen Fährte ich verlor. Und so breche ich ihn gelassen auf, so widerlich diese Arbeit auch ist, verblende ihn mit Taschentuch und Zeitungsfetzen, stecke mir die Pfeife an und stehle mich aus dem Birkenbruch auf das Hauptgestell, das schon im vollen Nebel liegt. Ich habe einen langen, langen Weg durch die Wohld und über die Wiesen bis zum Dorfe, und naß und moorig ist er. Aber ich gehe ihn gern, trage ich doch einen grünen, mit rotem Schweiße getränkten Fichtenbruch am Hute. Am Heidsee Es will Abend werden. Die Sonne hat ihren Glanz verloren und steht als große, rosenrote Scheibe über den Fuhren unter einer wunderbar gefärbten langen Wolke an dem goldroten Himmel. Die Heidberge, die seit der ersten Frostnacht abgeblüht sind, glühen auf, als wollten sie von neuem erblühen. Die gelbgescheckten Birken leuchten, die Moorhalmbüsche strahlen, die Rauschbeerstauden sehen wie rote Flammen aus, und sogar die weißen Sandflanken der Hügel bekommen einen warmen Ton. Ich stehe unter einer krausen Fuhre. Ein mächtiger Wacholderbusch, den ein ganz und gar mit feuerroten Hagebutten bedeckter Rosenstrauch umspinnt, gibt mir Vorderdeckung gegen den kleinen See, dessen dunkelblauer Spiegel sich unheimlich schön von dem blutroten Riedgras, das ihn einfaßt und in dem viele weiße, späterblühte Wollgrasflocken leuchten, abhebt. Ab und zu, wenn ein Windhauch darüber hinwegseufzt oder ein Rohrhuhn ihn bewegt, überzieht ihn ein silbernes Gekräusel oder goldene Ringe blitzen in ihm auf. Ich stehe da und lauere auf die Enten aus Nordland, deren Federn auf dem bleichen Torfmoose vor dem Wasser hin und her wehen. Die Sonne zerlodert hinter den Fuhrenstämmen und macht aus den vielen Hunderten der silbernen Rispen des Sandrohres goldene Flammen. Das Gequarre der Krähen und das Gekreische der Häher verstummt, das Getriller und Gekuller der Meisen hört auf, und auch das dünne Gepiepe der Goldhähnchen verliert sich. Eine Fledermaus zickzackt über den See, fahle Nachtfalter hasten an den blutroten Brombeerbüschen vorüber, wie ein Schatten huscht ein Rotkehlchen über den Sandfleck vor meinen Füßen. Der Himmel ist nun ganz dunkelblau. Ein einziger Stern steht an ihm gerade über der hohen, wunderlichen Fuhre, auf der Kuppe des höchsten der Hügelchen, die den See umhegen, und an dessen Abhang langsam zwei Rehe dahinziehen, grell gelb aussehend, stehen sie in dem braunen Heidkraute, grau werdend, treten sie zwischen die fahlen Moorhalmbüsche. Hier und da schlieft ein Kaninchen aus seinem Bau, sichert ein Weilchen und hoppelt der Feldmark zu. Dann ist auf einmal ein Hase mitten in der großen Sandschelle an der Flanke des Hügels, der lange unbeweglich dasitzt, und plötzlich von dannen flüchtet, denn die Luft wehte ihm die Witterung des Fuchses zu, der zwischen den Sandrohrhalmen erscheint und hinter den Wacholdern verschwindet. Mit ängstlichem Geflöte stehen vor ihm die Heidlerchen auf. Jetzt ist ein zweiter Stern am Himmel, und nun ein dritter, und immer mehr stellen sich ein. Ein zischender Pfiff ertönt, und jenseits des Sees geistert eine Schnepfe dahin. Hinter mir klopft es dreimal laut, und dann rauscht es; ein altes Kaninchen hat Wind von mir bekommen und warnt die anderen. Mit einem schiefen Blicke sieht mein Hund dahin und schnuppert leise; dann legt er den Kopf wieder auf den Sand. Über das Torfmoos rennt schrill zwitschernd eine Wasserspitzmaus und plumpst in den See. Aus der Ferne ertönt das Trompeten reisender Kraniche, und dann und wann fliegt mit dünnem, langgezogenem Pfiffe eine wandernde Drossel dahin. Aus dem Rohr rudern leise zwei Wasserhühner bis auf die Mitte des Sees, kehren aber hastig um und flüchten mit Gepolter zurück, als sie die Eule erblicken, die lautlos über dem Wasserspiegel schwebt. Hinter meinem Rücken poltert und bricht und rauscht es in den Fuhren; ein Bussard wird sich zur Rüste eingeschwungen haben. Ich höre es klingeln; Enten streichen vorüber. Ich setze die hohle Faust an den Mund und mache ihr Gequarre nach. Es klingelt näher, und drei Schatten erscheinen an dem jenseitigen Ufer, verschwinden hinter den Erlen, tauchen wieder auf und kreisen näher. Ich reiße den Lauf hoch und nehme die erste Ente auf das Korn, drücke, sehe sie im Feuer stürzen und höre sie in das Röhricht prasseln, halte auf die zweite, und sehe und höre auch diese fallen. Mit heiserem Geplärre stiebt die dritte davon. Der Hund hat den Kopf gehoben und äugt mich fragend an. Ich winke ihm ab und er senkt das Haupt wieder. Ich lade und lauere weiter. Auf den Wiesen melden sich die Kiebitze; in der Heide lockt ein Rebhahn. Fern fällt ein Schuß, und hinter mir schreckt ein Reh. Nun sind alle Sterne an dem hohen, blauen Himmel und der See spiegelt viele von ihnen wider. Eine Ente quarrt über mir und platscht in das Wasser, ehe ich sie gewahrt habe; ich höre sie flattern und schnattern, bekomme sie aber nicht zu Blick. Ein silberner Blitz leuchtet in dem See auf, und abermals einer; es war das Widerbild von fallenden Sternen. Links von mir bricht es im Gestrüpp, und ein hohler Husten kommt daher; das ist die lungenwurmsüchtige Schmalricke, die dort umhertritt. Von neuem fuchtelt es hinter mir, und klingelt über mir, und zwei schwarze Schatten schweben im Bogen dahin, lange Hälse reckend. Größer als Enten, viel größer sind sie, und mit freudigem Schreck reiße ich den Kolben an die Backe, fahre mit und drücke zweimal. Ein lautes Plantschen und wildes Flattern und Rascheln meldet mir, daß eine der beiden Wildgänse heruntergekommen ist. Die andere höre ich davonsausen. Eine Weile flattert, plantscht und rasselt es noch; dann ist es still. Ich lauere noch ein wenig, und muntere darauf den Hund an. Mit einem Satze ist er in der Flut, und nur ein Weilchen dauert es, so bringt er mir einen Erpel zu. Noch einmal weise ich ihn in das Röhricht. Länger sucht er, dann bringt er die Gans. Aber eine ganze Zeit muß er suchen, ehe er die zweite Ente findet und anträgt, und dann liebele ich ihn ab, worauf er sich ausgiebig schüttelt und im losen Sande rollt, um sich zu trocknen. Dann geht es heim über die braunen, hier und da weiß leuchtenden Hügel dem Forsthause zu, dessen helle Fenster über die pfadlose Heide mir den Weg weisen. Alle Sterne sind am Himmel versammelt, die Luft geht scharf, das Heidkraut ist naß, in den Moorkuhlen liegt der Nebel. Morgen früh wird die Heide weiß von Reif sein, wenn ich mit dem Hunde wieder hinausziehe, auf Kaninchen zu jagen. Vor der Wildwiese Vier Wochen sind es her, da saß ich vor der Wildwiese und sah mir das Damwild an, das in dem langen herbstlichgelben Grase sich äste. Friedlich und verträglich waren sie alle, der starke äste sich neben dem kapitalen, der angehende stand bei dem starken Schaufler, selbst die Schmalspießer bewegten sich sorglos und sicher. Heute bin ich wieder im Tiergarten. Aber auf der Wildwiese ist es leer, kein Stück steht da, nur ein Bussard kreist über der fahlen Wiese und die Markwarte streichen warnend von einem Tannenhorst zum andern. Ich will schon weitergehen, da sehe ich einen schwarzen Fleck in den hohen Schmeelen, der sich in unregelmäßiger Bewegung vorwärts schiebt. Ein angehender Schaufler ist es. Er äst sich unruhig, verhofft alle naselang, und sichert manchmal eine ganze Weile. Ganz hinten vom Fang her klingt ein seltsamer Schrei, ein röchelnder, wütender, böser Ruf. Der Schneider vor mir wirft auf, tritt hin und her, und zieht dann der Fichtendickung zu, so schnell es ihm die lahme linke Keule erlaubt. Der Schrei vom Fang her und die lahme Keule, sie sagen mir, daß es aus sei mit der Friedlichkeit und Verträglichkeit im Tiergarten. Jetzt setzt es Schaufelhiebe und Kampfsprossenstöße, daß es kracht und klappert, daß Haare und Deckenfetzen fliegen. Die Brunft ist im Gange. Die breite Schneise gehe ich entlang, der Richtung zu, von der der Brunftschrei kam. Ab und zu bleibe ich stehen und horche. Goldhähnchen piepsen, Meisen zetern, eine Krähe quarrt, der Turmfalke ruft. Und dann kommt der röchelnde Kampfruf näher. Unter den hohen Buchen, da, wo das Fallaub in der Sonne wie rotes Gold zwischen den dunklen Stämmen leuchtet, sind große schwarze Flecke in Bewegung. Damwild nimmt da Mast auf. Ein ganzes Rudel ist es. Aber die alte Verträglichkeit ist nicht darin. Die Kälber stehen allein, ihre Mütter schlugen sie ab, sie sind ihnen lästig. Die Schneider halten sich abseits von den Schauflern, sie haben mehr als einmal eins in die Rippen gekriegt und nun übergenug davon. Der Hauptschaufler aber äugt stolz umher und schreit ab und zu. Von links, wo die Kastanien in der Sonne gelbrot brennen, taucht in goldenem Halmgewirre ein schwarzer Fleck auf und zieht näher. Über dem glitzert etwa Breites, Gespreiztes, Zackiges in der Sonne, das sich hebt und senkt. Und dann kommt von dem Fleck ein Schrei, ein frecher, herausfordernder Ruf. Der Schaufler vor mir wirft auf und sichert nach dem Gegner. Würdig und besonnen zieht er ihm näher, unterwegs aber besinnt er sich und äst sich an dem Grasfleck am Wege. Der andere kommt näher und näher, sein Kampfruf klingt immer böser, aber wie er ganz dicht heran ist, da senkt auch er das Haupt und äst sich an den Bucheckern. Ich glaube, die Brunft ist doch noch nicht ordentlich im Gange. Ich warte und warte, aber es kommt nicht zum Kampf. So bummele ich im Bogen nach dem Fang und von da an dem Gatter entlang. Dicht vor mir wird hinter einer in blankem Messing prangenden Hainbuche ein Schaufler hoch. Mühsam hinkt er weiter. Das ist der zweite lahme Kämpe heute. Die Brunft ist doch schon im Gange. Ein Brechen und Prasseln ist vor mir. Ich schlage einen Bogen und stehe dem Weymouthskiefernhorst gegenüber. An dessen Kante schlägt ein Hauptschaufler. Knörend und schreiend zieht er vor der Dickung hin und her, wirft den gelben Sand mit den Schalen und Schaufeln in die Luft als goldenen Regen, stellt sich auf die Hinterläufe und schlägt mit den Schaufeln in das blaugrüne Geäst, daß grüne Brüche herumfliegen. Er hat schön da gewirtschaftet. Drei, vier Stämme, seine Schlagbäume, zeigen den rotgelben Bast und den weißen Splint. Immer wieder schlägt er ihnen die Schaufeln in die Rinde, stellt sich hoch und bearbeitet die Zweige. Einem Schmalspießer kommt das Benehmen des alten Herrn ulkig vor und mit neugierigem Jungensgesicht zieht er an ihn heran. Im nächsten Augenblick ist er wieder in der Dickung; er hat eins auf den Ziemer gekriegt, daß es nur so brummte. Ich will warten bis zur Ulenflucht. Dann kommt noch mehr Leben in die Sache. Ich gehe über das gelbe Parkett von dürren Kastanienblättern, über den fahlen, sparsam mit Hahnenfuß und Maßliebchen gestickten Rasenteppich, sehe dem Grünspecht zu, der an der silberblättrigen Riesenweide zimmert, dem Zaunkönig, der aus den Brennesseln mich ausschimpft, mache ein paar Kuhtauben hoch, die im Fallaub Buch aufnahmen, lächle über ein Damwildkalb, das wie ungesund hin und her flüchtet, über ein Eichhörnchen, das mich vom sicheren Ast herab anschnauzt, und freue mich über das Rot und Gelb und Braun des Waldes. Es ist so warm heute, daß ich auf der Veranda vespern kann. Die Luft ist dick und hüllt alles in blaugrauen Duft, eine leichtsinnige Fastnachtsstimmung liegt über dem Walde. Das Bild stimmt, Waldkarneval ist noch heute. Jeder Baum ist vermummt, hat sich in die buntesten Lappen gehüllt. Die stolzen Buchen haben ein rotes Debardeurkostüm an, die Kastanie schäkert in einem rotgelben Domino, selbst die ernsten Eichen haben sich allerlei bunte Flitter angehängt. Warum auch nicht? Was kann das schlechte Leben helfen? Morgen ist Aschermittwoch, dann ist der bunte Spaß vorbei. Das Graublau der Luft wird grau, die bunten Farben der Bäume erlöschen. Die Ulenflucht kommt heran. Ich gehe dem Fange zu. Da schreit immer noch der Platzschaufler. Vorsichtig schiebe ich mich näher und bleibe in guter Deckung stehen. Rechts von mir mahnt ein Damtier mit hoher Fistelstimme. Noch mehr rechts schreit ein zweiter Hirsch, erst ganz weit, dann nicht mehr so weit, jetzt näher, jetzt ganz nahe. Es ist ziemlich schummrig schon. Fahl ist das hohe Gras, das vorhin so goldig war, gespenstisch sehen die welken Bäume aus, die vor zwei Stunden mit frohen Farben prahlten. In den Fichten ruft der Waldkauz, eine verspätete Krähe quarrt hoch über mir, die kleinen Vögel schlafen längst alle. Ein röchelnder Schrei ertönt links von mir. Ihm antwortet rechts ein anderer. Von links ertönt er wieder, aber näher, von rechts auch, und auch näher. So kommen sich die röchelnden Laute entgegen. Zwei schwarze Schatten stehen sich jetzt gegenüber. Einmal noch will ein Kampfruf ertönen, aber er bricht kurz ab und endigt in einem Knallen und Prasseln. Dann ist es ganz still. Und dann knallt und prasselt es wieder und wiederholt sich. Dann folgt ein Poltern, ein kurzer Knall, ein Knirschen wird hörbar, ein Rauschen im Laube, und wie ich leise vorwärts pirsche, sehe ich die Kämpen, eine lange dunkle Masse, sich hin und her schieben. Keuchen, Stöhnen, Schnauben, Ächzen begleitet den Kampf. Weiße Atemwolken fegen aus dem schwarzen Klumpen, fahle Blätter wirbeln umher. Mit einem Schlage löst sich der Klumpen in zwei auf, der eine flüchtet keuchend an mir vorüber, hinterher der andere. Und dann folgt ein dumpfer Ton, als schlüge man mit einem Knüppel auf einen Mehlsack, und noch einer, und dann noch einmal ein Knallen und Prasseln, und wieder der grausame, dumpfe, häßliche Laut, und jetzt poltert der abgekämpfte Schaufler an mir vorbei. Vor mir aber der andere Schaufler zieht laut schnaufend die Luft ein und schreit seinen Sieg stolz durch den dämmernden Wald. Ein zärtlicher, hingebender, verlangender Ruf antwortet ihm, dem zieht er entgegen, den schwer erkämpften Lohn sich zu holen. Aber die Nacht ist noch lang, wer weiß, was sie bringt. Hinten, im hohen Ort, meldet sich schon wieder ein Nebenbuhler. Sein Schrei klingt tief und drohend und kommt näher. Der Schwarze vor mir ist jetzt noch Sieger. Sein Nebenbuhler sitzt im Wundbett und kühlt die zerfetzten Keulen. Sein Besieger aber liegt morgen früh vielleicht steif und kalt auf sonnenbeleuchtetem Fallaub mit weit vorgequollenen gebrochenen Lichtern, und zwischen ihnen ist ein rundes Loch. Da traf ihn der Gegner. Und der pflückt jetzt die Rosen im herbstlichen Wald. Auf dem Einlaufe Hier oben bin ich und da unten ist die Welt. Sie schläft, denn es ist noch nicht sechs Uhr. Vielleicht schliefe ich auch noch, wenn nicht einer der Polen vom Gute mich geweckt hätte. Er ging unter meinem Fenster her und sang mit dünner Kopfstimme: »Es war ein reicher Kaufmannssohn, der diente dem König von Preußen schon; er bild'te sich ein, er möchte bald sein Offizier«. Und nun bin ich hier oben unter dem Tannenmantel vor den Taubensteinen, sitze auf einem Baumstumpfe, warte auf den Morgen und wünsche mir nichts, als daß es immer so bleiben möchte, so wie es jetzt ist zwischen Nacht und Tag, Mond und Sonne, Herbst und Winter, in dieser lauen Kühle, in dieser hellen Dusterheit, in dieser klingenden Stille. Da bleibt das Herz so ganz für sich allein, da kann ich so schön an gar nichts denken und verstehe alles, was ich sonst nie begreife. Unten im Felde schmält ein Altreh unermüdlich; da merke ich auf, denn es könnte sein, daß es mir die Sauen anmeldet. Nun bricht es bei mir; die Rehe ziehen durch den Buchenaufschlag. Fast meine ich, sie sehen zu können; doch ich weiß es, daß mir nur mein Gehör in die Augen gekommen ist und mir das weist, was ich vernommen habe. Das Stück, das da so hohl hustet, ist eine Ricke; ich will sie heute mittag, wenn sie sich von der Sonne bescheinen läßt, abschießen. Sie hat den Wurm in der Lunge. Ich rauche langsam und denke an das wunderschöne alte Lied, das vorgestern abend der Schmied im Krug sang: »Der Jäger in dem grünen Wald will suchen seinen Aufenthalt. Er schickt seine Augen hin und her, er schickt seine Augen hin und her, ob auch, ob auch, ob auch nichts anzutreffen wär«. Ich schicke meine Augen hin und her in den Vormorgennebel. Hier sind sie und da, hüben und drüben, rufen das Gehör als Beistand, nehmen den Mund zur Hilfe, bis ich weiter nichts bin als eine einzige hungrige Begierde. Was ich vernehme, ist das Brechen und Blasen der einlaufenden Sauen. Das Hopsen der Maus im Altlaube, das Rascheln des Hasen im bereiften Grase, das Knistern des Blattes, das sich vom Zweige löst: die Sauen sind es. Und was ich gewahre, der graue Klumpen, der schwarze Knollen, der dunkle Schatten, Schwarzwild ist es. In mir kribbelt ein Lächeln empor; es ist gegen mich selbst gerichtet. Und das alte Lied summt weiter: »Da ruft mir eine Stimme zu; ich weiß nicht, wo sie ist, ja ist.« Sie sagt mir, daß das alles Wahnbilder der überreizten Augen sind. Was steht, das bewegt sich was sich rührt, ist fest am Boden. Das Reh ist ein Busch, die Distel wurde zum Hasen, der Felsblock täuscht mir eine Sau vor. Der Laut, der dicht bei mir ist, kommt von da unten, und der Ton, der aus dem Tale heranweht, ist das Getrippel des Wiesels vor meinen Füßen, wenn nicht der Pulsschlag in meiner Schläfe. Aber dann sinke ich ganz in mich zusammen und ducke mich hinter die krause, vom Wild verbissene Fichte; denn links von mir knistert der Reif, knastert das Kraut, ich höre ein tiefes, langes Atmen, ein gereiztes Mahnen: Rotwild zieht zu Holze. Nun aber zerkrähen drei Hähne im Dorfe da unten die Nacht. Ich sehe, was steht, und erkenne, was sich bewegt. Das da sind drei Rehe, hier rückt ein Hase zu Berg, dort stiehlt sich der Fuchs zu Baue. Schon ertönt der dünne Wanderpfiff einer Drossel und über mir in der Fichte schüttelt der Bussard den Schlaf aus den Federn. Meine Augen gehen hin und her, die Schwarzkittel erwartend. Aber was sie sehen, das sind Schlehenbüsche, blau von Früchten, feuerrote Hagebutten, scharlachfarbige Schneeballbeeren und die weißen Federschöpfe der Waldrebe, die die Haselbusch umspinnt, noch ein Hase, und abermals einer, dann ein Volk Rebhühner, das eilig nach dem Sturzacker hinrennt, und ein verspätetes Stück Rehwild, das in der Bachschlucht untertaucht. Die Amsel schimpft, das Rotkehlchen zetert; der Zaunkönig hilft ihr dabei. Jetzt warnt auch die Braunelle. Ich hebe den Kolben der Büchse von den Knien und lasse meine Augen eifriger um und um gehen, denn aus dem Vorholze kam ein lautes Brechen. Das müssen die Sauen sein. Und ich lauere und lauere mit verhaltenem Atem, bis endlich das Brechen näher kommt und ich mir selber einen Esel bohre, denn das, was da aus der Dickung heraustritt, ist ein alter, feister Dachs. Er sticht hier, sticht da, setzt sich auf die Keulen und kratzt sich lange, und dann watschelt er in das hohe Holz, wo ihn der Häher mit gellendem Gekreische ein Stück den Berg hinauf begleitet. So habe ich wieder Muße, den Winterkrähen nachzustarren, die zu Tale fliegen, und den silbern bereiften Rispen des Sandhalmes zuzusehen, die der Frühwind auf und ab bewegt. Ich recke mich und seufze tief auf, denn das Krummsitzen beengt mir die Brust. Die Sauen sind doch ein unbeständiges Volk. Drei Morgen habe ich hier schon gepaßt, und jedesmal nahmen sie einen anderen Wechsel. Aber da der Wind heute genau so ist wie vor vier Tagen, als sie hier zu Holze fuhren, so ist es möglich, daß sie ausnahmsweise Wort halten. Ich spähe hin und spähe her, aber der Frühnebel liegt noch zu fest. So vertreibe ich mir die Zeit mit Rauchen, sehe dem Dompfaffenpärchen zu, das die Mehlbeeren am Weißdornbusche zerklaubt, freue mich an dem Schwanzmeisentrüppchen, das die Birkenbüsche belebt, an der Eichkatze, die auf einem grün bemoosten Felsblocke einen Tannenzapfen zerraspelt, und dann bekomme ich es auf einmal mit der heißen Angst, denn zwischen den roten Jungbuchen unter mir steht eine Sau, und hinter ihr noch eine, und dahinter eine dritte und vierte. So leise, wie der Fuchs, sind sie gekommen. Blitzschnell überlege ich. Die beiden vorderen Stücke sind schwache Überläufer, das dritte kann ich nicht erkennen, das vierte spreche ich für ein hauendes Schwein an. Sobald es vorrückt und das Blatt frei gibt, nehme ich es auf das Korn und trage ihm das Blei an. Ein Aufquieken kommt hinter dem Schusse her, und dann bricht und bläst es hier und da und rasselnd und rauschend stürmt die Rotte in der Schluppe den Berg hinauf, empfangen von dem schrillen Gekeife der Amsel, dem scharfen Warnrufe des Buntspechtes, dem langgezogenen Kreischen der Häher und dem hohlen Schmälen einer Ricke, das sich, immer schwächer werdend, auf dem Kamme verliert. Ich lade den Zwilling wieder ganz und gehe mit gespannter Waffe auf den Anschuß. Auf dem bereiften Grase und dem weißgefrorenen Altlaube liegt der Schweiß wie hingegossen; die Sau aber ist nicht da. Ich folge der offenbaren Rotfährte, solange das Holz raum und sichtig bleibt; dann aber, als die Fährte da, wo die Bachschluppe in der Fichtendickung verschwindet, ausbleibt, umschlage ich das dichte Holz, suche im hellen Bestände weiter, bis ich die Wundfährte wieder habe. Doch nicht lange dauert es, und sie verliert sich abermals in einer Dickde, und die ist so ausgedehnt, daß ich keine Lust habe, sie zu umschlagen. So steige ich denn bergab zum Gute, um mir von dem Förster den Schweißhund auszubitten. Die Sonne kommt über die Berge hinter dem Tale. Der Grauspecht jauchzt, Kuhtauben fallen zu Felde, der Wald klingt von Meisengepfeife, Bergfinkengequätsche und Ziemergeschnarre. Ich schreite wacker aus und freue mich schon auf die Stunde, wo ich mit dem roten Hunde die Sau nachsuchen werde, und so flöte ich die Weise des alte Jägerliedes, in dem es also heißt: »Mein Hündlein wacht, mein Herz das lacht, mein Hündlein wacht, mein Herz das lacht; meine Augen, meine Augen, meine Augen gehen hin und her.« Die stille Nacht Rein und schön ging heute die Sonne auf. Eine Stunde lang schien sie froh und heiter auf das Land. Dann kam die graue Wetterwand, die gestern den ganzen Tag am Himmel gelauert hatte, wieder, löschte das Sonnenlicht aus und schüttelte ihre Schneebürde ab, erst schüchtern und zage, dann immer kecker und ungestümer. Bis in den späten Nachmittag stoben die Flocken herunter, fielen in ganzen Wolken hernieder, fuhren in wilden Wirbeln durch die Dorfgassen, stürzten sich auf die Strohdächer, hingen sich in die Hecken, blieben an den Backhäusern kleben, begruben alle Wege und Stege und füllten jeglichen Graben aus. Mir kommt das Wetter just zu passe; die letzten Tage gefiel es mir wenig. Erst gab es Regen und Schlackschnee, der nicht liegen blieb, dann Nordostwind mit Plattfrost, bei dem sich alles Gewild in den Dickungen hielt. Zudem war es nicht sauber in der Gegend. Im Königlichen war ein altes Rottier zuschanden geschossen, in unserer Jagd fand ich den Aufbruch eines Bockes, in der Nachbarjagd waren drei Rehe abgängig und es gab keine Möglichkeit, die Wilderer zu spüren. Wer die Freischützen waren, wußte kein Mensch. Von den ansässigen Leuten wilderte niemand; das war uns sicher bekannt. Die Wilderer mußten unter den fremden Arbeitern sein, die bei den Bohrtürmen zu tun hatten. Einer von ihnen hatte sich in verdächtiger Weise im Königlichen umhergetrieben. Der Förster stellte den Mann, fand aber keine Waffe bei ihm. Ich will heute den Jagdhüter vertreten. Acht Nächte ist er in kein Bett gekommen. Und heute, am Heiligen Abend, möchte er bei Weib und Kind bleiben. Er tat so, als wollte er ablehnen; aber als ich ihm sagte »Mensch, Thies, Neuschnee und Mond, was Schöneres gibt es nicht für mich! Und was soll ich an diesem Abend im Kruge? Da sitze ich den Leuten doch bloß im Wege,« da bedankte er sich sehr und seine hübsche Frau bekam ganz blanke Augen vor Freude. Und nun bin ich allein mit mir in der weißen, weiten, weglosen Heide. Es ist so schneehell, daß ich weit sehen kann, zumal alle Sterne da sind. Ich habe mir das weiße Zeug übergezogen, das Gesicht dick eingepudert, und da Kappe und Handschuhe auch weiß sind und Rucksackträger und Gewehrriemen ebensolche Überzüge tragen, so bin ich gänzlich unsichtbar und auch fast unhörbar, da ich Schneereifen unter die Schuhe gebunden habe. Zwanzig Gänge von mir geht der Briefträger vorüber, ohne mich wahrzunehmen. Als sein Hund, der meine Witterung bekommen hat, mich aber nicht äugen kann, sich ängstlich an ihn drängt, bleibt der Mann stehen, sieht sich um, schüttelt den Kopf und geht etwas schneller weiter. Ich gehe in seiner Spur entlang, bis ich auf der Höhe bin. Da bleibe ich stehen und sehe mich um. Wunderlich sehen die halbverschneiten großen Machangeln und die Krüppelfuhren aus und von dem hohen Brahm ist nichts zu erkennen als einige wenige Ruten, die wie schwarze Spieße aus dem Schnee starren. Das Heidkraut, das hier kniehoch steht, ist völlig verdeckt; ganz wenige besonders lange Büsche stehen wie schwarze Gespensterchen in der weißen, silbern blitzenden Fläche, von der sich hier und da, vom Schnee gebogen, die fahlgelben Benthalme abheben. Schneller gehe ich voran. Keine Fährte und nicht eine einzige Spur ist zu erblicken, kein Stück Wild ist zu sehen. Selbst hier, wo der Hauptwechsel von der Wohld nach der Feldmark hinführt, steht keine Fährte im Schnee. Aber ein Mensch scheint dort unter der krausen Fuhre zu lauern. Ich nehme das Glas vor den Kopf und stecke es wieder in die Tasche; der halbverschneite Machangel hat mich genarrt. Und wieder hole ich es hervor und tue es abermals fort; ich glaubte ein Stück Wild zu erkennen; das war auch nur ein Machangelbusch. Endlich, als ich schon fast vor der Wohld bin, sehe ich drei Rehe dahinziehen. Unsicher und verstört benehmen sie sich; der erste schwere Schneefall hat sie unvertraut gemacht. Ich warte, bis sie tief im Felde sind, und gehe dann über die Brücke dem Pirschsteige zu, der hinter dem Bache vor den Wiesen hinführt. Feierlich still ist es im Walde, und so festlich hell. Der Bach plaudert verstohlen, und wenn ein Schneeballen aus den Kronen fällt, so ist das weithin vernehmbar. Mir ist, als dürfte ich nur ganz leise auftreten und müßte den Atem anhalten, um den schlafenden Wald nicht aufzuwecken, und ich erschrecke mich beinahe, als ein Ast gegen den Gewehrlauf schlägt, gleich als hätte ich eine Ungehörigkeit begangen. Dann aber bleibe ich stehen und lausche; in der äußersten Ecke der Jagd, vor dem Königlichen, schmält ein Reh anhaltend. Es ist möglich, daß es vor den Sauen warnt; es kann aber auch einen Menschen gewittert haben, vielleicht den Forstaufseher, oder einen von der Bande, die hier ihr Unwesen treibt. Jedenfalls ist es nötig, daß ich darauf zugehe. Ich eile nach der nächsten Bahn und gehe schnell auf ihr entlang. Hier ist es noch schöner als auf dem engen Pirschsteige. Rechts und links ragen die alten Fuhren hoch empor; auf ihren dunklen Häuptern tragen sie Schneekappen. Aber ich habe keine Zeit, mich an ihnen zu erfreuen, und an den stolzen Fichten, den trotzigen Eichen und den Buchen, die dann kommen, bevor der große Kahlschlag beginnt. Ich sehe nur die Bahn entlang, ob Wild darauf steht, und ob ich eine Menschenfährte antreffe. Hasen spüre ich zweimal, einmal den Fuchs, mehrfach Rehzeug und zuletzt auch Rotwild, ein altes Tier und ein Kalb. Zu Blick bekomme ich aber nichts, außer einem Hasen, der dicht vor mir über den Graben setzt und sofort entsetzt denselben Weg zurücknimmt. Am Kreuzgestell bleibe ich unter der Zwillingsbuche stehen und stopfe mir eine frische Pfeife. Nach vier Richtungen kann ich von hier aus sehen und weithin, denn nun ist auch der Mond da. Mir gegenüber in dem Jagen bricht es leise; dort tritt Wild umher. Ganz hinten über die Hauptbahn schleicht der Fuchs. Leicht könnte ich ihn zu der Kanzel, die in die Buche hineingebaut ist, heranmäuseln; doch ich mag heute, in dieser stillen weißen Nacht, nicht schießen. Auf das Quergestell tritt ein starkes Reh hinaus, sichert eine Zeit, schlägt dann den Schnee von den Himbeeren, verbeißt sie und zieht in das nächste Jagen, wo ich es noch eine Weile herumtreten höre, bis ein morscher Ast, den der Schnee abbricht, und der rauschend in die Schießholzbüsche fällt, es verjagt. Ich sehe es über das Gestell flüchten. Auch mir hat das Gepolter die Ruhe genommen und ich gehe auf der Hauptbahn weiter, auf der der Schnee im Mondenlichte flimmert und funkelt, als wäre Diamantstaub darüber verschüttet, und die von den Schatten der Fuhren blau gestreift ist. Wo der Bach die Bahn schneidet, bleibe ich auf dem Stege stehen und sehe in das Wasser der Furt, das mit lauter silbernen Ringen spielt und leise murmelt und nach dem mächtigen, vierfachen Hülsenbusch, dessen blankes Laubwerk über und über voller schimmernder Korallen hängt. Just will ich weiter, da bricht es ganz laut zur Rechten und drei Stück Kahlwild, treten vor mich hin, verhoffen einen Augenblick und poltern in die gegenüberliegende Dickung; ich sehe, daß mein Pfeifenrauch vor mir herweht. Noch einmal bricht es zur Linken, zieht näher und fährt von dannen. Auch dieses Stück hat Wind von mir bekommen. Es ist nicht unmöglich, daß es der starke, geweihlose Hirsch ist, hinter dem ich her bin; doch mir ist es lieber, wenn er mir heute nicht kommt. Ganz ohne Vorsicht gehe ich wieder weiter. Jetzt bin ich an der Grenze und sehe die Bahn hinauf und hinab. Ganz oben bewegt sich ein Schatten im königlichen Holze. Erst denke ich, es sei ein Stück Wild, dann erkenne ich, daß es ein Mensch ist, der sich auf dem Pirschsteige nach mir hin bewegt. Einen Augenblick geht mir ein peinliches Gefühl über die Brust; es wäre mir nicht recht, müßte ich heute einen Wilderer stellen. Aber dann habe ich es heraus, daß es der Forstaufseher ist; die lange, dürre Gestalt und der echte Waldläufergang verkennt sich nicht. Als er auf fünfzig Gänge heran ist, lasse ich halblaut den Jagdpfiff ertönen. In demselben Augenblicke verschwindet er hinter einem Stamme und geht in Anschlag. Ich rufe seinen Namen und nenne den meinigen, und sofort ist er wieder da, weiß erst nicht, wo er mich suchen soll, weil das weiße Zeug mich unsichtbar macht, aber dann gewahrt er mich, kommt lachend auf mich zu und gibt mir die Hand »Auf Wilddiebstreife?« fragt er. Ich nickte. »Nichts gespürt?« Ich schüttelte den Kopf und sagte ihm dann, daß ich vorhin einen Schuß in dieser Ecke fallen hörte »Das war ich; ich habe im Jagen Dreizehn einen Marder geschossen, einen ganz alten. Wollen Sie ihn sehen? Ich habe ihn in der Kote.« Ich sage freudig zu, denn nun habe ich doch Gesellschaft, gute Gesellschaft, denn der lange Möller ist ein Mann nach meinem Herzen, und da er auch niemand auf der Welt hat, so passen wir gut zusammen heute. Eine Stunde gehn wir auf der verschneiten Bahn entlang, dann sind wir am Platze. Bald brennt der kleine Kanonenofen und es wird gemütlich in der Jagdbude, zumal Rotwein und Zucker nicht fehlen und der frische Bach Wasser für den Punsch gibt. Ein Stündchen essen und trinken wir und reden von Wild und Weidwerk, dann meint Möller, daß er wieder los muß, und mir ist es auch recht, denn die Wärme und der Punsch drücken auf die Augen. Das Feuer wird ausgegossen, die Köte verschlossen, und hinaus geht es abermals in die mondhelle stille Nacht. Über dem Tale Zwei Morgen hintereinander sah der Himmel über den hohen Zinnen giftgrün aus, und tückisch und falsch war das Morgenrot. Heute steht die Sonne rund und rot im leichten Dunste. Sie wird den Tag über Wort halten und nicht schon bald wieder in graulichem Föhndampfe und weißem Schneetreiben verschwinden. Rosenrot glühen die Flanken der verschneiten Schroffen auf, deren Gipfel sich noch nicht ganz von dem Nachtnebel befreit haben. Aber die Wälder an den Steilwänden stehen nicht so schwarz und gelb in dem Silberschnee wie sonst, denn der Frost hat den Atem der Nacht festgehalten und als Rauhreif über das Gezweig gesponnen, so daß sich die Bäume nur wenig hervortun können. Das bedeutet für den morgigen Tag wiederum Föhn mit Regen oder Treibschnee; heute aber wird es einen hochherrlichen Tag geben, einen hellen, warmen, stillen Tag, an dem alles Gewild rege ist und sich nicht, wie letzthin, in den Laatschen birgt. So wird es mir vielleicht glücken, Anblick auf den alten Gamsbock zu haben, dem zu Lieb' und Leid' ich seit vier Tagen auf der Tödalp hause. Gerade jetzt taucht sie aus dem Nebel hervor, ein golden blinkender Schneefleck zwischen den bereiften, rötlich schimmernden Waldungen, und rot wie Blut leuchtet in ihrer Mitte das Haus, das wir beide, der Leni und ich, verließen, lange bevor die Sonne sich vermuntert hatte. Langweilig und mühselig war trotz der Schneereifen der Anstieg zum Passe, aber es lohnt sich allein schon durch den Ausblick auf alle die Pracht um uns her, die Rosenglut des Himmels, den Goldglanz der Firnen und das Silbergefunkel der Zinnen. Nun befreit sich auch der Talgrund aus dem Nebel. Der Turm wird zuerst sichtbar. Deutlich ist seine scharfe Kante zu erblicken, die er dem Hange zugedreht hat, um die Kirche und das Dorf, das sich unter ihr zusammendrängt, vor den Lawinen zu behüten, die sich an ihm die Köpfe zerbrechen müssen. Das ganze Dorf liegt jetzt in der Sonne da mit lodernden Fenstern in den rotbraunen Häusern, und hier und da ist in dem Schnee auch ein Stück des Baches zu sehen, und dahinter die Straße, auf der die Schlitten hin und her flitzen. Mit den scharfen Gläsern suchen wir die hellblauen, goldrot besäumten Kämme über dem Walde ab, der unter den Sonnenstrahlen immer mehr Farbe bekennt. Schwärzer werden die Fichten, goldener die Lärchen, wärmer die Schneeflecken zwischen ihnen und heller die Hänge darunter. Aber nirgendswo zieht eine Garns, und so steigen wir, unsichtbar durch das weiße Überzeug und fast lautlos auf den Schneereifen über den blütenweißen, wie mit Diamanten besäten Neuschnee gehend, noch ein wenig höher, bis wir über der Runse sind, die in das Tal hineinfällt, der bitterbösen Schlucht, aus der um die Schneeschmelze die tückischen Rüfen hervorbrechen und mit ihrem Bergschlamm alles fortreißen und begraben, was ihnen im Wege steht. Wir spähen jedes Fleckchen des Grabens ab, doch ohne Gewinn. Weiter steigen wir, schlagen einen großen Bogen um ein verdächtiges Schneebrett, das so aussieht, als führe es herzlich gern mit uns zu Tale, und stehen endlich, naß von Schweiß und mit hochklopfenden Herzen, auf der anderen Seite der Klamm unter den Resten des Waldes, den vor drei Jahren ein Schotterrutsch umbrachte. In den zerzausten, mit ellenlangen grauen Bärten behangenen Zweigen turnen schwarzköpfige Alpenmeisen lustig umher, Goldhähnchen piepsen schüchtern, Kreuzschnäbel locken, dünn pfeift der Flüevogel, der unter uns in den Zwergerlen umherhuscht, die von der Sonne mit goldenen Lichterchen geschmückt sind, und nach deren Kätzchen die Schneehühner, fast unsichtbar durch ihr Winterkleid, springen. Drüber in dem halbverschneiten Laatschengestrüpp wird der Bock stecken, wenn er nicht unter uns steht. Wir spähen und spähen, bis uns die Augen überlaufen, geblendet von dem Geblitze und Geblinke des Schnees, aber wir sehen nichts als goldene Lärchen und dunkelgrüne Fichten und ihre himmelblauen Schlagschatten auf dem flimmernden Schnee, zwei Alpenkrähen, die mit schönem Schwalbenfluge dahinschweben, ein Reh, das nach Bergheide platzt, und weiter unten den Fuchs, der von seiner Streife nach den Heustadeln heimkehrt und dabei Schneebröckchen abtritt, die erst langsam und dann immer eiliger und an Größe fortwährend zunehmend in den Graben rollen, mit langen Furchen ihren Weg bezeichnend. Die Sonne hat die Zinne, die ihren kalten blauen Schatten über die Schlucht wirft, unter sich gebracht und leuchtet auf einmal blank in die Runse hinein, daß die Lärchen noch einmal so hell leuchten und die Fichten sich begrünen, als wollte es Mai werden. Da stößt mich der Leni an und deutet mit der Pfeifenspitze nach dem Schneebord unter der aperen, von gelben Flechten bunt bemalten Felswand, die das Sonnenlicht so grell zurückwirft, als wäre sie reines Silber. An ihr schiebt sich ein dunkler Fleck entlang, verharrt hier ein Weilchen, steigt ein Endchen höher, macht wieder halt, steht, ohne daß ich ihm mit dem Glase das Kunststück absehen kann, über der silbernen Wand vor dem goldenen Firn, und erweist sich als der, den ich suche. Dann sieht der Leni mich an und ich ihn, und das heißt »Wären wir drüben gewesen, so zöge er uns gerade zu, und in einer Viertelstunde müßte es knallen. So aber heißt es: wieder nach drüben hin!« Abermals umschlagen wir das verdächtige Schneebrett am Kopfe des Wildgrabens und stehen wiederum naß von Schweiß und mit abgehetzten Herzen da, von wo wir gekommen sind, unter den drei frechen Felsen, die ihre Nasen so hochmütig gegen den Himmel recken als bildeten sie sich etwas darauf ein, daß die Sonne sie ihnen vergoldete, und stehen da und lauern auf den schwarzen Kobold aus der Klamm, lauern, bis uns die Augen vom Hinstarren auf den Glitzerschnee überfließen und die Backen von der Sonne anfangen zu feuern, und bis uns schwach und elend inwendig wird, und der Magen deutlich vermeldet, daß wir uns seit der sechsten Stunde nicht um ihn gekümmert haben, weswegen wir ihn mit einem Stück Birnbrot und einem Schluck Enzian trösten. Und die Firmen flimmern und die Schroffen glimmern, und die Sonne sengt mit Hochsommerglut, höhnisch rufen die Kolkraben über uns, spöttisch kichern die Meisen unter uns, die Ungeduld kribbelt und krabbelt mir hinter der Wollweste und unter der Wettermütze, der Schweiß tröpfelt mir auf die Stirn und rinnt mir über den Nacken, und dennoch ist es mir nicht bitter, hier zu harren mit knurrendem Magen, trockenem Halse und brennenden Backen, denn zum Aufjuchzen herrlich ist die Welt um mich, die strahlende, funkelnde, flimmernde Hochlandswelt, die mir heute so besonders gut gefällt, weil ich weiß, daß morgen der Sturm sie anbrüllen und Schnee über sie hinwirbeln wird, alle Farben verdeckend, das Sonnenlicht verlöschend und die Wärme von dannen scheuchend, so daß wir uns in der Almhütte bergen müssen und nicht vor die Tür treten können. Doch wird mich das weiter nicht kränken, habe ich doch ein offenes Feuer und die Pfeife und den Leni mit seiner Zither und seinen lauten und leisen Liedern, die doppelt schön anzuhören sind, trampelt der Sturm mit den genagelten Schuhen auf dem Schindeldache umher und trommelt er mit seinen groben Holzknechtsfäusten gegen die Fensterladen. Ich sehe dem Falken nach, der, je nachdem er sich wendet, silberhell oder stahlschwarz unter dem klaren Himmel schwebt, und dann wieder nach dem Graben hin, und fühle auf einmal, daß ich ein lebendiges Herz im Leibe habe; es stellt sich an, als wolle es mir über die Zunge springen, denn hinter dem zerspellten Fichtenstamm hob sich ein Teufelshaupt mit krummen spitzen Krucken. Nur eine Blitzdauer sah ich es, und doch verdoppelte sich im Nu mein Puls, und die Büchse bebt mir in den zusammengekrampften Fingern. Auch dem Leni ist das gehörnte Haupt nicht entgangen; er vergißt an seiner Pfeife zu ziehen und macht Augen wie der böse Feind. Noch einmal hebt sich der Grind des Garns von dem funkelnden Flimmerschnee ab, läßt mich lange auf sich warten, so lange, daß mir die Knie lose werden, und dann steht der Bock blank und breit und bloß vor dem gespenstigen Fichtengerippe, erst nach uns hin sichernd, und darauf der anderen Wand zu. Da bin ich auch schon mit der Büchse am Bergstocke, halte über den Vorderlauf hin und drücke, ehe mir das Herz wieder in die Hand hineinschlägt und den Kolben anrührt, vernehme, wie die Wand da drüben vor Wut brüllt, weil mein Schuß ihre Morgenruhe störte, schaue hinter dem Feuer her, sehe aber nichts als ein Schneewirbelchen, blicke den Leni an und bin beruhigt, denn sein Mund ist noch einmal so breit geworden, und indem er sein Pfeifchen wieder in Gang bringt, sagt er nichts als ein Wort, und das heißt: »G'schafft!« Dann gehen wir auf den Anschuß. Dort liegt purpurroter Schweiß und dunkelbrauner. Da holt der Leni einen Juchzer hinten aus dem Halse, daß die Wand drüben vor Ärger abermals an zu schimpfen fängt, einen Juchzer, so lang und so dick wie ein Roßschweif, »Tjuhu huhuhuh hu«, und schreit mir zu: »Der ist hin und nimmer weit; Lunge eini, Leber außi. Dös war g'schfft meiner Seel'!« Und schnell wie ein Has und leicht wie der Fuchs hängt er der offenbaren Schweißfährte nach, und dicht vor dem Abfall des Grabens macht er Stand und heult einen Jodler heraus, daß die Wand da drüben zum dritten Male ihrem Ingrimm Luft macht; denn da liegt der Gams und rührt keinen Lauf mehr. Seine Lichter aber haben einen Blick, giftgrün wie tödlicher Haß. Über uns aber hallt ein heller Weidruf hin; der Wanderfalke ruft ihn uns zu, der mit einer Krähe in den Griffen sich nach den drei Zinnen hinschwingt. Der Leni bricht den Bock auf, wobei er nicht vergißt, die Milz, ein Läpplein Leber, ein Fetzchen Lunge und einige Streifen Wildbret den Raben darzubringen, damit sie ein andermal das Wild nicht durch ihren Warnruf vergrämen, wobei er leise einen Ländler durch die Vorderzähne pfeift; ich aber schaue, auf den Bergstock gestützt, nach den glitzernden, glimmernden, gleißenden Bergen hin, denen die Sonne alle ihre Farben schenkt, und die sie ihr dankbar wieder zurückgeben, und ich weiß es: das beste, was ich heute erbeutete, ist nicht der alte Garns da, der einen schnellen Tod mitten im Sonnenlichte starb, den schönsten, den es gibt. Lange bin ich im Tale gewesen, durch den Nebel gegangen und in der Nacht umhergestiegen; nun bin ich in der reinen Luft auf dem hohen Gebirg unter der hellen Hochlandssonne über dem Tal. Auf Sauen Es ruft ein Horn im weißen Walde; hell klingt es durch die Stille. Fröhliches Hundegekläff schallt hinterdrein; ärgerliches Markolfgekreische antwortet ihm. Eine halbe Stunde lang habe ich auf Hornruf und Meutelaut gelauert, dieweil ich den Goldhähnchen und Meisen zusah, die in dem Buschwerk umherturnten, und den Kreuzschnäbeln, die aus den Wipfeln der alten Samenfichten goldene Spreu auf den silbernen Schnee rieseln lassen, wenn sie die Zapfen zerklauben. Nun aber vergesse ich die bunten Turner des Buschwerks und die roten Kletterer der Wipfel, hebe mich von dem Jagdstocke, fasse den Zwilling fester und lasse meine Augen an dem räumigen Holze entlang gehen und über die breite weiße Bahn davor, über die die Stämme blaue Schatten werfen. Nach rechts gehen meine Augen bis dahin, wo über einem forstgrünen Rocke ein rotes, weiß umrahmtes Männergesicht in der Sonne leuchtet, nach links, wo ein anderes, von blondem Barte eingefaßtes Antlitz herüberscheint, die beiden, wie mein Gesicht, ab und zu sich langsam bald nach rechts, bald nach links drehen. Zwischen dem Weißbarte und mir tritt ein Altreh auf die Bahn. Unschlüssig bleibt es stehen, sichert und wechselt dann eilig in das nächste Jagen hinein. Heller klingt das Geläute der Finder zu mir heran, verschweigt, hebt wieder an, wird dumpfer und dumpfer, schwillt abermals an und vermischt sich mit dem hohlen Anjuchen des Rüdemannes und dem ärgerlichen Gezeter der Häher zu einer wilden Weise, die nach vergangenen Zeiten klingt und meiner Brust heiße Schauer schenkt. Eine Finkmeise schimpft vor mir lästerlich. Das ist verdächtig. Ich nehme den roten Adlerfarn unter Blick, die gelben Schmielen und den weißen Behang der Fichten und Fuhren, auf dem das Sonnenlicht in vielen Farben spielt. Lauter zetert die Meise, der Zaunkönig hilft ihr dabei, nun fällt auch eine Amsel ein. Ganz verstohlen bricht es im Gestrüpp; ein roter Fleck schiebt sich hinter den Stämmen her, und dann steht breit und blank der Fuchs da, windet hin und her, prallt zurück, überfällt zwischen mir und dem Förster zur Linken den Graben und flüchtet eilig in das rückwärtige Jagen hinein. Deutlich höre ich es jetzt über mir schallen: »Hu, Su, Su! Wahr' too, min Hund, wahr' too! Hu Su, Su!« Giftiger wird das Geläute der hin und her suchenden Finder, lauter das Brechen. Ein Hase rennt mir bis vor die Stiefel, schlägt einen Haken und flieht über das Gestell. Hinter ihm her, seinen Wechsel scharf haltend, kommt ein Sprung Rehwild angezogen, eine Ricke mit ihren beiden Kitzen und ein Schmalreh. Sie treten eine Weile im Bestände hin und her und trollen dem Hasen nach. Ich blicke gewohnheitsmäßig hinter ihnen her, da gibt es mir einen Ruck. Deutlich höre ich vor mir das Blasen von Sauen. Es zieht an mir vorüber, nach rechts hin, und dann fahren in einer Wolke von Schnee dicht bei dem weißbärtigen Hegemeister zwei angehende Sauen über die Bahn. Zweimal knallt es. Das eine Stück bleibt im Feuer, das andere rollt im Schuß in den Schnee, nimmt sich wieder auf und flüchtet schwer krank weiter. Hinter ihm stürmt, heiser vor Wut, ein schwarzweißer Terrier. Still wird es über mir; die Jagd geht zurück. Kein Anjuchen vernehme ich mehr, nur ab und zu noch den Anschlag eines Hundes, der an einer einzelnen Sau jagt. Die Meisen im Unterholz haben wieder das Wort und die Goldhähnchen in den Kronen. Fern fällt ein Schuß, und noch einer, und eine kleine Weile darauf ein dritter. Dann ruft das Horn; der erste Trieb ist beendigt. Ich entspanne und entlade der Vorschrift gemäß die Waffe, wie meine Nachbarn auch. Vor dem Blondbart linker Hand fährt ein schwarze Klumpen über die Bahn. Hastig arbeitet der Förster an seiner Büchse herum und wirft sie dann mit wütendem Rucke über die Schulter, denn über ihm auf der Schneise taucht der Oberförster mit den beiden Forstläufern auf. Am Quergestell ist Jagdbericht. Ich melde: »Ein Fuchs, ein Has, vier Rehe.« Mein Nachbarn gibt an: »Ein Kälberstück mit Begleitung; ein ledige Bache nach Abblasen.« Der Hegemeister berichtet: »Zwei angehende Sauen, eine im Feuer, eine schwer krank nach Jagen acht.« Es wird mit dem Schweißhunde sofort nachgesucht. Nur siebzig Gänge ist die Sau gekommen und dann verendet. Die Hauptrotte hat sich im Jagen elf gesteckt. Dahin geht es nach kurzer Frühstückspause. Kreuzschnäbel fliegen mit lauten Locktönen über die Kronen, Zeisigschwärme brausen mit verworrenem Gezwitscher dahin, Häher begleiten uns schimpfend und lästernd. Der Oberförster weist mir meinen Stand vor einem alten vermoorten Windbruche an, auf dem hohe Stechpalmen, über und über rot von Beeren, silbern in der Sonne funkeln. Über mir steht wieder der weischärtige Hegemeister, unter mir der blonde Revierförster. Eine geraume Zeit vergeht, während der ich den Seidenschwänzen zusehe und dem Tannenhäher nachblicke, der über die Blöße dahinschnurrt. Dann kündet das Horn den Beginn des neuen Triebes an und die Hunde werden laut. Bald aber schweigen sie. Ich stehe da und lauere. Ein einsames Altreh zieht vertraut über das Gestell, ein Hase hoppelt über den Windbruch, drei Stück Rotwild, eben erkennbar, trollen im Bestände vorbei. Dann bricht es laut über mir, ich höre das Hecheln der Hunde, der Fox und ein Dobermann tauchen vor mir auf, sehen sich unschlüssig um und suchen gelangweilt weiter, und dann würgt sich ein Koppelführer, einen Sack über dem Kopfe tragend, aus der verschneiten Dickung schüttelt den Schnee ab, sieht mich an und sagt: »Dor hett 'ne Ul seeten!« Wieder bläst das Horn, abermals sammeln wir uns zum Bericht. Ein Kreiser kommt auf Schneeschuhen an: »Die Sauen sind in Jagen vier herein und nicht heraus.« Das ist ein weiter Weg, und naß von Schweiß von der Sonne und dem Waten im hohen Neuschnee kommen wir dort an. Einen räumen Stangenort mit eingesprengten Fichten habe ich vor mir, den eine schwarze Dickung abschließt. Das Horn schallt. Ein Weilchen darauf geht ein furchtbarer Lärm los. In hellen Fluchten kommt ein ganzes Rudel Wild angestürmt und bricht dicht bei mir über die Brandrute; hinter ihm her zieht vorsichtig ein guter Zehnender. Lange äugt er mich an, triet unschlüssig hin und her geht zurück, zieht in der Dickung auf und ab und fährt dann mit einer Riesenflucht in das jenseitige Jagen. Zwei Hasen folgen ihm, und schließlich auch, merkwürdigerweise jetzt erst, der Fuchs. Es knallt hier und kracht da, und nun donnert es auch bei meinem Nachbarn zur Linken. Aber ich darf nicht hinsehen, denn die Jagd kommt mir immer näher. Grob und fein hallt das Geläute der Meute heran und das hohle Anjuchen des Rüdemannes. Es rasselt und prasselt aus der Dickung heraus; mein Herz wird unruhig und meine Hände krampfen sich um die Waffe. Aber eine Bache mit Frischlingen ist es, die spitz auf mich zutrollt, eine Wendung macht und mit ihrem Gefolge in das andere Jagen hineinpoltert. Ich will ihr nachsehen, da rasselt und prasselt es abermals aus der Dickung heraus, eine grobe Sau steht breit da, laut blasend, bekommt meine Kugel und verschwindet in einer Schneewolke. Und rechts von mir knallt es und links von mir, und drüben am Kopfe des Triebes, und an seiner rechten Flanke, und hier und da sind die Finder laut und hinter ihnen her schallt das hohle Anjuchen. Mit einem Schlage ist alles still, nur hinten in Jagen eins oder zwei sucht ein Hund noch aus hellem Halse. Und dann ruft das Horn. Dieses Mal gibt es einen fröhlichen Bericht. Fast jeder Schütze ist zu Schusse gekommen. Mein Mitjagdgast hat eine grobe Sau und zwei Überläufer im Feuer geliefert, der Oberförster ein hauendes Schwein und eine uralte gelte Bache gestreckt. Und doch ist er nicht zufrieden, denn es gab keine einzige Nachsuche und Hatz. »Haben alle zu gut geschossen, meine Herren!« ruft der rotbärtige Riese lachend. Nun bin ich sein Trost. Er mit dem Schweißhunde am Riemen, ich mit der Büchse in den Händen, und hinter uns der Rüdemann und zwei Koppelführer mit den schärfsten Hunden, so geht es in die geschlossene Dickung hinein, die uns Schnee in die Augen und Ärmel und hinter die Halsbinde stäubt und mit stachligen Zweigen unsere Backen peitscht. Leise ruft der Rotbart ab und zu den roten Hunde zu: »Such' verwund't, mein Hund, verwund't, verwund't!« und läßt sich von dem wild voranstürmenden Hunde durch dick und dünn reißen. Die Rotfährte führt in eine Dickung, die so geschlossen ist, daß ein gerechtes Arbeiten unmöglich ist bei dem dichten Schneebehange. Der Oberförster lahmt, Blut läuft ihm über den Schenkel. Ein messerscharfer Zweig hat ihm das Bein aufgerissen. So bleibt er mit dem Schweißhunde zurück. »Hunde los!« ruft der Rüdemann den Koppelführern zu. Mit giftigem Hals stürmen zwei Rüden in die Dickung. Die andern legen sich laut hechelnd in die Halsungen. In der Dickung rumpelt es hin und her, und dahinter tönt immerlos der scharfe Hals der Hunde. Nun geben sie Standlaut; sie haben den Keiler gestellt. Einer von ihnen klagt auf; die Sau hat ihn geschlagen. Die zweite Koppel wird hinterher geschickt. Sowie die frischen Hunde bei der Sau sind, geht die Jagd weiter, dem Stangenorte zu. Der Rüdemann und ich und die Koppelführer rennen an der Dickung entlang; der Oberförster humpelt hinterdrein. Wieder tönt heiserer, vierstimmiger Standlaut herüber; aber ehe wir heran sind, geht die Jagd weiter. Von der Bahn brechen zwei Koppelführer, mehr von den Hunden vorangerissen, als laufend, herbei. »Alle los!« schreit ihnen der Rüdemann zu, in dem er in langen Sätzen durch das Gestrüpp poltert. Dann bleibt er stehen und hebt den Arm: »Standlaut! Schluß!« und dann winkt er mir. Ich laufe, was ich kann, bis ich vor dem Windbruche stehe, auf dem die Meute den Keiler gestellt hat. Vor dem Wurfboden einer alten Fuhre hat er sich eingeschoben, und schlägt wetzend und blasend Schaum vor dem Gebräche, die Rüden ab. Wütend stürzt sich ein schwerer Boxerblendling auf die Sau, fliegt aber im Bogen in den Schnee, klagt ein wenig und geht wieder an. Dieses Mal glückte ihm der Griff; er hat ein Gehör gefaßt, der Dobermann das andere, und die übrigen Hunde fassen dort und da an. Und so kann ich hinter die Sau treten und ihr den Fang geben. Dann wische ich mir den Schweiß von Stirn und Hals. Der Rüdemann klappt die Hunde ab. »Tot, tot!« ruft er ihnen zu und schwenkt die lange Peitsche über ihren Rücken. Da fahren sie zurück und lassen sich koppeln. Der Oberförster reicht mir auf seiner Wehr den Fuhrenbruch. Dann winkt er dem Rüdemann. Der setzt das Horn an den bärtigen Mund, und laut klingt es durch den dämmrigen Wald: »Sau tot! Jagd aus!« Langsam stapfen wir der Bahn zu, wo die Schlitten warten. Da wird der Jagdherr geflickt. Zollang ist der Schmiß, den ihm der Zweig schnitt. Auch die Hunde werden flüchtig verbunden. Drei sind leicht geschlagen, einer etwas mehr. Aber er scheint sich wenig daraus zu machen. Dann klingeln die Schlitten dem Dorfe zu. Die Luft ist weich und warm, kein Stern ist zu sehen, und der Kauz ruft, als wäre es Lenz. Das verspricht Neuschnee für den morgigen Jagdtag auf Sauen.