Reisenovellen von Heinrich Laube.   Wer nicht Lust hat an einem raschen Pferd, Und nicht Lust hat an einem blanken Schwert, Und nicht Lust hat an einem schönen Weib, Der hat kein Herz in seinem Leib. Doctor Luther   Dritter Band.     Mannheim Verlag von Heinrich Hoff. 1836.     Inhalt des dritten Bandes. Die Leopoldstadt St. Stephan Sperl in Floribus Johanna Nationales Soldaten und Mädchen Die Künstler Essen und Moden Baden Der Wiener Accent Grillparzer Beethoven und Kanne Die Donauberge Ungarn Széchenyi und Nagy Der ungarische Adel     Die Leopoldstadt. Die alte, gute Zeit! Das ist eine Redensart, die von Jahrhundert zu Jahrhundert klingt, alles Vergangene ist uns Auktorität, ist uns umkleidet mit ep'schem Reize. Es mag eine Entschädigung der Gottheit für uns darin ruhen, daß wir Dahingeschiedenes zum Genuß verarbeiten können, und zwar das Dahingeschiedene jeder Art, auch das Kläglichste; eine Entschädigung für unsere mangelhaften Organe zu gegenwärtigem reellen Genusse. Die alte gute Zeit und das alte gute Wien gehören zu einander wie ein Paar Eheleute. Bei dem Einen denkt man an das Andere. Es hat etwas 2 Rührendes, mit welcher ängstlichen Emsigkeit sich die Wiener den Glauben zu erhalten trachten, es sei bei ihnen noch die alte gute Zeit und Wien sei und bleibe ewig unverändert Wien, wie es Wien gewesen vor fünfzig Jahren. Sie mögen sich's kaum gestehen, daß es hie und da an Geld fehle, daß ihr Leopoldstädter Theater nicht mehr so besucht sei. Es war ein sonnenheller Nachmittag, als ich die Jägerzeil entlang strich, um den Prater zu suchen. Dieß ist der Weg der großen Praterfahrten, bekannt und berühmt durch Bilder und Erzählungen. Die Straße ist so breit, stattlich und gerade wie keine andere in Wien, hier fährt der Kaiser am Ostertage mit sechs Schimmeln, und die reichen Kavaliere aus Oesterreich, Ungarn und Böhmen suchen und studiren ein Jahrlang nach schönen Pferden und Wagen, nach glänzendem Riemzeug und blitzenden Livreen, um sich auszuzeichnen auf der Praterfahrt am Ostertage. Erinnert das nicht an unsere kindliche Jugendzeit, wo wir keine größere Sorge kannten, als die für Frack und Hose, welche wir an 3 einem Festtage spaziren tragen, für die Busenkrause und die grüne Tuchnadel, mit welchen wir prahlen wollten! Harmlose Jägerzeil! Von einem Ostertage zum andern erzählt sie, was die Esterhazy'schen Stuten für Sielenzeug getragen – homerisches Wien! Die Fahrt nach Longchamps von Paris ist etwas Aehnliches, man fährt im Londner Hydepark und Regentpark , zu Berlin unter den Linden auch mit schönen Equipagen spaziren, aber wo ist an diesen Orten solch kindliches Interesse an Busenkrause und Riemzeug! Die Leute mit ihren Gedanken sind dort Hauptsache, nicht mehr die Pferde mit ihren ungarischen Troddeln. Homerisches Wien! Die Pferde vor Achills Wagen gelten auch für beneidenswerth, weil sie historisch geworden sind. Vielleicht geht es mir nicht allein so, daß ich mich bei aller Schönheit, die entgegentritt, in der Iliade doch immer wie in einer verstorbenen Stadt befinde – so damals, wo ich in den Prater hinauswandelte. Man muß solche Orte nur in ihrem Lüstre 4 sehen, sie gleichen Theatern, die man nicht am Tage betrachten darf, um nicht aller Illusion baar zu werden. Ein stiller, öder Park mit einer verwirrenden Straßenmenge lag vor mir, als ich aus der Stadt hinauskam. Ein dünnes Harfengeklimper drang aus einer der vielen Boutiken, die zerstreut unter den Bäumen umherliegen; ich ging ihm nach, an einzelnen pauvren Spazirgängern vorüber, die mehr des Bettelns als des Spazirens wegen promenirten. Würstchen, eine vergelbte, wie altes Pergament verwischte Harfenistin, eine unbehagliche Sommerkneipe und was dazu gehört, fand ich auf – ach, fragte ich ärgerlich, wo ist denn eigentlich der Prater? Ew. Gnoden sein's recht spoßig – war die Antwort; – Se sein's jo im Proter! So trockne Sonne, so unersprießlichen Schatten, so magre Welt hatte ich freilich nicht erwartet – der Wiener geht nur an den großen Pratertagen hinaus; für gewöhnlich ist nicht viel mehr als aufgekratzte Misère im Prater zu finden. Und ich mußte nun den 5 weiten Sonnenweg durch die Jägerzeil zurück machen ohne Esterhazy'sche Pferde. Wahrlich, der berühmte Prater hatte sich mir schlecht empfohlen. Um den Anfang des Leopoldstädter Theaters abzuwarten, machte ich eine Station im ersten besten Kaffeehause – was man Kaffeehaus nennt, das ist in Wien zu Hause. Sie nennen's Cafféhhaus. Kaffeetrinken, Billardspielen, Tabakrauchen ist nationale Beschäftigung, und 's ist ein wahres Glück, daß Herr v. Cotta ein so gewandter Mann war, für die Allgemeine Zeitung Erlaubniß zu bewahren, sonst verstopfte man in dieser Nationalität. Sie ist aber überall zu finden, diese Zeitung mit ihrem kolossalen Abstande als bedeutendstes deutsches Journal neben den unbedeutendsten österreich'schen Blättern, die auf der weiten Welt nichts zu thun haben, als Anekdoten zu erzählen und Schauspieler, und Gott und die Welt zu loben. Glückliche Leute, diese österreich'schen Journalisten, sie dürfen sich durchaus nicht ärgern, leben im Stande der Unschuld, und glauben an die Interessen ihres Lebens. 6 Man treibt jener statistischen Wichtigkeit halber auch vielfachen Luxus mit den Cafféhhäusern, und es giebt unter Andern ein sogenannt »silbernes.« Indessen ist nicht das Haus von Silber, sondern nur das Kaffeegeschirr. Als es Abend ward, machte ich mich auf, das berühmte Leopoldstädter Theater zu suchen. Was hatte ich nicht Alles davon gehört! Einen Saal des unauslöschlichen Gelächters, der unerschöpflichen Volkslust, der behaglichsten Wiener Lieder und Gesichter und Mädchen dachte ich zu finden, denn das Wort »Leopoldstädter Theater« bedeutete immer so viel als »Vergnügen ohn' Ende!« Die Leute wiesen mich immer nach einem kleinen hervorstehenden Gebäude hin, wenn ich nach dem Wege fragte, ich steuerte darauf los, und obwohl mich die Stille des Eingangs frappirte, so trat ich doch hinein. Den bejahrten Mann, welcher mir hinter der Schwelle begegnete, würde ich ohne Leopoldstädter Trunkenheit überall für einen Küster gehalten haben, dießmal fragte ich ihn aber, ob ich hier 7 in's Theater käme. Mit einem staatswissenschaftlichen Lächeln sagte er, dieß sei die Kirche, aber das Theater sei dicht daneben. Ich bat erröthend um Entschuldigung, er versicherte mich aber, es sei schon Manchem so gegangen, und zu einem guten Staate sei Kirche und Theater nothwendig, der Spektakel in Europa rühre jetzt eben daher, daß man in diesem Lande nur das Eine, in dem andern nur das Andre haben wolle, oder die richtige Nachbarschaft nicht treffen könne. »Ist Ew. Gnaden eine gute Prise gefällig?« setzte er hinzu, und ich kann wahrhaftig nicht sagen, ob der Mann mehr oder weniger als ein Küster gewesen ist. Das Leopoldstädter Theater ist wirklich ein kleines, fideles Häuschen, bürgerlich, ordinair, ein Häuschen, wo Einem die Frage einfällt, ob nicht das ganze Ding nur zum Spaß errichtet sei, zu einem Modell für ein wirkliches Theater, was man nur einstweilen benutzen, und später dem Zufall, den großen Kindern und seinem Geschick überlassen will. Ein beliebtes Singspiel war angekündigt, ich glaube: 8 »Die Liebe auf der Alm,« aber der kleine Raum war dürftig besetzt, und das dünne Völkchen war still und artig; ein dicker Mann, der neben mir stand, sprach von Steuern und Abgaben. Pfui! das alte Wien, das ächte alte Wien, Wien aus der alten guten Zeit weiß nichts von Steuern und Abgaben; am wenigsten im Leopoldstädter Theater. Wirklich, mit der Diskussion kommt auch das graue Mißbehagen unter die Völker; wenn's irgend anginge, sollte man sie ihnen ersparen; die Liebe weiß nicht von Liebe zu sprechen; das Glück definirt sich nicht; die Unschuld spricht nicht – ja, lieber Gott! kann denn aber noch von Unschuld die Rede sein nach Muhameds, nach Voltaire's Tode, nach dem höchsten Wesen in Paris, nach den Staatsbanquerotten, nach Erfindung des Simonismus und des Börsenspiels? Kurz, der Wiener sprach auch von Steuern und Abgaben, und es war mir überraschend genug, als er sagte: Schaun's, da kommt der Wenzel Müller, der ist noch aus der alten guten Zeit. – 9 Wenzel Müller, der die Schwestern von Prag komponirt, den Schneider Kakadu, diesen Liebling meiner Schuljugend in Noten gesetzt hat, dieser alte Wenzel lebt noch! Jo, schaun's nur, wie er sich umschaut! Es war ein freundliches altes Gesicht mit freundschaftlichen, alltäglichen Gedanken; das Haupt war mit der Würde eines liebenswürdigen Alters, mit weißem Haar umflossen, und der Kleine nahm seinen niedrigen, demokratischen Präsidentenplatz ein, ergriff sein kleines, bürgerliches Taktirstöckchen, lächelte links, lächelte rechts zu seinen Musikanten, als bäte er sie um Erlaubniß, anfangen zu dürfen, und begann endlich seine Leopoldstädter Ouvertüre, als wenn er seinen Kollegen, den Wiener Vorstädtern, ein kleines Geschichtchen erzählen wollte von »gspoßigen Leuten, die a recht gutes Herze hoben.« Unter solchen Auspicien gewährte die überaus einfache Musik, Musik mit kindlichen, anfänglichen Melodieen, ohne Duft, Zauber und Romantik, mit gutmüthiger Trivialität und frischem anspruchslosem 10 Herzen versetzt, einen ganz angenehmen Eindruck, und es ward mir ganz behaglich, zumal ich hinter mir merkte, wie sich das Häuschen mehr und mehr fülle und seine naive Zufriedenheit ausspreche über Wenzel Müllers unschuldige Melodien. Sie sind wirklich noch aus der Zeit der Unschuld und des alten Wien. Guter Wenzel, heute, im Herbste 1835, lese ich, daß Du gestorben bist! – Wie öde mag's in der Leopoldstadt sein, wo Dein weißer Kopf, Deine bewegliche Hand, Dein glückliches Lächeln fehlen. Ich weiß nichts von Dir als jenen Abend und einige Melodieen, aber ich will Dein ganzes Leben erzählen, wie Du Dein Seidel Wein getrunken, einem hübschen »Maderl« die Backen gestreichelt, Mittag besten Appetits gegessen, kleine Nelkenstöcke gepflegt, einen geblümten, warmen Schlafrock getragen und jeden Menschen freundlich behandelt hast, selbst den gelben, leberkranken Nachbar, der die Musik nicht leiden konnte. Auch die Leopoldstadt liegt im Sterben; man könnte sagen: vielleicht nur darum, weil es an 11 Talenten fehlt, aber es mag wohl tiefer liegen. Auch die Leopoldstädter fangen an, über den Stand der Unschuld hinauszublicken. Ihr bester Komiker, der bekannte Schuster, ist unbeschäftigt. Die Krones ist freilich gestorben, jenes wunderbare Talent der Gemeinheit, welches das Unanständige mit Grazie und Zauber producirte, jenes schöne Mädchen mit schönen Augen und schöner Stimme, mit der ärgsten Wiener Liederlichkeit und der größten Wiener Liebenswürdigkeit, die Krones ist todt; sie ist geblieben; ein Soldat der rüstig focht bis auf den letzten Mann. Keine historische Person wird in Wien so betrauert wie dieß Weib, die Leopoldstädter berufen sich bei etwaigen Anklagen auf dieß Mädchen, wie die Bonapartisten auf Napoleon. Wien ist diejenige Stadt, wo es noch Zeit und Raum genug giebt, historische Erscheinungen aller Art breit und sattsam zu würdigen. Und sie ist freilich nicht ersetzt worden: Mlle. Jäger giebt sich Mühe, mit Fleisch, Dreistigkeit und Talent etwas Aehnliches darzustellen, und sie 12 reussirt auch sehr; die Wiener wissen dergleichen zu würdigen; aber es fehlt der Funke, und es gehört zu nichts mehr größere Genialität, als zu einer Frivolität, die allgemein gefallen soll. Ihr Weg geht schmal, ganz schmal zwischen tiefen Wolfsgruben. So blieb denn auch dieß Singspiel matt und trivial. Ein solches Volkstheater ohne belebende Genie's wird ein abgestandnes Glas Pfennigbier. Die Naivetät ohne Folie ist als künstlerische Erscheinung ein lähmender Anblick. Man kann das Alltägliche produciren, aber man darf dabei nicht selbst alltäglich sein. Wie gewöhnlich fehlte es nicht an einigen norddeutschen Dandy's, welche sich hochdeutsch zu sprechen bemühten und das meiste Lachen erregten, je besser es ihnen gelang. Ein richtig ausgesprochner Doppelvokal ist dort in Wien die Losung zum Gelächter; sie halten das für Ziererei, die Leopoldstädter, und die Leute aus »Deutschland« sind ihnen sehr komisch. So wie es in England noch genug Engländer giebt, welche glauben, die Franzosen 13 hätten nichts zu essen als gebratene Froschkeulen, so giebt's Leopoldstädter, die uns nicht viel mehr zutrauen als Kaldaunen. Ein wunderliches Gespräch hinter meinem Rücken nahm meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Ein Mann sprach französisch-deutsch, ein zweiter ungarisch-deutsch, eine Dame wienerisch-deutsch, das gab ein Trio, an welchem Jahn und der Professor Zumpt gestorben wären. Die französisch-deutsche Stimme glaubte ich zu kennen – richtig, es war der Starost, der sich industriös mit einer stattlichen Dame unterhielt. Das Leopoldstädter Theater ist in jeder Rücksicht Volksversammlung, man hegt dort die liberalsten, menschenfreundlichsten Gesinnungen, die Damen sind emancipirt, man ist ohne Vorurtheil. Diese statistische Rücksicht hatte den Starosten hingeführt. Die stattliche Dame verließ am Schlusse der Vorstellung das Haus am Arme des Ungarn, ihres Liebhabers, der viel Liebe, aber wenig Verdienst haben mochte. Im Gedränge blieb der Starost zur andern Seite 14 der Dame, und während der Ungar mit seinem Ellenbogen den Weg bahnte, wurden neben ihm verrätherische Unterhandlungen gepflogen mit drei leisen, schnellen Worten. »O Mädchen, das in meinem Arm Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet!« – Auf den Straßen lag eine warme, »busenwarme« Nacht, die Sterne funkelten, die Lüfte buhlten, und aus dem Hause quollen die weißen Gewänder und die jodelnden Melodieen der Lieb' auf der Alm. Neben mir entwickelte der Starost französische, uninteressante, unwürdige Ansichten über die Mehrzahl der Weiber, die mein Herz nicht glaubt, so lange die Sterne scheinen. Denn es giebt einen Stern, von welchem aufopfernde, weltengewaltige, unsterbliche Mädchenliebe schimmert, schimmert und strahlt bis mein ganzes Auge und Herz erfüllt ist vom Glanze unergründlicher Mädchenliebe. Es schieden zwei Liebesleute in stiller Nacht, und sie konnten sich nimmer wiedersehen, sie durften sich nicht 15 einmal schreiben, kein Gruß war ihnen gestattet, den ein gleichgültiger Mensch von einer Station zur andern trägt, kein einzig Wort und Zeichen für das lange, lange Leben. Und wie lang ist das Leben, wenn man liebt und scheidet und verliert, denn es liegt öde, unabsehbar wie Meer, wie Wüste vor den thränendüstern Augen. – Da wies das Mädchen auf den Himmel, und sprach: Den können sie uns nicht nehmen! Wenn Dir recht bang, recht elend wird, Dann blick' nach jenem Sterne – Es küßt mein Aug' Dich tausendmal Dort oben in der Ferne. Prater und Leopoldstadt waren mir ohne Eindruck geblieben, umsonst sprach der Starost; – es sind viele Dinge nur da, um einen Raum auszufüllen, der uns aufnimmt, ohne uns weiter zu berühren, Stationen zum Ausruhen für das Interesse. Dahin gehören: die Jägerzeil, der stille Prater, die Lieb' auf der Alm und die ledernen Grundsätze, daß die Weiber nichts taugten. – 16 Ich hab' wohl nach dem Stern geschaut Gar manche Nacht und Stunde, Er brachte Thränen, süß wie Glück, Vom Himmel bracht' er Kunde. Es war Mitternacht, als ich heim kam, und Starost sprach noch und die Sterne schienen noch. 17     St. Stephan. Heiliger Schutzpatron, den wir verehren, Der über unsrer Kinder Schicksal wacht, Bitte für den Starosten Und für das frevelhafte Mädchen; Die Dich gekrönt am hellen, lichten Tage. – Stumme von Portici. Es war einer jener goldnen Morgen in Wien, wo die Sonne wie ein muthwilliges Mädchen über die Dächer der hohen Häuser läuft, was stündlich größer, wärmer, gefährlicher, süßer wird. O Wien, ich werde Dich mit Deinen hohen Häusern und engen Straßen, welche manteldichten, heimatlichen Schatten warfen, wie die Stadt meiner Jugend, das alte hochgeschürzte Breslau, Wien ich werde Dich und Wiens Morgen nimmer vergessen: die Donau dampft, auf den Bastionen liegt weiß wie eine Jungfrau die 18 Frühsonne, blauer Dichtungsnebel fällt wie Schmelz und Illusion auf die hereinragenden Berge, durch die Straßen, durch die Thore, über die Brücken strömt die Menschheit, lächelnd geschäftig, Freude erwartend, an den Straßenecken werden die großen Vergnügungszettel angeklebt – das Thor der Welt öffnet sich knarrend, alle Herrlichkeiten können über den Fremden kommen, der aus dem Fenster seines Gasthofes in diese lachende Tageszukunft blickt. Ich wohnte in der Vorstadt und übersah das Alles: Wasser und Stadt, Berge und Brücken, Zettelträger und Mädchen. Unter mir floß die Donau mit goldnen Sonnentellern bedeckt hinab nach Ungarn, das einzige Gold, was sie hinabführt in dieß heiße, pelzverbrämte, schnurrbärtige Königreich. Neben mir arbeitete die Leopoldstadt mit ihren Riemern und Sattlern und Wagenbauern. Aus den vielen Worten des Starosten hatte ich behalten, daß ihm die schöne Dame von gestern für diesen Morgen ein Rendez-vous im Stephan zugesagt. Das und den Stephan selbst wollte ich sehen. 19 Der Thurm dieser Kathedrale gilt, wenn ich nicht irre, nächst dem schlank auffliegenden zu Landshut in Bayern für den höchsten Deutschlands, seit Straßburg uns geraubt worden ist. Dieser Stephansthurm ist eine Arbeit, vor welcher man den Hut abnehmen muß: einmal, weil sie so hoch hinauf in den Himmel geht, daß man sie mit dem Hute nicht wohl betrachten kann und zweitens, weil sie außerordentlich ist. Eine steinerne Pyramide, die ohne abzusetzen, ohne zu ruhen in die Wolken steigt, und zwar leicht und ohne Beschwerniß wie man die Hand aufhebt. Aus Stein ciselirt, wie der Metallarbeiter ein zierliches Modell ausfeilt für seinen Meister, der zugleich Vater und Verheirather einer schönen Tochter ist. Heiliger Stephan, wodurch hast Du solch eine Arbeit, solch einen Menschensieg über Stoff und Steine verdient, was hast Du gethan? Ich weiß es nicht, und brauch es nicht zu wissen; sicherlich bist Du über Verdienst belohnt, denn solch ein Werk ziemt den Göttern, nicht den Heiligen. Heilige sind Parvenüs, Götter und Helden stammen aus Jovis Lenden. 20 Der Stephan ist die deutsche Warte für das Ungarland, seine Spitze reicht über die magyarische Grenze hinein, und Stephan ist ein ungarischer Heiliger, ein heiliger Ungar-Name, König Stephan hat die Magyaren zum Christenthume bezähmt, sie mit Roß und Säbel getauft. Roß und Säbel sind noch heute eben so christlich wie der Ungar selbst; das bezeugen die armen Bauern von der Raab bis hinter die Theiß. Steinerner, gemeißelter, prachtvoller Stephan, Du hast mich oft an die Sage von unterirdischen Riesen erinnert, die unter uns arbeiten im Schooß der Erde, die Nachkommen der alten, bezwungenen Titanen. Die kleinen Titanenbuben haben Krieg gespielt und sich dazu Thürme aus Felsen gehauen, und einer ihrer übermüthigsten hat sein Thürmchen zu weit in die Höhe geworfen, da ist es bei der Gerold'schen Buchhandlung in Wien aus der Erde gefahren. In jener Buchhandlung am Stephansplatze hab ich mir diesen Thurm am Fleißigsten betrachtet. Wenn man ihn lange unverrückt ansieht, so hüpfen 21 am Ende die vielen Schnörkel, die sich regelmäßig pyramidenförmig aufbau'n zu einem luftigen Tanze durcheinander, die Welt bedünkt Einen der lustige Spaß eines Kanditors, St. Stephan eine Baumtorte von Marzipan – aber das kann nur passiren, wenn man bereits vom Büchertreiben im Gerold'schen Laden verwirrt ist. Dort giebt's nämlich eine ganz andere Literatur als bei uns: die sämmtlichen Werke der Caroline Pichler, des Herrn von Kotzebue und Ifflands Schauspiele werden einmal über das andere verlangt, und Herr Gerold mit seinem leutseligen, schalkhaften Lächeln giebt links und rechts Befehle, die unsterblichen Werke dieser Heroen in dauerhaftes Packpapier zu emballiren. Ich habe nirgends so viel kaufen sehen als dort, und der Schriftstellermuth hätte mir wachsen können, wenn die in Leinen und Seide grün und braun gebundenen langen Reihen andere Devisen und Wappen getragen hätten. Die allgemeine Lektüre in Oesterreich ist noch ganz altmodisch, trotz dem, daß nirgends häufiger 22 nach Börne und Heine gefragt, ja trotz dem, daß nirgends dieß gefürchtete Paar häufiger besessen wird als dort. Man lebt noch im Zeitalter der deutschen Klassiker und Caroline Pichler, der Hofschauspieler Lembert, der nebenbei ein liebenswürdig höflicher Mann ist, Braun von Braunthal, der Ritter, gehören alle zu den Klassikern. Holde Zeit der Klassiker, wo der Dichter noch zerstreut und ungezogen sein darf! An jenem Morgen ging es sehr stürmisch her bei Gerold: Alles wollte Caroline Pichler besitzen und es war stark davon die Rede, der Dichter Herzenskron werde eine Gesammtausgabe seiner Werke veranstalten. Ich saß über Bonaparte's Briefen an Josephine, die eben angekommen waren, aber neben Herzenskron ignorirt wurden, und über dem Lärmen und Napoleons Liebesversicherungen hätte ich's beinahe überhört, wie der Stephan Elf schlug, die Stunde des Rendez-vous . Der Starost lehnte mit seiner Lorgnette an einem Pfeiler, als ich in die Kirche trat. Die großen, 23 geräumigen, kühlen Kirchen der katholischen Christenheit scheinen wirklich nicht bloß zu kirchlichen Zwecken erbaut zu sein. Dieser bärtige Slave war leider auch nicht ihretwegen gekommen. Gott weiß, was er für eine Religion hatte; wegen seiner großen Inklination für den Talmud fragte ich ihn öfters, ob er den Mosaismus liebe. Er lächelte dann ausdruckslos. Im Allgemeinen gehörte er zu der französischen, halbdeistischen Ansicht, zum System der Aufklärung, das wirklich von Prosa und Unerquicklichkeit starrt. Die Gesetze des A B C, des Einmaleins, der Trivialität sind diesem Genre Ein und Alles, der Herrgott wird berechnet wie der Transito; Ahnung und Poesie sind Spielereien. Und obwohl der Talmud und die sonstigen Traditionen des Judaismus die Glaubenspartikelchen bis zur Gewürzkrämerei in's Detail trieben, so herrscht doch zwischen ihnen und der bloß verständigen Aufklärung eine merkwürdige Wahlverwandtschaft. In beiden ist ein fanatischer Mißbrauch einzelner Geistesthätigkeiten, der Verstand ist dort in knebelnden Schlüssen 24 eben so naseweis wie hier in auflösenden Folgerungen. Die meisten Juden, welche keine Juden mehr sind, gehören zur Partei der dünnen Aufklärung. Ihre unteren Verstandeskräfte sind tüchtig routinirt, und ihre höheren Anknüpfungen sind durch die Widerwärtigkeiten ihrer Position für immer durchhauen. Wir Protestanten haben von Jugend auf viel mehr Respekt vor einer Kirche, sie ist uns mehr eine alte, strenge Tante, deren Scheltworte wir fürchten, die wir beerben wollen; in Norddeutschland wählt man nicht leicht die Kirche zu einem Rendez-vous . Das ist bei den Katholiken was anders. Ihnen ist die Kirche eine Mutter, die Alles verzeiht, auf deren unerschöpfliche Liebe gesündigt werden darf. Wie der Katholik sich selbst ganz und gar in Vernunft, Verstand und Willen an seine Religion hingegeben hat, nimmt er es nicht so genau mit ihr; sie muß ihm aber deshalb auch für Alles sorgen, selbst für sein Vergnügen. Wenn man glaubt, daß junge Mädchen, oder Damen überhaupt, nicht so 25 raisonnirten und kombinirend dächten, so irrt man sich – alle Gedanken haben ihre Atmosphäre, deren auch der Gedankenlose theilhaftig wird. Manch' Männlein und Fräulein war zu sehen im hohen Dome des heiligen Stephan, die fröhliche, skrupulose Sonne des Spätmorgens quoll lachend durch die schmalen hohen Fenster, und beschien den heitern Katholizismus. Ich wandelte von einem kleinen Altare zum andern. Diese kleinen Altäre sind eine prächtige Erfindung, ein liebenswürdiges Zugeständniß für die Welt, welche Einsamkeit zu Zweien sucht. Der Protestantismus ist für die Ehe, der Katholizismus für die Liebe. Eine hohe Dame im seid'nen Gewande rauschte an mir vorüber nach dem Hochaltare hin. Sie war's, die Ungar-Dame von gestern. Eine herausfordernde, imponirende Gestalt. Blaßer war sie als den Abend vorher, aber das Auge war voller Freiheit und Leidenschaft, und diese Leidenschaft war nicht gedankenlos. Kennen wir nicht jene großen, festschießenden Augen, die zuweilen plötzlich irre werden in ihrer 26 stolzen Sicherheit, erweichen, fragend und voll Gedanken stille steh'n, und die runde blaße Wange zu betrauern scheinen? Bei'm Vorübergeh'n hatte sie mich mit ihrem herausfordernden Blicke gemessen, mich gezwungen, ihr vorauszugeh'n, nach ihr umzublicken. Und da sah ich, wie ihr Auge zusammenbrach, als sie in die Kniee sank ohnweit des Hochaltars. Sie hatte für nichts mehr Blicke, als für den fungirenden Priester und ihren Rosenkranz, den sie leider mit Glacéhandschuhen betete. Glacéhandschuhe sind so arg modern, daß man nicht damit beten sehen mag. Ist das nicht abscheulich! Als ob der Herrgott bloß für die armen Leute und sonnverbrannten Hände da wäre – man muß aber wirklich nicht in Handschuhen beten. Das Falten der Hände ist uns von Kindheit an Symbol, und die Empfindung des Handberührens gilt unsrer Pietät für einen elektrischen Leiter zum Himmel. Der Glacéhandschuh ist aber isolirend durch seine kalte Glätte. Hab' ich Recht? 27 Wie oft glaubt man bei'm Kartenspiel und in der Liebe, es lebte ein Verräther in der Luft, welcher unsre innersten Gedanken dem Nachbar sagte, ein kleiner Gott der Klatscherei, vor welchem kein Geheimniß besteht, ein Bürge, daß alle Atome der Welt geistig belebt seien – d'rum sind die Menschen so lächerlich, welche ihre Wesenheit in Bewahrung von Geheimnissen setzen, es existirt kein's, man sieht's uns an den Fingerspitzen an, was wir verbergen wollen. – Die Dame zog nämlich einen Handschuh aus, um unter die schwarzen Locken zu fahren, welche über die Schläfe hervorquollen. Die Hand war etwas zu groß, um für schön gelten zu können, aber sie war interessant. Es giebt wirklich interessante Hände; aber ich irre mich: die hier zu beschreibende war verführerisch, und das ist wieder etwas ganz Anderes. Ihre gesättigten Formen waren mit jenem leichten Gelb überflogen, was zuweilen eine Kraft des Südens anzeigt, eine männliche Tüchtigkeit der Empfindung. 28 Farben sind ja überhaupt Verräther, und gehören in die oben erwähnte große Verschwörung, welche kein Geheimniß duldet. Der Starost kam mit seinen Sporenstiefeln herangeschlürft, so leise, als es sein schwerer Tritt gestattete, aber Frauen erkennen am Tritt ihren Liebhaber, auch wenn sie ihn niemals gehen sahen. Sie blickte von Rosenkranz und Andacht auf, nickte mit dem Augenliede und betete weiter. Katholische Mädchen haben Liebhaber und Herrgott einträchtig neben einander, und sie sind nicht so thöricht, diesem eine Eifersucht zuzutrauen. Sie erhob sich, lenkte den Starosten mit dem Blicke, und schritt durch die Kirche. Draußen auf dem Platze blieben sie Beide stehen, und warteten zu meiner Verwunderung auf mich. Ein Dritter ist doch sonst sehr überflüssig. Oder hatte sich der Starost in diesem Weibe geirrt? Von grünen Ziegeln ein kolossaler Doppeladler sieht vom Kirchendache herunter – was ist das für 29 ein Symbol: ein Raubvogel auf der Kirche? Und noch obenein mit zwei Köpfen. Dies sehend und denkend trat ich hinan, und sagte » bon jour! « Sie lächelte und sagte auch » bon jour! « 30     Sperl in Floribus. Die Dame hat uns an jenem Tage viel zu schaffen gemacht, denn was wir nicht in die gewöhnlichen Kategorieen uns'rer Anschauungsweise einordnen können, das macht uns zu schaffen. Wenn wir's auch noch so sehr läugnen, wenn wir auch noch so häufig das Gegentheil versichern, und zwar ehrlich und treu versichern – unser arroganter Verstand glaubt im Grunde nicht daran, daß ihm etwas ganz Neues, Fremdartiges vorkommen könne. Dieß macht die dreist verständigen Leute oft so unangenehm. Unser ordinairer, großstädtischer Verstand ward solchergestalt durch die Dame sehr blamirt. Sie war ernsthaft, und lächelte höchstens. Als wir in der Singerstraße waren, sagte sie zum 31 Starosten: »Geben Sie mir den Arm, Sie sind mein Bruder, und heißen Casimir.« Kaum war dieß gesprochen, so stand auch wirklich ihr Begleiter von gestern Abend, der Ungar, vor uns; sämmtliche ungarische Kreuzdonnerwetter lagen auf seinem Antlitze, und er strich den Knebelbart, wie man einen Fuchsschwanz peitscht, der elektrisiren soll. Verstellung in angekündigter Weise; ich war ein beiläufiger, uninteressanter Reisebegleiter; ein wenig verwandt, wenn ich mich recht erinnere, sonst nichts, ein Mitläufer. Die Donnerwetter entluden sich in unschädlichem Wetterleuchten, das heißt: der Ungar wollte Licht in der Sache haben, und gab, wie billig Mißtrauen und gelegentliches Losschlagen keineswegs auf. Das war auch ganz recht, nur hätte er kein Ungar sein müssen. Bekanntlich sind die Ungarn sehr gescheidte Leute, nur das Schießpulver und die Intrigue haben sie nicht erfunden; und sie glauben Manches, was andere gescheidte Leute nicht glauben. Vorstehender Ungar war keine Ausnahme, sondern stand unter der Regel. 32 Nachdem wir uns darüber vereinigt hatten, aus welchem Lande unsere Verwandtschaft stammte, was einer gemeinschaftlichen fremden Sprache wegen nicht ganz leicht war, schlugen wir dem Ungar vor, unsere Ankunft in vaterländischem Getränke zu feiern; er fluchte »Ja.« Allem Anscheine nach waren wir in Johanna's Wohnung. – Wir hatten im Laufe des Gespräches diesen Namen unserer schönen Cousine erobert. Es waren so gewiß verschwiegene Gemächer eines halben ersten Stockes, wie man sie an einigen Orten in Wien findet, nicht hoch genug, um vornehm zu sein, nicht niedrig genug, um auf den Kopf und die Behaglichkeit zu drücken. Gardinen und Meubles waren dunkelfarbig und nicht ohne Solidität und Wohlthätigkeit. Ein alter Diener und eine dito Kammerfrau waren zur Hand und servirten auf wenig pantomimische Handdeutungen ein Frühstück, dessen Hauptperspektive in den Winkel gestellt wurde. Das war ein Korb mit Flaschen. 33 Um nicht gefragt zu werden, fragten wir den Ungar nach seinem Vaterlande. Der Ungar liebt es kaum weniger als der Pole, oder richtiger: er ist darein verliebt, und erzählt davon mit Fanatismus. Da er zudem nicht gern trocken erzählt, so wurden wir nach einigen Stunden aller Besorgniß enthoben. Es war an jenem wichtigen Tage, wo »Sperl in Floribus« an allen Straßenecken glänzte in roth und blauen Buchstaben. Durch alle Gassen, von Mund zu Munde rennt die freudige Sage: »heut' Abend ist Sperl in Floribus.« Das heißt mit andern Worten: der ganze Garten Sperl's draußen in der Leopoldstadt brennt in tausend Lampen, alle Säle sind geöffnet, Strauß dirigirt die Tanzmusik, Leuchtkugeln fliegen, alle Sträucher werden lebendig, was ein Wienerisch Herz hat, steuert des Abends hinaus über die Ferdinandsbrücke, bei'm Lampel vorüber, links um die Ecke. – Es versammelt sich dort allerdings keine haute société , es ist eine sehr gemischte Gesellschaft, aber die Ingredienzien sind nicht zu verachten, und das 34 Gebräu ist klassisch-wienerisch. Ein Abend und eine halbe Nacht bei'm Sperl, wenn er blüht in aller Ueppigkeit, ist der Schlüssel zum Wiener sinnlichen Leben, das heißt: zum Wiener Leben. Unter erleuchteten Bäumen und offnen Arkaden, welche an den Seiten herumlaufen, sitzt Männlein bei Weiblein an zahllosen Tischen, und ißt und trinkt und schwätzt und lacht und horcht. In der Mitte des Gartens nämlich ist das Orchester, von welchem jene verführerischen Sirenentöne kommen, die neuen Walzer, der Aerger uns'rer gelehrten Musiker, die neuen Walzer, welche gleich dem Tarantelstich das junge Blut in Aufruhr bringen. In der Mitte des Gartens auf jenem Orchester steht der moderne Held Oesterreichs, Napoléon autrichien – der Musikdirektor Johannes Strauß . Was den Franzosen die Napoleon'schen Siege waren, das sind den Wienern die Strauß'schen Walzer, und wenn sie nur Kanonen hätten, sie errichteten ihm bei'm Sperl eine Vendomesäule. Der Vater weis't ihn seinem Kinde, die geliebte Wienerin ihrem fremden Geliebten, der 35 Gastfreund dem Reisenden – »das ist Er!« – Wer? – »Er!« Wie die Franzosen sagen: voici l'homme . Es ist ein heiter sinnlich Volk in Oesterreich – Napoleon kostete den Franzosen viel Söhne und Brüder und Väter, ehe sie sagen konnten: » voici l'homme « – Die Oesterreicher haben nur einige Gulden und Nächte gezahlt, und dafür haben sie einen ausländischen Vogel mit bunten Lockfedern für die Damen, und wenn auch nicht mit Hochgefühl, denn damit gaben sie sich nicht ab; doch mit Entzücken sagen sie: »das ist der Strauß!« Nach abgefertigtem Ungar schlug uns Johanna vor, in's Theater und von da zum Sperl zu gehen. Ich war sehr begierig auf den österreich'schen Napoleon, und es freute mich, daß ich ihn mitten auf dem Schlachtfelde finden sollte. Er schlug gerade die Kaiserschlacht von Austerlitz, als wir ankamen, mit dem Fibelbogen wies er hinaus in den Himmel, und die Geigen schrieen: »die 36 Sonn' geht auf« – er dirigirte just seinen neuesten Deutschen. Da stand er vor mir, der Dritte aus dem italienischen Triumvirate der Zauberer – Napoleone, Paganini - Straussio , wie dieser die Geige in der Hand haltend, taktirend wie besessen, von unsichtbaren Mächten geschleudert, aber eben so orakulös wie die Pythia. Alle Gesichter waren auf ihn gerichtet, es war ein Moment der Andacht. Man wird dich fragen, sagte ich mir, besonders die Tänzer und Mädchen, die Generation der Zukunft, werden fragen: Wie sieht er aus, der Strauß? Ich betrachtete sehr; man dichtet immer, wenn man vor einer historischen Person steht: – war das Aussehen Napoleons griechisch – oder römisch-klassisch, ruhig antik, war das Paganini's Hofmann – romantisch, klosterbrüderlich romantesk, Grab- und Mondschein-interessant, so ist das jenes Maëstro Straussio afrikanisch-heißblütig, Leben- und Sonnenscheintoll, modern verwegen, zappelnd unruhig, unschön 37 leidenschaftlich. Nun, da sind Adjektiva zum Auswählen. Der Mann ist ganz schwarz wie ein Mohr; das Haar kraus; der Mund melodiös, unternehmend, aufgeworfen; die Nase abgestumpft; man hat nur zu bedauern, daß er ein weißes Gesicht hat, was wenigstens mit größerem Rechte weiß genannt werden darf, sonst wäre er der komplette Mohrenkönig aus Morgenland, Balthasarius genannt, der am großen Neujahr in katholischen Ländern herumgeht, und auf die Thüren schreiben hilft: » C. M. B. « und die Jahreszahl, um die Macht des Teufels und Antichristen zu bannen. Unter dem höchst unseligen Herodes brachte selbiger Balthasar den dampfenden Weihrauch, womit man die Sinne befängt, und so ist es auch mit Strauß: er treibt ebenfalls die bösen Teufel aus unsern Leibern, und zwar mit Walzern, was moderner Exorcismus ist, und er befängt auch uns're Sinne mit süßem Taumel. Aecht afrikanisch leitet er auch seine Tänze: die eig'nen Gliedmaßen gehören ihm nicht mehr, wenn 38 sein Walzer-Donnerwetter losgegangen ist, der Fiedelbogen tanzt mit dem Arme und ist der leitende Chapeau seiner Dame, der Takt springt mit dem Fuße herum, die Melodie schwenkt die Champagner-Gläser in seinem Gesichte, der ganze Vogel Strauß nimmt seinen stürmischen Anlauf zum Fliegen – der Teufel ist los. Und diese leidenschaftliche Prozedur nehmen die Wiener mit beispiellosem Enthusiasmus auf, und sie haben eine Aufmerksamkeit, ein Gedächtniß für ihren Helden und seine Thaten, das heißt: seine musikalischen Gedanken, wie es dem deutschen Publikum zu wünschen wäre für manche andere Dinge. In einem Potpourri, was er aufführt, waren einzelne seiner Walzergedanken zerstreut, und das größte gemischte Publikum kannte das kleinste Strauß'sche Wort heraus, und begrüßte jeden Walzer-Rhythmus mit donnerndem Jubel. Es ist eine bedenkliche Macht in dieses schwarzen Mannes Hand gegeben; sein besonderes Glück mag er es nennen, daß man sich unter Musik alles 39 Mögliche denken, daß die Censur mit den Walzern nichts zu schaffen haben kann, daß die Musik auf unmittelbarem Wege, nicht durch den Kanal des Gedankens, die Empfindung anregt. Dieß wunderliche Wort: man kann ein musikalisches Genie und ein Dummkopf in einer Person sein, kommt ihm zu statten. Hiermit soll ihm keine Beleidigung, sondern eine Gratulation gesagt werden: ich weiß nicht, was er außer Noten versteht, aber dieß weiß ich, daß der Mann sehr viel Unheil anrichten könnte, wenn er Rousseau'sche Ideen geigte; die Wiener machten in einem Abende den ganzen Contrat social mit ihm durch. Gewissermaßen thun sie dieß freilich bei'm Sperl, denn eine Rehabilitation der Sinne geigt er wirklich, und ist Repräsentant des jungen Oesterreich, was gerade so gerne tanzt und küßt, wie es das Alte gethan. Wenn man's nicht glaubt, so muß man hinaufsteigen in die Sperl'schen Säle, wo die bacchantische Lust ihren Ausdruck, ihre babylonische Völkersprache findet. Ein Evan-evoë begrüßt ihn, wenn 40 er dort auf der musikalischen Tribüne erscheint, der moderne Mohrenkönig mit dem Weihrauchkessel, seiner Geige in der Hand. Ich war an eine Säule gelehnt, und sah voll Staunen dem Treiben zu: die Sperl'schen Säle verwandelten sich mir in ein indisches Bajaderenhaus, und die nach Freuden schreienden Becken wurden zusammengeschlagen, die Cymbeln lockten sehnsuchtsvoll, die großen Hörner stürmten frohlockend drein, und die Mädchen drehten sich und lachten Küsse, und hüpften umher wie heiße Sonnenstrahlen mit ihrem blühenden Leben. Es ist bemerkenswerth, daß die österreich'sche Sinnlichkeit nie gemein aussieht, sie ist naiv und keine Sünderin. Die dortige Lust ist die Sünde vor dem Sündenfalle, der Baum der Erkenntniß hat noch keine Definition, kein Raffinement nöthig gemacht. Bunt wogt die Menge durch einander, die Mädchen drängen sich warm und lachend durch die muntern Bursche, ihr heißer Athem spielte mir, dem 41 fremden Säulenheiligen, wie ein südlicher Blumenstrauß um die Nase, die Arme drängten mich mitten in's Getümmel – um Verzeihung bittet Niemand; bei'm Sperl will man keinen Pardon und giebt keinen. Nun werden die Anstalten zum wirklichen Tanze gemacht. Um die zügellose Menge in Schranken zu weisen, wird ein großes Seil hergenommen, und Alles, was in der Mitte des Saales bleibt, wird von den eigentlichen Geschäftsleuten, den Tänzern, getrennt. Die Grenze ist aber schwankend und nachgiebig, nur an den gleichmäßig wirbelnden Mädchenköpfen unterscheidet man den Tanzstrom. Bacchantisch wälzen sich die Paare durch alle die zufälligen oder absichtlichen Hindernisse, die wilde Lust ist losgelassen, kein Gott hemmt sie, nicht einmal die Gluth, welche still und eindringlich hin- und herwogt, wie ein vom Afrikaner herabgesendetes Wüstenmeer. Charakteristisch ist der Anfang jedes Tanzes. Strauß beginnt seine zitternden, nach vollem 42 Ausströmen lechzenden Präludien, sie klingen tragisch wie eine noch vom Schmerz der Geburt umklammerte Glückseligkeit; der Wiener legt sich sein Mädchen tief in den Arm, sie wiegen sich auf das Wunderlichste in den Takt. Man hört noch eine ganze Weile diese langgehaltenen Brusttöne der Nachtigall, mit denen sie ihr Lied anhebt und die Nerven bestrickt, bis plötzlich der schmetternde Triller hervorsprudelt; der eigentliche Tanz beginnt mit seiner ganzen tosenden Geschwindigkeit, und hinein in den Strudel stürzt sich das Paar. – All' diese Manieren, jener Strick und Aehnliches können den Leser leicht zu dem Glauben verführen, er befinde sich in einer Kneipe. Dem ist keineswegs so. Bei glänzender Beleuchtung, in einem schönen, hohen Saale begiebt sich das Alles; daneben laufen offene, freie Speisesäle hin, wo die noble Bürgerklasse ihr Nachtmahl verzehrt, und harmlos dem Treiben zusieht. – Ich habe nie Excesse dort erlebt; das fatale Zauberwort des Nordens, Branntwein, fehlt, dieß 43 Feuerwasser der Indianer, es fehlen die dumpf Trunkenen, die Sinnlosen. Der leichte österreich'sche Wein macht nur der Sinne bewußt – und die Wiener haben große Magen aber kleine Kehlen. Diese Orgieen dauern bis gegen den Morgen, da nimmt Oesterreichs musikalischer Held, Johannes Strauß seine Geige und geht heim, um einige Stunden zu schlafen, um von neuen Schlachtplänen und Walzermotiven zu träumen für den nächsten Nachmittag in Hietzing. Die heißen Paare stürzen sich in die warme Wiener Nachtluft hinaus, und das Kosen und Kichern verschwindet nach allen Straßen. Das ist Sperl in Floribus. Wir begleiteten Johanna über die Ferdinandsbrücke zurück, und der Starost machte dreiste, einseitige Bemerkungen, Johanna aber war still, und blickte in den Mond, der auf der Donau geschwommen kam. 44     Johanna. Es war eine so verlockend milde Luft, daß wir uns nicht entschließen mochten, nach Hause zu gehen. Die Sterne glänzten wie Liebesaugen einer fernen Welt; Nachtwinde, weich wie Sammt, spielten in den Lüften, üppiges, verführerisches Schweigen lag wie ein Seidenmantel über der Erde. Johanna, bis zum Abende ernst und zurückhaltend, war bei'm Sperl munter geworden, jetzt sang sie ein ungarisches Liedchen in die Luft hinaus: »Lüftchen kommst Du aus dem Morgen, Wo die hohen Zedern stehen, Hast Du dort mein weißes Häuschen, Meinen dunklen Herrn gesehen? Augen hat er schwarz wie Kohlen, Und sein Bart ist dicht und lang, 45 Spielend wie der Baum am Wasser, Kräftig ist sein Leib und schlank. Und sein Roß ist so behende, So beweglich wie der Wind, Gürte Dich, mein Lüftchen, schwebe, Eile heimwärts, flieg' geschwind! Sind Sie denn aus Asien, Johanna? Ich bin aus dem Himmel, und bin ein verstoßenes Kind. Ach, daß ich nicht sprechen kann, Niemand hab' ich es sagen können, und doch müßt' ich so leicht werden, wenn ich es einmal erzählen könnte – und ich will's, hier auf der stillen Bastion will ich's. Setzen wir uns. Sie erzählte. Von der ungarisch-polnischen Grenze war sie her. Dort lebte vor manchen Jahren ein junger Hirt, welcher seines Herrn Ochsen hütete draußen in den weiten, endlosen Feldern. Er schlief da des Nachts mit seinen Thieren, und so lange ein grüner Halm zu sehen war, sah er keinen Menschen, als den Verwalter, welcher zuweilen geritten kam, um einige Ochsen auszuwählen und ihn, den Hirten, mit der 46 Peitsche zu schlagen. Im Winter aber sah er im Dorfe die schöne Veronica, ein Mädchen von 15 Jahren mit zwei Augen voller Musik. Veronica war ihm gewogen, und er traf sie manchmal des Abends hinter dem Ochsenstalle. Es war ein sehr glücklicher Winter gewesen, obwohl der Hirt mehr Prügel gekriegt hatte, als sonst – in einer lichten Nacht standen sie wieder am Stalle, und genossen schweigend ihr Glück; da stieg eine Lerche neben ihnen in die Höhe. O heilige Jungfrau, klagte der Hirt, hörst Du Veronika, die Lerche ist da, nun muß ich hinaus auf die Wiesen, und der Sommer ist lang! Sie faßten sich ein Herz, und gingen des Morgens zum Herrn, und baten ihn, sich heirathen zu dürfen. Der Herr war ein junger, schöner Herr, und lachte, und ließ den Priester rufen. Als dieser sie kopulirt hatte, trat der Verwalter ein, und sagte: Allergnädigster Herr, heut' Morgen hat die Lerche gesungen, das Vieh muß auf die Weiden. Der 47 Hirt behielt nicht so viel Zeit, Veronica zu küssen, und mußte hinaus. Es soll Deinem Weibe gut gehen, sagte der Herr, sie kann im Schlosse wohnen. Der Sommer war sehr lang, und da Veronica sehr schön war, so hatte der Hirt viel zu weinen; denn er wußte es schon im Frühjahr, daß es einen schlechten Winter geben würde dieses Jahr, der junge Herr war zu hübsch und hatte zu schnell gelacht. Was kann man aber weinen vom Georgen- bis zum Michaelistage! Er hat auch den nächsten Winter geweint, und hat sich nicht einmal freuen können als er hörte, Veronica habe im Schlosse ein Mädchen geboren, und zwar ein schönes Mädchen. Das Mädchen wuchs auf, Veronica aber und der Hirt gingen zu Grunde; denn Schönheit währt nicht ewig und die Gunst ist wechselnd wie der Wind auf den Feldern. Nur die kleine Johanna wurde im Schlosse behalten, weil sie gar zu hübsch war, und der Herr 48 sie leiden mochte; der Hauskaplan gab ihr Unterricht mit dem Sohne des Herrn, und sie lernte Mancherlei, auch eine große Zärtlichkeit für Stephan, den jungen Erben. Stephan, erwiderte sie, und Beide wären sehr glücklich gewesen, wenn die gnädige Frau, die Mutter Stephans, gnädiger zugesehen hätte. Die war aber eine stolze Dame aus der Trentsyner Gespannschaft vom Matynschfelde, welche die Johanna nicht leiden mochte, und öfters auf die rothen Backen schlug. Eines Tages brachten sie den Herrn, Stephans Vater, aus dem Walde, wo man ihn an der Erde gefunden hatte; sein schöner rother Hengst ging traurig neben dem kleinen Fuhrwerke her. Der alte Herr war nämlich erschlagen, obwohl er eigentlich noch kein alter Herr war, und Stephans Mutter übernahm die Herrschaft unterdeß, weil Stephan erst fünfzehn Jahre zählte. Am Begräbnißtage nahm die Dame vom Matynschfelde Johanna bei der Schulter, und sagte, sie solle machen, daß sie fortkomme, und sich nie 49 wieder auf dem Hofe sehen lassen, wenn sie nicht die Peitsche fühlen wolle. Johanna ging weinend hinaus auf's Feld; Abends kam ihr Stephan nach, machte ihr eine Hütte zurecht, und brachte ihr Essen und Trinken. Johanna lachte wieder, und es ging mehrere Monate ganz vortrefflich. Der Wind wehte, die Nächte wurden kalt, über die blauen Berge am Horizonte her kam das wilde Geflügel hoch in der Luft, die Wiesen wurden trocken und wüst, Stephan kam nicht wieder, Johanna hatte kein Wasser in den Augen mehr, und wanderte der Sonne nach, fort, fort von der Heimath, die sie schmerzte bis in die innerste Seele. Strümpfe und Schuhe, die sie noch aus dem Edelhause mitgenommen hatte auf's Feld, waren zerrissen, die nackten Füße bluteten auf dem harten Boden, des Nachts fiel eiskalter Reif, und erstarrt, vom Hunger entkräftet, aber ohne Gedanken an Frost und Hunger kam Johanna in mondheller Nacht an einen großen See. Sie ging gerade d'rauf los, und wäre 50 hineingegangen, ohne es zu wissen und zu wollen, wenn sie nicht von einer Stimme angerufen worden wäre. Der rufende war ein Reiter, welcher dicht neben ihr hielt, der Mond schien glänzend, und spiegelte sich tausendfach von der breiten Wasserfläche, die Hand des Reiters legte sich auf des Mädchens Haar und bog ihr den Kopf in die Mondesstrahlen. Dann lehnte er das kalte Kind an die Weiche des Pferdes, und sprach: Wärme Dich, aber sei still, der Wolf ist nahe. Johanna stand, und schwieg, der Dampf des Pferdes that ihr wohl – nach einer Weile drang ein wunderliches Geräusch aus der Ferne, ein Geräusch wie heiseres Hundegebell. Der Reiter spannte den Hahn seiner langen Büchse, das Pferd zitterte und stöhnte, ein dunkler Schatten zeigte sich in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten. Es war der Wolf. Die Büchse knallte, der Schatten verschwand, aber ein lautes Geheul ward in der Ferne hörbar, das Pferd wurde immer ängstlicher, stöhnte immer heftiger. 51 Spring auf, Mädchen, rief hastig der Reiter, es kommt ein ganzer Trupp – greif' aus, Selim! Mit diesen Worten hatte er sie zu sich auf den Sattel gehoben, und am Rande des See's hin jagte keuchend, in Todesangst das Roß, das Geheul der Wölfe hintendrein. So ging's wohl eine halbe Stunde, da wurden die Tritte des Pferdes unsicher, sein Kreuz schwankte, das Geheul der Wölfe kam näher – Selim, noch einen Acker lang halte aus, sonst sind wir Alle verloren, rief der Reiter, und drückte dem Thiere die Sporen ein. Jach flog es noch eine kurze Strecke hin, dann stürzte es zusammen Der Reiter raffte sich und das Mädchen auf, und riß sie schnellen Laufes am Arme fort. Sie waren aber kaum tausend Schritte weit gekommen, da brachen Johanna's Kniee, und sie sank kraftlos zur Erde. Immer näher kam das Geheul der Wölfe. Der athemlose Reiter setzte ein Horn an den Mund, und preßte einzelne, grelle Töne heraus, dann nahm er das Mädchen auf die Arme, und sprang weiter – ein breiter Schatten zeigte sich, es war sein 52 Gehöfte, aber die Wölfe waren ihm dicht auf der Ferse – in diesem gefährlichsten Augenblicke dröhnte der Hufschlag einer Reiterschaar den Bedrängten entgegen. Der Hilferuf des Herrn war gehört worden, seine Knechte sprengten herbei mit Knütteln auf nackten Pferden. Ihre Menge vertrieb die hungrigen Bestien. – – Der Graf, welcher Johanna gerettet hatte, war ein hoher, straffer Herr von vierzig Jahren, dem viele Aecker und Bauern gehörten. Er behielt Johanna bei sich, gab ihr zu essen, ein weiches Bett und zog ihr am Morgen schöne Strümpfe und Schuhe an. Im nächsten Frühjahre nahm er sie mit nach Preßburg, und von dort entlief das Mädchen, und kam an einem warmen Abende nach Wien. Auf der Singerstraße begegnete ihr ein Nachbar ihres Grafen, er war indessen ein guter Kauz, und versprach ihr, jenem nicht nur nichts mitzutheilen, sondern ihn sogar auf falsche Fährte zu leiten, der gutmüthige Ungar ward ihr ein Trost, er war nicht 53 ungestümm, und gewährte ihr einen erwünschten Anhalt. Außer der Heimath besinnt sich wohl der Magyar, daß er mit dem Mädchen nicht so kurz angebunden sein könne. Gesundheit, Jugend, Frühling waren wieder aufgewacht in Johanna, und Wien hatte das Seinige gethan. Es ist diese Stadt ein wirklicher Lethestrom, wenn man hineintaucht, tüchtig untertaucht, so vergißt man Gutes, wie Schlimmes. Es lag Alles wie ein ferner Traum hinter Johanna, Fleisch und Blut gewährten ihr die süße Behaglichkeit des täglichen Lebens, sie sah, daß Niemand mehr wollte, sie fuhr nach Hütteldorf, nach Hietzing, sie ging zum Sperl und in die Theater, sie ließ sich Bänder kaufen und Kleider, sie promenirte auf dem Graben und Kohlmarkte, sie fand die Luft warm und das Eis vortrefflich, sie lebte, war Wienerin geworden. Nirgends anders als dort, wäre ihr dieß geglückt. So weit war sie in ihrer Erzählung gekommen, als ein weißer Duft über den Himmel flog wie ein 54 Schuß – es war der Morgen, ein Lerchentriller drang leise aus dem Felde herein bis auf die Bastion. Ach, die Lerche hör' ich nicht gern, sagte sie aufstehend, dabei denk' ich an meine Mutter, und die Fremden, die nicht wienerisch reden, thun mir auch weh; ihre Sprache klingt mir wie ein Vorwurf meiner hiesigen Bequemlichkeit, wie eine traurige Mahnung, daß es lebhaftere, tiefere Freuden giebt draußen in der Welt, als sie mein artig Leben bietet dahier in Wien. Sie, Herr Starost, haben mir eine schlimme Nacht bereitet, ich glaubte, Stephan zu sehen, als ich Sie im Leopoldstädter erblickte, Stephan den Treulosen. Warum liebt man das am Meisten, was uns verläßt? Weil der Reiz alle Kräfte des Herzens anspannt, straffer selbst als ächte Liebe, und weil der Reiz von Hindernissen lebt. Was ist Reiz? – Schönheit? Nein, Reiz ist weniger als Schönheit, aber für den Augenblick mächtiger, darum mehr als Schönheit. 55 O pfui, das ist mir zu schwer – nun guten Morgen, ich will schlafen geh'n, ach, Schlafen ist süß, das hab' ich erst in Wien erfahren, – da kommen schon die Karren mit Milch, – nun Adieu, holen Sie mich um Sechs zum Theater ab; bis Viere schlaf' ich und dann mach' ich Toilette – bin ich bequem? Ja, seit ich in Wien bin. Adieu! 56     Nationales. In der Erscheinungswelt strebt Alles nach einer gewissen Harmonie, darin beruht der künstlerische Odem dieser großen Schöpfung. Man erstaunt über die Großartigkeit, wie sich dieser purzelnde, sommermüde, wollüstige Dialekt dem ganzen bequemen, wollüstigen Leben und Treiben angeschlossen hat. Er gehört nach Wien, und so viel man auch an dieser merkwürdigen Stadt auszusetzen habe, das muß man zugestehen: sie ist aus dem Ganzen, ist eine runde, erfüllte Form. Die ganze Lage der Stadt, nicht glänzend schön oder pittoresk, aber reizend, üppig, weich; der wärmere Himmel, die kugelrunde Sprache, die fleischigen, wohligen Körper der Wiener, die Sitten und Gebräuche, Alles 57 liegt sich so materiellselig in den Armen, daß man selbst die Arme öffnet. Und in Wien öffnet sie nicht leicht Jemand umsonst; Wien hat auch seinen Liberalismus. Im Volksgarten wollte mir ein vernachlässigter Beamter durchaus einen verkappten Brutus zeigen; aber man darf's nicht glauben, Brutus ist gar kein österreich'scher Name, und wird nie einer, weil er sich nicht abkürzen läßt, ja, wenn sich auch ein Brutus fände, was könnte das schaden, eine Lucretia findet sich nicht so leicht. Ueberhaupt sind das sehr bornirte Leute, welche die Entwickelung der verschiedenartigsten Staaten in derselben Weise erwarten, und sich in Oesterreich zum Beispiel auch nach Revolutionskeimen umsehen. Revolutionen sind die schlechtesten Entwickelungsmittel, weil sie die heftigsten sind, und dazu hat Oesterreich so wenig Anlage, wie ein phlegmatischer Mann zu entzündlichen Krankheiten. Es ist ein sehr gründlicher Irrthum, vom Wiener und vom Pariser gleiche Aeußerungen der Wünsche zu erwarten. 58 Alles Uebrige bei Seit' gestellt, die Wiener haben auch zu viel Fleisch, und haben zu gute Unterleiber. Der Menschenschlag ist ein gesunder, feister Form, ein schönes angenehmes Fleisch ist hervorstechend, Taille und eleganter Wuchs tritt dadurch etwas in den Hintergrund, nicht aber hoher, stattlicher Wuchs. So ist ein schöner Männerschlag der halben Elegants in Wien zu finden. Der vorherrschende Ausdruck des Gesichts ist eine gewisse saubere Fröhlichkeit, der allgemeine Anstrich heiter; es ist absolut unmöglich, sich des Eindruckes vollkommener Behaglichkeit in Wien zu erwehren. Nur ein völlig verstocktes Menschenkind schließt dort ein fröhliches Herzenskämmerchen nicht auf. – Freilich, wenn man eine Zeit lang in die muntern, fidelen Gesichter hineingeschaut hat, und findet dann am Ende Tag für Tag, denselben leeren, fröhlichen Ausdruck, dasselbe sorglose, beschränkte Lächeln, wenn man immer umsonst die Augen hineindrängt in die glatten Gesichter, um höhere, geistige 59 Menschheit zu entdecken, da giebt's ein wunderlich bängliches Gefühl. Die Wiener können nicht dafür; sie sind auf andere Fähigkeiten zugestutzt, ich glaub' es gern, aber manchmal ist mir's in jenem Geräusch todteinsam vorgekommen, als sei ich in einer verzauberten Feenwelt – eine Menge Herrlichkeiten sind ausgelegt, und die Menschen kichern und lachen und springen, und die munterste Musik klingt drein, aber wenn man Jemand bei Seite nimmt, so wird man die Verzauberung inne. Gar Viele sehen nur aus wie gebildete Menschen, jenes Höhere, was die Menschen mitunter auch so nachdenklich und unglücklich macht, all' das Geistmenschliche, was im tiefsten Jammer unsern Stolz erhebt, das hat die böse Fee in die vier Winde gestreut. Diese Winde haben die Wiener Gegend mit der eben empfangenen Seele und Poesie durchstrichen, und so ist die duftige, schöne Umgegend entstanden; jene Menschen sind aber Wiener geworden. 60 Dennoch mag sie Mancher beneiden; ihnen ist die Harmlosigkeit, das kugelrunde Lachen, die fröhliche Leber geblieben. Wenn auch jene Entdeckung niederschlägt, Wien heilt seine Wunden. Jener Feenzauber von Gegend und Luft ist noch heute in alle Wege wirksam; wie man in alten Ritterzeiten von einem Lüftchen erzählte, was alle Wunden schloß, sobald es nur flüchtig darüber hinstrich, so kann man jetzt von der Wiener Atmosphäre und Gegend erzählen. Ueber den schmerzlich erregten Geist streicht sie dahin mit weicher, weicher Hand, und seine Wunde schließt sich, es wächst blumiges Gras darüber, alle die Spekulationen, Forschungen und kecken Civilisationsgedanken sind binnen wenig Wochen unter einem dichten Vasen verschwunden, man weiß kaum noch, daß es ein blühendes Grab ist. Wahrhaftig, Wien ist in vieler Weise die Insel der Circe, und man muß gewarnt und stark wie Ulysses sein, um kein Verwandlungsunglück zu erleben. Und wie instinktsmäßig halten sich die 61 Wiener in jener glücklichen Mitte, die vor der Zauberin schützt; ihre Freuden sind stark und derb, aber man sieht sie nimmer gemein. – Der Leser wird es empfinden, wie man hin- und hergeworfen wird mit seinen Anschauungen, wenn man nicht nach einer leitenden, starren Idee das Ganze beurtheilen will. Dieß Letztere muß aber meines Erachtens am Sorgfältigsten vermieden werden, es bringt nur eine irrthümliche Einheit in die Betrachtung, das Objekt selbst wird überritten, und man konstruirt eine Stadt aus Forderungen, Möglichkeiten und Antipathieen zusammen, wie sie nicht existirt. Das Recht der einmal wirklichen Existenz muß vor allen Dingen geachtet werden, und es kommt weniger darauf an, ob dieselbe vom Darsteller als harmonisches Ganze aufgenommen und verarbeitet, als vielmehr, ob sie ehrlich, unbefangen, auch mit allen scheinbaren Widersprüchen aufgefaßt worden ist. Die Wahrheit darf hierbei der Kunst nicht einmal untergeordnet, vielweniger geopfert werden, 62 und man hat nur zuzusehen, daß auch die gemischten Eindrücke ein zusammengefügtes, darstellbares Ganze bilden. – Die Völker sind mit all' ihren Sitten und Eigenschaften immer mehr oder weniger das Ergebniß ihres Bodens; sie sind nur etwas verfeinerte Bäume. Ein Volk was sich seinem Boden am Natürlichsten anschmiegt, ist das glücklichste. Dieß ist den Ahnen der Oesterreicher durchaus nicht abzusprechen: sie haben die unterirdischen Stimmen ihres Landes verstanden, ihr ursprüngliches Wesen ist homogen mit ihm, und daher ihre Behaglichkeit. Selbst die Franzosen haben ihr Land nicht so begriffen, sonst wäre ihre Majorität einer materiellen Richtung kompakter, als sie es ist, nur die Engländer übertreffen vielleicht die Oesterreicher, denn sie haben neben ihrem Comfort noch tausend Anderes erstrebt. Hätten die Oesterreicher eben so Schritt gehalten mit diesen, sie wären ihnen an Humanität überlegen; denn es hat kein Volk so viel natürliche Anlage dazu als sie, es ist kein anderes von 63 Hause aus so befähigt, menschheitlich liebenswürdig zu sein, als das österreich'sche. Wegen jener Naturkorrespondenz mit der Kultur der Bewohner soll man die Volksentwickelung nicht nach einem Schema verlangen, nicht bei allen dieselben Institutionen begehren. Es giebt zuverlässig allgemeine, von begleitenden Umständen ewig unabhängige Forderungen, aber die feine, rechte Linie zu treffen ist die höchste Aufgabe der Staatskultur, nach welcher wir trachten müssen, da jenes schematisirende Experiment offenbar gescheitert ist. Diese Einsicht macht die Beurtheilung Oesterreichs so schwer, da sie mit der zu lösenden neuesten Kulturaufgabe zusammenfällt. Man kann sich nichts Behaglicheres denken als das Donauthal, in welchem Wien gelegen ist. Der Kalenberg und seine Genossen schützen es vor dem Nordwest; die Donau, der rasche Kriegsstrom deutscher Flüsse, bringt dem Bedürfnisse seine raschen, frischen Wellen; in dem dunkleren Himmel sieht man schon die tiefere Sehnsucht nach dem Süden; 64 der Boden ist freundlich und ergiebig, die ganze Stimmung der Gegend liebenswürdig. Es giebt, wie schon angedeutet ist, viele Städte, die pittoresker, interessanter liegen, aber man sucht umsonst eine, die so behaglich, wohnlich an den Boden sich schmiegt, wo man augenblicks erkennt: die Stadt gehört in diese Gegend. Wien ist an seinem Orte. Die Stadt selbst ist nur ein Mittel- und Sammelpunkt, die 32 Vorstädte bilden Wien wie Strahlen die Sonne. Und all' diese Vorstädte sind frei für Luft und Aussicht; selbst die Berge sehen in bescheidener Entfernung gehorsam wie Domestiken mit niedergesenkten Augen hinein. Wien ist eine großartige Winter- und Sommerwohnung, wo man nur das Zimmer wechselt, und sich dadurch alle Bequemlichkeiten verschafft. Die Zahl der Vergnügungsorte um Wien ist Legion; denn das Vergnügen ist ein Geschäft, was jeder Wiener mit Leidenschaft betreibt. In den nahe gelegenen Dörfern wohnt während des Sommers der begüterte Hochbürger, der Schauspieler, der Rentier. 65 Der Zusammenfluß von Fremden ist während des Sommers groß, man besucht Wien wie eine merkwürdige ausländische Stadt, eine Reise dahin ist das gewöhnliche Asyl der überladenen Geschäftsleute, welche ihrem Unterleibe auf einige Wochen gütlich thun wollen. Es ist in keiner Stadt so leicht, nichts zu thun und zu denken als dort. – Trotz dem kommen die Wiener Gasthäuser nicht aus dem Schlendrian heraus. Es giebt in ganz Wien deren Zwei oder Drei, die nach Art guter Gasthöfe eingerichtet sind, alle Uebrigen sind mehr oder weniger alltägliche Kneipen, wo man nichts hat als ein mittelmäßig Nachtlager und schlechte Bedienung. Das ist aber von jeher so gewesen, und darum muß es auch immer so bleiben; und wenn man ihnen erzählt, wie ganz anders und besser das im Auslande ist, so lächeln sie, schwappen sich auf den Bauch und sagen ungestört: dos is holt onders bei uns in Wi-en. – Und sie sind in dieser Bornirtheit so schnurrig und liebenswürdig, daß ich mitlachen, und am Ende 66 gar eingestehen mußte, die Einrichtung mit den mittelmäßigen Gasthöfen sei gar nicht unpassend. Das Wiener Leben ist nämlich ganz und gar draußen, an zwanzig Orten, die Dimensionen sind groß, man kommt gewöhnlich erst bei einbrechender Nacht in seinen Gasthof zurück, und braucht nichts als ein Nachtlager, und der Gastwirth findet es eben auch in der Ordnung, daß man sonst nicht viel mehr verzehrt. Also hat der Wiener auch darin recht, wenn er sagt: 's is holt onders bei uns in Wi-en. Große Ehrlichkeit und viel Bettelei herrscht natürlich in Oesterreich, wie in jedem also abgeschlossenen Staate, wo der Fond des Volkes brav und gutmüthig ist wie hier. Die Poesie der Bettelei – das Verbieten einer jeglichen ist die prosaischste Grausamkeit – steigt freilich hier bis zum Unerträglichen; der Reisende ist in einem fortwährenden Belagerungszustande. Eben so wird jene Ehrlichkeit oder der daraus fließende Kredit bis in's Ungeheuere getrieben. Man bezahlt in einem öffentlichen Hause nichts 67 bei'm Empfange, das Haus sei noch so groß, die Gesellschaft noch so zahlreich, die Verwirrung noch so betäubend. Der Fremde kann für viele Gulden verzehren, und mehrmals umsonst fragen, was er zu zahlen habe, und ungehindert von dannen gehen, ohne einen Kreuzer gezahlt zu haben. Diese Art von Kredit ist sogar lästig. Es giebt nämlich bestimmte Zahlkellner, und nur dann zwei oder drei, wenn die Gesellschaft außerordentlich groß ist; dieser Zahlkellner macht dem Gaste die Rechnung und nimmt allein Geld. Dieser eine Mensch ist nun gewöhnlich so in Beschlag genommen, daß man um einiger Kreuzer willen meisthin unerträglich lang warten muß. Table-d'hôte wird nirgends gespeis't, der Oesterreicher spielt wie der Engländer bei'm Essen den Individuellen – und wunderbar genug haben diese Nationen gerade dabei gar nichts Persönliches, sondern essen wie eine Gattung Alle dasselbe, dieser sein Rindfleisch und den Plumppudding, jener »a gebocknes Hohnerl, a Mehlspeis und a Rostbraterl.« 68 Im Weintrinken sind sie mäßig, ich weiß nicht, ob dieß am Weine oder an ihnen liegt; Verläumder sagen, man kriegte eher Leibweh als Laune von großer Quantität. Und doch kommt er der Masse trefflich zu statten, weil seine schlechteren Sorten wohlfeil und allen Klassen zugänglich sind. So entgehen sie dem garstigen, dem nordischen Schnapstrinken, man sieht nirgends jene dumpfe, bestialische Schnapsbesoffenheit, die den Geist nicht aufregt, sondern verwirrt, verdummt, das Hirn nicht locker macht, sondern zusammenquetscht. Die Oesterreicher sind wirklich auch im Allgemeinen mäßig, und selbst ihre ausgelassenste Fröhlichkeit, die man halb irrthümlich zu ihrem stehenden Charakter rechnet, ist immer polizeigemäß. Zahme, lustige Füllen, die den Hafer nicht kennen, und von ihm nicht gestochen werden. Auf der Brigittenau z. B. feiert man alljährlich ein großes Volksfest, bei welchem sich an 30,000 Menschen einfinden, die in Lust und Freude 69 herumspringen wie die Böcklein – und nicht ein einziges von diesen Böcklein stößt das andere. Ich gestehe, daß diese Art von Wohlgezogenheit etwas Philistermäßiges hat, und daß ich, selbst als Regent, ein Volk mehr lieben würde, was zuweilen durch eine Kaprice seines Herzens Spannkraft bekundete, natürlich durch eine unschuldige und kleine, die nichts kostet. Ein Roß, was nicht einmal auf den Zügel beißt, ist langweilig, und von 14 Tagen zu 14 Tagen kann Einem solch' eine Empfindung wohl arriviren im Lande Oesterreich. Besonders sind die Ultraliberalen in einem großen Irrthum, welche in Oesterreich einen mit starker Hand verstopften Vulkan sehen – nichts von Verstopfung, nichts ein Vulkan; höchstens ein solcher, bei dem gekocht und gebraten wird; das Volk ist so unvulkanisch wie nur möglich. 70     Ich habe schon früher einmal darauf hingedeutet, wie ein Rest des italienischen Straßenlebens, und manche halbitalienische Sitten in Wien zu finden seien. Die alltäglichen Freuden sind auch hier meist auf der Straße und in öffentlichen Häusern zu suchen – da sitzen sie mit ihren großen Backenbärten und kurzen Meerschaumpfeifen, und trinken Kaffee oder Zuckerwasser und sehen der Zeit nach, die rastlos geht. Nur die Fiaker, der tüchtigste Schlag in Wien, weil er einen Willen hat und im Nothfalle grob ist, sind in steter Bewegung. Sie fahren so schnell und geschickt, wie die Berliner schlecht und langsam. Sie verstehen ihr Handwerk, lesen in den Stunden 71 des Wartens ihren Roman wie Einer und sind daneben betriebsame, ganze Kerle. Ich habe eines Abends mit Gutzkow ein ganzes Fiaker-Literaturblatt durchgesprochen, wir fuhren von Hietzing nach der Stadt und fanden in allen Taschen des Wagens Romane – in unserer nordischen Voreiligkeit glaubten wir, sie seien von Passagieren vergessen worden, und machten unsern Kutscher d'rauf aufmerksam. Er lächelte aber sehr, und deutete mit dem Finger auf seinen eignen Schädel – die Fiaker in Wien sind eine Stütze der Literatur. Nicht darum, sondern aus andern Gründen glaube ich, daß sie nächst Staberl den meisten Witz in Wien haben, und das will etwas sagen, denn ihre Zahl hört erst in der Nähe von Tausend auf. Vom Staberl, den Ungarn und den Fiakern hat man die meisten Bonmot's. Die Fiaker sind auch der Stolz Wiens, den es gegen alle Nationen und Hauptstädte geltend machen kann. Es glauben Gelehrte, sie seien – nicht die Gelehrten, sondern die Fiaker – die eigentlich gesunden Urbewohner, 72 die Autochthonen Wiens, die ursprüngliche Kriegerkaste – ihr Fahren ist eine Kunst, welche die lebhafteste Anerkennung verdiente: im stärksten Trabe jagen sie durch die engen, von Menschen und Wagen angefüllten Straßen, oft nur eine Linie breit an den Gegenständen vorüber, und es ist ein höchst seltener Fall, daß sie anstoßen oder gar ein Unglück anrichteten, sie fahren, wie man sich ausdrückt, den Schwanz vom Buchstaben herunter. – – Die Vergleichung Wiens mit Berlin und umgekehrt ist oft da gewesen, es ist aber wirklich interessant, welch' strenge Gegensätze sich bei diesen beiden Städten herausbilden. Der Spott über solch' große Verschiedenheit ist in Wien noch sehr lebhaft; wenn die Wiener hassen könnten, die Berliner würden einem lebhaften Hasse nicht entgehen. Ueberlegenheit drückt. Aus den immer wiederkehrenden Versuchen, Berlin zu persifliren, sieht man deutlich, wie unbequem ihnen Berlin ist. Aber wo hätten sie das Zeug zu solcher Persiflage her! Die Schärfe der Zunge, der Uebermuth, 73 die Unverschämtheit, die abgeschmackte Prahlerei, die ganze Hochnäsigkeit, welche sie darthun wollen, steht ihnen auf keine Weise zu Gebote. Schwer und dick lallt ihre Zunge, wenn selbst in schwarzer Stunde der Geist des Wieners ein scharfes, verwundendes Wort zusammenschweißen könnte, Mund und Sprache, erschlafft durch Essen und Lachen, würden es mit Löschpapier oder Baumwolle umhüllen, und es kugelte weich heraus, wie eben ein Anderes auch. Zur Persiflage ist der Berliner eben so geschickter, wie sie dem dreisten, gehärteten Manne besser ansteht, als der sanften Frau. Der Berliner Accent hat in seiner Reinheit etwas entschieden Vornehmes, und in seiner ohrenzerschneidendsten Gemeinheit immer noch eine straffe Figur, ein herausfordernd Unverschämtes; der Accent hat immer Kourage. Und sie ist das Blut des Spottes, ohne sie persiflirt Niemand, wenigstens glaubt Niemand an den Spott, wenn ihn nicht der Muth des Spottes zwingt. 74 Es kann hinter dem Berliner hochaufgerichteten spitzen Worte eben so viel Dummheit lagern wie hinter dem platten Wienerischen, aber der Wiener weiß um seine Beschränktheit, und denkt, es sieht sie Jeder – und darum sehen sie die Meisten; der Berliner aber ist himmelweit entfernt davon, an sich nur einen Augenblick zu zweifeln; »und wenn Ihr nur Euch selber glaubt, so glauben Euch die andern Seelen.« Der Wiener hat nur den Vortheil, welchen jeder bescheidene Mensch dem Poltron, dem Aufschneider gegenüber hat; aber er weiß diesen Vortheil nicht genügend geltend zu machen. Des Berliners Rede ist immer kriegerisch, des Wieners aber spaßig – was vermag der Spaß gegen den Krieg? Ja, wäre es der Witz! Der Witz tödtet Alles, er ist der Despot der Sprache, der Gedanken und Gefühle, er tödtet schonungslos auch das Schönste, seine eigenen Verwandten, weil er keine alten Gesetze respectirt, sondern immer selbst ein neu Gesetz ist; er ist die genialste Erfindung der Sprache, der einzige 75 Teufel, welcher zugleich schafft, indem er zerstört. Es ist Verläumdung witzloser Leute, wenn sie den Witz niedrig anschlagen; sie sind wie die Weiber, die nicht an den Sieg glauben, weil sie selbst nicht fechten können, oder sie haben nur die Saphir'sche Handwerksart vor Augen, welche sich an keinen Hintergrund lehnt, und Seiltänzerkünste mit der Sprache vornimmt. Wenn der Witz, wie oben angedeutet ist, jenem Aeon gleicht, der mit demselben Hauche eine Welt hervorbringen und vernichten konnte, so darf nicht vergessen werden, daß jener Aeon auch wie unser Witz nur der Ausfluß einer höheren Macht war. Das Gewaltige des Witzes liegt eben darin, daß er ein Symptom ist. – Könnten die Wiener ihre Späße als solche Symptome verborgener Gewalten ansehen, sie bändigten mit leichter Mühe die dreiste, kritische Rede des Berliners. Aber, heißt es, haben nicht die Wiener Humor? Und ist nicht Humor eine der schönsten, weichsten Grundlagen des Witzes? 76 Es muß etwas dahinter sein, sagt der einfache Mann, wenn's Humor geben soll; der Humor ist nichts Ursprüngliches, er ist das Ergebniß eines Verhältnisses; es müssen Zustände gegeneinander wirken oder gewirkt haben, wenn er entstehen soll; aber die Zustände der Wiener Masse haben just darin ihr Bezeichnendes, daß sie von jeher zweifellos und wechsellos gewesen sind. Wer nicht bis in's tiefste Herz Schmerzen empfinden kann, vermag's auch nicht, Humor auszuströmen. – Wo hat der Wiener seine Schmerzen? Wenn ihm der Appetit ausgeht, ist er traurig aber nicht humoristisch. Der Wiener hat Laune , weil er sich wohl befindet; die Laune ist nur der Laufbursche des Humors; sie ist nur das Lachen, Humor aber ist der Sieg durch das Lächerliche. Unter den öffentlichen Gestalten ist nur Raymund in Wien humoristisch, denn er allein mahlt seine komischen Gestalten auf einen ernst bewegten Hintergrund; und die gebildetsten Wiener können's neben ihm mehr als alle andern Völker sein, weil 77 sie durch ihre Stellung in mannigfache Gegensätze gebannt sind, und den Hang zur gutmüthigen Ausgleichung der Differenzen, zum Lachen unter Thränen vom nationalen Herkommen aus besitzen. Es ist eine nicht unwichtige Betrachtung, wie die Nationen einander auslachen, sobald es der Haß zum Lachen kommen läßt. Schweden und Dänen hätten früher über einander gelacht, wenn sie sich nicht gehaßt hätten; der Engländer wird von den meisten Völkern ausgelacht, weil er eigensinnig seine Manieren beibehält, obwohl er in die mannigfachste Berührung mit allen Völkern kommt. Der Engländer lachte Jahrhunderte lang über den Franzosen, weil dieser mager war, kein Rindfleisch aß, und allenfalls Froschkeulen verzehrte; der Spanier würde über den Portugiesen lachen, wenn er lachte, der Römer verlacht den Venetianer, der Franzose lachte über Alle, wenn er nicht zu eitel und zu höflich wäre. Der Deutsche lacht über den Schwaben, obwohl er weiß, daß Schwaben die größten Deutschen geboren hat; der Norddeutsche lacht über den 78 Wiener, damit ihm doch auch etwas übrig bleibe, lacht über den Ungar, und wenn er sehr übermüthig ist, auch über den Böhmen. Wenn man über Jemand lacht, so stellt man sich in dem Augenblicke über ihn; bei Völkern ist es immer Glaube an eigene Ueberlegenheit. Der Wiener ist am wenigsten angenehm, wenn er ungarische Bären erzählt und sich über den unerfahrnen, naiven Magyar lustig macht; denn in mancher Hinsicht ist's doch er , der sich zwischen den Ungar und die Sonne gestellt hat, und es kleidet nicht gut, wenn er nun den Ungar darüber verhöhnt, daß er tappe. Und der Böhme ist dem Wiener an Allem, nur nicht an Gutmüthigkeit, an dem gefälligen Herzen des Umgangs überlegen. Wie der Türke den Perser, sieht der Wiener den Böhmen an; dafür erholt er sich am Ungar, und rüttelt sich schon zum Lachen bei der bloßen Ankündigung: »Bin ich ein Ungar?« – 79     Soldaten und Mädchen. Die englischen Tories waren Napoleons unversöhnliche Feinde, die preußische Jugend brachte seine ungestümsten, die österreichischen Soldaten aber waren seine mauerfesten, ausdauerndsten Gegner. Ungarn liefert die besten und stattlichsten Soldaten, sie sind von der Heimat her in Luft, Sonne und Regen gehärtet. Sie haben esprit de corps als Ungarn, und mögen zum Theil darum die gewandten, mehr vereinzelten Galizier übertreffen. Die ungarischen Grenadiere sehen aus, wie man sich bei der Xenophonlektüre die »Unsterblichen« des Artaxerxes denkt. Es ist eine Cyklopenlänge, welche durch 80 die Bärmütze in's Ungeheuere gesteigert wird. Wenn man diese langen Leiber in leichnamartigen weißen Jacken, mit grabschwarzen Kamaschen und Thurmmützen, mit jenen fahlgelben Gesichtern von der mongolischen Hochebene, mit den zerdunsenen, matten Augen, dem struppigen, dünnen, schmutzigen Barte, den braungelb ledernen Händen in Masse einhermarschiren sieht, so glaubt man wahrhaftig, es komme Pluto's Garde, die er sich in neuerer Zeit angeschafft habe. Ich habe nie einen Laut von solch einem ungarischen Grenadier gehört; er hat zwar da, wo wir Augen haben, auch so etwas; aber ich habe nie einen Blick von ihm gesehen, ich bin immer scheu an ihm vorübergegangen wie bei einem Waldmenschen, dem plötzlich seines Waldes Wildheit kommen könnte – und dann wäre kein civilisirter Unterleib sicher vor der langen Muskete mit dem langen Bayonnet. Ich habe die Truppenmassen des Kaiserthums fast in allen Provinzen gesehen: eiserne 81 Unbekümmertheit lagert auf dem Ersten wie auf dem Letzten; man muß vollkommen überzeugt werden, daß sich in einem neuen Franzosenkriege wiederum kein Heer so ehern und zweifellos schlagen würde als das österreich'sche. Nur eine fanatische Begeisterung und überwältigendes Feldherrngenie könnte sie überwinden, eine bloß gebildete Armee, die da weiß, was Leben ist, überläßt ihr sicherlich das Schlachtfeld. Sie kommen daher marschirt, diese geschmacklos aber praktisch gekleideten Massen, wie eine Reihe metallner Figuren, in der ganzen Fronte nur der ein und einzige Gedanke auf das nächste Kommandowort, »eins zwei, eins zwei, aufg'schaut!« und so marschiren sie in den Höllenrachen hinein, wenn der Offizier nicht Halt ruft. Sie thun's nicht aus Subordination, sie haben zumeist in ihrem Leben nicht gehört, was Subordination sei, sie thun's, weil sie selbst subordinirt sind, einexercirt, instinktmäßig. Sie dienen dem Staate vierzehn Jahre, sie sind Soldaten ganz und gar, eine riesenstarke Armee, stark wie ein unwandelbarer Begriff. 82 Jene vierzehnjährige Dienstzeit trifft namentlich die österreich'schen Erblande, die meisten andern Provinzen dienen kürzere Zeit – die eigentliche Soldatenspielerei findet man nirgends; man sieht ihnen das ruhige, arbeitsvolle, todesernsthafte Geschäft an. Die Offiziere sind fast durchgängig bescheiden, ohne Poltronerie, äußerst gefällig, ja liebenswürdig. Wenn die Bestialität der Massen nicht geweckt wird, müssen sie ein ganz angenehmer Feind sein, weil sie im Innern eine unüberwindliche Ueberzeugung von der geistigen Superiorität anderer Völker tragen. – – Die Wiener Polizei hält sehr auf den äußeren Anstand, und so sehr auch das Vergnügen in Wien gepflegt wird, so wenig darf ein Theil desselben dreist auftreten. Alle derartigen öffentlichen Anstalten sind streng verboten, und am hellen Mittage werden die Kupplerinnen auf dem hohen Markte an den Pranger gestellt. Ihre Klientinnen gehen mißvergnügt unter der Volksmenge umher, und murmeln von Vorurtheilen und beschränkten Ansichten. 83 Dieß war die einzige Andeutung zu einer kleinen Emeute, die ich dort gesehen habe, und sie saß nur auf den Lippen einiger unternehmenden Frauenzimmer, welche andere Ansichten über die Liebe hegten, als das Gubernium. Von den leichtfüßigen Kindern, die sonst am späten Abende durch's Palais-royal tänzelten – sonst, denn dieß Orleanistische Palais ist jetzt auch tugendhaft geworden – und manchen schüchternen Jüngling aufmunterten, manchen ernsteren abschreckten, von denen, die in Hamburg an der Alster bei den Laternen vorüberschäkern oder seufzen, von diesen leichten Nymphen sieht man in Wien Abends nach dem Theater nichts auf der Straße, die Polizei hält das nächtliche Bekanntschaftsuchen für unschicklich. Und doch giebt es in Deutschland keinen Ort, der im Verhältniß zu Größe und Einwohnerzahl so viel lustige Mädchen darböte als Wien. Ich habe es schon erwähnt: die Mädchen gedeihen nun überhaupt in Wien vortrefflich, denn ihr Aufwachsen wird durch kein frühzeitig Denken, Lesen, durch 84 keine Romantik und Sentimentalität gestört, sie haben alle von Hause aus guten Appetit und runde, volle Formen, sie werden in einem halben Katholizismus aufgezogen, der die bequemste Religion unter der Sonne ist, weil er Alles vergiebt, ein lustiger Weltgeistlicher – sie sehen von Jugend auf alle Welt nach sinnlichen Genüssen jagen, die Hauptfrage hören sie ewig, ob etwas gut schmeckt, und »wie hoben sich Euer Gnoden unterholten?«, die stets wandelnde Woge von Fremden erhält sie fortwährend in Athem, sie haben ein weiches, üppiges Klima, warme Nächte, die Niemand erkälten – was Wunder, daß die Sensibilität größer als sonstwo ist. Da der Abend ihnen zum Kennenlernen verschlossen ist, so werden sie an's Sonnenlicht und zur Dreistigkeit genöthigt, sie wandeln um die Mittagsstunde den Kohlmarkt und Graben entlang inmitten der par excellence anständigen beau monde , und es gehört das Auge eines Linné dazu, um diese verschiedenen Pflanzenarten zu unterscheiden, da das lustige Mädchen so freudig und elegant gekleidet geht, 85 wie die Fürstin, und die Fürstin auf der Straße so einfach wie diese. Indessen sind die Oesterreicher in der Naturgeschichte zu Hause, und leisten darin das Unglaubliche. Erst vor wenigen Jahren hat wieder ein Oesterreicher aus Mähren das Kreosot erfunden, was gegen Zahnschmerzen hilft, und ich habe sie auf dem Kohlmarkte und Graben nie in Verlegenheit gesehen. Seit einiger Zeit hat nun auch Wien das literarische Freudenmädchen Deutschlands acquirirt, Mamsell Saphir. Die Partie der Fremden ist übrigens in Wien sehr interessant, und nicht in Vergleich zu setzen mit der in den Norddeutschen Städten, wo die meisten Fremden nur des Geschäfts und Handels wegen hinkommen. Das österreich'sche Prohibitivsystem läßt nicht viel Geschäftsfremde zu, einige Orientalen etwa, die unten am Eingange der Leopoldstadt rauchen, und so faul sind, daß man ihnen kein Geschäft abmerkt, das schmierige Publikum der Musterreiter fehlt aber ganz. Die große Menge von Fremden, die man in Wien erblickt, ist meist 86 lediglich da, um sich zu amüsiren. Wien ist die deutsche Villa, wo der norddeutsche Römer ausruht von des Regierens Mühen, unser Tusculum und Liternum. Diese Muse wird befördert durch den Anblick der wohlgeölten Staatsmaschine, der fröhlichen Menschen und Mädchen – man wundert sich, daß in Wien auch gearbeitet wird, daß nicht Manna vom Himmel fällt und süßer Wein aus den Dachrinnen sprudelt. 87     Die Künstler. Man ist in Wien viel auf den Beinen, und wenn ich frage, worin eigentlich das große Vergnügen besteht, was Einen fortwährend in Athem erhalte, so stockt man mit der Antwort. Es ist wie mit mancher Poesie: man weiß ihr Dasein nicht alsbald zu definiren. Und meisthin sind diese undefinirbaren Freuden größer als sonstige, denn sie liegen weniger in der Berechnung, dem Ursprünglichen und Natürlichen näher, und Gott bleibt schon einmal größer als die Menschen. Indessen hat's mit den Wiener Freuden keine gar so bloß göttliche Bewandniß, man braucht doch recht viel irdische Dinge dazu: einen guten Appetit, einen Beutel voll Geld, gutes Wetter, Schönbrunn, 88 Tivoli, Hietzing, Laxenburg, die Theater, die Fiaker und Manches, was man zu verschweigen pflegt. – – Das Wort Künstler grassirt sehr in Wien, und man muß immer genau hinhören, was die Leute darunter verstehen. Jedes Volk fühlt ein Bedürfniß nach Darlegung gewisser geistiger Regsamkeit, und so berufen sich denn auch die Wiener auf die schönen Künste, die bei ihnen auf's Trefflichste gediehen. Sie fragen mit sehr wichtiger Miene, ob man bei'm Theseus, im Belvedere und in der Porzellanausstellung gewesen sei, und ob man den Kaiser Joseph habe reiten sehen. Es ist wirklich auffallend, daß Wien in Malerei, Bildhauerei und Skulptur nicht mehr leistet, da hierin aller Ausdruck, alle Konkurrenz freigegeben sind – vielleicht fehlt es an Ermunterungs-Instituten? Was leistet das kleine Düsseldorf, was leistet München, Dresden, Berlin daneben. Ein Herr Professor Höfer schneidet recht hübsch in Holz, und ein Anderer zeichnet scharmante Modekupfer in die Zeitung, auch werden die Haus- und 89 Ladenschilder sehr artig gemalt, wie wir das bald eines Breiteren sehen werden; aber das ist Alles und wahrhaftig doch nicht genug für Wien. Kunstfertig ist es überaus, aber wo ist die Kunst, wo ihre Thaten? Das Belvedere enthält schöne Sachen von alten Meistern, was können dafür die Wiener? Die Porzellainniederlage mit ihren Malereien ist artig, sehr artig, aber es bleibt doch nur ein spielendes Genre, der Kaiser Joseph hat ein schönes Pferd. – Ich muß gestehen, daß mich die Entdeckung selbst im höchsten Grade überrascht, warum man nicht in Wien eine komplette Künstlerschule zu Stande dringe. Das ruhige, von keinerlei staatlichen Dingen gestörte Leben, das heitere, sinnliche Auge des grünen saftigen Landes, der reiche Adel, die leichte Verbindung mit Italien, die schönen Menschen, dazu Minister an der Spitze, voll Geschmack und Schönheitssinn, wie Metternich – wahrlich, es ist ein Räthsel, daß wir nicht schon eine glänzende Wienerschule haben, welche sich an Natürlichkeit 90 der niederländischen anschlösse und an Farbenreiz und irdischer Schönheit der venetianischen. Jetzt, während ich diese Blätter für den Druck ordne, höre ich, daß man in Wien eine großartige Akademie errichten wolle, welche Wissenschaften und Künste aller Art umfassen werde. Der Theseus im Volksgarten zu Wien stammt bekanntlich von Napoleon her, diese Ueberwältigung des Minotaurus war vielleicht ein Sinnbild, wie er selbst die Revolution mit ihren Ausschweifungen erwürgt habe. Er wußte es auch, wohin des Theseus Kampf zu stellen sey: auf den Alpen sollte er stehen, wenn ich nicht irre, auf dem Simplon; die Straße und der Theseus sollten die Gewalt des menschlichen Halbgottes über die ungeheuersten Massen der Natur darstellen. Dort oben, wo sich Deutschland, Italien und Frankreich begegnen, sollte die kolossalste Macht und Kunst dem harmlosen Wanderer in die Augen leuchten. Und wirklich; für den Titanenkampf mit solchem Ungeheuer muß man Raum sehen – zu Wien 91 im Volksgarten hat man ihn in ein kleines Tempelchen gesteckt, und es steht zu fürchten, daß Theseus die nahen Wände wie Kartenwände einbricht, so bald er mit der Arbeit fertig ist und sich nach Art der alten Helden reckt und dehnt, um die Glieder in Ordnung zu bringen. Es ist ein drückender Gedanke, Großes und Gewaltiges in eine kleine Schachtel gepackt zu sehen. Wollte man seinen Teint durchaus vor Wind und Wetter schützen, nun so hätte man ein hohes luftiges Dach bauen können, was auf hohen schlanken Säulen schwebte, die Säulenreihen, weit auseinander, konnten den Raum offen lassen für Riesenschritte, ihn vervielfältigen durch die verschiedenen Richtungen, und dem Ganzen auf diese Weise das Ursprüngliche, Weitausgreifende eines Titanenbildes gewähren. Man erzählt oft von einem seinen Kritiker, welcher bei'm Anblick des olympischen Zeus, den Phidias geschaffen, in die Worte ausgebrochen sei: Wenn Zeus von seinem Throne aufsteht, so stößt er die Decke des Tempels entzwei wie eine Eierschale. 92 Kurzsichtige Leute nehmen das nur immer für ein Lob des Phidias und der gewaltigen Augenbraue Zeus Kronions; es ruhte auch der witzigste Tadel des Tempels darin. – Man malt wirklich schöne Schilder in Wien, und es besteht eine scharmante Art von Rivalität unter den Kaufleuten, das schönste Schild zu haben. Die Hälfte dieser Schilder stellt fürstliche Personen dar: der Kaiser von Oesterreich in allen Trachten, der König von Preußen in ungarischem Nationalkostüm, der König von Ungarn, der Primas von Ungarn, fürstliche Damen von der verschiedensten Schönheit, ein Amor, der Bänder verkauft, eine Jungfrau von Orleans, die mit Seidenzeugen handelt, ein Bischof, der Luxusartikel feil bietet; nur ein Pabst fehlt. Die sogenannte schöne Wienerin, eine Wachsfigur, welche immer nach der neuesten Mode angekleidet ist, repräsentirt wegen steten Wechsels die Revolution und steht unter Glas. 93 Im Allgemeinen aber heißt in Wien Künstler so viel als Schauspieler. Das Schauspiel ist Mittelpunkt des Wiener Lebens, des Wieners Stolz und Sehnsucht und Vergnügen. Was dem Pariser die Journale, das sind dem Wiener die Theaterzettel: er studirt, glossirt, memorirt sie. Brot und Spiele war für die Römer nothwendig, Mehlspeis' und Spiele für die Wiener. Für den Schauspieler ist Oesterreich noch das Land der Mährchen, sie sind noch wichtige historische Personen, dürfen noch sagen: »Tischlein deck Dich,« dürfen nicht getadelt werden; ihre künstlerische Unbeflecktheit schützt die Censur. Wäre das Theater noch nicht erfunden, die Oesterreicher erfänden es. Der Kaiser unterhält zwei Hoftheater, das Schauspiel an der Burg, in seinen Darstellungen das beste Deutschlands, und die Oper am Kärnthnerthore. Außerdem existirt ein Theater an der Wien, in der Josephstadt und Leopoldsstadt. 94 In all' diesen Häusern wird täglich gespielt, und kein's derselben ist in den schönsten Sommertagen leer. Als Sonderbarkeit ist noch anzuführen, daß der Unternehmer des Possentheaters in der Leopoldstadt den Namen führt: Franz, Edler von Marinelli. »So lachen Sie doch, Marinelli!« »Gleich, gnädige Gräfin, gleich!« 95     Essen und Moden. Aufmerksame Leser werden es leicht herauslesen, daß ich mich eigentlich in Wien sehr wohl befunden habe. Eines Nachmittags fuhr ich mit einem jungen Franzosen hinaus nach der Donau, um das Schlachtfeld von Wagram aufzusuchen. Dieser lebhafte Mann war ganz in jener glänzenden Einseitigkeit ausgebildet worden, welche alle Tugend und Bildung in Staats- und Freiheitsinteressen findet, einen Staat wie Oesterreich unbedingt verwirft, und jeden Oesterreicher, der die Unzufriedenheit nicht auf der Stirne trägt, in den Abgrund verdammt. Solche Gesellschaft ist in Wien bedenklich; ein bloßer Ideengang, den man des Experiments 96 halber in sich vornimmt, läßt deutliche Spuren zurück in unsrer Schrift und Rede, wie vielmehr ein Umgang, mit Blut und Jugend gerüstet. Zudem war meine österreichische Unschuld auch so ganz und gar nicht erwiesen, daß mir oft der Boden zu wanken schien. Man denke sich die fatale Situation, als Monsieur Français in deutscher Sprache, die er durchaus erlernen wollte, noch mitten in der Leopoldsstadt seinem Freiheitstaumel Luft machte, und nicht aufhörte, als der weichere Boden den aufmerksamen Kutscher Alles verstehen ließ. Es war ein schlaues, böhmisches Gesicht, dieser Wagenlenker, und er kuckte sich öfters um – vergeblich machte ich den Franzosen aufmerksam, er schrie nur um so ärger: Blicken Sie retour, Monsieur , wie Seigneur Jugurtha gethan, als er fuhr aus Rom, und rufen Sie avec lui : »Alles ist käuflich in Dio , es fehlt nur noch der Käufer! Eine Grisette unter den großen Städten ist sie, dieß Wien, eitel auf Prater, auf Stephan, quelques Schauspieler, die Spinner am Kreuz, Hütteldorf, les grénadiers 97 de Hongarie , und auf die süßen Torten zu Mittag, mon dieu , wie eine Grisette auf eine seidene Schürz und eine Corsage von Gros de Naples - ma foi , wer hier nicht essen und trinken kann, stirbt vor Langeweil – ah dieu , nicht mal eine junge Grisette von 60 Jahren – comment ? Wer beschreiben will, darf keine Partei vor Augen haben; er täuscht über den wirklichen Thatbestand beim besten Willen; ich war froh, als wir heimfuhren, daß er sich in Napoleon vertiefte, denn das hübscheste Mädchen wird Einem durch Tadler verleidet, die Illusion ist das feinste, geistige Nervengeflecht. Einige Tage darauf fuhr ich zufällig wieder mit demselben Kutscher, und hörte dann auch wirklich, daß man dem Herrn Franzosen seinen Paß bis an die französische Grenze visirt in's Haus geschickt, und daß er diese österreichische Artigkeit sehr wohl begriffen habe und abgereis't sei. Man kann die öffentlichen Raisonneurs nicht humaner behandeln; bei etwaiger Erkundigung und Weigerung 98 wird noch hinzugesetzt: Es scheine dem Herrn in Wien nicht zu gefallen. Dieß ist eine Mode, welche gewiß dem Einsperren ohne Weiteres vorzuziehen ist. Ueberhaupt, was die Mode anbetrifft in Wien, da ist eitel Löbliches zu sagen. Die große Simplicität der Wiener hat sich vor dem schlimmen Zuviel frei gehalten, was der Geschmack nicht verträgt. Man kann nichts Einfacheres sehen, als die Kleidung einer Wiener Dame, und die vornehmsten gehen am Einfachsten. Eine allgemeine Naturgabe kommt ihnen hierbei trefflich zu statten: sie sind meist von jenem vollen fleischigen Bau, der jedes Gewand entgegenkommend umfängt, der eine volle runde Form schön ausprägt. Darum bemerkt man bei allen Wienerinnen viel weniger von den Toilettenrüstungen, welche zwar die Form heben, aber auch den Zweifel rege machen. Die Wienerinnen sind ehrlicher, vielleicht darum hie und da weniger auffallend schön, aber immer reizender. Der Ruf von der Liebenswürdigkeit der Wiener Damen ist eben so allgemein bekannt, und wird 99 so ohne Widerspruch aufgenommen, wie der von der Gemüthlichkeit der Oesterreicher im Allgemeinen. Und man kommt in Verlegenheit, wenn es sich um eine Definition der äußern Schönheit handelt; das Ensemble thut wie bei der Komödie Alles, und Komödien sind sie alle, schon darum, weil ihnen das Tragische zu unnatürlich dünkt. Man findet nicht so häufig glänzend elegante Figuren, wie es deren im nördlichen Deutschland, besonders in Berlin so viele giebt, wie sie das Eigenthum Frankreichs und Englands sind. Jene in leichten, feinen Bogen geschweiften Figuren, die durch ihre zierlichen hüpfenden Formen so bestechen, durch den schwankenden Hals, auf dem der Kopf sich schaukelt, durch die sich tief hinein schmeichelnde Taille, welche den fein geformten Schulterkörper trägt, durch den kleinen, hoch gespannten Fuß, der in bunter Laune mit dem ganzen Körper spielt – jene Figuren sind nicht zu Hause in Wien. Körper und Wuchs ist schon ein wenig mit dem italienischen verwandt in der Fülle; französisches ist nichts an ihm. Die 100 Italiener sind bekanntlich ein Volk, was nur außerhalb seines Landes Anstrengungen verträgt, in der Heimath aber bequem, weichlich und faul ist; – die Italienerin schnürt sich selten oder gar nicht, weil es ihr lästig ist; eine schöne Taille sucht man in Italien vergebens, sie entschädigen durch ihre Büsten. Eben so sind in Wien die feinen Figuren nicht das Hervorstechende, wenn auch der Körper hier schon straff und fest zusammengehalten wird. – Luft und Fleisch bildet einen Uebergang zu Deutschland, Wien ist ein Grenzort, Venedig die erste Station. Das Fleisch der Wienerin ist aber frischer und blühender, wie es im Allgemeinen bei den nördlichen Völkern lebhaftere Farben hat. Wenn man die vielen Titians in Oberitalien sieht, so glaubt man, es haben ihm Wienerinnen gesessen, denen er südliche Augen gemalt, denn in diesen betet der Katholicismus die Schönheit an, knieend begehrlich. Auch den lebendigen Wienerinnen selbst, glaube ich, muß man nicht zu tief in die Augen sehen; 101 zum Verlieben gehören sie wahrscheinlich unter die ersten Weiber der Welt; ich weiß nicht, ob es ihnen die Römerin und Französin darin zuvorthut; für romantische Liebe sind sie zu harmlos, zu lebenslustig, zu natürlich, denn eine gewisse blinde Treue und Romantik ist nicht Sache der Natur, sondern einer Civilisationsrichtung. Fällt indessen ein glücklicher Keim in solch' ein Wienerisch Frauenherz, so mag es auf der Welt nichts Weicheres, Einschmiegenderes, Weiblicheres geben. Außer der feinen Figur fehlt auch der feine Fuß; aber sie ersetzen Beides durch Fülle; auch ihr Fuß ist fleischig, und wenn auch nicht zierlich, doch voll und rund geformt. Die ganze übrige Bildung des Körpers ist weich und doch frisch und kräftig, ein gesundes Verlangen hüpft auf jeder Linie, ihre Schönheit ist jene sanftschimmernde des duftigen Obstes, das noch am Baume hängt und vom Reife der Luft überhaucht ist. Was ihnen an Geist und tiefer Empfindung abgehen sollte, ersetzen sie durch Schalkhaftigkeit und 102 Laune. Außer Französinnen kenne ich keine Damen, die so liebenswürdig für den bewegten geselligen Umgang wären, als die Damen von Wien. In ihrer natürlichen Unbefangenheit sind sie bei Weitem angenehmer, als viele unserer nördlichen sentimentalen Prinzessinnen; die jeden freien, fröhlichen Scherz unanständig finden, und außer sich wären, wenn man ihren Glauben in Zweifel zöge, daß die Kinder von den Bäumen geschüttelt würden. Eben weil den Oesterreichern vielleicht mancherlei Bildung mangelt, fehlt ihnen auch glücklicherweise die Verbildung; sie sind ein unbeflecktes Völkchen, dem nicht Tugend, nicht Laster viel zu schaffen macht. Die hübschen Damen lesen französische und englische Schriften, daß man erschrecken möchte, aber das ist gar nicht nöthig: die Lektüre bringt ihnen weder Nutzen noch Schaden. Ich wollte indessen doch, sie läsen mehr deutsch, es könnte ihnen zu statten kommen. 103 Seit einiger Zeit lernen die Wienerinnen schwimmen, und beweisen sich dabei gar nicht blöde; die Lehrer z. B. sind masculina , und am Badeplatze der Männer hat man folgenden Anschlag für nöthig befunden: Alles Zusehen von Seiten der Damen wird höflich verbeten. – Das ist Unbefangenheit, welche man bei uns nicht fassen kann. Im Allgemeinen hat das österreichische Volk sehr viel Anlage zur Jugend, es ist reich an Blut, und aus Blut und frischer Luft macht man Jugend und Geist. Man sieht's, wenn man ihre Moden betrachtet, daß sie auch erfinden können. Das Gebiet des Bequemen, was sie mannigfach kultiviren, bekundet ihre industriöse Fähigkeit. Dabei komme ich auf's Essen; darin hat bekanntlich auch jedes Land seine Moden, und kann nicht begreifen wie man anders bestehen könne. Es ist ziemlich allgemein der Glaube verbreitet, man esse außerordentlich gut in Wien; man iß't aber im südwestlichen Deutschland besser; Wien ist ein Gymnasium neben der glänzenden Akademie Frankfurt, 104 wo die Kellner promoviren, neben der glänzenden Hochschulen am Rheine und in der Schweiz; der Hamburger vermißt in Wien seine kräftige Speise; das Beefsteak ist in Wien ein vernachlässigtes, vertrocknetes Aschenbrödel, und die berühmten Mehlspeisen, worauf sie stolz sind, wie Albion auf sein Parlament, werden anderswo auch erreicht. Man hat mich auf solche Bemerkungen hin in Privathäuser gewiesen, ich habe in solchen allerdings recht gut gegessen, neben Mittel- und Ostdeutschland sogar vortrefflich, aber im süddeutschen Gasthause iß't man noch besser. Es thut mir leid, über diesen empfindlichen Punkt so rücksichtslos referiren zu müssen, aber ich will daneben auch das lebhafte Streben in Tischreformen anerkennen: an allen Straßenecken, ja an den Kirchthüren habe ich die Ankündigung von Kochbüchern gelesen, kühne, spekulationsreiche Theorie über den »Strudel« und den »Kalbsstoß« habe ich entwickeln hören. Ueber Kleidermoden ist noch ein Streit nachzutragen, der mehrere Sommer lebhafte Discussionen 105 mit sich brachte; Wolfgang Menzel hat erzählt, daß man allenfalls in anständiger Gesellschaft, in Gegenwart von Damen den Rock ausziehen dürfe, wenn es warm sei. Ein Edelmann, der zuweilen Leute vom Hofe bei sich sieht, war so entrüstet über diese Mittheilung, daß er mir hoch und theuer zuschwor, man thue das höchstens in einer Kneipe, und das müsse eine schön anständige Gesellschaft gewesen sein, wo die Hausfrau Herrn Dr. Menzel zu dieser Prozedur aufgefordert habe. Das Verhältniß ist ungefähr folgendes: Im eigentlichen Salon der höheren Klassen wird der Rock nicht ausgezogen, auch wenn es warm ist, in guten bürgerlichen Häusern aber, wo der innerliche Wiener Stil beibehalten ist, der sehr natürlich und in Wahrheit vielfach liebenswürdig heißen darf, geschieht es wohl, in Kaffeegärten und ähnlichen Orten unbedingt. Dieß mag ein Grund sein, daß der Wiener trotz dem Engländer und Holländer vortreffliche Leibwäsche trägt; er hält vor Allem auf ein feines Hemd. 106     Baden. Man hat tägliche, kleine Schnellposten, die nach Baden hinausgehen; außerdem wechseln die stehenden Gelegenheiten zu dreien Malen des Tages; denn der Verkehr zwischen Wien und diesem Lustbade ist sehr lebhaft, zumal da der Kaiser einen Theil des Sommers dort zubringt. Wir gingen bei frühester Morgenzeit auf die Post, und wurden in einen unangenehmen Affenwagen gesteckt: in einem kurzen Kasten laufen an beiden Seiten der Länge nach zwei Bänke hin, und so sitzt man sich gegenüber, als wenn man zur Hochzeit säße. Wildfremde Gesichter, die weder am Wege, noch am Morgen, noch an irgend was Interesse zu nehmen schienen, saßen uns gegenüber, sie stierten in die untergeschlagenen Arme 107 hinein, und regten sich nicht. Wenn sie nur wenigstens geschlafen hätten, das bekundet doch eine menschliche Regung, nein, sie stierten unverwandt; unser gezwungenes Gegenübersitzen bekam etwas grauenhaftes. Ich fragte leise den Starosten, wofür er die Leute hielte, denn laut zu sprechen, war bei der stillschweigenden Uebereinkunft unseres Kastens nicht rathsam – er machte mir ein Zeichen; wahrhaftig, es war ein Kourszettel, der aus der Brusttasche des einen Schweigsamen kuckte, es waren Banquiers; – »sie hören nicht, sie sehen nicht, sie sprechen nicht – sie spielen!« Der alte Lichtwer hat mit seiner Fahrt noch immer Recht, wie denn überhaupt einzelne Worte etwas Magisches, über die täglichen Gesetze Hinausgreifendes haben. Whist, L'hombre , Faß, sind Kindereien geworden, wobei man jetzt hört und sieht und spricht, das moderne Spiel ist die Börse, da kann man auf Millionen rechnen in Gewinnst und Verlust, da ist eines ganzen Landes Wohl oder Wehe Begleiter des Spiels, der moderne Spieler 108 ist der Banquier. Es ist angenehm, Banquier zu sein, wenn man sonst weiter nichts ist: man muß als solcher rechnen können, und die Wechselkunde verstehen; etwas Geographie, gut Zeitungen lesen und ein Paar Louisdor gehören auch dazu, und dann ist man Banquier und kann Millionen kommandiren. Salomon Heine, der Onkel des Dichters, ist der Schriftsteller aller Banquiers, er hat ihnen das Motto, den Familienspruch erfunden. Als man ihn nämlich gefragt hat, ob er sich nicht freue über die Erfolge seines Neffen, da ist ihm jene klassische Banquiererwiderung entschlüpft. »Wenn er doch was gelernt hätte, so braucht' er keine Bücher zu schreiben.« Ein ganzes Molièresches Lustspiel liegt in diesen Worten! Wenn die Leute Dir gegenüber wüßten, dachte ich, daß Du ein Schriftsteller sei'st, sie würden sich zwei Minuten Zeit nehmen, Dich gründlich zu verachten. Still! die Börse ist der goldpapierene Mittelpunkt moderner Welt: der Schriftsteller kann durch 109 einen Artikel à propos auf die Fonds wirken, er kann dem Geldbeutel schaden, oder nutzen, er ist nicht mehr überflüssig; – wie viel? sagte der Eine, als der Andere die Uhre aus der Tasche zog – 93¾ war die Antwort. Und der Fragende hatte auch schon wieder vergessen, daß er nicht nach den Konsol's, sondern nach der Zeit gefragt, und wiederholte langsam und nachdenklich 93¾. Dieses große Wort war das einzige, was ich von meiner Reisegesellschaft bis Baden vernommen habe, welches Baden vier Wegstunden entfernt ist von Wien. Der Weg fuhrt über die Spinnerin am Kreuz auf der Heerstraße nach dem Sömmering, und wendet sich dann ein wenig seitwärts nach kleinen blauen Bergen hin. Es war ein kalter Morgen mit den Herren Banquiers, und ich kam ein wenig erfroren nach Baden. Ob wirklicher Jahrmarkt in dem Städtchen war, kann ich nicht sagen, aber ein jahrmärktliches Treiben empfing mich in den Gassen. Ich hatte 110 mir den Ort großartiger gedacht; indessen ist er doch ganz artig, und der Verfolg seiner Promenaden nach dem Helenenthale hinab, ist sehr angenehm. Am Eingange dieses Helenenthales steht stolz und stattlich Weilburg, ein Lustschloß des Erzherzogs Karl. Das Gebäude hat eben so wenig Glück, als sein Herr; man sagt, der Boden wiche unter ihm, und es drohe, gelegentlich zusammen zu brechen. Und der Herr, der schlanke Archidur mit dem langen, nachdenklichen Gesichte, wie viel vergebliche, schön komponirte Schlachten hat er gegen Napoleon geschlagen! – Man kann das Genie und das industriöse Talent nicht deutlicher einander gegenüber sehen, die immer daraus erwachsenden Resultate nicht auffallender erblicken. Götter besiegen ewig die Menschen, wären diese auch Titanen und häuften mühsam Gebirg auf Gebirg. Das Genie ist ein eroberter, unmittelbarer Gedanke Gottes, das Talent ein mühsam, in einzelnen Theilen errungener. Im Kriege erkennt man gewöhnlich die Talente von kombinirten Plänen und schönen Rückzügen: Xenophon, 111 Moreau, Erzherzog Karl sind solche Namen. Das Genie braucht keinen Rückzug – dergleichen denkend, stand ich in fröhlichem Glanze der Mittagssonne vor Schloß Weilburg, und hörte mit Betrübniß, wie krankend und zurückgezogen dieser talent- und würdevolle Erzherzog lebe. Es war eine der vielen Krisen in Napoleons Leben, als der Kaiserssohn, der in Deutschland die französische Rheinarmee so glücklich bekämpft hatte, nach Italien geschickt wurde, um den ungestümen jungen Bonaparte zurückzuwerfen; am Tagliamento begegneten sie sich; rasch, als ob ihm die Windsbraut entgegen käme, ward er in die fliegenden, kleinen Schlachten verwickelt und zurückgedrängt bis in das Herz vom eigentlichen Oesterreich, bis zum Präliminarfrieden von Leoben. Napoleon legte sehr viel Gewicht auf die Vorfälle am Tagliamento – die besonnene, geschickte Leitung des Erzherzogs ließ die Erfolge einen Augenblick sehr zweifelhaft, bis das Glück eben so durchschlug, wie es ihm während des italienischen Feldzuges in den wichtigen Momenten stets 112 gekommen war. Denn man ist sehr schlecht unterrichtet, wenn man jene schnellen Successe auf bloße Ungeschicklichkeit der Melas, Alvinzy's \&c. schieben will – gar Mannigfaches wirkte zusammen, was hier nicht specialisirt werden kann. In Oesterreich ist übrigens der Haß gegen Napoleon keineswegs so zählebig als im übrigen Deutschland; es ist, als ob die Verwandschaftsbande auch in die Massen übergegangen wären, nirgends ist die struppige, fanatische Animosität zu finden, welche nicht sterben will beim Gedächtniß dieses Namens. Auch der tägliche Anblick seines blühenden, liebenswürdigen Sohnes und der frühe Tod desselben mag lindernd und besänftigend eingewirkt haben, denn an Leiden hat er's diesem Volke, seinem unermüdlichen Feinde, wahrlich auch nicht fehlen lassen, die großen kupfernen Kreuzer, welche so wenig gelten, und das dünne Papiergeld erinnern noch täglich an seine Geißel. Du bürgst eine der schönsten Gestalten deutscher Herren. Es soll überaus rührend sein, jenen 113 vielerfahrenen Kriegsfürsten Karl sanft und mild sprechen zu hören, wie sehr die Erhaltung des Friedens zu wünschen sei, um ohne heftige Störniß das gegenseitig Störende ausgleichen zu können. Freundlich empfängt er die alten Kriegskameraden und trägt geduldig das Hemmende eines kränklichen Körpers. Schloß Weilburg, schlafe wohl. Ein anderes Interesse begegnete mir auf den Badener Promenaden. Im Schatten einer Ruhebank sah ich einen alten Freund aus Schlesien sitzen, der Gedanke an die Heimath verschlang alles Andere, und wir sprachen von dem Lande jenseits der blauen Riesenberge, vom Anblicke des Zobten, von den Wäldern der Oder. Mein Freund zeichnete Figuren in den Sand, und aus allen Kreuzungen seines Stockes entstand immer wieder eine große Lyra – was willst du damit? Ach, dieser Platz ist schuld daran, sagte er. Vor zwölf Jahren führte mich auch ein frischer, sonniger Tag wie heute nach Baden heraus, und 114 hier auf dieser Bank saß die gebeugte, dunkle Gestalt eines Ligorianers, und zog mit dem Stocke Figuren in den Sand. Ich blieb stehen, die Erscheinung, die dunkle Gestalt, welche sich nach der Erde beugte, die scharfen Umrisse des magern Gesichtes, die lange, spitze Nase, das Ueberhängende der Augenknochen hatten etwas Magisches für mich. Er blickte auf, wir sahen uns an; eine grundlose, verwirrte Traurigkeit lag in den eingefallenen Augen, es dauerte wohl eine Minute, ehe ich den alten Bekannten wieder herausfinden konnte aus den Irrgängen dieser Augen – Zacharias! rief ich. – Pater Zacharias heiß ich jetzt. – Es war Zacharias Werner, der Dichter der »Söhne des Thales,« der Verherrlicher Luthers, der später diese »Weihe der Kraft« widerrief und die »Weihe der Unkraft« publizirte, der unglückliche Werner! Er ist lange aus den literarischen Besprechungen verschwunden, und wir haben aus Oeppings Pariser Erinnerungen ein garstiges Bild von ihm als letzten Eindruck. Dort lauft er, der bejahrte, halb blinde 115 Mann lüstern im Palais Royal herum, geneckt von den frivolen Freudenmädchen, die von allen Seiten rufen: Papa, Papa! Der Kurzsichtigkeit halber geht sein Diener mit ihm, um die gröbsten Mißgriffe der Wahl zu verhüten. Dort in Baden traf ihn mein Freund, als jene Periode bereuet und abgebüßt wurde. Werner war katholisch geworden, und in den Orden der Ligorianer getreten – er hatte wenig gesprochen auf jener Bank, aber unablässig eine große Lyra in den Sand gezeichnet mit zerrissenen Saiten. Was machst Du da, Pater Zacharias? – so hörte er sich am Liebsten nennen. – Ach, ich denke an den Tod – solch eine Lyra mit zerrissenen Saiten würde sich auf mein Grab schicken. – Freund, es war doch eine schöne Zeit, als sie noch ganz waren! – In dem Klange, womit er dieß sprach, lag ein erschütternder Schmerz, er stand auf, drückte mir die Hand mit seinen magern, trocknen Fingern und schlich langsam von dannen, eine dunkle traurige Gestalt. 116 Drunten in Wien steht eine kleine Kirche im Winkel, dort hat er oft gepredigt, ich habe ihn nicht wiedergesehen, und nicht lange Zeit darauf hörte ich, er sei gestorben, und in geweihter Erde begraben worden. Er hatte kein Maaß gefunden für ein starkes Herz und einen starken Kopf – die Erde sei ihm leicht! 117     In der Gegend des Brunnens – Baden hat Schwefelquellen – ist eine kleine, besondere Promenade, wo man die Elite der Badegäste im Auszuge findet. Vornehme und reiche Leute, daß Einem die Börse in der Tasche zusammenschrumpft. – Die Leute sind meistens affabler , als in Deutschland, wenigstens im nördlichen. Wir gingen in's Bad, ließen uns in weiße Braminengewänder hüllen und stiegen hinab in das warme Schwefelbassin, wo Männlein neben Fräulein herumstrudelt. Das Wasser bricht die Lichtstrahlen so häßlich, die Figuren sehen alle so verzwergt und ungestaltet aus, daß von Liebesillusion nicht wohl die Rede sein kann, so lange man nicht in jener 118 Lebensepoche begriffen ist, wo man liebt quand même . Für solche Leute sind aber die modernen Novellen nicht erfunden. Und es passirte mir wirklich das Unglück, eine alte Flamme in diesem Schwefeldampfe wieder zu sehen, Maria aus Karlsbad plätscherte in jenem schönheitsfeindlichen Schwefelpfuhle umher. Sie erkannte mich – Maria, wie lang ist es her, daß ich ein Faible für Dich hatte, und wie hast Du Dich verändert. Sie machte mir Vorwürfe, daß ich nicht in den »Erzherzog Karl« gekommen wäre, und ich betheuerte ihr, daß ich mich so eben mit ihm beschäftigt habe. Ihre Haut sei spröde geworden, klagte sie; und deshalb müsse sie baden. Unser Herz ist doch kindisch wie ein Mädchen, was hatte es sich darum zu kümmern, ob Maria's Haut ein bischen mehr oder weniger spröde sei, aber es flüsterte fortwährend, und verläumdete das Mädchen. Wie hätte mich vor wenigen Monaten diese Situation mit Maria entzückt: wir konnten uns 119 die Hände drücken und mit einander herumschwimmen! Wenn wir blos ein sogenanntes Faible für ein Mädchen gehabt haben, und das Stückchen Leidenschaft aufgehört hat, zu spornen, die spannenden Hindernisse aus dem Wege geräumt sind, dann sind wir schlecht oder gut genug, das Mädchen zu unserer Freundin, zu unserer Vertrauten zu wünschen, mit der wir schwatzen und Confessions austauschen. Eine Ariadne macht kein Glück; – es ist in unsern Sympathieen zu wenig tragische Größe; Humor, Lachen, gar Ausgelachtwerden lauern im Hintergrunde. Widerstand, Neid, Eifersucht in größerem oder geringerem Maaße reizen größtentheils zu Intriguen der sogenannten Liebschaften, jenen Spielereien des Herzens. Diese Verführung überfüllt Manchen dergestalt, daß er gar nicht zu einer wirklichen, tiefen, uneigennützigen Neigung gelangen kann. Mancher freilich geräth über diese Brücke der Herzensintrigue zur wirklichen Leidenschaft. Denn 120 auch die Liebe gewöhnt sich an, sicherlich die Leidenschaft derselben. Unter den oben angeführten Umständen wollte ich Maria zur Freundin haben, zu einer Freundin, welcher man die Hand küßt, der man ohne Rückhalt erzählt, was Einem Alles begegnet sei am vergangenen Abend. Maria, der Schalk, lächelte, und machte mich gesprächig. – Als wir aus den Ankleidezimmern in's Freie traten an den vollen, klaren Tag, war ich nicht wenig erstaunt, sie schöner als je, umringt von Anbetern zu finden. Wie mit einem Zauberschlage war die alte Illusion wieder da, diese koquette Illusion – leben Sie wohl, Herr Doktor, rief der Schelm, grüßen Sie Madame Pichler, machen Sie ihr mein Kompliment über die »Frauenwürde,« die ich vor zwei Jahren gelesen habe, und Ihnen anempfehle. Fort war sie – das war eine ganz andere Stimme als im Bassin, wo ihr Ton so ergeben, so resignirt war! Wie übermüthig hatte sie jetzt 121 gesprochen, wie herausfordernd lachte sie da in der Ferne. Sie hat Dich gefoppt – nur Vertrauen auf Sieg erringt den Sieg, Muth ist in allen Verhältnissen der Schöpfer – verwirrt und nachdenklich ging ich zur Frau Caroline Pichler, gebornen von Greiner, um ihr meine Aufwartung zu machen. Diesen eben erlebten Fall wollt' ich ihr vortragen. Eine bejahrte Köchin hielt mir auf dem Vorsaale das Ohr hin, damit ich meinen Namen hineinpfropfe, langsam ward ich angemeldet, Herr von Kurländer hatte mir einen Empfehlungsbrief mitgegeben, langsam wurde ich angenommen. Ja, nun fragen die Damen, wie sieht es aus? was hat sie für Augen, was für eine Taille, wie alt, wie stehts um Hand und Fuß. Das hab' ich, Gott weiß es, so ziemlich vergessen, und nur daß ich vergessen konnte, mag mir schildern helfen. Es war eine nicht eben große, ältliche Frau, die mich ein wenig zurückhaltend empfing – war gegen Mittag, und es schien, als hätte ich sie im Hauswesen gestört. 122 Dieß scheint jetzt ein Tic der Schriftstellerinnen geworden zu sein, sich vor allen Dingen des Kochens zu rühmen – Fallschirme für die gewöhnlichen Männerkritiken. Fräulein Fanny Tarnow, eine lebhafte, strebsame Schriftstellerin, der ich später in Deutschland zu begegnen das Vergnügen hatte, sprach zuerst sehr lange und sehr verführerisch über Mehlspeisenrecepte. – Frau Caroline Pichler, geborne von Greiner, fühlte sich und war sich ihrer sechsunddreißig Romanbände wohl bewußt; – damit soll indessen nicht gesagt sein, sie habe sich gespreizt und gebrüstet, o nein, sie hat ganz das Ansehn einer besonnenen, klaren Frau, die mit Recht darauf fußt, die Herzen vieler Menschen beschäftigt zu haben. Im Ganzen gleicht sie wohl ihren Schriften, die sich in einem kleinen Gedanken- und Gefühlskreise bewegen, darin etwas breit, aber gehaltlos werden – es interessirte mich, zu wissen, wie sie sich der Studien bemächtigt habe, die zum »Agathokles« nöthig sind, einem Romane, der zur Zeit Diocletians 123 spielt, und große historische Interessen berührt. Es waren nicht wenige Hülfsmittel, die sie mir aufführte, jedenfalls bedingten sie aber noch große Geistesbehendigkeit einer Dame, und das gestand sie lächelnd zu. Von jetzt an ward sie munterer. Ich fragte, ob Herr Menzel bei seinem Besuche in Wien nicht zu ihr gekommen wäre. – Nein, sagte sie witzig, wie einst Stolberg von Jacobi: Er kann mir's nicht vergeben, daß er mich herunter gerissen hat. Dieser Mann stört mit seiner Kantschuhkritik manch schüchternes Talent, was den grollenden Hausvater fürchtet, der seine Senatorstimme erhebt: Frauenzimmer, laß die Bücher und nimm den Kochlöffel in die Hand! – Es giebt viele Dinge, die nur Frauenzimmer wissen, und abgesehen von diesem Egoismus der Bildung, welcher die Frauen aufmuntern mußte, abgesehen von Tausend andern Rücksichten bleibt es eine brutale Anmaßung, sie von der Gedankenmittheilung mit Peitschenhieben wegzudrängen, ein trüber Rest alter Rohheit. 124 Solche Aeußerungen behagten Madame Pichler, und sie erzählte mir, was sie jetzt schreiben wolle. Maria Theresia soll verherrlicht werden auf Kosten Friedrichs des Großen; – die schöne Kaiserin mag sich allerdings in einem Romane besser ausnehmen, als der magere König mit der Tasche voll Spaniol, und der Gleichgültigkeit gegen Frauenzimmer; aber, unter uns gesagt, ich lese den Roman auch nicht. Unter drei Bänden thut sie's auch nicht leicht. Wir denken und handeln jetzt doch ein wenig schneller und straffer, als es in den Büchern der Frau Pichler geschieht, und die Preußen kennt und liebt sie auch nicht genug, um sie richtig zu schildern. Die alte Degenzeit des großen Fritz ist freilich kein Thema für Frauenzimmer. Ich empfahl mich, und nahm im Ganzen einen recht angenehmen Eindruck mit hinweg; selbst die ein wenig harten Formen der alten Dame störten mich nicht, zumal gegen das Ende meines Besuchs Tochter und Enkelkinder der Schriftstellerin 125 erschienen, und sie in einem muntern, behaglichen Familienkreise zeigten. Die Familie bildet stets einen sanften, wohlthätigen Rahmen; Cölibatairs behalten immer ein schrofferes Ansehen. Auf dem Rückwege nach Wien stieg ich in einem Gasthause ab, welches am Wege liegt; – da gab's ein munteres, lustiges Treiben, Hin- und Zurückfahrende begegnen sich dort, und eine emsige Wienerische Fröhlichkeit springt vom Platze in's Haus, vom Hause in den Hof; – Maria spielte Billard mit einem Wiener Saudy. Sie war im Reitkleide, nahm sehr wenig Notiz von mir, und setzte sich nach beendigter Partie zu Pferde. Es war eine große Kavalkade, aus mehrern Damen, und vielen Herren bestehend, in brausendem Galopp ging es nach Wien hinab, Maria mit fliegenden Locken voran. Mädchen, abscheuliches Mädchen, Du stürzest mich ins Malheur! Mein Kutscher mit seinen steifen Gäulen mußte nachhumpeln so schnell als 126 möglich. Als wir an den Abhang der Spinnerin am Kreuz kamen, gab ich es auf; – weit, weit unten sprengten sie in den goldenen Funken der untergehenden Sonne dahin, die stundenlange Stadt glänzte mit tausend Fenstern wie ein Tagesfeuerwerk; sie empfängt Dich Maria. 127     Der Wiener Accent. Es ist unglaublich, mit welcher Neugier die Wiener Alles aufnehmen, was über Wien geschrieben wird; sie sind darin wie die Kleinstädter und wie die Pariser. In London kümmert man sich bei solchen Dingen nur darum, wenn der redende Schriftsteller in das Geheimniß der Familien und der vornehmen Zirkel gedrungen ist, weil es dort ein ganz geschiedenes öffentliches und privates Leben giebt. Nicht also in Wien. Manier und Lebensart ist zwar bei den äußersten Gegensätzen der Stände modificirt, aber im Grunde doch von gleichem Stoffe und Kolorit. Das rücksichtslose öffentliche Urtheil ist ferner nach den bestehenden Staatsverhältnissen nicht gestattet, und so kommt ihnen dem Fremden 128 gegenüber die Frage, ob sie auch ihren besten Schönheiten trauen dürfen. Sie haben auch wohl erfahren, daß die Welt jenseits der Grenzen eine vielfach andere ist; sie sprechen, wie schon erwähnt, von dem, was draußen in Deutschland geschieht, und daraus erklärt es sich, daß sie jedes in Deutschland geschriebene Buch über Wien mit großer Neugier betrachten. Da ihnen nun keins recht gefällt, so ist es eine stereotype Behauptung geworden, wir verstünden es nicht, ihr Leben richtig aufzufassen; auf der andern Seite sind sie aber auch ehrlich genug, die schattenlose Lobrednerei nicht ohne Weiteres zu goutiren. Deßhalb waren sie mit Menzels »Reise durch Oesterreich« keineswegs zufrieden. Sie hatten sein Literaturblatt gelesen, und erwarteten mit Recht die Darstellung mannigfacher Kontraste ihres Lebens mit der Anschauungsweise des Verfassers, nicht aber ein ausweichendes Besprechen ganz allgemeiner oder ganz partikularer Gegenstände. Ihre Sonderung vom sogenannten »Deutschland« ist nicht bloße Redensart; man muß wirklich 129 zuweilen glauben, es existire nur eine Verwandtschaft zwischen den Nationalitäten. Ihre Sprache hat nicht nur Abweichungen in der Mundart, sie erscheint oft wie ein vollkommen anderes Idiom, sie enthält eine Menge Worte, Formen, Beugungen, die uns entweder ganz fremd oder ganz sprachwidrig sind. Das ließe sich vielleicht Alles noch auf einen Reichthum an Provinzialismen zurückführen – aber diese Abweichungen und neuen Formen sind schriftlich emancipirt, man wohnt »am Eck,« man lebt auf der »Straßen« \&c., wie dieß gedruckt und geschrieben in Wien zu sehen ist. So viel man auch in den deutschen Ländern, wo platt und wo nicht platt gesprochen wird, Abweichungen von der Schriftsprache finden mag, scharf ausgeprägte Provinzialgesichter der Sprache – in der Schriftsprache kommen wir doch bis auf kleine Modificationen völlig überein. Daß der Süd- und Westdeutsche Samstag, und der Nord- und Ostdeutsche Sonnabend sagt, daß jener die Intransitiva »sitzen, liegen, stehen« richtiger mit dem 130 Zeitworte »sein,« konstruirt, dieser aber mit »haben,« das bringt keine große Störung hervor. Höchstens hält einmal ein vorlauter Norddeutscher jenen, der gesessen ist, für einen Juden. Aber in Oesterreich versinkt das Deutsche immer mehr zu einer unkenntlichen Abart, welche allmählig die feineren Kennzeichen einer zur stolzen Erscheinung und Schönheit ausgebildeten Sprache verliert. Die Aussprache anlangend, so ist ein reiner Vokal »a« in ganz Oesterreich nicht mehr aufzufinden. Läßt man übrigens die höheren Gesichtspunkte der Sprache aus den Augen, beschränkt man sich auf den dortigen Höhenmesser, auf die Bequemlichkeit, dann wird das Idiom allerdings vortrefflich. Es ist voll Zusammenziehungen, Auslassungen, Abkürzungen, eine Sprache für den Sommer, den Mücken zum Trotz. Man öffnet kaum den Mund, und in den ungelecktesten Tönen läßt man die Worte herauspurzeln. Jedes Wort kann im tiefsten Negligée, wie es eben in der Kehle aufsteht, zum 131 Vorschein kommen, ungewaschen und ungekämmt. Die Leute sind so fern von dem Gedanken, die Sprache sei in ihrer schöneren Erscheinung ein Produkt der Kunst und Bildung, daß sie jeden Versuch auslachen, welcher die schleppende Faulheit des Wortes abwerfen, und dasselbe straffer ausrichten will. So geht's in den kleinen Provinzialstädten, namentlich Schlesiens und Thüringens, wenn Einer sich über den Jargon erheben will, – man lacht ihn aus, und sagt, er ziere sich. Und es ist nicht wahr, daß alle gebildeten Wiener sich davon frei erhielten, es wienert der Eine etwas weniger als der Andere, aber sie wienern Alle; die feinste Dame wienert nur ein wenig besser als das Obstweib an der Straße. Daß es im Munde einer hübschen Dame hübsch klingt, ist richtig und natürlich: im Munde einer hübschen Dame klingt alles Fremdartige hübsch, und reizt. Zudem ist dieses weiche Idiom so vertraulich, daß es uns schon darum bei'm Begrüßen einer uns unbekannten Dame sehr angenehm dünken muß. 132 Es ist übrigens hierbei zu erinnern, daß diese Mißbilligung eines abweichenden Idioms nicht so zu verstehen ist, als ob aller Provinzialdialekt auszurotten sei. Es enthält ein solcher oft die ganze Geschichte eines Landes und seines Verhältnisses zu den Nachbarn, alle Gewohnheiten, Sympathieen, Vorzüge und Fehler des Landes sind darin zu finden, und diese Accente bleiben eine unerschöpfliche Fundgrube für die Vervollkommnung der Nationalsprache. Jeder Schriftsteller sollte einige gute Provinzialismen zur Emancipation vorschlagen; die Sprache würde an den feinsten Schattirungen, an Bezeichnung der delikatesten Zustände gewinnen, welche jetzt oft mit vielen Worten ungenügend umschrieben werden müssen. In seinem Hauswesen ist man am Prägnantesten, und der Provinzialdialekt ist das Negligée einer Nationalsprache. Dieß nur ist zu bekämpfen, daß bei der wichtigsten Kulturaufgabe, bei der Sprache, nur Negligée gelten soll, wie in Oesterreich, und dagegen war das Vorstehende gerichtet. 133 Man hat dem österreichischen Dialekte immer die Ehre angethan, ihn »gemüthlich« zu nennen, und es ruht viel Bezeichnendes darin. Ein Volk, was weniger im großen Weltverkehr sich bewegt, erfährt weniger Täuschungen, bleibt zutraulicher; ein Volk, was zum Theil jenes Grundes wegen seiner Kultur nicht dreist vertrauen mag, bemüht sich, für andere Gewährleistungen durch Gutmüthigkeit und Herzlichkeit zu entschädigen; es will sicher etwas bieten, und bietet deshalb das ganze Herz. Je isolirter ein Mensch lebt, desto weniger hat er Beziehungen, Bedürfnisse, Uebersicht; sein Herz ist voreiliger, weil sein Kopf in der Operation weniger geübt ist. Das hat gewiß viel Angenehmes und man mag wünschen, daß diese Bereitwilligkeit des Herzens in jede Civilisation übergehe; nur dürfte nicht anzurathen sein, diesen Vortheil überall durch gänzliche Absonderung zu erkaufen. Vielleicht läßt er sich auch auf andere Weise zu Wege bringen. Der Dialekt in seiner Bequemlichkeit und Gutmüthigkeit ist aber auch nicht bloß für den Klang 134 und Ton der Unterhaltung wichtig: das Gehör jeder Sprache wirkt auch auf Stoff und Gegenstand. Jeder Accent trägt in sich eine Vorausbestimmung seines Inhalts. Auf diese Seite hin entwickeln sich hierbei mehrere Nachtheile: es ist vollkommen gleichgültig, worüber man österreichisch redet, die Sprache klingt über Freiheit und Unsterblichkeit eben so wollig und mollig und trivial, wie über »Mehlspeis'« und »Fioker.« Somit mangelt jede Anreizung, das Gespräch zu erheben, somit wächst aus dem Accente selbst eine harmlose Trivialität in das Leben hinein, die man nicht völlig wegläugnen kann, wenn man sich eine Zeitlang in demselben herumbewegt hat. Der Mensch muß fortwährend auf der Hut sein, sagt die christliche Kultur, sonst überwältigt ihn die plumpe, irdische Materie einmal völlig über Nacht. Mitten in einem so bequemen Accente, wie der Wienerische, vergißt man solche Kulturmacht gar zu leicht. 135     Grillparzer. Es ist in Wien sehr schwer, Leute zu finden. Man darf dort nicht etwa an jene Viertelabtheilung, an die bequemen Hausnummern, an den stets hilfreichen Adreßkalender, an das ganze zum Nachschlagen so bequeme Büreauwesen Berlins denken; nein, durch eitel Romantik hindurch geht der Weg. Grillparzer, wo bin ich überall hingerathen, um Dich zu finden! – erster Hof, zweite Stiege, dritter Stock, vierte Thür! Es wirbeln mir noch die Beschreibungen im Kopfe. Nach einer vormittäglichen Suchjagd stand ich endlich in einer schmalen, öden Gasse vor einem großen schweigsamen Hause; meine Tritte hallten wieder auf der steinernen Treppe, an der gewölbten Decke. Klosterstille und Kühle 136 umgab mich, draußen lag ein heißer Tag, ich dachte an das Schloß des alten Borotin in der Ahnfrau; an die ganze schauerliche Einsamkeit dieses Stückes. Es trat auch so schauerlich einsam in der Literatur auf, nur in den sterbenden Augen trug es etwas von jener poetischen Lebenswärme, die es noch eine Zeitlang vor dem Vergessen schützen wird; sonst war es kalt wie eine Leiche. Ein eisernes Gitter hemmte meine Schritte, die Thüre war verschlossen, nirgends ein Mensch zu sehen oder zu hören; – der alte Borotin liegt im Sterben, dachte ich. Eine schwere, rostige Klingel gab einen schrillen, gespenstigen Ton. – Niemand regte sich, noch einmal schellte ich; wieder umsonst. So stand ich wohl eine Viertelstunde, und hatte Zeit zu überlegen, was Grillparzer für ein Dichter sei. Vor der Klingel fürchtete ich mich, machte aber doch einen letzten Versuch. Nach einer Weile hörte ich einen langsamen Frauentritt schlürfen, eine Gestalt mit fast ganz verhülltem Kopfe näherte sich 137 – die Ahnfrau, wie sie leibt' und lebte, fragte nach meinem Begehre und Namen. Jaromir von Eschen, heiß ich, und wünschte Herrn Grillparzer zu sprechen. Er ist nicht zu Hause. – Ich mache hier keine Geschichte, sondern es fügte sich wunderlich genug in der That so, wie ich erzähle, die arme Ahnfrau mochte Zahnschmerzen haben. Kaum hatte ich den Muth, dieser mittelalterlichen Wehgestalt eine moderne Karte anzubieten. Nun blieb noch der »Stern« übrig, eine tief in den Winkel gekauerte Wiener Kneipe, wo sich die Poeten des Abends zusammenfinden sollten. Früher geschah dieß in der sogenannten »Ludlamshöhle,« aber die poetischen Possen und das Bundesartige, was sich dort herausgestellt hat, sind dem Gubernio mißfällig geworben, und man hat die Höhle verschüttet. Freie Künste, Bund und Höhle sind bedenkliche Ingredienzien, und »hoher Sinn liegt oft im kind'schen Spiele,« man darf den Teufel nicht an die Wand malen \&c. kurz, man hat 138 Gründe gehabt, die uns nichts angehen, und ich mußte nach dem »Stern« fragen, einem kleinen Filial der untergegangenen Ludlamshöhle. Nach einigen unerschrockenen Versuchen fanden wir ihn, Gutzkow und der Starost waren mit auf dieser Expedition. Eine einfache Wiener Speisekneipe stellte sich dar; an einem gedeckten Tische, wo etwa Zehn sitzen konnten, saßen drei Personen; – dort wollten wir uns ansiedeln. Einer der drei Herren bedeutete uns aber sehr artig, daß der Tisch einer bestimmten Gesellschaft angehöre, – es war Grillparzer, und er hieß uns freundlich willkommen, als wir unsern Gewerbsspruch anbrachten, und uns als Leute vom Handwerk legitimirten. Zu der Erzählung meines Besuchs in seinem Hause lächelte er; aber er lächelt höchstens. Er ist ein sanfter, ernster, tragischer Mann, ein zerschlagener Baum, der sich traurig umsieht nach seinen Aesten, nach seiner Krone, die zersplittert seitab liegen. Diese fragenden blauen Augen waren mir rührend – 139 »er hatte weder Glück noch Stern,« ist nie zum Lachen kommen. – Manche Leute werden sagen: Grillparzer ist an Oesterreich gestorben, – sie haben Unrecht; Grillparzer hatte von Hause aus den Tod im Herzen; auf der Sonnenseite war es verschlossen. Von jeher hat er mit Hingebung Royalist sein wollen; er hat den rechten Weg nicht gefunden; man hat ihn verkannt; den Bankbanus hat er geschrieben, »den treuen Diener seines Herrn,« der sich treten läßt wie ein Hund im zweifellosen Eifer, in unergründlicher Treue für seinen Herrn, umsonst; er hat Gedichte producirt, sie sind mißdeutet worden. Darin liegt etwas wirklich Tragisches, ein ehrlicher, bürgerlicher Liebhaber zu sein, der für einen Widersacher angesehen wird. Ich kann mir jenen Abend und den Anblick Grillparzers nicht zurückrufen, ohne still vor mich hin zu sagen: Armer Grillparzer! Er präsidirte an dem bescheidenen Tische, trug ein grünes Röcklein, war sehr einfach und 140 ein wenig pressirt höflich. Sein Gesicht wäre nicht leicht aus der Menge herauszufinden, wenn man nicht den Namen dazu wußte. Er ist übrigens wohl geformt, hat eine tadellos gut gerathene Nase, eine Andeutung der österreichischen Unterlippe, welche man noch specieller die Leopoldslippe nennt, und einen stillen, sanften Ausdruck der Züge, der, wie gesagt, nicht frei von Melancholie ist. Um die äußeren Augenwinkel ruht nämlich manch' herbe Besorgniß. Er spricht mit einem weichen, geschmeidigen Organe. Es wurde über die Europe litéraire gesprochen, welche ein junger Mann mit ältlichem, verdrießlichem Gesichte vor sich hatte, und aus welcher er von Zeit zu Zeit einzelne Passagen mittheilte. Dieser junge Mann mit einer großen Brille war Bauernfeld, der Schriftsteller, aus dem er vorlas, Heine, und zwar enthielt das Heft den zweiten Abschnitt von dessen Raisonnements und Erzählungen über die deutsche Literatur vorletzter Zeit. Das Gespräch haftete, wo Racine und Euripides in Schutz genommen werden gegen die Schlegel. 141 Grillparzer nahm sehr lebhaft Partei für Euripides und beklagte sich wie die Schrift, welche vorlag, über Vernachlässigung und Hintansetzung desselben. Gutzkow stimmte mit ein, und Bauernfeld bildete eine unbedeutende, nergelnde Opposition, die mehr den Racine vorschob, und das Lob desselben mißbilligte. Grillparzers Vorliebe für Euripides ist äußerst natürlich. Jene Rhetorik der Gedanken, ich möchte selbst sagen Rhetorik der Empfindung, welche namentlich auf die Franzosen übergegangen ist, und welche das Herz Grillparzer'scher Muse ist, stammt vom Euripides. Ich bin während jenes Gesprächs die im Schnürleib bacchantisch tanzenden Worte der Ahnfrau nicht los geworden: Ja, ich bin's, Du Unglücksel'ge! Ja, ich bin's, den Du genannt, Bin's, den jene Wälder kennen, Bin's \&c. Bin's \&c. Bin's \&c. 142 Das Gespräch war aber auch bedeutungsvoll, da man Euripides von einer andern Seite beziehungsreich für unsere Gegenwart anschauen konnte. Mit Aeschylus und Sophokles war ebenfalls eine Schiller- und Göthezeit in Griechenland vorüber, alte Sitten und Formen waren in Gährung, die Auktorität der Götter war in Frage gestellt, das Volk war auf einem Höhepunkte, von welchem eine neue glänzende Zeit oder ein Ende beginnt. Das sind Attribute, womit wir jetzt eine moderne Epoche bezeichnen; Mangel an Pietät gegen die alten Götter, die er herabzog, war wie jetzt eine Hauptanklage des Euripides, Vermischung des herkömmlich Poetischen mit dem kecken Neuen, – und so finden sich Berührungen in Fülle; vor der Hand fehlt uns noch der derbe Parodist Aristophanes, und es wird uns hoffentlich die Nachkommenschaft des Euripides fehlen, welche nichts taugte und ihn zum letzten griechischen Dichter machte. Wahrhaftig, er war ein Dichter, sagte Grillparzer ganz im Feuer, – Bauernfeld konnte es 143 den ganzen Abend nicht verschnupfen, daß Heine den Racine gelobt habe. Abgesehen von den politischen Ansichten, deren Diskussion hier nicht am Orte war, und die er natürlich nicht theilen mochte, sprach Grillparzer ein sehr großes Interesse für Heine aus, und bei Gelegenheit Tiecks, welchen Heine auch zur Sprache bringt, bezeigte er sich in vielen Dingen erfreut über die Urtheile. Namentlich über dasjenige, welches den meisten neueren Novellen Tiecks Triviales und Ordinaires, Mangel an Poesie zum Vorwurfe macht. Es ist nun freilich eine andere Frage, ob Grillparzers rhetorischer Richtung darüber ein kompetentes Wort zugestanden werden darf. Im Allgemeinen erschien Grillparzer bei allen Urtheilen sehr liebenswürdig. Im Kontraste zu den meisten älteren Dichtern sprach er sich mild, schonend und mit mancherlei Hoffnungsgedanken über die junge Generation aus. 144 Bauernfeld gehört im Grunde zu dieser, und seine Komödien hatten mir weit besser gefallen, als er selbst mir gefiel. Er hatte in seinem langen Philisterkittel, in seiner ganzen abschmackenden Weise viel Störendes. Das soll indeß nicht mit Nachdruck gesagt sein; ich habe ihn nur an jenem Abende gesehen und gesprochen. Der liebenswürdigste Mensch kann aber manchen langen Abend unausstehlich sein, wenn ihm ein Rendez-vous fehlgegangen, ein Mittagessen im Magen sitzen geblieben, ein Produktionsversuch mißlungen ist. Damals war Bauernfelds »Helene« an der Reihe; ein Schauspiel à la Kotzebue, aber voll Reiz. Die Lebenszustände und Verhältnisse sind nicht einseitig, bornirt, leidenschaftlich gestempelt, sondern alle die kleinen Schattirungen des Gefühls, der schüchterne Anfang, der halbe Wille, selbst die Indifferenz sind geschickt und treu verbraucht, wie sie sich finden. Hieraus erwächst die Anziehungskraft der Aechtheit, welche die Dramatiker immer 145 verlieren, so lange sie nur aus vollem Halse zu schreien wissen. Dazu kommt, daß Bauernfeld die reizende und erlaubte Koketterie des Roman's versteht; die Leute glauben nicht, daß sie sich nöthig sind, der Zuschauer aber weiß es, weil er sie besser kennt, sie machen Anstalt, für immer von einander zu gehen, und der Zuschauer bebt, die Nachtwandler zu wecken. So gedeiht eine Spannung voll Interesse, und bricht das Geheimniß endlich durch, so geschieht es mit einer kräftigen Kindlichkeit, welche den Antheil nicht endigt, sondern nur erfüllt. Dieß Alles ist mit einem feinen, geschmackvollen Kolorit übergossen; es ist ein artiger, rascher, fesselnder Styl, welcher über etwaige Dehnungen täuscht und hinweghebt. Die französische Sprache hat ein prägnantes Beiwort für solche Erscheinung, sie nennt sie souple . Durch spätere Produktionen hat Bauernfeld zu unserer Freude unverkennbar bewiesen, daß er unser talentvollster moderner Komödiendichter ist. 146 Es waren noch andere Literaten aus Wien zugegen, ich habe außer dem Witthauer's, der ein redliches, tüchtiges Trachten bekundet, aber ihre Namen vergessen. Es waren gute, freundliche Leute, wie denn meist die Schriftsteller am liebenswürdigsten sind, so lange sie noch keinen Namen haben. Sie kämpfen dann für die Existenz, bieten alle Fähigkeiten auf, bewerben sich, – und wenn man nicht gar zu viel Essig und Galle in sich hat, so ist man in solchen Bräutigamsschuhen am brauchbarsten für den Umgang. Freilich giebt es auch Gemüther, welche erst nach dem Durchbruch zu genießen sind, welche Anerkennung nöthig haben, um zu existiren. Ungefähr Mitternacht mochte es sein, als wir den Stern verließen und in Begleitung Grillparzers und eines solchen Kandidaten der Literatur noch eine Strecke durch die Straßen gingen. Jener war still geworden; sein Haupt neigte sich sinnend nach der Brust, das Abschiednehmen und seine natürliche Höflichkeit schreckten ihn noch einmal auf – dann 147 sah ich ihn leise fortschreiten im Mondschein. Sitzend im Sterne war er mir ziemlich lang gewachsen erschienen, jetzt bewies er sich aber nur von mittlerer Größe. Ich hörte in der stillen Nacht noch eine lange Weile sein sanftes Organ; wie ein Schatten verschwand er in den engen Gassen, im unsichern Lichte des Mondes. – Dichter der Ahnfrau, mondbeschienener Poet, schlaf wohl, die Nacht und der Schmerz interessiren Dich am meisten, es ist Dir schwer zu helfen, schlafe wohl! 148     Beethoven und Kanne. Operndirektoren pflegen alle Sänger für schlecht zu halten, die nicht in Wien singen gelernt haben. Die genaue Korrespondenz dieser Stadt mit Italien, ihre Muse, die unbewegte Stille des Gemüths haben sie zur musikalischen Hauptstadt gemacht. Die italienische Oper mit den klingenden Namen Tamburin's, Santini, Lablache, Fodor ist zwar zerstreut, die stolzen Componisten sind todt, aber dennoch ist Wien noch der Hauptplatz für Musik. Ich glaube, man wendet in Berlin noch mehr Geld daran, jedenfalls ist die dortige Oper die prächtigste in Deutschland, ihr Ballet übertrifft in manchen Dingen das Pariser, aber es fehlt die musikalische Einheit, das Publikum Wiens. Die Berliner haben Musik 149 erlernt, aber die Wiener sind musikalisch. Um einen Begriff von seinem Operngeschmacke zu erhalten oder richtiger von Gesangsgeschmack – beiläufig ein abscheulich Wort – vom Ideal eines musikalischen Publikums, dazu muß man in die Oper am Kärnthnerthore gehen. Hier sind die Gourmands der Musik zu finden, und – was nicht zu übersehen – sie geben den Ton an. Nicht das Tototo und Trumtrumtrum unserer Schreihälse wird beklatscht, nichts von dem viven Remontenspektakel gewöhnlicher Sänger wird ausgezeichnet; – ein Ton, eine Wendung, eine Nuance, ein ganzer, anspruchsloser Vortrag, jedes, wenn auch unscheinbare, aber ächte künstlerische Verdienst. Es herrscht Todtenstille, man kennt jede Note, ein leises Zischen weiset die auftauchende Unart zur Ruhe, einzelnes Klatschen aus den entferntesten, verborgensten Theilen des Hauses empfängt jedes Lobenswerthe, und wächst wie eine Lawine zum donnernden Beifall, wenn die ganze Piece beendet und die lobende Unterbrechung nicht mehr störend ist. 150 Hier in Wien haben sie aber auch gewaltet, unsere Herrscher des Tons; Mozart und Beethoven. Ich bin mehrmals hinausgegangen auf den sogenannten »Spittelberg,« wo Mozart täglich Kegel geschoben hat, und hab' mir erzählen lassen von dem muntern Gesellen. Mein Referent war ein alter Knabe, der tüchtig mit ihm gelacht hatte. – »Glaben's nich etwa, daß er a Kopfhänger war, der Mozart, o je, do sein's links.« Und nun ging's an die einzelnen Schnurren und Geschichten, die sie mit einander durchgemacht hatten, und der Refrain war immer, daß er ihn nochmal wiedersehen möchte, wie er in Hemdsärmeln und rother Weste, auf beide Backen kauend und mit den Augen lachend alle Neun geschoben habe, der Tausendsasa. – Wirklich ist er nach all' den kleinen Zügen, die ich von ihm vernommen habe, ein gesunder Bursch gewesen, welcher die irdischen Freuden der Erde mit Industrie und Laune genossen hat. Am wenigsten hat er ein süßes, vergehendes Besprechen seiner 151 Kompositionen leiden mögen, dafür existirt noch eine sehr derbe Tradition. Eine empfindsame Stimme fragte ihn, woran er gedacht habe bei Komposition des Duetts in der Zauberflöte: »Bei Männern, welche Liebe fühlen,« und Mozart antwortete: »an meine alte Katz.« – Mozart hat die schöne, klare Sinnlichkeit der italienischen Musik, die Sinnlichkeit der Melodie in unsere Musik gebracht, und weil er dabei seine kräftige Individualität nicht aufopferte, sondern auf das Nachdrücklichste geltend machte, ist er national geblieben und populär geworden. Er ist noch immerdar der Einzige, welcher den höchsten Gesetzesanforderungen der Kunst entspricht und zugleich dem einfachsten Vermögen faßlich und beglückend bleibt. Dieß ewige Merkmal des Genie's ist sein. Musik! Es wird ein Hauptwort neuerer Zeit, und die Untersuchungen darüber können zu neuen, unbekannten Wäldern des Gedankens und Empfindens führen; auch unsere Poesie schwärmt schon darin umher. Läge nur das Faseln darüber nicht so 152 nahe in den unklaren inneren Gesetzen derselben; möchten wir nur einerseits dieß, und andererseits die Plattheit derer schnell durcheilen, welche nichts daran kennen, als die technischen Gesetze. Musik ist wirklich eine unsichtbare Brücke in den Himmel, welche die moderne Welt aufgefunden hat, als der Gedanke nicht zureichte, und der Glaube außer Kredit war. Des Menschen Verlangen strebt nach einer unmittelbaren Verbindung mit der Gottheit, darum klammert er sich um so fester an die Musik, je mehr im übrigen Leben die hergebrachten Anknüpfungen verdächtigt, verschwunden sind. Dieser Sensualismus ohne bestimmte Worte ist ihm eine willkommene Rettung vor dem verbindungslosen Materialismus. – Die Hauptfurcht jetziger Bildung ist diejenige: Grenzen abzuwehren, weil man das Unglück fester Abschließung in dem zähen Leben alter Kultur vor Augen zu haben meint; und darum ist die Musik so populair geworden, weil sie eine neue Jugend des Geistes 153 und Herzens verspricht, und bis jetzt noch nirgends ein Ende vor Augen stellt. Aus solchen Gründen ist Beethoven der König unserer Musiker geworden. Die tiefsten Kräfte des inneren Menschen glauben wir in seinen Kompositionen zu ahnen. Er war ein entschlossener, tüchtiger Geist, wie man schlagend aus seinen Worten in Bellina's Briefen ersehen kann, und es giebt also vielleicht doch Organe, diesen in der Musik geltend zu machen; aus seinen kolossalen Symphonieen strömt eine Fülle gewaltiger Seele in uns über, und hier und da fällt ein großer glänzender Stern vom Himmel. In Wien konnte man ihn nur beschreiben, wie er in seiner letzten, unglücklichen Zeit gewesen sei, als er das Gehör so weit verloren hatte, daß man sich nur mit Mühe ihm verständlich machen konnte. Ein harter Gedanke der Natur, demjenigen das Ohr zu schließen, dem es die Pforte in bessere Welten war. Die Liebe ohne Augen. 154 Er kehrte täglich in einem Gasthause ein, draußen auf der Josephstadt, setzte sich schweigsam an den Tisch, kümmerte sich um Niemand, ging schweigsam wieder von dannen. Seine Gesichtszüge waren hart und streng; das große graue Auge ward von dicken Brauen überbuscht; unordentlich fielen die graugemischten Haare um die stolzen Schläfen, die stolze Stirn. Schwer zugänglich sprach er nur, wenn er ein Glas Wein getrunken hatte und dadurch animirt war; – nur wenn Kanne zu ihm trat, flog ein Strahl von Heiterkeit über sein Gesicht. Es ist wohl nicht nöthig, der dreisten Erfindung Jules Janin's zu widersprechen, der ihn hungern läßt und mit einer Portion Kalbsbraten zu Thränen und Mittheilungen rührt. Diesem muntern Füllen kommt es auf eine Frivolität mehr nicht an, wenn sie auch das Historische betrifft, und hoffentlich sind die Franzosen klug genug, sich an seinen geistreichen Wendungen zu ergötzen, seinen geschichtlichen Daten aber kein Gedächtniß zu leihen. 155 Kanne und Beethoven gehörten zusammen. Kanne's Haar war noch struppiger und wilder; sein knochiges Antlitz noch härter, seine Gestalt noch breiter, klobiger. Aber er hatte dieselben großen, grauen Augen. Ein Atlas von Gelehrsamkeit lief in seinem schmutzigen, grünen Flauschrocke umher. Ich glaube, am bekanntesten ist er durch seine Studien über Sittengeschichte; seine Studien über Musik waren aber vielleicht das Größte und Originellste, was er producirt hatte, und sie sind uns verloren; er hat sie zerrissen. Dissolut, unordentlich wie er war, machte er nie etwas fertig, hatte niemals Geld. Die ersten Bände seiner »Aesthetik der Musik« sind fertig, er bietet das Manuskript dem Musikalienhändler Steiner an, und verlangt Honorar dafür. Steiner weiß, daß er Alles liegen läßt, und verlangt erst die Vollendung des Werkes, dann werde es ihm willkommen sein. Erzürnt verläßt ihn Kanne, geht heim in seine schmutzige, jämmerliche Wohnung, und zerstört das unersetzliche Manuskript. 156 So sind wir um ein wahrscheinlich vortreffliches Buch gekommen. – Kanne war ein heftiger, halsstarriger Mann mit den wunderlichsten Eigenheiten. Wehe dem, der ihn auf der Straße von hinten ansprach: »Guten Tag, lieber Kanne!« und mit der Hand auf seine Schulter klopfte. – »Bandit infamer!« schrie Kanne, und hob seinen großen Stock in die Höhe, »ich dulde es nicht, daß mich Jemand von hinten anfällt, hol' Sie der Teufel!« Es mochte ein noch so wackerer Genosse sein, es erging ihm sicherlich immer so. Ich erinnere mich nicht deutlich, ob es Kanne oder Werner war, welcher das Waschen für ein Vorurtheil erklärte; jedenfalls war Kanne diesem Grundsatze nicht ganz fremd; er war ein Nomade, der zufällig in dem Kreise vom Prater bis zur Wieden, von der Wieden bis zur Josephsstadt oder Landwehr sich bewegte. Er arbeitete auch nur auf der Straße; an seinem großen Stocke war eine Vorrichtung getroffen, daß er eine kleine Schreibtafel darauf etabliren konnte; 157 fiel ihm nun etwas ein, so stieß er ihn in die Erde, wo er eben war, – gewöhnlich im Prater, – und fing an zu schreiben, Noten, Verse, Gedanken, wie es kam. Wehe dem, der ihm über die Schultern gucken wollte, er knurrte ihn an, schüttelte seine verworrene Mähne wie ein zorniger Löwe. Eben so wunderlich ist er auch gestorben. Man wollte nach einem Arzte schicken, als er sich nicht mehr vom Lager erheben konnte, aber in altem, ungeschwächtem Zorne fuhr er in die Höhe, als er das vernahm, und rief: »Ich werfe den Quacksalber, den Ihr mir bringt, kopfüber die Treppe hinunter.« Als man sah, daß es völlig zu Ende ging, wollte man nach einem Geistlichen senden. Dieselbe energische Erklärung. Und so verschied er grollend. Es muß ein tragischer Anblick gewesen sein, diese beiden unglücklichen Titanen, welche einander liebten, durch das Burgthor wandern zu sehen, stumm 158 nebeneinander, denn Beethoven hörte im Geräusch der Straße nichts, und Kanne führte Niemand am Arme, auch seinen Freund nicht. Unerklärlich ist es, daß Kanne aus Leipzig stammte, aus einer so manierlichen, artigen Stadt. 159     Die Donauberge. Herr von Kurländer fragte mich eines Tages, ob ich schon in der wienerischen Schweiz gewesen sei, und schlug mir den nächsten Sonntag dazu vor. Für solch' eine kleine Lustpartie über Land, wo man nicht gerade Ackersleute finden kann, ist der Sonntag am besten. Die Leute streichen dann nicht beladen, keuchend, gebeugt von des Tages Last und Hitze an uns Müssiggängern vorüber, sie sind geputzt und lustbeflissen. An Wochentagen versöhnt nur der Ackermann mit dem schweren Geschicke, im Schweiß des Angesichts keuchen zu müssen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Das Pflügen und Säen ist ein schönes poetisches Geschäft, man verkehrt mit den verschlossenen Gedanken der Erde; 160 ihr innerster Athem geht uns auf, das Anvertrauen des Saamens erzeugt eine so schöne Unmittelbarkeit mit ihr, und eine so trauliche Unmittelbarkeit mit Gott. Der Ackersmann ist für mich die religiöseste Person; er verkehrt mit Gott in ächter That. – Herr von Kurländer lächelte dazu, und führte mich in's weiße Zimmerchen, um mir neu bearbeitete Lustspiele zu zeigen. Er ist nämlich der bekannte Herausgeber des dramatischen Almanachs, und das weiße Zimmerchen ist ein glattes, scharmantes Ding mit glänzenden weißgrauen Wänden und Meubeln, ganz ein Zimmerchen, um Lustspiele zu schreiben. Ich bin nämlich immer sehr für Umgebungen, und gestatte jedem Aeußerlichen eine Einwirkung auf den Geist, weil ich den Geist zuweilen für einen zusammengesetzten Mechanismus ansehe mit unerklärten Stahlfedern des Himmels. So würde ich nicht begreifen, wie Grillparzer seine dunkeln Poesieen in Kurländers lichtem Boudoir empfangen könnte, wie ein moderner Schriftsteller in einem 161 Zimmer ohne Sonnenblicke, an einem Tische, wo Alles kreuzweis durcheinander liegt, auf einem Papiere arbeiten kann, das nicht glatt und schön die Feder behaglich schaukelt. Nicht bloß das Herz, auch der Geist hat seine Illusionen, oder richtiger: Geist und Herz sind ein wirkliches Ehepaar, man kann dem Einen nichts anthun, ohne das Andere mit zu treffen. – Herr von Kurländer ist ein Garçon von dem Alter, wo die Pferde keine jungen Zähne mehr haben, er ist ein Wiener Kavalier, hat einen komfortablen, zierlichen Salon, wo artig musicirt, deklamirt und konservirt wird, und wo man nicht selten den Fürsten Metternich selber findet, – giebt es für solchen Garçon eine passendere Beschäftigung, als französische Lustspiele für's Burgtheater zu bearbeiten? Der munteren Caroline Müller, der romantischen Peche hat er dann Visiten zu machen wegen der oder jener Scene, ob blaues Band oder rosenfarbenes an der Haube besser stehen würde, und wie kurz oder wie lang das Schürzchen werden müsse. Es ist uns 162 rastlosen, weit kreisenden Gesellen des jungen Schriftthums überaus heilsam, zuweilen mir solch' einem Garçon im weißen Zimmerchen zusammen zu kommen, das kleine Interesse zu sehen, an einem Gärtnerburschen oder podagristischen Alten des Lustspiels, was solcher Schriftsteller Tage lang absorbirt, die schüchterne, gesellige Rücksicht einmal wieder zu finden, mit welcher er über einen Schriftsteller derselben Stadt spricht, mit »vielleicht« und »dürfte« unser dreistes Urtheilen in den Zug bringt, und uns versichert, just so denke er auch. Die freundlichen Gemächer und das freundliche Wesen Herrn von Kurländers haben mir den besten Eindruck gemacht, und ich befolgte gleich am nächsten Sonntage seinen Rath, die wienerische Schweiz zu besuchen. Es hatten sich einige Wiener zu mir gesellt, und am frischen, dampfenden Morgen strichen wir über die Bastion hinaus nach dem äußeren Thore. Dort harren die Linienschiffe der Passagiere. – Die Douane bei'm Eingange in die Stadt wird nämlich 163 die Linie genannt, und mit Tabak und Politik passiren sie nicht Alle gefahrlos; die Linienschiffe selbst heißen aber auch im gewöhnlichen edlen wienerischen »Zeiselwagen,« und können allen Hvpochondristen empfohlen werden. Keine ausländische Feder hindert den nationalen Stoß auf's Gangliensystem, meine Leber war umgewendet, als wir das nächste Dorf erreichten. Aber Dornbach, dieß Dörfchen, ist so nahe, und die Linienschiffe haben so trefflichen Wind, daß ich keine Zeit zu Betrachtungen gewonnen hatte, und mich in's Theater versetzt glaubte. Denn wie man eine Hand umkehrt, war ich in's Gebirge versetzt, bergauf, bergab zwischen den Landhäusern der Wiener ging der Weg dahin; vor einer Viertelstunde etwa war ich noch in der breiten ebenen Hauptstadt gewesen, jetzt war keine Spur davon zu erblicken, durch einsamen, romantischen Bergwald zogen wir singend und lachend. Die Sonne spielte mit uns durch die Baumzweige; es war die alte zutrauliche Sonne des Landlebens, wie ich sie kannte aus früher Jugend; denn 164 in der Stadt ist sie vornehmer, macht Komplimente um Dächer und Ecken, ist ernsthafter und älter. Die Wiener erzählten Witze vom Staberl, von den Ungarn, vom Kaiser und wieder vom Theater; – überall erschien der Kaiser; man glaubt es nicht, wenn man sich die einfache, harmlose Persönlichkeit dieses Herrn in's Gedächtniß ruft, daß er eine so wichtige Figur habe sein können im Unterhaltungsleben. Er war aber wirklich auch darin der Mittelpunkt in Wien. Damals, wo ich mit den Wienern in einem stillen Schweizerhause auf dem Waldberge saß, und zum frugalen Frühstücke ihre Erzählungen anhörte, damals lebte er noch, und hatte seine letzte Reise nach Böhmen angetreten, Franz der Erste. Die Jugend unserer Zeit verwirft die Pietät, und will keine Illusionen gestatten, sie findet eine Armuth darin, alles Interesse an eine einzelne Person zu verwenden, sie mag den Staat nicht als Familie statuiren, – wenn man sich aber in diesem letzteren Gedanken einheimisch machen kann, so wird 165 man jener warmen österreichischen Behaglichkeit theilhaftig, begreift, empfindet die Sympathieen dieses Volks, tritt mitten in ihr Verhältniß zum Kaiser. Dann findet man es nicht mehr auffallend, daß ihnen das Wort »Kaiser« eben so viel bedeutet, als einst den Franzosen der Name l'empereur , ja daß sie am Ende für Franz den Ersten größerer Opfer fähig waren, als die Franzosen für Napoleon, obwohl jener kein Held der Geschichte war; denn die Familienliebe kittet fester als der Ruhm. In diesem, als einem Berauschenden, aus dem Gewöhnlichen Heraustretenden liegt schon deshalb ein flüchtigeres, vorübergehendes Element, er reizt mehr zu Außerordentlichem, als daß er zu Dauerndem festigte. Daß ist zu erwägen, wenn man Oesterreich's Zustände betrachtet, und das ward von meinen damaligen Gefährten wohl empfunden. Kaiser Franz ist mit den Wienern aufgewachsen, er hat in ihren Sitten gelebt und gewebt, er hat die ungeheuerste Zeit mit ihnen durchgemacht, ist der letzte deutsche Kaiser gewesen, er ist mitten unter den Wienern 166 einhergegangen, allen Unterthanen immer zugänglich, ein Familienvater gewesen ganz und gar. Dazu war er unbefangen, und darin ruht ein unschätzbares Gut des Herrschers. Wenn ihnen Alles fehl geht, wenn sie Unrecht zu leiden glauben, so bleibt ihrer Hoffnung in Oesterreich und Preußen immer noch der Kaiser und König und der gerechte Sinn beider, auf welchen sie unwandelbar vertrauen. Dieß Alles darf keinen Augenblick vergessen werden, wenn man den monarchischen Sympathieen dieser Völker begegnet. In den Ausdrücken: »ich gehe an den Kaiser, ich gehe an den König« liegt eine unendlich breite Basis dieses Staatslebens und dieser Volkswünsche. Einer unsrer Gefährten war vor zwei Jahren, Anno 31, bei unsrer Schweizerhütte dem Herzoge von Reichstadt begegnet, und auch dieß führte sie wieder auf den Kaiser. Im Gegentheile zu den thörichten Gerichten von der schlimmen Stellung dieses Prinzen zum österreichischen Hofe wissen 167 nämlich die Wiener eine Menge interessanter Geschichten, wie Napoleons Sohn geliebt worden sei, namentlich vom Kaiser selbst. Er hat Stunden lang mit ihm gespielt, ihm bleierne Soldaten und Trommeln gekauft, und herzlich gelacht, wenn ihn der kleine Napoleon mit unablässigem Trommeln zur Thüre hinaus genöthigt hat. Als der Enkelsohn größer geworden ist, da haben die schönen Mädchen ihm viel zu schaffen gemacht, und das Taschengeld hat nicht immer reichen wollen für die freigebigen Geschenke. Wenn er auch dem Großvater nichts weiter als den leeren Beutel gezeigt und das Uebrige verschwiegen haben mag, so weiß man doch, daß dieser ihm stets wieder ausgeholfen hat. Einigemale hat ihm der Kaiser eine ganz besondere Freude mit neuen Dukaten machen wollen, die erst aus der Münze gekommen und noch nicht in Umlauf gesetzt waren; der junge Napoleon aber hat sie ohne numismatische Bedenklichkeiten ausgegeben, und dadurch die größte Besorgniß und Untersuchung erregt, bis man zur schönen Dame, von der sie 168 ausgegangen waren, und zum leichtsinnigen Geber durchgedrungen ist. Die ältere Elsler soll lange Zeit Gegenstand seiner zärtlichen Neigung gewesen sein; übrigens waren alle Mädchen in ihn verliebt; der schlanke Kaisersohn, der kühnste Reiter mit dem schmalen, schönen Gesichte hat alle Wienerinnen an die Fenster gelockt, und ist unsäglich betrauert worden bei seinem frühen Tode. An der schmalen, lotharingischen Brust und jugendlichen Unbedachtsamkeit ist er gestorben, bei den Kapuzinern schläft er jetzt neben den Habsburgern, viele tausend Meilen weit vom Grabe seines gewaltigen Vaters, der auf der Welt nichts heißer liebte als ihn. Wunderbare Verhältnisse um diesen Reichstadt! Sohn eines Kaisers aus dem Stegreife und einer gebornen Kaiserstochter; aufwachsend unter denen, geliebt von denen, die seinen Vater gestürzt; sterbend in der Fremde, ohne Frankreich gesehen zu haben; begraben unter den legitimen Helden und Kaisern Deutschlands; eine schöne Leiche, die drei Jahre lang König von Rom gewesen. Als ob er 169 mit diesem vermoderten Namen den Todeskeim erhalten hätte! Und wie freundlich hat die Poesie dieß Haus Napoleons bedacht mit Lorbeer erst, dann mit Cypressen! Der verbannte Vater wagt keine zweifelhafte Flucht aus seiner Meereseinsamkeit, und bewahrt sich so die klassische Ruhe des Leidens; kein Kreuzer erhält die Möglichkeit, seines Falles Größe in der Donnerschlacht von Waterloo durch eine Gefangennehmung zu zersplittern, schweigsam erduldet der Titan die Niedrigkeiten eines gemeinen Engländers, schweigsam stirbt er mit einem Kusse auf seines Sohnes Bild. Und dieser Sohn wird nicht in Versuchung geführt, die Rolle eines Prätendenten zu übernehmen, der mit einigen Anhängern von Land zu Lande flüchten und auf Konspirationen hoffen muß, ein blühender, unbescholtener Jüngling stirbt er in der legitimen alten Kaiserburg, unberührt, unbefleckt von Politik – der letzte deutsche Kaiser mit schneeweißem Haar weint schmerzliche Thränen an seinem Sarge. 170 Als wir aufbrachen, um weiter hinein zu steigen in die Berge und Thäler, setzte der Erzähler noch hinzu: Sie wissen es da draußen gar nicht, wie sehr unser Kaiser dem Napoleon zugethan war, ich meine dem Vater, und was es sein Herz bedrängt hat, ihn stürzen zu helfen. 171     Es ist mir noch mit keiner Gegend so gegangen, wie mit diesen Bergen an der Donau: ich bin nämlich in Geschwätz und Sommerträumerei so gedankenlos durch die grünen Wälder gestrichen, daß mir nur ein einziger großer Blick davon im Gedächtniß geblieben ist. Die Vögel sangen aus Leibeskräften, die Gräser dufteten, der Tag, ein halb bedeckter, zärtlicher Sommertag, blinzelte so zufrieden an den sanften Berglehnen, die geputzten Leute, deren uns nur etwa zwei oder drei in dieser Dichtungseinsamkeit begegneten, gingen so still sonntäglich an uns vorüber, daß nichts mich wecken konnte aus dem Halbschlummer meines Geistes und Herzens. 172 Welcher Reiz einer großen Stadt liegt darin, binnen einer Stunde aus dem Tosen eines modernen Mittelpunktes in berauschende Bergeinsamkeit treten, sich sammeln zu können mit den ursprünglichsten, einfachsten Empfindungen und Gedanken, aus welchen der Gottheit Bild uns anblickt mit großen Kindesaugen. Der muntere Vogel mit dem arglosen schwarzen Auge auf dem nächsten Aste sieht uns die Jugend wieder in's Herz hinein, seine alte Melodie bringt alle die kleinen einfachen Lieder zurück, die wir gesungen haben mit der schwarzäugigen Nachbarstochter, wir werden wieder unschuldig und können wieder beten und naiv uns besprechen mit der ewig wechselnden, immer gleichen Ewigkeit Gottes. Da quellen Lieder von den Lippen, man weiß kaum, wie sie werden, man ahnt nur, was sie bedeuten, ihr innerstes Wort zieht wie ein Duft über sie hin, der sich nicht greifen läßt mit irdischen Händen: 173 Die Bäume rauschen, Es flüstert der Wind, Ich stehe lauschen, Bin wieder Kind. – Was werd' ich sehen: Der Himmel geht auf, Was wird geschehen: Der Berg steht auf. Von allen Seiten Tritt es mir nah', Gedanken schreiten, Die Welt ist da. In solchem Dämmer erreichte ich die Höhe eines langen Waldberges und eine dunkelgrüne Hügelfläche dehnte sich aus vor meinen Blicken, unbestimmt, ohne Abwechselung, wiegend und wogend über den dunklen Schein der Donau hinweg, die still in der Mitte lag, wie ein schweres Metall. Es war der wunderliche Anblick einer grünen Wüste, die unwiderstehlich lockte mit einem nie ergründeten, niemals berührten Leben. Das Auge legte sich voller Befriedigung in diese weite Einförmigkeit hinein. Auf der einen Seite wiesen sich meine Gefährten 174 einander die Berge in Ungarn, auf der andern die steirischen Alpen, mich fesselte nichts als die grüne Donauwüste, eine Landschaft, wie ich sie nie gesehen. Malt einen Adler oben in die Wolken dieses Bildes, und Jedermann wird es verstehen, daß ein großer Mann zwischen diesen Hügeln leben muß, der abgetreten ist vom Regieren der Welt, etwa Napoleon. Ich wollte, sein Sohn läge hier begraben. – – Wir stiegen mit einem sonndurchwirkten, feinen Staubregen die Berglehnen wieder abwärts nach Wien zu, und kamen in ein heimliches Thal, aus welchem alte Gemäuer mit verwitterten Stirnen uns entgegentraten. Ein verlassenes Karthäuserkloster stand vor uns. Wie viel Poesie liegt in einzelnen Klostergedanken, wie viel Poesie ist hinter den unbeugsamen Mauern verschrumpft und vermodert. Zufluchtsstätten sollten sie sein ohne Schwur und Gelübde, und wurden Kasernen. Der redseligste meiner Gefährten wußte lange zu erzählen von den klugen Karthäusern, die sich 175 dieß friedliche, abgeschiedene schöne Thal erwählt hatten, wie denn auch in der Ortswahl überall bekundet wurde, daß damals Geschmack und Bildung nur bei den Männern der Religion zu finden gewesen. Ich habe nur einzelne Striche seiner Rhapsodie behalten: Ein reicher Graf hat eine Tochter gehabt, die einen reichen Nachbar heirathen sollte. Sie war nicht allzu schön, aber sie war sehr gut, und hatte zwei große, blaue Augen, die wie eitel Trost und Freundschaft sprachen. Der Nachbar war ein roher Gesell und sie mochte ihn nicht. Den Tag vor der Hochzeit ritt sie mit ihrem jungen, blonden Vetter in den Wald hinaus, um einen Fuchs zu jagen; sie kam aber nicht wieder, denn sie liebte den blonden Vetter. Der alte Graf schickte wohl an die hundert Boten, es wußte aber keiner etwas zu sagen. So vergingen mehrere Jahre und der alte Graf starb im Kummer dahin; die nächsten Erben, die Tochter und der Vetter fehlten, das alte Schloß stand leer. Dieß dauerte indeß nur vierundzwanzig 176 Stunden, da erschien der blonde Vetter, und nahm Besitz davon. Man fragte ihn, wo er denn seine Muhme gelassen habe, die in den Wald mit ihm geritten sei, er sagte aber, die Muhme wäre ihm schon damals im Walde abhanden gekommen. Sein neues Regiment ging eine Zeitlang ungestört, da erschien eines Tages im Schloßhofe ein zerlumptes Mädchen, und der Anblick desselben erregte großen Lärm. Die Leute sagten nämlich, sie habe eine wunderbare Aehnlichkeit mit der verlornen Tochter des alten Herrn, freilich so blaß und zerlumpt sei jene nicht gewesen, auch habe sie nicht das Haar um den Kopf fliegen lassen. Des Herrn Grafen Tochter hatte wohl auch sanft und freundlich gelächelt, aber nicht immerwährend wie dieß zerlumpte Mädchen, sonst lachte sie gerade so wie jene, aber man müsse weinen über dieß Lächeln und die großen, blauen Augen, die da leuchteten wie der Mond am Tage, wenn die Sonne in schwarze Wolken eingepackt ist. 177 Der blonde Vetter erschrack sehr, als er das Mädchen sah, und befahl, ihr Kleider und Geld, Pferd und Begleiter zu geben, damit sie weiter ziehen könne, – sie lief hastig auf ihn los, und ehe er sich dessen erwehren konnte, küßte sie ihm die Hand. – Dreimal war sie neu ausgerüstet und fortgeschickt worden, dreimal kam sie in Lumpen wieder, und wo der Vetter ging und stand, da begleitete ihn jenes wunderbare Lächeln; – er verzehrte sich in Angst und Weh, Niemand begriff es, was dem reichen Herrn abgehen könne. – Eines Tages nahm er den Baumeister mit sich, und sie ritten in die Berge hinein, die nach der Donau zu liegen; in einem stillen, heimlichen Thale hielt er sein Roß an, und sagte leise vor sich hin: Hier war's, wo sie mir nicht mehr gefiel, wo ich sie verlassen habe. Meister Urban, sprach er dann, baut mir ein steinern Kloster an die Stelle, ein Kloster für Karthäuser, die nichts Unnützes sprechen, und niemal lachen oder lächeln. Das Lachen ist viel schrecklicher als das Weinen. 178 Das Kloster wuchs, der Vetter aber sank darin zusammen, und war in wenig Tagen ein alter Mann, ein zerbrochener Karthäusermönch, der den Tod im Herzen und auf den Lippen trug, aber nicht sterben konnte. Das zerlumpte Mädchen blieb auf seinem Schlosse und obwohl sie kein Zimmer betrat, und in der Halle schlief, die nach dem Walde sah, wurde sie doch wie die Herrin betrachtet. Als der Vetter in's Kloster gegangen war, verlor sich allmählig ihr Lächeln, und eines Morgens fand man sie todt, das Haupt stützte sich an einen Pfeiler, und das starre, blaue Auge sah nach dem Walde zu, in welchem das neue Kloster lag. Als der Vetter dieß erfuhr, starb er auch, und alle Welt hielt ihn für einen frommen Herrn, es war lange die Rede davon, ihn heilig zu sprechen. Von alle dem ist nichts übrig geblieben, selbst von den Klostersteinen wenig; im Wirthshause wird eine vortreffliche Mehlspeise gebacken, und die Wiener besuchen es wie einen Wallfahrtsort. 179 Es war auch nicht möglich, auf unserem Rückwege noch an die Geschichte zu denken: mehrere Stunden lang gingen wir im saftigen Thale dahin, es war ein ununterbrochener Garten, unter allen Bäumen kamen geputzte, spazirende Wiener zum Vorschein. Ueber Hadersdorf und Hütteldorf ging unser Pfad an Laudon's Denkmal vorüber, welchen man jetzt Loudon schreibt. Wem der siebenjährige Krieg nicht gegenwärtig ist, dieses energische Verstandesepos, der wird den Namen kennen aus dem rührenden Volksliede: »Feldmarschall Laudon ist da, da, da« – Er war der beste Reitergeneral unter Friedrichs Feinden, und dieser bewies immer einen großen Respekt vor dem raschen Talente desselben. Still ruht sein steinernes, lichtes Monument unter Bäumen, vielleicht wäre es für den ungarischen Reiter bezeichnender, wenn es mehr Bewegung ausdrückte – ein moderner, humoristischer Geschmack würde eine Pferdeweide darum her legen, auf welcher frische, südliche Rosse umhersprängen. Es fehlt nur an 180 Platz dazu; er ist todt der alte Degen, es stirbt Alles, die Wiener spaziren vorüber, und denken an Küssen, Essen und Trinken; man braucht wirklich ein sehr bornirtes oder ein sehr weites Herz, um etwas auf den Ruhm bei der Nachwelt zu geben. In Hütteldorf wimmelte es von Wagen und Leuten; man saß im Freien, sah die Wiener Straße hinab, lachte in Gottes goldner Sonne, und fand die Welt vortrefflich. Ich wollte noch in's Theater und bestieg allein den merkwürdigsten Zeiselwagen, der zu finden war. Dürr war der Kutscher, war das Pferd, war der Wagen, mein blanker Frack und meine blühende Weste nahmen sich höchst unpassend aus, ich mußte das Ansehen eines Flüchtlings haben, den der Feind auf einem Balle überrascht hatte, wie die Nachricht von der Schlacht bei Ligny Wellington zu Brüssel. Das wurde immer ärger, als ich in die Nähe von Schönbrunn kam mitten unter die strahlenden und blitzenden Equipagen des Adels, der sausend hin und zurückfuhr. 181 Wie ein Feenschloß lockte Schönbrunn auf der rechten Seite an der Berglehne, dieß Absteigequartier Napoleons, wenn er mit Oesterreich Krieg führte. Entschlossen kommandirte ich meinen Zeiselkutscher mitten hinein unter die glänzenden Equipagen der Kavaliere. Kavalier ist bekanntlich der technische Ausdruck in Oesterreich; vielleicht stammt er noch aus der spanischen Zeit, aus den Tagen der Caballeros. Mein Zeisel flatterte unsicher wie ein Spatz unter edlem Geflügel umher, und wäre ich mir nicht eines stockfremden Gesichts bewußt gewesen, ich hätte mich sehr geschämt. War es Schönheits-, war es Schamgefühl? Ist es eine Schwäche, für solchen Cynismus unbrauchbar zu seyn; ich habe sie: diese unpassenden Gegensätze, mein Frack, der Zeisel und die Kavaliere peinigten mich, und ich hatte keine Ruhe, die schönen, vorüberfliegenden adlichen Damen zu betrachten, am wenigsten für diesen Behuf die Lorgnette herauszunehmen. Lorgnette und Zeisel waren nicht mehr unpassend, sondern lächerlich; 182 Unglück selbst ist aber kein so großes Unglück als: lächerlich zu sein. Ich mußte aussteigen, um eine Illusion von Schönbrunn zu gewinnen. Zwei große goldene Adler sitzen auf dem schlanken Thore, und geben dem überaus schönen Lustschlosse so etwas vornehm Kaiserliches. Weiter weiß ich nichts zu beschreiben, ich hatte den Tag kein Gedächtniß, ich weiß nur noch, daß sich die verschiedenen stolzen Gebäude terrassenförmig aufstellten, und daß ganz oben auf der Höhe ein Pavillon mit vielen Fenstern golden brannte in der Abendsonne. In Schönbrunn auf dem großen Platze vor dem Schlosse war's, wo der junge Staps aus Thüringen Napoleon erstechen wollte und von Rapp verhaftet wurde. In den französischen Stücken, wo der deutsche Student zum Fortleben genöthigt wird, heißt er gewöhnlich Monsieur Burskenschaft , und trinkt sehr viel Bier. Reich und vornehm erscheint Wien dem Reisenden besonders, wenn er im Sommerabendscheine 183 unter den goldenen Adlern Schönbrunn's hindurch, neben den unzähligen Equipagen, in die breite Vorstadt fährt, direkt zur Burg, und dort im Theater Alles besetzt findet trotz des warmen Abends. Da weiß man nicht, wohin mit Menschen, Wohlstand und Vergnügen. 184     Ungarn. Es bleibt immer etwas sehr Mißliches, Allgemeinheiten über ein Volk oder Land zu sagen, mit einigen kurzen Gedankenformeln eine solche millionenfache Existenz zu definiren. Je bestimmter, ausschließlicher das Wort, desto größer ist der Irrthum, auch wenn das Wort von Wahrheit überfließt; so lange unser Wissen nicht um und um erfüllt ist, oder mit andern Worten, so lange wir Menschen bleiben, werden wir die Mannigfaltigkeit der Welt nicht in ein Urtheil zusammendrängen, es ist unser Geschick, immer auch gute Pflanzen mit dem Unkraute auszureißen. Dieß soll hierbei in Bezug auf das Vorhergehende eingeschaltet werden, und auch den folgenden 185 Strichen über Ungarn zu Gute kommen. Es ruft zugleich eine bereits oben erwähnte Lieblingsmeinung der Wiener zurück, und schattirt selbige, die Meinung nämlich, daß nur derjenige richtig über Oesterreich schreibe, der allen Oesterreichern gefalle; denn sie setzen voll guten Muthes voraus, daß nur das richtig sei, was äußerst gefällig erscheine. Es charakterisirt ihre nationale Eigenthümlichkeit, daß sie immer und ewig des einfachen Glaubens bleiben, eine Nationalität ließe sich portraitiren wie ein Baum. Mehr als eine Intuition kann und soll nicht gegeben werden. Als ich auf den Donaukahn stieg, um mich von den schnellen Strömungen dieses Flusses hinabtragen zu lassen in das sonnengelbe Land, da war mir's um nichts mehr und nichts minder, als um einen solchen Einblick zu thun; ich sah mich vorübergleiten an den stolzen Uferfestungen, sah unser Schifflein todesbedroht dahinpfeifen zwischen den engen Felswänden der südungarischen Donauthore, sah 186 mich hinabschwimmen auf dem wieder breit und ruhig gewordenen Strome in's schwarze Meer. Das ist mir nicht gelungen, und ich muß mit unvollständigeren Erfahrungsmitteln versuchen, eine Anschauung dieses Landes zu erschaffen. Die Geschichte eines Menschen erklärt sein Gesicht und umgekehrt – vielleicht führt uns der halbe Reim dieser Worte auf die Bemerkung, daß überhaupt alle Reime eine gegenseitige innere Beziehung und Verwandtschaft ausdrücken. Die ungarische Geschichte strotzt eben so von Kontrasten wie das Land heutigen Tages. Das Land wurde früher von Daciern, Jazygen, Pannoniern bewohnt. Wie überall hin, so kam auch an die Donau das Römervolk; ein grelles Bild jener Völker und Kriege gewähren besonders die Kämpfe an der Oberdonau. Marc Aurel lieferte einmal im Marcomannenkriege den Jazygen eine Schlacht auf dem gefrorenen Flusse, deren glücklicher Ausgang ihm 100,000 römische Gefangene zurückgab. – In einem früheren Kriege ließ er 187 zwei Löwen als Vorposten und Schreckmittel durch die Donau schwimmen – sie wurden als große Hunde todt geschlagen. – Dauernd wurde die Wildheit dieser Völker und Länder auch von den Römern nicht bezwungen, und als die Völkerwanderung losbrach, wurde Ungarn der eigentliche Markt, die Schenke dieser asiatischen Völkerschaften. Der Arm der Gothen reichte von hier aus südlich bis Byzanz und westlich bis Rom. Hier von Ungarn aus rüstete Attila seine ungeheueren Reiterzüge nach Gallien und Italien; hier hielt er seinen hölzernen Hofstaat, hierhin zog der Nibelungensiegfried; hier soff sich der garstige, charaktergewaltige Etzel in einer kühlen Nacht zu Tode. Es folgten die Longobarden, und als diese nach Oberitalien gingen, die Avaren. Von den Letzteren stammen die großen »Ringe,« die meilenweiten Erdfestungen, von denen jetzt noch Spuren, in welchen ganze Stämme wohnten und sich gegen die stolzen Franken vertheidigten. Im neunten Jahrhunderte kamen aus dem mittlern Asien, die eigentlichen Ungarn, nahmen das 188 Land in Besitz, und nannten es Magyar Ország. Diese Magyaren scheinen wie die Polen eine glänzende Heroenvölkerschaft in Asien gewesen zu sein – Gott weiß unter welchem Palmen- oder Zedernwalde ihre Zelte gestanden sind, die Historiker wissen's nicht – es ist ein schöner Menschenschlag von der cirkassischen Raçe. Man stößt noch auf hundert neue Volkszusätze in diesem Lande, aber noch heute ist der reine Magyar zu erkennen am dreisten asiatischen Blick, an der saftigen Gestalt. Auf den Grenzen siedelten sich nach und nach allerlei Völker an, die immer tiefer eingedrungen sind, und auf diese Weise ein beispielloses Gemisch hervorgebracht haben. Es kamen Slaven, Deutsche, Italiener, Kroaten, Bulgaren, Walachen. Vier Hauptstämme umfassen jetzt die meisten Spielarten, zuerst: wirkliche Ungarn, deren man ungefähr vierthalb Millionen annimmt. Unvermischte Exemplare giebt es freilich viel weniger, obwohl sich der Magyar immer als Herrn und Sultan gerirt, und nur den Magyar sich ebenbürtig gehalten hat. Der 189 Gute ist zu sehr den Leidenschaften unterworfen, um nicht über den Stamm hinaus zu lieben. Die sinnliche Liebe ist ihm so national, daß er bei'm Gastmahle, süßen Tokayers trunken, für den Gast keinen bessern Wunsch weiß als: Wünsch' ich Ihnen noch mit 80 Jahren eine kräftige Liebe zu schönem Mädchen! Der Magyar wohnt in der Ebene, er ist ein Reiter, das Gebirg ist ihm zuwider, die Stadt fremde, er sucht sie nur etwa, um mit »gutem Freunde« ein Glas zu trinken, und sich Zeitungen erzählen zu lassen. Zweitens: Slaven, die zahlreicher sind als die Ungarn, und in zahlreiche Nebenzweige sich zersplittern. Drittens: Deutsche, Sachsen und Schwaben genannt, Städtebewohner, im ganzen Reiche zu finden. Vor 900 Jahren hatten die Ungarn einen so gewaltigen und für uns unangenehmen Zug nach unsern Gegenden und Fleischtöpfen, daß wir sie 190 todtschlagen oder fortjagen mußten; seit neunhundert Jahren aber belohnen wir diese Zuneigung mit Einwanderungen in Ungarn, mit Unterwerfung und Beherrschung des Landes. Ein historisches Visitenverhältniß. Von den Deutschen werden die sogenannten »Schwaben« am Ersten Ungarn, oft schon in der zweiten Generation, nur die Schnurrbärte bleiben noch eine Zeitlang blond, und die Energie steigt noch nicht so schnell zu Pferde. Der vierte Hauptstamm, der Walachische, wohnt im Süden, und leitet seinen Ursprung direkt von den dacischen Römern her, seine Sprache ist noch halb lateinisch, und sie nennen sich selbst Rumunyi. Es ist ein tüchtiges, durch Sklaverei verdorbenes Volk. Zigeuner giebt es zu 30,000 zerstreut im Lande. Sie ziehen mit der Geige und ihrer verschmitzten Galanterie auf Hochzeiten umher und machen die Musikanten, Rathgeber und Wahrsager. – Was 191 hat man sich für Mühe gegeben, dieser Völkerschaft eine ursprüngliche Heimath zu suchen! Am Ende hat man's bei Egypten beruhen lassen, weil denn einmal das Dunkelbraune, Geheimnißvolle, Halbgarstige dort zu Hause ist. Der Franzose, der bekanntlich erst durch Napoleons Kriege Geographie gelernt hat, besitzt noch aus der früheren Zeit eine hübsche Abwechselung für die Zigeunerin: wenn nicht Egyptienne , so nennt er sie Bohémienne . Als ob Böhmen und Egypten so von einerlei Kaliber wären. Das europäische Heimatsland der Zigeuner anlangend, könnte er sie gewiß richtiger Hongarienne benennen; hier haben diese unmosaischen Juden ihr europäisches Absteigequartier. Unglücklich Volk! Es mag irgend ein verirrter Stamm seyn, der bei den letzten Zuckungen der Völkerwanderung hereingeschleudert worden ist in unsern Welttheil, den nomadischen Jugendtik, die bequemen Anschauungen über Eigenthum mag er nicht lassen, und so bleibt er mit dem schwarzbraunen Gesichte, den südlichen Ringen um die Kohlenbrand-Augen, mit 192 der wilden Geschmeidigkeit seiner Gliedmaaßen ein einsamer, geflohener Fremdling unter uns. So mannigfache Reste finden sich in diesem Ungarlande, das einer alten Speisekammer gleicht, in welcher von den großen Völkergelagen Allerlei übrig geblieben ist. Wir jammern mit Recht, eine ausgestoßene Klasse unter uns zu sehen, ein Geschlecht der Parias, die Juden; Ungarn hat deren vier: Juden, Zigeuner, Walachen und Ruthenen. Letztere sind ein verwahrlos'ter slavischer Stamm. – – Der Magyar ist von seiner Einwanderung an der Herr geblieben. Sein Herzog Stephan hat im Jahre 1000 das Land zum Königreiche arrondirt, Siebenbürgen, was bis dahin einem besonderen ungarischen Stammhaupte Juhutum gehörte, unterworfen. Sein tüchtiges Regiment hat den Namen Stephan geheiligt, und Mantel, Strümpfe und Schuhe von ihm sind noch heute Reichskleinodien. Ich kann nicht verbürgen, ob diese 193 Kleidungsstücke seit 800 Jahren ohne weiteres Zuthun konservirt sind, bekanntlich hatten ja aber alle Heiligen eine sehr dauerhafte Garderobe. Unter Ladislaus und Colomann ward Slavonien und Kroatien, endlich auch Dalmatien unterworfen, ja Servien und Bosnien, eine Zeitlang auch Galizien gehörten dazu, und in jene Zeit gingen die Rechtsansprüche auf die Grafschaft Zips zurück, welche Maria Theresia bei der Theilung Polens zum Vorschein brachte. Der geldbedürftige Kaiser Siegmund hatte 1412 die 16 Zipfer Städte an Polen verpfändet. Mit Andreas III. stirbt der Arradische Stamm aus, und von 1301 – 1526 werden Könige aus mehreren Häusern gewählt. Zu Anfang dieses Zeitraums sind die Ungarn sogar einmal Herrscher von Alexanders Reiche, von Macedonien; aber 1309 schwimmt der Türke durch den Hellespont, betritt Europa, und es beginnt die blutige Epoche der Türkenkriege, die Epoche der abgeschnittenen Ohren und abgeschlagenen Köpfe. 194 Ungarn's Größe bleibt indessen noch im Steigen, Ludwig I. wird 1370 auch König von Polen, und die ungarische Herrschaft geht also vom baltischen bis zum adriatischen Meere. Von da beginnen Theilungen, und nur Mathias I. vereinigt noch einmal Alles, und bringt das Reich auf den höchsten Gipfel der Blüthe. Unter ihm war die Moldau und Walachei, war Mähren, Schlesien, die Lausitz und ein großer Theil Oesterreichs den Ungarn mehr oder weniger unterthan, es hieß im 14ten und 15ten Jahrhunderte »das große Reich,« und umfaßte 12000 Quadratmeilen, so viel, wie das jetzige österreichische Kaiserthum. Mit Mathias Tode 1490 sank es zusammen. Der blutige Türkensieg bei Mohács 1526 knickte seine letzte Kraft, und von da an haus'te der Moslem 160 Jahre in größerer oder geringerer Ausdehnung. In keiner Nacht war man vor den türkischen Reiterschwärmen sicher, welche den Männern die Köpfe abschnitten, die Weiber raubten. Diese Periode hat sich mit noch 195 sichtbaren Fußtapfen dem Lande eingedrückt, wüste, verlassene Ebenen, das Fugitive, Wilde des Landmannes zeugt noch von der Türkenzeit. – Insurrektion, Losreißung Siebenbürgens, die Herrschaft Oesterreichs folgen einander. 196     Ich habe Ungarn das Land der Kontraste genannt, betrachten wir sein Aeußeres. Wenn man von meiner Heimath Schlesien, oder von Mähren hinein reis't, so geräth man in die rauhe Karpathennatur, der Boden ist steinig, und erweicht sich erst weiter südlich zu lehmiger Substanz. Die Luft ist kalt, die Vegetation äußerst spärlich, der arme slavische Bewohner bringt es kaum zu Haferbrod, vom Krivan, von der Komnitzer und Käsmarker Spitze dräut ein ewiger Schnee, tiefer in den Karpathen haus't noch der Bär. Kommt man dagegen von der Türkei herauf durch das Bannat, die sogenannte Militärgrenze, eine Mauer von 800,000 Menschen, so wandelt 197 man in der Gluth des Südens, mitten durch Reisfelder. Diese Militairgrenze ist eine Kriegskolonie gegen die Türken, von Laudon, oder wie man ihn modern schreibt, Loudon, angelegt, wenn ich mich recht erinnere. Die Bewohner lebten fortwährend im Lagerzustande, ein häusliches Kriegerleben; jetzt ist der Türke matt und zerbrochen, und die Büchsen rosten im Bannat. Neben den hohen Bergen des Nordostens und den Höhenzügen im Lande hat Ungarn zwei ungeheure Ebenen. Die eine, worin der Plattensee, umfaßt 1000 Quadratmeilen, die andere, weiter im Norden, 200. Das sind die Meere von Ungarn, so weit das Auge trägt, sieht man platte, ungestörte Fläche, kein Baum tritt in den Weg; aus Mangel an Holz muß trockner Mist gebrannt werden; denn Bäume anzupflanzen, ist unerhört, hat's doch weder der Vater, noch der Großvater gethan. 198 Dagegen findet man in anderen Theilen den schönen Eibenbaum, die so seltene, weiße Linde, dunkle, duftige Ahornwälder. Man findet Wälder, durch die man Tag und Nacht fährt, ohne einen Ausgang zu sehen, wie den Bakonyer Wald, der 12 Meilen lang und 2 bis 5 Meilen breit ist. Ein drittes Ungewöhnliches sind die endlosen Haiden, die nicht verwechselt werden dürfen mit den Ebenen und den Wäldern, Haiden von weißem, Augen tödtendem, Sandboden ohne Grashalm, die mehrere hundert Quadratmeilen des Landes bedecken. Dahin gehören die Ketskemeter Haide und große Strecken im Bannat. Als ob die alten Magyaren Wüsten aus Asien mitgebracht hätten. Hier und in den Ebenen begegnet es Einem noch oft, daß fern vom Horizonte sich in gleichmäßiger, schneller Langsamkeit etwas herbewegt, dem man gern ausweichen möchte: das ist der Wolf mit seinem steten Hunger und seinen immer bereiten Zähnen. Ein Viertes ist jene bewegliche, schwimmende Gegend zwischen der Wieselburger und Oedenburger 199 Gespannschaft, sechs Quadratmeilen groß, und der Hanság genannt. Aufgestautes Wasser aus dem Neusiedlersee hat ihn geschaffen, trügerisch wachsen auf dem nachgiebigen Moraste Erlen-, Birken- und Fichtenwäldchen, welche den Wanderer verlocken. Der Boden weicht unter den Füßen, und der Getäuschte sinkt in bodenlosen Schlamm. Umsonst sind bisher vereinzelte Bestrebungen gegen diese Moräste geblieben; während ich dieß schrieb, beginnt man wieder neue Versuche. Wenn auch nicht von dieser ärgsten Beschaffenheit, so finden sich doch außerdem noch gewaltige Moraststrecken vor; sie nehmen noch gegen 100 Quadratmeilen ein, auf welcher eine halbe Million Menschen wohnen könnte. Dazu kömmt die arge Hitze, welche ungestört in diesen Flächen ruht und glüht, die abscheulichsten Ausdünstungen erzeugt und von eiskalten Nächten abgelös't wird. Deßhalb heißen viele Theile von Ungarn noch heutiges Tags das Grab der Deutschen. 200 Hier sind wir bei einem sicheren Zeichen mangelhafter Kultur; – der Mensch erzieht auch rückwärts die Erde, Deutschland war zur Zeit des Drusus ein Waldsumpf ohne Ende. Und aller Vorzug, alle Ausbeute des Landes ist in Massen vorhanden: man producirt jährlich über 300,000 Zentner Tabak, der fünf Millionen Gulden bringt. – Die deutschen Raucher, an Varinas und Justus gewöhnt, mögen darüber nicht die Nase rümpfen, es ist ein feiner, origineller Tabak, dieser ungarische, und wenn man ihn eine Zeitlang nach österreichischer, ungarischer und türkischer Sitte aus kleinen irdenen Köpfen geraucht hat, dann will der stark gebeizte, gröber materielle Tabak unsers Geschmacks gar nicht mehr behagen; es ist in jener südlichen Rauchmethode mehr Duft, Aether und Geist. Ungarn – um in der Massenaufzählung fortzufahren – producirt neben Frankreich den meisten Wein der Welt, es führt an 100,000 Ochsen aus, es besitzt Heerden von Truthühnern, hat die 201 fischreichsten Flüße. Das Sprichwort sagt zum Beispiele von jenem mäandrisch gewundenen Flusse, der Theis: Der dritte Theil der Theis sind Fische. Auch Schwärme spanischer Fliegen finden sich zum Trost für Allopathen, Zahnschmerzen und Apotheker. Sogar Büffel giebt es noch, und wer zählt die Heerden Schweine, die in den Wäldern umherschnobbern! Ein weiß gewesenes Stück Zeug hat der Walache um die Glieder geschlagen, welcher mitten unter ihnen liegt, und ohne Traum schläft, oder ohne Gedanken mit ödem, fraglosem Blicke in den Himmel sieht; – er hat nichts zu hoffen auf der Welt, und Prügel zu fürchten, wenn eins seiner unreinlichen Thiere verunglückt. Die Schweine kommen aus dem Süden, wo sie wie Pilze aufwachsen; ich glaube, der Islam ist ihnen aus diätetischen Rücksichten auch nicht günstig, und spedirt sie wohlfeil zum Christenthume herüber. Ich wollte, wir thäten sie auch in den Bann, und ließen höchstens einige rohe Schinken gedeihen, denn sie haben ein grünes, unreifes Fleisch, was selbst 202 für die zehrende Nordluft noch zu dreist ist. Ein gebildeter Mensch muß kein Schweinfleisch essen; das wäre nun freilich vor der Hand ein Unglück für die Ungarn. Wahrlich, keines Landes äußere Gestalt wird solcherweise durch die Geschichte desselben erklärt, als Ungarn's, man sieht die Leidenschaften über das Antlitz laufen und die tiefen Furchen hinter sich zurück lassen. Ich will nur in wenigen Strichen das Historische dieses Landes weiter skizziren, und alle Steppen und Wüsten des Landes werden dem Leser erklärt sein; denn er wird nicht viel mehr sehen als Partei gegen Partei, Reiterhaufen gegen Reiterhaufen. Als Ludwig II. 1526 bei Mohács mit der ungarischen Blüthe in den Tod gesunken war, stand der Thron leer, das Reich offen. Jener gebührte nach dem Erbrechte dem Habsburger Ferdinand I., denn des gefallenen Ludwigs Gemahlin Anna war Ferdinands Schwester. Aber es müssen alte Sagen und Erinnerungen vom Wahlrechte der Nation in 203 den asiatischen Völkerschaften schlummern, diese Sagen und Erinnerungen haben die Polen vernichtet, die Ungarn zerbrochen. Mit den Habsburgern beginnen unter jenem Vorwande die Gegenkönige und Insurrektionen; gleich dem ersten, Ferdinand, tritt der dreiste Zápolya gegenüber, läßt sich krönen, und beginnt den Faktionskampf, welcher hundertundsechzig Jahre im Lande herumtobt. Am 3. Februar 1528 verließ Ferdinand Ofen, und 223 Jahre hindurch bis auf Maria Theresia herab sah kein habsburgischer König die Hauptstadt Ungarns wieder. Zwei Hauptmomente sind herauszuheben, wo Alles im Umsturze begraben zu werden schien: der erste ist Ferdinand's II. Regierungsantritt 1619. Der dreißigjährige Krieg war ausgebrochen, alle Staaten waren in Aufruhr und zum Theil, wie Böhmen und Mähren, völlig abgefallen, aus der Tiefe von Ungarn zog Bethlen Gabor herauf bis Preßburg, wenige Meilen von Wien; wo er zum Könige von Ungarn ausgerufen wurde. Aber der unbeugsame Charakter Ferdinands, den Bethlen eben 204 so fürchtete, wie Gustav Adolph, jener Charakter, aus welchem die Worte kamen: ich will lieber mit meiner Familie vor den Thüren betteln, mit Brod und Wasser ein elendes Leben fristen, oder unter Martern und Qualen es aushauchen, als eine der wahren Kirche von Ketzern zugefügte Beleidigung in meinen Staaten dulden; jener stahlfeste Charakter überdauerte alle Stöße, der gewaltige Bethlen starb, der unerfahrne Georg Rákóczy, welcher dessen Rolle aufnehmen wollte, ward zum Frieden getrieben. Aber auch Ferdinand starb; Lobkowitzens Eingriffe in die ungarischen Herkömmlichkeiten begannen, die große Verschwörung bildete sich, zu welcher selbst Weselényi, Nadasdy, Zrinyi, Franz Rakoczyi gehörten, und welche geradezu das Reich den Türken unterwerfen wollte. Sie wird entdeckt, unterdrückt, drei junge ungarische Magnaten werden von österreichischen Richtern zum Tode verurtheilt und zu Wien und Neustadt hingerichtet, die standschaftliche Verfassung wird für aufgehoben erklärt, und 205 es entstehen nun die ununterbrochenen Insurrektionen der sogenannten Kuruczen, unter denen sich die renommirtesten Familien, die Esterházy, Pálffy, Bathyányi befinden, an deren Spitze Teleky und Tököly treten. Ludwig XIV. und die Pforte unterstützen, der Krieg mit den Türken bricht aus, und Kara Mustapha dringt bis unter die Thore Wiens im Jahre 1683. Dieß ist jener zweite Hauptmoment, der Alles bedroht. Der Polenkönig Sobieski erscheint, der Türke wird zurückgeworfen; aber eine der schwersten Zeiten bricht für Ungarn herein, die Zeit der Denunciationen und Hinrichtungen unter Leopold I. Caraffa, genannt der Alba von Ungarn, zeigt Verschwörung über Verschwörung an, läßt zu Eperies ein stehendes Blutgerüst auf dem Markte aufschlagen, und nimmt dreißig Henkersknechte in Sold zum Köpfen, Rädern, Spießen und Viertheilen. Der unglückliche Kaiser wurde in steter Täuschung und Spannung über seine Völker erhalten, er war im Leben und 206 Tode das Opfer eines Systems, das wie ein Netz über ihn geworfen wurde. Bekanntlich suchte man ihn mit Wachskerzen zu vergiften, deren Dochte in Arsenik getränkt waren, und er war nicht einmal im Stande, den Ritter Borri, welcher es entdeckte, vor ewigem Gefängnisse in der Engelsburg zu retten. Nur einen Augenblick wurde es versucht, die Gräuelthat den Ungarn aufzubürden. – Der Ungar ist zu einfach für solche Kultur. – Prinz Eugen von Savoyen berichtet darüber, daß der Pater Prokurator der Jesuiten zu Wien die Lieferung der Wachskerzen besorgt habe. Leopold hatte um jene Zeit – er war im dreißigsten Jahre – keinen männlichen Leibeserben, das französische Kabinet Ludwig's XIV. wünschte einen solchen Successionskrieg 30 Jahre früher. Kurz vor Leopolds Tod entzündete sich der letzte und für das Haus Oesterreich gefährlichste Krieg mit Ungarn, dessen Hauptheld Franz Rákóczy II. war. Er wurde geschürt durch die tyrannischen Maaßregeln des Grafen Sigbert Heister, welchen 207 die Ungarn ihren letzten Peiniger nennen, zog sich durch die ganze Regierung Josephs I., eines überaus wackern und nach Versöhnung trachtenden Regenten, und konnte nicht beendigt werden, obwohl auch Rákóczy, voll Sehnsucht nach Frieden, ohne Ehrgeiz und ein ganz und gar edler Charakter war. So übermächtig werden die äußeren Umstände, wenn der innere Sanitätsverband einmal gelös't ist. Dieser Krieg stand mitunter für Oesterreich so bedenklich, daß der Kaiser in der Nähe von Wien nicht wagen konnte, auf die Jagd zu gehen, weil die Ungarn unter dem blinden Botyani und Ocskay bis an die Vorstädte Wiens streiften. Rákóczy, Herzog und Führer der Konföderation, konnte sich die ungarische Krone aufsetzen, man huldigte ihm als Fürsten von Siebenbürgen, man bietet ihm die polnische Krone an; aber er weis't Alles ab, dringt fortwährend auf Ausgleichung, und stirbt am Ende still und einsam in Beßarabien. Der Charakter dieses Insurrektionschefs darf nicht mit dem des ehrgeizigen Emerich Jökölyi verwechselt 208 werden, welcher nach viel unrühmlichen Schicksalen um jene Zeit in Kleinasien starb. Diese asiatischen Völkerschaften haben so viele Insurrektionschefs, wie Frankreich Marschälle oder Journalisten. Unter Karl III. vernichtete Johann Pálffy endlich die völlige Ausgleichung. 1715 wurde das stehende Heer eingeführt, und somit die Adelsinsurrektion gebrochen, da der Bauer jetzt Waffen erhält, und 1723 wurde die Verfassung modificirt; wie sie jetzt noch besteht. Mit dem Auftritt Marien Theresiens ist die alte stürmische Ungarnzeit zu Ende, die Bewaffnung zu ihrem Gunsten, als die schöne Frau den 11. September 1741 auf dem Reichstage erscheint, und den Beistand der Magnaten aufruft für den kleinen Joseph, den sie auf den Armen trägt, diese Bewaffnung war das letzte Aufflackern des ungrischen Adels. Von hier an datirt in Oesterreich der Begriff magyarischer Treue. – Der ungarische Adel ist nicht mehr in Masse zu Pferde gestiegen. 209 Aufgeregt wurde Ungarn noch einmal durch Josephs II. Jäh angekündigte Reformen, besonders dadurch, daß er die Reichskrone aus dem Preßburger Schlosse nach Wien fahren ließ und in alle Geschäfte die deutsche Sprache einzuführen befahl. Aber die Aufregung war nur ein Fieber, das zu keiner Krisis, zu keinem Ausbruche kam. 210     Széchenyi und Nagy. Wenn ich zu diesen beiden Namen noch die Ladislaus Pyrkers, Kisfaludi's, Himly's genannt, wenn ich des Reichskanzlers Reviczky gedacht, von den thätigsten Patrioten Georg Andrásy, Georg Karolyi, Bathyányi, Bezevédj, Csapó, Esterházy, Festetits, Keglevics, Somsich, Vay, Wesselényi namentlich aufgeführt, und als überaus erfahrenen, sanften, liebevollen Steuermann den Palatin, Erzherzog Joseph erwähnt habe, so steht das moderne Ungarn in seinen Hauptäußerungen vor uns. Es hat seine neuen Interessen, seine neuen Zustände, seine neue Politik, neue Poesie wie das übrige Europa, aber das Mißverständniß wird unlösbar, wenn man dies Alles so ohne Weiteres 211 mit gleichen Voraussetzungen und Folgerungen dem übrigen sogenannten Modernen parallelisiren will. Was wir veraltet, was wir neu, was wir Bestehendes, was wir Opposition nennen, das wirrt und kreuzt sich in Ungarn auf eine ganz andere Weise. – Jahrhunderte lang war die Opposition in Ungarn für das Alte, Unwandelbare, und Oesterreich trat als Repräsentant des Modernen auf, die Opposition focht für eine vergelbte, lateinische Freiheit oder Herrschaft, Oesterreich für zeitgemäßere Form. Daß Letzteres nicht irgend einem humanistischen Naturrechte zu Gefallen sich ereignete, sondern aus gesunden, dynastischen Interessen, versteht sich von selbst. Um so merkwürdiger ist die Erscheinung, um so interessanter die Ironie der Situation, daß diese Zustände ihren Höhepunkt erreichten unter Joseph, welcher nach raschen Herzenstheorieen den Staat organisiren wollte, ein Vorläufer der Constituante. Er ignorirte die ungarische Verfassung und Nationalität im Interesse der Freiheit und einseitiger Emancipation; aber das entsetzte die Ungarn 212 eben so. – Heutiges Tags sagt der Magyar über Joseph II.: Sein Dasein war drückend, sein Dagewesensein ist gut. Auch in Ungarn hat die französische Revolution moderne Interessen, Wünsche, Beziehungen geweckt, nicht plötzlich, nicht äußerlich. Eine gewöhnliche Parallele fand gar nicht statt: in Frankreich stand man gegen Adel und Geistlichkeit und gegen die hohen Steuern auf; in Ungarn war der Adel das Land, er und die Geistlichkeit zahlt keine Steuern, was nicht Adel ist, ist auch faktisch kein Moment des Landes. In Frankreich war ein verhaßter Hof, in der Burg zu Wien aber wohnte Kaiser Franz, den der Ungar besuchte und liebte, wie seinen Vater. Der Abt Martinovics mit einigen stiefellosen Edelleuten, wie man die pauvre Gentry in Ungarn nennt, traten zwar 1795 zu einer Verschwörung zusammen, aber das war eine vereinzelte Erscheinung, die erst dadurch wichtig wurde, daß man die gesetzlichen Formalitäten überging, und hierdurch 213 dem Tode dieser Menschen einige Theilnahme erweckte. Während der Franzosenkriege hielt Ungarn treu zu Oesterreich, Napoleon gestattete keine Zeit, über Konstitution und Operate zu verhandeln, die sogenannte Insurrektion des Adels, dieß ist das stehende Aufgebot, in welchem bis dahin aller Stolz und Trotz des Ungarns gelegen hatte, wurde in dem Getümmel ebenfalls über den Haufen geworfen: in der Schlacht bei Raab nämlich erlitt es eine schmähliche Niederlage. So wurden allmählig die wichtigsten, inneren Institute einzelnen Ungarn fraglich, die Konstitutionszeit Europa's vom Jahre 1815 an hatte wohl auch ihren Einfluß geäußert, kurz, auf dem Reichstage der Jahre 25 – 27 sehen wir eine moderne Opposition in Ungarn, an deren Spitze Paul Nagy und Graf Széchenyi stehen, welche die geschichtliche Nothwendigkeit nicht bevorzugt sehen will neben den Vernunftanforderungen des Zeitbedürfnisses. Nur die Weisheit des Palatin leitete den Ungestüm des 214 ersten Angriffes ab, und brachte eine erfreuliche Ausgleichung zu Stande. Hier findet sich nun einige Aehnlichkeit mit den Interessen unserer Staaten, aber auch von hier an ist ein Schematisiren noch immer sehr schwer, und die Reformen, welche auf dem Reichstage von 25 bis 27 beantragt wurden, und um welche sich noch der jetzige Reichstag bewegt, sind keineswegs ohne Weiteres der sonstigen Opposition in Europa an die Seite zu stellen. Die Hauptpunkte betreffen Folgendes: Ein Theil Dalmatiens und der dalmatinischen Inseln soll Ungarn einverleibt werden, eben so ein Grenzdistrikt Siebenbürgens; sogar Galizien und Lodomerien wird gleicher Weise beansprucht. Der Salzpreis soll verändert, die ungrische Hofkammer faktisch unabhängig gemacht werden von der kaiserlichen; die ungrische Sprache soll mehr begünstigt werden, ein Punkt, wo Oesterreich mit der größten Liberalität entgegenkommt. 215 Ferner: Die Verleihung der Fiskalgüter weniger dem Meistbietenden als dem Verdienteren zu gewähren, gegen anonyme Angeberei strenge Gesetze zu erlassen, vor Allem aber – und dieß ist ein Lebenspunkt – das Mauth- und Handelssystem auf strenge Reciprocität mit den übrigen Erbstaaten zu basiren. Die Ungarn wollen auch Schlagbäume gegen Oesterreich haben; es ist ihnen der Wahrheit gemäß erwidert worden, daß dieß mit dem Systeme der Monarchie nicht übereinstimme – monarchiae systemati haec non congruere – und dieß hiermit angeregte Verhältniß, was alles Bisherige in Frage und auf die Spitze stellt, erheischt die größte Umsicht und Billigkeit von beiden Theilen. Nur die exaltirten Ungarn verlangen übrigens eine unbeschränkte Handelsfreiheit, welche bei den sonstigen Zuständen für die übrigen Erbländer lebensgefährlich wäre, die besonnenen erklären bereits: Ungarn ist nicht mehr garçon , unsere politische Ehe mit den Erbstaaten ist in Sakrament. 216 Es ist zu verhoffen, daß sich Auswege öffnen werden. Paul Nagy gilt für den beredtesten Deputirten der Opposition. Der thätigste Ungar in Sachen moderner Industrie und sonstiger Anregungen ist seit mehreren Jahren der Graf Széchenyi, – sein ganzes Leben ist auf Erweckung von Nationalität, Thatkraft und Einigkeit unter den Ungarn gerichtet. Dieß versuchte er besonders durch Schriftstellerei: zum ersten Male ist durch ihn die ungarische Sprache zu Witz, Sarkasmus, geschmeidiger Prosa gebraucht worden; er ist als vorzüglichster Stifter der »sprachbildenden Gesellschaft« zu betrachten; für die Ausbildung der ungarischen Sprache hat er eine Stiftung von 60,000 Gulden Conventionsmünze gemacht, was zu irgend einer ungrischen Thätigkeit erweckt werden kann, das erweckt er, er ist jetzt das bewegende Element des Landes. Ein gewisses sanguinisches Zuviel ist oft bei ihm zu finden, er schreibt über juridische Gegenstände, 217 und gesteht, daß er darin Dilettant sei, er versichert bei jeder Gelegenheit: wenn Ihr dieß oder dieß thut, so werdet Ihr steinreich, sein Calcul ist nicht immer sehr streng, – aber er wirkt rastlos. Das Wettrennen, das Casino in Pesth, die Dampfschifffahrt auf der Donau sind von ihm gegründete Einrichtungen; er ist es, welcher den endlichen Bau einer stehenden Brücke bei Pesth betreibt, der jetzt mit Sprengung der Felsen beim schwarzen Thore beschäftigt ist. Das Gelingen dieser beiden Unternehmungen ist von unberechenbarer Folge: wegen Mangels jener Brücke ist die Kommunikation zwischen West- und Ostungarn im Wesentlichen oft Monate lang gehemmt, sobald der Winter die Existenz der Schiffbrücke nicht gestattet; Ofen und Pesth sehen sich über den breiten Strom wie getrennte Welttheile an, die Zahl derer, welche von Nothwendigkeit gedrängt, sich mit dem Kahne übersetzen lassen, und welche verunglücken, ist betrübend groß, und jene schwarzen Thore machten die Beschiffung der Donau bis ins schwarze Meer äußerst bedenklich. 218 Aus diesen geringen Andeutungen ist zu erkennen, von welcher unschätzbaren Wichtigkeit der Graf Széchenyi für sein Vaterland ist. Er hat in der Jugend mit Auszeichnung im kaiserlichen Heere gedient, und dann auf Reisen, besonders in England mannigfache Bildung erstrebt; – der Name Széchenyi ist übrigens alt in der ungrischen Geschichte durch Patriotismus und Opfer: der Primas Georg Széchenyi verwendete unter Leopold I. drei Millionen auf geistliche, literarische und militärische Stiftungen, sein Neffe Paul war Friedensvermittler mit Rákóczy, Franz, der Vater des jetzigen, ist der Stifter des ungrischen Museums, das er mit seiner unschätzbaren Bibliothek, Münzen und Antikensammlung dotirte; – wenn sich also der Adel einer Familie forterbt und äußert, dann ist allerdings wie hierbei zu sagen: der Name Széchenyi ist ein Kulturmoment des Landes. 219     Der ungrische Adel. Das eigentliche Ungarn ist ganz und gar von Adel: wenn der Reichstag also auf Reformen denken wollte, so mußte er dieses sein Hauptelement in's Auge fassen, sonst werden seine Bestrebungen Einzelnheiten bleiben wie in Polen. Dort hat man's versucht, und hier versucht man's, den Bauer anders zu stellen; mit dem Herrn aber muß begonnen werden. Ungarn wie Polen, Reitervölker aus Asien, rückten in leere Wohnsitze ein, jeder Reiter, der ein Pferd und ein Schwert hatte, war ein Herr. In dieser Weise besetzten die Magyaren Pannonien, nur der Magyar wurde Grundbesitzer; als man später Slaven, Deutsche, Kumanen, Walachen 220 aufnahm, so geschah dieß, weil man Arbeiter, Ausfüllung brauchte, wenn die Könige den Ankömmlingen Schenkungen machten, so wurden die Gäste nur dadurch frei, aber Herren, Adel blieben die Magyaren allein. Der reichste Mann, der nicht adelig ist, kann in Ungarn kein unbeweglich Eigenthum haben, das ganze Land ist für alle Zukunft nur dem Magyar gehörig. Selbst die freien Städte nehmen nur Antheil an der Staatsverwaltung, in so fern sie zur Aristokratie gehören. Der ungrische Adel zahlt keine Steuer für seinen Besitz, welcher gering angeschlagen, drei Viertheile des Landes beträgt; – um diese Exemption starr zu behaupten, läßt er sich indirekt besteuern, und das kostet ihm mehr, als wenn die Belastung direkt und gleichförmig geschähe. Er zerfällt in zwei sehr verschiedene Hälften: der große, reiche Adel besitzt Alles, die zehn reichsten Familien, zu denen die Esterházy, Bathyányi, und Pálffy gehören, haben den sechsten Theil des Landes eigen. Der unendlich zahlreiche kleine Adel 221 hat nichts, er wird bocskoros nemesség genannt, weil er sich zum Theil nicht einmal Stiefel anschaffen kann. Er entspricht den Slachtcritzen in Polen, bildet die magyarischen Lazzaronis, und war nur ein eigentlicher Bestandtheil des Staates, als die adelige Insurrektion noch bestand, und der Kern des Heeres in ihm lag. Jetzt muß der Bauer Soldat werden, und zwar auf Lebenszeit. Man erkennt, wie viel diese wenigen Sätze zu denken geben; – auch diejenige Ausschließlichkeit liegt darin, deren ich gedenken muß, wenn ich einzelne neuere Bestrebungen der Nation erwähne, die zum Theil schon im Vorübergehen genannt wurden. Dahin gehört die sprachbildende Gesellschaft, welche sich jetzt die gelehrte nennt, obwohl die literarischen Aeußerungen, welche sie befördert hat, noch sehr unbedeutend sind. Außer den Poeten Pyrker, Kisfaludi und Himly ist kaum Jemand zu nennen; sie haben aber in jenem ungrischen Eigendünkel, welcher durch das abgeschlossene Magyarthum so befördert wird, den Vater Adam zum Ungar, den alten Homer zum Slavaken gemacht, und sind so außerordentlich zufrieden mit ihrer anfänglichen Literatur, daß man kaum etwas für die Folge erwarten darf. Hoffen wir indessen auf die Unverwüstlichkeit der Bildungselemente, – gegen Ende des vorigen Jahres erschien ein Band Mittheilungen über Ungarn unter dem Titel » terra incognita «, herausgegeben von I. Orosz, welche mitten aus jenem Lande eine Stimme der Unbefangenheit und Bildung bekundeten, wie man sie nimmermehr hätte erwarten können. Ich habe sie zu der historischen Anschauung fast durchgängig als Führerin benutzt. Kultur ist eine Atmosphäre, die einzelne Wahrnehmungen täuscht, und oft auf das Unerwartetste überrascht.