August Friedrich Langbein 1757 – 1855 Der fahle Vatermörder Graf Eulenfels war reich an Gold, doch arm an Lebensfreuden, so wie der Uhu einsam grollt, sah man ihn Menschen meiden. Ihn nagt ein Wurm, der nimmer wich und doppelt hart ihn quälte, als seine Tochter Anna sich mit Junker Horst vermählte. Sein düstrer Blick verscheuchte ganz die Fröhlichkeit vom Feste, und seiner hundert Kerzen Glanz bestrahlte stumme Gäste. Ein fremder Ritter, Karl von Sturm, befand sich unter diesen. Ihm ward ein Zimmer noch am Turm des Schlosses angewiesen. Um Mitternacht entschlief er kaum im weichen Schwanenbette, da weckt ihn aus dem ersten Traum das Klirren einer Kette. Erschrocken rafft er sich empor, denkt, seine Sinne trügen; doch klirrt es stärker als zuvor und kommt herauf die Stiegen. Es tappt im Vorsaal her und hin, schleicht jetzt herein und rasselt am Bett vorüber zum Kamin, wo noch die Flamme prasselt. Hier bleibt`s und stöhnet schauerlich wie Ruf aus einem Grabe: »Huhu, wie lange, seit ich mich nicht mehr gewärmet habe!« Karl zog sich grausend an die Wand; dann schob er die Gardine des Betts zurück mit leiser Hand und blickte zum Kamine. Hier saß, des Todes Bild, ein Greis, mit Lumpen nur behangen; sein langer Bart floß silberweiß von leichenfahlen Wangen. Bald sah er irr und wirr umher, bald starr hin nach den Dielen; es schien, als wogt in ihm ein Meer von marternden Gefühlen. Denn wie zerrüttet im Gehirn rang er die Knochenhände und stieß verzweifelnd seine Stirn ans Mauerwerk der Wände. »Halt ein!« rief Karl, »wer du auch bist! halt ein! was ist dein Jammer, Lebst du noch wirklich, oder ist das Beinhaus deine Kammer?« – Der Greis schrak auf und schwankte hin ans Bette: »Fremdling, bebe nicht vor mir armen Mann! Ich bin kein böser Geist, ich lebe!« »Nun denn, Nachtwandler, beichte frei! Was drücken dich für Leiden? Ich helfe dir, bei Rittertreu! so du´s verdienst, mit Freuden.« – »Ja, Rittersmann ich will mein Leid Euch offenherzig klagen; doch sagt mir erst, was rollten heut durchs Schloß so viele Wagen? Ich konnt in meinem Felsennest vor dem Getös nicht schlafen; was gab´s?« – »Je nun, das Hochzeitsfest der Tochter von dem Grafen.« – »Des Grafen? Meiner Enkelin? O Gott! sei ihr Berater! Ihr glaubt, ich rase. Nein ich bin, ich bin – des Grafen Vater. Ja, Herr, ich sag es noch einmal: mein Sohn ist der verruchte Graf Eulenfels, den ich zur Qual des Abgrunds oft verfluchte. Es hat, der selt'ne Bösewicht, mit Ketten mich beladen, denn seiner Habsucht fraßen nicht mich früh genug die Maden. Der Unmensch! ach, er zeiget klar, da noch die Kinderstube der Schauplatz seiner Taten war, sich schon als böser Bube. Mit seinem Wuchs stieg Tritt auf Tritt die Bosheit. Jener machte zum Gipfel kaum den letzten Schritt, als sie ihn auch vollbrachte. Und diese schwarze Tat begann in seiner Brust zu kochen, als er einst einen Edelmann, des Vater seit vier Wochen begraben war, umgeben fand von Reichtum und Vasallen. Da fiel er von der Menschheit Rand dem Teufel in die Krallen. Er kam zurück, ging wie ein Bär herum und pries mit Brummen des Edelmanns Vasallenheer und die ererbten Summen. Dann warf er scheele Blick` auf mich, worin ich hell geschrieben den großen Wunsch las: wenn wir dich doch heute schon begrüben! So trieb er´s einen Monat lang, daß jedermann ihn scheute. Nun wird sein Plan zur Tat: es drang ein Trupp vermummter Leute bei Nacht in meinem Zimmer ein, riß nackt mich aus dem Bette und legte, taub bei meinem Schrein, im Turm mich an die Kette. Drei Tage saß ich schwermutsvoll; dann hört ich Glocken läuten und Totengsang. Das mochte wohl auf mein Begräbnis deuten. Vollführt war nun die Scheidewand, die von der Welt mich trennte. O daß ich Euch, was ich empfand, recht klar beschreiben könnte! Ich flehte hundertmal: laßt doch, eh meine Augen brechen, mich nur zwei Augenblicke noch mein Kind, den Grafen, sprechen! Doch ganz umsonst. Allmorgens bringt ein Stallknecht des Tyrannen mir Brot und Wasser, pfeift und singt und gehet kalt von dannen. Schon zwanzig Jahre hab ich hier im Burgverlies durchjammert. Mein Wärter hatte heut die Tür nicht fest genug verklammert; drum hab ich Euch in Angst gebracht. Der Hahn fängt an zu krähen. Schlaft ruhig, Ritter! Ich will sacht zurück nun wieder gehen.« Bewegt rief Karl: »Ihr armer Mann! wie schrecklich was ich hörte! Für Euch zu tun, was ich nur kann schwör ich bei meinem Schwerte! Kommt, eh die Ungeheuer hier vom Schlummer noch erwachen! kommt eilend fort, dann wollen wir das übrige schon machen!« – »Mein Ritter! Mir ist Einsamkeit, fern von den wilden Horden der Menschen, wie ein Alltagskleid nun lieb und wert geworden. Sie Stille meines Kerkers mag ich nicht um Lärm vertauschen; drum laßt mich gehn! Schon graut der Tag, man möcht uns hier belauschen!« – »Mag lauschen Mordlust und Verrat, Euch darf davor nicht grauen. Mein Schwert soll Euch gebahnten Pfad durch Eure Feinde hauen! Wollt Ihr in ew´ger Tränenflut hier Euer Leben enden? Nein, geht mit mir, und Gut und Blut will ich für Euch verspenden. Welch Zaudern, Graf! Verlanget Ihr, daß ich zur Hauptstadt jage und Euren Sohn, das Tigertier, beim Fürsten dort verklage?« – »Nein, braver Mann! Gewissensnot ist drückender als Ketten, und ach! von dieser kann kein Gott, geschweig` ein Fürst, mich retten. Seht Ihr das Blut dort an der Wand? dies Blut hier wo wir stehen? Und flöh ich an des Meeres Strand, so würd ich´s dort auch sehen! Dies Blut ist meines Vaters Blut, wird mich bei Gott verklagen. Hier hab ich, um sein Geld und Gut zu erben, ihn erschlagen! Die Stelle brennt wie Höllenglut – lebt wohl! – mögt für mich beten! O schaut Ihr dort den Mann voll Blut, der mir den Weg vertreten?« – »Hinab, hinab, erzürnter Geist, hinab in deine Höhle!« »Ich folge – Gott! mein Herz zerreißt – erbarm dich meiner Seele! –« Der Vatermörder fiel, um sich nie wieder zu erheben; denn um ihn stritten fürchterlich im Staube Tod und Leben. Entsetzen, kalt wie Eis ergoß sich durch des Ritters Glieder; er floh das grauenvolle Schloß sofort und sah´s nie wieder.