Hermann Löns Mein grünes Buch Jagdschilderungen Hinter der Findermeute »Sau tot« und »Jagd vorbei« bliesen die Hörner, die Pleßschen kurz und hart, die hannoverschen lang und weich. Ich stand unter der Kuppe des Hallermundkopfs auf dem Wege und sah hinab in das Tal, ließ mir den Sturm um die Ohren pfeifen und mir gelbe Blätter um die langen Stiefel wehen und freute mich an dem Geläut der Meute, an dem Hu Su! der Rüdemänner, wie ich mich vorhin gefreut hatte an dem Knall der Büchsen, am Brechen und Blasen der Sauen. Ich sah das Fangeisen blitzen in des Kaisers Hand, sah das Hauptschwein nach den Hunden schlagen und sah es zusammenbrechen. Da tauchte unter mir in den rotlaubigen Winterbuchen und den hohen gelben Schmielen ein grüner Rock auf, ein grüner Hut, dazwischen ein derbes, rotbäckiges, bartumrahmtes Gesicht, schweißglänzend; ein Lächeln zog in das Gesicht, eine vom Schweiß der Sauen gerötete schwere Hand fuhr grüßend an den grünen Hut und streckte sich dann meiner Rechten entgegen. Es war der Rüdemann. Wie er so dastand, das Rüdemannshorn und die kurze Wehr an der Seite, die lange Rüdemannspeitsche in der Linken, rotbespritzt bis an die Oberschenkel, rote Schweißstreifen und Schweißspritzer am grünen Rock, da dachte ich mir: Ob es nicht viel lehrreicher für dich ist, morgen bei der Meute zu bleiben, mitzustürmen durch Dorn und Dickung, als hinter den Ständen zu bleiben? Im Jagen ist's doch schöner als hinterm Jagen. Am andern Morgen, als die Meute zu Holz zog, zog ich mit in dem sonderbaren wilden Zug. Voran die beiden Rüdemänner, dahinter die Hundeführer in ihren verschossenen Joppen, in ihren verwetterten Hüten und ihren geflickten Hosen. Jeder führte an der Koppel zwei Hunde; einige der Männer trugen die Saufedern, deren scharfes Blatt Lederkappen verhüllten. Mit lautem Hals zog die buntscheckige Meute bergan. Wütend rissen die jagdlustigen Rüden an den Koppeln und zerrten die Führer berganwärts, dem Gersieck zu. Der Sturm in den hohen Buchen pfiff ein lustiges Jagdlied; der Hals der Meute dazwischen, die Zurufe der Führer, das klang nach alten Zeiten. Am Sammelplatz waren die Hunde nicht zu bändigen. Sie rissen an den Koppeln, gaben unaufhörlich Laut, und einstimmig fielen sie ein, als der Fürstengruß erklang; so arg machten sie es, daß die Rüdemänner ihnen ein Pfui Laut! nach dem anderen zuriefen und ihnen die Peitschenschnüre über den Rücken zogen. Da wurden sie etwas stiller. Aber dann, als der Kaiser und der Kronprinz und die übrige Jagdgesellschaft nach ihren Ständen gingen, da war es wieder aus mit der Ruhe der Meute. Als die Jagd angeblasen wurde, als die ersten Schüsse fielen, da nahm das Jiffjaff kein Ende, und immer wieder mußte die Peitsche pfeifen. In einer Berglehne, gelb von Schmielen, mit Tannen und Buchen bestanden, ging es hinein, im Sturmschritt, daß die grünen Zweige uns in die Augen schnellten und das Winterlaub der Buchenjugenden uns um die Ohren rauschte. Die Rüden in wilden Sätzen voran, die Führer an straffgezogenen Koppeln hinterher, daß die Braken brachen und die Äste knackten, Fallholz zerknasterte und Geknäk prasselte. Allen voran die Rüdemänner. Jetzt teilen sie sich in die Meute. Pfui Laut! ruft der eine immer wieder und läßt die Peitsche kreisen; die Hunde sind zu laut, sie übertönen mit ihrem Halsgeben die Hornsignale. Da vor uns bricht es in der Dickung. Hunde los! ruft der Rüdemann, und Hu Su, mit gellenden langgezogenem Kehlton, Hu Su, wahr too, min Hund, wahr too! Das lassen sich die scharfen Hunde nicht zweimal sagen. Wie ein Donnerwetter fegen sie dahin über Stock und Stein, durch Braken und Dornen, daß das Fallaub fliegt unter ihren Läufen. Drüben an der Lehne flüchten die Sauen, schwarze Klumpen in dem roten Fallaub. Ein kurzer Knall, ein blaues Wölkchen, und im Knall zeichnet eine, rollt zu Tal, daß ganze Laublawinen mitgehen. Aber diese, die zeichnet und stürmt weiter. Doch bei jeder Flucht wird sie kürzer, und jetzt schiebt sie sich hinter der Fahrstraße ein, Hu Su, wahr too, min Hund, wahr too! erklingt es. Der Keiler wird wieder hoch, schlägt zwei Hunde ab, flüchtet weiter, Schaum am Gebräch, hinter sich die Hunde. Der Rüdemann befiehlt: Mehr Hunde los! Noch zwei fahren auf den grimmen Bassen los, und noch einer und noch einer. Sie umkreisen mit giftigem Hals den Keiler. Der schiebt sich an einem Stuken ein und weist den Hunden das leuchtende Gewaff, sein wütendes Ruff, Ruff schnaubend. Immer wieder gehen die Hunde zum Angriff über mit wütendem Hals, immer wieder fährt der Kopf des Keilers von rechts nach links, jedesmal überpoltert sich dann ein Hund, heult vor Gift und fährt wieder zu. Jetzt benutzt der eine rote Hund den Augenblick, da der Keiler nach seinem Koppelgenossen schlägt, er hängt am Gehör des Keilers, jetzt auch der andere, nun alle vier, und da springt auch schon der Rüdemann zu, faßt des Keilers Hinterlauf mit der Linken, zieht mit der Rechten das Weidmesser und stößt es mit sicherer Hand hinter das Blatt der Sau, die wie vom Blitz getroffen zusammenbricht. Mit wütendem Gezerre kühlen die Hunde ihre Wut an dem verendeten Bassen; tot, tot! ruft ihnen der Rüdemann zu, da lassen sie ab, werden aufgekoppelt, und weiter geht die Hatz. Dort unten ist der übrige Teil der Meute an der Arbeit. Hechelnd und Hals gebend durchstöbern die Hunde die Dickung, die roten Zungen leuchten noch roter als die roten Mehlfäßchen und Hagebutten über ihnen, die Augen glänzen noch mehr als die blauglänzenden Schlehen um sie. Durch des Schwarzdorns stachelbewehrte Mauern fahren sie, hier ein schwarzer, struppiger Kobold, da ein schwarzweißer Terrier, dessen Preußenfarbe den roten Streifen bekam vom Schweiß der Sau. Nun hat er die Reichsfarben. Jetzt fährt der scharfe kleine Kerl mit Todesverachtung in das Gestrüpp, fährt zurück, heult vor Wut, faßt wieder zu, wird wieder abgeschlagen; jetzt bekommt er Hilfe, Hu Su, wahr too, min Hund! ertönt es, drei Rüden decken den Keiler, der Rüdemann springt zu, schlägt das rechte Bein über den Keiler und gibt ihm den Fang. Daß die Hose dabei einen langen Ratsch kriegt, das schadet nichts. Ein Signal ertönt. Langsam treiben! befiehlt es. Da können wir etwas verschnaufen. Das war eine wilde Jagd durch Stangenorte und Dickungen. Der Rüdemann setzt das uralte Signal: Meute zurück! Von allen Seiten rücken die Hundeführer an und koppeln die Hunde, auf und weiter geht's. Da stürzt ein Förster heran: Ein starker Keiler hat sich hier oben eingeschoben! Schnell dahin, Hunde los. Das war leichte Arbeit, der Keiler war sehr krank. Weiter geht die Suche. Ein neues Signal. Aufmunterung im Treiben! Wieder geht's los im Sturmschritt, daß die dürren Stengel der Weidenröschen knacken, daß die silberne Samenwolle nur so stäubt. Unter uns die Schüsse, hinter uns das Hu Su und Horüdho, vor uns das Geläute der gelösten Hunde, über uns das Pfeifen des Sturmes. Immer weiter, durch schnallende Weißdornzweige, die uns Runen in die Backen ritzen und Schrammen in die Hände, durch den Bergbach, daß Wasser und Schlamm spritzen, in den hohen Ort hinein, Rüdemänner, Jäger, Hundeführer, Meute. Da schlägt einer über den Stuken, hier springt einer in den Pump bis an die Knie; weiter, weiter, alle wollen da sein, wo zwei Rüden ein hauendes Schwein stellen. Gellend erklingen die Kehltöne des Hu Su und Horüdho, halb vom Sturm verschlungen, daß man nur das hohle uuu und das schrille rüüdho hört aus dem Gebrause der Äste, dem Stampfen der langen Stiefel, dem Brechen des Fallholzes, dem Hals der Hunde. Hier, rechts, da ist er. Die kleinen Lichter glühen, die weißen Haderer blinken, drohend klingt das Blasen, giftig das Wetzen, jeder Schlag wirft einen Hund in das Laub. Aber alle richten sich wieder auf und fallen den Keiler von neuem an. Jetzt decken sie ihn, und da ist auch schon der Rüdemann, die Wehr blitzt in seiner Faust, fährt zwischen die Hunde und kommt rot in die Scheide zurück. Jagd aus, Hahn in Ruh! schmettert vom Kaiserstand das Horn. Rechts und links wiederholt sich der Waldhornruf, und der Widerhall wirft ihn doppelt zurück aus dem Tale. Meute zurück! und Sammeln der Jäger! blasen die Hörner. Die Jagdgesellschaft besteigt die Jagdwagen. Wir warten, bis die Rüdemänner kommen. Sie blasen die Meute zurück, es fehlen noch einige Rüden. Endlich kommen die Rüdemänner, mit erhitzten Gesichtern, zerrissenen Händen, roten Schweiß am grünen Rock. Und nun geht's bergauf, bergab, so schnell die Pferde können, zum Hallerbruch, vorbei am Kaiserzelt, dessen bunte Standarte im Winde weht. Eine Pause zum Verschnaufen gibt es kaum. Hastig wird ein Stück Wurst hinabgedrückt, ein Schluck hinuntergespült, einige Züge aus der Zigarre machen den Schluß, und schon meldet das Horn, daß die Arbeit für die Meute wieder beginnt. Vorläufig geht's noch langsam, die Hundenasen in den Kniekehlen, durch das Holz. Aber schon zeigen sich Sauen, eine ganze Rotte stürmt dahin. Hunde loskoppeln, ruft es laut, Hu Su und Horüdho, und da jagt schon die Meute an den Sauen. Standort da links. Schnell dahin. Drei Hunde ziehen die Sau nieder. Schon sitzt ihr die Wehr hinter dem Blatt. Und hundert Gänge davon decken die Hunde wieder eine Sau, und wieder gibt es Arbeit für die Wehr. Der Sturm prügelt den Wald. Fallholz regnet, Fallaub tanzt in Kringeln. Das paßt zu dem Knall der Büchsen, zu dem wilden Anjuchen, zu den tollen Sätzen der Rüdemänner. Da unten soll neue Arbeit sein. Aber wo ist die Meute? Die Rüdemänner setzen die Hörner an die bärtigen Lippen und rüden die Hunde an, laut klingt ihr daher, daher! und jetzt stürmen die Hundeführer mit ihren Koppeln heran. Denn hier hat sich wieder eine Sau eingeschoben in den Dornbusch. Im Umsehen ist sie gedeckt und abgefangen. Wieder blasen die Hörner die Jagd ab. Zum Kaiserstand geht's. Da hat sich eine Sau in den Bach eingeschoben und schlägt die Hunde ab, daß es nur so dampft und spritzt. Das steile, schlüpfrige Bachufer steigt der Kaiser hinab. Die Feder ist hier schlecht anzuwenden, so macht der Kaiser die Wehr blank und gibt dem Keiler den Fang. Die Jagdgesellschaft besteigt die Wagen, wir aber ziehn mit der Meute durch den dämmernden Wald, durch diesen Wald, der so oft widergehallt hat vom Rüden der Hörner, vom Hals der Meute, vom Knall der Büchsen und in dem es still und stumm sein wird davon, bis das Jahr sich zweimal gewendet hat. Und sollte ich dann wieder im Saupark sein, so werde ich beide Tage mit der Meute gehen, meine Augen erfreuend an dem wilden Bild und meine Ohren an den wilden Tönen, die an längstverwehte Zeiten erinnern, an Tage, als nur mit Meute und Feder gejagt wurde auf das ritterliche Schwarzwild. Auf der Murke Ein goldener Märztag. Die Sonne sticht; Hummeln brummen in den Espenblüten, Fliegen surren um die Weidenschäfchen, der Hasel schwenkt gelbe Troddeln, weiße Märzglöckchen und blaue Leberblümchen leuchten aus dem Fallaube. Und alle Vögel singen, singen dem goldenen Tag ein Loblied. Das ist ein Tirilieren und Flöten, Pfeifen und Zwitschern, ein Jubel aus Hunderten von Kehlen, daß das Ohr erst langsam die einzelnen Stimmen herauskennt. Burrend schwirrt in der Schonung an der Kante ein Feldhuhnpaar auf, durch unsrer Tritte Rauschen im Gekose gestört, Lampe hoppelt eilig durch das Unterholz, vierzig Schritte weiter steht ein Reh auf und taucht im Gestrüpp unter, bei seinem Flüchten den weißen Spiegel blitzen lassend, mit hartem Flügelschlage klappert der Ringeltauber aus der knorrigen Eiche, und weiße kalkige Kleckse auf braunen Eichblättern am Boden sind die Visitenkarten von ihr, der unser Kommen gilt, von der Waldschnepfe. Unter der hohen Espe, die auf grünschillerndem Stamme daumendicke Kätzchenknospen trägt, nehme ich meinen Stand. Links und rechts zieht sich der schwarze Kohlenweg hin, gegenüber ist die grüne Schneise, eingefaßt von dichtblühenden Haselsträuchern. Hinter mir erheben schlanke, silberne Birken die dünnhaarigen Häupter, zaghaft im lauen Lüftchen sich wiegend. Es jauchzt, piept, pfeift und trillert überall. Das Flöten der Drossel, das Gekuller der Schwanzmeise, der Goldammer Lockton, der Kohlmeise Geklingel mischt sich mit dem Silberglöckchenliede des Rotkehlchens, dem scharfen Geschnarre des Zaunkönigs, dem Gelächter des Buntspechts. Alle übertönt ein seltsamer Kehlton: Quorr und Quurr klingt es von oben herab, eine Riesenkette von Riesenvögeln, wie eine ungeheure Eins geordnet, zieht hoch über den Forst, an hundertfünfzig Kraniche. Langsam entschwindet die Kolonne den Augen des Jägers. Dann naht ein Nachtrab, drei müde, marode, und dann ein dritter Zug, über zweihundert, eine Riesen-Eins auf den blauen Abendhimmel schreibend und mit rauhen Kehltönen das hundertstimmige Waldkonzert übertönend. In der Ferne verklingen die heiseren Laute, und neu setzt das Waldkonzert ein, um wieder übertönt zu werden von den Rufen eines vierten Kranichzuges, über hundert Stücke zählend, bis auch dieser vorüber und das Jubeln und Pfeifen wieder zur Geltung kommt. Blaß taucht der Mond aus zarten Wolken zur Linken auf, rot glüht es zur Rechten hinter dem Kronsberge. Mit breiten Schwingen streicht der Bussard heim, graue Motten taumeln aus dem Gesträuch, zarte Mücken tanzen zwischen gelben Haselkätzchen. Die Sonne verschwand hinter dem Hügel, Dämmerung verwischt die Umrisse des Unterholzes, Krähenflüge ziehen krächzend über die Kronen, Waldmäuse huschen über das braune Laub. Rätsch, ätsch! Der Eichelhäher warnt. Ein Spitzbube verrät den anderen. Meister Reineke schnürt da hinten über die Schneise, die Luntenspitze blitzt weiß. Ein Viertel vor sieben! Jetzt müssen sie kommen. Domms! Der erste Schuß, dumpf und weit. Gelber wird der Mond, schwärzer der Wald, kürzer werden die Schneisen und Wege für die Augen. Summsend quert ein dicker Mistkäfer den Weg, ein heller Stern blitzt am Himmel, unsichtbare Kranichzüge ziehen über den Forst mit lautem Rufe. Kommen sie nicht, die Schnepfen? Wollen sie erst gebeten sein? Es ist sieben Uhr, Zeit, daß sie da sind. Ich setze die Locke an die Lippen: Pfiwitt, pfiwitt schrillt es fein und durchdringend. Aber kein Murken und Pfeifen antwortet, nur einzelne Drosseln konzertieren, und die Amsel zetert im Unterholz. Mit gellendem, hohlem Uhu huhuhuhu in langen Pausen reviert der Waldkauz den Forst, wie ein Schatten über die Schneise schwebend, weit noch ein Schuß, Turmglockenklänge, ferner Gesang und Hundegebell vom Dorfe her, noch ein Schuß, aber keine Schnepfe. Ein Viertel nach sieben. Bald ist es zu spät. Etwas hilft der Mond, dessen Scheibe ein riesenhafter, die halbe Himmelshälfte umspannender bleicher Ring umgibt, mir noch, aber schwärzer wird Weg und Holz. Plötzlich fährt das Gewehr an die Backe: Ein schwarzer Schatten saust stumm hinter der hohen Eiche vorbei, der Flug und der lange Stecher künden, daß sie es ist, aber es ist viel zu weit, und sie zog stumm, wurde zu spät bemerkt. Noch ein Weilchen, dann strebe ich durch den stillen Wald der Chaussee zu. Am folgenden Nachmittage geht es wieder hinaus. Graue Schleier hüllen den Himmel ein, der Regen trommelt auf dem Wege. Ab und zu bricht die Sonne durch die Wolken, aber neue Schauer verjagen sie, bis plötzlich die Sonne Oberhand bekommt und die Wolken zu Paaren treibt. Mürrisch kauern sie sich am Horizonte zusammen und lauern auf die Nacht; dann ist die Sonne fort, dann kann es wieder losgehen mit dem nassen Spiel. Der Weg auf der Grabenkante, gestern ein Vergnügen, ist heute athletischer Sport. Kilogramme schweren Kleibodens kleben an den Sohlen, jeder Schritt muß ausprobiert werden, alle Augenblicke glitsche ich aus, bis ich die Geduld verliere, über den Graben springe und auf dem Fahrweg gehe, der heute einer frischen Falge ähnelt. Die dicke Grauammer, die auf dem schwarzen Schlehdorn ihren Stammplatz hat und gestern mit viel Gefühl und wenig Talent ihre blecherne Stimme erschallen ließ, hat heute gar keine Lust zum Singen – sie nennt es singen, die Lerche sagt, es sei Radau – und hockt stumpfsinnig auf ihrem Platze. Das Krähenpaar, das gestern um diese Zeit die Falge absuchte, hat heute auch keine Lust, seine elegante schwarze Chaussüre im nassen Kleiboden zu ruinieren, und sitzt oben auf der gelben Dieme. Das bißchen Wolle, das gestern die Häsin lassen mußte, als ihr Anbeter ihr etwas zu ungestüm den Hof machte, und das gestern so zart und flockig am Grashalme hing, sieht heute aus, als wäre es mit bester ungarischer Bartwichse gesalbt, die Fußwege im Holze sind Wasserstraßen geworden, und unter den Tritten spritzt das Wasser hoch empor. Die weiße Visitenkarte der Schnepfe ist vom Regen weggewischt, jedes Weidenkätzchen weint eine dicke Träne, weil es glaubt, nun werde es wieder Winter, und die gelben Haselkätzchen sehen grau und naß aus, wie Pelzboas, die aus Versehen mit in den Waschtubben gesteckt sind, und von den Hunderten von Motten, die gestern hier herumstoben, ist nur ein Exemplar zu sehen, das jedenfalls im Besitze wasserdichter Flügel ist. Die meisten Vögel sind nicht bei Stimme, sie sind das rauhe Wetter nicht gewöhnt, ihre Bronchien sind in Afrika verweichlicht, und nun hat die ganze Gesellschaft den Schnupfen. Reineke läßt sich nicht sehen, sein Freund Lampe auch nicht, sie wissen, daß Nässe dem Balge schadet. Ein Wind kommt, der die Tropfen von den Zweigen schüttelt und die Äste trocknet. Am Hügel steht eine Wolke, so massiv, als hätte sie ein ungeschickter Maler hingepinselt, und der Mond steckt ihr gegenüber sein rundes Gesicht durch eine weiße Wolke. Nach und nach beginnt hier und da eine Drossel zu probieren, ob sie auch durch den Schnupfen ihr Organ nicht verloren hat, aber die furchtbar weise Schwarzdrossel schlägt darüber solchen Lärm, daß die Sängerin schleunigst zu Bett geht, um zu schwitzen. Nur ein Goldammerhahn treibt sich auf dem Schlackenwege herum, wie es scheint aus reiner Eitelkeit, denn sein gelber Schlips sticht von den schwarzen Schlacken riesig effektvoll ab. Ich habe meinen alten Stand eingenommen. Wieder stehe ich an dem Kohlenwege und lasse die Augen umhergehen. Im Graben raschelt es. Ein Waldmäuschen kommt unter den Wurzeln eines dicken Eichenstuken hervor; da fällt von einem gelb blühenden Weidenschäfchen ihm ein dicker Wassertropfen auf die Nase, und ganz konsterniert über solche Gemeinheit verschwindet es in seiner Wohnung und schimpft, einmal übellaunig geworden, mit seiner Frau, weil sie schon wieder alte schimmelige Eicheln und ranzige Bucheckern auf den Tisch gebracht hat. Frau Maus bleibt ihrem Herrn Mäuserich die Antwort nicht schuldig, zumal sie Migräne hat, weil die Wohnung zu feucht ist. Schließlich kommt es sogar zur Balgerei; es sind eben gewöhnliche Leute. Ich höre das Gequieke und verstehe es, lange in die Joppentasche, breche ein Stück Butterbrot ab und werfe es unter die Baumwurzel. Da wird es ruhig da unten, und bald knabbern Mann und Frau einträchtig daran herum. Hoch in der Luft ziehen unsichtbare Kraniche. Ich höre, wie der Kranich an der Spitze mit seiner heiseren Stimme, die er sich durch das Barfußlaufen im Moor geholt hat, dem letzten zuruft: »Du, nun führe du, ich bin müde von der Schrittmacherei, und wir machen sonst einen schlechten Rekord!« – »Ich kann auch nicht«, ruft der letzte, »für einen so großen Distanzflug war ich doch noch nicht trainiert genug.« – »Na, dann will ich führen«, ruft ein dritter. Weißer Nebel kriecht über die Wege und Schneisen und legt sich fest auf den Boden. Die Eule jammert, daß sie nun die paar abgehärteten Mäuse, die sich bei der Nässe hinauswagen, auch nicht sehen könne. Seit gestern abend habe sie noch keinen warmen Mäuseschwanz im Halse gehabt. Wenn sie wenigstens schlafen könnte, aber sie hätte den ganzen Tag geschlafen. Ich stecke die Pfeife an. Das mißfällt einem alten Rehbock, dem der Rauch in seinen verschnupften Windfang zieht, und er skandaliert ganz mordsmäßig in der Dickung. Wieder wird es lebendig oben unter den Wolken. Wildgänse ziehen nordwärts. »Du«, ruft die erste zu einer anderen, »da unten steht ein Kerl mit einem Schießprügel!« Die versteht den Wink. Klacks! fällt etwas neben mich. Kommt noch keine? Na, denke ich, dann will ich meinem Nachbarn, der da hinten auf der Schneise an der Eiche steht, eine Freude machen. Ich nehme das Hornpfeifchen, das ich am Joppenknopfe hängen habe, an den Mund: Pfiwitt, pfiwitt. Sofort hebt der Nachbar das Gewehr. Ich lache in mich hinein, aber nicht lange. Da unten gibt es einen Feuerstrahl, dann einen Knall, dann Dampf, und dann schallt es durch die Stille: »Such' verloren, such' verloren. So, schön, mein Hund, such' verloren, mein Hund!« Da kommt auch schon etwas die Schneise entlang, langschnäbelig und murkend, aber ehe ich anbacke, macht es einen Bogen und verschwindet in einer Schluppe. Immer gelber wird der Mond zur Linken, immer schwärzer die Wolkenwand zur Rechten, immer finsterer Busch und Weg. Da! Moark, moark, klingt es rechts. Zwei Schatten folgen sich hinter den schlanken Birken, deutlich sehe ich die Umrisse, aber nur einen Augenblick. Weit weg dröhnt ein Schuß. Heute abend ist viel los. Wiwi, wi! Gerade auf mich zu kommt es, ein schwarzes Ding. Es ist schlecht schießen von vorn, aber was hilft's! Domms! vorbei. Alle Wetter! Während ich mich ausschimpfe, zieht murkend wieder eine über mich weg. Domms! Ja Fleitjepiepen! Ich hätte lieber aufpassen sollen, statt zu suchen. Konnte ich nicht warten, bis der andere mit dem Hund kam? Natürlich war sie schon zu weit, als ich anbackte. Loch in die Luft! Aber nun aufgepaßt, daß das nicht wieder vorkommt. Domms, geht unten in der Schneise ein Schuß. Tire haute! schallt es zu mir herauf. Der da unten hat vorbeigeknallt. Da kommt sie an mit reißendem Flug, ich hebe das Gewehr, sie eräugt mich, macht einen Haken und verschmitzt mit dem dunklen Buschwerk. Aber da in der Lücke ist sie wieder. Domms! Da poltert es zwischen den jungen Eichen. Nun schnell, sie ist geflügelt. Ein paar Sprünge, ein paar Fehlgriffe, dann faßt die Hand etwas Weiches, Warmes, Zappelndes, die erste. In der Krähenhütte Sonnenschein, blauer Himmel und stille Luft, das richtige Wetter für den Hüttker! Ein Tag, an dem das Federraubzeug zieht, auf Raub streichend und Horstplätze suchend. Heute muß es uns glücken; gestern aber, bei windigem Wetter und bewölktem Himmel, da war es eine langweilige Sitzerei in dem Erdloche auf der Kuppe des braunen heidwüchsigen Hügels, der vor dem Dorfe sich erhebt. Und doch wieder nicht langweilig, wenn auch nur vier von dem schwarzen Gesindel fielen und kein edler Räuber sich blicken ließ. Wer die Schrift zu deuten weiß in dem großen Buche der Natur, der langweilt sich nie, nicht bei erfolgloser Balz, bei zwecklosem Ansitz, bei ergebnislosem Enteneinfall, bei ohne Knall verstrichenem Schnepfenstrich. Zu dreien ziehen wir zu dem Bauernhause, in dem Hans, der Uhu, auf der Bodenkammer haust. Die Reste von Krähen und Hähern bedecken den Fußboden, Gewölle liegen in den Ecken, und schön weiß getüncht hat unser Hans die Dielen. Fauchend und schnabelknappend plustert er sich zu einem dicken Klumpen auf; ein geschickter Griff, und die Hand umspannt die furchtbar bewehrten Fänge. Bald sitzt er in dem Kasten, der mit Tragriemen versehen ist; und dann geht es zum Dorfe hinaus, in dessen Bäumen die Stare und Finken singen. Bald stehen wir auf dem Kamme des Hügels. Noch ein Rundblick auf Moor und Heide, auf des Steinhuder Meeres blitzenden, blauen Spiegel, ein Hinhorchen nach der Gegend, von wo Hahnenbalzen erklingt, nach dem Himmel, von dem Heidelerche und Feldlerche herabsingen, und dann wird Hans aus dem Kasten geholt mit schnellem Griff, und schnell schlingt sich die weiche Lederfessel der Leitung um seinen rechten Fang, ein Zuruf Auf! und der kluge Vogel hakt auf der mannshohen derben Jule auf, die fest in die Erde gerammt ist, schüttelt sich und macht es sich bequem. Eilig wird noch ein Porzellanring unten an die Krücke gebunden, durch den die Führung läuft, das aufgerollte Ende der letzteren in die Schießscharte geworfen, und dann geht es hinab in das geräumige, überdachte Erdloch. In der Hütte ist es recht behaglich. Über uns die dichte Heidplaggendecke, neben uns die weißen, glattgestochenen Sandwände, aus denen gelbe und blaue Feuersteinsplitter und weiße Kiesel hervorlugen, und vor uns die Schießscharten, mit Machangel verblendet. Bequem können wir von der Rasenbank den Uhu beobachten. Bald legt er die Federohren an, bald sträubt er sie; dann putzt er sein Gefieder, spreizt die mächtigen Schwingen, schüttelt sich und äugt umher. Jetzt reckt er den Dickkopf nach Westen und äugt scharf dorthin: er markiert. Da kommt es auch schon heran, das schwarze und graue Gesindel. Wütendes Krächzen ertönt, Schatten fallen auf den weißen Sand, ärgerlich knappt der Uhu und wackelt auf der Krücke hin und her. Arr, arr, errr, örrr, ertönt es heiser, und dicht an dem Nachtvogel vorbei stoßen die schwarzen Gesellen, einer, zwei, drei, wohl über zwanzig. Zwei Schüsse, noch zwei, einen Augenblick Schreckenspause, dann geht das Angstgekrächze los; Krah, krah. Vier Krähen liegen im Heidekraut, einige blocken auf dem kahlen, arg zerschossenen Fallbaum. Sie äugen verdutzt nach ihren verendeten Raubgenossen und denken, der Uhu auf der Stellung sei der Mörder gewesen. Noch ein Doppelschuß, das halbe Dutzend ist voll, und nun streicht die ganze Bande ab! Aber wo ist Hans? Auf der Krücke hakt er nicht mehr. Sehen wir nach. Da steht er am Boden und frühstückt; er hat sich eine Krähe gelangt und kröpft sie. Ein Ruck an der Führung, und, die Krähe in einem Fang, hakt er wieder auf. Fünf glänzend schwarze Räuber liegen zu unseren Füßen auf dem weißen Sande. Die scharfen Schnäbel mögen manchen Junghasen, manches Feldhuhn zerpflückt haben. Nun aber haben sie ihren Lohn. Doch deswegen sind wir nicht hierher gezogen; nach edleren Räubern gelüstet uns. Geduldig raucht jeder seine Pfeife. Jagdgeschichten werden erzählt. Doch aufgepaßt! Der Uhu markiert wieder scharf. Aarr, aarr, Nebelkrähen. Das sind die tollsten auf der Krähenhütte. Unaufhörlich lassen sie ihre schwarzen Schwingen sausen, hell leuchtet in der Sonne der graue Rumpf. Bumm, bumm, zwei liegen da, bumm, die dritte, und jetzt die vierte, bumm, vom Fallbaum herab. Aber nun heißt es Geduld haben, so bald werden jetzt wohl keine Krähen mehr kommen. Auch Hans scheint das zu glauben. Er legt die Federohren an, schließt die Augen und duselt. Doch ein Ruck an der Führung macht ihn wieder munter; schlafen kann er zu Hause genug! Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, spreizt er die Flügel, markiert ein wenig, wenn ängstlich pfeifend die Pieper über ihn fortstreichen, schärfer, wenn von fern ein Krähenschrei ertönt, und duselt wieder ein. Die Krähen wagen sich heute nicht mehr an den unheimlichen Ort. Noch eine Stunde wird verplaudert, aber nichts kommt mehr zum Schuß. Zwar belästigt ein Turmfalk, heftig hin und her stoßend, den Uhu ganz gewaltig, aber das nützliche Räuberchen hat von uns nichts zu befürchten. Auch ein Sperberweibchen streicht vorüber, nimmt aber von Hans gar keine Notiz. Wir warten noch eine halbe Stunde, doch vergeblich rucken wir den Uhu an, für heute morgen ist es aus.   Am Spätnachmittage geht es dann mit Hans hinaus ins Moor. Das Wetter hat sich gehalten; es ist recht warm. Unten im Moore haben wir Birkwild, Bekassinen, Enten und Kiebitze; hier raubt täglich gegen Abend der Hühnerhabicht, dicht über der Erde hinstreichend, um Büsche und Torfhaufen schwenkend und wie der Blitz die ahnungslose Ente, die furchtsame Birkhenne, den lustigen Kiebitz schlagend. Hier treiben sich auch Weihen herum, ja mitunter streicht sogar der Fischadler am Schwarzwasser, um laichende Hechte zu schlagen; auch der Schreiadler kommt hier ab und zu vor, und sogar der gewaltige Seeadler hat sich hier blicken lassen. Weit und breit dehnt sich das düstere Moor aus, durchzogen von nassen Torfdämmen, durchlöchert von Torfstichen, zerschnitten von Gräben, in denen schleimiger Froschlaich in Klumpen liegt und Wasserspitzmäuse tauchend jagen. Aus den fahlen Bülten schauen die gelben Kätzchen des Wollgrases hervor, die sich später in weißseidene Fähnchen verwandeln, hier und da sprießt junges Gras; sonst liegt das Moor noch tot und öde da. Aber über uns dudeln die Heidelerchen, überall schmettert der Pieper, singt die Ammer, und vom Forste klingt das Gelächter des Schwarzspechtes und des Markwarts Nachäfferei. Bei einer großen Torfkuhle, in der gern Enten liegen, steht die Hütte, aus Fuhrenstangen gezimmert, mit Wacholder verblendet, versehen mit einer schmalen Bank. Ringsumher ist der Boden besät mit Patronenhülsen; manch Krummschnabel ist hier im Dampf auf den braunen Torf gefallen. Daran scheint auch Hans sich zu erinnern. Aufmerksam äugt er in die Runde. Die Sonne ist im Sinken. Einzeln erschallt schon das Meckern und Locken der Bekassinen, von den Wiesen her das Balzen zweier Hähne. Mit der Habichtslocke wird gereizt; ein katzenähnlicher Laut ertönt. Jäh fährt der Uhu empor, den vermeintlichen Feind erwartend. Aber es kommt keiner. Nur ein Häher flattert vorbei, rätscht laut und verschwindet. Er kann leben, wir warten ja auf den Habicht. Die Sonne sinkt tiefer. Schon melden sich die Bekassinen häufiger, auch ein Kiebitzruf klingt von den Wiesen her. Wir reizen wieder; wieder nichts. Plötzlich duckt sich der Uhu tief, trippelt hin und her, spreizt die Flügel, breitet den Stoß aus, knappt heftig und stößt sein dumpfes Uhu aus. Und ehe wir uns versehen, steht keckernd ein breitklafternder Räuber über dem Uhu, kaum zwei Fuß über ihm. Der Uhu springt ihm entgegen, faucht und knappt. Der Habicht schwenkt ein wenig zur Seite, stößt noch einmal und rüttelt wieder über dem Uhu. An Schießen darf nicht gedacht werden, sonst liegt die Eule auch im Dampfe. Der Habicht mit den knallgelben Augen und der quergestreiften Brust, dem langen Stoß und den kurzen breiten Schwingen, und unter ihm die braun, gelb und schwarz geflammte, kugelrund aufgeblasene rotäugige Großeule, famos! Noch einmal keckert der Habicht erbost, dann macht er eine Schwenkung und will sich empfehlen. Doch kaum ist er fünf Schritt seitwärts, da dröhnt der Schuß, und er schlägt im Heidekraut noch ein paarmal mit den Flügeln. Hoch auf reckt sich der Uhu und äugt nach dem Verendeten. Aber nun wollen wir doch noch ein wenig warten; vielleicht bekommen wir das Männchen auch noch. Und bekommen wir auch nichts, so entschädigt uns das Konzert von Kiebitz und Bekassine. Überall meckert und lockt es, überall rufen die Kiebitze, immer noch balzen die beiden Hähne. Die Sonne ist untergegangen. Enten ziehen mit klingendem Flügelschlage über uns hin, und mit lautem, melodischem Geflöte und Getriller lockt der große Brachvogel sein Weibchen. Heute gibt es nichts mehr: Es wird bald dunkel. Da duckt sich der Uhu, als erwarte er einen zweiten Feind. Wir lachen über seine Angst. Aber unser Lachen weicht großer Aufregung, als Hans sich zur Kugel aufbläht, knappt und faucht. Das Männchen! Da steht es über dem Uhu, ein Stoß, und es will fort, doch zu spät, der Hagel holt es beim Abstreichen ein. Geflügelt liegt nun auch dieser Habicht in der langen Heide, grimmig reckt er uns, auf dem Rücken liegend, die gelben, mit acht Dolchen bewahrten Fänge entgegen. Schnell aber fliegt der Wettermantel über ihn, ein Schlag mit einem Wacholderstrunk, und auch dieser Räuber ist für den Ausstopfer reif. Ein Ringeltauber Einen Tag nur hatte der Südwestwind das Wort. Dann fiel ihm der Nordwind in die Rede. Er kam über das große Moor, schimpfend, polternd, zankend. Da drückte sich die Bekassine in das Torfmoos, da vergaß der Kiebitz Koboldflug und Schalksruf; die Dullerche verlernte ihr Lied, und der Birkhahn verlor alle Lust zu Spiel und Tanz. Auch zu mir kam der Grobsack. Er donnerte mit seiner harten Faust an die grünen Blendladen des Jagdhauses, er schrie grobe Worte gegen die Fensterscheiben, er pfiff auf dem Schornsteinrohr einen wilden Gassenhauer und trat mit den Schmierstiefeln gegen die Tür. Gestern und vorgestern hatte ich ihm getrotzt. Ich habe im kalten Moor im Schirm gesessen, den Windgürtel fester gezogen und ihn ausgelacht. Aber schließlich hat er mich doch mürbe gekriegt. Heute bin ich im Bett geblieben, bis die Sonne über die Fuhren kam, und dann habe ich meine Sachen gepackt und bin nach dem Dorf gefahren. Eigentlich wollte ich gleich wieder nach Hause. Aber die Sonne scheint so schön, auf jeder Miste krähen die Hähne, auf allen Eichen pfeifen die Stare, die Schwalben fliegen zwitschernd um die Giebel; da will ich doch lieber zum Bruche. Alles wäre schön, wenn der Nordwind nicht wäre. Die Sonne liegt auf der grünen Saat, die Birken schwenken goldene Kätzchen und helle Blättchen, blau und schwarz bollwerken die fernen Wälder. Aber keine Lerche singt, keine Hummel fliegt hier draußen im scharfen Wind. Im Bruch aber bin ich im Überwind. Oben in den Kronen der Fichten und Fuhren pfeift und rauscht es, flötet's und raschelt's, aber darunter ist es still und warm. Da summsen und brummsen die Hummeln um die goldenen Weidenblüten, silbernes Fliegenvolk schwirrt über den Gestellen, Fitis und Meise läuten und klingeln in der Dickung. Auf der großen Rodung vor den hohen Fichten ist es am stillsten und wärmsten. Alles Leben ist dahin gezogen, wo ihm der kalte Wind nicht beikommen kann. Da wärmt sich das Pfauenauge am silbergrauen Fuhrenstumpf, da sonnt sich die Ringelnatter auf weichem Moospolster. Ich liege im fahlen Grase, den Rücken gegen die unterste Sprosse der Kanzel gelehnt, und sehe der rotleibigen Sandwespe zu, die eine durch den Giftstachel gelähmte Spinne zu ihrer Höhle schleppt, beobachte den grünen Raubkäfer, der hastig über die grauen Flechten rennt, und necke mit einem langen Halme eine Eidechse, die wütend danach schnappt, bis ihr die Sache zu albern wird und sie sich grollend in ihre Brombeerburg zurückzieht. Dann ist der Baumpieper meine Unterhaltung. Mit schmetternden Kanarienschlägen steigt er über die grünenden Birken auf und senkt sich mit ersterbendem Sange auf einen dürren Ast nieder. Und dann fällt ein Schatten vor mich, und als ich nach oben sehe, klatscht und knallt es in der Luft. Im Schwebefluge tanzt dort der Ringeltäuber. Ich drusele ein bißchen. Der Wind in den hohen Fichten singt mir ein Schlaflied. Durch die tiefen, runden, gleichmäßig anschwellenden und hinsterbenden Töne klingt ein Lied, dem Sturmliede ähnlich an Klang und Farbe, und doch anders. Der Täuber ruft im tiefen Tann. Laut und herrisch klingt sein Ruf, und doch sehnsüchtig und verlangend. Ein zweiter antwortet ihm von halblinks her aus den hohen Fuhren, ein dritter knurrt gerade hinter mir dumpf und hohl. Ob ich's noch kann, was mich der alte Grünrock einst lehrte? Durch dick und dünn, mit Katzensohlen und Habichtsaugen den rucksenden Ringeltäuber anpirschen. Ich will einmal sehen, ob es noch geht; eine gute Schule ist es für die Maipirsch. Vorsichtig schiebe ich mich durch die Tannenäste. Aber ich muß wieder zurück. Ein dichter Verhau von totem Fallbaum und dürrem Adlerfarn sperrt mir die Bahn. Und hier liegen hohe Haufen von dürren Ästen, und da halten die Weiden ihre Zweige vor. Ich umschlage den Hochsitz und suche mir einen Zugang. Brombeerranken zerreißen mir die Hände, Farnstengel binden meine Füße, dürre Fichtenzweige kratzen mich über die Backen, faule Pfützen zwingen mich zu Umwegen. Doch schließlich bin ich im älteren Bestande angekommen. Ich stehe still und horche. Aber nur den Sturm höre ich pfeifen und heulen, nur die Kronen rauschen und raunen, nur die Äste klappen und krachen. Und ich sehe nichts als oben die grünen Zweige, durch die ein ganz kleines Stückchen Blauhimmel schimmert, eingerahmt von goldrot leuchtenden Tannenzapfen. Der Sturm heult und heult und heult über mir, und sein lautes Lied verschlingt alle anderen Lieder. Meine angespannten Nerven hören bald hier, bald da den Ruf des Täubers heraus, und immer wieder ist es nur der Wind. Doch da, nicht weit von mir, das war der Täuber. Wenn auch alles andere der Wind verschlingt, den Schlußruf bringt er nicht um. Ich warte, bis das dumpfe Lied noch einmal ertönt, erfasse die Richtung und arbeite mich durch das Maschenwerk der Äste halb kriechend, die alten Zapfen und dürren Äste ängstlich mit den Sohlen vermeidend. Aber als der Schlußruf ertönt, mache ich Halt, denn ganz nahe muß ich schon bei dem Täuber sein. Eine Weile warte ich wieder. Lange dauert es, ehe er wieder ruft, zu lange. Endlich beginnt er wieder, und ich arbeite mich weiter. Und so noch einmal, und ein anderes Mal, und noch zehnmal. Denn er hat mich schön zum Narren gehabt, der bunte Bauchredner. Ich dachte, er wäre dicht bei mir, und jetzt stehe ich an der Blöße, und drüben, wo die hohen Fichten und Fuhren ihre Kronen im Wind schütteln, da ruckst er. Auf die kleine geschützte Blöße prallt die Sonne. Der fahle Adlerfarn leuchtet wie Gold, die Fichten an ihrem Rande glitzern und schimmern, die Brombeerranken glänzen wie Silber. Ein gelber Zitronenfalter taumelt, selig vor Sonnenfreude, von Ast zu Ast. Einen Augenblick will ich verschnaufen hier hinter der Jungfichte. Wie komme ich am besten nach dem alten Bestande da drüben? Über die Blöße kann ich nicht. In dem trockenen Farn mache ich zu viel Lärm. Auch habe ich da kein bißchen Deckung. Ich muß mich also wieder in der Dickung weiterwürgen. Klingende Fittiche sausen über mich hin. Ein Täuber fußt zwanzig Gänge vor mir auf der Fichte. Vorsichtig äugt er umher, daß der rosenrote Schnabel in der Sonne leuchtet. Ich sehe die hellgelben Augen, die weiße, goldgrün und kupfrig gesäumte Halsbinde, die graurote Brust, die roten Füße. Er schüttelt sein Gefieder, plustert sich auf, zupft hier und da an seinem blaugrauen Kleide herum, spreizt die Flügel und fächert den buntgebänderten Stoß und sitzt dann still, an der Sonne sich labend. Dann ruft er. Erst ein tiefes, kurzes Heulen, dann der volle Ruf, zuletzt ein dumpfes Schnurren kommt aus der geblähten Brust. Wild äugt er um sich, wie ich sein Knurren nachmache, und flattert näher, bis auf die nächste Fichte vor mir. Dann klingt es noch einmal über mir. Die Taube ist da. Da bläht er sich noch dicker auf, schnurrt noch tiefer und zärtlicher, bis sie nicht anders kann, ganz nah zu ihm heranrückt und sich schnäbeln läßt. Dann stieben sie plötzlich weiter. Ich tauche wieder in der Dickung unter und krebse mich im Bogen bis zu der Ecke des Altholzes, wo mein Täuber noch immer ruft. Aber wieder muß ich einen Umweg machen, denn um den mächtigen Wurfboden einer gewaltigen Fichte ist ein tiefer Sumpf. Und links ist die Dickung undurchdringlich. So muß ich noch einmal rund um die kleine Lichtung herum. Endlich bin ich an der hohen, breitkronigen Fuhre. Aber mein Täuber verschweigt jetzt. Ich stecke mir die Pfeife an und warte. Ein Häher schlüpft vor mir von Zweig zu Zweig, lauter dummes, kindisches Zeug vor sich hinschwatzend und kokett die Haube sträubend. In dem sparrigen Pulverholzbusch lockt ein Dompfaffenhahn; seltsam leuchtet seine schöne rote Brust. Dann schallt ein langgezogener, ganz unirdisch klingender Laut durch die Stille, und rasselnd hakt der Schwarzspecht an einem Fichtenstamm, klopft einige Male und schnurrt mit schrillem Teufelsgelächter ab, und nur der Wind in den Kronen ist noch laut in dem kirchenstillen Wald. Kirchenstimmung faßt mich. Wie Strebepfeiler stehen die rotgrauen Stämme da. Gebrochen, wie durch bleigefaßte, kleine Scheiben, fällt das Licht durch das dichte Nadelwerk, schwere Wellen von Kienduft ziehen wie Weihrauch vorüber, das Gesumme der Hummeln klingt wie Gebetgemurmel und das Brausen des Windes wie Orgelton. Des Täubers dumpfer Ruf aber reißt mich aus der Stimmung heraus. Zehn lange Sätze bringen mich ihm näher, und der nächste Vers noch zehn. Und jetzt sehe ich ihn auch. Auf dem höchsten Fichtenwimpel, der über und über voller glänzend brauner Zapfen hängt, fußt er und wiegt sich im Winde hin und her. Ich muß wieder einen Umweg machen, denn der Weg geradeaus ist zu licht. Durch knospende Bickbeersträuche und aufbrechende Himbeerschossen, über dichte Haufen von Tannenzapfen, über weiche Schichten modernder Nadeln und spröde Bollwerke dürrer Braken schleiche ich im Bogen nach der hohen Fichte hin. Lange muß ich warten, bis er wieder ruft. Vielleicht, daß er mich eräugt hat. Ich sehe in das verworrene Gedämmer der rotbraunen, toten Fichtenzweige um mich herum, in denen unzählige Spinnweben, vom Wind bewegt, wie silberne und goldene Fäden blitzen. Die Stirn tropft mir, der Nacken dampft, Ungeduld kribbelt unter dem Hut. Endlich, nach langer Pause, ruft er wieder. Und bei jedem Ruf bin ich ihm zehn Gänge näher, bis ich, immer leiser schleichend, unter ihm bin. Aber nun kann ich ihn nicht sehen. Ich verrenke mir fast den Hals, aber die Spitze der Fichte deckt die Krone der Fuhre, unter der ich stehe. Endlich, nach vorsichtigem, lautlosem Herumschleichen um die Fichte, habe ich den Wipfel frei. Aber den Täuber sehe ich nicht. Einen Schritt mache ich nach links, einen zurück, aber er bleibt unsichtbar. Der Sturm endlich zeigt ihn mir. Er biegt einen Zweig zurück, und ich sehe ihn hoch oben, den lauten Rufer. Schon will ich das Gewehr an den Kopf ziehen, da flattert er auf die Fuhre und ruft dort weiter, wieder unsichtbar für mich. So muß ich denn wieder einen neuen Ausblick gewinnen. Lange, lange dauert es, ehe ich die zwanzig Schritt hinter mir habe. Erst ist der große dürre Ast im Wege, dann der sumpfige Graben, dann das Fallholz am Boden, dann die vielen Zapfen, dann die sperrigen Fichtenzweige, bis ich unter der Fuhre bin. Und als ich dort stehe, naß von Schweiß, da höre ich ihn wohl rufen, aber zu Gesicht bekomme ich ihn nicht, und schließlich verschweigt er, und ich stehe da und warte und warte, steif wie ein Stock und stumm wie ein Stein. Ein anderer Täuber schwingt sich auf einen freien Ast und ruckst und knurrt. Leicht hole ich den herab, aber daran liegt mir nichts. Was mir in den Schoß fällt, kann mich nicht freuen. So bin ich froh, wie dieser Täuber abstiebt und ich meinen wieder höre. Zehn Schritt muß ich wieder zurück, bis ich endlich, endlich sehe, wo er sitzt. Aber drei dicke, goldene Fuhrenäste decken ihn. Nur Kopf und Stoß ist frei. So warte ich, bis er sich überstellt und, die breite Brust zeigend, ruft. Da hebe ich das Gewehr, aber ehe ich es noch an der Backe habe, bricht er jäh den Ruf ab und klappert fort, über die Blöße nach den dichten Fichten. Da ruft er weiter. Rechts ist ein Täuber, links knurrt einer. Vor mir heult ein dritter, ein vierter weiterhin. Aber ich will den einen haben, nur den einen und weiter keinen. So geht es wieder heraus aus dem Altholz über die Lichtung in die dicken Fichten in langsamer, viertelstündiger Arbeit, bis ich endlich wieder bei ihm bin. Aber noch manche lange Minute muß ich warten, noch manchen Schritt voran, noch manchen zurück machen, viele Zweige vorsichtig vermeiden, vielem Fallholz aus dem Wege gehen, ehe ich unter der Fichte bin. Und dann vernehme ich ihn wieder immer nur und kann ihn nicht vor die Augen bekommen. Zuletzt glückt auch das. Aber schwer ist es, durch das starre Astgewirr Laufmündung und Ziel zusammenzubringen, aber es geht am Ende doch. Und dann knallt es, wie ein Stein schlägt er vor mich hin, und eine weiße Federwolke schneit durch den blauen Pulverdampf auf mich nieder. Hinten im Tann ruft noch ein Täuber, in den Fuhren drüben zwei. Aber es reizt mich keiner mehr. Auf der Blöße liege ich, den toten Vogel neben mir. Auf zwanzig Schritt vor mir läßt ein Taubenpaar sich auf der Fichte nieder. Ich sehe ihnen zu, ohne die Hand nach dem Kolben zu zucken. Dieser eine sollte es sein, dieser eine allein. Heidfrühling Es sang ein Vogel über der Heide: didudl, didudl, dudl, dudl, aber sie rührte sich nicht. Jeden Abend und jeden Morgen sang die Dullerche auf die braune Heide hinab, aber sie hörte es nicht. Lange schon war der Frühling mit weißen und blauen, gelben und roten Blumen im Süden der Stadt Hannover eingezogen, hatte den Waldboden im Kalk- und Lehmlande bunt gestickt, goldene Schäfchen an die Weiden gehängt und viele Vögel mitgebracht, die bei Tagesanbruch und Sonnensinke trillerten und schmetterten, pfiffen und flöteten, aber noch immer lag die Heide im Norden von Hannover still und stumm da, zeigte keine Blüte, kein grünes Spitzchen, so sehr die Sonne auch lockte. Vergebens klagte die Dullerche; düdliü, düdliü, vergebens pfiff der schmucklose Pieper sein ängstliches piet, piet, die Heide schlief und schlief. Da flogen beide ins Moor. In der langen Heide saß da ein stolzer Vogel; blau schimmerte sein Hals, feuerrot leuchtete es über jedem Auge. Schwarz waren die Schwingen und der leierförmige Stoß. Diesen riefen Pieper und Lerche zu Hilfe, die Heide zu wecken, und er versprach es ihnen. Am anderen Morgen, als die Sonne noch da hinten hinter den schwarzen Fuhrenwäldern schlief, in denen die Ohreule klagend heulte, strich der stolze Vogel über Moor und Heide mit schnellem Fittichschlage, daß es sauste und sang. Dsst dsst dsst dsst dsst klang es durch den schwarzen Frühmorgen, daß die kleine Lerche in der kurzen Heide jäh aus dem Schlafe fuhr. Sie reckte die Holle und lauschte, aber sie vernahm nichts als das Rispeln des Frühwindes in den Krüppelfuhren, als das Rieseln des Sandes unter den Tritten der Rehe, die über die Düne stiegen, als das Gejammer der Ohreule da hinten im Forste. Der stolze Vogel war weitergeflogen, über Heide und Moor, Moor und Heide, bis auf die blanke Heide an der Feldmark. Buff, sagte es, als er dort einfiel. Zuerst saß er ganz still, doch nach einer langen Pause machte er den Hals lang, legte den Kopf nach hinten hinüber, klappte mit den Schwingen und öffnete den krummen Schnabel. Tschju-huit, so klang es zischend, fauchend in die schwarze Stille hinaus, einmal, zweimal, dreimal: Dann verschwieg der nächtliche Rufer wieder und lauschte. Aber keine Antwort klang zu ihm heran. Stumm saß er wieder eine Weile da, und dann begann er wieder zu blasen; tschju-huit, tschiu-huit, kutsch-huit, tschju-huhuhuhu; aber wieder antwortete ihm nur schwarzes Schweigen. Im Osten wurde es ein ganz wenig licht über den schwarzen Fuhren. Die Helligkeit zog langsam höher, vermischte sich mit der Nacht zu grauer Dämmerung, in der die Wacholder herumstanden wie unheimliche Gespenster. Da bekam der einsame Vogel Mut. Er sträubte die blauschillernden Halsfedern, reckte seinen Hals lang über die kurze Heide, breitete die schwarzweißen Schwingen aus, fächerte das krumme Spiel und sang sein zweites Lied: u-u-u, u-u-u, u-u-uuu uuu uuu, und noch einmal, und noch einmal, fügte als Refrain sein tschju-huit dazu, lauter wurde der Gesang, lebhafter sein Trippeln, jede Feder zitterte vor Erregung, immer bunter ging das Blasen und Rodeln durcheinander, und als die Sonne mit rot wehendem, goldgekantetem Seidentuche winkend ihr Kommen anzeigte, da machte der Sänger einen hohen Sprung und zischte vor taumelnder Lust. Alle Heidlerchen hatte er geweckt, die in der Heide schliefen, und lustig dudelten sie aus grauen Wolken ihre Lieder, fröhlich pfiff der Pieper im Moore, über die nassen Wiesen taumelte der Kiebitz mit dumpfem Schwingenton und gellendem Juchzer, und fröhlich meckerten im Risch die Bekassinen. Und dann erscholl ein Flöten und Pfeifen, so wohllautend, so rund, so voll; hoch oben aus der Luft kam es her, wo die großen Brachvögel ihre herrlichen Kreise zogen, und in den Fuhren läuteten die Meisen, flöteten Singdrossel und Schacker, daß endlich die Heide erwachte. Aus den fahlen Wollgrasbülten schob sie silbergraue gelbgepuderte Kätzchen, aus dem braunen Moorrasen zarte Grasspitzchen, an den Wiesengräben kamen gelbe Kuhblumen zum Vorschein, an den Weidenbüschen verwandelte sich der Schäfchen kaltes Silber in warmes Gold, hier und da zeigte sich an den Birken ein winziges, gelbgrünes Blättchen, und die Blütenknospen der duftenden Postbüsche färbten sich braunrot. Und jeden Morgen vor Sonnenaufgang sprang der schwarz-weiß-rote Vogel auf der blanken Heide umher und blies und jodelte, und von weit und breit aus Moor und Heide antwortete es ihm ebenso, und wenn die Sonne wie ein Feuerball über den Fuhrenwald kletterte, dann kam ein Singen und Klingen aus der Heide, daß man es weit, weit hörte...   Es klang so bis zu uns in die Stadt hinein, in die Stadt, in deren Vorgärten die Krokusblüten schon todmüde umgefallen waren und die Hyazinthen ihre steife Pracht entfalteten, in die Stadt, von deren Lauben die Amseln flöteten und in deren Bäumen die Stare pfiffen; und wenn zwei Jäger sich trafen, dann lachten sie sich fröhlich an und sagten: »Sie balzen schon! Gut natürlich noch nicht, noch nicht fest und platzbeständig, aber doch schon genug, hinauszufahren, wenn die Nächte auch noch so eisig und die Moore auch noch so naß sind.« Eigentlich sollte man warten, bis es warm ist, bis man im Schirm nicht mehr zusammenfriert, eigentlich... Aber wer kann da warten! Und so geht es denn hinaus, trotzdem man weiß, daß man viel zu früh kommt. Zwei prächtige Füchse vor dem Wagen, Mundvorrat und Munition, Mäntel und Gewehre im Wagenkasten, dem schneidenden Nordostwind entgegen. Heiß ist die Sonne, kalt ist der Wind, aber grün ist die Saat, die Krähen necken sich im Fluge, in allen Pappeln pfeifen die Stare, in allen Chausseebäumen singen Ammer und Fink. Mit mißvergnügtem Gesichte empfängt uns der Heidjer: »Sei holt seck den Dod! Dat is noch veel to kolt up de Nacht. Sei ward ungesund bi dat Sitten in 'n Schirm; dat is so'n ohlen Barkhahn nich wert. Sei möt noch toiben, bet dat gaueres Wetter west.« – »Ach was, Unsinn, Schorse, nun sind wir einmal hier. Steck dir 'mal eine Zigarre ins Gesicht, und dann los, ins Moor! Süh, da ist ja ok oll Vadder! Na, Vadder Gödecke, wo geiht jück dat noch? Immer gau« – Der Alte ist blind, aber immer frohen Mutes, immer noch der alte Cambridgedragoner, ein biderber Mann von einfachen Sitten und voll gesunder Bauernweisheit. Ich höre ihm lieber zu als allen Professoren der Welt, diesem rassigen, reinblütigen Langobarden mit dem guten Charakterkopfe. Heute hat er eine Überraschung für mich. Er holt aus dem Schranke einen Wachtmeister, ein altes Schnapsglas mit fingerdicken Wänden und einer Luftperle im Fuß. »So, datt sollt Sei hebben, dat is noch von min Großvadder, de hat da all ute drunken!« Das ist sein Dank für die Bücher, die ich ihm im Herbste mitbrachte und aus denen seine Jungens, Karl und Schorse, an den langen Winterabenden vorlasen. Einen guten Tropfen habe ich in der großen Aluminium-Militärflasche mitgebracht; der soll in dem Glase probiert werden. »Prost, Vadder, wer achtzig is, kann ok hunnert olt wer'n!« Nun ist's aber Zeit, Balzplätze zu suchen. Quatschnaß ist es im Moore, selbst auf der Höhe. Bis an die Knie geht es hinein in den braunen Schlick. Aber doch wunderschön! Die Sonne brennt, der Wind ist weg, die Dullerchen singen, junges Gras sprießt in den Gräben. Und hier, bei den Torfstichen hat ein Hahn gebalzt, überall liegt seine Losung. Am Ende ist es der Tanzmeister vom vorigen Jahre, auf den ich fünf Nächte ansaß. Was hat er mich gefoppt! Saß ich hier unten im Schirm, dann balzte er auf der blanken Heide am Roggenstück; machte ich mir dort den Schirm, dann balzte er am Torfstich. Es war zum Verrücktwerden. Den letzten Tag werde ich nicht vergessen. Es wehte ein ganz niederträchtiger Nordost, der mir durch Mantel, Joppe, Jagdweste und Wollhemd pustete. Die Beine starben mir unter den Knien ab, das Herz fror mir im Leibe. Solange es dunkel war, balzte mir der Hahn vor der Nase herum, aber als es heller wurde, ritt er ab und balzte außer Schußweite. Als ich aus dem Schirm kroch, konnte ich kaum gehen, so steif war ich. Zum Glück trug ich nur einen fürchterlichen Schnupfen mit fort, doch nach acht Tagen war ich wieder draußen. Aber der Hahn war platzflüchtig geworden. Dieses Jahr muß er aber mein werden. Dort, wo die runde Krüppelfuhre steht, dort will ich meinen Schirm bauen. Schorse gräbt ein bequemes Loch, füttert es mit Zweigspitzen aus, mit der kurzen Wehr haue ich Fuhrenbüsche ab, pflanze sie in den Boden – so, nun muß es morgen doch glücken. Schnell noch oben am Roggen einen Schirm gemacht, einen andern an der kalten Wiese, und nun ist's wohl Abendbrotzeit. Der Abend bringt klaren Mond. Um drei Uhr, als wir aufstehen, ist es taghell, aber bitterkalt. Es hat tüchtig gereift. Heide und Moor sind silberweiß, die Wegpfützen knistern unter den Sohlen, und das gefrorene Moor trägt. Feenhaft sieht es im Moore aus. Die Birken und Fuhren blinken im Mondlicht, als wären sie aus Silber gemacht. Kein Lüftchen rührt sich. Im Schirme mache ich es mir gemütlich, ziehe den Lodenmantel an und packe den Rucksack aus. Essen ist das beste Mittel gegen Kälte. Das dunkle Landbrot schmeckt prächtig, der Kaffee in der filzumhüllten Flasche ist noch warm, die kalte Schweinerippe so recht nach meinem Geschmack – dabei kann man es wohl aushalten. Und nun das Pfeifchen, der beste Zeitvertreiber. Mit jedem blauen Kringel verfliegt eine langweilige Minute. Aber nein, doch nicht langweilig. Meckern nicht die Bekassinen, dudeln die Heidlerchen nicht? Und da ist ja auch schon der Kiebitz, der Possenreißer des Moors. Wutt, wutt, wuttwuttwutt, klingt sein Flügelschlag über mich hin, und jetzt gellt er sein ouiwit, ouiwit durch die Stille. Und da ist ja auch der Hahn. Dsst, dsst, dsst, dsst, dsst saust er an mir vorbei – buff, da ist er eingefallen. Aber wo? Der Mond hat sich hinter Wolken verkrochen. Wahrhaftig, er ist es, mein Tanzmeister vom vorigen Frühjahr. Kaum ist er eingefallen, da geht das Getanze schon los. Tschschscht, ein langgezogenes Zischen, wie von einer Rakete, heftiges Flügelschlagen beim Hochspringen, ein paar Kollerlaute, dann wieder das Gezische und Getanze. Er ist es, aber weit unten scheint er zu sein. Es wird schon heller. Ich sehe mir fast die Augen aus. Ist er das da unten, oder ist's ein Binsenbusch? Ja, ein Binsenbusch, das zeigt mir deutlich das Glas. Überall sind Hähne laut. Hinter mir in der Saat, unten in der Wiese, weiter im Moore. Wie herrlich ist dieses Konzert! Wie oft habe ich es schon gehört, nie langweilt es mich. Mein Hahn hat lange verschwiegen. Jetzt tanzt und singt er wieder. Es war doch kein Binsenbusch, es ist mein Hahn. Er dreht sich, trippelt hin und her, schon kann ich das Spiel fast erkennen, jetzt springt er mannshoch in die Höhe, domm! brüllt ein Schuß hohl durch das Moor, mein Weidgesell ist es, der auf dem Küsterdamm seinen Schirm hat. Nun ist es schon halb fünf Uhr. Beinahe werde ich ungeduldig. Mein Hahn ist fort. Wahrscheinlich macht er den Hennen den Hof, die da links von mir in den Postbüschen gackern. Aber was ist das da? Da ist ja der starke Bock, auf den wir so viel gepirscht haben! Auf dreißig Schritte zieht er breit an mir vorbei. Und er hat sogar schon etwas gefegt. Im Mai, wenn die Schonzeit alle ist, dann ist der Racker natürlich wieder so heimlich, daß man sich die Beine nach ihm ablaufen kann. Vertraut zieht er ins Moor. Ihm nach hoppelt ein Hase, dann noch einer. Ich drehe mich im Schirm um, ob ich nicht im Rücken meinen Hahn habe. Was ist das Rote da? Wohl ein trockener Wacholderbusch. Aber wupps, ist es weg in die lange Heide, die weiße Blume höhnisch schwenkend. Reineke war es. Schade, daß ich über dem Winde saß, dem Rotrock hätte ich zu gern eins aufgefunkt! Gestern fand ich erst eine gerissene Ente und den Rest eines Hasen. Nun ist es aber Zeit, daß mein Hahn wieder kommt! Noch ein Geduldspfeifchen, oder soll ich ein bißchen herumpirschen, ob ich einen streichenden Hahn erwische? Bis sechs Uhr will ich lieber sitzen bleiben, denn in den Postbüschen locken die Hennen, und wo die sind, da ist der Hahn nicht weit. Dsst dsst dsst – buff. Da ist er auch schon. Na, das ist wirklich reizend! Der eine Fuhrenzweig ist umgefallen, als ich mich umdrehte, ich habe vorn keine Deckung, und nun steht mir der Hahn zehn Schritt vor der Nase. Und dabei habe ich mein Gewehr dort unten am Boden liegen. Ich könnte mich ohrfeigen! Zehn Schritt – du bist mir nah und doch so fern. Er balzt mir gerade ins Gesicht. Ich sehe ihn so deutlich, als säße er ausgestopft auf meinem Schreibtische. Und was für ein kapitaler alter Bengel! Kein braunes Federchen im Rücken, alles blau und schwarz, und Rosen hat er über den Augen, die leuchten wie Kohlen! Und ein Spiel, ein Spiel, nein, solch ein Spiel habe ich noch nie gesehen! Wie wär's, wenn ich jetzt, wo er mir das Spiel zukehrt, schnell das Gewehr griffe und drückte? Leise, langsam lasse ich den Arm herniedergleiten, mein Herz klopft hörbar dabei. Natürlich, da bricht er im Balzen ab und äugt mich an. Ich rühre keinen Muskel, zucke mit keiner Wimper, obgleich mir der Kopf vor Aufregung juckt und die Hände mir zittern. Ach, und jetzt möchte ich tief aufseufzen, wenn ich dürfte, denn er balzt weiter. Jetzt macht er seinen berühmten Sprung, fünf Fuß hoch, noch einen und noch einen, und nun ist er links von mir, an der Seite, wo ich Deckung habe. Jetzt muß ich ihn kriegen. Ich lasse mich ganz leise auf die Knie nieder, nehme das Gewehr hoch, spanne lautlos und spähe nach dem Hahne. Da dreht er sich vier Schritt vor dem Schirme. Aber lieber will ich ihn gar nicht haben, als ihn zu Mus schießen. Er tanzt und rodelt, daß es eine Lust ist, bei jedem Sprung sich entfernend. Nun kann ich ihn nicht sehen, die Heidbüsche verdecken ihn. Aber jetzt ist er wieder da. Die Minne lockt ihn nach den Postbüschen. Hochaufgerichtet, kampfes- und minnelüstern, Flügel und Spiel halb ausgebreitet, trippelt er über die kurze Heide. Und jetzt habe ich angebackt, ein Druck, und er läge im Dampfe. Aber da kommt es mir plötzlich so feige vor, ihn von hinten totzuschießen, ihm sein herrliches Spiel zu zerraufen mit den großen Schroten. An der rechten Backe das Gewehr, im Munde die Pfeife, sollte es mir so wohl gelingen, ihn regelrecht zu reizen? Zwischen den Zähnen lasse ich die Pfeifenspitze in die linke Mundecke wandern, feuchte die Lippen mit der Zunge an und blase: kut-tschuit. Sofort hält der Hahn inne, macht einen langen Hals und wendet mir die linke Seite zu. Da donnert der Schuß, ich stehe im Dampfe, sehe den Hahn nicht, aber Flügelschlagen verrät mir, daß er liegt. Gackernd streichen die Hennen aus den Postbüschen ab, als ich heraustrete. Da liegt er regungslos in seiner ganzen Pracht, das stolze Spiel weit ausgebreitet, ein Spiel, wie ich es noch nie sah, mein Hahn, mein Tanzmeister, dem ich sechs Nächte geopfert habe. Und jetzt tut es mir leid, daß er daliegt, denn nun kann ich ihn ja nicht mehr erlegen... Am Fuchsbau Der Frühling ist auf der Höhe. Die Wiesen strahlen im Schmucke goldiger Blumenpracht, die Obstgärten prangen in schimmerndem Weiß, sattgelbe, lange Streifen zieht der blühende Raps durch die hellgrünen Fluren, fußhoch steht die junge Saat, Mauersegler und Pirol, Kuckuck und Spottvogel, die spätesten aller Zugvögel, sind wieder da. Die Vormittagssonne sengt nur so auf die Heide nieder. Im braunen Heidekraut blüht hellgelb der Stachelginster, grünseitige Eidechsen rascheln in das Gestrüpp, silberflügelige Libellen schwirren über den Wegen, hellblaue Schmetterlinge tanzen über den Ginsterblüten, und goldgrüne Sandläufer fliegen schimmernd vor uns auf. In den hohen Fuhren ruft der Kuckuck, ab und zu piepst eine Meise in der Dickung, auf der Rodung rennt der Steinschmätzer eifrig umher, unzählige Fliegen und Käfer surren durch die Kusseln, und uns läuft der Schweiß unter den Lodenhüten hervor, und Nacken und Hände bräunen sich fast zusehends. Über dem Moore, auf dem weiße Wollgrasblüten wimpeln, zittert die kochende Luft, und am Horizonte quellen die dicken Rauchwolken der brennenden Moore empor, düstere Flecke am wolkenlosen, grellblauen Himmel bildend. Aus dem graugrünen, mit hellkupferroten Schossen übersäten Fuhrenbestand leuchtet uns nach halbstündigem Wege blendendweißer Sand entgegen; wir sind am Bau. Schnell verteilen sich die Jäger an den vielen Röhren, Axt und Messer schaffen Fuhrenzweige herbei, und bald sind an zwanzig Röhren verlegt. Die Teckel jaulen und kläffen unterdessen vor Mordgier: Die starke Witterung des Baues regt die Krummbeine gewaltig auf; sie zerren an den Leinen und winseln vor Eifer. Ein Rehlauf, die Überreste von mehreren Hasen, die Federn von Birkhennen und einem Birkhahn, Enten-, Haushuhn- und Taubenfedern liegen herum. Bequeme Pässe haben die Füchse sich zu ihren Röhren geschnürt und hübsche, sandige Spielplätze angelegt. Die Vorarbeiten sind fertig; harzbeschmierte Hände wischen den blanken Schweiß von den Stirnen, und dann wird Waldmann losgekoppelt und vor die einzige offen gebliebene Röhre gesetzt. Zitternd vor Begier schlieft er ein, kommt aber nach einigen Sekunden wieder zutage: Die Röhre ist zu eng. Aber für Jenny, die schlanke Hündin, paßt sie, und gierig schlieft das zierliche Tierchen ein. Für Waldmann wird eine weitere Röhre geöffnet, und auch er verschwindet nun in der Erde. Eine Zeitlang hört man keinen Laut als das Fiepen der beiden gekoppelten Teckel, das Knistern des dürren Heidekrautes unter den schweren Stiefeln, fernen Kuckucksruf, das Girren der Ringeltaube, den Schmetterschlag des Baumpiepers und das Surren der unzähligen Fliegen. Plötzlich klingt dazwischen ein eigentümlicher Laut, so schwach, als käme er aus weiter, weiter Ferne. Huk, huk, huk, huk, dann ein zweiter Laut, stärker, mehr ein Baß, aber auch gedämpft: Houk, houk, houk: Die Hunde geben Hals, Jenny und Waldmann treiben die Füchse und suchen sie zu fassen. Aber das ist nicht so einfach: Der Bau ist weitverzweigt, die feinen Nasen sind das einzige, was die Hunde in den engen düsteren Röhren leitet. Schnell werfen sich die grünen Joppen auf die Erde, kein Wort wird gesprochen, die Ohren sind in das Heidkraut gedrückt. Ein Augenblick atemloser Spannung. Hier ist Jenny; sie liegt fest vor! schreit ein Jäger, aufspringend und auf einen Fleck zwischen zwei jungen Fuhren deutend. Hier schlagen Sie durch! Der Bauer setzt die Schaufel ein; es knackt das durchstochene Heidkraut, es knirscht der Sand unter dem Spaten, Heidplaggen und Sandschollen fliegen beiseite, ein Loch entsteht, und plötzlich stößt die Schaufel auf die Röhre. Scharfe Fuchswitterung strömt heraus, heller ist das Halsgeben der Hunde vernehmbar, eifrige Hände räumen den gelben Sand aus der Röhre; aber da erscheinen die Hunde schon wieder, bedeckt mit erdigem, gelbem Sande, schütteln sich, atmen keuchend die frische Luft und schliefen dann wieder ein. Doch nach wenigen Minuten schliefen sie wieder aus und zeigen durch ihr Benehmen an, daß sie in diesem Teile des weitverzweigten Baues keine Hoffnung auf Erfolg haben. Die Röhren werden verlegt, aus anderen die Fuhrenzweige gerissen und alle vier Teckel eingelassen. Wieder längeres Warten, wieder das dumpfe Lautwerden der Hunde unter der Erde. Hier ist es! Nein hier! Ich höre es ganz genau, sie liegen vor. Hier muß der Kessel sein! Man zweifelt, man schlägt wieder durch, aber ohne Erfolg: Die Hunde kommen auch aus diesem Einschlage wieder hervor. Die Altsche wird die Jungen verklüftet haben, meint ein alter Jäger. Und dann wird noch an drei anderen Stellen durchgeschlagen, immer mit demselben Mißerfolge. Der Schweiß läuft uns in Strömen über das Gesicht, Mißmut greift um sich, einer nach dem anderen holt sich eine Flasche aus dem Korbe und stärkt sich mit tiefen Zügen. Wieder werden die Hunde eingelassen. Mit einem Male schreit ein Jäger, wie elektrisiert mit Händen und Füßen zappelnd und in die Röhre deutend: Hier war eben der Fuchs, von hier nach dort. Schnell den Hund her! Waldmann wird in den Einschlag gelassen, und nun geht das Anhetzen los. Hu faß, hu faß, faß, so ist's recht, Waldmann, kss, kss, faß den Fuchs, krieg ihn, den Halunken, kss, kss! Lauter Lärm füllt die stille Heide, die Gesichter röten sich vor Aufregung, Halsgeben der im Bau befindlichen Hunde klingt dumpf herauf. Jetzt erscheint Waldmanns Rute in der Röhre des Einschlages, dann auch die Hinterläufe. Er hat'n, er hat'n, schreit sein auf den Knien liegender Herr. Faß, Waldmännchen, kss, kss, kss, faß ihn! Und dann langt die braune Jägerhand hinunter, scharrt die gelbe Erde fort, erweitert den Eingang und packt die eifrig wedelnde Rute des Teckels, zieht ihn daran heraus und gleichzeitig auch den gewürgten Fuchs. Waldmann läßt nicht los: Fest hat er sich verbissen und schüttelt knurrend den Fuchs. Die übrigen Teckel schliefen aus den Röhren und stürzen sich alle auf den Fuchs, hängen sich fest daran, winseln vor Wut und lassen nicht ab, einige selbst dann nicht, als man den Fuchs in die Höhe hebt. Man läßt sie sich noch eine Weile an dem Fuchse abmühen, um sie scharf zu machen, und dann reißt man ihnen den ganz Zerzausten fort und hängt ihn in eine Fuhre. Die Teckel springen fortwährend danach, bis man sie wieder vor die Röhren bringt. Wieder geht das Anhetzen los, wieder wird gegraben, aus den neueröffneten Röhren blickt dann wohl ein mordgieriger Teckelkopf hervor, dampft vor Erhitzung, schluckt frische Luft und verschwindet. Das unterirdische Geläut hört nicht auf und hält sich auf einer Stelle. Dort muß der Kessel sein. Wieder knirscht der Spaten, dumpf poltern die Schollen, und wieder öffnet sich eine Röhre. Alle vier Hunde erscheinen über der Erde, aus verschiedenen Röhren kommend, und wollen alle vier auf einmal in die neueröffnete Röhre: Vier Köpfe stecken in dem engen Eingange, vier Ruten wedeln unaufhörlich, acht krumme Vorderläufe scharren in dem gelben Sande. Die Teckel hindern sich gegenseitig. Man nimmt drei der mutigen Teufelchen auf und hält sie zurück, bis der erste eingeschlieft ist; dann folgt einer nach dem andern. Unaufhörlich ruft man das anhetzende Hu faß – faß in die Röhre hinein. Zwei Teckelruten zeigen sich, man hört ein giftiges, keckerndes Äk – äk: Wieder einer! Der eine Teckel hat den Fuchs unter dem Halse, der andere hat ihn am Genick erfaßt, und bald ist das Keckern und das darauffolgende Quäken verstummt, und die Teckel lassen ihre Wut an ihm aus, bis man ihn den Grimmigen entreißt und ihn dann ebenfalls in den Baum hängt. Nach kurzer Zeit verschwinden die braven Hunde wieder in der Erde. Es dauert nicht lange, so fördern sie einen dritten zutage, bedeutend geringer als die beiden ersten; gleich darauf einen ebenso geringen, nach einer Viertelstunde noch einen, später einen sechsten, stärkeren, und zuletzt wieder einen geringeren. Sieben junge Füchse hängen an der Kiefer; vier geringe und drei stärkere. Zwei Füchsinnen haben hier zusammen einen Bau bezogen. Die Hunde wollen nicht mehr einschliefen. – Waldmann legt sich unter die Kiefer und blinzelt nach den oben hängenden Füchsen, Peter hat sich einen heruntergelangt und knutscht ihn ab, Jenny ist längst wieder die liebe, gute bescheidene kleine Jenny und liegt auf dem Schoße ihres Herrn, und der vierte Teckel, auch ein Peter, ruht sich nach der schweren Arbeit im Sande aus. Ein Massengrab nimmt die sieben Füchse auf, und dann geht es durch den heißen Sand in sengender Sonnenglut zum Dorfe, um den knurrenden Magen und die ausgedörrte Kehle zu befriedigen und sich neu zu kräftigen für die Abendbalz des Birkhahns oder den Ansitz auf den Bock. Im grünen Maienwald Die Welt ist voll von Blumen und Sonne und Vogelgesang. Den Gehlenbach entlang gehe ich mit frohen Augen. Um mich herum, an des Plapperwassers Bord, blüht es gelb und weiß und blau und rot, weiße Schmetterlinge tanzen über die Schaumkrautdolden, schwarze Schwalben schießen über den buntgestickten grünen Wiesenplan. Vor mir bollwerken des Sauparks Waldkuppen mit hellgrünen Buchen und goldenen Eichen, von dicken weißen Gewitterwolken überlagert, die schwer und klumpig hineinragen in den hellblauen Himmel, und mürrisch starrt die Barenburg, der graue Stein, aus dem lichten grünen Hange heraus. Er bleibt sich immer gleich, der alte Stein. Wenn wintertags der Fuchs bei Blachfrost unter ihm vor Hunger bellt, wenn im November der Nordwest rote Blätter über seine graue Maske wirbelt, wenn im August durch das umgewandte Buchenblatt die Hundstagssonne prallt, ihm ist alles gleich, dem alten Stein. Er hat ja schon so viel durchgemacht, ihn läßt alles kalt. Mich aber nicht. Ich freue mich über das junge Rohr, das leise im Winde schwankt, über die großen Goldkäfer auf der Krauseminze, über die roten Kerzen des Knabenkrautes, die im hellen Grase prunken, über das Bergbachstelzenpärchen, das auf dem Stauwerk umherwippt, und pfeife mein Leiblied vor mich hin und lache den grämlichen Stein aus. Alles lacht ja um ihn herum. Lachen höre ich aus der Kiebitze Ruf, aus der Lerche Lied, zu lachen scheint mir die Häsin, die vor ihrem verliebten Buhlen Haken schlägt, und der blaue Günsel und die goldene Schlüsselblume, die weiße Spierstaude und der himmelblaue Ehrenpreis, sie lachen mich alle freundlich an. Sogar die alte Schäferin lächelt auf meinen frohen Gruß unter dem breiten Hute her. Aber im Walde, da kommt mir einer entgegen, der lacht und lacht und lacht. Schön ist er, göttlich schön. Um sein frohes Gesicht kraust sich goldnes Haar, auf seinen jungen schlanken Leib wirft die Sonne goldne Lichter und das Buchenlaub grüne Schatten, und in beiden Händen reicht er mir dicke Sträuße von himmelblauen Waldvergißmeinnicht und weißbesterntem Waldmeister, goldner Waldnessel und silberner Sternblume, heilsamem Lungenkraut und duftendem Gundermann, er, der Herr im Wald, der Frühling. Vor mir geht er in den Wald hinein, und ich gehe ihm nach. Wo seine nackten Füße hintreten, glüht das Goldmoos auf, rollen die Farne ihre Wedel auseinander, wachsen die zartblumigen Knabenkräuter aus dem langen jungen Gras, faltet die Waldrebe ihre Blättchen auseinander, bläht der Aronstab seine seltsame Blüte dicker auf. Jubelndes Volk begleitet des jungen schönen Königs Zug und singt ihm Huldigungslieder. Schwarzdrossel und Goldamsel spielen die Flöte, Mönch und Fink, Rotschwanz und Fliegenschnäpper schmettern und zwitschern, sogar der dickköpfige Kernknacker und der alberne Markwart huldigen ihm auf ihre Art. Mit Sang und Klang verschwindet der bunte Zug hinten im tiefen Wald. Ich sehe ihm lächelnd nach. Ein Schmalreh und ein Bock äugen dem Trosse nach. Sie erinnern mich daran, was ich im grünen Maienwalde heute will. Den Bock weidwerken, den braven, heimlichen, der droben unter der Holzmühle seinen Stand hat. Doch nicht dann, wenn er vertraut ist, wie dieser hier. Auf fünfzig Gänge äugt er mich an, als wären wir im Paradies, pflückt mit dem samtschwarzen Geäse das junge Laub vom wilden Stachelbeerbusch, rupft ein Hälmchen vom Wegerand, und zieht langsam, immer wieder als dunkler Fleck auftauchend im hellgrünen Unterholz, dem Frühling nach. Auf lautlosen Sohlen pirsche ich weiter durch die saftiggrüne, sonnengolddurchtränkte Frühlingsherrlichkeit. Das Vormittagsgewitter hat Diamanten an alle Blätter gehängt, Perlen in jede Blume geträufelt, das Moos schwillt, und das Gras glitzert. Des Ahorns goldne Blütenbüschel leuchten auf dem grünmoosigen Weg, und im nassen Fallaub am Boden spielen violette Lichter. Betäubender Zwiebelgeruch schlägt mir entgegen. Rundherum ist alles weiß, wie Schnee liegt es über dem Grün. Die Stadtleute hassen ihn, den starkduftenden Bärenlauch, ich aber habe ihn gern. Wo er wächst, ist Waldesstille, wo er duftet, herrscht Üppigkeit, wo er blüht, strotzt der Wald in Lebenskraft. Schöner blühen hier alle Blumen, straffer stehen die Buchen, voller klingt der Vögel Chor. Über den grünen, weißbeschneiten Teppich gehe ich mit leisen Schritten. Ich scheue mich fast, in die blühenden Wunderherrlichkeiten hineinzutreten. Wie der vornehme Trauerfalter dort möchte ich schweben über die Blumen oder wie das Reh zwischen ihnen wandeln, das dort unter der blühenden Traubenkirsche langsam durch den Wald zieht, ein roter Fleck im satten Grün. Ein dunkler Fleck taucht weiter oben auf, ein anderer dahinter. Und links ein roter Schein und weiter noch einer. Vertraut, wie die Schafe, äsen sie sich im Perlgrase weiter, bis die blühende Heckenkirsche sie verbirgt. Jetzt aber wird es für mich Zeit, zur Holzmühle zu kommen. Schon leuchtet das grüne Feld zwischen den grauen Stämmen durch, schon blendet die weiße Straße herüber. Einen Blick zur Marienburg, einen zur Drakenburg, dann den Gehlenbach entlang, wo die Dorngrasmücke im Gestrüpp plappert, in den schwülen Wald hinein, wo der Kuckuck ruft, am Rauschenwasser entlang, bis dahin, wo am Forellenteich ein stilles Plätzchen ist. Dort ein kühler Trunk, ein Viertelstündchen Rast, und dann wieder hinein in den grünen Wald, bis dahin, wo die Dickung düstert, in der der Brave steht. Am Grabenbord vor einer alten Buche kauere ich mich hin, die Büchse auf den Knien. Hinter mir in den Fichten piepsen die Goldhähnchen und spulen die Tannenmeisen, noch schmettert der Fink, aber schon ruft der Täuber sein Abendlied, das Rotkehlchen singt seine Weise, und die braunen Abendfalter huschen über das Fallaub. Langsam stiehlt sich die Dämmerung in den Wald. Steif und starr wie ein Klotz hocke ich an dem Stamm. Ein goldgefleckter Salamander kriecht an meinen Schuhen vorüber, dicht vor meinem Gesicht fängt eine große Fledermaus eine Motte fort, der Zaunkönig schmettert auf dem Rucksack vor mir sein Liedchen, der Bussard hakt zwanzig Schritte vor mir auf dem Buchenaste auf. Eine leichte Brise säuselt im Buchenlaub. Ein roter Fleck taucht am Rande der Dickung auf. Meine Unbeweglichkeit bekommt einen kleinen Ruck. Langsam wende ich den Kopf. Ein leises Zittern überschleicht mich, denn das Schmalreh zieht gerade auf mich zu, und an der Dickung taucht noch ein dunkles Ding auf, der Bock. Hinten im Stangenort lacht und winselt die Eule. Spitzmäuse huschen neben mir über das nasse Laub. Meine Füße sind eiskalt, aber die Angst macht meine Stirne heiß und naß. Da ein leiser Seufzer der Erleichterung. Das hübsche Ding wendet sich und zieht links an mir vorbei. Oben der Bock aber steht wie angemauert. Kürzer wird die Ferne, näher ruft die Eule, ausgesungen hat die Drossel ihr Lied. Da tritt der Bock hervor. Langsam, vorsichtig, nach jedem Blättchen, das er äst, aufwerfend, immer noch viel zu weit für die Kugel. Und immer grauer wird es zwischen Holz und Himmel. Da endlich traut er sich heraus, und endlich auch habe ich ihn auf Schußnähe. Ich lege an und gehe in den roten Fleck hinein mit dem Büchsenlauf, aber wie ich auch suche und suche, vergebens ist alle Müh', ich bekomme Korn und Kimme nicht zusammen. Und immer flüchtiger trollt er der Grenze zu. Ich will es wagen. Ich richte mich auf und mache einen Schritt. Und einen noch und noch einen, dem roten Schatten vor mir nachpirschend. Dann ein Satz über den Graben, und ein ängstliches Hervorsehen hinter dem Stamm. Und dann ein Aufatmen und wieder ein Sprung über morsches Gezweig, und wieder ein Aufpassen und ein Aufatmen. Und so Schritt für Schritt näher heran bis vor das Feld. Am Felde sichert der Schlaue. Eine alte Buche verdeckt ihn bis auf das Gehörn. Ich habe die Büchse am Kopfe und warte. Hier ist mehr Licht, und hell schimmert das Korn im Visier. Ich dampfe. Die zweihundert Gänge haben mir den Schweiß durch die Haut gejagt; alle Schlagadern hüpfen, und das Herz trommelt mir laut unter der Joppe. Und immer noch sehe ich nichts von dem Bock als das Gehörn. Noch ein Weilchen, und das Büchsenlicht ist fort. Da bewegen sich die schwarzen, dreizackigen Stangen. Das Geäse schiebt sich vor, der Hals, und jetzt das Blatt. Nur ein ganz kleines bißchen lasse ich den Büchsenlauf sinken, dann rühre ich am Abzug. Im roten Strahl sehe ich den Bock hinter der Buche vornüberschlagen, dann legt der weiße Dampf sich vor ihn, und der Widerhall des Schusses überbrüllt, was ich hören möchte. Doch jetzt, da, ein Rascheln im Laub, und noch einmal, und alles ist still. Die Amsel nur zetert über den Mord im Maiwind, und die Rotkehlchen locken ängstlich. Lang liegt er da zwischen blauem Günsel und silbernen Erdbeeren, der Starke, der keinen dulden wollte neben sich hier am Hange. Alle anderen Böcke hat er fortgebracht. Abgekämpft sind beide Vorderenden. Nun ist wieder Platz für die andern, die er vertrieb, hier im grünen Maienwald. Wo die Oder rauscht Es war eine Liebe auf den ersten Blick. Auf Anhieb verschoß ich mich in sie, in die lustige Tochter eines ernsten Vaters, in die sprudelnde, springende, lustige, launenhafte Oder, des finsteren Blocksbergs fideles Kind. Ich sah sie aus dem Brockenmoore heraussickern, wo das Wollgras seine Silberfahnen schwenkt, ein wildes kleines Ding. Dann trafen wir uns bei Oderbrück, wo man dem frechen Backfisch eine ungeheuere steinerne Schnürbrust anlegte, damit er hübsch artig und fleißig sei und in den Gruben von Sankt Andreasberg den Bergleuten helfe. Aber ganz bändigen ließ sich die Kleine nicht, der Wildfang sprang bald wieder ohne Schuhe und Strümpfe und Korsett über moosige Steine und algenbedeckte Blöcke talab, daß die ernsten Fichten ganz verwundert die Köpfe schüttelten. So lustig sie ist, kann sie auch mächtig ernst sein. Wenn sie so ihren Zug kriegt, dann schlägt sie alles kurz und klein. Gerade dem Bahnhof Scharzfeld gegenüber lag ein festes Mühlenwehr aus Stämmen, Flechtwerk und Steinen mühsam in monatelanger Arbeit von vielen schwieligen Fäusten aufgebaut. Jahrelang hat die Oder sich das Hemmnis gefallen lassen. Auf einmal aber wurde es ihr zu dumm, und im letzten Frühling wischte sie es weg, und der Müller kann sich nun wieder monatelang abquälen, bis er wieder ein neues Wehr fertig hat. Von diesem Wehr flußabwärts bis eine Wegstunde hinter Scharzfeld konnte ich angeln, aber ich begnügte mich mit der Ecke vom Wehr bis zur Brücke, soweit der Bergabhang von Kirchholz bedeckt ist, von diesem Holz, in das ich mich auch gleich Knall und Fall verliebte, trotz seines geringen Rehstandes, in das ich mich verschoß über Hals und Kopf wegen seiner heimlichen Klippenecken und Felswinkel, wegen seiner seltsamen, zwischen Blöcken und Quadern sich herauswindenden Fichten und Buchen und wegen seines Überreichtums an schönen und seltenen Blumen. Im Schatten glänzt die Haselwurz, da steht steif und stolz die goldbraune Vogelnestwurz und krumm und gebückt der leichenfarbige Fichtenspargel, weiße Orchideen leuchten im finsteren Stangenort, um dessen Stämme die Waldrebe ihre zähen Taue zieht. Hinter der Brücke, da sind die Ufer kahl, da lockt es mich nicht hin. Zwischen Wehr und Brücke bleibe ich. Es ist schwül und drückend heute morgen, und die Sonne sticht. Da wird sie beißen, die Forelle. Oben am Wehr beginne ich, da, wo zwischen den glucksenden, rauschenden, strudelnden Wassern eine klare, grüne Stelle ist. Im Schatten der Eller, deren Blätter in der Julisonne metallisch glänzen, mache ich die Angel fertig. Einen Augenblick sehe ich den Bachstelzen zu, die auf dem Ufergeröll Fliegen jagen, dann lasse ich die künstliche Fliege auf die glatte, tiefe grüne Stelle fallen und hole sie mit zitternder Handbewegung zu mir heran. Wie ein lebendes Insekt tanzt sie über das Wasser. Schon ist sie dicht an den überspülten Ufersteinen, da schießt ein blankes Ding heran, hascht nach ihr und verschwindet als silberner Blitz wieder in dem Kolk. Wieder fällt die Fliege auf den grünen Spiegel, und noch einmal, und dann platscht es, und ich rucke an, aber die Äsche zeigt mir höhnisch die Schwanzflosse. Sie hat nur ein paar Härchen von der Fliege gezupft. Im Schatten der Eller löse ich die Fliege vom Vorfach und nehme eine andere. Ein Stück weiter unten lasse ich sie dann über das flache, rasche, laute Wasser tanzen, da, wo die flinken Forellen stehen, den Kopf gegen den Strom gerichtet. Nachher will ich es wieder mit den Äschen versuchen. In weitem Bogen fliegt die Schnur durch die Luft, und kaum daß die Fliege das Wasser berührt, so klatscht es auch schon, und ein heller Blitz funkelt durch die schnellen Wellen. Ein leiser Ruck des Handgelenks hebt eine Forelle aus dem Wasser, und in hohem Bogen fällt sie auf den Schotter des Ufers zwischen die goldgelb blühende Wolfsmilch. Vorsichtig löse ich den Haken aus dem Gaumen des zappelnden Fisches und setze ihn in den Eimer in dem er wütend hin und her schießt. Das Kreuzholz hindert ihn aber am Herausspringen. Es wird immer drückender. Die Sonne fällt aus tiefen Wolken blendend auf die glitzernde Flut, und zwischen dem silbergrauen Schotter summt es von Fliegen und Bienen. Drüben vom anderen Ufer weht Fichtenduft herüber, schwer und schwül. Ein heller, schwermütiger Ruf ertönt. Als blendender, hellblauer Blitz streicht der Eisvogel über das Flüßchen und fällt als funkelnder Edelstein am Mühlengraben ein. Ich werfe die lästige Jacke ab und gehe weiter das Ufer entlang, bis dahin, wo drüben die losgewaschene Weide das Flußbett verengt und zerrissene Felsblöcke eine Stromschnelle bilden. Stumm streicht vom hohlen Ufer die Wasseramsel ab und macht mir von der Kuppe eines gischtumspritzten Blockes einen spöttischen Knicks nach dem anderen, kokett ihre weiße Weste zeigend. Wenn das nur etwas Gutes bedeutet! Zwischen der umgefallenen Weide und der Klippe ist ein tiefer Kolk mit klarem, grünem Spiegel. In dem steht sicher eine starke Forelle. Aber es ist schwer, die Fliege dahin zu bringen. Hüben und drüben hindern die Ellernbüsche den Arm am Schwung. Zweimal versuche ich es, aber jedesmal verheddert sich die Schnur im Gezweig. So steige ich denn bis an die Knie in das Wasser. Mörderisch zankt drüben der Zaunkönig. Er meint, ich will seiner flüggen Brut an den Kragen, die wie die Mäuschen durch die Riesenblätter der Pestwurz schlüpfen. Ich werfe von weitem die Fliege auf den Kolk. Ein Sprung, ein Silberblitz, ein Platschen und Plumpsen, die Schnur läuft rasselnd aus der Rolle, dann ein Ruck, und ihre Spannung hört auf. Ich rolle auf, und fliegenlos pendelt das Vorfach um meinen Kopf. Pech! Da hat sich die Schnur an einer Wurzel oder hinter einer Klippenzacke geklemmt, und die Forelle hat die Fliege mitgenommen. Also darum dienerte die Wasseramsel so höhnisch! Ich schlinge eine neue Fliege an das Vorfach und versuche aufs neue meine Kunst. Aber vergebens lasse ich die Rute schwippen und die Schnur fliegen, der alte, starke Räuber hat genug vom ersten Male. Und da höre ich auch das Geröll rasseln hinter mir. Der eine der drei Engländer aus Leipzig, die seit gestern im Hotel Schuster wohnen, kommt mit seiner Angel an. Es ist ein alter Forellenfischer. Seit acht Jahren kommt er alle Augenblicke nach dem schönen Scharzfeld und macht reiche Beute. Die beiden anderen sind oben, wo die Äschen stehen. Unaufhörlich blitzen die Angelruten in der Luft. Ich erzähle mein Unglück mit der starken Forelle. Er sieht meine Fliege an, schüttelt den Kopf und zeigt mir seine Fliege. Dann läßt er sie leicht auf den Kolk fallen. Ich sehe ihm zu; von dem kann ich lernen. Wie weit er wirft, wie lose die Fliege auf das Wasser fällt, wie er sie mit zitternder Handbewegung quer über den Strom tanzen läßt, es ist eine Freude zuzusehen. So hocke ich denn am Ufer, rauche, beobachte ihn und höre, was Fink und Mönch, Ammer und Zippe singen und lausche dem Quirlen und Sprudeln, Klucksen und Gurgeln des Wassers. Eine halbe Stunde lang sehe ich zu. Vier Forellen und eine Äsche sind schon in den Eimer gekommen, aber die große ist noch nicht dabei. Und noch immer fällt die Fliege vor und hinter dem Kolk und nur ab und zu auf seinen grünen Spiegel. Hinter dem Kirchholz grummelt ein Gewitter. Ein Windstoß rauscht in den Fichten. Die Hohltauben, die sich am Ufer tränken, flüchten zum Holze. Einzelne Tropfen fallen. Des langen Engländers Gesicht rührt sich nicht. Er zieht die Kappe fester, stopft sich sein Pfeifchen und wirft von neuem die Fliege auf das Wasser, hierhin, dahin, wo es brandet und braust, und dann wieder einmal dahin, wo das Wasser stille steht, grün und klar. Und in demselben Augenblick ein lauter Plumps, ich sehe eben noch einen silbernen Streif, aber einen handbreiten, sehe das abgemessene Anrucken in des Engländers Arm, bewundere die Sicherheit, mit der er die abrollende Schnur durch geschickte Gegenbewegung in Spannung hält, ich höre die Rolle rasseln, sehe die Angelrute hin und her pendeln und sehe zum erstenmal heute in dem schmalen, braunen Gesicht etwas wie Aufregung, das tief versteckt lag hinter den ausdruckslosen Mienen. Aber immer bleibt der Grundzug des Gesichts ruhig, und der Rauch des Pfeifchens flattert in gleichmäßigen Wolken flußaufwärts mit dem Winde. Langsam rollt er jetzt auf, aber rasend schnell läuft die Schnur wieder ab. Und wieder rollt er auf, und noch einmal läuft sie ab, und so nochmals und abermals. Dann aber ist die Forelle matt, und vorsichtig rückwärts gehend, watet er dem Lande zu. Wir haben keinen Kätscher mitgenommen, das ist dumm. So greift er denn die Angelrute entlang bis zur Spitze und zieht mit der Rechten Schnur und Vorfach heran. Und dann, in demselben Augenblicke, wo der Kopf der Forelle schon fast die Luft berührt, ein Schwung, und sie schnellt sich, vom Haken frei, in dem blühenden Wundklee herum. Da lacht er aber doch über das ganze Gesicht. Eine zweipfündige, dieselbe, die gestern seinem Freunde das ganze Vorfach fortnahm. Und dann sagt er lachend: »Ich habe schrecklich viel Angst gehabt.« Und dann faßt er die wütend zappelnde Forelle mit schnellem Griff über den drei Finger breiten Nacken hinter die Kiemen, sieht frohen Auges an den dunkelrot getupften Seiten entlang und tut sie in den Eimer, in dem sie einen Höllenspektakel vollführt. Nun kommen auch die beiden anderen Engländer an. Sie haben sieben Äschen gefangen, aber sie gäben sie gern hin für die eine Forelle. Das sieht man ihren Augen an. Weiter unten im Flusse ist eine Stelle, da ist mein Lieblingsplatz. An der rechten Seite, da ist das Ufer hoch und mit Ellernbüschen bestockt, links greift der Fels in das Bett ein, zerrissen und zerborsten, und engt den Strom so ein, daß er eine niedliche kleine Stromschnelle bildet. Rundherum sind Altwässer, in denen sich die junge Brut der Äschen und Forellen tummelt und bei unserem Herannahen unter den braungelben Algendecken versteckt, und zwischen den Felsen sind flache Mulden, in denen die dickköpfigen Groppen faul auf den kaum mit Wasser bedeckten Steinen liegen. Der Eisvogel, der hier gern fischt, stiebt mit ärgerlichem Ruf ab, als wir kommen, und die Groppen verschwinden vor unseren Tritten, mit den Schwänzen das Wasser trübend, in den Steinritzen. Unter den Felsen sind große, stille Tiefen. Vier Forellen holte ich gestern da heraus, aber die fünfte, die beste, nicht. Der eine Augenblick, in dem ich, auf schlüpfrigem Fels stehend, vergaß, die Schnur straff zu halten, genügte ihr, sich frei zu machen, und sie biß nicht wieder. Aber der alte Forellenangler wird sie schon kriegen, und ich, der junge, lerne dabei. Der Engländer sieht sich die Sache an. Links der Wildrosenbusch, rechts die Ellern und Weiden, oberhalb der tiefe Strudel, das ist dumm. Da muß alles im Handgelenk liegen. Dicht über das Wasser fliegt die Fliege, jetzt tanzt sie wie eine Eintagsfliege, die ihre Eier ablegen will, über den Strudel, jetzt zittert sie auf dem Kolk, jetzt schlüpft sie über die nassen, algenbesponnenen Steine. Noch einmal! Nichts. Noch einmal! Dasselbe. Und noch einmal! Auch nichts. Und wieder einmal. Wieder nichts. Und dann klatsch, plumps, das Geratter der Rolle, das Zittern der Angel, und die Forelle ist zu Land gebracht. Aber nichts Besonderes. Also wieder weiter. Nichts. Und wieder weiter. Klatsch, plumps. Das war eine Äsche. Die hatte nur angefaßt und hielt das Anrucken nicht aus. Also noch einmal, noch einmal und noch einmal. Hoppla, das ist etwas Besseres. Rrr geht die Rolle, hierhin, dahin geht die Rute, mit Luchsaugen paßt der Engländer auf, daß die Schnur straff bleibt, immer die rechte Hand an der Kurbel, Schnur nehmend, Schnur gebend, dem Fisch scheinbar den Willen lassend, bis er ganz matt ist und sich so weit ziehen läßt, daß ein Schwung ihn auf das Geschotter des Ufers wirft. Am Fuhrenkamp An der schnurgeraden Landstraße liegt er, mein Fuhrenkamp, ein schwarzes undurchdringliches Viereck. An der Ostseite flitzen die Radler dahin, rasseln die Jagdwagen vorbei, fahren die Bauern mit ihren Gespannen zu Felde, kommen die hochgepackten Torfwagen vom Moore. Im Straßengraben spielen die Kinder mit Kettenblumen, da ruhen sich die Frauen aus, die Braken im Holze lasen, Handwerksburschen verzehren ihr karges Vesper dort, oder ein müder Radfahrer streckt die Glieder im staubigen Grase aus. Morgens und abends treibt dort der Schäfer vorbei; dann mülmt es gelb und dick noch lange fort. Die Südseite säumt ein Koppelweg, die Nordseite ein tiefer Graben und dann eine braune Heidfläche, die Westseite schließt wieder ein Graben ab, und daran liegen die Felder. Von dem Grabenbord aus sieht man über dem Korn die roten Dächer des Dorfes, in grünen Bäumen halb versteckt, zur Rechten gelbe Dünen, oben von schwarzen Fuhrendickungen gekrönt, und dahinter blauen die Höhen der Bückeberge. Ich konnte es anfangs nicht leiden, dieses viereckige Stück Dickung, so gerade wie mit der Meßleine gezogen, so gekünstelt, so angelegt, so unnatürlich, so dicht an der Straße gelegen. Wenn ich jage, will ich Wildnis haben, will ich keinen Menschen, keinen Wagen hören, nichts hören und sehen will ich dann von Kultur. Urmensch will ich sein in der Urnatur. Und hier störten mich die roten Dächer des Dorfes, das Leben auf dem Felde, der Lärm auf der Straße. So ging ich immer daran vorüber. Eines Junimorgens aber, als ich Hals über Kopf querfeldein lief, um den Zug der Kleinbahn noch zu erreichen, mußte ich an dem Fuhrenkamp vorbei. Etwas Rotes vor ihm stach mir in die Augen; ein Bock, ein knallroter Bock, und ein knallrotes Schmalreh bummelten vom Felde auf ihn zu. Handhoch leuchteten des Bockes weiße Enden über den Lauschern. Im vollen Laufen hielt ich an, sank langsam zu Boden und kroch hinter der Straßenböschung platt auf dem Leibe vorwärts, um den Graben zu erreichen, der ein Anpirschen auf Büchsenschußweite erlaubte. Auf der Grabensohle schob ich mich weiter, Hut und Rucksack warf ich ab und kroch wie ein Raubtier vorwärts. Hinter einer lüttjen Fuhre am Grabenbord hob ich den Kopf und schob die Büchse vor. Da waren Bock und Schmalreh schon in den lückigen Teil des Vierecks eingewechselt und zogen äsend in das Innere. Einmal nur hob der Bock den Kopf, mit dem Glase faßte ich das Gehörn, das hohe, langendige, das ich noch nie gesehen hatte, dann verschwand er in dem Wirrnisse dunkler Büsche. Vergessen war die Kleinbahn, vergessen Hunger und Durst. Ich umschlug das Viereck, saß eine Stunde an der Straße, aber der Bock kam nicht. Und dann kroch ich auf die Blöße der Dickung, klappte den Jagdstuhl auf und saß und saß mit bellendem Magen und ausgedörrtem Hals von acht bis zwölf in der brennenden Sonnenglut. Aber der Bock kam nicht. Nur eine große Hasenhochzeit sah ich. Vier Rammler und eine Häsin kamen angepoltert, immer um mich herum. Sowie einer der Schönen zu sehr den Hof machte, gab es einen Zweikampf. Um die grünen Triebe der Fuhren zitterten die Libellen, im Graben jagten die goldgrünen Raubkäfer, im Heidekraut zwitscherten die Spitzmäuse, die Goldammer sang ihr Mittagslied, und die Grauartschen schwatzten auf dem Raine, aber der Bock plätzte und schlug in der sicheren Dickung, und höhnisch lachte die Elster mich aus, als ich überhungert und überdurstet aufstand, um durch die Mittagsglut zum Dorfe zu schleichen in mein Bett, das ich in der zweiten Nachtstunde verlassen hatte. Um sechs Uhr aber saß ich schon wieder am Fuhrenkamp. Unter meiner Kammer in der Wirtsstube waren zu viel laute Stimmen, war zu viel Gläsergeklapper. Ich saß mir die Knochen steif und den Rücken krumm, aber der Bock kam nicht. Ich ging zum Fuhrenkamp vor Tau und Tag, ich saß dort an bei sengender Siedeglut und bei rieselndem Regen, ich umpirschte ihn in der Ulenflucht und beim ersten Lerchensang, aber der Bock war nicht sichtbar. Bei hellichtem Mittag stand er im Klee, sagten die Bauern, aber nur nicht, wenn ich kam. Und wenn es ganz dunkel war, dann sah ich ein starkes Stück zu Felde ziehen. Das war wohl der Bock. Auf die Blattezeit setzte ich meine letzte Hoffnung, auf die Zeit, wo dem Bock die Liebe den Kopf verwirrt. Heiß war die Augustsonne, als ich wieder einmal auf der Blöße des Fuhrenkampes saß. Schmelzend und lockend, sehnsüchtig und verlangend klangen die Fieplaute aus meinen geblähten Lippen hervor. Doch stumm blieb es in der unentwirrbaren Dickung. Nur die Libellen knisterten durch die trockene Luft, und die blinden Fliegen umsummten mich und zerstachen mir Nacken und Hände. Einmal hörte ich es brechen in der Dickung, aber der Schlauberger kam nicht heraus. Da faßte ich in die Tasche und holte die Angstblatte heraus. Gellend, hilfesuchend, gepeinigt kam es aus der Faust heraus. Das war dem alten Burschen zuviel. Das Werben eines Schmalrehs ließ ihn kalt, den Starken, der alle Nebenbuhler in Schach hielt mit seinen nadelscharfen Enden, aber das ging denn doch nicht, daß ihm ein anderer in das Gehege kam. Wie ein Donnerwetter polterte er heran, aber nur so weit, daß ihn noch die Dickung deckte. Da blieb er stehen, zehn Minuten lang, zog hin und her, und dann wurde es ganz still. Noch einmal ließ ich den Angstlaut des vom Bock getriebenen Schmalrehes gellend in die Stille der Unterstunde erschallen. Vergeblich, nichts rührte sich. Als ich schon aufstehen wollte, um anderswo mein Heil zu versuchen, da polterte es hinter mir, unter dem Winde, und mit dröhnendem Bööö sprang der geriebene alte Herr ab, der mich im Bogen umzogen hatte, um sich Wind zu holen. Von da an blieb er wieder unsichtbar. All mein Pirschen, all mein Ansitzen, es war für die Katz. Der Herbst kam ins Land, und immer noch nicht hing das hohe Gehörn an der Wand bei mir. Der Winter kam. Da sah ich ihn wieder mit kahlem Kopf. Der Winter ging, und der Mai kam. Ob er wohl noch lebt? Zwei saftige Kleestücke liegen an der Westseite. Ob er wohl dahin wechselt? Von der Düne aus nehme ich die Blöße, die Saat, den Klee, den Graben ins Glas. Nichts, nur Hasen; hier Hasen, da Hasen, hoppelnd, Kegel machend, äsend und beim Minnespiel. Langsam fällt die Dämmerung auf das Feld. Hinter mir ist die Sonne verschwunden hinter den blauen Bückebergen; ihr Abglanz färbt das Steinhuder Meer golden und gibt dem düsteren Moor einen warmen Schein. Auf den Klee treten Rehe, eine rote Ricke, eine schwarze Ricke mit einem schwarzen Schmalreh, ganz unten ein einzelnes rotes Stück auf der zweiten Kleeflagge. Das kann er sein. Aber ehe ich dahin komme, ist es schwarze Nacht. In grauer Dämmerung bin ich wieder dort am andern Morgen. An der Straße warte ich, bis der Tag die Nacht verjagt, aus der Tasche mein Brot essend. Die Luft ist voll von Lerchenliedern, die Eule klagt über den Feldern, eine Nachtschwalbe spinnt ihr seltsames Lied und tanzt lautlos um mich herum. Leise, langsam schleiche ich an der Südseite entlang, dem zweiten Kleestück zu. Noch ist die Luft grau. Aber immer heller wird sie mit jeder Viertelstunde. Als ich den Jagdstuhl öffne, machen im Klee drei Hasen Kegel und äsen dann weiter. Enten streichen klingend zum Meere, ein heiserer Reiherschrei klingt zu mir herunter, ein Rebhahn lockt vor mir auf der Brache. Ich sitze wie gemauert hinter der Eckfuhre auf meinem Stuhl. Eine rote Ricke zieht zehn Schritt von mir aus der Dickung. Vertraut äst sie sich bis sechs Schritt an mich heran, tritt in den Graben und dann auf den Weg. Jetzt hat sie mich eräugt. Die Lauscher spielen hin und her, der Windfang schnuppert in der Luft, nickend tritt sie näher, stampft unruhig mit den Vorderläufen und tritt hin und her. Ich rühre kein Auge im Kopfe, sehe ihr still in die dunklen Lichter; da beruhigt sie sich und zieht durch den Roggen nach dem Klee, ab und zu verhoffend und nach mir hinäugend. Oder äugt sie gar nicht nach mir? Äugt sie nach den Fuhren? Kommt da der Liebste, der sie vorauswechseln ließ und erst abwartet, bis die Luft rein ist? Fast scheint es so. Ich sitze und sitze, aber nur Krumme rücken aus den Fuhren, einer nach dem andern, alte Rammler, die alle Augenblicke sichern, Häsinnen, die faul hoppelnd äsen, und Junghäschen, karnickelgroß, putzige Dinger. Jetzt wird mir das aber bald langweilig! Doch halt, was ist das da? Fünfzig Schritt über mir tritt ein rotes Stück Rehwild aus den Fuhren. Ein Schmalreh; es zieht nach dem oberen Klee. Und dahinter kommt der Bock. Langsam, o so langsam, so behutsam geht das Glas vor meine Augen. Enttäuscht lasse ich es auf die Joppe sinken. Das ist mein Bock nicht; ein lumpiger Spießbock ist es. Aber da ganz oben, wo die Gräben zusammenstoßen, dort, wo die vier Hasen Kegel machen, da tritt wieder etwas heraus. Aber nur bis an den Graben, nicht weiter. Ein Bock ist es, das sagt mir das bloße Auge, und kein geringer. Nun schnell nach der Landstraße zurück und um die andere Ecke herum. Tappend, nach jedem Braken im Graben sehend, jedes streifende Ästchen vermeidend, krieche ich den Graben entlang. So! Von hier aus wird es gehen. Ich steche die Büchse und komme hoch. Aber wo ist der Bock? Der steht schon mitten im Felde. Ich warte und warte, aber er äst ruhig weiter. Und dann, nach einer halben Stunde, zieht er nach den Dünen hin. Soll man da nicht fluchen? Betrübt ziehe ich ab. Die nächsten Tage habe ich keine Zeit. Aber bei aller Arbeit denke ich nur an meinen Bock. Ich träume nachts davon. Und heute habe ich endlich den Abend frei. Ich weiß nicht, mir ist heute so, als wenn ich mit vollem Rucksack nach Hause kommen sollte. Nach den kalten acht Tagen ein warmer Regen, ein schwüler Abend, das ist das richtige. Sogar die Mücken, die mich umsummen, freuen mich. An den kalten Tagen waren sie nicht da. Die Rehe treten heute früh aus. Da kommt schon die schwarze Ricke mit dem schwarzen Schmalreh. Wie toll das aussieht, die beiden kohlschwarzen Dinger in dem grünen Klee! Und wie rot die Hasen schon sind. Die Mücken sind aber wirklich lästig. Ich muß rauchen, sonst ist an Stillsitzen nicht zu denken. Aber zum Kuckuck, wo sind denn meine Sticken? Das ist ja eine schöne Bescherung, die muß ich im Kruge gelassen haben! Zeit habe ich ja noch die Masse. Ich will doch sehen, ob mir nicht auf der Landstraße wer in die Möte kommt, der mir welche abläßt. Da kommt ja ein Sandwagen. Der Fuhrmann lacht; eine gute Zigarre gegen zehn schlechte Schwefelsticken, das ist ein Geschäft. Langsam knarrt der Wagen weiter. So, nun können die Mücken kommen, soviel sie wollen. Jetzt bin ich ihnen über. Aber was soll ich jetzt schon vor dem Klee. Ich sitze mir bloß die Knochen steif. Hier im Graben in der Sonne ist es ja viel schöner. So denke ich und sehe den Hasen zu, die jenseits der Landstraße in dem Roggen spielen, und dem Bussard, der hoch im Blau kreist. Hasen gibt es dieses Jahr die Menge. Da unten sind schon wieder zwei und da wieder einer. Nein, was ist das? Das ist kein Krummer, das ist wahrhaftig mein Bock, der da angezogen kommt, quer durch das Feld nach dem Fuhrenkamp. Und ich liege breit und blank im Graben und kann mich nicht rühren. Da soll doch dieser und jener! Na, nun heißt's aber, die Ohren steif gehalten. Zweihundert Gänge vor mir wechselt er über die Landstraße in die Fuhren. Wie geht der Wind? frage ich die Zigarre. Er ist heute unbeständig. Südwest, sagt der Rauch der Ziegelei. Nun aber los, den Graben entlang. Wahrscheinlich hat es keinen Zweck, denn der Bock hat sich im blanken Feld dickgeäst und wird jetzt faul im Bett liegen. Selbstverständlich! Auf dem Klee steht er nicht. Aber da kommt er, er hat's furchtbar eilig, mitten ins Feld zu kommen, wo keine Kugel ihn erreicht. Wie das leibhaftige böse Gewissen, so unruhig zieht er vorwärts, eben schimmert der rote Rücken hinter dem Roggen hervor. Jetzt tritt er frei auf den Klee, hastig ein paar Blättchen rupfend, alle naselang den Kopf hebend, keinen Augenblick still stehend. Noch zwanzig Gänge, dann verschwindet er hinter dem anderen Roggenstück. Schnell steche ich das Büchsenschloß und ziehe den Kolben an. Nur einen Augenblick stillstehen, bitte! Fällt ihm gar nicht ein. Na, vielleicht hilft das. Ich gehe mit der Büchse mit, und nun ein kurzer Pfiff! Ruck, da steht er und äugt nach mir hin. Aber schon knallt es, ich höre den Kugelschlag, sehe durch das Feuer, wie er eine hohe Flucht macht, und da liegt er im Klee, wild mit den Läufen schnellend. Ich bleibe ruhig stehen und lade wieder, denn man kann nicht wissen. Aber dann, als das Schnellen nachläßt, gehe ich heran. Wie aus einer Seltersflasche, so sprudelt der hellrote Lungenschweiß laut in den grünen Klee. Noch einmal hebt er den Kopf, aber es ist zu spät; meine Linke umfaßt das stark geperlte, schwarze, spitze Gehörn, die Rechte sucht das Weidmesser in der Hosennaht und gibt ihm ein schnelles Ende. Hinter mir, in der Krüppelfuhre, hängt er. Meine Augen umfassen das Gehörn, die Rosen, die dunklen Stangen, die voriges Jahr viel stärker waren. An der Rechten ist die Spitze abgekämpft. Sollte hier noch ein starker Bock wechseln? Möglich ist es schon, denn weit und breit steht kein Klee. So muß ich morgen abend wieder an meinen Fuhrenkamp. Ein Pirschtag am Kahnstein König ist, wer frei ist. Und frei bin ich seit Wochen, wie Zaunkönig im Busch. Kein Mensch fragt nach mir, keinem frage ich nach, Wald und Wild allein ist's, dem mein Sinnen gehört. Im Walde bin ich beim ersten Drosselschlag, beim letzten Rotkehlchenliede noch im Berge, Eulenruf und Unkenton geleiten mich heim. Das Lied, das Zaunköniglein mich lehrte, das lustige Lied, ich singe es jeden Tag. Sau lüttj eck bün, Sau lüttj eck bün, Sau bün eck doch, Sau bün eck doch, Schnideriderrit, De Küning! Im Nebelbette lag noch der Junitag, als ich das Dorf verließ. Ein Nachtgewitter war niedergegangen, weich war der Weg und naß das Gras. Im Korn sang der Rohrsänger, Laubfrösche und Unken plärrten und läuteten in den Flachs-Röstekuhlen am Kirchhofe, Frühwind ruschelte in der Feldpappel und wehte des runden Weißdornbusches Bittermandelduft mir zu. Und vom Schälwald her rief der Waldkauz dem Weibchen zu: Ahou hu hu hu. Wo büst du, min Fru? Ahu hu huit, Kumm mit, kumm mit! De Sunne wad wach, Dann wast du blind, Kumm schnell, min Kind, Din Dod is de Dag! Zärtlich gurrte und maute auf dem schlafenden Rittergute der schwarze Kater. Im Arbeiterhause ist ein weißbuntes Kätzchen, an die hat er sein Herz verloren. Er zieht unter dem Fenster her und lockt sie: Kumm' heriut, kumm' heriut, In Busch un in Kriut: Ut'n Hius, ut'n Hius, Eck heff 'ne prick Mius! Eck heg' se för di, För di ganz allein, Min leiwste Kathrrrein! In der Eichenallee am Schälwalde surren und burren die Maikäfer, und ein unaufhörliches Rispeln und Wispeln herrscht im Walde. Dort ziehen die Schnecken durch das alte Laub, dort jagen Raubkäfer den Regenwurm, dort huscht die Spitzmaus, hüpft der Frosch, watscheln Kröte und Salamander, raschelt der Igel. Das gibt mit dem verstohlenen Flüstern der Buchenblätter, mit dem Tröpfeln des Taues eine große, seltsame Nachtsinfonie, aus der manchmal wilde Disharmonien hervorklingen: das plötzliche Geklapper eines dürren Astes in der Frühbrise, der gellende Pfiff eines Zweiges, den der Wind gegen die Rinde reibt. Und seltsame Gestalten beleben den Wald, schwarze Männer mit langen Armen, die nach mir langen, Untiere am Boden kauernd, zum Raubsprunge sich duckend, mit grünlichen Augen mich anstarrend. Und vom Ellernsood, dem hellen, wallt es heran, bleich und blaß, winkt mit weißen Fingern, weht mit lichten Schleiern, der Waldfrauen tote, stumme Schar. Mit Zittern und Beben ängsten die Leute, die nicht an Nix und Neck glauben, nachts durch den Wald; der Waldschrat wirft ihnen Steine in den Weg, die Wichtelmännchen fangen ihre Füße mit Wurzelschlingen und Rankenschleifen, die Waldfrauen schlagen sie mit nassen Zweigen über die Stirn, der Helljäger erschreckt sie mit hellem Pfiff und gellem Peitschenschlag. Und die klugen Leute mit den kalten Herzen stürzen und straucheln durch den schwarzen Wald, alles Böse, was sie taten, würgt ihre Kehle, hämmert ihr Herz, bis sie Licht sehen, Licht aus Menschenfenstern. Doch wer sein Kinderherz sich bewahrte, der geht lächelnd durch Dunkel und Nacht: Er nickt dem Waldschrat zu, er winkt dem Neck, er flüstert den Wichteln Glück auf! zu, wirft den Waldfrauen eine Kußhand und wünscht dem Helljäger, der mit Troß und Meute über die Wipfel reitet, frohes Gejaid und Weidmannsheil. Froh und fromm geht er durch Dunkel und Nacht.   Der erste Drosselschlag. Wer ihn noch nicht gehört hat, um die Zeit, wenn die Sonne erwacht und der Tag die Nacht in die Dickungen jagt, der sage nicht, daß er die Natur kennt. Und wer ihn einmal vernommen hat, den lauten, lustigen, frohen Schlag, der will ihn immer wieder hören. Das klingt so hell, das klingt so froh, daß es einen lüstet, mit einzustimmen. Und wenn sie dann alle einfallen, Fink und Zaunkönig, Meise und Blauspecht, Hänfling und Bülow, Grasmücke und Ammer, und der Täuber gurrt und der Specht trommelt, der Häher zetert und die Krähe quarrt und die Sonne über den Berg lacht und aus allen Tautropfen Diamanten macht, dann hüpft dem Weidmann das Herz im Leibe, und es singt und klingt darin: Halli, hallo, Gar lustig ist die Jägerei! Aber die Frühpirsch verträgt nicht Sang und Klang. Katzentritte, Marderschritte, Habichtsaugen, Falkenblick, so muß der Weidmann sein im nassen Gras, im kühlen Tau. Die Augen am Boden, daß kein Ast knackt, kein Dürrlaub raschelt, kein Stengel bricht, kein Stein rollt, die Augen am Berg, wo die Rehe hinwechseln, die Augen zum Tal, von wo die Rehe herwechseln, der ganze Mann in jedem Augenblick Spannung, Aufmerksamkeit, Geräuschlosigkeit, Ruhe. Alles nehmen seine Augen wahr: das abgeäste breite Gras am Wegrande, die Fährten im modrigen Laube, die Schrammen am Stamme des Holderbusches, die der Bock im Übermute schlug, die Stellen, die sein Vorderlauf plätzte. Hier wechselt sicher ein Bock. Aber wann? Pirsch' vor Tau und Tag, pirsch' in Mittagsglut, pirsch' zur Sonnensinke, einmal triffst du ihn schon an!   Eine Strafe für die meisten Menschen würde eine Frühpirsch hier unter dem Hange her sein, eine Wonne ist es für mich. Das kniehohe Gras, die Himbeeren und der Buchenausschlag, der mir bis über die Lenden reicht, alles ist naß, wie aus dem Wasser gezogen, alles biegt sich tief unter der Wucht des Taues über den schmalen, mit der kurzen Wehr mühsam gehauenen Steig. Gamaschen und Hosen färben sich schwarz, bald klatscht das Zeug vor den Knien durch; schadet nichts! Und der Weg ist vom Gewitterregen aufgeweicht, grundlos. Jeder Schritt muß überlegt werden auf dem schlüpfrigen, zähen Kleiboden; nicht auf die Sohlen, auf den Absatz allein ist hier Verlaß. Und dann sind tückische Steine da, die vermieden werden müssen, und dicke Weinbergschnecken, die unter der Sohle laut genug krachen, um den Bock zu vergrämen. Und hier und da hängen im Bogen Buchenzweige herab, die den Nacken mit Güssen versehen. Bald geht es durch eine Dickung, bald durch ein Gestrüpp von Nesseln und Tollkirsche, jetzt einen Schotterabhang hinab, dann hinauf durch ein Gewirre von Bingelkraut, das übersät ist mit glitzernden Perlen; jeder Tritt Mühe, jeder Schritt Anstrengung. Bald dampft das Wollhemd, trieft die Stirn vom rieselnden Schweiß, und jeder Stoß des Morgenwindes jagt einen Schauer über den Rücken bei den vielen Pausen, die ein Pirschgang mit sich bringt. Ein Schmalreh, schlank und fuchsrot, steht äsend auf dem Graswege, der vom Hange her zum Tal läuft. Da muß gewartet werden, ob der Bock sich nicht zeigt. Ich kenne ihn, den kapitalen Burschen. Ich habe ihn den Geheimrat vom Vergißmeinnichtbrink getauft. Ein einziges Mal sah ich ihn, zehn Schritt vor mir steckte er den Kopf mit dem schwarzbraunen, stark geperlten, krummen Gehörn aus der Buchendickung, aber ehe ich angebackt hatte, war er wieder weg. Und dann sah ich ihn abends wieder, aber außer Schußweite. Das Gehörn muß an deine Wand, sagte ich mir. Ja, Fleitjepiepen! Sechs Abende, sechs Morgen habe ich hinter dem Wurzelballen der Fallbuche da gesessen, aber wer nicht kam, das war mein Bock. Geschwitzt und gefroren habe ich, bin um ein Uhr nachts aus dem Bette gesprungen nach zweistündigem Schlaf, aber wenn ich hierhin kam, dann polterte er schon vor mir her und lachte mich aus. Und eine Stimme hat der alte Bengel, der ganze Hang dröhnt, wenn er loslegt. Wo bleibt er? Das Schmalreh äugt doch immer bergab. Da kann er doch nicht weit sein. Jetzt stehe ich schon mindestens eine geschlagene Viertelstunde und friere in meinem nassen Zeuge. Längst ist das Schmalreh in der Dickung, der Liebste kommt aber nicht, nur eine Ricke. Doch da oben, mitten in dem Vergißmeinnichtbrink unter dem grauen Felsen, steht ein starkes graues Stück. Langsam wandert das Glas an die Augen. Alle Wetter! Es ist der Bock! Jetzt wirft er auf. Ach, dieses Gehörn! Na, denn ein andermal!   Naß wie eine Katze, außen vom Tau, darunter vom Schweiß, beende ich den Pirschgang. Acht Uhr ist es. Die Sonne brennt schon tüchtig; das ist mir lieb. Hier am Schotterhange will ich frühstücken, unter den grauen Felsen, die von wunderbaren Moosen umsponnen, von zierlichen Farnen umgrünt sind, gerade dort, wo kein bißchen Schatten ist, gerade in der dicksten Sonne. Aber erst die Stiefel aus und dann die klatschnassen Strümpfe und, ich habe ja den Mantel hier, die Buxen auch, denn das nasse Zeug an den Beinen ist nichts Schönes. Bis auf Mantel, Joppe und Hemd baumelt die ganze Herrlichkeit auf den Wurzeln der Fallbuche. Wind und Sonne lüften und trocknen sie. Und nun wird abgekocht. Im Rucksack steckt eine Büchse Jagdkonserven mit Kochapparat. In zehn Minuten ist das Mahl fertig. Dahinter ein Stück Schinken, zwei Hände groß. Landbrot, drei Äpfel, welk, aber doch noch schön, und zum Schluß ein gefährlicher Hieb aus der mächtigen Flasche. So, das war Frühstück und Mittag zugleich, und nun das Pfeifchen. Ich bin seelenvergnügt, trotzdem daß ich nicht zum Schuß kam. Ist es hier nicht wunderbar schön? Ich liege mitten in Vergißmeinnichts, die wie der Schatten des blauen Himmels den Hang überziehen. Dazwischen leuchten die roten Blüten des Ruprechtskrautes, nicken zarte Gräser, sprießen zierliche Farne, und unter mir ist ein Himbeerdickicht, in dem es summt und brummt von Fliegen, Hummeln und Bienen. Und links, in dem Buchenanflug, surren und burren die Maikäfer, langhörnige schwarze Bockkäfer fliegen über mich fort und scharlachrote Feuerkäfer, Fitis und Meise, Mönch und Grasmücke, Zaunkönig und Ammer, Pieper und Fink, Drossel und Goldfink trillern und schlagen, pfeifen und piepen, schmettern und flöten, locken und warnen über mir im hohen Holz, unter mir in den Büschen, neben mir im Gestrüpp, die Eidechsen rascheln über sonnenbeschienene, graue Steine, der Eichelhäher rätscht, die Tauben gurren, hoch im Blauen kreist der Bussard mit gellendem Katzenschrei, von Marienhagen und Hemmendorf knallen lustig wie Böllerschüsse an festlichen Tagen die Sprengschüsse in den Steinbrüchen und über mir im Königlichen die Schüsse der Forstarbeiter, die dort Buchenklötze sprengen. Unter mir, im grünen Wald, dem ich auf die Locken sehe, klingen die Axtschläge des alten Forstaufsehers, hinter dem Wald ziehen sich bunte Matten hin, und noch weiter recken Osterwald und Külf, Ith und die Siebenberge, die Berge von Nordstemmen und der Hildesheimer Wald ihre grünen Köpfe. Aber allmählich fallen mir die Augen zu. Der Sandmann kommt. Adjüs, Welt!   In der Mittagsstunde hat der Bock seinen dummen Gang. Diese Waldweisheit des alten Forstaufsehers fiel mir ein, als ich nach dreistündigem Schlafe erwachte. Schnell angezogen und los, bergab, den Schotterhang hinab. Das ist Knechtsarbeit. Jeder Tritt faßt loses Geröll, fortwährend steinelt es. Jeder Grashalm, jede kleine Buche, jede Himbeerstaude ist als Halt willkommen. Überflüssig erscheinen mir bei der Hitze Hut und Rucksack, Mantel, Joppe und Gamaschen, in Hemd und Hosen geht es weiter, nur die Feldflasche wird mitgenommen, erst geleert in den durstigen Hals, und dann mit Quellwasser gefüllt. Halt, da ist schon etwas! Es rappelt und ramentert dort ja ganz gewaltig. Da plätzt und fegt ein Bock. Aber von oben kann ich nichts sehen, von unten auch nichts. Doch da schimmert es rot; weg ist es wieder. Und es ist unmöglich, da hineinzukriechen. Langsam zieht sich der Spektakel bergauf. Dort oben bummelt eine rote Ricke herum, ohne sich um mich zu kümmern. Wie die Sonne brennt; wundervoll! Ich kremple die Hemdsärmel auf und öffne das Wollhemd auf der Brust. Von der Sonne kann ich nicht genug bekommen. Und dort oben schwebt der Wanderfalk, noch höher der Bussard. Hier Eleganz, da Plumpheit. Und in herrlichen Schwingungen umstreicht der Turmfalk die Klippen, und hier unten äst ein Schmalreh; ist das nicht Freude genug für ein weidmännisch Herz? Und hier die braunen Tollkirschenblüten, die blaue Märchenblume der Akelei, die Blätter, glitzernd im Sonnenbrand, der bunte Specht, der goldgelbe Pirol, das Herz lacht mir im Leibe. Und jetzt erst hier im Stangenholz diese Waldheimlichkeit, diese blauen Lichtreflexe auf den feuchten braunen Buchenblättern am Boden, die schwanken, weißblütigen Simsen, der goldgelb und schwarze Salamander, wie ein König der Wichtelwelt auf wunderbar gewebtem Moosteppich thronend, der seinen steinernen Königsstuhl verhüllt. Überall große, weiße, gelbmäulige Orchideen mit fetten, grünen Blättern, überall die Urwaldblume, die geheimnisvolle Schattenorchidee, die Vogelnestwurz, die du nur erblickst, wenn die Sonne sie erleuchtet. Dann strahlt die unheimliche Blume, als wäre sie aus goldfarbigem Glase von Zauberhand gemacht. Und überall Rehfährten, starke und geringe. Hier wechselt der Bock von der hölzernen Kammer, der mir heute Morgen fortkam. Er steht an heißer Ecke. Dort ist feindliches Gebiet, Privatjagd, oben königliche Forst. Drei Büchsen lauern auf ihn seit zwei Jahren, aber dafür hat er auch mehr Verstand als alle Böcke, die am Kahnstein stehen. Und diese Trümmerwildnis, dieses Waldmärchenparadies, dieser Zaubergarten, das ist die hölzerne Kammer. Felsen, versteckt hinter Moosgobelins, Trümmer, Höhlen, Klüfte, überwuchert von Buchen und Ahorn, Tannen und Eschen, Bergholder und Hasel, am Boden fußhoher Fallaubteppich, tote Stämme, faule Stümpfe, ein Ort, wo abends die Waldfrau weint und die Buschwichter tanzen, Glühwurmfackeln in den Spinnenfingern. Und am Tage jammert der Ringeltauber am Eschenast: Rucke di kuh, Rucke di kuh, Blut ist im Schuh.   Jagdtag ist heute, nicht Traumtag, Lauschtag, Sinnetag. Aus des Trümmerversteckes Märchenheimlichkeit breche ich hervor in die steinerne Renne und klettere hangauf. Es kocht der Berg in Mittagsglut. Meine Hände sind dornzerkratzt, nesselverbrannt, sonnengebräunt, Stirn, Brust und Nacken glühen. Der Wind kühlt sie, der über den Berg pfeift und die stolzen Buchen Höflichkeit lehrt. Alles, was Sonne liebt, lebt diesen Tag. Das surrt und burrt und fliegt und kriecht, krispelt und rispelt, krimmelt und wimmelt, singt und springt, das ist ein Tag, wie ich ihn mag. Fährten überall, und da ein Reh, ein schlechter Gabler, und dort, im Königlichen, hart an der Grenze, ein guter Bock. Er hat Wind gekriegt, weg ist er.   Beim alten Forstaufseher vertrödle ich den Nachmittag. Er rodet Stuken, und ich sehe zu. Davon werde ich so müde, daß ich bis sieben unter dem Tannenmantel am Waldsaum schlafen muß. Ich träume lauter Duffsinn, von Böcken, mit Gehörnen, zehnendig und geperlt wie Stacheldraht, und die so laut schmälten, als ich sie vorbeischoß, daß es dröhnte von Salzhemmendorf bis Elze. Als ich aufwachte, hörte ich das Schmälen noch. Der Donner dröhnte, knatterte und ratterte, Blitze zuckten gelb und rot, Platzregen durchrasselte den Hochwald, Sturm peitschte die Wipfel. Ich lag trocken. Eine Pfeife lang währte das Wetter, und noch eine. Langeweile hatte ich nicht. Amseln suchten Schutz in den Fichten, dann eine Ricke, die erschrocken absprang, als ihr der Wind den Rauch in den Windfang blies, Salamander, Kröten und Frösche führten ein komisches Ballett vor mir auf, und schließlich kam Kleinzaunkönig. Er hatte sich ein neues Lied ausgedacht, ein Gelegenheitsgedicht, das sang er mir vor: Dat mieselt, dat fieselt Dat klöppelt, dat dröppelt, Dat is schün, Dat is schün, Dat is schün, Da kümmt de Spinn riut, Spinn riut, Spinn riut, Schnickerdicke Spinn riut, Schnickerdicke Spinn mag eck girn. Und als der Regen aufhörte, stieg ich bergauf. Der Bock vom Vergißmeinnichtbrink mit dem krummen Gehörn hatte es mir angetan, auf den wollte ich mich ansetzen. Kaum aber hatte ich es mir hinter der Fallbuche mollig gemacht, da kam es wieder über den Berg, schwarz und schwer, donnernd und blitzend, prasselnd und rasselnd, mit Mulden gießend, und der Sturm legte los, bog die Buchen, daß sie schrien und jammerten, und schleunigst kroch ich in die Dickung. Kaum war ich dort, da krachte es und leuchtete es, und es heulte und goß, und dann ging ein Todesschrei durch den Wald und ein Todeston: Rack krackerak, und die herrliche Buche, an der ich so oft saß, war verschwunden, abgepflückt vom Sturm. Stundenlang saß ich in der Dickung auf meinem Stuhl; Hut und Mantel rieselten, durch den Beschlag der Pfeife preschten die Tropfen und zischten im brennenden Tabak. Gegen neun Uhr endlich zog ein Wetter nach dem andern ab. Noch ein Viertelstündchen weilte ich, aber zu schwarz zogen Wolken herauf, Büchsenlicht gab es hier zwischen Dickung und Altholz nicht mehr. Also hinab in die große Kleebreite unter dem Forst. Gerade will ich aufstehen, da huscht etwas Weißliches den Hang hinunter, ein heller, starker Fuchs. Du kommst mir gerade recht, Junge! Krcht, kcht, kcht, weiter sagt er nichts mehr, noch einmal zuckt die Lunte. Er ist drüben in den ewigen Jagdgründen.   Vivat, es lebe der Jagdneid! Die Nachbarn sind schon wieder am Schrecken. Die schießen sich noch bankrott. Sowie sie wissen, daß ich im Revier bin, legen sie für Ehrensalven zusammen und ballern den ganzen Abend. Und dabei treten, das wissen die Herrschaften nicht, von ihrer Seite Rehe fast nie nach uns aus, wohl aber von uns nach ihnen. Um so besser! Da liegt das mächtige Kleestück vor mir. Und Besuch ist auch schon da. Unten am Wege zwei Ricken, an der feindlichen Grenze ein Schmalreh, hier oben bei mir noch eins. Aber kein Bock. Da geht die Kanonade wieder los. Die müssen die Patronen wohl aus der Armenkasse bekommen? Das reine Infanterieschnellfeuer! Das halbe Dorf ist aufgeboten. Zu viel Ehre! Es fehlten nur noch weißgekleidete Jungfrauen. Aber die sind rarer als Patronen. Boms! Noch ein Schuß. Und hoppla, mit dem Schuß bricht aus dem feindlichen Busch ein rotes Stück, überfällt den Grenzweg, jetzt steht es im Klee. Ein Bock, ein guter sogar. Danke sehr, meine Herren, danke sehr! Das ist keiner von unsern. Langsam äst er sich weiter, ab und zu verhoffend den Grind hebend. Und jetzt äugt er scharf nach dem roten Schmalreh. Stürmisch kommt er angefegt, der Heißblütige; Zähneknirschen und Schnauben, das ist die Liebeserklärung des Bockes. Aber die Kleine hat Angst, der ungestüme Freier erschreckt sie. In wilden Flüchten flüchtet sie, hinterher der Bock. Wie ängstlich klingt ihr Piüh, piüh, piüh. Fort ist sie, sechzig Schritte links von mir, im Walde. Aber hinterher poltert atemlos, schnaubend, prustend der Bock. Langsam, Wilder, nur einen Augenblick! Es ist schlecht Korn finden in der Dämmerung! Aber halt, auch ich kann ja blatten. Schnell die Oberlippe aufgeblasen: Piüh. Er verhofft und äugt nach mir hin: Ist das die Liebste? Nein, der Tod! Eine hohe Flucht, dann zieht er langsam zurück in den Klee, macht den Rücken krumm und bricht im tauigen Klee zusammen, keinen Lauf mehr rührend. An der Nachbargrenze schimmert es hell: ein neugierig Gesicht. An beiden Vorderläufen hebe ich den Bock hoch, recht hoch, schleife ihn dann auf den Weg, und rufe dann, den Filz nach der Nachbargrenze schwenkend: Danke schön! Vivat, es lebe der Jagdneid! Der Schwarze vom Jammertal Jammertal nennen die Bauern die Dünengegend rechts und links von der Landstraße. Weil nichts darauf wächst, auf dem Treibsand, darum heißt es so, und weil von da der böse Flugsand kommt, den drei Winde über die benachbarten Felder pusten, daß der Roggen zurückbleibt, daß der Buchweizen kümmert, daß die Lupinen schlecht stehen und die Seradella erstickt. Jahr für Jahr ziehen die Bauern tiefe Gräben, die den Treibsand schlucken sollen, wenn er über die Dünenkuppe tanzt im Wirbelwind, und bauen Zäune aus Fuhrentelgen, die mit rotbraunem Nadelwerk den Sand fangen, wenn der Pladderregen ihn feldeinwärts wäscht, und Jahr für Jahr frißt er sich wieder über die Feldmarksgrenze und schleicht über den Koppelweg. Ein Jammertal für die Bauern, ein Tal der Lust für mich, diese Sandecke mit ihren Fuhrendickungen, ihren Heidflächen, ihren Grasabhängen und Gräben, ihren Kulturen und Krüppelfuhren, ihrem Fernblick auf das grüne Feld und das blaue Steinhuder Meer, auf die Rosenheide und die Schwarzwälder. So viel Schweißtropfen habe ich da vergossen, daß aus dem Sand längst anderes wachsen müßte als Dürrgras und Heidekraut, Fuhren und Machangeln, und so viel Tritte liegen, daß der Boden fest sein müßte. Und was ich da an Hoffnungen und Enttäuschungen, an Ärger und Freude, an Lust und Ingrimm erlebte, wenn ich das schriebe, tagebuchmäßig, es gäbe ein Buch für Weidmänner. Aber auch nur für die. Nicht für Küchenjäger und Sportschützen. Denn nur von einem Bock würde diese Dreijahreschronik erzählen, nicht von großen Strecken und vielen Schüssen, von einem Bock, einem kohlschwarzen alten Herrn, der mich narrte und foppte und äffte drei geschlagene Jahre lang, der mich viele andere brave Böcke kostete, die gute Freunde mir kaltstellten, und die ich mir nicht holte, weil ich diesen haben wollte, um dessentwillen ich mir Mühe gab, als, wäre es ein Hirsch vom wer weiß wievielten Kopfe gewesen. Den ersten Tag, wo ich ihn sah, als wenn es heute wäre, so genau weiß ich alles noch. Ich stand hinter der Krüppelfuhre in der langen Heide und sah in die grüne Roggenblaade. Ich wußte, daß hier ein Hauptbock wechselte; die Plätze an den Machangeln und ihre zerfegten Zweige sagten mir das und die einsame Fährte, heraus nach der Ulenflucht, herein vor der Krähen Morgenruf. Aber nie und nie und nie faßte ich ihn. Bis dieses Maidonnerwetter grollend und brummend am Meere herumzog und losdonnerte, funkte und prasselte, daß die dicksten Dickungen ebenso quatschnaß wurden wie die blanke Heide; da wurde es ihm zu ungemütlich in der Dickung, und als der Wind an die Telgen klopfte und ihm die Tropfen auf die maulwurfsschwarze Decke warf, da zog er den heidwüchsigen Altweg herunter und äste den gelbblühenden Stachelginster. Und als er die zwei grauen Ricken und die schwarze und den Spießbock eräugte, die schon in der Saat ästen, ohne daß es knallte und dampfte, da schob er sich ruckweise voran an der dunklen Dickung. Und da sah ich ihn, mein erster schwarzer Bock. Wie der leibhaftige Gottseibeiuns, so stach er gegen sein graues Schmalreh ab, und hell glänzten über den schwarzen Lauschern die weißen Enden. Sein Mädchen döste geradewegs auf die Saat zu, aber er, er wollte den Windfang gegen den Wind haben und zog nach links, nach der Grenze. Das ging nun auf keinen Fall, denn vor einer halben Stunde hatte ich in dem Anstandsloch dort jemand verschwinden sehen, und dem zog der Bock gerade in den Hals. Geht's oder geht's nicht? Hundertsechzig Gänge, und schwarz gegen schwarz, schwarzer Bock vor schwarzen Fuhren in schwarzer Heide! Aber drüben der Nachbar mit der Schrotkanone, nein, das geht auf keinen Fall! Eingestochen, angebackt, Vollkorn, Finger krumm, und dann nach dem Knall ein Heidenlärm in der Dickung: »Böh, vorbieeschoten, böh, vorbieeschooten, böö, böö, bö, bö, bö!« Und die im Felde, die stoben ab und rissen die Geäse ebenso auf, vierstimmig. Hohngelächter der Hölle. Na, ich weiß, was ich getan habe, und ärgere mich weiter nicht. Habe ich ihn auch nicht, der da oben in seinem Loche hat ihn erst recht nicht. Und die nächsten Tage, da hole ich ihn mir! Ja, Fleitjepiepen! Ich saß und saß und pirschte und pirschte, im Nebelmorgen und Dämmerabend, bei Siedehitze und Schafkälte, mein Bock blieb unsichtbar bis eines Julimorgens, da stand er blank und frei mitten auf der Kleeflage mit einem Sprung von zwölf, schwarz und rot, und äste, als gebe es weder Pulver noch Blei. Und ich saß auf dem Rade und fiel vor Erstaunen bald aus dem Sattel. Weiter gefahren, Rad in die Dickung, auf dem Bauch am Roggen entlang, Kopf hoch, ja, da stand der Schwarze schon zweihundert Meter im Feindlichen. Dann grüßte er mit dem rechten Hinterlauf am Gehör und zog sich, auf meinen Herztatterich Rücksicht nehmend, in den Roggen zurück. Die nächste Zeit war er natürlich nie da. Bis eines Augustmorgens ich ihn zu Holze ziehen sah, aber auf feindlicher Heide. Eingestochen hatte ich schon; warte, Bursche, noch dreißig Gänge weiter, dann bist du auf dem neutralen Weg, dann knallt es und dann... Ja dann, liege ich im Graben und male mir die Fortsetzung aus, da zieht so'n dämliches Schmalreh über den Heidbrink, äst sich die Heide lang am Wege und lotst meinen Bock dreihundert Gänge weiter. Da stand er nun auf dem neutralen Weg, kohlschwarz im gelben Sand, und zog dann in mein Stangenholz, wo tausend Braken und tausendfaches Geknäk alles Weidwerken verboten. Ich war so falsch, so schrecklich falsch, daß ich mich nicht einmal über die rote Ricke freute, die mit ihren zwei lackstiefelschwarzen Kitzen, Pfändern der Liebe meines Schwarzen, auf zehn Schritte an mir vorüberzog, und mürrisch stieg ich den Altweg hinauf. Ein alberner Spießbock zog vor mir her und wunderte sich, daß der grüne Pfahl immer hinter ihm blieb. Schließlich, auf der Blöße, kam ihm die Sache zu dumm vor, und mit einem Angstgesicht, wie ein Kind im Dunkeln, sprang er ab. Und als ich ihm ärgerlich lächelnd nachsehe, da denke ich, mir gießt einer einen Pott Wasser ins Gesicht, denn zehn Schritte vor mir hebt sich hinter der Krüppelfuhre ein schwarzer Kopf mit weißendigem Gehörn und äugt mich an, als wollte er sagen: »Wat seggste nu?« Und er äugte, bis ich die Hand hoch hatte, und er äugte, bis daß ich den Drilling an der Schulter umdrehte, und äugte, bis daß ich den Riemen von der Schulter zog, und bis daß ich die Rechte hochbrachte und den Kolbenhals faßte, und bis daß ich nur noch anzubacken brauchte, und dann eine Flucht, und dahin ging die Kugel, und wieder bolkte er in der Dickung: »Bö, vorbieschooten, bö, vorbieeschooten, bö, vorbieschooten, böö, böö, bö, bö!« Ich bleibe sonst sehr ruhig, wenn ich vorbeisenge, und überlege, woran es lag. Aber diesmal, da trat ich einen Fuhrenstuken, den der Schwarzspecht ziseliert hatte, in dreißigtausend Trümmer und schmiß meine Pfeife in die Heide, daß ich eine Viertelstunde lang nachsuchen mußte, und bot dem dickbäckigen Mädchen, das mir auf der Chaussee in die Möte kam, nicht die Tageszeit, und wurde grob gegen die liebe Wirtin im Kruge, als sie freundlich fragte: »Na, hebbet Sei von morrn nix anedroopen?« Und ich schwor, ich wollte diesen verdammten Bock nie wieder weidwerken und hielt das Gelübde bis zum nächsten Tag. Und dann lief ich manchen Donnerstag nach dem Jammertal und sah meinen Schwarzen nie. Herbst wurde es, da saß ich auf der Blöße vor der Dickung. Auf sechzig Gänge äste vor mir der dumme Spießbock, auf dreißig ein Gabler. Ich überlegte noch, wer wegen seiner Geringheit am ersten abzuschießen sei, da zog auf achtzig Gänge der Schwarze über den Sandweg. So schwarz wie im Sommer war er nicht, grauschwarz, aber feist und glatt, und langsam hob ich den Drilling. Und als der Drückefinger sich vom Hornbügel losmacht, da höre ich Wagengeroll auf der Landstraße und Stimmen, und gerade hinter dem Bock, genau in Schußlinie, hält das Gespann, und zwei Mädchen springen ab und kriechen in die Dickung. Der Bock äugt; das stört ihn nicht, das kennt er. Aber ich kann nicht schießen, ich schieße mindestens einen Bauern tot. Und da sehe ich, wie mein Pfeifenrauch langsam von links nach rechts geht, der Bock wirft auf, äugt nach mir, fort ist er. Herbst und Winter gingen, und der Frühling kam. Ein Maimorgen, um mich des Baumpiepers Sang, aus den Wolken der Dullerche Lieder, vom Moor das Kullern der Hähne. Da stand ich oben auf der Düne und sah ins Feld. Da hinten stand in grüner Saat ein schwarzes Stück, das alle nasenlang den Kopf hoch hatte. Das muß er sein! Zwanzig Minuten Umweg, des schlechten Windes wegen, im Trab durch den Flugsand, dann in die Dickung. Von der Sandblöße aus mit dem Glase ins Feld: Er ist es! Weiter, Ast für Ast vorsichtig fortgebogen, Gamaschen, Rucksack, Hut und Stiefel fort, noch zwei Büsche, dann hab ich ihn breit! Da höre ich ein Klappen und höre es bölken! Haarbock, Haarbock! Ich trete vor, mein Bock ist im Moor, und ein Kiepenkerl trottet den Weg entlang. Noch heute ist es mir unbegreiflich, daß ich dem Esel nicht die Kiepe vom Rückenstrang schoß, daß Eier und Butter in der Nachbarschaft herumflogen. Ich schnauzte ihn bloß an, daß er grün im Gesicht wurde und fortan einen anderen Wechsel annahm. Aber es kam noch viel besser. Nach vier Wochen stand ich vor Tau und Tag im Moor. Als der Nebel in die Heide kroch, sah ich den Bock mit seinem roten Schmalreh. Den Wechsel nach dem Felde hatte er nicht mehr, ihn lockte der grüne Klee in den Moorwiesen. Im Moorgraben pirschte ich, krumm wie ein Flitzebogen, und wie ich mich hoch mache hinter der Krüppelfuhre, da geht es giff, gaff, und in hohen Fluchten gehen Bock und Schmalreh ab. Da aber gab's keine Gnade. Ich warf alles ab, was hinderte, schnitt dem Fix den Weg ab und schoß ihn an den Kopf, den räudigen. Nach Monaten, als die Kronsbeeren im Moore reif waren, da endlich hatte ich den Schwarzen wieder am Moore fest. Wo er den Sommer über war, wußte er besser als ich. Den ersten Abend vergrämten ihn mir die Mädchen, die Kronsbeeren gesucht hatten, am Morgen ein Bauer, der Torf holte, am Abend wieder die Kronsbeermädchen. Nach zwei Tagen war ich wieder da. Dreimal zog der Bock in die Seradella, dreimal trat er zurück, wenn die Mädchen singend und lachend an meinem Busch am Moordamm vorbeikamen. Und als er zum vierten Male herauswechselte, da gab's kein Büchsenlicht mehr. Das Schönste aber kam am anderen Abend. Der Wind war geblieben, ich konnte wieder nicht an der Dickung stehen. So lag ich im Moor unter meinem Strauch , bis mir alle Knochen einzeln weh taten. Mit einem Male stand der Bock in der Seradella und äste langsam auf mich zu. Und gerade als ich denke: Noch achtzig Gänge weiter, da kommen helle Stimmen hinter mir den Damm herab, zwei niedliche Mädel, Körbe am Arm, schwatzen sich Mut im einsamen Moor; dicht bei mir stellen sie die Körbe hin, und das übrige verschweigt des Sängers Höflichkeit. Der Schwarze sprang bei diesem Duett natürlich zurück, und ich, halb ärgerlich, halb lachend, richte mich auf hinter meiner Fuhre und frage: Na, dat war woll de höchste Tid? Und da juchten die beiden und liefen, und ich lachte. Aber ärgerlich war ich doch. Noch einmal sah ich den Schwarzen in dem Jahre bei der Holzjagd. Da schoß ihn einer auf zehn Gänge vorbei, mein Nachbar. Ich gab ihm einen Hochachtungsschluck, er aber fluchte. Und wieder ging Herbst und Winter hin, und der Mai Neunzehnhundert kam. Am letzten April da stand der Schwarze im Jammertal am hellen Nachmittag in der Roggenblaade. Achtzig Schritte vor ihm pflügte der Bauer. Ich nahm den Bock genau ins Glas. Noch war seine Decke ganz schwarz, doch blank war das Gehörn. Aber wo hatte er die Enden gelassen? Zwei helle Spitzen sah ich über den dunklen Lauschern, aber die anderen vier Enden waren weg. Der Bock äste und äste, und als der Bauer abschirrte, da zog er über die Landstraße nach dem Fuhrenviereck. Am anderen Morgen suchte ich ihn da, aber er war nicht da, nur ein elendiglicher Spießer. Ich saß und pirschte, aber der Schwarze war unsichtbar. Und als ich mittags auf dem Heimwege bin in der halshohen Dickung, da springt er ab vor mir von seinem Machangelbusch, den er blank und bloß gefegt hat. Und ich habe den Drilling auf dem Buckel! Ich fuhr den zweiten Mai hinaus, ich fuhr den dritten Mai hinaus, aber da half kein Singen und kein Beten, der Schwarze kam nicht. Den vierten blieb ich zu Hause. Aber am fünften da war mir so, als wenn. Ich stand vor der Saat. Graue Ricke, schwarze Ricke, schwarze Ricke, schwarzes Schmalreh, grauer Spießer, graues Schmalreh. Hinter mir bricht es langsam, leise. Das ist er. Da kommen Bauern vom Kuhkauf und grölen mit angeschmorten Stimmen. Hinter mir poltert es ab. Bande! Doch noch ist Büchsenlicht! Schnell über die Chaussee nach dem Fuhrenviereck. Da, vor dem Klee drücke ich mich in den Graben. Ein Krummer, zwei Krumme, fünf, sechs, sieben, acht, zehn. Noch einer. Und dann ein Quartalshäschen. Eine Eule. Ein Feldhuhnpaar. Enten, vom Steinhuder Meer zur Leine streichend, dreißig, zehn, fünfzig, wieder welche, immerzu. Ein Reiher. Vor mir singt ein Ammerhahn. Ein Kleinwiesel macht ihn hoch. Spitzmaushochzeit im Heidkraut vor mir. Noch ein Krummer. Wieder die Eule. Die Nachtschwalbe als Solosänger. Hops, ein alter Kasten über den Graben in den Klee. Jetzt hinter mir ein ruppiges, graues Schmalreh. Es hat mich spitz. Äugt, tritt hin und her, verrenkt sich den Hals, springt ab. Pech! Gleich ist es aus mit dem Büchsenlicht! Soll ich gehn? Aber was soll ich in der Kneipe? Der Abend ist so schön. Ich stecke mir hinter dem Hut an dem Zigarrenstummel die Pfeife an. Die Ricke wirft auf, drei Hasen machen Kegel. Äsen Sie nur ruhig weiter, bitte! Wieder ein Schmalreh, schwarz wie ein Tintenklecks, über den Graben in den Klee. Dann der Spießer. Nee, Gabler! Elende Gabeln! Sollst'n totschießen? Aus dem wird ja doch nix, halleluja! Unsinn, ist ja das reinste Knochenpräparat. Ende Juni, wenn er was auf den Rippen hat. Aber was fällt dem Döllmer denn ein? Er kann doch keinen Wind gekriegt haben? Unmöglich, der Pfeifendampf zieht rechts nach der Heide. Aber was hat er denn? Äst so unruhig, als müßte er Strafe für jeden Happen bezahlen, tritt hin und her, zieht eilig weiter, merkwürdig! Ach so, ein Stärkerer kommt! Hinter mir bricht's. Pfeife fort, gestochen! Ein schwarzer Klumpen überflieht da unten den Graben, und nun geht die wilde Jagd los, der Schwarze hinter dem Grauen, durch Klee und Saat, haste nicht gesehen. Langsam, bitte! Kimme drauf, Korn weg, Korn drauf, Kimme weg, jetzt drücken, nee, ist ja der Graue, doch jetzt, hat ihm schon, im Feuer alle Läufe hoch! Umgestellt und Hahn hoch und dann auf den Klee. Da liegt er und schnellt wie ungesund. Ich nehme den Drilling links, fasse nach dem Weidmesser, ziehe es aus der Hosennaht, und als ich auf vierzig Schritte dran bin, da wird er vorn hoch, jetzt hinten, und jetzt, Donnerwetter! Ich am Graben lang mit Dreimetersprüngen mitgegangen, Würgelauf, losgedrückt, und im Graben schnellt er zum letztenmal. Wie Haß kommt es aus den Lichtern, als ich die langen Spieße fasse. Dann fährt ihm das Messer in das Genick, und er macht sich lang. Lange Stangen ohne Enden, nicht berühmt geperlt, nicht stark, trotz der guten Rosen, und doch freut er mich mehr, mehr als zehn andere, angebundene, vom Jagdaufseher bestätigte, ohne eigene Mühe erlegte. Und darum soll er auch ein schön gemaltes Brett haben mit dem Spruch: Drei Jahr gepirscht ist lang genug, sauer verdient ist dieser Bruch, mein Schwarzer vom Jammertal. Unter den hohen Fuhren Ein Traumplatz ist es, ein Sinneort, den ich mir suchte in dieser Jagd. Hohe Fuhren schatten dort über langer Heide, dickstämmige, tiefbezweigte. Bauernwald ist es, wildgewachsener, ungemaßregelter, und darum ist er so schön. Nicht schnurgerade wie im Forst, nicht in Reihe und Glied stehen sie da, die rotleibigen, dusterlockigen Bäume, frei durften sie wachsen, wie der Wind sie anwehte. Keines Forstarbeiters Hacke hatte ihnen freie Bahn geschaffen, keine sorgliche Hand machte ihnen das Leben leicht; sie mußten kämpfen mit Gras und Heide, viele wurden totgedrückt, aber die übrigblieben, das sind auch Kerle geworden, mannsdick, mit Ästen, wildgebogen, mir krausen, breiten Kronen, strotzend von Zapfen, Fuhren, wie weit und breit keine sind. Rundherum ist Feld, Heide, Bruch und Wiese, keinen Schutz und keinen Schirm hatten sie, als sie klein waren, darum sind sie so stark geworden. Da hinten, hinter der braunen Heide, da drüben, hinter dem Bruchwege, da stehen andere, in Reih und Glied gepflanzt, alle schnurgerade, die eine wie die andre. Tannenmäntel schützen sie vor dem Sturm, die Weichlichen, Verzärtelten. Findet der Sturm ein Loch, dann mäht er sie hundertweis, schmeißt sie durcheinander, duckt ihre Kronen in den Sand, daß ihre Wurzeln in der Luft zappeln, knickt und bricht sie wie Halme. Meinen hohen Fuhren aber kann er nichts tun, und wenn er noch so wütend in ihr Geäst haut, sie noch so sehr an den Locken zieht; sie pfeifen ihm was und freuen sich, daß sie die reifen Zapfen und alten Braken und den Schinn von den Zweigen loswerden. Die da drüben wimmern und stöhnen schon bei jedem Winde. Diese alten Fuhren haben es mir angetan. Schon beim ersten Blick hatten sie mich bezaubert. Und wenn ich einen Tag nicht bei ihnen war, wenn am Allerufer die Enten mich lockten oder der Bock im Moor, am anderen Tage mußte ich hin. Sie waren mir Freunde geworden, die Gewaltigen, die wie Könige dastehen, ein Hofstaat krummer Machangeln und gebückter Hülsen zu ihren Füßen, feststehend auf dem Teppich, aus Heide und Gras gewebt. Über ihren Köpfen schwebt der Turmfalk, in ihren Kronen gurrt der Tauber, an ihren Stämmen klopft der Schwarzspecht, an ihren Wurzeln plätzt der Bock, wenn er, satt vom süßen Bruchgrase, Pilze sucht im Moos als Nachkost. Fink und Ammer singen in ihren Zweigen, Heister und Markwart treiben sich hier herum, und Thors heiliges Tier, der rote Eichkater, springt von Ast zu Ast. Abends, wenn singend und prahlend die Hütejungen vom Bruche kommen mit dem Vieh, dann schweben Kauz und Ohreule über die Blößen, rufend und heulend, dann tanzt die Nachtschwalbe zwischen den Kronen und spult ihr sonderbares Lied, im Heidkraut sticht der Dachs nach Larven, und im Gezweig sucht der Marder der Wildtauben Nester. Wenn längst aus den Dickungen die Rehe zur Wiese zogen unter den hohen Fuhren her, dann kommt auch, im Bogen gegen den Wind ziehend, der Bock hier durch, und noch später, wenn die Kronen wie eine schwarze Mauer gegen den tiefblauen Abendhimmel bollwerken, dann streichen von der Aller die Reiher heran, mit heiseren Stimmen, vollen Kröpfen, breitgeflügelt, weitklafternd, und fallen prasselnd ein auf die Äste, einer, zwei, drei, ein ganzes Dutzend, schwatzen vor dem Schlaf noch ein Weilchen, bis es knallt, bis einer krachend durch die Zweige poltert und die anderen fortrudern in die blaue Nacht.   In den hohen Fuhren ist es stumm und still. Sie schlafen noch, meine starken Bäume. Ein Nebelregen rieselt herab, feuchtet ihre Zweige und klatscht in dicken Tropfen von den Zweigspitzen zu Boden. Wie Gespenster stehen die Machangeln da, an die schwarzen Stämme gelehnt. Lautlos schwebt der Kauz über die Bahn, und wenn er um einen Wipfel streicht, dann klatscht er die Flügel laut unter dem Leib zusammen, um Fink und Meise aus dem Schlaf zu jagen, sie zu schlagen mit den nadelscharfen Fängen und sie zu erdolchen, denn Atzung braucht er für seine drei Jungen, die hinter ihm herstreichen, mit dünnen Stimmen bettelnd. Auf dem dürren Aste über mir spinnt die Nachtschwalbe ihren Singsang lang und breit. Dann bricht sie ab, wirft sich in die Luft, jauchzt gellend und tanzt wie ein Schatten durch die Stämme. Jetzt rühren sich die schwarzen Wipfel im Frühwinde. Über der braunen Heide wird es hell. Die Sonne kommt. Gelblich färbt es sich dort unten, und das Grau verdünnt sich. Mit lautem Geheul nimmt der Kauz Abschied von der Nacht, einmal noch jauchzt die Nachtschwalbe und spinnt und spult ihr Lied, dann verschwinden die Nachtvögel, und hellere Stimmen erklingen. Rote Schatten ziehen durch das Gras, Rehe sind es. Sie haben alle drei die Köpfe am Boden, nur selten sichert eins. Es ist die Ricke mit den beiden großen Kitzen. Der Bock würde öfter den Kopf hoch haben. Jetzt aber werfen sie alle drei auf und äugen nach der Dickung. Da ist noch ein roter Fleck, eilig schiebt er sich vorwärts, hastig am Rande des Buchweizenstücks äsend, fortwährend aufwerfend. Da ist er. Noch ist es zu grau, daß ich das Gehörn sehen könnte, zu weit ist es auch, aber am Benehmen kenne ich ihn, den Schlauen, der mich schon acht Tage zum Narren hält. Das fahle Gelb über der braunen Heide hat sich in rote Gluten umgefärbt, und grünblau wird der graue Horizont. Lauter wird es in den Fuhren. Quarrend rudern die Krähen dahin, klatschend stiebt der Tauber auf seinen Ast, äugt vorsichtig nach allen Seiten und ruckst dann seine Weise. Über den Kronen lehrt das Turmfalkenpaar seine jungen Flugkünste. Das schwebt und schießt, rüttelt und kreist in herrlichen Wendungen, taucht hinab auf die Blöße und fährt wieder hoch mit lustigem Schrei. Auch der Markwart ist da, der Lärmmacher, und seine Base, die schwatzhafte Heister. Wenn die Gesellschaft mich spitzkriegt, dann geht das Gezeter los. Schon dreimal vergrämten sie mir den Bock, endlich sind sie fort, die Lästigen. Endlich, denn länger konnte ich das Brennen der Mückenstiche nicht mehr haben. Goldene Lichter wirft die Sonne durch die Kronen. Alles glitzert und flimmert in ihrem Licht. Überall rucksen die Täuber, locken Fink und Meise; längst sind die Rehe in der Dickung, und die Hasen folgen ihnen. Mit lautem Gerassel hakt der Schwarzspecht an der toten Fuhre an, rutscht den Stamm in die Höhe und meißelt in die Borke, daß die Fetzen fliegen. Wunderbar leuchtet in der Sonne des schwarzen Gesellen roter Scheitel. Mit gellendem Lachen streicht er ab. Aus der Höhe ertönt es wie ein Katzenschrei; der Bussard kreist da, hoch über den Kronen. Die Feldhühner, die auf die Blöße ihr Gesperre führen, hat er eräugt. Langsam schraubt er sich nieder, aber die Alten haben ihn eräugt, und fort huschen sie mir ihren Kleinen in die Lohhecke. Nun hakt er auf der dicksten Fuhre und wartet, daß sie wiederkommen. Ich schieße ihn nicht gern, den schönen Flieger, der so stolze Bogen am Himmel zieht, aber ich darf ihm die Hühner nicht lassen. Schon will ich den Drilling an die Backe ziehen, da fällt ein breiter Schatten auf das Heidekraut, und schwer poltert etwas in die Krone der Fuhre. Dann ruft es heiser dreimal in Pausen. Ein Reiher ist es. Silbern leuchtet der weiße Hals in der Morgensonne, aschblau der Rücken. Nach allen Windecken dreht er den schmalen Kopf, äugt überall hin. Dann reckt er die mächtigen Schwingen, zieht sie wieder an und macht den Hals krumm. Noch einmal erhebt er sich und schleudert sein ätzendes Geschmeiß in die Heide. Ich stehe da wie Butter an der Sonne. Wenn ich an der andern Seite der Fuhre stände, dann hätte ich ihn schon, aber so, wo er rechts von mir ist, halb gedeckt durch die Zweige? Ein wenig decken mich ja die tiefen Fuhrenäste, baldachinartig herabhängend, aber zu scharfe. Augen hat der Langhals, zu weit scheint es mir für den Schrotschuß, und ehe ich mich umgedreht habe und ihn genau aufs Korn nehme, ist er schon hinter den Kronen. Vielleicht geht es doch. Langsam, o so langsam drehe ich mich nach rechts und hebe die Büchse. Aber noch bin ich nicht auf halbem Wege, habe noch nicht angebackt, da fährt wie eine weiße Schlange der lange Hals hoch, die gewaltigen Schwingen spreizen sich, die Ständer wollen vom Aste abstoßen, und da, ohne Überlegung, instinktiv handelnd, reiße ich den Kolben an, gehe mit der Laufmündung in die breite, blaugraue Fläche zwischen den dunklen Ästen, reiße den Lauf einen Fuß nach links und drücke. Im Feuer sehe ich ihn rundum gehen in der Luft, dann hüllt weißer Pulverdampf alles vor mir ein, aber durch den Qualm fällt er mit breiten Schwingen schwer aufschlagend in die feuchte Heide. Einmal noch öffnet sich der gelbliche, scharf gezähnte Schnabel, aber in den gelben Räuberaugen blitzt weder Angst noch Haß mehr, und schlaff hängen Flügel und Ständer, als ich ihn hochhebe an der Schnabelspitze. Ein einziges Hagelkorn durchschlug ihm den Hals; wie Rubine perlt es über die schwarzweiße Kehle. An den Strick des Rucksacks binde ich ihn an und hole mein Rad aus der Lohhecke. Die Bauern, die zum Heuholen über die Landstraße fahren, machen erstaunte Gesichter über den seltsamen Radler, von dessen Rücken Flügel wehen, und sehen mir dann lachend nach. Und ich fahre lachend an ihnen vorüber.   Es wird stiller unter den hohen Fuhren. Noch ruckst hier und da ein Ringeltauber, noch zerrt die Amsel in der Lohhecke, einmal schwatzt die Heister noch, aber schon meldet sich im Stangenholze der Kauz. Goldig erglühen die breiten Stämme in dem letzten Lichte, leiser wird der warme Wind, der mit der Sonne kommt und geht, Fledermaus und Nachtschwalbe huschen schon um die Kronen, und im Eichengestrüpp pfeifen die Mäuse. Die Ulenflucht ist da, meine liebste Stunde. Sie ist mir lieb wie alles Schnellvergängliche, wie die ersten Frühlingsblumen im knospenden Buchwald, wie des Waldes lodernde Farbe im Herbst, wie der glitzernde Rauhreif an Busch und Baum, wie der Heide späte Blüte. Abend für Abend möchte ich es erleben, könnte ich es erleben, das Einschlafen des Tages, das Aufwachen der Nacht. Auch in der Frühe bin ich gern, wenn die Nacht in die Dickungen kriecht und der Tag über die Wälder steigt, ich sehe gern der Morgensonne in das lachende Gesicht. Und doch, lieber ist mir die Abenddämmerung mit ihrem Rauschen und Raunen, Wispern und Flüstern, mit ihrem Mottenflug und Mückensang, mit ihren schwarzen Bäumen und dunklen Büschen, mit all ihrem geheimnisvollen Zauber. Das singt um mich mit tausend kleinen Stimmchen, das fiedelt auf tausend winzigen Geigen, das trippelt mit unsichtbaren Füßchen im Moos, lebt sein leises Leben im Heidekraut, bis ein gellender, jammernder Eulenschrei die kleinen Laute auf ein Weilchen übertönt. Dann liebe ich es, die Zigarre im Mundwinkel, still und stumm am Stamm zu lehnen, den Stimmen des Abends lauschend und meine Augen wandern lassend von Schatten zu Schatten. Heute kann ich ganz frei träumen auf meinem Wurzelstuken, heut stört mich das Jagdfieber nicht im Träumen. Denn gestern abend, als die Sonne über die Heide wegging, da klang hell mein Büchsenlauf, da warf meine Kugel den Bock in den blühenden Buchweizen. Die roten Flecke, die an mir vor einem Viertelstündchen vorbeizogen, sie konnten mein Blut nicht erregen; ich wußte ja, daß es nur die Ricke war mit ihren Kitzen. Ich will heute träumen, will dem leisen Weben in der Dämmerung lauschen, will mich freuen an den schweren Umrissen meiner lieben alten Fuhren, lauschen, was Kauz und Nachtschwalbe mir singen, und dem Runenflug der Fledermaus zusehen, ihrem Zickzackgeflatter um die Äste. Und heut ist der Tag dazu, zu träumen und zu sinnen auf meinem Traumplatz, auf meiner Sinnestelle. Lau ist die Luft und still, kein Zweig rührt sich. Fern, von der Legde, klingt das Rufen der Kiebitze, ängstlich wie das Wimmern armer Seelen. Wie das Wimmern armer Seelen! Das Bild will mich nicht loslassen. Arme Seelen haben wir alle. Ob die Gesichter noch so blühend, die Augen noch so hell, die Mienen noch so heiter sind, arm bleibt die Seele doch in ihrer Sehnsucht, arm und allein. Sind die Arme noch so weiß, die deinen Hals umschlingen, die Lippen, die deine suchen, noch so weich und noch so treu die Augen, die deinen entgegenleuchten, schlägt noch so warm für dich ein Herz, arm und allein bleibst du doch, du arme Seele. Deine letzten Gedanken, deine tiefsten Wünsche, deine heimlichste Sehnsucht, keiner versteht sie ja, und auch du wirst des andern innerstes Leben nicht fühlen. Und darum schreit und ruft ihr in euren einsamen Stunden und klagt wehmütig und sehnsuchtsvoll, wie die Kiebitze rufen nachts auf dem Felde... Ein rauher Schrei, wild und böse, reißt mich empor. Ich wollte nicht jagen, wollte nur träumen, einmal eine Stunde weich sein, aber wenn es dahinsegelt wie Geister, breit und mächtig, mich anschreit wild und böse, dann fliegt die weiche Stimmung fort, und anders wird mein Gesicht. Wie ein Raubtier, so hebe ich mich leise von meinem Wurzelstuken, fest umfaßt die Faust den Kolbenschaft, der Kopf fliegt ins Genick, die Augen bohren sich in die Dämmerung, und scharf horche ich auf das Poltern großer Flügel. Da, einer, hinten, kreisend, jetzt in der Krone. Angeschlichen, aber fort poltert er, zu früh! Und hier, ein heiserer Schrei, schnell zurück, da muß er eingefallen sein, nein da, oder da. Zum Kuckuck, auch den vertrat ich mir. Ich horche in die Stille und spähe in das Dunkel, immer wieder höre ich das Rufen, das Schlagen der Schwingen, immer wieder schleiche ich an, vergeblich! Hitze kribbelt mir im Gesicht, in den Ohren summt es, vor den Augen flirrt es. Da, ein Schatten, über mir, noch einer, beide kreisend, hoch den Lauf, Feuer und Knall und Rauch und stiebende Federn, weiter will er, noch einmal Feuer und Knall und Rauch, den Verschluß auf, die Patronen heraus, neue hinein, in wilden Sätzen dahin, wo der Kranke mit letzter Kraft rudert, den Drilling am Kopf. Niedriger kommt er, immer niedriger, jetzt ist er unten. Schwer atmend stehe ich da mit klopfendem Herzen und zitternden Händen. Zu meinen Füßen schlägt der verendende Reiher mit den Flügeln. Und hoch über den Kronen kreisen die andern, schreiend, rufend, sich immer höher schraubend und verschwindend in der blauen Nacht. Mit hungrigen Augen sehe ich ihnen nach, mein Ungeschick verwünschend, daß ich nicht noch einen herablangte von den vielen. Und da höre ich die Kiebitze wieder rufen, wimmernd und verängstigt wie arme Seelen. Alles ist so schwarz um mich, so schwer und stumpf stehen die alten Fuhren da, Todesstille ist weit und breit. Ich nehme den stolzen Vogel auf, der so schlaff im Grase liegt, und scheu, wie ein Verbrecher, schleiche ich fort von den hohen Fuhren, die ernst und drohend dastehen, weil ich ihren Frieden störte, ihren heiligen Sommernachtsfrieden. Hinter mir her, mich auf die Landstraße begleitend, fliegt schwarz die Eule wie ein schwarzer Gedanke. Im Rauhhorn Zwei Jahre war ich nicht an der Oertze gewesen. Immer wollte ich hin, und immer kam ich nicht hin und kam nicht hin, bis mich auf einmal eine Sehnsucht packte, die nicht fortzuarbeiten, nicht niederzudenken war, eine Sehnsucht nach der Oertze mit ihren weißen Brücken und ihren grünen Wiesen, nach den undurchdringlichen Postmooren, den feuchten Ellernrieden, den braunbeheideten Dünen, nach den grünen Ufern der Wittbeck und nach der Urwaldwildnis des Rauhhorns. Wo ich war mit Rad oder Büchse, immer sah ich die weiße Oertzbrücke, immer winkten die grausen Fuhren, immer sah ich die Sandwege leuchten und die blühenden Wiesen lachen, sah die Pferdeköpfe ragen über Strohdächern, und die Dünen schimmerten in der Sonne. Und saß ich am Schreibtisch, dann sah ich es winken mit grünen Zweigen und nicken mit schwarzen Kronen, sah die Klengelei am Sandweg und die Mädchen auf den Wiesen in den weißen Fludderhüten, in den roten Leibchen und den blauen Röcken, und des Rauhhorns Urwaldwildnis dehnte sich vor meinen Augen aus. Da sah ich ein, es ging nicht mehr. Ich packte den Rucksack und saß am andern Morgen in der Bahn, ließ sie in Celle weiterfahren und kletterte vor dem Wirtshaus zur Sonne auf den Omnibusbock, den Platz, den ich mir ausgemacht hatte. Wie lachten meine Augen in die Heide hinein, streichelten die Birken, Fuhren und Machangeln, strichen kosend über die braunen Weiten und die dunklen Gründe, grüßten frohlockend die düsteren Schafställe und die hellen Fischteiche von Wittbeck, und allen Leuten, den hübschen Mädchen und den humpeligen Frauen, allen nickte ich fröhlich zu, und am liebsten hätte ich den Fuhrmann in den Arm genommen, als die schwarzen Fuhren und die weiße Brücke und das gelbe Haus mit dem Strohdach vor mir in Sicht kamen. Dann aber kam die Enttäuschung. Beim Mittagessen steckte sich der Himmel schwarz an, und es träufelte und es regnete und es goß. Da half kein Ärger, und ich kroch ins Bett und verschlief Regen und Ärger. Für das Rauhhorn wurde es zu spät, und so bummelte ich nach der Horst, nach dem Fleck, wo in einer weiten Wiese, bunt von hellem Knabenkraut und goldenem Wohlverleih, ein Hochsitz steht in Birken und Ellern. Über mir kreiste der Bussard mit heiserem Katzenschrei, unter mir suchte der Storch Frösche, und vom Holz zu der Wittbeck süßen Wiesen zogen aus den Postverstecken die Rehe, eine Ricke mit tief eingefallenen Flanken, ein Spießböckchen, flott und schneidig, und ein Schmalrehchen, niedlich und hübsch. Und lange nachher, als die Fuhren lange Schlagschatten in die Wiese warfen, da trat weit hinten ein Bock aus. Zu gewagt war mir bei der Weite der Schuß, ich stieg herab und pirschte ihn an, aber der Schlaue kriegte Wind und sprang schimpfend ab. Spät, als das Rotwild von Hassel wie schwarze Schatten durch Korn und Buchweizen zog, ging ich heim. Eulenruf und Nachtschwalbensang geleiteten mich. Und früh, als beide noch riefen und sangen, stand ich wieder draußen in schwarzgrauer Dämmerung. Schlechte Tage hatte ich gewählt. Es hatte gegossen, die ganze Nacht, schwarz war der Himmel, und um vier Uhr war noch kein Büchsenlicht. So tot war alles, so still. Ab und zu klagte ein Kiebitz, eine Taube prasselte fort, wenn ich nahte, eine Amsel warnte, das war alles, was lebte. Fuß vor Fuß, Schritt vor Schritt pirschte ich durch das hohe, nasse Gras der Oertzewiesen um die Büsche herum, aber nirgends ein roter Fleck in den weißbenebelten Wiesen. Die Sandwege sagten mir Bescheid. Auf ihnen las ich in deutlicher Schrift, daß sie alle schon längst nach Hause gezogen waren, die Rehe, weil es ihnen denn doch ein bißchen gar zu naß war in den Wiesen, und daß sie nun wohl zwischen Post und Holz an Blättchen zupften und an Hälmchen ästen. So zog ich den Fährten nach ins Rauhhorn, an Stangenhölzern vorbei, deren Boden heller Bickbeerenteppich begrünte, an undurchdringlichen Dickungen, die nur Fuchs und Meise kennen, an Postbrüchen, von der Sonne durchhellt, die jetzt langsam die Wolken durchbrannte. Das Rauhhorn! Wie eine schwarze Mauer lag es da, umrahmt von einem grünen Postgürtel, hinter dem die Tannen standen, undurchdringlich. Hier kann das Gruseln lernen, wer Waldeinsamkeit nicht liebt, und das Jauchzen, das stille Jauchzen mit den Augen, wer sie liebt. Hier ist das Schweigen im Walde heimlich, das Schweigen, das aus tausend kleinen Stimmen gewebt ist, das flüstert und tuschelt und raunt und kichert, murrt und knirscht, das den einen so ängstigt und den andern so beruhigt. Dieser Knüppeldamm, wie oft ging ich ihn vor Jahren. Jeder Brunkelstrauch, jeder Postbusch, jede Weide, jede Birke, jede rotköpfige Distel, jede gelbe Lilie, jeder hellgrüne Trichterfarn ist so wie damals. Und alle sind da, die vor Jahren mich immer grüßten, der Markwart, der Lärmmacher, der rucksende Tauber, der lachende Königsspecht mit der roten Krone, der fröhliche Fink und die lustigen Meisen, das fauchende Eichkätzchen und der mordende Habicht. Noch immer hängt das Bittersüß seine giftblauen Blumen über den klaren dunklen Graben, noch immer reckt das Knooprisch den kieselgepanzerten Halm, noch immer blüht der Himbeere bescheidene Blume, und immer noch prangt stolz und kühl des gefleckten Knabenkrautes Märchenrispe zwischen der Farne Wunderblättern. Alle Gräben klingen und läuten vom Tropfenfall, und wenn ein grünröckiger Frosch, verscheucht von meinem Tritt, in den Graben springt, das ist dann wie ein voller, tiefer Akkord in des Tropfenfalles träumerisches Lied. Hier wo die Sonne noch hinkommt auf den breiten Knüppeldamm, da ist noch Helle und Licht. Da leuchtet noch der Wasserfeder zartes Geblüm aus dem dunklen Wasser, da lacht noch des Vergißmeinnichts Blauauge. Aber vom Wege ab in die Tannen hinein, da ist Schatten und Moder. Nur selten tritt eines Menschen Fuß in den Wust von Nadeln und Wurzeln, Pilzen und Moos. Hier sticht der Dachs, hier hinterläßt der Hirsch eine tiefe Fährte, hier birgt sich die Giftotter, und hier schleicht mit spähendem Blick der Wilddieb. Und hier bin ich gern. Sparsam fällt das Sonnenlicht zur Erde, hellgrün auf den Farn, goldrot auf die toten Nadeln. Zwischen den tiefhängenden Fichtenästen dampft in den Lücken das Regenwasser, von der Sonne erwärmt, wie Zauberrauch empor. Faule Baumstümpfe, moosbepolstert, farnumwuchert, pilzgekrönt, starren düster aus rotfaulem Grund; Fichtenskelette, vom Winde gebrochen, recken verwesende Wurzeln empor, lichthungriger Fallbaum ringt nach Sonne, dünn und sparrig, totgedrückte Machangeln, von Flechten bedeckt, stehen da wie graue Gespenster. Die Fruchtbarkeit geht durch den Wald im grünen Kleid; ihr Schatten, die graubraune Verwesung, schleicht ihr nach. Ich sitze auf faulem Stumpf und rauche die Mücken fort, die hier in dem Moder schlummern, Tag und Nacht nicht schlafen. Die hellen Flecke, die grünen und roten, verschwinden. Alles wird schwarz und dunkel, braun und kalt um mich her und still und ruhig. Und dann rummelt und grummelt es und zuckt und blendet und pladdert und klatscht und wird wieder heller. Alle Gräben klingen wieder, und auf allen Blößen dampft es, der Fink schmettert sein Sonnenlied, der Wildtäuber ruckst fern in den Eichen, und der Specht lacht drüben im Windbruch. Über faule Tannenäpfel, über modrige, pilzbewachsene Äste, über moosige Wurzeln und grünen Sauerklee schleiche ich von Baum zu Baum, von Graben zu Graben. Am grünen Grabenweg, wo Wildklee wuchert, mache ich halt. Dort bummelt gern ein Reh. Da wo der Adlerfarn bollwerkt mit mannshohen Wedeln, da schimmert es rot. Da äst hohlflankig und dünnhalsig eine Ricke. Wie schwarze Löcher sitzt es in den Flanken, und lang hängt das Gesäuge herab. Hinter ihr rührt sich der Farn, und ein Köpfchen erscheint und noch eins, immer die Zitzen der Alten suchend, die heißhungrig und gierig den üppigen Klee rupft, daß es laut knurpst. Wenn der Kuckuck ruft, wirft sie auf und pflückt dann weiter an den Himbeeren, aber wenn der Häher, der mich eräugte, warnt, da windet sie hin und her und zieht dann eiligst in das Walddunkel; hinter ihr her flüchten die Kitze. Schon will ich den Rücken losmachen von dem Stamm der Fichte, an der ich lehne, da kommt von rechts, auf dem Wechsel der Rehe, ein roter Streif. Noch verhüllen ihn Braken und Farne, aber jetzt auf der kleinen Blöße, ist er frei, ein Fuchs, der, die Nase am Boden, bedächtig weiterschnürt. Bis auf zwanzig Schritte lasse ich ihn heran und hebe dann den Drilling. Jäh fährt er zurück, die Seher äugen mich feindselig erschrocken an. Er hat sich so sicher gefühlt in diesem Waldschlummern, hat nicht an den großen Räuber, den stärkeren Mörder gedacht und äugt ihn nun und will wenden. Aber ehe er dazu kommt, drücke ich, der Rotrock poltert um und um und rührt keinen Lauf mehr. Giftig blinken die blendenden Fänge in einem Sonnenstrahl, der auf ihnen spielt, und die Seher sind auf mich gerichtet in Wut und Haß und Anklage. Mir ist, als hätte ich Unrecht getan, und es leidet mich nicht mehr in der Biesternis, wo wie Unholde die Stuken stehen, wie Skelette der Fallfichten Wurzeln ragen und die toten Machangeln wie graue Gespenster starren. Ich muß dahin, wo die Sonne ist. Nach dem großen Windbruch schleiche ich mit leisen Sohlen. Dort haben Wind und Sonne die Himbeeren getrocknet, dort kann ich auf Glück rechnen. Vor dem Wurzelschirm einer Fallfichte kauere ich mich auf den waagerechten Stamm. Blühende Himbeeren und Weidenröschenbüsche geben mir Deckung nach vorn. Mit dem Weidmesser teile ich Brot und Schinken und esse langsam nach Bauernart, Würfel um Würfel schneidend. Wild ist's auch hier, aber nicht so heimlich. Der Windriese hat hier mit der Keule zwischen die Tannen geschlagen. Nach rechts und links sind sie gepurzelt. Hier eine lang und gerade, dort eine in Mannshöhe gebrochen, da ein halbes Dutzend übereinander, da ganze Reihen, ganze Knäuel, Äste, Stämme, Kronen, Wurzelballen. Alles wild durcheinander. Andere liegen halb herausgerissen, todkrank an ihre Schwestern gelehnt, von ihren Armen gehalten; in ihrer Rinde bohrt der Borkenkäfer, in ihrem Splint nagt die Larve, Pilze saugen an ihrem kranken Leben. Aber fünf Fuß hinter ihnen stehen andere, stolz und kühn, fest im Boden mit langen Wurzeln, keck in der Luft, mit gesunden grünen Kronen, voll von Goldzapfen, bis zum nächsten Sturm. Dann mäht er auch sie, knickt und bricht sie wie Halme, die Starken und Stolzen, kleinen Käfern und weichen Larven zum Fraß und schmierigen Pilzen zum Brutherd. Wo das grüne Leben wandelt im Walde, da schleicht auch der braune Tod. Der Schwarzspecht lacht mich Träumer aus. Ihm ist hier der Tisch gedeckt. Im Bogenflug schwirrt er heran, der kohlenschwarze, flammenköpfige, hakt rasselnd die Krallen in die Rinde, schlägt mit dem Meißelschnabel die Borke in handgroßen Fetzen fort und schnurrt mit Höllenlachen weiter. Ihm folgt der Markwart, dieser putzige Geck und Lärmbruder. Überall pickt und klopft und stochert er herum, und alles macht er nach. Jetzt sitzt er auf dem abgebrochenen Stamm, flötet wie eine Amsel, miaut wie ein Bussard, quirlt allerhand Schnack durcheinander und streicht dann ab, vor Angst schreiend. Meine Augen spähen hin und her und suchen alles ab, jeden Baum, jeden Strauch. Dort hinten ist etwas Rotes, das vorher nicht da war. Aber es wird wohl der halbverweste Stamm einer Fallfichte sein zwischen den Birken. Doch eben rührt es sich. Für ein Reh ist es zu hoch. Jetzt rucken die Birken heftig, und langhalsig mit langen Lauschern steht es da, ein Alttier. Die Lauscher spielen hin und her, der Windfang schnuppert unaufhörlich, doch er fängt keine verdächtige Witterung, und der lange Kopf sinkt herab, und der rote Streif schiebt sich weiter, dem Ende des Windbruches zu. Noch ein roter Streif folgt ihm und noch einer, alle Augenblicke fährt ein Kopf hoch und prüft den Wind, und laut brechend ziehen sie der Mutter nach. In das feierliche Mittagsgesumme der Bienen und der Schwebfliegen Singen mischt sich ein gellender Laut, eines Habichtweibchens Locken. Heiser antworten die Jungen, hier und da zerstreut im Holze. Ein Schatten fällt auf das grüne Bickbeerenkraut vor mir. Ohne Überlegung reißt die Hand den Kolben hoch und richtet die Laufmündung dahin, wo breitflüglig der Raubvogel schwebt. Im Knall überschlägt sich der Habicht, läßt Federn, verliert seinen Raub, der plumpsend vor mich fällt, sinkt, gewinnt mit mühsamen Flügelschlägen wieder Luft, rudert gewaltsam, um höher zu steigen, und breitklafternd sich drehend kommt er herab und schlägt in die Himbeeren. Auf dem Rücken liegt er da, die gelben, dolchbewehrten Fänge zucken über der querstreifigen Brust, rot trieft es aus dem krummen Schnabel, und Wut, Haß und Anklage blicken die gelben Mörderaugen. Aber nicht so lange, daß ich nach einem Stock fasse, um ihn zu töten, da zittern Schwingen und Stoß, die Fänge lassen das Greifen, und schlaff liegt er da, ebenso still wie die Jungtaube, die seine Fänge fallen ließen. Ein Weilchen warte ich, dann schleiche ich dahin, wo seine Jungen gierten. Ich ahme den Lockruf der Alten nach und, heiser, nach Atzung schreiend, kommt eins näher. Es knallt, und schwer plumpst es auf die Braken am Boden. Und wieder warte ich ein Weilchen und schleiche ich dahin, wo das zweite Junge schrie. Dort locke ich, aber alles bleibt still. Alle Kronen suche ich ab, bis ein dunkler Klumpen auf einem Fichtenast mir ins Auge fällt. Dahin richte ich den Lauf, und prasselnd kommt er herunter. Aber dann, als ich sie alle drei da liegen hatte, faßt es mich wieder wie Reue, und mir ist, als hätte ich Unrecht getan. Tat ich es, um die Fasanen zu schützen, die meine Jagdfreunde aussetzten, um die Birkhenne vor den Fängen des Räubers zu sichern und Taube und Rebhuhn, Junghase und Kitz? oder aus reiner Mordlust? Sie, sie morden um zu leben, aber wir...? Ohne Nutzen sind sie mir. Den Hasen und das Huhn, sie zu erlegen, mir liegt nichts daran, gelangweilt hat mich stets die Jagd darauf, aber der Bock und alles Raubzeug, das ist die Jagd. Und im Urwald muß es sein, im Wildwald, im Moor und in der öden Heide, daß ich denke, ich sei ein Wilder. Wo die Bäume schnurgerade stehen, in geraden Reihen ragen über blankgefegten Boden, wo viereckige Kulturen, rechteckige Rabatten abgezirkelt im Holze liegen, wo die Wege eben und die Gestelle so gerade sind, da mag leichter ein Bock zu kriegen sein auf geharkten Pirschstegen. Hier aber, wo Braken den Boden decken, wo in den Blößen das Kraut mannshoch wächst auf dem jungfräulichen Boden; da kannst du pirschen und warten von früh bis spät auf den alten Bock und kriegst nur seine Fährte zu sehen und hörst nur seinen Baß. Darum wurde so manchem die Jagd im Rauhhorn leid. Und auch mir dünkte sie mühsam und unlohnend, wenn ich bei schwarzer Nacht den weiten Weg zum Dorfe machen mußte, müde und der Beute ledig, drei Tage lang. Aber war ich anderen Tages dann wieder draußen in aller Frühe dort, wo noch der Hirsch seinen Stand hat und wo Schwarzstorch und Schreiadler horsten, dann wurden meine Augen doch wieder groß, und mein Herz wurde weit. Und als nachmittags der Omnibus über die Brücke rasselte, da mußte ich den Kopf wenden nach dem Sandweg, der an der Klengelei vorbeiführt unter den Birken her und der dann durch des Mastbruches Postdickicht mich an die Wittbeck bringt und in die Urwaldruhe des Rauhhornes. Ein roter Bock Aus grünen Träumen bin ich aufgewacht. Lang war der Tag und heiß. Seit halb vier Uhr in der Frühe bin ich über die Koppelwege geschlichen, an den goldenen Korngarben vorbei, neben den halbreifen Weizenbreiten her, vorüber an rötlichem Hafer und schwarzen Viehbohnen, tauchte dann in dem einen Feldhölzchen unter, schlich wieder über knisternde Goldstoppeln, verschwand in einem zweiten Holze, ging langsam zum dritten, von da zum vierten, und so, mit kurzer Frühstückspause und einer halben Stunde Mittagsrast im Krug, bis ein Uhr. Da kam aber der graue Mann, streute mir Schlaf in die Augen und hielt meine Hacken fest, daß die Füße schwer den Boden traten, hing lange Grashalme und zähe Ranken um meine Knöchel, machte mir die Ohren taub und den Rücken krumm. Ein Viertelstündchen wollte ich im Schatten nicken, gelehnt an der alten Eiche grauen Stamm; zwei volle Stunden habe ich geschlafen fest und still. Mit großen Augen sehe ich über die Blöße vor mir, als könnte ich den Traum wiederfinden, den ich hatte. Ich sehe des hohen Wasserdost rosenrote Büschel, über die zwei Pfauenaugen tanzen, die übermannshohen Dolden, deren weiße Schirme ein Stelldichein sind für allerlei buntes, blitzendes, summendes, murrendes Getier, die blauen Glocken, in denen die Hummeln brummen, und die ungeheuren, acht Fuß hohen, schlanken, rotköpfigen Disteln, über denen Admiral und Silberstrich, Zitronenfalter und Weißling hin und her schweben. Ich sinne meinem Traume weiter nach und sehe nach den Riesendisteln. Ein Flug lustiger Stieglitze fällt auf ihnen ein, auf den roten, nickenden Distelköpfen nicken die roten Vogelköpfe hin und her, dann strebt die bunte Gesellschaft froh zwitschernd wieder ab. Eine leichte Brise kommt über die Blöße, so leicht, daß der hohe, schön geschwungene Waldhafer sich kaum rührt, aber die beiden Zitterpappeln fahren zusammen und schütteln sich, als hätte eine rauhe Faust sie gepackt. Durch die Krone meiner Eiche geht ein leises Brummen, als lache sie heimlich über die beiden Angstmeier. Die Pfeife im Munde liege ich da und träume. Blaue Rauchwolken zerflattern zwischen blitzenden Schwebfliegen. Weiße Schmetterlinge kommen wie lichte Träume angeschwebt, jagen sich, flattern zu Boden, steigen in die grünen Kronen und verschwinden über dem hohen Silbergras. Das ist doch das schönste an der Jagd, dieses wunschlose Stilliegen. Der Bock, wenn ich ganz ehrlich sein will, ist nur ein Vorwand für das heimliche Gehen, für das lautlose Pirschen, durch das mir alle Waldgeheimnisse kund werden. Das sage ich jetzt. Aber gestern, als ich ihn herangelockt hatte mit dem gespaltenen Grashalm, auf dem ich des Schmalrehs kokettes Locken nachahmte, da zitterten mir doch die Knie ein wenig, als ich ihn heranrauschen hörte durch die Haselbüsche, und unter dem Hut krabbelte mir die Haut. Und als er dann Wind bekam und wie ein roter Feuerstreifen hinter meinem Rücken vorüberschoß, da habe ich doch die Stirne gekraust und die Lippen zusammengebissen. Dort oben, wo die Lichtung aufhört, habe ich dann am Kreuzgestell eine Stunde gelauert, bis er endlich auf das Gras trat. Und als ich das Büchsenschloß stach und den Kolben an die Backe zog, da flammte mir doch die helle Wut heiß in das Gesicht, als hinter dem Bock auf dem Feldweg zwei Mädchen auftauchten und ich den Lauf eiligst in die Höhe reißen mußte, und gar nicht freundlich dankte ich, als die beiden Hübschen mir die Tageszeit boten. Und heute morgen, als ich barfuß über das Quergestell schlich und der Bock im mannshohen Grase vor mir absprang, daß ich nichts weiter sah als einen roten Strich und darüber zwei weiße Blitze, da kam mir das Morgenrot auf einmal langweilig und des Taubers Ruf albern vor. Aber was hilft das alles. Pech ist Pech. Ich habe doch allerlei Schönes gesehen, was andere Leute nicht sehen. Vor mir im Fallaub knistert es. Ein in Grün, Gold und Bronze gepanzerter großer Käfer kämpft da mit einem Ungeheuer von Regenwurm. Dreimal reißt der Wurm sich los, dreimal faßt der blanke Ritter ihn und schleppt ihn schließlich in seine Burg, den moosigen Eichenstuken. Ich muß lachen; Ritter Georg und der Drache fällt mir ein. Ich erhebe mich. Ein Kaninchen, das dicht vor mir in der Sonne gelegen hat, raschelt davon. Schrecklich lärmt der Häher, der im Grase Käfer suchte, und ein Eichkätzchen klettert an der Esche hoch und ruft mir aus sicherer Höhe einen Schwall gemeiner Schimpfworte nach. Die Amselmütter und Zippenmamas warnen mit Zetergeschrei ihre flügge Brut, die Kohlmeise gibt mir keifend zu verstehen, daß ich in der Nähe ihrer Kinder höchst überflüssig bin, und sogar die Grasmücke meint spitz, ich möchte machen, daß ich weiterkäme. Das tue ich auch. Den Grasweg gehe ich entlang, an dessen Seiten die hellroten Blumen des Storchschnabels leuchten und die dunkelpurpurroten Köpfe des Wiesenkopfs nicken, behängt mit stahlblauen, blutrot gezeichneten Schmetterlingen. In allen Büschen krabbelt junges Vogelvolk, in allen Zweigen flattert es davon. Überall schimmern der Hasel weißlichgrüne Nüsse, dazwischen hängen des Geißblatts wachsgelbe Blumen, funkeln der Heckenkirsche rote Perlen, lachen des Schneeballs rotbäckige Trauben. Reich gedeckt ist dieses Jahr der Tisch für alle Pickelschnäbel und Knabberzähne. Oben am Fahrweg mache ich halt, sehe tief hinein in den Nachbarwald. Auf dem Grenzstein im Graben lasse ich mich nieder, von da aus haben meine Augen dreifache Aussicht. Nach links, wo er in grünen Schatten ausläuft, nach rechts, wo er in glimmenden Sonnenstrahlen vor der goldenen Stoppel zerfließt, und geradeaus, wo ein üppiger Strauß von hohem, weißblühendem Labkraut, bleicher Kohldistel, goldenem Johanniswurz und kupferrotem Sauerampfer ihn beendet. Ein kohlschwarzer, goldschnäbliger Amselhahn rennt durch die Wegerichblätter, stochert hastig überall herum, stolpert weiter, zieht mit einem Aufwand von überflüssigen Bewegungen einen Wurm aus dem Moos und verschlingt ihn mit ebensoviel unnützen Kopfverrenkungen. Dann stößt er ein gellendes Warngeschrei aus und stiebt in die Haselbüsche. Rechts in den Büschen höre ich es brechen. Ein kleiner Ruck zuckt durch die rechte Hand, die Linke schiebt sich unter den Büchsenlauf, vorsichtiger ziehen die Lippen an der Pfeife, und kleiner werden meine Augen. Ein Kopf, rotgelb und kohlschwarz, von hell und dunkel abschattierten Lauschern überragt, steht zwischen den blauen Glockenblumen, biegt sich herunter, reißt ein Hälmchen ab und kaut es langsam kürzer. Dann schiebt sich der Hals heraus, der rechte Lauf, der linke, und das rote Blatt, der Leib, die Hinterläufe, und nun steht es in seiner ganzen Schönheit, das Schmalreh, mitten auf der Bahn vor dem großen weißgrüngoldroten Blumenstrauß, als wenn es wüßte, daß der es so gut kleidete. Sorgfältig macht es Toilette, zupft hier und da an seinem roten Kleid herum, schüttelt die blinden Fliegen ab, kratzt sich die Stelle am Halse, wo es die Mücken stachen, und äst dann von oben herunter einen Haselschoß nach dem anderen ab. Einmal sieht es sich noch um, dann zieht es über die Bahn nach der großen Grasblöße. Ich bleibe sitzen und qualme weiter. Die Turteltauben schnurren, nun wird es fünf Uhr sein. Eine Goldammer singt schwermütig, ein junger Fasanenhahn ruft laut und herrisch und stolziert dann über den Weg, funkelnd im schrägen Sonnenlicht. Der alte Hase, der hier jeden Abend und jeden Morgen anzutreffen ist, erscheint auf der Bildfläche, und der Ringeltauber klatscht mit den Flügeln, fällt über mir in der Eiche ein und ruft. Nun ist es schon sechs Uhr. Anderthalb Stunden habe ich hier gesessen auf dem Grenzstein. Grenzsteine halten fest; es ist Pech daran. Die Grenze, das ist doch das Schönste bei jeder Jagd. Da hat das Pirschen zweifachen Reiz, da bietet der Ansitz doppelte Freude, da ist der Bock noch einmal so viel wert. Es ist lächerlich, aber es ist so, und es wird so bleiben, solange es grüne Jäger und rote Böcke gibt, heute und morgen und allezeit. Aber länger will ich hier nicht bleiben. Doch gerade, als ich mich aufrichte, warnt links von mir das Rotkehlchen laut und anhaltend. Und über der Grenze, linker Hand von mir, rauscht es im Laub, bricht es in den Zweigen, höre ich den Bock schlagen und plätzen. Da sinke ich Zoll um Zoll in mir selbst zusammen und kauere mich wieder am Grenzstein hin, die Faust am Kolbenhals auf das rechte Knie gestützt, die linke vorn am Lauf. Lauter warnt das Rotkehlchen, lauter knackt und rauscht es in der Dickung. Mit einem Ruck hört der Lärm auf, und mitten im Wege steht ein gelber Fleck, zu drei Vierteln verdeckt von den tief herabhängenden Haselzweigen. Wohl zehn Minuten rührt sich der Fleck nicht, dann kommt Bewegung hinein, die Äste rauschen auf und ab, Mulm und Moos fliegt, wie unsinnig schlägt und fegt der Bock. Soll ich, oder soll ich nicht? Ein Bock ist es, das ist klar. Aber ob es der ist, den ich will, das ist die Frage. Könnte ich nur einen Augenblick den Kopf sehen. Aber ob ich mich ganz hinknie, ob ich mich flach hinlege, immer decken den Kopf die Haselzweige. Und dann klingt von der Grasdickung das Fiepen des Schmalrehs, einmal, zweimal und zum dritten Male, und fort ist der gelbe Fleck. Dann höre ich Stimmen und Sensengedengel und höre es dort unten rauschen, sehe es dort leuchten und blitzen. Ärgerlich auf mich und die ganze Welt ziehe ich ab, die Grenze entlang, am Klee vorbei, wo drei Hasen sich gütlich tun, den Koppelweg entlang, über den die Kaninchen huschen, am Hafer vorüber, in dem die großen Heuschrecken schrillen, bis ich den Mäher und seine Frau fortgehen sehe. Halb schlägt es im Dorfe, halb acht. Dreiviertel Stunden habe ich noch Zeit. Vorsichtig pirsche ich am Felde entlang, bis ich an der Graswildnis bin. Da steht eine Leiter, und auf die krieche ich hinauf, katzenleise, bei jeder Sprosse die Augen über das dichte Gewirr von mannshohem Gras, Glockenblumen, Haselschossen, Kletten, Dolden und Espenloden und das lichte Stangenholz dahinter wandern lassend. Oben auf der Leiter lehne ich mich an den Stamm, hänge die Büchse an einen Astzacken und hole aus der Tasche den Geschreiblatter heraus. Zweimal klingt das Geplärre durch den Wald. Der Hase auf dem Grasweg macht einen Kegel und äst dann weiter. Ich höre die Turteltäuber schnurren, die Ringeltäuber rufen, eine Ammer singt noch. Rotkehlchen ticken, Amseln schimpfen, Mäuse tuscheln im Laub, eine große Fledermaus fährt hin und her, aber kein roter Fleck taucht irgendwo auf. Da, in den Stangen, ein leises Knicken. Da steht ein gelber Fleck. Ein Bock. Aber nicht mein Bock. Der gelbe Gabelbock. Aber ich muß heute abend fort, und so hebe ich den Büchsenriemen von dem Astzacken, spanne lautlos, steche das Schloß und will gerade anbacken, da macht der Bock eine Flucht zurück, und schon verdecken die Zweige ihn. Und schon will ich mir ärgerlich die Pfeife anstecken, da rauscht es hinter mir im Weizen, ich sehe einen roten Strich, darüber blitzt es lang und weiß, aber ehe ich die mühsame Wendung nach rechts gemacht habe, ist das rote Ding fort. Jetzt aber schnell! Leise herunter von der Leiter, auf den Grasweg, Rucksack und Hut herunter, Pfeife fort, und nun, schnell, aber leise, bis an die Ecke der Dickung. Dort einen Augenblick gewartet, dann fünf Schritt weiter im Schatten der tiefen Zweige, wieder gewartet, wieder weiter, und da höre ich es auch schon rauschen und brechen. Ich bin klatschnaß vor Schweiß; das Herz sitzt mir im Hals, der Atem pfeift, daß ich denke, man kann es zehn Gänge weit hören, und der Büchsenlauf tanzt mir vor den Augen auf und ab. Aber nur so lange, bis ein großer roter Fleck auf die Bahn tritt; da werde ich ruhig, habe mit einem Blick das hohe, langendige Gehörn weg und rühre am Abzug. Roh zerstört der Feuerstrahl die sanften Farben der Dämmerung, grob verdirbt der Knall die Waldabendstille, dick kriecht der weiße Dampf über Weg und Wald. Und ich bin wieder ganz ruhig, denn durch das Feuer sah ich den Bock zusammenbrechen. Und als der Rauch verflattert, liegt er vor mir auf dem grünen Wege in seiner ganzen roten Pracht und färbt mit seinem hellen Lungenschweiß die breiten Blätter des Wegerichs. Und wie ich bei ihm knie und das Gehörn sehe, die langen Enden, die breiten Rosen, die derben Perlen, da lache ich doch und denke nicht mehr daran, daß der Bock nur ein Vorwand für mich sei, still zu pirschen und heimlich zu lauern im Holze. Ein goldener Heidherbsttag Der Honigbaum hat abgeblüht, zu Silberkügelchen sind des Heidekrautes rosenfarbige Seidenkelche zusammengeschrumpft. Die Heidelerchenlieder sind verstummt, verschwunden sind die Radler und Fußwanderer, die wochenlang die Heide überschwemmten, das blühende Heidekraut abrupften und als Ersatz Zeitungspapier, Eierschalen und Flaschenscherben hinterließen. Drei Kreuze hinter ihnen her! Es war eine greuliche Zeit. Wo sonst der einsame alte Rammler lag, da trampelten johlende Scharen, wo der heimliche Bock wechselte, strömte es von Stadtjappern; das Birkwild wanderte vor dem Gesange aus, und das Rotwild veränderte Stand und Wechsel wegen der Menschenrudel, die vom Morgenrot bis zur Sonnensinke durch Moor und Geest zogen. Wo sonst Hirsche meldeten, da balzte der Jüngling im Sonntagsgewand und die Jungfrau im hellen Hut; wo der Schreiadler rief, jodelte der Touristenvereinler; wo das Birkwild sich äste, hielten vielköpfige Familien Picknicks ab. Nur in den weitab gelegenen Brüchen, wo Wege und Stege fehlen und Meilen zwischen den Einzelhöfen liegen, war es zum Aushalten. Höchstens den Schnuckenschäfer sah ich da, die Imker und die Bauern, die zum Grummetschnitt fuhren, lauter stille Leute, die ungefragt nicht reden. Selbst die hübschen, braunarmigen Mädchen, die der blaue Rock, das rote Leibchen und der weiße Flutthut so nett kleidet, dankten leise, wenn ich ihnen die Tageszeit bot. Dort in der Stille habe ich die Heideblüte erlebt. Habe die Kreuzotter bei der Mauspirsche beobachtet, den Schreiadler bei der Froschjagd, den Schwarzstorch beim Fischfang. Ich sah die Tüten über die Rasenflächen rennen und die Weihen über die Purpurhügel schweben, hörte den Kolkraben rufen über dem Fichtenwald und den Schwarzspecht lachen auf dem Föhrenbau. Schön ist die blühende Heide; wer sie aber nur kennt in der Frühherbstblüte, der kennt sie nicht. Vier hohe Zeiten hat die Heide, viermal im Jahre blüht sie. Wenn der Birkhahn balzt, zieht sie ihr Frühlingskleid aus jungem Birkengrün mit silbernem Wollgrasbesatz an. Naht der Herbst heran, dann trägt sie ihr rosaseidenes Schleppgewand. Im Winter kleidet sie sich in ein weißes Ballkleid, das ihr der Rauhreif webt. Ihr herrlichstes Kleid aber schenkt ihr der Spätherbst. Es ist das Kleid, in dem ich sie am liebsten mag. Solange sie es trägt, bleibe ich ihr treu; dann erst ziehe ich in den Buchenwald am Bergeshang, in die Steinklippen verschneiter Kuppen. Nie habe ich solchen Heidhunger wie dann, nicht einmal zur Frühlingszeit, wenn die Moore beben vom Hahnengebalz. Grau war der Himmel und grämlich die Welt, als ich gestern zu ihr kam. Die Birken waren fahlgelb und die Eichen schmutzigbraun, trübrot die Brombeerstauden am Straßenrand und mißfarbig die Espen an den Viehtränken. Nirgendwo war Leben, nirgends eine frohe Farbe. Wehmütig lockten die Schopflerchen, und mißmutig riefen die Raben. – Alles war leer und tot. Kein Gimpel flötete im Busch, kein Häher rief im Holz; die Elstern in den Pappeln lachten mich aus, und der Bussard verhöhnte mich aus sicherer Höhe. Mein Teckel sah mich dumm an: Was ist das für ein Leben, wenn es nichts zu morden gibt? Ein unglückliches Großwiesel mußte seine Neugier schließlich büßen. So hatte der kleine Mann wenigstens seinen Spaß. Der Morgen kam als Nebelmann. Kaum zehn Schritte weit reichten meine Augen. So ließen wir uns beim Frühstück Zeit, bei Buchweizenmilchgrütze, derbem Brot und rosigem Schinken, mein Hund und ich. Dann ging es in den grauen Morgen hinaus. Oben auf dem Heidhügel, in dem breiten Wacholder unter der Schirmföhre machte ich halt, dampfte meine Pfeife und wartete, bis der Nebel wich. Lange dauerte das, so lange, daß der Kleine schließlich den braunen Kopf unter den Wetterrock zog und in meinem Schoße weiterschnarchte. Der Nebel will nicht wanken noch weichen; wie eine Mauer steht er über dem Moor. Unsichtbare Pieper pfeifen, unsichtbare Krähen quarren, unsichtbare Gänse kreischen über mich fort. Nebelperlen hängen an meinem Mantel, Nebeltropfen nässen meine Backen, schwer tropft es von der Schirmföhre über mir. Und ich sitze und sitze und qualme gegen den stinkenden Nebel an. Da fährt ein kühler Hauch über das Heideland. Die Föhre erwacht und schüttelt dichten Tropfenfall, die Nebelwand zerreißt, ihre Trümmer schieben sich durcheinander, lassen dunkle Büsche erkennen und gelbe Bäume. Und mit einem Satze springt die Sonne in das Moor, schwingt ihre goldene Peitsche, hetzt den Nebelwolf aus der Nähe, jagt ihn in die Weite, treibt ihn aus dem Lande heraus. Da wird alles ringsumher zu Licht und Glanz. Über den silbernen Birkenstämmen leuchten goldene Laubkronen. Die Brombeerranken am Hügelgrund tragen Rubinblätter, die Spinnweben sind mit Diamanten besetzt, die Espenbüsche lassen ihr leuchtendes Laub flirren, und die Eichen um den einsamen Hof leuchten in roter Pracht. Ich sitze und sehe, und würde noch lange sitzen und hineinsehen in die goldene Pracht des Heidherbstmorgens. Da kommt ein braunes Köpfchen aus dem Wetterrock, blinzelt in die Sonne, schüttelt klappernd die Behänge, reißt gähnend den korallenroten, weißbewehrten Fang auf, und dann springt der kleine Kerl von meinem Schoß, tatzelt nach meinen Händen und schnüffelt wedelnd am Drilling herum. Der Wetterrock fliegt in den Wacholderbusch, die Handschuhe hinterher. Im Kiefernstangenort tauchen wir unter, wo zwischen bleichgrünem Adlerfarn rote Schwämme prahlen und rote Beeren im Moose leuchten. Ein weißer Bussard stiebt jäh vor uns ab. Die Ohreule in der Fichte schüttelt ängstlich den dicken Kopf und streicht mit leisem Seufzen fort. Wo die Brombeerblöße im Bachwinkel liegt, da bleiben wir stehen. Rehfährten narben den anmoorigen Boden des Pirschsteiges und den Sand der trockenen Grabensohle; alle Himbeertriebe sind tief abgeäst, und die blauroten Pilze liegen verstümmelt umher. Aber vergebens gehen meine Augen von den roten Brombeerbüschen zu den goldenen Eichenloden, von den dunkelgrünen Binsenbülten zu den flachsblonden Grasbüschen, die Blöße ist leer. Da warnt der Turmfalke mit Angstgezeter, und ein grauer Kopf taucht hinter den Brombeeren auf, zwei hinter den Eichenloden und ein schwarzer dort hinten vor dem goldenen Espenbusch. Das ist die alte schwarze Geltricke mit dem lahmen Vorderlauf, die heimlicher ist als der heimlichste Bock. Sie kann den Postenschuß nicht vergessen, den sie in der Nachbarjagd vor drei Jahren erhielt. Regungslos steht die Alte da; ab und zu spielen die Lauscher. Endlich verschwindet der schwarze Fleck im gelben Laub. Ich trete in den Graben hinein und schleiche auf dem weichen Sande lautlos hin. Wo der Spindelbaum seiner Beeren rosige Pracht vor dem dunklen Stechpalmenbusch zeigt, kauere ich mich auf den pilzumsponnenen Eichenstumpf. Goldammern fallen zankend in die Brombeeren ein; ein Zwergspecht schnurrt heran und hämmert die Bockkäferlarven aus den Zweigknoten der Espe, ein Gimpelpaar wippt von Ast zu Ast und flötet ein zärtliches Duett, Schwanzmeisen kobolzen durch das Birkenlaub. Die graue Ricke mit den Kitzen zieht der Dickung zu. Ein Flug Birkwild streicht brausend über mich fort. Gern langte ich einen der Hähne herab, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Ich hocke auf meinem klebrigen Sitz, höre dem Hahn zu, der tief im Moore balzt, sehe den Krähen zu, die sich über den Eichen stechen, lausche dem Gewisper der Goldhähnchen und lache über das Gehaste der Spitzmäuse. Endlich, nach einer vollen Viertelstunde, schwanken dort hinten die Eichenloden. Schwarze Lauscher drehen sich hin und her, ein langer, schwarzer Hals taucht auf, ein breiter, schwarzer Rumpf schiebt sich durch die roten Brombeerbüsche, mit seltsamen Bewegungen sich hochschnellend und niederduckend. Weit, sehr weit ist es bis dahin, zweihundert Gänge wohl. Leise setze ich das Fernrohr auf und streiche an dem Spindelbaum an. Aber der schwarze Fleck ist kleiner geworden, kaum kann ich den braunen Spiegel erkennen. So warte ich, bis der Fleck sich vergrößert, bis die goldenen Büsche den Rumpf freigeben, fasse das Blatt und lasse den Finger krumm werden. Und dann ein schneller Sprung auf den Grabenbord, fast reißt mich der Hund dabei hin, und ich sehe noch eben einen schwarzen Klumpen durch die roten Ranken brechen nach der großen braunen Farnblöße hin. »Ruhig, Kerlchen, erst wollen wir uns eine Pfeife stopfen und bis auf das letzte Krümelchen leerrauchen! Sei nur still, Kleiner, du bekommst noch Arbeit genug! Kannst unterdes der Niederjagd obliegen und Reitmäuse fangen!« Aber das paßt ihm nicht: Angeleint nach Mäusen graben, die Nase voller Rehwitterung, das ist ihm zu dumm. Falsch äugt er mich von der Seite an. Die Sonne lodert und leuchtet auf den gelben Birkenwipfeln und in den goldenen Eichenloden; sie gibt der abgefrorenen Wiese Maiengrün und den bleichen Weidenblättern Frühlingsfrische. Wie ein Vogel aus Märchenland schwebt der weiße Bussard dahin, und jubelnd und singend fällt ein Starenflug in den Eichen bei der Hirtenhütte ein. Nun ist es Zeit: Ich stehe auf. Da kommt wieder Leben in den kleinen Stumpfbold neben mir. Er fällt in den Riemen und drängt voran. Kaum kann ich ihm folgen durch das Rankengewirr und das Lodengestrüpp, und vom Anschuß, wo schwarzes Schnitthaar an den roten Blättern hängt und rote Tropfen an den gelben Halmen kleben, reißt er mich stürmisch fort durch den braunen Farn und die blutroten Moorbeerbüsche. Ein Hase poltert Hals über Kopf vor uns fort. Einen Augenblick nur will der Hund ihm nach, besinnt sich aber und fällt wieder die Schweißfährte an, die nach der sechsjährigen Besamung führt. Da ist Graben an Graben, alle überwuchert vom Heidekraut. Das ist ein Fehltreten und Fallen, Stolpern und Stürzen, ein Vergnügen eigener Art. Doch da hat er sie. In dem schmalen Graben ist sie zusammengebrochen, kaum ragt der schwarze Kopf mit den grünüberzogenen Lichtern heraus, unheimlich und gefährlich wie ein Teufelsgesicht. Wütend fährt der Kleine darauf los, faßt an, prallt zurück und kündet mit heiserem Halse seine Heldentat. Denn daß er die Alte zur Strecke gebracht hat, das steht für ihn fest. Gellender Jagdruf stört mich beim Aufbrechen. Der Jagdaufseher steht vor mir: »Is man gut, daß die Alsche dot is; hat uns manches Mal Pirsch und Anstand verdorben mit ihrem Schrecken. Aber Sie müssen machen; eben sind die anderen Herren gekommen; im Brandmoor liegt das ganze Birkwild, und nachher sollen die Brüche und Füchse und Hasen gestokelt werden.« Er hängt die Ricke in die Fichten hinein. Der Teckel will durchaus nicht erlauben, daß er das tut. »Komm, Kerlchen, haben wir heute früh unsere stille Weidmannsfreude gehabt, so wollen wir jetzt in fröhlicher Jägerlust beenden diesen goldenen Heidherbsttag!« Junghahnenbalz Vor Tau und Tag durch Heide und Moor, vor Lerchenlocken und Pieperruf hinaus in grauschwarze Dämmerung beim letzten Eulenschrei, bei Nachtwinds herbstlich-frostigem Sausen. Kein Bauer, kein Knecht, keine Magd wach im Heidedorfe, kein Hund laut, nur eine Katze sichtbar, schattenhaft über die Dorfstraße huschend, und die Schleiereule, lautlos in der Giebelluke verschwindend. Warm war es heute nacht, zu warm fast für Jagdweste und dicke Lodenjoppe, Manchesterhosen und Entenstiefel. Und es wollte gar nicht Tag werden. Die Nacht klebte auf Heide und Moor, Geest und Feldmark, Forst und Busch – bis langsam der Herbsttag Ruck um Ruck das schwarze Tuch vom Gelände riß, den düsteren Teppich von mir an zum Himmelsrande aufrollend. Erst wurde der grasbewachsene Koppelweg vor mir sichtbar, dann dahinter drei schwarze Klumpen als Fuhrenkusseln erkennbar, Hederich, Lupinen, frische Falgen, grüne Saaten, Dünen, Fuhrenbüsche, düstere Wacholderhagen, lichte Sandwege, ein braunes Meer, das Moor, Heidhügel, dunkelblaue Waldwände, überragt von dem Skelett des Militärturmes. Über mir die erste, lockende Heidlerche, dann in der Dickung der Amsel keifende Stimme, des Rotkehlchens schelmischer Frühgruß, des Holzschreiers dicktuerisches Vielgeschrei um nichts, der Goldammer bescheidener Laut, zittriges, dünnes Goldhähnchengepiepe, des Buchfinks selbstbewußter, herrischer Ruf, der Krähe rauher Ton. Der Nachtwind verstummte, er wich dem Tag. Regungslos stand Baum und Busch, und auch das weißblonde, flachsige Gras stand unbeugsam straff. Feierliche Bewegungslosigkeit in der Natur, verstärkt durch schwarze, fliegende Flecke in der Luft und graue Schatten auf den Feldern, Krähe und Drossel fliegen hungrig zu Feld, Hasen rücken satt zu Holz. Zur Rechten zerreißt die Wolke, goldig bricht es hindurch, goldglühend die Wolke säumend. Grünlich färbt sich darüber der Himmel, bis ein feuriger Ball die Wolken zerschmilzt, daß sie lodernd aufbrennen. Aus der Glut fließt Kälte. Ein eisiger Wind durchschauert die Bäume, rüttelt die Büsche, streicht mit kalter Hand über das flachsblonde Gras. Ein Frösteln kriecht mir über Rückenstrang und Schenkel. Ein Viertelstündchen, dann stirbt der pfeifende Frühwind, und warm und wonnig liebkost die Sonne mein Gesicht, steckt helle Lichter im dunklen Fuhrenwald an und fälscht des weißblonden Grases müde Flachsfarbe zu stolzem Goldblond. Matt ist aber die Morgensonne im Herbst, sie wärmt nur scheinbar meine steifen Glieder, die, an des hohen Wacholders federnde Zweige gedrückt, zwei Stunden verharrten in lauernder Regungslosigkeit. Ja, wenn er gekommen wäre, schußgerecht gekommen, der kohlschwarze Bock, dem meine Träume galten im unruhigen Schlaf, mein Denken im Wachen – dann jagte wohl heißer das Blut durch die Schlagadern, krabbelte Hitze auf Gesicht und Brust –, aber drei schwarze Schatten sah ich in dicker Dämmerung zu Holze ziehen, scheinbar gleich an Stärke, mit verwaschenen Umrissen. Das Korn der Büchse irrte von einem zum andern, spähend nach weißen Hecken zwischen drei Paaren hochgereckter Lauscher, das scharfe Glas sprang den vor Anstrengung tränenden Augen bei, und das Glas fiel hernieder an der rauhen Joppe, der Lauf sank hinab, jedes Stück konnte der Bock sein oder die Ricke, und erleichtert atmete ich auf, als schwarzstarrende Dickung die drei verschlang. Wer kann dem Finger am Drücker trauen! Maserkopf, alter Tröster, lasse in Blauwolken den Ärger zerflattern! Und liegt der schwarze Bock auch nicht zu meinen Füßen, mißt meine Hand auch nicht seines Gehörnes Höhe, laben meine Augen sich auch nicht an der Perlung, nicht reut mich der kurze Schlaf, der weite Weg, taunasser Stand und schneidende Frühkälte. Keine Stunde schätze ich verloren, die mir in Heide und Moor entschwand. Im Sinnen schreckt süß ein lieber Laut mich hoch. Vom Moore klingt das Rodeln eines jungen Birkhahnes, den sein kurzes, krummes Spiel eitel machte, dem die Morgensonne allerlei frühreife knabenhafte Liebesgedanken in den Kopf setzte. Du! – du, du! – du, du! Wer kann da widerstehen? Eine halbe Stunde Marsch durch nasses Moor, Springen von Bülte zu Bülte, Kriechen durch strengduftende Postbüsche, ockerrote Doppheide, über Torfmoos, naß wie ein Schwamm, durch Risch, triefend wie frischgewaschene Wäsche, den treuen Drilling am Kolben nachgeschleift, steht mir bevor, und die Aussicht, daß der Schwarzweiße mich dann doch noch zu früh eräugt und fittichsausend abstreicht, aber sein lockendes Du! du, du! ruft er zu mahnend. Rätsch, ätsch! warnt der Markwart, wie ich den Stand verlasse. Erleichtert streckt sich der Wacholderbusch, befreit von meines Rückens niederdrückender Last, und ein Dreiläufer, der sich vor mir im falben Grase niedergetan hatte, poltert erschrocken, Haken schlagend, über die Falge, hinein in den Hederich. An allen Koppelrändern Rehfährten, hier schwaches Zeug, dort alter Ricken breitspurige Eindrücke, und da im feuchten Sande des Kapitalen frische Fährte. Daneben, kreuz und quer, der Krummen Spuren, und hier, in der Furche, des schlauen Rotrockes Indianerspur. Ein prächtiger Tag! Goldsonne in halber Himmelshöhe, ein Tag für den Hüttker! Heute zieht das Federraubzeug. Da unten am Moore schwebt ein weißer Wisch über die braune Fläche, eine Weihe, und über mir kreist der Mäusehabicht. Krähen, schwarze und graue, rudern langsam dahin. Nun ist es aus mit der bequemen Wanderung. Der linke Fuß steht noch auf Sand, der rechte auf schwankender Bülte. Mit dem Glase zerzupfe ich den Moorfleck, aus dem das Kollern des Hahnes zu mir heranlautet. Vergebens, kein schwarzweißer, sich drehender, tanzender Fleck in der braungrünen, rostrot überlaufenen Fläche. Aber dort, wo Krüppelbirken aus den Postbüschen sich drängen, dort muß es sein. Einen tiefen Diener gemacht, so tief, daß die grünen Postbüsche mich decken, jede verwachsene Fuhrenkussel, jede junge Birke als Deckung benutzt, von Busch zu Busch mich herandrückend, dabei achtgegeben, daß die Füße nicht an den Wollgrasbülten vorbeitreten. Schwertertanz ist Kinderspiel dagegen. Hier sinkt der Fuß ein im nassen, gelbgrünen Torfmoos, daß gurgelnd braune Brühe bis an das Knie spritzt, dort weicht die schmale, hohe Bülte dem Drucke der Sohle, und laut quatschend umbrodelt brauner Schlamm die Stiefel. Pak, sagte es laut, wenn der Fuß herausgezogen wird. Jetzt wird es besser. Hier sind Gräben gezogen, jenseits zeigt langes, gelbes, knotenloses Pfeifengras trockenen Boden an. Aber erst über dem Graben sein! Springen geht nicht, sonst empfiehlt sich der Sänger. Also am Graben entlang gekrochen, über die roten herben Beeren der Moosbeere, über blutrotes und weißgrünes Torfmoos, nassen, kaffeebraunen Schlamm, vermulmte Torfstücke und die reizenden Rosetten des Sonnentaues. Endlich bin ich am Steg, drei Birkenstämmen, mit Heidplaggen gedeckt. Auf dem Bauche geht es hinüber und ebenso weiter, denn wenig Deckung ist hier auf dem hohen, trockenen Moore, und Warner sind überall. Alle Augenblicke steht mit jämmerlichem Piet, piet ein Pieper auf, oder die Heidlerche ruft ihr Tüdliü, tüdliü! durch die Stille. Und des Hahnes Gekoller klingt näher und näher. Hochwillkommen sind die grauen Skelette toter Wacholderbüsche, ein alter, rotbrauner, halbzerfallener Schirm von der Balz dieses Frühjahrs, Binsenbülten, Moorbeerbüsche und verrottete Torfhaufen. Noch ein nasser, tiefliegender Moorgrund ist zu überkriechen, auf welchem das Wasser Ellbogen und Schenkel feuchtet, und dann geht es hinein in kniehohe Heide, die über Kopf und Rücken zusammenschlägt, in langsamem Gekrieche, in langen Pausen. Hinter der hohen Heide liegt ein abgeplaggtes Stück, das wird des Hahnes Balzplatz sein. Der frühverliebte Junghahn ist gut im Gange, fast unaufhörlich klingt sein Dudleru, dudleru, dudleruuuu zu mir her. Aber je näher, je schlimmer! Hier, bei dieser sperrigen Birke ist ein Ausguck möglich. Da dreht er sich auf dem graubraunen, kahlen Stück, den Kopf tief, das kurze Spiel breit, die Flügel im Halbkreise geöffnet, fleißig kollernd. Sein Rodeln klingt schon recht brav, fast wie bei einem alten, aber wenn er den Hals lang macht, hochspringt, mit den Flügeln schlagend, und dabei bläst, dann hört man den Junghahn heraus. Kcht, kcht, das ist alles; zum vollen, lautpfeifenden Tschjiu-huit bringt er es noch nicht, wird er es hoffentlich auch nicht bringen. Denn jetzt bin ich nahe genug. Deutlich nehme ich den bräunlichen Anflug auf dem Rücken wahr und die schwarzgekrümmten Sicheln im kurzen Stoß. Wie er sich dreht und wendet, spreizt und tut, als wären braune Holdchen in der hohen Heide, die Minnelohn ihm spenden sollen für Minnegesang! Wenn ich nur erst gespannt hätte! Jetzt geht es nicht, der Hahn dreht mir den Kopf zu. Aber nun wendet er sich, eigentlich ist es doch zu schade, so denkt das Herz, aber da liegt Korn, Kimme und Hahn schon zusammen, der Schuß zerpeitscht das Mitleid, endet des Hahnes Balzgesang, sein jungenhaftes, unreifes Liebesliedchen. Und das Mitleid? Es ist hier nicht am Platz. Ist ein Tod mitten im ersten, frühen, weltstürmenden Liebeserwachen nicht neidenswert? Im Fuhrenstangenort Etwas Langweiligeres als einen Fuhrenstangenort gibt es wohl kaum. Lauter Fuhren von zwanzig bis vierzig Jahren, aber alle aus demselben Jahre zusammen, nie durcheinander, und dann noch in Reihen gepflanzt. Und doch pirsche ich sie jeden Morgen ab. Und jeden Morgen, wenn ich denselben Weg mache, je nach dem Winde von der Nachbarsgrenze anfangend oder vom Königlichen, dann fällt mir der lange Herr Oberlehrer ein, der uns Hebräisch gab. Das ging Tag für Tag: Katal, Katela, Katalta, Katalti, Tag für Tag, wochenlang, immer dasselbe, wie die Fuhrenstangen. Aber ein Pirschgang und eine hebräische Stunde hat doch große Verschiedenheiten. Es sind immer dieselben Fuhrenstangen, aber es ist doch immer etwas anderes. Einmal regnet's, einmal nicht. Einmal ist es kalt, einmal ist es warm. Einmal ist nichts zu spüren, ein anderes Mal wieder nichts, das dritte Mal erst recht nichts. Und überschlägt man dann einen Morgen und läßt die Knochen im Bett, dann haben die Sauen da gebrochen, und außer Wild spürt sich der brave Zehnender mit seinem Beihirsch. Und darum nahm ich mich beim Nackenfell, als die Weckuhr um zweie losramenterte, fuhr in das grüne Zeug und die gummisohligen Schuhe, hing Büchse, Rucksack und Glas um, kluckte den Topf Milch hinunter und ging, ein Stück Trockenbrot kauend, durch den Hausbusch des Hofes, in dem die Hauseule erbärmlich rief, durch die Kartoffeln, in denen die Spitzmäuse schrillten, durch den hohen Fuhrenort, in dem die Waldohreule jämmerlich seufzte, bis ich an die Landstraße kam. Da steckte ich mir ein Zwischenaktszigarrchen in die edlen Züge, tat sechs Züge, um zu sehen, wie der Wind sei, und nochmals sechs, da ich ihn schlecht fand und hoffte, daß er sich besinnen würde, warf die Zigarre in den nebelnassen Graben, und nun stehe ich hier und weiß nicht, soll ich wieder in die Klappe oder soll ich nicht. Wenn ich das mit dem Winde gewußt hätte, dann hätte ich mich zweimal umgedreht und weitergeschlafen. Aber jetzt umkehren und mich wieder umhosen, dazu bin ich doch zu faul. So geht es denn durch die klatschnasse Fuhrenbesamung, den Pirschweg an der Grenze entlang, und wo die Spürbahn beginnt, da setze ich mich in das viereckige Loch, in dem ich schon so oft saß, und dösend höre ich zu, wie der Nebel von den Zweigen schlägt, tock, tock, tock. Dann fährt der Frühwind durch die Zweige und läßt den Nebel schneller schlagen, und aus dem grauen Nichts vor mir heben sich lange, rosig schimmernde Heidbüschel und silberne Birkenstämme ab, und dann sitzt da ein Bär, der nach mir schlagen will mit den Pranken, und ein Wilddieb steht da, der auf mich anschlägt, und ein Hirsch tritt aus dem Nebel, und ich sitze krumm und klein in meinem Loche und warte, bis es noch heller wird und der Bär und der Wilddieb und der starke Hirsch das geworden sind, was sie sind, Machangelbüsche. Und dann esse ich ein Stück Speck und ein Stück Brot, trinke einen kleinen Bittern, stecke mir die lange Holländer hinter dem vorgehaltenen Hute an, knöpfe den Windgurt fester und mache mich hoch. Ich sehe nach rechts die breite, tief aufgepflügte Spürbahn hinunter, und dann nach links und sehe rechts gerade soviel wie links. Es ist noch sehr dämmerig, so bleibe ich noch etwas stehen. Ein Vogel zipt über mich fort, die Morgenbrise ruschelt in den Telgen, der Tropfenfall klingt um mich herum, das gelbe Pfeifengras flüstert zu meinen Füßen. Zur Linken höre ich einen kurzen, leisen Laut: Knick. Kein Stadtmensch würde ihn beachten. Mir aber macht er das Herz lebendig und das Blut schnell. Da zieht Wild. Noch einmal: Knick, und noch einmal. Ich weiß Bescheid. Von der Spürbahn trete ich durch die Bucht auf den Pirschsteig und gehe schnell, aber leise, o so leise, nordwärts, so leise, daß kein Fallbraken knickt und kein Fuhrenbock knistert. Bis an die Schneise, die heidwüchsige, von gelben Schnielen berahmte. Dort mache ich mich ganz klein in dem Loche, lege die gespannte Büchse auf die Knie und nehme das Glas in die Hand. Und dann warte ich. Meine Augen streifen rechts und links die Fuhrenwände, die blühende Heide, die gelben Halme, bis sie da hinten im Nebel haltmachen und umkehren, bis sie wieder an die Nebelwand kommen und wieder umkehren. Zippen streichen über die Bahn, Schacker lärmen über mich hinweg, die ulkigen kleinen Haubenmeisen kullern in den Zweigen, Goldhähnchen lassen ihre unreifen, dünnen Stimmchen hören, ein Fink lockt. Dann, in Pausen, bricht es zu meiner Linken, ich lasse das Glas an die Brust fallen und fasse die Büchse. Das Brechen wiederholt sich, ich drehe das linke Auge, daß ich es mir halb verrenke, und renke es schleunigst wieder ein, denn wegen der alten Ricke will ich mir doch kein Leid antun. Sie äugt mich groß an, macht mir einige altmodische Verbeugungen, zieht dann eilig in das Holz zur Rechten. Und ich stehe auf und pirsche weiter an der Kante des Stangenorts. Der Pirschsteig schneidet die Pflanzfuhren in rechtem Winkel. Man kann von ihm immer zwischen den Reihen durchsehen. Ich mache meinen Weg wie ein Automat. Ein Schritt, ein Blick nach links. Nichts, nichts, nichts, nichts. Aber da! Ach, das ist ja die Stelle, wo gestern die alte Bache mit ihren vier Frischlingen gebrochen hat, das sieht so rot aus, als säße da ein Reh im Bett. Und zehn Reihen weiter, das Schwarze da, das ist kein hauendes Schwein, spitz von hinten, das ist ein oller Heidbusch. Und hier kommt der Bärlappteppich, und da steht die verlorene blaue Glockenblume, die da so steht, als wollte sie fragen: »Wissen Sie nicht, wie man hier rauskommt aus dieser Biesternis?« Und hier ist es heller, da reifen die Kronsbeeren. Hurr burr, da poltert Birkwild ab. Und das da, da haben wieder Sauen gebrochen. Halt, nicht weiter! Das sieht doch roter aus wie der gebrochene Boden. Das Glas vor die Augen: Reh! Bock oder Ricke? Ja, das kann ich nicht sehen, es hängen da gerade so viele graue Braken drüber. Mal fragen! Ich nehme die Büchse von der Schulter und schnalze, leise den Warnruf des Rotkehlchens nachahmend, dreimal tk, tk, tk. Aus dem roten Fleck kommt ein roter Hals hoch und ein schwarzes Geäse und zwei weißliche Lauscher. Aber zwischen ihnen ist nichts. Ricke. Ich warte, bis Kopf und Hals wieder weg sind, und pirsche weiter. Rätsch, ätsch. Schwein! Du wirst mir noch den ganzen Pirschgang verderben. Ich muß warten, bis er sich beruhigt hat, der Markwart, sonst macht er die ganze Gegend rebellisch. Na endlich! Also weiter auf dem Bleisand des Pirschweges, immer wieder einen Blick auf hellgelbgrünes Moos, kupferrote Stangen und silbergraue Telgen. Hier und da ein gelblicher Grasbusch, ein Fleck dunkler, weißblütiger, rotfrüchtiger Kronsbeeren, ein roter Fleck, wo die Sauen brachen oder der Bock plätzte, gelbe, rote, braune, hellviolette Schwämme, die rote Brust des Dompfaffen, eine bunte Meise, eine schwarze Amsel, eine graue Drossel, ein olivenbraunes Rotkehlchen als Abwechslung in dem Goldgrünsilbergraukupferrot. Tauben donnern ab, und ein roter Fleck in der Reihe vor mir wird anders. Ein Schmalreh, das Pfifferlinge äst. Es äugt, sieht ein, daß ich nur ein Machangelbusch sein kann und zieht äsend weiter. Ich auch. Aber da hemmt plötzlich etwas meinen Schritt. Im Bleisand eine starke Fährte. Der Starke. Ach, dummes Zeug, war ja gestern schon da, vergaß bloß, sie auszutreten. Stimmt ja, da liegt ja die Kuhtaubenstoßfeder dabei, die mir auffiel. Ich trete die Fährte aus und schiebe lautlos einen grauflechtigen Braken vom Steig, den der Wind hierhin warf. Heute nacht haben aber die Sauen hier mächtig gewirtschaftet. Die haben ja alles um und um gebrochen. Und hier ist die ganze Rotte über den Strich. Zwei grobe Sauen, nein drei, und ein halbes Dutzend Überläufer. Ja, es ist toll. So meint auch das Altreh, das da mit dem Kitz steht. Und hier, etwas weiter, spürt sich Rotwild. Aber nur Kahlwild. Das kann mir wenig helfen, freut mich aber doch. Wo Mutterwild ist, ist auch nächstens der Hirsch. In diesen Tagen tritt er zum Wilde. Nun werde ich aber aufmerksamer. Jetzt wird nicht bloß die Reihen langgeguckt, jetzt gehen die Augen erst immer zur Erde und dann nach links in die Stangen. Sieh da, sieh da! Das ist ja der Beihirsch. Und ohne den Zehnender. Die Freundschaft ist also aus. Natürlich, da ist eine Schürze dazwischengekommen. Jetzt bin ich an der Ecke. Da blüht noch ein gelbes Habichtskraut, und zwei gelbe Heideckerblütchen leuchten da. Hier stand ich heute vor acht Tagen abends blank und bloß, und zweihundertfünfzig Gänge unter mir stand der Zehnender auf der Bahn und äste sich an den Stachelpilzen. Und dann äugte er mich groß an, äste weiter und zog in die Stangen. Und als ich ihm den Wechsel verlegen wollte, verschwand im Holz das Büchsenlicht, und ich zog ab, ohne den langersehnten, schweißbedeckten Bruch am Hut. Die ganze Grenzbahn ist voll von Wildfährten, alle stehen herein, keine heraus, die ganze Bahn entlang. Also steckt das Wild noch drin. Ich trete wieder von der Bahn in den Quersteig und pirsche zurück, immer bei jedem Tritt die Augen zur Erde und dann nach rechts. Aber nichts, gar nichts ist zu sehen. Und dann geht es in den Querweg, und dann zur Landstraße, und da gehen mir die Augen auf. Das ganze Wild ist in das Königliche gewechselt. Ich setze mich an den alten Immenzaun in der Heide in die Sonne und frühstücke. Schacker lärmen in den Ebereschen an der Straße, Häher warnen, der Schwarzspecht lacht an der Wetterfichte, Hornissen brummsen um die blutende Birke, und aus der kahlen Heide kommt das Geläute der Schnuckenherde. Das Immenschauer da unten in der Sinke leuchtet in der Sonne wie Gold, da hinten die Fuhrenbesamung ist hellgrün wie junge Saat, die Bienen summen in der Heide, blaue Falter tanzen über den Sand. Ein schöner Morgen, aber er könnte noch schöner sein. So, jetzt bin ich satt und kann noch eine Nachpirsch machen. Es ist sechs Uhr. Man kann nicht wissen, manchmal bleibt das Wild lange in der Dickung. So bummele ich denn, etwas unaufmerksamer, zurück, freue mich an den hellen Sonnenkringeln auf dem grünen Moos, an den feuerroten Pilzen, die überall Sandschollen hochheben, an der Nachtschwalbe, die vor mir forthuscht, an den taubeperlten Spinnennetzen zwischen den Fuhrenzweigen, pflücke mir eine Handvoll halbreifer Kronsbeeren und pirsche weiter, die erste Zigarre mit Genuß rauchend. Es gibt allerlei zu sehen. Kuhtauben hier, Grünspecht da, dort die Fuchsspur, hier Birkwild, das sich an Kronsbeeren äst, Hirschlosung, dann auf einmal in der Sonne ein wahrer Regen von Hirschläusen, daß ich fortwährend nach Backe und Nacken fassen muß, um die widerlichen Krabbeltiere zu entfernen, goldnes Moos, silberne Kronsbeerenblätter, ein Silbergeblitze von Schwebfliegen, ein Surren und Summen, überall das Geläute und Gezirpe von Meisen und Goldhähnchen, Taubenruf und Häherschrei, und da, wo die Reihe eng wird, ein großer feuerroter Fleck. Ich trete nach rechts, ich trete nach links. Aber ich sehe immer nur den großen viereckigen roten Fleck zwischen den graugrünen Fuhren. Kein Hals, kein Kopf, kein Lauf, kein Schild ist zu sehen. Endlich, nach zwanzig Minuten, mir beberten schon die Knie vor Warten, schiebt es sich vorwärts. Ein altes Tier. Langsam tritt es vor, sichert, die langen Lauscher spielen um das hellgraue Gesicht, dann zieht es nach links. Jetzt will ich aber nach Hause, der Sandmann kommt. Ich nehme den kürzesten Steig. Gewohnheitsmäßig geht bei jedem Schritt der Kopf von rechts nach links. Eine Ricke sitzt im Bett und hat kein Arg von mir. Gleich habe ich die Stangen hinter mir. Ich sehe schon den hohen Ort licht durchschimmern. In der vorvorletzten Reihe sehe ich noch einmal nach rechts. Da ist nichts. Und nach links. Auch nichts. Doch. Ein Reh. Holla, der Bock. Gestochen, Rot gefaßt, Finger krumm, Kugelschlag, Hinterläufe in der Luft, dann ein wildes Brechen, dann ein Schlagen, dann Stille. Ich gehe sechs Reihen zurück. Da liegt er und rührt keinen Lauf mehr. Der Schuß könnte mich freuen, Mitte Blatt. Aber ein Bock im Herbst in einem Rotwildrevier, das ist kein Lohn für einen Pirschgang. In der Jagdbude Seit drei Tagen hausen wir vier Mann nun schon in der kleinen Jagdbude, die weit, weit vom Dorfe, an der Grenze von Moor und Heide, unter träumerischen Hängebirken steht. Wir sehen aus wie die Räuber, und wenn uns ein Zauberer so, wie wir sind, auf die Straße in Hannover setzte, mit unsern Halbwochenbärten, unsern Händen, rauh vom Holzspalten, Tellerwaschen, Wildbretzerwirken, Feueranmachen, unsern schwarzen Fingerdöppen, dann würden die Schutzleute ihre Aufmerksamkeit von den Waden der Radfahrerinnen ab- und uns zuwenden. Aber mollig fühlen wir uns, und unanständig gesund. Ich hatte Migräne, als wir uns am Bahnhofe trafen, der zweite einen sehr dauerhaften Schnupfen, der dritte Nerven, der vierte Husten. Alle diese Kulturerrungenschaften sind nun zum Kuckuck; glänzende Augen, rote Backen, klare Kehlen, und unempfindliche Nerven sind dafür eingetauscht. In der Stadt habe ich alle nasenlang einen Schnupfen, Migräne wie eine Lehrerin und Nerven wie eine Modedame. Hier merke ich nichts davon, obgleich ich nachts mit feuchten Füßen im Graben saß, stundenlang bei schneidendem Nordost mäuschenstill am Moorrande stand, halbe Tage im Wasser herumpatschte und in der zugigen Bude auf dem Strohsack schlief, nur mit dem Mantel bedeckt. Ich glaube, ich habe meinen Beruf verfehlt. Zigeuner, Indianer, Trapper oder so etwas Ähnliches, das wäre das richtige gewesen. Schade, daß ich meinen Stammbaum nur zweihundert Jahre zurückverfolgen kann! Ich bin überzeugt, ich stamme von irgendeinem altniedersächsischen Jäger oder Fischer ab. Ich finde mich ja schließlich auch in Frack und langem Rock zurecht, aber wohl fühle ich mich nur, wenn ich den achtjährigen Lodenhut aufhabe, wenn die Schmierstiefel an den Füßen sitzen und der Rumpf in der stilvollen Joppe steckt, die nur gewinnen kann, wenn ich mich damit auf den nassen Moorboden lege. Ist das nicht herrlich? Soweit ich sehen kann Heide, Moor, Sumpf, Forst, Anflug, aber kein Haus, kein Hof, kein Zaun, kein Gatter, kaum ein halbwegs erkennbarer Weg. Frei sind wir hier wie der Birkhahn, der sausend über das Moor streicht, wie die Ohreule im Tann, wie der Sperber in der Luft, wie das Wiesel im Dorn. Hier kann ich auch singen; im Zimmer bringe ich es nicht fertig. Aber hier kann ich es singen, daß es nur so knallt, die Beine in dem grünen Polster der Krähenbeere, den Rücken an den alten Wanderblock gelehnt, das wunderschöne, trotzige Wildschützlied, das ich in Bayern von Wilderern hörte: Da gehn nun die Schützen Und schießen nach den Scheib'n So damischer Weis, Wie's die Stadtleute treib'n; Aber i, i woaß die Weg so scheen, Wo die scheenen Gamserl stehn, Ob'n am Berg... Heute abend war es niederträchtig kalt. Den Nordost fror draußen; er wollte zu uns in die Bude, und weil wir ihn nicht hereinließen, schnüffelte er die ganze Nacht an den Ritzen herum, pustete Schneestaub in mein Gesicht und blies in das eiserne Ofenrohr, daß die Funken in das Stroh flogen. Wir mußten aufstehen und das Feuer ausgießen, sonst wären wir und die Hunde am Ende gebraten worden. Und das wäre doch ein Jammer gewesen! Das roch eklig, als das Wasser in das Feuer kam, und dampfte nicht schlecht. Zum Glück sind die Ventilationsapparate der Bude prachtvoll, so daß Qualm und Stank bald abzogen. So war nun wieder alles wunderschön, wenn ich nur nicht mit dem dicken Jans auf einer Pritsche hätte liegen müssen. Erstens schlafe ich überhaupt schon schlecht, wenn ich nicht allein liege, und nun erst mit Jans! Alle zehn Minuten warf er seine zweihundert Pfund herum, daß die Fuhrenbretter der Bettstelle knackten und knasterten, und wenn er still lag, sprach er im Schlaf: »Schneider schwarz, kein Bein kriegt'r auf de Erde; Korl, de Lampe blakt«, dann einige tiefe Seufzer, ein dumpfes Murren, ein hohles Gepuste, und der Monolog ging weiter: »Nicht schonen, meine Herren, Sie schonen zu viel. Hahaha!« Kleine Schnarchpause: »Wat seggst'e Korl? Swieg stille, Döskopp, du hest vorbieschoten.« Die beiden anderen Jäger auf der zweiten Pritsche schnarchten auch, und die beiden Hunde, die im Stroh unter der Pritsche lagen, betrieben alle Augenblicke geräuschvolle Insektenjagd. Feldmann, der schwere, braune Vorstehhund, hat eine Art, im Schlaf zu seufzen, daß es ganz geisterhaft klingt, und Tell, der weißbunte Pointer, dem läßt sein Sekttemperament auch im Schlaf keine Ruhe. Er jagt im Traum, gibt Hals und winselt. Sind die Jäger und die Hunde ruhig, dann fühlen sich die braunen Waldmäuse, die unter den rohen Dielen wohnen, als Herren und veranstalten im Reisig der Ofenecke einen gemütlichen Abend mit Gequieke und Gepfeife, bis Männe, der Dackel, wach wird und sie zu Bett bringt. In ihrer Angst fahren sie dann hin und her und plumpsen von der Wand auf die Pritschen, aber das stört uns nur, wenn sie uns über das Gesicht laufen. Schließlich aber schlafe auch ich ein; der Wind singt und pfeift zu schöne Schlummerlieder. Auf und an! Auf und an! Spannt den Hahn, Lustig ist der Jägersmann... Dieses Lied, begleitet von dem Geratter der Weckuhr, die auf die umgedrehte blecherne Waschschüssel gestellt ist, weckt mich auf. Ich reibe mir die Augen, gähne wie ein Leu und kämme mir mit den zehn Fingern das Stroh aus dem Haar. Hannes, der heute du jour hat, steckt die Hängelampe an, Korl springt wie wahnsinnig von der Pritsche und beruhigt die Weckuhr, die auf der Waschschüssel herumrattert, nur Jans bleibt liegen und fragt: »Schon Z...heit?« Schlaftrunken blinzeln die Hunde unter den Pritschen hervor. Der Hängelampe milder Schein bestrahlt jetzt das luxuriöse Gemach. Die Tapete ist blauweiß, mit Jagdszenen versehen, leider hier und da nicht anwesend. Dafür sind dann Kunstbeilagen aus Jagdzeitungen angenagelt. Der Tisch ist streng nach dem Stil zweitausend vor Christi gearbeitet; vier Fuhrenstämmchen, sechs rohe Fuhrenbretter. Zur Steinzeit konnte man ihn nicht stilvoller herstellen. Die Pritschen sind von derselben edlen Einfachheit. Der Kochofen hat eine wunderbare fuchsrote Patina angesetzt, das reine Museumsstück. Die Schränke sind Kisten, die Wände tragen reichen dekorativen Schmuck: Flinten, Putzstöcke, Wischstricke, die Krücke für den Uhu, Hundekoppeln, Rucksäcke, Jagdflaschen, Pfeifen, Tabaksbeutel, alte Mäntel, prächtig verwitterte Hüte. Draußen pfeift immer noch eine scharfe Luft. Um so besser, dann bleiben die Handtücher länger rein. Unsere Waschtoilette befindet sich nämlich vor der Tür, und das Waschen macht man draußen ab. Das macht frisch, wenn der Wind über den nassen Nacken fährt, aber man ist doch froh, wenn man es hinter sich hat. Der Ofen bullert bereits, und auf seiner Platte brodelt das Wasser im Kessel. Schnell noch die Betten gemacht, das heißt, die Wolldecken über die Strohsäcke gelegt, und zwei prächtige Sofas sind fertig. Eine mächtige braune Kaffeekanne duftet bald vor uns, hartes Landbrot, Butter und Eier umrahmen sie. Aus Emailletassen wird getrunken, das Weidmesser dient als Besteck. Knüppelharte Mettwurst, Eier, gewaltige Butterbrote verschwinden im Umsehen. Am glühenden Ofen wärmen sich die Hunde, bis das Waschwasser die Glut tötet. Dann geht es hinaus in die kalte Nacht, zwei nach rechts, zwei nach links. Schweigsam stapft man über gefrorenes Moor und verschneite Heide, wortlos trennt man sich. Ich suche meinen alten Ansitz, das Loch im Graben zwischen den beiden Fichtenkusseln. Aber im Dunkeln, im Frostnebel, morgens kurz vor sechs Uhr, ist ein schweres Finden. So vorsichtig ich auch die Füße setze, alle Augenblicke knacken trockene Braken unter den Sohlen, endlich habe ich die Grube. So! Den Rucksack als Kissen, die Decke um die Beine, den Hund als Fußwärmer, nun bin ich geborgen, hier kann mir der Wind, der von Feld zu Holz weht, nicht viel anhaben. Der Drilling liegt gespannt auf den Knien, die Pfeife hängt bequem im linken Mundwinkel, die Hände stecken in den molligen Mufftaschen der dicken Joppe. Sicher wie ein König in seinem Palast fühle ich mich hier, mutterseelenallein. Die Fuhren hinter mir rauschen und raunen, Frostnebel wallen um gespenstige Machangelbüsche in dickem Brodem, nur der Jäger kennt diese Weihestunde. Langsam hellt es sich auf; deutlicher werden die Wacholder, die Nebel verfliegen. Da taucht ein Schatten im Nebel auf, riesengroß; der Hund hebt leise den Kopf. Eine Ricke ist es, die zu Holze zieht; sie hält gerade die Richtung nach mir hin, aber plötzlich macht sie kehrt und verschwindet im Nebel. Ich habe doch ganz ruhig gesessen! Was hat die Alte? Aha, mein Pfeifendampf zieht zu Feld, der Wind hat sich gedreht. Das ist eine dumme Geschichte; meinen Stand kann ich nicht mehr wechseln, dafür ist es zu spät, die Goldhähnchen piepen schon in den Fuhren, im Dorfe kräht ein Hahn. Wieder kommt etwas auf mich zu gewechselt, riesenhaft vergrößert durch den Nebel, verhofft und geht in eiligen Fluchten ab. Wenige Minuten darauf klingt von drüben ein Büchsenschuß, gefolgt von dem Gezeter des Holzschreiers. Mein Nachbar hat Glück gehabt. Aber zu Schuß will ich auch kommen; der erste Krumme, der hier einwechselt, muß daran glauben, sonst haben wir nichts zu Mittag. Da kommt schon einer an; er macht Männchen, sichert und hoppelt weiter. Aber dieses schwache Kerlchen lohnt sich nicht. Immer heller wird es, immer nebelfreier. Die letzten Hasen rücken zu Holz. Der da kommt mir gerade zupaß; im Dampfe macht er sein Kompliment. Nun will ich aber sehen, was vorhin zurückging. Richtig, ich dachte es mir doch, auf der Legde ist deutlich der Abdruck der Schalen zu sehen: ein Alttier. Durch die Morgenstille tönt Jagdhornklang. Wunderbarer Laut! Was kündet es? Hirsch tot? Nein. Fuchs tot! klingt es herüber. Aufgestanden! Freudig springt der Hund auf, den Schnee vom Felle schüttelnd. Die breitschulterige Gestalt da drüben hält den Rotrock an der Lunte in die Luft. Auch gut, der Bursche hat manche Birkhenne gerupft, manchen Hasen gerissen. Und der Hirsch? Außer Schußweite ins Moor. Na, denn ein andermal! Durch kniehohes, weißbereiftes Risch geht es der Bude zu. Unterwegs wandert noch ein Kaninchen in den Rucksack, das zwischen rasselnden, rotlaubigen Krüppeleichen hoch wurde; das gibt mit dem Hasenpfeffer genug für vier hungrige Mägen.   Wenn wir in Hannover im Café sitzen, mit reinen Kragen, hübschen Stiefeln, Plättfalten in den Hosen, nettbeschlipst, dann, glaube ich, sieht uns kein Mensch an, wie wir arbeiten können. Ich meine, mit den Fäusten, nicht mit Kopf und Feder. Der eine kehrt die Bude aus, der andere bricht Reisig kurz, der wäscht auf, jener hackt Hasen und Kaninchen klein und setzt sie mit Wasser, Speck und Zwiebeln auf. Dann werden die Pfeifen angesteckt, die Weidmesser fahren aus den Scheiden in der Hosennaht, und das große Kartoffelschälen beginnt. Ein reizendes Bild, diese vier rauhbackigen, langstiefeligen, hemdsärmeligen Küchenfeen. Ab und zu nimmt einer die Pfeife aus dem Munde und schnuppert in die Luft: ha, wie das vom Ofen herduftet! Solch Hasenpfeffer gibt es weder bei Kasten noch bei Michaelis. Ein ganzer Hase, ein ganzes Karnickel, alle Wetter! Unser du jour nimmt ab und zu einen Löffel voll von der braunen Brühe und läßt uns kosten: Ah! Wenn es nur erst fertig wäre! Vier Jägernasen, drei Hundenasen saugen den Götterduft ein. Eine Prise Thymian dazu, unter dem Schnee gepflückt, das gibt der Speise noch mehr Duft. Endlich! Auf den rohen Brettern des Tisches dampft der heiße Kochtopf, das Holz versengend, daß Kien- und Speisegeruch sich mengt. Vier blaugeblümte Steingutteller, vier Gabeln mit Horngriff herbei, die dampfenden Kartoffeln mit dem Kessel auf den Tisch, aus dem Keller die kurzen Bierflaschen herauf, und dann ein Schmecken, Kosten, Prüfen, halblaute Rufe. »Famos! Großartig!« und ein andächtiges Essen, ein behäbiges Speisen, wie es die guten Sachen verdienen. Dazwischen die Flasche an den Mund, gluck, gluck! Gläser haben wir nicht, und aus Blechtassen schmeckt Bier nicht. Einer nach dem andern lüftet die Schnalle, lockert die Weste, der dicke Jans glänzt vor Wonne, mit der Unterlage kann man es heute abend im eisigen Nordost an der Lisiere wohl aushalten.   Wenn abends die Hängelampe brennt, der Ofen glüht und bullert, der Grog in den Tassen dampft, wenn zartflügelige Florfliegen, die in der Bude überwintern, zu Dutzenden um die Lampe tanzen, wie ist es dann gemütlich bei uns. In der Birke vor der Tür ruschelt der Wind, der Kauz heult im Walde, das Wasser brodelt im Kessel, blauer Dampf zieht in Streifen nach den Türritzen, unvergeßliche Stunden! Die schönen Tage sind vorbei. Aber bald singt die Heidlerche wieder, jubelt der Pieper. Dann tönt das Moor vom Balzliede des Hahnes, dann streicht die Schnepfe, zieht der Habicht und die Weihe. Herrliche Balz, schöne Murke, wie sehne ich mich nach euch und nach der Krähenhütte Luft. Und wenn die Birken grün prangen und die Postbüsche duften, wenn es dem Bock gilt zur Maienzeit, dann vergeht keine Woche, wo ich nicht weilen will unter dem Plaggendache der Jagdbude. Ja, ich sag's und bleib dabei: Lustig ist die Jägerei! Darum frei Jägerei Stets gepriesen sei! Auf den Fuchs Nordostwind, hurra! Mein Leib- und Lieblingswind, der pfeift mir den Kopf frei und die Augen blank, macht mir die Backen rot und die Muskeln stramm. Wer nicht in ihm aufgewachsen ist, dem klemmt er die Brust, den kneift er in die Stirne, dem versengt er die Ohren und dem ritzt er die Lippen auf. Aber wer ihn kannte von Kindesbeinen an, dem ist er der Lebenswind. Der liebe, scharfe Wind, nicht nur frisch hat er mich gemacht, auch den Schnee hat er gebracht, die erste Neue des Jahres, und was für eine! Trocken, blendendweiß, pulverig, herrlich für die Augen, gut für die Wintersaat, unschädlich für das Wild. Nun regnet es Treibjagdeinladungen Tag für Tag! Und alle sage ich ab, eine nach der anderen. Allein will ich sein die paar freien Tage, ganz allein in der Trümmerwildnis des Kahnsteins, wo die Buchen ragen wie Säulen, wo aus dunklen Dickungen graue Felsen bollwerken wie die Burgruinen toter Geschlechter. Dort haust mancher Rotrock im Felsenbau, sicher vor Hund und Grabschute. Davon will ich mir einen langen. Wie langsam der Schnellzug fährt! Ich hauche mir ein Loch in die Scheiben und starre hinaus in die weiße Weite, meine Augen daran labend. Und dann eine halbe Stunde Aufenthalt auf der kleinen Station, eine Tasse Kaffee, eine Zigarre, dann noch eine kurze Fahrt Bummelzug, und dann mit langen Schritten durch den Flecken auf die Landstraße. Mit frohen Augen grüße ich die schwarzen Kuppen und weißen Hänge des Külf und lache den ernsten Kahnstein an, der da schwarz sich vor mir aufbaut. Wagengerassel hinter mir. Platz? Der Knecht lacht: »Masse!« Er freut sich auf das Trinkgeld. Als er mir beim Dorfe Gewehrfutteral, Mantel und Rucksack reicht, steckt er danach die halbe Mark ein. »Na, veel Glück ook, Härr, bringet Sei ordntlich wat mie!« Ich nicke dankend; jetzt weiß ich, daß ich einen Roten kriege. Mir geht's immer gut, wenn mir Einfalt und Unverstand Glück wünschen. Beim Gute spreche ich beim Forstaufseher vor. »Ist der Vatter inne?« Die Alte lacht, sie hat mich lange nicht gesehen. »Nä, hei is in Holze.« So stapfe ich über den Gutshof, den Koppelweg entlang, über dessen tiefe Wagentranen ein vierspänniger Mistwagen fährt. »Holt jue Päre dat Scheiten af?« frage ich den stämmigen Knecht. »Wisse!« Na, dann will ich ein paar Krähen mitnehmen für die Roten. Hinter dem Wagen gehend, haue ich mit dem rechten Lauf in das Galgenzeug, eine bleibt. Mit Angstgekrächz geht der Flug hoch; noch eine bringt der Würgelauf herab. Bergan geht das Feld. Ich lese in dem weißen Blatt, das der Nordost auf die Roggenblaade legte: Fuchs, Hase, Fuchs, Hase, Hase, Marder, Großwiesel, Mäuse, Krähen, Rehe, Hund, Katze, überall. Und unter den hohen Buchen weist der weiße Leithund wieder Fährten und Spuren auf Schritt und Tritt. Überall lustiges Vogelleben; warnend flattert der Markwart ab, an dem plaudernden Bach hüpfen Norwegens Bergfinken, an der Quelle stochern die weit her gewanderten Nußhäher, in den Schlehen am Schälwald lockt der Dompfaff. Axtschläge und Sägegekreisch. Da wird der Alte sein. Hoho! Da richtet er sich auf; er kennt mich nicht. Die Biedermannsmütze, der verschossene Mantel machen das. Dann aber lacht er, als ich dicht bei ihm bin, und stützt sich auf die Säge. Ich drücke die schwarzrissige Schwielenhand, eine Zigarre von meinen besten dampft, dann ein paar Fragen, und dann steige ich bergan in den Hochwald, der Buschzone zu. Alles weiß rund umher. Darin die silbergrauen Buchensäulen, in den Einschnitten Bäche, an der Eiseinfassung klimpernd, eines Zaunkönigs Sang, eines Eichkaters Gefauche, vom sichern Ast, ein Häherruf. Da, ein Schweißtropfen im Schnee, feuerrot! Sollte jetzt schon ein Reh laufkrank sein? Nein, er liegt bei der Fuchsspur; Reineke hat eine Maus erwischt. Zwischen Hochwald und Dickung, in den Trümmerlöchern, die vom Sturm gepflückte Riesenbuchen in den Hang rissen und vom Blitz gesprengte Felsblöcke, zwischen den silbergrauen Federkronen des hohen Baldgreises, den zitternden Rispen des Bergrohrs und den toten Stengeln der Tollkirsche äsen Rehe an den Himbeeren. Ich bin unter Wind und pirsche von Buche zu Buche auf dreißig Gänge mich an. Eine Ricke mit zwei Kitzen. Alle drei gut im Wildbret und ordentlich feist. Das macht die reiche Buchmast, die hält vor. Füttern tut noch nicht not. Sorglos gehe ich zurück, ein Dorflied pfeifend. Sie äugen mir vertraut nach. Nur der Bussard, der auf der wipfeldürren Buche hakte, traut mir nicht und streicht talab. Keine Angst, Mäusefresser, ich tu dir nichts. Vor mir liegt der Hang. Unter Buchenjugenden im vollen roten Laubschmuck, der den Schnee festhält. Oben düsteres Stangenholz, schneehelle Blößen, graue, weißmützige Felsen, drei sturmzerfetzte Buchenüberhälter, des Wanderfalken Lugaus, und ganz oben, weiß vom Rauhfrost, der Hochwald des Kammes, vom Abendgold durchleuchtet. Durch das rasselnde Rotlaub der Buchen, an der Fallbuche Krone vorbei, steige ich langsam bergan, auf verschneiten Wegen, deren Weiß noch kein Fuß unterbrach, bis dahin, wo im Stangenort der Hilsweg hangan führt, dieser Weg, ein Hauptwechsel für die Rehe, ein Hauptpaß für Has und Fuchs, Dachs und Marder. Ein Feldblock ist mein Sitz, den Füßen gibt der Wetterrock Wärme, dem Leib der lange, dicke Friesmantel, den Ohren die Mütze. Bald langsam, bald schnell flattert der Pfeifenrauch. Die Hände in den pelzgefütterten Mufftaschen, den Rücken an der jungen Zwillingsbuche, den gespannten Drilling auf den Knien, so sitze ich da. Tiefblaue Schatten werfen die Stangen auf den Schnee, ihre Zweige schlagen zusammen im Winde, erst leise, zart, dann roh und hart, wenn der Nordost auffrischt. Dann knistert der Rauhreif und fällt mit weichem Aufschlag in den Schnee. Rechts, wo das dunkelgrüne Schaftheu wuchert, bricht es. Eine Ricke. Auf zehn Schritt zieht sie an mich heran. Der Felsblock kommt ihr nicht genau vor. Sie äugt kopfnickend, die feiste, gelbe Tante, die Lauscher spielen, der Windfang schnuppert hörbar, dann zieht sie vorbei, hier ein Gräschen pflückend, dort ein Blättchen rupfend. Ein Krummer folgt ihr. Auf mein Mäuseln macht er ein Männchen. Dann hoppelt er weiter. Meine Augen gehen hangauf, hangab. Durch das Stangenholz, von der dunklen Stelle vor mir, wo der Fuchs gemaust hat, wo Fährten und Spuren dunkle Flecken im Schnee bilden, bis dahin, wo Felsklippen schwarz aus der weißen Bergwand drohen. Das ewige Hinstarren auf den Gegensatz von schwarzen Stangen und weißem Schnee überreizt die Augen; ich sehe auf einmal lauter weiße Bäume und schwarzen Schnee, darüber will ich gerade lachen, doch ich besinne mich noch. Oben am Hange rührt sich etwas. Ein schwarzer Fleck schiebt sich hin. Kein kurzer, runder Fleck, ein langer, schmaler. Der Fuchs! Zirp, zirp, ganz leise durch den beeisten Schnurrbart. Der schwarze Fleck steht regungslos. Dann schiebt er sich nach links. Das Büchsenlicht ist weg, das wäre sonst ein guter Schuß. So muß ich denn warten. Aber Reineke traut dem Frieden nicht. Er schnürt weiter nach links, den Hang hinab, und jetzt ein Verhoffen und dann hangauf, daß die Standarte wippt. Der Krüselwind hat ihm Bescheid gesagt. Pech, und nun kommt auch noch das zweite; die Füße werden kalt, mich schuddert. Eine neue Pfeife und dann hangab. Glutrot grinst der Mond durch den Schälwald. Langsam blaßt er ab und leuchtet über das weite weiße Feld. Da und dort ein schwarzer Fleck, Hasen, Rehe. Und da noch einer, beim Hagebuttstrauch. Das ist der Fuchs. Er will zu Feld. Ich ziehe den Handschuh aus, setze die hohle Faust an den Mundwinkel: »O weh, o weh!« so schallt jammervoll Lampes Todesklage. Aber zu laut pfeift der Wind, der Rotrock vernimmt das Lied nicht und schnürt am Bach entlang dem Dorfe zu. Meine Füße sind eisig, die Stirn bekommt Schmerzen; noch eine halbe Stunde gebe ich, dann geht's zum Gut. Zwei Teller dicke Suppe, ein deftig Ende Speck, eine Zigarre beim Klönen mit den alten Leuten, und dann wieder hinaus. Hu, wie pfeift es draußen. Sechzehn Grad zeigt das Thermometer. Aber hinter dem Backhaus habe ich Überwind, und zwei Mäntel, Schlauchkappe und Häckselsack halten die Kälte vorerst ab. Heute abend sollte ich in Hannover Tee trinken. Bei einer reizenden Frau, die so wunderbar schöne warme Augen und so allerliebste Backengrübchen hat und einen so hübschen Mund, der so entzückend plaudern kann. Warm und behaglich hätte ich da gesessen und gut gegessen, und nachher, bei einer Zigarre, vom bequemen Sessel aus die Mondscheinsonate angehört, die sie für mich spielte, und ein Volkslied, das sie mir sang, so, wie ich es liebe, vom halbdunklen Nebenzimmer hörend auf Ton und Weise. Ich habe abgesagt, es ging wirklich nicht. Ich mußte hinaus in die eisige Januarnacht, wo der Nordoststurm mir die Mondscheinsonate spielt und der Mühlbach ein dunkles Lied mir sang, wo der Mond mir lacht vom sternhellen Himmel und der Schnee unzählige Diamanten funkeln läßt. Das klingt an beeisten Steinen, das braust in den hohen Eichen, das knistert im Dorn und klappert in den Pfannen des Backhauses; ruschelnd fegt der Sturm den Staubschnee und läutet im Flintenlauf. Meine Augen lachen so froh, als sähen sie in liebe, schöne Frauenaugen; lachenden Auges sehe ich auf die weiße Fläche, auf die schwarzen, weiß bemützten Kohlstauden, auf die schwarzen Büsche und auf des schwarzen Kahnsteins ruhige Mauer. Zehn schlägt es, elf, und noch kommt nicht die Ungeduld zu mir. Ich sehe den Hasen zu, die am Kohl äsen, und warte auf den Fuchs, der Nacht für Nacht das Luder besucht, dreißig Schritt vor mir und höre dem Wind zu und dem Wasser. Vom Gute schlägt es Mitternacht; noch immer kam der Fuchs nicht, gleich ist es ein Uhr. Da gebe ich es auf und lege mich in das breite Bett mit den rotkarierten Kissen und träume von weißem, mondbeschienenem Schnee und schwarzen Füchsen. Um sechs Uhr klopft es; ich höre die Kaffeemühle rattern und den Ofen bullern im Nebenstübchen. Der Kaffee, das derbe Brot, die gute Butter, die harte Wurst, das gibt Wärme für den harten kalten Morgen. »Achtteihn Grad hebbet wie um fife hat, eet Sei man düftig«, meint die Mutter. Das tue ich denn auch eine halbe Stunde lang. Dann brauche ich keinen Kognak mit. Dunnerschlag, der Nordost ist nicht ohne, der nimmt einem fast den Atem weg! Pfeif' du nur, das paßt mir gerade, da bleibt Reineke länger unterwegs. Aber auch ihm scheint es zu windig zu sein. Nirgendwo ein schwarzer Fleck im Feld, kein Fuchs, kein Reh, nicht mal ein elendiglicher Krummer. Sie haben sich möglichst schnell satt geäst an Kohl und Saat und sind längst zu Holze. Eine halbe Stunde stehe ich am Hauptpaß, dann wird's mir zu dumm. Gar kein Einlauf heute, nur ein Eichkätzchen sucht neben mir Buch. So pirsche ich dann, so lautlos der harte Weg es erlaubt, zurück, am Holze entlang, in dem die Bergfinken quäken und die Ammern zippen, um unter Wind zu kommen, bis an die Grenze. Dann bergauf. Du mein lieber Bergwald, wie schön bist du heut! Schöner fast noch, als wenn deine Kronen maigrün sind und überall die Goldhüllen herabhängen von den offenen Knospen, schöner fast, als wenn du alle Farben hast, goldgelb und brandrot, im Herbst. So feierlich bist du im Schneekleide, so still trotz des lauten Liedes deiner Kronen, die der Sturm aneinanderstößt mit grober Faust. Und der Hang mit den rotlaubigen Jungbuchen, die weißkappigen Felsen, die hellen Blößen, der düstere Fichtenhorst, ebenso schön heute als wie im Frühsommer, wenn alles grünt, wenn das Bergvergißmeinnicht den Brink himmelblau färbt und der Hahnenfuß die Blößen goldgelb. Das Winterkleid, es läßt dich ebenso schön. Fuß vor Fuß den Pirschsteig unterm Hange, zwischen Dickung und Hochwald, schiebe ich mich vorwärts. Alle dreißig Schritte Stand, die Augen bergan über die Blößen, talab den weißen Boden unter dem Altholz absuchend. Rehfährten überall, hier der Weidenbusch, den haben sie abgesproßt, dort nach Gras geplätzt. Da, der dunkle Fleck, ein Kitz, zehn Schritte vor mir; es äugt und zieht vertraut bergan. Weiter den Steig entlang; von oben äugen drei Rehe und springen nicht ab. Ein Krummer fährt dicht bei mir aus dem Lager; seinen Weg zeigt der fallende Schnee der Buchenjugend an. Warnend stiebt ein Flug Häher ab, warnend ruft der Buntspecht. Wenn es nicht so herrlich wäre hier am Hange, dann könnte ich ärgerlich sein. Fuchsspur auf Fuchsspur, überall Stellen, wo die Roten mausten, und keinen kriege ich zu Gesicht. Und ich muß doch einen haben. Hier ist eine ganz frische Spur, da wieder eine, immer unter Wind, neben der Hasenspur, und da wieder eine, die bergab führt, und – was ist denn das da unten im Holze? Da war doch eben was? Da, wo der Wurzelstrunk der Fallbuche liegt. Jetzt kommt es hervor; wahrhaftig, der Fuchs. Das war wohl eine hungrige Nacht, Roter, daß du jetzt noch maust? Wie gemütlich er da herumschnürt, als gebe es weder Kraut noch Lot. Na warte, ich will dir einen Neunmillimetergruß zu Neujahr schicken, daß du den Knall nicht vernimmst und den Dampf nicht äugst. Aber er nimmt immer Deckung; jetzt ist nur die Lunte zu sehen, jetzt nur der Kopf, jetzt steckt der ganze Kerl hinter der alten Samenbuche. Aber jetzt wird's gehen, es ist ein bißchen sehr weit, aber da sehe ich den Fuchs der Dickung zuschnüren. Schnell mäuseln: Zirp, zirp. So schön, mein Füchschen, so recht, Roterchen! Hast du Kleinmäuschen pfeifen gehört? Jetzt hinter den Himbeeren, jetzt frei, Knall, im Feuer eine Flucht, eine wildschwenkende Lunte, eine verstörte Flucht nach links, dann was gibste was kannste nach rechts fünfzig Schritt. Schrot; Knall, im Feuer ein Rad und, ja, da poltert er durch die rasselnden Jungbuchen. Vorlaufen, laden, spannen, da neben mir klappern die roten Blätter, stäubt der lose Schnee herab, ein ordentlich Ende vorgehalten und krumm gemacht, und dann auf die Knie und unten durch die Buchen gespäht. Da liegt er, feuerrot im Nacken, offen den schweißenden Fang, mit zuckender Lunte. Zur Vorsicht einen Stockhieb der alten Füchsin auf die Nase, und dann damit in den breiten Schneefleck. Das sieht schön aus neben dem grauen Fels, dem grünen Moos und dem roten Buchenlaub, ebenso schön wie ein roter Bock in grünem Gras und blauem Vergißmeinnicht. Hinter der Krüppelweide Wenn das Steinhuder Meer zu ist, dann liegen die Enten auf der Leine. Den ganzen halben Winter warteten wir darauf, daß das Meer überfrieren sollte, aber erstens fror es nicht, sondern regnete, regnete wochenlang, und wenn es einmal fror, dann geschah das bloß, um uns zu zeigen, wie schön es wäre, wenn der Frost und der Schnee bliebe, und am Tage darauf regnete es wieder nach der Schwierigkeit. Endlich aber kam Schnee und Frost, endlich fror das Meer zu, und endlich kam eine Einladung zur Entenjagd. Mein Herz machte einen Hops wie ein Fohlen auf der Weide, als ich im Kasten die Karte fand, und schleunigst ging ich ans Telephon und sagte zu. Und am anderen Morgen, die Freude, als alles draußen noch hart und fest war, und die Freude erst, als die Sonne hochkam und aus blauem Himmel auf die Stadt schien, als lachte der Mai unter ihr. Und wir vier im Schlitten, wir lachten auch. Endlich einmal, seit Monaten, wieder hinaus, seit Monaten, verlebt in der dumpfen, muffigen Stadt. Ordentlich eingerostet war ich bei dem ewigen Stubensitzen. Aber ein solch blanker Tag, der macht alles wieder gut, ein Tag, an dem die Natur in ihrem weißen Kleide aussieht, als wolle sie zum Tanz gehn. Alles ist vergnügt heute; die Ammerflüge zippen lustig, der Finkenhahn, dieser Strohwitwer, lockt fröhlich im Obstgarten, die Krähen stechen sich in der Luft, und die Spatzen spektakeln im Holderbusch vor dem Kruge, als gäbe es überall die fettsten Maikäfer und die leckersten grünen Räupchen. Im Kruge ein derbes Frühstück, das Mittag und Vesper ersetzen muß, und dann hinaus an das Ufer der Leine, die hinter den hohen Knaapbüschen sich durch die weite weiße Landschaft zieht. Alles glitzert und flimmert vor uns, die Sonne brennt uns heiß in den Nacken, und der harte Schnee knurpst unter den schweren Sohlen. Überall Kaninchenspuren, den Schnee mit einem unregelmäßigen Muster überziehend, ab und zu eines Krummen Spur, und hier die des roten Räubers. Nacht für Nacht macht er hier seinen Pirschgang am Ufer entlang. Einer unserer kleinen Treiber verläßt uns. Dann biegt ein Schütze nach links ab. Nach zehn Minuten noch einer, nach fünfhundert Schritten wieder einer, und jetzt muß ich zur Leine, dorthin, wo die zehn alten Krüppelweiden stehen. Eine feste Bahn ist dahin getreten, es ist ein guter Stand. Das zeigen die leeren Patronen, die als hellbraune, grüne und rote Flecke auf dem festgetretenen Schnee rund um die dickste Weide liegen. Ein Hauptstand. Gerade vor mir der Fluß, einen knappen Schrotschuß entfernt, unsichtbar hinter dem Weidengebüsch. Gegenüber am hohen Ufer rotlaubige Jungbuchen, Schwarzdorn und Gestrüpp, dahinter hohe Pappeln. Nach links das Holz, schwarz und schwer, davor ein Graben, eingefaßt mit runden Weidenbüschen. Und überall Vogelleben. Elstern und Krähen in den Pappeln, ein Schacker im Rosenbusch, die Amsel im Gestrüpp, Stieglitze auf den Kletten, Ammern in den Schlehen, und vor mir im Knaap ein ganzer Trupp Schwanzmeisen, trillernd, kullernd, kopfüber, kopfunter an den glitzernden Weidenruten hängend. Ich stehe still unter der alten, geborstenen, verstümmelten Weide und drehe den Kopf nach rechts und links. Dort, vor dem Dorf, ist ein schwarzes Wölkchen, das hin- und herschwebt. Es sind Enten. Das Wölkchen teilt sich, die Teile steigen und fallen, teilen sich wieder, kreisen und drehen sich, ein Teil verschwindet, ein anderer hebt sich und kommt näher, immer näher. Aber viel zu hoch sind sie. Jetzt klingeln sie über mich weg, wohl über sechzig, in der Sonne glänzen sie wie Gold. Turmhoch kreisen sie, streichen weiter, kreisen wieder und senken sich dort ganz unten. Und kaum sind sie verschwunden, da knallt es, einmal, zweimal, dreimal, viermal, und lauter schwarze Punkte steigen hinter den Ellern auf und verschwinden. Rechts von mir, wo die beiden letzten Schützen stehen, da knallt es wieder. Und auch dort steigen schwarze Flecke auf, hastig fortrudernd. Es klingelt in einem fort über mich hin, ein Paar, dann sieben, zehn, eine einzelne, an zwanzig, wieder ein Paar, aber alle viel zu hoch. Sie haben in den letzten Tagen zu oft Feuer gekriegt. Aber jetzt klingelt es dicht über mir. Aber wo? Hier versperren die Kronen der Weiden das Schußfeld, da der Stamm einer anderen, also schnell herum, den Erpel gefaßt, mit und, ja, das war doch noch zu hoch, die Schrote schlugen nicht mehr durch. In den Uferweiden zetert die Amsel, im Rosendorn warnt die Wacholderdrossel, ein Krummer fährt aus dem Schwarzdorn und sucht das Feld, mit Geplärr stiebt die Elster ab, dann höre ich es brechen, ich sehe den Treiber durch die Büsche gehen. Und gerade jetzt, wo über mir ein Dutzend Enten kreist, um vor mir einzufallen! Nun haben sie den Jungen eräugt und streichen nach links mit klingelndem Flug, kreisen nochmal eine Zeit und senken sich wieder bei den Ellern. Und wieder knallt es da, zweimal und noch einmal. Wohin ich sehe, Enten. Hier hoch in der Luft, kreisend und kreisend, dort eilig streichend, da einfallend. Aber eine Stunde vergeht, und kein Schuß fällt. Ich stehe und warte und sehe den Schwanzmeisen zu, die vor mir im Schwarzdorn hängen, und der Elster, die auf dem Sommerdeich herumstolziert, und dem Krammetsvogel, der wieder unter einem Rosenbusch im Schnee herumstöbert, und den Saatkrähen, die drüben mit den Dohlen in den Pappeln ein Monstrekonzert geben, und dem Bussard, der das Ufer abreviert. Da kommt es plötzlich von irgendwoher angeklingelt, klingelt hier, klingelt da, die Weiden versperren mir die Aussicht, aber jetzt ist es ganz tief, das heisere Brätbrät ertönt, die erste fällt ein, vier andere kreisen vor mir, und eine davon fasse ich, und wie es knallt, schlägt sie in einer Federwolke in die Dornen, und die anderen streichen mit Angstlaut ab. Ich faßte wohl noch eine, aber sie fiele in das Wasser. Vom anderen Ufer nähert sich ein schwarzes Ding, langsam heranschwebend. Das ist der Bussard. Enten mag er gern. Bis auf zehn Schritt schwebt er auf mich zu und biegt dicht an mir vorbei. Aber sowie ich den Kopf wende, rudert er hastig und steigt um dreißig Fuß. Ich hätte ihm nicht nachsehen sollen, denn da klingelt es hinter mir. Ich backe an, aber sie sind schon zu weit, und zu hoch war es auch. Aber jetzt, bumms, sind sie fort hinter den Uferbüschen. Ich höre es platschen, wie sie einfallen. Ich überlege. Ja, da kann ich sie angehen. Der Wind steht vom Fluß, und Deckung ist da. Einen Bogen über die Wiese gemacht, und dann hinter den Weiden an das Ufer. Ja, an das Ufer! Als wenn das so leicht wäre. Das ist ja ein wahrer Weidendschungel, hohl ist das Ufer auch, und unser Jagdgeber wäre hier beinahe verkluckt, als er da durchbrach. Aber da kommt ja der Treiber. Ich winke, und er kommt. Ein richtiger Niedersachse, dieser Bengel. Unter der Deistermütze roggenblondes Haar, das Gesicht wie Milch und Blut und die Augen wie Vergißmeinnicht. Er begreift schnell. Ich drücke mich vor eine Weide, und er geht die Enten an. Nach fünf Minuten höre ich das Rauschen des Wassers, den Angstruf, das Klappern der Flügel, aber keine Ente kommt mir. Sie strichen links ab. Gemein! Aber jetzt ruft die helle Stimme: »Wahr too, wahr too!« Über die Weide kommt ein langer Hals, eine braune Brust, silbern glänzende Flügel, und ohne Besinnen fahre ich mit, reiße vor und drücke. Ein bunter Klumpen zappelt im Schnee. Schnell hin, das kann ich nicht sehen, schnell den geflügelten Erpel, der mit Entsetzensruf nach dem Ufer strebt, an die Weide geschlagen mit dem tief goldgrünen Kopf, und als Lohn für diese Mildherzigkeit stehe ich da und muß vier Enten, die jetzt erst aufstanden, unbeschossen abstreichen lassen. Wieder stehe ich unter meiner alten Kopfweide. Sie wirft schon einen langen, gespenstigen Schatten in den Schnee, denn der Tag rückt vor, und die Sonne steht schon tief. Der schwarze Wald vor mir ist tiefviolett geworden, die Weidenbüsche vor ihm sehen aus wie lauter goldrote Flammen. Von drüben rudern Krähenflüge nach fernen Wäldern, es wird Abend. Schnell sinkt die Sonne, immer tiefer wird das Violett des Waldes, immer roter werden die fernen Büsche, immer dunkler die Schatten der Weiden. Und jetzt geht die Sonne in dem kleinen Dorf zu Bett. Ein lodernder Brand rötet den Himmel, lange Rosenstreifen ziehen neben hellgrünen Wischen von der Erde zur Höhe, die Weidenbüsche sind braun geworden, der Wald ist eine schwarze Mauer, rundherum fällt Dämmerung auf die Landschaft. Und jetzt geht es wieder los, das Geklingel in der Luft, überall zu gleicher Zeit, über mir, bald turmhoch, bald tiefer, vor mir, hinter mir, und das Schnattern und Plumpsen nimmt kein Ende. Hier ein Schuß, da ein Schuß, ein Doppelschuß, dort ein langer, roter Strahl, ein weißes Wölkchen vor schwarzen Weiden, dann der Knall, dort ein Entenpaar, außer Schußweite, hier eins, auch zu weit, dann der Kauz, lautlos an mir vorbeischwebend, und endlich wieder eine Ente in Schußnähe. Dem Schluß folgt ein Klatschen. Ich habe mich getäuscht, sie war schon hinter dem Uferbord. Schade, die treibt bei dem Müller im Dorfe an. Nun ist es ganz Abend. Alles ist schwarz und grau. Ich stapfe dem Sommerdeich zu, nach den beiden Weiden hin. Aber das sind keine Weiden, das sind die beiden Schützen. Sie lachen. Vier der eine, sechs der andere. Was wollen da meine beiden sagen! Und die anderen haben auch alle zwei, nur einer keine. Er hat Pech gehabt. Alle drei, die er schoß, klatschten ins Wasser. Da wird sich der Müller freuen oder der Fuchs, wenn er eine angetriebene findet. Aber selbst dieser eine sagt, daß es ein herrlicher Tag war. Und trinkt im Krug ein Glas Glühwein und noch eins. Und ich auch. Der Glühwein und dann die heiße Luft in der engen Stube und der Zigarrenqualm, das macht müde. Ich glaube, ich verschlief dreiviertel der Fahrt. Ich stand unter der Krüppelweide und hörte die Enten klingelnd vorbeistreichen, alle die vielen hundert Enten, die vom Steinhuder Meer gekommen waren. Aber keine konnte ich sehen. Erst dicht vor der Stadt erwachte ich. Da wußte ich, daß das Geklingel von den Schlittenschellen gekommen war. Aber im Bett noch, beim Einschlafen, hörte ich es in einem fort, das ewige Wittwittwitt klinglingling. In weißen Wäldern Ein Festkleid trägt heute das Dorf und das Land, ein Festkleid geziemt sich darum auch für mich. Weiß bin ich vom Kopfe bis zu den Füßen, weiß wie ein Jüngferchen, das zum Tanzfest will, weiß wie der neue Schnee auf Dach und Hof. Der lange Fuhrmann vor der Türe, der seine Gäule ansträngt, macht den Mund weit auf, wie er mich sieht; das dicke Mädchen, das drüben das Waschwasser fortgießt, lacht über ihr ganzes rotes Gesicht; das krumme Mütterchen, das den Schnee von dem Fensterstein streicht, hält ein in ihrem Tun; der fünfjährige Knirps, der einen Schneemann baut, erstarrt vor Verwunderung; da geht ein lebendiger Schneemann hin, ein Schneemann mit einem Gewehr. Nun bin ich aus dem Dorfe heraus, wo die Spatzen vor Freude lärmten und die Hähne vor Lust krähten, weil alles so weiß und so blank ist und so klar und so rein, und weil die Sonne so hell ist und so frühlingswarm. Die Krähen stechen sich vor Freude über den weißen Feldern, und im verschneiten Schlehbusch zanken sich mutwillig die Goldammern, daß es stiebt und stäubt. Ach, ich möchte, ich wünschte, ich wollte; ja, was möchte ich, was wünsche ich, was will ich? Lachen, tanzen, springen möchte ich, und mag es doch nicht in dieser hellen, weißen, klaren Stille. Die Augen dürfen lachen, das Blut soll springen, das Herz soll tanzen vor Freude über diesen schönen blanken Tag, über diesen weißen, reinen Morgen, über den weichen, warmen Schnee. Der Mund aber soll schweigen in dieser geheimnisvollen unbekannten Welt. Gestern kannte ich mich aus auf Schritt und Tritt; heute bin ich hier fremd. Der Bach an der Straße ist verschwunden und murmelt aus seinem Versteck heraus gedämpft und dumpf. Das gelbe Felswerk der Böschung ist verhüllt, und von dem Wildrosenstrauch über ihm sind nur die roten Hagebutten zu sehen; sie brennen wie Kohlen aus dem Schneehange heraus. Und vor ihnen, blitzend und funkelnd in märchenhaften Farben, hockt der Eisvogel auf einer Brombeerranke; mit schrillem Schrei stiebt er ab. Es ist mir, als hätte ich von ihm nur geträumt. So seltsam neu ist mir alles, so fremd und unvertraut. Die Fichten an der Brücke sah ich noch nie, niemals zuvor gewahrte ich das flachsblonde Gras darunter. Der Stein am Wegebug, alt und grau, ein Kreuz weisend und eine Axt daneben, kündet mir heute erst von Bluttat und Blutbann, und der weiße Bussard, der von ihm fortstrich, den sah ich die drei grauen Tage kein einziges Mal, und auch nicht das weiße Wiesel, das in den verschneiten Steinhaufen schlüpft. Was war gestern die Krähe im Felde? Ein verschwindendes Fleckchen; heute ist sie groß und schwarz und blank. Der Rasenfleck unter der Quellschlucht verschwamm gestern mit den Schlehbüschen; heute leuchtet er wie ein riesiger Smaragd. Der Rand des Buchenwaldes ist blankes Kupfer, die Stämme dahinter sind eitel Silber, und die Fichtenwipfel strahlen in der Sonne wie reines Gold. An den Spitzen der Zweige funkeln Diamanten, Rubine trägt der Schneeballstrauch, Amethyste schimmern am Schlehenbusche. Im Walde ist es still und feierlich. Jeder Stamm wirft einen scharfen Schatten; der weiße Waldboden ist mit einem blauen Gitter überspannt. Die Buchenjugenden verschwinden unter der weißen Decke, des Fichtenmantels Zweige hängen schwer herab. Keine Spur narbt des Hohlweges weiße Decke, keine Fährte mustert seine farblose Schlichtheit. Drohend starren graue Felsnasen herab, stummer noch und feierlicher als sonst. In dieser großen Stille, in dieser strengen Farblosigkeit ist jede Farbe, jeder Laut viel stärker, viel voller als je. Des Goldfinken Locken ist wie ein Ruf, seine rote Brust wie ein Morgenrot; das Eichhörnchen am Boden wirkt groß wie ein fabelhaftes Geschöpf, und nun, da es rasselnd und schnalzend den Stamm hinauffährt, erfüllt es den ganzen Wald mit Leben, und einer verirrten Meise Pfeifen klingt wie ein Peitschenschlag. Ganz leise, sehr behutsam, als ginge ich auf Dürrlaub und Geknäck, setze ich jeden Tritt und bin doch im weichen, schalldämpfenden Schnee. Und weit aufatmend, als ich am Waldrande bin und in das tiefe Bachtal hineinsehe, wo allerlei Farben sind, merke ich, daß ich den ganzen Weg im Walde Luft sparte, um leise zu sein, weil alles um mich so still war. Hier draußen aber trete ich fester auf und atme ich tiefer. Wagenspuren zerschneiden den Schnee, Rotlaub leuchtet darunter hervor und Grünmoos; ein Peitschenschlag gellt, ein Hund bellt laut, derbe Stimmen erschallen. Räder knarren und poltern über Steingeröll. Auf zehn Schritte rasselt und knattert das Holzfuhrwerk an mir vorbei, keiner der Männer gewahrt mich; nur der Spitz, der halbe Witterung von mir nahm, knurrt und sträubt das Rückenhaar und schnuppert unruhig in der Luft. Unter dem Hange geht das Gespann bergan und verschwindet hinter der breiten Feldeiche, aus der ihm der Häher ein Schimpfwort nachruft. Unter ihm in der verschneiten Besamung schnellen blaue Klumpen empor, machen halt, tauchen auf, verschwinden und ziehen im Stangenorte weiter. Einer bleibt zurück, hält nicht Schritt, bricht zusammen, wird wieder hoch und stolpert weiter, den anderen nach. Einen Augenblick denke ich nach, mit dem Glase vor dem Auge den unsicher dahinhumpelnden, grauen Fleck festhaltend, dann haste ich bergab, eile bergauf, suche den Pirschsteig, dringe in den Stangenort ein, erklimme die Höhe und mache dort halt, tiefatmend Herz und Lunge beruhigend und auf die Rehe passend. Ein Meisentrupp schnurrt lockend und pfeifend an mir vorüber, Schneebällchen herabwerfend, ein Rotspecht hackt laut an einem Aste. Halblinks warnt der Häher. Sie kommen. Voran ein Kitz, schmal und schmächtig, hinter ihm noch eins. Vertraut ziehen sie vor mir her. Dann taucht das starke Gebäude der Ricke auf. Oft verhofft sie, windet und läßt die Lauscher spielen, ehe sie eilig den Kitzen nachzieht. Noch ein grauer Bock wird sichtbar, der Bock; der windet und sichert bei jedem Tritt. Lautlos verschwindet auch er im Tannengedämmer des Abhanges. Ich warte, die gestochene Waffe über dem Arm, lausche dem Gezirpe der Goldhähnchen und den Locktönen vorüberstreichender Kreuzschnäbel, lasse die Augen hin und her springen und horche mit Mund und Ohren. Da, ein Ton in der Stille, ein Brechen halblinks. Mein Herz wird unruhig; ich lächle. Es galt ja keinem braven Bock, nur einer armen, hinter der Grenze scheußlich geschundenen Ricke. Aber das Herz beruhigt sich nicht. »Rede du von Ricke«, sagt es, »darauf kommt es nicht an. Dir liegt sehr viel an diesem Stück, und darum rege ich, das Herz, mich auf. Bei manchem guten Bock war ich mäuschenstill und habe bei einem Tauber wild getanzt.« Ich lausche angestrengter. Buchenlaub klirrt, Schnee klopft herab, dürre Stengel knistern. Ein Keuchen erklingt, ein hohler Laut. Da ist sie. Die Lichter angstvoll weit auf, die Lauscher in ewiger Unruhe, der Windfang geht hin und her. Weit fährt aus ihm der weiße Atem. Mir wird ganz seltsam zu Sinne. Ich möchte um alles in der Welt nicht, daß sie mich gewahr wird, ziehe ich den Kolben an den Kopf. Wie sie näher humpelt, stelle ich auf Schrot um; sie soll den Knall nicht vernehmen, die Kugel nicht spüren; sie hat genug ausgestanden drei Tage lang. Wie lange das dauert, ehe sie auf Schrotschußnähe bei mir ist, mühsam vorwärts stolpernd und den kranken Vorderlauf schlenkernd. Der Häher begleitet sie, er hat es gemerkt, daß mit ihr nicht alles in Ordnung ist, und eine Krähe, die in der Samenbuche einstand, ruft mit rauher Stimme ihre Genossinnen herbei, ihnen meldend, daß hier etwas zu holen sei. Von drei Seiten kommt das schwarze Gelichter angekrächzt und fällt prasselnd in die Kronen ein. Jetzt steht die Ricke vor mir und dreht mir den Nacken zu. Es knallt; entsetzt poltern die Krähen in dem Gezweig und werfen den Schneebehang herab. Es knallt noch einmal, und eine kommt herunter. Ich trage die Ricke den Abhang hinab bis zum Wege, breche sie auf und hänge sie an die Hütebuche. Dann schlendere ich den Fahrweg entlang dem nächsten Wäldchen zu, aus dessen blaubraunen und schwarzgrünen Kronen ein blauer Rauch in die Höhe steigt. Um das rote Feuer sitzen braune Gestalten und eine grüne dabei. Ich pirsche mich an sie heran und rufe auf fünf Schritte meinen Gruß. Sie fahren zusammen; einer läßt Wurst und Messer fallen. Dann lachen sie und machen mir am Feuer Platz. Eine halbe Stunde vergeht mit Essen und Reden, dann steige ich wieder allein von Hang zu Hang, von Wald zu Wald. Auf zwanzig Schritte komme ich im Stangenort mit gutem Wind an einem Sprung Rehe vorbei. Sie vernehmen mich, verhoffen, wittern, treten hin und her und ziehen langsam weiter, ohne abzuspringen. Ein Trupp Frauen, hochaufgeschürzte, breitschulterige Gestalten, große Bündel Busch auf den Rücken, gehen hart an mir vorüber, laut redend. Keine sieht mich. Unsichtbar durch das weiße Zeug, unhörbar durch den weichen Schnee, pirsche ich die Hänge hinauf, die Schluchten hinab, alte Erinnerungen aufweckend. Dort, wo der weißmützige Felsklotz aus dem Busch ragt, reizte ich mit dem Vogelangstruf den alten Fuchs in den Tod; drüben im Stangenholz unter dem Bau rottete ich im Frühjahr vor zwei Jahren in vier Tagen ein ganzes Geheck aus, bis auf einen, an dem die Kugel vorbeipfiff. Jenseits des Fichtenkopfes im hohen Holze saß ich einen heimlichen Bock tot; von mittags bis abends war ich auf dem Felsblock vor der Buchenjugend, in der er stand. Tags darauf reizte ich, die Hasenklage mit der hohlen Faust nachahmend, unten vom Bachgrunde die Füchsin so dicht vor meinen Stand, daß ich eben noch zu Schuß kam. Alles das war leicht, aber die größte Freude hatte ich doch an dem alten Bock mit dem Wechsel über eine halbe Meile, den ich nicht bekam. Hier am hohen Hange habe ich einen weiten Blick. Der Stumpf einer Buche bietet einen bequemen Sitz. Die Pfeife qualmend, lasse ich die Augen auf und ab gehen, in das hohe Holz halbrechts, über den kahlen Hang geradeaus, in die verschneite Besamung unter mir, in das weite Tal dort unten. Aus allen Hölzern treten die Rehe aus, im Schnee nach Äsung plätzend. Am Bach lauert unbeweglich, nur ab und zu den Kopf wendend, der weiße Bussard. Ein Häherflug rudert ungeschickt dahin, eine Taube streicht nach dem Altholze, ein Hase läuft die blanke Berglehne entlang, ein Zeisigschwarm fällt zwitschernd in die Erlen im Grunde ein. Drüben am Hange der Hase macht einen Kegel und hoppelt weiter. Rechts von ihm, unter den Schlehen, taucht ein roter Fleck auf, ein langer, roter Fleck, der Fuchs. Er verschwindet in der Schlucht. Ich steige ihm entgegen. Aber im Tale zeigt mir der Pfeifenrauch, daß ich falschen Wind habe. So muß ich die Schlucht umschlagen und den Bogen an dem Hang entlang machen. Das kostet Schweiß und hilft nichts, denn als ich von oben die Schlucht übersehe, ist der Fuchs schon unten aus ihr heraus und schnürt dahin, wo ich eben saß. Auf dreißig Schritte wäre er mir gekommen. Die Sonne will fort. Die Stämme werfen schon längere Schatten. Mäuse pfeifen im Unterholze; Krähen rudern nach ihren Schlafplätzen; Ammern fallen im Buschwerk ein. Im blanken Felde, an den quelligen Schluchten, ist jetzt wohl ein Fuchs anzutreffen, kommt wohl einer auf die Hasenklage unter den Hochsitz. Aber mich zieht es in das hohe Holz, wo eben der Kauz seinen hohlen Ruf erschallen ließ. Ganz lautlos, ganz langsam gehe ich den Pirschweg entlang, der vor den Dickungen und engen Örtern vorbeiführt, lasse den Hasen vorüber und die Rehe, höre dem Kauz zu und freue mich über den harten Gegensatz der Stämme und des Schnees. In der Dickung über mir ist etwas sehr laut; es bricht da stark, ich höre es scharren, die gefrorenen Blätter klingen, der Schneebehang poltert herab. Dann ist es still, und vor einer gewaltigen, hochschäftigen Buche bewegt sich ein großer grauer Klumpen, scharrend und schnaufend. Der Dachs ist es. Ich mäusele einmal ganz leise. Er verhofft, windet, und eilig watschelt er auf mich zu. Er soll leben bleiben. Ich biete ihm deutlich die Tageszeit. Entsetzt schnauft er los und hastet in die Dickung zurück. Den Schreck vergißt er drei Tage lang nicht. Etwas weiter hin im Holze, auf dem Kamm des Berges, steht eine Kanzel, nicht weit von einer engen Dickung mit einem alten Fuchsbau. Da will ich den Tag beenden. Es ist warm und still; zu allen Jahreszeiten habe ich dort schon gesessen, den Fuchs beim Mausen beobachtet, der Dächsin zugesehen, die ihren Jungen den Würmerfang beibrachte, und dem Gabelweihenpaar, wenn es die flügge Brut atzte. Schwarz und wuchtig sehe ich das schwarze Bauwerk vor mir aufragen. Leise steige ich hinauf, wische den Schnee fort, stecke mir die Pfeife an und warte. Eine Viertelstunde vergeht. Einmal pfiff eine Maus, sonst war alles still. Dann jammerte der Kauz, und wieder war es still. Dann hoppelte ein Hase vorüber, und wieder ist alles schwarz und weiß und stumm und regungslos. Die Pfeife geht zu Ende, die Füße werden mir kalt. Ich denke schon daran, wie weit der Weg ist, den ich habe, und wie steil. Da zetert halblinks vor der Dickung die Amsel gellend los, und warm läuft es mir über den Leib. Lauter, immer lauter warnt der Vogel und bricht mit gellendem Schrei ab. Und jetzt höre ich auch einen leisen Ton. Es kann ein Reh sein, auch ein Hase. Aber es schien mir, als ob es der Fuchs war. Da ist es wieder, einmal, zweimal, dreimal, und dann ist es wieder still. Jetzt raschelt es, ganz leise raschelt es, raschelt lauter, und wieder ist es still. Dann, auf einmal, ist da zwischen den Stämmen ein schwarzes Ding, das vorhin nicht dort war. Schon ist es verschwunden. Ich glaube, ich habe mich geirrt. Aber nein, es raschelt dort jetzt deutlicher. Und jetzt ist das schwarze Ding vor mir. Und es ist auch der Fuchs. So lang ist der Hase nicht. Er näßt an einer Wurzel, nein, dreht sich viele Male um sich selbst und löst sich. Das wäre ein hübscher Kugelschuß, aber das Licht ist schon zu unsicher. So will ich denn mäuseln. Für den Schrotlauf ist es zu weit. Ein einziges Mal zirpe ich ganz fein und dünn. Der Fuchs verhofft. Dann tut er, als mache er sich nichts aus Mäusen, bummelt weiter, schnüffelt an einem Stamm, hält an einem Stumpf das Bein hoch, verschwindet hinter der alten Buche, und gerade jetzt, wie ich überlege, ob es nicht doch für das Schrot langt, macht er kurz kehrt und schnürt auf mich zu, ganz langsam, als habe er doch Mißtrauen, ob der Mäusepfiff nicht in verdächtiger Höhe über dem Boden ertönte. Es ist schon merklich dunkler geworden, und wenn er sich nicht bald beeilt, dann bin ich der Dumme. Und jetzt ist er ganz fort. Ich quäle meine Augen, aber er bleibt fort, ist vor oder hinter einem der Stämme. Aber nein, gerade vor mir sitzt er auf den Keulen und dreht den Kopf hin und her. Ganz leise ziehe ich den Kolben an den Kopf, aber doch nicht so leise, daß er das Geräusch nicht vernahm. Schon steht er wieder auf den Läufen und windet mißtrauisch. Aber da knallt es auch, und im rotgelben Schein sehe ich ihn über und über rollen. Ich warte, bis der Pulverdampf sich verzogen hat und steige hinab. Der Fuchs ist fort. Er ist nicht fort. Zehn Schritte vom Anschuß liegt er und rührt keinen Lauf. Zweijährig mag er sein, einen mittelguten Balg gibt er ab. Aber drei Taler bringt er doch in die Tasche des Jagdaufsehers, und das ist schon immer etwas. Der alte Bursche an der Schlucht, dessen Balg so schön grau bereift war, wie mein Glas mir zeigte, wäre mir lieber gewesen, aber den hole ich mir vielleicht morgen zwischen den weißen Wäldern. Auf der Kur Eine Hauptneue. Seit Wochen lauerte ich darauf. Aber keine Spur von Schnee in der Luft, immer Rauhfrost, Nebel, Prallsonne. Aber dann mit einem Male, morgens früh, alles wieder aufs neue weiß, dick weiß, Dächer und Straßen und Bäume und Zäune. Der Tag muß draußen verlebt werden, in weißer Heide, im verschneiten Moor, das Gewehr in der Faust, dem weißen Leithund nach, dem Fährten und Spuren weisenden. Endlich Fahrzeit, endlich die Haltestelle, endlich das Dorf im Rücken. Nun ist mir wohl: alles ringsum weiß, die Felder und die Fuhren, die Dünen und die Dickungen, die Heide und das Holz. Nirgendwo grüne Roggenblaade, braune Heide, nur hier ein gelber Strich am Abhang der Düne, ein schwarzer Fleck im weißen Wald. Alle Gräben sind zugeweht, alle Pümpe dick überschneit. So will ich's haben wintertags. Weis' mir die Spuren und Fährten, weißer Leithund! Überall, von Holz zu Feld, von Feld zu Moor, der Krummen Zwillenspur. Hier ist Mieze gebummelt, da führt eine Hundespur hin, und hier den Grabenbord entlang, das Vierzeichen des Steinmarders. Vom Steinhaufen am Koppelwege zum Dornbusch geht des Großwiesels Hüpfspur. Um den Busch, kreuz und quer, Mausespuren, daneben ein Loch, frisch heute früh gekratzt; Erdkrumen und Grashalme liegen auf dem Schnee. Das war Reineke; er hat gemaust, und mit Glück, wie der rote Schweißfleck im Schnee mir sagt. Hier piepte ein Feldmäuschen im Fange des Roten. Und von hier schnürte er dem Dorf zu. Da, am Dornbusch, wo die Torfsoden liegen, fuhr etwas hin und her. Weg ist es wieder. Das Großwiesel im weißen Winterrock. Leise, ein einziges Mal, lasse ich unter dem vereisten Schnurrbart den Mäusepfiff ertönen. Sofort ist es wieder da. Frech macht es sein Männchen, mit den schwarzen Sehern mich anstarrend. Wie der Blitz ist es weg, als ich in die Tasche fasse, um eine Patrone mit Nummer sieben zu holen. Aber der Mäusepfiff zaubert ihn wieder heraus, den kleinen bösen Räuber. Im Knall liegt er auf dem Schnee, regungslos; nur das schwarze Schwanzbüschel zuckt noch. Auf meinem Schreibtisch sollst du mich an diesen weißen Tag erinnern, weißes Kerlchen. Den Rehfährten nach stapfe ich über Feld und Falge, Legde und Heide. Hier auf der Roggenblaade haben sie im Schnee geplätzt, um an die Wintersaat zu kommen. Fährte steht hier bei Fährte, als wären die Schafe hier gegangen. Unter der Düne, unter dem Wind, rauche ich meine Pfeife, auf einem Findling sitzend. Feuersteinsplitter und Urnenscherben scharren meine Stiefel bloß. Neben mir her geht der Rehwechsel. Über die Düne streichen die Krähen, eine, zwei, drei. Ein heiserer Ruf der ersten, die mich wahrnahm, als ich den Kopf drehte, hastig schwenken sie ab und steigen fünfzig Fuß höher. Wie ich ihnen noch nachsehe, da knurpst der Schnee zu meiner Linken. Vertraut zieht die schwarze Ricke heran mit ihren schwarzen Kitzen, die fast schon die Größe der Mutter haben. Nur haben sie noch so dicke dumme Kindsköpfe. Die Alte sichert am Feldrande, gegen den halben Wind den Windfang schnuppernd hebend. Dann zieht sie zu Felde. Riesenhaft sehen die drei Schwarzen auf der weiten weißen Fläche aus. Und ebenso riesig fast der Hase, der aus dem Fuhrenviereck hoppelt. Ein zweiter folgt ihm. Eifrig scharren und mümmeln die Hasen, eifrig plätzen die Rehe den Schnee von der Saat. Einen Augenblick rüttelt der Bussard über ihnen, dann klaftert er weiter. Er weiß, er kriegt sie doch nicht. Meine Pfeife ist aus. Leise pfeifend stehe ich auf und gehe immer lauter pfeifend den Weg entlang. Die Rehe heben die Köpfe hoch, die Hasen machen Kegel. Von der Straße aus sehe ich zurück. Sie sind längst schon wieder am Äsen. Durch den weißgepuderten Stangenort führt's mich. Das ist wie im Märchenwald. Alles kalt und hart, nur da und dort ein heller Sonnenfleck auf einer dunklen Stange, auf einem düsteren Zweig, ein warmes Licht auf dem kalten Schnee, den die kalten blauen Schlagschatten mit scharfen Streifen überziehen. Mitten auf dem Pirschweg rote Flecken und gelbe Federn. Hier schlug und kröpfte die Waldohreule den dummen Grünfink. Und noch ein feuerroter Fleck blitzt auf da vor mir im Altholz; des Schwarzspechts Feuerkrone ist es. Rasselnd fährt er um den Stamm, nach mir hinschielend, dann streicht er ab und hakt an einer anderen Fuhre am Wurzelende an, ruckweise emporrutschend, hier und da klopfend. Warnend stiebt der Markwart in die dichtverschneite Dickung. Der Marderspur nach schlendere ich den schmalen Steig entlang in die Dickung hinein. Die Zweige bücken sich unter dem Schnee, den rosig das Abendrot färbt. Ein Rotkehlchen, das die weite Reise scheute, schnurrt warnend vor mir her, Meisen schwatzen in den Zweigen, überall zirpen die Goldhähnchen, und eine Amsel schimpft in der Dickung. Es will Abend werden. Hier, vor dem Moore will ich bleiben. Ich scharre mir vor der Dickung den Schnee weg, klappe den Jagdstuhl auf, ziehe die wollne Ärmelweste unter, wickle den Mantel um die Beine, lege den Tabaksbeutel auf die Schneewehe und sehe langsam dampfend in das Moor. Es sieht heute so ganz anders aus, mein stilles, braunes Moor, ganz anders als vor vier Wochen. Kaum, daß eine Fuhre, ein Torfhaufen, ein Baumstumpf seine weiße Unendlichkeit unterbricht. Und kein Laut unterbricht die schweigende Ruhe des weißen Moores. Stumm schwebt heute selbst die Eule darüber hin, die sonst so hohl hier ruft. Die roten Sonnenfarben sind hinter schwarzen Wäldern verschwunden. Die rosigen Töne blassen ab, kaltgraublau stimmt sich der Himmel um, schwarz werden die blauen Schatten im Schnee. Mond habe ich nicht, aber alle Sterne sind da, und der Schnee leuchtet so, daß meine dämmerungsscharfen Augen weiten Blick haben. In der großen Stille fängt es an zu singen und zu summen, in der weißen Weite beginnt es zu flammen und zu sprühen. Ich höre dem Flüstern der Totenstille zu und sehe in das Farbengeflirre der hellen Schneedämmerung. Träumend, dämmernd, mit Augen, vor denen alles verschwimmt, starre ich hinaus in die weiße Weite. Schwarze Schatten, da ganz weit unten, wecken mich. Ein Sprung Rehe zieht aus dem Moor, den Dünen zu, hinter denen die Felder liegen. Scharf heben sie sich von dem Schnee ab. Links von mir rückt ein Hase aus der Dickung und äst an der Heide. Der soll leben bleiben, es ist eine Häsin. Aber der da rechts, der oft lange an der Dickung sichert, schnell einige Halme äst, wieder den Kegel macht und dann eilig zum Moore läuft, das ist ein Rammler. Ich fahre mit und vor und sehe ihn im Feuer auf dem Kopfe stehen. Ich hol ihn mir schnell; das ist gut für kalte Füße. Höh, wie die andern rechts und links von mir wieder in die Dickung flitzen! Der Entenstrich beginnt. Himmelhoch ist er heute, die Luft ist still und klar. In einem fort klingelt und schnattert es über mich hin, immer von links nach rechts, vom Steinhuder Meer zur Leine. Eine Viertelstunde lang geht es so, viele Hundert streichen über mich fort, dann singt und summt die Stille wieder. Vor mir im Moore aber bellt ein Fuchs. »Waff, waff, waff.« Er hat Wind von mir gekriegt. Schade! Den hätte ich gern. Weiterhin, nach der Landstraße zu, antwortet ihm einer: »Wäff, wäff, wäff.« Ach so, ein Liebespaar, denn der Diskant gehört einer Sie. Und wieder singt und summt die lautlose Stille in meine Ohren hinein. Es raschelt. Ein Krummer, dicht neben mir. Ich könnte ihn fassen. Eine Häsin. Dahinter noch eine. Dick und faul sitzen sie da und mümmeln. Jedesmal, wenn meine Lippen mit leisem Schnalzlaut den Tabaksdampf herauslassen, spielohren sie. Schließlich gewöhnen sie sich daran. Ab und zu kratzen sie hastig den Schnee weg und mümmeln dann weiter, langsam auf der Saat weiterrutschend. Jetzt machen beide einen Kegel, die eine sogar ein Männchen, und äugen zur Dickung. Vor der macht ein dritter sein Männchen, kerzengerade, die Löffel hoch. Dann fährt er blitzschnell auf das Feldstück. Im Knall überpoltert er sich. Die Häsinnen flüchten. Dicht vor mir machen sie Kegel und überlegen sich den sonderbaren Fall. Die eine äst dann zehn Schritt vor mir, die andere sitzt wie ein schwarzer Heidbült im Schnee und denkt tief nach. Sie kriegt die Sache aber nicht klar und rückt mit einem Male in die Dickung. Die andere macht es ihr sofort nach. Wo ich hinsehe, flitzen schwarze Schatten über den Schnee. Wenn ich mit der Zunge schnalze, stehen ebensoviel schwarze Pfähle da. Und dann werden aus den Pfählen wieder Heidebülten. Und als ich aufstehe mit meinen beiden Krummen, da zickzackt es rechts und links hin und her auf dem breiten weißen Wege. Ich habe einen guten Gedanken bekommen. Fünfzig Schritt vor mir im Moor liegt ein hoher Torfhaufen. Auf den will ich mich setzen. Vielleicht, daß mir dann ein Fuchs kommt, von da kriegt er keine Witterung von mir. Denn das Hasenkuren habe ich satt, und mehr wie zweie schleppe ich nun grundsätzlich nicht. Lieber einen Bock von fünfzig Pfund, an dem trage ich leichter wie an einem Krummen. So baue ich mir denn aus Torfsoden eine Treppe, mache mir einen Sitz zurecht und lasse den ersten Hasen unten am Torfhaufen über dem Wind liegen. Den zweiten brauche ich als Wärmstein für meine Füße. Aus drei Fuhrentelgen mache ich mir Rückendeckung. So, nun den Mantel um die Beine, den gespannten Drilling auf die Knie, eine Pfeife angesteckt, und dann geht das Konzert auf der hohlen Faust los. »Auwei, auwei, auweihmir, auweih, ohweh, weh, ää«, Lampes Todesklage. Sieben Hasen vor der Dickung machen erst Kegel und flitzen dann hin und her, die Eule rüttelt über mir, sie kennt das Lied vorn warmen Hasenbraten. Ich sitze ganz muckemausestill und ziehe ganz kleine Dampfwölkchen aus der Pfeife. Nur meine Augen wandern hin und her über das weiße Moor. Eine Viertelstunde lang gehen sie von rechts nach links, und dann fängt alles an zu leben. Hier ein schwarzer Fleck, der sich über den weißen Schnee bewegt, das ist der Fuchs. Duffsinn, nur eine Sinnestäuschung. Aber das da? Auch nicht, ein Heidbült. Nein, das ist ein Hase. Das da hinten ist aber sicher Reineke. Ich sehe deutlich die Lunte an dem Körper. Zehn Minuten starre ich darauf hin, bis vor meinen Augen alle Regenbogenfarben tanzen. Das wird mir zu dumm. Fünf Minuten lang mache ich sie zu. Dann sehe ich wieder nach dem schwarzen Fleck. Ach, es sind ja Torfsoden! Ein Sprung Rehe zieht wieder zu Feld. Ich höre den Schnee knirschen unter ihren Schalen. Hasen huschen hin und her, jagen sich, spielen, als wäre es April. Auf einmal rücken sie alle in die Dickung, als wäre der böse Feind hinter ihnen. Ich habe keine Erklärung dafür. Da fällt mein Blick auf etwas Schwarzes, das da achtzig Gänge vor mir auf dem Wege ist. Einen Ruck gibt es in mir, und das Herz arbeitet, daß ich meine, man hört es fünfzig Schritt weit. Und je leiser ich atmen will, um so mehr pfeift mein Kehlkopf. Aber das geht vorüber. Der schwarze Fleck ist kürzer geworden. Der Fuchs setzt sich und überlegt. Er hat zwar die Nase voll Hasenwitterung, aber er traut dem Frieden nicht. Langsam schnürt er ins Moor, um ganz unter Wind zu kommen. Unterdes ziehe ich ganz langsam den Kolben an den Kopf. Aber der schwarze Streifen vor mir will und will nicht näher kommen. Doch jetzt nähert er sich. Er kann gegen die warme Hasenwitterung nicht an. Ich habe schon das Bebern im linken Arm. Und immer wieder macht der Rote eine Pause, wenn er ein Stückchen auf mich zu geschnürt ist. Und spitz von vorn habe ich ihn auch. Jetzt aber, wo er halbspitz ist, wird es gehen. Ich gehe mit dem Lauf in den Fuchs hinein, bis ich das dicke weiße Nachtkorn, einen runden, schimmernden Perlmutterkopf, zwischen Kopf und Vorderläufen habe, und dann ziehe ich den Abzug des Würgebohrlaufes ab. Das saß. In der Feuergarbe sah ich ein schwarzes Ding, das zweimal sich überschlug. Jetzt sehe ich nichts vor Dampf. Aber in einigen Augenblicken ist alles wieder frei. Ich starre nach dem Anschuß, aber nichts ist zu sehen. Ich mache den Mund auf, um schärfer zu hören, aber keinen Laut höre ich. Leise öffne ich das Gewehr, schiebe eine neue Patrone ein, schließe und spanne lautlos und horche wieder. Aber nichts rührt sich. Da steige ich dann bergab und gehe, den Drilling am Kopf, näher, immer näher. Da liegt er und rührt keinen Lauf mehr, und um ihn herum ist der Schnee rot betaut. Zur Vorsicht noch eins mit dem Jagdstuhl auf die Nase, und dann an die Schnur des Rucksacks damit. Frohen Blicks steige ich über die Düne. Die beiden Hasen wären mir lästig gewesen im Rucksack, aber mit dem Fuchs dabei tragen sie sich noch einmal so leicht. Ein blanker Tag Die Bäche sind weiß, und das Holz ist weiß, weiß ist das Feld, und weiß ist das Dorf, und alle Büsche und Bäume im Felde sind weiß. Gestern nachmittag hat der Schneesturm gearbeitet, hatte die alte, vertaute, mit Fährten und Spuren benarbte Schneedecke frisch überstrichen, eine fußhohe glatte Schneeschicht darüber gedeckt, eine Hauptneue geschaffen, daß mir das Herz im Leibe lacht. Ein blanker Tag, wie ich ihn mag, ein Tag mit einem Charakterkopf, ein Tag, der mir die krause Stirn hell macht und lachend den zusammengekniffenen Mund, hell die Augen und übermütig die Seele, ein Tag, an dem alles gelingt, was man anpackt. Ich stehe an der Dössel auf der Deele und sehe über den Hof in die Heide. Alles sieht so lustig aus heute. Jedes Ding auf dem Hofe hat ein weißes Mützchen auf, piel steigt der weiße Rauch in die hellblaue Luft, und alles glitzert und glimmert in der Sonne. Ich habe es mir leicht gemacht. Die Hosen stecken in den dicken Schnuckenhaarstrümpfen, die Weste bleibt zu Hause, die wollne Ärmeljacke genügt, die Joppe steckt hinter dem Rucksack, nun noch die Schneereifen an, und dann will ich dich suchen, gelbkehliger Schleicher im Seidenrock. Kiek, Lieschen, morr'n! Komm mal her, Mäken, und spring mal über den Drillingslauf. Was ist das! Du sagst, du willst nicht! Na warte, Deern! Wi'st'e nu' oder wist'e nich? Teuf, ich wer' dir Appell beibringen! Na siehste, warum nicht gleich? Und nun will ich erst das Dorf umschlagen und abspüren. Immer die Zäune entlang geht es, hinter den Gärten her. Kreuz und quer laufen Hasenspuren, ganz dicht am Dorfe ist der Fuchs entlanggeschnürt. Aber kein Marder spürt sich. Die hat der Schnee faul gemacht; sie warten erst Tauwetter ab. Nur ein Ilk spürt sich hier an der Miste. Hinter der Mühle das Holz, das lockt mich am meisten. Die Bachufer reizen den Marder immer, einen Frosch, den der Bach mit fortriß, einen Vogel, der in den Dornbüschen sein Schlafplätzchen hat, den Igel, der im Fallaub den Winter verschläft, Mäuse, die sich Schlehen und Buch suchen, findet er da. Die schmale Wasserrinne ist fast verschwunden. Das verschneite Risch begräbt sie und der Schneebehang der Dornbüsche. Warnend stiebt der Markwart ab, lärmend fliegt ein Flug Schacker dem Holze zu, die dort Schnecken suchten. Schwarz funkeln im Schnee die Schlehen, feuerrot leuchten die Hagebutten, dunkler die Mehlfäßchen, und der Waldrebe Seidenbüsche schimmern grau aus dem Schnee. Ein scharfer Schrei kommt von dem Felde her. Ein blitzendes, funkelndes, schimmerndes Ding kommt über den Schnee und bleibt an der dicken blauroten Brommelbeerranke hängen, die in schönem Bogen das Bächlein überbrückt. Der Eisvogel ist es. Wie ein Edelstein, in allen Farben leuchtend, sieht er aus, der kleine, ernste Fischer. Regungslos starrt er in das glucksende, kluckernde, klingende Wasser, lange, lange. Dann blitzt das Gefieder wieder auf, ein scharfer Schrei, und schimmernd und leuchtend streicht er nach dem Unterlauf des Baches. Ein lustiger Laut, ein vergnügter, klingt dicht bei mir. Auf dem silberwolligen Kopf der mannshohen schlanken Distel sitzt der Distelfink, der Stieglitz, lustig seinen Namen rufend, das Köpfchen kokett drehend, und sich eitel hin und her wendend, daß der scharfe helle Schnabel blitzt, daß das Goldrot dahinter leuchtet, daß die gelben Flügelbinden nur so strahlen. Stieglitt, Stieglitt, bin ich nicht hübsch! so dreht und wendet er sich hin und her. Den Bach entlang steige ich bergan in den Wald, die Augen im Schnee. Rehfährten, die Spuren von Has und Fuchs, Mausespuren überall. Aber keine Marderspur, den ganzen Bach entlang. Und auch hier, an der Quelle, zwischen den weißbemützten, moospolstrigen Steinen und den vergilbten Farnen, nichts. Ärgerlich könnte ich sein, aber der Tag ist so blank und der Himmel so blau und die Sonne so hell, und alles blitzt und glitzt und schimmert im Walde. Und es ist so ruhig dabei und so feierlich, als wäre jeder Tag so blank und das Leben immer festlich und friedlich und als gäbe es niemals Hunger und Sorge und Not und Tod und Mord. Ein leiser Lockton flötet aus dem Stangenholze. Auf die Schlehenbüsche der Blöße fällt ein roter Fleck, rot mit blaugrau und blauschwarz. Und noch einer, aber dem fehlt das leuchtende Rot. Ein Goldfinkenpaar. Unaufhörlich klingt der leise, runde, weiche Lockton, die Schwänzchen schnellen auf und ab, die weißen Bürzel schimmern, die rote Brust leuchtet. Und dann fällt ein blauer Schatten auf den Schnee, und ein brauner Klumpen saust heran, und ehe ich weiß, was geschehen ist, fliegt ängstlich lockend das Männchen über mich fort, und der braune Klumpen ist fort und das Goldfinkweibchen. Und oben am Hause, auf der verwetterten Buche hakt der Wanderfalke auf und kröpft seine Beute. Unter dem Hange gehe ich hin. Die Schneereifen geben mir Halt auf dem zwei Fuß hohen Schnee. Der Buchenjugenden Behang pudert mich weiß ein. Ein Locken, ein leises, ängstliches Locken kommt näher. Ein roter Fleck leuchtet heran. Der Goldfinkhahn sucht sein Weibchen. Hin und her, auf und ab streicht er zwischen Busch und Holz und lockt und lockt und ruft und ruft, und lockt und ruft vergebens. Es schneidet mir ins Herz, das ängstliche, verzweifelte, leise Rufen. Am besten wär's, ich schösse ihn tot. Aber wenn der Schnee weggeht und der Frühling kommt, dann findet er wohl ein Holdchen wieder und denkt nicht mehr an die, die ihm im Winter der Falke fortnahm. Dort auf dem Schnee ist ein Fleck, der nicht dahin gehört. Ich biege auf ihn zu. Da kreuze ich die Spur des Marders. Und der Fleck, das sind Häherfedern, schwarze, rötlichbraune, lasurblaue mit schwarzen Querstreifen und rote Tropfen im weißen Schnee. Hier hat der Leisetreter den lauten Prahlhans gerissen. Und auf der Spur des Mörders gehe ich weiter. Erst durch das hohe Holz, dann zum gehauenen Buschholz. Hier sind wieder rote Tröpfchen im Schnee; eine Maus fiel dem Marder zum Opfer. Und dann zum Bach hinunter. Hier, am Schlehenbusch, ist die Fährte verwischt, und ein Loch ist im Schnee, und der Behang des Busches ist zerrissen. Hier hat der Schleicher einen schlafenden Vogel im Sprung zu reißen versucht, aber die Dornwehr des Busches schützte den Schläfer. Ein Fehlsprung wurde es. Hier unten hätte ich beginnen sollen. Hier auf dem Stamm, der über den Bachpump führt, liegt die Losung des Nachtwandlers. Und von da geht es ins Feld an die Dieme und dann an die Rübenmieten und dann an den Feldbusch, und da ist die Spur zu Ende. Ich umschlage den Busch. Da ist sie wieder. Der Marder ist weitergeholzt. Immer in der aus je vier breiten Tupfen gebildeten Linie geht es weiter, an den Teich, in dessen gelbem Rohr die Ammern zippen, nach der Buchengruppe, aus der der Bussard abstreicht, wieder zurück in das Holz. Da ist sie fort. Der Marder ist wieder weitergebolzt. Einen Bogen schlage ich um das Ende der Spur, einen kleinen, dann einen größeren, erweitere jeden neuen Kreis, den ich gehe. Und alle Kronen durchspähe ich nach Krähenhorsten und Eichkatzenkobeln. Ab und zu auf dem Schnee ein Flöckchen graue Flechte, ein dürres Ästchen, die hat der Marder beim Fortholzen abgetreten. Am Fahrwege, der als weißes, breites Band den weißbehangenen Fichtenmantel durchschneidet, komme ich wieder auf die Spur. Sie steht wieder nach dem Feld, dahin, wo die Ebereschenbäume stehen. Dürre Blätter am Boden, einzelne rote Beeren und Doldenstiele zeigen an, daß der Marder sich hier die letzten Vogelbeeren als Zukost pflückte. Weiter will ich, brenne erst mir die Pfeife an, da höre ich es zirpen und sehe in den Baum. Da sitzen sie, eins, zwei, drei, zehn Gäste aus dem Norden, rötlichbraun, schwarzkehlig, Häubchen auf den Köpfen, rote Siegellacktröpfchen auf den gelben Binden an Flügel und Schwanz, Seidenschwänze, so friedlich, so vertraut, als gäbe es weder Kraut noch Lot. Ein Weilchen sehe ich ihnen zu, wie sie, dick aufgeplustert, dasitzen, sich putzen, ab und zu zirpen oder die schwarzgelben Flügel spreizen, dann trete ich weiter in die Spur. Quarrend stieben die Krähen von dem Luderplatz. Die Spur führt über das Luder und führt zum Dorf. Aber hart vor der Mühle biegt sie ab zum Holz. Und da ist sie fort, verschwunden. Zweimal durchschneide ich das Holz und umschlage es. Nichts findet sich. Ein Eichkatznest steht hoch in der Fichte. Aber kein gelber Tropfen im Schnee zeigt den Schläfer an. Ich scharre mit dem Schneereifen an dem Stamm; es rührt sich nichts, es zeigt sich nichts. Aber das ist noch kein Beweis, daß das Haus leer ist. Ich schicke eine Kugel hinein. Scharf klingt der Knall in die Wintertagsstille. Aber nur dürres Geäst und Moos krümelt herab. Nun kommt böse Suche. Es geht von Stamm zu Stamm, von Baum zu Baum. Nirgends ein heller Tropfen, ein Flechtenflöckchen, ein Dürrästchen, eine Spur im Schnee, alles glatt und blank und eben und schier. Und er steckt doch im Holz, der Heimtücker, und kriegen tu ich ihn doch, oder ich will die Kunst nicht verstehen. Eine Viertelstunde geht hin und noch eine. Das macht müde, das Auf und Ab mit den Augen, vom weißen Schnee zu den schwarzen Kronen, vom Himmel zur Erde. Noch ein alter Krähenhorst kriegt die Kugel, noch ein Eichkatzennest, aber immer noch will sich nichts finden. Das ist ja dumm. Und die Sonne meint es gut. Sie läßt den Schnee flimmern, daß die Augen müde werden, und preßt unter der leichten Wollmütze den Schweiß auf der Stirn hervor. Joppe und Rucksack habe ich längst fortgehängt und habe nur die leichte, nahtlose, gestrickte Ärmelweste um die Brust. Und die ist mir noch zu warm. Aber weiter, das hilft nichts. Immer wieder für die Augen weißer Schnee, blaue lange Schatten darauf, rote Stämme, dunkelgrüne Kronen und blauer Himmel. Und umgekehrt: blau, grün, rot, blau und weiß. Ab und zu ein silbergrauer Buchenstamm, ein schwarzweißroter Specht, ein rötlichgrauer Markwart, eine blaugraue Taube, polternd abstiebend, bunte Meisen, an grünen Zweigspitzen hängend. Mechanisch wandern die Augen auf und ab. Nichts, nichts, immer nichts und wieder nichts als Hasenspuren, Mausespuren, das Geläufe von Krähen. Man wird unachtsam, ich muß den Geist ab und zu anrucken, sonst schläft er ein. Aber auf einmal wird er munter. Hier, unter der dunkelköpfigen Fichte, ist ein Dreieck, ein gelbes, hineingetropftes, im Schnee. Wie da der ganze Mensch frisch wird, wie er sich reckt, wie Leben in die Beine kommt und in die Augen. Dreimal, viermal, fünfmal umkreise ich den Stamm, bohre die Augen in die Krone, aber sie finden nichts. Da wird zurückgestapft zum Rucksack und das Glas geholt, Ast für Ast wird abgesucht. Und jetzt habe ich ihn. Dicht an den Ersatzmitteltrieb gedrückt, eingeklemmt zwischen zwei andere hochragende Äste, in dem verwitterten, kaum erkennbaren Eichkatzennest, da liegt er. Von ihm selbst sehe ich nichts, aber die buschige Rute hängt herab. Ich klopfe an den Stamm, er rührt sich nicht. Ich scharre daran, er rührt sich nicht. Ich lehne den Drilling an den Stamm, hole die Gummischleuder heraus und pfeffere einen Schrothagel in das Versteck. Nichts rührt sich. Aber die Rute, wo ist die, die eben noch herabhing. Fühlt sich der Bursche aber sicher. Dann knallt der Schrotschuß in das Astgewirr. Laub, Gras, Moos, Zweige fliegen, und ein schwarzes Ding fällt, fällt drei Fuß, und jetzt, Deubel, ist es auf der Nachbarfichte, und in rasender Eile baumt der Marder fort. Ich mit, so schnell die Schneereifen es erlauben, immer den Lauf dahin, wo Äste schwanken und Schnee rieselt. Und jetzt, wo es den geraden, langen Ast im Sprung faßt, das lange schwarze Ding, da fahre ich mit, und im Knall kommt er in einem Regen von Schnee und grünen Brüchen herab. Zuckend liegt er im Schnee. Die weißen Fänge blinken, die dottergelbe Kehle leuchtet, die seidenhaarige Rute windet sich. Noch zuckt eine Pranke, ein Zittern geht durch die Rute, ein Ruck durch das ganze Tier, dann fällt es schlaff in sich zusammen. Aber jetzt der Hunger, der Hunger. Um zehn ging ich weg, und jetzt ist's drei. Marsch marsch zur Wirtschaft, den Marder in der Hand. Am Herde steht Lieschen. Hu, schreit sie, als ich ihr die Marderrute um den Hals fahren lasse. Und quiekend flüchtet sie aus einer Ecke in die andere, wenn ich ihr mit dem Kopfe des Räubers in der Faust zu nahe komme. Großmutter lacht und schüttelt den Kopf: junge Lüe, junge Lüe, leeg' Volk. Und dann denkt sie an einen jungen Jäger aus der Stadt, der auch oft hierher kam und immer zu Unsinn aufgelegt war. Und immer wieder kam, bis sein Bart weiß und sein Haar silbern war. Und jetzt ist er tot. Jee ja. Der Nachmittag wird verschlafen, der Abend verklönt beim Glase Bier. Und als die hellen Fenster im Dorfe verschwinden, da ziehe ich den dicken Mantel an und gehe zur Mühle. Schneehell ist der Himmel, alle Sterne blinken. im Holz ruft die Eule, Schneegänse ziehn, ein Hund heult. Ich stelle mich an die Eiche, scharre den Schnee fort und rauche. Die Nacht ist mild, ein ganz kleines Lüftchen ruschelt im Röhricht. Im Dorf da unten löscht ein Licht aus nach dem andern. Einmal klappt noch eine Tür, ein Lachen ertönt, ein Aufkreischen aus Mädchenmund, dann wird es da stille. Ich stehe und rauche und sehe nach dem weißen Mühlendach. Der Mühlbach rauscht immer dasselbe Lied und klimpert mit Eisschollen. Ein Mäusepfiff, ein Eulenruf, dann wieder leere Stille. Ein Hase rückt an, langsam, bedächtig, und verschwindet in der Zaunlücke. Gedanken umflattern mich, Gedanken, schwarz wie Fledermäuse, und lichte, bunte, wie schöne Falter. Das Rätsel von Leben und Tod, von Werden und Vergehen taucht vor mir auf, schöne Stunden und trübe Tage, Menschen, die ich liebe, und Leute, die ich hasse, und dann ein lichter, rosenroter Zukunftsbaum. Und den jagt ein grauer Einfall wieder fort. Die Zeit vergeht. Die Uhr schlägt zehn. Das Horn des Nachtwächters klingt dumpf und hohl. Die Füße werden langsam kalt, der Kopf wird müde, er will auf die Brust fallen. Da fährt er hoch. Oben am Dachfirst, auf der Stelle, wo die schwarzen Tupfen sind, da war doch ein Schatten? Oder irrte ich mich! War es der Schatten, den der graue Gedanke in mir warf? Es war wohl nichts. Aber ich bin wieder wach. Und die Augen wandern dachauf, dachab. Halt, da, eben, ich habe mich doch nicht geirrt. Ein schwarzer Streifen hier mitten im Dach, bei der Luke. Fort ist er wieder. Mensch, paß auf! Und ich starre jetzt, den Drilling schußbereit, auf die Luke. Aber das Weiß und Schwarz macht die Augen so müde, ab und zu müssen sie in den Sternhimmel sehen, auf die Milchstraße mit ihrem Gewirr von Welten. Und dann gehen sie wieder auf das Dach zurück. Und fassen einen schwarzen Klumpen, der neben der Luke ist. Und sich jetzt aufrollt, und ruckweise weitergeht. Und da geht der Gewehrlauf langsam hoch, und wie das schwarze Ding fast an der Dachkante ist, da sprüht es und knallt es, und um mich herum ist dicker, weißer stinkender Dampf. Aber im Feuer sah ich das schwarze Ding herabkollern. Durch die schneehelle Nacht geh ich dem Kruge zu, den toten Hausmarder in der Hand. Es ist Sonnabend, und hinter hellen Fenstern ist noch lautes Leben. Heute paßt mir das. Mit blanken Gläsern soll er enden, der blanke Tag. Silvesternebel Kahlfrost, den mag ich nicht. Es ist mir dann zu nackt draußen, mich friert dabei. Schnee muß ich haben, soll mir der Winter Freude machen, weicher, weißer, dicker Schnee, der wärmt mir das Herz und macht meine Augen froh. Bei Kahlfrost wintert mir alle Lebenslust aus. Darum lachte ich damals, als ich nachts aus dem Café kam, in der Nacht vor dem Silvestertag. Kalt pfiff es über die Georgstraße, und weiß stob es über ihre Trottoire, und als die anderen Menschen mit zugekniffenen Lippen eilig heimgingen, da schritt ich langsam über die Straße und atmete tief. Früh war ich auf am anderen Morgen. Und froh. Ich sang, als ich in die Stiefel fuhr. Das war lange nicht vorgekommen. Und als ich auf die Straße kam, wo der Sturm pfiff und johlte wie betrunken und weiße Fahnen schwenkte, da hätte ich gern weiter gesungen. Die Fahrt in der Eisenbahn war wunderschön. Durch fremde Welten führte sie, durch weißverschleierte Länder. Keine Station war zu erkennen, jede Dorfsilhouette war verwischt, alles begrub der Sturm im Winterschnee. Die Endstation, ich kannte sie kaum wieder. Brüllend warf der Nordwind den Schnee über die Geleise, wirbelte ihn in Wolken über den Perron, fegte ihn in wilden Strudeln über die Straße. Eine tolle Freude faßte mich und machte mich frosthart und sturmfest. Schneewolken warf mir der Sturm nach, als ich im Dorf in die Gaststube trat. Da war es mir aber zu heiß, das Blut sprang mir krabbelnd durch die Adern, und schnell rettete ich mich wieder in das weiße Schneesturmbad. »Kriegst ja doch nichts!« hatten die Freunde gesagt, die da bei Grog und Karten eingeschneit waren. Was wissen die denn? Fuchs und Has, was mir daran liegt heute! Nicht so viel! Großes such ich nach den Kleinheiten der Stadt, Weites nach ihrer Enge, Hartes nach ihrer Weichlichkeit, Frische nach ihrem erschlaffenden Druck. Alles das fand ich draußen. Schritt um Schritt mußte ich mit dem Sturm ringen, jeden Tritt dem Schnee abzwingen, manchmal wurde mir schwach zumute, aber am Ende wurde ich Herr über Sturm und Schnee. Die Stunden flogen dahin wie die Flocken im Sturm. Und mit den Stunden Unruhe und Nervengekribbel. Und wie der Sturm sich brach und über der weißen Weite blaßblaugrauer Abendhimmel stand, da war ich umgeschaffen und neu geboren und wußte nichts von den Sorgen und dem Ärger und den Kämpfen der letzten Zeit, und still wie am Himmel der helle Mond leuchtete in mir ruhige Gleichmütigkeit. Oben auf der Düne stand ich und sah in die weiße Feldmark, in der riesengroß, durch die Maßstabslosigkeit des Geländes unmeßbar geworden, die Hasen und Rehe sich hin und her bewegten. Goldener Gleichmut ging in mir auf. Lächelnd sah ich auf das, was unter mir war, Angst und Ärger und Sorgen, einmal fällt doch der Schnee darüber, und der tollste Sturm, er hat sein Ziel und sein Ende. Morgen fängt ein neues Jahr an. Ohne Angst und ohne Hoffen sehe ich ihm entgegen. Es wird Mai werden. Dann sind hier alle Birken grün und alle Böcke rot, die Grauartschen singen, und der Stechginster blüht. Nachher kriegt die Heide ihre Rosenfarbe, dann blaßt sie ab, und wieder fällt Schnee auf alles, ein Jahr wie das andere. Auf der anderen Seite der Düne liegt das Moor. Es ist heute so weit und so weiß. Sonst ist es eng und braun. Wie ist es nun in Wirklichkeit? Und wie sind wir? Heute so, morgen so. Wie das Wetter des Schicksals es will. Sonst kenne ich jeden Fußbreit darin, heute weiß ich nicht ein noch aus. Heute haben wir im Leben Ziel und Zweck, morgen ist alles verschneit, und Wege und Stege sind fort. Das dachte ich so, als ich unter der krummen Schirmfuhre saß, die über dem alten Abstieg steht, und vor mich hindämmerte. Bis der Fuchs mich weckte, der hinten im Stiftsmoor bellte. Da sah ich auf und sah nichts mehr, keine Fuhre, keine Birke, keinen Torfhaufen, weder Torfkuhle noch Moordamm. Der Nebel war gekommen vom Steinhuder Meer und hatte alles ausgelöscht, was ich wußte. Schnee lag über der Vergangenheit und Nebel vor der Zukunft. Morgen ist Neujahr. Eine Neue liegt auf seinen Wegen, und Nebel verhüllt die Aussicht. Rosige Blumen werden neben schwarzen Torflöchern blühen, goldene Blüten leuchten über verräterischem Schlamm. Das große Moor des letzten Jahres habe ich hinter mir, im neuen kenne ich nicht Weg noch Steg. Mir wird zu einsam. An meinen eigenen Fußstapfen helfe ich mir heraus aus dem Moor. Andere sind nicht da wie im Leben auch nicht. Schließlich ist man doch immer allein, trotz aller Freunde. Das ist traurig, aber wenn man es eingesehen hat, auch tröstlich. Der Nebel ist dick wie eine Wand. Er ist vor mir und hinter mir und rechts und links und über mir, und unter mir auch, denn keine Fußspur, keine Wagentrane weist der Schnee auf. Wie ein Blinder gehe ich weiter. Ab und zu strecke ich die Hand aus, um zu wissen, daß ich noch sehen kann. Manchmal bohre ich die Augen in die weiße Dunkelheit, ob da kein Licht vom Dorfe ist, oder sehe nach oben, einen Stern erhoffend, oder bleibe stehen und horche, ob ein Hund kläfft, aber immer lächle ich müde und stampfe weiter, blind, taub und stumm. Längst müßte ich beim Dorfe sein. Da ist es: die ersten Bäume. Nein, eine Täuschung der Augen! Aber da, endlich, Fußspuren im Schnee. Die führen zum Dorf. Denen folge ich, neuer Hoffnung voll, aber hungrig und müde. Wie lange, das weiß ich nicht. So lange, bis ich einen Schreck bekam. Als ich sie verlor. Und als ich sie wiederfand nach angstvollem Hin- und Herlaufen, da war ich so froh. Bis der nächste Schreck kam. Denn vor mir das Schwarze, das ich für das äußerste Haus des Dorfes hielt, die beiden Krüppelfuhren unter der Düne sind es. Ich bin in die Runde gegangen. Mir wird angst und matt. Wie ein Kind im Dunkeln stehe ich da, als wenn ich weinen müßte. Aber dann lache ich mich selbst aus. Verirren kann ich mich ja nicht. Da die Dünen, links die Straße, rechts das Dorf! Also kehrt und geradeaus! Geradeaus im Nebel! Geradeaus ohne festen Punkt, ohne Weg und Steg! Geradeaus ohne Stern und Strahl, ohne Halt und Hoffnung. Pfeif' dir ein Lied, Menschenskind, du hast hier deinen Humor nötig! Irrst ins neue Jahr hinein und weißt nicht, wohin du kommst. Siehst du, da bist du ja wieder unter der Düne! Zweimal gingst du im Kreise. Lache doch, wenn du kannst! Und mach' kehrt und marschier' wieder geradeaus! Oder hilft dir ein Fluch? Oder ein Kognak, ein kleiner Rausch? Oder ein bißchen Nachdenken, kalt und kühl? Nein, mein Lieber, das hilft dir alles nichts. Glück, das ist das einzig Wahre. Entweder du fällst mit der Nase darauf, oder du läufst daran vorbei und stehst wieder vor der verdammten Düne, wie jetzt. Ich habe keine Lust mehr, mich hier herumzubewegen, das beste ist, ich ruhe mich hier aus. Ich bin zu müde. Vielleicht, daß der Nebel weggeht. Ich setze mich unter die Fuhre und starre in den Nebel. Bis tausend Fratzen daraus auf mich zukommen. Fratzen, die allerlei dumme Gedanken hochmachen. Läuft man nicht das ganze Leben so im Kreis? Im dicken Nebel? Hinter halbverwehten Hoffnungen her, auf unbestimmte Ziele zu, und hat schließlich doch nichts davon wie ein weißes Laken? Die drei Mündungen meiner Waffe grinsen mich an. Wenn ich jetzt an den Abzug rühre, dann bin ich schnell zu Hause. Dann brauche ich nicht erst so weit zu laufen. Soll ich? Da höre ich etwas. Das erstemal diesen Abend. Hundegebell, da unten! Ich springe auf und gehe darauf zu. Und rufe, so laut ich kann. Der Hund antwortet. Ich laufe, höre das Bellen näher, und jetzt, endlich, ein Licht, ein Haus, die Straße! Unter dem ersten Fenster sehe ich nach der Uhr. Gleich Mitternacht. Mir wird ganz eigen. Eben noch, da dachte ich voll Abscheu an die Welt und das Leben und die Menschen, und jetzt freue ich mich darauf. Ich warte noch einige Minuten. Und so, wie die Uhr in der Gaststube den ersten von den zwölf Schlägen tut, da reiße ich die Tür auf und rufe lachend mein Froh Neujahr!