Louison. Novelle von Heinrich Laube. 3 Erstes Kapitel. Es war Frühling, und die Sonne schien. Sie schien zu Brüssel in ein großes Gemach, welches artig möbliert war und in dessen Mitte ein großer Tisch stand, ein Arbeitstisch zum Schreiben. Links und rechts lagen Folianten auf dem Tische. An diesem Tische saß und schrieb ein schöner Mann in sauberer Kleidung. Er hatte einen schwarzen Lockenkopf; sein Antlitz war edel geformt und im unteren Teile von einem glänzend schwarzen Vollbarte bedeckt. Der Mann hieß Rambert und war ein Professor aus Paris. Seit einem Vierteljahre fast war er in Brüssel und wohnte in einem Gartenhause der Vorstadt. Er war ein Geschichtschreiber und studierte in den Archiven und Bibliotheken Brüssels die Zeit Karls V., dessen Geschichte er schreiben wollte; oder richtiger: aus dessen Geschichte er einen Essay, eine Charakteristik Karls V. bilden wollte. Er war eine Künstlernatur, und er suchte sich für seine historische Wissenschaft künstlerische Formen. Lange Bücher waren ihm zuwider. Um gute Luft zu haben, hatte er sich in Brüssel nach einer Gartenwohnung umgesehen und sie beim Gärtner Miot gefunden mitten in einem großen Garten. Papa Miot und dessen Frau bewohnten das Parterre, Professor Rambert den ersten Stock, in welchen jetzt die Frühlingssonne breit hereinschien. 4 Herrn Rambert war dies angenehm, denn der Winter war sehr kalt gewesen, und die Sonne verkündete nun denn doch dessen Ende. So las er mit Behagen ein Aktenstück, welches ihm einige besondere Details über Karl V. verriet, wie er sie just für seine Schilderung brauchte – da klopfte es an seiner Tür. Es war ihm unangenehm, gerade jetzt gestört zu werden, aber er war ein in französischer Höflichkeit auferzogener Mann, und er rief nicht unfreundlich: »Herein!« Es war Frau Miot, die Hausfrau, welche unter Verbeugungen eintrat. Sie war nicht groß, aber dick. Das Antlitz mochte in der Jugend hübsch gewesen sein, die Jugend jedoch war schon lange dahin, und jetzt war es fast gewöhnlich. Auch die Stimme war nicht gerade angenehm, aber sie hätte sich anhören lassen, wenn die Rede kürzer gewesen wäre, als sie zu sein pflegte. Jetzt entschuldigte sie sich beim Herrn Professor wegen ihrer zudringlichen Störung oder, wie sie sich unnützerweise verbesserte, wegen ihrer störenden Zudringlichkeit, aber sie und ihr stiller Mann bäten um die Unterstützung des Herrn Professors. »Unterstützung? Womit? wozu?« »In Sachen unserer Tochter, der Louison.« »Was fehlt Ihrer Louison?« »Alles mögliche. Zunächst Verstand, Bescheidenheit und Geduld.« »Mehr nicht?« »Nein, mehr nicht. Sie ist heut' morgen aus dem Kloster entlassen worden. Die Zeit ihrer Erziehung dort, die wir redlich bezahlt haben, ist abgelaufen; jetzt ist sie gebildet.« »Ist sie das?« »Ja; sie ist fertig. Sie hat alles Erdenkliche gelernt, viel mehr als ich. Nun aber geht der Spektakel los.« »Wie so?« 5 »Sie will aufs Theater.« »Ah?!« »Sie kennen sie ja, werter Herr Rambert, Sie haben sie jedesmal gesehen und gehört, wenn sie Ferientage hatte und hier war. Sie wissen, daß sie hübsch ist, sehr hübsch.« »Allerdings.« »Daß sie eine helle Stimme hat und schön singt.« »Nicht immer richtig.« »Das macht die Jugend; das findet sich. Sie ist ja kaum sechzehn Jahre alt. Na, und lustig ist sie und urkomisch. Sie kann lachen, daß man absolut mit lachen muß, und weinen kann sie auch, daß es einen Stein erbarmt. Das konnte sie von frühauf, wenn ihr etwas abgeschlagen wurde und sie sich kreuzunglücklich fühlte. Man hielt ihr Weinen nicht aus, so erbärmlich wurde einem dabei zumute; man mußte nachgeben, mußte ihr ihren Willen tun.« »Mußte sie verziehen.« »Meinen Sie? Miot meint's auch. Aber wer ist besonders schuld? Miot, mein Mann. Er läßt sich alles von dem Mädchen gefallen, und hinterher schilt er, wenn man ihr alles nachgesehen hat. Kurzum, jetzt ist die Pastete so gut wie gebacken, jetzt heißt's: sie kann lachen und weinen, wie man's auf dem Theater braucht, und jetzt will sie durchaus zum Theater. Und das will nun der Miot nicht zugeben. Warum nicht? Der Moral wegen. Louison könnte unmoralisch werden, das heißt Schulden machen, Liebschaften anfangen und unseren Herrgott vergessen. Das ist nun wohl zu viel auf einmal, aber das eine ist richtig: eine solide Heirat kommt selten zustande mit einer Schauspielerin. Sie tändeln zu viel, wollen zu hoch hinaus, weil sie gar zu schöne Gelegenheit kriegen, und weil sie sich einbilden, die Schönheit und Liebenswürdigkeit könne kein Ende nehmen. Und sparen tun sie ja alle nicht, die Komödianten! Was soll man da sagen?« 6 »Man soll zuerst fragen, ob das Mädchen Talent hat!« »Talent? Na, wie gesagt, das hat sie wohl, das Talent. Aber Miot sagt auch, der Herr Professor Rambert sollte erst gefragt werden, der verstände das mit dem Talente. Sie verstehen's?« »Das versteht kein Mensch.« »Warum nicht gar!« »Man kann nur vermuten. Man kann nur sagen: Es ist wahrscheinlich, oder es ist nicht wahrscheinlich.« »Das wär' nicht viel – na, da kommt sie ja selbst mit dem Vater! Verzeihen Sie nur unsere Aufdringlichkeit!« Papa Miot, die Louison an der Hand, trat ein und verbeugte sich. Louison knixte. Papa Miot hatte schon weißes Haar. Dies Mädchen, sein einziges Kind, war ihm erst spät in der Ehe geboren worden und war sein Herzblättchen. Aber er war ein solider Bürger, welcher sein Gartengeschäft – er zog Sämereien und junge Bäume – ehrlich betrieb und vor einer Theaterlaufbahn seines Kindes eine instinktive Furcht hegte. Das sagte er jetzt mit wenig Worten und bat Herrn Rambert, dem Mädchen die Torheit auszureden. Das Mädchen lachte dazu, und zwar gutmütig. »Herr Rambert,« sagte sie übrigens, »versteht das besser.« »So? Woher weißt du denn das?« »Ei, Sie sind ja aus Paris, wo das Komödienspiel zu Hause ist, und Sie haben mir ja neulich gesagt, daß es eine schöne Kunst sei; neulich, als Sie mich an meinem Ferientage mitgenommen haben ins vornehme Theater in der oberen Stadt. Es war so schön, und der putzige Liebhaber war so komisch!« Dazu lachte sie wieder, und das stand ihr allerliebst. Sie war, obwohl kaum sechzehn Jahre alt, von voller Mittelgröße und bildhübsch. Rabenschwarze Haare, schwarze Augenbrauen und dunkle Augen schattierten ein Antlitz und 7 einen Hals von blendender Weiße. Die Röte auf den Wangen und dem kleinen schwellenden Munde forderten gleichsam zum Kusse heraus, und wenn sie die Lippen öffnete beim Sprechen oder Lachen und die kleinen blendenden Zähne zeigte, da gefiel sie jedermann über die Maßen. Und über all' diese Äußerlichkeiten strahlte eine unschätzbare Eigenschaft: sie war sympathisch, man hatte sie sogleich lieb. Auch Professor Rambert hatte sie gern, und es schien ihm nicht besonders ernst zu sein, als er jetzt darauf ausging, ihr abzuraten. »So schnell geht das nicht mit dem Komödienspiele,« sagte er lächelnd, »da muß Unterricht vorhergehen.« »Auf den Unterricht wart' ich ja.« »Und dann kommt die Prüfung, ob Talent vorhanden ist.« »Talent hab' ich gewiß, das weiß ich.« »Woher weißt du's?« »Wir haben im Kloster oft insgeheim Komödie gespielt, und da war ich immer die Beste. Das sagten die anderen alle.« »Das beweist nur, daß die anderen wenig oder kein Talent hatten. Bis jetzt kannst du noch gar nichts. Du kannst nicht stehen, nicht gehen, dich nicht setzen und kannst vor allen Dingen noch nicht sprechen.« »Ah!« riefen alle drei, Vater, Mutter und Tochter. »Geh' einmal da hinüber zum Sofa!« Sie ging. »Siehst du! Die Füße stehen einwärts, der Schritt ist ungleich. Wenn dich jemand anstößt, so wirst du umfallen, weil du künstlich gehen willst und kein Gleichgewicht hast. Jetzt setz' dich aufs Sofa! – Ho! das heißt fallen, nicht sich setzen. Steh' auf! – Das ist zu brüsk, das heißt auf springen . – Und nun sprich!« »Was denn?« 8 »Da aus dem Buche auf dem Sofatische. Das ist die Phèdre von Racine. Schlag auf und lies vor, gleichgültig wo du anfängst.« Sie las mit lauter Stimme. »Verstehst du, was du da liesest?« »Nein.« »Siehst du! Was der Sprecher nicht versteht, das versteht der Hörer auch nicht. Du mußt also erst verstehen lernen.« »Ja, das sind Verse, und da steht › Tragédie ‹. Ich will keine Tragödie sprechen, ich will lustig sprechen.« »Auch um lustig zu sprechen, mußt du gut sprechen können, sonst mögen die Zuschauer deine Lustigkeit nicht.« Sie ließ die Arme sinken und sah betrübt aus. Dann kam sie langsam bis dicht zu Herrn Rambert: »Helfen Sie mir, daß ich alles lernen kann. Ich werd's schon lernen, wenn's auch noch so schwer ist. Bitte!« Es trat eine Pause ein. Endlich sagte Herr Rambert: »Zum Gehen und Stehen, zum Niedersetzen und Aufstehen brauchen wir einen Tanzmeister. Den wollen wir im Théâtre de la monnaie suchen, wohin wir heut' abend zusammen gehen wollen.« Louison jauchzte auf. »Kauf' eine Loge! Hier hast du Geld dazu. Sprechen werd' ich dich lehren. Des Abends. Adieu!« Tochter und Mutter gingen ab. Papa Miot aber blieb stehen und schüttelte den Kopf. »Abwarten, Vater Miot!« sagte Herr Rambert, »abwarten! Wenn kein vollständiges Talent vorhanden, dann werd' ich abraten. Sie müssen dann dafür sorgen, daß mein Abraten was hilft. Das junge Ding hat ersichtlich einen starken Willen, und Sie sind schwach ihr gegenüber.« »Nein.« »Ist aber Talent vorhanden, dann liegt eine schöne, reiche Laufbahn vor ihr; denn sie ist sehr hübsch.« 9 »Immer eine gefährliche Laufbahn.« »Allerdings. Alter Freund, wir sind alle täglich und stündlich von Gefahren umringt. Jedenfalls können wir's nicht ändern, denn so ein Beruf pocht unwiderstehlich. Sie ist ja doch in guten Grundsätzen erzogen?« »Ja.« »Und ist ehrlich?« »Grundehrlich.« »Also abwarten, Papa Miot. Adieu!« Rambert war nicht vom Sessel aufgestanden und sah jetzt dem langsam abgehenden Gärtner nach, eine ganze Weile. Dann wandte er sich zu seinen Archivschriften und sagte vor sich hin: »Immerhin eine Abwechselung, welche interessieren kann.« Er hatte viel erlebt, dieser Herr Rambert. Sein stattliches Äußere, seine angenehmen Formen hatten ihm viel Glück gebracht beim weiblichen Geschlechte. Aber er meinte, in diesem Betrachte fertig zu sein mit der Welt. Er trug keinerlei Verlangen, er war ganz kühl geworden, um nicht zu sagen blasiert. Blasiert war er nicht. Aber auch dieser reizenden Knospe Louison gegenüber ging nicht ein Schatten von Liebesgedanken durch seinen Sinn. Es war nur Wohlwollen, es war eine Kunstinteresse, welches er empfand. Sein Wesen war zur Reife eines Künstlersinnes ausgebildet, und seine äußerliche Lage bot ihm alle Hilfsmittel. Er war reich und ganz unabhängig. Er hatte gar keine Verwandte und hatte nie das Bedürfnis einer Heirat empfunden. Behaglich war er durch alle Reize des Lebens hindurchgegangen und hatte an allen teilgenommen. Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Theater, alles das war ihm nahe gewesen in Paris. In seiner Wohnung dort hatte er schöne Gemälde und Bildwerke, musikalische Instrumente und eine ausgesuchte Bibliothek. Das Theater hatte ihn stets interessiert; er war aber vorzugsweise ein Habitué des Théâtre français . Die 10 künstlerische Tradition dieses ersten Theaters war ihm geläufig, er las selbst Stücke vor mit bester Wirkung – nur die eigene Hervorbringung, das was man Produktion nennt, war ihm versagt in alle dem. »Der Mensch kann nicht alles haben und muß sich begnügen, verstehen und genießen zu können.« So sprach er, und zu der dramaturgischen Aufgabe mit dieser munteren Louison lachte er wie zu einer harmlosen Unterhaltung in seinem stillen Leben zu Brüssel. Zweites Kapitel. Rambert war des Abends mit Louison im Theater gewesen und hatte mit Staunen und Vergnügen gesehen, wie sehr das Mädchen an der Vorstellung des Stückes teilnahm, mit welchem Eifer sie der Handlung folgte, wie treffend ihre hastig herausgestoßenen Bemerkungen waren über den Gang des Dramas und über die Leistungen der Schauspieler. »Sie ist ein dramatisches Talent!« hatte er sich sagen müssen, und außerdem hatte er gehört, wie in der Nebenloge ein Herr zu einem anderen sagte: »Dies schöne Mädchen muß eine jüngere Schwester der Patti sein; aber sie ist noch schöner.« Louison war größer und voller als die Patti und hatte vor dieser trefflichen, aber bleichen Sängerin die lebensvollen Farben des Antlitzes voraus. Diese halblaut gesprochene Äußerung hatte auf Rambert einen starken Eindruck gemacht. Man muß wissen, hatte er sich gesagt, wie sie den Leuten erscheint; dies ist bei einer Schauspielerin entscheidend. Er hatte also mit Zuversicht die Erziehung Louisons begonnen und beginnen lassen. Vormittags unterrichtete im Erdgeschoß eine weise Tanzlehrerin, und abends kam Louison in den ersten Stock herauf zu ihm, um vorzulesen und im Sprechen geübt zu werden. 11 Die weise Tanzlehrerin war entzückt über ihre Schülerin. Nicht sowohl über ihre Fortschritte in der Haltung und in den Verbeugungen de rigueur als über das ganze Wesen des reizenden, ja bezaubernden Geschöpfes. Eine Laufbahn erster Klasse prophezeite sie, alle Männer würden sich sofort verlieben, und die Frauen würden nichts dagegen haben, denn Louison mache durch freundliche Güte auch den Frauen einen gewinnenden Eindruck. Rambert dagegen war von dem Erfolge seines Unterrichts ganz und gar nicht entzückt, ja er war bestürzt darüber. Louison traf den Ton für die Racineschen Verse gar nicht, sie blieb schülerhaft im Ausdruck, und wo Empfindung hervortreten sollte, da zeigte sich Unzulänglichkeit. Sie schnappte gleichsam danach, Gefühl aus sich herauszupumpen, und das gelang nur sehr unvollkommen. Es kam gezwungen zum Vorschein und deshalb unwirksam. Louison selbst mußte das alles zugestehen und war betrübt darüber. Endlich sagte sie einmal: »Aber, Herr Rambert, warum lassen Sie mich immer nur Verse lesen und schwere Reden? Ich will ja nicht tragische Rollen spielen!« »Das verstehst du nicht, Kind,« erwiderte er; »jegliche Rolle, auch die heitere, beruht darauf, daß die Sprache gebildet sei. Die gebildete Sprache ist unerläßliche Grundlage, wenn überhaupt von Kunst des Schauspiels die Rede sein soll. Und wenn man keine Künstlerin ist auf der Bühne, so ist man eine Handwerkerin, für welche sich gebildete Leute nicht interessieren.« Diese herben Worte waren des Abends gesprochen worden, und still, ohne Widerrede war Louison fortgegangen. Am anderen Morgen war sie verschwunden. Die Mutter kam entsetzt um Mittag zu Herrn Rambert hinauf und berichtete schluchzend: das Kind müßte durchgegangen sein, auch ihre Kleider wären fort. Der Herr Professor müsse sie wohl 12 gemißhandelt haben, denn von ihm hinunterkommend, habe sie bitterlich geweint. Rambert war erschrocken. Er war allerdings, wie es ihm jetzt schien, hart gewesen gegen das Mädchen, und sein Gewissen flüsterte einen Augenblick: Am Ende hast du da eine Dummheit gemacht. Der Anblick des Papa Miot quälte ihn geradezu. Lautlos stand der alte Mann da und faltete die Hände. Das Mädchen war sein alles, und sein nasser Blick fragte den Professor: Haben wir's verschuldet, daß ich sie nicht mehr habe? Und nun kam die weise Tanzlehrerin, um Unterricht zu geben. Sie schlug, nicht ohne Grazie, die Hände über dem Kopfe zusammen und rief die aufklärenden Worte: »Louison ist auf irgend ein Theater gegangen und wird zugrunde gehen. Ein so junges, so schönes Mädchen ganz allein, jeglicher Verführung ausgesetzt; mon dieu, mon dieu, was tun?!« »Einen Theateragenten aufsuchen und hierher schicken, Madame,« sagte Rambert, »welcher Nachforschung anstellt bei allen Bühnen, zunächst hier in Brüssel, dann in der Provinz.« »Und dann in Frankreich!« setzte die Tanzlehrerin hinzu. »Warum nicht gar! So weit geht's nicht im Handumkehren. Hat sie denn Reisegeld?« »Vermutlich,« sagte betroffen Vater Miot. »In meiner kleinen Kasse, die nicht verschlossen war, fehlen hundert Franks.« »Damit kommt sie nicht weit. Also den Agenten, Madame, den Agenten!« Madame Tanzlehrerin eilte fort, so schnell es ihre grundsätzlich zierliche Gangart zuließ. Binnen einer Stunde war ein Theateragent zur Stelle. Er kannte Louison, denn er hatte sie neben dem Herrn Professor im Theater gesehen, und er hatte, wie er versicherte, sogleich die künftige dramatische Künstlerin in ihr 13 entdeckt. So sähe man nur aus, wenn man von Rasse wäre. Er hätte ihr schon Anträge machen wollen, und jetzt werde er sie – das unterliege keinem Zweifel! – sofort ausfindig machen, wenn Geld daran gewendet werde, Geld! Der Herr Professor gab ihm Geld, und gab ihm reichlich. Aber Tag um Tag, Woche um Woche verging, und Louison wurde nicht entdeckt. Wo war sie? – Sie hatte sich recht unscheinbar gekleidet, hatte ein Eisenbahnbillett für die letzte Klasse nach Valenciennes – also nach Frankreich – gelöst, war dort recta zum Schauspieldirektor gegangen und hatte sich zum Engagement gemeldet. Der Direktor war frappirt gewesen von der jugendlichen Schönheit und Anmut des Mädchens und hatte gleich ja gesagt. Dann erst hatte er sie gefragt, was sie für ein Repertoire habe. Sie hatte erwidert: »Ich spiele jede Rolle, wenn ich sie über Nacht im Hause habe.« »Ah so!« hatte er gelacht, »also gar kein Repertoire! Am Ende noch gar nicht gespielt?« »O ja. Aber nicht öffentlich. Glauben Sie mir getrost: von heut' zu morgen spiel' ich jede Rolle.« Er glaubte es zwar nicht, aber sie gefiel ihm so, daß er sie behielt und ihr zunächst ein paar kleine Rollen zuteilte, ja ihr sogar vorschußweise eine kleine Gage auszahlte. Sie mietete sich bei einer bescheidenen Bürgerfamilie ein ganz kleines Stübchen und war bei ihren Mietsleuten schon nach ein paar Tagen wie ein Kind vom Hause eingerichtet. Sie besaß eben eine entgegenkommende Freundlichkeit und ein so liebevolles Wesen, daß jedermann meinte, sie sei ihm besonders gewogen. Wohlgefälligkeit, diese Gabe des Himmels, war ihr in die Wiege gelegt worden. Die erste Probe kam, eine kleine Szenenprobe für sie, und alle Mitglieder des Theaters hatten sich als Zuschauer 14 eingestellt. Der Direktor hatte überall gesagt: ein wunderschönes Geschöpf, ein offenbares Genie sei diese Novize! Da wollten denn die Schauspieler die Schönheit genießen, und die Schauspielerinnen wollten sie kritisieren, um der Übertreibung widersprechen zu können. Man übertreibt ja immer, sagten sie, bei solcher Gelegenheit, und besonders ein Direktor tut das, um Zulauf herbeizulocken. Sie probierte ganz geschickt, aber zu ihrem eigenen Erstaunen ängstlich. Tapfer war sie aufgetreten, als es aber ans Sprechen kam, da fing sie an, sich zu fürchten. Daran, dachte sie, ist der Professor schuld! Sie sprach beklommen und machte den Eindruck einer gewöhnlichen Anfängerin. Des Abends ging's nicht besser. Alle Welt jedoch fand sie sehr hübsch. Der Direktor wurde still, und seine Hoffnung auf ein Kasse machendes Genie sank tiefer und tiefer, da eine zweite und dritte Rolle nicht besser ausfiel. Louison aber wurde in ihrer kleinen Wohnung – zum Staunen ihrer Vermieter! – sehr viel besucht von eleganten Männern, welche ihr sämtlich versicherten, daß sie eine ausgezeichnete Künstlerin wäre. Louison lachte zu diesen Versicherungen. Einzelne dieser Herren bewarben sich zudringlich um ihre Gunst – sie lachte auch dazu und öffnete rasch die Tür zu ihren Wirtsleuten unter dem Vorwande, daß es zu warm in ihrem Zimmerchen geworden wäre. Ihre Wirtin war eine ganz kluge Frau und noch nicht alt. Sie erklärte ihr, was diese zudringlichen Herren wollten. Louison sagte: »Aha!« und nickte. Die Wirtin setzte hinzu, diese Herren würden ihr auch Geld geben, viel Geld, wenn sie sich ihnen hingeben wollte. Darauf erwiderte Louison: »Das Geld könnt' ich wohl brauchen, aber was die Herren dafür haben wollen, das würde meinem guten Vater gar nicht gefallen, und das 15 gefällt mir auch nicht. Und ich brauche auch noch etwas nötiger als Geld.« »Was denn?« »Ich brauche Übung, um die dumme Angst los zu werden, und ich muß was lernen. Hier mit den kleinen Röllchen werd' ich die Angst nicht los, und ich lern' auch nichts. Ich bilde mir ein, wenn ich ordentliche große Rollen zu spielen hätte, da würde ich mit der größeren Rolle auch größere Courage kriegen. Man hat da mehr im Sinn und in der Hand, man ist nicht gleich fertig und kann in einer nächsten Szene gut machen, was man in der früheren verdorben hat. Ich glaube beinahe, ich sollte ein kleineres Theater aufsuchen, wo ich mehr zu tun kriegte. Außerdem ängstige ich mich freilich auch um meinen Vater, der nicht weiß, wo ich bin. Alle Tage will ich ihm schreiben. Aber wenn sie zu Hause erfahren, wo ich bin, da holen sie mich fort und lassen mich nicht weiter spielen. Richtig! Ich werde ihnen doch schreiben, aber ich werde den Ort nicht angeben, von wo ich schreibe. Morgen aber – erschrecken Sie nicht, ja so soll's werden! – morgen werd' ich von hier durchgehen und mir einen kleineren Ort suchen, wo nur ein kleines Theater ist und wo ich Rollen bekomme. Habe ich recht?« Die Frau Wirtin sagte, das verstände sie nicht; und am anderen Tage war Louison wieder verschwunden. Drittes Kapitel. Rambert war nicht mehr in Brüssel, als Louisons Brief ankam. Die Verzweiflung der Eltern hatte ihn gepeinigt, er war nach Paris zurückgekehrt. Hier bewohnte er in den Champs Elysées ein Haus, welches ihm gehörte. Es war nicht groß, aber es bot für einen einzelnen Herrn überflüssigen Raum. Es war ein 16 Stockwerk hoch, und der erste Stock enthielt sechs Zimmer: einen großen Salon, ein großes Arbeitszimmer, ein Bibliothekzimmer, ein Schlafzimmer, daneben ein Ankleidezimmer und ein Badezimmer. Dort wohnte er ganz allein. Im Erdgeschoß rechts vom Eingang war sein Speisezimmer, Rauchzimmer, Billardzimmer und Garderoberaum. Links vom Eingange war die Wohnung für Diener, Wirtschafterin, Köchin, Stubenmädchen und die Küche. Kutscher und Reitknechte wohnten bei der Stallung, welche seitwärts am Garten stand und für sechs Pferde, Wagen- und Reitpferde, Raum bot. Der Garten hinter dem Hause war nicht groß, aber reich an großen Linden und Ahornbäumen. Er fuhr oder ritt täglich mehrere Stunden aus. Vorzugsweise ins Bois de Boulogne und darüber hinaus, zuweilen auch durch die ganze Stadt Paris. Es interessierte ihn, was da gebaut wurde und was da vorging. Abends fuhr er ins Théâtre français oder in die Oper, in die große Oper wie in die komische. In anderen Theatern sah er nur erste Vorstellungen an, und zwar nur im Gymnase, Vaudeville, Odéon und den Variétés . Die ferneren Boulevardtheater unter jeweiliger Ausnahme der Porte St. Martin besuchte er gar nicht. La Gaité, Ambigu comique usw. waren nicht seine Sache. Bei seiner Rückkehr von Brüssel war er recht verstimmt. Das Verschwinden dieser Louison machte ihm Sorge, weil er sich einige Schuld beimaß. Ärgerlich teilte er dies seinem Freunde Juron mit. Freund ist nicht das richtige Wort, er hatte eigentlich keinen Freund. Er war wohl zu sehr Egoist, um Freundschaft zu hegen; es fehlte ihm in seiner unabhängigen Lage an dem Bedürfnisse eigentlicher Freundschaft, und es fehlte ihm an Hingebung. Juron, mit welchem er viel verkehrte, war ihm nur ein Genosse. Er sah ihn gern bei sich, weil er durch ihn alles erfuhr, was in Paris vorging, die literarische Welt betreffend wie die politische 17 und gesellschaftliche. Der Familienklatsch, der Umgangsklatsch fehlte dabei nicht, und er bringt doch eine gewisse Mannigfaltigkeit herbei. Er selbst, Rambert, verkehrte mit Familien und mit der Gesellschaft überhaupt gar nicht. »Das nimmt nur in Beschlag,« sagte er, »kostet Zeit, verlangt Teilnahme für unnützen Kram und belastet oft mit lästigen Verpflichtungen.« Juron war sein Widerspiel. Nicht daß er mehr Herz für andere gehabt hätte; o nein! er war ganz herzlos, was man von Rambert durchaus nicht sagen konnte. Juron war der Unterhaltung bedürftig, der Abwechselung. Er wollte von allem wissen, er wollte überall zusehen; und da er ein Mann von Geist war, so hatte ihn dies sein Naturell zur Schriftstellerei in den Journalen geführt. Indessen schrieb er zunächst nur kleine Artikel, sogenannte Entrefilets, welche in ihrer scharfen Fassung vielen Journalen willkommen waren. Sie wurden ihm auch gut bezahlt, und das war für ihn nicht unwichtig, denn er war ohne Vermögen. Wohl auch deshalb hielt er so treu zu Rambert, dessen freigebiger Haushalt mancherlei Bequemlichkeit bot. Von Hause aus Jurist, hatte er doch diese Laufbahn aufgegeben, weil sie ihm zu trocken war und weil man ihm beizeiten gesagt, daß er gut schriebe. Junggesell war er wie Rambert, und ans Heiraten dachte er so wenig wie dieser. Aber er hatte niemals wie Rambert edle Neigungen gepflegt, welche vergangen waren und volle Stille zurückgelassen hatten. Diese Stille war bei Rambert doch nicht ganz ohne edle Erinnerung. Juron war vom Liebesleben mit Frauen keine Spur im Herzen geblieben. Dabei war er ganz im Gegensatze zu Rambert immer verliebt. Ein angehender Vierziger wie Rambert, aber von ungünstigem Äußeren – er war lang, mager und sein Kopf mit wenig Haaren sah verdrießlich aus – war er gewissermaßen auf ein Raubleben angewiesen im Liebesbedürfnisse. Das gelang 18 ihm zuweilen in überraschender Weise, weil er gefürchtet war bei Sängerinnen, Tänzerinnen und Schauspielerinnen, welche nicht öffentlich gesagt haben wollten, daß ihr schön aussehender Pfirsich doch einen schwarzen Punkt habe, gefürchtet wegen der gefährlichen Entrefilets. Er speiste oft bei Rambert, welcher eine sehr gute Küche führte, und Rambert erzählte ihm denn gleich beim ersten Wiederbegegnen warum er verstimmt sei wegen Louison. Juron lachte und meinte, dieser Vogel Louison sei ja leicht einzufangen »Du bist verliebt in sie?« »Bewahre!« »Oder noch ärger: du liebst das Mädchen! Denn du beschreibst sie ja wie ein Zauber von Anmut.« »Herr Gott nein! Ich bin weder verliebt in sie, noch lieb' ich sie. Louison ist ja noch ein Kind, und mir ist gar kein Liebesgedanke nahe getreten bei dem angenehmen Kobolde. Aber wie findet man sie auf?« »Soll ich's besorgen?« »Wenn du kannst!« »Freilich kann ich's. Theaterpersonal, soweit es französisch spricht, ist hier in Paris unfehlbar zu entdecken. Miot heißt sie?« »Ja.« »Ich besorg' es.« Das war leicht gesagt, aber schwer getan. Sie hieß auf dem Theaterzettel eben nicht Miot. Nach einiger Zeit mußte Juron eingestehen, daß es nicht gelinge, eine Demoiselle Miot aufzufinden. »Aber,« setzte er endlich weise hinzu, »vielleicht nennt sie sich nicht Miot!« »Wer weiß es!« Da kam ein Brief von Mama Miot an den Herrn Professor. Er war nicht allzu orthographisch, aber er berichtete doch klar, daß die Tochter endlich geschrieben habe, daß sie wirklich Theater spiele und sich wohl befinde. Papa 19 möge ihr alles verzeihen. Leider habe sie vergessen, den Ort anzugeben, von welchem aus sie geschrieben, der Agent habe jedoch gesagt, das könnte man aus dem Poststempel erfahren, und da habe man mit Mühe zusammenbuchstabiert, daß der Ort Valenciennes heißen müsse. »Na, da haben wir ja, was wir brauchen. Also nach Valenciennes, wenn du Reisegeld daranwenden willst!« »Das muß ich wohl,« sagte Rambert, »meines Gewissens halber. Willst du vielleicht selbst –?« »Ich selbst. Ein schönes Mädchen zu entdecken und zu –« »Juron, keine Späße! Das Mädchen ist rein wie Morgentau.« »Der bereits einige Monate im Theater liegt, ja doch – einerlei, ich reise morgen.« Viertes Kapitel. Er fand sie natürlich nicht. Sie war indes nur einige Stationen weit bis nach St. Quentin gekommen und hatte dort einen alten wohlerfahrenen Direktor gefunden, welcher klüger war als der in Valenciennes. Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit hatte er wie dieser zu schätzen gewußt, aber er hatte sie geschickter ausgefragt und sie erst infolge einer intimen Unterhaltung engagiert. »Sie sind,« hatte er gesagt, »was wir eine › ingénue ‹ nennen, und müssen also ganz anders beschäftigt werden, als man's in Valenciennes getan. Hier sind drei Rollen. Flugs lernen und dann zu mir kommen. Des Abends nach der Vorstellung. Da nehmen wir sie zusammen durch, fröhlich und dreist, und ich sage Ihnen einige kleine Hilfsmittel. So wird's rasch vorwärts gehen.« Und so war's auch gegangen. Er hatte sie frei gemacht von allem, was ihr Rambert eingetrichtert, ganz frei. Sie durfte und mußte ganz ungeniert sprechen, wie ihr der Schnabel 20 gewachsen war. Mit höheren Worten: sie mußte und durfte sich ganz ihrem Naturell hingeben und sich um gar nichts weiter kümmern. Das geriet gleich beim ersten Male gut. Man applaudirte. Augenblicks wuchs ihr Vertrauen, ihre Angst wich hinweg wie ein Nebel, sie gab sich der Situation rücksichtslos hin, ließ sich fröhlich gehen und wurde binnen wenig Wochen ein Liebling des Publikums von St. Quentin. So stand's mit ihr, als Juron durch St. Quentin reiste, ohne zu ahnen, daß sie dort wäre. Er kam nach Valenciennes und fand keine Demoiselle Miot auf dem Theaterzettel, und auch im Theater, wo er nachfragte, kannte man keine. Auch der Direktor wußte keine Auskunft zu geben, bis Juron das Mädchen nach Ramberts Schilderung näher beschrieb. »Ah,« rief er, »das kann die schöne Louison sein, welche uns durchgegangen!« – »Wohin?« – »Das weiß ich nicht. Fragen Sie bei ihren Wirtsleuten!« – Das tat Juron, und da kam zu Tage, daß sie einen Brief an Mr. Miot nach Brüssel gesendet – sie war's also! »Wohin ist sie gereist?« Die Bürgersleute wußten nur, daß sie nach der Pariser Richtung gefahren wäre. Nach dieser Richtung fuhr nun auch Juron und stieg in jedem Orte aus, wo es ein Theater gab, um nach Demoiselle Louison zu fragen. Es gab keine. Endlich nach mehreren Tagen stieg er auch in St. Quentin aus und fand auf dem Theaterzettel: »Der Weg durchs Fenster. Lise Pomme – Demoiselle Louson .« Da war sie gefunden. Er suchte sie nicht sogleich auf, sondern ging abends ins Theater, um sie spielen zu sehen. Er war entzückt. Louison war jedoch gar nicht entzückt über ihn, als er zu ihr kam. Er gefiel ihr ganz und gar nicht, obwohl sie seine dramaturgischen Auslassungen über sie, über die Schauspieler neben ihr und über Komödie überhaupt mit offenem Munde staunend anhörte. Denn davon verstand sie trotz 21 ihrer Unerfahrenheit mancherlei, und dies Mancherlei erschien ihr richtig und wichtig, jedenfalls richtiger, als was Herr Rambert über das Theaterwesen gesagt. Aber wenn auch Herr Rambert, wie sie jetzt glaubte, das Richtige nicht getroffen, wie gern dachte sie an ihn, wie hoch hielt sie ihn neben diesem Herrn Juron! Denn zudringlich gebärdete sich dieser in widerwärtiger Lüsternheit, deren sie sich kurz angebunden erwehrte. Sie wußte überhaupt noch nichts von Neigung zum Manne. Die Männer waren ihr alle gleichgültig, auch die schönsten. Und nun gar ein so garstiger wie dieser Pariser Herr Juron! Endlich brachte aber dieser Herr Juron doch zum Vorschein, was einen Eindruck auf sie machte: er wollte sie nach Paris bringen. Nach Paris! Ah, das war ja ihr höchster Wunsch! »Und was würde Herr Rambert dazu sagen?« rief sie vergnügt. »Er erwartet Sie. Er richtet eine Wohnung für Sie ein in seinem Hause.« »O, das wäre charmant! Da schreib' ich gleich meiner Mama, daß sie kommt und mich begleitet.« – Sprach's und eilte an den Schreibtisch. Eine Mama! Juron sah süßsauer drein; aber was blieb ihm übrig? Er brauchte auch nicht lange zu warten; nach fünf Tagen war die belgische Mama in St. Quentin, machte ihrer Tochter die unerläßlichen Vorwürfe, war aber bereit, mit ihr nach Paris zu gehen. Wenn's denn einmal nicht anders wäre und es beim Komödienspiel bleiben sollte, dann müßte doch das junge Mädchen einen weiblichen Schutz bei sich haben! So sagte sie getrost zu Herrn Juron, welcher sich anständig verbeugte. Es stand nichts mehr im Wege, als das Engagement in St. Quentin, welches bis zum Schlusse der Saison galt. Da half der Frühling. Er war warm vorgerückt, und mit 22 den wärmeren Tagen wurde das kleine Theater überhaupt geschlossen. Der brave alte Direktor hatte Louison gern und wollte ihrem Glücke nicht im Wege stehen; er bedang sich nur noch ein paar Benefizvorstellungen aus, welche ihm ein paar gute Einnahmen verschaffen konnten, und damit war auch Louison einverstanden. Denn ihre Eitelkeit fand bei solchen Extraabenden unter ihrer Firma immerhin ihre Rechnung, und an solcher Eitelkeit fehlte es ihr schon nicht, wenn diese auch noch mäßig war. Dabei sah Mama ihre Tochter zum ersten Male Komödie spielen, und sah sie unter den günstigsten Umständen. Sie fand natürlich, daß ihre Tochter ein beispielloses Talent wäre und daß dies dem Papa Miot ausführlich geschrieben werden müßte. So kam's, daß diese drei Personen, Herr Juron, Madame und Demoiselle Miot, eines sonnenhellen Morgens nach Paris fuhren. Herr Juron bestritt die Reisekosten, wozu ihn ja Herr Rambert ausgerüstet, und er hatte natürlich auch nicht unterlassen, Herrn Rambert Tag und Stunde der Ankunft brieflich zu melden. Rambert war darüber sehr erfreut. Sein Gewissen war nun beruhigt, und bei der günstigen Schilderung Jurons von Louisons Talent, welches er verkannt hätte, war er nun selbst der Meinung, daß er ihr in Paris eine vorteilhafte Laufbahn bereiten könnte. An die Spiegelfechtereien einer » ingénue « hatte er freilich in Brüssel nicht gedacht. »Sei's denn,« sagte er, »jetzt mit einer ingénue versucht!« Er ließ unten rechts, wo das Speisezimmer war, eine Wohnung einrichten für Mutter und Tochter. Dazu war Raum genug vorhanden; der Speisesalon war sehr groß, das Rauch- und das Billardzimmer waren sehr geräumig, wenn man das Billard entfernte. Dahinter waren auch noch Räume, welche bisher unbenutzt geblieben waren, und das Vorzimmer faßte zahlreiche Schränke für die Garderobe der 23 Künstlerin. Zu seinem Speisezimmer sollte künftig oben das Bibliothekzimmer gemacht werden. Es kam alles in gute Ordnung. Zur bestimmten Stunde kamen sie an, und Louison fiel Herrn Rambert fröhlich um den Hals, küßte ihn und nannte ihn Onkel. Sie war allerliebst. Die Dienerschaft Ramberts sah das und wunderte sich höchlich. Jean besonders, der Kammerdiener, war starr. Diese Dienerschaft mußte sich eben daran gewöhnen, daß ihr sonst so vornehmer einsiedlerischer Herr ein Familienleben einführte. Nach Verwandten sah doch Mama Miot nicht aus! Das Haus verlor an Ansehen, und jeder vom Dienstpersonal bekam mehr Arbeit. Jean fand es einfach unschicklich. Louison und Mama richteten sich schnell ein. Das gehört auch zum Talent einer Schauspielerin, leicht und rasch ein wohlversehenes Zelt aufzuschlagen. Was an häuslicher Bequemlichkeit etwa fehlte, das benannte Louison unbefangen, und Rambert ließ es sogleich anschaffen. Über Mein und Dein hatte sie gar keine Skrupel, und der Gedanke schien ihr ganz fremd zu sein, daß der gute Herr Rambert alles bezahlen müßte. Die Sache war entweder da oder sie kam wie beim Tischleindeckdich sofort. An die Märchenwelt des Tischleindeckdich glaubte sie ohne Nachdenken., das gehörte zum Künstlerleben. Die Mama ging zufrieden mit. Sie fand es ganz in der Ordnung, daß ihre Tochter ein Mittelpunkt gefälliger Männerwelt, daß sie ein Genie wäre, für welches keine Geldausgabe zu hoch sein könnte. Sie sah behaglich zu, wenn alle Tage zum Diner neue Gäste kamen, Freunde oder Bekannte Ramberts und Jurons, oder auch Unbekannte, welche plötzlich Visite gemacht, um sich Louison vorstellen zu lassen und nun beim Champagner das Hoch der jungen Künstlerin ausbrachten. Sie fand es unterhaltend, daß ein Rundgang in allen Pariser Theatern beschlossen wurde, damit Louison die Pariser Komödie in allen Gattungen kennen lernte. 24 Diese Tournée, wie die Franzosen sagen, nahm ein paar Wochen in Anspruch und war in der Tat sehr lehrreich für Louison. Sie war auch für Rambert interessant, insofern er den Geschmack Louisons bei den sehr verschiedenen Genres beobachten konnte. Er gab das höhere Genre des Théâtre français immer noch nicht auf für Louison, und man mußte ihm zweimal dahin folgen, einmal zu einer Tragödie und das andere Mal zu einem Konversationsstücke. »Siehst du wohl,« flüsterte er Juron zu, »wie aufmerksam sie der Tragödie folgt!« – Juron schüttelte das Haupt. Es war aber richtig: Louison sah und hörte mit voller Aufmerksamkeit zu. Nach der Vorstellung jedoch sagte sie nur zögernd einige Worte darüber auf Ramberts Frage, und als er sie drängte, ausführlich zu sprechen, da setzte sie mit einiger Verlegenheit hinzu: »Ich bin dafür offenbar noch zu einfältig. Ich verstehe wohl den Hergang und die schönen Reden, ich glaube auch gern, daß das was Ausgezeichnetes ist, aber es kommt mir doch alles fremdartig vor und – wenn ich's sagen darf – unnatürlich. Man braucht gewiß dazu mehr Bildung, als ich besitze.« »Also« – sagte Rambert – »mit der Bildung wird dein Geschmack sich dazu erheben?« »Das weiß ich nicht; das mußt du besser wissen.« Sie nannten sich du, wie das schnell zu geschehen pflegt zwischen Künstlern und Kunstfreunden. Beide Teile wollen geschwind über die alltägliche Konvenienz hinaus. Nach dem zweiten Abend, nach einem Konversationsstücke, äußerte sie sich munterer und erfreuter. Aber doch auch nicht enthusiastisch, wie man's von einer Schauspielerin aus der Provinz, welche nie eine so vollendete Vorstellung gesehen, hätte erwarten sollen. Dabei wußte sie jedoch, die Tragödie und das Konversationsstück betreffend, genaue Rechenschaft zu geben von allen Einzelheiten und namentlich vom größeren oder geringeren Verdienste der Schauspieler. Man sah, daß sie genau und gleichsam sachmäßig zugeschaut und zugehört hatte. 25 Als nun die Boulevardtheater, Gymnase, Variétés und so weiter, an die Reihe kamen, da wurde sie lebhafter und immer lebhafter, da gefielen ihr die Stücke der Darsteller sehr. Selbst den ferneren Boulevardbühnen, Gaité, Ambigu comique, zeigte sie munteres Interesse. Auch dem Schauerdrama in der Porte St. Martin folgte sie mit vollem Anteil, aber sie wußte nichts Besonderes darüber zu sagen. Das Thema über die Natur und ihr künstlerisches Wesen war nun Gegenstand der Debatte zwischen Rambert, Juron und einigen näheren Bekannten, welche sich dem Huldigungswagen dieser schönen neuen Künstlerin angeschlossen. Man debattirte wohl auch in ihrer Gegenwart, und sie hörte lachend zu, mitunter jedoch auch sinnend. – Unter den Besuchern kam auch einmal ein Herr Lauriston, welchen Rambert einen vornehmen Poeten nannte. Louison wurde seiner aber nicht gewahr. Er blieb schweigsam abseits und kam auch nicht wieder. Wie nun die Pariser Karriere beginnen? Das wurde die herrschende Frage. Sie wurde bald dahin entschieden, daß Louison jetzt bei voll hereinbrechendem Frühling kurz vor dem Schlusse der Saison nicht auftreten dürfte. Denn dies würde den Eindruck beeinträchtigen. Erst im Herbste sollte sie auf der Pariser Bühne erscheinen, und Juron hatte bereits Anträge von mehreren Direktoren. Louisons Erscheinung hatte schon hinreichendes Aufsehen gemacht. Das war eigentlich Louison gar nicht recht. Sie wollte gleich auftreten und fügte sich ungern der ganz bestimmten Widerrede Ramberts. Dieser verlangte auch nachdrücklich, daß sie wieder Sprechstudien vornehmen sollte bei ihm; sie hätten ihr doch gewiß treffliche Dienste geleistet für ihre Rollen in St. Quentin. Das gefiel ihr gar nicht. Solch gelehrtes Lernen war nicht nach ihrem Sinn. Am Ende gab sie jedoch der Mama nach, welche sagte: »Der Herr Professor tut viel für dich, solche Gefälligkeit bist du ihm schuldig.« 26 Sie fügte sich also, war aber nur da nachgiebig, wo es sich um gute französische Aussprache handelte, blieb dagegen eigensinnig, wo Rambert die herkömmliche Betonung des Sinnes verlangte. Es besteht dafür bei den Franzosen eine genaue und ganz unerbittliche Tradition, und auf diese ging das dreiste Mädchen durchaus nicht ein. Dabei war doch ihr Verhalten zu Rambert, dem schönen stattlichen Manne, ein vertrauenvolles, ja ein grenzenlos vertrauenvolles, ein nahezu zärtliches ohne eigentliche Zärtlichkeit. Sie hatte ihn gern, mochte man sagen. Und von ihm galt dasselbe. Auch er hatte sie gern, ohne daß ein eigentlicher Liebesfunke in ihm vorhanden war. »Sie ist immer noch ein halbes Kind!« sagte er, »und ihr Herz ist noch unberührt. Vielleicht,« setzte er hinzu, »vielleicht bleibt das immer so.« Und er hatte nichts dagegen. Diese Ansicht erhielt plötzlich einen Stoß. Nachdem man in allen Theatern gewesen, geriet man eines Abends in den Zirkus, und dort gefiel es Louison außerordentlich. Als die Clowns auftraten und ihre derben Späße ausstreuten, da lachte sie geradezu unanständig. Besonders einer dieser Clowns, ein Spanier des Namens Rosas, erheiterte sie bis zu völliger Ausgelassenheit. Zum Erschrecken Ramberts verließ sie ihren Sitz und stieg über die Bänke hinab bis dahin, wo nur noch eine leichte Barriere sie vom Boden der Arena trennte. Hier klatschte sie unaufhörlich in die Hände und rief so lange: »Bravo, Rosas! Bravo, Rosas!« bis dieser mit einem Kernspaße und Sprunge dicht bei ihr war und sie lustig anredete. Sie antwortete ebenso lustig, und das ganze Auditorium applaudierte diesem improvisierten Dialoge zwischen einem bildschönen Mädchen und einem kräftigen Clown. Er war von wohlproportionierter Mittelgröße und von kautschuckartiger Geschmeidigkeit der Glieder, mit denen er Bewegungen machte von ungemeiner Art und von komischer Wirkung. Der Kopf, eingerahmt von schwarzem Haar 27 und Bart, hatte etwas Martialisches, und sein gebrochenes Französisch, welches er mit starker Stimme hervorstieß, erhöhte den komischen Effekt seiner in die Luft geworfenen Späße. Rambert war entsetzt über ihr Betragen und schickte ihr die Mama nach, um sie zu holen. »Adieu, Rosas, auf Wiedersehen!« rief sie und kehrte lachend mit der scheltenden Mama zum scheltenden Herrn Rambert zurück. »Was ist's denn da weiter,« sagte sie, »wenn ich dem prächtigen Rosas meinen Beifall ausdrückte? Er amüsiert mich königlich, er hat ein großes komisches Talent. Ich möcht' ihn alle Tage sehen und hören.« Dieser Wunsch schien sich auch zu erfüllen. Rosas hatte sich erkundigt nach dem schönen Mädchen, hatte ihre Adresse ausgeforscht und erschien um Mittag des nächsten Tages in ihrer Wohnung, ihr seine Aufwartung zu machen und sich ihrem ferneren Wohlwollen zu empfehlen. Louison war ganz erbaut von seinem Besuche und freute sich, ihn auch in bürgerlichem Anzuge lustig und komisch zu finden. Er war ganz elegant gekleidet, und nur Weste und Halstuch in grellen Farben erinnerten daran, daß er einen sehr in die Augen fallenden Geschmack hätte. Mama war erschrocken über diese Visite. Was würde Herr Rambert dazu sagen! Am Ende kündigte er ihnen die Gastfreundschaft! Zunächst müßte ihm dieses Ereignis jedenfalls verborgen bleiben. Wenn ihn nur Jean, der gestrenge Kammerdiener Jean nicht gesehen hatte! Dabei mischte sie sich aber doch in das Gespräch, um beiläufig etwas Näheres zu erfahren über die Verhältnisse Sennor Rosas', namentlich wie viel er Gage hätte und ob er verheiratet wäre. Er war nicht verheiratet, behauptete, aus guter Familie zu stammen, und nannte eine Gagensumme, die hoch war. »Ich verbrauche sie nicht,« setzte er hinzu, »habe brav gespart und besitze schon ein artiges Vermögen. Wenn mich« 28 – flüsterte er der Mama ins Ohr – »wenn mich Ihre Fräulein Tochter heiraten wollte, ich möcht' es gleich, so würde sie's gut haben, und wenn sie selbst eine glänzende Theaterkarriere macht, was ich bestimmt glaube, so werden wir in Paris eine solide und glänzende Ehe führen.« Für Mama Miot war dies von Wichtigkeit. Ihr erster und letzter Gedanke war eine gute Verheiratung Louisons. Herr Rambert und dessen Freigebigkeit gefielen ihr wohl, aber das ist doch, sagte sie sich, nur eine angenehme Laune. Die geht vorüber und gewährt keine Sicherheit. Auch die Theaterlaufbahn Louisons hielt sie nicht für sicher. Theater! Theater! meinte sie, ist doch ein wandelbar Ding. Und wenn dem Kinde was passiert, wenn sie krank wird oder auch nur heiser, oder wenn sie gar bei ihrer Lebhaftigkeit einmal eine Gliedmaße bricht – aus ist's alsdann mit dem ganzen Schwindel! Nein, schloß sie, ein Mädchen braucht einen zuverlässigen Ehemann, und dieser Rosas scheint zuverlässig zu sein. Sie begünstigte es also, das Sennor Rosas alle Tage um zwölf Uhr zum Besuche kam und wenigstens eine Stunde verblieb, ehe man hinaufging zum Frühstück mit Herrn Rambert. Sie ging auch oft in ein anderes Zimmer, damit die jungen Leute nicht geniert wären, wenn sie sich Heimlichkeiten zu sagen hätten. Hiermit setzte sie die ganze angenehme Existenz ihrer Tochter aufs Spiel. Wenn Herr Rambert von einer solchen Liebschaft erfuhr, so mißfiel ihm das gewiß in hohem Grade und er zog seine Hand ab von den weiblichen Miots. Es konnte aber gar nicht ausbleiben, daß er es erfuhr. Am Ende erzählte es ihm Louison in ihrer unbekümmerten Naivität. Sie hatte es bis jetzt nicht getan – was die Mama fast verwunderte und was der Mama den Glauben erweckte, Louison meine es ganz ernsthaft mit der Vorliebe für Rosas. 29 Tat sie es auch wirklich nicht, so tat es doch wahrscheinlich Jean, der Kammerdiener. Jean war sehr stolz und hielt auf den Stolz seines Herrn. Er war ein mageres Männchen von etwa vierzig Jahren, also vom Alter Ramberts. Er trug sich sehr elegant, schon um seinem Herrn Ehre zu machen, wie er zu sagen pflegte. Denn außer dem Wohlbefinden seines Herrn war ihm dessen Vornehmheit der wichtigste Punkt. Er pflegte mit Empfindung zum Maître d'hotel eines Pairs von Frankreich zu sagen: »Es ist vornehmer, wenn man keinen Titel braucht, um vornehm zu sein. Mein Herr ist so reich wie irgend ein erblicher Pair, und was dazu kommt, mein Herr ist hochgebildet und zu seinem Vergnügen, zum bloßen Luxus nebenher ein großer Gelehrter, ja er ist, und das bedeutet noch mehr! er ist ein Mann von Geschmack. Das läßt sich gar nicht lernen und nicht erwerben, das ist eine seine Gabe Gottes.« Diesem Jean mit solchen Grundsätzen war die Wirtschaft mit der jungen Schauspielerin und gar mit der gewöhnlichen Mama im Hause von vornherein unangenehm gewesen. Er hatte es entschuldigt mit der Schönheit und dem Liebreiz Louisons. Denn diesen Liebreiz empfand auch er wie alle Welt. Louison war überall von der Dienerschaft sehr geliebt, weil sie freundlich, ja liebevoll gegen dieselbe war. Auch Jean war dadurch bestochen. Aber die Mama mißfiel ihm positiv, und als der Clown Rosas zum Besuche kam, war er höchst pikiert. Er war ja mit im Zirkus gewesen, er erkannte ihn sogleich im Zivilkleide und der geschmacklosen roten Kravatte, für ihn ein Gegenstand der Verachtung. Ein Clown mit rotem Halstuch, fi donc! Und dieser Clown kam wieder und wieder. – »Nein!« sagte er »das geht nicht! Und dazu die Höflichkeit der alltäglichen Mama gegen den Gesellen – nein, o nein!« Er konnte das alles beobachten, er wohnte unten gegenüber, und er machte sich außen zu tun, wenn der Weggang 30 des Possenreißers, wie er ihn nannte, zu erwarten stand, und wenn Mama beim Abschied zum Wiederkommen einlud. »Dem muß ein Ende gemacht werden,« sagte Jean, und damit die Kenntnisnahme von dieser üblen Aufführung vollständig einschlüge bei Herrn Rambert, zog er Herrn Juron ins Vertrauen, damit dieser die garstige Nachricht an Herrn Rambert bringe. Juron hörte aufmerksam zu, als Jean die Klage vorbrachte. Ihm kam der Fehl Louisons erwünscht. Dies Mädchen hatte so gar kein Entgegenkommen bewiesen für seine Zärtlichkeit, sie kümmerte sich fortwährend so gar nicht um ihn, sie spottete wohl gar zuweilen über seine Bosheiten gegen alle Welt – ihr war eine Lektion heilsam. Er sagte also Rambert alles. Rambert fand die Sache sehr widerwärtig. Zunächst indes schob er Juron einen Teil der Schuld zu. »Wieso?« »Du bist immer dagegen gewesen, daß ich sie zu ordentlichen Studien nötigte, zu Corneille und Racine. Das hätte ihren Sinn gehoben und vom Gefallen an ordinären Späßen abgewendet.« »Redensarten! Hier handelt es sich nicht bloß um Späße, sondern um eine Liebschaft.« »Das glaub' ich nicht.« »Ich werd' dir's beweisen. Jetzt ist's gegen eins; der Clown ist lange da, jetzt nimmt er Abschied und die Zärtlichkeit steigt zur Höhe; jetzt geh' ich hinab und trete rasch ein. Ich werd' dir erzählen, wie ich die jungen Leute gefunden; es sind junge Leute!« Und eiligst ging er hinab. Er hatte ganz recht: es war der richtige Augenblick. Louison und Rosas hatten sich wie gewöhnlich lustig unterhalten; Rosas hatte Schnurren erzählt und mitunter ausführlich vorgetragen, wobei er alle körperlichen Schwenkungen 31 machte wie im Zirkus. Das Zivilkleid war ihm dabei gar nicht im Wege: es war nicht eng geschnitten und gestattete einen Sprung über Tisch und Sessel. Ja, dieser Sprung nahm sich fast noch komischer aus als im Zirkus, weil die Zivilkleider einen kuriosen Kontrast bildeten. War solche dialogische Unterhaltung erschöpft – Louison hatte ihre lustigen Bemerkungen dazu gegeben –, dann kam eine Sammlung von schlanken Druckschriften an die Reihe, welche er mitgebracht. »Ein Vademekum für Lacher«, das war eine Sammlung von komischen Zwiegesprächen, ein Auszug von Schnurren und schlagenden Witzen, welche Louison und Rosas nun gemeinschaftlich lasen, um gemeinschaftlich zu lachen. Heute war das besonders gut geraten, und Louison war vom Sitze aufgesprungen, um zu ausgelassenem Lachen im Zimmer umherzutollen. Rosas war ihr gefolgt, hatte sie um die Taille genommen, damit sie stehen bliebe, und war eben im Begriff, sie zu küssen, wenigstens auf die Wange zu küssen, da ihr Mund noch ein wenig abseits war – da ging die Tür auf, und Herr Juron stand im Zimmer. Louison war so unachtsam gewesen, die Tür nicht ordentlich zu schließen; sie war eine Ritze breit offen geblieben. Juron hatte also eine ganze Weile zuhören, ja fast zusehen können, und er war just da eingetreten, wo ein zärtlicher Abschluß, den er unterbrechen wollte, in Szene gesetzt wurde. Rosas trat eiligst zur Seite, er schien betroffen zu sein von dieser Störung. Louison blieb ruhig stehen. »Es tut mir leid,« sagte Juron boshaft, »gestört zu haben.« »Mir auch!« erwiderte Louison. »Ah, Ihnen auch? Offenherzigkeit ist eine schöne Sache. Ich habe das Vergnügen, Sennor Rosas zu sehen, Clown im Zirkus?« 32 »Der bin ich.« »Gratuliere, gratuliere! Lassen Sie sich nicht vertreiben.« »Ich war ohnehin im Begriff, Abschied zu nehmen.« »Hab's bemerkt.« »Und so hab' ich die Ehre.« Er küßte der immer ruhig dastehenden Louison die Hand und ging. »Vergessen Sie ja nicht,« rief sie ihm nach, »mir die Fortsetzung des Vademekums zu bringen!« »Des Vademekums?« sagte Juron und nahm die schlanken Druckschriften in die Hand. »Ah, welch eine edle Literatur! Viel unterhaltender als Racine.« »O ja. Ihnen wird's nichts helfen, Ihnen wird das Lachen zu schwer.« »Allerdings wird es mir schwer zu lachen, wenn ich sehe, wie sich eine junge Künstlerin wegwirft an Fadaisen und an einen Zirkusclown.« »Wie so denn wegwirft?« »Eine Liebschaft mit einem Clown heißt unter gebildeten Leuten: sich wegwerfen.« »Eine Liebschaft?« »Der Clown hat Sie ja eben geküßt!« »Nicht ganz. Und was weiter?« »Was weiter? Wollen Sie ihn vielleicht heiraten?« »Heiraten? O nein. Ich will überhaupt nicht heiraten. Mit Rosas habe ich auch keine Liebschaft, das ist lustige Unterhaltung, welche ja Sie nichts angeht. Sie sind ja nicht mein Vormund.« »Nun denn, Herr Rambert ist es doch wohl einigermaßen durch die überschwengliche Gastfreundschaft, welche er Ihnen angedeihen läßt, und es zeigt geringe Dankbarkeit von Ihnen, wenn Sie in solcher Weise sein Vertrauen, seine Freundschaft, seine großen Geldopfer vergelten.« »Dankbarkeit? Ehrlich gesagt, ich höre immer davon 33 sprechen, muß aber offen gestehen, daß sie mir unbekannt ist.« »Unbekannt?! Nun wahrhaftig, Ärgeres kann doch ein junges Geschöpf nicht sagen!« »So? Das mag wohl sein. Nun. da Sie mir mein Betragen so arg vorwerfen, besonders darum, weil Herr Rambert mir so große Opfer bringt, so wollen wir ihn selber fragen, ob er so schlimm von mir denkt. Tut er das wie Sie, dann wird es wohl schicklich sein, daß ich ihm die ferneren Opfer erspare und meine Wege allein gehe. Steigen wir hinauf zu ihm und hören wir, was er sagt.« Der sonst ziemlich zynische Herr Juron stand ganz starr da bei solchen Worten. »Gehen Sie voraus, Herr Juron, um mich ungestört anzuklagen, ich komme bald nach; meine Friseuse wartet.« Fünftes Kapitel. Rambert hatte schweigend den Bericht Jurons angehört, völlig schweigend. Juron war entrüstet über dies Schweigen und sagte heftig: »Ja, soll dieses moralisch verdorbene Weib noch länger auf deine Kosten verpflegt werden?« »Moralisch verdorben? Das nimmt sich kurios in deinem Munde aus, der du sonst in der Kunst und im Kunstgetriebe nichts von Moral wissen willst!« »Alles hat seine Grenze. Grundsätzliche Undankbarkeit eines jungen Geschöpfes ist ja doch entsetzlich.« »Ist hier wohl nur leichtsinnige Phrase. Das Mädchen wird wohl besser sein, als es sich selber schildert. Es kann aber auch sein, daß sie erst unglücklich werden muß, ehe ihre egoistische Frechheit zu Boden fällt. Gönnen wir ihr noch einige Zeit des gedankenlosen Glückes. Der Geschmack für den Clown ist das Schlimmste. Dem müssen wir sie entziehen. Der Sommer kommt; ich werd' sie auf meinen 34 Landsitz in der Gironde mitnehmen und dann in ein Seebad – da ist sie!« Louison trat unbefangen ein, küßte wie gewöhnlich den guten Onkel Rambert auf die Wange und fragte ganz fröhlich nach dem Spruche des hohen Gerichtsherrn. »Ich bin nicht dein Gerichtsherr; ich bin, wie du sagst, dein Onkel. Als solcher frag' ich dich: Liebst du den Clown und willst du ihn heiraten?« »Herr Gott, laßt mich doch endlich mit dem Heiraten in Frieden! Ich denke nicht daran; ich stell' mir's vor als etwas, das ich in meinem Leben nicht brauchen könnte. Einem Manne anzugehören, ganz anzugehören, um und um und über und über, puh, das ist ja unangenehm und peinlich.« »Aber du liebst ihn doch!« »Was weiß ich! Ich hab' ihn gern, weil ich lustig bin, wenn er neben mir ist.« »Ob du ihn liebst? steht die Frage.« »Ja, was heißt denn Liebe? Das müßt ihr ja besser wissen als ich. Ich denk' mir's nach den Rollen, die ich gelernt, und nach den Stücken, die ich gesehen und gelesen, das muß noch ganz was anderes sein. Ich kann's und versteh's wahrscheinlich noch nicht.« »Das glaub' ich auch. Ich gehe in den nächsten Tagen auf mein Landgut in der Gironde und von da später ins Seebad, wahrscheinlich nach Biarritz; willst du mit?« »Freilich, wenn ich darf.« »Aber auf dem Lande wirst du dich langweilen.« »Warum?« »Die stille Natur ist nichts für dich, die unterhält dich nicht.« »Warum nicht?! Man kann da herumspringen, wie man will, und kann man nicht auch fischen, jagen, reiten?« »O ja; willst du reiten lernen?« »O ja, das möcht' ich wohl. Und liegt nicht Biarritz an der spanischen Grenze?« 35 »Ja, man sieht von da eine lange Strecke der spanischen Küste. Das reizt dich wohl, weil Spanien das Vaterland des Sennor Rosas ist?« »Ah, auch die Spanierinnen sind interessant mit ihren Schleiern und Fächern.« »In Biarritz jedoch sind nur Basken und Baskinnen.« »Aber wir fahren einmal hinüber, wenn's so nahe ist? Wir fahren übers Meer? Darauf freu' ich mich. Und das Baden im Meer, das denk' ich mir sehr hübsch.« Rambert war nicht sehr erbaut von diesen Antworten, aber er wollte nicht weiter in sie dringen trotz aller dazu aufmunternden Gesten Jurons, und er wollte namentlich die störende Ansicht Louisons über Dankbarkeit nicht zur Rede bringen, weil er ihre Äußerung darüber gern für kindisches Geschwätz halten mochte. Ein junges Mädchen, meinte er, dürfe man nicht zu eigensinniger Verteidigung einer unbedacht ausgesprochenen Torheit nötigen. Das setze sich dann fest. Und bei Louisons eigensinnigem Kopfe sei es vorherzusehen, daß sie auch gegen ihr besseres Wesen das einmal behauptete Unrecht verteidigen werde. Seine Vorliebe für Louison wollte verhüten, daß sie sich selbst kompromittierte. Auf Umwegen und in guter Stunde sei das Thema mit ihr zu erörtern. Er schwieg also eine Weile und sagte dann langsam: »Ehe wir reisen, sollst du auch mich erst öffentlich auftreten sehen.« »Onkel?!« »Du sollst mir zuhören.« »Und zusehen?« »Auch das, wenn du willst. Ich heiße Professor, mache aber durchschnittlich nur einmal im Jahre von diesem Titel Gebrauch, indem ich einen Vortrag halte, und zwar nicht bloß für Studierende, sondern auch für gebildete Leute überhaupt. Unter ihnen pflegen sich auch zahlreiche Damen 36 einzufinden, und unter diesen Damen wirst auch du diesmal sein, wenn du Lust hast.« »Ob ich Lust habe!« »Die Arbeit über den Charakter Karls V., welche ich bei euch in Brüssel betrieben, ist in diesen Tagen vollendet worden, und diesen Essay werd' ich in einem kleinen Saale der Universität morgen vormittag um elf Uhr vortragen. Freund Juron wird dich hinbringen.« »Das ist prächtig! Nun kann ich einmal auch dich kritisieren. Ich werde sehr streng sein und gewiß sehr glücklich.« So geschah es denn am nächsten Vormittage. Der Saal war voll. Die ersten Reihen der Sessel waren von geladenen Gästen besetzt, unter ihnen zahlreiche Damen, die hinteren Reihen von Studierenden. Auf einer Estrade hinter einem Tische saß Rambert und las aus einem zierlich gebundenen Hefte seinen Essay vor. Es nahm sich alles sehr elegant aus. Er sprach ohne Aufwand, fast in konversationellem Tone und erhob nur da die Stimme zu größerem Nachdruck, wo Folgerungen hervorzuheben waren. Bei geistreichen Wendungen unterließ er es nicht, unter wohlangebrachter Pause und unter einem feinen Lächeln die Aufmerksamkeit zu wecken, und das Auditorium seinerseits unterließ nicht, solche Einschnitte durch lebhaften Beifall auszuzeichnen. Seine schöne stattliche Erscheinung im schwarzen Salonrock, von welchem die feine Wäsche blendend abstach, sein ausdruckvoller, edel geschnittener Kopf, sein warmes Auge, der wohlgeformte Mund voll weißer Zähne, die wohlgepflegte graziöse Hand und das sonore weiche Organ, welches das reinste Französisch anmutig zu Gehör brachte – alles das machte den Effekt guter Gesellschaft, klaren Wissens und edlen Geschmacks. Das Ganze hatte etwas durchaus Vornehmes, und am Schlusse drängten sich Damen und Herren der ersten Reihen zu dem aufstehenden Rambert heran, um ihm Glückwünsche und Dank in bester Manier auszudrücken, 37 was Rambert wie ein vollendeter Gentleman aufnahm ohne Ziererei und ohne Arroganz. Der Saal leerte sich langsam, und vieler Blicke hafteten auf der schönen Louison, welche harrend dastand. Wie es schien, harrte sie auf Rambert, welcher von der Estrade heruntergestiegen war. Juron, ihr Begleiter, war ihr augenblicklich entführt worden durch einige Damen, die er angesprochen, und sie erschien verlassen. Rambert, welchem sie von weitem entgegennickte, kam sogleich zu ihr, unbekümmert darum, daß die zuletzt abgehenden Studierenden einander zuwinkten und ersichtlich den vornehmen Professor beneideten, welcher eine so schöne junge Dame übrig behalten vom Publikum. Das störte, wie gesagt, Rambert gar nicht. Er bot Louison den Arm und führte sie über die Estrade nach dem Ausgange, welcher nur für ihn bestimmt war und an dessen Schwelle Jean mit leichtem Paletot seiner wartete. Jeans Gesichtsausdruck schien es zu mißbilligen, daß sein Herr mit dem jungen Mädchen seinen Rücktritt nähme aus so ehrenvoller Gesellschaft; aber Rambert blickte nicht auf das mißvergnügte Gesicht seines Dieners, sondern sagte heiter: »Da Juron dich verlassen, so muß ich dich nach Hause bringen.« Jean meinte zur Warnung für seinen Herrn bemerken zu müssen: es würden sicher Studierende unten am Wagen auf die Abfahrt des Herrn Professors warten. »Warum sollten sie nicht?« sagte Rambert, »nun werden sie nicht bloß mich, den sie ja kennen, erblicken, sondern auch eine schöne Dame, welche sie noch nicht kennen.« Jean schüttelte ärgerlich den Kopf und folgte verdrießlich. Er war im saubersten Salonanzuge, der Kutscher in seiner fashionablesten Kleidung, die Pferde vor dem schönsten Coupé waren im glänzendsten Geschirr – und dazu nun dies Komödiantenmädchen, die Flamme eines Clown aus dem Zirkus! Unanständig. 38 Und es war unten so, wie er gedacht. Studierende warteten, grüßten und staunten, daß ihr gelehrter Herr eine so prächtige Jugend, welche ihn voll Heiterkeit anblickte, in den Wagen hob, und daß er unter fröhlichen Äußerungen neben ihr Platz nahm. Rambert war bester Laune über das Gelingen seines Vortrags, und es war ihm offenbar darum zu tun, nun die Lobsprüche seines künstlerischen Naturkindes zu genießen. Er war eben auch ein Mensch, der Lob brauchte. Zunächst rief er jedoch plötzlich, als Jean die Wagentür schließen wollte: »Warte!« und zu Louison setzte er hinzu: »Wir könnten bei deinem künftigen Direktor vorfahren, um die letzte Abmachung wegen deiner Debüts im Herbste festzustellen – also, Jean, auf dem Boulevard Montmartre vor dem Gymnase halten! Vorwärts!« Als wollte er sie verpflichten, ehe sie über seinen Vortrag spräche. »Nun sage,« fuhr er fort, »wie ist dir denn dies alles vorgekommen?« »Sehr schön! Sehr schön! So vornehm, daß ich's wohl gar nicht beurteilen kann. Für den Vortrag selbst bin ich noch zu dumm, da muß ich noch sehr viel lernen.« »Ich werd' dich's schon lehren.« »Und alles so sehr feierlich! Ich hab' einen ungeheuren Respekt vor dir gekriegt, Onkel.« »Kann nicht schaden.« »Und die Idee, daß ich eigentlich gar nicht dahin gehöre, wo es so exquisit hergeht, daß ich einem so vollendeten Vortrage gar nicht gewachsen bin, diese Idee –« »Wird allmählich schwinden.« Der Wagen hielt. Sie waren vor der Wohnung des Direktors, welche Jean kannte, stiegen aus und fanden den Direktor im Disput mit einem kleinen feisten Herrn, welcher sehr laut sprach, als sie eintraten. 39 Der Direktor stellte ihn vor als Herrn Malevy, einen wichtigen dramatischen Auteur, welcher leider sehr eigensinnig wäre, wenn sich's um Inszenesetzung seiner allerdings sehr wirksamen Stücke handelte. »Ja wohl!« rief Herr Malevy, »denn die Direktoren kommen alle zu einer gewissen Schablonenpraxis, und darin stecken bleibend, wollen sie die Wirkung eines neuen Stückes vorher besser kennen als die Autoren. Sie kennen aber nur das Herkömmliche und verkennen das Neue.« »Nun, hier ist was Neues,« entgegnete der Direktor, »eine schöne junge Künstlerin, und wir brauchen für sie was Neues, ein Stück, welches für ihre eigentümliche Persönlichkeit paßt. Zeigen Sie, Herr Malevy, daß Sie das schreiben können, dann wird Demoiselle Louison anfangs Oktober in Ihrem neuen Stücke auftreten.« Herr Malevy war elektrisiert von dem Äußeren Louisons und von diesem Auftrage. Er sprang mit beiden Füßen in das Gespräch mit ihr und überschüttete sie mit Artigkeiten und Fragen. Vorzugsweise mit Fragen. »Unser sonst so vorurteilsvoller Direktor,« sagte er, »hat hier einmal vollständig recht. Eine neue Künstlerin braucht ein neues Stück. Wenn sie in einem alten Stück auftritt, dann muß sie unbillige Zinsen zahlen für ihre Vorgängerin in ihrer Rolle. Vergleiche und Vergleiche häufen sich da. Wie hat das die X. gemacht! Und erst die Y.! Nein, Mademoiselle, neu muß man sein, und also auch originell. Man muß die Rolle ›geschaffen‹ haben, wie der Kunstausdruck lautet. Wenn dem nun so ist, dann ist vor allem nötig, daß ich Sie kennen lerne, denn Ihre Rolle muß Ihr eigentümliches Wesen widerspiegeln. Sich selbst spielt man ja doch am besten.« »Es wird uns freuen,« sagte sofort Rambert, »wenn Herr Malevy mir das Vergnügen seines Besuches schenkt. Demoiselle Louison wohnt in meinem Hause und steht unter 40 meiner Protektion. Nächster Tage gehen wir auf mein Landgut in der Gironde. Wenn Herr Malevy, welcher meines Wissens ein besonderer Naturfreund, uns dahin begleiten oder uns nachfolgen will, so wird er in den Reizen einer artigen Landschaft sich ergehen können, sei's wandelnd oder fahrend oder reitend, wie es ihm gefällt.« »Reitend?« »Ja wohl. Und wird im täglichen Verkehr auch das reizende Naturell meiner Mündel völlig auffassen können mit seiner unübertroffenen Fähigkeit, das Charakteristische und Pikante jeder Persönlichkeit spielend zu entdecken.« »Bravissimo, Herr Rambert, ich bin dabei!« Der Vorschlag gefiel Herrn Malevy über die Maßen. »Natur! Natur!« rief er, »das ist meine schwache Seite. In diesem Steinhaufen Paris vertrocknet man endlich.« Und dabei wendete er sich mit neuen Fragen und Fragen über ihre Lebensschicksale an Louison. Sie wußte sich gar nicht zu retten vor dem eindringlichen kleinen Manne, der's absolut nicht glauben wollte, daß sie noch gar keine Lebensschicksale gehabt hätte. »Die haben Sie ja doch gehabt,« versicherte er, »und die werd' ich auch erfahren, zuverlässig, Mademoiselle, die muß ich erfahren. Sie werden ja der Faden unseres Stückes.« Dabei strich er einmal um das andere seinen buschigen Backenbart, welcher ein feistes, rosig gefärbtes Gesichtchen mit funkelnden Augen begrenzte. Ein feiner Mund und eine unerschöpflich witzige Suade machten, daß man bei all' seiner Petulanz ganz angenehm von ihm berührt wurde. Es ward dann abgemacht, daß er binnen vierzehn Tagen nach Ramberts Landgute in der Nähe des Städtchens Pons käme, und daß er dort das neue Stück schreibe, dessen Entwurf ja wohl in den nächsten vierzehn Tagen gemacht sein würde. »Wird! Wird entstanden sein, entsteht schon!« rief er enthusiastisch, und hierauf trennte man sich. 41 Einige Tage nachher reiste Rambert mit Louison und ihrer Mama nach dem Süden. Juron wollte ebenfalls später nachkommen. Rambert war also jetzt eine Zeitlang allein mit Louison, denn Mama zählte nicht, und er war wie auf eine große Probe begierig: wie sich Louison im einfachen Landleben, vorzugsweise auf den Zauber der stillen Natur angewiesen, zeigen oder entwickeln werde. Das schien ihm von größter Wichtigkeit zu sein in bezug auf das innere Wesen und den tieferen Charakter Louisons. Hat sie dafür keinen offenen Sinn, meinte er, und findet sie darin keinerlei Genüge, so ist ihr Künstlertum doch nur ein oberflächliches und eitles. Zeigt sie jedoch volle Empfänglichkeit dafür, dann ist das Mädchen ein Schatz, der sorgfältig gehütet zu werden verdient. Jedoch auch für diesen zweiten günstigen Fall regte sich kein eigentlicher Liebestrieb im Herzen Ramberts. Er hatte sie lieb und würde sie doppelt lieb haben, sagte er sich, wenn ihre Entwickelung gleichen Schritt hielte mit ihren bisherigen Vorzügen; aber an eigentliche Liebe dachte er nicht, und es schien auch wirklich keine Anlage mehr in ihm vorhanden zu sein für eigentliche Liebe. Die Landschaft um sein Gut herum war einfach und angenehm. Er hatte dies sein Landgut Beaurepos genannt und war gern dort während eines Teils des Sommers. Das Wohnhaus war ein altes Schlößchen aus der Zeit Franz I., der unweit von hier aufgewachsen war und nach der Charente hinauf viel verkehrt hatte. Das Schlößchen war umgeben von uralten Bäumen, Resten jener » haute futaie « welche als hohe Wälder der Stolz des alten Adels, der eigentlichen Grandseigneurs gewesen waren. Diese prächtigen Bäume, Ahorn und Platanen in der Mehrzahl, erstreckten sich vom Schlößchen bis hinab zum kleinen Flusse auf einem grünen Rasenboden und bildeten nicht sowohl einen Park als einen großen Hain. Nordwärts vom Schlößchen stieg das Land 42 hügelförmig in die Höhe, und hier auf trockenem Boden zog sich ein Nadelholzwald weit hinaus, welcher Rambert ebenfalls gehörte. Rambert hatte keine Neigung zur Jagd, aber für seine Gäste ließ er hier das Wild schonen und hegen. Seitwärts oberhalb des Schlößchens, also dicht am Nadelholzwalde, standen die Wirtschafts- und Stallgebäude, und hier wohnte der Verwalter des Gutes, zu welchem unten jenseits des Flüßchens links und rechts hügelauf und hügelab Getreidefelder und Weingärten gehörten. Vom Schlößchen abwärts hatte man durch den Hain einen vielfach offenen Ausblick auf den Fluß und auf ferne bewaldete Höhen jenseits des Flusses. Hier an diesem Aussichtspunkte hatte Rambert am Schlößchen eine Veranda anlegen lassen, in welcher er sich den größten Teil des Tages aufhielt, und hier saß er jetzt an einem Morgen des Frühsommers. Die Vögel im Haine sangen noch, warme Stille lag ringsum verbreitet, und hier begann Ramberts Prüfung, ob im Herzen Louisons Raum und Empfänglichkeit wäre für die stille Natur. Das alles war ihr neu und schien ihr sehr zu gefallen. Sie sprach wenig und hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, wie Rambert die einzelnen Reize dieser stillen Welt hervorhob. Ihm selbst schien sie dabei näher und näher zu kommen, das heißt, sie wurde vertraulicher, als ob eine Zärtlichkeit in ihr aufwachte, welche bisher in ihrem munteren Wesen gar nicht vorhanden gewesen. Sie fuhr ihm mit der Hand in das lockige schwarze Haar und sagte: »Neulich in der Vorlesung flüsterte eine der Damen ihrer Nachbarin zu: du könntest ein Asiate sein, ein Perser oder Armenier! wie Herr Malevy wohl einer ist. Bist du so was! Nein!« »Nein. Wir aus dem Süden Frankreichs grenzen eben näher an die Orientalen.« »Nein, du bist keiner. Sonst könnt' ich nicht so nahe mit dir verkehren. Vor einem Orientalen, wie du's nennst, würde ich mich scheuen, der hat was Fremdes.« 43 »Und du scheust dich vor mir nicht?« »O, gar nicht!« und dabei küßte sie ihn auf die Wange. Das war ihm ganz behaglich, aber es war ihm doch nicht mehr, und er fuhr gleichmütig fort: »Ich weiß, was du willst, Schmeichlerin!« »Jean!« rief er, und Jean trat aus dem Schlößchen. »Jean, ist der Damensattel von Bordeaux angekommen?« »Jawohl!« antwortete Jean nicht ohne Ärger. »Ah! bist du lieb!« jauchzte Louison. »Der Reitknecht Jacques soll ihn auf die Fuchsstute, auf die Sochne, legen und für mich den Scheitan satteln.« »Gleich hinaus? Aber ich habe noch nie auf einem Pferde gesessen.« »Die Sochne ist lammfromm, und wir reiten heute nur Schritt, damit du nicht herunterfällst. Zieh' dein Reitkleid an.« Kurz, nach einer Viertelstunde hatte er sie aufs Pferd gehoben und ihr deutlich auseinander gesetzt, wie sie die Zügel zu führen und wie sie das Knie anzupressen habe, und zwischen ihm und Jacques auf der anderen Seite ritt sie langsam durch den Hain zum Flusse hinab. Sie war selig. Alles begriff sie schnell, und Rambert meinte deshalb, man könnte sogleich einen Ausflug über die Brücke hinüber in die Hügellandschaft wagen. Es ging wirklich; sie saß bald ganz unbesorgt auf dem Rosse und schaute guten Mutes umher, einzelne Partien der Gegend mit einem »hübsch!« auszeichnend, so daß Rambert meinen konnte: sie hat Sinn für die Natur! Da kam eine Störung. Ein Bauer mit einem Esel zog an ihnen vorüber, und der Esel schrie plötzlich. Sochne erschrak, zog sich zusammen und Louison verlor den Sitz. Sie sank nach der Seite in Ramberts Arme, der sein Pferd rasch an Sochne hinangedrückt hatte. Jacques seinerseits hatte Sochne sogleich am Zügel festgehalten, und Louison konnte sich wieder in ihren Sitz einrütteln. 44 Da war eine Umarmung vorgefallen, und Rambert – nein, auch diese Umarmung ging spurlos an ihm vorüber. Er blieb der Onkel. Louison selbst war nicht besonders erschrocken und sagte gefaßt: »Ich weiß nun, worauf es ankommt; ich muß das Knie immer fest andrücken, das vergess' ich nicht mehr.« Sie vergaß es wirklich nicht, sie hatte auch für diese Kunst Geschick. Tägliches Ausreiten brachte es in einer Woche dahin, daß sie allein ihr Pferd führen und daß Jacques hinter ihr zurückbleiben konnte. Nach vierzehn Tagen ritt sie ganz tapfer. Aber nun wollte sie früh und spät reiten, und Rambert brachte es nicht mehr zu einem Spaziergange mit ihr, dessen gesammelte Stimmung ihm gestattet hätte, ihren Sinn für Naturreize zu beobachten. Und nun kam Herr Malevy dazu. Jetzt war die Prüfung unmöglich, die Einsamkeit zu zweien war am Ende. Er hatte nur erfahren, daß sie ein rasches Auge besitze für malerische Punkte der Landschaft, weiter nichts. Nun war die Zerstreuung da mit dem witzigen Schriftsteller, der immer witzig sein wollte und es auch wirklich meistens war, eine Lockung, welcher Louison immer folgte. Dabei, gestand sich Rambert, kann sich kein Seelenleben entwickeln. Wohl aber entwickelte sich Malevys Stück. Das Gerippe der Komödie, welches er mitgebracht, war darauf berechnet, daß jeder Akt mit einem Lebensakte Louisons ausgefüllt würde. Sie mußte also erzählen, ausführlich erzählen, was sie noch von ihrer frühesten Jugend wußte. Bei der Erziehung im Kloster sollte der erste Akt beginnen. Der Verkehr mit den Mitschülerinnen sollte lustig zur Einleitung dienen. Dann sollte eine, die im Alter etwas vorgerückt war, den Mittelpunkt der Intrige bilden. Sie hatte Billetdoux nach außen gewechselt, sie hatte ein Rendezvous im Klostergarten gewagt. Ganz zufällig kommt Louison in die Nähe und hört mit Staunen die gegenseitigen 45 Liebeserklärungen. Sie findet das sehr hübsch. Aber die Intrige ist von der Oberin entdeckt worden, das Rendezvous wird gestört, wird überfallen, und es folgt eine feierliche Untersuchung. Louison, welche man in der Nähe gesehen, soll Zeugnis ablegen. Wie benimmt sie sich? Lügt sie? Sie lügt nicht, sagt aber nichts aus zum Schaden der Mitschülerin; kurz, es kommt ein schlagender Moment für eine – ingénue . Dann folgt die Aufführung eines Stückes, und da extemporiert sie in bezug auf Liebesschwüre allerliebst. Zweiter Akt. Glühendes Verlangen Louisons nach dem Theater. Unterrichtsstunden bei Rambert. Naive Äußerungen Louisons als ihr das Talent abgesprochen wird. Komische Verzweiflung und dann herzhafter Entschluß zur Flucht. Vorbereitungen dazu mit den Kleidern. Dann küßt sie den schlafenden Vater. Rührung. Mitten in der Rührung stiehlt sie dem Vater Geld und begründet in einem merkwürdigen Monologe ihr Recht zu dieser Missetat. »Notabene,« schob Malevy dazwischen, »bei den Unterrichtsstunden müssen wir die notwendigen Liebesverhältnisse vorbereiten. Das Mädchen versteht es noch nicht, wenn der Vortragsmeister Liebesregungen für sie empfindet.« »Sind Sie toll, Malevy, mir solche Dinge öffentlich anzudichten!« rief Rambert, welcher nicht weit von ihm und Louison in der Veranda sein Journal las. »Toll? Wie so? Ich kann doch nicht ein Drama zustande bringen ohne Liebesneigung und Liebessteigerung? Hier ist ja nur von einer kleinen Flamme die Rede, welche ganz natürlich –« »Und ganz Paris erführe, daß der verliebte Seladon mit kleiner Flamme Professor Rambert wäre!« »Ah, das wäre charmant!« rief Louison. »Charmant? Das verbitt' ich mir ernstlich. Törichtes Mädchen! Ich war nie in dich verliebt und bin es nicht. Malevy, das geht nicht.« 46 »Geduld! Geduld! strenger Herr. Das Publikum braucht's ja nicht zu glauben. Die Eltern nur sollen's glauben, Papa und Mama Miot. Die eigentlich erste Liebschaft kommt ja erst in Paris, die Liebschaft mit einem Seiltänzer.« »Was?!« schrie Louison. »Sie werden ja rot! 's ist also richtig.« »Nein Malevy,« sagte Rambert aufstehend, »eine so grelle Benutzung wirklicher Vorgänge für ein Theaterstück ist unzulässig.« »Unbesorgt, edler Professor! Das sieht nur in der Skizze so grell aus, in der Ausführung verschwinden die Ähnlichkeiten. Aber sie haben recht: man muß ein Stück nicht komponieren in Gegenwart der Personen, welche darin vorkommen und handeln sollen. Die schreien immer. Basta! Mademoiselle Louison, Sie haben versprochen, mit mir spazieren zu reiten.« »Können Sie denn reiten, Pariser?« fragte Rambert. »Na, ob! Alle freien Künste sind mir untertan.« Es geschah, wie er wünschte; und er fiel richtig vom Pferde, aber auf eine so drollige Weise, daß Louison herzlich dabei lachen konnte und daß auch Rambert lachte, als Malevy wie Falstaff auseinander setzte, daß er diesen Fall, das heißt einen Purzelbaum beabsichtigt habe, um das Herz Louisons für sein Stück zu prüfen. Seine Voraussicht über den Charakter dieser Dame habe sich bewährt: so wie sie keine Dankbarkeit kenne, so empfinde sie auch kein Mitleid. Ehe sie noch gewußt, ob er den Hals oder wenigstens einige Rippen gebrochen, habe sie aus vollem Halse gelacht. Dankbarkeit und Mitleid seien untergeordnete Empfindungen für ein künstlerisches Genie, und das sei von Wichtigkeit für sein Stück. Rambert blieb nicht ohne Besorgnis, daß Malevy, ein sehr indiskreter Gesell, ihn und Louison kompromittieren könne in seinem Drama, und beauftragte den endlich ankommenden 47 Juron, dies zu verhindern. Juron hatte als Schriftsteller größere Macht über Herrn Malevy und bezweifelte nicht, daß er mit ihm zustande kommen werde. Dabei vergingen die heißen Sommertage, und man rüstete sich zur Reise nach Biarritz. Über das innere Wesen Louisons war Rambert nicht eben vorgerückt an Kenntnis, denn es zeigte sich nicht klar, ob ihr Sinn für die Natur mehr wäre als karges Wohlgefallen an landschaftlichen, also nur an malerischen Reizen. Und auch ein zweiter Versuch der Aufklärung über ihr inneres Wesen führte nicht zum Ziele. Dieser zweite Versuch betraf die Lektüre. Rambert gab ihr Bücher aller ersinnlichen Art und ermahnte sie zum Lesen derjenigen, welche ihr zusagten. Dadurch allein sei Bildung zu erwerben. Sie las hier und da, weil er eben nachfragte, ein Buch, und beim Gespräch über dasselbe zeigte sich, daß sie es gut gelesen. Sie kannte den Inhalt genau. Aber ihr Bericht verriet, daß ihr die Lektüre kein besonderes Interesse erweckt hatte, und sie zeigte niemals Lust, ein neues Buch anzufangen. Zweifelnd blickte Rambert auf das ungetrübt heitere Mädchen, welches täglich in Malevy drang, ihr die Rolle einzuhändigen, welche sie in seinem Stücke zu spielen hätte. Dies interessierte sie mehr als alles. Jean, welchem der Briefbote aus Pons täglich die angekommenen Briefe einhändigte, berichtete seinem Herrn Rambert außerdem, daß allwöchentlich ein Brief an die Demoiselle ankomme, welcher sicherlich vom Clown Rosas herrühre. Ramberts Zweifel wurden dadurch nur erhöht. Die Abreise war endlich auf den nächsten Tag festgesetzt. Malevy, welcher fleißig gearbeitet hatte an seinem Drama, wollte nach Paris zurück, weil er das Landleben doch verdummend fand, und bat Louison am letzten Abend um einen Besuch auf seinem Zimmer. »Erschrecken Sie nicht,« sagte er lachend, »ich bin ein Kurmacher ohne Konsequenz, ich kann nicht einmal kompromittieren. Und es handelt sich gar nicht 48 um mich, sondern um unsere Komödie und um Ihre Rolle. Die Komödie ist so gut wie fertig, Sie sollen sie in den Hauptumrissen kennen lernen, damit Sie ihre Rolle verstehen, und Sie sollen Ihre bereits ausgeschriebene Rolle in Empfang nehmen.« »Ich komme.« »Aber Sie sollen darüber gegen die Herren Rambert und Juron absolut schweigen.« »Ich werde schweigen.« So kam sie denn äußerst neugierig auf sein Zimmer, und es zeigte sich in seiner Einleitung, daß er die Beziehungen auf Rambert und auf Rosas vollständig angebracht hatte, und daß sie selbst sprach und handelte, wie sie in ihrem bisherigen Leben gesprochen und gehandelt hatte. Sie erschrak, erschrak von Szene zu Szene mehr, sagte aber nichts, sondern blickte ihn am Ende nur schweigend an. »Nun, gefällt's Ihnen?« »Sehr. Aber –« »Schönes Kind,« sprach er plötzlich mit ungewöhnlichem Ernste, »was man will, das muß man ganz wollen. Sie wollen eine Schauspielerin von Wirkung werden?« »Ja.« »Sie wollen mit Ihrem ersten Auftreten in Paris einen durchschlagenden Erfolg erringen?« »Ja.« »Nun, hier in diesem Manuskripte sind dazu die richtigen Mittel. Das weiß ich. Schwächen Sie diese Mittel ab durch Rücksichten auf persönliche Bekanntschaft, so schwächen Sie das Stück und schwächen Ihre Rolle, ja wir verderben wahrscheinlich beides. Ich sage verderben. Denn gerade in diesem Punkte, den Sie abschwächen wollen, pulsiert die eigentliche Kraft des Stückes und Ihrer Rolle. Verstehen Sie mich?« »Ich glaube, ja. 49 »Nun, so zeigen Sie, daß Sie eine künstlerische Natur sind, daß Ihnen die Kunst und der künstlerische Erfolg höher steht als irgend ein Privatverhältnis. Akzeptiren Sie Stück und Rolle, wie sie wirkungsvoll vorliegen, und verschweigen Sie Rambert, Juron und jedermann, wie Stück und Rolle beschaffen sind. Wollen Sie?« Nach kurzer Pause sagte sie: »Ja, ich will.« « Bon! Da ist die Rolle. Niemand darf sie sehen, und Sie werden dieselbe in der Stille lernen. Wenn es im Herbst zu den Proben kommt, dann werd' ich dafür sorgen, daß niemand zugelassen wird, auch Juron und Rambert nicht. In unserem Falle mit einer wichtigen Debütantin, welche überraschen soll, erzwingt das der Direktor unter dem Vorwande, daß der Reiz der Neuheit vollständig gewahrt werden müsse.« Und nun erzählte er ihr den ganzen Vorgang des Stückes und las ihr wichtige Szenen ganz vor, so daß sie nach einer Stunde den Gang des Stückes, den Zusammenhang mit ihrer Rolle kannte. Als er fertig war, wiederholte er die Frage: »Wir sind einig über unverbrüchliches Schweigen?« »Einig« – antwortete sie festen Tones, ihren Freund und Wohltäter entschlossen verratend. »Und nun,« fuhr er fort, »bitt' ich mir pränumerando einen Kuß aus für den vorbereiteten Triumph!« Dabei putzte er sich den grauen Schnurrbart mit dem Taschentuche ab – er war leider ein Schnupfer – und breitete die kurzen dicken Arme aus. Louison machte keine Umstände, sondern lachte und verabreichte ihm diesen Kuß. Des anderen Tages reiste er mit seinem verräterischen Manuskripte nach Paris, und Rambert, Juron, Louison und Mama reisten nach Biarritz. Rambert hatte keine Ahnung, daß ihn sein künstlerisches 50 Pflegekind so ganz als Künstlerin behandeln und hintergehen könnte. Sechstes Kapitel. Es war eins der kleineren Häuser in Biarritz für Rambert gemietet worden, und in diesem richtete er sich ein mit den beiden Damen und mit seiner Dienerschaft. – Diese Häuser sind zumeist einstöckig und haben einen Balkon. Für Juron war kein Platz, er mußte ins Wirtshaus. Dorthin wurden auch die Reitpferde Ramberts mit den Reitknechten gebracht, als sie einige Tage später ankamen. Rambert war also in ungestörtem häuslichem Verkehr mit den Damen Miot und führte sie sofort im Orte umher, um sie zu orientieren, da er selbst die dortigen Seebäder schon mehrmals gebraucht. Es war ein leicht bedeckter, schöner Sommertag, und die leichten Wolken waren sehr erwünscht, denn Biarritz ist arm an Schatten. Ramberts Aufgabe war übrigens dankbar, denn der Ort liegt schön. Auf hoher Küste angebaut, schaut er in den Ozean weit hinaus. Man sieht, so weit das Auge reicht, das unendlich scheinende Meer. Mit hohen Wogen dringt es herein in den Winkel zwischen Spanien und Frankreich, mit einem Wogenschlage kommt es brausend daher, wie man ihn kaum in einem anderen Seebade findet. Links gegen Süden erblickt man deutlich den Ausfluß der Bidassoa, die Grenze Spaniens, und folgt gegen Westen dieser Küste weit, weit hinaus bis zum Horizonte, welchen der Ozean bildet. Rückwärts gegen Osten nach dem nahen Bayonne hin ist das französische Land, hier Land der Basken, einfach und eben. Nach Norden nur in kurzer Entfernung, da wo der Fluß Adour ins Meer mündet, tritt malerisch ein Leuchtturm in die Luft. Es fehlt, wie gesagt, an Bäumen, und von einem Walde ist auch in der Ferne keine Spur. Hecken von Buchsbaum müssen ihn ersetzen. 51 Louison war ganz betroffen von den großen Verhältnissen dieser Küste, als Rambert sie hinüberführte an den Abhang über dem eigentlichen Badestrande, betroffen über die haushohen Wellen, welche da unten heranstürmten. Mama Miot bekreuzigte sich. Hier könnte doch kein sterblicher Mensch baden! »Da unten aber, wie Sie sehen, baden doch Menschen, und die sind alle sterblich,« sagte Rambert. »Übrigens,« fuhr er fort, »ist da links drüben eine ganz kleine Bucht, wo das eingefangene Meer sich ruhig verhält. Dort badet man auch, wenn man sich vor den hohen Wogen hier unten fürchtet, und dort kann Louison morgen ihre Saison beginnen.« »Nein, nein! Hier, hier« rief sie, mit Staunen hinabblickend, »hier muß es ja wunderschön sein.« »Hier müssen wir einen Fischer mieten, welcher dich bei den Händen hält, denn die Wellen werfen dich um.« »Mieten wir! Aber hier!« So stiegen sie denn trotz der stöhnenden Mama hinab, und Rambert empfahl sie einem freundlichen Basken, welcher das Badehemd besorgt – es ist dort alles offen, und jeder sieht den anderen, auch die andere – und welcher für jegliche Sicherheit haftet. »Nur keine Furcht, Mamsell!« schrie er in den Wasserlärm, »der Tyran kriegt uns nicht!« »Wer ist der Tyran?« fragte sie. »Das ist die Ebbe,« antwortete Rambert, »welche den Menschen hinauszieht ins Weite. Folgt er ihr, der Versucherin, und wird dann von der Flut überrascht, dann ist er verloren.« »Jesus!« schrie Mama Miot. Rambert war sehr erfreut, daß Louison so viel Interesse zeigte an den Wundern der Natur, und so viel mutiges Interesse. Er führte sie denn nun täglich hinab zu der Holzbaracke des Fischers, in welcher dessen Frau die Badetoilette bereit 52 hielt, und er beobachtete von weitem, indem er selbst badete, ob sie auch gut behütet werde. Sie war in den ersten acht Tagen von einschmeichelnder Liebenswürdigkeit für ihn, war sinnig und aufmerksam für seine Reden wie kaum je. Sie las stundenlang in den Büchern, welche er ihr gab, ja sie ermunterte ihn zu ernsten Gesprächen, wenn sie an seinem Arme spazieren ging. Der ganze Theaterteufel schien ausgetrieben zu sein von den neuen Eindrücken. Rambert war ganz beglückt; er lächelte überlegen zu Jurons Gespött über das Idyll, in welches er sich hineintäuschen ließe. Dies Lächeln wurde Juron endlich zuwider, und er sah sich nach anderer Gesellschaft um. Die fand er denn auch drüben, ein wenig abwärts unweit der stillen Bucht, wo die vornehmen Leute badeten. Dort hatte sich eine große Koterie gebildet von Engländern, Pariser Sportsmen und Gentilshommes, wie man sie nannte, aus allen Ländern Europas. Dort fand er bessere Unterhaltung. Man hatte dort ein Kaffeehaus, wo über Pferde und Moden geschwatzt, wohl auch witzig geschwatzt wurde, und wo sich ein sehr besuchtes Spielzimmer vorfand. Dort begegnete er namentlich einem Pariser Bekannten, einem jungen Irländer, welcher ihm sehr zusagte durch Keckheit, Unterhaltungslust und tollen Mut. Es war dies ein hochgewachsener Mann mit rotem Haar und rotem Vollbart, von jenem Braunrot, welches die italienischen Maler der Renaissancezeit so gern gemalt haben. Ein scharf geschnittenes Antlitz, blendend weiß und doch ohne Sommersprossen, und stechende Augen zeichneten ihn aus. Er machte viel Aufwand, obwohl er ein jüngerer Sohn, also nicht reich war, und man sagte ihm viel Schulden nach. Vielleicht deshalb war er der verwegenste Spieler. »Der macht seinen Weg zur Höhe oder zur Tiefe in raschem Tempo, und diese Leute seh' ich gern,« sagte Juron in Louisons Gegenwart, und diese fuhr fort: 53 »Er sieht mich immer durch sein eingeklemmtes Glas an, als wollt' er mich stechen. Wie heißt er?« »O'Brien.« Nach acht Tagen saß sie neben ihm in jenem unteren Kaffeehause. Die Überraschung von Meer und Land war vorüber, und sie war Jurons Einladung da hinab gefolgt, um doch auch das aristokratische Biarritz kennen zu lernen. Rambert hatte dazu den Kopf geschüttelt, aber Louison hatte gesagt: »Eine Schauspielerin muß alles kennen lernen, und Onkel Rambert geht mit.« »Das tut er wohl nicht, aber er wird dich nicht hindern.« Jurons Einladung war nicht ohne nichtswürdige Absicht. Er hegte einen tiefen Groll gegen Louison, weil sie ihn unsympathisch fand, und es erschien ihm wie eine Genugtuung, wenn dem törichten Rambert tatsächlich bewiesen würde, daß diese bestechende junge Schauspielerin doch eben nichts Besseres sei als eine Komödiantin, welche ihrer Vergnügung und ihren Vorteilen nachliefe, wo diese nur immer zu finden wären. Deshalb brachte er sie unter diese liederliche Jeunesse dorée im unteren Kaffeehause. Da werde sie Verlockungen in Fülle finden und ihnen sicherlich unterliegen. Denn es sei gar zu verführerisch, alle Welt um sich her gleichen Sinnes zu sehen in der leichtsinnigsten Anschauung des täglichen Lebens. Diese jungen Leute, Söhne reicher Eltern, sündigen auf das Besitztum der Alten los bei Tag und Nacht. Am Ende, sagen sie, muß doch die Familie für uns zahlen oder sonstwie für uns einstehen, und wozu wären wir jung, und wozu gäbe es Pferde, Weiber und Spiel und was sonst noch, als um uns zu ergötzen! Ein Narr, der's versäumt. Für eine Künstlerin ist dieser lustige Standpunkt doppelt verlockend. Sie lebt und webt ja im freien Gebilde der Phantasie. Wie sollte es ihr nicht gefallen, diese phantastische Welt auch in der Wirklichkeit um sich zu sehen und zu genießen! 54 Sie horchte zuerst erstaunt zu, wenn diese jungen Helden des Leichtsinns alles in der Welt fraglos für sich in Anspruch nahmen, Geld und Geldeswert wie eine Chimäre behandelten, mit der man Possen treiben dürfte, und der schönen jungen Künstlerin alles mögliche zu Füßen legten. Absonderlich jener O'Brien tat sich darin hervor. Er erklärte ihr sogleich, unmittelbar nachdem Juron ihn vorgestellt, daß er sie schon in Paris bewundert und daß er sein ganzes Leben ihr widmen wolle. Sie sei die Dame, welche sein Herz ganz und für immer erobert habe. Sie möge rücksichtslos über ihn gebieten. Was sie wünsche, was sie befehle, er werde es zustande bringen, koste es Millionen, koste es auch Menschenleben. Wenn sie darüber lache, weil sie's für Übertreibung halte, so lache er mit, wiederhole aber mit feierlichem Ernste: er habe kein Wort zu viel gesagt, sie solle ihn getrost auf die Probe stellen, und sie werde sich überzeugen, daß er Wort halte bis an die Pforten der Hölle. Louison war nüchtern und klug genug, um die Übertreibungen O'Briens als solche zu erkennen, aber trotzdem blieb doch sehr viel Behagliches für sie übrig; und da nun einer nach dem anderen von diesen jungen Lebemännern sich vorstellen ließ und jeder preisende Worte für sie im Munde führte, da hätte sie doch von Stein sein müssen, wenn sie nicht die Existenz charmant gefunden hätte. Daß eine magere Engländerin, welche am Nebentische diese Überschwänglichkeiten » shoking « fand, sich ärgerlich entfernte, war nur geeignet, ihren wohltuenden Eindruck zu erhöhen; besonders als zuletzt noch ein Graf Vilsac, welchen sie schon einige Male in Paris neben Rambert gesehen, zu ihr trat und mit halblauter Stimme ihr seine Verehrung ausdrückte. Er unterschied sich von den übrigen durch ein gesetztes Wesen, sprach ruhiger und einfacher, aber bat sie geradezu um ihre Hand. Sie erzählte das alles freimütig dem Onkel Rambert, als sie nach Hause kam, und war etwas betroffen, als er 55 sich schweigend dazu verhielt und mit der Hand eine so gewiß wegwerfende Bewegung machte. »Sie werden dich verderben,« sagte er endlich ernsten Tones, »denn Eitelkeit und Leichtsinn werden dir die Kraft entziehen, dich zu schützen.« Der Onkel gefiel ihr da nicht, und sie gedachte des Wortes, welches sie von den jungen Kavalieren über ihn gehört hatte: er sei ein Sauertopf, sei ein Philister. »Von alle den gedankenlosen Schwindlern« – fuhr Rambert fort – »ist Graf Vilsac vielleicht auszunehmen, der schlimmste aber ist jener O'Brien, und er ist vorzugsweise angetan, dir Unheil zu bereiten. Er ist, wie ich von Engländern höre, ein vollendeter Taugenichts. Sein eigener Bruder hat ihn endlich aufgegeben. Laß dich ernstlich gewarnt sein. Am besten wär's, du vermiedest das Kaffeehaus da unten.« »Übertreiben wir nicht auch!« warf Juron dazwischen, der eingetreten war. »Eine Künstlerin muß auch diese Welt kennen lernen, um verständig in ihr zu spielen, wenn ein Stück an sie kommt, welches sich in diesen Kreisen herumtummelt. Demoiselle Louison wird sich an dies Flittergold gewöhnen und es bald zu unterscheiden wissen von echtem Golde. O'Brien ist immerhin ein merkwürdiges Original von Courage und Tatkraft.« Louison folgte indessen doch dem Onkel und vermied einige Tage das Kaffeehaus. Sie ritt mit Rambert spazieren, da die Pferde angekommen waren. Aber sobald die Jeunesse dorée das bemerkt hatte, ließen sich namentlich O'Brien und Vilsac Mietpferde aus Bayonne kommen, gesellten sich zu ihnen und baten um die Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen. Rambert fand das lästig und gab das Ausreiten auf. Der Zeitpunkt schien näher und näher zu rücken, wo er diesen anmutigen Kobold doch endlich, wie Juron immer anriet, aufgeben, aus seiner Nähe entlassen, Louison samt Mama ihrem Schicksale anheim geben würde. Eine Verstimmung 56 folgte der anderen. Auch Jean sorgte dafür. Eines Morgens berichtete er in klagendem Tone, daß Sochne lahm wäre. Demoiselle sei gestern nach Bayonne hinein und von Bayonne heraus so wild über Stock und Stein geritten – »Sie ist nach Bayonne geritten?« »Jawohl! Um den Clown zu sprechen, den Rosas.« »Der ist in Bayonne?« »Der war gestern in Bayonne. Jacques' Beschreibung paßt Zug um Zug. Dieser dumme Reitknecht ist wie jeder unserer Dienstboten von der Demoiselle eingenommen, der wird nichts Nachteiliges über sie erfinden, und der Klotz weiß nicht, was der Clown bedeutet, den sie im Gasthofe besucht und der sie beim Abschiede aufs Pferd gehoben hat.« In diesem Augenblicke trat Louison ins Zimmer, um zu fragen, ob Onkel Rambert nicht endlich einmal wieder mit ihr ausreiten wollte. »Dein Pferd, die Sochne, ist lahm. Du hast sie gestern überjagt. Was hattest du denn so eilig in Bayonne zu tun?« Louison log nicht. Sie antwortete also ruhig: »Ich wollte einen Bekannten sprechen, der auf dem Wege nach Madrid durch Bayonne kam und nur ein paar Stunden dort blieb.« »Nach Madrid? Am Ende der Spanier, dein Freund, der Clown Rosas?« »Jawohl,« sagte sie ohne Stocken. Rambert schwieg und verabschiedete Jean mit einem Winke. Er war nun allein mit ihr und im Begriffe, das entscheidende Wort auszusprechen und ihr die Trennung anzukündigen. Sie hatte sich neben ihn gesetzt, und er hatte sie nicht angesehen. Jetzt wendete er sich zu ihr, und ihre reizend fröhlichen Augen trafen ihn wie Sonnenblicke. Sie erschien völlig unbefangen, streckte ihm die Hand entgegen und sprach herzlich: »Wenn dich das junge Volk unten vom Kaffeehause 57 belästigt, so laß uns doch einmal die Richtung nach dem Adour hinüber einschlagen. Dann finden sie uns nicht, und wir können wieder einmal einsam miteinander reden, was mir in der letzten Zeit gefehlt hat.« Hierdurch wurde Rambert wieder irre; ihr Wesen wurde plötzlich wieder das Rätsel, welches ihn neuerdings interessierte. Dazu kam im nächsten Augenblick ein neuer Zug ihres Charakters, welcher ihn geradezu verblüffte. Bisher hatte er ihr immer unter dem Titel eines Taschengeldes kleinere und größere Summen angeboten für ihre Luxusausgaben. Sie hatte oft gezögert, sie anzunehmen, und wenn sie dieselben angenommen, so hatte sie wie beschämt dazu geschwiegen. Jetzt zum ersten Male bat sie ihn frank und frei mit heiterer Miene – um fünfhundert Francs. Höchst überrascht fragte er: »Was hast du denn vor?« »Ich habe meine ganze Barschaft gestern verloren.« »Verloren?« »Im Spiel.« »Du hast gespielt?« »Jawohl. Unten im Kaffeehause. Das ist sehr unterhaltend, und zuerst hab' ich immer gewonnen. Das war reizend! Hernach aber hab' ich alles verloren, und da war ich in Verzweiflung, daß ich kein Geld mehr hatte, um mir das Verlorene wiederzuholen.« »Das taugt nichts, mein Kind.« »Was?« »Daß du spielst. Das Spiel ist wirklich ein Laster. Und wenn leichtsinniges Volk das leugnet, so glaube mir wenigstens, wenn ich dir sage: das Spiel ist ein Unglück. Wer spielt, der tötet sich für alles übrige, was den Menschen hält, bewegt, erhöht. Wenn im Herbste dein Debüt gelingt, so wirst du eine hohe Gage bekommen. Was ist die höchste Gage gegen den immer vorhandenen Haufen Goldstücke auf dem Spieltische, welchen du mit einem Zuge gewinnen kannst? 58 Nichts ist sie. Der Spieltisch kann ja in jedem Augenblicke mehr einbringen als dein Beruf im ganzen Jahre. Der Spieltisch wird dir also eins und alles. Deine Kunst wird Nebensache, und da am Ende jeder Spieler verliert, so gerätst du unrettbar ins Elend. Spiele nicht mehr!« Sie hatte die Augen niedergeschlagen und sagte kein Wort. »Willst du mir's versprechen?« »Nicht gern. Es macht mir so viel Vergnügen.« Erstaunt hörte er diese naive Offenherzigkeit. – Und sie bestach ihn wieder. Das Rätsel dieses Geschöpfes wurde immer mannigfaltiger, und er meinte, sich sagen zu müssen: der eigentliche Fond ist doch wunderbar ehrlich, schlag' nicht hinein! Ohne ein Wort zu sagen, öffnete er den verschlossenen Teil seines Schreibtisches, nahm eine Note von tausend Francs heraus und reichte sie ihr. »Du wirst sie verspielen.« »Ich werd' gewinnen.« »Du wirst sie verspielen und zu diesem Zwecke nie einen Sou wieder von mir erhalten, weil du taub bist gegen die Lehre eines erfahrenen Mannes. Dann wirst du Schulden machen, um deiner Neigung zum Laster Genüge zu tun, und wirst untergehen moralisch wie künstlerisch. Geh' deines Wegs. Reiten können wir heute nicht. Sochne ist lahm.« Sie fiel ihm um den Hals, küßte ihn und flog hinweg. Siebentes Kapitel. Sie wollte recta hinab ins Kaffeehaus, wo den ganzen Tag Gesellschaft und Spiel zu finden war. Eigentlich war es ihre Badestunde. Aber ihr Eifer fürs Meer hatte nachgelassen. Das war so ihre Art: das Neue wurde mit fast leidenschaftlichem Eifer ergriffen und nach einiger Zeit als verbraucht unterlassen. Das freie Baden da unten auf der 59 Plage hatte jedoch auch für ein junges Mädchen seine Übelstände, und besonders für ein so gesuchtes und umworbenes Mädchen wie Louison. Die Courmacher, O'Brien und Vilsac an der Spitze, kannten ihre Stunde und fanden sich immer ein, um aus der Ferne zuzuschauen, wie der brave Fischer die ins Badehemd eingehüllte Louison in die Wellen hineinführte und hielt. Da ihre Beine immer weggeschleudert wurden von dem Wellensturme, so wurde doch auch zuweilen unten das Badehemd ein wenig verschoben, und die fernen Zuschauer erblickten auf Augenblicke den nackten Fuß und zuweilen noch etwas mehr. O'Brien pflegte sich obendrein mit einem Operngucker zu bewaffnen und geriet dann gewöhnlich in Streit mit dem Grafen Vilsac, welcher geltend machte, daß dies verboten sei, und welcher die Fischer zu Schiedsrichtern herbeirief. Dieselben entschieden gegen O'Brien, und im Ärger darüber erlaubte sich dieser spitze Worte gegen Vilsac. Dieser, ein ruhiger Mann, entgegnete wohl mit Maß, aber es wurde von Tage zu Tage klarer, daß diese beiden jungen Leute die Neigung zu Louison sehr ernst auffaßten und daß sie eifersüchtig aufeinander waren in immer steigendem Grade. Louison wußte von alle dem und unterließ deshalb das Baden. Aber ein Mephisto war vorhanden. Juron spielte den Hetzer. Nicht bloß weil er einen Ausbruch der Feindschaft herbeiführen wollte zum Ärger seines Freundes Rambert, sondern auch weil er den Grafen Vilsac weggedrängt sehen wollte. Diesem war es ersichtlich voller Ernst damit, Louison zu heiraten, und gerade das wünschte Juron absolut nicht. Das ihm abgeneigte Mädchen eine geliebte reiche Gräfin werden zu sehen, das schien ihm unerträglich. O'Briens Bewerbung dagegen unterstützte er. Ziemlich genau wußte er, daß Louison diesen O'Brien gar nicht mochte, ja daß sie sich vor ihm fürchtete. Da, meinte Juron, könne denn ein 60 ersprießlicher Skandal entstehen bei der frechen Handlungsweise des irländischen Aristokraten. O'Brien hatte mit dürren Worten zu ihm gesagt: »Diese Louison muß mein werden, oder ich erschieße sie.« Juron hatte nicht unterlassen, diese Äußerung Louison mitzuteilen. Sie hatte wie gewöhnlich dazu gelacht. Diese ganze Courmacherei der jungen Kavaliere schmeichelte natürlich ihrer Eitelkeit, aber berührte sie innerlich gar nicht. Sie hielt das für eine nicht üble Unterhaltung ohne Konsequenz. Nur das bescheidene, unerschütterlich ergebene Betragen des Grafen Vilsac trat ihr zuweilen etwas näher, und sie betrachtete diesen feinen jungen Mann zuweilen mit einer gewissen Aufmerksamkeit. Es war ihr also ganz angenehm, als sie jetzt, da sie mit der Tausendfrancsnote bewehrt aus dem Hause trat, just den Grafen Vilsac ihr entgegenkommen sah. Ihre Badestunde kennend, hatte er gewartet und bot ihr jetzt seinen Arm zur Begleitung hinab an den Strand. »An den Strand?« sagte sie, »ich habe eigentlich keine Lust zum Baden. Die Zuschauer stören mich. Und dann begleitet mich auch Herr Rambert seit einiger Zeit nicht mehr. Er ist unzufrieden mit mir.« »Warum?« »Weil ich spiele.« »Mademoiselle, gestatten Sie mir die Bemerkung: da hat er recht.« Louison sah ihn an und schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Sie spielen ja auch.« »Nur um in Ihrer Nähe zu sein; ich bin kein Spieler. Und eine junge Dame seh' ich nicht gern – pardon ! von Ihnen seh' ich alles gern, aber –« »Aber es wäre Ihnen lieber, wenn ich's unterließe.« »Spielen und spielen, liebes Fräulein, ist ein Unterschied. Einmal an den Spieltisch treten, um die Aufregung zu 61 kosten – wer möchte das tadeln! Wenn aber eine junge liebenswürdige Dame handwerksmäßig dem Spielgewinne nachgeht –« »Dann hört sie auf, liebenswürdig zu sein?« »Das nicht –« »Ich werde heut' nicht spielen. Ich werde Herrn Rambert und Ihnen folgen. Was fang' ich nun aber an, um mich nicht zu langweilen? Machen wir eine Partie nach Spanien hinüber!« »Mit Entzücken!« »Aber übers Meer!« »Übers Meer. Wenn's möglich ist. Wir haben hier mehr Fischer als Schiffer. Fragen wir die Fischer!« Während sie zum Strande hinabgingen, um die Fischer zu fragen, betrachtete Louison eigentlich zum ersten Male den Grafen Vilsac mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Der Schwall von Courmachern hatte sie bisher gehindert, Unterscheidungen zu suchen zwischen ihnen. Jetzt erst empfand sie deutlich, daß dieser Graf Vilsac ihr angenehm wäre, vielleicht der angenehmste von allen. Er war von mäßiger schlanker Größe, blasser Gesichtsfarbe, schlichtem, kurz gehaltenem dunklen Haar. Sein großes braunes Auge hatte etwas Zutrauliches, und sein ganzes Wesen war bescheiden und fein. Was ihr besonders gefiel, war sein sanfter Sprachton und seine stille Haltung. Man wurde so gewiß ruhig und getrost neben ihm. Die Fischer meinten: das ginge nicht, mit einem Kahne nach der spanischen Küste hinüberzufahren. Die See wäre zu schwer für einen leichten Kahn, es wäre schwül, und man dürfe das Meer nicht versuchen. Vielleicht drüben hinter dem Teiche – wie sie das Bad unter dem Kaffeehause abschätzig nannten – da fände sich vielleicht Rat für die Herrschaft. Dort sei die Brandung schwächer, und dort lege zuweilen ein kleiner Segler aus Fontarabia an, wie es heiße, mit 62 Schmuggelwaren, namentlich mit Zigarren, wie die Douaniers meinten. »Gehen wir also dorthin, liebes Fräulein.« »Gehen wir!« »Aber auf einem Umwege, um nicht beim Kaffeehause vorüberzukommen. »Warum nicht?« »Die ganze Schar Ihrer Verehrer würde herzuströmen und mitfahren wollen. Ich möchte aber – Ihre Erlaubnis vorausgesetzt – allein mit Ihnen fahren.« »Das würde auffallen, und –« »Ihren Ruf aussetzen. Nun, mein verehrtes Fräulein, ich habe Sie wohlüberlegt um Ihre Hand gebeten, ich wiederhole diese Bitte jetzt. Der Ruf meiner Braut soll nicht angetastet werden, dafür stehe ich ein.« »Lieber Herr von Vilsac, dieser Trost hilft mir nicht, da ich nicht heiraten will. Gehen wir indessen weiter, am Ende ist kein Schiff da.« Man ging, und siehe, es war ein Schiff da; ja es war just im Begriffe abzusegeln, und der Schiffer war sehr bereit, das schöne Paar mitzunehmen, es auch bis gegen Abend zurückzubringen. Letztere Versicherung entschied bei Louison. Eine kurze Spazierfahrt mit Vilsac, was sei's denn weiter! meinte sie, und mit einer schnippischen Handbewegung ging sie auf das Brett zu, welches in das Schiff hinüberführte. Da drang die Jeunesse dorée vom Kaffeehause lärmend herab. O'Brien hatte Louison und Vilsac erspäht und flog wie ein Pfeil voraus, Vilsac zur Rede stellend, mit welchem Rechte er die Dame entführen könne? Diese Frage, in halb humoristischer Form, war doch so scharf ausgesprochen, daß ihre Frechheit deutlich zutage trat. Vilsac antwortete ruhig und ausweichend: er wüßte nicht, daß Demoiselle Louison oder er dem Herrn O'Brien Rechenschaft schuldig wären. 63 »Sie, Herr Graf, sind mir allerdings Rechenschaft schuldig, und zwar auf der Stelle!« rief O'Brien mit bebender Stimme. » Farceur !« sagte Vilsac halblaut, trat ins Schiff und gab das Zeichen zur Abfahrt. Der Wind blies in das aufgehißte Segel von Norden, und das Schifflein flog dahin. Louison hatte nichts von den Streitworten gehört. Sie war gleich ins Vorderteil des Schiffes geschritten und hatte also keine Ahnung, daß sich da zwischen ihren beiden Verehrern eine Katastrophe vorbereitete. Fröhlich rief sie Vilsac zu, daß ihr dies Schaukeln auf den Meereswellen sehr behagte. Kaum war dies gesprochen, da kam das Schiff aus der stillen Bucht in den Wogendrang hinaus, und das Unbehagen der aufdämmernden Seekrankheit machte sie still. Vilsac ging es nicht besser. Es blieb zwar nur bei der Androhung des unangenehmen Zustandes, aber für ein zärtliches Paar ließ doch diese widerwärtige Störung keine Stimmung aufkommen. Ein enthaltsames Schweigen herrschte ununterbrochen, und Louison bereute es, daß sie so unüberlegt in eine Seefahrt hineingesprungen wäre. Denn auch der endliche Ruf »Fontarabia!«, das Signal der sofortigen Landung, erfreute sie kaum: sie mußte ja wieder zurück! Aufatmend stieg sie aus, und wer stand vor ihr? Sennor Rosas. Hatte er ihr in Bayonne gesagt, daß Fontarabia sein Heimatsort wäre, und hatte sie deshalb der Partie dahin zugestimmt? Oder war es ein Zufall? Jedenfalls war sie diesmal nicht ganz ohne Verlegenheit. Ihr körperliches Unbehagen wich langsam, aber ihr sonstiger heiterer Mut versagte noch eine Weile. Mit diesem Mute hätte sie der Kontrast wohl unterhalten: links den derben Clown, rechts den feinen Grafen als Courmacher neben sich zu haben. Jetzt dauerte es eine Weile, ehe ihr Gleichgewicht 64 wiederkehrte, nachdem sie den Clown dem Grandseigneur hatte vorstellen müssen. Die Stadt ansehen! wurde die Losung; richtiger: das Städtchen, welches nur eine Hauptstraße oder Hauptgasse zu haben schien und welches allerdings der Belgierin und dem Franzosen spanisch vorkam mit all den Handwerksleuten vor den Türen. Rosas machte sich nützlich, indem er dem Grafen einen ganz kleinen Laden zeigte, welcher Havannazigarren bot, hundertmal besser und wohlfeiler als in Frankreich, wo der Staat das Tabaksmonopol ausbeutet. Das französische Geld paßte nicht. Rosas wechselte und unterhielt sich lärmend lustig mit seinen Landsleuten. Das laute Gespräch führte neugierige Fontarabier herbei, und unter ihnen auch Verwandte des Rosas. Sie machten ihre Verwandtschaft geltend, um vorzugsweise von der schönen Dame beachtet zu werden, welche ja die Freundin ihres Vetters wäre. Dies hätte Louison neuerdings in Verlegenheit setzen können neben dem zuschauenden Grafen. Das war aber nicht der Fall. Die Unbehaglichkeit der Meerfahrt war vorüber, und sie lachte bei den stürmischen Handküssen der Rosasschen Familie. Da nahte das Schlimme. Ein heftiger Windstoß brauste plötzlich durch die Gasse. Die Fontarabier schrien: »Das Wetter, das Wetter!« und flohen mit ihren Habseligkeiten in ihre Häuser. Die Straße war in einem Nu still und leer, und die Schiffer stürzten vom Hafen herbei, um zu melden, daß die Rückfahrt heute unmöglich wäre. Ein Gewitter mit Sturm sei im Anzuge, und das daure in diesem baskischen Winkel seine vierundzwanzig Stunden. Da wage sich niemand aufs Meer hinaus. Kaum war dies ausgesprochen, da stürzte ein Platzregen herab, und es galt die größte Eile, um die dürftige Locanda zu gewinnen, in welche Rosas Louison und den Grafen Vilsac geleitete. 65 »Eine üble Bescherung!« seufzte nun doch auch einmal die sonst stets unbekümmerte Louison. Mama und Herr Rambert wußten von nichts, und sie war zwischen zwei so unvereinbaren Verehrern in einem unbehaglichen Wirtshause abgeschlossen von der Welt. »Schaffen Sie uns einen Wagen, Sennor Rosas!« rief sie. »Wagen, Sennora, gibt's hier nicht. Allenfalls Maultiere. Und das würd' Sennora belustigen. Sennora sitzt auf der einen Seite des Rückens, auf der anderen hängt ein Korb mit Steinen, des Gleichgewichts halber gerade so schwer wie Sennora. Sennora erfährt also in Fontarabia, wie viel sie wert ist, das heißt wieviel sie wägt. Nur ein Hindernis steht noch im Wege: bei Regen und Sturm geht das Maultier nicht aus dem Stalle, denn es ist klug und eigensinnig. Und zu guter Letzt ist der Landweg über Irun dreimal so lang als der Seeweg, und kein gewissenhafter Spanier kann sagen, wann oder ob überhaupt Sennora morgen in Biarritz ankommen.« »Wir müssen uns also, liebes Fräulein, hier einrichten, so gut es geht, und das Wetter abwarten,« sagte Graf Vilsac und blickte verdrießlich auf den nicht von der Stelle weichenden Rosas. Man saß eine Zeitlang unschlüssig in dem rauchigen Locandaraume, unschlüssig und verstimmt, denn auch die Späße des Clown belustigten weder Louison noch den Grafen, und die allmählich hergestellte Mahlzeit mundete nicht. Die großen Bohnen sowie Knoblauch und Zwiebeln überraschten mehr als sie schmeckten, und die Sorge um einen besonderen Wohnraum für Louison wurde dringend. Sie lachte seltener als sonst; der schweigende Graf störte sie, und nicht ohne Verstimmung zog sie sich abends in die Einsamkeit zurück, da man endlich ein wüstes Stübchen eine kleine Stiege hoch für sie hergerichtet hatte. Der Graf begleitete sie bis hinauf; Rosas aber auch, 66 und sie verabschiedete beide mit einem Lächeln, welches ungewöhnlich war. Ein kleiner saurer Tropfen war darin zu spüren, die größte Seltenheit bei Louison. Die beiden grundverschiedenen Liebhaber und die ganze Lage dieser Reisepartie erweckten zum ersten Male einen Zustand in ihr, welcher an Nachdenklichkeit grenzte. Heiraten? Beide Verehrer beabsichtigten das. Und doch lag ihr das so fern. Gegen die Person und das milde Wesen des Grafen Vilsac hatte sie eigentlich nichts einzuwenden; er würde auch nichts dagegen haben, daß sie Schauspielerin bliebe, und das war für sie unerläßliche Bedingung. Sie konnte sich den Verkehr mit ihm ganz angenehm denken, angenehmer als mit irgend einem anderen; aber dauernd? Wohl gar ausschließlich? O nein, nein! Darin fand sie nur Armut. Der Begriff Liebe war ihr eben noch völlig fremd. Möglicher noch erschien ihr ein längerer Verkehr mit Rosas. Oft lachen zu können, sei doch besonders wünschenswert, und daran denkend, lachte sie jetzt sogleich, als sie auf dem harten Lager sich ausstreckte; sie lachte nachträglich über einige Späße, welche der lustige Mann während ihrer Verstimmung vorgebracht hatte, unwirksam vorgebracht hatte. Aber auch an den gebunden sein; nein, o nein! Dabei lachte sie noch einmal herzhaft und – sank in Schlaf. Und sie schlief die ganze Nacht. Am anderen Morgen weckte sie die heiße Sonne, welche durch ein zerbrochenes Fenster in ihren kleinen Schlafraum hereinbrach. Es war ein wolkenloser Tag, ein prächtiges Wetter. Alle Welt hatte sich geirrt, denn auch das Meer war spiegelglatt, und die bestellten Maultiere wurden ausgelacht, als sie von Rosas herbeigebracht wurden. Man brauchte sie nicht mehr, man konnte zu Schiffe heimkehren. Vilsac fragte aber doch, ob sie vielleicht den Landweg vorzöge. Er versprach ihm ja längeres Alleinsein mit ihr, obwohl der zudringliche Rosas bis an die Grenze, bis an die Bidassoabrücke mitgehen wollte. 67 »Nein!« erwiderte sie, »ich muß beizeiten heim. Aber einen kleinen Spazierritt auf den Maultieren können wir vorher machen, der ist mir neu.« Dies geschah. Ganz Fontarabia sah zu, und sie fand es lustig. Die Maultiere gehen immer nur Schritt; Rosas konnte bequem nebenher schreiten, konnte die Landschaft erklären, die nahen Berge hinter Irun benennen und komische Bemerkungen machen, welche Louison durch Gelächter zu honorieren wußte. Sie hatte eine ausgesprochene Neigung für jegliche Witzesform, vielleicht auch für Geistesform, und sie war erstaunt, daß der ernsthafte Graf Vilsac darüber gar nicht lachte. Es wurde indessen zu heiß in dieser schmalen Ebene zwischen den Pyrenäen und dem Meere, sie kehrten also bald um und waren gegen Mittag am Hafen, um sich einzuschiffen. Rosas wollte mitfahren. Der Graf vereitelte das aber durch einen Wink für den Schiffer. Dieser stieß ab vom Lande, als Rosas einige Schritte zurückgetreten war, um seinen ungestümen Verwandten Stillschweigen zu gebieten. Sie schrien immerfort Vivas in die Lüfte für die schöne Sennora Rosas. Ein furchtbarer Lärm entstand, als sie das Schiff abstoßen und Rosas abgewiesen sahen. Auch sein Zuruf an Louison ging in diesem Lärm unter, und er konnte nur durch Gesten seine Verzweiflung und seine Liebe ausdrücken. Das tat er ausgiebig. Vilsac sah es nicht, und Louison lachte, indem sie mit der Hand dankte. Die See war ruhig, kein körperliches Unbehagen störte das Paar, und Vilsac konnte innig zu ihr sprechen. Sie hörte schweigend zu, meist mit niedergeschlagenen Augen. Als sie endlich die Augen erhob und ihn voll anblickte, da hoffte er – er war im Irrtum. Sie schüttelte nur ein wenig ihr reizendes Haupt und sagte leise: »Jetzt nicht; ich muß noch eine Weile frei bleiben. – Ich werde schön ankommen bei Herrn Rambert und bei der Mama,« setzte sie rasch hinzu, 68 und die intime Werbung war weggeschoben, wie man eine Flaumfeder in die Luft bläst. Als sie landeten, war niemand am Strande. Er führte sie zu ihrer Wohnung und fragte an der Schwelle, ob er mit hinaufgehen und erklären dürfte – »O nein, nein. Addio!« Achtes Kapitel. Gedankenvoll, schwermütig ging er von dannen. Gedankenvoll, weil er die Frage nicht mehr abweisen konnte, ob dies zaubervolle Geschöpf nicht doch ganz ohne Herz und deshalb aufzugeben wäre. Als ob das so ginge! Als ob der Eigensinn der Neigung auf irgend eine Abmahnung hörte! Und dabei beging er noch den Fehler, sich an der Straßenecke umzuwenden. Da geschah, was er vermeiden sollte: er sah sie, die an ihrer Hausschwelle stehen geblieben war und ihm nachblickte. Schleunigst wollte er zurückkehren, aber sie winkte Nein! und verschwand im Hause. Nicht hundert Schritte war er weitergekommen, da stand O'Brien vor ihm in all' seiner Frechheit und stellte ihn unverschämt zur Rede: wie er es hätte wagen können, Louison zu entführen. Dem sonst ruhigen Vilsac schwoll nun auch die Zornesader, und er entgegnete scharf: »Was berechtigt Sie denn zu solcher Frage?« »Mein Verhältnis zu Fräulein Louison!« »Ihr Verhältnis? Was für ein Verhältnis?« »Wozu lange Reden! Sie wissen oder wissen nicht, und dann erfahren Sie's jetzt. Dies Mädchen muß mir gehören, mir. Das ist mein Sport; und wer mir da in den Weg kommt, den werf' ich um. Zunächst also Sie.« »So ohne weiteres?« 69 »Ohne weiteres! Ziehen Sie sich auf der Stelle zurück von Louison, oder betrachten Sie sich als geohrfeigt von mir.« »Mein Herr aus Irland! Man kann den Duellunsinn nicht unverschämter mißbrauchen, als Sie es tun, und ich bin leider als Mitglied der sogenannten vornehmen Gesellschaft außerstande, Ihnen ohne Antwort den Rücken zu kehren. Ich muß also Ihre Sekundanten erwarten.« O'Brien lachte hell auf, und eine Stunde später waren seine Sekundanten, französisch »Zeugen« genannt, beim Grafen Vilsac. Es wurde ein Pistolenduell festgesetzt, welches noch selbigen Abend jenseits der spanischen Grenze ausgeführt werden sollte. Man ritt und fuhr mittags dorthin. O'Brien hatte ein Billett an Louison zurückgelassen, welches ihr gegen Abend eingehändigt wurde. Sie saß auf dem Balkon neben Rambert, als Jean es ihr überreichte. Rambert war verstimmt über ihre spanische Partie, und sie selbst war still. Sie dachte an Vilsac, und warum sie ihn nicht heiraten wollte. Denn daß sie dies nicht wollte, stand vor allem Nachdenken fest. In solcher Lage las sie das Billett. Es lautete: »Mademoiselle! Ich reite soeben nach Spanien, um den Grafen Vilsac totzuschießen, weil er es gewagt hat, als ernsthafter Bewerber um Ihr Herz und Ihre Hand aufzutreten. So wird es jedem ergehen, der zwischen mich und Sie, schöne Louison, tritt. Ich verlange Ihre Liebe und Ihren Besitz. Je zeitiger Sie mir beides gewähren, desto barmherziger erweisen Sie sich für die Menschheit. Je länger Sie zaudern, desto mehr Menschenleben wird es kosten. Ihr O'Brien.« Louison zuckte die Achseln, als sie gelesen, und reichte Rambert das Billett. Schmeichelhaft für sie war es immerhin, und Schmeichelei verfehlt ja nie ihre Wirkung. Was übrigens abscheulich darin war, das klang ja unglaublich. 70 Rambert warf das Blatt verächtlich zu Boden und sagte: »Dieser frevelhafte Patron meint zu wissen, alles sei ihm erlaubt, und jedes Weib sei durch Einschüchterung und gebieterische Willenskraft zu gewinnen. Am Ende hat er recht in betreff der Weiber!« »Warum nicht gar!« Während der Rede Ramberts war Juron auf den Balkon getreten und wiederholte jetzt spöttisch Louisons »Warum nicht gar!« hinzusetzend: »Kennt das weise Fräulein die Geschichte von der Klapperschlange?« »Ach, was hab' ich mit Klapperschlangen zu tun!« sprach sie ärgerlich. »Wer weiß!« antwortete Juron. »O'Brien hat etwas von einer Klapperschlange, und er nähert sich Ihnen doch recht sichtlich. Das gefräßige Tier, die Klapperschlange, besitzt eine elektrische Anziehungskraft. Das arme Kaninchen, welches in seine gefährliche Nähe kommt und so gern entfliehen möchte, empfindet einen entsetzlichen, unerklärlichen Drang, der drohenden Klapperschlange näher und näher zu rücken und endlich von selbst in den aufgesperrten Rachen derselben hineinzuschlüpfen.« »Tolles Zeug!« sagte Louison und ging auf ihr Zimmer. Sie wurde aber die ganze Nacht das abscheuliche Bild nicht los: den aufgesperrten Rachen der Schlange mit dem Kopfe O'Briens. Und was bei ihr eine außerordentliche Seltenheit war, sie schlief diese Nacht nur Viertelstunden lang und schlief unruhig und unerquicklich. Am anderen Morgen kam sie ganz verstört zum Frühstück. Rambert war auch sehr ernsthaft, und man sprach sehr wenig. Da, unerwarteterweise so früh, kam Juron und war in großer Aufregung. Schon von weitem rief er: »Also richtig, es ist geschehen! Es ist geschehen!« »Was denn?« »Das Duell hat stattgefunden. Beide haben gleichzeitig geschossen; O'Brien ist der Arm zerschmettert, Vilsac ist tot.« 71 »O!« schrien Rambert und Louison und fuhren von ihren Sitzen in die Höhe. »Binnen ein paar Minuten tot« – fuhr Juron fort. »Die Kugel ist durch beide Lungenflügel gedrungen. Er hat kein Wort mehr sprechen können, das Blut ist wie ein Strom aus dem Munde geflossen.« Völliges Stillschweigen folgte; Louison war totenbleich geworden. »Diesen Henkersknecht O'Brien sollte man unter die Guillotine bringen!« rief endlich Rambert. »Es wird ihm gar nichts geschehen!« sagte Juron. »Die Sache ist im Auslande vor sich gegangen, und die Behörde in Bayonne braucht nichts davon zu wissen. Niemand wird ihr auch davon sagen. Vilsac ist aus der Welt, und O'Brien behält vielleicht einen lahmen Arm, voilà tout .« So geschah's auch. Der Vorfall verblieb in dem Kreise der jungen Sportsmen, und von der übrigen Welt in Biarritz fiel es niemand auf, daß ein junger Mann weniger am Strande und im Kaffeehause zu sehen war. Rambert aber gab seiner Entrüstung heftige Worte und erklärte, nicht länger in Biarritz bleiben zu wollen. »Der freche Bursche,« rief er, »könnte uns mit dem Arm in der Binde besuchen wollen, und ich müßte ihm die Tür weisen. Wozu das abwarten!« Binnen vierundzwanzig Stunden wurde die Reise bewerkstelligt. Sie ging zurück auf sein Landgut. Louison verhielt sich still und nachdenklich – zum erstenmal in ihrem Leben. Rambert fand dies richtig und natürlich, und ihr stilleres Wesen machte ihm von neuem einen günstigen Eindruck. Er sprach den Namen O'Brien nicht mehr aus und suchte Louison wieder an die Studien zu bringen. Sie ging willig darauf ein, und es folgte eine Zeit ruhiger Existenz. Juron war nicht mitgekommen, niemand störte die Ruhe, 72 und Louison schien nach einiger Zeit beruhigt und unbefangen zu werden. Da kam ein Brief von Malevy mit den letzten Änderungen des Stückes und ihrer Rolle, sowie mit ausführlicher Anweisung für das Studium der letzteren. Das belebte sie vollständig. Der Brief besagte auch, sie möchte so bald wie möglich nach Paris kommen, damit er die letzten Hilfsmittel der Einstudierung in Anwendung bringen könnte. Das habe Eile, denn die Saison sollte mit diesem Stücke und ihrem ersten Auftreten eröffnet werden. Sie teilte dies Rambert mit und erklärte, daß sie abreisen möchte. Rambert wollte das Stück lesen; sie aber, die sonst so wahrhaftige, leugnete rundweg. Alles, was ihre Theaterkunst betraf, ging ihr über jedes Gesetz. Sie verleugnete, daß sie das Stück besitze, Malevys Zusendung enthielte nur abgerissene Szenen, aus denen man nicht klug werden könnte. Sie müßte eben mit Malevy zusammenkommen, um die Rolle lernen zu können. Er möge sich doch ja in seiner ländlichen Behaglichkeit nicht stören lassen. Kurz, sie reiste mit ihrer Mutter nach Paris, und er gab ihr die schriftliche Order mit an die in Paris verbliebene Haushälterin, für die Bedürfnisse der beiden Damen aufmerksam zu sorgen. So schieden sie in bescheidener Freundschaft und bestem gegenseitigen Wohlwollen voneinander. Wie werden sie sich wiedersehen! Unterwegs machte Mama Miot ihrer Tochter Vorwürfe, daß sie nicht doch eine reiche Heirat dem unsicheren Theaterleben vorzöge. Der Graf Vilsac hätte ihr sehr gefallen; er solle auch sehr reich sein und hege ja, wie man gesehen, ernsthafte Aussichten. »Die ernsthaftesten, aber er ist tot.« »Was?!« »Der O'Brien hat ihn erschossen.« 73 »Der rothaarige Lump! Aber, Kind, was ist dir? Was starrst du mich so an? Bist du unwohl?« Louison schwieg eine lange Zeit zum Schrecken ihrer Mutter. Endlich erzählte sie ihr in langsam gesprochenen Worten den Brief O'Briens und die Geschichte von der Klapperschlange Jurons. »Du bist verrückt!« schrie die Mutter. »Der rote Mensch steckt voller Schulden und hat nichts von Hause zu erwarten, wie mir Jean auseinander gesetzt. Alles gehört seinem älteren Bruder. Außerdem ist's ja ein gräulicher Patron – daran denkst du doch nicht, Unglückskind?« »Nein, aber ich fürchte mich.« »Dummes Zeug! Ich lasse ihn nie wieder in dein Zimmer.« Neuntes Kapitel. All' das, was zu Louisons Naturell gar nicht paßte, war wie weggeblasen, als sie nach Paris kam, Malevy sich einstellte und das Durchprobieren der Rolle begann. Louison war ganz so heiter wie sonst, war ganz Schauspielerin, welche über Malevys Mimik herzlich lachte, wenn er ihr eine Szene vorspielte. Solch Vorgespieltes konnte sie nicht brauchen. »Das mache ich mir selber!« rief sie. Eins nur machte sie für Augenblicke stutzig: die neue Umarbeitung des Stückes und der Rolle bestand darin, daß ihre Lebensgeschichte und ihr Verhältnis zu Rambert nun ganz deutlich, ganz unverkennbar den Inhalt des Stückes bildete. Das sollte doch, meinte sie, mehr verhüllt werden! Rambert werde das sehr übel nehmen. »Um Gottes willen nicht!« rief Malevy. »Gerade dadurch, daß es echt und wahr ist, weckt es in Ihnen die echten Naturlaute, durch welche wir den schlagenden Eindruck beim Publikum erreichen und durch welche Sie als ein Talent ersten Ranges erscheinen.« 74 Das beschwichtigte sie, und sie fuhr mit ihm zur ersten Probe, nachdem auch das Singen der Couplets genügend vorbereitet war. Es hatte sich erwiesen, daß ihre Singstimme klangvoll und daß ihr musikalisches Gehör vortrefflich war; sie sang glockenrein. Die Natur hatte eben nichts vergessen zu ihrer Ausrüstung. Der Portier des Theaters war angewiesen, keinen Menschen einzulassen während der Proben, und das Stück erhielt auch noch keinen Titel, damit nichts Klares darüber verlauten könnte, wenn etwa beschäftigte Mitglieder doch davon schwatzen sollten. Sie waren auch übrigens nicht geneigt, viel davon zu erzählen, da zu ihrem Ärger alle Effekte Louison zufielen und sie mit ihren Rollen ziemlich unzufrieden waren. So gelang's, daß nichts Besonderes von dem vorbereiteten Stücke in den Journalen verlautete. Die Schreiber der Entrefilets, wie Juron, waren auch in der Mehrzahl noch nicht in Paris, und das Stück stand fest in den Proben, als der September schon vorgerückt war und die Gesellschaft, welche das neugierigste Theaterpublikum bildete, allmählich nach Paris zurückkehrte. Malevy besorgte außerdem, daß Journalisten zahlreicher Blätter in die Wohnung Louisons eingeführt würden, um bezaubert zu werden von ihrer Schönheit und Anmut. Das gelang denn auch durchweg, und plötzlich lief die Anzeige durch alle Zeitungen: »Übermorgen die erste Vorstellung der Komödie Louison , Hauptrolle Mademoiselle Louison.« »Übermorgen,« damit viele abwesende Theaterfreunde noch Zeit fänden, für diese erste Neuigkeit der Saison nach Paris zu eilen. Das Haus war denn auch brechend voll, und ehe der Vorhang aufflog, gab's ein dringendes Flüstern und Fragen: »Was bedeutet es denn, daß Stück und Debütantin denselben Namen führen?« – »Das Stück ist ihre Lebensgeschichte,« 75 war die Antwort, welche Malevy in Umlauf gesetzt hatte. – »Ah! ah!« – Doppelte Spannung. Der Vorhang ging in die Höhe. Louison erschien im Mädchenkleide der Brüsseler Bürgertochter, jung und frisch wie ein betautes, erst aufblühendes Röslein. Ein beifälliges Murmeln ging durchs ganze Haus. Charmant! charmant! sagte jedermann halblaut. Sie war auch wirklich reizend und zankte sich mit Vater und Mutter allerliebst, als diese nicht wollten, daß sie Schauspielerin werde. Ebenso antwortete sie mit naiven Drolligkeiten dem wohlweisen Professor Lampré, welcher sie abhalten wollte. In Lampré war Ramberts Name verwandelt. Der brave Rambert saß still auf seinem Landsitze Beaurepos und ahnte nichts von dem Attentate, welches sein Liebling gegen ihn ausübte. Seine Schulweisheit wurde unter Zustimmung des Publikums von seinem Pflegekinde verspottet. Der Akt schloß mit einem Monologe, in welchem die ingénue Louison all' ihre herzige Naivität entwickelte, vom Publikum mit stürmischem Beifall aufgenommen. Der Sieg Louisons war hiermit schon entschieden. In den nächsten Akten folgte die lustige Zurechtweisung Jurons, welchen sie zu großer Erheiterung des Publikums einsperrte; es folgte nach eine intime Szene mit dem Professor, der unter Vorbehalt nach Liebe fragte und dem sie auf die liebenswürdigste Weise antwortete, daß sie für dies Thema wohl noch zu jung wäre; es folgte eine ausgelassene Szene mit dem Clown Rosas, in welcher sie mehr Komik entwickelte als der Clown, und es folgte endlich der Auftritt eines rothaarigen Irländers, welcher in sehr gebrochenem Französisch erklärte: sie müsse ihn lieben, oder er schieße sie tot. Die schüchterne Grimasse, welche sie ihm machte, erregte sprudelnde Heiterkeit im Publikum, und eine Stimme rief: »Polizei!« Unter allgemeinem Gelächter erschien wirklich die Polizei und führte den Irländer ab, weil er gestörten Geistes wäre. 76 Kurz, es gefiel alles unter der fröhlichen Führung Louisons, und die Vorstellung schloß mit ihrem vollständigen Triumphe, sowie mit der Überzeugung im Publikum, Paris habe ein prächtiges neues Talent gewonnen und das Theater eine außerordentliche Zugkraft. Louison wurde denn auch unmittelbar nach dem Schlusse – sie war noch im Kostüm – vom Direktor mit hoher Gage engagiert. Die Habitués des Theaters stürzten auf die Bühne, um ihr und dem Direktor Glück zu wünschen und den Vorschlag zu machen, daß man den erfolgreichen Abend mit einem splendiden Souper kröne bei den Frères provenceaux im Palais royal. Allgemein angenommen! Man erwartete nur die Umkleidung Louisons und brach dann mit ihr auf. Der bittere Tropfen wird aber keinem Sterblichen erlassen. An der Ausgangstür des Theaters traten zwei Männer Louison entgegen und nötigten sie still zu stehen. Der eine war Juron, der andere O'Brien. Juron überschüttete sie mit Vorwürfen, ihn und Rambert öffentlich lächerlich gemacht zu haben, Rambert, welcher sie mit Wohltaten überschüttet habe. Er schloß mit einem »Pfui!«, welches sie empfindlich traf, denn es war verdient. O'Brien daneben, den Arm in der Binde, sagte lächelnd: »Sie haben mich als Irishman vor der ganzen Welt lächerlich gemacht, das ist eine Schuld, welche Sie mir abzuzahlen haben, abzuzahlen mit Liebe. Sie sehen, ich habe auch einen Arm für Sie geopfert; machen Sie sich gefaßt auf reichliche Entschädigung, welche ich mir – ich schwör's! – bei Ihnen holen werde. Also auf Wiedersehen!« Zehntes Kapitel. Louison war schwer betroffen von den Reden der beiden Männer. Der Jubel über den Erfolg flog wie eine Dampfwolke von dannen. 77 Sie hatte ihn ohnedies immer für sicher gehalten, diesen Erfolg, denn die Theaterwirkung lag wie eine Naturnotwendigkeit in ihrem Wesen. Warum hätte denn sonst, meinte sie, alle Welt ihre Person überall fetiert! Die Freude über den Erfolg war ihr also nicht so zu Sinn gestiegen und hielt nicht stand, als Juron und O'Brien eine wirkliche Sorge und eine drohende Sorge in ihr aufriefen. Rambert war die wirkliche, O'Brien die drohende Sorge. Rambert der gute, der so liebe Professor! Sie fühlte klar, daß sie da im Unrecht wäre, in einem peinlichen Unrecht. Den Begriff der Dankbarkeit hatte sie wohl immer abgewiesen von sich, aber hier lag noch etwas Anderes vor, das empfand sie wie ein Stechen, ein Unrecht, das man Unanständigkeit nennen mochte, kurz etwas, das mit Ehrlichkeit und Ehre verquickt wäre, und dafür hatte sie eine bestimmte Empfindung. Sie sagte also, als man im Palais royal ankam, zu ihrer Mutter leise: »Ich kann heute nicht mehr in Ramberts Hause schlafen, ich habe ihn verraten.« »Bist du närrisch?« »Nein, aber gepeinigt bin ich. Wir wollen nach dem Souper in einen Gasthof fahren. Morgen früh suchen wir eine Wohnung, und du holst draußen unsere Habseligkeiten. Ich gehe nicht mehr hin, bis ich dem Professor geschrieben habe, und bis er mir verziehen hat – wenn er's tut!« Die Mama war sprachlos, sie verstand von alledem nichts. Aber es gab nicht Platz noch Zeit zu weiterer Unterredung. Elegante Herren führten Louison zur Tafel; man begann gleich mit Champagner und Toasten, Louison mußte liebenswürdig, mußte heiter erscheinen. Ihr Nachbar stellte sich als Herr Ferval vor. Er war ein charmanter Lebemann in der Gegend der Fünfziger und von unverwüstlicher Sicherheit, daß unser Leben ohne Umstände genossen werden müsse. Er unterließ nicht, sich als zweifellosen Garçon zu bezeichnen, und er war ein Kenner 78 der Frauen. Er bemerkte rasch, daß Louison befangen wäre, und fragte vergnügt: »Was fehlt Ihnen? Es ist immer ein Vorteil für den Anbeter, wenn der Dame etwas fehlt; da kann er helfen. Zustande bringen kann man alles!« »Eine Wohnung fehlt,« sagte sie fast nur vor sich hin. »Sonst nichts?« »Ich bin ein Gast in meiner jetzigen,« fuhr sie fort, »und ich habe meinen wohlwollenden Gastgeber leichtsinnig beleidigt; ich kann also heute nicht in meine bisherige Wohnung zurückkehren.« »Das trifft sich ja wie bestellt!« rief er. »Vor drei Monaten hat sich eine kapriziöse Dame am Boulevard Montmartre, also nahe bei Ihrem Theater, ein luxuriöses behagliches Nest eingerichtet, und gestern hat sie sich mit ihrem Liebhaber, meinem Freunde, gezankt und ist nach London abgereist, zunächst auf Nimmerwiedersehen. Das trefflich eingerichtete Appartement steht leer und harrt einer neuen Mieterin. Die sind Sie! Ich führe Sie nach dem Souper hin und führe Sie ein. Ja?« »Ja.« »Aber es ist noch ein Wölkchen übrig auf der Stirn; was bedeutet das? Ist das nicht auch zu verjagen?« »Es macht mir ein Mann die Cour, den ich fürchte.« »Sie fürchten, ihn zu lieben?« »Das wohl nicht. Ich fürchte seine Dreistigkeit. Ihr gegenüber fühle ich mich unerklärlich schwach.« »Ah, das ist ein schwerer Fall. Da können Sie verloren gehen.« »Oh!« »Ja, ja. So was hab' ich mit angesehen. Da ist ein eisern durchgeführter Entschluß nötig.« »Welcher?« »Ihre Tür verschlossen halten für ihn mit allen Mitteln und mit unerschütterlicher Konsequenz. Haben Sie einen männlichen Diener?« 79 »Nein.« »Den brauchen Sie, und zwar einen handfesten. Eine Kammerfrau genügt da nicht. Ich hab' einen solchen und kann ihn augenblicklich entbehren. Morgen vormittag ist er zu Ihrer Disposition. So! das Wölkchen entweicht. Nun ein Glas Champagner auf freundliche Kameradschaft. Ich liebe die dramatischen Talente, solange sie frisch sind, und – keine Sorge, Fräulein, ich bin nicht zudringlich. Was nicht geschenkt wird zwischen Männlein und Fräulein, das hat keinen Wert. – Also unbekümmert um gute Kameradschaft zwischen Louison und Ferval, ja?« »Jawohl.« Ihr Leichtsinn hob nun wieder die Flügel. Sie fühlte sich befreit und gab sich der fröhlichsten Stimmung des Festes und den Schmeicheleien hin, welche es für sie regnete. Schmeicheleien sind ja jedermann gefährlich, Künstlerinnen aber unerläßlich. Sie sind ihr Lebensblut. Was ist eine Kunst, die nicht gefällt? Und was fehlt einer Kunst, wenn sie gefällt? Die Dauer? Ach wer zweifelt, der hat kein Talent! Louison war mit einem Ruck in die leichte Lebensstimmung der Schauspieler mitten hineingehoben. Sie übernahm ein Logis, welches sehr schön, aber sehr teuer war. Die Gage war ja groß. »Beruhige dich, Mama, wir werden übrigens sparen.« Louison und Sparen! Der Train ergriff sie wie eine Meereswoge. Eine Kammerfrau wurde gemietet, eine Schneiderin, eine Friseuse, ein Dienstmädchen, und Narziß, der handfeste Diener, wurde angestellt mit beträchtlichem Monatslohn. Die luxuriöse Lebensmaschine war binnen wenigen Tagen in vollem Gange. Besuche eleganter Herren kamen in großer Anzahl, man verabredete tägliche Zusammenkünfte im Bois de Boulogne, Ferval bestellte eine permanente Mietequipage, und da die geliehenen Reitpferde mißfielen, so besorgte er ihr eigene, eins für sie, eins für den Reitknecht, welcher geschmackvoll kostümirt wurde. Der Stall war gar nicht weit, alles fügte 80 sich leicht, wie von selbst. Das ist immer der Fall, wenn man die Geldsummen nicht einzuschränken braucht. Nach Verlauf einer Woche hatte sie einen Etat, welcher ihre Gage überstieg. Aber weder sie noch die Mama konnten rechnen, und auch die Mama sprach nicht mehr von zu teuren Dingen, sie war berauscht, und der Train gefiel ihr. Nach Verlauf einer Woche fand Louison aber doch eine Viertelstunde, um den Brief an Rambert zu schreiben, welchen sie sogleich hätte schreiben sollen. Sie gestand ihr Unrecht offen und ehrlich ein und sagte: »Ich weiß es mit nichts zu entschuldigen als mit dem unwiderstehlichen Drange, auf der Bühne zu reüssieren, und wenn noch Ärgeres nötig gewesen wäre, ich hätte auch noch Ärgeres ergriffen. Die ganze Wahrheit zu sagen: dieser Drang ist so unwiderstehlich, daß er mich vielleicht zu einem Verbrechen treiben könnte. Verzeih' mir lieber Onkel, bitte, bitte, ich bin darin unzurechnungsfähig.« Der Brief ging in die Provinz hinaus aufs Landgut, wo Rambert noch wohnte. Er kam wohl zu spät, denn Juron mochte schon arg geschürt haben. Es erfolgte keine Antwort. Juron fing auch in den Journalen an, ihren Erfolg zu benagen. Malevy kam eines Tages entrüstet mit einem zweideutigen Entrefilet. Dies Entrefilet spottete über den Begriff der Dankbarkeit im Herzen einer Theaterprinzessin. – »Das ist er!« rief sie. – »Das ist Juron!« rief er und setzte hinzu: »Es muß ihm etwas angetan werden! Ich bring' Ihnen einen Klopffechter, dem erzählen Sie Details von Juron, damit er sie drohend öffentlich andeuten und Juron einschüchtern kann, größere Deutlichkeit in Aussicht stellend. Übrigens, reizende Louison, müssen wir eine neue Rolle vorbereiten für die zweite Hälfte der Saison; ich komme nächste Woche mit Plänen. Einer gärt schon in mir mit einer erzwungenen Heirat. Wie wär's mit O'Brien als Hauptperson?« »Oh!« »Man sagt, er komme täglich zu Ihnen, und er rühme 81 sich Ihrer Gunst. Seine Wette im Klub hält er aufrecht, eine riesenhohe Wette, daß er Sie noch diesen Winter heiraten werde.« »Um Gottes willen, das ist alles erlogen. Ja, er kommt fast täglich, aber Narziß läßt ihn nicht herein. Nichts von ihm, Malevy, der ist zu schlimm.« »Dann versichern Sie sich ja Ihres Narziß. Den besticht er, wenn er gerade Geld gewonnen hat, oder er ermordet ihn, wenn er ohne Geld ist. Außerdem wohl zu merken! er soll jetzt unermeßlich reich werden. Sein Bruder, der Majoratsherr, sei der Schwindsucht verfallen und habe nur noch eine kurz bemessene Frist zu leben. Die Erbschaft aber, das Majorat, welche ihm dann zufällt, soll kolossal sein. Dieser Josuah – so heißt er – hat also jetzt schon einen riesigen Kredit. Sie haben recht: der ist schlimm, wenn Sie ihn nicht lieben.« »Lieben?! Ich fürchte, ich verabscheue ihn.« »Hm, hm! Das wäre also dort in Irland kein übler Stoff zu einem Sensationsdrama, in welchem Sie ihn ermordeten.« »Ich?!« »Davon sprechen wir noch. Jetzt Adieu! Und Narziß hoch halten im Solde!« Ach, solch ein Künstlernaturell wie Louison ist gar nicht geeignet, die Bedingungen des wirklichen Lebens einzuhalten. Ja, es erkennt sie nicht. Solch ein Geschöpf lebt und webt in idealen Verhältnissen, um nicht zu sagen in phantastischen. Die grellsten Hindernisse werden ja in den Komödien am Schlusse immer spielend beseitigt. Diese Komödienwelt aber herrscht souverän in der Gedankenwelt der Schauspieler. Im Verkehr mit der sogenannten Jeunesse dorée sah und hörte Louison nichts als fröhlichen Leichtsinn; jegliches Hindernis wurde verlacht. Geld bedeutete gar nichts. Sie bedachte nicht, daß all' diese jungen Leute ihre Familien hinter sich hatten, daß sie selbst aber nichts hinter sich hatte als ihre feste Gagensumme. 82 Als nun die erste Forderung einer Geldschuld streng an sie herantrat, da lachte sie und warf sie ins Schubfach, ein paar Stunden später in ihrer Empfangsstunde ihren Courmachern spöttisch erzählend, der Gläubiger habe mit gerichtlicher Klage und Pfändung gedroht. Allgemeiner Aufschrei der Courmacher, allgemeines Anerbieten, diese Schuld sofort zu übernehmen. »Nicht doch!« rief sie, »nicht doch! Geld verdirbt die Freundschaft.« Das war so hingesagt, gedankenlos, eine erlernte Phrase. Aber der Eindruck blieb bei ihr nicht aus, daß ja Leute genug vorhanden wären, für sie einzutreten, wenn einmal wirklich Not an Mann käme. Eine zweite drohende Geldnote ward ihr eines Mittags überreicht, als gerade Ferval neben ihr saß. »Zum zweiten Male schon erlaubt man sich solche Drohungen,« sagte sie und reichte Ferval die Note. »Ah, das muß man sich nicht gefallen lassen,« sprach dieser – »erlauben Sie, daß ich das flugs beseitige.« – Und er ging hinaus und zahlte dem Boten die verlangte Summe. Louison hatte nicht Zeit gehabt, das zu verhindern, aber sie empfand doch gleich, daß dies unpassend sei. Ein paar Tage darauf bemerkte sie auch, daß Fervals Benehmen gegen sie dreister geworden. »O nein, nein!« rief sie, »wohin würde das führen!« Sie war durchweg in all' dem Verkehr keusch und unnahbar und benutzte nun eiligst den Rat ihrer Friseuse, die Summe anderswo aufzunehmen, bei einem»sehr ordentlichen Manne«, wie die Friseuse sagte, damit sie sofort Ferval zugestellt werde. »Der ›sehr ordentliche Mann‹,« fuhr die Friseuse fort, »berechnet nur mäßige Zinsen.« Da nun Louison von Zinsen gar nichts verstand, die Forderungen aber immer zahlreicher einliefen, so nahm sie immer neue Summen auf von dem »sehr ordentlichen Manne« und stellte am Ende auch Wechsel aus. Was wußte sie von 83 der Bedeutung eines Wechsels! Kurz, um Neujahr etwa war sie über und über verschuldet, und eine Unterredung mit dem »sehr ordentlichen Manne« belehrte sie, daß sie auf einem gefährlichen Wege sei und daß eine beiläufige Bemerkung ihres Stubenmädchens Rose, »Wucherschulden türmten sich auf wie Berge«, eine arge Bedeutung hätte. Jetzt erst erkannte sie die Gefahr und sah sich nach Hilfe um. Wo gab's die? Ah, sie hatte ja doch so viel Briefe von Anbetern bekommen, welche alle glänzende Anerbietungen enthielten. Sie hatte alle unter einen Beschwerstein gelegt und las sie jetzt noch einmal durch. Als sie fertig war, ließ sie Kopf und Arme sinken. Es war ihr klar, daß all' diese Anerbietungen einen schlimmen Hintergrund hatten – sie erwarteten für ihr Opfer Hingebung der jungen schönen Dame. »Um keinen Preis der Welt!« flüsterte sie vor sich hin. Aber was tun? Der letzte Mahnbrief hatte äußerst brutal mit Pfändung ihrer Habseligkeiten gedroht. Was tun? Da hörte sie im Vorzimmer einen heftigen Stimmenwechsel und ein Geräusch, als ob ein Mensch zur Erde fiele. Der Mensch war Narziß, und vor ihr stand O'Brien. »Verzeihen Sie, meine Liebste« – sagte er – »es blieb mir am Ende nichts übrig, als mit Gewalt zu Ihnen zu dringen. Ihr Diener wurde flegelhaft und mußte beseitigt werden. Aber erschrecken Sie nicht! Ich bin nicht so schlimm, wie ich Ihnen bisher erschienen bin, ich hab' nur einen festeren Willen als die Ferval und Konsorten, welche Sie mit Geldanerbietungen in ihrer Not beleidigen. Außer dem festen Willen habe ich auch redliche Absichten, redlicher als diese Fanfarons , welche eine Maitresse in Ihnen suchen. Ich suche in Ihnen eine Ehefrau – ich beschwöre Sie, nehmen Sie ein paar Minuten furchtlos Platz und hören Sie mich ohne Vorurteil an!« Sie sank auf einen Sessel; er holte sich einen und setzte sich in ihre Nähe. 84 Bei allem Schreck mußte sie sich doch eingestehen, daß er von seiner früheren Brutalität keine Spur zeigte, sondern daß er sanft, ja liebenswürdig spräche. Er war dessen fähig, denn er war ein reichbegabtes Menschenkind. »Ich wiederhole es,« sprach er nun sanft, »schenken Sie mir die Anstrengung, mich zehn Minuten lang ohne Vorurteil anzuhören! Ich verdiene es kaum, das ist wahr, denn ich habe Sie durch Tollheiten eingeschüchtert. Aber ich kann doch Einiges zu meiner Entschuldigung vorbringen. Nicht bloß meine grenzenlose Liebe zu Ihnen. Denn bei Gott dem Allmächtigen! als ich Sie das erstemal gesehen, da ist es wie ein Schicksalsspruch in mir aufgesprungen: dies ist das Weib, welchem du angehören mußt dein Leben lang, sie ist dein Lebenszauber. Daß ich hinzugesetzt: so wie ich ihnen angehörte, so müßten auch Sie mir angehören, das ist wahr. Daher meine frechen Drohungen. Aber sie werden Ihnen erklärlich und vielleicht auch verzeihlich erscheinen, wenn Sie meine Erziehung kennen. Diese Erziehung hat aus mir einen heftigen, oft gewaltsamen Menschen machen müssen. Meine Mutter und die Umstände haben mich verzogen. Der Lord, mein Vater, starb früh und hinterließ meiner Mutter große Herrschaften und zwei Söhne, meinen älteren Bruder David und mich, der ich Josuah getauft bin. Der Vater hatte meinen Bruder David vorgezogen und mich gering geachtet. Meine Mutter tat nun nach seinem Tode das Gegenteil; sie achtete David, für welchen sie bis zu seiner Großjährigkeit die Güter verwaltete, gering und behandelte mich mit einer geradezu leidenschaftlichen Liebe. Mir wurde alles gewährt, auch an Geldmitteln alles; meinem Bruder wurde auch das entzogen, was ihm gebührte. Er war von kränklicher Leibesbeschaffenheit, namentlich schwach in der Brust. Der Ärger über die Mutter schwächte ihn noch mehr, und der Widerwille gegen mich beherrschte ihn allmählich ganz. Da starb meine Mutter plötzlich an einem Schlagfluß. 85 Gerade um die Zeit, als Davids Mündigkeit eintrat. Nun rächte er sich an mir. Er jagte mich fort und entzog mir die Gelder, welche mir zustanden. Sie können ermessen, wie das auf den verzogenen Josuah, auf mich wirken mußte. Ich lebte in heller Empörung und natürlich in gänzlicher Armut. Nur ein entfernter Verwandter meiner Mutter unterstützte mich einigermaßen. Ich wurde ein wilder Abenteurer, ein Spieler und was weiß ich! Da kam Rettung, Rettung von zwei Seiten. Die erste und wichtigste kam von Ihnen. Ich sah Sie und war verwandelt. Man sagt: Wer liebt, wird gut. Jedenfalls wurde ich besser. Ich wollte und will zwar noch alles vernichten, was mich von Ihnen trennen könnte, aber in meinem Innern ist doch eine Welt aufgegangen, welche ich früher gar nicht kannte. Ich möchte sagen: eine Welt des Wohlwollens. Ich sehe immer Ihr Bild, und das wirkt zähmend, beschwichtigend auf mich. Ich behandele die Menschen anders als früher, und ich bin überzeugt, Sie können mich, wenn Sie mir angehören, zu einem guten, wenigstens zu einem gelinden Menschen machen. – Die zweite Seite der Rettung kam aus Irland. Es war die bestimmte Nachricht, daß Davids Brustleiden Lungenschwindsucht geworden und daß seine Tage gezählt seien. Er könne den Ausgang des Winters nicht überleben. Dann bin ich Lord O'Brien und sehr reich. Ich kann Ihnen also ein Leben bereiten, wie Sie's in Ihrer Künstlernatur nur wünschen können. Ungern lasse ich Sie beim Theater, denn ich bin eifersüchtig, aber ich lasse Sie, wenn Sie's positiv verlangen. Ich tue alles, was Sie wollen. Augenblicklich bitte ich um weiter nichts, als daß Sie mir alle Wechsel und Schuldscheine übergeben, damit ich sie bezahlen und Sie befreien kann von der gemeinen Sorge, und daß Sie mir Zutritt gestatten in Ihr Haus. So werden Sie mich allmählich kennen lernen, und zwar besser als bisher. Sie werden mich durchweg bescheiden und genügsam finden, denn ich habe 86 eingesehen, daß sich die Liebe nicht ertrotzen läßt. Ich will, wie gesagt, nur, was Sie wollen.« Damit ging er, indem er sich tief verbeugte. Louison blieb regungslos sitzen. Sie war in solcher Verwirrung, daß sie absolut selbst nicht wußte, was sie empfände, was sie dächte. Das war ja ein ganz anderer Mann, als er bisher gewesen! Gewesen? Vielleicht nur erschienen. Sein blaues dunkles Auge, früher immer drohend, wie ruhig, wie mild hatte es geblickt! Der Mund mit prächtigen weißen Zähnen hatte nichts mehr gehabt vom früheren Zucken. Der unbewegliche Arm in der Binde dazu hatte jeden Gedanken entfernt an sonstige Gewaltsamkeit. Aber der Fall im Vorzimmer, ehe er eingetreten? Das konnte nur Narziß gewesen sein. Hatte O'Brien den Diener niedergeworfen? Sie griff mechanisch nach der Klingel, welche auf einem Tischchen neben ihr stand, und läutete. Narziß trat ein. Er sah niedergeschlagen aus und zuckte die Achseln. Er sei über einen Zipfel des Teppichs gestolpert und gefallen, als er dem fremden Herren den Eintritt verweigern wollte. Also auch hier keine Gewalttat O'Briens! dachte sie. Es fiel ihr nicht ein, daß dieser Narziß von O'Brien bestochen sein könnte. Es fiel ihr überhaupt nichts ein, als daß sie sich doch noch fürchtete vor diesem O'Brien und daß sie sich Vorwürfe machte wegen dieser Furcht. Denn er sei ja gut und sanft gewesen. Dabei blickte sie nach dem Fach in ihrem Schreibtische, in welchem alle Schuldforderungen lagen. Die hatte er ja verlangt. »Das nicht!« sagte sie, und Ferval fiel ihr ein, welcher neulich für sie bezahlt hatte. »Wieviel hat denn neulich Herr von Ferval für mich gezahlt?« fragte sie. »Zweitausend Francs,« antwortete Narziß. »Können wir die noch auftreiben?« 87 »O ja, gegen hundert Prozent Zinsen.« »Besorgen Sie also die Summe und liefern Sie dieselbe an Herrn von Ferval ab mit meinem Dank.« »Zu Befehl.« – Und er entfernte sich. Das waren also wieder viertausend Francs Schulden mehr. Sie hatte die Schuldscheine nie summiert, sie wußte gar nicht, wie hoch die Gesamtsumme sich belaufe. Das wollte sie jetzt tun – aber da trat die Friseuse ein, um die Tagesfrisur herzurichten. Diese Friseuse hieß Nanette und war eine etwa dreißig Jahre alte Pariserin, wohl erfahren, sehr geschickt und gar nicht ohne Geist, welche sich viel darauf zugute tat, beinahe blond zu sein. Sie kannte die Theater und Paris gründlich und war für Louison in allen Dingen fördersam gewesen, besonders in Geldsachen. Sie wußte für alles Rat, nahm alles leicht und war deshalb behaglich und bequem für Louison. Jetzt betrachtete sie lächelnd die schöne junge Dame, welche das Hervorziehen der Schuldscheine aufgegeben hatte und lautlos dasaß, Nanettens Frisieren sich ruhig gefallen lassend. Nach langem Stillschweigen seufzte endlich Nanette und flüsterte: »Man lernt doch die Männer nicht aus! Dieser Lord O'Brien ist eine neue Merkwürdigkeit. Mademoiselle hat ihn endlich empfangen? Mit Recht! Denn ist der verwandelt! Sein Diener wartete unten beim Coupé. Den hab' ich gesprochen, als ich kam, weil ich hörte, daß sein Herr bei Ihnen wäre. Na, weiß der zu erzählen! Sein Herr sei sich gar nicht mehr ähnlich. Eines Abends – er sei aus unserem Theater gekommen und habe Mademoiselle spielen sehen – habe er ihm Order gegeben, seine ganze Hausordnung zu ändern, alle Besuche abzuweisen und nur den irländischen Geistlichen vorzulassen, welcher im Hotel Glasgow wohnt. Der sei jetzt täglich bei ihm und speise auch mit ihm. Er speist jetzt zu Hause und geht nicht mehr in den Klub. Seine Pferde hat er verkauft und lebt sparsam 88 wie ein Gewürzkrämer. Derselbe Herr, der früher das Geld zum Fenster hinauswarf! Von seiner früheren Heftigkeit sei keine Spur mehr vorhanden, er sei geduldig und sanft, aber traurig. Ich begegnete ihm auf der Treppe, als er von Mademoiselle kam, und er grüßte mich. Dabei strauchelte er mit dem Fuße und wollte sich am Geländer halten. Das Geländer war aber an der Seite seines kranken Armes. Den zog er unbedacht aus der Schleife, dieser schien aber den Dienst zu versagen. Der Lord stöhnte wie vor Schmerz und hielt sich mit dem gesunden Arme einen Augenblick lang an meiner Schulter fest. Dann holte er tief Atem, sah mich gutmütig an und dankte mir. Kurz, es ist, wie unser Pfarrer sagt, ein Paulus geworden aus dem Saulus. Merkwürdig!« Louison dachte wieder nicht im entferntesten daran, daß auch Nanette, die erfahrene Pariserin, bestochen sein könnte. Sie stand auf, ließ sich einen großen Schal umhängen und ging aus, ohne ein Wort zu reden. Wohin? Den Boulevard entlang bis zur Madeleinenkirche. Dort trat sie ein, kniete an einem Seitenaltare nieder und betete lange, lange. Sie war, wie es in Belgien Sitte, im getreuen Kirchenglauben erzogen, und in ihrer Gläubigkeit sowie in Befolgung aller kirchlichen Vorschriften und Gebräuche hatte sich nichts an ihr verändert trotz allen bunten Verkehrs in ihrem Leben. Sie betete echt und warm, die heilige Jungfrau möge sie beschirmen und erleuchten in ihrer Not, in ihrem Zweifel. Auf dem Rückwege begegnete sie vor dem Grand Hotel Juron, welcher geringschätzig und ohne Gruß an ihr vorüber wollte. Sie aber blieb stehen und sagte: »Verzeihen Sie mir, Herr Juron; es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen weh getan. Sagen Sie dasselbe, ich bitte, dem guten Herrn Professor! Ich flehe ihn an, mir eine Unterredung zu schenken. Ich bin in schwieriger Lage ratlos, und zu keines Menschen Rat habe ich ein so unbedingtes Vertrauen als zu dem des Herrn Rambert. Ist er in Paris?« 89 »Ja.« »Wollen Sie die Güte haben?« »Wozu? Er spricht Sie nicht mehr.« Nach diesen Worten ging Juron weiter. Louison blieb betrübt stehen. Endlich blickte sie auf die gegenüber harrenden Fiaker und griff in ihre Tasche. Sie wollte hinausfahren zu Rambert. Aber sie hatte kein Portemonnaie in der Tasche und es fing heftig an zu regnen. Hastig eilte sie nach Hause, hastig schrieb sie einen neuen Brief an Rambert und bat ihn, sie zu empfangen. Sie schrieb die Wohnung genau auf die Adresse und gab den Brief Narziß zu sofortiger Bestellung. Er sollte ihn selbst abgeben. Dann legte sie sich aufs Sofa; sie war todmüde, und sie schlief auch ein, und sie schlief, bis Rose sie weckte. Es war finster, sie aber mußte ins Theater, um sich anzukleiden und zu spielen. Das Stück »Louison« wurde ja nach Pariser Sitte auch nach Monaten Abend für Abend aufgeführt. Narziß hatte den Brief nicht bestellt, sondern auf einen Tisch im Vorzimmer geworfen, weil eben ein Gläubiger eingetreten mit zudringlicher Forderung. Gleichzeitig war Rose, das Dienstmädchen, ins Vorzimmer gekommen, und hatte zugehört, wie Narziß diesen Dränger mit groben Worten abfertigte und ziemlich handgreiflich aus dem Vorzimmer hinausexpedierte. Narziß ging ebenfalls hinaus, und Rose hörte, daß der Gläubiger mit Pfändung drohte und daß Narziß erwiderte, das sollte er nur tun, je eher, desto besser. Rose schüttelte dazu den Kopf; sie mochte Narziß überhaupt nicht leiden. Ihrer Herrin aber, welche sich immer freundlich gegen ihre Dienstleute benahm, war sie herzlich zugetan. Sie war die Tochter eines Schulmeisters in den Vogesen und hatte vier Schwestern. Alle hatten aus dem Hause gemußt, um sich ihren Unterhalt zu suchen, und alle hatten einen guten Schulunterricht genossen. Rose war auch sonst aufgeweckten Geistes und hatte aus einzelnen Äußerungen ihrer Herrin sich zusammengereimt, 90 daß ein Professor Rambert früher ihr Beschützer gewesen. Jetzt las sie dessen Adresse auf dem Briefe, welchen Narziß auf den Tisch geworfen, und dachte: Die arme Herrin sucht Hilfe in ihren bedrängten Umständen, und der Schlingel Narziß wirft den Brief beiseite! Er geht fort, setzte sie hinzu und öffnete die Vorsaaltür. Richtig! Narziß ging mit dem Gläubiger die Treppe hinunter. Geschwind holte sie ein grobes Umschlagetuch gegen den Regen, steckte den Brief zu sich und trug ihn hinaus zu dem Herrn Professor. Als sie zurückkam, trat ihr Narziß herrisch entgegen mit der Frage, ob sie einen Brief vom Tische genommen. Sie schüttelte den Kopf und ließ ihn stehen. Der Brief kam also in Ramberts Hände. Er las ihn, hielt ihn noch eine Zeitlang in der Hand und legte ihn dann auf den Schreibtisch. Der Eindruck war ersichtlich günstig. Es waren Monate vergangen, seit er durch Juron die Nachricht erhalten von dem Attentate Malevys und Louisons auf dem Theater. Juron hatte es auf die gehässigste Weise geschildert. Rambert hatte sich unbeschreiblich verletzt gefühlt und auch bei seiner Rückkehr nach Paris Juron recht gegeben, daß einem Mädchen von so verwerflichem Charakter für immer der Rücken zuzukehren sei. Ja, sie verdiente eine Züchtigung! hatte Juron zugesetzt. Das hatte Rambert mit einer Handbewegung abgewiesen. Er war eine grundgute Seele, und er hatte Louison sehr lieb. Unter Schmerzen hatte er sie aufgegeben und ihren ersten Brief nicht beantwortet. Die Zeit aber hatte den häßlichen Eindruck gemildert, und ob man ihn erkannt habe in der Theaterfigur, davon hatte er wenig erfahren, weil er nicht in Paris gewesen. Über die Szene aber, in welcher Juron gefoppt und eingesperrt wird, hatte er wohl gar später, wenn er daran gedacht, lachen können, indem er sein Lachen damit entschuldigte, daß er ausrief: »Verdient hat er's.« Was ihn selbst betraf, so hatte er nach einiger Zeit ärgerlich die 91 Frage in den Hintergrund geschoben, in das »Schuttzimmer«, wie er's nannte, wohin jedermann seine Enttäuschungen wirft. So fand ihn der heutige zweite Brief. Er fand ihn, möchte man sagen, vorbereitet zur Versöhnung. Der Brief war auch in Louisons bester Art geschrieben, einfach und rührend. »Wohlan denn!« sagte Rambert und faßte den Entschluß, diesen Abend ins Theater zu fahren, das abscheuliche Stück über sich ergehen zu lassen und Louison anzuschauen, anzuschauen als Talent ohne Rücksicht auf ihre Person und ihren moralischen Wert. Juron kam um sechs Uhr zu ihm und speiste mit ihm. Beim Dessert hatte Rambert die Unvorsichtigkeit oder, um es richtiger auszudrücken, die gutmütige Wallung, Juron seinen Entschluß mitzuteilen. »Um Gottes willen nicht!« schrie Juron. »Die Leute werden mit Fingern auf dich zeigen und dich verhöhnen.« »Ah? – Nun denn – so werd' ich's unterlassen.« Glücklicherweise wurde Juron um halb Acht abgerufen, und als Rambert allein war, kam sein Gedanke nochmals auf die ganze Frage zurück. Ein gebildetes menschliches Wesen für immer aufzugeben wegen eines einzigen garstigen Zuges? Ist das human? Ist das weise? Ist das vorteilhaft? Sie hat dir ja doch viel Freude gemacht – er läutete und bestellte den Wagen. Das Hauptstück des Abends, »Louison«, begann ja erst um acht Uhr, er konnte noch zum Anfange im Theater sein, und er kam zurecht. Der Vorhang ging eben in die Höhe, als er im Hintergrunde einer Loge Platz nahm. Das Publikum konnte ihn kaum sehen, und dieses Publikum kannte ihn nicht, es war nicht das Publikum der ersten Vorstellungen. Louisons Auftreten fiel wie ein Sonnenstrahl in sein Herz. Er hatte sie doch sehr gern, und die ersten Szenen in Brüssel waren ihm eine liebe Erinnerung. Später lachte er unverhohlen über den gefoppten Juron. Freilich, als nun 92 ihre Liebelei mit ihm daran kam und er wohl wie ein genarrter Liebhaber erscheinen konnte, da wurde ihm schwül. Aber Louison spielte das alles, wohl gerade heute, weil sie so traurig war, mit einer so mädchenhaften Dezenz, daß er auch dies nachsah; kurz, ihre liebreizende, talentvolle Person wurde ihm ganz und gar einziges Interesse an der Vorstellung, und am Schlusse hatte sie ihn ganz wieder gewonnen. Nach Hause kommend, schrieb er rasch auf eine Visitenkarte, Louison möchte am nächsten Tage um elf Uhr zu ihm kommen, und übergab die Karte Jean mit dem Auftrage, sie am folgenden Morgen selbst bei Mademoiselle abzugeben. Welch ein Glück für Louison! Nun konnte sie gerettet werden, gerettet, denn sie war in Lebensgefahr. Am anderen Morgen erschien Jean in Louisons Wohnung. Ungern und verdrießlich, denn es war ihm widerwärtig, daß der Verkehr mit dieser Komödiantin wieder angeknüpft wurde. Welche Erniedrigung seines Herrn! Er hatte es ja erfahren – denn solche Diener erfahren alles, was ihre Herrschaft betrifft –, daß sie seinen Herrn aufs Theater gebracht. Wie konnte sein vornehmer Herr sich nun doch wieder herbeilassen! »Ah!« stöhnte er ärgerlich im Vorzimmer, »wer übernimmt hier eine Karte des Herrn Professor Rambert für Mademoiselle Louison?« »Ich!« antwortete der anwesende Narziß. Und er setzte hinzu: »Ist das derselbe Professor Rambert, bei welchem Mademoiselle früher –« »Ja doch.« »Sie ist nicht etwa vom Herrn Lampré?« »Rambert!« sagte Jean indigniert mit scharfem Tone, ging und schlug die Tür zu. Er hatte die Malice mit Lampré wohl verstanden – denn er hatte das Stück gesehen – und war wütend. »Das soll mein törichter Herr schon erfahren!« brummte er vor sich hin. Woher wußte Narziß das alles? – Von O'Brien, der 93 ihn bestochen hatte und der ihm den Auftrag gegeben, jede Annäherung zwischen Louison und dem Herrn Rambert nach Möglichkeit zu verhindern. Deshalb hatte er den Brief Louisons an Rambert nicht bestellt, deshalb steckte er jetzt die Karte Ramberts in die Tasche, um sie O'Brien abzuliefern, der ihm angekündigt hatte, er werde heute das Fräulein wieder besuchen. Louison hatte ihm auch das frühere Verbot der Zulassung O'Briens nicht wiederholt. Bald darauf kam O'Brien wirklich, und nach einem kurzen leisen Wortwechsel mit ihm ging Narziß ins Zimmer, um ihn anzumelden. Er fand große Verwirrung. Mama Miot war plötzlich erkrankt. Sie hatte heftig gestöhnt und lag jetzt ohnmächtig auf dem Sofa. Louison selbst eilte in den Vorsaal, sich bei O'Brien zu entschuldigen, daß sie ihn jetzt nicht annehmen könne, und rief Rose. O'Brien dankte dafür, daß sie ihn persönlich unterrichtete, wünschte der Mama rasche Wiederherstellung und ging. Rose brachte Eau de Cologne und bespritzte reichlich die Mama. Als dies nichts half, sagte sie ärgerlich: die Mama hätte beim ersten Frühstück einen halben Hummer verzehrt und eine Flasche schweren Wein getrunken, es würde ein Arzt nötig sein. Oben im dritten Stocke wohne einer, sie hätte ihn vor einer Viertelstunde hinaufsteigen sehen, ob sie ihn nicht holen solle? »Ja wohl, ja wohl!« Als er kam, war Mama schon aus der Ohnmacht erwacht, stöhnte aber entsetzlich. Der Arzt, ein junger Mann, war durch Rose schon unterrichtet über den halben Hummer und schrieb rasch ein Rezept, welches Rose augenblicklich in die Apotheke trug. Louison fragte ihn leise, ob es bedenklich sei? Er sah sie lächelnd an und erwiderte nach kurzer Pause: ganz und gar nicht. Aber Mama sollte mäßiger sein – vorsichtiger, 94 verbesserte er – im Essen und Trinken, sonst könnte sie gelegentlich einen Schlagfluß erleiden. Mama schrie auf, und Louison verwunderte sich über das Lächeln des jungen Mannes, welcher sich neugierig in dem luxuriös eingerichteten Zimmer umsah. »Kennen Sie mich?« fragte sie. »Nein, ich habe nicht die Ehre.« Sie nannte sich, und er erwiderte wie entschuldigend, daß er kein Theatergänger wäre. Er hätte für Theater keine Zeit und kein Geld. Seine Praxis wäre noch zu klein, und das Studium seiner Wissenschaft nähme ihn noch sehr in Anspruch. Sie bot ihm Karten an für die heutige Vorstellung in ihrem Theater. Er lehnte ab. Gerade heut' abend habe er teilzunehmen an einem wichtigen Konsilium. »Es interessiert Sie auch nicht –?« »Das möcht' ich nicht sagen. Ich hab' einen Jugendfreund, einen ausgezeichneten Mann, der Stücke schreibt. Vergeblich, denn er bringt sie nicht zur Aufführung. Der erzählt mir wohl von dem wunderlichen Theaterleben; er hat mir auch von Ihrem Stücke erzählt!« »Vielleicht gingen Sie morgen mit Ihrem Freunde in unser Theater?« »Ein Arzt kann nicht dreißig Stunden voraus über seine Zeit verfügen. – Mama muß sich zu Bett legen und bis morgen früh nichts essen und trinken.« Mama stöhnte schmerzlich. »Morgen früh werd' ich wiederkommen, wenn Mademoiselle es wünschen.« »Gewiß.« Damit ging er. Louison sah ihm erstaunt nach, erstaunt, daß es Menschen gäbe, welche sich so gar nicht ums Theater kümmerten. Der kühle junge Mann mit großen dunklen Augen verwunderte sie höchlich, und sie sprach vor sich hin: 95 »Es gibt also doch Menschen, welche das Theater gar nicht brauchen. Unbegreiflich!« Eine halbe Stunde später schimpfte Mama Miot heftig auf den albernen Doktor, weil das Rezept sie in seinen unangenehmen Folgen abscheulich belästigte. Dazu brauche man keinen Doktor! Louison selbst fühlte sich von Kummer und Sorgen belastet. Solch ein Zustand war ihr völlig neu, und sie fand in sich gar kein Mittel zur Verteidigung. Von Rambert kam keine Antwort; zudringliche Gläubiger aber kamen fortwährend und gingen unter Drohungen hinweg. Und nun stürmte auch noch Malevy herein mit Vorwürfen, daß sie seit einiger Zeit ohne Animo spiele und das Stück herunterbringe. »Herr Gott!« schrie sie nun einmal ungeduldig auf, »Abend für Abend dieselbe Rolle spielen, das muß ja langweilig für mich werden. Ich bin da keine Künstlerin mehr, ich bin eine Drehorgel, die abgeleiert wird!« »So?« erwiderte er ärgerlich, »dann müssen Sie ans Théâtre français gehen, wenn Sie so wählerisch sind.« »Ach, aus der Welt möcht' ich gehen; es reißt ja alles entzwei rings um mich her, und ich weiß nicht mehr, was lassen, was tun!« »Sie werden damit endigen, einen reichen Esel zu heiraten und die ganze Kunst zu verraten. Adieu!« »Am Ende hat er recht,« sagte sie trostlos vor sich hin, und energieloser als je spielte sie diesen Abend, so daß der Direktor am Schlusse zu ihr trat und ihr Vorwürfe machte. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Grell, verzerrt gingen alle Menschen, alle Zustände an ihr vorüber, und erst als am Morgen der junge Doktor – Zech hieß er und war ein Elsässer – bei ihr eintrat mit seinen kühlen Fragen und kurzen Antworten, da kam es ihr vor, als wäre ein kühler Luftzug ins Zimmer gedrungen. Sie sah ihn aufmerksam an, als er der verdrießlichen Mama den Puls fühlte 96 und über deren Zornausbrüche wegen des Rezeptes nur kurzweg lachte. Hübsch fand sie ihn gar nicht mit dem blassen Gesichte voll Bart und in der fast ärmlichen Bekleidung eines gedrungenen starken Körpers. Die Hand war klein und die Stimme wohlklingend. »Es ist vorüber,« sagte er langsam zu Frau Miot, »aber es wird wiederkommen und gefährlich werden, wenn Sie sich nicht mäßigen.« »Mäßigen? Gefährlich? Was?« »Gefährlich für Ihr Leben.« »Jesu Christ!« »Ja wohl. Sie neigen zur Völlerei, denn Sie essen und trinken zu stark. Noch zweimal solch ein Anfall, und beim dritten Male rührt Sie der Schlag.« »Maria und Joseph!« Und sich zu Louison wendend, setzte er hinzu: »Sie müssen acht geben, warnen und am Ende mit Gewalt abhalten. Wie's scheint, kann man sich eben in solcher Künstlerwelt nichts versagen. Wer das aber nicht kann, der geht zugrunde. Die Natur ist einfach, den Menschen aber drängen seine Gelüste zur Vielfältigkeit, und daraus entsteht das Leiden.« »Das körperliche?« »Ja, und damit auch jedes andere. Die Sensationen des Körpers bringen auch die Gefühle zuwege, und wenn die Sensationen krankhaft sind, dann entstehen auch krankhafte Gefühle, welche das Gleichgewicht zerstören und dadurch unglücklich machen.« »Wir armen Schauspieler, die wir alle Gefühle, auch die schlimmen, darstellen sollen!« »Das tut Ihnen nichts. Das wird ein Turnen, und die Abwechselung gleicht den Schaden aus. Aber zu Hause, im bürgerlichen Leben, muß der Schauspieler nüchtern sein. Er 97 besonders muß geordnet und mäßig leben und sich dadurch vor Sorgen behüten. Sorgen untergraben ihn. – Heut' abend übrigens bin ich frei, Mademoiselle, und nehme zwei Karten an, wenn Sie dieselben haben.« »Jawohl. Hier sind sie. Und ich freue mich, vor Ihnen spielen zu können.« Sie spielte an diesem Abend lebhafter als in der letzten Zeit, und als sie beim Nachhausekommen dem Doktor Zech, welcher ebenfalls heimkehrte, auf der Treppe begegnete, fragte sie ihn: »Nun, was sagen Sie zu unserer Komödie?« Er schwieg eine Weile und antwortete dann: »Ich weiß es noch nicht.« »Ah!? – Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken? Vielleicht besinnen Sie sich.« »Tee dürfen Sie spät abends nach dem Spielen nicht trinken; das beeinträchtigt den Schlaf. Trinken Sie ein Glas Bier aus meiner Heimat, Straßburger Bier, das macht dumm und ist dadurch wohltätig für Sie nach geistiger Aufregung.« »Auch das. Rose wird's uns verschaffen; sie ist auch eine Elsässerin und wird die Quelle kennen.« Rose kannte die Bierquelle und brachte das Bier. Louison war ein wenig betroffen von seinem »Ich weiß es noch nicht« und suchte ihn zur Fassung seines Urteils zu bringen am gedeckten kleinen Tische, wo sie einander gegenübersaßen. Er kam sehr langsam zu dieser Fassung. Der ganze Vorgang im Theater sei ihm neu, er sei nie ein Theatergänger gewesen und habe sich von Jugend auf nur mit der wirklichen Welt beschäftigt, mit der realen, wie man's nenne. Eigentlich sei ihm das Theater übertreibende Spielerei. »Faxe?« »Ja. Es erinnert mich immer nur an meine kindische Jugend. Meine Kameraden spielten Soldaten oder Räuber, und ich sollte mittun. Mir aber war's gleichgültig.« »Sie hatten wenig Phantasie?« 98 »Wahrscheinlich. Und so steht's nach mit mir. Phantasieren ist für mich Kranksein, wenigstens Träumen. Will sagen: Zeitverlust. Das Theaterpublikum, hab' ich deshalb immer gemeint, besteht aus Leuten, die nichts zu tun haben oder die nichts tun wollen, die sich die Zeit vertreiben. Die Zeit vertreiben! Dies Wort sagt ja alles. Die Zeit, die kurze Spanne, welche dem Menschen vergönnt ist, vertreiben, das heißt beseitigen – ist das nicht einfach unsinnig? – Verzeihen Sie! Dies gilt vielleicht nicht ganz von guten Schauspielern – die haben eine besondere Naturgabe auszuüben –, das gilt also nicht Ihnen, denn ich glaube: Sie sind eine gute Schauspielerin.« »Warum glauben Sie das?« »Sie haben mich durch Einfachheit und Natürlichkeit getäuscht. Das ist etwas. Was Nachdenken anregt, das ist etwas. Und Sie haben mir gefallen. Das ist auch etwas, wie ich mir hinterher überlegt habe. Weil Sie mir gefielen, wurde ich selbst munterer, ich möchte sagen: fähiger. Eine medizinische Streitfrage, welche mich seit einiger Zeit beschäftigt und peinigt, weil ich ihr nicht beikommen konnte, erschien mir plötzlich in verständlichem Lichte, weil offenbar mein Verstand munterer und findiger wurde.« Louison lachte. Der junge Mann, ein ihr wildfremdes Wesen, gefiel auch ihr, und als das Gespräch die nächsten Dinge berührte: ihre Wohnung, ihre Gesundheit, ihre Lebensweise, lauter reale Dinge, welche allein ihm nahe lagen, da ging sie bereitwillig darauf ein. Es kam ihr vor, als erholte sie sich von ihren Wirrnissen, indem sie kindlich aufrichtig ihre Verhältnisse besprach und sich durch seine trockenen Bemerkungen veranlaßt fühlte, ihm Dinge zu sagen, welche man sonst niemals einem neuen Bekannten sagt. Wie er's auffaßte, trat alles für sie in ein neues Licht, und das war ihrer Traurigkeit sehr willkommen. So erfuhr er denn auch, daß sie von Schulden erdrückt wäre. 99 »Das geht nicht!« schrie er auf. »Ich dulde nicht einen Frank Schulden an mir. Das machte mich ja abhängig, beeinträchtigte meine Freiheit. Bezahlen, gleich bezahlen!« »Ja, womit? Mama sagt: mit einem reichen Manne, den ich heirate.« »Das ist nicht schlecht. Kennen Sie einen reichen Mann, der Sie heiraten will und den Sie möchten?« »Nein. Ich möchte überhaupt nicht heiraten. Leiblich einem Manne anzugehören, widerstrebt mir.« »Das ist eigentlich gegen die Natur, welche nur durch Fortpflanzung besteht. Bei Ihnen ist's unentwickelte Sinnentätigkeit. Sie sind noch sehr jung. Ich bin leider in demselben Falle, obwohl viel älter als Sie. Die Natur holt das nach, denn sie ist unerbittlich. Man muß nur geduldig warten. Das tu' ich. – Aber Ihre Schulden drängen. Haben Sie nicht so einen törichten Gönner, welcher für eure sogenannte Kunst schwärmt? Haben Sie einen?« »Ich hatte ihn; aber ich hab' ihn verloren.« »Den müssen Sie wieder gewinnen. Geht das nicht?« »Ich hoffe es. – Und nun erzählte sie ihr Verhältnis zu Rambert, und wie sie zweimal bittend an ihn geschrieben. »Und auch den zweiten Brief hat er nicht beantwortet?« »Nein.« »Briefe sind Krücken; die wirft man weg. Gehen Sie doch selbst zu ihm!« »Ich schäme mich.« »Ah so! Vielleicht könnte mein Freund Lauriston, der ist in der vornehmen Welt zu Hause –? Aber nein, den wollen wir nicht hineinmischen. Er neigt ohnedies schon zu Wunderlichkeiten. Aber ich bin gefeit – nun denn, schicken Sie mich zu ihm; morgen hab' ich Zeit.« Louison schrie auf und sah ihn zweifelnd an. »Wir kennen uns ja kaum,« sagte sie fragend. »Hinreichend!« erwiderte er lachend. »Ich bin Arzt. 100 Ihrer Mama schrieb ich Rezepte, und Ihnen – verschaff' ich Hilfe für die überspannten Nerven. Ich versuch's wenigstens. 's ist ein Gang zu einem neuen Apotheker, der Rambert heißt. Sie gefallen mir – unbesorgt deshalb! Ich bin kein Courmacher und werde nie einer werden. Sie gefallen mir als eine gelungene Schöpfung der Natur; die möcht' ich erhalten sehen. Soll ich zu Herrn Rambert gehen?« »Ich weiß nicht –« »Aber ich weiß es. Schreiben Sie mir die Adresse auf und gehen Sie dann schlafen; es ist spät. Morgen abend bring' ich Bescheid. Ja? – Wo wohnt er?« Louison sagte mit halber Stimme die Adresse; er schrieb sie in seine Agende, reichte ihr die Hand und sagte: »Gute Nacht!« Elftes Kapitel. Louison hatte geschlafen und immerfort geträumt. Das war ihr nichts Neues, denn sie träumte stets, sobald ihr die Augen zufielen. Aber beim Erwachen wußte sie absolut nicht, wie es in ihr aussähe. Ob sie wie tags vorher nur traurig sein oder ob sie hoffen dürfte. Diese neue Bekanntschaft mit dem Doktor Zech rumorte wunderlich in ihr. Seine nüchternen Äußerungen über das Theater hatten etwas so Befremdliches für sie. Aber was er ihr übrigens zugesprochen über ihre Lage, das war so einfach und tüchtig, daß es ihre Hoffnung belebte. Er wird Rambert sprechen, er wird ihn durch seinen ehrlichen, wahrhaften Ton bewegen – es kann noch alles gut werden! dachte sie, und beim Frühstück wie beim Frisiertwerden sprach sie heute behaglicher als seit langer Zeit mit Rose und Nanette, obschon ihr beide entgegengesetzte Ratschläge gaben. Rose war für ungeheure Sparsamkeit, um nach und nach abzahlen zu können. Wenn die Gläubiger ihre Sparsamkeit und ihren Ernst sähen, so würden sie sich gedulden. 101 Das fand Nanette lächerlich. Eine Künstlerin dürfe sich nicht mit Geldsorgen quälen, das verderbe ihr Talent. Tag für Tag in Gunst der Öffentlichkeit könne sie Tag für Tag ein unvorhergesehenes Glück erwarten. Der so ungemein reizenden Louison könne jeden Augenblick die Million eines Enthusiasten in den Schoß fallen. Gefalle ihr nach einiger Zeit dieser Millionenmann nicht, so könne sie Scheidung und das Heiratsgut verlangen, welches sie sich natürlich vor der Trauung ausbedungen habe. Bei diesen Worten trat Narziß ein und sagte: »Ich weiß nicht, Mademoiselle, wie ich verfahren soll. Sie haben gestern lange mit Herrn O'Brien gesprochen, soll ich ihn ferner abweisen? Er ist im Vorzimmer.« »Abweisen!« flüsterte Rose. »Natürlich annehmen!« sagte Nanette laut – »ich bin fertig; Mademoiselle Louison sieht heute brillant aus.« Louison sagte nicht ja, nicht nein. Narziß nahm das für ja und öffnete O'Brien die Tür. Dieser erkundigte sich zunächst nach dem Befinden der Mama, er war voll Höflichkeit und Zurückhaltung, und als die Dienerinnen fortgegangen, sagte er plötzlich: »Warum, schönes Fräulein, vergiften Sie sich das Leben mit kleinlicher Sorge. Ich seh's, daß die unbedeutende Schuldenlast Sie zu Boden drückt. Das ist ja Torheit! Für ausgezeichnete Menschen ist das Geld eine Nebensache, die früher oder später sich einstellt. Was hindert Sie, die Schuldscheine dort aus dem Schubfache zu nehmen und mir zu übergeben? Die Angst, daß Sie dadurch mir verpflichtet würden. Aber das ist ja eine törichte Angst! Was täte ich denn mit einer Zuneigung, welche ich nur einer Geldzahlung verdankte? Es ist niederdrückend, daß Sie mir solch eine Gemeinheit zutrauen. Ja, ich hoffe, daß Sie wieder fröhlich werden, wenn Ihnen die Last abgenommen ist, und daß Sie dann in ihrer neu erwachten Fröhlichkeit auch mich freundlicher ansehen als 102 bisher. Aber das ist auch alles. Ihre Gunst kann ich doch nur langsam erwerben; denn ich habe zu viel gesündigt. Aber dies Sündigen ist vorbei, ich werde wie Jakob geduldig sieben Jahre um Sie werben und habe nur eine Bitte.« »Was für eine?« »Sie sollen Ihr Talent schonen. Sie schädigen es durch diese Hingebung an Kummer und Sorge. Ich habe mich geprüft, und ich weiß jetzt, daß Sie mich nicht bloß durch Ihre Person, nein, daß Sie mich vorzugsweise durch Ihr Talent bezaubern. Wenn Sie mich später doch, von meiner Standhaftigkeit besiegt, heiraten wollten, so machte ich's zur Bedingung, daß Sie beim Theater blieben. Wir setzten es wörtlich in den Heiratsvertrag, daß unsere Ehe aufzuhören hätte, wenn Sie Ihren guten Humor verlören und das Theater verließen.« Da hätte ja doch Nanette recht, dachte Louison, welcher O'Brien nichts Willkommeneres sagen konnte. Sie lächelte und stand auf wie zur Verabschiedung. Er stand ebenfalls rasch auf und rief: »Sie geben mir also die Schuldscheine« – und dabei streckte er den Arm aus, um sie in Empfang zu nehmen. Louison trat erschreckt einen Schritt zurück und sagte: »Das ist ja Ihr verwundeter Arm, welchen Sie ausstrecken. Er ist also geheilt. Warum tragen Sie ihn noch in der Binde?« »Geheilt ist er nicht, und nun schmerzt er.« O'Briens Antlitz zeigte einen plötzlich veränderten, schlimmen Ausdruck. Louison entfuhr leise das Wort »Vilsac«, und sie machte eine rasche Abschiedsbewegung mit ihrem Arme. Er schob langsam und mit Vorsicht den Arm wieder in die Schleife; sein Antlitz suchte sichtlich die sanften Züge wiederzugewinnen, und nach einer Pause sagte er fast lächelnd: »Es werden wohl Jakobs sieben Jahre werden. Aber Sie geben mir doch jetzt die Schuldscheine?« 103 Louison schüttelte den Kopf und schellte mit der kleinen Glocke, welche in ihrer Nähe auf einem Tische stand. Rose trat rasch ein; O'Brien ging unter tiefer Verbeugung. »Der meint's nicht gut. Ich traue ihm und auch dem Narziß nicht,« flüsterte Rose. Louison hörte nicht darauf. Sie ließ sich vollständig ankleiden und ihren Schal geben. »Ich will Luft schöpfen,« sagte sie; »du kannst mich begleiten, Rose.« Sie ging in die Champs Elysées hinaus, am Hause Ramberts vorüber. All' ihre Gedanken waren darauf gerichtet, ob der Doktor Zech dort oben im ersten Stock Erfolg haben werde. »Ach!« seufzte sie, »wie glücklich war ich hier! Könnt' ich's wieder werden!« Abends nach dem Theater kam der Doktor Zech, wie er's versprochen. Louison flog ihm entgegen, ergriff seine beiden Hände und rief: »Nun?« »Im Grunde steht's ganz gut,« sagte er in ruhigem Tone; »aber hier im Hause zeigen sich verdächtige Symptome. Herr Rambert hat ja gestern eine Karte an Sie hergesandt mit der Einladung, ihn um elf Uhr vormittags zu besuchen – die haben Sie wohl nicht erhalten?« »Nein.« »Er hat sie nicht durch die Post, sondern durch seinen Leibdiener hergeschickt. Er nannte Ihre richtige Adresse. Was heißt das?« »Einerlei!« rief Louison; »erzählen, erzählen! Was sagt Herr Rambert?« »O nein,« erwiderte Zech, »erst klar machen, warum die Karte nicht abgegeben worden ist.« Rose, welche eben Bier und Tee brachte, sagte trocken: »Narziß.« Louison und Zech blickten staunend auf sie, und nun setzte sie rasch auseinander, wie sie an vielen Zeichen bemerkt habe, 104 daß Narziß mit den Herren Ferval und O'Brien heimlich verkehre und gewiß ein Schelm sei. »Rufen Sie ihn herein!« sagte Zech. »Jetzt ist er nicht da; abends geht er immer aus.« »Also morgen. Jetzt mein Bericht; er läßt sich hören. Herr Rambert ist im Theater gewesen, er hat Sie spielen sehen.« »Ah!« »Sie haben ihm gefallen. Er mißbilligt Ihre Lebensweise, aber er ist bereit, Sie zu empfangen. Morgen vormittag um elf.« Louison fiel ihm um den Hals und war außer sich vor Freude. »Ich hab' ihm auch gesagt, daß Sie von einer großen Schuldenlast bedrückt sind.« »O! das hätten Sie nicht tun sollen!« »Alles muß man sagen. Wenn er sie nicht bezahlt, was haben Sie dann gewonnen?« »Den besten Freund, ein reines Gewissen.« »Viel wert. Hoffentlich kommt das andere von selbst; er ist ja jetzt unterrichtet, und wenn er nicht von selbst davon anfängt, dann bitten Sie ihn.« »Das kann ich nicht.« »›Kann ich nicht!‹ Konnten doch Schulden machen. Ich kann Ihnen zunächst nicht mehr förderlich sein, ich reise morgen mit dem Frühesten nach Straßburg zu einer ärztlichen Versammlung. Und vergessen Sie nicht, den Narziß vorzunehmen und eventuell fortzujagen. Sie müssen ohnedies diese teure Wohnung und diesen kostspieligen Hausstand aufgeben. Womöglich morgen schon. Beim Concierge hinterlassen Sie mir Ihre neue Adresse, wenn Sie mich wiedersehen wollen. Somit Gott befohlen! Gute Nacht!« Louison hatte dies alles kaum gehört; sie dachte nur an die Zusammenkunft mit dem guten Onkel, schlief kaum und 105 war am anderen Morgen schon vor elf Uhr unterwegs nach den Champs Elysées. An Narziß hatte sie nicht mehr gedacht, und als Rose hartnäckig daran erinnerte, sagte sie: »Später! später!« Als sie in Ramberts Zimmer trat, saß er am Schreibtische auf seinem Lehnstuhl und wendete sich ihr zu, mit der Hand winkend. Sie stürzte ihm zu Füßen, küßte inbrünstig seine Hand und schluchzte. Er hob sie auf und küßte sie auf die Stirn mit den Worten: »Törichtes Kind, was hast du alles angerichtet!« »Verzeihung, lieber Onkel, Verzeihung!« »Beichte alles, damit ich dir verzeihen kann.« Und nun erzählte Louison ihr Leben, seit sie ihn verlassen, mit einer rührenden Aufrichtigkeit. Sie war mit einem Male wieder das kindliche naive Mädchen, welches aus St. Quentin zu ihm gekommen war. »Die Welt ist eben größer, als ich mir gedacht« – schloß sie – »ich verliere mich in den hundert Zudringlichkeiten.« »Du schaffst sie dir selbst. Wozu dies Heer von Courmachern? Hast du dich endlich doch in einen verliebt?« »O nein!« »Wozu also dies Heer täglich empfangen! Wozu die Luxuswohnung! Zieh' dich ins Enge und Einfache zurück!« »Ja, ja, das will ich.« »Laß nur Leute zu dir kommen, welche für deinen Geist oder für dein Herz etwas bedeuten.« »Ja, ja, das will ich.« »Lerne Bücher lesen. Du hast gewiß gar nicht mehr gelesen?« »Ich hab' keine Zeit.« »Verschaff' dir Zeit dadurch, daß du dich unzugänglich machst.« »Ja, ja, das will ich.« Und nun sprang mit der Beruhigung ihre ganze frühere Heiterkeit wieder in die Höhe; sie lachte wieder echt und 106 trieb ihr ausgelassenes Wesen mit dem guten Onkel, welchem sie die Haare aus der Stirn strich und die Falte zwischen den Augenbrauen glättete, als ob gar keine Störung zwischen ihnen eingetreten wäre. »Speise heute mit mir!« sagte er. »Ja, ja! – Herr Gott nein, das geht ja nicht. Während deiner Speisestunde muß ich schon im Theater sein, ich spiel' ja alle Tage.« »Widerwärtig!« »Aber zum Frühstück komme ich.« »Das geht nicht.« »Warum nicht?« Rambert zögerte mit der Antwort. Juron kam seit einiger Zeit regelmäßig zum Dejeuner, und vor Juron scheute er sich einzugestehen, daß er die Sünderin wieder aufgenommen. »Das paßt mir jetzt nicht,« sagte er endlich, »und du mußt auch erst Juron beschwichtigt haben.« »Juron? Nein, Onkel; Juron ist kein guter Mann, der ist nicht wie du. Den will und kann ich nicht beschwichtigen!« »Schon wieder der Trotzkopf! Das ist eine schöne Besserung!« Da trat Jean ein, verdrießlichen Aussehens, und meldete einen Besuch – »von der Universität,« setzte er nachdrücklich hinzu. Es war ihm offenbar darum zu tun, die Komödiantin wieder aus dem Hause zu treiben. »Den muß ich empfangen,« sagte Rambert; »also auf Wiedersehen! Wann? Wie? Zu dir kommen kann ich nicht, nachdem du mich kompromittiert hast, und solange du in deinem Saus und Braus lebst, man also unter die dreisten Nichtstuer deines Umgangs geraten kann. Du zu mir? Wunderlich! Auch das ist schwer. Bis zum Frühstück arbeite ich, und da störst du mich. Dann kommt – Juron und bleibt oft lange.« »Nach dem Theater!« »Ich geh' jetzt zeitiger zu Bett. Aber ich werd' dir's 107 sagen lassen, wenn ich noch einmal in dein Theater komme, um dich wieder spielen zu sehen. Dann nehm' ich dich mit. Was ist dir?« »Ich weiß nicht – eine Wolke – daß die Verhältnisse uns so auseinander halten, daß ich –« Sie stockte. Ihn um Hilfe anzusprechen in ihrer Geldnot, lag doch so nahe, da er ihr verziehen. Er hätte auch wahrscheinlich diese Hilfe gewährt – aber sie brachte eine solche Bitte nicht über die Lippen, jetzt gewiß nicht in solcher Eile und mit dem letzten Worte. Es widerstand ihr, seine Verzeihung sogleich auszubeuten. Sie schwieg, umarmte ihn lebhaft und ging. Gesenkten Hauptes kam sie die Stiege herunter, und Rose sah sie betroffen an. Es war ein heller Wintertag; sie gingen zu Fuße nach Hause, völlig stillschweigend. Für die drängende Geldnot war nichts errungen. Rose, ein kluges Mädchen, schien es zu erraten. Sie sagte plötzlich: »Liebes Fräulein, jagen Sie den Narziß fort! Ich hab's deutlich bemerkt: er hetzt Ihnen die Gläubiger auf den Hals, er stachelt sie zur Pfändung.« Louison schwieg. Es war aber richtig, was das Mädchen gesagt: sie fand ihr Vorzimmer voll von Gläubigern, und diese kündigten ihr rohen Tones die Pfändung an, wenn nicht bis morgen vormittag Zahlung geleistet würde. Ferval, welcher zum Besuche kam, erlöste sie. Er schickte die Gauner mit der Bemerkung fort: morgen vormittag würden sie befriedigt werden. »Womit denn?« sagte Louison trübselig, als sie allein waren. »Folgendermaßen!« erwiderte Ferval leichten Tones: »›Unglück in der Liebe, Glück im Spiele‹, ist ein wahres Wort; ich hab's zehnmal erlebt. Sie haben aber Unglück in der Liebe, denn Sie können nicht lieben, Sie werden also fabelhaftes Glück im Spiele haben. Spielen Sie!« 108 »Wo denn?« »Bei mir. Es hat sich ein Cercle gebildet aus der Crême unseres Klubs. Großenteils Millionäre. Wir spielen hoch, sehr hoch. Ein Gewinn oder Verlust von hunderttausend Franks ist etwas Gewöhnliches, das kaum bemerkt wird. Ihr Schuldenkonto wird sich kaum über fünfzigtausend Franks belaufen; in einer Viertelstunde können Sie die gewonnen haben und also morgen die Gläubiger abfertigen. Verstehen Sie Pharao?« »Ein wenig.« »Haben Sie Karten da?« »Ja. Mama legt Patiencen.« »Geben Sie ein Spiel her! Ich lehre Sie die Feinheiten des Pharao.« »Aber ich allein unter lauter Männern!« »O nein. Meine Schwester ist eine Spielratte, die nimmt immer teil, und einige alte Herren bringen ebenfalls Damen mit. Sie werden gar nicht auffallen. Also das Spiel Karten!« Es wurde gebracht, und er belehrte sie mit großer Sachkenntnis. Sie selbst hatte ja Passion fürs Spiel, und von dem leichten Tone Fervals angesteckt, sagte sie endlich: »Was bleibt mir denn auch übrig? Aber der Einsatz! Ich hab' ihn nicht.« »Hier ist er!« sagte O'Brien, welcher soeben eingetreten war und eine Tausendfranknote auf den Tisch legte. »Sie dürfen mich nicht abweisen,« fuhr er fort, »denn es ist kein Geschenk; wir spielen Moitié von dem Momente an, wenn Ihre Schuldensumme –« »Fünfzigtausend Franks,« schob Ferval ein. »Wenn also fünfzigtausend Franks gewonnen sind, beginnt unser Moitiéspiel. Ich selbst spiele eigentlich nicht mehr, aber solch eine Ausnahme gestatte ich mir, weil ich überzeugt bin: Sie gewinnen und werden eine lästige Sorge 109 los, da Sie ja doch niemand von uns überlassen, Ihre Gläubiger zu befriedigen.« Es kam mehr Besuch, und das Thema wurde so heiter und sicher besprochen, daß Louison gar nicht mehr in die Stimmung kam, nein zu sagen. »Ich hole Sie im Theater ab,« sagte O'Brien, als man fortging, »und rechne auf Ihre glückliche Hand.« Die nie ruhende Phantasie ist ja die vorherrschende Eigenschaft der Künstler. Das Unglaubliche macht sie ihnen glaublich, das Unmögliche zeigt sie als möglich. Louison schwelgte an diesem Nachmittage und Abende in der Aussicht, im Pharaospiel ihre ganze Geldmisere zu beseitigen. Mindestens! Sie hoffte, noch viel mehr zu gewinnen und dann wieder frei und lustig zu leben, unabhängig von jedermann. »O'Brien,« gestand sie, »hat sich hübsch benommen, wirklich liebenswürdig. Du kannst nun vertrauensvoller mit ihm verkehren.« Louison fuhr denn des Abends nach der Vorstellung in trefflicher Laune mit ihm nach der Wohnung Fervals. Sie war sehr schön, diese Wohnung. Ferval, der einzige Sohn eines Bankiers, verwendete seine zahlreichen Coupons mit Geschick und Geschmack zu seiner Unterhaltung. Alles andere dieser Welt war ihm gleichgültig. Interessante Unterhaltung für sich täglich und stündlich zu haben, war sein Lebenszweck, das allein. Darin unterstützte ihn eine bombenfeste Gesundheit und infolge derselben eine unversiegbare gute Laune. Die Dame, welche er bei Louison seine Schwester genannt, war eine alte Geliebte, welche er vor Jahren verlassen, welche aber ihn nicht verlassen hatte, was er sich lachend gefallen ließ. Sie hatte ihn gegen Louison gehetzt, welche sie für gefährlich erachtete. Das war kaum richtig. Es kam ihm nicht viel darauf an, Louison für sich zu gewinnen, aber es versprach ihm Unterhaltung, dies lieblose Mädchen in gespannte Situationen zu treiben. Wie wird sie sich benehmen? Wird sie nicht doch am Ende dir zufallen? dachte er. Auf 110 Lug und Trug kam es ihm bei solchen Späßen nicht an, wie er's nannte, und deshalb hatte er ihr Narziß zugeteilt, welcher ihre Angelegenheiten zur Katastrophe treiben sollte. Daß Narziß sich auch von O'Brien bestechen ließ, wußte er nicht. Er empfing sie mit der sogenannten Schwester unter ausgesuchter Höflichkeit in einem eleganten Salon, wo ein kaltes Souper serviert wurde, und stellte ihr ein Dutzend Herren vor, zuletzt auch eine alte Dame. Diese alte Dame war die wirkliche Ehefrau eines alten Herrn, und beide waren Spieler von Profession. Nicht daß sie nötig gehabt hätten, Geld zu gewinnen, nein, sie waren wohlhabend, aber sie hätten sich gelangweilt ohne Hasardspiel. Wie andere Leute jeden Abend ins Theater gehen, so gingen sie jeden Abend zu einem Hasardspiel. Und sie spielten korrekt und gewissenhaft, diese beiden Leute, welche Madame und Monsieur Legrand genannt wurden. Das Souper wurde kurz abgefertigt, und die Gesellschaft verfügte sich in ein dunkel tapezirtes, aber durch Gasflammen blendend erleuchtetes Zimmer, wo ein grün überzogener Tisch stand, von etwa einem Dutzend Stühlen mit steifer Lehne umgeben. Man setzte sich sogleich. Ferval kündigte sich als Bankier an. Ein Diener stellte eine Kassette vor ihn auf den Tisch; Ferval nahm daraus Geldrollen und Banknoten mit dem Bemerken: die Bank bestehe aus zweimalhunderttausend Franks und verpflichte sich, eine Stunde lang standzuhalten, wenn sie nicht früher gesprengt werde. Eine prächtige Stutzuhr an der Wand schlug eben Mitternacht; also bis ein Uhr werde das Spiel dauern. »Ordnen Sie Ihr Spiel, das Spiel beginnt,« schloß er. Jedermann legte seine Barschaft vor sich hin. Louison bat den neben ihr sitzenden O'Brien, ihr die Tausendfranknote in kleinere Noten umzuwechseln, was er bereitwillig tat, und sie setzte hundert Franks aufs As. 111 Ferval schlug ab. Es dauerte lange, endlich kam das As. Louison hatte gewonnen. Sie bot flugs Paroli. Nach ein paar Sekunden kam das As wieder, und sie hatte wieder gewonnen. Sie blickte auf O'Brien; dieser nickte mit dem Haupte. Sie bot Sixleva und – gewann wieder. In großer Aufregung steigerte sie weiter und weiter – ihre Kühnheit machte Aufsehen – und gewann auch den höchsten Satz. Eine große Summe wurde ihr zugeschoben; sie hätte vor Vergnügen aufschreien mögen. O'Brien riet ihr nun, eine neue Karte zu wählen. »Nein,« sagte sie, »man muß treu sein im Glück,« und setzte tausend Franks wieder aufs As. Nun verlor sie. Betroffen blickte sie auf O'Brien. Der lachte und wiederholte: »Eine andere Karte! Man muß auch bei Freunden die Ansprüche nicht überspannen.« – Sie nahm den König und – gewann. – »Sehen Sie,« flüsterte O'Brien, »immer mir folgen, ich bin Ihr guter Genius. Ich selbst verliere immerfort; nun raten Sie auch mir! Soll ich auf die Dame setzen?« –»Ja.« – Die Dame gewann. –»Eins nützt dem anderen,« fuhr er fort, »Sie sehen, daß wir verbunden leben sollen.« – »O!« schrie sie halblaut; ihr König hatte verloren. »Zurück zum As!« Das hielt ihr wieder stand, und in immer aufsteigendem Glücke wurde sie so erregt, daß sie unbedacht O'Briens Hand faßte und drückte mit den Worten: »Dank Ihrem Darlehn, ich werde frei!« – Da schlug die Stutzuhr eins, und Ferval schloß das Spiel. Louison war davon sehr unangenehm überrascht, sie war so gut im Zuge. »Morgen wird's auch Mitternacht,« sagte O'Brien; »wieviel haben Sie gewonnen?« – »Ich weiß es nicht; vielleicht fünfzigtausend!« –»Zählen wir!« – Es waren nur sechsundzwanzigtausend. »Wie schade!« rief Louison, setzte aber hastig hinzu: »Also morgen; Sie holen mich wieder ab.« Sie war in vollem Fieber und freundlich wie nie für O'Brien, der sie nach Hause brachte. 112 Triumphierend zeigte sie Rose, welche sie auskleidete, ihren Gewinn. Rose war ganz betroffen. »Morgen hol' ich mir die anderen sechsundzwanzigtausend, und dann sind wir die Blutsauger los.« »Das tät' ich nicht,« sagte Rose. »Warum nicht?« »Beim Spiel herrscht der Teufel, sagte mein Vater, und der Teufel ist treulos. Morgen können Sie alles wieder verlieren. Mit diesen sechsundzwanzigtausend aber können wir uns Ruhe verschaffen für lange Zeit.« »Du bist ein Hasenfuß. Wer nicht wagt, gewinnt nicht.« Das Morgen kam. O'Brien holte sie nach der Vorstellung wieder ab. Prächtig hatte sie diesmal gespielt in ihrer aufgeregten Stimmung, und er sagte es ihr mit überschwenglichen Ausdrücken. Denn natürlich hatte er wieder die ganze Vorstellung angesehen. Um Mitternacht saßen sie wieder wie gestern, nur daß heute Herr Legrand die Bank hielt. Madame Legrand saß neben ihm und kontrollirte wie ein Torschreiber. Sie pflegte eine kurze Lache aufzuschlagen, wenn ihr Gatte, der Bankier, eine gewinnende Karte aufgelegt hatte. Louison gewann wieder und steigerte ihr Spiel verwegen. O'Brien warnte sie. Umsonst. Ihre sechsundzwanzigtausend Franks, welche sie vor sich liegen hatte, waren schon mit einem Hügel von Goldrollen und Bankscheinen bedeckt, da – sie war bei der höchsten Steigerung – schlug das Glück um; sie verlor. In diesem Augenblicke war Juron eingetreten, ein Vertrauter im Hause Ferval. Louison bemerkte ihn nicht, sie bemerkte nur, daß die sogenannte Schwester Fervals ihr dringend zunickte, alles zu wagen. »Wer wagt, gewinnt,« flüsterte sie, und Louison erwiderte: »Ja wohl!« Hitzig setzte sie nun fünftausend Franks. Verloren! Zehntausend Franks. Verloren! Kurz, drei Viertelstunden nach 113 Mitternacht hatte sie all' ihr Gold verspielt, alles, was sie gestern und was sie heute gewonnen. O'Brien desgleichen. Sie konnte nicht mehr setzen und sank an ihre Stuhllehne zurück. Da sprach Herr Legrand lächelnd zu ihr: »Mademoiselle, die Bank kreditiert vierundzwanzig Stunden lang auf Ehrenwort.« – Madame Legrand äußerte sich mit ihrer kurzen Lache und zupfte ihren leichtfertigen Gatten am Ärmel. Er ließ sich aber nicht stören, sondern fuhr fort: »Hier sind fünftausend Franks. Wollen Sie?« Louison nickte. Er schob ihr fünf Geldrollen zu, jede zu tausend Franks, und Louison spielte weiter. Als es ein Uhr schlug, waren auch diese fünf Rollen verloren. Zwölftes Kapitel. Man hatte sie beim Aufbruch bedauert, aber lachend bedauert. Dergleichen war bei diesen Leuten von keinem Belang. Ferval besonders sah dabei lachend auf O'Brien, welcher Louison den Arm bot, um sie zum Wagen und nach Hause zu geleiten. Sein Gesicht drückte eine unheimliche Befriedigung aus. Louison sprach kein Wort, aber sie war totenbleich. O'Brien tröstete sie in sanften Worten und setzte flüsternd hinzu: »Unglück im Spiel soll Glück in der Liebe bedeuten. Stünde zu hoffen, daß Ihr Herz erwacht wäre, für Ihren sichersten Freund erwacht wäre, dann begänne ein neues, glückliches Leben für uns beide« Sie sah ihn an, als wollte sie ihn bis auf den Grund durchschauen, und sagte nach einer Weile: »Morgen fünftausend Franks auf Ehrenwort zu bezahlen und tausend Franks an Sie.« »Ach!« schob er wegwerfend ein. »Und nun die Pfändung, welche nicht länger ausbleiben wird. Welche Schmach!« 114 »Das darf nicht eintreten bei einer Dame, welche mein Herz besitzt,« sagte er fest, »bei einer Dame, welcher ich meine Hand anbiete. Ich komme morgen vormittag, um abzuhelfen. Fassen Sie heute nacht einen herzhaften Entschluß.« »Ich kann's nicht ertragen, einem Manne anzugehören!« rief sie schluchzend, als sie aus dem Wagen stieg. »Angehören!« sagte er nachdrucksvoll, »angehören! Das ist ja Übertreibung. Ich respektiere Ihre volle Freiheit und verlange nichts weiter, als daß ich wie Ihr rechtmäßiger Beschützer in Ihrer Nähe verweilen darf.« Sie blieb einen Augenblick an der geöffneten Haustür stehen und sagte halblaut: »Ihr Ehrenwort darauf?« »Mein Ehrenwort!« Narziß, welchem der Concierge geläutet, erscheint mit Licht im Hausflur, und als Louison an ihm vorübergeschritten, neigt er sich wie fragend zu O'Brien; dieser aber sagt leise: »Morgen früh alle rufen!« Als Rose sie auskleidete, weinte Louison still vor sich hin, und als diese teilnehmend fragte, erzählte sie ihr alles, auch O'Briens Anerbieten. »Um Gottes willen nichts von dem!« »Warum nicht der, wenn's denn doch einer sein muß. Wie soll ich denn morgen zahlen?« »Ach, wenn nur Doktor Zech da wäre! Der könnte mit den Wucherern verhandeln. Sie müßten warten oder herunterlassen. Sie haben ja doch eigentlich nicht die Hälfte hergegeben.« »Das hieße betrügen. Was ich versprochen, das muß ich als ehrliche Person zahlen, auch wenn ich zugrunde gehe.« »O Gott, o Gott! Doktor Zech hat einen vornehmen Freund, der reich ist und der jede Woche ein paarmal zu ihm kommt. Der würde vielleicht – oder schreiben Sie das Unglück, das ganze Unglück dem Herrn Professor Rambert. Schreiben Sie gleich! Morgen früh trage ich den Brief hinaus. Er hilft gewiß.« 115 »Du hast recht!« rief Louison und setzte sich im Nachthemd an den Schreibtisch, mit fliegender Feder schreibend. Das schöne Mädchen zitterte dabei wie Espenlaub und mußte zuweilen inne halten, weil die Buchstaben verzerrt wurden. Aber der Brief wurde fertig, adressiert und Rose eingehändigt. Dann stürzte sich Louison, von einem Weinkrampfe ergriffen, ins Bett und winkte Rose zum Fortgehen. Die frische Natur tat ihre Schuldigkeit: nach einer Viertelstunde war Louison fest eingeschlafen. Als sie erwachte, stand die bleiche Wintersonne schon hoch am Himmel und schien auf ihr Bett. Vor demselben stand still wartend Rose und sagte, als Louison die Augen aufschlug: »Der Brief ist besorgt. Courage, Fräulein!« Die war allerdings nötig, denn Narziß hatte auch die Morgenstunden benutzt, und das Vorzimmer füllte sich nicht nur mit Gläubigern, sondern auch mit Gerichtsdienern. Zahlung oder Pfändung! war das Stichwort. Rose wollte niemand ins Zimmer lassen, mit Bestimmtheit versichernd, bis Mittag werde das Geld da sein und alle würden bezahlt werden. Man lachte höhnisch. Da kam Madame Miot herzu, schrie und rang die Hände und stürzte ins Zimmer zu ihrer Tochter. »Mach' ein Ende, Kind!« rief sie, »und heirate O'Brien, sonst sind wir verloren.« »Was weißt du von O'Brien?« »Narziß hat mir alles gesagt. O'Brien hat gestern abend, als du die Treppe heraufgestiegen, zu Narziß geäußert: wenn du heute nicht ja sagtest, so bringe er Mutter und Tochter um, das heißt mich und dich!« »Das ist nicht wahr!« »Es ist wahr, und er tut's, wie er den unschuldigen Grafen Vilsac totgeschossen hat.« Da trat O'Brien selber ein, ruhigen, freundlichen Wesens. »Wiederhole in seiner Gegenwart, was du soeben gesagt, Mama!« 116 »Was denn?« fragte O'Brien. »Wiederhole es, was du soeben von Herrn O'Brien gesagt!« »Nun denn, ja! Sie wollten mich und meine Tochter ums Leben bringen, wenn meine Tochter nicht Ihre Frau würde.« »Sonst nichts?« fragte O'Brien lächelnd. »Liebe Mama, wir haben Dringenderes zu tun mit den Leuten draußen. Mit Umbringen fängt man nicht an.« Die letzten Worte sprach er mit einem bösen Blicke auf die Mama, welchen Louison nicht gesehen, mit einem so bösen Blicke, daß Mama Miot sich zu Louison flüchtete, sie mit beiden Händen anfaßte und mit erstickter Stimme sagte: »Er tut's! Sag' ja!« »Hab' ich Vollmacht,« sagte er mit freundlicher Stimme zu Louison, »hab' ich Vollmacht, als Ihr Bräutigam draußen mit den Leuten zu verhandeln?« »Ich hoffe, bis Mittag sie bezahlen zu können.« »Ah! Um so besser. Dann werd' ich sie im Zaum halten bis Mittag.« Und er ging hinaus. Mama Miot redete weinend in ihre Tochter hinein: ja zu sagen und beider Leben zu retten. Und was für ein Leben! O'Brien werde, wie Narziß sage, binnen wenigen Tagen ein veritabler Lord und ungeheuer reich sein! Louison war auf den Stuhl gesunken und sprach kein Wort. O'Brien kam zurück und berichtete: »Die Leute sind fort und werden erst um Mittag wiederkommen, also in einer Stunde.« Louison blickte auf ihre Mutter und sagte: »Das nennst du umbringen?« und zu O'Brien gewendet, sagte sie: »Lassen Sie mich diese Stunde allein, lieber Freund, ich muß mich sammeln in Ihrem und in meinem Interesse.« Er verbeugte sich höflich, küßte ihr zierlich die Hand, flüsterte: »Vertrauen Sie mir getrost!« und ging. Louison saß totenstill da bei allen Vorwürfen, welche die aufgeregte Mama über sie schüttete, und Mama fand reichliche Unterstützung in der eintretenden Nanette, welche 117 ohne weiteres die Morgenfrisur an der unbeweglich still haltenden Louison ins Werk setzte. »Glauben Sie mir, Mademoiselle,« sprach sie mit dem Tone tiefster Überzeugung, »glauben Sie mir, jedes weibliche Geschöpf bleibt ein halbes Geschöpf, wenn es keinen Mann hat, und für jedes weibliche Geschöpf gibt es nur einen Augenblick, in welchem es zugreifen muß. Ich habe diesen Augenblick leider verpaßt und ärgere mich darüber jeden Tag. Leider dachte ich auch, er paßte nicht für mich, der zuerst meine Hand begehrte. Ich fand ihn zu heftig, zu befehlshaberisch, weil ich jung und verwöhnt war durch meine Courmacher. Ich meinte, das Befehlen müßte von mir ausgehen, und wenn nicht, so könnte ich Brutalitäten ausgesetzt sein. Ach, wie albern war ich! Er war eben ein kräftiger Mann und sprach und handelte scharf. So aber muß der Mann sein, wenn wir glücklich werden sollen. Er heiratete dann die unausstehliche Fiammina, meine Cousine, eine arrogante Person, und wir alle prophezeiten ihr Unheil und ewigen Zank und Streit, und siehe da – ach, daß ich's eingestehen muß! – es ist die glücklichste Ehe geworden; die Fiammina beherrscht ihn, und er läßt sich lachend alles gefallen, ja, er sagt geradezu: Sie hat mich gezähmt. So wird's auch Ihnen gehen mit Lord O'Brien. Der ist akkurat so wie mein damaliger Bewerber, aber er hat die Passion für die Demoiselle. und die ändert alles. Und dazu ist er vornehm und reich. Glauben Sie mir, das ist und bleibt eine Hauptsache für uns Frauen. Wir müssen was bedeuten, man muß auf uns sehen, wenn uns behaglich zumute sein soll. Und wir müssen nicht genötigt sein, zu rechnen, wir müssen das Geld ausgeben dürfen, ohne es anzusehen, wenn uns die Laune treibt. Dann erst sind wir guter Stimmung und lachen die Welt aus!« Diese Standrede – Louison blickte einige Male in die Höhe zu der Rednerin – wurde unterbrochen durch Rose. 118 Diese flog jauchzend ins Zimmer, einen Brief hoch haltend, einen Brief von Herrn Rambert, wie der Bote gesagt. Louison sprang in die Höhe und riß zitternd das Kuvert auf, ohne die Adresse zu lesen. – Furchtbare Enttäuschung! Der Brief war nicht von Rambert, sondern von Juron, und lautete also: »Mademoiselle! Herr Professor Rambert beauftragt mich, auf den früh am Morgen von Ihnen erhaltenen Brief sogleich zu antworten, da ich in der Lage war, meinem Freunde nähere Auskunft über Sie mitzuteilen. Er ist empört über Ihr Erscheinen am Spieltische unter derartiger Männergesellschaft und Maitressen, empört über das Verspielen großer Summen, während Sie von Pfändung bedroht sind, über Anlehen auf Ehrenwort, die Sie gar nicht bezahlen können, wahrscheinlich auch nicht bezahlen wollen, empört über das ganze unqualifizierbare Treiben einer grundsätzlichen Theaterprinzessin. Er verbietet Ihnen hiermit, sich jemals wieder seiner Bekanntschaft zu rühmen und sich ihm jemals wieder zu nähern. Er bedauert, ihre Karriere unterstützt zu haben, da sie nur dazu dient, ein liederliches Leben zu führen und als Maitresse unwürdig zu enden. Denn einem so entwerteten Geschöpfe werde nie ein Ehrenmann seine Hand reichen.« Der Brief fiel Louison aus der Hand auf den Boden; sie aber wies mit beiden wankenden Armen alle Anwesenden aus dem Zimmer. Sie stand lange still und sah auf den unten liegenden Brief. Endlich raffte sie sich zusammen, und mit den Worten: »Ich will das Gegenteil beweisen!« ging sie an ihren Schreibtisch und schrieb: »Ich bin bereit, Ihre Ehefrau zu werden. Sorgen Sie dafür, daß die Trauung durch den Priester unverzüglich vollzogen wird. Unterhandeln Sie mit den Gläubigern, wie es Ihnen als Ehemann zusteht, und befriedigen Sie dieselben. Aber schonen Sie mich! Lassen Sie mich auch beim Theater. 119 Sie waren gut und treu in aller Abscheulichkeit der letzten Tage. Ich hoffe, ich verspreche meinerseits, alles zu tun, daß unsere Ehe zu einem Bande der Achtung, der Treue und auch der Neigung werde. Aber jetzt, für die nächste Zeit, seien Sie mir behilflich. Helfen Sie mir um Gottes willen über den Vorwurf hinweg, der mich quält, der jede beginnende Neigung in Haß und Abscheu verwandeln würde, wenn ich ihn zugeben müßte, über den Vorwurf, daß ich mich an Sie verkaufe. Fordern Sie von mir, auch wenn ich Ihre Gattin bin, kein Zeichen, keine Erweisung hingebender Liebe. Lassen Sie mir Zeit! Warten Sie, bis ich es Ihnen gestatte, bis mein Herz es mir selbst gestattet. Versprechen Sie mir das klar und bündig und ohne Umschweife auf Ihr Manneswort.« Dann saß sie, auf das beschriebene Blatt hinstarrend, unbeweglich, bis die angekündigte Stunde verlaufen war und O'Brien eintrat. Ohne ein Wort zu sagen, reichte sie ihm das Blatt. Er las es ruhig: »Ein Handkuß ist aber erlaubt?« »Ja,« antwortete sie. Er küßte ihr die Hand, bat sie, aufzustehen, setzte sich an ihren Platz und schrieb auf ihren Brief, dicht unter ihren Namen: »Ich verspreche auf Ehre und Gewissen, dies alles getreulich zu erfüllen. O'Brien.« Dann reichte er ihr das Papier, sie überflog es noch einmal, steckte es in den Busen und reichte ihm zum Dank die Hand. »Verlassen Sie sich darauf wie aufs Evangelium!« rief er und setzte hinzu: »Binnen zwei Stunden sind Ihre Gläubiger und Herr Legrand befriedigt. Rüsten Sie während dieser zwei Stunden Ihre Koffer zur Abreise nach Irland. Dorthin geht ein Priester, Pater Patrik, mein würdiger Freund, zu Ihrem Schutze mit uns, und am Tage unserer Ankunft in Dublin zelebriert er unsere Trauung. Es ist ein 120 Familiengesetz im Hause der O'Brien, daß ihre Ehen auf irischem Boden geschlossen werden müssen, um gültig zu sein. Sind wir einig?« »Ja. Aber was fang' ich mit meinem Theater an? Dort muß ich heut' abend spielen.« »Man wird was anderes heute geben, wenn Sie dem Direktor ein Billett schreiben, daß Ihr Ehegatte den Kontrakt mit dem Theater auflöse und Sie heute noch von Paris hinweg in seine Heimat führe. Dies Billett senden Sie erst ab, wenn wir in den Reisewagen steigen, damit uns nicht Hindernisse bereitet werden können durch den Direktor. Also auf Wiedersehen in zwei Stunden!« »In zwei Stunden.« Dreizehntes Kapitel. Louison war von alledem wie betäubt. Es kreisten in ihrem Kopfe die Gedanken: Was ist wirkliche Welt? Was ist deine Welt, die Welt der lustigen Komödie? Du weißt es nicht; du weißt nichts zu tun, du mußt alles geschehen lassen. Da trat Rose ein und die Mama. »Nun?« fragte die Mama. »Übers Meer werde ich nach Irland reisen in zwei Stunden und dort O'Briens Frau werden.« Mama schrie zweimal auf. Beim Worte »Meer« erschrocken, beim Worte »Frau« zufrieden. »Endlich!« sagte sie. »Aber das Meer vertrag' ich nicht. Ihr kommt doch wieder?« »Ja.« »Dann wart' ich in Brüssel. Jetzt muß ich aber packen!« und sie lief fort. Rose schüttelte den Kopf und sagte: »Nein!« »Aber was sonst?« »Ich weiß es nicht. Wenn nur Herr Doctor Zech da wäre!« »Aber er ist nicht da!« »Haben Sie ihn denn wirklich lieb, den –?« 121 »Ich weiß es nicht. Aber er ist doch hilfreich und scheint mich zu lieben.« »Ich trau' ihm nicht.« »Da lies!« Sie reichte ihr das Blatt; aber noch ehe Rose fertig war mit dem Lesen, wurden Stimmen hörbar aus dem Vorzimmer. Es waren die Gläubiger, und man hörte Narziß laut sagen: »Geduld! Lord O'Brien hat alles übernommen und kommt sogleich.« – Hierauf wurde es still. »Nehmen Sie mich mit?« fragte Rose. »Freilich! Und das Blatt hebe auf! Du bist ordentlicher als ich.« »Dann unterschreiben Sie doch geschwind!« Und sie reichte ihr den Zettel und einen Bleistift. Sitzend unterschrieb Louison ihren Namen. »In zehn Minuten bin ich wieder da!« sagte Rose und ging fort. Louison blieb regungslos sitzen. Da trat O'Brien ein mit der Frage: »Und das Billett an den Direktor?« »Das habe ich noch nicht geschrieben,« sagte Louison leise. O'Brien setzte sich an den Schreibtisch und schrieb das Billett, ihr sodann die Feder reichend, damit sie es unterzeichne. Sie stand auf, trat an den Schreibtisch, las das Billett und – zögerte. Sie blickte O'Brien, der neben ihr stand, in die Augen. O'Brien nickte freundlich, und – sie unterschrieb. Er steckte es in ein Kuvert, schrieb die Adresse und ging nach der Tür. Ehe er sie öffnete, sagte er noch: »Sie müssen sich ankleiden, liebe Louison, und fertig machen! Unser Geistlicher kommt sogleich. Und die Mama?« »Die geht nach Brüssel zurück.« »Gut. So fahren wir über Brüssel nach Ostende. – Nun die Rechnungen!« Louison öffnete das Schubfach. O'Brien nahm den ganzen Stoß von Papieren und ging ins Vorzimmer zu den 122 Gläubigern. Dort verlas er die einzelnen Namen und Summen, und jeder Einzelne meldete sich zu seiner Rechnung. Er unterließ nicht, bei diesem und jenem zu sagen: »Hundert Prozent!« und den Kopf zu schütteln. Dann sprach er mit einem gewissen Nachdruck: »Schlag sechs Uhr in meiner Wohnung zur Empfangnahme des Geldes. Narziß, du sagst den Leuten meine Adresse, du empfängst dort die Leute und wartest auf mich, wenn ich noch nicht da sein sollte.« Narziß sprach deutlich und genau die Adresse aus und öffnete die Ausgangstür. Sie waren ein wenig unschlüssig, aber sie gingen. Als Narziß hinter dem letzten die Tür schließen wollte, trat Ferval ein. Er betrachtete O'Brien und Narziß und fragte lachend: »Alles im Gange?« O'Brien nickte und sagte halblaut: »Aber erst nach dreimal vierundzwanzig Stunden einkassieren! Es könnte in die Zeitungen kommen und mich stören. Du sendest mir den Betrag nach Dublin ins ›Kleeblatt‹.« Da kam Rose zurück und fragte, was aus den Sachen würde, die man nicht mitnehmen könnte, und aus dem Logis? »Herr Ferval übernimmt alles. – Du willst wohl mit uns?« »Ja, Herr!« »So hilf alles fertig machen!« O'Brien, Ferval und Narziß gingen fort. Gegen zwei Uhr erfolgte die Abreise, und um fünf Uhr verkündeten Theateraffichen, daß Demoiselle Louison plötzlich erkrankt und daß deshalb » relâche « im Theater nötig sei. Der irische Geistliche, welcher mitreiste, beschäftigte als neue Figur Louison und Rose angelegentlich. Auf Louisons Verlangen saß Rose in demselben Coupé. Dieser Geistliche war ein noch junger Mann mit kurzgeschnittenem, glattem Haar, glatt rasirt, schwarz gekleidet, ein schwarzes Seidenkäppchen auf dem Scheitel und ward vorgestellt als Pater Patrik. Er sprach schlecht französisch und sprach vielleicht deshalb wenig. Er schlief viel in seiner Ecke. Dasselbe tat Mama Miot. 123 Als man nach Brüssel kam, blieb der Pater Patrik auf dem Bahnhof zurück, während Mama, Louison, Rose und O'Brien hinausfuhren zu Papa Miot. Rose hatte auf dem Bahnhof bleiben sollen, Louison hatte aber wiederum verlangt, daß sie mitführe. Papa Miot war sehr erstaunt, als er die Neuigkeit erfuhr, daß ein Schwiegersohn vor ihm stünde – »Ein Lord!« flüsterte ihm Mama ins Ohr –, erstaunt, ja betroffen. Der »Lord« schien ihm nicht zu gefallen, und Louison ängstigte ihn auch. Sie war so ernsthaft, wie er sie nie gesehen, wenn auch sehr zärtlich gegen ihn. Begrüßung und Abschied wurden auf O'Briens Treiben kurz gehalten. Und doch hatte der Abschied des Vaters etwas Rührendes, da der alte Mann sein Kind noch einmal zurückrief, als sie schon im Hausflur war. Er umarmte sie noch einmal, heftiger als es sonst seine Art war, und sagte mit erstickter Stimme zu der dabei stehenden Rose: »Behüten, behüten!« Dann ging er ins Zimmer. Rose flüsterte Louison zu: »Reißen wir aus, Fräulein! Es geht. Dort ist eine Hintertür. O'Brien und die Mama, welche ihm das Geleit gibt, sind auf der anderen Seite voraus; wir schlüpfen in die Stadt und verbergen uns. Geschwind! Der Mann macht Sie ja unglücklich.« Louison folgte ihr wirklich einige Schritte. Dann blieb sie stehen, hielt Rose an der Hand fest und sagte: »Ich darf nicht; er hat alles für mich getan, und er hat meine schriftliche Zusage. So wie er mir Wort hält, so muß auch ich ihm Wort halten. Er meint's auch gut mit mir.« »Nein!« sagte Rose ärgerlich, folgte aber ihrer Herrin. Und so ging die Reise weiter. Zunächst mit der Eisenbahn nach Ostende, dann mit dem Dampfschiff nach England, dann auf rasend schnell fahrenden Bahnzügen quer durch England, endlich wiederum mit einem Dampfboot nach Dublin. Der Verkehr unterwegs blieb von seiten O'Briens sanft 124 und freundlich gegen Louison. Erst als das Dampfboot in die Nähe von Dublin kam, wurde die Rede O'Briens etwas lauter, seine Annäherung an Louison dreister. »Ich hab's vorausgesagt!« flüsterte Rose heimlich zu Louison und setzte hinzu: »Der duckmäuserische Pater gefällt mir auch nicht; er macht kuriose Augen auf mich, tritt mir auf den Fuß und greift nach meinem Arme.« Louison schwieg dazu, verlangte aber bei der Ankunft im Dubliner Hotel, daß Rose mit ihr in demselben Zimmer schlafen sollte. Da brauste O'Brien zum ersten Male auf, dieses Verlangen zurückweisend. Louison sah ihn betroffen an, erwiderte aber ruhig: »Ich bestehe darauf.« Er zuckte, besann sich aber und machte eine zustimmende Bewegung mit der Hand. Louison und Rose erhielten ein gemeinschaftliches Zimmer. Es war gegen Abend, als sie ins Hotel kamen. Sie speisten zusammen, und Pater Patrik war zum ersten Male gesprächig, offenbar weil er irisch reden konnte mit dem ernsthaften Wirte, welcher aufmerksam zusah, ob seine Kellner die Bedienung prompt leisteten, namentlich in Betreff der schweigsamen Louison. Als man sich trennte, kündigte O'Brien Louison an, daß am nächsten Tage um die Mittagsstunde die Trauung vollzogen werden sollte, und zwar auf ihrem Zimmer. »Wo nehmen wir aber die Zeugen her?« rief Rose. O'Brien, unangenehm berührt durch die naseweise Frage, mochte doch nicht behaupten, daß Zeuginnen für die Braut unnötig wären, sondern sagte: »Du selbst kannst Zeugin sein.« »Und die männlichen Zeugen? Nicht wahr, Herr Pater, es sind männliche Zeugen nötig?« Der Pater sagte: » Yes «. »Was schwatzt die Närrin! Die männlichen Zeugen werden 125 nicht fehlen, ich bin ja hier wie zu Hause. Also um die Mittagsstunde morgen. Gute Nacht!« Rose war außer sich. Sie war voll von Mißtrauen. Eine rechtschaffene Natur mit gesundem Verstande, wehrte sie sich mit Hand und Fuß gegen diese Heirat und schlug beim Schlafengehen Louison nochmals dringend vor, sich diesem Ehebündnisse noch in dieser Nacht durch die Flucht zu entziehen. Louison gestand ihr, daß sie bei dem Gedanken erzitterte, von einem Manne wie O'Brien gewaltsam umarmt zu werden. »Nun also!« »Aber er hat ja schriftlich zugesagt, dies nicht zu tun. Und so wie ich erwarte, daß er Wort halten werde, so muß auch ich Wort halten. Ich weiß ja ohnedies nicht mehr, was ich will, was ich werde, denn ich habe gar keinen Haltepunkt mehr in mir. Wenn ich nun selbst noch unehrlich würde, dann müßte ich vergehen, wie ein Nichts geradezu vergehen.« Dennoch schlief sie keine Minute in dieser Nacht. – Rose dagegen schlief fest und ordnete am nächsten Vormittage – da es nun doch nicht mehr zu ändern war – alles an zur Feierlichkeit, soweit diese ihre Herrin betraf. Sie packte den Koffer aus, sie machte das weiße Atlaskleid zurecht, sie verschaffte sich durch das Dienstmädchen einen Orangenzweig und flocht denselben ins Haar Louisons, sie putzte ihre blasse, schweigende Herrin sorgfältig. Als es zwölf Uhr schlug, war sie fertig, und mit dem Glockenschlage traten die Herren auch ein: Pater Patrik, O'Brien und zwei elegant gekleidete Herren. Der Pater trug einen schwarzen Priesterrock und zog die kirchliche Stola aus der Tasche. Diese legte er auf einen kleinen Tisch, welchen einer der Zeugen in die Mitte des Zimmers rückte. Der andere Zeuge zündete zwei Kerzen an und stellte sie auf den Tisch. Vor diesen Tisch trat nun der Pater und winkte dem Brautpaare, ihm gegenüberzutreten. Als dies geschehen, nahm 126 er ein Büchlein aus dem Gewande und las eine lateinische Litanei mit eintöniger Stimme ab. Hierauf fragte er kurz in französischer Sprache, ob Braut und Bräutigam aufrichtig das Ehebündnis wünschten. Man hörte nur das laute » Yes « O'Briens, und sofort verlangte er von den Zeugen, daß sie ihre Namen nannten. Sie nannten beide irische Namen, und der Pater ergriff nun die Stola, schlang sie um die vereinigten Hände O'Briens und Louisons – Louisons Hand zitterte heftig, O'Brien drückte seine Hand fest in die ihrige – und so sprach er lateinisch den Segen über das Paar, damit schließend, daß er französisch sagte: »So seid ihr ein Ehepaar!« Die Zeugen und der Pater entfernten sich, und O'Brien umarmte Louison mit dem Ausrufe: »Nun bist du mein!« Louison wich zurück und sagte heftig: »Das ist gegen unseren Vertrag!« »Mein bist du, sag' ich. Und jetzt fahren wir spazieren; ich zeige dir unsere Hauptstadt Dublin. Kleide dich an, in einer halben Stunde hol' ich dich ab.« Draußen auf dem Korridor rief er den Zeugen nach: »Warten, warten! Ihr müßt ein Telegramm unterschreiben, das ich nach Paris sende.« Louison sank auf einen Sessel, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Als Rose eintrat und sie umkleidete, sagte Louison: »Rose, es ist geschehen, und mir ist, als wäre ich jetzt noch unglücklicher.« »Ich bin immer der Meinung gewesen. Gebe Gott, daß wir uns irren.« »Er nennt mich du und hat mich umarmt, was der Vertrag untersagt.« »Vertrag!« rief Rose mit dem Tone der Geringschätzung. Weiter aber wurde nichts zwischen ihnen gesprochen, unter Stillschweigen geschah die Umkleidung, und sie war kaum beendet, da trat O'Brien ein, um sie in seinem Wagen abzuholen. 127 Es war ein Wintertag mit jeweiligen Sonnenblicken, welche durch ein feines Schneewehen hindurchschimmerten. Louison sah wenig von den Plätzen, Straßen und Häusern, welche ihr O'Brien preisend zeigte. Das schien ihn auch wenig zu kümmern, er war mehr darauf bedacht, ihr lustig in die Augen zu sehen und sie an sich zu ziehen. Es wurde zeitig dunkel, und sie bat ihn, heimzukehren, es würde ihr kalt. »Du sollst schon erwärmt werden!« rief er und befahl dem Kutscher, nach dem Hotel zu fahren. Als Louison auf ihr Zimmer kam, fiel sie Rose um den Hals und weinte heftig. »Führe mich in eine Kirche, Rose; Gott allein kann helfen, du hast recht. Mir ist angst und bange. Er nennt mich du und drängt sich an mich. Sein Auge, sein Mund, sein ganzes Gesicht, seine Stimme sind verändert. Sie sind roh wie damals in Biarritz; der Mann hat sich verstellt – wird er wenigstens Wort halten?« »Nein!« »Rose?! – Verlaß mich nicht, Rose! Mir ist zumute, als sollte ich hingerichtet werden.« »Also tun wir jetzt, was ich immer vorgeschlagen habe: fliehen wir! Ich weiß den Weg zum Hafen, verbergen wir uns auf einem Schiffe!« Sie standen vor einer kleinen Kirche. Die Tür war offen; es war eine katholische Kirche. Ein Lämpchen dämmerte vor einem Muttergottesbilde. »Also, liebes Fräulein! Ach nein, Sie sind eine Frau –« »Ich kann nicht entfliehen, Rose. Ich muß mein Wort halten, so lange er das seinige nicht bricht.« »Dann wird's zu spät sein.« »Das stell' ich der Mutter Gottes anheim.« Und mit diesen Worten eilte sie vor den Altar, kniete nieder und betete inbrünstig um Schutz. 128 Nach zehn Minuten erhob sie sich und schien gefaßt. »Komm, Rose, er erwartet mich zur Tafel mit seinen Freunden. Halten wir unser Wort. Wer recht tut, dem geschieht recht, hat mein Pater in Brüssel gesagt.« Die Tafel war in O'Briens Zimmer, und außer dem Pater Patrik nahmen die zwei Trauzeugen daran teil. Es wurde lärmend getrunken, und Louison sah mit Schrecken, daß besonders der Pater übermäßig trank. Er hielt dazu lustige Reden in der für sie unverständlichen Landessprache, und der Champagner floß in Strömen. Louison meinte unter Wilden zu sein. Sie erklärte endlich O'Brien, sich zurückziehen zu müssen, sie sei unwohl. »Geh', Täubchen, und putze dein Gefieder für mich!« rief er und wollte sie küssen. Sie entfloh. Ein schallendes Gelächter der Tischgesellschaft begleitete ihre Flucht. Eilig rannte sie nach ihrem Zimmer und rief nach Rose. Rose war nicht da – aber sie kam eben mit Schnee bedeckt. »Wo bist du denn?! Hilf mich geschwind auskleiden, mir fliegen die Hände, ich will schleunigst ins Bett, um mich zu erwärmen.« Rose half eifrig, und Louison setzte hinzu: »Verlaß mich ja nicht, gute Rose!« »Gewiß nicht!« – Gleich darauf aber schrie Rose: »Himmlischer Vater, mein Bett ist fort! Das hat er fortschaffen lassen, er will Sie überfallen!« Entsetzt richtete sich Louison auf und sagte nach kurzer Pause: »Er hat ja versprochen, er muß ja Wort halten –« »Er wird es nicht. –« »Rose, was sagst du da?!« »Eine Torheit. Ich dachte an die Burschen in unserem Dorfe, die kümmerten sich den Kuckuck um ein Versprechen, wenn die Trauung vorüber. Aber die vornehmen Leute sind ja anders –«« 129 Da hörte man die jauchzende Stimme O'Briens vor der Tür. Diese wurde aufgerissen, und lustig rief er: »Endlich, Täubchen, endlich sind Jakobs sieben Jahre um, und deine weichen Arme, deine heißen Küsse sind erobert, die leere Komödie ist aus.« Auf Louison's Bett zuschreitend, erblickte er Rose, und nach ihr mit dem Arme greifend, schrie er: »Hinaus, Dirne! Du hast hier nichts zu suchen. Dein Bett steht gegenüber im Dienerzimmer, wohin du gehörst.« Rose war seinem Arme behende entschlüpft; er aber ging, von Weinlaune erregt, auf Louison zu. »Rose!« schrie Louison. Rose bedurfte der Aufmunterung nicht. Sie hatte schon mit starker Hand den Glockenzug an der Tür ergriffen und läutete mit einer Kraft, daß es durchs ganze Haus schallte. Mit der anderen Hand hatte sie die Tür geöffnet und rief gellend in den Korridor hinaus: »Hilfe! Hilfe! Räuber und Mörder! Hilfe!« O'Brien stürzte auf sie zu, faßte sie grimmig bei den Schultern und warf sie zur Tür hinaus; aber das starke Vogesenmädchen hielt außen die offene Tür fest und schrie unausgesetzt: »Hilfe! Hilfe! Räuber und Mörder!« Kellner und Dienstmädchen flogen herbei mit: »Was ist? Um Gotteswillen, was geschieht?« Ja, der Wirt des Hauses selbst, ein stämmiger Walliser, kam den Korridor entlang und rief schon aus der Ferne: »Ruhe! Ruhe!« Er hatte offenbar schon im Laufe des Tages O'Brien und Genossen mit Aufmerksamkeit angesehen und auch die niedergeschlagene junge Frau beobachtet. Er hielt auf die Ehre seines Hauses und trat ziemlich barsch an den tobenden O'Brien heran mit den Worten: »Donnerwetter, Mylord, mein Haus steht zwar in Irland, aber ich bin ein Walliser und halte auf Ruhe und Anstand in meinen vier Pfählen.« Und dabei wies er auf das offenstehende Zimmer, in 130 dessen Mitte die arme Louison stand, mit flehender Miene auf ihn blickend. Sie war aus dem Bett gesprungen und hatte sich nur eiligst mit einem Tuch umhüllen können. »Was schwatzest du da!« polterte ihm O'Brien entgegen – »was schwatzest du da, fremder Sachse, von Ruhe und Anstand, wenn ich eine Dienstmagd meiner Ehefrau aus dem Zimmer werfe, weil sie sich unverschämt aufführt! Fort mit Euch allen! Fort auf der Stelle!« Und dabei ging er erhobenen Armes auf die Kellner und Dienstmädchen los, welche erschrocken zurückwichen. Unterdessen schob der Wirt Rose ins Zimmer hinein, schlug die Tür hinter ihr zu und ging dann O'Brien nach, welcher die Dienstleute vor sich her jagte. Er faßte O'Brien kräftig am Arme und sagte halblaut: »Geduld, Mylord, so werden wir die Leute nicht los. Nur wenn wir fortgehen, endigt der Skandal, und Sie kommen zu Ihrem Ziele. Folgen Sie mir, meinetwegen zankend, dort hinten in mein Zimmer. Dann ist die Sache zu Ende für das Volk, und die Leute verschwinden von selbst. In zehn Minuten ist alles leer, und Sie kehren unbehelligt zurück zu ihrer Ehefrau.« Und nun nahm er O'Brien unter den Arm und ging mit ihm auf die Leute zu, ihnen sagend, es walte da ein bloßes Mißverständnis, und er befehle ihnen, den Korridor zu räumen. Sie wichen langsam zurück bis zur Treppe, neben welcher des Wirtes Zimmer lag. »Marsch!« rief er noch einmal und führte den noch halb widerwilligen O'Brien hinein, die Tür hinter sich schließend. Das Mittel half. Die Leute hatten nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu hören und gingen kopfschüttelnd von dannen. Rose aber hatte die Zeit benutzt, ihre Herrin mit fliegender Hast angekleidet, ihr Mantel und Schal umgehängt und ein am Ofen liegendes Paket ergriffen. »Jetzt ist's Zeit zur Flucht!« flüsterte sie. »Ja,« hauchte Louison, »er ist ein Schurke!« 131 Rose eilte nun an die Tür, öffnete sie nur eine Spalte weit, um hinausblicken zu können; dann sagte sie: »Leer! Alles fort. Kommen Sie! Rechts, rechts! Nicht umschauen! Dort ist eine Hintertreppe, die führt auf die Nebengasse. So begegnen wir niemand.« Dabei hatte sie Louison an der Hand gefaßt, um sie zu führen, weil nach rechts hin die Beleuchtung des Korridors aufhörte. Schweigend schlichen sie die dunkle Treppe hinab. – Da strauchelte Louison und fiel. »Haben Sie sich weh getan?« »Ja.« »Die Zähne aufeinander beißen und weiter, wir haben keinen Augenblick zu verlieren!« »Was nützt es denn? Wohin? Wir wissen's nicht.« »Doch, doch, ich weiß es.« »Und wir haben kein Geld.« »Falsch, falsch! Wir haben auch Geld; nur auf und weiter!« Sie kamen glücklich aus dem Hause heraus. »Wieder rechts!« sagte Rose, »und rasch!« »Wohin denn?« »Zum Hafen. Ich hab's ja lange kommen sehen! Während Sie speisten, bin ich am Hafen gewesen. Ein Dampfschiff geht in der Nacht nach England, und ich hab' ja Ihr Geld, Ihre Monatsgage. Sie haben mir ja noch im letzten Augenblicke in Paris die Quittung unterschrieben, und diese hab ich damals einkassiert. Sie kümmerten sich ja um nichts. Ich hab's kommen sehen, und dies Paket ist schon lange fertig. 's ist unsre Wäsche drin und auch etwas Schmuck von Ihnen. Wir kommen fort, wenn wir nur jetzt – können Sie nicht schneller gehen?« »Ja, ja!« »Sie sind also nicht mehr lahm?« »Nein.« 132 »Auch wenn Sie's wären, jetzt gilt's! wie unser Schulmeister sagte.« Der Schnee fiel in dicken Flocken. Aber Rose, kaum einen Moment unsicher, verirrte sich nicht. Sie kamen glücklich aufs Dampfschiff und erhielten eine Kabine mit zwei Lagerstätten, eine über der anderen. »Kriechen wir unter die Decken,« flüsterte Rose, »und rühren wir uns nicht, bis das Schiff in Bewegung kommt. Der Schurke könnte uns hierher verfolgen.« So war es auch. O'Brien hatte den Rat des Wirtes, den Abzug der Dienstleute abzuwarten, nicht lange befolgt; er hatte die Zimmertür aufgerissen, und als er den Korridor leer gefunden, war er nach dem Zimmer Louisons gegangen, den noch immer dreinredenden Wirt zurückstoßend. Er kam dort an in dem Augenblicke, als Rose und Louison die dunkle Hintertreppe hinabschlüpften. Als er das Zimmer leer fand, stürzte er zum Wirt zurück und verlangte eine Durchsuchung des Hauses. Der Wirt wurde grob, weil dies eine Erhöhung des Skandals mit sich brächte, und setzte wegwerfend hinzu: »Die geängstigte Frau ist auch gewiß nicht mehr im Hause, sondern auf der Flucht – vor der Brautnacht.« Die letzten Worte sprach er leise. O'Brien verstummte einen Moment. Die Rede schien ihm einzuleuchten. Endlich fragte er barsch: »Wann geht das nächste Dampfboot nach England?« »Um elf Uhr. Da schlägt's just elf.« Man hörte eine Uhr auf dem Korridor schlagen. Unter wildem Fluchen stürzte O'Brien die Treppe hinab, aus dem Hause hinaus. Der letzte Wagen war eben fortgefahren. Er sah ihn noch, er lief ihm nach, besann sich aber, ob er nicht dabei Zeit verlöre, wenn er den Wagen doch nicht einholte, und wendete sich jählings, um zu Fuß nach dem Hafen zu laufen. 133 Der Hafen lag voll von Schiffen, und er verlor wieder einige Zeit, ehe er den richtigen Dampfer fand, an welchem gerade die Landungsbrücke aufgehoben wurde. Er sprang auf die schon in Bewegung gesetzte Brücke und schrie: »Sind soeben zwei Damen aufs Schiff gekommen?« »Weiß nicht,« antwortete ein Matrose und setzte sogleich hinzu: »Zurücktreten, wenn Sie nicht naß werden wollen.« »In drei Teufels Namen Antwort, ob zwei Damen –« schrie O'Brien in echt irischem Landesakzent. »Brücke abheben!« klang gut englisch ein Kommando hinter dem Matrosen. Der Matrose hob, O'Brien flog zurück, fiel aber nicht ins Meer, sondern auf den steinernen Strand. Der Dampfer stieß ab. Vierzehntes Kapitel. Die Geschicke, welche uns treffen, bilden unsern Charakter – pflegt man zu sagen. Louison wußte nichts von dieser Weisheit. Sie wußte nur, daß sie ein machtloses Geschöpf wäre, welches auf uferloser See dahingetrieben würde. Rose hatte für alles gesorgt bei ihrer Fahrt durch England, und sie waren eines Morgens in Calais angekommen. Die Wintersonne schien hell, und die Meereswellen, auf welche Louison ratlos zurückblickte, schimmerten wie Silber. »Gott sei Dank!« seufzte sie, »man spricht französisch um uns her. Aber was nun?« »Wir müssen nach Paris mit dem nächsten Zuge, unser Geld reicht noch dazu.« »Und was sollen wir in Paris?« »Den Doctor Zech fragen, den Herrn Rambert fragen.« Louison zuckte zusammen bei dem Worte »Rambert«. 134 Seine letzten Worte in Jurons Briefe waren zerschmetternd, waren entscheidend für sie gewesen. »Vielleicht sollte ich nach Brüssel,« sagte sie vor sich hin, »in die Heimat, die ich nie hätte verlassen sollen. Ich möchte das verunglückte Leben einer Künstlerin aufgeben, ein stilles bescheidenes Leben führen, den Vater trösten und von ihm wieder getröstet werden.« »Das bleibt uns ja noch übrig, wenn in Paris nichts anzufangen ist. Wär' ich so schön wie Sie und hätte solche Gaben, ich setzte meinen Kopf auf gegen die ganze Welt und wollte mich schon oben erhalten.« Sie fuhren nach Paris. Spät abends kamen sie an und kehrten in einem kleinen Gasthofe ein, welchen Rose kannte. Oben auf der Höhe, dem Montmartre zu, lag er, wenn man durch die Rue des martyrs hinaufsteigt gegen die äußeren Boulevards hin. Er war von Elsässern gehalten, und Rose sprach deutsch mit den Wirtsleuten. Sie bekamen im dritten Stock ein Zimmer mit einem Alkoven. Im Alkoven standen zwei Betten, und dort schliefen sie – gegen Erwarten – tief und fest. Selbst Rose erwachte spät am Morgen, stand still auf, kleidete sich an und ging zur Wirtsfrau hinunter, Kaffee bestellend. Sie trug ihn selbst hinauf. Louison war nun auch erwacht, richtete sich auf im Bette und besann sich, wo sie wäre. »In Paris! Auf zum Frühstück! Dann schreiben Sie an Herrn Rambert, und ich suche den Herrn Doktor Zech auf. Zwischen elf und zwölf pflegt er auf einen Sprung nach Hause zu kommen, um zu sehen, ob ein Kranker auf ihn warte. Sie, Fräulein, lassen Ihren Brief durch das Dienstmädchen in den nächsten Postkasten werfen. Sie sehen, dort steht ein kleiner Schreibtisch mit Feder und Tinte und einigen Blättern Papier. Meine Landsleute halten ihr Haus hier in guter Ordnung.« 135 Es war gegen elf, als sie fortging. Louison setzte sich an den Schreibtisch. Es schien ihr eine Erleichterung, alles niederzuschreiben, was sie seit dem unseligen Spielabende bei Ferval erlebt, und ihr Bericht fing mit den Worten an: »Ich kann nicht mehr lachen.« Rose aber lachte munter, denn sie fand ihren Doktor Zech. Ein eleganter junger Mann saß bei ihm mit einem dunkelblonden Kopfe und schönem Vollbarte. Er sah sie aufmerksam an mit seinen milden blauen Augen, und als er ihren Namen hörte, stand er auf und schien sie ohne Worte zu fragen. Zech freute sich herzlich, als er sie eintreten sah, und rief: »Glück auf, Rose! Ihr seid also wieder da? Ist's richtig? Ist Fräulein Louison wieder unten?« »Nein,« antwortete Rose, nun recht ernsthaft, »sie ist in der ›Stadt Kolmar‹.« Jetzt erhob sich auch Zech von seinem Frühstück, blickte auf den andern Herrn und sagte: »Das ist Herr Lauriston, ein alter Freund deiner Herrin; du kannst alles ohne Rückhalt erzählen, es kommt an sichere Leute.« Herr Lauriston war derselbe Mann, dessen Zech einmal gegen Louison erwähnt hatte als eines jungen Dichters, welcher Theaterstücke schriebe, aber nicht zur Aufführung bringen könnte. Er sah ernst aus, mochte etwa dreißig Jahre alt sein, war schlank gewachsen und von feinem Wesen. Das leicht gerötete Antlitz mit einem kleinen geschlossenen Munde hatte einen sinnigen Ausdruck; er hörte Rose zu, als ob er ihr die Worte vom Munde nähme. Rose erzählte alles, alles; aber dieser Herr Lauriston wollte immer noch Näheres, Ausführlicheres. Als sie die Szene in Dublin schilderte, wo O'Brien auf die im Bett liegende Louison losstürmte mit den Worten: »Nun, mein Täubchen, Jakobs sieben Jahre sind endlich um, und deine weichen Arme, deine heißen Küsse sind erobert, die 136 leere Komödie ist aus!« da machte dieser Herr Lauriston mit der Hand eine Bewegung, als ob er jemand niederschlüge. Er sprach auch zuerst, als Rose geendigt hatte. »Du siehst, Zech, es ist ein Bubenstück unserer Jeunesse dorée . Es hängt alles zusammen, es wird alles klar. O'Brien hat im Klub eine hohe Wette gemacht, er werde die schöne Louison dahin bringen, daß sie sich ihm ergebe. Das Mädchen hat ihn rufen hören, es sollte ein Telegramm unterschrieben werden. Er hat gleich nach der Eheschließung an seine Konsorten hierher telegraphiert, daß die Wette gewonnen sei, und Ferval hat in die Zeitung gebracht, was wir gelesen; daß Louison nun O'Brien angehöre. Ferval ferner hat ihm die hohe Summe der gewonnenen Wette nach Dublin geschickt. Ich trat zufällig bei ihm ein, als er seinem Diener einen Geldbrief übergab mit dem Auftrage, das Porto nach England auszulegen. Jetzt ist der Augenblick da, diese frechen Sportsjäger einmal am Kragen zu fassen.« »Ach, was helfen Rekriminationen! Wie helfen wir der mißhandelten Schauspielerin?« fragte Zech trockenen Tones. »Sehr wahr. Aber just über diese Sportsjäger hinweg führt die Straße, um ihr zu helfen. Hast du heute Zeit?« »Ein paar Stunden.« »So nimm mich mit zu ihr und stell' mich ihr vor. Bis jetzt hab' ich es absichtlich vermieden, nun aber ist's eine, Pflicht. Wir wollen mit ihr beraten.« »So komm und führe uns!« sagte Zech und klopfte Rose auf die Wangen. Sie wurde rot und lachte verlegen, was doch sonst nicht ihre Art war, und als er, Lauriston anblickend, hinzusetzte: »Dies Mädchen aus den Vogesen hat sich kreuzbrav aufgeführt!« da schienen ihre Augen naß zu werden. »Edel und tüchtig!« sprach Lauriston, und das erschütterte Rose völlig; sie wollte dem schönen neuen Bekannten, welcher ihr außerordentlich gefiel, die Hand küssen, was er jedoch nicht zuließ. 137 Lauriston hatte seinen Wagen vor der Tür, und sie waren bald vor der kleinen »Stadt Kolmar« angekommen. Da bat aber Rose die beiden Herren, als sie bis in den dritten Stock hinaufgestiegen waren, eine kleine Weile auf dem Flur zu warten, Louison werde im Negligé sein, und man müßte ihr Zeit lassen, ihr einziges Kleid anzuziehen. »Denn wir haben in Dublin nur gerettet, was wir auf dem Leibe hatten.« »Nun, Lauriston,« sagte Zech, als sie ins Zimmer geschlüpft war, »so lange hast du dich gewehrt vor der Bekanntschaft, und jetzt –« »Jetzt heißt es, einem ausgezeichneten Talent Hilfe bringen.« Lauriston nämlich hatte bisher die persönliche Bekanntschaft Louisons absichtlich vermieden, obwohl er in Ramberts Hause schon einmal in ihrer Nähe gewesen. Aus dem Theater kannte er sie genau; er war sogar einer ihrer lebhaftesten Verehrer. Aber er war ein Poet und wünschte, ihr Verehrer zu bleiben. Persönliche Bekanntschaften mit Schauspielerinnen hatten ihn zu wiederholten Malen arg enttäuscht. Er wollte nicht in die Lage kommen, auch von der reizenden Louison enttäuscht zu werden. Noch mehr: er hatte sich für sein neuestes Drama ein Mädchen erfunden, welches alle Reize und Talente Louisons, aber einen ganz anderen Charakter besaß als den, welchen man an Louison kannte. Er hatte sich für sein Drama die lustige Louison in eine sentimentale, ja nahezu tragische Person umgewandelt. Zech wußte davon und sagte jetzt: »Du bist am Ende schuld durch deine Vision, daß dies heitere Geschöpf ernsthaft geworden ist. Wirst du ihr helfen können durch deine Verbindungen?« »Ich werd's versuchen.« Lauriston war der Sohn wohlhabender Eltern, welche 138 ihn aus Grenoble im Dauphiné nach Paris geschickt hatten zur medizinischen Ausbildung. Sein Vater war Arzt gewesen, Alfred sollte auch Arzt werden. In dieser Schule war er mit Zech bekannt geworden. Sie waren grundverschieden, und gerade deshalb schienen sie sich für einander zu interessieren. Zech lachte über Lauristons Idealismus, Lauriston spottete über Zechs Realismus, den er wohl auch Materialismus nannte. Nur eins fand er richtig an Zechs Entgegnungen: die oft wiederkehrende Bemerkung, daß solch ein idealer Phantast, wie Lauriston, nicht zum ärztlichen Beruf passe. Deshalb kehrte auch Lauriston diesem Berufe den Rücken, als sein Vater plötzlich starb, denn nur des Vaters wegen hatte er sich zu den medizinischen Versuchen herbeigelassen. Er widmete sich nun ganz schöngeistigen Studien und suchte seinen Verkehr in schriftstellerischen und eleganten Kreisen. Das Vermögen, welches er von seinem Vater geerbt, gestattete ihm die Mittel, wie ein kleiner Seigneur abzuwarten, ob sich ein hinreichend schöpferisches Talent in ihm entwickeln werde. Zech spottete lustig über seine dramatischen Versuche, welche es nicht bis zum Lampenlichte brachten, und nicht minder über seinen Umgang mit der sogenannten vergoldeten Jugend, jeunesse dorée , welche ja nur aus Nichtstuern und angenehmen Taugenichtsen bestehe. »Nun siehst du,« sagte Zech auf dem Vorsaale, »daß sie nicht nur Nichtstuer sind, sondern höchst nichtsnutzig, ja schlimmer noch –« »Schlimmer noch!« erwiderte Lauriston. Da kam Rose und führte sie ins Zimmer mit der Bitte: »Sanft, still! Sie erschrickt so leicht.« Zech stellte seinen Freund vor und führte das Wort. Lauriston verhielt sich zurückhaltend und nur zuhörend; Louison war einsilbig und saß traurig da. »Sie ist eben krank!« flüsterte Rose Zech ins Ohr. »Blaß sind Sie geworden über Gebühr,« sagte endlich 139 Zech, »und wir wollen trachten, Sie wieder rot zu machen. Ich schreib' Ihnen Rezepte; erzählen Sie unterdessen meinem Freunde, was er zu wissen braucht von Ihren sauberen Kavalieren, die er alle kennt. Kommen Sie, Rose, zu mir und hören Sie meine Erklärung der Rezepte. Ihr müßt Euch jetzt zweckmäßig ernähren.« »Wir haben ja kein Geld,« sagte Rose leise, als sie zu ihm an den Schreibtisch trat. »Das findet sich,« entgegnete er. Lauriston fragte Louison nicht nach den Vorgängen. Er wußte, daß ihr das peinlich sein würde. Er sprach von ihrer Kunst, die so grell gestört worden; er sprach von den verzweifelnden Gedanken über Kunst und Leben, welche in ihr aufgetaucht sein müßten; er sprach vom Ausgleich zwischen Ideal und Wirklichkeit, der gesucht werden müsse und der auch zu finden sei. Da erhob sich ihr Blick, zweifelnd, fragend. – Sie seufzte. Lauriston fuhr aber unentwegt fort und schob geschickt kleine Fragen ein, welche sich auf ihre Gedanken und Stimmungen bezogen. Wie beiläufig beantwortete sie dieselben kurz und aufrichtig. All' das unterbrach aber Zech in seiner kurzen Manier. Er habe nicht länger Zeit, und das Wichtigste wäre: festzustellen, was zunächst geschehen müsse. »Wollen Sie sich,« schloß er, »noch einmal an Professor Rambert wenden?« »Ich wollt' es ja, und habe ihm alles geschrieben, aber es widerstrebt mir, den Brief abzusenden.« »Das begreife ich,« sagte Lauriston. »Einer von uns muß erst vorher mit ihm gesprochen haben. Sein letzter Brief war, wie ich höre –« »Nicht sein Brief. Juron hat mir Herrn Ramberts Meinung geschrieben.« »Ah, ah! Das ändert alles. Geduld, Mademoiselle, es wird sich alles ordnen.« 140 »Ruhig hier bleiben,« sagte Zech im Fortgehen, »noch ein paar Tage ruhig hier bleiben! Rose soll heut' abend zu mir kommen, um uns über Einzelheiten noch nähere Auskunft zu geben. Mademoiselle möge ihr, damit sie das könne, alles erzählen, aber alles. Wir kommen morgen wieder; bis dahin adieu!« Beide gingen. Rose gab ihnen das Geleit und nahm unbefangen eine Banknote, welche ihr Lauriston mit den Worten gab: »Ein Vorschuß, bis sie wieder ins Engagement getreten.« »Darf ich sagen –?« »Nein; es kommt von Zech!« Zech lachte und – winkte Rose zutraulich mit der Hand seinen Abschied zu. »Was wolltest du denn mit den Rezepten?« fragte Lauriston unterwegs. »Ist sie denn körperlich krank?« »Ja, Idealist! Meinst du denn, eure Ideen fallen euch vom Himmel herab? Sie wachsen aus eurem Körper empor, gewöhnlich krankhaft, und wenn sie zerstört werden, so wird auch der Körper gestört. Die Nerven dieses Mädchens sind zerrissen. Können wir sie nicht wieder verbinden, so wird sie schwachsinnig oder gar verrückt. Ich kann übrigens da nur wenig helfen; die Hauptsache mußt du leisten. Sie hat keinen Glauben mehr, und du bist ja gläubig, ästhetisch gläubig, – oder nicht?« »Allerdings! Zunächst aber muß sie entdecken, daß es noch gute Menschen gibt. Das müssen wir bewerkstelligen. Ich gehe also gleich zu Ferval, den ich zufällig näher kenne. Er hat mitgetan, wie Roses Äußerungen andeuten; er soll's verantworten. Er ist kein Held; er wird mir weitere Wege eröffnen. Adieu!« Als er in Fervals Wohnhaus trat, begegnete ihm auf der Treppe Narziß. Lauriston kannte ihn nicht, sonst hätte er ihn sofort aufgehalten. Aber ein Diener Fervals kam 141 ihm zu Hilfe, indem er von oben eine Bemerkung nachrief und dabei den Namen nannte. Den Namen Narziß wußte Lauriston von Rose. Rose haßte gerade ihn und schob ihm Schlimmes zu. »Sie heißen Narziß?« fragte Lauriston rasch. »Zu dienen!« »Ich habe Aufträge für Sie. Ist Herr Ferval zu Hause?« »Ja.« »Dann bitte ich, mit mir hinaufzusteigen und eine Viertelstunde im Vorzimmer zu warten. Sie werden dann gerufen werden.« Narziß folgte. Lauriston trat ein bei Ferval. Lauriston stand in einem gewissen Ansehen bei diesen Sportsmännern, weil er ein literarischer Mann war und dabei doch » gentlemanlike « lebte. Die Journale hatten kleine Arbeiten von ihm gebracht, und man wußte, daß die Theaterdirektoren von seinen Manuskripten mit Achtung sprachen. Dazu kam, daß er mit diesen Jüngern des Sports gelegentlich verkehrte und doch ersichtlich ihre Gesellschaft nicht suchte, obwohl er mit Pferden und Waffen ganz besonders vertraut war. Die Waffen betreffend, galt er geradezu für eine der besten Klingen in Paris. Wenn solch ein Mann ihre Gesellschaft fast vermied und gewiß nicht suchte, so gab ihm das eine überlegene Stellung. Ferval empfing ihn also sehr entgegenkommend. »Ich bin beauftragt,« sagte Lauriston, »einige ernste Fragen an Sie zu richten, Herr Ferval.« »O! ich höre.« »Sie gehören zu dem Klub, dessen Mitglied ein Irländer ist, namens O'Brien?« »Ja.« »Die Journale haben erzählt, daß dieser O'Brien eine hohe Wette in Ihrem Klub abgeschlossen: er werde Demoiselle Louison dahin bringen, daß sie sich ihm ergebe.« 142 »Er hat sie geheiratet.« »Ich frage, ob die Wette bestanden hat?« »Sie ist ganz loyal ausgezahlt worden, als O'Brien melden konnte, daß die Eheschließung stattgefunden. Ich selbst habe die Summe nach Dublin gesendet.« »Sie selbst. So? Die Wette hat also wirklich statt gefunden. Ein Sport um Tugend, Ehre und Lebensglück einer unbescholtenen Künstlerin!« »Wenn ich Ihnen sage, daß eine Heirat –« »So sage ich Ihnen, daß es diesem Herrn O'Brien und Ihrem verehrlichen Klub viel lieber gewesen wäre, wenn die Heirat hätte umgangen werden können. Hab' ich recht?« Ferval machte nur eine Bewegung mit der Hand. »Ich bitte um Antwort.« »Und ich bitte um Auskunft, wohin Sie, Herr Lauriston, mit dieser Frage wollen?« »Das werden Sie sogleich des Näheren erfahren. Herr O'Brien hatte Demoiselle Louison zur Einwilligung in Abreise und Eheschließung dadurch vermocht, daß er feierlich versprochen, ihre Schulden zu bezahlen. Hat er das getan?« »Das ist doch nicht meine Sache!« »Einigermaßen doch; es ist eine Spielschuld auf Ehrenwort dabei, welche hier aus ihrem Hause stammt, und Sie hatten die Dame hierher geladen. Ist diese Spielschuld bezahlt? Sind die übrigen Schulden bezahlt? Ich bitte um Antwort.« »Die Spielschuld – da haben Sie recht, die ist unangenehm, da sie hier – sie ist wahrscheinlich nicht bezahlt, denn Madame Legrand hat sich neulich beklagt.« »Eine Ehrenschuld! Die Ehre der jungen Künstlerin verraten! Wie nennt man das?« »Ja, ja – aber das alles ist doch nicht meine Sache; wenn O'Brien –« 143 »Wußten Sie, daß die Schulden nicht bezahlt seien, als Sie Herrn O'Brien die hohe Wettsumme nach Dublin schickten, mit welcher Summe ja die Schulden bezahlt werden konnten – wußten Sie's?« »Wie konnte ich –?« »Sie konnten nicht? Wußten Sie's nicht von Ihrem früheren Diener Narziß, welchen Sie der Dame anempfohlen, welcher die Dame offenbar verraten hat und welcher heute noch in Verbindung mit Ihnen ist?« »Mit mir in Verbindung?« »Er steht draußen im Vorzimmer.« Jetzt entstand eine Pause. Ferval konnte sich nicht mehr verleugnen, daß er sich solche Inquisition nicht länger mehr gefallen lassen durfte, sondern daß er sie durch ein herausforderndes Wort beendigen mußte. Sollte er? Er war nicht gerade furchtsam, aber Lauriston war ein gefährlicher Duellgegner. Nun sollte gerade er für die ärgerlichen Unsauberkeiten des frechen O'Brien eintreten? Auch schämte er sich doch ein wenig der zu Tage tretenden unmoralischen Handlungsweise gegen eine wirklich unbescholtene Künstlerin. – Ach! – schloß er seinen Gedankengang – es ist gescheiter, hierbei nach Kräften auszugleichen, indem man das Unanständige von sich wegschiebt und ein bloßes Geldopfer nicht scheut. So sagte er denn, die Pause unterbrechend, folgendes: »Herr Lauriston, Ihr Standpunkt mir gegenüber ist nicht ganz richtig. Ich gebe zu: die Sache ist unsauber. Aber daran habe ich keinen Teil. Das ist O'Briens Teil. Ich habe gedankenlos zugesehen, das mag wahr sein, und ich bin deshalb gern bereit, abzuhelfen. Die Spielschuld an Madame Legrand zum Beispiel, weil sie in meinem Hause kontrahiert worden ist, übernehme ich gern.« »Positiv?« »Positiv.« 144 »Und die anderen Schulden? Bezahlen Sie die auch? Oder bezahlt sie der Klub für sein wortbrüchiges Mitglied?« Ferval zuckte die Achseln. »Wenn nicht, dann wird die schmutzige Affäre bekannt gemacht durch die Zeitungen; es wird bekannt gemacht, welche Mitglieder Ihr Klub in sich schließt, ein Klub, der so viel Geld bereit hat für – pikante Wetten.« »Vielleicht aber sind die Schulden schon bezahlt.« Lauriston maß den also sprechenden Ferval mit einem Blicke, welchen dieser denn doch übelnehmen mußte. Aber er kam nicht zur Äußerung, denn Lauriston riß die Tür auf und rief Narziß ins Zimmer. »Sie haben,« sagte er, »damals im Vorzimmer der Demoiselle Louison den Auftrag übernommen, abends sechs Uhr die Gläubiger der Dame auszuzahlen. Haben Sie das getan?« »Das hab' ich nicht gekonnt, denn Herr O'Brien hat kein Geld zurückgelassen.« »Das wußten Sie vorher. Sie haben die Gläubiger wissentlich getäuscht und können zu gerichtlicher Verantwortung gezogen werden. Sie haben ferner Briefe unterschlagen an die Dame und von der Dame, Sie haben sich bestechen lassen gegen Ihre Herrschaft von O'Brien und von – andern. Ihre Verantwortung wird Ihnen schwere Not bringen, und ich werde dafür sorgen, daß Ihre Untaten öffentlich bekannt werden, damit Niemand mehr Sie in Dienst nehme.« »Aber ich bitte, Herr Ferval, Sie selbst haben ja –« »Hansnarr!« schrie Ferval. »Mir haben Sie bloß gesagt, daß die Gläubiger Wucherer wären und daß sie volle Quittung leisten würden, wenn sie die Hälfte bekämen.« »Ist dem so?« »Ja.« »Würden Sie, Herr Ferval, diese Hälfte bezahlen für O'Brien? Oder würden Sie Ihren Klub bestimmen, daß er seinem Ruf zu Liebe diesen Betrug seines Mitgliedes ausgleiche?« 145 »Wie groß ist die Summe?« »Sechsundzwanzigtausend Frank,« sagte Narziß etwas kleinlaut. »Vielleicht ist der Klub dahin zu bestimmen,« sagte Ferval, nicht viel weniger kleinlaut. »Ich warte bis morgen früh zehn Uhr. Hier ist meine Adresse« – er gab Narziß seine Karte –; »sind bis morgen früh zehn Uhr die Quittungen in meiner Hand, so unterlasse ich die öffentliche Besprechung dieser – Unsauberkeiten. Narziß hat sein nächstes Schicksal in seiner Hand. Adieu, Herr Ferval.« Er ging. Aber an der Tür wendete er sich noch einmal und sagte: » A propos Zahlung, Herr Ferval! Sie ist mit Fug und Recht von dem Herrn O'Brien einzutreiben, denn er hat die pikante Wette nicht gewonnen; er muß also nicht nur die ihm so eilig zugesendete Summe zurückschicken, sondern hat den Verlust der Wette zu zahlen. Ihr Klub ist also über und über gedeckt.« »Nicht gewonnen?« »Nein. Er hat eine schriftliche Zusage, Demoiselle Louison nicht zu belästigen, in roher Weise brechen wollen, und Demoiselle Louison hat sich seiner vertragswidrigen Annäherung durch die Flucht entzogen. Sie hat sich also ihm nicht ergeben, wie die pikante Wettformel lautet, sondern ist nur seine leider angetraute Ehefrau geworden. Es ist ihm nur gelungen, durch solch ein unlösbares, weil katholisches Eheband eine große Künstlerin zu lähmen und vielleicht für immer ihrer Kunst zu entziehen, denn sie ist, obwohl aus seinem Bereiche, in einem Zustande der Verzweiflung, der Verzweiflung an allem Guten in der Welt, so daß für ihr Leben zu fürchten ist. Wer zu diesem Heldenstück beigesteuert hat, der ist um den Ruhm nicht zu beneiden. Adieu!« Erregt, aber mit dem Resultate seines Schrittes wohl zufrieden, schritt Lauriston nach seiner Wohnung. Ferval, das wußte er, war leichtfertig, aber er war nicht ohne edle 146 Wallungen. Er werde die Schuldenlast Louisons beseitigen, sei's mit Hilfe des Klubs, sei's im Notfalle aus seinen eigenen reichen Mitteln. Lauristons Wohnung lag in dem vornehmen Faubourg St. Honoré, welcher rückwärts über Gärten nach den Champs Elysées bis zur Seine schaut. Dort bewohnte er ein hohes Mezzanin , ein sehr behagliches Appartement. Im Hofe hatte er Stallung für drei Pferde und Remise für die einspännigen Wagen, welche man in Paris so gern hat. In seinem Arbeitszimmer, welches eine ausgesuchte kleine Bibliothek enthielt, lag auf dem Schreibtische ein zierlich eingebundenes Manuskript. Er trat an denselben, nahm es in die Hand und blätterte darin. Es war dies jenes Theaterstück, dessen Zech gegen Louison erwähnt hatte, und welches von mehreren Theaterdirektoren zurückgewiesen worden war. Einer von ihnen hatte bei der Zurückweisung gesagt: es sei zwar in literarischer Form und Korrektheit der Verse ganz ausgezeichnet, aber es fehle ihm die Aktualität, welche für den Theatererfolg unerläßlich bleibe. Unter Aktualität verstehe er die Eigenschaft des Inhaltes, welche das Publikum wie etwas Echtes anmute, wie etwas, was noch heutigen Tages jeden Augenblick sich ereignen könne. Dadurch allein werde die theatralische Handlung dem Interesse des großen Publikums nahe gerückt. Nachdenklich hielt er das Manuskript eine Zeitlang in der Hand und sagte vor sich hin: »Die Aktualität wäre da zur Umarbeitung.« Dann legte er es zur Seite, sich niedersetzend, um an seine Mutter zu schreiben. Seine Mutter lebte noch in Grenoble, und er hegte die tiefste Pietät für dieselbe. Ebenso hingebend, ja schwärmerisch liebte sie ihn. Bei Lebzeiten des Vaters hatte sie die Partie des Sohnes genommen, als er zum Studium der Medizin gezwungen wurde, und das literarische Talent ihres Sohnes war ihr Stolz. Poetischen Wesens, war es ihr Ideal, ihren 147 Alfred zu einer literarischen Notabilität heranwachsen zu sehen. In diesem Sinne war nach dem Tode des Vaters ein reger Briefwechsel im Gange zwischen Sohn und Mutter. Er teilte ihr seine Pläne, seine Arbeiten mit, und es lag also nahe, daß er ihr jetzt sein entstehendes Verhältnis zu der unglücklich gewordenen Louison nicht vorenthielt. Er hatte ihr schon früher einige Male über die neue Erscheinung dieses schönen und talentvollen Mädchens geschrieben. Louison hatte bei ihrem ersten Auftreten einen bezaubernden Eindruck auf ihn gemacht, aber als er sie öfter gesehen, hatte er der Mutter geschrieben: »Wie schade, daß dies Mädchen nichts weiter wird, als was sie ist, ein heiteres, ja lustiges Naturell mit der entsprechenden Gabe des Talents. Sie hat nichts, als was sie von Hause aus besitzt. Kein Gedanke anderer Regungen als derjenigen ihres Naturells ist ihr nahe getreten. So kann sie denn eigentlich nur lachen. Man muß aber lachen und weinen können, wenn man ein volles dramatisches Talent sein will. Schade! schade!« hatte er zu wiederholten Malen geschrieben. »Und doch ist's gut,« hatte die Mutter geantwortet, »daß es so ist. Denn in dies Mädchen würdest du dich verlieben, das les' ich aus deiner Beschreibung heraus. Ich wünsche aber ganz und gar nicht, daß du dich in eine Schauspielerin verliebst. Ihrem Berufe gemäß sind sie alle leichtsinnig und treulos. In einer Liaison – und die muß man vermeiden – reiben sie den Liebhaber auf, sei's nur durch Eifersucht, welche sie ihm nahe legen, und zu einer Ehe eignet sich ihr Beruf und ihr Charakter nicht, denn ihr Charakter bildet sich nach ihrem Berufe.« Louison war also in dem Briefwechsel zwischen Sohn und Mutter ein oft dagewesenes Thema, und es lag nahe, daß er ihr die neuesten Schicksale der Künstlerin, so wie er sie aus Roses Erzählung genau kannte, ausführlich schilderte. Nachdem er auch die Unterredung mit Ferval mitgeteilt, 148 schloß er den Brief mit den Worten: »Das Mädchen ist bleich wie der Tod, und Freund Zech spricht es wohl nicht aus, aber er scheint sie für lebensgefährdet zu halten. Moralisch erliegt sie einer vollständigen Apathie, und so bin ich wie Zech entschlossen, alles zu tun, um sie zu erretten.« Abends ging er zu Zech. Dort fand er Rose schon, welche berichtete, daß sie keinen Rat mehr wüßte mit ihrer Herrin. Sie habe ein Kleid für sie gekauft, um ihr einen Ausgang ins Freie, etwa in den nahen Park von Monceau, möglich zu machen, aber Louison habe sich ruhig ankleiden lassen, und dann sei sie absolut nicht aus dem Zimmer zu bringen gewesen. Sie schüttele den Kopf, setze sich immer wieder vor den Schreibtisch und lese immer wieder den Brief, welchen sie an den Professor Rambert geschrieben. »Was soll daraus werden?!« rief Rose und weinte. Zech war zornig, zornig gegen sich selbst und seine Wissenschaft. »Solche Krankheiten bringen den ruhigsten Arzt aus dem Häuschen!« schrie er geradezu. »Wir wissen nicht nachzuweisen, wie und wo das Blut verdorben wird durch Traurigkeit des Patienten, wie und wo das verdorbene Blut die Nerven lähmt und die edlen Organe beschädigt. Solche Krankheiten gehören vor den Irrenarzt; ich bin aber keiner.« Lauriston suchte beide zu trösten, indem er das Abkommen mit Ferval erzählte und dartat: Louison sei nun niemandem mehr einen Sou schuldig und könne also ruhig in ihre frühere Wohnung zurückkehren. »Sie war doch pränumerando bezahlt?« »Ja wohl!« sagte Rose, »und wir haben ja noch vielerlei dort zurückgelassen, namentlich Kleidungsstücke. Aber das Fräulein wird nicht hinzubringen sein.« »Versuchen wir's! Ich komme morgen Mittag und werd' ihr zureden.« Lauriston kam am folgenden Mittage und erfuhr allerdings von Rose, daß all ihr Zureden bis jetzt nichts geholfen. 149 Namentlich in jene Wohnung, wo sie zugrunde gegangen, wolle sie um keinen Preis zurück. Sie saß, wie Rose erzählt hatte, vor dem Schreibtische und hatte die Hand auf den Brief an Rambert gelegt. Das Gesicht war überaus bleich, die Miene starr. Als Lauriston sie begrüßte, blickte sie ihn lange schweigend an, und ein Hauch von Röte flog über ihre Wangen. »Endlich,« sagte sie – zu großer Überraschung Lauristons mit schwacher Stimme. – »Ich habe Sie schon im Theater gesehen. Nicht wahr?« »Ich weiß nicht –« »Sie saßen auf der ersten Bank und schauten ohne Glas auf mich.« »Ja.« »Und dann sind Sie noch zweimal wiedergekommen und haben auch einmal ganz allein in die Hände geklatscht – für mich.« »Ja ja! Konnten Sie das von der Bühne herab mitten im Spiel bemerken?« »Gewöhnlich nicht, aber das hab' ich bemerkt.« Lauriston war betroffen von dieser Bemerkung, sehr angenehm betroffen, und suchte nun ein Gespräch einzuleiten über den Eindruck einer Schauspielerin, welche die Welt von den Brettern herab anschaut – über die alles verklärenden Lampen hinweg. »Verklärend?« fragte sie. Sie folgte also doch dem Gedankengange, und leise setzte sie hinzu, indem sie mit dem Haupte nickte: »Sie täuschen, die Lampen, sie täuschen.« »Das sollen sie ja auch. Man ist in einer erhöhten Welt auf den Brettern, in der Welt der Poesie.« Sie nickte wieder, aber es zog ein schmerzliches Lächeln um ihren Mund. Lauriston versuchte nun dies Thema auszuführen und auf ihren Zustand, auf ihr Schicksal anzuwenden: daß man sich als Künstlerin nicht stören lassen dürfe durch die 150 gemeine Prosa des Lebens, welche niemand so arge Täuschungen bringe als höheren Naturen. Das sei doch nur Schatten zum Lichte. Schatten sei überall nötig, sonst geriete man ins Verschwommene. Je härtere Schicksale der Künstler erlebe, desto mehr Inhalt gewinne er für seine Kunst, desto wahrhaftiger entwickele sich sein Talent. Sie erwiderte nichts. Es war unklar, ob sie dem Sinne der Worte folge. Sie folgte vielleicht doch und widersprach im Innern, denn ihre schneeweiße Hand krampfte den Brief an Rambert ein wenig zusammen. »Schenken Sie mir den Brief!« sagte Lauriston. »Wozu?« »Sie haben darin ihren Schmerz ausgedrückt, ausgehaucht möchte ich sagen. Dies könnte mir ein Hilfsmittel werden für eine Aufgabe, welcher ich nicht recht gewachsen bin. Ich schreibe ein Stück.« »Ein Theaterstück?« »Ja. Eine Künstlerin ist der Mittelpunkt, und ich bin bei einer Szene, welche den tiefen Schmerz meiner Heldin ausdrücken soll über Kränkungen, die sie erlitten, den Schmerz über die Zerstörung ihrer Ideale.« »Die Arme! Hat sie Talent?« »Großes Talent. Es ist Vittoria Accorombona. Aber ich habe nicht Talent genug, sie über den Abgrund hinwegzuheben, welchen sie vor sich zu sehen glaubt.« »Glaubt?« »In ihrer Einbildung. Sie ist eben sehr stark, ihre Einbildung, weil ihr Talent stark ist.« »Und darüber hinweg –?« »Und darüber hinweg wird mir Ihr Brief helfen.« »Da! da!« – und hastig reichte sie ihm den Brief. Hocherfreut meinte er nun so weit zu sein, daß er ihr den Wechsel der Wohnung, das Beziehen ihrer früheren Wohnung vorschlagen dürfte. 151 Das war aber ein Irrtum. Bei diesem Vorschlage fuhr sie zusammen und machte eine scharf ablehnende Bewegung. Er mußte es aufgeben, und erschüttert von der unberechenbaren Geistesabwesenheit, in welcher doch plötzlich wieder das Verständnis aufleuchtete, stand er auf. Sie tat desgleichen und machte ihm eine leichte Verbeugung, welche Verabschiedung bedeutete. Da schoß ihm ein dreister Gedanke durch den Sinn, und er sagte getrost: »Das wird aber dem guten Professor sehr leid tun.« »Wem? Was?« »Dem Professor Rambert.« »Sie kennen ihn?« »O, ja wohl! Ich war früher ein Hörer seiner Vorträge, und da ich selbst Schriftsteller werden wollte, hab' ich seine persönliche Bekanntschaft gesucht. Ich war mehrmals in seinem Hause und habe auch Sie dort gesehen. Und heute bin ich ihm in der Akademie begegnet und habe ihm erzählt, daß Sie von einem Nichtswürdigen außer Landes gelockt und betrogen worden, vorgestern aber in verzweifelter Stimmung nach Paris zurückgekehrt seien. Da war er sehr erschrocken und fragte, ob er Sie sehen könnte.« »Ah!« »Ja wohl, habe ich geantwortet. Sie sitzt traurig in ihrer früheren Wohnung am Boulevard.« »Der Onkel!« »›Morgen Mittag,‹« sagte er rasch, »›werde ich sie aufsuchen und zu trösten versuchen‹.« »Der Onkel! Der gute Onkel!« und ihr starres Gesicht belebte sich, und ihre Hände zuckten. »Der Onkel Rambert, ja! Da sollten Sie aber heute dort wieder einziehen, um morgen eingerichtet zu sein und ihn empfangen zu können.« 152 »Freilich! freilich! – Rose! Rose!« Rose trat ein. »Du hast Recht gehabt, Rose, wir müssen sogleich in unsere alte Wohnung, damit der gute Onkel nicht umsonst – aber – aber die schlimmen Leute, die Gläubiger und gar die Gerichtsdiener, vielleicht auch O'Brien, der Lügner, sie alle werden da –« »Das ist alles beseitigt, alles geordnet.« »Von wem?« »Von Ihren Freunden, und der Lügner darf sich nicht mehr nach Paris wagen, man kennt ihn jetzt. Das Nähere morgen, wenn ich mit dem Onkel komme. Also auf Wiedersehen dort!« »Auf Wiedersehen!« sagte sie mit gesunder Stimme. Lauriston war über sich selbst erschrocken, über seine Lüge. Aber sie hatte doch günstig gewirkt, und vielleicht war sie wahr zu machen. Es war richtig, daß er den Professor kannte, näher kannte, und mitunter über literarische Fragen mit ihm verkehrte. Er fuhr also sofort zu ihm in die Champs Elysées und las unterwegs den Brief Louisons. Es war Mittagszeit, und er fand Rambert beim Frühstück. Juron war bei ihm. Sie hatten eben gespeist und zündeten ihre Zigarren an. Lauriston bat um ein Privatgespräch und Juron ging. Rambert bot Lauriston einen Sessel, und letzterer begann mit den Worten: »Ich komme im Interesse Ihres früheren Schützlings, der Demoiselle Louison.« »Sie ist mein Schützling nicht mehr. Wie ich aus den heutigen Journalen ersehe, ist sie ihrem Direktor durchgegangen, und zwar in die weite Welt mit einem gewalttätigen Irländer.« Dabei reichte er Lauriston ein Journal. Dies enthielt die erste öffentliche Nachricht über Louisons Schicksal; sie lautete also: 153 »Die beliebte Künstlerin Dlle. Louison hat plötzlich ihr Theater im Stich gelassen und ist mit einem irländischen Kavalier von dannen gefahren. Selbiger Kavalier war eine große Wette eingegangen, daß er diese bisher männerscheue Dame für sich gewinnen werde, und er hat also seine Wette gewonnen. Die Theaterwelt hofft, die reizende Künstlerin werde nach einiger Zeit munter zurückkehren und in ihrem neuesten Stücke auftreten.« »Diese unangenehme Notiz, welche ich nicht gekannt,« sagte Lauriston, »ist nicht richtig; sie enthält aber Richtiges. Demoiselle Louison ist allerdings mit einem Irländer O'Brien abgereist –« »Mit einem ruchlosen Manne!« »Ja wohl – und ist mit ihm in Dublin vermählt worden.« »Vermählt?!« »Durch einen katholischen Priester. Sie ist O'Briens angetraute Gattin.« »Das arme Geschöpf!« »Und Sie, verehrter Herr, sind die Veranlassung gewesen zu diesem unseligen Schritte.« »Ich?« »Leider ja. Sie haben ihr einen Brief schreiben lassen, welcher die verhängnisvollen Zeilen enthielt: ›Sie können nur noch eine Maitresse werden, nie aber eine Ehefrau.‹« »Das hätte ich –?« »In ihrer übrigens schon verzweifelten Lage hat sie wenigstens beweisen wollen, daß sie eine Ehefrau werden könne.« »Das hätte ich –?« »Das haben Sie ihr schreiben lassen durch Ihren Freund Juron.« »Niemals! Er hat mir erzählt, daß er sie am Spieltische gefunden, daß sie mit dem nichtswürdigen O'Brien eine Liaison habe und ein abscheuliches Leben führe.« »Darauf haben Sie auf das arme Mädchen bitterlich gescholten –« 154 »Allerdings.« »Und er ist hingegangen und hat ihr in Ihrem Namen und Auftrage, wie in dem Briefe gesagt ist, vernichtende Worte und unter ihnen jene gefährlichen Worte von der Maitresse und Ehefrau geschrieben. Diese Worte allein haben Louisons trostlosen Entschluß veranlaßt, O'Briens Ehefrau zu werden.« Rambert hatte längst die Zigarre weggelegt und sah jetzt sprachlos auf Lauriston. Dieser erzählte nun die Vorgänge von Louisons Abreise bis zu ihrer Wiederkehr und überreichte ihm dann den zerknitterten Brief derselben, welcher mit den Worten begann: »Ich kann nicht mehr lachen.« Rambert las ihn, und als er ihn beendigt, sagte er mit bebender Stimme: »Junger Freund, das ist ja entsetzlich!« »Das ist es. Da ich die Ehre hatte, Sie zu kennen, so war ich der Meinung, ein Brief wie jener Juronsche könnte nicht von Ihnen ausgegangen sein –« »Nein, nein! Und ich kündige dem boshaften Juron sofort meine Freundschaft auf.« »Und ich rechnete auf Ihre Hilfe.« »Mit Recht. Aber wie ist da zu helfen, wenn sie vermählt ist?!« »Sie ist aber außerdem in Lebensgefahr durch stille Verzweiflung, welche sich ihrer bemächtigt hat. Nur ein Mensch ist vorhanden, der noch Einfluß auf sie übt und der sie trösten könnte. Dieser eine Mensch sind Sie!« »Ich?« »Ja. Ich komme soeben von ihr. Meine Trostsprüche waren ganz wirkungslos, als ich aber Ihren Namen nannte, da geriet sie in zitternde Bewegung, und als ich ihr sagte: Sie würden zu ihr kommen, da war sie wie verwandelt und versprach, sogleich in ihre alte Wohnung zurückzukehren, was sie bis dahin hartnäckig verweigert hatte.« »Gehen wir sogleich!« 155 »Wir müssen mit Vorsicht verfahren. Auf Ihr edles Herz vertrauend, verehrter Herr, hab' ich Sie für morgen Mittag angekündigt, und um den Erfolg zu sichern, müssen wir uns verständigen. Wir müssen gemeinsam eine Methode befolgen. Sie glaubt offenbar an nichts mehr, was ihre Persönlichkeit, was ihr Verhältnis zur Kunst, was die Kunst überhaupt betrifft: sie fühlt sich, mit einem trivialen Worte ausgedrückt: bankerott.« Beide Männer berieten nun eine Heilungsmethode, wie man einen Erziehungsplan berät, und kamen darin überein, daß Lauriston am nächsten Tage den Professor abholen werde. Fünfzehntes Kapitel. Louison hatte sich gutwillig in ihre frühere Wohnung geleiten lassen. Rose hatte den Doktor Zech gerufen und dieser mit Vergnügen ausgesagt, der Puls habe Leben gewonnen. Sie sollte nur eine kräftige Mahlzeit zu sich nehmen und sich dann schlafen legen. Auf der Reise hatte sie noch gegessen, in Paris nicht mehr. Auch jetzt nach Zechs Vorschrift hatte sie nur wenig essen können, aber sie war bald eingeschlafen und hatte geschlafen, bis die Zimmeruhr elf schlug. Da war sie aufgewacht und hatte gesagt: »Jetzt wird mein Onkel kommen –« Als er kam, stürzte sie ihm zu Füßen, umklammerte seine Kniee und schluchzte: »Verzeihung! Verzeihung!« »Armes Kind, du hast mir zu verzeihen, hast mir den abscheulichen Brief zu verzeihen. Aber ich habe keinen Teil daran, Juron hat gelogen!« »Ach! – ach!« – Sie sprang auf, schüttelte ihre schwarzen Locken und stieß unartikulierte Töne der Freude aus. »Und du hast – du hast mich – langsam bildeten sich die Worte – »du hast mich nicht verstoßen?« 156 »Warum nicht gar! Helfen möcht' ich dir gern.« »Du verachtest« – ihre Stimme schrie – »du verachtest mich also nicht?« »Ich liebe dich ja.« Sie schrie noch lauter, während ihr die Tränen stromweise über die Wangen liefen: »Und ich darf – ich darf dich wieder umarmen?« »Komm an mein Herz!« Sie umarmte ihn konvulsivisch und küßte ihn zum Ersticken. Die Apathie schien überwunden, und wenn auch nicht vollständig – denn heftige Ausbrüche in allerlei Fragen unterbrachen noch öfters die Unterhaltung – sie nahm doch teil an den Vorschlägen Lauristons und Ramberts, welche ihre nächste Lebensweise und ihre Zukunft betrafen. Diese Vorschläge waren sorgfältig vorbereitet von den beiden Männern. »Wie kannst du, schlimmes Kind,« sagte Rambert, »von Verachtung sprechen wie von etwas Möglichem! Du bist ja jetzt ein besseres Geschöpf, als du warst, da du zu mir kamst und als du mich verließest.« »Besser? Ich?« »Allerdings. Damals behauptetest du mit dreister Stirn: Dankbarkeit sei nichts wert und dir fremd.« »Leider!« »Siehst du, jetzt sagst du ›leider‹! Als das Schicksal an dein innerstes Wesen hart gegriffen hat, da ist zum Vorschein gekommen, daß auch die Dankbarkeit darin wohnt.« »Du glaubst?« »Ja, warum hat es denn einen wohltätigen Eindruck auf dich gemacht, als es hieß: ich käme zu dir?« »O!« »Warum denn? Weil das edle Gefühl dankbarer Anhänglichkeit aufgeweckt wurde in deinem Herzen. Dein Herz 157 war eben früher noch nicht aufgeschlossen; dein Herz und jedes feinere Gefühl in dir. So geht's uns Menschen. Wir wissen gar nicht, was und wie wir sind, bis die Schicksalsschläge unsere verborgenen Fähigkeiten entwickeln.« »Ich, die ich so unbedacht hineingelebt ins Verderben, ich wäre –?« »Besser als früher. Bist du nicht eine gläubige Katholikin?« »Natürlich!« »Nun, hat dein katholischer Glaube nicht das Fegefeuer? Wozu? Das Fegefeuer des Glaubens läutert die Seele von ihren Schlacken, um sie fähig zu machen für den Himmel. Du bist jetzt durch ein irdisch Fegefeuer hindurchgerissen worden, welches deine Seele auch geläutert hat.« »Für einen Him–« »Für einen Himmel auf Erden; das heißt für ein glückliches Leben.« »Ach, lieber Onkel, ich bin ja verheiratet, verheiratet mit einem Manne –« »Den du nicht liebst.« »Den ich« – sie sprach nicht weiter, aber ihr ganzer Körper spannte sich wie zum Widerstande – ein deutliches Zeichen, daß ihre moralischen Kräfte wiederkehrten. »Den du nicht achtest,« ergänzte Rambert. – »Recht; du hast dich ja auch frei gemacht von ihm.« »Aber er kann kommen, kann mich peinigen; ich bin ihm ja angetraut!« »Dafür sind wir da, um dich zu schützen, ich und dein neuer Freund hier, Herr Lauriston.« Sie reichte Lauriston hastig die Hand, sah ihm in die Augen, während ihre eigenen naß wurden, und sagte: »Sind Sie mein Freund? Ach ja, seien Sie's!« »Ich bin's, und es wird uns schon gelingen, Sie frei zu erhalten von dem Wüstling, in dessen Gewalt die Not Sie getrieben. Es wird uns auch gelingen, Ihr Talent wieder 158 aufzurichten und es in neue Bahnen zu führen, vielleicht sogar: in höhere Bahnen.« »Ich soll wieder spielen?« schrie sie fast. »Wär's möglich?!« »Gewiß. Ich bring' ein neues Stück für Sie.« »Geduldig! Geduldig!« unterbrach Rambert. »Nicht von heut' zu morgen. Das Fegefeuer soll alles läutern, auch die Kunst.« »Ja, ja.« »Was du früher abgewiesen, das sollst du jetzt annehmen.« »Alles, alles.« »Lernen sollst du, lernen. Auch Lesen lernen, wie ich dir so oft vergeblich geraten.« »Alles, alles. Herr Lauriston wird mir helfen, ja?« »Ich werde nur die Hilfsmittel besorgen helfen. Ihr Talent braucht nichts weiter als neue Anhaltspunkte.« »O nein, nein! Ich brauche viel mehr. Aber ich werde fleißig sein und folgsam.« Bei diesen Worten trat Doktor Zech ein und war höchst erstaunt, als er seine Kranke leuchtenden Auges auf sich zukommen sah. Damit war aber auch der Höhepunkt überschritten für diese Kranke; sie sank ihm ohnmächtig an die Brust. Der Übergang war zu jäh gewesen für ihre erschütterten Nerven, und Zech erließ Rambert wie Lauriston nicht einige Worte des Tadels, während er Louison mit Beihilfe Roses zum Sofa brachte. »Ich bitte, uns allein zu lassen und achtundvierzig Stunden lang nicht mehr hier zu erscheinen,« sagte er harten Tones zu Lauriston und Rambert. Auf ihre bestürzten Fragen erwiderte er kurz: »Nein, Gefahr wird nicht eintreten; aber längere Ruhe ist nötig.« Sie warteten nur, bis Rose winkte, daß sie wieder zu sich komme, und gingen dann still von dannen. Auf der Treppe sagte Rambert: »Ich halte es für ratsam, 159 Louison wieder hinaus in meine Wohnung zu nehmen; aber bei dieser Schwäche ist eine Übersiedelung wohl voreilig.« »Und doch wäre sie wünschenswert,« sprach Lauriston, »denn ihr Hierbleiben in der bekannten früheren Wohnung bleibt kaum verschwiegen, und es drängt störende Neugier herbei.« »Also den Concierge vor allem gewinnen!« Rambert spendete diesem Concierge ein paar Goldstücke unter der Forderung, daß er die Anwesenheit der Demoiselle Louison jedermann verschwiege und daß er jeden Anfragenden damit abweise: die Dame sei noch nicht zurückgekehrt. Die Hand auf der Brust versprach es der Concierge. Auf der Straße, ehe jeder in seinen Wagen stieg, fuhr Lauriston fort: »Ihr Verborgensein ist sehr wichtig. Die Presse hat schon angefangen, von ihr zu sprechen; sie wird fortfahren, sie wird kombinieren. Ferval und der Klub werden erzählen, daß O'Brien nicht zum Ziele gekommen, daß Louison verschwunden sei. Dann wird man sie in Paris vermuten, in ihrer alten Wohnung. Man wird einen Roman erfinden schlimmer Sorte, und O'Brien – Louison hat ganz Recht – wird sie verfolgen, wird sie hier finden, wird sein gesetzliches Gattenrecht geltend machen, welches die Frau zum Manne nötigt.« »Alles richtig. Also so bald als möglich zu mir!« – So schloß Rambert und stieg in seinen Wagen. Lauriston ging zu dem seinen. – Da stand der flanierende Ferval neben ihm. Höchst unerwünscht! Just vor der früheren Wohnung Louisons. Mit einem Blicke auf das Haus rief denn auch Ferval hastig: »Sie ist also hier?« »Wer?« »Louison.« »Warum?« »Warum? Sie haben mir ja doch gesagt, daß sie sich in Dublin der Eheschließung mit O'Brien entzogen hat. Da 160 versteht es sich ja von selbst, daß sie entflohen sein wird, und wohin sollte sie denn entfliehen als hierher, wo ihre Wohnung und ihr Beruf auf sie warten. Also sie ist oben?« »Das weiß ich nicht. Nach meinen Nachrichten, welche ich Ihnen mitgetheilt, scheint es vielmehr, daß sie nach Brüssel zu ihren Eltern geflüchtet ist. Sie mußte ja auch voraussetzen nach O'Briens Wortbrüchigkeit, daß er ihre hiesigen Schulden nicht bezahlt habe, und sie wird sich wohl nicht beeilen, in diese Schlacht mit Gläubigern und Gerichtsdienern zurückzukehren. Was haben denn Sie übrigens und Ihr Klub getan in dieser Frage?« »Wir haben alles ausgeglichen. Sie ist keinen Sou mehr schuldig. Wir sind gentlemanlike verfahren.« »O'Brien muß es Ihnen ja doch ersetzen.« »Sie ist ihm durchgegangen. Daraus wird er folgern, daß auch er zu nichts mehr verpflichtet sei.« »Jedenfalls muß er die Wettsumme zurücksenden.« »Vielleicht. Wer weiß! Die Presse wird jetzt losziehen und ihm zu Hilfe kommen.« »Die Presse?« »Ja wohl. Ich bin Juron soeben begegnet. Der ist voll Wut gegen Louison. Sie hat sein Freundschaftsverhältnis mit Rambert zerstört, Rambert hat ihm die Freundschaft ihretwegen aufgekündigt. Dafür wird er sich rächen und Louison in den Zeitungen bloßstellen.« »Der Brave!« »Was wollen Sie! Jeder Verletzte wehrt sich, und – die Welt will unterhalten sein.« »Möchten Sie wohl Herrn Juron sagen, daß man ihn dafür zur Rechenschaft ziehen werde?« »Täten Sie nicht besser, das selber zu tun? Woher stammt denn Ihr Eifer für diese Schauspielerin, und woher wissen Sie denn überhaupt –?« »Ich bin ein Poet, Herr Ferval, und Poeten nehmen 161 immer Partei für die verfolgte Unschuld sowie gegen freche Verfolger. Sagen Sie das Herrn Juron!« Damit stieg er in seinen Wagen. Er unterließ aber nicht, rückwärts zu blicken, und so sah er denn, was er befürchtet: Ferval ging in das Haus Louisons. »Er ist reich,« sagte sich Lauriston; »er wird dem Concierge mehr geben als Rambert; er hatte dort regelmäßigen Zutritt, da er früher die Wohnung gleichsam übernommen; er wird Louison finden – das Geheimnis ist nicht zu halten, morgen werden die Zeitungen ihre Raketen steigen lassen, das weitere wird nicht ausbleiben. Was tun? – Nichts ist zu tun; man ist ohnmächtig, und O'Brien wird voll Wut zurückkehren und sein Recht als Ehegemahl geltend machen.« Das letzte sagte er sich, als er wieder vor seinem Schreibtische stand und das Manuskript in seinen Händen hatte. »In den Krieg eintreten, seine Truppen vorbereiten!« gab er sich dann selbst zur Antwort. »Und sogleich ans Werk gehen!« fügte er hinzu und setzte sich zum Schreiben. Zwei Tage lang durfte er ja, nach Zechs Befehl, nicht zu ihr; zwei Tage wollte er an die Arbeit gehen, welche ihm vorschwebte, seit er Roses Bericht über die Szene in Dublin angehört hatte. Er wollte sein Stück umarbeiten, und Louisons Schicksal sollte dessen Inhalt werden. Die Anlage seines Stückes bot dafür hinreichenden Anhalt. Es bewegte sich um die Katastrophe einer italienischen Dichterin, welche verleumdet und in den Tod getrieben worden. Sie sollte in Louison verwandelt werden, und – Louison sollte in diesem Stücke zum ersten Male wieder auftreten. Dies war sein Plan und seine Hoffnung, denn das schöne, talentvolle junge Mädchen erfüllte bereits sein Herz mit allem süßen Drangsal einer entstehenden tiefen Neigung. Solch eine Neigung schreckt nicht zurück vor den Schwierigkeiten und vor der Unwahrscheinlichkeit eines romantischen Planes. Ob Louison zustimmen würde, ob sie seiner Neigung 162 entgegenkommen werde?–diese Frage blieb im Hintergrunde, und er wagte es nicht, sie dreist in den Vordergrund zu ziehen, da er ja wußte, daß sie keines intimen Verkehrs mit einem Manne fähig zu sein schien. Dem äußeren Ziele, dem Wiederauftreten, stimmte sie gewiß zu, und ihrer Jugend durfte man wohl zutrauen, daß sie die nötige Körperkraft unter Zechs Hilfe wiedergewinnen werde. Die Ohnmacht war ja rasch vorübergegangen, und sie hatte dann Zech versprochen, sich die nächsten zwei Tage streng nach seiner Vorschrift zu verhalten. Die erste Störung trat schon ein, als Zech fortgehen wollte. Die Glocke im Vorzimmer läutete heftig. Ferval war in der Tat da. »Du öffnest nicht!« sagte er leise zu Rose. »Gewiß nicht.« Es läutete ungeduldig weiter. Umsonst. Endlich schrie er: »Öffnen!« Umsonst. – Kurz, es blieb ihm nichts übrig, als wieder fortzugehen; allerdings mit der Überzeugung, daß der Flüchtling da wäre. Louison wurde wieder heftig davon aufgeregt. Zech beschwichtigte sie mit der Aussage: es wäre seine Wirtschafterin gewesen, weil ein Kranker oben auf ihn wartete. »Schlafen, so viel als möglich schlafen, und nach dem Aufwachen tapfer essen!« Mit diesem Bescheide ging er hinaus, nachdem er vorsichtig erforscht, daß der Störenfried fort wäre, und nachdem er Rose genau mitgeteilt, daß sie alle Nahrungsmittel und sonstigen Bedürfnisse oben von seiner Wirtschafterin zu holen hätte. Die Jugend Louisons brachte es mit sich, daß der Schlaf zu finden war nach arger Aufregung. Auch jetzt kam er zu Hilfe, und erst gegen Abend erwachte sie wieder, verhältnismäßig in ruhiger Gemütsstimmung. Rose brachte Licht und setzte sich zu ihr mit den Worten: »Eine sehr appetitliche Mahlzeit steht bereit.« 163 »Ja, ja. Sind wir sicher vor Überfall?« »Ganz sicher.« »Mir ist still zumut geworden, Rose, seit der Onkel Rambert mir verziehen hat und gar selbst hierher gekommen ist. Und auch der andere Herr, Herr –« »Lauriston!« »Meint es gut mit mir. Nicht wahr?« »Sehr gut. Das ist ein prächtiger Mann! Dafür ist er auch ein Freund unseres Herrn Doktors. Der lobt ihn über den grünen Klee! Besonders weil er so zärtlich ist gegen seine alte Mutter. Wenn die Männer mit ihrer Mutter gut sind, dann sind sie selber gut. Gefällt er Ihnen?« »Ja ja!« »Besser als Ihnen sonst die jungen Herren gefallen?« »Ich glaube wohl; er ist so sanft.« »Bei dem würden Sie sich nicht fürchten, wenn er –« »Laß das, Rose! Hast du denn eine Ahnung, was aus mir werden soll?« »O ja!« »Was denn? Du vergißt, daß ich verheiratet bin. Das ist das Schreckliche – und daß ich an allem schuld bin.« »Das ist wahr. Und wissen Sie, warum Sie schuld sind?« »Nun?« »Weil Sie nicht rechnen können. Sie geben Geld aus wie Heu, das auf allen Wiesen wächst. Die Wiesen gehören Ihnen aber gar nicht. So sind die Schulden entstanden, die uns ruiniert und nach Dublin gebracht haben. Wenn Sie rechnen lernen, da wird's Ihnen noch ganz gut gehen.« »Lernen, lernen! So hat der Onkel immer gesagt. Das sollten wir doch versuchen, Rose! Lesen – sagt der Onkel – sei der Anfang dazu. Bring' mir ein Buch, Rose, wir wollen lesen.« Dabei sprang sie aus dem Bette und griff nach ihren Kleidern. 164 »Erst essen! hat der Doktor gesagt.« »Beides, Rose; ich esse, und du liest mir vor.« Dabei sprang sie zum Tische, auf welchem Bücher lagen, und suchte eins aus, während sie mit der einen Hand das halb angelegte Kleid hielt, bis Rose das Ankleiden übernahm, indem sie lachend sagte: »Ich und vorlesen! Da werden wir nicht weit kommen.« »Dies da!« rief Louison; »dies hat mir der Onkel schon in Brüssel empfohlen, eine Tragödie von Racine, ›Phèdre‹ betitelt. Komm und lies; ich speise.« Rose las abscheulich, bis Louison sagte: »Ich muß ganz dumm geworden sein, ich versteh' nicht, was du liest.« »Ich auch nicht.« »Gib her, ich muß es selbst versuchen.« Und nun las sie und las in einem Niedersitzen das ganze Trauerspiel, was ihr früher unerreichbar gewesen wäre. Die Szenen der Aricia las sie sogar laut, und da ließ sie zuweilen das Buch sinken, pausierte und schien tief gerührt. Als sie fertig war mit der Lektüre und nachdenklich still sitzen blieb, kam der Doktor, fühlte ihr den Puls, sah ihr in die Augen und sagte: »Ich bin zufrieden. Sonst bin ich bei meinen Patienten gegen das Lesen, Ihnen aber scheint es gut zu tun. Lesen Sie also morgen wieder. Was ist's denn für ein Buch? – Himmlischer Vater, ein Trauerspiel! Was man nicht erlebt! Ihr überspanntes Volk habt eben andere Nerven als vernünftige Leute.« Morgen! Sie las am nächsten Tage Phèdre noch einmal, während in den Zeitungen – sie blieben ihr glücklicherweise unbekannt – die abenteuerlichsten Nachrichten über sie verbreitet wurden. Juron und Ferval waren die Quellen dafür. Das Wichtigste für ihre augenblickliche Existenz war, daß bestimmt gesagt wurde: sie sei wieder in Paris, sitze in ihrer früheren Wohnung und sei, wie es den Anschein habe, ihres Verstandes beraubt. 165 Dadurch wurde Rambert veranlaßt, gegen die Verabredung noch am Vormittage zu ihr zu kommen und ihr freundlich anzukündigen, daß sie am besten sogleich diese Wohnung verlasse und ihre alte in seinem Hause wieder beziehen solle, um ungestört zu bleiben. Das war ein beglückender Eindruck für Louison, und tief verschleiert nahm sie sofort seinen dargebotenen Arm und ließ sich hinabführen, um in die Champs Elysées hinauszufahren. Dem Concierge sagte Rambert: »Die Dame verreist.« Rose aber übernahm es, bei einbrechender Dunkelheit alle Habseligkeiten hinauszuschaffen unter aller möglichen Vorsicht, daß niemand erfahre wohin. Diese Aufgabe löste Rose dadurch, daß sie alles zur Frau Messerschmied in die »Stadt Kolmar« und von dort durch andere Dienstleute in die Champs Elysées führen ließ. Lauriston erfuhr davon nichts. Zech, welchen Rose unterrichtet hatte, meinte, seinen Besuch abwarten zu dürfen; Lauriston aber kam nicht, weil er zwei Tage fern bleiben sollte, und weil er, wie es Poeten ergeht, tief versenkt war in die neue Welt seines Dramas. Die Umarbeitung seiner Vittoria Accorombona in eine moderne Louison begnügte sich nicht mit einer Reform, sie forderte eine Revolution, und er hörte und sah zunächst nichts als diese Forderung. Er las auch keine Zeitung und lief nur des Abends in einsamen Straßen spazieren, um Luft zu schöpfen und erfrischt an den Schreibtisch zurückkehren zu können. Der Schluß! der Schluß war die schwere Sorge. Es fehlte eben der Schluß in Louisons Lage. Alles übrige war geordnet für das bisherige Lebensschicksal Louisons bis zur Katastrophe in Dublin – eine ganz neue Theaterszene! – und bis auf die Genesung und innere Umbildung der Künstlerin; aber der Schluß, der Schluß war unerreichbar unter den jetzigen Umständen. Da mußte gewartet werden. Am Ende – er gestand es sich selbst – mußte auch 166 gewartet werden auf ihn selbst. Wer sollte denn sonst der Liebhaber des Stückes werden? Und liebte er denn bereits das Mädchen – ach, sie war ja eine Frau! Liebte er sie bereits? »Nein, nein!« rief er, »es ist vorzugsweise ein artistisches Interesse, und es ist nur eine schriftstellerisch Aufgabe, dem Helden der ›Neuen Louison‹ – er hieß bereits Anatole – eine schwärmerische Liebe einzuflößen für die unglückliche Künstlerin. Ebenso ist es eine schriftstellerisch Aufgabe, die schöne Louison zu bekehren, zur Liebe zu bekehren. Sie will ja keinem Manne angehören; die Liebe welche der Sinne bedarf, ist ihr ja noch ein unbekanntes Etwas!« Da mußte langsam vorgegangen werden, und wenn er sich auch resolut dafür entschied, die volle Liebe in ihr Herz einziehen und es dem Liebhaber an nichts fehlen zu lassen, so blieb der Schluß, der eigentliche Schluß doch immerhin noch ein Fragezeichen. In diesen phantastischen Gedanken saß er früh am dritten Tage bei der Abschrift des ersten Altes, da kam ein Billett Zechs, welches ihn endlich vom Wohnungswechsel Louisons Nachricht gab; da kam aber auch ein Brief seiner Mutter aus Grenoble, welcher ihn erschreckte. Er hatte ihr von Louisons Schicksal und von seiner Teilnahme an demselben geschrieben. Sie aber mißbilligte diese Teilnahme an einer abenteuerlichen Schauspielerin. Das könne nur zu Übelständen führen. Er gehöre nicht zu den Gelegenheitsdichtern, welche ihre Stoffe hinter den Theaterkulissen suchen. Dadurch würde er ihre Achtung verlieren und dem strengen Vater im Grabe recht geben, welcher ihn zu ernstem Studium und Lebenslaufe bestimmt gehabt. Das war eine böse Stunde für ihn. Seiner guten Mutter Kummer zu bereiten, war ihm tief peinlich. Sogleich wollte er ihr schreiben und ihre Ansichten berichtigen, wie er's nannte, da meldete sein Diener Herrn Ferval. 167 Der sonst immer behagliche Ferval erschien diesmal recht ernsthaft und beschwerte sich darüber, daß Lauriston ihn zu voreiligen Schritten gegen O'Brien veranlaßt habe. »Da lesen Sie!« schloß er und reichte ihm ein langes Telegramm O'Briens, welches so lautete: »Nichts da von Verlust der Wette und von Rückzahlung. Die Affaire mit dem Backfische ist ja im besten Gange. Jetzt ist sie zwar, wie scheue Backfische tun, fortgelaufen, aber was bedeutet das! Scheu, die verschwinden wird und muß. Sie ist ja meine angetraute Frau und muß mir gehorchen, muß zu mir, im Notfalle kraft eures Gesetzes, welches ich in Anspruch nehmen werde. Sie wird in Brüssel oder Paris sein. Dort werden meine Leute, hier werde ich sie finden. Ich wäre schon unterwegs, wenn nicht mein Bruder im Sterben läge. Ich muß hin. Er ist von Erbschleichern umgeben, welche mich nach Möglichkeit verkürzen wollen. Das kann mich acht, höchstens vierzehn Tage aufhalten, aber dann komm' ich und werd' sie finden, wenn sie sich auch in ein Mauseloch verkrochen hätte. O'Brien.« »Sie haben die Zeitungen der letzten Tage gelesen?« fuhr Ferval fort. »Nein.« »Ist das möglich! Es gibt also unter uns Menschen, welche mehrere Tage hindurch keine Zeitung lesen!« »Ja. Und ich bin ein solcher Mensch.« »Allen Respekt! Nun, die Zeitungen erörtern die Frage ›Louison‹ in allen unbedenklichen und bedenklichen Richtungen. Sie erwähnen auch Ihre rätselhafte Beziehung zu dieser Frage – was haben Sie denn eigentlich für eine Beziehung zu der Gattin O'Briens?« »Die eines Poeten, Herr Ferval; ich bin ein Poet.« »Das heißt?« »Ich nehme mich der verfolgten Unschuld an, und wer das bezweifelt oder nicht dulden will, der hat es mit mir 168 persönlich zu tun. Das hab' ich Ihnen schon neulich angedeutet, wollen Sie also darauf zurückkommen, so –« »Aber, lieber Lauriston, wozu diese leidenschaftliche Konsequenzmacherei! Ich habe ja gar nichts gegen die verfolgte Unschuld und wäre bereit –« »Ihr gelegentlich beizustehen?« »Warum denn nicht! Das kann unterhaltend sein.« »Nun, dazu kann sich Gelegenheit finden. Sie erlauben, daß ich Sie im Notfalle daran erinnere?« »O ja.« »Also bis auf weiteres. Ihre Nachricht über die Zeitungsstimmen und O'Briens Telegramm macht Maßnahmen nötig.« »Sie sprechen wie ein Held in Romanen.« »Das ist mein Amt; ich verfasse Romane. Helfen Sie ein gutes Ende finden! Das ist wirklich unterhaltend und kann Ihnen Ehre eintragen. Wollen Sie?« »Ja wohl! ja wohl!« »Also auf Wiedersehen, sobald der Moment eintritt.« »Der Moment –« »Auf Wiedersehen!« Ein wenig verblüfft ging Ferval. Nun eilte Lauriston in die Champs Elysées, um sich mit Rambert zu besprechen. Die angekündigte Rückkehr O'Briens war eine Gefahr, und zwar eine dringende. Er fand Rambert zu allem bereit, was Louison schützen könnte. Die Zeitungsnachrichten alarmierten ihn, die nahe Rückkehr O'Briens erschreckte ihn. Dieser werde bald entdecken, daß Louison in seinem Hause lebe; was dann tun? »Wohin mit ihr? Auf mein Landgut?« Lauriston zögerte mit der Antwort. Sollte er selbst sie aus seiner Nähe entfernen?! »Nein? Sie haben recht. Auch dort würde sie entdeckt werden, und einsam wäre sie dort allem ausgesetzt. Was also?« 169 »Sie hier behalten und Ihr Haus jedem Zudrange verschließen.« »Ja – aber mein Leibdiener könnte ein Hindernis sein – deshalb –« Er läutete. Jean erschien. »Jean,« sagte er streng, »Sie haben sich immer als Widersacher der Demoiselle Louison erwiesen –« »Herr –« »Keine Widerrede! Ich weiß es. Jede Nachfrage nach ihr wird von jetzt an mir gemeldet, jeder Besuch abgewiesen. Wird jemand zugelassen, der Schaden bringt, so sind Sie mir verantwortlich, und die Verantwortlichkeit heißt Ihre Entlassung. Danach richten Sie sich.« Jean war bestürzt und bat um ausführliche Instruktion. Soeben habe er, weil er von solcher Willensmeinung des Herrn nichts gewußt, einen Besuch eintreten lassen bei der jungen Dame. »Was? wen?« »Den sogenannten Signor Rosas aus dem Zirkus, der ja früher vorgelassen wurde.« »Zum Verzweifeln! – Kommen Sie mit, Lauriston! Der Mensch muß verpflichtet werden, kommen Sie!« Beide gingen hinab. Jean folgte in unangenehmer Gemütsverfassung. In der Tat hatte er aus alter Malice den Clown bei Louison eingeführt. – Rosas hatte die Schicksale Louisons und ihre Rückkehr nach Paris in den Zeitungen gelesen. Die sehr verschiedenen Notizen stimmten darin überein, daß sie einem irländischen Lord als Ehegattin angetraut worden, und ein Blatt erzählte, daß sie männerscheu in der Brautnacht einen Ringkampf mit dem Lord durchgefochten und mit Hilfe eines Revolverschusses sich befreit habe. Ein zweites Blatt teilte die Ehepakten mit, nach denen sie wirklich das Recht gehabt, den Lord zu töten, sobald er sie berühre. Das 170 dritte Blatt schilderte die Flucht Louisons mit ihrer Dienerin auf einer Strickleiter. Dabei wäre Louison einen Stock hoch hinabgestürzt, weil sie mit ihren hohen Schuhabsätzen in den Stricken hängen geblieben. Ihre Dienerin habe sie dann aufs Dampfboot tragen müssen. Sie sei von herkulischer Stärke, diese Dienerin. Die Herrin aber habe von dem Falle eine solche Erschütterung erlitten, daß sie verrückt geworden. Sie singe jetzt Tag und Nacht lustige Lieder. Rosas war hoch aufgesprungen bei diesen Nachrichten und eiligst aufgebrochen. Er hatte nicht bezweifelt, daß sie dort wohnen werde, wo er sie früher besucht, und er hatte damit das Richtige getroffen. Mit leidenschaftlicher Gebärde war er bei ihr eingetreten und hatte vor allem gefragt, ob sie wirklich verheiratet und dadurch für ihn, der hoffnungsvoll in vergangener Woche aus Spanien zurückgekehrt, verloren sei, und endlich – das hatte er leise gesprochen – ob sie am Ende doch verrückt sei? »Beinahe beides!« hatte Louison mit überraschender Fassung erwidert. »Ich bin leider verheiratet, lieber Herr Rosas, und mein Kopf hat sehr gelitten.« Darauf hatte Rosas eine Flut von Flüchen ausgestoßen und gefragt: »Und das ist nicht einmal der damalige Liebste, der Graf Vilsac?« »Nein. Der ist tot.« Nun war eine Pause eingetreten, während welcher Rosas laut schluchzte. Sein ganzer Körper war von Rührung geschüttelt, und endlich hatte er gesagt: » Santa cruz! ich hatte Sie so lieb und hätte Sie auf den Händen getragen, und wir hätten ein so lustiges Leben geführt!« »Ich habe das Lachen verlernt, lieber Rosas.« »Dummes Zeug! Das Lachen verlernt sich nicht. Das brauchen wir ja wie Essen und Trinken.« Und dazu hatte er eine schnurrige Bewegung gemacht und gerufen: »Sehen Sie, sehen Sie, Sie haben gelacht!« 171 Louison hatte wirklich gelächelt. Es war klar geworden durch diese Szene, daß Sie einen großen Fortschritt gemacht in ihrer Stimmung und Fassung. Sie stand über den Narrenspossen des Clown und hatte doch die stille Haltung gewonnen, das possenhafte Wesen zu belächeln. In diesem Augenblicke traten Rambert und Lauriston ein. Sie sahen mit Erstaunen Louisons aufgeheitertes Antlitz, und Rose, ihnen entgegeneilend, flüsterte Lauriston zu: »Sie hat zum ersten Male wieder gelächelt.« Dadurch wurde der Zorn über Rosas' Eindrängen verscheucht, und Rambert wie Lauriston baten ihn nur nachdrücklich: er möge seinen Mund halten und um Gottes willen den Aufenthalt Louisons nicht verraten. »Das werd' ich nicht! Aber ich möchte wiederkommen; ich liebe die Dame sehr.« »Kommen Sie getrost, Signor Rosas,« sagte Louison. »Und das ist wohl der wieder lebendig gewordene Graf Vilsac?« rief Rosas plötzlich, indem er mit einer grellen Armbewegung auf Lauriston zeigte. Louison errötete; und Lauriston antwortete verlegen: »So heiß ich nicht.« » O, o, presto, jetzt erkenn' ich Sie erst! Neben Ihnen im Bois de Boulogne läuft der schönste Windhund von Paris, der silbergraue! Der gehört Ihnen?« »Allerdings.« »Verkaufen Sie mir ihn für den Zirkus! Ja? Wohlfeil.« Lauriston schüttelte lachend den Kopf; Louison aber sagte rasch: »Davon wissen wir ja gar nichts; den müssen Sie mitbringen!« »Sehr gern.« Nun fluchte Rosas plötzlich noch einmal sein » Santa cruz «, ging auf Louison zu und nahm sie bei der Hand. Sie blieb ganz ruhig dabei und sagte: »Auf Wiedersehen, Freund Rosas, und –Stillschweigen! Ich bin in Gefahr.« 172 »Ach, wenn's sonst nichts gäb'! Aber, aber – na, kurzweg auf Wiedersehen! Dann lachen Sie, oder –« Er schwenkte seinen ganzen Körper wie einen Kreisel und ging. Rose machte ihm die Tür auf. Er blieb stehen und betrachtete sie aufmerksam, murmelnd: »Strickleiter gehalten, Herrin getragen und doch kein Herkules: aber hübsch, sehr hübsch!« Dann klopfte er sie auf die Schulter und war mit einem Sprunge hinaus. »Es hat dich gefreut, den komischen Patron wiederzusehen?« fragte Rambert. »Ja, es hat mir wohl getan, daß Heiterkeit bei einzelnen Menschen unversieglich sein kann.« Kurz, der Fortschritt in der Genesung des armen Mädchens war nicht mehr zu verkennen, und dieser Fortschritt erwies sich in den nächsten Tagen als beständig. Sie brachte es wohl nicht weiter als zu einer milden Heiterkeit, aber sie brachte es doch dahin. Nur Rose mußte noch jeden Abend den unglückseligen Ausruf »Ich bin verheiratet!« und »Er wird kommen, wird sein Recht verlangen!« anhören. Übrigens gab sie sich ersichtlich gern der Leitung Ramberts hin, welcher glücklich war, sie endlich erziehen zu können, was er ja früher so vergeblich angestrebt. Er sprach lehrsam zu ihr, über allerlei ernste Dinge, und sie hörte zu mit voller Aufmerksamkeit; er gab ihr Bücher, zuerst leicht unterhaltende und dann schwerere, und sie las, las genau und konnte klar schildern, wie die Lektüre auf sie gewirkt habe. »Täglich besser, täglich besser!« sagte er zu Lauriston, »und eine ausgesprochene Vorliebe für Sentimentales, für sanfte Gefühle, was ihr früher die Langeweile selber war. Jetzt gehen wir ans Vorlesen von ernsten Dramen mit verteilten Rollen! Sie muß die Liebhaberin lesen, Sie den 173 Liebhaber und Helden, ich die Väter. Und in Versen! Dabei gewinnt sie den Vortrag, welcher ihr früher wie Ziererei vorkam.« So geschah es! und sie traf den Ton der Aricia zum glücklichsten Genüge Lauristons, welcher an seine »Neue Louison« dachte. Hierbei kam es zu lebhaftem Streite zwischen Rambert und Lauriston. Rambert unterbrach öfters den Vortrag Louisons, weil er des klassischen Schwunges, der vorgeschriebenen Nachdrücklichkeit, kurz der französischen Korrektheit entbehre, wie er es kurzweg nannte. Ganz so wie er in Brüssel die junge Novize getadelt hatte. Lauriston dagegen lobte den einfachen, ehrlichen Vortrag Louisons – natürlich zum Entzücken derselben. »Sie schätzen ja doch Molière sehr hoch,« sagte er zu großer Überraschung Ramberts. »Zum höchsten!« »Nun dann – ist es Ihnen denn entgangen, was Molière begonnen hat, als er von Lyon nach Paris kam und eine tragische Rolle spielte?« »Was denn?« »Er sprach die tragische Rolle einfach und wurde vom Publikum abgewiesen, ja ausgelacht.« »Nun also!« »Ist es Ihnen entgangen, daß er in seinen Komödien, zum Beispiel in › Impromptu de Versailles ‹, zu wiederholten Malen seine Ansicht positiv aussprechen und lehren läßt; man solle den gespreizten, pathetisch übertreibenden Ton mit den sogenannten korrekten Kadenzen fallen lassen? Er sei erkünstelt und geschmacklos, weil unwahr. Man solle einfach und natürlich reden, einfach wie das Gefühl, welches man auszudrücken habe, also auch innig und rührend, wie unsere junge Künstlerin Louison soeben getan.« Louison, von rührender Glückseligkeit fortgerissen, küßte ihm die Hand – sie, welche sonst jede Berührung mit Männern vermied. 174 Es störte sie nicht, daß Rambert entgegnete: »Da hat auch Molière sich geirrt, und unsere Nation ist in ihrem klassischen Rechte verblieben.« Zu ihrer Freude hatte er ihr auch seinen schönen Hund mitgebracht, und sie, welche sich früher um kein Tier gekümmert, fand den schönen Hektor lieb und herzig und liebkoste ihn über die Maßen; ja, eines Tages sagte sie plötzlich: »Lieber Lauriston, schenken Sie mir den Hektor!« Hier also war alles auf gutem Wege. Aber außen stand es nicht so. Lauriston war arg gepeinigt. Ein Journal hatte seinen Namen genannt – Ferval hatte natürlich geschwatzt – als den Namen des neuen Liebhabers der abenteuerlichen Schauspielerin, und seine Mutter hatte das gelesen. Sie war außer sich. Ihr Alfred, ihr Ideal in einer Liaison mit einer so gezeichneten Person, die obendrein verheiratet war! Sie schrieb täglich an den unglücklichen Sohn, welcher ihr verloren ginge. Lauriston fand kein anderes Mittel mehr, als sein fertig gewordenes Stück abschreiben zu lassen und ihr zuzuschicken. Darin war ja Louison geschildert als das liebenswürdigste Geschöpf – das mußte ja doch die Mutter erweichen. Die Mutter aber antwortete sofort: »Und der Liebhaber in deinem Stücke, der bist du! So wird alle Welt sagen, und der Skandal wird nur um so größer werden.« Dennoch war Lauriston zum Direktor des Theaters gegangen, hatte das damalige Verschwinden Louisons mit der Gewalt der Umstände, der Gewaltsamkeit O'Briens entschuldigt und sein Stück zur Annahme und Aufführung vorgelegt. Der Direktor, meinte er, wird schon dem Titel: »Die neue Louison« nicht widerstehen können, und für ihn ist ja der öffentliche Lärm über Louisons Schicksal eine unwiderstehliche Reklame. Darin hatte er auch recht; aber auf die Frage, ob Demoiselle Louison die Hauptrolle spielen wolle und könne, vermochte er nur zu sagen: »Hoffentlich.« 175 Das ist zu vag für einen Theaterdirektor, und es kam noch schlimmer. Nachdem er das Stück gelesen, sagte der Direktor: »Gut, gut und wirksam, sehr wirksam, aber in Versen! Wird Demoiselle Louison Verse sprechen können? Und was noch wichtiger: wird der Schluß genügen? Kaum. Das drohende Schwert O'Briens bleibt aufgehoben!« Das war nur zu richtig. Lauriston wußte das wohl, und er war mehr als einmal zu Ferval gegangen, um zu fragen: ob Nachricht von O'Brien eingegangen. Die vierzehn Tage waren um, O'Brien konnte jede Stunde in Paris eintreffen. Ferval hatte keine Nachricht. Sorgenvoll suchte Lauriston Abends seinen Freund Zech auf, welcher nur selten noch zu Louison hinauskam, weil sie wieder hergestellt sei und aufblühe wie eine in frischen Boden gepflanzte Blume. Er fand ihn und teilte ihm die Sorgen mit, und wie es jetzt unerläßlich sei, sichere Nachricht über O'Brien zu erhalten. Denn wenn er komme, werde Louison am Ende doch außer Landes gebracht werden müssen. »Holla!« rief Zech, »ich sehe Hilfe. Ein Kollege von mir, ein junger Engländer, Mr. Forrest, ist vor einiger Zeit an die medizinische Fakultät in Dublin berufen worden. Er macht dort großes Glück als moderner Arzt, er ist findig und kreuzbrav, an den können wir uns wenden.« »Auf der Stelle!« sagte Lauriston und setzte ein Telegramm auf, welches den Mr. Forrest vom Stande der Dinge in Kenntnis setzte und um genaue Auskunft bat, ob O'Brien noch in Irland oder schon unterwegs sei. Im »Kleeblatt« beim Walliser Wirte möge er nachfragen. Dies Telegramm, Zech unterzeichnet, trugen sie noch am späten Abend selbst aufs Telegraphenamt. Am anderen Mittage brachte Zech die Antwort zu Lauriston. Sie lautete: »Walliser sagt: O'Brien Lord geworden, Zimmer bestellt, 176 jeden Tag in Dublin erwartet. Lord hat hier zu tun bei den Gerichten, also ein paar Tage Aufenthalt.« Diese letzten Worte versprachen eine Galgenfrist. Ach, nur eine Galgenfrist! Ein paar Tage! Louison mußte sorgfältig verschwiegen werden, daß Gefahrvolles heranzog. Sie war so glücklich errettet aus ihrer Apathie und lähmenden Furcht, und doch wußte weder Lauriston noch Rambert, was im Notfalle geschehen sollte zu ihrer Rettung. »Flucht ins Ausland!« meinte Lauriston. »In Ihrer Begleitung?« fragte Rambert, und Lauriston, seiner Mutter gedenkend, verstummte. Er konnte das seiner Mutter nicht antun. Und wie stand es denn überhaupt mit seinem Verhältnisse zu dem Mädchen? Wie stand es mit seinem Herzen? Er wagte es nicht, sich selbst eine offene Antwort zu geben. Er ging täglich hinaus zu ihr, er verkehrte auch zuweilen allein mit ihr, und sie war lieb und gut; und wenn sie seinen Hektor streichelte und der Hund den Kopf nach seinem Herrn wendete, um auch von ihm gestreichelt zu werden, da begegneten sich wohl ihre Hände einen Augenblick lang. Louison fuhr nicht zurück oder doch nur langsam, und ihr Antlitz errötete. Aber zu irgend einem Geständnisse von seiner Seite kam es nicht. »Deine Mutter! deine Mutter!« sagte er sich beim Fortgehen. Die Zurückhaltung wurde ihm täglich schwerer. Louison war ja allmählich ganz so geworden, wie er sie früher gewünscht hatte: sanft, innig, ernsthaft, auch auf tieferes Gespräch eingehend. Und wie war das liebe Gesicht verklärt durch alle die schweren Wandlungen, welche sie durchgemacht, wie still beredsam war ihr Auge geworden, wie fesselnd der wehmütige Zug um den Mund, der früher gar nicht vorhanden gewesen. Endlich eines Morgens kam die Zuversicht des Dichters über ihn, die Zuversicht, daß sein nach Grenoble gesendetes 177 Stück doch endlich die Mutter rühren und gewinnen würde, nachdem sie es mehr denn einmal gelesen. Die Dichter glauben ja an Wunder, und besonders an diejenigen Wunder, welche ihre eigenen Dichterwerke absolut hervorzaubern müßten. So faßte er den Entschluß, Louison am Abend sein Stück vorzulesen. Da wird auch ein Wunder einkehren! Das lag in seiner Gedanken Hintergrunde. Er hatte ihr bisher kein Wort davon gesagt; weder ihr noch Rambert. Auch seine Unterredung mit ihrem früheren Theaterdirektor hatte er ihr verschwiegen. Es gab also große Aufregung, als er nach Tisch hinauskam und sie leise fragte: ob sie sein Stück anhören wolle. »Ein Stück? Ihr Stück?« rief sie, »ein fertiges Stück? O, das ist ja prächtig!« Sie rief dies leider sehr laut, so daß es Rambert hörte, und nun war der Plan vereitelt, es ihr allein vorzulesen. Sie hörten also beide zu. Leichter gemacht werden konnte der Erfolg wohl kaum einem Dichter. Es waren die letzten Vorgänge aus Louisons Leben, und Louison war die leidende Heldin; und das alles klang in schönen Versen. Louison saß da wie unter einer elektrischen Strömung. Er las einfach, aber warm. Als er zu Ende war, applaudierte Rambert. Louison aber regte sich nicht; ihr Antlitz war in Tränen gebadet. »Nur der Schluß,« sagte Rambert, »nur der eigentliche Schluß ist noch nicht stark genug, und« – da wurde er durch Jean unterbrochen, welcher einen Besuch ankündigte. Rambert ging eilig hinaus, damit ja kein Störenfried eindringe. Louison und Lauriston waren allein. Er saß vor seinem Manuskripte, auf welches er seine Hand gelegt, und blickte auf sie. »Ich habe Sie traurig gemacht?« sagte er. Sie stand auf und ging zu ihm. Nur der kleine Tisch, 178 auf welchem das Manuskript lag, trennte sie. Mit dem Taschentuche trocknete sie ihre Tränen, die andere Hand reichte sie ihm. Sie drückte seine Hand – das hatte sie nie getan – und sagte halblaut: »Bin ich so viel wert, mein lieber Freund?« Lauriston konnte nicht antworten, denn Rambert trat ein. Er war erregt und sagte: »Man will Sie sprechen, kommen Sie!« Louison blieb allein. Sie hatte nichts bemerkt von Ramberts Aufregung und setzte sich, um in dem Manuskripte zu lesen. Draußen aber fand Lauriston seinen Freund Zech, welcher ihm ein Telegramm überreichte. Es war wieder von Forrest aus Dublin. Rambert kannte es schon. Lauriston las: »Eile ist jetzt nötig. O'Brien ist da und will nach Paris. Legate des verstorbenen Bruders halten ihn bei Gericht noch einige Tage auf, nur einige Tage. Reich geworden, wird er alle Hebel ansetzen, seiner Frau habhaft zu werden.« »Was tun?« fragten Rambert und Zech gleichzeitig. Lauriston, in erhöhter Stimmung wie jeder Dichter, welcher eben seine Dichtung vorgetragen, schwieg nur einen Moment, dann führte er Rambert und Zech weiter ab von der Tür, hinter welcher Louison war, und sprach halblaut: »Wir müssen handeln wie Soldaten in der Schlacht: ich gehe nach Dublin.« »Ah!« »Verbergen Sie's Louison. Sagen Sie, ich wäre nach Grenoble zu meiner Mutter gerufen worden. Jede Minute ist kostbar. Adieu!« Rambert blieb betroffen stehen. Zech folgte ihm. Auf der Treppe begegnete ihnen Rose, und Zech redete sie an. Da rief Lauriston vom Flur unten: »Adieu, Zech; ich sehe, du bleibst noch.« »Herr Gott, nein! – Adieu, Rose!« 179 Rose aber fragte hastig: »Was ist geschehen?« »Nichts, nichts, Vogesenkind, was dich zu beunruhigen braucht!« – und dabei gab er ihr einen leisen Backenstreich, nun eiligst Lauriston folgend. »Du sagt er, du, der Herr Doktor?« wiederholte die ihm nachblickende Elsasserin, und es schien ihr gar nicht unangenehm zu sein. Sie fuhren nach dem Klub, welchem O'Brien und Ferval angehörten; Lauriston wollte Ferval sprechen. »Du willst eine Dummheit begehen!« sagte Zech im Wagen. »Ja, was ihr Dummheit nennt, ihr Materialisten, die ihr alle nichts fühlt als den Eigennutz. Gib mir eine Karte von dir und schreib' die Adresse des Forrest darauf; ich werde den Mann brauchen. Näheres kann ich dir nicht voraussagen, ich weiß es selbst noch nicht. Das hängt davon ab, wie ich die Dinge, welche mir vorschweben, in Dublin finde. Es schweben mir Dinge vor. Wir Schriftsteller, die wir erfinden und erzählen, wir sehen sorgfältiger zu als andere Leute, wenn Handlungen oder Begebenheiten sich ereignen, so wie ihr bei Krankheiten besser in die Falten des Körpers schaut als andere Leute. Und ich habe meine eigenen Gedanken über einzelne Falten der Dinge, welche in Dublin sich ereignet haben.« Vor dem Klublokale stiegen sie aus. Zech schrieb die Adresse auf seine Karte, drückte kopfschüttelnd Lauriston die Hand zum Abschiede und ging. Lauriston trat ein und fragte den Diener, ob Herr Ferval da wäre. »Ja.« »So bitten Sie ihn, einen Augenblick herauszukommen, und führen Sie mich und ihn in ein leeres Zimmer.« Das geschah. Nach einigen Minuten stand Ferval vor ihm. »Sammeln Sie sich, Ferval, zu einem interessanten Entschlusse, den ich Ihnen vorschlage.« »Interessant? Dafür bin ich immer gesammelt.« 180 »Sie sind ein leichtsinniger und leichtfertiger Mann.« »Herr Lauriston!« »Geduld! Es kommt besser. Sie haben schon manches getan, was sich vor dem Standpunkte eines guten Menschen kaum verantworten läßt.« »Und das nennen Sie ›besser‹?« »Es kommt. Dergleichen haben Sie getan bloß zu Ihrer Unterhaltung. Ich will Ihnen nun vorschlagen, etwas zu tun, was moralisch gut ist und was doch auch zu Ihrer Unterhaltung dient, und zwar zu ganz interessanter Unterhaltung.« »Ah! Das wäre –?« »Ich schlag' es Ihnen vor, weil ich zu wissen glaube, daß Sie doch im Grunde ein ganz guter Kerl sind, wie man gemeinhin zu sagen pflegt.« »Was Sie sagen!« »Ein Mann, den eine gute Mutter zu erziehen versucht hat. Also: O'Brien hat euch nichtswürdig betrogen; er hat, was schlimmer in euren Augen ist, er hat euch Schande gemacht; er hat euch sogar, was am gemeinsten, um Geld betrogen, und euer guter Ruf leidet darunter – Sie verstehen, daß ich euren ganzen Klub meine, den Klub der Lebemänner, welche man Jeunesse dorée nennt?« »Freilich verstehe ich. Nun?« »Ich reise noch mit dem Nachtzuge nach Calais und von da eiligst nach Dublin, um O'Brien zur Rede zu stellen, und ich wünsche Ihre Begleitung.« »Ho! Wozu?« »Wozu? Haben Sie mich nicht verstanden? Sie sollen mir helfen, euren Ruf reinzuwaschen, Sie sollen mir helfen, Gutes zu tun und dadurch das Andenken Ihrer Mutter zu ehren. Sie werden dabei die interessanteste Begebenheit Ihrer ganzen bunten Laufbahn erleben, und die Welt wird beifällig rufen: Diable! wer hätte das dem Ferval zugetraut! Den haben wir doch nicht gekannt! Wollen Sie mich begleiten?« 181 »Vielleicht. Was wollen Sie O'Brien antun?« »Ich will mich mit ihm schlagen, und Sie sollen es dahin bringen, daß er mich beleidigt, damit ich ihn fordern kann. Dann hab' ich die Wahl der Waffen. Auf Pistolen ist man zu weit auseinander, man hat den Feind nicht unter den Händen, das ist abstrakt. Ich will ihn unter den Händen, unter meiner Klinge haben. Wollen Sie?« »Das wohl. Aber –« »Das ist nur ein Höhepunkt unserer Expedition. Das interessante Drum und Dran werd' ich Ihnen unterwegs vorhersagen, es ist so pikant, daß ich Ihres Jubels darüber im voraus sicher bin. Also seien Sie einmal ein echter Lebemann, der das Leben entschlossen anpackt. Wollen Sie?« » Mort de ma vie! ich will.« Zwei Stunden später saßen sie im Eilzug nach Calais. Lauriston hatte vorher noch zwei Briefe expediert. Einen an den Theaterdirektor: »Lassen Sie die Rollen der ›Neuen Louison‹ ausschreiben und verteilen Sie dieselben sofort, damit sie rasch gelernt werden. Die Titelrolle besorg' ich selbst. Binnen acht Tagen liefere ich den wirksamen Schluß für die erste Probe. Das Manuskript erhalten Sie morgen.« Der zweite Brief ging an Rambert: »Das Manuskript der ›Neuen Louison‹ ist auf Ihrem Zimmer geblieben. Louison soll sich noch heute nacht die Titelrolle ausschreiben und sie auswendig lernen. Das Manuskript bitte ich morgen vormittag dem Theaterdirektor zu senden. Adieu.« Sechzehntes Kapitel. Eines Nachmittages kamen sie in Dublin an, Lauriston und Ferval, und stiegen im »Kleeblatt« ab. Ferval war unterrichtet und voll Eifer. Er war's, welcher eiligst den Wirt, den Walliser, fragte, ob Lord O'Brien noch in Dublin sei. 182 »Ja,« lautete die Antwort, »jetzt noch. Aber in der Nacht reist er nach Frankreich.« »Ist er auf seinem Zimmer?« »Nein. Sein Advokat hat ihn abgeholt; er kommt aber um fünf zum Diner.« »Sagen Sie ihm, Herr Ferval aus Paris wünsche dringend, ihn zu sprechen, und erwarte ihn auf dem Zimmer, welches Sie mir anweisen werden.« »Werd's genau ausrichten.« Lauriston und Ferval waren sehr erbaut, daß sie just noch vor Torschluß angekommen und nun noch ein paar Stunden frei hatten zur Vorbereitung. Lauriston fragte also nach dem Wege zu Mr. Forrest. »Ah, zu dem!« sagte der Walliser. »Ja, dieser junge Arzt macht großes Glück in Dublin. Er behandelt auch Lord O'Brien.« »Ist der krank?« »Es scheint so. Vor einigen Wochen ist er einmal rücklings aufs Steinpflaster gefallen, und Mr. Forrest spricht von einer Gehirnerschütterung.« »Spricht der Lord irre?« fragte Lauriston. »Noch nicht.« »Er ist also zurechnungsfähig?« »Das will ich meinen! Er ist ein scharfer Herr, und jetzt erst recht, seit er steinreich geworden!« »Wissen Sie, ob ich Mr. Forrest jetzt daheim finde?« »Ja, es ist seine Ordinationsstunde.« »Und wenn ich zurückkehre, haben Sie Zeit zu einer halbstündigen Unterredung mit mir?« »O ja.« »Sie sind mir als ein rechtschaffener Mann genannt worden.« »Sehr verbunden; schmeichle mir.« Jetzt aber schien das Glück den so energisch vorschreitenden 183 Lauriston zu verlassen: er fand Mr. Forrest nicht. Dieser war zu einem schwer Kranken über Land gefahren. Und doch bedurfte Lauriston dieses Mannes dringend. – Ferner entzog sich ihm der Wirt, der Walliser, während des ganzen Nachmittagsrestes. Er war nicht zu finden. Und doch bedurfte er dieses Mannes unerläßlich zu dem, was er die Hauptaktion nannte. Wenn nämlich der Zweikampf mit O'Brien unglücklich ausfiel für Lauriston, dann gab es kein Mittel mehr, O'Brien an der Abreise nach Paris zu hindern. Dies Mittel eben hoffte Lauriston mit Hilfe des Wallisers zu erlangen. Und unglücklich mußte er den Ausgang des Duells nennen, auch wenn er selbst nicht verwundet wurde, sondern auch, wenn O'Brien nur eine leichte Wunde davontrug. Denn mit einer solchen reiste er wahrscheinlich doch. Endlich kamen sogar Anzeichen, daß O'Brien vielleicht gar nicht mehr in den Gasthof kommen werde vor seiner Abreise. Sein Diener packte alles ein und bemerkte: Seine Lordschaft werde wohl mit seinem Advokaten auswärts speisen und von da direkt nach dem Dampfschiff fahren. Das wurden schwül hereinbrechende Abendstunden für Lauriston, und auch Ferval wurde ärgerlich. Wenn die interessanten Vorfälle ausblieben, wozu war er mitgereist?! Es wurde wirklich dunkel, und O'Brien kam nicht. Das Wetter war mild, der Winter schien nachzulassen, es wehte gelinde vom nahen Meer herüber. Lauriston und Ferval gingen auf und ab vor dem »Kleeblatt«, in jedem Wagen O'Brien erwartend. »Kommt er nicht, dann gehen wir aufs Dampfboot,« sagte Lauriston. »Dort wird er uns,« erwiderte Ferval, »im günstigsten Falle nach Paris einladen zum Duell, und die originellste Affäre hier bleibt –« Da hielt ein Wagen. Zwei Männer stiegen aus – der 184 eine war O'Brien, der andere wahrscheinlich sein Advokat, welcher mit ihm speisen würde. Sie gingen in den Speisesaal und nahmen Platz an einem kleinen runden Tische. Lauriston und Ferval folgten ihnen auf dem Fuße. Lauriston setzte sich an den nächsten Tisch und verlangte Speisen. Ferval trat zu O'Brien. »Ferval!« rief O'Brien. »Sie in Dublin! Wie das?« »Ihretwegen, Mylord.« »Wie so?« »Sie haben durch Telegramm die Wettsumme verlangt. Wir haben dieselbe gesandt. Sie haben sie in Empfang genommen.« »Ja.« »Und doch haben Sie die Wette nicht gewonnen.« »Wer sagt das?!« »Der ganze Klub auf die Aussage dieses Herrn da am Nachbartische.« Dabei zeigte er auf Lauriston und fuhr fort: »Dieser Herr hat in Paris erzählt, Louison habe Ihre Annäherung mit Entrüstung zurückgewiesen und sei geflohen.« »Dieser Herr ist ein frecher Lügner!« schrie O'Brien. Wie elektrisiert sprang Lauriston auf, trat rasch herzu und sprach: »Sie beschimpfen mich, Mylord; ich verlange Genugtuung!« »Wer ist der Mann?« fragte O'Brien Ferval. »Ein perfekter Gentleman, welchen Sie in der Geschwindigkeit beleidigt haben. Sein Name ist Lauriston.« »Verweigert etwa der irische Lord auch Genugtuung?« fragte Lauriston. »Niemals! Binnen acht Tagen steh' ich in Paris zu Dienst.« »Nichts da von Vorschrift und Verzögerung! Ich bin der Beleidigte, ich habe die Forderung zu stellen und zu normieren. Morgen früh verlang' ich hier in Dublin die Genugtuung auf Degen.« 185 »Was Degen! Ein Pistolenschuß steht Ihnen noch heute Abend bei Fackelschein zur Disposition.« »Sie haben nicht zu bestimmen, Mylord,« erwiderte scharfen Tones Ferval; »zu bestimmen hat der Beleidigte, das ist sein Recht. Ihr Betragen gegen unseren Klub legt Ihnen ohnehin schon eine Verantwortung auf, welche höchst schwierig ist. Vernichten Sie nicht gänzlich Ihren Ruf als Gentleman, indem Sie einer regelrechten Forderung ausweichen.« »Nun, zum Teufel! es soll mir auch darauf nicht ankommen, der Bagatelle halber einen Tag später abzureisen. Ich erwarte die Bestimmung von Zeit und Ort binnen einer Stunde. Jetzt will ich speisen.« Und er setzte sich und speiste. Lauriston aber und Ferval gingen an ihren Tisch und speisten ebenfalls, höchst befriedigt von der raschen Erledigung. Ein Glück kommt nie allein. Auch Mr. Forrest erschien und fragte nach Herrn Lauriston aus Paris. Er war ein junger, frisch dreinschauender lichtblonder Engländer, welcher noch Studentenkomment verstand trotz ärztlicher Gelehrsamkeit, und welcher heiter darauf einging, Zeuge und eventuell Paukarzt zu sein bei einem Zweikampfe. Er bezeichnete in demselben Atem den Ort für das Duell, ein poetisches Wäldchen, wie er's launig nannte, unweit der Stadt. Dies Wäldchen sei für derlei Zeitvertreib gebräuchlich, und um zehn Uhr habe er eine freie Stunde. »Besten Dank!« sagte Lauriston, »so ist's vortrefflich. Die Degen haben wir aus Paris mitgebracht; also, Ferval, ohne Zeitverlust, ich bitte.« Ferval ging sogleich zu O'Brien und nannte ihm Ort und Stunde. O'Brien nickte mürrisch und speiste weiter. Lauriston lud nun Mr. Forrest ein, an dem Diner teilzunehmen, da er, vom Lande zurückkehrend, wie wahrscheinlich, noch nüchtern wäre. 186 »Hungrig wenigstens«, erwiderte er lachend und speiste mit ihnen, nach Zech und dessen Laune fragend. Als sie beim Dessert angekommen waren, bat Lauriston den munteren Dr. Forrest um eine zweite Gefälligkeit. Er sollte ihm den Walliser herbeischaffen und aufs Zimmer bringen, wo er einige Fragen zu bestehen haben werde. Mr. Forrest war eine Respektsperson für den Walliser. Gar oft wurde er zu vornehmen Gästen ins Hotel gerufen, welche krankheitshalber nach Dublin kamen, und der Wirt des Hotels mußte für den gesuchten Doktor zu finden sein. Das war er auch, und er versprach, binnen einer halben Stunde auf Nummer drei zu erscheinen. Als Lauriston, Ferval und Forrest auf Nummer drei waren und rauchend sich niedergelassen hatten, begann Lauriston: »Ich schreibe Theaterstücke und Erzählungen, werter Herr Doktor Forrest, und bin deshalb gewohnt, die Vorgänge genau zu begründen, was man motivieren nennt. Daher kommt es, daß ich bei jeder Erzählung von Vorgängen besonders achtgebe, ob die Motivierung der Handlungen genau oder doch wahrscheinlich ist. Nun hat mir das Mädchen der Demoiselle Louison, des Namens Rose, die Eheschließung hier in diesem Hause ausführlich erzählt, und sie hat mir deutlich geantwortet auf eine Menge kleiner Fragen, welche ich in ihren Bericht eingeschoben. Daraus habe ich den Schluß gezogen: die Eheschließung O'Briens und Louisons ist höchst verdächtig! Da ist, wie ich meine, ein täuschender Schleier in die Höhe zu heben, und das können wir vielleicht mit Hilfe des Wirts bewerkstelligen.« Ferval, welchem Lauriston bisher das Nähere dieser verwegenen Frage vorenthalten hatte, schrie laut auf. Das war allerdings nach seinem Sinne eine interessante Unterhaltung. Doktor Forrest lachte und versicherte: »Das ist diesem O'Brien zuzutrauen nach dem Rufe, welchen er hier in Dublin genießt. Überlassen Sie mir's, den Wirt sicher zu machen. 187 Das ist nötig, denn er wird sich fürchten, die Kundschaft der liederlichen Junker zu verlieren, wenn er hierüber Auskunft gibt.« Da trat der Wirt ins Zimmer. Forrest ging ihm entgegen und sagte: »Mr. Donald, setzen Sie sich zu uns, rauchen Sie behaglich eine Zigarre, und entwickeln Sie uns unbefangen Ihre Gedanken über die Eheschließung O'Briens und einer Dame in Ihrem Hause. Erschrecken Sie nicht so sichtlich! Die Zigarre geht ja aus. Ich verspreche Ihnen – und Sie wissen, ich halte, was ich verspreche – ich verspreche Ihnen: Ihre Aussage fällt ins Grab, kein Mensch erfährt ein Wort davon. Sollten Sie sich aber trotzdem weigern, der Wahrheit die Ehre zu geben, dann könnte das Ihnen und dem ›Kleeblatt‹ recht schädlich werden, denn ich würde die Angelegenheit und Ihre Vertuschung derselben öffentlich bekannt machen. Wir kennen den Hergang, wir sind unserer Sache sicher und wollen von Ihnen nur einige Details erfahren.« »Sie kennen den jungen Mann,« nahm Lauriston das Wort, »welcher den Geistlichen gespielt?« Mr. Donald hustete, er hatte den Rauch verschluckt von seiner Zigarre. »Schlucken Sie,« rief Forrest, »schlucken Sie! Solcher Rauch macht Wirkung. Dann aber reden Sie! Ich wiederhole Ihnen: Sie tun klug, wenn Sie reden, Sie werden's aber bitter bereuen, wenn Sie den Klugen spielen wollen. Die Sache ist ein Sakrileg; verstehen Sie das Wort?« »Ungefähr,« stöhnte Donald. »Und Sie müssen sie mit verantworten, wenn Sie nicht zur Klarmachung beitragen. Denn alsdann weist man Ihnen nach, daß Sie den sakrilegen Humbug sehr wohl bemerkt haben, ohne Anzeige davon zu machen, wie es Ihre Schuldigkeit erfordert hätte.« »Nun, in Gottes Namen!« ächzte Donald, »ich brauche 188 selbst die Beruhigung für mein Gewissen. Ja denn, der junge Mann war kein Geistlicher, sondern ein Zechbruder O'Briens, ein heruntergekommener Landjunker, welchen O'Brien erhält.« »Er heißt?« »Warnell.« »Und ist hier in Dublin?« »Gewöhnlich nicht, aber ich meine ihn gestern gesehen zu haben mit O'Brien.« »Können wir seiner habhaft werden?« »Vielleicht. Er wohnt immer in demselben Wirtshause am Hafen, im ›Meerschwein‹.« »Und die beiden Trauzeugen?« »Sind zwei Sänger von der hiesigen Oper.« »Ist der Friedensrichter ein Vollblut-Irländer.« »Nein, seine Familie stammt aus England von der Cromwellzeit her.« »Also unbefangen wie Sie, der Sie aus Wales stammen?« »Ja, aber eben deshalb muß sich unsereiner doppelt in acht nehmen –« »Kurz, der Friedensrichter ist brav?« »Sehr brav.« »Finden wir ihn jetzt?« »Jetzt ist er in seiner Wohnung.« »Und die liegt im Stadthause?« »Ja.« Alle diese Fragen stellte Lauriston, und nun bat er Dr. Forrest, mit zum Friedensrichter zu gehen. »Mit Vergnügen. Bis zum Stadthause wird die Zigarre reichen und nicht weiter. Der Friedensrichter kennt mich, wie Sie ersichtlich voraussetzen.« »Allerdings. Verzeihen Sie, daß –« »Vorwärts! vorwärts!« Sie wurden ohne Aufenthalt vorgelassen und fanden einen alten Herrn mit schneeweißem Haar, welcher Herrn 189 Forrest verbindlichst mit den Worten begrüßte, er könne Dublin gratulieren, daß ihm ein so trefflicher Arzt geschenkt worden sei in dem jungen Engländer. Selbstverständlich führte also Forrest das Wort und machte den Friedensrichter mit dem Tatbestande und mit dem Wunsche bekannt, ein formelles Aktenstück zu erhalten, welches die Ungültigkeit der Ehe ausspreche. Der alte Herr hatte mit voller Aufmerksamkeit zugehört und sagte dann langsam: »Das ist eigentlich eine schwerwiegende Gerichtsfrage, weil es ein Mißbrauch geistlicher Befugnis ist.« »Ja wohl,« erwiderte Lauriston, »aber für die durch den Betrug gefährdete junge Dame wäre uns ein rasches Bekenntnis der Frevler höchst wünschenswert. Es würde ja der nachfolgenden gerichtlichen Verhandlung keinen Eintrag tun, sondern sie sogar erleichtern.« »Das ist sehr richtig,« sagte der alte Herr. »Morgen mittag um zwölf Uhr werd' ich die Angelegenheit vornehmen. Die beiden Opernsänger schaff' ich mit Leichtigkeit herbei; schwieriger wird dies sein mit dem falschen Pater Patrik, dem Mr. Warnell – nun, auch das wird versucht werden. Ich bitte also die Herren, morgen mittag um zwölf sich nochmals hierher zu bemühen.« Forrest nannte noch dem Friedensrichter das Wirtshaus, in welchem Warnell einzusprechen pflegte, und sie schieden sehr erbaut voneinander. Am anderen Morgen bald nach neun Uhr fand sich Forrest ein bei den beiden Franzosen, und nach einem gemeinschaftlichen Frühstück fuhr man hinaus ins Wäldchen. Ferval war höchst vergnügt über die unterhaltende Entwickelung der Dinge. Sogar das Wetter sei schön und der Boden leidlich trocken. Der Platz des Rendezvous, welchen Forrest kannte, war ein runder Raum ohne Bäume und ohne Rasen, und ein Fahrweg führte dahin. 190 Der Wagen, ein großes geschlossenes Fuhrwerk, erschien pünktlich mit O'Brien und zwei Zeugen. »Das Glück ist unverschämt!« rief Ferval mit gedämpfter Stimme. »Wie so?« fragte Lauriston. »Ich erkenne ihn genau,« fuhr Ferval fort. Der eine Sekundant O'Briens, der schwarzhaarige da, ist der junge Geistliche, welchen O'Brien in Paris bei sich hatte, das ist der Pater Patrik!« »Vortrefflich!« sagte Lauriston. »Nach Beendigung des Duells wird er in Beschlag genommen und zum Friedensrichter gebracht. Wenn es sein muß, mit Gewalt.« O'Brien sah höchst wildschaffen aus, als es sofort ans Ablegen der Oberkleider ging und an die Aufstellung zum Gefecht. Man sah ihm an, daß er in wilder Wut ausfallen würde nach erfolgtem Signale, vielleicht schon vorher. So geschah's. Das Signal war kaum ausgesprochen, so stürzte er auch mit heftigen Stößen auf Lauriston ein. Dieser parierte mit voller Kaltblütigkeit und drängte dann plötzlich mit gewandter Kraft die Klinge O'Briens zur Seite – die frühere Kugelwunde vom Grafen Vilsac mochte den Gegendruck O'Briens abschwächen –, einen vollen Stoß gegen die Brust des Gegners ausführend. »Halt!« rief Ferval. »Der Stoß hat gesessen!« »Nein,« schrie O'Brien. Aber der Ton dieses »Nein« war heiser, und er wankte – er sank in den Arm Warnells. Man sah das Blut fließen aus der rechten Brustseite – er war verwundet. »Ein ›Lungenfuchser‹ heißt das bei den deutschen Studenten,« sprach im Hinzutreten Forrest. Er nahm sich als Arzt sofort O'Briens an und ließ ihn vorsichtig zum Wagen bringen. Dort mußte auf sein Geheiß Warnell zuerst einsteigen und seinen Schoß zum Kissen O'Briens richten, damit der Verwundete die günstigste Lage finde. 191 Beim Abfahren – er fuhr mit – rief er Lauriston und Ferval mit einem Blick auf den verdächtigen Pater Patrik zu: »Wir kommen!« Ferval war betroffen über den Ort der Wunde. »Die Lunge!« sagte er zu Lauriston mit einem Tone der Besorgnis, als wollte er ausdrücken: Das geht über den Spaß der Unterhaltung! Auch Lauriston war sehr ernst und sagte erst nach längerem Stillschweigen: »Sie müssen im Schritt fahren; steigen wir rasch ein, damit wir vor ihnen in den Gasthof kommen und Mr. Donald unterrichten können.« Es gelang so ziemlich, jedes Aufsehen zu vermeiden, weil es eine geschlossene Kutsche war; und ohne daß im »Kleeblatt« ein größerer Lärm verursacht wurde, konnte O'Brien auf sein Zimmer gebracht werden. Dort verband ihn Forrest. Als der Blutausfluß gestillt war, erholte sich O'Brien und hörte auf die Anordnungen, welche Forrest nachdrücklich aussprach. Die Wunde sei nur gefährlich, wenn der Körper O'Briens nicht acht Tage lang unbeweglich verbliebe. Jede Bewegung sei also auf das sorgfältigste zu vermeiden. Mr. Warnell sollte in der nächsten Stunde dafür einstehen. Innerhalb dieser Stunde würden kundige Krankenwärter aus dem Hospital gesendet werden. Desgleichen untersagte Forrest dem O'Brien, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Dann kam Forrest zu Lauriston und Ferval. »Nun?« fragten diese. »Die rechte Lunge ist gestreift. Er kann am Leben erhalten werden, wenn sein Blut gesund ist und er sich folgsam einem strengen Regime unterwirft. Sein Leben wird unter solchen Umständen allerdings nicht viel wert sein, und nach Frankreich wird er nie wieder kommen, denn eine Stunde auf den Stößen der Meereswogen wäre sein Tod. – Jetzt hole ich die Krankenwärter, und dann komm' ich wieder, um 192 Warnell hinüberzulocken ins Gemach des Friedensrichters. Ich werde dem verbrecherischen Pater Patrik sagen, daß eine vertrauliche Anzeige vom Duell beim Friedensrichter unerläßlich sei, denn ohne diese vertrauliche Anzeige könnte seine Verhaftung als eines Sekundanten erfolgen, sobald eine bloß polizeiliche Anzeige ohne nähere Erklärung zum Friedensamte gelangte! Das werd' ich ihm, der kein großer Geist zu sein scheint, wohl einleuchtend machen. Gehen die Herren dann voraus zum Stadthause, ich muß allein mit dem Herrn Pater verkehren.« Aus allem, was dieser junge englische Arzt sagte und tat, leuchtete ein frischer Mutwille hervor. Es wurde alles genau ausgeführt und gelang: um zwölf Uhr waren Lauriston, die beiden Opernsänger, Warnell und Forrest im weiten Gemach des Friedensrichters. Dieser saß im Lehnstuhl vor einem großen Tische, auf welchem eine brennende Kerze stand, und hatte die Hand auf einen großen Bogen Papier gelegt, welcher beschrieben war. »Mister Warnell« – sagte der alte Herr »oder heißen Sie wirklich Pater Patrik?« Warnell erbleichte. »Gleichviel wie Sie heißen, lesen Sie diese Schrift und erklären Sie ohne Verzug, ob Sie dieselbe unterschreiben wollen.« Er reichte ihm den großen Bogen. Auf demselben stand geschrieben, daß die Eheschließung zwischen O'Brien und Fräulein Louison ein Karnevalsscherz gewesen und absolut ungültig sei. Er, Mr. Warnell, sei niemals ein Priester gewesen, sondern ein leichtsinniger Privatmann. Die anderen beiden Herren, die sogenannten Trauzeugen, ihres Zeichens Opernsänger, bekannten ebenfalls reumütig, daß sie sich leider zu solchem frevelhaften Spiel hätten verleiten lassen, was ihnen jetzt bitter leid täte. Als Warnell gelesen, sah er wie geistesabwesend auf den Friedensrichter. 193 »Lassen Sie nun,« sagte dieser, »die beiden Trauzeugen auch lesen.« Und während diese lasen – das Papier zitterte in ihren Händen –, fuhr der ehrwürdige Herr fort: »Die Sache gehört vor ein peinliches Gericht. Diese Herren aus Frankreich, Vertreter des Fräuleins Louison, wollen von der gerichtlichen Anklage absehen, wenn diese Schrift unterzeichnet und von mir beglaubigt wird. Vielleicht kommt dann die schlimme Angelegenheit nicht mehr zur Sprache; vielleicht. Die Unterschrift muß aber auf der Stelle erfolgen.« Warnell und die beiden Sänger liefen eiligst zum Tische und unterschrieben. »Für jetzt genug, für jetzt. Sie sind entlassen.« Schwer betroffen gingen die drei Helden, und während sie gingen, schrieb der Friedensrichter unter die Namen derselben die amtliche Beglaubigung und untersiegelte sie bedächtig mit dem Wappen der Stadt Dublin. »Hier, meine Herren,« schloß er, »was Sie brauchen, um den Frevel ungeschehen zu machen. Ich habe mich gefreut, Ihnen dienen zu können.« Siebzehntes Kapitel. So rasch waren die Ziele erreicht, um derentwillen Lauriston und Ferval die Reise unternommen. Beide hätten also voller Freude sein können. Aber Lauriston war es nicht. Er fühlte sich belastet von dem schweren Schicksal O'Briens und wollte nicht abreisen, bis Forrest ihnen einen neuen, hoffentlich günstigeren Bericht über den Zustand O'Briens gebracht hätte. Gegen Abend kam Forrest von dem Verwundeten und bemerkte mit Erstaunen Lauristons Stimmung. Als Mediziner viel gleichgültiger gegen körperliche Übelstände, begriff er 194 Lauriston kaum und sagte: »Ja, hat denn dieser Tunichtgut O'Brien ein besseres Schicksal verdient? Wahrhaftig nicht. Übrigens trösten Sie sich wegen Ihres Degenstichs. Der ist nicht sein schlimmstes Übel. Ich weiß schon von früher und bei der Verbandlegung hab' ich neuerdings Symptome bemerkt, und sie sind mir von dem Herrn Warnell erklärt worden, welche ihn ärger bedrohen als Ihr Stich. Hirn und Rückenmark haben eine Erschütterung erlitten von einem Falle nach rückwärts an der Landungsbrücke des Dampfbootes, welches ihm damals Louison vor der Nase entführt hat. Mehr um deswillen als um der Lungenstreifung, welche vielleicht heilt, ist sein Leben zur Enthaltsamkeit und Entbehrung genötigt, so daß ihm der ererbte Reichtum wenig nützen kann.« »Und dabei« – sagte Ferval vergnügt zu Forrest – »dabei ist Freund Lauriston ein Poet, welcher seinen Beruf verleugnet! Ihr sprecht ja immer von poetischer Gerechtigkeit. Nun, ist das Schicksal O'Briens nicht eine solche? Werden ihm nicht seine Freveltaten heimgezahlt? Nur ich habe noch eine Forderung einzukassieren von dem reich gewordenen Lord. Er hat ja noch nicht die Wettsumme zurückgezahlt – doppelt ist sie zu zahlen, denn er hat die Wette verloren, hat noch unser Geld und ist uns auch noch die Abzahlung der Louisonschen Gläubiger schuldig. Kann er seinen Namen unterschreiben, Herr Doktor Forrest, für eine Bankanweisung auf hunderttausend Franks?« »O ja.« »Nehmen Sie mich also mit zu ihm. Dann reisen wir mit dem Nachtboote.« Lauriston mißfiel auch dies. Er konnte keine frohe Stimmung gewinnen. Es lag doch nun alles plan vor ihm, was er wünschen konnte: Louison war befreit; seiner Neigung zu ihr war jegliche Bahn geöffnet; er hatte den Schluß für sein Stück, welches die junge Schauspielerin ihm zuneigen mußte – und dennoch atmete er nicht frei. 195 Seine Mutter stand wohl im Hintergrunde vor seinen Blicken. So wie Ferval entzückt war von der abenteuerlichen Lösung der Dinge und sie mit jeglicher Übertreibung in die Zeitung jagen wird, so wird – dachte er – die Mutter gerade über das Abenteuerliche entsetzt sein, entsetzt sein über das, was ihrem Sohne öffentlich nachgesagt wird, über den fast tödlichen Degenstich, den ihr Sohn geführt, über die weiteren Folgen und den Verkehr mit einer kompromittierten Schauspielerin, von welcher – ach! – ihr Alfred nicht wird lassen wollen – kurz, Lauriston sah trüb' vor sich hin und wandelte durch die Straßen von Dublin wie einer, der Luft und Bewegung dringend braucht, um freier zu atmen. Die Luft kam ihm zustatten, sie war rauh geworden und hatte den Frühlingshauch verscheucht; sie warf seine unruhigen Gedanken auf einen Hauptpunkt, und in diesem Hauptpunkte fand er einen Halt. Der Poet kann in die phantastische Welt flüchten, wenn die wirkliche Welt ihn ängstigt. Die Komposition seines Schlußaktes ergriff ihn und hielt bei ihm aus, bis sie feststand in allen Einzelheiten. Das gab ihm Ruhe und Halt. Heimkehrend ins Hotel konnte er Forrest herzlich danken für die freundschaftlichen Dienste, welche er ihm geleistet, und es zufrieden anhören, als er sagte: »Nun, der Patron O'Brien, von welchem ich komme, kann noch hundert Jahre leben. Aber er wird niemand mehr beißen. Und das ist was wert bei solchem Gallennaturell.« Ja, auch Ferval störte ihn nicht mehr besonders mit dem Vorweis des Wechsels auf hunderttausend Frank, welcher auf Kosten O'Briens in Paris einzufordern sei. Er telegraphierte das sogleich nach Paris. Man speiste noch zusammen und tröstete den Walliser Donald damit, daß er gar nicht mitgespielt habe im Stadthause. Bei dieser Gelegenheit versicherte übrigens der 196 mutwillige Forrest noch, er werde sich's angelegen sein lassen, dem Buben, welcher so frech einen Pater Patrik gespielt, regelmäßig, wo er ihm begegne, die Angst einjagen: jeden Tag könne sein Priestertum im Gerichtshause zur Sprache kommen. »Strafe,« schloß er, »ist eine gute Erfindung.« Zur selben Stunde und auf demselben Boote schifften sie sich abends ein wie damals Louison, und auf der ganzen Reise bis Paris hatte Lauriston sein Taschenbuch und den Bleistift in der Hand, um bruchstückweise an seinem letzten Akte zu skizziren, wenn's auch oft nur kleine Reden wurden. Ja, als sie in Paris ankamen, eilte er nicht sogleich nach Ramberts Hause, um Louison die gute Botschaft zu bringen, sondern er fuhr in seine Wohnung. Es drängte ihn eine Ahnung – und richtig, ein Brief seiner Mutter lag da, voll Schreck, Vorwürfen, ja Befehlen. In seinem Telegramm hatte Ferval auch Notizen für die Zeitungen gespendet von seinen und Lauristons Heldentaten. Zunächst dunkel und geheimnisvoll, aber für Lauristons Mutter tief erschreckend. Nie hatte seine Mutter so zu ihm gesprochen wie in diesen Briefen. Er liebte seine Mutter über alles; er stand wie vor einem Abgrunde, denn im Grunde seiner Seele lag ja doch der Gedanke, daß er nicht mehr von Louison lassen möchte. Wohl eine Stunde lang ging er im Zimmer umher, aufs ärgste beunruhigt. Endlich flüchtete er wie in Dublin zu seiner Kunst: er schrieb die ganze Nacht, bis der letzte Akt fertig war. Früh am Morgen schickte er das Manuskript an den Theaterdirektor mit der Bitte, die Ergänzung der Rollen gleich ausschreiben und austeilen zu lassen, jetzt aber bestimmt hinzusetzend, nun die ganze Rolle an Demoiselle Louison beim Professor Rambert zu senden, und zwar mit Ansage der ersten Probe. 197 Hinweg mit jedem Gedanken an die Mutter! Und trotz der frühen Stunde hinaus, um Louison ihre Befreiung zu verkündigen. Rose hatte ihn durchs Fenster kommen sehen; sie öffnete ihm weit die Tür des Vorzimmers und schlug die Hände vor Freude zusammen, daß er endlich wieder da wäre. Es sei die höchste Zeit, denn das Fräulein habe einen Rückfall erlitten. »Sie ist neuerdings erkrankt?« »O bewahre! nein, sie ist frischer als je, aber der Herr Professor sagt, sie sei zu frisch geworden, und nennt das einen Rückfall.« »Ich verstehe nicht –« »Und doch sind Sie schuld daran!« »Wie denn? Was denn?« »Sie haben ihr gefehlt, und da ist sie ungeduldig geworden und hat allerlei Kaprizen losgelassen wie früher, ehe sie ins Malheur geriet. Gewiß nur, weil Herr Lauriston nicht da war.« »Lauriston?!« hörte man Louison aus dem Schlafzimmer rufen. »Was sagst du, Rose, von Lauriston?« »Er ist da!« Ein Freudenschrei und der Zusatz: »Ich komme, ich komme sogleich, er soll ja warten!« und nach fünf Minuten flog sie im Negligé heraus, streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn ins Zimmer. Rose ging lachend in den Hausflur hinaus. »Wo waren Sie denn? Warum sind Sie so lang' ausgeblieben? Was will denn die garstige Mutter?« »Ja wohl, meine Liebe, uns beide betreffend ist sie garstig.« »Wie?!« Schöner hatte er dies Mädchen nie gesehen. Das feine Antlitz war angehaucht von rosiger Röte, das dunkle Auge glühte von Leben, der Mund war halb geöffnet, die kleinen Zähne schimmerten schneeweiß, der Unterhals, und was die Franzosen la gorge nennen, war frei, und von den Armen fiel der Überwurf bei jeder Bewegung zurück. Was aber noch verführerischer: alles an ihr atmete Wärme und Entgegenkommen – Entgegenkommen, ein unerhörtes Wort für Louison. Jetzt gab's keine Frage mehr, ob und wie er sie liebe. In diesem Augenblicke liebte er sie mit allen Kräften von Leib und Seele. Und so nahm er, als sie auf dem Sofa neben einander saßen, ihre beiden Hände in die seinigen, küßte diese und blickte ihr mit ganzer Seelenkraft ins Auge. Er fühlte, daß sie seinen Händedruck erwiderte und sagte endlich: »Louison! Widerstrebt es Ihnen noch, daß ein Mann Sie so gefangen hält mit seinen Händen?« Sie wurde glührot, schlug die Augen nieder und sagte kaum hörbar: »Nein.« »Wirst du mich von dir stoßen, wenn ich dich in meine Arme schließe?« »O nein, nein!« Und damit sank sie ihm an die Brust. Er schlug die Arme um ihre Schultern und drückte sie an sich. »Louison, du weinst?« »Es sind Freudentränen, Alfred; ich liebe dich.« Dabei hob sie ihr kleines Haupt und bot ihm den Mund, welchen er herzlich küßte. »Welch ein Glück!« flüsterte sie, »und davon hab' ich so lang' keine Ahnung gehabt! Aber ach –« »Still! Kein Ach! Ich bringe dir die Freiheit!« »Was heißt das?« »Du bist nicht verheiratet.« Ein gellender Schrei der Freude, und sie flog hoch auf von ihrem Sitze. »Nicht? – nicht, Alfred?!« »Du bist nicht mehr verheiratet, du warst es nie.« 199 Und nun zog er sie zu sich nieder und erzählte ihr den ganzen Hergang von Dublin. Bei der Stelle, wo O'Brien, von Lauristons Degen getroffen, zurücksank, rief sie unwillkürlich: »Blutiger Mann, was hast du getan!« »Er stirbt nicht daran, sagt der Arzt.« »Er war ein böser Mensch; aber bin ich so viel wert, daß –« »Daß er gestraft werde? Ja. Jedes verratene Menschenkind ist wert, daß der Verräter büße.« »Gestrenger Mensch, ich fürchte mich fast vor dir.« Aber die Vernichtung der Ehe, die voll hervortretende Erkenntnis von der Vernichtung derselben scheuchte all' das hinweg. Sie küßte ihm die Hände, sie streichelte ihm die Wangen, sie nannte ihn ihren Erretter und duldete einen langen, langen Kuß. »Und nun?« fragte sie leise. »Nun könntest du mein Weib werden, ja?« »Ja,« sagte sie noch leiser. »Nun aber, mein liebster Schatz, nun kommt ein neues Hindernis.« »Was? was?!« »Meine Mutter.« »O!« »Sie gibt's nicht zu. Soll ich dich zum Altar führen gegen ihr Verbot?« »Das wär' nicht recht und – nicht gut.« Da wurden sie unterbrochen. Rambert hatte erfahren, daß Lauriston da sei, und eilte im Hausrock hinunter, ihn zu sehen, ihn zu hören. Die Nachricht erfreute ihn so – er war ein guter Mensch –, daß er mit nassen Augen Louison und Lauriston umarmte und zustimmend auf Lauristons weitere Vorschläge einging. 200 Diese Vorschläge betrafen die Aufführung der »Neuen Louison«, seines nun fertigen Stückes. Der Schluß sei bereits im Theater, und die ganze Rolle werde binnen kurzem ankommen, die Proben sollten in Eile begonnen werden. »Ich kenne das ganze Stück auswendig, ich kann morgen auf die Probe kommen!« rief sie. Und es ging nun auch alles beim Theater den erwünschten raschen Gang, wie das immer der Fall ist, wenn Außerordentliches eintritt. Louison war glücklich. Der Widerstand der Mutter berührte sie nicht dergestalt, daß er sie verstimmt hätte. »Ich hab' ihn ja doch, meinen Alfred, wenn auch –« rief sie und erzählte ihrer Rose alles, nur plötzlich mit der Frage schließend: »Was sagst du, wird das Verbot der Mutter Alfred von mir abwenden?« »Das weiß ich nicht, liebes Fräulein. Ich werde den Doktor Zech fragen, der kennt ihn genau. Noch heute abend frag' ich.« Lauriston war nicht so durchaus glücklich wie Louison. Ihm lag der Widerstand der Mutter schwer auf der Seele« Er ging denselben Abend zu Zech, ihm alles mitzuteilen und die Frage der Zukunft mit diesem nüchternen Freunde zu erwägen. Zech hatte wenig Verständnis für starke Liebesleidenschaft und sagte kalt und trocken: »Du darfst das deiner Mutter nicht antun.« Nicht wenig betroffen von dieser positiven Meinung ging Lauriston fort, als Rose eintrat. »Ich weiß alles!« rief ihr Zech entgegen. »O nein!« erwiderte Rose, schloß die Tür hinter dem fortgehenden Lauriston und trat ganz nahe an Zech heran, ihn wie in Gedanken anblickend. »Was weiß ich denn nicht?« sagte Zech. »Daß meine Herrin unsicher ist, ob Herr Lauriston sich 201 von ihr abwenden könnte, wenn dessen Mutter ihm nicht nur die Heirat, sondern auch den Umgang mit ihr verbietet.« »Ja, wer kann das sagen!« »Sie können das sagen, Sie! – Denn meint mein Fräulein – Sie kennen das Gemüt Ihres Freundes.« »Kind! wer kennt den anderen so genau! Man kennt sich selber kaum.« »O nein. Ich zum Beispiel kenne Sie und Sie kennen mich.« »So? Papperlapapp! Wenn ich nun jetzt du zu Ihnen sagte, wie würde Ihnen das gefallen? Ich zum Beispiel weiß es nicht.« »Ich aber weiß es: es würde mir ganz gut gefallen.« »Schau! Und wenn ich dich am Kinn faßte und spräche: Rose, du bist doch ein ganz hübsches Mädchen und könntest einem Manne willkommen sein und dessen Wirtschaft führen – was würdest da dazu sagen?« Sie war purpurrot geworden und erwiderte barsch: »Was brauch' ich denn hübsch zu sein, um dem Manne die Wirtschaft zu führen?« »Na, weil der Mann dich vielleicht auch heiraten würde!« »Vielleicht? – Das ist nichts.« »Da hast du recht. Also, würdest du den Doktor Zech – du kennst ihn doch –?« »'s kommt mir so vor,« lachte sie. »Würdest du diesen brummigen Zech heiraten, wenn er dich wollte?« »Lieber heut' als morgen.« »Bravo! Also übermorgen.« »Das heißt: am Nimmermehrstage?« »Durchaus nicht, sondern nächstens – ja?« »Ja.« – Sie küßte ihm die Hand, und er klopfte ihr nur, wie er oft getan, die Wange. Sonst tat er nichts, und sie ging mit dem Kopfe nickend fort. 202 Ferval hatte unterdessen, wie vorauszusehen war, die ganze Pariser Presse mit seinen Heldentaten in Dublin alarmiert. Er hatte wohl gütig die eigentliche Heldenrolle dem tapferen Lauriston überlassen, als dem Achilles, aber Ulysses-Ferval war doch die wunderbare Triebfeder gewesen. Ganz Paris sprach denn auch von diesen merkwürdigen Ereignissen, und als die Kunde dazu kam, sie würden nächster Tage dramatisiert auf dem Theater erscheinen mit der erretteten Louison, da regnete es Vorbestellungen auf die Theaterplätze. Die als lachendes Genie bekannte Louison nun auch als tragische Muse auftreten zu sehen, das war eine erstaunliche Lockung. Das allgemeine Mitgefühl für die verfolgte Unschuld versprach der »Neuen Louison« – so sollte das Stück heißen – einen außerordentlichen Erfolg. Freilich vergingen noch einige Wochen – in Paris ohnehin ein unerhört kurzer Zeitraum für eine neue Inszenesetzung –, und in großen Städten altern Sensationsnachrichten gar schnell. Da wachsen die Widersprüche empor wie Unkraut. Jeder neu auftretende Autor insbesondere hat an und für sich eine große Schar von Widersachern gegen sich. Es sind in erster Linie diejenigen, welche ihre Stücke nicht anbringen bei den Theatern, und welche den so glücklich zur Aufführung gelangenden Lauriston ingrimmig beneideten. Da hieß es denn und hieß es täglich lauter: Äußerliche Abenteuer allein haben die Annahme des Stückes zuwege gebracht! Und diese Widersacher hatten einen sehr geschickten Anführer, dessen Entrefilets in kleinen Journalen die Zweifelsucht sorgsam entzündet hatten. Dieser Anführer war Juron. Er schäumte in der Stille vor Grimm, daß diese ihm abgeneigte Louison wieder auf den Thron gehoben werden sollte. »Man kennt sie ja,« schrieb er, »diese beim Theater künstlich gemachten Größen! Wenn sie abgewirtschaftet haben mit ihren Minauderien und Kapriolen, dann spricht man preisend von ihren Umwandelungen. Weil Jugend und ein hübsches Lärvchen 203 ausgereicht haben für Darstellung unbedeutender Mädchen, da soll nun eine kokette Heiratstravestie zureichen, um eine Tragödin erschaffen zu haben, welche Verse spricht. Lernt man französische Verse sprechen in Wirtshäusern und auf Dampfbooten?!« Kurz, als die Aufführung der »Neuen Louison« für einen bestimmten Tag angekündigt wurde, da trat auch eine scharfe Opposition in Sicht, welche den Theaterdirektor mit Besorgnis erfüllen mußte. Mit ernster Besorgnis, denn es zeigte sich, daß sich auch die Jeunesse dorée der ungünstigen Stimmung zugesellte. Über die freche Wette ihres Klubs waren doch herbe Äußerungen laut geworden, und diese prüde Louison war ja schuld daran. Zeigen wir, hieß es, daß dies Persönchen als Künstlerin herzlich wenig bedeutet! Lauriston entging nichts von diesen drohenden Anzeichen, und er sorgte mit Rambert nur aufmerksam dafür, daß Louison nichts erführe von dieser Gefahr, denn von ihrer gesammelten ruhigen Stimmung hing ja alles ab. Es gelang dies auch, bis eines Vormittags der allezeit getreue Rosas bei einem Haare alle Vorsicht zu nichte machte. Er hatte die Errettung und Befreiung Louisons gelesen und stellte sich ein bei der Glücklichen mit der naiven Frage: »Nun, Geliebteste, der Irländer ist vom Pferde gefallen, die Freiheit ist da! Wie steht's jetzt mit uns? Ist meine ehrliche Hand nicht wert, daß Sennora einschlägt?« »Gewiß, Rosas. Aber wir passen nicht mehr zusammen. Ich lache nur noch stellenweise und ich spreche Verse.« »Allmächtiger!« »Ja, ich spreche Verse und spiele auch tragisch.« »Tragisch? das heißt ja ›unangenehm‹.« »Für Sie, Rosas, nicht für alle Leute, wie ich hoffe.« Sie war von glücklichster Laune. Nun aber meinte der hoffnungslose Liebhaber, sie warnen zu müssen, und er sagte mit einer gewissen Feierlichkeit: »Sennora, ich kenne das! 204 Wenn die Leute im Theater nicht mehr lachen können, dann werden sie leicht böse und fangen an zu zischen und zu pfeifen. Lassen Sie sich warnen! Überall hört man schon davon reden, daß –« Da trat Lauriston glücklicherweise wie aufs Stichwort ein und ließ Rosas nicht weiter sprechen, sondern sagte: »Was hör' ich?! Ein Künstler wie Sennor Rosas könnte eine Künstlerin, könnte seine Kollegin unmittelbar vor der Schlacht beunruhigen durch Mitteilung von Klatschereien und erfundenen Schwierigkeiten! Nimmermehr! Ein Mann wie Rosas muß der Kollegin seinen Applaus zur Verfügung stellen.« »Versteht sich von selbst!« schrie Rosas, »sie weist mich zwar wieder ab, weil sie die Lustigkeit nicht mehr so hoch schätzt wie früher. Das ist ein beklagenswerter Irrtum; – aber –« »Ein Künstler bleibt Künstler!« unterbrach Lauriston. »Bleibt Künstler, ganz richtig. Betrachten Sie diese Hände, um nicht Fäuste zu sagen. Sie werden's erleben, was sie abends vermögen, wenn's darauf ankommt. Ein Künstler rächt sich durch Wohltaten, und Sie werden nie einen solchen Applaus gehört haben als – basta, ich sage kein Wort weiter. Ade, Ungetreue! Meine Leidenschaft bleibt, ich aber verschwinde.« Und mit einem malerischen Sprunge war er hinaus. Louison fragte nicht, was Rosas gemeint habe mit seiner unterbrochenen Rede – sie war arglos geblieben und ging zum gemeinschaftlichen Studium mit Lauriston über, wie dies jetzt täglich geschah. Sie wollte immer noch Verbesserungen von ihm hören, er aber versicherte ihr täglich: es sei nichts zu-, nichts wegzutun. Die Auffassung und der Ausdruck seien vortrefflich, und namentlich die sentimentalen Akzente gingen tief zum Herzen. Auch in den Proben auf der Bühne waren die Schauspieler einig darin, daß Louison in ihrer Kunst außerordentlich 205 gewachsen sei. Sie faßten ihr Lob in die Worte zusammen: sie hat weinen gelernt. Ganz unter sich – angeregt durch die schlimmen Entrefilets Jurons – unterdrückten sie jedoch ihre Zweifel nicht, ob der gar so schlichte Vortrag der Verse nicht auffallen und der Opposition nicht den Anlaß geben werde, zischend loszubrechen. Außerdem – flüsterten sie – ist die Szene im Schlafzimmer zu Dublin, wo sie aus dem Bette springt, doch ein starkes Gewürz, welches überreizen und schlecht ausfallen kann. Niemand wußte das alles besser als Lauriston, und er war in arger Aufregung. Und nicht bloß diese Sorge lag auf ihm. Was seine Mutter betraf, da mußte er sich geradezu künstlich betäuben. Du hatte ihn ja auch Zech im Stiche gelassen, und täglich, täglich schrieb diese Mutter, wenn auch neuerdings nur wenige Worte, ihn beschwörend, das skandalöse Unternehmen solch einer Theateraufführung um Gottes willen aufzugeben, wenn er nicht die Teilnahme seiner Mutter für immer verlieren wollte. Er wußte nichts mehr zu antworten, er verhärtete sich, wie's ein Verzweifelnder tut, und antwortete gar nicht mehr, das herkömmliche Stichwort der Franzosen: .» Vogue la galère! « zehnmal des Tages vor sich hinmurmelnd. Aber es war hohe Zeit für ihn, daß es zur Entscheidung kam. Er fühlte, daß seine Nerven nicht länger Widerstand leisten könnten. Achtzehntes Kapitel. Endlich war der Abend da. Um acht Uhr sollte die erste Vorstellung der »Neuen Louison« beginnen. Schon vor Eröffnung der Kasse war großer Zudrang vor dem Theaterhause, obwohl vor dem neuen Stücke eine alte bekannte Komödie abgespielt werden sollte. Es gab 206 Lärm und Geschrei; insbesondere schalt man, daß Agioteure eine große Anzahl der Billette angekauft hatten, um sie nun für erhöhte Preise zu verkaufen. Man ging einigen Männern, welche man in diesem Verdachte hatte, unmittelbar zu Leibe, und es war nur einem starken Manne zu verdanken, daß ihnen nicht Gewalt angetan wurde. Dieser starke Mann schob die Angreifer links und rechts zur Seite, und zwar scheinbar mit solcher Leichtigkeit, als ob er es mit Puppen zu tun hätte. Dabei machte er Späße, welche belacht wurden. Dieser starke Mann war niemand anders als Sennor Rosas. Er behauptete, man habe kein Recht, die Agioteure anzugreifen; Handel sei Handel im Kleinen wie im Großen. Diese Verkäufer riskierten ihr Geld wie jeder andere Kaufmann, und wenn sie für Donna Louison ihr Geld eingesetzt hätten, so beweise das obenein, daß sie guten Geschmack hätten, denn Donna Louison sei eine außerordentliche Künstlerin. »Was solch ein Clown nicht alles weiß!« rief ein Herr, welcher vorüberging. – Es war Juron, von einer Gruppe begleitet, welche offenbar aus Malcontenten bestand, denn sie blickten sehr hochmütig drein. Leider war auch Malevy darunter. Rosas blieb die Antwort nicht schuldig, sondern schrie Juron nach: »Respektieren Sie den Clown, das rat' ich Ihnen. Der Clown ist ein Künstler. Er versteht die Kunst, Lachen zu erregen. Was versteht denn ihr? Das Gegenteil. Ihr verderbt ehrlichen Leuten den Spaß mit euren hochmütigen Grimassen. Nehmt euch ja heute in acht, wir werden die Spaßverderber kurios auf die Finger klopfen.« »Bravo!« rief man um ihn her, und das ermunterte ihn fortzufahren: »Ich sage, auch die Agioteure unterstützen die Kunst. Wenn die Preise steigen, so steigt die Ware. Das heizt ein, das heizt ein, wenn man die armen Teufel verkaufen sieht – ah, Madame, kann ich dienen?« 207 Das sagte er zu einer schwarz gekleideten älteren Dame, welche soeben aus einem Fiaker gestiegen war und sich ratlos umsah. »Madame« – fuhr er fort – »wünschen vielleicht eine Eintrittskarte?« »Jawohl. Um jeden Preis.« »Das wär' zu hoch bezahlt. Indessen heute haben Sie recht. Einer solchen Enthusiastin für Demoiselle Louison muß geholfen werden. Ich habe zwei Karten, und mein Kamerad, für welchen die eine bestimmt war, läßt warten; er verdient sie nicht mehr. Sie werden für ihn applaudieren. Nicht wahr, Madame? Voilà! Ich stelle die Karte Madame zur Verfügung.« Die schwarze Dame griff hastig danach und reichte ihm zwei Goldstücke dafür. »Pardon, Madame, ich mache hier keine Geldgeschäfte. Ein Goldstück ist schon zu viel; ich bitte, es zurückzunehmen, und hier die Ausgleichsmünze, ich bitte! Darf ich Madame meinen Arm anbieten durch den Menschenknäuel hindurch?« »Sehr dankbar, mein Herr.« Und so führte er, triumphierend fast, indem er, von seiner eigenen Galanterie befriedigt, links und rechts blickte, die hochgewachsene, vornehm aussehende Dame mit Geschicklichkeit durch die Menge in das Haus und klappte ihr artig den Sperrsitz auf. Dann setzte er sich neben sie und machte sich so dünn wie möglich, um sie nicht zu belästigen. »Madame kommen doch wohl nur, wie ich vorausgesetzt« – so begann er das Gespräch – »um unseren glänzenden Stern, Donna Louison, zu bewundern?« »Um sie zu sehen, allerdings.« »Werden Sie auch bewundern. Santa cruz! die ist danach. Was sie jetzt spielen« – der Vorhang war aufgezogen worden – »das wird allerdings Madame nicht interessieren. Das ist ein Lückenbüßer, ist Füllsel, so zu sagen. Die vornehmen 208 Leute speisen spät und kommen erst um acht Uhr. Deshalb fängt das Stück mit dem Stern erst um acht Uhr an, und deshalb ist das Haus jetzt noch nicht voll.« »Wissen Sie,« fragte die schwarze Dame leise – man hatte neben ihnen gezischt – »wer der Verfasser des neuen Stückes ist?« Er antwortete ebenso leise: »Ja und nein, Madame. Bestimmt erfahren wir es erst am Schlusse der ›Neuen Louison‹ durch den Regisseur. Aber ich persönlich glaube es schon zu wissen, ich habe den Autor – er heißt Herr Lauriston und ist ein perfekter Kavalier – bei Demoiselle Louison getroffen.« »Sie kennen diese Schauspielerin?« »Ob ich sie kenne! Intim, Madame, natürlich in allen Ehren. Unter uns gesagt: ich bin verliebt in sie bis über die Ohren.« »Wie alle Welt!« »Mehr, Madame, viel mehr.« »Ist sie denn wirklich so liebenswürdig?« »Ach, dafür gibt's keine Worte! Sie ist einfach ein Engel, und früher war sie geradezu ein Erzengel.« »Früher?« »Ja, als sie noch lustig war.« »Und leichtsinnig.« »Nie! Das war sie nie! Im Gegenteil. Sie mochte ja von keinem Manne etwas wissen, das war ihr einziger Fehler. Aber lachen konnte sie, o Gott! Seit sie nun durch den irländischen Schuft – Gott verdamme ihn! – so unglücklich geworden, seitdem hat sie sich, ach! sehr verändert. Sentimental ist sie geworden, sogar tragisch.« »Zum Schein!« »Ei bewahre! Stockernsthaft, und man sagt, daß der mutmaßliche Verfasser des Stücks, Herr Lauriston, ihr förmlichen Unterricht erteilt hat im Sentimentalen und Tragischen, 209 im Versesprechen, im edlen Ausdrucke, in der höheren Tugend überhaupt.« »Höhere Tugend? Das heißt?« »Ja, Madame, ich bin kein Gelehrter; die Kammerjungfer, die hübsche Rose, sagt so. Nobel soll's wohl heißen, stocknobel. So geht's in dem Hause her, und Diva Louison ist die Tugendnoblesse selber.« Jetzt aber wurde das Zischen der Nachbarn stürmisch. Rosas war im Eifer gar zu laut geworden, und jetzt machte er der schwarzen Dame ein ausdrucksvolles Zeichen zum Stillschweigen, nur noch kaum hörbar flüsternd: »Die Leute haben recht; wenn die Kunst spricht, darf man den Nachbar nicht stören.« Das Haus hatte sich allmählich bis zum Giebel gefüllt, und jetzt war auch Rambert gekommen, und auch Lauriston fand sich ein. Er hatte sich oben eine kleine Loge vorbehalten für sich und Zech. Noch war er allein; Zech, immer sparsam mit seiner Zeit, wollte erst Schlag acht Uhr kommen. Ein Dichter, dessen Stück zum ersten Male aufgeführt wird, hat das Vorrecht, gründlich aufgeregt zu sein. Und Lauriston war ja noch von ganz anderen Sorgen bedrängt. Vielleicht deshalb war er ruhiger, eine Sorge schob die andere zur Seite. Es war die Ruhe stiller Verzweiflung. Er wußte nicht abzusehen, was entstehen würde. Und doch wühlte in ihm wohl die Frage am tiefsten: Liebst du Louison in solchem Maße, daß du ihretwegen die Mutter opfern willst? Er wußte es nicht oder wollte es nicht wissen. Wozu auch! Gefiel sein Stück nicht, dann war auch Louisons Leben und Zukunft geknickt, und dann wurde ja alles unberechenbar anders. Sein Talent, wie Louisons Talent versanken alsdann – also das Stück, das Stück und dessen Schicksal ist die Hauptsache! Da trat Zech in die Loge, und das Signal von der Bühne verkündete, daß die Vorstellung des neuen Dramas 210 beginne. Ein Geräusch im Publikum wie leichtes Meeresbrausen flog durch den Saal. Der Vorhang ging in die Höhe, das Geräusch verstummte. Im ersten Akte war Louison die frühere heitere Louison, da war vorauszusehen, daß im Publikum kein Zweifel an ihrem Talente auftauchen werde. Sie wurde mit allgemeinem, lebhaftem Beifalle empfangen und sah schön und liebreizend aus. Es war eine glänzende Gesellschaft bei ihr versammelt, in welcher sie sich als Wirtin sicher und heiter bewegte. Sie bemerkte es nicht, daß ihr brutaler Courmacher, der Engländer Donegal, ihren edlen Verehrer, den Grafen Fronsac, zum Duell herausforderte, sie gab ihrem bescheidenen Freunde, des Namens Anatole, recht, als er ihr vorstellte: die luxuriöse Lebensweise werde ihre Gage und mehr noch verschlingen, und antwortete lustig: Das ist schon geschehen, und ich werd' mich auch bessern, aber morgen erst, morgen erst! Das Leben ist so schön, und wenn man es gewaltsam ändert, setzt man die ganze Schönheit aufs Spiel. Also morgen erst und langsam ändern, unmerklich ändern und mit Ihrer Beihilfe, Anatole! Jetzt wollen wir noch lachen und singen. Und sie sang auf allgemeinen Wunsch ein Couplet mit ihrer früheren Verve, und der Akt schloß unter jubelndem Beifalle des Publikums. »Es geht gut,« sagte Zech. »Die Gefahren kommen erst,« erwiderte Lauriston. Sie kamen schon im zweiten Akte. Mit den Gläubigern und Gerichtsdienern und mit dem heftig zudringenden Donegal mußte Louison ernst werden, die neue Louison mußte sich entwickeln, besonders als es zu dem eigentümlichen, so seltsam verklausulierten Eheversprechen kam. Da mußte sie eine ganz neue Schauspielerin sein, wenn sie am Schlusse des Aktes auf einen Sessel sinkt und ausruft: »Rose, ich habe mein Leben verspielt!« Das Publikum blieb still nach dem Fallen des Vorhangs. Und nun regte sich die Opposition durch einzelne mißbilligende 211 Rufe und durch Zischen. Daraufhin stand aber in den Sperrsitzen ein starker Mann auf und rief mit Stentorstimme: » Brava! brava! « und klatschte schallend in die Hände. Dies war Rosas, und er gab damit das Signal zum ziemlich allgemeinen Beifall. Jetzt wird das Zischen stärker, bewirkt aber, daß sich der Beifall zu vollständiger Macht sammelt und den Sieg davonträgt. »Auch gut,« sagte Zech. »Schon unter Kampf,« erwiderte Lauriston. Dritter Akt Trauung in Dublin. Wortbrüchiger Überfall Donegals, Hilfe durch Roses Glockenläuten – Flucht. Totenstille im Publikum bei diesen gefährlichen Szenen. Sichtbare Spannung, als Louison, welche flüchten soll, kraftlos zusammenbricht – die einst nur lustige Louison! – und, von Rose unterstützt, mühsam die Tür gewinnt. Nochmals zusammenknickend und einen schweren Seufzer ausstoßend, überschreitet sie die Tür, der Vorhang fällt, und im Publikum erhebt sich augenblicklich ein Sturm des Beifalls und ein heftiges Zischen der Opposition. Mitten aus dem Lärm hört man eine donnernde Stimme: »Sie kann's! sie kann's!« Natürlich des Signor Rosas Stimme. Und unter seiner leidenschaftlichen Anführung wird der Beifall so ungestüm und massenhaft, daß die Opposition geradezu niedergedonnert wird. »Sieg!« spricht Zech. »Durch sie, durch sie allein!« antwortete Lauriston. Ganz gegen Lauristons Erwarten entwickelt sich der vierte Akt in seinem Stillleben ungemein günstig. Die gebrochene Louison, welche nur allmählich durch den echten Liebhaber Anatole, durch sein geistreiches Gespräch, durch Erlernen des Versevortrags und künstlerischer Grundsätze langsam aufgerichtet wird, Louison mit der innerlichen Kraft ihres Talentes trägt den ganzen Akt. Man findet die bei ihr unerwarteten Seelentöne zauberhaft, die einzelnen leisen Bravorufe, die einzelnen halblauten Stimmen »Vortrefflich! vortrefflich!« 212 verbreiten eine so allgemeine Rührung und sympathische Stimmung durch das ganze Haus, daß der Akt ohne Widerspruch unter enthusiastischem Beifall schließt. »Rührend,« sagte Zech. »Überwältigend,« erwiderte Lauriston. Er selbst war überwältigt. In ihrer ganzen Macht des Talentes hatte er jetzt Louison gesehen, und urplötzlich stand es sonnenklar vor ihm: Alle Opfer der Welt bringst du für ihren Besitz. Das ist die Macht der Schauspielerin auf die Männerwelt, daß ihre schönen Eigenschaften verklärt erscheinen vom Schimmer dramatischer Poesie. Auch unten, wo Rosas und die schwarze Dame saßen, war die Wirkung die tiefste. Der brave Clown, welcher das Tragische als das Unangenehme bezeichnet hatte, war gerührt wie ein Kind und weinte heiße Tränen. Schluchzend sagte er zur schwarzen Dame: »Sehen Sie, Sie weinen auch, weinen rechtschaffen. Nun haben Sie's erlebt, daß sie ein Engel ist, ein Engel vom Himmel. Ich aber war ein Esel, als ich sie vor dem Sentimentalwerden warnte. Entschuldigen Sie, daß ich Ihre Rührung störe! Weinen Sie zu, weinen Sie zu, das tut ganz gut, ich hätt's nicht gedacht.« Der letzte Akt hatte nun leichtes Spiel. Die Bestrafung Donegals, die Enthüllung der falschen Ehezeremonie waren jedermann erwünscht, und als nun in der Schlußszene Louison die Befreiung angekündigt wurde und ihr ganzes reiches Naturell in enthusiastischen Jubel, in jubelvolles Lachen ausbrach, da war auch die Wirkung ein voller Sieg. Dies Lachen war ja die richtige Steigerung der früheren fröhlichen Louison. Jetzt war ihre Fröhlichkeit noch viel stärker, weil sie aus vollem Inhalte entsprang und frei wurde – der Beifall wollte kein Ende nehmen, und der Regisseur konnte lange nicht zu Worte kommen, um den Namen Lauristons als den Namen des Autors zu nennen. Lauriston stürzte dann auf die Bühne und umarmte 213 Louison vor aller Welt. Und Louison umarmte ihn wieder mit voller, glücklichster Hingebung. Lauriston und Zech brachten sie nach Hause, wo Rambert sie erwartete. Er war ebenfalls tief gerührt und schloß seinen Pflegling mit den Worten in die Arme: »Mein liebes Kind, das war der schönste Abend meines Lebens.« » Dir dank ich ihn, und du dankst ihn dir . Der Güte dankst du ihn, welche du Guter mir unerschöpflich angetan« – sagte sie leise und innig. Was bleibt übrig als das banale Herkommen: man setzt sich zur Tafel, und der Champagner knallt wie Freudenruf. So auch hier. Aber hier kamen doch noch Überraschungen. Eine Nachtmusik vor dem Hause drang herauf, und Rosas, welcher sie herbeigeführt, öffnete die Zimmertür. Er ließ die schwarze Dame eintreten. »Meine Mutter!« rief Lauriston und flog ihr entgegen. »Deine überzeugte Mutter, Alfred. Ich kam als Störenfried und kam glücklicherweise zu spät. Die Theaterzettel mit dem Titel deines Stückes ließen mir nichts mehr übrig als zuzusehen und zuzuhören.« Und nun ging sie zu Louison, schloß sie in ihre Arme, küßte sie auf die Stirn und sagte: »Der Himmel selbst hat Sie meinem Sohn geschenkt, ich danke dem Himmel, denn ein besseres Wesen konnte ihm nicht geschenkt werden.« Rosas an der Türschwelle heulte. Was ist weiter zu sagen? Die echte Trauung folgte in kurzer Zeit, und gleichzeitig wurden Zech und Rose getraut. Zech und Rose waren ein kerngesundes Paar, und ihre Ehe wurde mit Kindern gesegnet. Das war leider Louison versagt: sie ist kinderlos verblieben.