Hermann Melwille Omoo oder Abenteuer im stillen Ocean. Erster Theil mit einer Einleitung, die sich den »Marquesas-Inseln« anschließt und Toby's glückliche Flucht enthält.   Aus dem Englischen von Friedrich Gerstäcker   Leipzig, Verlag von Gustav Mayer. 1847. Bibliotheca Regia Monacensis Vorwort. Nirgends wohl zeigt sich die sorglose Tollkühnheit und der wilde zügellose Leichtsinn der Matrosen stärker und auffallender, als gerade in der Südsee oder im stillen Ocean. Größtenteils sind die Fahrzeuge, welche diese Gewässer durchziehen, mit dem Pottfisch- oder Wallfischfang beschäftigt, und das ist schon an sich ein Geschäft, was die abenteuerlichsten, heißköpfigsten Matrosen aller Nationen hier zusammenzieht und ihnen in gar mancher Hinsicht fast völlige Freiheit gewährt, ihren Launen zu fröhnen. Solche Reisen sind auch meistenteils ungemein lang und gefährlich, denn die einzigen erreichbaren Häfen liegen an den barbarischen oder doch nur halbcivilisirten Inseln Polynesiens, oder die gesetzlose westliche Küste von Süd-Amerika entlang; deshalb fallen auch nicht selten, und keineswegs mit dem Wallfischfang in Verbindung stehende Scenen auf solchen Fahrzeugen des stillen Oceans vor. Ohne hier einen genauen Bericht über Wallfischfang geben zu wollen, denn der Plan des Werkes schloß das ganz aus, habe ich mich nur bemüht dem Leser, während ich zugleich meine eigenen Schicksale und Abenteuer schilderte, einen kleinen Begriff von dem Leben und Treiben zu geben gesucht, das an Bord mancher Wallfischfänger herrscht. Dabei habe ich mich auch zugleich bemüht den gegenwärtigen Zustand der bekehrten und halbbekehrten Polynesier zu beschreiben, und wie der Verkehr mit Fremden und die Lehren der Missionaire auf sie eingewirkt haben. Als umherstreifender Matrose verlebte ich etwa drei Monate in den verschiedenen Theilen der Inseln Tahiti und Imeeo, und zwar in Verhältnissen die mir, so ungünstig sie auch für mich selbst sein mochten, doch gestatteten, am allerbesten und ungestörtesten richtige Beobachtungen anzustellen. Wo ich die Missionäre erwähnte, habe ich mich, wie sich das auch wohl von selbst versteht, fest und treu nur an Tatsachen gehalten, und wenn ich manches hier rüge, was mir nicht gefiel, so geschah es nicht um zu tadeln, sondern vielmehr eine günstigere Aenderung der Dinge herbeizuführen. Auch die hie und da eingeflochtenen scherzhaften Bemerkungen über die Tahitier sollen keineswegs jene Nation lächerlich machen; ich schilderte sie nur nach dem wunderlichen Eindruck, den ihr erster Anblick, ihre erste Bekanntschaft, auf mich, den Fremden machte; mein eignes Wesen wird ihnen vielleicht ebenso komisch vorgekommen sein. Die gegenwärtige Erzählung beginnt da, wo die »Vier Jahre auf den Marquesas« schließen, steht aber weiter in keiner Verbindung mit dem früheren Werk, als daß ich selbst der Held der einen wie der andern bin. Alles was der Leser deshalb über die Marquesas zu wissen braucht, wenn diese nicht selber genug Interesse haben sollten ihn zu fesseln, wird in einer kurzen Einleitung gesagt werden. Um übrigens denen meiner freundlichen Leser, welche die »Vier Jahre auf den Marquesas« gelesen haben und dabei auch über Toby's Flucht im Unklaren geblieben sind, diesen kleinen Nachtrag jener Erzählung, wie ich ihn aus Toby's Munde selbst empfing, zu liefern, so will ich hier seine Flucht au« dem Typeethal so kurz als möglich erzählen. Zu diesen Abenteuern im stillen Ocean gehört es aber eigentlich nicht, und soll blos zum Verständniß, oder vielmehr zur Vervollständigung des Früheren dienen. Toby's Flucht aus dem Typee-Thal. An dem Morgen, an dem mich mein Kamerad, wie in der Erzählung erwähnt, verließ, wurde er durch eine Menge von Eingeborenen zum Ufer begleitet; einige von diesen trugen Früchte und Schweine, um mit den Booten, die sie dort zu finden erwarteten, Handel zu treiben. Als sie durch die bewohnte Gegend des Thales zogen, schlossen sich ihnen eine Masse Anderer an, die fast von jeder Seite, schreiend und jubelnd, herbeikamen. So aufgeregt schien die ganze Gesellschaft, daß Toby, dem doch gewiß daran gelegen war den Strand zu erreichen, kaum mit ihnen Schritt halten konnte. Plötzlich kamen sie zu einer Stelle, wo der Pfad einen Arm des Hauptstroms durchschnitt. Da traf ein eigentümlicher Klang ihr Ohr und Alle blieben stehen und horchten. Es war Mow-Mow, der einäugige Häuptling, der vorausgegangen sein mußte, und jetzt seine schwere Kriegslanze gegen den hohlen Stamm eines Baumes schlug. Dies schien ein Alarmzeichen zu sein, denn jetzt wurde nichts gehört wie die Rufe: »Happar, Happar!« und die Krieger warfen und schwangen ihre Speere, und die Weiber und Knaben riefen einander unverständliche Ermuthigungen zu, und suchten Steine auf im Bett des Stromes. Im nächsten Augenblick sprangen Mow-Mow und zwei oder drei andre Häuptlinge aus dem Hain heraus, in dem sie sich bis dahin versteckt gehalten, und der Spektakel vermehrte sich nun um das Zehnfache. – Aha, dachte Toby, nun setzt's Schläge! und er bat schon einen der jungen Leute um seinen Speer; dieser aber verweigerte ihn, indem ihm der junge Krieger lächelnd sagte: die Waffe sei sehr gut für ihn (Typee), aber ein weißer Mann könne viel besser mit seinen Fäusten kämpfen. Solcher muntern Laune schienen auch alle Uebrige zu sein, und trotz ihrer kriegerischen Ausrufungen und Stellungen thaten sie gerade, als ob es etwas ungemein Interessantes wäre, ein Dutzend Pfeile und Wurfspieße aus dem Dickicht heraus zu erwarten. Während mein Kamerad noch umsonst zu begreifen suchte, was dies Alles bedeute, trennte sich eine gute Anzahl der Insulaner von den Uebrigen und liefen in eine benachbarte Baumgruppe, wo sie lauernd das Resultat abzuwarten schienen. Nach einer kleinen Weile winkte ihnen jedoch Mow-Mow, der weiter vorne stand, zu, vorsichtig heranzukommen, und das thaten sie denn auch und zwar so leise, daß man kein Blatt rauschen hörte. So krochen sie etwa eine Viertelstunde vorwärts und hielten dann und wann an, um zu lauschen. Toby'n gefiel nun diese Art von Herumschleichen gar nicht, wenn es einen Kampf gab so wollte er auch gern daß der gleich anfangen sollte. Sein Wunsch schien aber in Erfüllung zu gehen, denn gerade in demselben Moment als sich die Krieger dem dichtesten Theil des Waldes näherten, schlug das fürchterlichste Geheul von allen Seiten an sein Ohr, und Pfeile und Steine zischten und donnerten über den Pfad hinüber. Doch kein Feind war zu sehen, ja kein Mann stürzte, obgleich die Waffen wie Hagel zwischen sie hinein schlugen. Eine augenblickliche Pause entstand nun; da aber ermannten sich die Typee's und warfen sich mit geschwungenen Speeren in das Dickicht; auch Toby blieb keineswegs zurück, denn er hatte ja noch eine alte Rechnung mit den Happar's abzumachen. Während er aber noch in wildester Aufregung dem Ort zustürmte, wo er den Feind vermuthete und eben nach dem Speer eines andern Kriegers griff, um wenigstens eine Waffe zu haben, herrschte wiederum Todtenschweigen und der Wald lag in durch nichts unterbrochener Ruhe da. Das sollte aber nicht lange dauern. Als sich Toby noch überrascht und bestürzt über diese, ihm unerklärliche Zurückhaltung umsah, sprang aus dem Dickicht die Partei hervor, die sich zuerst so vorsichtig fortgeschlichen hatte und Alle vereinigten sich jetzt in ein wildes unauslöschliches Gelächter. Es war Alles nur Spiel gewesen und Toby, der sich in Eile und Aufregung ganz außer Athem gelaufen hatte, ärgerte sich nicht wenig so zum Narren gehabt zu sein. Später fand er, daß die ganze Sache zu seiner besondern Erbauung veranstaltet worden war; zu welchem Zweck blieb ihm allerdings dunkel, nur vermuthete, ja fürchtete er, sie hätten ihn damit aufhalten wollen, denn er fand auch, daß sie jetzt keineswegs in so großer Eile schienen, als das früher der Fall gewesen war. Die Zeit, ehe sie die See erreichten, dauerte ihm entsetzlich lang; da kamen zwei Männer auf sie zugelaufen und es wurde jetzt ein förmlicher Halt gemacht, bei dessen lebhafter Berathung Toby seinen Namen sehr häufig nennen hörte. Natürlich machte ihn das um so eifriger, zu erfahren, was am Strande vorgehe, umsonst versuchte er aber vorauszueilen, sie hielten ihn zurück. Nach einigen Minuten endete die Verhandlung, und während ein Theil von ihnen dem Wasser zulief, umgab ihn ein andrer und bat ihn dringend sich niederzusetzen; auch mitgebrachte Speisen breiteten sie vor ihm ans und reichten ihm eine Pfeife zum Rauchen. Toby bezwang auch seine Ungeduld eine Weile, endlich aber sprang er wieder auf und eilte vorwärts. Nun überholten sie ihn zwar wieder und umzingelten ihn, hielten ihn aber doch nicht weiter zurück, so daß er die See endlich erreichen konnte. An einem freien grasigen Platz, und zwar dicht unter dem Schatten der Happarberge, wo sich ein Pfad durch das Thal hinabwand, verließen sie die, dasselbe bis dahin von beiden Seiten einengenden Halden. Doch ein Boot konnten sie nirgends erkennen, nur eine Menge von Männern und Frauen stand am Ufer und schien sich um einen Mann zu drängen, der eifrig mit ihnen sprach. Als sich Toby diesem näherte, sah er, daß das für in kein Fremder sei. Es war ein alter grauhaariger Matrose, den wir Beide in Nukuheva gesehen hatten, wo er bei dem König Mowanna ein ganz behagliches Günstlings-Leben führte, Jimmy genannt wurde und in seines Herrn Rath ein gar bedeutendes Wort mit einzulegen hatte. Er trug einen Manilla-Hut und eine Art Tappa-Schlafrock, der weit genug vorn aufstand, um auf seiner Brust einen tättowirten Vers sehen zu lassen. Dieser alte Bursche hatte sich hier zur Ruhe gesetzt, kannte die Landessprache und wurde auch deshalb von den Franzosen sehr häufig als Dollmetscher gebraucht. Sobald Schiffe anlandeten ging er gewöhnlich in seinem kleinen Canoe an Bord und regalirte die Matrosen mit Hofanekdoten, daß z. B. Se. Majestät eine schändliche Intrigue mit einer jungen Dame in Happar, einer öffentlichen Festtänzerin, betreibe und andere eben so unglaubliche Erzählungen über die Marquesaner im Allgemeinen. So erinnere ich mich recht gut, daß er einst auf die Dolly kam und der Mannschaft im Vertrauen mittheilte, es lebe ein Ungeheuer auf der Insel, das sich weit in den Bergen drin versteckt halte, um ein Paar riesengroße Hörner zu verbergen, die ihm aus der Stirn wüchsen, Nachts aber krieche es im Dunkeln auf die Menschenjagd herum und irgend Jemand, der einmal zufällig an seine Hütte gekommen sei, wolle diese ganz voll Knochen gefunden haben. Doch um zu Toby zurückzukehren, so sah er kaum den alten Burschen am Ufer, als er auf ihn zulief und die Eingeborenen schlossen einen Cirkel um die Beiden. Jimmy begrüßte ihn erst und sagte ihm dann, daß er recht gut wisse, wie wir Beide vom Schiff weggelaufen und unter den Typee's seien, ja Mowanna habe ihn sogar dazu aufgefordert sie zurückzubringen, um die Belohnung dann mit ihm zu theilen, die auf weggelaufene Matrosen gesetzt worden; jedoch versicherte er, eine solche Zumuthung mit Entrüstung zurückgewiesen zu haben. Dies Alles setzte meinen Kameraden nicht wenig in Erstaunen, denn er hatte gar nicht geglaubt, daß jemals Weiße die Typee's freundschaftlich besuchten. Jimmy behauptete jedoch, daß dies manchmal der Fall sei, obgleich er selten in die Bai hinein käme und kaum jemals zu Wasser zurückkehre. Durch eine Bekanntschaft mit einem Typee und Nukuheva-Priester war er selbst tabotirt worden. Er erzählte aber dabei, daß er hier manchmal Früchte, für die in Nukuheva liegenden Schiffe, ankaufe; in der That sei er in diesem Augenblick zu solchem Zwecke da und zwar über die Happarberge gekommen. Am nächsten Tag brächten die Insulaner die bestellte Frucht an den Strand, häuften sie dort auf und Boote kämen an, sie abzuholen. Jimmy frug jetzt Toby ob er wünsche die Insel zu verlassen; wenn das der Fall wäre, so läge gerade ein Schiff im andern Hafen, dem Leute fehlten, und er würde ihn mit Vergnügen über die Berge führen und an Bord bringen. – Nein, sagte Toby, ich kann diese Insel nicht ohne meinen Kameraden verlassen und der ist noch oben im Thal, weil sie nicht wollten, daß er mich begleite. Kommt, wir wollen ihn holen. – Wie würde er aber mit uns, da er den bösen Fuß hat, über die Berge haben klettern können! Nein, das geht nicht, laßt ihn lieber noch bis morgen dort, und dann kann ich ihn bis Nukuheva im Boot schaffen. – Nein, das geht nicht, rief Toby; auf jeden Fall muß ich ihn mit hierher bringen, und damit wollte er augenblicklich zurückkehren um mich zu holen. Noch hatte er aber keine zwanzig Schritte gethan, als die Eingeborenen hinter ihm herliefen und ihn zurückhielten, ja weder auf sein Bitten noch sein Wüthen achteten und ihm unter keiner Bedingung mehr erlaubten, das Thal zu betreten. So wenig wußte er damals, daß eben jener Jimmy ein herzloser Schuft war, der, davon überzeugt, die Insulaner würden uns Beide nie zusammenziehen lassen, nur seinen eignen Vortheil im Auge hatte, Toby auf das Schiff zu bringen. Noch rang dieser mit den Eingeborenen als Jimmy zu ihm trat und ihn ermahnte, die Wilden nicht böse zu machen, da sie sonst zum Schlimmsten fähig wären. Endlich ließ er Toby auf ein altes zerbrochenes Canoe dicht neben einen großen Steinhaufen niedersitzen, auf dem, von vier Rudern unterstützt, eine Art Heiligthum oder Götzenbild stand, dem die Fischer, wenn sie sich hier versammelten, ihre Opfer brachten. Jimmy behauptete, dieser Platz sei gänzlich Taboo und Keiner würde ihn, so lange er sich in dessen Schatten befinde, belästigen; dann ging er fort und sprach sehr ernstlich mit Mow-Mow und den andern Häuptlingen, während sich die Uebrigen dicht um den Taboo-Platz schaarten, Toby dabei fortwährend aufmerksam betrachteten, und sich angelegentlich mitsammen unterhielten. Trotzdem, was ihm Jimmy eben gesagt, näherte sich ihm eine alte Frau und setzte sich neben ihn auf das Canoe. – Typee Mortarkee? redete sie ihn an. – Mortarkee nuee , erwiderte Toby. Dann frug sie ihn, ob er nach Nukuheva wolle, als er das aber bejahete, füllten sich ihre Augen mit Thränen und sie erhob sich und ging fort. Diese Alte war, wie er von den Matrosen später erfuhr, die Frau eines alten Königs aus dem Innern der Insel, dessen Thal mit dem der Typees in Verbindung stand und dessen Stamm mit diesen auch verwandt sein mußte, da sie einerlei Namen führten. Als sie ihn verließ, kam Jimmy wieder zu Toby und versicherte ihm, er hätte die ganze Sache eben mit den Eingeborenen besprochen und es bliebe ihm nichts als das Eine zu thun übrig. Die Insulaner verweigerten ihm die Rückkehr in's Thal – der alte Schuft hatte sie selbst dazu beredet – und nur Beiden würde es zum Schaden gereichen, wenn sie länger hier am Ufer stehen blieben. – Deshalb fuhr er fort, gehen wir jetzt lieber über Land nach Nukuheva und morgen hole ich Tommo, wie sie ihn nennen, zu Wasser nach. Sie haben mir versprochen, ihn bis Tagesanbruch hierher zu schaffen und nachher leidet unsre Fahrt weiter gar keinen Aufenthalt. – Nein, nein, rief Toby verzweifelt, ich kann ihn nicht so verlassen, wir müssen zusammen fliehen. – Gut, brummte da der alte Matrose, so bleibt alle Beide hier; das weiß ich aber, und so weit kenne ich die Sitten des Landes, geschieht das, so kriegt Keiner von Euch je wieder die See zu sehen. Dagegen versicherte er Toby mit tausend Schwüren, er wolle mich auf jeden Fall morgen nach Nukuheva führen, wenn er nur heute mit ihm ginge. – Woher wißt Ihr aber, daß sie ihn morgen zum Strande bringen werden, wenn sie es heute nicht thun wollen? Der alte Matrose nannte aber so viele Ursachen und that dies unter so wunderlichen Gebräuchen, daß Toby nur noch verwirrter dadurch wurde. Auch begriff er jetzt gar nicht, warum sie ihn nicht wieder zurücklassen wollten, und fing noch dazu an, dem alten Burschen zu mißtrauen. Doch, was sollte er thun! blieb er hier, so befanden wir uns auf der alten Stelle; ging er aber, so konnte er ja auch mir vielleicht Hülfe bringen. Tausend Zweifel bestürmten dabei sein Herz und traurig sinnend saß er auf dem alten Canoe, während die Wilden ihn immer aufmerksamer und neugieriger betrachteten. Endlich legte ihm Jimmy die Hand auf die Schulter und sagte: – Es wird spät; Nukuheva ist noch weit und ich kann das Land der Happars nicht im Dunkeln kreuzen. Ihr seht wie die Sachen stehen, kommt jetzt mit mir und Alles wird gut gehen; denn bleibt Ihr hier, so habt weder Ihr, noch Tommo auf Rettung zu hoffen. – Leider Gottes sehe ich wie Alles ist, seufzte Toby, stand auf und warf einen traurigen Blick in das Thal zurück; ich werde mich Euch wohl anvertrauen müssen. – Nun so haltet Euch dicht an meiner Seite, sagte der Matrose, und laßt uns machen, daß wir fortkommen. Tinor und Fayway erschienen hier und die gute alte Frau umarmte Toby's Kniee, während Fayway kaum weniger bewegt, einige Worte Englisch sprach, die sie gelernt hatte und drei Finger vor ihm aufhob, als ein Zeichen, daß er in so viel Tagen zurückkehren würde. Endlich zog Jimmy den, noch fast immer widerstrebenden Toby aus der Menschenmasse heraus, winkte einem jungen Typee, der mit einem Ferkel auf der Schulter nicht fern stand, und alle drei brachen nach den Gebirgen auf. – Ich habe ihnen gesagt, lachte der Alte, daß Ihr zurückkämt, die werden aber lange warten müssen. Toby wandte sich und sah die Eingeborenen alle in Bewegung; die Mädchen schwenkten ihre Tappas zum Abschied und die Männer ihre Speere. Endlich betrat die letzte Figur den Hain und hob noch einmal wie mahnend den Arm gegen ihn empor. Die Eingeborenen müssen auf jeden Fall auf seine Rückkehr gerechnet haben; sie hielten uns wahrscheinlich für ein paar unzertrennliche Freunde, von denen der Eine dem Andern sein Wort unter keiner Bedingung brechen würde; auch hatte ich ihnen ja gesagt, Toby müsse mir die Medicin holen, die ich so sehr brauchte, was wahrscheinlich durch den Matrosen noch bestätigt wurde. Nichts desto weniger bleibt mir ihr wunderliches halb herzliches, halb feindliches Betragen noch bis auf den heutigen Tag ein Räthsel. – Ihr seht nun, was ich für ein Taboo-Mann bin, sagte der Matrose, während sie auf dem Pfad dahin schritten. Mow-Mow machte mir ein Geschenk mit diesem Ferkel hier, und der Mann, der es trägt, geht gerade durch Happar durch und hinein bis Nukuheva mit uns. Er ist Taboo so lange er bei mir ist, ebenso wie Ihr, und ebenso wird es Tommo morgen sein. So seid denn gutes Muths, morgen früh werdet Ihr ihn wieder sehen. Das Erklettern des Berges ging ziemlich leicht von statten, da die, dem Meere am nächsten Abhänge selten so hoch sind als die, weiter im Innern gelegenen. Auch der Pfad wand sich reizend zwischen den schattigen Laubgängen hin und es dauerte nicht lange, so standen sie oben auf dem Gipfel des Gebirgsrückens, der die beiden Thäler von einander schied. Die weißen Cascaden, welche die Quellen des Typeethales auszeichnen, ließen sich vor allem deutlich erkennen, doch fand Toby, da sie auf der Kuppe weiter schritten, daß sich das Thal der Happars keineswegs so weit in das Land hineindehne als das der Typees, deshalb mochten wir auch wohl das Letztere im Irrthum betreten haben. – Nun sagte Jimmy, während sie in das Happarthal mit schnellen Schritten hinabstiegen, nun will ich Euch meine beiden Frauen hier zeigen. Wir Taboo-Männer haben in allen Thälern Weiber. Er hatte sich aber doch getäuscht, denn als wir das im schattigen Thal errichtete Haus betraten, fanden wir es leer; die Damen waren ausgegangen und Jimmy spielte den entrüsteten Ehemann. Doch die Wahrheit zu gestehen, so blieben sie nicht lange und bewillkommten Jimmy dann herzlich; ebenso Toby, über den sie sich sehr neugierig bezeugten. Uebrigens schien ein Weißer hier keineswegs so viel Bewunderung und Aufmerksamkeit zu erregen, wie das in Typee der Fall war. Des alten Matrosen Frauen mußten nun etwas zu essen bereiten, da die Wanderer noch vor Dunkelwerden in Nukuheva eintreffen wollten; die Happars frugen Jimmy viel über seinen Begleiter. Auch Toby sah sich aufmerksam zwischen ihnen um, den Burschen zu erkennen, der ihm den Hieb über den Kopf gegeben; dieser, mit seinem Speer so bereitwillige Gentleman aber hatte wahrscheinlich nicht unangenehme Rückerinnerungen wecken wollen und war nirgends zu sehen. Sein Anblick würde auch schwerlich dazu beigetragen haben, ihn an das freundliche Happa zu fesseln. Während dieser ganzen Zeit hielt sich der junge Typee so dicht an Jimmy, wie sein Schatten, und obgleich er sonst munter genug gewesen, zeigte er sich doch jetzt äußerst schüchtern und einsilbig und öffnete nie seinen Mund, ausgenommen zum Essen. Einige der Happars blickten ihn auch grimmig genug an; Andere jedoch waren artiger und wollten ihn ein wenig im Thal herumführen; der Typee ließ sich aber nicht auf diese Art überlisten, denn obgleich es für Toby schwer gewesen wäre zu bestimmen, wie viele Schritte weit von seinem Führer der Taboo ihn sicher machte, so wußte Jener das doch gewiß bis auf den Zoll und hütete sich wohl darüber hinauszugehen. Dieser arme Bursche hatte auf das Versprechen eines rothbaumwollnen Schnupftuchs und noch etwas andern hin, das er geheim hielt, diese, sicherlich für ihn höchst gefährliche, Fahrt unternommen und es war wohl das erste Mal, daß sich ein Typee auf solche Art zwischen seine grimmigsten Feinde hineinwagte. Toby nun, während er in dem Happarhause saß, fing fast an seinen Schritt zu bereuen und bat sogar schon einmal den Matrosen, er möchte ihn bis auf den Gipfel des Gebirgsrückens zurückbegleiten. Davon wollte dieser aber nichts hören und reichte ihm, um ihn zu zerstreuen, den Inselpunsch, die sogenannte arvo . Toby kannte die narkotische Wirkung dieses Getränks und weigerte sich es anzunehmen; Jimmy aber versicherte ihm, er würde etwas hineinthun, das ihm das Betäubende benehme und den Körper aufrege, anstatt ihn zu erschlaffen. Das geschah denn auch und darin hatte er auf jeden Fall Recht gehabt, denn Toby, nachdem er ein paar Becher voll getrunken, wurde munter und vergaß fast alles Geschehene. Der alte Bursche aber ließ nun einen Theil dessen durchschimmern, was er wirklich war, obgleich Toby an dem Abend noch keinen Verdacht schöpfte; er nahm nemlich Toby das Versprechen ab, daß er ihn, weil er ihn doch aus dem Thal gerettet habe, fünf spanische Dollar gebe, sobald er seinen Vorschuß vom Schiff empfangen habe. Toby versprach ihm noch viel mehr, wenn er mich nur bringe. Als sie das Happarthal endlich verließen, schien Niemand froher darüber zu sein, als der junge Typee. Als sie die Höhe einmal erreicht hatten, führte ihre Bahn auf mehreren Gebirgsrücken hin, die mit ungeheuren Farrnkraut bedeckt waren. Endlich betraten sie wieder Holzland, und hier überholten sie eine Abtheilung von Nukuhevakriegem, die wohlbewaffnet, große Bündel langer Stangen schleppten. Jimmy schien sie Alle zu kennen und blieb eine Zeitlang stehen, sich mit ihnen zu unterhalten und über die Wee-Wees, wie die Nukuhevaleute die Franzosen nennen, zu reden. Die Leute mit den Stangen waren König Mowannas Männer und hatten ihre Last auf seinen Befehl in den Schluchten gehauen, um sie seinen Alliirten, den Franzosen, an Bord ihrer Fahrzeuge zu schaffen. Toby und seine Gefährten hielten sich übrigens nicht lange mit diesen Leuten auf, denn die Sonne fing schon an zu sinken. Bald erreichten sie auch die Thäler von Nukuheva, und sahen hier, daß das französische Kriegsschiff noch immer im Hafen lag. Toby, der jetzt, mit den bekannten Gegenständen vor sich, an all das Erlebte zurückdachte, konnte sich kaum überreden, daß er nicht geträumt habe. Bald stiegen sie an den Strand hinab und erreichten, ehe es noch vollkommen dunkel wurde, Jimmys Haus, wo er ebenfalls wieder freundlich von seinen Nukuheva-Weibern empfangen wurde und als Erfrischung Cocosmilch und einiges Poee-Poee vorgesetzt erhielt, dann bestiegen sie ein Canoe – der Typeer natürlich mit – und ruderten zu einem Wallfischfänger hinüber, der dort lag und Leute brauchte, denn unser Fahrzeug hatte vor wenig Tagen die Anker gelichtet. Der Capitän desselben freute sich Toby zu sehen, meinte aber, er sähe sehr erschöpft aus, und würde wohl nicht ganz arbeitstüchtig sein. Dennoch verstand er sich dazu, ihn und auch mich anzunehmen, wenn ich nämlich herbei geschafft werden könnte. Toby bat nun dringend, doch ein bewaffnetes Boot nach mir auszusenden, und mich zu retten, ohne weiter auf Jimmy's Versprechungen zu achten; davon wollte jedoch der Capitän gar Nichts hören und rieth ihm nur Geduld zu haben, da der alte Matrose sein Wort gewiß halten würde; auch die fünf Dollar schien er nicht gern auszahlen zu wollen, doch fügte er sich endlich, da Toby darauf bestand. Toby fing nemlich jetzt an, den Alten nur für einen Geldpresser zu halten und versprach ihm deshalb auch eine viel bedeutendere Summe, wenn er mich glücklich und gesund einliefern würde. Vor Sonnenaufgang am nächsten Tag ruderte Jimmy und der Typee, mit noch mehrern andern tabotirten Eingeborenen in zwei von den Schiffsbooten nach der Bai hinüber, wollte aber unter keiner Bedingung Toby mitnehmen, der sonst, wie er betheuerte, nur Alles verderben werde. An demselben Abend kehrten sie jedoch ohne mich zurück und der Alte hatte jetzt eine Menge Ausflüchte – erklärte, sie hätten mich nicht ans Ufer bekommen können, und verschwor sich hoch und theuer, mich am nächsten Morgen aus dem Thal heraus zu holen, es möchte kosten was es wolle. Toby wollte er aber wiederum nicht mitnehmen. Noch einmal hoffte mein armer Kamerad, der alte Schurke werde sein Wort halten, und beruhigte und vertröstete sich auf den nächsten Morgen; kaum war aber an diesem das Canoe, denn die Boote ließ der Alte am Bord, um das nächste Vorgebirge verschwunden, als der Capitän den Befehl gab die Anker zu lichten – er wollte in See stechen. Vergebens war Toby's Bitten und Wüthen – er wurde gar nicht weiter beachtet, und als er endlich wieder zu sich kam, blähten sich die Segel im frischen Winde und das Schiff verließ rasch das Land. Ach – sagte er zu mir, als wir uns endlich wieder fanden – wie viel schlaflose Nächte hat mir jene unfreiwillige Flucht gemacht – wie oft, wie oft habe ich mir in den bittersten härtesten Worten vorgeworfen, den Freund in solchem Zustand auf der Insel und unter Kannibalen verlassen zu haben.   Wenig bleibt mehr zu erzählen, Toby verließ sein Schiff in Neu-Seeland und erreichte, nach einigen andern Abenteuern und in etwas weniger als zwei Jahren, die Heimath. Natürlich hielt er mich für todt, und ich hatte ebenfalls alle Ursache zu glauben daß auch er nicht mehr unter den Lebenden wandle, ein wunderbares Begegnen führte uns aber wieder zusammen, und Toby war besonders entzückt, mich und meinen frühzeitigen Tod nicht mehr auf dem Gewissen zu haben. Einleitung. Im Sommer 1842 besuchte der Autor dieser Zeilen die Marquesas Inseln »vor dem Mast«, d. h. als gemeiner Matrose, und zwar in einem Amerikanischen Wallfischfänger. An der Insel Nukuheva verließ er sein Schiff, das später ohne ihn absegelte. Das Innere der Insel durchstreifend kam er zu dem Typeethal, das noch von einem, kaum mit der Civilisation bis dahin in Berührung gekommenen Wildenstamm bewohnt wurde, und von wo aus sein Gefährte (Toby) entkam, während der Autor selbst etwa vier Monate lang, jedoch in keiner harten Gefangenschaft, zurückgehalten wurde. Zuletzt entkam er in einem Boot, das die Bai besuchte. Dieses Boot gehörte einem Mannschaft suchenden Fahrzeug an, das erst kürzlich den benachbarten Hafen derselben Insel berührt und dort zufällig von des Autors Gefangenschaft in Typee gehört hatte. Um mit dem Matrosen seine Mannschaft womöglich zu verstärken, segelte er dorthin und legte, vor der Bucht, bei. Da man übrigens die Typees für feindlich gesinnt hielt, so wurde das Boot mit »Taboo« Eingeborenen des andern Hafens bemannt – mit solchen nämlich, die nach den, selbst von feindlichen Stämmen anerkannten Gesetzen, frei überall hingehen konnten – und diese sollten, mit einem Dolmetscher versehen, des Autors Freilassung bewirken. Das wurde auch endlich, doch nicht ohne Gefahr, glücklich bewerkstelligt, da noch dazu der Gefangene gerade zu jener Zeit einen kranken Fuß hatte. Das Boot erreichte die offene See – in der Ferne lag das Schiff und hiermit beginnt unsere Erzählung. Das Wort »Omoo« , das ich zum Titel des Buchs gewählt habe, bedeutet in der Landessprache der Tahitier »einen Wanderer von Insel zu Insel«. Capitel I. Mein Empfang an Bord. An einem wundervollen tropischen Nachmittage war es, als wir, wie ich in der Einleitung erwähnte, glücklich aus der Bai von Typee entkamen. Das Schiff, dem wir zuruderten, lag mit seinem großen Marssegel backgebraßt etwa eine League vom Lande, und war der einzige Gegenstand, der die weite monotone Wasserwüste dort unterbrach. Je näher wir kamen, desto mehr erkannten wir übrigens, daß es nur ein höchst mittelmäßiges, unordentlich aussehendes Fahrzeug sei, mit dunkeln, wettergefärbten Rumpf und Takelwerk und unnatürlich weißgebleichten und nachlässig aufgeriggten Segeln, die allerdings für die innere Einrichtung nicht besonders sprachen. Die vier Boote, die an den Seiten befestigt hingen, verkündeten den Wallfischfänger, und über die Bulwarks nachlässig gebogen, lehnten die Matrosen; wilde, ruppig aussehende Burschen mit schottischen Mützen und verschossenen blauen Jacken, manche von ihnen mit einer wahren Mumienfarbe, zu der wohl Sonne wie Krankheit gleichviel beigetragen hatten. – Auf dem Quarterdeck stand Einer, den ich für den Obersteuermann hielt; er trug einen breitrandigen Panamahut und sein Fernglas war, als wir uns näherten, auf uns gerichtet. Sobald sie uns mit bloßen Augen vom Deck aus erkennen konnten, klang ein Ausruf des Erstaunens von vor bis aft und alle betrachteten uns mit neugierigen, verwunderten Blicken; sie hatten aber auch wahrlich Ursache dazu. Die wilde Bootsmannschaft gar nicht zu erwähnen, die in all ihrer Aufregung keuchte und hetzte und ganz Leben und Bewegung schien, mußte mein eigenes Aussehen allein schon die Neugierde eines Jeden, selbst des nüchternsten Menschen rege machen. Ein Mantel vom Zeug der Eingeborenen hing über meine Schultern, und neben ungeschorenem Bart und ungeschnittenem Haupthaar verrieth sicherlich mein ganzes Wesen und sonstiges Aussehen, welch wunderliche Abenteuer ich kürzlich bestanden haben mußte; ich erreichte auch kaum das Deck, so bestürmten sie mich schon, von allen Seiten mit einer solchen Unmasse von Fragen, daß ich sie kaum verstehen, vielweniger beantworten konnte. Wie wunderbar aber doch, beiläufig gesagt, das Schicksal oft wieder Menschen, die sich einmal kennen gelernt haben, zusammenführt; so fand ich hier zwei Leute, mit denen ich schon in früherer Zeit befreundet gewesen, und zwar mit dem Einen, einem alten Kriegschiffsegler, in Rio Janeiro. Mit dem Zweiten hatte ich in einem Matrosenkosthaus in Liverpool zusammen gewohnt. Ich erinnerte mich noch recht gut der Zeit, wo wir an Princes-Dock's inmitten eines Schwarms von Polizeibeamten, Kofferträgern, Bettlern u. dgl. Abschied von einander genommen, und hier sahen wir uns wieder. Jahre waren indeß vorbeigerollt, manch lange Seemeile hatten wir durchzogen und wurden jetzt unter Umständen aufs Neue zusammengeworfen, die mich fast meine eigne Existenz bezweifeln ließen. Nur wenige Momente vergingen, ehe der Kapitän mich in die Kajüte rufen ließ. Er war noch ein junger Mann, blaß und zart gebaut, und glich eher einem bleichsüchtigen Handlungscommis als einem derben Seekapitän. Er ließ mich niedersetzen und mir durch den Steward ein Glas Pisco Dieses spirituose Getränk erhält seinen Namen von einer nicht unbedeutenden Stadt in Peru, wo es in großen Quantitäten gebraut wird; es ist an der ganzen westl. Küste von Südamerika wohl bekannt, auch schon nach Australien ausgeführt und sehr billig. reichen; in dem Zustande aber, in dem ich damals war, machte mich dies starke Getränk so confus, daß ich gar nicht mehr wußte, was mit mir vorginge. Auf die Frage übrigens, ob ich mich »einschiffen« wollte, antwortete ich natürlich bejahend, mit der Bedingung jedoch, daß er mich bloß für eine Fahrt schiffte und im nächsten Hafen, wenn ich es verlangen würde, wieder aussetze. Seeleute gehen auf diese Art in der Südsee häufig an Bord von Wallfischfängern. Der Capitän nahm auch mein Anerbieten an, und ich bekam die Schiffsgesetze zum unterzeichnen vorgelegt. Der Obersteuermann wurde nun heruntergerufen und damit beauftragt, einen »ordentlichen Menschen« aus mir zu machen; nicht aber etwa weil sich der Capitän besonders für mich interessirt hätte, sondern bloß, damit ich nicht zum Scandal herumliefe und sobald als möglich Dienste thun könne. Wieder an Deck angekommen, legte mich der Obersteuermann auf den Windlaß hin, untersuchte mein krankes Bein, dotierte es dann mit irgend einem mir unbekannten Kram aus der Medicinkiste und rollte es in Segeltuch ein; machte aber ein so dickes Bündel daraus, daß ich kaum darüber hinweg sehen konnte und, auf dem Windlaß sitzend, das Bein vor mir ausgestreckt, einem Matrosen mit der Gicht glich. Während dies geschah nahm mir Einer meinen Tappamantel ab und zog mir an dessen Platz eine blaue Jacke an, und ein Anderer, ebenfalls mit dem freundlichen Wunsche, einen civilisirten Sterblichen aus mir zu machen, arbeitete mit einer Art Papierscheere an meinem Kopf herum, was meine beiden Ohren in nicht unbedeutende Gefahr, Haar und Bart aber in kurzer Zeit an Deck brachte. Der Tag näherte sich nun seinem Ende und das Land schwand mehr und mehr in blaue Ferne – träumend aber starrte ich auf die wogende See hinaus, die uns umgab. Alle meine Wünsche waren erfüllt – ich befand mich wieder an Bord eines Schiffes und durfte hoffen, nach kurzer Zeit Heimath und Freunde wiederzusehn, und dennoch – dennoch bedrückte mich ein wehmüthiges Gefühl nieder, das ich nicht abzuschütteln vermochte. Es war der Gedanke, die nie wieder zu sehen, die mich doch, trotzdem, daß sie mich als Gefangenen hielten, so freundlich und liebevoll behandelt hatten. Ich verließ sie aus immer. So plötzlich und unerwartet war meine Flucht gewesen, und so groß kam mir jetzt der Unterschied zwischen der üppigen Ruhe am Ufer und dem rauhen, wilden, beweglichen Schiffsleben vor, daß ich nicht übel Lust hatte, alle meine eben überstandenen Abenteuer für einen Traum zu halten, und ich konnte mich kaum selbst davon überzeugen, daß diese Sonne, die jetzt in einer unbegrenzten Wasserwüste niedersank, an demselben Morgen über Gebirgen aufgegangen war und durch schattige Haine auf mich niedergeblickt hatte, während ich selbst ausgestreckt auf einer Matte in Type lag. In das Vorcastle, etwas nach Dunkelwerden, hinabsteigend, wurde mir eine elende Coje angewiesen, eine Art Schlafkasten, von dem zwei übereinander angebracht sind, und deren zerlegene Holzmatratze mit Stücken Wollendecke überlegt, mein Lager ausmachte. Ich bekam dann einen aus aller Facon gebogenen Zinnbecher mit »Thee« – und zwar Thee wohl nur aus Höflichkeit so genannt, denn ob die Brühe der Stengel, die noch darin herumschwammen, diesen Namen wirklich verdiente, ist eine Sache, die Schiffs-Eigenthümer mit ihrem eigenen Gewissen abmachen müssen. – Ein Stück gesalzenes Rindfleisch auf einem harten Schiffszwieback als Teller wurde mir ebenfalls herauf gereicht, und ohne weitere Umstände hielt ich eine Mahlzeit, die mir allerdings nach der ungesalzenen Nebukadnezarkost des Thales delicat erschien. Während ich mich noch so beschäftigte, paffte ein alter Matrose, auf der Kiste unter mir, ganze Wolken von Dampf zu mir empor, wischte dann, als ich mein Mahl beendet, das Mundstück der verräucherten Pfeife an seinem Aermel ab und hielt sie mir artig hinauf. Diese Aufmerksamkeit war ächt seemännisch und wer jemals im Vorcastle gelebt hat, ist auch gerade nicht so eigen. Nach ein paar tüchtigen Zügen also drehte ich mich herum und that mein Bestes, mich selbst zu vergessen – doch umsonst. Meine Krippe, anstatt vor und ast zu gehen wie es eigentlich sein sollte, bildete mit dem Kiel einen rechten Winkel, d. h. ging von Larbord nach Starbord, und da das Schiff vor dem Wind segelte, und die See ziemlich hoch ging, so rollte es dabei so, daß ich jedes Mal, wenn meine Hacken in die Höhe und mein Kopf herunter fuhr, glaubte, ich würde einen Purzelbaum schlagen. Außerdem gab es noch einige andre Sachen, die alles Mögliche thaten, meinen Schlaf zu verderben. Dann und wann schlug sogar eine Welle über Bug, und sandte ihren Antheil durch die offne Luke herab, was mir jedes Mal das kalte Wasser ins Gesicht spritzte. Endlich nach einer schlaflosen Nacht, die zwei Mal durch den erbarmungslosen Ruf der Wache unterbrochen wurde, sah ich den ersten Tagesstrahl zu mir niederdringen und irgend Jemand stieg herab. Es war mein alter Freund mit der Pfeife. – Hier, Kamerad, sagte ich, helft mir 'mal hier heraus und laßt mich an Deck gehen. – Halloh, wer krächzt da? lautete die Antwort, als Jener in die Dunkelheit hineinstarrte, wo ich lag. Ah Typee, mein Kanibalenkönig, seid Ihr das? Aber hört einmal, mein Bursche, wie gehts denn Eurer Spiere? Der Obersteuermann meint, es sähe verdammt bös damit aus und er hat den Steward gestern Abend die Handsäge schärfen lassen. Ich hoffe doch nicht, daß er an Euch herumzuarbeiten bekömmt? Noch lange vor Tageslicht erreichten wir die Bai von Nukuhewa und machten bis gegen Morgen kurze Gänge, wo wir dann einliefen und ein Boot mit den Wilden, die mich an Bord gebracht, zum Ufer schickten. Als das zurück kehrte, setzten wir Segel bei und ließen das Land im Rücken. Es wehte eine prächtige Briese und trotz meiner ruhelosen Nacht machten doch die kühlen, kräftigen Seewinde einen unbeschreiblich wohlthätigen Eindruck auf mich. Den größten Theil des Tages saß ich nun auf dem Windlaß und unterhielt mich mit den Leuten, lernte auch dadurch das Schiff und seine bisherigen Schicksale kennen, und will die dem Leser hier kurz vorführen. Capitel II. Nachrichten über das Schiff selbst. Zuerst möchte es wohl nöthig sein, das Fahrzeug selbst, die »Julia« oder die »kleine Jule«, wie sie die Matrosen nannten, etwas näher zu beschreiben. Sie war eine niedliche Barke von ausgezeichneter Form, etwas über zweihundert Tonnen, Dankee-Bauart und sehr alt. In einem Neu-Englandhafen während des Krieges von 1812 als Caper ausgerüstet, war sie durch einen brittischen Kreuzer genommen und nach allen möglichen Dienstleistungen endlich zu einem Regierungspacketboot in den australischen Seen verwendet. Zu dem Dienst nicht mehr tauglich, hatte sie vor etwa zwei Jahren ein Haus in Sidney in Auction erstanden, und nach einigen unbedeutenden Ausbesserungen auf ihre jetzige Fahrt ausgeschickt. Trotz dieser Reparatur nun, befand sie sich doch noch in gar traurigem Zustande. Die unteren Maste sollten ungesund sein, das stehende Tauwerk war entsetzlich abgenutzt und selbst ein großer Theil der Bulwarks angefault; dennoch schien sie ungemein wasserdicht, und kaum mehr als das gewöhnliche Pumpen an jedem Morgen hielt sie frei. Das Alles hatte aber gar nichts mit ihrem Segeln zu thun, und was das betraf, so war unsere brave kleine Jule eine wahre Hexe. Schwache Briese oder starker Wind, sie gehorchte gern und willig den Segeln, und wenn sie sich die Wellen vorn über den Bug warf und tanzte und stampfte, da dachte man wahrlich nicht an ihre geflickten Segel und ihren abgewetterten Rumpf. Wie das wackere kleine Ding vor dem Wind dahin schoß! Es ist wahr, sie rollte ein bischen, aber es kam Einem ordentlich vor, als ob sie das nur zum Spase thäte, und bei dem Winde konnte sie kein Sturmwind über den Haufen blasen; mit fest angebraßten Segeln schien sie dem Winde gerade in die Zähne zu deuten und dort ging sie auch hin. Mit all' diesen guten Eigenschaften durfte man der kleinen Jule freilich nicht recht vertrauen; lebhaft und spielig war sie, doch deshalb vielleicht auch gerade umso unsicherer, denn wer wußte, ob sie nicht, wie ein noch recht lebenslustiger, alter Sterblicher, einmal in einer schönen Nacht einen Leck springen und uns alle mit hinabnehmen würde. Doch sie that das nicht, und ich will ihr deshalb auch keine bösen Vermuthungen nacherzählen. Sie hatte eine freie Commission und ihren Papieren nach konnte sie gehen, wohin sie wollte, auf Wallfischfang, Handel oder sonst etwas. Auf den Pottfischfang ging aber ihr vorzüglichstes Augenmerk, wenn auch bis jetzt erst zwei Fische eingebracht werden. Als sie Sidney verließ, bestand die ganze Mannschaft aus etwa zwei und dreißig Seelen, jetzt zählte sie noch zwanzig, die Uebrigen waren desertirt. Selbst die drei Untersteuerleute, die Führer der Wallfischboote, hatten sich empfohlen, und von den vier Harpunieren nur zwei ihren Platz behauptet, – Einer, ein wilder Neuseeländer oder Mowree, wie seine Landsleute im stillen Ocean genannt werden. Doch das war noch nicht Alles; die große Hälfte der zurückgebliebenen Seeleute lag an den Folgen eines langen Aufenthalts im ungesunden Hafen darnieder; Einige von ihnen gänzlich unfähig zum Dienst, ein Paar sogar lebensgefährlich krank, und die Uebrigen suchten zwar ihre Wachen zu halten, konnten aber auch wenig oder gar nichts thun. Der Capitän war ein junger Cockney, Cockney werden von den Seeleuten gewöhnlich alle solche genannt, die sich mit dem Seewesen befassen wollen, aber nichts davon verstehen. Am häufigsten gebraucht man diesen Ausdruck von in London Geborenen. der vor einigen Jahren nach Australien auswanderte und dort durch Connexionen dieses Commando erhielt, dem er aber keineswegs vorzustehen wußte. Obgleich vielleicht wissenschaftlich gebildet, paßte er kaum besser auf die See als ein Friseur, und deshalb machte sich auch Jedermann über ihn lustig. Sie nannten ihn den »Cajütenjungen«, den »Papierjack« und noch Gott weiß wie sonst. Die Leute schienen das auch keineswegs geheim halten zu wollen und er selbst wußte es eben so gut, und betrug sich deshalb mit der gehörigen Bescheidenheit. So wenig als möglich mit den Matrosen verkehrend, überließ er alles dem Obersteuermann, dem, wie man sich am Bord erzählte, der Capitän mitgegeben war. Trotzdem und trotz seiner scheinbaren Unthätigkeit hatte unser stiller Cockney jedoch mehr mit den Leuten zu thun, als man sich im Anfang dachte. Es war einer jener mehr schaafmäßig aussehenden Gesellen, die hinter dem wolligen Felle eine Art heimlicher Schlauheit verbergen, und diese wird deshalb gefährlicher als jede andre, weil man sie da so wenig vermuthete. So wurde selbst der derbe Obersteuermann, der stets glaubte er thue nur das, was er wolle, gar nicht selten zu einem bloßen Werkzeug gemacht und manche, den Matrosen höchst fatale Regeln, die er einführte und trotz allem Gemurre durchsetzte, entsprangen in der That in dem Kopfe unsers kleinen »Jack mit Nankinjäckchen und weißen Leinwandhosen«. Im Ganzen genommen that aber der Obersteuermann wirklich nur das, was er selbst wollte, und es ließ sich wohl nicht verkennen, daß ihn der Capitän fürchtete. So weit denn auch, als Muth, seemännische Kenntnisse und eine natürliche Fähigkeit aufrührerische Geister in Subordination zu halten, in Betracht kam, so weit besaß kein Mensch bessere Fähigkeiten als eben unser Obersteuermann John Jermin. Er war das wirkliche Ideal eines kurzen, untersetzten Mannes; sein in dichte, feste Locken geringeltes, eisengraues Haar bedeckte den runden Kugelkopf; die stark markirten Züge trugen bedeutende Spuren der Blattern, dabei schielte er ein klein wenig auf dem einen Auge; die Nase zog sich etwas keck nach der linken Seite und sein breiter Mund mit dem hellglänzenden Gebiß hatte, besonders wenn er lachte, etwas wirklich haifisch ähnliches. Wie wenigversprechend nun auch sein Aeußeres sein mochte, so besaß Jermin doch auch wieder seine sehr guten Eigenschaften, mit denen man nach gar kurzer Bekanntschaft vertraut wurde. Eine seiner Hauptschattenseiten war dagegen die, daß er allen schwachen Eindrücken widerstand und sich gern an äußerst starke Getränke hielt, unter deren Einfluß er sich fast stets befand. Mäßig genossen glaube ich auch in der That, daß sie einem Manne von seiner Constitution zusagten; sie machten ihm die Augen klar, wuschen ihm die Spinnweben aus dem Hirn und regulirten seinen Puls; manchmal trank er aber doch zuviel und ein dickköpfigerer Bursche als Jermin dann war, existirte gar nicht mehr. In diesem Zustande schlug er sich mit Jedem, der ihm in den Weg kam, aber gerade die, die er prügelte, liebten ihn wie einen Bruder, denn er hatte eine solche unwiderstehliche gutmüthige Art Jemand zu Boden zu schlagen, daß man ihm doch nicht böse sein konnte. Aber genug für jetzt von unserm kleinen Jermin. Alle englischen Wallfischfänger müssen dem Gesetz nach einen Arzt mitführen, der natürlich als Gentleman behandelt wird, in der Kajüte wohnt und nichts als die in sein Fach schlagenden Geschäfte zu besorgen hat. Außerdem trinkt er noch jedenfalls Flip und spielt Whist mit dem Capitän. Auch an Bord der Julia befand sich ein solches Individuum, sonderbarer Weise aber hauste dieses im Vorcastle bei dm Leuten, und das zwar aus folgender Ursache. Im Anfang der Reise hatte Doctor und Capitän so gemächlich mitsammen gelebt, wie man es sich nur wünschen kann, auch mitsammen getrunken, während es ihnen, da der Eine belesen, der Andere viel gereist war, nie an Stoff zur Unterhaltung fehlte. Einmal aber geriethen sie über Politik in Streit, und der Doctor, ein etwas heißköpfiger Bursche, vertheidigte sein Argument so lebhaft, daß er in der Hitze des Gesprächs den Capitän zu Boden schlug und ihn so im wahren Sinne des Worts zum Schweigen brachte. Da er hierin ohne Zweifel ein wenig zu weit gegangen, so mußte er zuerst in seiner Coje zehn Tage brummen, um bei Wasser und Brod über sein unverantwortliches Betragen nachzudenken. Entrüstet über diese Schmach versuchte er bald darauf an einer der Inseln die Julia heimlich zu verlassen, wurde aber erwischt, zurückgebracht und wieder eingesperrt. Zum zweiten Male befreit, schwur er da, keinen Augenblick länger mit dem Capitän »unter einem Dach« zu wohnen und schaffte seine Kisten und Siebensachen nach vorn zu den Matrosen, wo man ihn, als einen beleidigten Mann, mit offenen Armen empfing. Da er übrigens in dieser Erzählung eine sehr bedeutende Rolle spielen wird, so muß ich mich noch etwas weiter über ihn auslassen. Die Geschichte seiner früheren Jahre lag, wie die mancher anderer Helden, in tiefem Dunkel begraben, obgleich er dann und wann einzelne Winke fallen ließ, die auf bedeutende Vorfahren, einen Nabob-Onkel und eine unglückliche Geschichte, die ihn in die Welt stieß, hindeuten sollten. So viel man von ihm wußte, war, daß er als Gehilfe eines Wundarztes auf einem Auswanderer-Schiffe nach Sidney gekommen, dort ins Innere des Landes gegangen und nach einigen Monaten, von Geld total entblößt, in die Hafenstadt zurückgekehrt sei, wo er dann die Stelle eines Doctors auf der Julia annahm. Seine persönliche Erscheinung machte einen merkwürdigen Eindruck; – er war über sechs Fuß hoch, ein wahrer Knochenthurm mit völlig farblosem Teint, blondem Haar und einem kleinen grauen Auge, das auf eine verwünscht maliciöse, oder vielmehr schadenfrohe Art umherblitzte. Unter den Leuten hieß er der lange Doctor, oder noch häufiger Doctor Lattengeist. Woher er nun aber auch gekommen und was seine früheren Lebensansprüche gewesen sein mochten, er hatte auf jeden Fall schon einmal viel Geld verthan, Burgunder getrunken und unter Gentlemen gelebt. Was seine Gelehrsamkeit betraf, so citirte er Virgil, sprach viel über Hobbes von Malmesbury und deklamirte oft ganze Gedichte. Uebrigens hatte er die Welt gesehen und schwatzte auf eine liebenswürdige und ganz unbefangene Weise von einer Liebschaft in Palermo, einer Löwenjagd mit den Hottentotten und über den Kaffee in Muskat, und wußte von all diesen Plätzen und hundert andern mehr Anekdoten als ich wieder erzählen könnte. Dabei sang er prächtige alte Lieder und zwar mit einer so weichen melodischen Stimme, daß man gar nicht begriff, wie die aus dem langknochigen Leibe herauskam. Im Ganzen war Doctor Lattengeist ein so angenehmer Gesellschafter, wie ihn sich nur Jemand wünschen konnte, und für mich und die Julia ein wahrer Gottgesandter. Wirkliche Disciplin fehlte übrigens an unserem Bord gänzlich, und das Fahrzeug befand sich deshalb in einem fortwährenden und förmlichen Aufruhr. Der Capitän ließ sich, seit langer Zeit durch Krankheit in der Cajüte zurückgehalten, gar nicht mehr an Deck sehen; der Steuermann jedoch war so wacker wie ein junger Löwe und machte einen greulichen Spektakel im ganzen Schiffe herum. Bembo, der Neuseelandharpunier, verkehrte mit fast Niemand weiter als dem Steuermann, da dieser nur allein seine Sprache verstand. Den größten Theil des Tages saß er vorne am Bugspriet und fischte nach Albicoren mit einem Fischhaken von Knochen, und weckte manchmal in einer dunkeln Nacht die ganze Mannschaft auf, wenn er vorn auf dem Vorcastle, und ganz allein für sich, irgend einen kannibalischen Fandango stampfte. Im Ganzen betrug er sich höchst ruhig, obgleich etwas in seinem Auge allerdings verrieth, daß er keineswegs gefahrlos sei. Doktor Lattengeist hatte dem Capitän seine »Niederlegung der Schiffsdoktorwürde« eingesandt, sich als Passagier nach Sidney angegeben und machte sich's nun ungemein bequem. Was die Mannschaft betraf, so schien sie für Leute in ihrer Lage sehr ergeben in ihr Schicksal und die Uebrigen betrugen sich gerade wie Männer, die den heutigen Tag benutzen und sich den Teufel daran kehren, was aus dem morgenden wird. Die Provisionen der Julia waren unter der Würde; wenn ein Faß eingesalzenes Schweinefleisch aufgemacht wurde, so sah es gerade aus, als ob es in Eisenrost gelegen hätte und verbreitete einen nichtswürdigen Geruch. Da Pökelfleisch war noch schlechter; eine mahagonyfarbene, sehnige Masse und so zähe und geschmacklos, daß ich des Kochs Anekdote wirklich glaube, der erzählte, er hätte einen Pferdehuf, mit dem Hufeisen dran, aus einem der Fässer heraus gefischt. Die Zwiebäcke harmonirten mit dem Ganzen, sie waren in kleine harte, feuersteinartige Stücke zerbrochen und total durchlöchert, als ob die Käfer, die diesen Artikel auf langen tropischen Reisen gewöhnlich zum Aufenthaltsorte wählen, den Stoff, nach Nahrung suchend, durchbohrt hätten, und nun an den Antipoden wieder herausgekommen wären, ohne irgend etwas gefunden zu haben. Von dem, was die Matrosen »kleine Mundvorräthe« nennen, führte die Julia fast gar nichts, nur Thee sollte in Ueberfluß an Bord sein, die Hongkong-Kaufleute hatten ihn aber schwerlich versandt. Einen um den andern Tag bekamen wir dabei »Kugelsuppe«, wie sie die englischen Matrosen nennen, ein Gebräu aus großen grauen Erbsen, die sich in lauwarmem Wasser herumtreiben und gegenseitig blank poliren. Wie ich später erfuhr, so waren alle unsere Provisionen von den Eigentümern in einer Auktion condemnirten Schiffsproviants aufgekauft worden; ein Matrose hätte aber dennoch trotz der wässrigen Suppe und dem übersalzenen Fleisch eine übrigens gute Mahlzeit am Bord der Julia halten können, wäre nur vielleicht eine Kartoffel, ein Yam oder ein Pisang dabei gewesen; doch Gott bewahre, nicht die Probe von alledem befand sich an Bord, oder wenigstens im Bereich des Vorcastles, und nur eins konnte die Mannschaft mit der Kost wieder in etwas versöhnen, und das war der regelmäßig ausgetheilte Pisco. Es mag sonderbar scheinen, daß bei solchem Zustand der Dinge der Capitän überhaupt in See blieb; die Sache hatte aber ihren Haken; im Hafen riskirte er, daß ihm alle seine Leute desertirten und auch so fürchtete er wohl nicht ohne Grund, in irgend einer fremden Bai einmal plötzlich seinen Anker über Bord und keinen Mann an Bord zu haben, der ihn wieder herausholte. Unter vernünftigen Offizieren kann auch der widersetzlichste Seemann in offener See im Zaum gehalten werden, einmal aber in Taulänge vom Lande und es ist schwer sie zurückzuhalten. Deshalb gehen viele Südsee-Wallfischfänger manchmal in achtzehn oder zwanzig Monaten gar nicht vor Anker und wenn sie frische Provisionen haben müssen , so legen sie lieber acht oder zehn Miles davon bei und schicken ein Boot an's Ufer. Die Mannschaft auf solchen Fahrzeugen besteht denn auch meistens aus Vagabunden von allen Nationen und Farben, die in den gesetzlosen Häfen des spanischen Gebiets, oder auf den verschiedenen Inseln aufgelesen sind. Wie Galeerensklaven können solche Menschen nur mit Peitsche oder Ketten in Ordnung gehalten werden, und die Offiziere tragen stets ihre Pistolen und Dolche, – wohl gut versteckt – doch immer schlagfertig bei sich. Nicht wenige unsrer eignen Mannschaft bestanden aus dieser Art Leute, doch so toll sie auch zu Zeiten sein mochten, so hielt gerade die derbe trunkene Energie Jermins sie in einer Art lärmender Subordination; wenn es einmal noth that, so flog er mitten zwischen sie, und seine Püffe und Stöße regneten nach allen Seiten. Wie ich aber schon vorher erwähnte, so ertrugen sie seine derbe Schlag-mich-nieder-Autorität mit dem vortrefflichsten guten Humor, während ein anderer nüchterner Offizier gar nichts hätte mit ihnen anfangen können. Solch eine Bande würde ihn und seine Anständigkeit über Bord geworfen haben. Da die Sachen nun einmal so standen, blieb der Julia weiter nichts übrig, als die See zu halten und der Capitän hoffte, wenn er und die Mannschaft nur erst hergestellt sei, noch vielleicht eine recht gute Jagd zu machen. Als ich an Bord kam, hieß es auch wirklich, Capitän Guy beabsichtige das Vergangene wieder gut zu machen und sein Schiff in möglichst kurzer Zeit mit Thran zu füllen. In dieser Absicht richteten wir unsern Cours nach Hytyhoo, einem Städtchen auf der Insel St. Catharine (in der Marquesas-Gruppe und von Mendanna so genannt) und zwar um acht Seeleute wieder aufzunehmen, die vor einigen Wochen dort von der Julia an's Ufer gegangen und nicht wieder zurückgekehrt waren. Man hoffte nämlich, daß sie sich bis dahin genug amüsirt hätten und nun selbst wünschen würden, an Bord zurückzukehren. Also nach Hytyhoo mit allen Segeln gesetzt, und mit den warmen Passaten kokettirend, glitten wir auf den langen, mächtigen Schwellungen hin, während die Bonettas und Albicoren neben uns spielten und schwärmten. Capitel III. Scene in Vorcastle und was in Hytyhoo geschah. Ich war kaum vierundzwanzig Stunden an Bord, als etwas vorfiel, das, obgleich nichts weniger als romantisch, doch in die Verhältnisse unseres Fahrzeuges einen so trefflichen Blick erlaubt, daß ich nicht umhin kann, es zu erwähnen. Zuerst muß ich hier vorausschicken, daß sich unter der Mannschaft ein Matrose befand, der so entsetzlich häßlich war, daß er den ironischen Namen »die Schönheit« erhalten hatte. Er versah die Stelle eines Schiffszimmermanns und wurde deshalb auch oft mit dem dieser Menschenklasse zugegebenen nautischen Beinamen »Spahn« benannt. Man konnte ihn übrigens nicht verwachsen nennen, nein, er war symmetrisch häßlich, nichts destoweniger aber von bester Gemüthsart; seine Gestalt hatte sein Herz sicherlich nicht versauert. Dieser und Jermin standen sich fortwährend feindlich gegenüber, denn Spahn war der einzige Mann im Schiff, über den dieser noch nicht Herr geworden, was dessen Ehrgefühl natürlich ganz besonders verletzte. Was »die Schönheit« aber anbetraf, so that er sich etwas zu gute darauf, dem Steuermann die Spitze zu bieten, wie wir auch bald hören werden. Gegen Abend war Einiges an Deck zu thun und der Zimmermann, der zur Wache gehörte, fehlte. – Wo ist der Schlingel, der Spahn, schrie Jermin die Vorcastleluke hinab. – Ruht sich hier aus, wie Ihr seht, hier unten auf seiner Kiste, wenn Ihr's wissen wollt, erwiderte der würdige Mann selbst, während er kaum indeß die Pfeife aus dem Munde nahm. Diese Unverschämtheit erzürnte den Steuermann auf's Aeußerste; »die Schönheit« sagte aber gar nichts, sondern rauchte nur stillzufrieden fort. Hiebei muß ich jedoch vorerwähnen, daß, was auch immer ein Matrose verbrochen haben mag, kein kluger Offizier auch nur daran denken würde in feindlicher Absicht in das Vorcastle eines Schiffes hinabzusteigen. Wenn er einen Matrosen von da unten herauf haben will, so muß er geduldig warten, bis dieser Lust hat heranzukommen. Die Ursache ist die: der Platz ist sehr dunkel und nichts leichter als Jemandem, der hinab steigt, eins über den Kopf zu geben, ehe dieser nur weiß, wo er selber ist, und vielleicht nie erfährt, wer es gewesen. Niemand wußte das besser als Jermin, und deshalb begnügte er sich auch nur hinabzuguken und zu wüthen, bis »die Schönheit« endlich eine sehr trockene Bemerkung machte, die den Steuermann in blinder Wuth sich selbst vergessen ließ. – Kommt an Deck! schrie er hinunter. Herauf mit Euch, oder ich hole Euch. Der Zimmermann bat ihn sich nicht zu geniren und Jermin, aller Klugheit vergessend, sprang hinab, hatte aber, einem gewissen Instinkt dabei folgend, seinen Mann an der Kehle, ehe er ihn nur ordentlich sehen konnte. Einer der Leute fuhr nun auf ihn zu; den hielten die Uebrigen aber zurück, und erklärten, daß sie einen ehrlichen Kampf haben sollten. – Jetzt kommt an Deck! schrie der Steuermann und that sein Bestes den stämmigen Burschen festzuhalten. – Bringt mich hinauf, lautete die trotzige Antwort, und Spahn wand sich unter dem nervigen Griff des Seemanns wie ein paar Ellen Boa-Constrictor. Der Angreifer versuchte nun den Delinquenten in eine Art Bündel zusammenzupacken, um ihn besser transportiren zu können, dabei aber bekam Spahn seine Arme frei und warf ihn hinterrücks über sich. Jermin raffte sich jedoch augenblicklich wieder auf und eine kurze Zeit hatten sie's nun oben und unten; sie zogen einander herum, stießen ihre Köpfe gegen Kisten und hervorstehende Balken, und erwiederten die gegenseitigen Püffe, wo sich nur irgend eine günstige Gelegenheit dazu bot. Unglücklicher Weise rutschte Jermin endlich aus und fiel, während sich sein Gegner ihm auf die Brust setzte und ihn niederhielt. Dies ist aber eine von den Situationen, wo ein guter Rath oder eine freundliche, liebevolle Warnung mit besonderer Salbung ertheilt werden kann. »Die Schönheit« ließ sich solche Gelegenheit denn auch nicht entgehen, der Steuermann dagegen erwiderte kein Wort, sondern versuchte nur mit schäumenden Lippen sich wieder aufzuarbeiten. In diesem Augenblick ließ sich oben ein dünnes, zitterndes Stimmchen vernehmen; es war der Capitän, der gerade zufällig beim Anfang des Kampfes an Deck gekommen war und sich selbst gewiß wieder hinunter in seine Kajüte wünschte, wohin er auch gegangen wäre, hätte er nicht gefürchtet, sich lächerlich zu machen. Da nun der Lärm wuchs und er nicht mehr zweifeln konnte, daß sich sein Offizier in Noth befand, so dachte er denn doch, er dürfe dies nicht länger ignoriren, schritt deshalb aufs Vorcastle und beschloß – das Beste was ihm übrig blieb – die Sache leicht zu nehmen. – Ei, ei! rief er mit schneller Stimme, was soll das alles heißen, Mr. Jermin, Mr. Jermin – Zimmermann, Zimmermann, was macht Ihr Alle drunten? – Kommt an Deck, kommt an Deck. Gleich darauf wurde Doktor Lattengeist gehört, der mit hoch hinaufgeschraubten Tönen ausrief: – Ah, Miß Guy, sind Sie das? gehen Sie ja nach Hause, mein Herzchen, Sie könnten hier Schaden nehmen. – Bah, bah, Sir, wer Ihr auch seid, Sir – ich habe nicht mit Euch gesprochen – fort mit Eurem Unsinn. Jermin, ich sprach mit Euch, habt die Güte an Deck zu kommen, Sir, ich brauche Euch hier oben. – Und wie in des drei Teufels Namen soll ich da hinaufkommen, schrie der Steuermann wüthend. Springt hier herunter, Captän Guy, und zeigt Euch als ein Mann. – Laßt mich los, Spahn, verdammter! – Laßt mich los. – Na, wartet, das sollt Ihr mir bezahlen. Kommt herunter, Captän Guy. Bei dieser Zumuthung bekam der arme Mann fast Krämpfe. – Bah, bah, Zimmermann, hört jetzt mit Eurem Unsinn auf, laßt ihn gehn, Sir, laßt ihn gehn. – Hört Ihr? laßt Mr. Jermin an Deck. – Macht, daß Ihr fortkommt, Papierjack, erwiderte »die Schönheit,« – der Streit hier geht den Steuermann und mich an. Also geht in Eure Kajüte, wo Ihr hingehört. Als der Capitän noch einmal seinen Kopf in die Luke steckte, um hinauf zu antworten, erhielt er plötzlich von ungesehener Hand einen ganzen Becher voll aufgeweichten Zwieback und Theeblätter in's Gesicht – der Doktor stand zu der Zeit gar nicht weit von der Luke, – wonach sich der sehr außer Fassung gebrachte Gentleman mit triefendem, weit vorgestrecktem Angesicht in seine Kajüte zurückzog. Einige Augenblicke später wurde Jermin zu einem Vertrag gezwungen und sah nun in seiner zerrissenen Jacke und blutigen Physiognomie gerade so aus, als ob er sich eben aus seiner höchst verwickelten Maschinerie herausgearbeitet hätte. Eine halbe Stunde etwa blieben Steuermann und Capitän in der Cajüte zusammen, wo des Erstern rauhe Stimme weit über die feinen Laute des Andern hervorschallten. Dies war das erste Mal gewesen, daß Jermin in seinen Streitigkeiten mit den Matrosen den Kürzern gezogen, was ihn natürlich nicht wenig in Wuth setzte. In der Cajüte hatte er, wie der Steward nachher erklärte, dem Capitän auch rund heraus erklärt, daß sich dieser in Zukunft selber um sein Schiff bekümmern möge, denn wenn das die Art wäre, wie er seine Offiziere behandeln ließe, dann wolle er nichts weiter damit zu thun haben. Nach manchen derben Redensarten beruhigte ihn endlich der Capitän damit, daß er ihm versicherte, der Zimmermann solle bei der ersten passenden Gelegenheit die neunschwänzige Katze zu kosten bekommen; obgleich das Experiment, wie die Sachen jetzt standen, gewiß ein etwas gefährliches gewesen wäre. Auf diese Zusage hin entschloß sich denn Jermin, wenn auch zögernd, die Sache für jetzt ruhen zu lassen, und ersäufte alle Gedanken daran in einer Kanne Flip, die der Steward auf des Capitäns Befehl schnell für ihn hatte bereiten müssen. Das waren die einzigen Folgen, die dieser Kampf je hatte. In noch nicht ganz achtundvierzig Stunden, nachdem wir Nukuhewa verlassen, begrüßte uns in weiter Ferne die blaue Insel St. Christina, und als wir dem Ufer näher kamen, wurde das grimme schwarze Takelwerk und der wespenartige Rumpf eines kleines Kriegsschiffs sichtbar, dessen Masten und Raaen scharf gegen den Horizont abstachen. Es lag in der Bai vor Anker und wies sich als eine französische Corvette aus. Dies schien unserm Capitän ungemein zu behagen, und an Deck kommend, untersuchte er sie aus den Besanwanten mit seinem Glas. Im Anfang mochte er auch wohl beabsichtigt haben, gar nicht vor Anker zu gehen, jetzt aber, im schlimmsten Fall auf den Beistand der Corvette zählend, änderte er seinen Plan, warf dicht neben dieser den Anker aus, und ließ sich dann augenblicklich an ihren Bord hinübersetzen, um dem Befehlshaber derselben seine Aufwartung zu machen, und ihn auch noch wahrscheinlich zu bitten, ihm bei der Wiedererlangung seiner Matrosen behülflich zu sein. Nach kaum zwanzig Minuten kehrte er zurück und brachte zwei Offiziere in undress Uniform und Backenbärten und drei grimmig aussehende, trunkene alte Häuptlinge mit an Bord. Einer von diesen hatte seine Beine durch die Armlöcher einer alten rothen Weste geschoben, ein Anderer trug ein Paar Sporen an den nackten Hacken und der Dritte einen dreieckigen Hut mit Federn; außer diesen Auszeichnungen befanden sie sich total in ihrer Landestracht, d. h. mit einem Stück Matte um den Lenden. So unanständig aber auch ihr äußeres Ansehen und Betragen sein mochte, so wurde uns doch bald klar, daß sie nichts weniger waren, als eine Deputation der ehrwürdigen Geistlichkeit der Insel, die an Bord gekommen, uns unter ein scharfes Taboo Das »Taboo« ist ein ganz eigentümliches und wohl noch keinem Europäer vollkommen klar gewordenes Gesetz – es verbietet theils, theils erlaubt es irgend etwas. Tabotirte Männer dürfen oft alle Theile der Insel durchziehen, und selbst feindliche Stämme besuchen – ist aber eine Sache tabotirt, wie hier das Fahrzeug, so wird es dadurch für die Eingebornen fast wie geheiligt. zu stellen. Das sollte nämlich die unordentlichen Scenen wie auch Desertionen verhindern, die dadurch erleichtert werden, sobald die Eingeborenen, Männer und Frauen, freien Ein- und Ausgang auf Fahrzeugen haben. Die Ceremonie dieser Sache wurde bald beendet. Die Häuptlinge gingen ein wenig bei Seite, steckten ihre alten geschorenen Schädel zusammen und machten Hokus Pokus, dann riß ihr Führer einen langen Streifen von seinem weißen Tappagürtel und überreichte ihn einem der französischen Offiziere, der ihn wieder, dabei erklärend was damit geschehen solle, Jermin übermachte. Der Steuermann stieg nun schleunigst damit zum Klüverbaum hinaus und befestigte dort dies mystische Symbol des Bannes. Kaum war das auch geschehen, so zeigte sich sein Erfolg auf eine ganze Schaar schwimmender Mädchen, die eben hatten zu uns heran kommen wollen. Ihre Arme emporwerfend, schlugen sie das Wasser wie die Delphine, wandten sich und kehrten mit dem lauten Ausruf: »Taboo! Taboo!« zum Ufer zurück. Die Nacht nach unsrer Ankunft sollten der Steuermann und der Mowree abwechselnd die Wache halten, d. h. sich alle vier Stunden ablösen, während die Mannschaft, wie das gewöhnlich vor Anker der Fall ist, die ganze Nacht unter Luken blieb. Mistrauen in die Leute mochte aber in diesem Falle die Hauptursache solcher Vorkehrungen sein, denn es lag auch fast außer allem Zweifel, daß Einige den Versuch machen würden, zu desertiren. Deshalb, als Jermins erste Wache begann – um Mitternacht, die sogenannte Hundewache – bis wohin sich Alles beruhigt hatte, nahm er dicht neben der Vorcastleluke mit einer Piscoflasche seinen Platz und schien vollkommen bereit, die erste Physiognomie, die sich über Deck zeigen möchte, mit seiner breitkräftigen Faust zu begrüßen. So vorbereitet, hatte er wahrscheinlich auch geglaubt, er würde wach bleiben; es dauerte aber gar nicht lange, so nickte er ein und schlief nun mit einer so herzlichen Seelenruhe und schnarchte durch seine schiefe Nase so fabelhaft, daß er schon dadurch alle die, die wirklich an Flucht dachten, wach halten mußte. Als er wieder zu sich kam, dämmerte es gerade; er konnte aber doch genug erkennen, um zu sehen, daß zwei Bote fehlten und wußte augenblicklich was vorgefallen sei. Den Mowree aus einem alten Segel herausziehend, in das er sich eingewickelt hatte, hieß er ihm augenblicklich ein andres Boot klar machen und flog dann in die Kajüte dem Capitän die Flucht der Matrosen anzuzeigen. Als er wieder an Deck kam, tauchte er in das Vorcastle hinab, um von hier ein paar Ruderer heraufzuholen, hörte aber auch schon, kaum dort angelangt, einen Schrei und einen Schlag ins Wasser und sah nun, sich über das Bulwark hinauslehnend, den Mowree und das Boot, die übereinander herum rollten. Dieses war nämlich vor Abend zu seinem Platz am Starbordquarter hinaufgehißt und befestigt worden. Irgend Jemand hatte aber dann die Falle, die es hielten, so durchschnitten, daß ein mäßiger Druck sie zerreißen mußte. Bembos Gewicht entsprach diesem vollkommen, denn kaum sprang er hinein, als es abriß und mit ihm niederstürzte. Noch ein andres Boot hing an der Seite, doch das Geschehene lehrte sie Vorsicht und gut war es wahrlich, daß sie es vorher untersuchten, denn die Flüchtigen hatten ein Loch in den Boden geschnitten, durch das ein erwachsener Mann hätte durchschlüpfen können. Jermin raste förmlich, er schleuderte mit aller Kraft, deren er fähig war, seinen Hut breit an Deck und wollte über Bord springen und zur Corvette schwimmen, einen Cutter zu requiriren, als Capitän Guy erschien und ihn ersuchte, da zu bleiben, wo er wäre. Unterdessen hatte auch der Offizier an Bord des Franzosen unsre Bewegungen bemerkt und rief uns an, um zu erfahren was vorgefallen sei. Guy schrie es ihm durch sein Sprachrohr zu, und er versprach augenblicklich Leute, die den Deserteuren folgen sollten. Eine Bootmannspfeife wurde gehört, ein oder zwei Befehle gegeben, ein großer Cutter schoß von dem Stern des Kriegsschiffes herbei und war mit wenigen Ruderschlägen an unsrer Seite. Unser Steuermann sprang hinein und sie griffen aus, dem Ufer zu. Ein andrer Cutter mit bewaffneter Mannschaft folgte diesem bald darauf. Nach einer Stunde etwa kehrte der erste zurück und hatte die beiden Wallfischboote im Schlepptau, die sie, wie Schildkröten umgekehrt, am Ufer gefunden. Nachmittag kam und nichts wurde mehr von den Deserteuren gehört; indessen knüpfte ich mit dem langen Doktor eine Unterhaltung an und wir amüsirten uns dabei, die vor uns liegende Scenerie zu betrachten. Die Bai lag regungslos vor uns; die Sonne stand hoch und heiß, und dann und wann glitt still und verstohlen ein dunkles Canoe hinter irgend einer Landspitze vor und schoß schnell und flüchtig über die ruhige Wasserfläche dahin. An dem ganzen Morgen hinkten auch unsre armen Kranken am Deck herum und schauten mit sehnsüchtigen Blicken nach dem Lande hinüber, wo die Palmen wehten und sie in ihren freundlichen Schatten einzuladen schienen. Die armen Burschen; wie segensreich würde jene balsamische Luft auf ihre zerrüttete Gesundheit eingewirkt haben; der hartherzige Jermin versicherte sie aber mit einem Fluch, daß kein Fuß von ihnen jemals das Land da drüben betreten solle. Gegen Sonnenuntergang sahen wir, wie sich ein dunkler Menschenhaufe der Küste zuwälzte; vor ihm her, o trauriger Anblick – kamen die Flüchtlinge im bloßen Kopfe – ihre Jacken und Beinkleider zerrissen, die Gesichter mit Blut und Staub bedeckt und die Arme mit Bast auf den Rücken gebunden; hinter ihnen drein stürmte schreiend und jubelnd eine Schaar von Eingeborenen und stieß sie mit den Spitzen ihrer langen Speere, während sie die Mannschaft der Corvette an der Flanke mit Cutlassen bedrohte. Die, dem König der Bai versprochene Muskete und ein Becher voll Pulver für jeden Wiedergefangenen, hatte die ganze Bevölkerung auf die Beine gebracht, und so erfolgreich war ihre Jagd gewesen, daß sie nicht allein sämmtliche an diesem Tage entflohene Deserteure, sondern auch fünf von denen wieder einlieferten, die sich bei dem frühern Besuch auf der Insel empfohlen hatten. Die Eingeborenen halfen jedoch nur als Spürhunde auf dieser Jagd; sie fanden das Wild auf und überließen nachher die Gefangennahme desselben den Franzosen, denn so wenig hier, wie auf andern Inseln denken sie daran, sich einer Abtheilung verzweifelter Seeleute entgegen zu stellen. Sie wissen besser, was sie ihrem eignen Leben schuldig sind. Die Deserteure wurden wieder an Bord gebracht, wenn sie aber auch im Anfang ein bischen mürrisch drein schauten, so behandelten sie die Sache doch bald als einen zwar mißglückten, doch lustigen Streich. Um nun nicht noch eine zweite Nacht bei Hytyhoo liegen zu bleiben, ließ Capitän Guy den Anker gleich nach Dunkelwerden wieder lichten; am nächsten Morgen dagegen, als wir schon alle glaubten, wir wären nun auf einem langen Kreuzzuge begriffen, änderten wir plötzlich unsern Cours nach La Dominica oder Hivarhoo zu – eine Insel, die gerade nördlich von der eben verlassenen liegt. Der Grund davon war, wie wir später erfuhren, eine Nachricht, die unser Capitän von dem Franzosen erhalten, daß dort nemlich mehrere englische Matrosen erst kürzlich von einem amerikanischen Wallfischfänger an's Ufer gegangen seien, und sich nun auf einem Fahrzeug ihres eignen Landes einzuschiffen wünschten. Wir machten das Land am Nachmittage aus, und erreichten bald darauf eine freundliche von schattiger Bucht begrenzte Bai. Fock- und Hauptmarssegel wurden backgebraßt und gleich darauf tanzte die flinke Jule plötzlich wie ein rasch eingezügeltes Pferd, in ihrem Cours gehemmt auf den Wogen, während der Schaum hoch an ihrem Bug emporspritzte. Dies war der Platz, wo wir die Leute zu bekommen gedachten und ein Boot wurde deshalb klargemacht, um ans Ufer zu gehen; hierzu mußte aber eine besondere Auswahl zwischen den Matrosen getroffen und zwar solche genommen werden, von welchen man am wenigsten fürchtete, daß sie ausreißen würden. Nach langem Delibriren wählten Capitän und Steuermann denn auch endlich vier Seeleute, denen sie am meisten vertrauen konnten, d. h. sie nahmen solche aus der Mannschaft, die sie für die am wenigsten schurkischen und liederlichsten hielten. Mit Cutlassen alle bewaffnet, – denn den Eingeborenen wurde hier das Lob ertheilt, daß sie die blutdürstigsten Hallunken der Südsee seien, – stiegen sie von dem invaliden Capitän selbst gefolgt, in die Schaluppe, und Guy schien sich bei dieser Gelegenheit wirklich vorgenommen zu haben, eine ausgezeichnete Rolle zu spielen. Außer seinem Cutlaß trug er noch einen alten Entergürtel und ein paar Pistolen. Gleich darauf stießen sie ab. Mein Freund Lattengeist hatte unter andern Dingen, was in einem Schiffsvorcastle in der That etwas sonderbar aussah, ein treffliches Fernrohr; bei der gegenwärtigen Gelegenheit nahmen wir dies denn auch in Gebrauch und als sich das Boot der Landspitze näherte, so konnten wir die Leute, obgleich dem nackten Auge längst entschwunden, wie kleine, niedliche Zwerggestalten dort agiren sehen. Das zierliche Miniatur-Boot schoß jetzt über die Brandung des Ufers, die uns wie ein langer Streifen Schaum erschien, hin; doch keine Seele ließ sich am Lande sehen. Einer von unsern Matrosen mußte nun als Wache zurückbleiben, die Andern sprangen auf den Strand und schauten sich sehr vorsichtig um, blieben fortwährend stehen und betrachteten, wie es uns vorkam, höchst mißtrauisch einen bis dicht ans Meer gehenden schattigen Hain. Doch niemand trat daraus hervor; alles lag still wie das Grab und Er mit den Pistolen, von den Uebrigen die blanken Cutlasse Schwingenden gefolgt, verschwand gleich darauf hinter den Bäumen, mußte aber doch wohl irgend einen ungastfreundlichen Angriff gefürchtet haben, denn es dauerte nicht lange, so kamen Alle, ein kleines Stück davon entfernt, wieder zum Vorschein. Wenig Minuten später schifften sie sich wieder ein, und glitten bald nachher aufs Neue über die Wogen. Da sprang der Capitän plötzlich im Boote empor; dieses flog herum und ruderte noch einmal dem Ufer zu, und jetzt erkannten wir auch einige zwanzig oder dreißig Eingeborene, die mit Speeren bewaffnet gerade aus dem Wald kamen und allem Anschein nach den Fremden zuwinkten, nicht in solcher Eile zu sein, sondern zurückzukommen und freundlich mit ihnen zu verkehren. Man mußte ihnen aber doch wohl nicht so recht trauen, denn das Boot hielt sich immer eine kurze Strecke vom Strand, während der Capitän vorn in dessen Bug stand und seiner Pantomime nach, eine Anrede an die Insulaner hielt, in der er sie höchst wahrscheinlich aufforderte, selbst näher zu kommen. Einer von ihnen trat jetzt vor und antwortete, der Art aber nach, wie er die Arme warf, mußte er gegen die Fremden die Bitte wiederholen, zu landen. Der Capitän weigerte sich jedoch noch immer und warf seine Arme in einer andern Pantomime. Endlich sagte er etwas, was die Eingeborenen wohl ärgern mußte, denn sie drohten ihm mit den Speeren, und er feuerte nun eine seiner Pistolen auf sie ab, was die ganze Schaar in die Flucht trieb. Ein armer Bursche nur ließ seinen Speer fallen, hielt mit beiden Händen den hintern Theil seines Körpers und hinkte fort, während ich Gott weiß was darum gegeben hätte, in dem Augenblick den Schuft von Capitän selbst in Schußnähe zu haben. Solche Handlungen unverzeihlicher Grausamkeit werden überhaupt von Seecapitänen, die an solchen noch unbekannten Inseln anlegen, keineswegs selten verübt. Selbst in der Pomatu-Gruppe, nur ein Tagessegeln von Tahiti entfernt, ist oft auf die armen Wilden, die ans Ufer kamen, sie vorbeifahren zu sehen, von Handelsschoonern aus geschossen worden, was solche nichtswürdige Hallunken nur um sich zu amüsiren thaten. Es ist in der That kaum glaublich, in welchem Lichte manche Matrosen diese nackten Heiden betrachten und nur zu oft habe ich bemerkt, daß, je ungebildeter und roher die Menschen sind, sie auch mit desto größerer Verachtung auf solche herabsehen, die noch unter ihnen stehen. Da des Kapitäns glühende Beredtsamkeit keinen Eindruck auf diese Wilden hervorgebracht zu haben, auch jede Hoffnung auf künftige Unterhandlungen abgeschnitten zu sein schien, so kehrte das Boot wieder zur Julia zurück. Capitel IV. Was in Hannamanoo geschah. – Die Tättowirer von La Dominica. An der andern Seite der Insel lag die große und starkbevölkerte Bai von Hannamanoo, wo die gesuchten Männer doch vielleicht noch gefunden werden konnten; da jedoch bis das Boot wieder herankam, die Sonne schon zu sinken begann, so wendeten wir und suchten mit kurzen Gängen vom Lande fortzukommen. Erst mit Tagesanbruch drehten wir uns wieder dem Ufer zu und liefen, als die Sonne schon herauf war, in den schmalen Kanal ein, der die beiden Inseln La Dominica und St. Christina von einander scheidet. An der einen Hand lag eine Kette steiler, grüner Berge, viele hundert Fuß hoch und die weißen Hütten der Eingeborenen klebten hie und da wie Vogelnester in der üppigen Vegetation. Auf der andern Seite rollte das Land in hellen, saftigen Hügeln hin und so warm und schwellend schienen sie, daß es ordentlich aussah, als ob sie in der Sonne athmeten. Doch hindurch glitten wir, an Hügel und Niederung, an Fels und Thal, an dunkler Schlucht und sprudelndem Wasserfall vorbei; eine frische Landbriese füllte unsre Segel, die von der Bai umschlossenen Wasser lagen so still wie die Fluthen eines See's und jede blaue Woge brach sich mit einem harmonischen Klingen an unserm gekupferten Bug. Als wir das Ende des Kanals erreichten, bogen wir um eine Landspitze, und liefen voll ein in die Bai von Hannamanoo, die den einzigen namhaften Hafen auf der Insel bildet, obgleich sie, was einen sichern Ankergrund betrifft, den Titel kaum verdient. Ehe wir in Verbindung mit dem Ufer traten, fiel etwas an Bord vor, das vielleicht im Stande ist, einen schwachen Begriff von dem Charakter unsrer Mannschaft zu geben. Nachdem wir uns dem Land so weit genähert, als es die Vorsicht zuließ, wurden die nöthigen Segel backgebraßt, um den Lauf des Schiffes anzuhalten und die Ankunft eines Canoes zu erwarten, das eben aus der Bai schoß. Plötzlich geriethen wir in eine starke Strömung, die uns schnell einem felsigen Vorgebirge entgegenriß, welches die eine Seite des Hafens bildete. Der Wind war gänzlich eingeschlafen und zwei Boote mußten niedergelassen werden, um unsern Bug herumzuziehen. Ehe dies aber geschehen konnte, brach sich das Wasser schon überall um uns her, und der Fels kam uns so nahe, daß es ordentlich aussah, als ob man vom Mast aus hätte hinüber springen können. Der Capitän wurde vor Angst leichenblaß und Jermin schrie sich fast die Lungen aus. Die Leute handhabten aber ihre Taue mit einer Gemüthsruhe, die ans Fabelhafte grenzte, und Einige schwelgten schon in der nahen Aussicht, das Ufer zu betreten, während Andere ihre Freude kaum unterdrücken konnten, das Fahrzeug stranden zu sehen. Ganz unerwartet kam uns eine Gegenströmung zu Hülfe und durch Unterstützung der Boote gelang es uns bald der Gefahr zu entgehen. Welch getäuschte Hoffnung für unsre Mannschaft, alle ihre kleinen freundlichen Pläne, vom Wrak aus ans Ufer zu schwimmen und sich für den Rest ihrer Tage einem gemüthlichen Leben zu ergeben, wurden so in der Blüthe erstickt. Bald darauf schoß das Canoe an uns heran und darin saßen acht oder zehn Eingeborene, hübsche, munter aussehende Burschen, ganz Bewegung und Leben, mit den rothen Federn in ihren Kopfbändern, nickend und winkend. Sie begleitete ein Fremder, ein Renegat von Christenthum und Menschlichkeit, ein weißer Mann in dem Südseegürtel, mit tättowirtem Angesicht. Ein breites blaues Band lief ihm quer durchs Gesicht von Ohr zu Ohr, und seinem Antlitz war die schlanke Figur eines blauen Haifisches, nichts wie Flossen von Kopf bis Schwanz, eingegraben. Es war ein Engländer der sch Tom Hardy nannte. Vor zehn Jahren etwa desertirte er hier von einer Handelsbrig, die an der Insel landete, um Holz und Wasser einzunehmen. Damals betrat er übrigens das Ufer als eine souveräne Macht mit Muskete und Munition bewaffnet und bereit, wenn angegriffen, der ganzen Bevölkerung den Krieg zu erklären. Zum Glück für ihn theilten sich in jener Zeit zwei einander feindlich gesinnte Könige in das Land, von denen er mit einem – natürlich mit dem, der ihm die ersten Anerbietungen machte, – ein Bündniß schloß, und was er jetzt war, dessen Verbündeter, der Feldherr des Stammes und der Kriegsgott der ganzen Insel wurde. Gegen seine Kampagnen konnten die Napoleons gar nicht aufkommen. In einem Nachtangriff besiegte seine entsetzliche Muskete, von der leichten Infanterie der Speere und Wurfspieße gedeckt, zwei Clans, und der nächste Morgen brachte alle zu den Füßen seines königlichen Aliirten. Eben so wenig blieb sein häusliches Glück hinter seinem militärischen zurück. Drei Tage nach seiner Landung erhielt er die ganz vortrefflich tättowirte Hand einer Prinzessin, und mit der jungen Dame ihre Mitgift: eintausend Klafter feine Tappa, fünfzig doppelt gewobene Matten von gespaltenem Gras, vierhundert Schweine, zehn Häusern in verschiedenen Theilen des Thales, und die geheiligte Beschützung eines besondern Edikts des Taboo, die seine Person für ewige Zeiten unantastbar erklärte. Dieser Mann hatte sich hier, mit seinem Schicksal vollkommen zufrieden, niedergelassen und fühlte nicht das mindeste Verlangen, zu seinen Freunden und in die Heimath zurückzukehren. Er besaß auch in der That keine Freunde mehr, denn er erzählte mir seine Geschichte. In die Welt als ein Findling geworfen, wußte er so wenig von seinen Vorfahren, wie von der Genealogie Odins. Von Jedem verachtet, entfloh er aus dem Parish-Arbeitshaus schon als Knabe und schiffte sich zur See ein. Vor dem Mast hatte er viele Jahre gedient und bezeigte nun nicht die mindeste Lust zu solchem Plack zurückzukehren. Solche Leute, wie dieser, die keinen Menschen mehr haben, an dem ihr Herz hängt, ja nicht selten solche, die auch gerade deshalb das Seeleben wählten, werden am häufigsten in ähnlichen Verhältnissen auf einsamen Inseln gefunden, und ist es nicht natürlich, daß sie dies freundliche Leben hier, dem harten Loose in der Heimath vorziehen sollten? Dem Bericht nach, den uns der Renegat gab, existirte auf dieser Insel kein Weißer weiter als er selber, und da der Capitän keine Ursache hatte zu glauben, daß uns Hardy hintergehen würde, so glaubte er, der Franzose müsse sich in dem, was er ihm erzählt, geirrt haben. Als unsre Absicht übrigens den andern Besuchern erklärt wurde, so erbot sich einer von ihnen, ein schlanker, kräftiger Bursche mit kühnen, blitzenden Augen, uns auf einer Fahrt zu begleiten. Seine ganze Belohnung, die er dafür verlangte, bestand in einem pränumerando auszuliefernden rothen Hemd, einem Paar Beinkleidern und einem Hut und außerdem noch in einer Stange Tabak und einer Pfeife. Der Handel wurde augenblicklich abgeschlossen. Wymontoo rückte indessen noch mit einer Klausel vor und zwar die, daß sein mit ihm gekommener Freund ebenfalls zehn ganze Schiffszwiebacke, ohne Sprung oder Fehler, zwanzig vollkommen neue und symmetrisch gerade Nägel und ein Matrosenmesser überliefert bekommen solle. Dies ebenfalls angenommen, überreichte man ihm die ausbedungenen Artikel, die besonders der zweite Eingeborene mit augenscheinlicher Gier in Empfang nahm. Wegen Mangel an Kleidern benutzte dieser indessen seinen Mund als Tasche, um die Nägel hinein zu thun, von denen jedoch vor allen Dingen zweie, Ohrringstelle versehen mußten, und einige, aus weißlichem Holz wunderlich gefertigte Putzstücke verdrängten. Da jetzt übrigens die Seebriese stark zu wehen anfing, so durften wir keine Zeit weiter verlieren, das Land zu verlassen. Nach einem höchst freundschaftlichen Nasenreiben zwischen unserm neuen Schiffskameraden und seinen Landsleuten, der auch zu unserm Erstaunen die Abschiedsrufe von dem Canoe aus, als wir unter den geblähten Oberbramsegeln, dahinschossen, gar nicht zu beachten schien, segelten wir also hinweg; das wurde aber anders. Noch an demselben Abend, als das dunkle Blau seine heimischen Hügel am Horizont begrub, lehnte sich der arme Wilde über die Bulwarks und gab sich seinem unbegrenztem Schmerze hin. Das Schiff stampfte sehr und Wymontoo – traurig zu erzählen – wurde noch zu seinen andern Leiden entsetzlich seekrank. Indeß wir aber die kleine Jule auf ihrer Bahn dahin schießen lassen, will ich hier einige wunderbare, von Hardy eingezogene Nachrichten mittheilen. Der Renegat hatte so lange auf der Insel gelebt, daß er mit ihren Gebräuchen natürlich ganz vertraut geworden, und ich bedauerte sehr, unseres kurzen Aufenthalts wegen nicht mehr von ihm erfahren zu können. Uebrigens hörte ich doch zu meinem Erstaunen, daß die Bewohner von Hivarhoo, wenn sie auch zu derselben Inselgruppe gehören, in manchen Stücken gar sehr von meinen Typeefreunden abwichen. Da seine Tättowirung so viel Aufmerksamkeit erregte, so mußte er besonders über die Art und Weise einiges erklären, wie sie auf der Insel gehandhabt wurde, und er vertraute uns nun, daß sich gerade die Tättowirer von Hivarhoo eines bedeutenden Rufes erfreuten. Sie hatten diese Kunst zur höchsten Vollkommenheit, und dadurch die Profession der Tättowirer selbst zu Ehren gebracht; kein Wunder denn, daß sie, wie fashionabele Schneider, ihre Dienste auch sehr hoch anschlugen und zwar so hoch, daß nur die höheren Klassen von ihnen Gebrauch machen konnten. Die Eleganz einer Tättowirung wurde also zugleich ein Zeichen von Rang und Reichthum. Meister von bedeutender Praxis lebten in geräumigen Häusern, die durch Tappagardinen in zahlreiche kleine Zimmer getheilt wurden, wo Jeder privatim konnte bedient werden. Diese Einrichtung entspringt aber großentheils aus einem eigenthümlichen Gesetz des Taboo, das bei der Tättowirung beobachtet werden muß und nach welchem alle Männer, sei es nun von hohem oder niederm Rang, jedem Verkehr mit der Welt entsagen müssen. Für diese Zeit wird ihnen denn auch gar keine Unterhaltung mit Andern gestattet und selbst die wenige Nahrung, die sie genießen dürfen, schiebt eine unsichtbare Hand unter dem Teppich herein. Die dabei beobachtete Diät soll indeß wohl nur dazu dienen, das Blut während der Operation abzukühlen und die Entzündung zu verhindern, die dem Punktiren der Haut folgt; selbst mit dieser Vorsicht kommt sie doch noch schnell genug und es bedarf einiger Zeit bis sie heilt, weshalb denn auch die Periode der Abgeschlossenheit manchmal mehrere Tage, oft ganze Wochen erfordert. Nachdem alle Spuren von Entzündung verschwunden sind, geht der Tättowirte eine Zeitlang herum, doch da des Schmerzes wegen nur immer ein kleiner Theil auf einmal vorgenommen werden kann, so kehrt er bald wieder in seine Klause zurück und es läßt sich denken, welch ungeheure Zeit oft darauf verwandt wird, den ganzen Körper auf solche Art zu verschönen. Mit einer selbst bei uns unerhörten Eitelkeit verschwenden Manche oft einen großen Theil ihrer Lebenszeit, einem solchen Künstler zu sitzen oder zu liegen. Das Jünglingsalter wird zum Tättowiren für die passendste Zeit gehalten und die Freunde des jungen Mannes führen ihn dann in das Haus eines berühmten Künstlers, um dort zuerst die Umrisse gezeichnet zu bekommen, wobei der Künstler in der That ein gutes Auge haben muß, da eine Tracht, die für das ganze Leben bestimmt ist, doch auch gewiß gut zugeschnitten werden sollte. Einige Tättowirer, von edlem Eifer beseelt sich in dieser schönen Kunst zu vervollkommnen, benutzen oft, natürlich einen bedeutenden Lohn zahlend, zwei oder drei Männer vom niedrigsten Stande – Proletarier, die sich den Henker um äußere Erscheinung kümmern – und an diesen versuchen sie zuerst ihre Muster und Arbeit. Wenn deren Haut dann über und über zerkratzt ist und kein Stückchen Pergament mehr bleibt, irgend einen Schnörkel anzubringen, dann werden sie entlassen und gehen nachher lebenslang zum Skandal ihrer Landsleute herum. Unglückselige Wichte, Märtyrer der schönen Künste. Außer den regelmäßigen Meistern in dieser Sache, existirt auch noch eine Bande schäbiger, vagabondirender Tättowirer, die durch ihre Kunst beschützt, von einer feindlichen Bai zu der andern streifen und ihre Dienste der Masse zu einem Spottpreis anbieten. Diese besuchen vorzüglich alle religiösen Festlichkeiten, bei denen sich große Menschenmassen versammeln und wenn die beendet und die Plätze leer sind, ja, wenn selbst die Tättowirer ihren Abschied genommen haben, dann bleiben noch immer eine ganze Menge kleiner Zelte aus grober Tappa stehen, jedes mit einem einzigen Insassen, der mit seinem unsichtbaren Nachbar nicht reden darf, und dort residiren muß, bis er vollkommen wieder geheilt ist. Diese herumstreifenden Tättowirer sind aber ein Flecken auf ihrer Profession, eine Art Flickschuster, die nichts wie krumme Linien und Klexe auf die Haut zu bringen vermögen, und sich nie zu jener Höhe hinaufschwingen werden, wo die Gentlemen der Fakultät unübertroffen stehen. Alle Beschützer und Verehrer der Künste lieben gemeinschaftliche Berathungen und so kommen denn auch in Hannamanoo die Tättowirer zur gemeinsamen Feier ihres religiösen Ritus zusammen. In dieser Gesellschaft, die richtig organisirt ist und auch ihre verschiedenen Grade hat, war Hardy, durch seinen Einfluß als Weißer, eine Art Großmeister. Der blaue Hai wurde das Siegel seiner Einweihung und über ganz Hivarhoo find diese Orden der Tättowirer verbreitet. Die Art, auf welche man den des Renegaten gründete, ist die folgende: Ein oder zwei Jahr nach seiner Landung mißrieth die Brodfruchterndte zwei- oder dreimal hintereinander total, und das hatte denn natürlich auch die Folge, daß die ärmere Klasse, die kaum im Stande war ihr Leben zu fristen, gar nicht mehr daran denken konnte, sich tättowiren zu lassen, wodurch die ganze Profession unbeschreiblich litt. Der königliche Aliirte Hardy's jedoch, fiel auf ein Mittel, den armen Künstlern nicht allein zu helfen, sondern auch manchen seiner leidenden Unterthanen mit einer hübschen Zeichnung unter die Arme zu greifen. Durch den Klang einer Kongmuschel wurde es auf dem Strande, vor dem Palast, kund gethan, daß Noomai, König von Hannamanoo und Freund des Hardy-Hardy, des Weißen, offen Herz und Tisch für alle Tättowirer, wer sie auch sein möchten, hielt. Um sich aber dieser Gastfreundschaft würdig zu zeigen, so sollten sie indessen selbst die ärmsten seiner Unterthanen, die ihre Dienste in Anspruch nehmen würden, so herstellen, daß sie sich anständiger Weise vor jedem Menschen und Bewohner der Insel, sehen lassen konnten. Dieser Aufruf blieb nicht erfolglos. Künstler und Tättowir-Verlangende eilten in Massen zum königlichen Palast, der indeß für alle, nur nicht für die Tättowirer und Häuptlinge tabotirt war. Das Volk bivouakirte indessen auf der Gemeindewiese und bildete mit seinen Zelten ein förmliches Lager. Die »Lora Tattoo« oder die Zeit des Tättowirens wird wohl noch lange auf dieser Insel im Andenken bleiben. Ein enthusiastischer Sitzer feierte auch jene merkwürdige Begebenheit durch Poesie, von der uns Hardy mehrere Strophen citirte, die recitativartig gesungen wurden. Uebersetzt würden sie etwa folgendermaßen lauten: »Wo ist der Klang? In Hannamanoo Und weshalb der Klang? Der Klang von hundert Hämmern Die klopfen, klopfen, klopfen Die Haifischzähne.« Der färbende Stoff wird in die Zeichnung vermittelst eines Haifischzahns gebracht. Dieser ist an dem einen Ende eines kurzen Stocks befestigt, der an dem andern durch einen kleinen hölzernen Hammer geschlagen wird. »Wo ist das Licht? Um des Königs Haus herum Und das Gelächter? Das leise fröhliche Lachen Die Töchter und Söhne sind's der Tättowirten.« Capitel V. Wir steuern westlich. Unsere Gesellschaftszimmer. Doktor Lattengeist und seine Streiche. Die Nacht, in der wir Hannamanoo verließen, war sternenhell und so warm, daß sich die meisten der Leute, anstatt hinabzugehen, um den Fockmast lagerten. Gegen Morgen, als mir die Hitze im Vorcastle zu drückend wurde, stieg ich an Deck, wo alles in tiefen Schlummer begraben schien. Die Passatwinde lagen mit leichtem Druck in den Segeln und trieben das Fahrzeug gerade hinaus in die ungeheure Weite des westlichen Ozeans. Die Wachen schliefen, selbst der Mann am Rad nickte, ebenso der Steuermann, der mit untergeschlagenen Armen am Gangspill lehnte. In solcher Nacht und allein, wer hätte da die Erinnerung des Vergangenen von sich scheuchen können und mögen. Ich lehnte mich über die Seite und schaute träumend in die Tiefe. Meine Ideen wurden aber bald durch einen grauen gespensterartigen Schatten unterbrochen, der über die wogenden Fluthen glitt. Es war die Dämmerung, der bald die ersten Lichter und Strahlen des Morgens folgten. Hell und heller zuckten sie empor; noch ruhte da drüben nur ein lichter glänzender Streif, aber jetzt stieg voll und rund die blutrothe Sonnenscheibe am Horizont empor und der lange Seetag begann. Nach dem Frühstück sollte das erste was vorgenommen wurde, Wymontoo's Taufe sein, der nach trübdurchwachter Nacht traurig genug dreinschaute. Die Meinungen theilten sich hier; die Einen wollten ihn Sonntag nennen, weil das der Tag gewesen, an den sie ihn gefangen, Andere stimmten für den kürzeren »Achtzehnhundertzweiundvierzig,« dem Jahre des Herrn, während Doktor Lattengeist unbedingt seinen frühern Namen beibehalten haben wollte und zwar: Wymontoo-Hee, was seiner Meinung nach in der bilderreichen Sprache des Landes Jemand bedeute, der seinen Finger in einen heißen Brei gesteckt habe. Der Steuermann machte der Discussion ein Ende, indem er den armen Teufel plötzlich mit einem ganzen Eimer Seewasser begrüßte und ihm dabei eben so eigenmächtig die nautische aber angenehm klingende Benennung: »Luff« gab. Obgleich nun eine gewisse Fröhlichkeit Wymontoo's – denn ich will ihn so fort nennen, – erstem Heimweh folgte, so fiel er doch bald wieder in seine alte Stimmung zurück und wurde sehr melancholisch. Oft beobachtete ich ihn, wie er ganz allein im Vorcastle kauerte und mit seinen hellen funkelnden Augen jeder Bewegung der Stute folgte. O wie oft wird er an seine Bambushütte gedacht haben, während die Schaar von Sidney und dessen Gelagen sprach. Wir befanden uns jetzt förmlich in See, obgleich Keiner von uns wußte, welches die eigentlich beabsichtigte Route sei, die wir nehmen würden. Fast Niemand kümmerte sich aber auch darum. Über eine sanft wogende See dahingetragen, war fast nichts zu thun, als das Schiff zu steuern und die Ausseher in den Marsen abzulösen; die Kranken hatten übrigens noch ein Paar zu ihrer Liste bekommen; es waren Einige der Entflohenen, denen die Landluft nicht zugesagt haben mochte. Um Allem die Krone aufzusetzen, bekam der Capitän auch wieder einen Rückfall. Die zum Dienst fähige Mannschaft wurde in zwei kleine Wachen eingetheilt, von denen die eine der Steuermann, die andere der Mowree befehligte, denn dieser war, seiner Würde als Harpunier gemäß und da sich die übrigen Untersteuerleute aus dem Staube gemacht, in solchen Posten eingerückt. Wie die Sachen standen, konnte an Wallfischfang natürlich gar nicht gedacht werden; Jermin behauptete jedoch noch immer, daß sich die Kranken bald erholen und wir dann noch immer eine gute Jagd machen würden. Wie dem auch sei, mit demselben lichtblauen Himmel über uns liefen wir fortwährend westlich und schienen, obgleich immer fortrückend doch stets auf demselben Platz zu bleiben. Ein Tag war wie der andere; wir sahen keine Schiffe und erwarteten keine zu sehen; nichts lebendiges zeigte sich als die Delphine und andere Fische, die unter unserm Bug wie junge Katzen spielten und nur dann und wann strich das in diesen Seen heimische Albatroß mit seinen ungeheuren Fittichen über uns hin, und mied uns dann als ob wir ein Pestschiff gewesen wären. Auch ganze Völker jenes tropischen Vogels, der von den Matrosen »Bootsmann« genannt wird, umschwirrten uns und stießen ihren gellenden Schrei aus, während sie an uns vorbeischossen. Das Unbestimmte unsrer Fahrt übrigens, und die Thatsache, daß wir auf sehr wenig befahrenen Gewässern dahintrieben, goß über diese Reise einen gewissen Zauber, den ich nie vergessen werde. Der stille Ozean ist nemlich größtentheils auf schon bekannten Straßen durchsegelt worden und das ist auch die Ursache, weshalb, trotz der großen Anzahl Schiffe, die ihn befahren, durch kühne Wallfischfänger oder besonders dazu ausgesandte Schiffe, noch immer neue Inseln entdeckt werden. In der That liegen auch ungeheure Strecken ununtersucht und keinem Zweifel ist es unterworfen, daß manche auf den Seekarten angegebene Sandbänke und Riffe, ja ganze Inselgruppen nur nach ungefähren Vermuthungen gezeichnet wurden. Der Umstand selbst also schon, daß ein Fahrzeug wie das unsre in solche Regionen eindrang, genügte, um Jeden, der nur ein wenig nachdachte, doch gewiß unruhig zu machen. Was mich betrifft, so fielen mir besonders wieder jene Erzählungen ein, wo Schiffe Nachts mit allen Segeln gesetzt, auf irgend einen Felsen hinaufliefen und während die Mannschaft schlief, mit Mann und Maus zu Grunde ging. Mit keinem Schiffe hätte so etwas leichter passiren können, als mit dem unsern, da uns schon unsre schwache Mannschaft und die gänzliche Disciplinlosigkeit ohnedies einer größern Gefahr aussetzte. Solche Gedanken kamen aber meinen sorglosen Schiffskameraden wohl kaum in den Kopf und fort gings, während die Sonne jeden Abend ganz accurat vor dem Top unsers Klüverbaumes in die See sank. Aus welchem Grunde der Steuermann solch geheimnißvolles Schweigen über unsere beabsichtigte Fahrt beobachtete, weiß ich heute noch nicht, denn was er uns darüber erzählte, waren sicher nur erdachte Märchen, die Mannschaft zu beschäftigen. Er sagte z. B. wir wären nach einem ausgezeichneten Jagdstrich bestimmt, den nur wenige Wallfischfänger kennten und den er selbst auf einem früheren Zuge entdeckt hätte; dort sollte die See förmlich schwärmen von Wallfischen und alles, was man zu thun brauche, sei hinauszufahren und sie zu harpuniren; sie seien viel zu ängstlich sich zu wehren. Ein klein wenig zu leewärts von dort sollte eine freundliche Inselgruppe liegen, wo wir uns erholen könnten; die herrlichsten Früchte gediehen darauf und die Eingeborenen wären fast noch durch keine früheren Fremden mißtrauisch gemacht. Um uns auch jede Möglichkeit zu nehmen, jenen Platz herauszubekommen, wo wir hingingen, theilte er uns selbst nicht die zu Mittag genommene Messung mit, obgleich das auf solchen Fahrzeugen sonst gewöhnlich Brauch ist. Indessen besorgte er die Wartung der Invaliden höchst aufmerksam und da Doktor Lattengeist die Schlüssel zur Medicinkiste abgeliefert hatte, so wurden sie ihm übergeben. Auch war er gar kein so übler Wundarzt; Pillen und Pulver wurden gewöhnlich den Fischen zugeworfen; aber ein geheimnißvolles kleines Fäßchen mußte desto öfter seinen Inhalt spenden, und seine Medicin mischte er am Gangspill in kleinen Cocosschalen, von denen jede den Namen eines Patienten trug. Den Landdoktoren unähnlich, haßte er übrigens seine eigenen Medicinen keineswegs und manchmal kam er förmlich angetrunken ins Vorcastle herunter, wo er auch denen, die seiner Hülfe bedurften, lange mächtige Erzählungen abspann. Meiner Lahmheit zufolge, von der ich mich übrigens bald erholte, that ich weiter keinen aktiven Dienst, als manchmal am Rade, und deshalb verbrachte ich den größten Theil meiner Zeit im Vorcastle mit dem langen Doktor, der sich die größte Mühe gab unterhaltend zu sein. Seine, obgleich bösartig zerlesenen und beschmuzten, Bücher wurden ein wahrer Schatz für mich und ich las sie immer und immer wieder, ja studirte sogar eine höchst gelehrte Abhandlung über das gelbe Fieber gründlich durch. Außer diesen besaß er noch ein Packet alter Sidneyzeitungen, durch welche ich mich bald mit den Lokalitäten der dortigen Handelsleute auf das Vollkommenste vertraut machte. Außer seiner angenehmen Gesellschaft war er mir übrigens auch in mancher andern Hinsicht sehr nützlich; seine Behandlung in der Kajüte hatte ihn dabei nur um so mehr den guten Willen der Schiffsdemokratie im Vorcastle erworben und sie behandelten ihn nicht allein auf das freundlichste, sondern sogar höchst achtungsvoll, und lachten dabei doch herzlich über all seine Späße. Da ich sein auserwählter Gesellschafter wurde, so erstreckte sich diese Behandlung auch bald auf mich, und sie schienen uns zuletzt mehr wie ein Paar ausgezeichnete Gäste zu betrachten. Bei den Mahlzeiten wurden wir immer zuerst bedient und auch außerdem begegnete man uns mit der größten Achtung. Unter andern Sachen, die wir während der häufigen Windstille hervorsuchten, die Zeit zu tödten, tauchte auch die Lust auf Schach zu spielen; unsere Figuren schnitten wir uns deshalb mit einem Messer ganz zierlich aus Stücken Holz und unser Schachbret wurde mit Kreide auf einen Kistendeckel gezeichnet, auf dem wir beim Spielen zu beiden Seiten ritten. Um aber die Figuren zu unterscheiden, so band ich den meinigen kleine schwarze Seidenlappen von einem alten zerrissenen Halstuch um. Daß sie also trauerten war auch, wie der Doktor sagte, ganz in der Ordnung, da sie in vier Spielen immer bei dreien Ursache hatten betrübt zu sein. Die Leute übrigens, die dem Schachspiele zusahen, konnten in die ganze Geschichte weder Kopf noch Schwanz bringen, und gaben das Spiel, nachdem sie ein paarmal zugesehen, auf. Allerdings verdient aber hier der Platz, in dem der Doktor und ich hausten, eine etwas nähere Beschreibung. Die meisten Menschen wissen, daß ein Schiffsvorcastle den vorderen Theil eines Schiffs um das Bugspriet herum einnimmt; derselbe Name bezeichnet aber auch zugleich der Matrosen Schlaf- und Gesellschaftszimmer, das dicht unter dem oberen Theile liegt. Gerade im Bug oder, wie die Matrosen sagen, in den »Augen« des Schiffs befindet sich dieses ungemein freundliche, dreieckige Gemach, das zu Larbord und Starbord von zwei Reihen niederer Schlafkasten oder Cojen begrenzt wird. Die Cojen der Julia befanden sich aber in einem beklagenswürdigen Zustande; es waren eigentlich nur noch förmliche Wraks, von denen manche total eingerissen waren, um andere damit auszubessern, ja auf der einen Seite standen nur noch zwei. Dem größten Theil der Mannschaft schien es übrigens sehr egal, ob sie eine Coje hatten oder nicht, Betten befanden sich außerdem nicht in ihrem Besitz und sie wußten also doch nichts weiter hineinzuthun, als sich selber. Unten in meinem eigenen Kasten breitete ich all das alte Leinen und Lumpenwerk, was ich zusammentreiben konnte, aus, und benutzte als Kissen ein Stück Holz mit einer darum gewickelten alten Jacke, was den Körper doch wenigstens in etwas verhinderte sich vollständig abzunutzen. Aus altem Segeltuch verfertigte Hängematten mußten hier und da die Stelle der zerstörten Cojen vertreten; da jedoch der Raum, in dem sie hingen, sehr beengt war, so lag es sich keineswegs bequem darin. Der Anblick des Vorcastles im Allgemeinen war übrigens schauerlich genug; kaum fünf Fuß von Deck zu Deck hoch, kreuzten es auch nach oben ein paar ausländische Balken, und die Matrosenkisten, die unten standen, beengten nun gar noch den Raum, daß man förmlich darunter hinkriechen mußte, um von einem Platz zum andern zu kommen; besonders nach dem Essen, wenn wir uns noch ein Bischen unterhalten wollten, saßen wir dort wie Schneider zusammen. In der Mitte des Ganzen standen zwei viereckige hölzerne Säulen, etwa einen Fuß aus einander, und zwischen diesen an einer rostigen Kette hing die Vorcastlelampe, die Tag und Nacht brannte und zwei ewig lange Schatten warf. Unter dieser befand sich ein Verschlag, eine Art Matrosenspeisekammer, aber in fürchterlicher Unordnung gehalten, so daß sie manchmal eine Reinigung von Grund aus erforderte. Nun befand sich wohl das ganze Schiff in einem traurigen Zustand, nach vorn aber glich es einem angefaulten hohlen Baum; wohin man faßte, war das Holz feucht und weich, und oft konnte man ganze Stücke davon herunterkratzen. Außerdem hing es auch an manchen Stellen noch in Splintern herunter, denn der Koch nahm sich oft die Freiheit von den mittelsten, noch gesunden Querbalken Späne herunter zu schlagen, um Feuer damit anzumachen. Unter der Decke sah alles schwarz und rußig aus, und hier und da hatten sogar auf vorigen Reisen trunkene Matrosen förmliche Löcher hineingebrannt. Von oben stieg man durch ein kleines miserables Loch hinunter, über das nicht einmal ein ordentlicher Schutz gezogen werden konnte; denn das Stückchen getheerte Leinwand, was solchen Dienst versehen sollte, genügte keineswegs. Sobald die See nur ein wenig hoch ging, spritzte fortwährend das Wasser herein und während eines Sturms schoß die Fluth förmlich herunter, schlug plätschernd im Innern hin und her, und spritzte wie Fontainen zwischen den Kisten empor. Solcher Art war unser Wohnort an Bord der Julia, und dennoch hatten wir keinen ungestörten Besitz davon. Unmassen von Käfern und ganze Regimenter von Ratten nahmen sich die Freiheit ihn mit uns zu theilen, und ein größeres Leiden kann ein Schiff in der Südsee kaum befallen. So warm ist das Klima dort, daß man sich ihrer gar nicht entledigen kann; man mag die Luken versiegeln und das Schiff mit Kohlendampf räuchern, bis der Qualm aus den Säumen preßt, es ist einerlei, und genug bleiben leben, um das Fahrzeug in kurzer Zeit wieder zu bevölkern. In manchen Fahrzeugen hat sich die Mannschaft nach harten Kämpfen denn auch ganz in ihr Schicksal ergeben und das Ungeziefer Besitz von einem Raum genommen, in dem die Matrosen zuletzt kaum noch geduldete Miethsleute schienen. Wallfischfänger, die sich oft mehrere Jahre zusammen unter dem Aequator herum treiben, sind dabei viel schlimmer daran, als andere Fahrzeuge. Was die Julia anbetraf, so hatten diese Bestien wohl auf keinem Fahrzeug der Welt solch ein angenehmes Leben, als auf ihr; jede Spalte, jeder Winkel schwärmte förmlich, und sie lebten nicht mehr unter uns, sondern wir unter ihnen, was zuletzt so arg wurde, daß man am besten seine Mahlzeiten im Dunkeln verzehrte. Mit den Käfern besonders fand ein ganz eignes Phänomen statt, das sich Keiner von uns erklären konnte. In jeder Nacht feierten sie ein förmliches Fest und die ersten Anzeichen desselben bestanden in einem ungewöhnlichen Summen und Rascheln derer, die die oberen Balken und das Innere der Cojen in Besitz hatten, diesem folgte ein reges Herbeidrängen jener, die in verborgenen Winkeln hausten, und plötzlich ging der Cravall los. Von allen Seiten stürmten sie herbei; die größten klapperten über die Kisten weg, beflügelte Ungethüme sausten aus allen Ecken heran und schossen hin und wieder in der Luft, und die kleine Bande summte in unbeschreiblicher Confusion durcheinander. Bei dem ersten Zeichen solchen Ereignisses stürmten alle von uns, die noch die Kräfte dazu besaßen, an Deck und nur die Kranken und Schwachen, die nicht mehr fortkonnten, blieben vollkommen ruhig liegen und ließen das wahnsinnige Ungeziefer nach Belieben über sich wegmarschiren. Diese Vorstellungen dauerten gewöhnlich zehn Minuten, und indessen konnte wohl kein Bienenstock wilder summen. Die Zeit solcher Generalversammlung blieb aber stets unbestimmt und konnte uns in jeder Stunde der Nacht überraschen. Glücklich fühlten wir uns, wenn sie schon früh am Abend statt fand. Auch die Ratten darf ich nicht vergessen; sie haben meiner wenigstens stets gedacht. So zahm wie Trenk's Maus standen sie in ihren Löchern wie alte Großväter in Hausthüren; oft sprangen sie sogar während des Essens auf die Kisten und naschten von den Speisen. Wymontoo erschrak besonders im Anfang darüber und fürchtete sich förmlich vor ihnen; bald aber gewöhnte er sich an sie und schien nun viel besser mit ihnen auszukommen, als wir andern alle. Mit besonderer Geschicklichkeit ergriff er dabei die Bestien oft an den Beinen und schleuderte sie zur Luke hinaus in die See, wo sie ihr feuchtes Grab fanden. Aber ich habe hier noch eine von meinen eigenen Rattenerzählungen beizufügen. Eines Tages schenkte mir der Steward etwas Syrup, den ich, um ihn mir ja sicher zu halten, in einem Blechbecher und in der entferntesten Ecke meiner Coje verbarg. Bei der Kost die wir erhielten, war solcher Syrup, auf ein wenig Schiffszwieback geträuft, ein förmlicher Luxusartikel, den ich nur mit dem Doktor, und auch dann selbst noch im Geheimen, theilte. Da geschah es, daß sich unser Vorrath erschöpfte, als wir aber im Dunkeln das Gefäß umkippten, glitt noch etwas anderes als reiner Syrup heraus; es war irgend eine Bestie; wie lange sich diese aber darin gefangen hatte und was es eigentlich gewesen, weiß nur Gott, wir mochten es keineswegs untersuchen und schauderten schon bei dem bloßen Gedanken daran. Das Vieh starb auf jeden Fall einen süßen Tod. Was nun unsern Doktor betraf, so war er, so ernst er auch zu Zeiten sein mochte, doch ein entschiedener Schäker, und wer da weiß, wie gern Matrosen am Ufer einen tollen Streich mitmachen, während sie an Bord selbst wahrhaft versessen darauf sind, wird sich denken können, wie freudig sie darauf eingingen. Der arme alte schwarze Koch hatte Manches von ihm zu leiden; wenn er Abends in seine Hängematte steigen wollte, fand er nicht selten einen nassen Klotz darin fest eingeschlafen und wachte selbst mit einem getheerten Wollkopf auf. Wie manchmal, wenn er seine Kessel öffnete, siedete ganz fidel ein alter Stiefel drin oder Stücken Pech stänkerten ihm die Cambuse aus. Baltimore's Er wurde so von dem Orte seiner Geburt genannt, denn er war ein entlassener Maryland-Sklave. Prüfungen nahmen in der That kein Ende, denn der arme Teufel war zu gutmüthig und hatte in Folge hiervon weder Tag noch Nacht Ruhe. – Sagt, was Ihr wollt zu Gunsten gutmütiger Personen, manchmal ist's viel besser das Temperament eines Wolfs zu haben. Wer hätte sich z. B. Freiheiten mit dem grimmen schwarzen Dan erlaubt? Des Doktors wunderlichste Späße bestanden darin, die Leute, wenn sie auf ihrer Wacht eingeschlafen waren, an Fuß oder Schulter in die Höhe zu hissen. Als er einmal aus dem Vorcastle kam, fand er die ganze Wache eingenickt und ging augenblicklich an seine Arbeit; an jedem Schläfer befestigte er ein Tau, stieß diese durch eine Anzahl Blöcke und führte sie alle zum Windlaß, wo er dann lustig an zu drehen fing und sie bald alle an Arm und Beinen herum hängen hatte. Als wir durch den Lärmen erweckt von unten heraufstürmten, fanden wir die armen Bursche im Mondenlicht wie eine Anzahl Piraten von allen Raaen herabhängen. Nicht selten suchte er auch im Vorcastle nach solchen, die von ihrer Wacht herunter gekommen und eingeschlafen waren, und die fanden sich dann plötzlich mit gewaltigem Ruck durch die Luke gerissen und am Fockmast hinaufgezogen. In einer Nacht, in der die vollkommenste Ruhe herrschte, lag ich wachend in meiner Coje; die Lampe brannte düster und schwankte, mit der regelmäßigen Bewegung des Schiffs, die Hängematten dabei accompagnirend, schwerfällig, hin und her. Die Schläfer rollten eben so gleichmäßig in ihren Schlafstellen und ich wollte eben die Augen wieder schließen, als ich einen Fuß auf der Leiter hörte und gleich darauf ein Paar weite weiße Beinkleider herabkommen sah. Es war Navy Bob, ein untersetzter, altgedienter Seemann, der leise niederstieg und vorsichtig im Dunkel nach etwas zu essen umherfühlte. Abendbrot beendet, lud er seine Pfeife und setzte sich dann ganz behaglich zum Rauchen hin. Um aber den Genuß einer solchen Pfeife recht zu verstehen, muß man wirklich auf der See sein, und zwar auf der See im Vorcastle, wo selbst die Atmosphäre des Platzes, von dem Schnarchen der Schläfer erfüllt, den Rauchenden in ein unbeschreiblich wohlthuendes und behagliches Träumen versenkt. Kein Wunder denn, daß Bob ebenfalls nach kurzer Zeit zu nicken begann. Der Kopf sank ihm auf die Brust; sein Hut fiel ab; die ausgegangene Pfeife rutschte ihm zwischen den Lippen vor, und bald lag er so ruhig wie ein Kind ausgestreckt auf der Kiste. Plötzlich wurde ein Befehl an Deck gegeben und diesem folgte das Stampfen von Füßen und das Anholen von Tauen. Die Raaen sollten gebraßt werden und natürlich vermißten sie Navy Bob bald dabei. Da glitt ein Schatten des Vorcastle herab; es war einer von der Wache, der sich dem verdachtlosen Bob näherte, und ein Tau in der Hand trug, das oben hinaus an Deck führte. Einen Augenblick stehen bleibend, drückte der Matrose leise mit der Hand gegen die Brust des Schlafenden, um zu sehen, ob er nicht gleich aufwachen würde; der lag aber fest und sicher, und rasch und geräuschlos das Ende des Fall's um seinen Knöchel schlagend, sprang er rasch wieder an Deck. Kaum drehete er übrigens den Rücken als ein Paar lange Beine aus einer gegenüber liegenden Coje hervorfuhren, und Doktor Lattengeist mit Blitzesschnelle folgte, das Bein des Schlafenden befreite und das Tau augenblicklich an einer mächtigen Kiste befestigte, die dem selber gehörte, der eben verschwunden war. Gerade hatte er den Knoten festgeschlungen, als die unbehülfliche Kiste auch schon losgerissen wurde, zum Entsetzen aller Schläfer rechts und links gegen die Cojen donnerte und der Luke zuflog, hier stak sie einen Augenblick, die Leute an Deck aber, die da glaubten, daß Bob, der so stark wie ein Windlaß war, einen Balken erfaßt hätte und das Tau nun durchschneiden wollte, rissen aus Leibeskräften. Plötzlich schwang sich denn auch die Kiste frei, schoß an Deck, schlug gegen den Mast, platzte und regnete nun auf die untenstehende Gesellschaft einen wahren Schauer von viel zu zahlreichen Sachen, um sie einzeln aufzuführen, nieder. Der greuliche Spektakel weckte natürlich die ganze Mannschaft und als wir an Deck kamen, stand der Eigentümer der Kiste mit sehr verblüfftem Antlitz zwischen seinem Besitzthum, und blickte starr und verwundert auf die Verwüstung umher. Capitel VI. Tod und Begräbniß zweier Matrosen. Unser Cours geändert. Gar traurig gegen die tolle Lustigkeit, die durchgängig am Bord herrschte, stach aber die Lage einiger Kranken ab, von denen auch bald darauf zwei der am meisten Leidenden zu einem besseren Dasein abgerufen wurden, ohne daß dies jedoch auch nur den mindesten Eindruck auf die rohe Schaar gemacht hätte. Wir waren etwa zwanzig Tage wieder im See gewesen, als zwei von den Kranken, deren Zustand ganz plötzlich bedenklich wurde, in ein und derselben Stunde starben. Einer hatte die dicht neben mir befindliche Coje in Besitz, die er schon seit mehreren Tagen nicht mehr verlassen. Während dieser Zeit phantasirte er oft und richtete sich manchmal empor, starrte wild um sich, und warf die Arme bewußtlos nach allen Seiten. – In seiner Todesnacht legte ich mich, bald nachdem die Mittelwache begonnen, nieder; als ich plötzlich in irgend einem entsetzlichen Traum wieder erwachte und etwas kaltes, klammiges neben mir fühlte. Es war die Hand des kranken Mannes, die er schon zwei- oder dreimal am vorigen Abend zu mir hereingesteckt, wobei ich sie nur stets langsam zurückschob. Jetzt schrak ich empor und schleuderte sie von mir; der Arm fiel starr und steif, und ich wußte der Mann war todt. Ich weckte die Leute und der Leichnam wurde augenblicklich in die Leinwand eingehüllt, auf der er lag, und an Deck geschafft; dann riefen wir den Steuermann und trafen Vorbereitungen zu einem unverzögerten Begräbniß. Den auf der Vorluke ausgelegten Körper näheten wir nun in eine der Hängematten ein, gaben ihm einige Stück Blockeisen, da wir keine Kugeln hatten, an die Füße und trugen ihn dann auf den Gangweg, wo er auf eine Planke gestreckt und auf das Bulwark gehoben wurde. Als Feierlichkeit mußte dann des Schiffes Bahn gehemmt werden; was dadurch geschah, daß wir das große Marssegel gegen den Mast braßten. Der Steuermann, keineswegs ganz nüchtern, taumelte nun herbei, hielt sich an einer Pardune fest und gab das Zeichen. Als die Matrosen die Planke an ihrer Seite hoben, senkte sie sich dem Meere zu, der todte Körper glitt hinab, schlug in das Wasser, ein Paar Luftblasen stiegen empor und – Alles war vorüber. – Vorgebraßt! Die große Raae schwang herum und das Fahrzeug schoß weiter, während die Leiche wahrscheinlich noch immer sank. Wir hatten einen Schiffskameraden den Haifischen überliefert, Niemand würde das aber gedacht haben, der jetzt zwischen uns getreten wäre. Der Todte war stets ein mürrischer, unzugänglicher Bursche gewesen und man dachte jetzt auch schon nicht mehr an ihn, als was mit seiner Kiste geschehen sollte, die er stets verschlossen gehalten und in der man Geld vermuthete. Einige erboten sich sie aufzubrechen und ihren Inhalt, ehe der Capitän danach fragen sollte, zu vertheilen. Während ich und Andere uns noch bemühten, sie davon abzubringen, lockte uns Alle ein Schrei vom Vorcastle dorthin, denn wir wußten, daß Niemand dort sein konnte, als zwei von den Kranken, die zu schwach gewesen an Deck zu kriechen. Einer von diesen war denn auch wirklich in irgend einem Krampfe aus seiner Hängematte gefallen und ohnmächtig geworden. Die Augenlider hielt er weit aufgerissen und athmete schwer und konvulsivisch. Die Leute schraken vor ihm zurück, der Doktor jedoch ergriff seine Hand, hielt sie ein paar Sekunden, ließ sie dann fallen und sagte: – der ist fertig! Der Körper wurde augenblicklich die Leiter hinaufgetragen. Eine zweite Hängematte diente nun auch diesem Unglücklichen zum Sarge, doch verlangte man jetzt noch etwas mehr Feierlichkeit und frug nach einer Bibel. Zufällig befand sich aber keine am Bord, nicht einmal ein Gebetbuch. Als dies bekannt wurde trat Anthony, ein Portugiese von den Capverdischen Inseln, hervor, murmelte etwas über dem Leichnam seines Landsmanns, zeichnete mit dem Finger auf der Hängematte ein großes Kreuz, und wenige Sekunden darauf folgte der Leichnam seinen vorangegangenen Schiffskameraden. Diese beiden Männer verdarben , im wahren Sinne des Wortes, auf der See, und hätten am Land, und unter ordentlicher Behandlung sicherlich gerettet werden können. Das ist das Schicksal eines Matrosen; man senkt ihn in sein nasses Grab, und Niemand fragt, wessen Kind er gewesen. Für den übrigen Theil der Nacht dachte natürlich Niemand mehr an Schlaf und die Meisten blieben an Deck bis zum hellen Tageslicht, während sie sich dabei solche schauerliche Seemärchen erzählten, als sie die Gelegenheit hervorrief. So wenig ich an solche Geschichten glaubte, so fühlte ich mich doch von einigen besonders erregt. Den meisten Eindruck machte des Zimmermanns Erzählung auf mich. Auf einer Reise nach Indien hatten sie das Fieber an Bord bekommen, das in wenigen Tagen fast die Hälfte der Mannschaft hinwegraffte. Nachher durften die Matrosen nie wieder einzeln ins Takelwerk hinaufsteigen; wenn Marssegel gerefft werden sollten, so saßen die Phantome auf den Nocken der Raaen und der Zimmermann selbst, der einmal in einer Boe das große Bramsegel hatte beschlagen wollen, wurde durch eine unsichtbare Hand fast von den Paarden heruntergestoßen, während sein Kamerad darauf schwor, daß ihm Jemand eine nasse Hängematte ins Gesicht geworfen. Solche Geschichten wurden von denen, die sich als Augenzeugen dabei ausgaben, mit einem wahren Bibelglauben erzählt. Eine vielleicht wenig bekannte Thatsache ist auch noch die, daß die Finnländer oder Finnen von den unwissenden Seeleuten nicht selten mit einem ganz besondern Aberglauben betrachtet werden. Aus einer, mir stets dunkel gebliebenen Ursache glaubt man, daß sie die Gabe eines zweiten Gesichts, und die Macht besäßen, eine übernatürliche Rache auf die Köpfe derer zu leiten, die sie beleidigt hätten. Aus diesem Grunde stehen sie auch bei den Matrosen in nicht geringer Achtung, und Zwei oder Drei, mit denen ich zu verschiedenen Zeiten segelte, waren denn auch wirklich geeignet, einen dem ähnlichen Eindruck wenigstens auf Solche hervorzubringen, die an derartige Sachen glaubten. Nun hatten wir ebenfalls einen von diesen Seepropheten an Bord, einen alten flachshaarigen Burschen, der stets eine rauhe, selbstgemachte Seehundsfellmütze und eine eben solche Tabakstasche trug. Van , wie wir ihn nannten, war ein ruhiger, stiller Mann und seine wenigen Eigenheiten verschwanden unter einer solchen Bande, wie ihn hier umgab, fast ganz. Jetzt rückte er übrigens mit einer Prophezeihung heraus, die allerdings erst durch ihre vollständige Erfüllung, wenn auch vielleicht nicht in dem Sinne, wie sie gemeint war, Aufsehen erregte. In der Nacht des Begräbnisses legte er seine Hand auf das alte Hufeisen, das als eine Art Bann an den Fockmast genagelt war, und erklärte feierlich, daß in weniger als drei Wochen nicht der vierte Theil unsrer Mannschaft mehr am Bord der Julia sein, sondern diese auf immer verlassen haben würde. Einige lachten; Flash-Jack nannte ihn einen alten Narren; im Ganzen machten diese Worte aber doch einen eigenen Eindruck auf die Leute und mehrere Tage herrschte eine Ruhe unter der Mannschaft, die sicher keiner andern Ursache, als des Finnen Warnung zugeschrieben werden konnte. Was mich betraf, so hatten überhaupt die Begebenheiten der letzten Zeit keineswegs verfehlt, mich nachdenkend zu stimmen, denn ich konnte mir auf keinen Fall verhehlen, daß wir uns in einer höchst kritischen Lage befanden. Auch Doktor Lattengeist sprach sich ziemlich offen über die Sache aus, und versicherte mir mehrere Male, er würde viel darum geben, auf irgend einer der benachbarten Inseln, gleichviel welche, ausgesetzt zu sein. Wo wir uns eigentlich befanden, oder wohin wir gingen, schien Niemand als der Steuermann zu wissen; der Capitän, – eine bloße Null überhaupt – lag als Invalid in seiner Kajüte; ebenso wie viele seiner Leute im Vorcastle. Unser Boot, unter solchen Umständen in die offene See hinaus ziehen, was gleich im Anfange als sonderbar genug erschien, wurde mit jedem Augenblick unverantwortlicher, noch dazu, da unser Aller Schicksal einzig und allein in den Händen dieses tollköpfigen Jermin lag. Wenn ihm etwas zustieß, so saßen wir förmlich verlassen auf dem weiten Ozean, denn Niemand als er hatte, wie er auch schon selbst geäußert, die Schiffsrechnung geführt seit wir ausgelaufen; da der Capitän keineswegs die nöthigen Kenntnisse dazu besaß. Sonderbarer Weise quälte sich aber die Mannschaft selbst selten oder nie mit solchen Gedanken, sie kannte nur ihre abergläubische Furcht, und als sich in augenscheinlichem Widerspruch mit des Finnen Prophezeihung die Kranken wieder erholten, wurden sie auch wieder so munter als früher und die Erinnerung an alles Vergangene schwand aus ihrem Gedächtniß. Im Laufe einer Woche wurde dabei – gleichfalls kein sehr spaßhafter Gegenstand – die Seeuntüchtigkeit der kleinen Julia immer mehr augenscheinlich, ohne daß sich die Matrosen deshalb groß bekümmert hätten. Flash-Jack grub mit seinem Messer gar nicht selten in die faulen schwammigen Planken, die uns vom Tode trennten und warf die Spähne mit irgend einem rohen Scherz zwischen uns. Was die Invaliden betraf, so waren sie kaum mehr krank genug, ernsthafte Befürchtungen zu erregen, oder sie unterdrückten wenigstens so viel als möglich ihren Schmerz; so herzlich und theilnehmend der Matrose nemlich sonst auf dem festen Lande ist, so gleichgültig zeigt er sich gewöhnlich auf der See gegen kranke Kameraden, und wenn er dann selbst das Lager suchen muß, so erwartet er natürlich, da wo er selbst kein Mitleiden gezeigt, auch keines von Andern. Ein Umstand war übrigens noch, der nicht unbedeutend dazu beitrug, Manche mit ihrer Lage in See zu versöhnen; es war dies die regelmäßig zwei Mal ausgetheilte Portion Pisco, die der Steward am Gangspill einem Jeden in ein blechernes Gefäß, »Tot« genannt, zuertheilte. Im Hafen wurde dieser Luxusartikel zurückbehalten, wahrscheinlich um die Leute wenigstens in einer Hinsicht wünschen zu machen, wieder in See zu sein. Da nun auf unserem Fahrzeug in keiner einzigen Hinsicht Ordnung herrschte, so blieb es denn auch natürlich nicht allein bei dem gesetzlichen Quantum von Spirituosen, was besonders durch Jermin den Kranken verschrieben wurde. Diese meldeten sich gewöhnlich noch zur regelmäßigen Vertheilung am Gangspill, und dann gab es außerdem noch allwöchentlich eine Ausnahmsflasche, die auf englischen Schiffen gewöhnlich die »Samstag-Abendflasche« genannt wird. Von diesen bekamen wir stets zweie in das Vorcastle geschickt, die eine für die Starbord-, die andere für die Larbordwache, und bei diesen nimmt gewöhnlich nach einem alten Brauch der älteste Seemann in jeder, das Recht an sich das Getränk auszutheilen, was er nun wie ein Lord an seinem eignen Tische verabreicht. Der Zimmermann und Böttcher, – in der Seesprache »Spahn« und »Spunt« genannt – die gewissermaßen als die Führer des Vorcastles galten, wußten dabei noch immer einen starken Extrabeitrag zu ihrem gewöhnlichen Deputat zu bekommen, was sie nicht allein in stets guter Nachmittagslaune erhielt, sondern sie auch veranlaßte, den jetzigen Stand der Dinge als keineswegs unangenehm zu betrachten. Wo waren aber in dieser ganzen Zeit die Pottfische? – Aufrichtig gesagt, ich kümmerte mich wenig darum, da wir ja auch gar nicht in den Verhältnissen waren, sie fangen zu körnten. Bis dahin hatten die Leute wohl ziemlich regelmäßige Wacht oben in den Marsen gehalten; jetzt aber kamen sie herunter und schwuren, sie würden nicht wieder hinausgehen. Hierauf bemerkte der Steuermann ziemlich gleichgültig, sie müßten nun bald zu dem Platz kommen, wo Mastwachen auch ganz unnütz wären, denn die Wallfische seien dort so zahm, daß sie gewöhnlich zu den Schiffen kämen und sich an denselben die Rücken scheuerten. So standen die Sachen mit uns etwa vier Wochen, nachdem wir Hannamanoo verlassen. Nicht lange nach dem Tode der beiden Männer hörten wir plötzlich, daß Capitän Guy schwächer und schwächer würde und bald darauf sogar, daß er im Sterben läge. Der Doktor nun, der sich früher geweigert hatte die Kajüte unter irgend einer Bedingung wieder zu betreten, bereute sein Gelübde und stattete seinem alten Feind einen ärztlichen Besuch ab. Er verschrieb ein warmes Bad, das auf folgende Art hergerichtet wurde: Das über der Kajüte angebrachte Fenster nahm man ab, und ließ dann ein Faß in die Kajüte nieder, das durch erst heiß gemachtes Wasser gefüllt wurde. Der arme Teufel von Patient schrie fürchterlich; sie hoben ihn auch mehr todt als lebendig wieder heraus und legten ihn auf sein Bett. An diesem Abend kam der Steuermann völlig nüchtern an Deck und holte plötzlich den Doktor, mich selbst und noch zwei andere seiner Lieblinge auf das Quarterdeck, wo er uns in Gegenwart von Bembo und dem Mowree plötzlich anredete: – Ich habe Euch etwas mitzutheilen, sagte er; und da Niemand hier ist als Bembo, der aft gehört, so will ich von Euch hier die Guten auslesen, um das Beste des Schiffs betreffend, Raths mit Euch zu pflegen. Mit des Kapitäns Wind stehts gerade so – und er drehte dabei die Hand um. – Wundern sollte mich's gar nicht, wenn er noch vor morgen umkippt; was aber nachher? – Wenn wir ihn wirklich einnähen, so könnten es sich einige von den Piraten da vorne gerade so gut vornehmen, mit dem Schiff davon zu laufen, weil gerade Niemand am Steuer steht und ich habe nun deshalb meinen Plan gemacht; obgleich ich ihn nicht ausführen will, wenn ich nicht auch wackere Burschen habe, die bei mir stehen; damit, wenn wir einmal wieder nach Hause kommen, alles gut und in Ordnung abgemacht werden kann. Wir frugen ihn jetzt natürlich, worin sein Plan eigentlich bestehe. – Das will ich Euch sagen, Ihr Leute. Wenn der Capitän stirbt, so stellen sich Alle unter meine Befehle und ich mache mich dann verbindlich, in weniger als drei Wochen fünfhundert Fässer Thran unter den Luken zu haben, genug, um jeder Mutter Sohn eine Handvoll Dollar zu sichern, wenn wir nach Sidney kommen. Wenn Ihr Euch nicht zu dem versteht, so werdet Ihr keinen Cent zu fordern haben. Die ganze Mannschaft hatte sich »zu der Unternehmung« eingeschifft, d. h. sie erhielt keinen Lohn, sondern war zu einem Theil des Profits der ganzen Reise berechtigt. Doktor Lattengeist erwiederte hierauf, daß man an so etwas gar nicht denken könne; sobald der Capitän sterbe, sei er verpflichtet, das Fahrzeug in den nächsten civilisirten Hafen zu bringen, um es dem englischen Konsul zu übergeben, wo die Mannschaft wahrscheinlich nach einem kurzen Aufenthalt am Lande heimgeschickt würde. Alles sprach gegen des Steuermanns Plan. – Dennoch, fuhr der Doktor mit angenommener Gleichgültigkeit fort, wenn die Leute hier auf den Wallfischfang wollen, gut, dann ist mir's auch recht. Je eher wir aber in diesem Falle an Eure Inseln kämen, desto besser wär's. Der lange Doktor hatte noch mehreres dabei zu bemerken, und nach der Art, in welcher die Uebrigen zu ihm aufsahen, lag es bald außer allem Zweifel, daß er der sein würde, der des Schiffes Lauf zu bestimmen hätte. Endlich wurde der Beschluß gefaßt, daß wir, wenn sich des Capitäns Zustand in vier und zwanzig Stunden nicht besserte, auf Tahiti zusegeln sollten. Diese Nachricht brachte einen gewaltigen Eindruck auf die ganze Mannschaft hervor, der wirklich erfrischend selbst auf die Kranken wirkte; der Doktor aber, ohne auf des Kapitäns Gesundheit anzuspielen, wünschte mir Glück, daß ich bald einen so berühmten Platz zu sehen bekäme, als jene Insel war. Die Nacht nach dieser Berathung ging ich einmal in der Hundewache an Deck, und fand die Raaen auf dem Larbordgang fest angebraßt, während der Süd-Ost-Passat scharf an unsern Bug preßte; der Capitän befand sich noch nicht besser und wir segelten auf Tahiti zu. Capitel VII. Ropey. Spahn und Spunt. Ein Sturm. Die Korallen-Inseln. Ich möchte hier, indeß wir doch so ruhig unsre Bahn fortsetzen, einen armen Teufel erwähnen, den wir an Bord hatten und der gewöhnlich Ropey genannt wurde. Er war ein wunderliches Individuum, das unser Fahrzeug als Landlubber betreten hatte, und sich dabei so ängstlich und ungeschickt anstellte, daß der Steuermann alle Hoffnung aufgab, je einen Seemann aus ihm zu machen. Er steckte ihn deshalb in die Kajüte als Steward, welchen Posten früher ein Seemann eingenommen; Ropey zeigte sich hier aber eben so ungeschickt zwischen dem Geschirr, als draußen zwischen dem Takelwerk. Eines schönen Morgens, da die See ein bischen hohl ging und das Schiff ein wenig stampfte, stürzte er denn auch einmal, mit einer hölzernen Terrine voll Suppe, mitten in die Kajüte hinein, und verbrannte die Offiziere so, daß sie sich in einer vollen Woche nicht wieder erholen konnten; noch an demselben Nachmittag steckten sie ihn wieder ins Vorcastle. Nun ist wohl Niemand so herzlich verachtet, wie ein eben solcher erbärmlicher »Gutfürgarnichts-Landlubber«; so unnütz aber auch ein solcher Charakter sein mag, so ist doch eine Schiffsgesellschaft selten oder nie geneigt, ihn irgend einen Nutzen daraus ziehen zu lassen. Man betrachtet ihn gewöhnlich als eine Maschine, und wo irgend eine harte schwere Arbeit zu thun ist, da wird er gewiß hingesteckt. Soll ein bedeutendes Theeren vorgenommen werden, so wird er Hals über Kopf in das Theerfaß geschoben und dabei angestellt; apportiren muß er wie ein Hund. Schickt ihn der Steuermann nach seinem Quadrant, so begegnet ihm vielleicht unterwegs der Capitän, der ihm sagt, er soll Dakum zupfen, und während er zu diesem Zwecke ein altes Tauende sucht, so kommt gewiß ein Matrose und möchte wissen, was er hier herumzukriechen hat, und warum er nicht zum Vorcastle geht. »Gehorcht dem letzten Befehl« ist ein unumstößliches Gesetz in See; der Landlubber aber, aus Furcht etwas zu verweigern, stürzt rath- und thatlos von einem Ort zum andern und erhält am Ende nichts weiter als Knuffe und Stöße aus allen Ecken. Zu seinen andern Leiden gehört noch das, daß er den Mund nicht aufthun darf ohne gefragt zu sein, und Gnade ihm Gott, wenn er sich einmal unterfangen wollte, einen Witz zu machen, das würde er bis an's Ende seiner Tage zu hören bekommen; obgleich er sich die Späße Anderer über ihn selbst ruhig muß gefallen lassen. Wehe ihm, wenn er beim Essen auch nur einen Seitenblick auf das Fleisch wirft, ehe die Andern zugelangt haben, und dabei muß er Alles auf sich nehmen, was irgend Jemand an Bord ausgeführt hat und nun nicht eingestehen will. Er ist das, was der heimliche Hallunke »Niemand« am Ufer gewöhnlich vertritt, und sein Elend nimmt wirklich kein Ende. Des Landlubbers Geist erliegt endlich diesen ewigen Angriffen, und das erste Resultat seiner Melancholie ist eine totale Vernachlässigung seiner Toilette. Anstatt aber, daß nun die Matrosen in etwas auf ihn Rücksicht nehmen sollten, ist kaum seine Reinlichkeit in Frage gestellt, als sich auch Alle, wie die Christen im Mittelalter auf die Juden, über ihn werfen und ihn zu den Leespeygaten schleppen, wo er trotz Hülfe- und Jammerschrei, bis auf die Unterkleider ausgezogen und erbarmungslos abgescheuert wird. Wehe, wehe dem Landlubber in See, er ist das unglückseligste Menschenkind auf der weiten, weiten Welt; und zwar ein solcher aus dem ff war unser Ropey. Er sah auch gleich so aus, sein Gesicht blieb ein förmliches Räthsel und obgleich scharf und lederfarben, trug es weder die Glätte der Jugend noch die Runzeln des Alters, und ich wäre z. B. ums Leben nicht im Stande gewesen zu sagen, ob er zwanzig oder fünfzig Jahr alt war. Was seine Geschichte anbetrifft, so mußte er in früherer Zeit ein Bäckergeselle in London gewesen sein, wo er damals Sonntags einen blauen Rock mit Metallknöpfen trug und seine Nachmittage in dem Wirthshaus zubrachte, seine Pfeife rauchte und sein Ale trank – ein heiterer, lebenskräftiger Bäckergeselle. Das dauerte aber nicht lange; ein alter »Misch Dich in Alles« erklärte ihm plötzlich, London sei eine ganz gute Stadt für ältliche Gentlemen und Invaliden; für einen jungen Mann von Geist wäre aber Australien gerade das rechte, und an einem unglückseligen Tag ordnete Ropey seine Finanzen und schiffte sich richtig nach Australien ein. In Sidney mit einem kleinen Capital angekommen, verbesserten sich nach harter Arbeit und unermüdlichem Kneeten seine Umstände, und er nahm sich ein Weib, die Lady aber schien mit seinen Eigenschaften nicht ganz zufrieden, und war an einem lauwarmen Sommermorgen mit seinem Gelde und Werkmeister plötzlich verschwunden. Ropey ging darauf augenblicklich in das Gasthaus von »Pfeife und Krug«, fing an zu trinken und beschloß beim fünften Glas Selbstmord, ein Entschluß, den er auch ausführte, denn er schiffte sich am nächsten Tag als Landlubber an Bord der Julia ein. Der Exbäcker würde sich übrigens noch viel besser befunden haben, wäre sein Herz nicht so unendlich weich gewesen; ein freundliches Wort machte einen Narren aus ihm, und die meisten Verlegenheiten, in die er kam, hatten darin ihren Ursprung. So, um ein Beispiel zu geben, saß Ropey manchmal Morgens ganz früh, wenn die Wache eben aufgestanden und beim Frühstück war, in einer Ecke und verzehrte traurig seine Delikatessen. Matrosen nun, eben vom Schlaf erwacht, sind keineswegs Engel, und deshalb wird dabei selten ein Wort gesprochen; grimmig und unrasirt sitzen sie alle schweigend da und kauen ihren Zwieback. Zu solcher Zeit kommt nun einer von den zutraulich aussehenden Schuften, – Flash-Jack nicht selten – über die Kisten hingekrochen und setzt sich mit seinem Becher neben den Landlubber. – Harte Bissen das, Ropey, beginnt er; hart genug noch dazu für Einen, der die Sache besser kennt und in London gelebt hat. Ich sage, Ropey, wenn Ihr nun heute morgen in Holborn wärt, was würdet Ihr da zu frühstücken haben? – Zu frühstücken? rief Ropey mit Entzücken; o sprecht nicht davon. – Was fehlt denn dem Burschen, knurrt hier ein alter Seebär und dreht sich wild nach ihm um. – O nichts, nichts, fiel Jack ein und bat Ropey, während er sich zu ihm hinüberlegte und ihm zuflüsterte leiser zu reden, fortzufahren. – O, schwelgte dieser dann in der Erinnerung, während seine beiden Augen wie ein Paar Laternen glänzten, – o dann ging ich zu Mutter Moll, die so kostbare Muffins bäckt; dort ging ich hin wißt Ihr, setzte mich in die beste Ecke und ließ mir fürs erste Mal ein halb Viertel geben, um damit anzufangen. – Und dann, Ropey? – Ei dann, Flashy, fuhr das arme ahnungslose und in seinem Thema wärmer werdende Opfer fort – dann rückte ich mir den Stuhl ein bischen näher zum Tisch und rief nach Betty – Betty, das Mädchen, das die Kunden bedient. Betty, mein Herzchen, sagte ich dann, Du siehst ganz rosig schön aus diesen Morgen; gieb mir ein Paar hübsche Scheiben Schweinskeule und Eier, Betty, mein Herzchen, und dann möchte ich eine Pinte Ale haben und drei hübsche heiße Muffins und Butter und ein Scheibchen Cheshire, und Betty, mein gutes Kindchen, dann möchte ich noch – – Ein Stück Haifisch und einen Strick, schrie der schwarze Dan fluchend und gleich darauf wurde der arme Teufel über die Kisten geschleppt und an Deck geknufft. Ich hatte es mir stets zur Pflicht gemacht, gegen den armen Ropey freundlich zu sein, wo ich nur konnte, und aus diesem Grunde war ich auch sein großer Liebling. Die beiden Kompagnons, wie sie von den Matrosen genannt wurden, oder Spahn und Spunt, wenn sie klassificirt werden mußten, weihten jetzt ihre Zeit, noch dazu da es einem Hafen zuging, immer mehr der Flasche und befanden sich zum großen Aerger und Neid der übrigen Mannschaft in einem fortwährenden, wenn auch noch geringen Grade von Seligkeit. So fidel sie aber auch im Ganzen sein mochten, ein Paar discretere Trinker konnten kaum gefunden werden. Niemand sah sie einen Schluck thun, außer wenn das regelmäßige Maß ausgeschenkt wurde. Das Geheimniß war aber nicht so gut versteckt, daß wir nicht doch am Ende dahinter gekommen wären. Die Fäßchen Pisco wurden nemlich unter den hinteren Luken gehalten, die auch zu diesem Zweck mit eisernen Stangen und Schlössern versehen waren. Der Böttcher jedoch unternahm zu Zeiten einen verbrecherischen Streifzug dorthin, indem er in die Vorluken hinabstieg, und nun, mit Gefahr erdrückt zu werden, über, und durch, und zwischen tausend Gegenständen hin, bis zu dem Platze kroch wo sie lagen. Bei seiner ersten Expedition fand er das Einzige, an das er kommen konnte mit dem Spuntloche oben; ein Stück eines eisernen Reifens mußte ihm nun als Werkzeug dienen und durch entsetzliches Stoßen und Drücken und Klopfen gelang es ihm endlich den Spunt hineinzustoßen. Die Art, das Getränk heraus zu bekommen, war eben so ingenieus; sein Halstuch tauchte er mit Hülfe des eisernen Reifens hinein und drückte es dann immer in ein kleines mitgebrachtes Gefäß aus, bis er das gefüllt hatte. Spunt war ein Mann nach eines Kellermeisters Herzen; er trank ruhig, bis er gerade handbar benebelt war und so hielt er sich, wurde weder schlimmer noch besser, sondern blieb nach seinem eignen Ausdruck »gerade recht.« In diesem interessanten Zustande hatte er ein gewisses freies Schaukeln in seinem Gange, eine eigne Art den Bund seiner Segelhosen heraufzuziehen, und vermied dem, mit dem er sprach, ins Auge zu sehen, sonst aber befand er sich immer munter. Wunderbarer Weise wurde er dann aber auch ganz ungewöhnlich patriotisch, und zeigte das am häufigsten und auf höchst komische Art, sobald ihm Dunk, ein gutmüthiger Däne mit viereckigem Gesicht, ebenfalls Matrose an Bord, begegnete. Hier muß ich jedoch vorher bemerken, daß der Böttcher auf echte Seemannsart ein ungeheurer Verehrer Lord Nelsons war; sonderbarer Weise machte er sich aber einen ganz falschen Begriff von dessen äußerer Erscheinung; denn nicht zufrieden damit ihn eines Auges und Armes zu berauben, behauptete er steif und fest, daß der Seeheld auch in einer seiner Schlachten ein Bein verloren habe. In dieser Voraussetzung nun, hoppte er manchmal, das eine Bein hinter seinem Rücken mit dem rechten Arm gefaßt und zu gleicher Zeit das eine Auge geschlossen, auf den Dänen los und schrie ihm in dieser Stellung zu, ihn anzuschauen und den Mann zu sehen, der seine Landsleute bei Kopenhagen so in die Pfanne gehauen hätte. – Seht her, Dunk, sagte er dabei, während er oftmals gefährliche Seitensprünge machen mußte sein Gleichgewicht zu behaupten, und mit dem einen Auge stark blinzte, um das andere geschlossen zu halten. – Seht her, Dunk: ein Mann – hängt mich – nur ein halber Mann – der nur einen Arm, ein Bein und ein Auge hatte – hängt mich – ja der nur überhaupt ein Stück von einem Leichnam war, prügelte Eure ganze schäbige Nation. Leugnet Ihr das, Ihr Lubber? Der Däne war ein höchst gutmüthiges Wesen und da er nur sehr wenig Englisch verstand, so gab er selten eine Antwort darauf; Spunt ließ aber dann sein eines Bein wieder herunter und stolperte mit der Miene eines Mannes fort, der es nicht der Mühe werth hält noch etwas Weiteres darüber zu sagen. Das freundliche, blaue Wetter, das uns in der Nähe der Marquesas-Inseln begünstigt, veränderte sich aber, je mehr wir südlich kamen und uns Tahiti näherten. In diesem gewöhnlich ruhigen Meere bläßt der Wind manchmal mit großer Gewalt, obgleich, wie jeder Seemann weiß, ein solcher von Gewürzdüften geschwängerter Sturm in den Tropen des stillen Ozeans, gar sehr verschieden von einem heulenden Orkan im nördlichen atlantischen Meere ist. Trotz des Windes ließ aber der Steuermann die Segel fast sämmtlich oben, und die kleine Jule hielt sich wirklich tapfer und brav. Wenn sie auch manchmal in den Wasserschlünden umgelegt wurde, so sprang sie doch immer wieder augenblicklich auf ihren Kiel, und ließ sich nichts anhaben. Jeder alter Balken in ihr krachte dann, jedes gespließte Tau sah aus als ob es im Nu wieder von einander gehen wollte, und dennoch flog sie auf ihrer Bahn, trotz allem was sich ihr entgegen stemmen mochte, wie ein kecker Renner dahin. Jermin, ein wahrer Seejockey, stellte sich manchmal in die Bindenetketten, während ihm der Schaum über Kopf und Kragen schlug und schrie dabei: »Brav gemacht, meine Jule – preß hinein mein Herzchen, Hurrah!« Eines Nachmittags hörten wir einmal ein wunderliches Prasseln oben im Takelwerk, das uns nach allen Richtungen hinaus sandte; es war die große Marsstenge. Krach! brach sie gerade über dem Top ab und schlug dort durch das Takelwerk gehalten, von Seite zu Seite, während Alles was dazu gehörte um sie herum schlenkerte. Sie hing nur noch an wenigen Spähnen und flog mit jeder Woge gegen die Raaen an, während die Segel in lauter Streifen hinausflatterten, und die lockeren Taue sich zusammenrollten und die Luft wie Peitschenschnüre schlugen. »Von unten fort!« ging der Ruf und nieder an Deck kamen die Blöcke, wie eben so viele Kugeln. Die Stenge überschlug sich, schoß zischend in die See und sprang im nächsten Moment wieder mit ihrer vollen Länge daraus zurück. Der Kamm einer Woge brach sich über ihr, – das Schiff glitt vorbei, und wir sahen das Holz nicht wieder. So lange diese lebendige Briese dauerte, befand sich unser schwarzer Koch Baltimore in nicht geringer Verlegenheit. Die Cambuse, oder das Kochhaus der Julia, war nemlich, wie das auf vielen Südseefahrern der Fall ist, an der Larbordseite des Vorcastles angebracht. Unter solch einem Segeldruck aber und bei so hoher See tauchte die Barke ihren Bug dann und wann unter, und schöpfte grüne glasige Wogen ein, die sich über dem Vordertheil brachen, jenen Theil des Schiffs förmlich unter Wasser setzten und dann bis aft wuschen. Die Cambuse, ziemlich fest auf ihrem Platz befestigt, diente solcher Ueberschwemmung als eine Art Wehrdamm. Um diese Zeit herum trug Baltimore stets das, was er seine Sturmkleider nannte, einen Südwester (einen getheerten Segeltuchhut mit breiter Hinterkrämpe) und ein paar gut eingeschmierte Seestiefeln, die ihm fast bis an die Knie reichten. So ausgestattet, um dem Wasser wo möglich Trotz zu bieten, zog sich bei diesem Unwetter unser Hoherpriester der Küche in sein innerstes Gemach zurück, und verrichtete dort seine ruhigen Arbeiten in geheimnißvollem Schweigen. So ängstlich war aber der alte Mann, einmal gelegentlich über Bord gewaschen zu werden, daß er wirklich das eine Ende eines schwachen Falltaues au seinen Gürtel befestigte und den Rest um sich herumwindend diesen dann und wann benutzte. Wenn er von seiner Kambüse fort mußte, wickelte er sich aus und befestigte das eine Ende in einem Ring an Deck, so daß ihn eine Welle wohl umwaschen aber weiter nichts mit ihm anfangen konnte. Eines Abends, als er sich gerade mit der Bereitung des Soupers beschäftigte, bäumte die Julia, wie ein spieliges Fohlen auf ihren Stern, und schöpfte, als sie vorn wieder, niederschlug, eine entsetzliche See. Nichts konnte dieser widerstehen. Ein Theil des verfaulten vordern Bulwarks brach krachend herein, schlug gegen die Cambuse, riß diese aus ihren Bändern und schlug sie von Seite zu Seite bis sie endlich am Windlaß strandete. Das Wasser schoß dann in einer wahren Fluth über Deck, überschwemmte Töpfe, Pfannen und Kessel und nahm selbst den alten Baltimore mit, der einem Delphine gleich darin herum sprudelte. Erst am Gangspill hinten theilte sich die Woge, und ließ den alten Koch, der die ausgegangene und fast entzwei gebissene Pfeife noch immer fest zwischen den Zähnen hielt, hoch und trocken auf der hintern Luke liegen. Die wenigen Mann an Deck waren nach Matrosenart in das Takelwerk des Hauptmastes gesprungen und jubelten nur über das Unglück des armen Teufels. In derselben Nacht brach unser Klüverbaum wie ein Pfeifenstengel ab und der Brodgewinner kam an Run herunter. Am nächsten Morgen hatte sich der Wind bedeutend gelegt, ebenso die See; am Nachmittag waren fast alle unsere erlittenen Schäden wieder ausgebessert und wir segelten so ruhig dahin wie immer. Die zerstörten Bulwarks konnten wir freilich nicht wieder ausbessern, denn wir führten nichts an Bord was sie ersetzen konnte, sobald es also an zu wehen fing, brach die Fluth über unsern zerrissenen Bug; aber die kleine Jule schlug ihre Hacken noch immer so hoch in die Höhe als früher. Wie weit wir westlich segelten, nachdem wir die Marquesas-Inseln verlassen, oder wie unsere Länge und Breite zu gewissen Zeiten gewesen sein mag, oder wie viele Meilen wir nach Tahiti zu machten, ist etwas, über das ich leider keine Auskunft geben kann. Jermin besorgte die ganze Messung und behielt das, wie schon vorher erwähnt, bei sich selber. Mittags brachte er seinen Quadranten an Deck, ein altes rostiges Ding, das eher aussah, als ob es einem Astrologen als einem Seemann gehörte, und manchmal, wenn er gerade ein bischen viel getrunken hatte, taumelte er, mit dem Instrument am Auge auf dem ganzen Deck herum und suchte überall die Sonne, die er doch, wie jeder nüchterne Mensch wissen mußte, über sich finden konnte. Wie in aller Welt er es manchmal zu Wege brachte, die Breite zu bestimmen, in der wir uns befanden, ist mehr als ich sagen kann, und die Länge muß er entweder durch Regel de tri oder geheime Offenbarung entdeckt haben. Daran war aber der Chronometer nicht etwa schuld, von dem vielleicht der Leser glauben möchte, er wäre unregelmäßig gegangen oder nicht zuverlässig gewesen, o Gott bewahre, der stand stockstill und bewahrte deshalb auch wahrscheinlich die ganz genaue und treue Greenwich-Zeit – die es damals gewesen als er stehen geblieben. Der Steuermann übrigens behauptete außer seiner »todten Rechnung« die Meridianentfernung von Bowbell's auch noch durch eine gelegentliche Beobachtung des Mondes zu erlangen. Dies geschieht glaube ich, dadurch, daß man mit den dazu nöthigen Instrumenten die Entfernung zwischen dem Monde und einem gewissen Sterne mißt; dies muß aber zu gleicher Zeit durch zwei Beobachter geschehen. Obgleich nun auch der Steuermann schon allein als vollkommen genügend zu solchem Zweck angesehen werden konnte, denn gewöhnlich sah er um tiefe Zeit alles doppelt, so wurde dennoch der Doktor meistentheils aufgerufen, um Jermins Quadranten zu sekundiren und wir Matrosen amüsirten uns dann nicht wenig über die wunderlichen Stellungen, die Beide dabei annahmen. Des Steuermanns zitternde Versuche sein Instrument nach dem Stern zu richten, sahen wirklich zu komisch aus; übrigens begreife ich jetzt noch nicht, wie er ihn, wenn er ihn wirklich endlich fand, von denen unterscheiden konnte, die er im eignen Hirn trug. Dennoch lootste er uns hin und ehe viele Tage vergingen warf einer der Leute, der hinauf gesandt war einen Riß im Fockmarssegel auszubessern, seinen Hut in die Luft und schrie: Land a hoi! Land war es auch wirklich, in welchem Theil der Südsee aber, das wußte Jermin nur allein; obgleich Einige von uns behaupteten, selbst er wisse es nicht. Kaum hatte er aber die Ankündigung gehört, als er mit seinem Fernrohr in der Hand an Deck gesprungen kam, eine ganze Weile hindurch sah, und sich endlich mit der Miene eines Mannes nach uns umwandte, der von etwas die unbezweifelte Versicherung erhalten hätte, das er schon lange vorher gewußt. Das Land war, seiner Aussage nach, ganz genau das, nach welchem er gesteuert und in vier und zwanzig Stunden würden wir Tahiti sehen. – Er hatte wirklich recht. Die Insel erwies sich bald als zu der Pomatu- oder niedern Gruppe, oft auch die Koralleninseln genannt, gehörig, vielleicht die merkwürdigsten Eilande des stillen Ozeans, die östlich von Tahiti liegen und von denen aus man dieses in einem Tag Segeln erreichen kann. Diese Inseln sind sehr zahlreich, größtentheils klein, niedrig und flach, manchmal bewaldet, stets aber mit üppigem Grün bedeckt. Viele haben eine halbmond-, manche eine hufeneisenartige Bildung, diese letztern bestehen dann nur aus einem schmalen Landstreifen, der eine Lagune umgiebt. Manche von diesen Letztern stehen nur mit der See durch einen ganz schmalen Kanal in Verbindung; manche müssen sich nur unsichtbar mit ihr vereinigen, da sie ganz eingeschlossen sind, und in diesem Falle gleichen sie einem grünen Smaragd-Ring, der einen wunderherrlichen Diamant umschließt. Noch andere Lagunen sind von zahlreichen kleinen Inseln umgeben, die dann ganz dicht an einander liegen. Der Ursprung dieser ganzen Gruppe wird nur dem Koralleninsekt zugeschrieben. Einige Naturforscher behaupten, dieses wunderbare kleine Geschöpf beginne seine Bauten auf dem Grunde der See und führe sie nach Jahrhunderten bis zur Oberfläche empor, wo seine Arbeiten dann aufhören. Hierauf hält aber die rauhe Oberfläche der Koralle alle schwimmende Körper auf und bildet im Verlauf der Zeit einen Fruchtboden, in dem die durch Vögel hierhergetragenen Samen keimen und das Ganze mit üppiger Vegetation bedecken. Hier und da über diesen ganzen Archipel hin zeigen sich zahllose nackte und abgerissene Korallenbildungen, die scheinbar gerade dem Ozean entstiegen, und also sich erst bildende Inseln sind. Man glaubt das wenigstens unwillkürlich, wenn man sie sieht. Das Obige ist die gewöhnliche Meinung über diesen Gegenstand; kürzlich aber ist eine neuere Idee aufgetaucht, die gerade das Gegentheil behauptet. Statt das Phänomen dieser Inseln für etwas zu halten, das eine schaffende, aus sich selbst erstehende Kraft anzeigte, sollen es nur die Ueberreste eines frühern Continents sein, der durch das ewige Schlagen der See aus einander gerissen und abgewaschen sei. So viel ich weiß existiren, nur wenige Brodfruchtbäume in irgend einem Theile der Pomatugruppe; auf manchen Inseln gedeiht sogar die Cocospalme nicht, obgleich diese in andern desto häufiger vorkommt. Viele von den Inseln sind deshalb auch ganz unbewohnt, andere ernähren nur eine einzige Familie; aber keine ist stark bevölkert. In einiger Hinsicht gleichen die Eingeborenen den Tahitiern, auch in ihrer Sprache; das Volk der südöstlichen Gruppen aber, obgleich wenig bekannt, hat einen bösen Ruf als Kannibalen und deshalb wird seine Gastfreundschaft von den Seefahrern selten in Anspruch genommen. Die Korallen-Inseln werden hauptsächlich von den Perlfischern besucht, die gewöhnlich in kleinen Schoonern mit kaum mehr als fünf oder sechs Mann dort anlegen. Die Perlmuscheln werden in den Lagunen und an den Riffen gefunden, und für ein halb Dutzend Nägel den Tag, ja für noch viel geringere Gegenstände, lassen sich die Eingeborenen gern miethen, danach zu tauchen. Eine große Menge Cocosnußöl wird hier ebenfalls gewonnen, denn einige der unbewohnten Inseln sind mit dichten Cocosnußwäldern bedeckt, in denen die seit Jahren gefallenen Nüsse den Boden in dichten Schichten überlagern. Zwei oder drei Männer mit den nöthigen Apparaten versehen das Oel auszulassen, können in ein oder zwei Wochen so viel gewinnen, ein ganzes Seecanoe damit zu beladen. Der Wind schlief jetzt ein und der Abend rückte heran, ehe wir uns der Insel näherten, sie lag aber doch den ganzen Nachmittag vor uns; sie war klein und rund, ganz von Baumwuchs entblößt und schien sich kaum vier Fuß über das Wasser zu erheben; hinter ihr lag noch eine andere und größere, über die ein tropischer Sonnenuntergang all seine Glorie goß. Die Passate füllten kaum die mattgehobenen Segel; die Luft war von dem Aroma tausend wunderbarer Gerüche erfüllt; einer der Kranken aber, der an Deck gekommen war, und schon seit einigen Tagen Spuren von Skorbut gezeigt hatte, schrie plötzlich, als er sie einathmete, laut auf und wurde wieder hinabgetragen. Dies ist ein nicht ungewöhnlicher Fall. Wir glitten in kaum einer Cabellänge vom Ufer, das von funkelndem Schaum umkränzt wurde, weiter, während sich die stille schlummernde Lagune in seine Umarmung schmiegte. Kein lebendes Wesen ließ sich sehen und wir waren vielleicht die ersten Sterblichen, die diesen wundervollen Platz erblickten. Der Gedanke hatte einen eigenthümlichen Reiz; und dabei dachte ich fast unwillkührlich an die endlosen Korallen-Grotten und Gallerien, die dort unten, weit aus dem Bereich des Senkbleis, in die unergründliche Tiefe reichten; was für sonderbare Wesen konnten in ihnen hausen; sicherlich jagten sich dort die Seejungfern durch die Zellen und Grotten, und fingen sich mit ihren langen Locken in den astigen Korallenarmen. Capitel VIII. Tahiti. Eine Ueberraschung. Mehr über Bembo. Am nächsten Morgen noch in früher Dämmerung, sahen wir die Kuppen von Tahiti, die bei klarem Wetter auf neunzig Meilen Entfernung erkannt werden können. – Hivarhoo, schrie Wymantoo jauchzend und lief, als er das Land zuerst in weiter Ferne erkannte, auf das Bugspriet hinaus. Da aber die Wolken verschwanden und er die drei Gipfel erkannte; die Obelisken gleich gegen das Firmament abstachen, da traten ihm die Thränen in die Augen. Armer Bursche, es war nicht Hivarhoo! Hivarhoo lag manche lange Meile entfernt. Tahiti ist auf jeden Fall die berühmteste Insel in der Südsee, ja verschiedene Ursachen haben sie ordentlich klassisch gemacht. Schon ihre natürliche Gestaltung zeichnet sie vor den übrigen Gruppen aus; zwei runde und kühne Vorgebirge, deren Gipfel sich bis 9000 Fuß über die Meeresfläche erheben, sind durch einen niedern schmalen Isthmus mit einander verbunden, und das Ganze umfaßt etwa einen Umkreis von hundert Miles. Von den großen Centralkuppen der größern Peninsula, Orohena, Aorai und Pirohitee strahlt das Land nach allen Seiten der See zu in niederen grünen Bergrücken aus. Zwischen diesen liegen breite, schattige Thäler von herrlichen Strömen bewässert und dicht bewaldet. Tahiti umschließt auch, was nicht bei allen andern Inseln der Fall ist, ein Gürtel von niederm, ungemein kräftigen Fruchtboden, der mit der üppigsten Vegetation bedeckt ist; hier wohnen hauptsächlich die Eingeborenen. Von der See aus gesehen ist der Anblick wundervoll. Dem Auge bietet sich eine förmliche Masse von grünen Tinten, die in wundervollen Schattierungen bis zu den höchsten Gipfeln der Berge hinaufsteigen; Thäler und Gebirgsrücken, Schluchten und Wasserfälle wechseln dabei ab, und hie und da werfen die höheren Klippen ihre weiten Schatten über die tiefer liegenden Gebirge, zwischen denen dann wieder die Cascaden in den Sonnenstrahlen blitzen, als ob sie sich durch lauter Lauben und Grotten ergössen. Ein solcher Zauber liegt hier über der Landschaft, daß sie dem Kommenden so frisch, wie eben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, erscheint. Das Gemälde verliert auch, wenn man näher kommt, keineswegs an Schönheit, und die Behauptung ist wahrlich nicht übertrieben, daß ein Europäer, wenn er diese Thäler zum ersten Mal betritt, seinen Sinnen kaum glauben mag, die ihm vorlügen wollen, es gäbe in der Wirklichkeit ein solch wunderherrliches, paradiesisches Land. Kein Wunder, daß die Franzosen dieser Insel den Beinamen von Neu-Cytherea gaben. De Bourgainville sagt: oft glaubte ich in dem Garten von Eden selbst zu wandeln. Der Anblick des Landes erfüllte uns mit einem unbeschreiblichen Entzücken. Nach langer Kreuzfahrt in einem Hafen einzulaufen ist stets angenehm genug für einen Seemann, der sich dann allerlei freudigen Hoffnungen überläßt; uns aber mußte dieser Abschnitt in unsrer Seefahrt, aus noch weit andern Gründen, ein sehr willkommener sein. Seit wir dem Lande zusegelten, waren denn auch unsere Aussichten viel besprochen worden. Viele behaupteten, wenn der Capitän das Schiff verließe, so seien die Matrosen ebenfalls nicht mehr an dasselbe gebunden. Ueberhaupt galt das im Vorcastle als allgemein angenommen; obgleich ein Marinegesetz vielleicht anders darüber abgesprochen hätte. Auf jeden Fall befand sich Mannschaft wie Schiff in einem solchen Zustande, daß wir, komme was da wolle, viele Feiertage und einen ziemlich langen Aufenthalt in Tahiti erwarten durften. Alle gaben sich den fröhlichsten Hoffnungen hin, und selbst die Kranken, die sich seit dem Wechsel in unsrer Lage reißend schnell, erholt hatten, waren auf den Decks und lehnten an den Bulwarks, und zwar Einige voller Lust und Leben, Andere in schweigender Bewunderung über das herrliche Schauspiel, das sich vor ihnen ausbreitete: – Tahiti von der See aus. Das Quarterdeck stach übrigens sehr bedeutend gegen Das ab, was am andern Ende des Fahrzeugs vorging. Der Mowree saß dort, wie gewöhnlich in sich selbst hineinbrütend, und Jermin schritt in tiefen Gedanken hin und her, während er von Zeit zu Zeit nach luvwärts hinüberblickte oder in die Kajüte sprang und schnell wieder zurückkehrte. All unsere leichten Segel wie liebend gegen das Land hin ausgebreitet, hielten wir unsern Weg, bis wir durch des Doktors Glas Papeetee, den Hauptort von Tahiti erkannten. Verschiedene Schiffe lagen dort im Hafen und unter diesen auch eines, das dunkel und mächtig emporstarrte; die beiden Reihen Zähne verkündeten eine Fregatte. Dies war die Reine blanche , kürzlich von den Marquesas eingetroffen, und führte an der Fockstenge die Flagge des Contre-Admirals Du Petit Thouars. Kaum hatten wir sie ausmachen können, als der dumpfe Donner ihrer Kanonen über die Wasserfläche zu uns herüberschallte, ihr Feuern geschah zu Ehren eines Vertrags oder vielmehr, soweit er die Eingeborenen betraf, einer gezwungenen Abtretung von Tahiti an die Franzosen, welche diesen Morgen abgeschlossen worden war. Die Kanonade hatte kaum nachgelassen, als Jermins Stimme eine so unerwartete Ordre gab, daß Jeder in die Höhe fuhr. – Steht bei hier und braßt die große Raae back. – Was bedeutet das? – sollen wir denn nicht in den Hafen? schrieen die Leute. – – Schnell hier hinter und keine Worte, schrie der Steuermann. Im nächsten Augenblick knarrte die Raae herum und die Julia lag mit ihrem Klüverbaum in See hinaus deutend, ruhig wie eine Ente auf den Wogen. Wir sahen uns Alle einander verwundert an, als ob wir fragen wollten, was nun geschehen würde. Plötzlich erschien der Steward an Deck und trug eine Matraze, die er im Hintertheil von des Capitäns Boot ausbreitete, zwei oder drei Kisten und andere Sachen, die ebenfalls seinem Master gehörten, wurden auch hineingelegt. Das genügte. Der Matrose braucht keine große Auseinandersetzung, um zu begreifen, was vorgeht. Noch immer den Plan beibehaltend, die Julia trotz allem, was sich ihm entgegenstellen konnte, in See zu lassen, wollte der Capitän jetzt ans Ufer fahren, während er indessen sein Fahrzeug unter dem Befehl des Steuermanns ließ, der ihn nach einem gewissen Zeitraum hier wieder abholen sollte. Alles das konnte natürlich sehr leicht geschehen, ohne daß wir etwa näher zum Land zu segeln brauchten, als wir jetzt lagen; kranke Capitäne von Wallfischfängern greifen denn auch nicht selten zu einem solchen Mittel, um sich wiederherzustellen, ohne dabei ihr Fahrzeug selbst aufzuhalten. In diesem Falle war es aber gänzlich ungerecht, und selbst gegen jedes Princip von Klugheit und Menschlichkeit anstreitend, denn wenn es auch von Guy's Seite mehr Entschlossenheit zeigte als wir ihm jemals zugetraut, so bewies es doch zu gleicher Zeit eine unbegreifliche Kurzsichtigkeit, daß er vermuthen konnte, seine Mannschaft würde sich gutwillig solcher Willkür fügen. Bald fanden wir, daß unsre Vermuthungen ganz richtig gewesen und die Leute wurden wüthend. Spahn und Spunt erboten sich augenblicklich an die Spitze einer Meuterei zu treten, und während Jermin unter Deck war, sprangen Vier oder Fünft aft, befestigten die Kajütenthüren und Andere schlangen die Brassen los und ließen das Hauptsegel wieder herum schwingen, während sie den Uebrigen zuriefen, ihnen mit beizustehen und dem Lande zu zuhalten. Alles dies geschah in einem Augenblick und die Sachen standen äußerst kritisch als Doktor Lattengeist und ich selber zwischen sie traten, und sie veranlaßten, nichts hastig zu thun, sondern die Sache erst ruhig zu bereden, da wir ja völlig Zeit und das Schiff ganz in unsrer Gewalt hätten. Während die Vorbereitungen indessen immer noch in der Kajüte getroffen wurden, musterten wir die Leute und hielten auf dem Vorcastle unsere Berathung. Allerdings kostete es Mühe, diese Tollköpfe zu einer ruhigen Ueberlegung der Sache zu bringen, des Doktors Einfluß zeigte sich aber doch am Ende, und mit wenigen Ausnahmen beschlossen sie, sich durch ihn leiten zu lassen, natürlich dabei versichert, daß in diesem Falle das Fahrzeug ruhig vor Anker gehen müsse, ohne daß irgend Jemand von ihnen weitere Umstände hätte oder besondere Gefahr liefe. Außerdem versicherten sie uns noch geradezu, daß sie, wenn friedliche Mittel fehl schlügen, unter jeder Bedingung die kleine Jule nehmen und nach Papeetee hineinführen würden, und wenn sie alle dafür hängen müßten. Für den Augenblick sollte übrigens der Capitän seinen Willen haben. Indessen war alles fertig gemacht, das Boot herunter gelassen und zu den Fallreepen gebracht, und der Capitän durch den Steuermann und Steward an Deck geführt worden. Wir sahen ihn hier seit zwei Monaten zum ersten Male wieder und er hatte sich sehr verändert. Als ob er gern jedem Auge ausweichen wolle, bedeckte ein großer, breitrandiger Paytohut seinen Kopf und wir konnten sein Gesicht nur dann zu sehen bekommen, wenn der Wind den Rand desselben zurückschlug. Durch ein an der großen Raae angebrachtes Nocktakel ließen ihn der Koch und Bembo in das Boot hinab; als er aber stöhnend niederglitt, muß er auf jeden Fall die Verwünschungen gehört haben, die ihm seine Leute nachsandten. Während der Steward noch unten alles in Ordnung brachte, drehte sich der Steuermann plötzlich nach einer geheimen Unterredung mit dem Mowree gegen uns um – und erklärte, er würde mit dem Capitän ans Ufer fahren, sobald als möglich aber zurückkehren. Während seiner Abwesenheit sollte Bembo, als nächster im Rang nach ihm, den Befehl übernehmen, da ja auch weiter nichts zu thun sei, als die Barke in sicherer Entfernung vom Lande zu halten. Er sprang dann ins Boot hinunter und steuerte, mit dem Koch und Steward als Ruderer, dem Ufer zu. Daß Guy, dem Rath des Steuermanns gerade entgegen, das Schiff so in den Händen der Leute ließ, war ein anderer Beweis seiner Albernheit; wären der Doktor und ich nicht an Bord gewesen, Gott weiß wie dann Alles gekommen. Für jetzt hatten wir nun Bembo als Capitän und soweit als es Seemannskunst betraf, hätte wohl schwerlich ein Besserer gefunden werden können. Nur mit seinem Englisch stand es ein wenig schwach, denn er kannte einzig und allein die nautischen Benennungen, und nachher alle nur erdenklichen Flüche, sonst aber weiter gar nichts. Als Harpunier, der Zutritt zur Kajüte hatte, wurde dieser Mann, den Seegebräuchen gemäß, die keine Ausnahme kennen, über die Matrosen gestellt, und wenn auch noch nicht civilisirt, so fiel doch Keinem ein, etwas außerordentliches darin zu finden oder dagegen zu murren. Eine nähere Nachricht möchte ich aber doch hier über Bembo geben. Wenige von uns mochten ihn gern leiden, und fast alle, der Steuermann ausgenommen, fürchteten den düstern trotzigen Wilden oder mißtrauten ihm wenigstens; auch schien das Gefühl gegenseitig stattzufinden. Wenn ihn nicht seine Pflicht dahin rief, so ging er selten unter die Mannschaft, die sich überdies gar schlimme Geschichten über ihn erzählte. So sollte er besonders an einem Erbübel leiden, nämlich »Menschen todt zu schlagen und sie zu fressen«; darüber wußte man jedoch weiter nichts Genaues, als daß er, was sich allerdings nicht leugnen ließ, von einer Kannibalen-Race abstammte. Seine persönliche Erscheinung verminderte denn auch keineswegs den unangenehmen Eindruck, den sein übriges Benehmen hervorbrachte. Ganz unähnlich seinen Landsleuten war er fast noch unter der gewöhnlichen Höhe, aber stark und kräftig gebaut, und unter seiner schwartigen tättowirten Haut arbeiteten die Muskeln wie Stahlklammern; sein lockiges, kohlschwarzes Haar hing ihm über die rauhen Brauen herunter, und tief versteckte funkelnde Augen blitzten immer wie aus einem Hinterhalt hervor. Früher schon hatte er zwei oder drei Reisen in Sidney-Wallfischfängern mitgemacht, sich aber stets wie auch bei uns, in der Insel Bai eingeschifft, wo er auch immer wieder an's Land ging, wenn das Schiff heimwärts zog. Auf solche Art schiffen sich seine Landsleute häufig an Bord der Wallfischfänger aus den Colonien ein. Einer von den Leuten an Bord war mit dem Mowree auf seiner ersten Reise zusammengewesen und behauptete, dieser habe sich seit der Zeit auch nicht im mindesten verändert, erzählte mir aber wunderliche Geschichten von ihm, unter andern auch die folgende, die mir wohl glaublich schien, da ich die tollkühne Weise mancher Wallfischfänger kannte, und unfern trotzigen, zu Allem fähigen Wilden dabei dicht vor mir sah. Wie man sich wohl denken kann, war Bembo ein wilder toller Bursche hinter dem Fisch her, und alle Neuseeländer sind das, da es ja schon außerdem freundlichst mit ihren blutdürstigen Neigungen harmonirt. Deshalb werden sie auch sehr häufig zu Harpunirern genommen, als welche sie treffliche Dienste leisten, denn das ist ein Posten, in dem ein nervöser, ängstlicher Mann allerdings etwas außer seinem Element sein möchte. Beim Werfen steht der Harpunirer natürlich aufrecht in der Spitze des Boots, ein Kniee dabei gegen einen Schutz vorn gestemmt. Bembo verschmähete das aber und ließ sich stets zu seinem Fisch, frei auf dem Bootrand stehend, hinanrudern. Doch zu meiner Geschichte. Eines Morgens mit Tagesanbruch brachten sie ihn zu einem großen, einsamen Wallfisch, er schleuderte seine Harpune, fehlte und der Fisch tauchte unter. Nach einer Weile stieg das Ungeheuer etwa eine Mile von ihnen entfernt wieder empor und sie verfolgten ihn; der Fisch mußte aber wohl ängstlich geworden sein, denn er hielt sich jetzt fern, und der Nachmittag kam, ohne daß sie ihn erreicht hätten. Beim Wallfischfang aber wird ein Fisch so lange man ihn nur sehen kann, nie aufgegeben, und jetzt, da sie so selten werden, selbst noch oft in der Nacht verfolgt. Endlich bekamen sie Bembo's Wallfisch zum zweiten Male neben das Boot und er schleuderte beide Harpunen; wie das aber nun, so wunderbar es auch klingen mag, gar nicht selten vorkommt, so fehlte er wieder – beide Male. Daß so etwas passiren kann, weiß ein jeder Matrose und es ist auch kein Wunder eigentlich, daß Jemand aufgeregt und unsicher wird, wenn er Stundenlang hintereinander und unter einer brennenden Sonne gerudert hat. Die Matrosen mochten aber bei dieser Gelegenheit nicht schlecht geflucht und gemurrt haben und brachten dadurch den Mowree in volle, grimmige Wuth. Kaum schoß also das Boot zum dritten Male an das Unthier hinan, da flog er mit einem tollen Satz, die Harpune in der Rechten, hinaus auf den Rücken desselben, und stand einen Moment lang auf diesem emporgerichtet. In der nächsten Sekunde war Alles Schaum und Verwirrung und Beide verschwanden. Die Leute ruderten jetzt aus Leibeskräften zurück und ließen das Reep, so schnell sie konnten aus, während vor ihnen nichts als ein Wirbel von Blut und Seewasser sichtbar wurde. Plötzlich tauchte ein dunkler Gegenstand empor. Das Reep straffte und mit Blitzesschnelle schoß das Boot durch das Wasser. Sie hingen fest und der Wallfisch floh. Wo aber war der Mowree? Seine Hand lag auf dem Rand des Boots und er wurde mitten in dem tollen Schäumen und Brausen, das an dem Bug emporspritzte, an Bord gezogen. Solch ein Mann oder Teufel war der Mowree. Capitel IX. Der runde Robin. Der Besuch vom Ufer. Was der Consul that. Nachdem der Capitän uns verlassen, starb die Landbriese ab und gegen Nachmittag, wie das gewöhnlich bei diesen Inseln der Fall ist, trat eine gänzliche Windstille ein; es blieb jetzt nichts zu thun für uns, als ganz gemüthlich auf den langen Schwellungen herumzurollen. Die Ruhe der Elemente schien sich auch auf die Mannschaft auszudehnen und für kurze Zeit lagen sie alle in gänzlicher Unthätigkeit. Gleich nach Mittag kehrte der Steuermann zum Schiff zurück, wie aber der Steward sagte, so wollten sie noch einmal mit dem übrigen Theil von des Kapitäns Effekten ans Ufer gehen. Als Jermin das Deck betrat, wich er uns absichtlich aus und stieg augenblicklich, ohne ein Wort zu sagen, in die Kajüte hinab; indessen arbeitete ich und Doktor Lattengeist hart daran, die Leute zur Ruhe zu bringen, und ihnen begreiflich zu machen wie sie, mit nur ein klein wenig Geduld und dem rechten Geist, am Ende doch Alles das ausrichten würden, und zwar ohne ernsthafte Folgen, was nur durch offne Gewalt geschehen konnte. Wir befanden uns ja auch unter einer fremden Flagge; ein englischer Konsul war ganz in der Nähe und ich wußte sehr gut, daß Matrosen gegen ihre Obern selten Recht bekommen; das Beste also, was wir thun konnten war, uns vorsichtig zu benehmen. Uebrigens fühlte ich mich so fest davon überzeugt, Capitän Guy behandle uns grausam und ungerecht und unsere Klagen seien keineswegs aus der Luft gegriffen, daß ich mir fest vornahm, im schlimmsten Falle die Sache mit durchzufechten, wie sie auch enden möge. Einzelne der Mannschaft wurden aber jetzt, trotz aller unserer Vorstellungen so wild und unbändig, daß nichts als offene ungebundene Meuterei ihnen zu dienen schien. Da wir nach Tisch hinunter gingen, machten diese Burschen einen solchen Skandal, daß der alte Rumpf ordentlich zitterte und manche wilde donnernde Reden wurden gehalten. Unter andern stand der lange Jim oder – wie der Doktor ihn später nannte – der lacedämonische Jim, von seinem Platze auf und redete das Vorcastle-Parlament etwa auf folgende Weise an: – Seht hier, Ihr Britten, wenn, nachdem was vorgefallen ist, dies Fahrzeug hier mit uns wieder in See geht, so sind wir keine Männer – versteht Ihr mich? – Lumpen sind wir – sprecht's aus, meine Herzchen, und ich will sie hinein lootsen, die kleine Jule. Ich bin schon früher in Tahiti gewesen und kenne den Platz. Dann setzte er sich unter einem allgemeinen Hämmern von Kistendeckeln und dem Zusammenklappen aller erreichbaren Blechgefäße wieder nieder, und auch Einige von den Kranken, die bis dahin noch keinen Antheil genommen, machten ihre Cojen krachen und schaukelten ihre Hängematten. Wilde, verworrene Schreie, wie: » Segel 'auf! « Hurrahs und dergl. mehr wurden gehört und Mehrere stürmten an Deck; so daß ich schon glaubte, mit mein und des Doktors Regiments sei's vorbei. Endlich gelang es uns aber doch, wenigstens einige Ruhe wieder herzustellen. Um ihre Gedanken nun etwas abzulenken, schlug ich vor, daß ein Runder Robin hergestellt und durch Baltimore, den Koch, ans Ufer zum englischen Gesandten geschickt werden solle. Diese Idee gefiel allgemein und man trieb mich an, augenblicklich ans Werk zu gehen. Als ich mich aber an den Doktor wegen der dazu nöthigen Requisiten wandte, hatte dieser keine, denn nicht einmal ein Schmuztitel war mehr in seinen Büchern. Nach langen Suchen entdeckten wir endlich noch einen feuchten, schwartigen Band: »Geschichte der blutdürstigsten und fürchterlichsten Seeräuber«, dessen beide leere Blätter vorn und hinten herausgerissen, und mit Hülfe von etwas Pech zu einem Blatt verlängert wurden. Tinte fertigte einer der Leute, der etwas literarische Neigung zu haben schien, aus Lampenrus und Wasser, und eine ungeheure Feder wurde dem Flügel eines Albatrosses entrissen, das schon lange gegen die Bugsprietbalken genagelt, eine Zierde des Vorcastles gewesen. Unsere Schreibmaterialien also solcher Art hergestellt, benutzte ich einen Kistendeckel zum Tisch und setzte einen vollen aber bündigen Bericht unserer Leiden auf, während ich mit der Hoffnung schloß, der Consul würde selbst augenblicklich an Bord kommen, und sehen wie unsre Sachen ständen. Dicht unter diesen Bericht nun wurde der sogenannte runde Robin angebracht, um den herum die Namen geschrieben und auf solche Art gestellt werden müssen, daß sie ihn alle im Kreis umziehen und also Keiner als der Führer des Ganzen herausgefunden werden kann. Wenige unter den Leuten hatten wirklich ordentliche Namen; und fast alle beanspruchten einen Titel, der ihnen durch irgend eine persönliche Eigenschaft oder That zuertheilt worden, und wir beschlossen denn auch die Namen so zu unterschreiben, wie sie unter der Mannschaft selbst gäng und gäbe wären. Zusammengefaltet und mit einem Tropfen Theer gesiegelt, wurde denn nun unser höchst wichtiges Dokument Der runde Robin »an den englischen Konsul in Tahiti« adressirt und dem Koch übergeben, der ihn jenem Gentleman überliefern sollte, sobald der Steuermann wieder ans Ufer ging. Baltimore, der dort hatte frei herumlaufen dürfen, erzählte uns denn auch viel Neues, als das Boot endlich, etwas nach Dunkelwerden zurückkehrte. Allem Anschein nach befand sich ganz Tahiti in Aufruhr; Pritchard, der Missionar-Consul, war abwesend in England und sein Platz indessen durch einen gewissen Wilson ersetzt worden, ein Weißer, jedoch auf der Insel geboren, und der Sohn eines alten, noch dort lebenden Missionärs. Diesen jungen Wilson mochten übrigens so wenig die Eingeborenen wie die Weißen leiden und sein späteres Betragen gegen uns rechtfertigte ganz diesen Widerwillen; man tadelte Pritchard allgemein, daß er einen solchen Mann gewählt hatte, seine Stelle zu ersetzen. Obgleich er niemals in Europa oder Amerika gewesen war, so hatte dieser Consul doch schon mehrere Reisen nach Sidney in einem Missionsschooner gemacht, und deshalb erstaunten wir auch nicht besonders als uns Baltimore sagte, er und Capitän Guy wären ganz vertraut mit einander und der Letztere hätte sich sogar in Wilsons Hause einquartirt. Das bedeutete für uns wenig Gutes. Der Steuermann wurde nun von hundert Fragen bestürmt, was mit uns geschehen solle, erwiderte jedoch hierauf nur, daß uns gegen Morgen der Konsul einen Besuch abstatten und Alles in Ordnung bringen würde. Nach Sonnenaufgang entdeckten wir denn auch ein Uferboot, das von Eingeborenen bemannt, diesen Konsul und noch einen Weißen an Bord führte; dies war ein Doktor Johnson, ein Engländer und in Papeetee residirender Wundarzt. Jermin ging an den Gangweg sie zu empfangen; kaum berührte aber der Consul das Deck, als sich auch schon zeigte, was wir von ihm zu halten hatten. – Mr. Jermin, rief er hochnasig und hielt es nicht einmal der Mühe werth, die ehrerbietige Begrüßung dieses würdigen Mannes anzuerkennen. – Mr. Jermin, wenden Sie und stehen Sie in See. Die Mannschaft nahm ihn indessen scharf aufs Korn um herauszubekommen was für ein Gesell er eigentlich sei; er stellte sich aber als ein höchst winziger heraus; mit keck aufgestülpter Nase und einem Paar äußerst dünnen Beinen; sonst ließ sich nichts besonderes an ihm finden und Jermin befolgte mit, wie es schien, keineswegs freudiger Bereitwilligkeit, den Befehl. – Gleich darauf deutete des Schiffes Klüverbaum wieder in See hinaus. Wie aber der erste Anblick eines Menschen fast stets bestimmt, ob wir ihn hassen oder lieben sollen, so hatte dieser Bursche etwas so unbeschreiblich Widerliches an sich, daß wir schon alle einen ordentlichen Zorn auf ihn bekamen, ehe er nur einmal den Mund recht aufgethan. – Der Rathsherr ist also da! rief Navy Bob, der ihn wie alle Uebrigen, und sehr zu meinem und des Doktors Ergötzen, von allem Anfange an so nannte. – Ja wohl, sagte ein Anderer, aber verdammt wenig wird er uns nützen! und dies Letztere schien auch die Meinung aller Uebrigen zu sein. Wilson und Jermin gingen indessen in die Kajüte hinab. Niemand übertraf jetzt den Böttcher an Leidenschaftlichkeit, denn Alles verfluchend, was sich ihm in den Weg stellte, rief er den großen Mast zum Zeugen an, daß er, – Spunt – wenn er je wieder in der Julia vom Lande absegelte, den Himmel beschwöre, ihm eine Strafe zuzuertheilen, die viel zu außergewöhnlich war, um hier genannt werden zu können. Wie ein Rohrsperling schimpfte er dabei auf das, was wir zu essen bekamen und nannte es nicht für Hunde genießbar, wonach er mit besonderer Schärfe dabei verweilte, wie unklug es sei, das Fahrzeug noch länger einem so unmäßigen Manne anzuvertrauen als der Steuermann sei. Was konnten wir auch mit so viel Kranken auf der Fischerei erwarten; Parlamentiren half hier weiter gar nichts; das Einzige was uns zu thun übrig blieb war einfach vor Anker zu gehen. – Dieß war Spunts Meinung. Da nun Spunt als ein tüchtiger Seemann und auch noch dazu als der Aelteste im ganzen Fahrzeug galt, hier aber seine Meinung in so kräftiger unzweideutiger Sprache dargethan hatte, so wurde er darauf hin, und ganz plötzlich zum Redner ernannt, sobald nemlich eine Unterhandlung mit dem Konsul selbst nöthig werden sollte. Diese Wahl fand übrigens gegen meinen und des Doktors Rath statt; Alle jedoch versprachen uns sich ruhig zu verhalten, und zu hören was Wilson zu sagen habe, ehe sie etwas Entscheidendes unternähmen. Wir sollten nicht lange darauf zu warten haben. Bald nachher sahen wir ihn auf dem Starbordgangweg, wobei er die lackirte Büchse in der Hand trug, die des Schiffes Papiere enthielt, und Jermins Stimme rief uns gleich darauf aufs Quarterdeck. Diesem Befehle wurde augenblicklich Folge geleistet und die Matrosen stellten sich dem Consul gegenüber auf. Es war eine wilde Gesellschaft; Männer von allen Klimaten; auch nicht besonders eigen in Herstellung ihrer Kleidung, aber doch pittoresk, selbst in den Lumpen. Mein Freund, der lange Doktor, befand sich ebenfalls dabei und mochte wohl gehofft haben, die Sympathie des Consuls für einen Gentleman im Unglück zu erwecken, was seine ausgesuchte Toilette wenigstens verrieth. Unter den Matrosen sah er freilich wie ein in See gewehter Strandläufer aus, der sich zu Sturmvögeln gesellt hat. Der unglückselige Ropey spielte jedoch bei weitem die auffallendste Figur; als Landlubber, der er war, hatte man ihm seine seemännischen Kleider schon lange confiscirt und er ging nun in Allem herum, was er gerade auftreiben konnte; dabei trug er, obgleich ihn der fast täglich vom Rücken gerissen wurde, einen alten Nagelhammerfrack, einen sogenannten Schwalbenschwanz, der früher Capitän Guy gehört und den er während seiner Stewarddienste bekommen. Neben Wilson stand der Steuermann im bloßen Kopf und seine grauen Locken lagen ihm in festen Ringeln auf der bronzenen Stirn, während sein scharfes Auge die Menge überflog, als ob er jeden ihrer Gedanken kenne. Seine Jacke hing ihm locker auf den Schultern und ließ die runde Kehle und moosige Brust frei, auf der noch wunderliche Devisen mit rauher Hand tättowirt standen. Inmitten eines feierlichen Schweigens rollte der Consul jetzt seine Papiere auf und suchte uns, allem Anschein nach schon durch seine gewaltigen Blicke, einzuschüchtern. – Mr. Jermin, lesen Sie die Namen ab; – und er überreichte ihm dabei die Liste der Schiffsmannschaft. Alle antworteten, nur nicht die zwei Deserteure und die Beiden, die wir, in ihre Hängematten eingenäht, der See übergeben. Wir vermutheten nun natürlich, daß jetzt der runde Robin vorgebracht werden sollte; das geschah jedoch nicht; allerdings glaubten wir unter des Konsuls Papieren dies merkwürdige Dokument zu entdecken. War das übrigens wirklich der Fall, so hielt er es für viel zu verächtlich, um davon Gebrauch zu machen. Einige der Anwesenden, die den Robin und auch wohl mit Recht, als ein höchst ungewöhnliches literarisches Produkt angesehen, mochten wohl Wunder davon erwartet haben, und fanden sich nun durch dessen so gänzliche Vernachlässigung höchst unangenehm berührt. – Nun, Leute, begann Wilson endlich, wie ich höre, so sind, obgleich Ihr alle munter genug ausseht, auch einige Kranke zwischen Euch. Mr. Jermin, lesen Sie einmal die Namen von Ihrer Krankenliste da ab, und lassen Sie die Abgelesenen auf die andere Seite vom Deck gehen; ich möchte sehen, wer sie sind. – Also Ihr, fuhr er dann, als sie alle hinüber waren fort, Ihr seid die Kranken? Nun gut, sehr gut, ich werde Euch untersuchen lassen, Ihr werdet nachher einer nach dem andern zu Doktor Johnson in die Kajüte hinunter gehen, der mir Eure verschiedenen Umstände rapportiren soll. Solche, die er mir als sterbend anzeigt, mögen ans Ufer gehen; die Uebrigen bleiben, mit Allem versehen was ihnen Noth thut, an Bord. Bei dieser Ankündigung sahen wir einander verwundert an; neugierig zu erfahren, wer denn eigentlich sterbend sei; ja es mochte wohl Manchem einfallen, lieber an Bord zu bleiben und gesund, als ans Ufer zu gehen und begraben zu werden. Einige darunter merkten jedoch was Wilson beabsichtige und handelten danach, und ich selbst beschloß einen möglichst kläglichen Ausdruck anzunehmen; das blieb jetzt noch unsere einzige Hoffnung Land zu betreten und zu gleicher Zeit ohne weitere Umstände vom Schiff zu kommen. In dieser Absicht nahm ich mir vor, keinen Antheil weiter an dem zu nehmen, was verhandelt wurde, bis mein eignes Schicksal entschieden sei; der Doktor hatte sich ebenfalls schon seit längerer Zeit krank gestellt, wobei er mir nun auch einen bedeutenden Blick zuwarf, der mir sogleich verrieth, wie viel schlimmer es auf einmal mit ihm stand. Da die Invaliden auf solche Art bei Seite gebracht wurden, und während sich Einer von ihnen zur Untersuchung in der Kajüte befand, wandte sich der Consul gegen die Uebrigen um und redete sie auf folgende Art an: – Leute, ich werde Euch zwei oder drei Fragen vorlegen und Einer von Euch mag Ja oder Nein antworten, die Uebrigen verhalten sich ruhig. Also, habt Ihr etwas gegen Euern Steuermann Mr. Jermin zu sagen? Und er blickte dabei zuerst scharf die Matrosen, dann aber den Böttcher an, dem sich Aller Augen zuwandten. – Ei nun, Sir, stammelte Spunt, wir können gerade nichts gegen Mr. Jermin als Seemann sagen – aber – – Ich will keine Aber's, unterbrach ihn der Consul schnell, antwortet mir Ja oder Nein. Habt Ihr etwas gegen Mr. Jermin? – Ich wollte sagen Sir, Mr. Jermin ist ein sehr guter Mann, aber denn – hier blickte der Steuermann Dolche nach Spunt, und dieser, nachdem er noch Einiges herausgestottert hatte, sah aufs Deck nieder und blieb ganz stecken. So wild und trotzig sich der Böttcher gezeigt hatte, wo er allein zwischen seinen Kameraden gewesen, so sehr gab er jetzt klein bei, wo es galt. – So viel also, was diesen Theil des Geschäfts betrifft, fiel nun Wilson rasch wieder ein, wäre abgemacht. Ihr habt, wie ich sehe, nichts gegen Euern Steuermann zu sagen. Mehrere schienen jetzt allerdings sehr viel sagen zu wollen, durch des Böttchers Betragen aber irregemacht, schwiegen sie still, und der Consul fuhr fort. – Habt Ihr genug zu essen an Bord? Antwortet mir, Ihr da, der Ihr zuerst gesprochen! – I nun, ich weiß nicht recht, was das anbetrifft, sagte der Böttcher und suchte sich langsam zurückzudrücken, kam aber immer unwillkührlich wieder vor. Manches von dem – Pökelpferd ist gerade nicht so süß, wie es eigentlich sein sollte. – Das wollte ich nicht von Euch wissen, schrie da der Consul und wurde ordentlich tapfer. Antwortet mir, wie ich Euch frage, oder ich bringe Euch dazu. Dies hieß die Sache ein kleines Bischen zu weit getrieben. Die Wuth, die durch des Böttchers Betragen in den Matrosen kochte, kam nun zum Ausbruch und Einer von ihnen, den wir Salem Und zwar nach dem Platz, von welchem aus er gesegelt; ein sehr bekannter Hafen an der Küste von Massachusetts. nannten, sprang zwischen den Uebrigen vor, versetzte dem Böttcher einen Schlag, der ihn weithin gegen den Consul zusandte, schwang sein Messer in der Luft und schrie aus: – Ich bin der, Sir, der Eure Fragen beantworten kann; richtet sie nur an mich, Rathsherr. Der Rathsherr hatte aber in dem Augenblick gerade keine Fragen weiter zu thun, denn kaum erkannte er das blitzende Messer und den wunderbaren Erfolg, den Salem's Schlag aus Spunt hervorbrachte, als er die Kajütentreppe hinabsprang und dort auch bleiben zu wollen schien. Erst da, als ihm der Steuermann versicherte, daß Alles vorüber sei, kam er wieder hervor und schien allerdings sehr erschreckt, wollte aber doch noch gern dabei so grimmig aussehn wie möglich, rief deshalb den Uebrigen drohend zu, sich in Acht zu nehmen. Dann wiederholte er seine Frage, ob wir an Bord genug zu essen hätten. Jeder wollte aber jetzt sprechen und er wurde durch einen wahren Sturm von Zurufen angebrüllt, in dem die Flüche wie Hagel fielen. – Was soll das heißen, was meint Ihr damit? schrie er in der ersten durchschreibaren Pause. – Halloh, Ihr da mit dem Messer, Ihr werdet noch Jemand die Augen ausstechen – hört Ihr – Ihr da, Sir, Ihr scheint sehr viel zu sagen zu haben. Wo seid Ihr an Bord gekommen. – Ich bin weiter nichts als ein blutiger beech-comber, Dies ist ein unter den Matrosen der Südsee sehr gebräuchlicher Ausdruck und wird einigen wandernden Charakteren beigelegt, die sich, ohne einem Schiff auf die ganze Fahrt anzugehören, dann und wann auf kurze Wallfischfahrten einschiffen und zwar nur unter der Bedingung, das nächste Mal, wenn das mit Ehren geschehen kann, ans Land gesetzt zu werden, sobald das Schiff wieder vor einem Hafen vor Anker geht. Es ist dies meistenteils ein wildes, tollkühnes Volk, in der stillen See heimisch, das nie mehr daran denkt, Cap Horn wieder zu dupliren und nach Hause zurückzukehren. erwiderte Salem und trat ihm mit einem richtigen Piratenausdruck entgegen; wenn Ihrs aber wissen wollt: ich schiffte mich vor vier Monaten auf den Inseln ein. – Erst vor vier Monaten? und führt hier ein größeres Wort, als alle die Uebrigen, die schon die ganze Reise mitgemacht haben? Und der Konsul machte einen verzweifelten Versuch zornig zu scheinen, der ihm aber mißlang. – Von Euch will ich nichts weiter hören, Sir; wo ist jener achtbar aussehende grauköpfige Mann, der Böttcher, der soll meine Fragen beantworten. – Am ganzen Bord ist kein achtbar aussehender, grauköpfiger Mann, schrie Salem dazwischen; wir sind Alle eine Bande von Piraten und Meuterern. – Verstanden? Während dieser ganzen Zeit schwieg der Steuermann vollkommen still und Wilson, der jetzt gar nicht mehr wußte was er thun solle, nahm ihn beim Arme und ging einmal mit ihm über Deck. Zu den Matrosen zurückgekehrt, redete er dann diese plötzlich wieder an, ohne überhaupt zu thun, als ob schon irgend etwas vorgefallen sei. – Aus Gründen, Leute, die Ihr Alle kennt, ist dies Schiff in meine Hände gegeben und da Capitän Guy einige Zeit am Ufer bleiben muß, so soll Euer Steuermann Mr. Jermin unter der Zeit den Befehl übernehmen. So viel ich beurtheilen kann, sehe ich keinen Grund, weshalb die Reise nicht augenblicklich fortgesetzt werden könnte; übrigens werde ich dafür sorgen, daß Ihr noch zwei Harpuniere und genug gute Leute bekommt, drei Boote zu bemannen. Was die Kranken anbetrifft, so haben weder Ihr noch ich damit zu thun. Doktor Johnson wird sie behandeln; doch das ist Euch ja schon früher gesagt worden. Sobald alles arrangirt werden kann, – spätestens in zwei oder drei Tagen – geht Capitel X. Des Consuls Abschied. Die zweite Nacht vor Papeetee. Während den obenbeschriebenen Scenen beschäftigte sich Doctor Johnson damit, die Kranken zu untersuchen, von denen, nur zwei ausgenommen, alle an Bord bleiben sollten. Jedenfalls hatte er diesen Wink von Wilson erhalten. Einer der zuletzt in die Kajüte Gerufenen, stieg ich gerade hinab, als die Leute das Quarterdeck verließen, kam aber ganz empört und wüthend wieder herauf. Mein lahmes Bein, das sich allerdings in letzter Zeit sehr gebessert, wurde größtentheils erdichtet genannt und mein Name auf die Liste derer gesetzt, die in ein oder zwei Tagen wieder vollkommen seetüchtig sein würden. Das war genug. Was Doktor Lattengeist betraf, so mochte ihn wohl der Landdoktor anstatt eine kollegialische Freundlichkeit gegen ihn zu zeigen, sehr absprechend behandelt haben, und bis zu einem gewissen Grad entschlossen wir uns Beide jetzt mit den Matrosen gemeinschaftliche Sache zu machen. Ich muß hier übrigens dem Leser erst ein wenig erklären, was wir eigentlich beabsichtigten. Alles was wir verlangten, war, das Schiff in der Papeetee-Bai vor Anker zu bekommen, und wir zweifelten in diesem Falle keinen Augenblick, daß uns dort unser Recht werden müsse. Ohne ganz offne Meuterei blieb jedoch nur ein Ausweg, und zwar einfach jeden weiteren Dienst zu verweigern, den ausgenommen, das Schiff in die Bai zu führen. Die einzige Schwierigkeit zeigte sich nur darin, die Mannschaft in den gehörigen Schranken zu halten; auch fühlte ich selbst die Gefahr recht gut, mit solcher verzweifelten Bande etwas zu unternehmen, von dem man die Folgen noch gar nicht zu übersehen vermochte. Neutralität konnte aber unter diesen Verhältnissen unmöglich beobachtet werden, eben so wenig durften wir uns einer solchen Willkür ruhig unterwerfen. Als ich nach vorn ging, fand ich die Mannschaft in noch zehnmal schlimmerer Aufregung als vorher, und noch einmal suchten wir sie wiederum zu unserm Plan zu bewegen, einfach jede Arbeit zu verweigern und das Resultat abzuwarten. Im Anfang wollten nur wenige auf uns hören; endlich ließ sich aber doch eine größere Anzahl überzeugen, obgleich wir uns selbst auf die, die nun zu unsrer Seite gehörten, wenig verlassen konnten. Als Wilson wieder an Deck kam, sein Boot zu besteigen, drängten sie von allen Seiten auf ihn ein und ich glaubte schon das Schiff würde ihm vor der Nase weggenommen werden. – Habe Euch nichts mehr zu sagen, Leute – meine Anordnungen sind getroffen. Geht nach vorn, wohin Ihr gehört; keine Unverschämtheiten hier! und mit zitternden Gliedern und inmitten wilder Flüche und Verwünschungen stieg Wilson die Fallreepe hinunter in sein Boot. Bald nach seiner Abfahrt hieß der Steuermann den Koch und Steward in seine Zelle hinabgehen und indem er uns zurief, daß er sehen wolle wie es dem Capitän ging, verließ er uns unter Bembos Oberbefehl. Indessen lagen wir bei vollkommner Windstille ziemlich dicht am Land und unser großes Marssegel schlug schwerfällig bei jeder Schwellung gegen den Mast an. Ein unbeschreiblicher und merkwürdiger Auftritt folgte aber Jermins und des Consuls Abfahrt. Die Matrosen stürmten wie wahnsinnig an Deck herum und nur Bembo stand gemüthlich gegen das Gangspill gelehnt und rauchte, ohne nur ein Wort darein zu reden, aus seiner heidnischen Steinpfeife; der Böttcher aber, der wohl fühlen mochte, daß er etwas thun müsse, um die empörten Gemüther wieder für sich zu gewinnen, ließ ohne Unterschied der Partei Alle Hinzutreten, und Theil an dem Inhalt seines Eimers nehmen. Etwas ließ sich übrigens dabei nicht verkennen. Ehe er sich erbot Andere zu berauschen, hatte er die höchst weise Vorsicht gebraucht, sich selbst in den gehörigen Zustand zu bringen; bald genug erfreute er sich auch wieder der vollen Liebe seiner Genossen, die ihn jetzt plötzlich als »kerngesund bis auf den Kiel hinunter« erklärten. Der Pisco zeigte bald seine Folgen und mit großer Mühe hielten wir eine Abtheilung der Männer ab, in die Hinterluken einzubrechen um mehr zu bekommen. Jede Art von Streichen wurde jetzt gespielt. – Masttop da oben, was seht Ihr? schrie »die Schönheit« und brüllte durch eine große Kupferröhre nach der Oberbramraae hinauf. – Hurrah! jubelte der Portugiese Anthony und fuhr mit einer Handspeiche durch die Deckenfenster der Kajüte, während Navy Bob mit einem: »Heave round cheerly, boys« eine Hornpipe auf dem Vorcastle tanzt. Gegen Sonnenuntergang kehrte der Steuermann, ganz lustig in seinem Boot singend, zurück und brachte es auch glücklich zu Stande, während er an Bord heraufklettern wollte, wieder ins Wasser zu fallen. Der Steward rettete ihn und trug ihn mit manchen zärtlichen und liebevollen Ausdrücken über Deck in das Quarterboot, wo er ihn hineinwarf. Jermin schlief auch augenblicklich ein und erwachte erst wieder um Mitternacht, wo er etwas nüchterner aufstand und auf das Vorcastle unter die Leute ging; dort muß ich ihn aber, um den Leser auf das folgende vorzubereiten, einen Augenblick lassen. Nach dem Vorhergegangenen lag es außer allem Zweifel, daß Jermin wirklich wünschte die Julia wieder in See zu haben; was aber seine Absicht dabei sein konnte, da er doch unsere Stimmung kannte, blieb ein Räthsel. So war es aber in der That, und indem er ein wenig zu viel auf seine Popularität unter den Leuten gerechnet, daß diese sich nemlich gern dazu verstehen sollten, eine kurze Fahrt unter ihm zu machen, sah er sich endlich in ihnen getäuscht. Dennoch mochte er wohl glauben, sie würden die Sache aus einem andern Lichte betrachten, wenn sie erst erführen was dort für herrliche Zeiten ihrer warteten, und er beschloß, ein wenig Ueberredung zu versuchen. Er ging nach vorn und steckte den Kopf in das Vorcastle hinunter, begrüßte uns Alle höchst freundschaftlich und lud uns ein mit ihm in die Kajüte hinabzukommen, wo er für uns etwas besonders Gutes habe bereiten lassen. Dagegen hatten wir gar nichts, sondern schlenderten willig hinunter und warteten ruhig, was uns der Steward auftischen würde. Da die Kanne nun umging, eröffnete uns Jermin, der des Capitäns eingeschraubten Lehnstuhl benutzte und sich dabei behaglich auf den Tisch stemmte, ganz frei und offen, wie gewöhnlich, was er eigentlich zu thun beabsichtige. Er war noch nicht einmal ganz nüchtern. Dabei stellte er uns vor, wie thöricht wir handelten und wie er uns, wenn wir nur beim Schiff aushielten, zu einem ganz fidelen Leben führen wolle. Dann zählte er die Fässer auf, die noch uneröffnet in dem hölzernen Keller der Julia lagen, und gab sogar nicht undeutlich zu verstehen, daß wir möglicher Weise gar nicht wieder zurück kämen, den Capitän abzuholen. Außerdem, und vielleicht mit noch besonderer Hinweisung auf Doktor Lattengeist und mich, versicherte er uns im Allgemeinen, daß wenn etwa Einige unter uns wären, die Lust hätten die Steuermannskunde zu lernen, es ihm großes Vergnügen gewähren würde, sie die Geheimnisse der ganzen Schifffahrtskunst zu lehren, wobei sie die freie Benutzung seines Quadranten genießen sollten. Ich muß hier noch erwähnen, daß er schon früher einmal den Doktor bei Seite genommen und ihm nicht undeutlich zu verstehen gegeben hatte, wie er ihn wieder in all seine Würden und also auch in die Kajüte einzusetzen gedenke, wobei er gleichzeitig fallen ließ, daß auch ich dabei eine Beförderung erwarten könne. Es half ihm aber alles nichts, die Leute wollten einmal ans Land und ließen sich davon nicht abbringen. Endlich wurde er wüthend, was auch wohl Ursache seines häufigen Trinkens sein mochte und trieb Alle fluchend aus der Kajüte, wobei ihm die Leute gutmüthig lachend gehorchten und an Deck kletterten. Dort sah Alles so still und friedlich aus, daß sich schon einige der Wildesten ärgerten, nicht ein wenig Lärm und Spektakel zu haben. Diesen Wunsch sollten sie jedoch noch vor Ablauf von fünf Minuten befriedigt finden. Sidney Ben nemlich, wie es hieß ein fortgelaufener Ticket-of-Leave-Man, Ein Theil der bessern Sträflinge in Neu-Süd-Wales, solche wenigstens, bei denen man Hoffnung hat, daß sie sich noch bessern können, werden von der Regierung an Grundbesitzer ausgemiethet und erhalten dadurch gewissermaßen eine bedingte Erlaubniß frei umherzugehen, obgleich sie der Regierung stets zugehörig bleiben. Diese bekommen nun Ticket's oder Karten, welche sie Jedem vorzeigen müssen, dem es einfiele, sie in Verdacht zu haben daß sie ohne Erlaubniß aus wären. der sich auch aus Gründen, die er wohl am besten kannte, bis dahin stets ruhig verhalten hatte, war des Spaßes wegen mit den Uebrigen in die Kajüte herabgegangen, während Bembo, der allein an Deck blieb, verschiedene Male nach ihm rief. Ben that zuerst als ob er es nicht höre; da er sich zuletzt aber doch nicht ganz taub stellen konnte, so verweigerte er offen heraus den Gehorsam, mit einem derben Fluch sich dabei auf des Mowrees Herkunft beziehend. Dieser konnte genug Englisch um die schmachvolle Beziehung zu verstehen, die Jener damit ausdrücken wolle, wartete also bis die Uebrigen herauskamen und fing nun in seinem gebrochenen Englisch so fürchterlich an zu fluchen, daß Einem angst und bang werden konnte. Der Sträfling hatte ein wenig zu viel getrunken, Bembo wohl eben so, und ehe wir uns dessen versahen, gab der Matrose den ersten Schlag, was die Beiden wie ein paar Magnete zusammenbrachte. Der Sträfling war dabei ein trefflicher Boxer, Bembo dagegen verstand gar nichts von Pugilistik, was sie wieder gleich machte, denn im Nu umschlangen sie einander und rollten in einem Ring herum, der sich immer wieder von selbst zu bilden schien. Endlich fiel des weißen Mannes Kopf zurück und sein Gesicht nahm eine Purpurfarbe an. Bembos Zähne hielten seine Kehle erfaßt und Alle sprangen jetzt hinzu, um den Wilden fortzureißen, der jedoch nicht los ließ, bis er verschiedene Hiebe über den Kopf erhalten hatte. Seine Wuth wurde nun wahrhaft teuflisch; er lag, sich windend und die Augen verdrehend, an Deck, und machte gar keinen Versuch wieder aufzustehen; die Mannschaft freute sich übrigens, daß sie ihn endlich einmal gedemüthigt sah, und schimpfte ihn, auf Matrosenart, einen Kannibalen und eine Memme. Ben wurde indessen hinuntergeführt. Bald nach diesem Vorfall zogen sich, mit nur wenigen Ausnahmen, alle Andern ebenfalls in das Vorcastle zurück und da wir fast sämmtlich die ganze vorige Nacht gewacht, so krochen die Meisten schnell in ihre Cojen oder Hängematten oder auf ihre Kisten, und bald lag Alles in tiefem Schlaf. Ehe Bembo von seinem Opfer weggerissen wurde, hatte der Steuermann ebenfalls, wenn auch umsonst, versucht ihn abzuwehren und ihm, als das nicht ging, mehrere Hiebe über den Kopf versetzt. So betrunken Jermin übrigens, als sich die Andern zurückzogen, war, so kannte er sich doch selbst genug, um vorher erst noch dem Steward – beiläufig gesagt, ein trefflicher Seemann – die Sicherheit des Schiffs anzuvertrauen und gleich darauf stolperte er die Treppe hinab, auch die zweite Abtheilung seines Rausches auszuschlafen. Nachdem ich noch mit dem Doktor eine Zeit lang an Deck geblieben war, wollte ich diesem eben zu unserm Schlafplatz folgen, als ich sah, wie der Mowree aufstand, einen Eimer mit Wasser heraufzog, ihn hoch über seinem Kopf hielt und dann den Inhalt desselben auf sich niedergoß. Dieses wiederholte er mehrere Male. In der Sache selbst lag nun gerade nichts besonderes; etwas in seinem sonstigen Betragen fiel mir aber auf; doch dachte ich für den Augenblick nicht weiter darüber nach und stieg in das Vorcastle hinab. Nach einem ruhelosen, unerquicklichen Schlummer fand ich die Luft da unten so schwül – da der größte Theil der Mannschaft zugleich unten war, daß ich mir eine alte Jacke suchte und wieder an Deck stieg, um dort bis zum nächsten Morgen zu schlafen. Hier fand ich noch den Koch, den Steward, Wymontoo, Ropey und den Dänen, die, Alles ruhige und friedliche Burschen, sich seit des Capitäns Abfahrt ziemlich fern von den Uebrigen gehalten und von dem Steuermann nun die Weisung bekommen hatten, nicht vor Sonnenaufgang in ihre Cojen zu gehen. Sie lagen unter dem Lee der Bulwarks und während Einige schliefen, rauchten die Andern und unterhielten sich dabei. Zu meinem Erstaunen sah ich Bembo am Steuerruder; da jetzt aber so wenige von uns dort stehen konnten, so hatte er sich, wie mir die Andern sagten, erboten, die Zeit am Ruder, während er seine Wache hielt, mit der dienstthuenden Mannschaft abzuhalten und dagegen hatten sie denn natürlich nichts einzuwenden gehabt. Es war eine helle, herrliche Nacht, und Mond und Sterne spiegelten sich in den Wogen. Die Briese wehte leicht aber erfrischend, und unsre arme kleine Jule zog fest angebraßt, als ob nichts geschehen sei, langsam dem Lande zu, das hoch und steil in der Ferne emporstieg. Nach des Tages lärmendem Leben that diese Ruhe ordentlich wohl und ich lehnte mich lange über die Seite hinüber, um mich derselben zu erfreuen; endlich müde werdend, machte ich mir, mit der alten Jacke als Kopfkissen, mein Bett unter dem Windlaß und suchte zu vergessen, was mich an Erinnerungen bestürmte. Wie lange ich so gelegen, weiß ich nicht, da ich aber endlich wieder erwachte, war das erste, das meinem Blick begegnete, Bembo am Ruder, dessen dunkle Gestalt langsam mit des Fahrzeugs Bewegung gegen den sternbesäeten Hintergrund stieg und fiel. Er schien ganz Ungeduld und Erwartung, stand in voller Armslänge mit einem Fuß vorgestellt von den Speichen und hielt den Kopf hoch erhoben. Wo ich lag konnte ich die Wache nirgends erkennen, und Niemand weiter regte sich sonst; das verödete Deck und die weißen breiten Segel schimmerten im bleichen Mondlicht. Plötzlich schlug der Klang wie von schäumender Brandung an mein Ohr, und es war mir als ob ich denselben Laut vor nicht langer Zeit schon einmal gehört hätte. Im nächsten Augenblick sprang ich, vollkommen wach, auf die Füße und gerade vor uns – so nahe, daß mir das Herz aufhörte zu klopfen und mein Athem still stand – lag eine lange Reihe voll schäumenden Klippen, über die sich die Wogen mit ihren weißglühenden Kämmen brachen. Die Briese wehte jetzt ziemlich stark und in gleichmäßiger, schneller Bewegung schossen wir den Felsen gerade entgegen. Im Augenblick begriff ich Bembos teuflische Absicht, und mit lautem wilden Angstgeschrei die Wache erweckend stürmte ich dem Steuer zu. In toller Hast rafften sich Alle empor und nach kurzem aber verzweifeltem Kampfe rissen wir ihn vom Rade. Dadurch blieb aber dieses einen Augenblick unbewacht und flog nach leewärts, was glücklicherweise des Schiffes Bug gegen den Wind brachte und seine Bahn stemmte. Vorher mußte es wahrscheinlich drei oder vier Striche freigehalten sein, um die Riffe zu vermeiden. Seinen Lauf nun einmal aufgehalten trat ich an das Steuer und hielt den Wind gerade in den Segeln, während wir schräg gegen das Land hinglitten. Vor dem Wind fortzulaufen, was leicht genug gewesen wäre, hätte uns dem sichern Verderben entgegen geführt, denn die Riffe umschlossen uns dort oben herum in einem förmlichen Bogen. Während dieser ganzen Zeit rangen der Däne und Steward noch mit dem wüthenden Neuseeländer und die Andern stürmten in wilder Verwirrung an Deck umher, indeß der alte Koch mit einer Handspeiche auf das Vorcastle niederdonnerte, und mit seinem Schreckensruf »Klippen gerade vor, – Schiff herum!« die noch halb bewußtlosen Matrosen merkwürdig schnell munter machte. Die Seeleute kletterten herauf, und starrten in sprachlosem Entsetzen um sich. Wilde Befehle wurden von allen Seiten gegeben; Jeder schrie das hinaus, was er in dem Augenblick für das Nötigste hielt und machte dadurch die Verwirrung vollkommen. Sie rannten von einem wirklich panischen Schrecken ergriffen rath- und thatlos herüber und hinüber an Deck. Es schien vorbei mit uns und ich wollte eben das Fahrzeug voll in den Wind werfen – ein Schritt, der uns für den Augenblick gerettet, dann aber auch sicherm Verderben überliefert hätte, als ein scharfer Schrei mein Ohr traf. Es war Salem. – Alle fertig, nach vorn hart nieder! schrie er und herum flogen die Speichen wie im Kreisel. Der Klüver peitschte an seiner Stenge und die Leute, die sich jetzt doch ein klein wenig gesammelt, flogen zu den Brassen. – Hauptsegel an! wurde nun gehört, und die frische Briese strömte auf dem Deck vor und aft, während in der nächsten Sekunde die übrigen Raaen herum schwirrten. Gleich darauf segelten wir aus dem andern Gang vom Lande fort und trugen jedes Segel ausgespannt vor dem Winde. In kaum einem Zwiebackswurf von den Klippen hatten wir uns auf den Hacken herumgedreht und das Einzige nur was uns rettete, war: daß an solchen Korallenriffen keine Gefahr zu befürchten ist, bis man nicht wirklich an sie anstößt. Capitel XI. Die wüthende Mannschaft. Jermin findet einen alten Schiffskameraden. Wir laufen in den Hafen ein. Jim, der Lootse. Bembos Plan war hauptsächlich durch die Wache den Uebrigen bekannt geworden und jetzt, da wir uns gerettet sahen, stießen sie einen wilden Racheschrei aus und stürzten auf ihn zu. Gerade vorher durch Dunk und den Steward befreit, stand er jetzt in dumpfem Brüten am Besanmast, und als die wüthenden Matrosen herbeistürmten, rollten seine Blut unterlaufenen Augen und das hochgehobene Messer blinkte ihm über den Kopf. – Nieder mit ihm! – Schlagt ihn zu Boden! – Hängt ihn an die große Raae! waren die Ausrufungen; doch er stand unbewegt, und einen Augenblick scheuten sich wirklich Alle ihn anzugreifen. – Memmen! donnerte da Salem und warf sich auf ihn. Der Stahl zuckte wie ein Blitz herunter, that aber kein Leides, denn des Matrosen Herz schlug fest an gegen das des Neuseeländers, ehe dieser nur eine Ahnung davon hatte. Sie fielen Beide an Deck. Bembos Messer wurde ihm aber augenblicklich entrissen und er selbst von allen Seiten sicher gefaßt. – Nach vorn, nach vorn mit ihm, ging der Schrei. Laßt ihn einen Seesprung thun! über Bord mit dem Kannibalen! Und über Deck wurde er hingeschleppt, während er mit Zähnen und Nägeln dagegen ankämpfte. All dieser fürchterliche Lärm war dicht über dem Kopfe des Steuermanns vorgegangen und weckte ihn endlich aus seinem Todtenschlaf, so daß er taumelnd an Deck kam. – Was ist das? schrie er, und sprang mitten zwischen die Leute hinein. – Es ist der Mowree, Sur; sie wollen ihn morden, Sur! winselte jetzt der arme Ropey und drückte sich dicht an ihn an. – Avast! avast! brüllte Jermin und sprang auf Bembo zu, während er zwei oder drei der Matrosen bei Seite warf; der Elende war aber schon halb auf die Bulwarks gehoben, und diese erbebten vor seinem krampfhaften Ringen. Umsonst suchten der Doktor und Andere ihn zu retten; die Leute wollten auf nichts hören. – Mord und Meuterei bei der salzigen See! schrie der Steuermann und mit den Armen links und rechts hinüberwerfend hatte er den Mowree plötzlich bei den Schultern erfaßt. – Hier sind zwei von uns und was Ihr mit ihm thut, müßt Ihr auch mit mir thun. – Ueber dann mit allen Beiden, brummte der Zimmermann und sprang nach vorn; die Uebrigen wichen aber Jermins muthiger Entschlossenheit und mit Blitzesschnelle stand Bembo unbeschädigt an Deck. – Aft mit Euch! schrie sein Befreier und er stieß Bembo gerade wieder zwischen die Leute hinein, dem er jedoch dicht auf den Hacken folgte, auch den Matrosen gar keine Zeit dabei gab, einen neuen Entschluß zu fassen. Endlich erreichten sie die Kajütenluke, in diese schob er den Neuseeländer hinein, schloß sie hinter ihm und stellte sich davor. Während allen hier beschriebenen Vorfällen sprach Bembo keine Silbe. – Nun nach vorn, wohin Ihr gehört, brüllte der Steuermann den Seeleuten zu, die sich jetzt wieder sammelten, aber gar nicht daran dachten, ihr Opfer zu verlieren. – Den Mowree, den Mowree! verlangten sie. Auf des Steuermanns wiederholte Fragen trat jetzt der Doktor vor und erzählte, was Bembo gethan hatte, und einen Augenblick schien Jermin wirklich zu zögern, dann aber drehte er den Schlüssel um, und zischte durch die fest auf einander gebissenen Zähne: – Ihr könnt ihn nicht bekommen; ich liefere ihn dem Konsul aus. So, nun nach vorn mit Euch, nach vorne. Wenn Jemand ersäuft werden soll, dann werde ich's Euch sagen. Fort mit Euch, Ihr blutdürstigen Piratenhunde! Es half nichts daß sie baten oder droheten, Jermin, obgleich keineswegs schon ganz nüchtern, blieb unerschütterlich und es dauerte auch nicht lange so zerstreuten sie sich wieder, um, sobald die erste Wuth verraucht war, das Vorhergegangene zu vergessen. Obgleich wir keine Gelegenheit bekamen es von ihm selbst zu hören, so lag doch außer allem Zweifel, daß uns der Mowree hatte vernichten wollen um das an der Mannschaft zu rächen, was ihm am vorigen Abend widerfahren. Er war ja nie freundlich gegen uns Alle gewesen, und da er sich selbst auf sein Schwimmen verlassen konnte, so durfte er hoffen, seine Rache im vollsten Maße zu befriedigen. Während des ganzen Vorgangs that der Doktor sein Bestes ihn zu retten, doch umsonst. In der That wäre auch kein anderer Mensch wie Jermin im Stande gewesen, den Neuseeländer seinem, schon fast gewissen, Tode zu entreißen. Als endlich der Morgen nach diesen wilden Scenen dämmerte, hielten wir uns ein wenig leewärts vom Hafen und erwarteten die Ankunft des Konsuls, der dem Steuermann versprochen hatte, ihn noch einmal aufzusuchen. Indessen hatten die Leute dem Böttcher sein Geheimniß entpreßt und die Folge davon war, daß er selbst fortwährend zwischen der Vor- und Hinterluke hin und herkriechen mußte. Der Steuermann merkte sicherlich was vorging; das Singen, Tanzen und die dann und wann vorfallenden Prügeleien verriethen ihm auf jeden Fall die Ursache; aber er sagte nichts. Durch diese geistige Aufregung verloren aber auch der Doktor und ich immer mehr den friedlichen Einfluß, den wir bis dahin ausgeübt. Dem Zustand der Dinge vertrauend, daß das Fahrzeug doch endlich noch einlaufen würde, und da sie auch vernahmen, daß der Steuermann das wirklich gesagt hatte, so schienen sie für den Augenblick in gar keiner besondern Eile, noch dazu da Spunt für einen fortwährenden Vorrath ihres Lieblingsgetränkes sorgte. Was Bembo betrifft, so wurde uns gesagt, der Steuermann hätte ihn in doppelte Eisen gelegt und in des Capitäns Kajüte eingeschlossen; und da er auch die Thür oben verschlossen hielt, so sahen wir von diesem Augenblick an den Mowree nie wieder, ein Umstand, der durch den Lauf der Erzählung erklärt werden wird. Der Nachmittag kam, aber kein Consul, und die Sonne sank mehr und mehr ohne daß uns selbst Nachricht vom Ufer wurde. Das ärgerte natürlich den Steuermann, und vielleicht noch mehr deshalb, weil er sich Mühe gegeben hatte; bei Wilsons Ankunft vollkommen nüchtern zu sein. Etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang segelte ein kleiner Schooner aus dem Hafen und schien nach der gegenüberliegenden Insel von Imeeo oder Moreea zu wollen, die leicht erkennbar in etwa fünfzehn Miles Entfernung lag. Da der Wind übrigens nachließ, so faßte sie die Strömung und führte sie dicht unter unserm Bug hin, wo wir die Eingeborenen an ihrem Deck recht bequem erkennen konnten. Es lag vielleicht ein Dutzend von ihnen, auf Matten ausgestreckt und ihre Pfeifen rauchend, an Deck; da sie aber so nahe kamen, und das wilde Schreien und Toben unsrer Mannschaft hörten, so mochten sie wahrscheinlich glauben wir wären Piraten, denn plötzlich rannten sie in wilder Eile nach ihren Rudern und suchten nun, so schnell als nur irgend möglich, von uns fortzukommen. Der Anblick unsrer Sechspfünder, die jetzt noch des Spaßes halber aus den Schießluken geschoben wurden, trug natürlich nicht wenig dazu bei ihren Verdacht zur Gewißheit zu machen. Sie waren aber noch nicht weit als ein weißer Mann mit einer rother Schärpe um den Leib auf ihrem Deck erschien und die Eingeborenen augenblicklich mit Rudern aufhörten. Uns laut anrufend, sagte er, er wollte an Bord kommen, und nach einiger Verwirrung auf dem Schooner wurde von diesem ein kleines Canoe in See gelassen, und in ein paar Minuten war der Fremde bei uns, der sich als ein alter Schiffskamerad Jermins, als einen gewissen Viner auswies. Lange todt vermuthet, lebte er jetzt hier auf der Insel. Das Wiedersehen dieser Männer unter solchen Umständen ist einer jener tausend Vorfälle, die übertrieben scheinen mögen, aber oft in der Wirklichkeit stattfinden. Etwa vor fünfzehn Jahren waren diese beiden Leute als Offiziere auf der Barke »Jane« zusammen gesegelt, als sie etwa in der Nähe der neuen Hebriden eines Nachts auf einen Riff liefen und die Jane aus einander ging. Die Boote wurden jedoch gerettet und auch einige Provisionen, ein Quadrant und mehrere andere Artikel; mehrere Leute aber über Bord gewaschen ehe sie von Deck abkommen konnten. Die drei Boote durch den Capitän, Jermin und den dritten Steuermann befehligt, segelten dann einer kleinen englischen Niederlassung in der Inselbai von Neuseeland entgegen, und hielten sich natürlich so viel als möglich zusammen. Ein Sturm trennte sie aber, eines der Boote schlug um, von dem nur ein Mann wieder aufgefischt wurde, und Jermin erreichte endlich mit dem seinigen eine Brig, die ihn an Bord nahm und später in Sidney ans Land setzte. Seit dieser Zeit segelte unser Steuermann von dem Hafen aus und hörte nie wieder von seinen alten Schiffskameraden, die er nun natürlich verloren geben mußte; man kann sich deshalb sein Erstaunen denken, als Viner, der verlorene dritte Steuermann, jetzt an Deck sprang, auf ihn zueilte und seine Hand aus Leibeskräften schüttelte. Während jenes Sturmes ward sein Boot leewärts von den Andern getrieben und hatte endlich eine Insel erreicht, wo sie auch freundlich von den Eingeborenen empfangen wurden. Einer von ihnen veruneinigte sich aber nach einigen Tagen, einer Frau wegen, mit den Wilden und da ihm seine Kameraden beistanden, so wurden sie alle erschlagen, nur Viner, der sich gerade damals in einem benachbarten Dorfe aufhielt, entging diesem Blutbad. Nach mehr als zwei Jahren gelang es ihm auf einem amerikanischen Wallfischfahrer zu entfliehen, der später in Valparaiso landete. Von der Zeit an diente er bis vor etwa achtzehn Monaten vor dem Mast, wo er in Tahiti ans Ufer ging und jetzt Eigenthümer des Schooners war, den wir sahen, und mit den benachbarten Inseln Handel trieb. Da gerade nach Dunkelwerden die Briese wieder etwas lebhafter an zu wehen fing, so verließ uns Viner, versprach aber, seinen alten Schiffskameraden in drei Tagen im Papeeteehafen wieder zu finden. Durch des Tages wüstes Zechen und Toben ermattet, ging die Mannschaft ziemlich früh zur Ruhe und überließ das Deck dem Steward und zweien der Leute; der Steuermann mit dem Koch und dem Dänen sollte sie um Mitternacht ablösen. In dieser Stunde war das Schiff – das jetzt unter kurzen Segeln vor Ufer stand – zu wenden. Nicht lang nach Mitternacht wurden wir im Vorcastle durch die Löwenstimme Jermins geweckt, der den Klüver zu setzen befahl; gleich darauf schmetterte eine Handspeiche auf unsre Luke nieder und rief die Mannschaft: das Schiff in den Hafen zu nehmen. Dieser Befehl kam uns ganz unerwartet; wir erfuhren aber bald, daß der Steuermann, der sich nicht mehr länger auf den Consul verlassen wollte, und auch wohl wußte, daß er die Leute nicht von ihrem einmal gefaßten Plan abbringen konnte, plötzlich seinen eignen entworfen hatte. Er beabsichtigte bis zum Eingang des Hafens hinanzulaufen und dort sein Signal für einen Lootsen zu geben. Trotzdem weigerten sich die Matrosen jetzt auf das Bestimmteste noch irgend etwas, was es auch sei, für das Fahrzeug zu thun. Sinken oder Stranden, sie schwuren, keine Hand mehr anzulegen und weder ich noch der Doktor konnten sie zu etwas anderem bewegen. Diese Starrköpfigkeit rührte natürlich auch sehr viel mit von der gestrigen Schwelgerei her. Mit einer starken Briese nun, mit allen Segeln gehetzt und ein Fahrzeug in den Händen von vier oder fünf noch dazu durch zwei Nachtwachen erschöpften Männern, wurde unsre Lage denn auch wirklich bedenklich; überdies schien der Steuermann tollköpfiger als je zu werden und ließ das Schiff mehre Male wenden. Wohl wissend, daß jetzt, wenn dem Schiff vor morgen noch etwas begegne, Alles dem Betragen der Mannschaft zugeschrieben werden würde, und recht böse Folgen haben könnte, sollten wir je deshalb zur Verantwortung gezogen werden, rief ich die an Deck befindlichen zusammen, um Zeuge meiner Erklärung zu sein, daß ich jetzt, da die Julia für den Hafen bestimmt sei (das einzige, wonach ich wenigstens bis dahin gestrebt) Willens und bereit wäre zu thun was in meinen Kräften stände, sie dorthin zu führen. Hierin folgte der Doktor meinem Beispiel. Die Stunden bis zum Morgen verflossen in Angst und Sorge, wo wir dann windwärts von der Mündung des Hafens darauf zuhielten und die Unionflagge vom Top des Focks flattern ließen. Kein Zeichen jedoch von Boot oder Lootse war zu sehen und, nachdem wir mehrere Male immer umsonst dicht hinan gefahren waren, setzten wir die Flagge auf den Besan–Union unten in Roth. – Aber auch das half nichts. Jermin, über diese nichtswürdige Nachlässigkeit derer am Ufer empört, und sie blos Wilson Schuld gebend, beschloß jetzt, auf seine eigne Verantwortung keck in den Hafen zu halten und verließ sich dabei auf das, was er sich noch von der Einfahrt erinnerte, da er vor mehreren Jahren einmal hier eingelaufen. Dieser Entschluß war charakteristisch. Selbst mit einem guten Lootsen wird die Einfahrt in den Papeeteehafen als sehr schwierig betrachtet. Von einem kühnen Bogen des Ufers aus ist er seewärts durch die Korallenriffe beschützt, über die sich die rollenden Wogen mit großer Kraft brechen, und diese Barriere erstreckt sich quer über die Bai und nach der Venusspitze Es ist dies die nördlichste Spitze der Insel und von Cooks Observatorium so genannt, das dort während seiner ersten Reise aufgestellt wurde. zu, im Distrikt von Matavai und etwa acht oder neun Miles entfernt. Hier befindet sich eine Oeffnung, durch welche Schiffe einlaufen und auf dem glatten, tiefen Canal zwischen den Riffen und dem Ufer zum Hafen hinfahren können. Die Seeleute ziehen übrigens gewöhnlich den leewärts gelegenen Eingang vor, da der Wind innerhalb der Riffe sehr wechselt. Dieser letztere Kanal ist eine offene Stelle in der Barriere, die der Bai und Stadt von Papeetee gerade gegenüber liegt, aber sehr eng, und die unbestimmten Winde, Strömungen und gesunkene Felsen lassen nicht selten Schiffe mit ihrem Kiel gegen den harten Grund streichen. Der Steuermann ließ sich aber nicht irre machen, stellte die Leute, über die er gebieten konnte, an die Brassen, sprang selbst auf die Bulwarks, rief ihnen noch einmal zu hübsch munter zu sein, und gab dann seinen Befehl: Ruder auf! In wenigen Minuten liefen wir ein und da es übrigens gegen Nachmittag ging, so verließ uns der Wind immer mehr und während die Klippen an unsern beiden Borden schäumten, behielten wir kaum noch Steuerweg. Weiter glitten wir aber, immer weiter in der spiegelglatten Bucht, vermieden die grünen dunkeln Gegenstände, die hier und da über unsre Bahn gestreut schienen und Jermin blickte nur manchmal mit größter Gemüthsruhe vor sich in das Wasser hinunter und dann um sich her, ohne ein Wort weiter zu sprechen. So, leise hingeweht durch unsre felsige Bahn, hatten wir bald jede Gefahr hinter uns und liefen in die tiefe, ruhige Bucht ein. Dies war das beste Stückchen Seemannskunst, das uns Jermin jemals zeigte. Als wir nun nach der Fregatte und den übrigen Schiffen hinüber hielten, kam plötzlich ein Canoe zwischen ihnen vor und auf uns zu. Ein Knabe und ein alter Mann saßen darin, beides Eingeborene; der Erste fast nackt und der Zweite mit einem alten nautischen Frack bekleidet. Beide ruderten auch mit aller Kraft, der Alte nur riß manchmal sein Ruder aus dem Wasser, versetzte dem Jungen eins damit über den Kopf, und dann gingen sie wieder mit vereinter Anstrengung an die Arbeit. Als sie in Rufsnähe kamen, sprang der Alte auf seine Füße und gestikulirte, sein Holz schwingend, auf die wunderbarste Art in der Luft herum, indeß er fortwährend ein Kauderwälsch herausstieß, von dem wir nur erst nach einer langen Weile einzelne Worte verstehen konnten. »– Ah Ihr pemi – ah Ihr kommt – weshalb Ihr kommt? – Ihr seid schön – kommt ohne Pilot – Ich sage Ihr hört? – Ich sage, Ihr ita maitai (nicht gut) – Ihr hört? – Ihr kein Pilot – Ja – Ihr, verdammt mich – Ihr kein Pilot, gar nicht; Ich verdamm' Euch – Ihr hört?« Diese Tirade, die uns deutlich bewies, daß der alte profane Schuft, was er auch wolle, dies doch im vollkommen guten Ernst meine, versetzte die Schiffsmannschaft in die beste Laune und donnerndes Gelächter antwortete ihm. Das schien ihn aber ganz außer sich zu setzen; der Knabe, der mit gehobnem Ruder ganz verblüfft um sich starrte, erhielt einen derben Hieb über die Ohren, der ihn mit Blitzesschnelle wieder an seine Arbeit gehen hieß und das Canoe bis dicht an uns heran führte. Der Redner begann jetzt von neuem, und wir fanden nun, daß all diese freundlichen Worte gegen den Steuermann gerichtet gewesen, der immer noch oben auf den Bulwarks stand. Jermin war übrigens keineswegs zum Spaßen aufgelegt und befahl ihm nur, mit einem Matrosensegen, sich zu packen. Das brachte aber den alten Burschen erst recht in Wuth und er fluchte schlimmer als ich bis dahin selbst civilisirte Menschen hatte fluchen hören. Ihr sabbee Ein verdorbenes Wort aus dem Französischen savoir , das, viel von Matrosen fast aller Nationen gebraucht, auch auf die Eingeborenen der verschiedenen Inseln übergegangen ist. mie – ich weiß – Ihr Pratie – sehe Euch lange Zeit – aber ich nicht kommen – Ih sabbee Euch – Ihr ita maitai nuee (Superlativ von schlecht). – Macht, daß Ihr fortkommt! schrie Jermin wüthend, geht zum Teufel oder ich werfe eine Harpune nach Euch. Anstatt dem Befehl aber zu gehorchen, ließ Jim sein Canoe bis dicht an den Gangweg hinschießen und stand in wenigen Sekunden an Deck; dann, das fettige Taschentuch noch mehr in seine Stirn ziehend während er gleich darauf seinem Frack einen verzweifelten Ruck versetzte, schritt er zum Steuermann hinan und gab ihm, in noch blumenreicherer Sprache als vorher, zu verstehen, daß er den berühmten Jim vor sich habe und das Schiff bis der Anker nieder sei, unter seinem Befehl stände, wonach er zu wissen wünschte, ob irgend Jemand noch etwas dagegen einzuwenden habe. Da jetzt kein Zweifel blieb, daß er der wirklich sei, für den er sich ausgebe, so wurde ihm das Fahrzeug übergeben. Unser Gentleman begann nun die Julia vor Anker zu bringen, sprang vorn auf das Bug und brüllte aus: »loff, loff! haltie ob – haltie ob!« und dann bestand er darauf, daß ihm der Mann am Ruder jedesmal achtungsvoll darauf antworte. Der Wind war jetzt so weit eingeschlafen, daß wir fast unsern ganzen Steuerweg verloren hatten; dennoch machte der alte Mann mit seinen Befehlen einen Scandal, wie eine weiße Boe am Bord des fliegenden Holländers. Jim war denn auch wirklich der regelmäßige Lootse des Hafens, einen Posten von nicht geringem Einkommen und, in seinen Augen wenigstens, von ungemeiner Wichtigkeit. Unsere unceremoniöse Einfahrt betrachtete er daher als eine große Beleidigung, die nicht allein seiner Würde, sondern auch seinem Einkommen bedeutenden Schaden zufügen konnte. Der alte Mann ist übrigens eine Art Hexenmeister und lebt in einem gewissen Einverständniß mit den Elementen; bestimmte Phänomene derselben erweisen sich denn auch so, als ob sie blos zu seinem eignen Nutzen und Frommen beständen. Ungewöhnlich klares Wetter mit einer ruhigen steten Briese stellt sich als ein sicheres Zeichen heraus, daß ein Kauffahrer in der Nähe ist; Wallfische, die in der Nähe des Hafens sichtbar werden, bedeuten die Ankunft eines Wallfischfahrers, und Blitz und Donner, so selten es vorkommt, wird zur ganz bestimmten Ankündigung eines Kriegsschiffes. Jim, der Lootse ist wirklich ein Charakter und Niemand besucht Tahiti, der nicht irgend eine wunderliche Geschichte über ihn hört. Capitel XII. Ein Blick auf Papeetee. Wir werden an Bord einer Fregatte geschickt. Unser Empfang bei den Franzosen. Das kleine Städtchen Papeetee machte einen ungemein freundlichen Eindruck auf uns; es liegt in einem Halbzirkel um die Bai herum und die geschmackvollen Gebäude der Häuptlinge und Europäer verleihen ihm eine tropische Eleganz, die noch besonders durch die wehenden Palmbäume und die tiefdunkeln Gruppen der Brodfruchtbäume, die den Hintergrund bilden, vermehrt wird. Die niederen Hütten der ärmern Bewohner werden von den andern bedeckt, und vermindern also in keiner Weise den freundlichen Anblick. Dicht um das Wasser herum erstreckt sich der breite, glatte Strand, der aus Korallenstücken und Kieseln gemischt ist. Dieser bildet die Hauptstraße des Städtchens und die schönsten Häuser umgeben ihn, wobei auch die geringe Fluth Die Newton'sche Theorie, die Fluth betreffend, findet auf Tahiti keine Anwendung, wo das ganze Jahr hindurch die Wasser gleichmäßig am Mittag und Mitternacht anfangen zu ebben, während mit Sonnenauf- und Niedergang die Fluth eintritt. Der Ausdruck Tooerar-Po bedeutet deshalb auch zugleich Hochwasser und Mitternacht. diesem Ort nur wenig hinderlich wird. Die Pritchard-Residenz, ein schönes stattliches Gebäude, nimmt die eine Seite der Bai ein; ein grüner Wiesenplan senkt sich von ihr aus zur See hinab und vor ihr weht die englische Flagge. Ueber dem Wasser drüben verkünden die dreifarbige Fahne und die Streifen und Sterne die Wohnungen der andern Consuln. Das Pittoreske der Scene zu erhöhen, trug besonders der Rumpf eines alten Schiffes bei, das zu dieser Zeit auf dem Strand des Hafens hoch und trocken lag. Von dort aus wo wir ankerten, kam es uns gerade so vor, als ob die Bäume ihre Zweige dicht über sein Bugspriet zusammenschlängen, das ebenfalls starr und gerade emporstieg. Es war ein amerikanischer Wallfischfänger, ein sehr altes Fahrzeug, das in der Nähe des Landes einen Leck gesprungen und sich nun nach Tahiti begeben, um dort ausgebessert zu werden. Dort erkannte man es aber als total seeuntüchtig, nahm das Oel heraus, sandte es auf andern Fahrzeugen heimwärts und verkaufte nachher den Rumpf für ein Spottgeld. Ehe ich Tahiti verließ, trieb mich die Neugierde, dies arme alte Schiff, das auf einen fremden Strand hinaufgeschleudert lag, einmal zu besuchen. Was waren meine Gefühle, als ich auf ihrem Stern den Namen eines kleinen Städtchens am Hudson erkannte; sie stammte von dem edeln Strom, an dessen Ufern ich geboren war, und in einem Augenblick mischten sich Palmen und Ulmen, Canoes und Kähne, Kirchthürme und Bambus, die ganze Vergangenheit und Gegenwart in ein wild verworrenes Bild zusammen. Doch wir dürfen die kleine Jule nicht so lange allein lassen. Endlich waren die Wünsche so Vieler erfüllt und wie das Wurfeisen eines Luftschiffers, so faßte unser kleiner rostiger Anker in die Korallenarme ein, die den Grund der Papeetee-Bai bilden. Es mußten mehr als vierzig Tage verflossen sein, seit wir die Marquesas-Inseln verlassen hatten. Die Segel waren übrigens noch nicht beschlagen als ein Boot heranschoß, das keine geringere Person an unsern Bord führte, als den von der Mannschaft so sehr geachteten Consul Wilson. – Wie ist das, wie ist das, Mr. Jermin? rief er, und sah äußerst wild aus, als er das Deck betrat. Was bringt Sie ohne Befehle hier herein? – Sie kamen nicht zu uns, wie Sie es versprochen, Sir, lautete die derbe Antwort, und mit Niemandem das Schiff zu regieren, wäre es doch Wahnsinn gewesen, länger in See zu bleiben. – Also diese niederträchtigen Hallunken hielten aus. Wirklich, – sehr gut, – dafür sollen sie schwitzen! und er überblickte die ihn grimmig anschauenden Seeleute mit ganz ungewohnter Keckheit. In der That fühlte er sich aber hier sicherer, als draußen vor den Riffen. – Mustert die Meuterer auf dem Quarterdeck, fuhr er endlich fort. – Treibt sie alle aft hier, Sir, die Kranken und Gesunden, ich habe ein Wort mit ihnen zu reden. – Nun, Leute, sagte er, nun denkt Ihr wohl, es ist Alles gut mit Euch, nicht wahr? Ihr wolltet das Schiff hier herein haben, und hier herein ist's auch wirklich gekommen. Capitän Guy ist am Ufer hier, und Ihr glaubt, Ihr werdet auch dahin gehen, darin sollt Ihr Euch aber ganz elendiglich getäuscht haben. (Dies letzte waren seine wirklichen Worte). Mr. Jermin lest die Namen derer ab, die den Gehorsam nicht verweigert haben und laßt sie herüber auf die Starbordseite treten. Hiernach wurde eine Liste von den Meuterern gemacht, wie er so freundlich war die Uebrigen zu nennen, und der Doktor und ich befanden uns auch darunter, obgleich Jener vortrat und sich auf seine Stellung berief, die er von Sidney aus bekleidet habe. Auch machte ihn jetzt der Steuermann – der sich stets freundlich bewiesen, mit dem Dienst, den ich vor zwei Nächten geleistet, bekannt; ebenso mit meinem Betragen, als er erklärt hatte in den Hafen einlaufen zu wollen. Ich selbst blieb fest bei der Behauptung, daß nach meinem mit Capitän Guy abgeschlossenen Vertrag, meine Dienstzeit an Bord der Julia abgelaufen sei, da die Fahrt – wie? blieb sich gleich – wirklich und in der That zu Ende gebracht wäre, ich verlangte deshalb meine Entlassung. Wilson wollte aber von alle dem nichts hören; in meinem Benehmen mochte er jedoch etwas finden, das ihm auffiel, er frug mich auch nach Namen und Vaterland und sagte dann mit einem maliciösen Blick: – Aha, Ihr seid der Bursche, der den runden Robin geschrieben hat; auf Euch werde ich besonders Acht haben, mein guter Freund. Tretet zurück, Sir. Was den armen Doktor Lattengeist betraf, so nannte er ihn einen »Sidney-Flaschenwürger«, obgleich ich nicht errathen konnte, was er mit diesem hochtrabenden Titel meinte. Der Doktor dagegen sagte ihm nun aber auch so ungenirt was er seinerseits von ihm, dem Konsul, dachte, daß dieser ihm wüthend zurief, still zu sein oder er würde ihn in die Rigging nehmen und Peitschen lassen. Es gab für uns keine Hülfe, wir wurden nach der Gesellschaft beurtheilt, in der man uns gefunden hatte. Wir wurden nun Alle nach vorn geschickt; keiner aber sagte uns, was mit uns geschehen würde. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Steuermann zog sich der Konsul wieder zurück und ging an Bord der französischen Fregatte, die etwa in Cabelslänge von uns lag. Wir erriethen nun seine Absicht und freuten uns, da die Sachen nun einmal so standen, darüber. In einem oder zwei Tagen sollte der Franzose nach Valparaiso absegeln, was das gewöhnliche Rendezvous der englischen Schwadronen im stillen Meere ist, und Wilson gedachte wahrscheinlich uns an Bord derselben zu geben, um dort ausgeliefert zu werden. War dem wirklich so, so hatten wir, wie unsre erfahrensten Kameraden behaupteten, weiter nichts zu fürchten, als eine kurze Fahrt auf einen von Ihrer Majestät Schiffen und unsre Entlassung über kurz oder lang in Portsmouth. Wir zogen jetzt alle Kleider an die wir hatten, Jacke über Jacke, Hose über Hose, um augenblicklich bereit zu sein, da bewaffnete Schiffe kein übermäßiges Gepäck erlauben, wodurch die Decks beengt würden. Sobald wir also an Bord der Fregatte gefordert wurden, mußten unsre Kisten zurückbleiben. In dem Verlauf einer Stunde etwa kam der erste Kutter der Reine blanche an unsre Seite, und zwar durch achtzehn oder zwanzig mit Cutlassen und Enterpistolen versehene Matrosen bemannt; auch trugen die Offiziere natürlich ihre Seitengewehre und der Consul stolzirte in einem offiziellen Dreimaster, den er sich für diese Gelegenheit geborgt hatte. Das Boot führte eine schwarze Piratenfarbe und die ganze Mannschaft bestand aus einer grimmigen, finster aussehenden Bande, die uns sicherlich nach des Consuls Plan gleich von Anfang an einschüchtern sollte. Nach aft beordert, wurde jedes Mannes Name einzeln aufgerufen, und Jeder dann noch einmal feierlich ermahnt, daß dies der letzte Augenblick sei, wo er hoffen dürfe ungestraft zu entkommen, und wo Jeder dann zuletzt die Frage beantworten mußte, ob er noch immer die Erfüllung seiner Pflicht verweigere. Die einstimmige Antwort blieb: – Ja Sir, das thu ich, denn sobald Einer oder der Andere noch ein paar erklärende Worte hinzufügen wollte, so wurde er augenblicklich von Wilson unterbrochen und in den Kutter hinab beordert. Diesem Befehl gehorchten Alle mit größter Bereitwilligkeit und Manche sogar, um zu beweisen, wie gern sie Allen willfahrten, was vernünftiger Weise von ihnen verlangt werden konnte, tanzten und sprangen hinab. Selbst die Invaliden, nachdem sie erklärt hatten, kein Tau mehr anzuziehen und wenn sie auch ganz gesund wieder würden, mußten uns in den Kutter begleiten und schienen besonders guter Laune, so daß sich schon einige Zweifel erhoben, ob sie überhaupt so krank gewesen, als sie vorgegeben. Der Böttcher wurde zuletzt aufgerufen und wir hörten nicht, was er antwortete, aber er blieb zurück. Nichts geschah mit dem Mowree. Als wir von der Julia abstießen, gab die Mannschaft drei laute Hurrahs, wofür Flash-Jack und Andere einen scharfen Verweis vom Consul erhielten. – Good bye kleine Jule, rief Navy Bob, als wir unter dem Bug dahinschossen. – Fall nicht über Bord, Ropey, sagte ein Anderer zu dem armen Landlubber, der mit Wymontoo, dem Dänen und den übrigen Zurückgelassenen uns über das Vorcastle nachschaute. – Gebt ihr noch drei! schrie Salem, sprang in die Höhe und schwang seinen Hut um den Kopf. Ihr sacre verdamm Schurken! schrie der Lieutenant der Abtheilung und schlug Salem mit dem flachen Säbel über die Schultern – Ihr jetzt seid still! Der Doktor und ich, vorsichtiger als die Uebrigen, saßen ruhig im Vordertheil des Kutters und obgleich ich keineswegs das Gethane bereute, so waren doch meine Gedanken nichts weniger als beneidenswerth. Wenige Minuten später paradirten wir in der Fregatte Gangweg und der erste Lieutenant, ein ältlicher, gelbsüchtiger Offizier in einem gräulich zugeschnittenen Uniformsrock mit verschossener Goldborte, kam auf uns zu und blickte uns grimmig an. Der Kopf dieses Gentleman war ein einziger grauer Fleck; seine Beine glichen Stöcken, und seine ganze physische Kraft schien sich einzig und allein in einem fürchterlichen Schnurrbart erschöpft zu haben. Der alte Gamboge, wie wir ihn augenblicklich tauften, erhielt jetzt von dem Consul ein Papier, das er aufschlug und die überlieferten Waaren mit der Liste verglich. Als er uns Alle für vollzählig befunden, überantwortete er uns einem kleinen schüchternen Seekadeten und bald sahen wir uns unter der Obhut von einem halben Dutzend Matrosen-Soldaten, Burschen mit Theerhüten und Musketen. Ein anderes Individuum, das wir für den Schiffscorporal hielten, als welchen ihn auch die Goldtressen auf dem Arm und sein Stock verkündeten, führte uns nun die Leitern hinab unter Deck. Hier wurden wir höchst artiger und gewiß unerwarteter Weise mit Handschellen versehen und der Mann, der mit seinem Korb und einem ganzen Assortiment derselben herumging, suchte uns, mit wirklich liebenswürdiger Gefälligkeit, die passendsten aus. Einige, dadurch nicht wenig überrascht, wollten sich allerdings widersetzen, jede Sprödigkeit wurde aber bald besiegt und auch unsere Füße staken gleich darauf in schweren eisernen Ringen. Somit waren wir in unsere neue Wohnung förmlich eingezogen. – Der Henker hole Ihr kaltes Eisen, rief der Doktor, – wenn ich das gewußt hätte, wäre ich zurückgeblieben. – Haha! lachte Flash-Jack, Ihr seid mit in die Patsche gekommen, Doktor Lattengeist. – Meine Hände und Füße wenigstens, lautete die Antwort. Man gab uns eine Schildwache, eine wahre Stange von einem Burschen, der mit einem fürchterlich alten und langen Cavalleriesäbel vor uns auf- und abstiefelte. Der Länge dieser Waffe nach zu urtheilen, mußte sie wirklich ursprünglich dazu bestimmt sein, eine ganze Schaar in Ordnung zu halten, damit der nämlich, der sie trug, über die Köpfe der Vornstehenden hinweg den sechsten oder siebenten Mann damit todtstechen konnte. – Großer Gott! sagte der Doktor schaudernd, was muß das für ein gräßliches Gefühl sein, eine solche Säge in den Leib gestoßen zu bekommen. Wir fasteten bis Abend, wo denn Einer der Leute mit ein paar Schüsseln kam, die eine dünne, safranfarbige Flüssigkeit enthielten, auf der einige Fettaugen herumschwammen. Der junge Schäker sagte uns allerdings, das sei Suppe, es erwies sich aber als nichts weiter, wie warm Wasser mit Fett. Was es jedoch auch sein mochte, wir verschlangen es, und unsre Schildwache war gefällig genug die Armbänder indessen an sich zu nehmen. Die Schüsseln gingen von Mund zu Mund und wurden bald geleert. Am nächsten Morgen, als sich die Schildwache einmal von uns abwandte, warf uns Jemand, den wir für einen englischen Matrosen hielten, ein paar Orangen zu, deren Schalen wir später zu Bechern benutzten. Am zweiten Tag fiel nichts merkwürdiges vor; am dritten ergötzte uns folgender Auftritt. Ein Matrose, den wir für einen Bootsmann hielten, denn er hatte eine silberne Pfeife anhängen, kam, ein paar schluchzende Jungen vor sich her treibend und von einer ganzen Bande anderer in Thränen gefolgt, herunter. Die beiden ersten schienen hierher gesandt zu sein, um für irgend ein Vergehen ihre Strafe zu erhalten, die Uebrigen waren wohl nur aus Mitleiden gefolgt. Der Bootsmann ging aber hier augenblicklich an die Arbeit; er ergriff die armen kleinen Verbrecher an ihren lockern Jacken und gerbte sie mit einem spanischen Rohr tüchtig durch. Die andern Knaben weinten und schrieen, rangen die Hände und fielen auf die Kniee nieder; doch alles umsonst. Wenn sie ihm zu nahe kamen, hieb der Bootsmann einmal nach ihnen aus und trieb sie, noch lauter als die Andern schreiend, zurück. Inmitten dieses Tumultes kam ein junges Seekadetchen, beorderte den Mann an Deck und trieb die Kleinen nach allen Richtungen hinaus. Navy Bob betrachtete diesen ganzen Vorgang mit unbeschreiblicher Verachtung; er war vor mehreren Jahren Capitän des Vor Top's auf einem Linienschiff gewesen, und seiner Meinung nach, konnte das eben Geschehene nur eine lubberhaftige Geschichte genannt werden. In der englischen Marine wurde so etwas anders betrieben. Capitel Xlll. Sie nehmen uns ans Ufer. Was dort geschah. Die Calabouse Beretanee. Wenn ich mich recht erinnere, so befanden wir uns etwa fünf Tage und Nächte an Bord der Fregatte. Am Nachmittag des fünften wurde uns jedoch angekündigt, daß sie am nächsten Morgen nach Valparaiso segeln würde. Erfreut darüber, beteten wir nur um eine schnelle Fahrt, wie es sich aber erwies, so schien uns der Konsul keineswegs so leichten Kaufs fortlassen zu wollen. Zu unserm nicht geringen Erstaunen kam gegen Abend ein Offizier an Bord und ließ unsre Eisen abnehmen. Im Gangweg wurden wir dann gemustert, in einen dicht daneben liegenden Kutter gethan und ans Ufer gerudert. Wilson begegnete uns, da wir den Strand erreichten, und übergab uns einer zahlreichen Wache von Eingeborenen, von denen wir zu einem nicht fernen Hause geführt wurden. Hier mußten wir, dicht davor im Schatten, Platz nehmen und dann schritten der Consul und zwei andere ältliche Europäer an uns vorüber und in das Haus. Nach einigem Zögern während dem uns die gutmüthige Lustigkeit unstet Wache sehr amüsirte, wurde Einer von uns aufgerufen und ihm befohlen, das Haus allein zu betreten. Als er ein paar Augenblicke nachher zurückkam, sagte er uns, wir hätten nicht viel zu befürchten, er wäre nur einfach gefragt worden, ob er noch auf seinem frühern Starrsinn beharre, worauf sie etwas niedergeschrieben und ihn wieder herausgeschickt hätten. Als alle darin gewesen waren, kam die Reihe auch zuletzt an mich. Wilson saß mit seinen beiden Freunden sehr feierlich an einem Tisch, und ein Tintenfaß, einige Federn und ein großer Bogen Papier gaben dem Gemach etwas geschäftsmäßiges. Diese drei Gentlemen in Rock und Hose sahen übrigens besonders achtbar in einem Lande aus, wo volle Kleidung so selten gesehen wird. Einer der Gegenwärtigen wollte gern ehrwürdig aussehen; da er aber einen kurzen Nacken und ein volles Gesicht hatte, so gelang ihm das gar nicht und er sah höchstens albern aus. Es war dies ein Individuum, das sich herabließ ein väterliches Interesse an mir zu bezeugen, denn nachdem ich, meine unabänderliche Meinung, das Schiff betreffend, erklärt und mich eben, wie die Uebrigen, zurückziehen wollte, so wandte sich dieser Fremde nach mir um und sagte salbungsvoll: – Warten Sie einen Augenblick; Mr. Wilson, lassen Sie mich ein paar Worte mit diesem Jüngling reden. – Kommt hierher, mein junger Freund. Es thut mir sehr leid, daß ich Euch mit diesen bösen Menschen vereinigt sehe. Wißt Ihr, wie das enden wird? O, das ist der Bursche, der den runden Robin geschrieben hat, unterbrach ihn hier der Consul. Er und der schurkische Doktor sind die Ursache dieser ganzen, niederträchtigen Geschichte – Geht hinaus, Sir. Ich zog mich wie aus königlicher Gegenwart zurück und bekomplimentirte mich rückwärts vor die Thür. Dieses augenscheinliche Vorurtheil Wilsons gegen mich und den Doktor war mir übrigens leicht erklärlich. Ein Mann von einiger Erziehung vor dem Mast wird von seinem Capitän nie gern gesehen; er mag sich noch so ruhig verhalten, so schreibt man ihm doch jede Störung zu, die irgendwie stattfinden sollte und glaubt stets, daß er auf irgend eine Art den Offizieren entgegen zu wirken suche. So wenig ich nun auch von Capitän Guy gesehen hatte, so wußte ich doch wie er gegen mich gesinnt war, nachdem ich kaum eine Woche an Bord gewesen. Doch mochte in diesem Fall seine Feindschaft auch wohl noch dadurch gegen mich erweckt sein, daß ich mich an den langen Doktor anschloß, den er von Grund der Seele aus haßte und zugleich fürchtete. Nach dem Examen traten Wilson und seine Freunde in die Thür, und der Erstere, einen gar majestätischen Ausdruck annehmend, erklärte unsern beharrlichen Trotz und Widerstand als schändliche Empörung. Auch sagte er, daß uns jetzt keine Aussicht auf Rettung mehr bliebe; die Gelegenheit, Verzeihung zu erlangen, sei vorüber, und wenn wir ihn jetzt auch auf den Knieen bitten würden zu ihm in Dienst zurückzukehren, so wäre es vergebens. – O geht zum Teufel, Rathsherr, knurrte der schwarze Dan, darüber entrüstet daß Jener nur eine solche Idee fassen könnte; der Consul aber, in seiner Würde gekränkt, donnerte ihn an ruhig zu sein, rief dann einen fetten, alten Eingeborenen zu sich und befahl ihm auf tahitisch, uns zu einem sichern Bewahrungsort zu bringen. Hierauf wurden wir in Reih und Glied gestellt, und mit dem Alten an der Spitze und unter dem Geschrei der uns Begleitenden, auf einem wundervollen Pfade hingeführt, der durch weite Haine von Cocospalmen und Brodfruchtbäumen lief. Die uns umgebende Scenerie war entzückend. Der tropische Abend rückte heran und von da aus, wo wir uns befanden, glich die Sonne einem rothen ungeheuren Feuer, das in dem Holzland brannte. Ihre Strahlen fielen schräg hindurch diese schattigen Baumgruppen und jedes Blatt war mit flüssigem Gold übergössen. Für uns nun noch besonders, die wir eben aus dem dumpfigen Deck der Fregatte kamen, athmete die Luft nur Wohlgerüche, während unsre Begleitung in herrlicher guter Laune nebenher trabte und uns in ihrem gebrochenen Englisch fortwährend dabei zu verstehen zu geben suchte, daß sie Wilson auch nicht leiden möchten, wir aber wackere Burschen wären, weil wir so gut ausgehalten hätten. Als wir weiter vorrückten, überraschte mich mehr und mehr der pittoreske Anblick der weiten überschatteten Straße. Hier und da dehnten sich dauerhafte Holzbrücken über nicht unbedeutende Wasser und manchmal überspannte auch ein einzelner steinerner Bogen den Strom. An jeder Stelle hatten aber drei Reiter bequem neben einander hinreiten können. Dieser herrliche Weg – jedenfalls das Beste, was die Civilisation für die Insel gethan hat, – wird von Fremden die Besenstraße genannt – warum? weiß ich selber nicht. Ursprünglich wurde sie zur Bequemlichkeit der Missionäre angelegt, damit die von einer Station nach der andern könnten; jetzt aber umzieht sie fast die ganze größere Halbinsel, während sie wohl über sechzig Miles lang an der See hin die fruchtbare Niederung einschließt. Nur an der Seite bei Tairboo durchschneidet sie ein schmales abgeschlossenes Thal und kreuzt so in dieser Richtung die Insel. Das unbewohnte Innere, fast unzugänglich durch die stark bewaldeten Schluchten, fürchterlichen Abgründe und scharfe Bergrücken, ist selbst von den Eingeborenen nur wenig gekannt, und anstatt also den geraden Weg von einem Dorf zum andern einzuschlagen, folgen sie der Besenstraße lieber rund herum. Wie weit übrigens die Unwissenheit der Eingeborenen, ihr eigenes Land betreffend, geht, davon kann ich als Beispiel anführen, daß ein bedeutender Binnensee Whaiherea mit Namen existiren soll, obgleich die Nachrichten darüber ungemein verschieden lauten. Einige sagten mir, daß er keinen Grund und keinen Aus- und Einfluß habe. Andere, daß er die Ströme der ganzen Insel ernähre. Ein englischer Matrose jedoch, ein Bekannter von mir, wollte ihn mit einer Entdeckungstruppe vom Bord einer englischen Kriegsschaluppe aus besucht haben, und hat ihn höchst wunderbar in jeder Hinsicht gefunden. Sehr klein, tief und grün bildet er einen förmlich in die Gebirge hineingedrängten Brunnen, mit Unmassen der herrlichsten Fische. Diese Straße wird jedoch keineswegs bloß von Fußgängern bereist, Pferde giebt es jetzt in großer Anzahl und zwar von Chili eingeführte, die alle die Lebhaftigkeit, Schnelle und Gelehrigkeit der spanischen Race in sich vereinigen und den höheren Klassen der Insel, unter denen es gar wackere Reiter giebt, ganz unentbehrlich geworden sind. Die Missionäre und Häuptlinge denken jetzt gar nicht daran eine Reise zu machen außer im Sattel, und jede Stunde im Tag kann man besonders die Letztern im vollen Galopp die Straße dahinsprengen sehen. Meile nach Meile habe ich auf dieser Besenstraße zurückgelegt, und bin in diesem ewig sich ändernden Scenenwechsel nie ermüdet. Nur eines bleibt, ob Ihr durch niederen Wald oder grasige Ebenen, oder über mit Palmen bedeckte Hügel wandert, immer habt Ihr die blaue herrliche See an der einen Seite und an der andern steigen schroff und steil die hohen felsigen Kuppen der Insel empor. Etwa eine Meile von der Stadt machten wir Halt. Es war ein wundervoller Fleck. Ein Bergstrom murmelte am Fuß eines grasigen Hügels hin, bis sich die Wasser auf einem Bett von funkelnden Kieseln plätschernd in die See ergossen; in das Land hinein jedoch sich wie ein silberner Faden zwischen den dunkeln Schatten der Palmen verlor. Der zunächst der Straße gelegene Platz war von einer niedern Steinmauer umgeben, und auf dem Gipfel der dahinterliegenden Abdachung stand ein großes Haus, nach Art der Eingeborenen errichtet, mit blendend weißem und ovalem Dach. Calabousa Beretanee (das englische Gefängniß), rief unser Führer und deutete auf das Gebäude. Diese Calabouse war schon seit einigen Monaten von dem Konsul für seine widerspenstigen Matrosen benutzt und deshalb, um es von den andern ähnlichen Gebäuden in Papeetee zu unterscheiden, so genannt. Obgleich übrigens in seiner Lage sehr romantisch, zeigte sich doch, als wir näher kamen, daß es häusliche Bequemlichkeiten sehr entbehre. Es war wirklich eine bloße Schale und zwar erst kürzlich gebaut und noch nicht einmal beendet, auch überall offen, und hie und da im Innern, selbst an einigen Stellen unter dem Dach, wuchs Gras. Das einzige Möbel, das im ganzen Zimmer stand, war der Fußblock, eine unbeholfene Maschine, die dazu bestimmt ist, widerspenstige Leute in ein und derselben Stelle fest zu halten und wohl nur noch in wenigen Ländern angewandt wird. Die Spanier in Südamerika benutzen ihn jedoch noch und von diesen haben ihn die Tahitier abgesehen. Auch die Namen, womit alle Gefängnisse bezeichnet werden, sind spanisch. Die Fußblöcke bestanden höchst einfacher Weise aus nichts anderem als zwei starken Balken, etwa 20 Fuß lang und vollkommen egal; einer lag mit dem Rand auf dem Boden und der andere dicht über ihm, während in gewissen Zwischenräumen die bösartigen runden Löcher keinen Zweifel über seinen Zweck gestatteten. Jetzt machte uns auch unser Führer damit bekannt, daß er »Capin Bob« (Kapitän Bob) hieß und ein gemüthlicher alter Bob war es auch, der Name paßte prächtig für ihn. Von dem ersten Augenblicke an hatten wir ihn gern und überließen uns mit dem größten Vergnügen seiner Leitung und fügten uns seiner Autorität. Sobald wir das Gebäude betreten hatten, mußten wir eine Menge trockener Blätter herbei bringen, um hinter den Fußblöcken ein Lager zu bereiten. Der Stamm eines kleinen Cocosbaums wurde dann als eine Art Polster dahinter gelegt – freilich ein hartes Kissen, doch sind die Eingeborenen daran gewöhnt. Anstatt des Kopfkissens gebrauchen sie auch ein etwas ausgehöhltes Stück Holz mit vier kurzen Füßen, eine Art Kopfschemel. Nachdem diese Vorbereitungen getroffen worden, ging Capitän Bob daran uns für die Nacht fest zu machen; der obere Balken dieser kunstreichen Maschinerie wurde aufgehoben, unsere Knöchel in die halbrunden Oeffnungen des untersten gelegt und der erste dann wieder niedergelassen, wonach man sie an beiden äußersten Enden mit einem eisernen Ring befestigte. Diese Einfügung fand jedoch unter dem lärmenden Jubel der Eingeborenen statt und amüsirte uns selbst nicht wenig. Capitän Bob fuhr jetzt herum wie eine alte Frau die ihre Kinder zu Bett gebracht hat; ein Korb gebackener »Taro« oder indianische Rüben wurde dann gebracht und wir bekamen Jeder ein Stück. Hiernach breiteten die Eingeborenen ein langes Stück roher brauner Tappa über uns Alle hin und nach verschiedenen Ermahnungen zu » moee-moee und maitai « zu sein, d. h. zu schlafen und uns wie gute Kinder zu betragen, wurden wir allein gelassen und waren also auch wirklich zu Bett gebracht und zugedeckt. Ein ziemlich lebhaftes Gespräch fand nun im Allgemeinen, und zwar unsre künftigen Lebensaussichten betreffend, statt. Der Doktor und ich aber, die neben einander lagen, hielten die Gelegenheit für besser geeignet zu Betrachtungen und schwiegen deshalb still; es dauerte auch nicht lange, so schliefen alle Uebrigen und als ich selbst einmal später den Versuch machte den Doktor anzureden, träumte der aus Leibeskräften. Wecken wollte ich ihn nicht und folgte also seinem Beispiel. Wie sich die Uebrigen in dieser Nacht befanden, weiß ich nicht, mir wurde es aber sehr sauer einzuschlafen, denn das Bewußtsein seine Füße da zu haben, wo man sie nicht wieder wegbekommen kann, ist, das wenigste zu sagen, höchst unangenehm. Außerdem wurde es auf die Länge der Zeit eben so peinlich fortwährend auf dem Rücken zu liegen, was aber doch gar nicht anders geschehen konnte, wir hätten uns denn an unsern Knöcheln wie ein Warrel Warrel, nautischer Ausdruck für Drehring oder Wirbel. herumdrehen können. Sobald ich nun ein klein wenig einschlief, fing ich auch schon an allerlei tolle Sachen zu träumen. Wenn ich mich nur bewegen wollte, fühlte ich auch den Zwang an den Füßen und fuhr dann gewöhnlich erschreckt empor, und es war mir immer als ob mir Jemand die Füße ausreißen wolle. Capitän Bob und seine Freunde wohnten in einem kleinen, nicht weit von uns entfernten Dörfchen, und sobald der Morgen im Osten dämmerte, kam auch schon der alte Gentleman in derselben Richtung aus einem Hain hervor und begrüßte uns laut und fröhlich. Da er Alle erwacht fand, setzte er uns in Freiheit, führte uns an den Fluß hinunter und befahl uns zu baden. All Hand's, mei Bursch! rief er – Hanna – Hanna wasch – Bob war einmal zu seiner Zeit zur See gewesen, wie er uns gar zu gern erzählte, und gebrauchte nicht selten die Seeausdrücke auf höchst komische Art. In diesem Augenblicke befanden wir uns Alle allein mit ihm und es wäre nichts leichter gewesen als zu entlaufen; daran schien er aber gar nicht zu denken, und behandelte und so ehrlich und freundschaftlich, daß wir, hätten wir so etwas beabsichtigt, uns wirklich geschämt haben würden, es auszuführen. Er wußte übrigens recht gut – und uns selber konnte das auch nicht verborgen bleiben – daß jeder Plan zur Flucht, wenn wir nicht früher Anstalt getroffen die Insel zu verlassen, scheitern mußte. Da Bob übrigens ein Original in jeder Hinsicht war, so möchte ich hier wohl etwas Weiteres über ihn sagen. Seine Gestalt maß über sechs Fuß und sein Umfang war verhältnißmäßig, wie denn überhaupt die Tahitier nicht selten wegen ihrer starken Körperbildung berühmt geworden sind. Auch seine sonstigen Verhältnisse sicherten ihm ein gutes Auskommen; außerdem, daß er als englischer Gefängnißwärter galt, bewirthschaftete er auch noch ein kleines Tahitien-Gut, d. h. er war der Eigenthümer von mehrern Brodfrucht- und Cocosgruppen und hinderte nie deren Wachstum. Dicht dabei hatte er auch ein kleines Tarofeld, welches er gelegentlich besuchte. Bob verkaufte übrigens selten etwas von seinen eignen Produkten, sondern verconsumirte gewöhnlich Alles selber. Ein Freund von Bob erzählte mir einmal, daß seines entsetzlichen Appetits wegen die benachbarten Inseln seinen Besuch ordentlich fürchteten, denn nach Tahitischer Gewohnheit und Sitte findet völlige Gastfreundschaft statt, die in gewöhnlichen Fällen allerdings erwiedert wird; in diesem Falle war daran aber gar nicht zu denken, denn die Verwüstung, die Bob in einer Speisekammer der Eingeborenen bei einer einzigen Morgenvisite anrichtete, würde dieser nicht wieder haben ausgleichen können und wenn er sich die ganzen Feiertage bei ihm einquartirt hätte. Der alte Mann war, wie ich schon oben angedeutet, ein oder zweimal mit auf dem Wallfischfang gewesen und deshalb nicht wenig stolz auf sein Englisch; da er übrigens alles, was er davon wußte, nur im Vorcastle erbeutet, so schmeckte seine Sprache auch bedeutend danach und klang wunderlich genug. Ich frug ihn eines Tages, wie alt er sei. – Altie? erwiederte er und nahm eine sehr wichtige Miene an, daß er eine solche verwickelte Sprache verstand. – O sehr altie, tausend J–ahr. Großer Mann, wenn Capin Tuti (Cook) Hove in Sicht (in der Seesprache »sichtbar wurde«). Das war unmöglich, doch meine Unterhaltung dem Manne anpassend, fuhr ich fort: Ah, Ihr saht Captain Tuti? nun, wie gefiel er Euch? O! er maitai (gut) Freund von mich – und kennt mein Weib. Als ich ihm nun auseinandersetzte, daß er damals noch gar nicht geboren sein konnte, erklärte er sich dahin, daß er die ganze Zeit von seinem Vater gesprochen hätte, und dann konnte er eher Recht haben. Es ist übrigens eine sonderbare Thatsache, daß Alt und Jung versichert den großen Seefahrer persönlich gekannt zu haben, und wenn man ihnen zuhört, so erzählen sie in kurzer Zeit eine Menge der wunderlichsten Anekdoten von ihm. Dies entsteht jedoch nur aus ihrem Verlangen dem, mit dem sie sprechen, eine Freude zu machen, da sie wissen, daß dies für einen Weißen die angenehmste Unterhaltung ist. Auf einen Anachronismus kommt es ihnen dabei nicht an, Tag und Jahre sind ihnen ganz gleichgültig. Nach unserm Morgenbad brachte uns Bob wieder in die Fußblöcke, wobei er übrigens fast zu Thränen gerührt war, daß er uns einem solchen Leiden unterziehen mußte; er sagte aber, er dürfe nicht anders handeln, oder er würde des Consuls höchsten Zorn auf sich ziehen. Wie lange wir noch gefangen gehalten werden sollten und was man später mit uns angeben würde, wußte er natürlich nicht. Da der Nachmittag heranrückte und noch immer keine Zeichen einer Mahlzeit zu sehen waren, so frug endlich einer der Unsern, ob wir im Hotel der Calabouse eben so gut Kost als Logis zu erwarten hätten. – Wart bischen, sagte Bob, kow-kow (Nahrung) kommt nach Schiff. Und wahrhaftig, gar nicht lange dauerte es, so kam Ropey mit einem hölzernen Eimer, voll von der Julia niederträchtigem Zwieback, während er grinsend sagte, es sei ein Geschenk von Mr. Wilson und Alles, was wir für heute bekommen würden. Ein wilder Zornesruf tönte ihm entgegen und gut war es für den Landlubber, daß er ein paar Beine hatte und wir die unsern nicht gebrauchen konnten, Einer wie Alle erklärten wir aber, daß wir den Zwieback nicht berühren würden und das theilten wir auch den Eingeborenen mit. Hierbei hatten wir es aber ziemlich glücklich getroffen, denn nichts essen diese lieber als gerade Schiffszwieback; je härter er ist, desto lieber ist er ihnen; sie erboten sich also auch augenblicklich zu einem Tausch, und brachten uns für unsern Zwieback jeden Tag eine Quantität gebackener Brodfrucht und indianischer Rüben. Wir befanden uns sehr gut dabei und Bob und seine Freunde saßen jetzt den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend und kauten. Nachdem unser sehr frugales Mahl beendet worden, watschelte Capitän Bob zu uns heran und brachte ein paar lange Stangen mit Haken am oberen Ende und mehrere Körbe von geflochtenen Cocosnußzweigen. Nicht weit davon befand sich nemlich ein umfangreicher Orangenhain, der jetzt eine Unmasse der reifsten Früchte trug und ich und ein Anderer wurden ausgesucht, mit ihm zu gehen und einen Vorrath für die Unsern einzubringen. Einen größern Reichthum an Frucht habe ich aber im Leben nicht gesehen. Die Aeste bogen sich unter der süßen Last und die Lüfte waren geschwängert von den herrlichsten Wohlgerüchen. An manchen Stellen bildeten die Bäume einen dichten Schatten, der mit den dunkelgrünen Zweigen und den goldglänzenden Aepfeln ein wundervolles Dach formt, während an andern Stellen die schweren Orangen die Zweige völlig niederzogen und den einzelnen Bäumen den Anblick eines grünen, golddurchwirkten Zeltes gaben. Um die Früchte nicht zu drücken und sie am Faulen zu verhindern, bog Bob die Zweige mit seinem Haken herunter und schüttelte sie gleich in den Korb, das genügte uns aber nicht; wir ergriffen Stamm und Zweige und schüttelten so gewaltig, daß sich unser fetter Freund nur mit Mühe aus dem hageldick fallenden Schauer retten konnte. Allen Vorstellungen ungeachtet lagerten wir uns dann in den Schatten und aßen nach Herzenslust; dann füllten wir die Körbe und kehrten zu unsern Kameraden zurück, die uns natürlich mit einem Hurrahschreien empfingen. Es dauerte nicht lange, so war von den mitgebrachten Orangen nichts weiter als die Schale übrig geblieben. So lange wir uns in der Calabouse aufhielten, bekamen wir so viel von dieser Frucht, als wir essen konnten und dies mag wohl auch die Ursache sein, daß sich die Kranken so schnell wieder von ihren Leiden erholten. Die Orange von Tahiti ist delikat – klein und süß mit einer dünnen trocknen Rinde; obgleich sie jetzt sich überall im Ueberfluß findet, so kannte sie doch vor Cooks Zeit Niemand, denn ihm haben die Indianer diesen Segen zu verdanken. Eben sowohl führte er mehre andere Arten von Früchten ein, wie die Feige, die Ananas und die Citrone, die jedoch nur sehr wenig fortgekommen oder angepflanzt sein müssen. Außer Früchten brachten aber auch die ersten Besucher der Gesellschaftsinseln auch noch Rindvieh und Schafe, die sie an verschiedenen Stellen aussetzten, und Cook wie Vancouver waren gewiß, wenn Europäer überhaupt als solche betrachtet werden können, die größten Wohlthäter dieser Inseln. Capitel XIV. Die Franzosen in Tahiti. Da ich die Insel gerade in einem sehr interessanten Zustand ihrer politischen Verhältnisse betrat, so ist es vielleicht hier am Platz eine kurze Nachricht über die Franzosen selbst und ihr Verfahren auf diesem Eilande zu geben. Die Nachrichten dazu erhielt ich von den Eingeborenen selbst, und es sind die damals in Umlauf befindlichen Gerüchte von dem bestätigt, was ich bei einem späteren Besuch und auch endlich bei meiner Rückkehr in die Heimath erfuhr. Es scheint, als ob schon seit einiger Zeit die Franzosen wiederholte Versuche gemacht hätten, eine römisch-katholische Mission hier zu gründen, was ihnen aber nie gelang, denn oft wurden sie sogar mit offner Gewalt daran verhindert, und jedesmal mußten die, die sich besonders dabei betheiligt hatten, die Insel verlassen. Einmal z. B. wurden zwei Priester, Laval und Caset, nachdem sie unendliche Verfolgungen erduldet, von den Eingeborenen überfallen und an Bord eines kleinen Handelsschooners geschleppt, der sie endlich auf der Insel Wallis, einem entsetzlich wilden Platz und etwa 2000 Miles westlich gelegen, aussetzte. Daß die damals dort befindlichen englischen Missionäre die Verbannung dieser Priester betrieben, ist eine Thatsache die sie jetzt nicht einmal mehr leugnen, auch wurde mir von mehreren Seiten versichert, sie haben durch ihre Reden jenen Tumult, der dem Segeln des Schooners voraus ging, herbeigeführt. So viel bleibt gewiß, sie konnten bei dem Einfluß, den sie damals über die Eingeborenen ausübten, mit leichter Mühe jene Gewaltthat verhindern, wenn das überhaupt in ihrer Absicht gelegen. So traurig solch ein Beispiel von Intoleranz auf Seiten der protestantischen Missionäre erscheinen mag, so ist es leider keineswegs das Einzige seiner Art; doch ich will hier darauf nicht weiter eingehen, denn mehrere Reisende haben das in letzter Zeit schon weitläufig berührt. Die Behandlung dieser beiden Priester bildete nun den Hauptgrund – vielleicht den einzigen gerechten – auf welchen hin Du Petit Thouars Genugthuung verlangte, was denn endlich zur ganzen Besitznahme der Insel führte. Auch warf er noch auf, daß Merenhouts, des Konsuls, Flagge verschiedene Male beschimpft und das Eigenthum eines gewissen französischen Bürgers auf Tahiti von der Regierung gewaltsam in Beschlag genommen worden sei. In dem letztern Falle hatten die Eingeborenen vollkommen Recht, denn das Verbot gegen den Handel mit spirituösen Getränken, dann und wann aufgehoben, befand sich damals gerade in Kraft und da sie eine große Quantität derselben auf dem Lager dieses Victor – eines überhaupt gemeinen, schurkischen Avanturiers von Marseille, – fanden, so erklärten sie es als dem Gesetz anheim gefallen. Für diese und ähnliche vorgegebene Beleidigungen wurde ein ungeheurer Geldersatz (10000 Dollars) verlangt, und da kein Schatzmeister vorhanden war, so nahmen sie die ganze Insel. Allerdings schlossen sie dabei einen Vertrag ab, das war aber jedenfalls nur zum Schein, denn er wurde dem Häuptling vom Kanonendeck der Du Petit Thouars'schen Fregatte diktirt. Der Sturz der Pomaren war einmal in den Tuilerien beschlossen und dieser Vertrag auf jeden Fall nur ein Mantel, der für jetzt ihre wirkliche Absicht verdecken sollte. Nachdem sie das Protektorat, wie es genannt wurde, errichtet hatten, segelte der Contre-Admiral wieder ab und ließ Mr. Bruart als Gouverneur zurück, während Mr. Merhout, der frühere Consul, zum königlichen Kommissionär emporstieg. Dem Gouverneur beigegeben waren die beiden Herrn Reine und Carpeigne, Mitglieder des Raths und von den Eingeborenen nicht ungern gesehen, die dagegen Bruart und Merenhout förmlich haßten. Bei mehreren Zusammenkünften mit der armen Königin suchte sie dieser gefühllose Gouverneur förmlich zu dem einzuschüchtern, was er von ihr verlangte und schlug mit der Hand an sein Schwert, drohte mit der Faust und fluchte gotteslästerlich. In einem Briefe an Louis Philipp schrieb Pomare: »O König einer großen Nation, nimm diesen Mann hinweg; ich und mein Volk können seine bösen Handlungen nicht mehr ertragen; er ist ein schamloser Mann.« Obgleich sich die Aufregung unter den Eingeborenen nach des Contre-Admirals Abreise noch keineswegs gelegt hatte, so fiel doch unmittelbar keine Gewaltthätigkeit vor. Die Königin war nach Imeeo geflohen und die Uneinigkeit zwischen den Häuptlingen, wie die schlechten Rathschläge der Missionäre, hinderten eine Vereinigung nach gewöhnlichem Vertheidigungsplan. Die große Masse des Volks aber, ebensowohl als ihre Königin, hoffte vertrauungsvoll auf eine schleunige Einmischung Englands; eine Nation, die durch manche Bande an sie gekettet war und ihnen mehr als einmal ihre Unabhängigkeit feierlich zugesichert hatte. Was die Missionäre anbetrifft, so trotzten sie dem französischen Gouverneur ganz offen und verkündeten, kindischer Weise, Flotten und Armeen von England. Was ist aber die Wohlfahrt eines Flecks wie Tahiti gegen das mächtige Interesse von Frankreich und England. Von der einen Seite kam eine Remonstration, von der andern eine Antwort und damit blieb die Sache ruhen. In dieser Sache wenigstens, so oft sie auch sonst zusammen gezankt, gingen St. Denys und St. George Hand in Hand und wollten nicht Tahiti's halber die Degen kreuzen. Während ich mich auf der Insel aufhielt, ließ sich eine Veränderung in der Regierung kaum erkennen; die einmal bestehenden Gesetze waren in Kraft, und die Missionäre wanderten ungehindert umher. Ruhe schien überall zu herrschen. Nichts destoweniger hörte ich oft, wie sich die Eingeborenen hart und bitter über die Franzosen äußerten, – die, beiläufig gesagt, in ganz Polynesien nicht gern gesehen werden – und wie sehr sie bedauerten, daß die Königin nicht gleich von Anfang an Stand gehalten. Im Hause des Häuptlings Adea fanden häufige Unterredungen statt, ob die Insel im Stande sein würde, es mit den Franzosen aufzunehmen. Die Zahl der streitbaren Männer und die, der unter die Eingeborenen vertheilten Musketen, wurde berechnet, ebenso wie die Versicherung gegeben, daß mehrere Papeetee überwachende Höhen besetzt und vertheidigt werden könnten. Damals schrieb ich diese kecken Pläne dem Grimm über die erst frisch erlittene Niederlage, nicht einem entschlossenen Geiste des Widerstandes zu, und ahnte wenig den tapfern, wenn gleich nutzlosen Krieg, der meiner Abreise bald folgen sollte. Die Insel, die früher in neunzehn Distrikte getheilt worden, und in jedem einen eingeborenen Häuptling zum Anführer hatte, wurde durch Bruart, als Gouverneur und Richter, in vier zusammengezogen und über diese setzte er eben so viele abtrünnige, nichtswürdige Häuptlinge, um ihrer Hülfe in der Ausführung seiner Pläne gewiß zu sein. Das erste in einem regelmäßigen Kampf vergossene Blut floß zu Mahanar, auf der Halbinsel von Taraiboo und wurde durch einen Frauenraub herbeigeführt, den die Mannschaft eines französischen Kriegsschiffes ausführte. Bei dieser Gelegenheit fochten die Insulaner wie Verzweifelte und tödteten, während sie selbst etwa neunzig Mann verloren, fünfzig ihrer Feinde. Die französischen Soldaten und Matrosen gaben keinen Pardon, sollen aber, wie der Bericht später einlies, damals berauscht gewesen sein. Die überlebenden Wilden konnten sich nur dadurch retten, daß sie in die Gebirge flüchteten. Hiernach folgten die Gefechte von Hararparpi und Fararar, in denen die Eroberer jedoch nur geringen günstigen Erfolg hatten. Bald nach der Schlacht von Hararparpi wurden in einem Bergthal drei Franzosen überfallen und erschlagen; einer von diesen war Lefevre, ein berüchtigter Schurke und Spion, den Bruart ausgesandt hatte, einen gewissen Major Fergus, – man sagt, es sei ein Pole gewesen – zu dem Versteck von vier Häuptlingen zu fuhren, die er zu fangen und hinzurichten wünschte. Dieser Umstand entflammte natürlich noch mehr die, auf beiden Seiten herrschende, Feindseligkeit. Etwa in dieser Zeit wurde Kitoti, ein abgefallener Häuptling, (das willige Werkzeug Bruarts) von diesem vermocht, ein großes Fest in dem Paren-Thal zu geben, wohin er alle seine Landsleute einladen solle. Der Gouverneur beabsichtigte augenscheinlich damit die Uebrigen seinem eignen Interesse zu gewinnen und schaffte Wein und Brandy in Ueberfluß dorthin; viehische Unmäßigkeit blieb aber die einzige Folge dieses Gelags; vorher wurden jedoch von den Insulanern noch einige Reden gehalten. Eine von diesen brachte ein alter Krieger, wenn auch schon taumelnd, vor, und sie lautete etwa in folgender Art: – Dies ist ein sehr gutes Fest und der Wein ist auch sehr gut, aber ihr Bösgesinnten Wee-Wees (Franzosen) und ihr falschherzigen Männer von Tahiti seid alle sehr schlecht. Den letzten Nachrichten zufolge weigern sich viele der Insulaner noch immer, die Oberherrschaft der Franzosen anzuerkennen. Wohl können auch diese Feindseligkeiten noch lange hingehalten werden, die Folge davon muß aber doch endlich die Vernichtung der ganzen Race sein. Außer den Offizieren, die Du Petit Thouars nach dem Vertrage zurückließ, blieben auch einige französische Priester am Land, deren Sicherheit und freie Ausübung ihres Berufs noch ganz besonders festgestellt war. Keiner konnte aber natürlich gezwungen werden, sie zu unterstützen und zu beherbergen und obgleich sie genug Geld bei sich hatten, so war das für die Insulaner Taboo, und die frommen Männer mußten auf Nebucadnezars Art existiren. Ihr Geld erkaufte ihnen aber doch später christliche Gastfreundschaft; und wenn auch hierin die englischen Missionäre getadelt werden konnten, daß sie diesen Personen selbst einen anständigen Empfang verweigerten, so durften sich diese auch eigentlich nicht darüber wundern, denn sie kamen hierher sich einem Volke förmlich aufzuzwingen, das schon größtentheils zur christlichen Religion bekehrt worden, und doch lagen noch tausend und tausend Inseln umher, wo ihr frommer (?) Eifer einen thätigen Schauplatz finden konnte. Capitel XV. Wir empfangen im Hotel der Calabouse Besuch. Leben in der Calabouse. Da der Platz, in welchem wir gefangen gehalten wurden, nach allen Seiten zu offen, und so nahe der Besen-Straße lag, so konnten wir natürlich von Allen die dort passirten, gesehen werden und es fehlte uns zwischen einem so faulen neugierigen Volk, wie die Tahitier sind, keineswegs an Besuchen. Ein paar Tage hindurch kamen und gingen sie fortwährend, indeß wir, schändlicher Weise, an den Füßen festgehalten, eine passive Audienz geben mußten. In dieser Zeit waren wir sicherlich das Hauptgespräch der Nachbarschaft und ich zweifle nicht im mindesten daran, daß Fremde aus den entferntesten Städten hierher geführt wurden die »Karhowrees« (weißen Männer) zu sehen, wie man die zur Stadt kommenden Bauern wohl in eine Menagerie führt. Alles dies gab uns aber auch herrliche Gelegenheit unsre Betrachtungen anzustellen, und ich sah wirklich mit schmerzlichem Erstaunen die ungeheure Anzahl von kränklichen und meistens verwachsenen Personen, die dort vorbeikamen. Dies soll von einer ansteckenden Krankheit herrühren, die unter der Behandlung der Eingeborenen fast stets die Muskeln und Knochen des Körpers angreift, vorzüglich entstellt sie den Rücken auf eine wirklich traurige Art. Obgleich nun diese und andre körperliche Leiden vor der Entdeckung der Inseln durch die Weißen unbekannt waren, so existirt doch dort eine dann und wann vorkommende Krankheit, die auf ihnen seit den ältesten bekannten Zeiten geherrscht hat. Es ist dies die Fa-Fa oder Elephantiasis; sie greift nur die Füße und Beine an und schwellt diese in manchen Fällen zu der Stärke eines ausgewachsenen Körpers an, während sich die Haut mit Schuppen bedeckt. Nun sollte man eigentlich denken, der mit solcher Krankheit Behaftete könne gar nicht daran denken zu marschiren, das ist aber keineswegs der Fall, und sie scheinen fast so aktiv wie alle Andern. Schmerzen haben sie nicht dabei und tragen ihr Leiden mit einer merkwürdigen Fassung und Ergebenheit. Die Fa-Fa kommt sehr allmählich und Jahre vergehen, ehe die Glieder zu ihrer vollen Stärke geschwollen sind. Ihre Entstehung wird von den Eingeborenen verschiedenen Ursachen zugeschrieben; im Allgemeinen glaubt man aber, daß sie das Essen von unreifer Brodfrucht und indianischer Rübe am häufigsten herbeiführt. Nach dem was ich darüber erfahren konnte, ist diese Krankheit nicht erblich; nie und in keinem Grad derselben versuchen sie eine Heilung, denn die Elephantiasis wird für unheilbar gehalten. Die Fa-Fa erinnert mich übrigens an einen armen Teufel von Matrosen, den ich später auf Roorootoo, einer einsamen Insel etwa zwei Tagereisen von Tahiti entfernt, fand. Jene Insel ist sehr klein und die Einwohner derselben sind fast ausgestorben, oder auf andere übergesiedelt. Wir schickten ein Boot hinüber, um zu sehen ob wir einige Yanis bekommen könnten, denn die Yanis von Roorootoo waren bei den umliegenden Inseln so berühmt, wie die sicilier Orangen im mittelländischen Meere. Wie ich aber ans Ufer trat wurde ich, neben einem kleinen erbärmlichen Gebäude, zu meinem nicht geringem Erstaunen von einem weißen Manne angeredet, der aus einer zerfallenen Hütte hervorkroch und auf uns zuhinkte. Sein Haar und Bart umgab wirr und unverschnitten Kopf und Gesicht; sein Antlitz sah todtenbleich und eingefallen aus und das eine Bein war ihm durch die Fa-Fa zu einer kaum glaublichen Stärke angeschwollen. Hier sah ich zum ersten Male einen Fremden, der an dieser Krankheit litt; dies schreckliche Schauspiel ergriff mich aufs Tiefste. Schon jahrelang hatte er sich hier aufgehalten und damals, als sich die Krankheit zu zeigen begann, gar nicht geglaubt, daß sie es wirtlich wäre, sondern sie nur stets für etwas Vorübergehendes gehalten. Da sich das Uebel aber immer mehr herausstellte, und er endlich fand daß ihn nur ein schleuniger Klimawechsel retten konnte, da wollte ihn kein Schiff mehr als Matrosen aufnehmen und als Passagier mitzugehen, daran durfte er gar nicht denken. Dies spricht allerdings nicht besonders für das Mitleiden der Schiffskapitäne, die aber, die den stillen Ocean befahren, sind besonders in neuerer Zeit so oft und so häufig angegangen, daß sie, ohnedies schon nicht übermäßig mitleidig, anfangen ganz hartherzig zu werden. Ich bedauerte den armen Teufel von Grund meiner Seele, konnte aber nichts thun, da unser Capitän unerbittlich blieb. »Was, sagte er, hier sind wir eben im Beginn einer sechsmonatlichen Fahrt angekommen und ich soll mir gleich einen solchen Passagier aufladen, denn zurück kann ich doch nicht wieder. Laßt ihn auf der Insel, da befindet er sich überdies besser als auf der See.« Und auf der Insel blieb er und wird auch wahrscheinlich dort sterben müssen. Später hörte ich noch ein Mal von diesem Unglücklichen; seine Versuche, ein nördliches Klima zu erreichen, waren noch immer fruchtlos geblieben und sein hartes Schicksal näherte sich seinem Ende. Trotz der physischen Entartung der Tahitier als Volk, sind doch recht stattliche und majestätische Figuren unter den Männern, und zarte, nymphenartige, wunderliebliche Gestalten unter den Frauen, keineswegs selten. Noch jetzt finden sich dieselben reizenden Geschöpfe dort, wie sie vor einem Jahrhundert Wallisschiffe umschwammen und tahitische Schönheit ist sicherlich so verführerisch geblieben, als sie damals war – weiche, volle Gestalten mit großen träumenden Augen. Die natürliche Hautfarbe beider Geschlechter ist ziemlich hell, doch erscheinen die Männer dunkler als die Frauen, da sie sich der Sonne mehr aussetzen; übrigens sind die dunkeln Männer unter ihnen am meisten geachtet, denn man glaubt, daß diese Farbe Stärke in Leib und Seele andeute. Es giebt daher auch ein altes Lied unter ihnen: »Wenn dunkel die Wange der Mutter Dann läßt der Sohn die Kriegsmuschel tönen, Wenn sie stark war, dann giebt er Gesetze.« Kein Wunder also, daß die Tahitier bei solchem Begriffe von Männlichkeit mit Verachtung auf alle bleichen, kränklich aussehenden Europäer herabsehen, während ein Matrose, der ein Gesicht hat wie die Brust eines gebackenen Truthahns, für einen wackern Burschen oder, um ihren eignen Ausdruck zu gebrauchen, für einen »taata tona«, d. h. einen Mann von Knochen gehalten wird. Da wir gerade von Knochen reden, so fällt mir eine häßliche Gewohnheit von ihnen ein; sie machen nemlich Fischhaken und Bohrer aus den Knochen ihrer Feinde; ähnlich wie die Skandinavier, die die Schädel der Erschlagenen zu Tassen und Bechern verwandten. – Doch um zu unsrer Calabouse in Beretanee zurückzukehren, so war das Interesse, das wir bei denen erregten, die uns besuchten, ganz erstaunlich. Stundenlang standen sie dort, ereiferten sich ganz unnöthig und tanzten mit all' der Lebhaftigkeit ihrer Race hin und her. Jedesmal aber nahmen sie unsre Partei und schimpften merkwürdig auf den Consul, den sie für »Ita maitai nuee« , d. h. schlecht, wirklich sehr schlecht, erklärten. Sie müssen schon von früher her etwas auf ihn gehabt haben. Eben so häufig kamen die lieben Kinder, die Frauen, uns zu besuchen und bezeigten fast noch mehr Interesse als die Männer. Mit wunderbar lebhaften Augen blickten sie uns an und schwatzten mit den kleinen rothen Mäulchen auf eine entsetzlich schnelle Art, doch wirkliches Gefühl besaßen sie wohl nicht. Neugierde, vielleicht auch ein vorübergehendes Mitleiden trieb sie hierher und viele lachten uns gerade zu aus, und suchten nur das in unsrer Lage, was ihnen komisch erschien. Ich glaube es war der zweite Tag unsrer Haft, als ein wildes, aber wunderschönes Mädchen vor die Calabouse sprang und in schelmischer Stellung, aber etwas entfernt von uns stehen blieb und uns betrachtete. Der kleine Schalk hatte aber kein Herz und amüsirte sich königlich, besonders über den schwarzen Dan, der seinen geschwollenen Knöchel hielt und verschiedene moralische Betrachtungen über Capitain Guy und unsern Consul anstellte. Nachdem sie sich zur Genüge über ihn lustig gemacht, ließ sie sich auch herab, die Uebrigen zu beachten und blickte sich Einen nach dem Andern mit unbeschreiblich schelmischem Ausdruck an. Sobald ihr etwas als besonders komisch auffiel, durchzuckte es ihre Züge wie ein elektrischer Strahl. Blitzesschnell deutete sie mit dem kleinen malitiösen Finger darauf hin und überließ sich nun einem erbarmungslosen, aber silberhell tönenden Gelächter, das etwa so dumpf und leise klang wie eine Musikdose, die mit zugemachtem Deckel einen muntern Walzer spielt. Nun wußte ich allerdings nichts, was in meiner eigenen Gestalt weniger lächerlich, als in der meiner Kameraden gewesen wäre, und nichts hätte sich hier auch schwerer ausführen lassen, als unter solchen Umständen heroisch auszusehen; dennoch machte es auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck von dieser kleinen, tollen Hexe, wenn sie auch eine Insulanerin war, eben so ausgelacht zu werden; auch mochte, die Wahrheit zu gestehen, ihre wirklich auffallende Schönheit nicht wenig zu diesem Gefühle beigetragen haben. In den Klotz hinein geklemmt, und höchst unstatthaft gekleidet, fing ich an sentimental zu werden. Ehe ihr Blick auf mich fiel, hatte ich mich, fast selbst unbewußt, in die interessanteste Stellung zurückgeworfen, die ich möglicher Weise annehmen konnte. Ich stützte meinen Kopf in die Hand und sah sinnend und nachdenkend aus. Jetzt fühlte ich, wie mir das Blut ins Gesicht stieg und wußte nun, ihr Blick haftete auf mir. Schneller und schneller schlug mir das Herz; kaum athmen konnte ich vor innerer Bewegung und – nicht das leiseste Lachen wurde gehört. Süßer Gedanke, mein Anblick hatte sie gerührt; ich konnte die Ungewißheit nicht länger ertragen und fuhr empor. Großer Gott, da stand sie, die großen, lebhaften Augen wurden immer größer und runder, ihre ganze Gestalt zitterte in wilder, kaum zu unterdrückender Heiterkeit und um die zierlich geschnittenen Lippen zuckte ein Ausdruck, der jedes Gefühl, jede Empfindung augenblicklich über den Haufen werfen mußte. Im nächsten Moment fuhr sie herum, brach in das tollste unmäßigste Gelächter aus, flog tanzend und wirbelnd aus der Calabouse und kehrte, Gott sei Dank, nie wieder dahin zurück. Einige Tage vergingen und unsre Gefügigkeit wurde endlich auch durch Nachsicht von Seiten Captain Bob's belohnt. Er erlaubte uns Allen sich Tages über frei zu bewegen und machte nur die Bedingung, daß wir uns in Rufsnähe hielten. Dies geschah natürlich ganz gegen Wilsons Befehle, und es mußte vor diesem also geheim gehalten werden. Von den Eingeborenen hatten wir dabei nichts zu fürchten, keiner von Denen hätte es ihm verrathen; Fremde jedoch, die vorbei zogen, konnten das, vielleicht sogar unabsichtlich ausplaudern, und es wurden also in gewissen Entfernungen Knaben als Wachen aufgestellt; sobald sich ein weißer Mann blicken ließ, gaben diese den Alarm. Wie der Blitz fuhren wir Alle in unsre respektiven Löcher hinein, denn die Fußblöcke blieben zu diesem Zweck offen stehen; der obere Block wurde rasch herunter gelassen und wir waren Gefangene bis die Fremden Abschied genommen hatten. Trotz der regelmäßigen Nahrung, die wir vom Capitain Bob erhielten, fiel diese doch so sparsam aus, daß uns oft ganz unverantwortlich hungerte. Die braven Eingeborenen trugen aber dabei nicht die Schuld, denn wir fanden bald, daß sie sich selbst einschränkten, um uns nur das zukommen zu lassen, was wir von ihnen erhielten und überdies empfingen sie ja gar nichts für ihre Güte, als den täglichen Eimer Brod. Ein Volk wie die Tahitier versteht unter dem was wir harte Zeiten nennen, stets nur einen Mangel an Nahrungsmitteln, und so arm ist der größte Theil von ihnen, daß ein solcher Mangel fast das ganze Jahr über stattfindet. Allerdings hatten die Eingeborenen in der Nähe der Calabouse einen Ueberfluß an Limonen und Orangen, doch was halfen ihnen die? Die stillten ihren Hunger nicht, ja schärften vielmehr noch ihren Appetit. In der Zeit der Brodfruchtreife befinden sie sich wohl etwas besser, sonst aber erschöpft der Schiffsbedarf nur zu bald die unkultivirten Hülfsquellen dieses Landes, dessen besserer Theil noch überdies den Häuptlingen gehören. Viele der Aermern müßten verhungern, wenn sie nicht ihre Netze hätten. Da Capitain Bob fast unbewußt mehr und mehr in seiner Wachsamkeit nachließ, so fingen wir auch an uns immer weiter und weiter von der Calabouse zu entfernen, wo wir durch ein systematisches Fouragiren unsere Lage doch wenigstens in etwas verbessern konnten. Glücklicher Weise standen uns die Häuser der wohlhabenden Eingeborenen eben so offen, als die der Aermern und wir würden in dem einen so freundlich behandelt, wie in dem andern. Dann und wann kamen wir auch zur Todesfeier irgend eines fetten Schweines, dessen lautes Schreien beim Schlachten unsre Aufmerksamkeit dorthin gelenkt hatte. Hierzu versammeln sich auch häufig die Nachbarn, und Fremde sind dann stets willkommen. Nichts war uns also angenehmer, als ein lautes kräftiges Quietschen, denn es wurde uns zu einem ziemlich sichern Bürgen einer guten Mahlzeit. Da wir gewöhnlich so ganz unerwartet bei solchen Gesellschaften erschienen, so erregten wir stets Aufsehen. Manchmal fanden wir das Opferthier noch am Leben und war dies der Fall, so verließen es die Eingeborenen gewöhnlich und sammelten sich um uns. Um hieraus entspringende Unannehmlichkeiten zu vermeiden, traf Flash-Jack gewöhnlich mit einem bloßen Messer in der einen und einem großen Knüppel in der andern Hand bei solchen Gelegenheiten ein, und Andre wieder halfen mit ungemeiner Bereitwilligkeit im Borstenabbrühen und Aufbrechen des Thieres. Nur Doktor Lattengeist und ich ließen uns nie auf derlei Hilfsleistungen ein, sondern gaben uns nur mit ganzer und ungeschwächter Energie dem Mahle hin. Mein langer Freund erstatte sich dabei eines besonders scharfen Appetits, den zu befriedigen er übrigens auch stets bedacht war; dabei wußte er eine Unannehmlichkeit zu beseitigen, mit der wir sonst alle zu kämpfen hatten, den gänzlichen Mangel an Pfeffer und Salz. Er bat nemlich Ropey ihm etwas vom Schiff mitzubringen, was dieser auch that, das hing er sich in einem kleinen Ledersack, einem »Affenbeutel«, wie ihn die Matrosen nennen, um den Hals und hielt es vor den Uebrigen ziemlich sorgfältig versteckt. Capitel XVI. Eine alte Bekanntschaft besucht uns. Noch nicht lange hatten wir uns in dieser theilweisen Freiheit befunden, als wir eines Morgens den Doktor Johnson auf der Besenstraße herankommen sahen. Die Nachricht war uns schon früher geworden, daß er uns besuchen wolle, und wir erriethen seine Absicht. Da wir uns nämlich jetzt in des Konsuls Obhut befänden, so mußten die Ausgaben, die unser Aufenthalt verursachte, natürlich auch von ihm, d. h. von der Regierung bestritten werden, und Johnson, als ein Freund Wilsons, eines guten Honorares gewiß, schien nicht Übel Lust zu haben, uns zu diesem Zweck zu benutzen. Allerdings konnte es sonderbar erscheinen, daß er von uns verlangte Medizin zu nehmen, während er an Bord selbst gesagt, daß wir sie nicht brauchten; doch schien er wenigstens den Versuch machen zu wollen. Seine Annäherung wurde durch eine der aufgestellten Wachen verkündigt, wonach Einer vorschlug, ihn hereinzulassen und dann selbst in den Block zu setzen. Doktor Lattengeist hatte aber einen anderen Plan. Sehr freundlich und liebevoll kam Johnson endlich heran, stemmte seinen Spazierstock auf den Block, und schaute wohlwollend, wie wir da so vor ihm lagen, auf uns nieder. – Nun, meine Burschen, begann er nach einer Weile; wie befindet Ihr Euch heute Morgen? Die Leute, die sich sehr niedergeschlagen stellten, antworteten mit einem inartikulirten Gestöhn und er fuhr fort: – Jene armen Burschen, die ich vor einigen Tagen sah, die Kranken meine ich, wie geht es denen? Und er ließ seine Blicke aufmerksam von Einem zum Andern schweifen. Endlich wählte er sich Einen, der am trübseligsten drein schaute aus, und bemerkte es käme ihm vor, als ob er sich außergewöhnlich unwohl befände. Ja, sagte der Matrose wehmüthig, ich fürchte, Doktor, ich werde wohl bald meine Meßzahl verlieren (ein Seeausdruck für Sterben); und er schloß dabei die Augen und stöhnte. – Was sagt er? frug Johnson und wandte sich schnell nach uns zu. – Ei nun, erwiederte Flash-Jack, der als Dolmetscher volontirte; er meint, er würde bald abfahren. – Abfahren? frug wiederum erstaunt der Doktor; wohin abfahren? Das Wort wurde ihm erklärt und er trat jetzt über den Fußblock den Puls des Mannes zu fühlen. – Wie ist sein Name? sagte er und wandte sich diesmal an den alten Navy Bob. – Wir nennen ihn Jingling Joe, erwiederte dieser würdige Mann. – Nun denn, Leute, Ihr müßt gut acht auf den armen Joe haben, und ich will ihm ein Pulver schicken, das er nach der Anweisung darauf zu nehmen hat. Einige von Euch werden doch Wohl lesen können? Der junge Mensch da kann's, erwiederte Bob und zeigte so scharf nach dem Platz hin auf dem ich lag, als ob er die Aufmerksamkeit der Uebrigen auf ein Segel am Horizont hätte lenken wollen. Nachdem der Doktor nun die Andern untersucht, von denen Einige wirklich krank gewesen, jetzt aber Reconvalescenten waren, Manche sich dagegen erst krank stellten, wandte er sich gegen die ganze Gesellschaft und sagte: – Leute, wenn noch Jemand von Euch etwas fehlt, so laßt es mich wissen; auf des Konsuls Befehl soll ich hier jeden Tag nachfragen und wenn Ihr krank seid, so versteht sichs von selbst, daß ich Euch die nöthigen Medizinen verschreibe. Dieser schnelle Wechsel von Schiffskost zum Landleben spielt Euch Matrosen gewöhnlich bös mit; seht Euch daher vor mit dem Fruchtessen. Guten Tag. Morgen ganz früh schicke ich Euch die Medizin. So wenig nun Johnson auch verstehen oder wissen mochte, so bin ich doch überzeugt, daß er fühlte, wir hätten ihn nur zum Besten: Dies schien ihn jedoch keineswegs zu kümmern, so lange es nur seinem eignen Zweck entsprach und wenn er uns wirtlich durchschaute, so ließ er es sich doch nicht merken. Sobald denn auch die bestimmte Zeit heranrückte, kam ein junger Indianer mit einem kleinen aus Cocosnußfasern geflochtenen Korbe, der mit Pulvern, Pillen und Gläsern gefüllt war, die ihrerseits wieder sämmtlich die Verordnungen auf großmächtig daran befestigten Zetteln trugen. Die Matrosen fielen nun rasch über diese Sendung her, sie glaubten nemlich wunderbarer Weise, der ganze Vorrath müsse mit Spirituosen angesetzt sein. Doktor Lattengeist schlug sich aber hier ins Mittel, und verlangte als Arzt wenigstens zuerst die Zettel zu lesen; er erhielt also den Korb überantwortet. Das Erste was er in die Hand nahm, war ein großes Glas mit der Umschrift »Für William; wohl einzureiben.« Dem Inhalt nach allerdings spiritusartig; und als es dem Patienten überreicht wurde, nahm es dieser, öffnete es, roch daran und verschluckte es dann ohne weiter eine Miene zu verziehen. Der Doktor sah ihn erschreckt an. Es entstand jetzt eine allgemeine Bewegung. Pillen und Pulver wurden gänzlich misachtet und nur die, die Flaschen bekommen hatten, beneidet. Johnson wird auch hinlängliche Matrosenkenntniß gehabt haben, um seine Medizin mindestens genießbar zu machen; Doktor Lattengeist vermuthete das wenigstens; so viel bleibt gewiß, um die Gläser rissen sie sich förmlich und was nur ein kleines wenig gewürzig roch oder schmeckte, ging augenblicklich einen und denselben Weg. Verschreibungen wurden gänzlich misachtet. Das größte von allen, und eine förmliche Quartflasche, erhielt der schwarze Dan; der Stoff hatte eine Art Brandy-Geruch und war überschrieben: »Für Daniel, reichlich zu trinken, bis er Linderung verspürt;« das that Dan auch wirklich und würde sie gewiß gar nicht wieder abgesetzt haben, wären nicht die Andern über ihn hergefallen. Gleich darauf ging die Medizinflasche im Kreise herum und wurde unter Lachen und Jubeln ausgetrunken. Am nächsten Morgen fand unser Arzt seine Patienten in bester Reihe hinter den Fußblöcken ausgestreckt und so wohl und munter wie es sich nur erwarten läßt. Die Pillen und Pulver waren übrigens gänzlich erfolglos geblieben – vielleicht auch deshalb, weil sie Niemand genommen hatte – der Vorschlag wurde nun gemacht, daß sie künftig eine Flasche Pisco begleiten solle, da nach Flash-Jack's Meinung unaufgelöste Medizin doch nur höchst trockener Stoff sei und etwas Gutes verlangte, womit man sie hinunter waschen könne. Bis dahin hatte unser eigner M. D. Doktor Lattengeist keinen weitern Theil an dem Spas genommen; als uns Johnson aber zum dritten Male besuchte, nahm er ihn bei Seite und hatte eine Privatberedung mit ihm. Ueber was eigentlich konnten wir nicht genau heraus bekommen; nach einigen bezeichnenden Geberden aber kam es mir vor, als ob er ihm die Symptome irgend einer geheimnißvollen Desorganisation seiner Eingeweide beschriebe, die allerdings erst augenblicklich eingetreten sein mußte. Da er im Stande war, medizinische Ausdrücke nach Herzenslust zu gebrauchen, so mußte er auch wohl einen besonderen Eindruck auf den fremden Doktor gemacht haben, denn Johnson versprach ihm endlich, als er uns verließ, ganz laut, daß er ihm das Verlangte gewiß schicken würde. Als der Medizinjunge am nächsten Morgen kam, nahm ihn der Doktor wie gewöhnlich in Empfang und zog sich nachher mit einem kleinen Gläschen, das einen dunkelbraunen Saft enthielt, zurück. Diesmal fanden wir wenig anderes im Korb, als eine große Flasche Brandy, über die wir uns endlich dahin vereinigten, daß der Inhalt in die Hälfte einer Cocosschale nach und nach ausgeschenkt und Jedem ein gehöriger Schluck verabreicht werden solle. Als weiter nichts medizinisches mehr zu bekommen war, zerstreuten sich die Leute. Ein oder zwei Stunden waren vergangen, als Flash-Jack die Aufmerksamkeit der Uebrigen auf meinen langen Freund lenkte, den wir bis dahin gar nicht weiter beachtet hatten. Mit geschlossenen Augen lag er hinter den Fußblöcken und Jack hob seinen Arm und ließ ihn wieder fallen als ob er todt, oder wenigstens ganz besinnungslos wäre. Da ich mit den Uebrigen zu ihm hinlief, so vermuthete ich augenblicklich daß dieser Zustand mit dem kleinen Fläschchen in Verbindung stehen müsse, ich untersuchte deshalb seine Taschen und fand auch bald daß ich mich nicht getäuscht hatte. Es war Opium. Flash-Jack riß es mir jubelnd aus der Hand, unterrichtete die ganze Gesellschaft von dem was es sei, und schlug vor, ein kleines gemeinschaftliches Schläfchen zu halten. Einige von diesen verstanden ihn nun nicht ganz und der anscheinend selige Lattengeist – der übrigens so still lag, daß ich die Echtheit seines Schlafes schon zu bezweifeln anfing, wurde jetzt wie ein bewußtloses Stück Holz herumgerollt, um gewissermaßen als erläuterndes Beispiel zu dienen, wie entsetzlich stark die Wirkung dieses Trankes sei. Dieser Gedanke gefiel ihnen ungemein; sie warfen sich also nieder und ließen das Fläschchen von Hand zu Hand gehen, wonach dann ein Jeder, als ob die Wirkung auch gleich folgen müsse, sobald er seinen Schluck genommen, den Kopf zurück sinken ließ, die Hände auf den Magen faltete und die Augen schloß. Gefahr hatte dieses Opium nun auch keineswegs, denn das Fläschchen war sehr klein und da es regelmäßig vertheilt wurde, so kam auf Jeden nur eine höchst unbedeutende Quantität; dennoch war die Wirkung fast wunderbar. Wie die Todten lagen sie da, Keiner rührte ein Glied und nur hie und da kam es mir vor, als ob einer oder der Andre unter den Augenlidern hervorblinze. Da kam ein Junge gerannt und meldete den Doktor Johnson, war aber nicht wenig verwundert, als ihn plötzlich ein fast einstimmiges lautes Schnarchen als Antwort entgegen schallte; es dauerte auch gar nicht lange, so kam der Doktor heran und staunte allerdings, seine Patienten in solch unbegreiflichem Schlaf versenkt zu finden. – Daniel, rief er endlich und stieß den Verlangten mit seinem Stock in die Seite; Daniel, mein guter Mann, richtet Euch auf, – hört Ihr? Aber Daniel hörte nicht, und er wandte sich nun an den nächsten Schläfer. – Joe, Joe, wach auf, ich bin es, Doktor Johnson. Jingling Joe aber nahm mit offnem Mund und geschlossenen Augen weder von dem Doktor noch von seinen Worten Notiz. – Segne meine Seele! rief dieser endlich mit erhobenen Händen, was ist den Leuten passirt? Halloh, Ihr da, schrie er dann und lief von Einem zum Andern, kommt zu Euch, – was um des Himmelswillen fehlt Euch denn? – Und er schlug auf die Blöcke und schrie immer lauter und lauter. Es half ihm aber nichts. Wir blieben wie aus Stein gehauen liegen. Endlich hielt er inne, faltete über den Knopf seines Stockes die Hände und schaute uns Alle mit prüfendem Blicke an. Lautes Schnarchen war das Einzige, was an sein Ohr schlug; ein neuer Gedanke schien in ihm aufzusteigen. – Ja, ja, murmelte er vor sich hin, die Schurken müssen sich benebelt haben. Nun, nun das geht mich weiter nichts an; da bin ich aber auch jetzt hier überflüssig. Und mit langen Schritten wandte er sich der Stadt wieder zu. Kaum war er hinter den Bäumen verschwunden als wir, wie mit einem Zauberschlag, auf die Füße sprangen und lautes Gelächter im Waldesdom erschallte. Ich hatte, wie wahrscheinlich die Andern Alle, das Ganze unter den halbgeschlossenen Augenlidern hervor beobachtet und wunderbarer Weise befand sich jetzt der Doktor eben so munter wie alle Uebrigen. Weshalb er Opium genommen – wenn das überhaupt geschehen, weiß ich allerdings nicht, er muß jedoch dazu wohl seinen guten Grund gehabt haben, und da das weder mich noch den Leser weiter angeht, so wollen wir es auch dabei bewenden lassen. Capitel XVII. Wir werden vor den Consul und Capitän geführt; die französischen Priester besuchen uns. Wir waren etwa zwei Wochen in der Calabouse Beretanee als Capitän Bob eines Morgens splitternackt und nur mit einem Arm voll alter Tappa zu uns kam und sich bei uns ankleidete um auszugehen. Diese Operation war sehr einfach. Die Tappa bestand aus einem einzigen langen Stück von der gröbsten Art, dessen eines Ende er an den ersten Stamm befestigte, der als Säule unserer Calabouse Dach trug; dann, soweit es ihm die Länge des Zeugs erlaubte, zurück trat, das Ende, was er hielt um seinen Leib befestigte und sich nun bis an den Pfosten fest hinanwickelte. Dies wunderliche Costüme mußte natürlich seine Wohlbeleibtheit noch vermehren, so daß er förmlich im Gange watschelte. Bob blieb jedoch nur der Tracht seiner Vorfahren getreu, denn in alter Zeit war der »Kihee« oder große Gürtel für beide Geschlechter Mode gewesen, und er als Gentleman von der alten Schule, jede Neuerung hassend, blieb »der letzte der Kihee's«, dem frühern Brauche treu. Er kündigte uns jetzt an, daß er Befehl habe, sämmtliche Gefangenen vor den Consul zu führen und ganz zufrieden damit bildeten wir eine Prozession, und begann mit dem alten keuchenden Mann an der Spitze, unsern Marsch nach der Stadt, während wir von einigen zwanzig Eingeborenen begleitet oder vielmehr bewacht wurden. Als wir die Office des Consuls erreichten, fanden wir Wilson dort, der mit noch vier oder fünf Europäern in einer Reihe saß und dadurch wahrscheinlich einen etwas imponirenden Eindruck auf uns hervorbringen wollte. Auf einer Seite war ein Lager angebracht, auf welchem Capitän Guy ruhte, er sah etwas besser aus und beabsichtigte, wie wir hörten, bald wieder an Bord seines Fahrzeugs zu gehen. Er sagte übrigens gar nichts und überließ dem Consul die ganze Verhandlung. Dieser erhob sich jetzt und ein mit einer rothen Schnur zugebundenes Papier aufrollend, las er uns den Inhalt ab. Wie wir bald fanden war es ein Zeugniß von John Jermin, Obersteuermann der britischen Colonienbarke Julia, Guy, Master, und wies sich, als ein langer Bericht von Thatsachen aus, die schon von der Barke Auslaufen in Sidney an, bis zu unsrer Ankunft im Hafen gesammelt sein mußten. Obgleich nun so künstlich gestellt, daß es gegen uns Alle hart zeugen mußte, so war es doch in den einzelnen Details ziemlich correct, überging jedoch Alles, was sich Jermin selber hatte zu Schulden kommen lassen, gänzlich mit Stillschweigen, was den Schlußworten eine besondere Wichtigkeit verlieh. Diese lauteten nemlich: »– und weiterhin saget dies Dokument nichts.« Wir sahen uns Alle nach dem Steuermann um; er war aber nicht gegenwärtig. Das nächste Zeugniß bestand aus des Capitäns Aussage, der sich jedoch, wie Alles, was dieser unglückliche junge Mann bis dahin hervorgebracht, als ziemlich unbedeutend erwies und schnell beseitigt wurde. Die dritte Anklage war die der an Bord zurückgebliebenen Seeleute, den Verräther Spunt mit eingeschlossen, der wie es schien als »Schiffszeuge« aufgetreten war. Sie erwies sich als ein wirklich nichtswürdiges Stück von Uebertreibung und die, die es unterschrieben hatten, wußten sicher nicht, was es bedeutete; Wymontoo auf keinen Fall, dessen Zeichen ebenfalls darunter stand. Umsonst befahl der Consul während dies verlesen wurde, wiederholt Stillschweigen; bei jedem Paragraph brachen wir in lautes Geschrei aus. Nachdem dies beendet worden, zog Wilson, der indessen so steif wie eine Handspeiche dagesessen, feierlich die Schiffsartikel aus ihrer Blechbüchse; dies Dokument sah schauerlich schmutzig und gelb und verblichen aus und konnte kaum noch entziffert werden, nichts desto weniger las es der Konsul und frug endlich, während er auf die Zeichen der darunter angegebenen Mannschaft deutete, ob wir diese als die unsrigen erkännten. – Ach, was hilft denn das viele Fragen, fuhr der schwarze Dan dazwischen. Capitän Guy weiß so gut wie wir, daß wir es unterschrieben haben. – Ruhe Sir, gebot Wilson, der durch solche Fragen gehofft hatte einen ganz besonderen Eindruck auf die Matrosen hervorzubringen, sich nun aber durch des alten Seemanns Derbheit getäuscht sah. Eine Pause von mehreren Minuten entstand nun, während welcher die Richter mit Capitän Guy einerseits mit halblauter Stimme das Obige besprachen, während wir uns indessen die Köpfe zerbrachen, was Wilson wohl dabei beabsichtigt haben könnte, solche Klagen aufzusetzen. Die allgemeine Ansicht sprach sich endlich dahin aus, das Ganze sei nur deshalb geschehen, uns einzuschüchtern. Und so war es denn auch, denn Wilson, der jetzt aufstand, redete uns bald auf folgende Art an: – Ihr seht, Leute, daß jede Vorbereitung getroffen ist, Euch nach Sidney in Euer Verhör zu schicken. Die Rosa (ein kleiner australischer Schooner, der damals im Hafen lag) segelt in höchstens zehn Tagen dorthin ab, die Julia wird heute über acht Tage auslaufen. Weigert Ihr Euch noch immer an ihren Bord zu gehen? Ein einstimmiges »Ja« antwortete ihm. Hierauf wechselten der Consul und der Capitän Blicke miteinander und der Letztere konnte den Ausdruck bittrer Täuschung gar nicht verbergen. Da gewahrte ich plötzlich wie Guy's Auge auf mir haftete und jetzt zum ersten Male sprach er; er befahl mir nemlich, näher zu ihm zu kommen. Ich trat gegen ihn hin. – Wart Ihr es nicht, den wir von der Insel aufnahmen? – Ja. – Ihr seid es also, der sein Leben meiner Menschlichkeit verdankt; aber sehen Sie, Mr. Wilson, das ist die Dankbarkeit eines Matrosen. Diese Beschuldigung konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und erklärte ihm nun ziemlich rund heraus, daß ich recht gut wisse, weshalb er ein Boot in die Bai gesandt habe. Seine Mannschaft war durch Deserteure so geschwächt worden, daß er nur Matrosen dort zu finden hoffte, die er nothwendig brauchte. Das Fahrzeug selbst war die Ursache meiner Rettung nicht der Capitän desselben. Doktor Lattengeist hatte ebenfalls ein paar Worte mit einzulegen und schilderte Capitän Guy's Charakter in einem kurzen Abriß, aber zum Vergnügen der anwesenden Matrosen höchst treffend. Die Sache schien jetzt eine ernsthafte Wendung nehmen zu wollen; die Matrosen wurden immer lauter und fingen schon an, davon zu reden, daß sie am besten den Capitän und Konsul mit in die Calabeuse nähmen. Die andern Richter geboten mehrmals Schweigen und dies wurde auch endlich wieder hergestellt. Dann redete uns Wilson zum letzten Male an, sagte noch etwas über die Rosa und Sidney und beschloß damit uns besonders darauf aufmerksam zu machen, daß noch eine volle Woche verginge, ehe die Julia segle. Wahrscheinlich hoffte er, dies werde bei ruhiger Ueberlegung seine Wirkung auf uns nicht verfehlen, und entließ uns worauf er Capitän Bob befahl, den Rückmarsch mit seinen Gefangenen anzutreten. Zwei Tage nach den oben beschriebenen Vorfällen wurden wir eines Morgens durch den Besuch von drei französischen Priestern beehrt, und wir mußten diese ans jeden Fall für besser erzogen als die englischen Missionäre halten, welche Letztere uns nur ihre Karten in Gestalt eines ganzen Packets Traktätchen geschickt hatten. Die französischen Priester wohnten jetzt nemlich gar nicht weit von uns. Sobald man ein kleines Stückchen die Besenstraße hinabwandelte sah man schon von fern ein roh errichtetes Kreuz durch die Bäume schimmern und kam bald zu einem wunderlieblichen Platz. Oben ein sanfter Hügel mit Brodfruchtbäumen bepflanzt, zu dem sich eine weite Savannah bis zu einer Palmengruppe hinabzog, zwischen denen wieder die blauen sonnigen Wogen hervorschimmerten. Auf dem Gipfel des Hügels stand eine einfache Capelle von Bambus, die das Kreuz überragt. Zwischen den Rohrstücken hindurch erspähten dann manchmal die neugierigen Eingeborenen einen kleinen tragbaren Altar mit Kruzifix und mit vergoldeten Leuchtern und Rauchpfannen. Ihre Neugierde führte sie aber nicht weiter, denn nichts hätte sie bewegen können, dort zu beten, solche wunderliche Ideen hatten sie von den gehaßten Fremden. Messen und Gesänge waren in ihren Augen nichts weiter als böse Zauber und die Priester selber um wenig besser als diabolische Hexenmeister, wie jene, die in alten Zeiten ihre Vorväter geängstigt. Dicht bei der Capelle stand eine Reihe von Häusern der Eingebornen, die hübsch ausgestattet und ihnen von einem Häuptling überlassen waren. Hier, und noch dazu ganz behaglich, wohnten die Priester, die auch wohl heilig und ehrwürdig genug aussehen mochten, daheim aber, ging das Gerücht, sollten sie einer Gesellschaft von Bruder Tucks gleichen, priesterliche Gelage mit rothem Brandy halten und sehr spät des Morgens aufstehen. Wie schade, daß sie nicht heirathen durften – wie schade für die Damen der Insel nemlich und für die Moralität überhaupt, denn was hatten diese geistlichen alten Junggesellen mit einer solchen Menge von niedlichen, kleinen Aufwärterinnen zu thun? Diese jungen Damen waren die Ersten die sie bekehrten und, o wie andächtig beteten sie. Die Priester wurden, wie ich schon gesagt habe, für Zauberer gehalten; ihre Erscheinung widersprach jedoch dem vollkommen. Zwei von ihnen waren kleine halbeingetrocknete Franzosen mit langen steifen Gewändern von schwarzem Tuch und fürchterlichen dreieckigen Hüten, die so entsetzlich groß waren, daß die ehrwürdigen Väter, wenn sie dieselben aufsetzten, stets drein schauten, als ob sie Lichter wären und sich auslöschen wollten. Ihr Begleiter trug eine sehr verschiedene Tracht, und zwar eine Art Schlafrock von gelbem Flanell und einen breiträndigen Manilla Hut; dabei war er groß und breitschultrig, mit gelbem Teint, blauen Augen, gesunden Zähnen und dem richtigen breiten irischen Dialekt. Er hieß denn auch Vater Murphy der Ire, und alle protestantischen Ansiedlungen in Polynesien haßten ihn wie die Sünde. In früher Jugend war er in ein frommes Stift nach Frankreich gesandt worden, und seit der Zeit erst ein oder zweimal wieder in dem Lande seiner Geburt gewesen. Vater Murphy kam nun mit schnellen Schritten auf uns zu und frug uns gleich von Anfang an, ob einige seine Landsleute wären; zwei waren denn das auch wirklich; der eine, ein blondlockiger, wilder Bursche, der als junger Irländer natürlich Pat hieß; der Andre dagegen, ein häßlicher, und fast melancholisch aussehender Spitzbube, ein gewisser M'Gee, dessen Lebensaussichten eine allzufrühe Deportation nach Sidney vernichtet haben mochte, so hieß es wenigstens, wenn das Gerücht nicht log. Die meisten meiner Schiffsgefährten besaßen auch, so roh und wüst sie sonst sein mochten, wenigstens etwas, was für sie sprach, M'Gee dagegen gar nichts, und oft, wenn ich gezwungen war mit ihm zusammen zu leben, habe ich es bedauert, daß der Galgen nicht früher das beansprucht, was ihm gebührte. Es schien ordentlich als ob die Natur, da sie ihn doch nicht mehr aus der Welt zurückhalten konnte, wenigstens alles Mögliche gethan hatte, seinen Charakter außer allem Zweifel zu stellen. Schon seine Augen verriethen den ganzen Menschen; sie sahen aus, als ob eines dem andern nicht recht traute. Der dicke Priester wandte sich denn auch augenblicklich an das gutmüthige Gesicht Pat's, der mit einem schelmischen Lächeln, die enormen Filzdeckel der beiden andern Priester betrachtete, unter denen die beiden kleinen Franzosen wie schwarze Schnecken hervorpepten. Pat und der Priester stammten aus ein und derselben Stadt im Meath und sobald sie dies gegenseitig herausbekommen, so war kein Ende mehr mit Fragen, Pat erschien ihm wie ein Brief aus der Heimath und sagte ihm hundertmal so viel. Nach einem langen Gespräch zwischen den beiden und einem klein wenig gebrochenem Englisch, das die Franzosen einwarfen, empfahl sich unser Besuch wieder. Vater Murphy hatte aber kaum zwanzig Schritt gemacht, als er auch schon wieder zurückkam und frug, ob wir irgend etwas brauchten. – Ja, rief Einer, etwas zu essen. Und hierauf versprach er uns frisches Weizenbrod zu schicken, das er selbst gebacken, und das in Tahiti für einen großen Luxusartikel galt. Wir alle wünschten Pat Glück einen solchen Freund gefunden zu haben, und versicherten ihm, daß er jetzt ein gemachter Mann sei. Am nächsten Morgen erschien ein französischer Diener des Priesters, mit einigen Kleidungsstücken für den jungen Mann, und Brod für die ganze Gesellschaft. Da sich Pat's Kniee und Elbogen in einem gar traurigen Zustand befanden, mit dem unsere Mägen vollkommen harmonirten, so kann man sich leicht denken, welchen angenehmen Eindruck die Gaben auf alle dabei Betheiligten machten. Am Nachmittag kam Vater Murphy selbst noch einmal und gab, außer den kaum minder werthvollen Geschenken, Pat auch noch manchen guten Rath, wobei er sagte, es thäte ihm leid, daß er ihn gefangen sähe und er wolle wegen seiner Freiheit mit dem Consul sprechen. Erst zwei oder drei Tage später kam er wieder; erklärte aber, daß der Consul unerbittlich wäre und ihm nur unter der Bedingung Freiheit verstatten wolle, wenn er augenblicklich wieder an Bord seines Schiffs ginge; das rieth er ihm denn auch von Herzen an zu thun, denn Wilson mochte wohl einige fürchterliche Drohungen haben fallen lassen, was geschehen würde, wenn wir noch länger widerspenstig wären. Pat dagegen blieb standhaft und ließ sich durch gar nichts irre machen. Des Priesters Vorwort mußte aber doch wohl einigen Eindruck auf den Consul gemacht oder ihn auf die Idee gebracht haben, noch einen andern Weg zu versuchen, denn am nächsten Tag schon schickte Wilson und ließ Pat zu sich nach Papeetee kommen, wo dieser volle drei Tage blieb. Dort hatten sie ihn nemlich an Bord des Schiffs gebracht und ihn, um ihn zu bestechen zuerst in die Kajüte geschafft und nach Herzenslust traktirt, was sich Pat auch ruhig gefallen ließ; sobald er sich aber erklären sollte, sagte er: Nein; und nun warfen sie ihn in den untern Raum in doppelte Eisen; aber auch hier ließ er sich nicht irre machen und so mußten sie ihn denn endlich, nach vieler Mühe und entsetzlichem, Aerger zu uns zurückschicken. Wahrscheinlich hatten sie gehofft, seiner Jugend wegen leichter auf ihn einwirken zu können. Pat sah aber nur wie ein Knabe aus, an Geist war er es keineswegs. Das Interesse nun, das Pat's Landsmann an ihm nahm, übte seinen wohlthätigen Einfluß auch auf uns aus, noch dazu, da wir sämmtlich katholisch wurden und an jedem Morgen zu Capitän Bob's nicht geringem Entsetzen die Messe hörten. Als er es herausbekam drohete er auch, er wolle uns in den Fußblöcken lassen, wenn wir nicht davon abständen; es blieb aber bei der Drohung und fast einen und den andern Tag schlenderten wir nach der Wohnung des heiligen Mannes hinüber, hörten die Messe und bekamen etwas Gutes zu essen und zu trinken. Doktor Lattengeist und ich wurden ganz besonders die Lieblinge des Irischen Priesters, der uns oft aus einem, sehr versteckt gehaltenen, Reisekeller, regalirte. Dieser hielt vier große eckige Glasflaschen und wurde sonderbarer Weise und so oft wir auch einen recht wackern Anlauf nahmen, nie ganz leer. In der That war der alte Irländer ein prächtiger Bursche, und Seele und Antlitz glühte ihm immer im heiligsten Feuer. Ich trinke nie französischen Brandy, ohne daß ich Vater Murphy recht von Herzen leben lasse. Mag es ihm wohl gehen und er noch recht fröhliche Proselyten machen. Capitel XVIII. Die kleine Jule segelt ohne uns. Um uns die ausgesprochene Drohung recht wahrscheinlich zu machen, ließ uns Wilson nach dem Kinderspiel mit den vorgebrachten Klagen nochmals vor sich kommen. Dieselbe Geschichte wurde noch einmal durchgespielt, ohne daß er dadurch ein andres Resultat erreichte, was ihn besonders deshalb sehr ärgern mußte, da er jetzt nothwendiger Weise anfing einzusehen, daß wir ihn und seine Pläne durchschauten oder uns wenigstens nicht im mindesten vor alle dem fürchteten, was er gegen uns unternehmen konnte. Wahrscheinlich hatte er damals, als Guy ihm zuerst sein Leiden klagte, damit groß gethan, wie bald er uns wieder zum Gehorsam zwingen wolle; aber Drohungen, Handschellen, Fußblöcke, geheimnißvolle Andeutungen und Gott weiß was sonst noch, war alles umsonst verschwendet worden und er sah sich an derselben Stelle als vorher. Wir wußten recht gut, wie das bis jetzt Geschehene keine ernsthaften Folgen für uns haben könne und lachten Wilson deshalb mit all seinem unsinnigen Großthun aus. Vom Steuermann sahen wir nichts mehr, seit er die Julia verlassen, hörten aber oft genug von ihm. Es schien daß er an Bord blieb und dort ganz allein Haus hielt, während Viner, der ihn manchmal besuchte, endlich ganz sein Gast wurde. Diese beiden Bursche hatten jetzt gute Zeiten; sie zapften des Kapitäns Fässer an, spielten Karten und gaben Abends Ball, wozu sie die Damen vom Ufer aus einluden. In der That trieben sie es so arg, daß sich die Missionäre endlich beklagten und der Steuermann einen tüchtigen Verweis vom Capitän erhielt. Dies kränkte ihn so, daß er immer noch mehr trank. Eines Nachmittags, wo er mit einer außergewöhnlich starken Ladung auf dem Verdeck stand, fühlte er sich plötzlich durch das Betragen einer Anzahl von Eingebornen beleidigt. Diese nämlich wollten in einem großen Canoe vorbeirudern, als sie Jermin plötzlich anschrie, sie sollten an Bord kommen und ihre Papiere zeigen darüber erschraken die armen Teufel so, daß sie die Flucht ergriffen und dem Ufer zuruderten. Jermin aber, über solche Hintansetzung jeder Höflichkeit empört, ließ augenblicklich sein eignes Boot herunter, bewaffnete Wymontoo und den Dänen mit mächtigen Schiffssäbeln und selbst eine ähnliche Wehr ergreifend, sprang er in das Boot hinab, an dessen Stern die Schiffsflagge wehte und folgte den Flüchtigen. Die entsetzten Wilden, die natürlich glaubten sie hätten es mit Piraten zu thun, erreichten das Ufer, rissen ihr Canoe auf den Strand und flohen nun schreiend durch die Stadt, während der Steuermann, ihnen dicht auf den Hacken, mit seinem Säbel links und rechts um sich hieb. Eine Menschenschaar versammelte sich bald und der »Karhowree toonee« ward gefaßt und vor Wilson gebracht. Nun traf es sich zufällig, daß Wilson gerade in dem Hause eines Eingebornen mit Capitän Guy gemüthlich bei einer Parthie Cribbage saß, während eine vollbäuchige Brandyflasche daneben Wache stand. Dies machte aber einen so besänftigenden Eindruck auf den Steuermann, daß er jeden feindseligen Gedanken augenblicklich fahren ließ und sich erbot mitzuspielen. Der Consul befand sich zu dieser Zeit fast eben so angetrunken wie Jermin selber und hatte nichts dagegen, und da auch der Capitän seinen Steuermann nicht beleidigen durfte, so saßen die Drei denn gar bald friedlich und traulich beisammen und hielten die ganze Nacht aus. Von Jermins Vergehen wurde natürlich nicht wieder gesprochen. Etwas Erzählungswerthes entstand aber doch aus diesem Streich. In Papeetee wanderte zu dieser Zeit eine kleine alte englische Hexe herum, die von den Matrosen, »Mütterchen Tot« genannt wurde. Diese hatte von Neuseeland bis zu den Sandwichinseln fast das ganze stille Meer durchzogen und hielt überall eine kleine Hütte, wo sie Seeleute mit Nachtquartier, Rum und Würfeln versorgte. Auf den Missionärinseln mußte ein solches Geschäft natürlich als sehr strafbar erscheinen und an verschiedenen Orten hatten sie Mütterchen Tot's Laden geschlossen und diese mit ihrem ganzen Kram auf das erste Schiff gebracht, das veranlaßt werden konnte, sie irgend wo anders hinzubringen. Sie ließ sich aber nicht irre machen und begann mit einer unglaublichen Ausdauer, wohin sie auch kam, jedes Mal ihr Geschäft von neuem, so daß sie bald berüchtigt wurde. Ein kleiner einäugiger Schuhflicker, dem sie es auf eine oder die andere Art angethan haben mußte, folgte ihr überall umher, besserte Schuhe für weiße Leute aus, kochte für die Alte, und ließ sich, ohne zu murren, tagtäglich und auf das Gotteslästerlichste von ihr heruntermachen. Sonderbarer Weise kam ihm dabei eine alte zerfetzte Bibel selten von der Seite, und wenn er nur einen Augenblick Zeit hatte, und es hinter dem Rücken seiner Dame thun konnte, so saß er und studirte darin. Diese fromme Eigenschaft brachte dann die alte Dame in die äußerste Wuth und gar nicht selten schlug sie ihm das Buch um die Ohren und suchte es zu verbrennen. Mutter Tot und ihr Mann Joseph waren in der That ein wunderliches Paar. Doch zu meiner Erzählung. Etwa eine Woche nach unsrer Ankunft im Hafen war die alte Dame wieder einmal gezwungen worden, ihr Geschäft aufzugeben und das zwar hauptsächlich durch Wilsons Einfluß, der, aus irgend einer unbekannten Ursache, sie gründlich haßte. Die Alte natürlich fühlte dieselbe freundliche Zuneigung für ihn. An dem Abend nun, wo sich der Consul mit seinen Freunden so wohl befand, schritt sie an jenem Hause vorbei, schaute neugierig durch die Bambus und erkannte kaum ihren alten Feind in solchem Zustande, als sie auch schon beschloß, diesen Moment zu benutzen, um ihre Rache an ihm auszulassen. Da die Nacht sehr dunkel war, eilte sie erst heimwärts, eine alte, ungeheure Schiffslaterne, die gewöhnlich in ihrer Hütte hing, zu holen; damit kehrte sie nach dem Hause zurück und wartete nun geduldig, bis die Zecher aufbrechen würden. Dies geschah etwa um Mitternacht und Wilson ging voran, während zwei Eingeborene ihn zu beiden Seiten unterstützten und aufrecht hielten; gerade aber als sie in den dunkeln Schatten einer Straße traten, wurde dem aufs Aeußerste erstaunten Wilson ein blendendes Licht dicht an die Nase gehoben, während die alte Hexe vor ihm kniete und die Laterne mit ausgestreckten Händen ihm entgegen hielt. Hahaha, mein feiner Rathsherr, Ihr verklagt eine arme alte Frau wie ich bin, weil sie Rum verkauft, und jetzt laßt Ihr Euch selber betrunken nach Hause führen? Pfui, Ihr Schuft, ich verachte Euch. Und sie spie ihn an. Die armen Eingeborenen über das, was sie für eine übernatürliche Erscheinung hielten, zum Tode erschreckt, ließen den zitternden Consul fallen und flohen nach allen Seiten; Mutter Tot aber, nachdem sie ihrem vollen Grimm erst Luft gemacht, hinkte fort und ließ die drei Zecher sehen, wie sie allein nach Hause kamen. Am folgenden Tage nach unserer Zusammenkunft mit Wilson erfuhren wir, daß Capitän Guy an Bord seines eignen Fahrzeugs gegangen sei, um neue Mannschaft anzunehmen. Ein gutes Handgeld wurde geboten und ein schwerer Sack mit spanischen Dollars lag neben den zum Unterzeichnen auf der Gangspilltrommel ausgebreiteten Schiffsartikeln. Nun befanden sich gerade eine Menge müßiger Matrosen am Ufer und zwar größtentheils Beachcombers, die sich zu einer förmlichen Bande organisirt und einen Schotten Namens Mack zu ihrem »Kommodore« gewählt hatten. Nach den Gesetzen dieser Brüderschaft war es keinem Mitglied gestattet, sich auf irgend einem Fahrzeug einzuschiffen, ohne daß er von den Uebrigen die Erlaubniß dazu bekommen, und da sich fast alle entlassenen Seeleute gezwungen sahen, dieser Gesellschaft beizutreten, so controllirte sie förmlich den Hafen. Mack und seine Leute kannten nun unsere Geschichte sehr gut, ja hatten uns sogar mehrmals besucht und waren, was sie als Matrosen auch sein mußten, aufgebracht gegen Capitän Guy. Da sie nun die Sache für wichtig hielten, so kamen sie in Masse zu uns in die Calabouse, und wollten wissen, ob wir, Alles in Betracht gezogen, es für vortheilhaft hielten, daß ein Theil von ihnen an Bord der Julia ging. Natürlich war unser Hauptzweck und Wunsch, die Julia so bald als möglich aus dem Hafen zu bekommen und wir antworteten deshalb auch unbedingt: Ja; Einige priesen sogar die Julia bis in den Himmel hinein, als das beste und schnellste Schiff, das es nur geben könne. Jermin wurde ebenfalls als guter und braver Matrose gelobt und was den Capitän betraf, so war das ein ruhiger Mann, der Niemand etwas in den Weg legte. In der That wurde Alles hervorgesucht, was wir nur zum Vortheil des alten Schiffes sagen konnten und Flash-Jack versicherte zuletzt feierlichst, daß uns jetzt, da wir wieder Alle wohl und gesund wären, nichts verhindern würde, an ihren Bord zurückzukehren, wenn es nicht gälte, das Princip durchzufechten. Das Resultat war, daß die Julia endlich neue Mannschaft bekam und zwar einen ordentlichen Neu-Engländer als Unter-Steuermann und drei gute Walfischfänger als Harpuniere. Dabei wurde auch Alles an dem Schiff ausgebessert, was auszubessern war, und an Provisionen eingekauft, was nur ein Platz wie Tahiti liefern konnte. Was den Mowree betraf, so weigerte sich das Gericht ihn ans Ufer zu lassen und er wurde geschlossen mit in See genommen. Was weiter mit ihm geschah, habe ich nie gehört. Ropey, der arme, arme Ropey, der ein paar Tage vorher, ehe die Julia segelte, krank geworden, wurde in Toivnor (ein kleiner Platz am Strande zwischen Papeetee und Matavai) im Matrosenhospital zurückgelassen. Hier starb er kurze Zeit daraus, aber Niemand wußte woran, wahrscheinlich haben ihn die harten Zeiten umgebracht. Mehrere von uns sahen ihn in dem Sande verscharren und ich selbst grub dort einen rohen Pfosten ein, um seinen Ruheplatz zu bezeichnen. Der Böttcher und die Uebrigen, die gleich von Anfang an Bord geblieben waren, bildeten natürlich auch jetzt wieder einen Theil der Mannschaft. Um übrigens dem Leser das Betragen des Konsuls und Capitäns zu erklären, die sich solche entsetzliche Mühe gaben, uns wieder an Bord zu bekommen, wird es nur weniger Worte bedürfen. Außerdem, daß in Tahiti ein jeder Matrose 15 bis 25 Dollar Handgeld verlangt, so muß auch eine gleiche Summe für jeden einzelnen Mann als Hafengeld an die Regierung gezahlt werden. Auch schiffen sich diese Leute, mit nur wenigen Ausnahmen, fast stets für eine Fahrt ein, und verlassen also das Schiff schon wieder, ehe es die Heimath erreiche was den Capitän natürlich zwingt, noch einmal andere Matrosen, und zwar für einen ähnlichen Preis, zu werben. Nun befand sich der Schatzmeister der Julia in sehr traurigen Umständen und es mußte, um nur die nothwendigsten Ausgaben zu bestreiten, ein Theil des schon gewonnenen Thranes für einen Spottpreis in Papeetee verkauft werden. Es war ein Sonntag in Tahiti und ein herrlicher Morgen als Capitän Bob in die Calabouse watschelte und uns durch eine Nachricht überraschte. – Ah, meine Bursche, rief er aus – schiffin Ihr – Harrin – machi Segel – Mit andern Worten, die Julia stach in See. Der Strand war nicht fern, und an diesem Theil fast ganz unbewohnt; dorthin liefen wir also und sahen, in etwa Cabelslänge, die kleine Julie vorbeigleiten. Ihre Bramsegel waren gesetzt und ein kleiner Knabe saß mit einem Beine über der Oberbramraae und löste das Royal. Das Verdeck lebte und webte, und die Matrosen arbeiteten und sangen auf dem Vorcastle, während sie die Anker lichteten; der wackere Jermin stand mit bloßem Kopf, wie er stets gewohnt war, auf dem Bugspriet und gab seine Befehle. Neben dem Mann am Rad lehnte Capitän Guy sehr ruhig und vornehm und rauchte seine Cigarre. Bald darauf erreichte das Fahrzeug die Riffe und glitt, seine Richtung ändernd, durch den Engpaß in die offne See hinaus. So verschwand, nach etwa dreiwöchentlichem Aufenthalt im Hafen die kleine Julia, und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Capitel XlX. Jermin leistet uns einen guten Dienst. Freundschaften in Polynesien. Da das Schiff nun einmal fort war, so wollten wir doch auch gern wissen, was nun mit uns geschehen würde; darüber konnte uns aber Capitän Bob gar nichts sagen, mir versicherte er uns, daß er noch alle als unter seiner Obhut stehend betrachten müsse. Uebrigens brachte er uns nie wieder zu Bett und wir konnten sonst thun und lassen was wir wollten. An demselben Tage, an welchem uns die Julia verlassen, kam aber plötzlich der alte Mann in großer Noth zu uns und erklärte, daß er den Eimer Brod nicht mehr ausgeliefert bekäme; auch hätte Wilson sich geweigert, Lebensmittel hierher zu senden. Dies war natürlich nichts weiter, als ein freundschaftlicher Wink für uns, hinzugehen, wohin es uns beliebe; doch so leicht wollten wir uns nicht abschütteln lassen. Um daher unsern alten Feind zu ärgern, beschlossen wir noch da zu bleiben, wo wir wären. Ueberdies erfuhren wir auch, daß der Consul der Spott der ganzen Stadt wäre und sie ihn häufig mit seinen hoffnungsvollen Protegés in der Calabouse neckten. Da wir uns auch ohne alle Hülfsquellen befanden, so gab es für uns gegenwärtig gar keinen bessern Platz, als die Calabouse; überdies hatten wir den alten Capitän Bob auch wirklich lieb gewonnen und dachten gar nicht daran, ihn so schnell zu verlassen. Ueber unseren Lebensunterhalt suchten wir ihn zu beruhigen, denn wir beabsichtigten unser Fouragirsystem jetzt auf einen weiteren Umkreis auszudehnen. Dem alten Jermin waren wir dabei nicht wenig verpflichtet, denn er hatte unsere Kisten mit ihren sämmtlichen Inhalt ans Ufer gesandt. Diese standen unter der Obhut eines kleinen, nicht gar entfernt wohnenden Häuptlings, dem übrigens der Consul befohlen hatte sie nicht auszuliefern; wir sollten dorthin gehen und jedesmal unsere Toilette machen. Wir besuchten denn auch Mahinee, den alten Häuptling, und Capitän Bob begleitete uns, bestand aber dort so fest auf die Auslieferung unserer Sachen, daß Jener es nicht länger verweigern konnte. Die Kisten wurden nun in feierlicher Prozession in die Calabouse getragen, wo wir den innern Raum höchst geschmackvoll arrangirten und das Ganze so herstellten, daß der alte Bob und seine Freunde die Calabouse Beretanee für den am prächtigsten ausgestatteten Salon in ganz Tahiti erklärten. So lange wir die Calabouse in diesem Zustand ließen, wurden auch wirklich die Gerichtssitzungen der Eingeborenen dort gehalten, der Richter Mahinee und seine Gefährten nahmen auf den Kisten Platz, während die Verklagten und Zuschauer sich in voller Länge auf den Boden warfen; wir aber, die Fußblöcke als eine Art Gallerie betrachtend, gar andächtig zuschauten und unsere Meinung über die verschiedenen Verhandlungen abgaben. Hier sollte ich eigentlich noch erwähnen, daß vor dem Abgang der Julia die Leute fast alle die Kleider, die sie möglicher Weise entbehren konnten, verhandelt hatten. Jetzt wurde aber beschlossen, sparsamer damit umzugehen. Der Inhalt der Kisten bestand aus den wunderlichsten und gemischtesten Gegenständen, Nähzeug, Spließeisen, Streifen Kattun, Tauenden, Matrosenmessern und tausend andern Sachen, die ein Seemann nur brauchen kann. Kleidungsstücke fanden sich jedoch höchst mäßig darin und selbst nach mehrmaliger Durchwühlung konnten wir wenig mehr zu Tage fördern als alte Röcke, Ueberbleibsel von Jacken, Hosenbeine und dann und wann eine einzelne Socke; alle diese Dinge waren übrigens keineswegs werthlos, denn unter den armen Tahitiern wird jedes europäische Stück sehr geachtet. Es kommt ja von Beretanee, Fenooa, Pararee (England, das Land der Wunder) und das ist genug. Die Kisten selber wurden für äußerst kostbar gehalten, vorzüglich die, die noch ganze Schlösser hatten und dem Inhaber erlaubten den Deckel zuzuschließen und mit dem Schlüssel fortzugehen. Risse, Sprünge wurden jedoch als große Fehler betrachtet und ein alter Bursche, dem des Doktors große und, beiläufig gesagt, wohlgefüllte Mahagonikiste besonders gefiel, blieb äußerst gern auf derselben sitzen, wobei wir ihn einmal erwischten, wie er eine Art Balsam auf einen Theil der sehr zerkratzten Politur strich, um die Schönheit des Deckels wieder herzustellen. Man glaubt übrigens gar nicht, welche wunderbare Liebe die Eingeborenen für Matrosenkisten hegen; ja, die Frauen sollen ihre Männer fortwährend quälen, ihnen doch wo möglich eine solche zu verschaffen; man kann sich also denken, daß die Erlangung unseres Eigenthums, und zwar eines Eigenthums, das so werthvolle Gegenstände in sich schloß, ein sehr wichtiger Umstand für uns sein mußte. Die Insulaner sind jedoch fast eben so wie andere Menschen; kaum war also bekannt geworden, daß wir plötzlich einen solchen Reichthum erlangt, als unser gutes Glück uns auch eine Masse von »Tayo's« oder Freunden brachte, die ungemein gern, nach dem Nationalgebrauch, ein Freundschaftsbündniß mit uns schließen und unsere leisesten Wünsche erfüllen wollten. Die wirklich sonderbare Art, auf welche die Polynesier in unglaublich kurzer Zeit mit Andern innige Freundschaft schließen, verdient eine Bemerkung. Dies Gefühl hat auch wirklich einen edeln und schönen Ursprung; jetzt freilich ist es mehr in ein feiles, eigennütziges Verfahren ausgeartet und wird dem, den es betrifft, mehr zum Fluch als zum Segen. Damals erfüllte das erste Erscheinen der Weißen die Herzen der Insulaner mit Liebe und Bewunderung und wir lesen noch oft von Kriegern, die in ihren Canoes zu den Schiffen hinausruderten und unter den wunderlichsten Geberden dem, der ihnen von den Fremden gefiel, ihre Freundschaft anboten. Diese Gewohnheit hat sich auf einigen Inseln auch noch bis auf den heutigen Tag erhalten. Nicht gar so sehr weit von Tahiti entfernt liegt eine kleine Insel, die selten von Fahrzeugen berührt wird und an der ich einst vor Anker ging. Natürlich hatten wir bald unter den einfachen Natursöhnen jeder seinen Freund. Der meinige war Poky, ein stattlicher junger Mann, der nie genug für mich thun konnte. Jeden Morgen nach Sonnenaufgang kam sein, mit allerlei Früchten beladenes Canoe, an unser Schiff, dort schaffte er seine Ladung an Bord und befestigte den schwanken Kahn an Bugspriet, um jeden Augenblick bereit zu sein, irgend einen Auftrag für mich auszuführen. Da er so unermüdlich war, so sagte ich Poky eines Tags, daß ich gern Muscheln und sonstige Merkwürdigkeiten hätte, und fort ruderte er augenblicklich und ließ vierundzwanzig Stunden nichts wieder von sich hören. Am nächsten Morgen erst glitt sein schwerbeladenes Canoe langsam am Ufer hin und der stark belaubte Gipfel eines jungen Baumes diente ihm dabei zum Segel. Um seine Ladung trocken zu halten, hatte er auch ein kleines Schutzdach über sein Boot gebaut, und dieses mit grüner Flechtenarbeit eingefaßt; darin aber lag eine Menge von gelben Bananas und Muscheln, junger Cocosnüsse und rothe Corallenzweige, zwei oder drei Stücken wunderlich geschnitztes Holz, einen kleinen Taschengötzen so schwarz wie Kohle, und Rollen von gedruckter Tappa. Wir bekamen einen Feiertag, und als wir ans Ufer gingen war Poky natürlich mein Begleiter und Führer. Einen bessern hätte ich mir denn auch gar nicht wünschen können, denn von seinem schönen Lande kannte er jeden Zollbreit und während er mich herumführte, ward ich Jedem, der uns Begegnenden, als Poky's »tayo harhowree nuee« oder als sein intimer, weißer Freund vorgestellt. Er zeigte mir alle Löwen der Insel, ja er that noch mehr, er führte mich auch zu einer reizenden kleinen Löwin, einer jungen Dame, der Tochter eines Häuptlings, deren Schönheitsruf sich so weit verbreitet hatte, daß er sogar bis auf die benachbarten Inseln gedrungen war, von denen Werber bis hierher kamen, unter andern Tooboi, der Erbe von Tamatoy, des Königs von Raiatair – eine der Gesellschaftsinseln. Das Mädchen war auch wirklich schön, ein ganzer Himmel lag in ihren sonnigen Augen und ihr voller runder Arm schaute gar verführerisch unter dem weißen Tappagewande hervor. Obgleich nun Poky's Aufmerksamkeiten kein Ende nahmen, so erwähnte er doch nie das Wort »Belohnung« und als endlich der Tag unserer Abreise heranrückte, kam auch mit ihm sein Canoe bis an den Rand mit Geschenken für mich beladen. Ich gab ihm alles, was ich aus meiner Kiste entbehren konnte und ging dann an Deck, um meinen Platz an der Ankerwinde zu nehmen. Poky folgte mir und arbeitete mit mir an derselben Handspeiche. Endlich lichtete sich der Anker und fort segelten wir auf der Bai, während mehr als zwanzig Schaluppen an unserm Stern hingen. Endlich verließen sie uns; so lange aber als ich die schlanken Boote erkennen konnte, stand Poky allein und regungslos im Vordertheil seines Canoes.   Ende des ersten Bandes.   Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.