John Henry Mackay Staatsanwalt Sierlin Die Geschichte einer Rache I. Staatsanwalt Sierlin 1. An einem Märzabend kam Staatsanwalt Sierlin vom Landgericht in Berlin, wie gewohnt, nach Hause, als in der Nähe seiner Wohnung ein junger Mensch hinter ihm herging, der – wie es ihm schien – beim Vorübergehen seine Schritte verlangsamte. Da er aber weder ihn ansah noch zurückblickte, glaubte er sich getäuscht zu haben. Zwei Tage später, und fast um die gleiche Stunde und auf derselben Stelle, geschah das gleiche: wieder schien es ihm, als ob Schritte, die er hinter sich gehört, beim Näherkommen und Vorüberschreiten langsamer wurden. Diesmal faßte er die Person des Betreffenden ins Auge und sah ihr nach. Aber weder erkannte er in ihr die von vorgestern wieder, noch hatte er Veranlassung, sich weiter um den Fremden zu kümmern, denn er verschwand in dem trüben und mit Regen drohenden Abend. Er hatte den Vorfall bereits vergessen, als er die Tür seines, von der Straße durch einen kleinen Vorgarten getrennten, Hauses aufschloß. Erinnert wurde er erst wieder an die Begegnung, als sie sich am nächsten Abend, um eine Stunde später, aber wieder in nächster Nähe seines Hauses, zum zweiten Male wiederholte. Wieder war die stille Vorstadtstraße menschenleer. Die wenigen Häuser an ihr – voneinander getrennt stehende Villen – lagen still, wie immer. So auch der kleine Park ihnen gegenüber – Stolz der Anwohner und Freude ihrer Kinder, die im Sommer in ihm spielten. Wieder also hörte Staatsanwalt Sierlin beim Nachhausekommen die Schritte hinter sich und ihr allmähliches Verlangsamen beim Näherkommen. Wieder ging der junge Mensch – derselbe von gestern und vorvorgestern – ohne ihn anzusehen oder sich sonst im geringsten um ihn zu kümmern, aber wieder – wie er diesmal nicht umhin konnte, zu bemerken – dichter, als es bei der Breite des Trottoirs nötig war, an ihm vorbei. Diesmal warf er ihm einen prüfenden Seitenblick zu und blieb stehen, um ihm nachzusehen, bis er um die Ecke verschwunden war. Es war ein noch junger Mensch, in den Zwanzigern, einfach, aber durchaus anständig gekleidet, ohne Überzieher, mit weichem Filzhut. Er hielt – wie die beiden ersten Male – die Hände in den Taschen seines Jacketts vergraben. Ein Bankangestellter oder so etwas Ähnliches, dachte der ihm Nachblickende, den sein Beruf um dieselbe Stunde wie mich entläßt, und der wahrscheinlich im Ort selbst wohnt. Aber das muß doch eigentlich ein Umweg für ihn sein. Und warum geht er immer so dicht an mir vorbei: – Diese jungen Leute von heute haben schlechte Manieren, resümierte er beim Aufschließen seiner Haustür. Sollte ich ihm nochmals begegnen, werde ich ausweichen und beiseite treten, um ihn so auf das Ungehörige seines Betragens aufmerksam zu machen. Da der junge Mensch indessen in den nächsten Tagen fortblieb, hatte er keine Gelegenheit, seine Absicht auszuführen, und die flüchtigen und gleichgültigen Begegnungen entschwanden seinem Gedächtnis völlig. 2. Sie würden es für immer gewesen sein, wenn er nicht etwa acht Tage später – und ebenfalls beim Nachhausekommen – auf einer der Bänke, die am Rande des kleinen Gehölzes jenseits der Straße in regelmäßigen Abständen aufgestellt waren (und zwar auf der, die seinem Hause am nächsten und ihm schräg gegenüber stand), eine Gestalt hätte sitzen sehen, in der er den jungen Mann, der ihm in der letzten Woche mehrere Male hier begegnet war, wiederzuerkennen glaubte. Es geschah selten, daß die Bänke um diese Jahreszeit schon benutzt wurden. Es war noch recht kühl, und der Frühling ließ sich in diesem Jahre besonders schlecht an. Fremde Spaziergänger kamen fast nie in diese abgelegene Gegend, und die hier Wohnenden hatten sich so daran gewöhnt, diese Anlagen als zu ihren Häusern und daher gewissermaßen ihnen allein gehörig zu betrachten, daß unbekannte Personen, die sich hierher verirrten, auffallen mußten. Was also einen Menschen bewegen konnte, sich an einem so kühlen und feuchten Tage, wie dem heutigen, auf einer der Ränke niederzulassen, war auf den ersten Blick hin unverständlich und konnte seinen Grund nur in einem vorübergehenden Unwohlsein oder großer Übermüdung haben. Wenn keine Absicht vorlag. Aber welcher Art sollte diese wohl sein? – Einbrecher, die nach einer Gelegenheit suchten, die Gegend auszuspionieren, fingen es wohl anders und auf weniger plumpe Weise an. Nach einem solchen sah dieser junge Mensch auf der Bank dort drüben auch gar nicht aus. Daß es jedoch derselbe war, an den er wieder erinnert wurde, darüber war sich Staatsanwalt Sierlin nicht mehr im Zweifel: es war derselbe braune Anzug, derselbe weiche Hut, und es war dieselbe Haltung der in den Seitentaschen vergrabenen Hände. Er blieb, bevor er sein Haus betrat, einen Augenblick stehen, um noch einen zweiten Blick hinüberzuwerfen: ob der dort Sitzende etwa seinerseits zu ihm herübersehen oder aufstehen und weggehen würde. Aber der junge Mann, der dort, nur durch den Fahrdamm und um die halbe Breite der Nebenvilla von ihm getrennt, unter den noch kahlen Bäumen saß, schien ihn auch diesmal nicht gesehen zu haben und auch jetzt noch nicht zu sehen. Sein Gesicht war, soweit es sich auf diese Entfernung erkennen ließ, in die Höhe gewandt, und seine Blicke gingen über die Häuser hinweg und in den Himmel über ihnen. Es war die Haltung eines tief in seine Gedanken Versunkenen, eines seiner Umgebung ganz Entrückten. Heute ist er früher frei gewesen als ich, sagte sich Staatsanwalt Sierlin, als er die Treppe hinaufstieg, scheint aber noch kein Verlangen zu haben, nach Hause zu kommen, sondern will sich lieber noch die schönste Erkältung holen. Verrückter Kauz! – Und er rief, so zugleich seine Ankunft meldend, wie gewöhnlich nach dem Essen. Da es nicht gleich kam, während er im Eßzimmer auf die Seinen wartete, trat er noch einen Augenblick ans Fenster und sah hinüber. Der junge Mann saß noch immer dort auf der Bank und in derselben unveränderten Haltung. Hungrig scheint er auch nicht zu sein. Aber ich bin es! – dachte der ihn Betrachtende weiter. Er trat in das Zimmer zurück, da eben die Suppe aufgetragen wurde. Er hatte die abermalige Begegnung schon vergessen, als er bei Tisch saß und sich von seiner Frau und seinen Kindern, zwei Knaben im Alter von neun und dreizehn Jahren, die kleinen, aber für sie so wichtigen Neuigkeiten aus Ort und Schule erzählen ließ. Als er nach der Mahlzeit nochmals an das Fenster trat, diesmal ohne jede Absicht, war die Bank drüben leer. Er bemerkte es nicht. 3. Nicht so am nächsten Tage, als er, um eine volle Stunde später als gewöhnlich – denn er war durch eine Sitzung aufgehalten worden – in seine Straße einbog. Noch weniger als der gestrige lud dieser Tag zum Sitzen im Freien ein: es hatte geregnet, die Bänke waren noch naß, und von den Zweigen der Bäume tropfte es nieder. Aber er saß da. Dieselbe Haltung: Blick nach oben, Hände in den Taschen. Ein hirnverbrannter Idiot! murmelte Staatsanwalt Sierlin vor sich hin, als er ihn wieder so dasitzen sah, man müßte ihn einsperren lassen, den Narren, damit er sich nicht die Schwindsucht holt ... Obwohl er sich sagte, daß ihn dieser Fremde und sein Gebaren nicht das geringste anging, unterließ er es doch nicht, nach dem Essen einen Blick hinüberzuwerfen, um zu sehen, ob er noch immer dasaß. Es war reine Neugier. Wie lange hielt es so ein Mensch bei solchem Wetter auf einer Bank im Freien aus? – Wie wenn der so Beobachtete nur auf diesen Augenblick gewartet hätte, erhob er sich, tat ein paar Schritte und überschritt dann den Fahrdamm, geradewegs auf seine Haustür zukommend, aber ohne aufzusehen. Er sah ganz so aus wie ein Mensch, der sich entschlossen hat, einen langgehegten Entschluß endlich auszuführen. Staatsanwalt Sierlin, am Fenster, war sich keinen Augenblick darüber im unklaren, daß dieser Entschluß einem Besuche bei ihm galt. Daher also die ersten Begegnungen; daher dies Sitzen und Warten auf der Bank gestern und eben. In jedem nächsten Augenblick würde die Klingel ertönen und Marie mit der Frage kommen, ob der Herr Staatsanwalt zu sprechen seien. Er kannte den Menschen nicht, und er würde ihn natürlich abweisen lassen. Aber er hatte jetzt eine Erklärung für sein seltsames Benehmen. Ein Bittsteller natürlich, der endlich Mut gefaßt hat. Aber für amtliche Dinge – und nur um solche konnte es sich handeln – war er nur in seinen Berufsstunden auf dem Amt, und auch da nur in bestimmten, von ihm vorher genehmigten Fällen, zu sprechen. Er trat in das Zimmer zurück und wartete. Er wartete vergebens. Es klingelte weder, noch erschien das Mädchen. Hatte er wieder den Mut verloren, oder stand er noch immer zögernd in dem jetzt wieder stärker einsetzenden Regen vor der Haustür? Er machte das Fenster auf und sah hinaus. Die Straße war leer; der Unbekannte verschwunden. Er hat gewiß das Ungehörige seines Verhaltens eingesehen und gibt es auf, mich in meinem Hause sprechen zu wollen, dachte er, als er das Fenster schloß und sich die Regentropfen von Stirn und Bart wischte. Ich werde amtlich von ihm hören. 4. Aber es vergingen acht Tage, ohne daß Staatsanwalt Sierlin irgend etwas von dem Unbekannten hörte oder sah, und wenn er jetzt überhaupt noch an ihn dachte, war es höchstens in dem Augenblick, wo er sein Haus betrat und unwillkürlich einen Blick nach der Bank hinüberwarf, die aber leer war und blieb, obwohl jetzt die schönen Tage gekommen waren. Er fiel ihm erst wieder ein, als er eines Abends sehr schnelle und feste Tritte hinter sich hörte Gegen seinen Willen wandte er sich halb um und sah, wer es war. Aber statt, wie bisher, dicht an ihm vorbeizugehen, schien ihm dieser junge Mann heute ausweichen zu wollen – er ging so weit von ihm, als es das Trottoir erlaubte, fast auf der Bordschwelle hin, und schnell weiter. Er sah durchaus nicht danach aus, als wenn er etwas von ihm wolle oder mit einem Entschluß kämpfe. Auch in Gedanken schien er nicht zu sein, wie bei seinem Vorsichhinträumen auf der Bank. Er ging ganz so wie einer, der nur den einen Wunsch hat, möglichst rasch nach Hause zu kommen. Ebensowenig schien er sich erkältet zu haben – so frisch und gesund war sein Aussehen und so fest sein Gang. Ihn hatte er wieder nicht im geringsten beachtet, ganz so, als habe er ihn nicht gesehen. Ich muß mich getäuscht haben, sagte sich Staatsanwalt Sierlin. Seltsam und jetzt auffällig aber war, daß sich dieser Vorgang: das schnelle Vorübergehen in fast absichtlich gewählter, schroffer Distanz die beiden nächsten Tage wiederholte. Es war um so auffallender, als er gerade an diesen beiden Tagen zu ganz verschiedenen Stunden nach Hause kam – ungewöhnlich spät. Es war beide Male schon dunkel, als er den jungen Menschen an sich – fast vor seiner Haustür – vorübereilen und um die Ecke verschwinden sah. Da er dann wieder fortblieb und diese letzten Begegnungen ganz momentane gewesen waren, legte er ihnen auch jetzt noch nicht mehr Wichtigkeit bei, als die einiger flüchtiger Gedanken über die seltsamen Wege des Zufalls und vergaß sie alle über seiner sich täglich bis zur Unerträglichkeit häufenden Arbeit. Inzwischen war der April herangekommen, auch in diesem Jahre ein launischer und naßkalter Monat. Die Witterung hinderte indessen den Unbekannten nicht, jeden Abend – und zwar eine ganze Woche lang – auf der Bank zu sitzen, vor sich hinzustarren oder in den grauen und wolkenschweren Himmel zu blicken. Auch das hätte Staatsanwalt Sierlin gleichgültig lassen können, wenn er nicht angefangen hätte, sich zu ärgern, und zwar zunächst über sich selbst. Denn einmal galt jetzt sein erster Blick beim Nachhausekommen der Bank; und dann konnte er es, fast gegen seinen Willen wieder, nicht unterlassen, vor dem Essen noch schnell an das Fenster zu treten, um nachzusehen, ob dieser Mensch immer noch dort saß, um dann jedesmal zu finden, daß die Bank leer war. Es war gerade, als habe der eben noch dort Sitzende nur auf den Augenblick seines Nachhausekommens gewartet, um aufzustehen und fortzugehen. Es war auffallend, und es fiel ihm auf. Er dachte schon daran, beim nächsten Male auf ihn zuzugehen und ihn zu fragen, ob er auf ihn oder wen sonst hier warte. Aber er unterließ es immer von neuem wieder. Es war unter seiner Würde. Und es hätte einer Sache Bedeutung beilegen heißen, die keine Bedeutung besaß. Mochte der dort drüben sitzen, bis er schwarz wurde oder sich die Erkältung holte, die ihn dann schon von selbst zwingen würde, sein albernes und unverständliches Gebaren aufzugeben. Die Bank war für alle da. Nur ärgerte er sich jetzt, so oft er ihn sah. Er ärgerte sich auch noch, als er ihn dann plötzlich wieder eine ganze Woche nicht mehr sah. War es die Erkältung? – Er gönnte sie ihm jetzt. Dann, in der übernächsten Woche, der dritten dieses April, begann das schnelle Vorübergehen wieder, und zwar abermals an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Was sollte das heißen, zum Donnerwetter? – Er lauschte auf, wenn er die raschen und festen Schritte hinter sich hörte, blieb stehen, ließ sie an sich vorübergehen und tat es beim dritten Male in einer so herausfordernden Weise, daß jeder andere ebenfalls stehengeblieben wäre, um ihn anzusehen. Aber der Vorübergehende sah weder auf, noch tat er, als ob er ihn überhaupt bemerke. Er sah geradeaus und ging, womöglich noch schneller, weiter. Nachgehen konnte er ihm doch wohl nicht gut – hier in seiner eigenen Straße? – Es wäre das erstemal in seinem Leben gewesen, daß er, der Staatsanwalt Sierlin, einem fremden Menschen nachgegangen wäre! – Er ärgerte sich noch mehr. Aber er beschloß, sich nicht mehr zu ärgern, als er ihn dann wieder eine Woche lang auf der Bank sitzen sah – Abend für Abend. Er nahm sich vor, weder hinüberzusehen, noch aus dem Fenster zu blicken. Er hatte sich sein Urteil gebildet: ein offenbar nicht ganz Zurechnungsfähiger, ein harmloser Narr, dem man seinen Willen lassen mußte. Er kümmerte sich also nicht weiter um ihn. Er sprach auch nicht von ihm zu seiner Frau. Es wäre ihm lächerlich vorgekommen; und sie, in ihrer unpassenden Neugier für fremde Menschen, hätte sicherlich versucht, dem Gebaren dieses Fremden irgendeinen Grund unterzuschieben, und ihn nun ihrerseits täglich auf ihn aufmerksam gemacht. Indessen wurde er jetzt sogar in seinen eigenen vier Wänden an ihn erinnert. Denn eines Tages sagte der kleine Kurt bei Tisch: »Vatti, in unserem Wald sitzt jetzt immer ein so komischer Mann, der macht immer so ...« Er machte Glotzaugen. Er schwieg aber gleich erschrocken, als er sah, mit welcher Bestimmtheit er zurechtgewiesen wurde, als habe er etwas Ungehöriges gesagt: »Laß ihn sitzen! – Was kümmert das euch! – Und laßt euch nicht mit fremden Menschen ein, ich habe es euch schon immer gesagt! –« Auf den erstaunten Blick seiner Frau hin – (und ehe sie fragen konnte: von wem sprecht ihr denn?) – wurde belehrend hinzugefügt: »Es hat ein jeder das Recht, dort zu sitzen. Es sind öffentliche Anlagen, die nicht, wie ihr zu scheinen glaubt, euch allein, sondern der Gemeinde gehören, in der wir wohnen.« Er war wieder ärgerlich, wollte es aber nicht zeigen und sprach von anderem. Im übrigen hatten die Knaben auch keine Gelegenheit mehr, das Gebot ihres Erzeugers zu befolgen. Der Fremde blieb fort und, wie es schien, auf immer. Der Frühling war jetzt wirklich da, die Bäume standen in Grün, und der kleine Park war nicht mehr unbelebt. Die in ihm spielenden und jagenden Kinder hatten den Einsamkeit und Stille Suchenden wohl vertrieben. So dachte Staatsanwalt Sierlin, wenn er noch gelegentlich an ihn dachte (was kaum mehr geschah). 5. Staatsanwalt Egon Sierlin, jetzt in der Mitte der Vierziger, hatte bei vielen, meist jüngeren, jetzt in alle Welt verstreuten Geschwistern eine unfrohe Jugend hinter sich, die eine verspätete zweite Heirat seines harten Vaters nicht sonniger gestaltete. Obwohl nur mäßig begabt, nahm er doch seinen Weg: durch nur halb genossene Studien- und arbeitsreiche Referendar- und Assessoren-Jahre, durch alle – mehr oder weniger genügend – bestandenen Examina, bis er sich zu seiner jetzigen Stellung als zweiter Staatsanwalt an einem der Landgerichte der Hauptstadt emporgeschwungen. Sobald es möglich gewesen war, hatte er geheiratet nach kurzer Bekanntschaft und ohne Liebe (deren er auch wohl kaum fähig war) und ganz in herkömmlichem Gleise. Mit dem zugetragenen Vermögen seiner unbedeutenden, aber gutmütigen Frau hatte er sich dann das Haus in dem Villenvorort erworben, und sein Gehalt ermöglichte ihm und den Seinen jetzt eine auskömmliche und sorgenfreie Lebensweise. In seiner Ehe war er weder glücklich noch unglücklich. Die Erziehung seiner Kinder war bei seinen Anschauungen nicht immer ganz so leicht, wie er sie sich gedacht – auch eine Begleiterscheinung dieser verderbten Zeit, in der nichts mehr heilig war. Denn seine Anschauungen waren es, die ihn im Grunde so weit geführt: sie waren es, die ihn, trotz verhältnismäßig geringem Wechsel, als Student in das Korps geführt, dem er heute als Alter Herr angehörte; die ihn die mancherlei Demütigungen während jener Jahre ertragen und über sie hinwegsehen ließen; die sein Rückgrat immer wieder stärkten und in denen er allein die wahre Befriedigung seines Geistes fand. Sie waren angeboren, festgewurzelt und in jeder Lebenslage hochgehalten – ein Zweifel an ihrer Gottgewolltheit wäre ihm als ein Verbrechen erschienen. Nie war ihm je ein solcher auch nur gekommen. Er war groß, kräftig, von gesunder Farbe des Gesichts, in dem die Narben der Mensuren des einst gefürchteten Schlägers ihre scharfen Spuren hinterlassen. Seine Stimme, so oft öffentlich gehört, hatte einen etwas schnarrenden Ton; seine Haltung war unerschütterlich; und sein Benehmen nie anders als absolut korrekt. Er kannte die Gesetze der Gesellschaft wie die des Staates, dessen Anwalt er war, und befolgte beide, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, peinlich. In seinen Kreisen war er wenig beliebt. Andere betrat er nicht. In seinem Beruf gefürchtet, hatte er eigentlich kaum Freunde. Man nannte ihn, nicht ohne Unrecht, einen blutigen Streber, und er wußte, daß man ihn so nannte. Aber die hatten gut reden – sie waren in der Wahl ihrer Eltern vorsichtiger als er gewesen. Daß er ehrgeizig, ehrgeizig über alle Maßen war, daran war nicht zu zweifeln. Er wollte es sein. Sein Ehrgeiz sollte ihn noch weit höher tragen. Er glaubte allen Grund zu haben, mit sich zufrieden zu sein; und wenn er es nicht immer war, so deshalb allein, weil ihn dieser sein Ehrgeiz, seiner Ansicht nach, nicht schnell genug nach oben trug. Sein Ziel war eine Stellung am Reichsgericht in Leipzig. Daß dazu seine Begabung doch wohl nicht reichte – sein Fleiß stand über jedem Zweifel –, sagte ihm seine innere Stimme nicht immer mit der nötigen Deutlichkeit. Sie hätte sonst doch wohl bisweilen einen Tropfen Bitterkeit in sein sonst so zufriedenes und von manchem Kollegen beneidetes Leben geträufelt. 6. Ein paar Wochen nach jenem kurzen und von allen Beteiligten längst vergessenen Tischgespräch – (der, von dem die Rede gewesen, hatte sich nicht mehr blicken lassen, und der schöne Monat Mai ging zu Ende) – geschah etwas, was Staatsanwalt Sierlin zum ersten Male ernstlich zu denken gab. Er stand mit einigen anderen Herren vor dem Gericht im Gespräch – auf seine Straßenbahn wartend –, als ein junger Mensch so auffällig dicht an ihm vorüberging, daß er ihn beinahe streifte. Er mußte auf- und ihm nachsehen. Er stockte in dem begonnenen Satze. Er war gutgelaunt, denn er hatte eben die Todesstrafe gegen einen Raubmörder durchgedrückt, den seine Verteidiger durchaus lebenslänglich im Zuchthaus sitzen sehen wollten. (Er, human, war gegen eine solche »Verlängerung der Todesstrafe«.) Er unterbrach sich, wie gesagt, denn er sah dem nach, der ihn eben fast berührt: es war derselbe junge Mensch, den er vor Wochen in der Nähe seiner Wohnung so oft gesehen. Er trug zwar einen anderen, leichteren und jetzt grauen Anzug, aber die Haltung – die Hände in den Seitentaschen – und der weiche Hut waren unverkennbar dieselben. Das Herankommen seiner Bahn überhob ihn einer Erklärung vor den anderen Herren, die ihm übrigens kaum zugehört (denn sie stimmten ihm durchaus nicht bei), und er konnte sich nur eben noch schnell verabschieden. Auch diese neuerliche Begegnung mit dem jungen Menschen – nach Wochen und in einer so ganz anderen Gegend – hätte ihm kaum zu denken gegeben und wäre vergessen, wie alle anderen, wenn er ihn nicht etwa eine Stunde später (denn so lange dauerten Straßenbahnfahrt und Umsteigen) auf der Bank vor seinem Hause hätte sitzen sehen. Er war derartig überrascht, daß er wie angedonnert stehenblieb. Er traute seinen Augen nicht. Wie kam dieser Mensch hierher? – Vor ihm hierher?! – Er stand da und sah hinüber. Diesmal hätte er sich wohl kaum beherrscht, sondern wäre nach kurzem Überlegen auf ihn zugegangen und hätte sich eine Erklärung für dieses abermalige und so überaus seltsame Zusammentreffen erbeten. Aber er sah ihn, kaum daß er sich von seinem ersten Erstaunen erholt, aufstehen und fortgehen. Die Bank war plötzlich wieder leer – der eben noch dort Sitzende ging die Straße hinunter und verschwand um die Ecke. Er ging so schnell, als wäre er in der Tat verfolgt. Nur die neue Überraschung hinderte Staatsanwalt Sierlin an sofortigem Nachgehen. Er betrat sein Haus, war während des Essens ungewöhnlich schweigsam und begab sich sofort nach beendeter Mahlzeit auf sein Zimmer, eine dringliche Arbeit nach angreifendem Tage vorschützend. Dort durfte er, wie er wußte, nie gestört werden. 7. Er steckte sich eine Zigarre an und setzte sich in seinen Lehnstuhl, den, in dem er immer saß, wenn schwierige Fälle zu überdenken waren. Er war einstweilen noch immer geneigt, an eine Sinnestäuschung zu glauben, so unglaublich war dies zweimalige Begegnen innerhalb einer Stunde und an ganz verschiedenen, voneinander weitab gelegenen Plätzen. Aber einmal gab es für ihn keine Sinnestäuschungen und durfte es keine geben; und dann wußte er, daß er sich nicht irrte. Es war dieselbe Haltung, es war dasselbe Gesicht gewesen, das er jetzt schon genügend kannte, um sich in ihm nicht mehr zu irren – ein glattrasiertes, schmales Gesicht, mit einem seltsam harten Zug um den Mund. Es war derselbe, etwas starke Hinterkopf mit den blonden Haaren. Er kannte das Gesicht, bis auf die Farbe der Augen. Nur deren Aufschlag hatte er noch nie gesehen. Er war ihrem Blick noch nie begegnet. Es war, als wichen sie ihm aus, in ihrem starren Vorsichhinbrüten auf der Bank, in ihrem Uberihnhinwegsehen beim Vorbeischreiten. An der Identität der Person war also nicht zu zweifeln. Er zwang seine Gedanken zu der gewohnten, kühlen Überlegung. Dies war ein Fall – zweifellos. Fälle waren dazu da, um geklärt zu werden. Er, sie zu klären. Er rekapitulierte schnell: Erstens: ein junger, ihm völlig unbekannter Mensch war vor einer Reihe von Wochen hier, vor seinem Hause, an ihm vorbeigegangen, näher als nötig, doch ohne ihn anzusehen, zu grüßen oder ihn sonstwie zu beachten. Das konnten – im Zusammenklang mit schlechten Manieren – Zufälligkeiten gewesen sein. Zweitens: dieser selbe Mensch hatte sodann des öfteren auf einer Bank, seinem Haus gegenüber, gesessen und war einmal, nachdem er gerade angelangt war, auf dieses sein Haus zugegangen, ohne es indessen zu betreten oder sich sonst bemerkbar zu machen. Das konnte, wenn auch kaum mehr durch einen Zufall, so doch durch andere Gründe erklärt werden, die er sich bereits damals zurechtgelegt – Entschluß, ihm einen Besuch abzustatten; plötzliches Versagen des Willens im letzten Augenblick; Schuldgefühl und Angst. (Dagegen sprach: die unbekümmerte Haltung, die, statt seinen Blick mit stummer Bitte auf sich zu lenken, vielmehr – und fast ostentativ – bekundete, daß er ihn nicht sah und nicht wünschte, gesehen oder angesprochen und gefragt zu werden.) Drittens: ebenderselbe junge Mann hatte in den nächsten Wochen oft stundenlang und bei ungünstigstem Wetter, Tag für Tag, auf derselben Bank gesessen, immer in derselben abweisenden Haltung und war immer verschwunden, sobald er zu Hause angelangt war. Das war merkwürdig. Es war zum mindesten auffallend. Viertens: immer derselbe war dann wieder mehrere Male am selben Ort und fast (aber nicht immer) zu gleicher Zeit an ihm vorbeigegangen, diesmal aber nicht langsam und nah, sondern in wiederum auffälliger Entfernung und stets so schnell, daß er hätte laufen müssen, um ihn noch einzuholen. Er hatte seine herausfordernden Blicke, sein Stehenbleiben und Nachblicken in gewohnter Weise ignoriert. Das war auffällig, sehr auffällig sogar. Aber alles dies zusammengenommen hätte immerhin noch keinen genügenden und beweiskräftigen Grund zu der Annahme abgegeben, daß der Betreffende mit seinem seltsamen Treiben eine bestimmte und ihm geltende Absicht verfolgte. Es konnte das Gebaren eines harmlosen Narren sein, das eines sich schuldig Fühlenden, eines an einer fixen Idee Leidenden. Er hatte diese Annahme: daß es ihm, gerade ihm, galt, bereits erwogen, sie aber immer wieder fallen gelassen. Bis heute. Bis eben jetzt – vor zwei Stunden. Denn daß heute, zwischen der ersten Begegnung am Gericht und dieser zweiten eben ein Zusammenhang bestand, und daß mit ihnen eine ganz bestimmte Absicht verfolgt wurde – daran konnte ein Zweifel jetzt schwerlich mehr aufkommen. Es erhoben sich nun diese beiden Fragen: Wie war er so schnell und vor ihm hierhergekommen? – Was wollte und bezweckte dieser Mensch? – Die erste war leicht und nur auf eine Weise zu beantworten: da er selbst die erste Straßenbahn genommen, die ankam, und beim Umsteigen das nicht gerade häufige Glück gehabt hatte, sofort auf die erwartete zu treffen, die ihn in die Nähe seiner Wohnung gebracht; da in dieser zweiten außer ihm nur eine alte Dame mitfuhr (der er beim Einsteigen behilflich gewesen war), müßte er ihn gesehen haben, wenn er im Wagen gewesen wäre. Eine andere, schnellere Verbindung gab es nicht, außer einem Auto (oder einem Flugzeug, aber diese letzteren gehörten noch nicht zu den täglichen und regelmäßigen Verbindungen). Außerdem war er heute schneller als sonst nach Hause gegangen, durch stille Straßen, und hätte es bemerken müssen, wenn ihm jemand gefolgt wäre. Um also vor ihm auf der Bank angelangt zu sein, mußte dieser junge Mensch sich ein Auto genommen haben – eine andere Möglichkeit gab es nicht. Erhob sich also die zweite Frage: Was konnte ihn, diesen jungen Menschen, der zwar anständig gekleidet war, aber durchaus nicht so aussah, als habe er das Geld nur so zum Wegschmeißen, was konnte ihn in aller Welt bewogen haben, sich eine solche Ausgabe zu leisten, eine Ausgabe, die ihn, den wohlsituierten Staatsanwalt Sierlin, jedesmal, wenn er um sie in die Tasche greifen mußte – acht bis neun Mark – bitter schmerzte? Nur um ihn zu sehen, oder besser: von ihm gesehen zu werden? Und dann schleunigst wieder fortzugehen? – Die Frage war nicht so ganz leicht zu beantworten. Natürlich konnte sie ihre Aufklärung nur im Hinblick auf seine amtliche Tätigkeit finden. Es war nur einer unter den Fällen, denen ein Staatsanwalt auf Schritt und Tritt begegnete und mit denen er daher zu rechnen hatte. Drohbriefe waren in seinem Beruf an der Tagesordnung. Er schenkte ihnen längst keine Beachtung mehr, und sie wanderten nur deshalb nicht in den Papierkorb, weil er sie zu einer Sammlung fügte, die bereits nach Hunderten zählte, und die er später einmal für eine Arbeit über diese Seite des menschlichen Charakters zu verwerten gedachte. Drohungen wurden ganz selten, fast nie ausgeführt. Wenn auch allerlei geschah: schon zweimal war er dem Wurf eines während der Verhandlung nach ihm geschleuderten Tintenfasses (und seinem Inhalt) nur mit knapper Not entgangen; noch öfter hatten verurteilte Verbrecher vor ihrer Abführung versucht, sich über die Barrieren weg auf ihn zu stürzen (woran sie aber jedesmal gehindert waren); er war auf offener Straße angepöbelt und beschimpft worden – hatte die Kerle oder ihre wütenden Weiber entweder feststellen lassen oder war verächtlich lächelnd weitergegangen. Nur einmal war er, ebenfalls auf offener Straße, angefallen worden – ein wuchtiger Hieb hatte den Angreifer zurückgeschleudert. Ob jedoch der Schuß, der einmal – spät abends beim Nachhausekommen – dicht an ihm vorbeigegangen war, wirklich ihm gegolten hatte – das war bei der herrschenden Dunkelheit und der Leere der Straße nie aufgeklärt worden. Sein Beruf brachte Gefahren mit sich. Er kannte sie und war ihnen gewachsen. Er war nicht feige. Er war stolz auf seinen Mut. Er ließ sich nicht einschüchtern. Er nicht. Er ging seinen Weg und würde ihn weitergehen. Verbrechen und ihre Urheber fanden an ihm stets ihren unerbittlichsten Verfolger. Mit den gegen ihn persönlich gerichteten würde er fertig werden, wie mit allen anderen, mit denen er von Berufs wegen zu tun hatte. (Übrigens trug er seit jenem unaufgeklärten Schuß stets einen geladenen Browning in der hinteren Hosentasche.) Der Staatsanwalt würde auch mit diesem Falle fertig werden. Im Handumdrehen. Sobald er herausgefunden hatte, um was es sich handelte. Aber eben das wußte er noch nicht. Dieser junge Mensch warf keine Tintenfässer; er trat ihm nicht direkt in den Weg; er stieß keine Schimpfworte aus. – Er schien ihm im Gegenteil aus dem Wege zu gehen. Er sah ihn nicht einmal an. Er beachtete ihn in keiner Weise. Er gab ihm keine Veranlassung, gegen ihn vorzugehen; keine, ihn auch nur anzusprechen. Dennoch wollte er jetzt endlich dahinterkommen, was er von ihm wollte. Er würde das nächste Mal einfach auf ihn zugehen und ihn fragen. In jedem Falle wollte er die Sache allein erledigen. Er hätte sich nur lächerlich gemacht mit seiner Erzählung von einem Menschen, den er nur sah und immer wieder sah und der ihm nichts tat. (Nichts auf der Welt fürchtete Staatsanwalt Sierlin mehr, als lächerlich zu erscheinen.) Aber er ärgerte sich schon wieder, als er sah, wieviel Zeit er nun auch an diesem Abend einem so gleichgültigen Fall geopfert (der zudem eigentlich gar kein Fall war). Er warf die ausgerauchte Zigarre (die dritte schon, seit er hier saß) fort und begab sich hinüber, half den Knaben bei ihren Schulaufgaben, sprach mit seiner Frau und zog, als die Kinder zu Bett geschickt waren, die Erstaunte und Beglückte zum ersten Male seit langer Zeit wieder an sich. 8. Dem Landgericht gegenüber lag ein kleines Café, das fast nur von Juristen besucht wurde, die hier in den Pausen zwischen den Verhandlungen eine Erfrischung zu sich nahmen – Richtern, Verteidigern, Rechtsanwälten, Assessoren. Jetzt, wo die schönen Tage da waren, saß man meist in dem kleinen Vorbau an der Straße mit seinen fünfzehn kleinen Tischen, Rücken an Rücken, um zugleich so etwas frische Luft zu schnappen. Alles kannte sich natürlich. Jeder wußte, wer der andere war, und sagte nur, was dieser andere hören durfte oder – sollte. Die Gespräche trugen so mehr einen allgemeinen als privaten Charakter. Auch Staatsanwalt Sierlin gehörte zu den ständigen Gästen des Cafés. Es war ihm in den letzten Wochen nicht gelungen, seine Absicht auszuführen: diesen Unbekannten (der die Ausgabe für ein Auto nicht gescheut hatte, um ihn für einen Moment zu Gesicht zu bekommen) zu stellen und nach seinen Beweggründen zu fragen, obwohl er sich jetzt jedesmal, wenn er sich seinem Hause näherte, nach ihm umsah. Er war wieder einmal verschwunden. Jetzt sah er ihn eines Tages plötzlich hier – in seinem Café. Er sah ihn und erkannte ihn sofort beim Eintreten: wie er sich von dem Platze erhob, auf dem er gesessen, an ihm vorbei- und hinausging. Sein erstes Gefühl war wieder, ihm in den Weg zu treten und ihn anzusprechen. Sein zweites, daß das hier, an diesem Orte, wo aller Augen sich zu ihm hinwenden würden, einfach unmöglich war. Er war bereits begrüßt worden. Auf das peinlichste berührt, waren seine Gedanken nicht bei dem Gespräch, in das er sogleich gezogen wurde. Was bedeutete das nun wieder? – Wie kam dieser Mensch hierher, und was wollte er hier? – Natürlich konnte jeder anständig gekleidete Mensch in diesem Lokal verkehren, wenn es auch selten vorkam, daß andere Gäste als solche »von drüben« – Juristen – es besuchten. Und was sollte dies schnelle Aufstehen bei seinem Eintritt? – dies gleichgültige Anihmvorübergehen? – was sollte das alles nun wieder? – – Er war gespannt zu sehen, ob dieser Vorfall nur ein einmaliger und daher möglicherweise zufälliger gewesen war, oder ob er sich wiederholen würde. Er wiederholte sich. Er wiederholte sich innerhalb der nächsten beiden Wochen mindestens sechsmal und immer in derselben Weise: trat er ein, erhob sich der dort schon Sitzende, ging an ihm vorbei und betrat die Straße. Staatsanwalt Sierlin dachte daran, ihm auf diese hinaus zu folgen. Aber auch das war unmöglich: sie wimmelte von Bekannten. Er mußte dort, wie hier, jedes, auch das kleinste Aufsehen oder Ärgernis vermeiden. Er mußte tun, als kenne er diesen Menschen nicht und habe ihn nie gesehen – an ihm vorübergehen, wie jener an ihm vorüberging, achtlos, fremd, gleichgültig... Er ärgerte sich noch mehr als bisher. Er ärgerte sich maßlos. Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg, wenn er sich dem Café näherte und ihn schon aus der Ferne an immer demselben kleinen Tisch im Vorbau an der Eingangstür sitzen sah, dem kleinen Tisch, an dem dann sofort ein Platz frei wurde – gerade als wolle er diesen Platz ihm anbieten. Er hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren, Hände zu schütteln und Fragen zu beantworten. Aber was sollte er machen? – Er durfte nicht einmal in seinen Blicken den Unmut zeigen, dessen er sich schämte und der ihn doch ergriff; den er kaum mehr loswerden konnte. Er war nahe daran, das Café zu meiden. Aber auch das wäre aufgefallen. Und dann: diesem Menschen aus dem Wege gehen – sich von ihm in seinen Gewohnheiten stören lassen ? – Das wäre ja noch schöner gewesen! ... Aber die kurzen Erholungen zwischen anstrengenden und aufreibenden Sitzungen wurden ihm wahrhaftig durch diesen Menschen verbittert, von dem er nicht einmal wußte, wer er war. – Denn was wußte er von ihm ? – Daß er möglicherweise dort draußen wohnte, wie er; daß er über ungemessene Zeit verfügte (denn was für eine Zeit kostete allein schon dies Herumsitzen in diesem Café!); und daß er offenbar Geld hatte (woher nahm er es ?). Staatsanwalt Sierlin verlor seine nie besonders gute Laune zusehends. Mißgestimmt und ärgerlich kam er nach Hause (auch dann, wenn er »ihn« nicht gesehen hatte); er war unruhig und schlief nicht mehr so gut; und ärgerte sich unausgesetzt und eigentlich über alles: über seine Frau und ihr Geschwätz; über die Jungens, die in der Schule nicht recht vorwärts kamen; über zu milde Richter und allzu dreiste Verteidiger; über hartgesottene Verbrecher; und – über diesen fremden Menschen, den er sah oder auch nicht sah, von dem er aber nie wußte, wann er ihn sehen würde und wann nicht. Denn einmal kam er; und das andere Mal blieb er wieder fort. Es war die höchste Zeit, daß die Gerichtsferien begannen. In ihnen würde er Ruhe haben vor allem – auch vor diesem Kerl. Es waren jetzt nur noch acht Tage. Er wollte mit den Seinen an die Ostsee, und zwar gleich am ersten Tage. 9. Am Vorabend der allgemeinen Abreise trat eine kleine Änderung in dem Reiseplan ein. Von Verwandten in Kiel kam ein Brief, in dem er dringend an ein längst gegebenes Versprechen erinnert wurde, sie zu besuchen – ihnen doch wenigstens in diesem Jahre »ein paar Tage zu schenken«. Es ließ sich schwer mehr umgehen. Der Besuch war schon so oft aufgeschoben worden, daß eine erneute Ablehnung eine Beleidigung gewesen wäre. Besser also gleich, um ihn dann auf lange hinaus hinter sich zu haben. Es wurde also beschlossen, daß er morgen mit dem ersten Frühzug nach Kiel fahren, seine Frau mit den Kindern erst am übernächsten Tage in das Bad abreisen und er ihnen dorthin in etwa einer Woche nachkommen solle. Ihr war es lieb – ein nicht zur rechten Zeit fertiggewordenes Kleid konnte dann noch einmal anprobiert und mitgenommen werden. Marie, die heute ihren freien Abend hatte, wurde von ihrer Gnädigen gerufen und instruiert: »Marie, wenn Sie fortgehen, bestellen Sie doch zu morgen früh um sieben am Halteplatz ein Auto. Der Herr fährt morgen mit dem ersten Zuge nach Kiel voraus, und wir bleiben noch einen Tag. Aber vergessen Sie es nicht und merken Sie sich die Nummer. – Hören Sie?« Marie vergaß nicht. Pünktlich um sieben Uhr am nächsten Morgen hielt ein Taxameter vor dem Hause, und der Hausherr fuhr zum Bahnhof. Dort angekommen, gab er zunächst ein Telegramm an seine Anverwandten auf, das seine Ankunft für den frühen Nachmittag meldete, und trat dann, Handtasche und Schirm in der Hand, an den Schalter, um sich seine Fahrkarte zu lösen. Im Begriff, die nötigen Geldscheine aus seiner Brieftasche zu nehmen, hörte er – dicht vor sich – mit einer ruhigen, klaren und festen Stimme dieselben Worte sagen, die er selbst in der nächsten Minute auszusprechen im Begriff war, die Worte: »Eins – Kiel – zweiter – bitte ...« Er sah auf. Vor ihm stand ein junger Mann in grauem Anzug, der soeben Geld einstrich, eine Karte in Empfang nahm und dann abtrat. Der Platz vor ihm war frei. Aber Staatsanwalt Sierlin tat keinen Schritt vorwärts. Er rührte sich nicht. Er sah dem Davongehenden nach. Er traute seinen eigenen Augen nicht. Erst, als er von hinten – nicht eben sanft – angestoßen wurde und eine grobe, von der eben gehörten gänzlich verschiedene Stimme fragen hörte, ob er denn nicht endlich weitergehen möchte, da andere auch noch mit dem Zuge mitfahren wollten, raffte er sich aus einer Art von Betäubung auf, warf sein Geld hin, erhielt ebenfalls seine Fahrkarte und stürzte auf den Bahnsteig. Der Zug stand wartend. Die Passagiere waren bereits auf ihren Plätzen. Einige Nachzügler eilten zu ihren Wagen. Auch er mußte einsteigen, wenn er noch mitwollte. Er tat es, fand ein Abteil zweiter Klasse, warf Tasche und Schirm in das Netz und sich in eine Ecke. Der Zug zog an. Er saß in Gedanken. – Jetzt hatte er ihn! Er war mit ihm in diesem Zuge! Nach einer Weile sprang er auf, durchging die beiden Wagen zweiter Klasse, schaute in alle Abteile – der, den er suchte, war nicht in ihnen. Der Zug war schwach besetzt. Er war wieder in seiner Ecke. Außer ihm saß nur noch ein alter Herr am Fenster. Er grübelte vor sich hin. Dann erhob er sich von neuem und durchging den ganzen Zug – von dem letzten bis zu dem ersten Wagen dritter Klasse, wieder und wieder an denen zweiter Klasse vorbei; riß Türen auf und schob sie wieder zu, ließ keine einzige Abteilung aus, sah sogar überall nach, ob die Toiletten auf Frei standen, öffnete zum Überfluß auch hier Türen, nur um sie wieder zuzuschlagen – erstaunte Blicke folgten dem in den Gängen Hin- und Herjagenden: der Gesuchte war nirgends zu sehen. Er konnte nicht mitgefahren sein. Es war unmöglich. Wo sollte er sich versteckt halten? Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er wieder auf seinem Platze saß. Warum war er nicht mitgefahren ? – Wohin war er verschwunden? – Und woher, woher wußte dieser Mensch, daß er mit diesem ersten Zuge und nach Kiel fahren wollte ? – – Denn er mußte es gewußt haben. Er grübelte weiter. Wie konnte er von einer Reise wissen, die erst im letzten Augenblick beschlossen war und von der keiner, außer seiner Frau, Kenntnis hatte? Denn er hatte doch nicht geträumt – vorhin! – Er hatte ihn doch vor sich gesehen!– Und nicht nur gesehen – er hatte auch seine Stimme gehört, eine Stimme, die plötzlich so merkwürdig bekannt in sein Ohr geklungen, als habe er sie schon einmal gehört. Aber wo und wann ...? Staatsanwalt Sierlin war versucht, hell aufzulachen. Wenn das auch ein Zufall gewesen war, dann gab es Zufälle im Leben, die mehr als merkwürdig waren. Aber es war kein Zufall gewesen und die Sache war durchaus nicht lächerlich. Sie begann sogar im Gegenteil jetzt ernst zu werden. Er mußte ihr jetzt endlich auf den Grund kommen. Wenn er ihn nur hier, hier im Zuge gehabt hätte, wo er ihm nicht mehr entkommen konnte! – Aber – er war eben nicht im Zuge. Er war fort. Auf unerklärliche Weise verschwunden – vor seinen Augen. Dann fühlte er, wie jäh eine Wut in ihm aufstieg, über die er nicht mehr Herr war. Jetzt verfolgte ihn dieser Mensch, den er noch immer nicht kannte, von dem er noch immer nichts wußte (nicht einmal, was er eigentlich von ihm wollte) – jetzt verfolgte er ihn sogar in seine Ferien hinein! – Löste sich eine Fahrkarte zu demselben Zuge und fuhr dann nicht mit! – Fuhr mit einem anderen Zuge – ihm nach! Denn daß er ihm in Kiel begegnen würde, daran zweifelte er nicht einen Augenblick. Er saß in seiner Ecke, starrte vor sich hin und sprang bei jeder Haltestelle auf, um ans Fenster zu treten und alle Aussteigenden in Augenschein zu nehmen. Eine Frage des alten Herrn, ob er sich unwohl fühle, beantwortete er so kurz und unfreundlich, daß sie nicht wiederholt wurde. Das Frühstück, das ihm seine Frau so sorgsam eingepackt hatte, blieb unberührt. Ein Gefühl des Unbehagens, das sich seiner bemächtigt, war so stark, daß er nichts anzurühren vermochte. Als der Zug in seine Endstation einfuhr, sprang er mit einem Satz als erster heraus, eilte zur Sperre und stellte sich neben sie. Er ließ alle Passagiere, einen nach dem anderen, an sich vorübergehen, bis der letzte durch sie verschwunden war und der Bahnsteig wieder verlassen dalag. Da erst verließ auch er den Bahnhof. Er war während des Aufenthalts bei seinen Verwandten kein angenehmer Gast. Liebenswürdig war er ja nie gewesen, aber diese schlechte Laune, diese Unruhe und Kurzangebundenheit überstiegen denn doch jedes Maß, und man war froh, ihn schon nach sechs Tagen loszuwerden, da er selbst äußerte, seinen Besuch abkürzen zu müssen. Recht aufgefallen war es auch allen, daß er so oft ganz verkehrte Antworten gab und sich bei Spaziergängen und an öffentlichen Orten immer so umsah, als suche er jemanden, der ihm folgte (obwohl er doch hier, außer ihnen, keinen Menschen kennen konnte). 10. Staatsanwalt Sierlin wurde mit Jubel an dem kleinen Bahnhof des Ostseebades begrüßt und im Triumph zum Hotel geführt. Er freute sich selbst, denn er hing an seinen Kindern, und diese, trotz seiner Strenge, wohl auch an ihm, wenigstens der kleine Kurt. Auch seine Frau war begierig, ihm erzählen zu können, wer alles von alten Bekannten auch hier sei und welche neuen Bekanntschaften sie in diesen fünf Tagen gemacht hatte. Sie tat es mit ihrer gewöhnlichen, leicht in Geschwätzigkeit ausartenden Ausführlichkeit. Aber erst, als sie auf der Veranda an ihrem gewohnten und heute zu Ehren des Angekommenen festlich mit Blumen geschmückten Tisch und beim Essen saßen, tat sie das, was sie ihren Kindern verboten hatte zu tun – tat es ganz unbewußt aus einem ihrer gewöhnlichen und plötzlichen Einfälle heraus, über die sie sich selbst keine Rechenschaft ablegte. Denn gleich am ersten Tage ihrer Ankunft waren die Knaben, ganz aufgeregt, mit der Nachricht gekommen: »Mutti, denk dir doch nur,« sagte Kurt, »der Mann aus unserem Garten ist auch hier ...« Und der ältere fügte hinzu: »Und er wohnt bei uns im Hotel ...« Sie war emporgefahren: »Welcher Mann? – von wem sprecht ihr denn? – und erhielt zur Antwort, von beiden zugleich: »Doch von dem Mann, der immer vor unserem Hause so dagesessen hat ... Wir haben doch schon von ihm gesprochen, damals, als Vater so böse wurde und sagte, wir sollten nicht mit ihm sprechen. Wir haben auch hier nicht mit ihm gesprochen ...« Sie hatte die Unterredung bei Tisch längst vergessen und sagte daher nur: »Dann tut es auch weiter nicht. Am besten, ihr sprecht überhaupt nicht von ihm, wenn Vater sich doch nur ärgert ...« Aber sie ließ sich doch, als sie bei Tisch waren, den fremden Mann, der zwei Tische weiter saß, zeigen und konstatierte für sich: Zu uns, zur Gesellschaft gehört er nicht und auch nicht in dieses Hotel. Damit war er für sie erledigt, und die Kinder, die nicht viel von ihm sahen, hatten ihn bald über den Bau der großen Burg am Strande vergessen, die täglich neu gebaut werden mußte und doch fertig sein sollte, wenn Vater kam. Sie sagte also jetzt, gedankenlos und ganz nebenher: »Es ist auch ein Mensch hier, von dem die Jungens behaupten, ihn öfters im Park gesehen zu haben. Es soll auch schon von ihm die Rede gewesen sein. – Kennst du denn den Menschen? – Er wohnt im Hotel ...« Die Knaben, ihres Verbotes nun ledig, fielen eifrig ein und zeigten nach einem der anderen Tische: »Dort sitzt er ...« »Mit dem Rücken zu uns ...«, wurden aber gleich von ihrer Mutter streng zurechtgewiesen: »Man zeigt nicht mit den Fingern auf andere Leute!« Es war gut, daß Staatsanwalt Sierlin in diesem Augenblick stark mit seinem etwas zähen Rumpsteak beschäftigt war, und daß das Messer nicht recht schneiden wollte. Er mußte sich tiefer über seinen Teller beugen. Als er wieder aufsah, war sein Gesicht von der Mühe des Zerlegens gerötet, und wieder (wie damals) lag eine gewisse Heftigkeit in dem Ton, mit dem er jetzt die Kinder, die noch immer gespannt auf seine Antwort warteten, anfuhr: »Ich habe euch doch schon mehrmals gesagt, daß ihr euch um fremde Leute, die euch nichts angehen, nicht kümmern sollt. Tut, was ich euch sage!« Die Knaben sahen betroffen vor sich hin, während die Gedanken seiner Frau schon wieder weit weg waren (sie hatte soeben in neu Eintretenden Bekannte aus Berlin erkannt und versuchte nun, sich ihnen bemerkbar zu machen). Staatsanwalt Sierlin hatte seine ganze, nicht geringe Selbstbeherrschung nötig, um bis zum Ende der Mahlzeit seine Haltung zu bewahren und weitere Fragen zu beantworten. Es war ihm gelungen, nicht hinzusehen – und er sah nicht hin. Er wußte ganz genau, wer dort, einige Tische vor ihm und mit dem Rücken zu ihnen, saß ... Er wußte ebenso genau, wer jetzt, während die Kinder mit ihrem Nachtisch beschäftigt waren und seine Frau, halbabgewandt, mit wieder anderen Bekannten am Nachbartisch sprach, an seinem Tische vorüberging, auf einem Umweg, der ganz unnötig war, um den Ausgang zu erreichen, und dichter, als es ebenfalls nötig war und es der Abstand der Tische erforderte. Er fühlte ihn im Rücken. Aber er bezwang sich auch jetzt noch. Er sah nicht auf. Auch hier durfte es zu keinem Skandal kommen. Als man indessen etwas später auf dem Zimmer oben war, überraschte er seine Frau mit dem Vorhaben, noch eine halbe Stunde, und zwar allein, ausgehen zu wollen. Er begründete es mit eingenommenem Kopf nach der Reise und dem Wunsch, sich schon heute oberflächlich mit der Lage des Bades bekannt zu machen. Er versprach, in einer halben Stunde zurück zu sein. Draußen, allein auf dem halbdunklen und leeren Korridor, stand er still. Die Adern schwollen auf seiner Stirn an und seine Hände ballten sich. Dann stieg er langsam die Treppe in die Halle des Hotels hinunter. Alle Tische in ihr waren von den Gästen besetzt, die hier nach dem Essen ihren Kaffee tranken – plauderten, lachten, flirteten. Er überflog sie mit einem schnellen Blick. Die beiden angrenzenden Räume: ein Schreib- und Lesezimmer und ein Billardzimmer waren leer. Aus einem weiter nach hinten gelegenen erscholl Tanzmusik. Er betrat auch ihn, sah eine Weile den Tanzenden zu, die dort bei den Klängen eines Klaviers und einer Geige jazzten und foxtrotteten. – Dann ging er in die Halle zurück. Am Eingang des Hotels lag eine kleine Bar. Aber nur zwei ältere Herren saßen dort auf hohen Stühlen, die Knie emporgezogen, als ob sie Leibschmerzen hätten, und tranken eine rötliche Mischung. Er verließ das Hotel, ohne gefunden zu haben, was er suchte. Draußen, in der kühlen und feuchten Luft fühlte er, wie sein Gesicht glühte. Er stieg die hölzerne Treppe hinab, die über die Düne zum Strande führte. Dort ging er an ihm entlang, erst an Strandkörben und zerfallenen Burgen vorbei, dann auf dem feuchten und festen Sande, weiter und weiter. Neben ihm sang die Brandung des Meeres ihr ewiges Lied. Er hörte ihre Stimme nicht. Er sah nicht das Aufleuchten der Sterne an dem nächtlichen Himmel, nicht den silbernen Glanz der Wellen. Er fühlte auch nicht, wie sie in jähem Anprall seine Stiefel netzten – er ging und ging. Der Strand war menschenleer. Niemand kam ihm entgegen. Niemand folgte ihm. Langsam legte sich seine Wut. Eine böse und grausame Freude stieg in ihm auf: Er hatte ihn! – Er hatte ihn endlich! – Hier! – Hier, wo er ihm nicht mehr entkommen konnte, in dem kleinen Badeort! – Und er wohnte mit ihm unter demselben Dach! ... Was schadete es, daß er ihm heute abend noch entgangen war? Es war vielleicht gut so. Er wußte nicht, was er mit ihm gemacht hätte, wäre er ihm schon heute abend unter die Fäuste geraten ... Aber morgen, morgen in aller Frühe (wenn sie allein waren) – da würde er ihn sich vornehmen, daß ihm Hören und Sehen vergehen sollte! – Hören und Sehen ebenso, wie dies Nachgehen und Entwischen! ... Wenn sie allein waren ... Denn auch hier, wo bereits so viele Bekannte waren, mußte die Sache ohne alles Aufsehen ihre Erledigung finden. Aber diesmal würde sie erledigt werden! – Er wurde ruhiger und kehrte um. Einmal lachte er hell auf, mit einem mißtönigen und grellen Lachen: Es war die Höhe! – Nachgereist war ihm der Kerl bis hierher! – Nachgereist! – Und, um sicher zu sein, schon ein paar Tage vor ihm hier gewesen! ... Es war die Höhe! – Aber nun hatte es ein Ende. Mit ihm, dem Staatsanwalt Sierlin, trieb man nicht Spott und Spiel. Morgen noch ... Und dann sollte ihm kein Tag hier mehr verbittert werden ... Als er das Hotel wieder betrat, war die Halle leer und die Tanzmusik verstummt. Hier ging alles kurgemäß frühzeitig schlafen. Oben wurde er bereits ungeduldig erwartet. Er war über eine Stunde ausgeblieben, ohne es zu wissen. Die Knaben schliefen schon längst im Nebenzimmer. Es dauerte lange, bis er selbst Schlaf fand. Er schlief unruhig. Er schob es auf die Reise, die erste Nacht an fremdem Ort und die erregende Seeluft. Ungewöhnlich früh stand er auf; ungewöhnlich schnell kleidete er sich an. In dem Vestibül unten war er der erste der Gäste. Der wollte er sein. Er ging geradewegs auf die Portierloge zu. Dort fragte er zunächst nach Briefen, dann nach dem Fremdenbuch, trug sich ein, und endlich, wie beiläufig, indem er dem Portier ein Markstück in die Hand drückte: »Sagen Sie mal, Herr Portier, da hat gestern abend ein Herr in der Nähe unseres Tisches gesessen« – er beschrieb ihn kurz – »der schon einige Tage bei Ihnen wohnen soll ...« Der Gefragte war sofort im Bilde. Er witterte Ungewöhnliches – (Staatsanwalt – so früh – Trinkgeld) – und beeilte sich zu sagen: »Der Herr ist eben, vor noch keiner halben Stunde, abgereist, nach Berlin zurück ...« und wies zugleich auf einen Namen im Fremdenbuch in dessen vorletzter Seite. Staatsanwalt Sierlin durchfuhr es: Abgereist? – Eben! – Wieder entkommen! – – Aber er las doch die Eintragung (in einer klaren, kaufmännisch unpersönlichen Handschrift): »Adolf Braun, Kaufmann, aus Berlin. Vermutlicher Aufenthalt: unbestimmt. Ziel der Reise: Berlin.« Er schlug das Buch langsam zu und verließ die Loge. Der Portier sah ihm nach: sicher ein Kriminalfall. Er war doch Menschenkenner. (Wer sollte es sonst wohl sein, wenn nicht ein Portier großer Hotels, der seit zwanzig Jahren die Menschen aus aller Herren Ländern und ihre Erlebnisse an sich hatte vorüberziehen sehen!) – Daß aber dieser junge Herr, der immer so still seiner Wege ging, so freundlich und freigebig mit Trinkgeldern gewesen war, daß dieser sich eines Vergehens oder gar Verbrechens schuldig gemacht haben sollte – es wollte ihm nicht in den Kopf. Er schüttelte ihn. Für Staatsanwalt Sierlin blieb die Erholung, wenigstens in den ersten beiden Wochen, aus. Er zog sich, was er sonst nie getan, von aller Gesellschaft nach Möglichkeit zurück, machte lange und einsame Gänge in die Dünen und kehrte von ihnen in nicht besserer Laune heim. Mit seinem verkniffenen Gesicht, seinen scharfen und kurzen Fragen und seinen oft ganz unsinnigen Antworten verdarb er auch den Seinen den Aufenthalt. Erst in der dritten Woche wurde er zugänglicher, suchte alte und machte neue standesgemäße Bekanntschaften und saß mit ihnen des Abends am Bier- und Skattisch. Er war wie sonst. Seine gewöhnlichen Eigenschaften traten eher noch stärker hervor. Es war in dieser Zeit, daß der wegen seiner boshaften Bemerkungen (besonders bei den jungen Damen) gefürchtete Assessor Kreidewien aus Lübeck das Wort von den »Etwas-zu-Menschen« prägte und allsogleich auf ihn so anwandte: »Dieser Berliner Staatsanwalt ist,« sagte er vertraulich zu einem Bekannten (von dem er wußte, daß er es unverzüglich weitergeben würde), ›»dieser unausstehliche Herr ist etwas zu laut‹; ›etwas zu schneidig‹; ›etwas zu wenig vornehm‹...« Im übrigen vergingen die letzten Wochen, wie die ersten, im Fluge. Man badete; machte Segelpartien; lag im Sande und faulenzte nach Noten. Von dem »Kerl« war natürlich nie mehr die Rede, schon deshalb nicht, weil er dem Gesichtskreis entschwunden war. Staatsanwalt Sierlin hatte sich, nachdem er sich wieder den Kopf vergebens darüber zerbrochen, wie er seinen Aufenthalt hier erfahren und weshalb er ihm nachgereist war, vorgenommen, nicht mehr an ihn zu denken. Es gelang ihm nur unvollkommen, aber doch zeitweilig. Nach sechs Wochen kehrte die ganze staatsanwaltliche Familie nach Berlin zurück. Frau und Kinder in bester Verfassung. Der Herr des Hauses nicht ganz so erholt, wie er es für die schwere und aufreibende Arbeit des nahenden Wintersemesters hätte sein müssen. 11. Die Reise war zufriedenstellend verlaufen, ein Auto hatte die ganze Gesellschaft vom Bahnhof nach Hause gebracht, und man war eben – von der dicken Köchin und Marie, dem Hausmädchen, an der Tür erwartet und begrüßt – dabei, das Gepäck ins Haus zu schaffen: die Frau bereits im lebhaften Gespräch und die Kinder nur noch auf den Vater wartend, der eben mit dem Chauffeur abrechnete, als ein junger Mann, höflich ausweichend, zwischen ihnen und den letzten, noch auf dem Trottoir herumliegenden Stücken hindurchschritt und, ohne sich sonst weiter um die Angekommenen zu bekümmern, geradeaussehend weiterging. Die beiden Knaben stießen sich an, sahen ihm nach und flüsterten sich zu, als ihr Vater, mit der Bezahlung fertig, sich umwandte: »Was habt ihr denn?« fragte er, als er die aufgeregten Gesichter sah. Er wiederholte die Frage schärfer, da er keine Antwort erhielt. Heinz, der ältere, faßte sich Mut. »Der Mann von der Bank, Vater ...«, sagte er und sah die Straße hinunter. Staatsanwalt Sierlin fuhr mit einem Ruck herum. Nichts in der Welt, nicht die Anwesenheit seiner Frau, nicht die der Kinder und Hausangestellten, nicht die ganze Nachbarschaft hätte ihn in diesem Augenblick abgehalten, dem, von dem die Rede war, nachzueilen. Aber es war zu spät. Die Straße war leer. Jetzt noch nachrennen ... Alles stehen und liegen lassen ... unmöglich! – Und: er wäre fortgewesen! ... Er griff mit schneller Hand nach dem noch daliegenden Handgepäck, wies die Kinder an, das noch übrige an sich zu nehmen, und trieb sie vor sich her in das Haus. Oben, in seinem Zimmer und allein, stand er und sah vor sich hin. Ein merkwürdiges Gefühl kroch in ihm empor. Er kannte es nicht. Es kroch vom Magen aufwärts und legte sich auf seine Brust. Wie sollte der auf seinen Mut so stolze Mann es kennen? Es war das Gefühl einer unbestimmten Furcht. 12. Er überwand es schnell. Auch wenn er gewußt hätte, was es war, dieses Gefühl – nie hätte er sich gegenüber erlaubt, es bei seinem wahren Namen zu nennen. Er war der Staatsanwalt Sierlin, der nichts auf der Welt fürchtete als Gott allein; der nichts zu fürchten hatte, weil sein Leben tadellos vor aller Augen offen dalag; und der sein Auge vor keinem anderen Menschen niederschlug. Und er, er sollte sich von einem solchen hergelaufenen Kerl, diesem Halunken, der Gott weiß was im Schilde führte, ins Bockshorn jagen lassen? – Nein! – Nie! – Er würde ihn wiedersehen. Wann und wo, das wußte er nicht, denn das Treiben dieses Menschen war ja ganz unberechenbar. Aber daß er ihn wiedersehen, daß er eines Tages wieder mit ihm zusammentreffen würde, sagte ihm sein Gefühl jetzt mit absoluter Sicherheit. Dann aber: Gnade ihm Gott! – Er wußte nicht, wer dieser »Kaufmann Adolf Braun« war. Er hatte den Namen nie gehört. Er sagte ihm nichts. Er wußte nicht, was dieser Herr Braun (wenn der Name nicht etwa ein angenommener war, was wahrscheinlich war) von ihm wollte. Er wußte nicht, weshalb und aus welchen geheimnisvollen Gründen dieser Kerl eine solche Unmenge an Zeit, Geld und Geduld – ja, auch an Geduld! – aufwandte, um sich ihm in den Weg zu stellen und dann diesen Weg wieder freizugeben. Er wußte nur, daß er ihn wiedersehen würde. Er war es jetzt, der nach ihm aussah. Auf der Straße, in dem Café, in der Straßenbahn, bei jedem Nachhausekommen. Er war es, der darauf lauschte, daß die bekannten Schritte wieder hinter ihm ertönen sollten, um sich dann blitzschnell umzudrehen und ihm gegenüberzustehen. Aber er sah und hörte wieder einmal nichts von ihm. Eine Woche, eine zweite verging – nirgends auch nur eine Spur. Es war, als wollte er jetzt, gerade jetzt, fortbleiben und für immer. Aber er glaubte nicht daran. Er würde wiederkommen. Ganz unverhofft, eines Tages, wenn er gerade nicht an ihn dachte. Das Rätsel, das sich hinter dieser Person und ihrem Gebaren verbarg, ließ ihn nicht los. Immer wieder suchte er es zu lösen. Woher wußte er von seiner plötzlichen Reise nach Kiel? – Woher den Ort und sogar den Namen des Hotels? – Woher, wann er dort eintreffen wollte? – Und woher – woher? – so bis auf die Minute genau den Tag und die Stunde seiner Rückkehr? – Es war unbegreiflich. Es war um den Verstand zu verlieren. Welche Bundesgenossen hatte denn dieser Mensch, um Dinge zu wissen, die außer seiner Frau und ihm niemand wissen konnte?... Mit dieser darüber zu sprechen, unterließ er noch immer. Sie war nicht die Frau, mit der er sein Gedanken teilte, und sie wäre die letzte gewesen, diese Gedanken für sich zu behalten. Er fragte sie nur beiläufig einmal: »Sag mal, Bertha, wer hat eigentlich von unserem Aufenthalt an der See vorher gewußt ? – Und wer von meinem Besuch in Kiel?«– Sie sah ihn verwundert mit ihren schönen leeren Augen an. Das Benehmen ihres Mannes wurde doch immer merkwürdiger. Liebenswürdig war er nie gewesen, das lag nicht in seiner Art, aber in letzter Zeit war er so verändert, daß es so fast nicht mehr weiterging. (Sie beklagte sich bei ihren Freundinnen in vertrautem Kreise schon längst bitterlich darüber.) Und was sollte das nun wieder heißen ? – So antwortete sie nur: »Wer von unserer Reise gewußt hat? – Nun, unsere Bekannten.« (Sie nannte ein paar Namen.) »Aber wozu willst du das wissen ? – Es war doch kein Geheimnis.« Er gab noch nicht nach. Ein Verdacht war in ihm aufgestiegen. »Und Marie? Hat sie auch nichts davon gewußt?« Nun aber war es mit ihrer Geduld zu Ende. Die Dienstbotenfrage war zwischen ihnen immer ein dunkler Punkt. Nicht, daß sie etwa, wie so manche ihrer Bekannten, auf die jüngeren unter ihnen eifersüchtig gewesen wäre – an der Treue ihres Mannes hatte sie keinen Grund zu zweifeln. Schon seine Moral verbot ihm jeden Seitensprung. Aber er hatte schon so manche tüchtige Kraft durch sein argwöhnisches und überstrenges Wesen vertrieben – nun fing er auch mit Marie an, die schon ein ganzes Jahr bei ihnen war, diesem so fleißigen und tüchtigen, diesem in jeder Hinsicht so zuverlässigen Mädchen, wie sie so leicht kein zweites fand. Sie begehrte auf und begann ihr Loblied zu singen: wie treu und brav sie sei; wie gut sie wieder während ihrer Abwesenheit das Haus instand gehalten; wie sie nie Besuch empfinge, auch dann nicht, wenn sie verreist wären (Beweis: das Zeugnis der Köchin). Und schloß: »Natürlich hat Marie gewußt, wo wir waren. Sie mußte mir doch schreiben, ob alles in Ordnung war.« – »Nein,« waren ihre letzten Worte, »nein, Sierlin, die treibst du mir nicht auch noch aus dem Hause mit deiner–deiner–Un–lie–bens–würdigkeit, die wirklich jeden Tag größer wird!« Er mußte sich geschlagen geben und schwieg. Aber ein paar Tage später – er konnte sich so nicht beruhigen – nahm er sich (seine Frau war nicht zu Hause) Marie vor, als sie ihm den Tee brachte. Die alte Köchin, Hausinventar seit langen Jahren und übernommen, kam nicht in Betracht – sie kochte gut, war aber mehr als dumm und von einer geradezu rührenden Einfalt. Er fragte also Marie: »Sagen Sie mal, Marie, Sie haben doch von unserer Reise gewußt. Zu wem haben Sie denn von ihr gesprochen ?« Er wollte sie überrumpeln. Aber Marie ließ sich nicht so leicht überrumpeln. Sie war Berlinerin, daher nicht auf den Mund gefallen und ahnte gleich, worauf es hinaus sollte. Dies lange Ekel, das sie haßte – (an der Frau hing sie, weil sie der gegenüber die Stärkere und Klügere war) –, wollte hinter ihr Verhältnis mit ihrem geliebten Ede kommen. Aber da kam er bei ihr schlecht an. Sie tat ihre Pflicht, war ehrlich und fleißig, empfing im Hause keine Besuche ihres Freundes (wie doch alle andern Mädchen in ihrer Stellung), und was sie außerhalb desselben tat, ging den da einen Dreck an. Einem armen Mädchen auch noch vorschreiben, was es in seiner freien Zeit tun und lassen sollte – das wäre ja noch schöner gewesen! – Sie sah den Frager mit ihren hellen Augen also fest an und sagte schnippisch (und wie schnippisch!): »Zu wem soll ich wohl davon gesprochen haben? – Es geht mich ja gar nichts an. Und ich kümmere mich überhaupt nicht um die Angelegenheiten meiner Herrschaften. Die gnädige Frau hätten – « (mich nie nach so etwas gefragt, hatte sie sagen wollen). Sie wurde abgewinkt. Staatsanwalt Sierlin ergänzte sich das Nichtgesagte selbst und entließ sie. Wenn sie ihm mit seiner Frau kam ... Und überdies war aus ihr doch nichts herauszubekommen (wenn sie überhaupt etwas wußte, was ihm jetzt auf einmal wieder sehr zweifelhaft vorkam). Er war zum zweiten Male geschlagen und so klug wie zuvor. Er grübelte weiter. Aber je mehr er über die Sache nachdachte, um so unverständlicher wurde sie ihm. Hätte doch wenigstens noch ein gewisser Sinn in all dem Unsinn gelegen! – Die Geschichte wurde ihm unheimlich, um so mehr, als sie allem Anschein nach zu Ende war. Es war eine Geschichte fast wie aus einem Kriminalroman. Aber selbst ein gewiegter Detektiv (und er hielt sich selbst für einen solchen) wäre hier mit seinem Witz zu Ende gewesen. Er konnte nichts tun, als warten, bis er ihn unter die Hände bekam. Unter ihnen, diesen seinen Händen würde sich das Rätsel entwirren, das selbst zu lösen er – wie er sich eingestand – unfähig war. 13. Nie in seinem Leben hatte Staatsanwalt Sierlin so viel gearbeitet wie in dieser Zeit. Er saß bis in die Nächte über seinen Akten. Seine Stimme war härter und schneidender, sein Ruf nach Gerechtigkeit lauter als je, und seine Strafanträge überschritten jedes Maß. Den schärfer Blickenden entging es nicht, wie sich hinter dieser Forschheit des Auftretens eine gewisse Unsicherheit verbarg. Sie zeigte sich auch in den fortwährenden Zusammenstößen mit den Verteidigern, die kein Ende mehr nahmen. Man schüttelte den Kopf über ihn. Der Herbst war da. Die Tage wurden wieder kühler und in den Anlagen begannen die Bäume zu gelben. Die Bänke, im Sommer von Müttern und Kindermädchen aus der Nachbarschaft besetzt und von Kindern umspielt, standen wieder leer. An einem dieser Abende, schon gegen Ende des Monats, des September, war Staatsanwalt Sierlin allein zu Hause. Seine Frau war mit den Knaben in der Stadt zu einem Besuch bei Bekannten und daran anschließendem des Zirkus. Marie hatte ihren freien Abend und war fortgegangen, nachdem sie das Essen für den Herrn aufgetragen. Er hatte sich vorgenommen, heute noch recht fleißig zu sein und einen besonders schwierigen Fall (Gattenmord durch Vergiftung?) zu bearbeiten, mit dessen Aufklärung er Ehre einzulegen hoffte. Aber die Arbeit ging ihm nicht so recht von der Hand. Er spürte wieder diese innere Unruhe, die ihn selten mehr ganz verließ. Er ging erst auf und ab und trat dann ans Fenster, um hinauszusehen. Es war noch hell, aber ein feiner Nebel lag in der Luft und umschleierte leicht die Bäume und Bänke drüben. Bei ihrem Anblick mußte er wieder an diesen verfluchten Kerl denken, der ihm den ganzen Sommer über so viel zu schaffen gemacht hatte, mehr als irgendein anderer Mensch bisher (und allein durch seinen bloßen Anblick), diesen Kerl, hinter dessen versteckte Absichten er noch immer nicht gekommen war; und der nun seit Wochen wieder fort und nun wohl auf immer unerreichbar war. Er setzte sich wieder an seine Arbeit, aber sie ging noch schlechter voran als vorher, so daß er seine Wanderung durch das Zimmer wieder aufnahm. Seine Gedanken waren nicht mehr so bei einer Sache, hielten sie lange nicht mehr so fest wie früher. Er war sich klar darüber und zuweilen nicht unbesorgt. Nerven? – Lächerlich. Was war das? – Nerven! ... Als er zum – er wußte selbst nicht – wievielten Male an das Fenster trat, war es ihm, als säße dort drüben jetzt eine Gestalt. Aber auch sie war eingehüllt wie in einen dünnen Rauch und selbst in ihren Umrissen nur schwer erkennbar. Aber Staatsanwalt Sierlin wußte sofort, wer es war. Er und kein anderer! – Er zuckte zusammen, wie unter einem Schlage. Dann faßte er sich. Ruhe jetzt, nur Ruhe! – Er trat auf den Flur und griff nach Hut und Stock. Alles, alles kam jetzt einzig darauf an, ihn zu überraschen, damit er ihm nicht wieder entwischte. Er schlich sich die Hintertreppe des Hauses hinunter, die nach dem Hofe führte. Er lauschte nach der Küche hin, wo die Köchin mit dem Abwaschen des Geschirrs beschäftigt war. Er machte sich nicht klar, daß seine Vorsicht ganz unnötig war, denn sie war ebenso taub wie dumm. Er verließ das Haus durch die rückwärtige Tür, überschritt den Hof und ging auf dem Wege hinter den Nachbarvillen entlang bis dahin, wo die Straße ihren Anfang nahm. Sie und drüben der kleine Park lagen nun vor ihm. Der Nebel kam ihm zustatten. Er konnte unmöglich von der Bank aus gesehen werden, wie er jetzt den Damm überquerte und die Anlagen betrat. Er ging tiefer in sie hinein, so daß er die Bänke durch die kahlen Büsche noch eben erkennen konnte. Langsam und vorsichtig näherte er sich der, die er suchte. Jetzt sah er sie und den, der auf ihr saß. Wenn er sich jetzt von hinten auf ihn stürzte und ihn bei den Schultern packte, bevor er aufzuspringen vermochte, hatte er ihn! ... Aber etwas hielt ihn zurück: es war die Haltung des dort Sitzenden, jetzt nur noch auf Schritte von ihm Entfernten. Es war dieselbe Haltung wie früher, die unbekümmerte Haltung eines ganz in seine Gedanken Versunkenen, dessen Blicke weit über seine Umgebung hinweg in eine unbekannte Ferne gehen. Nur daß er die Hände nicht mehr in den Taschen hielt. Er rauchte – die Knie übereinandergeschlagen, stützte er sich mit dem linken Arm auf sie, während die rechte Hand die Zigarette hielt, deren Rauch in die Luft ging. Bei diesem Anblick kam dem ihm Nahenden ein neuer Gedanke. Er änderte plötzlich seinen Plan. Er griff in die Tasche, holte sein eigenes Etui hervor, entnahm ihm eine Zigarette und trat dann schnell hervor – auf die Bank zu. Der andere schien sein Kommen immer noch nicht zu bemerken. Staatsanwalt Sierlin setzte sich auf die nebelfeuchte Bank, rückte etwas näher und sagte, seine Zigarette vorhaltend (nicht höflich bittend, sondern wie selbstverständlich): »Aeh – gestatten wohl – Feuer ...« Der jetzt auf Reichweite neben ihm Sitzende schien ihn erst nicht gehört zu haben. Dann – sich ihm langsam zuwendend – sah er ihn zum erstem Male voll an: so, daß sich ihre Blicke begegneten, stand ebenso langsam auf, warf die halbgerauchte Zigarette mit einem Schwung in die Büsche und ging ruhig davon. Staatsanwalt Sierlin blieb auf der Bank zurück. Er wußte jetzt, wo er diesen Augen und ihrem Blick schon einmal begegnet war. II. Adolf Braun 1. Adolf Braun war der Sohn »armer, aber ehrlicher Leute«. Er hatte die Volksschule besucht, drei Jahre hindurch seine Lehrzeit in einem Manufakturwarengeschäft absolviert und in den nächsten mehr oder weniger schlecht bezahlte Stellungen bekleidet, bis es ihm geglückt war, in einem der größten der Branche eine solche zu erhalten, daß er nun auch seine alten Eltern unterstützen konnte, bei denen er lebte. Er war sehr glücklich darüber. Er war, was man einen »guten Jungen« nennt: freundlich und offen, willig und unaufdringlich, ein braver Kamerad und treuer Freund. In seinen freien Stunden (wie heute fast alle jungen Leute) dem Sport ergeben, aber nicht ausschließlich, und ebensooft auch zu Hause über einem guten Buch (wie heute nur noch wenige junge Leute). Nicht hinter den Mädchen her, aber auch vor ihnen nicht davonlaufend. Mit Hand und Herz noch frei. Wenn sein Charakter, im Grunde ein ganz unkomplizierter Charakter, eine besondere Eigenschaft aufwies, so war es die eines ausgesprochenen Gerechtigkeitsgefühls. Er konnte es schwer über sich bringen, ein Unrecht (das sich seinem noch nicht tief genug greifenden Denken natürlich nur in seinen Folgen, nicht in seinen Ursachen als solches zu erkennen gab) – er konnte es schwer ertragen, ein Unrecht ruhig mit anzusehen. Ebensowenig ertrug er ein an ihm begangenes. Das hatte bereits in seiner Schulzeit bei dem noch nicht Dreizehnjährigen zu einem harten Zusammenstoß geführt. Er war von einem Mitschüler vor dem Lehrer zu Unrecht beschuldigt worden. Eine blutige Schlägerei war die unmittelbare, eine tödliche Feindschaft (auf seiner Seite) die weitere Folge. Denn er verzieh seinem Gegner nie und wies alle späteren Annäherungsversuche des Reuigen mit einer bei seinem sonst so gutmütigen Wesen ganz ungewohnten Schroffheit und Heftigkeit zurück. Im übrigen war er alles andere als händelsüchtig, sondern im Gegenteil verträglich, und so wäre sein Leben, wie das der meisten Menschen, wohl ohne alle besonderen Zwischenfälle friedlich und unauffällig verlaufen, wenn nicht ein furchtbares – für ihn furchtbares – Ereignis von heute auf morgen diesem Leben eine andere Wendung gegeben hätte. 2. Er wurde der Unterschlagung von Geldern in seinem Geschäft beschuldigt. Es handelte sich um keine sehr große, aber auch um keine belanglose Summe. In seinem Pulte wurden Papiere – durch seine Hände gegangene Kassenzettel und Kontrollabschnitte – gefunden, deren Herkunft an diesem Ort er nicht erklären konnte. Er wußte nicht, wie sie dorthin – in sein Pult – gekommen sein konnten, zu dem er allein den Schlüssel besaß. Angesichts dieser Verdachtsgründe wurde er verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er konnte nichts tun, als nur immer wieder seine Unschuld beteuern. Es kam zur Verhandlung. Er verteidigte sich schlecht. Sein offizieller Verteidiger, ein noch ganz junger und ungeübter Mann (zu einem anderen fehlten die Mittel), tat es noch schlechter. Gefragt, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen habe, konnte er nur immer wieder stammeln, daß er unschuldig sei. So war es auch damals in der Schule gewesen, bevor sich die Anschuldigung gegen ihn als falsch erwiesen. Schon, daß man ihn für einen Dieb halten konnte, brachte ihn außer sich und raubte ihm jede Überlegung, die ihm hier allein hätte helfen, wenn auch kaum hätte retten können. Er besaß eine im Grunde schamhafte und äußerst empfindliche Seele – ein schweres Erbteil für einen Mann in einer rohen und schamlosen Zeit. Trotz allem schienen Richter und Geschworene nicht ungünstig gegen ihn gestimmt. Seine bisherige Unbescholtenheit, die Unaufgeklärtheit des Falles, die Unbeweisbarkeit, wohin das fehlende Geld gekommen – manches sprach für ihn. Bis am Schluß der kurzen Verhandlung, der letzten und späten an diesem Tage, der öffentliche Ankläger aufstand und das Wort ergriff. Erst jetzt erwachte Adolf Braun aus seiner Betäubung. Erst jetzt hörte er, was um ihn her gesprochen wurde, und verstand den Sinn der Worte. Es waren harte, falsche, wie auswendig gelernte Worte, die diese eintönige, knarrende Stimme so selbstbewußt in den Saal schleuderte. Worte, an die der, der sie sprach, selbst nicht glaubte, nicht glauben konnte. Adolf Braun wollte aufspringen, ihn unterbrechen, ihn widerlegen. Er konnte es nicht. Seine Kehle war wie zugeschnürt unter dem furchtbaren Unrecht, das ihm hier – mit diesen Worten – geschah. Dann war es zu spät. Erst als das Urteil gesprochen war und er hinausgeführt werden sollte, fand er die Sprache wieder. Er wandte sich um, sah den, der eben noch gesprochen und dessen Worte allein zu diesem Urteil geführt, fest an und ihm in die Augen, und sagte noch einmal und zum letzten Male: »Ich bin unschuldig!« Und fügte, klar und deutlich, bis in die letzte Ecke hinein verständlich hinzu: »Und Sie wissen es!« 3. Das Urteil lautete auf anderthalb Jahre Gefängnis. Eines hatte er abgesessen, als sich seine Unschuld herausstellte. Der wirkliche Täter wurde entdeckt. Er war geständig. Ein Wiederaufnahmeverfahren wurde eingeleitet. Wie es nicht anders möglich war, wurde Adolf Braun in ihm freigesprochen und mit den paar üblichen Phrasen des Bedauerns entlassen. Er stand auf der Straße. Seine Eltern waren beide in diesem Jahre gestorben. Er hatte sie kaum mehr gesehen – seinen Vater zuletzt, als er kam, ihm den Tod der Mutter zu melden, der er dann bald nachfolgte. Sie hatten nie an ihrem Sohne gezweifelt, aber sie waren im Elend und mit gebrochenem Herzen dahingegangen. Er stand auf der Straße. Die Verwandten, die er noch hatte, empfingen ihn zwar, aber so, daß er nicht wiederkam. Er war ja zwar rehabilitiert, aber er war doch »dort« gewesen. Seine Freunde waren in alle Winde verstreut, denn sie waren alle jung, jung wie er es – gewesen war. Das furchtbare Jahr begann, in dem jeder einzelne Tag ein neuer und aussichtsloser Kampf um das nackte Leben war. Er hatte im Gefängnis eine Bekanntschaft gemacht: Eduard Pritzow. Nicht ganz so unschuldig wie er, aber nicht schlimmer als leichtsinnig und skrupellos. Sie fanden sich in der Freiheit wieder und teilten getreulich Elend und Hunger, alle Enttäuschungen und jede Art von Erniedrigung dieses Jahres – von dem bedauernden Achselzucken an bis zu den billigen und leeren Trostworten, halfen sich, so gut oder so schlecht es ging, mit dem Wenigen aus, was sie gelegentlich verdienten und wurden so Freunde. Es war Eduard Pritzows Anhänglichkeit und derber Humor, der Adolf Braun in diesem Jahre aufrecht und vor dem letzten zurückhielt. Nein! – Was ihn in Wirklichkeit aufrecht hielt, was ihn in dem einen Jahre hinter den Mauern und diesem anderen in der fast noch schlimmeren Freiheit, in den endlosen Stunden des Trübsinns, der Menschenverachtung, der Verzweiflung allein noch aufrecht hielt, war ein ganz anderes – etwas, was kein Mensch wußte oder auch nur ahnte. Denn der junge Adolf Braun wurde in diesen beiden Jahren ein anderer Mensch. Richtiger wohl: es erwachte in ihm jene Seite seines Charakters, die sich bei ihm schon in früher Jugend gezeigt, zu ihrer ganzen Stärke; bemächtigte sich seines Wesens bis in die letzten Gründe seiner Seele – so sehr, daß sie eins mit ihm wurde wie seine Hand, sein Auge, das Herz in seiner Brust. Ein Unrecht war geschehen. Ihm war es geschehen. Jedes Unrecht mußte gesühnt werden. Auch dieses. Die Sühne lag bei ihm. In seine Hand war sie gelegt. Aber an wem sollte sie sich vollziehen, diese Sühne? – Der Mensch, der ihn verderben wollte, um sich zu retten (und dem es gelungen war, ihn zu verderben, ohne sich doch zu retten), saß nun statt seiner dort, wo er gewesen. Die Richter, das Gericht – sie bildeten mit den Geschworenen gleichsam eine unpersönliche und daher unangreifbare Masse. Sie alle waren es ja auch eigentlich nicht gewesen, die ihn verurteilt hatten: sie hatten nur auf Befehl, oder doch unter der direkten Einwirkung dieses langen, hageren Menschen mit dem zerfetzten Gesicht, den harten Augen, der Hakennase und der scharfen Stimme gehandelt, dieses Menschen, der selber nicht glaubte, was er sagte, der ihn gehaßt hatte, er wußte selbst nicht warum, und den er jetzt wieder haßte – weit, weit mehr als jener oder irgendein anderer Mensch zu hassen überhaupt imstande sein konnte. Der allein war der Schuldige. Er allein hatte ihn ins Unglück gestürzt. An ihm allein mußte sich die Sühne vollziehen. Und sie würde vollzogen werden! – Langsam, in den zahllosen Stunden schlafloser Nächte in einsamer Zelle; langsam in vielen, vielen untätig-schleichenden Tagen des Hungers und der Verzweiflung entstand sein Plan; reifte heran, wuchs und wuchs, gewann Gestalt. In dem ersten Jahr nach seiner Entlassung war an seine Ausführung nicht zu denken. Aber sein Plan wurde nur aufgeschoben; aufgegeben nicht eine Minute. Er mußte warten und er wartete. Eine Verwandte lebte ihm noch – auswärts, hochbetagt und wohlhabend. Er wußte, daß es ebenso zwecklos gewesen wäre, sich bei Lebzeiten an die Geizige zu wenden, wie er sicher war, nach ihrem Tode einer von den Verwandten zu sein, unter die ihre Erbschaft nach ihrem letzten Willen aufgeteilt werden würde. Er täuschte sich nicht. Etwa neun Monate nach seiner Entlassung starb sie. Zwei Monate später befand er sich im Besitz des ihm zugefallenen Erbteils – nicht ganz viertausend Mark. 4. Er behielt fünfhundert Mark zurück und trug das übrige auf die Sparkasse. Er nahm sich, als Alleinmieter, ein ruhiges und sauberes Zimmer bei einer netten, alten Frau, kleidete sich ein und half seinem Freunde Eduard auf die Beine. Er rechnete so: ein Jahr hatte er Zeit. Es lag vor ihm. Dann würde sein Geld wohl aufgebraucht sein, sicher dann, wenn die Ausführung seines Planes unvorhergesehene besondere und größere Ausgaben erforderte. In diesem einen Jahr mußte es also gelingen: sein Feind zu Fall gebracht werden. Stand dieser Feind dann noch aufrecht, war sein Plan mißlungen. Aber ein Jahr war lang (er wußte, wie lang es sein konnte!). Adolf Braun ging an das, was er seine Arbeit nannte – was seine ganze und ausschließliche Beschäftigung in diesem Jahre werden und sein sollte. Er wußte natürlich, wie sein Feind hieß: Staatsanwalt Sierlin. Er wußte auch, wo er wohnte: einmal, an einem Tage des Hungerwahnsinns, war er draußen gewesen, vor seiner Villa in dem stillen Vorort, entschlossen, ihn mit seinen bloßen Händen zu erwürgen, wenn er ihn treffen sollte. Er traf ihn an dem Tage nicht. Jetzt dachte er nicht mehr daran, ihn selbst zu töten. Das wäre ja ein leichtes und ungeheuer einfach gewesen: ihm aufzulauern und ihn dann niederzuknallen. Aber eine solche Strafe wäre viel zu leicht und schmerzlos gewesen. Und dann: sie sollte vollzogen werden, ohne daß er selbst dabei in Gefahr geriet. Er wollte nicht noch einmal (und auf immer) dorthin zurück, wo er alles gelitten hatte, was ein Mensch zu leiden nur fähig war. Nein, seine Rache sollte unblutig, sicher und für menschliche Augen unsichtbar sein. Sie sollte wirken wie ein Gift – nicht wie ein barmherziges, schnelltötendes, sondern wie ein schleichendes, unerkennbares, undeutbares Gift, das sich einfressen sollte wie eine heimtückische Krankheit: harmlos in seinen ersten Wirkungen, furchtbar in seinen letzten. Das war es, was er vorhatte. Der Feind sollte ihn, sein Opfer, sehen. Sehen und immer wieder sehen – überall und unverhofft. Sehen, sehen, bis er seinen Anblick nicht mehr ertrug, bis er ... 5. Adolf Braun ging an die Ausführung seines Planes. Nicht daß dieser Plan in allen seinen Einzelheiten fertig vor ihm gelegen hätte – diese mußten sich von selbst ergeben, sich aus ihm heraus entwickeln. Sie waren nicht im voraus feststellbar. Was er allein mehr ahnte, als wußte, war: daß zu seiner erfolgreichen Durchführung ein Übermaß von Geduld, eiserne Nerven und ein durch nichts zu erschütternder Wille gehörten. (Neben Zeit und Geld – aber Zeit und Geld hatte er ja.) Es galt daher, zunächst seinen durch die Entbehrungen des letzten Jahres geschwächten Körper so zu stählen, daß seine Nerven jeder Ermüdung, jeder Anstrengung, jeder Erschütterung gewachsen waren. Sie mußten seinem Willen jederzeit bedingungslos gehorchen. Fühlte er, daß sie im geringsten nachgaben, mußte er ihnen Ruhe gönnen und sie aufs neue auf das Ziel hin trainieren. Er tat es. Er lebte einige Wochen ausschließlich seiner Gesundheit. Er aß gut, schlief viel, machte lange und weite Spaziergänge in frischer Luft und vermied jede, auch die kleinste Ausschweifung. Er trainierte, wie nur ein Sportsmann trainiert. Nach diesen Wochen war er so weit, daß er sich einen ersten, kleinen Vorstoß zutrauen durfte. Der Feind sollte zunächst nur an ihn erinnert werden: ihn sehen (wenn er ihn auch höchstwahrscheinlich nicht wiedererkannte). So ging er denn an drei verschiedenen Tagen, gegen Abend, nachdem er ihm entweder vom Gericht aus in der Straßenbahn unauffällig gefolgt war oder ihm, nun, wo er wußte, wann er ungefähr nach Hause zu kommen pflegte, aufgelauert hatte, erst hinter ihm her, dann dicht an ihm vorbei – immer, ohne ihn im geringsten zu beachten, als kenne er ihn nicht und habe ihn nie gesehen. Beim dritten Male fühlte er, daß er gesehen worden war. Dann saß er in der folgenden Woche Abend für Abend auf der Bank, die dem Hause, das er kannte, schräg gegenüber lag. Er saß oft stundenlang da. Es war noch kalt – er fühlte es nicht; es regnete – er merkte es kaum. An einem dieser Abende schritt er, kurz nachdem der Feind sein Haus betreten hatte und am Fenster erschien, auf dieses Haus zu, ging an ihm vorbei und fort. Er war fast sicher, jetzt nicht nur gesehen, sondern auch bemerkt worden zu sein. Er nahm seinen Platz wieder ein – in einer sorgsam einstudierten Haltung: gerade aussehend, wie in Träumen; seiner Umgebung entrückt, wie in Gedanken. Es geschah, daß er wirklich Ort und Stunde vergaß und das Herankommen des anderen übersah. Das schadete nichts. Wenn er nur gesehen war. Wenn man nur auf ihn aufmerksam geworden war ... Er überzeugte sich, daß man es war. Er merkte es an einem Verlangsamen der Schritte des Erwarteten, wenn er die Straße betrat; er fühlte mehr als er sie sah, die Blicke, die zu ihm herüberflogen und sich dann in gekünsteltem Gleichmut wieder abwandten. Auch die Kinder kannte er bereits, wie sie ihn. Sie spielten zuweilen neugierig um den regungslos Dasitzenden herum, ohne daß sie es gewagt hätten, sich ihm ganz zu nähern. Er kannte auch die majestätische und aufgedonnerte Pute, die drüben hinaus- und wieder hineinrauschte – seine Frau; das flinke und dralle Dienstmädchen, das dort hin und her flitzte; er kannte sogar das dumme, gutmütige Gesicht der dicken Köchin, das zuweilen in der Haustür erschien – er tat, als kümmerte er sich mit keinem Blick um sie alle. Er saß da, in immer der gleichen, gleichgültigen Haltung, mit den Blicken über das Haus und seine Bewohner weg, und die Hände tief in den Taschen seines Sakkos. Um ganz sicher zu sein, ging er dann wieder an drei aufeinanderfolgenden Abenden der übernächsten Woche so auffällig schnell an dem Nachhausekommenden, und zwar diesmal auf der Bordschwelle, vorüber, daß er in der stillen, kaum von einem Menschen betretenen Straße auffallen mußte. Er fiel auf. Er merkte es an dem plötzlichen Stillstehen des anderen beim Vorüberschreiten; an den herausfordernden Blicken, die ihn von der Seite trafen, ohne daß er sie scheinbar bemerkte. Er wußte nicht, ob er bereits erkannt war. Daß er gesehen und bemerkt war und daß man sich über ihn zu ärgern begann – dessen war er sicher. Damit war einstweilen erreicht, was er zunächst wollte, und er durfte sich eine Ruhepause gönnen. Diese ersten, harmlosen Plänkeleien hatten ihn, mit ihrem oft stundenlangen Auflauern, dem die Wachsamkeit aller Sinne erfordernden Nachgehen, dem Sitzen auf dieser Bank bei jeder Witterung zwar nicht ermüdet oder angegriffen, aber doch in eine neue und etwas erregte Stimmung versetzt. Dazu kam die jedesmalige Anspannung aller seiner Willenskräfte bis zum Äußersten, um beim Vorbeigehen an sich zu halten – sich nicht auf den Feind zu stürzen und ihn niederzuschlagen. Er bezwang sich – das durfte nicht sein. Es gehörte nicht in seinen Plan. Als er glaubte, daß sie sich nun genug ausgeruht haben dürften (sie beide), nahm er seine Arbeit wieder auf. Aber jetzt trieb er sich nicht mehr in dem Vorort dort draußen herum, sondern in der Nähe des Gerichts. Dort sah er »ihn« alle Augenblicke, ohne indessen von ihm wiedergesehen zu werden. Er wollte auch einstweilen nicht gesehen werden. An einem Nachmittag jedoch, einem wundervollen Maitage, war die Gelegenheit allzu günstig, als daß er sie ungenützt hätte vorübergehen lassen dürfen. Sein Feind stand mit einigen anderen Herren an der Haltestelle der Straßenbahn und wartete auf seinen Wagen. Er faßte sich und ging so auffallend dicht an ihm vorbei, daß er gesehen werden mußte, obwohl er selbst keinen Blick zur Seite warf. An der schnellen Körperwendung des anderen, einem fast unmerklichen Zusammenfahren, fühlte er, daß ihm nachgesehen wurde. Er ging ein paar Straßen weiter, bestieg das erstbeste Auto und ließ sich hinausfahren. Kurz vor dem Ziel stieg er aus und setzte sich auf seinen alten Platz auf der Bank. Es dauerte noch gut eine halbe Stunde, bis er die gewohnte Gestalt um die Straßenecke biegen sah. Er sah sie plötzlich stillstehen, merkte, daß er abermals gesehen war, stand schnell auf und ging fort. Er wußte: jetzt dachte er an ihn. 6. Das sollte er. Aber nicht nur einmal sollte er an ihn denken, um ihn dann wieder zu vergessen – nein, öfter und öfter. Oft noch, oft! –Und dann – immer und immer! ... Wieder durfte eine kleine Ruhepause eintreten. Er verbrachte ihre Tage, sommerliche Junitage voll Glanz und Wärme, im Schwimm- und Luftbad, gönnte sich wieder vollkommene Ruhe, stärkte seine Nerven und stellte sie dann wieder in den Dienst seiner Sache. Dem Gericht gegenüber lag ein kleines Café. Es wurde fast nur von Juristen – »den Herren von drüben« – besucht, die hier in den Pausen eine schnelle Erfrischung zu sich zu nehmen pflegten, bevor die Pflicht sie wieder rief. Adolf Braun hatte sich keine Mühe zu geben brauchen, um das herauszufinden. Er gehörte plötzlich ebenfalls zu den regelmäßigen Besuchern des kleinen Cafés, saß in dem engen Vorbau, trank seinen Kaffee und blätterte in Zeitungen. Die Kellner kannten ihn bald: er gab die besten Trinkgelder und hatte die Eigenheit, stets gleich zu bezahlen, sobald das Bestellte vor ihm stand. Auch trank er dann schnell aus, saß aber oft noch lange, um dann wieder ganz plötzlich aufzustehen und das Lokal zu verlassen. Sie hielten ihn für einen Kriminalstudenten. Adolf Braun konnte die Straße und den Eingang des großen, roten Gebäudes drüben von seinem Platze aus gut übersehen. Er sah, wie sein Feind nahte, ließ die Zeitung sinken, stand auf, sobald jener eintrat, ging an ihm vorbei und hinaus. An seinem Zusammenfahren sah er, daß er erkannt war. Er sah es an seinem jähen Sichwegwenden und schloß daraus mit Recht, was er sich selbst gesagt hatte: daß jener es hier, wo aller Augen auf sie gerichtet waren, nicht zu einem Skandal kommen lassen wollte – daß jedes Aufsehen auf das peinlichste vermieden werden sollte. Er hatte sich in Erinnerung gebracht. Er brachte sich immer wieder in Erinnerung. Etwa einschlummernde Gedanken wurden wieder geweckt; ein letztes Unbehagen zu aufkeimender Unruhe verstärkt. Sein Anblick mußte ihn ärgern. Er sollte ihn ärgern. Wieder war erreicht, was er einstweilen wollte. Er durfte wieder eine Weile fortbleiben, baden und sich in die Sonne legen. 7. Aber nicht auf lange. Denn, die großen Ferien nahten heran und Staatsanwalt Sierlin würde natürlich in ihnen verreisen. Sie durften nicht vergehen, ohne daß man ihn am Werke sah. Jetzt brauchte er Hilfe: er mußte über die Bewegung des Feindes orientiert sein, um ihm – nötigenfalls auf den Fersen – zu folgen. Der Zeitpunkt war da, wo sein Freund Eduard in Aktion treten sollte. Sie sahen sich, nicht regelmäßig, aber doch von Zeit zu Zeit, und wußten immer, wo sie sich treffen konnten. Jetzt bestellte er ihn mündlich in ein Restaurant. Er hatte ihm nichts von seiner Erbschaft erzählt, sondern nur, daß er jetzt eine kleine monatliche Rente von einem Verwandten, den sein Unglück gerührt, erhalte, bis er wieder Arbeit habe. Daß er sich unter solchen Umständen nicht beeilte, sie zu finden – wem konnte das besser einleuchten als Ede? – (Dieser selbst machte so allerlei Gelegenheitsgeschäfte, bei denen er sich nach Möglichkeit bemühte, mit den Gesetzen nicht wieder in Konflikt zu kommen – für das weitere sorgten die »Mächens«, und im Falle äußerster Not wußte er jetzt, daß er immer an seinem guten Freunde Adolf eine Stütze hatte.) Natürlich wußte er auch nichts von dessen Plan. Auch an diesem Abend erfuhr er nur, daß sein Freund den Staatsanwalt wieder gesehen habe, der ihm damals so übel mitgespielt, und daß er ihn gern »ein bißchen ärgern« wolle. Dazu brauche er seine, Edes, Hilfe. Er müsse sehen, wie der da so lebe und welches so seine Lebensgewohnheiten seien. Es war Wasser auf Edes Mühle. Unliebsame Menschen zu ärgern war immer ein Vergnügen; einen Staatsanwalt ärgern zu können aber eine Wonne! – So lauschte er denn begierig auf die Worte seines Freundes, versprach jede gewünschte Unterstützung und meinte nur – ganz richtig –, daß, wenn der Staatsanwalt so geärgert wurde, daß er dahinter kommen wolle, wer ihn ärgere und den Spieß umkehrte, daß es dann wohl besser sei, sie sähen sich nur noch in möglichst unauffälliger Weise und an einem weniger besuchten Orte als diesem besuchten Restaurant. Es wurde also vereinbart: Ede solle zunächst mit dem Dienstmädchen von Staatsanwalts anbandeln und sehen, ob durch sie nicht allerhand in Erfahrung zu bringen sei. Das machte Ede aus dem Handgelenk. »Du«, sagte er schon ein paar Tage später, als sie sich in dem neuen Lokal (einer stillen Kneipe droben im Norden und mit Telephon) trafen. »Du, wenn du noch mehr solcher Aufträge für mich hast – die übernehm ich gern ...« Denn die Marie war ein molliges Ding und ganz sein Fall. Er hatte sich unter der Maske eines Kolporteurs für illustrierte Familienzeitschriften und Wochenblätter bei ihr eingeschmuggelt. An ihrem nächsten freien Abend waren sie bereits spazieren und im Café gewesen, und nächsten Sonntag ging's hinaus zum Scherbeln. Aus der herauszukriegen, was man wissen wolle, sei ein Kinderspiel – sie habe schon ein grenzenloses Vertrauen zu ihm und plappere alles von selber aus, ehe man sie gefragt. »Und hübsch ist sie,« schloß Ede, »hübsch – so ... na, du weißt schon ...« Er machte eine weite Handbewegung. Sein Freund lachte und drückte ihm einen Zehnmarkschein in die Hand – »für einstweilige Unkosten«. Adolf Braun war also nun sicher, alle Einzelheiten zu erfahren, die er wissen wollte, und ließ die Ferien herankommen. 8. Er war natürlich nicht mit nach Kiel gefahren. Die Sache war sehr einfach gewesen. Als er das große Restaurant, in dem er jeden Abend zu bestimmter Stunde aß (und in dem Ede und er sich zuerst immer getroffen), betrat, sagte ihm der alte Kellner, der ihn für gewöhnlich bediente, ein Herr habe angerufen. Das war das Zeichen, daß er sofort in das andere Lokal im Norden kommen solle. Er fuhr hinauf. »Du,« sagte Ede, »ich habe eben Mieze draußen getroffen. Wir wollten uns zu Sonntag verabreden. Sie hat mir gesagt, daß dein Staatsanwalt morgen früh mit dem ersten Zug nach Kiel reist, sie mußte ein Auto zu sieben Uhr bestellen. Es ist dir vielleicht lieb, es zu wissen ...« Ob es ihm lieb war! – Am nächsten Morgen stand er eine Stunde vor Abgang des einzigen in Frage kommenden Zuges, in der Nähe des Schalters im Hintergrund. Es war kein Gedränge. Im Augenblick, als er den Erwarteten in die Halle kommen und auf den Schalter zuschreiten sah, trat er schnell (und ohne von ihm gesehen zu werden) vor ihn hin und verlangte, abgezähltes Geld in der Hand und nun, vor ihm stehend und ihm den Rücken zuwendend, eine Fahrkarte nach Kiel zweiter Klasse. Er sprach absichtlich laut und deutlich. Im nächsten Augenblick war er durch die Sperre und auf dem Bahnsteig. Aber statt dort auf den bereitstehenden Zug zuzugehen und einzusteigen, bog er mit schneller Wendung nach rechts ab und betrat das Bureau des Stationsvorstehers. Dort wartete er bescheiden, bis die Reihe an ihn kam und der Zug abgefahren war, ehe er den Betrag für seine Fahrkarte zurückerbat: plötzlich heftig aufgetretener Schmerzen wegen, die nach Ansicht des Arztes eine sofortige Operation (wahrscheinlich Blinddarm) nötig machten, sei es ihm leider nicht möglich, die Reise anzutreten. Nach einigem Hin und Her erhielt er sein Geld zurück. (Wenn auch in dieser Sache kein Geld gespart werden durfte – hinausgeworfen brauchte es auch nicht zu werden.) Wieder draußen sah er die letzten Rauchwolken des eben abgegangenen Zuges. Er blickte ihm mit befriedigtem Lächeln nach. 9. Zwei Tage später nahmen die beiden Freunde nach einem vergnügten Abend gerührten Abschied voneinander. Adolf war, wie er sagte, von seinem Onkel– demselben, der ihn unterstützte – eingeladen, einige Wochen bei ihm zu verbringen. (Eduard brauchte nicht mehr zu wissen, als zu wissen nötig war, daher auch nicht, wohin er in Wirklichkeit ging.) Er hatte natürlich durch ihn (wie dieser durch Mieze) erfahren, wohin der Rest der staatsanwaltschaftlichen Familie gestern gereist war und in welchem Hotel man abzusteigen gedachte. Mieze hatte die Adresse aufgeschrieben erhalten, um für alle Fälle Nachricht geben zu können, wenn »etwas passieren sollte«, und diese Adresse natürlich ihrem Liebsten gezeigt. Adolf Braun fuhr am nächsten Morgen ab. Die ersten Menschen, die ihm in der Hotelhalle begegneten, waren Frau Staatsanwalt Sierlin mit ihren beiden Kindern, welche ihn sofort erkannten und sich nach ihm umsahen. Er schien sie an diesem Tage ebensowenig wie an allen folgenden zu sehen. Alles, was er tat, war: daß er den Oberkellner (unter Zuhilfenahme eines guten Trinkgeldes) bat, ihm einen bestimmten Tisch für die Mahlzeiten in der Veranda zu reservieren. Im übrigen badete er, lag am Strande, führte das müßige und gesunde Leben aller Gäste hier – von keinem beachtet, niemanden beachtend und – wartete. Am sechsten Tage zeigte ihm der festlich mit Blumen geschmückte Tisch – der zweite von dem seinen an der Fensterseite der Veranda –, daß der Feind heute eintreffen sollte. Er ging sofort ins Bureau hinunter und erledigte seine Rechnung, da er, wie er sagte, morgen früh mit dem allerersten Zuge abreisen müsse. Als er die Veranda wieder betrat, saß der Erwartete bereits zwischen den Seinen und über der Suppe. Adolf Braun nahm seinen gewohnten Platz ein, den fremden Tisch auch heute im Rücken. Um auch diesmal ganz sicher zu gehen (gesehen zu sein), stand er kurz vor Schluß der Mahlzeit auf und ging auf einem kleinen, aber völlig unnötigen Umwege so dicht an dem Tisch der Familie vorbei, daß er gesehen werden mußte. Obwohl keiner der Daransitzenden aufsah, fühlte er doch, daß einer ihn bemerkt hatte. Das war alles, was er wollte. Er ging sogleich auf sein Zimmer und zu Bett. Am nächsten Morgen, als alles noch schlief, verließ er das Hotel und reiste ab. 10. Nicht nach Berlin zurück. Wozu?– Er war nun einmal hier an der See, und wenn sein Feind sich einen Aufenthalt an ihr leisten konnte – er konnte es sich auch. Auch er würde seine Nerven nötig haben im kommenden Winter, und die See, noch nie bisher gesehen, übte einen beruhigenden und bezaubernden Einfluß auf ihn aus. Er konnte den ganzen Tag am Strande liegen und der Sprache der Wellen lauschen. So fuhr er ganz einfach eine Anzahl Meilen weiter nach einem anderen Badeort an der Küste. Er gab sich wieder ganz den ersten Eindrücken hin, faulenzte, ließ keine Mahlzeit aus und schlief viele Stunden – in salziger Luft und süßer Sonne. Nach vier Wochen – eine vor Ablauf der Ferien – kehrte er braungebrannt und gesund wie ein Fisch im Wasser nach Berlin zurück, von Ede mit Jubellauten begrüßt. Der hatte mit seiner Braut (wie er sie jetzt immer nannte) auch eine gute Zeit gehabt. Wenn er auch – auf ihren eigenen, mehr aber noch auf seines Freundes so dringend geäußerten Wunsch – nie zu ihr ins Haus gekommen war, so hatten sie sich doch alle nase- und ganze Tage lang gesehen, und daß sie nunmehr den ersten Platz in seinem geräumigen Herzen einnahm, darüber konnte kein Zweifel mehr bestehen bei denen, die ihn von ihr reden hörten. Adolf Braun erfuhr natürlich Tag und Stunde der Heimkehr von Staatsanwalts und war rechtzeitig auf dem Posten. Als der Taxameter vorfuhr, ging er zwischen diesem, den eben abgeladenen und noch nicht sämtlich ins Haus geschafften Gepäckstücken und den beiden Knaben durch, während der, auf den es allein abgesehen war, ihm den Rücken zuwandte, noch im Begriff, den Chauffeur zu bezahlen. Die Kinder hatten ihn gesehen. Das genügte. Sie würden es weitererzählen. Auch diese Begegnung war, wie die beiden vorhergehenden, bis in jede Einzelheit vorher genau überlegt und durchdacht. 11. Jetzt war es soweit, daß er sich zu erkennen geben wollte und mußte. Er war überzeugt, daß sein Feind noch immer nicht wußte, wer er war, geschweige denn, was er wollte. Er hätte sich sonst anders benommen – mit größerer Sicherheit und wahrscheinlich auch versucht, mit ihm in irgendeine Berührung zu kommen: ihn anzusprechen oder ihm in den Weg zu treten. Wie sollte er ihn wohl auch wiedererkannt haben? – Damals, bei der Verhandlung, hatte er immer nur in seinen Akten geblättert und ihn kaum angesehen. Der Augenblick des Hinausgehens aber war zu kurz gewesen, wenn er auch einen gewissen Eindruck nicht verfehlt haben mochte. Außerdem war er selbst verändert: er trug das Haar nicht mehr als Bürste, sondern länger und gescheitelt, einen kleinen Schnurrbart, und war stärker in den Schultern. Es war so weit. Die Hälfte der gesetzten Zeit war schon verflossen. Er hatte in der Zeit erreicht, was zu erreichen war. Er war gesehen und bemerkt worden. Man war unruhig, gereizt, wütend (bis zu welchem Grade war nicht festzustellen). In jedem Falle waren Neugier, Mißtrauen, Verdacht erweckt. Die Plänkeleien hatten jetzt aufzuhören. Dafür mußte es zum ersten Vorstoß kommen, bevor dann der eigentliche Kampf begann (in welchem es sich erweisen würde, wer von ihnen der Stärkere war). Er fühlte, wie sehr sein Gegner auf dieses erste Zusammentreffen brannte. Er wollte ihm nicht mehr ausweichen. Er sollte ihn finden. Die Anlagen lagen schon wieder fast verlassen da, als er, etwa zwei Wochen nach den Ferien, um eine frühe Nachmittagsstunde seinen alten Platz auf der Bank wieder bezog. Die beiden ersten Tage vergebens: den einen Abend war der Erwartete erst ganz spät nach Hause gekommen, als er die Hoffnung bereits aufgegeben – er erfuhr es nachträglich durch seinen Freund; den anderen aus einem unbekannten Grunde. Aber am dritten Tage, gegen Abend, sah er ihn um die gewohnte Stunde nach Hause kommen. Er hatte sich noch nicht gesetzt, sondern stand abseits in ziemlicher Entfernung und beobachtend. Noch konnte er daher nicht gesehen worden sein. Jetzt nahm er Platz, sah in die Luft und steckte sich eine Zigarette an. Dann noch eine und noch eine. Er wartete. Nach etwa einer halben Stunde sah er den Feind, nicht aus dem Hause treten, sondern sich von der linken Seite her nähern. Er mußte den hinteren Ausgang benutzt haben, und er wußte, warum. Er beeilte sich, eine frische Zigarette hervorzuholen und anzurauchen. Auch das gehörte zu seinem Plan. Bald bemerkte er, wie der Feind hinter ihm aus dem Gebüsch hervortrat und vorsichtig auf die Bank zukam. Er sah, wie er sich setzte. Er rührte sich nicht. Und dann schlug die Stimme, diese seit Jahren nicht mehr gehörte, aber nie vergessene Stimme an sein Ohr, wie sie ihn um Feuer bat. Er wandte sich langsam und scheinbar gleichgültig zu ihr hin und sah zum erstenmal wieder in das ihm jetzt so nahe verhaßte Gesicht, sah sekundenlang fest in die kalten, etwas vorstehenden Augen, stand schweigend auf, warf verächtlich seine Zigarette fort und entfernte sich. Er wußte nicht, wohin er ging. Er fühlte nur, wie er zitterte. Er zitterte, seine Nerven drohten unter der ungeheuren Anstrengung, sich zu beherrschen: nicht in dieses Gesicht, das er haßte und verabscheute wie nichts auf der Welt, wie er jemals auch nur annähernd etwas gehaßt, zu schlagen (nein, zu spucken),– seine Nerven, sonst Stahl, drohten nachzugeben. Erst allmählich wurde er ruhiger. Er wußte, jetzt war er erkannt. Ein Aufzucken in diesen grünlichen Augen hatte es ihm bewiesen. Das Vorspiel war zu Ende. Der Kampf konnte beginnen. Sein Feind hatte eiserne Nerven. An seinen stählernen, die nie mehr, wie eben, zucken durften, was immer auch geschehen würde, sollten sie sich langsam, aber sicher zermürben. III. Der Kampf 1. Staatsanwalt Sierlin blieb allein auf der Bank zurück. Er war jetzt nicht mehr im Zweifel darüber, wo er diesen jungen Menschen, der eben noch hier gesessen, wo er diesen Blick schon gesehen. Aber er erinnerte sich immer noch nicht, wann es gewesen war: vor zwei oder drei Jahren? – Des Tages jedoch erinnerte er sich jetzt genau wieder. Er stand auf und ging tief in die Anlagen hinein. Er suchte in seinem Gedächtnis nach Einzelheiten. Es war der Tag gewesen, an dessen Morgen, beim Aufstehen, er die erste, ernstliche Auseinandersetzung mit seiner Frau gehabt hatte. Sie warf ihm vor, nicht schnell genug vorwärtszukommen; er ihr, ihn daran auf alle mögliche – ihre – Weise zu hindern. Allerhand bisher Unausgesprochenes kam zutage und machte sich in lauten, heftigen Worten auf beiden Seiten Luft. In bereits erregter Stimmung verließ er das Haus. Sie wurde nicht besser im Laufe des Tages. Der soviel besprochene Prozeß, dieser Bandwurm von einem Prozeß (Brandstiftung in Verbindung mit Mordversuch), kam an ihm zu Ende. Zu keinem guten für ihn. Denn er endete mit einer glatten Freisprechung des Angeklagten, obwohl er seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, ihn auf mindestens fünfzehn Jahre ins Zuchthaus zu bringen. Nach einem wilden Tage sollte dann noch ein anderer Prozeß zur Verhandlung kommen – ein ganz gleichgültiger und alltäglicher: einfache, aber unbewiesene Unterschlagung. Hier hatte er leichteres Spiel: der offizielle Verteidiger war ein Tropf, der Angeklagte selbst konnte zu seiner Verteidigung nichts anderes vorbringen als das hier zum Überdruß immer wieder gehörte: »Ich bin unschuldig!«, und Geschworene wie Richter hatten nur den einen Wunsch, endgültig und baldigst nach Hause zu kommen. Er selbst hatte die Akten nur flüchtig bearbeitet und über Schuld und Unschuld kein klares Urteil. Aber diese Fälle von Unterschlagungen bei jungen Angestellten mehrten sich in letzter Zeit in so erschreckender Weise, daß endlich einmal ein Exempel statuiert werden mußte. Er sprach daher heftiger, als er es eigentlich in einer im Grunde so gleichgültigen Sache wollte. Er sprach von der immer mehr um sich greifenden Verwahrlosung unserer Jugend, ihrer dreisten Überheblichkeit den göttlichen und menschlichen Gesetzen gegenüber, und der herrschenden Verwirrung in den Eigentumsbegriffen. Er beantragte anderthalb Jahre Gefängnis. Darauf wurde erkannt. Er erinnerte sich auch noch, wie er so in den Anlagen herumging, wie der Angeklagte, bevor er abgeführt wurde, ihm einige Worte zugerufen hatte, etwa der Art: daß er unschuldig sei und daß er, der Staatsanwalt, wissen müsse, daß er es sei. Das hatte ihn damals natürlich ganz kalt gelassen. Der Fall war erledigt und wurde über hundert anderen vergessen. Er hätte sich auch heute wohl kaum mehr an ihn erinnert, wenn dann nicht das Wiederaufnahmeverfahren beantragt worden wäre, das mit der glatten Freisprechung des Verurteilten endete. Er war in ihm nicht beteiligt, da er sich zur Zeit auf einer Dienstreise befand. Immerhin; es war eine Schlappe für ihn (zu anderen), über die er sich mit der alten Redensart tröstete, daß alle Menschen dem Irrtum unterworfen waren, sogar Staatsanwälte. Die Schlappe wurde wettgemacht, und auch die Erinnerung an sie versank mit den Akten in dem Orkus der Gesetzespflege. Sie war vergessen bis auf den Namen des damals zu Unrecht Verurteilten, dessen Person er während der Verhandlung kaum einen Blick geschenkt. Ein junger Mensch, wie hunderttausend andere. Staatsanwalt Sierlin blieb stehen und sah, daß er die unangerauchte Zigarette noch immer zwischen den Fingern hielt. Er war ganz allein hier. Auf einmal war es ihm, während er sie hin und her drehte, als höre er die Stimme von damals wieder, und jetzt auch die Worte, die sie ihm zugeschleudert: «Ich bin unschuldig! – Und Sie wissen es, daß ich es bin!« – und die Worte, die ihn damals so gleichgültig gelassen, gewannen in dieser Minute eine ganz andere Bedeutung für ihn. Ein unbehagliches Gefühl stieg in ihm auf. Er begann zu ahnen, weshalb dieser junge Mann, seit jetzt einem halben Jahre, hinter ihm her war. Aber was er eigentlich von ihm wollte – auf diese Frage fand er immer noch keine Antwort. 2. Er fand sie auch am Abend nicht, als er noch, wieder in seinem Arbeitszimmer, lange über das Ganze nachdachte. Dieser Mensch konnte sich doch nicht etwa in Wirklichkeit einbilden, daß er schuld an seiner Verurteilung gewesen war? – Die Richter hatten ihn auf den Spruch der Geschworenen hin verurteilt – er doch nicht. Aber solche Menschen kamen oft auf die sonderbarsten Einfälle. (Besonders dann, wenn ihnen Unrecht geschehen war, wie es hier zweifellos der Fall war.) Er ließ sich die Akten der Anklage wegen Unterschlagung und des Wiederaufnahmeverfahrens: »Fall Adolf Braun« heraussuchen. Das dauerte einige Tage. Sie besagten ihm nichts Neues: Ein junger Kaufmann, Adolf Braun, zweiundzwanzig Jahre, guten Leumunds, nicht vorbestraft, war zu anderthalb Jahren verurteilt und nach einem Jahre, im Wiederaufnahmeverfahren, in dem sich seine Unschuld erwies, nachträglich freigesprochen. Nun also: damit war er ja rehabilitiert. Staatsanwalt Sierlin machte sich einige private Notizen in bezug auf Person und Daten und schickte die Akten zurück. Ja, warum verfolgte er gerade ihn? – Was hatte er ihm getan? – Er hatte doch nur seine Pflicht erfüllt und sogar, bei der Ungeklärtheit des Falles, eine besonders niedrige Strafe beantragt. Daß er einfach das Opfer eines Justizirrtums (wie so manche andere) geworden war, das sah so ein Mensch, dem das erlittene Unrecht die Sinne verwirrt hatte, natürlich nicht ein. Aber er haßte ihn offenbar und verwandte eine ganz unglaubliche Menge an Zeit und Geld einzig und allein darauf, ihm immer wieder und wieder zu begegnen. Allein dieser Haß hatte sich doch erst ein volles Jahr – er sah in seine Notizen – nach seiner Freisprechung geäußert, und ein so hartnäckiger und unverständlicher Haß mußte sich doch noch aus einem anderen und besonderen Grunde gerade gegen ihn richten? – Hatte er, dieser Mensch, wirklich annehmen können, er solle seinen Freispruch beantragen? – Das tat er nur, wenn es absolut nicht anders ging, wenn felsenfeste und unumstößliche Beweise für die Unschuld eines Angeklagten vorlagen, und wenn er selbst an diese Unschuld glaubte. In diesem Fall aber – – – Plötzlich befand sich der Staatsanwalt Sierlin in seinen Meditationen nicht mehr auf ganz so sicherem Boden. Er hatte, soweit er sich zu erinnern vermochte – (aber der Fall lag so lange zurück, und es war ein so alltäglicher und uninteressanter Fall gewesen) – er hatte angesichts der eigenen Verteidigung des Beschuldigten (die keine war) und der dieses blödsinnigen Anwalts (die eher eine Belastung war) ihn zwar nicht für schuldig, aber auch nicht für unschuldig gehalten. So war es wohl gewesen ... Aber was ging denn ihn das an: die Entscheidung über Schuldig und Nichtschuldig lag nicht bei ihm, sondern bei den Geschworenen und Richtern. Sie hatten auch hier das letzte Wort gesprochen. Was also – er fragte es sich immer wieder – was also suchte dieser Jüngling gerade in ihm das Objekt für seinen Verfolgungswahnsinn, um sich eine (übrigens ganz aussichtslose) Genugtuung zu verschaffen, eine Genugtuung, die ihm zudem doch durch den Freispruch im Wiederaufnahmeverfahren schon geworden war? – Aber er selbst war nun einmal das unschuldige Opfer geworden, und es war höchste Zeit, daran zu denken, wie er sich diese unaufhörlichen Belästigungen (die nachgerade anfingen unerträglich zu werden) ein für alle Male vom Halse schaffen konnte (denn daß sie mit dieser heutigen Begegnung auf der Bank noch nicht zu Ende waren, das sagte ihm wieder ein sicheres Gefühl). Ein Ende mußten sie nehmen. Aber wie ? – Der Jurist in ihm dachte natürlich zunächst an Schutz durch die Gesetze. Aber welche Handhabe boten diese zu einem Vorgehen? – Wenn er sich das fragte, mußte er sich selber sagen: eigentlich gar keine. Denn welche strafbare Handlung lag vor? – Keine. Dieser Mensch tat ihm nichts (einstweilen noch nicht). Er ging ihm in letzter Zeit sogar aus dem Wege. Er war nur da. Immer da. An den unmöglichsten Orten; zu den unvorhergesehensten Zeiten. Das war nicht nur störend und lästig, es ging allmählich auch auf die Nerven. Er konnte sich an die Polizei wenden, sagen, daß sich seit längerer Zeit in der Nähe seines Hauses eine verdächtige Persönlichkeit herumtreibe, und bitten, auf sie ein wachsames Auge zu haben. Aber diese Angaben wären einmal viel zu allgemein gehalten gewesen und dann auch gar nicht mehr zutreffend. Denn der, um den es ging, mied seit Monaten schon diese Gegend zur Abwechslung einmal wieder, und dann glaubte er selbst nicht (und hatte es nie geglaubt), daß man es bei ihm mit einem Dieb oder Einbrecher zu tun hatte. Zudem konnte die Polizei nicht Tag und Nacht einen ihrer Leute vor sein Haus stellen. Wenn er nur wenigstens das geringste Zeichen von Abnormität zeigen wollte! – Dann hätte man ihn eher greifen können. Aber nein: er warf weder wütende Blicke um sich, noch murmelte er unverständliche Worte vor sich hin. Er hatte ihn bisher nie auch nur angesehen (bis auf dies eine Mal), geschweige denn angesprochen. Er trat ihm nie mehr in den Weg; er ging ihm aus dem Wege. Er war – Staatsanwalt Sierlin mußte es zugeben – die Ruhe, die Sicherheit, die Unbekümmertheit und die Unerschütterlichkeit selbst. Das war es, was ihn so außer Fassung brachte, ihn, der fühlte, wie er allmählich selbst seine Ruhe verlor. Nein, mit Gewalt war dieser Gleichgültigkeit und Passivität nicht beizukommen. Wenn er ihn nur ein einziges Mal allein, ganz allein wieder träfe! – Aber wo? – Sollte er ihn in seiner Wohnung aufsuchen ? – Das verbot ihm nicht nur sein Stolz, sondern es wäre auch mit seiner amtlichen Stellung nicht zu vereinbaren gewesen (wie er glaubte). Und dann war er gewiß, ihn nicht zu treffen (solche jungen Leute, wie dieser, waren nie zu Hause); oder, wenn er ihn traf, abgewiesen zu werden. Ihm schreiben? – Ihn so auf seinen Irrtum aufmerksam machen? – Er würde nie eine Antwort bekommen und sein Brief – ein privater Brief! – in Hände geraten, die ihn gegen seine Person ausspielen konnten. Er wußte, wie vorsichtig er in seiner Stellung sein mußte. Er konnte den Spieß umkehren und nun seinerseits eine regelrechte Überwachung und Verfolgung ins Werk setzen. Persönlich fehlte ihm dazu die Zeit (über die der andere so schrankenlos verfügte) und zu einer Überwachung durch einen Privatdetektiv die Mittel. Diese Leute kosteten Geld (viel Geld, wie er nur zu gut wußte), waren durchaus nicht sicher in bezug auf ihre Diskretion und dann – was würden sie in diesem Falle erreichen ? – Nichts. Denn dieser Mensch – sein Gefühl sagte es ihm immer wieder – war alles andere als ein Verbrecher und gerichtlich unerreichbar. Staatsanwalt Sierlin erschrak plötzlich vor seinen eigenen Gedanken. Wohin führten sie ihn ? – Alles das war ja völlig undiskutierbar und zeigte nur wieder, daß er dieser Sache eine Bedeutung beilegte, die ihr – wie er sich bei besonnenerem Nachdenken sagen mußte – in keiner Weise zukam. Er wollte ruhig die nächste Gelegenheit zu einer nochmaligen Annäherung abwarten, zu einer anderen als dieser ersten –(in der Erinnerung an sie und die erlittene Beleidigung stieg ihm noch das Blut zu Kopf) – und dann diesem armen und nicht mehr ganz zurechnungsfähigen jungen Menschen mit möglichster Freundlichkeit (aber auch Bestimmtheit) auseinandersetzen, wie sehr er sich irre. Dann würde jener seiner Wege gehen, und die Sache war in aller Unauffälligkeit erledigt. Ja, das wollte er tun und so allein mit ihr fertig werden. Von dem Wege seiner Pflicht aber sollte ihn dieser Mensch mit seinen Wahnideen auch nicht einen Fußbreit abbringen. Er würde sie weiter tun, wie er sie bisher getan: ein Schützer des Rechts, ein Verfolger des Unrechts! Er stürzte sich wieder in seine Arbeit. Aber er war reizbar geworden, launisch und schwer mehr zu ertragen. Die Seinen zu Hause hatten zunächst darunter zu leiden; dann die Angeklagten vor Gericht. Man schüttelte mehr und mehr den Kopf über ihn. 3. Es war, als wisse der andere um seine Absicht. Denn Staatsanwalt Sierlin sah ihn nie mehr: weder in der Nähe seines Hauses noch in der des Gerichtes; weder im Café noch bei seinen Heimfahrten. Und doch fühlte er deutlicher als zuvor, daß er noch immer hinter ihm her und ihm auf den Fersen war. Nicht daß er ihn deutlich und erkennbar jetzt noch sah. Aber irgendwo – in der Ferne – tauchte er auf und verschwand dann wieder. Der eben aus der Straßenbahn gestiegen und an ihm vorbeigegangen war – war er es nicht gewesen ? – Der Schatten, der um die Ecke bog, dieser Schatten eines Menschen, von dem er nur noch den Rücken sah – das war doch wieder er? – Eines späten Abends bei der Heimkehr vom Stammtisch – er konnte sich doch nicht täuschen in der Person, die wartend im halben Dunkel drüben stand und verschwunden war, als er sie näher ins Auge fassen wollte ? – Er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er wollte zugreifen und griff ins Leere: Schatten ... Eines Tages ließ er Brendicke zu sich bescheiden. Brendicke, Gerichtsbote seit undenklichen Zeiten, war ein alter Filou. Allgemein als ein höchst gewitzigter und geriebener Bursche bekannt (obwohl er mit seiner roten Nase und seinem behäbigen Bäuchlein ganz harmlos aussah), war er ebenso allgemein bei den Herren vom Gericht als durchaus diskret bekannt. Er war unterwürfig und immer dabei, wenn es nebenher etwas zu verdienen gab. Quartalsäufer, aber brauchbar im Dienst. Brendicke erschien. »Hören Sie mal, Brendicke,« wurde er instruiert, »es ist da ein gewisser Adolf Braun, Kaufmann, zurzeit aber wohl stellungslos; dann und dann, da und da geboren – Sie haben sich's aufgeschrieben? – Gut ... Stellen Sie doch mal fest, ob der Betreffende gemeldet ist und wo er wohnt ... Suchen Sie in Erfahrung zu bringen ... Staatsanwalt Sierlin brauchte den Satz nicht zu beenden. Brendicke wußte genug. An seinem nächsten freien Nachmittag machte er sich auf die Beine, fuhr zum Einwohnermeldeamt und stellte fest, daß Adolf Braun, Kaufmann usw., ordnungsgemäß gemeldet war und dort und dort wohnte (ziemlich im Norden). Eine Stunde später stand er vor seiner Tür. Eine alte Frau öffnete. Brendicke fragte, ob hier wohl noch ein Zimmer zu vermieten sei. Nein, sie habe nur ein Zimmer und das sei vermietet. Schade! – Und es würde wohl auch nicht so bald frei werden. – Mieter blieben ja oft nicht lange wohnen, sondern zögen weiter ... Ja, aber der ihre nicht. Nun hatte er die alte Frau dort, wohin er sie bringen wollte – bei ihrem Mieter. Froh, ihr übervolles Herz ausschütten zu können, begann sie sein Loblied in allen Tönen zu singen. Was er sich denke – ihr Mieter und von ihr fortziehen? – Ein so solider, feiner, junger Herr? – Jeden Abend spätestens zehn zu Hause, nie Besuch, auch nicht von die Damens; und jeden Ersten die Miete auf dem Tisch! ... Sie stieß die Tür zu seinem Zimmer auf: ein einfaches, aber bis ins kleinste sauber gehaltenes Zimmer – Bett, Tisch, Schrank, ein alter Lehnstuhl und ein Tisch mit Schreibzeug und Büchern. Dann aber wurde sie mißtrauisch, bereute schon, zuviel gesagt zu haben, und schob den Fremden hinaus: »Sehn Se mal unten bei Plünneckes zu, vielleicht haben die was frei ...« Das tat Brendicke nun zwar nicht, sondern fuhr sofort zurück und erstattete Bericht. Zu seinem Erstaunen schien man nicht besonders erfreut zu sein über die guten Nachrichten, die er doch brachte. Aber das Dreimarkstück, das ihm in die Hand gedrückt wurde, nahm er als ehrlich verdient entgegen. 4. Noch mehr als im Sommer ging das Bestreben Adolf Brauns dahin, seine Nerven für den Kampf, der jetzt beginnen sollte, zu stählen. Er ging des Abends regelmäßig um zehn zu Bett, schlief fest und lange und nährte sich gut. Den Sport in frischer Luft vertauschte er mit dem des Boxens in der Halle. Sein Lehrer wurde bald stolz auf ihn und prophezeite ihm, daß, wenn er so weiter trainiere, er es in kurzem mit einem starken Leichtgewichtler aufnehmen könne. Er lachte nur dazu und trainierte weiter. Besonders gewisse Abwehrgriffe übte er sich ein und auch einige des Jiu-Jitsu blieben ihm nicht fremd. Sein einziger Umgang blieb sein Freund Ede. Sie trafen sich für gewöhnlich in der kleinen Kneipe oben im Norden, wo niemand sie kannte. Viel mehr war in dieser Zeit nicht zu berichten, als daß der Staatsanwalt (ein Ekel war er immer gewesen, wie Mieze sagte) immer unerträglicher wurde, und daß sie nun ihre Stellung aber wirklich bald aufgeben wollte (woran sie aber immer wieder von ihrem Bräutigam gehindert wurde; denn sie wurde noch gebraucht). Sah Eduard seinen Freund gutgelaunt eintreten, begrüßte er ihn mit den Worten: »Na, heute hast du deinen Staatsanwalt wohl wieder ordentlich geärgert?« – War er es nicht, versuchte er ihn aufzuheitern, indem er ihm allerlei erzählte, was seine Braut ihm so hinterbrachte, und machte seinerseits Vorschläge (alle unausführbar und von dem still vor sich hin lächelnden Adolf nie in Betracht gezogen). Der erzählte nie von den Zielen, die er verfolgte, und wenig von den Wegen, auf denen sie angestrebt wurden. Er schwieg. Aber unablässig suchte er nach immer neuen. Unablässig dachte er nur an das eine! 5. Der Herbst war ungewöhnlich schön und trocken. Man konnte noch gut im Freien sitzen. Staatsanwalt Sierlin machte mit seiner Familie an einem Sonntagnachmittag einen Ausflug. In einem dicht von Gästen besetzten Kaffeegarten fanden sie noch einen Tisch. Wie er sich umsah, sah er »ihn« an einem anderen im Gespräch mit den dort Sitzenden. Er hatte Mühe, die Knaben abzulenken, daß sie nicht hinsahen. Als er unter irgendeinem Vorwand aufstand, war der fort, den er suchte. Nachgehen? – Wohin?! – Aber am Abend, bei der Heimkehr, auf dem Bahnsteig ihres Vorortbahnhofs, als sie eben ihren Zug verließen, sah er ihn, gerade als er wieder abfuhr, in dasselbe Abteil steigen, das er soeben mit den Seinen verlassen hatte. Nachspringen? – Alle stehen lassen? – Zu spät! – Er war mit seiner Frau in einem Konzert gewesen. Als er es verließ und eben einer Droschke winkte (denn es begann zu regnen und seine Frau fürchtete für ihr Kleid), wurde sie von einem jungen Menschen bestiegen, der in ihr vor seiner Nase fortfuhr. Alle vierzehn Tage hatte er einen Stammtisch in dem Hinterzimmer eines größeren Restaurants. Als er das vordere betrat, glaubte er – er war nicht allein, sondern die anderen Herren hatten sich bereits zu ihm gesellt – ihn an einem Tisch sitzen zu sehen. Er kam zurück. Der Platz war leer. Es war immer zu spät. So oft er auch versuchte, ihn zu stellen – immer verbot es die Gelegenheit oder er war fort ... verschwunden ... wie in den Erdboden versunken ... Aber es hörte und hörte nicht auf. Er wußte nie, ob und wann er ihn traf. Er war nie sicher, ihn nicht zu treffen. Dieser Mensch besaß eine Zähigkeit, eine Unermüdlichkeit, eine Ausdauer, die alles übertraf! – Staatsanwalt Sierlin begann etwas von der Größe des Hasses zu begreifen, der ihn verfolgte, wenn er auch noch immer keine Ahnung davon hatte, worauf dieser Haß hinauswollte. Er kämpfte zwischen Arger und Wut, so oft er ihn sah (oder glaubte, ihn gesehen zu haben), und wieder stieg zuweilen dies verdammte Gefühl in ihm auf, das richtig zu benennen er noch immer sich scheute. 6. Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Man war jetzt schon im Oktober. Er war mit seiner Frau im Theater und sie saßen im Parkett. Kurz bevor der Vorhang sich hob, wurde ein noch leerer Platz in der Reihe vor ihm von einem jungen Menschen eingenommen, der dann fast vor ihnen saß. Den ganzen Abend hatte er diesen braunen und festen muskulösen Nacken, diesen von blonden Haaren bedeckten, starken Hinterkopf vor sich und mußte sich bezwingen, seine Faust nicht auf ihn niedersausen zu lassen. Er hörte und sah fast nichts von dem, was auf der Bühne vorging. Er war entschlossen, vor der Pause seine Frau zu bitten, sitzenzubleiben; hinter ihm herzugehen, wenn er aufstehen sollte, und ihn zu stellen. Er kam nicht dazu. Als sie begann und das Licht aufleuchtete, war der Platz vor ihnen leer. Auch die zweite Hälfte des Abends war ihm verdorben. Er dachte nur an den, der noch eben dort gesessen hatte. Er hielt es nicht mehr aus. Er mußte mit einem Menschen über die Sache sprechen. Nicht um sich Rat zu holen – nur um zu hören, was ein anderer in seiner Lage tun würde. Lange überlegte er die Frage: Mit wem? – Es konnte nur ein Jurist, wie er, sein. Kein Vorgesetzter. Natürlich auch keiner von den Herren, mit denen er amtlich und ständig zu tun hatte. (Und selbstverständlich auch kein Rechtsanwalt – ein Staatsanwalt, der zu einem Anwalt ging – noch nie dagewesen! ...) Es konnte nur ein befreundeter Kollege sein. Aber er hatte wenig Freunde, Er hatte eigentlich nur einen, und ob der wirklich noch sein Freund war, stand nicht einmal so fest. Jedenfalls war er sein Leibbursch. Alter Herr jetzt, wie er; und wenn sie sich in Gesellschaft trafen, plauderten sie, Justizrat Eberhardt und er, ganz freundschaftlich eine Weile miteinander. Auch kamen sie amtlich nie zusammen und daher auch nie in Konflikt. Denn Justizrat Eberhardt plädierte längst nicht mehr. Er stand nur noch (so von oben herab) einem großen Notariat mit erstklassigem Klientel vor, in dem er bei besonderen Gelegenheiten selbst zu erscheinen geruhte. Er bewohnte eine Etage im Tiergarten und war bekannt als reicher Lebemann großen Stils. Seine ausgesprochenen Eigenschaften waren Jovialität und Humor – zwei Dinge, von denen Staatsanwalt Sierlin auch nicht die Spur besaß. Mit seinem stets gleich verbindlichen Wesen bezauberte er alle Welt und schlich sich, trotz seines Embonpoints und seiner angegrauten Jahre auch heute noch in die Herzen junger (sogar sehr junger) Damen. Seine Weine waren berühmt; seine Bonmots gingen von Mund zu Mund; die Herrenabende in den behaglichen und künstlerisch eingerichteten Räumen des kinderlosen Witwers galten als kleine Ereignisse der Saison, zu denen sich seine zahllosen Freunde drängten. Justizrat Eberhardt war aber nicht nur ein geistreicher Kopf, sondern auch von hervorragender Begabung und hätte es weit bringen können, wenn er nicht zu bequem gewesen wäre und sein unabhängiges Leben nicht jedem anderen vorgezogen hätte. Ihn also beschloß Staatsanwalt Sierlin zu besuchen, obwohl sie sich im Grunde ihrer Herzen nicht leiden konnten (er nannte ihn einen Menschen ohne moralische Grundsätze und erhielt die Bezeichnung eines unausstehlichen und blutigen Strebers zurück). Denn Justizrat Eberhardt war, wie gesagt, einmal der einzige, der in Betracht kam; sodann aber war er von absoluter Diskretion, in den zarten Angelegenheiten des Herzens nicht weniger als in den ernsten seines Berufes. Er meldete sich also an, wurde mit Liebenswürdigkeit begrüßt, in einen Klubsessel genötigt und mit einer Importe versehen. Es wurde nach dem Ergehen seiner Familie gefragt; dann nach dem eigenen; und endlich behutsam nach dem Zweck seines Besuches: »Aber du wolltest meinen Rat, lieber Sierlin ...« Der Gefragte kaute an seinem Schnurrbart. (Eine scheußliche Angewohnheit, dachte der glattrasierte Justizrat – das ballt sich nachher im Magen zu einem unverdaulichen Klumpen zusammen.) »Äh, ja, eine ganz blödsinnige Geschichte ... eigentlich gar nicht der Rede wert ...« Er wartete auf Hilfe. Sie kam nicht. Er mußte allein weiter und gab ein ganz allgemein gehaltenes Bild: »Es ist da so ein Mensch, der seit längerer Zeit auf Schritt und Tritt hinter mir her ist.« ... Er erzählte einige Fälle. Justizrat Eberhardt war bald im Bilde. »Ein Verfolger also. Weshalb verfolgt er dich?« Staatsanwalt Sierlin kaute weiter. Nein, man half ihm nicht. Im Gegenteil. Er druckste. »Der Mensch hat unschuldig gesessen. Er bildet sich wahrscheinlich ein, ich habe ihm dazu verholfen ...« Es war seltsam, welch scharfen Ausdruck die freundlichen blauen Augen unter den hellen Wimpern ihm gegenüber annehmen konnten, diese Augen, die ihn keinen Augenblick verließen, während die Stimme ihren weichen Klang behielt, als sie jetzt fragte: »Und du hast ihm dazu verholfen?« Die Antwort war kurz und scharf: »Ich habe nur meine Pflicht getan!« Er tut immer seine Pflicht, dachte der Justizrat bei sich. Aber man kann seine Pflicht so und so tun. Er tut sie immer – »so« ... Er wird noch einmal böse anrennen, mit seiner verdammten Pflichterfüllung ... Aber er sagte nur: »Was tut er dir?« Jetzt war die Antwort schon fast gereizt: »Das ist es ja eben. Er tut mir nichts. Wenigstens nichts, woraufhin ich ihn fassen könnte. Ich sehe ihn, wo ich gehe und stehe. Dann ist er plötzlich fort. Es ist auf die Dauer unerträglich und muß ein Ende nehmen ...« Der Zuhörer schwieg eine ganze Weile. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, schlug die etwas zu kurz geratenen Beine übereinander, blies den Rauch seiner Zigarre von sich und sagte endlich gemütlich: »Ja, mein lieber Sierlin, das mußt du mir nun schon etwas näher auseinandersetzen. Verzeih – aber ich verstehe immer noch nicht recht. Er verfolgt dich und tut dir nichts. Er ist da und dann immer wieder fort. Ich sehe wirklich noch nicht klar ...« Der so in die Enge Getriebene mußte weiter mit der Sprache heraus. Er gab ein gedrängtes Bild von der ganzen Sache. Er erwähnte abermals die zahllosen Begegnungen auf der Straße und im Café. Er kam jetzt auch auf die des Zusammentreffens im Seebad und bei der Rückkehr – auf alle diese geheimnisvollen und unerklärlichen Zusammentreffen – zu sprechen, deren Aufklärung ihm schon so viel Kopfzerbrechen gekostet hatte, und die ihm immer noch unverständlich waren. Die klugen, blauen Augen verließen ihn auch weiterhin keinen Augenblick. Er schloß: »Der Kerl verbittert mir allmählich das Leben. Ich will das nicht mehr. Es soll aufhören. Ich lasse mich nicht länger zum Narren halten von einem solchen Bengel ... Ich ...« Er wurde unterbrochen: »Aber warum fragst du ihn nicht einfach, was er von dir will?« »Ich kann es doch nicht. Ich habe es hundertmal tun wollen. Entweder geht es nicht oder er ist fort, bevor ich ihm nahekomme. Der Mensch ist ein Verrückter. Man müßte ihn einsperren lassen ...« Justizrat Eberhardt wandte jetzt endlich seinen Blick fort und auf die liebevoll gepflegten Nägel seiner weichen, weißen Hand. Das Gespräch wurde nun ganz Frage und Antwort. »Wann erfolgte die Verurteilung?« »Vor etwa zweieinhalb Jahren ...« »Weshalb?« »Wegen Unterschlagung.« »Das Wiederaufnahmeverfahren?« »Vor anderthalb.« »Und ergab?« »Freisprechung. Der Schuldige fand sich.« »Was weißt du über ihn?« »Wenig.« – Name, Wohnung, äußere Verhältnisse (Geld, immer Zeit, anständige Kleidung) wurden erwähnt. Pause. Dann weiter: »Woher kann er gewußt haben, wohin ihr diesen Sommer gereist seid?« »Ich weiß es nicht ...« »Aber er muß es in Erfahrung gebracht haben?« Staatsanwalt Sierlin zuckte die Achseln. Er hatte noch nichts von der Kieler Reise gesagt. Jetzt kam auch sie zur Sprache und das Begegnen am Schalter. Über die Züge des Anhörers zog zum erstenmal ein schwaches, leise belustigtes Lächeln. Es wurde nicht gesehen. »Weißt du, lieber Sierlin, die Geschichte kommt mir denn doch etwas zu unwahrscheinlich vor: du trittst ganz plötzlich eine Reise an, von der außer deiner Frau kein Mensch weiß. Du willst dein Billett nehmen und derselbe Mensch, von dem du sprichst, steht plötzlich vor dir und fordert genau dasselbe, und fährt dann nicht mit ... Nein, du mußt dich geirrt haben ...« Staatsanwalt Sierlin fuhr auf: »Aber ich habe mich nicht geirrt! – Ich habe ihn gesehen, dicht vor mir, wie ich dich jetzt vor mir sehe!« Er erhielt keine Antwort. Doch bemerkte er jetzt das leise Lächeln. Er wollte heftig werden. Aber gegenüber Justizrat Eberhardt wurde man nicht heftig. Er bezwang sich daher und fragte nur: »Was würdest du an meiner Stelle tun, Eberhardt?« Diesmal kam die Antwort ohne Zögern: »Gar nichts! – Ihn laufen lassen. Über ihn hinwegsehen, wie er – nach deiner Beschreibung – über dich hinwegsieht. Und – nimm es mir nicht übel, lieber Sierlin, sieh doch mal die Sache auch von der anderen Seite an. Dem Mann ist doch ein ganz offenbares Unrecht geschehen. Er ist verbittert. Es geht ihm gewiß schlecht. Wenn du ihn wiedersiehst, sprich mit ihm. Freundlich. Suche ihn aufzuklären über seinen Irrtum. Und wenn er sich in Not befindet, hilf ihm. Sprich menschlich mit ihm. Nicht – verzeih, wenn ich es sage – nicht in deiner zuweilen etwas harten Art. Denn eigentlich ist es doch ganz nett von ihm, daß er dir so gar nichts tut. Manch anderer...« Der Zuhörer schüttelte den Kopf. Er war nicht verstanden worden. Alles, was er gesagt hatte, war in den Wind geredet. »Nein,« sagte er und seine Stimme war viel leiser als sonst, »nein, das ist es nicht. Der Mensch will keine Hilfe von mir... Er will etwas ganz anderes... Was – ich weiß es nicht... Und ich kann nichts gegen ihn tun...« »Aber, du wirst doch keine Furcht vor ihm haben? – Furcht vor einem Menschen, der dir nichts getan hat und tut ...« hörte er sagen. Er stand auf und richtete sich zu seiner vollen Länge empor: »Furcht? – Glaubst du wirklich, daß ich vor irgendeinem Menschen auf der Welt Furcht habe, Eberhardt! « Der ebenfalls sich langsam Erhebende sagte begütigend: »Daß du keine Furcht hast, weiß ich. Wir waren beide im Korps und du mein Leibfuchs ...« Nach einer kleinen Pause weiter: »Ich möchte dir gerne raten. Aber wie kann ich es? – Nach allem, was du mir eben erzählt, hast du keine Handhabe irgendwelcher Art gegen ihn. Er lauert dir auf und läuft fort, wenn er dich sieht. Er reist dir nach und fährt ab, wenn du kommst. Eine etwas merkwürdige Art von Verfolgung, lieber Sierlin, wie du zugeben wirst. Das alles läßt doch eher auf rein zufällige Begegnungen schließen als auf beabsichtigte. Und sollten nicht – wenn auch zugestandenermaßen bei einigen eine gewisse, wenn auch ganz unerklärliche Absicht vorgelegen haben mag – sollten nicht doch die meisten nur in deiner Einbildung bestehen, lieber Sierlin?« Er schloß: »Jedenfalls scheint ihm dein Anblick ebensowenig angenehm zu sein wie dir der seine. Immerhin eine gewisse Garantie für die Zukunft, daß du ihm nun nicht mehr begegnest, oder daß du, wenn ihr euch begegnen solltet, ihn gleich wieder aus den Augen hast...« Er kam nicht ganz zu Ende. Eine Hand wurde hingestreckt: »Verzeih, wenn ich dich so lange aufgehalten habe, Eberhardt.« »Nicht im geringsten! – Also, wenn du meinen Rat befolgen willst: Laß ihn laufen. Wenn es wirklich ein Rennen sein soll – ich glaube noch nicht recht daran – so bedenke: Einer wird immer zuerst müde. Er wird schon müde werden, und früher als du... dieser – geheimnisvolle Unbekannte.« Sie nahmen einen etwas plötzlichen und kurzen Abschied: »Wenn du wieder einen Rat brauchst, du weißt...« Allein, strich Justizrat Eberhardt sorgfältig die Asche von seiner Zigarre und dachte: Beginnender Verfolgungswahnsinn! Der Teufel werde aus dieser Geschichte klug! – Ein Verfolger, der davonläuft! Er lachte in sich hinein. – Furcht? – Keine Furcht? – Sie stand dir auf dem Gesicht geschrieben, mein Lieber, trotz deiner großen Worte! Dann wieder ernst: Das hat er von seiner verfluchten Streberei. »Jeder Angeklagte ist schuldig, auch wenn er es nicht ist.« Eine schöne Maxime! – Aber ich habe ihn ja nie gemocht, meinen guten Sierlin, schon damals nicht, als er so gegen meinen Willen durchaus mein Leibfuchs werden wollte... Der, dem diese wenig freundlichen Gedanken galten, stand unterdessen auf der Straße, unschlüssig, wohin er sich wenden wollte. Dann rief er ein vorbeifahrendes Taxi an. Er merkte nicht, daß er beobachtet wurde, wie er beim Betreten des Hauses beobachtet worden war. Diese Unterredung hatte ihren Zweck verfehlt. Er dachte nur an die letzten Worte seines Freundes: Müde werden ... einer wird es immer früher als der andere ... Er richtete sich auf. Ich bin der eine nicht! – sagte er vor sich hin. Aber er war seiner nicht mehr so ganz sicher. 7. »Sieh ihn nicht! – Sieh ihn so wenig, wie er dich zu sehen scheint! ...« das war ihm geraten worden. »Wenn ihr füreinander Luft seid, könnt ihr euch doch unmöglich wehe tun ...« Staatsanwalt Sierlin sah ein, daß das einzige, was er tun konnte, war: diesen Rat zu befolgen. Er hätte es längst, von allem Anfang an, tun sollen. – Er durfte diesen Menschen, der ihn nichts anging, nie auch nur bemerken, nie einen Gedanken, geschweige denn einen Blick an ihn verschwenden. Es war seiner nicht würdig gewesen, auf der Straße stehenzubleiben, um ihm nachzusehen; zusammenzufahren oder ihn zu mustern, wenn er ihm in den Weg trat; aus dem Fenster zu spähen, ob er etwa noch dasaß. Es war nicht richtig und zudem zwecklos gewesen, ihn auf der Bank anzureden und sich diese Abfuhr zu holen. Er hätte es sich vorher sagen können, daß dieser Mensch ein Flegel war, ein ganz unverschämter Bursche, ein ... Er würde ihn also nicht mehr sehen. Das war um so leichter, als es sich ja immer nur um einen Augenblick des Auftauchens und Verschwindens handelte. Dieser Feigling lief ja direkt vor ihm fort. Er würde von jetzt an auch nicht mehr die Spur eines Gedankens in ihm zurücklassen. Staatsanwalt Sierlin täuschte sich. Denn jetzt war es kein kurzer Augenblick mehr, daß er ihn traf und sah. Es war, als ob dieser rätselhafte Mensch alle seine Gedanken errate: jetzt wo er ihn nicht mehr sehen wollte, wo er Luft für ihn sein sollte, schien er es plötzlich darauf anzulegen, angesprochen zu werden. Er lief nicht mehr fort. Er saß ihm in der Straßenbahn fast gegenüber, aber er stand nicht wie sonst auf, sondern blieb sitzen. Er stand vor dem Laden, in dem er seine Zigarren zu kaufen pflegte, und betrachtete, scheinbar aufmerksam, die Ware im Schaufenster, wenn er wieder heraustrat. Er kam ihm irgendwo, immer an einem ganz unvorhergesehenen Ort, entgegen, langsam und bedächtig. Immer wäre es jetzt ein leichtes gewesen, ihn zu stellen und eine Auseinandersetzung herbeizuführen. Und dieser Mensch sah jetzt, wo er selbst sich krampfhaft bemühte, über ihn hinwegzusehen – es war nicht leicht, und Staatsanwalt Sierlin fühlte bei jedem neuen Versuch, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg und sein Herz schneller zu schlagen begann – dieser Mensch sah jetzt plötzlich nicht mehr über ihn hinweg, sondern ihn an: seine Augen glitten an seiner Gestalt von unten an aufwärts, ehe sie sich – gleichgültig und fremd – wieder ab- und fortwandten. Er sah ihn an und durch ihn hindurch, gleichsam, als wäre er kein lebendes Wesen, sondern ein toter Gegenstand ohne jedes Interesse – als habe er ihn nie im Leben gesehen und kenne ihn nicht. Nie sah er ihm in die Augen. Es war ihm unmöglich, dem Blick dieser Augen noch einmal zu begegnen; und – fast war es ihm lieb. Nein, es war unmöglich, ihn so zu behandeln, wie er behandelt wurde – als Luft. Er mußte ihn sehen. Dies war schlimmer als alles. Es lag eine so bodenlose Frechheit in diesem Gebaren, daß er es nicht mehr ertrug. Er mußte ihn anreden. Er mußte endlich wissen, was dahinter lag. Es war unmöglich, den Rat des Justizrats noch länger zu befolgen. Aber er war nach der Unterredung mit ihm mehr als je entschlossen, jedes Aufsehen zu vermeiden. Indessen – auch das war leichter gesagt als getan. Und er sah ihn nie allein. Immer waren Menschen um sie her oder in nächster Nähe – diese ewig neugierigen, auf die geringste Sensation, und sei es die eines gefallenen Pferdes, erpichten Berliner, mit ihren schnoddrigen Redensarten und ihren faulen, aber oft so treffenden Witzen und Bemerkungen. Er gab also seine vergeblichen Bemühungen, über ihn hinwegzusehen, auf, sondern erwiderte die Blicke – erwiderte sie wieder herausfordernd, abwartend und – jetzt – innerlich kochend vor Wut. Denn wieder gelang es ihm nicht, auch so nicht, den Blick dieser Augen aufzufangen, wie an jenem Tage des Erkennens auf der Bank. Sie gingen an ihm nie höher empor als bis zur Brust. Dann wandten sie sich ab, nicht verächtlich oder auch nur unangenehm berührt – nein, nur gleichgültig, gleichgültig, unendlich gleichgültig... Und immer waren die Ruhe und die Gelassenheit dieses jungen Menschen unerschütterlich. Nichts schien ihn aus der Fassung bringen zu können. Er saß da; er stand da; er ging an ihm vorüber und weiter – und keine Bewegung verriet, daß er nur zu einem bestimmten Zwecke hier, gerade hier war –: daß mit allem diesem nur ein Zweck verfolgt wurde – ein ganz bestimmter Zweck... Er war immer derselbe – in seiner Haltung, in dem Ausdruck seines Gesichtes, seinem festen und selbstsicheren Gang, dem Gang kraftvoller und unbekümmerter Jugend. Immer und unangreifbar derselbe – während er, der Staatsanwalt Sierlin, allmählich ein anderer wurde. Früher der eingebildete, in Leben und Streben so selbstbewußte, harte und mitleidlose Mann, starr und unbeugsam in seinen Prinzipien und seinen drei, für richtig erkannten Gedanken, war er jetzt schwankend, unsicher und unruhig. Nicht, daß er seine Ansichten irgendwie geändert hätte. Er war eine viel zu flache und im Grunde unaufrichtige Natur, um eine einmal gefaßte Ansicht als falsch zu erkennen und resolut über Bord zu werfen und eine andere an ihre Stelle zu setzen. Was ihn so maßlos ärgerte und in Wut versetzte, war seine Ohnmacht. Wozu waren die Gesetze da, wenn sie ihm in einem solchen Falle wie diesem – einem Falle, wie er ihm noch nie vorgekommen, wie er sich überhaupt wohl noch nie ereignet hatte – wenn sie ihn hier nicht schützten? – Wie war es möglich, daß er selbst keinen Rat fand bei seiner Umgebung – bei seinem einzigen Freunde? – daß er es nicht einmal wagte, das Urteil der Gesellschaft herauszufordern, in der Furcht, sich lächerlich zu machen und allein gelassen zu werden ? – Denn er würde sich lächerlich machen. Nach dem Gespräch mit einem so klugen, lebenserfahrenen und lebensgewandten Manne, wie Eberhardt, war er (denn dessen leises Lächeln war ihm nicht entgangen) sich nicht mehr im Zweifel darüber. Er war nicht mehr sicher. Er hatte nichts mehr, worauf er sich stützen konnte, wie bisher in jeder einzelnen Lebenslage. Die Gesetze versagten, die geschriebenen wie die ungeschriebenen. Er war wie preisgegeben diesem hergelaufenen Menschen, diesem Monomanen, diesem... Es war unerträglich. Es ging so nicht weiter. So nicht mehr weiter. Nein, er durfte und sollte nicht länger mehr Luft für ihn sein. Er sollte ein Mensch von Fleisch und Blut werden, den er jetzt endlich fassen wollte. Greifen wollte er diesen Körper, ihn zwischen seinen Fingern halten, ihn schütteln, bis er sein Geheimnis endlich von sich gab –d as Geheimnis: was, was er von ihm wollte! – Er wollte diese Stimme wieder hören, diese vergessene Stimme, die er nur einmal gehört (damals, und die ihm merkwürdigerweise jetzt über die Jahre hinüber wieder ganz vernehmlich war). Er wollte sie wieder hören, und – oh! – sie sprechen machen. Wollte den Blick dieser Augen wieder in den seinen fühlen und ihnen dann so begegnen, daß sie sich niederschlagen sollten. War er nicht ein Mann diesem Burschen gegenüber? – War er nicht der Staatsanwalt Sierlin? – Nur die nächste Gelegenheit brauchte zu kommen, dann war die Sache zu Ende. Ein für allemal. Er wartete auf sie, diese Gelegenheit. Und wenn es unter Menschen war – einerlei. Unbenutzt würde sie nicht mehr vorübergehen. Er wünschte ihn zu sehen. Er war es, der jetzt wieder nach ihm aussah ... Aber es vergingen Tage; es vergingen wieder fast zwei Wochen ... Er sah ihn nirgends. Er war in der Stadt geblieben, um einige notwendige Einkäufe zu machen. Es war ein Sonnabend, gegen Abend, auf den Straßen und in allen Geschäften reges Leben. Auch in dem Warenhaus. Als er an die Kasse 43 im dritten Stockwerk des großen Hauses trat, um zu bezahlen, sah er, wie vor ihm ein junger Mensch Geld einstrich und mit der Quittung in der Hand zur Auslieferungsstelle abbog. Er warf schnell seinen Betrag hin, erhielt den Kassenzettel zurück und sah eben noch, wie derselbe junge Mensch ein kleines Paket in Empfang nahm und in den Gängen zwischen den aufgestapelten Waren entschwand. Er ließ seinen Einkauf zurück, eilte ihm nach, sah ihn zwischen den sich drängenden Menschen verschwinden, dann wieder auftauchen und in eine weniger besuchte Abteilung, die der Bilder und Photographien, einbiegen. Er schien sich nicht zu beeilen. Jetzt stand er vor einem Bilde still und betrachtete es scheinbar aufmerksam. Der Moment war gekommen. Staatsanwalt Sierlin trat neben ihn, blieb stehen und sagte, mehr vor sich hin als zu dem anderen gewandt (der sich nicht rührte), aber deutlich genug, um verstanden werden zu müssen: »Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Ich wünsche eine Aufklärung von Ihnen. Ich...« Der Angesprochene schien kein Wort zu hören, als sei er taub. Er ging, ohne auch nur einen Blick zur Seite geworfen zu haben, weiter und blieb an der nächsten Auslage vor einem anderen Bilde stehen, scheinbar auch ihm seine ganze Aufmerksamkeit widmend. Staatsanwalt Sierlin war wieder neben ihm. Er zitterte. Etwas lauter (denn sie waren nicht mehr ganz allein) und noch bestimmter sagte er: »Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben. Ich wünsche eine Aufklärung von Ihnen. Verstehen Sie mich jetzt? – Ihr Benehmen...« Der abermals Angeredete schien jetzt endlich zu begreifen, daß man mit ihm sprach. Sein Blick ging seitlich an der neben ihm stehenden Gestalt von den Füßen an aufwärts bis zur Brust. In dem sonst so unbeweglichen Gesicht zeigte sich zum ersten Male ein Ausdruck, ein deutlich erkennbarer Ausdruck. Es war der Ausdruck eines unverhohlenen Widerwillens. Dann zuckte er die Achseln, wandte sich ab und schloß sich dem Menschenstrom im nächsten Gang an, der ihn weiter und fort trieb. Staatsanwalt Sierlin blieb zurück, wie damals auf der Bank. Durch sein mit Blut übergossenes Gesicht zogen sich die Schmisse wie weiße Kreidestriche. 8. Justizrat Eberhardt saß an dem Schreibtisch in seiner Wohnung – beschäftigt, ein Schreiben von zarter Hand zu beantworten (Einladung zu heute abend zu einem kleinen, verschwiegenen Souper), als ihm sein Diener einen Besuch meldete: Staatsanwalt Sierlin. Er überdeckte ärgerlich den unvollendeten Brief, kam aber dem Eintretenden mit gewohnter Liebenswürdigkeit entgegen. Seine scharfen Augen bemerkten sofort die Veränderung, die der letzte Monat in dem Gesicht hervorgebracht hatte. Er sah das Verzerrte in dem Lächeln, das Unsichere in den flackernden Augen, das Fahrige in den Bewegungen der Hände. Aber er sagte nichts. Er wartete ab. »Verzeih, Eberhardt, wenn ich dich nochmals mit dieser – äh – dieser blödsinnigen Affäre belästige ...« Der Justizrat machte keinen Versuch, ein gewisses fragendes Erstaunen in seinem Blick zu unterdrücken. »Du erinnerst dich ... dieser Kerl ... der mich ver ...« Ganz plötzlich sprang sein Besucher auf, ergriff ihn beim Arm und zog ihn zum Fenster. Mit einer völlig veränderten, einer heiseren und kaum mehr beherrschten Stimme hörte der Justizrat ihn weiter sagen: »Er ist da ... Dort unten steht er! ...« Er sah hinaus: »Wo? – Ich sehe niemanden ...« Die Stimme neben ihm wurde flüsternd, und es lag jetzt in ihr nichts als eine nackte Angst: »Ich sage dir, er ist da! – Er steht dort unten und wartet auf mich: er ist wieder hinter mir her...« Jetzt wußte Justizrat Eberhardt, woran er war und was er zu tun hatte. Er versuchte einen heiteren Ton in seine Antwort zu legen, als er seinen Freund vom Fenster zurückzog. »Wenn er da ist, werden wir ihn fassen.– Komm!...« Er ging ihm schnell voraus, betrat den Flur und half ihm in den Pelz, worauf er sich selbst zum Ausgehen fertigmachte. Der andere folgte wie willenlos. Auf der Straße fragte er leichthin: »Nun, lieber Sierlin, wo ist denn dein sogenannter Verfolger?« Es war weit und breit kein Mensch zu sehen. Nur ein Auto glitt zwischen ihnen und den kahlen Bäumen des Tiergartens hin und verschwand in der nächsten Sekunde. »Aber er war eben noch da, als ich zu dir kam...« Der Justizrat meinte begütigend: »Weißt du, Sierlin, laß uns noch eine halbe Stunde einen Gang durch den Park machen. Die frische Luft wird uns beiden guttun.« Sie gingen schweigend über den Damm und auf den Wegen drüben weiter. Es war der Justizrat, der allein sprach. Er fragte nicht. Er sprach von anderem, Fernliegendem, als habe er den Zweck des Besuches ganz vergessen. Er erhielt nur kurze und nichtssagende Antworten von dem düster neben ihm Hergehenden. Sie waren nun an einem der Teiche und schritten an ihm entlang. Seine Oberfläche war mit einer leichten Eiskruste bedeckt, die das dunkle Wasser überall durchbrach. Die kahlen Bäume gaben den Durchblick nach allen Seiten hin frei. Alle Wege lagen verlassen da. Sie waren bisher nicht mehr als drei Menschen begegnet. Plötzlich fühlte sich Justizrat Eberhardt krampfhaft am Arme gepackt und festgehalten. Die heisere Stimme neben ihm flüsterte: »Dort – dort drüben auf der Bank – dort sitzt er!« Auf einer der Bänke am jenseitigen Ufer des Sees saß eine Gestalt – wie es schien, die eines noch jungen Mannes. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, denn es war in den auf die Kniee gestützten Händen vergraben. Er saß regungslos. Da er bei dieser Kälte nicht eingeschlafen sein konnte, mußte er tief in seine Gedanken verloren sein. Er trug, soweit es von hier aus erkennbar war, eine Art Winterjoppe und braune Lederhandschuhe an den Händen. Der Justizrat war in der Tat erstaunt. Unwillkürlich ebenso leise, als könne er gehört werden, fragte er: »Bist du ganz sicher, daß er es ist?« Der Griff um seinen Arm lockerte sich. Er hörte die heisere Stimme wieder, zitternd jetzt vor unterdrückter Wut: »Sicher? – Ganz sicher! – Er ist uns nachgegangen...« Nachgegangen? dachte er. – Es war absolut unmöglich. Sie waren seit einer halben Stunde kreuz und quer durch den Park gewandert, hatten eben noch kehrtgemacht, waren öfter stehengeblieben, hatten sich umgesehen – kein Mensch war ihnen gefolgt. Zudem: wie sollte der vermeintliche Verfolger plötzlich so schnell dort hinüber gelangt sein, wo er jetzt saß, das Gesicht in den Händen? Er äußerte seine Bedenken. »Nein!« – erhielt er zur Antwort, »nein, du kennst ihn nicht. Aber jetzt... jetzt...« Staatsanwalt Sierlin machte Miene, hinüberzueilen. Aber er wurde zurückgehalten: »Damit er dir wieder davonläuft, wenn er dich sieht. Er hat jüngere Beine als du. Nein, laß mich mit ihm sprechen. Mich kennt er nicht. Bleibe ruhig hier. Gehe unterdessen hier, oder besser noch dort hinter den Büschen, auf und ab, und warte, bis ich wiederkomme!« Der Justizrat war fort, ehe er noch eine Antwort erhielt. Mit kurzen und schnellen Schritten eilte er den Weg hinab, überschritt den eisernen Steg über den See und ging auf die Bank drüben zu, wo die Gestalt noch immer in unveränderter Haltung saß. Dicht bei ihr stand er still. Dann trat er vor sie hin. Der junge Mann sah auf. Justizrat Eberhardt sah in ein junges, bis auf einen schwachen Schnurrbart glattrasiertes, gebräuntes Gesicht mit hellbraunen, kaum erstaunt zu ihm aufschauenden Augen. Es gefiel ihm, dies Gesicht, es gefiel ihm auf den ersten Blick. (Es gefiel ihm weit besser als das seines Freundes.) Mit dem werde ich leicht fertig werden, dachte er, ein einfacher, netter junger Mensch ... Laut sagte er, indem er sich neben ihm setzte und leicht die Hand erhob, als wolle er sie im nächsten Augenblick auf den Arm des anderen legen – laut sagte er mit seiner weichen Stimme, dieser berühmten Stimme, mit der er sich in alle Herzen (und besonders in die jungen des anderen Geschlechts) einzuschmeicheln verstand, der Stimme, welcher so leicht niemand widerstand: »Mein lieber, junger Freund, ich möchte ein Wort mit Ihnen sprechen. Da es aber wohl noch zu kalt ist, um hier länger zu sitzen, haben Sie gewiß die Güte, mit mir ein Stück auf und ab zu gehen ...« Er stand auf. Der junge Mann tat das gleiche. In seine Augen trat nun doch ein Ausdruck des Fragens. Aber er sagte nur, indem er jetzt den Hut zog und sich höflich verneigte: »Dann gestatten Sie mir wohl, daß ich mich Ihnen zuerst vorstelle: mein Name ist Adolf Braun.« Justizrat Eberhardt war dafür bekannt, daß ihn so leicht nichts in der Welt außer Fassung brachte. In diesem Moment war er es fast. Jedenfalls war er sich nicht sofort darüber klar, ob das, was er eben gehört, eine Höflichkeit oder eine bodenlose Impertinenz war. Er beschloß, es einstweilen als erstere anzunehmen, und sagte daher, seinen Hut leicht mit dem Finger berührend, aber unwillkürlich seine kleine Gestalt in die Höhe reckend, seinerseits leichthin: »Justizrat Eberhardt. – Und nun... wenn es Ihnen recht ist...« Er machte eine einladende Bewegung den Weg hinab mit der Hand. Bevor sie gingen, nahm der andere mit einer schnellen Bewegung den Platz zu seiner Linken ein (ganz, wie es sich für einen Jüngeren gehörte). Sie gingen nebeneinander her. Die weiche Stimme begann wieder: »Ich habe nämlich einen Freund, einen alten Freund, den Sie ebenfalls kennen. Zwischen Ihnen beiden besteht scheinbar ein kleines Mißverständnis, das in Ihrem beiderseitigen Interesse aufklären zu dürfen ich mich aufrichtig freuen würde. Mit einigem guten Willen wird es sich in kurzer Zeit...« Er hielt inne und überlegte, wie er fortfahren sollte. Als er wieder einsetzen wollte, hörte er dieselbe ruhige und höfliche Stimme, die sich ihm eben vorgestellt hatte, sagen: »Darf ich fragen, Herr Justizrat, von wem Sie sprechen?« Wieder war Justizrat Eberhardt nahe daran, verblüfft zu sein. Trieb dieser junge Mensch sein Spiel mit ihm ? – War das Naivität oder Frechheit? – Es war stark, das da eben. Aber er wollte seinen Humor nicht verlieren und begann daher wieder. Er sprach jetzt indem überlegenen und selbstsicheren Ton, in dem er früher mit seinen Klienten gesprochen, wenn sie versuchten, auch ihn anzulügen, in diesem mit leichter Ironie gefärbten Ton: »Natürlich dürfen Sie fragen. Soviel Sie wollen. Aber wozu? Sie wissen so gut wie ich, von wem die Rede ist. – Wir wissen beide, daß Sie vor ein paar Jahren unschuldig verurteilt, dann freigesprochen wurden. Das macht einen Menschen, einen so jungen Menschen, wie Sie es sind, bitter. Er bildet sich ein, ungerecht ins Unglück gestoßen zu sein – absichtlich ungerecht. Er sucht nach dem Gegner, wirft auf ihn seinen ganzen Haß und verfällt gewöhnlich auf den Unrechten. Wie Sie in Ihrem Falle...« Der neben ihm Hergehende hörte mit tadelloser Höflichkeit zu. Ohne zu unterbrechen, hatte er seinen Worten gelauscht, den Kopf etwas seitlich zu ihm hingeneigt, als solle ihm kein einziges entgehen. Jetzt, wo er schwieg, fragte er ruhig und jedes Wort deutlich betonend: »Und auf wen sollte ich meinen ganzen Haß geworfen haben?« Sie blieben nicht stehen, sondern gingen weiter. Der Justizrat war nicht der Mann, sich von einem Menschen an die Wand drücken zu lassen. Er sagte kurz, und seine Stimme klang jetzt scharf: »Auf den Staatsanwalt in Ihrem Prozeß, einen alten Freund von mir, wie ich schon sagte!« Da er keine Antwort erhielt, fuhr er in gleichem Tone fort: »Sie werden kaum behaupten wollen, daß Sie Herrn Staatsanwalt Sierlin nicht kennen?... Die Antwort verriet nicht das geringste Interesse. Eher eine gewisse Gleichgültigkeit. »Ich kenne den Herrn Staatsanwalt... von damals her... flüchtig... vom Ansehen...« »Nein,« sagte Justizrat Eberhardt, »nein, mein junger Freund, Sie kennen ihn nicht nur flüchtig, sondern ganz genau. Sie sehen ihn oft, seit Monaten schon. Sie lauern ihm auf. Sie reisen ihm nach. – Aber lassen wir das lieber. Ich bitte Sie nur um eines: mir zu sagen, was Sie bezwecken. Und warum Sie jedesmal verschwinden und immer auf so geheimnisvolle Art und Weise, wenn Sie ihn gesehen haben?« Der andere antwortete nicht, als sei er zu erstaunt über das Gehörte, um darauf gleich eine Antwort zu finden. Er schüttelte wie befremdet nur den Kopf, und Justizrat Eberhardt wußte in der Tat nicht, was er von ihm denken sollte. Aber er war nicht umsonst ein alter Jurist. Leise sagte er: »Vielleicht sagen Sie mir, warum Sie damals nicht abgereist sind, als Sie sich ein Billett zu demselben Zuge und nach derselben Endstation wie mein Freund nahmen? – Warum Sie dann sofort abreisten, als er in dem Bade eintraf?« Der Gefragte blieb stehen. Er stand vor dem Frager und sah ihn an. In seinem Blick war weder Haß noch Bitterkeit, in seiner Stimme keine Spur von Höflichkeit mehr, wie er jetzt antwortete: »Weil ich den Anblick dieses Herrn nicht ertrage!...« Sein Blick wurde erwidert. Und der, welcher ihn erwiderte, erkannte, wie sehr er sich geirrt hatte, wenn er diesen jungen Menschen für harmlos hielt. In diesen jungen Augen lag ein so unbeugsamer Wille, eine solche Festigkeit des Willens und zugleich so viel erlittener Schmerz, eine so hoffnungslose Einsamkeit mit sich, daß er schwieg. Dasselbe Gefühl von Sympathie, das ihn beim ersten Anblick so stark ergriffen, kam wieder über Justizrat Eberhardt. Es war ein unglücklicher Mensch, der hier vor ihm stand: kein verrückter, kein böser, – ein tief Beleidigter, ein um sein Lebensglück Betrogener... Er suchte nach einem Wort, um ihn zu trösten – ihn immer noch davon zu überzeugen, daß man es gut mit ihm meine. Er fand es nicht. Er kam nicht dazu, es auszusprechen, als er es gefunden. Denn er sah ihn – wieder ganz unvermutet – den Hut abnehmen, sich höflich verbeugen und hörte ihn – nun wieder mit derselben gleichgültigen Stimme von vorhin – sagen: »Und nun, Herr Justizrat, gestatten Sie mir wohl, diese von Ihnen herbeigeführte Unterredung als beendet anzusehen...« Justizrat Eberhardt ging langsamer, als er gekommen, und mit nicht ganz so leichten und beschwingten Schritten den Weg zurück, den er gekommen. Er dachte: Entweder ist dieser Mensch, der eben von dir gegangen ist, ein Schauspieler, wie ich noch selten einen gesehen, und hat Nerven von Stahl; oder mein alter Sierlin hat alles, oder doch das meiste, vollkommen falsch aufgefaßt, sieht Gespenster und befindet sich tatsächlich im ersten Stadium des Verfolgungswahnsinns... Dann aber lachte er in sich hinein: die Komik der eben durchlebten Situation ging ihm auf. Er wiederholte vor sich hin: »Gestatten Sie, Herr Justizrat... als beendet anzusehen... darf ich fragen...« Alles ein bißchen angelernt... Aber woher hat er es, dieser einfache Bursche? Er hatte sich noch kein abschließendes Urteil über seine neue Bekanntschaft gebildet, als er die Gestalt des Wartenden drüben auf und ab gehen sah, und sein ganzer Ärger richtete sich nun gegen diesen. Er sah die langen Beine hinter den Büschen. Wie ein Storch im Salat – dachte er weiter. Verdammter Kerl! – Nie hatte er ihn weniger leiden können als eben jetzt. Er gab sich auch wenig Mühe, seine wahre Stimmung zu verbergen, als er dem ihm erwartungsvoll Entgegensehenden kurz berichtete, was er erlebt, und dann schloß: »Er leugnet gar nicht, dich zu kennen. Weshalb er dir aus dem Wege geht? – Weil er deinen Anblick nicht ertragen kann...« (Justizrat Eberhardt hätte um alles in der Welt nicht diese letzte Äußerung unterdrückt.) Ich hätte es doch lieber tun sollen, dachte er gleich darauf. Denn das Gelächter, in das der andere ausbrach, war so fürchterlich, daß er zusammenfuhr. Es war grell. Es war krankhaft. Und es war peinlich: hier, auf einem doch immerhin öffentlichen Weg, wo jeden Augenblick ein Bekannter vorbeikommen konnte. – Aber der andere schien daran nicht zu denken. Er rief, nein, er schrie nur immer wieder und tanzte förmlich neben ihm her: »Es ist die Höhe! – die Höhe! – Er kann meinen Anblick nicht ertragen! – Hahaha! – Er, dieser Kerl, der sich mir seit fast einem Jahr auf Schritt und Tritt in den Weg stellt – er kann meinen Anblick nicht ertragen!...« Das schreckliche Gelächter begann immer von neuem wieder. Selbst Justizrat Eberhardt, der sich bekanntlich nie ärgerte, begann sich zu ärgern: über diesen Adolf Braun, der ihn so an der Nase herumgeführt, und von dem er nicht das mindeste erfahren von dem, was er von ihm wissen wollte; über sich selbst, weil er bei ihm einen offenbar falschen Ton angeschlagen hatte; und über diesen langen, halb wahnsinnigen Kerl an seiner Seite, der abwechselnd brüllte und lachte und auf keinen Zuspruch mehr hörte. Es mußte ein Ende nehmen. Außerdem lag zu Hause ein erst halb beendeter Brief, der sofort abgehen mußte, wollte er sich auch nicht noch um diesen Abend – das kleine verschwiegene Souper – bringen lassen. Er sagte daher mit möglichster Bestimmtheit: »Beruhige dich, mein lieber Sierlin. Auf diesem Wege erreichst du nichts. Wir sind hier nicht allein. – Was die Sache selbst aber anbetrifft, bedaure ich, dir keinen Rat mehr geben zu können. Denn ich verstehe sie nicht. Ich verstehe sie absolut nicht. – Und nun« – er griff nach seiner Hand – »verzeih, ich muß nach Hause – eine dringende Verabredung...« Er ließ den plötzlich Verstummten und vor sich Hinstarrenden stehen. Im Weitergehen dachte er: »Das nimmt kein gutes Ende mit dir, mein lieber Sierlin. Ein bißchen verrückt bist du schon. Viel schlimmer darf es nun nicht mehr werden mit dir. Der andere aber – wer den für verrückt halten wollte, würde sich gewaltig irren – der weiß, was er will. – Doch was will er?...« Dann aber gingen seine Gedanken dem kommenden Abend entgegen. Sie waren bereits bei der Kleinen von der Metropol-Revue. Die war auch ein bißchen verrückt. In anderer Weise. Aber das war ja gerade das Reizvolle an ihr. 9. Nicht nur, wer an Adolf Brauns klarem Verstand gezweifelt hätte, würde sich getäuscht haben, sondern auch, wer geglaubt hätte, seine Arbeit diese mit so beispielloser Zähigkeit durchgeführte Arbeit – wäre eine leichte. Ihre ganze Schwere hätte nur beurteilen können, wer sie sah. Aber es sah sie niemand. Besonders dieses letzte Vierteljahr, von der Rückkehr aus den Ferien bis jetzt, hatte ein Übermaß von Energie, Selbstbeherrschung und Geduld erfordert, gegen das die ersten Monate des Frühlings und des Sommers – mit ihren Begegnungen zu bestimmten Zeiten und an vorausbestimmbaren Orten – das reine Kinderspiel gewesen waren. Jetzt, wo jede einzelne von diesen Begegnungen nicht mehr ihre Stütze an bestimmten Stunden hatte, sondern ganz wahllos stattfand (und stattfinden sollte), kostete eine Stunde des Zusammentreffens viele des Wartens – Stunden, um eine Minute oder gar nur eine Sekunde des Sehens, des Gesehenwerdens und des Weitergehens zu inszenieren. Und wie viele von diesen Stunden waren ganz vergeblich: der Gesuchte kam nicht, blieb aus oder war, selbst bei schärfster Verfolgung, auf einmal selbst außer Sicht! – Wenn er durch seinen Freund Eduard (der von seiner Mieze stets auf dem laufenden erhalten wurde) gewisse Anhaltspunkte erhielt, war es noch am leichtesten. So etwa: sie hatte ein Theaterbillett besorgen sollen, traf ihren Liebsten am Vormittag, schickte ihn an die Theaterkasse. Der merkte sich natürlich Reihe und Nummer der Plätze und hinterbrachte sie seinem Freunde. Dieser nahm sich noch am selben Tage einen Platz in einer vorderen Reihe. So saß er am Abend fast vor seinem Feinde und dessen Frau. Aber er hatte selbst ebenfalls keine rechte Freude an der Vorstellung. Er fühlte die bohrenden Blicke förmlich in seinem Nacken, verriet sich aber mit keiner Bewegung. Auch das Zusammentreffen in der Straßenbahn war bei weitem nicht mehr so bequem wie im Sommer, denn Staatsanwalt Sierlin kam jetzt zu ganz unregelmäßigen Zeiten nach Hause, und oft mußte er, um ihn zu sehen (und gesehen zu werden) stundenlang an einer Haltestelle stehen und warten. Wenn das aber einen ganzen Tag so ging: mit dem Auflauern, dem Beobachten, dem Nachgehen und Nachfahren, bis sich endlich eine Gelegenheit ergab (oder auch nicht ergab), so war es nicht ganz leicht, besonders bei Nässe und Kälte. Dann war selbst er, der gegen alles, gegen jedes Wetter und jedes Gefühl Abgehärtete, zum Umfallen müde am Abend. Es war nach der Rückkehr von der Reise. Er sah, welche Mühe sein Feind sich gab, ihn nicht zu sehen. Wie er über ihn hinwegsah, als habe er ihn nie gesehen. Er sah, welche Anstrengung es ihn kostete. Er sah, wie sein Blick unruhig wurde, bevor er ihn fortwandte; er sah sein leichtes Zusammenzucken. Er selbst sah jetzt nicht mehr über ihn hinweg. Er sah ihn an, gleichgültig, fremd, und dann gleich wieder fort. Aber er sah ihm nie in die Augen. Ihre Blicke begegneten sich nie. Auch das war beabsichtigt. Er merkte, wie jener immer wieder im Begriff war, auf ihn zuzukommen und ihn anzusprechen (wie damals auf der Bank), und wie er immer wieder die Annäherung unterließ. Er mußte beschlossen haben, ihn zu ignorieren. Aber das sollte ihm nicht gelingen! – Er war in dieser Zeit oft zu Hause, besonders an den Abenden, und sah seinen Freund Ede seltener. Nach einem beschwerlichen Tage erfolgreichen oder nutzlosen Wartens (bei jedem Wetter) gönnte er sich diese Abendstunden der Ruhe am warmen Kachelofen und in dem alten Lehnstuhl. Dort saß er dann viele Stunden und grübelte, grübelte... Denn alles, alles, was er tat, war vorher genau überlegt, von allem Anfang an und, soweit es möglich war, bis in jede Einzelheit. Es war sein Werk, an dem er arbeitete, wie nur ein Künstler an dem seinen. Es formte sich, nahm Gestalt an, wuchs und wuchs... Wie war es doch, daß er zuerst auf diesen Gedanken gekommen war, den er erst selbst für widersinnig und unausführbar gehalten, und der nun doch eine Wirklichkeit geworden war, wie er sie sich nicht erhofft und erträumt? Wie war es doch? – Vor Jahren, noch vor seinem Unglück, als er mit einem Kollegen, der sich viel mit den Fragen der Hypnose und Suggestion, des Spiritismus und ähnlichen – ihm ganz fremden – Dingen beschäftigte, ein Glas Bier trank, hatte dieser ihm von der Beeinflussung des menschlichen Willens durch einen anderen menschlichen Willen erzählt, und sie hatten gleich eine Probe gemacht. In dem – nicht sehr besuchten – Restaurant saß ein paar Tische von dem ihren entfernt ein Herr und las die Zeitung. Sein Kollege begann ihn zu fixieren – unentwegt seinen Blick in den Nacken des Fremden zu bohren. Eine viertel – eine halbe Stunde lang. Adolf Braun sah, wie der Fremde allmählich unruhig wurde, wie er sich umsah, wie er seine Zeitung fortlegte und wie er endlich aufstand, um mißmutig fortzugehen. Beharrlichkeit, Geduld und ein starker Wille – das wären die Erfordernisse, sagte sein Kollege. Er hatte es dann zum Scherz gelegentlich einmal selbst versucht, aber ohne besonderen Erfolg. Aus diesem ersten Keim hatte sich dann: erst der Gedanke, dann der Entschluß zu seinem Plane entwickelt. Viele Stunden hatte er dagesessen, gegrübelt und gegrübelt, bis er soweit war. Und immer noch saß er da, grübelte weiter und weiter... Oder er las. Er hatte, seit er Zeit und Geld besaß, wieder viel gelesen, wie als Junge schon. Jetzt waren es meist bessere Kriminal- und Gesellschaftsgeschichten, die er sich in Stößen aus der Leihbibliothek holte. Die ersten sollten ihm helfen, neue Tricks zu finden. Er sah sich kläglich enttäuscht. Sie nährten seine eigene Erfindergabe nicht, und er legte sie wieder fort, um sich befriedigt zu sagen, daß auf seine Methode noch keiner außer ihm gekommen war. Niemand außer ihm. Sie war von absoluter Neuheit und Originalität. Die anderen, die Gesellschaftsromane, dienten dazu, ihn mit dem Leben der Kreise bekannt zu machen, in denen sein Feind verkehrte. Er wollte wissen, wie man sich dort bewegte und wie man dort sprach. Er lernte ganze Phrasen auswendig, sprach sie vor sich hin, und wenn sie ihm auch natürlich nicht in Fleisch und Blut übergingen, hatte er sie doch für den gegebenen Fall bei der Hand. Er studierte sein eigenes Gesicht im Spiegel. Er gab ihm, wie ein Schauspieler, jeden nur möglichen Ausdruck, um jeden beherrschen zu lernen. Dann legte er die alte und erprobte Maske wieder an – die Maske der Gleichgültigkeit, der Unnahbarkeit, der Abwesenheit von allem, was um ihn her vorging. Beharrlichkeit, Geduld, Willenskraft – unaufhörlich sagte er sich immer wieder, daß diese allein zum Ziele führen konnten. Er besaß sie alle drei. Er wurde nie müde. Er war nie entmutigt. Er fing morgen dort an, wo er heute aufgehört hatte. Er war wie der Jäger, der sein Wild so lange verfolgt, bis er es zur Strecke gebracht hat. Er kannte jede Bewegung des Gegners. Er sah jetzt, wie es ihm nicht länger möglich war, über ihn hinwegzusehen, wie er wieder versuchte, an ihn heranzukommen. Er ließ ihn noch etwas zappeln – entwich noch einige Male, bevor er es zu einem ersten ernstlichen Zusammenstoß kommen ließ. Er wußte genau, daß sein Feind auch jetzt noch (obwohl er vor Wut beinahe platzte) alles vermeiden würde, was irgendwie Aufsehen erregen konnte. So kam es zu dem Zusammentreffen im Kaufhaus. An diesem Tage war Adolf Braun seinem Feind, dem Staatsanwalt Sierlin, seit Stunden unbemerkt auf den Fersen gewesen: war ihm vom Gericht ins Kaufhaus gefolgt, hatte dort, immer durch die Menschenströme gedeckt, dreimal selbst kleine Einkäufe machen müssen, bevor es ihm gelungen war, an einer Kasse mit ihm zusammenzutreffen. Aber dann war alles programmäßig verlaufen. Seine Studien – denn es waren regelrechte Studien – hatten ihn auch an dem Tage des Besuches bei Justizrat Eberhardt ihm nach und bis in die Nähe des Hauses, in dem dieser wohnte, geführt. Sein Feind hatte sich nicht getäuscht, als er ihn zu sehen glaubte. Er war ihm gefolgt. Aber was dann an diesem Nachmittag noch geschah, war ein reines Spiel des Zufalls. Er hatte – er wußte selbst nicht warum – darauf verzichtet, vor dem Hause auf seine Rückkehr zu warten. Es war nicht Müdigkeit, sondern ein gewisses Gefühl des Überdrusses, das sich seiner – eigentlich zum ersten Male – bemächtigte. So war er denn tiefer in den Park hineingegangen und setzte sich auf eine der Bänke. Es war kühl, aber immerhin – man konnte hier sitzen. Wie immer dachte er nur an das eine. Er wünschte, es wäre jetzt bald zu Ende. Aber er sah noch kein Ende ab. Auf einmal sah er drüben zwei Herren auf und ab gehen. Am andern Ufer des Sees. Er kannte den einen; den anderen hatte er nie gesehen. Er blieb sitzen. Aber er stützte das Gesicht in die Hände. Wenn er gesehen worden war, war es gut. War er nicht gesehen, war es auch gut. Er wollte abwarten. Dann sah er den fremden Herrn – einen kleinen, untersetzten Herrn im Pelz, mit rundem Gesicht und blauen Augen – vor sich. Er nahm sich zusammen. Er wußte, es kam jetzt auf jedes Wort an. Er setzte jedes einzelne. Er dachte an seine Bücher und was er in ihnen gelesen. Manches paßte. Er war sehr befriedigt von dem Ausgang des Gespräches und mit sich. Das war einmal ein guter Zufall gewesen! – Er wußte jetzt: sein Feind suchte bereits nach Hilfe. Keine Hilfe, nicht die Gottes, nicht die der Menschen, sollte ihm nützen! – Bis Weihnachten wollte er ihn wieder in Ruhe lassen. Dann sollte ihm das Fest versalzen werden. 10. Am Tag vor Weihnachten, dem des heiligen Abends, kaufte Staatsanwalt Sierlin alljährlich auf dem Markt des Vorortes selbst den Weihnachtsbaum, trug ihn eigenhändig nach Hause und schmückte ihn dort aus. Adolf Braun hatte von diesem Brauch ebenfalls auf dem bekannten Umweg durch seinen Freund erfahren. Er war zugleich von ihm bedrängt worden: »Du verbringst doch den Abend mit uns, Adolf? – mit mir und meiner Braut, die ich doch dir verdanke – und die du noch gar nicht kennengelernt hast.« Er sagte ab. Er würde sich hüten, sie kennenzulernen. Noch nicht. Erst, wenn alles vorüber war. Sie hätte ihn wiedererkennen können – von seinem Sitzen auf der Bank, seinem Umherstreifen um das Haus im Frühjahr. Ede war tief gekränkt. »Du bist doch ein ganz komischer Mensch, Adolf«, sagte er. Aber er mußte sich fügen. Er wußte, wie ganz unbeeinflußbar sein Freund in manchen Dingen war. Der Tag vor Weihnachten war klar und frostig. Er fand Adolf Braun schon am frühen Nachmittag auf dem Posten – dem Markt, wo die Tannen zum Verkauf standen. Er ging zwischen den ihrer Erde beraubten Bäumen umher, wurde immer wieder ermuntert, zu kaufen, und sah die letzten Käufer kommen. In ein paar Stunden würde der Platz leer und kein Wald mehr sein. Er wartete, wie er jetzt schon unzählige Male gewartet hatte – auf ihn. Aber diesmal war er nicht auf die Höhe seiner selbst. Es war nicht die gespannte Aufmerksamkeit in seinen Zügen, mit der er sonst alles beobachtete, was um ihn her vorging. Er stand bisweilen minutenlang, wie in Gedanken verloren da. Dann fuhr er auf und erinnerte sich an seine Pflicht. Nicht zum Träumen war er hier! – Als es Abend wurde, kein Käufer mehr kam und die unverkauften Bäume wieder zusammengebunden und auf einen Haufen geworfen waren, ging auch er. Er ging den ganzen, weiten Weg bis zum Norden der Stadt zu Fuß. Einmal unterbrach er seine Wanderung, betrat ein leeres Lokal und ließ sich zu essen geben. Erst spät am Abend langte er zu Hause an. Seine alte Wirtin war fort – zu ihren Verwandten, das Fest mit ihnen zu feiern. Er hatte ihr ein warmes Jackett geschenkt; sie ihm ein kleines Bäumchen mit drei dünnen Lichtern und einen Teller mit Backwerk hingestellt. Am Morgen hatte sie ihm gesagt – sie behandelte ihn wie ihren (im Kriege gefallenen) Sohn und hatte ihr altes Herz an den jungen Mann gehängt –: »Sie werden doch auch ausgehen, Herr Adolf? – Heute abend?« Er hatte sie beruhigt: Ja, er würde nicht zu Hause sein. Nun war er es doch. Er stand am Fenster und sah auf Dächer... Dächer ... Dächer... Sie lagen schwarz, in Reihen, unter dem milchigen Himmel. Kein Ton des Lebens drang von unten herauf – kein Ton, kein Licht. Er hatte ihn nicht gesehen heute, seinen Feind. Wieder war ein Tag verloren. Aber zum ersten Male war es ihm fast lieb. Es war, als ob eine Stimme in ihm spräche: Gib es auf. Er ist genug bestraft... Aber als er wieder im Zimmer stand und, wie so oft, vor den Bildern seiner Eltern in dem billigen Rahmen, nahm sein Gesicht wieder den alten Ausdruck an, den harten Ausdruck, der selbst einem so abgebrühten Menschen, wie seinem Freund Eduard, zuweilen ein unbehagliches Gefühl einflößte (weil er ihm so gar nicht zu seinem sonstigen, so gutmütigen und freundlichen Wesen zu passen schien). Auch die Worte, die er vor sich hinsprach, klangen hart: »Nein! – Denn ich räche ja nicht mich. Ich räche euch!...« – Er war gesehen worden. Staatsanwalt Sierlin hatte eben den gekauften Baum bezahlt und unter den Arm genommen, als er ihn in einiger Entfernung stehen sah. Sein erster Impuls war wieder, auf ihn loszugehen. Die Gelegenheit schien günstig. Dann unterdrückte er ihn: dieser Abend sollte ihm nicht auch noch verdorben werden. Aber er konnte sich nicht enthalten, hinüber zu spähen, jetzt, wo er nicht gesehen wurde und zwischen den Bäumen hindurch kaum erkannt werden konnte. In dem zur Erde gewandten Gesicht des dort Stehenden sah er einen Ausdruck, den er in ihm noch nicht kannte, und es erschien ihm fremder und unheimlicher denn je. Verstohlen, um nicht doch noch gesehen zu werden, packte er seinen Baum fester unter den Arm und schlich sich davon. Der Abend war ihm doch verdorben. 11. Die kurze Weihnachtspause war längst vorbei. Die Sitzungen hatten wieder ihren Anfang genommen, und man näherte sich dem Ende des Januar. Es war, als ob mit dem neuen Jahr eine Wandlung in den Dingen eintreten sollte: Staatsanwalt Sierlin sah seinen Verfolger nie mehr. Er sah ihn weder auf der Straße, noch in der Nähe seines Hauses. Er sah ihn nirgends, so oft er auch nach ihm ausschaute. Aber er wurde innerlich nicht ruhiger. Im Gegenteil: er dachte immer wieder an diese Sache. Einerseits quälte es ihn, noch immer nicht hinter diese unaufgeklärten Begegnungen und ihren Zweck gekommen zu sein. Andererseits nagte eine geheime Wut an ihm, so hilflos, so rettungslos hilflos diesem Kerl – er nannte ihn nie anders – gegenübergestanden zu haben. Er war der Schwächere – in jeder Beziehung. Er täuschte sich nicht darüber. In sein ganzes Wesen war etwas Heftiges und Übertriebenes gekommen. Er war immer, wie jener boshafte Lübecker Assessor es erkannt, »etwas zu« gewesen. Jetzt wurde er »allzusehr«. Er ging mit noch längeren Schritten. Er sprach mit noch lauterer und herausfordernder Stimme. Er wechselte in seinen Stimmungen von einer Minute zur anderen. Seine Umgebung zitterte vor ihm – vor seinen Launen, seinem herrischen Wesen, den Ausbrüchen unmotivierter Heftigkeit über jede kleinste Kleinigkeit. Im Amt gingen seine Anträge stets bis zur äußersten Grenze, die Anwälte legten mehr als einmal die Verteidigung nieder und verließen den Saal. Man wich ihm aus, wo man nur konnte. Er merkte es und wurde gereizter und gereizter mit jedem Tag. Es war die letzte Sitzung in der dritten Januarwoche. Ein Fall gegen den Buchhalter eines großen Geschäftes wegen Unterschlagung stand zur Verhandlung. Er sprach und war mit seiner Anklagerede fast zu Ende, als er durch einen rohen und ungehörigen Zuruf von der Zuschauertribüne aus unterbrochen wurde. Das geschah jetzt öfters, und er kümmerte sich kaum mehr darum. So auch diesmal. Der Vorsitzende griff ein, ließ den Ruhestörer – einen angetrunkenen Strolch – hinausbefördern und drohte mit der Räumung der Tribüne, falls sich der Vorgang wiederholen sollte. Es trat wieder Ruhe ein, und man wartete auf die Fortsetzung oder vielmehr den Schluß des Plädoyers. Aber Staatsanwalt Sierlin schien den Faden nicht wieder finden zu können. Der kleine Zwischenfall schien ihn doch erregt zu haben. Er blätterte unruhig in den Papieren, die vor ihm lagen. Erst nach einer Weile fand er die Sprache wieder, und alles war erstaunt über das geringe Maß an Strafe, das er dann – nach einer so heftigen Anklage – fast überstürzt beantragte. Er nahm sich diesmal ein Auto, fuhr sofort nach Hause und ging auf sein Zimmer, wo er sich, ohne gegessen zu haben, einschloß. Er hatte bei flüchtigem Aufblicken zur Zuhörertribüne ein bekanntes Gesicht gesehen. Es war ein ernstes und verschlossenes, junges Gesicht, dessen Augen in einer anderen Richtung als zu ihm hin gingen. Aber er kannte es. Er kannte es nur zu gut. Staatsanwalt Sierlin ging über eine Stunde in seinem Zimmer auf und ab. Wie kam der »Kerl« dorthin ? – Dumme Frage! – Die Tribüne stand jedem Staatsbürger offen. Also das war der neue Streich, mit dem jener gegen ihn ausholte! – Und wieder, wie gegen seine bisherigen, gegen alle ohne Ausnahme, war er machtlos. Machtlos und hilflos. Wortkarg saß er mit den Seinen über einem kaltgewordenen Essen; wortkarg und verschlossen blieb er alle nächsten Tage. Er sah sich nicht mehr um, wenn er auf der Straße war; er sah nicht mehr hinüber zu der leeren Bank, wie so oft. Er wußte ganz genau, daß er ihn von jetzt an nur noch dort sehen würde ... Er wollte ihn nicht sehen und – mußte es. Während er sonst fast nie zu den Zuhörern hinaufsah – sie gingen ihn und seine Pflicht nichts an – überflog er sie jetzt mit dem ersten Blick, sowie er auf seinem Platze war. Sah er nicht, was er suchte, wurde seine Rede ruhiger und bestimmter; sah er ihn, verlor sie an Klarheit, an Eindringlichkeit, an Überzeugungskraft, und er fühlte es, mehr noch, als die anderen im Saale es fühlten – die Richter, die Geschworenen, die Verteidiger (die sofort einhakten). Er ging nie mehr in eine Sitzung ohne den Gedanken: Wird er heute da sein – der Kerl? Öfters war er es nicht. Aber immer wieder sah er ihn dann, nicht immer auf demselben Platz, aber immer inmitten der anderen Zuhörer – still und bescheiden , ohne zu ihm hinunterzusehen, und ohne besondere Teilnahme, wie es schien. Doch er war da. Es mußte ein Ende nehmen. Das Recht litt unter der Gegenwart dieses Menschen in diesem Saale. Eines Tages, als er das Gerichtsgebäude verließ, sah er ihn vor sich hergehen. Er hatte ihn bereits vorher gesehen, dort oben, und sein Plädoyer nur mit Mühe zu Ende führen können. Er hatte schlechter gesprochen, unzusammenhängender als je, und war doch besser vorbereitet als sonst in letzter Zeit gewesen. Er war außer sich vor Ärger, vor Zorn, vor Wut. Er blickte um sich. Unter den Menschen um ihn her war zufälligerweise keiner, den er kannte. Jetzt! – Er ging ihm nach. Er holte ihn ein. Die Straße war ziemlich leer. Er war neben ihm. Er zitterte so vor unterdrückter Wut, daß er an sich halten mußte, ihn nicht am Arme zu nehmen und gewaltsam am Weitergehen zu hindern. Er knirschte halblaute Worte hervor, während er so neben ihm herging: »Das muß ein Ende nehmen! – Verstehen Sie mich? – Das geht nun fast ein Jahr so. Aber es soll so nicht weiter gehen! Hören Sie nicht, was ich Ihnen sage? – Ich spreche zu Ihnen, Sie unverschämter Bengel Sie! – Bleiben Sie stehen! – Bleiben Sie auf der Stelle stehen und hören Sie zu, verstehen Sie mich?...« Der, neben dem er einherschritt und zu dem er sprach, war weitergegangen und ging weiter, als höre und sähe er ihn nicht. Er hielt die Hände in den Taschen seines Jacketts, und sein Blick war gleichgültig geradeaus gerichtet. Nur schien es, als suche er jetzt mehr die Mitte des Bürgersteiges zu gewinnen, dorthin zu gelangen, wo die Zahl der Vorübergehenden größer wurde. Staatsanwalt Sierlin sprang plötzlich vor und versperrte ihm den Weg. Er keuchte: »Verstehen Sie mich nicht, Sie verdammter Lümmel? – Sie sollen stehenbleiben und mich anhören – hören, was ich Ihnen sage!...« Jetzt blieb der andere endlich stehen. Er hätte ihn berühren müssen, wäre er weitergegangen. Er ließ einen eisigen Blick an dem vor ihm Stehenden hinauf und wieder hinunter gleiten, bog dann mit einer schnellen Bewegung aus und rief mit einer Stimme, so laut, daß sie von allen in der Nähe Befindlichen gehört werden mußte, laut und in jedem Worte deutlich: »Belästigen Sie mich nicht weiter! – Oder ich lasse Sie feststellen!« Die Menschen um sie herum blieben stehen und sahen neugierig auf die beiden hin. Was wollte dieser ältere, augenscheinlich so aufgeregte Herr von diesem so weit jüngeren Menschen mit dem offenen, hübschen Gesicht? – dem jungen, der jetzt weiterging, so ruhig, als sei nichts geschehen, und als habe er nur eine lästige und ungehörige Annäherung von sich abgeschüttelt – was wollte er denn von ihm ? – Man zerstreute sich erst, unter anzüglichen Bemerkungen, als auch der Ältere kehrtgemacht hatte und verschwunden war. Staatsanwalt Sierlin war wie betäubt. Sein einziger Gedanke war jetzt nur noch: nicht gesehen, nicht erkannt zu werden... Er bog unwillkürlich in eine der stilleren Nebenstraßen ein. Die Blicke der Zurückbleibenden brannten wie Feuer auf seinem Rücken. Nun war er allein, so weit er sehen konnte. Plötzlich aber fing er an zu laufen. Er lief durch Straßen, die er nicht kannte, immer weiter, eilte weiter und immer weiter, als würde er verfolgt wie ein Verbrecher. Nach einer Stunde fand er sich, in Schweiß gebadet und außer Atem, in einem stillen Lokal einer fremden Gegend vor einem Glase Bier und in einer Ecke. Hätte er Humor besessen (wie sein Freund Eberhardt ihn besaß), so wäre ihm jetzt, als seine Gedanken sich sammelten, das Groteske der eben erlebten Szene zum Bewußtsein gekommen: diese unglaubliche Frechheit, ihn, ihn feststellen lassen zu wollen! – Diese Frechheit, die schon nicht mehr ernst genommen werden konnte, da sie sich in ihrer Ungeheuerlichkeit selbst überschlug. Aber Staatsanwalt Sierlin besaß leider eben keinen Humor, und so beherrschte ihn jetzt nur noch das eine Gefühl: sich lächerlich gemacht zu haben, lächerlich vor anderen und – vor sich selbst. Er war an seiner empfindlichsten Stelle getroffen worden. – Und wenn er erkannt worden war – was dann? – – Hier kannte man ihn nicht, konnte man ihn nicht kennen. Außerdem war und blieb er fast allein in dem Lokal. Er blieb sitzen und sitzen, ohne die Fähigkeit, sich zu erheben, trank ein Glas nach dem anderen, ohne jede Wirkung, und wußte nicht, wann und wie er nach Hause kam. Auch Adolf Braun waren Blicke gefolgt. Aber er sah sie nicht. Was kümmerten ihn andere Menschen und ihre Blicke! Auch er besaß wenig Sinn für Humor. Wenn er ihn je besessen, so war er ihm mit der unbekümmerten Heiterkeit seiner Jugend verloren gegangen. Heute aber war er wieder heiter. Wie schon seit einem Jahre nicht mehr. Er ging nach Hause und beschloß, den Abend mit Ede zu verbringen – ihn gewissermaßen zu feiern. Denn in ihm war eine reine und große Freude. Das war wieder einmal gelungen! – Es war gerade so geworden, wie er es gewollt. Hoffentlich war sein Feind erkannt worden und nun das Gespräch in seinen Kreisen! – Wie wütend er gewesen war, dieser Herr Staatsanwalt! – Wie er sich benommen hatte – wie ein schon halb Verrückter! – Und wie er fortgelaufen war, als er sah, was er angerichtet! – Adolf Braun lachte und lachte. Er fühlte, daß er mit seiner Arbeit ein neues und gutes Stück vorwärtsgekommen war heute – und nun hoffentlich bald zu Ende. Sie war jetzt so bequem geworden diese Arbeit: kein Aufpassen, kein Warten, kein Nachdenken mehr – er brauchte sich nur einfach in den gutdurchheizten Saal dort oben zwischen die anderen Menschen zu setzen, und schon war sein Gegner außer Fassung gebracht. Das hätte er natürlich schon von allem Anfang an tun können. Aber es hatte nicht in seinem so gut durchdachten Plan gelegen, und daß es besser gewesen war, den Hauptschlag ans Ende zu legen, erkannte er jetzt mit Genugtuung ... Jetzt nur noch weiter fleißig die Sitzungen besuchen; weiter verstohlene, silberne Händedrücke mit den Aufsichtsbeamten dort, die ihn alle schon kannten und stets Platz für ihn schafften; dann noch ein Zusammenstoß, oder seinetwegen auch noch mehrere, womöglich wieder auf offener Straße – (er war auf jeden gerüstet und vorbereitet) – und das Ende konnte nicht mehr fern sein. Ede hatte einen lustigen Kumpan an diesem Abend, und sie kamen aus dem Lachen nicht heraus. Aber was die eigentliche Ursache zu seines lieben Freundes Fröhlichkeit war, erfuhr er auch heute noch nicht. Der Sieg 1. Staatsanwalt Sierlin war offenbar nicht erkannt worden, denn es ereignete sich nichts. Nur eins: daß er jetzt, sooft er sprach und den Blick erhob, zwei Augen von der Tribüne ruhig und fest auf sich gerichtet sah, die bisher – auch von dort oben – immer über ihn hinweggesehen hatten. Jetzt sahen sie ihn an – nicht frech und herausfordernd, nein, im Gegenteil, mit unverhohlenem und daher eigentlich schmeichelhaftem Interesse folgten sie seinen Ausführungen, schienen sie zu billigen und zu beloben. Hatte ihn die Anwesenheit dieses Kerls bis dahin geärgert, gestört, gereizt, brachte sie ihn – brachten ihn jetzt diese ruhigen, interessierten, diese über alles Maß hinaus unverschämten Blicke um jede Fassung. Aber er konnte nichts gegen sie tun – die Bänke dort oben waren für alle da, und es lag nichts in dem Benehmen des dort Sitzenden, was ein Eingreifen ermöglicht hätte. Er störte die Verhandlungen in keiner Weise. Er saß nur da und hörte zu – bescheiden, einer unter vielen anderen, und rührte sich nicht vom Fleck, so lange sie dauerten. Staatsanwalt Sierlin kochte. Es war jetzt schon das fünfte oder sechste Mal in diesem Monat, dem Februar, daß er unter diesen Blicken seine letzte Selbstbeherrschung schwinden fühlte. Es kostete ihn die ungeheuerste Überwindung, aufzustehen und zu sprechen, sobald er wußte: »er« war da, hörte zu und – sah ihn an. Er durfte sich nichts merken lassen. Er durfte sich nicht verraten. Es wäre sinn- und zwecklos gewesen. Er wußte es. Wie er niemanden hatte, dem er sich hätte anvertrauen können, ohne hören zu müssen: Aber Sie täuschen sich... So beachten Sie ihn doch nicht... Ich verstehe wirklich nicht... – wie keiner ihn verstehen würde, aber alle ihn für wahnsinnig halten würden beim Erzählen dieser ganz unglaublichen Geschichte (und besonders ihrer Einzelheiten), so fühlte er auch, daß er sie nicht preisgeben durfte. Ein einziges Mal: dem Justizrat, seinem Jugendfreunde, gegenüber – ja. Aber er war nicht so dumm, um nicht zu ahnen, wie sehr er auch da verspielt hatte (und für immer). Er kochte. Was er in diesem letzten Jahre an Ärger in sich hatte hineinfressen müssen – es ging über seine Kräfte. Er war umgeben von einem unsichtbaren Netz mit feinen Maschen, das sich immer dichter um ihn zog. Er hatte keine Ruhe mehr. Er hatte keinen Frieden mehr. Er hatte auch an nichts mehr Freude, selbst an seinen Kindern nicht, die ihn nur störten in seinen Gedanken, den Gedanken, die nicht loskamen von diesem Kerl, diesem Hund, der hinter ihm her war... Er kochte vor Wut. Selbst der Gedanke an seine Pflicht hielt ihn nicht mehr aufrecht. Er fühlte, wie er mehr und mehr die Fähigkeit verlor, sie zu erfüllen. Er sprach schlecht unter diesen Augen – zu milde, zu allgemein, zuwenig zur Sache. Oder er fuhr auf, wurde der alte – und sprach heftig, überzeugungstreu, mit Brusttönen und – ebenfalls zu wenig sachlich. Er hatte bereits daran gedacht, sich versetzen zu lassen – mit einem unerträglichen Gefühl der Scham und der Erniedrigung. Vor diesem Kerl fliehen? – Das Feld räumen? – Ihm gegenüber seine Niederlage offen eingestehen? – Unerträglich, und – unmöglich! Denn einmal würde seine Frau lieber von ihm als von Berlin, der heißgeliebten Stadt mit dem Schwarm von Verwandten und Bekannten, weggehen. Und dann: war er sicher, daß ihm dieser Hund nicht nach seinem neuen Wohnsitz folgte und ihn auch dort belästigte? – Diesem Menschen war alles zuzutrauen. Es gab nichts, dessen er ihn jetzt nicht für fähig hielt, wenn es galt, ihn zu ärgern, zu verfolgen, zu – hetzen. (Hetzen – welch furchtbares Wort!) Er konnte sich pensionieren lassen. Daran hatte er noch nicht gedacht, denn das wäre das Ende gewesen. Pensionieren lassen – in seinen Jahren? – Bei seinen Fähigkeiten? – Nicht nur unwürdig, sondern ebenfalls völlig unausdenkbar. Staatsanwalt Sierlin kochte vor innerlicher Wut. Er kochte auch während der Verhandlungen des ganzen Tages. Er kochte, während er selbst sprach. Er kochte, so oft sein Blick die Galerie auch nur streifte. Er kochte während der Heimfahrt in dem unerträglich überfüllten und unbequemen Straßenbahnwagen, in dem er keinen Sitzplatz mehr fand. Er kochte, als er ihn an der Umsteigestelle verließ und die Straße überschritt, um in einem Laden auf der anderen Seite noch einen nötigen Einkauf zu machen. Seine Stimmung – auf dem Siedepunkt seit vielen Stunden – wurde nicht besser, als er die Straße gesperrt fand. Zwei Autos waren ineinandergefahren, und ein Menschenauflauf war um sie herum. Es war das gewöhnliche Bild: aufeinanderlosschreiende Chauffeure, sich gegenseitig die Schuld beimessend; zwei Schutzleute mit gezückten, dicken Notizbüchern; ein Schwarm atemlos Neugieriger – Berliner. Er wollte nicht stehenbleiben. Lieber wollte er die Menschenmenge umgehen. Während er es tat, sah er, wie sich ein junger Mensch näherte, um ebenfalls stehenzubleiben, und – scheinbar ebenfalls neugierig – zu sehen, was da vorging. Ihn schien er nicht zu sehen. Aber auch Staatsanwalt Sierlin sah ihn nicht mehr. Denn es wurde plötzlich rot vor seinen Augen. Er hielt sich nicht mehr. Er sah nichts mehr. Er dachte nichts mehr. Mit einem unterdrückten Schrei sinnloser Wut sprang er auf ihn zu und packte ihn an der Brust. Aber bevor seine Finger sich noch einkrallen konnten, erhielt er einen so furchtbaren Faustschlag ins Gesicht, daß er zurücktaumelte. Er fiel nicht. Er konnte sich noch eben aufrecht halten. Aber er schwankte hin und her. Es wollte wieder auf ihn los, als er fühlte, wie er an den Armen fest- und zurückgehalten wurde. Dann wurde alles dunkel vor seinen Blicken. Als er wieder zu sich kam, sah er sich neben einem Schutzmann hergehen, an dessen anderer Seite zwei andere schritten – ein älterer Herr mit grauem Bart und ein junger Mann. Es waren nur wenige Schritte bis zur nächsten Wache. Dort kehrte seine Besinnung so weit zurück, daß er fähig war, als erster auf den Wachthabenden hinter dem Tisch zuzugehen und seinen Namen und Stand zu nennen. Wachtmeister Groterjahn sah erstaunt auf und erhob sich. Er kannte den Staatsanwalt Sierlin zufällig vom Ansehen. Es sah, wie erregt er war. Er wußte noch nicht, um was es sich handelte, aber er sagte zuvorkommend, während er mit der Hand in ein Nebenzimmer wies: »Wenn der Herr Staatsanwalt vielleicht so lange dort Platz nehmen wollen, während ich das Protokoll aufnehme.« Er war auch nicht weiter erstaunt, als dieser nur kurz antwortete: »Nein, danke. – Ich werde draußen warten. Lassen Sie mich rufen, wenn es soweit ist ...« und hinausging. Dann winkte er den Schutzmann heran, ließ sich einen kurzen Bericht erstatten und wandte sich, nach Aufnahme der Personalien, zunächst drohend an den jüngeren der beiden vor ihm Stehenden: »Sie haben den Herrn, der eben das Zimmer verließ, auf offener Straße angefallen? – Wie kommen Sie dazu?« Der so Angefahrene stand ruhig da. Er lächelte nicht. Er war nicht im mindesten erregt und antwortete fast höflich und gar nicht beleidigt: »Ich glaube vielmehr, daß der Herr mich überfallen hat. Ich habe mich lediglich seines Angriffs erwehrt...« Auf der Stirn des Wachthabenden schwoll eine Ader an bei dieser ungeheuerlichen Aussage: »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Herr Staats..., daß der Herr, der eben hinausging, Sie zuerst angegriffen hat?« »Jawohl, das will ich!« Jetzt mischte sich der alte Herr ein. Er legitimierte sich als Professor Dr. Karl Hesekiel, seit dreißig Jahren hier im Ort ansässig und ganz in der Nähe wohnhaft. Es sagte in bestimmter, etwas dozierender Weise, als säße er auf dem Katheder: »Ich habe den Vorfall von Anfang an mit angesehen. Ich bin Zeuge und bereit, zu beschwören, daß der Herr, der eben hinausging, auf diesen jungen Herrn, der ruhig neben mir stand, losging und ihn bei der Brust packte, ohne von ihm im mindesten provoziert zu sein ...« Der Protokollierende sah von einem zum anderen. Es wurde ihm schwül zumute. »Aus welchem Grunde sollte der Herr sich zuerst an Ihnen vergriffen haben?« Und er erhielt die ehrlich klingende Antwort: »Ich habe keine Ahnung ...« Er beschloß, den Herrn Staatsanwalt lieber zuerst um Aufklärung zu bitten, bevor er weiter in die Sache eindrang; beförderte die beiden Anwesenden in das Nebenzimmer mit dem Bedeuten, sie hätten dort zu warten; und schickte den Schutzmann hinaus, um den draußen wartenden Herrn hereinzubitten. Der kam bald wieder: »Der Herr ist nicht mehr da ... « Der Wachtmeister sprang auf. Unmöglich! – Er ging selbst auf die Straße. Als er nach einer Weile wieder hereinkam, trug sein rotes, volles Gesicht den Ausdruck einer vollkommenen Ratlosigkeit. Das war ja eine, eine sehr, eine höchst merkwürdige Geschichte: ein Staatsanwalt, der erst einen Angriff unternommen haben sollte (was er aber noch immer nicht glauben konnte), und der sich dann der Vernehmung entzog (was er glauben mußte)! ... Er beschloß, auf alle Fälle die Hand von dieser mysteriösen Sache zu lassen und sie weiter – nach oben – zu geben. Die dort oben mochten sie erledigen, wie sie wollten. Da auch die telephonischen Anfragen ergeben hatten, daß die Angaben beider Herren im Nebenzimmer über ihre Personalien stimmten, und sie dort wohnten, wo sie polizeilich gemeldet waren, wurden sie wieder hereingeholt und kurzer Hand entlassen. Das Protokoll wurde mit ihren knappen Aussagen geschlossen. Wer allein unbekümmert und wieder in glänzender Laune nach Hause ging, war Adolf Braun. Dem Wachtmeister wollte die Geschichte durchaus nicht in den Sinn, und er zerbrach sich den Kopf noch den ganzen Abend, obwohl er keine direkte Veranlassung mehr dazu hatte. Er wollte keinesfalls darüber sprechen. Langjährige Dienstzeit hatte ihn gelehrt, daß Maulhalten das beste Mittel war, um vorwärtszukommen. Der Professor schüttelte seine weiße Mähne: auch ihm wollte die Sache nicht in den gelehrten Kopf. Der junge Mann hatte so anständig ausgesehen. Aber ein Staatsanwalt – denn er hatte den Namen gehört, als der Inhaber ihn nannte – ein Staatsanwalt, der auf offener Straße einen Überfall verübte – welche geheimen Gründe mochten dahinter liegen? – Da er indessen an wichtigere Dinge zu denken und zudem als alter Junggeselle keine Gelegenheit hatte, die Geschichte weiterzuerzählen, war auch von seiner Seite aus die Gefahr gering, daß sie in die Öffentlichkeit drang. Der Hauptbeteiligte aber – – – 2. – – – Staatsanwalt Sierlin hatte die Polizeiwache kaum verlassen und sah sich auf der Straße, als er davonstürzte. Er hatte völlig vergessen, daß er noch eben, vor kaum einer Minute, versprochen hatte, hier zu warten. Er hatte nur den einen Gedanken: jetzt bleibt dir nur noch die Kugel! – Du bist auf offener Straße ins Gesicht (und rast zu Boden) geschlagen worden – dieser Schimpf kann nur mit Blut abgewaschen werden, und dieser Mensch ist nicht satisfaktionsfähig! ... Er raste mit seinen längsten Schritten, genau wie vor drei Wochen, darauf los; wußte nicht, wohin er ging; und blickte erst auf, als er sich in einer bekannten Gegend, dicht in der Nähe seiner Wohnung, befand. Da erst fiel ihm ein, was er getan hatte: er, ein hoher Beamter, hatte sich einer Vernehmung durch die Flucht entzogen ! – Er schlug unwillkürlich den Rockkragen hoch. Ihm war, als müsse jeder Vorübergehende ihm ansehen, was er getan. Er kehrte um und ging wieder weiter, einerlei wohin ... Als er sich am späten Abend – die Kinder schliefen schon lange, und seine Frau wurde mit kurzen und harten Worten zur Ruhe gewiesen – schmutzig und zum Umfallen müde allein in seinem Zimmer befand, verschloß er die Tür und holte die Waffe aus seinem Schreibtisch. Aber als er sie ansetzen wollte, sah er, daß seine Hand zitterte. Er mußte sie wieder hinlegen. Dann knirschte er auf: »Nein! – Erst du! – Du Hund! – Erst du!« Er ging zum Wandschrank, schenkte ein großes Glas voll Kognak und stürzte es hinunter. Dann setzte er sich in seinen Lehnstuhl und starrte vor sich hin. Er saß die ganze Nacht so da, die Flasche neben sich, trinkend und rauchend, und wenn er vor sich hinsprach, waren es immer dieselben Worte: »Erst du! Erst du! – Du Hund!... Du Hund!« Am Morgen fuhr er in die Stadt zu einem Arzt. Nicht zu seinem Hausarzt; zu einem anderen, ihm nur dem Namen nach bekannten. Der brauchte ihn nicht erst zu untersuchen, sondern nur anzusehen, um guten Gewissens das verlangte Attest schreiben zu können: »Schwere nervöse Störungen ... dringend gebotene, sofortige längere Schonung... Enthaltung von jeglicher Arbeit... absolute Ruhe ...« Wieder zu Hause, verbrauchte Staatsanwalt Sierlin den Rest des Vormittags zur Abfassung eines Gesuches um sofortigen Urlaub, das er sogleich – mit dem Attest und den noch bei ihm liegenden Akten – durch einen besonderen Boten an die zuständige Stelle leiten ließ. Die nächsten Tage sprach er kaum ein Wort. Zu Hause verließ er sein Zimmer kaum. Wenn seine Frau in ihn drang, sagte er, er sei krank und um Urlaub eingekommen; bat sie ihn, zu verreisen, fuhr er sie an: alles, was er brauche, seien ein paar Tage Ruhe; er sei überarbeitet, und man solle ihn zufrieden lassen Ging er aus, geschah es immer ganz unvermutet und zu den seltsamsten Zeiten. Er konnte mitten im Essen aufstehen und hinauseilen, um erst in der Nacht heimzukommen. Oder er verließ, wenn alles schon schlief, das Haus und kam erst am Morgen wieder, ohne zu sagen, wo er gewesen. Er wußte es selbst nicht. Aber es waren immer Straßen, Straßen, Straßen, durch die er ging. Begegnenden wich er entweder scheu aus, wenn sie ihm zu nahe kamen, oder er sah ihnen herausfordernd und drohend ins Gesicht. Besuche wurden nicht angenommen; telephonische Anfragen durften nicht beantwortet werden. Denn solche kamen – es sickerte durch ... Der, auf den die Tropfen der Gerüchte fielen, spürte sie nicht. Er wechselte zwischen Anfällen sinnloser Wut oder solchen einer heimlichen tödlichen Angst. Er wartete auf seinen Feind. Er suchte ihn. Er wußte, er würde wiederkommen. Er ging nie ohne Waffe aus und hielt meistens die Hand am Griff des Revolvers in der hinteren Hosentasche, was seinen Schultern beim Gehen ein seltsam verzerrtes Aussehen gab. Er wartete. Warum kam er denn nicht, der Hund, damit er ihn niederknallen konnte? – Erst ihn! ... Und dann sich! – 3. Der kurze und unvollständige Bericht des Wachtmeisters Groterjahn war abgegangen und wurde weitergeschoben, immer weiter und weiter nach oben, bis dahin, wo es nicht mehr weiterging. Dort, an höchster Stelle, traf er so ziemlich zu gleicher Zeit mit dem Urlaubsgesuch ein. Man war wenig erfreut und wußte im ersten Moment nicht recht, was man mit beiden – in ihrer Verbindung – machen sollte. Nur Staatsanwalt Sierlin selbst konnte Licht in diese unaufgeklärte Affäre bringen. Aber Staatsanwalt Sierlin war krank, schwer krank, und nach dem ärztlichen Attest einer ersten Autorität war man nicht sicher, ob eine Vernehmung ratsam und zweckmäßig war – sein Gesundheits- oder besser gesagt: sein Gemütszustand konnte sich bei einer solchen, nicht sehr vorsichtig gerührten, erheblich verschlimmern und von verhängnisvollen Folgen sein. Man sah sich daher zunächst einmal anderweitig um, und die Wahl fiel auf den Untersuchungsrichter Dr. von Wolfradt. Der, Weltmann vom Scheitel bis zur Sohle, zugleich einer der fähigsten unter den jüngeren Köpfen, genoß den Ruf einer absoluten Diskretion. Er war ferner dafür bekannt, aus den Angeklagten herauszukriegen, was irgend herauszukriegen war. Zudem verkehrte er in denselben gesellschaftlichen Kreisen wie der so plötzlich und so schwer Erkrankte. Er wurde beschieden. Die Unterredung wäre ernst und endete in vollkommener Übereinstimmung: diese rätselhafte und höchstpeinliche Affäre mußte unbedingt in aller Stille erledigt werden. Dr. von Wolfradt überlegte lange und reiflich. Er hätte persönlich den Staatsanwalt aufsuchen können. Aber der befand sich im Urlaub und war bei seiner Krankheit wohl einer rein persönlichen Aussprache kaum zugänglich oder gewachsen. Es war besser, erst unter der Hand einige Erkundigungen einzuziehen. Er sah sich um. Wen kannte er als seinen Freund? – Sie hatten eine Menge gemeinsame Bekannte. Aber Freunde ? – Er kannte eigentlich nur einen. Selbst ehemaliger Korpsier, wußte er natürlich, daß Justizrat Eberhardt sein Leibbursch gewesen war. Ein solches Verhältnis blieb durch ein Leben in seinen Wirkungen bestehen. Er kannte natürlich den Justizrat. (Wer kannte den jovialen Herrn nicht?) Er suchte ihn auf und wußte nach den ersten Worten, daß er an die einzig richtige Quelle gekommen war. Sein vielgerühmter Instinkt hatte ihn wieder einmal gut geleitet. Nicht, daß Justizrat Eberhardt erfreut gewesen wäre, nun abermals, zum dritten Male, von dieser Geschichte zu hören. Sie war einfach degoutabel. (Soweit war es also jetzt schon gekommen: eine Rauferei auf offener Straße, wie unter Gassenjungen.) Aber er gab – nun seiner Diskretion entbunden – schon im Interesse der Standesehre in einem kurzen Bild die erbetenen Auskünfte (soweit er es für gut befand, sie zu geben). Dr. von Wolfradt machte sich Notizen und bedauerte nur, daß sie so dürftig waren. Er wurde kaum klüger aus dem, was er hörte. Man schied auch hier in vollem Einverständnis – die Sache mußte vertuscht werden, so gut oder so schlecht wie es eben ging. Das würde zu machen sein, wenn der Überfallene – Justizrat Eberhardt zweifelte keinen Augenblick, daß dessen Darstellung richtig war – seinerseits keinen Strafantrag stellte, wozu er berechtigt war. (Und wenn mein alter Sierlin, der verdammte Narr, keine neuen Dummheiten macht, fügte er in Gedanken bei sich hinzu.) Dr. von Wolfradt hatte nur noch eine Frage: »Aber was will dieser Mensch? – Was bezwecke er?« Der Gefragte lächelte und dachte weiter: Das sollst du eben herausfinden ... Laut aber sagte er, während er seinem eleganten Besucher freundschaftlich die Hand zum Abschied drückte: »Mein lieber Doktor, wer das wüßte! – Ich sage Ihnen nur so viel: verrückt ist dieser junge Mensch nicht, und wenn Sie glauben, mit ihm so leicht fertig zu werden, dürften Sie sich gewaltig irren!« Dr. von Wolfradt lächelte überlegen zurück – siegesbewußt. Er würde mit ihm fertig werden. Er war schon mit ganz anderen Leuten fertig geworden. Zudem war seine Neugierde auf das höchste gereizt. Er wollte diesen merkwürdigen jungen Menschen vorladen. 4. Er nahm sich vor, im Anfang recht liebenswürdig zu sein und erst im Verlaufe des Verhörs (wenn es nötig sein sollte) andere Saiten aufzuziehen. Daher lud er den jungen Mann, der mit höflicher, aber nicht unterwürfiger Verbeugung eingetreten war und nun vor ihm stand, mit einer Handbewegung ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Es geschah zwanglos. Die Präliminarien waren schnell erledigt, und Frage und Antwort begann: »Sie wurden vor etwa drei Jahren unschuldig verurteilt, im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen.« (Unterdrücktes, taktvolles Bedauern, ja – fast menschliche Teilnahme an schwerem Geschick). »Jawohl.« »Der Herr, mit dem Sie auf der Straße ein Renkontre hatten, ist derselbe, der in Ihrem Prozeß in seiner Eigenschaft als Staatsanwalt die Anklage gegen Sie vertrat. Sie kennen ihn also?« »Natürlich.« (Gleichgültig.) »Herr Staatsanwalt Sierlin behauptet nun, daß Sie ihn seit einiger Zeit, nein, seit längerer Zeit schon – hm – verfolgen...« »Verfolgen!« (Erstaunen.) Dann sehr höflich: »Und worauf gründet der Herr seine Annahme?« Kleine Pause. »Darauf, daß er Ihnen ungewöhnlich oft und an Orten begegnet, wo ein zufälliges Zusammentreffen nicht in Frage kommen kann.« (Ein ganz wenig schärfer.) »An welchen Orten zum Beispiel?« (Wieder verwundert.) Blättern in den Notizen: »Vor seinem Hause zum Beispiel.« Noch größeres Erstaunen im Ton: »Vor seinem Hause? – Aber ich weiß ja gar nicht, wo der Herr wohnt.« Noch immer höflich, wenn auch wieder eine kleine Nuance schärfer: »Sie sollten in der Tat nicht wissen, wo Herr Staatsanwalt Sierlin wohnt? – Wo Sie doch so oft auf der Bank vor seinem Hause gesessen haben?« (Vorort und Straße wurden genannt.) »So? – wohnt er dort? – Ich wußte es nicht.« (Kühl.) »Sie kennen die Gegend?« »Mag sein. Ich mache öfters Spaziergänge in die Umgegend und setze mich, wenn ich müde bin. Ich mußte meine Gesundheit wiederherstellen.« (Ein Blick auf die kräftige Gestalt, in das gebräunte Gesicht und der Gedanke auf der anderen Seite: Nun, das ist dir ja bereits vortrefflich gelungen.) Wieder eine kleine Pause. »Sie haben keine Beschäftigung?« »Zurzeit nicht. Es ist sehr schwer, Arbeit zu finden, wenn man gesessen hat ...« »Aber – aber, Sie sind doch rehabilitiert. Völlig rehabilitiert ...« Ein bitteres Lächeln: »Trotzdem. Die Menschen glauben doch, daß man – –« Diesmal wurde die Pause peinlich. »Aber Ihre Einkünfte erlauben es Ihnen dennoch, zu leben!« »Nein. Ich habe keine Einkünfte. Ich habe eine kleine Erbschaft gemacht und verwende sie dazu, wieder arbeitsfähig zu werden...« (Ein Griff in die Brusttasche, wie nach den gewünschten Beweisen.) Höfliches Abwinken: »Aber bitte. Wir glauben Ihnen doch so...« Dr. von Wolfradt dachte nach. Er schwieg wieder. So ging es nicht weiter. Dann beugte er sich über den Tisch, versuchte den Blick seines Gegenübers vertrauensvoll mit dem seinen zu fangen und sagte, mit leiser Überredung in der Stimme: »Wir sind doch hier, um uns zu verständigen. Es ist immerhin möglich, wenn auch kaum wahrscheinlich, daß der Herr Staatsanwalt sich irrt. Alles, was wir wollen, ist doch nur, eine Aufklärung von Ihnen zu erlangen, weshalb...« Er fand nicht gleich weiter. Aber die Gegenfrage war schon da. Sie klang wieder ganz unschuldig und wie erstaunt: »Aufklärung ? – Worüber?....« »Ich sagte es schon einmal: Aufklärung darüber, wie Sie dazu kommen, den Herrn, sozusagen, auf Schritt und Tritt zu verfolgen...« Das Erstaunen in dem offenen Gesicht wurde größer. »Verfolgen?« – – – »Ja, verfolgen! – Sie sind im Theater, wenn der Herr Staatsanwalt in ihm ist, und sitzen eine Reihe vor ihm. Sie sind auf der Zuhörertribüne, wenn er plädiert ...« »Ich gehe selten ins Theater, weil mir die Mittel dazu fehlen; ich habe den Herrn dort nie gesehen. Und in die öffentlichen Gerichtsverhandlungen zu gehen hat, soviel ich weiß, jeder unbescholtene Staatsbürger – und der bin ich doch wieder – das Recht ...« »Aber immer gerade dann, wenn der Herr Staatsanwalt Sierlin plädiert? »Ich bin auch oft da, wenn der Herr nicht plädiert. Ich habe ja nichts zu tun ...« Dr. von Wolfradt sah wieder in seine Notizen. Er wollte und durfte die Geduld nicht verlieren. »Sie waren letzten Sommer in einem Ostseebad. Ende Juli. Sie reisten an dem Tage ab, an dem der Herr Staatsanwalt dort ankam? ...« Jetzt kam ein schwaches Lächeln in die Züge des Verhörten. »Wenn ich wirklich abgereist bin, als der Herr eintraf, so sieht das doch wohl eher einem Ausdemwegegehen als einer Verfolgung ähnlich ...« Dr. von Wolfradt biß sich auf die Lippen. Aber er beugte sich noch weiter vor und sagte: »Sie haben, etwa acht Tage vorher, kurz vor dem Herrn, eine Fahrkarte nach Kiel gelöst und sind dann nicht abgefahren ?...« Das Lächeln wurde fast belustigt. »Ich? Eine Fahrkarte gelöst? – Nach Kiel?« Dann ein Achselzucken, als sei es unmöglich, auf solchen Unsinn auch nur einzugehen. Der Verhörende hatte noch mehr Fragen vor sich. Er wollte es noch nicht aufgeben. Aber zu seinem größten Erstaunen sah er, wie der junge Mann vor ihm plötzlich aufstand und den Stuhl von sich schob. Seine Stimme hatte auf einmal einen ganz anderen Klang. »Ich verstehe nichts. Ich weiß nicht, was diese Fragen bedeuten sollen. Sollte aber etwas gegen mich vorliegen, so ersuche ich, mich in Anklagezustand zu versetzen und mich sogleich verhaften zu lassen. Ich bin mir keines Unrechts bewußt. Aber – « hier wurde die Stimme bitter – »ich war ja schon einmal in einer solchen Lage...« Dr. von Wolfradt war ebenfalls, ohne es zu wissen, aufgestanden. Er war so überrascht, daß er erst keine Worte fand. Was sollte er davon denken? – Entweder log ihn dieser junge Mensch mit dem offenen, ehrlichen Gesicht in einer geradezu hahnebüchenen Weise an, war sein ganzes Auftreten die größte Unverschämtheit, die ihm jemals vorgekommen, oder – oder es war auf der Gegenseite etwas nicht in Ordnung... Einerlei: zu einem Skandal durfte es auf keinen Fall kommen ... Gerade der sollte vermieden werden, und man war auf dem besten Wege dahin. Er lud daher mit höflicher Bewegung erneut zum Niedersitzen ein: »Aber! ... Verhaftung? – Ich bitte, davon kann doch keine Rede sein ... Ich kann immer nur wiederholen, daß unser Wunsch einzig dahin geht, Licht in diese Sache zu bringen. Es scheint fast ...« als sähe Herr Staatsanwalt Sierlin zu schwarz, war er im Begriff zu sagen. Aber er unterdrückte es glücklicherweise noch rechtzeitig genug. Er sagte so freundlich, wie nur möglich (fast mit einem Unterton herzlichen Bedauerns): »Sie vermögen uns also wirklich nicht zu helfen ?« Der Ausdruck in den Augen gegenüber wurde direkt treuherzig. »Ich bedaure sagen zu müssen, daß ich in der Tat nicht weiß, was der Herr von mir will. Ich hatte ihn nicht gesehen, als er auf mich zutrat und mich an der Brust packte. Da mußte ich mich natürlich meiner Haut wehren ...« Ebenso wurde noch hinzugefügt: »Wenn ich gewußt hätte, daß es der Herr war, hätte ich nicht so derb zugeschlagen. Aber ich sah ihn erst gar nicht ...« Dr. von Wolfradt hatte nur noch eines zu tun: seine Pflicht zu erfüllen. Es wurde ihm nicht leicht, zu sagen, was er sagen mußte. Er wurde wieder ganz amtlich: »Es ...es scheint festzustehen, daß Sie nicht der Angreifer waren. Sie können Strafantrag stellen ...« Pause. Dann höflich: »Und worauf müßte der lauten?« »Auf – auf tätliche Beleidigung ...« Erneutes Nachdenken. Dann: »Ich verzichte darauf. Der Herr hat offenbar in einem Anfall plötzlicher Geistesgestörtheit gehandelt ... Adolf Braun erhob sich wieder. Bei dem leisen, fast unmerklichen Lächeln, das bei diesen seinen letzten Worten über sein Gesicht lief – einem ganz anderen Lächeln als vorher – wußte Dr. von Wolfradt mit unbezweifelbarer Deutlichkeit, daß er die ganze Zeit über schmählich zum Narren gehalten worden war. Aber nun – nach diesem großmütigen Verzicht – war es zu spät (und auch wohl am besten so). Er fühlte nur: nie war ein Verhörter so unangreifbar, nie war er so hilflos gewesen. Er konnte nur noch auf die Frage: »Bin ich entlassen?« bejahend mit der Hand winken. Der Verbeugung, mit der er unwillkürlich die des so Entlassenen erwiderte, wurde er sich erst bewußt, als es ebenfalls zu spät war, und sein Ärger wurde dadurch nicht geringer. Es blieb ihm nur noch übrig, sich selbst ein Urteil zu bilden. Er tat es. Er faßte es in die zwei Worte zusammen, die er hervorstieß: »Alle Achtung!« – 5. An dem letzten Abend dieser Woche hatten die Bewohner der Straße in dem stillen Vorort ein aufregendes Schauspiel. Durch einen Schuß an die Fenster und vor die Türen gelockt, sahen sie, wie aus dem Hause, das dem Staatsanwalt Sierlin gehörte, ein Mann herauseilte, mit langen Schritten den Damm überquerte und – rasende Schreie ausstoßend – aus einem Revolver, mit dem er in der Luft herumfuchtelte, blindlings Schüsse auf eine leere Bank in den gegenüberliegenden Anlagen abgab. Als sie hinzueilten, fand man den Besitzer des Hauses, Staatsanwalt Sierlin, auf ihr mit verglasten Augen, Schaum vor dem Munde und in völliger Erschöpfung dasitzen. Man schleppte den sich kaum Wehrenden in sein Haus zurück und schickte nach dem Arzt. 6. Adolf Braun war restlos zufrieden. Dieser Zusammenstoß auf der Straße und dieses lächerliche Verhör mit dem Affen von Untersuchungsrichter waren ganz nach seinem Sinn gewesen. Das Ende war nahe. Es war auch Zeit. Ein Jahr war fast vorbei, und sein Geld bis auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen. Er war auf alles gefaßt. Das Nächste würde nun wohl sein, daß sein Feind ihn über den Haufen schoß, wenn er ihm wieder in den Weg trat. Er selbst trug nie eine Waffe bei sich. Er wollte es nicht. Wenn jener zum Mörder an ihm wurde auch das war gesättigte Rache, denn der Mörder würde für seine Tat büßen müssen. Er hatte keine Furcht. Wenn er sich je hätte fürchten wollen, durfte sein Plan nie unternommen werden. Er wartete. Entweder kam dieses Ende oder – eine Nachricht durch Ede. Die Nachricht kam. Am achten Tage nach dem Überfall auf der Straße, dem dritten nach dem Verhör. Es war eine erstaunliche, es war eine sehr zufriedenstellende Nachricht. Er erfuhr, daß er von seinem Feinde in der Nähe seines Hauses gesehen worden war – obwohl er seit Monaten nicht mehr dort draußen gewesen war! ... Ede erzählte: »Du, dein Staatsanwalt ist jetzt ganz verrückt geworden. Er ist gestern abend aus dem Hause gestürzt und hat immerzu in die Luft geschossen – auf wen, weiß kein Mensch, denn es war überhaupt niemand in der Nähe. Sie haben ihn in eine Anstalt gebracht ...« Ede schloß: »Nun, auf dich wird er doch wohl nicht haben schießen wollen – so wirst du ihn doch wohl nicht geärgert haben ?« Er sah seinen Freund lächelnd an. Aber der lächelte nicht zurück. Sein Gesicht trug wieder den verschlossenen, geheimnisvollen Ausdruck, den er, Ede, in letzter Zeit öfters auf ihm gesehen, und den er sich nie recht erklären konnte – den Ausdruck, der ihm daher immer ein bißchen unheimlich war. Was konnte er denn vor ihm verbergen wollen – vor ihm, seinem besten Freunde? – Ihr Zusammensein an diesem Abend war kürzer als sonst. Als Adolf Braun allein war, war ihm, als löse sich eine schwere und kaum mehr tragbare Last von seinem Herzen. Aber erst zwei Tage später fiel sie ganz von ihm ab – als er hörte, daß sein Feind für geisteskrank erklärt und an eine Heilung nicht mehr zu denken sei. Wieder brachte ihm sein Freund Ede die Nachricht: »Der kommt nie mehr heraus... Die Olle heult den ganzen Tag. Die Villa soll verkauft werden – in dem Hause bliebe sie nicht länger. Mieze geht natürlich zum Ersten...« Dann wollten sie – und nun kam es heraus, das große Geheimnis – dann wollten sie gleich heiraten. Sie hatte was Gespartes und sie würden einen kleinen Zigarrenladen aufmachen. Mit Wettbureau natürlich. Denn die Rennbahn durfte immer noch einen, wenn auch jetzt stark beschnittenen Platz in seinem Herzen behalten (in dem für anderes dann allerdings keiner mehr war: Mieze war Siegerin geblieben und sah ganz danach aus, als wenn sie hinfort keine andere Nebenbuhlerin mehr in ihm dulden würde). Er aber, Adolf, müsse sie fleißig besuchen kommen, und natürlich bei dem ersten, strammen Jungen (schon auf dem Wege) Pate stehen. Sie stießen an – immer wieder: auf eine glückliche Zukunft... Beim Abschied schüttelten sie sich die Hand, wie immer. – – – Und auf immer. Adolf Braun kam an diesem Abend erst nach Mitternacht nach Hause. Er war noch lange durch die Straßen gegangen. In ihm war alles still und ruhig. Seine Arbeit war getan. Es war eine lange und schwere Arbeit gewesen, mühevoll und aufreibend. Aber sie war getan, und er hatte erreicht, was er gewollt – was ihm von allem Anfang an, erst dunkel und unklar, dann immer klarer und bestimmter vorgeschwebt hatte. Er durfte mit sich zufrieden sein. Aber auch ein Gefühl der Leere war in ihm, das er so noch nicht kannte. Es war ihm, als sei der Zweck seines Lebens erfüllt. Es nochmals beginnen, nochmals dort anfangen, wo er gewesen war, als man es ihm zerbrochen hatte – dazu hatte er nicht mehr die Kraft. Und auch nicht mehr die Lust. Er hatte niemand auf der Welt, und sein Lehen nur um seiner selbst willen zu leben – dazu war es ihm nicht wertvoll genug. Auch sein Geld war zu Ende. Es langte, da er keinerlei Schulden hinterließ, gerade noch zu einem anständigen Begräbnis. Das erhielt er, nachdem man ihn, einige Tage später, an einer einsamen Stelle im Walde, mit dem Schuß in der Schläfe und der Waffe in der Hand, gefunden hatte. Ende