Guy de Maupassant Dickchen frei übertragen von Georg Freiherrn von Ompteda Inhalt Dickchen Der Bursche Allouma Hautot Vater und Hautot Sohn Ein Abend Die Stecknadeln Duchoux Das Stelldichein Die Tote Dickchen Tagelang waren in Auflösung begriffene Truppenteile durch die Stadt geeilt. Das waren keine Soldaten mehr, sondern zuchtlose Horden: die Leute trugen wilde ungepflegte Bärte, zerfetzte Uniformen, und ohne Fahne, ohne Ordnung bummelten sie regellos hin. Alle machten einen schlappen, erschöpften Eindruck, schienen unfähig, auch nur einen Gedanken oder einen Entschluß zu fassen, liefen bloß aus Gewohnheit weiter und weiter und fielen vor Müdigkeit um, sobald sie einmal Halt machten. Meist waren es Landwehrmänner, friedliebende Leute, ruhige Rentner, die unter der Last des Gewehres fast zusammenbrachen, kleine Kerls, die ebenso leicht das Entsetzen packte, wie die Begeisterung, kurz die ebenso gut angriffen wie ausrissen; unter ihnen ein paar Rothosen, Überreste irgend einer Division, die in einer großen Schlacht zersprengt worden. Dunkel uniformierte Artilleristen sah man zwischen Infanteristen, und ab und zu tauchte auch der glänzende Helm eines Dragoners auf, der, schwer zu Fuß, Mühe hatte, den schnellen Schritten der Linientruppen zu folgen. Dann kamen Francs-tireurs-Legionen mit heroischen Namen: »Rächer der Niederlage«, »Bürger des Grabes«, »Genossen des Todes«. Sie sahen aus wie Banditen. Ihre Anführer waren ehemalige Tuch- oder Getreidehändler, Talg- oder Seifenfritzen, die ein Zufall zu Soldaten gemacht, die Offiziere geworden wegen ihres Geldes oder wegen der Länge ihrer Schnurrbärte. Sie waren mit Waffen gespickt, mit Tressen und Litzen behängen, führten laute Reden, sprachen über den Feldzugsplan und thaten, als ob sie ganz allein noch das sterbende Frankreich aufrecht erhielten. Aber manchmal fürchteten sie sich vor ihren eigenen Leuten, die zwar sehr tapfer waren, aber Plünderer und Räuber. Es hieß, die Preußen würden in Rouen einmarschieren. Die Nationalgarde, die seit zwei Monaten in den benachbarten Wäldern sehr ängstlich rekognoszierte, ab und zu ihre eigenen Posten anschoß und sich zum Kampfe rüstete, wenn im Dickicht sich nur ein Karnickel regte, war wieder eingerückt. Ihre Waffen, Uniformen, alle ihre Mordwerkzeuge, mit denen sie bisher die Heerstraßen drei Meilen in der Runde in Schrecken versetzt, waren plötzlich verschwunden. Die letzten französischen Soldaten hatten eben die Seine überschritten, um über Saint-Sever und Bourg-Achard, Pont-Audemer zu erreichen. Hinter ihnen folgte zu Fuß zwischen zwei Ordonnanzoffizieren ihr verzweifelter General, der mit diesen Heerestrümmern nichts wagen durfte, und der niedergeschmettert war über den gewaltigen Zusammenbruch seines sieggewohnten Volkes, das überall geschlagen war, trotz seiner sprichwörtlichen Tapferkeit. Dann hatte sich tiefe Stille, entsetzensvolle bange Erwartung über die Stadt gesenkt. Viele durch friedliches Gewerbe verweichlichte Bürger erwarteten ängstlich den Sieger, in steter Furcht, daß man etwa ihren Bratspieß und ihre großen Küchenmesser als Waffen ansehen könnte. Alles Leben schien erstorben, die Läden waren geschlossen, stumm lag die Straße da. Ab und zu schlich ein Einwohner, verängstigt durch diese unheimliche Stille, eiligst längs der Mauern hin. In der Qual der Erwartung erhoffte man beinahe die Ankunft des Feindes. Am Nachmittag des Tages, nach dem Abmarsch der französischen Truppen, sprengten plötzlich ein paar Ulanen, die gekommen, man wußte nicht woher, durch die Stadt. Kurz darauf bewegte sich eine schwarze Masse den Abhang von Sainte-Catherine herab, während auf der Straße von Darnetal und Boisguillaume zwei weitere Abteilungen anrückten. Die Avantgarden der drei Heerkörper trafen genau zu gleicher Zeit auf dem Rathausplatz zusammen: durch alle Nachbarstraßen marschierten die deutschen Truppen ein, wälzten sich ihre Bataillone, unter deren scharfen Marschtritt das Pflaster erdröhnte. Schnarrende Kommandos in unbekannter Sprache schallten an den Häusern hinauf, die tot und verlassen schienen, während man hinter den geschlossenen Läden die Sieger erspähte, »nach Kriegsrecht« nun Herren über Stadt, Besitz und Leben. Die Einwohner saßen verstört in ihren dunklen Zimmern, wie stets bei jenen großen Katastrophen und gewaltigen Umwälzungen dieser Erde, gegen die all unsere Weisheit, Schlauheit und Gewalt nichts auszurichten vermag. Denn dasselbe Gefühl bemächtigt sich immer der Menschen, sobald die bestehende Ordnung umgestürzt ist, sobald es keinen Halt mehr giebt, sobald alles, was unter dem Gesetz von Mensch oder Natur Schutz fand, einer brutalen, ungezügelten Gewalt überantwortet ist: beim Erdbeben, das unter einstürzenden Häusern eine ganze Bevölkerung begräbt; wenn ein Strom über die Ufer tritt, Leichen ertrunkener Bauern neben ersoffenem Vieh und Dächern zusammengebrochener Häuser mit sich reißt; beim Nahen einer siegreichen Armee, die niedermacht wer sich wehrt, alles andere gefangen fortführt, plündert mit dem Säbel in der Faust nnd beim Donner der Kanonen Gott preist! Das alles sind furchtbare Heimsuchungen, die den Glauben an die ewige Gerechtigkeit erschüttern und alles Vertrauen untergraben, das man uns gelehrt hat, in der himmlischen Gnade und in menschlicher Vernunft zu suchen. Kleine Truppenabteilungen klopften an alle Thüren und verschwanden dann in den Häusern. So wurde Besitz ergriffen nach dem Einmarsch; jetzt mußten die Besiegten sich gegen die Sieger entgegenkommend zeigen. Als nach einiger Zeit der erste Schrecken vorüber war, ward es wieber ruhig. In vielen Familien aß der deutsche Offizier mit am Tisch. Manchmal war er taktvoll und beklagte Frankreichs Schicksal aus Artigkeit, drückte sein Bedauern aus, am Kriege teilnehmen zu müssen. Dafür war man ihm dankbar, – und dann konnte man heute oder morgen vielleicht seines Schutzes bedürfen. Am Ende bekam man gar, wenn man zuvorkommend gegen ihn war, ein paar Leute weniger Einquartierung. Und warum sollte man einen Menschen verletzen, von dem man ganz und gar abhing. Eine solche Handlungsweise wäre weniger Mut als Verwegenheit gewesen. Tollkühnheit aber kann man den Bürgern von Rouen heute nicht mehr verworfen wie zur Zeit jener heldenmütigen Verteidigungen, die die Stadt berühmt machten. Schließlich sagte man sich, unter Berufung auf seine französische Wohlerzogenheit, daß es sehr wohl erlaubt sei, daheim höflich zu sein, wenn man sich nur nicht gerade öffentlich mit den fremden Soldaten intim zeigte. Außerhalb des Hauses kannte man sich nicht, aber innerhalb seiner vier Pfähle schwatzte man gern, und der Deutsche blieb mit jedem Abend länger am gemeinsamen Kamin sitzen. Die Stadt nahm allmählich ihr gewohntes Aussehen wieder an. Die Franzosen gingen zwar kaum aus, aber von feindlichen Soldaten wimmelte es in den Straßen. Übrigens schienen die Offiziere der blauen Husaren, die anmaßend ihre großen Mordwaffen auf dem Pflaster schleppen ließen, auf den einfachen Bürger durchaus nicht etwa mit mehr Verachtung herabzublicken als die französischen Jägeroffiziere, die ein Jahr vorher im selben Café gesessen. Und doch lag etwas in der Luft. Etwas Fremdes, Rätselhaftes, ein seltsam unerträglicher Druck lastete auf allen: die Anwesenheit des Feindes. Sie machte sich fühlbar in den Wohnungen, auf den öffentlichen Plätzen, schien das Essen zu verbittern, rief den Eindruck hervor, als befände man sich gar nicht zu Haus, sondern weit fort, unter barbarischen wilden Völkerschaften. Die Sieger verlangten Geld, viel Geld; die Einwohner zahlten immerfort. Übrigens waren sie reich. Aber je wohlhabender ein normannischer Kaufmann ist, desto mehr leidet er unter jedem Geldopfer, thut ihm jedes Teilchen seines Vermögens weh, das er in fremde Hände übergehen sieht. Zwei oder drei Meilen unterhalb der Stadt, den Fluß hinab, bei Croisset, Dieppedalle oder Biessart, zogen die Fischer und Seeleute oft irgendwo die Leiche eines Deutschen aus dem Wasser, aufgeschwemmt, noch mit der Uniform bekleidet, durch Messerstiche oder einen Schlag getötet, den Kopf mit einem Steine zertrümmert, oder von einer Brücke in das Wasser hinuntergestoßen. Der Schlamm des Flusses verbarg die Opfer dieser dunklen, wilden Rachethaten, dieses stillen Heldenmutes, dieser stummen Angriffe, die gefährlicher waren als die Schlachten am hellen Tage, nur nicht wie sie Anerkennung und Ruhm erwarben. Denn der Haß gegen den Feind bewaffnet immer ein paar Verwegene, die bereit sind für eine Idee zu sterben. Als nun aber endlich die Eindringlinge, obwohl sie die Stadt ihrer unbeugsamen Manneszucht unterworfen, keine jener Greuel-Thaten vollbrachten, die sie dem Gerücht nach auf ihrem bisherigen Siegeszug begangen hatten, faßte man Mut, und der Wunsch, Geschäfte zu machen, schlich sich wieder in das Herz der Kaufleute der Gegend. Mehrere von ihnen hatten in Havre, das von der französischen Armee besetzt war, notwendig zu thun und wollten versuchen den Hafen zu erreichen, indem sie über Land nach Dieppe fuhren, um dann von dort aus die Reise auf dem Seewege fortzusetzen. Durch den Einfluß der deutschen Offiziere, deren Bekanntschaft man gemacht, verschaffte man sich vom kommandierenden General die Erlaubnis abzureisen. Ein großer Postwagen mit vier Pferden bespannt wurde für diese Reise bereit gestellt, und beim Besitzer hatten sich zehn Personen dazu einschreiben lassen. Eines Dienstag morgens vor Tagesanbruch, um Aufsehen zu vermeiden, sollte abgefahren werden. Seit einiger Zeit schon war der Boden durch die Kälte hart gefroren, und am Montag nachmittag gegen drei kamen schwere Wolken von Norden, brachten Schnee, der ununterbrochen den ganzen Abend, die ganze Nacht fiel. Um halb fünf Uhr morgens trafen die Reisenden im Hof des »Hôtel de Normandie« zusammen, um einzusteigen. Sie waren noch ganz verschlafen und zitterten vor Kälte. In der Dunkelheit konnte man sich kaum erkennen, und in den schweren Winterkleidern sahen alle aus wie beleibte Pfaffen in langen Priesterröcken. Zwei von den Herren erkannten sich, und ein dritter mischte sich in ihr Gespräch. Sie begannen zu schwatzen. – Ich fahre mit meiner Frau – sagte der eine. – Ich gleichfalls! – Und ich auch. Der erste fügte hinzu: – Wir kehren nicht nach Rouen zurück und wenn die Preußen nach Havre kommen, gehen wir nach England. – Alle hatten die gleichen Pläne und Absichten. Aber der Wagen wurde noch nicht angespannt. Eine kleine Laterne, die ein Stallknecht trug, huschte von Zeit zu Zeit aus einer dunklen Thür, um sofort wieder in einer anderen zu verschwinden. Aufstampfen von Hufen auf den Boden klang, durch Dünger gedämpft, und im Stall hörte man einen Mann mit ben Tieren sprechen und fluchen. Ein leises Klirren von Schellen zeigte, daß angeschirrt wurde. Das Klirren tönte bald lauter, bald schwieg es, je nach den Bewegungen des Pferdes, das ab und zu stillhielt, sich dann wieder schüttelte und unruhig mit den Hufen den Boden scharrte. Plötzlich wurde die Thür geschlossen. Der Lärm hörte auf. Die frierenden Reisenden schwiegen gleichfalls und blieben erstarrt und unbeweglich. Unausgesetzt fielen die weißen Flocken zur Erde nieder; sie verwischten die Formen, bestäubten alles mit eisigem Moos, und im großen Schweigen der stillen, winterbegrabenen Stadt hörte man nur noch das unbestimmte kaum zu unterscheidende Geräusch des niedersinkenden Schnees, mehr Einbildung als ein wirklicher Laut, – ein Durcheinanderschütteln von Atomen, die den ganzen Luftraum zu erfüllen schienen und die Welt bedeckten. Nun erschien der Mann mit seiner Laterne und zog an einem Strick einen müden Gaul nach sich, der nicht recht vorwärts wollte. Er stellte ihn an die Deichsel, machte die Stränge an, hantierte lange um das Pferd herum, das Geschirr zu befestigen, denn er konnte nur mit einer Hand zugreifen, weil er in der anderen das Licht trug. Als er das zweite Tier holte, sah er die Reisenden unbeweglich stehen, schon ganz weiß vom niederstiebenden Schnee, und sagte: – Warum steigen Sie denn nicht immer ein? Dann sind Sie doch wenigstens im Trockenen! Sie waren wahrscheinlich noch garnicht auf die Idee gekommen und stürzten nun in den Wagen. Die drei Herren brachten zuerst ihre Frauen unter, und stiegen dann nach; darauf nahmen die übrigen vermummten Gestalten die letzten Plätze ein, ohne ein Wort zu wechseln. Auf dem Boden des Wagens lag Stroh; sie steckten die Füße hinein. Die zuerst eingestiegenen Damen hatten kleine kupferne Wärmflaschen mitgebracht mit einer Heizmasse. Sie steckten ihre Apparate an, priesen einige Zeit leise die Vorteile dieser Dinger und wiederholten Sachen, die sie alle längst wußten. Als endlich der Stellwagen mit sechs Pferden bespannt war, statt vieren, weil er wegen des Schnees schwerer laufen würde, fragte draußen eine Stimme: – Sind alle eingestiegen? Eine andere Stimme antwortete: – Ja. – Es ging fort. Der Wagen kam ganz langsam vorwärts, nur im Schritt. Die Räder wühlten sich in den Schnee ein, das ganze Gefährt stöhnte und ächzte dumpf. Die Pferde stampften dahin, keuchten, dampften und unausgesetzt klatschte die riesige Peitsche des Kutschers, schwuppte nach allen Seiten, krümmte sich zusammen und entrollte sich wieder wie eine dünne Schlange, um kurz irgend eine der gerundeten Pferdekruppen zu treffen, die sich dann in neuem Anzuge streckte. Und es ward immer mehr Tag. Die leichten Flocken, die einer der Reisenden, als rechtes Kind von Rouen, einem Wollregen verglich, fielen nicht mehr. Ein fahler Schein durchdrang die dichten, dunklen, schweren Wolken, die das Weiß der Landschaft noch mehr hoben, in der hier und da die Umrisse eines großen, bereiften Baumes auftauchten, da und dort ein Gehöft mit einer Schneehaube auf dem Dach. Die Insassen des Wagens betrachteten sich neugierig beim traurigen Schein dieser Morgendämmerung. Auf den besten Plätzen ganz hinten im Wagen schlummerten, einander gegenüber sitzend, Herr und Frau Loiseau, Weingroßhändler aus der Rue Grand- Pont. Als ehemaliger Angestellter eines verkrachten Weinhändlers hatte Loiseau das Geschäft gekauft und sein Glück gemacht. Er verkaufte den kleinen Weinschänkern auf dem Lande zu sehr billigen Preisen sehr schlechten Wein; seine Bekannten hielten ihn für einen ganz gerissenen Kunden, einen richtigen Normannen, jovial, aber mit allen Hunden gehetzt. Er galt für einen so betrogenen Kerl, daß eines Abends auf der Präfektur Herr Tournel, eine Lokalgröße, Verfasser von beißend witzigen Geschichten und Couplets, den Damen, die ein wenig schläfrig geworden waren, vorgeschlagen hatte, sie wollten doch eine Partie »L'oiseau-vole« spielen. Das Wort machte die Runde durch die Salons des Präfekten, gelangte dann in die Stadt und belustigte vier Wochen lang die ganze Provinz. Loiseau war selbst bekannt dafür, daß er Ulk allerlei Art liebte und schlechte und gute Witze riß. Niemand konnte von ihm reden ohne sofort hinzuzufügen: – Der Loiseau ist doch unbezahlbar! Er war klein, und über seinem ballonartig gewölbten Bauch, saß zwischen grauen Backenbärten ein gerötetes Antlitz. Seine Frau war groß, stark, sehr entschieden, redete laut, war schnell von Entschluß und vertrat Ordnung und Pünktlichkeit in dem Handelshause, das des Mannes fröhliche Geschäftigkeit belebte. Neben ihnen saß, etwas würdiger, der besseren Gesellschaft angehörend, Herr Carré-Lamadon, eine gewichtige Persönlichkeit, Wollhändler, Besitzer von drei Spinnereien, Offizier der Ehrenlegion, Mitglied des Generalrates. Er war während des ganzen Kaiserreiches Führer der wohlwollenden Opposition gewesen, nur um sich seine Annäherung an die Ideen, die er mit anständigen Mitteln bekämpfte, wie er selbst sagte, teurer zahlen zu lassen. Frau Carré-Lamadon, viel jünger als ihr Mann, war der Trost der Offiziere aus guter Familie, die nach Rouen in Garnison kamen. Sie saß ihrem Mann gegenüber: klein, niedlich, reizend, tief in ihren Pelz vermummt und sah sich trostlos im traurigen Innern des Wagens um. Ihre Nachbarn, Graf und Gräfin Hubert de Bréville trugen einen der ältesten, angesehensten Namen der Normandie. Der Graf, ein alter sehr vornehm aussehender Edelmann, suchte durch allerlei Toilettenkniffe seine natürliche Ähnlichkeit mit dem »Roy« Heinrich IV. noch besonders augenfällig zumachen; dem Roy, der nach glorreicher Überlieferung der Familie einst eine Bréville Mutter gemacht, wofür deren Gemahl Graf und Gouverneur einer Provinz geworden. Graf Hubert, ein Kollege des Herrn Carré- Lamadon im Generalrat, vertrat im Departement die orleanistische Partei. Die Geschichte seiner Heirat mit der Tochter eines kleinen Rheders aus Nantes war immer etwas dunkel geblieben. Aber da die Gräfin sehr vornehm aussah, besser repräsentierte als irgend jemand anderes und sogar das Gerücht ging, einer der Söhne Louis Philipps habe eine Neigung zu ihr gehabt, ward sie gefeiert vom ganzen Adel und ihr Salon blieb der erste der Provinz, der einzige, in dem die alte Galanterie noch lebte, und in den es schwierig war eingeführt zu werden. Das Vermögen der Bréville, lauter Liegenschaften, warf wie es hieß eine halbe Million Rente ab. Diese sechs Personen im Hintergrund des Wagens waren die Vertreter der anständigen, begüterten Gesellschaft: ehrenwerte Leute von Würde und Stellung, religiös und von Grundsätzen. Durch ein seltsames Spiel des Zufalls saßen alle Damen auf derselben Seite. Die Nachbarinnen der Gräfin waren zwei barmherzige Schwestern, die lange Rosenkränze abbeteten und unausgesetzt ihr Pater-noster und Ave-Maria murmelten. Die eine war alt, von Blatternarben entstellt, als ob sie eine Schrotladung gerade ins Gesicht bekommen hätte. Die andere sah etwas kümmerlich aus, hatte auf einer schwindsüchtigen Brust einen hübschen, kränklichen Kopf, mit dem Ausdruck jenes fanatischen Glaubens, der Märtyrer und Verzückte gebiert. Den beiden Nonnen gegenüber zogen ein Mann und eine Frau die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Der Mann, eine bekannte Persönlichkeit, war der Demokrat Cornudet, der Schrecken aller anständigen Menschen. Seit zwanzig Jahren tauchte er seinen großen, roten Bart in alle Bierseidel der demokratischen Cafés. Er hatte mit Freunden und Genossen ein ziemlich bedeutendes Vermögen, das er von seinem Vater, einem ehemaligen Konditor geerbt hatte, durchgebracht und wartete ungeduldig, von einer republikanischen Regierung endlich die Stellung, die er sich durch so viele Mahlzeiten in revolutionären Kneipen verdient zu haben meinte – zu erhalten. Am 4. September hatte er, wohl Opfer eines Ulks, sich eingebildet, er wäre zum Präfekten ernannt worden. Aber als er seine Thätigkeit antreten wollte, hatten die Bureaudiener, die allein auf dem Platz geblieben waren, sich geweigert, ihn anzuerkennen. Das bewog ihn zum Rückzüge. Sonst ein ungefährlicher, gefälliger, guter Kerl, hatte er jetzt unendlichen Eifer darauf verwendet, alles zur Verteidigung herzurichten. Er hatte in der ganzen Ebene um Rouen Löcher auswerfen lassen, alle jungen Bäume der nächsten Wälder niedergelegt, auf allen Straßen Verhaue fertiggestellt, um, beim Nahen des Feindes, sich wohlzufrieden mit allen seinen Vorbereitungen, eiligst in die Stadt zurückzuziehen. Er meinte sich jetzt in Havre, wo neue derartige Befestigungen notwendig erschienen, nützlicher machen zu können. Das weibliche Wesen an seiner Seite gehörte der Halbwelt an. Es war bekannt durch seine frühreife Wohlbeleibtheit, die ihm den Beinamen »Dickchen« eingetragen. Das Mädchen war klein, rund überall, fett, wie gemästet, mit molligen Fingern, die Einschnitte an den Gelenken hatten, so daß sie aussahen wie ein Kranz von kleinen Würstchen. Ihre Haut war prall und glänzend. Sie besaß einen riesigen Busen, der sich unter dem Kleide blähte, hatte aber trotzdem etwas Appetitliches und war sehr beliebt wegen ihrer Frische. Ihr Gesicht glich einem rotbäckigen Apfel, einer aufbrechenden Päonien- Knospe, und daraus schauten zwei wundervolle, schwarze Augen, wie verschleiert durch die dichten Wimpern, die sie beschatteten. Ihr Mund war reizend, klein, ewig feucht, zum Kuß einladend, mit leuchtenden winzigen Zähnchen. Außerdem hatte sie, wie es hieß, noch viele unschätzbare Eigenschaften. Sobald man sie erkannt hatte, tuschelten die ehrbaren Damen miteinander und die Worte »Prostituierte« und »Schandfleck« fielen so laut, daß Dickchen den Kopf hob. Sie blickte ihre Nachbarn so herausfordernd und frech an, daß sofort allgemeine Stille eintrat und außer Loiseau, der sie lauernd betrachtete, alle die Augen niederschlugen. Aber bald begannen die drei Damen, welche die Gegenwart des Mädchens schnell einander freundschaftlich verbunden, ja fast zu Vertrauten gemacht hatte, sich wieder zu unterhalten. Es war ihnen, als müßten sie dieser schamlosen Käuflichen gegenüber mit ihrer Frauenwürde ein Bündnis schließen, denn die gesetzlich gestattete Liebe rümpft immer die Nase über ihre freie Schwester. Und auch die drei Männer, die beim Anblick Cornudets ein gemeinsamer konservativer Instinkt vereinigt, begannen über Geldsachen zu reden, in einem für Arme verletzenden Ton. Graf Hubert erzählte von der Verwüstung, die bei ihm die Preußen angerichtet, von den Verlusten, die ihm aus gestohlenem Vieh und verlorener Ernte erwuchsen, mit der Sicherheit eines großen Herrn und zehnfachen Millionärs, den so etwas, kaum weiter stört. Herr Carrße-Lamadon, in der Wollindustrie wohl erprobt, war vorsichtig gewesen und hatte 600000 Franken nach England geschickt, ein Notpfennig, den er sich für alle Fälle aufhob. Loiseau aber hatte es fertig bekommen der französischen Militär-Intendanz alle gewöhnlichen Weine, die er noch im Keller hatte, aufzuhängen, so daß ihm der Staat eine bedeutende Summe schuldete, die er hoffte in Havre erheben zu können. Alle drei warfen sich flüchtige Blicke des Einverständnisses zu. Obgleich aus verschiedenen Kreisen, fühlten sie sich doch durch das Geld eins, Mitglieder des Freimaurerordens der Besitzenden, derer, die da klimpern können, wenn sie die Hand in die Tasche stecken. Der Wagen fuhr so langsam, daß man um zehn Uhr morgens noch nicht vier Meilen zurückgelegt hatte. Drei mal stiegen die Herren aus, um bei Steigungen des Weges, zu gehen. Man sing an sich zu beunruhigen, denn in TÔtes sollte gefrühstückt werden, und man mußte jetzt beinah daran verzweifeln es noch vor Anbruch der Nacht zu erreichen. Sie spähten alle nach einem Wirtshaus am Wege aus, da versank der Wagen in einer Schneewehe, und sie brauchten zwei Stunden um ihn wieber flott zu machen. Der Appetit wuchs und beschäftigte aller Sinne und Gedanken. Aber kein Garkoch, kein Weinhändler zeigte sich. Die Nähe der Preußen und der Durchmarsch der verhungerten französischen Truppen hatten alle Wirte ins Bockshorn gejagt. Die Herren liefen in die Bauernhöfe am Wege, um Lebensmittel aufzutreiben. Aber sie fanden nicht einmal Brot, denn die mißtrauischen Bauern hatten ihre Reservevorräte versteckt, in der Befürchtung, von den Soldaten, die nichts zu beißen hatten und gewaltsam nahmen was sie fanden, geplündert zu werden. Gegen ein Uhr nachmittags erklärte Loiseau, daß er jetzt verfluchten Hunger habe. Alle empfanden längst dasselbe Gefühl und da der Heißhunger immer heftiger wurde, hörte allmählich jede Unterhaltung auf. Ab und zu gähnte jemand: das steckte an. Und nun öffnete der Reihe nach, einer nach dem andem den Mund: je nach Charakter, Lebensart oder gesellschaftlicher Stellung riß er ihn weit auf, oder öffnete ihn bescheiden, um sofort den gähnenden Schlund, aus dem der Atem dampfte, mit der Hand zu verbergen. Dickchen beugte sich mehrmals nieder, als ob sie unter ihren Kleidern etwas suchte. Sie zögerte eine Sekunde, blickte ihre Nachbarn an und richtete sich dann ruhig wieder auf. Aller Gesichter waren bleich und verzerrt. Loiseau schwor, er gäbe gleich tausend Franken für einen Schinken. Seine Frau wollte auffahren, beruhigte sich aber wieder. Es war ihr geradezu schrecklich von Geldverschwendung sprechen zu hören und sie verstand nicht einmal Spaß in diesem Punkt. – Jedenfalls fühle ich mich nicht wohl, sagte der Graf; daß ich auch nicht daran gedacht habe, etwas zu essen mitzunehmen! Jeder machte sich denselben Vorwurf. Cornudet hatte eine Feldflasche voll Rum, die er anbot. Man lehnte kühl ab. Nur Loiseau nahm zwei Schluck an und als er die Flasche zurückreichte dankte er mit den Worten: – Das hat wohlgethan! Das wärmt und man kommt über den Hunger weg. Der Alkohol kratzte ihn auf, und er schlug vor, wie es im Liede »vom kleinen Schiff« heißt: den fettesten der Reisenden zu schlachten. Diese Anspielung auf Dickchen verschnupfte die wohlerzogenen Leute. Man antwortete nicht, nur Cornudet lachte. Die beiden barmherzigen Schwestern hatten aufgehört den Rosenkranz zu beten und saßen, die Hände in ihren weiten Ärmeln vergraben, unbeweglich da, immer mit niedergeschlagenen Augen, jedenfalls dem Himmel dankbar für die Leiden, deren er sie würdigte. Schließlich um drei Uhr, als sie sich mitten auf einer endlosen Ebene befanden, kein Dorf weit und breit, bückte sich Dickchen schnell und zog unter der Bank einen großen mit weißer Serviette zugedeckten Korb hervor. Zuerst nahm sie daraus einen kleinen irdenen Teller, dann ein silbernes Becherchen, darauf eine große Terrine, in der zwei zerlegte Hühner in Aspik lagen. Und nun gewahrte man, noch eingewickelt, in dem Korbe viele andere gute Dinge: Pasteten, Früchte, Leckerbissen, – Vorräte für eine dreitägige Reise ausreichend ohne die Küchen der Wirtshäuser in Anspruch nehmen zu brauchen. Vier Flaschenhälse lugten zwischen den Eßsachen hervor. Sie nahm einen Hühnerflügel begann ihn mit Appetit zu verspeisen und ab und zu an einem kleinen Brödchen zu knabbern. Aller Blicke waren auf sie gerichtet. Wie das duftete: die Nasenlöcher blähten sich; das Wasser lief allen im Munde zusammen und die Kinnbacken krampften sich. Die Verachtung der Damen gegen das Mädchen hatte den Höhepunkt erreicht; es überkam sie die Lust, sie tot zu schlagen, oder sie aus dem Wagen hinaus in den Schnee zu werfen, samt ihrem Becher, ihrem Korbe, und ihren Vorräten. Aber Loiseau verschlang das Geflügel mit den Augen und meinte: – Das muß man allerdings sagen, die Dame ist vorsichtiger gewesen wie wir. Es giebt doch Menschen, die an alles denken! Sie blickte zu ihm auf: – Wollen Sie etwas essen? – Es ist hart, den ganzen Tag nichts zu sich zu nehmen! Er verneigte sich: – Offen gestanden, ich kann nicht nein sagen. Ich kann es nicht mehr aushalten. Krieg ist Kriege meinen Sie nicht? Er blickte rundum und fügte hinzu: – In solchem Augenblick freut man sich, jemand zu finden, der einem einen Gefallen thut. – Er faltete ein Zeitungsblatt auseinander, um seine Hose nicht zu beschmutzen, spießte mit seinem Taschenmesser ein ganz mit Aspik überzogenes Bein auf, zerlegte es mit den Zähnen und kaute es dann mit so sichtlicher Befriedigung, daß im Wagen alle vor Neid barsten. Dickchen bot auch den barmherzigen Schwestern in weichem demütigen Ton an, doch an ihrer Mahlzeit teilzunehmen. Die griffen sofort zu und ohne aufzublicken begannen sie sehr schnell, nachdem sie einen kurzen Dank gestammelt, zu essen. Auch Cornudet lehnte die Aufforderung seiner Nachbarin nicht ab und sie bildeten nun mit den Nonnen eine Art Tisch, indem sie auf den Knieen Zeitungsblätter auseinanderfalteten. Unausgesetzt öffneten und schloffen sich die Münder, würgten, schmatzten und verschlangen gierig die Speisen. Loiseau saß in seiner Ecke und redete seiner Frau leise zu, seinem Beispiel zu folgen. Sie widerstand lange, aber endlich als sie es vor Magenknurren nicht mehr aushalten konnte, gab sie nach. Nun fragte ihr Mann, möglichst artig, ihre »reizende Begleiterin«, ob sie erlauben würde, daß er seiner Frau auch ein kleines Stück gäbe. Dickchen antwortete: – Aber gewiß, sehr gern. Mit liebenswürdigem Lächeln hielt sie die Schüssel hin. Als die erste Flasche Rotwein geöffnet wurde, trat eine verlegene Pause ein, denn es gab nur einen Becher. Man reichte ihn weiter, nachdem ihn jeder abgewischt. Cornudet hingegen setzte, wahrscheinlich aus Galanterie, seine Lippe an die noch nasse Stelle, wo die seiner Nachbarin geruht. Zwischen all diesen schmatzenden Leuten, und durch den Essensdunst fast zur Verzweiflung getrieben, litten Graf und Gräfin Bréville sowie Herr und Frau Carré - Lamadon wahre Tantalusqualen. Plötzlich stieß die junge Frau des Fabrikanten einen Seufzer aus, daß alle sie anblickten. Sie wurde so bleich wie der Schnee draußen, ihre Augen schlossen sich, ihre Stirn sank vornüber: sie ward ohnmächtig. Ihr Mann war außer sich und rief um Hilfe. Nun verloren sie alle gänzlich die Fassung bis die älteste der barmherzigen Schwestern, die den Kopf der Kranken hielt, ihr Dickchens Becher zwischen die Lippen zwängte und ein paar Tropfen Wein einflößte. Die hübsche junge Frau schlug die Augen auf, lächelte und erklärte mit leiser Stimme, daß ihr jetzt wohler sei. Aber die Nonne bat sie, damit es nicht wiederkäme, ein ganzes Glas Bordeaux zu trinken und fügte hinzu: – Das kommt vom Hunger, nur vom Hunger. Da errötete Dickchen und stammelte verlegen, indem sie die vier noch fastenden Reisenden anblickte: – Ja, wenn ich Ihnen anbieten darf, meine Damen und Herren? – Sie schwieg, sie fürchtete zu viel gesagt zu haben. Loiseau nahm das Wort: – Bei Gott, in solchen Fällen sind wir alle Brüder und sollen einander helfen. Zum Teufel, meine Damen, jetzt machen Sie keine Geschichten. Nehmen Sie an! Wir wissen doch garnicht einmal ob wir überhaupt noch ein Haus erreichen zum Übernachten. Wenn es in dem Tempo weitergeht, sind nur vor morgen mittag nicht in Tôtes. – Man zögerte. Niemand wollte zuerst ja sagen. Da machte her Graf der Sache ein Ende, wendete sich zu dem verlegenen dicken Mädchen und sagte in vornehmem Ton: – Wir nehmen dankend an! Der Entschluß war schwer gewesen, aber, nachdem einmal das Eis gebrochen, ging man mit Eifer an die Sache. Der Korb wurde geleert. Er enthielt noch eine Gänseleber, eine Lerchenpastete, ein Stück gepöckelte Zunge, Birnen aus Crassane, ein Pfefferkuchen von Pont-Leveque, Dessert und ein Glas Mixed-pickles, da Dickchen wie alle Frauen das Pikante liebte. Man konnte die Vorräte des Mädchens aber nicht verzehren, ohne mit ihr zu reden. Also sprach man mit ihr, wenn auch zunächst zurückhaltend. Da sie sich aber sehr gut benahm, ließ man sich bald mehr gehen. Die Gräfin und Frau Carré-Lamadon, die viel Lebensart besaßen, waren artig aber zurückhaltend. Besonders die Gräfin zeigte jene liebenswürdige Herablassung sehr vornehmer Damen, die keine Berührung irgend welcher Art beschmutzen kann. Sie war bezaubernd. Aber die dicke Frau Loiseau, schwerfällig wie ein Dragoner, blieb unfreundlich, sprach wenig und aß viel. Natürlich unterhielt man sich vom Kriege. Man erzählte sich Greuelthaten der Preußen und Wunder an Tapferkeit der Franzosen; und sie alle, die auf der Flucht waren, sprechen mit Anerkennung von dem Mute der Zurückgebliebenen. Bald kam man auf persönliche Dinge, und Dickchen erzählte mit echter Bewegung, mit jener Wärme des Ausdrucks,, die solche Mädchen manchmal haben, um ihre natürliche Erregung auszudrücken, wie sie Rouen verlassen: – Zuerst glaubte ich, ich könnte bleiben – sagte sie. – Ich hatte das Haus voller Vorräte und hätte lieber irgend ein paar Soldaten durchgefüttert, als ausgewiesen zu werden. Aber als ich diese Preußen erst einmal sah, konnte ich nicht mehr anders. Mich ergriff eine solche Wut, daß ich den ganzen Tag vor Empörung weinen mußte. Wäre ich ein Mann! Von meinem Fenster habe ich sie gesehen, diese dicken Schweine, mit ihren Pickelhauben, und mein Mädchen mußte mir die Hände festhalten, jawohl, sonst hätte ich irgend etwas nach ihnen geschmissen. Dann bekam ich Einquartierung. Ich bin dem ersten gleich an die Gurgel gesprungen. Die erwürgt man auch nicht schwerer als andere Menschen. Ich hätte ihm schon den Rest gegeben, dem Kerl, wenn man mich nicht bei den Haaren zurückgerissen hätte. Ich mußte mich dann verstecken. Als sich mir eine Gelegenheit bot, machte ich mich fort, – und so bin ich hier. Man beglückwünschte sie sehr. Sie stieg in der Achtung ihrer Reisegefährten, die sich nicht so verwegen gezeigt hatten. Cornudet lächelte, während er ihr zuhörte, beifällig, wohlwollend, salbungsvoll, wie ein Priester, wenn der Gläubige Gott lobt; denn die wüstbärtigen Demokraten haben den Patriotismus genau so gepachtet, wie die Pfaffen die Religion. Nun redete auch er in salbungsvollem Ton mit hochtrabenden Redensarten, die er aus jenen Proklamationen erlernt, die man täglich an die Mauern klebte und schloß mit einem fabelhaften Redeschwung, in dem er von oben herab »den Lumpen den Badinguet« abkanzelte.   Aber Dickchen wurde sofort böse, denn sie war Bonapartistin. Sie wurde puterrot und stammelte empört: – Ich hätte Sie mal an seiner Stelle sehen wollen, das wäre eine schöne Geschichte geworden. Ihr habt überhaupt den Mann verraten. Wenn solche Kerls wie ihr zur Regierung kommen, kann man nur gleich Frankreich den Rücken kehren. Cornudet blieb kalt verächtlich und überlegen lächelnd. Aber man ahnte, daß die Grobheiten kommen würden, als der Graf sich ins Mittel legte, und das außer sich geratene Mädchen nicht ohne Mühe beruhigte, indem er mit Nachdruck erklärte, jede ehrliche Ansicht sei zu achten. Aber die Gräfin und die Fabrikantenfrau, die den unvernünftigen Haß aller anständigen Leute gegen die Republik in sich trugen und dazu jene instinktive Vorliebe aller Frauen für Säbelherrschaft und Despotie, fühlten sich, ohne es zu wollen, hingezogen, zu dieser gesinnungstüchtigen Prostituirten, deren Gefühle den ihren so ähnlich waren. Der Korb war leer. Zu zehn hatte man ihn mühelos geleert und nur bedauert, daß er nicht größer war. Die Unterhaltung ging einige Zeit fort, aber doch etwas lässiger, seitdem man mit essen fertig war. Die Dunkelheit brach ein, es wurde allmählich vollkommen Nacht und wahrend der Verdauung ward die Kälte fühlbarer, so daß Dickchen trotz ihres Fettes zusammenschauerte. Da bot ihr Gräfin Breville ihren Fußwärmer an, dessen Füllung seit dem Morgen mehrmals erneuert worden. Dickchen nahm sofort an, denn ihre Füße waren wie Eis. Die Damen Carré-Lamadon und Loiseau borgten ihre Wärmflaschen den Nonnen. Der Kutscher hatte die Laternen angezündet. Ihr heller Schein beleuchtete eine Dampfwolke auf den schwitzenden Kruppen der Stangenpferde und zu beiden Seiten der Straße den Schnee, der beim zuckenden Schein der Lichter vorbei zu gleiten schien. Im Wagen konnte man nichts mehr erkennen, aber plötzlich kam Bewegung zwischen Dickchen und Cornudet; und Loiseau, dessen Auge das Dunkel durchforschte, war es, als sähe er den Mann mit dem langen Bart schnell zur Seite fahren, als hätte eo in aller Stille einen tüchtigen Puff erhalten. Vor ihnen an der Straße erschienen kleine Lichtpunkte. Es war Tôtes. Man war elf Stunden gefahren; das machte mit der Rast, die man vier mal den Pferden gegönnt, um sich zu verschnaufen und Hafer zu fressen, vierzehn. Man fuhr in den Ort ein und hielt vor dem Hotel du Commerce. Der Wagenschlag wurde geöffnet. Ein ihnen wohlbekannter Laut ließ die Reisenden zusammenschrecken: das Klirren eines Säbels auf dem Boden. Zugleich rief die Stimme eines Deutschen irgend etwas. Obgleich der Stellwagen halten blieb, stieg niemand aus, als erwartete man beim Aussteigen sofort umgebracht zu werden. Da erschien der Kutscher, eine seiner Laternen in der Hand, die plötzlich bis in die Tiefe des Wagens ihren Schein warf, auf die beiden Reihen verstörter Gesichter, deren Münder offen standen und deren Augen vor Staunen und Entsetzen aufgerissen waren. Neben dem Kutscher stand in voller Beleuchtung ein deutscher Offizier, ein großer junger Mann, überaus schlank und blond, eingezwängt in seine Uniform wie ein Mädchen ins Korsett, die flache Mütze schief aufgesetzt. Sein riesiger Schnurrbart mit zwei langen geraden Spitzen wurde auf beiden Seiten immer dünner und endigte in einem einzigen so blonden Haar, daß man das Ende nicht sah. Der Bart schien auf den Mundwinkeln zu lasten und zog die Wange herab, so daß sich von den Lippen nach unten eine Falte eingrub. In elsässischem Französisch forderte er die Reisenden auf, auszusteigen indem er in befehlendem Ton sagte: – Aussteigen, bitte, meine Herren und Damen. Die beiden barmherzigen Schwestern gehorchten zuerst, mit der Unterwürfigkeit von Nonnen, die an Gehorsam gewöhnt sind. Dann erschienen Graf und Gräfin, vom Fabrikanten und seiner Frau gefolgt, darauf Loiseau, der seine dicke Ehehälfte vor sich her schob. Er sagte beim Aussteigen zum Offizier: Guten Morgen! mehr aus Vorsicht als Höflichkeit. Der blickte ihn unverschämt, wie Leute, die die Macht haben, an, ohne eine Antwort zu geben. Dickchen und Cornudet stiegen, obgleich sie der Thür zunächst saßen, zuletzt aus, ernst und stolz dem Feind gegenüber. Das dicke Mädchen suchte sich zu beherrschen und ruhig zu bleiben; der Demokrat strich mit tragischer Gebärde, aber etwas erregt, den langen roten Bart. Sie wollten Haltung bewahren, da sie einsahen, daß bei solchen Begegnungen jedermann bis zu einem gewissen Grade sein Vaterland repräsentiert; und empört über die Gefügigkeit ihrer Reisegefährten suchte sie eine stolzere Miene aufzusetzen als ihre Begleiterinnen, die ehrbaren Frauen, während er, wohl fühlend, daß er einen Beweis liefern mußte, in seinem ganzen Benehmen seine Politik des Widerstandes fortsetzte, die er mit Aufreißen der Landstraßen begonnen hatte. Sie traten in die große Küche des Gasthauses,, und der Deutsche, der sich den vom kommandierenden General unterzeichneten Paß hatte geben lassen, auf dem alle Namen verzeichnet standen, mit Signalement, Beruf und Stand jedes einzelnen der Reisenden, betrachtete sie alle genau und verglich die Personen mit den geschriebenen Angaben. Dann sagte er kurz: – Es ist gut! – und verschwand. Da atmeten sie auf. Sie hatten alle noch Hunger und bestellten Abendbrot. Eine halbe Stunde verstrich, um es herzurichten; und während die beiden Kellnerinnen thaten, als bekümmerten sie sich um das Essen, begab man sich auf die Zimmer. Sie lagen alle an einem langen Gang, an dessen Ende sich eine Glasthür mit No. 0 befand. Als man sich endlich zu Tisch setzen wollte, erschien der Wirt selbst, ein ehemaliger Pferdehändler, ein dicker, asthmatischer Mann, in dessen Kehle es immer pfiff, rasselte und rasaunte. Sein Vater hatte ihm den Namen Follenvie vererbt. Er fragte: – Fräulein Elisabeth Rousset? Dickchen zuckte zusammen und wendete sich um: – Das bin ich. – Fräulein, der preußische Offizier will Sie sofort sprechen. – Mich? – Ja, falls Sie Fräulein Elisabeth Rousset sind. Sie ward verlegen, dachte eine Sekunde nach und erklärte dann entschieden: – Das kann wohl sein, aber ich werde nicht kommen. Alle gerieten in Aufregung: jeder erörterte und suchte den Grund zu dem Befehl. Der Graf trat auf sie zu: – Sie befinden sich im Unrecht, denn Ihre Weigerung könnte große Unannehmlichkeiten im Gefolge haben, – nicht nur für Sie sondern für alle Ihre Reisegenossen. Man muß der Gewalt nie Widerstand leisten. Außerdem kann es ja bei diesem Schritt keine Gefahr geben. Es handelt sich jedenfalls um irgend eine vergessene Formalität. Alle waren seiner Ansicht, und man bat sie, drang in sie, beschwor sie, und überredete sie endlich. Denn alle fürchteten Schwierigkeiten, die durch solchen Widerstand hervorgerufen werden konnten. Endlich sagte sie: – Nun also, ich werde es in Ihrem Interesse thun. Die Gräfin ergriff ihre Hand: – Und wir danken Ihnen dafür. Sie ging, und man wartete auf sie, um mit dem Essen anzufangen. Jeder einzelne ärgerte sich, nicht statt dieses heftigen und jähzornigen Mädchens gewünscht worden zu sein und legte sich allerlei Redensarten zurecht, für den Fall, daß man auch ihn riefe. Aber nach zehn Minuten erschien sie wieder: außer Atem, verzweifelt, rot zum Ersticken und stammelte: – Dieser Lump, dieser Lump! Alle wollten wissen, was geschehen sei, aber sie gab keine Antwort. Und als der Graf in sie drang, entgegnete sie mit Würde: – Das geht Sie nichts an. Ich kann es nicht sagen. Da setzte man sich um eine große Suppenschüssel, aus der Kohlgeruch aufstieg. Trotz des Schreckes verlief das Abendessen sehr heiter. Der Apfelwein war gut. Aus Sparsamkeit hatte das Ehepaar Loiseau und die barmherzigen Schwestern welchen verlangt. Die andern bestellten Wein, Cornudet Bier. Er hatte eine ganz eigene Art die Flasche zu entkorken, die Flüssigkeit schäumen zu lassen, sie zu betrachten, indem er das Glas neigte und es dann zwischen die Lampe und sein Auge hielt, um die Farbe zu begutachten. Wenn er trank schien sein mächtiger Bart, der die Farbe seines Lieblingsstoffes angenommen hatte, zu zittern vor Wollust. Er schielte, um nur ja nicht sein Seidel aus dem Auge zu lassen, und es war als erfüllte er die einzige Thätigkeit, zu der er überhaupt geboren. Man hätte meinen sollen, in seinem Geist fände ein Ausgleich statt und eine Verbindung zwischen den beiden großen Leidenschaften, die sein Leben ausfüllten: Bier und Revolution. Und jedenfalls konnte er eins nicht genießen ohne an das andere zu denken. Herr und Frau Follenvie aßen oben am Tisch. Der Mann schnaufte wie eine überheizte Lokomotive. Der Luftzug in seiner Brust war zu stark, als daß er hätte beim Essen sprechen können, aber die Frau schwieg nie. Sie gab alle ihre Eindrücke bei der Ankunft der Preußen zum besten, erzählte was sie thäten, was sie sagten, verfluchte sie, einmal, weil sie ihnen Geld kosteten und außerdem weil sie zwei Söhne bei der Armee hatte. Sie richtete sich meist an die Gräfin, geschmeichelt, mit einer Dame von Rang zu reden. Dann senkte sie die Stimme, um heikle Dinge zu erzählen, und ihr Mann unterbrach sie von Zeit zu Zeit und rief: – Du thätest besser, zu schweigen, Frau Follenvie. Aber sie kehrte sich nicht daran sondern fuhr fort: – Ja, gnädige Frau, die essen nur Schweinebraten und Kartoffeln und Kartoffeln und Schweinebraten. Und glauben Sie blos nicht, daß sie reinlich sind. Im Gegenteil. Nehmen Sie mir's nicht übel, aber die verunreinigen alles. Und dann sollten Sie sie mal exerzieren sehen, stundenlang, tagelang! Auf einem Felde kommen sie da zusammen und dann geht's los: vorwärts, rückwärts, hierhin, dorthin. Wenn die wenigstens das Feld bestellten, oder auf der Straße arbeiteten bei sich zu Haus. Aber nein, gnädige Frau, das Militär ist zu nichts nütze, und das arme Volk muß die Soldaten noch füttern, dafür daß sie nichts weiter lernen als andere Leute totschlagen. Ich bin nur eine alte Frau ohne Bildung, das ist richtig, aber wenn man so sieht, wie die sich abschinden und da rumlatschen von früh bis abends, da sage ich mir doch: es giebt doch so viel Menschen, die Entdeckungen machen, um was zu nützen, muß es denn auch welche geben, die sich so abrackern, um Schaden anzustiften? Ist es denn nicht wirklich eine Gemeinheit, die Leute tot zu schießen, ob sie nun Preußen oder Engländer, Polen oder Franzosen sind? Wenn man sich an jemand rächt, der einem was Böses gethan, so thut man unrecht, da man doch deswegen bestraft wird. Aber wenn man unsere Jungen mit dem Gewehr wegputzt wie so 'nen Hasen auf dem Felde, so ist das was Großes, denn der, der am meisten totschießt, kriegt doch 'nen Orden? Nee, sehen Sie, so was werde ich mein Lebtag nicht kapieren! Cornudet erhob die Stimme: – Der Krieg ist eine Barbarei, wenn man den friedlichen Nachbar überfallt, – aber er ist eine heilige Pflicht, wenn man das Vaterland verteidigt. Die alte Frau senkte den Kopf: – Ja, wenn man sich verteidigt, ist es was anderes. Aber wär's nicht viel besser, alle Könige tot zu machen, die so was zu ihrem Vergnügen anstellen? Cornudets Auge blitzte: – Bravo, Genossin! – sagte er. Herr Carré-Lamadon war in tiefen Gedanken. Obgleich er sich für die großen Feldherren begeisterte, ließ ihn der gesunde Menschenverstand dieser Bauersfrau an den Reichtum denken, der einem Lande zu gute kommen könnte, durch so viele feiernde, folglich kostspielige, Kräfte, die unausgenutzt blieben, und die man heranziehen mußte zu den größten gewerblichen Arbeiten, die zur Vollendung Jahrhunderte benötigten. Aber Loiseau verließ seinen Platz, um leise mit dem Wirt zu sprechen. Der dicke Mann lachte, hustete, spuckte, sein mächtiger Leib hüpfte vor Freude bei den Witzen seines Nachbars. Und er kaufte ihm sechs Faß Bordeauxwein ab, für's nächste Frühjahr, wenn die Preußen fort wären. Als das Abendessen kaum beendigt war, gingen alle totmüde zu Bett. Loiseau, der seine Beobachtungen gemacht hatte, ließ seine Frau zu Bett gehen,und horchte dann an der Thür, oder blickte ab und zu durch das Schlüsselloch, um auszuspionieren, was er die »Geheimnisse des Korridors« nannte. Nach etwa einer Stunde hörte er ein Rascheln, blickte schnell hinaus und gewahrte Dickchen, die in einem Schlafrock aus blauem Kaschmir mit weißen Spitzen noch molliger aussah. Sie trug einen Leuchter in der Hand und ging nach No. 0 am Ende des Ganges. Eine Thür daneben öffnete sich und als sie nach ein paar Minuten zurückkehrte, folgte ihr Cornudet ohne Rock und Weste. Sie sprachen leise, blieben dann stehen. Dickchen schien den Eintritt in ihr Zimmer energisch zu verwehren. Unglücklicherweise hörte Loiseau nicht was sie sagte, aber als sie dann lauter wurde, konnte er ein paar Brocken aufschnappen. Cornudet drang lebhaft auf sie ein: – Ach was, das ist doch zu dumm, – was thut Ihnen denn das! Sie schien empört zu sein und antwortete: – Nein, mein Lieber. Es giebt Augenblicke, wo man so was nicht thut. Und hier wäre es eine Schande. Er verstand sie offenbar nicht und fragte: warum? Da ward sie böse und sagte noch lauter: – Warum? Sie begreifen nicht, warum? Wenn Preußen im Hause sind, – vielleicht im Nebenzimmer? Er schwieg. Solche patriotische Scham einer Dirne, die sich in der Nähe des Feindes nicht liebkosen ließ, richtete wohl in seinem Herzen die schwankende Würde wieder an, denn er schlich sich, nachdem er sie nur geküßt, auf den Fußspitzen in sein Zimmer. Loiseau war ganz aufgeregt, lief von der Thür fort, machte einen Satz durch's Zimmer, setzte seine Nachtmütze auf, hob die Decke empor, darunter seine wohlbeleibte Gattin lag, weckte sie mit einem Kuß und flüsterte ihr zu: – Herzchen, hast Du mich lieb? Nun versank das ganze Haus in Schweigen. Aber bald erhob sich irgendwo in unbestimmter Gegend, es konnte ebensogut der Keller wie der Boden sein, ein mächtiges Schnarchen, eintönig, regelmäßig, ein dumpfes, andauerndes Geräusch, wie das Zittern eines Kessels unter Dampf: Herr Follenvie schlief. Da ausgemacht worden, sie wollten am anderen Morgen um acht Uhr abfahren, fanden sie sich alle in der Küche zusammen. Aber der Wagen, dessen Dach mit Schnee bedeckt war, stand einsam, mitten auf dem Hof ohne Pferde und ohne Kutscher. Man suchte vergeblich den Mann im Stall, auf dem Boden, in der Remise. Da entschlossen sich alle Männer, die Nachbarschaft abzusuchen, und gingen fort. Sie kamen auf den Marktplatz, mit der Kirche im Hintergrund und zwei Reihen niedriger Häuser auf beiden Seiten, in denen man preußische Soldaten gewahrte. Der erste, den sie entdeckten, schälte Kartoffeln, ein zweiter, ein Stück weiter, reinigte den Laden des Friseurs, ein anderer, bärtig bis an die Augen hinan, küßte ein kleines, heulendes Wurm, ließ es auf seinen Knieen reiten, um es zu beruhigen. Und die dicken Bauernweiber, deren Männer im Felde standen, gaben durch Zeichen ihren gehorsamen Siegern zu verstehen, welche Arbeit sie verrichten sollten: Holz hacken, Suppe kochen, Kaffee mahlen. Einer von ihnen wusch sogar die Wäsche seiner Quartierwirtin, eines alten arbeitsunfähigen Weibes. Der Graf war erstaunt und befragte den Küster, der aus dem Pfarrhaus kam. Die alte Kirchenratte antwortete: – Ach, die sind garnicht weiter böse. Das sollen auch, wie man sagt, gar keine Preußen sein. Die sind weiter her, ich weiß nicht von wo. Die haben alle Frau und Kind zu Haus. Wissen Sie, der Krieg, der macht ihnen weiter gar keinen Spaß. Ich denke, da bei denen zu Haus wird man auch um die Männer weinen, und das wird ein rechtes Elend bei ihnen sein, genau so wie bei uns. Hier ist man ja für den Augenblick noch garnicht so unglücklich. Sie thun ja nichts Böses und sie arbeiten ja eigentlich als ob sie zu Haus wären. Sehen Sie, mein Herr, arme Leute helfen sich untereinander.... Den Krieg machen nur die Großen. Cornudet war empört über das gute Einvernehmen zwischen Sieger und Besiegten und zog sich zurück, da er lieber im Wirtshaus bleiben wollte. Loiseau meinte scherzhaft: – Sie bringen Leben in die Bude. – Herr Carré-Lamadon sagte ernsthaft: – Sie suchen ihr Unrecht wieder gut zu machen! Aber den Kutscher fanden sie nicht. Endlich entdeckten sie ihn im Café des Ortes, brüderlich zusammen mit dem Offiziersburschen am Tisch. Der Graf fragte: – Hat man Ihnen denn nicht befohlen, um acht anzuspannen? – Jawohl, aber seitdem habe ich Gegenbefehl bekommen. – Was für einen? – Ueberhaupt nicht anzuspannen. – Wer hat Ihnen das befohlen? – Nun, der preußische Befehlshaber. – Warum? – Ich weiß nicht. Fragen Sie ihn doch. Man hat mir verboten, anzuspannen. Ich spanne nicht an. Na also. – Hat er es Ihnen selbst gesagt? – Nein, Herr, er hat's mir durch den Wirt, sagen lassen. – Wann denn? – Gestern Abend, als ich zu Bett ging. Die drei Herren kehrten beunruhigt heim. Man fragte nach Herrn Follenvie. Aber die Kellnerin antwortete: der Herr stünde wegen seines Asthmas nie vor zehn Uhr auf. Er hatte sogar ausdrücklich verboten, ihn früher zu wecken, es sei denn, es brenne. Sie wollten den Offizier sprechen, aber das war ganz unmöglich, obgleich er im Wirtshaus wohnte. Nur Herr Follenvie durfte ihn sprechen in Privatangelegenheiten. So warteten sie also. Die Damen, gingen wieder auf ihre Zimmer und beschäftigten sich, mit allerlei Albernheiten. Cornudet hatte sich am großen Herd in der Küche, in dem ein mächtiges Feuer brannte, häuslich eingerichtet. Er ließ sich dorthin einen der kleinen Tische aus dem Café bringen, ein Glas Bier und zog seine Pfeife hervor, die bei den Demokraten fast so berühmt war wie er selbst, als ob sie dem Vaterlande Dienste geleistet hätte, indem sie Cornudet diente. Es war eine prachtvolle Meerschaumpfeife, wunderschön angeraucht, schwarz wie die Zähne ihres Besitzers, aber riechend, schön geschwungen, glänzend, seine unzertrennliche Freundin, stets zur Hand und wie zu seinem Gesicht passend, und etwas so Gewohntes bei ihm, daß sie seine Erscheinung erst vervollkommnete. Er blieb unbeweglich sitzen, die Augen bald auf die Feuerglut gerichtet, bald auf den Schaum auf seinem Bier, und jedesmal wenn er getrunken hatte, strich er sich mit den langen, mageren Fingern durch die langen, fettigen Haare während er den am Bart hängenden Schaum einschlürfte. Loiseau ging, unter dem Vorwand, sich die Beine vertreten zu wollen, um im Ort seinen Wein an den Mann zu bringen. Der Graf und der Fabrikant sprachen über Politik: sie prophezeiten die Zukunft Frankreichs. Der Eine glaubte an die Orleans, der Andere an einen unbekannten Retter, einen Helden, der erscheinen würde, wenn alles der Verzweiflung nahe war: vielleicht ein Du Guesclin oder eine Jeanne d'Arc? oder ein zweiter Napelon I.? Ach, wenn der kaiserliche Prinz nicht so jung wäre! Cornudet hörte ihnen lächelnd zu, wie jemand, der genau weiß was da kommen wird. Seine Pfeife verstänkerte die ganze Küche. Als es zehn Uhr schlug, erschien Herr Follenvie. Man befragte ihn sofort, aber er konnte nur zweidreimal dasselbe wiederholen: – Der Offizier hat mir folgendes gesagt: »Herr Follenvie, Sie werden verbieten, daß man morgen früh den Wagen der Reisenden anspannt. Ich will nicht, daß sie ohne meinen Befehl abreisen. Sie haben's gehört. Das genügt.« Nun wollten sie den Offizier sprechen. Der Graf schickte ihm seine Karte, auf die Herr Carré- Lamadon seinen Namen schrieb mit allen seinen Titeln. Der Preuße ließ antworten, er würde diese beiden Herren empfangen, sobald er gefrühstückt hätte, das heißt gegen ein Uhr. Die Damen erschienen wieder, und man aß etwas, trotz der Aufregung. Dickchen sah krank und seltsam verstört aus. Man trank eben den Kaffee, als der Bursche die Herren holte. Loiseau schloß sich an. Aber als sie versuchten auch Cornudet zu bewegen mitzugehen, um dem Schritt mehr Feierlichkeit zu geben, erklärte er stolz, er beabsichtige nicht mit den Deutschen jemals in irgend welche Verbindung zu treten, setzte sich wieder an den Kamin und bestellte ein neues Glas Bier. Die drei Herren gingen hinauf und wurden in das schönste Zimmer des Wirtshauses geführt, wo der Offizier sie empfing. Er lag in einem Lehnstuhl, die Füße auf dem Kamin, rauchte eine lange Porzellanpfeife und war in einen farbenleuchtenden Schlafrock gehüllt, den er, wahrscheinlich irgendwo aus der verlassenen Wohnung eines Mannes von schlechtem Geschmack, mitgenommen. Er erhob sich nicht, grüßte nicht, blickte sie garnicht an: ein köstliches Beispiel für die Rohheit, mit der sich siegreiche Soldaten benehmen. Nach ein paar Augenblicken sagte er endlich: – Was wollen Sie? Der Graf nahm das Wort: – Wir möchten weiterreisen, mein Herr. – Nein. – Darf ich mir erlauben zu fragen, warum nicht? – Weil ich nicht will. – Ich gestatte nur höflichst zu bemerken, Ihr kommandierender General uns die Erlaubnis zur Abreise gegeben hat, um nach Dieppe zu fahren; und ich denke, wir haben nichts gethan, um Ihre strengen Maßregeln zu verdienen. – Ich will nicht. Das ist alles. ... Sie können nun gehen. Alle drei verbeugten sich und zogen sich zurück. Der Nachmittag war trostlos. Man verstand diese Launen des Deutschen nicht, und die absonderlichsten Gedanken beunruhigten sie. Sie blieben alle in der Küche und hörten nicht auf sich zu besprechen und sich die unmöglichsten Sachen einzureden. Vielleicht wollte man sie als Geiseln behalten, aber zu welchem Zweck? Oder sie etwa gefangen nehmen, oder am Ende gar ein hohes Lösegeld verlangen? Bei diesem Gedanken überfiel sie ein panischer Schrecken. Die Reichsten waren am meisten entsetzt und sahen sich schon, um ihr Leben zu retten, gezwungen, ganze Säcke voll Gold in die Hände dieses unverschämten Soldaten zu legen. Sie zerbrachen sich den Kopf, um annehmbare Ausreden zu finden, ihren Reichtum zu verbergen, sich für arm auszugeben, für sehr arm. Loiseau machte seine goldene Uhrkette los und steckte sie in die Tasche. Die einbrechende Dunkelheit erhöhte ihre Besorgnis. Die Lampe wurde angezündet und da bis zum Essen noch zwei Stunden Zeit war, schlug Frau Loiseau eine Partie trente et un vor. Das wäre doch eine Zerstreuung. Man stimmte zu. Sogar Cornudet, der aus Anstand seine Pfeife hatte ausgehen lassen, nahm Teil. Der Graf mischte, gab Karten: Dickchen hatte auf einen Schlag einunddreißig; und bald beruhigte das Interesse am Spiel die Angst, die in den Köpfen spukte. Aber Cornubet merkte, daß das Ehepaar Loiseau anfing zu mogeln. Als man sich zu Tisch setzen wollte, erschien Herr Follenvie und verkündete mit seiner verschleimten Stimme: – Der preußische Offizier läßt Fräulein Elisabeth Rousset fragen, ob sie noch nicht anderer Meinung geworden wäre. Dickchen stand totenbleich da, dann wurde sie plötzlich dunkelrot und es überkam sie ein solcher Wutanfall, daß sie nicht mehr sprechen konnte. Endlich platzte sie heraus: – Sagen Sie diesem Lumpen, diesem Dreckfinken, diesem preußischen Luder, daß ich niemals ja sagen würde. Hören Sie, niemals, niemals, niemals! Der dicke Wirt ging hinaus. Da wurde Dickchen umringt, befragt, belagert von allen, um das Rätsel zu enthüllen. Zuerst wollte sie nicht, aber bald riß sie die Verzweiflung fort. – Was er will? Was er will? Er will bei mir schlafen, – schrie sie. Niemand stieß sich an das Wort, so groß war die Empörung. Cornudet stampfte mit dem Glas auf den Tisch, daß es zerbrach. Ein allgemeiner Entrüstungsschrei gegen diesen gemeinen Kriegsknecht entrang sich ihnen, ein Sturm der Empörung. Und alle waren eins im Widerstand, als ob jedem einzelnen ein Teil des Opfers abverlangt würde, das sie bringen sollte. Der Graf erklärte mit Ekel, daß diese Leute sich aufführten wie die alten Barbaren. Besonders die Damen bezeugten Dickchen nachdrücklich und liebevoll ihr Mitgefühl. Die barmherzigen Schwestern, die nur zu den Mahlzeiten erschienen, hatten den Kopf gesenkt und schwiegen. Trotzdem aß man, nachdem der erste Zorn verraucht war. Aber es wurde wenig gesprochen, man überließ sich seinen Gedanken. Die Damen zogen sich zeitig zurück und die Herren setzten sich rauchend zum Ecarté, zu dem auch Herr Follenvie aufgefordert wurde, weil man ihn geschickt aushorchen wollte über etwaige Mittel, den Widerstand des Offiziers zu brechen. Aber er dachte nur an seine Karten, hörte nicht zu, antwortete nicht und wiederholte unausgesetzt: – An's Spiel meine Herren, an's Spiel. Geben Sie, meine Herren! Karten geben, meine Herren! Seine Aufmerksamkeit war so angespannt, daß er ganz vergaß auszuspucken, so daß es ihm manchmal in der Kehle sitzen blieb. Seine pfeifenden Lungen ließen alle Geräusche des Asthmas hören, von den tiefen Orgeltönen bis zu den hohen, heiseren Lauten wie ein junger Hahn, der krähen will. Als seine Frau, die totmüde war, kam, um ihn abzuholen, weigerte er sich zu Bett zu gehen. Da ging sie allein fort, denn sie war für den Morgen, stand mit Sonnenaufgang auf, während ihr Mann mehr für den Abend war, immer bereit, die Nacht mit seinen Freunden zuzubringen. Er rief ihr zu: – Stell nur mein Gmser Krähnchen ans Feuer, – und begann wieder zu spielen. Als man merkte, daß man aus Follenvie doch nichts herausbringen konnte, erklärte man, es sei Zeit aufzubrechen, und alle gingen zu Bett. Ziemlich zeitig standen sie am anderen Morgen auf, mit der unbestimmten Hoffnung, dem wachsenden Wunsch, abzureisen und entsetzt bei dem Gedanken, den Tag wieder in diesem fürchterlichen kleinen Wirtshaus zubringen zu sollen. Aber ach, die Pferde blieben wieder im Stall stehen, und der Kutscher tauchte nicht auf. Da sie nichts zu thun hatten, liefen sie um den Wagen herum. Das Frühstück verlief recht traurig, und Dickchen gegenüber war eine Abkühlung eingetreten, denn über Nacht war Rat gekommen, und sie urteilten nun ein wenig anders. Jetzt verdachten sie es beinah dem Mädchen, daß sie nicht im stillen den Preußen aufgesucht hatte, um beim Erwachen ihren Reisegefährten eine angenehme Überraschung zu bieten. Was gab es Einfacheres, und wer hätte es denn gemerkt? Sie hätte den Schein wahren können, indem sie dem Offizier sagen ließ, daß sie es aus Mitleid für die anderen thäte. Für sie war das doch weiter nichts Schlimmes. Aber noch wagte niemand solche Gedanken auszusprechen. Nachmittags, als man sich zum Sterben langweilte, schlug der Graf vor, einen Spaziergang in die Umgegend des Dorfes zu unternehmen. Sie vermummten sich alle so sehr sie nur konnten, und mit Ausnahme von Cornudet, der am Feuer sitzen blieb, und der Schwestern, die den Tag in der Kirche oder beim Herrn Pfarrer verbrachten, machte sich die kleine Gesellschaft auf den Weg. Die Kälte war von Tag zu Tag heftiger geworden und traf eisig Nase und Ohren. Die Füße begannen zu schmerzen, so daß jeder Schritt zur Qual wurde; und als sich die Felder vor ihnen aufthaten, erschienen sie ihnen so traurig in dem unendlichen Weiß, daß sie alle lieber umkehren wollten, einen eisigen Hauch in der Seele und mit zusammengekrampftem Herzen. Die vier Damen gingen voran, die drei Herren folgten ein Stück hinterdrein. Loiseau fragte plötzlich, ob denn dieses Frauenzimmer da, sie noch länger in dem verfluchten Nest festhalten dürfte. Der Graf, der immer artig war, meinte, ein solches peinliches Opfer könnte man von einem Mädchen nicht verlangen, es müsse von ihr selbst kommen. Herr Carré-Lamadon behauptete, daß, wenn die Franzosen, wie es hieß, wieder eine Offensivbewegung auf Dieppe im Sinne hätten, der Zusammenstoß nur in Tôtes stattfinden könnte. Diese Betrachtung machte die beiden anderen nachdenklich. – Wenn wir nun zu Fuß ausrissen? – sagte Loiseau. Der Graf zuckte die Achseln: – Ist daran überhaupt zu denken, bei diesem Schnee, mit unseren Damen? Und dann würde man uns sofort verfolgen, nach zehn Minuten einholen, gefangen zurückbringen und als Gefangener der Gnade der Soldaten überantworten. – Er hatte recht und man schwieg. Die Damen sprachen über Kleider. Aber in ihrer schlechten Stimmung kam es zu keiner rechten Unterhaltung. Plötzlich erschien am anderen Ende der Straße der Offizier. Von dem Schnee, der den Horizont abschloß, hob sich seine hohe Wespentaille in Uniform ab. Er schritt dahin mit auseinandergespreizten Knieen, mit jener eigenen Bewegung der Soldaten, die ihre sorgsam gewichsten Stiefel nicht beschmutzen wollen. Er grüßte als er an den Damen vorüberkam und blickte die Herren verächtlich an, die übrigens Haltung genug bewahrten, nicht zu grüßen, obgleich Loiseau schon eine Bewegung machte, um den Hut abzunehmen. Dickchen war rot geworden bis über die Ohren, und die drei verheirateten Frauen fühlten sich sehr gedehmütigt, von dem Offizier in Gesellschaft des Mädchens gesehen worden zu sein, das er so rücksichtslos behandelt hatte. Dann sprach man von ihm, von seiner Haltung, von seinem Gesicht. Frau Carré-Lamadon, die viele Offiziere gekannt hatte und sie als Kenner beurteilte fand ihn wirklich garnicht übel. Sie bedauerte sogar, daß er nicht Franzose wäre; denn er hatte gewiß einen riesig feschen Husaren abgegeben, dem alle Weiber nachgelaufen wären. Als sie wieder heimgekehrt waren, wußten sie nicht mehr, was sie anfangen sollten. Über Kleinigkeiten fielen sogar scharfe Worte. Das schweigend eingenommene Mahl war kurz, und jeder ging hinauf zu Bett, in der Hoffnung, mit Schlafen die Zeit zu töten. Am nächsten Morgen kamen sie mit müden Gesichtern und ganz verzweifelt wieder herunter. Die Damen sprachen kaum mit Dickchen. Die Glocken leuteten. Es war wegen einer Taufe. Das dicke Mädchen hatte ein Kind, das bei Bauern in Yvetot aufgezogen wurde. Sie sah es nicht einmal im Jahr und dachte nie daran. Aber der Gedanke an den Täufling flößte ihr plötzliche, heftige Zärtlichkeit für ihr Kind ein, und sie wollte durchaus der heiligen Handlung beiwohnen. Sobald sie fortgegangen war, blickten sich alle an; dann rückte man die Stühle einander näher, denn man fühlte, eine Entscheidung mußte getroffen werden. Loiseau hatte eine Erleuchtung. Er meinte, man sollte dem Offizier vorschlagen, Dickchen allein zurückzubehalten und die anderen Weiterreisen lassen. Herr Follenvie übernahm die Botschaft, aber er kam fast augenblicklich wieder herunter. Der Deutsche, der die Menschen kannte, hatte ihm die Thür gewiesen, mit der Versicherung alle zurückzuhalten, so lange sein Wunsch nicht erfüllt würde. Da kam Frau Loiseaus pöbelhafte Natur zum Durchbruch: – Wir können doch hier nicht vor Altersschwäche sterben! Da es nun einmal der Beruf von dem Frauenzimmer ist, sich mit allen Männern einzulassen, finde ich, hat sie gar kein Recht, diesen oder jenen zurückzuweisen. Ich bitte Sie, die hat in Rouen genommen wen sie nur gekriegt hat, Kutscher sogar. Ja, gnädige Frau, den Kutscher des Präfekten. Ich weiß es ganz bestimmt, – er kauft bei uns seinen Wein. Und heute, wo sie uns aus der Verlegenheit ziehen könnte, ziert sie sich. So 'ne Rotznase. Ich finde, der Offizier benimmt sich sehr richtig. Der muß vielleicht schon lange fasten, und eine von uns drei hätte er sicher vorgezogen. Aber er begnügt sich mit diesem öffentlichen Mädchen. Er hat Achtung vor verheirateten Frauen. Denken Sie doch nur, er ist hier der Herr und braucht nur zu sagen, ich will, und könnte uns allen Gewalt anthun mit seinen Soldaten. Es überlief die beiden Frauen. Die Augen der hübschen Frau Carré-Lamadon glänzten, sie war etwas bleich geworden, als hätte sie der Offizier bereits vergewaltigt. Die Herren, die in einer Ecke redeten, kamen wieder näher. Loiseau war wütend und wollte »dieses Jammerstück« mit gebundenen Händen und Füßen dem Feinde überantworten. Aber der Graf, Abkömmling aus drei Generationen von Botschaftern, und immer Diplomat, war mehr für geschickte Behandlung der Angelegenheit. – Man müßte sie überreden, – sagte er. Da wurde Rat gehalten. Die Damen steckten die Köpfe zusammen, die Stimmen wurden gedämpft, sie sprachen noch leiser, und endlich wurde die Unterhaltung allgemein: jeder sagte seine Ansicht. Übrigens blieb man durchaus anständig. Die Damen fanden die zartesten Umschreibungen, die feinsten Ausdrücke, um die gewagtesten Dinge zu sagen. Ein Unbeteiligter hätte nichts davon verstanden, so wurde das Äußere gewahrt. Aber da die leichte Schicht Scham bei jeder Dame der Welt nur eben die Oberfläche bedeckt, so erheiterten sie sich sehr bei diesem zweifelhaften Abenteuer, amüsierten sich eigentlich königlich, fühlten sich ganz in ihrem Element, schwatzten über die Liebe mit der Aufregung eines gefräßigen Kochs, der für einen anderen eine gute Mahlzeit bereitet. Die Fröhlichkeit kehrte von selbst wieder, je komischer ihnen schließlich die Geschichte vorkam. Der Graf machte ein paar gewagte Witze, die aber doch so gut waren, daß man lächelte. Und nun ließ auch Loiseau ein paar schlüpfrige Zötchen vom Stapel, die gleichfalls nicht verletzten. Und der Gedanke, den seine Frau in roher Weise ausgedrückt, beherrschte alle: Es ist nun mal ihr Beruf, warum soll sie den nehmen und jenen nicht? Die reizende Frau Carré- Lamadon schien sogar zu denken, an Dickchens Stelle würde sie vielleicht gerade den weniger ablehnen als einen andern. Die Belagerungsarbeiten wurden wie bei einer umzingelten Festung langsam vorbereitet. Jeder stellte die Rolle fest, die er zu spielen hätte, die Gründe, seine Haltung zu stützen, alles was er thun müßte. Der Angriffsplan wurde festgesetzt, alle zu benutzenden Listen besprochen wie die möglichen Überraschungen beim Angriff, um diese lebende Feste zu zwingen, den Feind eindringen zu lassen in den belagerten Platz. Doch Cornudet blieb seitwärts sitzen, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an. Sie waren alle so vertieft, daß sie garnicht merkten, wie Dickchen eintrat. Der Graf machte leise »Scht«, so daß alle aufblickten. Sie war da. Man schwieg plötzlich, und in einem gewissen Gefühl der Verlegenheit redete sie zuerst auch niemand an. Endlich fragte sie die Gräfin, geschmeidiger als die anderen in der Doppelzüngigkeit der Gesellschaft: – War die Taufe nett? Das dicke Mädchen war noch ganz bewegt und erzählte alles. Wie die Leute ausgesehen, was geschehen, sogar wie die Kirche gewesen und schloß: – Es thut so gut, manchmal zu beten. Bis zum Frühstück begnügten sich die Damen liebenswürdig gegen sie zu sein, um sie in ihrem Vertrauen zu bestärken und sie ihren Ratschlägen gefügiger zu machen. Sofort bei Tisch begannen die Plänkeleien. Zuerst wurden allgemeine Gespräche geführt über Hingebungen. Beispiele aus dem Altertume wurden genannt: Judith und Holofernes; dann ohne irgend welchen vernünftigen Grund Lucretia und Sextus, Cleopatra, über deren Lager sämtliche feindlichen Generäle geschritten, und die sie auf demselben zu sklavischem Gehorsam gezwungen. Nun entwickelte sich eine phantastische Geschichte, die der Einbildungskraft dieser unwissenden Millionäre entsprungen, in der Römerinnen in Capua Hannibal in ihren Armen einschläferten und mit ihm zugleich seine Offiziere und seine Legionen. Alle Frauen wurden angeführt, die Eroberer in Fesseln geschlagen und aus ihrem Leib ein Schlachtfeld gemacht haben, ein Mittel zu herrschen, eine Waffe; alle die durch ihre heldenhaften Liebkosungen verhaßte und entsetzliche Wesen überwanden, dem Rachegedanken ihre Keuschheit opferten und sich hingaben. Man sprach sogar in versteckten Anspielungen von jener Engländerin aus hoher Familie, die sich eine fürchterliche ansteckende Krankheit hatte einimpfen lassen, um sie auf Bonaparte zu übertragen, der nur wie durch ein Wunder, durch eine plötzliche Schwäche zur Stunde des gefährlichen Stelldicheins, gerettet worden. Und alles das ward in sehr anständiger und gemilderter Form erzählt; ab und zu brach eine Begeisterung durch, die beabsichtigen sollte, zum Weitererzählen zu animieren. Man hätte schließlich glauben können, daß die einzige Bestimmung der Frau hienieden eine stete Aufopferung ihrer Person und eine unausgesetzte Fügsamkeit den Launen der Soldaten gegenüber sei. Die beiden barmherzigen Schwestern schienen nichts zu hören, in tiefen Gedanken versunken. Dickchen sagte nichts. Den ganzen Nachmittag hindurch ließ man sie nachdenken. Aber statt sie »Fräulein« zu nennen, wie man es bisher gethan, nannte man sie einfach »Sie«, ohne daß jemand wußte warum, als hätte man sie eine Stufe in der allgemeinen Achtung, die sie erworben, wieder niedersteigen lassen wollen, um sie ihre schmachvolle Lage fühlen zu lassen. Als die Suppe kam, erschien Herr Follenvie mit der stehenden Redensart: Der preußische Offizier läßt Fräulein Elisabeth Rousset fragen, ob sie noch nicht anderer Meinung geworden wäre. – Dickchen antwortete trocken: – Nein! Aber bei Tisch lockerte sich das Bündnis. Loiseau machte dreimal unglückliche Redensarten. Alle quälten sich, um neue Beispiele zu entdecken, fanden aber nichts. Da befragte die Gräfin, vielleicht ohne Absicht, indem sie ein unbestimmtes Bedürfnis empfand, der Religion ihren Kratzfuß zu machen, die ältere der beiden Nonnen über die großen Thaten der Heiligen. Gewiß hatten sie vieles gethan, was in unseren Augen ein Verbrechen sein würde. Aber die Kirche vergiebt Sünden, wenn sie zur Ehre Gottes oder zum Wohl des Nächsten begangen sind. Das war ein gewaltiges Beweismittel, und die Gräfin nützte es sofort aus. Und, sei es nun die stillschweigende Übereinkunft oder das verschleierte Wohlgefallen, die alle, die ein geistlich Kleid tragen, auszeichnen, sei es einfach als Ausfluß eines glücklichen Mangels an Nachdenken, einer unrettbaren Dummheit, kurz die alte Nonne kam der Verschwörung gewaltig zu Hilfe. Man meinte, sie wäre verlegen, aber sie zeigte sich kühn, bösartig und heftig. Sie ließ sich nicht beirren durch Zweifel in Gewissensfragen. Ihre Doktrin war fest wie Eisen, ihr Glaube irrte nie, ihr Gewissen kannte keinen Zweifel. Sie fand das Abraham-Opfer ganz natürlich, sie hätte sofort Vater und Mutter getötet auf einen Befehl von oben. Und nach ihrer Ansicht konnte, wenn nur die Absicht lobenswert war, nichts Gott erzürnen. Die Gräfin benutzte die heilige Autorität der unerwarteten Bundesgenossin und ließ sie eine erbauliche Verherrlichung des Moralsatzes zum besten geben: Der Zweck heiligt die Mittel. Sie fragte: – Sie meinen also, meine Schwester, daß Gott alle Mittel gutheißt und die That vergiebt, wenn nur der Beweggrund rein ist? – Wer wollte daran zweifeln, Frau Gräfin? Eine an und für sich böse That wird oft verdienstvoll durch den Gedankan, der in ihr lebt. Und so fuhren sie fort, Gottes Mittel und Wege auseinanderzusetzen, seine Ratschlüsse vorauszusehen, indem sie ihn in Dinge zogen, die ihn wirklich nichts angingen. All das war umschrieben, geschickt, maßvoll. Aber jedes Wort der Nonne schlug eine Bresche in den empörten Widerstand der Prostituierten. Dann wendete sich die Unterhaltung etwas, und die mit dem herabhängenden Rosenkranz sprach von allerlei Häusern ihres Ordens, von ihrer Oberin, von sich selbst, von ihrer kleinen Nachbarin, der anderen lieben Schwester. Man hatte sie nach Havre gerufen, um in den Hospitälern hunderte von blatternkranken Soldaten zu pflegen. Sie malte das Bild dieser Unglücklichen aus, erzählte von ihrer furchtbaren Krankheit. Und während sie hier unterwegs durch die Laune dieses Preußen festgehalten wurden, konnten eine Menge Franzosen sterben, die sie sonst vielleicht gerettet hätten. Es war gerade ihre Spezialität, Soldaten zu pflegen. Sie war in der Krim gewesen, in Italien, in Österreich und wie sie von ihren Feldzügen erzählte, war sie der Typus jener barmherzigen Schwestern mit Pfeifen und Trommeln, die eigens dazu geboren scheinen, im Lager zu leben, in wilder Schlacht die Verwundeten aufzulesen und besser als jeder Vorgesetzte mit einem Wort undisziplinierte Horden zu bändigen. Die richtige Trara-Bumbum- Schwester, deren entstelltes von unzähligen Löchern durchsiebtes Gesicht den Verwüstungen des Krieges glich. Nach ihr nahm keiner mehr das Wort, so tiefen Eindruck hatte ihre Rede gemacht. Sobald die Mahlzeit beendet war, zogen alle sich schnell auf ihre Zimmer zurück, um erst ziemlich spät am anderen Morgen zu erscheinen. Das Frühstück verlief still. Man gab der Saat, die gestern ausgestreut worden, Zeit, zu keimen, Früchte zu treiben. Die Gräfin schlug vor, nachmittags einen Spaziergang zu unternehmen. Dabei nahm der Graf, wie es verabredet worden, Dickchen beim Arm und blieb mit ihr hinter den anderen ein Stück zurück. Er sprach zu ihr in jenem väterlich, familiären, etwas überhebenden Ton, den Leute von Rang und Würden einem solchen Mädchen, gegenüber anschlagen, nannte sie »mein liebes Kind« und behandelte sie von der Höhe seiner sozialen Stellung, seiner unbestrittenen Ehrbarkeit herab. Er kam sofort zum Punkt, um den es sich handelte. – Sie ziehen also vor, uns hier sitzen zu lassen, wie sich selbst allen Mißhandlungen auszusetzen, die etwa einer Niederlage der Preußen folgen müssen. Und das alles eher, als in einen jener Liebesdienste einzuwilligen, den Sie so oft in Ihrem Leben gestattet haben. Dickchen antwortete nicht. Da versuchte er es mit Weichheit, mit Vernunftgründen, mit Gefühl. Er verstand es, ganz der Herr Graf zu bleiben, während er sich doch, wenn es nötig war, galant zeigte, ihr Artigkeiten sagte, kurz sehr liebenswürdig war. Er übertrieb den Dienst, den sie ihnen erweisen würde, sprach von ihrer Dankbarkeit, dann dutzte er sie plötzlich im Spaß: – Und weißt Du, meine Liebe, dann könnte er doch damit dicke thun, hier ein so schönes Mädchen entdeckt zu haben, wie es bei ihm zu Haus überhaupt keine giebt! Dickchen antwortete nicht, und holte die Gesellschaft wieder ein. Als sie heimgekehrt waren, ging sie auf ihr Zimmer und erschien nicht wieder. Die Unruhe war auf das Äußerste gestiegen. Was würde sie thun? Welch Unglück, wenn sie immer noch widerstand! Die Essensstunde kam. Man erwartete sie vergebens. Da trat Herr Follenvie ein und sagte, Fräulein Rousset fühle sich unwohl, man möchte sich immer zu Tisch setzen. Sie horchten auf, der Graf näherte sich dem Wirt und fragte leise: – Ist's so weit? – Jawohl. Anstandshalber sagte er den Reisegefährten nichts davon, er gab ihnen nur ein leises Zeichen mit dem Kopf. Sofort entrang sich allen ein Seufzer der Erleichterung, und die Freude erhellte alle Gesichter. Loiseau rief: – Donnerwetter noch mal, ich schmeiße gleich ein paar Pullen Sekt, wenns welchen giebt! Und Frau Loiseaus Herz krampfte sich zusammen, als sie den Wirt kurz darauf mit vier Flaschen ankommen sah. Mit einem Male waren alle mitteilsam und laut geworden; ein Jubel ergriff sie alle. Der Graf schien zu entdecken, daß Frau Carré-Lamadon reizend sei, und der Fabrikant machte der Gräfin den Hof. Die Unterhaltung wurde lebhaft, fidel und angeregt. Plötzlich stöhnte Loiseau mit ängstlichem Gesicht, indem er die Arme hob: – Ruhe! Alle schwiegen erstaunt, beinah erschrocken. Da fing er an zu lauschen, machte mit beiden Händen das Zeichen, sie sollten ruhig sein, blickte zur Decke empor, lauschte von neuem und sagte dann in seinem natürlichen Ton: – Seien Sie ganz ohne Sorge, meine Herrschaften, alles geht gut. Man wollte zuerst nicht verstehen, aber dann lächelte man. Nach einer Viertelstunde begann er dieselbe Komödie noch einmal und wiederholte sie noch öfters während des Abends. Er that, als unterhielte er sich mit jemand im Stock über ihnen und gäbe ihm doppelsinnige Ratschläge, richtige Scherze eines Weinreisenden. Ab und zu nahm er eine ganz traurige Miene an und seufzte: »Armes Ding«, oder er brummte mit wütendem Ausdruck zwischen den Zähnen: »Verfluchter Preuße!« Ab und zu, wenn man nicht mehr daran dachte, rief er ein paar Mal klagend: »Genug, genug!« und fügte hinzu als spräche er mit sich selbst: »Wenn wir sie nur überhaupt wiedersehen. Wenn er sie nur nicht tot macht, der Schuft!« Obgleich diese Scherze von zweifelhaftem Geschmack waren, amüsierten sie doch die Gesellschaft und verletzten niemand, denn die Empfindlichkeit richtet sich nach der Umgebung, in der man sich befindet und die Luft um sie herum war allmählich geladen mit Schlüpfrigkeiten. Beim Dessert machten sogar die Damen versteckte, witzige Anspielungen. Die Augen leuchteten; es war viel getrunken worden. Der Graf, der, selbst wenn er sich gehen ließ, noch seine gewisse großartige Würde behielt, stellte einen sehr beifällig aufgenommenen Vergleich an zwischen einer Überwinterung am Nordpol und der Freude der Schiffbrüchigen, die einen Weg nach Süden sich öffnen sehen. Loiseau war ganz des Teufels. Er sprang auf, ein Glas Champagner in der Hand, und rief: – Ich trinke auf unsere Befreiung! – Alle erhoben sich, man rief ihm zu; die beiden barmherzigen Schwestern sogar ließen sich durch die Damen bereden, ihre Lippen mit dem moussierenden Wein, den sie noch nie getrunken, zu netzen. Sie erklärten, er schmecke ähnlich wie Brauselimonade, wäre aber doch etwas feiner. Loiseau gab der Stimmung Ausdruck: – 's ist schade, daß wir kein Klavier hier haben, sonst könnten wir eine Quadrille tanzen. Cornudet hatte kein Wort gesagt, keine Bewegung gemacht, er schien sogar tief in sehr ernste Gedanken versunken und strich ab und zu mit wütender Gebärde seinen großen Bart, als wollte er ihn noch mehr in die Länge ziehen. Endlich, als man sich gegen Mitternacht trennen wollte, klopfte ihm Loiseau, der bereits hin und her schwankte, auf den Bauch und rief ihm zu: – Sie sind zum totschreien heute Abend. Sie reden ja keinen Ton, Verehrtester. Aber Cornudet hob kurz den Kopf auf, überlief die Gesellschaft mit einem durchbohrenden und drohenden Blick: – Ich sage Ihnen allen, Sie begehen da eine Gemeinheit. – Er erhob sich, ging nach der Thür, wiederholte noch einmal: – Eine Gemeinheit! – und verschwand. Das war ein kalter Wasserstrahl. Loiseau wurde befragt aber er wußte auch nichts. Doch er gewann schnell seine Stimmung wieder, wand sich plötzlich vor Lachen und rief: – Die sauren Trauben, mein Alter, die sauren Trauben! – Da die andern nicht verstanden, erzählte er die »Geheimnisse des Korridors«. Da brach ein Sturm der Heiterkeit los. Die Damen waren wie verrückt. Der Graf und Herr Carré- Lamadon weinten vor Lachen; sie konnten es garnicht glauben. – Was? Sind Sie dessen gewiß, er wollte ... – Ich sage Ihnen doch, ich habe es gesehen. – Und sie wollte nicht? – Weil der Preuße im Zimmer nebenan war. – Nicht möglich! – Ich kann's beschwören. Der Graf erstickte vor Lachen, der Industrielle hielt sich den Leib mit beiden Händen. Loiseau fuhr fort: – Und nun können Sie doch begreifen, daß er heute Abend nichts von ihr wissen will. Und die drei begannen wieder, hustend, außer Atem, nur so zu prusten. Nun trennte man sich. Aber Frau Loiseau, die eine etwas scharfe Zunge hatte, machte ihren Mann darauf aufmerksam, als sie zu Bett gingen, daß dieses Ekel, die kleine Carré-Lamadon den ganzen Abend verprellt gewesen sei. – Weißt Du, wenn die Frauenzimmer mal für's Militär sind, ist's ihnen ganz wurst, ob es ein Franzose oder ein Preuße ist. 's ist wirklich der reine Jammer. Und die ganze Nacht hindurch hörte man etwas wie ein Knistern im Korridor, ein leises Geräusch, kaum vernehmlich, nur wie ein Hauch, wie ein Schleichen in bloßen Füßen, ein leises Knacken. Und sehr spät erst schlief man ein, denn unter den Thüren hindurch fiel noch lange Lichtschein auf den Gang hinaus. Das kam vom Sekt. Er stört, wie man sagt, den Schlaf. Am nächsten Morgen blendete der Schnee unter hellem Sonnenschein. Der Stellwagen wartete endlich angespannt vor der Thür, während ein ganzer Schwarm weißer Tauben, aufgebläht in ihrem Federkleide, mit rosigen Augen, in deren Mitte ein schwarzer Klecks saß, wichtig zwischen den Beinen der sechs Pferde hin und her lief und aus dem rauchenden Pferdemist ihren Lebensunterhalt suchten. Der Kutscher saß in seinem Schafpelz auf dem Bock, schmauchte ein Pfeifchen, und die glückseligen Reisenden ließen schnell Vorräte für den Rest der Reise einpacken. Man wartete nur noch auf Dickchen. Sie erschien. Sie schien ein wenig verlegen, beschämt; und schüchtern näherte sie sich den Reisegefährten, die sich alle gleichzeitig von ihr abwendeten, als hätten sie sie nicht bemerkt. Der Graf bot voller Würde seiner Frau den Arm und entfernte sie aus der unreinen Nähe. Das dicke Mädchen blieb baff stehen. Dann nahm sie allen Mut zusammen und redete die Fabrikantengattin mit einem »Guten Morgen, gnädige Frau«, das sehr demütig gemurmelt hervorkam, an. Die andere nickte nur unverschämt ein wenig, mit dem Ausdruck beleidigter Tugend. Alle schienen beschäftigt, und man hielt sich von ihr fern, als ob sie eine ansteckende Krankheit mitgebracht. Dann stürzten sie zum Wagen; sie kam als letzte und nahm schweigend den Platz ein, den sie auf der Herfahrt inne gehabt hatte. Man schien sie nicht zu bemerken, sie nicht zu kennen. Aber Frau Loiseau, die sie von weitem, entrüstet betrachtete, sagte halblaut zu ihrem Mann: – Na, Gott sei Dank, sitze ich nicht neben ihr. Der schwere Wagen setzte sich in Bewegung, und die Reise begann. Zuerst wurde nichts gesprochen. Dickchen wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. Sie war zu gleicher Zeit empört gegen ihre Nachbarn, und fühlte sich gedemütigt, nachgegeben zu haben, entehrt durch die Küsse dieses Preußen, in dessen Arme man sie in heuchlerischer Weise getrieben. Aber die Gräfin unterbrach bald das peinliche Schweigen, indem sie sich an Frau Carré-Lamadon wandte: – Sie kennen, glaube ich, auch Frau von Etrelles? – Ja, ich bin mit ihr befreundet. – Ist das nicht eine reizende Frau? – Ja, reizend! Ein wirklich gesegnetes Menschenkind. Hat übrigens sehr viel gelernt und ist Künstlerin bis in die Fingerspitzen. Sie singt wunderschön und malt meisterhaft. Der Fabrikant sprach mit dem Grafen und beim Klirren der Fensterscheiben hörte man ab und zu einmal ein Wort: – Coupons – Fälliger Wechsel – Prämie – Termin. Loiseau, der das alte Spiel Karten aus dem Wirtshaus, das fünf Jahre lang auf den schmierigen Tischen Fett angesetzt, stibitzt hatte, begann mit seiner Frau eine Partie Bézigue. Die barmherzigen Schwestern ergriffen den Rosenkranz, der an ihrem Gürtel hing, machten zugleich das Zeichen des Kreuzes und plötzlich begannen ihre Lippen sich heftig zu bewegen, immer schneller und schneller, so daß ihr unbestimmtes Gemurmel sich überstürzte, als ob sie um die Wette beten wollten. Ab und zu küßten sie ein Bildnis an ihrem Rosenkranz, bekreuzigten sich und begannen wieder ihr ununterbrochenes schnelles Gemurmel. Cornudet saß unbeweglich da und dachte nach. Loiseau packte die Karten zusammen. – Man kriegt Hunger! – sagte er. Da holte seine Frau ein zusammengebundens Paket hervor, aus dem sie ein Stück kalten Kalbsbraten nahm. Sorgfältig zerschnitt sie ihn in seine Scheiben, und beide begannen zu essen. – Wollen wir nicht auch essen? – fragte die Gräfin. Man war einverstanden, und sie packte die Vorräte für die beiden Ehepaare aus. In einem jener länglichen Gefäße, auf deren Deckel ein Häschen aus Steingut sitzt um anzuzeigen, daß sich darunter eine Hasenpastete verbirgt, lag saftiger Aufschnitt: braunes Wildpret mit Speck gespickt, gemischt mit anderm fein gewiegten Fleisch. Auf einem schönen Stück Schweizerkäse, das in einer Zeitung eingewickelt, war das gedruckte »Verschiedenes« abgeklascht geblieben. Die beiden barmherzigen Schwestern packten eine Wurst aus, die nach Knoblauch roch. Cornudet versenkte beide Hände zugleich in die Riesentaschen seines Reisemantels und zog aus der einen vier harte Eier, aus der anderen ein Stück Brot. Er löste die Schalen ab, ließ sie in das Stroh zu seinen Füßen fallen, biß in die Eier, daß in seinem Riesenbart gelbe Dotterstückchen wie Sternchen hängen blieben. Dickchen hatte in der Eile und der Verlegenheit ihres Aufstehens sich um nichts kümmern können und blickte nun verzweifelt, kochend vor Wut, all diese Leute an, die in Gemütsruhe aßen. Zuerst überkam sie ein gewaltiger Zorn. Sie öffnete den Mund und wollte ihnen eine Flut von Schimpfworten an den Kopf werfen, die in ihr aufstiegen. Aber sie war so außer sich, daß sie keine Worte finden konnte. Niemand blickte sie an, keiner kümmerte sich um sie. Sie fühlte die Mißachtung all dieser ehrbaren Lumpen, die sie zuerst geopfert hatten und nun von ihr wichen, wie von etwas Schmutzigem und Unnützen. Da dachte sie an ihren großen Korb, der voll schöner Sachen gewesen, die sie gierig verschlungen hatten, dachte an ihre beiden schönen Hühner in Aspik, an ihre Pasteten, ihre Birnen, ihre vier Flaschen Bordeaux. Und plötzlich brach ihre Wut in sich zusammen wie ein all zu straff gespannter Strick der reißt, und sie fühlte sich den Thränen nahe. Sie gab sich fürchterliche Mühe, suchte stark zu bleiben, würgte wie ein Kind die Thränen hinab; aber sie stiegen doch in ihr auf, glitzerten an ihren Augenlidern und bald lösten sich zwei dicke Perlen und rollten langsam die Wange herab. Andere folgten schneller, wie Wassertropfen an einem Felsen herunter sickern, und fielen regelmäßig auf die Rundung ihres Busens. Sie blieb gerade sitzen, die Augen starr vor sich hin gerichtet, das Gesicht bleich, in der Hoffnung, man würde es nicht bemerken. Aber die Gräfin sah es und gab ihrem Mann ein Zeichen. Er zuckte die Achseln als wollte er sagen: Ja, was denn, ich kann doch nichts dafür. Frau Loiseau lächelte triumphierend und flüsterte: – Sie weint aus Scham. Die beiden Nonnen fingen wieder an zu beten nachdem sie den Rest ihrer Wurst eingewickelt hatten. Da streckte Cornudet, der seine Eier verdaute, die langen Beine unter den gegenüberliegenden Sitz, lehnte sich zurück, kreuzte die Arme und lächelte wie jemand, der einen guten Witz gefunden hat, indem er anfing die Marseillaise zu pfeifen. Alle Gesichter verfinsterten sich. Die Volksweise gefiel jedenfalls seinen Nachbarn nicht, sie wurden nervös, ärgerten sich und machten Gesichter, als wollten sie gleich anfangen zu heulen, wie ein Hund, der einen Leierkasten hört. Er bemerkte es, hörte aber nun gerade nicht auf. Ab und zu sang er sogar einen Vers. Der Wagen fuhr schneller. Der Schnee war härter geworden. Und Cornudet setzte bis Dieppe während der langen öden Stunden der Reise, während des Rüttelns und Stoßens des Wagens, bei einbrechender Nacht in der tiefen Dunkelheit, die im Wagen herrschte, mit wütender Beharrlichkeit sein monotones Rächerlied pfeifend fort, indem er die müden verzweifelten Mitreisenden zwang, unausgesetzt sein Geträller mit anzuhören, jedes Wort, jeden einzelnen Takt. Und Dickchen weinte immer weiter. Ab und zn klang ein Schluchzen, das sie nicht hatte zurückhalten können, zwischen zwei Strophen in die Dunkelheit hinaus. Der Bursche Der Kirchhof, voller Offiziere, sah aus wie ein blühendes Feld. Die Käppis und roten Hosen, die Tressen und goldenen Knöpfe, die Säbel, die Achselschnüre der Generalstäbler, die Aufschläge, die Schnüre der Jäger und Husaren glitten zwischen den Gräbern hin, deren weiße oder schwarze Kreuze traurig ihre Arme aus Eisen und Marmor oder Holz über das dahingegangene Volk der Toten ausstreckten. Man hatte soeben die Frau des Obersten Limousin begraben. Sie war vor zwei Tagen beim Baden ertrunken. Das Begräbnis war zu Ende, der Geistliche gegangen, aber der Oberst, von zwei Offizieren gestützt, blieb vor der Grube stehen, in deren Tiefe er noch den Holzkasten sah, der den schon verwesenden Körper seiner jungen Frau barg. Der Oberst war fast ein Greis, groß, mager, mit weißem Schnurrbart. Vor drei Jahren hatte er die Tochter eines Kameraden geheiratet, die durch den Tod ihres Vaters, des Oberst Sortis, Waise geworden. Der Rittmeister und der Leutnant, auf die sich ihr Kommandeur stützte, versuchten ihn fortzuführen. Er widerstand, Thränen in den Augen, die er voll militärischer Haltung nicht fließen ließ und flüsterte leise: – Nein, nein. Noch einen Augenblick. – Er wollte durchaus dableiben, mit brechenden Knieen, am Rand der Grube, die ihm grundlos erschien, ein Abgrund, in den sein Herz und sein Leben versenkt lag, alles was ihm auf Erden verblieben war. Plötzlich trat General Ormont heran, nahm den Oberst beim Arm und schleppte ihn fast mit Gewalt fort: – Vorwärts, vorwärts, alter Kamerad! Sie können nicht hier bleiben. Der Oberst gehorchte, und kehrte heim. Als er die Thür seines Zimmers öffnete, sah er einen Brief auf dem Schreibtisch liegen. Er nahm ihn und wäre vor Überraschung und Bewegung beinah zusammengebrochen, denn er hatte die Schrift seiner Frau erkannt, dabei war der Brief vom gleichen Tage gestempelt. Er riß das Couvert auf und las: »Vater! Erlaube mir, Dich noch Vater zu nennen wie früher. Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich tot und begraben. Vielleicht kannst Du mir dann vergeben. Ich will nicht versuchen, Dich weich zu stimmen, noch meinen Fehler zu entschuldigen. Ich will nur mit der ganzen Offenheit einer Frau, die in einer Stunde in den Tod geht, Dir die ganze volle Wahrheit sagen. Als Du mich aus Großmut geheiratet hattest, hatte ich mich Dir in Dankbarkeit geweiht und Dich mit der ganzen Empfindung meines Mädchenherzens geliebt. Ich liebte Dich so wie ich Papa liebte, beinah eben so sehr. Und eines Tages, als ich auf Deinen Knieen saß und Du mich küßtest, habe ich Dich, ohne es zu wollen, Vater genannt. Es war ein instinktiver plötzlicher Ruf aus innerstem Herzen. Du warst wirklich für mich wie ein Vater, – nur mein Vater. Du lachtest und sagtest zu mir: »Nenne mich immer so, Kindchen, das macht mir Spaß.« Wir sind in diese Stadt gekommen, und, verzeih Vater, ich verliebte mich. O, ich habe lange, beinah zwei Jahre lang, widerstanden. Deine Augen lesen richtig: fast zwei Jahre lang. Aber dann bin ich unterlegen, schuldig geworden, ward eine verlorene Frau. Und er? Du wirst nicht erraten, wer es ist. Ich bin ganz beruhigt darüber, denn ein Dutzend Offiziere, die Du meine zwölf Trabanten nanntest, waren immer um mich und mit mir. Vater! suche ihn nicht ausfindig zu machen und hasse ihn nicht. Er hat das gethan was irgend ein anderer an seiner Stelle auch gethan haben würde. Und dann bin ich gewiß, daß er mich aus tiefster Seele liebte. Aber nun höre mich an. Eines Tages hatten wir ein Stelldichein auf der Schnepfeninsel, weißt Du, die kleine Insel unterhalb der Mühle. Ich sollte hinüberschwimmen, und er wollte mich im Gebüsch erwarten. Und dann wollte er bis zum Abend dort bleiben, daß man ihn nicht zurückkommen sähe. Ich war eben mit ihm zusammen getroffen, als sich die Zweige auseinanderbogen und wir Philipp sahen, Deinen Burschen, der uns überrascht hatte. Ich fühlte, wir waren verloren, und schrie laut. Da hat er mir gesagt, er, mein Freund: »Schwimm langsam wieder zurück, meine Liebe, und laß mich mit diesem Mann allein.« Ich schwamm fort, so erschrocken, daß ich beinah das Ufer nicht wieder erreicht hätte, und bin dann heimgekehrt, in der Erwartung, es würde etwas Furchtbares eintreten. Eine Stunde später sagte mir Philipp leise im Korridor vor dem Salon, wo ich ihn getroffen: »Gnädige Frau, ich stehe zu ihrer Verfügung, wenn gnädige Frau etwa einen Brief zu besorgen haben.« Da begriff ich, daß er sich verkauft hatte und mein Freund der Käufer war. Und ich habe ihm Briefe zu besorgen gegeben, – alle meine Briefe. Er trug sie fort und brachte die Antwort zurück. Zwei Monate lang ging das so. Wir vertrauten ihm, genau wie Du auch ihm vertrautest. Und nun, Vater, höre was geschah. Eines Tages traf ich auf derselben Insel, wohin ich beim Baden geschwommen, aber diesmal ganz allein, Deinen Burschen. Der Mann hatte mir aufgelauert und sagte, er würde Dir alles melden und Dir Briefe übergeben, die er zurückbehalten, die er unterschlagen, wenn ich ihm nicht zu Willen wäre. O Vater! Vater! Da ergriff mich Furcht, eine feige Furcht, eine empörende Furcht, vor allen Dingen vor Dir, der Du so gut bist, – den ich betrogen. Dann Furcht für ihn, denn Du hättest ihn getötet. Furcht – auch vielleicht für mich. Ach Gott, ich weiß nicht was, ich hatte den Verstand verloren. Ich meinte, ich würde ihn noch einmal beruhigen, diesen Elenden, der mich auch liebte. Welche Schmach! Wir sind so schwach, wir Frauen, daß wir eher den Kopf verlieren als ihr. Und dann, wenn man einmal gefallen ist, fällt man immer tiefer und tiefer. Ich weiß kaum was ich gethan habe. Ich sah nur ein, einer von Euch beiden und ich mußten sterben. Und da habe ich mich diesem Kerl hingeben. Du siehst, Vater, ich suche mich nicht zu entschuldigen. Dann, dann – dann ist eingetreten, was ich hätte vorhersehen müssen: er forderte und forderte, wann er nur wollte, indem er mich immer wieder bedrohte. Und auch er wurde mein Geliebter wie der andere, – alle Tage. Ist das nicht fürchterlich! Ist das nicht grausig, Vater! Da habe ich mir gesagt, ich muß sterben. Lebendig konnte ich Dir eine solche Missethat nicht beichten, tot wage ich alles. Ich mußte sterben. Nichts hätte mich reingewaschen, ich hatte mich zu sehr beschmutzt. Ich konnte nicht mehr lieben, nicht mehr geliebt werden. Mir war es, als beschmutzte ich alle Welt, wem ich nur die Hand gab. Ich werde jetzt mein Bad nehmen und nicht wiederkommen. Dieser Brief an Dich geht an meinen Geliebten. Er wird ihn nach meinen Tode erhalten, wird nicht verstehen was er bedeutet und wird ihn meinem letzten Wunsche gemäß Dir schicken. Und Du wirst ihn lesen, wenn Du vom Kirchhof wiederkommst. Lebewohl, Vater! Ich habe Dir nichts mehr zu sagen. Thue was Du magst, und verzeih mir.« Der Oberst wischte sich die Stirn, auf der Schweiß stand. Seine ganze Kaltblütigkeit, die Kaltblütigkeit, wie er sie in vergangenen Schlachten gezeigt, war plötzlich wieder über ihn gekommen. Er klingelte. Ein Diener erschien. – Schicken Sie mir Philipp, – sagte er. Dann öffnete er das Fach seines Schreibtisches. Der Bursche trat fast sofort ein, ein großer Soldat mit rötlichem Schnurrbart, verwegen, mit tückischem Blick. Der Oberst sah ihm gerade ins Gesicht: – Du wirst mir den Namen des Geliebten meiner Frau nennen! – Aber, Herr Oberst .... Aus dem halb offenem Fach nahm der Oberst seinen Revolver: – Vorwärts schnell. Du weißt, ich scherze nicht. – ... Herr Oberst .... es ist Rittmeister Saint-Albert. Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, als das Feuer ihm in die Augen schoß und er niederschlug aufs Gesicht – eine Kugel mitten in der Stirn. Allouma I. Einer meiner Freunde hatte mir gesagt: Wenn Du etwa zufällig bei Deiner Reise nach Algier in die Gegend von Bordj-Ebbaba kommst, so suche doch mal meinen alten Freund Auballe auf, der sich dort angesiedelt hat. Ich hatte die Namen Auballe und Bordj-Ebbaba längst vergessen und dachte kaum mehr an den Pflanzer, als ich durch reinen Zufall zu ihm kam. Seit einem Monat durchstreifte ich zu Fuß jene wundervolle Gegend, die sich von Algier nach Cherchell, Orléansville und Tiaret zieht. Sie ist gleichzeitig bewaldet und öde, gewaltig und lieblich. Zwischen zwei Bergketten liegen dort düstere Fichtenwälder in engen Thälern, im Winter von reißenden Bächen durchschossen. Mächtige über die Schluchten gefallene Bäume dienen den Arabern als Brücken, und Schlinggewächse, die sich um die toten Stämme ranken, überziehen diese mit neuem Leben. Dort giebt es Schlünde in unerforschten Bergschluchten von grausiger Schönheit und wieder ebene Bachufer mit Alpenrosen überwachsen, von unglaublichem Zauber. Was mir aber am unvergeßlichsten geblieben, sind die Nachmittagsspaziergänge längs der dürftig bewaldeten, vielfach gewundenen Küste, von der aus man die weite wellige Landschaft überschaut vom blauen Meer bis zur Bergkette Quarsenis, deren First der Cedernwald von Teniet-el-Haad krönt. An jenem Tage verirrte ich mich. Ich hatte gerade einen Gipfel bestiegen, von dem aus ich über eine Hügelreihe hinweg die weite Ebene von Mitidja übersehen konnte, dahinter noch weiter, auf der Höhe einer anderen Kette, in der Ferne fast verschwimmend, das seltsame Denkmal, das »Grab der Christin« geheißen, wie man sagt das Grabmal einer maurischen Königsfamilie. Ich stieg wieder hinab, nach Süden zu. Vor mir erstreckte sich bis hinauf zu den Gipfeln, die in den klaren Himmel hineinragten, am Rand der Wüste, ein wildes Bergland, fahl, rotgelb, als ob alle die Hügel mit aneinander genähten Löwenfellen bedeckt wären. Ab und zu stieg dazwischen ein höherer Buckel auf, spitz, gelb, wie der behaarte Höcker eines Kamels. Ich ging mit schnellen, leichten Schritten, wie man die Kehr-Wege an einem Berghang hinabgeht. Nichts lastet auf einem bei solchen flotten Märschen in der Höhenluft, nichts bedrückt einen, weder Glieder noch Herz, weder Gedanken, noch irgend eine Sorge. Von all dem, was uns im Leben verstimmt und quält, lastete nichts mehr auf mir, ich war nur glückselig, hier hinunter zu laufen. In der Ferne entdeckte ich ein Araberlager: braune, spitze Zelte, die am Boden klebten wie Meermuscheln auf den Felsen, oder Hütten, aus Zweigen zusammengebaut, aus denen grauer Rauch stieg. Weiße Gestalten, Männer oder Frauen, irrten langsam hin und her, und unbestimmt klangen durch die Abendluft die Glöckchen der Herden. An meinem Weg neigten sich die Sandbeerbäume unter der Last ihrer Purpurfrüchte, die sie auf den Boden verstreuten. Sie glichen blutenden Märtyrern denn am Ende jedes Astes hing wie ein Blutstropfen eine rote Beere. Der Boden um uns herum war wie von Blut benäßt, der Fuß der die Beeren am Boden zerdrückte ließ Mord-Spuren zurück. Ab und zu im Vorübergehen pflückte ich im Sprung die reifsten Früchte, um sie zu essen. Jetzt füllten sich alle Thälchen mit leichtem Nebel, der langsam emporstieg wie der Dampf von einem arbeitenden Zugtier. Und über der Bergkette, die den Horizont abschloß, an der Grenze der Sahara, flammte der Himmel in überirdischem Glanz. Lang gedehnte Goldstreifen wechselten mit Blutströmen. Blut und Gold, die ganze Geschichte der Menschheit – und ab und zu erschloß sich dazwischen ein winziger Ausblick auf einen grünlichblauen Himmel, unendlich fern in Traumes Weiten. O, wie fern war ich von all den Dingen, von all den Leuten, für die man sich auf dem Boulevard interessiert. Wie fern auch von mir selbst; eine Art Wesen, das umherirrt ohne Bewußtsein, ohne Gedanken, ein Auge, das über die Dinge gleitet, sieht, nichts will, als sehen. So war ich weit von meinem Wege abgekommen, auf den ich garnicht mehr achtete, und als die Nacht hereinbrach, merkte ich, daß ich mich verirrt hatte. Die Dunkelheit fiel auf die Erde nieder wie ein Schattenregen, und ich sah nichts vor mir als Berge, so weit ich blicken konnte. In einem kleinen Thal gewahrte ich Zelte, stieg hinab und suchte dem ersten Araber, den ich traf, klar zu machen, nach welcher Richtung ich wollte. Ich weiß es nicht: erriet er was ich wollte? Kurz er gab mir eine lange Antwort, von der ich kein Wort verstand. In meiner Verzweiflung war ich schon entschlossen, die Nacht, in eine Decke gewickelt, nahe dem Lager der Araber zuzubringen, als ich aus den seltsamen Lauten, die aus seinem Munde kamen, das Wort »Bordj-Ebbaba« zu erkennen glaubte. Ich wiederholte: – Bordj-Ebbaba? – Jawohl, jawohl! Ich zeigte ihm zwei Franken, ein Vermögen für ihn. Er setzte sich in Marsch, ich folgte ihm. Ich folgte lange durch die stockfinstere Nacht diesem bleichen Gespenst, das mit bloßen Füßen vor mir herlief, über die steinigen Wege, auf denen ich unausgesetzt stolperte. Plötzlich blitzte ein Licht auf. Wir kamen an das Thor eines kleinen weißen Hauses, einer Art kleiner Festung mit senkrechten Mauern, außen ohne Fenster. Ich klopfte, Hunde heulten drinnen. Auf Französisch fragte eine Stimme: – Wer ist da? Ich antwortete: – Wohnt hier Herr Auballe? – Ja! Mir wurde geöffnet. Ich stand vor Herrn Auballe selbst, einem großen, blonden jungen Mann in Hausschuhen, die Pfeife im Mund; er sah aus wie ein gutmütiger Riese. Ich nannte meinen Namen. Er streckte mir beide Hände entgegen und sagte: – Seien Sie mir herzlich willkommen! Eine Viertelstunde später aß ich mit Heißhunger. Mein Wirt saß mir gegenüber und rauchte noch immer. Ich kannte seine Geschichte. Er hatte mit Weibern den größten Teil seines Vermögens durchgebracht, und von dem, was übrig blieb in Algier Grund und Boden gekauft, auf dem er nun Wein zog. Der Weinbau ging gut; er war glücklich und hatte in der That das behagliche Aussehen eines zufriedenen Menschen. Ich begriff nicht, wie ein Pariser Kind, dieser Lebemann, sich an solch eintönige Leben in der Öde hatte gewöhnen können. Und ich befragte ihn darüber: – Seit wann sind Sie hier? – Seit neun Jahren. – Fühlen Sie sich nicht furchtbar unglücklich? – Nein. Man gewöhnt sich an das Land und endlich liebt man es sogar. Sie glauben nicht, wie es in uns Menschen eine Reihe tierischer Instinkte weckt, die bisher unbewußt in uns schlummerten. Wir gewinnen es zunächst lieb durch unsere Organe, denen es unbewußt geheime Befriedigung gewährt. Die Luft und das Klima erobern unsere Körper, ob wir wollen oder nicht; und allein das heitere Licht, in dem unser Leib sich badet, macht ihn froh und zufrieden. Es flutet in uns hinein, unaufhörlich, durch die Augen, und man möchte wirklich sagen, daß es alle äußersten Winkel unserer Seele reinwäscht. – Aber die Frauen? – Ja! .... die fehlen ein bißchen. – Nur ein bißchen? – Mein Gott, ja, – ein bißchen. Denn man findet immer selbst unter den Stämmen gefällige Landeskinder, die für die Nächte der Fremden sorgen. Er wandte sich an den Araber, der mich bediente, einen großen, dunkelfarbigen Burschen, dessen schwarze Augen unter dem Turban blitzten und sagte zu ihm: – Geh, Mohammed. Ich rufe Dich, wenn ich Dich brauche. Dann, zu mir: – Er versteht Französisch, und ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen, worin er eine große Rolle spielt. Als der Mann gegangen war, begann er: – Ich war ungefähr vier Jahre hier, noch wenig eingerichtet in jeder Beziehung, und begann eben erst Arabisch zu stammeln. Um nicht ganz auf die Neigungen verzichten zu müssen, die übrigens mein Verhängnis waren, mußte ich ab und zu ein paar Tage nach Algier reisen. Ich hatte diese Farm gekauft, diesen Bordj, eine ehemalige kleine Festung, die ein paar hundert Meter von der Ansiedelung der Eingeborenen liegt, die ich für meine Anpflanzungen beschäftigte. Zu meinem persönlichen Dienst wählte ich aus diesem Stamme – einem Teil der Oulad-Taadja – einen großen Burschen aus, denselben, den Sie eben hier gesehen haben: Mohammed ben Lam'har. Er wurde mir bald sehr ergeben. Da er nicht in einem Hause schlafen wollte, weil er das nicht gewöhnt war, schlug er sein Zelt ein paar Schritte von der Thür auf, so daß ich ihn von meinem Fenster aus rufen konnte. Wie ich hier lebe, können Sie sich denken. Den ganzen Tag beaufsichtige ich die Anpflanzungen, gehe ein wenig auf Jagd, esse ab und zu bei den in der Nähe stationierten Offizieren, oder sie kommen zu Tisch zu mir. Über die .... Vergnügungen sprach ich ja schon: Algier gewährte mir die ausgesuchtesten; und ab und zu redete mich mitten auf der Straße ein mitfühlender, gefälliger Araber, an, und schlug mir vor, er wollte mir nachts ein Mädchen seines Stammes zuführen. Manchmal nahm ich an, doch viel öfter lehnte ich ab, aus Furcht vor den Feinden, die ich mir dadurch machen könnte. Als ich nun eines Abends, es war am Anfang des Sommers, von einem Gang in die Pflanzungen zurückkehrte und Mohammed brauchte, trat ich in sein Zelt, ohne ihn zu rufen. Das geschah alle Augenblicke. Auf einem jener großen roten Teppiche aus langer Wolle von Djebell-Amour, dicht und weich wie Matratzen, schlief ein Weib, ein Mädchen, beinah unbekleidet, die Arme über die Augen gekreuzt. Ihr weißer Leib, schneeigleuchtend im Lichtstrahl, der unter dem erhobenen Zeltvorhang eindrang, erschien mir wie das vollkommenste Meisterwerk der Schöpfung, das ich je gesehen. Die Frauen sind hier auffallend schön, groß und von seltenem Ebenmaß der Züge und Linien. Ein wenig verwirrt, ließ ich die Zeltdecke fallen und kehrte nach Haus zurück. Ich liebe die Frauen! Die Erscheinung traf mich wie ein Blitzstrahl, der zündete; er entfachte in meinen Adern jene alte gefährliche Glut, der ich es verdanke, hier zu sein. Es war heiß, Juli, und beinah die ganze Nacht verbrachte ich an meinem Fenster und starrte auf den dunklen Schatten, der von dem Zelte Mohammeds herrührte. Als er am nächsten Morgen in mein Zimmer trat, sah ich ihn scharf an und er senkte den Blick wie jemand, der ein schlechtes Gewissen hat. Erriet er was ich wußte? Ich fragte kurz: – Du bist also verheiratet, Mohammed? Ich sah, wie er rot wurde und er stammelte: – Nein, Herr. Ich verlangte, daß er Französisch sprach und mir dafür arabischen Unterricht gab, so daß wir manchmal beide Sprachen durcheinander redeten. Ich fragte weiter: – Warum ist denn dann ein Mädchen bei Dir? Er brummte: – Er ist aus Süd. – Ah, sie stammt aus dem Süden! Aber das erklärt noch nicht, warum sie in Deinem Zelt ist. Ohne auf meine Frage einzugehen, sagte er: – Er ist sehr hübsch! – So, wirklich! Nun, wenn Du ein andermal so Besuch von einem schönen Mädchen aus dem Süden bekommst, wirst Du dafür sorgen, daß sie in mein Haus kommt und nicht in Deines. Hörst Du, Mohammed? Er antwortete ganz ernst: – Ja, Herr! Ich muß gestehen, daß ich den ganzen Tag die Erinnerung an dies arabische Mädchen, auf dem roten Teppich nicht los wurde, und als ich zu Tisch heimkehrte, fühlte ich das dringende Verlangen, noch einmal nach Mohammeds Zelt zu gehen. Den Abend hindurch that er seinen Dienst wie gewöhnlich, war immer um mich herum mit seiner unbeweglichen Miene und ein paar Mal hätte ich ihn beinahe gefragt, ob er unter seinem kamelhaarbedeckten Heim, dies junge, schöne Mädchen aus dem Süden noch länger behalten würde. Um neun Uhr ging ich aus, immer noch in der Gier nach dem Weibe, die mich beherrscht, wie die Witterung den Jagdhund. Ich wollte Luft schnappen und ein wenig um das braune Leinwand-Zelt herumgehen, durch das ich Licht schimmern sah. Dann entfernte ich mich aber, um nicht von Mohammed in der Nähe seines Zeltes überrascht zu werden. Als ich eine Stunde später heimkehrte, unterschied ich im Zelt deutlich sein Gesicht. Dann nahm ich meinen Hausschlüssel aus der Tasche und ging in den Bordj, in dem noch außer mir mein Aufseher, zwei französische Arbeiter und eine alte Köchin wohnten, die ich in Algier aufgetrieben hatte. Ich stieg die Treppe hinauf und zu meinem Erstaunen sah ich, daß unter meiner Thür Licht durchschimmerte. Ich öffnete und gewahrte vor mir auf einem Strohstuhl neben dem Tisch, auf dem ein Licht brannte, ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, das mich ruhig zu erwarten schien, mit allem Silberschmuck aufgeputzt, den die Frauen hier im Süden an Beinen, Armen, auf der Brust bis auf den Leib herab tragen. Ihre, durch Kohol erweiterten Augen blickten mich groß an; und vier kleine blaue Male, fein in die Haut tättowiert schmückten als Sterne Stirn, Wangen und Kinn. Ihre mit Spangen überladenen Arme ruhten in ihrem Schoß. Ihr Kleid, eine Art Gebba aus roter Seide, die von den Schultern herabwallte, bedeckte die Schenkel. Als sie mich kommen sah, stand sie auf, blieb vor mir stehen aufrecht, mit ihrem wilden Schmuck behangen, in einer Art stolzen Demut. – Was machst Du hier? – fragte ich arabisch. – Ich bin hier, weil man mir befohlen hat, zu kommen. – Wer hat Dir das befohlen? – Mohammed. – Gut, setze Dich. Sie setzte sich, schlug die Augen nieder, und ich blieb vor ihr stehen und betrachtete sie. Ihr Gesicht war seltsam: regelmäßig, fein, und ein wenig Bestie, aber schwärmerisch wie das eines Buddha. Ihre Lippen waren kräftig und von einem Art Rosenrot, das auch sonst noch auf ihrem Körper wiederkehrte, das eine leichte Kreuzung mit schwarzem Blut verriet, obgleich Hände und Arme tadellos weiß waren. Unruhig, lüstern und zugleich verwirrt, wußte ich nicht, was ich thun sollte. Um Zeit zu gewinnen und überlegen zu können, fragte ich sie noch andere Dinge, wo sie her sei, wie sie in das Land gekommen und wie sie zu Mohammed stünde. Aber sie antwortete nur auf die Fragen, die mich am wenigsten interessierten, und ich konnte nicht herausbekommen, warum sie eigentlich gekommen sei, in welcher Absicht und auf welchen Befehl, seit wann und was eigentlich zwischen ihr und meinen Diener vorgegangen sei. Als ich ihr sagen wollte: Kehre in Mohammeds Zelt zurück! erriet sie das vielleicht, stand jäh auf und hob ihre beiden nackten Arme, von denen all die Armbänder auf ein Mal klirrend bis zu den Schultern herabglitten, umschlang meinen Hals mit den Händen und zog mich mit stehendem unwiderstehlichem Ausdruck an sich. Ihre Augen, funkelnd in dem Wunsche zu verführen und in dem Gelüste über den Mann zu siegen, durch das die unkeuschen Blicke der Frauen zu behexen vermögen wie die der wilden Katzen, – diese Augen benahmen mir jede Widerstandskraft, lockten, entzückten und erregten mich zu ungestümer Glut. Es war ein kurzer Kampf ohne Worte, heftig, nur zwischen unsern Blicken, der ewige Kampf zwischen den beiden Tieren im Menschen, dem Männchen und dem Weibchen, wobei das Männchen immer unterliegt. Mit langsamem, stetig wachsendem, unwiderstehlichem Druck, wie mit mechanischer Kraft zogen ihre beiden, hinter meinem Haupt gefalteten Hände mich an diese sinnlich lächelnden roten Lippen, auf die ich plötzlich die meinen drückte, während ich diesen beinah nackten Leib umschlang, der mit Silberringen behangen war, die nun klingelten, vom Busen bis zu den Füßen, bei meiner Umarmung. Sie war nervig, schmiegsam, und gesund, wie ein Tier, mit Bewegungen, Manieren, Liebreiz und sogar etwas vom Geruch der Gazelle, daß ich bei ihren Küssen einen fremden unbekannten Reiz genoß, fremdartig wie der Geschmack tropischer Früchte. Bald darauf, ich sage bald, – vielleicht war es schon gegen morgen, wollte ich sie fortschicken. Ich glaubte, sie würde gehen wie sie gekommen, und ich fragte mich noch nicht, was aus ihr werden sollte, noch was sie aus mir machen würde. Aber sobald sie meine Absicht erriet, flüsterte sie: – Wenn Du mich fortjagst, wo sollte ich jetzt hin? Ich müßte nachts auf der bloßen Erde schlafen. Laß mich zu Füßen Deines Bettes auf dem Teppich ruhen. Was konnte ich antworten? was thun? Ich dachte, Mohammed würde sicher seinerseits das erleuchtete Fenster meines Zimmers beobachten; und allerlei Fragen, die ich mir im Ansturm des ersten Augenblicks noch nicht überlegt, kamen mir zu Sinn. – Bleib hier, – sagte ich, – wir wollen uns unterhalten. Mein Entschluß war sofort gefaßt. Da dieses Mädchen mir nun einmal so in die Arme gefallen war, wollte ich sie behalten, wollte aus ihr eine Art Sklaven-Geliebte machen, die in meinem Haus verborgen blieb wie die Frauen des Harems. Wenn ich sie eines Tages satt hatte, war es leicht, sie auf irgend eine Manier fortzubringen, denn in Afrika gehörten uns diese Art Wesen beinah mit Leib und Seele. Ich sagte ihr: – Ich will gut gegen Dich sein, ich will Dich so behandeln, daß Du nicht unglücklich wirst. Aber ich muß wissen, wer Du bist und woher Du kommst. Sie begriff, daß sie jetzt reden mußte und erzählte mir ihre Geschichte, oder vielmehr eine Geschichte, denn sie log vom ersten Wort bis zum letzten, wie alle Araber lügen, immer, mit oder ohne Grund. Das ist einer der seltsamsten und unbegreiflichsten Charakterzüge der Eingeborenen, daß sie lügen. Diese Menschen, in die der Islam so eingedrungen ist, daß er einen Teil von ihnen ausmacht, daß er ihre geistigen Fähigkeiten, nach seiner Anschauung formt, ihre ganze Rasse verändert, sie von den anderen im Punkt der Moral unterscheidet, ebenso wie die Hautfarbe den Neger vom Weißen trennt: sie alle sind Lügner durch und durch, daß man ihrem Gerede niemals trauen kann. Ob das mit ihrer Religion zusammenhängt, weiß ich nicht. Man muß unter ihnen gelebt haben, um sich zu überzeugen wie die Lüge einen Teil ihres Wesens ausmacht, ihres Herzens, ihrer Seele, wie sie ihnen zur zweiten Natur geworden ist, ja geradezu eine Lebensnotwendigkeit. Sie erzählte mir also, sie sei die Tochter eines Kaïds der Ouled Sidi Scheik, und einer von ihm den Touaregs geraubten Frau. Diese Frau mußte wohl eine schwarze Sklavin gewesen sein, oder wenigstens aus erster Kreuzung arabischen und Negerblutes stammen. Bekanntlich sind die Negerinnen in den Harems sehr gesucht, wo sie als besonderes Reizmittel gelten. Übrigens zeigte sich bei ihr außer jenem Purpur der Lippen und der dunklen Erdbeerfarbe der länglichen, elastisch-federnden Brüste, nichts von dieser Abstammung. Darin konnte sich ein erfahrenes Auge nicht täuschen. Aber alles andere gehörte der schönen, weißen, schlanken Rasse des Süden an, deren feines Gesicht einfach und gerade geschnitten ist wie ein indisches Heiligenbild. Die weit auseinander stehenden Augen erhöhten noch den fast überirdischen Eindruck dieses Kindes der Wüste. Über ihre wirkliche Stellung erfuhr ich nichts Genaues. Sie erzählte mir ab und zu unzusammenhängende Einzelheiten, die zufällig in ihrem verworrenen Gedächtnis aufzusteigen schienen. Köstliche kindliche Anschauungen mischten sich hinein, das ganze Nomadenleben, wie es sich im Hirn eines Eichhörnchens spiegelt, das von Zelt zu Zelt gesprungen ist, von Lager zu Lager, von Stamm zu Stamm. Und all das wurde hergeleiert mit der ernsten Wichtigthuerei dieses Volkes, mit der Miene einer schwatzenden Puppe und einem etwas komischen Ernst. Als sie fertig war, merkte ich, daß ich garnichts behalten hatte von dieser ganzen langen Geschichte, voller nebensächlicher Ereignisse, die in ihrem oberflächlichen Gehirn haften geblieben waren. Und ich fragte mich, ob sie mich nicht einfach zum Narrn gehalten hätte, durch dieses inhaltslose, ernst vorgetragene Geschwätz, das mir eigentlich über sie selbst und ihr Leben nichts gesagt hatte. Und ich dachte an dieses überwundene Volk, unter dem wir leben, oder vielmehr, das mitten unter uns lebt, deren Sprache wir kaum zu sprechen angefangen, das wir unter dem dünnen Leinen seiner Zelte in den Tag hinein leben sehen, denen wir unsere Gesetze, unsere Ordnung, unsere Sitten aufzwangen, und von denen wir nichts wissen, aber auch garnichts, nicht als ob wir sie seit fast sechzig Jahren fortwährend beobachteten. Wir wissen nicht mehr davon, was in dieser Hütte aus Zweigen, oder unter diesem kleinen Conus aus Stoffen, der mit Pflöcken an der Erde festgehalten wird und zwanzig Meter von unsern Thüren steht, vorgeht, als wir eine Ahnung haben, was die sogenannten civilisierten Araber in den maurischen Häusern von Algier treiben und denken. Hinter den kalkbeworfenen Mauern ihrer Stadthäuser, unter der weißen Decke ihrer Zelte, oder hinter dem dünnen, braunen Vorhang von Kamelshaar, der im Winde flattert, leben sie in unserer Nähe, Fremde, rätselhafte, lügnerische, durchtriebene, unterdrückte ewig lächelnde, unerforschliche Wesen. Ich sage Ihnen, wenn ich von weitem mit meinem Opernglas das nächste Araberlager beobachte, merke ich, daß bei ihnen allerlei Aberglaube sein Wesen treibt, daß sie tausend Sitten und Gebräuche haben, die wir noch nicht kennen, von denen wir nicht einmal eine Ahnung haben. Noch niemals hat ein durch Gewalt unterworfenes Volk sich so völlig der hartnäckigen aber nutzlosen Erforschung durch den Sieger zu entziehen gewußt. Nun, diese unüberbrückbare geheime Schranke, die die Natur zwischen den Rassen aufgerichtet hat, empfand ich plötzlich, wie ich sie noch nie empfunden, zwischen mir und diesem arabischen Mädchen, zwischen diesem Weibe, das sich mir soeben angeboten, geschenkt, ihren Körper meiner Zärtlichkeit hingegeben, und mir, der sie genossen hatte. Ich fragte, da ich jetzt, zum ersten Mal daran dachte: – Wie heißt Du? Sie hatte ein paar Augenblicke geschwiegen und ich sah sie erzittern, als ob sie ganz vergessen hatte, daß ich da war. Da erriet ich an ihrem auf mich gehefteten Blick, daß diese Minuten genügt hatten, sie schläfrig zu machen. Plötzliche, unwiderstehliche Schlafsucht befiel sie: blitzschnell, wie jede Einwirkung auf die nervösen Sinne der Frau. Sie antwortete gleichgültig mit unterdrücktem Gähnen: – Allouma. Ich fragte: – Möchtest Du schlafen? – Ja! - sagte sie. – Also gut, schlaf! Sie schmiegte sich ruhig an meine Seite, auf dem Bauche ausgestreckt; die Stirn ruhte auf den gekreuzten Armen und ich fühlte beinah augenblicklich, daß ihre unruhigen, wilden Gedanken im Schlaf erloschen waren. Da begann ich, an ihrer Seite liegend, zu sinnen und versuchte mir die Sache zu erklären. Warum hatte Mohammed sie mir geschickt? War er ein solch großmütiger Diener, daß er sich so weit für seinen Herrn opferte, ihm sogar die Frau zu überlassen, die er für sich in sein Zelt geschleppt? Oder verfolgte er einen anderen, weniger edlen, mehr praktischen Zweck dabei, als er mir dieses Mädchen, das mir gefiel, zuführte? Wenn es sich um Frauen handelt, entwickelt der Araber gleichzeitig keusche Härte und unglaubliche Nachsicht, und man versteht ebenso wenig seine rücksichtslose als seine leichtsinnige Moral, wie alle seine anderen Empfindungen. Vielleicht war ich, als ich zufällig in sein Zelt gedrungen, den wohlwollenden Absichten dieses findigen Dieners zuvorgekommen, der mir dies Mädchen, seine Freundin, seine Helferin, vielleicht auch Geliebte, zugedacht hatte? All diese Überlegungen gingen mir im Kopf herum und ermüdeten mich so, daß auch ich allmählich in tiefen Schlaf sank. Ich erwachte durch das Knarren meiner Thür. Wie jeden Morgen trat Mohammed ein, um mich zu wecken. Er öffnete das Fenster, durch das eine Flut von Licht einfiel auf den Körper Alloumas, die immer noch auf dem Bette schlief; dann hob er mein Beinkleid, meine Weste und meinen Rock vom Boden auf, um sie zu reinigen. Er warf keinen Blick auf das Mädchen, das an meiner Seite ruhte, schien garnicht zu merken oder zu wissen, daß sie da sei und behielt dieselbe Würde, die gleiche Haltung, das unbewegliche Gesicht wie immer. Aber das Licht, die Unruhe, das leichte Geräusch der nackten Füße des Mannes, die Empfindung des frischen Luftzuges auf der Haut und in den Lungen weckte Allouma aus ihrem tiefen Schlafe auf. Sie reckte die Arme, wendete sich herum, öffnete die Augen, blickte mich an und dann Mohammed mit derselben Gleichgültigkeit, und setzte sich auf. Dann murmelte sie: – Ich habe Hunger! – Was willst Du essen? – fragte ich sie. – Kahoua. – Kaffee und Brot mit Butter? – Ja. Mohammed stand neben dem Lager, die Kleider auf dem Arm, und wartete auf meine Befehle. – Bring Frühstück für Allouma und mich! – sagte ich ihm. Und er ging davon, ohne daß sich auf seinem Gesicht das mindeste Erstaunen oder die geringste Verstimmung bemerkbar gemacht hätte. Als er fort war, fragte ich die junge Araberin: – Willst Du in meinem Haus wohnen bleiben? – Ja, das will ich. – Ich werde Dir ein eigenes Zimmer geben und eine Frau zur Bedienung. – Du bist großmütg und ich bin Dir dankbar. – Aber wenn Du dich nicht gut aufführst, jage ich dich fort. – Ich will alles thun was Du von mir verlangst. Sie nahm meine Hand und küßte sie als Zeichen der Unterwürfigkeit. Mohammed trat wieder ein, ein Brett mit dem Frühstück in der Hand. Ich sagte: – Allouma wird hier im Haus bleiben. Lege Teppiche in das Zimmer am Ende des Ganges, dann hole die Frau des Abd-el-Kadar-el Hadara. Sie soll Allouma bedienen. – Ja, Herr! Das war alles. Eine Stunde später war meine schöne Araberin in einem großen, hellen Zimmer untergebracht; und als ich nachsah, ob ihr auch nichts fehle, bat sie mich in flehendem Ton, ich möchte ihr doch einen Spiegelschrank schenken. Ich versprach es ihr. Dann ging ich, sie blieb auf einem Djebell-Amour-Teppich sitzen, eine Cigarette im Munde, während sie mit der alten Araberfrau schwatzte, die ich hatte kommen lassen, als ob die beiden sich schon seit Jahren kennten. II. Vier Wochen war ich sehr glücklich mit ihr und ich gewöhnte mich auf's wunderlichste an dieses Geschöpf einer anderen Rasse, das mir fast vorkam, als wäre es eine andere Gattung, auf einem anderen Stern geboren. Ich liebte sie nicht – nein – man kann die Mädchen dieses unkultivierten Volkes kaum lieben. Zwischen ihnen und uns, sogar zwischen ihnen und ihren Männern, den Arabern, erblüht niemals die blaue Blume wie in den nördlicheren Ländern. Sie stehen dem Tiere zu nahe, sie haben ein zu wenig ausgebildetes Herz, zu wenig verfeinerte Gefühlsthätigkeit, um in unseren Seelen jene schwärmerische Stimmung hervorzurufen, die die Poesie der Liebe ist. Keine geistige Befriedigung, kein Gedankenschwung mischt sich in den Sinnenrausch, den diese reizenden aber nichtssagenden Wesen in uns entzünden. Und doch schlagen sie uns in Fesseln, halten uns fest wie die anderen, nur auf andere Art, weniger zähe, weniger grausam, weniger schmerzlich. Ich könnte nicht genau auseinandersetzen, was ich für dieses Wesen empfand. Ich sagte Ihnen vorhin, daß dieses Land, dieses elende Afrika, wo es keine Kunst, keine Freuden des Geistes giebt, uns doch allmählich für sich einnimmt durch einen ganz bestimmten unennbaren Reiz, durch die weiche Luft durch die immer milden Morgen und Abende, durch die köstliche Beleuchtung, durch das unsagbare Wohlgefühl, in das es alle unsere Sinne badet. Nun, Allouma nahm mich in derselben Weise ein durch tausend fesselnde körperliche, aber unbewußte Reize, durch die rührenden Verführungskünste, nicht so sehr durch die Glut ihrer Umarmung, denn sie war gleichgültig wie alle Orientalen, aber durch ihre süße Hingabe. Ich ließ ihr durchaus freie Hand, zu gehen und zu kommen wie sie wollte, und mindestens einen Nachmittag um den andern brachte sie im benachbarten Araberlager zu, unter den Frauen meiner eingeborenen Landarbeiter. Manchmal aber betrachtete sie sich einen ganzen Tag hindurch im Spiegelschrank aus Mahagonie, den ich aus Miliana hatte kommen lassen. In aller Ruhe beguckte sie sich, vor der großen Spiegelthür stehend, oder verfolgte mit gründlicher ernster Aufmerksamkeit ihre Bewegungen. Mit leise geneigtem Kopf trat sie etwas zurück, um ihren Wuchs zu beurteilen; sie wendete sich um, ging etwas fort, trat wieder näher, dann, als es ihr schließlich zu langweilig wurde, sich zu bewegen, setzte sie sich auf ein Kissen, ihrem Spiegelbilde gegenüber, Auge in Auge, und verharrte mit ernster Mine so, ganz in sich versunken. Bald machte ich die Wahrnehmung, daß sie fast täglich nach dem Frühstück fortging und bis zum Abend vollkommen verschwand. Das beunruhigte mich etwas und ich fragte Mohammed, ob er wüßte, was sie während der langen Stunden der Abwesenheit triebe. Er antwortete ganz ruhig: – Sorge Dich nicht, es ist bald Ramadan, sie muß beten gehen. Auch er schien glückselig zu sein über Alloumas Anwesenheit im Haus. Aber niemals entdeckte ich zwischen ihnen das geringste Verdächtige, niemals versteckten sie sich vor mir, niemals schienen sie im Einverständnis zu sein oder verbargen mir etwas. Ich fügte mich also in die Dinge, wie sie nun einmal lagen, ohne zu begreifen, was da vorging und ließ Zeit, Zufall und das Leben ihr Spiel treiben. Ich unternahm oft, nachdem ich meine Besitzung, meine Weinberge, mein Neuland durchstreift hatte, lange Spaziergänge zu Fuß. Sie kennen die wundervollen Wälder dieses Teiles von Algier, diese beinah undurchdringlichen Schluchten, wo abgehauene Tannen die Gießbäche versperren. Sie kennen diese kleinen mit Alpenrosen überwucherten Thälchen, die von der Höhe eines Berges aus wie orientalische Teppiche aussehen, dort längs der Wasserläufe hingelegt. Sie wissen, daß man alle Augenblicke in diesen Wäldern und an diesen Abhängen, wo man meint, dorthin sei noch nie ein menschlicher Fuß gekommen, die schneeige Kuppe einer Koubba trifft, die Gebeine eines frommen Marabus umschließend, eines weltflüchtigen Marabus, dessen Grab kaum von Zeit zu Zeit von wenigen streng Gläubigen besucht wird, die vom nächsten Douar herüberkommen, mit einem Licht in der Tasche, das sie dann auf dem Grabe des Heiligen anzünden. Kurz, ich kam eines Abends auf dem Heimweg an einer dieser mohamedanischen Kapellen vorüber und sah durch deren immer offene Thür eine Frauengestalt vor der Reliquie beten. Es war ein wunderhübsches Bild: diese Araberin, auf dem Boden dieses verfallenen Raumes sitzend, durch den der Wind blies und in den Ecken ganze Haufen gelber, feiner, trockener Tannen Nadeln zusammengefegt hatte. Ich trat näher und erkannt Allouma. Sie sah mich nicht, hörte mich nicht, ganz in Gebet versunken. Sie sprach halblaut, unterhielt sich mit dem Heiligen, da sie sich ganz allein wähnte und schüttete dem Diener Gottes all ihr Herz aus. Ab und zu schwieg sie einen Augenblick, um nachzudenken, sich zu überlegen, was sie noch zu sagen hätte, um nichts zu vergessen von allem, was sie ihm anvertrauen wollte. Dann ward sie wieder lebhafter, als ob er ihr geantwortet hätte, ihr etwas geraten, das sie nicht wollte und als entwickelte sie nun ihre Gegengründe. Geräuschlos entfernte ich mich, wie ich gekommen war und kehrte heim zum Essen. An dem Abend ließ ich sie rufen und als sie eintrat sah ich, daß sie bekümmert aussah wie sonst nicht. – Da setz Dich hin! – sagte ich und deutete auf den Platz auf dem Divan an meiner Seite. Sie setzte sich, und als ich mich ihr näherte, um sie zu küssen, bog sie schnell ihren Kopf zurück. Ich war erstaunt und fragte: – Nun, was hast Du denn? – Es ist Ramadan! – sagte sie. Ich begann zu lachen: – Und der Marabu hat Dir wohl verboten, Dich während des Ramadan küssen zu lassen? – Ja! Ich bin Araberin und Du bist ein Fremdling. – Wär's denn eine große Sünde? – Jawohl! – Dann hast Du also seit heute früh bis Sonnenuntergang nichts gegessen? – Nein, nichts. – Aber als die Sonne untergegangen war, hast Du gegessen? – Ja. – Nun da es ganz Nacht geworden ist, brauchst Du mit allem anderen auch nicht strenger zu sein als mit dem Mund. Sie war verletzt, zuckte zusammen und antwortete stolz wie ich sie nie gekannt: – Wenn ein arabisches Mädchen sich während des Ramadan von einem Fremden berühren ließe, wäre sie auf ewig verflucht. – Und das dauert einen ganzen Monat? Sie antwortete nachdrücklich: – Ja, den ganzen Ramadan. Ich machte ein böses Gesicht: – Na, dann kannst Du den Ramadan bei Deiner Familie zubringen. Sie nahm meine Hand, preßte sie sich aufs Herz: – O bitte, sei nicht böse! Du wirst sehen, wie lieb ich sein werde; wir wollen zusammen Ramadan feiern. Willst Du? Ich werde dich pflegen,Dich verwöhnen, aber bitte sei nicht böse. Ich konnte mich nicht enthalten zu lächeln, so drollig war sie und so außer sich; und ich schickte sie auf ihr Zimmer, zu schlafen. Eine Stunde später, als ich zu Bett gehen wollte, klopfte es zweimal so leise an meiner Thür, daß ich es kaum hörte. Ich rief »Herein« und da erschien Allouma, mit einer großen Schüssel voll arabischer Leckerbissen, überzuckerte Reiskuchen, gekocht und gebraten, lauter merkwürdige Bäckereien der Nomaden. Sie lachte, zeigte ihre schönen Zähne und wiederholte: – Wir wollen zusammen Ramadan feiern. Wie Sie wissen, folgen nach dem Fasten, das von Tagesanbruch bis zur Dämmerung dauert, bis zu dem Augenblick, wo das Auge einen schwarzen Faden nicht mehr von einem weißen unterscheiden kann, jeden Abend kleine, intime Feste, wobei man bis zum Morgen tafelt; daher kommt es, daß für die wenig nachdenklichen Eingeborenen der Ramadan einfach darin besteht, aus dem Tag Nacht und aus der Nacht Tag zu machen. Aber Allouma ging in ihrer Gewissenhaftigkeit weiter. Sie setzte die Schüssel auf den Divan zwischen uns, nahm mit ihren langen, schlanken Fingern eine kleine überzuckerte Kugel und steckte sie mir mit den Worten in den Mund: – Iß das, das schmeckt gut. Ich knapperte das leichte Gebäck, das wirklich ausgezeichnet schmeckte und sagte: – Hast Du das gemacht? – Ja, ich. – Für mich? – Ja, für Dich! – Wohl um mir über den Ramadan hinweg zu helfen? – Ja. Sei nicht bös, ich werde Dir das täglich bringen. Ach und nun verlebte ich einen fürchterlichen Monat; einen verzuckerten, süßlichen Monat zum rasend werden, einen Monat, des Verhätschelns und der Versuchung, der Wut und der vergeblichen Mühe gegen einen unüberwindlichen Widerstand. Als dann die drei Tage des Reiram kamen, feierte ich sie auf meine Art, und der Ramadan war vergessen. Der Sommer verging. Er war sehr heiß. In den ersten Herbsttagen schien mir Allouma etwas befangen zu sein, sie war zerstreut und kümmerte sich um nichts. Als ich sie eines Abends rufen ließ, fand man sie nicht in ihrem Zimmer. Ich dachte, sie steckte irgendwo im Haus und sagte man solle sie suchen. Aber sie war nicht heimgekehrt. Nun öffnete ich das Fenster und rief: – Mohammed! Die Stimme meines Dieners antwortete aus seinem Zelt: – Ja, Herr! – Weiß Du wo Allouma steckt? – Nein, Herr. – Nicht möglich! – Allouma verloren? Ein paar Augenblicke später trat der Araber so erregt ein, daß er sich kaum beherrschen konnte und fragte: – Ist Allouma verloren? – Jawohl, Allouma ist verloren! – Nicht möglich! – Suche sie doch! – sagte ich ihm. Er blieb in Gedanken stehen, überlegte und begriff nicht. Dann ging er in das leere Zimmer wo Alloumas Kleider in orientalischer Unordnung herumlagen; wie ein Polizist bespähte er alles, oder beroch es vielmehr wie ein Hund, dann sagte er, in das Schicksal ergeben, unfähig sich noch länger anzustrengen: – Fort! er ist fort! Ich fürchtete ein Unglück, einen Absturz, etwa einen Fall in eine Schlucht und alarmierte alle Männer des Lagers mit dem Befehl, sie so lange zu suchen bis man sie gefunden hätte. Man suchte sie die ganze Nacht, den ganzen folgenden Tag, die ganze Woche. Man fand nichts, das uns hätte auf die Spur bringen können. Ich litt; sie fehlte mir. Mein Haus erschien mir leer, mein Dasein öde. Dann kamen mir beunruhigende Gedanken. Ich fürchtete, man könne sie etwa geraubt oder ermordet haben. Aber als ich Mohammed darnach fragte und ihm meine Vermutungen auseinanderzusetzen suchte, antwortete er nur fortwährend: – Nein, fort! Dann fügte er das arabische Wort R'ezale, das Gazelle bedeutet, hinzu, um damit anzudeuten, daß sie schnell liefe und weit weg wäre. Drei Wochen vergingen, und ich hatte keine Hoffnung mehr, jemals meine arabische Geliebte wiederzusehen, als eines Morgens Mohammed freudestrahlend eintrat mit den Worten: – Herr, Allouma, er ist wiedergekommen! Ich sprang aus dem Bett und fragte: – Wo ist sie? – Wagt nicht zu kommen. Da draußen unter dem Baum. – Und mit ausgestrecktem Arm zeigte er mir durchs Fenster einen weißen Fleck am Fuße eines Olivenbaumes. Ich stand auf und ging hinaus. Als ich mich diesem Wäschebündel näherte, das dort an dem knorrigen Stamm niedergeworfen zu sein schien, erkannte ich die großen, dunklen Augen, die tättowierten Sternchen, das lange, regelmäßige Gesicht des wilden Mädchens, das mich in Fesseln geschlagen. Je näher ich kam, desto mehr wuchs in mir die Wut, die Lust sie zu prügeln, ihr Schmerz anzuthun, mich zu rächen. Ich rief schon von weitem: – Woher kommst Du? Sie antwortete nicht, blieb unbeweglich, als ob sie kaum noch lebte, auf Tätlichkeiten gefaßt sei und Schläge erwarte. Ich stand jetzt dicht neben ihr und sah entsetzt die Lumpen, die sie bedeckten, diese Fetzen, halb aus Seide, halb aus Wolle, grau vom Staub, zerrissen und verbraucht. Ich erhob die Hand wie gegen einen Hund und wiederholte: – Woher kommst Du? Sie flüsterte: – Von dort drüben. – Woher? – Vom Stamm. – Von welchem Stamm? – Von meinem. – Warum bist du fort? Da sie sah, daß ich sie nicht schlug, gewann sie Mut und sagte leise: – Ich mußte, mußte, – ich konnte im Haus nicht mehr leben. Ich sah Thränen in ihren Augen und ward sofort weich gestimmt. Ich beugte mich zu ihr und gewahrte, als ich mich umdrehte, um mich zu setzen, Mohammed, der uns von weitem belauert. Ich begann ganz leise: – Nun sag mir mal, warum bist Du eigentlich fort? Da erzählte sie mir, daß sie schon lange in ihrer Nomadenseele die unwiderstehliche Lust empfunden, unter ihre Zelte zurückzukehren, dort zu schlafen, sich auszutoben, zu laufen, sich im Sande zu wälzen, mit den Herden von Ebene zu Ebene zu irren, nichts mehr über ihrem Kopf zu wissen zwischen den gelblich flimmernden Lichtern des Himmels und ihren blauen Augensternen, als die dünne, verbrauchte, überall zerrissene, zusammengestickte Zeltdecke, durch die man beim Erwachen in der Nacht die Feuersaat der Sterne am Himmel flimmern sah. Sie verständigte sich mit einfachen und ergreifenden Worten, so echt, daß ich jetzt doch fühlte wie sie nicht log, Mitleid mit ihr empfand und sprach: – Warum hast Du mir nicht gesagt, daß Du einige Zeit fort wolltest? – Du hättest es nicht zugegeben! – Du konntest mir versprechen, daß Du wiederkämst, dann wäre ich einverstanden gewesen. – Du hättest mir es nicht geglaubt. Als sie sah, daß ich nicht böse war, begann sie zu lachen uud schloß: – Siehst Du, nun ist es vorbei, ich bin heimgekehrt und hier bin ich. Ich mußte nur ein paar Tage da draußen sein, jetzt habe ich genug, jetzt ist's aus, vorbei, ich bin geheilt. Ich bin wieder da, ich habe keine Sehnsucht mehr, ich bin sehr zufrieden. Du bist nicht bös. – Komm ins Haus! – sagte ich. Sie stand auf, ich nahm ihre Hand, ihre schmale Hand mit den feinen Fingern und hoch aufgerichtet, stolz, trotz ihres zerrissenen Gewandes, unter dem Klingeln der Ringe, Armbänder, Halsketten und Münzen schritt sie ernst meiner Wohnung zu, in der uns Mohammed erwartete. Ehe wir eintraten, sprach ich zu ihr: – Allouma, jedesmal wenn Du gern nach Haus möchtest, mußt Du es mir sagen und dann erlaube ich Dir's. Sie fragte mißtrauisch: – Versprichst Du es? – Ja, ich verspreche es. – Ich verspreche es auch. Wenn ich wieder Heimweh bekomme – und sie legte beide Hände auf die Stirn in wundervoller Bewegung, – dann werde ich zu Dir sprechen: ich muß wandern! und dann läßt Du mich gehen. Ich begleitete sie in ihr Zimmer, von Mohammed gefolgt, der Wasser brachte; denn ich hatte die Abd- el-Kadar-el Hadara Frau noch nicht von der Rückkehr ihrer Herrin benachrichtigen können. Sie trat ein, erblickte den Spiegelschrank und lief mit strahlendem Gesicht auf ihn zu, wie man der wiedergefundenen Mutter entgegeneilt. Sie blickte sich ein paar Sekunden an, zog ein Mäulchen und sagte dann in vorwurfsvollem Ton zum Spiegel: – Warte nur, ich habe seidene Gewänder im Schrank, nachher mache ich mich schön. Und ich ließ sie allein, um mit sich selbst zu kokettieren. Unser altes Leben begann von neuem; und immer mehr und mehr unterlag ich dem seltsamen, sinnlichen Reiz dieses Mädchens, für das ich doch zu gleicher Zeit eine Art Verachtung empfand. Ein halbes Jahr ging alles gut. Dann fühlte ich, daß sie wieder nervös wurde, aufgeregt, etwas traurig, und ich fragte sie eines Tages: – Möchtest Du gern nach Haus? – Ja, ich möchte ... – Wagtest Du es mir nicht zu sagen? – Ich wagte es nicht. – Geh, ich erlaube es. Sie nahm meine beiden Hände, küßte sie, wie immer, wenn die Dankbarkeit sie überwältigte, und am nächsten Tag war sie verschwunden. Sie kam wie das erste Mal etwa nach drei Wochen wieder, ganz zerlumpt, braun gebrannt in Staub und Sonne; sie hatte genug vom Nomadenleben, von der Wüste und der Freiheit. So kehrte sie innerhalb zweier Jahre vier Mal nach Haus zurück. Ohne Eifersucht, in bester Laune nahm ich sie wieder bei mir auf, denn in mir entsteht Eifersucht nur aus der Liebe, wie wir sie verstehen. Ich hätte sie töten können, wenn ich sie abfaßte wie sie mich betrog, aber ich hätte sie getötet aus reiner Herschsucht wie man einen Hund, der nicht gehorcht, totschlägt. Ich hätte die Qualen, das zehrende Feuer, das fürchterliche Leid: unsere »Eifersucht der Nord- Menschen« nicht empfunden. Ich habe Ihnen gesagt, ich hätte sie totschlagen können wie einen ungehorsamen Hund; ich liebte sie wirklich ein wenig wie man ein seltenes Tier liebt, Hund oder Pferd, ein Tier, das nicht zu ersetzen ist. Und sie war ein wundervolles Tier, ein Tier zur Lust, in einen Frauenleib gebannt. Ich kann Ihnen garnicht erklären, welche unendliche Kluft zwischen unseren Seelen lag, obgleich vielleicht unsere Herzen einander gestreift, sich hier und da eines am anderen erwärmt. Sie war etwas das in mein Haus gehörte, in mein Leben, eine sehr angenehme Gewohnheit, auf die ich hielt und die der sinnliche Mensch in mir liebte, jener der nur Auge, nur Begierde ist. Da kam eines Tages Mohammed zu mir mit ganz seltsamem Ausdruck, jenem unruhigen Blick der Araber, der dem unsteten Blick einer Katze gleicht, die ein Hund stellt. Als ich sein Gesicht sah, fragte ich: – Nanu, was ist denn los? – Allouma! er ist fort, Ich begann zu lachen: – Fort? Wohin? – Ganz fort, Herr. – Wieso denn: ganz fort? – Ja, Herr! – Du bist wohl toll geworden? – Nein, Herr! – Warum denn fort? wieso denn? Na, nun rede doch mal! Er blieb unbeweglich stehen und wollte nicht mit der Sprache heraus. Plötzlich packte ihn einer jener arabischen Wutausbrüche, wie wir ihn manchmal in den Straßen der Stadt erleben bei zwei Besessenen, deren orientalischer Ernst uud Würde plötzlich den wahnsinnigsten Bewegungen und dem fürchterlichsten Gebrüll Platz machen. Und ich hörte aus seinen Reden heraus, daß Allouma mit meinem Hirten durchgebrannt sei. Ich mußte Mohammed beruhigen, um von ihm nacheinander alle Einzelheiten zu erfahren. Das dauerte lange Zeit, aber endlich bekam ich heraus, daß er seit acht Tagen meiner Geliebten nachspähte. Sie hatte hinter den Kaktusbüschen der Nachbarschaft oder in den mit Alpenrosen bewachsenen Schluchten öfters ein Stelldichein gehabt mit einer Art Vagabund, den mein Verwalter gegen Ende des vorigen Monats als Hirte angestellt hatte. In der vergangenen Nacht hatte Mohammed sie fortgehen sehen, ohne daß sie wiedergekommen wäre, und er wiederholte ganz außer sich: – Fort, Herr! er ist fort! Ich weiß nicht warum, aber seine Überzeugung, daß sie mit dem Lumpenkerl durchgebrannt sei, hatte sich im selben Moment unwiderstehlich auch bei mir festgesetzt. Es war sinnlos, unwahrscheinlich, aber sicher wahr, da das Unvernünftige allein den Frauen vernünftig erscheint. Mit beklommenem Herzen, wutzitternd suchte ich mir das Äußere dieses Mannes ins Gedächtnis zu rufen. Und plötzlich erinnerte ich mich, daß ich ihn in der vergangenen Woche mitten unter seiner Herde auf einem Erdhaufen gesehen, wie er mich beobachtet hatte. Er war ein großer Beduine, dessen Hautfarbe mit der seiner Lumpen zusammenstimmte, der Typus eines wilden Barbaren, mit herausstehenden Backenknochen, krummer Nase, zurücktretendem Kinn, dünnen Beinen: ein großes in Fetzen gekleidetes Skelett mit falschen Schakalaugen. Ich hatte gar keinen Zweifel mehr, ja sie war mit dem Halunken durchgegangen. Warum? Weil sie Allouma war, die Tochter der Wüste. Eine andere vom Pariser Pflaster zum Beispiel wäre wahrscheinlich mit meinem Kutscher oder irgend einem Straßenbummler durchgebrannt. – Es ist gut! – sagte ich zu Mohammed, – ist sie fort, meinetwegen. Ich muß Briefe schreiben, laß mich allein. Ganz erstaunt über meine Gemütsruhe, ging er davon. Ich stand auf, öffnete das Fenster und sog in langen Zügen, mit vollen Lungen die schwüle Luft ein, die aus Süden herüberkam, denn der Sirocco wehte. Dann dachte ich: Ach Gott, das ist eine ..... – ein Mädchen wie manche andere. Was weiß man davon, warum sie so handeln und so lieben, warum sie einem Mann nachlaufen oder ihn verlassen! Manchmal weiß man's, oft weiß man es nicht, hier und da ist es zweifelhaft. Warum ist sie mit diesem ekelhaften Kerl durchgebrannt? Warum? Vielleicht weil der Wind seit vier Wochen beinahe regelmäßig aus dem Süden bläst. Das genügt. Ein Windhauch! Weiß sie, wissen sie alle, selbst die feinsten, die schlausten, in den meisten Fällen, warum sie so oder so handeln? Nicht mehr als eine Wetterfahne, die sich im Winde dreht. Ein Lufthauch, kaum zu merken, wirbelt den Pfeil aus Eisen, Kupfer, Blech oder Holz herum, genau so wie ein unfaßbarer Einfluß, ein nicht zu spürender, das ewig wechselnde Herz der Frau erregt und treibt, sei sie nun Städterin, sei sie vom Lande, aus dem Menschengewühl oder der Einöde. Später, wenn sie darüber nachdenken, können sie sich klar werden und fühlen warum sie lieber so gehandelt haben als so, aber im Augenblick selbst, wissen sie es nicht; denn sie sind der Spielball ihrer wechselnden Empfindungen, Sklaven, abhängig von den Ereignissen, ihrer Umgebung, ihren Gemütsbewegungen, allerhand Zufälligkeiten, kurz von allem was sie berührt, und Seele und Leib erregt.   Herr Auballe war aufgestanden. Er ging ein paar Schritt hin und her, blickte mich an und sagte lächelnd: – So liebt man in der Wüste. Ich fragte: – Wenn sie nun wiederkommt? Er flüsterte vor sich hin: – Gemeines Mädel! .... und doch würde es mich freuen. – Und würden Sie dem Hirten verzeihen? – Mein Gott, ja. Frauen gegenüber muß man immer verzeihen – oder nichts wissen. Hautot Vater und Hautot Sohn I. Vor der Thür des Hauses, das halb Bauerhof war, halb schloßartig, einer jener Landsitze, die einst fast herrschaftlich waren und nun großbäuerlicher Besitz sind, bellten, an den Apfelbäumen im Hof angebunden, die Hunde und heulten beim Anblick der Jagdtaschen, die der Feldhüter und ein paar Jungen vorüber trugen. In der großen, saalartigen Küche saßen Hautot Vater, Hautot Sohn, Herr Bermont der Steuereinnehmer, und Herr Mondaru der Notar, aßen Pastete und tranken ein Glas Wein, ehe sie zur Jagd gingen, die heute eröffnet war. Hautot Vater war stolz auf alles was er besaß. Er renommierte schon jetzt mit dem Wilde, das seine Gäste auf seiner Jagd zur Strecke bringen sollten. Er war ein hochgewachsener Normane, einer jener riesigen, vollblütigen, kraftstrotzenden Männer, die mit den Schultern Obstwagen in die Höhe heben können. Halb Bauer, halb Herr, reich, angesehen, nicht ohne Einfluß, herrisch, hatte er seinen Sohn Cäsar Hautot bis zur dritten Klasse die Schule besuchen lassen, um ihm »Bildung« beizubringen. Dann aber wurde er von der Schule genommen, denn der Vater fürchtete, der Sohn möchte etwa ein Stadt-Herr und der Landwirtschaft entfremdet werden. Cäsar Hautot war beinah so groß wie sein Vater, nur etwas weniger beleibt. Er war ein guter Kerl, als Sohn, gehorsam, mit allem zufrieden, voll Bewunderung, Hochachtung und Ehrerbietung für Willen und Wunsch seines Vaters. Herr Bermont, der Steuereinnehmer, war ein kleiner, dicker Kerl, auf dessen Backen sich ein feines Geflecht von violetten Adern zeigte, ähnlich wie die gewundenen Flüsse und Nebenflüsse auf einer Landkarte. Er fragte: – Na, und Hasen? kommen denn Hasen vor? Hautot Vater antwortete: – So viel Sie wollen, vor allem in der Remise von Puysatier drin. – Wo geht's denn los? – fragte der Notar, das richtige Bild eines wohllebenden Notars: dick, bleich, auch etwas wohlbeleibt, in einen ganz neuen Jagdanzug eingezwängt, den er erst in der vorigen Woche in Rouen gekauft hatte. – Na, denn also los. Wir treiben die Hühner in die Ebene 'naus und dann feste druff. Und Hautot Vater stand auf. Die anderen folgten seinem Beispiel, nahmen ihre Gewehre aus den Ecken, untersuchten den Verschluß, stampften ein paar Mal auf den Boden, um sich in die harten, dicken Stiefel, die noch nicht durch die Wärme des Blutes geschmeidig geworden waren, einzugewöhnen. Dann gingen sie hinaus; die Hunde sprangen hoch an ihren Riemen auf, heulten laut und fuchtelten mit den Vorderpfoten in der Luft herum. Man machte sich auf den Weg ins Revier. Es war ein kleines Thal, oder vielmehr ein großes wellenförmiges Gelände, das wegen der schlechten Bodenbeschaffenheit unbebaut geblieben war. Die Niederung war von einzelnen Schluchten durchrissen, mit Farrenkräutern bestanden: ein Lieblingsaufenthalt des Wildes. Die Jäger verteilten sich: Hautot Vater nahm den rechten Flügel, Hautot Sohn den linken, die beiden Gäste gingen in der Mitte; der Feldhüter und die Burschen, die die Jagdtaschen trugen, folgten. Es war der feierliche Augenblick, wo man den ersten Schuß erwartet, wo das Herz ein wenig klopft, während der Finger nervös alle Augenblicke nach dem Abzug fühlt. Plötzlich fiel er, dieser erste Schuß. Hautot Vater hatte geschossen. Alle blieben stehen und sahen wie ein Rebhuhn sich aus einer aufgehenden Kette ablöste und in dichtes Gestrüpp in eine der Schluchten fiel. Der Schütze lief in seiner Aufregung mit gewaltigen Schritten darauf zu, riß die Dornen los, die sich an ihn gehängt hatten und verschwand nun im Dickicht, um seine Beute zu suchen. Beinah im selben Augenblick fiel ein zweiter Schuß. – Das ist ein Hauptkerl! – rief Herr Bermont, – der hat wahrscheinlich da unten gleich noch einen Hasen gestreckt. Sie warteten alle, die Augen auf das undurchdringliche Zweig- und Blättergewirr geheftet. Der Notar legte die Hand als Sprachrohr an den Mund und brüllte: – Haben Sie's? Hautot Vater antwortete nicht. Da wendete sich Cäsar zum Feldhüter und sagte: – Hilf doch mal, Josef, wir müssen in der Linie weiter treiben, wir wollen warten. Und Josef, ein alter, wie ein Baumstamm vertrockneter knorriger Mann, dessen Knochen alle eckig herausstanden, ging ruhig hin, stieg in die Schlucht hinab, indem er mit der Vorsicht eines Fuchses durch die Löcher einen gangbaren Weg suchte. Dann rief er sofort: – Kommen Sie, kommen Sie, 's is ein Unglück geschehen! Sie liefen alle herbei und stürzten sich in die Dornen. Hautot Vater lag ohnmächtig auf der Seite, beide Hände auf den Leib gepreßt, aus welchem durch den vom Blei zerrissenen Leinwandrock in langen Streifen Blut ins Gras sickerte. Als er, um das erlegte Huhn aufzuheben, das Gewehr weggesetzt hatte, war die Waffe gefallen, bei dem Stoß entlud sich der zweite Lauf, und der Schuß ging ihm in den Unterleib. Man zog ihn aus dem Loch, entkleidete ihn und gewahrte nun eine schreckliche Wunde aus der die Eingeweide quollen. Man trug ihn, nachdem man ihn so gut als es ging verbunden hatte, heim und wartete auf den Arzt. Sie hatten zu ihm wie zum Geistlichen geschickt. Als der Arzt ankam, schüttelte er ernst den Kopf, wendete sich zu Hautot Sohn, der schluchzend auf einem Stuhl saß und sagte: – Armer Junge, das sieht nicht gut aus. Aber als der Verband angelegt war, bewegte der Verwundete die Finger, öffnete den Mund, dann die Augen und warf verstörte, irre Blicke um sich. Er schien in seinem Gedächtnis irgend etwas zu suchen, sich zu erinnern, etwas zu begreifen und flüsterte: – Gott verdamm mich, 's is alle! Der Arzt hielt seine Hand: – Aber nein, nein, nur ein paar Tage Ruhe. Es wird nichts weiter sein. Hautot antwortete: – 's is alle, der Bauch is geplatzt, – ich weeß es. Dann rief er plötzlich: – Ich will mit meinem Sohn reden wenn ich noch Zeit habe. Hautot Sohn heulte und rief wie ein kleiner Junge: – Papa! Papa, mein armer Papa! Aber der Vater sagte etwas sicherer: – Nu, flenne nich, dazu is keene Zeit jetzt. Ich muß mit Dir reden. Da setz Dich hin ... ganz nahe. Wir sind gleich fertig und dann bin ich ruhiger. Bitte, laßt mich einen Augenblick mit ihm allein. Sie gingen alle hinaus und ließen Vater und Sohn beieinander. Sobald sie allein waren sagte er: – Hör mal, Cäsar, Du bist vierundzwanzig Jahr alt, da kann man mit Dir reden, – und dann is garnich so viel dabei ... Du weißt, Deine Mutter is seit sieben Jahr tot, nich wahr? und ich bin nur fünfundvierzig Jahre, da ich mich doch mit neunzehn verheiratet habe. Nich wahr? Der Sohn stammelte: – Ja, das is richtig. – Also Deine Mutter ist seit sieben Jahren tot und ich war Witwer. Nu, ee Mann wie ich kann nicht mit siebenunddreißig Jahren Witwer bleiben; ist das nich richtig? Der Sohn antwortete: – Ja, das is richtig. Der Vater fuhr, nach Atem ringend, bleich, mit verzerrtem Gesicht fort: – Gott, ach Gott, thut das weh! Nu, Du verstehst. Der Mensch ist nicht gemacht, daß er allein bleiben soll, aber ich wollte Deiner Mutter keene Nachfolgerin geben, denn ich hatte es ihr versprochen und da .... verstehste? – Ja, Vater. – Na also, da habe ich 'ne kleene Freundin in Rouen, Rue de l'Eperlan Nummer achtzehn dritter Stock, die zweite Thür. Ich sage Dir das alles, vergiß es nich; 'ne Kleene, die reizend gegen mich gewesen is, verliebt, aufopfernd, 'ne wirkliche Frau das. Verstehste, mei Junge? – Ja, Vater. – Also, wenn ich uf de Reise gehen muß, da bin ich ihr doch was schuldig, aber was Vernünftiges, daß sie keene Not leidet. Verstehste? – Ja, Vater. – Ich sage Dir, 's is en braves Mädchen, e wirklich braves Mädchen, – und wenn Du nich gewesen wärscht und nich Deine Mutter und nich das Haus, wo wir alle drei gelebt haben, hätte ich sie wahrscheinlich hergebracht und dann geheiratet. Ganz bestimmt! Also hör zu, .... hör zu ... mei Junge. Ich hätte ein Testament machen können .... aber ich habe keens gemacht, ich wollte's nicht ..... Denn so was muß man nich ufschreiben .... das schadet der richtigen Familie, so was, und dann macht 's bloß Geschichten und is für keenen gut. Weeßt De, Stempelpapier, nee das mußt Du nie thun. Wenn ich reich geworden bin, so ist's nur dadurch gekommen, daß ich nie im Leben so was benutzt habe. Verstehste, mei Sohn? – Ja, Vater! – Hör weiter ... hör gut zu ... Also ich habe keen Testament gemacht .... ich wollte's nicht. .... Und dann kenne ich Dich, Du hast ee gutes Herze und bist nich geizig, Du siehst nicht so da druf, was? Da habe ich mir gesagt, wenn's mal ans Ende geht, erzähle ich Dir das und werde Dich bitten, vergiß die Kleene nich: Karoline Donet, Rue de l'Eperlan Nummer achtzehn, dritter Stock, zweite Thür. Vergiß nich! Und dann noch was. Wenn ich weg bin, gehste gleich hin – und machst's so, daß se nich mit Kummer an mich denken muß. Du hast's ja, Du kannst's ja, ich lasse Dir genug . .. hörst Du? .... Während der Woche trifft man sie nicht zu Haus, sie arbeitet bei Frau Moreau, Rue Beauvoisine. Geh' Donnerstag hin, da erwartet sie mich, das is mei Tag seit sechs Jahren. Arme Kleene! wird die heulen! .... Ich sage Dir das alles, weil ich Dich doch kenne, mei Sohn. Solche Sachen die hängt man nich an die große Glocke, sagt sie keenem Notar und keenem Pfarrer. Sowas geschieht, das weeß jeder, aber man redet nich drieber, wenn's nich notwendig ist. Da is keen Fremder mit drin, keener von der Familie, denn die Familie is doch nur eener. Verstehste? – Ja, Vater. – Versprichst Du's? – Ja, Vater. – Schwörst Du's? – Ja, Vater. – Ich bitte Dich, flehe Dich an, mei Junge, vergiß es nicht. Hörst Du? – Nein, Vater. – Und gehst selbst hin? Ich will, daß Du Dich selbst um alles kümmerst. – Ja, Vater. – Und dann wirst Du ja sehen, was sie Dir sagt, – ich kann nich mehr. Du hast geschworen. – Ja, Vater. – Gut, mei Junge. Küsse mich und leb wohl. Ich gehe ein, das weeß ich .....Du kannst sie reinrufen. Hautot Sohn umarmte schluchzend seinen Vater, dann öffnete er, immer gehorsam, die Thür, und der Geistliche erschien in weißem Priestergewand mit dem heiligen Öl. Aber der Sterbende hatte die Augen geschlossen und wollte sie nicht wieder öffnen, weigerte sich zu antworten, weigerte sich sogar auch nur durch ein Zeichen zu erkennen zu geben, daß er verstand, was man ihm sagte. Er hatte genug gesprochen, er konnte nicht mehr. Dann hatte er jetzt sein Herz erleichtert und wollte in Frieden sterben. Was brauchte er noch dem Stellvertreter Gottes zu beichten, da er sich doch eben seinem Sohn anvertraut, der sein Fleisch und Blut war. Er erhielt die letzte Ölung, wahrend seine Freunde und sein Dienstpersonal um ihn herum knieten, ohne daß eine einzige Bewegung seiner Züge verraten hätte, daß er noch lebte. Er starb gegen Mitternacht, nachdem er vier Stunden in Zuckungen gelegen, und grausame Qualen erlitten. II. Am Dienstag wurde er begraben, denn die Jagd war Sonntag aufgegangen. Cäsar Hautot kehrte nachdem er seinem Vater das letzte Geleit gegeben, vom Kirchhof nach Hause zurück und weinte den ganzen Tag. Die Nacht darauf schlief er kaum und fühlte sich so traurig als er aufwachte, daß er sich fragte, wie er überhaupt noch weiter leben sollte. Bis zum Abend dachte er daran, daß er, um dem letzten Wunsch seines Vaters nachzukommen, am nächsten Morgen nach Rouen mußte, und jene Karoline Donet aufsuchen, die Rue de l'Eperlan Nummer achtzehn, dritter Stock, zweite Thür wohnte. Er hatte, wie man ein Gebet murmelt, leise den Namen und die Adresse vor sich hingesprochen, unzählige Male, um ihn nicht zu vergessen, und er stammelte nun den Namen unausgesetzt, ohne davon ablassen zu können, oder an irgend etwas zu denken: so beschäftigte der eine Satz ganz Zunge und Geist. Er ließ also am nächsten Morgen gegen acht Uhr »Gerstenkorn« in den Tilbury spannen und fuhr im langen Trab seines schweren normannischen Pferdes die Landstraße von Ainville nach Rouen hinab. Er hatte seinen langen, schwarzen Rock an, den großen Seidenhut auf, dazu trug er Hosen mit Sprungriemen. Wegen der Feierlichkeit hatte er über seinen schönen Anzug nicht die gewohnte, blaue Bluse, die sich im Winde bläht, anziehen wollen, die Bluse die den Anzug vor Staub und Flecken bewahrt, und die man bei der Ankunft, sobald man ausgestiegen ist, auszuziehen pflegt. Als es zehn Uhr schlug, fuhr er in Rouen ein, spannte wie immer im Hotel des bons Enfants Rue des trois Mares aus, und ließ die Beileidsumarmungen des Wirtes, der Wirtin und ihrer fünf Söhne über sich ergehen, denn man hatte schon von dem Unglück gehört. Dann mußte er alle Einzelheiten des Unglückfalles noch einmal erzählen, wobei er wieder anfing zu weinen. Er lehnte alle Gefälligkeiten der Leute, die sich um ihn bemühten, weil sie wußten, daß er reich war, ab, und wollte sogar nicht das Frühstück im Gasthof einnehmen, was die Wirtsleute kränkte. Nachdem er also seinen Hut vom Staub gereinigt, den Rock abgebürstet und die Stiefeln abgewischt, ging er auf die Suche nach der Rue de l'Eperlan, wagte aber keinen Menschen danach zu fragen, in der Befürchtung, er möchte erkannt werden und man möchte Verdacht schöpfen. Als er die Straße schließlich nicht fand, gewahrte er einen Priester und im Vertrauen auf die berufsmäßige Verschwiegenheit der Kirchenleute befragte er ihn. Es war kaum hundert Schritt weit: gerade die zweite Straße rechts. Da begann er zu zögern. Bis dahin hatte er einfach dem Willen des Toten gehorcht; jetzt fühlte er sich doch verlegen, gedemütigt beim Gedanken, als Sohn diesem Mädchen gegenüber zu stehen, das seines Vaters Geliebte gewesen. Alle Moral, die in uns schlummert, die durch jahrhundertlange Erziehung erblich in uns ruht, alles was er seit dem Katechismusunterricht über anrüchige Personen gehört, die instinktive Verachtung, die jeder Mann gegen sie in sich trägt, sogar wenn er eine geheiratet hat, alle seine stumpfsinnige, bäuerliche Ehrbarkeit, regte sich in ihm, hemmte seinen Schritt, erfüllte ihn mit Scham und trieb ihn das Blut in die Wangen. Aber, dachte er, ich hab's dem Vater versprochen und muß es thun. Dann stieß er die angelehnte Thür des mit Nummer achtzehn bezeichneten Hauses auf, sah eine dunkle Treppe vor sich, stieg drei Stock hoch, gewahrte eine Thür, eine zweite daneben, fand einen Klingelzug und klingelte. Beim Bim-Bim, das im Nebenzimmer klang, überlief es ihn von oben bis unten. Die Thür öffnete sich und er stand einer jungen, sehr gut gekleideten, brünetten Dame mit gesunder Gesichtsfarbe gegenüber, die ihn entsetzt anstarrte. Er wuße nicht, was er ihr sagen sollte und sie, die ahnungslos war und den anderen erwartete, forderte ihn nicht auf einzutreten. So starrten sie sich fast eine halbe Minute an. Endlich fragte sie: – Sie wünschen, mein Herr? Er flüsterte: – Ich bin Hautot Sohn. Sie fuhr zurück, erblich und stammelte, als kennte sie ihn schon lange: – Herr Cäsar? – Ja. – Und was ist? – Ich muß Sie im Namen meines Vaters sprechen. Sie sagte: – O, mein Gott! – und trat zurück, um ihn einzulassen. Er schloß die Thür und folgte ihr. Da gewahrte er einen kleinen Jungen von vier oder fünf Jahren, der mit einer Katze spielte, neben dem Herde, von dem eine leichte Dampfwolke aufstieg, von Speisen, die dort auf dem Feuer standen. – Nehmen Sie Platz! – sagte sie. Er setzte sich. Sie fragte: – Nun? Er wagte nicht zu sprechen. Seine Blicke waren auf den Tisch gerichtet, in der Mitte des Zimmers auf dem vier Gedecke lagen, eines für ein Kind. Er sah den Stuhl, der mit dem Rücken gegen das Feuer stand, den Teller, die Serviette, die Gläser, die angebrochene Flasche Rotwein und die volle Flasche Weißwein. Das war der Platz seines Vaters, mit dem Rücken gegen das Feuer – man erwartete ihn. Und dort sah er sein Brot liegen neben der Gabel. Er erkannte es daran, daß man wegen der schlechten Zähne Hautot Vaters die Rinde abgeschnitten hatte. Als er dann aufblickte, gewahrte er an der Wand des Vaters Bild, eine große Photographie, die im Ausstellungsjahr in Paris gemacht worden war, dieselbe die im Schlafzimmer daheim über dem Bett festgenagelt hing. Die junge Frau fragte: – Nun, Herr Cäsar? Er blickte sie an. Die Angst hatte sie aschfahl gemacht, und sie wartete mit vor Furcht zitternden Händen. Endlich faßte er Mut: – Nu, Freilein, Papa ist nämlich Sonntag bei der Jagderöffnung gestorben. Sie bekam einen solchen Schreck, daß sie ganz starr dastand. Nach ein paar Augenblicken Schweigen flüsterte sie mit fast unhörbarer Stimme: – Ach, nicht möglich! Dann traten plötzlich Thränen in ihre Augen, sie hob die Hände, schlug sie vor das Gesicht und fing an zu schluchzen. Da blickte der Kleine auf, und als er die Mutter weinen sah, fing er an zu brüllen. Als er dann einsah, daß an diesem plötzlichen Kummer der Unbekannte Schuld war, stürzte er sich auf Cäsar, packte mit der einen Hand seine Hose und schlug ihm mit aller Kraft auf den Schenkel. Und Cäsar stand niedergeschmettert, fassungslos zwischen dieser Frau, die um seinen Vater weinte und diesem Kind, das seine Mutter verteidigte. Er fühlte sich selbst ganz weich werden. Er hatte geschwollene Augenlider durch das viele Weinen, und um seine Fassung zu bewahren, begann er zu sprechen. – Ja, – sagte er, – das Unglück ist Sonntag früh geschehen, so gegen achte. – Und er erzählte, als hörte sie zu, vergaß nicht eine Kleinigkeit und erwähnte die geringfügigsten Dinge mit bäuerischer Umständlichkeit. Und das Kind schlug ihn unausgesetzt und trat ihm jetzt gegen die Schienbeine. Als er in seiner Erzählung zu dem Zeitpunkte kam, wo sein Vater von ihr gesprochen und sie ihren Namen hörte, nahm sie die Hand von den Augen und sagte: – Verzeihen Sie, ich konnte Ihnen nicht folgen, ich möchte gern wissen ..... wenn's Ihnen nicht unangenehm ist, fangen Sie doch noch mal an. Und er begann wieder ganz genau mit denselben Ausdrücken: – Das Unglück ist Sonntag früh geschehen, so gegen achte .... Er erzählte alles lang und breit, hielt inne und stellte von Zeit zu Zeit seine eigenen Betrachtungen an. Sie hörte gespannt zu, verfolgte mit dem nervösen Mitgefühl der Frauen die Entwicklung der Dinge. Sie zitterte vor Entsetzen und rief ab und zu dazwischen: »O mein Gott!« Der Kleine, der meinte, sie sei beruhigt, hatte aufgehört Cäsar zu schlagen, nahm nun seine Mutter bei der Hand und lauschte auch, als verstünde er, was da vor sich ging. Als Hautot Sohn fertig war schloß er: – Nun wollen wir uns mal, wie er's gewünscht hat, über die Geschichte einigen. Heren Sie mal, er hat mir was Schenes hinterlassen, mir gehts gut, – ich mechte nich, daß Sie sich irgendwie zu beklagen hätten. Aber sie unterbrach ihn lebhaft: – O bitte, Herr Cäsar, Herr Cäsar – nicht heute! Mein Herz ist zerrissen. Ein anderes Mal, einen anderen Tag, – – nein, nur nicht heute. Und wenn ich annehme, hören Sie wohl, so ist das nicht etwa für mich, nein, nicht für mich, das schwöre ich Ihnen, es ist nur für den Kleinen: dem muß es verschrieben werden. Da begann Cäsar ganz verstört die Geschichte zu begreifen und stammelte: – Also das ist seiner, der Kleene? – Nun natürlich! – sagte sie. Und Hautot Sohn blickte bestürzt und mit starker, peinlicher Gemütsbewegung seinen Bruder an. Nach langem Schweigen, denn sie hatte wieder zu weinen angefangen, sagte Cäsar, der garnicht mehr aus noch ein wußte: – Nu also, Freilein Donet, ich werde fortgehen. Wenn wollen wir davon reden? Sie rief: – O nein, gehen Sie nicht fort, gehen Sie nicht fort! Lassen Sie mich mit Emil nicht ganz allein, ich sterbe vor Kummer. Ich habe keinen Menschen, gar keinen Menschen mehr als den Kleinen. Ach, so ein Unglück, so ein Unglück, Herr Cäsar! Da setzen Sie sich mal hin. Sie müssen mir erzählen! Was hat er denn so zu Haus die ganze Woche gemacht? Und gewohnt zu gehorchen, setzte sich Cäsar. Sie schob für sich einen Stuhl neben den seinen vor dem Herd, wo das Essen schmorte, nahm Emil auf den Schoß und fragte Cäsar tausend Dinge über seinen Vater, tausend intime Dinge, aus denen er, ohne darüber nachzudenken, herausfühlte, daß sie Hautot Vater in ihren armen, kleinen Mädchenherzen sehr lieb gehabt hatte. Und in seinem etwas beschränkten Gedankengang kam er von neuem auf das Unglück zurück und erzählte es wieder mit allen Einzelheiten. Als er sagte: »Er hatte ee Loch im Bauch, daß man gleich zwee Fäuste hätte reinstoppen können,« – stieß sie einen Schrei aus und wieder liefen ihr die Thränen aus den Augen. Das steckte an und auch Cäsar fing an zu weinen. Und da die Thränen immer die Herzen weich stimmen, neigte er sich zu Emil und küßte ihn auf die Stirn. Die Mutter schöpfte wieder Atem und flüsterte: – Armer Junge, nun ist er eine Waise. – Ich auch! – sagte Cäsar. Und sie redeten nicht mehr. Aber plötzlich erwachte bei der jungen Mutter der praktische Hausfrauenverstand, der gewohnt ist, an alles zu denken. – Sie haben wohl heute noch garnichts gegessen, Herr Cäsar? – Nee, Freilein. – O, dann werden Sie aber Hunger haben. Sie müssen einen Bissen essen. – Danke, – sagte er, – ich habe keenen Hunger, ich habe zu viel Kummer gehabt. Sie antwortete: – Trotzdem, muß man doch leben. Das können Sie mir nicht abschlagen. Und dann bleiben Sie noch ein Weilchen da, – wenn Sie fort sind, weiß ich nicht was ich anfangen soll. Er gab nach kurzem Widerstand nach, setzte sich, den Rücken am Feuer, ihr gegenüber, aß einen Teller voll Kaldaunen, die auf dem Herde schmorten und trank dazu ein Glas Rotwein. Aber er erlaubte nicht, daß sie die Flasche Weißwein entkorkte. Ein paar Mal wischte er dem Jungen, dem die Sauce über das Kinn gelaufen war, den Mund ab. Während er aufstand, um fortzugehen, fragte er: – Wann soll ich wiederkommen, um von den Geschäften zu reden, Freilein Donet? – Wenns Ihnen vielleicht paßt, nächsten Donnerstag, Herr Cäsar, da verliere ich keine Zeit, ich habe immer Donnerstag frei. – Das paßt mir ganz gut, nächsten Donnerstag. – Sie kommen doch zum Frühstück, nicht wahr? – Nu, wissen Sie, das kann ich nu nich versprechen. – Ich finde, man spricht besser beim Essen und dann ist mehr Zeit. – Nu also gut, zu Mittage. Und er ging davon, nachdem er noch dem kleinen Emil einen Kuß gegeben und Fräulein Donet die Hand gedrückt hatte. III. Die Woche erschien Cäsar Hautot lang. Er war noch nie allein gewesen und die Einsamkeit schien ihm unerträglich. Bis dahin lebte er neben seinem Vater hin, wie sein Schatten, folgte ihn auf's Feld, überwachte die Ausführung seiner Befehle, und wenn sie sich ein paar Stunden getrennt, sah er ihn beim Essen wieder. Abends saßen sie einander gegenüber, rauchten ihre Pfeife, sprachen über Pferde, Kühe oder Schafe; und in dem Händedruck morgens beim Aufstehen lag tiefe herzliche Zuneigung. Nun war Cäsar allein. Er irrte durch die herbstlichen Felder und immer meinte er, irgendwo am Rande der Ebene müßte die große gestikulierende Gestalt seines Vaters auftauchen. Um die Stunden totzuschlagen, suchte er die Nachbarn auf, erzählte von dem Unglück allen, die noch nichts davon gehört und denen, die es schon wußten, wiederholte er es so und so oft. Wenn er dann nicht mehr wußte, was er anstellen und denken sollte, setzte er sich an der Straße in den Graben und fragte sich, ob dieses Leben noch lange so fort gehen sollte. Er dachte oft an Fräulein Donet. Sie hatte ihm gefallen, er hatte gefunden, sie sei ein ordentliches, sanftes, anständiges Mädchen, wie der Vater ihm gesagt. Ja ein anständiges Mädchen, ganz gewiß anständig; und er war entschlossen sich sehr großartig zu benehmen, ihr zweitausend Franken Rente zu geben und das Kapital für das Kind sicherzustellen. Es machte ihm sogar in gewisser Beziehung, Vergnügen, sich zu sagen, daß er sie den folgenden Donnerstag wiedersehen würde, um die geschäftliche Angelegenheit mit ihr zu ordnen. Und dann quälte ihn der Gedanke an diesen Bruder, an das kleine Bürschchen von fünf Jahren, das seines Vaters Sohn war. Ein wenig war es ihm peinlich, langweilig, aber es machte ihm doch zugleich das Herz warm. Er besaß doch so zu sagen etwas wie eine Familie durch dieses uneheliche Würmchen, das niemals Hautot heißen würde, – eine Familie, die er je nach Wunsch aufsuchen oder vernachlässigen konnte, die ihm immer den Vater ins Gedächtnis rief. Und als er nun beim Hufschlag des dahintrabenden »Gerstenkorn« Donnerstag früh die Straße nach Rouen hinabfuhr, fühlte er sein Herz erleichtert, ruhiger denn je nach dem Unglück. Als er bei Fräulein Donet eintrat, sah er den gedeckten Tisch vor sich stehen wie am vorigen Donnerstag, mit dem einzigen Unterschied, daß die Brotrinde nicht abgeschnitten war. Er drückte der jungen Mutter die Hand, küßte Emil auf beide Wangen und setzte sich. Es war ihm als wäre er zu Haus und doch war er sehr betrübt. Fräulein Donet schien etwas abgemagert und ein wenig bleicher, sie mußte viel geweint haben. Sie war jetzt gegen ihn etwas verlegen, als ob ihr klar geworden, was sie in der vorigen Woche unter dem ersten Eindruck ihres Unglücks nicht empfunden, und sie behandelte ihn mit der größten Aufmerksamkeit einer schmerzlichen Ergebenheit, bemühte sich rührend um Cäsar, als wolle sie durch ihre Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit alle Güte wett machen, die er ihr erwies. Sie frühstückten lange und sprachen von dem Geschäft, das ihn hergeführt. Sie wollte nicht so viel Geld haben; es war zu viel, viel zu viel. Sie verdiente genug, um zu leben, und sie hatte nur den einen Wunsch, daß Emil ein bißchen hatte, wenn er einmal erwachsen wäre. Aber Cäsar blieb dabei und fügte sogar ein Geschenk von tausend Franken für sie selbst hinzu für die Trauerkleider. Als er Kaffee getrunken hatte, fragte sie ihn: – Rauchen Sie? – Ja, ich habe meine Pfeife mit. Er fühlte an seine Tasche: Himmelsakrament, er hatte sie vergessen. Er war schon ganz außer sich, da bot sie ihm eine Pfeife seines Vaters an, die im Schrank stand. Er sagte nicht nein, nahm sie, erkannte sie, betrachtete sie genau und mit sanft bewegter Stimme lobte er sie, stopfte sie voll Tabak und steckte sie an. Dann ließ er Emil auf den Knieen reiten, während sie den Tisch abdeckte und das schmutzige Geschirr ins Büffet schob, um es später auszuwaschen, wenn er fort war. Gegen drei Uhr stand er ungern auf, er war traurig gehen zu müssen. – Nu, Freilein Donet, leben Sie wohl. Ich habe mich sehr gefreit, Sie zu sehen. Errötend, sehr bewegt blieb sie vor ihm stehen, und blickte ihn an in Gedanken an den anderen. – Wir werden uns wohl nicht wiedersehen? – sagte sie. Er antwortete einfach: – Nu, Freilein, wenn es Sie Spaß macht – ja. – Gewiß Herr Cäsar! Paßt es Ihnen vielleicht nächsten Donnerstag? – Ja, Freilein Donet. – Da kommen Sie zum Frühstück? Aber bestimmt. – Aber! .... Nu, wenn Sie durchaus wollen, sage ich nicht nee! – Also abgemacht, Herr Cäsar, nächsten Donnerstag um zwölf, wie heute. – Donnerstag zu Mittage, Freilein Donet. Ein Abend Der »Kléber« hatte gestoppt, und mit entzückten Augen betrachtete ich den wundervollen Golf von Bougie, der sich vor uns aufthat. Die kabylischen Wälder bedeckten die hohen Berge; in weiter Ferne bildete der gelbe Sand am Meer einen Saum wie aus Goldstaub, und die Sonne strahlte in Feuergluten auf die weißen Häuser der kleinen Stadt herab. Der heiße Luftzug, der Atem Afrikas, wehte meinem freudigbewegten Herzen den Dunst der Wüste entgegen; den Dunst des großen geheimnisvollen Weltteils, in dessen Inneres der Mensch aus Norden kaum je eindringt. Seit drei Monaten irrte ich umher am Rande dieser dunkeln unbekannten Welt, an den Küsten dieses abenteuerlichen Erdteils, der Heimat des Straußes, des Kamels, der Gazelle, des Flußpferdes, des Gorilla, des Elefanten und des Negers. Ich hatte die Araber dahinjagen sehen, wie eine Fahne, die flattert, weht, vorüberfliegt und verschwindet. Ich hatte unter ihren braunen Zelten geschlafen, in den Vagabundenwohnungen dieser weißen Zugvögel der Wüste. Ich war trunken von Licht, von den Eindrücken dieser unendlichen Weite. Jetzt nach der letzten Reise mußte ich fort, nach Frankreich zurück, Paris wiedersehen, die Stadt des unnützen Geschwätzes, der alltäglichen Betrachtungen, des unaufhörlichen Händeschüttelns. Ich mußte Abschied nehmen von all den liebgewonnenen Dingen, neu für mich, kaum kennen gelernt, und doch schon so vermißt. Ein Menge Barken umschwirrten den Dampfer; ich sprang in eine hinein, die ein kleiner Neger ruderte, und bald stand ich auf dem Quai, nahe dem alten Sarazenenthor, dessen graue Ruine am Eingang der Kabylenstadt aussieht wie ein Wahrzeichen antiker Vornehmheit. Als ich neben meiner Reisetasche am Hafen stand und hinüberschaute nach dem mächtigen Schiff, das auf der Rhede vor Anker lag, noch ganz benommen von Bewunderung über diese einzige Küste, vor diesem Felsengrund von hohen Bergen, bespült von blauen Wogen dieser Bucht, schöner als der Golf von Neapel, ebenso schön wie Ajaccio und Porto auf Corsica, legte sich mir eine Hand schwer auf die Schulter. Ich wendete mich um und sah einen großen Mann mit langem Bart, einem Strohhut auf dem Kopf, in weißem Flanellanzug vor mir stehen, der mich mit seinen blauen Augen scharf anblickte. – Sind wir nicht alte Schulfreunde? – sagte er. – Das ist möglich. Wie heißen Sie? – Trémoulin. – Donnerwetter noch mal! Du warst ja mein Nachbar in der Schule. – Siehst Du, Alter, ich habe Dich auf den ersten Blick wiedererkannt. – Und der lange Bart streifte im Kuß meine Wange. Er erschien so befriedigt, so heiter, so glücklich, mich zu sehen, daß ich in plötzlicher freundschaftlicher Wallung kräftig die Hand dieses alten Kameraden drückte und selbst Genugthuung empfand, ihn wiedergefunden zu haben. Trémoulin war vier Jahr hindurch mein intimster Freund gewesen, der liebste meiner Studiengenossen, die wir so schnell vergessen, wenn wir einmal die Schule verlassen haben. Damals schien auf dem langen hageren Leib ein zu schwerer Kopf zu sitzen, ein dicker, runder, lastender Schädel, der bald rechts, bald links auf dem Halse lag und für die schmale Brust dieses großen langbeinigen Pennälers viel zu schwer erschien. Er war sehr klug, von fabelhaft leichter Fassungsgabe, geistig unendlich schmiegsam, von natürlicher Begabung für alle litterarischen Studien, und war so immer der Erste in der Klasse gewesen. Auf der Schule war man überzeugt, er würde ein berühmter Mann werden, jedenfalls ein Dichter, denn er machte Verse und hatte eine Menge sentimentaler Ideen. Sein Vater, ein Apotheker im Pantheonviertel, galt nicht für besonders wohlhabend. Ich hatte ihn kurz nach dem Abiturientenexamen aus den Augen verloren. – Was machst Du denn hier? – fragte ich. Er antwortete lächelnd: – Ich bin Pflanzer. – Aber nein! .... Du pflanzest? – Und ernte. – Was denn? – Trauben, aus denen ich Wein mache. – Und geht es denn? – Es geht sehr gut. – Desto besser, mein Alter. – Wolltest Du ins Hotel gehen? – Natürlich. – Nun, weißt Du was, Du wohnst bei mir. – Aber ... – Das ist doch selbstverständlich. Und er sagte dem Negerknaben, der jede unserer Bewegungen beobachtet hatte: – Zu mir, Ali. Ali antwortete: – Jawohl, Herr. Dann rannte er, meine Tasche auf der Schulter, davon, und seine schwarzen Füße wirbelten den Staub auf. Trémoulin nahm mich beim Arm und führte mich fort. Zuerst fragte er mich nach meiner Reise, wollte meine Eindrücke wissen und da er meine Begeisterung sah, schien er mich doppelt in sein Herz zu schließen. Seine Wohnung war ein altes maurisches Haus mit Innenhof, ohne Fenster nach der Straße, von einer Terrasse überragt, die freien Ausblick hatte über die Nachbarhäuser, den Golf, die Wälder, das Meer. Ich rief: – O, das liebe ich! Hier lacht mir der ganze Orient ins Herz. Gott, kannst Du glücklich sein, hier zu leben! Müssen die Nächte schön sein auf Deiner Terrasse! Schläfst Du hier? – Ja, im Sommer schlafe ich hier. Wir steigen heute abend hinauf. – Fischst Du gern? – Ja. Was denn? – Nachts mit der Fackel. – O, dafür schwärme ich ja! – Nun, dann fischen wir nach Tisch. Und später trinken wir noch auf meinem Dach ein Gläschen Sorbet. Nachdem ich ein Bad genommen hatte, zeigte er mir die reizende kabylische Stadt, deren weiße Häuser sich wie ein Wasserfall zum Meere senkten. Und dann, als es Abend wurde, kehrten wir heim und gingen nach einem wundervollen Diner an den Quai. Man sah nichts mehr als die erleuchteten Straßen, das Licht der Sterne, jener großen, leuchtenden, glitzernden Sterne des afrikanischen Himmels. Im Hafen wartete eine Barke und sobald wir darin saßen, begann ein Mann, dessen Gesicht ich nicht hatte erkennen können, zu rudern, während mein Freund die Kohlenpfannen in Ordnung brachte, die er nachher anstecken wollte. Er sagte zu mir: – Paß mal auf, ich werde die Harpune führen. Darin habe ich was los. – Meinen Glückwunsch. Wir waren um eine Art Mole herumgefahren und befanden uns in einer kleinen Bucht, von hohen Felsen umstanden, deren Spiegelbild wie ins Wasser hinuntergebaute Türme aussah. Und ich bemerkte plötzlich, daß das Meer leuchtete. Die Ruder, die langsam regelmäßig hineintauchten, erregten bei jedem Schlage ein lebhaftes, eigenartiges Leuchten, das noch eine Weile hinter uns herzog, und dann erlosch. Ich beugte mich über Bord und sah jenem Strom von fahler Glut nach, den die Ruder zerschnitten, jenes unerklärliche Meeresleuchten, jenes kalte Feuer, das jede Bewegung entfacht und das wieder erstirbt, sobald sich die Flut ebnet. In der Dunkelheit glitten wir drei auf dieser Feuerbahn hin. Wohin? Ich sah nichts von meinem Nachbar. Ich sah nur die leuchtenden Wellen und die Wasserfunken, die von den Rudern tropften. Es war warm, sehr warm; das Dunkel schien wie von einem Hochofen geheizt. Und mir war ganz wundersam zu Sinn bei dieser geheimnisvollen Reise mit den beiden Männern in der schweigenden Barke. In der Ferne bellten Hunde, jene mageren arabischen Hunde, rothaarig, mit spitzer Schnauze und leuchtenden Augen. Sie heulten wie jede Nacht in diesem weiten Land vom Meeresufer bis tief in die Wüsten hinein, wo die Nomadenstämme wohnen; Füchse, Schakale, Hyänen antworteten, und nicht weit entfernt, brüllte irgendwo ein einsamer Löwe in einer Schlucht des Atlas. Plötzlich hielt der Ruderer inne. Wo waren wir? Neben mir knirschte es leise: ein Streichholz wurde angezündet und ich sah eine Hand, nur eine Hand, das kleine Flämmchen an den Eisenkorb führen, der am Bug des Schiffes hing, mit Holz gefüllt wie ein schwimmender Scheiterhaufen. Erstaunt starrte ich hin, als ob dieser Anblick neu und aufregend für mich gewesen wäre, und gespannt folgte ich der kleinen Flamme, die am Rand des Scheiterhaufens eine Handvoll dürrer Äste erfaßte, die anfingen zu knacken. Da flackerte in der totenstillen Nacht, in der schweren, heißen Nacht ein helles, klares Feuer auf und bestrahlte in der Dunkelheit, die schwer auf uns lastete, die Barke und die zwei Männer: einen alten, hageren Matrosen, weiß, runzelig, ein Taschentuch um den Kopf geknotet und Trémoulin, dessen blonder Bart leuchtete. – Vorwärts! – sagte er. Der andere ruderte, brachte das Schiff in Gang, beim Erglänzen eines Meteors; unter dem dunklen beweglichen Himmels-Dom, der mit uns glitt. Trémoulin warf unausgesetzt Holz in die Glut, die in roten Flammen aufleuchtete. Ich beugte mich wieder über Bord und sah den Meeresgrund. Ein paar Fuß unter dem Boot glitt er vorbei; und langsam, wie wir darüberhinfuhren, offenbarte sich uns das Leben unter Wasser, des Wassers das wie die Luft Pflanzen und Tiere belebt. Das Feuerbecken warf bis an die Felsen seinen hellen Schein, und wir glitten über Wälder von seltsamen dunkelroten, rosa, grünen, gelben Gräsern dahin. Zwischen ihnen und uns lag ein durchsichtiger, flüssiger Spiegel, fast unsichtbar, und gab ihnen einen feenhaften Schein, rückte sie in das Reich der Träume, die des Oceans Tiefen wecken. Diese helle, klare Flut, die man kaum ahnt nurmehr errät, schob zwischen diese seltsamen Pflanzen und uns etwas Sinnverwirrendes: den Zweifel an der Wirklichkeit und gab ihm den geheimnisvollen Zauber unsere Träume. Manchmal wuchsen die Gräser bis zur Oberfläche empor, wie loses Haar, das kaum hin und her bewegt ward durch das leise Darübergleiten der Barke. Dazwischen hindurch schossen und flohen Silberfische, – man sah sie nur eine Sekunde und sie verschwanden. Andere wieder hingen, noch im Schlaf, matt zwischen den unterseeischen Wäldern, leuchtend, flüchtig, unfaßbar. Oft lief eine Krabbe in ein Loch, um sich zu verbergen, oder eine bläuliche, glasige, kaum erkennbare Meduse von bleicher Azurfarbe, wahrlich eine Blume des Meeres, ließ ihren flüssigen Quallenleib in der leisen Strömung unseres Bootes spielen. Dann verschwand der Grund plötzlich, fiel tief hinab, entsank ganz weit und verschwamm in dickem Nebel. Nun erkannte man nur unbestimmte, mächtige Felsen und dunkles Seegras kaum durch die Flammen des Feuerbeckens erhellt. Trémoulin stand am Bug, vornübergebeugt, den langen Dreizack mit scharfen Stacheln, die Harpune in der Hand, bespähte die Felsen, die Gräser, den wechselnden Meeresboden mit dem funkelnden Auge eines beutegierigen Tieres. Plötzlich ließ er mit kurzer, elastischer Bewegung die gabelförmige Spitze ins Wasser gleiten, schleuderte sie dann fort, mit solcher Sicherheit, daß sie einen großen Fisch, der vor uns floh, im Schwunge traf. Ich hatte nur Trémoulins Bewegung gesehen, aber ich hörte, wie er vor Freude grunzte, und als er seine Harpune in den hellen Lichtkreis des Feuers hob, sah ich ein Tier an den Eisenzähnen zappeln. Es war ein Seeaal. Mein Freund betrachtete ihn und zeigte ihn mir, indem er ihn unter die Flamme hielt, und warf ihn dann auf den Boden des Bootes. Die Seeschlange, den Leib von fünf Löchern durchbohrt, wand sich, berührte meine Füße, suchte irgend ein Loch, um zu entfliehen und verkroch sich, als sie zwischen den Hölzern des Botes eine kleine Lache von Brackwasser gefunden, hinein, und rollte sich, beinah schon tot, zusammen. Nun erbeutete Trémoulin von Minute zu Minute mit erstaunlicher Geschicklichkeit, schnell wie der Blitz, mit wunderbarer Sicherheit all die seltsamen Bewohner des Salzwassers. Nach einander sah ich unter dem Feuer vorübergereicht werden, mit letzten Todeszuckungen: silberglänzende Wolfsbarsche, dunkle, blutgesprenkelte Muränen, Drachenköpfe mit gesträubten Stacheln, dann Tintenfische, wunderliche Tiere, die Tinte ausspritzten und um das Schiff herum ein paar Augenblicke hindurch das Meer dunkel färbten. Dabei glaubte ich unausgesetzt ringsherum Vogelschreie durch die Nacht zu hören; ich schärfte die Augen und bemühte mich, zu entdecken, woher diese schrillen Pfiffe kamen: bald nah, bald fern, kurz oder lang gedehnt; zahllos, ununterbrochen, als zöge ein Schwarm Vögel über uns dahin, wahrscheinlich durch das Feuer angelockt. Manchmal war es aber wieder wie eine Gehörstäuschung, als käme der Lärm aus dem Wasser. Ich fragte: – Was pfeift denn so? – Das sind die Kohlen die in's Wasser fallen. Und wirklich, es war der Scheiterhaufen, der einen Funkenregen auf das Meer streute. Glühend oder noch hell brennend, fielen sie herab und erloschen mit leisen oder durchdringendem Klagelaut, ganz merkwürdig anzuhören: manchmal leises Zwitschern, dann wieder wie kurzer Schrei eines Wandervogels der vorüberzieht. Harztropfen pfiffen wie Kugeln oder summten wie Hornisse und erloschen sofort, wenn sie ins Wasser fielen. Es war wirklich wie Stimmen lebendiger Wesen, ein seltsames, unerklärliches leises Geräusch, das in der Dunkelheit dicht bei uns klang. Plötzlich rief Trémoulin: – So ein Beest! Er warf seine Harpune und als er sie herauszog, sah ich etwas wie einen großen, rötlichen Fleischlappen, der sich um die Zähne des Dreizacks gewickelt hatte und am Holz klebte, zappelnd, sich hin und herbewegen, lange, weiche, starke Fühlarme auf und zurollend, die mit Saugöffnungen bedeckt waren und sich um den Stiel der Waffe wanden. Es war ein achtarmiger Tintenfisch. Er hielt mir seine Beute hin, und ich unterschied die beiden großen Augen des Ungetüms, die mich anglotzten. Herausstehende Augen, fürchterlich dreinschauend, aus einer sackartigen Vertiefung, welche einer Beule glich. Das Tier glaubte losgekommen zu sein und streckte langsam seine Fangarme vor, deren weiße Saugnäpfe mir entgegen tasteten. Die Spitze war fein, dünn wie ein Faden, und sobald sich einer dieser gierigen Fühler am Schiffsrand festgesogen hatte, stieg ein neues auf, entrollte sich und folgte dem Ersten. Man fühlte in diesem weichen muskulösen Körper, in diesen lebendigen rötlichen, welken Schropfköpfen, eine unwiderstehliche Kraft. Trémoulin hatte sein Messer aufgeklappt und stieß es kurz dem Tier zwischen die beiden Augen. Man hörte einen Seufzer, wie Luft die ausströmt, und der Polyp hörte auf sich zu bewegen. Und doch war er nicht tot, denn diese nervösen Körper haben ein zähes Leben. Aber seine Kraft war zerstört, die Luftpumpe geplatzt, er konnte kein Blut mehr trinken, und die Krusten der Krabben nicht mehr ansaugen und leeren. Nun löste Trémoulin, als wollte er mit dem sterbenden Tier spielen, die kraftlosen Saugarme von den Schiffsplanken und plötzlich packte ihn die Wut und er rief: – Warte mal, ich will Dir die Pfoten wärmen! Er spießte das Thier nochmals mit dem Dreizack auf, hob es wieder hoch und hielt die feinen Saugnäpfe der Glieder des Seeungeheuers an das rotglühende Eisen des Feuerbeckens. Sie ringelten sich hin und her in der Glut bis sie platzten. Die Qual des gräßlichen Tieres that mir weh bis in die Fingerspitzen hinein. – Thu das nicht! – schrie ich. Er antwortete ganz ruhig: – Es geschieht ihm ganz recht! Dann warf er ihn ins Boot, den geplatzten, verstümmelten Polypen der zwischen meinen Füßen hinkroch bis zu der Wasserlache am Boden, wo er sich mitten unter den toten Fischen zusammenrollte, um zu sterben. Unser Fischzug dauerte noch lange, bis endlich das Holz ausging. Als nicht mehr genug da war, um das Feuer zu unterhalten, warf Trémoulin die ganze Glut ins Wasser. Und die Nacht, die um uns durch die leuchtenden Flammen vertrieben gewesen, fiel nun auf uns nieder und begrub uns wieder ganz in ihrer Dunkelheit. Der Alte begann langsam mit regelmäßigen Ruderschlägen zu rudern. Wo war der Hafen, wo das Land? Wo der Eingang zum Golf, wo die offene See? Ich ahnte es nicht. Der Polyp zuckte noch zu meinen Füßen; mir thaten förmlich die Nägel weh, als wären auch mir die Fingerspitzen verbrannt worden. Plötzlich gewahrte ich Lichter; wir kehrten in den Hafen zurück. – Bist Du müde? – fragte mein Freund. – Nein, gar nicht! – Komm, wir wollen auf meinem Dach noch ein bißchen schwatzen. – Sehr gern. In dem Augenblick, als wir auf die Terrasse traten, sah ich den Mond hinter den Bergen aufgehen. In langsamen Stößen blies der warme Luftzug daher, trug leichte kaum zu unterscheidende Wohlgerüche mit sich, als ob er auf seinem Wege die Düfte der Gärten und der Städte all jener sonnenglühenden Länder in sich aufgenommen hatte. Rings um uns herum zogen sich weiße Häuser mit viereckigen platten Dächern bis zum Meer hinab. Und auf all diesen Dächern gewahrte man, liegend oder stehend, menschliche Gestalten, die schliefen oder träumten unter den Gestirnen, ganze Familien, in lange Flanell-Gewänder gewickelt, die sich in der milden Nacht erholten von der Hitze des Tages. Da war es mir plötzlich, als erfaßte ich die Seele des Orients, die Seele, so voller Poesie und Legenden, dieser einfachen Menschen mit den Gedanken so reich an Bildern. Und Bilder aus der Bibel und den Märchen aus Tausend und einer Nacht erfüllten mein ganzes Herz. Ich hörte die Propheten Wunder verkünden und sah auf den Terrassen der Paläste Prinzessinen in Seidenhöschen spazieren, während auf silbernen Kohlenbecken Wohlgerüche verdampften, deren Rauch in Form von Geistern in die Luft verflog. Ich sagte zu Trémoulin: – Du kannst lachen, hier zu leben! Er antwortete: – Der Zufall hat mich hergeführt. – Der Zufall? – Ja. Zufall und Unglück. – Bist Du unglücklich gewesen? – Sehr unglücklich. In seinen Burnus gehüllt, stand er vor mir. Und beim Ton seiner Stimme überlief es mich, so schmerzlich war sein Ausdruck. Nach einem Augenblick des Stillschweigens fuhr er fort: – Ich kann Dir mein Unglück erzählen. Vielleicht entlastet es mich, wenn ich davon rede. – Erzähle! – Ist's Dir recht? – Ja. – Nun also. Du weißt wie ich in der Schule war: so eine Art Dichter, der in der Apotheke groß geworden war. Ich träumte davon, Bücher zu schreiben und versuchte es auch nach dem Abgangsexamen, – aber es ging nicht. Ich habe einen Band Gedichte herausgegeben, dann einen Roman: beide waren unverkäuflich. Dann schrieb ich ein Theaterstück, das nicht aufgeführt wurde. Da verliebte ich mich. Ich will Dich mit meiner Leidenschaft nicht langweilen. Neben dem Laden meines Vaters wohnte ein Schneider, der eine Tochter hatte. Die liebte ich. Sie war klug, hatte ihr Lehrerinexamen gemacht, war lebhaften Geistes, immer angeregt, was übrigens ganz zu ihrer Person paßte. Man konnte meinen, sie wäre fünfzehn Jahr alt, obgleich sie älter war als zweiundzwanzig. Sie war ganz klein, hatte feine Züge und Linien wie eine zarte, kleine Miniature. Ihre Nase, ihr Mund, ihre blauen Augen, ihr blondes Haar, ihr Lächeln, Gestalt, Hand, alles war gemacht, als sollte es im Glasschrank stehen, aber nicht für das rauhe Leben. Und doch war sie lebhaft, beweglich und unglaublich thätig. – Ich verliebte mich sehr in sie. – Ich erinnere mich noch an zwei oder drei Spaziergänge im Luxembourg-Garten, am Brunen der Medici, die gewiß die schönsten Stunden meines Lebens gewesen sind. Nicht wahr, Du kennst doch diesen verrückten, verliebten Zustand, der uns dahin führt, daß wir an garnichts anderes mehr denken, als an den Gegenstand unserer Anbetung. Man wird wie besessen von so einer Frau, und außer ihr giebt es nichts mehr auf der Welt. Wir waren bald verlobt. Ich setzte ihr meine Pläne für die Zukunft auseinander, die sie aber nicht billigte. Sie hielt mich weder für einen Lyriker noch für einen Romanschriftsteller, noch einen Dramatiker, und meinte, ein Laden wäre, wenn er gut ginge, doch das beste. Ich gab es also auf, Bücher zu schreiben, und beschränkte mich darauf, sie zu verkaufen. Ich erwarb nämlich in Marseille die »Allgemeine Buchhandlung«, deren Besitzer gestorben war. Drei Jahre lang ging es uns gut. Wir hatten aus unserm Geschäft eine Art litterarischen Salon gemacht, wo alle Leute in der Stadt, die sich für Litteratur interessierten, zusammenkamen, um zu schwatzen. Man ging zu uns wie in einen Klub. Über Bücher, Dichter, vor allen Dingen aber über die Politik wurden Meinungen getauscht. Meine Frau, die den Ladenverkauf leitete, hatte sich eine wirkliche Stellung in der Stadt gemacht. – Während man nun unten schwatzte, arbeitete ich oben im ersten Stock in meinem Zimmer, das durch eine Wendeltreppe mit der Buchhandlung verbunden war. Ich hörte Stimmen, Lachen, Unterhaltung und manchmal hielt ich mit Schreiben inne, um zuzuhören. Im Geheimen hatte ich mich an einen Roman gemacht, den ich aber nie beendigt habe. Unsere Stammgäste waren Herr Montina, ein Rentner, ein großer, schöner Kerl, die richtige südländische, männliche Schönheit, mit schwarzem Haar und herausfordernden Augen; Herr Barbet, ein Magistratsbeamter, dann zwei Kaufleute, die Herren Faucil und Labarregue, endlich der General Marquis de Flêche, der Führer der Royalistischen Partei, die gewichtigste Persönlichkeit der ganzen Provinz, ein alter Herr, von sechsundsechzig Jahren. Die Geschäfte gingen gut. Ich war glücklich, sehr glücklich. Da kam ich eines Tages gegen drei Uhr, als ich Besorgungen machte, durch die Rue Saint-Ferréol. Und sah plötzlich aus einer Thür eine Frau kommen, deren ganzes Äußere so meiner Frau ähnelte, daß ich mir gesagt haben würde, sie ist es, wenn ich sie nicht noch eine Stunde vorher, ein wenig unwohl, im Laden gelassen hätte. Eiligen Schrittes, ohne sich umzublicken, ging sie vor mir her und erstaunt, etwas beunruhigt, folgte ich ihr, ohne es vielleicht selbst zu wollen. Ich sagte mir: Sie ist es nicht. Nein. Unmöglich, sie hat doch Migräne. Und was soll sie denn in dem Haus hier machen? Ich wollte aber doch Gewißheit darüber haben und ging schneller, um ihr nachzukommen. Ich weiß nicht, hat sie mich gewittert, erraten, oder am Schritt erkannt, – ich weiß nicht: genug, sie drehte sich kurz um – sie war es. Als sie mich sah, ward sie rot, blieb stehen und sagte lächelnd: – Ach, Du bist's? Mir schnürte es das Herz zusammen. – Ja. Du bist doch ausgegangen, bei Deiner Migräne? – Es ging besser. Ich habe eine Besorgung gemacht. – Wo denn? – Ich war bei Lacaussade, Rue Cassinelli, um Bleistifte zu bestellen. Sie sah mir gerade in die Augen, war nicht mehr rot, vielleicht eher ein wenig bleich. Aus ihren klaren, hellen Augen – ach diese Frauenaugen! – schien die Wahrheit zu sprechen. Aber ich hatte ein unbestimmtes schmerzliches Gefühl, daß sie löge. Ich war verlegener, verwirrter, in unangenehmerer Stimung wie sie. Ich wagte keinen Verdacht zu schöpfen, aber war meiner Sache sicher: sie log. Warum wußte ich nicht. Ich sagte nur: – Du hast gut daran gethan, auszugehen, wenn Deine Migräne besser ist. – Ja, viel besser. – Gehst Du nach Haus? – Ja, gewiß. Ich verließ sie, ging allein weiter. Was ging hier vor? Ich hatte als ich ihr gegenüberstand das Gefühl gehabt, sie sei falsch. Und nun mußte ich doch wieder daran zweifeln, und als ich zu Tisch heimkehrte, machte ich mir Vorwürfe, sie auch nur eine Sekunde lang in Verdacht gehabt zu haben. Bist Du einmal eifersüchtig gewesen? – Ob ja oder nein ist ganz gleich: der erste Tropfen der Eifersucht war in mein Herz gefallen, – das sind Feuertropfen. Ich zog keinen Schluß daraus, ich glaube nichts; ich wußte nur: sie hat gelogen. Bedenke, daß ich jeden Abend, wenn wir beide allein blieben, nachdem die Kunden und Commis fort waren, sei es, daß wir an den Hafen hinunter bummelten, wenn es schön war, sei es, daß wir in meinem Zimmer sitzen blieben, wenn es schlecht war, ich ihr mein Herz ohne jeden Rückhalt öffnete, alles sagte: denn ich liebte sie. Sie war ein Teil meines Lebens, der wichtigste Teil, meine ganze Freude. In ihren kleinen Händen hielt sie meine arme, vertrauende, treue Seele gefangen. Während der ersten Tage, jener ersten Tage des Zweifels und der Traurigkeit, ehe der Verdacht bestimmte Gestalt angenommen hatte und stärker geworden war, fühlte ich mich niedergeschlagen und fröstelte als läge der Keim zu einer Krankheit in mir. Mich fröstelte unausgesetzt, ich aß und schlief nicht mehr. Warum hatte sie gelogen? was hatte sie in dem Haus zu thun? Ich war hingegangen, um zu versuchen, das herauszubekommen. Ich fand aber nichts. Der Mieter im ersten Stock, ein Tapezier, hatte mich über alle seine Nachbarn ins Licht gesetzt, ohne daß mich das auf eine Fährte brachte. Im zweiten Stock wohnte eine Hebamme, im dritten eine Näherin und eine Nagelpflegerin, in der Mansarde zwei Kutscher mit ihren Familien. Warum hatte sie gelogen? Sie konnte mir ja so leicht sagen, sie wäre bei der Schneiderin gewesen oder bei der Nägeloperateurin. Mich quälte die Lust, die Leute auszufragen. Ich habe es nicht gethan aus Angst, daß sie es erführe und dann von meinem Verdacht wüßte. Sie war also in dies Haus gegangen und hatte es mir verheimlicht. Da steckte irgend etwas dahinter. Was? Manchmal dachte ich mir ganz lobenswerte Gründe aus, irgend eine gute That, die sie verbergen wollte, eine Erkundigung, die sie eingezogen, und ich machte mir Vorwürfe, sie zu beargwöhnen. Hat nicht jeder von uns das Recht, seine unschuldigen, kleinen Geheimnisse zu haben, eine Art doppeltes Leben in sich, über das man niemandem Rechenschaft ablegt. Darf ein Mann, da man ihm ein junges Mädchen auf den Lebensweg mitgegeben hat, verlangen, daß sie nun nichts mehr denkt und thut, ohne ihn vorher oder nachher in Kenntnis zu setzen? Soll denn das Wort »Ehe« die Verzichtleistung auf jede Unabhängigkeit auf jede Freiheit bedeuten? Konnte sie nicht vielleicht zu der Schneiderin gehen, ohne es mir zu sagen, oder einer der Kutscherfamilien im stillen etwas Gutes thun? War nicht vielleicht ihr Besuch in diesem Hause, ohne daß etwas Böses dabei, vielleicht so, daß ich ihn zwar nicht getadelt, aber doch kritisiert haben würde? Sie kannte mich bis in die geheimsten Falten meines Herzens und fürchtete vielleicht, wenn auch keinen Vorwurf, so doch eine Besprechung der Sache. Ihre Hände waren sehr hübsch. Ich kam endlich auf den Gedanken, sie ließe sie etwa im Geheimen durch die Nagelpflegerin behandeln, und habe es nur nicht eingestanden, um nicht verschwenderisch zu erscheinen. Sie war ordentlich, sparsam, war eine Frau, die ihr Geschäft versteht. Sie meinte vielleicht in meinen Augen zu verlieren, wenn sie, nur um zu gefallen, eine solche Ausgabe gemacht und sie eingestand. Die Frauen sind ja von Natur so spitzfindig und schlau. Aber all mein Nachdenken beruhigte keineswegs: ich war eifersüchtig. Der Verdacht wühlte in mir, fraß, zerriß mich. Es war noch kein bestimmter Verdacht, sondern nur ein allgemeiner. Es war eine gräßliche Beklommenheit, ein Schmerz, ein noch versteckter Gedanke, aber ich wagte nicht den Schleier aufzuheben, denn darunter fand sich ein fürchterlicher Gedanke: .... ein Liebhaber! .... Hatte sie einen Liebhaber? .... Das war unwahrscheinlich, unmöglich, und doch ... Unausgesetzt sah ich Montinas Gesicht vor mir, den großen, schönen Kerl mit den glänzenden Haaren; das Lächeln auf den Lippen erblickte ich und sagte mir: Der ist es! Die ganze Geschichte ihres Verhältnisses dachte ich mir aus. Sie hatten über ein Buch zusammen gesprochen, über irgend ein Liebesabenteuer diskutiert, etwas gefunden, das mit ihnen Ähnlichkeit hatte und diese Ähnlichkeit wurde Wirklichkeit. Und ich überwachte sie, ein Opfer der fürchterlichsten Qual, die nur ein Mann durchmachen kann. Ich hatte Schuhe mit Gummisohlen gekauft, um ohne Geräusch hin und hergehen zu können. Und nun brachte ich mein ganzes Dasein damit zu, die kleine Wendeltreppe hinauf und hinab zu schleichen, in der Absicht sie zu überraschen. Oft ließ ich mich sogar auf den Händen, den Kopf nach unten, die Stufen hinab, um zu sehen, was sie trieben, dann mußte ich rückwärts wieder hinauf mit unendlicher Anstrengung und Mühe, nachdem ich festgestellt, daß der Commis dabei war. Ich lebte nicht mehr, ich litt. Ich konnte an nichts mehr denken, nicht arbeiten, mich nicht mehr um meine Geschäfte kümmern. Sobald ich ausging und hundert Schritt auf der Straße gemacht hatte, sagte ich mir: Er ist da! und ich kehrte heim. – Er war nicht da. Ich ging wieder fort. Aber kaum war ich weggegangen, dachte ich wieder: Jetzt ist er gekommen! und kehrte zurück. Das ging den ganzen Tag. Nachts war es noch schlimmer. Ich fühlte sie an meiner Seite im Bett; sie lag da und schlief, oder that so, als ob sie schliefe. Schlief sie? Nein, wahrscheinlich nicht. So war das wieder eine Lüge. Unbeweglich blieb ich auf dem Rücken liegen. Die Wärme ihres Körpers beengte mich, versetzte mir den Atem, quälte mich. Mich peinigte eine entsetzliche, kaum zu überwindende Lust, aufzustehen, ein Licht zu nehmen und einen Hammer und mit einem einzigen Schlage ihr den Kopf zu spalten, um hinein zu schauen. Ich hätte weiter nichts gesehen, ich wußte es wohl, als ein Gemisch von Hirn und Blut. Ich hätte nichts erfahren, – es war unmöglich. Und diese Augen! Wenn sie mich bloß anblickte, überkam mich wahnsinnige Wut. Ob man sie ansah – oder sie andere: ihr Auge blickte klar, treuherzig – und falsch, falsch, falsch. Und man kann nichts erraten, was dahinter steckt. Ich hatte Lust Nadeln hinein zu bohren, diese Spiegel der Falschheit auszustechen. Ach! ich kann die Inquisition wohl verstehen! Ich hätte ihre Gelenke in Eisenringe gelegt. – Sprich! ... Gestehe! ... Du willst nicht? ... Warte! ... Langsam hätte ich ihr die Kehle zugeschnürt. – Sprich! ... Gestehe! ... Du willst nicht? .... – und ich hätte zugeschnürt und zugeschnürt, bis sie nach Luft gerungen hätte, bis ich sie ersticken ... sterben gesehen. Oder ich hätte ihr die Finger am Feuer gebraten. Und mit welcher Wollust hätt ich das gethan! Sprich .... sprich doch! ... Du willst nicht? ... Ich hätte sie an die Kohlen gehalten, sie geröstet an den Spitzen, – und sie hätte gestanden ... sicher! ...... gestanden hätte sie. Trémoulin stand, die Fäuste geballt, da und schrie. Um uns herum auf den benachbarten Dächern erhoben sich die Gestalten, wachten auf, lauschten, in ihrer Ruhe gestört. Und ich, ganz bewegt und gepackt von Interesse, sah vor mir in der Nacht, als hätte ich sie wirklich gekannt, diese kleine Frau, dies blonde, lebhafte, gerissene Wesen. Ich sah, wie sie ihre Bücher verkaufte, mit den Männern sprach, die ihr kindliches Äußere einnahm. Und ich sah in ihrem zarten Puppenkopf freche Ideen, tolle Gedanken, Träume kleiner parfümierter Ladenmädchen, die sich in jeden Helden der Schauerromane verlieben. Ebenso wie er hatte ich sie im Verdacht, haßte sie, und auch ich hätte ihr die Finger verbrannt, damit sie gestände. Er fuhr in ruhigerem Ton fort: – Ich weiß nicht, warum ich Dir das eigentlich erzähle. Ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen. Ja, aber seit zwei Jahren habe ich niemand gesehen, ich habe mit keinem Menschen, keinem Menschen geredet. Und das brannte auf meinem Herzen, siedete, gährte ... heraus muß es ... traurig für Dich! Nun wohl, ich hatte mich allerdings getäuscht. Es war viel schlimmer, als ich geglaubt hatte, schlimmer als alles. Hör zu. Ich gebrauchte das Mittel, das man immer benutzt, ich tat als ginge ich fort. Jedesmal wenn ich fortfuhr, frühstückte meine Frau außer dem Hause. Ich will Dich nicht damit langweilen wie ich einen Kellner bestach, um sie zu überraschen. Die Thür ihres Zimmers sollte mir geöffnet werden. Und zur verabredeten Zeit kam ich an, mit dem festen Entschluß, sie zu töten. – Schon seit dem Tag vorher sah ich die ganze Scene vor mir, als ob sie bereits stattgefunden hätte. Ich trat ein. Ein kleiner Tisch mit Gläsern, Flaschen, Tellern bedeckt, stand zwischen ihr und Montina. Als sie mich erblickten, waren sie so erschrocken, daß sie starr sitzen blieben. Ohne ein Wort zu sagen ließ ich meinen bleigefüllten Stock, mit dem ich mich bewaffnet hatte, auf den Kopf des Mannes niedersausen. Beim ersten Schlag brach er, mit dem Kopf auf das Tischtuch, sinkend tot zusammen. Dann wendete ich mich zu ihr und lieh ihr die Zeit, ein paar Sekunden, zu fassen was vor sich ging, stehend mir die Arme entgegenzustrecken, toll, toll vor Entsetzen, ehe auch sie sterben mußte. O, ich war auf alles gefaßt, stark, entschlossen, zufrieden mit mir selbst und wie trunken. Der Gedanke an ihren verzweifelten Blick, den sie mir zuwerfen würde wenn ich den Stock hob, an ihre abwehrenden Hände, an den Schrei aus ihrer Brust, an ihre blutlosen verzerrten Züge, war ein Vorgeschmack meiner Rache. Und sie wollte ich nicht auf den ersten Schlag niederwerfen. Du findest mich empörend, nicht wahr? Du weißt aber nicht was man leidet. Bloß daran zu denken, daß eine Frau, die eigene Frau oder die Geliebte, die man wirklich lieb hat, sich einem anderen hingiebt, ihm wie uns, und seine Lippen berührt wie unsere: o! das ist etwas Furchtbares, Entsetzliches! Wenn man einmal diese Qual kennen gelernt hat, ist man zu allem fähig. Ich wundere mich nur, daß man nicht viel öfter tötet. Denn alle die betrogen worden sind, alle haben den Wunsch gehabt zu töten, haben in diesem erträumten Tod geschwelgt, haben allein in ihrem Zimmer oder auf verlassener Straße, beim Phantasiebild der befriedigten Rache die Gebärde des Erwürgens oder Niederschlages gemacht. Ich kam also in das Restaurant, ich fragte:. Sind sie da? – Der bestochene Kellner antwortete: Jawohl! – führte mich eine Treppe hinauf und zeigte mir eine Thür: Hier! – sagte er. Ich preßte meinen Stock in der Hand, als wären meine Finger aus Eisen. Ich trat ein. Ich hatte den richtigen Moment getroffen: sie lagen einander in den Armen. Aber es war nicht Montina, – es war der General de Flêche, der sechsundsechzigjährige General. Ich war so darauf gefaßt, den anderen zu finden, daß ich wie gelähmt vor Staunen stehen blieb. Und dann ... dann ... ich weiß noch heute nicht, was in mir vorging. Nein, ich weiß es nicht. Angesichts des anderen hätte mich die Wut gepackt, vor diesem da, vor diesem alten Kerl mit dem dicken Bauch und den hängenden Backen erstickte mich der Ekel. Sie, die Kleine, die aussah wie fünfzehn Jahr alt, hatte sich diesem dicken, alten, fast kränklichen Mann überlassen, weil er Marquis war, General, Freund und Vertrauter entthronter Könige. Nein, ich weiß nicht was ich fühlte noch was ich dachte. Diesen alten Kerl hätte ich nicht schlagen können. Welche Scham! Nein, ich hatte keine Lust mehr, meine Frau zu töten, sondern alle Frauen, die zu so etwas fähig sind. Ich war nicht mehr eifersüchtig, ich war so niedergedonnert, als ob ich das Entsetzlichste vom Entsetzlichen gesehen hätte. Man mag von den Männern sagen was man will, so ekelhaft sind sie nicht. Wenn man einen trifft, der sich in solcher Weise erniedrigt, deutet man mit den Fingern auf ihn. Der Mann oder Liebhaber eines alten Weibes ist verachteter denn ein Dieb. Wir sind reinlich, mein Lieber. Aber sie, sie, diese Dirnen, deren Herz schmutzig ist, sie gehören allen, jung oder alt, aus den verschiedensten verächtlichsten Gründen, weil es ihr Beruf ist, ihr Geschäft, ihre Bestimmung. Das sind die ewigen, unbewußten, gedankenlosen Geächteten, die ihren Körper ohne Ekel feil bieten, denn er ist Liebesware; die ihn verkaufen oder verschenken, die ihn hingeben dem greisen Bummler, mit dem Golde in der Tasche, oder des Ruhmes wegen dem verwelkten unzüchtigen Herrscher und dem alten Mann, so berühmt wie widerlich. Er predigte wie ein Prophet des Altertums mit erhobener Stimme, verkündete unter dem ewigen Sternenhimmel, mit dem Zorn der Verzweiflung, die verherrlichte Schande aller Maitressen alter Herrscher, die Schmach, die alle Jungfrauen, die Greise zu Männern nehmen, wissentlich begehen, die Schande, deren sich alle jungen Frauen schuldig machen, die lächelnd Liebkosungen des Alters über sich ergehen lassen. Ich sah sie, von Anbeginn der Welt, durch ihn hervorgezaubert, beschworen, ans Licht gebannt, in dieser Nacht des Orients stehen, all die Mädchen, die schönen Mädchen mit schmutziger Seele, die, wie das Tier, das das Alter des Weibchens nicht kennt, den greisen Liebeswünschen nachgegeben. Um uns herum erschienen sie, alle die Dienerinnen der Patriarchen, gepriesen in der Bibel: Hagar, Ruth, die Töchter des Loth, die braune Abigail, die Jungfrau von Sunam, die mit ihren Liebkosungen den sterbenden David wieder belebte und alle anderen jungen, dicken, weißen, Patrizierinnen oder Plebejerinnen, unverantwortlichen Weiber eines Herrn, bezwungene, verführte oder bezahlte Sklavenleiber. Ich fragte: – Was hast Du gethan? Er antwortete: – Ich reiste, und hier bin ich. Da blieben wir lange nebeneinander sitzen, träumend, ohne ein Wort zu sprechen.   Dieser Abend ist mir unauslöschlich in der Erinnerung geblieben. Alles was ich gesehen, empfunden, gehört und geahnt, der Fischzug, vielleicht auch der Polyp, diese ergreifende Erzählung, während rings auf den Nachbardächern die weißen Gestalten lagen, alles fügte sich in ein bewegtes Bild zusammen. Manche Begegnungen, manch unerklärlicher Zusammenhang der Dinge enthält gewiß, ohne daß etwas Außergewöhnliches dabei vorkommt, eine größere Menge geheimer Quintessenz des Lebens als alles was im Gleichmaß der Tage verstreut liegt. Die Stecknadeln – Diese verfluchten Frauenzimmer! – Warum denn? – Ja, weißt Du, mich haben sie höllisch reingelegt. – Dich? – Ja, mich. – Die Frauenzimmer oder eine Frau? – Zwei Frauen. – Zwei Frauen zugleich? – Ja. – Wieso denn? Die beiden jungen Leute saßen vor einem großen Café auf dem Boulevard und tranken Likör mit Wasser vermengt, eines jener Getränke, das aussieht als hätte man die Farben des ganzen Malkastens hineingespritzt. Sie waren etwa gleichaltrig und mochten fünfundzwanzig bis dreißig Jahre zählen. Der eine war blond, der andere brünett. Sie sahen in ihrer Talmi-Eleganz aus wie die richtigen Jobber, die man an der Börse, wie im Salon trifft, die überall zu finden sind, überall herumleben und herumlieben. Der Brünette sagte: – Ich habe Dir doch von meinem Verhältnis erzählt. Weißt Du die kleine Frau, die ich im Seebade, in Dieppe, traf. – Jawohl. – Alter Kerl, Du weißt wie so was ist. Ich hatte ein Verhältnis in Paris, das ich riesig gern hatte, eine alte Freundin, eine gute Freundin, mit einem Wort – eine Gewohnheit, an der ich noch hänge. – An Deiner Gewohnheit? – Ja, an der Gewohnheit und an ihr. Sie ist mit einem braven Mann verheiratet, den ich auch sehr gern habe, – ein lieber, wirklich guter Freund. Kurz, in dem Hause hatte ich mich für mein ganzes Leben eingerichtet. – Nun? – Nun, die können Paris nicht verlassen und infolge dessen war ich in Dieppe Strohwitwer. – Warum bist Du denn nach Dieppe gefahren? – Luftveränderung. Man kann sich doch nicht immer auf den Boulevards herumtreiben. – Nun – und? – Nun habe ich im Seebade die Kleine getroffen, von der ich Dir erzählte. – Die Frau von dem Bureauchef? – Ja. Sie langweilte sich sehr. Ihr Mann kam übrigens bloß Sonntags, und das ist ein gräßlicher Kerl. Wir haben uns riesig angefreundet, haben uns amüsiert, zusammen getanzt ..... – .... Und das Übrige? – Jawohl, aber später. Kurz wir trafen uns, gefielen uns, ich hab's ihr gesagt, sie hat sich's wiederholen lassen, um's besser zu kapieren und hat weiter keine Schwierigkeiten gemacht. – Liebtest Du sie? – Ja, ein bißchen. Sie war sehr nett. – Und die andere? – Die andere blieb in Paris. Kurz, sechs Wochen lang ging die Geschichte famos und im besten Einverständnis kehrten wir nach Paris zurück. Kannst Du etwa mit einer Frau brechen, wenn Dir diese Frau nicht das mindeste zu Leide gethan hat? – O, sehr wohl. – Wie fängst Du denn das an? – Ich lasse sie einfach laufen! – Wie machst Du denn das? – Ich gehe nicht mehr hin. – Aber wenn sie nun zu Dir kommt? – Dann bin ich nicht zu Haus. – Und wenn sie nun wiederkommt? – Dann sage ich, ich wäre krank. – Wenn sie Dich nun pflegen will? – Dann komme ich ihr grob. – Wenn sie es nun trotzdem thut? – Dann schreibe ich ihrem Mann anonyme Briefe, damit er sie an dem Tag, wo sie kommen will, überwacht. – Das ist allerdings gut. Ich kann so was nicht, ich kann nicht mit einer brechen. Bei mir häufen sie sich an. Es giebt welche, die sehe ich nur einmal jährlich, andere so alle zehn Monate, andere wieder bei Quartalwechsel, endlich andere, wenn sie mal im Restaurant essen wollen. Die, die ich mal los bin, stören mich weiter nicht, aber oft wird mir's schwer, die Neuen etwas fern zu halten. – Nun also, wie war's? – Also hör' mal, die kleine Beamtenfrau war ganz Feuer und Flamme, nichts war ihr vorzuwerfen, wie ich Dir schon sagte. Da ihr Mann den ganzen Tag im Bureau sitzt, fing sie an, mich zu überraschen. Zweimal hätte sie fast »meine Gewohnheit« getroffen. – Teufel! – Jawohl! Ich hatte also jeder einen bestimmten Tag angesetzt, um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen. Montags und Sonnabends die Frühere, Dienstags, Donnerstags und Sonntags die Neue. – Warum die denn öfter? – Ja, weißt Du, die ist jünger. – Da hast Du also nur zwei Rasttage in der Woche? – Das genügt. – Alle Hochachtung. – Ja und nun denke Dir mal, mir ist die lächerlichste Geschichte der Welt und die dümmste zugleich passiert. Seit vier Monaten ging alles wundervoll; ich hatte mich in Ruhe eingewiegt und war wirklich ganz glücklich, als plötzlich vorigen Montag ein Krach kommt. Ich erwartete »meine Gewohnheit« zu bestimmten Zeit, ein Viertel zwei Uhr, und rauchte dabei eine gute Cigarre. Ich döste, mit mir selbst zufrieden, vor mich hin, als ich plötzlich entdeckte, daß die Zeit längst vorüber war. Ich war sehr erstaunt, denn sie ist riesig pünktlich. Ich dachte, es müßte sie irgend ein kleiner Unfall zurückgehalten haben. Aber eine Viertelstunde verstrich, dann eine Stunde, anderthalbe Stunde. Und nun sah ich ein, daß sie durch irgend eine Ursache doch abgehalten sein mußte, durch eine Migräne oder einen aufdringlichen Menschen. So was ist sehr langweilig. Dieses unnütze Warten ist kolossal bockig und geht mächtig auf die Nerven. Schließlich faßte ich einen Entschluß: ich ging aus, und zwar, da ich nicht wußte, was ich anfangen sollte, zu ihr. Sie las gerade einen Roman. – Nun? – fragte ich. Sie antwortete ganz ruhig: – Lieber Freund, ich konnte nicht; ich hatte eine Abhaltung. – Was für eine? – Ich war beschäftigt! – Ja, aber womit beschäftigt? – Ein sehr langweiliger Besuch. Ich dachte, sie wollte mir den wahren Grund nicht nennen, und da sie sehr ruhig war, regte ich mich nicht weiter darüber auf. Ich hoffte, die verlorene Zeit am nächsten Tage mit der anderen wieder einzuholen. Ich war also Dienstag sehr erregt und verliebt in Erwartung der kleinen Beamtenfrau. Ich wunderte mich sogar, daß sie nicht früher kam, als verabredet. Alle Augenblicke sah ich nach der Uhr und verfolgte ungeduldig den Zeiger. Es wurde ein Viertel, wurde halb, dann zwei Uhr. Nun konnte ich's nicht mehr aushalten und lief mit großen Schritten in meinem Zimmer auf und ab, preßte die Stirn an die Fensterscheiben, legte mein Ohr an die Thür, um zu lauschen, ob sie nicht die Treppe heraufkäme. Es wurde zwei ein halb Uhr, dann drei. Ich nahm meinen Hut und rannte zu ihr. Sie las, lieber Freund, sie las einen Roman! – Nun? – fragte ich ängstlich. Sie antwortete genau so wie die »Gewohnheit«: – Lieber Freund, ich konnte nicht; ich hatte eine Abhaltung. – Was für eine? – Ich war beschäftigt. – Aber womit beschäftigt? – Ein sehr langweiliger Besuch. Nun nahm ich gleich an, daß sie beide alles wußten. Aber sie schien so friedlich, daß ich endlich doch meinen Verdacht aufgab, an ein lächerliches Zusammentreffen glaubte, denn ich konnte mir eine solche Heuchelei garnicht vorstellen. Und nachdem wir eine Stunde lang freundschaftlich geschwatzt, wobei übrigens mindestens zwanzigmal ihr kleines Töchterchen hereingelaufen kam, mußte ich ganz dumm abziehen. Und nun denke Dir mal, am nächsten Tage... – Da ging's wieder so? – Ja und den übernächsten wieder. Und das dauerte so drei Wochen ohne Erklärung, ohne daß mir irgend etwas dies sonderbare Benehmen erklärt hätte, dessen geheimen Grund ich dennoch ahnte. – Sie wußten alles? – Weiß der Teufel! Aber wie? Das hat mich gequält, bis ich's heraus gekriegt hatte. – Wie hast Du es denn herausgekriegt? – Durch Briefe. Am selben Tage haben sie mir in genau denselben Ausdrücken ein für alle Mal den Abschied erteilt. – Und? – Nun also höre zu. Du weißt, lieber Freund, daß Frauen immer eine Menge Nadeln bei sich führen. Haarnadeln kenne ich, vor denen habe ich Dampf, und auf die passe ich schon auf. Aber die anderen sind viel niederträchtiger, diese verfluchten kleinen Nadeln mit schwarzen Köpfen, die unsereins eine vorkommen wie die andere. Uns großen Kamelen, die wir sind! Sie aber kennen sie auseinander, genau so wie wir ein Pferd von einem Hund unterscheiden. Da hat nun wie es scheint einmal meine kleine Beamtenfrau eines jener verräterischen kleinen Dinger neben dem Spiegel in die Tapete gesteckt. Die »Gewohnheit« hatte sofort den kleinen schwarzen Punkt, groß nur wie ein Floh, auf der Tapete entdeckt, hatte die Nadel ohne eine Wort zu sagen herausgezogen und genau an derselben Stelle eine ihrer Stecknadeln, gleichfalls schwarz aber von anderer Form, eingepikt. Am nächsten Tag wollte die Beamtenfrau ihr Eigentum wieder an sich nehmen und erkannte sofort den Ersatz ihrer Nadel. Da kam ihr ein Verdacht und sie steckte zwei hinein, über Kreuz. Die »Gewohnheit« antwortete auf dieses Telegramm durch drei schwarze Kugeln, eine über der anderen. Nachdem dieser Verkehr einmal begonnen, setzten sie ihn fort, ohne etwas davon zu sagen, nur um einander zu bespähen. Dann hat wahrscheinlich die »Gewohnheit«, die kecker ist, um die kleine Drahtspitze ein winziges Papierchen gewickelt, auf dem stand: »Postlagernd, Boulevard Malesherbes, C.D.« Nun schrieben sie sich, jetzt war ich verloren. Du kannst Dir denken, daß es dabei nicht geblieben ist. Mit aller Vorsicht, mit all den tausend Ränken und Listen, die bei so etwas nötig sind, gingen sie vor. Aber die »Gewohnheit« unternahm plötzlich einen Gewaltstreich und gab der anderen ein Stelldichein. Was sie sich da gesagt haben, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß die Unterhaltung auf meine Kosten ging. Na also, das ist die ganze Geschichte. – Ist das alles? – Jawohl. – Hast Du sie nicht wieder gesehen? – O bitte, ich sehe sie noch, als guter Freund natürlich; sonst haben wir ganz gebrochen. – Und haben sie sich wiedergesehen? – Jawohl, mein Alter. Sie sind dicke Freundinnen geworden. – Schau, schau! Bringt Dich denn das nicht auf einen Gedanken? – Nee. Welchen? – Einfaltspinsel! Laß sie doch wieder Stecknadeln einstechen! Duchoux Als Baron Mordiane die Frei-Treppe des Klub hinabstieg, die geheizt war wie ein Gewächshaus, trug er den Pelz offen, und als sich nun das große Portal hinter ihm geschlossen hatte und er auf der Straße stand, ging ihm plötzlich die Kälte durch Mark und Bein, und ein eisiger Luftzug ließ ihn, ganz verstimmt, zusammenschauern wie vor einem Unglück. Außerdem hatte er im Spiel verloren, und endlich litt er seit einiger Zeit am Magen, so daß er nicht mehr essen konnte, was ihm schmeckte. Er wollte nach Haus. Und da überkam ihn plötzlich der Gedanke an seine große, öde Wohnung, an den Kammerdiener, der im Vorzimmer eingeschlafen war, an das Toilettenzimmer, in dem das warme Wasser, das er abends brauchte, leise auf dem Gaskocher summte, an das breite, altertümliche Bett, feierlich wie ein Totenlager; und bis ins Herz hinein, bis ins Mark durchzuckte ihn ein noch schmerzlicheres Gefühl der Kälte, als das der eisigen Luft draußen. Seit einigen Jahren fühlte er auf sich die Einsamkeit lasten, wie sie manchmal alte Junggesellen überkommt. Einst war er kräftig, munter und heiter: der Tag gehörte dem Sport, die Nacht dem Vergnügen. Jetzt wurde er schwerfällig und nichts machte ihm mehr rechten Spaß; körperliche Übungen ermüdeten ihn, die Soupers und sogar die Diners bekamen ihm schlecht, die Frauen langweilten ihn jetzt genau so, wie sie ihn früher unterhalten hatten. Die Gleichförmigkeit der öden Abende, der Freunde, die er stets am selben Orte traf, der Klub, der ewig gleichen Partie, mal gewonnen, mal verloren, derselben Redensarten über dieselben Sachen, desselben Geistes aus derselben Quelle, dieselben Witze über dieselben Themata, dieselbe Redensart über dieselben Frauen, – das war ihm so entsetzlich, daß er Augenblicke hatte, wo er wahrhaftig an Selbstmord dachte. Er konnte dieses regelmäßige, leere, öde, so leichte und doch so schwere Dasein nicht weiter führen. Er sehnte sich nach Stille, nach Ruhe, nach Bequemlichkeit, wußte nur nicht wo und wie. Er dachte nicht daran, sich etwa zu verheiraten, denn er fühlte nicht den Mut in sich, die Melancholie des ehelichen Jochs auf sich zu laden, dieses fürchterliche Dasein zu zweien, in dem Mann und Frau, da sie immer beieinander sind, sich allmählich so genau kennen, daß sie kein Wort mehr sagen können, das der andere nicht schon vorher weiß, wobei sie keine Bewegung machen können, die der andere nicht voraussieht, nichts mehr denken, wünschen, urteilen können, das der andere nicht bereits vorher ahnt. Er meinte, man habe nur dann Freude daran, mit einem Menschen zu verkehren, wenn man ihn noch wenig kennt, wenn in ihm noch etwas Geheimnisvolles, Unerforschtes bleibt, noch etwas Unbekanntes, Verschleiertes. Er bedurfte einer Familie, die doch keine Familie war, wo er nur einen Teil seines Daseins hätte zuzubringen brauchen. Bei diesen Gedanken quälte ihn von neuem die Erinnerung an seinen Sohn. Seit einem Jahr dachte er unausgesetzt daran; das Bedürfnis ihn zu sehen, ihn kennen zu lernen, peinigte ihn fortwährend. Er war ihm in seiner Jugend unter dramatischen, rührenden Umständen geschenkt worden. Das Kind wurde nach dem Süden geschickt und bei Marseille erzogen, ohne jemals den Namen seines Vaters zu erfahren. Der war zuerst für die Kinderjahre aufgekommen, dann für die Schule, die Bummeljahre, endlich hatte er Geld gegeben zu einer vernünftigen Heirat. Ein verschwiegener Notar spielte den Vermittler, ohne je den Schleier zu lüften. Baron Mordiane wußte also nur, daß irgendwo in der Nähe von Marseille sein Fleisch und Blut lebte, daß »er« für ganz gebildet und wohlerzogen galt, und die Tochter eines Bauunternehmers geheiratet hatte, dem er im Geschäft gefolgt war. Es hieß, er verdiente eine Menge Geld. Warum sollte er nicht einmal seinen unbekannten Sohn aufsuchen, ohne sich zu erkennen zu geben? Ihm zuerst nur einmal auf den Zahn fühlen und feststellen, ob er vielleicht in dieser Familie ein angenehmes Plätzchen für sein Alter fände. Er hatte sich sehr anständig benommen, hatte dem Sohn eine schöne Summe mitgegeben, für die jener auch dankbar gewesen; er wußte also, er würde nicht übertriebenem Stolz begegnen. Und dieser Gedanke, der Wunsch, nach dem Süden zu reisen, der täglich in ihm wühlte, quälte ihn, als juckte ihm die Haut. Ein seltsam weiches, egoistisches Gefühl war auch dabei: der Gedanke an dieses gemütliche, reizende Haus am Meer, wo er seine hübsche, junge Schwiegertochter fand, seine Enkelkinder, die ihm mit offenen Armen entgegenkamen und sein Sohn, der ihm das kurze schöne Liebesglück längst verrauschter Jahre wieder ins Gedächtnis rief. Er bedauerte bloß, ihm schon so viel Geld gegeben zu haben, und daß das Geld in den Händen des jungen Mannes solche Zinsen getragen, daß er nun der Familie gegenüber nicht mehr als Wohlthäter auftreten konnte. An alles das dachte er, als er so, den Kopf in den Kragen seines Pelzes versenkt, dahinging – und plötzlich faßte er einen Entschluß. Eine Droschke fuhr vorbei, er rief sie an, ließ sich nach Haus fahren. Und als der Diener schläfrig die Augen geöffnet hatte, sagte er: – Louis, wir reisen morgen abend nach Marseille. Wir bleiben etwa vierzehn Tage fort, packen Sie alles Nötige ein! –   Am sandigen Rhonestrom hinab rollte der Zug, dann ging es durch goldene Fluren, lachende Dörfer, eine weite Ebene, in der Ferne durch kahle Berge abgeschlossen. Baron Mordiane war, nach einer Nacht im Schlafwagen, erwacht und besah sich melancholisch im kleinen Spiegel seines Reisenecessaires. Das helle Licht des Südens zeigte ihm Runzeln, die er noch nicht kannte, eine Abgelebtheit, wie er sie im Halbdunkel der Pariser Wohnungen an sich noch nicht bemerkt. Als er die Augenwinkel, die schlaffen Augenlider, die Schläfen, die durchfurchte Stirn betrachtete, sagte er sich: – Verflucht noch mal! Nicht allein, daß ich kein Jüngling mehr bin, ich habe bereits einen Knacks weg. Und plötzlich wuchs sein Ruhebedürfnis gleichzeitig mit der unbestimmten Sehnsucht, die zum erstenmal in ihm aufstieg, seine Enkelkinder auf seinen Knieen zu wiegen. Gegen ein Uhr nachmittags hielt er mit einem Mietswagen, den er in Marseille genommen, vor einem jener blendend weißen Landhäuser des Südens, wie sie am Ende der Platanenalleen stehen, durch die sie grell leuchten, daß man die Augen schließen muß. Er lächelte, als er durch die Allee schritt und dachte: Ach, ist das reizend! Plötzlich sah er einen kleinen Jungen von fünf oder sechs Jahren, aus einem Gebüsch kommen. Er blieb am Wegesrande stehen und betrachtete mit großen Augen den fremden Herrn. Mordiane trat auf ihn zu: – Guten Morgen, mein Junge! Der Bengel antwortete nicht. Da beugte sich der Baron nieder und nahm ihn auf den Arm, um ihn zu küssen. Dabei schlug ihm ein Knoblauchgeruch entgegen, den das ganze Kind auszuströmen schien. Er setzte es schnell zu Boden und brummte vor sich hin: – Ach, das ist der Junge vom Gärtner. Und er ging auf das Haus zu. An einer Leine vor der Thür hing Wäsche zum Trocknen: Hemden, Handtücher, Wischlappen, Schürzen, während mehrere Reihen von Strümpfen übereinander in einem Fenster hingen, das sie ganz ausfüllten, etwa wie Würste im Schaufenster eines Fleischers. Der Baron rief. Ein Mädchen erschien, das richtige Dienstmädchen des Südens: dreckig, schlecht frisiert, die Haare in einzelnen Zotteln, ins Gesicht hängend. Ihr Kleid hatte bei der unendlichen Menge Flecken, die es dunkler gemacht, doch seine ehemalige grelle Farbe behalten und sah aus wie Jahrmarktsplunder oder ein Seiltänzerwams. Er fragte: – Ist Herr Duchoux zu Haus? Das Mädchen fragte: – Sie meenen doch Herrn Dichoux? – Jawohl! – Der is nämlich drinne, – der zeichnet egal. – Sagen Sie ihm, Herr Merlin möchte ihn sprechen. Sie antwortete erstaunt: – Nu, da gehn Se doch rin, wenn Se mit 'm reden wollen. Und rief: – Herr Dichoux 's is' ener hier! Der Baron trat ein. In dem großen Raum, der durch die geschlossenen Läden verdunkelt war, unterschied er unbestimmt Menschen und Dinge, die ihm schmutzig zu sein schienen. Vor einem mit allen möglichen Gegenständen beladenen Tisch stand ein kleiner Mann mit großer Glatze und zeichnete auf einem mächtigen Papier. Er hörte zu arbeiten auf und machte zwei Schritte auf ihn zu. Seine Weste stand offen, er hatte die Hose nicht zugeknöpft, die Ärmel aufgestreift, so daß man sah, wie warm es ihm sein mußte. Seine Stiefeln waren schmutzig, man konnte an ihnen noch erkennen, daß es vor ein paar Tagen geregnet haben mußte. Mit stark südlicher Aussprache fragte er: – Mit wem habe ich die Ehre? – Mein Name ist Merlin. Ich möchte um Rat bitten, wegen Ankauf eines Grundstücks. – O, sehr gern, sehr gern! Nnd Duchoux drehte sich zu seiner Frau, die in einer dunklen Ecke strickte: – Mach mal einen Stuhl frei, Josefine. Nun gewahrte Mordiane eine junge Frau, die aber schon alt aussah, wie man eben in der Provinz bei fünfunfzwanzig Jahren alt wird aus Mangel an Pflege, an genügendem Waschen, aus Mangel an all den kleinen Mitteln, Sauberkeit, der Sorgfalt im weiblichen Anzug, allem was Frische und Jugendlichkeit, Reiz und Schönheit bis an die fünfzig Jahre erhält. Sie hatte ein Tuch um die Schultern, die Haare waren einfach aufgeknotet, dichtes, schwarzes, schönes Haar, aber man sah, es war kaum gekämmt und gepflegt. Und nun nahm sie ein Kinderkleid, ein Messer, ein Stück Bindfaden, einen leeren Blumentopf und einen schmutzigen Teller mit ihren Köchinnenhänden vom Stuhl und schob ihn dem Besucher hin. Er setzte sich. Und nun sah er, daß auf Duchoux' Arbeitstisch außer den Büchern und Papieren noch zwei frische Salatköpfe lagen, eine Haarbürste, ein Handtuch, ein Revolver und ein paar schmutzige Tassen, sowie ein Waschbecken standen. Der Baumeister bemerkte den Blick und sagte lächelnd: – Entschuldigen Sie, es sieht etwas unordentlich hier aus, das kommt von den Kindern. Und er rückte seinen Stuhl näher, um mit seinem Kunden zu reden: – Sie suchen also ein Grundstück in der Nähe von Marseille? Obgleich sein Atem den Baron nur von weitem traf, so roch er doch sofort jenen Knoblauchgestank, den der Südländer ausströmt wie Blumen ihren Duft. Mordiane fragte: – War das Ihr Sohn, den ich eben in der Platanenallee getroffen habe? – Ja, das ist der zweite. – Haben Sie zwei? – Drei mein Herr. Jährlich einen. Und Duchoux schien ganz stolz zu sein. Der Baron dachte: Wenn sie alle so duften, muß es ja hier wie in einem Treibhaus riechen. Er fuhr fort: – Ja, ich suche ein hübsches Grundstück in der Nähe vom Meer an irgend einem einsamen Punkt an der Küste. Da machte Dochoux Vorschläge. Er hatte zehn, zwanzig, fünfzig, hundert und noch mehr Grundstücke zu verkaufen, in allen Preislagen und für jeden Geschmack. Seine Worte sprudelten hervor wie ein Brunnen; dabei lächelte er selbzufrieden und bewegte seinen runden Kahlkopf hin und her. Und vor Mordianes Gedächtnis stand wieder eine blonde, schlanke, etwas traurige junge Frau, die so zärtlich zu ihm sprach: »Mein Liebling«, daß die Erinnerung allein seine Pulse klopfen machte. Sie hatte ihn ein Vierteljahr leidenschaftlich bis zum Wahnsinn geliebt. Dann war sie während der Abwesenheit ihres Mannes, der Gouverneur einer fernen Kolonie geworden, in andere Umstände gekommen, war entflohen, hatte sich versteckt in Entsetzen und Verzweiflung bis zur Geburt des Kindes, das Mordiane eines Sommerabends fortgebracht, und das sie dann niemals wiedergesehen. Drei Jahre später war sie drüben in der Kolonie ihres Mannes, dem sie nachgereist war, lungenkrank gestorben. Und hier vor ihm stand ihr Sohn und sagte, den Schluß mit seiner metallisch-harten Stimme schnarrend: – Dies Grundstück ist ein Gelegenheitskauf, wie er nicht wiederlehrt. Und Mordiane kam die Erinnerung an die andere Stimme, leicht wie ein Windhauch, wenn sie ihm zuflüsterte: »Mein Liebling, wir trennen uns nie!« Und er dachte wieder an die blauen, süßen, tiefen, treuen Augen, als er in das runde Auge, dieses kleinen lächerlichen Menschen sah; es war auch blau, aber ausdruckslos; auch ähnelte er seiner Mutter, aber .... Ja, er sah ihr ähnlich, wurde ihr ähnlicher von Sekunde zu Sekunde, im Klang der Stimme, in der Bewegung, in der ganzen Haltung. Er hatte eine Ähnlichkeit mit ihr wie der Affe mit dem Menschen. Aber er war ihr Blut, tausend kleine unglaublich verzerrte Züge, die ihn erregten, empörten, kamen von ihr. Der Baron litt. Diese entsetzliche Ähnlichkeit quälte ihn plötzlich, diese Ähnlichkeit, die immer wuchs, die ihn zur Verzweiflung brachte, die ihn verrückt machte, peinigte wie ein böser Traum, wie Gewissensbisse. Er stammelte: – Wann können wir das Grundstück zusammen ansehen? – Morgen, wenn Sie wünschen. – Um wieviel Uhr? – Um eins! – Gut! Der Junge, den er in der Allee getroffen, erschien in der offenen Thür und rief: – Poppa! Niemand antwortete ihm. Mordiane stand da und hatte solche Lust auszureißen, davon zu laufen, daß ihm die Beine zitterten. Dieses »Poppa« hatte ihn wie eine Kugel getroffen, das galt ihm, ja an ihn war es gerichtet, dieses knoblauchstinkende »Poppa«. Ach wie sie so süß duftete die Freundin von einst! Duchoux begleitete ihn hinaus. – Gehört das Haus Ihnen? – fragte der Baron. – Jawohl. Ich habe es vor kurzem gekauft und bin sehr stolz darauf. Wissen Sie, ich bin nämlich ein natürlicher Sohn und verheimliche das garnicht, ich bin sehr stolz darauf. Ich bin niemand etwas schuldig, habe alles selbst erarbeitet, verdanke alles mir ganz allein. Das Kind, das draußen geblieben, rief nun noch einmal, aber ganz von weitem: – Poppa! Mordiane überlief es, das Entsetzen schüttelte ihn, und er floh, wie man einer großen Gefahr entflieht. Er wird erraten, wer ich bin, mich erkennen, dachte er, und er wird mich in die Arme schließen und auch zu mir sagen: »Poppa«! und mir einen Knoblauchkuß auf die Wange drücken. – Auf Wiedersehen morgen. – Also morgen, um eins.   Der Wagen rollte auf der weißen Straße. – Kutscher, zum Bahnhof! Und er hörte zwei Stimmen: eine weit entfernt, weich, die traurige matte Stimme der Toten, die zu ihm sprach: »Mein Liebling!«, die andere laut singend, scheußlich, die brüllte: »Poppa!« wie man etwa ruft: »Halt auf!« wenn ein Dieb die Straße hinunterflieht. Als der Baron am nächsten Tage in den Klub kam, sagte Graf Etreillis zu ihm: – Sie haben sich ja drei Tage garnicht sehen lassen. Sind Sie krank gewesen? – Ja, ich war nicht ganz wohl, – ich habe ab und zu Kopfschmerzen. Das Stelldichein Den Hut auf dem Kopf, den Mantel angezogen, einen schwarzen Schleier vorm Gesicht, einen zweiten in der Tasche, den sie noch über den ersten legen wollte, wenn sie erst in der Sünden-Droschke säße, klopfte sie mit der Spitze ihres Sonnenschirmes an ihren Schuh und blieb so in ihrem Zimmer sitzen, ohne den Entschluß fassen zu können, zu diesem Stelldichein das Haus zu verlassen. Und wie oft hatte sie sich doch schon seit zwei Jahren so angezogen, während der Börsenzeit ihres Mannes, eines in der Gesellschaft viel gesehenen Börsenagenten, um ihren Liebhaber, den schönen Grafen Martelet in seiner Wohnung aufzusuchen. Hinter ihr tickte laut die Uhr; auf dem kleinen Rosenholzschreibtisch zwischen den Fenstern lag offen ein zur Hälfte gelesenes Buch, und starker Veilchengeruch, von zwei kleinen Sträußen, die in winzigen Meißner Vasen auf dem Kamin standen, mischte sich mit einem unbestimmten Duft von Verbenen, der durch die offen stehen gebliebene Thür des Toilettenzimmers hereinströmte. Die Uhr schlug drei, und sie fuhr auf. Sie drehte sich um, blickte nach dem Zifferblatt und lächelte nachdenklich: – Er wartet schon auf mich, jetzt wird er schon ganz nervös sein! – Dann ging sie aus, sagte dem Diener, daß sie spätestens in einer Stunde zurückkehren würde – natürlich eine Lüge – stieg die Treppe hinab und bummelte zu Fuß die Straße hinunter. Es war Ende Mai, jene köstliche Jahreszeit, wo der Frühling im Lande ringsum auf Paris loszustürmen scheint und es über die Dächer einnimmt, die Häuser erobert durch die Mauern hindurch, die ganze Stadt erblühen läßt, den Fassaden der Häuser dem Asphalt der Bürgersteige, dem Pflaster der Straßen einen heiteren Anstrich giebt, alles badet, erfüllt mit Saft und Kraft wie junge Bäume, die neu erblühen, alles mit Keimen und Werden und Wachsen umringt, wie ein einziger großer, grünender Park. Frau Haggan ging ein paar Schritte nach rechts, in der Absicht wie immer die Rue de Provence hinabzueilen, wo sie eine Droschke anrufen wollte. Aber die Milde der Luft, jenes Sommerahnen, das uns an gewissen Tagen in die Brust strömt, durchdrang sie so sehr, daß sie plötzlich anderer Ansicht ward und die Rue de la Chaussee d'Antin hinabschritt, ohne zu wissen warum, unwillkürlich von dem Wunsche getrieben, an den Anlagen der Trinité die Bäume und das Grüne zu sehen. Sie dachte: Ach was, er wartet eben zehn Minuten länger. Der Gedanke machte ihr wieder Spaß und während sie mit langsamen Schritten sich von der Menge treiben ließ, sah sie ihn vor sich, wie er ungeduldig wurde, nach der Uhr sah, das Fenster öffnete, an der Thür horchte, sich ein paar Augenblicke setzte, sich wieder erhob, nicht zu rauchen wagte, denn sie hatte es ihm an den Tagen des Stelldicheins verboten, und nun verzweifelten Auges nach der Zigarettenschachtel blickte. Langsam ging sie hin, alles unterhielt sie, was sie unterwegs traf: die Gesichter der Menschen, die Läden. Sie verlangsamte immer mehr den Schritt und hatte eigentlich so wenig Lust, an ihr Ziel zu gelangen, daß sie an jedem Schaufenster einen Vorwand suchte, stehen zu bleiben. Am Ende der Straße, vor der Kirche, lockte sie das Grün der kleinen Anlagen so sehr, daß sie über den Platz ging und in den Garten trat, diesen kleinen Kinderkäfig, zweimal um den schmalen Rasenplatz herumschritt, zwischen den buntbebänderten, vergnügten, frischen Ammen. Dann nahm sie einen Stuhl, setzte sich und blickte hinauf zum runden Zifferblatt, das wie die Mondscheibe am Kirchturm stand und sah den Zeiger vorrücken. Gerade in diesem Augenblick schlug es halb, und es überlief sie wohlig, als sie den Glockenton hörte. Eine halbe Stunde hatte sie gewonnen, dann brauchte sie eine Viertelstunde bis zur Rue Miromesnil, ein paar Minuten verbummelte sie noch, und dann hatte sie eine Stunde, eine ganze Stunde, ihrem Stelldichein abgeknapst. Kaum vierzig Minuten würde sie dort bleiben, und es wäre wieder einmal vorbei. Ach Gott, wie unangenehm war es ihr doch, hingehen zu müssen! Wie ein Patient, der zum Zahnarzt muß, trug sie in ihrem Herzen die Erinnerung an alle verflossenen Stelldicheins. Im Durchschnitt wöchentlich eins seit zwei Jahren, und der Gedanke daran, daß jetzt gleich wieder eins abgemacht werden sollte, jagte ihr das Entsetzen in die Glieder vom Fuß bis zum Kopf. Es war ja nicht gerade schmerzhaft, schmerzhaft wie ein Besuch beim Zahnarzt, aber so langweilig, so entsetzlich langweilig, so umständlich, so peinlich, daß ihr alles, alles, sogar eine Operation lieber gewesen wäre. Und doch ging sie hin. Sehr langsam, mit kleinen Schritten, blieb stehen, setzte sich, machte Umwege, aber sie ging. Ach, sie hätte es diesmal so gern verpaßt! Aber sie hatte den armen Grafen letzten Monat zweimal schon versetzt und konnte es so schnell nicht wieder thun. Warum ging sie wieder hin? Ach warum? Weil sie es sich einmal angewöhnt hatte und sie dem unglücklichen Martelet, wenn er hätte wissen wollen warum, gar keinen Grund hätte nennen können. Warum hatte sie die Geschichte überhaupt angefangen? Warum? Sie wußte es garnicht mehr. Hatte sie ihn geliebt? Wohl möglich. Nicht sehr heiß aber ein wenig. Es war so lange her! Er sah gut aus, war sehr beliebt, elegant, zuvorkommend und so auf den ersten Blick ganz der Liebhaber für eine Dame von Welt. Er hatte ihr drei Monate den Hof gemacht, die normale Zeit, – ein sehr anständiger Kampf, ein genügend langer Widerstand. Dann war sie schwach geworden und mit schrecklicher Bewegung, Qual, fürchterlicher und doch so entzückender Angst zu jenem ersten Stelldichein gegangen, dem so viel andere folgten in jener kleinen Junggesellenwohnung Rue de Miromesnil. Ihr Herz? Was empfand da ihr kleines, verführtes Frauenherz, das besiegt und erobert worden, als es zum ersten Mal jenes Haus der bösen Traume betreten? Sie wußte es wirklich nicht mehr. Sie hatte es vergessen. Man erinnert sich an eine Thatsache, ein Datum, irgend ein Ding, aber nach zwei Jahren weiß man kaum mehr etwas von einer Gemütsbewegung, die schnell verflogen ist, weil sie nicht gerade sehr tief ging. Ach, sie hatte ja die übrigen nicht vergessen, diesen Rosenkranz von Stelldicheins, diesen Leidensweg der Liebe mit so ermüdenden, eintönigen, ewig gleichen Stationen, daß sie Ekel empfand, wenn sie daran dachte, was ihr in einer Stunde bevorstand. Herr Gott, diese Droschken, die man anrufen mußte, um hinzufahren! Ganz anders wie die Droschken, in denen man sonst fährt. Die Kutscher merkten doch sicher was los war, – sie fühlte es allein schon an der Manier wie man sie ansah. Diese Pariser Kutscheraugen sind gräßlich. Wenn man bedenkt, daß sie alle Augenblicke einmal vor Gericht, nach mehreren Jahren noch, Verbrecher wiedererkennen, die sie nur ein einziges Mal gefahren haben, mitten in der Nacht, von irgend einer Straße an den Bahnhof, und daß sie mit mindestens ebensoviel Fahrgästen zu thun haben, wie es Stunden giebt am Tage, und daß ihr Gedächtnis scharf genug ist, um sagen zu können: Das ist der Mann, der Rue des Martyrs einstieg und am Lyoner Bahnhof ausstieg um zwölf Uhr vierzig am zehnten Juli vorigen Jahres – muß man dann nicht zittern, wenn man das wagt, was eine junge Frau auf's Spiel setzt, wenn sie zu einem Stelldichein fährt, bei welchem sie dem ersten besten Kutscher ihren Ruf anvertraut! Für die Fahrt nach der Rue de Miromesnil hatte sie seit zwei Jahren wenigstens hundert bis hundertzwanzig Kutscher gebraucht, wenn man wöchentlich einen rechnete. Das waren ebensoviel Zeugen, die in einem entscheidenden Augenblick gegen sie auftreten konnten. Sobald sie in der Droschke saß, zog sie den andern Schleier aus der Tasche, dick und schwarz wie eine Maske, und band ihn sich um. Der verdeckte das Gesicht. Aber alles weitere, Kleid, Hut, Schirm, konnte man das nicht erkennen, nicht schon mal gesehen haben? Ach, und in dieser Rue de Miromesnil welche Qual! Sie meinte, alle Vorübergehenden, alle Bediensteten, alle Welt wiederzuerkennen. Wenn der Wagen kaum hielt, sprang sie heraus und lief am Pförtner vorüber, der immer an der Schwelle der Portierloge stand. Der mußte doch alles wissen, alles: ihre Adresse, ihren Namen, den Beruf ihres Mannes, alles, – denn diese Pförtner sind wie die findigsten Polizisten. Sie wollte ihn seit zwei Jahren bestechen, ihm eines Tages etwas geben, ihm einen Hundertfrankenschein zustecken, wenn sie vorüberging. Aber sie hatte nicht ein einziges Mal gewagt, die kleine Bewegung zu machen, ihm das zusammengefaltete Papier vor die Füße zu werfen. Sie hatte Angst. Wovor? Das wußte sie nicht. Etwa zurückgerufen zu werden, wenn er nicht verstand, was es bedeutete? Angst vor einem Skandal, einer Menschenansammlung auf der Treppe, vielleicht vor einer Verhaftung. Um an die Thür des Grafen zu gelangen, brauchte sie nur eine halbe Treppe hinaufzugehen und doch schien sie ihr so hoch wie ein Kirchturm. Kaum im Hausflur, fühlte sie sich wie in einer Falle. Beim geringsten Lärm vor oder hinter ihr, schreckte sie zusammen. Zurück konnte sie nicht; da war der Pförtner und die Straße, die den Rückzug abschnitten. Und wenn gerade in diesem Augenblick jemand die Treppe herunterkam, wagte sie nicht bei Martelet zu klingeln und ging an der Thür vorüber, als ob sie zu jemand anderem wollte. Sie stieg hinauf, stieg, stieg, wäre vierzig Stockwerke gestiegen. Wenn dann alles in dem Treppenhauskäfig wieder still war, lief sie mit erstarrter Seele immer in der Angst, die Thür nicht mehr zu finden, wieder hinab. Er war zu Haus. Er erwartete sie in einem Samtanzug mit Seide gefüttert, sehr kokett aber etwas lächerlich. Und seit zwei Jahren empfing er sie in genau derselben Weise mit ganz genau denselben Bewegungen. Sobald er die Thür geschlossen hatte, sagte er: »Laß mich Deine Hand küssen, meine liebe, liebe Freundin.« Dann folgte er ihr ins Zimmer, wo die Läden geschlossen waren, die Lichter angesteckt, Winter wie Sommer, wahrscheinlich weil er es für schicklicher hielt, kniete dann vor ihr nieder, blickte sie von unten bis oben anbetend an. Den ersten Tag war das sehr nett und sehr passend gewesen. Jetzt meinte sie den Schauspieler Delaunay zum hundertzwanzigsten Mal den fünften Akt eines erfolgreichen Stückes spielen zu sehen. Er hätte sich wirklich einen anderen Effekt ausdenken sollen. Und später! Ach mein Gott, was dann kam, war das Schwerste! Nein, er blieb sich immer gleich, der arme Junge. Ein guter Kerl, aber höllisch ledern. Gott, war das schwer, sich ohne Kammerjungfer auszuziehen! Einmal wäre es noch gegangen, aber jede Woche, das war furchtbar. Nein, ein Mann sollte wirklich eine solche Schinderei einer Frau nicht zumuten. Aber wenn es schon schwer war, sich auszuziehen, so wurde das Anziehen beinah zur Unmöglichkeit. Es machte sie nervös, daß sie hätte laut schreien können, so wütend, daß sie ihren Liebhaber hätte ohrfeigen mögen, wenn er ungeschickt um sie herumtappste und fragte: – Darf ich Dir helfen? Helfen? Jawohl. Wozu? Was konnte er denn helfen? Sie hatte schon genug, wenn sie bloß eine Stecknadel in seinen Fingern sah. Vielleicht hatte sie deshalb solchen Abscheu vor ihm gefaßt! Wenn er sagte: »Darf ich Dir helfen?« hätte sie ihn totschlagen mögen. Und mußte eine Frau nicht schließlich einen Mann hassen, der sie seit zwei Jahren nötigte, sich mehr als hundertzwanzigmal ohne Kammerjungfer anzuziehen? Wahrhaftig es gab nicht viel so ungeschickte Menschen wie er, so langweilig und monoton. Der kleine Baron Grimbal hätte sicher nicht mit so dummem Gesicht gefragt: »Darf ich Dir helfen?« Der hätte einfach geholfen, schnell, spaßig, witzig. Der war ein Diplomat, war in der ganzen Welt herumgekommen. Der hatte ohne Frage Frauen, die nach allen Moden der Welt gekleidet gingen, aus- und angezogen. Es schlug an der Kirche drei Viertel. Sie richtete sich auf, fing an zu lächeln und murmelte: – O, jetzt wird er aber aufgeregt sein. Dann eilte sie schnell davon und verließ die Anlagen. Sie war kaum zehn Schritt gegangen, als sie einem Herrn gegenüberstand, der sie tief grüßte. – Ach, Sie, Baron! – sagte sie erstaunt. Sie hatte eben an ihn gedacht. – Jawohl, gnädige Frau. Er fragte, wie es ihr ginge und sagte nach ein paar allgemeinen Redensarten: – Wissen Sie, gnädige Frau, daß Sie die einzige – Sie erlauben, daß ich sage: meiner Freundinnen – sind, nicht wahr? – die noch nicht meine japanischen Sammlungen angesehen hat. – Aber lieber Baron, eine Frau kann doch nicht so zu einem Jungesellen gehen! – Wieso denn? wieso denn? Da sind Sie doch sehr im Irrtum! Wenn es sich um eine seltene Sammlung handelt! – Sie kann jedenfalls nicht allein hingehen. – Und warum nicht? Eine Unmenge Damen sind allein bei mir gewesen, nur wegen meiner Sammlungen. Täglich kommen welche. Darf ich sie Ihnen nennen? Nein, das kann ich doch nicht. Man muß diskret sein, selbst dann, wenn garnichts dabei ist. Übrigens ist es nur unschicklich, zu einem gesetzten Mann zu gehen, der allgemein bekannt ist, eine gewisse Stellung hat, wenn man ihn aufsucht wegen etwas, dessen man sich zu schämen hat! – Ja, Sie haben eigentlich ganz recht. – Also wollen Sie meine Sammlungen sehen? – Wann? – Nun sofort. – Unmöglich! Ich hab's eilig. – Ach, hören Sie mal, Sie sitzen schon eine halbe Stunde hier in den Anlagen. – Verfolgen Sie mich etwa? – Ich sah Ihnen zu. – Nun, ich habe es wirklich eilig. – Ich glaube es wirklich nicht. Gestehen Sie einmal ein, Sie haben es wirklich nicht eilig. Frau Haggan lachte, und gestand: – Nein .... nein ... nicht ... sehr. Eine Droschke kam an ihnen vorüber. Der kleine Baron rief »Kutscher«, und der Wagen hielt. Dann öffnete er die Thür und sagte: – Steigen Sie ein, gnädige Frau. – Aber Baron, das ist unmöglich, ich kann heute nicht. – Gnädige Frau, Sie sind unvorsichtig. Steigen Sie ein, man beobachtet uns schon. Sie werden einen Auflauf verursachen. Man wird denken, daß ich Sie entführen will und wird uns alle beide verhaften. Steigen Sie schnell ein, bitte. Ganz verstört stieg sie ein. Er setzte sich an ihre Seite und rief dem Kutscher zu: – Rue de Provence. Aber plötzlich sagte sie: – O mein Gott, ich habe einen dringenden Rohrpostbrief vergessen. Bitte fahren Sie mich zuerst einmal zum nächsten Rohrpostamt. Ein Stück davon in der Rue de Châteaudun hielt die Droschke, und sie sagte zum Baron: – Bitte holen Sie mir einen Rohrpostbrief für fünfzig Centimes. Ich habe meinem Mann versprochen, Martelet für morgen zu Tisch einzuladen und habe es ganz vergessen. Als der Baron zurückgekommen war, das blaue Papier in der Hand, schrieb sie mit Bleistift darauf: »Lieber Freund, ich bin sehr unpäßlich. Heftige Nervenschmerzen zwingen mich, zu Bett zu bleiben; ich kann unmöglich ausgehen. Kommen Sie morgen abend zu uns zu Tisch, damit ich Ihre Verzeihung erhalte. Johanna.« Sie netzte den Umschlag, klebte sorgsam zu, schrieb die Adresse darauf: »Graf Martelet, 240 Rue Miromesnil.« Dann gab sie den Brief dem Baron: – So. Nun, bitte, seien Sie so gut und werfen das in den Rohrpostkasten. Die Tote Ich hatte sie bis zum Wahnsinn geliebt. – Warum liebt man? Ist es nicht verrückt, auf der ganzen Erde nur noch ein Wesen zu sehen, nur noch einen Gedanken im Hirn zu haben, einen Wunsch im Herzen, einen Namen im Munde? Ein Name, der unausgesetzt kommt, empor steigt wie das Wasser einer Quelle aus den Tiefen der Seele, der auf die Lippen tritt, den man ausspricht, immer wieder ausspricht, unausgesetzt flüstert, überall, wie ein Gebet. Ich will unsere Geschichte nicht erzählen; in der Liebe giebt es nur eine Geschichte, und sie ist immer die gleiche. Ich war ihr begegnet und hatte sie lieb gewonnen, – das ist alles. Ein Jahr lang hatte ich in ihrer Liebe gelebt, in ihrem Arm, in ihrer Zärtlichkeit, von ihrem Auge bewacht. An ihren Worten, an ihren Kleidern, an allem hängend, gebunden, gefangen durch alles, was von ihr kam: so ganz in Fesseln geschlagen, daß ich nicht wußte, war es Tag oder Nacht, war ich tot oder lebendig, war ich noch auf unserer alten Erde oder schon anderwärts. Und da starb sie. Wie? Ich weiß es nicht, – weiß es nicht mehr. Sie kehrte durchnäßt heim an einem Regenabend, am nächsten Tage hustete sie, hustete etwa eine Woche lang, mußte sich legen. Was dann geschehen ist, weiß ich nicht mehr. Ärzte kamen, schrieben Rezepte, gingen wieder fort. Man brachte etwas aus der Apotheke, eine Frau flößte es ihr ein. Ihre Hände waren heiß, ihre Stirn brannte, Schweiß stand darauf, ihre Augen glänzten und schauten traurig drein. Ich sprach mit ihr, und sie antwortete. Was haben wir uns gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe alles vergessen, alles. Sie starb. Ich erinnere mich noch genau ihres letzten kleinen Seufzers, so schwach, leise, – der letzte! Die Wärterin sagte: »Ach!« Da begriff ich, ich begriff. Ich wußte von nichts mehr. Ich sah einen Priester, der das Wort gebrauchte: Ihre Geliebte. Mir war es, als beleidigte er sie, denn da sie nun tot war, hatte keiner ein Recht mehr, darüber zu reden. Ich warf ihn hinaus. Ein anderer erschien, sehr milde, sehr weich. Ich weinte, als er mir von ihr sprach. Man fragte mich nach tausend Dingen wegen des Begräbnisses. Ich weiß nicht mehr, was es war. Und doch erinnere ich mich noch genau des Sarges, der Hammerschläge, als man sie darin einsperrte. O mein Gott! Sie wurde begraben, eingescharrt! Sie! In diesem Loch! Ein paar Leute waren gekommen, Freunde. Ich riß aus, lief davon, irrte lange durch die Straßen; dann kehrte ich heim. Am nächsten Tage reiste ich ab.   Gestern bin ich nach Paris zurückgekehrt. Als ich mein Zimmer wiedersah, unser Zimmer, unser Bett, unsere Möbel, dieses ganze Haus, an dem alles noch hing, was von einem Menschen nach seinem Tobe bleibt, packte mich noch einmal die Verzweiflung so gewaltig, daß ich das Fenster öffnen und mich auf die Straße hinabstürzen wollte. Ich konnte es, von all diesen Dingen umgeben, von diesen Mauern, die sie einst umschlossen, und beschirmt, nicht mehr aushalten, in diesen Wänden, die in all ihren kleinen unmerklichen Rissen tausend Atome von ihr bewahren mußten, von ihrem Körper, ihrem Hauch, und ich nahm meinen Hut, um zu entfliehen. Plötzlich, als ich an die Thür kam, mußte ich an dem großen Spiegel vorüber, den sie dort hatte aufstellen lassen, um sich täglich, wenn sie ausging, von Fuß bis zu Kopf zu betrachten, zu sehen ob ihre Toilette ihr gut stand, in Ordnung war, hübsch aussah, von den Schuhen bis zum Hut. Und starr blieb ich vor dem Spiegel stehen, der so oft ihr Bild zurückgeworfen, so oft, so oft, daß er doch auch ihr Bild hätte in sich festhalten müssen. Zitternd stand ich da, die Augen auf das Glas gerichtet, das glatte, tiefe, leere Glas, das sie aber völlig festgehalten hatte, und besessen, ebenso wie ich, genau so wie mein leidenschaftliches Auge. Mir war als liebte ich diesen Spiegel – ich berührte ihn – er war kalt. Ach, die Erinnerung! die Erinnerung! Schmerzensspiegel, brennender Spiegel, lebendige furchtbare Scheibe, die Du alle diese Leiden heraufbeschwörst! Glücklich die Menschen, deren Herz gleich einem Spiegel ist, in dem die Erscheinungen auftauchen und wieder verblassen, die alles vergessen, was er wiebergab, alles was vor ihm geschehen ist, alles was sich in seiner Liebe, in seiner Zuneigung betrachtet, gesonnt, gespiegelt hat. O, wie ich leide! Ich ging aus. Und ohne es zu wollen, ganz von selbst, fast ohne es zu wissen, ging ich zum Kirchhof. Ich fand ihr einsames Grab, worauf ein Marmorkreuz stand mit den wenigen Worten: »Sie liebte, ward geliebt und starb.« Da drunten lag sie nun verwest! Entsetzensvoller Gedanke! Ich schluchzte, die Stirn am Boden. Lange, lange blieb ich liegen. Dann merkte ich, daß es Abend ward. Da kam ein verrückter, toller Gedanke über mich, der Wunsch eines an den Rand des Wahnsinns gebrachten Liebenden. Ich wollte die Nacht bei ihr bleiben, die letzte Nacht auf ihrem Grabe weinen. Aber man würde mich sehen und mich fortjagen. Wie sollte ich es anfangen? Ich gebrauchte eine List. Ich erhob mich und begann durch die Totenstadt zu irren. Ich ging und ging. Wie klein sie ist, diese Stadt, neben der anderen, der, in der man lebt. Und doch wie viel mehr Tote giebt es als Lebende! Wir brauchen große Häuser, Straßen, so viel Platz für die vier Generationen, die zu gleicher Zeit das Licht der Sonne genießen, von den Quellen, vom Wein der Weinberge trinken, das Brot der Ebenen essen. Und für all die Generationen von Toten, für diese ganze Stufenleiter der Menschheit, die bis zu uns herabsteigt, ist fast nichts nötig, als ein Feld, – fast nichts. Die Erde nimmt sie auf, die Vergessenheit löscht sie aus. Lebet wohl! Am Ende des Kirchhofs, wo noch begraben wurde, erblickte ich plötzlich den verlassenen Kirchhof, den, wo die längst, längst Gestorbenen ihre Verbindung mit der Mutter Erde eingehen, wo sogar die Kreuze faulen, und wo man vielleicht schon morgen wieder die Letztangekommenen betten wird. Er ist mit wilden Rosen überrankt, mit kräftigen, dunklen Cypressen bestanden, – ein trauriger, wundervoller Garten, vom Leibe der Menschen genährt. Ich war allein, ganz allein. Ich verbarg mich unter einem grünen Baum, versteckte mich gänzlich, zwischen den dunklen dichten Zweigen und, an den Stamm geschmiegt, wartete ich wie ein Schiffbrüchiger auf den Trümmern des Schiffes.   Als es Nacht war, dunkle Nacht, verließ ich mein Versteck und begann leise, mit langsamen, schleichenden Schritten auf dieser Erde dahin zu gehen, darunter Totes an Totem lag. Ich irrte lange, lange, lange. Ich fand sie nicht wieder. Mit ausgestreckten Armen, die Augen aufgerissen, tastete ich mich mit den Händen an den Gräbern hin, stieß mit den Füßen, den Knieen, der Brust, sogar dem Kopf an, irrte auf und ab und fand sie nicht. Ich tastete und fühlte mich fort wie ein Blinder, der seinen Weg sucht; betastete Steine, Kreuze, Eisengitter, Kränze aus Glas-Perlen, Kränze aus verwelkten Blumen. Ich ließ den Finger über die Inschriften gleiten und las die Namen. Welche Nacht! welche Nacht! Und ich fand sie nicht. Kein Mond! Welche Nacht! Ich hatte Angst, eine entsetzliche Angst in diesen schmalen Wegen, zwischen diesen beiden Gräberreihen. Gräber! Gräber! Gräber! Überall, überall Gräber! Rechts, links, vor mir, um mich herum, überall Gräber! Ich setzte mich auf eines, denn ich konnte nicht mehr gehen, mir brachen die Kniee. Ich hörte wie das Herz mir schlug, und ich hörte noch andere Dinge. Was? Ein unnennbares, dumpfes Geräusch. War es in meinen verstörten Sinnen? Lag es in der undurchdringlichen Nacht? Kam es aus der geheimnisvollen Erde, kam es aus der Erde, die besät war mit menschlichen Gebeinen? Ich blickte um mich. Wie lange ich dort geblieben bin, weiß ich nicht. Ich war vom Schrecken wie gelähmt, trunken vor Entsetzen. Ich hätte aufbrüllen mögen, dem Tode nahe. Plötzlich schien es mir, als ob die Marmorplatte, auf der ich saß, sich bewegte. Ja, sie bewegte sich, als hätte man sie emporgehoben. Mit einem Satz sprang ich auf das benachbarte Grab und sah, sah wie der Stein, auf dem ich eben gesessen, sich emporrichtete und der Tote erschien, ein nacktes Skelett, und den Marmor aufhob mit dem gekrümmten Rücken. Ich sah, sah es ganz deutlich, obgleich die Nacht dunkel war. Und auf dem Kreuze konnte ich lesen: »Hier ruht Jakob Olivant, gestorben im einundfünfzigsten Jahr seines Lebens. Er liebte die Seinen, war brav und gut, und starb im Frieden Gottes.« Nun begann auch der Tote zu lesen, was auf dem Grabe stand. Dann nahm er einen Stein vom Wege, einen kleinen, spitzen Stein, und begann emsig an der Schrift zu kratzen. Langsam löschte er sie fort, indem er mit seinen leeren Augenhöhlen die Stelle betrachtete, wo die Buchstaben noch eben gestanden. Und mit der Spitze des Knochens, der sein Zeigefinger gewesen, schrieb er mit flammenden Lettern, wie Zeilen, die man mit einem Streichholz an die Wand malt: »Hier ruht Jakob Olivant, gestorben im einundfünfzigsten Jahr seines Lebens. Er trieb durch seine Härte, seinen Vater, den er zu beerben wünschte, in den Tod; er quälte seine Frau, peinigte seine Kinder, betrog seine Nachbarn, stahl wo er konnte und starb eines elenden Todes.« Als der Tote fertig war mit schreiben, betrachtete er unbeweglich sein Werk. Und wie ich mich umwendete, gewahrte ich, daß alle Gräber offen standen, daß alle Leichen herausgestiegen waren, alle die Lügen weggelöscht hatten, die auf den Leichensteinen von den Hinterbliebenen eingegraben worden, um statt dessen die Wahrheit hinzusetzen. Und ich sah, daß alle, alle Henker ihrer Mitmenschen gewesen, voller Haß, Unehrlichkeit, Heuchler, Lügner, Betrüger, Verleumder, Neider, daß sie gestohlen, betrogen hatten, alles Schmachvolle und Böse vollführt, sie alle diese guten Väter, diese treuen Gattinnen, diese liebevollen Söhne, diese keuschen, jungen Mädchen, diese ehrlichen Kaufleute, – alle diese Männer und Frauen, denen man nachsagte, daß sie tadellos gewesen. Alle schrieben sie zu gleicher Zeit auf die Schwelle ihrer Erdenwohnung die grausame, furchtbare, heilige Wahrheit, die alle auf der Erde nicht kennen oder thun, als ob sie nichts davon wüßten. Und ich dachte, daß auch sie, sie, jetzt auf ihrem Grabstein schreibe. Und nun lief ich ohne Angst mitten zwischen den halbgeöffneten Gräbern, zwischen all den Leichen, den Skeletten hin zu ihr, sicher, sie zu finden. Ich erkannte sie von weitem, ihr Gesicht war in das Schweißtuch gehüllt. Und auf dem Marmorkreuz, auf dem ich vorhin noch gelesen: »Sie liebte, ward geliebt und starb!« gewahrte ich die Worte: »Eines Tages ging sie aus, um ihren Geliebten zu hintergehen, erkältete sich bei Regenwetter und starb.«   Bei Tagesgrauen soll man mich ohnmächtig neben einem Grabe gefunden haben..........