Fritz Mauthner Böhmische Novellen Inhalt Der letzte Deutsche von Blatna Die böhmische Handschrift Nachwort zum vierten Bande Der letzte Deutsche von Blatna Erstes Kapitel Nicht weit hinter dem letzten Hause des böhmischen Städtchens Blatna, dort wo die Straße durch einen steilen Hohlweg nach der Eisenbahnstation Oberndorf führt, lag am Wolfsberge ein verlassener Steinbruch, den zwei Knaben und ein kleines Mädchen als ihren angestammten Besitz, als ihren Spielplatz und ihr Museum betrachteten. Die Höhe des Wolfsberges, eines flachen Hügels, hätte die Kinder mit manchen Reizen locken sollen. Da stand auf dem Plateau die Zuckerfabrik, die einzige Fabrik und der einzige hohe Schornstein der Gegend, da stand jenseits des Hohlwegs vor einer Wildnis von Granitblöcken und Fichtenbäumen die kleine stille weißgetünchte Marienkapelle, da erblickte man gegen Norden fern hinter stattlichen Klostertürmen die schwarzblauen Waldkuppen des Riesengebirges, da schaute man gegen Süden auf die langgezogene Stadt Blatna hinunter bis zum Flüßchen Bjelounka. Von all den Herrlichkeiten gefiel dem jungen Volke nichts so sehr wie der Steinbruch, um dessen Besitz die feindlichen Väter gestritten und in dessen Höhlungen die befreundeten Kinder sich schon versteckt hatten, bevor der Prozeß noch entschieden war. Anton Gegenbauer – nach Landessitte Gegenbauer-Anton genannt –, der etwa fünfzehnjährige Realschüler, war der Sohn des Mannes, dem jetzt der ganze Wolfsberg mitsamt der schönen Zuckerfabrik und dem wertlosen Steinbruch gehörte. Sein Altersgenosse Zaboj Prokop und dessen noch nicht zehnjähriges Schwesterchen Katschenka waren die Kinder des riesigen Svatopluk Prokop, der das ganze Anwesen, zuletzt auch den Steinbruch, an den Deutschen verloren hatte, dann unter die Soldaten gegangen und eben erst in diesem Sommer bei Gitschin, nicht allzuweit von der Heimat, durch eine streifende preußische Kanonenkugel an den Beinen gelähmt worden war. Das Jahr 1866 zeichnete sich für die Kinder nur durch die Verwundung Svatopluks, durch ein flüchtiges Erscheinen von Truppen und durch viermonatige Ferien aus. Solange brauchten die Knaben nicht nach ihrer Kreis- und Schulstadt zurückzukehren und durften ihre unvordenkliche Freundschaft recht gründlich auffrischen. Das kleine Mädchen konnte nach Herzenslust singen und spielen, und die Knaben hatten Gelegenheit, kindliche Gelehrsamkeit und unfertiges Denken in altklugen Gesprächen zu erproben. Das Leben im Steinbruch zwang sie zu allerlei Turnkünsten. Schon der Zugang war nicht leicht. Zaboj und Katschenka, welche von der Straße her, also von unten in den Steinbruch drangen, mußten mit großen Sätzen über die wilden Brombeerranken hinwegspringen, welche den einzigen ebenen Pfad versperrten. Und Anton Gegenbauer mußte gar durch die kleine Hintertür des »Trutzhauses«, das hart am Rande des Steinbruchs lag, zu den Freunden hinabsteigen und dabei einen ganz halsbrecherischen Steig benutzen, der sich nur wenige Zollbreit vom Rande der Schlucht in Zickzacklinien beinahe vier Klafter hinunterzog. Sie waren alle an diesen Weg so gewöhnt, daß sie seiner Gefahr nicht mehr achteten. Auch Zaboj und Katschenka kletterten wie Katzen hinauf und herunter, denn die Reize dieser Steinwand waren nicht gering. Gleich unten nach den ersten Schritten gab es eine richtige Terrasse, einen Fuß breit und einige Fuß lang, auf der die Kinder nebeneinander niederkauern und mit den Füßen schlenkern konnten; weiter oben gab es eine verwitterte Stelle, auf welcher ein armes verkrümmtes Fichtenbäumchen wurzelte, dann kam ein Erdbeerstrauch, der mit jedem Jahre mehr Früchte trug, weil die Kinder niemals ein Blatt oder eine Blüte abrissen. Dann ging es endlich an einer geräumigen Höhle vorüber, in welcher alle drei Kinder aufrecht Platz hatten, wo sie sich vor Sturm und Regen schützen konnten, und wo die kleine Katschenka wohl auch ihr Mittagsschläfchen hielt, während die Knaben ihre eben erworbenen Kenntnisse in den Gesprächen übten, die ihnen während der Ferien immer bedeutend vorkamen. Diese Höhle war die letzte Tat der Steinbrecher gewesen. Noch waren die Bohrlöcher zu sehen, von denen aus die Felsplatte zwischen der Höhle und dem jetzigen Wohnhause hätte gesprengt werden sollen. Aber gerade da hatte der wertvollere härtere Sandstein ein Ende genommen. Und die Anlage war darum verödet. Die Höhle war aber nicht alles. An der tiefsten Stelle des Steinbruchs gab es nach jedem Regen tagelang einen kleinen Wassertümpel, in welchem jedesmal auch, wie vom Himmel gefallen, niedliche Wasserkäfer erschienen. Katschenka pflegte in dieser natürlichen Wanne unter großem Geschrei ihre Fußbäder zu nehmen, während Anton und ihr Bruder die Käfer fingen und auf lange Nadeln spießten. Unerschöpflich aber war die Fülle von Schmetterlingen, welche dieser Schlupfwinkel für ihre Insektensammlungen lieferte. Der gemeine Kohlweißling schien sich seiner Armseligkeit zu schämen und ließ sich kaum blicken. Auch das Kuhauge und der kleine Fuchs flogen nur so am Rande hin. Doch der große Fuchs, der Distelfalter und der Trauermantel waren tägliche Gäste. Und wenn an einem windstillen Vormittage die Sonne prall auf die Wand niederschien, in deren Höhe die dunkle Höhle lag, so schaukelte sich auf jeder Blüte, auf jeder Brombeerranke, über jedem Grashalm ein bunter Falter. Und nicht selten ließ sich sogar am Rande des Tümpels ein großer Schwalbenschwanz mit weit ausgespreizten Flügeln nieder. Der Verkehr der Kinder war unterbrochen worden, während Svatopluk Prokop krank zu Bette lag. Anton saß oft stundenlang allein auf der Steinbank, die sie ihre Terrasse nannten, und blickte erwartungsvoll nach der Landstraße, ob sein Freund Zaboj nicht käme und die kleine Katschenka, welche ja noch ein dummer Fratz war, ohne welche ihm aber der Steinbruch, trotz Wasserkäfern, Schmetterlingen und Mauerschwalben, merkwürdig tot erschien. Endlich gegen Mitte September kamen die »Prokopischen« eines Nachmittags schnell herauf, nicht über die Straße, sondern stapfend über die Stoppelfelder. Sie waren seltsam angezogen. Zaboj hatte die Füße in hohen Schäftenstiefeln, den Leib in einem Schnürenrock stecken; auf dem Kopfe saß ihm ein rundes Hütchen mit einer Reiherfeder. Er sah aus wie ein mißglückter Pole auf den Brettern einer kleinen Dorfbühne. Um so lieblicher guckten Katschenkas runde Wangen aus dem rotbedruckten Tuche, das einfach ums Haar gelegt und unter dem Kinn verknotet war, und allerliebst stand ihr auch das weiße Schürzchen auf dem knallroten Kleide. Sie hatte sich gleich zu Hause für ihr Bad fertiggemacht und kam bloßfüßig daher; Schuhe und Strümpfe trug sie in der Hand. Die Knaben begrüßten sich mit raschen Fragen und Antworten; doch wollte lange keins ihrer bedeutenden Gespräche in Gang kommen. Sie hatten einander zu lange nicht gesehen. Während Katschenka bald im Tümpel plätscherte, bald umhertobend die rundlichen Füße trocknen ließ, saßen die Knaben stumm nebeneinander auf der Steinbank. Endlich begann Anton: »Was habt ihr heute für Kleider an? Wollt ihr euch auf dem Jahrmarkt sehen lassen?« »Wir sind Tschechen, das heißt, wir sind richtige Böhmen und tragen unser Nationalkostüm.« Zaboj antwortete das in geläufigem Deutsch, aber seine Aussprache war schwer und hart. Namentlich die Mitlaute schleppte er mühsam wie beim Buchstabieren und hatte Neigung, die erste Silbe eines jeden Wortes zu betonen. »Warum seid ihr Tschechen?« fragte Anton nach einer kleinen Weile. »Ihr sprecht doch ebenso Deutsch wie ich und mein Vater.« Zaboj fiel schnell ein: »Niemand darf wissen, daß wir von dir so gut Deutsch gelernt haben. Bei uns zu Hause wird nur Böhmisch gesprochen. Mein Vater glaubt, daß ich es in der Schule gelernt habe, und schimpft daher auf den Lehrer. Daß Katschenka auch so gut Deutsch kann, weiß er nicht und darf es nicht erfahren. Unser Vater ist ein Tscheche, ein guter Böhme.« Nun hielt es Anton für angebracht, zu einer ihrer beliebten tiefsinnigen Streitigkeiten überzugehen. »Ich glaube doch, daß die Menschheit immer eine große Hauptsache bleibt,« sagte er, während er den Rücken gegen die Felswand lehnte und die Beine wagrecht vor sich hinstreckte. »Alle Menschen müssen einander achten, auch wenn sie verschiedenen Stammes sind, zum Beispiel du und ich.« »Nein,« schrie Zaboj, seine grauen Augen verdunkelten sich, und er sprang mit einem Satze von der Terrasse in den Steinbruch hinunter. »Nein,« schrie er noch einmal und stellte sich dem Genossen, aufblickend, mit tragisch erhobener Hand, gegenüber. »Erst muß uns unser Recht werden, bevor wir euch Deutsche als Menschen achten können!« »Aber wir beiden bleiben doch Freunde fürs Leben,« sagte Anton, während er gemächlich hinunterstieg. »Nein,« schrie Zaboj wieder. »Das heißt, ich bin dein Freund; aber du mußt dann Tscheche werden, sonst wirst du trotz meiner Freundschaft gehängt, an dem Tage, wo wir alle Deutschen in Böhmen hängen werden.« Anton dachte nach, der Tod schien ihn nicht zu erschrecken, die Sache fesselte ihn offenbar nur philosophisch. »Wenn aber ein Deutscher eine Tschechin liebt, so überwindet doch die Liebe den Haß.« Auch dies sagte Anton, ohne an sich selbst oder an das Leben überhaupt zu denken; ihm schwebten Szenen aus einem gelesenen Trauerspiele vor. Zaboj aber lachte auf. »Du meinst Katschenka?« Anton wurde rot und rief: »Ich sprach nur so im allgemeinen. Ich will also sagen: wenn ein Tscheche ein deutsches Mädchen liebt, was dann?« Zaboj verschränkte die Arme über der Brust und sagte entschieden: »Ein Tscheche wird niemals eine Deutsche lieben, und wenn ein Deutscher sich's einfallen läßt, eine böhmische Jungfrau zur Heirat zu zwingen, so wird sie ihn in der Brautnacht erdrosseln.« Zaboj hatte keine klare Vorstellung von dem, was er sprach; es freute ihn nur, nun auch die Erinnerung an ein Buch anzuwenden. Da kam Katschenka herbeigelaufen und wies in der rechten Hand einen zerdrückten Zitronenfalter. »Die dummen Rübenfelder,« rief sie mit derselben Aussprache wie ihr Bruder. »Der Klee früher war viel schöner, jetzt gibt es fast gar keine Pfauenaugen mehr!« Zaboj faßte das Schwesterchen zärtlich um und schwang es zu sich empor. Anton aber wagte nicht das Kind anzusehen und sagte zu Zaboj: »Komm in die Höhle, dort wollen wir weiter reden.« Als sie in dem dämmrig kühlen Räume nebeneinander saßen und Katschenka unten singen und tollen hörten, begann Anton: »Das ist eine große Ungerechtigkeit; ich bin einmal ein Deutscher und kann doch nicht anders werden.« Zaboj hatte die Augen geschlossen und sprach dumpf wie ohne Bewußtsein: »Ein jeder Böhme muß ein Tscheche sein, sonst wird er totgeschlagen. – Totgeschlagen –,« wiederholte er, »ohne Gnade und Barmherzigkeit; wir können nicht anders, es ist euer Schicksal.« »Das ist nicht wahr!« rief Anton, dem es unheimlich zu werden begann. »Das wird euch der Kaiser nicht erlauben.« »Wir kennen den Kaiser nicht, den Kaiser in Wien! Wir kennen nur einen König von Böhmen, der wird auf dem Hradschin wohnen und uns Tschechen tun lassen, was wir wollen. Ich bitte dich, Gegenbauer-Anton, werde ein Tscheche, sonst wirst du auch totgeschlagen.« »Ich glaub' dir nicht. Du redest nur so, um dich patzig zu machen und um mich zu erschrecken.« »Ich weiß, was ich weiß,« sprach Zaboj trotzig. Anton lachte plötzlich auf. »Erst hast du mich mit Aufhängen bedroht und jetzt mit Totschlagen; da siehst du, daß du nichts weißt.« Da sprang Zaboj empor und sagte ganz leise: »Willst du schwören, daß du mich nie verrätst, so will ich dir beweisen, was ich sage.« Auch Anton hatte sich erhoben und zitterte vor Erregung. »Wobei soll ich schwören?« Der tschechische Knabe überlegte ein Weilchen. Dann sagte er feierlich: »Schwöre mir bei Schiller und Goethe, daß du mich nie verraten wirst.« »Ich schwöre bei Schiller und Goethe, daß ich dich nie verraten werde.« Zaboj senkte seine Stimme zu einem dumpfen Flüsterton: »Du weißt doch die Hussitenkriege! Damals hat sich das böhmische Volk wie ein Mann erhoben, hat gemordet und gesengt und hat viel mehr Fürsten besiegt, als wir in der Schule gelernt haben. Sie sind in ganz Europa umhergezogen, und ich glaube, sie haben auch Amerika erobert.« »Du,« unterbrach ihn Anton schüchtern, »Amerika war, glaube ich, noch nicht entdeckt.« »Das ist einerlei,« schrie Zaboj. »Die Hussiten unterjochten die ganze Welt. Dann aber wurden sie uneinig untereinander, und die deutschen Kaiser sind ins Land gebrochen und haben die Böhmen verfolgt und gemartert, auch viel mehr, als wir es in der Schule lernen. Du weißt, die Hussiten sind mit schweren eisernen Morgensternen in die Schlacht gezogen, nicht mit Säbeln und Flinten. Sei still! Ich weiß, daß das Schießpulver noch nicht erfunden war. Es waren vielleicht andere Flinten. Aber die Morgensterne haben wir erfunden.« Anton faßte den Freund begütigend bei der Hand. »Das will ich dir glauben,« rief er. »Aber woher weißt du alle diese wichtigen Sachen, die in der Schule niemals vorkommen?« Zaboj brummte verlegen vor sich hin. Es schmeichelte ihm, daß der fleißigere Genosse einmal sein besseres Wissen anerkennen mußte; aber er durfte die Quelle seiner Weisheit nicht vollständig verraten. Endlich sagte er zögernd: »Du weißt, seitdem Vater krank ist, kommt der Kaplan oft zu uns ins Haus, der Pfaff.« »Natürlich! Er hat ja für euch gesorgt, solange euer Vater bei den Soldaten war. Das war doch sehr schön von ihm!« Zaboj zitterte vor Ungeduld. »Ja, ja!« rief er. »Das heißt, er ist ein leiblicher Neffe unserer seligen Mutter. Von dem also hab' ich die Bücher über die Hussiten und ihre unzerstörbaren Waffen.« »Was ist das wieder Neues?« Zaboj antwortete fast andächtig: »Ihre Morgensterne, an denen das Blut der Deutschen klebt, sind aufbewahrt worden, und in jedem alten böhmischen Hause ist ein solcher Morgenstern versteckt. Auch in unserer Scheune hängt an der Wand ein schwerer, alter, blutiger Morgenstern.« Nach einem Weilchen fuhr Zaboj mit unheimlicher Freude fort: »Und wenn der Tag gekommen ist, dann wird in jedem guten böhmischen Hause, um Mitternacht, ein Mann erscheinen, niemand wird ihn kennen, aber er wird einen silbernen Morgenstern in der Hand halten, und wird im Auftrage des geheimen Prager Ausschusses die Stunde bestimmen, wann wir losbrechen sollen. Dann wird kein Deutscher in Böhmen leben bleiben.« Katschenka rief hinauf: »Ich bin müde und Vater wird böse sein! Wir müssen nach Hause gehen.« Sofort schickten die Knaben sich an, zu ihr niederzusteigen. Es fing an zu dunkeln und sie mußten auf jeden Schritt achten. Sie sprachen kein Wort. Unten angekommen, sagte Anton: »Ich glaube dir nicht, wenn du mir nicht den Morgenstern zeigst.« »So komm!« – Als wollten sie Äpfel von fremden Bäumen holen, so scheu eilten die Knaben zuerst um Hecken und Gärten herum, bis sie den oberen Teil des Städtchens, das eigentlich nur eine einzige lange Gasse bildete, umgangen hatten. Wollten sie keinen zu großen Umweg beschreiben, so mußten sie jetzt um die Brauerei auf den Markt einbiegen, den sogenannten »Ring«, einen großen, regelmäßigen Platz, den auf allen Seiten stattliche steinerne, auf Säulen oder Pfeilern vorspringende Gebäude umgaben. Hinter den Säulen und Pfeilern zogen sich rund um den »Ring« breite Arkaden, die »Lauben«. Zaboj zog den Freund unter lebhaften Gesprächen im Dunkel dieser Lauben fort, während Katschenka fröhlich über die breiten Steine des Platzes lief. An der Kirche und dem Rathause vorbei eilten die Kinder die untere Gasse hinab, die zwischen kleinen einstöckigen, aber sauberen Häuschen in leiser Krümmung zur Bjelounka führte. Beide Knaben kannten die historische Bedeutung des Flusses für die Geographie dieses Landesteils. Die Bjelounka bildete von alter Zeit her die scharfe Grenze zwischen der tschechischen und der deutschen Bevölkerung, zwischen der slawischen Niederung und dem Berglande. Das Dreieck, welches sie mit der Elbe und mit der Grenze formt, war so vollkommen deutsch, daß der Fährmann nicht wußte, wie Wasser auf slawisch hieß. Und sogar Bier vermochte er auf dem anderen Ufer nur auf deutsch zu verlangen. Im Norden setzte sich das deutsche Gebiet bis an die Landesgrenze weiter fort, im Süden aber war das Mauthäuschen von Blatna das letzte Stück deutschen Bodens, und schon der heilige Nepomuk auf der Brücke hätte Tschechisch gesprochen, wenn Schweigen nicht seines Amtes gewesen wäre. Das war jetzt freilich schon ganz anders geworden. Seit den zwanziger Jahren waren tschechische Familien über die Bjelounka herübergekommen. Armes Tagelöhnervolk suchte hier bei den strebsamen Gewerbetreibenden Arbeit, und wohlhabendere Männer wieder kauften sich an, wenn Haus und Feld eines Bürgers unter den Hammer kam. Schon im Jahre 1848 war es so weit gekommen, daß die eigentliche Gasse südlich und nördlich vom Ring fast vollständig von Tschechen bewohnt war, und in den Stürmen des Revolutionsjahres, wo alle alten Verhältnisse durcheinandergeworfen wurden, kam manches Ringhaus, manche Stube im Rathaus und sogar die Sakristei der Kirche in tschechische Hände. Das hatte sich so gemacht, ohne daß eigentlich der Stammesunterschied wesentlich beachtet wurde. Der alte Besitzer zog eben aus, wenn es ihn nach einer größeren Stadt oder nach einer fruchtbareren Gegend verlangte, oder wenn Unglück ihn zum Verkauf zwang; und der neue Besitzer zog ein, wenn er den Preis bezahlen konnte. So war gerade an dieser Stelle die Sprachgrenze schon durchbrochen; aber immer noch hatte die Bjelounka ihre Bedeutung nicht verloren. Es gab in Blatna sehr viele Leute, denen es schwer fiel, Deutsch zu sprechen; aber gemeinsam fühlten sie sich doch als eine deutsche Ortschaft. Vom Wolfsberge, wo, der Marienkapelle gegenüber, neben der Zuckerfabrik das »Trutzhaus« des Gegenbauer mit seinem Spruche: Ein deutsches Herz, ein deutsches Haus Sie bleiben fest im Sturmgebraus – nach Süden hinunter trotzte, vom Wolfsberge bis zum heiligen Nepomuk auf der Brücke gab es ein deutsches Städtchen Blatna, dessen viertausend Seelen mit Stolz auf Tschechisch-Blatna, das schmutzige Dorf jenseits der Bjelounka, herabsahen. Sie fühlten sich wie auf einem Vorposten. Sie zitierten bei allen Gaufesten die Inschrift des »Trutzhauses«. Der alte Direktor, ein Magdeburger, hatte sie verfaßt und aufmalen lassen, als das Haus für ihn stattlich genug errichtet worden war. Jetzt lebte dort außer zwei Unterbeamten der alte Gegenbauer selbst im »Trutzhaus«. Nur über den Sonntag, vom Samstag abend bis Montag früh, war er in dem Familienhause auf dem Ring. Seit dem Tode seiner Frau. Die Knaben verstummten, während sie über die Holzbrücke diesem Dorfe zuschritten. Nur Katschenka dachte daran, vor dem Heiligen ein Kreuz zu schlagen. Langsam schlichen die Kinder dann dem Gehöfte des Svatopluk Prokop zu. Zwischen armseligen, mit faulendem Stroh gedeckten Hütten, vorbei an dem übelriechenden Teiche, auf welchem unappetitliche Enten jedesmal wie zornig aufquakten, bevor sie die dicken Köpfe unter die grünliche Decke ins trübe Wasser tauchten. Vor einer schlecht gehaltenen Scheune blieben sie stehen und Zaboj schickte sein Schwesterchen in die verfallene Hütte zum Vater hinein. »Paß auf!« sagte er leise. »Er schlägt mich, wenn er erfährt, daß ich dem Gegenbauer-Anton das große Geheimnis verrate. Er kann sich auf seinen Krücken viel rascher bewegen, als man glaubt. Sing ihm ein Lied vor, damit er uns nicht überrascht!« Dann führte er Anton an der Hand in die Scheune hinein. Dieser konnte in der Dunkelheit nichts erkennen als einen umgestürzten Pflug und einen Leiterwagen. Zaboj aber verschwand im Hintergrunde und kam dann mit der schweren Waffe in der Hand zurück. Er hielt sie vor das halbgeöffnete Scheunentor, damit Anton sie beim Dämmerlichte betrachten konnte. Es war ein derber Dreschflegel; sein kurzes Ende lief in eine Eisenkugel aus, so groß wie ein Kinderkopf, und aus der Eisenkugel hervor starrten gegen zwanzig starke rauhe Eisenspitzen. Zaboj faßte das Holz mit beiden Händen, hob den Morgenstern der Hussiten hoch empor und rief mit gedämpfter Stimme: »Und wenn wir wieder zu unseren Morgensternen greifen, so werden wir die Deutschen zertrümmern und Böhmen wird frei werden vom Riesengebirge bis zum Böhmerwald!« Zweites Kapitel Die unerbittliche Feindschaft ihrer beiden Volksstämme hinderte die Knaben nicht, sich von jetzt ab noch enger aneinander zu schließen. Und als die langen Ferien des Kriegsjahres vorüber waren, wurde ihr heißer Wunsch erfüllt, sie wurden beide nach Prag geschickt, um dort noch einige Jahre den Unterricht zu genießen, den die Kreisstadt nicht gewähren konnte. Daß Anton die Oberrealschule nur in Prag besuchen konnte, war längst ausgemacht. Sein Vater brachte ihn hin und fand für ihn ein gutes Unterkommen bei einer stillen ältlichen Finanzoberaufseherswitwe. Anton hatte dort ein sauberes, abgelegenes Stübchen für sich, und wenn das Fenster auch nur auf einen engen, dunkeln Hof hinausging, so konnte er sich damit trösten, daß die Straße, in der er wohnte, noch enger und unfreundlicher war, als der Hof. Zaboj war in einer schlimmeren Lage. Trotzdem sein Zeugnis ein sehr gutes war, sollte er ein Handwerk lernen, weil sein Vater die Kosten einer gelehrten Laufbahn nicht aufzutreiben vermochte. Doch kurz vor dem Ende der Ferien ließ sich sein Pate, der Pfarrer an einer reichen Kirche in der Prager Vorstadt Smichow war, durch den Blatnaer Kaplan bewegen, für den Knaben zu sorgen. Zaboj konnte das Obergymnasium auf der Prager Altstadt besuchen, ohne daß Svatopluk Prokop auch nur einen Kreuzer auszugeben brauchte. Und auch die Universitätsstudien sollten vom Paten und von frommen Stiftungen gesichert werden, wenn Zaboj nur einverstanden war, Theologie zu studieren, und später entweder die Weihen zu, empfangen oder auch in einen Orden einzutreten. Zaboj sprach niemals über die oft heftigen Beratungen, welche dem Entschlusse vorausgingen. Erst als er knapp vor Beginn des neuen Schuljahres im Herbst nach Prag kam und dem Freunde von Katschenka einen Gruß und vom alten Gegenbauer einen Sack vorzüglicher Äpfel mitbrachte, sagte er ganz obenhin: »Ich werde Theologie studieren und ein Pfaffe werden.« Dann aber sprach er schnell von etwas anderem, so daß der erstaunte Anton gar nicht wagte, von dieser entsetzlich wichtigen Sache zu reden. Zaboj schämte sich offenbar vor dem Genossen. Sie hatten natürlich hundertmal die Religion in den Kreis ihrer Dispute gezogen, und da hatte es sich immer von selbst verstanden, daß sie beide Freigeister wären. Die veränderte Lage wirkte auch auf ihren Verkehr ein. Zaboj war in dem klösterlich eingerichteten Konvikt untergebracht, wo er unter der Aufsicht von Ordensleuten mit etwa hundert Knaben verschiedenen Alters zusammenwohnte, die alle für den geistlichen Stand bestimmt waren. Er wurde strenge beaufsichtigt und ein Verkehr mit weltlichen Schülern ungern gesehen. Die Feiertage mußte er vollends bei seinem Paten in Smichow zubringen, und so blieb den Freunden nicht viel Gelegenheit, sich ordentlich auszusprechen. Anton, der sich freier fühlte, sorgte aber nach Möglichkeit dafür, daß sie einander nicht entfremdeten. Wenn seine Schule früher aus war als die des Freundes, dessen Stundeneinteilung er genau kannte, so wartete er in dem Hofe des alten Jesuitenklosters, wo das Gymnasium sich befand. Dann schloß er sich den heimkehrenden »Konviktisten« an und begleitete den dankbaren Zaboj über die Jahrhunderte alte Steinbrücke und durch die steile Spornergasse bis zu dem finsteren Hause des Konvikts. Jeder der geistlichen Schüler war verpflichtet, nicht nur seine eigenen Sünden zu beichten, sondern auch, aus Liebe zur Kirche und zum Seelenheile seiner Gefährten, den Lebenswandel der andern anzugeben. Die bravsten Bauernjungen, welche zu Hause sich lieber hätten totschlagen lassen, als Verräter zu werden, wurden unter dieser Zucht bald des Aufpassens und des Anzeigens gewohnt. So dauerte es nicht lange, bis Zabojs Freundschaft für den deutschen Landsmann zu den Ohren der Oberen kam und er darüber mit väterlicher Strenge zur Rede gestellt wurde. Zaboj sagte die Wahrheit; er leugnete nicht, daß Anton sein ältester Jugendfreund war; deutete auf dringendes Verlangen auch an, daß sein Schwesterchen Katschenka ihn lieb habe, aber er fügte hinzu, daß er niemals unterlasse, Anton zum Tschechentum zu bekehren. Darauf wurde er belobt und ihm ausdrücklich die Erlaubnis erteilt, den Verkehr mit dem Gegenbauer-Anton zu pflegen, wenn er sich nur von dessen weltlichem Sinne nicht anstecken ließe. Zaboj sah darin eine Aufmunterung, in seinem Streben fortzufahren. Aber es bedurfte dessen nicht. Je weiter die Studien der beiden jungen Leute sich voneinander entfernten und je peinlicher sie ihre ehemaligen Religionsgespräche vermieden, desto einseitiger haftete ihre Unterhaltung an der Nationalitätenfrage. Man hätte aus manchen Anzeichen schließen können, daß der Fanatismus des künftigen Geistlichen immer noch wuchs. Seine Aussprache des Deutschen wurde langsam noch härter und schwerfälliger, und sein Haß gegen alles Deutsche verstieg sich bis zu einer förmlichen Wut gegen die deutschen Firmentafeln in den Straßen, gegen die deutschen Schulbücher in Antons Hand, gegen die deutschen Gespräche der vorüberwandelnden Menschen. Anton kam nicht häufig zu Worte; unaufhörlich redete Zaboj in den Freund ein, und was er sprach, war immer wieder eine wildbegeisterte Darstellung der böhmischen Geschichte, deren Monumente ringsumher standen, wenn sie über die steinerne Brücke einherschritten. Dann streckte wohl Zaboj seine rechte Hand aus und wies auf die Königsburg, die einst der Sitz der mächtigsten Herrscher war, oder er zeigte den Berg, von welchem die Hussiten ausgezogen waren, um Europa in Schrecken zu setzen. Dann wieder funkelten seine Augen düster auf, wenn er vom Dreißigjährigen Kriege erzählte, der dort oben hinter den altersgrauen Mauern mit dem nachahmenswerten Fenstersturz begonnen und dessen letzter Schuß die letzte Kanonenkugel in diesen Brückenturm gekeilt hatte, wo sie noch heute steckte. Anton hatte zu wenig Geschichte gelernt, um begründen zu können, was er dem Freunde bescheiden einwarf: daß auch nach seiner Darstellung doch nur die deutschen Kaiser es waren, die Prag zu einer so schönen Stadt gemacht hatten. Zaboj durfte nur in den großen Herbstferien nach Hause gehen. Aber auch dort war der Verkehr der Knaben kein harmloser. Der tschechische Kaplan kam seinem zukünftigen Amtsbruder schon jetzt freundlich entgegen, und Zaboj mußte mit seinem mühsam erlernten, dem Volke kaum verständlichen, vornehmen tschechischen Stil, wie er neuerdings in den Kreisen der slawischen Führer Mode geworden war, die Predigten ausfeilen, welche der Kaplan allsonntäglich in Blatna und ab und zu in nahen Ortschaften mit gemischter Bevölkerung hielt. Der Gymnasiast schloß sich dem Kaplan gern an, weil er in ihm den wichtigsten Vertreter der Propaganda in seiner Heimat verehrte. Aber die Qualen, die sein aufgezwungener Beruf ihm bereitete, konnte er ihm nicht anvertrauen. Anton, dem Deutschen, wollte er erst recht sein Herz nicht ausschütten, und so trieb er sich während der schönen Ferienzeit jedesmal einsam umher, von Jahr zu Jahr verschlossener, wenn er nicht mit dem eigenen Vater in der dumpfen Stube beisammen saß und ihm allen Jammer ins Gesicht schleuderte, welchen er über die Schmach seiner Heuchelei empfand. Anton war dem Steinbruch treu geblieben; aber er konnte dort nicht viel anderes tun, als daß er in der schattigen Höhle seine Bücher las und sich im Zeichnen übte. Das Sammeln von Schmetterlingen hatte er aufgegeben, und mit Katschenka, die sich fast täglich wie ein Kätzchen heranschlich und ihn zu gemeinsamen Streifereien verlocken wollte, mochte er nicht mehr spielen. In den ersten Jahren machte es ihn verlegen, mit dem sich rasch entwickelnden Kinde allein umherzutollen; und nach den letzten Realschulferien, da er fast achtzehn Jahre alt war, schaute er auf die noch nicht zwölfjährige Katschenka etwas von oben hinab, wenn er auch zugeben mußte, daß sie bis auf das Stumpfnäschen ein ganz prächtiges hübsches Kind war. Beim Beginn des neuen Schuljahres trat Anton nun bereits in das Polytechnikum ein, während Zaboj noch die oberste Klasse des Gymnasiums besuchen mußte. Sie kamen in diesem Jahre nur äußerst selten zusammen, am häufigsten noch in der Frühe von klaren Sommertagen, wenn sie beide mit ihren Schulbüchern in den schattigen Gängen des großen Baumgartens lernend auf- und niedergingen. Anton, der doch einst die Fabrik des Vaters übernehmen und darum den Maschinenbau gründlich verstehen lernen sollte, hatte vollauf mit den neuen Wissenschaften zu tun. Zaboj mußte sich für die Maturitätsprüfung vorbereiten und fühlte überdies, daß er noch mehr als sonst überwacht wurde. Er mochte auch ein schlechtes Gewissen gegen seine geistlichen Oberen haben; denn jedesmal, wenn er frühmorgens in einer Allee des stillen Baumgartens mit dem Landsmann zusammentraf, überraschte er ihn durch dumpfe Klagerufe über seine Lage. Er sprach sich auch jetzt noch nicht offen aus, hielt niemals den Fragen des Freundes stand, aber Anton konnte nicht daran zweifeln, daß der junge Tscheche das ihm aufgedrängte theologische Studium haßte. Die jungen Leute konnten dabei nicht viel von der schönen Natur genießen. Wohl waren sie täglich mit Sonnenaufgang aus den Federn und eilten ins Freie, aber jeder hatte ein Buch in der Hand; der Techniker lernte die Ziffern aus einem Lehrbuch der anorganischen Chemie, der Gymnasiast die gewundenen Sätze seiner Religionslehre auswendig. Sie begegneten einander häufig in der Uferallee des herrlich grünen Gartens, aber sie hatten beide keine Zeit zum Plaudern. Sie nickten einander stumm zu und schritten eilig aneinander vorüber, ein jeder sein Pensum mechanisch vor sich hinmurmelnd. Doch eines Morgens, als nach einem warmen Nachtregen alte Vögel des Gartens einander überzwitscherten und die Sonne schon in aller Frühe lustig brennend die feuchte Erde zu trocknen begann, fand Anton seinen Freund auf dem einsamen Wege hinter dem Eisenbahnwall in heller Verzweiflung. Zaboj hatte sich auf eine entlegene Bank geworfen; und das Gesicht in seine Hände gepreßt, schrie und schluchzte er wie ein Kind. Als er den Freund erblickte, der erschrocken hinzulief, versuchte er anfangs seine Tränen und seine Aufregung zu verbergen, dann aber faßte er Anton plötzlich bei den Schultern und laut aufschluchzend beugte er seinen Kopf zu ihm hinab. »Was hast du? So sprich endlich, ich bin doch dein Freund! Vertraust du mir nicht?« so bat Anton, dem selbst das Weinen vor Angst und Mitleid nahe war. Da hob Zaboj die geballten Fäuste und schrie: »Mordsakrament, ich kann kein Pfaff werden! Ich glaube ja nicht, was ich mein ganzes Leben lang predigen soll.« Sie gingen in heftiger Bewegung auf und nieder vor der Bank, auf welcher das Schulbuch der Religionslehre liegen geblieben war. Als ob die Schleusen eines Bergsees aufgezogen würden, so stürzte nun alles mit wilder Beredsamkeit vor, was der geistliche Schüler bis heute vor dem Genossen zurückgedrängt hatte. Ein Richter, der sich bestechen ließ, ein Arzt, der mordete, ein Journalist, der seine Feder verkaufte, niemand schien ihm so erbärmlich, so schamlos, so niederträchtig wie ein heuchlerischer Geistlicher, wie ein Mann vor dem Altar, der selber ungläubig war und dem Volke Hokuspokus vormachte. Und wieder und wieder hob Zaboj die Fäuste empor und blickte starr nach dem nahen Flusse und rief heftig: »Ich kann nicht, ich kann nicht.« Anton fühlte sich der Schwere dieser Stunde kaum gewachsen. Doch als er endlich zu Worte kam, sagte er ohne Zögern: »Du mußt natürlich vorher deinen Vater um seine Erlaubnis fragen. Aber mit oder ohne Erlaubnis, das steht unerschütterlich fest: wenn du nicht glaubst, so darfst du kein Geistlicher werden, so wahr ich lebe!« Mit unendlicher Dankbarkeit blickte Zaboj dem Freunde in die schönen, zornig funkelnden Augen. Dann schrie er heiser auf, faßte sein Lehrbuch und rief, während er es mit heftiger Gebärde mitten auseinanderriß: »So zerreiße ich auch das Band, das mich an die Kirche fesseln sollte. Da sei Gott vor, daß ich ein Heuchler und Lügner würde. Und dir, Anton, werde ich es nie vergessen, daß du mich durch deinen ehrlichen Zuspruch vor dem sittlichen Untergange bewahrt hast.« Heute konnte vom Lernen keine Rede mehr sein. Die Genossen durchsprachen wie in früheren Tagen eifrig die tiefsten Fragen der Menschheit, und bald ließen sie sich in ihrem stolzen Freiheitsgefühl beikommen, wie Studenten im Biergarten der stillen »Kaisermühle« ein Glas Bier zu trinken. Und sie beeilten sich, auf die Freiheit, die Wahrheit und auf ewige Freundschaft anzustoßen. Und als sie aufbrechen mußten, um die Schule nicht zu versäumen, da faßte Zaboj den Freund fast zärtlich um den Nacken und fügte wie grollend: »Ich will dir's nie vergessen, und wie dankbar ich dir bin, das sollst du gleich sehen. Ich will dir etwas sagen: So wie du mich plötzlich hast klar sehen lassen, weil du mir einfach die Wahrheit gesagt hast, so haben die deutschen Bücher erst Licht und Wahrheit zu uns nach Böhmen gebracht. Jetzt weiß ich's auf einmal. Ich will es dir nie vergessen.« Wenige Tage später stürmte Zaboj vor Tische in Antons Stübchen, nahm sich kaum Zeit, die Tür hinter sich zu schließen, und rief: »Mein Vater ist hier, man darf im Konvikt nichts merken. Heute abend kommen wir bei dir zusammen.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, jagte er wieder fort. Anton blieb den Rest des Tages in aufgeregter, aber gehobener Stimmung. Ihm schien es eine Heldentat, seinen Freund vor lebenslanger Heuchelei zu retten, und doch wurde ihm ängstlich zumute bei dem Gedanken an die Verantwortung, die er auf sich nahm. Seine Einbildungskraft ließ ihn hundert Gefahren für das kühne Unternehmen sehen. Er glaubte sich schon vor Gericht geschleppt und den Freund mit dem unterirdischen Kerker eines Mönchsklosters bedroht. Doch nichts auf der Welt sollte ihn zurückhalten, seine Pflicht zu tun und dem mutig entschlossenen Freunde die Treue zu halten. Er war fast enttäuscht, als das Abenteuer ohne jegliche schreckliche Überraschung verlief. Gegen sechs Uhr stampfte es zwar die Treppen herauf, als sollte das Haus zertrümmert werden; doch es war nur der alte Svatopluk Prokop, der auf seinen massiven Krücken emporklomm. Ohne anzuklopfen trat er herein, begrüßte den jungen Studenten mit einem tschechischen Gruße und warf sich dann schwer in den einzigen Stuhl der Stube. Anton hatte den Vater seines Freundes noch nie so in der Nähe gesehen. Wenn die schwere Gestalt auf Krücken durch die Straße schlich, so war der Anblick über die Maßen traurig. Doch wie er jetzt gleich einem müden Riesen ausruhte, die Beine in den übermäßig hohen Stiefeln weit von sich gestreckt, den breiten Körper in den abgetragenen Schnürenrock, die nationale »Tschamara«, gezwängt, das Federhütchen in der Linken, die beiden schweren Krücken in der anderen breiten Holzhackerhand, da konnte man es kaum glauben, daß diese Fülle von Kraft untätig dahinlebte. Und aus dem knochigen Gesichte sprach mehr Verstand und Klugheit, als Antons Vater dem alten Svatopluk zuzutrauen schien, wenn er ihn einmal einer Erwähnung würdigte. Ja, Anton konnte sich beinahe einer gewissen Furcht nicht erwehren, als dieser Mann ihm stumm gegenübersaß und ihn halb neugierig, halb feindselig anstierte. Deutlich sah man die Spuren wilder Leidenschaftlichkeit in den dunkeln, tiefliegenden Augen; so blickte Zaboj nur dann, wenn Haß aus ihm sprach. Der nahezu kahle Schädel erschreckte den Jüngling wie ein Totenkopf, und der breite, höhnische Mund, das unrasierte mächtige Kinn und der gewaltig dicke, lange, dunkelrote Schnauzbart erinnerten ihn unklar an einen Mörder Wallensteins, den er irgendwo in einer Schloßgalerie gemalt gesehen hatte. Das Schweigen dauerte sehr lange. Plötzlich warf der Alte Hut und Krücken auf den Tisch, daß es krachte, räusperte sich lachend und sprach einige tschechische Worte. Anton mußte erwidern, daß er fast kein Wort von der Sprache verstand. Aber er vermochte den Satz kaum zu Ende zu bringen, so feindselig bohrten sich die Augen Svatopluk Prokops in die seinen. »Und hast Zaboj verführt? Hast Zaboj deutsch gemacht, daß aus Kloster weglaufen will, dann soll in dich und alle deutsche Schufte heiliger Donner dreinfahren.« Der alte Svatopluk sprach die deutschen Worte ganz geläufig, aber ein Fremder hätte es sicherlich für irgendeine slawische Mundart gehalten, so entsetzlich holprig rasselten die Töne aus seinem Munde. Dabei schrie der Tscheche so laut, daß Anton die unbestimmte Furcht fühlte, die Polizei oder der gestrenge Hausherr müßte augenblicklich heraufkommen. Er beeilte sich, den Alten zu beruhigen. Er erzählte, wie er erst vor kurzem von Zabojs Kämpfen Kenntnis erhalten hätte, und versicherte trotzig, daß er niemals daran denke, einen braven Tschechen seiner Nationalität abspenstig zu machen. Und stolz fügte er hinzu, trotzdem die Krücken dem Alten nahe zur Hand waren: »Wir Deutschen wollen niemand überreden, zu uns zu gehören. Entweder man ist ein Deutscher, oder man ist keiner. Über Nacht kann man es nicht werden. Das will ich nächstens auch Zaboj sagen, damit er endlich aufhört, mich zu einem Tschechen haben zu wollen.« Der Alte lachte und seine Augen strahlten vor Vergnügen. »Ist gut, ist sehr gut,« sagte er nach einer Weile. »Ich habe mich fürchterlich erschrocken und bin gleich hergekommen, weil habe geglaubt, Zaboj ist deutsch geworden. Hätte ihm alle Knochen zerschlagen und dir auch, du deutsches Früchtel; aber nun ist gut, ganz gut. Zaboj hat Gymnasium ausstudiert, Pfaffen haben bezahlt. Nur Prüfung muß er noch machen, dann kann er Pfaffen auslachen und meinswegen studieren auf Advokat. Kruzitürken!« Jetzt hörte man Schritte auf dem Gange, und gleich darauf erschien Zaboj auf der Schwelle. Er blieb in scheuer Entfernung vor seinem Vater stehen. Er war blaß und abgehärmt. Der Alte rief ihm ein Dutzend Fluchworte entgegen, winkte ihn aber dabei heftig zu sich heran und strich ihm dann, immer noch weiter wetternd, mit der groben Hand über Stirn und Haar. Endlich verstummte das Fluchen, der Alte schwieg, und man sah ihm an, daß er mit einer weichen Stimmung kämpfte. Langsam faßte er sich, und zwischen Vater und Sohn begann ein lebhaftes Gespräch in tschechischer Sprache. Da Anton die Unterhaltung nicht verstand, aus einigen bekannten Worten auch einen Faden nicht knüpfen wollte, hatte er vollauf Muße, auf den bloßen Klang der Worte zu achten. Wenn diese Tschechen untereinander sprachen, so klangen dieselben Laute, mit denen sie die deutschen Worte zu ermorden schienen, gar nicht häßlich. Es war viel natürliche Kraft in dem bäurischen, ungehobelten Ton des Vaters, und der Sohn verband die Silben so zierlich, daß Anton seinen Reden wie der Vorstellung eines Schauspielers folgen konnte, der eine bekannte Rolle in einer fremden Sprache spielte. Wie oft hatte er im Elternhause über die Härte der tschechischen Sprache klagen oder spotten gehört. War ja gar nicht wahr! Richtig, italienische Schauspieler hatte Anton vor kurzem angehört. Beinahe wie eine seltsame Mundart der schönen italienischen Sprache vernahm er jetzt die halbverstandenen Laute, immer wohllautender erschienen sie ihm, je länger er zuhörte. Es schlug auf einem halben Dutzend naher Kirchtürme durcheinander und nacheinander acht Uhr, als Zaboj plötzlich vom Tische, auf dem er gesessen, heruntersprang und nach seiner Mütze griff. Er rief noch einige Worte, dann küßte er seinem Vater die Hand, rief dem Freunde zerstreut einen tschechischen Gruß zu und eilte fort. Hinter ihm her lachte Svatopluk behaglich und rief: »Ein Sakermentskerl, hat bei den Pfaffen schön gelernt, schöne Sprache und schöne Lügen. Wenn er groß ist und mit euch deutschen Tyrannen anfängt, wird er euch mehr zusetzen als ich dummer alter Krüppel.« Er forderte Anton auf, mit ihm ins Wirtshaus zu gehen und sich ein kleines Nachtmahl zahlen zu lassen. Anton wagte nicht Nein zu sagen, und so schritten sie bald miteinander der Neustadt zu, wo Svatopluk wohnte. Es war wunderbar, wie schnell der Alte jetzt in der Dunkelheit laufen konnte. Er warf die Beine ganz gelenkig vorwärts und stützte sich dabei nur leicht auf seine Krücken. Sein junger Begleiter konnte kaum folgen. Im Wirtszimmer bestellte der Tscheche für jeden von ihnen zwei Paar Würstel mit Kren und ein Krügel Bier. Sie rückten zusammen, und Svatopluk bat den Jüngling recht herzlich, doch die Verstellung aufzugeben und mit ihm Tschechisch zu sprechen. Es sei doch ganz unmöglich und eine Sünde und Schande, daß ein Landeskind die Landessprache nicht verstehe. Anton konnte ihm kaum begreiflich machen, daß seine Unkenntnis keine Verstellung sei. Sie aßen ihr Nachtmahl und tranken dazu reichlich von dem leichten Bier. Der Alte wurde aufgeregt und fing mit den Nachbarn, dem Wirt und der Kellnerin Unterhaltungen in seiner Sprache an. Er schien sich überall zu entschuldigen, daß er einen Deutschen mitgebracht habe; denn er wies oft achselzuckend auf seinen Begleiter. Trotz der häufigen Berührung mit einzelnen Tschechen hatte Anton noch niemals in seinem Leben die Empfindung gehabt, daß er in einem fremden, nicht deutschen Lande lebte. Daheim in Blatna bestand der nähere Umgang seines Vaters ausschließlich aus Deutschen, die so wie er selbst keine andere Sprache redeten. Die Dienstleute und viele Fabrikarbeiter waren wohl Tschechen und gaben sich vergebliche Mühe, ein anhörbares Deutsch zu reden; aber das schien sich zu Hause von selbst zu verstehen, daß nur die niederen Arbeiten von Slawen verrichtet wurden, die Leitung jedoch immer in deutschen Händen lag. Und wer von den Tschechen es erst zu einiger Wohlhabenheit gebracht hatte, der bemühte sich immer bald, seinen Stamm in der Unterhaltung mit den eingesessenen Bürgern zu verleugnen. So hatte er es als Knabe fast immer beobachtet. Gebildete Leute oder Grundbesitzer, welche sich laut zum Tschechentume bekannten, waren seltene Ausnahmen auf dem Lande und wurden auch von den deutschen Behörden mißtrauisch angesehen. In den vier Jahren, die er nun zu Prag in die Schule ging, hatte er es ähnlich gefunden. Prag erschien ihm wie eine alte deutsche Stadt, in welcher nur die große Masse der niederen Stände von tschechischer Geburt war, und wo die gebildeten nationalen Fanatiker eine kleine lärmende Partei bildeten. So hatte ihm wieder sein Vater die Sachlage oft dargestellt. Tausende von Leuten redeten beide Sprachen gleich schlecht, hielten sich aber, ohne viel hierüber nachzudenken, für Deutsche, weil das für ehrenvoller angesehen wurde. Antons Mitschüler plauderten untereinander meist deutsch, in derselben Sprache wurden die Vorträge gehalten und die Fragen gestellt. Daß man andere Bücher lesen konnte als deutsche, ein anderes Theater besuchen als ein deutsches, das wäre ihm niemals eingefallen. Nun sah er sich plötzlich wie in eine fremde Welt versetzt. Solche Wirtshäuser wie dieses, gab es Hunderte in der Stadt. Die alten Schilder und Namen waren deutsch geschrieben; aber Anton wußte, daß nur Tschechen dort verkehrten. Er hatte sich die Besucher als den Pöbel vorgestellt, der in seinen Augen allein und ausschließlich die slawische Mundart sprach. Seine Überraschung war daher nicht gering, als er hier in einer der schlichtesten Kneipen einen tschechischen Mittelstand erblickte, von dessen Dasein er keine Ahnung gehabt hatte. Er war hier in seiner Provinz wie in der Fremde. Gewiß war es vor allem die unverständliche Sprache, die ihn bedrückte; wie verraten und verkauft mußte er sich vorkommen, da mehr als hundert Menschen polternd und selbstgefällig durcheinander schrien und die rote Kellnerin jeden Eintretenden nur auf tschechisch nach seinem Begehr fragte. Anton hatte das zweite Krügel selbst bestellt, aber er erhielt nichts, bevor sein Begleiter den Auftrag nicht auf tschechisch wiederholt hatte. Anton wußte, daß von den Anwesenden jeder Mann mehr oder weniger Deutsch verstand; aber hier befand er sich zum ersten Male in einem Kreise, wo diese Kenntnis abgeleugnet wurde. Doch es war nicht die fremde Sprache allein: die kleinen klugen Augen der Gäste blickten anders, die Züge der breitknochigen Gesichter bewegten sich anders, die Hände gestikulierten anders als unter den deutschen Bürgern seiner Gegend. Und der Gegensatz ging noch weiter. Die Farben des Wandmusters und der Fenstervorhänge waren bunter und schreiender, als er es gewohnt war; und die Bilder, die zahlreich umherhingen, hatten keine Beziehungen zu den Erinnerungen seiner Kindheit. Es waren die Porträts alter sagenhafter böhmischer Könige und neuer Patrioten; dazwischen hingen überall rohe Darstellungen aus den Hussitenkriegen. Ihm gerade gegenüber zeigte ein großer Stahlstich eine Hussitenschlacht, in welcher die Männer bereits sämtlich erschlagen waren und nur noch die hussitischen Frauen mit Mordlust in den Blicken gegen ein rätselhaftes Heer von Rittern und Geistlichen kämpften. Gerade in der Mitte des Bildes stand hochaufgerichtet auf einem Haufen Leichen ein üppiges halbnacktes Weib, das mit der linken Hand einen erstochenen Säugling mit falscher Bewegung von sich warf, mit der rechten einen unmöglich großen Morgenstern schwang und ihn auf den Eisenhelm eines Ritters niedersausen ließ. Der alte Svatopluk wandte sich wieder dem Freunde seines Sohnes zu. Der Wirt hatte in der anderen Stube zu tun, die Kellnerin war auf einem Stuhle eingeschlafen und die Nachbarn Svatopluks waren nach Hause gegangen. Er war rot vom Trinken und schien guter Laune. »Nun, deutsches Früchtel, wie gefällt es dir bei uns?« Anton gab eine unbestimmte Antwort, und der Alte hielt ihm eine lange Rede, worin er die Vorzüge seiner Nation entwickelte und die Deutschen nicht anders behandelte als Räuber, die ins Land gefallen wären und hier das Beste an sich gerissen hätten. Als Anton darauf keine Antwort gab, begann der Alte von seinem Sohne zu sprechen. Es sei ihm ganz recht, daß er nicht geistlich werde. Die Pfaffen werden sich ärgern. Ihnen geschehe ganz recht, der edle Hus sei von ihnen auch gefoppt worden. Zaboj habe eine große Rednergabe, er werde ein berühmter Advokat werden und Abgeordneter und Hofrat und Minister. Nach einer Weile fuhr er fort: »Soll auch reich werden, der Zaboj. Der Henker hol' das Geld, aber Zaboj muß reich werden. Wird Gesetz machen, daß kein deutscher Räuber in Böhmen Land besitzen darf, nicht so viel, um sich dort begraben zu lassen, nicht so viel, um einen Stein aufheben zu dürfen, der ihm gehört. Und dann wollen wir den ganzen Wolfsberg von deinem Vater wieder an uns bringen, und viel Geld wird dein Vater nicht dafür bekommen. Die paar Steine in Steinbruch werden ganzen Wolfsberg bezahlen.« Svatopluk lachte und schlug mit der Hand auf Antons Knie, daß es schmerzte. »Meinen Vater werdet ihr nicht vertreiben, und mich auch nicht,« sagte der Jüngling ernsthaft. Unsere Familie ist seit vielen Geschlechtern in Blatna ansässig, viel länger als ihr. Und den Wolfsberg haben wir redlich erworben. Mein Vater hat sein ganzes Vermögen gewagt, um die erste Zuckerfabrik in Blatna zu bauen. Jetzt wird sie noch vergrößert, und wenn ich erst ausgelernt habe und ihm helfen kann, dann sollt ihr sehen, was deutsche Arbeit leisten kann. Und die ganze Stadt wird froh sein, daß wir dort aushalten, denn wir geben den Arbeitern zu leben.« Svatopluk lachte höhnisch vor sich hin. »Ich weiß, hat ganzes Vermögen gewagt und Fabrik jetzt noch vergrößert. Hat vergrößern müssen . Und es wird Tag kommen, wo ich mit dieser meiner Hand diesen frechen Spruch über eurer Tür werde herunterhauen.« Svatopluk richtete sich dann plötzlich auf seinen Krücken zu seiner vollen Höhe empor und sagte: »Ist ja alles nur Spaß! Gute Nacht, du deutsches Früchtel!« Drittes Kapitel Zaboj hielt nach dem Wunsche seines Vaters so lange im Konvikt aus, bis er die Maturitätsprüfung abgelegt hatte. Doch mit dem guten Zeugnisse in der Hand ließ er sofort die Maske noch in der Schulstube vor seinen ängstlichen und neidischen Genossen fallen. Er bekannte sich zu jeder freien Weltanschauung und verhöhnte die Theologie. Ins Konvikt kehrte er nicht mehr zurück. Er fuhr nach Hause und wurde von dem Alten mit polternder Freude begrüßt. Nur Katschenka weinte, daß ihr Bruder kein geistlicher Herr werden sollte. Sie hatte sich das so schön ausgedacht. Und der Kaplan drohte ihr und dem Vater mit Höllenstrafen, die den alten Hussiten wenig bekümmerten, das heranwachsende Mädchen aber in tiefster Seele erschreckten, so daß sie lange nichts Besseres zu tun wußte, als vor dem Gitter der Marienkapelle für das Seelenheil ihres Bruders zu beten. Zaboj aber hatte seinen Hang zur Einsamkeit abgelegt. Stolz und übermütig streifte er umher, besuchte seine Altersgenossen, verkehrte in allen Wirtshäusern und ließ sich überall wie ein Held feiern, dafür, daß er auf Kosten der Pfaffen studiert und ihnen dann einen solchen Streich gespielt hatte. Das alles hinderte nicht, daß er nach einigen Wochen des Schmollens bei seinem Beschützer, dem Kaplan, freundliche Aufnahme fand und ihm wieder seine tschechischen Predigten verbesserte. Die Sprache wurde so schön und neumodisch, daß die tschechischen Bauern ihren Kaplan während der großen Ferien niemals recht verstanden. Die Deutschen verstanden ihn sowieso nicht. Anton fand die Verhältnisse zu Hause nicht nach Wunsch, und er mußte oft an die Drohungen des alten Svatopluk denken. Sein Vater hielt ihn jetzt für verständig genug, um mit ihm über geschäftliche Dinge zu reden, und was der Jüngling da erfuhr, war ernst genug – zu ernst, um seine jugendliche Sorglosigkeit nicht zu trüben. Er hatte sich die Fabrik seines Vaters fast als eine Liebhaberei desselben vorgestellt, als einen willkommenen Zeitvertreib, mit welchem man sich beschäftigt, weil es einem gerade Spaß macht. Nun erfuhr er von allen Sorgen, welche mit der Leitung verbunden waren. Er hatte sich den Wohlstand seines Vaters als eine Tatsache gedacht, die mit, all den hübschen Maschinen nicht das mindeste zu tun hätte. Nun erst wurde es ihm klar, daß jeder Gulden, den er ausgab, erst durch das Donnern des Räderwerks und das Prasseln des Kesselfeuers verdient wurde. Er blickte mit Bewunderung und Mitleid auf seinen Vater und nahm dessen Mitteilungen mit plötzlich gereifter Auffassung entgegen. Der alte Svatopluk hatte recht gehabt: Gegenbauer wurde zur Vergrößerung seiner Anlagen gegen seinen Willen gezwungen. Die Zeiten waren vorüber, in denen die ersten Zuckerfabriken des Landes bei verständiger Leitung einen sicheren Gewinn abwarfen. Die Rübenbauern waren schwieriger geworden und verkauften den Rohstoff nur zu höheren Preisen, während der Fabrikant durch den Kampf mit neuen Unternehmungen gezwungen war, seine Ware wohlfeiler abzugeben. In dieser Notlage halfen nur die größten und kostspieligsten Maschinen, welche imstande waren, der Rübe ihren ganzen Zuckergehalt bis auf den letzten Tropfen abzupressen und so die Ausbeute der Fabrikation zu erhöhen. Wollte Gegenbauer in seinem Gewerbe nicht zurückgehen, so mußte er sich der neuen Erfindungen bemächtigen. Die Schwierigkeit war nur, daß diese vortrefflich ersonnenen Einrichtungen bloß im größten Maßstabe vorteilhaft waren und den Fabrikanten zwangen, sein Geschäft weit über die bisherigen Grenzen auszudehnen. Eben jetzt war Gegenbauer mit der Aufstellung der Maschinen fertig geworden und ging tapfer der neuen Kampagne entgegen. Doch verschwieg er dem Sohne nicht, daß ihm mitunter in den stolzen Räumen bange wurde. Die Verträge mit den Bauern, welche zu bestimmten Preisen eine bestimmte Menge Rüben liefern sollten, konnten nicht auf eine so lange Reihe von Jahren geschlossen werden, wie der regelmäßige Betrieb eigentlich erfordert hätte. Auch war es ihm unbehaglich, daß auf den stattlichen Gebäuden nun schon wie anderswo Hypotheken standen. In seinen früheren einfachen Verhältnissen hatte er ohne fremdes Geld gewirtschaftet. Durch die genauen Mitteilungen Gegenbauers klang oft der Wunsch hindurch, sich in seinem Sohne bald einen wackeren Arbeitsgehilfen heranzuziehen. Anton war rasch entschlossen. Die Grundlage für eine technische Bildung hatte er gelegt, und so bat er den Vater, ihn sofort in die Lehre zu nehmen. Gegenbauer war herzlich froh, aber er riet doch dazu, daß Anton zuerst einige Jahre in einer fremden Fabrik arbeitete. Der Vater dachte dabei sowohl an seinen Sohn, der in so jugendlichem Alter noch nicht die volle Verantwortung eines Geschäftsmannes tragen sollte, als auch an die Fabrik, welche durch anderswo gesammelte Erfahrungen nur gewinnen konnte. Sie schritten sogleich zur Ausführung des Planes. Eine passende Stellung für Anton war vom Vater schon früher in einer großen Fabrik Nieder-Österreichs in Aussicht genommen worden und wurde jetzt rasch gesichert. Anton hatte wenige Abschiedsbesuche zu machen. Bei seinem Lehrer, einem noch jungen Manne, bei dem Arzte seines Vaters, bei dem alten deutschen Pfarrer und bei Zaboj. Dann konnte er abreisen. Der Freund empfing ihn würdevoll und ließ ihn die Überlegenheit des künftigen Studenten fühlen. »Du und dein Vater,« sagte er, »ihr habt wie alle Deutschen in Böhmen nur den Gelderwerb im Auge. Mag es euch wohlbekommen. Ich werde jetzt die Universität besuchen, und wenn wir uns wiedersehen, bin ich vielleicht schon Doktor. Ich werde euch Deutschen keine Ruhe geben, aber unsere Freundschaft kann dabei bestehen bleiben. Wie unser Dichter singt: Wenn die Gesinnung nur edel ist, die Wege können verschieden sein!« Und sie drückten einander fest die Hand. Am folgenden Abend reiste Anton ab. Die Britschka, ein gedeckter Einspänner, der den Jüngling zur Bahnstation nach Oberndorf bringen sollte, fuhr vom alten Familienhause auf dem Ring die Bergstraße hinauf, Vater und Sohn folgten langsam unter herzlichen Gesprächen. Als sie das »Trutzhaus« neben der Fabrik erreicht hatten, machte Gegenbauer dem Abschied ein Ende. »Du wirst auch noch lernen, daß die Arbeit den Schmerz überwindet,« sagte er weich. »Mich hat meine Tätigkeit schon größeren Kummer tragen lassen als dieses Lebewohl. Du bist ja brav und gesund und, so Gott will, sehen wir uns hier in zwei Jahren froh wieder. Bleibe brav.« Der Vater ging rasch am Rande des Steinbruchs hin den neuen Gebäuden zu, und Anton stand allein. In feierlicher Stimmung ging er langsam weiter. Er fühlte, daß er mit dem heutigen Tage die Knabenzeit hinter sich ließ, daß er dem Vater das stille Versprechen gegeben hatte, von jetzt ab ein Mann zu sein. Nach wenigen Schritten hörte er plötzlich hinter der Kapelle von einer frischen Stimme ein tschechisches Lied singen: »In dem Wald auf wildem Klee Grast so ruhig das arme Reh! Und nur ich, ich soll entfliehen, Wenn ich meinen Jäger seh!« Bei den letzten Worten brach die Sängerin mit einem plötzlichen Zittern des Tones ab. Anton erkannte den Vers und Katschenkas Stimme. Und jetzt erschien auch ihr rotes Kopftuch in der Dämmerung neben dem kleinen Gotteshäuschen. Anton wartete, daß sie zu ihm kam; als das rote Zeug aber wieder verschwand, stieg er rasch die wenigen Schritte der Böschung empor und stand bald vor dem Mädchen, das zusammengekauert auf den Stufen der Kapelle saß, die Schulter an die verrostete Gittertür gelehnt, und heftig weinte. Anton redete sie an. Da sprang sie unter Tränen lachend auf, wischte sich mit der linken Hand die Augen und reichte ihm mit der Rechten ein Sträußchen von Reseda und Thymian. »Hier!« rief sie dabei. »Du sollst etwas von mir auf die Reise mitnehmen.« Anton war ihr herzlich dankbar, nahm aber doch nicht ohne Verlegenheit die Blumen in die Hand. »Wie gut das riecht,« sagte er, und dann nach einer Pause, während sie ihn anlachte: »Ich danke dir viele Mal!« und wieder nach einer Pause, mit einem Versuche zu scherzen und dem Kinde gegenüber den Mann zu spielen: »Du bist sehr groß für dein Alter, Katschenka, aber wenn wir uns wiedersehen, wirst du so groß sein wie ich, wirst ein Fräulein sein, und ich werde dich nicht wiedererkennen.« »Er wird mich nicht wiedererkennen!« schrie Katschenka auf und schlug beide Hände vor die Augen. »Sei doch nicht so dumm. Ich meine ja nur im ersten Augenblick, weil du ein so großes, schönes Fräulein sein wirst.« Sie hatte jetzt gar nicht geweint. Mit glühenden Augen schaute sie ihn an und sagte leise wie mit einem Ausdruck halb kindlicher Freude: »Ich werde ein großes, schönes Fräulein sein? Und du wirst mich wiedererkennen?« Anton nickte mit dem Kopfe und strich ihr mit beiden Händen über das Haar. Sie hauchte: »Ach!« und hielt still. Als auch er innehielt und seine Hände linkisch auf dem aufgesteckten Zopfe ruhen ließ, stellte sie sich plötzlich auf die Fußspitzen, warf ihre Arme um seinen Nacken und rief aufgeregt: »Versprich mir! Versprich mir, daß du im Österreichischen mit keinen anderen Kindern spielen wirst, und wenn du dort in einem Steinbruch ein so schönes Wasserbecken findest wie hier, so sollst du es keinem andern Mädchen sagen. Ich will es nicht! Du sollst es mir versprechen; und wenn du dort einen Freund hast, und er hat eine Schwester, so sollst du doch niemals mit ihr spielen, nicht Blindekuh und nichts, ich will es nicht, ich verbiete es dir! Und die Reseda und den Thymian mußt du aufbewahren. Ich habe ein Geheimnis! Ich werde es den Blumen ansehen, ob du mir gut geblieben bist oder nicht.« Anton war ganz hilflos dem Ansturm des leidenschaftlichen Kindes gegenüber. Er versuchte sich leise von Katschenka loszumachen. Sie hielt ihn immer fester. Da sagte er so hart als er konnte: »Laß mich jetzt, die Britschka wartet.« »Ich lasse dich nicht, bevor du mir nicht einen Kuß gegeben hast. Zum Abschied!« fügte sie hinzu. »Wir werden uns so lange nicht sehen.« Und wieder schwammen ihre Augen in Tränen. Anton gab ihr den Kuß ganz gern und hoffte auch frei zu kommen, wenn er ihr den Willen tat. So beugte er sich denn schüchtern nieder. Kaum aber hatte er ihre warmen Lippen berührt, als sie heftiger seinen Hals umschlang und ihm wilde Küsse auf den Mund drückte. Dann faßte sie ihn wieder am Schopf und zerrte ihn, daß es schmerzte. Er fühlte ihren heißen Atem, und wieder umschlang sie ihn und küßte ihn. Ganz bestürzt richtete sich Anton gerade in die Höhe. Sie aber ließ sich mit emporziehen, gab ihm noch, an seinem Halse hängend, einen langen Kuß, ließ sich endlich los und stand schnell atmend und mit lachenden Augen vor ihm. »Das war ein schöner Abschied,« rief sie keuchend. Sie zupfte an ihrer Schürze und lief davon. Anton sah ihr noch lange nach, wie ihr rotes Kopftuch durch die Dämmerung schimmerte und endlich verschwand. Dann sprang er auf die Landstraße zurück und schritt eilig bergauf, dem Wagen nach. Er war mit seinem Benehmen in der ersten Stunde seines Mannesalters nicht zufrieden. Viertes Kapitel Zwei Jahre sollte Anton in der Fremde bleiben. Als die Zeit jedoch vorüber war, wußte sein Vater immer neue Gründe zu finden, um den Sohn von der Heimat fern zu halten. Bald mußte Anton die Erfahrungen mit einem neuen Kessel erproben, bald die Wirkung, welche ein neuer Dungstoff auf die Rüben hatte, studieren. Und solche Untersuchung brauchte viel Zeit. Seine wahren Absichten teilte Gegenbauer dem Sohne in seinen langen und sonst so offenen Briefen nicht mit. Denn mit dem Aussprechen seiner Befürchtungen hätte er das Übel leicht verschlimmert, wie er glaubte. Die eine Sorge galt dem deutschen Sinne seines Anton. Man hatte den Vater in Blatna viel damit geneckt, daß sein Sohn von den Prokopischen zum Tschechentume bekehrt würde; den Freunden war weder der Umgang mit dem jugendlichen Fanatiker Zaboj noch mit der hübschen Katschenka erwünscht. Die Fälle waren nicht mehr selten, daß Kinder deutscher Eltern plötzlich ins slawische Lager übergingen, die fremde Sprache mühsam erlernten und sodann in unklarer Überspanntheit die Ziele der nationalen Gegner unterstützten. Schon hatte Anton einige slawische Verse singen und die tschechischen Bezeichnungen für einzelne alltägliche Dinge radebrechen gelernt, und schon beschäftigte er sich in Mußestunden mit schöngefärbten Darstellungen böhmischer Geschichte. Diesen Neigungen und dem Einfluß des Prokopischen Hauses hatte Gegenbauer nebenher ein Ende machen wollen, als er den Jüngling ins deutsche Österreich sandte. Und so sehr sich der rastlose Mann oftmals nach seinem Sohne und dessen frischen Augen sehnte, und so deutlich sich auch Antons deutsche Gesinnung bald in jedem Briefe aussprach, so wollte er seine Abwesenheit doch aus einem andern Grunde verlängern. Er hatte sich vorgenommen, den Sohn als Helfer und Mitarbeiter nur in einen festen und gesicherten Besitz zu berufen. Er wollte ihn nicht früher in die Fabrik einführen, als bis er sie stolz sein unbestrittenes Eigentum nennen könnte. Das aber dauerte länger, als er gedacht. Er brauchte den Anblick seines Sohnes darum nicht immer zu entbehren. So oft ihn seine Geschäftsreisen nach Wien führten, mußte Anton Urlaub nehmen und mit dem Vater zusammentreffen. Gegenbauer, der häufig überarbeitet und bleich schien, hatte seine helle Freude an Antons prächtiger Entwicklung; aber den Bitten, ihn jetzt schon zu Hause arbeiten zu lassen, gab er nicht nach. Vier und ein halbes Jahr waren so vergangen, als Anton an einem herrlichen, sonnbeglänzten Frühlingstage von der Hand eines Fabrikbeamten die Nachricht erhielt, Gegenbauer sei schwer erkrankt und verlange dringend nach dem Sohne. Am nächsten Morgen, nach einer endlosen, in bangem Schmerze im Eisenbahnwagen durchwachten Nacht, stand Anton am Bette des Vaters. Gegenbauer war von einem schleichenden Herzübel niedergeworfen worden. Noch fast ein Jahr weigerte er sich dem Tode. Bald ans Lager gefesselt, bald mit halber Kraft, wenn auch mit fiebernder Ungeduld in den Geschäften tätig, schleppte er sein Leben hin. Er benutzte jede wohlere Stunde, um den Sohn in alle Beziehungen der Fabrik einzuweihen, er belehrte ihn auch über alle kleinen Verhältnisse der Gegend; aber jede solche Unterredung schloß mit der flehentlichen Ermahnung, sein Herz vor allen Verlockungen der Welt zu hüten, solange die Firma Anton Gegenbauer nicht unerschütterlich fest stand, vor allem aber sein deutsches Wesen zu wahren, nicht nur in den vier Pfählen des Hauses, sondern es auch mutig zu bekennen gegenüber den Drohungen der – wie der Alte in seinem Zorn sagte – frecher und frecher sich gebärdenden Feinde. Anton hatte keine andere Antwort als Händedrücke und die treuen Worte: »Verlaß dich auf mich, Vater.« Wieder einmal hatte er es gesagt, und wieder einmal hatte der Vater geantwortet: »Ich verlasse mich auf dich!« Dann fand man den Vater eines Morgens tot in seinem Bette. Nun mußte Anton es an sich erfahren, wie langsam und sicher Arbeit über Kummer hinweghilft. Er war kaum vierundzwanzig Jahre alt, als er die Leitung der ausgedehnten Fabrik in die Hand nahm. Schwere Jahre standen ihm bevor, das wußte er; aber an dem endlichen Siege brauchte er nicht zu zweifeln, wenn nur die Dinge blieben, wie der Vater sie verlassen. Er richtete sich in seinem Besitztum ebenso ein, wie der Vater darin gehaust hatte. Das stattliche Haus am Ringplatz war schon verkauft, um die Hypothekenschuld zu verringern. Anton war mit einfacheren Verhältnissen zufrieden. In dem kleinen Gebäude am Steinbruch, welches gerade über der Höhle, seinem alten Kinderspielplatze, stand, wohnte er ganz allein. Für die Aufwartung sorgte der alte Tomek, der Fabrikwächter, und dessen Frau. Den Wächter, der ihm unheimlich war in seiner knechtischen Unterwürfigkeit, behielt er nur, weil der Vater ihn immer als treu gerühmt hatte. Lieber sah er die Frau Tomek um sich, die ihm sein Essen bereitete und ihn mit ihren bescheidenen Klagen über die schlechten Zeiten und ihren Spitzbuben von Enkel, den Gassenjungen Voita, niemals störte. Unter seinen Beamten fand er kluge und freundliche Leute; gern hätte er mit dem Werkführer und besonders mit dem Buchhalter viel verkehrt. Doch die Herren wohnten in Oberndorf. Sie machten lieber täglich zweimal den Weg von einer halben Stunde, als daß sie mit ihren Kindern »in dem tschechischen Neste verbauerten«. So hatte Anton in der Stadt Blatna außer dem alten Arzte und dem Lehrer keinen näheren Umgang. Mit seinen Jugendgespieien kam er fast gar nicht mehr zusammen. Zaboj und Katschenka wichen ihm beide aus, und er selbst war zu beschäftigt, um sie zu suchen. Mit Zaboj hätte es auch manchen ernsten Streit gesetzt, wenn sie sich in der früheren Weise miteinander ausgesprochen hätten. Der Sohn des alten Svatopluk hatte seine erste Staatsprüfung mit Erfolg abgelegt, hatte sich dann in Prag ohne Gelingen als Zeitungsschreiber versucht und war endlich in Blatna Bezirkssekretär geworden. Er trug sich nicht mehr so theatralisch wie früher; nur der Schnürenrock war von der Nationalkleidung übrig geblieben. Und doch konnte ihn der Einheimische an seinem buschigen dunkelroten Schnauz- und Knebelbart, an seinem langen Haar, an seiner liebevollen Aussprache des Tschechischen und am künstlichen Radebrechen des Deutschen sofort als einen Fanatiker erkennen. Er war der anerkannte Führer der Tschechen in Blatna geworden und machte sich um die heilige Sache bei Wahlen, Volksversammlungen und auch in seinem Amte redlich verdient. Wenn er dem Gegenbauer-Anton, dem alten Freunde, zufällig begegnete, so boten sie sich wohl die Tageszeit und reichten einander die Hand, aber sie trennten sich bald; denn es gab ja wenige Gegenstände, über welche sie unbefangen miteinander reden konnten. Anton verstand eine Freundschaft nicht, die eine rücksichtslose Aussprache nicht gestattete, und Zaboj wollte selbst den Schein meiden, als ob ein Deutscher ihn etwas anginge. Schon als er bei dem Begräbnis unter der Menge mit hinter dem Sarge ging, in welchem Antons Vater ruhte, war es ihm von jedem Heißsporn der Partei als ein Vergehen gegen die Nation ausgelegt worden. Daß Katschenka ein großes, üppig schönes Mädchen geworden war, zu deren Lippen er sich kaum mehr hätte herunterzubeugen brauchen, das konnte Anton kaum einmal aus der Entfernung bemerken. Sie führte jenseits der Bjelounka die Wirtschaft und ließ sich in der Stadt nur selten blicken. Kam sie doch des Sonntags einmal an Anton vorüber, so war sie immer von tschechischen Burschen und Mädchen begleitet und wandte den Kopf ab. In einer stillen Sommernacht, die auf einen solchen Sonntag folgte, war es ihm wohl zwei- oder dreimal, daß er plötzlich in der Ruhe gestört wurde durch eines der tschechischen Lieder, die er kannte. Seltsam dumpf tönte es herauf aus dem Steinbruch, als ob die Sängerin sich in der Höhle verborgen hätte. Und es waren immer seine Lieblingslieder. Doch dieselben Weisen wurden ja von allen Mädchen des Landes gesungen. Im Städtchen erzählte man sich, die schöne Katschenka werde den Sohn des reichen Gastwirts heiraten, den einfältigen Petr. Dieser junge Mann war die erste neue Bekanntschaft, welche Anton machte, als er nach dem Tode seines Vaters wieder unter Menschen ging. Seine beiden Freunde, der Lehrer und der Arzt, überredeten ihn und zwangen ihn fast, mit ihnen in das Wirtshaus des alten Stjepan Zilbr zu gehen, wo die Honoratioren von Blatna allabendlich in der Gaststube um einen großen, ovalen, altersgeschwärzten Tisch herum saßen und bei knappem Essen und reichlichem Bier die Angelegenheiten des Städtchens, des Staates und Europas besprachen. Anton hatte vorher niemals einen Fuß in das Gasthaus gesetzt, in dem sein Vater nicht zu verkehren pflegte; der Alte mochte den Besitzer, einen getauften slowakischen Juden, nicht leiden. Er hatte nur die Veränderungen bemerken müssen, welche äußerlich mit dem Hause vorgegangen waren, das recht in der Mitte des Ringplatzes, dem Rathause schräg gegenüber, seine drei Arkadenbogen noch um einige Zoll vor die übrigen Lauben vorstreckte. »Gasthof des Stephan Silber« – »Zum römischen Kaiser«, so hatte die Inschrift über dem mittleren Bogen seit 20 Jahren gelautet. Anton hatte an den damals frisch vergoldeten Buchstaben zuerst seine Kenntnisse im Buchstabieren geübt. Jetzt war die Inschrift übertüncht, und auf dem weißen Grunde stand mit ziegelroter Farbe aufgemalt: Stjepan Zilbr Hostinec. Der Taufname Stephan war tschechisiert, der Name »Silber« einfach in tschechischer Orthographie hingesetzt; »Hostinec« hieß zwar nur so viel wie Wirtshaus, dafür klang es aber patriotischer als »Gasthof«. Diese Übermalung und die inneren Veränderungen, welche sich anschlossen, waren symbolisch für den Vorgang, welcher die deutsche Stadt langsam, aber stetig in eine tschechische verwandelte. Der alte Gastwirt war zwar aus Mähren eingewandert und verstand nicht sehr viel vom Tschechischen, aber seinem Sohn und dem Geschäft zuliebe hatte er nichts dagegen, daß seine Wirtschaft von außen und von innen nach dem Geschmack der besten Biertrinker gehalten wurde. Anton war nicht überrascht davon, daß drinnen nichts fehlte, um den Aufenthalt für Tschechen behaglich zu machen. Doch der Lehrer, der jung und heißblütig mit den Slawen im ewigen Kampfe lag, und der alte Arzt, der über ihre theatralischen Ansprüche wie über einen Fastnachtsscherz lachte, klärten ihn bald darüber auf, daß das Bedürfnis nach einem tschechischen Kellner, einer ebensolchen Zeitung und Speisekarte nicht älter war als die Übertünchung der Inschrift draußen. Die alten Gäste hatten zu den Neuerungen nur spöttisch gelächelt und wie gewöhnlich stille geschwiegen. So ging denn der mürrische Franz, der des Morgens einen Hausknecht und des Abends einen Kellner vorstellte und der beide Landessprachen verstand, wenn er auch keine von ihnen viel zum Sprechen benutzte und darum von jeder Partei für sich in Anspruch genommen wurde, so ging denn Franz jetzt des Abends als Kellner in einem Schnürenrock umher. Seinem alten Frack aus der deutschen Kellnerzeit hatte er die Schöße abgeschnitten und trug ihn des Morgens, wenn er Hausknecht war, als Jacke. Die zweisprachige Speisekarte gab nebeneinander die deutschen und die tschechischen Namen der vier bis fünf Tagesgerichte an, und die tschechische Übersetzung fiel gewöhnlich mit Hilfe von Gelehrten so tiefsinnig und neumodisch aus, daß der dicke Brauer erst die bekannte deutsche Bezeichnung nachsehen mußte, bevor er würdevoll sein Essen auf tschechisch verlangte. Und dann mußte Franz doch wieder die Speisekarte zur Hand nehmen und die tschechische Übersetzung mit der Ursprache vergleichen, bevor er das Gericht in der Küche auf deutsch bestellte. Seit ebenso langer Zeit lag neben der harmlosen deutschen Lokalzeitung auch ein tschechisches Kreuzerblatt. Dieses wurde schon besser verstanden als die Speisekarte; es verzichtete klug auf neu gebildete Worte und belehrte das Volk in seiner Sprache darüber, daß die Deutschen in Böhmen Eindringlinge wären und froh sein müßten, wenn sie überhaupt geduldet würden. Da die deutsche Zeitung ganz bedächtig die Streitfrage untersuchte und nach langen Auseinandersetzungen nur zu dem Schlusse kam, daß beide Stämme mit gleichen Rechten brüderlich nebeneinander wohnen sollten, so mußten die Leser beider Ansichten allmählich die Wahrheit in der Mitte suchen, und die Deutschen unter ihnen wunderten sich nicht wenig darüber, daß sie hier in ihren alten Sitzen Eindringlinge waren. In der Wirtsstube war kein deutscher Zettel an der Wand zu sehen. Tschechisch war der Fahrplan der Eisenbahn, tschechisch der Kalender. Zu tschechischen Festen und tschechischen Wallfahrten forderten die großen Plakate auf, und tschechisch lautete natürlich auch die Inschrift des Kastens, in welchen milde Gaben für den Bau des tschechischen Nationaltheaters fließen sollten. Die Unterhaltung in diesem Raum wurde fast ausschließlich deutsch geführt zur Zeit, da Anton mit seinen Freunden zum ersten Male am Honoratiorentische Platz nahm. Anton saß zwischen dem Lehrer und dem Arzte an dem einen Ende des Saales, nicht weit vom Ofen. Das war die entschieden deutsche Ecke; neben dem Arzte saß gewöhnlich der alte deutsche Pfarrer, lebenslustig, voller Schnurren, ein Verehrer Kaiser Josephs und Voltaires, dabei gläubiger Katholik, Erzähler von stark gepfefferten Klostergeschichten, ein Freigeist. Neben dem Pfarrer nahm so oft, wie er erschien, der Bürgermeister selber Platz, der es unter seiner amtlichen Würde hielt, anders als Deutsch zu seinen Leuten zu sprechen. Auch der Adjunkt und der Apotheker neben dem Lehrer hüteten sich, Tschechisch zu sprechen, weil sie niemals die richtige Betonung genau trafen und weil sie sich dafür zu vornehm dünkten. Das entgegengesetzte Ende des Tisches nahm zwar das Häuflein ein, welches mit dem tschechischen Anstrich zufrieden war; namentlich der dicke Brauer und der kleine Kaufmann waren eifrige Patrioten. Aber auch hier wurde das Gespräch nur von Nachbar zu Nachbar tschechisch geführt, die allgemeine Unterhaltung war immer deutsch, nicht nur dem Wirt und den Studierten oben zu Gefallen, sondern auch der Ackerbürger und Hausbesitzer wegen, welche hier am Tische wie im nationalen Kampfe die Mitte hielten, sich selbst nicht gern Deutsche nannten, aber keine andere Sprache geläufig reden konnten. Grollend hatten sich die wahren Patrioten, die echten Söhne Böhmens, die Freunde des Landes, die Tapfern, oder wie sie sich sonst nannten, in das Herrenstübchen zurückgezogen. Dort saßen Zaboj Prokop, der tschechische Lehrer und der Wirtssohn, der Peter getauft war, sich aber seit kurzem Petr schrieb, um einen kleinen Tisch zusammen, lasen und besprachen allabendlich die politischen Brandschriften, die sie aus Prag erhielten, und warteten ungeduldig auf den großen Tag, wo der Aufstand losbrechen oder wo die Wiener Regierung die Deutschen an die Wand drücken würde. Zaboj führte drinnen das große Wort, der Lehrer hatte die zweite Stimme, und Petr mußte schweigen und zuhören, weil er zu dumm war und überdies seine neue, freiwillig gewählte Muttersprache noch immer nicht genügend gelernt hatte. Doch gerade er öffnete mitunter die Tür zur großen Gaststube, erschien in seiner bunten Phantasiejacke auf der Schwelle und erregte jedesmal die Heiterkeit des ganzen Stammtisches, auch der Tschechen, wenn er von da aus in vaterländischem Eifer und zu seiner Übung die zuletzt gehörten Sätze der Brandreden hineinrief. Das runde Hütchen mit der fußlangen Reiherfeder kam nie von seinem Kopfe, als schämte er sich seiner struppigen blonden Haare. Seit Jahren hatte er außer im Schlafe kein deutsches Wort gesprochen. Die politischen Nachrichten gingen auch an der Unterhaltung des Stammtisches nicht spurlos vorüber. Je nachdem sie für die tschechischen Wünsche günstig oder ungünstig schienen, rückte hier die Sprachgrenze auf und nieder. Wenn das Gerücht auftauchte, das deutsche Ministerium in Wien sei gestürzt, so ließ sich der Herr Bürgermeister nicht sehen, sämtliche Honoratioren mit Ausnahme der drei Freunde und des alten Pfarrers redeten Tschechisch, das Kleeblatt im Herrenstübchen erschien auf dem Schauplatze, und auch der Herr Kaplan kam, um bei einem Gläschen Bier das Neueste zu erfahren. Und wenn die Böhmische Statthalterei wieder einen nationalen Putsch mit Waffengewalt unterdrückte, dann blieb die Tür zum Herrenstübchen geschlossen, der Kaplan machte dem Bürgermeister Platz und die Sprachgrenze rückte plötzlich bis in die äußerste Ecke hinunter, wo der Brauer mit dem Kaufmann ängstlich flüsterte. So verging Monat um Monat, der Frühling und der Sommer, und Anton konnte es sich nicht verhehlen, daß bei dem Ebben und Fluten der Bewegung doch die tschechische Gesinnung unter den Honoratioren langsam wuchs. Und gerade im Spätherbst, als seine Fabrik ihn wieder ganz in Anspruch nahm, wollten die Gerüchte nicht verstummen, welche den Sieg der österreichischen Junker, Pfaffen und Slawen in nahe Aussicht stellten. Es war an einem schönen frischen Abend in den ersten Tagen des November, als sich die Stimmung für die deutsche Ecke schon darin kenntlich machte, daß der Brauer kein deutsches Wort sprach, der Kaufmann ab und zu ins Herrenstübchen ging, außer dem Bürgermeister auch der Adjunkt ausblieb und der Herr Kaplan bei Franz ein zweites Gläschen Bier bestellte. Es hatte noch nicht acht Uhr geschlagen, als plötzlich Zaboj mit einem Zeitungsblatte in der Hand vom Ring hereinstürmte. Seine Augen leuchteten in feuchtem Glanze. »Nieder mit den Deutschen! Wir haben gesiegt!« schrie er schon in der Tür. »Wir haben gesiegt, das Ministerium ist gestürzt.« Und mit geballter Faust schlug er das Zeitungsblatt gerade vor Anton auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. Aus dem Herrenstübchen erschollen wilde Rufe, der Lehrer erschien auf der Schwelle, fragte, hörte und stürzte Zaboj in die Arme, der Kaufmann küßte den Brauer. Petr sprang auf den Tisch, kreuzte die Arme und stieß ruckweise wilde Reden hervor, bis Zaboj ihn herunterriß, seine Stelle einnahm und nun unter hellen Freudentränen erzählte: Das Ministerium war gestürzt, ein zuverlässiger Kavalier, der zur Kirche hielt, hatte die Bildung der neuen Regierung übernommen. Noch war kein tschechischer Name für das neue Kabinett genannt, aber der Sieg war gewiß. Und Zaboj hob in starker Bewegung beide Arme zur Decke empor und rief: »Herrgott! Herrgott! Endlich hast du uns zu unserem Rechte verholfen!« Dann sprang er mit einem Satze vom Tische herunter, schüttelte dem Kaplan die Hände, küßte ihn auf den Mund und legte schluchzend seine Stirn auf die Schulter des Geistlichen, der schmunzelnd dreinschaute. Die Deutschen hatten sich erhoben und suchten abseits im Zeitungsblatt, ob sich das alles bestätigte. Es ließ keinen Zweifel. Die folgenschwere Überraschung stand da schwarz auf weiß und übte ihre Wirkung schon auf die Genossen des Stammtisches. Feindliche Blicke und feindliche Worte flogen zu ihnen herüber. Die alten Gegner brauchten ihren Haß nicht mehr zu verbergen, und noch lauter schrien die bisherigen Herren von der Mittelpartei, so oft Petr das Zeichen dazu gab: »Nieder mit den Deutschen!« Und einige riefen es in deutscher Sprache. Und jetzt begannen neue Gäste in die Wirtsstube hineinzuströmen. Leute aus dem Volke, welche sich sonst niemals unter die Honoratioren gewagt hatten, kamen hinzu: Fuhrleute, Kleinhändler, der bucklige Schuster war da und duzte den Brauer, und vom andern Ufer waren sogar die letzten Hintersassen erschienen und tranken dem Kaplan zu. Bald war die Stube voll von Menschen, und die vier Deutschen standen unschlüssig, umdrängt von den höhnenden Feinden. Sie sollten ihr Bündel schnüren, sie sollten nach Amerika auswandern, rief man ihnen zu. Und schon stellte sich ein Fuhrmann drohend vor den Arzt hin und beschimpfte ihn, weil er seinen alten Vater umgebracht hätte. Immer deutlicher war die Absicht, die Deutschen aus dem Wirtshause hinauszudrängen. Sie aber wichen nicht, und es hätte tatsächlich Streit gegeben, wenn sie sich nicht, der alte Pfarrer voran, ins Herrenstübchen zurückgezogen hätten. Während sie hier in Zorn und Sorge das Nächste besprachen, tobte aus der großen Stube immer lauter und wüster der Siegeslärm hinein. Plötzlich aber wurde es still, und eine parlamentarische Verhandlung begann. Der Arzt, welcher die tschechische Sprache in seinem Beruf erlernt hatte, erklärte, was vorging. Man beriet über die Art, wie der große Tag gefeiert werden sollte. Der Vorschlag, sich zu bewaffnen und die Deutschen totzuschlagen, wurde gemacht, aber doch nicht angenommen. Auch der Rat eines alten Achtundvierzigers, in bewaffneten Haufen nach Prag zu ziehen, fand keine Mehrheit. Petr wurde sogar ausgelacht, als er den Antrag stellte, es sollten auf Gemeindekosten für jeden Einwohner von Blatna nationale Kostüme nach dem Muster des seinigen angeschafft werden. Aber der Kaplan drang durch, als er das Verdienst der Kirche um die nationale Sache hervorhob und die Anwesenden ermahnte, vollzählig und in feierlicher Ordnung zur Statue des heiligen Nepomuk zu ziehen und dem Schutzpatron des Landes für die Rettung zu danken. Sofort setzte sich alles in Bewegung. Petr aber rannte durch das Haus treppauf, treppab, schrie wie besessen in einer Sprache, die niemand verstand, und erschien endlich mit vier Pechfackeln, die von irgendeinem großen Leichenbegängnis übriggeblieben waren. Die Fackeln wurden entzündet, und unter Absingung des nationalen Heimatliedes setzte sich der Zug, von Schritt zu Schritt wachsend, in Bewegung. Voran gingen, zwischen den Fackelträgern, Zaboj, Petr und der Kaplan. Nun begaben sich auch die Deutschen vors Haus. Auf dem schlecht beleuchteten Platze sah man nur eine dunkle Masse sich herunterbewegen und darüber rot beleuchtet die Rauchwolken der Fackeln sich ballen. Aber deutlich klang die melancholische Melodie des slawischen Liedes herüber zu den vier Deutschen, die unter einem offenen Bogen der Lauben düster in die Nacht hinausblickten. »Das ist schon oft dagewesen,« sagte der Pfarrer, der die schweren Gedanken der übrigen erriet. »Auch diesmal wird das Fieber wieder niedergeschlagen werden. Leider, leider ist das kein gemütlicher Abend.« Niemand antwortete. Der Zug mochte jetzt vor der heiligen Statue halten, denn der Feuerschein bewegte sich nicht. Langsam verhallte das Heimatlied. Plötzlich ertönten dumpf herüber andere, wildere Töne; das Trotzlied gegen die Deutschen war angestimmt worden. Heftig und schnell klang es durch die Nacht, und mit bitterem Hohne sprach der Arzt in deutscher Sprache den letzten Vers mit: »Tod und Hölle allen Feinden!« Der Lehrer stampfte mit dem Fuße und rief heftig: »Das ist doch mal ein Lied! In unsern deutschen Liederkränzen singen wir immer noch von Liebe und Frühling und wundern uns, wenn wir dann plötzlich mit Sensen und Dreschflegeln angefallen werden. Ich möchte einen Preis ausschreiben lassen für so ein deutsches Lied.« »Wenn's beim Singen bliebe, wären die Tschechen noch zu ertragen,« meinte der Arzt. »Nu, nu!« sprach der Pfarrer begütigend. »Alle Menschen haben gleiche Rechte, und wir besonders in unserem lieben Österreich müssen uns hübsch vertragen lernen.« »Nein,« rief Anton und ballte die Faust gegen den Fackelschein, der jetzt drüben im Dorfe Blatna verschwand. Er sah hübsch aus, wie er jetzt, in überzeugter Begeisterung, Gedanken und Worte nachsprach, die er wohl jüngst im Prager »Tagesboten aus Böhmen« gelesen hatte. Er rief: »Nein, auch ich habe geglaubt, daß die Idee der Menschheit höher steht als die Idee der Nationalität. Ich war ein Kosmopolit und bin bereit, es in friedlichen Zeiten wieder zu werden. Das aber ist Krieg! Das ist nicht mehr der allgemeine Kampf ums Dasein, der uns alle, auch gegen unsern Willen, zur Härte und zum Egoismus zwingt. Nein, das ist mehr, das ist Krieg. Seht, da kommen sie wieder herauf, und noch lauter, noch feindlicher brüllen sie ihren Schlachtgesang. Sind wir denn Fremde hier, daß man uns mit Mord bedrohen darf? Sie wollen den Krieg, sie sollen ihn haben! Und wenn man uns von oben in dieser gerechten Sache nicht schützt, so wollen wir uns selber helfen und in diesem schweren Kampfe zusammenstehen, treu vereint, unerschütterlich bis auf den letzten Mann!« Und begeistert streckte Anton den Freunden die Hände entgegen. Er fühlte sich froh, wie der Arzt und der Lehrer einschlugen. Der Pfarrer hatte sich entfernt. Jetzt ertönte der Gesang näher und näher. Und plötzlich flutete das grelle Licht aus der engen Gasse wieder auf den Ringplatz, und hinterher ergoß sich der Menschenstrom. Die Schar war noch weiter angewachsen; einen solchen Menschenhaufen hatte man in Blatna seit dem Tage nicht gesehen, da der gefürchtete Räuber Kotik gefangen worden war. Auch die Fackelträger waren jetzt zahlreicher, und bei dem helleren Scheine war deutlich zu sehen, daß auch Weiber sich dem Zuge angeschlossen hatten. Man machte vor dem Rathause halt und sang dort sein Trotzlied ab. Wieder erklang es so laut, daß man die Worte schon verstehen konnte: »Tod und Hölle allen Feinden, Mord und Tod den Deutschen.« Plötzlich wurde es still, der Bürgermeister sprach zum Volke. Die drei Deutschen konnten keinen Laut verstehen, aber es war kein Zweifel, daß das Oberhaupt der Stadt nun doch Tschechisch sprach und sich der siegreichen Partei anschloß. Denn stürmische nationale Hochrufe waren die Antwort auf seine Rede. »Slawa!« tönte es laut. Ein ähnlicher Auftritt fand zwei Häuser weiter vor dem Hause der Bezirkshauptmannschaft statt. Hier wohnten die Beamten der Verwaltung und die Polizeipersonen, auch sie mußten sich ergeben haben, denn die Rufe wollten kein Ende nehmen. Und näher rückte die Menschenmasse, den Ringplatz herauf. Man vernahm durch das Singen und Schreien der Leute hindurch die dünnen Töne einer Harmonika, welche zum Marsche aufspielte. Man hörte das Lachen der Spaßmacher und unterschied bereits die Stimmen der Frauen. Jetzt schürte der vorderste Fackelträger seine Pechstange auf dem Pflaster. Und bei dem auflodernden Feuerschein erkannte Anton die Menschen, welche dem jubelnden Zuge voranschritten. Als erster ging der Petr. Er trug in seinen Fäusten den alten Morgenstern aus der Scheune des Svatopluk. Er hatte die Waffe erhoben, die wild drohend, blutigrot in dem flackernden Lichte blinkte. Petr selbst gab sich Mühe, unter seiner schweren Last heldenhaft auszusehen, aber er erschien doch nur wie ein unglücklicher Statist in einer heroischen Oper. Neben Petr schritt Katschenka. In der Hand hielt sie ein rotweißes Fähnchen; mit aufgerissenen Augen starrte sie begeistert in den Sternenhimmel hinein, und wenn alle andern vom Singen ausruhten, so schmetterte sie allein das Slawenlied, und bei den Worten: »Tod und Hölle allen Feinden!« schüttelte sie das Fähnlein und hielt es hoch empor, daß es den Morgenstern Petrs überragte. In der zweiten Reihe ging der alte Svatopluk zwischen dem Lehrer und Zaboj, die es längst aufgegeben hatten, den Krüppel zu stützen. Mit dröhnender Stimme den Gesang begleitend, warf er seine Beine zu mächtigen Schritten eins ums andere vorwärts, spottete seiner Krücken und warf lachend bald die eine, bald die andere in die Luft, um sie sogleich wieder mit der Hand aufzufangen und sich rasch vor dem Zusammenknicken zu bewahren. Und jedesmal antwortete die Masse mit Freudenrufen. Und hinter dem alten Svatopluk drängten sich die besten Patrioten, der Fuhrmann, der Brauer und die anderen. »Tod und Hölle allen Feinden!« Mit dem Schlagwort war der Haufe vor dem Wirtshaus angelangt, wo die drei Deutschen noch immer dem Schauspiel zusahen. Plötzlich wurde haltgemacht, und mit donnernden Stimmen wiederholten die Sänger drei-, vier-, fünfmal den letzten Vers: »Tod und Hölle allen Feinden!« Sie konnten sich nicht satt daran hören. Und zu allen Drohungen, Schmähworten, Hochrufen schwang Petr mit blödem Gesichtsausdruck den Morgenstern über Antons Haupte. Der tschechische Lehrer fuchtelte mit geballter Faust vor den Augen seines deutschen Kollegen. Und von den letzten Reihen her schwoll gewaltig herauf bis zu einstimmigem Brausen: »Nieder mit den Deutschen!« Der alte Svatopluk stieß den stotternden Petr beiseite, schob die linke Krücke unter die Achsel, hob mit der Rechten wie zum Schlage aus und überschüttete Anton mit tschechischen Worten. Ein wieherndes Gelächter der Menge begleitete sie. Als Anton nicht verstand, riß Zaboj seine Schwester, die zurückgetreten war, hervor, und schrie auf deutsch: »Du mußt gratulieren, Deutscher, wir haben Katschenka mit dem braven Petr verlobt.« Glutrot stand das Mädchen vor ihrem Jugendfreund; das Fähnlein hatte sie gesenkt, ihre Augen blickten zu Boden. In der »Slawa« rufenden Menge hörte niemand die Worte, die sie murmelte. Zwei Gendarmen und der Ortspolizist hatten sich unter den Lauben genähert und wollten die Deutschen zwingen, sich ins Haus zurückzuziehen. Schon waren sie von dem Haufen umringt, schon hatte der Fuhrmann Antons Rock berührt und war von ihm zurückgestoßen worden, als Zaboj seinen Genossen zurief: »Laßt ihn laufen! Kommt, wir wollen die Inschrift an seinem Hause lesen.« Brüllend erwiderte der Chor: »Zum deutschen Haus.« Die Harmonika setzte ein: »Tod und Hölle allen Feinden,« und den Ringplatz aufwärts zog die Schar weiter. Ein jeder hatte im Vorbeimarschieren ein Schimpfwort bereit. Katschenka war nicht mehr an der Spitze zu sehen. Als die letzten vorüber waren, sagte der Arzt: »Die Herrschaften sind sehr freundlich; sie schenken uns das Leben und wollen nur die Inschrift an Ihrem Hause vernichten.« »Solange ich lebe, nicht!« rief Anton und eilte dem Haufen nach. Die Freunde folgten ihm. Links hinter der Häuserreihe über die kahlen Felder hinweg eilten sie zum Steinbruch. Und auf dem schmalen Steige führte Anton die andern an der Höhle vorüber durch die Hintertür ins Haus. Anton griff nach einem Jagdgewehr, ein zweites reichte er dem Lehrer. Der Arzt faßte mit einem Fluch nach dem schweren Feuerhaken. So stiegen sie ins erste Stockwerk hinauf. Als sie die Fenster aufrissen, langte auch eben der Zug vor dem Hause an. Und schon flog der erste Stein gegen die verhaßte Inschrift. Anton und der Lehrer legten an und der erste schrie, daß er das Toben des Haufens übertönte: »Ich schieße, wenn ein Stein uns trifft!« Plötzlich wurde es unten still. Die andern Fackeln waren erloschen, nur noch zwei Stummel verbreiteten ein trübes Licht. In dem rötlichen Scheine konnte Anton wahrnehmen, wie Zaboj seinen Vater, Katschenka ihren Bräutigam zurückzudrängen suchten. Unter Scherzen redeten die Gendarmen den Leuten zu, nach Hause zu gehen. Da rief der alte Svatopluk: »Nieder mit den Deutschen, fort mit der Inschrift,« und tausendstimmig antwortete das Echo dem Patrioten. Ein Dutzend Kieselsteine flogen gegen das Haus und zertrümmerten einige Scheiben. Das Gelächter der Menge mischte sich in das Klirren des Glases. Noch eine der Fackelstummeln war erloschen. Im letzten Scheine tauchte der Adjunkt des Bezirkshauptmanns auf; er drückte den Führern der Bewegung die Hände und beschwor sie im Namen der guten Sache, keine Gewalttat zu begehen. Man hörte auch die Stimme Katschenkas weinen und flehen. Plötzlich rief der alte Svatopluk auf tschechisch: »Wir wollen dem Kerl nichts tun, aber die Inschrift muß herunter.« »Schlagt mit dem Morgenstern den Mörtel ab,« rief es aus der Menge, und »Slawa!« brüllte der alte Svatopluk. »Ich bin der Längste unter euch. Stützt mich, und ich will's besorgen.« Svatopluk ließ die Krücken fallen. Zaboj und der Lehrer faßten ihn, jeder unter einer Schulter, und hielten ihn stramm aufrecht. Er riß dem jubelnden Petr den Morgenstern aus der Hand und hob ihn hoch empor. Anton und der deutsche Lehrer blieben im Anschlag und rührten sich nicht. Jetzt holte Svatopluk weit aus. Krachend schlug der Morgenstern gegen die Hauswand. In diesem Augenblick krachte auch das Holz. Die alte Stange des Dreschflegels brach von dem Stoße mitten entzwei, die Hussitenwaffe fiel schwer nieder und schlug den letzten Fackelstumpf aus der Hand des Petr. Totenstille folgte. In der plötzlich verfinsterten Nacht sah man nur die Gewehrläufe immer noch drohend aus den schwarzen Fensterhöhlen schimmern. Eine abergläubische Angst flog durch die Menge, als der symbolische Morgenstern zerbrach. »Es ist genug! Gehen wir nach Hause!« Anton erkannte die Stimme des Adjunkts. »Nach Hause!« wiederholten die Weiber und viele Männer. Plötzlich setzten sich die hintersten in Bewegung. Um Svatopluk erhob sich ein Murren. Da stimmte jemand das feierliche alte Schlachtlied der Hussiten an, das wie ein Gebet zum Himmel tönte und die Engelscharen herbeizurufen schien zum Schirme gegen die Pfaffen und Rom. Der ganze Haufe machte allmählich kehrt und fiel in den Gesang ein. Viele verliefen sich; doch einige hundert Menschen marschierten bis auf den Ring zurück, umringten dort die Marienstatue und sangen zu ihr empor das ketzerische Hussitenlied bis auf die letzte Strophe. Dann schwang sich Zaboj auf einen Prellstein des Sockels und hielt von da hinunter im frostigen Dunkel der Nacht eine begeisterte Ansprache an die Patrioten von Blatna. Fünftes Kapitel Am nächsten Morgen erstattete Anton ans Gericht die Anzeige über die Ereignisse der verflossenen Nacht. Umsonst riet ihm der Bezirksrichter mit sauersüßem Lächeln, eine Sache nicht weiter zu verfolgen, in welcher der Verletzte sehr leicht als der Angreifer erscheinen könnte. Umsonst baten der Arzt und der alte Pfarrer, er möchte Frieden halten; Anton verlangte sein Recht. Er wußte nicht, wie jung er war. Die Zeugen wurden vernommen, und nach wenigen Tagen hatte Anton sich vor demselben Bezirksrichter zu verantworten. Er habe friedliche Leute mit einer gefährlichen Waffe bedroht; das Volk, das einer harmlosen Freude über eine wichtige kaiserliche Entschließung Ausdruck gab, habe nichts Böses beabsichtigt. Die Drohungen einzelner Schreier seien nur gegen eine Inschrift gerichtet gewesen, eine Inschrift aber sei kein Körper, kein Wertgegenstand, den man mit Waffengewalt verteidigen dürfe. Übrigens täte Anton Gegenbauer gut daran, die Inschrift freiwillig zu entfernen, da sie doch nur zu Haß und Verachtung gegen die treue tschechische Nation und gegen die kaiserliche Regierung aufreize. Und Anton Gegenbauer mußte wirklich noch froh sein, daß die Sache im Sande verlief und er nicht für den Schutz seines Hauses noch obendrein als Aufrührer verhaftet wurde. So weit ging man nicht, aber es war doch kein behagliches Leben, das man die guten Deutschen in Blatna seit der Berufung einer slawischen Regierung führen ließ. Der Feind hatte alle Scheu verloren, und am hellen, lichten Tage wurde Krieg geführt gegen die vier Menschen, welche es am 6. November gewagt hatten, anderer Meinung zu sein als die glorreichen Herren von Böhmen. Sie durften sich nach wie vor im Herrenstübchen versammeln, in welches sie an jenem Abend zurückgedrängt worden waren, aber auch hier ließ man sie nicht in Ruhe, und es bedurfte oft der persönlichen Hilfe des alten schlauen Gastwirts, damit ihnen ihr Essen und ihr Bier vom patriotischen Kellner mürrisch genug hereingebracht würde. Petr hätte den deutschen Gästen am liebsten das Haus verboten. Und er drohte damit oft für die Zeit, wo er und Katschenka die Zügel führen würden. Diese Aussicht schien jedoch der Ungeduld der Patriotenliga nicht nahe genug. Es war auch einfacher und durchgreifender, wenn man die Deutschen gleich aus der Stadt vertrieb; dann waren sie auf die höflichste Weise auch aus dem Wirtshause entfernt, und Schlag auf Schlag, rascher, als es einer von ihnen ahnen konnte, kamen die Veränderungen, welche im öffentlichen Interesse die Versetzung von Menschen notwendig machten, die zufällig Deutsche waren. Die neue Regierung war kaum acht Tage im Amte, als der alte Pfarrer bereits durch ein Schreiben aus der Königgrätzer bischöflichen Kanzlei in den Ruhestand versetzt wurde. Die deutsche Predigt sei für Blatna kein Bedürfnis mehr, man müsse dem Volke seinen Glauben in seiner Muttersprache ans Herz legen. Und da in Blatna mit Ausnahme von zwei oder drei gottlosen Schreiern niemand eine deutsche Predigt verlange, so solle sich der geistliche Herr Bruder von der schweren Arbeit in dem Weinberge des Herrn zurückziehen und den Rest seiner Tage im beschaulichen Dienste verbringen. Ein deutsches Kloster im Gebirge wurde ihm als künftiger Aufenthalt angewiesen. Der Brief war in tschechischer Sprache abgefaßt. Es war ein trauriger Abend, als der Pfarrer von seinen Freunden Abschied nahm. Er erzählte zum letzten Male seine liebsten Geschichten von nichtsnutzigen Mönchen und vorwitzigen Nonnen und bat, ihn nicht zu vergessen. Seine Stimme zitterte, als er dem Arzte und Anton zum letzten Male die Hand reichte; er beschwor sie bei seinen weißen Haaren, keinen Groll im Herzen zu tragen. Auch er nehme sein Kreuz geduldig auf sich . »Es wird mir ja recht gut gehen, und ich will nicht klagen; nur die weltlichen Bücher werden mir dort recht abgehen, und auch die Wiener Zeitungen möchte ich hie und da einmal lesen. Sie lieben ja unsere Religion nicht, aber sie sind lustig geschrieben. Wenn Sie mir nur einmal ein Buch schicken könnten, ein Buch mit kurzweiligen Geschichten, dann wickeln Sie's ja nur in ein Zeitungsblatt ein. Wenn es auch ein paar Wochen alt ist. Ich werde viel freie Zeit im Kloster haben, ja, lieben Freunde, und das Wetter ist rauh dort oben im Gebirge, monatelang werde ich in meiner Zelle hocken müssen.« Vierzehn Tage länger dauerte es, bevor auch der Lehrer versetzt wurde. Er war in der Tat in Blatna überflüssig geworden. An jedem Tage wurden einige Kinder aus der deutschen Schule herausgenommen und in die tschechische gesteckt. Die Eltern waren jene Hausbesitzer und Ackerbürger, welche sich als gehorsame Untertanen sofort der neuen Richtung angeschlossen hatten, sich aber selbst in der neuen Sprache gar zu ungeschickt bewegten; sie wollten es den Kindern bequemer machen. Bevor noch der letzte deutsche Knabe aus seiner Schule genommen war, erhielt der deutsche Lehrer schon den Befehl, sich nach einem kleinen Orte an der Grenze zu begeben, und dazu die Ermahnung, sich niemals um die Wahlen zu bekümmern und keine politischen Gedichte zu veröffentlichen. Als er von den Freunden Abschied nahm, verhehlte er nicht, daß er froh wäre, von Blatna fortzukommen. In seinem Bestimmungsort wohnte kein einziger Tscheche. Der Arzt lachte zu dieser Mitteilung bitter auf und sagte in seiner satirisch übertreibenden Weise: »Was nicht ist, kann werden. Und wenn morgen ein tschechischer Scherenschleifer durch Ihren neuen Wohnort zieht, so wird man einen tschechischen Bezirksrichter für nötig halten, weil der Scherenschleifer vielleicht stehlen könnte und der Richter ihn in seiner Sprache verhören müßte. Und wenn der tschechische Bezirksrichter erst da ist, so wird er tschechische Predigt und tschechische Schulen verlangen, weil er vielleicht heiraten, viele Kinder bekommen könnte und diesen der Unterricht und die Glaubenslehre nicht verkümmert werden darf. Und wenn erst die tschechische Schule für die zukünftigen Kinder des Scherenschleiferrichters gegründet ist, dann wird plötzlich kein Geld für die deutsche Schule da sein und Sie werden weiter wandern müssen, immer weiter, bis Sie im letzten deutschen Gebirgsneste Ruhe finden, wo kein tschechischer Scherenschleifer mehr hinkommt, weil die Leute zu arm sind, um ein Werkzeug im Hause zu haben.« Der alte Arzt war aufs tiefste erbittert. Ihn konnte man nicht versetzen wie den Pfarrer und den Lehrer, hatte er geglaubt. Aber man hatte ihn in Bann und Acht getan seit der Stunde, da er mit den übrigen Deutschen ins Herrenstübchen übergesiedelt war. Die ganze Stadt lief zum Sohne des Kaufmanns, der vor kurzem Doctor medicinae geworden war und sich in seiner Vaterstadt niedergelassen hatte. Es war ein junger, unerfahrener Mensch; auch kümmerte er sich mehr um die politische Gesinnung seiner Mitbürger als um ihre Krankheiten. Dennoch wurde in Blatna die Parole ausgegeben, daß der Sohn des patriotischen Kaufmanns den Deutschen verdrängen müßte. Selbst zu kranken Kindern wagten besorgte Mütter nicht den alten Arzt zu rufen, zu dem sie doch allein Vertrauen hatten. Nur im Dunkel der Nacht zog wohl eine weinende Frau seine Klingel, erzählte von ihrem sterbenden Mädchen, zeigte die Rezepte des jungen Doktors und bat flehentlich um heimliche Hilfe. Wie zu einer verfolgten Hexe, an deren Zaubermittel man glaubte, schlich man ungesehen zu ihm, aber bei Tage grüßte ihn niemand. Er hatte wohl noch seine Kranken in den deutschen Dörfern bis tief ins Gebirge hinein; aber für diese Tätigkeit war Blatna ungünstig gelegen, und er sprach schon davon, sich im Mittelpunkte dieser Bauernpraxis, in Oberndorf, niederzulassen. »Es ist eine Lust zu leben!« rief er, als er nach des Lehrers Abgang mit Anton im Herrenstübchen saß, zum ersten Male unter vier Augen. »Es ist eine Wonne, ein Deutscher in Böhmen zu sein! Wir haben das Land zu etwas gemacht, und dafür werden wir jetzt hinausgedrängt in die Wälder und Felsen, die sollen wir urbar machen, dafür sind die Herren Tschechen zu gut! Ein Stück Weltgeschichte! Wir werden hinausgetrieben aus dem schönen, fruchtbaren Lande und aus den Städten, die wir gebaut haben. Aber an den Grenzen dürfen wir uns verkriechen, wo Steine wachsen und wo die Füchse einander gute Nacht sagen. Na, als Arzt hätte ich ja nicht zu klagen, denn die Gegenden, die man uns Deutschen noch überläßt, sind ja die ungesündesten.« Anton war noch wilder erbittert als der Arzt. Seine Freunde vertrieb man, ihn wollte man vernichten. Schon seit Jahren waren die Rübenbauern schwierig geworden, weil aufrührerische Reden gegen die deutschen Fabrikherren gehetzt hatten. In den Zuckerfabriken werde ein sündhaftes Geld verdient, der blutige Schweiß des tschechischen Ackermannes klebe an den Banknoten in den deutschen Kassen. Vereinigung der Kräfte sei die Losung der Zeit, und die Bauern könnten reiche Leute werden, wenn sie nationale Zuckerfabriken errichteten. Bisher hatten diese Reden nicht verfangen, weil die Bauern mißtrauisch waren und auch kein bares Geld liegen hatten. Die neue Ära jedoch hatte auch nationale Banken über Nacht emporschießen lassen, und täglich sah man den Bezirkssekretär Zaboj Prokop mit Prager Patrioten verkehren, welche mit Geld und Plänen in der Tasche gekommen waren, um den Landesfeind Anton Gegenbauer zu stürzen. Auch diese Dinge entwickelten sich mit rätselhafter Schnelligkeit. Heute wurden die ersten Verträge von Antons Rübenbauern gekündigt, und morgen war schon das Land angekauft, auf welchem die neue Aktienzuckerfabrik stehen sollte. Gerade der alten Fabrik gegenüber, hinter der Kapelle wurde der Bauzaun geführt, und Anton sollte den Feind aus der Erde wachsen sehen. Er wußte wohl, daß das Beginnen der Leute Wahnsinn war. Zurzeit konnten kaum die sicheren, alten Unternehmungen aufrecht bleiben. Die neue Fabrik mußte unter solchen Umständen, bei den übermäßigen Verwaltungskosten und dem Mangel an barem Gelde bankrott sein, bevor der Betrieb recht eröffnet werden konnte. Aber er konnte sich auch nicht verhehlen, daß schon der Versuch einer solchen Gründung genügte, um ihn geschäftlich zu vernichten. In trüben Gesprächen und noch trüberen Gedanken vergingen den beiden letzten Deutschen die Tage. Und Anton sah bald völlige Einsamkeit über sich hereinbrechen. Der Arzt dachte immer ernstlicher daran, den Schauplatz des Kampfes zu verlassen. Nur gar zu feige wollte er nicht sein. Er wollte ein ruhiges Bekenntnis ablegen und der Stadt erst den Rücken kehren, wenn er bei der neuen Abgeordnetenwahl seine Stimme gewissenhaft für den deutschen Mann abgegeben hatte. Gleich nach dem Sturze der alten Regierung waren die Parlamente aufgelöst worden. Die Neuwahlen für den böhmischen Landtag waren ausgeschrieben und sollten wenige Tage vor Weihnachten stattfinden. Im Bezirk Blatna war bisher immer ein deutscher Abgeordneter gewählt worden; die Bezirksstadt selbst hatte zwar von Jahr zu Jahr eine größere Anzahl von tschechischen Wählern an die Urne geschickt, aber das gleichfalls von Jahr zu Jahr anwachsende Stationsstädtchen Oberndorf wählte fast ohne Ausnahme deutsch. So erhielten zwar die Tschechen allmählich eine große Stimmenzahl, aber bisher war die deutsche Partei noch nie in der Gefahr gewesen, zu unterliegen. In diesem Jahre, wo das Renegatentum frecher als sonst auftrat, schien dennoch ein Zusammenfassen aller Kräfte geboten. Keine Stimme durfte verloren gehen. Wenn der Arzt sich beeilte, schon jetzt nach Oberndorf zu übersiedeln, so ging seine Blatnaer Stimme verloren und dort war er am Entscheidungstage noch nicht wahlberechtigt. Er mußte ausharren; vielleicht hing von der einzigen Stimme der Ausfall ab. Und es gelang. Auch diesmal noch unterlag der Tscheche. Der deutsche Abgeordnete, einer der bekanntesten Reichsratsredner, wurde mit einer geringen Mehrheit gewählt, und der Arzt hatte die Genugtuung, daß seine Stimme zum schweren Siege beigetragen hatte. Am Tage nach der Wahl kutschierte er auf seinem leichten Wägelchen wie alle Tage fort, als ob er nur einen Krankenbesuch auf dem Dorfe zu machen hätte. Über schon vierundzwanzig Stunden später war es im Städtchen bekannt, daß er nicht wiederkommen werde, daß er sich im nahen Gebirge, eine Station hinter Oberndorf angesiedelt habe. Und wo auch Anton sich blicken ließ, da sah er höhnische Gesichter und hörte er höhnende Worte: »Ob der Herr Doktor auch für ihn Wohnung nehmen sollte?« Anton ging den ganzen Tag trotzig einher und suchte des Abends zur gewohnten Stunde das Herrenstübchen auf. Es wird drinnen einsam sein, aber er wird sich nicht ergeben, er wird ausharren auf dem Posten, den das Schicksal ihm anvertraut hatte. Als er durch die Wirtsstube ging und mit leichtem Gruße an den Honoratioren vorüberschreiten wollte, fiel ihm die Schweigsamkeit der Herren auf, besonders das dumm-pfiffige Gesicht Petrs. Er gieng ruhig weiter. Plötzlich stutzte er. An der Tür zum Herrenstübchen klebte ein großer Bogen Papier; der trug oben ein schwarzes Kreuz und darunter die Worte: † Hier ruht der letzte Deutsche von Blatna. Anton überschaute mit blitzenden Augen den ganzen Tisch. Man hörte keinen Laut. Dann riß er den Bogen mitten durch, betrat das Herrenstübchen und schloß mit zitternder Hand, aber mit scheinbarer Ruhe die Türe hinter sich zu. Drinnen aber brach er auf einem Stuhl zusammen, und Tränen standen ihm nah. Mit den Augen seines Vaters hatte er immer in seinen Volksgenossen, in den Deutschen, das Herrenvolk von Böhmen gesehen; es schien ihm unerträglich, die Niederlage erleben zu müssen. Lebendig begraben war er hier, lebendig begraben in diesem Stübchen, wie in der verdammten Stadt. Er konnte sich nicht frei bewegen, er konnte nicht frei atmen. Wie ein Sargdeckel drückte die Luft auf ihn nieder, er wollte sich befreien, aber die Kraft seiner Arme reichte nicht aus, um diesen Berg von Haß zu durchbrechen. Die Ellbogen aufgestemmt, das Gesicht in den Händen, brütete er vor sich hin. Dann schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch. Er lebte ja noch, er brauchte sich nicht fortschicken zu lassen, wie der Pfarrer und der Lehrer. Er wird seinen Posten nicht verlassen, wie der Arzt, in schimpflicher Flucht. »Hier lebt der letzte Deutsche von Blatna. Aber er ruht nicht!« Er lächelte bei dem Gedanken, daß man ihn hier wirklich lebendig begraben wollte und ihm nicht einmal sein Krüglein Bier hereinbrachte. Doch der Scherz dauerte ein wenig lange und wurde abgeschmackt. Anton war endlich zornig geworden über die kleinliche alberne Bosheit. Da schlich der alte Stephan Silber herein, brachte Bier und eine gute Schüssel und schloß die Tür hinter sich. »Haben ein wenig warten müssen, Herr Gegenbauer!« sagte er, während er den Tisch ordnete. »Mein Sohn hat sich wollen erlauben, einen Witz zu machen. Ich hab's geduldet, solange das Bier nicht gut war. Es war bisher nur eine Neige, Herr Gegenbauer; ich habe meinem Peter gehorcht, bis frisch angesteckt war.« Als Anton nichts erwiderte, rückte der Wirt noch einmal am Besteck und sprach leise: »Sie werden sich auch ergeben müssen, Herr Gegenbauer; wir sind die Schwächeren. Ich habe mich gefügt, aber glauben Sie mir, ich möchte diese Tschechen vergiften alle miteinander, die Schufte!« »Die Tschechen sind keine Schufte, sondern nur unsere Feinde,« rief Anton mit ernster Stimme. »Ein Schuft aber ist jeder Deutsche, der sich ihnen verkauft oder aus Feigheit ergibt.« Mit traurigem Kopfnicken zog sich der Wirt zurück. Anton nahm gedankenlos sein Abendbrot zu sich und starrte dabei die Wand an, wo seit gestern ein neues nationales Bild hing, eine Bohemia neben einem ungeheuren, gefräßigen zweischwänzigen Löwen. Plötzlich trat der Wirtssohn herein. Er brachte zwei schäumende Krügel, setzte das eine vor den Gast nieder und nahm mit dem andern neben ihm Platz. »Ich komme zu Ihnen als Freund,« sagte er auf deutsch. Er hatte es nicht verlernt, er sprach es sogar in der unverfälschten mährischen Mundart. Unbekümmert um Antons Schweigsamkeit führte er ihm zu Gemüte, daß man in Böhmen Tscheche sein oder auswandern müsse. Der Petr war gar nicht so dumm, wie er sich anstellte. Ganz geschickt wußte er die Vorteile aufzuzählen, welche der Deutsche durch seinen Übertritt ins tschechische Lager erwarb. Der deutsche Renegat hätte es besser als der Tscheche selbst. Und gar ein so angesehener Mann wie der Gegenbauer-Anton könnte seine Bedingungen stellen. Er konnte vielleicht jetzt noch das Aktienunternehmen, das für ihn so gefährlich war, am Entstehen verhindern, konnte das viele Geld seiner eigenen Fabrik zuleiten, wenn er nur in einem Punkte nachgab, wenn er bei der Nachwahl – der Gewählte werde die Wahl kaum annehmen – dem Tschechen seine Stimme gab. Anton schwieg noch immer, und Petr suchte nach neuen Überredungskünsten. Da trat Zaboj Prokop ein, setzte sich mit an das Tischchen und sagte zu Anton: »Sie kennen dich schlecht. Sie haben dir einen goldbeladenen Esel geschickt, um dich zur Kapitulation zu zwingen.« Petr rückte von seinem zukünftigen Schwager fort. Er sah dümmer aus als je, da er jetzt wieder das Wort nahm, und sagte: »Verzeih', Zaboj, daß ich Deutsch spreche, trotzdem wir auf böhmischem Boden stehen, aber dieser Gegenbauer versteht ja seine eigene Muttersprache nicht. Herr,« wandte er sich an diesen und schielte von Zeit zu Zeit ängstlich nach Zaboj, »Herr, als ein gebildeter Mensch sollten Sie eigentlich Gott danken, daß Sie als Böhme auf die Welt gekommen sind. Das ist die größte Ehre, denn die Böhmen sind das älteste Volk und zur Weltherrschaft berufen. Nicht wahr, Zaboj? Und alles Gute auf der Welt kommt von den Böhmen. Sie haben die Buchdruckerkunst erfunden, haben Amerika entdeckt, und Luther soll auch ein Böhme gewesen sein. Nicht wahr, Zaboj? Das heißt, vielleicht, man glaubt es. Wenn er auch kein Böhme war, so hat er's doch nur Hus nachgemacht. Und Goethe ist jedes Jahr nach Böhmen gekommen, um da dichten zu lernen, und hat unsere Volkslieder abgeschrieben. Nicht wahr, Zaboj? Und die lateinischen Bücher des Homer waren gar nicht lateinisch, sondern böhmisch geschrieben. Und Rom und Paris und London sind von Böhmen gegründet worden. Und Berlin und Wien sind heute noch slawische Städte. Nur daß man uns nicht aufkommen läßt. Nicht wahr?« Zaboj gab dem Schwager einen kräftigen Stoß in die Seite. »Mach, daß du fortkommst,« sagte er, »du hast noch nicht genug gelernt.« Als die beiden Jugendfreunde allein waren, streckte Zaboj die Hand über den Tisch hinüber. Anton aber schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, dem Kerl, der eben hinausging, will ich meinetwegen die Hand reichen, denn er ist ein Narr und kann uns nicht schaden. Du aber bist unser schlimmster Feind, zwischen uns ist keine Versöhnung möglich.« Zaboj hatte die Hand langsam zurückgezogen und drehte, um seine Verlegenheit zu verbergen, an seinem Schnauzbart. Nach langem Stillschweigen sagte er: »Es wäre eine Beleidigung für dich, wenn wir dich durch Vorteile zu uns herüberziehen wollten. Denn du bist ein edler Deutscher. Und an einem solchen ist uns mehr gelegen als an tausend Lumpen oder Narren. Aber du bist klug und hast ein Herz: wer dich gewinnen will, muß zu deinem Verstand und zu deinem Herzen sprechen.«. Anton machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und sprach: »Gib dir keine unnütze Mühe, ich werde nie verstehen, was es auch nur heißen soll, sein Volk verleugnen; und schmeicheln mußt du mir schon gar nicht!« Zaboj aber fuhr unbekümmert fort: »Sein Volk verleugnen? Wer verlangt denn das von dir? Du siehst, wir reden in deiner Sprache mit dir, weil du die unsere nicht verstehst. Was wir von dir und euch Deutschen wollen, ist ja nichts als ein friedliches Nebeneinanderleben. Ihr sollt einsehen lernen, daß wir die Herren in unserem Lande sein müssen, aber wir lieben die Freiheit wie ihr. Pfaffen und Junker benutzen wir nur so lange, als wir sie bei Hofe brauchen. Haben wir erst unser Ziel erreicht, dann soll die goldene Freiheit mütterlich beide Stämme umfassen und das freie böhmische Reich wird auch den Deutschen eine liebe Heimat sein.« Zaboj hatte sich erhoben und öffnete die Arme. »Alter Freund, Bruder, vernichte nicht dein Leben in einem hoffnungslosen Kampfe! Was ist uns Politik, was ist uns Nationalität, wenn die gleiche Liebe zur Freiheit uns verbindet.« Anton war sitzen geblieben, hatte den Kopf auf die rechte Hand gestemmt und lachte bitter vor sich hin. »Ihr Tschechen versteht alle hübsch zu singen,« sagte er. »Aber ich glaube den Worten nicht mehr, sind auch die Melodien noch so schön.« Anton dachte an Katschenkas Stimme. Zaboj blickte ihn unter seinen buschigen Brauen scharf an und verschränkte die Arme über der Brust. So schien er eine Weile mit einem schweren Entschlusse zu ringen. Noch einmal streckte er dem Deutschen mit flehenden Blicken die Arme entgegen, dann ließ er sie achselzuckend wieder sinken, und sich plötzlich dicht neben Anton setzend, sagte er: »So scheiden wir denn für immer, und ich muß dich achten. Ich will dir jetzt die ganze Wahrheit sagen. Ich habe eigentlich gar nicht gehofft, dich zu überreden, ich kenne dich, du bist ein Ehrenmann. Was liegt uns auch an einer Stimme, an einem Menschen? Wie der siegreiche Feldherr einen einzigen von den Feinden gern leben läßt, damit er die Kunde von der verlorenen Schlacht nach Hause trage, so bist auch du der letzte Deutsche von Blatna und ein lebendiger Zeuge unseres Sieges. Nein, ich will ganz ehrlich sein, nicht als Patriot, sondern als Mensch bin ich zu dir gekommen, weil mich ein armes Mädel dauerte, meine Schwester Katschenka; aber es ist ja umsonst!« Anton war rot geworden. Er wollte aufspringen und forteilen, aber innige Teilnahme nur, wie er glaubte, zwang ihn zu bleiben, und er fragte zögernd: »Was ist mit Katschenka? Ich wünsche ihr alles Gute.« Zaboj senkte seine Stimme zu dumpfer Trauer und sagte, während er scharf auf jede Miene Antons achtgab: »Katschenka hat sich jahrelang dem Willen des Vaters widersetzt, der sie mit Petr verloben wollte. Sie hat einen anderen im Herzen getragen, du weißt schon, wen. Kürzlich, an unserm Siegesfest, hat sie im Taumel eingewilligt, aber sie ist an jenem Abend wie gebrochen nach Hause gekommen. Sie will von dem aufgedrungenen Bräutigam nichts wissen und hätte ihn nicht mehr angesehen, wenn sie den Vater nicht fürchtete. Meine arme Schwester ist in Verzweiflung, denn sie liebt einen Deutschen.« Jeder Tropfen Blut war jetzt aus Antons Wangen gewichen. Bei den letzten Worten schoß es ihm wieder glutrot ins Gesicht, und flüsternd fuhr Zaboj fort: »Vor dem Vater fürchtet sie sich. Auch ich bin nicht ihr Vertrauter, aber sie weiß, daß ich im Herzen dein Freund bin, und so zeigt sie mir ihr wahres Gesicht. Mit trüben Blicken, mit Rändern um die schönen Augen schleicht sie an mir vorüber, ihren Bräutigam haßt, ihre Freundinnen flieht sie, bei Nacht höre ich sie in die Kissen hineinschluchzen und deinen Namen rufen, und des Morgens erscheint sie vor mir bleich und stumm, wie eine Anklägerin, als ob ich sie um ihr Lebensglück gebracht hätte. Und unaufhörlich scheint sie mich mit ihren Tränen zu fragen, ob du sie nicht mehr liebst. Die arme Katschenka.« Anton sprang auf und mit ihm erhob sich Zaboj. Anton rang nach Worten. Er hörte etwas leise Theatralisches aus den Sätzen und Gebärden Zabojs heraus; ob er aber wollte oder nicht, er stimmte sich wahrhaftig auf den gleichen Ton. Er preßte beide Hände gegen die Brust, strich sich dann über die Stirn und sprach endlich rauh und in kurzen Absätzen: »Es ist nicht deutsche Sitte, sich über seine Liebe zu unterhalten. Auch mit dir tu' ich's nicht. Es ist auch nicht deutsche Sitte, sich mit dem zu verloben, den man nicht liebt. Was aber mich betrifft, ich gebe keine Rechenschaft; mein Haus könnt ihr stürmen, wenn ihr die Übermacht habt, in mein Herz sollt ihr nicht dringen. Und noch eins! Selbst wenn ich Katschenka liebte, niemals dürfte der Trauring meiner Mutter an den Finger des unweiblichen Weibes kommen, das mit dem Pöbel durch die Straßen zieht und das sich nicht für Gold, aber für einen Meineid dem ersten besten Renegaten in die Arme wirft; ein Deutscher kann auch ein tschechisches Mädchen lieben, aber keine Bacchantin. Wie gesagt, ich habe keine Rechenschaft zu geben, und du und dein Haus; ihr stehet weit ab von mir, ich habe nichts mehr mit euch gemein.« Sechstes Kapitel Zaboj kehrte durch die eisige Nacht fröhlich nach Hause zurück. Auf der Brücke hinter dem heiligen Nepomuk kam ihm Petr entgegen. Der hatte noch ein Stündchen mit seiner Liebsten plaudern und ihr sein Gespräch mit Anton wiederholen wollen, war aber nicht hereingelassen worden. Er klagte über die Lieblosigkeit seiner Braut, wickelte sich aber bald fester in seinen nationalen Radmantel und eilte fort. Zaboj ging nun rasch an dem gefrorenen Dorfteiche vorüber, seinem Hause zu. Als er durch die niedrige Haustür in den finsteren Gang trat, hörte er seinen Vater mit grollender Stimme schelten. Er trat rasch ein. In der geräumigen kahlen Stube, an deren weißgetünchten Wänden nur zwei Heiligenbilder und der aus einer Zeitung herausgeschnittene schlechte Holzschnitt eines Tschechenführers klebten, verbreitete eine alte Öllampe, die vom Deckbalken niederhing, helles Licht und ein großer Kachelofen allzuviel Wärme. Der alte Svatopluk lag auf der Ofenbank ausgestreckt, die eine Hand hatte er unter den Kopf gelegt, mit der andern hielt er eine kurze Pfeife dicht am Munde, während er seine Tochter mit Vorwürfen überschüttete. Katschenka stand dicht unter der Hängelampe vor einem großen Küchenbrett, auf dem sie das künstliche Geflecht des Weihnachtsstriezels herstellte. Aus dem großen Trog zu ihrer Linken, unter dem zinnernen Weihwasserbecken, nahm sie den Teig. Als die Tür geöffnet wurde, hob sie erschreckt die Augen, in denen Tränen schimmerten. Zaboj hatte übertrieben, als er Anton ihr schlechtes Aussehen schilderte. Schön war sie, wie nur eine; aber heiß sprach der Kummer aus ihren Augen. Zaboj grüßte die Schwester und rückte dann einen Dreifuß neben seinen Vater. Er erzählte schnell und lebhaft sein Gespräch mit Anton. »Du hast recht gehabt,« schloß er. »Mit allen anderen Versuchungen ist diesem Menschen nicht beizukommen. Aber er ist in unsere Katschenka verliebt und wird ihr manches zu Gefallen tun.« »Ihre Verlobung mit Petr war eine Dummheit,« erwiderte der Vater. »Aber wir können nichts dafür, wir konnten damals nicht wissen, wie leicht uns der Sieg gemacht werden würde. Damals schien es uns nicht möglich, den Hauptmann der Deutschen selber zu fangen. Jetzt steht er allein, und es wäre eine große nationale Tat, wenn dieser Gegenbauer durch eine Heirat mit Katschenka unser würde. Außerdem werden wir dann die Herren vom Wolfsberg und könnten drüben in einem steinernen Hause wohnen, und auch Katschenka wäre mit dem Tausch zufrieden.« Zaboj runzelte die Stirn: »Vater!« sagte er. »Es handelt sich um den Sieg unseres Volkes. Nicht um unseren Wohlstand und nicht um Katschenkas Glück.« Das Mädchen flocht gleichmütig am zweiten Kuchen weiter, als ginge sie das Gespräch der Männer nichts an; doch ihre Augen brannten. Svatopluk ließ die Beine von der Bank heruntergleiten und setzte sich seinem Sohne gegenüber. »Narr und Träumer!« sagte er. »Was nutzt uns der Sieg unseres Volkes, wenn wir den Deutschen nicht ihre Meierhöfe und ihre Fabriken fortnehmen können, und wie können wir unserem Volke besser nützen, als indem wir einen jeden reich werden lassen? Wenn jeder einzelne Tscheche sich einen Deutschen zum Ausplündern aussucht und jedes einzelne tschechische Mädchen einen Deutschen in sich verliebt macht, so haben wir für die nationale Sache mehr gewonnen, als alle Regierungen und Pfaffen uns jemals gewähren können. Es ist sehr verdienstvoll, für seine Nation Gut und Blut zu opfern; aber noch verdienstvoller ist es, das Gut des Feindes an sich zu bringen.« Lachend erhob sich Svatopluk. Leicht auf eine Krücke gestützt, ging er in der Stube auf und nieder. Noch in seiner gebeugten Haltung mußte er dem Deckbalken jedesmal mit dem Kopfe ausweichen. Endlich blieb er vor Katschenka stehen, welche das dritte Geflecht vollendet hatte und eben in jeden Kuchenteig einen Kreuzeinschnitt machte, damit das Gebäck gut gerate; vorher hatte sie die Fingerspitzen ins Weihwasser getaucht. »Katschenka,« sagte der Vater, »hättest du Lust, deinen Deutschen zu heiraten?« Das Mädchen antwortete nicht gleich. Sie wischte die Hände an der Schürze ab und setzte sich mit übereinandergeschlagenen Beinen in die finstere Ecke der Ofenbank. Sie ließ die Arme müde sinken und lehnte den Kopf zurück. »Antworten sollst du!« schrie der Alte. »Laßt mich in Ruh,« sprach Katschenka und knöpfte langsam die rote Jacke zu, die sie während der Arbeit oben am Halse geöffnet hatte. Dann schob sie die Ärmel langsam zurecht und sagte: »Ich bin eine gute Patriotin, das habt ihr gesehen; aber ich bin doch ein Mädchen, das ein Herz im Leibe hat, und ich lasse mich nicht so hin und her stoßen.« Und plötzlich stürzte sie in die Knie, warf den Kopf auf die Bank und schluchzte laut. Svatopluk setzte sich neben sie nieder, suchte ihren Kopf in die Höhe zu heben und sagte gutmütig: »Wir sehen ja längst, wie dir zumute ist. Du hast unsere Erlaubnis! Mach' dich an ihn heran, er ist ja ohnedies verliebt in dich. Wie sollte er auch nicht, mein schönes Kind! Und wenn alles in Ordnung gebracht ist, so sollst du ganz glücklich sein, du sollst anstatt des dummen Petr den hübschen Anton heiraten und nachher dafür sorgen, daß er langsam deine Sprache lernt und zu uns übergeht, das kann dir gar nicht schwerfallen, denn deine Lieder hast du ihn schon gelehrt.« Zaboj kauerte noch immer auf seinem Dreifuß. Jetzt rief er herüber: »Natürlich kannst du nur seine Frau werden, wenn er verspricht, in dem nationalen Kampfe mindestens keine Partei zu ergreifen. Hüte dich, uns zu täuschen! Hüte dich, dein Volk zu verraten. Du weißt, daß wir mit Verrätern kein Erbarmen haben.« Svatopluk stampfte mit der Krücke auf den Boden. »Davor sind wir sicher,« rief er. »Katschenka ist eine so gute Slawin wie du und ich. Auch ist sie fromm! Aber hüte dich, Mädchen, die Geliebte dieses Deutschen zu werden, dessen Frau du werden mußt. Du sollst ihn herüberziehen, aber nicht lieben. Tust du's dennoch, Donner und Wetter, dann will ich an dir handeln, wie Gott an jedem Gegner Böhmens handeln sollte!« Da sprang Katschenka mit einem Satze empor. Mit gerungenen Händen stand sie vor Vater und Bruder, ihre Wangen waren gerötet. »Hört endlich auf mit euren schamlosen Reden und gebt acht, was ich euch sagen werde!« Sie hob die rechte Hand und drohte mit den Schwurfingern, man wußte nicht, ob dem Himmel oder ihren Verwandten. »Ich bin eine Patriotin und ich glaube, ich habe es bewiesen, und wie ich schon einmal meine Liebe zum Opfer gebracht habe, so will ich jetzt dem Vaterlande dienen, wo mein ganzes Herz mit euch den Sieg erfleht. Ich will versuchen, den Anton zu gewinnen für unser Vaterland, für unsere heilige Sache, und ich will vergessen, daß ich ihn ja nur für mich gewinnen will, nur für mich. Aber glaubt nicht, daß ich glücklich sein werde, wenn ich ihn gefoppt habe, wenn er mein Mann ist. Denn es ist nicht recht, es ist nicht recht! Es ist eine Sünde gegen den heiligen Geist meiner Liebe, daß ich auch sie in euren Dienst stelle. Ich habe den dummen Petr mit meinen Augen verlockt, daß er von mir nicht lassen kann, und ich lache darüber. Auch diesen Anton soll und will ich lachend verführen und ihn unglücklich machen, weil mein Volk es so verlangt. Aber ihn liebe ich! Ja, ja: du sollst es hören, Vater, und auch du, Zaboj, ich liebe ihn, und wenn ich mein Herz befrage, so ist dieser einzige Deutsche mir mehr wert als ihr alle miteinander, mehr wert als unser Land und seine heilige Sprache, mehr wert als unsere Kirche, mehr wert als der große Edelstein in der böhmischen Krone. Laßt mich ausreden: ich will mein Herz nicht befragen, ich will keine Verräterin sein. Aber Jesus Maria, es ist nicht recht, daß ich mit ihm spielen will, und es wird sich an uns allen rächen. Ich sehe das Unglück kommen, und wenn es da sein wird, dann denkt an die heutige Stunde.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging das Mädchen auf ihre Kammer. Zaboj blickte düster, aber der Vater lachte ihn aus. Wenn Katschenka vor dem Gegenbauer nur halb so schön und begeistert erschien, so mußte er unterliegen. Und zufrieden mit dem, was sie jetzt wieder für ihr Volk vorbereitet hatten, legten sich die Männer zur Ruhe nieder. Das Mädchen hatte nach den körperlichen und seelischen Mühen des Tages eine schlaflose Nacht; und als sie endlich gegen Morgen in Schlummer sank, da gab es böse Träume. Wohl war sie Antons Weib geworden, wohl saß sie neben ihm im Walde unter dem Weihnachtsbaum, aber in dessen höchsten Zweigen über dem kleinsten Lichtlein saß ein Wachsengel mit einem roten Bart. Das war ihr Vater. Der hielt den alten blutigen Morgenstern in der Hand und schwang ihn drohend über Antons Haupte. Plötzlich brach die Stange ab. Sie wollte schreien und konnte nicht, sie wollte die Waffe auffangen und konnte nicht. Sie vermochte nur zur Mutter Gottes zu beten, und sie sah, wie die Eisenkugel, anstatt zu fallen, sich in krausen Windungen langsam ihrer eigenen Stirn näherte. Auch Anton schlief nur schlecht in dieser Nacht. Die Lockrufe der Tschechen hatten nur seinen Zorn erregt. Aber das Gespräch mit Zaboj hatte die üppige Gestalt des Mädchens lebendig vor seine Sinne gebracht, und er lauschte durch die schweigsame Nacht hinunter in den Steinbruch, ob nicht aus der Höhle noch einmal die Lieder sehnsuchtsvoll zu ihm emportönten. Er wollte nicht auch sein Herz ertöten! Er hatte anderes genug zu tragen! Wenn das Mädchen nur noch heute ein Zeichen gab, daß sie ihn liebte, dann öffnete er weit sein Haus und seine Arme, und in seliger Lust wollte er den Kampf der Männer vergessen, wollte er den Frieden suchen bei seinem Weibe. Spät dämmerte der klare Wintertag herauf. Anton wurde aus seinem Morgenschlaf von hallenden Schüssen geweckt. Drüben, wo es mit dem Aktiengebäude nicht schnell genug vorwärts gehen wollte, sprengte man Felsenstücke ab, um sie dem Boden gleichzumachen. Die klare Sonne und der Anblick des gegnerischen Unternehmens brachten Anton vollends zu sich. Er hatte keinen Ruhetag mehr, seitdem der Bau drüben begonnen hatte und der Sturz von seinem Hause kaum noch abgewendet werden konnte. Was half es ihm, daß die Leiter der Aktiengesellschaft vieles falsch angriffen, daß sie Geld und Boden im großen verschwendeten wie jetzt im kleinen die Dynamitpatronen: nur damit es lauter und öfter knallte. Er arbeitete ja mit fremdem Gelde. Sein Zusammenbruch war früher zu erwarten als der der Gegner, wenn ihm nicht binnen Jahresfrist Hilfe wurde. Und das war schwer. Er brauchte die alten Banken in Prag mit ihrem Gelde, er brauchte zu Hause die tschechischen Bauern mit ihren Rüben. Und beide hielten es unter der neuen Regierung für besser, wenn sie den deutschen Fabrikanten verließen. Doch Anton wollte bis zum letzten Augenblicke kämpfen. So fuhr er auch heute bei einzelnen großen Rübenbauern umher, die entweder sich weigerten, neue Verträge mit ihm zu schließen, oder die geradezu kontraktbrüchig geworden waren und es auf einen Prozeß ankommen ließen. Wozu hatte man denn jetzt – so dachten sie – tschechische Richter? Wieder war alle Mühe verschwendet. Ohne etwas erreicht zu haben, kehrte Anton in der frühen Abenddämmerung in seinem Schlitten nach Blatna zurück. Schon strahlte durch die kleinen Fenster zweier Bauernhäuser der Weihnachtsbaum. Als er vor dem Mauthause unter dem Schlagbaum hielt, trat plötzlich Katschenka aus dem Schatten hervor und wünschte ihm einen frohen Weihnachtsabend. Anton faßte sich und erwiderte ruhig: »Ich danke dir, ein einsamer Mensch kann nicht sehr fröhlich sein.« »So komm' zur Mitternachtsmesse!« rief sie mit fast keck blitzenden Augen, dann eilte sie fort. Anton fuhr zur Fabrik, wo die Arbeiter schon entlassen waren und die Beamten ihn ungeduldig erwarteten. Rasch wurde die Bescherung für sie beendet. Die Männer fühlten sich unbehaglich neben dem trüben Fabrikherrn und eilten zu ihren Familien nach Oberndorf. Als Anton allein war, versuchte er vergebens, die Weihnachtsstimmung in seinem Herzen zu erregen. Noch vor einem Jahr hatte er den Abend wenigstens mit seinen Freunden im Herrenstübchen verbracht. Sie hatten damals sich selbst verspottet, daß sie ihr Trinkgelage für einen Weihnachtsabend nahmen. Wie verlangte ihn heute nach den treuen Augen des Arztes, nach den begeisterten Versen des Lehrers und selbst nach der salbungsvollen Ansprache und der unvermeidlichen gotteslästerlichen Weihnachtsanekdote des alten Pfarrers. Nun waren sie versprengt, auseinandergejagt wie eine Verbrecherbande. Sie waren ja Deutsche. Stundenlang saß er noch an der Arbeit, rechnete und schrieb Briefe. Dann ging er nach alter Gewohnheit ins Wirtshaus. Der alte Stephan setzte ihm Karpfen, gebraten und gesotten, vor, weil's der heilige Abend war; Petr ging knurrend um ihn herum, weil Katschenka sich auch heute nicht hatte sprechen lassen. Anton beachtete weder das eine noch das andere, er beschenkte die Leute, wie es Brauch war, und kehrte bald nach Hause zurück. Es war noch nicht zehn Uhr, er vermochte noch nicht schlafen zu gehen. Er holte aus seinem Kasten Hefte und Papiere, die ihn persönlich betrafen. Er las die Briefe, welche seine Mutter als Braut an den Vater geschrieben, als sie den festen Mann nach einem kurzen, schrecklich endigenden Jugendtraum gefunden und lieben gelernt hatte. Eine milde, warme Leidenschaft sprach aus jeder Zeile. Und welches Glück atmete aus jeder Antwort seines Vaters. Anton vergoß heiße Tränen. Es war doch gut, daß der Begründer seines Hauses den Zusammenbruch nicht erlebte. Er blätterte nun in den Briefen, die er einst im Österreichischen selber vom Vater erhalten hatte. Da war anfangs viel von Zaboj und Katschenka die Rede. Und die Warnung vor dem tschechischen Mädchen stand auch dort, wo ihr Name nicht genannt war; Anton vermochte in des Vaters Schrift nicht weiter zu lesen. Er öffnete die Tagebücher, die er fern vom Hause auf Wunsch des Vaters geführt hatte. Das erste, was er erblickte, war ein getrocknetes Sträußchen von Reseda und Thymian. Er wollte dem Andenken seiner Eltern ein Opfer bringen und steckte es in Brand. Es duftete noch, als die Asche auf der Porzellanschale vor ihm verglomm. Wo in dem Tagebuch der Abdruck des Sträußchens eingepreßt war, stand ein tschechisches Volkslied, das er aus dem Gedächtnisse niedergeschrieben hatte. Nun kniest du am Bache und spülest dein Linnen. »Was trieb nur den Junker so eilig von hinnen?« Er ging nach der. Stadt zu viel schöneren Frauen. »Ach müßt' ich am Finger den Ring nicht mehr schauen!« Wenn nur dein Mütterlein nicht erfährt, Was dir das dünne Ringlein wert! Der Reif ist vom Finger im Bache verschwunden. Du klagst um das Gold so viele Stunden. Was weinst du so sehr um den Ring deines Knaben? Dein Mütterlein wird man dereinst noch begraben. Dann weinst du sicher noch viel mehr. Wo nimmst du dann die Tränen her? Anton sprang auf. Noch einmal möchte er das Lied von ihrer Stimme hören! Es wurde so schwül in seiner Stube. Natürlich ging er nicht zur Mitternachtsmesse! Was ging ihn die tschechische Predigt an? Doch in die frische Gottesluft mußte er hinaus, er würde sonst ersticken. Und die Orgel konnte er vor der Kirchentür spielen hören, die gehörte auch ihm. Er lachte. Hatte doch sein Vater den größten Beitrag zur Anschaffung dieser Orgel gespendet. Er wickelte sich fest in seinen Mantel, als er in die Nacht hinaus trat. Der Frost war gebrochen, und in großen, weißen Flocken fiel ein leichter Schnee vom grauen Himmel nieder. Langsam ging er das Städtchen hinunter. Die Fenster blickten dunkel aus den Häusern heraus, aber auf den hohen schneebedeckten Dächern flimmerte es, auf dem Ringplatz und unter den Lauben zogen Gruppen von verhüllten Männern und Frauen hinter glitzernden Laternen der Kirche zu. Anton wollte in dieser Stunde nicht erkannt werden und hielt sich zurück. Erst als der Ring wieder öde lag und die letzte Laterne im Kirchgäßchen verschwunden war, näherte er sich langsam dem Gotteshause. Das Orgelspiel hatte schon begonnen; mit feierlicher Kraft drangen die Töne heraus. Anton blieb im Schatten des nächsten Laubenpfeilers stehen. Seine Aufregung hatte sich gelegt. Er lauschte. Plötzlich hörte er dicht neben sich ein schweres Atmen. Er sah nur undeutlich eine Frauengestalt. Doch er hörte Katschenkas Stimme: »Ich danke dir!« Sie schmiegte sich an seinen Arm und führte ihn mit sich fort. Anton folgte ihr willenlos. Er war froh, daß er sie gefunden. Unhörbar schritten sie über den weichen Schnee, wie zwei Schatten, der Brücke zu. Vor dem schneebedeckten heiligen Nepomuk bekreuzte sich Katschenka. »Mir ist so geheimnisvoll zumut,« sagte sie, »ich möchte heute den Schutz aller Heiligen erbitten.« Sonst sprachen sie kein Wort miteinander. Nur jenseits der Brücke kicherte das Mädchen plötzlich auf und steckte ihm etwas in die Manteltasche. »Einen Apfel von unserem Weihnachtsabend!« flüsterte sie und schmiegte sich fester an. Dann eilte sie rascher vorwärts, sah sich ängstlich um und zog den zögernden Mann um das Haus ihres Vaters herum zu der Scheune. Entschlossen öffnete sie das knarrende Tor und ließ es hinter sich und Anton langsam zufallen. Drinnen war vollständige Finsternis, kaum daß durch einige Ritzen des Daches ein verlorener Schimmer drang. Es preßte Anton die Kehle zu. Endlich ermannte er sich und sagte leise: »Wozu diese Heimlichkeit? Wir können uns doch bei Tage sprechen.« Das Mädchen hing an seinem Arm und flüsterte: »Nein, hier! Sie hassen dich alle und dürfen es nicht wissen, wie ich dich liebe. Komm, Anton, wir wollen uns niedersetzen. Auf den Leiterwagen! Ich führe dich. Hinten in der Ecke steht eine Bank; aber dort fürcht' ich mich. Dort sind Waffen und Pulver und was weiß ich.« Ein leises Rasseln drang kaum hörbar aus der Ecke herüber. Katschenka rückte dicht an Anton heran und umschlang ihn mit ihren Armen. »Hast du mich lieb, Anton?« »Ja,« flüsterte er. »Aber es ...« Sie ließ ihn nicht weiter reden. »Küsse mich,« hauchte sie. Und unter heißen Küssen erzählten sie einander ihr Liebesleid. Sie sprach von den Qualen der Sehnsucht, die sie all die Jahre nach ihm empfunden, und, fortgerissen, gestand auch er, was er sich selbst niemals gestanden hatte, daß ihr Bild, das Bild des Kindes und der Jungfrau, unaufhörlich auf ihn lauerte und immer vor ihm stand, so oft die Sorgen zur Seite wichen und eine lichtere Stunde ihm glänzte. Plötzlich unterbrach sie ihn: »Wo hast du das Sträußchen?« Und sie suchte in der undurchdringlichen Finsternis umsonst nach seinen Augen. »Ich habe es bis heute aufbewahrt. Seit einer Stunde habe ich es nicht mehr.« »Du hast es weggeworfen!« schrie sie auf. »Ich habe es verbrannt.« Sie jauchzte auf. »Das ist der Zauber!« rief sie. »Nicht zerrissen, nicht weggeworfen! Verbrannt! Jetzt weiß ich, daß du mich lieben mußt! Immer!« Sie küßte ihn und lachte. Dann holte sie den Apfel aus seiner Tasche, biß hinein, daß die Schale knirschte, und rief: »Beiß auch du hinein. Das gibt ewige Liebe. Was hast du, warum bist du so still? Du liebst mich nicht!« »Ich habe dich lieb, Katschenka, doch ich kann nicht glücklich sein. Ich sehe kein gutes Ende für unsere Liebe.« »Kein Wort mehr,« rief das Mädchen. Sie warf den Apfel fort, schlang beide Hände um seinen Hals, zog ihn zu sich nieder und sprach aufgeregt, während sie ihr Haar an seinen Mund preßte und mit beiden Händen in seinen Locken raufte: »Kein Wort mehr, oder ich glaube nicht, daß deine Liebe so groß ist wie die meine. Du böser, böser Mensch, wie hast du mich gequält. Ich liebe dich, wie das Blatt den Baum lieben muß, an dem es lebt. Ich liebe dich mehr als mein Augenlicht! Und jetzt, wo ich dich in meinen Armen habe, bin ich gut und gescheit und lache all der erbärmlichen Dinge, die uns trennen wollen. Und wenn ich deine Sprache von deinen Lippen höre, dann ist sie mir die schönste auf der Welt. Nein, nicht die schönste, es ist die einzige. Glücklich die Dirne, der du in dieser Sprache zuflüsterst, daß du sie liebst. Und die Glückliche bin ich! Sag es mir noch einmal, Mund an Mund, daß meine Lippen die süßen Laute von den deinen küssen.« Sie drängte ihren Mund zum Kusse, den Anton leidenschaftlich erwiderte. »Ich liebe dich,« flüsterte Anton. Dann riß er sich los, sprang vom Sitz herunter und stellte sich schweratmend vor sie hin. »Ich liebe dich, Katschenka, und begehre dich zum Weibe. Keine andere als dich! Daß ich ein Deutscher bin und du eine Tschechin, daran sind wir unschuldig, und bei Gott, das ist kein Grund, dich nicht zu lieben. Konnte doch meine Mutter einen Mann aus deinem Hause lieben!« »Deine Mutter, Anton? Ich habe sie nicht gekannt. Und du hast nie von ihr gesprochen!« »Ich will dir nur ihre Lieblingsgeschichte erzählen. Sie geht uns an. Du weißt, daß es bei uns in Böhmen bald der, bald die Butter heißt, und oben im Bilatal sagen sie sogar das Butter. Stritten da zwei Bauern darüber, ob es der oder die Butter heißt. Im Eifer gingen sie zum Pfarrer, der sollte entscheiden. Der Pfarrer aber war gerade aus dem Bilatal, und darum sagt er: ›Bei uns und in der Bibel habt ihr beide nicht recht. Es wird wohl richtig das Butter heißen.‹ Und meine Mutter lachte niemals, wenn sie's erzählte. ›So wird vor Gott vielleicht keiner von beiden recht haben,‹ fügte sie immer hinzu, ›weder der Deutsche noch der Tscheche. Es wird wohl richtig das Butter heißen.‹« »Anton! Deine Mutter meinte, daß Tschechen und Deutsche einander lieben sollten? Machen wir den Anfang! Gehorche deiner Mutter!« Wie aus der Ferne rasselte es in der Ecke, trotzdem kein Luftzug durch die Fugen des Daches kam. »Katschenka! Versprich mir nur eins! Versprich mir, daß du dein unweibliches Treiben aufgibst. Menge dich nicht mehr in den politischen Streit der Männer, lerne Achtung vor meinen Kämpfen, und ich will dich heimführen. Ich kann dir keinen Reichtum bieten, denn der Haß der Deinen richtet mich zugrunde. Doch ein helles Haus und ein Herz voll Liebe ist dir sicher. Wenn du als ein schlichtes Weib, das sich um den Streit der Männer nicht bekümmert, dich zu mir flüchtest, dann will ich gern dein Gefühl verschonen, will im Hause nicht sprechen von dem Kampfe, den ich mit meinem Volke gegen die Deinen führen muß. Und wenn du mir deine Lieder singst, werde ich dankbar lauschen.« Das Mädchen hatte seine Hände erfaßt und drückte sie an ihren Busen. »Ich vergehe ja vor Sehnsucht, dein Weib zu werden!« rief sie. »Aber das Versprechen kann ich dir nur geben, wenn auch du aufhören willst, dich als Deutscher zu bekennen.« »Schweig!« rief Anton erregt. »Schweig von Dingen, die nur Männer angehen.« Seinem Vater sprach er es nach, daß Frauen sich um Politik nicht zu kümmern hätten. »Anton!« flüsterte sie und rang mit seinen Händen. »Ich liebe dich! Führe mich heim zu dir, ich will dich glücklich machen, daß du in keiner Stunde bedauern sollst, mir deinen Stolz geopfert zu haben. Gib den fruchtlosen Kampf auf um unseretwillen, um deinetwillen!« »Schweig!« rief Anton laut und heftig und riß sich los. Er suchte die Tür zu gewinnen. »Anton!« rief Katschenka entsetzt. »Mach mit mir, was du willst! Nur nicht fortgehen!« Sie hatte ihn eingeholt und beim Arm gefaßt. »Das Weib eines Deutschen kann ich nicht sein, wenn sein Deutschtum ihm höher steht als seine Liebe. Aber lassen kann ich auch nicht von dir. Küsse mich und liebe mich. Magst du mich verachten, wenn du nur heimlich zu mir kommst. Ich will ja nichts als deine Liebe.« Anton hielt den schweren Holzriegel des Scheunentors mit der rechten Hand umklammert; doch er vermochte nicht zu entfliehen, er war zu starr, um das Tor in den Angeln zu bewegen. »Wenn du mich ehrlich liebst, so sage es noch einmal und ergib dich mir als mein ehrliches Weib ohne Bedingungen und ohne Flausen. Komm mit mir, komm auf der Stelle mit mir, und ich will dich schützen gegen deinen Vater und gegen die ganze törichte Welt, die uns scheiden will!« »Ich will ja nichts, als was du willst,« flüsterte sie. »Schütze mich vor mir selbst, wenn mein tschechisches Blut gegen dich stürmt.« Da zuckte Anton doch erschreckt zusammen, und Katschenka sank in die Knie. Hinten in der Ecke klirrte es laut von verrostetem Eisen. Höhnisch ertönte das Lachen Svatopluks und dumpf stampften seine Krücken heran. »Mein Haus steht meinem Weibe offen,« rief Anton dringend. »Keine Angst!« »Fort! Um meinetwillen!« flüsterte Katschenka. »Du wirst von mir hören! Jetzt geh! Bitte! Um meinetwillen!« Da schob er den Riegel zur Seite und ging. Katschenka blieb auf ihren Knien liegen und barg ihren Kopf in beiden Händen. Jetzt blieb ihr Vater vor ihr stehen; sie merkte es erst, als die eine seiner Krücken sie unsanft genug berührt hatte. »Du hast dir Ehre geholt heute nacht! Soll ich dich totschlagen, Mädel?« Katschenka rührte sich nicht. Der Vater schmetterte eine Krücke auf den Leiterwagen nieder. »Muckst du nicht?« schrie er. »Mit deinem feurigen Liebhaber konntest du ja reden. Habe ich vielleicht gestört? Entschuldige, ich habe während der Mitternachtsmesse den alten Morgenstern an eine neue Stange festnageln wollen. Das hält! Jetzt komm hinein! Steh auf und komm!« Gehorsam erhob sich Katschenka. So finster es war, sie glaubte die Krücke des Vaters erhoben zu sehen und hielt ergeben den Kopf gesenkt. »Komm!« wiederholte Svatopluk und faßte die Tochter hart am Handgelenk. »In der warmen Stube will ich dir etwas erzählen, wobei dir vielleicht so kalt wird, wie mir's hier in der Scheune beim Zuhören geworden ist!« Siebentes Kapitel Während sie über die unberührte Schneefläche dem Hause zuschritten, ließ Svatopluk seine Tochter nicht los, als fürchte er, sie könnte ihrem Deutschen nacheilen. In die Hausflur mußte sie zuerst eintreten. Dann riß er die Tür der Wohnstube auf und stieß das Mädchen wie eine Gefangene über die Schwelle. Drin war alles noch so, wie es für die Bescherung geordnet worden war. Links neben der Ofenbank auf dem Tische stand der Christbaum, mit Papierketten umhangen, mit vergoldeten Äpfeln geschmückt und von einem schwankenden Goldpapierengel gekrönt. Unter dem Baume lagen, wie alljährlich, um eine aus bunter Pappe gebildete Krippe die Geschenke, welche Vater und Kinder einander gemacht hatten. Zaboj saß daneben und war damit beschäftigt, mit seinem massiven, beilartigen Ziskastock, einer Gabe Katschenkas, Haselnüsse aufzuknacken. »Als ob's deutsche Schädel wären!« rief er den Eintretenden entgegen. Doch schnell fügte er hinzu: »Was ist denn das? Hat das Mädel uns verraten?« »Still!« gebot der Vater. »Katschenka hat sich so mündig, so selbständig aufgeführt, daß sie wohl endlich die Geschichte von ihrem Onkel Joseph erfahren darf. Ich muß auch ihr dies Weihnachtsmärchen erzählen. Gern tue ich's nicht! Hab' daran genug gehabt, wie ich's dem Zaboj erzählen mußte.« Katschenka ließ sich willenlos neben ihrem Bruder nieder, dem Christbaum gegenüber. Svatopluk sank schwerfällig auf die Bank der nächsten Ofenseite nieder und starrte in die Stube hinein. Zaboj rückte ein wenig von seiner Schwester fort und murmelte: »Sie muß es hören! Vom Onkel Joseph, der in den Kasematten des Spielbergs gestorben ist.« Katschenka begann zu zittern. Vom Onkel Joseph war den Kindern nicht anders als von einem großen Verbrecher gesprochen worden. Und später hatte sie nie etwas Näheres erfahren können. Sie nahm ihr rotes Tuch vom Kopfe, das von den Schneeflocken feucht geworden war, und breitete es unbewußt auf ihrem Schoße aus. Indessen hatte Svatopluk sich mit finsteren Blicken die neue Weihnachtspfeife mit dem Tabak aus dem neuen Beutel gestopft und steckte sie in Brand. Nach einigen Zügen betrachtete er stumm das Porträt eines Böhmenkönigs auf dem Pfeifenkopf. Endlich begann er: »Der Zaboj da wird dir oft erzählt haben, daß unser Familienname schon mit den ältesten böhmischen Königen zusammen genannt wird, daß wir von dem großen Hussitengeneral abstammen, und daß einer unserer Ahnen in der Schlacht am Weißen Berge sein Blut fließen ließ für die heiligen Rechte des Königreichs Böhmen. Was an alledem Wahres ist, weiß ich nicht. Es ist auch einerlei! Was ich weiß, ist das: soweit das Gedächtnis meines Vaters und Großvaters reichte, solange hat es in unserer Familie keinen Verräter und keinen Überläufer gegeben. Es hat niemals einen Deutschen namens Prokop gegeben – bis auf einen, meinen älteren Bruder Joseph, und der ist dafür in den Kasematten des Spielbergs gestorben.« Svatopluks Stimme zitterte, so große Mühe er sich auch gab, hart zu scheinen. Aber Zaboj rief hinüber: »Der Spielberg ist ein Gefängnis für Staatsverbrecher, und Onkel Joseph hat an Böhmen ein Staatsverbrechen begangen.« Da tat der Alte einen langen Zug aus der Pfeife und sprach weiter: »Mein Vater ist auf dieser Stelle, in diesem armseligen Häuschen ein begüterter Mann geworden. Und das war keine leichte Arbeit zu einer Zeit, da jedes Stück hartes Geld, jedes Schloß und jedes Gewerbe noch den Deutschen gehörte. Mein Vater dachte aber nicht nur an sich, sondern auch an die nationale Sache, und er war einer der ersten, der die Bjelounka überschritt und sich unter den Deutschen niederließ. Den Wolfsberg brachte er an sich, beutete den Steinbruch aus und dachte auch schon daran, dort eine Fabrik anzulegen. Unser Haus stand weit oben, wo jetzt der Schornstein qualmt. Wo jetzt das Trutzhaus dieses verdammten Gegenbauer steht, da sollte noch Sandstein gewonnen werden. Bis dicht unter das Haus ist man vorgedrungen.« Zaboj und Katschenka blickten beide zu Boden; sie erinnerten sich genau der Höhle, in der sie so oft gespielt hatten. Endlich sagte Zaboj trotzig: »Ich kenne die Höhle aus meiner Kinderzeit, und Katschenka kennt sie auch.« »Bis dorthin also reichte der Sandstein. Der letzte Block bildete diese Höhle. Leider! Wenn der Steinbruch da nicht plötzlich ein Ende genommen hätte, alles stände anders. Bah! Weiter! »Wie das damals in unserer Gegend üblich war, wurden die begabten Kinder aus tschechischen Orten in die deutschen Städte geschickt, damit sie die fremde Sprache lernen, so wie Zaboj Lateinisch gelernt hat, nur um besser in der Welt fortzukommen. Ich war ja nicht begabt! Die Mutter, die mich immer vorgezogen hat, lebte nicht mehr. Joseph war's, war der Gescheite, der Neunmalweise! Da hat ihn der Vater auf zwei Jahre – bevor er vom Vater die Wirtschaft übernehmen sollte – nach Trautenau gegeben, zu einem Steinmetz, damit Joseph Deutsch lernt und nebenbei das Handwerk; man konnte dann die Steine gleich in Blatna zurichten und besser verwerten. »Wie die zwei Jahre um waren – nun paß auf, Katscha, es kommt eine Liebesgeschichte, die dir gefallen wird. Denn es ist eine Liebe gegen den Willen der Eltern. Was? Nun wird's hübsch!? »Also der Joseph ist nach Hause gekommen und ist nicht wiederzuerkennen. Unsere Sprache hat er so schlecht gesprochen, daß es eine Schande war. Einen deutschen Rock hat er getragen, einen deutschen Hut aufgesetzt, und deutsche Bücher mitgebracht. Den Vater und mich hat er nicht für Gottes Geschöpfe angesehen, weil wir gute Böhmen waren. »Vom ersten Tage an hat er versucht, die alte Ordnung unseres Hauses umzustoßen. Wir haben damals noch nicht gewußt, daß der Trautenauer Steinmetz ein Kirchenfeind war; es hätte dem Vater auch nicht viel gemacht. Aber damit hat sein Krieg gegen uns begonnen. Den heiligen Nepomuk hat Joseph niemals genannt und hat auf den tschechischen Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus!« wie ein Heide geantwortet: »Behüt' euch Gott!« Im Wirtshaus hat er am Stammtisch gesessen, an der unteren Ecke; aber von dort aus hat er den Deutschen an der oberen Ecke immer recht gegeben, wenn sie unsere Sprache aus der Schule abschaffen wollten oder wenn sie sich über die tschechische Predigt beklagten, die damals eben eingeführt wurde. Und dabei ist's natürlich nicht geblieben. »Der Joseph hat Pläne gemacht, unser Haus einzureißen und es nach dem deutschen Grundriß neu zu bauen. Der Stall sollte unter ein besonderes Dach kommen und die Zimmer sollten höher und heller werden, als ob wir Fabriksarbeiter gewesen wären. Und sogar über diese elende Hütte, in der wir sitzen, ist er hergefallen und hat sie mit Ziegeln decken und frisch weißen wollen. Das sind nur so Kleinigkeiten, aber ich sag' euch, es war nicht auszuhalten, weil der Joseph bei jedem Wort so ein freches, deutsches Besserwissergesicht aufgesetzt hat. »Ich hab' vor Wut schon damals unter die Soldaten gehen wollen oder nach Amerika oder ins Wasser. Sagen hab' ich nichts dürfen, denn ich war um ein Jahr jünger als der Joseph. Der Vater ist oft wild geworden, und es hat dann furchtbare Auftritte gegeben zwischen ihm und dem Joseph; aber seit seinem Sturz im Steinbruch ist der Alte nimmer so recht gesund und kräftig gewesen. Trotzdem hat er oft mit mir darüber beraten, was dagegen zu machen sei, daß der Wolfsberg deutsch bleibe. Wenn heutzutage ein junger Tscheche so pflichtvergessen wäre, so würden sich in jedem Dorfe ein paar baumstarke Patrioten finden, um ihn zur Vernunft zu bringen oder ihm die deutsche Lust zu benehmen. Damals waren wir noch nicht so weit. Ganz Blatna war noch deutsch und hielt das für eine Ehre. So waren der Vater und ich auf uns allein angewiesen; wir sagten es einander, daß kein anderes Mittel übrig blieb, als mich, den Jüngeren, den Wolfsberg erben zu lassen und den Joseph hier in das alte Nest zu setzen. Ich schwöre euch, Kinder, daß ich dabei kaum an das Vermögen gedacht hab'!« Zaboj, der ruhig eine rostige Stelle seines Ziskastockes putzte, brummte vor sich hin: »Das versteht sich von selbst.« Katschenka war mit ihren Gedanken bei Anton. Svatopluk brachte mit einigen langen Zügen die Pfeife wieder in Brand, dann sprach er weiter: »Fast gleichzeitig mit Joseph ist ein deutsches Mädchen zu uns ins Haus gekommen. Wir haben's für Zufall gehalten. Es war die Tochter unseres Trautenauer Freundes – als ob ein Deutscher je unser Freund sein könnte. Ein paar Wochen vor Josephs Rückkehr hat ihr Vater geschrieben, ob seine Elisabeth, da sie doch ins Böhmische gehen und die Sprache lernen sollte und unsere Küche, ob die Elisabeth nicht bei uns bleiben könnte. Ich habe gleich Nein gesagt. Der Vater aber hat nicht wollen ungefällig sein und hat's zugegeben. Einen Monat nach der Ankunft der Elisabeth ist der Joseph gekommen; die beiden haben sich begrüßt wie Bruder und Schwester und haben nebeneinander hier gelebt ohne Wink und ohne Zank, so daß kein Teufel hätte auf den Einfall kommen können, daß sie schon damals miteinander versprochen waren, und daß die ganze Geschichte abgekartet war, um unseren Vater herumzukriegen.« Svatopluk erhob sich mühsam und humpelte durch die Stube. Katschenka war aufmerksam geworden und Zaboj schüttelte mißbilligend den Kopf. »Ich hab' mich also in die Elisabeth verliebt, trotzdem sie eine Deutsche war,« schrie Svatopluk plötzlich, während er sich auf der linken Krücke hoch aufrichtete und sich mit der rechten Hand schwer gegen den Deckbalken stützte. »Aber ich habe nicht anders geglaubt und gewußt, als daß sie als meine Frau eine gute Tschechin werden muß. Wie es denn geschrieben steht: das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen.« Zaboj hustete auffällig; aber Katschenka lauschte, ohne den Bibelspruch auf ihre eigene Lage anzuwenden. »Elisabeth war schöner, als eine Deutsche es eigentlich sein sollte. Er hat fast gar nichts von ihr! Er sieht seinem Vater ähnlich! Elisabeth war ganz besonders. So groß! Und oben im Kopf ein paar so gute blaue Augen! Und die gescheitelten blonden Haare! Wie ein Heiligenschein! Nach ein paar Tagen waren wir alle behext. »Sie war deutsch in jeder Miene ihres Mundes. Sie lachte uns aus, aber mit einer Art, daß wir mitlachten. Nicht ein Wort von unserer Sprache hat sie von uns gelernt; nicht ein einzigesmal hat sie's uns geschenkt, wenn wir einen Fehler im Deutschen machten. Aber wir konnten ihr nicht böse sein. Und ich hatte gar nichts dagegen, daß sie allerlei deutsche Sitten im Garten und beim Essen einführte. »Das Resedabeet da draußen, das du so gern hast, Katschenka, das stammt auch noch von dem Resedasamen, welchen Elisabeth hat aus Trautenau kommen lassen. Er riecht dort besser als hier, hat sie gesagt. »Über ein Jahr war sie bei uns, und noch immer hab' ich nicht gewagt, ihr von meiner Liebe zu sprechen. Ich bin zeitlebens ein plumper Bursch gewesen. Und ich hab' mich auch vor ihr geschämt, weil ich auf deutsch keine so schönen Worte machen konnte, wie sie. »Gerade jetzt jährt es sich wieder. Es war Anno siebenundvierzig am Tage vor Weihnachten. Es herrschte eine bittere Kälte. Ich geh' zu Mittag hinaus über die Straße, hinter die Kapelle; dort, wo jetzt die Felsblöcke mit Dynamit weggesprengt werden, da standen, wie ihr wißt, zwischen den Steinen eine Menge wilder Tannen und Fichten. Wir holten uns dort unsere Christbäume, das war ein alter Brauch. Ich gehe also hinaus mit Beil und Säge und suche und suche; und keine Tanne ist mir schlank und buschig genug, weil ich der Elisabeth was Schönes unter den Baum legen will. Ich klettere immer weiter über die Steine, bis ich plötzlich auf einem Block von drei Klafter Höhe eine einsame, schöne, lustige, grüne Tanne sehe, die sich eben hin- und herwiegt, als lache sie die helle Wintersonne aus. Das ist die rechte für Elisabeth, denk' ich. Und mit großer Mühe steig' ich auf den Stein. »Da seh' ich sie beide, Hand in Hand, den Joseph mit der Elisabeth. Sie sprechen nicht, sie küssen sich nicht, sie gehen stumm nebeneinander her. Aber mir fällt's wie Schuppen von den Augen. Ich schrie nur so auf! Beil und Säge werf' ich nach ihnen, ohne sie zu treffen. Dann springe ich vom Steine herunter und nach Hause zum Vater. »Da bin ich aber schön angekommen, wie ich die Anzeige mache und weine und rufe: Der Joseph will das deutsche Mädel heiraten. Der Vater lacht mich aus. Wenn ich sie geheiratet hätte, wär's ihm lieber gewesen, sagt er; aber daß sie seine Schwiegertochter wird, das freut ihn. Ich weiß nicht, was ich alles geantwortet habe. »Wir streiten noch, da treten die Liebesleute herein, das heißt, nur der Joseph, Elisabeth bleibt auf der Schwelle stehen und blickt zu Boden. Ich wie ein wildes Tier auf Joseph los und fass' ihn bei der Gurgel. Wir ringen, daß das Haus zittert. Der Vater und Elisabeth sind zu schwach, um uns zu trennen. Plötzlich liege ich zu Boden, Joseph schlägt mich wie einen Knaben und keucht dazu immer nur: Verdammter Tschech'. »Seit dem Tage habe ich des Vaters Haus natürlich nicht mehr betreten; ich hab' hier gehaust im Dorf, im Schmutz. Was aus mir geworden wäre, wenn ich die Liebe zwischen ihm und ihr hätte mit eigenen Augen sehen müssen, das weiß ich nicht. Glücklicherweise ist Elisabeth gleich nach der Entdeckung nach Hause zurückgekehrt. Dann ist der Steinmetz nach Blatna gekommen, der Vater ist nach Trautenau gefahren, und ich habe in der Kirche beim Aufgebot erfahren, daß die Hochzeit im Frühjahr stattfinden solle.« Mit schweren Schritten schwankte Svatopluk wieder auf die Ofenbank zu. Er ließ sich nieder, legte seine Pfeife fort und fuhr mit zitternden Fingern über den kahlen Schädel. »Die Revolution von achtundvierzig ist dazwischen gekommen, als ob ich sie bestellt hätte. Ich glaube, der Trautenauer hat dabei sein Vermögen verloren und ist schwer erkrankt; genug, Elisabeth mußte noch eine Weile bei ihm bleiben. Von der Hochzeit wurde nicht mehr geredet, und meine Gedanken gingen ins Weite. Und wie die Verfassung gegeben war, an dem Tage, wie's bekannt wurde, treff' ich den Joseph wieder zum erstenmal auf dem Ring. Alle Welt hat sich geküßt. Wir Brüder fallen uns um den Hals, und alles ist vergessen. Aber nicht auf lange.« Zaboj nickte. »Ja,« sagte er. »Im Jahre achtundvierzig haben viele gute Patrioten geglaubt, sie müssen den Deutschen und Ungarn helfen Revolution machen. Man hat ihnen gesagt, daß die Freiheit die Hauptsache sei und daß jedem Volke sein Recht wird, wenn erst die Despoten vertrieben sind. Ein paar Monate haben wir uns so foppen lassen, aber glücklicherweise sind wir zur Besinnung gekommen. Und wenn wir jetzt bei Hofe gut angeschrieben sind, so kommt es nur daher, daß wir damals beizeiten kehrtgemacht und der Regierung gegen die Deutschen und Ungarn beigestanden haben.« »Was ist aus der Elisabeth geworden?« fragte Katschenka leise. Sie merkte es auch aus dem Tone des Erzählers, daß noch ein unglückliches Ende zu berichten war. »Wie Zaboj sagt,« fuhr Svatopluk fort, »haben sich die Deutschen und die Tschechen bald wieder getrennt. Und daß wir uns aufs Blut bekämpfen, das stammt von dieser Zeit her. Was in Prag und in Wien vorgegangen ist, das weiß mein gelehrter Herr Sohn besser als ich. Hier in Blatna aber hab' ich's erlebt. Wie wir erst erfahren haben, daß all die neuen Dinge, die Revolution und die Konstitution, für unsere Feinde erfunden worden sind, da haben wir wieder treu zu der Regierung gehalten und haben uns gefreut, wie unsere kroatischen Brüder die Wiener niedergemetzelt haben und wie die russischen Brüder über die Ungarn hergefallen sind. So haben alle wackeren Tschechen empfunden. Und wir haben die Regierung ehrlich unterstützt; wo wir der Polizei einen Wink geben konnten, haben wir's getan. Die Lumpenhunde von der Mittelpartei haben dazu stillgeschwiegen, und nur wenige Deutsche haben immer noch im stillen Revolution gemacht. Besonders zwei waren verdächtig. Der alte Gegenbauer und mein Bruder Joseph. Heimliche Boten aus dem Reich haben sie bekommen, viele Briefe haben sie hinausgeschrieben, und schwarz-rot-goldene Kokarden haben sie getragen. »Ich habe wieder Anno neunundvierzig aufgehört, meinen Bruder zu grüßen. Aber ich wollte nichts tun, um ihn ins Unglück zu bringen. Geheiratet hab' ich sogar, um der Sach' ein Ende zu machen. Schnell. Eure Mutter selig war eine gute Böhmin. »Die Zeiten waren wieder ruhiger geworden, und die Hochzeit mit Elisabeth war jetzt auf den Sonntag vor Ostern festgesetzt. Ich hoffte täglich, daß man ihn in den Kerker stecken würde. Aber ich wollte nichts gegen ihn tun; man hätte gesagt, es ist wegen der Elisabeth. Und ich hätte es wahrhaftig selbst geglaubt. Ganz bei Verstande war ich freilich nicht. Ich konnte nicht mehr schlafen vor Zorn, wenn ich an ihn und seine Braut dachte. »Da, am letzten Samstag vor der Hochzeit, streich' ich schon um Sonnenaufgang auf dem Wolfsberg herum. Ich glaube, ich habe den Joseph im Hochzeitsstaat sehen wollen! Plötzlich höre ich aus der Ferne ein tolles Pferdegetrappel. Ich stelle mich hinter die Kapelle und lauere. Im rasenden Galopp kommt es näher, und auf einmal sehe ich dicht vor mir drei Husaren auf schäumenden blutenden Pferden. Die schwarzen jungen Kerle wanken im Sattel. Ein paar Schritte weiter machen sie Halt, schauen sich um, springen auf die Straße und führen die Tiere in den Hof meines Bruders. »Ich hab' ganz gut gewußt, was das zu bedeuten hat. Es waren ungarische Deserteure, die ihr Regiment verließen, um zu den Rebellen zu stoßen. Das Haus des Joseph war ihnen als sicherer Zufluchtsort für den hellen Tag bezeichnet worden. Das war damals nicht schwer zu erraten. »Ich mach' mich nichts wissen und treibe mich den Tag über auf dem Ring herum. Gegen Mittag begegne ich dem Vater, der auch so hin und her schlendert, als ob er ein schlechtes Gewissen hätte. Ich fasse ihn am Rock und sage ihm, was ich gesehen habe. Der Vater zittert an allen Gliedern und erzählt mir alles. Die drei Kerle sind von Theresienstadt aus desertiert, die ganze Nacht durchgeritten und wollen nach Ungarn zu Kossuth. Joseph hat sie in der Höhle am Steinbruch versteckt, ihre Pferde stehen im Stall, das ärarische Lederzeug ist vergraben, heute abend sollen sie wieder weiter. »Ich mache dem Vater Vorwürfe darüber, daß er den Feinden Böhmens hilft, aber er entkommt mir. »Ich habe stundenlang im Wirtshaus gesessen und nicht gewußt, was ich tun soll. Die Burschen haben mich geneckt, ob ich morgen mit nach Trautenau zur Hochzeit gehe. »Einer hat gesagt, die Elisabeth sei schöner als alle Tschechenmädchen. Aber ich war noch immer zu nichts entschlossen. Da kommen die Prager Zeitungen mit neuen Nachrichten aus Ungarn. Gerade vier Uhr hat's geschlagen, wie ich höre: Kossuth hat zwei böhmische Regimenter vernichtet, die besten Soldaten des Kaisers, und durch die deutschen Spione in Böhmen ist ihm der Sieg möglich geworden. »Jetzt weiß ich auf einmal, was ich zu tun habe. Zum Bezirkshauptmann bin ich gegangen. Er ist fast grün geworden vor Schrecken und hat mich angesehen wie einen wilden Menschen. Ich aber habe ihm gesagt: Erst unsere Nation, und dann die Familie. Hörst du, Katschenka?« Wieder hatte Svatopluk sich erhoben und stand auf beide Krücken gestützt wie zum Sprunge bereit vor seiner Tochter. Auch Zaboj stand auf und hielt mit funkelnden Augen den Ziskastock fest. Katschenka schrie auf und schlug die Hände vor's Gesicht. »Du hast dich nicht zu schämen, Vater, erzähle weiter!« rief Zaboj. Svatopluk sprach schwer atmend: »Fünf Gendarmen hat mir der Bezirkshauptmann mitgegeben. Die drei Soldaten wurden in der Höhle festschlafend überwältigt. Die armen Leute tun mir heute noch leid. Sie sind am nächsten Tag erschossen worden.« Mit den Fäusten auf den Krückstöcken richtete sich Svatopluk hoch empor. »Aber daß sie den Joseph auf den Spielberg gebracht haben, das bedaure ich heute noch nicht. Seine Briefschaften haben es bewiesen, daß er mit den Rebellen draußen im Reich in Verbindung gewesen, ein Verräter am tschechischen Volke. Ihm ist recht geschehen.« Svatopluk blieb aufrecht stehen. Aber röchelnde Töne aus seiner Brust begleiteten das Schluchzen Katschenkas. Zaboj setzte sich wieder nieder und sagte gleichmütig: »Selbstverständlich; aber du hättest den Wolfsberg behalten und behaupten sollen.« Svatopluk schleppte sich mühsam zu dem Dreifuß in der dunkelsten Ecke der Stube und brummte undeutlich: »Auf dem Steinbruch lastete ein Fluch, nichts ging mehr vorwärts. Der Vater gab eine Menge Geld aus, um Joseph loszubekommen. Es war alles hinausgeworfen. Der Vater hat's nicht lange überlebt. Und dann bin ich gleich unter die Soldaten gegangen, um dem Kaiser gegen die Deutschen und die Ungarn zu helfen. Es war dort gegen Kossuth ein hartes Leben. Die verfluchten Kerle mit ihren gelben Gesichtern und schwarzen Haaren sahen alle genau so aus wie die drei jungen Husaren.« Eine bange Stille folgte. Endlich räusperte sich Katschenka, als wollte sie sprechen. »Dummes Mädel,« rief Svatopluk höhnisch herüber, »du mußt natürlich wissen, was aus der Elisabeth geworden ist. Frag' doch den Anton nach seiner Mutter!« Achtes Kapitel Noch vor Neujahr mußte Anton nach Prag und nach Wien fahren, um einen letzten Schritt zur Rettung seiner Fabrik zu versuchen. Man empfing ihn überall freundlich und überschüttete ihn mit Versicherungen persönlicher Hochachtung. Auch ließ man durchblicken, daß man die Tschechen nicht mochte und ihm für einen Sieg über ihre Aktiengesellschaft auch aus politischen Gründen dankbar wäre. Aber bei Geldfragen höre die Politik auf. Man drängte ihn nicht, aber man nahm ihm das Versprechen ab, daß er freiwillig seinen Konkurs an dem Tage ansage, wo das Geld seiner Gläubiger in Gefahr geriet. Umsonst bat Anton Gegenbauer, ihn nur noch ein Jahr zu halten; umsonst bewies er mit Ziffern, daß die Bauern dann abgewirtschaftet hätten und wieder an ihn die Reihe käme. Die Geldleute nickten einander verständnisinnig zu und schickten den deutschen Fabrikanten heim. Anton kehrte verbittert und kampfesmüde nach Hause zurück. Wo er durch eine Ortschaft hindurchfuhr, in welcher unvermischt eine deutsche Bevölkerung lebte, erfüllte ihn Neid. Warum war nicht auch er in friedlichen Verhältnissen geboren? Warum hatten seine Vorfahren unter den Tschechen ausgehalten, wenn sie sie nicht zu überwinden vermochten? Er sah ja deutlich, daß das slawische Netz unzerreißbar über dem ganzen Lande lag und daß der Deutsche darunter zuckte wie ein gefangenes Wild. Kaum war die Grenze Böhmens überschritten, so rückte schon die tschechische Propaganda sichtbar und fühlbar an den Reisenden heran. Vom Schaffner bis zum Stationsvorsteher war jeder Bahnbeamte ein Feind der Deutschen; und Deutschenhaß predigten die Nachbarn in den Wagenabteilungen, predigten wohlfeile Zeitungen und die Flugblätter, die umsonst verteilt wurden, Deutschenhaß schrien die bunten Farben in den Dörfern, wo man die letzten Wahlen immer noch mit nationalen Festen feierte. War es da nicht besser, die Waffen zu strecken und auszuwandern, fort aus Böhmen, wo der Deutsche jederzeit in Kriegszustand lebte, fort aus Österreich, wo er seit Jahrhunderten als geborener Herrscher anerkannt worden war und jetzt dienen lernen sollte. In solcher Stimmung langte Anton in Oberndorf an. Mit tschechischen Worten öffnete der Schaffner seine Tür und auf tschechisch bot die Tochter des Portiers frisches Wasser aus. Anton verließ den Bahnhof und sah sich nach dem Wagen um, die Britschka des Brauers mit ihren zwei Füchsen, die ihn sonst immer auf der Station erwartet hatte. Fragend blickte er auf. Verlegen antwortete ihm sein Direktor, daß in Blatna diesmal kein Wagen für den Deutschen aufzutreiben war. Da stieß Anton einen Fluch aus. »Ich bin beinahe mürbe geworden,« rief er, »aber mit solchen Nadelstichen reizen sie mich zum Kampf Gut denn! Wenn sie mir ihre elende Britschka nicht schicken, will ich einen weichen Oberndorfer Wagen nehmen.« Auf dem Wege erzählte ihm der Direktor, daß es unter den Arbeitern der Fabrik gärte, weil die Aktiengesellschaft höhere Löhne versprach. Man wollte sich nicht länger für einen Deutschen rackern. »Die armen Leute,« hatte Anton geantwortet und war dann verstimmt nach Hause gefahren. Als er Abends ins Wirtshaus trat, schlich sich der alte Wirt beiseite. Das Herrenstübchen war zum Sitzungssaal einiger Vereine, der Turner, der Feuerwehr und der Sänger umgewandelt. Petr, der wieder in seinem Turnerkostüm steckte, aber das Sängerabzeichen an die Schulter geheftet und den Feuerwehrgürtel umgeschnallt hatte, antwortete, als Anton einen Platz verlangte: »Nix deutsch.« »Nix deutsch!« rief der Chorus vom Stammtisch. Der Kaplan war da und der Bürgermeister und der Apotheker, und alle schrien sie mit: »Nix deutsch.« Nur der Bezirksrichter blieb stumm und lächelte still vor sich hin. Mit Gewalt konnte der einzelne sein Recht nicht erzwingen, Anton kehrte nach Hause zurück. Er fühlte mehr die Beleidigung als die Unbequemlichkeit. Die Frau des Fabrikaufsehers Tomek, die sein Haus in Ordnung hielt, sollte für ihn nun auch kochen. Und ruhig, als ob nichts geschehen wäre, ging er seinen schweren Geschäften nach. Die drückten so hart auf ihn, daß er es kaum bemerkte, wie nicht eine einzige Seele mehr in Blatna ihn begrüßte; und wenn er gezwungen wurde, die höhnischen Blicke wahrzunehmen und die Schmähworte zu hören, welche die Kinder der ersten Bürger ihm nachriefen, so warf er nur den Kopf zurück und schritt vorüber. Über den Versuch, ihn auszuhungern, hatte er sogar in den ersten Tagen lachen können, wenn die Frau des Tomek ihm ein schmackhaftes Essen brachte. Aber er schlug mit geballter Faust auf den Tisch, wenn die gute Seele von den Kämpfen erzählte, die sie um seiner paar Bissen willen auszustehen hatte. Der Kaufmann wolle ihr seine schlechteste Ware aufdrängen. Das sei für den Deutschen gut genug. Alles müsse sie teurer bezahlen und oft schicke man sie fort, ohne ihr für das gute Geld etwas zu geben. Selbst die Marktfrauen hatten für sie nur die Reste ihrer Waren. Anton mußte sich Flaschenbier aus Oberndorf ins Haus legen, weil er vom Bräuhaus keinen trinkbaren Tropfen bekam, seine Briefe und Telegramme wurden unregelmäßig bestellt, und auf seine Beschwerde wurde geantwortet, er solle sich vor einer Beamtenbeleidigung hüten. Als er sich an einem Treibriemen einmal die Hand gequetscht hatte und in die Apotheke schicken mußte, ließ man den Boten über eine Stunde warten. Eines Tages, als die Frau des Tomek kein Feuerzeug bei der Hand hatte, um dem Herrn seinen Kaffee zu kochen, ließ man sie in den beiden nächsten Häusern wieder gehen, ohne ihr ein paar Zündhölzchen zu schenken. Und Anton mußte bei ihrem Bericht an die armen deutschen Soldaten denken, denen man im letzten Sommer nach langem Übungsmarsche einen Trunk Wasser versagt hatte, weil sie nicht Slawen waren. In seiner tragikomischen Not ließ Anton Gegenbauer sich von seinen Beamten leicht überreden, mit ihnen häufig nach Feierabend bis Oberndorf zu gehen. Dort war er in allen deutschen Vereinen ein hochwillkommener Gast, wenn er die Stunden im Wirtshause verbringen und der Familie des Buchhalters oder des Werkführers nicht lästig fallen wollte. Er fühlte sich eigentlich nicht ganz wohl in dem wichtigtuenden politisierenden Treiben dieser Vereine. Die gespreizten Reden, die feierlichen Abstimmungen und die bombastischen Worte erinnerten ihn unangenehm an das theatralische Tschechentum in Blatna. Auch kam es ihm vor, als ob sich seine guten Landsleute wider ihre Natur in einen zu wilden Haß gegen die Tschechen hineinredeten und hineintranken. Anton schüttelte den Kopf, wenn fast allabendlich das neueste Parteilied, »Die letzte Schlacht«, nach der Weise von Prinz Eugen, dem edlen Ritter, angestimmt wurde. Nur vor einer unvermeidlichen Schlacht hätte er es gutgeheißen, die Glut der Kämpfer so zu schüren. Hier schien ihm die Bewegung unreif. Was in diesen Vereinen eine Tat genannt wurde, das war gewöhnlich nur eine Phrase; und diese Phrasen verletzten oft, trotz seines ehrlichen Zorns, Antons Gerechtigkeitsgefühl. Keine Woche verging ohne eine solche große Tat. Bald drückte der Turnverein »Eiche« einem ehemaligen Minister seine Zustimmung zu irgendeiner unklaren Rede aus, bald beschloß der Gesangverein »Wunderhorn«, die Fahne unverbrüchlich hochzuhalten, bald erwählte der Feuerwehrbund »Strahl« einen Prager Abgeordneten für irgendein starkes Wort zum Ehrenmitglied, und Anton konnte das peinliche Gefühl nicht loswerden, daß die Vereinsmitglieder, welche unter verschiedenen Abzeichen immer wieder fast dieselben waren, die Bedeutung ihrer Beschlüsse nicht kannten. Auch auf dieser Seite spielte Ehrgeiz und Eigennutz der Führer in der Hauptstadt, Eitelkeit und Händelsucht der Redner daheim eine große Rolle. Aber Anton konnte doch wenigstens in seiner Muttersprache, in der Mundart der engsten Heimat mit wohlgesinnten Menschen plaudern. Er konnte an Tagen, an denen die große Politik ruhte, mit den Gewerbtreibenden verständige Gespräche führen oder auch bei einem mäßigen Trinkgelage in die guten alten Lieder mit einstimmen. Von den Vereinen war ihm von Anfang an der Schulverein der liebste, weil dessen Ziel, Schutz der deutschen Kinder gegen Untergang in der tschechischen Schule, nahe und greifbar lag. Der letzte Deutsche von Blatna wußte etwas davon zu erzählen, wie deutsche Sprachinseln von der steigenden tschechischen Flut verschlungen wurden. Doch auch die Oberndorfer Ortsgruppe des deutschen Schulvereins vergeudete viel Zeit mit hoher Politik. Der Vorstand des Schulvereins war zu gleicher Zeit Sprechwart der »Eiche«, Kassenwart des »Wunderhorn« und Brandmeister des »Strahl«. Da konnte eine Vermischung der Debatten nicht gut ausbleiben. Anton hätte gewünscht, daß die Ortsgruppe, welche die eigenen Verhältnisse am besten kannte, innerhalb ihres engen Kreises kräftig und rücksichtslos vorging, um vor allem die deutsche Umgegend der Stadt durch einen Wall von deutschen Schulen gegen den Ansturm der Pfaffen und Tschechisatoren zu schirmen. Statt dessen gab es auch hier eine unnütze Vielschreiberei, und mancher Gulden, der aus den Kreuzern der ärmsten Bevölkerung gesammelt war, wurde für ein Zustimmungstelegramm an schönrednerische Herren in der Hauptstadt ausgegeben. Bei alledem fand Anton den sorgenschweren Winter hindurch manche Anregung und den Trost der Zerstreuung bei den Sanges- und Turnerbrüdern in Oberndorf. Er selbst hatte sich niemals hervorgetan, weder durch Reden noch durch Anträge. Zu ernst war sein Blick in die nächste Zukunft gerichtet. Als jedoch nach einer langen strengen Kälte der Frühling mit freudiger Macht aus dem flachen Lande plötzlich bis hier herauf gedrungen war, da erzeugte der Übermut von Blatna plötzlich eine stürmische Bewegung unter den Vereinen in Oberndorf, eine Bewegung, die auch ihn fortriß. Man wollte dem urdeutschen Städtchen eine tschechische Volksschule aufzwingen. Der Vorgang sollte derselbe sein, wie er sich schon in anderen Grenzgebieten bewährt hatte: in einer allgemeinen Volksversammlung, auf dem Sankt-Josephs-Berge, sollte einstimmig oder doch mit großer Mehrheit die Notwendigkeit einer tschechischen Schule in Oberndorf beschlossen werden. In einer solchen beliebten Volksversammlung – »Meeting« nannten es die tschechischen Zeitungen – wurde gewöhnlich von Tschechen und Deutschen eine Resolution gefaßt, welche den Wunsch nach einem tschechischen Lehrer aussprach. Die Behörde konnte sich solchen Wünschen natürlich nicht verschließen. Was ging es sie an, wie ein solches Meeting zustande kam? Daß die slawische Mehrheit von den festgegliederten fanatischen Vereinen, vor allem den »Sokolisten« – den buntgekleideten tschechischen Turnern – gebildet wurde, daß die deutsche Minderheit allein aus bigotten katholischen Bauern bestand, daß nicht ein einziger seines Volkstums sich bewußter Deutscher teilnahm, danach brauchte die Regierung nicht zu fragen. Das Meeting auf dem Sankt-Josephs-Berge bei Oberndorf – es war auf den Mittwoch nach Ostern angesagt – war ein besonders geschickter Schlag der Tschechen. Auf dem Sankt-Josephs-Berge lag das Kloster der barmherzigen Schwestern, welche dort die Strafanstalt für die schwersten Verbrecher des Reiches und daneben ein kleines Hospital musterhaft leiteten. Der Berg selbst und die ausgedehnten Waldungen bis nach Oberndorf gehörten dem Grafen. Und so schien die Volksversammlung auf diesem Hügel zugleich unter dem Schutze Gottes und des historischen Adels zu stehen. Eine lebhafte Beteiligung der ultramontanen deutschen Bauern konnte um so weniger ausbleiben, als gerade am Mittwoch nach Ostern von alters her im Klosterkirchlein eine Messe gelesen wurde, deren Anhören für besonders segensreich galt. Die barmherzigen Schwestern von Sankt Joseph, deren Oberin aus dem höchsten heimischen Adel stammte, genossen überdies im weiten Umkreise bei Deutschen und Tschechen ein gleichhohes Ansehen. Man erzählte fabelhafte Dinge von ihrer Aufopferung und von ihrer Macht über die wilden Sträflinge. Außer einigen Soldaten, welche an den Ausgängen des Kerkers Wache hielten, gab es keinen Mann zur Leitung des Zuchthauses. Die schwersten Arbeiten wurden unter dem milden Befehle der Schwestern gehorsam vollbracht; noch nie war eine ernste Widersetzlichkeit vorgekommen. Die »Heiligen« hießen die Nonnen bei allen Kindern der Umgegend, und die »Heiligen« hießen sie bei den frommen deutschen Bauern. Innerhalb der Bannmeile dieser Schwestern konnte nichts Unrechtes geschehen. Hierher kamen die deutschen Bauern ohne Arg. Darum war auch die Rednerbühne, zu der zwei breite Treppen emporführten, auf dem Josephsberge selbst, kaum zehn Minuten vom Kloster entfernt, aufgeschlagen worden, und gleich nach der Messe sollte die Versammlung beginnen. In der Oberndorfer Ortsgruppe des Schulvereins kannte man die Verhältnisse und Vorbereitungen ganz genau und wußte, daß die Tschechisierung der eigenen Schule sofort begann, wenn das Meeting einen ungestörten Verlauf nahm. Aber von Prag war der Befehl gekommen, zurückzuhalten und im Bannkreise des Klosters keinen Streit zu erheben. Da trat Anton im Schulvereine zum ersten Male selbständig auf. Tag für Tag hatte er verlangt, daß man sich an der Volksversammlung beteilige und der Gesinnung der freien Deutschen Ausdruck gebe. Er war nicht durchgedrungen. Der Befehl aus Prag hatte den erwünschten Vorwand gegeben, dem Kampfe auszuweichen. Auch klang es ganz verständig, wenn der Vorstand, der Diplomat der Ortsgruppe, immer wiederholte: »Wenn wir auch dagegen sprechen, die Resolution wird doch angenommen. Und dann wird noch sicherer der Schein erweckt, als ob die ganze Gegend teilgenommen und nur innerhalb des deutschen Stammes eine Spaltung stattgefunden hätte.« Umsonst wies Anton darauf hin, daß die gegnerischen Reden auch nur der tschechischen Zeitungen wegen gehalten würden. Der Vorstand sollte darum seine Rede für die deutschen Zeitungen halten. Noch am Tage der Volksversammlung begab sich Anton frühmorgens nach Oberndorf und versuchte die in Permanenz erklärten Vereine zur allgemeinen Beteiligung zu bewegen. Doch der Vorstand entschied: »Eine allgemeine Beteiligung wäre ein politischer Fehler. Und der einzelne wäre verloren, der sich hinwagte!« »Ich versuch's,« rief Anton, »und wenn der einzelne Mann nichts vermag gegen ihre Übermacht, so sollen sie sich wenigstens nicht rühmen, uns ohne Kampf besiegt zu haben.« Niemand redete ab, niemand sprach ein warnendes Wort, aber Anton fühlte es an den warmen Händedrücken und an den freudigen Augen der Jüngeren, daß sie seinen Schritt im Interesse der guten Sache gern sahen, von ihm aber, der sich allein zum Meeting begeben wollte, einen Abschied für immer zu nehmen glaubten. Da tönte der erste Schuß aus der Lärmkanone, und Anton brach auf. Es duldete ihn nicht länger unter den Vereinsschwätzern, welche die großen Worte unaufhörlich ausgaben, am Biertisch und in endlosen Debatten über Formeln und Geschäfte, welche aber zu unmännlich waren, um auch nur ein paar Tropfen Blut ihres kleinen Fingers, und sei es für das größte ihrer Schlagwörter, zu verspritzen. Auf dem weiten Wege durch den gräflichen Wald überholte er viele Gruppen von Bauern, welche dem Sammelplätze zuschritten. Die Hauptmassen der slawischen Vereine mußten aber schon an Ort und Stelle sein. Zehn Uhr war es, als er am Fuße des Hügels anlangte, wo der nationale Kellner Franz eben das dritte Signal mit der Lärmkanone löste. Es war das eine Art Riesenfaß, eine lange, weite, aus Holzdauben geformte Röhre, in deren weiter Öffnung ein Mann aufrecht stehen konnte. Das schmale Ende hatte einen Boden von kaum zwei Fuß Breite; hier war in der Mitte eine kleine Öffnung angebracht, und wenn man da eine blindgeladene Pistole hineinsteckte und abfeuerte, so gab es allerdings einen ohrenbetäubenden Schall. Und Franz sah komisch aus, wie er vergebliche Anstrengungen machte, um gleichzeitig beide Ohren zuzuhalten und seine Waffe abzufeuern. Gerade als Anton vorüberkam, entschloß Franz sich zum dritten Male, den Kanonier zu spielen. Auf Armeslänge trat er vom Schallrohr zurück und suchte mit dem zitternden Zeigefinger den Hahn des Pistols, während er den Kopf so weit als möglich zurückwarf und mit weit aufgerissenem Munde um Hilfe zu schreien schien. Plötzlich ging der Schuß los, und Anton sah nur noch, wie der Schütze hintenüberfiel, als hätte ihn eine Kanonenkugel mit fortgerissen. Anton konnte nicht lachen. Dieses Schallrohr war sonst immer nur im Dienste der Geistlichkeit gebraucht worden. Am Fronleichnamstage, während der großen Prozession, und an des Kaisers Geburtstag zum Hochamt war hineingefeuert worden. Es mußte dem tschechischen Meeting ein großes Ansehen geben, wenn es von einem so ehrwürdigen Lärminstrumente angekündigt wurde. Und was Anton erblickte, als er über die Tannenschonung hinweg den Hügel rasch erklommen hatte, das mußte ihm ernste Sorge einflößen, zunächst nicht für sich, wohl aber für die Sache, die er zu retten unternommen. Er hatte viele Beschreibungen solcher Aufzüge gehört, er hatte in Blatna die Maskerade der Patrioten entstehen sehen und über den Eifer der Komödianten oft gelächelt; aber was da vor seinen Augen begann, das zeigte den Ernst des ganzen Spiels, über zweitausend Personen waren versammelt, und mehr als die Hälfte der Leute stand festgegliedert und uniformiert da, wie Bataillone, die bereit waren, ihrem Führer überallhin zu folgen. Die Ordnung war musterhaft; die berittenen Bauernbanderien umgaben den ganzen Platz mit ihren kleinen Abteilungen, und je müder die Pferde von der Arbeit waren und je schlechter die Banderisten auf ihnen saßen, um so unbeweglicher standen sie da und trennten die Gruppen. Nur der dicke Brauer auf einem seiner stattlichen Füchse sprengte hin und her, war bald neben der Rednerbühne, bald neben dem Gendarm, als ob er was Wichtiges auszurichten hätte. Er fühlte sich als Adjutant und ließ seinem Gaul keine Ruhe, weil er sich einen Adjutanten in der Schlacht auch immer in Bewegung dachte. Und wenn er bei den Sokolisten von Blatna oder bei der vereinigten Feuerwehr vorübersprengte, so lüpfte er sein rundes Hütchen mit der langen Reiherfeder und rief feurige Worte, die jedesmal mit einem schallenden »Slawa« beantwortet wurden. Die Turner und die Feuerwehrleute standen rechts und links von der Rednerbühne aufmarschiert und sahen schmuck und bunt aus. Jeder von ihnen hatte ein breites blauweiß-rotes Band um den Leib geschlungen, dieselben panslawistischen Farben trugen die Banderisten auf den Schultern, und mit ebensolchen Fähnlein war die Bühne geschmückt, über welcher nur noch in einsamer Größe die mächtige weiß-rote Landesfahne flatterte. Der Eindruck verlor nichts durch das lebhafte Treiben, das im weiteren Umkreis sich entfaltete. Hier drängten sich die einzelnen Besucher des Meetings durcheinander um die Tische und Krambuden der Verkäufer und Verkäuferinnen, um die Fässer des Brauers und um die Würfelbecher der Spieler. Die meisten waren hungrig aus der Kirche gekommen und erlabten sich jetzt an sauren Gurken, Pomeranzen, Würsteln und an Bier. Und auch der würdevollste Feuerwehrmann verschmähte es nicht, in der einen Hand die Gurke und den Helm zu halten, während er mit der anderen die schweißbedeckte Stirn wischte. Die Verbindung zwischen den uniformierten und nichtuniformierten Besuchern stellten ein paar Mädchen her, welche in einer Art von Marketendertracht sich überall durchdrängten. Sie hatten die dreifarbigen Schärpen um die Schulter geschlungen und verkauften an die Teilnehmer bleierne Denkmünzen, welche auf der einen Seite den heiligen Wenzel, den Schutzpatron des Landes, und auf der anderen nur die Anfangsworte des tschechischen Liedes zeigten: »Tod und Hölle allen Feinden.« Anton suchte mit den Augen nach seinen Landsleuten. Um sich herum hörte er kein deutsches Wort, und daß unter den uniformierten Gästen kein Deutscher war, daran konnte er nicht zweifeln. Schon hoffte er, daß man ihn falsch berichtet hätte, daß die Tschechen unter sich wären. Da ging plötzlich eine Bewegung durch die Masse. Der alte Svatopluk kroch auf seinen Krücken die Rednerbühne empor. Anton wurde von seiner Umgebung vorwärts gerissen und stand auf einmal im dichtesten Gedränge, kaum dreißig Schritte von der Plattform entfernt. Rechts und links bei den Vereinen war er sofort erkannt worden, von beiden Seiten trafen ihn feindliche Blicke und halblaute Schmährufe. Aber dicht vor sich erkannte er jetzt an ihren langen dunkelbraunen Sonntagsröcken und an ihren hohen Hüten die deutschen Bauern, die sich hatten locken lassen. Es war eine festzusammenstehende Gruppe von ungefähr achtzig rüstigen Männern, welche finster dreinschauten, und an deren Spitze zwei gräfliche Beamte, der Rentamtsschreiber und der Verwalter, dicht vor dem Holzgerüst Stellung genommen hatten. Svatopluk spielte heute, wohl den Deutschen zuliebe, wieder einmal den hilflosen Krüppel. Da sie seine tschechische Rede nicht verstanden, so sollten sie durch ihre Augen zum Mitleid für das arme tschechische Volk verführt werden. Svatopluk lehnte, als drohte er umzusinken, an der großen Fahnenstange und hielt so eine kurze tschechische Ansprache, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Denn auch die deutschen Bauern erfuhren von den gräflichen Beamten, daß der unglückliche Bruder Landsmann da oben von den heimtückischen Preußen so zugerichtet sei, und daß darum jeder gute Böhme sich vor den Preußen im allgemeinen und besonders vor den preußischgesinnten Österreichern in acht nehmen müsse. Als Svatopluk geendet hatte, drohte er niederzusinken. Die Tschechen von Blatna, die seine Körperkraft kannten, lachten beifällig über sein Schauspielerstückchen. Aber die deutschen Bauern blickten doch teilnahmsvoll auf den gebrochenen Mann, als Zaboj mit zwei Sprüngen hinaufeilte und der Vater, liebevoll auf des Sohnes Schulter gestützt, wieder unter die Menge hinunterwankte. Anton drängte noch weiter vor, um bei den Deutschen zu stehen und aus Gesprächen mit ihnen die Stimmung zu erfahren. Noch wußte er nicht, was er tun sollte und was er verhindern konnte. Er fragte die nächsten, was hier vorgehe. Aber niemand wußte ihm richtigen Bescheid zu geben. Ein Beschluß gegen die Preußen und Protestanten sollte gefaßt werden. Das hatten die gräflichen Beamten gesagt, und das sprachen die Bauern nach. Jetzt wurde es in der Gruppe lebendig, die sich am Fuße des Gerüstes um Svatopluk gebildet hatte. Anton erkannte zu seinem Schmerze die hohe Gestalt Katschenkas, die, gleichfalls wie eine Marketenderin ausstaffiert, die dreifarbige Schärpe um den Leib, sich lebhaft mit den Hauptpersonen des Tages unterhielt. Sie redete auf Petr Zilbr ein, der seinem künftigen Schwiegervater offenbar unter Glückwünschen heftig die Hände drückte und jetzt mit hastigen Bewegungen auf das Gerüst emporsteigen wollte. Er schien die Besorgnisse des Mädchens abzuwehren und antwortete auch auf einen Zuruf Zabojs mit einer zuversichtlichen Geste, die sagen wollte: Laßt mich nur machen. Dann lief er die paar Stufen empor, stellte sich breit an den Rand der Bühne, steckte die rechte Hand mit ausgespreizten Fingern in die Tschamara und blickte kühn um sich. Als er sich jedoch nun plötzlich der Volksversammlung gegenübersah, mochte ihn wohl sein Mut verlassen. Er riß verlegen das Federhütchen vom Kopfe, machte linkische Verbeugungen, als begrüßte er in seinem Wirtshause einen ansehnlichen Gast, dann starrte er ins Leere und sah so trostlos darein, daß in den Reihen der Tschechen hier und dort gelacht wurde und Antons deutsche Nachbarn untereinander spöttisch zu plaudern begannen. Da hörte man den Ruf: »Petr, nimm dich zusammen!«, und deutlich erkannte Anton Katschenkas Stimme. Dem Befehle gehorsam öffnete Petr sofort den Mund und begann mit sich überstürzender Geläufigkeit eine lange Rede herzusagen. Er hatte sie auswendig gelernt, das hörte man. Auch wer den Redner nicht kannte, mußte es der Art des Vortrages anmerken, daß Petr nicht frei weg sprach, wie es ihm ums Herz war. Und der dumme Ausdruck seines Gesichtes brachte ihn um einen guten Teil seiner Wirkung. Er sang das alte Lied der Versöhnung. Er sei ein Deutscher und doch gern zu dieser Versammlung gekommen, weil er die Tschechen als seine Brüder liebe und weil sie alle Söhne derselben Mutter seien. Böhmen nähre sie beide, und die Liebe zu diesem schönen Vaterlande müßte endlich nach häßlichen Kämpfen diejenigen vereinen, welche ein Herz hätten für die allgemeine Not. Und Petr schilderte – Anton erkannte die Ausdrucksweise Zabojs – den Segen des Friedens zwischen beiden Stämmen. Die Gründe waren nicht ganz klar, warum die Äcker dann reichere Früchte tragen, das Obst im Preise steigen würde, aber es klang ganz schön und mancher von den deutschen Bauern nickte bedächtig mit dem Kopfe. Dann kam Petr mit größerer Zuversicht zu dem zweiten Teile seiner Rede. Außer der Liebe zum gemeinsamen Vaterlande stehe noch eines hoch erhaben über beiden Parteien: der einzig wahre angestammte Glaube an ihre heilige Religion, die jetzt von ihren gemeinsamen Feinden, von den Preußen und Protestanten, verfolgt würde. Früher hatten die tschechischen Vereine »Slawa« gerufen und die Hüte geschwenkt, jetzt hörten sie verdrossen zu; aber um Anton her lauschten die Bauern aufmerksam auf Petr Zilbr, der mit dem Lächeln eines Triumphators dastand und mit lauter Stimme den Satz verfocht: daß es dem Heiligen Vater gegenüber keine verschiedenen Nationen gäbe, sondern nur ein einziges großes Volk von treuen Katholiken, welche keine anderen Ziele haben dürften, als die die Kirche ihnen zeigte, und keine anderen Feinde als die Feinde Gottes. »Hüten wir uns vor den gottlosen Preußen und vor ihren böhmischen Spionen. Diese Spione haben wir vor dem schrecklichen Kriegsjahr in unseren Tälern gesehen, und dann sind die Pickelhauben gekommen und haben unseren guten Kaiser besiegt, haben viele Tausende tapferer Böhmen getötet und noch viel mehr Tausende zu Krüppeln geschossen, wie dort den ehrenwerten, tapferen Svatopluk Prokop.« Ein wüster Lärm antwortete dem Redner. Von allen Seiten hörte man Rufe: »Pfui, Schande«, und Anton unterschied aus dem Getöse die Worte: »Der Gegenbauer ist auch so ein Spion.« Die deutschen Bauern rückten von ihm zur Seite, sie schienen tief ergriffen. Petr fuhr fort: »Und was die Preußen uns zurückgelassen haben, als sie sich an unseren Kolatschen und an unserem Geflügel sattgegessen hatten und wieder in ihr Hungerland zurückkehrten, was war's? Schulden, Krankheiten und den Geist des Radi...« Er sollte Radikalismus sagen, aber er brachte das fremde Wort nicht heraus. Er stotterte die ersten Silben immer wieder und verlor endlich, blutrot im Gesicht, den Faden seiner Rede. Bevor die Wirkung des Gesprochenen aber noch ganz verraucht war und bevor die langsamen Deutschen in die Heiterkeit der äußersten Gruppen einstimmen konnten, stand Zaboj Prokoft mit funkelnden Augen neben Petr. Mit donnernder Stimme rief er in die Versammlung: »Was braucht es noch vieler Worte? Wir sind alle überzeugt, hier steht der Tscheche neben dem Deutschen, ein Bild der Eintracht. Lies die Resolution vor, mein lieber Schwager! Wir können gleich zur Abstimmung schreiten.« Hastig zog Petr aus seiner Brusttasche ein Bündel Papiere und war nur schwer zu hindern, daß er nicht den Schluß seiner Rede aus der Niederschrift ablas. Zaboj zwang ihm das letzte Blatt vor die Augen, und Petr las: »Die Tschechen und Deutschen des Bezirkes Blatna-Oberndorf, am Mittwoch nach Ostern hier auf dem Sankt-Josephs-Berge versammelt, beschließen: Erstens, daß nur in der Eintracht beider Stämme das Heil des Landes zu suchen sei; zweitens, daß eine tschechische Schule in Oberndorf gegründet werden müsse, damit den Kindern die Kenntnis beider Landessprachen nicht vorenthalten bleibe.« Während Zaboj diese Resolution noch einmal in tschechischer Sprache vortrug, ging ein Murren der Überraschung und der Unzufriedenheit durch die deutschen Bauern. Das hatte man ihnen nicht vorher gesagt. Das mußten sie noch überdenken. Das war etwas ganz Neues. Die deutschen Schulen kosteten schon Geld genug, man wollte nicht noch mehr Steuern zahlen. Zaboj warf während des Vorlesens scharfe Blicke nach der Gruppe, die noch nicht gewonnen war. Und kaum hatte er die Vorlesung beendet, so sprach er in flüssiger deutscher Rede unmittelbar zu den Deutschen. Er vermied es, einen der beiden Stämme zu nennen. Wie es nur ein Land Böhmen gebe, so lebe darin auch nur ein Volk der Böhmen, ein tapferes, friedliches, arbeitsames, hochbegabtes und von der Vorsehung zu großen Dingen vorherbestimmtes Volk. Er sprach von alten Zeiten, in denen die Länder der Wenzels-Krone vereinigt waren unter einem mächtigen Könige, der von dem goldenen Prag aus die Welt beherrschte und alle Schätze der Erde zu vergeben hatte. »Man hat die unteilbare Wenzels-Krone von seinem Haupte gerissen und in den Kot geworfen, man hat die Schätze der Welt aus dem goldenen Prag entführt, man hat Unfrieden gesät unter die Söhne dieses Landes, nur damit die Feinde unseres Königshauses, die Feinde unserer Kirche groß würden und sich aufrichten könnten an der Leiche Böhmens. Seid einig! Seid einig! Und die Zeiten, von denen die alten Bücher melden, werden wiederkehren, in der alten Hofburg Prags werden wieder die böhmischen Könige thronen und sie werden wieder den Reichtum aller Nachbarvölker zu uns hereinströmen lassen, sie werden Böhmens Gold- und Silberbergwerke wieder öffnen. Dann werden wir ein Volk von Fürsten sein, jeder Bauer wird sich ein steinernes Haus bauen müssen für seine großen Silbertruhen, auf jedem Meierhofe werden goldene Prunkgefäße zu sehen sein, und überall auf der weiten Welt wird man sprichwörtlich von Böhmen erzählen, als dem Lande des Glücks und des Überflusses. Und kein Wunder ist nötig, um das alles unter uns hervorzuzaubern, nur der Eintracht braucht es, der süßen Eintracht. Ihr müßt in den deutschen Städten und Dörfern den versprengten Slawen freundlich begegnen, so wie auch wir allezeit dafür sorgen, daß den einzelnen Deutschen unter uns ihr Recht wird ...« »Das ist nicht wahr!« rief eine laute, vor Aufregung bebende Stimme. Anton war es, der den Redner unterbrochen hatte. »Das ist nicht wahr!« wiederholte er. Er konnte nicht länger an sich halten; er fühlte es, wie die Stimmung um ihn her der Absicht Zabojs günstig wurde, und er wußte, daß jetzt oder nie der Augenblick für ihn da war, seine Pflicht zu tun. Eine atemlose Pause folgte auf seinen Ausruf. Dann schrie alles heftig durcheinander; doch das Stimmengewirr wurde von Zaboj übertönt, der vom Gerüste hinunter in die aufgeregte Masse hineinrief: »Er ist ein Verräter, ein Feind des Vaterlands, ein Ketzer, ein Preuße, der mir widerspricht.« Und von beiden Seiten drängten die tschechischen Vereine gegen Anton ein. Er hörte wütende Rufe und sah drohend erhobene Fäuste. Die undisziplinierten tschechischen Gäste der Versammlung, die bisher nur unaufmerksam teilgenommen hatten, rückten von hinten vor. Die deutsche Gruppe stand eingeteilt unter den tobenden Gegnern. Aber Anton wurde nicht bange. Sein Wort hatte gewirkt. Die deutschen Bauern schauten ihn freundlich an und riefen ihm zu. Er hatte ja nur laut ausgesprochen, was jeder von ihnen im dunkelsten Winkel seines Herzens auch wußte, was sich nur nicht ans Tageslicht getraute vor der stürmischen Beredsamkeit des tschechischen Mannes dort oben. Ein Alter schlug Anton derb auf die Schulter und sagte: »Recht hast, erstunken und erlogen ist alles.« Und ein reicher Hofbesitzer, dem zehn Silberknöpfe an der Weste glänzten, wandte sich um und sprach: »Dir täten wir freilich lieber folgen, wenn du kein Ketzer und kein Preuße wärst, aber fürcht' dich nicht, sag' dein Sprüchel, sie dürfen dir nichts tun.« Da winkte Anton seinen Landsleuten dankbar zu und rief: »Laßt mich durch, ich will reden.« Und er schüttelte ihnen die Hände und blickte ihnen zuversichtlich und fest in die aufmerksamen Augen. Dann stand er vor ihnen, schob die beiden gräflichen Beamten beiseite und schritt entschlossen auf die Rednerbühne zu. Ein tosender Lärm erhob sich. »Der Spion, der Preuße!« heulte es durcheinander. Die Reihen der Turner lösten sich, man drang auf ihn ein. Schon hatte ihn Svatopluk, der plötzlich wieder kräftig war, bei der Schulter ergriffen, als die Rufe der Deutschen das Wogen der Menge übertönten. »Man soll ihn reden lassen.« »Wir sind alle eingeladen.« »Wenn kein Deutscher reden darf, so ziehen wir ab.« Zaboj, der leichenblaß stehengeblieben war, erkannte die Gefahr. Nichts war gewonnen, wenn die Resolution ohne die Deutschen gefaßt wurde. Warnend hob er den Zeigefinger der rechten Hand und ließ die flache Linke langsam niedersinken, als wollte er den Aufstand dämpfen. Die Vereine waren gut geschult. Alles verstummte. Zuletzt ließ auch Svatopluk mit einem Fluche los, und Anton schritt in fester Haltung die Stufen empor. Oben zuckte Zaboj doch zusammen, als der verhaßte Deutsche sich gelassen neben ihn stellte. Und als ließe der Bann von des Führers Augen plötzlich nach, so brach es wieder bei den tschechischen Turnern los. »Herunter mit dem Spion!« Doch auch die Deutschen waren warm geworden und einstimmig erscholl der Ruf: »Der Gegenbauer soll reden! Wir wollen es, wir wollen es.« Langsam legte sich der Aufruhr, während Zaboj einen halben Schritt zur Seite trat und Anton zögernd und bedächtig das Wort ergriff. Vorsichtig begründete er zunächst sein Recht, von dieser Stelle zur Versammlung zu sprechen. Man habe außer den Tschechen auch die Deutschen eingeladen und das Gerüst und die slawischen Fahnen hierhergebracht auf rein deutsches Gebiet. Und wenn man nicht den Glauben erwecken wolle, daß es nur um eine Demonstration zu tun sei, daß man hier bloß für die Zeitungen spreche, so müsse auch ein richtiger Deutscher zu Worte kommen. Petr Zilbr sei kein Deutscher mehr, wenn er sich auch noch so viel Mühe gäbe, es den Bauern einzureden. Dann begann Anton, während die Deutschen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten und seine Feinde ungeduldig die Erlaubnis zu einer stürmischen Unterbrechung erwarteten, seinen kurzen Zwischenruf zu begründen. Er erklärte den Bauern den Kriegsplan der Tschechen. Er wies aus vielen Beispielen nach, daß sie hier wie überall damit anfingen, an deutschen Orten einen kleinen festen Kristallisationspunkt für die Ausbreitung des Tschechentums zu gewinnen. Wie der einzelne tschechische Lehrer, Beamte, Geistliche oder Gastwirt als Quartiermeister für die nachschiebenden Landsleute tätig war, wie der tschechische Stamm seit Jahren an tausend Punkten zugleich erobernd in das deutsche Gebiet eindrang, wie deutsches Wesen vom slawischen Stück für Stück verschlungen wurde. Das hörten die deutschen Bauern jetzt zum ersten Male vom Gegenbauer, dem geachteten Manne, der auch gar nicht danach aussah, als ob er ein Lügner wäre. Zaboj beobachtete deutlich, wie andächtig die Langröcke auf Anton hörten. Da schnitt er ihm plötzlich das Wort ab und rief so laut, als er konnte: »Das sind Dinge, die wir alle wissen: daß die Bevölkerung in Böhmen hin- und herflutet; ein Plan steckt nicht dahinter. Und wir Tschechen sind überall gute Brüder der Deutschen, auch wo wir in der Überzahl sind.« »Und das ist nicht wahr, wiederhole ich!« schrie nun Anton mit aufgeregter Stimme, und Fuß an Fuß drängte er Zaboj beiseite. »Laßt den Gegenbauer ausreden,« rief es aus dem deutschen Haufen. Und Anton konnte wieder in raschen Zügen die Drangsale entwickeln, denen die Deutschen überall in Böhmen unterlagen, wo die Tschechen entweder dicht beisammen saßen oder durch künstliche Mittel die Mehrzahl bei den Wahlen erhalten hatten. Er gab Beispiele von dem slawischen Übermut, der den preisgegebenen Deutschen nicht nur ein unbehagliches Leben führen lasse, sondern ihn auch womöglich um Haus und Brot bringe. Er erzählte schließlich als den nächsten und ihm bekanntesten Fall seine eigenen Schicksale. Und seine Stimme zitterte, als er einzelne Züge von der Wut zu berichten hatte, mit der ihn seine Nachbarn in Blatna verfolgten und zu deren Werkzeugen sie sogar ihre ahnungslosen Kinder machten. Als Zaboj dazu spöttisch den Mund verzog und die Schärpenträger unten unter Führung des Brauers zu lachen und zu spotten anfingen, da verlor der Redner vor Zorn beinah seine Fassung. Zaboj wollte die Gelegenheit ergreifen und aufs neue zu sprechen anfangen. Aber schon drängte ihn Anton mächtig beiseite und begann mit ernster, volltönender Stimme: »Sie lachen darüber, daß sie mich in Bann und Acht getan haben und daß ihre armen Kinder ungestraft ihren Spott mit mir treiben dürfen. Ihr lacht nicht, meine Landsleute. Und damit auch ihnen ihr Hohn vergehe, will ich euch erzählen, wie sie in Böhmen die Eintracht verstehen und was ihre brüderliche Liebe zu uns ist.« »Er ist ein Preuße, ein Ketzer!« schrie Zaboj dazwischen. Aber wie Soldaten in Reih' und Glied traten die Langröcke einen Schritt vor, viele hoben die Fäuste und alle riefen: »Ausreden lassen, ausreden lassen!« »Ich danke euch, deutsche Landsleute, daß ihr mich hören wollt. So vernehmt denn: im letzten Herbste ist es geschehen, und jeder ehrliche Mann von Wessely wird es euch bestätigen. Unsere braven Soldaten kamen von einer Feldübung zurück und marschierten durch Wessely, da drüben, nur zwei kurze Stunden von Blatna. Es war ein heißer Septembertag und der Marsch hatte fünf Stunden gedauert. Von Schweiß und Staub bedeckt, machten sie auf dem Marktplatze halt, auf dem Ring, den ihr alle kennt. Und da geschah es. Die erste Kompagnie, weil sie tschechisch war, erhielt von unseren Brüdern in Wessely mehr Erfrischungen, als sie verlangte. Dann kam die zweite Kompagnie, sie war ebenso müde und abgehetzt, aber sie war deutsch. Und darum allein verschloß der ehrenwerte Bruder Brauer hier seinen Keller, und kein Einwohner von Wessely hatte einen Krug oder ein Glas zur Hand. Nicht einen Tropfen Wasser reichte man ihnen, von Schweiß und Staub bedeckt mußten sie weiter ziehen, bis sich ein deutscher Flecken ihrer erbarmte. Ich erzähle euch keine erfundene Geschichte aus alten Büchern. Stellt euch vor, was diese Soldaten empfanden, als man sie schlimmer behandelte wie Hunde. Diese armen durstigen Menschen sind keine fabelhaften böhmischen Könige. Sie sind lebendig, sie sind eure Söhne, eure Brüder, und wenn sie nach Hause kommen, so fragt sie nach der Gerechtigkeitsliebe unserer tschechischen Brüder.« Ein furchtbarer Aufstand brach los. »Wir wollen keine tschechischen Schulen! Wir wollen zusammenhalten! Wir wollen unsere Kinder nicht verdursten lassen!« so riefen die deutschen Bauern durcheinander. Und der Dicke mit den vielen Silberknöpfen brüllte, was er konnte, zu Anton empor: »Komm zu mir, so oft du willst, Gegenbauer-Anton, ich will dir zu trinken geben, so viel du willst.« Doch laut tönte dazwischen das Tosen der anderen Partei. »Wirf ihn vom Gerüst herunter, Zaboj! Laß ihn den Prager Fenstersturz schmecken! Gib's ihm auf altböhmisch! Nieder mit dem deutschen Hund! Werft ihn ins Wasser, da soll er ersaufen, wenn er durstig ist!« Und tausendstimmig tönte es schließlich zu dem unerschrockenen Redner empor: »Nieder mit dem Deutschen!« Und von dem äußersten Kreise her, wo die Händler ihre Buden hatten, begann man mit Erdschollen und faulen Pomeranzen zu werfen. Kein Geschoß traf. Doch als eines hart an Antons rechter Schulter vorüberflog, rückten die Langröcke plötzlich weiter vor. Ohne Verabredung schritten sie dichtgedrängt auf den Stufen rechts und links zur Rednerbühne hinauf und schlossen sich oben zusammen. Sie sprachen kein Wort. Doch als ihre ernsten Gestalten auf den ersten Stufen erschienen, hörte das Werfen auf, und nach wenigen Sekunden verstummten die Schreier. Nur Svatopluk und Petr tobten am Fuße des Gerüstes. Katschenka stand mit zornig zurückgeballten Fäusten neben ihnen und schaute so, wie versteinert, mit verklärten Augen in Antons frisches, todesmutiges Antlitz. Die beiden Gegner berührten sich jetzt in der schmalen Gasse, welche die Langröcke offen gelassen hatten. Zaboj hatte Mühe, sich nicht auf den ersten zu stürzen und ihn hinunterzuwerfen. Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Schwer keuchend blickte er um sich. Er wußte, daß jede Feindseligkeit für lange hinaus der Bewegung gefährlich werden konnte. Und doch wäre es ihm eine Lust gewesen, wenn seine Leute sich plötzlich auf das kleine Häuflein gestürzt und es zu Boden geschlagen hätten. Als es endlich überall still geworden war, lächelte er seinen Genossen gezwungen beifällig zu. Dann atmete er tief auf, und unter fieberhaften Gestikulationen versuchte er aufs neue die Bauern zu bereden. Er rief: »Ich heiße euch nochmals willkommen, Brüder, und je näher ihr mir jetzt steht, desto wirksamer sollen meine Worte euch treffen. Wohl haben wir beide Volksstämme des Landes zu unserer Versammlung geladen, aber nur treue Söhne Böhmens hofften wir zu finden, einerlei ob deutsch oder slawisch. Dieser Mann hier jedoch, dem ihr euer Vertrauen schenkt, ist ein Abtrünniger, ein Landesfeind, und ich begreife euch nicht, wie so wackere Männer sich von seinen Flunkereien bestechen lassen können.« So heftig wurden Zabojs Armbewegungen, daß Anton beiseite treten mußte, um nicht getroffen zu werden. »Seid ihr denn blind,« fuhr der Tscheche mit funkelnden Augen fort, »daß ihr nicht sehet, wer ihr seid, und wer er ist. Ihr seid feste, seßhafte Bauern auf stattlichen Höfen, und er ist ein Bankerottierer, dem sie vielleicht morgen schon seine Fabrik verkaufen werden, und der dann zu euch betteln gehen kann. Ihr seid Patrioten, und er hat sich dem Erbfeind verkauft und will uns preußisch machen, er und sein Schulverein. Ihr seid treue Katholiken und hofft auf ewige Seligkeit, er aber geht in keine Kirche, er ist ein Ketzer, ein Protestant, was weiß ich. Bauern, Patrioten, Christen, ich kenne ihn besser als ihr alle, denn wir sind zusammen aufgewachsen. Er war es, der mich unserem Glauben abspenstig machen wollte und der mich überredet hat, kein Geistlicher zu werden. Na, auch so, wie ich bin, diene ich der Kirche. Er aber, der Gegenbauer-Anton, ist ihr Feind, und seine Freunde können die nicht sein, denen ihr Seelenheil am Herzen liegt.« Die Bauern blickten zu Boden. Den meisten unter ihnen wäre es lieb gewesen, wenn sie wieder in angemessener Entfernung vom Gerüste hätten stehen können. Doch der mit den Silberknöpfen trat breit zwischen Zaboj und den Gegner und rief diesem zu: »Fürcht dich nicht! Sag dein Sprüchel!« Froh lachte Anton ihn an und sprach laut: »Soviel Worte, soviel Verleumdungen! Daß ich als Kaufmann ein ehrlicher Mensch bin, das weiß jeder Mann auf zehn Meilen in der Runde. Und wenn mein Unternehmen jetzt in Gefahr schwebt, so wißt ihr alle, daß es der Neid der tschechischen Rübenbauern ist, der mich und sie selbst zugrunde richten will. Das ist traurig für mich, aber es geht uns hier nichts an. Daß ich etwas mit dem Auslande zu tun habe, ist eine Lüge. Ich bin ein guter Österreicher, wie ihr alle, und liebe unser schönes Böhmen nicht weniger als der lauteste Schreier von drüben. Niemals habe ich mich um Politik gekümmert. Und wenn ich hier für unsere nationale Sache eintrete mit meinen geringen Kräften, so tue ich es als Böhme, als deutscher Böhme. Und nun zu der dritten Verleumdung. Auch ich bin katholisch. Ich bin kein so frommer Mann wie ihr. Das gebe ich zu. Aber auch ich würde die Kirche besuchen und mich mit der Gemeinde erbauen, wenn mir Gelegenheit würde, Gottes Wort in meiner Muttersprache, in unserer heiligen deutschen schönen Sprache zu vernehmen. Das ist's. Mich so wenig wie euch kümmern die Streitigkeiten der Regierenden über das Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland. Ich wüßte nicht einmal die Minister zu nennen, die hüben und drüben herrschen. Was kümmert uns die Politik! Aber wir sind Deutsche, und wenn wir alles andere verloren haben, was uns zu einem großen einigen Volke machen könnte, so bleibt uns doch eines, unsere deutsche Sprache. Und dieses letzte Besitztum wollen wir alle verteidigen mit unserem Herzblut. Nicht wahr, darin seid ihr mit mir einig? Auch ihr wollt nicht, daß eure Kinder oder Enkel einst an eurem Grabe das Vaterunser in tschechischen Worten sprechen, auch ihr wollt nicht, daß die uralten Hausnamen eurer Höfe verschwinden und daß tschechischer Übermut die deutschen Inschriften von euren Grabsteinen herunterkratze. Auch ihr wollt nicht slawisch werden. Ich kenne euch, meine Landsleute, lieber wollt ihr noch, daß eure Söhne deutsch bleiben und daß man ihnen einen Tropfen Wasser versagt, wenn sie verschmachten, lieber das, als daß sie von ihrem Volke abfallen und selber einmal hartherzig sich von einem deutschen Burschen abwenden, der verdurstend vor ihrer Schwelle steht. Das ist eure Meinung, wie die meine, und darum laßt uns fortziehen aus dieser Versammlung, mit der wir nichts zu schaffen haben.« Mit feuchten Augen blickte Anton die Bauern an, und »Hoch der Gegenbauer!« rief der mit den Silberknöpfen, und »Hoch der Gegenbauer!« wiederholten stürmisch die achtzig deutschen Bauern. Mit zuckenden Händen und zitternden Lippen stand Zaboj da. »Hütet euch,« schrie er außer sich, »hütet euch vor euren Pfarrern und vor ihren Kirchenstrafen.« Doch Anton gab den Vorteil nicht mehr aus der Hand. Mit raschem Griff riß er Zaboj die Medaille von der Brust und rief: »Wißt ihr auch, was hier drauf steht? Wißt ihr auch, was die Medaillen sagen wollen, die man in dieser Versammlung uns anzubieten wagt? Hier steht es in deutlichen Buchstaben: Tod und Hölle allen Feinden! Mord und Tod den Deutschen ist damit gemeint.« Und Anton warf die blinkende Denkmünze zornig von sich. Sie fiel vor den Füßen Katschenkas nieder, und das Mädchen, welches immer noch in leidenschaftlicher Angst zu ihm emporblickte, ließ plötzlich ihren Teller mit Medaillen fallen. Niemand außer dem alten Svatopluk bemerkte es, denn tausend Fäuste hatten sich erhoben, und tausend Kehlen stimmten als Antwort auf Antons Beleidigung mit stürmischer Kraft ihr Kriegslied an: »Mächtig steht das Volk der Slawen, ewig wird es leben! Tod und Hölle allen Feinden, nieder mit den Deutschen!« Die deutschen Bauern blickten besorgt um sich, als sie mit einem Male die Wogen des Hasses um sich her erkannten. Sie brauchten die Worte des Liedes nicht zu verstehen; die Todesdrohung, welche aus dem wilden Vortrage des Liedes sprach, sagte alles, und wenn einer taub war, so konnte er es aus den Gesichtern der Sänger lesen, daß nur die Waffen fehlten, um das Versöhnungsmeeting in eine Schlacht zu verwandeln. Alles trug dazu bei, um den Lärm zu verstärken. Die Banderisten hatten ihre Posten verlassen und ihre Pferde bis dicht an den Menschenknäuel herangedrängt, wo sie der scheuenden Tiere kaum Herr werden konnten. Die Pferde wieherten und die Reiter schrien. Hinter ihnen sprengte der Brauer auf seinem Fuchse wie toll um die Versammlung im Kreise herum, als suchte er eine Lücke, durch die er gegen den Verächter seiner Nation eindringen könnte. Die Budenbesitzer und die fliegenden Händler erwehrten sich unter Schelten und Hilferufen der halbwüchsigen Burschen, welche in dem allgemeinen Tumult plündern wollten. Nur der alte Würstelverkäufer, der seine ganze Ware in dem umgehängten Schaff und in seinem Kessel bei sich trug, bekümmerte sich nicht um den Aufstand und rief mit gellender Stimme in das Rollen des Kriegsliedes hinein: »Brennheiße Würst', brennheiße Würst'!« Svatopluk Prokop hatte seine Tochter wütend am Handgelenk gefaßt und schrie sein »Tod und Hölle allen Feinden« mit heiserer Kraft. Katschenka sah in seinen brennenden Augen den Befehl, mitzusingen, und der Arm schmerzte sie von dem harten Griffe ihres Vaters, doch die Kehle war ihr wie zugeschnürt und sie hörte nur aus dem ganzen Aufruhr die volle männliche Stimme Antons, und sie hörte nicht einmal neben sich Petr Zilbr die tschechischen Worte in widerlicher Aussprache und in falscher Melodie schreien. Noch war die erste Strophe nicht zu Ende gesungen, als die Langröcke, denen Anton etwas zugerufen hatte, sich in Bewegung setzten. Ihren Redner in der Mitte, gingen sie die Stufen des Gerüstes hinunter, machten kehrt und zogen festen Schrittes ab. Die Masse, die sie umgab, öffnete vor der entschlossenen Schar zögernd eine schmale Gasse, aber vor ihren Augen fuchtelten die Fäuste und in ihre Ohren hinein schrie man die Worte des Hasses. Als die Menschenmauer durchbrochen war, wollten die berittenen Banderisten ihnen den Weg sperren, doch die Männer rückten ruhig weiter, faßten die Pferde beim Zaum und drängten sie beiseite, und als der Brauer sie zu bleiben beschwor, genügte ein kräftiger Schlag, um seinen Fuchs das Weite suchen zu lassen. Zaboj war bis jetzt bleich und stumm mit gekreuzten Armen auf der Rednertribüne stehen geblieben. Als er alles verloren sah und die Achtzig freie Bahn vor sich hatten, löste er plötzlich seine Arme, schüttelte die Fäuste gegen die Abziehenden und schrie in tschechischer Sprache: »Tod und Hölle! Er hat es gesagt und ihn soll's treffen. In die Hölle mit ihm, unserem ärgsten Feind! Er soll es büßen! Er soll sich nicht lebendig wieder unter uns zeigen!« Tausendstimmig wurden die Drohrufe wiederholt. Zaboj stürzte zu seinen Freunden hinunter, stieß den Vater und Petr und Katschenka wild von sich und eilte durch die Menge. Alles zeterte durcheinander. Von Schritt zu Schritt wurde er umringt und mit Vorwürfen bestürmt. Mit Tränen in den Augen wiederholte er immer nur: »Er soll es büßen!« Svatopluk hatte die Tochter losgelassen und stampfte auf seinen Krücken hinter den Deutschen her. »Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot!« rief er taktmäßig. Und plötzlich löste sich die Verwirrung auf dem Festplatz, und unter betäubenden Rufen: »Schlagt ihn tot!« setzte sich das ganze Meeting in Marsch hinter dem Verhaßten her. Nur die Banderisten, die sich auf ihren Pferden nicht mehr sicher fühlten, die Verkäufer, die ihr Hab und Gut einpackten, blieben zurück, und bei ihnen der Gendarm. Der Wursthändler zog fröhlich hinter der kampflustigen Schar drein. Niemand achtete auf Katschenka, welche rasch das Gerüst erklommen hatte und oben, hinter den Fahnen halb verborgen, mit glänzenden Augen den abziehenden Deutschen nachschaute. Ohne zu eilen, schritten die Bauern dahin. Die meisten unter ihnen verachteten die Tschechen eigentlich von Herzen und freuten sich trotz der kirchlichen Bedenken, an die Zaboj gemahnt hatte, daß sie dem Beispiel des Gegenbauer gefolgt waren. Und die Jüngeren waren rauflustig genug, um ihren Mann zu stellen, wenn's zu ernstlichen Händeln kam. Freilich anfangen wollten sie nicht, und so zogen sie in stummer Erwartung ihres Weges und freuten sich über den Ausgang der Volksversammlung. Nur die wenigen alten Männer an der Spitze des Zuges überdachten sorgenvoll die letzte Rede Zabojs und hätten gern etwas für ihr Seelenheil getan. Dabei konnten sie das Auftreten des Gegenbauer nur gutheißen und fühlten sich in ihrer Ehre verbunden, bei ihren Stammesgenossen auszuhalten. Die Entfernung zwischen ihnen und dem verfolgenden Haufen wurde nicht kleiner. Es fehlte an Waffen und an einer plötzlichen Veranlassung für den Beginn der Feindseligkeiten. Und schon begannen die Bauern in Antons nächster Umgebung über das hilflose Schimpfen der Gegner zu spotten, und der mit den Silberknöpfen stimmte sogar an: »Immer langsam voran, immer langsam voran, daß die tschechische Landwehr nachzappeln kann.« Man hatte den Weg nach Oberndorf eingeschlagen, ohne erst viel darüber zu beraten. Jedem einzelnen war klar, daß der Gegenbauer-Anton erst verlassen werden durfte, wenn er inmitten seiner Freunde vorläufig in Sicherheit war. Als der Zug vor dem Marienkloster anlangte, stockte er plötzlich, dort wo der Feldweg zur Klosterpforte rechts ausbog. Dicht neben der Straße waren zwölf Sträflinge unter der Aufsicht von zwei barmherzigen Schwestern mit dem Ausbessern des Dammes und mit dem Anlegen von Straßengräben beschäftigt. Die meisten Bauern gedachten nicht anders, als mit abgezogenen Hüten und dem üblichen Gruße: »Gelobt sei Jesus Christus!« vorüberzugehen. Drei von den alten Leuten an der Spitze jedoch hatten plötzlich einen Gedanken gefaßt, blieben stehen und hemmten die übrigen. Und die nachdrängenden Tschechen waren selbst überrascht und verstummten für ein Weilchen, als der Zwischenraum rasch kleiner wurde und sie sich auf einmal hart an der Ferse der Deutschen sahen. Die ehrfurchtsvolle Scheu, welche die ganze Gegend vor den tapferen Schwestern empfand, hielt für ein Weilchen beide Parteien zurück. Ohne den Genossen die Absicht vorher mitzuteilen, trat der älteste der Bauern, ein angesehener Dorfschulze, aus der Reihe, ging mit dem Hute in der Hand der hageren älteren Schwester entgegen, beugte das Knie, küßte ihren rauhen schwarzen Ärmel und begann: »Euer Ehrwürden ...« »Ich bin Schwester Annunciata; doch schnell, was geht hier vor?« Der Schulze bat statt aller Erklärung, man möchte einem Verfolgten irgendwo im Kloster Zuflucht gewähren. Ihm schien alles in Ordnung, wenn er den Schutz des Gegenbauer, der ja vielleicht doch ein Ketzer war, der Kirche überlassen hatte. Die Sträflinge hatten nur flüchtig den Kopf gewendet, dann arbeiteten sie ruhig weiter, als die Schwestern ihnen mit freundlichem Neigen des Hauptes den Befehl dazu erteilten. Schwester Annunciata rief Schwester Barbara zu sich, ein junges, blühendes Geschöpf, welches aus ihrem entstellenden Kopfputz so fröhlich herausblickte, als stände sie, von verliebten Burschen umgeben, auf dem Tanzplatz. Die Bauern hatten inzwischen von den Vordermännern erfahren, was deren Meinung war. Ihre Stimmen waren geteilt. Die ganz Frommen sahen in Gegenbauers Rückzug nach dem Kloster die friedlichste Lösung, die anderen aber eine schimpfliche Flucht. Lebhaft stritten beide Parteien. Anton biß die Unterlippe, ihm war der Gedanke peinlich, daß Deutsche ihn der Gnade der Kirche anvertrauen wollten. Er atmete auf, als Annunciatas Kopfschütteln bewies, daß sie den Plan des Schulzen nicht gutheißen konnte. Aber auch unter den Tschechen ahnte man bereits die Absicht der Frommen, und von einem zum anderen flogen die Spottrufe über den Kirchenfeind, der ins Kloster flüchtete. Jetzt trat der Schulze an die Spitze der Bauern zurück, und die beiden barmherzigen Schwestern wechselten einige Worte. Dann bedeutete Schwester Annunciata die Sträflinge, sie sollten ruhig ihre Pflicht tun, und Hand in Hand mit Barbara ging sie freundlich in den schmalen Raum, der noch zwischen den feindlichen Parteien offen geblieben war. Ihr schien jede weltliche Streitigkeit so töricht, sie fühlte so tief den Frieden der Pflicht, daß sie geneigt war zu glauben, sie habe es nur mit einer Schar von trunkenen Männern zu tun. Und die Schwestern, welche allein durch die Kraft ihres Zuspruchs mit dreihundert Verbrechern fertig wurden, hielten sich nicht für zu schwach, um auch diese wilde Schar von aufgeregten Leuten zu beruhigen. Von allen Dingen, welche Schwester Annunciata nicht begriff, war der Kampf der beiden Volksstämme ihr sicherlich der allerunbegreiflichste. Ihre Kirche war nicht die streitbare. Deutsche und Tschechen sprachen heftig auf sie ein, die ersten bei aller Erregtheit doch nicht ohne Demut, die anderen trotzig und höhnisch. Die Schwestern trennten sich und suchten die Gegner zu beschwichtigen. Sie eilten von Gruppe zu Gruppe, redeten mit jedem in seiner Sprache, baten, man möchte den Frieden der heiligen Stätte nicht stören, beschworen alle, nach Hause zurückzukehren, und gaben jeder Partei ihr Wort zum Pfande, daß die andere nichts Böses beabsichtige. Bei den Deutschen, die ohnehin weiterziehen wollten, erreichten sie bald ihren Zweck. »Den heiligen Schwestern muß man gehorchen,« riefen die Friedfertigsten, und die jüngeren waren froh, daß sie ihrem Gegenbauer noch weiter das Geleite geben konnten. Viele drängten sich herzu, um den »Heiligen« die Hände oder das Gewand zu küssen, dann setzte sich die Schar wieder in aller Ordnung in Bewegung. Und mehr als ein Dutzend Bursche sang jetzt lustig die Weise: »Immer langsam voran, immer langsam voran, daß die tschechische Landwehr nachzappeln kann!« Die beiden Schwestern suchten den Rückzug zu decken. Mit ausgebreiteten Armen stellten sie sich der tschechischen Menge entgegen, aus deren Mitte wilde Drohrufe zu ihnen herübertönten. »Wir lassen uns von keiner Nonne befehlen! Nieder mit den Deutschen! Ins Kloster mit den Schürzen! Aus dem Wege! Ziska über euch!« Und schon hörte man auch unanständige Scherze. Die Schwestern achteten dessen nicht. Annunciata drängte sich zu Zaboj durch, den sie sofort als den geistigen Führer erkannt hatte, und bat ihn einfach und eindringlich, er möge Frieden gebieten. Schwester Barbara war dicht vor Svatopluk stehen geblieben und streichelte begütigend seine Hände. Während dies an der Spitze der tschechischen Verfolger vor sich ging, hatten sich von rückwärts ganze Scharen am rechten und linken Flügel vorgedrängt. Es waren dies die lautesten Schreier, die unaufhörlich den Tod Gegenbauers verlangten. Die auf der rechten Seite drückten sich scheu an den Sträflingen vorüber, welche die Arbeit eingestellt hatten und in Reih' und Glied längs der Straße standen, die Augen zu Boden gesenkt, und scheue flackernde Blicke nach der Masse warfen, der die beiden Schwestern noch immer Halt geboten. Die Langröcke waren kaum sechzig Schritt entfernt und sangen immer zahlreicher und lauter ihr Lied. Plötzlich wandte sich der letzte um und zeigte den Tschechen sein lachendes Gesicht. Ein Wutschrei von allen Gegnern antwortete. Im Nu hatten hundert Hände nach den kleinen und großen Schottersteinen gegriffen, die aufgehäuft neben dem unfertigen Damm bereitlagen, und ein Steinhagel flog der deutschen Schar nach. Nur wenige wurden getroffen, und die nur leicht. Aber die Deutschen waren nicht gewillt, sich wie Buben in die Flucht schlagen zu lassen; sie wandten sich beherzt um, Anton Gegenbauer trat vor sie, und sie schickten sich an, mit ihren derben Knotenstöcken den ungleichen Kampf aufzunehmen. Lieber im Handgemenge und im Faustkampf der Überzahl unterliegen, als sich mit Steinwürfen weitertreiben lassen! Langsam rückten die Deutschen geschlossen vor. Die Tschechen stutzten, aber von der rechten Seite flog plötzlich ein neuer stärkerer Steinhagel herüber. Anton war das nahe Ziel jedes Wurfes, und diesmal traf man besser. Er wankte, brach zusammen, und an ihm vorbei stürmten die Langröcke zum Angriff. Der Fall Antons wurde mit einem Jubelgeheul begrüßt. Die beiden Schwestern wandten sich entsetzt den Deutschen zu, Schwester Barbara lief ihnen entgegen, um nach dem Verwundeten zu sehen, und rief die heilige Jungfrau um ihren Beistand an. Schon begann der tschechische Haufe sich aufzulösen. Daß Anton getroffen war, schien den Haß zu befriedigen. Nur noch eine letzte Salve von Steinen sollten die Deutschen empfangen. Plötzlich schrie Schwester Barbara auf, ihre Wange färbte sich blutig, sie mußte sich an ihrer Genossin aufrechthalten. Da klang von dort, wo die Sträflinge standen, ein schauerlicher Aufschrei voll Jammer und Zorn. Wie wilde Tiere stürzten sie sich mit ihren Hacken und Rammen und Stangen und Meißeln gegen die tschechische Menge. Ebenso schnell wie sie flog aber Schwester Barbara herbei. Jeden einzelnen der Sträflinge mußte sie einholen und anrufen, um ihn zu beruhigen. Nur widerwillig gaben die Mörder und Einbrecher ihr Rachewerk auf. Bevor sie noch gehorchten und mit aufgehobenen Händen um Schwester Barbara her niederknieten, war einer der Sokolisten durch eine Hacke auf den Tod verwundet, Petr Zilbr von einer Stange schwer am Fuße verletzt und der starke Svatopluk von einem gewaltigen Faustschlag niedergeworfen. Der Tschechen hatte sich beim Angriff der zwölf Sträflinge ein panischer Schrecken bemächtigt. Alles Grausen, das von dem finstern Gefängnisse ausging, war in diesen Gestalten verkörpert, die jetzt auf einmal ihre wahre Gestalt anzunehmen schienen. In wilder Flucht jagte alles auseinander. Man hatte eine barmherzige Schwester verwundet und die Mörder waren aus dem Kerker losgelassen. Keiner stand still, solange er nicht außer Sehweite war. Nur Zaboj war trotzig neben seinem fast betäubten Vater stehen geblieben. Er half ihn aufrichten, als die deutschen Bauern sich düster anschickten, die Verwundeten im Hospital des Klosters unterzubringen. Neuntes Kapitel An der Klosterpforte empfing die Oberin den traurigen Zug. Sie wehrte jedem den Eintritt, der nicht durch eine Verwundung sein Anrecht auf die Gastlichkeit des Hauses bewies. Die Bauern zogen sich demütig zurück, auch die, welche von den Steinen getroffen waren. Niemand hatte einen ernsthafteren Schaden davongetragen als Schrammen und Stöße, wie sie bei Wirtshausraufereien oft vorkamen und leicht verschmerzt wurden. Nur der sterbende Sokolist, dann Anton Gegenbauer, welcher noch immer ohne Bewußtsein war, und Petr Zilbr, der in seinen Schmerzen jämmerlich schrie, wurden von den Sträflingen in den Krankenraum hinaufgetragen. Svatopluk Prokop hatte keinen ernstlichen Schaden genommen; da er aber wimmernd erklärte, ein elender Krüppel zu sein und sich nicht rühren zu können, so wurde auch er hinaufgeführt. Erst nachdem alle untergebracht waren und die Klosterpforte auch hinter Zaboj geschlossen war, ließ die Oberin, eine vornehme Dame, deren weißes Haar ein bleiches, fast faltenloses Gesicht umrahmte, sich von den beiden Schwestern Bericht erstatten. Dann zog Schwester Barbara sich zurück, erschien aber bald wieder. Sie hatte nur einen Streifen Linnen um ihre Wunde gebunden und widmete sich heiter der Pflege der Verwundeten. Diese waren in dem großen, von Kreuzgewölben überdeckten Saale untergebracht, welcher das Kloster vom Kerker trennte. Es waren acht Betten darin aufgestellt, und drei davon waren von erkrankten Sträflingen besetzt. Die Stätte in der dunkelsten Ecke des Saales wurde dem Sterbenden zugewiesen, die nächsten Betten blieben frei. Zwischen den Lagern von Anton und Petr ächzte ein Sträfling, der sich bei der Arbeit einige Finger der linken Hand zertrümmert hatte. Svatopluk war auf einem Stuhle neben Petr niedergesunken und verlangte dringend, als ein Verletzter hier Unterkunft zu finden. Noch am Nachmittage erschien Antons Freund, der frühere Arzt von Blatna, der von Oberndorf aus auch diese Anstalt leitete. Er konnte für den schwergetroffenen Turner keine Hoffnung geben. Petrs Zustand schloß jede Gefahr aus, doch sollte der völlig verzagte junge Mann etwa eine Woche stilliegen. Anton hatte einen traurigen Anblick dargeboten, als man ihn ins Kloster brachte. Seine Kleider waren von den Steinwürfen vielfach zerrissen und er über und über mit dem Blute besudelt, das immer noch aus einer breiten Schläfenwunde niedersickerte. Die Untersuchung stellte nun glücklicherweise fest, daß fast alle Steine auch ihn nur oberflächlich verletzt hatten. Nur die klaffende Wunde an der Schläfe konnte bedenklich werden, wenn er nicht auf das sorgfältigste gehütet und noch späterhin jede Aufregung von ihm ferngehalten wurde. Als der Arzt auch darüber entscheiden sollte, ob Svatopluk im Hospital zu behalten war oder nicht, lachte er ihn geradezu aus und sagte zur Oberin: »Wenn dieser Mann krank würde, so gehörte er sicherlich hierher ins Kerkerhospital; aber er ist völlig gesund, der heutige Tag hat ihn nur ein wenig angegriffen.« Svatopluk blickte den Arzt mit seinem bösesten Blicke an und fügte sich darein, den Zufluchtsort zu verlassen. Er humpelte schwerfällig bis zum Kopfende von Petrs Lager und begann dort ein leises Gespräch mit dem Verwundeten, der nicht aufhörte zu stöhnen und einmal in den Ruf ausbrach: »Laßt mich in Ruh, ich will nichts mehr mit eurer verdammten Politik zu tun haben, ich bin ein geschlagener Mann, ich werde niemals wieder tanzen können.« Während Svatopluk auf seinen Krücken über das Lager gebeugt weiterflüsterte, hörte man vor der Tür auf dem Korridor lautes Streiten. Der Soldat, der dort auf Posten stand, verweigerte jemand den Eintritt. Schwester Barbara eilte von Antons Lager hinaus und kam sofort mit Katschenka an der Hand zurück. »Es ist die Tochter des alten Mannes, wie sie sagt,« sprach Schwester Barbara bittend zur Oberin, »und die Braut des armen Menschen dort.« Und sie wies auf Anton. »Meine Braut ist sie, meine!« schrie Petr Zilbr. Katschenka war verwirrt stehengeblieben. Mit vorgebeugtem Körper stierte sie über Petr und den nächsten Kranken hinweg auf den bewußtlosen Anton. »Einerlei, liebes Kind,« sagte die Oberin, »sei willkommen! Deinem Vater ist nichts geschehen. Du kannst hierbleiben, wenn du uns in der Krankenpflege unterstützen willst und Dienste leisten ohne Ansehen der Person.« Katschenka faltete die Hände. »Und er?« rief sie flehend. »Er? Ist er tot?« Die Oberin blickte das Mädchen scharf aus den klugen Augen an und sagte: »Dein Bräutigam ist nur leicht verletzt, und auch der andere wird genesen.« Da schlug Katschenka beide Hände vor die Augen und schluchzte, daß ihr ganzer Körper wie in Krämpfen zitterte. Jetzt rief ihr der Vater barsch zu: »So komm, führe mich nach Hause!« Katschenka ließ die Hände vom tränenüberströmten Antlitze heruntergleiten und schaute um sich. Lange blieben ihre Blicke dort haften, wo Schwester Barbara Antons Stirn wieder mit Eis kühlte. Dann wandte sie sich schaudernd an ihren Vater und flüsterte: »Laß mich hier, ich darf nicht fort. Ich würde sterben vor Angst.« Die Oberin beobachtete aufmerksam die Mienen von Vater und Tochter. »Wenn dein Vater es verlangt, so mußt du ihm folgen,« sagte sie mit milder Stimme. Katschenka warf sich der Oberin zu Füßen, drückte deren Gewand an ihre Lippen, schrie auf und sprach dann unter Tränen: »Um Christi Wunden willen, behaltet mich hier, hochwürdige Frau.« Die Oberin hob das Mädchen liebreich zu sich empor, schlang ihren Arm um sie und sah Svatopluk Prokop mit Augen an, die plötzlich streng und befehlend geworden waren. Katschenkas Vater knurrte etwas zwischen den Zähnen, was eine Einwilligung oder auch ein Fluch sein konnte. Dann verließ er, schwerfällig auf den Krücken fortschleichend, ohne Dank und ohne Gruß den Krankenraum. Die Oberin sah ihm lange schweigend nach. Dann ordnete sie ruhig alles an, was nötig war. Nach der Sitte des Hauses durfte niemals eine der barmherzigen Schwestern allein den Saal betreten. Die Oberin gab die Erlaubnis, daß Schwester Barbara sich von nun an von Katschenka begleiten und unterstützen ließ. Nur sollte das fremde Mädchen natürlich ihr theaterhaftes Kostüm ablegen und in bescheidener Tracht erscheinen, wie es sich für so ernste Räume geziemte. Katschenka blickte bei dieser Mahnung erschreckt auf das bunte Zeug hinunter, das sie anhatte, und riß sich zornig die blau-weiß-rote Schärpe vom Leibe. Die Oberin erhob zu milder Zurechtweisung den Finger; dann ging sie von Lager zu Lager, schob da ein Kissen zurecht, reichte dort einen kühlenden Trank, erneuerte den Eisumschlag des nur schwach atmenden Anton, sah nach dem Verbande des Schwerverwundeten und verließ endlich mit freundlichem Gruße den Saal. Katschenka hatte indessen auch ihre Pelzmütze abgenommen und ein graues Tuch, das Barbara ihr brachte, umgebunden. Während die Schwester unter leisen Gesprächen ruhelos ihren Dienst verrichtete, setzte sich Katschenka neben Petr nieder und ließ ihm ihre Hand. Aber starr blickten ihre Augen über das Nachbarlager hinweg unverwandt auf Anton. Petr Zilbr schimpfte auf Gott und die Welt, auf Svatopluk und Zaboj und stöhnte jedesmal jämmerlich auf, wenn er bei der leisesten Bewegung einen Schmerz in seinem Fuße verspürte, oder wenn Schwester Barbara nach Vorschrift des Arztes den Umschlag wechselte. Der Sträfling mit der zerquetschten Hand, ein mährischer Holzknecht, der wegen Straßenraub zwölf Jahre schweren Kerker erhalten hatte und davon bereits sieben im Zuchthause zum heiligen Joseph zubrachte, hatte schon lange gemurrt. Nach einem abermaligen häßlichen Aufschrei Petrs sagte er mit demütiger Stimme: »Ich bitte Sie, Herr Nachbar, Sie wissen nur noch nicht, was hier im Hause der Brauch ist. Hier schreit keiner, und sollte ihm auch ein Bein mit einer stumpfen Säge abgenommen werden. Ja, mein allergnädigstes Fräulein,« wandte er sich mit leiser und demütiger Stimme an Katschenka, »wir haben es hier gut bei den Schwestern, und zum Danke dafür sind wir auch fein still. Früher haben wir die Schmerzen schon ausgehalten aus Respekt vor der hochehrwürdigen Frau Oberin. Da hieß es die Zähne aufeinanderbeißen. Aber jetzt, seitdem Schwester Barbara so oft zu uns kommt, braucht's keinen Respekt, wir fühlen die Schmerzen gar nicht mehr. Und was wir Halunken aus dem Zuchthaus vermögen, das wird doch ein so nobler Herr auch noch zustande bringen.« Man hörte Schwester Barbara leise in einem Winkel auflachen, wo sie die Bettwäsche für den nächsten Tag zurechtlegte. Petr schämte sich, und da seine Schmerzen im Grunde gar nicht so arg waren, so verhielt er sich ruhig. Er stellte an Katschenka einige Fragen. Sie antwortete nicht, und er ließ seine Stimme zum leisesten Flüstern sinken. Man hörte in dem dämmerigen Raume bald nichts mehr als die ungleichen Atemzüge der Kranken und ab und zu die flüchtigen Schritte und ein heiteres Trostwort von Schwester Barbara. Katschenka konnte die Züge Antons nicht mehr erkennen, auch dann nicht, als zwei dienende Schwestern Licht gebracht hatten. Nur auf dem großen Tische, wo Schwester Barbara jetzt die Abendsuppe in kleine Näpfe goß, brannte eine helle Öllampe. Sonst glimmten nur neben jedem Bette die winzigen Nachtlämpchen, und hinten, gerade am Bett des Schwerverwundeten, warf die ewige Leuchte ihre roten Strahlen erschreckend in die Finsternis und auf das schwarze Kreuz mit dem lebensgroßen Christusbilde. Aber unverwandt starrte Katschenka an Petr vorüber. Dort das Weiße war der Verband, und darunter klaffte gewiß Antons dunkelrote Wunde. Petr hatte eine Weile wie im Schlafe dagelegen. Dann schlug er die Augen wieder auf und betrachtete seine Braut. Langsam glitt ein böses, spöttisches Lächeln über seine leeren Züge. Endlich sagte er leise: »Wenn du nur hergekommen bist, meine Liebste, um diesen Kerl anzustieren, der an allem schuld ist, so konntest du zu Hause bleiben. Du weißt doch? Der Gegenbauer muß vor Gericht, sagt der Vater, wenn er mit dem Leben davonkommt. Er ist in unserer friedlichen Versammlung wie ein Räuber aufgetreten, hat sich an deinem Bruder tätlich vergriffen und ist dann, er und die deutschen Bauern, mit Stöcken auf uns losgegangen. Er allein muß vor Gericht. Dein Vater sagt es.« Katschenka war bei dem ersten Worte zusammengefahren, als hätte sie plötzlich einen Schlag erhalten. Sie verstand nicht, was Petr ihr sagte, sie war ganz allein gewesen mit dem blutenden Anton und mit der ewigen Leuchte dort in der blutig schimmernden Finsternis. Sie hatte in der Stille ein Gelübde getan: Jeder Beteiligung an den Kämpfen ihrer Verwandten zu entsagen, wenn Anton genas. Noch andere Gelübde waren ihr erschreckend in den Sinn gekommen, während sie sich in dem kirchenstillen Raume mit Gott und ihrer Liebe allein fühlte. Wie aus einem stillen Traume hatte Petrs Anrede sie emporgeschreckt. »Er wird nicht sterben!« sagte sie nach einer bangen Pause. Daß ihr Bräutigam von Anton sprach, war das einzige, was sie vernahm. Petr lachte dumm vor sich hin. »Wenn er nicht als Kranker hier bleibt, so kann er ja gleich beim Aufstehen eine Sträflingsjacke anziehen. Das Gericht wird ihn schon verurteilen. Du wirst auch so aussagen müssen, wie dein Vater und wie wir alle. Das wird was zu lachen geben.« Und Petr versuchte, Katschenka näher an sich heranzuziehen. Da entriß ihm das Mädchen ihre Hand und stieß zwischen den Zähnen hervor: »Du Schuft!« Petr verstand das Wort als eine Strafe für seinen Versuch, zärtlich zu werden, und mit ödem Lächeln schloß er die Augen. Bis Mitternacht durfte Katschenka im Hospital bleiben; dann kamen zwei Schwestern zur Ablösung und Barbara führte das fremde Mädchen durch lange finstere Kreuzgänge, in denen nur die kleinen Lämpchen vor Heiligenbildern den Weg wiesen, in ihre Zelle zur Nachtruhe. Vom nächsten Tage ab fühlte sich Katschenka, die ein rauhes dunkles Kleid angezogen hatte, schon wie zum Hause gehörig, als sie der fröhlichen Nonne in den Krankenraum folgte, ihr dort bei ihren Verrichtungen oder bei den schweren Pflichten in der Küche oder im Garten beistand. So arbeitsam und tüchtig, so nützlich hatte sie sich das Leben in einem Kloster nicht gedacht, hatte es nicht für möglich gehalten, daß sie so bald die Freundin einer Nonne werden würde. Der Arzt, der täglich kam, lächelte seltsam über den Eifer der neuen Krankenpflegerin; er nannte Schwester Barbara, die auch er offenbar hochhielt, einmal scherzend: das Lockvögelchen; aber Katschenka sah, mit welcher Hingebung die Kranken gepflegt wurden, unter denen auch Anton war, und sie blickte mit ehrfurchtsvollem Neide auf die barmherzige Schwester. Der Zustand der Verwundeten veränderte sich nur langsam. Der Sokolist lag noch immer ohne Bewußtsein da; trotzdem jede Hoffnung auf Erhaltung seines Lebens ausgeschlossen war, wurde er mit rührender Sorgfalt gepflegt. Am zweiten Tage trug man sein Lager in einen kleinen unbenutzten Nebenraum, der eigentlich für die Wache haltenden Schwestern bestimmt war. Anton kam nach vierundzwanzig Stunden zu sich, gerade als der Untersuchungsrichter aus der Kreisstadt angelangt und als ihm von der Oberin der Eintritt ins Hospital verwehrt worden war. Tag um Tag verging, ohne daß der Arzt Erlaubnis gab, mit diesem Kranken zu sprechen. Anton lag still, gehorchte bald jeder Anordnung seines Freundes, blickte Schwester Barbara jedesmal neugierig und dankbar an, aber Katschenka wußte noch nicht, ob er ihre Anwesenheit auch nur bemerkt hatte. Erst am vierten Tage, am Sonntag, während der Messe, als voller Orgelklang aus dem Kloster herübertönte und Schwester Barbara auf den Knien vor dem Kruzifix ein lautes langes Gebet sprach, wagte sie es, in der engen Gasse zwischen den Betten an Anton heranzutreten und ihm den Trank zu reichen, nach dem er zu verlangen schien. Klingend schlug der zitternde Löffel an das Glas. Der Kranke blickte sie aus großen fiebernden Augen lange an, dann nahm er die Arznei und flüsterte: »Ich danke dir, Katschenka.« Schluchzend vor Freude kehrte sie zu Petr zurück und widmete sich auch ihm von Stund an freundlicher als bisher. Hatte sie es doch nur ihm und seinen Schmerzen zu danken, daß sie hierbleiben und bei der Pflege des Geliebten bescheiden tätig sein konnte. Der Arzt war heute mit Antons Befinden sehr zufrieden. Er machte seine Anordnungen mit weniger Strenge als bisher und gestattete, daß die Kranken mit leichtem Geplauder unterhalten würden. Petr, der unaufhörlich über Langeweile klagte, trotzdem ihm täglich seine Zeitungen gebracht wurden, war über die Veränderung nicht wenig froh. Der Sträfling neben ihm war ohnedies glücklich über jedes Wort, das aus dieser freien Welt zu ihm drang. Die beiden anderen Gefangenen waren schon tags vorher aus dem Hospital traurig in den Kerker zurückgekehrt. Und der arme Aufgegebene im Nebenraum war weder durch Stille noch durch Unterhaltung zum Leben zu wecken. Im Hospitale mußte Deutsch gesprochen werden, damit alle einander verstanden, und so las denn Katschenka aus einem deutschen Legendenbuch allerlei erbauliche Geschichten vor. Die Leserin und Schwester Barbara liebten die frommen Märchen, und auch der Sträfling, welchem am Montag früh ein Finger amputiert werden sollte, nahm einigen Anteil. Da aber Petr bald zu gähnen anfing und auch Anton mit keinem Zuge verriet, daß er zuhörte, wurde Katschenka ihrer fruchtlosen Bemühung endlich müde und fragte plötzlich mitten in einer schönen Geschichte: »Darf ich vielleicht singen, Schwester Barbara?« Wie glücklich sie war, daß sie's getroffen hatte! In Antons Augen leuchtete es zum ersten Male freudig auf. Schwester Barbara wollte vor Lachen über den Einfall beinahe den Wassereimer fallen lassen, den sie eben auf den Tisch emporhob. Doch nach einiger Überlegung ging sie mit dem Gaste zu der Oberin, um wegen des Singens eine Entscheidung einzuholen. Katschenka betrachtete staunend die einfache und doch wieder kostbare Einrichtung der Zelle. Die Oberin, welche zu der Freundschaft der Nonne und des fremden Mädchens bei jedem Besuche des Hospitals mütterlich lächelte, gab unbedenklich ihre Zustimmung. Glücklich wie zwei Schulmädchen eilten die Freundinnen zu den Kranken zurück. Und während die Schwester rastlos ihrer Arbeit oblag und Katschenka wieder von Petrs Lager aus mit glänzenden Augen nach Anton hinübersah, stimmten sie zuerst, wie sich's gebührte, zweistimmig ein altes Marienlied an. Dann verstummte die Schwester, und leise, zögernd, mit ängstlichem Glücke begann Katschenka eines der tschechischen Schelmenliedchen, die sie den Geliebten zu lehren versucht hatte, als sie beide noch Kinder waren: »Liebst du mich, so verkauf' deine Kuh, Was du hast, jeden Strumpf, jeden Schuh Und geh' barfuß. Mit dem Geld zu dem Herrn General In die Stadt lauf' ich schnell und ich zahl', Statt zu dienen. Kann nicht fort, du mein Barfuß, von dir! Schösse tot alle mein' Offizier Und mich selber! Bleib' mein Schatz, sei mein Weib, bloß und arm! Lege dir meine Hand, weich und warm, Unters Füßchen.« Der Sträfling hob die gesunde Hand zu den Augen, Petr lachte laut und Anton bewegte lächelnd die Lippen. Katschenka sah nur ihn und fing eine andere Weise an: »Hab' mir darum bunte Bänder, seid'ne Flicken eingekauft, Damit Nazi um meine Liebe mit den stärksten Burschen rauft, Bunte Bänder, seidne Flicken, rot, weiß, blau! Damit er mir nicht nach andern Mädeln lauft. Hundert Rinder hat der Schulze, hat mein Vater auf dem Gut, Nichts hat Nazi als nur seinen grünen Tannbruch auf dem Hut. Doch die reiche Schulzentochter will er nicht, Einer hübschen Bettelmagd ist Nazi gut.« Sie hatte wieder das Richtige getroffen, denn Anton bewegte auf seiner Decke im Takte leise die Finger. Schwester Barbara wusch mit abgewandtem Gesichte das Geschirr ab, sie hatte die Melodie halblaut mitgesungen. Da begann Katschenka wieder, und wieder in tschechischer Sprache: »Hat mir's Gottes Gnade bestimmt, Daß der hübsche Pfeifer mich nimmt, Will ich seinen Ranzen tragen, Für ihn betteln und nicht klagen. Schleppe gern den Dudelsack, Laß mich schelten: Lumpenpack! – Wenn mir's Gottes Gnade bestimmt, Daß der deutsche Pfeifer mich nimmt.« Sie hatte es gewagt. Im letzten Verse hatte sie »deutscher Pfeifer« gesungen, anstatt »hübscher Pfeifer«. Ob er's bemerkte, ob er den Wortlaut von damals her noch genau im Ohre hatte? Ja! Eine fliegende Röte war über seine Wangen geschlüpft; und kecker begann Katschenka jetzt die Liebeslieder ihrer Heimat zu singen, die übermütigen Tanzweisen und die tief melancholischen Gesänge, wie sie in den Wäldern und auf den Wiesen Böhmens überall und allezeit ertönen bei der Arbeit und nach Feierabend. »Kuckuck ruft's im Walde, Kuckuck ruft es, wie behext. Sag', mein Lieb, wo bist du? Sag', mein Liebchen, wo du steckst? Bist du mir vom Himmel kommen? Hat die Hölle mein Herz genommen? Sag', mein Liebchen, wo du steckst! Kuckuck ruft es, wie behext.« Diese Worte, die im Slawischen besonders schwer auszusprechen waren, hatte Anton schon als zehnjähriger Bursche, ohne den Wortlaut zu verstehen, ganz prächtig nachzusingen gewußt. Ja, er hatte nichts vergessen! Wie er die bleichen Lippen leise murmelnd bewegte! Küssen! Daß sie's nicht durfte! Aber mit ihren Liedern durfte sie ihn küssen! Und des Ortes vergessend, fast mit voller Stimme sang sie die einfachen Worte, deren unergründlich schwermütige Weise immer sein Liebling unter den böhmischen Melodien gewesen war: »Berge ragen, hoch wie die Sterne, Drüben wohnt sie, mir so ferne. Unsere Liebe, unsere Lieder Wandeln furchtlos hin und wieder.« Katschenka mußte aufhören, denn Anton war blaß geworden und schloß wie in einer Ohnmacht die Augen. Auch Schwester Barbara kam plötzlich heran und meinte, es wäre nun genug. Sie hatte rotgeweinte Augen. »Das muß lustig sein,« sagte sie vor dem Schlafengehen zu Katschenka, »wenn man den ganzen Tag Lieder von unglücklicher Liebe singen darf. Mich wundert, daß die hochehrwürdige Frau Oberin es erlaubt hat.« Aber schon am nächsten Nachmittag, nach einer kurzen Audienz bei der Oberin, kam sie schmeichelnd zu Katschenka und bat sie, wieder zu singen. »Du, das ist eine Ehre! Die hochwürdige Frau hat gestern draußen neben dem Wachtposten gestanden und eine ganze Weile zugehört. Es wäre ein Gewinn fürs ganze Kloster, wenn du im Chor mitsingen könntest, hat sie gesagt. Und deine Stimme wäre für die Domkirche nicht zu schlecht.« Katschenka lachte geschmeichelt, weil auch Anton das Lob gehört haben mußte. Und sie kargte nicht mit ihrer Stimme und mit ihren Liedern. Gleich nach dem Mittagessen, an dem jetzt auch Anton teilnehmen konnte, wurde gesungen, und dann wieder des Abends vor dem Einschlafen. Sie konnte nicht daran zweifeln, daß der Kranke, für den allein sie ihre Stimme erklingen ließ, gern zuhörte. Aber je mehr seine Genesung fortschritt und ein je fröhlicheres Gesicht der Arzt nach der Untersuchung machte, um so nachdenklicher wurde der Kranke. Und selbst Zeichen von Ungeduld gab er, wenn er jetzt allerlei Fragen stellte und der Arzt ihn bald streng, bald lachend auf die baldige Zeit seiner Entlassung vertröstete. Katschenka, die manches zu Hause und jetzt von Petr gehört hatte und anderes ahnte, empfand die Sorgen des Geliebten wie ihre eigenen und nahm den Arzt einmal beiseite, um sich von ihm die Fragen des Kranken wiederholen zu lassen. Denn immer noch wagte sie sich nicht leicht in Antons Nähe. Der Arzt lächelte recht spöttisch, als Katschenka so dringend um sein Vertrauen bat; er sagte: »Fragen Sie nur Ihren Bruder, liebes Fräulein, der weiß vielleicht mehr als Anton Gegenbauer selbst. Denn der phantasiert noch, wie es scheint. Sie werden meinen Freund sehr stark und gesund machen müssen, damit er später die kleinen Bosheiten Ihrer werten Familie erträgt. Er sieht sich schon vor Gericht: vor dem Strafgericht und vor dem Handelsgericht. Na, so schlimm wird es wohl nicht kommen.« Katschenka war bleich geworden. Sie reichte dem Arzte die Hand und sagte ehrlich: »Um Gottes willen, Herr Doktor, er phantasiert nicht. Er ist nur so empfindlich und fürchtet, daß er bankerott gemacht wird, während er hier stille liegen muß. Das ist's allein, woran er denkt. Ich weiß es. Sprechen Sie mit ihm darüber. Das wird ihm weniger schaden als sein nutzloses Brüten. Glauben Sie mir! Ich beobachte ihn ja unaufhörlich!« Der Arzt erwiderte kräftig ihren Händedruck. »Das habe ich nicht gewußt,« sagte er, »und ich will Ihnen sogleich gehorchen. Sie sind eine gute Freundin.« Er setzte sich zu Anton auf den Bettrand und während er seinen Puls zwischen den Fingern hielt, gab er ihm die heißersehnte Erlaubnis, ihm Aufträge an die Außenwelt zu erteilen. Katschenka hatte recht. Anton machte sich schlimme Sorgen um seine Fabrik, die in der schwierigsten Zeit ohne seine Leitung geblieben war. Der Arzt mußte noch heute zum Buchhalter hinüber und Nachrichten einholen. Was er schon einige Stunden später zurückbrachte, lautete allerdings bedenklich genug; aber zum Glück brachte er auch die Aussicht auf Hilfe mit. Die Fabrik hatte nur mit äußerster Mühe die fälligen Zahlungen leisten können und stand mittellos dem nahen Ersten gegenüber. Doch vor wenigen Tagen war im Auftrage der gräflichen Kanzlei der Rentamtsschreiber dagewesen, derselbe, der auf der Volksversammlung Antons Reden gehört hatte. Die Kanzlei bot zu sehr mäßigen Bedingungen, gegen einen einfachen Schuldschein ein bedeutendes Kapital an. Offenbar fühlten sich die gräflichen Beamten an dem blutigen Ausgang des Meeting mitschuldig und mochten dem Grafen zu seinem großmütigen Anerbieten geraten haben. Anton zögerte, von dieser Seite Geld zu nehmen; denn auch der Graf war bei dem letzten Regierungswechsel entschieden in das tschechische Lager übergegangen, und Anton mißtraute jeder Hilfe, die von dort kam. Der Arzt aber, der seinen Kranken vor allem gerne beruhigt hätte, berief sich darauf, daß der Graf bei alledem doch ein Kavalier war, und so entschloß sich der Fabrikant endlich, die Hilfe anzunehmen, die ihn möglicherweise, wenn die Absicht loyal war, wieder zum Herrn der Lage machte. Der Arzt selbst vermittelte schnell das Geschäft zwischen dem Rentamtsschreiber und Anton. Und Katschenka sang wieder die heitersten Lieder, als ihr Geliebter freudiger als bisher zu lauschen schien. Es war ihr darum ein nicht geringer Schrecken, als der Arzt am zweiten Freitag nach dem Unglückstage ruhig erklärte, Petr sei hergestellt, solle heute im Krankensaale auf- und niedergehen und sich morgen früh nach Hause trollen. Mit aufgehobenen Händen blickte sie den Doktor flehend an. Der aber zuckte nur die Achseln und ging, nach dem Turner zu sehen, der kaum mehr ein Lebenszeichen von sich gab und dessen stilles Verscheiden noch heute erwartet wurde. So hoffnungslos dessen Zustand auch von Anfang an gewesen war, so verdüsterte doch der nahende Tod das Hospital. Schwester Barbara huschte völlig unhörbar hin und her, Anton schwieg in ernsten Gedanken. Der Sträfling, dem man heute schon wieder einen Finger amputiert hatte, rauchte trotzig seine Schmerzenspfeife, und Petr, den die Nähe des Sterbenden quälte, schlich ängstlich am entgegengesetzten Ende des Raumes auf und nieder, um sein schwaches linkes Bein wieder im Gehen zu üben. Da war es nicht zu verwundern, daß auch Katschenka heute verstummte. So bleich, als wäre sie selbst krank, half sie der Schwester bei den gröbsten Arbeiten oder setzte sich wie gebrochen vor Müdigkeit auf den einzigen Stuhl neben Petrs verlassenes Lager. Und wie am ersten Tage, so bohrten sich auch jetzt wieder, über den Sträfling hinweg, ihre Augen in die des Geliebten. Der tschechische Turner lebte noch, als Licht gebracht wurde und als Petr, von seinem kurzen Spaziergang schwach geworden, sich schlafen legte. Dann wurde es totenstill im Krankenraum. Die Flügeltür zu dem matt erleuchteten Nebengemach stand weit geöffnet. Eine Stunde lang sah man Schwester Barbara stumm über den Sterbenden gebeugt. So lautlos war es drin und hier, daß man es vernahm, wenn einer der kleinen Dochte in den Nachtlämpchen höher aufflackerte. Die ewige Leuchte unter dem Kruzifix blinkte so winzig wie ein rötlicher Stern in der Nacht. Plötzlich ertönte in eigentümlich raschem Rhythmus ein silbernes Glöcklein. Gleich darauf erschien eine ältere barmherzige Schwester im Saal, und sie und Schwester Barbara knieten rechts und links, die ganze Nacht unablässig Gebete murmelnd, neben dem Toten. Beim Klange des silbernen Glöckchens hatte der Sträfling die kalte Pfeife aus dem Munde genommen und Katschenka hatte ein Kreuz geschlagen. Sie verging vor Angst. War es der Tod des fremden Mannes, waren es die Gebete der Nonne, war es die Furcht, Anton so bald verlassen zu müssen? Sie wußte es selber nicht, was sie so tief ergriff. Aber sie konnte nicht anders, auch sie stürzte in die Knie und betete lange – für wen? Als sie sich verstört wieder erhob, war es tief in der Nacht. Der Sträfling, der vor Schmerzen nicht schlafen konnte, biß wieder an der Pfeife. Auch Anton lag mit offenen Augen da. Im schwachen Schimmer des Nachtlämpchens sah sie seine Augen erglänzen. Auf den Zehen schlich sie näher, bis an das Fußende des nächsten Bettes. Dort hielt sie sich am Pfosten fest und senkte traurig das Haupt. Da vernahm sie plötzlich die leise Stimme des Sträflings: »Ich bitte gehorsamst, mein allergnädigstes Fräulein, sprechen Sie doch mit ihm, es tut mir ja wehe, wie Sie sich quälen. Sprechen Sie mit ihm, als ob Sie allein wären. Die Schwestern hören nicht und unsereins ist kein Mensch, auf den gnädiges Fräulein Rücksicht zu nehmen braucht.« Katschenka erglühte vor Scham. Sie wollte zurückkehren, aber sie sah die Augen des Geliebten auf sich gerichtet, und mit gesenktem Haupte schob sie sich mit winzigen Schritten langsam an Antons Lager hin, bis sie plötzlich seine Hand zwischen den ihrigen fühlte und fast bewußtlos zusammensank. Anton ergriff zuerst das Wort: »Es ist gut, daß ich dich spreche. So kann ich dir sagen, daß es zum letzten Male ist. Es würde mir wehe tun, wie der Steinwurf deiner Leute, wenn ich dich wieder auf meinen Wegen fände.« Noch leiser als er hauchte sie: »Verzeih' mir, Anton. Wenn du wüßtest, wie ich dich lieb hab', wenn du wüßtest, in welche Verzweiflung die Härte meines Vaters mich getrieben hat, du wärest nicht so ganz ohne Mitleid, Anton! Nicht so! Nicht so! Morgen muß ich dich verlassen! Bin ich dir denn gar nichts mehr? Oh, wie beneide ich den Toten drüben! Seine Seele schwebt zum Himmel empor, während barmherzige Schwestern für ihn beten, und sein armer Leib mit allem, was sündhaft daran war, schläft den ewigen Schlaf!« »Auch ich beneide ihn um den Frieden, den er fand. Aber ich habe den Kampf nicht gewählt, ihr habt ihn mir wie einen Stein von der Straße ins Haus hineingeworfen. Ihr habt mich um alles gebracht. Was ich lieb gehabt hab', das hab' ich verloren. Auch dich. Und das hat sehr weh getan.« Das Mädchen bedeckte seine kühle Hand mit glühenden Küssen, bis er sie ihr entzog. »So hast du mich lieb gehabt!« flüsterte sie mit verhauchendem Lachen. »So liebst du mich noch und ich kann noch glücklich werden, kann noch selig werden auf Erden.« »Nein,« flüsterte er, und seine Stimme klang nicht minder traurig als die Gebete der Nonnen. »Nein, das ist vorbei, ich habe dich geliebt so heiß und so innig, daß es nicht zu sagen ist. Und als ich das letztemal zu dir sprach und von dir verlangte, du sollst dein Volk verlassen, um mir zu gehören, da habe ich gelogen. Denn, jede Fiber in mir zuckte danach, dich zu umarmen, und mein dummer Stolz nur war es, der dir eine so harte Bedingung stellte. Erst in der Volksversammlung ist etwas Entsetzliches zwischen uns getreten. Ob's mein Blut ist, ob der Tote dort,' ich weiß es nicht. Aus ist's und vorbei.« Ein leiser banger Weheruf drang durch den Krankensaal. Aber Schwester Barbara, die ihr Gebet unterbrach, vernahm dann nur, wie der Sträfling laut ächzte. Er hörte nicht auf zu ächzen, bis Katschenka sich gefaßt hatte und zu den barmherzigen Schwestern wankte, wo sie neben dem Toten auf ihre Knie niedersank. Als der Morgen anbrach, bat Katschenka, ob sie das dunkle Gewand nicht behalten dürfte. Dann küßte sie Schwester Barbara, drückte dem Sträfling die gesunde Hand und, ohne einen Blick nach Anton, verließ sie den Krankenraum und ging schweren Schrittes zur Oberin, um Abschied zu nehmen. Dort sank sie der ehrwürdigen Dame zu Füßen nieder und schluchzte alle Qual der letzten Nacht in die Falten ihres Gewandes aus. Die Oberin blickte scharf, wenn auch nicht unfreundlich, auf das zerschmetterte Mädchen nieder und sprach mit ihrer gleichmäßig milden Stimme: »Mir ist der Schmerz nicht fremd, liebes Kind. Wenn du willst, will ich dir einmal zu deinem Troste meine eigene Geschichte erzählen. Ich bin auf den Höhen des Lebens geboren, ich habe fürstliche Verwandte. Und ich bin ins Kloster gegangen, um mich den Mördern zu widmen, die keine Fürsten sind!« In ihrem Jammer schauerte Katschenka zusammen. Es schadete dem Ansehen der Heiligen nicht, was man sich in der ganzen Gegend als lautes Geheimnis erzählte, was auch die Tochter Svatopluks seit ihrer Kindheit hörte. Der Bruder der Oberin, so sagten die Leute, hatte einst im Zorn einen Diener erschossen. Die Tat blieb straflos, der Mörder war ein Fürst. Und darum widmete die Schwester ihr reiches Leben den Mördern, die keine Fürsten sind. Ohne aufzublicken flüsterte Katschenka: »Wie hoch steht Ihr über den erbärmlichen Kämpfen dieses Landes, die den Bruder von dem Bruder reißen, den Bräutigam von der Braut, das Kind vom Vater.« Die Oberin küßte das Mädchen auf das üppige Haar und sagte: »Als der Heiland sprach: Liebet einander! da gab es noch keinen Deutschen und keinen Tschechen. Und doch ward das Wort gesprochen. Und am Tage des Jüngsten Gerichts wird es wieder keinen Deutschen und keinen Tschechen geben und doch wird es Krieg geben auf Erden bis zu diesem Tage. Nur im Glauben ist Friede.« Dann war Katschenka entlassen. Zehntes Kapitel Schon am zweitnächsten Sonntage konnte Anton Gegenbauer am Arm des Arztes das Hospital verlassen. »Grüßen Sie Katschenka,« hatte Schwester Barbara ihm aufgetragen, und: »Einen Handkuß für die Lieder an das schöne Fräulein!« hatte der Sträfling demütig gerufen. Nur die Oberin erwähnte beim Abschied nicht des tschechischen Mädchens. »Unseres Herrn Haus hat viele Wohnungen,« hatte sie nur gesagt, »unser Hospital steht den verletzten Körpern offen, unser Kloster den verletzten Seelen.« Am Kreuzweg auf dem Sankt Josephsberge, dort wo der Kampf stattgefunden hatte, sagte Anton dem Arzte Lebewohl und schritt allein geradeaus über die sonnigen Hügel dem Wolfsberge zu. Er fühlte sich freier und mutiger als in der Stunde, da er zornig die Rednerbühne der Volksversammlung betreten hatte. Man hatte ihm gesagt, daß er blaß aussehe und daß die rote Narbe auf seiner Schläfe schrecklich sei, daß er sich Haar und Bart werde kürzen lassen müssen, damit man ihn wiedererkenne. Doch Anton ging heiter seines Weges, so sehr er auch seine Kräfte schonen und so fest er sich auch auf seinen Stab stützen mußte. Er hatte sich selbst wiedererkannt und wiedergefunden, jetzt leuchtete ihm der Himmel und er fühlte sich stark genug, die Last seiner Pflichten ferner zu tragen. Auf dem öden Hofe der Fabrik empfingen ihn Tomek und sein Weib. Mit wenig Worten berichtete der Mann, was er wußte. Gerichtspersonen waren gekommen und hatten sich zurückgezogen, als sie hörten, der Herr sei bei den Barmherzigen. Und Nacht für Nacht seien Strolche dagewesen, mit Leitern und mit Hacken, um die deutsche Inschrift zu entfernen. Aber Tomek habe mit seinem Hunde Wache gehalten, Nacht für Nacht; habe einmal sogar ein Pistol abfeuern müssen, um die Räuber in die Flucht zu schlagen. Nur die Gemeinheit, die auch bei Tage geschah, habe er nicht verhindern können. Und er zeigte mit zugekniffenen Augen nach der Inschrift, von der einzelne Worte schon verschwanden unter der Kruste von Schmutz, mit dem man sie beworfen hatte. »Gnädigster Herr,« so schloß Tomek seinen Bericht, »ich lass' mich nicht abspenstig machen. Ich führe ein entsetzliches Leben hier in Blatna, weil ich dem gnädigen Herrn treu bin. Mein eigenes Enkelkind, der Voita, schimpft mich und hilft den Strolchen, wenn sie die Inschrift beschmeißen. Gnädiger Herr, ein paar Gulden Zulage und einen guten Pelz zu Weihnachten hätte ich wohl verdient.« Anton sagte alles zu und zog sich verstimmt auf sein Zimmer zurück. Dort las er aufmerksam alles durch, was sich während seiner Krankheit ereignet hatte. Und er schlug mehr als einmal mit der geballten Faust auf den Tisch vor Zorn über die Klugheit der reichen Herren, welche deutlicher als er selber die Bedeutung seines örtlichen Kampfes für die deutsche Sache aussprachen und welche dennoch entschlossen schienen, den kleinen Fabrikanten ihren großen Geldinteressen zu opfern. Am Nachmittage traten bei ihm der Buchhalter und der Werkführer sowie die beiden Führer des Oberndorfer Schulvereins zu einer Beratung ein. Anton hatte freundlich ein frisches Achtel Bier angestochen und bat die Freunde, die mit feierlichen Gesichtern um ihn her saßen, sich mit ihm seiner Genesung zu freuen. Erst allmählich dämmerte im Hausherrn die Vermutung auf, daß man ihm etwas verheimliche, daß während seiner Abwesenheit neue Gefahren aufgetaucht waren. Da sprang er auf, griff nach seinem Glase und rief: »Der erste und letzte Schluck, den mir der gestrenge Arzt heute gestattet, sei auf den Sieg unserer Sache getrunken. Wir waren friedliche Leute, man hat uns mit Gewalt zu Politikern gemacht. Im öffentlichen Leben gibt es keine Schonung. Heraus mit der Sprache. Was soll's? Soll ich mich am Ende gar wegen des erschlagenen tschechischen Turners verantworten?« Und Anton lachte zornig auf. »Ja,« sprach der Vorstand des Schulvereins. Und nun erzählten alle, was sie wußten. So oft auch Anton rief: »Es ist nicht möglich!« – er mußte es schließlich glauben, was alle bestätigten. Die Voruntersuchung wegen des Überfalles am Sankt Josephsberge war von Blatna und der Kreishauptstadt aus eifrig geführt worden, hatte aber keinen anderen Nachweis zum Ergebnis gehabt als die völlige Unschuld der tschechischen Leiter. In den nationalen Hetzblättern wurde berichtet, daß der fanatische Gegenbauer an der Spitze von entwichenen Sträflingen über die friedliche Versammlung hergefallen sei und sie gesprengt habe. Auch aufreizende Reden sollte er geführt haben. Die deutschen Bauern zitterten vor ihren geistlichen Hirten und hielten den Gegenbauer für tot. Es war nicht daran zu zweifeln, daß er verhaftet würde, heute oder morgen. Ohne die Unschlüssigkeit der Behörden hätte ihn der Gendarm gleich am Klostertore in Empfang genommen. Anton rief bitter: »Das müßte lustig zu lesen sein, für jemanden, den es nichts angeht! Es wird ja immer besser. Wer sich von den Herren Slawen totschlagen läßt, ist ein braver Mann; wer aber mit dem Leben davonkommt oder sich gar zur Wehre setzt, der ist ein Verbrecher. Oho, so weit sind wir noch nicht! Meine reichen Herren Wohltäter in Wien haben Einfluß bis hoch hinauf. Und da sie kein Geld dabei zu gewinnen haben, wenn ich aus dem Hospital ins Gefängnis komme, so werden sie mich schützen. Sie sind gut deutsch, wo es nur Worte kostet, und hier genügen laute Worte. Ich fahre noch heute nach Wien.« Alle stimmten ihm bei und tranken ihm zu. Der zweite Vorstand des Schulvereins jedoch ergriff das Wort und erzählte, daß dem Freunde noch eine andere Falle gestellt wäre, vielleicht noch gefährlicher als die Drohung mit dem Gericht. Der Schulverein hatte wie im Kriege seine Kundschafter, welche von überallher Nachrichten sammelten, die auf die Landtagswahlen Bezug haben konnten. Nun hatte sich in den letzten Tagen eine sehr wichtige Frage entschieden. Der deutsche Abgeordnete von Blatna-Oberndorf war bei einer Nachwahl im südwestlichen Böhmen durchgedrungen, in einer der Landgemeinden, über welche Fürst Schwarzenberg seit Jahren durch tschechische Beamte, Pächter und Geistliche den tschechischen Geist auszugießen suchte. Dort hatten die Deutschen ihre Kräfte bis auf den letzten Atemzug anspannen müssen, um zu siegen. Wenn der Herr dort die Wahl nicht annahm, so war in einem neuen Kampfe die Niederlage wahrscheinlich. Er legte darum lieber hier in Blatna-Oberndorf sein Mandat nieder, weil dieser Bezirk ein alter, sicherer Besitz der Deutschen schien, und wurde Abgeordneter jener gefährdeten Gemeinde. Nun war aber Blatna-Oberndorf längst keine Burg der Deutschen mehr. Bei der letzten Wahl vor Weihnachten hatte ihre Mehrheit nur noch um fünfzehn Stimmen betragen, und jetzt waren die Tschechen unter Zabojs Leitung unablässig tätig, in heimlicher Arbeit ihren Sieg vorzubereiten. Die zwei ältesten gräflichen Beamten von Oberndorf, der Kastellan und der Rentmeister, waren mit Entlassung bedroht worden, wenn sie noch einmal für den Deutschen stimmten. Einige Freigeister in Blatna, welche sich Jungtschechen nannten und dem ultramontanen Kandidaten ihre Stimme verweigert hatten, waren jetzt bereit, für die höhere Ehre der Nation ihren Verstand zu opfern. Auf dem Gericht von Oberndorf war ein neuer Adjunkt aufgetaucht, der am ersten Tage gleich seinem Vorgesetzten über seine mangelhafte tschechische Orthographie Vorwürfe machte. Und drei deutsche Familien hatten ihr Anwesen verkauft und waren fortgezogen, man wußte nicht wie und wohin. Jetzt standen die beiden Parteien gleich mächtig einander gegenüber. In den nächsten Tagen mußte die neue Wahl ausgeschrieben werden und dann entschied wahrscheinlich eine ganz kleine Zahl schon über den Ausfall. Da war es kein Wunder, wenn die Tschechen mit allen Mitteln um jede einzelne Stimme rangen. Politischer Eifer und Haß vereinigten sich, um gerade den letzten Deutschen von Blatna um sein Wahlrecht zu bringen. Wenn man der Nation berichten konnte, daß in Blatna keine deutsche Stimme mehr abgegeben würde! Für dieses Ziel war kein Weg zu schlecht. Der Vorstand des Schulvereins wußte, daß Anton Gegenbauer die Hilfe der gräflichen Kanzlei in Anspruch genommen hatte. Der Graf tat jetzt, als hätte der Rentmeister ohne seine Einwilligung gehandelt. Die Summe sollte sofort zurückverlangt werden: wenn die Wiener Banken ihn nicht hielten, dann war Gegenbauer bankerott, seine Firma in Gant und sein Wahlrecht verloren. Der Vorstand des Schulvereins hatte sich erhoben, während er seinen ausführlichen Bericht zu Ende führte, und rief, indem er mit geballter Faust nach der Stadt hinunterdrohte: »So kämpfen unsere Gegner. In jedem Dorfe des Landes wird ein ganzes Heer von Leuten, die aus Fanatismus zu allem fähig sind, gegen jede kleinste Regung des Deutschtums aufgeboten. Auf jeden Punkt, den wir verteidigen wollen, wirft sich die Übermacht der Rücksichtslosigkeit und erdrückt uns. Finis Germaniae ! Gottlob in Böhmen nur. Das gelobte Land ist erstanden vor unseren Blicken, aber wir werden es nur von den Bergen sehen, wir werden sterben, ohne es zu betreten. Ohne Bundesgenossen ist uns vor dieser Übermacht der Tod gewiß.« Alle schwiegen, Anton sprang auf, seine Narbe glühte. »Des Hasen Tod sind viele Feinde, nicht der unsere! Mir bleibt nur noch eins zu tun übrig und ich will es tun. Ich will ein Beispiel geben. Die Lebensarbeit von meinem armen Vater und von mir selber will ich hergeben für die einzige Stimme, die unserer Sache dient. Täte ein jeder so ...« Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Die alte Frau des Tomek kam mit Licht herein. Sie hatte verweinte Augen. Schon hatte sie die Tür beinahe wieder hinter sich verschlossen, da rief ihr Anton mitleidig nach: »Was haben Sie? Ist Voita krank?« Das Weib blieb zitternd stehen und rief durch die Türspalte: »Der Gendarm sitzt drüben bei Tomek; er wartet, bis die anderen Herren fort sind.« Als die Tür wieder hinter der Frau geschlossen war, gab es einen Aufstand. Ein jeder wußte einen anderen Rat zu geben. Anton aber übertönte das Rufen mit fester Stimme: »Ruhe!« sagte er. »Wir dürfen mit Reden keine Zeit verlieren. Wenn ich sofort entwische, so erreiche ich noch den Wiener Zug, so langsam ich auch gehen mag. Der Herr Buchhalter wird mich begleiten. Ich brauche vielleicht eine Stütze, auch habe ich mancherlei mit ihm zu sprechen. Morgen früh bin ich in Wien und dort werden sie mich nicht zu verhaften wagen. Noch ist Wien eine deutsche Stadt. Und von dort aus will ich die Wahrheit erzählen. Wenn sie erst ausgesprochen ist, so werden sich auch weitere Zeugen für sie finden. Sie, meine Herren, bitte ich hier zu bleiben und das Fäßchen ruhig auf das Gelingen meiner Flucht auszutrinken. Meiner Flucht! Es ist wirklich zum Lachen.« Der zweite Vorstand des Schulvereins hatte schon vier Krügel getrunken. Er wollte von Kriegslist nichts wissen; man sollte Gewalt gebrauchen und dem Lande ein Zeichen geben. Die anderen mußten jedoch dem Gegenbauer-Anton recht geben, und der Buchhalter haftete für das Gelingen seines Planes, den er schon ausgeheckt hätte. »Nur müssen die Herren hier munter beisammen bleiben und die Aufmerksamkeit ablenken. In Abwesenheit des Herrn Gegenbauer könnt ihr ja das Lied von der letzten Schlacht singen. Das wird den Gendarm so ärgern, daß er eine Weile den Gegenbauer vergißt.« Das Lied von Moltkes letzter Schlacht, das jetzt allenthalben bei deutschen Festen gesungen wurde, mochte Anton niemals mit anstimmen. Er schalt es roh und barbarisch. Jetzt dachte er nicht mehr an solche Rücksicht. »Singt meinetwegen das wüste Kriegslied! Wir haben Krieg!« Ruhig steckte er Geld und Papiere zu sich, nahm einen schweren Mantel um und verließ nach kurzem Abschied mit dem Buchhalter das Haus. Auf der Treppe erst teilte der Buchhalter den Weg mit, auf welchem der Gendarm zu täuschen war. Da dieser die Verhaftung in aller Stille vollziehen wollte und darum den Aufbruch der Gäste abwartete, war fürs erste nichts von ihm zu fürchten, und Anton ging auf des Buchhalters Einfall ein. Er rief Tomek aus seinem Häuschen und befahl ihm, die Schlüssel der Fabrik zu bringen. Er habe nach so langer Abwesenheit allerlei in der Schreibstube nachzusehen. Dabei blickte er den Tomek prüfend an, ob er in seinem Gesicht nicht Reue über den Verrat fände. »Ist niemand bei dir drin?« fragte er. »Nein, Euer Gnaden,« antwortete der Knecht und starrte mit seinem gewohnten unterwürfigen Ausdruck den Herrn an. Nur sein Rücken krümmte sich ein wenig, wie der eines Hundes, welcher genascht hat. Anton ließ sich die Fabrik aufschließen, trat ein, schlug das Tor wieder hinter sich zu, zündete in der Schreibstube eine Flamme an und schritt dann sicher durch die hallenden, dämmrigen Räume nach dem Maschinenhause, von wo eine kleine Tür ins Freie führte. Die Freunde blieben in gedrückter Stimmung beim Biere sitzen. Aber als erst einige Minuten verstrichen waren, ohne daß der Gendarm das Häuschen des Wächters verließ, wurden sie wieder zuversichtlich. »Lassen wir jetzt das Lied steigen, das Lied von der letzten Schlacht!« rief der zweite Vorstand des Schulvereins, der das Gymnasium besucht hatte und studentische Redensarten liebte. »Herr Gegenbauer hat eigentlich recht,« meinte der Werkführer. »Das Lied sollten wir nicht so oft singen. Das ist ja ebenso nichtswürdig wie das tschechische: Mord und Tod den Deutschen!« »Ach was!« sagte der erste Vorstand. »Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Der Lehrer hat eine gute Stunde gehabt, wie er die Verse gemacht hat. Und jeder Deutsch-Böhme sollte es auswendig kennen. Legen wir los!« Und die drei Männer sangen nach der Weise »Prinz Eugen« mit kräftigen Stimmen des Lehrers Lied von der Phantasieschlacht der Deutschen gegen alle Slawen und Franzosen, das Lied von der letzten Schlacht des hundertjährigen Moltke. »Russen, Serben, alle Slawen Mit Franzosen und schwarzen Zuaven Rückten an mit aller Macht. Leipzig ach! die große Seestadt War wie dazumal die Wehstatt, Wo es kam zur letzten Schlacht. Deutschland wollten sie berauben! Wieder sollten wir dran glauben, Wiederum kriechen fromm zu Kreuz. Doch Graf Moltke, der uns führte, Seine hundert Jahr' nicht spürte. Nur die Perücke war schon weiß. Alles Pulver war verschossen, Das hat Moltken sehr verdrossen, Weil die Schlacht noch nicht vorbei. Selbst die Kolben der Gewehre Brachen zu der Pommern Ehre An Kosakenknochen entzwei. ›Waffen! Waffen!‹ schrien alle. Moltke rief: ›In solchem Falle Hilft der Geist uns aus der Not! Viel Verleger gibt's in Leipzig; Drüber freut nicht nur, wer schreibt, sich. Schlagt sie mit den Büchern tot!‹ Hunderttausend dicke Bände Schmissen unsere festen Hände Gleich den Feinden an den Kopf. Luther mit Beschlag von Messing, Quartausgaben von Goethe, Lessing Schlugen manchen armen Tropf. Wen der Kant traf oder Hegel, Schoß zur Erde hin kopfkegel, Gab den Kampf auf mit Verstand. Gegen Brockhaus, gegen Meyer Hielt kein einziger welscher Schreier, Hielt kein Slawenschädel stand.« Die letzten Verse klangen nicht mehr ganz deutlich, weil der erste Vorstand und der Werkführer die Worte nicht genau wußten. Als sie jetzt lachend aufhören wollten, sprang der zweite Vorstand empor und rief: »Bis zu Ende! Keine Zeile schenk' ich dem Gendarm! Seht, wie er drüben am offenen Fenster lehnt! Er möchte gern jeden anzeigen, der das Lied von der letzten Schlacht singt. Ihm zum Ärger will ich den Schluß allein weiter singen. Ihr hört zu und lernt besser!« Und mit dröhnendem Bierbaß gab er die letzten Verse zum Besten: »Vor den unendlichen Bücherhaufen Fingen an davonzulaufen Bouemanger und Großmauloff, 's war zu spät; die Bücherberge Stürzten auf die Menschenzwerge; Wen's nicht totschlug, der ersoff. Weise trank da Moltke einen, Weise sprach er zu den Seinen – War ja über Hundert alt! –: Schön ist Bildung, wenn man Ruh hat. Doch wer Fehden immerzu hat, Kriegt die Bildung satt gar bald. Hol' der Teufel die Bibliotheken! Heute haben die Scharteken Endlich ihre Pflicht getan. Haben wir gesiegt beim Raufen, Fangen wir auf Trümmerhaufen Die Kultur von vorne an.« Nachdem das Lied abgesungen war, tranken sie lustig weiter und lachten herzlich, wenn Tomek, der vor dem Fabrikstor auf- und niederging, ungeduldig wurde. Erst gegen zehn Uhr, als der Gegenbauer schon lange im Eisenbahnwagen sitzen mußte, verließen sie das Haus und gingen an dem verblüfften Wächter vorüber der Landstraße zu. Ob sie nicht warten wollten, bis der Herr das Fabriksgebäude wieder verließ? Das würde wohl zu lange dauern, war die Antwort. Und die Herren gingen. Jetzt rief Tomek den Gendarmen heraus. »Er ist entwischt!« sagte er tückisch. »Schau nach. Aber du wirst sehen, daß er entwischt ist.« Mit einem Soldatenfluche stürzte der Gendarm in die Fabrik hinein, Tomek schlurfte gemächlich hinterher. »Wer hat nun recht?« sagte er, als sie den Weg des Flüchtlings bis aufs Feld verfolgt hatten. »Die Deutschen sind doch klüger als wir.« »Du sollst es büßen, du Lump, du Deutscher, du hast uns verraten!« schrie der Gendarm. Und er schüttelte den Wächter. Tomek ließ sich mißhandeln, als wäre er ein fühlloser Sack. Als der Vertreter des Gesetzes ihn endlich losgelassen hatte, ruckte er mit den Schultern und sagte gelassen: »Ein Lump? Das muß die kaiserliche königliche Behörde besser wissen. Aber ein Deutscher und ein Verräter bin ich nicht. Ich bin auf der Welt, um zu gehorchen, und solange die kaiserliche königliche Regierung nichts anderes befiehlt, ist der gnädige Herr Gegenbauer mein Herr. Was er will, das geschieht, und wenn ich die Leute aus Blatna wie ein Hund wegbeißen müßte, sie sollen mir nicht an das Haus des gnädigen Herrn. Wenn aber die kaiserliche königliche Regierung mit dem gnädigen Herrn unzufrieden ist und mir sagt, ich soll ihm sein Haus über dem Kopf anzünden, so tue ich es auch. Gehorchen muh der Mensch, das ist das beste.« »Du bist ein Hund!« fuhr der Gendarm ihn an und kehrte schnellen Schrittes ins Städtchen zurück. Er hätte das Mißlingen seines Auftrages vor allem dem Herrn Bezirksrichter melden müssen; aber von dem holte er sich die Nase noch morgen früh genug. Wenn er aber jetzt sofort dem Ausschusse Mitteilung machte, so verdiente er sich Lob und Bier. Und der Gendarm eilte in das Zilbrsche Wirtshaus, wo die nationalen Führer von Blatna ihre Beratungen hielten. Zaboj und der Kaplan, der Lehrer und der Brauer, natürlich auch Petr Zilbr, das waren die Männer, welche jetzt unter dem Namen »Ausschuß« die Geschicke von Blatna lenkten. Der Bürgermeister und der Bezirksrichter hatten noch nicht ein einziges Mal gewagt, sich dem Willen des Ausschusses, und das hieß eigentlich dem Willen des Bezirkssekretärs Zaboj Prokop, zu widersetzen. Gegen Zabojs wachsendes Ansehen konnten die anderen nicht aufkommen, nicht einmal Petr, der Held und Märtyrer, dessen Fuß zwar völlig geheilt war, der aber nun den linken Arm in der Binde trug, um doch an seine Großtaten zu erinnern. Petr, welcher im Ausschußzimmer die Rolle des geheimen Kellners spielte, empfing den Gendarm und führte ihn mit gewichtiger Miene an den verstummenden Honoratioren vorüber ins Herrenstübchen. Hier brach ein gefährlicher Sturm gegen Tomek los, als der Gendarm seinen kurzen Bericht abgestattet hatte. »Der muß abgetan werden!« schrie Zaboj. »Der wird abgetan!« wiederholte Petr, während er den linken Arm, der ihm eingeschlafen war, kräftig reckte und dann wieder in die schwarze Binde zurückschob. Der Gendarm bekam sein Glas Bier und wurde entlassen. Als die Herren wieder unter sich waren, besprachen sie aufgeregt die möglichen Folgen von Anton Gegenbauers Flucht. Zaboj lachte. Nach seiner Meinung hatte Anton eine Dummheit gemacht; er hatte freiwillig die Stadt verlassen. Weiter wollten sie ja nichts, als den letzten Deutschen aus der Stadt vertreiben. Ging er aus Angst von selber weg, desto besser. Der Kaplan aber schüttelte den Kopf. Er traute dem Frieden nicht. Wenn der Gegenbauer-Anton nach Wien entkommen war und von dort aus gewisse Kreise zu gewinnen wußte, dann konnte doch noch eine ernsthafte Untersuchung anbefohlen werden. Und dann ... Eine barmherzige Schwester war verwundet worden, das war schlimm. Die deutschen Bauern ließen sich von ihren Seelenhirten nur schwer abhalten, ein freiwilliges Zeugnis abzulegen. Wenn die Verwundung der Nonne in Wien verstimmte, wenn der Gegenbauer-Anton öffentlich als Kläger auftrat, dann konnte weder er, der Kaplan, noch der Herr Bezirksrichter die Rädelsführer schützen. Der alte Svatopluk würde natürlich unter allen Umständen frei ausgehen, denn ganz Blatna konnte bezeugen, daß er ein elender Krüppel war und sich nicht zu rühren vermochte. Er war ja Vollinvalide. Die andern lachten, nur Zaboj blickte düster vor sich hin. »Bah,« sagte er endlich, »wenn wir nur die Deutschen in unserem Wahlbezirke schlagen und unseren Mann in Blatna einstimmig durchbringen. Mag dann kommen, was will. Ihr wißt es noch nicht. Morgen wird der Wahltag veröffentlicht werden. Wir wählen in zehn Tagen, am ersten Mai.« Der Kaplan lächelte vor sich hin. Er sagte: »Wir haben doch Mordskerle in Prag, und der heilige Geist erleuchtet sie. Der erste Mai ist für unsere guten Landleute ein Festtag, da wird sich mancher von ihnen der Wahl enthalten.« Für heute abend fand der Ausschuß eine fröhliche Stimmung wieder. Aber bald sollten die Besorgnisse des Kaplans sich bestätigen. Die Wiener Blätter brachten aufregende Berichte unter dem Schlagwort: »Die Schlacht am Josephsberge«, und von allen Seiten, auch von bezahlten Federn, wurde strenge Verfolgung der Schuldigen verlangt. Noch viel schlimmer lauteten die Privatnachrichten aus Prag. Der Brief eines polnischen Hofrats, der sich mit den Tschechen nur in deutscher Sprache verständigen konnte, wurde im Auszuge nach Blatna gesandt. Danach sei ein Schreiben der hochwürdigen Frau Oberin in Wien eingetroffen, das sehr schlecht gewirkt habe. Denn an hoher Stelle sei ausdrücklich und mit Nennung der Namen die Unschuld des Gegenbauer und die Schuld der Prokopschen Männer als Ergebnis der Untersuchung erwartet worden. Alle Hebel seien wegen dieses einen Gebirgsnestes in Bewegung gesetzt, aber vergebens. Man hätte damals auf dem Sankt Josephsberge beim Anblick der barmherzigen Schwestern sofort mit der Verfolgung aufhören müssen. Die Leiter in Blatna seien offenbar von Herzen unkirchlich und darum ungeschickt. Die gottlose, jungtschechische Herrschaft des dortigen Bezirkssekretärs müsse aufhören; der Kaplan müsse mehr gehört werden. In fieberhafter Ungeduld vergingen die Tage. Der Vertreter der Kirche verschwand aus den Sitzungen des Ausschusses, Zaboj hatte endlose Briefe zu schreiben. Immer bedrohlicher wurden die Anzeichen. Am nächsten Sonntage predigte der Kaplan den Frieden und sprach scharfe Worte gegen die Aufrührer, welche weder dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, noch Gott, was Gottes ist. Am Montag erschien der Bürgermeister im Wirtshause und sprach seine Unzufriedenheit über die vielen Bilder von Hussitenschlachten an der Wand aus. Ein Heiligenbild sei gleich erfreulich für beide Stämme des Landes. Gegen Ende der Woche ging der Bezirksrichter an Zaboj vorüber, ohne dessen Gruß zu erwidern. Am Sonntag brach das Unheil herein. Schon gegen Mittag traf aus Prag ein warnendes Telegramm ein, und abends erschien im Wirtshause ein vornehmer Prager Herr, der sich mit Zaboj allein ins Herrenstübchen einschloß und nach einer halben Stunde wieder abreiste. Als Petr und der Brauer wieder eintraten, saß Zaboj blaß und mit bösen Augen da. »In die Hölle mit dem Gegenbauer!« schrie er und trommelte vor Wut mit den Fäusten auf den Tisch, als hätte er den Gegner unter sich. »Gift und Feuer über ihn! Er bringt uns um unseren Sieg, er wagt es, zurückzukommen. Und wißt ihr, was er getan hat, der deutsche Schuft? Um nicht in Konkurs zu geraten, um seine Wahlstimme nicht einzubüßen, hat er den Wiener Banken seine Fabrik abgetreten. Und er kehrt als ein Habenichts, als der Direktor seiner bisherigen Fabrik, aber als ein Wähler, nach Blatna zurück. Und wenn ich mich nicht verstecke, so werde ich eingesperrt, und unter zwei Jahren komme ich nicht weg. Ich bin doch kein Deutscher!« Elftes Kapitel Großer Jubel herrschte trotzdem in Blatna, als einen Tag später der Verkauf der Gegenbauerschen Zuckerfabrik allgemein bekannt wurde. Die Hausbesitzer, welche Anteilscheine der Aktien der Bauernfabrik genommen hatten, versammelten sich im Wirtshause, um den Fall des Gegners bei einem Frühtrunk zu feiern. Auch die Ackerbürger strömten herbei, und sie wie die Rübenbauern fühlten sich bereits als die Herren der Lage. Sie verstanden gar nicht, warum die geschäftlichen Leiter des Unternehmens so ernste Gesichter schnitten. Das waren natürlich wieder der Kaufmann und der Brauer; sie hatten den Streich mit dem gräflichen Rentamt eingeleitet, sie hatten dadurch die wohleingerichtete alte Fabrik Gegenbauers für ein Spottgeld in die Hände bekommen wollen. Ihnen fehlte es vor allem an Geld. Wenn Gegenbauers Fabrik in fremden Händen blühte, dann war der Zusammenbruch des neuen Unternehmens nicht aufzuhalten. Noch ein Jahr lang brauchte es immer nur Zuschüsse, damit die Fabrik nur unter Dach und Fach kam. Gegenbauers Fabrik war in Gang und hätte für den Herbst große Einnahmen geboten. Sie witterten nun hinter dem Verkauf der Fabrik ein unlauteres Geschäft. Denn sie konnten es nicht begreifen, daß ein Mensch sich selbst vom Besitzer zum Beamten heruntersetzte, nur um einer guten Sache eine einzelne Menschenkraft zu erhalten. Der Brauer und der Kaufmann wollten eine Aufklärung des neuen Verhältnisses abwarten und lieber die Bauarbeit stocken lassen, als durch Ausschreibung neuer Zahlungen alles ins Wanken bringen. Ihre Klugheit jedoch konnte den Verlauf der Dinge nicht aufhalten. Der Jubel der Bevölkerung verrauchte bald, als die Maurer und Steinbrecher für unbestimmte Zeit entlassen wurden und die ersten Feuermauern hinter den hohen Gerüsten aus ihren hohlen Fensteröffnungen menschenverlassen über die Marienkapelle hinweg nach der Gegenbauerschen Fabrik hinübersahen. Der Zorn der arbeitslosen Leute wandte sich sofort dem deutschen Gegner zu, den man für das Unglück verantwortlich machte. Die Maurer rotteten sich vor seiner Wohnung zusammen und warfen mit Straßenkot und den letzten Mörtelresten nach der deutschen Inschrift. Die Steinbrecher kamen mit ihren langen Eisenstangen, drohten das Trutzhaus zu demolieren oder mit den übriggebliebenen Dynamitpatronen und Pulverpacken in die Luft zu sprengen. Anton trat mitten unter die tobende Menge. Er war noch immer bleich, aber die große Narbe auf seiner Stirn glühte nicht mehr blutrot, wenn er in Erregung kam. Er schalt die Arbeiter ordentlich aus, drohte mit Militärgewalt und warnte vor jeder Ausschreitung. »Übrigens weiß ich nicht,« so schloß er, »was ihr von mir wollt. Meine eigenen Feinde sind es, die euch entlassen haben. Geht doch zu ihnen. Ich bin nur noch Direktor dieser Fabrik, ich habe mehr verloren als ihr. Doch die neuen Besitzer werden bald neue Gebäude aufführen lassen müssen und dann werden wir viele fleißige und ordentliche Maurer und Steinbrecher beschäftigen können. Raufbolde aber werden wir nach Hause schicken. Laßt euch das gesagt sein.« Wort für Wort wurde den tschechischen Arbeitern das Gesprochene von einigen Genossen übersetzt; und mit einem Hoch auf den Gegenbauer-Anton zog die Menge ab. Sie schwankte anfangs, wohin sie sich wenden sollte. Endlich warf sie sich zum großen Entsetzen der Bürger in die Stadt, schmiß dem Kaufmann die Fenster ein, zündete in der Mitte des Rings ein paar Pfund Pulver an und sang eine tschechische Übersetzung der Marseillaise. Sonst geschah keine Ausschreitung. Die Sprengstoffe wurden vertragen und für ein paar Kreuzer an Liebhaber verkauft, der Brauer rettete seine Fenster durch das Versprechen, den Arbeitslosen vorläufig sein Bier auf Borg zu geben; und als ein Gendarm sich blicken ließ, stob die Masse mit dem Rufe: »Die Husaren!« auseinander. Und doch sollte der Krawall für die Stadt Blatna das Zeichen zu großen Verlusten geben. Im ersten Schrecken waren die Leiter der Bauern-Aktiengesellschaft zusammengetreten und hatten sofort beschlossen, von den Besitzern der Anteilscheine und von den Rübenbauern frisches Geld zu verlangen, damit der Bau weitergeführt würde. Vierundzwanzig Stunden später war eine Aktie für zehn Kreuzer zu haben. Nirgends war bares Geld vorhanden. Die kleinen Leute, die sich von der Gründung goldene Berge versprachen, hatten ihren letzten Sparpfennig eingezahlt, und die Wohlhabenderen waren erst recht mit bedeutenden Beträgen verpflichtet. Von Stunde zu Stunde gingen telegraphische Hilferufe an die Prager nationalen Banken ab; aber diese wagten nicht, den Kampf mit den großen Wiener Instituten Gegenbauers aufzunehmen. So war das Schicksal nicht mehr abzuwenden: das Vermögen, das bis jetzt im Unternehmen steckte, war verloren, im ganzen Städtchen gab es kein Haus, das nicht Einbuße erlitten hätte. Svatopluk Prokoft, der für ein paar Aktien seinen Obstgarten verpfändet hatte, fand das richtige Wort, als er rief: »Blatna ist futsch! Blatna ist verkracht!« »Und der Gegenbauer ist schuld!« hatte er hinzugefügt. Das empfanden alle Bürger ohne Ausnahme. Der letzte Deutsche von Blatna hatte die Stadt ruiniert. Und während in jedem Hause, vom Prunkzimmer des Bürgermeisters bis zur letzten Kate jenseits des Flusses, nur Klagen laut wurden, stolzierte der letzte Deutsche oben auf dem Wolfsberge und wollte sich wohl gar aus den Taschen der Tschechen einen neuen Palast bauen lassen. Der alte dumpfe Haß gegen Anton Gegenbauer steigerte sich zu einer tollen Wut. Nicht nur die Fanatiker zitterten nach seiner Vernichtung, die ruhigsten Bürger fluchten ihm und wünschten ihm ein schlimmes Ende. Nur die Furcht vor den Arbeitern, die sichtbarlich dem Deutschen zuneigten, hielt die Knüttel zurück. Und in demselben Drahte, der für Blatna in Prag um Hilfe bettelte, flogen die Depeschen zwischen dem Bezirksrichter und einem Hofrat, dem er unbedingt vertrauen mußte, hin und her. Noch war Zaboj nicht verhaftet. Der Bezirksrichter warnte vor den Gefahren eines solchen Schrittes. Aber in Wien wollte man den Sieg der Kirche mit Hilfe der Slawen, nicht den Übermut der Tschechen gegen die Kirche. Eine Nonne war verwundet worden. Ein Exempel mußte statuiert werden. Der Bezirksrichter las zwischen den Zeilen, daß er mit rücksichtsloser Kraft auftreten, dabei aber heimlich die Gefühle der Patrioten schonen müßte. Er gehorchte und brachte damit die Stimmung des verarmten Blatna aufs äußerste. Er sprach auf einmal wieder Deutsch, während er mit gerunzelter Stirn am Arm des Bürgermeisters über den Ringplatz ging. Er drohte mit Einquartierung; beim nächsten Lärm sollten den Bürgern Soldaten in die Häuser gelegt werden, deutsche Soldaten aus der Kompagnie, der man in Wessely Wasser versagt hatte; und jetzt drohte er damit, jetzt, zwei Tage vor der Wahl, die für Jahre hinaus über die Vertretung von Blatna entschied. Der Ausschuß trat nicht mehr zusammen, aber wo sich die Mitglieder auf der Straße trafen, da ballten sie die Fäuste und riefen einander zu: »Auch das hat uns der Gegenbauer eingebrockt.« Die Untersuchung wegen der Schlacht am Josephsberge war im vollen Gange. Die Tschechen leugneten alles ab und auch unter den deutschen Bauern wollten die meisten nichts gesehen und nichts gehört haben. Doch der Gegenbauer-Anton sagte aus, und ihm Aug' ins Auge gaben sie manches zu. Drohend stieg die Anklage gegen ein paar Dutzend Bürger über Blatna herauf, und der Gegenbauer war immer der eigentliche Ankläger. Am Nachmittag des 30. April kam wieder eine Depesche aus Wien, und der Bezirksrichter machte sich trotz des abscheulichen Wetters mit einem Gendarm auf den Weg nach dem Dorfe. Vor der Scheune stand Svatopluk Prokop und versteckte beim Nahen der Amtspersonen eine große Blechbüchse, welche er eben beim Tageslichte geprüft hatte. Der Bezirksrichter sah, wie Zaboj hinter dem Rücken des Vaters sich bückte und sich dann in das Dunkel des Raumes zurückzog. »Es tut mir leid, Svatopluk,« rief der Bezirksrichter heftig, »ich muß Euren Sohn verhaften lassen. Bei dem Hundewetter muß ich Euretwegen hinaus! Kommt schnell mit mir ins Haus. Wenn Zaboj nicht ins Gebirge entflohen ist, so nehme ich ihn mit.« Und achselzuckend eilte der Richter ins Haus, der Gendarm folgte. Svatopluk sprach noch rasch einige Worte in die Scheune hinein, dann humpelte er den beiden nach. Drinnen hatte Katschenka die Gerichtspersonen mit einem Angstgeschrei empfangen. Sie trug ihr dunkles Kleid, um den Kopf hatte sie ein schwarzes Tuch geschlungen, als hätte sie Trauer. Auf die Frage, wo ihr Bruder sei, antwortete sie zitternd: »Ich weiß nicht.« Da stampfte Svatopluk über die Schwelle und sagte mit demütiger Stimme: »Mein Zaboj wird unglücklich darüber sein, dass er sich nicht selbst verantworten kann. Aber er ist abgereist. Weiß nicht, auf wie lange. Ins Gebirge.« Ohne mit der Wimper zu zucken, nahm der Bezirksrichter ein Protokoll auf. Svatopluk und Katschenka unterschrieben es, dann blieben sie allein. Katschenka setzte sich still an das niedrige Fenster und las in ihrem Legendenbuch. Svatopluk stürzte auf seinen Krücken heftig auf und nieder. Plötzlich blieb er vor der Tochter stehen. Seine Augen waren wie von Blut unterlaufen, sein Mund höhnisch verzerrt. »Du liebst ihn also!« schrie er Katschenka an. »Ja,« erwiderte sie leise, schloß das Buch und blickte den Vater ruhig an. »Das freut mich!« rief Svatopluk und stürzte wieder durch die Stuben. »Das freut mich! Das hat gerade noch gefehlt! Das macht seine Rechnung voll! Den Wolfsberg hat er verkauft, der mir gehört von Gott und Rechts wegen! Mich hat er an den Bettelstab gebracht! Und die Stadt zugrunde gerichtet! Meinen Sohn bringt er ins Zuchthaus, deinen Bruder! Und du liebst ihn! Das freut mich, das hilft der Sache ein Ende machen!« Svatopluk blieb hart vor ihr stehen. »Und du liebst ihn, wirst vielleicht mich anzeigen, deinen Vater?« Katschenka antwortete nicht. Da hob Svatopluk seine Krücke über ihre Schulter und setzte zum Schlage an. Plötzlich lachte er auf. »Wozu? Das würde mich abkühlen. Will alles lieber für ihn aufsparen.« Und er setzte sich auf die Ofenbank. Ein lautloses Schweigen folgte; um so lauter heulte der Wind, der den Regen stoßweise gegen das Fenster peitschte. So verging eine Stunde. Plötzlich wurde die Haustür aufgerissen und gleich darauf stürzte Petr Zilbr in die Stube. Sein Vater hatte an der Bauernfabrik mehr als alle anderen verloren und Petr wurde seit einigen Tagen die Angst nicht los, er werde nun arbeiten müssen, um zu leben. Er warf den nassen Mantel ab und steckte dann eilig die Hand in die schwarze Binde. »Das ist ein Wetter!« rief er und schüttelte sich. »Der Gegenbauer«, sagte Svatopluk, »steht ja mit dem Herrgott so gut. Der hat uns gewiß das Wetter besorgt.« »An allem Unglück ist er schuld,« schrie Petr und blickte dabei Katschenka an. »Du, du hast mich ja noch gar nicht begrüßt.« »Frag' den Gegenbauer,« brummte Svatopluk ingrimmig, »warum sie nichts von dir wissen will. Sie ist in ihn verliebt bis über die Ohren.« »Kruzitürken! Sag' nein oder ich zerpflück den Kerl in der Luft!« schrie Petr außer sich. Als ihn Katschenka jedoch keiner Antwort würdigte, wandte er sich zu ihrem Vater um und fuhr fort: »An ihn kann man ja nicht heran, du weißt, er versteht keinen Spaß.« »Ich weiß,« murmelte Svatopluk. »Aber der Hund, der Tomek, soll es büßen, noch heute nacht.« Svatopluk hatte den Kopf zurückgeworfen und stierte die Decke an. »Das wäre schön,« brummte er, »wenn morgen, am Wahltage, die verdammte deutsche Inschrift verschwunden wäre.« »Ich will's besorgen!« rief Petr. Dann stellte er sich breitbeinig vor Katschenka hin und fuhr sie an: »Bist du keine Patriotin mehr?« Das Mädchen blickte stumm auf den Dorfteich hinaus, auf welchem die schweren Regentropfen ihr Spiel trieben und flüchtige grüne Blasen erzeugten. Svatopluk winkte dem jungen Manne kopfschüttelnd, er möchte fortgehen. Noch in der Tür fragte Petr zurück: »Nicht wahr, Zaboj ist nicht verhaftet? Er ist verreist?« Svatopluk zeigte grinsend mit dem Daumen nach hinten. »Ja, er ist fort. Wir haben keinen Verräter in Blatna. Bisher nicht. Wenn's der Gegenbauer nicht erfährt, so tut ihm keiner was.« Svatopluk warf einen mißtrauischen Blick auf seine Tochter. Die schaute gleichmütig hinaus, wo Petr schon durch den prasselnden Regen nach Hause lief. Es war früh dunkel geworden. Svatopluk erhob sich schwerfällig, als hätten seine eigenen Gedanken ihn müde gemacht, auf seinen Krücken und ging hinüber in die Scheune, in der es völlig finster war. Er schrak zusammen, als er plötzlich an etwas Lebendiges stieß und Zaboj mit bitterer Stimme rief: »Besuchst du mich wirklich, Vater? Ist das aber liebreich von dir.« Svatopluk tappte nach dem Kopfe seines Sohnes, um die Haare zu streicheln. »Es bleibt nichts übrig,« sagte er. »Du wirst die Tage hier in der Scheune zubringen müssen. Bei Nacht kannst du ruhig in deiner Kammer schlafen. Wie willst du dich an dem Gegenbauer rächen?« »Wie meinst du das?« fragte Zaboj zurück. »Er ist der Todfeind unserer Sache und gefährlicher, als wir geglaubt haben. Ich werde ihn unablässig verfolgen und es als meine Lebensaufgabe betrachten, den letzten Deutschen aus Blatna zu vertreiben. Was kann ich mehr tun?« Nach einer langen Pause begann Svatopluk wieder: »Du weißt, mein Zaboj, hier in diesem Winkel liegt manches aufgespeichert, was unser Volk einmal brauchen kann, wenn man uns zum Aufstand zwingt. Vom alten Morgenstern aus der Hussitenzeit bis zu den neuesten Erfindungen, mit denen man Granitfelsen sprengt, sind die Waffen vertreten. Glaubst du, daß der deutsche Schädel des Gegenbauer-Anton härter ist als die Eisenhauben der alten Ritter oder als Granit? Ich will ein Ende machen.« Zaboj sagte nach kurzem Bedenken: »So was fällt einem ja ein, wenn man in Wut ist. Aber das tut man doch nicht! Ich bin kein Meuchelmörder.« Svatopluk streichelte wieder das Haar des Sohnes. »Das sollst du auch nicht sein, mein liebes Kind, du sollst nur zuhören. Auf uns kann kein Verdacht fallen. Wie kämen wir zu Dynamit? Entweder ist eine vergessene Patrone im Steinbruch plötzlich krepiert oder einer von den entlassenen Steinbrechern der Bauernfabrik hat das Sprengen nicht lassen können.« Und Svatopluk lachte. »Vater,« schrie Zaboj und faßte im Dunkeln nach Svatopluks Schulter, »das wirst du nicht tun, oder wir sind auf immer geschieden. Soll ich dir was sagen, Vater? Neidisch bin ich dem Gegenbauer-Anton, trotzdem er ganz zugrunde gerichtet ist. Neidisch bin ich ihm, weil er für seine schlechte Sache so ordentlich kämpft, so sauber, so ... ich will's nicht aussprechen, wie. Und du, Vater, wirst unsre gute Sache nicht in den Dreck ziehen! Hörst du! Oder du siehst mich nicht wieder, auch nicht in deiner letzten Stunde!« Svatopluk atmete schwer auf. Dann murmelte er zögernd: »Ich tu's ja nicht. Du weißt, man sagt so etwas, wenn man in Wut ist. Geh jetzt hinein, Katschenka soll dir einen Pfannkuchen backen. Dann leg' dich schlafen.« Zaboj ging und Svatopluk blieb allein. Er nahm den Morgenstern von der Wand, hielt ihn zwischen den Knien fest und putzte mit seinem Ärmel sinnend an den Eisenspitzen herum. »Das waren schöne Zeiten,« murmelte er nach langer Zeit. Dann saß er wieder stumm da und lauerte geduldig auf den Stundenschlag der Kirchturmuhr. Viertelstunde auf Viertelstunde verstrich. Endlich war es zehn Uhr. Svatopluk griff mit sicherer Hand in das Gerümpel hinein und holte eine schwere Blechbüchse und einen Knäuel Zündschnur hervor. Sorgsam wickelte er alles in ein Wachstuch, das sonst ein Pulverfäßchen gegen Nässe schützen sollte, und trug das Bündel vorsichtig ins Haus. Er fuhr auf, als er Katschenka noch in der Wohnstube antraf. »Was spionierst du noch hier herum, du deutsche Dirne?« rief er heftig. »Marsch, geh schlafen.« »Vater,« flüsterte das Mädchen, »Zaboj hat mir selbst gesagt, ich soll auf Euch acht geben. Ihr seid ja von Sinnen.« Svatopluk stampfte wütend mit der Krücke auf. »Schlafen gehst!« Katschenka sah den Vater mit einem langen, festen Blicke an, dann stieg sie die steile Treppe zu ihrer Kammer empor. Nun machte sich Svatopluk schnell ans Werk. Er befestigte an jede der großen Patronen eine lange Zündschnur, die wohl zehn Minuten zum Abbrennen brauchte. Dann wickelte er das Ganze wieder sorgfältig in sein Wachstuch, steckte seine gefüllte Feldflasche ein, warf sich einen großen Mantel um die Schultern, setzte eine alte Pelzmütze auf und schritt auf seinen Krücken, die Sachen unter dem Mantel bergend, in die schlimme Nacht hinaus. Der Regen hatte etwas nachgelassen, aber stoßweise jagte der Wind sprühende Wirbel über die Straße. Svatopluk versuchte umsonst, sich gegen die Nässe zu schützen. Mit einem Fluche riß er den Mantel von den Schultern und umhüllte mit ihm bedächtig sein Bündel, Dann schritt er weiter. Auf der Brücke vor dem heiligen Nepomuk blieb er plötzlich stehen. Er glaubte eine dunkle Gestalt am Rande des Dorfteichs zu erblicken. Doch er hatte sich wohl getäuscht. Und mit einem Finger am Munde blinzelte er schlau den Heiligen an. »Der versteht zu schweigen,« murmelte er. Und weit mit den Krücken ausgreifend, eilte er vorwärts. Die Stadt war finster und ausgestorben. Auch unter den Lauben begegnete ihm niemand. Nur am nördlichen Ausgang des Rings stürzte ein betrunkener Arbeiter an ihm vorüber. Jetzt stand Svatopluk am Fuße des Wolfsberges und überlegte. Dann bog er links ab und brach sich durch die wuchernden Brombeerranken seinen Weg in den Steinbruch. Unentschlossen blickte er nach der Höhe, wo die Höhle kaum erkennbar aus der Felswand gähnte. Es schien unmöglich, den schmalen Steig auf den Krücken zu erklimmen und dabei den gefährlichen Pack in acht zu nehmen. Plötzlich wußte er, was zu tun war. Er legte die Krücken nieder und kroch auf allen Vieren, die Patronen fest unter den Arm gepreßt, hinauf. Es war ein mühsames Stück Arbeit, und er langte schwer atmend und mit Schweiß bedeckt in der Höhle an. Doch sein Ziel war erreicht und er konnte ein Weilchen ausruhen. Dann zündete er einen kleinen Wachsstock an und leuchtete umher. Zu seinen Häupten klafften noch immer die alten Bohrlöcher. Er suchte zwei davon aus, die am weitesten voneinander entfernt waren, und schob die Patronen langsam hinein. Doch sie hielten nicht fest. Zornig sah er sich um, ob ihm kein Werkzeug zu Hilfe käme. Da lachte er auf. Im Winkel der Höhle lag zerbrochen ein Holzwägelchen, ein Kinderspielzeug, wie er es vor Jahren in Katschenkas Hand gesehen hatte. Zwei Splitter davon genügten, um die Patronen in den Bohrlöchern zu befestigen. Dann warf er den Rest des kleinen Wagens wütend aus der Höhle hinaus. In diesem Augenblick glaubte er die dunkle Gestalt wieder zu sehen, die eben aus dem Schatten des letzten Hauses trat. Schnell löschte er seinen Wachsstock aus und lauerte. Die Gestalt ging die Landstraße aufwärts, eilig, fast im Lauf. Jetzt war sie neben dem Steinbruch. Zum Teufel! Sie bog links ein und brach sich durch die Ranken Bahn. Es war eine Frauengestalt. Svatopluk fühlte sein Herz klopfen, sein Atem stockte. Er mußte wahnsinnig geworden sein, daß er überall die Gerechtigkeit sah, die ihn verfolgte. Durch den Regenschauer hindurch, der jetzt wieder gegen die Felswand peitschte, war kein Laut zu hören. Doch jetzt. Er vernahm schlürfende Tritte und ein atemloses Keuchen. Dicht neben ihm, der in der dunkeln Höhle unsichtbar auf den Knien lag und sich vor Schrecken die Nägel beider Hände in die Brust grub, dicht neben ihm, so nah, daß er sie mit einem Stoß in den Steinbruch hätte zurückwerfen können, mit weit aufgerissenen Augen erschien Katschenka. Zuerst groß und schreckhaft im nächtlichen Dunkel der Kopf, dann die ganze Gestalt. Sicher schritt sie unaufgehalten auf dem Steige empor. Die Augen sehnsuchtsvoll nach dem Hause über ihr gerichtet. Und jetzt war der Kopf wieder verschwunden und dann die übrige Erscheinung. Wie ein Schatten war sie vorübergehuscht. An allen Gliedern schlotternd vor Schrecken und Wut, blieb Svatopluk noch eine Weile auf den Knien liegen. Langsam glitten die Hände von seiner Brust und gruben sich in den Sand des Bodens. Sein Kopf sank nieder und er murmelte: »Bei Nacht schleicht sie zu ihm! Ins Trutzhaus! Sie ist seine Geliebte! Sie verrät uns! Sie verrät ihr Vaterland! Sie verrät auch ihren Vater! Und ihren Bruder!« Dann sank er in der Höhle zusammen und es kam wie Ohnmacht über ihn. Da schlug es auf dem Kirchturm elf Uhr. Svatopluk richtete sich langsam empor, zündete den Wachsstock wieder an und kauerte gegen die Wand der Höhle. »Was denn?« murmelte er vor sich hin. Ihn fröstelte. Er nahm einen tüchtigen Schluck aus der Feldflasche, schüttelte sich, und ohne zu denken, ohne sich zu besinnen, so ruhig, als steckte er seine Pfeife in Brand, zündete er mit dem Wachsstock jede Zündschnur an ihrem Ende an. Dann blickte er mit blödem Ausdruck um sich, zerdrückte die Flamme des Wachsstockes mit den Fingern und steckte ihn ein. Er sagte sich, daß er auch den Mantel und das Wachstuch mitnehmen müßte. Und schnell, bevor die Explosion erfolgte. Plötzlich aber schrie er furchtbar auf: »Jesus Maria, mein Kind!« In Todesangst stürzte er aus der Höhle hinaus und rutschte, stürzte und sprang wie wahnsinnig den glatten Steig hinunter. Zwölftes Kapitel Anton hatte bis gegen elf Uhr unerfreulicher Arbeit obgelegen, hatte die letzten Papiere unterschrieben, die ihn um den Besitz seiner Fabrik brachten, und die Briefe seiner neuen Vorgesetzten durchgelesen. Dann schloß er alles ein, legte seinen Wahlzettel, den scharfe Augen schon an dem bläulichen Schimmer des Papiers als einen der deutschen Partei erkennen konnten, für morgen zurecht. Eben wollte er sich zur Ruhe begeben, als lautes Hilferufen ihn ans Fenster trieb. Wieder einmal schien sich Tomek mit ein paar Angreifern herumzubalgen. Doch mochte der Kampf heute eine andere Wendung genommen haben, denn Tomeks Frau jammerte entsetzlich und rief immerzu: »Zu Hilfe! Mörder!« Anton griff nach einem derben Stock und eilte die Treppe hinunter. Eben wollte er, zur Eile getrieben durch verstärkte neue gellende Rufe, das Haustor öffnen, da pochte es heftig gegen die Hintertür, die zum Steinbruch hinausführte; dann ertönte ein dumpfer Ton, als wäre ein schwerer Körper gegen das Holz gestürzt. Mit wenigen Sätzen war Anton da und rief, während er die Hintertür rasch aufklinkte und sich gegen einen plötzlichen Angriff deckte: »Wer ist hier?« »Ich bin's nur, die Katschenka,« flüsterte das Mädchen. Sie war auf der Schwelle niedergefallen. »Sie wollen dich ermorden, sei auf deiner Hut!« »Laß mich!« rief Anton zornig. »Das weiß ich längst, ich brauche deine Warnungen nicht.« Und hastig eilte Anton wieder nach vorn und zur Haustür hinaus, wo die Rufe schwächer und ferner zu klingen schienen. »Bleib im Haus!« rief das Mädchen. »Bleib hier! Verschließe alle Türen.« Doch da er nicht gehorchte, erhob sie sich mühsam und eilte ihm wankend nach. Anton war kaum ins Freie getreten, als er eine Gruppe von vier Männern erblickte, die einen Fünften lachend forttrugen. Er eilte nach und schlug, bevor sein Nahen noch bemerkt worden war, dem einen derb auf den Schädel. Dieser stürzte mit einem Aufschrei, nieder; es war Petr Zilbr. Die anderen ließen ihre Last fallen und liefen davon. Im Nu hatte das Weib des Tomek sich über ihren Mann geworfen, ihm die Hände losgebunden. »Die Halunken!« rief sie. »Erst haben sie ihn betrunken gemacht und dann wollen sie ihn hinten in die Grube schmeißen. Sie sagen, daß er was verraten hat. Ist aber nicht wahr!« Anton hielt sich nicht auf. Mit geschwungenem Stock lief er hinter einem der Leute her, in dem er den Kellner Franz zu erkennen glaubte. Er verfolgte ihn in den Hohlweg der Straße hinunter, drüben wieder hinauf, und glaubte ihn schon fassen zu können. Als er jedoch um die kleine Marienkapelle biegen wollte, war der Flüchtling plötzlich hinter einer unfertigen Mauer der Bauernfabrik verschwunden. Anton blieb stehen. In demselben Augenblick umschlangen ihn zwei Frauenarme und Katschenka sank kraftlos an ihm nieder. »Rette dich, rette dich!« flüsterte sie. Ihre Hände waren heiß, ihr Atem flog. Sie vermochte nicht zu sprechen, nicht sich zu erheben. Anton selbst fühlte sich zu schwach, sie aufzurichten. »Nimm mich zu dir, in dein Haus!« Ihre Muskeln flogen wie im Schüttelfrost. Eben fegte wieder ein heftiger Windstoß dichte Regenschauer über den offenen Hügel. Hier konnte sie nicht bleiben, während Anton Beistand holen ging. Er blickte sich um. »Um so schlimmer!« stieß er hervor. Dann riß er mit einem Ruck die morsche Gittertür zur Kapelle auf, schleppte Katschenka mit Mühe hinein, lehnte die Widerstandslose auf den mit einem Teppich belegten Betschemel, löschte ein flackerndes Lämpchen und beugte sich mitleidig zu dem Mädchen nieder. »Ich lasse dich einen Augenblick allein.« »Nein, Anton,« rief sie schluchzend, »so höre mich doch, sie wollen dich töten! Ich lasse dich nicht allein!« Und sie klammerte sich an seine Knie. Da verstummten sie beide plötzlich. Eine schreckhafte, abenteuerliche Gestalt, ein Gespenst rannte gegen die Kapelle zu. »Der Vater!« hauchte Katschenka. Auch Anton erkannte jetzt den alten Svatopluk, der wie gehetzt auf seinen Krücken heranjagte und auf der Steinstufe zur Kapelle stöhnend zusammensank. Anton und das Mädchen wagten kaum zu atmen; sie hielt sich an seiner Hand fest, er fühlte ihr Blut klopfen. Svatopluk warf im Zusammenbrechen klappernd die Krücken nieder, dann rief er hastig mit gefalteten Händen in die Kapelle hinein: »Heilige Mutter Gottes, bitt' für mich armen Sünder! Vielleicht ... Wir wissen ja nichts! Heilige Mutter! Ich schwöre dir, daß ich nur den Gegenbauer umbringen wollte, unseren Feind und den deinen, den Ketzer und Protestanten! Heilige Jungfrau, vergib mir! Wie ich in der Höhle lag und mein Kind zu ihm schleichen sah, da habe ich's nicht mehr tun wollen! Gewiß nicht! Es ist über mich gekommen, ich weiß nicht wie! Jetzt ist es zu spät! Ich habe mein Kind gemordet! Heilige Mutter Gottes, verzeih' mir armen Sünder.« Eine atemlose Stille folgte. »Weh' mir, das Lämpchen ist ausgelöscht!« Und wieder Totenstille. Der Regen plätscherte lustig auf die Wasserlachen und auf das Dach der Kapelle. Da ertönte ein entsetzlicher Knall. Das Trutzhaus drüben schien gegen die fliegenden Wolken zu zittern. Svatopluk barg den Kopf in den Händen und röchelte wie ein Sterbender. Da ertönte es aus dem Innern der Kapelle wie aus einem Grabe: »Vater!« Svatopluk fuhr auf. An allen Gliedern zitternd griff er nach den Krücken, und weit mit ihnen ausgreifend floh er davon. »Mein Vater hat mich töten wollen!« rief Katschenka tonlos. Sie hatte Anton losgelassen. Da ein zweiter, noch lauterer Donnerknall, dem ein furchtbares Krachen folgte. Anton mußte zusehen, wie sein Wohnhaus wankte und dann in sich selbst zusammenstürzte. Nur eine Mauer schien stehengeblieben zu sein. »Mein Vater hat mich töten wollen!« wiederholte das Mädchen gleichmäßig. Sie drückte das Gesicht in den Teppich und schluchzte wie ein gekränktes Kind leise fort, und unaufhaltsam flossen ihre Tränen. »Mein Vater hat mich töten wollen!« Anton hatte sich neben sie auf den Schemel gesetzt. Auch er war tief erschüttert. Sprachlos hielt er die Wache neben ihr, die unaufhörlich fortweinte und seine Nähe vergessen zu haben schien. Die Kirchenuhr hatte längst Eins geschlagen, als Katschenka endlich verstummte. Er wußte nicht, ob sie bewußtlos geworden oder eingeschlafen war. Drüben neben der einzelnen Mauer, die sich phantastisch und schwarz vom grauen Himmel abzeichnete, erschienen in lebhafter Bewegung menschliche Gestalten. Anton starrte mit müden Augen in die Nacht hinaus und stumm hob er die Schwurfinger vor sich in die Luft, als wollte er bei der Ruine seines Hauses ein Gelübde tun. Dann wachte er wieder treu in die frostige Morgendämmerung hinein. Plötzlich erhob sich Katschenka, strich ihre Haare zurück, trocknete ihr Gesicht mit beiden Händen und sprach kaum hörbar: »Begleite mich, Anton, ich bitte dich.« Als er zögerte, sagte sie mit ersterbender Stimme: »Und wenn die Leiche meiner Mutter zwischen uns läge, du wärest mir nicht ferner, Anton, als du mir jetzt als mein Geliebter bist. Ich bitte dich, begleite mich. Es ist ein schwerer Gang, und ich bin schwach.« Und sie hing sich hilfeflehend an Antons Arm. »Ins Kloster!« flüsterte sie. Sie verließen die Kapelle und glitten schweigend durch die verschwebende Nacht. Der Regen war vorbei, aber ein kalter Wind sauste von den Bergen herüber, hemmte ihnen den Weg und kräuselte kleine Wellen in den Wasserlachen der Straße. Im Weiterschreiten gewann Katschenka ihre Kraft wieder. Sie ließ Antons Arm los, und stumm gingen sie nebeneinander her. Der Morgenwind zerrte an ihnen; des Mädchens graues Tuch flatterte im Nacken; ihr dunkles Kleid trug bis hinauf die Spuren des Weges im Steinbruch. Als sie am ersten Hause von Oberndorf standen, war es hell geworden. Sie blickten einander in die bleichen, kummervollen Gesichter, dann schlichen sie weiter durch das schlafende Städtchen, über die Eisenbahn hinweg und durch den schweigenden Wald. Mitten im Walde an einem Kreuzweg stand ein Kruzifix zur Erinnerung an einen Forstgehilfen, der dort von einem Wildschützen erschossen worden war. Hier warf sich das Mädchen auf die Knie nieder und betete lange wie eine Verzweifelte. Hier hatte sie an jenem Mittwoch nach Ostern mit den tschechischen Vereinen von Blatna Rast gehalten und ihnen, als Marketenderin verkleidet, aus ihrem Fäßchen Branntwein verteilt. Sie erhob sich plötzlich, sank Anton zu Füßen und rief heiser: »Verzeih' mir!« Er richtete sie schweigend auf und sie schritten weiter. Am Ende des Waldes, als sie in den hellen Morgen wieder heraustraten, sagte sie: »Ich weiß, du bist mir nicht mehr böse; dein Mitleid mit mir ist zu groß.« Und stille weinend schritt sie den Sankt-Josephs-Berg hinauf. Auf der Höhe angelangt, sahen sie das Kloster und den Kerker neben sich liegen. Sie blieben stehen und blickten zurück; zu ihrer Rechten blinkte der erste Sonnenstrahl durch die Baumkronen. Im Tale schoben sich dicke Nebelmassen durcheinander. Nur das Gebirge rückte klar aus der blauen Ferne heran. Demütig schlang Katschenka jetzt die Arme um Antons Nacken. »Lebewohl!« flüsterte sie. »Lebewohl, Geliebter!« Da durchströmte es den Mann plötzlich mit heißem kräftigen Leben. »Nein!« rief er. »Kein Lebewohl! Warum wollen wir beide uns zu Tode quälen um fremden Hasses willen? Wir lieben uns ja! Wir haben uns ja! Sie halten uns für tot dort in dem entsetzlichen Städtchen! Wir wollen tot bleiben für sie! Weit fort von hier, in einem glücklicheren Lande, wollen wir unerkannt und unentdeckt leben und jeden Schimmer von Glück festhalten und pflegen. Auch mein Vater hat in stürmischer Zeit, nach Jammer und Schrecken, die Mutter heimgeführt und hat ihr Frieden zu schaffen gewußt. Komm! Mein geliebtes Mädchen!« Katschenka stöhnte auf, beinahe glücklich. Doch stark schob sie den Mann von sich fort und sagte mit tränenerstickter, doch fester Stimme: »Deine Mutter hat schweres Unglück erfahren. Wenn ein so menschliches Leid wie dein Tod, Geliebter, mich getroffen hätte, ich würde sterben, aber ich könnte sterbend noch lächeln. Hast du denn vergessen, was geschehen ist? Mein Vater hat mich töten wollen! Dich und mich!« Anton faßte nach ihren Händen und wollte sie an sich ziehen. Sie machte sich los und eilte rasch den flachen Hügelabhang nieder dem Kloster zu. Noch hatte sie die Pforte nicht erreicht, da fühlte sie sich um die Schultern festgehalten. Anton hatte sie eingeholt. Heftig preßte er sie an sich, bog ihren Kopf zu sich empor und rief unter heißen Küssen: »Ich laß dich nicht! Ich lieb' dich! Du sollst mein werden! Nachher geschehe, was du willst: Flucht oder Tod, alles ist mir gleich!« Katschenka wehrte sich nicht. Sie duldete es, daß Anton sie wieder umschlang und enger und enger an sich drückte. Sie erwiderte seine Küsse nicht, aber mit gierigen Lippen sog sie die seinen ein. »Sei mein!« stammelte er wieder. Sinnlos, wie ein Knabe stammelt. Kraftlos lag das Mädchen in seinem Arm. Ihre Augen, die eben noch in Liebeslust funkelten, schlossen sich plötzlich, Aschfarbe überzog ihr Gesicht. »Vergiß deinen Schwur nicht, Anton!« sprach sie tonlos. »Du hast ein Gelübde getan! Ich weiß es! In jener Stunde! Du willst ja dein Leben dem Kampfe opfern! Du willst kein Recht mehr auf Lebensfreude!« »Sei mein!« erwiderte Anton. »Mein Vater ist zum Mörder an uns geworden!« sprach sie noch leiser. »Ich werde im Kloster für ihn büßen!« »Das kannst du nicht!« rief Anton hastig. »Es ist Vermessenheit oder Aberglaube, für die Sünden eines anderen die Verantwortung tragen zu wollen!« »Sprich nicht so, Anton! Mir bleibt ja nichts als meine Erinnerung an dich, die nehme ich ins Kloster mit. Ich werde es der Oberin nicht verschweigen! Trübe mir die Erinnerung nicht! Maria, hilf!« Und als Anton die Arme sinken ließ, fuhr sie hastig fort: »Du kennst mich nicht! Du würdest sonst nicht so an mir hängen. Du bist nicht mein Alles. Vor dir noch steht etwas. Wie das möglich ist, weiß ich selber nicht. Ich weiß nur, daß sie alle mein Herz von Jugend auf vergiftet haben mit dem Götzendienst zur Nation. Wie das geworden ist, das ist kaum zu erzählen. Der Kaplan hat mich in der Religion unterrichtet. Und er hat mir für die kleinste Gedankensünde die schwersten Bußen auferlegt. Er hat mich für ganze Nächte allein in die Kirche eingesperrt. Er hat mir mit Höllenstrafen gedroht, an deren Beschreibung ich noch heute ohne Schaudern nicht denken kann. Aber das Ende vom Liede war doch immer: Wenn du dich deinem tschechischen Volke opferst, so wird die Kirche dir alles vergeben. Das war mein Glaubensbekenntnis. Und mein Bruder war mein anderer Lehrer. Anstatt mich über die schönen Sachen zu unterrichten, die andere Mädchen in der Schule hören, erzählte er mir nur immer von der böhmischen Geschichte. Ich wollte denken lernen. Er aber rief mir immer nur zu: Wenn du böhmisch denken kannst und wie eine böhmische Patriotin handeln, so ist das besser als alle Kenntnisse. Das war mein Jugendunterricht. Und mein Vater hat mich erzogen. Als das Weib in mir erwachte und ich mich nach meinem Gespielen sehnte, nach dir, Anton, da erkannte der Vater zuerst, was er die Gefahr nannte. Und er sprach mit mir über meine Gefühle. Er drohte mir mit seinen Krücken, wenn ich ihm Schande machen, wenn ich nur einen unehrbaren Gedanken haben wollte. Er wollte mich keusch wissen wie eine Nonne. Aber wenn das tschechische Volk es verlangte, dann sollte ich bereit sein, mich dem ersten besten hinzugeben wie eine Schlampe. Das war mein Leben bis heute!« Leise faßte Anton sie bei der Hand und sprach: »So fange mit mir ein neues an!« Unter Tränen lachte Katschenka auf: »Reiß mir erst das Gift aus dem Leibe, das sie mir eingepflanzt haben! Du kennst mich nicht, sage ich dir! Der Götzendienst zum Böhmervolke ist nicht auszurotten. Wenn ich dein Weib wäre, du hättest keinen Tag Ruhe vor meinen Bekehrungsplänen. Wenn ich Kinder hätte, ich würde sie für jedes deutsche Wort hassen! Und jetzt in dieser furchtbaren Stunde muß ich den Vater bewundern, der mich ermorden wollte. Laß mich! Für diesen Wahnsinn gibt es nur eine Zuflucht! Dort! Die heilige Maria wird den Götzendienst verdrängen! Tritt mir nicht in den Weg!« Da gab Anton sie frei. Es war ihr gelungen. Er wird sich ihrem Entschluß nicht mehr entgegenstellen. Mit dankbaren Augen blickte sie ihn an und fröstelnd murmelte sie: »Gib mir noch einen letzten Kuß. Nein, nicht so, das ist vorbei! Gib mir einen Kuß, bevor ich sterben gehe.« Anton faßte ihren Kopf mit beiden Händen und drückte kraftlos einen langen Kuß auf ihre zitternden Lippen. »Ich danke dir,« sagte sie unter heftigen Tränen. Dann ging sie rasch die wenigen Schritte bis zur Pforte und pochte mit dem alten, schweren Hammer laut gegen das Holz. Anton war stehengeblieben. Sie mußten lange harren. Endlich erschien die Pförtnerin. »Laß mich ein und sag's der hochehrwürdigen Frau Oberin. Sie weiß schon. Die arme Katharina wolle sie sprechen.« Noch einen Blick auf Anton. Dann schloß sich hinter ihr das Tor des Klosters. Schluß Kaum war Katschenka verschwunden, als Anton hinzueilte und mit beiden Händen den Hammer faßte. Er hatte den Wunsch, das Kloster wach zu pochen, Sturm zu läuten und das Landvolk herbeizurufen zur Rettung des Mädchens. Es war ja nicht möglich! So viel Jugend, Schönheit und Liebreiz sollte hinter Klostermauern verkümmern! Sollte sein Leben hinopfern im knechtischen Dienste, sollte Gebete plärren und Verbrecher pflegen. Das Mädchen, das er liebte – wie sehr, das wußte er jetzt! – das war begraben für immer, und wenn sie zurückwollte unter die Lebenden, so war es zu spät, der Sargdeckel war zugeschlagen. Da sah er, wie aus dem nahen Kerkertor ein Zug von Sträflingen, an ihrer Seite Schwester Barbara, friedlich an die Arbeit ging. Erschüttert ließ er den Hammer sinken. Wie himmlisch froh Schwester Barbara dreinblickte, wie zuversichtlich die Verbrecher. Als lebten sie in einer Welt, wo es keinen Haß gibt, nicht einmal den immer neu geweckten Völkerhaß. Wo es keine Leidenschaften gibt. Wenn Katschenka auch so himmlisch froh werden könnte wie Schwester Barbara! Wenn Katschenka durch die unsichtbare, heilige Kirche den Seelenfrieden wiederfinden könnte, den die unheilige sichtbare Kirche ihr hatte rauben helfen! Anton fühlte etwas wie Glaubenssehnsucht. Er konnte sich vor Erschöpfung kaum aufrechthalten und wankte nach Oberndorf zurück. Noch pfiff ein kühler Wind über den Hügel, aber der wolkenlose Himmel versprach einen schönen ersten Mai. Schon begegnete Anton im Walde einzelnen Familien, welche nach alter Sitte den Tag von Sonnenaufgang ab im Grünen zu verbringen gedachten. Man blickte den einsamen, blassen Wanderer, der barhaupt dahinschlich und dessen Narbe auf der Stirn wie ein dem Ermordeten aufgedrücktes Kainszeichen erschien, aus scheuer Entfernung an. Er brach fast zusammen, als er in Oberndorf bei dem Vorstande des Schulvereins Rast fand. Er warf sich auf ein Sofa nieder und wollte nichts hören und nichts erzählen. Sein Gastfreund hatte bereits ein Gerücht von der Untat in Blatna vernommen; man hatte den Gegenbauer totgesagt. Erst gegen Mittag kam Anton wieder zu sich. Er trank ein Glas Wein, gab kurzen Bericht und verlangte nach Hause. Während ein Wagen angespannt wurde, vernahm er noch, daß der Terrorismus der gräflichen Beamten einige Wähler abgeschreckt habe. Für den deutschen Kandidaten waren in der deutschen Stadt fünf Stimmen weniger abgegeben worden, als bei der letzten Wahl. Der Vorstand des Schulvereins war außer sich. Bitter lächelnd bat Anton um einen Zettel für die Wahl. Dann fuhr er rasch in der leichten Britschka nach Hause. Nach seinem Hause, das nicht mehr stand. Schon von weitem sah er einen großen Menschenhaufen die Unheilsstätte umstehen. Es sah aus, wie damals auf der Volksversammlung. Die Turner und die anderen Vereine hatten sich dem Wahltage zu Ehren in ihre Kostüme geworfen und waren dann, als die Schreckenskunde die Stadt durchlief, so wie sie waren, hinausgeeilt. Dicht neben der Fabrik sprang Anton vom Wagen. Als er sichtbar wurde, kam eine ungeheure Bewegung in die Menge, und plötzlich brachen alle in ein stürmisches »Slawa!« aus. Trotz der Versicherung Tomeks, daß der gnädige Herr vor dem entscheidenden Augenblicke das Haus verlassen habe, glaubten ihn alle unter den Trümmern begraben. Wie von einer Blutschuld befreit atmeten sie auf, da er lebendig unter ihnen erschien. Der Bezirksrichter fiel ihm um den Hals und versicherte laut in deutscher Sprache, daß das Gesetz die Schuldigen unerbittlich treffen würde. Schon habe man die Spur des Mörders; er habe einen Mantel am Ort der Tat zurückgelassen, und ein Arbeiter habe ihn bei Nacht gesehen. Mit Rührung und doch wieder mit wildem Zorn trat Anton näher heran und betrachtete das Bild der Zerstörung. Das Trutzhaus des Vaters war in sich selbst zusammengestürzt und bildete einen wüsten Trümmerhaufen. Nur die Vorderwand war zum Teil stehengeblieben. Fest standen die Pfosten. Und zwischen ihnen trug das Fachwerk trotzig die Inschrift: »Ein deutsches Herz, ein deutsches Haus Sie bleiben fest in Sturmgebraus!« Die Regengüsse der Nacht hatten etwas von dem Schmutze abgewaschen. Anton dankte dem Bezirksrichter kühl für seine Bemühung, gab seinen Beamten einige Befehle und schritt dann, noch immer barhaupt, festen Fußes in die Stadt hinunter. Hunderte folgten ihm, und wie im Triumphe kam Anton Gegenbauer vor dem Rathause an, wo die Wahlhandlung vor sich ging. Die Straßenjungen hatten am Morgen die Glasscherben, die um das zertrümmerte Haus des Gegenbauer lagen, in irdenen Töpfen gesammelt und vollführten damit unter den Lauben einen Höllenlärm. Bei Antons Herannahen bildeten sie vor ihm eine Gasse und klirrten ihm mit den Scherben um die Ohren, bis die nachfolgenden Bürger sie mit Schlägen auseinandertrieben. Anton schritt ruhig hindurch und betrat das Rathaus. Oben herrschte eine gedrückte Stimmung. Man glaubte noch allgemein an Gegenbauers Tod und wagte nicht laut zu sprechen unter dem Banne der Blutschuld. Auch hier waren von den Tschechen weniger Stimmen als sonst abgegeben worden. Am grünen Tische hinter der Wahlurne sahen der Brauer, der Kaufmann und Svatopluk Prokop. Svatopluk sah drein wie ein Totenkopf, dem man einen roten Schnurrbart angeklebt hat. Er hatte seit dem Morgen seinen Platz nicht verlassen, doch so oft er ein Wort hervorbringen wollte, kam nur ein heiseres Röcheln heraus; er griff mit den Fingern nach dem Halse und schaute sich um, als würge ihn jemand. Er saß allein. Die anderen waren von ihm abgerückt. Es fehlten nur noch wenige Minuten, dann war es zwei Uhr und die Wahlhandlung vorüber. Plötzlich erdröhnten die Treppen, als rückte eine Kompanie Soldaten herauf. Svatopluk fiel hintenüber in den Stuhl und schloß die Augen. Da ging die Türe auf und unter einem Rufe der Überraschung aller Wähler, die den Raum füllten, trat Anton ernst herein, hinter ihm eine laute Schar. Anton schritt bis an den Tisch heran und überreichte seinen bläulich schimmernden Zettel feierlich nach einigem Zögern dem zuckenden Svatopluk, der den Feind aus brechenden Augen anstarrte. Der Brauer nahm den Zettel mit einer unsicheren Verbeugung und warf ihn in die Urne. Dann wurde es still im Raume. Svatopluk bewegte den Mund wie zum Sprechen. Die Muskeln seiner Hände hüpften, sein Mund verzog sich, wie wenn ein Kind weint, aber kein Ton drang aus seiner Kehle. Hatte er den Feind verfehlt und sein Kind allein ermordet? Da fühlte Anton Erbarmen und sagte leise: »Katschenka ist im Kloster der barmherzigen Schwestern, ich habe sie dorthin geleitet.« Svatopluk machte eine heftige Bewegung, als wollte er Anton zu Füßen sinken; aber er stürzte nur seitwärts zu Boden, während seine Brust wie im Krampf sich hob und senkte. Während sich noch die Umstehenden bemühten, ihm auf die Beine zu helfen, schlug auf dem Kirchturm die Uhr. Der Brauer erhob sich und sprach: »Die Wahlhandlung ist geschlossen; schreiten wir jetzt zum Skrutinium.« Gegen Abend wurde Svatopluk, der völlig gelähmt schien, von kräftigen Männern nach Hause getragen. Der Lehrer schleppte die Krücken nach. Als der traurige Zug im öden Hause angelangt war und man den Hausherrn auf die Ofenbank niedergelegt hatte, rief der Lehrer laut, daß es schallte: »Du kannst dich zeigen, Zaboj.« Zaboj trat finster aus der Scheune und schritt bis an die Schwelle des Hauses. »Sei nicht so ängstlich,« sagte der Lehrer leise zu ihm, »das Blatt hat sich gewendet. Deine Schwester ist im Kloster, und aus Prag ist ein langes Telegramm an den Bezirksrichter gekommen. Das bißchen Blut der Schwester Barbara ist gesühnt, die Untersuchung wird niedergeschlagen, die Sträflinge allein haben alles getan.« »Und mein Vater?« fragte Zaboj dumpf. »Der arme Mann!« antwortete der Lehrer. »Man hat ihn im Verdachte gehabt. Man wollte seine Kleider gefunden haben. Alles war erlogen. Die Kleider sind verschwunden. Niemand weiß von etwas. Es wird ein entlassener Arbeiter aus dem Gebirge gewesen sein. Nur ... der Vater wird's nicht lange mehr treiben, sagt der Doktor.« Zaboj blickte zu Boden, dann sprach er: »Nicht wahr, die Wahl ist wieder deutsch ausgefallen? Sage meinem Vater, daß ich ihn nicht wiedersehen kann. Ich gehe nach Prag, ins große politische Leben, und will mich verbrauchen lassen. Ich kehre nicht mehr nach Blatna zurück.« »Niemals?« »Gewiß nicht, solange hier der Gegenbauer-Anton lebt, der letzte Deutsche von Blatna, wie wir ihn höhnisch genannt haben. Ich habe ihn von Jugend auf gekannt. Er ist keine streitbare Seele. Er ist gar kein Politiker, gar nicht ein bißchen schlau. Er ist heute noch fast wie ein Knabe. Und doch – ich sage dir, wenn alle Deutschen in Böhmen nur so lebten wie er, die Zukunft wäre dann nicht unser.« Die böhmische Handschrift Erstes Kapitel »Patzer!« Der alte Doktor Scheibler rief's mit triumphierendem Lachen und legte mit der großen, knochigen Hand seine letzten Karten, fünf hohe Tarocks, breit auf den Tisch der Laube. »Patzer! Oder hast du draußen in Deutschland auch verlernt, was Patzer heißt? Also: Stümper, mein gelehrter Herr Sohn! Tarockspielen hast du jedenfalls verlernt. Wie hast du nur Pagat ultimo ansagen können mit deinen schäbigen acht Tarockeln?« Und der alte Doktor hielt seinem Sohne eine Standrede über alle Fehler, die er gemacht hatte. Doktor Scheibler junior , in Oberntal und Umgegend immer noch, wie in seiner Knabenzeit, Doktorpeppi genannt, nahm kopfschüttelnd die Vorwürfe des Vaters entgegen. Es war etwas dran. Er hatte sich zwar »zu Haus«, in Prag, seinen Doktortitel geholt, kaum vierundzwanzig Jahre alt, war aber danach vier Semester lang draußen im Reich fleißig gewesen, in Straßburg, Leipzig und Berlin, hatte da außer dem Skatspiel noch manches andere gelernt, war aber im Tarock wirklich nicht mehr Meister. Das gaben ihm jetzt auch die beiden anderen Herren zu verstehen, der Pfarrer und der Fabrikant Weißmann. Er müßte jetzt endlich im Lande bleiben und wieder ordentlich tarocken. Mit dem Alten war ja sonst doch nicht auszukommen. Doktor Scheibler senior nahm einen tüchtigen Schluck, strich sich dann mit der Hand den mächtigen weißrötlichen Prophetenbart und sagte polternd: »Aus dem Peppi wird nichts, glaubt's mir! Ja, ich weiß schon, den Kopf hat er vollgepfropft. Jetzt ist er die zwei Monat hier und möcht' seinem Vater das bissel sauer erworbene Praxis abspenstig machen, der Lump. Aber Gott sei Dank, die Bauern und die Herren wollen von seiner Gelehrsamkeit nichts wissen. Sie bleiben mir treu, die Esel.« »Wir auch,« rief der Pfarrer, und alle lachten; alle wußten, daß der alte Doktor stolz war auf seinen Sohn, daß der Doktorpeppi nur zur Erholung und seinem Vater zuliebe und vielleicht noch aus einem anderen Grunde die paar Monate in Oberntal aushielt. Der Doktorpeppi war draußen erster Assistent von einem Monstrum an Berühmtheit gewesen und dort auch Privatdozent an der Universität geworden; er wollte sich zum Wintersemester in Prag habilitieren und hatte für später die Berufung zur Professur gewiß schon so gut wie in der Tasche. Die Herren spielten weiter, und der Doktorpeppi machte wieder einen Fehler. Dieses Mal zugunsten des Pfarrers, der sein gefährdetes Spiel gewann. Der Vater und der Fabrikant Weißmann fielen nun schon ärgerlicher über den jungen Doktor her. Kleintarock hätte er ziehen müssen, das wüßte doch jedes Kind. Und wieder schalt der Vater auf die deutschen Universitäten. Nach einem halb vergessenen Gerücht hatte der alte Doktor gar nicht ausstudiert, sondern sich Anno 48, als alles drüber und drunter ging, plötzlich als Arzt niedergelassen, sich rasch das Vertrauen der Bauern und die Gunst der Adeligen in der ganzen Umgegend verschafft und war so lange von den Behörden unbehelligt geblieben, bis niemand mehr daran dachte, ihn nach seinem Diplom zu fragen. Jedenfalls hatte er innerlich eine ungeheure Hochachtung vor der Wissenschaft und polterte nur so gegen Bücher und Bücherweisheit. Doch seine Scheu vor denen draußen im Reich war ganz echt. Eben brummte er wieder: »Das ist's ja eben, daß sie draußen nur lesen und exerzieren können, aber das da, Pilsener und Tarock, keine Spur. Ich bin wahrhaftig ein guter Deutscher, und sag's den Tschechen, so oft ich kann. Aber das versteh' ich nicht, wie ein Deutscher sich außerhalb Österreichs wohlfühlen kann.« Der Pfarrer schmunzelte zustimmend, und der Doktorpeppi sagte bedächtig: »Weißt du, Vater, ganz so enthusiastisch möchte ich mich nicht ausdrücken. Ihr wart ja alle noch gar nicht draußen.« »Oho!« riefen alle drei Herren. »Na ja, ihr wart alle in der Sächsischen Schweiz, und Herr Weißmann sogar bis in Dresden. Aber ich versichere euch, es gibt drüben auch Menschen. Und wenn ich mich hier doch wohler fühle, ja, das ist schwer zu sagen, woran es liegt. Es muß irgendwie mit der Schlamperei zusammenhängen. Wo die Schlamperei anfängt, da spricht man halt wie ich, und kocht einen guten Kaffee mit dem Ton auf der letzten Silbe und macht einen ehrlichen Knödel.« »Apfelstrudel nicht zu vergessen,« sagt der Pfarrer. »Und dann ... schön ist's hier! Donnerwetter, schön ist's!« Der Doktorpeppi legte die Karten hin und blickte unruhig nach der Veranda, wo Libussa Weißmann mit dem Hauslehrer Laska plauderte. Die Mitspieler legten geschmeichelt die Karten hin. Der alte Doktor rief: »Auf dein Wohl, du Lausbub!« und der alte Pfarrer trat gar aus der Laube hinaus, holte tief Atem, neigte seinen großen runden Kopf und murmelte: »Ein schönes Stück Schöpfung!« Es war ein Sonntagabend im Juni. Seit zwei Tagen hatte die arge Hitze nachgelassen, und der Nordwestwind kam doch nicht zu lästig herüber. Das Gebirge hielt ihn auf und ließ ihn nur den Duft der Wälder leise heruntertragen. Heute war es dazu noch so feierlich still. Vom Dorfe Oberntal war die stattliche Villa Weißmanns eine gute Viertelstunde entfernt, und von der Fabrik her, die wenige Minuten hinter der Villa am Abhange lag, war heute kein Laut zu vernehmen. Die Unterbrechung des Spiels hatte eine ganze Weile gedauert. Als der Doktorpeppi aber vorschlug, aufzuhören und mit Libussa gemeinsam einen Spaziergang zu unternehmen, da wandten sich alle wieder gegen ihn. So nahm man die Karten wieder auf, und Spiel und Streit begannen von neuem. Eine halbe Stunde später hatte der alte Doktor einen Valat angesagt und ihn nicht gerade durch einen Fehler seines Sohnes gewonnen; er hätte ihn aber vielleicht doch durch ein geniales Anspielen des Doktorpeppi verlieren können. Da verzog der Pfarrer den milden Mund und tadelte den jungen Gelehrten, daß er die schöne Gottesgabe seiner sieben Treffs nicht besser angewandt habe. Der Doktorpeppi sah sein Unrecht ein, legte aber plötzlich die Karten, die er mischen sollte, aus der Hand und sagte mit ernstem Ton: »Ich will euch was sagen, Menschenskinder. Da ist Herr Weißmann, der Vater Libussas, da ist mein eigener Vater, und da ist endlich der Herr Pfarrer, der unser Freund ist und ohnehin von allem weiß und der schließlich seinen Segen dazu wird geben müssen. Und ich spiele nicht mehr und will jetzt endlich wissen, woran ich bin.« Weißmann machte ein verlegenes Gesicht, und der alte Doktor schrie: »Ich glaube gar, der Bub wird ungeduldig. Mitten im Tapper.« Auch der Pfarrer zeigte einige Verstimmung und fragte, ob man mit so ernsten Gesprächen nicht lieber bis nach dem Nachtmahl warten wollte. »Ich nicht,« sagte der Doktorpeppi. »Merkt's euch, das lernt man draußen auch: nicht zu wursteln, sondern ein Ende zu machen, wenn's nötig ist. Und ich habe es jetzt satt, mit euch Greisen hier Karten zu spielen, während sich drüben Libussa von dem jungen Hussiten wer weiß was in den Kopf setzen läßt. Ich bitte, Herr Weißmann, heute vor acht Tagen habe ich Sie um die Hand Libussas gebeten. Sie haben sich acht Tage Bedenkzeit ausbedungen und seitdem hat bald der Pfarrer, bald der Vater mir zugeredet, doch geduldig abzuwarten. Ich habe mir vorgenommen, bis heute sieben Uhr still zu sein. Jetzt hat es sieben Uhr geschlagen, und ich will meine Antwort haben.« Der alte Doktor lachte vor Vergnügen. »Wo er's nur her hat, dieser dumme Bub?! So ein Früchtel! Auf den Tag, wie er's sich's vorgesetzt hat, hat er seine Rigorosen gemacht. Dann ist er hinaus ins Reich mit einem Programm, so lang. Und alles hat er durchgesetzt. Und am Tage seiner Rückkunft hat er mir's gleich eingestanden, es wäre noch was in seinem Programm gewesen: wenn er fertig ist, heiratet er die Libussa. Was willst du eigentlich, Weißmann? Hast du mir's nicht hundertmal gesagt, mein Peppi und kein anderer müßte dein Schwiegersohn werden?« »Wenn ich als Pfarrer mitsprechen darf, Weißmann, muß ich bemerken, daß Sie mir von unserem jungen Freunde oft und oft als von Ihrem künftigen Schwiegersohn gesprochen haben. Ja, recht eigentlich betrachtet, habe ich in müßigen Stunden schon manchmal an meiner Traurede für die beiden lieben jungen Leute gearbeitet. Jaja. Wu enner giht gern hin, zieht mer'n on een Haare hin.« Weißmann kratzte sich den grauen Kopf. »Kinder, Kinder,« sagte er, »als ob ihr nicht alle wüßtet, wie es steht. Natürlich sollst du mein Schwiegersohn werden, Peppi! Wer denn sonst? Doch nicht der Hofmeister? Der Böhm? »Aber ihr wißt ja, hinten in meiner Fabrik, da bin ich der Herr, aber hier im Haus und im Garten ... Ich habe mir ja gar keine Bedenkzeit ausgebeten, Libussa war's. Und das muß ich dir nun sagen, Peppi, ich hin gar nicht zufrieden mit dir. Wer hat dich geheißen fortlaufen zu den Preußen? Wärst du hier geblieben, so wärst du längst Libussas Mann oder wenigstens ihr Bräutigam, und es wäre alles in schönster Ordnung. Oder wenn du wenigstens jetzt, diesen Sommer, dich so aufgeführt hättest, wie so ein junges Mädel es gern hat. Wie, das wäre deine Sache gewesen. Meinetwegen mit Mondscheinpromenaden und Rosenknospen und Gedichten und Musik oder noch lieber sie vor meinen Augen ordentlich abküssen und dann sagen, so, wir haben uns verlobt, Weißmann, geben Sie nachträglich die Erlaubnis dazu. Aber nein, da mußt du nach deiner Ankunft das dumme Ding examinieren, wie sie über Gott und die Welt denkt und über die Pflichten der Frau und über die Nationalitätenfrage und Gott weiß was, und dann, wie die Prüfung noch glücklich soso ausgefallen ist, kommst du zu mir und schickst mich zum Mädel. Natürlich hat ihr das nicht gefallen, und sie läßt dich zappeln, bis du warm wirst.« »Lieber Herr Weißmann,« sagte Doktorpeppi lebhaft, »über meine Empfindungen spreche ich mit keinem Menschen, auch nicht mit dem Vater meiner Braut. Daß ich sie gern habe, das kann sich Libussa wohl denken, da ich sie heiraten will, und mein Vorgehen halte ich auch jetzt noch für die einzig korrekte Form.« »Korrekt hin, korrekt her,« sagte Weißmann ärgerlich, »sag' auch noch schneidig, damit die Libussa dich für einen ganzen Preußen hält.« »Und der Bub hat doch recht,« sagte der alte Doktor und richtete sich mit seiner hohen, hagern Gestalt in der Laube auf und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch, als ob er so leiser zu sprechen vermöchte. »Du hättest diesen Hussiten nicht in dein Haus aufnehmen sollen. Schon, daß du das Mädel vor zwanzig Jahren hast Libussa taufen lassen ...« »Einundzwanzig,« unterbrach der Doktorpeppi. »Also einundzwanzig, Federfuchser! Schon das war nicht recht. Ich weiß, ich weiß, du hast es dem seligen Pfarrer zulieb getan! Ein Skandal war's, daß man uns damals einen Tschechen nach Oberntal gesetzt hat. Ich sag' dir, Hochwürden, das war einer! Niemals ein Wort vom Tschechentum. Immer hat er nur vom glorreichen Königreich Böhmen gesprochen. Aber wenn's nach ihm gegangen wäre, so hätten alle unsere Kinder aus lauter Friedensliebe tschechisch gelernt. Und wo er bei der Taufe so 'nen recht beliebten Landesheiligen hat auftreiben können, da hat er's getan. Die Hälfte Buben aus der Zeit heißen Wenzel. Und hat ihm gar nichts ausgemacht, den Kindern von den Hussitenkriegen zu erzählen. Der war mehr Tscheche als katholisch.« Der Pfarrer räusperte sich, sagte aber nur: »Ja, ja, wir haben seltsame Heilige unter diesen böhmischen Amtsbrüdern.« Der alte Doktor nickte und sprach weiter: »So steckt ihr von Kindheit her so was im Kopf, und wie der Hofmeister da drüben gekommen ist, da hat er sie natürlich gleich bei ihrer schwachen Seite gefaßt. Den Schwindel kennen wir.« »Ich bitte dich, Doktor, nicht so laut,« sagte Weißmann. »Ihr wißt, wie ich über diese Dinge denke. Ich bin ein guter Östreicher und zahle meine Steuern. Und im Lande Böhmen sind wir zu Hause, wo Deutsche und Tschechen friedlich nebeneinander wohnen sollten. Ich gebe gern ein gutes Beispiel. Meine selige Frau war gar keine richtige Deutsche, und so ist es kein Wunder, wenn meine Tochter ein bißchen hinüberhört. Das ist doch kein Unglück! Und wenn sie auch noch so viele von den böhmischen Volksliedern singt! Ihre Kinder werden ganz gut dabei einschlafen.« Der alte Doktor schlug auf den Tisch: »Das sieht dir ähnlich, das sieht dir ganz ähnlich! Einschläfern laßt ihr euch von diesen Liedern, von denen ich nicht zwei Worte nachsprechen könnte, ohne auf meine alten Tage den ersten Backenzahn zu verlieren. Und deine Selige, sonst so ein gutes Weib, wurde immer empfindlich, wenn man sie eine Böhmin nannte. So viel machte sie sich daraus!« »Ja damals,« bemerkte der Pfarrer seufzend. »Damals waren noch andere Zeiten. Damals galt unsere schöne deutsche Muttersprache noch etwas im Lande. Damals schämte man sich noch, kein Deutscher zu sein. Heute würde Ihre Selige sich wahrscheinlich damit brüsten, eine Tschechin zu sein. Und vor Gottes Gericht ist das halt ganz einerlei. Möchten wir aber nicht ...« »Mein Bub hat ganz recht,« rief der alte Doktor, setzte sich aber nieder, als ob er das Gespräch abbrechen und nur das letzte Wort haben wollte. »Der Laska muß wieder aus dem Haus.« »Hochwürden hat ihn mir ja empfohlen,« rief Weißmann gereizt. Der Pfarrer nahm eine Prise und machte ein bekümmertes Gesicht dazu. »Das ist nicht ganz richtig, lieber Weißmann. Ich habe Ihnen die Empfehlung nur vermittelt und habe Ihnen nicht verschwiegen, daß sie von tschechischer Seite kam. Mein Gott, mein Gott,« fügte der Pfarrer plötzlich mit ernster Bekümmernis hinzu, »wie schön müßte es sein, wenn wir diese anderen nicht hier hätten, diese, diese ... es ist ja eine Sünde, aber ich glaube immer, mit dem lieben Gott darüber hadern zu müssen, daß er uns nicht allein eingesetzt hat in dieses schöne Land. Aber so ist's immer. Unserm Herrgott steckt man ee Kerzl an, dem Teifl zwei.« »Auf dein Wohl, Hochwürden,« sagte der alte Doktor und trank. Weißmann aber putzte sich ärgerlich die Brillengläser und sagte: »Einerlei, Sie haben ihn empfohlen und ich habe ihn genommen, und nun ist er da und stellt mich zufrieden, und ich behalte ihn, solange er für meinen Buben, den Franzel, ein guter Lehrer ist und der Libussa nichts vorträgt, als über Goethe und solche Geschichten. Was wollt ihr denn von mir? Ich lasse ihn ja nicht einmal im Hause wohnen. Beim Schmelkes wohnt er, freilich, weil es Libussa so angeordnet hat. Und wenn sich der hergelaufene Kerl was einbildet, so setze ich ihn gleich vor die Tür. Und morgen spreche ich mit Libussa ein ernsthaftes Wort. Sei ruhig, Peppi, und gib Karten.« Franzel kam herbeigelaufen. Ein hübscher, etwas dicker Bursche von zwölf Jahren. »Du, Peppi, wie heißt das da eigentlich auf lateinisch?»« Und er streckte dem jungen Doktor einen Büschel frühen Thymian unter die Nase. » Thymus ...« »Laß ihn in Ruh', dummer Fratz,« rief Weißmann. »Frag' den Herrn Laska. Peppi hat Karten zu geben und kann dabei seinen Kopf nicht anstrengen.« »Ach ihr!« rief Franzel und lief mit seinen Pflanzen aus der Laube heraus, an einer kleinen Allee hochstämmiger Teerosen vorüber auf die Veranda zu. Zweites Kapitel Es war eine geräumige Veranda, auf welcher Libussa Weißmann und Mikulasch Laska zu beiden Seiten eines kleinen Tischchens auf bequemen Rohrstühlen saßen. Die Stühle standen weit genug voneinander, aber beide hatten sich an den Tisch gelehnt und blickten eben jetzt in die Landschaft hinaus. Das enge Tal wurde von dem Besitztum Weißmanns vollkommen ausgefüllt. Auf der einen Seite ging der Schwarzenberg bis zur Gebirgsstraße hinunter, und gegenüber grenzte Fabrik, Hof, Villa und Garten hart an den Abhang des Obernbergs. Diese Veranda war namentlich am Abend der liebste Aufenthalt der Familie, sie ging nach Süden. Dann war die Sonne schon hinter den Tannen des Schwarzenbergs untergegangen, aber weiter hinab lag noch das volle, warme Abendlicht auf dem greifbar nahen Landschaftsbilde. Meilenweit senkte sich die Fläche hinab, bis dorthin, wo man aus den gewaltigen Kohlengruben bei Dux den Rauch aufsteigen sah. Überall reife Felder und grüne Wiesen, überall die roten Dächer und Türme der Dorfkirchen, die neue Kirche von Oberntal zunächst. Und weiter in der Ebene konnte man heute deutlich die dunkleren Massen zweier kleinen Städte liegen sehen, und weit zur Linken ragte der malerische Schloßberg von Teplitz wie im Nebel hervor, und dann die mächtige Kuppel des Donnersbergs. Geradeaus lagen die Höhen des Mittelgebirges wie purzelnde Gassenjungen; und rechtshin konnte der Blick am Gebirge vorbei ins Endlose schweifen bis zu den reichsten Landschaften Böhmens, und was man sah und was man wußte, vereinigte sich zu einer stolzen Freude, gerade an dieser Stelle der Erde zu Hause zu sein. Libussa folgte den Augen des Hauslehrers und sagte unwillkürlich: »Schön.« »Ja, unser ehrwürdiges Königreich Böhmen ist ein schönes Land, bekanntlich das schönste von der Welt,« sagte Mikulasch Laska mit seiner tiefen, weichen Stimme, aber mit pedantischer Feierlichkeit. Er redete ganz richtiges Deutsch, in der Wahl seiner Worte sogar dialektfreier als die meisten deutschen Bewohner von Oberntal, aber die Aussprache war slawisch und auffällig durch die gleichmäßige Betonung aller Silben. Franzel sprang die wenigen Holzstufen zur Veranda hinauf. »Bitte, Herr Laska, wie heißt doch das da auf lateinisch?« » Thymus vulgaris ,« erwiderte Laska, ohne zu zögern. »Aber großen Gewinn wirst du von dem botanischen Namen nicht haben. Die sind für den Apotheker. Hättest du als Kind schon böhmisch gelernt, wie sich das für einen böhmischen Knaben geziemt, so würdest du unsere böhmische Bezeichnung für das Pflänzchen kennen und würdest Freude darüber haben. Auf dem Gottesacker, wo auch deine Mutter begraben liegt, ist die Pflanze häufig zu finden, und materidouska das »Seelchen der Mutter« heißt sie deshalb in unserer herrlichen Sprache, die, bekanntlich noch tiefsinniger ist als die griechische.« Franzel sprang wieder fort und Libussa wiederholte leise das neue Wort. Sie konnte nicht tschechisch sprechen, hatte aber schon eine Menge Worte gelernt. Plötzlich bemerkte sie, daß der Doktorpeppi den Kopf aus der Laube steckte und aufmerksam nach ihr hinsah. Als ob er aus so großer Entfernung ihr Gespräch hätte belauschen können, sagte sie errötend: »Sie haben mir etwas versprochen, Herr Laska. Sie haben mir versprochen, wieder einen Vortrag über Goethe zu halten.« Mikulasch Laska lehnte sich zurück und ein müder Zug glitt über sein eben noch begeistertes Gesicht. Er war eigentlich ein hübscher Mensch, nicht gerade groß, aber wohl gewachsen, und kluge, gutmütige Augen blickten unter einer auffallend weißen und geraden Stirn hervor. Langes, ein wenig gelocktes braunes Haar ließ ihn fast noch jünger erscheinen als seine fünfundzwanzig Jahre; dabei gab ihm der braunrote starke Schnurrbart ein verwegenes Aussehen. Jetzt aber lächelte er gezwungen, etwa wie ein Schauspielernder in einer Lieblingsrolle vor einem leeren Hause auftreten soll. Er begann: »Ich habe Ihnen bisher von Goethes Leben und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit erzählt. Aus Goethes Leben haben Sie erfahren, daß man nicht genau weiß, woher seine Ahnen nach Frankfurt eingewandert sind, daß aus dem Namen Goethe aber höchstwahrscheinlich nachzuweisen ist, daß die Familie aus Böhmen stammt. Ferner wissen Sie, daß unser großer Dichter nicht so alt geworden wäre und nicht so viel herrliche Werke geschrieben hätte, wenn er nicht fast alljährlich in den böhmischen Bädern Heilung gesucht hätte. Deutschland verdankt uns also seinen Goethe in doppelter Beziehung. Die Epochen in Goethes Leben werden durch die italienische und die böhmischen Reisen festgehalten. Als Gelehrter, namentlich als Geologe, gehörte Goethe hauptsächlich Böhmen an. Heute wollen wir von dem Dichter Goethe sprechen. Da interessiert er uns Böhmen am meisten als Übersetzer. Wie er in seinen Volksliedern schon in früher Jugend seine Genialität darin offenbarte, daß er mit den lyrischen Gedichten unserer alten Königinhofer Handschrift viel Ähnlichkeiten aufweist, so ließ es sich Goethe in seinen alten Tagen nicht nehmen, dem böhmischen Volke zu huldigen, indem er eine der Perlen unserer Königinhofer Handschrift mit seiner deutschen Sprachkunst neu faßte. Sie kennen das Gedicht, welches unter dem Namen »Das Sträußchen« berühmt geworden ist, wenn auch die wenigsten Deutschen wissen, wie viel schöner noch unser Original klingt.« Auswendig sagt Mikulasch Laska die hübschen Verse der gefälschten alttschechischen Königinhofer Handschrift her. Libussa verstand keine Silbe, horchte aber aufmerksam auf die krausen Laute. Dann sprach Laska das Gedicht noch einmal geläufig auf Neuböhmisch, so daß sie schon einige Worte verstand, und übersetzte es ihr Satz für Satz silbengetreu. Endlich holte er aus dem Nebenzimmer Goethes Gedichte heraus, las mit sentimentalem Pathos Goethes Verse und machte Libussa darauf aufmerksam, wie Goethe gleich anfangs ein Wort mißverstanden habe, wie er dann durch Umstellung einiger Strophen das Gedicht zwar verständlicher gemacht, aber ihm seinen schönsten lyrischen Reiz genommen habe. Libussa hörte aufmerksam und vertrauensvoll zu. In den dreiviertel Jahren seiner Tätigkeit hatte Laska ihre unklare Neigung für die böhmische Geschichte zu einer Begeisterung für die Legenden der tschechischen Vorzeit gesteigert. Das war sein Unterricht in deutscher Literaturgeschichte, und nicht viel anders als heute waren alle seine Vorträge gewesen. Die Geschichte der deutschen Dichtung seit dem Nibelungenlied erschien beinahe als ein Nebenzweig der tschechischen Literatur. Laska hatte seiner getreuen Schülerin nicht verschwiegen, daß neidische deutsche Gelehrte die Echtheit der unvergleichlichen Königinhofer Handschrift angezweifelt hätten. Daß diese Echtheit aber von nationaltschechischen Forschern bereits preisgegeben war, das erfuhr sie nicht, sondern hörte immer wieder die Männer um ihres Glückes willen preisen, die im Kirchturm von Königinhof dieses Kleinod einst aufgefunden hatten. Es kam immer wie ein Rausch über Mikulasch Laska, so oft er die Geschichte dieser Entdeckung erzählte. Kein Sterblicher schien dann eine größere Tat vollbracht zu haben. Und wenn Mikulasch Laska und Libussa sich an stillen Abenden nach der Unterrichtsstunde ihren Träumereien hingaben, dann spielte immer wieder die Möglichkeit ähnlicher und noch größerer Glücksfälle hinein. Die uralte Kultur von Böhmen sei durch die Herrschaft deutscher Könige und endlich vollends durch die Despotie nach der Schlacht am Weißen Berge niedergetreten worden. Jahrhundertelang habe niemand im Volk Sinn mehr gehabt für die Taten und Gedanken der heimischen Vorzeit. Noch gebe es aber uralte Wälle und uralte Türme, in denen sicherlich Heldengedichte von Herzogin Libussa – der sagenberühmten Namensschwester seiner Schülerin – verborgen lagen und nur der Wünschelrute harrten. Wie eine fixe Idee schien diese Hoffnung Laskas Phantasie zu beherrschen. Aber Libussa verteilte in ihrem Sinne die Rollen etwas anders. Sie, das unbegabte Weib, wollte so eine alte böhmische Handschrift finden. Ab und zu stöberte sie auch im Keller und auf dem Boden unter den alten Papieren ihres Vaters, ob da nicht vielleicht ein vergilbtes Pergament zum Vorschein käme. Oft schon war sie mit tschechischen Geschäftsbriefen zu Laska gekommen und hatte ihn erwartungsvoll angesehen. Es waren aber immer nur Bestellungen auf Kattun gewesen. Mikulasch Laska sollte sich nicht mit der Arbeit des Suchens aufhalten. Er war ein Dichter und ein Führer seines Volks, geboren für eine große Aufgabe. Daß er ein Dichter war, das ahnte sie aus seinen Vorträgen über deutsche Literatur, und überdies hatte er ihr einmal verraten, daß er an einem großen Epos über die Verbrennung des Johannes Hus und die Hussitenkriege arbeite. Es sollte ein Epos in drei starken Bänden werden. Und die Hölle sollte darin ebenso wie im Dante geschildert vorkommen. Daß Laska zum Führer seines Volks berufen war, das wußte Libussa wieder von ihm selbst. Er hatte nämlich gesessen. Als Student war er für eine blutige, aber nationale Prügelei zu vier Wochen Gefängnis verurteilt worden. Er war ein politischer Märtyrer, und politische Märtyrer werden immer die Helden ihres Stammes. So sollte er sich auch nicht mit geringen Dingen abgeben, sollte dichten und kämpfen. Sie aber, wenn sie die Urkunde für den alten Ruhm Böhmens glücklich aufgefunden hatte, wollte sie demutvoll dem edlen Lehrer überreichen und glücklich sein, wenn sie so teilnehmen konnte an seinem Streben und an seiner künftigen Größe. Drittes Kapitel Libussa wurde abberufen. Sie sollte Dunstobst und noch einige Kleinigkeiten zum Nachtmahl herausgeben. Die alte Köchin brummte dabei wieder einmal gegen den Herrn Lehrer, den Ungarn, wie sie ihn nannte. Sie stammte aus dem Egerland und verstand auch nicht ein Sterbenswort tschechisch, und sie bildete sich ein, tschechisch und ungarisch wäre dasselbe. Besonders die beiden Wagenpferde des Herrn Weißmann machten ihr Sorge. Ungarn waren Pferdediebe, wie überhaupt die Zigeuner. Und für so einen das große Glas mit Marillen (Aprikosen) aufzumachen. Zum hundertsten Male wollte Libussa sie belehren: die Ungarn wären keine Zigeuner und die Tschechen keine Ungarn. »Das weiß ich besser,« sagte die alte Rosel. »Wie ich ein so junges Madel war wie Sie, Fräul'n Busserl, da hab' ich so einen lieb gehabt. Sein Regiment ist in Eger gewesen. Nu, ich bin eine Gans gewesen, Sie, Fräul'n Busserl, sind viel zu gescheit für so was. Wunderschöne Liedeln hat er gewußt. Und was ist das Ende gewesen? Abmarschiert ist er mit seinem Regiment. Nu frag' ich Sie, ob das nicht so ein Ungar oder ein Zigeuner gewesen ist?« Die Herren wurden zum Nachtmahl gerufen. Man setzte sich ohne Umstände um den großen runden Tisch. Herr Weißmann zwischen den Pfarrer und den alten Doktor, gegenüber Libussa zwischen Laska und den Doktorpeppi. Franzel hatte seinen Katzentisch hinter dem Platze des Vaters. Die alte Rosel trug selber auf und schien mit ihrem rotglänzenden Gesicht und mit ihren frischgewaschenen Händen und Armen die ganze Gesindestube ins Zimmer zu bringen. Es fiel aber keinem auf als dem jungen Doktor. Rosel blieb steif und feierlich, bis Weißmann die ersten Worte zu ihrem Lobe sprach. Da wurde sie freundlich und redete jedem einzeln zum Essen zu. Ein Schock Krebse waren der erste Gang, dann nur noch ein mächtiger Lungenbraten mit gerösteten Erdäpfeln. Sie hatte großen Erfolg und wurde sehr gnädig. Nur dem vermeintlichen Ungarn nahm sie unversehens sein Glastellerchen fort, als er zum drittenmal von den eingemachten Marillen nehmen wollte. Während des Nachtmahls wurde fast nur über die Güte der Speisen gesprochen. Der Pfarrer führte das große Wort und machte fast verwegene Scherze. Wenn es im Himmel richtige Mahlzeiten gäbe, so müßten die oben auch von einer böhmischen Köchin zubereitet werden. Ja, ja, er sei und bleibe ein alter Josephiner und wisse, daß beim lieben Gott und dem guten Kaiser ein loses Wort nicht viel auf sich habe. Das seien so sächsische und preußische Hungerleider, die das Wort aufgebracht hätten: Besser eene Laus in'n Kraute, als gor kee Fleisch. Der Pfarrer gebrauchte dreist die heimatliche Mundart, so oft er seine lieben Sprichwörter benutzte. Als der Doktorpeppi mitteilte, draußen im Reich nenne man so einen Lungenbraten ein Filet, da lächelten die alten Herren über die Torheit der Preußen. Als aber Laska die Namen der Speisen ins Tschechische übersetzte und man erfuhr, der saftige Braten heiße bei ihm ein Talgbraten, da brach ein herzliches Gelächter aus, und selbst der Herr Pfarrer, der eigentlich nicht mehr konnte, nahm zu Ehren der schönen Bezeichnung noch ein ganzes Stück »Talgbraten«. Nach Tisch blieben die Herren sitzen; nur Franzel wurde hinaufgeschickt, Libussa zog sich zurück. Man trank noch einige Gläschen und plauderte unter gemütlichen Neckereien über dies und das. Ob das gräfliche Bier jetzt so gut bekomme wie unter dem früheren Braumeister, wieviel Schritte die steinerne Brücke in Prag lang sei, wann der Doktor seinem Sohne den ersten Patienten anvertrauen würde, ob der Kaufmann Schmelkes wirklich nach Wien übersiedeln wolle, ob er sein Vermögen dem Schmuggel verdanke oder nicht. Zwischendurch bat der Pfarrer den Fabrikanten um eine Unterstützung für eine Arbeiterin, die sich nach ihrer Entbindung noch schonen mußte, und der alte Doktor erzählte die Geschichte eines merkwürdigen Beinbruchs. Der Doktorpeppi hatte den Fall selbst gesehen und erklärte ihn anders. Sein Vater schrie ihn an wie einen Knaben. Der Doktorpeppi blieb bei seiner Meinung und schwieg erst, als der alte Pfarrer sich ins Mittel legte und mit Autorität erklärte, daß in solchen Dingen die Alten immer recht hätten. Schlag zehn Uhr ertönte auf der Straße der langgezogene Ton des Nachtwächters. Das war jeden Sonntag das Zeichen zum Aufbruch. Der Nachtwächter hatte das Nebenamt, den Pfarrer seinen Weg nach Haufe zu geleiten. Dafür wurden die vielen Kinder des Nachtwächters umsonst getauft und nachher, was auch schon einigemal vorgekommen war, umsonst zu Grabe geleitet. Ohne viel Förmlichkeiten brach man auf. Etwa eine Viertelstunde abwärts von Weißmanns Villa standen die ersten Häuser des Dorfes. Hier, wo an einer Kapelle des heiligen Nepomuk die Wege sich kreuzten, fing das eigentliche Oberntal an. An die Rückwand der Kapelle stieß das Spritzenhaus, in welchem außer einer alten und unbrauchbaren Feuerspritze auch noch eine neue verwahrt wurde, und außerdem allerlei altes Gerümpel, von dem man nicht wußte, wem und wohin es gehörte. Dieses kleine Gebäude, das jetzt in der klaren Nacht neben dem kreuzgekrönten Kapellchen wie das Stück einer Kirchhofsmauer aussah, gehörte schon zum Grundstück des Kaufmanns Schmelkes. Bis zu dessen »Gemischter Warenhandlung« waren es noch ein paar hundert Schritte, und man munkelte im Dorfe schon seit Jahrzehnten, daß die Schmelkesse nur deshalb ihren Laden so weit draußen gebaut hätten, weil sie mit den sächsischen Schmugglern in Verbindung standen und nicht beobachtet sein wollten. An der Kapelle verabschiedete sich wie jedesmal der Pfarrer. Links ging es in einen kleinen Wald, das Paterbüschel; durch das niedrige Gehölz konnte der Pfarrer viel rascher zu seinem Haus gelangen, als auf dem weiten Umwege durchs Dorf, das sich in einem flachen Bogen um den Abhang herumzog. Mikulasch Laska ging noch bis zum Kramladen mit, sagte dann gute Nacht und machte sich an der Haustür zu schaffen, als ob er sie öffnen wollte. Der Doktor und sein Sohn schritten rasch weiter. Als sie hinter einer stumpfen Ecke verschwunden waren, murmelte ihnen Laska einige tschechische Worte nach. Es war keine Verwünschung, nur ein harmloser tschechischer Nachtgruß. Aber Mikulasch Laska fühlte sich doch freier, da er wieder ein paar Laute seiner Muttersprache gesprochen hatte. Er reckte sich, steckte die Hände in die Hosentaschen, kehrte um, nahm seinen Weg ebenfalls durch das Paterbüschel. Er mußte langsam gehen, denn aus der Entfernung glaubte er abgerissene Laute von der Unterhaltung zwischen dem Pfarrer und dem Nachtwächter zu vernehmen. Er hatte reichlich getrunken und fühlte eine gewisse Flüchtigkeit in seinen Gedanken. Es war schändlich, daß er, ein echter Sohn des Landes, das Sklavenbrot essen mußte bei dem Eingewanderten, dem Deutschen, dem Njemez. Slawenbrot, Sklavenbrot. Aber es war ein Glück, daß er gerade in dieses Haus geraten war. Weißmann war ein gerechter Mann, ein Waschlappen, kein Tschechenfresser. Der Franzel wird Tschechisch lernen und Libussa ... Donner und Hölle, wie es in seinem Lieblingslied hieß, Libussa war vorherbestimmt, an seiner Seite in rotsamtnem Kleid einmal vor allem Volk dazustehen als Königin von Böhmen, als Frau des gekrönten Dichters oder doch als Gymnasialdirektorin. Aber jedenfalls in rotem Samt. Sie liebt ihn ganz gewiß, und er, ojemine, er liebt sie wahrscheinlich auch. Aber die dumme Angst, die er hat. Nicht vor ihr, nicht vor dem Vater, nicht vor dem Pfarrer, dem deutschen Verräter, nicht vor dem Doktorpeppi, dem preußischen Spion. Donner und Hölle, mit dem kleinen Finger zerdrücken will er sie alle, alle auf ein Häuferl. Aber Angst hat er doch. Nämlich vor dem anständigen Haus, vor dem anständigen Mädchen, vor seinem eigenen guten Benehmen. Wenn er doch jemand hätte fragen können: »Wie sagt man so einem feinen Mädchen, daß man sie lieb hat?« Wie er ein Bub war, da hat er Geschwisterkinder gehabt. Die Marianka und die Katschenka, Bauernmädel. Und dann auf der Schule hat er das andere Geschlecht nur von weitem gesehen. Später aber, soweit er zurückdenken kann, immer nur Kellnerinnen. Darunter hübsche, gute Kellnerinnen, aber keine einzige Erinnerung, die ihn hätte lehren können, wie man es mit Fräulein Libussa anfängt. Das Wäldchen war durchschritten, vom Pfarrer und Nachtwächter nichts mehr zu sehen und zu hören, und Mikulasch Laska kreuzte schnell die Dorfstraße, die sich hier wieder den Abhang hinauf nach Norden zog. Noch eine gute halbe Stunde talwärts lag Kippsdorf, ein armes Nest, das aber die Eisenbahnstation von Oberntal war. Kippsdorf war ebenso deutsch wie Oberntal, aber hier gab es doch schon einen national-tschechischen Verein. Mikulasch Laska hatte die Organisation geschaffen, und jeden Sonntagabend gab es eine Zusammenkunft in dem übelberüchtigten Wirtshaus, das während des Bahnbaues, für die Arbeiter entstanden war und jetzt, um der jungen Wirtin willen und weil man da angeblich sehr billige deutsche Zigarren bekam und sehr starken Rheinwein, ab und zu von den bescheidenen Lebemännern der nächsten Umgebung besucht wurde. Laska wurde von der hübschen, runden Wirtin sehr freundlich, aber ohne die rechte Vertraulichkeit begrüßt. Nicht einmal bis zu einer Wirtin hatte es Mikulasch noch gebracht. »Es sind noch alle da!« rief sie ihm zu, während er über den Hof nach einer Hintertür ging. »Ein Seidel Gräfliches und ein Quargel,« sagte Laska mit voller theatralischer Aussprache auf Tschechisch und trat dann ein. In der kahlen kleinen Stube, die als einzigen Wandschmuck ein schlechtes Muttergottesbild aufwies, saßen an einem gemeinen kleinen Wirtshaustisch drei Männer. » Na zdar! « riefen sie ihm zu, er antwortete mit dem gleichen Gruß und setzte sich auf den vierten Stuhl. Jetzt war der Verein vollzählig beisammen. Ihm gegenüber saß der Präsident, der Stationsvorsteher von Kippsdorf, ein noch junger Mann, der den nächsten Vorgesetzten gegenüber seinen nationalen Fanatismus verheimlichte, sich von früh auf durch kleine Dienste, Angebereien und die Bereitwilligkeit, begangene Fehler auf seine Kappe zu nehmen, eingeschmeichelt und es so in jungen Jahren dahin gebracht hatte, Vorsteher der kleinen Station zu werden. Laska hatte ihn lange nicht bewegen können, in den Verein einzutreten, der doch wieder ohne den Vorsteher nichts Rechtes war. Endlich hatte er ihn mit dem Präsidententitel bestochen. Hier in der schlechten Hinterstube, deren Armut nur von zwei Talgkerzen beleuchtet war, weil die alte Petroleumhängelampe doch nur als Erholungssitz für die Fliegen zu dienen schien, hieß der Stationsvorsteher pan president , Herr Präsident, und er hatte sich's ausdrücklich ausbedungen, daß man ihn nicht mit der neumodischen slawischen Übersetzung des Wortes Präsident anredete, mit pane predseda . Präsident, das klang vornehm. Na ja ... deutsch! Der Herr Präsident hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn er zur Vereinssitzung ging. Es konnte ihn seine Karriere kosten. Und sein Tschechentum offen zu bekennen, dazu hatte er nicht die geringste Lust, früher nicht, als bis er in einer besseren Stellung und keine Gefahr mehr damit verbunden war. Zur Rechten des Präsidenten saß das Vereinsmitglied Trouba, sonst sein fast einziger Untergebener; ein Taglöhner, den er selbst zum Weichensteller und Wagenschieber abgerichtet hatte. Trouba war das Verhängnis des Vorstehers geworden. Er war glücklicherweise gutartig, anstellig und ziemlich fleißig. Aber er trank gern einen Schnaps und war als Vereinsbruder unausstehlich. Dazu die ewige Verwechslung. Solange Trouba nüchtern war, nannte er ihn sogar im Verein Herr Vorsteher, sonst aber – so von sechs Uhr nachmittags an war seine Zeit – rief er ihn auch im Stationsgebäude pane president . Links vom Präsidenten saß der Bergarbeiter Hrntschirsch, ein stumpfsinniger, etwas schief gewachsener Mann von kaum vierzig Jahren, der vom Bahnbau her in der Gegend hocken geblieben war, bis zur Stunde kaum eine Silbe Deutsch verstand und glücklich war, hier eine Ansprache zu finden. Er empfand die Ehre gar nicht, mit einem Beamten und mit einem Studierten an einem Tische zu sitzen, während Trouba diese Ehre durch eine übertriebene Ergebenheit erwiderte. Mikulasch Laska besaß keine persönliche Eitelkeit, er wußte sich der heiligen Sache zu unterwerfen. Natürlich hätte ihm der Präsidententitel gebührt. Freiwillig und gern war er zurückgetreten und war nur Vizepräsident und Sekretär des Vereins. Zu schreiben hatte er bis jetzt noch nichts gehabt, präsidiert hatte er ein einziges Mal, als ein heftiges Schneewetter den Vorsteher und Trouba gezwungen hatte, auf der Strecke auszuharren und Schnee schaufeln zu lassen. Leider war in jener Nacht auch der Bergarbeiter früh abgerufen worden, eben zum Schneeschaufeln. Die Vereinsabende wurden gewöhnlich mit freien Diskussionen ausgefüllt. So oft zu heftig auf die Regierung oder die Kirche geschimpft wurde, schickte der Vorsteher den Trouba fort, und der Präsident diskutierte mit dem Vizepräsidenten in deutscher Sprache weiter. Heute lag eine harmlosere Angelegenheit vor. Trouba hatte ein tschechisches Provinzblättchen mitgebracht, worin die in deutschen Gegenden verstreuten Tschechen beschworen wurden, ihre Kinder niemals in eine deutsche Schule stecken zu lassen. Habe man erst irgendwo eine Anzahl tschechischer Kinder angemeldet, so sei die Regierung geneigt, eine tschechische Schule zu schaffen. Diese ziehe wieder einen tschechischen Lehrer mit dessen Kindern in die Gegend, so würde die nationale Bewegung rasch gefördert. Trouba hatte den Artikel vorgelesen und der Vorsteher hatte ihn dem Bergarbeiter erklärt. Nachdem die Wirtin frisches Bier für die Herren, frischen Schnaps für die beiden Arbeiter und für Laska noch seinen Käse gebracht hatte, konnte die Diskussion beginnen. Laska, der sich gern reden hörte und wirklich fließend sprach, hielt eine donnernde Ansprache, als hätte er tausende Zuhörer vor sich. Das sei ein ganz gesetzlicher Weg, und im Nordosten Böhmens habe man schon manche deutsche Stadt durch die tschechischen Schulkinder erobert. Hier im Nordwesten müsse man es ebenso machen, und bei der größeren Schwierigkeit der Verhältnisse müsse die Propaganda auch rücksichtsloser ausgeübt werden. Wer Kinder habe, müsse tschechische Schulen verlangen, und wer noch keine Kinder habe, müsse heiraten, um welche zu kriegen. Frühe Heiraten – glückliche Heiraten. Eine Tschechin heiraten oder doch ein edles Weib, das die künftigen Kinder der Nation zu widmen verspreche. Und er malte, sich an seinen eigenen Worten berauschend, ein Zukunftsbild aus, wie die Deutschen einfach durch die überquellende Fülle der tschechischen Nachkommenschaft über die Gebirgswälle Böhmens hinausgedrängt würden. Als er geendet hatte, herrschte in der Stube verlegenes Schweigen. Nur der Bergarbeiter, der alle duzte, sagte gutmütig: »Gern will ich wieder Kinder kriegen, du hast ganz recht, Lehrer, das wird die Deutschen ärgern, und Kinder machen Spaß. Aber weißt du, ich habe da unten bei Budweis schon eine sitzen. Glaubst du, daß ich trotzdem noch einmal heiraten kann?« Trouba blickte scheu nach dem Vorsteher. Der wohnte mit seiner jungen Frau im Stationsgebäude und hatte keine Kinder. Als der Vorsteher immer noch nicht antwortete, sagte Trouba endlich zu ihm: »Ich bitte ergebenst um Verzeihung, Gnaden pane president , aber er hat es nicht so gemeint, der Laska. Wie Gott will. Und wenn er es so gemeint hätte, so wäre es eine Gemeinheit von Gnaden dem Herrn Vizepräsidenten.« »Schweigen Sie, Trouba!« rief der Vorsteher. »Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß Sie hier nur in Vereinsangelegenheiten das Wort ergreifen dürfen, und meine Kinder, Herr Vizepräsident, sind doch hoffentlich keine Vereinsangelegenheit.« »Na denn,« sagte Trouba, »frage ich Gnaden Herrn Vizepräsident, warum Sie selbst noch nicht geheiratet haben? Sie haben bei Schmelkes zwei Zimmer und können heiraten. Ich nicht.« Laska setzte erregt auseinander, daß sein Vortrag nur ganz allgemein und nicht persönlich gemeint war, und daß es ihm ferngelegen habe, den Herrn Präsidenten oder die Frau Präsidentin kränken zu wollen. Der Vorsteher hörte aus diesem Anlaß zum erstenmal den Titel »Frau Präsidentin« und beruhigte sich. Trouba aber war nicht so schnell zu beruhigen. »Können Sie denn nicht warten, Herr Vizepräsident? Ich will ja, und sie will auch, aber vor Weihnachten übers Jahr ist es nicht möglich. Und Sie selbst, Herr Vorsteher, wissen doch am besten, daß es jetzt noch nicht möglich ist. Und dann, wenn ich geheiratet habe, ich werde mich ja diebisch freuen, wenn ich Kinder kriege, aber doch nicht wegen der Schule. Und ich kann erst Weihnachten übers Jahr heiraten. Was predigen Sie mir da? Ich habe keine Kinder für die Schule. Und wenn ich jetzt schon welche hätte, wie würde der Herr Vorsteher schimpfen und der Herr Pfarrer. Was predigen Sie mir da? Heiraten Sie, wenn Sie wollen, und schicken Sie Ihren Ältesten gleich mit der Amme in die Schule. Aber predigen sollen Sie nicht. Mir nicht, und dem Herrn Vorsteher auch nicht. Wer sind Sie denn? Ich will Ihnen etwas sagen, Gnaden Herr Vizepräsident, Sie wissen gar nicht, was ein Vorsteher ist. Der versteht sogar die Eck, Leck, Dreck ... Na das, den Teregraf, und Sie wollen ihm von Kindern predigen? Jawohl, sagt ein gutes Sprichwort: Je mehr Hunger, desto mehr Kinder. Lehrer haben viele Kinder. Heiraten Sie doch, Herr Vizepräsident Gnaden.« »Ich werde heiraten,« sagte Laska ernst. »Und ich werde in Oberntal eine tschechische Schule schaffen helfen.« Der Bergarbeiter fragte noch einmal, ob er hier wieder heiraten könnte, im Deutschen, und schimpfte dann auf die Geistlichen. Laska, der sich als Hussiten fühlte, und Trouba, der ein Freigeist war, schimpften mit. Der Vorsteher hörte eine Weile unruhig zu und unterbrach endlich das immer lebhafter gewordene Gespräch mit den kurzen Worten: »Trouba, gehen Sie nach Hause.« »Das ist nicht wahr,« sagte Trouba, »das steht nicht in den Statuten. Hier sind wir alle gleich. Alle Menschen sind gleich und Sie haben mir gar nichts zu sagen. Gnaden Herr Vizepräsident, ich will ... wie sagt man, Gnaden Herr Präsident? Ich bitte ums Wort. Gnaden Herr Präsident soll abgesetzt werden, Gnaden Herr Vizepräsident! Ich will ... wie sagt man ... natürlich auf armen Tagelöhnern trampelt man rum. Ich will ... Donnerwetter wie sagt man doch ... eine Generalkommandoversammlung will ich, und auf der Generalkommandoversammlung da soll Gnaden Herr Präsident Vizepräsident werden, und Gnaden Herr Vizepräsident soll Präsident werden.« »Trouba, Sie sind betrunken. Morgen ist um sechs Uhr Dienst. Gehen Sie nach Haus.« »Bitte tausendmal um Verzeihung, Herr Präsident. Ich gehe schon. Bitte, Gnaden Herrn Präsident, und wegen der beiden Kohlenwagen, die im Schuppen stehen ...« »Gehen Sie nach Haus, Trouba, hier sind wir nicht im Dienst.« Trouba hatte ganz den Kopf verloren. »Befehlen, Herr Vorsteher,« sagte er auf deutsch und ging. »Der Teufel soll Ihren Verein holen,« sagte jetzt der Vorsteher ebenfalls auf deutsch zu Laska. »Mit solchem Gesindel lassen Sie mich fraternisieren!« »G'sindel,« wiederholte Hrntschirsch das deutsche Wort und fügte auf tschechisch hinzu: »Das habe ich ganz gut verstanden. Ich habe was gelernt. G'sindel bin ich.« »Und kurz und gut,« fuhr der Vorsteher auf deutsch fort, »wenn Sie nicht noch ein paar bessere Leute aus der Umgegend zusammentrommeln können, Laska, so leg' ich das Amt nieder. Das heißt, wissen Sie, ich will keinen Skandal. Ich will nicht förmlich austreten, aber ich komme nicht mehr her.« »Aha, Herr Vorsteher! Sie möchten die Würde behalten ohne die Bürde. Das gibt's nicht. Ohnehin liegt schon alles auf meinen Schultern; und wenn wir einmal soweit sind, dann will ich es Ihnen gedenken. Wissen Sie, Herr Vorsteher, Sie sind ein Achselträger, Sie sind ein Deutscher! Sie sind aus Reichenberg. Sie reden deutsch wie ein Deutscher.« »Ich?« rief der Vorsteher entrüstet. »Das hat mir noch niemand gesagt. Und das lasse ich mir nicht nachsagen. Erst Weihnachten vor einem Jahr hat mir die Frau vom Güterinspektor in Teplitz gesagt, daß ich so einen schönen böhmischen Akzent habe. Sie reden deutsch! Ihnen hört man den Böhmen nicht an!« »Was unterstehen Sie sich,« sagte Laska heftig und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. »Ich? Ich bin kein Reichenberger, ich bin aus Prag gebürtig, oder doch nur zwei Stunden von Prag entfernt geboren. Natürlich rede ich besser deutsch als Sie, weil ich studiert habe, und weil ich nicht immer am Land' gelebt habe; aber Akzent habe ich, Akzent laß ich mir nicht nehmen, und für mich sind Sie deshalb noch lange kein Präsident, Herr Vorsteher.« »Gut, gehen wir also.« Und mit einem kurzen Na zdar verließ der Präsident des nationalen Vereins von Kippsdorf und Umgegend die Stube. Laska dachte an die heilige Sache und wollte ihm nacheilen; dann fiel ihm aber ein, daß er schon lange mit dem Arbeiter hatte unter vier Augen reden wollen. Und gerade heute war durch das Gespräch mit Libussa der Wunsch in ihm noch reger geworden, in der Angelegenheit seiner altböhmischen Handschrift endlich einen entscheidenden Schritt zu tun. Er ging also selbst in die Schenkstube, wo hinter dem großen Kachelofen nur noch zwei verdächtige Gäste saßen, Schmuggler wohl, und bestellte bei der Wirtin frisches Bier und einen großen Schnaps für den Arbeiter. Der war eingeschlafen, als Laska zurückkehrte. Der Schnaps weckte ihn wieder so weit, daß Laska mit ihm unterhandeln konnte. Nämlich er, der einfache Bergarbeiter Hrntschirsch, könne sich um das teure Vaterland Böhmen ein unsterbliches Verdienst erwerben. Er könne durch einfache Handarbeit dazu beitragen, die Deutschen in ihrem empfindlichsten Punkte zu treffen, in ihrem Stolz auf ihre alte Kultur. »Du sprichst sehr schön, Laska,« sagte der Arbeiter, »du leckst mir das Ohr mit deinen Worten, aber, verstehen tue ich nichts. Kein Sterbenswörtchen habe ich verstanden von dem, was du mir da hineinpfeifst.« Laska fing von neuem an. Da sei ein alter literarischer Schatz vorhanden, etwas Geschriebenes, etwas Heiliges, wie eine Bibel. Damit die verfluchten Deutschen daran glauben, müssen sie es selbst finden, wo es eingemauert ist, und wo es darum vorher eingemauert werden muß. Laska hatte das bestimmte Gefühl, sich unklar und geheimnisvoll ausdrücken zu müssen. »Mauern kann ich,« sagte Hrntschirsch. »Aber was du da pfeifst, das verstehe ich nicht. Was willst du von mir? Zahl mir noch einen Schnaps, und ich maure dir ein, was du willst. Und meine Frau in Budweis maure ich mit ein.« Mehr wollte Laska nicht. Er nahm dem Arbeiter bei allen Heiligtümern der böhmischen Krone das Versprechen ab, nichts zu verraten. Hrntschirsch öffnete die Augen etwas weiter und suchte in seinem Dusel einen unklaren Gedanken festzuhalten. Wenn man sein Schweigen verlangte, dann hatte man etwas zu verschweigen. Also will er dafür einen Sechser Trinkgeld. Und da Laska bereitwillig darauf einging, so schraubte Hrntschirsch die Forderung immer höher, bis Laska einen ganzen Gulden bewilligte und Hrntschirsch erschreckt innehielt. Mehr als einen Gulden konnte er doch nicht verlangen, auch wenn er einen Diebstahl oder so was zu verheimlichen hätte. Laska nahm noch Schwur und Handschlag entgegen und ging zufrieden seiner Wege. Ein Verrat von diesem Kerl war nicht zu fürchten; er war in der Trunkenheit nur noch schweigsamer und stumpfsinniger als sonst, und im äußersten Fall war er gar nicht fähig, einem Deutschen die Geschichte mitzuteilen. Erregt ging Laska den gewohnten Weg durch das Paterbüschel nach Hause. Es fiel ihm auf, daß beim Händler im Keller zu so später Stunde noch gearbeitet wurde; das kümmerte ihn aber wenig, keinesfalls hatte das Treiben des Schmelkes etwas mit der großen böhmischen Frage zu tun. Laska ging eine Treppe hoch auf seine Stube und legte sich zu Bett. Aber er konnte nicht einschlafen; da stand er wieder auf und begab sich im Hemd an seine große bemalte Reisetruhe. Beim Lichte seines Kerzenstumpfs öffnete er das Schloß und hob den schweren Holzdeckel. Obenauf lag das Abzeichen eines geheimen Prager Vereins, ein Hussitenstock mit glänzendem Beilgriff, ferner ein Sokol-Anzug, wie ihn die tschechischen Turner bei festlichen Aufzügen zu tragen pflegten; sonst nur Bücher und Schriften. Unter diesen ein sorgfältig verschnürtes Paket, das er jetzt aufband und aus der Hülle löste. Es war ein seltsames Heft von sechs Pergamentblättern in der Größe eines stattlichen Buches, doppelt so hoch als breit. Die Blätter waren dunkel und nur an wenigen Stellen war die hellgelbe Farbe erhalten geblieben. Beschrieben waren sie nur auf der ersten Seite mit dunkler Farbe in einer feinen schnörkelhaften Schrift, die einen Kenner wohl an die St. Galler Nibelungenhandschrift erinnert hätte. Ganz stilgerecht waren die einzelnen Verse nicht auf je eine Zeile verteilt, sondern gingen immer weiter, und erst nach sechs bis acht Reihen gab es einen neuen Absatz. Die Ränder des Pergaments waren nicht glatt, sondern sahen durchaus unregelmäßig aus, als ob sie an Flammen versengt und von Mäusen oder Säuren angefressen worden wären. Laska begann zu frösteln und legte sich mit der Handschrift wieder zu Bett. Er machte sich den Spaß, eine Ecke an seinem Licht verkohlen zu lassen. Er war Herr über diesen Schatz, über die künftige Oberntaler Handschrift. Laska war ganz fremd in solcher Archäologie und hätte irgendeine andere deutsche oder böhmische Handschrift aus dem dreizehnten Jahrhundert kaum zu lesen vermocht. Aber seinen Schatz hatte er schon so oft in der Hand gehalten und die Verse schon so oft daraus hergesagt, daß er sich wirklich einbildete, sie lesen zu können. Eigentlich aber kannte er die demnächst zu entdeckende Oberntaler Handschrift Silbe für Silbe auswendig. War er doch selbst der Dichter. Vor vier Jahren, als er das Verhältnis mit der Kellnerin am Porzitsch gehabt hatte, in Prag, im Wirtshaus zum blauen Schwan, da waren diese Verse entstanden. Andulka nannte er die freundliche Schöne, und vom blauen Schwan war viel die Rede. Eine dunkle Erinnerung sagte ihm, daß er eigentlich nur böhmische Volkslieder, einige Kleinigkeiten der Königinhofer Handschrift und Goethes Gedichte nachgeahmt hätte; aber Andulka, die in der schnöden Wirklichkeit Pepitschka hieß, hatte ihm mindestens jeden Buchstaben einmal mit einem Kusse gelohnt, und so war in ihm der Glaube an seine dichterische Bedeutung geweckt und gestärkt worden. Er hatte den Mut gefaßt, die Verse an Andulka den beiden Kollegen vorzulesen, mit denen ihn außer einem wilden und opfermutigen Nationalgefühl auch noch etwas Schöngeisterei verband. Der eine war Philologe wie er, aber mehr mittelalterlichen Fachstudien zugewandt, während Laska ganz nüchtern seine Studien trieb, um einmal Gymnasiallehrer werden zu können. Der andere war Chemiker und nebenbei ein bißchen Tausendkünstler. Die beiden Freunde waren von den Liebesergüssen des Mikulasch Laska wenig erbaut gewesen; denn auch sie kannten die dicke Andulka und nahmen sie weniger empfindsam. Aber sie heuchelten großen Anteil, baten sich das Manuskript aus und überraschten den Dichter zu seinem Namensfeste, am Tage des heiligen Nikolaus, mit einer übermütigen Prachtausgabe der Gedichte, In parodierender Weise hatte der Philologe die Verse in alttschechischen Schriftzügen zu Papier gebracht, und der Chemiker hatte sie mit höchst realistischen und unzüchtigen Bildchen versehen, die archaistisch im Stil der Witzblätter gehalten waren. Laska fühlte sich nicht einen Augenblick verletzt, trotzdem das Werk in zinnoberroter Schrift den Titel führte: Porzitscher Handschrift, aufgefunden im blauen Schwan, hinten heraus. Das war alles so hübsch gemacht, daß in seinem Kopf allmählich, nicht der Plan, aber die Phantasie auftauchte, seine Reime könnten einmal für ein Dokument aus dem dreizehnten Jahrhundert gehalten werden. Unter Scherzen zuerst teilte er den Freunden den tollen Einfall mit, und unter Scherzen machte sich der Philologe daran, die Verse ins Altböhmische zu übersetzen und auf nachgemachtes Pergament zu übertragen. Als das erste Blatt fertig war, waren die beiden anderen von der »Echtheit« verblüfft. Nur der Philologe selbst, da er Feuer gefangen hatte, vernichtete das Blatt wieder, fing noch ein zweites und drittes Mal von neuem an, bis er den richtigen Duktus in der Hand hatte, und nun rasch nacheinander die sechs Blätter herstellte. Für das letzte hatte Laska noch das Bruchstück eines Epos hergegeben, mit dem er als sechzehnjähriger Knabe seinen Lieblingshelden Ziska besungen hatte. Vom Philologen erst daran erinnert, daß in einer Handschrift aus dem dreizehnten Jahrhundert nicht gut von den Hussitenkriegen die Rede sein könnte, änderte Laska den Namen und überließ es dem übermütigen Fälscher, ebenso wie bei den Liebesliedern die gewissenhafte Übertragung in den Ton etwa der Königinhofer Handschrift vorzunehmen. Da durfte kein Wort gebraucht werden, das modern war, und auch Grammatik und Orthographie mußten echt werden. Das Bruchstück des Epos gelang eigentlich am besten. Es konnte zu jeder Zeit spielen, denn es war in den vorhandenen fünfzig Zeilen von nichts weiter die Rede, als wie ein tschechischer Held die Fremden massenhaft totschlug. Die Freunde hatten sich auf eigene Faust erlaubt, die Poesie Laskas durch Wendungen altserbischer Lieder und durch einige schmückende Beiwörter Homers aufzufrischen. Es konnte gar nicht schaden, wenn die Welt erfuhr, daß Böhmen vor mehr als sechshundert Jahren einen Dichter besessen habe wie Homer. Als die alte Handschrift mühsam hergestellt war, sah sie wirklich aus wie das Faksimile so eines alten literarischen Schatzes. Aber verdammt neu war doch die Schrift und das Pergament. Nun nahm aber der Chemiker die Blätter nach Hause und versprach, sie sollten schön braun werden wie ein böhmischer Kolatschen, und die Schrift darauf schwarz wie böhmische Powidl. Was dieser Mensch, der übrigens kein so rechter Vaterlandsfreund war, sondern mehr ein Schreier und ein Gassenjunge, was der Chemiker mit dem Pergament zwei Monate lang anfing, das verriet er nicht. Einmal sagte er, er lasse es braten, dann wieder, er habe es verbrannt, einmal erzählte er ernsthaft, er habe das ganze Pergament den großen Elefanten in der Menagerie auf dem Viehmarkt verschlucken lassen, er warte nur, daß es herauskomme, dann werde es ganz echt sein. Und am nächsten Tage gab es unendliches Gelächter, als Mikulasch Laska vom Chemiker dabei betroffen wurde, wie er ängstlich um die große Holzbude der Menagerie herumstrich. Noch andere Bären band der Chemiker den Freunden auf. Er habe die Handschrift zum Gerben gegeben, dann: er habe den Entschluß gefaßt, sie für hundert Jahre zu vergraben. Endlich kam er eines Abends zum gemeinsamen Tisch im blauen Schwan und legte die vollendete Handschrift auf den Teller. Laska und der Philologe waren starr vor Staunen. Sie war wirklich echt geworden, und als Laska erschrocken bemerkte, daß vom Schweinsknöchel auf dem Teller ein Fettfleck daraufgekommen war, meinte der Chemiker ruhig: »Laß nur, gerade der Fleck hat noch gefehlt. Jetzt ist es über allen Zweifel. Es ist historisch nachgewiesen, daß die alten Böhmen Schweinsknöchel gegessen haben. Jetzt ist alles in Ordnung.« Laska war damals unruhig geworden; er wickelte die Handschrift in den Speisezettel ein und steckte sie in die Tasche. Solche Dinge zeigte man doch nicht in einer offenen Wirtsstube. Als Pepitschka wiederholt herankam, um die Biergläser zu holen und gefüllt wiederzubringen, spürte Laska ein unsinniges Verlangen, ihr seine Verse in so wunderlicher Gestalt zu zeigen. Und der Chemiker ließ es an Neckereien nicht fehlen. Pepitschka werde durch Laska unsterblich werden, Pepitschka werde nicht untergehen und ihr Name oder der Name Andulka werde von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt werden. Pepitschka verstand nur soviel, daß man sie aufzog und daß man ihr einreden wollte, Mikulasch werde sie heiraten. »Ihr verdammte Bande,« sagte sie lachend, »ihr gönnt's dem Mikulasch nur nicht, daß ich ihn lieb habe. Ich aber habe einen silbernen Ring von ihm, und der hält wie eiserne Ketten. Fragt ihn nur, das sind seine eigenen Worte ...« Damals ... am nächsten Tag waren die drei auf der Stube von Laska zusammengekommen, um zu beraten. Der eigentliche Fälscher, der Philologe, hatte diese Zusammenkunft verlangt. Er hatte plötzlich den Mut verloren und sich 's verbeten, daß Ernst gemacht würde. Er sei im Begriff, ein Amt anzutreten, und überhaupt sei das ganze eine Schweinerei. Während er noch sprach, prüfte er mit peinlichster Aufmerksamkeit jeden Buchstaben und jedes Wort der Handschrift und lächelte von Zeit zu Zeit recht selbstzufrieden. Auf eine Frage Laskas sagte er auch geradezu, er glaube nicht, daß man die Fälschung so leicht würde entdecken können. Der Chemiker wollte die Sache nicht ernst nehmen. Ihm sei es ganz einerlei, was mit dem Zeug geschehe. Echt sei das Pergament, seitdem es der Elefant gefressen habe, und wenn er es erst einmal im Museum unter Glas zu sehen kriege, so wolle er sich totlachen. Mikulasch Laska entschied endlich dahin, er wolle die Handschrift in Verwahrung nehmen und vorläufig nichts damit anfangen. Die beiden Freunde mußten aber bei allem Hohen und Teuren schwören, niemals und unter keinen Umständen zu schwatzen. Der Schwur wurde geleistet, und Laska war so wenigstens des Philologen sicher. Der Chemiker, dessen Einfällen nie recht zu trauen war, starb, kurz bevor Laska nach Oberntal kam. Dieser Tod schien dem Besitzer der Handschrift ein Wink des Schicksals zu sein ... Mit solchen Erinnerungen lag Mikulasch Laska auf seinem Bett und sagte sich die altböhmischen Verse her. Das Gedicht vom silbernen Ringlein gefiel ihm am besten, Pepitschka hatte es immer so gern gehabt. Das war das einzige, das er ihr schriftlich übergeben hatte. Einen Augenblick ging es ihm durch den Kopf, daß Pepitschka ihn verraten könnte. Aber Pepitschka war ein treues Herz und eine gute Patriotin. Liebhaber hatte sie gewiß auch nach ihm gehabt. Aber verraten, nein, das tat sie nicht. Kam zum Schmied mit einem Groschen, Mit dem blanken Silbergroschen. Schmiedlein, Schmiedlein, nimm den Hammer, Nimm den kleinen Eisenhammer. Schmied' mir einen Silbergroschen, Ihn zu einem feinen Ringlein, Für Andulkas Rosenfinger, Für den allerliebsten Finger. Schmied' ein blankes Silberringlein, Schmied' es fest mit deinem Hammer, Denn das schmale Silberringlein Soll mir ihre Liebe binden. Nicht wie Gold und nicht wie Silber, Nicht wie Seide, nicht wie Bänder, Soll mir ihre Liebe binden, So wie schwere Eisenketten, Wie im Kerker der Gefangne Sitzt in schwerer Eisenkette. Doch eigentlich ein wunderschönes Gedicht. Wenn man eitel wäre, würde man hundert solche Gedichte anfertigen und unter dem Namen Mikulasch Laska in die Welt schicken. Der war aber nicht eitel, dem war es allein um die heilige Sache zu tun, der wußte seine Person beiseite zu setzen und unbekannt und unberühmt sich zu freuen, wenn die Welt staunte über die Fülle von Poesie, die über Böhmen ausgegossen war, als die Bettelpreußen noch nichts zu eigen besaßen, nicht einmal einen schwäbischen Minnesänger. Und doch nicht so ganz unbekannt und unberühmt sollte Mikulasch Laska bleiben. Er wollte den namenlosen Dichter entdecken, wollte die Lieder ins Neutschechische übersetzen und die Welt verhöhnen, die staunend zur Oberntaler Handschrift pilgerte und gezwungen wurde, den Böhmen den Vorrang einzuräumen vor den anderen Völkern Europas. Kam zum Schmied mit einem Groschen, Mit dem blanken Silbergroschen ... Andulka war doch eine erhebende Geliebte gewesen. Und das Bier im blauen Schwan ..., in Kippsdorf wurde gepantscht ... Nur ein kleines Silberringlein Um Libussas lieben Finger. Libussa war auch ... wie?... eine noch erhebendere Geliebte ... Wenn nur ... Laska hatte noch die Kraft, die Handschrift unter sein Kopfkissen zu schieben, dann schlief er ein. Viertes Kapitel Es war Juli, und zu beiden Seiten der Straße, die von der Fabrik zum Dorfe hinaus führte, hatte die Kirschenernte begonnen. Das Obst reifte hier oben um acht Tage später, als in der Ebene. Dafür aber waren die Weichseln von Oberntal berühmt bis nach Prag und bis nach Dresden, und im Kloster Osseg durfte das ganze Jahr über auf die Linzertorten nichts anderes kommen, als eingemachte Oberntaler Weichseln. Und dieses Jahr waren sie besonders gut geraten. War es die Einbildung, weil man doch im Vorübergehen überall die großen Kiepen stehen sah, in die die Kirschen hineingeworfen wurden, oder dufteten die Bäume in diesen heißen Tagen wirklich anders als sonst, oder kam der Heuduft von den Wiesen unterhalb des Dorfes bis herauf, oder würzten die Tannen von den Bergen herab die Luft des Tales, niemand konnte es sagen. Aber wie ein Rausch von Sommerdüften stieg es von überall zu den Menschen, und der alte Doktor selbst konnte sich dem nicht verschließen. »Man kriegt ordentlich einen Durst,« sagte er; und meinte damit, daß auch seine Seele gehoben sei durch den duftigen Zauber der Natur. Libussa wollte jetzt keine abgeschnittenen Blumen mehr in den Zimmern dulden. Sie ließ im Garten Reseda blühen und welken und öffnete nur Tag und Nacht weit die Fenster, um hereinströmen zu lassen, was sie die gottbegnadete Luft Böhmens nannte. Mikulasch Laska stimmte ihr lebhaft bei; jenseits der Berge im Westen rieche es nur nach Bier und Dünger, im Norden nach Schnaps und Kohle. Was Blumenduft sei, das wisse man nur in Böhmen. Auch die Nächte waren fast übermäßig warm, und einige Langschläfer fingen an, ihr Bett mit Sonnenaufgang zu verlassen, um diesen wunderbaren Genuß zu kosten: zu atmen. Selbst rings um die Fabrik, wo sonst nur weithin schlechtes Öl und muffiger Wasserdampf zu spüren war, zitterte es jetzt von Waldesduft und wer weiß was noch. Die Arbeiterinnen sangen den ganzen Tag, und der Pfarrer klagte, daß die Liebespärchen am Rande der Kornfelder selbst ihm nicht mehr auswichen, als ob er das jetzt verstehen müßte. Der Doktorpeppi war weichmütiger geworden und hatte Libussa schon zweimal um sechs Uhr morgens zum Spaziergang abgeholt. Die jungen Burschen hatten im Forst eine mächtige Tanne gestohlen und sie heimlich über Nacht vor dem Fenster der hübschen Bäckerstochter aufgepflanzt. Sie hatte sich verlobt, und die Tanne sollte der ganzen Gegend verkünden, daß die Burschen sie alle gern hatten, so oder so. Sommerduft schwebte zum Himmel wie Weihrauch in einer Kirche. Jeden Abend, wenn Mikulasch Laska um neun Uhr oder auch später ins Dorf zurückkehrte, schwoll ihm die Brust, und auch er atmete und trank die Luft, als wenn sie national-böhmisches Bier wäre. Nur wenn er in die Nähe seiner Wohnung kam, hörte dieses Wollustgefühl des Lebens auf, als ob das Haus des Schmelkes nicht auf dem Lande gestanden hätte. Es war Stadtgeruch oder noch schlimmer; es war nicht angenehm. Er hielt tagsüber die Fenster geschlossen, und so war es nachts dumpfig in seiner Stube. Schon Ende Juni hatte er diese unangenehme Empfindung zum erstenmal gehabt. Sie steigerte sich und bald war er nicht mehr der einzige, der es bemerkte. Als am zweiten Julisonntag, dem sechsten nach Trinitatis, die Tarockgesellschaft von Weißmann heimkehrte und der Pfarrer sich an der Nepomuk-Kapelle von den zwei anderen trennte, machte zuerst der Nachtwächter darauf aufmerksam. »Hochwürden,« sagte er, »ich bin nur ein schlichter Mann, aber beim Schmelkes hat's was. Und bedeuten tut's auch was. Will Hochwürden nicht selber schnuppern?« Der Pfarrer schnupperte, der alte Doktor und der Doktorpeppi schnupperten auch, und alle stimmten dem Nachtwächter bei, daß es da etwas habe. Aber zu bedeuten habe es vielleicht doch nichts. »Es riecht wie nach schlechtem Petroleum und wie nach verdorbener Seife,« erklärte endlich der Doktorpeppi. »Natürlich,« sagte sein Vater höhnisch. »Die Nase hat er sich da draußen auch verbessern lassen. Stinken tut's, das wissen wir alle. Aber so ein ausländischer Gelehrter, der weiß immer gleich, wo die Flieg' gemolken werden soll.« Man trennte sich und die beiden Doktoren Scheibler, senior und junior, stritten noch lange darüber, wonach es eigentlich röche. Vom nächsten Tag ab sprach man im Dorfe von der seltsamen Naturerscheinung. Wer weiß, was da für Zeichen und Wunder geschehen konnten. Die kleinen Leute waren mit dem Nachtwächter der Meinung, es habe was zu bedeuten. Vielleicht ein Mord. Der Jud Schmelkes hatte es so eilig, nach Wien zu übersiedeln. Die Aufgeklärteren munkelten von einem ungeheuren Erdbrand tief unten irgendwo, und eines Tages würde Oberntal zusammenstürzen, wie vor kurzem erst die Straßen von Brüx. Die Meinung des Doktorpeppi drang schließlich durch. Von Tag zu Tag deutlicher roch es nach Petroleum. Auf dem Grundstücke des Schmelkes war der Herd des merkwürdigen Geruches. Hinten, etwa fünfzig Schritte von seinem Keller entfernt, war es am stärksten zu spüren. Und da Schmelkes die Neugierigen nicht auf sein Gehöft ließ, so standen den ganzen Tag müßige Leute, alte Männer und kleine Kinder am Plankenzaun und warteten auf ein unerhörtes Ereignis. Nach Feierabend gesellten sich andere Dorfbewohner zu ihnen, und endlich wurde Schmelkes Zaun allabendlich zum Sammelpunkt für das ganze Dorf. Die Burschen trafen sich dort mit ihren Mädeln, und der Wirt mußte neben dem Zaun ein Faß Bier auflegen, wenn er sein Bier überhaupt loswerden wollte. Auch Laska stand der rätselhaften Erscheinung erregt gegenüber. Er berichtete sogar an die Prager Zeitung, der er schon einigemal wichtige Oberntaler Neuigkeiten hatte zukommen lassen. Das nationale Blatt kam nur in einem Exemplar in die Gegend; Laska war darauf abonniert und legte es allwöchentlich dem Verein von Kippsdorf vor. Am Sonntagabend wurde bei Weißmann sehr viel von der merkwürdigen Naturerscheinung gesprochen. Laska machte die Bemerkung, daß das herrliche Böhmen reich genug sei, um ohne Hilfe des Auslandes all seine Bedürfnisse befriedigen zu können. Viehzucht und Ackerbau, Bergbau und Industrie seien bekanntlich auf der ganzen Welt nicht so entwickelt, wie in der Heimat. Der böhmische Rübenzucker sei anerkannt besser als der indische Rohrzucker. Und überhaupt. Nur an Salz und Petroleum habe es bisher gefehlt. Da wäre es doch mit nationalem Jubel zu begrüßen, wenn man hier eine Petroleumquelle entdeckte. Der Doktorpeppi machte eine ironische Bemerkung über die Unwahrscheinlichkeit und sprach etwas von Geologie. Da wurde er aber von seinem Vater angefahren, und auch Weißmann stimmte dem Ideengang Laskas lebhaft zu. Das würde ein ganz ungeheures Geschäft, wenn man wirklich auf Petroleum stieße. Und wer es zuerst entdeckte und sich den Vorteil zu sichern wüßte, der wäre ein gemachter Mann. Millionen wären mit so was zu verdienen. Laska erkundigte sich neugierig nach den Vorgängen und juristischen Formalitäten bei einer solchen Quellenentdeckung, und mußte von Weißmann und vom alten Doktor manchen Spott darüber einstecken, daß die erste böhmische Petroleumquelle in einer rein deutschen Gegend zutage träte. Aber recht ernst genommen wurde das Gespräch von den Herren nicht, und der Pfarrer fand Zustimmung, als er schließlich meinte, keine Gabe Gottes sei zu verachten, aber man solle in Oberntal mit dem gesegneten Holz des Gebirges, mit den guten Kohlen der Ebene und mit der köstlichen Gottesgabe der Weichseln am Abhang zufrieden sein. Was früher nicht gewesen sei, das werde auch wohl nicht kommen, und zu diesen Neuerungen habe er kein Vertrauen und keine Lust. Er brenne Öl, gutes, gesegnetes böhmisches Rapsöl. Auf dem Heimwege sprach der Doktorpeppi nur seine Verwunderung darüber aus, daß Schmelkes, der Besitzer des Grundstücks, nicht aus Gewinnsucht habe nachgraben lassen. Der Pfarrer aber lobte den Händler eifrig. Schmelkes betreibe seine Sache und habe freilich den bösen Leumund, es mit den Schmugglern zu halten, aber gutmütig sei er, wohltätig sogar, und er, der Pfarrer, wisse ein Lied davon zu singen. An der Kapelle machten sie Halt, schnupperten wie vor acht Tagen, und der Nachtwächter sagte: »Hochwürden, kommen S' weiter. Hier ist's nicht richtig. Ich trau' mich gar nicht mehr in die Näh'.« Man trennte sich, und wieder schritt Mikulasch Laska wenige Minuten hinter dem Pfarrer und dem Nachtwächter durchs Paterbüschel dem Vereinslokal in Kippsdorf zu. Dort fand er verstimmte Gesichter. Der Weichensteller Trouba war nicht zugegen. Er hatte sich den Fuß verrenkt. Nun waren der Vorsteher und der Bergarbeiter Hrntschirsch seit bald zwei Stunden allein beisammen gewesen, und hatten noch nicht ein Sterbenswort miteinander gesprochen. Beide erzählten dem Vizepräsidenten, kaum daß er sich zu ihnen gesetzt hatte, die Geschichte zu gleicher Zeit, der Arbeiter auf tschechisch, der Vorsteher auf deutsch. Vielleicht kam es davon, daß der Anlaß zum Streite so verschieden herauskam. Hrntschirsch erzählte, er sei viel früher als der Herr Präsident zur Stelle gewesen und habe einen Schnaps auf dessen Wohl getrunken. Als der Herr Vorsteher erschien, habe er, Hrntschirsch, sich nicht mit den üblichen Zeichen der Hochachtung begnügt, sondern sei ihm sogar um den Hals gefallen. Ein Stoß vor den Magen sei die Antwort des Herrn Präsidenten gewesen, und das lasse sich ein Mitglied nicht gefallen. Ins Gesicht, warum nicht, auf den Kopf, gern. Aber vor den Magen, wo man doch eben erst auf das Wohl getrunken habe, das dürfe ihm nicht einmal der König von Böhmen antun. Auch vom König von Böhmen lasse er sich nicht vor den Magen stoßen. Auf den Kopf recht gern. Zornig erzählte inzwischen der Vorsteher, in welchem viehischen Zustande er den ganzen Verein, verkörpert durch diesen Hrntschirsch, angetroffen habe. Übrigens seien dessen anatomische Kenntnisse mangelhaft. Leicht und vornehm habe er ihn zurückgedrängt und ihm dabei unbedeutend die Brust berührt. Während Hrntschirsch jetzt undeutlich weiter brummelte, verlangte der Vorsteher dringlich, der Bergarbeiter Hrntschirsch müßte wegen seiner Unflätigkeiten aus dem Verein ausgestoßen werden. Laska runzelte ärgerlich die Stirn. Ihm stand die Sache immer über der Person, und er fand den Präsidenten kleinlich in seiner Eitelkeit. Aber gerecht wie immer, suchte er aus seiner Tasche die aufgeschriebenen Satzungen hervor, um nachzusehen, was man eigentlich für solche Ereignisse vorbedacht hätte. In den Satzungen stand nichts. Da stellte der Vorsteher den formellen Antrag, den Hrntschirsch sofort durch Mehrheitsbeschluß hinauszuwerfen. Erregt erwiderte Laska, daß ihr bisheriges deutsches Gespräch Privatgespräch gewesen sei, die Vereinssprache sei die tschechische. Das wenigstens stehe in den Satzungen, glücklicherweise. Wenn der Präsident formellen Antrag stellen wolle, so solle er ihn im tschechischen Gewande vorbringen. Auch sei es eine Forderung der Gerechtigkeit, daß Hrntschirsch von dem Antrag erfahre. Würdevoll hielt nun der Vorsteher eine Rede in dem schönsten Tschechisch, das er aufbringen konnte, und gebrauchte für die entscheidenden Worte so gebildete Ausdrücke, daß Hrntschirsch sich leise geschmeichelt fühlte und nur immerwährend sagte: »Bitte, bitte, pane president . Ich bin nicht mehr böse. Hat gar nichts zu sagen.« Laska wollte die Sachlage aufklären, aber der Präsident unterbrach ihn mit Donnerstimme: »Die Debatte ist geschlossen. Wir schreiten zur Abstimmung. Ich stimme für meinen Antrag.« »Ich behalte mir einen Protest gegen die willkürliche Führung der Geschäfte vor und stimme gegen den Antrag,« sagte Laska ernst. »Herr Lehrer!« rief der Vorsteher entrüstet, »das hätte ich von Ihnen nicht erwartet. Sie sind ja ein ganz fanatischer Mensch. Ich bin wahrhaftigen Gott ein guter Patriot. Aber so ganz allein mit einem ganz ungebildeten Kerl hier zu sitzen, das ist nichts für mich. Man will doch in seinem Verein ein gebildetes Gespräch führen. Und der Kerl spricht nichts als sein verdammtes Stockböhmisch. Nicht einmal Deutsch kann er.« »Ich warne Sie, Herr Präsident,« sagte Laska. »Sie haben mich einen tiefen Blick in Ihre Anschauungen tun lassen. Sie haben Bildung und deutsche Sprache fast wie gleichbedeutende Worte gebraucht. Ich warne Sie. Übrigens bitte ich, die Sache zu Ende zu führen. Ihr Antrag hat bisher, wenn Sie zu zählen belieben, die gleiche Anzahl Stimmen für und gegen sich. Die Stimme des Hrntschirsch wird entscheiden ... Sag' nein!« schrie er den Arbeiter auf Tschechisch an. »Nein!« sagte Hrntschirsch. »Sag' ja, verdammter Kerl, und du bekommst ...« »Ich protestiere gegen Bestechung der Wähler,« rief Laska. »Das Vereinsmitglied hat deutlich nein gesagt, und Ihr Antrag, Herr Präsident, ist mit allen gegen eine Stimme gefallen.« Der Präsident rückte mit dem Stuhl und stützte mit halber Wendung den linken Ellbogen so auf den Tisch, daß er seinem Gegner den Rücken wandte. Laska setzte sich ebenso, mit dem Gesicht gegen Hrntschirsch gewandt. Es verging eine dumpfe Viertelstunde. Dann zog Laska die Zeitung hervor und las etwas verstimmt mit halblauter Stimme einen langen Aufsatz über die Verdienste der Tschechen um den Protestantismus. Der Vorsteher war heute so schlechter Laune, daß er keine der kühnen Behauptungen des Artikelschreibers gelten lassen wollte. Hrntschirsch, der weit versöhnlicherer Natur war, ließ sich von Laska über das und jenes belehren, stimmte aber dann dem Herrn Vorsteher bei. Daß all die Lutheraner da draußen Tschechen seien, das könne er nicht glauben, denn Tschechen seien Christen. Die Lutheraner aber seien doch nur Heiden und Juden. »Also pane Vizepräsident, sei doch gescheit. Was so ein Ochse wie ich weiß, da müßtest du dich doch schämen, nicht zu wissen.« Der Vorsteher lachte demonstrativ und fing wieder an, deutsch zu sprechen. Es wäre doch ein Vergnügen gewesen, mit einem so studierten Manne wie Laska sich über diesen Luther zu unterhalten, aber in Gegenwart dieses plebejischen Kerls wäre das nicht möglich. »Wissen Sie, Laska, Sie sollten jeden Sonntag zu uns kommen. Meine Frau wünscht Sie kennen zu lernen und sekkiert mich wegen der Vereinssitzungen. Na, ich erzähl' immer, was wir gesprochen haben. Und dann will sie wissen, wer noch da ist, und ich kann doch nicht sagen, der Trouba und der Hrntschirsch. Ich sag' ihr, das ist ein Geheimnis, und da hat sie wieder Angst und sekkiert mich wieder. Ich sag' Ihnen, Laska, das Gescheiteste wär', Sie kämen zu uns. Meine Frau ist sehr gebildet. Sie hat Schillers sämtliche Werke und könnte sehr gut Klavier spielen, wenn wir eins hätten. Und sie sagt mir jeden Sonntag, bring doch den Laska mit.« Laska machte eine weite Handbewegung, als ob er hätte sagen wollen: Ich mag deine Frau nicht, solange ich im Kampfe stehe. Laut sagte er: »Ich werde mich bei erster Gelegenheit der Frau Vorsteherin vorstellen lassen. Und wenn sie eine gute Patriotin ist, was Schillers sämtliche Werke nicht eben beweisen, so soll es mich freuen. Mit dem Verein hat sie nichts zu schaffen.« Der Vorsteher verteidigte und rühmte seine Frau, und das gute Einvernehmen zwischen dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten wurde halbwegs wieder hergestellt. Als der Vorsteher aber bald nach Mitternacht die Stube verließ, würdigte er doch das dritte Vereinsmitglied keines Grußes. Laska hatte nur auf die Entfernung des Vorstehers gewartet, um mit Hrntschirsch die nächtliche Expedition zu verabreden. Ob der Arbeiter für ein gutes Trinkgeld und aus Liebe zur nationalen Sache nach Oberntal kommen wolle, dort ein bißchen zu graben. Hrntschirsch verlangte dafür einen Schnaps und später fünfzig Kreuzer für jede Stunde Arbeit. Was er denn zu tun hätte? Gewiß was Ungesetzliches. Immer will man von ihm was Ungesetzliches. Laska forderte ihn auf, sich im Wirtshaus eine Schaufel oder einen Spaten zu leihen und ihm nur durchs Paterbüschel zu folgen. Er werde schon sehen. Nach Petroleum hätte er zu graben. »Das ist ganz falsch, pane Vizepräsident,« sagte Hrntschirsch. »Da nimmt man nur einen Bohrer und einen Eimer. Man bohrt das Faß an und läßt laufen. So holt man Petroleum aus einem fremden Keller.« Als er erfuhr, daß es sich nicht um einen Diebstahl handle, sondern um eine heimliche Mutung, wurde er plötzlich sehr selbstbewußt. Jawohl, da müsse man einen Spaten haben. Man grabe einen Klafter tief oder auch hundert, und dann komme auf einmal so eine Menge Petroleum aus der Erde heraus, für tausend Gulden und noch mehr. In Ungarn habe er einmal gearbeitet, da habe er einen Kameraden gehabt, der habe irgendwo weit weg Petroleum gegraben. Der habe mit eigenen Augen gesehen, wie das Petroleum aus der Erde herauskam wie ein Springbrunnen und zwei Arbeiter in die Höhe gehoben habe tausend Klafter hoch, daß sie mit gebrochenen Beinen wieder herunterkamen. Das sei sehr gefährlich. Aber für den Herrn Vizepräsidenten tue er alles, weil er ihn nicht vor den Magen gestoßen habe. Sie brachen auf, und Hrntschirsch borgte sich ohne viel zu fragen einen Spaten, der draußen am Stallgebäude angelehnt war. Dann machten sie sich auf den Weg. Im Paterbüschel wurde Hrntschirsch plötzlich ängstlich und weigerte sich, weiter zu gehen. Er sehe ganz gut, daß die gnädigen Herren Präsident und Vizepräsident so einen armen Teufel nur ins Unglück bringen wollten. Und er habe jetzt genug an schlechter Behandlung und sitzen wolle er auch nicht mehr. Nur mit Mühe vermochte Laska ihn zu beruhigen. Plötzlich aber war Hrntschirsch wieder wie stumpfsinnig geworden und schritt seinen Weg, als ob er täglich so bei Nacht mit einem Spaten zur Arbeit ginge. Vor der Statue des heiligen Nepomuk wollte Laska ihn noch einmal schwören lassen. Als er aber seinen Zustand wahrnahm, verzichtete er darauf. Sie betraten, nachdem Laska das Haus leise geöffnet hatte, mit aller Vorsicht den Hofraum. Stumm schritt Laska voran und zeigte mit dem Finger nach der Stelle, an welcher Hrntschirsch graben sollte; der Arbeiter schüttelte den Kopf, setzte aber endlich den Spaten an, drückte mit dem rechten Fuß darauf und holte die erste Scholle Erde herauf. »Noch leiser,« sagte Laska, als Hrntschirsch die schwarze Masse neben sich geworfen hatte. Hrntschirsch nickte mit dem Kopfe und grub weiter. Vorsichtig legte er jede Scholle beiseite und hatte schon nach wenigen Minuten ein rundes Loch im Durchmesser einer Elle zwei Spatenstiche tief ausgehoben. Immer deutlicher stieg den beiden der starke Geruch des Erdöls in die Nase. Laska bückte sich, um als Mann der Wissenschaft das Erdreich zu untersuchen. Soviel er davon verstand, war nur die oberste Schicht dunkler Humus, dann kam ein Gemenge etwa von Lehm und Kies. Er nahm eine Probe in sein Taschentuch, um sie einem Fachmann vorlegen zu können. Er fühlte nachher mit großer Freude Petroleumgeruch an seinen Fingern. Hrntschirsch mußte weiter graben. Man kam fast eine Elle tief, der Geruch wurde immer stärker. »Wenn es uns nur nicht ins Gesicht springt,« flüsterte der Arbeiter. Laska aber empfand plötzlich alle Aufregungen eines Schatzgräbers. So klar der Mond auf den öden Hof herunterschien, im »Bohrloch«, wie es Laska innerlich auf deutsch nannte, war es nicht hell; man konnte von oben nicht wahrnehmen, ob sich in der Tiefe die Farbe oder die Konsistenz veränderte. Laska, kniete jetzt am Rande des Lochs und griff jedesmal hinunter, wenn Hrntschirsch wieder einen Spaten voll herausgeholt hatte. Der Arbeiter ruhte von Zeit zu Zeit und deutete dann pantomimisch an, der Quell könnte plötzlich hervorbrechen und ihnen beiden, in die Gesichter fahren. Wieder hatte er einmal seine Tätigkeit unterbrochen und sich aus der mitgebrachten Flasche gestärkt, wieder holte er langsam eine kleine Scholle nach der anderen heraus, als es dem ungeduldigen Laska vorkam, es wäre ihm ein Tropfen vom Spaten her ins Gesicht geflogen. Rasch steckte er seine rechte Hand tief in die Öffnung. Es war kein Zweifel. Feucht, nein, naß fühlte sich der Boden an ... und jetzt, wie er mit den Fingerspitzen tastend umhersuchte, ob nicht an irgendeiner Stelle die Flüssigkeit reichlicher vorhanden wäre, da zuckte er vor Freude zusammen. Nicht vom Boden her, sondern von der Seite kam's. Deutlich an seinen Fingern vorbei, kühl und weich, rieselte es in das Bohrloch. In einem fast unbewußten Wonnegefühl ließ Laska seine Finger eine Weile in diesem heiligen Bade spielen, dann zog er die Hand zurück und führte sie an die Nase. Petroleum! Er führte die Finger auch an die Lippen, zu kosten oder zu küssen, er wußte es selbst nicht. Plötzlich sprang er in die Höhe. Vielleicht lag das Schicksal Böhmens in diesem Augenblick auf ihm. Er durfte keinen taktischen Fehler begehen. Stumm faßte er den Spaten und bedeutete Hrntschirsch, mit dem Graben innezuhalten. Der Arbeiter trat zwei Schritt von dem Loche zurück, als fürchtete er die nahe Explosion. Laska stand da in einer Feldherrnpose, einen Feldherrnblick auf den Hof werfend und darüber hinaus auf Oberntal und Europa überhaupt. Keinen Fehler begehen. Vielleicht ist das Nachgraben schon ein Fehler gewesen. Warum hatte er nicht mit mehr Vertrauen gehandelt? Als ob der Boden Böhmens nicht Petroleum geben müßte! Jetzt vor allem den Fehler gutmachen! Zuschütten! Nein! Zuerst eine Probe nehmen. Rasch zog er seine Stiefel aus und eilte auf den Socken nach seiner Stube. Dort wählte er nicht lange. Sein Stammseidel aus dem blauen Schwan – der Deckel zeigte einen roten Löwen und die Initialen M.L. –, das Stammseidel ergriff er, hob es wie ein Weihgeschenk einmal ehrfurchtsvoll zum Bildnisse Ziskas empor und eilte damit wieder hinunter. Wenn der Quell wieder versiegt wäre! Nein, der Boden des Bohrlochs war mit der Flüssigkeit bedeckt und von der Seite rieselte es immer noch gleichmäßig, kühl und weich, um seine Finger herab. Er legte das Stammseidel an, und nicht länger als etwa eine Minute dauerte es, bis es gefüllt war: Zitternd in seiner freudigen Bewegung richtete er sich langsam auf, hielt das Glas gegen den Mond, der trübe durch die gelbliche Flüssigkeit schien, und dann sank er dem überraschten Hrntschirsch in die Arme. Das Stammseidel hielt er dabei vorsichtig hinter dessen Rücken. »Gnaden Herr Vizepräsident,« fing Hrntschirsch an. Aber Laska legte ihm die freie Hand rasch auf den Mund und fing selbst an, das Loch zuzuschütten. Schnell und leise sollte es geschehen. Der Arbeiter nahm den Spaten wieder zur Hand. Laska setzte das Stammseidel in einiger Entfernung nieder auf den Boden und half dann mit beiden Händen nach. Von Zeit zu Zeit traten sie beide ins Bohrloch, um die Erde festzustampfen. Nach einer halben Stunde war alles wieder zugeschüttet und so weit als möglich die Spur des nächtlichen Werkes verwischt. Mit schwarzer Erde war die Stelle überstreut, und Laska zog sich erst seine Stiefel wieder an, um die Oberfläche ein wenig glätten zu helfen. Dann trat er in furchtbarer Erregung an Hrntschirsch heran und versprach ihm fünf Gulden, fünf einzelne harte Silbergulden, wenn Hrntschirsch gegen jedermann schweigen wollte. Auch sei Hrntschirsch das als guter Patriot dem Vaterland schuldig. Der Arbeiter nahm seinen letzten Schnaps, legte seine rechte Hand irgendwohin auf die Brust und schlich mit unsicheren Schritten davon. Laska aber ergriff wieder das Gefäß mit dem ersten Seidel böhmischen Petroleums und ging damit auf seine Stube hinauf. Auch er wankte beinahe und mußte sich am Geländer festhalten. Auf seiner Stube brannte noch immer die Lampe, eine Petroleumlampe! Manche Million von solchen Lampen gab es im Lande Böhmen, und er war der Mann, der sie von jetzt ab mit nationalem Öle speisen würde. Er setzte das Glas mit der schmutzigen Flüssigkeit neben die Lampe auf den Tisch, setzte sich müde nieder und wollte nachdenken. Da aber kam es über ihn. Weit breitete er die Hände aus, schlug mit der Stirn auf die Tischplatte und weinte vor Freude und Erregung. Mikulasch Laska war also ausersehen, geistig und materiell der Befreier Böhmens zu werden. So echt war dieses Erdöl, daß ein Bruchteil dieser Echtheit gewiß auch noch seiner Handschrift zugute kam. Sie mußte echt sein! Auf einmal kamen ihm wieder Zweifel. Mit zitternden Fingern knitterte er eine Nummer seiner Prager Zeitung zusammen und tauchte sie leicht in sein Stammseidel, dann legte er das Papier ins Ofenloch und hielt erwartungsvoll ein brennendes Streichholz daran. Erschüttert von seinem Glück sank er in die Knie. Prasselnd und flackernd schlug die Flamme in den Ofen hinein. Es war Wahrheit, Böhmen hatte nationales Petroleum. Laska stand wieder auf und preßte die Schläfen mit den Händen. Nur Ruhe! Keinen Fehler machen! Er stieg auf seinen Stuhl und stellte das Seidel auf den Ofen. Vorsichtig stieg er wieder herunter und hatte das unabweisliche Bedürfnis, zu gehen, zu laufen, seine Aufregung umherzutragen. Vorsichtig schlich er aus dem Haus und stand bald darauf vor der Kapelle des heiligen Nepomuk. Wieder breitete er weit seine Arme aus, und wieder traten ihm Tränen in die Augen. »Heiliger Mann,« sprach er laut und vernehmlich in dem gewähltesten Literatur-Tschechisch. »Heiliger Mann, unglücklicher Johannes Hus, dem sie den Chorrock angezogen haben, um ihn zu einem heiligen Nepomuk zu machen. Heiliger Hus, du siehst mir ins Herz und du weißt, daß keine egoistischen Wünsche mich so bewegen. Ehren und Reichtümer winken mir, und hinter ihnen lockt ein so vornehmes Fräulein, wie Libussa. Heiliger Hus, du siehst mir ins Herz, du weißt, ich werde nichts tun, als was die Sache meines Landes verlangt. Hilf mir, heiliger Mann. Meine Feinde sind auch deine Feinde gewesen. Nicht wahr, du verstehst mich? Nieder mit den Deutschen! Jetzt haben wir sie, jetzt halten wir sie! Hannes, jetzt wollen wir sie beuteln.« Noch eine grüßende Handbewegung machte Laska gegen seinen Heiligen, dann ging er hocherhobenen Hauptes weiter. Aufwärts dem Gebirge zu. Vor dem Wohnhause Weißmanns blieb er stehen, verschränkte die Arme über der Brust und schickte lautlos Herausforderungen gegen das Fenster, hinter welchem der Fabrikant schlief. Nebenan war die Stube Libussas. Laska dachte nach, welches Zeichen seiner siegreichen Leidenschaft er zu ihrem Fenster emporsenden sollte. Aber es fiel ihm nichts ein, und so ging er weiter. An dem Fabrikgebäude vorüber und dann auf einem Spazierwege nach dem Aussichtspunkte des Schwarzenbergs. Dort, unter einem Moosdach, das von sechs Holzsäulen getragen war, blieb er lächelnd stehen. Böhmen! Da lag es weit und herrlich im Mondenschein. Böhmen! Hinter dem Schloßberg von Teplitz dämmerte es. Nicht rosig, wie die dummen deutschen Maler den Sonnenaufgang zu malen pflegen. Nein, wie die gelbliche Röte einer fernen Feuersbrunst. So mischte sich dort die Morgendämmerung in dem zauberhaften Lichte des Mondes und der Sonne. Und das sollte ihm ein Wahrzeichen sein. Zauberhaft lag über Böhmen der gespenstige Schein einer großen Vergangenheit, aber trotzdem hatte Dunkel geherrscht bis heute. Die Quelle auf dem Hofe des Schmelkes war die Zukunft. Licht wird sie bringen wie jedes andere Petroleum, aber dazu auch das andere Licht des Reichtums und den mörderischen Sieg über die Feinde. Denn das schwur Mikulasch Laska in dieser Stunde feierlich zu den Sternen Böhmens, die anderswo lange nicht so schön glänzten, daß der Quell auf Schmelkeshof tschechischer Besitz bleiben oder mit List oder mit Gewalt wieder verschüttet werden mußte. Denn niemals durfte das erste böhmische Petroleum der Habgier der Fremden zufallen. Lange stand er so, an eine Säule des Moosdaches gelehnt, und der Nachtwächter von Oberntal glaubte aus weiter Ferne die Töne des tschechischen Schlachtgesanges zu vernehmen: Hej slovane ! Auf dem Kirchturm von Oberntal schlug es drei Uhr. Wie es auf diesem Turm eben schlug. Vor jedem Schlag hätte ein Fremder darauf geschworen, die Uhr werde es nicht mehr zustande bringen. Aber sie schlug doch. Während sie jetzt Drei schlug, ging langsam die Sonne auf. Trunken von guten Vorbedeutungen kehrte Laska nach Hause zurück. Unaufhörlich sprach er tschechisch mit sich selber, zur Übung oder zum Vergnügen, er wußte es nicht. Ohne einer Menschenseele zu begegnen, kam er zum Hause des Schmelkes. Leise und feierlich betrat er den Hof. Dann schlich er sich auf seine Stube. Hier erschrak er zuerst. Ein abscheulicher Qualm kam ihm entgegen. Aber rasch war er beruhigt, das Seidel auf dem Ofen stand unberührt. Die Lampe war von selbst ausgelöscht; sie hatte ihr Petroleum verbraucht. Natürlich, so ein Petroleum! Meinetwegen amerikanisches Petroleum, das war ja aber alles deutsch. Böhmisches Petroleum wird sich nicht verbrauchen, es wird sein wie das Ölkrüglein der Witwe von Dingsda. Und es kam ihm ein großer, eigentlich ein poetischer Einfall. Ein Fest wollte er feiern. Er holte das Seidel vom Ofen und, wahrhaftig, am Grunde lag wohl allerlei Schmutz und Sand, oben aber stand das klare reine Erdöl. Es fiel ihm zwar ungenau ein, daß das Petroleum, so wie es aus der Erde komme, nicht gefahrlos sei. Aber es war ja böhmisches Petroleum! Er hatte Vertrauen. Fröhlich schraubte er den Brenner seiner Lampe los und goß aus seinem Seidel ein weniges ins Glasbassin, gerade so viel, als für eine Stunde nötig war. Dann befestigte er den Brenner wieder und zündete den Docht an. Laska wußte nicht, wie sich vor Freude lassen. Heller, als je die alte Lampe im Dunkel seiner einsamen Nächte gebrannt hatte, schien sie jetzt im glänzenden Tageslicht. »Die böhmische Sonne«, das stand plötzlich fest vor seinen Augen, die böhmische Sonne sollte der Name und die Marke der Petroleumquelle von Schmelkeshof sein. Sache böhmischer Zeichner war es, ein Symbol zu finden für die böhmische Sonne. Die Schutzmarke mußte so etwas zeigen. Ein Löwenhaupt mit einem Strahlenkranz, oder so etwas. Laska machte die Fensterläden fest zu und schrieb beim Schein der böhmischen Sonne drei Briefe nach Prag. Fünftes Kapitel Als am Mittwoch früh ein Prager auf Station Kippsdorf ankam, dort von einem bestellten Wagen erwartet wurde und in Oberntal im Gasthaus »Zum Lamm« abstieg, da wußte die ganze Ortschaft, er käme wegen des Petroleumgestanks. Man erzählte, daß Laska mit der Geschichte zu tun hätte, daß die Geschichte in tschechische Hände gebracht werden sollte, daß Oberntal leer ausgehen würde. Man wußte nicht wie und was und traf doch wohl das Richtige. Der Prager, der wiederholt hervorhob, ein wie reines Deutsch er spreche, schrieb sich ins Fremdenbuch als Kaufmann ein. Es war aber der Agent einer nationalen Prager Bank, der nach Oberntal geschickt worden war, um nachzuforschen und die ersten Schritte zu tun. Der Agent besuchte seinen alten Freund Laska, den er seinen Vetter nannte, seinen Bruderssohn, und kreuzte in Gesellschaft seines Vetters scheinbar harmlos den Schmelkeshof. Aus dem Stammseidel goß er das geklärte Petroleum in eine Flasche, versiegelte sie und schickte sie nach Prag. Noch am selben Tag schloß er mit Schmelkes einen vorläufigen Vertrag, wonach Schmelkes ihm Haus und Hof, kurz, das ganze Grundstück bis zum Paterbüschel für zwanzigtausend Gulden überlasten mußte, während der Agent jedoch binnen acht Tagen zurücktreten durfte. Schmelkes erwähnte ausdrücklich, der ganze Besitz wäre noch vor kurzem für achttausend Gulden zu haben gewesen. Auf den Petroleumgestank gebe er nichts. Da aber der Herr offenbar einen besonderen Wert auf die Lage des Grundstücks lege, so sei zwanzigtausend nicht zu viel. Der Agent schloß solche Eventualverträge noch mit zwei Bauern, deren ödes Hinterland an den Hof des Schmelkes stieß, und mit Besitzern der anderen nahen Grundstücke. Ihnen bewilligte er nicht viel über den ortsüblichen Preis. Danach fuhr der Agent umher, zu den drei adeligen Großgrundbesitzern, die wegen ihrer tschechischen oder wenigstens deutschfeindlichen Gesinnungen bekannt waren. Zweimal fuhr er auch zu dem Grafen B. Gemeinsam mit ihm begab er sich schon am nächsten Samstag nach Teplitz, und dort nahmen ein Advokat, ein Journalist, ein Petroleumsachverständiger, alle aus Prag, an der Beratung teil. Der Sachverständige war von der Qualität der Probe begeistert. Das Petroleum sei nur ein wenig durch erdige Bestandteile verunreinigt, enthalte aber an den gefährlichen und flüchtigen Ölen, wie Ligroin und Benzin, ferner an den schweren und lästigen Bestandteilen nicht viel mehr als das gemeine schlechte Petroleum, wie es von gewissenlosen Unternehmern in den Handel gebracht wurde. Die Reinigung werde billig herzustellen sein, und man werde dann ein Petroleum allerersten Ranges liefern können. Der Agent berichtete über seine Verträge, aber auch über seine persönlichen Nachforschungen. So zuverlässig auch Laska sei, der Agent habe dennoch selbst sehen und prüfen wollen. Bei Nacht habe er das Bohrloch zum zweitenmal geöffnet und sei bis zur Quelle vorgedrungen. Selbst wenn sie – was ja gegen alle Wahrscheinlichkeit – in der Tiefe nicht an Mächtigkeit zunehme, so sei sie doch stark genug, um einer Aktiengesellschaft die Sicherheit der größten Prosperität zu geben. Es werde ein leichtes sein, eine Million Gulden sofort zusammenzubringen. Die ersten Auslagen seien unbedeutend, und selbst für den schlimmsten Fall, daß die Quelle sich nicht als übermächtig herausstellen sollte, würden eben nur die paar tausend Gulden für den Landankauf und für die gründlichen Bohrversuche verloren gehen. Es sei wohl in der Ordnung, daß man das anzukaufende Grundstück zum Werte von hunderttausend Gulden in Rechnung stelle und Aktien in diesem Betrage dem glorreichen Entdecker der ersten böhmischen Petroleumquelle überlasse. Herr Laska, dem das privatim schon zugesichert sei, werde übrigens die Güte haben, die idealen Gesichtspunkte dieser Gründung, wie auch diejenigen weiteren Gesichtspunkte persönlich vorzutragen, die über den Horizont eines einfachen Geschäftsmannes hinausgingen. Laska war zu dieser Sitzung in gehobener Stimmung und in Feierkleidung gekommen. Aus den Tiefen seines Koffers hatte er die Tschamara hervorgesucht, den nationalen Schnürrock, und in der Stadt hatte er sich hellgelbe Handschuhe gekauft. Es war möglich, daß der Graf ihm die Hand drückte. Dann mußte er gelbe Handschuhe tragen. Es gehörte das zu seinen unumstößlichen Überzeugungen. Es war fast eine angeborene Idee. Schwer war ihm die Frage einer passenden Kopfbedeckung geworden. Nur Deutsche trugen Zylinderhüte, die nationale Kopfbedeckung war ein kleiner runder Filz. Aber der Graf! In dieser Unsicherheit hatte Laska seinen Geldmangel entscheiden lassen und war seinem unauffälligen runden Hute treu geblieben. Während er jetzt aufstand, um die wohlvorbereitete Rede zu halten, ging es ihm durch den Kopf, daß der Graf selbst keine Handschuhe trug und keiner von den anderen Herren. Er erschrak plötzlich über seine Gelben. Aber er faßte sich und sprach in tschechischer Sprache, in der der Advokat die ganze Verhandlung bisher geleitet hatte: »Meine Herren und teure Landsleute sowie erlauchter Herr Graf! Ich danke Ihnen für Ihr Wohlwollen und dafür, daß Sie den glücklichen Zufall, der mich zum Entdecker eines segensreichen Naturgeheimnisses gemacht hat, so überaus großmütig belohnen wollen. Doch davon will ich an dieser Stelle, aus diesem Ehrenplatz neben Seiner Erlaucht, so wenig sprechen, wie von den übrigen Fragen, welche geschäftskundige Herren zu erörtern unternommen haben. Ich bin nur ein Wachtposten, gegen die Heere unserer Feinde hinausgestellt, und ich sehe nichts und ich will nichts sehen, als was von Bedeutung ist für die große, heilige, ewige nationale Sache. Und wenn Sie diese Gedanken für ideal halten, so wird Ihnen eine kurze Überlegung sagen, daß auch diese idealen Gesichtspunkte, wie man sich vorhin ausgedrückt hat, von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des Werkes sein werden. Erdöl, das Geld einbringt, gibt es auch anderswo, Erdöl, das die nationale Freiheit erringen hilft, konnte nur in Böhmen gefunden werden, und es ist gefunden worden. Und so hoffe ich, daß es uns gelingen wird, die notwendigen nationalen Forderungen auch in unseren Statuten juristische Form annehmen zu lassen. »Zuerst, meine Herren, achten Sie auf den Ort, auf den Namen unserer Ortschaft. Oberntal nennen sie die Deutschen, welche seit einiger Zeit hier hausen. Es gibt hier schon lange einen nationalen Verein, einen Verein von zahlreichen Mitgliedern, die sich als Böhmen fühlen, und deren Vizepräsident zu sein ich die Ehre habe. Der Sitz eines solchen Agitationszentrums kann nicht Oberntal heißen. Philologische Untersuchungen haben mir mit zwingender Gewalt die Überzeugung aufgedrängt, daß Oberntal eine Verstümmelung des ehemals tschechischen Namens Opretal ist. Sie wissen, meine Herren: alte Ortsnamen sind daran zu erkennen, daß man ihren Sinn nicht mehr versteht. Oberntal ist verständlich, Opretal klingt dunkler, und das allein sollte schon beweisen, daß unser Ort in Urväterzeiten nicht anders als Opretal geheißen hat. Ich beantrage also, daß der Sitz der Gesellschaft Opretal heiße und unser herrliches Erdöl den Namen bekomme »die böhmische Sonne von Opretal«. »Unser Unternehmen wird und muß ein nationales sein. Es ist darum notwendig, in die Statuten aufzunehmen, daß nur national gesinnte Böhmen Besitzer unserer Aktien werden können. Sache der Juristen wird es sein, Mittel zu finden, um zu verhindern, daß unsere Aktien später, wenn auch zu höheren Preisen, in deutsche Hände übergehen. Dieser Punkt ist wichtiger, als man vielleicht im ersten Augenblick empfindet. Nicht nur der ungeheure Gewinn soll dieses Mal allein in böhmische Taschen fließen, sondern auch die mächtigen Mittel, die mit einer großen Organisation zusammenhängen, sollen endlich einmal unserer Sache zugute kommen. Alle Beamten und Arbeiter unserer Werke müssen Böhmen sein, und die Deutschen dieses kleinen Städtchens müssen erdrückt werden unter der ungeheuren Mehrzahl der Böhmen, ein Vorspiel der großen Zeit, in welcher in ganz Böhmen derselbe Schrei ertönt. Als bescheidenen Beitrag zu der großen Frage verlange ich, daß ferner in die Satzungen aufgenommen werde, es sei von dem ersten Gewinn sofort eine böhmische Schule in Opretal zu gründen. Unser Verein hat bereits die Anregung geben wollen, es stellte sich aber heraus, daß die Zahl der schulpflichtigen Kinder den gesetzlichen Anforderungen noch nicht entspricht. »Ich gebe zu, daß ein dritter Wunsch nicht gut in die Satzungen der Petroleumgesellschaft von Opretal aufgenommen werden kann, und richte darum an die Erlaucht an meiner Seite die ergebene Petition, er möge seinen hohen Einfluß dahin lenken, daß in absehbarer Zeit auch ein böhmischer Pfarrer oder Vikar nach Opretal versetzt werde. Unser gegenwärtiger Pfarrer ist ein guter Mensch, aber ein Deutscher. »Nicht leichter wird die Zollfrage in die Satzungen einzuschmuggeln sein. Aber, meine Herren, die Gesellschaft »Böhmische Sonne von Opretal« wird eine Macht darstellen in der Welt. Und dieser Macht muß es gelingen, die Regierung zu zwingen, einen hohen Zoll, einen unerschwinglichen Zoll auf ausländisches Petroleum zu legen. Denn unsere letzten Ziele können wir nur erreichen, wenn die Lichtversorgung von Wien und ganz Österreich allein von Opretal ausgeht, wenn Wien abhängig wird von Opretal. Meine Herren, ich bin der Mann der Zukunftsbilder, ich weiß es, aber mit denselben Seheraugen, mit denen ich die tiefverborgene Quelle drüben im Schmelkeshof vor allen anderen wahrgenommen habe, mit denselben von Vaterlandsliebe geschärften Seheraugen erblicke ich die Entwicklung der Dinge. Es ist ein Wink des Schicksals, daß Opretal am Abhang des Erzgebirges beinahe vierhundert Meter höher liegt, als das Flachland. Es wird ein leichtes sein, durch ein gigantisches Röhrennetz unser einziges Petroleum fast kostenlos hinabzuleiten in die gewerbfrohen Gauen Österreichs. Herabgestürzt von seiner eingebildeten Höhe wird das stolze Wien. Das ganze Vermögen Österreichs wird als Gegengeschenk bergauf strömen nach Opretal. Opretal wird die erste Stadt des Landes werden, und Opretal wird böhmisch sein, oder es wird nicht sein. Auch Prag muß überwunden werden. Das goldene Prag ist ein altes Nest, in dem deutsche Kaiser Spuren ihres Wirkens hinterlassen haben. Verhehlen wir uns nicht, die Kirchen und Paläste sind von deutschen Architekten gebaut. Nie wieder wird diese traurige historische Tatsache aus der Weltgeschichte ausgelöscht werden können. Opretal ist in architektonischer Beziehung jungfräulicher Boden; eine nationale Architektur wird hier aus dem Boden gestampft werden und wird sich ausbreiten an den Abhängen des Erzgebirges, meilenweit hinauf und hinunter, größer als London und Paris zusammen, und wird hinaufsteigen auf den Schwarzenberg und von oben in irgendeiner riesengroßen Baulichkeit hinüberschauen nach dem Donnersberg und weit nach Süden nach dem Georgsberg, dem großen Sarge, in dem unser Stammvater ...« Laska hatte vollständig das Konzept verloren und sich seinen Lieblingsphantasien hingegeben. Am Ende überschrie er sich und blieb plötzlich mit einem gellenden Kopfton stecken. Verlegen und verwundert blickte er um sich. Da legte der Graf ihm die Hand auf seine gelben Handschuhe, und Laska setzte sich nieder. Der Graf sprach einige gemessene Worte in deutscher Sprache. Er erklärte sich gern bereit, seinen Namen mit denen so vortrefflicher Männer zu verbinden, entschuldigte sich um seiner Sprache willen und bat die Herren, ihre Verhandlungen in ihrer Muttersprache, aber möglichst geschäftlich, weiterzuführen. Der Advokat ergriff nun das Wort, und da er einen Entwurf der Satzungen fertig mitgebracht hatte und die Herren einverstanden waren, so kam man schon nach zwei kurzen Stunden zu einer Einigung. Nur der Name Opretal und die Bestimmung, daß Aktien aus erster Hand und zum Nominalwert bloß an Tschechen abgegeben werden sollten, mußte noch in den Entwurf eingefügt werden. Ein festliches Mittagessen beschloß die denkwürdige Sitzung. Laska saß wieder neben dem Grafen und wagte seine gelben Handschuhe erst auszuziehen, als die anderen die Suppe beinahe ausgelöffelt hatten. Er war entschlossen, den Wirt zu spielen. Als künftiger Besitzer von hunderttausend Gulden in Aktien der »Böhmischen Sonne von Opretal« wollte er einmal seiner Neigung folgen. Glücklicherweise bot er diese Gastfreundschaft zuerst dem Grafen an und erfuhr da, daß der Graf selber der Gastgeber war; so fiel Laska von einem Rausch in den anderen. Er sprach einen Toast auf Seine Erlaucht, wobei er wider Willen Schiller zitierte und sein: Alle Menschen werden Brüder. Aber er nannte Schiller nicht beim Namen, sondern sprach von ihm nur als von dem edeln Dichter eines begabten Nachbarvolkes. Man trennte sich erst am späten Nachmittag in seliger Champagnerstimmung. Unmittelbar vorher hatte der Graf allen Anwesenden strengste Verschwiegenheit zur Pflicht gemacht. Ob aber die verschiedenen Redner belauscht worden waren, oder der Redakteur während der Mittagstafel ein Telegramm abgesandt hatte, jedenfalls war schon tags darauf die Nachricht von der Gründung einer neuen Aktiengesellschaft in ganz Böhmen, bald darauf die Nachricht von der Aufdeckung unerhört reicher Petroleumquellen in Böhmen durch die ganze Welt verbreitet. Die Prophezeiung Laskas von dem Ruhme Oberntals schien rasch in Erfüllung zu gehen. Aus der Umgegend kamen Neugierige, aus Prag und Wien kamen Unternehmer. Aber die Neugierigen konnten nichts wahrnehmen als einen öden Hof mit Petroleumgestank. Die Unternehmer erfuhren, daß alle Rechte schon in festen Händen waren. In Oberntal nahm man die Gründung in den ersten Tagen nicht ernst. Man munkelte von einem Schwindel des Schmelkes, oder auch von einer Dummheit des verrückten Laska. Und der Doktorpeppi sprach grob von einem furchtbaren »Reinfall«, – der Preuß. Langsam wurde die Sache glaubhafter; ganz heimlich verließen in später Nachtstunde einige Bauern ihr Bett, griffen zum Spaten und gruben da und dort auf ihren Höfen und Äckern herum. Doch so viel sie auch schnüffelten und schnupperten, was für Gerüche sie auch witterten, von Petroleum war nichts zu spüren. Als aber die Fremden immer zahlreicher kamen, als der Bretterzaun des Schmelkes eines Sonntags von der drängenden Menge eingedrückt wurde, als Laska, gegenwärtig der nominelle Besitzer, zwei Kettenhunde anschaffte und ihre Hütten rechts und links vom Bohrloch aufstellte, als er gar den Bergarbeiter Hrntschirsch als ersten Beamten in den Dienst der künftigen Gesellschaft nahm und ihn zum Wächter vom Schmelkeshof ernannte, als Laska seine Hauslehrerstelle bei Weißmann kündigte, als Weißmann, anstatt das übel zu nehmen, ihn gar auf den nächsten Sonntag zum Mittagessen einlud und ihm sogar nach dem Gottesdienst eine Visite im Schmelkeshof machte, als Weißmann öffentlich sein Bedauern darüber aussprach, daß er keine Aktien erhalten könnte, als der Pfarrer an demselben Sonntag von der Kanzel predigte, niemand sollte ganz und gar dem irdischen Mammon verfallen und beim Segen des Himmels der Armen vergessen, als Herr Schmelkes seine Familie zweiter Klasse nach Wien fahren ließ und für den Rest seines Aufenthalts in Oberntal für sich allein zwei Zimmer im Gasthof zum Lamm nahm, als der Graf einmal mit Laska Arm in Arm – Laska hatte seine Gelben wieder angezogen – vor dem Schmelkeshof auf und nieder ging ... da kam es über die Einwohner von Oberntal wie ein Fieber. Alle geordnete Tätigkeit ruhte. Nicht einmal der alte Doktor hatte viel zu tun. Man hatte keine Zeit, krank zu sein. Man buddelte. Zuerst immer noch heimlich, bei Nacht, dann aber Tag und Nacht überall, auf allen Höfen, auf allen Äckern, auf den Straßen. In der Nachbarschaft des Schmelkeshofs grub man am tiefsten. Dort wohnte der Schmied, der kam beinahe zwei Klafter tief. Soweit das Weichbild von Oberntal reichte, war der Boden seit Vater Zeiten noch niemals so gründlich umgegraben worden. Der Gemeinderat von Oberntal trat zum erstenmal, seitdem die Welt stand, zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Das Paterbüschel gehörte dem Ort. Das Paterbüschel grenzte unmittelbar an das Petroleumfeld. Was sollte mit dem Paterbüschel geschehen? Seit acht Tagen gruben Unbefugte im Paterbüschel, Leute, die nichts besaßen als einen Spaten, denen der Grund und Boden nicht gehörte und die in der Gemeinde kaum eine Stimme hatten. Daß sie alte Bäume zu Fall brachten, daß sie die Wurzeln des jungen Nachwuchses beschädigten, das war in diesen Tagen, wo Riesensummen in Frage standen, völlig gleichgültig. Was geschah aber, wenn plötzlich im Paterbüschel Petroleum zu fließen begann? Was geschah, wenn die Gesellschaft, wie anzunehmen, das Paterbüschel aufkaufen wollte? Was geschah, wenn die Gesellschaft wirklich fremde Menschen, Tschechen, nach Oberntal zog? Da war schon dieser Hrntschirsch, dessen Namen man nicht aussprechen konnte, als Wächter bestellt worden. Böse Vorzeichen. Der Gemeinderat saß lange beisammen. Man unterhielt sich lebhaft, aber es gab nichts abzustimmen, denn es war kein Antrag gestellt worden. Sorgenvoll gingen die Mitglieder nach Hause und gruben, ein jeder auf seinem Hof. Bis hinauf zur Fabrik des Herrn Weißmann griff das Fieber um sich. Zwar hatte der Fabrikant nur unter dem Vorwand, ein paar Bäume zu setzen, metertiefe Löcher in seinem Garten schaufeln lassen und strengstens verboten, auf dem Hofe zu graben, weil sich die Petroleumfelder unmöglich bis zu dieser Höhe erstrecken könnten; aber viele Arbeiter blieben halbe und ganze Tage zu Hause, um in ihren Gärtchen zu buddeln, und die erregten Gespräche in der Fabrik kamen der Arbeit nicht eben zugute. Vater Weißmann ging mit seiner Tochter in diesen Tagen ordentlich zärtlich um. Sie wäre immer ein so kluges Mädchen gewesen und jetzt könnte sie den Lohn für ihre Bravheit einheimsen. Was den Laska betreffe, so wolle er natürlich abwarten. Wahrscheinlich habe er eine große Zukunft und dann, aber erst dann werde Weißmann kein unerbittlicher Vater sein. Jetzt aber handle es sich darum, Aktien zu beschaffen. Nicht um des Geldes willen. Gott bewahre! Nur um die anderen Oberntaler zu ärgern. Er sei zwar zeit seines Lebens nicht einseitig gewesen, immer nur gut kaiserlich, immer nur österreichisch, nicht preußisch, nicht deutsch. Aber immerhin, man wolle ihm keine Aktien geben. Libussa jedoch habe sich immer zur nationalen Sache bekannt, und ihr werde der Laska so viele Aktien ablassen, als sie nur wolle. Libussa war wunderlich geworden. Als ob sie die Geschichte gar nichts anginge, so gleichmütig nahm sie die Nachrichten von der großen Gründung und von der Kündigung des Laska aus. Und dem Vater erwiderte sie, sie wolle mit Geschäften nie etwas zu tun haben. Werde der Laska reich, so freue sie sich darüber, denn er sei ein guter Mensch. Aber weiter gehe sie weder in ihren Empfindungen, noch in ihren Hoffnungen. Und jetzt sei sie überdies dabei, mit Rosel saure Kirschen einzumachen, und dürfe nicht gestört werden. Am Sonntag nach diesem Gespräch, am ersten Sonntag im August, verlief die gewohnte Tarockpartie etwas stürmisch. Der alte Doktor hatte schlechte Karten und schimpfte deshalb mörderisch auf seinen Sohn, auf den Laska, auf Oberntal und nicht zuletzt auf den Weißmann, der sich einmal in den Tarocks verzählt hatte. Dreimal im Laufe des Abends war verabredet worden, von der ganzen Petroleumgeschichte nicht zu reden, und immer wieder verfiel man auf diesen Unterhaltungsstoff. Als um zehn Uhr der alte Nachtwächter das Zeichen zum Aufbruch gab, stritt man noch eine Viertelstunde über die Aussichten der Gesellschaft, die seit gestern von der Behörde anerkannt war. Dann gingen die Gäste heim. Den Weg bis Oberntal legten sie schweigend zurück. Vor ihnen lag unten das Dorf, und der Weg war jetzt nicht geheuer. Man konnte nicht wissen, wo ein Loch gegraben und etwa nur locker zugeschüttet war. Eine geheimnisvolle Zukunft schien über der Landschaft zu liegen. An der Kapelle des heiligen Nepomuk trennte man sich nicht. Der Weg durchs Paterbüschel war jetzt des Nachts wegen der vielen Löcher gar zu gefährlich. Der Pfarrer mußte den weiten Umweg durchs Dorf machen und klagte den beiden Doktoren sein Leid. Der Kirchenbesuch sei geringer geworden, und sein hoher Patron, der Fürst, habe ihm einen Wink gegeben, er solle der künftigen Entwicklung Rechnung tragen und sich mit dem Laska auf guten Fuß stellen. Vor dem Hause des alten Doktors blieb man noch eine Weile stehen. In der Stille der Nacht vernahm man aus den benachbarten Grundstücken das leise Aufstoßen der eisernen Spaten und das dumpfe Aufwerfen der Erdschollen. Die Herren reichten sich die Hände, der alte Doktor mit einem Fluch, der Pfarrer mit einem tiefen Seufzer. Sechstes Kapitel Es war am nächsten Samstag mittag und Schmelkes kam mit Laska aus der Bezirksstadt zurück. Sie hatten dort bei Gericht die letzte Unterschrift vollzogen und den geschlossenen Handel nachher mit einem guten Glase Wein begossen. Morgen wollte der Händler seiner Familie in die Hauptstadt nachfolgen. Er hatte alle Abschiedsbesuche hinter sich. Vom Müller, vom Bäcker und vom alten Doktor hatte er viele Sticheleien einstecken müssen und auch scharf und gewandt auf alles geantwortet. Nur noch einen Besuch hatte er zu machen, beim Pfarrer. Gegen drei Uhr zog Herr Schmelkes die Glocke des Pfarrhauses. Die Wirtschafterin öffnete und begrüßte ihn mit besonderer Freundlichkeit. Hochwürden seien zwar mit der morgigen Predigt beschäftigt, aber für Herrn Schmelkes habe Hochwürden gewiß Zeit. Und sie führte den Gast ohne weiteres in den ersten Stock hinauf, in die kleine saubere Bibliothek des Geistlichen. Ein breiter Tisch und zwei Holzstühle, das war die Einrichtung; ein Öldruck nach der Madonna della Sedia war der einzige Schmuck der weißgetünchten Wand; der ganze Bücherschatz stand auf zwei niedrigen Regalen. Eine Minute später trat der Pfarrer mit schlaftrunkenen Blicken aus dem Nebenzimmer herein. Die Soutane hing ihm wie ein langes schwarzes Hemd um den dicklichen Körper, und er bemühte sich gar nicht, sich zu gürten. Herr Schmelkes, der einzige Jude in Oberntal, war ein gerngesehener Gast des Pfarrhauses. Der Pfarrer begrüßte ihn auch gleich mit seinem gewohnten Scherz: »Willkommen, lieber Schmelkes! Will man endlich den alten Adam ausziehen? Will man sich bekehren?« »Wenn Sie Papst geworden sind, Hochwürden, mit Vergnügen,« antwortete Schmelkes wie jedesmal. Er sprach ein fast schulgerechtes Deutsch; er »jüdelte« mehr durch den Tonfall, als durch die Worte. Der Pfarrer war ganz munter geworden. »Dann werden wir wohl auf den Schmelkes verzichten müssen. Ist es denn aber wahr, lieber Schmelkes, morgen wollen Sie schon fort? Da wollen wir doch noch eine von den Flaschen kommen lassen, die Sie mir vor drei Jahren verehrt haben. Ja, ja, lieber Schmelkes, Sie werden mir sehr abgehen, und manchem anderen im Dorfe auch.« Die Wirtschafterin brachte schon von selbst eine Flasche Wein und zwei Gläser– sie hatte die richtige Sorte getroffen – und blieb plaudernd eine Weile stehen. Kaum hatte der Pfarrer jedoch gesagt: »Was aber unser Geschäft anbelangt ...« so verließ sie gehorsam die Stube. Der Pfarrer lachte, fügte aber dann hinzu: »Ich habe wohl nicht gelogen. Ich wette, Herr Schmelkes reist nicht ab, ohne mir etwas für meine Armen zurückzulassen!« »Erraten, Hochwürden, wo hätte ich mich sonst zu Ihnen heraufgetraut? Wissen Sie, Hochwürden, Sie sind ein Blutsauger. Na, und weil ich jetzt vielleicht viele Jahre nichts werde von mir hören lassen, so habe ich mir gedacht, Hochwürden werden gleich ...« Herr Schmelkes machte eine Pause, gab sich einen Ruck und schloß endlich mit schlecht gespielter Bescheidenheit: »Fünfhundert Gulden wollte ich Hochwürden dalassen.« Der Pfarrer schlug mit der Hand auf den Tisch. Seine Augen zogen sich zusammen, als ob er ein Tränchen herauspressen wollte. Dann sprang er auf und ging mit fliegender Soutane hastig hin und her. »Schuft meines Lebens! Schuft meines Lebens, Schmelkes! Und Sie sind doch ein anständiger Kerl. Das ist nun mal etwas! Da ist zum Beispiel gleich die Tischlerfamilie. Mit hundert Gulden, mit vierzig Gulden wär' ihnen zu helfen. Der Gemeinderat wollte nicht und Ihnen konnte ich nicht schon wieder kommen ... und dann drüben, das mit dem Waldhüter und dann die Fabrikskinder. Schuft meines Lebens! Barbara! Sie verzeihen, Schmelkes, aber die Tischlersleute ... Barbara, gleich laufen Sie hin. Sagen Sie der Frau, hören Sie, der Frau zuerst, ich würde heute noch hinkommen und die Schuld wäre gezahlt, und wenn die Tischlersleute was wissen wollen, so erzählen Sie, Sie wissen ja, Kaiser Joseph ... Was stehen Sie noch da? Glauben Sie, daß die Tischlersfrau warten kann?... Schuft meines Lebens, Schmelkes, was müssen Sie zusammengestohlen haben!« »Hochwürden!« rief Herr Schmelkes vergnügt, aber mit vorwurfsvollem Ton. »Reden Sie nicht, Schmelkes! Sie haben's verdient, daß ich mich bedanke. Bleiben Sie sitzen und prost. Mit Schmuggeln machen andere Leute auch Geschäfte, Christen und Heiden. Aber so eine schwere Menge Geld, so eine gesegnete schwere Menge Geld auf den Altar des Herrn hingelegt ... schwere Brett, Schmelkes, und wenn meine Predigt nicht fertig werden sollte ... Sie sind ein ganz einziger Mensch.« Der Pfarrer ging wieder herum und fing im Geiste an, das Geld zu verteilen. Das Ganze nicht, bewahre. Für den Winter etwas aufheben, für das schlimmste Elend. Es dauerte eine Viertelstunde, bevor der Pfarrer wieder ruhig am Tische saß. Er verstehe nicht, was Schmelkes in Wien suche. In Oberntal sei es doch viel schöner, die Kirschbäume und die Aussicht vom Schwarzenberg, und dann wird Oberntal ja jetzt leider auch eine große Stadt werden. Alle Welt spreche davon, in den Zeitungen stehe es. Herr Schmelkes kratzte sich hinter den Ohren. »Hochwürden,« sagte er leise, »ich hätte eine große Bitte an Sie. Ich möchte Ihnen etwas anvertrauen. Aber ganz im geheimen, so gewissermaßen beichten möcht' ich Ihnen etwas.« Der Pfarrer lehnte sich vor Lachen zurück, daß der Stuhl krachte. »Schmelkesleben,« sagte er endlich prustend und sich schüttelnd, »warum gehen Sie nicht nach Teplitz zum Rabbiner? Schmelkesleben will beichten! Das bringt mich um! ... Nu, nu, nein, Schmelkes, wenn es Ihnen ernst ist, so will ich auch ernst bleiben. Was, Schmelkes, der alte Pfarrer ist auch ein anständiger Mensch, wenn er auch ein Pfaff' ist? Ernsthaft, Schmelkes, und weil wir doch auseinanderkommen, so will ich's Ihnen sagen: einen Freund verlier' ich, wenn Sie fortgehen, einen Freund, Freunderl. Und wenn der Freund mir etwas zu vertrauen hat oder gar einen Rat ... Sehen Sie, Schmelkes, das freut mich noch mehr, als Ihr Wein. Wo drückt's? Wo brennt's? Geldgeschichten natürlich. Ist schon viel durch meine Hände gegangen. Unrechtes Gut wiedererstatten? Was? Ist wahr: Unrecht pudelt sich!« Und der alte Pfarrer setzte sich, rot vor Vergnügen, neben Herrn Schmelkes an die Tischecke. »Es ist nämlich, Hochwürden, daß ich ohnehin fortgehen wollte. Ich habe es satt. Und meine Kinder sollen was lernen in guten Schulen und nicht dazu aus dem Hause müssen. Da bin ich also darauf gekommen, alles zu verkaufen und nach Wien zu gehen. Ich habe ein gutes Gewissen. Wo ich meine Waren eingekauft habe, das geht niemand was an, als den Staat, und der Staat hat keinen Hunger und keinen Durst.« »So denke ich auch, lieber Schmelkes. Ich habe es auch einmal dem Herrn Bezirksrichter gesagt: Lassen Sie nur den Schmelkes, habe ich gesagt. Er ist ein guter Mensch, und beweisen können Sie ihm doch nichts.« »Sehen Sie, Hochwürden, das habe ich satt bekommen. Daß man mir immer hat was beweisen wollen. Man will doch endlich seine Ruh' haben. Na also, wie ich soweit bin und will einem entfernten Verwandten in Komotau meine ganze Sache hier verkaufen, sechstausend Gulden auf Hypotheken, da ist das mit dem Petroleumgestank gekommen. Und der Laska hat mir zwanzigtausend geboten und ich hab's genommen. Da, in der Brieftasche, gestern ist es mir ausbezahlt worden.« Der Pfarrer horchte auf. »Nu bin ich aber neugierig! Nu wird's zu Weihnachten Ostern! Schmelkes, ich habe Sie immer gern gehabt! Wenn Sie aber diesen Laska mit seiner Sippschaft hineingelegt haben ... Schmelkes! Es schickt sich nicht für mich. Wenn Sie aber wüßten, wie diese Leute heimlich mich alten Mann drangsalieren! Schmelkes! Reden Sie, stinkt's bloß?« »Lassen Sie sich die Geschichte erzählen, Hochwürden. Unterm Beichtsiegel. Also im Februar ist es gewesen, dieses Jahr, wie die große Kälte noch einmal wiedergekommen ist, da hat mir der Nickelsberger, Hochwürden wissen schon ...« »Den Namen, Schmelkes, dürfen Sie wirklich nur in der Beichte nennen. Soll ja der verwegenste Schmuggler von allen sein. Ich kenne ihn nur wenig.« »Ja, also der Nickelsberger hat mir einen Posten Ware angeboten, gute Ware, preiswerte Ware. Und bei dem Wetter! Gute Wege und die Aufseher hinter dem Ofen. Hochwürden müssen wissen, daß das so die Meinung vom Nickelsberger war, ich habe mit der ganzen Schmuggelei nie etwas zu tun gehabt. Vor meinem Hause nehme ich die Waren in Empfang und gebe bares Geld dafür. Also damals in der Nacht kommt der Nickelsberger mit seinem Schlitten vorgefahren ...« »Schmelkes, mit einem Schlitten!« »Ich frage Sie, Hochwürden, sollen's die armen Leute auf den Köpfen tragen? Ist's nicht besser, daß das Pferd zieht?« »Woll, woll, Schmelkes, aber einen ganzen Schlitten voll!« »Es hat mir leid genug getan, Hochwürden. Der Nickelsberger ist mir gleich so anders vorgekommen. Also er zeigt mir die Ware, fünfzigtausend Stück Hamburger, Zigarren nämlich, und ein Faß Petroleum, vier Hektoliter. Wie sind übrigens die Hamburger?« »Verzeihung, Herr Schmelkes, ich habe ganz vergessen.« Und der Pfarrer holte hinter einem Bücherregal ein altes verstaubtes Kistchen von Trabuko-Zigarren, Regieware, mit welchen jedoch Zigarren von anderer Länge durcheinanderlagen. »Nehmen Sie, Schmelkes!« Die Herren zündeten sich jeder eine der geschmuggelten Zigarren an, und Schmelkes sprach weiter: »Wie ich nun alles in Ordnung gefunden habe, gebe ich dem Nickelsberger sein Geld ohne Abzug, und sag' ihm noch ein paar gemütliche Worte, weil ich schon damals so heimlich in petto hatte, fortzugehen. Wie der Nickelsberger das Geld eingesteckt hat, sagt er ganz freundlich, der Spitzbub: Aber jetzt schnell, Herr Schmelkes. Sie sind hinterher. Vor der Fabrik muß uns einer gesehen haben.« »Merkwürdig,« sagte der Pfarrer, »bei so großer Kälte. Die Grenzaufseher haben doch ein schweres Brot.« »Wer nicht, Hochwürden? Der Nickelsberger nicht? Und der Schmelkes nicht? Ich habe schnell nachgedacht. Herausgegeben hätte mir der Nickelsberger das Geld nicht wieder. Und wenn man ihn bei der Fabrik gesehen und nicht aufgehalten hat, so ist mir das ein Zeichen gewesen, daß man mir aufsässig ist, und daß man mich ertappen und mir was beweisen will. Und das hat mich gerade gefuchst. Ich habe selbst die Torflügel aufgemacht, habe den Nickelsberger mit seinem Knecht schnell auf den Hof fahren lassen und habe ihm noch gesagt, er soll achtgeben auf das Loch, wo ich hab' angefangen einen Brunnen graben zu lassen. Wo er die Sachen hintun soll, das hat er schon gewußt. Und ich das Haustor wieder zu und hinein. Richtig, ich habe kaum meine Kleider ausgezogen gehabt, da klopft's schon. Ich bei der Bärenkälte einen Pelz umgeworfen, sonst wie aus dem Bett, ans Fenster. »Was verschafft mir die Ehre, Herr Korporal?« »Sie werden schon wissen, Herr Schmelkes, machen Sie nur auf. Sie sind ja so spät noch auf.« Ich mache meinen Pelz auseinander, und der Korporal und die beiden Aufseher wundern sich schon, daß ich darunter im Hemd bin. Ich schreie und zanke und was man so tut, um Zeit zu gewinnen. Da höre ich den Nickelsberger pfeifen, und zwar den Radetzkymarsch. Das heißt, die Zigarren sind unten. Petroleum, habe ich mir gedacht, das ist keine so hohe Strafe. Ich gehe also langsam daran, das Haus aufzumachen. Sie werden mir glauben, Hochwürden, die Riegel sind schwer herausgegangen, und bevor ich noch meine verfrorenen Finger ansetze, höre ich auf dem Hof so dumpf und kurios einen Krach. Es ist mir durch's Herz gegangen.« »Der Nickelsherger hat doch nicht Schaden genommen?« »Ach nein, Hochwürden. Bevor ich fertig war mit Aufmachen, höre ich ihn auch schon wieder pfeifen, und dieses Mal so eine deutsche Melodie, wo ich den Text nicht weiß, die aber immer bedeutet: alles in Ordnung. Ich also aufgemacht, und die drei Kerls herein. Sie suchen und spionieren, ich mach' alles auf und immer hinter ihnen her. Wie wir auf den Hof kommen, steht da der Schlitten vom Nickelsberger gerade auf den Planken über dem Brunnenloch, so daß gar niemand hat auf den Einfall kommen können, daß gerade unter dem Schlitten ein Loch ist. Der Knecht sitzt auf dem Bock und schläft, der Lump; und der Nickelsberger steht breitbeinig da und schlägt sich Feuer in seine Pfeife. Ein komischer Kerl. Es läßt sich nicht zählen, wieviel Zigarren der herüberschafft, und dabei raucht er Pfeife. Hat ein schönes Einkommen und schlägt sich Feuer mit Stahl und Feuerstein.« »Ja, lieber Schmelkes, eine Pfeife ist doch eigentlich ... aber erzählen Sie weiter.« »Der Korporal geht auf ihn los und sagt: »Da habe ich euch endlich, alle beide zusammen.« Der Nickelsberger hat endlich Feuer gekriegt, steckt den Schwamm in den Pfeifenkopf und sagt guten Abend. »Was machen Sie hier?« fragt der Korporal. »Ich habe mir was kaufen wollen,« antwortet der Nickelsberger. »Um diese Zeit?« – »Bin gerade vorbeigekommen.« – »Was habt Ihr kaufen wollen?« – »Ein Paar Hosenträger« – und dabei lacht der Nickelsberger ganz gemütlich, zieht seine Weste so hinauf und seine Beinkleider so ein bißchen herunter und zeigt sein graues Hemd und sagt: »Seht Ihr, Korporal, da habt Ihr den Beweis, ich habe wirklich keine.« Nun hat das Fluchen angefangen. Erst der Korporal, dann der Nickelsberger, dann alle beide, dann der Knecht, und wissen Sie, Hochwürden, am Ende habe ich mir gesagt, es ist ein Zeichen von Unschuld, und habe auch geflucht. Dann hat der Korporal selber zu suchen angefangen. Er ist wirklich wütend gewesen von wegen der Hosenträger und hat gar keine Vernunft annehmen wollen, überhaupt nichts, und dann, weil seine Leute da waren. Nun, Gott sei Dank, sie haben bis um acht Uhr früh gesucht und haben nichts gefunden. Eine schöne Nacht war es aber trotzdem nicht, Hochwürden. Und in dieser Nacht ist es bei mir beschlossene Sache geworden, zu liquidieren und fortzugehen. Der Korporal hat nachher Anzeige gemacht, es ist eine Kommission gekommen und ich habe Scherereien gehabt beim Bezirksgericht, ich kann gar nicht sagen wieviel. Rausgekommen ist Gott sei Dank nichts.« Der Pfarrer wurde unruhig. Daß sein lieber Gast mit Schmugglern Geschäfte machte, das war ja etwas altes, und er erfuhr ja die Sache offiziell nur gewissermaßen in der Beichte. Aber das mit dem Bezirksgericht war unangenehm. Er sagte aber bloß: »Ja, ja, bester Herr Schmelkes. So ist es nun auf dieser Welt. Aber wie ist denn die Geschichte mit dem Petroleum gewesen? Die Zigarren, das kann ich mir denken, für die habt ihr schlechten Menschen schon ein sicheres Versteck gehabt. Aber das große Faß?« »Die Zigarren waren ja nur fünf Pack. Das Faß aber hat der Unmensch, der Nickelsberger, mit seinem Knecht vom Schlitten heruntergeschoben, mit den Füßen die Bretter auseinander, und das Faß ins Brunnenloch hinein. Dann die Bretter wieder darüber und mit dem Schlitten nach rückwärts hinauf gefahren. Dabei hat das Faß ein Leck gekriegt, Sie wissen, Hochwürden, einen Sprung, und wie die Aufseher fort waren und wir nachsehen, da war das halbe Faß ausgelaufen. Wir haben das Loch nun rasch zugeschüttet, und jetzt, Hochwürden, wissen Sie, warum es in Oberntal nach Petroleum stinkt.« Der gute Pfarrer hatte über der Erzählung des Herrn Schmelkes völlig den Ausgangspunkt vergessen und sogar seine geheime Hoffnung, die Petroleumgeschichte würde sich als ein Schwindel des Schmelkes herausstellen. Als Schmelkes nun plötzlich gerade das mitteilte, da wußte sich der Pfarrer nicht gleich zu fassen. »Also Sie glauben, Herr Schmelkes, daß nur Ihre vier Hektoliter darin stecken? Ist es nicht möglich, daß am Ende doch zufällig ...« »Hochwürden, auch ich bin ein gläubiger Mann. Wenn Gott will, so wird aus einem Faß eine Quelle. Wenn Gott aber nicht ausdrücklich gewollt hat, dann steckt da mein Faß Petroleum drin, mein Faß, und nicht mehr.« »Herr Schmelkes!« rief der Pfarrer. Er sprang auf und stellte sich ans Fenster. Es schickte sich nicht für ihn, seine ganze Freude zu zeigen. Er war ein Priester, und es wäre Schadenfreude gewesen. Und er zwang sich, liebevoll an den Schmerz des guten Laska zu denken. Es gelang ihm nicht. Er sagte, während er schwer atmend gegen ein Lachen ankämpfte: »Herr Schmelkes, Sie können das nicht wissen ... Ich bin kein kluger Mann, aber so was fühlt man. Sie hätten mich fortgeschoben von hier, glauben Sie es mir, Herr Schmelkes, mich fort von meinen Beichtkindern in Oberntal. Die Tschechen hätten es durchgesetzt, wenn sie hier Boden gefaßt hätten. Verzeihen Sie einem alten Mann, daß er auch an sich selber denkt. Ich weiß, ich bin ein schlechter Priester. Der arme Herr Laska ... Herr Schmelkes, wissen Sie, es ist doch ein Glück von Gott, daß Sie ein Israelit sind, und nicht eines von meinen Beichtkindern. Dann müßte ich Sie fortschicken. Sie dürfen's nicht sehen ... Herr Schmelkes, ist es wirklich wahr? Aufgesessen sind sie? Und sie werden wieder abziehen müssen? Alle?« Langsam setzte sich eine ungeheure Fröhlichkeit in des Pfarrers Gesicht fest. »Herr Schmelkes! Herr Schmelkes, was wollen Sie von mir haben? Ich darf's ja keinem Christen auf der Welt sagen, aber ich bin doch auch ein Mensch, ich bin auch einmal jung gewesen, und ein dummer Bub, und da hab' ich lachen dürfen. Herr Schmelkes, ich halt's nicht aus.« Und der alte Pfarrer setzte sich schwer auf den Holzstuhl und fast krachend schlug endlich das Lachen aus ihm heraus. Zuerst pochte er mit den Fäusten auf den Tisch, um durch den Schmerz die Heiterkeit zu bekämpfen. Doch es half nichts. Mit Händen und Füßen zappelte er und schrie vor Lachen und verlor den Atem und wurde dunkelrot im Gesicht. Nach einer Pause brach er wieder los. Und der Pfarrer schlug dem Herrn Schmelkes aufmunternd auf die Knie, fast beleidigt, daß Schmelkes nicht mitlachte, bis endlich auch der Händler einstimmte und die Bibliothek dröhnte von dem Lachen und Husten und Aufschlucken und Händezusammenschlagen der beiden Herren. Die Wirtschafterin war zurückgekommen und riß bestürzt die Tür auf. »Schweigen! Nicht fragen!« rief der Pfarrer sie an, und ein neuer Anfall schüttelte ihn, daß der Stuhl wackelte. »Barbara, wünschen Sie sich was! Barbara, Sie müssen es seit acht Tagen gemerkt haben. Nicht einmal die Zwetschgenknödel haben mir geschmeckt. Und jetzt, Barbara, holen Sie vom Besten herauf, von dem, den mir die gnädige Frau Fürstin zum Namenstag geschickt hat, vom Fürstlichen, und so wahr ich lebe, Schmelkes, Sie müssen heute hier nachtmahlen. Barbara, braten Sie uns was Besonderes und Zwetschgenknödel nachher ... Lassen Sie nur, Schmelkes, es wird schon vorübergehen.« Eine lange Weile blieben die Herren so. Bald keuchten sie sich aus, bald lachten sie wieder, und als alles schon vorüber schien, genügte ein Blick des einen oder des anderen, und die Heiterkeit brach wieder los. Endlich stellte sich der Pfarrer ans Fenster, um Herrn Schmelkes nicht mehr anzusehen. Nur noch von Zeit zu Zeit flog eine leichte Erschütterung durch seinen Körper. Herr Schmelkes hatte sich gefaßt und fing wieder an. »Ich bin noch nicht fertig, Hochwürden. Zu einer Beichte gehört doch auch eine Buße. Was? Ich kenne Sie doch lange genug. Und da habe ich mir so gedacht. Fünfzehntausend Gulden ist mein Grundstück wert, nicht gerade unter Brüdern, aber wenn ich's gut verkauft hätte, will ich sagen: sehr gut. Und den Rest von fünftausend Gulden wollen wir teilen, habe ich mir so gedacht. Es ist auch besser, wenn nachher der Skandal kommt, daß man das erfährt. Sie verstehen mich, Hochwürden. Das, was ich Ihnen vorhin für die Armen versprochen hab', das war für mich, weil ich so lange hier gelebt habe und weil man eigentlich immer gut zu mir war. Aber zweitausendundfünfhundert Gulden will ich noch hergeben in Ihre Hand, Hochwürden. Und ich habe mir das so gedacht: Meine Kinder kommen in Wien zu den Schotten, in ein feines Gymnasium, und hier sitzen sechzig in einem kleinen Zimmer, und der Lehrer hat nur eine Dachstube. Da können Sie anbauen. Eine ordentliche Wohnung für den Lehrer und zwei große Stuben für die Kinder. Das habe ich mir so gedacht, Hochwürden.« Barbara trat herein, sie hatte ihre Sonntagshaube aufgesetzt und die Flasche vom fürstlichen Wein nebst zwei blinkenden Glasern auf den Tisch gesetzt. Der Pfarrer blickte wie geistesabwesend. Er mußte lange nachdenken, bis er begriff, daß da wirklich jemand eine so ungeheure Summe herschenkte. »Barbara,« sagte er, »Sie meinen, das wäre Herr Schmelkes? Sie haben sich geirrt. Das ist wirklich ein Verkleideter, und wenn Sie der Tischlersfrau was vom Kaiser Joseph erzählt haben ... Herr Schmelkes, bleiben Sie in Oberntal, gehen Sie nicht fort! Was soll ich denn ohne Sie anfangen?« Die Wirtschafterin ging stillvergnügt hinaus. Wenn der Herr Pfarrer auch jetzt gar nicht mehr wußte, was er sprach, soviel merkte sie, daß er glücklich war. Schmelkes drang in den Pfarrer, ihm noch einen persönlichen Wunsch auszusprechen. Er verlasse Oberntal als ein ganz wohlhabender Mann, und es würde ihn freuen, ein recht gutes Andenken zu hinterlassen. »Nichts, Herr Schmelkes. Für mich selbst bedanke ich mich nicht gern, für Jahre hinaus haben Sie mir Freude genug gemacht. Wenn Sie dazu mir selber auch noch etwas schenken wollten, es wäre mir nicht lieb, es wäre nicht gut. Oder wenn Sie wollen, schicken Sie der Barbara zu Weihnachten Stoff zu einem schwarzen Seidenkleid. Seit zehn Jahren möcht' sie es gern haben, und ich kann es ihr doch nicht kaufen. Mir aber nichts. Ihre Gesundheit, Herr Schmelkes. Aus dem Wein trinkt der Fürst am Namenstag der Fürstin dero Gesundheit. Das ist einer.« Die Herren rauchten und tranken, und Herr Schmelkes setzte dem Pfarrer weitläufig auseinander, wie der Schulbau am billigsten und raschesten gefördert werden könnte. Der, Pfarrer staunte nur über die Klugheit seines Gastes. An das alles hätte er nie gedacht. Wieder kehrte das Gespräch zu der Petroleumentdeckung zurück. Wieder bekam der Pfarrer einen kleinen Lachanfall; dann sagte Herr Schmelkes, er habe vor etwas Angst. Bevor die Geschichte herauskäme, würde der Laska ein großer Mann sein und der Schwiegersohn des Herrn Weißmann werden. Das hätte er dann auf dem Gewissen, und der Pfarrer sollte die Geschichte hintertreiben. »Tu' ich, Freunderl!« rief der Pfarrer, der doch etwas heiß und lebhaft geworden war. »Tu' ich, und wenn das Aufgebot bestellt wird, ich biete sie nicht auf. Keinen Tschechen. Ich dulde keinen in Oberntal. Fortschieben haben sie mich wollen! Mich alten Mann aus Oberntal fortschieben.« Und der Pfarrer klagte dem einzigen Oberntaler, der nicht sein Beichtkind war, all seinen Kummer und seine Sorgen. Schlag sieben Uhr rief die Wirtschafterin zum Nachtmahl. Schwerfällig führte der Pfarrer seinen Gast die Treppe hinunter in das lichte kleine Speisezimmer, wo der Tisch sonntäglich gedeckt war. Schlohweißes Tischzeug und die gemalten Teller. Stumm verrichtete Herr Schmelkes sein jüdisches Tischgebet, laut sprach der Pfarrer das seine. Dann trug Barbara eine große Schüssel herein. In ihrem freundlichen Gesicht zuckte es vor Mutwillen. Auch der Pfarrer schmunzelte, als er den mächtigen Schweinebraten roch. Herr Schmelkes schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Warum, Hochwürden? Warum, Fräulein Barbara?« »Aber Herr Schmelkes,« sagte Barbara, »Sie haben doch schon hie und da eine Kleinigkeit genommen. Sie sind doch ein aufgeklärter Mann.« »Nu ja,« sagte Schmelkes, »ich habe hier so allein gewohnt. Keine Judengemeinde. Da habe ich manche kleine Sünde gegen das Gesetz begehen müssen. Aber Schweinebraten!« »Herr Schmelkes, ein aufgeklärter Mann!« »Aufgeklärt und aufgeklärt ist ein Unterschied, Hochwürden. Man kann nicht wissen. Man kann gar nichts wissen. Aber wenn Hochwürden ... Hochwürden können doch meine Sünde gar nicht auf sich nehmen.« »Herr Pfarrer,« sagte Barbara, »sagen Sie ihm, daß es Gänsebraten ist.« »Schmelkes, es ist Gänsebraten.« »Gewiß, Hochwürden?« Der Pfarrer hatte sich niedergesetzt und griff nach dem großen Transchiermesser. »Gänsebraten!« sagte er und lachte übers ganze Gesicht. »Na, dann geben Sie mir ein großes Stück Gänsebraten, und wenn Sie einmal nach Wien kommen sollten, Hochwürden, dann kommen Sie zu Schmelkes, und es soll ein Ehrentag für ihn sein und für alle seine Kinder. Und vergessen Sie nicht, Fräulein Barbara mitzubringen. Die muß meiner Frau das Rezept geben ... So hat mir noch kein Gänsebraten geschmeckt.« Siebentes Kapitel Mikulasch Laska war der Herr von Oberntal geworden. Oberntal lag dem Sieger zu Füßen. Die Aktiengesellschaft »Böhmische Sonne von Opretal« war Wirklichkeit geworden. Die Leiter des Unternehmens hatten den Gedanken durchgeführt, die Aktien fürs erste wenigstens nur in tschechische Hände zu spielen. Es war daher keine öffentliche Subskription veranstaltet worden. Einige zuverlässige nationale Banken Prags hatten ihren nationalen Geschäftsfreunden das neue Papier angeboten, das links oben in der Ecke wirklich einen Löwenkopf mit goldenem Strahlenkranz als Symbol der »Böhmischen Sonne« trug. In den Provinzstädten waren Vertrauensmänner dazu ausersehen worden, die Aktien unterzubringen, und bei dem Aufsehen, das die große Entdeckung machte, und beim Lärm der tschechischen Zeitungen war die vorläufig verlangte halbe Million Gulden noch vor dem ersten September gezeichnet. Natürlich war Mikulasch Laska zum Generalsekretär der Gesellschaft ernannt worden; er sollte am ersten Oktober sein erstes Monatsgehalt im Betrage von tausend Gulden – monatlich! – erhalten. Außerdem war er der Besitzer von hunderttausend Gulden in Aktien, wofür er der Gesellschaft allerdings den Kaufpreis des Schmelkeshof schuldete. Das machte nichts, er war doch ein Krösus geworden. Wenn die »Böhmische Sonne« auch nur zwanzig Prozent Dividende bezahlte, so war Mikulasch Laska doch ein richtiger Krösus. Die Amtswohnung in Oberntal baute ihm die Gesellschaft. Fürstlich. Libussa sollte allein für ihre persönliche Bedienung zwei, drei, nein vier Kammermädchen haben. Vielleicht war Pepitschka aufzufinden. Wagen und Pferde. Drei verschiedene Wagen, auch einen auf zwei Rädern, Laska wußte nur noch die kuriosen Namen von allen diesen Zeugeln nicht ... und vier Wagenpferde. Der Kutscher hieß Johann. Reitpferde auch. Er wird reiten lernen und die Kavaliere der Umgegend zu Pferde besuchen. Er wird natürlich vom Fürsten zur Jagd geladen werden. Er wird überhaupt ein bequemes Leben führen. Zu tun hat er ja doch nichts, als von Zeit zu Zeit nach der Stadt zu fahren und bei Gericht ein Aktenstück zu unterschreiben. Einstweilen litt Mikulasch Laska empfindlich an Geldmangel. Die letzten dreißig Gulden von Weißmann hatte er in der Stadt ausgegeben, im Gasthaus, wo er sich vor der hübschen Kellnerin genierte, etwas anderes als Wein zu trinken. Dann hatte er sich einen neuen Schlips und taubengraue Handschuhe gekauft. Beim Lamm in Oberntal war er seine ganze Kost seit vierzehn Tagen schuldig. Glücklicherweise gehörte ihm gewissermaßen der Schmelkeshof und er hatte keine Miete zu bezahlen. Es war aber eine Tatsache, daß der Generalsekretär und Hauptaktionär der »Böhmischen Sonne« am ersten September nur noch einen Gulden und fünf Sechserl in der Tasche hatte. Aber das schadete nichts. Hocherhobenen Hauptes ging er in seiner Tschamara umher, auf das üppige Haar hatte er das nationale Hütchen aufgesetzt, und sogar den Ziskastock hatte er hervorgesucht und fuchtelte mit ihm durch die Luft, wenn er in Oberntal spazieren ging. Diese ganze Bekleidung hätte eigentlich erneuert werden müssen, und Laska hatte Kredit. Aber eine geheime Scheu hielt ihn davon zurück, andere Schulden zu machen als die beim Wirt. Am liebsten hätte er von seinem Siege gar keine persönlichen Vorteile gehabt. Träumen, ja. Aber ihm schien es beinahe ein Verrat an der Sache des Vaterlandes, wenn er reich wurde und den Schneider bezahlen konnte. Und die nicht mehr tadellosen Kleider schadeten seiner Stellung durchaus nicht. Ganz Oberntal sah in ihm nur noch den mächtigen Mann, der Aktien zu vergeben habe. Bis dahin war Weißmann überall der erste Mann von Oberntal gewesen. Weißmann war jetzt völlig in den Schatten gestellt. Was konnte denn Weißmann? Seinen Arbeitern höheren Lohn geben oder kündigen, und für die Feuerwehr von Oberntal zehn Gulden mehr beisteuern als der Bäcker. Mikulasch Laska konnte jedem einzelnen durch ein einfaches Kopfnicken ein Vermögen zuwenden. Wie der Herr Fürst, wenn er einmal in seinem Jagdwagen durchs Dorf kam, so wurde Laska gegrüßt. Nachdem er ein Dutzend der angesehensten Leute lächelnd dahin beschieden hatte, kein Deutscher dürfe eine Aktie erhalten, belästigte man ihn nicht mehr in seiner Stube; aber auf der Straße, wohin er blickte, sah er sehnsüchtig bittende Blicke auf sich gerichtet. Der Gemeinderat kam wieder zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Man mußte doch beraten. Da lag in Oberntal das Geld auf der Straße, und man hätte doch gern zugegriffen. Niemand stellte einen Antrag. Der Lammwirt fragte, ob es wahr sei, daß jemand den Antrag gestellt habe, den Namen des Ortes in Opretal umzuwandeln. Doch niemand hatte es vorgeschlagen. Der Gemeindevorsteher wartete und wartete, doch niemand wollte es gewesen sein. Der Müller fragte an, ob es wahr sei, daß jemand den Antrag gestellt habe, aus Gemeindemitteln die tschechischen Schulen in Wien zu unterstützen. Doch wieder wollte niemand den Anfang machen. Der Gemeinderat blieb lange beisammen, aber es geschah nichts. Nur Weißmann glückte es, von Laska zwanzig Aktien zu fünfhundert Gulden zugesichert zu erhalten. Natürlich nicht für sich selbst, sondern für seine Tochter, die ja bekanntlich eine halbe Tschechin war und der Laska unmöglich etwas abschlagen konnte. Weißmann machte bei dieser Unterredung allerlei scherzhafte Anspielungen auf menschliche Schicksale, auf die Schüchternheit großer Männer, und erklärte mit derber Aufrichtigkeit, er sei nicht so verrannt; ihm sei ein braver und wohlhabender Tscheche als Schwiegersohn ebenso willkommen wie ein Deutscher. Laska wurde sehr verlegen; er überlegte, wie ein eleganter Mann und Krösus in einem solchen Fall um die Hand einer Fabrikantentochter zu werben habe. Er stand vom Stuhle auf mit der unklaren Empfindung, er müßte die Taubengrauen aus dem Kasten nehmen. Weißmann hielt diese Bewegung für Ablehnung oder Unentschlossenheit, und so kam es für diesmal zu keiner endgültigen Aussprache. Am 15. September erhielt Laska offiziell die telegraphische Mitteilung – er bekam jetzt überhaupt mehr Telegramme als alle übrigen Oberntaler zusammen –, daß das Aktienkapital vollkommen gezeichnet sei. Laskas nationales Bewußtsein und sein Selbstvertrauen stieg aufs höchste. Er gab dem Postboten eines seiner selten gewordenen Sechserl als Trinkgeld und beschloß, das große Ereignis würdig zu feiern. Morgen war Sonntag. Er hatte zweimal im nationalen Verein zu Kippsdorf gefehlt. Morgen wollte er den Mitgliedern ein Fest geben, und als dessen Krönung das zweite Werk vollbringen, das dem Vaterlande noch ganz anderen, noch höhern Nutzen bringen mußte, als die Aufdeckung der Petroleumquelle. Vom Ofen herunter holte er das Stammseidel vom »Blauen Schwan« und aus dem Koffer entnahm er die künftige Handschrift von Opretal. Beide Schätze stellte er vor sich auf dem Tische aus und schloß die Tür ab. Im Seidel war nach den Proben, die er hatte abgießen lassen, kein reines Petroleum mehr vorhanden. Nur die etwa zollhohe Sandschicht am Boden war vom Öl durchtränkt. Aber köstlich roch es nach dem nationalen Erdöl, und schön fettig fühlte sich das historische Seidel an. Die Schauer großer geschichtlicher Taten umschwebten Laskas Haupt. So wie ihm einst zumute gewesen war, als er in seiner Knabenzeit in Prag zuerst die alte steinerne Brücke betreten hatte und den Stein geküßt, von dem der heilige Nepomuk angeblich hinuntergestürzt worden war in die frühlingskalten Fluten der Moldau, oder als er auf dem Hradschin den Türring an der Wenzelskapelle berührt hatte, der von der Hand des sterbenden heiligen Wenzel geheiligt worden. So wird vielleicht nach Jahrhunderten den böhmischen Enkeln zumute sein, die das Stammseidel vom »Blauen Schwan« im Museum erblicken werden und vernehmen, daß mit diesem Seidel der heilige Mikulasch Laska, nein, nein, der große, na, ja, der brave Mikulasch Laska, das erste Seidel nationalen Erdöls geschöpft hatte. Wenn man die Geweihe des Hirsches hätte, der sich auf der Flucht vor den Jägern in den Karlsbader Strudel stürzte und dadurch zum Entdecker des weltberühmten Karlsbades wurde, wären diese Geweihe nicht eine heilige Reliquie? Freilich Karlsbader Wasser und nationales Erdöl dienten nicht unmittelbar den idealen Zielen der Vaterlandsfreunde. Dieses alte, liebe Bierseidel, das Pepitschka so oft mit einem edlen und gleichfalls nationalen Naß gefüllt hatte, das besser schmeckte als Karlsbader oder Petroleum, dieses schlichte Gefäß wird doch nur Neugierde wecken – dereinst im Museum – neben diesem erhabenen Dokument aus Böhmens Vorzeit. Mikulasch Laska nahm gerührt die dereinstige »Handschrift von Opretal« zur Hand. Er hatte völlig vergessen, daß er der Dichter und Pepitschka seine Muse war. Er hatte die beiden Freunde vergessen, deren Kenntnisse und Künste das ehrwürdige Dokument erst geschaffen hatten. Da hielt er es fest in seinen Händen und sah in die Zukunft voraus, wie ehrfurchtsvolle Gelehrtenhände vorsichtig und treu damit umgehen würden. Wie einst nach Jahrhunderten irgendwo in einer neuen Weltstadt einer neuen Welt eine internationale Ausstellung der heiligsten geistigen Schätze aller Völker eröffnet werden wird, wie in einem besonderen Raume das Königreich Böhmen, das mächtige große Königreich, das irgendwo wieder bis ans Meer reichen wird, seine Schätze ausstellen wird in goldenen Kästchen, und in dem schönsten goldenen Kästchen unter einem dicken Glasdeckel wird, noch dunkler und ehrfurchtsgebietender geworden, dieses Dokument ruhen, und darüber an der Wand eine große silberne Tafel mit roten Buchstaben: »Die Handschrift von Opretal, aufgefunden von Mikulasch, Mikulasch – ach was, wenn man schon träumte, dann auch ordentlich – Mikulasch von Laska am« – wieder kam es über ihn wie eine Eingebung, »am Tage des heiligen Wenzel des Jahres 188...« Laska sprang auf, er war ein Begnadeter. Jawohl, am Tage des heiligen Wenzel, am 28. September, sollte in Opretal das große Fest der Grundsteinlegung begangen werden, der Grundsteinlegung für die Petroleumfabrik, für seine Amtswohnung und nicht minder der erste Spatenstich zur Fassung der Petroleumquelle. Und an diesem selben Tage, es war ein Wink des Schicksals, sollte die »Handschrift von Opretal« entdeckt werden. Da mußte sie also vorher eingemauert sein. Laska hüllte das Pergament wieder in ein Zeitungsblatt und legte es in den Koffer zurück. Er schrieb noch eine Karte an den Stationsvorsteher von Kippsdorf und lud ihn sowie das Mitglied Trouba für morgen zu einem Fest, dessen Kosten er, der Vizepräsident, allein tragen wolle. Sie möchten dieses Mal womöglich schon um sieben Uhr kommen. Den Hrntschirsch, der jetzt allnächtlich als Wächter der »Böhmischen Sonne« sein Hausgenosse war, werde er persönlich benachrichtigen. Als Hrntschirsch sich abends meldete, führte ihn Laska in den Keller hinab und ließ ihn bei einer Talgkerze schwören, von dem, was er ihm anvertrauen wollte, nichts zu verraten. Auf Kelch und Schwert sollte Hrntschirsch schwören. Er tat es aber stumpfsinnig bei allen Heiligen, und Laska war auch so zufrieden. Im Keller des Schmelkes hatten sich glücklicherweise eine halbvolle Tonne Zement und ein Haufen neuer Ziegelsteine vorgefunden, als ob da unten erst jüngst etwas vermauert worden wäre. Hrntschirsch erhielt den Befehl, sich eine Mauerkelle zu verschaffen und für die nächste Nacht alles vorzubereiten, um in der Nähe etwas einzumauern. Vorher wird es ein warmes Nachtmahl geben und soviel Bier, wie Hrntschirsch trinken will. Ein Fest. »Auch Sliwowitz?« »Auch Sliwowitz.« Hrntschirsch wischte sich den Mund und erklärte sich bereit, seinen verstorbenen Großvater bei lebendigem Leibe einzumauern. Den Sonntag vormittag verbrachte Laska in einiger Aufregung. Als Hauslehrer von Weißmann war er immer zur Kirche gegangen mit der ganzen Familie. Jetzt kehrte er den Freidenker heraus, recht eigentlich den alten Hussiten, und ging zur Kirchenzeit in seiner Tschamara spazieren, das nationale Hütchen auf, den Ziskastock in der Hand. Und heute hatte er die Taubengrauen angelegt. Die deutschen Mädchen im Dorf blickten ihm nach, traurig und bewundernd, wie sie dem Fürsten nachblickten. Laska aß heute schon vor zwölf Uhr zu Mittag und wanderte dann, so heiß es war, nach Kippsdorf hinüber, um bei der hübschen Wirtin das Fest zu bestellen. Ein Achtel Bier sollte aufgelegt werden und ein Kistchen von ihren guten geschmuggelten Zigarren. Was getrunken und geraucht wurde, auch den Schnaps, wollte Laska alles bezahlen. Und was sie dem ganzen Verein, vollzählig, zu essen geben könnte? Was Gutes. Die Wirtin war schnell entschlossen. Eingemachtes Huhn konnte sie beschaffen, oder Rostbraten mit Sauerkraut. Beides, entschied Laska errötend. Er werde alles am ersten Oktober bezahlen. Ob sie ihm bis dahin ... Die hübsche Wirtin lachte auf und stieß ihn in die Seite. So einem schönen und noblen Herrn. Und sie rückte dicht an ihn heran und tatschelte ihm seinen Oberarm. Laska wurde ganz verlegen. Eine Wirtin! Eine so feine Dame! Aber nur heute nicht, der heutige Tag gehörte der Nation. Er zog die Hand, mit der er der Wirtin schon unter das Kinn greifen wollte, ungeschickt zurück und empfahl sich kurz. Ob er nicht wenigstens das Bier kosten wolle? Bei der Hitze! Laska nahm ein Glas im Vereinszimmer und wunderte sich, als er fortging, darüber, daß er richtig einen Kuß bekommen hatte. Bescheiden wollte er es nur seinen Taubengrauen verdanken. Aber kaum vor der Tür, kam das Bewußtsein seiner Stellung wieder über ihn, und er nahm die Eroberung hin wie ein ganz unwichtiges alltägliches Ereignis. Man war eben auch etwas geworden. Und wenn er sich's recht überlegte, so hätte doch auch Pepitschka Wirtin sein können. In Oberntal legte er sich für eine Stunde aufs Bett und träumte, ohne einzuschlafen, von Weltruhm, von Libussa, von Fürstinnen und der Wirtin von Kippsdorf. Gegen fünf Uhr ermannte er sich und ging ans Briefschreiben. Es handelte sich darum, die Mitgliederzahl des Vereins zu verdoppeln. Mit dieser Mitteilung wollte er das Vereinfest einleiten und begründen. Der Briefträger von Kippsdorf hatte sich ihm als einen Tschechen eröffnet. Hrntschirsch hatte ihm die Adresse eines zweiten Bergarbeiters genannt, der an seiner Stelle Mitglied werden sollte. Denn Hrntschirsch bildete sich's fest ein und ließ es sich nicht ausreden, daß er jetzt als Beamter der »Böhmischen Sonne« mehr geworden sei als Mitglied und daß er einen Ersatzmann stellen müsse. Das waren nur die Proletarier unter den neu Angemeldeten. Aber auch ein jüdischer Kaufmann aus Teplitz, der Aktien haben wollte und sich dafür bereit erklärte, eine tschechische Firmentafel über seinen Laden zu setzen, hatte sich auf eine rasche Frage Laskas hin als Mitglied des Vereins von Kippsdorf angemeldet. Er werde für das erste halbe Jahr nicht erscheinen können, er müsse erst besser Tschechisch lernen, er und seine Söhne. Es war ein reicher Kaufmann, der zur Sommerzeit vier Stuben im eigenen Hause an Fremde vermietete und dessen Tochter Piano lernte. Und doch war es noch nicht der höchste Trumpf, den Laska ausspielen konnte. Der Graf, der Präsident der »Böhmischen Sonne«, war Mitglied geworden. Fast gegen Laskas Willen. Laska hatte in einem ehrenvollen Privatgespräch ein bißchen geprahlt, hatte von dem Verein, dessen Vizepräsident er wäre, als von etwas Rechtem gesprochen. Da hatte der Graf leutselig gebeten, ihn auf die Mitgliederliste zu setzen, und noch gefragt, ob für ihn ein Jahresbeitrag von zwanzig Gulden genüge. Laska hatte aus nationalen Gründen die Anmeldung annehmen müssen, hatte aber den Grafen ausdrücklich gebeten, vorläufig bei keiner Sitzung zu erscheinen, weil der Sitzungssaal seiner nicht würdig sei und auch unter den Mitgliedern bis auf weiteres sozialdemokratische Elemente vorhanden seien. Zu früher Zeit brach Laska auf, um heute zum zweitenmal, jetzt bei gelinderer Sonne, den Weg nach Kippsdorf zu machen. Im Paterbüschel traf er den Pfarrer, der zur Tarockpartie ging. Laska wollte ohne Gruß vorübereilen, nahm aber schließlich doch sein Hütchen ab. Der Pfarrer dankte freundlich, und es war, als ob er dabei ein Lächeln unterdrückt hätte. Ja, einige Schritte weiter glaubte Laska ein ganz merkwürdiges Lachen hinter sich zu vernehmen. Es konnte auch ein Hustenanfall sein. Laska nahm das als böses Vorzeichen und faßte den Entschluß, in seiner Opposition gegen die Kirche noch strenger und rücksichtsloser zu sein als bisher. Das Vereinszimmer war reich geschmückt. Auf dem gedeckten Tisch stand ein Strauß von Rittersporn und Sonnenblumen, auf einem alten Stuhl, der das Achtel Bier trug, war so etwas wie eine Tannengirlande angebracht, und die alte Hängelampe, die seit dem Bestehen des Vereins noch keinen sauberen und ganzen Zylinder gesehen hatte, war hergerichtet und blank geputzt. Eine sinnige Ovation für die »Böhmische Sonne«. Hrntschirsch war schon anwesend. Er hatte sich seinen Stuhl neben das Faß gesetzt. Er hätte es nie gewagt, sich allein an den gedeckten Tisch zu setzen. Die Gans, die Wirtin, hätte vier solcher Tücher hingelegt, zum Maulabwischen, nicht nur für den Herrn Präsidenten und den Herrn Vizepräsidenten. Er, der Hrntschirsch, sei aber kein Schwein und werde die saubern Tücher nicht beschmutzen. Gewiß auch der Trouba nicht. Das Bier sei gut, da sei nichts zu sagen. Laska ermahnte ihn, nicht zu viel zu trinken, weil nachher noch die gewisse geheime Arbeit besorgt werden müsse. »Bitte gehorsamst, pane Vizepräsident, sie wird sehr gut gemacht werden. Wenn Bier auf Zement gegossen wird, so hält das dreifach.« Hrntschirsch wiederholte diesen Witz noch einige Male. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der Vorsteher trat ein, in seiner Sonntagsuniform, wie am Fronleichnamstage. Gerührt drückte ihm Laska die Hand. Hrntschirsch machte große Augen und wischte sich kräftig den Bart ab, um doch auch etwas für seine Toilette zu tun. Trouba werde nach wenigen Minuten erscheinen. Er habe nur noch einen Wagen zu verschieben. Und dann müßte der Vorsteher mit Trouba um halb zehn Uhr wieder auf der Station sein, des Personenzuges wegen. Sie würden aber danach bald wiederkommen. Als endlich auch Trouba in seinem besten Staat erschien, wurde es Hrntschirsch so unbehaglich, daß er rasch zwei Glas Bier nacheinander trank. Dann fühlte er sich wieder, und als man zu Tische ging, nahm er ganz behaglich auf seinem Stuhle Platz. Das Nachtmahl verlief über Erwarten gut. Die beiden Präsidenten mußten das Essen loben, und Hrntschirsch und Trouba stellten ein förmliches Wettessen an. Ihre Gesichter röteten sich, als ob's inwendig gekocht hätte. Trouba hatte außerdem das Amt erhalten, die Gläser zu füllen, wenn sie leer waren; und Hrntschirsch ließ es sich nicht nehmen, sich von Zeit zu Zeit ein Glas außer der Reihe zu holen. Die beiden Arbeiter wurden immer gemütlicher und lauter. Aber auch die beiden Präsidenten tranken mehr als gewöhnlich, sie sagten einander scherzhafte Wahrheiten, bis dann der Vorsteher auf einmal gerührt wurde und auf deutsch darüber zu klagen anfing, daß der Herr Generalsekretär seine Frau immer noch nicht besucht und ihm nicht eine einzige Aktie abgelassen hätte. Etwas protzig lehnte sich Laska in seinen Stuhl zurück und murmelte nur immer: »Wir werden sehen, wir werden sehen.« Dann trommelte er auf den Tisch und schaute sich in der Stube um, etwas verstimmt, wie es schien, oder wenigstens erwartungsvoll. Das Gespräch verstummte. »Es wundert mich nur,« sagte Laska endlich, »daß keine einzige Tischrede angemeldet worden ist.« »Ich hätte geantwortet,« sagte der Vorsteher ziemlich scharf. »Aber der erste Toast ist doch natürlich so, daß ich ihn unmöglich selbst halten kann.« »Weil Sie Präsident sind?« fragte Laska, und lachte. »Weil ich Präsident bin,« sagte der Vorsteher mit Würde. Dann gab es wieder ein unheimliches Schweigen, und die beiden Präsidenten blickten einander feindselig an. Trouba, der Schliff hatte, merkte, was vorging, winkte dem Hrntschirsch zum Faß, und die beiden besprachen sich leise. Hrntschirsch schien sich zu weigern. Dann hörte man den Trouba sagen, nur unter dieser Bedingung dürfe Bier getrunken werden. Mit gefüllten Gläsern kehrten beide an ihre Plätze zurück. Trouba, der sich die Serviette wie die beiden anderen Herren um den Hals gebunden hatte, nahm sie ab, klopfte mit dem Salzfaß ans Glas und sprach: »Der Herr Vizepräsident und Gastgeber kommen nachher. Der Herr Vorsteher, ich bitte gehorsamst um Verzeihung, der Präsident soll leben, er lebe hoch!« Die Herren tranken einander zu, der Vorsteher schüttelte Trouba die Hand, und Hrntschirsch stürzte sein Glas hinunter mit einem Schwung, als ob er es auf die Erde geschüttet hätte. Dann holte er frisches Bier, stellte es vor seinen Platz und blieb stumpfsinnig stehen. »No, Ochse, der du bist!« rief Trouba. »Bist du stumm?« Hrntschirsch hob freundlich abwehrend beide Hände auf. Dann knöpfte er sich langsam die Serviette, auf der er bisher gesessen hatte, um den Hals fest und versuchte sie sofort wieder loszubinden. Er glaubte, das gehöre zur Sache. »Das ist doch überflüssig!« schrie ihn Trouba an. »Du bist und bleibst ein Bauer.« »Was du bist, bin ich schon lange,« sagte Hrntschirsch, aber freundlich und würdevoll. Er hatte die Serviette endlich wieder losbekommen und reichte sie wie ein Geschenk dem Laska hinüber. Dann faßte er über den Tisch hinweg das Salzfaß, sah sich eine Weile prüfend um und schlug endlich kräftig gegen das Glas des Vorstehers. »Ein Esel bleibt ein Esel, auch wenn man ihn eine Stunde belehrt hat,« brummte Trouba vor sich. Hrntschirsch lachte herablassend. Er öffnete den Mund und stürzte dann plötzlich sein volles Glas herunter. »Du hast ja noch kein Wort gesagt!« schrie Trouba. Hrntschirsch setzte sich nieder. »Das ist einerlei. Das sind Faxen,« sagte er, »und deutsche Dummheiten. Der Trouba ist ein Speichellecker. Der Trouba redet nicht, wie's ihm ums Herz ist.« Plötzlich sprang er wieder in die Höhe und schrie wie unter einer plötzlichen Eingebung: »Unser Gastgeber, unser teurer allmächtiger Vizepräsident, er soll leben!« »Er soll leben!« stimmte Trouba donnernd ein; dann traf ihn ein mißbilligender Blick des Vorstehers. Der Vorsteher sah nach der Uhr und erhob sich; schwerfällig folgte ihm Trouba. Man werde bald wiederkommen. Aus der Stimme des Vorstehers klang es heraus, als ob es ihm mit dem Wiederkommen nicht recht ernst wäre. Da erhob sich Laska, dankte für die Gesundheit, die ihm gebracht worden sei, und kündigte an, er werde sofort nach der Rückkehr der beiden Mitglieder geschäftliche Mitteilungen von äußerster Wichtigkeit zu machen haben. Die Organisation des Vereins verlange neue Maßnahmen. Als er mit Hrntschirsch wieder allein war, wurde es still in der Stube. Laska trank nicht mehr und Hrntschirsch machte mit geschlossenen Augen eine Trinkpause, oder er war eingeschlafen. Die Wirtin kam herein, um abzuräumen. Sie stieg auf einen Stuhl, um die Petroleumlampe höher zu schrauben, und ließ sich dabei von Laska festhalten. Sie schäkerte ein wenig, ging aber bald wieder in die Vorderstube, wo sie zwei Forstbeamte sitzen hatte. Hrntschirsch öffnete die Augen und erzählte die Geschichte von einem sehr guten Freunde in Ungarn, dem einmal so ein Herr Wohltäter aus Spaß aufgegeben hätte, ein Achtel Bier allein auszutrinken, da hätte sein Freund geantwortet: »Ein Achtel Bier kann ich nicht allein austrinken. Dazu bin ich zu schwach. Dazu gehört noch einer. Dazu gehört noch ein Viertel von einem Ochsen. Wenn ich ein Viertel von einem Ochsen essen darf, so kann ich dazu ein Achtel Bier trinken. Sonst nicht.« Ob Laska nichts von diesem Freunde gehört habe? Hrntschirsch habe schon viele Jahre nichts von ihm vernommen. Es sei ein so braver Mann gewesen, immer zu guten Späßen aufgelegt. Vielleicht sei er gar schon tot. Es sei schrecklich mit dem menschlichen Leben. Ein so kräftiger Mann. Er, Laska, sehe auch so kräftig aus, und wer könne wissen ... Hrntschirsch schloß wieder Augen und Mund, und auch Laska wurde so müde, daß er sich nach seiner Stube sehnte. Er bezwang sich aber, stand auf und ging auf und nieder. Nach langer Zeit kam der Vorsteher allein zurück. Er hatte den Galarock abgelegt und entschuldigte sich nur obenhin. Trouba habe sich nach getanem Dienst hingelegt und sei nicht wieder zu erwecken gewesen. Laska war wieder ganz munter geworden und hielt einen Vortrag, worin er die neuen Mitglieder ankündigte. Beinahe verlegen fügte er hinzu, der Graf habe einen Jahresbeitrag von zwanzig Gulden in Aussicht gestellt. Was man damit machen solle? Der Vorsteher ergriff das Wort. Das sei sehr einfach. Es müsse ein Kassierer gewählt werden, und der Kassierer müsse persönlich zum Herrn Grafen gehen und das Geld holen. Gut wäre es, wenn man aus diesem Anlaß auch einen Vereinsstempel anfertigen ließe. Dann könnte die Quittung gestempelt werden. »Wer soll denn den Stempel bezahlen?« rief Laska sarkastisch. »Wir bezahlen ihn,« sagte der Vorsteher, »aus dem Vereinsvermögen, vom Jahresbeitrag des Grafen.« »Diese Antwort habe ich von Ihnen erwartet, Herr Präsident,« sagte Laska noch sarkastischer. »Es hat nur eine Schwierigkeit: wollen wir den Stempel jetzt bestellen, so haben wir kein Geld, und wollen wir mit der Bestellung warten, so haben wir keine Quittung. Aber ich denke den gordischen Knoten zu durchhauen, wie die Deutschen sagen. Ich habe jetzt ohnehin viele Stempel zu bestellen. Ich werde auch einen Vereinsstempel machen lassen und ihn dem Verein schenken.« »Sie können das ja, Herr Generalsekretär. Aber wer soll Kassierer werden?« »Ich!« schrie Hintschirsch, daß beide Herren zusammenfuhren. Er hatte doch nicht geschlafen. »Ich, meine Herren! Der Trouba, der dumme Kerl, ist nicht da, weil er nichts vertragen kann. Und es wäre eine Niederträchtigkeit und eine Ungerechtigkeit und eine Trampelei, wenn einer von den Herren Präsidenten auch noch Kassierer würde. Ich bin ein sehr guter Kassierer. Ich bin kein Dieb. Die ganze Nacht will ich vor der Kasse liegen wie ein Hund, und wenn ich ein ganzes Achtel Bier getrunken habe und es kommt einer, ich wach auf und zerreiß ihn.« Hrntschirsch verzichtete erst, als er erfuhr, ein Kassierer müsse gut schreiben können. Nach langem Hin- und Herreden wurde der Teplitzer Kaufmann einstimmig zum Kassierer gewählt und der Präsident beauftragt, dem Herrn Grafen mitzuteilen, daß der Verein es sich zur größten Ehre schätze ... »Das werde ich schon machen,« sagte der Vorsteher. »Ich bin der Präsident des Vereins, und er ist der Präsident der Gesellschaft. Ich werde das fein einkleiden.« Noch ein Gläschen Sliwowitz und noch ein paar Glas Bier, dann zog der Vorsteher sich zurück. Hrntschirsch wollte dem Herrn Vizepräsidenten eine ganz neue Geschichte von einem Achtel Bier und einem Viertel Ochsen erzählen, aber jetzt drängte Laska zur Eile und Hrntschirsch mußte sich vom halbgeleerten Faß trennen, obgleich er versicherte, daß er eben erst anfange, frischen Durst zu bekommen. Wirklich schritt er zwar schwer und keuchend, aber aufrecht neben Laska her, als sie durchs Paterbüschel heimzogen. Laska stolperte einigemal im Dunkeln. Sie gingen nach Hause, um das Handwerkszeug zu holen. Als Laska von seiner Stube herunterkam, das kleine Paket in Zeitungspapier fest in der Hand, da war Hrntschirsch schon bereit. In der Rechten hielt er eine Stallaterne. und auf einem Karren hatte er ein Paar Ziegelsteine, ein Schaff mit Zement, einen Eimer Wasser und etwas Sand. Rasch ging's aus dem Hause hinaus und die wenigen hundert Schritte bis zum Spritzenhaus. Kein Mensch war zu sehen. Unter den vielen Schlüsseln, welche Schmelkes seinem Rechtsnachfolger übergeben hatte, war auch der zum Spritzenhaus. Mit nervösen Fingern öffnete Laska das halbverrostete Schloß. Er zog das breite Tor wieder fest hinter sich zu und hieß Hrntschirsch den Karren an der Spritze vorüber nach der Hinterwand schieben. Dort allein durfte der Schatz vermauert werden. Hrntschirsch sollte so ungefähr in Manneshöhe ein Loch schlagen, das Dokument hineinlegen, es dann wieder zumauern und die neuen Ziegel mit Mörtel bewerfen. In einer Stunde spätestens mußte das Werk getan sein. Ohne zu fragen und ohne zu zögern machte sich der Mann an die Arbeit. Laska ging unruhig hin und her und stellte sich endlich als Wächter vor die Tür, ob niemand vorüber käme. Alles blieb still. Nur aus dem Innern hörte man das dumpfe Losstemmen der Steine. Als Laska wieder einmal nachsah, erfuhr er, daß nur der erste Stein Schwierigkeiten gemacht habe, die übrigen seien leicht vom schlechten Mörtel loszulösen. Zwei Steine tief sei die Mauer, und die Höhlung von einem halben Stein werde wohl genügen. Laska trat wieder ins Freie. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Bald klopfte Hrntschirsch von innen. Es sei soweit, das Paket drin. Ob Herr Laska es aber nicht lieber in eine Blechbüchse tun wolle. Das Zeitungsblatt werde die Feuchtigkeit nicht abhalten. Mit einem Fluch trat Laska wieder in die Scheune. Ob Hrntschirsch verrückt geworden sei. Natürlich, der dumme Kerl wußte nicht, um was es sich handelte. Das hätte gerade gefehlt, daß man am heiligen Wenzelstage das Dokument aus dem dreizehnten Jahrhundert, in ein Zeitungsblatt von diesem Jahr eingewickelt, gefunden hätte. Laska riß die Umhüllung herunter und legte die Handschrift selbst in die Höhlung, mit der Kante auf den Stein und gegen die alten trockenen Ziegel gelehnt. So sollte sie bleiben und so sollte Hrntschirsch rasch das Loch zumauern. Wieder trat ihm der Schweiß aus den Poren. Er wußte selbst nicht warum. Er tat doch nichts Unrechtes. Er beaufsichtigte, wie Hrntschirsch jetzt leise einen Ziegelstein nach dem anderen mit Zementmörtel bestrich und hineinlegte. Hrntschirsch hatte geraten, die alten ausgebrochenen Steine wieder zu benutzen. Laska war überrascht, wie schnell sie vorwärts kamen. Den letzten Stein, der freilich erst für die übriggebliebene Öffnung zurechtbehauen werden mußte, reichte er selbst hin. Dann noch ein paar Kellen voll Mörtel darauf geworfen, die Stelle oberflächlich abgeputzt, und man war fertig. Laska wünschte jetzt nur, allein zu sein. Er wagte es nicht, mit dem Karren noch einmal über die Straße zu fahren. Später einmal, bei schlechtem Wetter, wird man ihn holen. Hrntschirsch solle jetzt nur voraus nach Hause gehen und sich schlafen legen. Man brauche ihn nicht mehr. »Ich bitte gehorsamst, pane Vizepräsident,« sagte Hrntschirsch demütig und verschmitzt, »ein Guldenzettelchen werde ich doch wohl für die Arbeit verdient haben.« Eilig gab ihm Laska seinen letzten Gulden und schickte ihn fort. Nur das Stemmeisen und die Kelle sollte er mitnehmen und die ausgelöschte Stallaterne. Dann schloß Laska selbst das Spritzenhaustor zu und trat tief aufatmend wieder ins Freie. Er wußte nicht, wohin sich wenden. Nach einigen Schritten stand er vor der Kapelle des heiligen Nepomuk. Ängstlich blickte er hinein, ob der Heilige wirklich von Stein wäre und ob sich hinter ihm kein Mensch verberge. Alles war ruhig. Plötzlich ging es wie ein gutes Vorzeichen durch Laskas Gemüt. Entweder es ist unser Hus, wie man sagt, dachte er bei sich, dann gehört er uns zu, oder es ist der Heilige von der Prager Brücke, dann schweigt keiner besser als er. »Auf Wiedersehen am Wenzelstag!« sagte er halblaut und ging nach Hause. Aber er fand die ganze Nacht keinen Schlaf. Als ob er ein Verbrechen begangen hätte, so plagte ihn eine unnennbare Angst. Und als er endlich am späten Morgen einschlief, träumte ihm, er stehe auf dem Dach des Königsschlosses von Prag, das Schloß brenne und in ungeheuren Bogen werfe die Feuerspritze von Oberntal Wassermassen darüber her. Aber dann war es wieder kein Wasser, sondern Petroleum von der Marke »Böhmische Sonne«, das von allen Seiten über ihn herflutete und sich an seinem eigenen Leibe entzündete. Sein Haar flammte auf; und als er mit beiden Händen nach dem Kopfe griff, wachte er schweißbedeckt auf. Achtes Kapitel Das Fest des heiligen Wenzel fiel auf einen Samstag. Den ganzen September über hatte Laska daran gearbeitet, schon an diesem Tage die »Böhmische Sonne« einweihen zu können. Um alle Brücken hinter sich abzubrechen, hatte er seine Einladungen an Private und an Korporationen sehr früh ergehen lassen. Ganz Oberntal erwartete eine noch nie dagewesene Feier, und sein Opretal durfte nicht enttäuscht werden. Auf den Grundstücken am Paterbüschel sollten einst die eigentlichen großen Petroleumwerke errichtet werden. Dafür waren aber die Pläne noch nicht in Angriff genommen; man mußte doch erst mehr über die Mächtigkeit der Quelle wissen. Aber am Wenzelstage wird, unmittelbar vor der Hauptfestlichkeit, dem ersten Spatenstich zur Fassung der Quelle, auch der Grundstein gelegt werden zu dem palastähnlichen Gebäude, das Raum gewähren sollte für das Generalsekretariat, für die gesamte ungeheure Buchhaltung und für verschiedene Beamtenwohnungen. Am oberen Eingang des Dorfes, hart an der Nepomukstatue, wird das Gebäude stehen. Und an der Rückseite der Nepomukstatue sollte der Grundstein gelegt werden. Das Spritzenhaus mußte der Neuzeit Platz machen. Und nicht ohne Großartigkeit hatte Mikulasch Laska im Namen der »Böhmischen Sonne« eine neue Scheune, nicht weit von der Kirche, für die Feuerspritze erworben und das neue Spritzenhaus der Gemeinde zum Geschenke gemacht. Denn auf dem Schmelkeshof hatte die Spritze nur zur Miete gewohnt. In den letzten Tagen vor dem Fest arbeiteten die Leute von früh bis abends, um den Schauplatz würdig herzurichten. Der Hof wurde um die Petroleumquelle herum mit Flaggenmasten besteckt, um diese wurden Reisiggirlanden gewunden. Fahnen wurden aufgezogen, über das Bohrloch selbst wurde ein weites Zelt ausgespannt und dicht daneben eine Rednertribüne errichtet. Gegenüber, am Wohngebäude, gerade unter der ärmlichen Stube, die der bescheidene Herr Generalsekretär immer noch bewohnte, wurde ein Gerüst aufgeschlagen für die Musikbande, eine Bergknappenkapelle aus der Nachbarschaft. Auch bei der Nepomukstatue sollte ein Zelt errichtet werden. Aber Laska zögerte da mit seinen Befehlen. Zuerst mußte das alte Spritzenhaus fallen, und das schien immer wieder aufs neue untunlich. Man ahnte in Oberntal irgendeine neue Überraschung. Vielleicht wollte der Herr Generalsekretär der Gemeinde gar auch noch eine neue Spritze schenken. Jetzt war alles möglich. Die Arbeiter, welche unter Laskas Oberkommando und unter Führung des Hrntschirsch am Werke waren, hatte man aus tschechischen Ortschaften kommen lassen. Darüber murrte man in Oberntal gar nicht mehr. Es war natürlich, daß sich vieles änderte, über den neuen Namen »Opretal« hatte man im Wirtshaus wochenlang gelacht. Da der erste Brief für Herrn Laska ankam, der als Bestimmungsort den Namen Opretal und daneben in Klammern Oberntal trug, da war man im Gemeinderat sogar entrüstet. Aber der erfahrene Müller meinte, man werde sich daran gewöhnen müssen. Am Tage vor dem Fest begannen die Gäste aus Prag einzutreffen. Sämtliche Stuben im »Lamm« waren von Laska vorausbestellt, im Hause des Schmelkes hatte er für die Hauptpersonen Unterkunft geschaffen; auch in den zwei schlechteren Wirtshäusern von Oberntal war jede Kammer belegt, selbst in Kippsdorf mußten noch Ehrengäste untergebracht werden. Das Vereinszimmer war geschmückt und in ein Fremdenzimmer umgewandelt. Die tschechischen Herren aus Prag waren erstaunt, die deutsche Ortschaft so verwandelt zu sehen. Von den Masten um das Brunnenloch wehten weißrot die Flaggen in den national-tschechischen Landesfarben herunter, die Nepomukstatue war ebenso geschmückt, das Wirtshaus zum Lamm hatte um eine riesige schwarzgelbe Fahne Dutzende von weißroten Fähnchen angebracht, und vom Gebirge her flatterten über dem Wohnhaus des Weißmann lustig schwarzgelbe und weißrote Flaggen. Am Pfarrhaus allein war nur die schwarzgelbe Fahne zu sehen. Der Pfarrer hatte einen Wink erhalten, sich dem Feste nicht zu entziehen. Er steckte die Farben des Kaiser Joseph heraus, weigerte sich aber entschieden, an dem ersten Spatenstich einer Aktiengesellschaft in amtlicher Eigenschaft teilzunehmen. Nur bei der Grundsteinlegung am Nepomukdenkmal wollte er erscheinen, anderswo nicht. In einem devoten Schreiben an den Herrn Fürsten, seinen Patron, entschuldigte er sein Fernbleiben. Die Unternehmer hätten ein national-tschechisches Fest verkündigt, und daran könnte er sich nicht von Herzen erbauen. Am Freitag abend erlebten die Oberntaler, die nicht mehr müde wurden, spazieren zu gehen und das Großstadttreiben, wie sie es nannten, zu beobachten, neue Überraschungen. Im »Lamm« trat ein tschechischer Kellner ein, der für die nächsten zwei Tage extra aus Prag verschrieben war; er hatte eine große Speisenkarte, in beiden Sprachen bedruckt, mitgebracht und behandelte den Wirt herablassend. Über dem Eingang des Schmelkeshauses wurde am Nachmittag eine mächtige Tafel angebracht, die in tschechischer Sprache, rot auf weiß, die Inschrift zeigte: »Böhmische Sonne von Opretal, kaiserlich königlich privilegierte Aktiengesellschaft.« Der Name Opretal war gewissermaßen zum erstenmal amtlich geworden. Am Freitag abend faßte Laska endlich den Entschluß, das alte Spritzenhaus hinter der Nepomukkapelle über Nacht abzutragen. Niemand fand dieses Vorgehen außerordentlich. Auch anderswo in Großstädten wurde, wie man gehört hatte, bei Fackelschein gearbeitet. Und bei dem romantischen Lichte von vier Pechfackeln gingen zahlreiche Arbeiter daran, die alte Scheune einzureißen. Die Spritze war längst in ihr neues Haus geschafft worden. Hrntschirsch, der alles besorgt hatte, arbeitete jetzt im Innern des Spritzenhauses, während die anderen Arbeiter teils das Dach abtrugen, teils mit spitzen Hacken die dünnen Fachwerkmauern zertrümmerten, Laska schaute zu und drängte aufgeregt zur Eile. Um ihn her standen im roten Fackellicht viele der Ehrengäste und weiter zu Hunderten die Einwohner von Oberntal. Die Spitzhacken klangen, die Ziegel flogen vom Dach, und aus dem Innern hörte man dumpfe Schläge. Laska lief dahin und dorthin und hatte das Aussehen, als ob er einen gefährlichen Einsturz oder sonst einen Unglücksfall befürchtete. Plötzlich trat Hrntschirsch, über und über mit Ziegelstaub und Kalk bedeckt, heraus und näherte sich dem Generalsekretär in dienstlicher Haltung. »Halt!« schrie Laska und faßte die einzelnen Arbeiter an den Armen, winkte den Oberntalern und warf den Prager Freunden sorgenvolle Blicke zu und schien eine Unglücksbotschaft zu erwarten. »Halt! Was ist geschehen?« So still wurde es im Kreise, daß man deutlich das Flackern und Rauschen der Fackelflammen vernahm. »Gnaden, pane Vizepräsident, bitte um Verzeihung, Herr Generalsekretär, ich habe gehorsamst zu melden, das alte Spritzenhaus hat nämlich nur drei Seiten, was die vierte Seite ist, das ist nämlich die Kapellenmauer. Die ist nicht Fachwerk, die ist eine richtige Mauer. Und wie ich da hineinschlag', bei meiner Ehre und Seligkeit, und mir gar nichts dabei denke, da kommt ein Loch, und in dem Loch liegt ein Schatz. Gnaden Herr Generalsekretär.« »Gold?« fragte Laska. »Nein, Gnaden Herr Generalsekretär. Alte Papiere.« Laska stand da wie ein Verzückter. Plötzlich sprang er auf einen der Karren, die zum Abfahren der Steintrümmer bereitstanden, und rief in deutscher Sprache: »Freunde! Bürger von Oberntal! Ich habe gehört, daß soeben in der uralten Mauer der Kapelle, die seit Jahrhunderten dem Johann von Nepomuk geweiht ist, alte Dokumente entdeckt worden sind. Dieser brave Mann verdient das größte Lob, weil er, die Bedeutung des Fundes ahnend, uns sofort Mitteilung gemacht hat. Auch ich will die Dokumente nicht ohne Zeugen heben. Ich schlage vor, daß zwei Fackelträger voranschreiten, und daß wir, etwa zwei der Herren aus Prag und zwei angesehene Bürger von Oberntal, gemeinsam vorgehen.« Er nannte zwei der Prager Herren beim Namen und blickte dann nach den Oberntalern hin. »Darf ich Sie bitten, Herr Weißmann?« Weißmann trat geschmeichelt mit den beiden Prager Herren vor. Während Laska nach einem zweiten Deutschen suchte, dem er die Ehre antun könnte, rief eine Stimme aus dem Hintergrund: »Der Doktorpeppi muß dabei sein!« Und vielstimmig rief es sofort durcheinander: »Der Doktorpeppi! Das ist ein Gelehrter! Vom Kurieren versteht er nichts, aber ein Gelehrter ist er! Der Doktorpeppi!« Laska hatte ein unbehagliches Gefühl. Aber rasch überwand er es und rief: »Ich bitte also auch den Herrn Doktor Scheibler junior , die Sache mit uns in Augenschein zu nehmen. Es kann mir nur lieb sein, wenn ein Gegner unserer nationalen Bestrebungen die Auffindung eines ehrwürdigen Dokumentes bezeugen muß.« Langsam trat der Doktorpeppi vor und sagte halblaut zu Weißmann: »Woher weiß er denn schon, daß das da drinnen so ein Dokument ist?« Unter feierlichem Schweigen traten Laska und die vier Vertrauensmänner mit den Fackelträgern in das Spritzenhaus. Der schwarze Rauch der Pechfackeln schlug durch das zerrissene Sparrenwerk zum Nachthimmel empor. Das rote Licht beschien die kahlen Wände. Der Doktorpeppi entdeckte auf der Innenseite des Tores ein großes Plakat mit Regeln zur Rettung Ertrunkener. Er wollte eine Bemerkung darüber machen, daß auf zwei Stunden im Umkreis nicht einmal ein Bach vorhanden wäre, da stieß Laska einen Schrei aus, und der Doktorpeppi stellte sich rasch zu den anderen Herren, die neugierig oder verwundert in ein Loch der Hinterwand hineinstarrten. Laska schien aufs äußerste erregt. »Sehen Sie, meine Herren, das merkwürdige Ding in der Höhlung dieser uralten Mauer. Sie alle sind Zeugen, daß es von niemand berührt worden ist. Ich schlage vor, daß der Herr Advokat aus Prag und der Herr Doktor Scheibler gemeinsam dieses unbekannte Etwas hervornehmen.« »Bitte, bitte,« sagte der Doktorpeppi, und schon hatte der Advokat in das Loch hineingegriffen und brachte ein feuchtes, schimmelüberzogenes, verwittertes Pergament ans Licht. Laska mußte sich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken. Die freudige Aufregung hatte ihn überwältigt, dazu aber eine rätselhafte Angst und im letzten Augenblick ein ernster Schmerz. Die schöne Handschrift verschimmelt!' Aber vielleicht war nur das erste Blatt verloren, das Pergament mit dem epischen Gedicht, auf das er doch geringern Wert legte. Und schon hatte der andere Herr aus Prag, ein Professor, die Pergamentblätter vorsichtig geöffnet und rief mit ehrlichem Entzücken: »Altböhmisch! Aus dem dreizehnten Jahrhundert! Alles altböhmisch!« Laska fiel ihm halb ohnmächtig in die Arme. Der Doktorpeppi bückte sich, nahm ein Stück eines ausgebrochenen Steins und steckte es ruhig in die Tasche. »Merkwürdig feucht diese alte Mauer,« sagte er zu Weißmann. »Die Schlangen zischeln schon,« rief Laska. »Aber was wir haben, lassen wir uns nicht nehmen. Was haben Sie gefunden?« Der Professor hatte beim Fackellicht die Augen dicht an die Handschrift gebracht. »Merkwürdig!« »Heraus zum Volke!« rief Laska. »Wir dürfen ihnen den großen Fund nicht länger vorenthalten.« Man drängte ins Freie, und Laska wollte eine Ansprache halten. Man ließ ihn aber nicht dazu kommen. Nach den dunkeln Andeutungen des Hrntschirsch hatte man schon die Hauptsache erraten und wollte nun das Dokument selber sehen. Hunderte von Händen streckten sich danach aus. Der Professor hielt es mit beiden Händen hoch über seinen Kopf und schrie: »Nicht anfassen! Nicht in die Nähe kommen! Schützt nationales Eigentum!« Laska drängte die Nächsten zurück. Morgen bei Tageslicht werde es irgendwo, hinter Glas und Rahmen, dem Volke sichtbar gemacht werden. Da drängte sich der Gemeindevorsteher von Oberntal durch die Menge und sagte, entweder sei das Ding da nichts wert, dann gehe es ihn nichts an; oder es sei wirklich ein so kostbarer Schatz, dann gehöre er der Gemeinde und müsse ihm übergeben werden. Die Tschechen protestierten einstimmig, und Laska berief sich darauf, daß es auf seinem Eigentum gefunden worden wäre. Im Spritzenhaus sei es gefunden worden. Was im Spritzenhaus sei, das gehöre der Gemeinde. Aber nicht das Spritzenhaus selber. Just die dicke Mauer gehöre gar nicht zum Spritzenhaus, die gehöre zur Kapelle. Laska hätte gar nicht das Recht gehabt, die Kapellenmauer abzubrechen! Die Gemeinde werde ihn verklagen. Der Advokat sprach leise mit Laska. Überall hatten sich lebhafte Gruppen gebildet, und bei der Überzahl der Deutschen schien es gefährlich, den Schatz mit Gewalt entführen zu wollen. Der Professor hielt ihn immer noch hoch über seinem Kopf; er sah aus wie ein gemalter Moses mit den Gesetzestafeln auf dem Berge Sinai und schrie von Zeit zu Zeit: »Nicht anfassen!« Laska trat jetzt mit einem versöhnenden Vorschlag hervor. Mit Rücksicht darauf, daß die Wand möglicherweise wirklich aus alter Zeit stamme und zur Kapelle gehöre, was die Bedeutung des Fundes nur erhöhen könne, wolle er das Dokument, das bei Kind und Kindeskindern sicherlich berühmt sein werde als die unvergleichliche Handschrift von Oberntal, vorläufig bei dem Herrn Pfarrer deponieren, wohlgemerkt, nur deponieren, denn ein nationaler Schatz müßte nationales Eigentum bleiben, aber die Rechte der Gemeinde sollten nicht verletzt werden. Mit wirren Rufen erklärten sich alle Anwesenden einverstanden, und die ganze Menge, die Fackelträger voran, wälzte sich durch das Paterbüschel zum Pfarrhaus. Als der Pfarrer die lärmende Masse vor seinem Fenster wahrnahm, sagte er ängstlich zu Barbara, die eben den Abendtrunk abräumte: »Sie wollen mich zwingen. Aber ich gebe nicht nach. Ich habe auch meine Eingebungen! Ich glaube nicht an den Schwindel. Sie werden sehen, Barbara, meine Eingebungen sind die richtigen.« Nach einer Weile traten artig einige Herren herein, unter ihnen Weißmann und der Doktorpeppi, und Laska hielt eine sehr schöne Ansprache. Er erzählte dem Pfarrer, was vorgefallen war, und bat ihn, als den ehrwürdigen Friedensrichter der Gemeinde, den Schatz einstweilen in seine geistliche Verwahrung zu nehmen. Er solle ihn wohl behüten wie das Allerheiligste. Vielleicht wäre es am besten, ihn in der Kirche selbst zu verschließen, wenn dort irgendwo ein sicherer Ort sei. Der Pfarrer nahm mit höflichem Dank die schimmelige Handschrift an sich , öffnete sie leicht, blickte verwundert hinein, und versprach den Herren, dem alten Papier, auf das sie solchen Wert legten, ein treuer Hüter zu sein. »Wissen S',« fügte er hinzu, »verstehn tu' ich von solchen Dingen gar nix. Ich bin ein einfacher alter Mann, der sich nie mit so gelehrten Sachen abgegeben hat. Riechen tut's nicht gut. Und wissen Sie, Herr Laska, jetzt, wo alles herum nach Petroleum riecht, da kommt es mir vor, das Ding da rieche auch nach Petroleum. Ich mag den Geruch nicht. Ich brenne Öl, wie Sie sehen. Aber darum kann es doch sehr wertvoll sein.« Und der Pfarrer hustete merkwürdig von unten herauf, wie damals im Paterbüschel, als er Laskas Gruß so seltsam erwidert hatte. Neuntes Kapitel Die ganze Nacht hatte Laska durcharbeiten lassen. Als der Tag des heiligen Wenzel anbrach, war vom alten Spritzenhaus nicht eine Spur mehr vorhanden. Nur das Loch in der Rückwand der Kapelle erinnerte an das große Ereignis des gestrigen Tages. Der Himmel war trüb und über dem Schwarzenberg hing das dunkle Gewölk tief herab. Es war sonst das sichere Regenzeichen für die ganze Gegend. Heute aber achtete niemand darauf, heute hatten Einheimische und Fremde nur Sinn für die Feier der »Böhmischen Sonne«. Die ältesten Leute konnten sich nicht erinnern, so viele Menschen in Oberntal gesehen zu haben. Man drängte sich auf der Straße vom frühen Morgen an. Als ob Oberntal ein Wallfahrtsort geworden wäre. Wie üblich, wurde der Feiertag mit den Kirchenglocken eingeläutet, und die Bewohner nahmen es als gutes Zeichen; der Pfarrer habe nachgegeben und werde in seinem geistlichen Ornat den Segen über den ersten Spatenstich sprechen. Doch in der Kirche, die heute für Andächtige und Neugierige doppelt so groß hätte sein können, erfuhr man, daß der Pfarrer trotzig geblieben war. Mitten in seiner gewohnten milden Predigt war er plötzlich still geworden, hatte eine Weile mit dem Schnupftuch gearbeitet und endlich eine ganz überraschende Philippika gegen die Wechslertische im Hause des Herrn losgelassen, gegen die Mammonsknechte, die sich wie Wallfahrer nach dem Gnadenorte drängen, nicht aber um der Gnade Gottes teilhaftig zu werden jenseits der Erde, nicht um dem Lobgesang der Vögel zu lauschen über der Erde, nicht einmal um die gesegnete Frucht zu sammeln auf dem Antlitz der Erde, sondern um sich einzuwühlen in die Eingeweide der Erde wie gottlose Schatzgräber und andere Verüber von Teufelswerken. Gottes Langmut sei groß, aber seine Wunderkraft nicht minder, und er werde vielleicht die Mammonsknechte, die doch auch Feinde seiner heiligen Kirche seien, strafen und den Schatz tausend Ellen tief in das Innere der Erde versinken lassen. Oder sonst seinen Spott treiben mit den Ungläubigen. Danach wischte sich der Pfarrer den Schweiß von seinem guten alten Gesicht und redete weiter von der Güte und Weisheit des Schöpfers. Die Zuhörer waren bestürzt. Sie gönnten den Tschechen ihre »Böhmische Sonne« nicht. Sie hatten ja auch keine Aktien erhalten. Aber der große Erfolg war einmal da, mit den Wölfen mußte man heulen, und der Pfarrer brachte nur sich selbst und das ganze Dorf in Ungelegenheiten, wenn er gegen den Strom arbeiten wollte. Na ja, der Strom war nun einmal nicht so, wie der Kaiser Joseph ihn gedacht hatte. Ja, ja, der gute Pfarrer wurde recht alt. Während der Predigt war ein tüchtiger Regenschauer niedergegangen; als die Gemeinde das Gotteshaus jedoch verließ und eilig zum Festplatz strömte, schien das Wetter sich wieder aufheitern zu wollen. Nur über dem Schwarzenberg lagen die Wolken noch dicker als am Morgen. Auf dem Hofe waren die Prager Gäste schon seit elf Uhr versammelt. Niemand von den Tschechen war in der Kirche gewesen. Die Absage des Pfarrers hatten sie durch ihre demonstrative Fernhaltung beantwortet. Der Nachtwächter und Hrntschirsch hielten das gemeine Volk ab. Es war ihnen gesagt worden, wen von den Oberntalern sie einlassen sollten, und wen nicht. Aber es bedurfte auch keiner besonderen Anweisungen. Die Tschechen und die Honoratioren wurden auf den Hof gelassen, die anderen blieben draußen. Bezüglich der Honoratioren konnte man sich auf den Takt des Nachtwächters verlassen, bezüglich der Tschechen auf Hrntschirsch. Der hatte heute eine Tschamara an, dazu eine rot-weiße Krawatte und über dem rechten Ärmel der Tschamara eine rot-weiße Binde. Er sah prächtig aus, und es wurde kaum bemerkt, daß seine Beinkleider zu wünschen übrig ließen. Von der Kirche her kamen durchs Paterbüschel die Honoratioren, sie waren vollzählig beisammen. Allen voran Weißmann, Frack und Zylinder, neben ihm Libussa, die sich für die Kirche in einen grauen Regenmantel und eine Kapuze gehüllt hatte, die aber jetzt in dem ehemaligen Verkaufsladen des Schmelkes rasch Toilette machte. Sie trat heraus, und Fremde und Einheimische begrüßten sie mit einem Ah der Bewunderung. Auf dem turmartigen Haarbau lag ein Kränzlein von kleinen roten Rosen; ein wallender weißer Schleier floß hinunter. Die hohe Gestalt in einem weißen Seidenkleid, von der rechten Schulter herab zur linken Hüfte eine weiß-rote Schärpe. Niemand wußte recht, was sie vorstellte; daß sie aber irgendetwas Nationales sei, das war gewiß. Mit Weißmann war der alte Doktor erschienen. Auch er hatte seinen uralten Frack angelegt, trug darunter aber seine gewohnte bunte Plüschweste. Der Doktorpeppi war nicht in der Kirche gewesen. Er stand jetzt außerhalb des Kreises und schien die Zeichen nicht zu bemerken, die sein Vater ihm machte. Laska war noch auf seiner Stube und blickte dort von Zeit zu Zeit heimlich hinaus. Er hatte im letzten Augenblick die Grundsteinlegung abgesagt. An der geheiligten Stelle, wo das Dokument gefunden worden sei, durfte fürs erste keine andere Handlung vorgenommen werden. Als der Gemeinderat von Oberntal erschienen war und feierlich unter dem Zelt Aufstellung genommen hatte, als die Prager Gäste sich darauf wie in einem feindlichen Karree formierten, und das Volk von Oberntal erwartungsvoll die Hälse reckte hinterm Zaun, als alle Zeugen den großen Augenblick wie eine nahe Notwendigkeit erwarteten, da warf Laska noch einen letzten Blick in seinen kleinen Spiegel. Er war zufrieden. Ein Prager Schneider hatte ihm für die Feierlichkeit einen schwarzen Anzug von musterhaft nationalem Schnitt geliefert. Die nationale Sache verlangte es! Jugendlich schnell eilte er die Treppe hinunter und stand plötzlich mitten unter der Festversammlung. Er war so aufgeregt, daß er keinen einzelnen erkannte. Nicht einmal die Freundin Libussa erkannte er; die stand verlegen neben ihrem Vater und wunderte sich selbst darüber, daß sie den Laska in seinem Staate ein bißchen komisch fand, wie übrigens plötzlich auch sich selbst. Er grüßte auch niemand, sondern bestieg, ohne stehen zu bleiben, die Rednerbühne. Er hatte sich die Festrede vorher aufgeschrieben und auch den Versuch gemacht; sie auswendig zu lernen. Aber seine Phantasie ging mit ihm durch. Nachdem er mit ein paar deutschen Einleitungsworten die Ortschaft Oberntal seines ferneren und dauernden Wohlwollens versichert hatte, beleuchtete er auf Tschechisch die Bedeutung der »Böhmischen Sonne« für Oberntal, für Böhmen, für Österreich, für den Welthandel. Er verstieg sich zu ungeheuren Prophezeiungen. Und wenn die Quellen so mächtig wären, daß den Einwohnern von Oberntal durch die Gewalt des Stromes oder durch die entstehenden tiefen Höhlungen alle ihre Häuser fortgerissen würden, so sollten sie sich nichts daraus machen. Leben erzeugend sei die Sonne immer gewesen, und Leben erzeugend, Städte bauend werde auch die »Böhmische Sonne« sich erweisen. Laska hörte erst zu reden auf, als seine tschechischen Gäste unruhig zu werden begannen. Da brach er plötzlich ab mit einem begeisterten Hoch auf alles, was böhmisch sei, insbesondere auf die »Böhmische Sonne«. Unter endlosen Hoch- und Slawarufen sprang er von der Rednerbühne herab und überreichte eigenhändig dem Grafen einen Spaten. Hrntschirsch, der am Eingang überflüssig geworden war, stand daneben und hatte die Aufgabe, den Spaten jedesmal tief in das Erdreich zu treten, wenn einer der Herren ihn ungeschickt handhabte. Der Graf winkte ihm ab und holte mit einem Kernspruch eine Scholle herauf. Sechzig Herren hatten hintereinander einen Spatenstich zu tun und dazu ein kräftiges Wörtlein zu sagen. Man vernahm von den Tschechen merkwürdige Aussprüche. »Wir wollen graben in den Eingeweiden unserer Mutter.« »Wie dieser Sand sollen unsere Feinde vor uns verfliegen.« »Dem Lande Böhmen fehlt nichts, als Freiheit.« Ein Gelehrter unter den tschechischen Gästen hatte den Spruch: » Non olet .« Laska hatte gesagt: » Flectere si nequeo superos Acheronta movebo .« Anderthalb Stunden waren vergangen. Die Oberntaler fingen an, ihren pünktlichen Mittagshunger zu fühlen, und jetzt erst kamen die Deutschen an die Reihe. Inzwischen war das Bohrloch, dem Hrntschirsch und zwei tschechische Taglöhner in den Pausen nachhalfen, tiefer und tiefer gediehen, und wie in jener Nacht rieselte es von der Seite herab, naß, braun und fett. Die Quelle. Die Festgäste steckten die Köpfe zusammen. Als der Gemeinderat an die Reihe kam, seine zahlreichen Spatenstiche zu tun, meinte der Ortsvorsteher, der seinen Spruch vor Aufregung vergessen hatte, man könnte ein bißchen weiter rechts zu graben anfangen, dort, woher das Petroleum kam. Stirnrunzelnd wegen der programmwidrigen Bemerkung nickte Laska seine Zustimmung. Die Mitglieder des Gemeinderats machten sich ans Werk, und da es rüstige Männer waren, die zu Hause manche Erdarbeit verrichtet hatten, so stachen sie tief und auch wohl drei- bis fünfmal und hoben und warfen das Erdreich weit fort. Man mußte jedem den Spaten fast mit Gewalt aus der Hand nehmen. Der Gemeinderat war einen halben Meter tief gekommen. Nach ihm ergriff Weißmann den Spaten, entnahm dem Boden aber nur Bröckchen. Als jetzt der alte Doktor den Spaten ergriff, sagte er laut und vernehmlich: »Festgemauert in der Erden.« Dann schlug er tapfer ein. Ein dumpfer Klang ertönte. Es gab allen Anwesenden einen Ruck. Hrntschirsch fuhr drei Schritte zurück und sagte: »Retten Sie sich, pane Vizepräsident. Jetzt kommt's. Zehn Klafter hoch werden wir mitgenommen.« Der alte Doktor hatte aber inzwischen mit der Spatenspitze nachgeforscht und sagte: »Ich stoße auf Holz und darunter muß es hohl sein.« Unbewegt in seiner Feldherrnstellung winkte Laska die Arbeiter heran. Sie sollten das Hindernis entfernen. Sie machten sich rüstig ans Werk, und schon nach wenigen Minuten kam für alle sichtbar der obere Boden eines Fasses zum Vorschein. »Ein Faß,« sagte der Graf und blickte vorwurfsvoll auf Laska. »Warum soll da kein Faß liegen, Erlaucht?« erwiderte Laska mit Selbstbewußtsein. »Wir wollen es rasch ausheben lassen und dann die Feier fortsetzen.« »Wollen wir die Feier nicht lieber beendigen?« »Niemals, Erlaucht!« Die Arbeiter hatten inzwischen nicht geruht. Während sie den oberen Teil des Fasses von allen Seiten freimachten, hatte der Gemeindevorsteher in das nächste Bauernhaus um einige weitere Schaufeln und Spaten geschickt und einige junge Leute aufgefordert, zu helfen. Niemand ließ sich bitten. Die Neugierde half. Aber die Ordnung war gelöst. Von allen Seiten, über den Zaun, durch die Haustür und durch die Lücke an der Nepomuk-Kapelle strömte die Bevölkerung heran. Das Faß hatte jedenfalls etwas zu bedeuten. Als das Faß, das aufrecht stand, einen Meter tief, gerade über die Mitte hinaus freigelegt war, sagte der Wirt vom »Lamm« ruhig und sachlich: »Das ist eines von Schmelkes seinen großen Petroleumfässern.« Der Graf drückte sich leise zwischen den Umstehenden durch und trat ins Haus zurück. Man sah ihn nachher nicht wieder. Wieder nach zehn Minuten erreichte man eine Stelle, an der das Petroleum leise zwischen den losen Dauben herausfloß. Der Gemeindevorsteher sprang selbst in die Grube, fing etwas von der Flüssigkeit mit der Hand auf und rief mit vorwurfsvollem Gesicht von unten herauf: »Wahrhaftig, es kommt aus dem Faß.« Zehn Hände streckten sich ihm entgegen, er schwang sich wieder hinauf, stellte sich drohend vor Laska hin, sagte aber nur: »Wir werden sehen, Herr Laska; wir sprechen uns noch, Herr Laska.« Der Prager Advokat schaute auf die Uhr und meinte zu seinen Nachbarn, die Geschichte daure ihm zu lange; er wolle Mittagessen gehen und nachher zurückkommen, wenn das Hindernis beseitigt sei. Ohnehin werde es gleich mit Kannen regnen. Er ging, und etwa zehn Herren schlossen sich ihm mit selbstbewußten, drohenden oder verlegenen Gesichtern an. Jetzt sprang Laska mit einem Spaten in die Grube. Ohne ein Wort zu sprechen, mit zusammengebissenen Zähnen, warf er große Schollen der Lehmschicht aus, auf die man geraten war. Langsam, aber stetig rann das Erdöl aus den Fugen des Fasses und verschlammte den Boden der Grube. Neben Laska lösten die Arbeiter einander ab. So fieberhaft grub ein jeder, daß er nach wenigen Minuten entkräftet innehalten mußte. Der Himmel war dunkel überzogen, die Kämme des Erzgebirges waren nicht mehr zu sehen. Es war windstill. Einzelne schwere Tropfen fielen nieder. Langsam und ohne Verabredung verließen die letzten der Prager Herren den Festplatz. Der Gemeinderat und die anderen Honoratioren von Oberntal standen dichtgedrängt unter dem Zeltdach. Jetzt reichte die Grube bis zu dem Boden des Fasses. Zugleich hörte das Rinnen des Erdöls auf. Oberhalb hatten ein paar Burschen in fliegender Eile ein kleines Gerüst errichtet, von dem aus man das Faß einfach an einen Haken befestigen und heraufziehen konnte. Einen Augenblick schwebte es in der Luft, dann rissen es zwei Bäckergesellen herunter, und als ob plötzlich die Wahrheit klar geworden wäre, brach die ganze Bevölkerung in Schreien und Gelächter aus. Die übrigen Arbeiter hatten die Grube vorher verlassen. Nur Laska war drinnen geblieben, hatte sich an die Erdwand gedrückt und stach jetzt schon wieder mit seinem Spaten wie wahnsinnig darauf los. Die da oben glaubten offenbar, daß alles vorüber sei, daß die ganze Petroleumquelle ein Irrtum gewesen sei. Auch seine Freunde schienen abfallen zu wollen. Nein, es war nicht möglich! Das mit dem Faß ist nur ein rätselhafter Zufall, oder ein Dummerjungenstreich. Es muß Petroleum da sein! Ohne aufzublicken grub Laska weiter. Er stand so tief, daß er den Rand des Lochs nur noch gerade mit den Fingerspitzen erreichen konnte. Die Lehmschollen hinaufzuwerfen kostete ihn jedesmal eine Anstrengung. Er war über und über mit Schweiß bedeckt. Und er fühlte deutlich, wie er sich mit jedem Spatenstich weiter und weiter von der Petroleumquelle entfernte. Es war aus. Libussa glaubte krank geworden zu sein; eine seltsame Hitze überflog sie; sie schämte sich und hätte gern ihren Regenmantel wieder umgenommen. Plötzlich ließ Laska den Spaten sinken und stützte sich schwer auf ihn. Am liebsten hätte er weinen mögen, bitterlich weinen, wie damals vor zwanzig Jahren, als er sich die ersten neuen Hosen zerrissen hatte und wußte, er würde gerade an der beschädigten Stelle fünfundzwanzig aufgezählt bekommen. Er war einer Ohnmacht nahe. Hrntschirsch beugte sich herab. Außer ihm stand kein Tscheche mehr auf dem Hof. Unter dem Zelt die Honoratioren mit den finsteren Mienen, ringsum ganz Oberntal, in gespannter Erwartung und bereit, einer ungeheuren Lustigkeit Ausdruck zu geben. »Ich bin nur ein Ochse!« flüsterte Hrntschirsch hinunter. »Aber, gnädiger Herr Vizepräsident, ich möchte mir untertänigst erlauben, einen Rat zu geben. Sagen Sie nur, daß das Petroleum wieder fließt und daß wir morgen weitergraben werden. Dann lassen Sie uns ruhig nach Kippsdorf gehen.« Der Gemeindevorsteher war mißtrauisch geworden. Auch er trat dicht an die Grube und sagte: »Na, Herr Laska, wollen Sie oben oder unten herauskommen. Foppen lassen wir uns nicht. Von Ihnen schon gar nicht. Zwei lange Sitzungen hat der ganze Gemeinderat wegen Ihnen gehabt. Und meine Frau hat mir was gesagt, was ich nicht wiederholen will. Alles wegen Ihnen. Und jetzt so eine Blamage! Soll ich Ihnen sagen, was Sie sind?« »Schweigen Sie,« rief Laska heiser von unten herauf. »Gnaden, pane Vizepräsident,« sagte Hrntschirsch weich in tschechischer Sprache, »befehlen gütigst, daß ich diesem alten Mann mit meinem Spaten den Schädel einschlage?« »Ein Schwindler sind Sie!« »Kommen Sie heraus, pane Vizepräsident, unten können wir nicht durch.« Weißmann trat vor. »Herr Laska, ich bin nicht sentimental. Sie können morgen von mir für das ganze Gehöft sechstausend Gulden bar haben.« Libussa fieberte; ängstlich legte sie ihrem Vater die Hand auf den Arm. »Schweigen Sie,« rief Laska wie verzweifelt von unten herauf. Es klang wie ein Heulen. »Wir dringen durch! Nicht ein Fußbreit trete ich den Deutschen ab.« »Dann adieu, Herr Laska; grüß Gott und lassen Sie sich da unten die Zeit nicht lang werden. Komm, Libussa, leg die dumme Schärpe ab und zieh dir was Warmes an.« Weißmann entfernte sich mit seiner Tochter, die nur noch wie bewußtlos zusah und die Aufregung der Männer nicht mehr begriff. Diese Männer! Was lag denn daran, ob man Petroleum beim Schmelkes kaufte oder ob es aus der Erde floß? Das dumme Geld! Mikulasch Laska war unglücklich, das fühlte sie. Er hatte sich geirrt, oder man hatte ihm einen Streich gespielt. Es war schrecklich. Aber doch nur für sie, die gestern so glücklich gewesen war, als man das alte Pergament gefunden hatte. Was ging sie die dumme Petroleumgeschichte an? Er, der künftige Führer seines Volkes, hätte sich nicht so gebärden sollen, nicht so verzweifelt, nicht so unwürdig. Er blieb doch, der er war. Er hatte doch seine Handschrift! Sein Traum war doch in Erfüllung gegangen! Willenlos ließ Libussa sich fortführen. Sie freute sich, in den Regenmantel schlüpfen zu können, den Pepperl schon bereithielt. Sie schauerte und hatte ein Gefühl, als ob sie fliegen könnte. Laska hatte sich in die Höhe gereckt. »Es ist alles erlogen!« schrie er ihr nach. »Das Faß haben sie aus Bosheit da hinein gesteckt. Da unten ist Petroleum! Es rinnt von allen Seiten, es rinnt aus allen Fugen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Ich wate in Petroleum!« »Gnaden, pane Vizepräsident, belieben verrückt zu werden. Belieben mir die Hand zu geben, ich helfe Ihnen heraus.« Mit einem mächtigen Ruck schleuderte Laska einen Spaten voll Erde dicht am Kopfe des Gemeindevorstehers heraus. »Da, riechen Sie! Da! Lauter Petroleum! Es kommt mächtig! Es wird uns alle überschwemmen. Großer Gott der Böhmen, du wirst dein Geschenk nicht zurücknehmen!« »Sie werden mir meinen Rock bezahlen!« schrie der Gemeindevorsteher. »Er hat mich mit Lehm beschmissen!« »Gnaden, pane Vizepräsident, kommen Sie heraus, es stinkt wirklich nicht ein bißchen mehr.« In diesem Augenblick klatschte es vom Himmel herunter, und zugleich fegte urplötzlich ein heftiger Windstoß wie vom Schwarzenberg herunter über den Platz. Mit Kannen schüttete es, und schon lag auch das Zeltdach über und neben den Honoratioren grau und schmutzig auf der Erde. Mit lautem Geschrei, als ob es lauter Weiber gewesen wären, flohen die Honoratioren ins Haus. Der Gemeindevorsteher zögerte noch eine Sekunde, als ihm aber ein Schuß Wasser wie von einer höheren Macht gezielt zwischen Hals und Rock an den Leib fuhr, lief auch er watschelnd davon. Es klatschte und prasselte und rauschte, und doch hörte einer aus der Tiefe jetzt das jammervolle Schluchzen von Mikulasch Laska. Hrntschirsch war geblieben. »Gnaden, pane Vizepräsident,« sagte er freundlich warnend. »Sie ersaufen. Wenn Sie größer wären als das Loch, würden Sie nicht ersaufen. Aber Sie sind kleiner als das Loch. Belieben mir die Hand zu geben.« Hrntschirsch beugte sich hinab, und plötzlich war er ausgeglitten und lag neben Laska in der Grube. »Hab' ich Ihnen sehr weh getan, pane Vizepräsident? Belieben mir zu verzeihen, es ist nicht extra geschehen. Hier ist es nicht hübsch. Aber es ist gut, daß ich hier bin. Belieben der Herr mir auf den Buckel zu steigen und so hinauszukriechen.« Es war wirklich nicht hübsch in der Grube. Immer noch wie mit Kannen platschte der Regen hinein, und dazu rann das Wasser von allen Seiten über den Rand hinunter. Laska stöhnte etwas Unverständliches und versuchte dem Rat des treuen Hrntschirsch zu folgen. Es gelang nicht gleich, sein erster Beamter mußte ihn ordentlich huckepack heben. Dann erst kroch Laska, der wie aus dem Schlamm gezogen aussah, durch den fegenden Wasserguß über das nachgebende Erdreich auf festes Land, auf seinen Hof. Mühselig stand er auf, blickte sich um, wischte sich die Augen und rannte an der Kapelle vorbei davon. »Gnaden, pane Vizepräsident!« schrie ihm Hrntschirsch nach. »No freilich, das hat man davon. So sind sie aber alle. Mir ist nur lieb, daß er fort ist. Ewig regnen wird's nicht. Und vor dem Ersaufen hat sich meiner Mutter ihr Sohn nie gefürchtet. Aber hübsch ist's nicht hier.« Langsam zog Hrntschirsch seine Feldflasche hervor und setzte sie an den Mund. Es war nicht mehr viel darin und er mußte den Kopf stark zurückbeugen. »Das verdammte Regenwasser!« murmelte er. Zehntes Kapitel Wind und Regen, ein abscheuliches Herbstwetter herrschte an den Abhängen des Erzgebirges, überall fing die Wintersaat der Landärzte zu blühen an. Niemand hatte aber so viel zu tun wie der alte Doktor von Oberntal. Die Prager Gäste freilich hatten ihre großen und kleinen Erkältungen mit nach Hause genommen. Am Morgen nach dem Wenzelstag waren sie von der Station Kippsdorf zurückgereist, hatten den Zug überfüllt und saßen in allen Wagen verschnupft und verärgert zusammen. Aber die Oberntaler ließen den Doktor rufen. Sogar der dicke Gemeindevorsteher hatte das Reißen gekriegt, fast alle Honoratioren hatten etwas abbekommen, und der Doktor mußte an ihnen herumflicken, wie der Schneider an den stark mitgenommenen Bratenröcken. Am nächsten Sonntag war der Pfarrer kaum zu verstehen, so hustete und krächzte die ganze Gemeinde, und doch hatte der Pfarrer vielleicht noch niemals so milde, so fröhlichen Herzens geredet, wie heute. Ordentlich wie ein Bischof sah er aus, wohlgenährt und zufrieden, zufrieden mit sich und mit seinen anvertrauten Schafen, zufrieden mit dem Weltlauf und mit der göttlichen Gerechtigkeit. Selbst dem alten Doktor wurde die Arbeit zuviel. Hatte er doch zwei Patienten außerhalb des Orts, die beide besondere Pflege verlangten. Libussa Weißmann lag mit einem schweren Husten zu Bett, und weil sie selbst immer davon sprach, sie wolle sterben wie Thekla im »Wallenstein«, so schickte der Vater mehr als einmal täglich um den befreundeten Arzt. Der alte Doktor wußte, daß es nur ein tüchtiger Bronchialkatarrh war und glücklich vorübergehen würde; dennoch baute er ein kleines Plänchen und erklärte sich eines Tages bereit, diese Patientin, aber auch nur diese und auch diese nur für diesmal, dem eingebildeten Herrn Doktor, seinem gelehrten Sohne, zu überlassen. Der Peppi aber lehnte die Behandlung ab. Bis Mitte November habe er an seiner Schrift zu arbeiten, dann müsse Libussa gesund sein, denn dann werde er sie vornehmen und zu Weihnachten sich mit ihr verloben. »Esel« nannte der Doktor seinen Sohn im Verlaufe dieses Gesprächs. Und es kam zu einer theoretischen Auseinandersetzung über die Pflichten der Höflichkeit zwischen Eltern und Kindern. Aber die liebe Patientin übernahm der Doktorpeppi doch nicht, und auch sein Programm änderte er in keinem Punkt. Der andere Kranke, der dem alten Doktor müde Beine schaffte, lag im alten Wirtshaus von Kippsdorf. Es muhte ein ernster Fall sein, denn der Doktor machte eine Woche lang den Weg zweimal täglich und schimpfte während dieser Zeit jeden Abend mächtig auf die Gelehrten. Das tat er immer, wenn er den Tod eines seiner Patienten befürchtete. Der Peppi ahnte wohl aus allerlei Reden, daß es der Mikulasch Laska war, der dort in Kippsdorf daniederlag, und wahrscheinlich au einer Lungenentzündung. Denn der Vater hatte so eine gewisse Art, die Meinung des Sohnes in schwierigen Fällen einzuholen. Unter Hohn und Spott und wie zum Spaß; aber der Alte versuchte doch so viel als möglich zuzulernen. Als die Gefahr bei dem Kippsdorfer Patienten aufs höchste gestiegen war, wechselte der Doktor sein Behandlungssystem, er folgte der neuen Schule, wie er sagte, weil doch nichts mehr zu verderben war. Und wie die jungen Leute eben ein unverschämtes Glück haben, so wurde es mit dem Kippsdorfer von da ab merklich besser. Als der Doktor ungefähr acht Tage, nachdem die Krisis vorüber, wieder einmal des Morgens ins Kippsdorfer Wirtshaus trat, kam ihm die hübsche Wirtin mit rotgeweinten Augen entgegen. Es gehe drinnen viel besser, und der Laska habe gestern mittag sein eingemachtes Huhn und heute früh seine Kümmelsuppe endlich mit bestem Hunger gegessen. Aber nun schlage ihr, der Wirtin, das Gewissen, und sie müsse dem Herrn Doktor etwas anvertrauen. »Geht zum Pfaffen, wenn Ihr beichten wollt,« schrie sie der Doktor an. »Ich habe keine Zeit für Eure Faxen. Und bei heulenden Weibern bleibe ich nicht stehen.« Die Wirtin versuchte zu lächeln und bat den Doktor mit aufgehobenen Händen, ihr doch ein paar Minuten zu schenken. Der Laska habe während der schlimmsten Tage, wie er nicht bei sich selbst war, immer den Namen von einem Frauenzimmer gerufen, von dem Fräulein drüben in Oberntal. Na, da sei nichts zu machen gewesen, aber nachher, wie's nur ein bißchen besser ging, habe der Laska täglich an das Fräulein geschrieben und die Briefe zur Besorgung der Wirtin übergeben. Sie habe sich aber nicht dazu entschließen können. Sie habe alle Briefe in ihren Wäscheschrank verschlossen, denn sie habe den Laska so furchtbar liebgewonnen ... Der Doktor unterbrach sie heftig. Sie solle sich schämen und ihn wenigstens nicht mit solchen verrückten Geschichten belästigen. »Aber ich frage ja nur, weil ich wissen möchte, ob es dem Laska nicht schaden kann, wenn er keine Antwort kriegt. Er fragt immer danach. Und wenn ich glauben soll, daß es ihn zum zweiten Male packt und daß er mir stirbt, dann soll er lieber mit Fräulein Weißmann glücklich werden, dann will ich lieber sterben!« Und die Wirtin heulte jämmerlich, unbekümmert darum, ob ihr Mann das Gespräch hören konnte oder nicht. Der Doktor horchte plötzlich auf. So ein alter Narr! Hatte da am Krankenbett ganz und gar vergessen, daß dieser verdammte Kerl der Nebenbuhler seines Sohnes war. Ihn kurieren nach besten Kräften, natürlich, das war ganz was anderes. Aber jetzt die Liebesgeschichte, die will er einmal selbst in die Hand nehmen und seinem dummen Buben väterlich helfen. Er strich sich den Bart und brummte nur noch einmal etwas von dummem Frauenzimmer, um nicht allzusehr aufzufallen. Dann ließ er sich neben die Wirtin nieder, nahm sogar einen Schnaps und setzte ihr auseinander, daß sie ganz richtig gehandelt hätte, daß so ein Kranker überhaupt keine Antwort bekommen dürfte, und daß sie ihm, dem Doktor, die Briefe des Laska übergeben sollte. Er werde mit dem alten Weißmann reden, der werde der Geschichte schon ein Ende machen. Sie solle sich trösten, der Laska werde das reiche Mädel nicht zur Frau kriegen. Die Wirtin war so glücklich, daß sie dem Doktor die Hand küssen wollte. Dann trippelte sie davon und brachte ihm ein kleines Paket Briefe, die alle die gleiche Aufschrift trugen: Ihrer Hochwohlgeboren dem Fräulein Libussa Weißmann Durch Güte. Loco. Der Doktor ließ die Briefe zusammenbinden und steckte sie dann in die Tiefe einer seiner Schoßtaschen. Laska lag in dem nach hinten gelegenen Stübchen, dem Vereinszimmer. Das Bett war rein gehalten und der ganze Raum wohnlicher hergerichtet. Die Wirtin hatte die paar Fremdenzimmer, die ohnehin nie benutzt wurden, geplündert, um ihrem Laska eine Freude zu machen. Über dem Bette hing das Gemälde einer Ente, aus natürlichen Federn hergestellt; Laska hatte zu ihrer Freude während des ärgsten Fiebers immer Angst vor dem Vogel gehabt. Auf dem Nachttisch lag eine Lichtschere, unter dem Bett ein merkwürdiger Stiefelzieher, dessen Konstruktion darauf berechnet schien, daß zwei Herren zugleich sich die Stiefel ausziehen konnten. Einer allein konnte es nicht fertig bringen, aber das tat nichts; Laska lag ja doch zu Bett. Am Fenster stand ein alter Polsterstuhl mit Roßhaarüberzug, und eine spanische Wand, deren Nutzen die Wirtin nicht verstand, war um den Ofen herumgestellt. Als der Doktor eintrat, erhob sich Hrntschirsch. Er hatte als Krankenwärter am Kopfende des Bettes gesessen. Er grinste, da er sich mit dem Doktor nicht verständigen konnte, von einem Ohr zum anderen. Geht's gut, Hirnpschi?« fragte der Doktor. Es war sein grober Spaß, weil er den Namen doch nicht aussprechen konnte. Er sagte zuerst Hirn und ahmte dann ein Niesen nach. Hrntschirsch versuchte noch bis über die Ohren hinaus zu grinsen; da ihm das nicht gelang, machte er wieder ein ernsthaftes Gesicht, zeigte mit dem Finger auf den Kranken und sagte mit glücklichen Augen: » Pane Doktor.« Laska lag blaß und vergrämt unter dem hohen Federbett und beantwortete kaum die Begrüßung des Arztes. Aber für dessen scharfe Augen wäre auch ohne den Bericht der Wirtin und ohne die ehrliche Freude des Hrntschirsch kein Zweifel gewesen am Fortschreiten der Genesung. Er stellte einige kurze Fragen, untersuchte den Patienten, der sich vor Mattigkeit immer noch kaum zu regen vermochte, und sagte endlich: »Na, Herr Laska, da wären wir wieder soweit. Vierundzwanzig Stunden habt Ihr auf der Kirchhofmauer oben gelegen, hättet ebensogut hinüberfallen können. Mein Verdienst ist es nicht, daß Ihr nicht hinübergefallen seid. Wenn Ihr Euch bei jemand bedanken wollt, so tut's bei diesem Meerkalb hier und bei der braven Wirtin. Die soll noch acht bis vierzehn Tage tüchtig für Euch kochen und auch mal eine halbe Flasche Wein spendieren, dann entlasse ich Euch. Dann macht, was Ihr wollt, aus der Gefahr hinaus seid Ihr, wie gesagt.« »Was soll ich machen?« sagte Laska dumpf. »Mit mir ist's vorbei.« »Papperlapapp und Geigenmatz!« rief der Doktor, wie er es am Krankenbett von Kindern zur Gewohnheit hatte. »Das geht mich nichts an und geht überhaupt keinen Menschen was an. Und was meine Meinung betrifft, Herr Laska, aus Euch wird noch was. Richtig, noch eins! Ihr dürft für die nächsten vierzehn Tage durchaus keine geistigen Arbeiten verrichten, nicht lesen und nicht schreiben. Ihr könnt Euch ja mit dem Meerkalb unterhalten.« »Herr Doktor, ich möchte um die Erlaubnis bitten ...« »Nichts da, es wird nichts gelesen und nichts geschrieben. Und ich bitte mir aus, daß Ihr das jetzt auf der Stelle für das Meerkalb ins Tschechische übersetzt, damit es Euch hindert, wenn Ihr lesen oder schreiben wollt. Es scheint treu zu sein.« Als Laska nun so was auf tschechisch vor sich hinmurmelte, nahm der Doktor den Krankenwärter selbst vor, und versuchte ihm durch Zeichen begreiflich zu machen, was er wollte. Er machte mit Hilfe einer Zeitung und eines Bleistiftes die nötigen Gesten und deutete durch eine drohend erhobene Faust an, daß Laska sonst sterben mühte; aber Hrntschirsch verstand nicht. Er sah dem Gebaren des Doktors nur aufmerksam zu und nickte mit dem Kopf. So mußte wieder einmal die Wirtin als Dolmetscher zu Hilfe gerufen werden, und sie, die ein bißchen Tschechisch radebrechte, machte dem Hrntschirsch verständlich, Herr Laska müßte sterben, wenn man ihn vor seiner Herstellung irgend etwas lesen oder schreiben ließe. Der alte Doktor ging seiner Wege und war mit sich zufrieden. Dem Kranken konnte seine strenge Verordnung schließlich nur nutzen, und seinem Sohn hatte er einen Dienst erwiesen. Er ging geradeswegs nach Hause und erzählte dem Peppi, was sich ereignet hatte. Dann überreichte er ihm das Briefpaket. Peppi schloß es ruhig in seinen Schreibtisch. »No, dummer Bub, du rührst dich nicht, du läufst nicht auf der Stelle hin zu ihr?« »Erst Mitte November, wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin.« »Bock!« »Ein Mann von festem Charakter bist du auch, Vatter.« ..Flegel!« »Das bist du nicht, Vatter!« Da faßte der alte Doktor seinen Buben plötzlich von rückwärts bei beiden Ohren und flüsterte ihm zärtlich zu: »Du Lausbub!« »Na ja, Vatter, so hab' ich's auch verstanden.« Nur am Sonntag ging der Doktorpeppi nach wie vor ins Haus des Herrn Weißmann zur Tarockpartie. An den Wochentagen ließ er durch den Vater grüßen und für seine Person nach dem Befinden fragen, schickte auch wohl ein Buch zum Lesen oder eine Blume ins Glas. Weiter ging er nicht. Anders war es am Sonntag. Da wurde er erwartet, und da vergab er sich nichts, wenn er ein Viertelstündchen mit der Rosel redete, wenn er ihr, die es eigentlich nicht annehmen wollte, kleine Geschenke machte, wenn er ihr die Kranke recht ans Herz legte und mit einem besonderen Sonntagssträußchen besondere Sonntagsgrüße hinaufschickte. Lange konnte er doch mit der Rosel nicht plauschen. Die Herren riefen ihn zu den Karten, als ob in dieser aufgeregten Zeit nicht mehr geredet als gespielt worden wäre. Die Tarockpartien wurden jetzt schon im Speisezimmer abgehalten, draußen war es zu kalt, und die letzten grünen Blätter hingen nur noch so an den Zweigen herum. Gegen Ende Oktober, am Sonntag, nachdem der alte Doktor sein Meisterstück als Diplomat ausgeführt, die Briefe an sich genommen, und dem Laska das Schreiben verboten hatte, ging man zum Nachtmahl, fast ohne gespielt zu haben. Der Pfarrer mußte wieder über die Schicksale der Handschrift berichten, die er in Verwahrung genommen hatte. Von den gerichtlichen Händeln wußte er freilich nicht viel mehr, als daß die Aktiengesellschaft und der Gemeindevorstand von Oberntal auf Herausgabe der Handschrift geklagt hätten. Einstweilen zeige er sie jedem, der sie sehen wolle, und aus Prag habe er der Handschrift wegen mehr Gäste, als ihm lieb sei. Lauter Tschechen. Am Abend des Wenzelstages selbst, während in Oberntal die Geschichte passierte, habe schon ein gelehrter junger Herr bei ihm in der Bibliothek gesessen und habe von früh bis abends an der Handschrift herumgeguckt und sie Buchstabe für Buchstabe abgeschrieben. Mit der Lupe habe er manches studiert. Einige Tage später sei ein ganz ähnlicher junger Mann aus Prag gekommen, habe sich im Pfarrhaus einquartiert, drei Tage und drei Nächte, und sei ebenfalls mit einer vollständigen Abschrift abgereist. Ebenso vor kurzem noch ein dritter. Der habe aber kein Sitzfleisch gehabt und nur einiges herausgeschrieben. Vierzehn Tage nach dem Wenzelsfest sei ein Prager Photograph dagewesen und habe das Ding Blatt für Blatt photographiert, mit so viel Umständen und so viel Formalitäten, wie wenn ein Oberntaler Mädel sich für ihren Soldaten in Wien photographieren ließe. Es sei nicht zu glauben. Und Tag für Tag bekomme er Zuschriften von gelehrten Gesellschaften und von Professoren; da werde er um Auskünfte über die Handschrift ersucht, wie lang und breit sie sei, welches Gewicht sie habe, und noch ganz andere Dinge, wozu man ein, Mikroskop nötig hätte. Und wenn er alle diese Briefe beantwortete, so seien die Leute noch nicht zufrieden. Grobheiten bekäme er zu hören. Man werfe ihm vor, er verstehe nichts von Handschriften; und das sei richtig. Auch Drohbriefe habe er schon aus Prag bekommen. Drohbriefe, in deren einem die Rache der Nation angekündigt wurde, für den Fall, daß »ein Haar auf dem Haupte der Handschrift gekrümmt würde«. »Wenn ich nicht so froh wäre,« sagte der Pfarrer, »wenn ich nicht so heidenmäßig froh wäre, wahrhaftig, es könnte mir Sorgen machen. Aber ich habe heute einen ganz besonderen Grund zur Freude. Ihr wißt, daß mein hoher Patron in der Kirche war, der Fürst. Nun, ich sage nur so viel, man ist mit mir zufrieden, man hat mich sogar für meine christliche Festigkeit bei der ganzen Petroleumgeschichte recht belobt.« Man wünschte dem Pfarrer Glück, und darüber errötete er wieder; als ob er ein schlechtes Gewissen hätte. Etwas unvermittelt sagte er: »Wißt Ihr, der Schmelkes, das ist ein Mann. Der geht mir ab. Ein Verlust für die ganze Gemeinde.« Nach dem Nachtmahl setzte man sich wieder an den Nebentisch zum Tarockspiel nieder. Gezankt wurde jetzt fast nur noch vom alten Doktor. Der Peppi spielte wirklich besser, und machte er auch einmal einen Fehler, so wurde er vom Pfarrer und von Weißmann in Schutz genommen. Weißmann wußte gar nicht, wie er ihn zum Schwiegersohn wiedergewinnen sollte. Um Entschuldigung bitten, wegen der Petroleumepisode, mochte er nicht. Er sprach überhaupt nicht gern von der ganzen Geschichte, und dann war es auch gar nicht seine eigene Schuld gewesen; das waren die verschrobenen Ideen des Mädels. So lobte er bald das Tarockspiel des Doktorpeppi, bald sprach er kummervoll von seiner eigenen schwachen Gesundheit und von den Sorgen, die ihm das Befinden Libussas mache. Heute klagte er wieder recht erbärmlich. Er werde mit dem armen Geschöpf wohl nach Meran gehen müssen und auch das noch versuchen. Sollte aber auch das nichts helfen, er würde den Schmerz nicht überleben. Der Doktorpeppi hörte aber gar nicht darauf hin, und so ging das Spiel unter Friedhofsgesprächen gemütlich weiter. Auf dem Heimwege fing der Vater wieder an, den Sohn zur Entscheidung zu drängen, der Peppi aber lehnte jede Erörterung ab; erst müßte er mit seinem Buch fertig sein. Nur um wenige Tage wurde der Termin überschritten, den er sich selbst gestellt hatte. Am achtzehnten November gegen sechs Uhr nachmittags schrieb er mit seiner gleichmäßigen Handschrift das letzte Wort nieder, legte dann die Feder aus der Hand und schloß sinnend die Augen. So, jetzt war er soweit. Er stand auf, zog den Überrock an, setzte die Pelzmütze auf und stampfte durch den Schnee zur Fabrik hinauf. Vor dem Wohnhaus blieb er eine Weile zögernd stehen. Es war vielleicht doch besser, er sprach zuerst mit Libussa. Er trat ins Haus und wurde von der alten Rosel mit Ausrufen des Erstaunens empfangen. An einem Wochentag! Das hatte gewiß etwas zu bedeuten! Weißmann kam ins Vorzimmer hinaus, auch er überrascht und, wie es schien, in gespannter Erwartung, was der Peppi wollte. Der aber machte nur einige richtige Bemerkungen über die Kälte und über andere Eigentümlichkeiten des Winters und fragte dann ganz ruhig nach Libussa. Sie wäre oben auf ihrem Zimmer. Schön, er werde hinaufgehen. Er ließ Weißmann und die alte Rosel in ihrer Aufregung zurück und schritt ruhig die Holztreppe hinauf. Auf sein Klopfen antwortete eine leise Stimme »Herein«. Er trat ein und fand das Mädchen beim Schein einer Lampe am Schreibtisch. Sie las in einem kleinen Buch, das sie verwirrt schnell mit einem Löschblatt zudeckte. »Grüß dich Gott, Peppi!« »Grüß dich Gott, Libussa! Ich bin soeben mit meiner Arbeit fertig geworden.« Sie errötete und stand unentschlossen auf. »Da muß ich dir wohl gratulieren?« »Das möcht' ich eben wissen, Busserl, und deshalb bin ich hergekommen. Ich muß endlich mit dir reden.« Libussa hob beide Hände auf, als ob sie um Gnade flehen wollte. Der Peppi aber zog den zweiten Stuhl der kleinen Stube an den Schreibtisch heran, drückte sie artig auf ihren Platz zurück, setzte sich ihr gegenüber und begann ohne weiteres Zögern: »Du weißt, liebes Busserl, daß wir beide miteinander verlobt worden sind, bevor wir etwas zu sagen hatten. Also eigentlich brauchte es nicht zu gelten. Zwingen lasse ich dich nicht und zwingen tue ich dich nicht. Weißt du noch, wie es gekommen ist? Ich bin nach Hause gekommen nach der Maturitätsprüfung und habe ein Zeugnis mit Auszeichnung mitgebracht. Oberntal hat Kopf gestanden. Achtzehn Jahre war ich erst alt, und dumm war ich und eingebildet habe ich mir was, und mein Vater und der deine haben das ihrige dazu getan. Bier und Wein und Schnaps haben sie mir beigebracht und das Zigarrenrauchen. Ich habe aber die ganze Woche immer gelauert und gelauert, ob du kommen wirst, wie du sonst in den Ferien jeden Sonntag gekommen bist, in meines Vaters Garten, etwas stehlen. Weißt du noch? Du bist gekommen. Noch nicht Dreizehn bist du alt gewesen, und ich habe mich geschämt, daß ich noch mit dir spiele, wo ich doch schon halb und halb Universitätsstudent war. Aber wie du gekommen bist, weißt du noch ... ich bin auf den alten Nußbaum heraufgeklettert, damit du mich nicht siehst. Du aber bist unter dem Baum gestanden und hast dreimal ganz leise gerufen: »Pepperl!« und dann hast du angefangen zu weinen. Da habe ich mich gemeldet, und da hast du zu lachen angefangen und hast zu mir hinauf wollen. Ich habe dir geholfen und so sind wir langsam immer höher geklettert, immer höher, bis zu der Stelle, wo zwei bequem nebeneinander sitzen können. Weißt du noch? Jetzt können's drei. Da hast du mich allerlei gefragt, und ich habe dir was vorschwadroniert. Die Nüsse waren noch unreif. Plötzlich ist dein Vater und der meine gekommen, und wie sie uns, zwei Stock hoch, oben gesehen haben, haben sie geschimpft, und dein Vater ist beinahe umgekommen vor Angst, bis du unten warst. Ich bin nachgesprungen, und der meinige hat mich ohrfeigen wollen. Ich bin davongelaufen, und am Abend hat mein Vater mir gesagt, daß es schon eine alte Abmachung war zwischen deinem seligen Mutterl und meinem, und daß der Weißmann nichts dagegen habe, und daß wir beide einmal Mann und Frau werden sollen.« »Alles weiß ich noch,« sagte Libussa ängstlich, »und noch viel mehr als du. Alles. Aber du sagst ja selbst, es gilt nicht.« »Es gilt auch nicht, wenn du nicht willst. Ich will dir nur etwas erzählen. Ich bin dann auf die Universität gekommen, zuerst in Prag und dann auf ein Jahr nach Leipzig. Da hat's mich auf einmal gepackt mit der Liederlichkeit. Weiß der Teufel, wie's gekommen ist. Ich hab' kein Buch mehr in die Hand genommen, die Kollegien hab' ich nicht besucht, in den Kneipen hab' ich Geld vertan. Gekleidet habe ich mich wie ein Geck, und Schulden hab' ich gemacht wie ein Lump. Ich war über Zwanzig, wie ich zu Weihnachten nach Haus gekommen bin, und du warst Fünfzehn. In Vaters Keller sind wir Äpfel stehlen gegangen. Da bist du mir um den Hals gefallen und hast mich geküßt und hast mir das Geheimnis anvertraut, du seist meine Braut. Du hast geglaubt, ich wüßt' es nicht. So gut hab' ich dir damals gefallen, wie ich ein Lump war ...« »Liebster, bester Pepperl, du hast doch gesagt ...« »Gewiß gilt's nicht, wenn du nicht mehr willst. Ja also ich bin wieder nach Leipzig zurück, und zum Frühjahr ist die Bombe geplatzt. Ich habe dem Vater schreiben müssen, ich hätte Schulden. Es war eine große Summe. Der Vater hat mir das Geld mit der nächsten Post eingeschickt und mir dazu einen Brief geschrieben ... Busserl, den Brief werd' ich unserm ältesten Buben ... das heißt, na ... also vorlesen, wenn's ihn einmal packt. Einmal packt's ja wohl jeden. Bei mir hat der Brief eingeschlagen. Der Vater, den ich für einen wohlhabenden Mann gehalten hatte, weil zu Hause immer alles Nötige dagewesen ist, der gute Vater hat mir eingestanden, daß er nichts habe. Daß er sich auf seine alten Tage immer noch um sein bissel Leben plagt. Und daß er das Geld von Weißmann ausgeborgt hätte. Der hätte es gern gegeben, und wenn ich erst sein Schwiegersohn wäre, dann könnte ich's mir wohl sein lassen, bis dahin aber sollte ich sparsam und fleißig sein. Viel mehr hat in dem Brief nicht gestanden, nur so ein Ton war drin, daß ich eine Stunde lang fest entschlossen war, mich zu erschießen. Dann habe ich mir gesagt, es wird meinem Alten lieber sein, wenn ich leben bleibe. Aber geschworen habe ich mir damals etwas. Und ich hab's gehalten bis heute. Frag' mal deinen Vater. Sie haben sich beide gewundert, daß ich nichts weiter von ihnen genommen habe, von ihnen beiden nicht. Student bin ich geblieben, aber was ich gebraucht habe, hab' ich mir zu gleicher Zeit verdient. Na ja, du mußt mich nicht so ansehen, es ist nichts Besonderes. Es tun's viele. Aber just Lebensfreuden hab' ich mir zu der Arbeit nicht verschaffen können. Ich habe aber gewußt, nur so hol' ich mir das Mädel vom Nußbaum. Ein Jahr hab' ich durch meine Dummheit verloren gehabt. Es tut mir nicht leid. Ich habe seitdem gelernt, mir und anderen Wort halten. Ich habe nicht gewollt, daß das Mädel vom Nußbaum zeitlebens sich absorgen soll mit einem verdrießlichen, gehetzten, armen Landarzt. Schüttelt mir das Mädel goldene Nüsse herunter, hab' ich mir gesagt, so muß ich wenigstens eine anständige Truhe dafür schaffen. Vor einem Jahr war es soweit, wie ich mir's vorgesetzt hatte. Da ist der Ehrgeiz gekommen für dich und mich, und ich habe erst eine ordentliche Arbeit machen wollen. Vor einer Stunde bin ich fertig geworden. Und jetzt Busserl, sag mir, ob du wieder meine Braut sein willst?« Fast atemlos blickte Libussa zu Boden. »Übereil dich nicht, Busserl, und noch eins.« Er zog aus seiner Rocktasche ein kleines Paket. »Hier, diese Briefe hat Laska nach seiner großen Blamage und krank und elend an dich geschrieben. Mein Alter hat's gut gemeint. Er hat sie unterschlagen wollen. Verzeih's ihm. Es steckt noch jemand dahinter, aber das geht dich nichts an. Ich weiß, daß du geglaubt hast, der Kerl wär' etwas. Ich sag' dir, Busserl, er ist ein Narr, ehrlich und brav nur in seiner Vaterlandsliebe. Und wenn du mir glaubst, so ist alles gut.« Der Doktorpeppi legte das Paket, nachdem er es eine ganze Weile vor ihre Hände gehalten hatte, auf den Schreibtisch. »Solltest du mit dem Kerl unerlaubte Heimlichkeiten gehabt haben, so wirst du es mir sagen. Ich glaub's nicht. Und jetzt, wenn du mich so ansiehst, glaub' ich's erst recht nicht. Davon also kein Wort mehr. Solltest du den Menschen aber so innig lieben oder zu lieben glauben, daß du darum meine Frau nicht werden kannst, dann sag' mir's. Sieh, Busserl, nimm mir's nicht übel, aber ich bin jetzt ein Mann. Und ich werde damit fertig werden. Ich werde am Leben bleiben und, was man so von außen sehen kann, keinen Schaden davon haben. Mitleid brauchst du nicht mit mir zu haben, aber schon gar nicht. Ich habe einen guten Magen. Und noch mehr, Busserl, meine Dankbarkeit gegen dich wird nicht kleiner werden. Ich bin kein großes Tier, aber das bissel, was ich geworden bin, so im Vergleich zu dem armen Dasein meines Vaters und im Vergleich mit dem, wovor man schon in Oberntal Respekt hat, das bissel, das verdank' ich dir, Busserl. Du bleibst mir das Mädel auf dem Nußbaum, und wenn du mir einen Korb gibst, na, dann werde ich ihn eben mit gemeinen Nüssen füllen und ihn aufrecht nach Hause tragen. Auf dem Kopf. Mein Kopf ist auch gesund. Und jetzt, wenn du magst, gib mir gleich Antwort.« Libussa saß regungslos auf ihrem Stuhl und holte tief Atem, als sei sie aus dem Schlaf aufgewacht. Langsam streckte sie die Hand nach dem Briefpaket, und in dem Augenblick, als sie es berührte, brach sie in Tränen aus. Hastig zog sie die Briefe an ihren Mund und rief schluchzend: »Ich darf nicht von ihm lassen, er ist ein so unglücklicher, ein so edler Mensch.« »Das glaube ich nun wieder nicht,« sagte der Doktorpeppi, scheinbar ungerührt von ihrem Weinen. »Eigentlich ist es mir aber gleichgültig. Wissen möchte ich nur, ob er bloß unglücklich und edel ist oder ob du ihn ernsthaft lieb hast?« »Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« rief Libussa. »Hilf mir, Pepperl, du bist ja doch mein einziger Freund.« »Wann und wo du willst, will ich dir helfen, Busserl. Nur in dieser Sache kann ich's nicht. Da mußt du dir schon allein helfen. Spiel dir nur keine Komödie vor. Wie dir ernsthaft ums Herz ist, so tu!« »Ich darf nicht von ihm lassen!« Der Peppi stand auf und legte ihr leise die Hand auf die Stirn. Sie hob den Kopf und küßte ihm die innere Hand. Er lächelte. »Du bist ein Kind, Busserl, und ich glaube nicht, daß du ihn lieb hast. Du hättest das sonst nicht tun können. Ich glaub's wahrhaftig nicht. Denk' einmal darüber nach.« Und ohne sich weiter umzublicken, verließ er das Zimmer und ging seinen ruhigen Schritt die Treppe hinunter. Da standen schon wieder Herr Weißmann und die alte Rosel. »Es wird wohl diese Nacht wieder tüchtigen Frost geben,« sagte der Peppi, zog seinen Überrock an, setzte die Mütze auf und ging seiner Wege. Er machte aber doch einen recht weiten Umweg, und ihm wurde erst wohl, als er an einer verwehten Stelle schwer durch den knietiefen Schnee stampfen mußte. Zu Hause empfing ihn der Vater brummig. Was das für neue Einrichtungen wären, zu spät zum Nachtmahl zu kommen. Der Peppi setzte sich zum Alten an den Tisch, die Magd trug das einfache Mahl auf, Reste vom Mittagessen und eine Wurst. Das Tischgetränk war Wasser. Nach zehn Minuten waren sie mit dem Essen fertig, und jetzt erst fragte der Vater, wo denn der dumme Bub gesteckt habe. »Ich bin halt mit meiner Arbeit fertig geworden, Vatter, ich glaub', sie ist ganz gut geraten. Du weißt, einen Verleger hab' ich dafür, ein paar hundert Gulden wird's tragen und ... Vatter, ich weiß, du legst keinen Wert darauf, aber für die Arbeit könnten sie mich schon einmal irgendwo zum Professor machen.« »Dummheiten,« sagte der Alte, »es freut mich aber, daß du fertig bist. Das heißt, ich leg' gar keinen Wert auf solche Schmierereien. Weißt du was, da hab' ich noch ein paar von den guten Zigarren des Schmelkes. Spaßeshalber wollen wir sie rauchen, ich auch. Und weißt du, bring mir das Zeug einmal herüber. Ich möcht' doch sehen, wieviel Papier und Tinte du verbraucht hast.« Als der Peppi mit dem Manuskript, einem ordentlichen Stoß von etwa sechshundert großen, eng beschriebenen Blättern, hereinkam, stand der Alte am Fenster und trommelte wie sinnlos gegen die Scheiben. Er drehte sich scharf um, blickte aber in die Zimmerecke. »So eine dumme Welt. Und wirklich, für diese Klecksereien, da könnten sie dir ...« Der alte Doktor hatte sich an den Tisch gesetzt, schob die Teller beiseite und legte das Tablett der Wasserflasche, nachdem er es sorgfältig abgewischt hatte, unter das Manuskript. Dann las er laut und spöttisch das Titelblatt. »Du, Peppi, wenn ich mir das hineinnehme und noch eine Stunde darin so herumblättere, dann wirst du dir doch nichts darauf einbilden.« »Doch, Vatter. Und freuen werde ich mich wie ein Schießhund.« »Du ... du Lümmel ..., du Lümmel ..., du Lausbub ...« Lange konnte der Doktor kein anderes Wort hervorbringen. Dann polterte er heraus: »Ich will dir was sagen, Peppi, es soll irgendwo geschrieben stehen, daß die Kinder die Pflicht hätten, ihren Eltern Gutes zu tun. Du bist immer ein frecher Bengel gewesen, ein Bock und ein Lümmel. Solltest du aber jetzt Lust haben, mir den Hals abzuschneiden, und solltest du dafür angeklagt werden, hier oder drüben, so ruf' du mich. Dann will ich den Leuten sagen, und ebenso dem Herrgott, der Bub hat mir einmal am achtzehnten November etwas so Gutes erwiesen, hat mir altem Betrüger ein solches Glück bereitet, daß er danach das Recht hat, mir den Hals abzuschneiden, wann er will! Und er tut's nicht einmal! Was sitzt du da wie ein Stock? Wenn die Mutter noch lebte, der wärest du um den Hals gefallen.« Der Alte erhob sich mit zusammengepreßten Zähnen. Peppi warf sich ihm an die Brust, und eine Weile hielten sich die beiden Männer umschlungen. Zum erstenmal, soweit sich der Doktorpeppi erinnern konnte, küßte ihn sein Vater, und jetzt sah und hörte er ihn schluchzen. Dann schob ihn der Alte gewaltsam von sich. »Ein Esel bist du doch und bleibst du. Das hast du von mir. So was Dummes! Aber geschmeckt hat's heut abend, was? So schmeckt's nicht immer. Ich glaub', du weißt noch, wie man einen Grog braut. Heute sollst du sehen, was dein alter Vatter vertragen kann. Wir wollen einen Grog brauen und nachher einen Salamander reiben. Du mußt's mich lehren. Du weißt ja, ich bin kaum auf einer Universität gewesen, niemals aktiv, niemals in so einer Verbindung. Ich bin ein alter Betrüger.« »Vatter!« »Halt's Maul, ich bin nicht der Schlimmste. Aber auf der Universität, da lernt man das Salamanderreiben. Sonst nichts. Das soll mein Lausbub mich heute lehren. Und wenn ich's gelernt hab', dann bin ich promoviert, und dann können alle Fakultäten der Welt mir ...« Sie brauten den Grog und stießen an. Schon nach dem zweiten Glas rief der alte Doktor: »So dumm! So dumm! Als ob es für einen ordentlichen Professor eine Ehre oder überhaupt etwas Besonderes wäre, die Tochter vom Fabrikanten Weißmann zu heiraten. Nicht einen Schritt machst du deshalb. Gekrochen soll er kommen! Nein, nein, das ist ja Unsinn! Aber nicht einen Schritt! Jetzt kann ich dir's sagen, jetzt bist du ja kein Kind mehr! Welche du willst, kannst du haben, in Prag oder in Wien.« »Vatter, hör auf, ich hab' die Busserl lieb.« Und der Peppi erzählte ausführlich, wie es ihm heute mit dem Mädel ergangen war. Der Alte konnte vor Ungeduld kaum zuhören. »Die dumme Gans!« schrie er endlich. »Wenn du sie nicht lieb hättest, niemals würde ich meine Einwilligung geben. Aber so ... Ich will dir was sagen, ein braves Mädel ist sie, hat nur einen Sparren zu viel. Ich hab' oft mit dem Pfarrer darüber gesprochen. Der ist halt schwach, aber in der Beichte erfährt er wieder manches, was wir nicht wissen. Und ich will dir sagen, wie's steht. Da wächst so ein Mädel heran, ist reich und gesund und hat nichts zu tun, und möcht' halt was erleben. Sie wächst zu Haus heran und erlebt nichts, und wie sie groß ist, steht der Bräutigam schon auf dem Tisch wie das tägliche Brot. Und das ist ihr nicht romantisch genug. Das ist die ganze Geschichte. Erleben möcht' sie was.« »Meinst du, Vatter?« sagte der Peppi und nahm einen mächtigen Schluck. »Ich glaube, du hast recht. Na wart, Busserl, jetzt sollst du was erleben.« Elftes Kapitel Der alte Doktor fürchtete, sein Bub hätte ein Duell mit Laska im Sinn oder so was Ähnliches. Er war darum froh, daß der arme Generalsekretär, kaum daß der Arzt ihm dazu die Erlaubnis gab, abreiste. Niemand wußte wohin. Auch die gute Wirtin von Kippsdorf nicht, die doch keine Eier im Stalle und keine Hühner im Hofe mehr hatte, und die drei ganze Tage sich die braunen runden Augen rotweinte um den lieben, bildhübschen Menschen. Der Peppi fragte aber gar nicht nach Laska. Er schrieb am Tage nach der Vollendung seines Werkes nach Leipzig an zwei alte Korpsbrüder, die jetzt Universitätsdozenten waren, der eine sogar ein Professor, eine junge Berühmtheit. Beide Freunde, den Professor H ..., der sich auf chemische Analysen verstand wie kein zweiter, und den Privatdozenten für slawische Philologie, Doktor Vollenius, lud er nach Oberntal. Sie hätten wahrscheinlich nichts Besseres zu tun, und wenn doch, sie müßten kommen, um ihm und nebenbei auch der Wahrheit und der deutschen Sache einen wichtigen Dienst zu erweisen. Im übrigen wären die Bierverhältnisse im Lande Böhmen nirgends schlecht, und sein Alter wäre ein beachtenswertes altes Haus. Wenige Tage später trafen die beiden Herren ein. Der Privatdozent Doktor Vollenius war ein lebhafter, etwas zu kurz geratener, schwarzbärtiger Mann, der in der ersten Stunde schon eine böhmische Müllerstochter mit Volksliedern und dazu ein Klavier suchte. Ein Klavier, das nicht zum Haarausraufen verstimmt gewesen wäre, fand er nur bei Weißmann, in Libussas Zimmer. Nach der böhmischen Müllerstochter zu forschen, wurde er während des achttägigen Aufenthalts nicht müde: er wandte die halben und wohl auch die ganzen Nächte daran, nahm ungern, aber geduldig mit Ersatz vorlieb und hatte bei seiner Abreise wirklich drei Photographien von müllerstochterähnlichen Geschöpfen und sieben tschechische Volkslieder gesammelt. Er war die ganze Zeit lustig und sah gar nicht aus wie ein fleißiger Arbeiter oder gar wie ein Verschwörer. Der Professor, der durch die glückliche Entdeckung oder Erfindung eines neuen Arzneistoffes sich früh einen Namen gemacht hatte, nahm den Aufenthalt in Oberntal scheinbar nur als Luftkur. Auf allen Straßen sah man den hageren blondbärtigen Mann in seinem lose umgehängten Mantel durch den Schnee stapfen. Ganz Oberntal wunderte sich über die Freunde des Doktorpeppi. Solche Narren waren sie aber alle draußen im Reich, überstudiert. Das überstudierte Kleeblatt kehrte sich nicht viel an das Gerede von Oberntal. Sie hatten sich beim »Lamm« ein Kneipstübchen einrichten lassen und saßen da allabendlich hinter verschlossenen Türen, was die Honoratioren des Orts nicht wenig übelnahmen. Ganz unerklärlich war es, wie der alte Doktor, sonst ein vernünftiger Mann, sich verleiten lassen konnte, an diesen Gelagen so häufig teilzunehmen. Freilich, man konnte sich mancherlei denken. Durch die Bäckersfrau war es herumgekommen. Ein großes Paket hatte der Doktorpeppi ins Ausland geschickt mit zwei Deklarationen, was Geschriebenes war darin, und viele hundert Gulden waren als Wert angegeben. Er mußte doch was sein, der Doktorpeppi. Denn wenige Tage später war ein Geldbrief an ihn gekommen, auch aus dem Ausland, über die Höhe der Summe stritt man in Oberntal. Jedenfalls ging's dem Doktor auf seine alten Tage gut, und der Doktorpeppi, den ja die Libussa Weißmann nicht will, wird gewiß ... von da ab sprachen gewöhnlich alle durcheinander. Erst zwei Tage vor der Abreise der beiden Fremden leuchteten sie den Honoratioren von Oberntal ein. Ein Vetter der Stationsvorsteherin von Kippsdorf, er war Lehrer in Brüx, war auf Meyers Konversationslexikon abonniert, lieferungsweise. Wenn so eine neue Lieferung kam, blätterte er darin, um sich zu bilden. Den Namen des Professors, der zum Doktorpeppi auf Besuch gekommen war, wußte man natürlich auch in Brüx. Die Frau Stationsvorsteherin war eine gute Briefschreiberin. Na, und der Lehrer fand den Mann unter dem Buchstaben H. in der letzten Lieferung. Er war einsichtsvoll genug, die Lieferung sofort an seine Schwester zu schicken, und die kam damit nach Oberntal, trotzdem sie gerade Wäsche hatte. War es die Möglichkeit! In dem Konversationslexikon, wovon Oberntal kein Exemplar besaß – der Pfarrer hatte keins, und Weihmann hatte keins –, in dem großen Buch, wo man in der Stadt so zum Beispiel Napoleon nachschlug, oder Krimkrieg oder Veloziped oder Sozialismus, da stand er richtig darin, der Freund des Pepperl, der im »Lamm« wohnte und im Hinterstübchen trank und mit dem Pepperl Lieder sang. Weißmann bestellte ein fertiges Konversationslexikon, und der Lammwirt abonnierte auf die Lieferungen. Er hatte eigentlich nur den Band haben wollen, wo sein Gast drin stand; aber auf Zureden abonnierte er. »Übermorgen steigt Bismarck bei mir ab,« pflegte er von der Zeit ab täglich zu sagen. Das überstudierte Kleeblatt hatte nichts von dem Wachstum seines Ansehens erfahren. Denn der alte Doktor, mit dem allein die Leute sich aussprachen, hielt den Mund. Er redete mit seinem Sohn und dessen Freunden überhaupt nicht gern über solche Dummheiten, und dann ... Schweigen, abwarten und leben bleiben. Leben bleiben, bis sein Peppi da drin stand. Ob er dann mit dem betreffenden Bande dem Herrn Weißmann oder dem Gemeindevorsteher ein Loch in den Kopf schlug, das wußte der alte Doktor noch nicht. Aber so etwas mußte seine letzte Tat auf Erden sein. Die jungen Leute machten ihn ganz wirblig mit ihrem Trinken, ihrem Singen und ihrem Wissen. Der alte Doktor berauschte sich jetzt an dem Wissen dieser Fratzen. Als ob er wie ein Bauer durch ein Museum gegangen wäre. Der letzte Abend, der mit einem wirklich solennen Gelage begangen werden sollte – das Kleeblatt war so vergnügt, als ob ihm was ganz Besonderes gelungen wäre, – wurde nur unwesentlich durch eine Ovation der Honoratioren gestört. Um halb acht Uhr abends – man wollte doch beizeiten wieder zu Hause sein – klopfte es an die Tür des Kneipzimmers, und zur nicht geringen Überraschung des Kleeblatts trat der Gemeindevorsteher mit zwei Beisitzern feierlich herein; in der offenen Tür drängte sich das Volk; der Gemeindevorsteher aber hielt eine Ansprache, in der er seine Freude darüber nicht unterdrückte, daß Oberntal einen so weltberühmten Mann in seinen Mauern beherberge. »Hochgeehrter Herr Professor, glauben Sie nicht, daß wir keine Bücher lesen, wenn wir auch nicht gleich nachgeschlagen haben. Der Lammwirt hat abonniert. Meine Tochter hat viele Bücher. Hier der Bäcker hat vier Bände Gartenlaube, und unser Pfarrer hat eine große Bibliothek von ausländischen Berühmtheiten, griechischen und sogar lateinischen. Wir wollten nur so frei sein, Ihnen, hochgeehrter Herr Professor, das zu sagen, und Sie bitten, oft und oft zu uns zurückzukommen. Gelt, das Ländel ist schön? Wenn Sie auch nichts zu tun bekommen werden, weil wir doch mit dem alten Doktor ganz zufrieden sind, so verachten Sie uns darum nicht. Und wenn der neue Aussichtspunkt auf dem Schwarzenberg bis dahin fertig ist, so soll er nach Ihrem Tode zu Ehren den Namen ...« Der Gemeindevorsteher konnte nicht weiter, er hatte den Namen des berühmten Fremden vergessen. Der Professor war linkisch aufgestanden. Eine solche Geschichte war so ziemlich das Schrecklichste, was ihm widerfahren konnte. Undeutlich fuhr es ihm durch den Kopf, diesen dicken Mann zu rempeln oder die Flucht zu ergreifen. Der alte Doktor saß wie ein Großwürdenträger da, geschmeichelt, daß er zur kleinen Tafelrunde gehörte, und geärgert, daß ein anderer als sein Peppi so geehrt wurde. Der Doktorpeppi schämte sich ein wenig der dörflichen Beschränktheit, war aber dabei doch belustigt von der Verlegenheit seines Freundes. Ganz toll vor Lustigkeit jedoch war Doktor Vollenius. Er schlug vor Vergnügen mit seinen kurzen Beinen gegen die Stuhlbeine und mußte an sich halten, um nicht laut zu krähen, was bei ihm der Ausdruck höchster Zufriedenheit war. Endlich konnte er sich nicht länger halten, kletterte, ganz leise vor sich hin krähend, auf den Tisch und rief, indem er sein rechtes Ärmchen pathetisch emporhob und drohend, wie zu einer Ohrfeige ausholend, in die Luft hielt: »Meine Herrschaften! Männer von Oberntal! Würdige Männer! Ehrenwerte Männer! Wundert euch nicht! Ich kann euch nicht alles sagen! Ihr würdet das Zeichen meiner unbändigen Freude mißverstehen. Ich unterdrücke es krampfhaft. Jawohl, wir stehen drin. Der Professor steht schon in dieser Auflage. In der nächsten Auflage kommen wir beide 'ran. Von mir nichts weiter, denn es interessiert euch nicht, Männer von Oberntal. Von eurem Freunde aber wird es heißen: Geboren am soundsovielten in Oberntal, daselbst genannt der Doktorpeppi. So wird durch uns auch Oberntal ins Konversationslexikon kommen. So sind die Schicksale der Menschen. Wir aber bilden eine gelehrte Gesellschaft mit strengen Satzungen. Leider muß ich es sagen, Männer von Oberntal, an unseren Sitzungen dürfen keine Nichtmitglieder teilnehmen, höchstens noch unsere Väter. Sind Väter von uns unter euch? Leider nein. Eine andere Bestimmung unserer Satzungen schreibt vor, daß, wer mal darin steht, nicht mehr antworten darf. Der Professor möchte für sein Leben gern antworten, aber er darf nicht. Er steht drin. Eines aber gestatten uns glücklicherweise unsere Satzungen, bevor ihr euch wieder entfernt, einen urkräftigen Salamander zu reiben auf den famosen Geburtsort unseres Doktorpeppi, auf den Wirkungskreis unseres herzlich lieben alten Herrn, seines Vaters, auf den Stammsitz des künftigen Aussichtspunktes, auf die Gegend, die nach allem duftet, nur nicht nach Petroleum, auf die Heimat der schönsten Mädchen, auf die Gemeinde des guten Pfarrers, auf den Ort eines solchen Gemeindevorstandes! Ad exercitium salamandri! « Blitzschnell sprang der Redner vom Tisch herunter und glühend von Jugendübermut kommandierte er den Salamander. Stolz erhob sich auch der alte Doktor und trommelte mit und trank mit und schlug zuletzt mit seinem Deckelkrug auf den Tisch, ohne nachzuklappen. »Ich kann's!« rief er dann mit feuchten Augen in das Stillschweigen hinein. »Was sollen wir tun?« flüsterte ihm der Gemeindevorsteher zu. »Abfahren!« Der Gemeindevorsteher und die beiden Beisitzer machten eine tiefe Verbeugung. Das Kleeblatt verbeugte sich noch tiefer, dann drängte der Privatdozent die Besucher mit traurigem Anstand zur Tür hinaus, schloß hinter ihnen zu, und ohne Verabredung stimmten die drei mit jubilierenden Bierstimmen an: » O, alte Burschenherrlichkeit.« So ereignisreich und doch wieder so harmlos verlief der Aufenthalt der beiden Freunde. Und als sie am nächsten Tage im Schlitten, vom Doktorpeppi noch bis auf den Kamm begleitet, übers Gebirge fuhren, glaubte niemand in Oberntal, daß die gelehrten jungen Herren irgend etwas Besonderes im Orte zu tun gehabt hätten. Ihre fast täglichen langen Besuche beim Pfarrer waren nicht aufgefallen. Der hatte eine Bibliothek und war ein studierter Mann, und da war es natürlich, daß so berühmte Leute mit ihm lateinisch oder griechisch sprachen und, was sonst die Gewohnheit solcher Menschen ist, trieben. Selbst der Pfarrer war nicht ganz in die böse Absicht des Kleeblattes eingeweiht. Er hatte dem Doktorpeppi und seinen Freunden die altböhmische Handschrift ebenso vorgelegt wie den tschechischen Gelehrten, und wunderte sich nur darüber, daß Deutsche an dem Dinge so viel Anteil nahmen. Er erzählte, was die Herren aus Prag über die Handschrift geäußert hätten, und machte den Professor, den das offenbar freute, auf den unangenehmen Petroleumgeruch der Handschrift aufmerksam. Später ließ er die wackeren jungen Herren, die auch mit ihm ein Gläschen zu trinken nicht verschmähten, oft viele Stunden mit den Pergamentblättern allein; und da er ihrer Ehrlichkeit vollkommen vertraute, so ließ er sie das Ding sogar ins Wirtshaus mitnehmen. Sicher war, daß sie es nicht für so wertvoll hielten, wie Laska. Sie würden es ihm schon wieder zurückbringen. Sie brachten es auch zurück, und der Professor gestand, er habe vom ersten Blatt, das ohnehin verdorben war, ein erbsengroßes Stück herausgeschnitten und an einer Stelle des letzten Blattes die Tinte chemisch untersucht. Das sei gescheit, meinte der Pfarrer. Man könne von den alten Handwerkern immer lernen. Einmal, des Sonntags, lud der Pfarrer das Kleeblatt zu Tisch, und bei der Zigarre wurde sogar wirklich ein bißchen lateinisch gesprochen. Es war nicht ganz klassisch, aber es machte dem alten Herrn rechte Freude. Man bemühte sich, den Satz: »Die Magd unseres guten Pfarrers kocht die Zwetschgenknödel besser als irgendeine in Böhmen« in vollendetem Latein wiederzugeben, und dem Pfarrer rannen vor Vergnügen nur so die Tränen über seine roten Wänglein. Noch lange nachher zitierte er die schönen Wendungen, wenn Barbara ihm was Gutes auf den Tisch gesetzt hatte. So hatte Peppi Scheibler alles klug vorbereitet, um nach seinen Gedanken die Libussa etwas erleben zu lassen. Führte er mit Hilfe seiner Freunde den Beweis, daß die Oberntaler Handschrift eine grobe literarische Fälschung war, so konnte das gut bürgerliche Mädchen unmöglich länger bei seinem Glauben an Laska bleiben. Einen Verbrecher an der Wissenschaft kann man unmöglich lieben. Ja, der Doktorpeppi wunderte sich eigentlich schon darüber, daß die Libussa sich für jemand interessieren konnte, der nicht einmal Doktor war. Es war gleich, nachdem seine Freunde angekommen waren, angenehm gewesen, daß der Privatdozent im Hause des Herrn Weihmann etwas fand, das ihn anzog. War es auch nur das Klavier, so durfte man doch bestimmt erwarten, daß das Mädchen im Verkehr mit einem deutschen Gelehrten den böhmischen Schwindler nach Gebühr würdigen lernte. In dieser Berechnung täuschte sich der Doktorpeppi gründlich. Der philologische Privatdozent war ein so leidenschaftlicher Sammler von Volksliedern und vergaß bei solcher Tätigkeit so sehr alle anderen irdischen Dinge, daß er mit Libussa in ihrer Schwärmerei für den nationalböhmischen Gesang bald gemeinsame Sache machte. Jedesmal, wenn er auf seinen nächtlichen Entdeckungsfahrten mit Hilfe seiner legendären Müllerstochter ein neues Volkslied ausfindig gemacht hatte, trieb es ihn anderntags zu Libussa, um an ihrem Klavier die Noten für die Melodien zusammenzusuchen und sich dann das Ganze von ihrer hübschen Stimme vorsingen zu lassen. Die alten Lieder, die Libussa selbst von Jugend her singen konnte, waren zwar durchaus bekannte Stücke, längst gedruckt und in die Sammlung des Privatdozenten eingereiht. Und er beherrschte die tschechische Sprache philologisch so gründlich, daß er von Libussa nicht mehr viel lernen konnte. Dennoch waren ihr die Aussprache und die volkstümlichen Bedeutungen einzelner Worte geläufiger als ihm, und so wurde er nicht müde, sich allmählich alles von ihr mitteilen zu lassen, was sie wußte. Für ihn bestand der Erfolg in ein paar Dutzend wichtiger Notizen, Libussa aber entnahm aus diesem seltsamen Verkehr mit Freude, daß auch der deutsche Freund ihres Pepperl nicht umhin konnte, sich für die tschechische Bewegung zu erwärmen, und daß die deutsche Wissenschaft ganz und gar auf seiten des armen Laska stand. Dessen Name wurde niemals genannt, und auch von der Oberntaler Handschrift war vor ihr nicht mehr die Rede. Daß sie das große Ereignis in Laskas Leben aber nicht vergaß, dafür hatten seit einiger Zeit regelmäßige Postsendungen gesorgt, die sie aus Prag bekam. Die Handschrift von Oberntal wurde in einer Prachtausgabe herausgegeben, und sie, Libussa Weihmann, die Egeria des glücklichen Entdeckers, war eine der ersten, die sich mit dem Inhalt der unsterblichen Dichtung bekannt machen durfte. Der unbekannte und doch so leicht zu erratende Absender konnte es nicht abwarten, ihr zu Weihnachten das fertige Buch zu senden. Jeder einzelne Bogen, sowie er die Buchdruckerpresse verließ, wanderte zu ihr nach Oberntal. Wie Laska sie früher zur Mitwisserin aller seiner kleinen Sorgen und großen Pläne gemacht hatte, so legte er ihr jetzt – sagte sie sich – die Blumen zu Füßen, die der Unglückliche in seiner Verbannung pflücken durfte. Jeder einzelne Bogen war ihr wie ein stolzer Gruß eines verkleideten Bettlers, der unvergängliche Ehren zu verschenken hatte. Und es waren einige Bogen, in denen die kleine Handschrift in Oberntal alle ihre Schönheit ausbreiten durfte. Die Prachtausgabe war so eingerichtet, daß jedes der kleinen Gedichte sein besonderes reich illustriertes Titelblatt erhielt, und dann hinter dem alttschechischen Urtext Übersetzungen in sechs modernen Sprachen folgten. Alles in schöner Schrift und mit großer Papierverschwendung gedruckt, übersetzt waren die Verse ins Neuböhmische, ins Englische, ins Französische, ins Italienische, ins Russische und am Ende auch ins Deutsche. Die ganze gebildete Welt sollte zu gleicher Zeit in den Vollbesitz der poetischen Schätze dieser Handschrift gelangen können. Die mittelalterlichen Originalgedichte trugen keine Überschrift. Schon die neuböhmische Nachdichtung jedoch zeigte moderne Titel, und diese waren dann in die anderen Sprachen übertragen. Im dritten Bogen hatte Libussa nicht ohne Erregung ein Gedicht gefunden, welches im Deutschen überschrieben war: »Die Liebe und der blaue Schwan«. Sie las die Gedichte jedesmal in allen den Sprachen, die sie ein wenig verstand, und kam so auch dieses Mal von der zuletzt stehenden deutschen Übersetzung über: » L'amour et le cygne bleu « und so weiter zu der neuböhmischen Übersetzung: » Laska a modrá labut «. Sie wußte, daß das tschechische Wort » laska « Liebe bedeutete, sie hatte eine dunkle Erinnerung, daß »blauer Schwan« vor Monaten über Laskas Lippen gekommen war, und daß der blaue Schwan etwas mit seinem Leben zu tun habe. Weiter dachte sie nicht und lernte nun mit um so tieferer Rührung die tschechischen Verse von der Liebe und dem blauen Schwan auswendig. Kam ein blauer Schwan gezogen. Blauer Schwan, du heil'ger Vogel, Schenk mir eine weiße Feder! Sprach der Schwan, der blaue Schwan: Was nur willst du, armer Knabe, Mit der blauen weißen Feder? Küssen will ich die Geliebte, Küssen will ich die Andulka Mit der weißen Schwanenfeder. Und der Knabe malte fleißig Mit der Feder bunte Zeichen, Zeichen, welche Küsse waren, Denn die blaue weiße Feder Hatte Liebe (Laska) nur geführt. Anfang Dezember brachte ihr die Post anstatt des erwarteten vierten Bogens Titelblatt und Vorrede. »Opretaler Handschrift nach dem unschätzbaren Dokument, buchstabengetreu herausgegeben und mit einer polyglotten Übersetzung begleitet von einem Verein böhmischer Gelehrter.« Nachdem Libussa mit Hilfe ihres Wörterbuches den langen Titel entziffert hatte, machte sie sich daran, ebenso die Vorrede verstehen zu lernen. Sie hatte ja niemand mehr, an den sie sich hätte wenden können. Ihre Mühe wurde reich belohnt, denn Laskas wurde mit großen Ehren gedacht. Die Absicht des Gelehrtenvereins sei, gleichzeitig mit einer diplomatisch getreuen Ausgabe des Urtextes und mit einer wohlfeilen und volkstümlichen neuböhmischen Übersetzung auch die vielsprachige Prachtausgabe zum Weihnachtstage in die Welt zu senden. Denn das Fest heiße auf tschechisch mit Recht der freigebige Tag. Am Weihnachtstage dieses Jahres werde Böhmen freigebig sein gegen die Welt. Es folgte in der Vorrede eine schwerfällige und, wie es Libussa schien, vollkommen überflüssige Beschreibung der Handschrift. Dann wurde die Geschichte der Auffindung so ausführlich erzählt, wie Libussa sich nur erinnerte, die Entstehung und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges beschrieben gelesen zu haben. Sie freute sich aber, daß da in großen Buchstaben schwarz auf weiß von der Nepomukkapelle die Rede war, vom Paterbüschel, von Hrntschirsch, von Schmelkes, vom Herrn Pfarrer, kurz und gut von allem war da die Rede, was sie von Jugend auf umgab und was nun durch Laskas Tat unvergessen bleiben würde in der Geistesgeschichte eines interessanten und von der Vorsehung zu großen Dingen bestimmten Volkes. Und nun gar was über Laska selbst dastand, den armen Glücklichen, der in seinem eigenen Leben ein Opfer feindlicher Intrigen geworden sei, den man aus Opretal fortgejagt habe, wie den letzten aller Elenden, und der doch allein vermocht habe, den Namen Opretal (Oberntal) über Nacht berühmt zu machen, wie Ajaccio berühmt geworden sei durch Napoleon, wie Konstanz durch Hus, wie Friedrich der Große durch die Schlacht bei Kolin in Böhmen, wie Königinhof durch seine Handschrift. Der Name Laska werde nicht verschwinden, solange Europas Mädchen und Jünglinge ihre halbentnervten Gemüter reinbaden würden in der Poesie der Opretaler Handschrift; und da die Poesie der Opretaler Handschrift unvergänglich sei, so sei der Name Laska unvergänglich, und er werde (mit einem tschechischen Wortspiel) immer die Liebe und Freude des schönen Geschlechts sein. In kurzen Zügen war das Leben des Handschriftenentdeckers erzählt. Von seiner bäuerlichen Abkunft war die Rede, von der Schwierigkeit, die Mittel zum Studieren aufzubringen, von seiner Not in den letzten Jahren, von dem ärmlichen Leben in Prag. Und da ... Libussa glaubte vor Scham und Glück vergehen zu müssen, und dabei war sie trostlos über die Langsamkeit, mit der das Wörterbuch ihr bei der Übersetzung half – da stand etwas, was sie selbst wie übergossen von dem goldenen Lichte der Unsterblichkeit hinstellte neben die Wohltäter des böhmischen Volkes, des Volkes, dem sie aus freier Wahl angehören wollte, um nachträglich zu verdienen, was sie da las: »Das Walten der unsichtbaren Macht, die Böhmens Geschick behütet, führte den armen jungen Gelehrten nach Opretal. In unwürdiger Stellung, ein Knecht des Feindes, wie in Kriegsgefangenschaft, mußte er dort das Brot des Exils essen, aber licht und hehr scheint ihm dort eine Muse geleuchtet zu haben, eine jener Schicksalsfrauen, die bestimmt sind, wie unsere historische Fürstin Libussa, ihren Erkorenen Rätsel aufzugeben, aber sie auch zu lösen. In dem Schatten dieses Lichtes sollte Laska seine große Aufgabe vollbringen.« Da stand es! Da stand es wirklich! Und wie fein ihr Name verschwiegen war und doch wieder genannt! Libussa blieb an diesem Tage wie vergeistigt. Wenn doch wenigstens Pepperl wieder gekommen wäre, der ja auch als Student gedarbt hatte und der auch im Begriff war, sich einen Namen zu machen – bescheidener natürlich –, wenn nur der Pepperl dagewesen wäre! Am nächsten Morgen vermißte sie ihren Pepperl nicht mehr. Die Post brachte den vierten Bogen und dazu endlich, endlich!... einen Brief von Laska. Der Brief lautete: »Hochwohlgeborenes, gnädiges Fräulein! Mit dankbaren und ergebenen Gefühlen denke ich immer an das Haus zurück, in welchem ich in schwerer Zeit einen Wirkungskreis und Obdach fand, und in welchem mir die Sonne der Gunst von einem Fräulein leuchtete, das hoffentlich nicht aufgehört hat, des armen Lehrers zu gedenken, der nur für ihren Bruder bestimmt war und der Sonne dennoch zu Füßen zu sitzen als Lehrer die außerordentliche Ehre hatte. Sie sehen, hochwohlgeborenes Fräulein, der Poet verleugnet sich auch in der ärgsten Not nicht. Wenn ich von Not spreche, so meine ich nur die materielle Seite des Daseins, denn was das Höhere betrifft, so bin ich im Begriff hervorzuragen unter meinem Volke, wie die Druckbogen Ihnen, mein gnädiges Fräulein, hoffentlich schon verraten haben. Doch ohne Umschweife. Wohl sorgt hier ein Engel für mich, aber ein Engel, der nicht Sie sind, nicht mein hochwohlgeborenes Fräulein. Haben Sie Erbarmen mit mir! Kommen Sie in meine Arme. Ich habe nichts als einen Ruhm, aber den will ich mit Ihnen teilen. Kommen Sie, oder senden Sie mir wenigstens ein Zeichen Ihrer Huld zu meinem Namenstag, den ich sonst, trotz der Güte meines Prager Engels, nur traurig verbringen könnte. Mit Grüßen an Ihren kleinen Bruder und mit einer ergebenen Empfehlung an Ihren hochzuverehrenden Herrn Vater in heißer Liebe Ihr Mikulasch Laska. Zu erfragen in Prag im Gast- und Einkehrhaus zum blauen Schwan am Porschitsch.« Mit widerstreitenden Gefühlen las Libussa den merkwürdigen Liebesbrief. Der arme Laska! Er war so unsicher! Am liebsten hätte Libussa ihren Vater sofort gebeten, dem guten Menschen gleich eine größere Summe Geldes zu schicken. Aber da war ein Wort, das ihr immer wieder durch den Kopf ging. Sie hatte eine Nebenbuhlerin! Sein Prager Engel war ein Weib, gewiß eine große Künstlerin oder eine böhmische Gräfin. Ja, es mußte eine Gräfin sein, und der gute Laska mußte dem ungeliebten, ehrgeizigen Weibe verfallen, wenn Libussa nicht selbst erschien, um ihn und seinen Ruhm für sich zu bewahren. Am sechsten Dezember war sein Namenstag, der Tag des heiligen Nikolaus, der Niklastag, an dem in Prag der Weihnachtsmarkt eröffnet wurde und an dem man alle artigen Kinder vorläufig beschenkte, um ihnen eine Vorfreude des Weihnachtsabends zu verschaffen. Sie mußte am Niklastag in Prag sein! Sie mußte ihren Vater nach Prag begleiten! Aber was dort? Wie stellte sie es an, in das Gast- und Einkehrhaus zum blauen Schwan zu kommen? Die Worte »blauer Schwan« bedrückten sie. Es war ihr unangenehm, daß Laska gerade dort wohnte. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihn dort nicht allein aufsuchen dürfe. Wenn doch der Pepperl mitgekommen wäre! – – Inzwischen hatte der Doktorpeppi viele Briefe mit Leipzig gewechselt und mit Doktor Vollenius alles vorbereitet. Es war nur noch nötig, Herrn Weißmann dazu zu bringen, daß er in der ersten Dezemberwoche mit seiner Tochter nach Prag fuhr. Der Peppi zerbrach sich den Kopf, wie er das diplomatisch einrichten könnte. Dafür hatte er gesorgt, daß Libussa in Prag etwas erlebte. Der Sonntag war der letzte Termin, sein Anliegen vorzubringen. Er spielte bei der Tarockpartie so schlecht, daß sein Vater wieder, ganz wie in früheren Zeiten, zu brummen und zu schelten begann. Der Peppi entschuldigte sich sehr artig, denn er wollte Herrn Weißmann günstig stimmen. Libussa saß heute neben ihrem Vater am Kartentisch. Von ihrer Krankheit war kaum eine Spur mehr vorhanden. Ihr Husten war eines Tages vergangen, von einer Reise nach dem Süden oder gar vom Tode war nicht mehr die Rede; nur noch hübscher war sie geworden, weil sie immer so verschämt aussah, recht wie ein Kind vor Weihnachten, das liebreiche Geheimnisse zu verbergen hat. Sie war heute gegen ihren Vater besonders zuvorkommend und weich, als ob sie einen Weihnachtswunsch auf dem Herzen hätte. Plötzlich bemerkte das Herr Weißmann und sagte, gutmütig lachend: »Willst du was von mir, Busserl? Übermorgen fahr' ich nach Prag, um die Einkäufe zu machen. Was soll ich dir mitbringen? Eine Petroleumlampe oder eine ganze Ausstattung?« »Mitnehmen sollst du mich, Vatterl.« »Aber gern, mein Kind, da mußt du nicht erst bitten. Du nimmst mir ja die halbe Arbeit ab.« Der Doktorpeppi war von dem glücklichen Zufall so überrascht, daß er dem Gegner seinen Pagat zuwarf und sein Partner, der Pfarrer, einen halben Fluch freundlich vor sich hin sprach. Der Peppi aber zeigte kein Zeichen von Reue und sagte nur: »Ich habe auch in Prag zu tun. Wenn Sie erlauben, Herr Weißmann, so schließe ich mich Ihnen an. Und wenn Busserl nichts dagegen hat?« »Das ist lieb von dir, Pepperl,« sagte Libussa errötend. »Was hast du denn in Prag zu tun?« sagte Weißmann zum Doktorpeppi mit einem groben Versuch, schalkhaft zu lachen. Auch der Pfarrer und der alte Doktor lachten. Alle freuten sich, daß der Peppi mit Libussa zusammen die Reise machen sollte. »Ein paar Einkäufe. Und dann hält mein Freund Vollenius am fünften Dezember in Prag einen interessanten Vortrag. Den sollt ihr euch anhören.« »Tun wir,« sagte Weißmann, »wenn im Theater nicht gerade was Hübsches gegeben wird.« »Und du, Busserl?« »Ich tu', was du willst, Pepperl. Fahr nur mit!« Zwölftes Kapitel Am dritten Dezember gegen Mittag trafen die Reisenden in Prag ein. Allen dreien war die Stadt wohlbekannt, sie hatten alle nicht nötig, sich um die Sehenswürdigkeiten zu kümmern, und hätten ihren fröhlichen Weihnachtsgeschäften nachgehen können. Aber nur Herr Weißmann machte sich sofort an diese Pflicht. Der Doktorpeppi und Libussa bummelten am ersten Tag müßig durch die Straßen. Sie waren in einem der großen Gasthöfe, dem Pulverturm gegenüber, abgestiegen und konnten schon vom Fenster aus einige von den alten Baulichkeiten betrachten. Wie unter der gotischen Wölbung des Pulverturms das Leben aus der finstern Zeltnergasse herausflutete, wie links auf dem breiten Bürgersteig des Graben die vornehme Welt flanierte, wie dem Gasthof gegenüber, in der klaren Winterluft deutlich sichtbar, jenseits der Moldau die schneebedeckte Höhe des Belvedere herüberschimmerte, das war für das Fräulein aus Oberntal wie für den weitgereisten jungen Doktor ein sehenswertes Schauspiel. Dann aber, als sie zusammen den Gasthof verließen und Libussa nach langem Zieren Pepperls Arm nahm, da wurde ihr doppelt reisewohlig zumute. Und übermütig wurde sie, daß er einige Male staunend in ihre leuchtenden Augen sah. Sie wußte, warum sie so lachte. Die Leute auf dem Graben hielten sie und Pepperl gewiß für ein Brautpaar. Wie komisch! Pepperl plauderte wunderhübsch. Ganz anders als in Oberntal. Eigentlich noch hübscher als – der, an den sie fürs erste nicht denken wollte. Und sie merkte gar nicht, wie heimtückisch Pepperl mit ihr verfuhr. Mitten im tschechischen Prag der Gegenwart zeigte er ihr ganz unbefangen das deutsche Prag der Vergangenheit. Auch auf das Deutsche Haus machte er sie aufmerksam, dann auf das Deutsche Landestheater; an der Universität, der ältesten deutschen Universität, führte er sie vorüber – oben zeigte er ihr das Kapellenfenster des Saales, in welchem er zum Doktor promoviert worden war. Dann führte er sie durch ein unendlich langes und finsteres Durchhaus und an den Palästen deutscher Adelsgeschlechter vorüber zu der alten deutschen Teynkirche, die zwischen dunkeln Häusermassen ihre alte Pracht verbarg und nur mit den Türmen frei hervorragte. Über den Altstädter Ring am Rathaus vorüber gingen sie weiter durch die Jesuitengasse bis zur steinernen Brücke. Hier blieben sie stehen, und Peppi hielt ihr einen gelehrten historischen Vortrag über die deutschen Kaiser, die da drüben gelebt und die alle Werke ringsumher geschaffen hatten. »Nein, was du alles weißt, Pepperl!« »Gelt, Busserl, du kennst dich gar nicht in mir aus. So bin ich immer auf der Reise. Und wenn du mit mir allein eine größere Reise machen willst, bis nach der Schweiz oder bis nach Italien, Busserl, kannst's mir glauben ... ich weiß noch mehr.« »Geh! Komm weiter.« »Was ist dir auf einmal, Busserl?« »Wenn nur der Niklastag schon da wäre.« Der Doktorpeppi wurde schweigsam. Kannte Libussa seinen Plan? Und wird der Vortrag des Vollenius genügen, um sie von den alten Erinnerungen zu befreien? Daran war kein Zweifel. Einem wissenschaftlichen Beweise konnte sich niemand verschließen. Auch Libussa war schweigsam geworden. Die Sonne war untergegangen, und während sie die steinerne Brücke hinüber und wieder zurück schritten, tauchten die stolzen Gebäude des Hradschin, des Laurenziberges und des Franzenskais in ein undeutliches Grau, das ihre Linien verwischte, als ob sie zurückgesunken wären in die Schatten einer toten Vergangenheit. Unten aber rauschte lebendig der ewige Fluß, die heimatliche Moldau, und wollte dem Mädchen die Sagen aus Böhmens Vorzeit erzählen, und um sie her drängten sich die Menschen, und sie lauschte und vernahm kein deutsches Wort. Sie steckte fröstelnd die Hände tiefer in den Muff und hätte den Arm am liebsten aus dem des Freundes gezogen. Wie war ihr denn? Dem Mikulasch Laska zuliebe war sie nach Prag gekommen, und nun vergnügte sie sich am Arme des Menschen, der sie heiraten sollte. O je, was war das für eine Welt, und was ist ein Mädchenherz? Langsam kehrten sie in den Gasthof zurück und betrachteten auf dem Wege noch dieses und jenes, aber die Brautpaarstimmung wollte nicht wiederkommen. Im warmen Gasthofzimmer trafen sie den Vater, der einiges von seinen Einkäufen vorzeigte, anderes versteckte, und der am Abend mit ins Deutsche Theater ging. Am nächsten Morgen traf Doktor Vollenius aus Leipzig ein. Der Doktorpeppi hatte ihn am Bahnhof abgeholt und in den Gasthof gebracht. Er mußte Zimmer an Zimmer mit ihnen wohnen. Der brachte nun freilich ein ganz neues Leben in die kleine Gesellschaft. Er hatte Prag vor Jahren auf einer Studienreise kennen gelernt und wollte jetzt die wenigen Tage benutzen, um Volkslieder und Volkssitten genauer zu beobachten und vor allem seine Sprachkenntnisse zu vermehren. Das kleine dicke Wörterbuch ließ er nicht aus der Hand. Er wollte in Prag nicht deutsch sprechen. Im Gasthof unterhielt er sich nur mit dem Hausknecht und auf der Straße sprach er alle paar Minuten Dienstmänner und Dienstmädchen, Briefträger und Stiefelputzer an. Er hatte so viel vom Prager Kuchelböhmisch gehört, von der abenteuerlichen Sprache der gemeinen Leute, die zur Hälfte aus deutschen Wörtern bestand, die aber durch slawische Endungen und Beugungen zu einem für ihn zunächst unverständlichen Mischmasch geworden war. Er schwelgte in philologischen Genüssen und kam nicht zur Ruhe. Wenn er sich zum zehntenmal auf der Straße die Stiefel wichsen ließ, um sich dabei einige Notizen einzutragen, so gebrauchte der Wichsier gewiß ein paar Worte, die ihm wieder zu denken gaben, und wenn er sich in irgendeinem volkstümlichen Bierhaus niederließ, abermals um sich Notizen zu machen, so wurde die Kellnerin regelmäßig wieder eine Quelle philologischer Erkenntnis. Er suchte zwar immer noch seine böhmische Müllerstochter, hatte aber von Oberntal her eine gewisse wissenschaftliche Vorliebe auch für böhmische Kellnerinnen angenommen. Die halbe Nacht zum Fünften verbrachte er allein in den verrufensten Kneipen am Moldauufer. Er sammelte eine Fülle ungeahnter und kräftiger Ausdrücke ein. Für Ohrfeige allein fünf Synonyma. Ohne Gnade mußten bei Tage Libussa und der Doktorpeppi mit ihm umherstrolchen. Kleine Besorgungen, die Libussa nicht länger aufschieben wollte, mußte sie in Kaufläden machen, die sich durch eine einsprachige, tschechische Tafel für echt national erklärten. Und der kleine, schwarze Vollenius freute sich diebisch darüber, daß er, der Sachse, für die eingeborenen Böhmen den Dolmetsch machen mußte. Zwar verstanden die Verkäufer seine merkwürdige Sprache auch nicht, das konnte aber nur an seiner mangelhaften Übung liegen. Wissenschaftlich war er den Tschechen über. Wissenschaftlich hätte er den Leuten die Augen öffnen können über ihre Orthographie, ihre Entstellung der Eigennamen. Na, morgen abend wollte er ihnen ja ein kleines Licht aufstecken. Am Abend ging man dem tollen Vollenius zuliebe ins tschechische Theater. Eine Oper von Smetana wurde aufgeführt. Vollenius hatte sich das Textbuch gekauft und machte sich Notizen. Libussa wurde schwermütig. Der Komponist hatte die Lieblingsweise eines gewissen unglücklichen Mannes in die Ouvertüre eingeflochten. Auch am zweiten Tage blieb Vollenius bei seiner Lebensart. Er müsse eilen, sagte er zu Libussa, denn morgen werde man ihn in Prag nicht mehr dulden. Sie achtete nicht weiter darauf und ließ sich von den beiden Doktoren bis zum Dunkelwerden umherschleppen. Heute hatte es Vollenius besonders auf die Bezeichnungen der Waren abgesehen, die von Hökerweibern feilgeboten oder von fliegenden Händlern ausgerufen wurden. Er machte wieder etymologische Entdeckungen und schien von seinem Aufenthalt aufs höchste befriedigt. Um fünf Uhr erst zog er sich zur Vorbereitung auf sein Zimmer zurück. Libussa benutzte die Zeit, um ihrem Vater beim Aussuchen von Geschenken für den Bruder, für Franzel, zu helfen. Um halb sieben Uhr wollte man im Gasthof wieder zusammenkommen, um gemeinsam mit dem Vortragenden in die Vorlesung zu gehen. Da erst, als Vollenius seinen Reisepelz über den Frack warf, fragte Libussa, worüber er eigentlich sprechen werde. »Über die Merkwürdigkeiten von Oberntal,« gab Vollenius lachend zur Antwort. Pepperl aber reichte ihr triumphierend ein Zeitungsblatt und zeigte auf eine Stelle, wonach »Doktor Vollenius, der bekannte Leipziger Philologe für slawische Sprachen, über die sogenannte Oberntaler Handschrift und die Beweise ihrer Unechtheit einen Vortrag halten werde, der gewiß ...«, und so weiter. Libussa wurde blaß vor Schrecken. Aber es kam ihr nicht einmal der Gedanke, sich zu widersetzen. Stumm ließ sie sich den neuen Abendmantel um die Schultern legen, und erst als Pepperl ihr dabei zuflüsterte: »Paß auf, Busserl, heute wirst du was erleben!« – erwiderte sie ängstlich: »Hast du mir das getan, Pepperl?« »Jawohl, Busserl. Du weißt auch warum.« Der Saal, der etwa fünfhundert Personen fassen mochte, war dicht gefüllt. Wie Vollenius seinen Freunden im Nebenraum, dem Künstlerzimmer, erklärte, war durchaus nur deutsches Publikum anwesend; einige Tschechen, die aus Neugierde, oder um zu demonstrieren, doch hereingekommen waren, sollten von einer Schar deutscher Studenten im Zaum gehalten werden. Libussa blickte forschend durch den ganzen Saal. Laska mußte da sein, um zu antworten. Sie sah ihn nicht. Fast bewußtlos nahm sie endlich zwischen ihrem Vater und Pepperl in der ersten Reihe Platz. Es war schrecklich, aber es war doch gut, daß Pepperl da war. Eine Viertelstunde nach sieben Uhr betrat Doktor Vollenius den Saal. Gerade als er über eine Stufe stolperte, wurde er mit lebhaftem Beifall begrüßt. Lachend sprang er aufs Podium, verbeugte sich und begann seinen Vortrag. Seine wissenschaftlichen Arbeiten hätten ihn schon vor langer Zeit in die alte, schöne Stadt Prag geführt und ein Zufall vor kurzem in die herrliche Gegend von Oberntal. Lustig genug machte er seinen anwesenden Freunden aus Oberntal ein verstecktes Kompliment, und noch lustiger berichtete er den übrigen Zuhörern, er meine dasselbe Oberntal, wo man ein Faß für eine Quelle gehalten habe. Ein Faß Pilsener sei zwar auch für ihn wie für jeden guten Deutschen draußen im Reich eine achtungswerte Quelle, aber ein Faß Petroleum sei so wenig das genügende Fundament für eine nationalökonomische Großtat, wie die Schreibversuche eines dilettantischen Fälschers der Ausgangspunkt werden dürfen für eine Belästigung der gelehrten Welt. Er sei in die Lage gekommen, die sogenannte Handschrift von »Opretal« selbst zu prüfen, und wolle den Beweis liefern, daß eine entschiedene, daß sogar eine liederliche Fälschung vorliege. Schon dieser Einleitung folgte lebhafter Beifall und die Heiterkeit steigerte sich, als Vollenius die Entdeckung der Handschrift und ihre äußere Erscheinung einer eingehenden Kritik unterzog. Es sei vor allem ein historischer Irrtum der Fälscherbande, daß die Mauer, in der die Handschrift gefunden wurde, aus dem Mittelalter stamme. Nach den Kirchenbüchern sei die Statue des heiligen Nepomuk erst am Ende des siebzehnten Jahrhunderts errichtet worden. Die Kapelle um die Statue, zu der die fragliche Wand gehöre, sei aber gar erst vor fünfunddreißig Jahren neu aufgemauert worden. Ein heute noch lebender Maurermeister habe diese Arbeit ausgeführt und seine Aussagen habe Vollenius vor Zeugen protokolliert. Dieser Maurermeister könne beschwören, daß er damals gewöhnlichen Maurerkalk genommen habe. Zement habe man vor fünfunddreißig Jahren in jener Gegend gar nicht gekannt. Nun aber habe ein zuverlässiger Mann einen der ausgebrochenen Steine gerade von der Stelle, wo der Schatz gefunden wurde, unmittelbar nach der Entdeckung in Verwahrung genommen. Der Ziegel sei mit Zementmörtel, mit frischem Zementmörtel versehen gewesen. Wenn man nicht ein neues Wunder des heiligen Nepomuk annehmen wolle, so müsse man zugeben, daß die Handschrift aus dem Mittelalter in einer Mauer gefunden worden sei, die erst seit fünfunddreißig Jahren dastand und in einer Höhlung, die Spuren allerjüngster Tätigkeit trug. Was die Blätter der Handschrift selbst betreffe, so habe vor allem eine photographische Untersuchung den merkwürdigen Zufall erwiesen, daß die Rückseite des letzten Blattes den Abdruck einer gefetteten Männerhand trage. Das Fett habe sich auch ohne chemische Untersuchung für feinere Nasen als Petroleum verraten. Und so würde eine gerichtliche Nachforschung wahrscheinlich ergeben, daß dieselbe dreiste Männerhand, die mit dem Petroleumfaß von Oberntal den Welthandel habe erschüttern wollen, auch bei der Fälschung der Handschrift im Spiel gewesen sei. Die Handschrift trage den Daumenstempel der »Böhmischen Sonne«. Nach einer Pause, die durch stürmische Heiterkeit verursacht war, fuhr Vollenius fort. Fachmännische Kollegen von der Leipziger Universität hätten Proben des Pergaments und der benutzten schwarzen Farbe peinlich untersucht. Es sei keine Frage, daß durchaus modernes Material vorliege. Der Redner brachte eine Fülle technischer Kenntnisse bei, um wissenschaftlich festzustellen, daß das Pergament der Handschrift in einer modernen Fabrik hergestellt sein müsse, und daß die gebrauchte Tusche nach ihrer Zusammensetzung eine englische Tusche von bestimmter Art sei. Dann erst ging Vollenius zu seiner eigentlichen Aufgabe über, als Kenner der slawischen Philologie die Unechtheit der Handschrift aus ihrem Inhalte zu erweisen. Er erging sich ausführlich über die Schriftzeichen der Handschrift und über ihre Orthographie, noch ausführlicher über alttschechische Grammatik und alttschechische Sprache. Mit verblüffender Gelehrsamkeit, der die wenigsten Zuhörer zu folgen vermochten, suchte er darzulegen, daß gewisse Worte und Wortformen in der Zeit, aus welcher die Handschrift nach ihrem Äußern stammen mußte, gar nicht gebraucht werden konnten. Der Vortrag hatte über eine Stunde gedauert und das Publikum war etwas ermüdet. Man hatte dem Redner seine ersten Behauptungen willig geglaubt und war ihm für die einleuchtenden Beweisgründe in den äußeren Tatsachen dankbar gewesen. Die eigentliche philologische Kritik hätte man ihm gern geschenkt. Als er aber zum Schluß alles keck zusammenfaßte, als er an die Unechtheit der berühmten Königinhofer Handschrift erinnerte, und schließlich noch den Fälschern den Rat gab, sich bei einschlägigen Arbeiten künftig von gewissenhaften deutschen Gelehrten helfen zulassen – er stehe den Herren jederzeit mit seinen geringen Kenntnissen zu Diensten –, da war die gute Stimmung wiederhergestellt, und als Vollenius sich nach seinen letzten Worten verbeugte, gab es endloses Händeklatschen. Der Doktorpeppi hatte Libussa von Zeit zu Zeit angesehen, ob sie auch was Rechtes erlebte. Sie aber verwandte kein Auge vom Sprecher und gab durch keine Miene zu erkennen, was in ihr vorging. Nach dem Vortrag stand sie mit dem übrigen Publikum auf und verlangte, sofort in den Gasthof zurückkehren zu dürfen. Doktor Vollenius war von einigen Herren umgeben, und so ließ man ihn zurück, als Libussa mit unterdrückter Heftigkeit wiederholte, sie müsse nach Hause. Auf dem Wege sprach Herr Weißmann allein. Der Vollenius sei doch ein verdammt tüchtiger Kerl. Er habe es den Tschechen gegeben. Das mit dem Petroleum hätte er freilich nicht erwähnen müssen. Aber wenn die Handschrift gefälscht sei, da solle doch ein Donnerwetter dreinschlagen. Und er drückte dem Doktorpeppi hinter Libussas Rücken vertraulich die Hand. Er sah ganz gut, daß die ganze Geschichte gegen den verfluchten Laska gerichtet war. Im Gasthof wollte Libussa nicht erst ins Speisezimmer gehen. Schwer atmend bat sie, man möge sie allein lassen. Vor der Tür ihres Zimmers aber fiel sie dem Pepperl vor ihrem Vater und einem geschäftigen Zimmerkellner um den Hals und rief schluchzend: »Das hättet ihr nicht tun sollen, Pepperl! Jetzt wird er gar zu unglücklich sein, und ich muß ihm helfen.« Damit machte sie sich los, stürzte in ihr Zimmer und schloß hinter sich ab. Sorgenvoll gingen die beiden Herren ins Speisezimmer zurück, um den Doktor Vollenius zu erwarten. Der Doktorpeppi gestand, daß er sich die Wirkung seines großen Planes anders vorgestellt hätte. Dreizehntes Kapitel Am nächsten Morgen, am Nikolaustage, saßen die beiden Doktoren um acht Uhr im Frühstückszimmer des Gasthofs, lobten den Kaffee und das Gebäck und sahen die Zeitungen durch. Der Doktorpeppi war beinahe eifriger, als Doktor Vollenius. Der sagte, er wüßte genau, daß er von den Deutschen mit Auszeichnung, von den Tschechen mit Wut behandelt werden würde. Ganz genau hatte er nicht das Richtige getroffen. Nur eines der deutschen Blätter unterschrieb die Anschauungen des deutschen Gelehrten. Die anderen hielten mit ihrem Endurteil vorsichtig zurück und wollten die Frage, ob die Oberntaler Handschrift eine Fälschung sei oder nicht, nicht mit Sicherheit beantworten. Fast ebenso stand es um die beiden tschechischen Blätter, die sie vorfanden. In dem einen wurde Doktor Vollenius ein Lügner genannt, ein hergelaufener Bettelpreuße, ein Lump, den man auf offener Straße durchprügeln sollte, ein Lohnschreiber, der gar nicht tschechisch verstehe und sich trotzdem ein Urteil über die Heiligtümer der Nation anmaße, ein Verbrecher, der vor den Staatsanwalt gehöre. In dem anderen Blatte wurden einige Verdienste des Doktor Vollenius, die er sich früher um die slawische Philologie erworben hätte, ganz freundlich anerkannt, dann freilich seine Gründe gegen die Echtheit der Oberntaler Handschrift nicht ohne weiteres zugegeben. Solange keine tschechische Akademie die Fälschung festgestellt habe, brauche man sich um das Besserwissen der Preußen nicht zu kümmern. Doktor Vollenius aß sein drittes Kipfel und freute sich, ja, er wußte selbst nicht worüber. Um fünf Uhr nachmittags wollte er abreisen und bis dahin noch lernen, was binnen weniger Stunden noch irgend möglich war. Wenn der Doktorpeppi und das Fräulein Libussa nicht mittun wollten, so werde er sich allein in die Bewegung stürzen, und dann geradeswegs unter die Eishauer des Podskal. Deren Sprache sollte nach seinen Erkundigungen die gröbste sein. Herr Weißmann kam herunter und meldete vergnügt, Libussa sei wieder kreuzfidel und lasse die Herren bitten, auf sie zu warten. Sie habe sich schon um sieben Uhr vom Stubenmädchen alle diese Zeitungen aufs Zimmer bringen lassen und sie durchgelesen. Er verstehe das nicht. Es sei genug, wenn man einen langen Vortrag anhöre. Auch noch etwas darüber lesen? Herr Doktor Vollenius möge es nicht übelnehmen, aber das sei doch vollkommen gleichgültig, ob ein Buch vor fünfhundert Jahren geschrieben sei oder heute; im Gegenteil, die heutigen seien ihm lieber. Ob der Kerl zum Beispiel, der mit den schönen Romanen »Kaiser Joseph und sein Hof« und so weiter, ob der ein Fälscher sei? »Jawohl,« erwiderte Doktor Vollenius ernsthaft, beschwichtigte den guten Herrn Weißmann aber bald, indem er aufs neue den Kaffee lobte. »Ich, bin Sie nämlich aus Leipzig,« fügte er im Dialekt hinzu. Und Herr Weißmann wollte sich krank lachen und versicherte ein über das andere Mal, er hätte den Herrn Doktor nach seiner gestrigen Leistung gar nicht für so witzig gehalten. Endlich erschien Libussa. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen und frischgewaschene Augen. Aber so bleich sah sie aus und so widerwillig trank sie eine halbe Tasse Kaffee, daß der Peppi wohl merkte, mit ihrer Kreuzfidelität sei es nicht weit her. Während Doktor Vollenius sofort auf Belehrung ausging und notierte: »Sahne heißt smetana , in Deutschböhmen Schmetten, ostpreußisch Schmand« – sann Pepperl darüber nach, worin er es eigentlich verfehlt habe. Mit Hilfe deutscher Gelehrter hatte er dem Mädchen doch die Unhaltbarkeit ihrer Anschauungen gründlich bewiesen. Was wollte sie noch mehr? Selbst wenn sein Vater recht hatte und das arme blasse Ding was erleben wollte, ja, was in aller Welt konnte man denn Größeres erleben als den streng wissenschaftlichen Nachweis einer Fälschung? Es wurde ihm trübselig zumute, und er bot dem Mädchen, um ihr doch seine Liebe zu zeigen, dreimal das Zuckerschälchen an. Libussa war in einer schlaflosen Nacht zu einem Entschluß gekommen, in dem sie durch die Berichte der Morgenblätter nur bestärkt worden war. Seit drei Tagen war sie ziellos in Prag umhergegangen. Nur Laskas wegen war sie hergekommen und hatte doch nicht den Mut gefunden, ihn aufzusuchen. Zweimal schon hatte sie unter einem Vorwand allein den Gasthof verlassen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Das erstemal gleich hatte sie den Porschitsch gefunden; der lag ja so nahe, gleich gegenüber; vom Josephsplatz aus bog man in die breite, merkwürdige Straße ein. Aber sie hatte sich nicht weit vorgewagt, denn mit jedem Schritt schien ihr die Gegend unheimlicher. Gar so tschechisch hatte sie sich den Porschitsch nicht gedacht. Der lag nur fünf Minuten von der vornehmen Hauptstraße entfernt und sah doch so furchtbar anders aus, so ... so bäuerisch, so, wie ihr Laska nicht gefiel, so, wie sich Laska beim Essen benahm. Das nächstemal hatte sie richtig nicht weit vom Stadttor, am Ende des Porschitsch, den »Blauen Schwan« gefunden. Schon von weitem hatte sie das Wirtshausschild erblickt, einen ungeheuren blauen Schwan aus Blech, der weit in die Straße hinausragte. Aber dieses Haus konnte sie unmöglich betreten, nicht ohne Pepperl. Das war ja eine Fuhrmannskneipe. Sie war in ihren Gasthof zurückgeflüchtet. Heute wußte sie, was sie zu tun hatte. In Begleitung der Herren wollte sie die Fuhrmannskneipe besuchen, den Laska wollte sie rufen lassen und ihn seinem Verleumder gegenüberstellen. Das war sie ihm und sich selber schuldig. Hätte man dem unglücklichen Tschechen eine große Summe Geld geschickt und ihr gesagt, daß er damit ganz seinen Idealen lebe, hätte man sie versichern können, daß er aus Schmerz über ihre Treulosigkeit zeitlebens unbeweibt bleiben würde, dann ... ja dann hätte sie vielleicht eingewilligt, bei einer Prager Schneiderin ein weißes Seidenkleid zu bestellen, und beim Goldarbeiter auf dem Graben die beiden Ringe. Denn reisen ließ sich am Ende ganz gut mit dem Pepperl. Doch jetzt ... Jetzt mußte der Laska seine Genugtuung haben. Als Doktor Vollenius sich für ihre Teilnahme bedankte und fragte, was sie zu den Zeitungsberichten gesagt hätte, erwiderte sie sehr gewandt, seine Darlegung wäre sehr interessant gewesen, aber man müßte beide Parteien hören. Niemand dachte dabei was Arges. Erst gegen zehn Uhr machte sich die Gesellschaft auf den Weg. Heute wollte Libussa die Führung übernehmen. Den Nikolausmarkt wollte man besuchen und dann schon um zwölf Uhr in einer recht tschechischen Kneipe zu Mittag essen, damit Herr Doktor Vollenius nachher in aller Ruhe einpacken und abreisen konnte. Über Nacht war frischer Schnee gefallen, ein ruhiges Frostwetter machte das Gehen zum Vergnügen, und die Sonne schien kalt und hell über die weißen Dächer hinunter. Langsam und vom Doktor Vollenius wieder auf hundert Dinge aufmerksam gemacht, begaben sie sich nach dem Altstädter Ring, der heute der Jahrmarkt des heiligen Nikolaus war. Beim Pulverturm und dann beim Rathaus ließ sich Doktor Vollenius wieder die Stiefel wichsen, um in Ruhe seine Notizen machen zu können. Die Wichsiers kannten ihn schon und kamen ihm mit geschwungenen Bürsten entgegen. »Küß die Hand, gnädiger Herr!« Gnädiger Herr hieß jednostpan . Ein sehr merkwürdiges Wort. Auf dem Nikolausmarkt vergaß selbst Libussa ihren Kummer. Wie armselig auch die ausgestellten Waren in den elenden Buden waren, man konnte nicht anders als sich kindlich freuen, wenn man die Kleinen sah, die, in wollene Tücher vermummt, allein oder in Begleitung ihrer Mütter hin und her gingen und die Herrlichkeiten mit glücklichen Augen betrachteten. Schon waren die bescheidenen Schätze des nahen Weihnachtsmarktes auch zur Stelle. Aber vor allem, was der Niklas bringen sollte, Apfel und Nüsse, natürliche, versilberte und vergoldete Früchte, goldene und silberne Schäfchen und Schweine, Krippen für den heiligen Weihnachtsabend, Krippen für wenige Kreuzer und dann auch Krippen, die einen Gulden kosteten, und wo die Öchslein und Eselein ganz natürlich aus Holz geschnitzt waren, wo die Jesuskindlein aus Wachs auf goldenem Stroh lagen, wo ein ganzes Dutzend Hirten auf silberschimmernden Felsen verteilt waren und ihre Herden weideten. Und der Niklas selbst, der heilige Mikulasch, und sein Gegner, der Teufel, der Krampus. Es gab heilige Mikulasche schon für einen Kreuzer. Aber die waren nicht schön. Die konnten die Kinder kaufen, aber die gefielen ihnen nicht. Da gab es aber heilige Mikulasche, die eine Elle lang waren, die fußhohe Bischofsmütze gar nicht mitgerechnet, mit vergoldeten Gewändern und mit langen weißen Barten aus Watte. Da gab es in einer vornehmen Bude, dicht neben der alten Mariensäule, einen heiligen Mikulasch, der hielt einen goldenen Bischofsstab in der Hand und bewegte die Augen. Die Verkäufer ringsherum schimpften und schrien, denn der Weg war an dieser Stelle versperrt. Zwanzig Kinder und mehr standen da und rissen die Augen auf und wunderten sich, daß es so was auf der Welt gäbe. Herr Weitzmann kaufte für die Kinder seiner Fabrikarbeiter die größte Krippe, die aufzutreiben war; sie sollte in eine Kiste verpackt nach dem Gasthof geschickt werden. Doktor Vollenius erstand da und dort Kleinigkeiten, Ruten und Krampusse; es war ihm aber nicht um die Waren zu tun, sondern um ethnologische Studien. Er lachte unaufhörlich vor Vergnügen, denn die Verkäufer hatten, wenn er sie nur ein bißchen reizte, so grobe Worte, daß er sich gar nicht mehr nach den Eishauern vom Podstal sehnte. Wenn die Einkäufe auf seinem Arm ihn am Notizenmachen hinderten, verschenkte er sie an Bettelkinder, die umherstanden und bald ein kleines Gefolge hinter dem Manne herstellten, der so pudelnärrisches Kauderwelsch sprach. Als die Knaben einmal um einen schwarzen Krampus mit roter Zunge zu raufen anfingen, sagte Libussa zu Pepperl: »So ist's nicht recht. Ich möcht' auch was schenken.« »Wir!« rief Pepperl. Und nun machten sich die beiden ein kleines Fest. Vier nette Mädchen suchte sich Libussa aus und fragte sie, ob sie was haben möchten. Die Augen der Kleinen hungerten nach Freude. Libussa suchte planmäßig aus. Keines der Mädel sollte auf das andere eifersüchtig werden. Eine hübsche Krippe bekam jede, Äpfel und Nüsse, warme Handschuhe und ein wollenes Tuch. Pepperl durfte bezahlen. Sie hatte ihm das erstemal zugenickt und ließ es dann immer lächelnd geschehen. Ihre Wangen hatten sich gerötet, und wenn ihre Augen wieder feucht geworden waren, so kam das wohl nur von dem Schnee, der weiß und blendend von dem gotischen Zierat des Rathausdaches herunterblitzte. Herr Weißmann ging schmunzelnd hinterher. Das weißseidene Kleid wurde wohl doch bestellt. Plötzlich drängte sich ein lang aufgeschossener Bettelbub von etwa zehn Jahren an Libussa heran. »Bitt i, Fraile, bitt i, bitt i, bitt i! Heiß ich Mikulasch! Is sich heute Namenstag meiniges, bitt i, schenkens klein wunziges Mikulascherl dem armen Mikulasch. Ganz klein wunziges! Hab ich noch nie Mikulasch gehabt. Immer nur Schläg.« Dem Mädchen stürzten die Tränen aus den Augen. »Pepperl,« sagte sie und schämte sich und mußte doch weiter sprechen. »Pepperl, ich verdien's nicht um dich. Aber jetzt, du mußt dem kleinen Buben drüben den großen Niklas kaufen, den mit den beweglichen Augen. Tu mir die Liebe. Es ist meine erste Bitte.« »So viel Worte?« Er nahm den kecken Buben bei der Hand und langsam drängte man sich bis an die Bude neben der Mariensäule. Immer frecher blickte der Bettelbub zu Libussa auf. »Alle habens Masse kriegen. I nix.« Über zehn Kinderköpfe hinweg fragte der Doktorpeppi nach dem Preis, und unter atemloser Stille der nächsten Umgebung reichte er die zwei Guldenzettel hinüber und bekam den großen Mikulasch. Ein Ah des Entzückens ging durch die Kinderschar, als beim Herüberreichen das goldpapierne Obergewand des Bischofs sich bewegte und in der Sonne hell aufglitzerte. Der glückliche Herr! Das glückliche Fraile! »Bitt i, Fraile, nur ein klein wunziges Mikulascherl!« »Hier, du Bengel, den großen sollst du haben.« Alle Frechheit verschwand aus dem Gesicht des Buben. Einen Augenblick verstand er nicht. Dann flog es wie ein Traum von Seligkeit und Stolz über seine Züge und er kreischte auf. Zitternd faßte er nach dem papiernen Heiligen mit der linken Hand, während er die rechte zum Boxen bereit ballte und sich mit dem Ellbogen Raum schaffte. »Mikulasch!« schrie er gellend, daß es den Lärm des Marktes übertönte. »Mikulasch!« höhnten hundert Kinder, doch sie machten ihm ehrfurchtsvoll Platz, als er ohne Dank und Gruß, aber schreiend wie ein Besessener forteilte, die kleine Bande hinter ihm drein. Ein böhmischer Gassenhauer füllte die Luft, lustig und sinnlos. Der Bube aber mit dem großen Mikulasch hatte jetzt die letzte Bude hinter sich und rannte in langen Sprüngen über den weiten Platz links herunter, wo die ärmsten und schmutzigsten Gassen mündeten. »So ein Unsinn,« sagte Herr Weißmann. »Mikulasch,« sagte Libussa leise vor sich hin. Dann faßte sie sich und sagte zu Pepperl: »Ich danke dir, du bist ein guter Mensch. Du bist nicht wie dein Freund. Du mußt jetzt noch eins tun. Du mußt alles tun, was ich will. Ich habe eine große Dummheit vor. Wirst du sie mir verzeihen?« »Ja, Busserl.« »So will ich sie machen. Sie ist furchtbar groß. Komm, Pepperl, komm mit mir voraus und gib mir den Arm. Ach Gott, ach Gott, das wird eine schreckliche Geschichte werden! Aber ich muß ... Wir wollen zu Tisch gehen.« »Wohin?« rief Herr Weitzmann. »Wohin ich euch führe,« sagte Libussa und schmiegte sich ängstlich an Pepperls Arm. Wiewohl sie nur langsam vorwärts kamen, waren sie doch vor halb zwölf Uhr auf dem Porschitsch angelangt. Herr Weißmann wollte wissen, wo man speisen wollte. In einer Fuhrmannskneipe? Fiel ihm nicht ein. Das schickte sich gar nicht für den Fabrikanten Weißmann aus Oberntal. Libussa sollte solche Geschichten nicht mitmachen. Gut, gut! Wenn sie ihren Willen haben wollte, schön, er werde ordentlich im Gasthof speisen. Und er kehrte wirklich um und ließ die Tochter mit den beiden überstudierten Herren allein weitergehen. Libussa war sehr kleinlaut geworden, vielleicht weil sie nicht mehr unter dem Schutze des Vaters stand. Als sie von weitem auf das blaue Schild hinwies, fragte Pepperl, wer ihr denn dieses Gast- und Einkehrhaus empfohlen habe? »Ich hab's!« rief Doktor Vollenius. »Es ist eine Ovation für Oberntal. Blauer Schwan, das kommt in der famosen Handschrift vor. Blauer Schwan, blauer Schwan! Ich hab's gestern nicht erwähnt, wie so vieles. Aber blauer Schwan ist gar nicht volkstümlich, das ist entweder verblaßte Romantik oder ein Wirtshausschild. Richtig, da steht er, der blaue Schwan. Modrá labut . Merkwürdiges Wort. Aber sehr romantisch sieht das Gasthaus nicht aus. Meine Hochachtung, Sie haben ganz meinen Geschmack getroffen.« Durch eine breite Einfahrt, die auf einen schmutzigen und übelriechenden Hof mündete, mußte man eintreten. Rechts führte eine halbgeöffnete Tür nach der Wirtsstube. Es war ein dunkler, niedriger, weiter Raum, in dem an großen viereckigen Tischen über hundert Personen Platz gehabt hätten. Aber eigentlich voll war es nicht. Die Freunde entdeckten im Hintergrund noch einen freien Tisch und nahmen dort Platz. Libussa an der rechten Schmalseite, Doktor Vollenius zu ihrer Rechten, Pepperl zu ihrer Linken. Das Geschirr, von dem die Gäste aßen, war schlechtes Steingut. Das Bier wurde in runden Krügen auf den Tisch gestellt, ganz kleine schlechte Gläschen daneben. Vier oder fünf Kellnerinnen hatten vollauf zu tun. Nicht weit von den Tischen hantierte ein starker Mann, dessen brauner Schnauzbart der Libussa bekannt vorkam, mit den leeren Krügen. Er spülte sie in Wasser ab und trank diejenigen vollends aus, in denen noch eine Neige enthalten war. Eine der Kellnerinnen kam eilfertig heran. Was die Herrschaften wünschten. Doktor Vollenius übernahm, zappelnd vor Vergnügen, den Dienst eines Dolmetschers. Eine Speisekarte war nicht da. Kälbernes, Schweinernes, Schinken und svickowa peceni . Was das letzte bedeute? Libussa wußte es. Lungenbraten, Talgbraten, zu deutsch Filet. Doktor Vollenius schlug vor Freude auf den Tisch. Köstlich! Drei Portionen bestellte er und Knödel und Sauerkraut dazu und drei Krügel Bier. Libussa wurde immer schweigsamer. Als das Essen bald darauf gebracht wurde und Libussa, so wohlschmeckend der Braten war, nicht einen Bissen hinunterbringen konnte, fragte Pepperl, was ihr sei. Doktor Vollenius hatte eben die Kellnerin bei der Schürze festgehalten und ließ sich von ihr unter schmeichelhaften Reden die Suppen aufzählen, die es in Böhmen gäbe. Sie solle sich um die übrigen Gäste im Augenblick nicht kümmern. Und er steckte ihr ein vorläufiges Trinkgeld zu. Libussa beugte sich zum Pepperl hinüber und flüsterte: »Es wird eine schreckliche Geschichte geben. Hier im Hause wohnt der Laska. Ich werde ihn rufen lassen und ihn deinem Freund gegenüberstellen. Das bin ich ihm schuldig. Ich muß!« Der Doktorpeppi legte die Gabel hin und fragte: »Hast du ihn gesprochen?« »Nein, seit dem Wenzelstage habe ich ihn nicht wiedergesehen. Ich habe keine Heimlichkeiten. Aber er hat mir geschrieben. Nicht nur die Briefe, die du mir übergeben hast. Er hat mir vor kurzem geschrieben. Er ist sehr unglücklich und arm. Ich muß ihm helfen.« »Es ist eine ernste Sache,« sagte der Peppi. »Busserl, nimm dich zusammen und antworte mir ernsthaft. Liebst du den Menschen?« Libussa senkte ihren Kopf und eine Träne lief ihr die Wange hinunter. Dabei fühlte Pepperl, wie eine kalte weiche Hand unter dem Tischrand die seine faßte. Wie im Krampf faßte Libussa seine rechte Hand und hielt sie fest. »So!« sagte da Pepperl und lachte, und da Libussa erschreckt ihre Hand wieder zurückzog, faßte er nach dem Messer und schnitt sich ein Stück Fleisch ab. »Das schmeckt ja ganz vorzüglich, Busserl! Aber, hör' mal, das geht nicht so, wie du dir das ausgedacht hast. Wir dürfen meinen Freund nicht der Gefahr aussetzen, hier halbtot geschlagen zu werden. Das laß ich unter keinen Umständen zu. Aber darauf kommt es dir doch auch nicht an. Laß mich nur machen.« Und laut sagte er zu Vollenius: »Du, ich höre eben, daß der Laska hier im Hause wohnt. Weißt du was, ich laß ihn herunterbitten. Deinen Namen braucht er nicht zu erfahren. Es wird dich interessieren zu hören, was er auf deinen Vortrag zu erwidern hat. Wenn er auch nicht da war, so wird er doch wohl die Berichte gelesen haben.« Da Doktor Vollenius lebhaft zustimmte, fragte der Doktorpeppi die Kellnerin, ob sie einen gewissen Herrn Laska kenne, der hier im »Blauen Schwan« wohnen solle. »Der Laska?« sagte das Mädchen verächtlich. »Mit so a Kerl gebb ich mich niemols nicht ab. Das ist ein Pepe. Wissen S', was in Wien ein Strietzi ist. Da müssen S' die Pepitschka fragen. Pepitschka!« Und sie rief einer Kollegin ein paar tschechische Worte zu. Die, ein großes und mächtig starkes, vollbusiges Frauenzimmer mit einem gutmütigen, aufgedunsenen Vollmondgesicht, kam schweren Schrittes heran. Sie war den Freunden schon vorhin aufgefallen. Sie schien die oberste von den Kellnerinnen zu sein, beaufsichtigte die anderen und bediente nur, wenn diese keine Zeit hatten. Die erste wiederholte wieder einige tschechische Worte. »Was wollt's ihr vom Laska?« fragte Pepitschka mit einer rauhen Bierstimme. »Pepitschka heißen Sie?« rief Doktor Vollenius. »Köstlich! Kommt von Joseph her! Denk nur, Scheibler, ein hebräischer Name. Aus der Endung seph wird in Bayern Sefferl oder Sepp, in Italien Beppo. Aus dem Italienischen machen die Wiener Peppi, so wie du heißt. Nun wird wieder ein Frauenname mit slawischer Endung ...« »Was wollt's ihr vom Laska?« »Ach bitte, Fräulein,« sagte Libussa mit festem Entschluß. »Wir haben gehört, daß er hier im Hause wohnt, und möchten ihn einladen, mit uns zu speisen. Wenn Sie ihn benachrichtigen wollten. Sagen Sie nur, Freunde aus Oberntal.« »So ...?« fragte Pepitschka. »Aus Oberntal sein S'? So – wo sie ihn krank gemacht haben.« »Wir meinen's gut mit ihm. Ich bin eine Freundin.« »Jesus, Maria und Joseph!« sagte Pepitschka mit möglichst leiser Stimme. »Do sein S' goar am End' die Frail'n, wo er hingeschrieben hat, wie er wieder krank worden is, und wo ich das Brieferl hob tragen müssen auf Post.« Schwerfällig setzte sich Pepitschka an die Tischecke zu Libussa und dem Doktorpeppi. »Sogen S', sind S' die Frail'n Libussa? Das ondere hob ich vergessen. Jesus, Maria und Joseph, sein S' also wirklich herkommen? Und hait is sein Namenstog. Hoben S' ihm was mitbracht? Mitgebringtes hot er gern.« »Es soll ihm schlecht gehen, Fräulein Pepitschka?« »Sagen Sie nur Pepitschka zu mir, ohne Fräulein. Und von Schlechtgehn ist gar kan Rede nicht. Gut geht's ihm.« Pepitschka blickte feindlich auf die beiden Herren, dann rief sie eine vorübergehende Kollegin heran, nahm ihr zwei frischgefüllte Krügel ab und reichte sie den Herren. »Erlauben S', daß ich was spendier. Aber ich bitt', setzen sich gefälligst an anderes End' von Tisch. Nur solang das Krügel reicht. Ich hob was mit der Frail'n zu reden, wo Mannsbilder nix zu hören brauchen.« Auf einen Wink Libussas taten die Herren, wie ihnen geheißen war. »Und jetzt sein wir unter uns, Frail'n. Bitt' ich, bin ich nicht unverschämt. Sein Sie sich eine feine Frail'n, und ich a Kellnerin. Weiß ich ganz gut. Aber Madeln san wir alle zwei und sauber sein wir auch alle zwei. Und jetzt, ich red' ich, wie mir der Schnabel gewachsen is. Sein S' herkommen, daß mir ihn wegnehmen? Hoben S' Techtelmechtel? Oder wollen S' gar heiraten?« Pepitschka benahm sich bei diesen Worten sehr würdevoll. Sie ließ ihre rechte Hand mit der festgehakten Geldtasche spielen und blickte das Fräulein zierlich lächelnd an. Aber dabei klang ihre Stimme gedrückt, und es war, als ob sie wie ein geprügeltes Kind laut schreien wollte. Libussa wagte kaum zu atmen. Ihrem Vater hätte sie eine trotzige Antwort gegeben, vielleicht auch dem Pepperl. Dieser Kellnerin gegenüber wurde sie weich. Sie reichte ihr die Hand und flüsterte: »Also unter uns. Ich hab' geglaubt, ich hätte ihn lieb. Aber es ist nicht wahr. Den dort!« »Den kleinen Schwarzen oder den Großen?« »Den Großen.« »Natürlich. Is er brav?« »Er ist ein lieber Mensch. Aber der Laska, der tut mir nun so furchtbar leid. Helfen möchte ich ihm. Wie kann ich ihm helfen? Raten Sie mir!« Der Mann am Spültisch war aus seinem Verschlag herausgetreten und hatte sich dem Tisch genähert. »Hrntschirsch!« schrie ihn Pepitschka an. So ein Kerl! Was er hier zu lauschen habe, er solle sich zu seinen Krügeln scheren. Gleich werde er ein frisches Faß anstechen müssen. Brummend entfernte sich Hrntschirsch. Pepitschka aber rückte noch näher an Libussa heran und sagte: »Jetzt, meine liebe gnädige Frail'n, jetzund hob ich Sie lieb, bitt' um Verzeihung. Jetzund will ich Ihnen sogen. Tun Sie nix für ihn. Auf Ehr' und Gewissen, die ganze Wahrheit sog ich. Der Mikulasch Laska is sich so furchtbar noblig. Weiß ich, viel zu noblig für mich, aber wer kann was gegen Lieb? Was, Frail'n? Viel zu noblig is er. Und wenn Sie ihm schicken Geld, no ich sog's raus, Dummheiten! Nachrechnen tut er, was er mir is schuldig, wo ich doch so froh bin. Nachrechnen tut er, und wenn Sie ihm schicken Geld, bezahlt er mich und geht. Oder er nimmt Geld Ihriges nit.« Wie ein Kind verzog Pepitschka ihr rundes Gesicht zum Weinen, bezwang sich aber, lächelte in ihrer gezierten Weise, schneuzte sich in ein großes gesticktes Taschentuch und sagte: »So is es. Wie er mich kann auszahlen, geht er furt. Und ich spring in Moldau. Ja, ja, Frail'n, von der Brücken, neben dem heiligen Nepomuk. Vor vier Jahren, wie er furtgangen is, hob ich mir das Plätzel schon aussucht. Tun Sie nix für ihn! Ich nehm's auf mich, es wird ihm gut gehn. Ich kann die Pacht hier kriegen. Der Herr, wissen S', Frail'n, dem das Ganze gehört, ist alt und krank und hot mich gern. Ich übernehm die Pacht und 's Geschäft tu ich verstehn. Tun Sie nix für ihn. Freilich zuerst könnten wir noch a paar hundert Gulden mehr brauchen, als ich hob erspart. Aber ihm geben S' nix.« Libussa fühlte ein schweres Weh. Sie wußte nicht, was es war. Mitleid mit dem guten verliebten Geschöpf, aber noch größeres Mitleid mit ihm, dem Unglücklichen, der sein Leben einsetzte für die idealen Güter seiner Nation, und der so enden sollte. Da fuhr Pepitschka fort: »Wissen S' Frail'n, er war nix für Sie. Is ja viel zu gut für mich. Hot viel zu viel Büldung. Ober ich kenn mich aus. Verliebt is er nur in so eine wie ich. Mit Sie und so Frail'n, alle Hochachtung, aber wenn Sie wüßten, wie lieb er kann sein. Wenn er sich so schmiert und mich streichelt, wissen S', und zärtelt und mir sogt: »Andulka!« Andulka tut er mich nennen.« Libussa schloß die Augen. Aber auf einmal sah sie es so deutlich vor sich, daß sie hätte lachen mögen: Küssen will ich die Andulka Mit der blauen Schwanenfeder, Und der Knabe malte fleißig Mit der Feder bunte Zeichen, Zeichen, welche Küsse waren, Denn die blaue weiße Feder Hatte Liebe ihm geführt. Hatte Liebe ihm geführt. »Liebe« hieß auf tschechisch Laska . Laska hatte die Feder geführt, er selbst. Einen Witz mit der Kellnerin hatte er sich gemacht. Andulka war Pepitschka, und der romantische blaue Schwan war die dicke Pepitschka. Die dummen Gelehrten! Was sie sich für Mühe gaben, die Unechtheit der Handschrift zu beweisen. Ein Mädchen war doch klüger. Vom ersten Augenblick an hatte sie die Fälschung durchschaut. Vom ersten Augenblick hatte sie daran gedacht, daß nicht sie die Muse des Dichters war, sondern eine Kellnerin. Und wie hätte sie überhaupt bei den Gedichten der Handschrift an sich denken können, wenn sie nicht von Anfang an gewußt hätte, daß Laska der Dichter war? Immer hatte sie ihn verachtet. Alle Leute hatte sie gefoppt, den Vater und den dummen Pepperl, den lieben guten Menschen. Lustig gefoppt hatte sie alle. Aus beiden Augen traten ihr schwere Tränen und liefen ihr die Wangen herunter. »Was hoben S', Frailn?« »Nichts, Pepitschka. Ich weine bei jedem Anlaß. Das ist mir so angeboren. Aber ich wollte Sie was fragen. Hat der Laska Gedichte auf Sie gemacht? Ich meine damals, vor vier Jahren?« Ein verklärendes Lächeln glitt über Pepitschkas Gesicht. »Masse,« sagte sie und zeigte ihre weißen Zähne. »Er weiß nix davon, aber ich hob ich eins noch aufhoben im Schubkastel bei meinem Betbücherl.« »Hören Sie, Pepitschka. Ich hab' eine große Bitte an Sie. Lassen Sie mich die Gedichte des Laska sehen. Jetzt gleich. Ich gehe dann für immer fort, und wenn Sie einmal eine Freundin brauchen, in jeder Not, Sie können auf mich rechnen.« »Dummheiten,« sagte Pepitschka freundlich. »Sie brauchen nix zu versprechen. Das Gedichterl zeig ich holt gern. Viertel Stündel werd' ich Zeit haben. Wenn sich nicht genieren zu mir rauf zu kommen. Wissen S' was, die beiden Mannsbilder können S' mitnehmen. Das schickt sich besser. Wissen S' weil ich doch halt Kellnerin bin. Warten S' a bissel.« Pepitschka erhob ihre massigen Glieder, gab ihren Kolleginnen und dem Mann an der Spülbank einige Befehle und sprang dann nach der Küche, wohl um sich abzumelden, oder für ein Weilchen Ersatz zu schaffen. Der Doktorpeppi und Doktor Vollenius kamen rasch und neugierig zu Libussa heran. Die würdigte Pepperl keines Blickes und sagte nur rasch zu Vollenius: »Sie sollen mich hinaufbegleiten, in das Zimmer dieser Kellnerin. Wir werden die Gedichte des Laska zu sehen bekommen, die er ihr vor vier Jahren gegeben hat und die jetzt in der Mauer in Oberntal gefunden worden sind. So. Jetzt wissen Sie, ob ich was von der Sache verstehe oder nicht, Herr Doktor. Und eines von den Gedichten, das ist ein viel besserer Beweis, als alle Ihre Geschichten. Andulka heißt diese Person, und der blaue Schwan ist das Wirtshaus, und Laska hat die Feder geführt. Das steht alles drin und das haben Sie gar nicht bemerkt. Und du auch nicht ... Tschapperl.« Bevor die Herren antworten konnten, näherte sich Pepitschka wieder dem Tisch. »Wenn's is g'fällig.« Einige der Gäste wandten sich verwundert um, als die Kellnerin mit den fremden Deutschen die Wirtsstube verließ. Hrntschirsch warf ihnen mißtrauische Blicke zu, aber er war gerade dabei, den Spund aus einem Faß herauszuschlagen. Der Weg führte über den kalten schmutzigen Hof, an Stallungen vorüber, und dann auf einer abscheulich vernachlässigten Holztreppe im Hintergebäude hinauf. Im ersten Stock legte Pepitschka den Finger auf den Mund und sagte dann leise: »Da wohnt er.« Sie zeigte rasch nach einer schlechten Tür, Nummer sechs. Im zweiten Stock war man schon dicht unter dem Dach. Auf den Stiegenflur gingen vier Türen. Pepitschka öffnete die erste und ließ ihre Gäste eintreten. Eine einfache Mansarde, die Wände nur mit Kalk bestrichen, der Fußboden von Feuchtigkeit arg mitgenommen. Das Bett war nicht geordnet. Rasch warf Pepitschka zwei weiße Unterröcke, die sie vom Nagel riß, über die geblümten Kissen. Außer dem Bett und einem Strohsessel enthielt die Stube nichts als eine Kommode und eine große gemalte Holzkiste. Über der Kommode an der Wand hing ein kleiner, halbblinder Goldrahmenspiegel. Darunter ein Heiligenbild. »Frail'n wohnen gewiß sich besser. Wenn ich Pacht krieg, werden wir auch fein wohnen.« Ohne Zögern zog Pepitschka die unterste Schublade der Kommode heraus und entnahm ihr eine alte, verschließbare Ledertasche. Vor den Augen der Gäste ließ sie die Bügel auseinanderklaffen und warf rasch ein halb Dutzend Bänder, Schleifen und dergleichen Erinnerungen heraus, dann ergriff sie ein Bündel loser Papiere und eine Photographie. Das alles reichte sie dem Fräulein und sagte herzlich: »Schauen S' sich an. Aber dann gehn S' wirklich furt. Und hier, so hat er vor die vier Jahre ausg'sehen. Da war er noch a magerer Span.« Libussa legte die Photographie beiseite, und ihre Hand zitterte wohl ein wenig. Dann setzte sie sich auf den einzigen Stuhl am schrägen Mansardenfenster, legte die vergilbten und an den Bruchstellen zerrissenen Blätter auf ihren Schoß. So schnell als möglich flog sie die Briefe und Gedichte durch. Inzwischen hatte Doktor Vollenius mit Pepitschka eine Unterhaltung angefangen. Es fehlten ihm noch einige tschechische Bezeichnungen für Mehlspeisen. Die hätte er gern beisammen gehabt, bevor es hier zu einer Katastrophe kam. Pepperl war an Libussa herangetreten, und sie sprach leise mit ihm. Sie hatte ein Gedicht aus der Oberntaler Handschrift gefunden, das Lied vom blauen Schwan, das von Andulka und von Laska so zierlich sang. Dann aber noch einige andere Blätter, die sie nicht zu Ende lesen mochte, weil sie entsetzlich grobe Zärtlichkeiten zu enthalten schienen. Sie teilte dem Pepperl das Ergebnis mit und gestand, daß sie das Gedicht vom blauen Schwan gern an sich bringen wollte. Der Doktorpeppi fragte Pepitschka, ob sie ein oder das andere Gedicht hergeben wolle. »Nicht für an Meierhof,« sagte Pepitschka. »Hören Sie, Fräulein,« sagte Peppi zur Kellnerin. »Uns ist an diesen Blättern viel gelegen. Sie können einen hohen Preis fordern. Der Laska kann froh sein, für seine Verse ein paar hundert Gulden zu bekommen.« Mit einem hastigen Griffe riß die Kellnerin ihm die Blätter aus der Hand und forderte dann die übrigen mit einer energischen Handbewegung von Libussa. Schweratmend warf sie wieder alles in die Ledertasche, schmiß sie in die Kommode, warf das Schubfach zu und lehnte sich dann hintenüber. Sie war rot geworden vor Zorn. »Ihr sollt euch was schämen, und von Ihnen, Frail'n, hätte ich das nicht geglaubt. Ihr mant wohl, so ane arme Kellnerin, die an Trinkgeld nimmt von jeden hergelaufenen Gast, könntet ihr auch abkaufen, was ihr's Liebste is. Schamt's euch alle mit einand.« In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und Laska trat in die Stube. Auf dem Flur wurde Hrntschirsch sichtbar, der sich demonstrativ die Ärmel hinaufkrempelte. Laska war stärker geworden und hatte einen Ausdruck, vor dem Libussa erschreckt die Augen schloß. Liederlich sah er aus. In der Hand hielt er noch eine brennende Virginia, hinter dem Ohr hatte er den Strohhalm aus der Zigarre stecken. Um den Kragen schlotterte ihm eine bunte Schleife. Die Füße steckten in hohen Stiefeln. Er war lebhaft eingetreten und stand jetzt, plötzlich verlegen geworden, zwischen Pepitschka und Libussa. »Mein gnädiges Fräulein Weißmann ... ich bin außer mir ... Sie kommen in die Hütte der Armut ... ich weiß nicht ... ich weiß wirklich nicht ...« Und er warf ängstliche Blicke bald auf die Herren, bald auf Pepitschka. Libussa hatte sich dicht an ihren Pepperl herangedrängt. »Ich weiß wirklich nicht,« wiederholte Laska. »Und wenn ich so kühn sein dürfte, zu hoffen ...« »Wir sind nur gekommen,« sagte der Doktorpeppi, »um uns Ihnen, dem alten Hausfreunde, als ein glückliches Brautpaar vorzustellen.« Libussa warf ihren Kopf schluchzend an Pepperls Brust. »Ich gratuliere ergebenst ... wirklich so eine Ehre ... das gnädige Fräulein Weißmann nämlich ...« Laska war blaß geworden. »Und ich,« sagte Doktor Vollenius vortretend, »wollte mich Ihnen ebenfalls vorstellen. Ich heiße Vollenius, Doktor Vollenius. Ich habe mich, wie Sie vielleicht wissen, angelegentlich mit Ihren Dichtungen beschäftigt.« »Hrntschirsch!« schrie Laska außer sich. Gemächlich trat Hrntschirsch ein und schloß hinter sich zu. Er glättete seinen Lederschurz und zwinkerte mit den Augen. »Was befehlen Sie, pane Vizepräsident?« sagte er freundlich auf tschechisch. Doktor Vollenius verstand jedes Wort. »Nicht wahr, den kleinen Schwarzen da belieben zu meinen? Was wünscht der Herr? Bloß ein Kopfstück, fein gemischt mit Watschen? Oder soll ich ihn umgestülpt und zugespitzt in den Fußboden hineinschlagen, daß er die Überreste nachher im Schnupftüchel nach Hause tragen kann?« »Mikulasch!« schrie Pepitschka jetzt gleichfalls auf tschechisch. »Bring' uns nicht ins Unglück. Ich bin eine Kellnerin. Ich darf nichts mit der Polizei zu tun haben. Und mit der Pacht wäre es aus für immer. Erbarm dich!« Der Doktorpeppi, der Laskas drohende Fäuste sah, wollte vortreten. Libussa hinderte ihn. Doktor Vollenius hatte die kurze Rede des Hrntschirsch mit wachsendem Vergnügen angehört. »Mensch!« rief er in seinem besten Tschechisch und mit möglichst Prager Betonung. »Ihr seid ja ein Brunnen von Sprachweisheit. Hier, für das Kopfstück fein gemischt mit Watschen einen harten Silbergulden. Da, nur nicht genieren. Und jetzt bitte ich, wiederholen Sie Ihre liebenswürdige Ansprache. Nur nichts abschwächen. So saftig, wie sie war.«. Und er zog den verblüfften Hrntschirsch am Ärmel zum Fenster, nahm sein Notizbuch aus der Tasche und wiederholte: »Recht saftig! Vorwärts!« »Gut!« sagte Hrntschirsch. »Wie Euer Gnaden befehlen. Aber nachher bläu ich Euer Gnaden durch, wenn pan Vizepräsident befiehlt.« »Das wird sich finden,« sagte Vollenius eifrig. »Vorwärts! Vorwärts! Um fünf Uhr geht mein Zug.« Er vergaß alles andere und fing an, Notizen zu machen. Inzwischen hatte Libussa ihren Pepperl losgelassen und war entschlossen vor Laska getreten. »Sie sind ... ich muß Ihnen sagen ... ich bin gar nicht unglücklich gewesen. Ich habe Ihnen früher geglaubt, aber jetzt schon lange nicht. Und Herr Doktor Vollenius hat Ihnen gar nichts getan. Er hat nur herumstudiert an Ihren ... an Ihren Erdichtungen. Wenn Sie jemand umbringen lassen wollen, so lassen Sie mich umbringen. Herr Doktor Vollenius hat Ihnen gar nichts bewiesen. Aber ich, ich ganz allein, ich habe hier bei Ihrer Braut ...« »Wer sagt Ihnen ...?« »Mikulasch!« »Sie hat mir ein Original gezeigt. Vor vier Jahren ... die Entdeckung hab' ich gemacht, ich ganz allein ... daß in der Handschrift aus dem Mittelalter das Wirtshaus zum blauen Schwan vorkommt, und der Laska, der die Feder geführt hat. Es ist zum Lachen, tausend Jahre später hat wieder ein Laska die Handschrift entdeckt.« Laska wurde bleich bis auf die Lippen. »Pepitschka, du weißt was? Du hast die Gedichte noch?« »Was? Was is, Mikulaschko? Natürlich hab' ich Gedichterl aufhoben. Hab' ich nit sollen? Waas? Hast du Ärger? Nix hab' ich! Hören Sie, Frailn, nix hab' ich! Alles tu ich abschwören. Nix hab' ich. Nix haben S' g'sehn!« Laska atmete schwer. »So ist's recht, Andulko. Nicht wahr, du kannst es beschwören, die Gedichte hab' ich dir erst vor ein paar Wochen abgeschrieben, weil du mein Schatz bist. Ich will auch immer bei dir bleiben, Andulko.« »Hrntschirsch,« klang es von unten herauf. » Jeden spric ale v cuku .« (Einen Gespritzten, aber gleich.) »Marsch herunter, Hrntschirsch,« rief Pepitschka. »Bitte, gleich,« sagte Hrntschirsch und wandte sich zum Gehen. »Was war das?« schrie Doktor Vollenius. »Was hat man von unten gerufen? Das hab' ich nicht verstanden.« Laska hatte sich gefaßt. »Gehen Sie und tun Sie, was Sie wollen. Gar nichts können Sie beweisen! Nur elende deutsche Vermutungen haben Sie. Mit Vermutungen können Sie mir gar nichts tun.« Pepitschka faßte Libussa ängstlich beim Arm. »Bitte, Frail'n, gehen Sie furt! Schnell, bevor er wieder bös wird. Er schlagt sonst drein. Bitte! Und beiden Herren voraus! Furt, furt!« Doktor Vollenius war schon an der Tür. »Ich muß noch erfahren ...« Da Libussa an Pepperls Arm die Stube verließ, sah sie noch, wie Laska in einer Pose von Stolz und Verachtung dastand, aber gleichzeitig flehend nach ihr blickte. »Jawohl,« sagte sie leise. »Ich werde schweigen. Leben Sie wohl, Fräulein Pepitschka.« Im Hausflur sahen sie sich ängstlich nach Doktor Vollenius um. Da kam er eben fröhlich aus der Wirtsstube heraus. »Unsere Zeche habe ich doch bezahlen müssen. Kinder. Und ich weiß jetzt, was ein Spritz ist. Richtig wieder ein deutsches Wort. Ein gespritzter Pfiff, Wein mit Selterswasser. Ich muß bald wieder nach Prag kommen. Es ist zu hübsch hier.« Sie traten auf die Straße hinaus, in ein dichtes Schneegestöber. Große Flocken fielen unablässig, wie mit lautloser Luftigkeit, ruhig nieder. Die Menschen eilten darum nicht schneller vorüber. Alle blickten froh und angeheimelt in das Weihnachtswetter hinein und hüllten sich nur dichter in ihre Tücher und Pelze und steckten den Kopf lachend zwischen die Schultern. Pepperl und Libussa schmiegten sich fester aneinander und senkten die Köpfe zusammen und sahen sich an und schwiegen. Doktor Vollenius blieb von Zeit zu Zeit stehen, holte sein Notizbuch hervor, schrieb ein Wort hinein und schimpfte auf den Schnee, der ihm das Buch benetzte. Dann lief er wieder den Freunden nach und stampfte neben ihnen her. Plötzlich rief er: »Richtig, Fräulein Weißmann! Wie war das mit dem Schwanengedicht? Sie haben es doch gesehen?« Libussa drückte Pepperls Arm. Der sagte: »Kurz und gut, liebster Vollenius, Libussa verweigert ihr Zeugnis. Und sie hat recht. Und der Kerl hat auch recht. Du mußt es bei bloßen Vermutungen bewenden lassen. Übrigens finde ich es zum mindesten bedauerlich, lieber Vollenius, daß du jetzt an deine Eitelkeiten denkst. Hast du denn nichts gehört? Libussa ist meine Braut. Du hast noch gar nicht gratuliert.« »Ja, Kinder, ist das denn etwas Neues für euch? Das ist doch eine alte Geschichte.« »Na ja,« sagte Libussa verlegen, »eigentlich weiß es aber Papa noch nicht.« »Und mein Vatter auch noch nicht,« meinte Pepperl. »Komm Busserl.« Sie gingen weiter durch das Schneegestöber, bis Doktor Vollenius plötzlich dem Pulverturm gegenüber stehen blieb und wie im Theater in die Hände klatschte. »Seht nur! Diese Weihnachtslandschaft! Diese Brautdekoration! Sogar der alte Turm zieht ein weißes Kleid an, um euch zu gratulieren. Seht nur! Wie eine richtige Kranzeljungfer sieht er aus. Und ich kann nichts tun als meinen gestrigen Vortrag drucken lassen und um eine neue gelehrte Kombination vermehren. Jawohl, Fräulein Weißmann, ich werde die neue Vermutung von dem blauen Schwan und dem Laska, die ich doch nur Ihnen verdanke, mit einflechten. Aber ich werde irgendwo die große Weisheit aussprechen, daß die Wahrheitsliebe allein nicht ausgereicht hat, meine Schrift zu verfassen, daß die Kritik nichts vermochte ohne die Eifersucht. Jawohl, Fräulein Weißmann. In der Dichtung wird die Feder von der Liebe geführt, in der Kritik oft von der Eifersucht. Merk' dir das, Doktorpeppi. Es kann dir helfen bescheidener zu werden, du potenzierter Glückspilz, du.« »Du mußt wissen, Busserl, das war für den Vollenius schon äußerst sentimental und warm. Und sollte sein Glückwunsch sein.« Sie gingen weiter. Unter dem gotischen Torbogen des Pulverturmes eilten die Menschen hinauf und hinab. Viele kamen vom Niklasmarkt und trugen einen Mikulasch oder einen Krampus oder Papiersäcke mit Nüssen, und alle, die so etwas heimzubringen hatten, lachten durch die Schneeflocken hindurch, die jetzt nicht mehr so dicht, aber immer größer niedersanken. »Als ob sie uns alle gratulieren wollten,« flüsterte Libussa. Sie traten in den Gasthof und eilten ins Speisezimmer, wo Herr Weihmann an einem Seitentisch allein noch bei einer Flasche saß. Libussa fiel ihm um den Hals, der Peppi sagte ein paar schickliche Worte, man küßte sich und trank Champagner. Doktor Vollenius schmollierte mit Herrn Weißmann und mit Libussa und durfte die Braut des Freundes auf die rechte Wange küssen. Dann sprang Vollenius davon, um sich für die Abreise zurechtzumachen. Unter dem Vorwand, ihm beim Einpacken zu helfen, folgte ihm das Brautpaar. Herr Weißmann brummte. Sie aber stiegen langsam die Treppe hinauf und gingen auf Libussas Zimmer. Dort erst kam sie ordentlich zu sich. »Wie sehen wir aus.« Plötzlich faßte Libussa mit beiden Händen nach seinem Kopf und rief erregt: »Ich bitte dich, Pepperl, glaub' mir und sprich nie wieder davon.« »Ich will nie wieder davon sprechen, Busserl, und ich glaube dir, daß du ihn überhaupt gar nicht lieb gehabt hast. Und dann, Busserl – auch davon werde ich nicht oft reden, aber just heut möcht' ich dir's sagen – ich hab' dich eigentlich viel lieber, als du zu wissen brauchst. Ich hab' dich so – so nötig!« Sie hielten sich lange umarmt, und Libussa fühlte zum erstenmal, was Küsse wohl bedeuten mögen. Sie schauerte zusammen und flüchtete zum Fenster. Bald stand Pepperl neben ihr. Draußen hatte das Schneegestöber fast ganz aufgehört; nur einzelne verirrte Flocken ließen sich langsam herabfallen. Aber so weit das Auge reichte, lag der unberührte Schnee auf den Dächern und Türmen, auf den Kirchen und den Bergen. Die sinkende Dezembersonne schimmerte rot durch weißen Dunst hervor, und auf den weiten Flächen und Hügeln und Spitzen von Schnee lag ein rosiger Hauch. »Lach' mich nicht aus, Pepperl,« sagte Libussa bewegt. »Sieh, wie schön das ist. Und ich hab' dieses Land so lieb. Hab' Geduld mit mir. Es ist ja alles Unsinn, ich will ja, weiß Gott, nicht mehr all die Dummheiten mitmachen; ich versteh' ja nichts von eurem Eigensinn auf Nation und so. Weißt du, Pepperl, versteh' mich recht, du sollst all deinen Eigensinn behalten, auch den deutschen. Ich meine nur, was mich betrifft, mich sollst du darin so dumm lassen, wie ich bin. Ich habe dieses Land so lieb. Hier an dieser Stelle hast du auch – ich meine nicht nur die Sagen und Geschichten, nein, weißt du, das ganze Land. Sieh nur, wie ein rosiger Schimmer liegt es über all den dummen Kämpfen, schöner als ein Regenbogen. So friedlich. Und darunter die dummen, dummen Menschen.« Pepperl hielt mit der Rechten Libussas Schulter umspannt und fuhr mit der Linken leise über ihr Haar. »Geh, Busserl, ich versteh' dich schon. Es ist ja doch nur wegen deinem Mutterl, daß du gegen den Laska gerechter warst als wir. Freilich, auch er hat sein Land lieb. Er ist nur anders als du. Gott sei Dank.« »Gelt, Pepperl? Ich versteh' dich auch, du kannst ein bißchen Achtung vor ihm haben, nicht wahr? Schau! Darin bin ich früher gescheit gewesen als du. Weißt du, du hast nur immer im Krankenzimmer zu tun. Schau, wie ein Schneehauch von Rosenblättern liegt es auf den Dächern der Häuser, ruhig und hell. Und unter den Häusern, unter dem Boden, nur ein paar Fuß tief, ist es wieder so still wie auf den Dächern, ruhig und ganz dunkel. Nur dazwischen, bei den Menschen in ihren Zimmern, ist so viel Schmerz und Kummer. Sind diese Menschen nicht dumm, wenn sie Schmerz und Kummer noch steigern durch Haß? Pepperl, du bist Arzt, du sollst nicht hassen.« »Ich hab' dich doch lieb.« »Kasper, zwischen uns ist das zu leicht und zu schön. Alle im ganzen Lande sollten einander liebhaben.« »Das ist oft schwer, Frau Kasper. Aber wir wollen zu Haus bleiben und ein bissel ein Beispiel geben.« Nachwort zum vierten Bande Aus meinen »Erinnerungen« mag, wer für seine Zeit keine bessere Verwendung hat, erfahren, wie meine Stellung zu den nationalen Kämpfen meiner Heimat sich bildete, zu dem Lebenskampfe zwischen Deutschen und Slawen: wie ich, ohne jemals Politiker zu werden, doch in meiner Studentenzeit die unbedingte Parteinahme für die deutschböhmische Sache als eine Pflicht betrachtete, wie ich dann aus der Ferne manches Unrecht auf beiden Seiten sehen lernte, und wie ich auf meine alten Tage an mir selbst die Vereinigung von Gegensätzen erlebte: deutsch sein im furchtbaren Schmerze über Deutschlands Schicksal und erst recht gerecht werden gegen andere Völker. Viele meiner kleinen Novellen und Skizzen (auch einige des sechsten Bandes) haben ihren Schauplatz, heimlich oder offen, in meiner deutschböhmischen Heimat; aber nur die beiden Erzählungen dieses vierten Bandes behandeln mit bewußter Absicht den politischen Kampf der beiden Stämme. In sehr ungleicher Stimmung. »Der letzte Deutsche von Blatna« entstand im Jahre 1885, als die Zeitungen und auch die Briefe meiner alten Schulkameraden keinen Zweifel mehr darüber ließen, daß dem Ansturm der Jungtschechen, denen die Regierung nur Heuchelei und die kirchliche Partei der Alttschechen nur Lüge entgegenstellte, der deutschböhmische Stamm zu erliegen begann. Für das Unrecht, das an den Tschechen seit der Hussitenzeit begangen worden war, hatte ich nur wenig Sinn; übrigens auch kaum Verständnis dafür, daß die Maßregeln der tschechischen Partei im Begriffe waren, die geschichtlich gewordene ökonomische Herrschaft der Deutschen in Böhmen zu brechen. Was mir nahe ging, war die Überzeugung: der Gebrauch der deutschen Sprache in Böhmen wird tödlich getroffen, der deutsche Stamm in Böhmen stirbt also aus, wenn es so weiter geht, wie es 1880, eigentlich aber schon seit dem Deutsch-Französischen Kriege, angefangen hat. In dieser Not schrieb ich, als eine Warnung für die Deutschböhmen, deren unbelehrbare Führer die Gefahr nur mit Hilfe der unbelehrbaren Habsburger beschwören zu können glaubten, die Geschichte vom letzten Deutschen. Sie hat in Deutschland mehr Glück gehabt als in Böhmen; dort wurde ich von den Tschechen beschimpft, von den Deutschen väterlich zur Unterwerfung unter eine Parteidisziplin gemahnt, die mich nichts anging. Als heiteres Gegenstück gegen die düstere Geschichte »Der letzte Deutsche von Blatna« schrieb ich dann 1895 die Erzählung »Die böhmische Handschrift«, die ich selbst als ein harmloses Spiel der Phantasie empfangen hatte und geben wollte. Der Kampf zwischen Deutschen und Tschechen hatte sich zwar inzwischen noch mehr verbittert, der staatsrechtliche »Ausgleich« war an dem Widerstande der Jungtschechen gescheitert, ich selbst aber war freier geworden, unparteiischer, und hatte den törichten Mut, zum Frieden zu mahnen, über den Chauvinismus bei den Führern beider Parteien zu lachen. Und das Lachen wurde mir von beiden Seiten übelgenommen. Als Buch erschien »Die böhmische Handschrift« im Herbste 1897. Ich sandte es an Theoder Mommsen, der den »Letzten Deutschen« schätzte, als geringe Aufmerksamkeit zur Feier seines achtzigsten Geburtstages. Mommsen fügte einer gedruckten Danksagung die folgenden vorwurfsvollen Verse hinzu: »Die Musen, die holden Bringen es weit: Können tschechische Mädel vergolden In dieser Zeit.« Ich könnte mich darauf berufen, daß ich beide Motive dieser Erzählung nicht erfunden habe. Vor hundert Jahren wurde die »Königinhofer Handschrift« in ebenso kecker Weise, in ebenso uneigennütziger Absicht in die Welt gesetzt wie bei mir die Handschrift von Opretal; heute sind die hübschen altböhmischen Gedichte aus dem Kirchturm von Königinhof allgemein als eine Fälschung anerkannt, von deutschen und von tschechischen Gelehrten, auch von Masaryk; es war mein künstlerisches Recht, den Seelenzustand eines Fälschers aus Vaterlandsliebe darzustellen. Und die tolle Geschichte der Auffindung einer Petroleumquelle, die sich nachher als ein leckes Petroleumfaß erwies, hatte sich wirklich irgendwo in Böhmen zugetragen. Ich könnte mich also darauf berufen, daß ich der Wahrheit treugeblieben war und daß Mommsen guten Grund hatte, mir Tschechenfreundlichkeit »vorzuwerfen«. Ich hatte vorurteilslos über die Fanatiker beider Parteien zu lachen geglaubt und namentlich auf den letzten Seiten der Erzählung eindringlich zum Frieden gemahnt zu haben. Beim Durchsehn des Neudrucks wurde es mir freilich bewußt, daß ich Licht und Schatten doch nicht ganz gerecht verteilt hatte. Ich möchte die Erzählung jetzt den tschechischen Siegern widmen. Als eine Mahnung und als eine Warnung. Wehe ihnen, wenn sie nach der ungeahnten Erfüllung ihres Traumes, nach Sühnung manchen Unrechts, das seit fünfhundert Jahren an ihnen von den Habsburgern verübt wurde, selbst Unrecht tun werden. Die Deutschböhmen würden ihrer Muttersprache treu bleiben – hoffentlich –, doch kein Vaterland mehr haben. Schwer und langsam nur festigt sich in meinem alten Kopfe die neue Überzeugung. Der Völkerhaß wird und muß aufhören, wie der Religionshaß unwirksam geworden ist. Es gibt keine Religionskriege mehr. Es darf auch keine Volkskriege mehr geben. Es waren immer nur Kriege um arme Worte, um liebe Sprachen.