John Henry Mackay Zwischen den Zielen Kleine Geschichten Vorwort Unter dem Titel »Zwischen den Zielen« habe ich meine kleineren Arbeiten in Prosa, entstanden zwischen umfassenden Werken: den ›Zielen meines Lebens‹, vereinigt, um damit sowohl die abgebrauchten Benennungen, wie Novellen usw., als auch die selten zu so verschieden gefundenen und ausgeführten Stoffen passenden und sie ebenso selten kennzeichnenden Gemein-Titel zu vermeiden. John Henry Mackay Der kleine Finger Ich bemerkte, daß die Treppe fremdartig knarrte, so fremdartig, daß es mir auffiel, aber dennoch merkte ich nicht, daß ich Mittwoch abend in der zweiten Septemberwoche des Jahres 187.. aus Versehen eine Treppe höher gestiegen war, als mein neugemietetes Zimmer lag. Auch als ich die Korridortür aufschließen wollte und fand, daß der Schlüssel von innen stak und die Tür unverschlossen war – ein Umstand, der mich hätte zum Nachdenken bringen können –, ließ ich mich nicht abhalten, einzutreten und mich in der wohlbekannten Richtung nach meinem Zimmer hin auf den Fußspitzen, um meine schlafende Wirtin nicht zu stören, zu tasten. Ich finde die Tür, klinke auf; trete ein – das Zimmer ist stockdunkel –; schließe die Tür von innen nach meiner Gewohnheit und gehe sicher auf meinen Tisch zu, wo ich wußte, daß Streichhölzer lagen. Bis dahin kam ich, ohne daß mir etwas Besonderes aufgefallen war. Als ich aber auf dem Tisch, der mir seltsam weit nach der Mitte des Zimmers zu vorgerückt schien, nach Streichhölzern herumfühlte, erfasse ich etwas Kaltes, Schwammiges, das auf einer weichen Unterlage zu liegen scheint. Noch heute, wenn ich die Augen schließe und die Hand vorstrecke, glaube ich dieses eigentümliche Gefühl, welches damals in der Mittwochmitternachtstunde meine Fingerspitzen durchrieselte, wieder zu spüren. Ich zog die Hand zurück; ich klemmte meinen nassen Schirm in die linke Achselhöhle und wühlte mit beiden Händen in meinen Überzieher- und Westentaschen nach Streichhölzern. Meine an einem Ring befestigten Hausschlüssel gaben das Geräusch eines rasselnden Klirrens von sich. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie es mir wie das beruhigende Zeichen eines »andern Lebens« in diese Stille hineinklang. Endlich finde ich in der linken Westentasche einige Schwefelhölzchen. Ich mache eine Bewegung nach der Wand – in der Richtung meines Fensters – und streiche mit raschem Strich, nachdem ich mit den Fingern den Kopf der Hölzchen gesucht habe, an ihr nieder. Während sich langsam der Schein des Lichtes durch das Zimmer gießt, fühle ich mehr, als ich sehe, mit einer geradezu überwältigenden Deutlichkeit, welche mich kalt überrieselt, daß ich in einem völlig fremden Zimmer bin, das nur in Größe und Lage Ähnlichkeit mit meinem darunterliegenden hat. In der Zeit einer einzigen Sekunde nehme ich wahr: daß das Bett in der entgegengesetzten Stellung des meinen steht – das war, glaube ich, das erste, was ich sah –; daß der Tisch auffallende Ähnlichkeit mit dem meinen hat; daß die Decke des Zimmers niedriger hängt, wie die des meinigen; und daß hinter dem Tisch, lang ausgestreckt auf dem Sofa, ein schlafender Mensch liegt. Völlig unbewußt bin ich mechanisch einige Schritte von dem Tische zurückgetreten, auf dem jetzt die Flamme des Lichtes nach dem ersten Aufschlagen kleiner wird und das Wachs schmilzt, um sich neue Nahrung zu suchen; und während ihr Schein immer mehr zusammensinkt, fühle ich, wie mein Schrecken und meine Angst immer größer werden. Ich gäbe viel darum, wenn ich noch wüßte, was ich dann gesagt habe. Ich fing nämlich in meiner Angst an zu sprechen. Ich glaube, ich versuchte es, mich zu entschuldigen. Ich weiß nicht mehr, was meine Lippen stammelten, es war jedenfalls in leisestem Tone, aber das weiß ich, daß ich plötzlich aufschrie und daß mein Schirm aus meiner Achselhöhle mit einem klatschenden Geräusch zu Boden fiel. Ich hatte gesehen, wie sich die Augen des auf dem Sofa – das hinter dem Tisch stand – Liegenden halb geöffnet hatten und sich halb von unten herauf mit einem entsetzlichen Ausdruck auf mich richteten. Ich fange wieder an zu sprechen. Ich will hinaus, ich will fort, aber ich vermag es nicht. Ich sehe nur immer auf den daliegenden Menschen. Und plötzlich kommt mich der Gedanke an: der Mann ist tot! Das Licht flammt langsam wieder auf und leuchtet nun stetig und hell durch das ganze hintere Zimmer. Ich zittere wie Espenlaub. Ich weiß gar nicht, was ich anfangen soll. Endlich, ganz langsam, mit dem letzten Aufgebot schwindenden Willens, trete ich zitternd etwas näher an den Tisch und sehe den Daliegenden an. Er regt sich nicht. Seine Stellung ist seltsam: lang ausgestreckt stemmt er den linken Fuß gegen die eine Seitenlehne des Sofas, während der andere herabhängt und durch den Tisch verdeckt ist. Der Kopf liegt hintenübergebeugt gegen die andere Seitenlehne, schlaff hängt der rechte Arm, von dem ebenfalls fast nichts sichtbar ist, nieder. Ebensowenig bemerke ich von der linken Hand, welche hinter den Rücken gehalten ist. Die ganze starke, hünenhafte Gestalt liegt wie eingerammt zwischen den Lehnen des Sofas. Sie ist mit einem langen, schwarzen Tuchrock bekleidet. Vom Kragen ist nichts sichtbar. Das glattrasierte Kinn hängt schwer über denselben herab. Das Gesicht ist groß, rohgeschnitten, fleischig und stark, das bartlose Gesicht eines dreißigjährigen Mannes. Die Stirn ist niedrig, das schwarze Haar kurz geschnitten, fast borstig und dicht. Wie die Augen, so ist der Mund halb geöffnet, wie von Schmerz verzogen, und läßt die Oberreihe schneeweißer, tadelloser Zähne sehen. Die Augen sind entsetzlich! Halb offen, starren sie mich mit einem leeren, blöden, verglasten Ausdruck an, daß ich nicht mehr daran zweifeln kann: es sind die gebrochenen Augen eines Toten! Und in diesem Augenblick, während ich mich vorbeuge über den Tisch, fühlt meine Hand wieder jenes Kalte, fast Feuchte, Weiche, und ich sehe etwas sehr Seltsames: vor mir auf dem Tisch liegt auf einem Bogen weißen Papiers ein dunkelbrauner, weicher Frauenhandschuh, ganz ausgebreitet, so daß sich jeder Finger scharf von der weißen Unterlage abhebt. Der kleine Finger fehlt an diesem Handschuh, und ist – und das ist das Unbegreifliche – ausgefüllt mit dem wirklichen Finger einer menschlichen Hand. Und dann – da, wo ihn das Leder umschließt, spannt sich über Leder und Finger ein schmaler Goldreif, gleichsam so, als hielte er den losen Finger in dem Handschuh fest. Der Anblick dieser ungeheuerlichen Seltsamkeit brachte mich vollends außer Fassung. Es war mir, als müsse jeden Augenblick etwas ganz Unerhörtes, etwas Niedagewesenes sich ereignen: der Tote vielleicht aufspringen und mir den Handschuh ins Gesicht schleudern, oder irgend etwas Derartiges. Gepackt von einem schüttelnden Entsetzen, gehe ich Schritt für Schritt rückwärts zur Tür, klinke und schließe sie auf, mache sie draußen wieder zu, taste mich über den stockdunkeln Flur, fühle den Griff der Glastür in der Hand, drehe den Schlüssel herum, bin draußen im Treppenhaus und gelange in mein Zimmer auf dem gewohnten Weg. Ich zünde meine Lampe an, atme. Dann stürze ich zur Tür zurück und schließe ab. Wie heimlich und still mir mein Zimmer erscheint! Auf dem Tisch liegen meine Bücher. Neuangekommene Briefe dazwischen. Habe ich denn eigentlich geträumt? Ich zittere. Ich möchte etwas tun und weiß nicht was. Dann läßt meine Aufregung nach. Ich setze mich nieder, um nicht umzufallen. Dann – nach wie langen Minuten wohl? – nehme ich Mantel und Hut ab. Ich trockne mir die Stirn, welche kalt und mit Schweiß beperlt ist. Ich weiß noch, wie ich alles an Ort und Stelle hänge: Mantel und Hut. Die Gewohnheit. Dann muß ich mich abermals niedersetzen. Und dann gab ich mir eine geradezu wahnsinnige Mühe, über das eben Erlebte nachzudenken. Ich vermag es nicht. Ich schaudere noch immer so zusammen, daß ich meine Zähne aufeinanderschlagen höre. Stoßweise. Ich versuche meine Briefe zu lesen. Das Papier geht in meinen Händen in Stücke. Plötzlich vermisse ich irgend etwas. Was denn? Ein eisiger Schauer durchrinnt mich von Kopf bis zu Fuß: mein Schirm! Mein Schirm, der oben liegengeblieben ist! Und gleichzeitig: das Licht brennt dort noch! Dort – dort oben! Ich glaube wirklich, verrückt werden zu müssen vor Angst. Auf dem Schirmgriff steht mein Name. Morgen früh wird er dort gefunden werden. Was tun? Was anfangen? Wieder hinauf! Aber woher dazu den Mut nehmen? Den Heldenmut, noch einmal dort oben dem Toten, diesen Augen, gegenüberzustehen?! Nein, es ist unmöglich! Lieber auf der Stelle sterben! Ich glaube, so ist den zum Tode Verurteilten zumute in der Stunde vor der Hinrichtung. Mit überwältigender Deutlichkeit sehe ich alles, was kommt, voraus. Immer deutlicher tritt die Notwendigkeit an mich heran, hinaufzugehen, meinen Schirm zu holen und das Licht zu löschen. Es muß sein! Es muß auf alle Fälle sein! Ich sehe nach meiner Uhr. Aber ich muß minutenlang auf das Zifferblatt sehen, um etwas zu erkennen. Endlich: es ist halb eins. Vor einer halben Stunde noch saß ich im »Pfauen« mit den Freunden. Wenn ich noch einmal dort hingehe und mir irgend jemand hole, um mir zu helfen? Aber es hat keinen Zweck; der »Pfau« schloß sich um zwölf hinter uns, seinen letzten Gästen. Ich muß es allein tun! Ich muß! Ich muß! Ich muß!! Plötzlich kann ich wieder denken. Der Notwendigkeit gegenüber befällt mich eine eiserne Entschlossenheit. Mit einem Ruck springe ich auf. Ich entledige mich meiner schweren Stiefel. Um durch nichts in meiner freien Bewegung gehindert zu sein, werfe ich auch den Rock von mir. Dann richte ich alle meine Gedanken auf das Eine. Ich löse den Schlüssel der Glastür meiner Etage von seinem Ring, damit das Klappern mich nicht etwa verrät, oder mich – diesmal! – wieder stört. Dann schließe ich meine Tür auf, und mit dem vollen Bewußtsein der Gefährlichkeit dessen, was ich zu tun beabsichtige, schleiche ich mich auf den Socken die Treppe hinauf. Die Türen hinter mir lasse ich offen. Ich stehe wieder vor der fremden Etagentür. Ich zittere, aber nur etwas. Ist sie unterdessen verschlossen? Nein. Ich klinke mit größter Behutsamkeit auf. Es ist alles stockdunkel. Wieder beginne ich zu tasten. Schritt für Schritt in atemloser Spannung. Ich stehe vor einer Tür. Ist es auch die rechte? Es ist einer der furchtbarsten Augenblicke meines Lebens, in welchem ich – alle Sinne auf das höchste angespannt – den Griff der Tür niederdrücke. Er gibt lautlos nach. Ich trete ein. Jetzt weiß ich, wo das Bett steht: dort – in der entgegengesetzten Ecke des meinigen. Die Tür bleibt hinter mir offen. Aber da werde ich mir plötzlich der enormen Unvorsichtigkeit bewußt, welche ich begangen: vorhin hätte ich mir bei einer Entdeckung mit der Entschuldigung helfen können, aus »Versehen« in ein fremdes Zimmer geraten zu sein. Jetzt aber: in Hemdsärmeln und auf Socken – –? Zu dieser Stunde – ? –! Jedoch es ist keine Zeit mehr zum überlegen. Vorwärts! Schritt für Schritt. Ich trete auf etwas – es muß mein Schirm sein. Ich bücke mich, und während ich mit der linken Hand niedergreife, erfaßt meine rechte, vortastende zum drittenmal den Handschuh. Ich weiß nicht, woher mir der Gedanke kam, ihn zu packen und nicht mehr loszulassen. Mit dem nassen Schirm in der linken und mit dem Handschuh in der rechten Hand gehe ich rückwärts. Ich sehe und unterscheide im ganzen Zimmer nicht das geringste. Als ich wieder an der offenen Tür bin, überwältigt mich ein ganz neues, anderes Gefühl: das der kühlen, ruhigen Sicherheit. Keine Spur mehr von Angst und Grauen. Ich fühle instinktiv, daß ich gerettet bin. Und anstatt mich nun auf mein Zimmer zu schleichen und alle Anzeichen des Geschehenen zu vertuschen, tue ich etwas ganz anderes. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie dieses Gefühl zu erklären ist. Es ist sehr einfach. Wer hat nicht schon von Einbruchsdiebstählen gehört, bei denen die Diebe eine ganz staunenswerte Frechheit an den Tag gelegt haben? Bei denen sie sich in den Zimmern des Bestohlenen stundenlang aufgehalten, alles Eß- und Trinkbare an Ort und Stelle in vollster Lustigkeit verzehrt und genossen, und dann mit dem gestohlenen Raub sich fortgemacht haben? Sicher hatten sie diese Absicht nicht vorher. Aber ihr gelungener Raub machte sie sicher. In dieser Sicherheit wagen sie das Unerhörteste, das Äußerste. Und mit dieser selben unerhörten Sicherheit gehe ich noch einmal in das Zimmer zurück, lege Handschuh und Schirm langsam und behutsam auf das Bett, trete an den Tisch und nehme mit einer Armstreckung über den ganzen Tisch das Glas fort, das vor dem Toten steht. Ihn selbst sehe ich gar nicht an. Ich trete an den Waschtisch, greife zur Wasserflasche und lasse ihren Inhalt das Glas füllen und den Rand überrieseln in das Waschbecken, dann gieße ich den ganzen Inhalt des Glases fast lautlos aus. Der geringe Rest gelblichbrauner Substanz – was für ein Gift ist es? – löst sich (das Licht wirft vom Tisch her seinen Schein gerade auf meine Hände) vor meinen Augen in der trüben, seifigen Wassermasse des Beckens unsichtbar auf. Ich halte das Glas gegen das Licht. Es ist völlig rein. Ich drehe es um, stelle es neben die halbgeleerte Flasche auf den Waschtisch hin. Bis morgen wird es trocken sein und für gänzlich ungebraucht gehalten werden. Dann kehre ich zum Tisch zurück. Es liegen auf ihm nur das weiße Blatt, welches den Handschuh getragen, und einige Bücher. Kein beschriebenes Papier. Nichts dergleichen. Jetzt sehe ich auch noch einmal den Toten an. Aber gleichgültig, überdenkend, ja neugierig. Die Augen scheinen sich noch mehr geöffnet zu haben. Sie haben das Entsetzliche und Drohende für mich verloren. Ich nehme das Licht und hebe es höher, so daß sein Schein voll auf den Toten fällt. Ich haßte ihn, obwohl er tot war! ... Dann stelle ich das Licht genau auf den Fleck, wo es gestanden hat, werfe einen Blick auf das Bett und die Tür, um die Richtung zu messen, blase dann die Flamme aus, und während das Zimmer wieder in schweigendem Dunkel liegt, gehe ich mit leisen Schritten auf das Bett zu, ergreife Schirm und Handschuh, dann zur Tür, leise sie schließend, über den Flur, und genau wie vorher: nur mit größerer Sicherheit und Vorsicht gelange ich wieder in mein Zimmer. Wieder ist das erste, was ich tue, die Tür abzuschließen! Wieder das Aufatmen und wieder der Anfall von Schwäche, daß ich mich niedersetzen muß. Dann erst komme ich zu einem halben Bewußtsein dessen, was ich getan habe. – Es war kalt in meinem Zimmer. Ich zündete eine Lampe an und suche nach einem Blatt Papier. Auf dem Blatt dann breitete ich sorgfältig und genau, wie es gewesen war, den Handschuh aus. Plötzlich bemerkte ich etwas anderes. Der Finger war im Verhältnis zu den übrigen vier Fingern zu kurz. Oder vielmehr: er schien es zu sein. Jetzt mußte ich Gewißheit haben. Ich zog mit Anstrengung den Finger aus dem Handschuh. Der Ring fiel auf den Tisch. Ich griff zuerst nach ihm: es war ein völlig einfacher Goldreif, ohne Namen, ohne Datum, ohne Initialen, weder auf der Außen- noch Innenseite. Mein Erstaunen wuchs immer mehr. Es wurde zur Begierde. Ich nahm den nun leeren Handschuh und betrachtete den Schnitt. Und mit einem ganz eigentümlichen Grauen sah ich: der Finger mußte von der mit dem Handschuh bekleideten Hand einer lebenden Person, und zwar dicht oberhalb des Ringes, der an diesem kleinen Finger saß, abgeschnitten sein! Erst nachdem der Schnitt – wie gesagt, ein meisterhafter Schnitt – vollzogen war, mußte der Handschuh von der Hand abgezogen sein und von dem Stummel des kleinen Fingers den Ring mit abgestreift haben. Auf diesen Gedanken kam ich, weil es offenbar war, daß der Schnitt an der mit dem Handschuh bekleideten Hand vollzogen war: zu genau paßten der Rand des Fingers und der Rand der Öffnung am kleinen Handschuhfinger aufeinander. Wäre der Finger des Handschuhs von dem leeren Handschuh abgeschnitten, sicher wäre nicht dieselbe minutiös genaue Stelle getroffen worden. War diese Vermutung – die mir erst selbst absurd erschien – nicht richtig, dann gab es nur eine zweite Möglichkeit: der Finger war von der Hand einer erst heute gewaltsam gemordeten Person abgetrennt. Denn ich habe noch keinen gesehen, der Handschuhe anzieht, wenn es zum Sterben geht. Aber ich blieb bei meiner ersten Annahme – alles drängte mich zu ihr hin – und kombinierte weiter: erstens der Schnitt muß gegen oder mit dem gewaltsam erzwungenen Willen einer lebenden Person ausgeführt sein: bei einer freiwilligen Operation an der Hand zieht man gewöhnlich seine Handschuhe aus; zweitens der Schnitt muß mit überwältigender Schnelligkeit vor sich gegangen sein, sonst wäre der Handschuh vorher abgestreift worden; drittens durch einen leichten Zirkelschnitt oberhalb des Ringes muß zuerst der Lederfinger vom Handschuh getrennt worden sein. Warum? Weil er sonst noch an dem Finger säße oder doch – die Wahrscheinlichkeit sprach hier gegen die Zufälligkeit – auf dem Tisch des Selbstmörders sich hätte finden müssen; viertens ergibt sich hieraus die Weiterfolgerung, daß es sich um den Besitz des Ringes gehandelt haben muß, und nicht um den des Fingers. Und ganz offenbar war dieser mitgenommen, da man ohne den letzteren sich in der Eile nicht des ersteren bemächtigen konnte. Genau verglich ich noch einmal Finger und Ring: fest, untrennbar fest mußte jener in diesen im Lauf langer Jahre hineingewachsen sein. So eng war der Ring, daß er für den Finger eines Kindes bestimmt gewesen sein mußte. Für diese Vermutung sprach ferner die Tatsache, daß der Ring von dem kleinen Finger der rechten Hand getragen worden war. Als ich bis dahin Vermutung auf Vermutung, Folgerung auf Folgerung getürmt hatte, fiel mir ein, daß keine einzige unter ihnen mit voller Bestimmtheit auf meine hartnäckig festgehaltene Voraussetzung: der einer lebenden Person, hinwies. Alle diese Kombinationen trafen ebenso bei einer toten – allerdings erst kürzlich verschiedenen – Person zu. Dennoch mochte ich meinen ersten Gedanken nicht preisgeben. Ich wandte Handschuh, Ring und Finger hin und her und grübelte weiter. Dann hatte ich plötzlich, was ich suchte: fünftens wäre der Finger von der Hand einer Toten abgenommen und wäre es dem Verstümmler nur auf den Ring angekommen, so hätte er den Finger rücksichtslos und ohne Anwendung dieser trotz der Schnelligkeit auffallenden Sorgsamkeit jedenfalls unterhalb des Ringes abgetrennt, um so in seinen Besitz zu gelangen. Daß er dies nicht tat und das Messer genau oberhalb des Ringes ansetzte, daß er die Muskeln des Handknöchels – der Ring mußte dicht an diesem gesessen haben – schonen wollte, und daß es ihm nur darauf ankam, den Ring, der nicht von der Hand lassen wollte, zu bekommen, das zeigte – Aber halt, was sagte mir, daß dem so war? Konnte der Wunsch oder der Befehl nach dem Ring nicht nur ein Vorwand gewesen sein, diese vielleicht geliebte Hand zu verstümmeln? Und mit der Hand den Körper? Und ein ganzes Leben? Bis hierher hatte ich ziemlich klar und stetig gedacht, wie in einer Art von Fieberanfall. Oder in einem Anfall von Wahnsinn?! Es mußte schon sehr spät sein. Es war noch kälter im Zimmer als vorher. Ich schauerte zusammen. Und plötzlich fange ich an, in die Stille, welche um mich war, hineinzulachen und sage ganz deutlich: – Du bist verrückt. – Ich werfe alles von mir: Ring, Handschuh und Finger. Eine so überwältigende Müdigkeit erfaßte mich, daß ich mich zurücklegte und einschlief. Frostzitternd erwachte ich am nächsten Morgen. Es war hell im Zimmer geworden, die trübe Helligkeit eines regnerischen Septembermorgens. Ich fühlte wohl, daß irgend etwas vorgegangen war mit mir am vorhergegangenen Abend. Aber mein Kopf war wüst und schwer. Ich entkleidete mich und ging zu Bett, um sofort wieder einzuschlafen. Gegen zehn Uhr aber erwachte ich wieder. Ich hatte im Traum einen Schrei gehört. Im Haus herrschte Bewegung, über meinem Kopf das eilige Umhergehen vieler Füße. Langsam fiel mir wieder alles ein, die Angst kam wieder. Was sollte nun werden? Doch ich stand auf und zog mich an. Meinem Tisch kam ich dabei nicht nahe. Dann entschloß ich mich, meine Wirtin zu rufen. Als sie schon in der Tür – mit dem Frühstücksbrett in der Hand – war, raffte ich mich zusammen und verschloß in meinen Schreibtisch, was sie nicht (und keiner) sehen sollte. Ich drehte ihr gleichzeitig den Rücken zu, damit sie meine Erregung nicht bemerken sollte. Aber sie fing sofort mit der hausbewegenden Neuigkeit an: der Herr, der über mir wohne und erst gestern eingezogen sei, sei soeben tot aufgefunden worden. Die Polizei sei schon oben. Sie sagten, es müsse ein Schlaganfall gewesen sein. Ob ich gestern abend denn nichts gehört habe? Nein, ich sei erst spät nach Haus gekommen. Sie ging hinaus und ich versuchte meinen Kaffee zu trinken. Mir war zumute, als müßten sie gleich kommen und mich wegen Mordes festnehmen. Nach fünf Minuten war das Weib schon wieder da. Die Leiche sei schon fortgetragen. Man habe nichts gefunden als einen kleinen Koffer. Noch wisse keiner, wer er sei, der Tote. Woher ich den Mut nahm, in diesem Augenblick zu sagen: »Vielleicht hat er einen Selbstmord begangen?« das weiß ich heute nicht mehr. – Womit denn? Da müsse doch irgendwo ein Revolver oder die Überreste von Gift gefunden sein. Der Herr Polizeikommissar habe gesagt, es sei ein Schlaganfall gewesen. – Nun, wenn der Herr Polizeikommissarius es gesagt hat, dann wird es wohl so sein. Ich war sehr unruhig. Die folgenden Tage habe ich nach Anbruch der Dunkelheit keinen Schritt mehr vor das Haus zur großen Entrüstung und Verwunderung meiner Freunde im »Pfauen« getan, welche allabendlich vergeblich auf den treuesten Gast ihrer Tafelrunde warteten. Man hielt mich für krank, und ich glaube, ich war es auch. Dagegen saß ich jeden Abend bis spät in die Nacht hinein und horchte hinauf, als müsse sich dort immer noch etwas ereignen. Zwei Tage blieb alles still. Am dritten zog ein neuer Chambregarnist ein, und die Leute im Hause begannen bereits das aufregende Ereignis zu vergessen. Am vierten Tage nach jener Nacht las ich in der Zeitung die folgende Notiz: »Heute wurden auf dem Friedhof unserer Stadt die Überreste eines völlig unbekannten Mannes zur Ruhe bestattet, welcher vergangenen Donnerstag morgen in seinem Zimmer der ...straße tot aufgefunden wurde. In der Hinterlassenschaft des Toten wurde nicht das geringste gefunden, was über Namen und Herkunft desselben hätte Aufschluß geben können. Die vorgenommene Untersuchung hat als Todesursache Herzschlag ergeben und gleichzeitig den Verdacht eines Selbstmordes als völlig unbegründet erwiesen. Es wiesen keine Spuren auf einen solchen hin, und so wurde von einer Sektion der Leiche Abstand genommen.« In derselben Nummer stand eine Aufforderung der Polizeibehörde zur Meldung an jeden, der über die Person und die Verhältnisse des Fremden Auskunft geben könne und so weiter. Andernfalls müsse über die wenigen hinterlassenen Kleidungsstücke und Bücher desselben innerhalb der und der Zeit verfügt werden. Ich las diese Notizen mit lächelnder Gleichgültigkeit, so fest war ich davon überzeugt, daß nur ich und noch eine einzige zweite Person in dieser ganzen Stadt imstande gewesen wäre, zur Aufklärung dieses Ereignisses beizutragen. Und wir beide würden schweigen, das stand fest. Ich kündigte mein Zimmer, und acht Tage darauf wohnte ich in einem anderen Teil der Stadt. Acht Wochen später schon hatte ich dieselbe überhaupt und für immer verlassen. Aber an manchem Abend nach jenem habe ich Handschuh, Ring und Finger vor mich auf den Tisch gelegt und stundenlang mit ruheloser Phantasie das Rätsel dieses Trio zu lösen gesucht. Und wenn ich den Finger betrachtete – diesen feinen, schmalen, fast dünnen Finger mit dem mandelförmig geschnittenen rosigen Nagel, der zarten, durchsichtigen Haut, dann zauberte mir die erregte Phantasie die Hand vor Augen, die schmale, schöne, vielleicht oft geküßte Frauenhand, zu der er gehört hatte, und den Arm und die Rundung der Schultern, und die Biegung des Halses, und ein schönes, aber schmerz- und angstverzerrtes Antlitz, über welches sich jenes brutale und grausame beugte, jenes, das ich in jener Nacht gesehen. In den ersten Tagen war der Finger frisch und unverändert, dann trocknete er ein und die Haut schrumpfte zusammen. Und dann wurde mir die Geschichte langweilig, wie alles auf der Welt uns einmal langweilig wird, und ich packte Handschuh, Ring und Finger sorgfältig in Watte ein – und vergaß sie. Die Hand Wer ist nicht schon einmal in einem kleinen Badeort gewesen, um die Zeit, wenn die Saison vorüber und derselbe auch von den ausdauerndsten und standhaftesten seiner Gäste verlassen wurde? Der Oktober ist diese Zeit. In diesem Monat befand ich mich – genau fünf Jahre später – in einem kleinen Badeorte Thüringens. Ich hatte ursprünglich die Absicht, mich dort anzusiedeln und mir schon meine sämtlichen Sachen hinkommen lassen. Inzwischen war ich wieder schwankend geworden und wohnte einstweilen noch immer in dem von Kurgästen am meisten frequentierten Gasthofe der Stadt. Unsere Mittagstafel wurde immer kleiner. Kein Tag verging, an dem nicht mehrere der Badegäste abreisten. Die Zurückbleibenden rückten näher zusammen. Sicherlich gab es am ganzen Tisch keine unzugänglichere und unliebenswürdigere Person als mich. Statt an dem gemeinschaftlichen Gespräch teilzunehmen, las ich meistens meine Zeitung, die ich nur fortlegte, wenn ich mit Essen beschäftigt war. Eines Tages waren wir nur drei Personen. Eine Dame, welche sich ebenfalls sehr schweigsam verhielt, ein alter pensionierter Oberförster, der sich die größte Mühe gab, seine beiden stillen Tischgenossen zu unterhalten, und ich. Und am folgenden Tag war auch der, wahrscheinlich aus Ärger darüber, daß seine freundlichen Bemühungen auf so zähen Widerstand stießen, abgereist, und ich sah mich bei Tisch allein jener Dame gegenüber. Nun ging es nicht mehr an, fortwährend die Zeitung vor die Nase zu halten, und ich entschloß mich unmutigen Herzens, eines jener Gespräche zu beginnen, welche dazu dienen sollen, »das Mahl zu würzen«. Die Dame, welche mir gegenübersaß, war vielleicht dreißig Jahre alt. Sie war sehr einfach, fast nachlässig gekleidet. Man konnte sich keine unauffälligere Erscheinung denken. Sie war eine jener Frauen, die selbst niemals gesehen werden und darum selbst sehr vieles sehen. In ihrem gleichgültigen, sogar müden Blick fing sich ein Teil des Lebens, welches sie umgab. Das alles sagte ich mir, als ich meine Zeitung fortgelegt hatte und sie – eigentlich zum erstenmal – betrachtete. Der Kellner servierte eben den ersten Gang. – Unser Tisch ist schnell zusammengeschmolzen, sagte ich, – werden auch Sie G. bald verlassen, mein Fräulein? – Nein, sagte sie mit völlig ruhiger Stimme, – ich gedenke noch einige Wochen zu bleiben. Sie sprach ein Deutsch, welches trotz seiner Fehlerlosigkeit nicht ganz frei war von einem ausländischen Akzent, wie ich ihn oft in der Aussprache von Russen vernommen hatte. – Es wird sehr einsam hier werden ... – Ja, sagte sie und aß gleichgültig weiter. Der Rest unserer Mahlzeit wurde wieder schweigend eingenommen. Ich war abgeschreckt durch ihre Kälte und hatte meiner Pflicht völlig genügt. Nichts ist mir unangenehmer, als wenn mir irgend jemand während des Essens auf die Hände sieht. Ich vermeide es darum auch meinerseits, andere auf gleiche Weise zu belästigen. Aber als ich mich eben erheben wollte, um fortzugehen, und überlegte, ob ich das mit einer schweigenden Verbeugung oder mit einigen höflichen Worten tun sollte, sah ich plötzlich über den Tisch herüber eine Hand nach der Wasserflasche, die zwischen uns stand, langen. Und während ich dieser Hand behilflich sein will, sehe ich plötzlich, daß an ihr, die den Hals der Flasche umspannt, der kleine Finger, es war die rechte Hand, fehlt. Der Ausdruck meines Gesichtes muß ein befremdeter gewesen sein. Denn plötzlich läßt die Hand die Flasche los, und ich sehe undeutlich, wie sich mir gegenüber eine Gestalt erhebt. Das leise Rauschen ihres Kleides tönt durch den stillen, großen Saal ... Wenigstens fünf Minuten saß ich bewegungslos. Es waren in der Tat sehr seltsame Gedanken, die mich beschäftigten. Am Nachmittag ging ich nach dem Güterbahnhof des Städtchens, wo die Kisten standen, die alles, was ich besaß, enthielten. In einer von ihnen mußte das sein, was ich brauchte. Aber in welcher? Erst nachdem ich zwei der Kisten mit Hilfe von reichlichen Trinkgeldern vergeblich geöffnet und durchwühlt hatte, fand ich endlich in der Mitte der dritten unter einem Wall von Büchern eine kleine Schachtel. Ich nahm sie zu mir und ließ alles wieder verschließen. Am Abend dieses Tages sah ich die Fremde nicht mehr. Auch am nächsten Morgen nicht. Mit heimlicherer und zugleich erwartungsvollerer Angst habe ich nie die Mittagsstunde erwartet, als an diesem Tage. Es wurde mir sehr schwer, mich zu dem zu entschließen, was ich tun wollte und – tat. Ich war lange vor der Essenszeit im Speisesaal und saß wohl eine halbe Stunde, bevor sie kam, auf meinem Platze. Ich hatte Zeit, meine Arrangements zu treffen. Endlich kam sie. Sie grüßte in ihrer gewöhnlichen kalten und unbefangenen Weise. Der Kellner brachte uns die Suppe. Vor meinem Besteck lag die Zeitung, die ich täglich zu lesen pflegte. Wenn ich mein Leben damit hätte erkaufen können, es wäre mir nicht möglich gewesen, in diesen Minuten ein Wort hervorzubringen. Sie mußte meine innere Aufregung merken, denn ich fühlte instinktiv, wie ihr forschender, scharfer Blick auf meinem Gesicht ruhte. Ich glaube, sie ahnte, daß ich etwas gegen sie im Sinne hatte, und begann, sich davor zu fürchten. Aber das glaube ich vielleicht nur. Gewiß täuschte ich mich damals, wie ich mich heute noch darin täusche. So saßen wir uns gegenüber. Noch hatte ich keinen Blick auf ihr Gesicht geworfen. Aber fast unablässig verfolgte ich die Bewegungen ihrer rechten Hand. Die Gewohnheit hatte sie gelehrt, diese so zu halten, daß es fast unmöglich war, den kleinen Finger zu sehen. Ich glaube, wir beide wurden von Minute zu Minute unruhiger. Und dann kam plötzlich, wie in jener Nacht, an die ich seit gestern unablässig dachte, wieder die Ruhe des Entschlusses über mich. Der Kellner hatte den Saal verlassen. Wir waren völlig allein. Langsam streckte sich meine Hand über meinen Teller fort und hob die vor ihm liegende Zeitung behutsam auf. Ich rollte sie fester um den Halter zusammen und legte sie auf meine Knie. Sie aß ruhig weiter. Noch sah sie nichts. Aber dann! – – Die Wirkung war so entsetzlich, daß ich aufstand: zuerst wurde sie leichenblaß, dann überlief ein Zittern ihren Körper, und dann lehnte sie sich in den Stuhl zurück und schloß die Augen. Vor uns, zwischen uns, auf dem weißen Tischtuch lag sorgfältig ausgebreitet ein langer, brauner Frauenhandschuh. Der kleine Finger fehlte, und an seiner Stelle lag der gelbliche, vertrocknete kleine Finger einer rechten menschlichen Hand auf dem weißen Untergrund. Da, wo er in den Handschuh hineingeschoben war, umschloß ein goldener Ring Handschuhleder und Finger ... Erst als ich sie so dalehnen sah, totenblaß und mit geschlossenen Augen, kam ich zur vollen Besinnung dessen, was ich getan hatte. Ich stand da wie ein Verbrecher. Als ich eben nach Hilfe eilen wollte, sah ich, wie sie sich erhob. Mit einem wilden, verzweifelten Ausdruck blickte sie um sich, wie ein Tier, welches verfolgt wird, nicht mehr aus und ein kann und zu allem entschlossen ist. Sie sah mich unablässig an. Dann wies sie mit einer heftigen Handbewegung nach dem Garten. Sie schritt voran. Unwillkürlich griff ich, bevor ich ihr nachging, nach dem Handschuh. Unter den hohen, herbstlichen Bäumen des weiten, menschenleeren Parkes blieb sie stehen. Ich sah, daß sie in furchtbarer Erregung war. Und zugleich sah ich, daß sie schön war, noch schön war. Ihre Augen sprühten, als sie mich ansah. Es lag in ihnen Drohung und Befehl zugleich. – Ich will alles wissen! Rede! lautete dieser Befehl. – Wage es nicht, mich zu belügen, oder mir etwas zu verheimlichen! hieß diese Drohung. Und dort, in dem weiten, ernsten Garten, in welchem kein anderer Ton als der meiner Stimme und das Rascheln des Laubes die Stille unterbrach, erzählte ich ihr hastig und so eindringlich wie möglich die Geschichte jener Nacht – – – Ich verschwieg ihr nichts und sprach wohl eine Viertelstunde. Sie stand, ohne sich vom Fleck zu rühren, vor mir. In heftigster Aufregung. Nur einmal, als sie aus meinen Worten entnommen hatte, daß jener Mann tot war, sagte sie »Ah!« und atmete, wie von einer großen Last befreit, auf. Von da an wurde sie ruhiger, während meine Erregung noch wuchs. Ich hatte geendet. Da streckte sie ihre Hand aus – aber es war die linke! – und sagte mit befehlender Härte und unverweigerlicher Bestimmtheit: – Mein Eigentum! – Ihr Eigentum! antwortete ich leise und tonlos und legte Handschuh, Ring und Finger in die ausgestreckte Hand, die das Gereichte krampfhaft umspann. Schon hatte sie sich dann zum Gehen gewendet, als sie in meinen Augen den einen heißen Wunsch gelesen haben mußte. Denn noch einmal wandte sie sich zu mir: – Ich wollte von ihm frei sein – um jeden Preis. Der Ring war die Kette. Ich wußte, er war angewachsen, wie angeschmiedet. Und ... sie stockte. – Und sie gaben ihm? – fragte ich in atemloser Spannung. – Den Finger – und war frei! sagte sie mit einem unbeschreiblichen Lächeln, welches ich so noch nie auf einem Menschenantlitz gesehen hatte. – Und er war Mediziner? stieß ich mit der brennenden Begierde hervor, noch eines zu wissen, – und er trennte den Finger, als der Handschuh noch an der Hand saß –? Sie neigte schweigend die Stirn zur Bejahung. – Oberhalb des Ringes? Wieder das Neigen. – Und dann erst rissen sie den Handschuh ab? – Und der Ring löste sich –? Wieder bejahte ein schweigendes Neigen meine Frage. – Und? – fragte ich, gierig und atemlos. – Und – und sie richtete sich in die Höhe und schrie mehr, als sie sagte, während ihre Augen nur noch Verachtung sprühten, – und warf ihm mit dieser Hand diesen Handschuh so ins Gesicht! – Sie hatte in maßloser Wut ihre Hand erhoben und – noch eine Sekunde – und auch ich – Aber der Schlag fiel nicht nieder. – Nein! rief ich. – Nein, sagte auch sie und ließ ihre Hand sinken. Böse und gegenseitig erbittert sahen wir uns an. Wir standen so nah aneinander, daß wir uns fast berührten. Wohl eine Minute lang. Wir haßten uns in dieser Minute. Das Weib den Mann und der Mann das Weib. Ich sah sie an, fest und durchdringend. Doch sie sah nieder. – Aber, rief sie noch einmal mit einer vor Aufregung gellenden, überlauten Stimme, indem ihre Augen am Boden umhersuchten, und es war, als ob sie etwas Unausgesprochenes ergänzte, – aber ich verachte euch alle, denn ihr seid alle brutal! Und ohne Abschiedswort, ohne Gruß, ohne mich auch nur mit einem Blicke noch zu streifen, ging sie, fast wieder so ruhig und sicher wie vorher, langsam und hochaufgerichtet den Pfad hinauf, dem Hause zu. In ihrer Hand hielt sie, was ihr gehörte. Und während ich – wie im Erwachen aus einem langen Traum – ihr nachsah, wußte ich, daß ich sie nie mehr wiedersehen würde. Der Unglücklichste Drei Unglückliche trafen zusammen. – Ich suche das Glück und kann es nicht finden! – klagte der erste. – Ich fliehe das Unglück und kann ihm nicht entgehen! – keuchte der zweite. – Das Leben ist das Unglück! – sagte der dritte.   – Ich kann nicht mehr! – schrie der erste. Und der zweite wiederholte das Wort. – Ich will nicht mehr! – sagte der dritte.   Der erste war gesund; aber er war arm und entmutigt. Der zweite war reich; aber er war müde und krank. Der dritte war weder reich, noch gerade arm; weder besonders gesund, noch krank.   – Ich bin unglücklich, jeden Morgen erwachen zu müssen, begann der erste wieder. – Und ich bin selten so glücklich, am Abend entschlummern zu dürfen, darauf der zweite. Der dritte schwieg.   – Wenn ich nur reich wäre, wie glücklich wäre ich – sagte der erste zu sich. – Oh, gesund zu sein – welch einziges Glück! – flüsterte unhörbar der zweite. Der dritte war verschwunden.   Da lächelten die beiden Zurückbleibenden zum letztenmal in ihrem Leben. Aber indem auch sie grußlos voneinandergingen, maßen sie sich mit neidischen Augen: »Wie glücklich der doch ist!« Hans, mein Freund Hinaus! – Nur hinaus! – sagte er fast knirschend. Wir verließen die Literatengesellschaft und ihr Gespräch, so schmutzig und ungesund wie die Luft des lärmenden Cafés. Wir hatten uns dorthinein nur verirrt und suchten nun wieder die stille, saubere, heimliche Ecke unserer altmodischen Weinstube auf. Er war »anders als seine Bücher«. Seine Bücher waren ernst, schwer und tief; aber er war lebendig, angeregt und scheinbar fast sorglos. Auch sprach er nie von seiner Arbeit. Der Wein stand vor uns. Wir schlürften das erste Glas und sahen uns zufrieden an. – Ich möchte eine Geschichte hören, sagte ich. Er kannte solch reizende kleine Geschichten, die er von den jungen Lebemännern von Piccadilly oder von den Studenten des Quartier latin oder in der Künstler-Boheme Münchens gehört, oder die er auch selbst erlebt hatte auf seinen ruhelosen Weltfahrten, reizende kleine Geschichten, wie sie uns Maupassant hinterlassen, Geschichten, die er nie verwertete, außer daß er sie erzählte. Er war ein guter Erzähler, freilich nur im kleinsten Kreise, und eine solche Geschichte wollte ich gerade jetzt. – Ich möchte eine Geschichte, wiederholte ich faul, als er nicht antwortete. Er sah mich an und lächelte plötzlich. Dann aber kam ein Ausdruck von Härte und Unmut in seine Augen, als er wiederholte: – Sie möchten eine Geschichte hören? – Gut, ich werde Ihnen eine erzählen. Wir schoben die Gläser von uns und lehnten uns zurück. – Ich war seit drei Jahren zum ersten Male wieder seit fast einem Jahrzehnt in Berlin. Ich hatte viel zu tun, mußte gleich beginnen und durfte daher nicht viel Zeit mit dem Suchen meiner Wohnung verlieren. Ich wählte mir die Lage – SW. – und mietete, nachdem ich mich von der Ruhe der Zimmer überzeugt. Das Haus war die richtige Mietskaserne. Das Treppenhaus war trüb-dunkel, jeder Flur hatte rechts, links und geradezu eine oder zwei Eingangstüren, die mit Porzellanschildern, Briefkästen und Visitenkarten übersät waren; die Treppen waren nie leer, und am Haustor hatte man sich zu jeder Tages- und Abendzeit durch einen Haufen spielender Kinder durchzudrängen. Nichtsdestoweniger – die Zimmer waren groß und sie paßten mir. Sie lagen im Hintergrunde eines nicht sehr langen, aber ziemlich dunklen Ganges, der abends von einem Lämpchen beleuchtet war. Ihre Ausgangstüren führten in diesen Gang. Und sie waren, wie gesagt, so ruhig, wie ich sie wünschte. Die Vermieterin war mir gleich auf den ersten Blick hin höchst unangenehm: ein langes, dürres Weib mit einem bösen, fanatischen Blick, einer kalten, klanglosen Stimme, fast zu sauber in ihrer geschmacklosen Tracht. Eine religiöse Fanatistin schlimmster Art, das war fast unverkennbar. Daß sie geizig war, sah ich an der Art, wie sie die erste Monatsrate einstrich. Ich traf meine Anordnungen so, daß ich sie nie zu sehen brauchte und zog ein. Ich sah das Weib fast nie, wurde gut bedient, das heißt wenn ich mittags nach Hause kam, fand ich die Zimmer gemacht und des Morgens beim Betreten des Wohnzimmers mein Frühstück. Ich war viel zu Hause; ich hatte, wie gesagt, viel zu tun. Die Wochen rannen hin, ungezählt wie die Tage. Nie begegnete ich in dem Gange zu meinem Zimmer irgend jemandem. Die Türen waren stets fest verschlossen, und nie drang ein Ton hinter ihnen hervor. Ich glaubte nicht anders, als ich wohne völlig allein an diesem Gange mit meiner Wirtin, übrigens dachte ich nicht weiter darüber nach, da ich nie belästigt wurde. Eines Abends klopfte es leise an meine Tür. Ich saß am Schreibtisch und schrieb. »Herein –« Eine schüchterne, helle Stimme sagte: – Ein Telegramm ... Als ich den Satz fertig geschrieben hatte, lag die Depesche auf dem Tische an der Tür, aber es war niemand mehr im Zimmer. Ein anderes Mal hatte ich einen Brief besorgen zu lassen und keine Zeit, selbst nach einem Dienstmann zu suchen. Ich ging, um meine Wirtin zu fragen, ob sie im Hause jemand wisse, der den Gang tun könne. Ich klopfte an die Tür, hinter welcher ich ihr Wohnzimmer vermutete. Sie öffnete, offenbar sehr erstaunt. Dann rief sie ins Zimmer hinein, als sie hörte, um was es sich handelte: – Hans, schnell! Ein kleiner Junge kam. Ich gab ihm den Brief und ein Trinkgeld und prägte ihm die Adresse ein. Antwort war nicht nötig und die Sache damit erledigt. Die Alte hatte dabeigestanden, ohne ein Wort zu sagen. Ein paar Tage hörte ich beim Durchschreiten des Ganges – ich kam zu einer ungewohnten Tagesstunde nach Haus – aus dem Zimmer meiner Wirtin ein unterdrücktes Schluchzen und Wimmern. Das wird mein kleiner Bote sein, dachte ich. Wie leicht Kinder doch weinen ... Als ich wieder ein paar Tage später von einem etwa zehnjährigen Jungen schüchtern gegrüßt wurde, ohne ihn weiter zu beachten, wurde ich wieder an ihn erinnert. Gesehen hatte ich ihn noch nicht; es war zu dunkel auf dem Gange gewesen. Zwei Wochen später war Ostern. Ich war nun schon acht Wochen in Berlin und hatte mehr zu tun als je. Ich gedachte die beiden Tage zu Haus zu bleiben und in ihrer festlichen Ruhe tüchtig zu arbeiten. Das Haus war am Ostersonntag um die Mittagszeit bereits wie ausgestorben. Einmal hielt ich im Schreiben inne. Eine alte schleswigholsteinische Sage fiel mir ein: Es war im Winter und das Eis stand ... Das ganze Dorf ist draußen auf dem Eise, um ein Fest zu feiern. Nur ein altes, armes Mütterchen ist zurückgeblieben: krank in ihrem Bett. Aber von ihm aus sieht sie all den Jubel auf dem Eise und den Trubel. Aber sie sieht noch mehr, was die anderen nicht sehen: ein kleines, weißes Wölkchen am Horizonte, das Sturm verkündet und Untergang dem ganzen Dorfe. Und sie schleudert Feuer in das Stroh ihres Bettes ... Dann, als eben die letzten, von dem brennenden Feuer angetrieben, den Strand erreichen, berstet die Decke ... über dieser alten, kleinen Geschichte verlor ich die Lust am Schreiben gänzlich. Es war ein warmer Tag. Ich öffnete ein Fenster, und die Lust erwachte in mir, auszugehen. Ein Gefühl des Unbehagens, vielleicht der einzige Mensch in diesem sonst von Hunderten bevölkerten Haus zu sein, ergriff mich; und dieses Gefühl wurde unerträglich, als ich in das von Ofenwärme verdumpfte Zimmer zurücktrat. Als ich den Gang durchschritt, sah ich, daß eine Tür zu den Zimmern meiner Wirtin offenstand, und in diesem Zimmer saß an dem Tische in der Mitte ein Junge, still und traurig vor sich hinblickend. Er stand auf, als er sah, daß ich näher kam. – Wie, fragte ich erstaunt, du bist heute zu Hause? – Ja, sagte er leise. – Warum gehst du denn nicht hinaus und spielst, mein Junge? Er zögerte mit der Antwort. – Ich darf nicht ... sagte er leise und sehr verlegen. – Warum nicht? – Großmutter hat es verboten. – Ist deine Großmutter aus? – Ja. – Und wann kommt sie wieder? – Um neun. – Und bis dahin sollst du hier ganz allein sitzen? – Ich soll aufpassen, ob Sie nichts gebrauchen. – Hat das deine Großmutter gesagt? fragte ich wieder, denn das war einfach ein Unsinn, da ich nie etwas verlangte. – Ja. – Ich gebrauche nichts, du kannst also ausgehen. – Ich darf nicht, sagte er wieder leise, aber fest. Ich sah den kleinen Kerl an, wie er so vor mir stand. Er sah blaß und kränklich aus, als wenn ihm frische Luft und gute Nahrung gleich sehr fehlten, war mehr als ärmlich gekleidet trotz des Festtages und machte völlig den Eindruck eines vernachlässigten Kindes, das nie ein gutes Wort hört. Er sah ganz einfach verprügelt aus. Das Zimmer war abscheulich in seiner geschmacklosen Öde, alles nüchtern, kahl, unfreundlich, unheimisch. Das alles empörte mich. Welche Grausamkeit, ein armes Kind aus irgendeinem nichtigen Grunde an einem Tage, wo alles sich zu freuen bemühte, einzusperren! – Du kannst ausgehen, ich brauche nichts, sagte ich. Er blieb stehen. – Du hast wohl keine Lust? Er sah auf. – Ich darf nicht, antwortete er dann endlich. Ich wurde ungeduldig. – Aber ich will die Verantwortung übernehmen ... Er wagte nicht, es war ganz klar. Da fiel mir ein: langweilen würde ich mich doch heute mehr oder minder. Ich wollte ihn mitnehmen. – Ich will dich mitnehmen, hörst du. Nimm deinen Hut und Überzieher und komm! Er war sehr verlegen und wäre in diesem Augenblick offenbar lieber hiergeblieben. Aber seine Furcht vor meiner entschiedenen Stimme war nun doch wohl größer als die Angst vor seiner Großmutter, und so nahm er zögernd seinen Hut vom Nagel. – Und deinen Überzieher? – Ich habe keinen. Er war sehr rot, als er es sagte. Ich ging in mein Zimmer und holte ein Plaid, übrigens war es ein warmer Tag. An der Straßenecke rief ich eine Droschke. – Hopp, hinein. Wie heißt du denn eigentlich? – Hans, sagte er. Seinen Zunamen sagte er nicht. – Fahren Sie uns die Müllerstraße hinauf an der Versuchsbrauerei vorbei zum Plötzensee, zum Schützenhaus, Sie wissen ja ... Dort waren wir am ehesten in frischer Luft und im Walde. Hans hatte sich auf den Rückplatz gesetzt und die Hände zusammengelegt, als hätte er sich ergeben in ein unvermeidliches Schicksal. Ich mußte lächeln, als ich ihn so dasitzen sah wie ein Häufchen Unglück und sah ihn mir zum ersten Male ordentlich an. Er trug ein geflicktes Röckchen, aus dessen verwachsenen Ärmeln seine Arme heraussahen, feine Handgelenke. Aber es war ein häßliches Kind im übrigen: seine Hautfarbe war gelb, die Stirn eckig, die Ohren abstehend und der ganze Kopf zu groß im Verhältnis zu dem kleinen, schwächlichen Körper. Schön waren nur seine Augen und der Mund, der von aristokratischer Feinheit war. überhaupt, so ganz ohne Rasse war er nicht, aber alles war zurückgeblieben, nicht zur Entwicklung gekommen, ich sagte es ja schon, offenbar ausgehungert und weggeprügelt. – Also Hans heißt du. Und wie alt bist du? – Zwölf Jahre. Ich stellte dann noch einige Fragen, und dann begann mich die Geschichte zu langweilen, und während ich an anderes dachte, vergaß ich ihn fast. Als ich wieder aufsah, waren wir auf der öden Tegeler Chaussee und bogen gerade nach dem Plötzensee ein. Hans hatte mäuschenstill dagesessen, und ich begegnete seinem ernsten, aufmerksamen, auf mich gerichteten Blick. Jetzt sah ich, daß er viel älter war, als seine Jahre, und wieder tat er mir leid. Wir führten ein holpriges Gespräch bis zum Schützenhaus. Dort – es war Konzert im Saale – ließ ich zunächst Kaffee und eine Riesenportion Kuchen auffahren, und dann noch eine, und endlich noch eine. Bei der dritten wurde er etwas ängstlich, aber ich bedeutete ihm, es müsse ja nicht heute sein, und er packte sie sich ein. Ich hatte mir unterdessen die guten Leute um uns herum angesehen und vergeblich versucht, von der Musik recht wenig zu hören. Als er fertig war, gingen wir an den See. Aber zuerst machten wir alle Buden durch: wir warfen mit Bällen nach scheußlichen Fratzen, würfelten dreimal für zehn Pfennige und gewannen irgend etwas Gräßliches, hielten an der Elektrisiermaschine, aber nicht bis 1000, so daß wir – Gott sei heute noch gedankt! – keine Zigarren bekamen, und endlich setzte ich ihn aufs Karussell und ließ ihn fahren, so lange er wollte. Der See lag still und freundlich da, der kleine, schöne See mit dem häßlichen Namen. Wir umschritten ihn und gingen dann zwischen den Schießständen und den endlosen Kirchhöfen zurück. Hans tapfte hinter mir her durch den gelben Sand und sagte nichts mehr, da er nicht mehr gefragt wurde. Als wir die Pferdebahn erreicht hatten, saßen wir noch eine halbe Stunde beim Glase Bier, und dann fuhren wir heim. Wenn seine Großmutter erst um neun zu Hause war, kam er noch lange zur rechten Zeit. Auf dem Wege hatte der Junge zwar nicht seine Schüchternheit, aber doch seine Angst verloren. Jetzt kam diese wieder sichtbar hervor. Aber als ich ihn fragte, ob ich ihn hinaufbringen sollte, schüttelte er sehr energisch den Kopf. Ich gab ihm die Hand und ließ ihn laufen. Mit einem leisen »Danke auch schön!« schlich er sich weg. Es hatte ein echter Ton in den paar Worten gelegen, so daß ich den für mich etwas langweiligen Nachmittag nicht mehr bereuen konnte. Als ich am folgenden Tage der Alten auf dem Flur begegnete, redete ich sie an: – Ich habe mir erlaubt, Ihren Enkel gestern nachmittag etwas an die freie Luft zu nehmen. Sie antwortete nicht, aber sie sah mich an mit einem bösen und gehässigen Blick. Es war die Kriegserklärung. Drei Tage später schlich Hans auf der Treppe an mir vorbei. Ich hielt ihn fest. – Nun, es ist wohl alles gut abgelaufen? sagte ich. Er antwortete ebenfalls nicht, sondern sah scheu zu Boden. – Weshalb hältst du deine Hände auf dem Rücken? Er ließ sie fallen. Ich hob sie auf und sah, daß sie mit blutigen Striemen bedeckt waren. – Was ist das? Er antwortete wieder nicht. – Du kommst jetzt mit auf mein Zimmer, sagte ich. Dort nahm ich seine Hände in die meinen und fragte ihn, daß er antworten mußte. – So schlägt sie dich? – Womit? – Mit einem Lineal ... stammelte er. – Warum? – Weil ich Sonntag ausgegangen bin. – Schlägt sie dich oft? – Ich mußte diese Frage wiederholen. Er sah nieder, schwieg und bewegte lautlos die Lippen. – Wie oft? – drang ich ihn. – Alle Tage ... glaubte ich zu verstehen. Jetzt wußte ich genug. Ich ließ seine Hände los, die armen kleinen, mageren, feuchten Hände mit den schlecht gepflegten Nägeln, den fleischlosen Knöcheln, den Narben, den blutigen Stellen ... Ich schob ihn hinaus. Als ich vom Essen kam, ging ich direkt von meinem Zimmer auf das meiner Wirtin zu, klopfte stark und trat sofort ein. Sie saß am Tisch, der Junge ihr gegenüber, totenblaß, mit einer blutigen Strieme an der Stirn, zitternd und aus weitaufgerissenen, angstvollen Augen auf seine Peinigerin starrend. Beide sprangen auf, als sie mich so unverhofft sahen. Die Alte war nicht erschrocken, nur maßlos erstaunt. Ich hatte den letzten Rest von Geduld verloren. – Ich habe mit Ihnen zu sprechen, sagte ich, schicken Sie Ihren Enkel hinaus. – Sie sah erst mich, dann ihn an, machte eine herrische Bewegung nach der Tür, und das Kind schlich sich hinaus. Wir saßen nun beide in Positur, und ich kann Ihnen sagen, ich bebte vor Wut. Es folgte eine lange und widerwärtige Auseinandersetzung, die ganz zwecklos war und aus der mir nun der Grund ihres Hasses gegen ihr Enkelkind klar wurde: es war ein uneheliches, es war der »Schandfleck der Familie«, ihrer »ehrbaren, anständigen Familie«, welche immer in »den Wegen Gottes gewandelt« sei und so weiter. Ich redete ihr zu, ich drohte, wurde heftig und hatte dabei immer halb das Gefühl, mich um eine Sache zu kümmern, die mich eigentlich nichts anging. Das wußte das Scheusal, und so kamen wir zu keinem Zweck. Sie gebrauchte die Bibelsprüche haufenweise. Endlich ergriff ich das letzte und einzige Mittel. Ich legte ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch und erklärte mich bereit, ihr diese Summe allmonatlich zahlen zu wollen, wenn sie dieselbe zum Besten ihres Enkels verwenden und mir vor allem ›auf ihr Gewissen‹ versprechen wolle, das Kind nicht mehr körperlich zu züchtigen. Nun kämpfte ihr Geiz mit ihrer viehischen Grausamkeit. Ihre Augen verschlangen das Goldstück, aber als ich ungeduldig wurde, noch einmal drohte, andere Wege einschlagen zu wollen und das Geld zurücknehmen wollte, wurde sie weinerlich, und ich hatte gesiegt. – Ja – ja – gewiß ... Ich ging hinaus, angeekelt wie selten in meinem Leben. Von nun an paßte ich aber auf. Nach einigen Tagen fing ich Hans ab und nahm ihn eindringlich ins Verhör: nein, er war wirklich nicht mehr geschlagen worden. Es war kälter, empfindlich kalt geworden. Einmal sah ich ihn traurig in der eisigen Stube bei seinen Büchern sitzen. Die Alte war aus. Ich nahm den Halberstarrten mit auf mein Zimmer und erlaubte ihm dazubleiben, wenn er ganz still sein wolle. Ich setzte ihn in einen der großen Lehnstühle am Tisch, in welchem er fast ganz versank, und arbeitete, ihm den Rücken zukehrend, weiter. Als ich mich nach einer Stunde umsah – ich hatte ihn längst vergessen –, sah ich ihn regungslos dasitzen, so still, daß er kaum zu atmen wagte. Seitdem kam er öfter. Erst mußte ich ihn holen, dann machte er freien Gebrauch von seinem passe-partout. So leise kam er, daß ich ihn selten hörte. Dann kroch er auf seinen Stuhl und nahm sich ein Buch vor. Er störte mich nicht. Ich hörte nichts von ihm als zuweilen seine leisen, regelmäßigen Atemzüge und hier und da in einer Pause meiner Arbeit das unendlich behutsame Umschlagen einer Seite in leisem Knistern. Er war vollkommen verschüchtert, der arme Kerl, und es dauerte lange Zeit, ehe er dazu zu bringen war, auf alle Fragen zu antworten. Von sich aus hat er selbst mir nie etwas erzählt. Aber ich brachte doch aus ihm heraus, was ich wissen wollte. Es war nicht viel: eine kleine, alltägliche, traurige Kindheitsgeschichte. Die Mutter, eine Näherin, hatte ihn eines Tages geboren. Er war aufgewachsen wie die meisten armen Berliner Kinder: halb auf dem Hofe und der Straße, und halb in der einzigen Stube seiner Mutter. Aber er hatte doch in dem ersten Jahrzehnt seines Lebens deren Liebe nicht ganz entbehrt. Mit sechs Jahren war er in die Volksschule geschickt und mit zehn Jahren war seine Mutter gestorben: die beiden großen Ereignisse seines Lebens. Dann hatte ihn die Großmutter zu sich genommen, und seit diesem Tage war jede Freude, auch die kleinste, aus seinem Leben verbannt. Er sprach nie von den Züchtigungen, die er erlitten, aber ich merkte aus allem, wie grausam sie gewesen sein mußten. Er wurde nach und nach etwas lebhafter. Von Heiterkeit und Frische konnte aber keine Rede sein.   Eines Abends zeigte er mir mit sehr wichtiger Miene, was ihm seine Mutter hinterlassen. Es war ein Brief und eine Photographie. Sie hatte ihm beides, als sie starb und das letztemal allein mit ihm war, in die Hand gedrückt und ihn ermahnt, es niemand zu zeigen, auch nicht der Großmutter. Den Brief solle er öffnen, wenn er groß genug sei, um ihn zu verstehen. Der Brief, den sie einige Wochen vor ihrem Tode geschrieben hatte, wie der Poststempel zeigte, war an den Träger eines bekannten adligen Namens im Tiergartenviertel gerichtet und trug den Vermerk: »Adressat verreist«, was wohl ebensogut hätte lauten können: Annahme verweigert. Die Adresse war geschrieben mit ungeübter Hand. Die Photographie war hervorgegangen aus einem der ersten Berliner Ateliers und offenbar vorzüglich. Ich verglich des Kindes traurige, gespannte, unruhige Züge mit des Vaters stolzem, hartem, forschem, fast grausamem Gesicht: ich fand keine andere Ähnlichkeit als in der feinen Form der Nase und einem gewissen herben Zug in den Mundwinkeln, die bei dem einen Überhebung, bei dem anderen vertrauenslose Verschlossenheit gegraben. Das Bild war offenbar unzählige Male zur Hand genommen. Ich gab es ihm wieder mit dem Brief, diesem letzten Schrei eines verzweifelten Herzens, welches nutzlos seinen letzten Stolz zum Opfer gebracht für das, was es liebte, und nicht anders retten konnte. – Das mußt du sehr gut aufheben, Hans, sagte ich, und deiner Großmutter niemals zeigen. Er nickte überzeugt.   Einige Wochen später fiel mir das Bild wieder ein. Im Opernhaus, während einer Festvorstellung, stieg im Zwischenakt ein höherer Offizier, nicht mehr ganz jung, von auffallend hohem Wuchs, an mir vorbei die Treppe herunter. Ich fragte nach dem Namen. Es war so, wie ich gedacht. Ich erzählte natürlich Hans nicht, daß ich seinen Vater gesehen, aber ich dachte mir mancherlei. Der Vater hatte ihm doch verdammt wenig mitgegeben für den Kampf ums Dasein, dem armen, kleinen Kerl ...   Sie wissen, was für ein leidenschaftlicher Bewunderer Dorés ich bin, heute mehr als je, wo jeder Esel über diesen gigantischen Künstler seine Nase zu rümpfen wagt. Ich besitze die sämtlichen Werke, die dieser große Geist in der Zeichnung wiedergegeben, und es machte mir ein ungeteiltes Vergnügen, wenn Hans auf meine Frage, welche Bücher er heute besehen wolle, immer wieder antwortete: »die großen«. Seltsam – manches Mal habe ich mit dem unwissenden Kinde über diesen wahrhaft großen Büchern gesessen, und wir sind Hand in Hand dieser enormen Phantasie mit Dante in die Hölle und mit Milton ins Paradies gefolgt ... Doch im allgemeinen hatte ich wenig Zeit für Hans übrig und ließ ihn allein sitzen, während ich schrieb. Einmal, während ich innehielt, sah ich wieder seine Augen mir zugekehrt. – Was möchtest du werden, Hans? fragte ich. Da sagte er mit einem reizenden Ausdruck der Freude, daß ich erraten, an was er dachte: »Ein Dichter!« Ein Dichter! – Ich glaube fast, daß er einer geworden wäre, wenn nicht – Ja, wenn nicht! ... Lassen Sie mich kurz sein. Die Tage gingen wieder wie im Fluge hin. Er war von einer rührenden Dankbarkeit gegen mich, die sich oft in echt kindlicher Weise zeigte. Er war mir wirklich lieb geworden. Da erhielt ich eine Nachricht, die mich zwang, Berlin fast sofort zu verlassen. – Hans, sagte ich, ich muß fort – – Nein, antwortete er mir, aber sein Blick suchte zu ergründen, ob ich scherze oder nicht. Dann ging er hinaus und kam an diesem Tage nicht mehr. Ich kündigte sofort. Als ich der Alten die Miete zum letztenmal einhändigte, sprach ich noch einmal mit ihr über ihren Enkel. Ich bat sie dringend, das Kind besser zu behandeln. Das Frauenzimmer hörte mir schweigend zu, aber hinter ihren kalten Augen, mit denen sie mich ansah, schien ein Plan zu liegen, ein unumstößlicher ... Geld gab ich ihr nicht mehr. Sie hatte es stets dafür genommen, daß sie ihn nicht mehr schlug; weder hatte sie ihn besser genährt, noch gekleidet, und an weitere Ausgaben für ihn dachte sie überhaupt nicht. Ich gab es ihm selbst, ich drückte es ihm in die Hand, als ich wegging. Die Alte war nicht zu sehen. Hans war in den letzten Tagen oft bei mir und höchstens stiller geworden. Als ich ihm jetzt Adieu sagte – mein Wagen wartete und die Sachen waren schon heruntergetragen – und ich ihn zu mir emporhob, die kleine, federleichte, schmächtige Gestalt –, da erschrak ich selbst über den Ausdruck seines Gesichtes. Seine Augen waren weit geöffnet und sahen mit namenloser Angst in die meinen, mit einer so namenlosen, flehenden, verzweifelnden Angst, daß ich beunruhigt sagte: – Aber Hans, sei doch ein Mann! – Wir sehen uns ja wieder, ich bleibe ja nicht für immer fort ... Einen Augenblick fühlte ich seine eiskalte Wange an der meinen, dann ließ ich ihn niedergleiten und schrieb noch in Eile eine ständige Adresse auf. Er nahm den Zettel teilnahmslos. In der Mitte des Zimmers stand er, leichenblaß und wie gebrochen, und sah mir nach, tränenlos, wie immer, auch in dieser Minute noch. So sehe ich ihn noch.   Ein Jahr später war ich wieder in Berlin. Ich hatte mir fest vorgenommen, bei der ersten Gelegenheit Hans zu besuchen. Aber Sie wissen ja, wie es mit solchen Vorsätzen geht: ich wohnte in einem völlig anderen Stadtteil, und Woche auf Woche, Monat auf Monat verging, ohne daß ich mein Versprechen eingelöst. Da liegt eines Morgens unter meinen Briefen einer, der von Berlin nach der Stadt, wo ich den Rest des letzten Jahres verbracht hatte, und von dort hierher zurückgesandt war und dessen Adresse mit einer großen, steilen Schülerhand geschrieben war. Mitten unter all den andern Briefen lag er da, als habe er sich nur verirrt. Aber er war an mich. Er war von Hans. Ich kann Ihnen nur eins sagen: daß nichts, nichts im Leben mich heftiger erschüttert hat, wie dieser kleine Brief dieses armen Jungen. Er schrieb mir etwa so: er müsse mir doch schreiben, denn er glaube, daß er nicht mehr lange leben könne; er werde immer geschlagen, jeden Tag, seit ich fort sei; ich sei so gut zu ihm gewesen, ob ich denn nicht bald wieder käme, er würde sich so sehr freuen, mich noch einmal zu sehen ... Unterschrieben hatte er: Ihr lieber Hans. Der Brief war in jener eckigen, großen Kinderhandschrift geschrieben und gewiß in großer Aufregung und Angst, denn einzelne Worte waren durch Tränen verwischt. – So hatte er nun doch das Weinen gelernt. Es hatte fast acht Tage gedauert, bis mich der Brief erreicht. Lassen Sie mich enden ... Ich warf alles hin und setzte mich in eine Droschke. Nach einer halben Stunde stand ich vor der Tür, die ich so oft durchschritten, und klingelte heftig. Ich hörte den schlürfenden Tritt, den ich kannte. Unverändert bis auf die Fußsohle stand das Weib vor mir. Es war maßlos erstaunt. – Guten Tag, sagte ich, und hörte, wie rauh meine Stimme klang. – Ich wollte mich nach Hans erkundigen. Die Frau antwortete und rührte sich nicht, aber ein unglaublich gemeines Lächeln überflog ihr Gesicht. – Wo ist er? fragte ich fast drohend. Und da sie wieder nicht antwortete, trat ich vor und zwang sie, zurückzutreten. Sie zog sich zögernd nach der Küche zurück. »Er ist da«, sagte sie dann, als sie merkte, daß ich Ernst machte, und zeigte nach der Tür. Nie hat ein hohnvollerer Triumph in wenigeren Worten gelegen. Ich trat in das Zimmer. Es war leer. Aber die Tür zu dem Nebenzimmer stand offen, und hier – in einem elenden, zerrissenen Bett – auf dem Rücken lag Hans. – – Er war tot. Ich eilte auf das Bett zu. Ich ergriff seine Hände – sie fielen schlaff herab; ich hob das Kinn in die Höhe – es sank nieder.– – Er war tot. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes. Ich sah ihn lange an. Seine Augen waren fest geschlossen. Ein müder, gequälter Ausdruck – derselbe, den er im Leben nie verloren – lag, nur viel stärker, auf dem kleinen Gesicht. Plötzlich sprang ich auf. Ich hatte etwas gesehen – – was war das? Auf der Stirn eine Wunde, an der Schulter, welche nackt durch das zerrissene Hemd sah, eine Wunde, ich zog die dünne Decke von der Brust und schob das Hemd beiseite: Wunde bei Wunde, Strieme an Strieme, Narbe neben Narbe! – – Ich glaube, ich schrie auf vor Grauen. Sie hatte ihn totgeprügelt! Das Entsetzen überlief mich in eisigen Schauern. Und wie ich wieder in das Gesicht des Kindes sah, schien es mir, als öffneten sich diese braunen, klaren, unschuldigen Augen und sprächen zu mir: Und du bist ihr Mitschuldiger, denn du hast es geduldet! – du konntest mich retten, und du hast es nicht getan! – – Ich zog die Decke um seine blutigen Schultern, schob das Haar aus der Stirn, nahm wieder die kalten Hände in die meinen und saß lange auf dem Rande des Bettes, bedrückt von Gefühlen, die bitterer als die der Reue ... Endlich besann ich mich. Ich ging auf den Flur, bleich vor Wut. Ein häßliches, gemeines Gesicht streckte sich zu der Tür des hintersten Zimmers heraus – ich stürzte förmlich darauf zu. – Mörderin! schrie ich.– – Verruchte Mörderin! Ich glaube, ich hätte sie gewürgt. Mit einem gellenden Schrei hatte das Weib – noch ehe ich es erreicht – die Tür zugeschlagen und verschlossen. Ich hieb gegen die Tür mit der Faust, ich weiß nicht, wie lange. Sie öffnete nicht. – Du wirst schon öffnen! knirschte ich. Dann ging ich zurück zu dem toten Kinde. Es war mir unmöglich, es noch einmal anzusehen. Ich eilte fort. Ich fuhr zu einem alten Freunde, einem Rechtsanwalt. Er hörte mich sehr geduldig an. Aber dann: – Beweise ... Beweise! ... – Und dann der Zweck? – Es war ja nun doch einmal geschehen ... Und so war es auch.   Sie wissen, wie wenig mir daran liegt, was mit unsern Kadavern nach dem Tode geschieht. Wenn wir uns am meisten und endlich zu Tode gequält haben, beheulen wir uns am lautesten und jämmerlichsten. Ich ging nicht einmal mehr hin. Ich tat gar nichts. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, Mackay, wie sehr und in wie vielen Stunden ich gelitten habe unter dem Gedanken: Du hättest ihn retten können, und du hast es nicht getan! ... Aber so sind wir: zu allem haben wir Zeit, was innerhalb der Gleise unseres Lebens liegt. Sollen wir aber nur einmal – unangetrieben durch irgendwelche Notwendigkeit – handeln aus freien Stücken, so versagen wir, so versagen wir elend! ... Feiglinge, die wir alle sind im Dienste des Lebens ... Er schwieg. Wir schwiegen beide. Dann griffen wir nach unsern Gläsern, aber der Wein schmeckte herb und bitter. – Warum schreiben Sie sich die Geschichte nicht vom Herzen? – fragte ich nach altem Rezept. Er schüttelte den Kopf. – Nein, sagte er. – Ich möchte sie schreiben, fuhr ich fort. – Ja, sagte er gleichgültig. – Ich würde sie nennen: »Hans, mein Freund« ... – Hans, mein Freund! hörte ich ihn bitter lachend wiederholen. Ja, er war mein Freund, aber ich war nicht der seine. Armer Hans! – Was suchtest du dir keinen besseren ... Armer Hans! ... Und jetzt – in diesem Augenblick – erkannte ich während eines jahrelangen Verkehrs in ihm den Dichter, der die »Lieder der Trauer« geschrieben und der jene intime, schmerzliche, fast erhabene Dichtung sang, welche die Esel der Kritik verdammt und ein nicht nur undankbares, sondern auch albernes Publikum nicht gelesen hat, weil sie in Versen gedichtet ist. Die Blinden An diesem Abend, als ich müde und traurig war, ging ich in den großen Saal, wo Musik gemacht wurde. Es war ein Massenkonzert – eine Masse Musik für eine Masse Menschen um zehn Pfennige. Ich drängte mich durch. Von den Hunderten Tischen war vielleicht nur noch einer unbesetzt, und dieser eine, weil er hinter einem Pfeiler stand und Orchester und Publikum fast vollständig versteckte. Während ich den Überzieher abzog, bemerkte ich, daß nur ein Tisch noch schlechter stand als der meine; und die an ihm saßen, schienen ihn recht mit Absicht ausgesucht zu haben, um nicht gesehen zu werden. Es waren ein Mann, eine Frau und ein halbwüchsiger Junge. Der Mann saß neben der Frau, und von meinem Platze aus gesehen hinter ihr; der Junge saß ihnen gegenüber. Die Kellner liefen hin und her, die Menschen lachten und schwatzten und klapperten mit den Tellern und Gläsern, die Musik lärmte, und nur an unseren beiden Tischen war es still. Ich wurde noch müder und trauriger und dachte daran, fortzugehen. Aber ich sah ein trübes und leeres Zimmer vor mir und blieb. Unwillkürlich, ohne es selbst zu wissen, richteten sich meine Blicke wieder und wieder auf den Tisch dort vor mir, und um den eigenen Kummer zu vergessen, tat ich, was ich oft tue: ich suchte ihn bei anderen auf, gewiß, ihn immer zu finden. Ich begann mit der Frau. Sie war nicht mehr jung, nicht mehr schön, oder besser: wohl nie schön gewesen, einfach in dunkles Tuch gekleidet, und sie saß da in einer auffallend steifen, gezwungenen Haltung, die Hände gefaltet im Schoße, und ohne die Lehne des Stuhles zu benutzen. Sie saß fast regungslos, den Kopf ein wenig nach vorn geneigt, lauschend, ohne ein Wort zu sprechen. Dann, während sie mit der Hand tastend nach dem Glase langte, sah ich plötzlich, daß sie blind war. Um den Mann zu sehen, der ihr zur Seite saß, mußte ich den Standpunkt meines Stuhles verändern: ich rückte scheinbar unwillkürlich zur Seite. Er saß, mit dem Gesicht mir zugewandt, dicht zu der Frau geneigt, vornübergeneigt und sprach in gedämpfter Lebhaftigkeit auf sie ein, die Hände auf die Knie gelegt und nicht ganz so ruhig wie sie. Er war ein großer und stattlicher Mann, mit blondem Haar und Schnurrbart, und in gleich einfachem, dunklem Anzug. Auch bei ihm fiel mir in der Haltung etwas Gezwungenes auf, und als er nun zögernd und vorsichtig nach den Händen der Frau griff und dabei den Kopf etwas erhob, sah ich, daß auch er blind war. Der Junge hatte sich einen Stoß illustrierter Blätter herbeigeschleppt und las eifrig, ohne sich um die beiden zu kümmern. Daran, daß er aus dem Glase der Frau mittrank, sah ich, daß er zu ihr gehörte; er war wohl ihr Bruder. Niemand kümmerte sich um den Tisch, von dem aus kein Laut den allgemeinen Lärm vermehrte. Die Musik spielte Stück auf Stück, und die Kellner rannten mit immer neu gefüllten Gläsern hin und her. Ich kam mir vor wie ein Eindringling und wandte meine Blicke von den Blinden ab. Nur einmal noch – nach einer halben Stunde – sah ich wieder hin, und angezogen von dem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihren Gesichtern, vermochte ich nicht sofort weiterzusehen. Sie saßen noch in derselben Stellung wie vorhin, nur hatte der Mann jetzt die Hände der Frau gefaßt. Er sprach noch immer, und sie hörte ihm zu mit einem zögernden Lächeln. Auch ihre Lippen bewegten sich leise. Er beugte sich noch näher zu ihr. Er griff in die Tasche und – halb unter dem Tisch – schob er über den Mittelfinger ihrer rechten Hand langsam und behutsam einen goldenen Ring. Niemals habe ich so viel innige Liebe auf dem Gesicht eines Menschen gesehen wie auf dem seinen in dieser Minute, und niemals so viel Glück wie auf dem ihren! Und keiner hatte es gesehen außer mir, keiner ... Sie sprachen weiter und hielten sich an den Händen. Das Konzert war zu Ende. Sie standen auf. Langsam ging ich hinter ihnen her. Am Ausgange blieben sie stehen. Der Junge spähte nach der Pferdebahn. Als sie kam, leitete er den Mann über die Straße, während die Schwester wartete, und kehrte erst zurück, als er ihn in den Wagen gebracht. Dann schob er seinen Arm in den der Blinden und führte sie ebenso sicher über den Straßendamm und weiter. Ich stand allein, nicht mehr müde und nicht mehr traurig, sondern erfüllt mit Scham und mit Freude. Nicht nur mit den Augen redet sie ihre Sprache, die Liebe! ... Da erinnerte er sich plötzlich ... Er war nun allein. Er war befreit von seiner Frau, seiner Tochter, seinem Geschäft. Seine Frau war gestorben; seine Tochter nach auswärts verheiratet; und sein Geschäft hatte er verkauft, da er jetzt genug Geld besaß für den Rest seines Lebens. So lebte er jetzt: er stand später auf als gewöhnlich und kleidete sich gemächlich an. Nach dem Frühstück besah er irgend etwas: eine Sammlung, ein Museum, oder er trank einen kleinen Frühschoppen an der Potsdamer Brücke; nach dem Essen schlief er. Dann las er und schrieb ein wenig, und mit dem beginnenden Abend ging er an seinen Stammtisch mit großer Regelmäßigkeit ... Er ließ die Stunden vergehen, wie sie wollten. Jetzt, wo er so viel Zeit hatte, dachte er an so manche Dinge, die ihm früher nie in den Kopf gekommen. Eine so große Sehnsucht war in ihm, die Sehnsucht nach jener Zärtlichkeit, die er nie in seinem Leben genossen und die er sein ganzes Leben entbehrt. Er hatte sie nie gefunden. Nicht in dem Hause seiner Eltern. Die lagen – halb totgedrückt durch die Sorgen des Lebens – in beständigem Streit miteinander. Nicht bei seinen Geschwistern. Es war eine große Kinderbande gewesen, in welcher sich alles durcheinanderprügelte um den besten Happen und den wärmsten Platz. Nicht in seiner Lehrzeit. Sein Meister war ein harter und strenger Mann, der nur das Notwendigste sprach. Nicht bei seiner ersten Liebe. Es war ein wilder Rausch gewesen, und lange hatte es gedauert, bis er sich von ihr freimachen konnte: Jahre. Bei seiner Frau nicht und nicht bei seinem Kinde. Seine Frau war eine kühle und gelassene Person gewesen, nach außen hin von einer gewissen majestätischen Liebenswürdigkeit, nach innen indifferent und behaftet von oben bis unten mit der Kleinlichkeit der Oberflächlichkeit. Sie hatte ihn gequält, so gut wie sie es konnte, und früh das Kind gelehrt, Partei mit ihr gegen den Vater zu nehmen. Und dieses Kind sollte nie zärtlich gegen ihn gewesen sein? – O doch. Wenn es etwas haben wollte. Dann war es gekommen zu seinen Knien und zu seinem Munde, so daß es ihm fast lieber gewesen, es wäre überhaupt geblieben. Unter seinen Bekannten, wie überall bei jedem, der Gelegenheit hatte, ihn näher kennenzulernen, war er sehr beliebt. Seine Frau war gestorben. Er konnte sich längst nicht mehr darüber täuschen, daß es lächerlich für ihn gewesen wäre, bei ihrem Tode ein anderes als das Gefühl der Erleichterung zu haben. Seine Tochter war verheiratet. Er hatte ihr den Mann gekauft, den sie sich ausgesucht, und damit den letzten Wunsch erfüllt, den er ihr gewähren konnte. Es blieb ihm nichts mehr für sie zu tun übrig. Da hatte er sich auch von seinem Geschäft befreit, welches zwecklos für ihn geworden war. Er selbst hatte immer ohne Ansprüche gelebt und übergenug für seine letzten Tage. So lebte er nun, fast plötzlich in einen großen Überfluß von Frieden, Ruhe und Muße versetzt.   Wie er nun in seinen vielen stillen Stunden so eines nach dem anderen der wohlgeordneten Blätter seines Lebens aufschlug und wandte, da wußte er denn, was ihm gefehlt hatte. Und eine große Unruhe ergriff ihn: die Unruhe der Menschen, die vor Toresschluß noch nachholen wollen, was sie versäumt haben, und doch nicht wissen, wie das möglich sein könnte. Verzweifelt kehrte er immer und immer wieder zu der Vergangenheit zurück: etwas mußte dort verschüttet liegen, etwas sich unter allem Staube der Jahre und Mühe finden lassen, das noch soviel Duft in sich trug, um damit die letzten Stunden zu überschütten. Er suchte und suchte und fand nichts. Es war in den ersten schönen Tagen des Jahres. Die Sonne lag an seinen Fenstern, schmeichelnd und spähend, wie groß ihre Kraft bereits sei. Da, während er über dem Sichten alter Papiere saß und beim Durchblättern eines alten Kontobuches ein Verlustposten in seine Augen sprang, den er durch eigene Versäumnis verschuldet, da erinnerte er sich plötzlich: Er war ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren und auf acht Tage in Leipzig in Geschäften. Es war die Zeit der letzten Karnevalbälle und er hatte für den Abend eine Verabredung mit einem Geschäftsfreunde getroffen, den Maskenball im Kristallpalast zu besuchen. Aber sein Freund kam nicht und er durchstreifte mißmutig das Gedränge, bis er sich an einen Tisch setzte, ein Glas Bockbier nach dem andern trank und mit sich zu Rat ging, ob er in sein Hotel und zu Bett gehen solle oder nicht. Da erlöste ihn ein kleines Mädchen, das sich an seinen Tisch setzte, aus seinen Zweifeln. Sie waren bald einig, und nach fünf Tagen, als er abreisen sollte, war er noch sowenig mit seinem Geschäft fertiggeworden, daß er weitere fünf Tage bleiben mußte. Dann, nach weiteren fünf Tagen, hatte er sein Geschäft immer noch nicht erledigt, aber keine Zeit mehr zu bleiben, so daß er abgereist war. Dieses kleine Mädchen war schuld an dem Verlust, dessen Zahl ihm jetzt, nach fast vierzig Jahren, wieder in die Augen sprang. Plötzlich wußte er, daß er einmal in seinem Leben glücklich gewesen war, einmal und niemals wieder so vollständig glücklich.   Er ging auf und ab, auf und ab. Seine Unruhe wuchs und wuchs. Eine Last lag auf ihm, von der er sich befreien mußte. Alles war so still um ihn, daß er das Ticken der Uhr im Nebenzimmer durch die geschlossene Tür vernahm. Das wurde ihm unerträglich. Aber wo sollte er hin? An seinen Stammtisch konnte er bestenfalls erst in drei Stunden. Einen seiner Bekannten aufsuchen? Die waren alle bei ihrer Arbeit. Sollte er spazierengehen? – Aber wohin? Er setzte sich an seinen Tisch und legte die Arme über die Papiere. Langsam sank seine Stirne nieder. Nein, es war nicht gut, allein zu sein ... Seine Unruhe ließ nach. Auf einmal fuhr er auf. Er hatte ihr Lachen gehört, mit dem sie ihn rief: das leise, melodische Lachen, das er nicht vernommen in diesen vielen Jahren, es war ihr Lachen. Hastig sprang er auf. Er überlegte, überlegte, überlegte. Dann lief er durch alle Zimmer, wühlend und suchend: – einen Handkoffer und was er brauchte für wenige Tage. Nach einer halben Stunde war er fertig. Er verschloß die Wohnung, schrieb ein »Verreist« an die Tafel seiner Tür und eilte hinunter. Er saß im Wagen und fuhr zum Bahnhof. Er wunderte sich nicht einmal, als er hörte, daß der nächste Zug nach Leipzig schon in einer halben Stunde ging und daß er fast gar nicht zu warten brauchte. Bald saß er in den Polstern des Coupés. Sie hatte ihn gerufen, gerufen mit ihrem Lachen, und er kam. ‹leer/› Am Abend war er in Leipzig. Während der Fahrt flog öfters ein seltsames Lächeln über sein Gesicht. Er fuhr, wie der Bräutigam seiner Braut, in einer fast zitternden Erwartung und einem übermäßigen Verlangen seinem Glücke entgegen, das die Verschwiegenheit noch vergrößerte. Es war schon spät, aber dennoch verließ er noch einmal das Hotel, welches an der Ringpromenade lag. Es war ein warmer und dunkler Abend. Er suchte den Brühl. Er hatte nur eine Seitenstraße zu durchschreiten. Bald war er da. Dort erkannte er zum ersten Male das alte Leipzig wieder: die alten hohen Giebelhäuser mit ihren Geschäften bis in den fünften Stock hinauf. Langsam schlenderte er die Straße hinunter. Immer aber dachte er an das eine: Morgen! – Morgen! Er suchte sich eine Gosenschenke. Es war gar keine Müdigkeit, es war nur Frische in ihm, und es war ihm gleich, daß es der Mitternacht zuging. Als er vor dem hohen Glase mit der gelben Flüssigkeit saß in der holzgetäfelten, alten Stube, in der jeder der langen Tische durch hohe Holzwände von den anderen getrennt war und so ein jeder für sich einen gemütlichen Winkel bildete, überkam ihn ein unsägliches Wohlbehagen, und er paffte den Rauch seiner Zigarre von sich wie ein junger Fant. Er bekam Lust zu sprechen. Die echte Freude ist immer mitteilsam; der echte Schmerz nur, wenn er die Grenze der Verzweiflung überschritten hat, und auch dann nur in seltenen Fällen. Er sprach mit dem Kellner, dann mit einem dicken Herrn, der sich zu ihm an den Tisch setzte, eine ganze Stunde lang, bis er wirklich drei Gosen getrunken hatte. Er schlief vortrefflich in dem guten Bett des sauberen Hotels. In seinen letzten Gedanken stand ihr Bild. Als er sich am Morgen erhob, fühlte er sich so jung, wie nicht seit Jahren. Er aß sein Frühstück mit Appetit und ergötzte sich an dem unveränderten Aussehen eines sehr langweiligen, sehr konservativen Tagblattes und der Stereotypie seiner kleinkrämerischen Inserate. Aber nicht lange. Denn alles trieb ihn hinaus: der Sonnenschein und ein starkes, drängendes Gefühl, das noch ohne bestimmtes Ziel war. Er wußte eigentlich nicht, wohin er wollte. Und doch wußte er es. So ging er über die Promenade am alten Theater vorbei und vorbei an der Kirche, der Kirche mit dem hohen spitzen Turm – hieß sie nicht Thomaskirche? –, bis er an die alte Pleißenburg kam. Hier stand er still. Wieder, wie beim Entschlummern gestern abend, hob sich von dem verwischten Grunde seiner Erinnerungen deutlich und greifbar ihr Bild, wie es sein gewesen war in einer Stunde – der letzten Stunde des Abschieds! Hier hatten sie gestanden, beschützt von den Schatten des Spätabends. Sie hatten verabredet, sich hier zu trennen, nicht in dem Gedränge des Bahnhofs. Er hatte ihr versprochen, noch in diesem Jahre wiederzukommen und selbst geglaubt, was er sagte. Er hob ihr Gesichtchen in die Höhe, um es noch einmal zu sehen in all seiner rührenden Freundlichkeit, welche er noch mehr liebte als ihre Jugend und ihren Liebreiz. Dann küßten sie sich, so lange, bis zwei halbtrunkene Studenten sie mit spöttischen Zurufen störten. – Komm ganz sicher wieder, sagte sie noch leise in bittendem Tone, in welchem sie oft sprach. Ganz sicher, ganz sicher kam er wieder ... Jetzt war er da – – –   Er war weitergegangen in tiefem Sinnen. Immer neues fiel ihm ein, nun, wo er die Stätte wieder unter seinen Füßen hatte. Jetzt wußte er, wohin er wollte und wo es war, daß sie auf ihn wartete. Und er riß sich auf. Er mußte zu ihr. Er wußte, daß er – um den kleinen Fluß entlang bis Connewitz gehen zu können – einen Teil der Stadt zu durchschreiten hatte. Dann kam er über Felder und endlich gelangte er zu einem Sommerbade, auf dessen Namen er sich vergeblich besann. Er fragte mehrere Vorübergehende, indem er ihnen dies alles beschrieb. Endlich hatte er den Namen: das Fischerbad. Nun zeigte man ihm an dem Faden dieses Namens weiter und weiter und er ging achtlosen Sinns vorbei an den neuen, großen Gebäuden und wunderte sich kaum darüber, wie weit die Häuserreihen sich gedehnt. Die Gegend wurde ganz einsam, als er die letzten Straßen verlassen. Ein Waldrand tauchte auf. Er erreichte ihn bald. Verschlossen und schweigsam lag das Bad. Eine ernste, fast feierliche Stille herrschte rings umher. Sie wollte nicht recht zu seiner erwartungsvollen, glücklichen Stimmung und dem warmen Sonnenschein passen, so fand er. Nun wußte er wieder, wo er war und ohne zu zögern fand er den Pfad. Er mußte ihm folgen, stets am Fluß entlang ... Es war kühl unter den Bäumen. Das schwarze Wasser floß träge. Kein Mensch begegnete ihm. Als er an der Wasserschänke war – einer am anderen Flußrande in ihn hineingebauten Bretterbude, wo es im Sommer Erfrischungen für die Bootfahrer gab (jetzt lag sie völlig verödet und verschlossen und seltsam klangen die Inschriften zu ihm herüber) –, fiel es ihm wieder ein: dort hatten auch sie an einem wundervollen Abend gesessen, mit jungen, lauten, lachenden Menschen, unter den blinkenden Sternen der Frühlingsnacht, unter der Hut ihres großen, seligen Glückes, das wenig Worte fand, sondern immer wieder nur Händedrücke, zarte Berührungen und lange Küsse. Mit dem Boot waren sie gekommen, mit dem Boot fuhren sie weiter ... Der alte Herr wandte sich ab. Er ging nun schnell vorwärts, immer dem Weg nach, der ihn am Flusse hinführte. Er sah nicht einmal mehr auf.   Er dachte daran, wie sie sich kennengelernt hatten, damals, an jenem Abend, als er im Stich gelassen war von seinem Freunde. Der große Trubel der Bockfeier im Kristallpalast umraste ihn und mürrisch schlich er von Tisch zu Tisch, bis er sich an den letzten endlich hinsetzte, zu dem sie gleich darauf kam, erhitzt vom Tanze und um sich auszuruhen für einen Augenblick. Was für ein liebes Gesicht sie hatte, die Kleine, sie gefiel ihm gleich, auf den ersten Blick, in allem: in der Art, wie sie den Fächer bewegte und wie ihr das einfache Kleid saß. Sie grüßte ihn mit einem Nicken, nicht unfreundlich, noch ganz gleichgültig, und sah ihn gleich an: unbefangen und unverhohlen offen, ob sie wohl zusammenpassen würden, aber ganz ohne Zudringlichkeit. Sie paßten sehr gut zusammen, wie es schien, denn an diesem Abend gingen sie nicht mehr auseinander und in dieser Nacht nicht, und in den nächsten Tagen nicht viel, nur wenn er fort mußte zu seinen Geschäften. In dieser Nacht! – – und ein anderes Bild stand vor ihm. Gegen Morgen zu schlug er die Augen auf. Ein Strahl des Mondes bebte auf dem Bette. Er sah ihre kleine Hand geballt auf seiner nackten Brust liegen. Ihr Gesichtchen hatte einen überaus reizenden Ausdruck der Befriedigung und sie atmete regelmäßig und leicht. Aus dem Hemd hervor, das sich verschoben hatte, sah eine kleine, feste, weiße Brust. Er konnte nicht anders, er mußte sie küssen. Sie erwachte sofort und lächelte ihn an. Von Müdigkeit überwältigt, schloß sie die Augen noch einmal, öffnete sie jedoch gleich wieder. Er empfand einen brennenden Durst nach dem genossenen schweren Bier. Er tappte vergebens umher nach einem Glase. – Ich hole was, sagte sie, als sie es merkte. Sie sprang aus dem Bett und schlich auf ihren bloßen Füßen hinaus, um die Wirtin nicht zu wecken. Vor ihm stehend, hielt sie das Glas voll Wasser an seine Lippen, und er trank durstig. Wieder lag das stumme, so innige Lächeln um ihren Mund ... Oh, wie er sie wieder sah, so vor sich stehen sah! – – Als sie wieder zu ihm kam, hatte der frische Hauch der Frühlingsnacht ihre Glieder gekühlt und ihre Füße waren kalt. Mit leisem Flüstern schalt er zärtlich ihren Leichtsinn, und unter seiner Umarmung fühlte er die Wärme wiederkehren in ihre zarten jungen Glieder ... Das war ihre erste Nacht, und so war jede. – Er konnte nicht anders, er gewann sie lieb, die Kleine, »die nicht mit jedem ging«, wie sie ihm einmal sagte, aber doch mit jedem ging, der ihr gefiel.   Niemals ein böses Wort, nie eine Laune. Mit allem war sie zufrieden, was er ihr vorschlug: ob er sie hierhin führte oder dorthin, es schien ihr alles gleich zu sein. Das, das war es, was er so an ihr liebte –: diese unaufhörliche Güte, die sich selbst nicht kannte und ihren Wert nicht schätzte, sondern gab und gab, als ob sich ihre Fülle nie erschöpfen könne. Wie wohl er sie empfand, die er zum erstenmal eigentlich in seinem Leben an sich selbst erfuhr! – Nie eine habsüchtige Bitte, nie eine geschmacklose Redensart. Sie nahm, was er ihr gab, als ob es selbstverständlich gewesen wäre, aber sie nahm mit derselben stillen Freude das goldene Armband, wie die erste Rose, die er ihr kaufte an der Straßenecke, und beides schien für sie den gleichen Wert zu haben. Um dankbar zu sein war sie nicht abgeschmackt genug. Sie ahnte wohl, was sie ihm gab, wenn sie es auch nicht wußte. Er konnte mit ihr überall hingehen. Sie hatte den unauffälligen Geschmack der Einfachheit, der doch so ungemein selten ist. Sie war keine große Dame, die in den Restaurants mit großartigen Fächerbewegungen ihre Ordres gab. Aber sie war auch durchaus nicht verlegen, wenn er sie in ein Lokal ersten Ranges führte, wo der Unerfahrene so leicht geblendet wird durch eine falsche und berechnete Pracht. Sie war durchaus nicht dumm. Sie hatte nichts gelernt, aber ihr Gehirn hatte früh begonnen nachzudenken in einer trostlosen Jugend, von welcher sie ihm einmal widerstrebend erzählte, als er sie fragte. Armes, kleines Ding! – Oft tat sie ihm leid, und er verdoppelte seine Freundlichkeit. Aber sie war nicht unglücklich. Er irrte sich. Wenn man sie nur ließ, wie sie war, so stand ihre Natur in einem sicheren, gesunden Gleichmaß, auch ohne äußere Hilfe. Wie er sich ihrer erinnerte! – Und wie er sie mehr und mehr wieder liebte, mit jedem neuen Zuge ihres Wesens, der sich ihm wieder offenbarte! – –   Er ging schneller. Der Wald lichtete sich schon auf dem gegenseitigen Ufer und weite Wiesen traten hervor, während sich der Weg auf dieser Seite noch immer unter den Stämmen dicht am Flusse hinzog. Wie es gekommen war damals, daß sie sich gerade hier draußen treffen wollten, daß sie ihm vorausgegangen, er in der Stadt geblieben war, wußte er nicht mehr. Aber in keinem Moment hatte sich ihr Bild schärfer und, wie er jetzt in einer schmerzlichen Freude fühlte, unvergeßlicher eingeprägt als in diesem: Als er den Weg heruntergekommen war, eilend und rot vor Erregung, spähend so weit wie möglich voraus, und sie sah in dem kleinen, halbleeren Garten der Wirtschaft, ihm entgegensehend mit Augen voll Erwartung, ihr Bier noch unberührt vor sich, den Strohhut in den Händen und diese selbst im Schoße gefaltet, und ein wenig, nur ein klein wenig – aber so selig! – lächelnd, als er nun kam. Sie sagte nichts, sie sagte überhaupt nicht viel, das kleine dumme Ding, aber sie hatte eine liebliche Art, ihre Freude auszudrücken: sie legte für eine Minute ihre Wange an seine Schultern, wie Hunde sie zeigen, wenn sie schmeichelnd an der herabhängenden Hand ihrer Herren vorbeilaufen ... Und an diesem Nachmittag, und an diesem Abend und in dieser Nacht waren sie so unsäglich glücklich miteinander! – – Sie wartete auf ihn. Wenn er jetzt die Anlagen der großen Sommerwirtschaft durchschritt und die Landstraße hinunterging bis zu der Brücke, dann lag rechts, dicht bei der Haltestelle der Pferdebahn, ein kleiner Garten, eigentlich eine große Laube, der zu der Wirtschaft auf der anderen Straßenseite gehörte, und in dieser Laube, an dem Tische, welcher zu hinterst stand, saß sie –: ihm entgegenschauend in Sehnsucht und lächelnd, nur ein wenig, aber so selig! – – Er zitterte. Er lief fast und seine Füße stolperten mehrere Male. Das war keine Erwartung mehr, die ihn jetzt trieb, es war die fürchterlichste innere Erregung. Es wurde ihm klar, was ihn hierher gebracht. Dies unklare Sehnen nach etwas Verlorenem, längst Gestorbenem und Begrabenem war wie die letzte ringende Verzweiflung, mit welcher der sinkende Schiffer das Land noch zu erreichen sucht, wie des Vogels letzter, erlahmender Versuch, mit gebrochener Schwinge sein Nest noch zu erreichen, wie der letzte, röchelnde Schrei eines Herzens, das zu lange geschwiegen, dessen letzte, blutige Tropfen in dem Sande der Reue spurlos versickern ... Und wie er dies begriff, fiel auch der Schleier der seltsamen Täuschung, in die ihn die letzten zwanzig Stunden gehüllt: noch bevor ihn die Wirklichkeit selbst zerrissen, sank er, wie eine Staubwolke, welche der Wirbelwind aufgetrieben. So plötzlich geschah es, daß er, wie von einem körperlichen Schmerze getroffen, stehen blieb. War er denn wahnsinnig? – Was ging mit ihm vor!? – Ah nichts ... Er hatte einfach einen Ausflug hierher gemacht, um vergessene Erinnerungen wieder aufzufrischen. Nun hatten diese eine solche Macht über ihn gewonnen. – – Er lachte krampfhaft. Er war ein alter Narr. Wie dumm war das alles. Aber er fühlte, wie müde er geworden war. Jeder Schritt verursachte ihm Mühe. Dennoch ging er langsam weiter. Nichts mehr trieb ihn vorwärts und am liebsten wäre er umgekehrt. Aber er sah schon die Häuser zwischen den Bäumen, während ihn die Anlagen umgaben. Dann war er auf der Chaussee. Aber er wußte es jetzt, dort – in der Laube, dort saßen höchstens ein paar schimpfende Flußknechte vor ihren Schnäpsen, oder ein schmieriger Kellner lungerte umher zwischen den öden Bänken, und die Pferdebahnwagen verließen passagierlos ihre Haltestellen, denn diese Sonne, die ihm jetzt auf einmal so ärmlich schien, wen lockt die denn ins Freie? – Er war so ernüchtert, so sehr, daß er jetzt, als er die Brücke erreichte, nur einen müden, gleichgültigen Blick über den Ort schweifen ließ, der ihm zeigte, daß alles so war, wie er es sich gedacht, nur noch schlimmer: kahl und rankenentblößt standen die Latten der Laube und bretterlos ragten die Pfosten der Bänke und Tische aus dem Moder des vorherbstlichen Laubes, welches seit Monaten vielleicht kein Fuß mehr berührt ... Eine trostlose Öde und Einsamkeit lag über diesem Fleck. Aber trostloser waren die Öde und die Einsamkeit seines Herzens.   Die Haltestelle der Pferdebahn lag so nahe, daß er das Ankommen und Abfahren der Wagen übersehen konnte. Schwer und müde stand er da, auf seinen Stock gestützt und seiner Umgebung keinen Blick mehr schenkend, bis er nach wenigen Minuten einen Wagen heranrasseln hörte. Während der langen Fahrt über ein weites und leeres Feld saß er still, vor sich hinsehend. In der Stadt stieg er aus und nahm eine Droschke, um schneller in sein Hotel zu gelangen. So sehr störte ihn jetzt alles, daß er die Vorhänge vor die Fenster zog. Und er fühlte, wie wohl ihm die einsame Dunkelheit tat, in welcher er saß. Der Portier sprang heran und öffnete den Wagen. Der Gast stieg aus. In einem Nebensaal des Speisezimmers ließ er sich decken, neben dem Fenster, und an einem Ecktisch. Er saß hier ganz allein. Draußen vor dem Fenster wogte das Leben der Mittagsstunde bunt an ihm vorbei. Er bestellte sich nur eine Speise, und als sie kam, berührte er sie kaum. Aber sein Herz begehrte nach irgendeiner kleinen, armen äußerlichen Freude, und er überlegte, wie der Vater überlegt, was er seinem kranken Kinde schenken könne, damit es einmal wieder lächle. Dann verlangte er Sekt von Roederer, den er liebte. Der Wein stand vor ihm, und er ergötzte sich einen Augenblick an der feinen, matten Farbe und dem Tanzen und Schweben der Perlen. Doch als er das Glas zum Munde hob, um es zu leeren, sah er plötzlich vor sich ein kleines Gesicht mit braunen, glücklichen Augen – ihren Augen, wie sie ihn damals angelacht, als sie zusammen Champagner getrunken in der alten Weinstube – war es nicht Äckerleins Keller gewesen? – – – und mit einer bitteren, hastigen Gebärde setzte er es zurück, daß der Wein verschüttete. Verscheuchte Freude, noch ehe sie sich äußern konnte! Wieder fragte er sich angstvoll: Was war das? – Was war das?! – Und erblaßt erhob er sich schwankend, den bestürzt herbeispringenden Kellner mit der Hand abwehrend, ging durch den Saal und die Treppe hinauf auf sein Zimmer. Dort saß er eine Weile auf dem Bettrand, bevor er klingelte. Nach einer Stunde fuhr er nach Berlin zurück. Er schlummerte etwas während der Fahrt. Am Abend saß er bereits wieder an seinem Stammtisch. Keiner fragte ihn, wo er gestern gewesen. Aber allen fiel es in der nächsten Zeit auf, wie schnell er alterte. Sie sprachen zuweilen darüber und meinten, die gewohnte Beschäftigung fehle ihm. Sie irrten sich sämtlich. Eine Erinnerung, plötzlich erwacht und nicht mehr zu bannen, verzehrte schnell den Rest seines Lebens. Ekel Ich – ich! – wohne in einem Hause, in dessen Erdgeschoß sich ein Schlächterladen befindet! – Warum ich in dies Haus gezogen bin, werde ich lachend gefragt. Aber ich sage euch, wenn man einen ganzen und einen halben Tag umhergelaufen ist, um sich ein Zimmer zu suchen, von einem Loch in das andere, so tut man zuletzt gerade das, was man nicht tun wollte, in halber Verzweiflung und beseelt nur von dem einen Wunsche: zur Ruhe zu kommen. Tagtäglich muß ich an den blutigen Fleischstücken vorüber, wenigstens sechsmal täglich, und wie ich auch die Augen schließen mag, ich sehe sie doch: die aufgeschlitzten Schweinebäuche und die abgehäuteten Kalbsköpfe, aus deren Augenhöhlen mich halbzerstochene, glasige Kugeln blödsinnig anstarren, während ich vorbeieile, betäubt von dem entsetzlichen Dunst frischen Fleisches und fiebrisch geschüttelt von Ekel , einem unsagbaren Ekel! ... Im Winter ging es noch. Da lag diese schmutzige Stadt unter einem schmutzigen Himmel und alles schwamm ineinander über in einer trüben, aussichtslosen, eintönigen Dämmernis, unter welcher hinweg der Geist in trägem, animalischem Behagen kroch von einem Tag zum andern. Aber es wurde alle? anders, denn es wurde Frühling! – Der Staub fliegt von der Straße herein und legt sich als Streusand auf die schimmernde Schrift der frisch beschriebenen Blätter ... Welch ein Leben! – O welch ein Leben! – Der Lärm der Straße weckt mich auf. Müder, als ich mich hinlegte, stehe ich auf. Arbeit bis zum Mittag. Ohne Hunger, fast nur von der Gewohnheit getrieben, gehe ich an den Häusern entlang in einen großen, häßlichen Saal. Dort beginnt mit der zwölften Stunde eine enorme, geräuschvolle Abfütterung von vielen Menschen an hundert Tischen, die mit entsetzlichen, bunten Lappen behängt sind. Ich schlinge meinen Fraß hinunter. Er ist weder schlecht, noch gut. Alles schwimmt in einer Brühe; so wird er halb gespült, halb gewürgt. – Ma–a–hlzeit ... Ma–a–ahl–zeit ... Nein, wie ich dieses Wort hasse! Ob gesättigt, ob ungesättigt, vom Morgengrauen bis zum Abendsinken blökt sich dieses ganze Volk mit diesem fettigen, schleimigen, selbstzufriedenen Wort an, in welchem kein Sinn und kein Verstand ist. Ich höre es immer. Ich kann ihm nicht entgehen. Noch wenn ich im Sterben liege, werde ich es hören müssen: »Ma–aa–hlzeit! – Ma–ahl–zeit« – ja, für die Würmer! Ich sinke, wieder zu Hause, in einen bleiernen Schlaf, den mir die Nacht nicht gibt. Kein Lärm vermag mich mehr zu erwecken, aber das Zwitschern der Vögel in dem einzigen Baume dieser Straße, das in meine schweren und dumpfen Träume klingt, ruft mich zur Wirklichkeit zurück. Arbeit bis zum Abend. Ich höre es dem Knirschen meiner Feder an, wie widerwillig sie folgt. Zwischen die Häuser haben sie ein paar Bäume gesperrt. Das nennen sie Garten. Aber die Bäume sind doch grün geworden. Es ist wunderbar. Dort sitze ich jeden Abend von sieben Uhr bis Mitternacht. Mehr darf ich nicht sehen vom Frühling, oder ich werde rasend und laufe davon und kehre nicht mehr zurück und muß irgendwo verhungern. Nein, mehr darf ich nicht sehen ... Wieder würge ich etwas hinunter. Die Stühle füllen sich langsam mit Menschen. Um acht Uhr fangen drei Kerle an, ein sogenanntes Konzert zu geben. Sie lärmen bis elf Uhr auf einem Klavier, einer Geige und einer Bratsche herum. Dieser Lärm wirkt beruhigend auf mich. Mein Ekel verkriecht sich irgendwo hin und verhält sich ruhig. Ich trinke und rauche fortwährend. Neulich abend habe ich es auf dreizehn Glas Bier und acht Zigarren gebracht. Gewöhnlich ist das Verhältnis acht zu sechs. Für diesen Genuß habe ich mich an die Arbeit verkauft, welche meinen Frühling mordet. Von den Nächten – von den Nächten will ich schweigen ...   So ist mein Tag, so ist ein jeder meiner Tage. Doch anders ist mein Traum. Zuweilen – wenn meine Feder innehält mit dieser entsetzlichen Schreiberei: der »realistischen«, geradezu brutalen Ausschlachtung irgendeines fremden Menschenschicksals, das mich nicht einmal zu interessieren vermag, dann träume ich ihn.   Mein Fuß schleift seine Sohle durch diesen Schmutz, aber meine Sehnsucht wandert hinaus. Ihr könnt sie nicht halten ... Versucht nicht auch das noch! Sie wandert zu dir, der du die Liebe bist und die Schönheit dein eigen nennst. Sie durchschreitet die klirrende Pforte deines Parkes, die nur mir sich öffnet und die sich schließt hinter mir. Sie kennt jeden Weg in dieser stillen Weite und mühelos findet sie den rechten zu dir. Schon ist es Abend, und seine Schatten schleichen umher unter den hängenden Zweigen gleich nächtlichen Dieben. Aber ich achte sie nicht und wehre den Ästen, die mich hindern wollen. Leise knistert der Kies unter meinem Fuße, und ängstlich flattert der Fittich eines aufgescheuchten Vogels. Auseinander mit den Zweigen! – – – Der See liegt da, versilbert von den Strahlen des nächtlichen Lichtes, des Lichtes, das dich mir zeigt: in weißem Gewände stehst du unbeweglich auf der zweiten jener Stufen, die zu der Bank führen, auf der du mich erwartet hast, immer, immer, wie oft ich auch kam ... So unbeweglich stehst du heute wieder da, daß ich einen Augenblick stocke – nur einen Augenblick –, denn schon lockst du mich mit einer leisen Bewegung deiner Hand und mit dem erstickten Laut verzweifelnder Erwartung. Ich stürze auf dich zu und trage dich die Stufen empor. Du weinst, du weinst, du mein Kind, mein Weib, mein Freund – Geliebte, du weinst?! – Laß mich es sehen, bevor ich es küsse, dein bleiches Gesicht. Beuge es nieder, damit der Mond es mir zeigen kann. Es ist bleich, wie die Rose, die dort auf den Wassern schwimmt – – und doch, wie ist es so schön! Es ist stolz, wie die Einsamkeit, in seiner unbewegten Gleichmäßigkeit – und doch, wie schön ist es! Es ist krank, dein Gesicht, aber es ist schöner, als jemals eines, das die Farbe der Gesundheit schmückte ... Deine Stirn, deine Augen, deine schwarzen, sehnsüchtigen Augen, und ihre Wimpern, ihre langen Wimpern, die blassen, kühlen Wangen, ihre durchsichtige Haut, dies schmale Oval deines Gesichtes erzählt mir immer wieder die Geschichte deines Lebens. Ich greife dich bei den Händen und ziehe dies betäubte und willenlose Haupt zu mir empor und küsse die blutende Wunde deines Mundes in maßloser Seligkeit, in maßloser Seligkeit! – – Und da ich fühle, wie meine Glut deine schlanken kalten Glieder durchschauert, küsse ich nicht mehr deinen Mund allein – nein, ich küsse die blauen Adern deiner Schläfe, deinen reizenden Hals und die weiße Seide, welche mir deine Brüste mißgönnt ... Ich löse den griechischen Knoten deines Haares und berge meine tagesheiße Wange in den duftigen, weichen Strähnen ... Da lächelst du, lächelst zum erstenmal und ziehst mich näher zu dir heran, damit ich das Schlagen deines Herzens höre, deines starken, großen, einsamen Herzens. Dieses Herz, das ich brach! Es liebt mich noch immer. Es weiß nichts von Vergebung, denn es kennt keine Schuld. Es klagt nicht; es leidet in Schweigen. Es wird nie freiwillig entsagen, nie wird es lassen von dem, was es liebt, ehe es muß. Ich habe es gebrochen, aber es ist mein, und noch höre ich sein Schlagen, das zitternde Schlagen deines starken, großen, einsamen Herzens! Aber warum sprichst du nicht? Sage mir ein Wort! – Sprich zu mir! Du schweigst. So will ich dich fragen. Sage mir, du Haupt, das an meiner Brust ruht, dessen Augen mich ansehen, und dessen Mund sich bereits zum Reden öffnet, sage mir, daß du mich liebst! Da lächeln die Augen, aber der Mund bleibt stumm. So sage mir, ob du meiner gedacht? – Da flieht das Licht deiner Augen nach innen, aber der Mund gibt mir nicht Antwort. Soll ich dir drohen, schweigsame Liebe? Ich muß bald gehen, bald ... sage ich. Da richtest du dich empor, weiße Gestalt, die schlanken Finger packen meine Schultern wie die Pranken einer Löwin, und du sagst dreimal: Nein! – nein! – nein!! – – O du meine törichte Weisheit! Ein Schauer geht durch deine Glieder. Es ist die Kühle des Abends ... Ich hebe dich empor, wie ein Kind, und – leb wohl! du nächtlicher See ... lebt wohl! ihr winterlichen Schwäne ... – und wandeln den Piniengang hinab zu deinem weißen Schloß. Und wieder durchfliegt der Schauer deine Glieder; ich fühle es, wie wir dahin gehen. Doch bevor noch das Licht der Terrassen auf uns fällt, stehe ich still: Du mußt es mir sagen! – Und du hebst dein bleiches Gesicht, deine Augen füllen sich mit den Tränen, die dein Herz geweint, und langsam, mit qualvoller Stimme, entringt es sich deinen Lippen: Die Tage sind zu lang! – – Ich ertrage sie nicht! – – Ich kann dir nicht antworten. Ich küsse dich nur, wie ich dich nie geküßt, und du verstehst mich! ... – Alle Türen stehen offen, durch alle Fenster bricht das Licht deines festlichsten Saales auf den weißen Marmor der Treppen und die gelben Rosen des Geländers. Niemand erwartet uns. So willst du es: keine Diener, keine Augen. Nur Gentle, dein großer Bernhardiner, kommt uns majestätisch entgegen, wendet sich wieder und geht uns vorauf, der einzige, verschwiegene Wächter unserer Liebe. Ich esse kaum. Ich sehe nur immer aut deine Hände, deine weißen, kühlen Hände. In diesen zarten Fingern mit den schmalen, festen Nägeln liegt eine seltsame Kraft. Ich will sie spielen sehen. Sie greifen stundenlang in meisterhafter Behandlung die harten Tasten und ermüden nie. Dein Gesicht spricht von deinen Leiden; deine Hände davon, wie sie es ertragen! – Spiele nicht mehr! – Wenn wir den Tag verlängern, ist die Nacht zu kurz. Komm wieder an meine Brust, du mein zweites, geheimnisvolleres Leben, denn ich begehre dich! – Dieser Marmor deiner Gemächer, dieses Silber deiner Leuchten, diese Seide deines Gewandes – tu sie von dir und komm zu mir, als das nackte und schüchterne Kind der armen Einsamkeit ... Aber ehe du kommst, stelle dich noch einmal, wie damals, dorthin – in den Schein des Mondes; erhebe dein königliches Haupt und den Arm; sieh nicht mich an; sondern die ferne Grenze deiner Gedanken; sammle in tiefem Atemholen die Kraft deiner sonoren Stimme; befiehl den Flügeln deiner unerreichbaren Begabung: fliegt! –; lege die Hand auf den Kopf deines Hundes und sage mir jene Verse sieg- und glorreicher Liebe, jene südlich-schönen Strophen voll unsäglichen Wohllauts und triumphierender Schönheit, aus dem tiefsten Schmerze geboren, um der höchsten Freude zu dienen, damit sie mich überrinnen, wie die Ahnung des Glückes, das mich durch dich erwartet! ... Denn du sprichst sie einem Dichter ! –   Dies ist nicht dein Garten und nicht dein weißes Haus: dies ist die schmutzige Stube – ein Chambregarni – in einer schmutzigen Straße irgendwo in Berlin. Dies ist keine Nacht, keine segnende Nacht: dies ist der öde und gehaßte Sommer mit seiner erstickenden Hitze und seiner aufdringlichen Helle. Dies ist kein Leben in Liebe: dies ist das Leben eines Kettenhundes, welcher auf faulendem Stroh, vergessen von allen, verreckt. Denn ich schreibe ja Zeilen, das Stück zu fünf Pfennige, und ich darf nicht einmal schreiben, was ich will! Und wie ich erwache aus meinem Traume, steigt in entsetzlichen Strömen der Dunst des frischgeschlachteten Fleisches zu mir empor, daß ich das Fenster heulend zuschlage und nun in dieser verpesteten Höllenglut sitze, sitze und der Ekel mich würgt, bis ich röchelnd ersticke. Das ist nicht amüsant ... nicht einmal als Kontrast! – Ja, die Tage sind zu lang! – Aber viel länger noch sind die Nächte danach, die Nächte ... Der Sybarit Wenn ich an diesen Herbst denke, diesen milden, ernsten, wundervollen Herbst, beschleicht mit Macht mein ganzes Wesen die stille und große Freude der genossenen Schönheit. Und ich begehe die Tage wieder, wo mein Herz so unruhig und mein Geist so traurig war und beide sich doch nicht verschließen konnten der wunderbaren Feier des Abschieds ringsumher ...   Es war in Genf, der Stadt, die – schon berührt von dem Hauche südlichen Frohsinns – so majestätisch und selbstbewußt die Krone eines der schönsten Seen der Welt trägt. Nie glaubte ich den Himmel blauer, einen See von tieferem Grün, Schnee von blendenderer Weiße gesehen zu haben, als diesen Himmel, dieses großen und weiten Beckens Gewässer und diese leuchtenden Eisgefilde des Mont-Blanc, der so nah schien und doch so fern war. Aber über all diese Pracht sank schon der erste Hauch der Schwermut, als ich ihn kennenlernte, vielleicht nicht einmal den interessantesten, und sicher auch nicht den bedeutendsten, ohne Zweifel aber den glücklichsten von allen Menschen, den bewußt glücklichsten, will ich lieber sagen, dem ich je begegnet bin. Noch heute wirkt der Einfluß seiner Art in mir fort und schon jetzt, während ich die ersten Zeilen schreibe, um ihn zu schildern, fühle ich, wie meine Worte ruhiger werden, wie der Schlag meines Herzens sein Hasten einstellt und stetiger geht. Sie wird eine große Freude für mich werden, diese kleine Arbeit. Ich fühle es. Denn ich schreibe dies auch für mich – und vielleicht in erster Linie für mich –¦ nieder ... Wie ich ihn kennenlernte? – Schon der Beginn war seltsam genug. Ich stand in einer französischen Buchhandlung und sprach mit dem Chef der Firma über ein deutsches Werk. An einem Seitentische lehnte ein älterer Mann, der mir den Rücken zuwandte, einen mächtigen Nacken. Ich merkte, wie einer der Kommis, der mich kannte, auf ihn nach einer Weile zuging und ihm etwas sagte, wobei er zu uns hinüberdeutete, wie der Fremde das Buch fallen ließ, in dem er geblättert, und auf mich zukam. Ich sah in ein seltsam interessantes Gesicht: bartlos und fast mager mit starkem Kinn und Nase, hoher Stirn, leuchteten unter starken Brauen ein Paar Augen von solch starker, zwingender Friedensruhe und solch tiefem, innigen Glücksausdruck mir entgegen, wie ich sie nie gesehen. Und wie er mir seine Hände entgegenstreckte, seine großen, breiten und weichen Hände, sagte er, einmal auf französisch und dann noch einmal auf deutsch, mit einer Stimme voll Kraft und Wohllaut: – Welche Freude! – welche Freude! Ich sah den Besitzer des Geschäfts fragend an. – Monsieur Germann, sagte dieser. Unser Gespräch war im Gange. Ich weiß kaum mehr, wovon wir sprachen. Er habe meine Bücher gelesen, er lese jetzt so viel – was für traurige Bücher! – Wie schön Genf sei, nicht wahr? – Ob ich diesen Abend ihm schenken möge? – Und ob ich mit ihm essen wolle? Ich nahm alles an: seine Urteile und seine Einladung. Schon übte er einen großen, großen Zauber auf mich aus, und schon gab ich mich ihm hin. Wir gingen. Als wir auf der Straße waren, blieb er vor mir stehen und sah mich wie prüfend an, so daß ich lächeln mußte. – Jetzt weiß ich es wieder, sagte er, ich kenne Sie. Ich habe Sie schon einmal gesehen. Er nannte Ort und Tag, wo es gewesen sein sollte, und beides konnte stimmen. Aber er beobachtete nicht nur mich, auch ich sah ihn mir an, wie wir so dahinschritten. Was bei seiner Kleidung zuerst auffiel, war die große Einfachheit und Bequemlichkeit: weite Schuhe und Hosen, um den Leib eine breite schwarze Binde, keine Weste, ein rotseidenes Hemd (ohne steifen Kragen), über das ein langer, englischer Selbstbinder herabfiel, eine bequeme Joppe, ein weicher Hut aus leichtem Filz, ein leichter Stock – das war das Äußere dieser Erscheinung. Auffallend war ferner die bequeme Anmut und Lässigkeit all seiner Bewegungen: kein Überhasten, nichts Eckiges, nichts Nervöses. Sein Gang war ein Schlendern, aber ein überlegtes Schlendern ohne Trägheit ... Es war der Schritt eines Mannes, den nichts drängt und den nichts beschwert, eines Menschen, der die Erwartung einer großen Freude in sich trägt, aber sich den Genuß dieser Erwartung nicht durch Eile verkürzen will ... Ich mußte meinen für gewöhnlich hastigen Schritt dieser Bequemlichkeit anpassen, und ich tat es nicht ungern. Wir gingen über die große Brücke, und die hellen, weitgeöffneten, freudigen Augen meines Begleiters sahen alles: den See und die Menschen, und mehr als einmal blieb er stehen, als könne er sich nicht satt trinken an der Schönheit um uns her. Unser Gespräch ging neben uns her, ohne uns zu stören. Er führte mich in die Taverne anglaise, dieses einfache und doch so unbeschreiblich behagliche kleine Restaurant, mit seiner originellen Küche: seinen englischen Grillsteaks, seinen deutschen Gemüsen, seinen französischen Weinen ... Ich hasse die großen Abfütterungstische der Pensionen, wo die Zimmer angefüllt sind mit jenem ewigen Fettgeruch und die Essenden ihre Ellbogen aneinander scheuern, und ich hatte daher seit sechs Wochen in Bier- und Weinhäusern meist schlecht und immer teuer gegessen. So war dies das erste, für das ich ihm dankbar war, sehr dankbar sogar, denn ich habe, so lange ich in Genf war, an keinem anderen Ort mehr meine Mahlzeit genommen. An diesem Abend aßen wir das Diner, aber wir tranken einen anderen, besseren Wein als den roten Tischwein. Der alte Herr wurde mit offenbarer Auszeichnung behandelt, und wenn sie der Art und Weise galt, wie er aß und trank, so war sie vollauf verdient. Denn er aß mit augenscheinlichem, wirklichem Genuß, nicht alles, was aufgetragen wurde, aber doch genug, und während wir plauderten, über nichts und über alles, sagte ich mit einer gewissen Ironie zu mir: Was für eine fabelhafte Fähigkeit dieses alte Original hat, sich zu freuen – erst freut er sich an einem Buch, dann an der Bekanntschaft mit dir, dann an dem See (und da hat er allerdings recht) und endlich an diesem Beef. Ich bin begierig, was alles noch folgen wird! ... Als ob er gemerkt hätte, woran ich dachte, sagte er in diesem Augenblicke: – Ich habe Sie damals, als ich Sie zum erstenmal sah, essen sehen. Sie aßen, als wenn Sie eine Pflicht zu erfüllen hätten. Und doch sollte diese Stunde eine Stunde des Genusses für uns sein. Sie aßen hastig. Aber was treibt Sie, eine halbe Stunde früher fertig zu sein? Ich habe wenig Gedanken und Sie haben viele, und doch weiß ich, wie mein Geist sich freut, wenn ich meinen Körper erfreut habe mit den Gaben der Erde – warum also? Ich schwieg, so betroffen war ich. Es schien mir, als habe er die vielen guten Gedanken und ich die wenigen. Diesen wenigstens hatte ich noch nicht gehabt. Und da ich schwieg, fuhr er fort mit seiner ruhigen, langsamen Stimme, die so unendlich überzeugend war, da er nur für sich zu sprechen schien: – Und glauben Sie mir, es bekommt besser. Er sagte das so einfach, so unaufdringlich, fast gleichgültig die Worte hinwerfend, daß ich es ihm nicht übel nehmen konnte. Außerdem hatte er recht. Ich habe lange Zeit das Essen nur als ein Mittel angesehen, mich zu erhalten, ohne Selbstzweck, und hatte viele Rückfälle in diese alte Gewohnheit ... Er legte mir vor: ein zartes Bruststück. – Nehmen Sie doch noch von diesem Huhne. Es ist nicht schlecht, wenn auch ein wenig zu stark gebraten. Er war so gütig gegen mich, und doch sagte ich: – Welches Talent doch viele Menschen haben, sich zu freuen! – Oh, sagte er. – Finden Sie das wirklich? – Ich kann es kaum glauben. Ich denke im Gegenteil: wie enorm gering das Talent zur Freude ist. Das sich zu ärgern erscheint mir weit größer. Sie zum Beispiel ärgern sich jetzt eben ohne allen Grund darüber, daß ich mich freue. Ich mußte lachen, und er lachte mit. Dann tranken wir wieder; ich schnell, er langsam: einen bedächtigen, tiefen Zug, der ihm auf der Zunge von selbst verging. Was für eine gute Antwort das eben gewesen war! Fast hätte ich mich wieder geärgert, daß sie so gut war.   Wir nahmen unseren Kaffee und rauchten. Er tat beides in ganz kleinen Zügen, nur mit einer unendlichen Sorgfalt in den Bewegungen. Seine Upman war ausgewählt. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und sah mich unverwandt an, mit seinen ruhigen, sicheren Blicken. Eine brennende Lust war in mir aufgetaucht, ihn näher kennenzulernen, als ich ihn plötzlich fragen hörte: »Wie ist es?« sagte er. »Die Dämmerung ist noch nicht da. Ich wohne eine Stunde von Genf, eine Stunde zu gehen. Aber wir können auch das Bateau nehmen. Wie ist es, wollen Sie diesen Abend bei mir verbringen?« Als er sah, daß ich zögerte, denn ich hege gegen jede Beschlagnahme meiner Person einen instinktiven Argwohn, fügte er hinzu: – Wer weiß, ob wir uns je wieder begegnen. Und ich würde mich sehr freuen, wirklich sehr ... Das sagte er so ernst, daß ich meinem heimlichen Wunsche gern nachgab. Als wir uns erhoben, sprach er erst noch einige lustige Worte mit der freudig errötenden Wirtin, einer jungen Französin, streichelte einen herrlichen Hund, der auf dem Boden lag, wechselte einen Handschlag mit seinem glücklichen Besitzer, einem jungen Mann, den er Astruc cadet nannte, und den er mir empfahl. Wie hätte ich damals ahnen können, daß ich beider Geschichte einmal schreiben würde! – Denn auch Astruc cadet will ich eines Tages schildern, den kleinen Lebensbummler, den mein neuer Freund an diesem Abend gelegentlich noch einen Sybariten der Freiheit und einen kompletten Anarchisten nannte ... Der Abend begann und seine ersten Schleier fielen über die leuchtenden Farben des Tages. Wir überschritten abermals die majestätische Brücke, unter welcher hinweg die Rhonegewässer mit brausendem Jubel dem See entflohen, durch den schönen Garten am See und an diesem See entlang, durch den ganzen Stadtteil hin, der den reizvollen Namen der »lebenden Wasser« von jenem mächtigen Strahl empfangen hat, dessen grandiose Kraft an festlichen Tagen so oft schon mein Entzücken gewesen, wenn der Wind ihn packte und beide miteinander rangen, daß die glitzernden Wasserfetzen weithin flogen und fielen ... Heute schwieg dieser einzige Kampf. Wir gingen weiter. Der See, den nun ein silbergraues Gewand geheimnisvoll verhüllte, blieb zur Seite, und weite und stille Täler nahmen uns auf, wo die helle Landstraße breite Wiesenflächen durchschnitt, um an bewaldeten Hügeln gemächlich wieder aufzusteigen zu Weilern, welche die Kuppen mit ihren Häusern bezogen. Ein so großer Friede lagerte über dieser abendlichen Wanderung, ich wußte es nicht mehr: schmiegten sich die Worte meines Gefährten unter den Schutz dieser herbstlichen Ruhe oder ging sie von diesen Worten selbst aus, die so lässig fielen, wie die gelben Blätter von den Sträuchern am Wegrand? – – Ich weiß heute nicht mehr, was er gesprochen hat auf diesem Wege, aber ich weiß noch gut, wie wohl mir der tiefe Klang seiner Stimme tat. So ging unser Weg hin: über Hügel und durch Täler – bald lagen stille Wiesen und braune Felder weit ausgedehnt um uns, bald umhüllten uns die Gesträuche zu Seiten der Straße mit einem schützenden Schirme. Eine neue Höhe war erreicht, und wieder sahen wir den See zur Linken. Der erste Schlummer der Nacht hatte ihn befallen, aber noch immer rollte der kühlere Abendwind seine Wellen in fröstelndem Erschauern zusammen ... Wir waren wohl eine Stunde gegangen, so bequem und nachlässig, daß ich wünschen mochte, den ganzen Abend so weiter zu gehen bis in die Nacht hinein und dem Morgen entgegen. Ein Wirtshaus lag am Wege zu Beginn eines neuen Dorfes. Eine laute und lustige Schar belagerte die hölzernen Pfahltische und alles trank Most – die perlgraue, herbe, gärende Flüssigkeit des neuen Weines: dankbar und freudig über das gute Jahr. Mein Begleiter grüßte hinüber und man grüßte ihn wieder mit Zuruf und Winken. Doch verweilten wir nicht. Ich fragte: »Sie sind sehr bekannt hier?« ... – Ich kenne die Leute nicht. Aber sie sind fröhlich und ich bin fröhlich und wir haben die Freude in uns erkannt und begrüßt. Am Ende des Fleckens erhoben sich plötzlich wieder neue Villen: wunderbare, weiße Bauten, groß und weit wie Schlösser und aus dem Dunkel hervorleuchtend wie weiße Rosen aus dunklen Hängen – Marmor und Granit. Dazwischen ältere, zeitengraue, einfache Landhäuser, umfriedet von hohen Gipfeln und umgrenzt von Gärten, die grenzenlos schienen in ihrer raumverschwenderischen Ausdehnung. Und in einem solchen Gartenpark lag das Haus, in das er mich führte. Es war ein altes Landhaus, von seinen Bewohnern während des Sommers verlassen bis in den Herbst hinein; hier hatte er zwei leere Zimmer genommen, wie er mir sagte ... Ein alter Diener kam uns entgegen. Mein Begleiter begrüßte ihn wie einen alten Freund. Ich wurde von ihm in das Zimmer geführt, dessen blendend erleuchtete Fenster ich schon von unten gesehen. Niemals vorher hat ein Raum auf mich einen so seltsamen Eindruck gemacht. Es war etwas Neues, das ich zu sehen bekam. Und dabei so einfach, so lächerlich einfach – – Ich muß ihn genau beschreiben. Ein schwerer, dunkler Teppich von tiefem Rot über den ganzen Boden hin, und an den Wänden kreuzweis vier bis fünf ganz niedrige, fußlose Sofas – ich kann sie nicht anders nennen als Matratzen, Matratzen von enormer Breite und einladender Weichheit, dicht überhüllt mit Fellen und Stoffen, deren Namen ich nicht einmal kannte, und beladen mit einzelnen Kissen von gleicher Breite und schwellenden Polstern. Und außer diesen nichts in dem ganzen Raum, nichts als zwei oder drei kniehohe Tischchen, einige Bände Bücher hier- und dorthin verstreut, an den Wänden ein paar große Bilder: Radierungen von Landschaften, von französischen Meistern, wie mir schien, und von der Decke herunterbaumelnd in leiser Schwingung über jedem dieser seltsamen Betten eine tiefhängende Ampel, verschieden jede in Form und Kunstwert ... Nichts sonst, wahrhaftig nichts. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Schrank, kein Gerät irgendwelcher Art ... Und der ganze Raum gewann so, da nichts den Boden über Kniehöhe überragte, eine Weite für das Auge, die er nicht besaß, und der erste Eindruck, den seine Einrichtung machte, war der eines unerhörten Raffinements ... Aber dazu war all dies eigentlich viel zu einfach – nein, ich hatte noch kein Urteil: ich war verblüfft, und ich war in gewissem Sinne bestürzt, bestürzt zunächst über mich selbst, der ich einen so zwingend selbstverständlich-einfachen Komfort noch so wenig geahnt. Das machte mich noch stiller. Ich stand stumm noch in dem dämmernden Lichte, als Germann wieder eintrat. Er hatte nur die Beschuhung und den Rock gewechselt und fragte mit keinem Worte, wie mir das alles gefalle. Aber das behagliche Dehnen der Arme verriet seine Freude, wieder hier zu sein. Er warf sich auf eines der Ruhebetten und forderte mich mit lässiger Handbewegung auf, ein gleiches zu tun. Es war immer noch still zwischen uns, als der alte Diener wiederkehrte. Er trug – sorgsam wie ein Heiligtum – ein Tablett und setzte es nieder auf einen der kleinen Vierecktische, die so niedrig waren, daß der Arm sie im Liegen bequem erreichen konnte. Es wurde eingeschenkt: aus einem mit Kupferreifen beschlagenen Eisenkrug mit gewölbtem Bauche und engem Halse floß ein bernsteingelber Wein – weißer Bordeaux, wie ich hörte – langsam in hohe venetianische Kelchgläser. Mit einer fast zärtlichen Dankbarkeit in Wort und Handschlag sagte dann erst Germann seinem alten Diener gute Nacht, bevor wir tranken. Wir waren nun allein, und eine Stimmung strömte herein zur offenen Balkontüre, wie sie unmittelbarer mich selten beglückt. Kam sie herein mit dem Nebel von der Fläche des Sees, mit dem Duft aus den Kelchen der Spätherbstrosen, mit den weißen, flimmernden Strahlen des Mondes? – Ich wußte es nicht, aber sie verwebte sich mit den Wolken des besten englischen Tabaks, den ich je geraucht, mit dem Rausche des herrlichsten Weines, den ich je getrunken, mit den glückgeschwängerten Worten einer wohllautenden Stimme, mit dem Frieden des Abends und dem grundgütigen Lächeln der Weisheit auf jenes seltsamsten Menschen Munde zu einem Abend – unerhört, unbeschreibbar, unsagbar und unvergessen. – O Germann, du Sybarit! Er lag dort, ich lag hier – und das Licht der Ampeln floß über uns hin. Neben jedem stand sein Krug, sein Glas, lag, was er brauchte. So sprachen wir zusammen, Angesicht in Angesicht. Und er erzählte mir die Geschichte dieses Glückes, um die ich ihn nun mit innerlicher Erregtheit bat.   – Ich war fast fünfzig Jahre alt geworden, als die große und gärende Unzufriedenheit, in der ich seit fünfzehn Jahren dahingelebt, zum Durchbruch kam. Daß meinem Leben das Beste bisher gefehlt hatte, ahnte ich lange. Noch wußte ich nicht, was dieses Beste war, und ob es überhaupt möglich für mich sein würde, es zu finden. Aber eines wußte ich: daß ich nicht mehr so weiter leben durfte, wie ich gelebt hatte, und daß ich nicht sterben konnte, ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben, das zu suchen, was mir gefehlt ... Noch sagte ich niemandem etwas von meiner Absicht. Ich hatte eine große Rechnung aufzustellen und um die Bilanz – ohne Übereilung und ohne Störung – ziehen zu können, begab ich mich wochenlang, natürlich allein, an einen stillen und schön gelegenen Ort. In diesen Wochen dachte ich ausschließlich an mein Leben: wie es gewesen war und wie es noch werden könnte; und wie die Wochen vergangen waren, stand mein Entschluß unabänderlich fest. In der ersten Zeit war ich befallen von einer namenlosen Traurigkeit. Was ich erkannte, war trostlos. In meiner Jugend hatte ich dahingelebt: ihre sogenannten Freuden mit verschwenderischer Kraft genossen. Aber es war kein Genießen in Besonnenheit gewesen, und hundertfach größer hätten sie sein können. Glücklich gewesen war ich nicht. Dann hatte ich mein ganzes Leben lang gearbeitet. Man sagt, daß die Arbeit das Glück ist. Ich bezweifle es, wenigstens war sie es nicht für mich. Was sollte das wohl für ein Glück sein, den ganzen Tag Zahlen aneinanderzufügen und auf einem Kontorsessel zu sitzen, während die Sonne zum Fenster hereinscheint? – Ich hatte eine Frau, die mich nicht zur Ruhe kommen ließ und ich hatte Kinder, welche mich zwangen, mich viele, viele Nächte lang in qualvollen Sorgen umherzuwälzen. Es war das alles kein Glück, denn ein zeitweiliges Glück ist nicht das Glück. Was soll ich noch weiter von meinem Leben sagen? – Es war das Leben aller Menschen: ein Hasten und ein Drängen. Aber es war kein Genießen. Und so prüfte und prüfte ich Tage und Tage, und die Nächte, welche zwischen den Tagen lagen, und fand, daß das Leben, das ich bisher geführt, nicht wert war, gelebt zu werden. Und als ich das erkannt hatte, stand ich vor der Entscheidung: dies Leben zu enden oder ein neues Leben anzufangen. Ich begann den zweiten Teil meiner Untersuchung: ob ich noch stark genug war, dies neue Leben zu beginnen, ob es noch der Mühe wert, ob es nicht schon zu spät war. Ich war noch nicht fünfzig Jahre alt. Ich prüfte meinen Körper und fand, daß er gesund war; ich prüfte meinen Geist und sah, daß er ungeübt und schwerfällig, aber willig und durstig, ja unendlich durstig war. Nur langsam begann in mir das Licht der großen Freude aufzuleuchten, welche nun mein ganzes Sein durchwärmt und wächst und wächst von Tag zu Tag, je mehr ich sie verstehe ... Ich konnte noch zehn, ja noch zwanzig Jahre leben: das sind viele Tage und unendlich viele Stunden, und meine Hoffnung wurde zur Gewißheit. Da reiste ich ab. Nichts in der Welt hätte mich mehr abhalten können, das zu tun, was ich jetzt tat. Ich teilte mein Geld, das ich mir erarbeitet, in drei Teile. Ich gab den einen meiner Frau, den zweiten meinem Sohne. Meine Tochter war so gut verheiratet, ihr Mann war so reich, daß ich es für unsinnig gehalten hätte, ihren nutzlosen Reichtum – jetzt hielt ich ihn bei ihr für nutzlos – noch zu vermehren. Dann verließ ich die Frau, die mich nicht so nötig hatte, wie ich die Freude. Sie war erst zornig und sagte, ich sei ein alter Narr. Da hatte sie recht; ich wollte ja jetzt beginnen, ein junger Weiser zu werden. Sie wurde traurig und sagte, ich liebe sie nicht mehr. Da hatte sie wieder recht. Wenigstens liebte ich nicht mehr so, um mich ihr länger opfern zu können. Meinen Kindern antwortete ich nicht. Das war die erste Probe, die ich bestand. Das Wichtigste unter allem war jetzt für mich geworden, keine Zeit mehr an das alte Leben zu verlieren. Ich hatte mir daher vorgenommen, mir nicht mehr als drei Stunden von meinem Leben nehmen zu lassen und all dies nahm mir immerhin fünf ... Ich bedauere zwei von ihnen noch heute, soweit ich überhaupt etwas bedauere ... Niemand dehnt sich in einem weichen Bett so behaglich, als der, welcher in einem harten geschlafen. Das merkte ich jetzt in einem Maße, wie ich es selbst nicht geahnt hatte. Freude, Freude – war die Losung meines neuen Lebens: reuelose Freude, gestern und heute und morgen, alle Tage, Stunde für Stunde. Ich nahte mich ihr wie ein junger Geliebter in unbeschreiblicher Sehnsucht. Und wie nahm sie mich auf! Als sei sie glücklich über mein Verständnis, so erschloß sie mir all ihre Reize, nach und nach, indem sie mich suchen und finden ließ, alles, was ich noch erst ahnte ... O Freude, liebe Freude, du bist das Leben, du bist mein Leben!– – Germann hatte geendet.   Ich sprach zuerst kein Wort. Erst war es mir, als müßte ich in ein lautes Lachen ausbrechen. Aber dann – war es der Wein, die Nacht, die ganze Umgebung? – stieg ein ganz seltsames Gefühl in mir auf, das – ich fühlte es jetzt – mich diese ganzen letzten Stunden, seit ich diesen Mann gesehen, umschlichen und umlauert. Schwer, schwer sank es auf mich herab ... Ich sprang auf von meinem Lager und ging in dem weiten Räume, in dem alles den Laut der Stimme und der Schritte dämpfte, zweimal auf und nieder. Er achtete nicht auf mich und sagte nur noch, wie zu sich selbst: – Ich weiß nicht, wo ich sterben werde und ich weiß nicht, wann ich sterben werde, aber das weiß ich, daß ich mir zuletzt sagen darf: Du hast fünfzig Jahre verloren, aber du hast sieben, zehn, zwölf, zwanzig gewonnen ... Dann lächelte er. – Ich glaube fast an zwanzig ... denn die Freude macht mich wieder jung, Sie glauben gar nicht, wie sehr sie erfrischt und belebt ... Oh, die Freude! ... Und er hob sein Glas langsam, blickte mich an, tat einen seiner langen und langsamen Schluck und legte sich behaglich zurück ... Aber mir war durchaus nicht so behaglich zu Mute wie ihm: entweder war das, was er gesprochen, das Vernünftigste, was ich je in meinem Leben gehört, und dann war ich noch weit entfernt von der Vernunft, oder dieser alte Mann war ein kindischer, übergeschnappter Alter, der sich einbildete, der Himmel sei die Erde und er in ihm ... Ich begann ihn zu fragen, hastig und erregt. Doch er schüttelte den Kopf: – Nein, nicht so! ... nicht so! – Fragen Sie mich, und ich will Ihnen gern antworten, aber stören Sie nicht die Harmonie dieser seltenen Stunde, die hergekommen ist auf den weichen Schwingen der Nacht und uns nur um das eine bittet: sie nicht zu verscheuchen mit dem Poltern des Tages ... Nein, nicht so ... Ich stand still und sah ihn an. Ich hätte mich auf ihn stürzen mögen und ihn emporrütteln, aber ich hätte mich auch hinwerfen mögen auf eines dieser Lager, den Kopf in den Händen vergraben und weinen und schreien mögen, weinen und schreien um das, was auch ich wollte und – nicht konnte! – – Ich warf mich wieder hin – und trank – und rauchte – und dachte nach über das, was ich gehört. Er aber nahm einen der umherliegenden Bände, ließ sein Auge einen Augenblick liebevoll auf dem goldenen Titel ruhen und las dann mit seiner tiefen, ruhigen, wohllautenden Stimme ein Gedicht, ein anderes und noch eines ... Ich kannte sie. Sie waren von Swinburne. Er las ohne besondere Kunst, aber mit ganz besonderer Liebe und Vertiefung, und es war zweifellos, daß diese Strophen viele, viele Male von seinen Lippen geflossen waren. Und diese Verse, die ich kannte und die ich seit Jahren nicht mehr gelesen, kamen über mich wie eine neue, große, ungeheure Sehnsucht, und ich dachte der Zeit, in der ich noch nicht vergraben war in den Wust des Tages und seines Kampfes. Er ließ mich. Endlich begann unser Gespräch wieder und er kam meinen Fragen mit seinen Antworten fast zuvor. – So, jetzt fragen Sie mich! Er lächelte, als ich ihn fragte, ob er seit seinem Entschluß hier gewohnt habe. Wir standen jetzt beide auf dem Balkon, und vor uns lag der große, weite Garten in seiner ganzen Stille. Und was ich fragte und er mir zur Antwort gab, verhallte in diesem abendlichen Schweigen. – Es ist ein großes Vagabundenleben, das ich führe, das ist schon wahr. Aber gibt es denn etwas Schöneres, als so fessellos in der Welt herumzustreifen und überall – auf die Augen, die Wangen, den Mund – das schöne Antlitz der Erde zu küssen? – übrigens, so ganz heimatlos bin ich nicht. Ich habe sogar augenblicklich an drei Orten meine Heimat. Was Sie hier um mich sehen, brachte ich mir diesen Frühling aus Brüssel mit. Es ist eine schöne Stadt, dies Brüssel, fügte er nachdenklich hinzu ... Es ist ja nichts – ein paar Teppiche, ein paar Bilder, ein paar Bücher ... Viel mehr habe ich überall nicht. Das wird alles, wenn ich in vierzehn Tagen nach Paris gehe, in ein paar große Bündel gepackt und irgendwo hingestellt, bis ich im nächsten Herbst wiederkomme. Denn ich will wiederkommen – zu dir, mein schönes, stolzes Genf, und zärtlich streckte er seine Hand gegen die Stadt aus, die sich in die schwermütigen Schleier des Herbstabends früh zu hüllen begann ... In Paris aber ... dort habe ich bis jetzt meine eigentliche Heimat gehabt: zwei entzückende Zimmer in einem Hotel der Rue de Rivoli – ganz hoch, über den Gärten der Tuilerien, die Kronen ihrer Bäume unter mir und so nah, so nah! ... Ich habe sie aufgeben müssen, aber ich finde schon andere. – Paris! Ist das nicht die Stadt der Schönheit? – Welche Lebhaftigkeit, welche Anmut, welche Erinnerungen! – Oh, nirgends lebt es sich besser – dorthin ging ich vor drei Jahren zuerst, dort begann sich mir zu erschließen, was Leben heißt, dort soll dieses Leben mir seinen letzten Zauber zeigen! – Und sind Sie gewiß, immer so glücklich zu bleiben, bis – bis an das Ende? – Wenn ein Leben drei Dinge hat: die Ruhe der Muße, die nichts muß; die Möglichkeit der Einsamkeit, die eine freiwillige ist; und Gesundheit, die es nicht vor der Zeit verzehrt, so kann es selbst heute in dieser ordinären Zeit der Qual, die die Hast ist, sich halten in den Grenzen der Schönheit und der Freude und von sich scheuchen, weise und fest, den wüsten Lärm verlorener Tage. Er sah den bitteren Zug des Zweifels um meine Lippen. – Aber Geschmack, Geschmack, sagte er eifrig, – das ist es, was den Menschen fehlt. Statt hinaus zu schwimmen in das offene Meer der Freude, um das Köstlichste hervorzuholen in kühnem Tauchen, bleiben sie am Strande und wühlen im Sand nach zerbrochenen Muscheln und welkendem Tang. Das Nächste ist ihnen das Wichtigste, und für das Ewige haben sie keine Sinne. Arme Sklaven ihrer Tage, arme Diener ihrer Zeit und ihrer Forderungen! – – Sagen Sie mir, ist Ihre Harmonie eine ungestörte? – Wie bringen Sie es fertig zu leben, wie Sie es wollen, gegenüber den Ansprüchen dieser Tage, die Sie bestürmen müssen auch in diesem – Hafen noch? – Weil ich es will ! – Das ist alles. Sie wollen Beispiele? – Gut, ich will Sie Ihnen geben. Der Morgen beginnt, und ich erwache. Das Geschenk des Tages liegt vor mir, oft in der unscheinbaren Hülle einer grauen Regenstimmung, die ich erst entfernen muß, wie manchmal im Winter, wenn ich nicht im Süden bin, aber meist in leuchtender Schönheit: golden, sonnig, »neugeboren« liegt es da, und auch ich fühle mich so und muß mich freuen, ob ich will oder nicht. Aber ich will, ich will es jetzt ... Früher erwachte ich und war roh und undankbar genug, seinen stummen und lieblichen Gruß unbeantwortet zu lassen, während ich ihn an alle möglichen Menschen verschwendete, die ihn nicht verdienten. Ich stürzte mich auf die Zeitungen, denn ich mußte doch wissen, was »los war«: daß der und der Börsenschwindel geglückt war, daß der Zar verschnupft sei und wieder einmal ein Krieg drohe, daß eine Mutter ihren drei Kindern die Hälse durchschnitten, und was das alles mehr war – alle diese trostlosen, abscheulichen Dinge, mit denen die endlosen Spalten gefüllt und gefüllt werden, und die mich doch gar nichts angingen; heute rühre ich es nicht mehr an, dieses ewig feuchte, dunstige, massenhafte Papier, äußerlich so unbequem, wie innerlich, es erregt meinen Abscheu, ich sehe weg, wenn ich es erblicke ... Heute lese ich ein Gedicht: eines von jenen, das in lieblicher und reiner Schönheit ein Kind zu sein scheint dieses segnenden Morgens ... Doch weiter. Früher waren da ferner schon gleich bei Tagesbeginn die Briefe, ganze Haufen, voll eines erregenden, unerquicklichen, alltäglichen Inhalts, und wenn es keine geschäftlichen waren, so waren es die Herzensergüsse guter Freunde und die Zudringlichkeiten von Verwandten aller Art, die mich mit der Aufzählung ihrer uninteressanten Lebensereignisse langweilten und sogar noch eine Antwort erwarteten; heute wird alles, was ich bekomme, uneröffnet auf einen Haufen gelegt, und bin ich gelegentlich einmal in der allerbesten Stimmung, so daß nichts, aber auch gar nichts sie mir verderben kann, so wird das Ganze durchgesehen und dann fortgeworfen; übrigens nimmt nichts ein so schnelles und gedeihliches Ende, wie ein Briefwechsel, der nur von der einen Seite genährt wird. Früher setzte ich mich in laute und schmutzige Bierlöcher mit verrauchten Decken und gelben Wänden, trank aus großen und plumpen Gläsern Bier – Bier, wie kann man Bier trinken! – und brüllte in dem Chore aufgeblasener und selbstzufriedener Philister über Politik mit. Mich schaudert, wenn ich heute daran denke! – Heute suche ich bedeutende Menschen, wohin ich komme, und finde sie überall, und ich freue mich ungeheuer an ihnen, und sie freuen sich an mir ein wenig. Gibt es überhaupt etwas herrlicheres, als bedeutende Menschen? Ich lächelte, aber er fuhr unbekümmert fort. – Und habe ich keine bedeutenden, so nehme ich, was ich finde. In jedem steckt irgendeine gute und interessante Seite, seine eigene, man muß sie nur zu finden wissen. Und wie gerne zeigen sie sich von dieser Seite, sobald sie merken, daß man sie anerkennt und versteht! Wollen Sie noch mehr Beispiele, wie ich es anfange, mich frei zu halten von ihren Quälereien? – Ich zaubere ein Lächeln auf das Gesicht eines Kindes – nichts ist leichter, als das; ich durchblättere meine Radierungen; ich versenke mich zum tausendstenmal in die Schönheiten einer Bronze, die ich mein eigen nenne; ich sehe den Spielen der Sonne zu und beobachte das wunderbare Erwachen und Reifen und Sterben der Natur; ich flaniere über die Boulevards und sehe allem nach, was jung, elegant, stolz und fein ist: den schönen Frauen, den mutigen Männern, den prachtvollen Pferden; ich lasse mir ein seltenes Gericht servieren und esse es mit Langsamkeit; ich denke nach über die Vorzüge dieses und jenes Tabaks und vergleiche beide; ich reite, ich schwimme, ich turne; ich lese ein Buch voll Tiefe und Glanz; ich – ich – ach, was wollen Sie noch, ich freue mich den ganzen Tag und die halbe Nacht und finde immer genug, woran ich mich freuen kann, obwohl ich so sehr die Abwechslung liebe ... – Sie sind ein Sybarit – – Ja, ich bin ein Sybarit. Aber weshalb sollte ich keiner sein? Ist es nicht besser und auch schwerer, ein geschmackvoller Mensch zu sein, als ein geschmackloser? – Und ist es nicht wahrer und ehrlicher, sich selbst einzugestehen, daß man das Leben liebt, als sich selbst vorzulügen, man schätze seine Freuden gering oder verachte sie gar? – Und verspüren Sie nie Übermüdung, Unlust, ja Ekel vor soviel Eintönigkeit der Freude? – Nie. Denn ich halte Maß in meinen Genüssen. Ich trinke nicht über den Durst und esse nicht über meinen Hunger hinaus. Ich liebe das Übermaß nicht, denn es zerstört die Harmonie zwischen Körper und Geist. Ich liebe, wie ich schon sagte, die Abwechslung. Und so ist mir jeder Tag eine neue Wonne, und so ist es mir jede Nacht. Ich bin kein mächtiger Mann, und ich möchte es nicht sein, denn ich wüßte nichts anzufangen mit meiner Macht; ich bin kein großer Künstler, nicht einmal ein kleiner, und ich begehre auch nicht nach einer Gabe, vor die die Götter den Schweiß gesetzt; ich bin nur ein alter Mann, der lange genug dumm war, um endlich klug zu werden, der wenig gelernt hat und doch zuletzt noch das eine: daß das Leben ein köstliches Ding ist, ein sehr köstliches Ding, mit dem man nicht spielen sollte, wie mit einem Balle; ein alter Mann, der nun haushält, sich freut an dem Rest seines Lebens auf seine eigene Weise, das Lachen, die Kinder, den Sonnenschein liebt, den Wein, die Schönheit, den Genuß und tausend, tausend andere Gaben der Welt; ein alter Mann, für den die Blumen begonnen haben zu blühen und der nun versucht, aus jeder noch einen letzten Duft zu ziehen ... der glücklich ist, so glücklich, wie er nie glaubte, es werden zu können ... – Und wenn er daran erinnert wird, daß niemand sich glücklich nennen darf vor seinem Tode? – Dann lächelt er, wie ich jetzt lächle, denn er ist glücklich bis zu seinem Tode. Sollte er aber sehen – und das meinen Sie, mein bitterer Freund, mit dieser Frage – sollte er aber sehen, daß die dunklen Seiten wieder ihre Schatten werfen wollen, die häßlichen Dinge des Lebens wieder nahen: Krankheit und Elend und wie sie sich nennen, so wird er freiwillig gehen, und – Germann sah mich groß und fast feierlich an – nur er wird dafür gesorgt haben, daß diese Abschiedsstunde die herrlichste und größte seines Lebens wird. Das glauben Sie mir! – Ein langes Schweigen entstand unter uns. Ich schaute trüb hinunter in den Garten, er sah mit seligen Augen hinauf zu dem Gewölbe, an dem die Sterne glänzten wie eine Bejahung seiner Worte. – Weltflucht ... sagte ich endlich leise. – Weltflucht? wiederholte er, staunend und überrascht. – Aber ich bin es doch nicht, der die Welt flieht? Ihr, Ihr geht ihr aus dem Wege: ihrer Pracht, ihrer Harmonie, ihren Seligkeiten, und vergrabt euch in Blindheit und Unrast in eure selbstgeschaffenen Qualen, von denen sie nichts weiß. Ich? – Ich suche sie auf, diese leuchtende Welt, all ihre Freude, all ihre Wonne, sie gibt mir, was nie ich noch kannte, und Sie sagen, ich fliehe sie? – Hatte dieser Mensch immer recht? Sollte er immer recht behalten? Aber jetzt wollte ich ihm meine Meinung sagen und ihn fassen, da, wo auch er verwundbar sein mußte. Jetzt sollte er herunter aus seinem Himmel und nieder auf die Erde. Und ich brach los: – Es ist oberflächlich, was Sie da sagen: es ist gut in der Theorie. Aber was sollen die Menschen, die nicht den dritten Teil eines großen Vermögens in zehn oder meinetwegen zwanzig Jahren verbrauchen können, damit anfangen? Er lächelte: nicht überlegen, nicht beleidigt, nicht getroffen, sondern sonnig, ich möchte sagen, sonnig von innen herauf: – Wie oberflächlich muß ich dann erst gewesen sein, als ich noch im praktischen Leben stand: ich sah nur die Oberfläche der Freude und nicht, was hinter ihr lag. Doch ich drang ein, und mit Entzücken habe ich gesehen, wie tief sie ist, wie unergründlich tief! Täglich ergründe ich sie mehr und stündlich finde ich sie schöner, begehrenswerter, bezaubernder ... – Sie finden für alles eine Entschuldigung! – Die Freude bedarf keiner Entschuldigung. Aber wenn dem so wäre, ich dürfte sagen: ich habe so viel nachzuholen, ihr müßt mir den Rest meines Lebens dazu lassen, und ihr müßt mich verstehen! – Und Sie verstehen mich auch, denn Sie sind ein Dichter. Ich zuckte die Achseln. – Sie kennen den Schmerz nicht. – Ja, ich kenne den Schmerz, sagte er ernst, fast feierlich, – und weil ich ihn so gut kenne, deshalb hasse ich ihn, soweit der Haß meine Freude nicht stört. – Aber Sie sind nicht allein auf der Welt. Andere Leben sind mit dem Ihren verknüpft und Ihre Freiheit, sie ist die Knechtschaft der anderen. Dieser alte Mann vorhin, ist er nicht Ihr Sklave? – Oder haben Sie keinen Diener? Da runzelte er – für eine Sekunde nur und ganz leicht – die Stirn. – Ich habe einen alten Freund, der mir hilft. Er ist sehr glücklich bei mir, wie er sagt. Wehe auch dem, der bei mir nicht glücklich ist! – fügte er lachend hinzu und sah mich mit einem so bezaubernden Lächeln voll leichter Ironie an, daß ich nicht anders konnte, als ihn in diesem Augenblick wirklich zu lieben. – Gehen wir lieber hinein. Es wird kühler. – Und wir betraten das Zimmer wieder.   Ich konnte und wollte nicht mehr gegen ihn an. Meine eigenen Einwürfe erschienen mir häßlich und klein gegenüber dieser sicheren, vollendeten Harmonie. Was sollte ich noch sagen? – Ich schwieg. Und nach einer Weile erst merkte ich, daß dieser Raum und dieser Mann gar nicht geeignet waren für Disput und Wechselreden. Nein, wie jetzt, mußte man beide genießen: der Länge nach hingestreckt auf die bunten Polster, den Gedanken Freiheit gebend, zu schweifen, wohin sie wollten, und die Augen ruhen lassend, bald auf diesen Ampeln, die sich leise wie im abendlichen Traume wiegten, bald auf diesem großgeschnittenen, friedlichen, schönen Antlitz, in das zu sehen eine Freude allein war ... Und so tat ich und fragte und sagte nichts mehr, blies die Wolken des Tabaks durch Nase und Mund, trank von dem Weine, der wie Glut die Adern durchrann, und träumte, träumte über dem, das ich eben gehört, und ließ mich von den verklungenen Worten führen in ein anderes Leben, als ich es kannte, und in eine andere Zeit, fern der meinen, und während ich so lag und träumte, begann ich meinen Gastgeber zu verstehen ... und hörte ihn nur einmal noch, wie von ferne her, sagen: »Daß doch die Menschen immer glauben, sie müßten reden, wenn sie zusammen sind. Wenn sie mehr schweigen würden, dächten sie mehr ...« – Was ist die Uhr? – fragte ich ihn – ich weiß nicht, nach wie langer Zeit. Er richtete sich halb auf. – Uhr? – Ich sehe nie nach der Uhr, außer wenn ich reisen muß. Ich schlafe, wenn ich müde, und esse, wenn ich hungrig bin ... Wollen Sie fort? – Wie Sie wollen. Ich bleibe noch lange auf ... Aber ich gehe noch ein Stück mit Ihnen. Möchten Sie nicht noch einmal trinken? – Ja, sagte ich, denn ich war durstig, so durstig wie nie. Wir stießen an, und der zitternde Klang der Kelche irrte durch das Gemach, nicht lauter, als das schnelle Gezwitscher eines Sommervogels. Wir waren aufgestanden. Ich sah ihn fragend an. – Alles bleibt wie es ist ... sagte Germann. – Ich werfe mich nachher hier hin, lese, bis ich müde werde, und schlafe ein, schlafe, bis mich der Morgen weckt und der See mich ruft. – Sie baden noch? – Alle Tage noch. So lange es geht. Oh, das Schwimmen im klaren Wasser ist eine Lust ganz eigener Art. Er ging mir voraus, und ich ließ noch einmal zum Abschied meine Blicke auf dem seltsamen Raume ruhen, über dessen Boden mit seinen dichten, dicken Polstern jetzt der weiche Rauch des Tabaks in weißen Streifen schwebte. Germann leuchtete mir mit einem der Kandelaber voran, die breite Treppe hinunter und so durch den Garten. Er litt nicht, daß ich den Leuchter trug. Am Tor des Gartens ließ er ihn stehen. »Niemand löscht ihn; ich finde ihn gleich so wieder ... Mag er brennen, bis ich wiederkomme.«   Und wie vorhin, gingen wir die breite Landstraße bis zu der nächsten Höhe. Aber wir sprachen nicht mehr. Dort oben blieb er stehen. – Der Mond leuchtet Ihnen heim. Leben Sie wohl, mein Freund! Ich sah ihm voll in die ruhigen Augen. – Ich danke Ihnen. Mehr konnte ich jetzt nicht sagen. Ich hörte, wie gepreßt meine eigene Stimme klang, schwer und mühevoll aus der Brust heraus. Da legte er sanft seinen Arm um meine Schulter. – Mein lieber junger Freund, sagte er gütig, liebreich, bittend, – wie kurz ist doch alles menschliche Leben! Und wie schwer machen wir es uns! Manches, vieles an Sorgen, Kummer und Elend kommt ja von außen, aber wie groß, überwältigend groß ist der Rest, den wir selbst in uns hineintragen können, in dieses unser Leben, an Schönheit, Überlegung. Ruhe und Glück wenn wir es nur recht wollen! – Und Sie, der Sie ein Dichter sind, wie reich sind Sie und lügen sich vor, Sie seien arm und die Welt sei leer! ... Ich antwortete ihm nicht mehr, und ich fragte ihn nur noch eines: »Sehen wir uns wieder?« – Gewiß sehen wir uns wieder. Aber wann und wo, das wollen wir nicht fragen. Verabredungen, das sind die törichtsten Fesseln, die wir uns um die Füße winden. Weiß ich, wo ich morgen bin? – Was ich tue? –. Nein, keine Verabredung! Und noch sagte er: – Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie freudig, mein Dichter – sehen Sie, diese Welt, die Ihnen gehört, sie grüßt Sie ... Er gab mir beide Hände, und ich sah ihn gehen: hoch aufgerichtet, stolz – ein ewig-junger Alter, durch die graue Nacht. Ich war allein, und fröstelnd trugen mich meine Füße durch die kühle Nacht. Ich ging immer gerade aus, immer gerade aus. Ich war ganz betäubt, ganz wirr. War das, was ich eben gesehen, Wirklichkeit? War es ein Traum gewesen? ... Lange grübelte und grübelte ich, und langsam fand ich mich zurück aus dem fremden in mein eigenes Leben. Als ich mich wieder besaß, war ich ruhiger geworden, denn ich wußte wieder, wie ich es heute weiß: daß mein Leben meine Arbeit ist und daß ich mit ihr mich quälen muß bis an meine Ende, und daß diese Qual mein Glück ist und mein einziges Glück ... Die Sonne ging hinter mir auf, als ich Genf erreichte.   Ich habe diesen Mann nur einmal noch wiedergesehen. Nicht in der Taverne, wohin er zwar in den folgenden acht Tagen noch ein paarmal kam, aber stets zu Zeiten, wo ich nicht dort war (– denn er aß zu sehr unregelmäßigen Stunden –), sondern auf der Straße. Er fuhr in einem Wagen an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Denn neben ihm saß die jüngste und hübscheste der Theaterratzen, und wie sie aufschauend seinen Blick – gerade als der Wagen an mir vorbeifuhr – erwiderte, sah ich in ihren fidelen Augen noch ein anderes Leuchten, als nur das der Dankbarkeit. Eines Tages werden wir uns wiedersehen, des bin ich gewiß. Ich freue mich – ehrlich gesagt – darauf. Ich dachte noch oft an ihn, aber ich fragte nie mehr, ob er im Rechte war. Wie konnte er im Unrecht sein? Sein Leben gab ihm recht. Die Wasserratte Die Nebel des Abends stiegen auf von dem Flusse. Die Kühle des Herbstes, die noch keine Kälte ist und die wir nach der schwülen Hitze des Sommers so angenehm empfinden, belebte mit ihrer Frische jeden Sinn. Ich wandte mich ab von dem Ufer, dem Lande zu. Eine unendlich weite Trümmerstätte lag vor mir; ein großes Bild der Vernichtung und Zerstörung breitete sich vor mir aus, wohin ich auch sah – geheimnisvoller und furchterregender noch in diesem Zwielicht, das die Dinge nicht zeigte, wie sie waren, sondern es dem Auge und der Phantasie überließ, aus ihnen zu formen, was sie ahnten und wollten. Kaum erkennbar noch die Wege: überall tiefe Furchen, Löcher, ausgetrocknete Wasserlachen, die ihren ursprünglichen Lauf verwischt hatten. Überall hinzerstreute Fetzen von Papier, Leinwand und Stuck; aufgeschichtete Massen von Stein und Sand; Überbleibsel jeglicher Art, wohin man trat, wohin man sah – ein häßliches, trostloses Bild absichtlicher Verwüstung, nicht der Verwahrlosung, denn noch nirgends hatte die Natur verwischt, was hier gewaltsam zerstört war. Zerstört der Park, der einst hier gestanden: überall geknickte Äste, gebeugte Kronen, abgeschlagene Stämme, trauriger noch in dieser stummen Resignation des Herbstes, die sich nicht mehr wehrte und die Tränen zahlloser gelber Blätter niederweinte auf den zerstampften, bis in seine letzte Furche aufgewühlten Boden. Und überall die Trümmer von Bauten, von seltsamen, in Form und Aussehen nie gesehenen Bauten, Bauten aus Holz, Kalk und Mörtel ohne Stein und ohne Fundament ... Es war, als sei ein fremder Eroberer über diese Stätte gezogen, dessen wilde Scharen in unermeßlicher Zerstörungswut, in der sinn- und ziellosen Trunkenheit ihres Sieges alles zerstört, woran sie Hand gelegt: sengend, mordend, raubend, nichts hinter sich lassend als diese nutzlosen Spuren ihres Zornes, an denen der Regen des Herbstes nun die letzte Arbeit tat ... Aber so sinnlos gingen keine Plünderer und Mordbrenner vor. Sie veränderten nicht die Richtung der Straßen; sie schleppten nicht das Wertlose fort auf ihrem Zuge. Und keine Menschenseele war zurückgeblieben in dieser Stadt? In dieser Stadt? – Ja, war dies einst eine Stadt gewesen? – Welche Stadt?! – Wer hatte in diesen luftigen Hallen gewohnt, von denen keine der andern – das einzig war noch zu erkennen – geglichen hatte? Nein, keine Stadt –: die Sommerresidenz einer unerhört phantastischen Laune, erbaut für die Freude kurzer Stunden und vernichtet so schnell, wie sie entstanden! Tiefer fielen die Schatten des Abends und sie legten sich um diese geheimnisvollen Reste: um eine mittelalterliche Burg, ein Schwarzwaldhaus, die offene Bühne eines riesigen Theaters, den gewaltigen klaffenden Bauch eines Schiffes – um alle diese hundertfach verschiedenen Trümmer seltsamer Bauten, alle errichtet aus Mörtel und Holz, ohne Stein und Fundament ... alle errichtet für einen Tag ... Es waren die zerfallenden letzten Trümmer der großen Ausstellung, in welche die Weltstadt diesen Sommer die Menschen aller Zonen geladen, über die ich schritt.   Ich ging über diese aufgewühlten Wege, stolperte über diese Haufen von Kehricht und Überbleibseln und drängte mich durch die laublosen Büsche, bis ich den See erreichte, der einst den Mittelpunkt der ganzen Ausstellung gebildet. Die unendliche Öde der Verlassenheit war nirgends so groß wie hier und wie Frösteln ging sie über mich hin. Wo waren die tausende von bunten Wimpeln, die den Rand des Wassers umsäumt und hoch in der warmen Luft den Sommer lang geflattert über spitzen Zinnen, rauschenden Baumkronen und einer unablässig flutenden Menge von neugierigen, schwatzenden Menschen jeden Alters, jeden Standes, fast jeden Volkes? Vorbei, alles vorbei – auch an dem totenstillen See nichts als Zerstörung, Verwüstung und kahle Wildnis. Ich setzte mich müde auf einen Pfahl, der noch vor kurzem eine Bank und laute, lachende Menschen getragen haben mochte. Vor mir fiel das Ufer langsam zu dem Flusse ab. Es war so still, daß ich das leise Sichlösen und Fallen vereinzelter Blätter von den trockenen Ästen vernahm. Ein Rascheln schreckte mich jäh in die Höhe. Aber als ich aufgesprungen war und das dürre Laub neben mir mit dem Stocke durchstieß, verstummte es, ohne sich zu wiederholen. Durch nichts wurde die Stille mehr unterbrochen, und eine Stunde noch saß ich dort. Denn jenes Geräusch, so flüchtig es auch war, hatte mit zwingender Gewalt einen andern Tag und seine Abendstunden in mir zurückgerufen – jenen ersten Tag im Monat Mai, den sie den Eröffnungstag der Ausstellung genannt hatten und der sich nun mit diesem letzten Oktobertage zu Gedanken verband, die mich nicht mehr loslassen wollten ...   Mit vielen, vielen andern betrat ich zum erstenmal den weiten verwandelten Park. Es war ein herrlicher Frühlingstag: weich, warm und sonnig. Eine große Erwartung lag über diesen ersten Gästen und eine erregte Neugier, die sie vorwärts stieß und trieb. Wie alle Ausstellungen in ihren Anfängen, war auch diese bei weitem nicht fertig. Die Hauptgebäude, die bereits standen, harrten im Innern noch teilweise ihrer Ausschmückung, andere überhaupt noch ihrer Vollendung. Ich hatte einen Seiteneingang gewählt und – ohne mehr als einige kleinere Kioske und Nebengebäude gesehen zu haben – mit wenigen Schritten diesen See erreicht, an dem ich auch heute saß. Eine originelle Kneipe lag hier, ein Bauernhaus aus Holz mit großem Hof, die sie die »Spreewaldschenke« nannten. Der Hof war mit Bänken und Tischen besetzt und zog sich bis an den See hinunter, wo sich stille und gemütliche Ecken unter dem Gebüsch verbargen. Als ich ziellos und ohne Eile die Wege hinabschlenderte und den Rand des Teiches erreichte, bot sich mir der seltsame Anblick der Nachbildung der »alten Stadt«, die am jenseitigen Ufer errichtet war. Von den Strahlen der Abendsonne rötlich beglänzt, erhoben sich in wundersamen und reizvollen Formen dort die Türme, die Zinnen, die Giebel des alten Berlin: über das Wasser führte die Zugbrücke durch das »Durchlaßhaus« – das Außentor – über den Stadtgraben in das Stadttor hinein, über dem hoch und massig der braune Rundturm des Spandauer Tores ragte – das Ganze ein Bild, so überraschend und täuschend von Künstlerhand dorthin gemalt, daß ich mich nicht von ihm wenden konnte und den Blick nicht mehr ließ von dieser wiedererstandenen Stadt, die die Wirklichkeit längst vernichtet hatte. Kein Mensch störte mich in diesem stillen Winkel. Ich setzte mich und träumte einen langen Traum von Zerstörung und Unsterblichkeit, von Vergehen und Wiederauferstehung. Ich sah die Menschen über die Brücke drängen, hinein in die Stadt, aber nichts trieb mich, ihnen zu folgen; all das, was dort hinter jenen Mauern lag, ich würde es noch allzufrüh zu sehen bekommen, und hastige Eile konnte nur zerstören, was die Erwartung sich vorausnahm in dem ersten, noch fernen Erblicken. Diese Menschen schienen sich mir selbst um ihre besten und feinsten Eindrücke – die ersten – zu bringen, indem sie an einem Tage alles zu sehen begehrten, was die freundliche Betrachtung vieler erst zu würdigen vermochte. Immer geheimnisvoller wurde das ferne Bild der alten Stadt. Mehr und mehr schienen sich die Formen in der Luft zu lösen, und ich wäre nicht erstaunt gewesen, hätte sich das Ganze in nichts verflüchtigt, und die letzten Strahlen der Sonne statt eckigen, braunen Gemäuers und schlanker, spitzer Konturen nur noch die runden und schattenhaften Umrisse von Bäumen und Gesträuch gezeigt. Und immer stiller schien es zu werden, obwohl in Wirklichkeit das ferne Jubeln und Lachen nur noch heller klang. Aber es ist die alte Wirkung der Einsamkeit: je mehr wir uns zurückziehen, je stiller es in uns wird, um so größer wird für uns auch die Stille um uns her, und zuletzt gehen wir gelassen in dem Lärmen des Tages, und er ist uns nur wie das Branden des Meeres an einer fernen Küste, die einst unsere Heimat war. Auch dunkler war es geworden, und die Türme der alten Stadt begannen in dem matten Rot der sinkenden Sonne mehr und mehr zu verdämmern ... Da hörte ich vor mir ein Rascheln. Es verstummte eine Weile, kehrte wieder, verstummte abermals, um sich in fast gleichmäßigen Zwischenräumen von nun an regelmäßig zu wiederholen. Es kam aus der Richtung des Sees. Es war ein Tier, eine Wasserratte, wie ich bald sah: es mußte am Rande des Wassers seine Höhle gegraben haben. Mehr dem Lande zu, ein paar Schritte von dem Orte, wo ich saß, lag ein wirrer Haufe von Stroh, Mörtel, Abfällen aller Art, wie sie die Maurer dorthin zusammengekehrt und noch nicht fortgeschafft hatten. Von diesem Haufen trug das Tier fort, was es brauchte, um sich sein Lager für die Nacht zu polstern: in regelmäßigen Abständen von etwa einer halben Minute tauchte der kurze, dicke Körper aus dem Dunkel auf, jagte in kleinen, unendlich schnellen Schritten auf den Schutthaufen zu, ergriff mit einem jähen, sicheren Ruck einen Halm, wandte sich um und jagte zurück. Für ein paar Augenblicke verschwand sein schwarzes, glänzendes Fell, um alsbald wieder zu erscheinen und wie ein Blitz, raschelnd durch Gras und Laub zu huschen und mit neuer Beute beladen abermals den Rückweg anzutreten. Und immer nahm das Tier genau denselben Weg, um einen Baum herum, der im Wege stand, auf den Haufen los – und wieder genau denselben Weg zurück. Da ich regungslos saß, bemerkte es mich nicht; nichts störte es, als zuweilen ein Geräusch aus der Ferne. Dann hielt es plötzlich in seinem Lauf inne, duckte sich nieder, wartete eine kleine Weile, um gleich darauf wieder loszuschießen und in völliger Sicherheit und unbekümmert von neuem auf sein kleines Ziel loszugehen: sich ein Lager für die Nacht zu bereiten, um in ihm weich und warm zu liegen für ein paar kurze Stunden. Erst betrachtete ich mir das Tier selbst: das glänzende Fell, in dem die Ohren kaum zu unterscheiden waren, die klugen, beweglichen Augen und die behenden Füße mit den starken Nägeln, die die Erde fast ebenso schnell durchwühlten, wie sie über sie hinwegglitten. Dann aber begann das Gebaren der Ratte mich fast leidenschaftlich zu interessieren: es lag eine solche Energie in ihrem Vorhaben, ein solches Sichversenken und Selbstvergessen und eine solche Ausdauer und Unermüdlichkeit in ihrer Arbeit, daß ich mich immer wieder freute, wenn stets von neuem der dicke, runde Kopf auftauchte, sich einen Moment witternd hob, und dann der geschmeidige Körper wie ein losgeschnellter Pfeil auf sein Ziel losschoß, immer auf demselben Wege und immer mit derselben Wendung um den hindernden Baum herum, die Zähne mit einem heftigen Ruck einen Halm, ein Stückchen Wolle oder ein wenig Heu ergriffen, und das Tier dann gleichsam wie im Bewußtsein seines Raubes ebenso hurtig entfloh. Ich vergaß, daß es ein sehr gewöhnliches und schädliches, eigentlich häßliches Tier war, das dort vor mir sein Wesen trieb. Ich hätte ihm helfen mögen: ein einziger Griff meiner Hand in den Haufen und ich hätte ihm sein unterirdisches Schlafzimmer besser und schneller auspolstern können, als seine stundenlange rastlose Arbeit es vermochte. Aber eine einzige Bewegung meiner Hand hätte es auf immer verscheucht. So saß ich ganz still und sah ihm zu und sah nichts anderes mehr – nicht wie die Wellen des Teiches sich färbten unter dem sinkenden Lichte, wie rings sich zum ersten Male die künstlichen Leuchten wie von selbst entzündeten und diese neue, seltsame Schöpfung um mich her in doppelt geheimnisvollem Zauber erscheinen ließen: ich sah nur einzig und allein dieses schwarze, dicke und doch so unendlich behende Tier, wie ich seit länger als einer Stunde nichts anderes mehr gesehen hatte. Und ich wollte auch nichts anderes sehen, denn nichts interessierte mich mehr ... Wie die Füße dieses unermüdlich keinen Tieres, so gingen nun meine Gedanken rastlos zwischen den beiden Polen: Vergeblichkeit und Zweck, um immer wieder von dem einen zu dem anderen zu wandern und eine Verbindung zu finden zwischen ihnen – eine Lösung, die die aufgeregten Fragen beruhigte. Aber ich konnte keine finden. So viele, so unendlich viele Mühe! – und alle Mühe nur für ein Nächstes, ein Allernächstes: bei diesem Tiere für den warmen Schlummer einiger Stunden, bei diesen Menschen für die bunte und schillernde Freude eines kurzen Sommers, und wenn die Nacht und wenn der Sommer vorüber waren, war alles vorbei und alles wie vorher; und alles mußte von neuem begonnen werden, und so das ganze Leben: immer nur für das Nächste, für das Allernächste, ein langes Mühen, das in keinem Verhältnis zu der kurzen Freude stand – Vergeblichkeit! – Das Dunkel war nun wirklich gekommen, überall erglänzten auf dem weiten Gefilde die Lichter, gedämpfter klang das Rauschen der Ferne und die Müdigkeit nahm Besitz von der Erde – alles ruhte, um in Freude sich zu erholen von der Arbeit oder dem Genuß dieses Tages: nur dieses Tier noch huschte und raschelte und mühte sich und kannte kein Aufhören, und raste wie wild durch das Laub und konnte doch schon so behaglich liegen, und wollte nur nicht, weil es das Arbeitsfieber hatte ... Eine Ungeduld sondergleichen ergriff mich plötzlich, entstanden durch das lange, stille Sitzen auf demselben Flecke, und nun plötzlich erwacht. Sie richtete sich gegen dieses Tier, das nicht einsehen wollte, daß alles ein Ende haben mußte, auch diese zwecklose, vergebliche Arbeit, und das immer noch wie ein wahnsinnig gewordener Brummkreisel in dem Laube herumschoß, um irgend etwas zu tun, es schien jetzt selbst nicht zu wissen, was! Aber nun war es genug. Ich rührte mich und nahm meinen Stock in die Hand, saß wieder still und wartete noch einen Augenblick – und als zum dreihundertsten Male der dicke Kopf mit den glänzenden Augen an dem Rande des Teiches erschien und auf den Haufen losschießen wollte, duckte ich mich nieder, schlug mit dem Stock in das auf raschelnde Laub und schrie: – Genug jetzt – genug! – Feierabend! Die Ratte war verschwunden. – Ich trat unter die lauten, staunenden und jubelnden Menschen. Ich wollte nichts sehen heute, aber um meinen Weg nach Hause zu finden, mußte ich durch die drängende Menge und unter den flackernden Lichtern durch. Und während für einige Minuten das Leben um mich rauschte und lachte, erkannte ich den Zweck der Arbeit, der die Freude ist. – Denn kein lebendes Wesen hat irgend etwas umsonst, und alles muß es sich erkaufen: das kleine Tier die warme Ruhe der kurzen Nacht mit stundenlanger Mühe, und der große Mensch die Freude eines kurzen Sommertages mit seinen Farben und seinen Wimpeln mit langer, langer Arbeit – jedes Lachen mit einem Seufzer, und jedes Ruhen mit einer Ermüdung. Ich hatte heute nichts gesehen hier und mich an nichts gefreut, weil ich nichts verdient hatte. Aber heute noch wollte ich arbeiten und morgen wollte ich dann wiederkommen und alles sehen und alles genießen, alles! ... Das war nicht die christliche Moral: »Im Schweiße deines Angesichts ...« und nicht die heidnische: »Carpe diem!« – Es war ganz einfach eine Erkenntnis, wie sie ungerufen kommt, um uns das Leben erträglicher zu machen, und uns hinwegzutäuschen über den allzu gleichmäßigen Schlag der Stunden, der uns in Wahnsinn tötet, wenn wir nichts tun, als ihn verfolgen. Eine miserable Ratte hatte mich wieder an sie erinnert. Und heute, wo ein langer Sommer voll Arbeit und voll Freude hinter mir lag, wo alle Schönheit dieser Stätte versunken war in einen großen Haufen von Trümmern und Zerfall, wartete ich auf das Tier, das nicht kam, wie man wartet auf einen alten und guten Freund, um ihm zu danken. Ein Abschied Sie hatte dreizehn Stunden in einer todähnlichen Ermattung geschlafen, ohne Traum, ohne Bewußtsein ... Es war die erste ruhige Nacht seit langen Wochen. Erst diese schreckliche, langwierige Krankheit, dann der langsame, qualvolle Tod, endlich diese drei Tage äußerer und innerer Aufregungen, die sie bis in die Träume der Nächte hinein verfolgten und ihren Schlummer störten, wie es seine Seufzer getan bisher ... Erst als sich die Gruft geschlossen hatte, als die Leidtragenden sich zerstreut, als sie allein war mit der gleich ihr ermatteten Dienerschaft in dem großen, stillen Hause, da fühlte sie, wie nötig ihr die Ruhe war, und sie legte sich hin, um dreizehn Stunden zu schlafen. Als sie erwachte, empfand sie zum ersten Male wieder seit langer Zeit das Gefühl der Stärke und der Willenskraft, das ihrer Natur verwachsen schien. Sie schämte sich dieses Gefühles. Es kam in diesem Augenblick, wo sie, wie sie glaubte, noch völlig aufgelöst in ihrem Schmerze und ihm noch ganz hingegeben sein mußte, fast ungelegen. Aber es ließ sich nicht verscheuchen und so schickte sie sich an, die Zügel ihres Lebens wieder in die Hand zu nehmen und sich einzuüben in die neue Rolle: die Witwe des großen Mannes, die sie fürderhin zu spielen hatte. Schwerer konnte sie nicht sein als die bisher gespielte der Gattin. Nachdem sie gefrühstückt und mit dem alten Diener ihres Hauses die ersten Versuche besprochen hatte, den gestörten Gang ihres musterhaft geführten Haushaltes wieder ins rechte Geleise zu bringen, betrat sie zum ersten Male das Arbeitszimmer des Toten. Man hatte die Fenster geöffnet, und das reine Licht eines stillen Herbstmorgens war hereingeströmt. Es war alles noch so, wie es gewesen war das letztemal, als man ihn hierher getragen hatte, das letztemal, bevor er sich niederlegte, um nie mehr aufzustehen: drei Tage vor seinem Tode. An jenem Nachmittage hatte er noch selbst die Briefe der letzten Woche geöffnet, und die Blätter lagen noch so auf dem Schreibtisch, wie seine müde Hand sie dort hingelegt. Was seitdem bis zu dem Abend, wo alles zu Ende war, gekommen, hatte der Diener in der anderen Ecke aufgeschichtet – dort lag es uneröffnet in der Reihenfolge, wie es eingetroffen: ein großer Stoß von Briefen und Zeitungen aller Art. Ruhig ging sie daran, eine Sendung nach der andern zu öffnen und beiseite zu legen: die Privatbriefe für sich, dann die Zeitungen, endlich die geschäftlichen Zuschriften so verschiedener Art, diese gleichgültigen Dinge, die das Leben begleiten, noch einige Zeit weiterfließen und endlich langsam verebben würden, mit der Erinnerung an ihn, den Toten, oder etwas früher noch als sie ... Während sie die Privatbriefe las – ein, zwei oder drei seiner näheren Freunde, die sich nach dem Stande der Krankheit erkundigten und alle die Hoffnung auf baldige Genesung ausdrückten, ein weiterer von einem glühenden Bewunderer des großen Künstlers, der ähnlich lautete – kam ihr in den Sinn, wie wenig sie doch in Wahrheit mit ihrem Manne geteilt hatte: keine einzige seiner Freundschaften, und wie wenig mit seinem Leben nach außen hin – sie kannte keinen dieser Freundesnamen, und nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, ihr einen dieser Briefe seiner Verehrer zu zeigen, deren er doch so viele erhalten haben mußte. Nur die letzten Tropfen aus der Fülle einer einst zum überfließen gefüllten, nun zertrümmerten Ruhmesschale rannen in ihre Hände, zufällig in die ihren ... Mechanisch hatte sie über diesen Gedanken den nächsten Brief geöffnet. Sie las, verstand erst nicht, las wieder und begriff: – Ich lese in den Zeitungen, daß Du krank bist, und ich breche nach fünfunddreißig Jahren ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben. Denn ich schreibe Dir: noch einmal nach so langer Zeit und zum letzten Male. Wer ich bin? – Erinnere Dich, wen Du vor fünfunddreißig Jahren geliebt hast und Du weißt es. Und warum ich Dir schreibe? – O sei still: nur um noch einmal auf Deine Lippen ein Lächeln zu rufen, das Lächeln der Erinnerung an ein Glück, das Du so wenig vergessen hast wie ich – vielleicht Dein letztes Lächeln! Nur darum schreibe ich Dir. Denn wie groß und wie reich Du geworden bist, wie fern in dieser Stunde Dir vielleicht schon liegt, was wir Leid und Freude nennen – so voll Sonne kann dein Zimmer nicht sein, als daß es nicht einem Strahl noch erlaubt sein sollte, hineinzuschlüpfen und liebkosend auf Deiner Stirn zu liegen für einen letzten Augenblick. Aber vielleicht bist Du, weil Du groß und reich bist, einsam und allein, obwohl von Menschen umgeben. Dann soll dieser eine Strahl noch einmal Dein ganzes Zimmer füllen mit Licht und Wärme: der Erinnerung an Deine erste Liebe, die vielleicht nicht Deine tiefste, aber sicherlich Deine glücklichste und sorgloseste war, und um die niemand je gewußt als Du und ich. Ich danke Dir, mein Freund, für das Glück, das Du mir gegeben hast, und ich denke dieses Glückes, wie man seiner gedenken sollte – als der kostbarsten Seltenheit dieses Lebens: mit Ehrfurcht. Was es unabweislich nach sich zog an Leid und Qual habe ich vergessen, und ruhig kann ich Dir heute sagen: ich danke Dir! – Leb wohl! – mein Freund! Siehst Du uns nicht wieder, wie wir damals waren? – Das weiße Haus und den Rosengarten, den Sandweg am Weiher, auf dem wir so oft gingen? – Denkst Du nicht noch einmal an unsere ersten Küsse, und kommen Worte nicht lebendig wieder, die wir geflüstert? – Gewiß! – Wie ich es wieder für eine Stunde vergessen habe, daß ich alt geworden bin, so sollst Du es tun, und während Deine Hand dies Blatt zerknittert und es an der Kerze verkohlt, wirst Du lächeln, wie ich es gewollt! – Leb wohl, mein Freund! – Leb wohl, Du Geliebter meiner Jugend!– – Als die Lesende geendet, sah sie noch lange auf die Zeilen, die eine alte, bereits zitternde Hand und ein noch jugendliches Herz geschrieben. Doch nichts regte sich in ihr als eine maßlose Erbitterung und eine Art von Haß gegen diese alte, romantische Person. Als sie aber dann aufstand und, den Brief in kleine Fetzen zerreißend, hin- und herging, war auf ihrem kalten und leeren Gesicht der Ausdruck des Hasses dem der Freude gewichen, der gemeinen und kleinen Freude darüber, daß er wenigstens dieses letzte Glück nicht mehr genossen hatte. Das weisse Haus Da es seine Absicht war, einen Nachmittagsausflug den Fluß hinunter mit dem Dampfer zu machen, war er schon frühzeitig mit der Ringbahn den endlosen Weg um die halbe Stadt herum gefahren, bis er den Fluß und die nächste Haltestelle erreichte. Nun saß er in dem Restaurationsgarten bei der Landungsbrücke und sollte noch fast dreiviertel Stunden warten. Denn an den Wochentagen fuhren die Dampfer selten. Er hatte sich verfrüht – in der Hast, mit der er jetzt alles tat, und der Angst, zu spät zu kommen und nicht fertig zu werden. Nun hatte er wahrlich Zeit genug und hätte ruhig an seinem Tisch sitzen, seine Gedanken auf den Menschen und den Dingen um sich herum weilen lassen und seinen Kaffee trinken können, denn nichts und niemand störte und trieb ihn. Aber da war sie wieder: die alte, furchtbare Unrast, die ihn immer dann am heftigsten überkam, wenn ihm ein paar Stunden der Ruhe beschert waren, und die ihn eigentlich nur verließ, wenn die rastlose Arbeit des Tages oder der totenähnliche Schlummer der Ermüdung bei Nacht sie vertrieb. Er kämpfte gegen sie an mit seiner ganzen Kraft; er wollte sich »zur Ruhe zwingen« mit der Aufbietung seines ganzen Willens – und konnte es nicht. Denn er war krank. Und er wußte es, daß er krank war. Eine Sehnsucht war in ihm, die unermeßlich war, und er war krank, weil er das Ziel dieser Sehnsucht nicht kannte und, wie er auch suchte, nicht finden konnte. Sie war in ihm, und er wußte weder, woher sie kam, noch wohin sie wollte. Sie hatte sich seines Lebens bemächtigt und lag immer auf der Lauer, es zu zerstören. Wenn er ihr Ziel nicht fand, so würde sie der Sieger sein. Er fühlte es: lange konnte es nicht mehr dauern. Aber noch kämpfte er und suchte. Er suchte, wo immer er auch war: außer sich, in sich – bis zur Verzweiflung, bis zum Wahnsinn. Und er fand nicht, was er suchte. Kein Augenblick, in dem er nicht gehofft hätte, die Sehnsucht zu stillen; und kein nächster, der ihm nicht die Enttäuschung gebracht hätte. Alles versprach ihm, und alles belog ihn. Kein neues Buch, in dessen Blättern, die er durchflog, er nicht die Antwort auf seine Frage zu finden hoffte; kein neuer Mensch, dem er sich nahte, ohne vor Erwartung geschüttelt zu werden. Auf der Straße konnte ihn ein Gesicht, das Lächeln eines Kindes, der Ton einer Stimme, die nächste gleichgültigste Begebenheit in die Aufregung der Erwartung versetzen: das ist es, was du suchst! – Und zu Hause, allein mit sich, in den einsamsten Stunden der Nacht, verlangte er unablässig von seinen grübelnden Gedanken das Eine, nur das Eine, daß sie ihm den Weg zeigten zur Erfüllung der großen Sehnsucht, die ihn beherrschte! Aber alles enttäuschte ihn, und nichts vermochte den Durst, der ihn verzehrte, länger zu stillen als für die Dauer eines Augenblicks. So suchte er, und da er nicht fand, was er suchte, wuchs in ihm die Sehnsucht von Tag zu Tag, und mit ihr die Unruhe, die Angst und die Verzweiflung. Er war krank; und er wußte, daß er es war. Denn er wußte, daß gesunde Menschen die Sehnsucht nicht kennen, sondern in der Erfüllung ihres Tages leben. – Da war sie auch heute wieder, und statt ihn die Schönheit dieses freien und langerwünschten Sommernachmittags an dem schattigen, grünen Spreeufer genießen zu lassen, packte sie ihn plötzlich mit einem quälenden Gedanken und trieb ihn auf – etwas zu suchen, irgend etwas – was? – Er rief ungeduldig nach der Bedienung, bezahlte hastig und stand auf. Der Kellner sah dem Gast verwundert nach, der ihn eben noch um Auskunft nach dem nächsten Schiff gefragt hatte und nun davonrannte ... Was hatte er vor? – Wohin wollte er? – Er wußte es nicht. Wie es immer war: ein unbestimmtes Gefühl der Angst und Ungewißheit hatte ihn emporgetrieben. Es war das alte, ihm so wohlbekannte Gefühl, das ihn seine Entschlüsse und Pläne mit plötzlicher Heftigkeit ändern ließ, und gegen das er machtlos war. Als er vor einer halben Stunde den weiten Weg mit der Ringbahn gefahren war, erst durch die Stadt, dann an ihren Grenzen hin, endlich in weitem Bogen über die leere Öde der flachen Felder bis hierher, war ihm beim Hinaussehen zum Fenster irgendwo auf dem letzten Teil des Weges ein Haus in die Augen gefallen, und es hatte für die Zeit der paar Sekunden, in denen er es sehen konnte, seine Gedanken gefesselt, so daß er sich noch einmal nach ihm umgesehen hatte. Der Zug war weitergerast, und wie er es aus den Augen verloren, so vergaß er es wieder ... Dann, wie er im Garten gesessen und auf das braune Wasser hinausgesehen hatte, angstvoll bemüht, seinen Gedanken einen Halt zu geben, war es ihm wieder mit einer Plötzlichkeit vor Augen getreten, die ihn aufs neue beunruhigte. Was er im Vorbeifahren gesehen, sah er jetzt wieder: eine weiße Wand, einen Garten, in dessen Mitte ein Teich lag, eine Fahnenstange auf dem Giebel und eine große Inschrift, die besagte, daß das Haus eine Gartenwirtschaft war ... Um das Haus herum, so weit das Auge vom Bahndamm reichen konnte, nur Öde, grenzenlose Öde. Warum war es ihm überhaupt aufgefallen? Ja, wenn er das gewußt hätte! – Sicherlich gab es nichts Gewöhnlicheres als diese Wirtschaft in den Feldern, an der letzten Grenze der Stadt, dies Haus ohne Nachbarn, schlummernd in der Sommerhitze und kärglich geschützt von den bestaubten Bäumen an dem schmutzigen Tümpel ... Aber es ließ ihn nicht mehr los, nun er sich seiner so unverhofft wieder erinnerte, und darum stand er jetzt – statt mit dem Dampfer den kühlen Fluß hinunterzugleiten – auf der staubigen Chaussee und sah nach der Richtung, in der das weiße Haus liegen mußte. Die Sehnsucht gebot ihm, es zu suchen, und wie sie ihn trieb einem Menschen auf der Straße nachzugehen, dessen Gesicht, dessen Stimme, dessen Gang ihn gefesselt, so zwang sie ihn jetzt, zu gehen, bis er das weiße Haus gefunden und das Geheimnis enthüllt, das es für ihn barg. Aber wo lag es? – Er konnte sich nicht einmal der beiden Stationen mehr erinnern, zwischen denen er es vom Wagenfenster aus gesehen hatte. Nur die Richtung wußte er. Dort – dort – mußte es liegen, hinter dem Bahndamm, der den Horizont verbarg. Aber wenn es auch eine Stunde zu gehen war, er hatte ja Zeit. Und er machte sich auf den Weg in der glühenden, grellen Hitze des Sommernachmittags. Wenn er geradeaus ging, so schien es ihm, müsse er einen Teil des Weges abschneiden und den langen Bogen der Bahn verkürzen. Und, getrieben von der immer stärker werdenden Unruhe, überlegte er nicht mehr lange, sondern ging in ungefährer Richtung dem Süden der Stadtgrenze zu. Um die Bahn zu durchschreiten und den freien Ausblick der Felder zu gewinnen, mußte er lange Straßenlinien verfolgen. Sie trugen bereits Namen und waren sorgfältig gepflastert, aber noch stand an ihnen kein einziges Haus. Alles war berechnet angelegt für die Anschwellung der Großstadt, die eines Tages auch diese leeren, umzäunten Quadrate füllen würde. Der Wanderer ging eine der leeren Fluchten nach der anderen hinunter; bald hatte er links, bald rechts einzubiegen, und doch schien er dem Bahndamm nicht näherzukommen. Das glühendheiße, saubere Pflaster, die noch unbefahrenen grauen Steine, deren grausame Eintönigkeit selbst das Gras kaum zu durchbrechen wagte, brannte durch seine Sohlen, und während er unverdrossen dies schattenlose Labyrinth eines noch ungeborenen und doch schon benannten Stadtteiles durcheilte, dachte er an plätschernde Quellen unter schattenspendenden Bäumen. Eine große, rote Fabrik, ganz neu und noch von Rauch und Ruß nicht geschwärzt, erhob sich in der Ferne über den Zäunen; wenn er sich rückwärts wandte, sah er die letzten Häuser der Stadt in Glut und Hitze flimmern und zerfließen. Allmählich kam er der Bahn näher, und nun war er endlich auf der Straße, die unter ihr durchführte in das Freie. Jetzt sah er auch einen Wagen und einige Menschen, die träge und sich selbst in Staubwolken hüllend, dahinschlichen. Im Schatten der Bahnlinie lag eine kleine Schenke. Ein paar Tische und Stühle vor dem Hause; an einem saßen drei Arbeiter vor einer großen Weiße und spielten mit schmutzigen Karten, ohne zu sprechen, wie im Halbschlaf. Ihr Wagen stand vor der Tür, und die Pferde warteten regungslos, die Köpfe gesenkt, und nur träge mit den Schwänzen die Fliegen von sich wehrend. Der Fremde setzte sich. Er bestellte sich Bier und trank das schäumende Glas, das eine schmutzige Frau ihm brachte, in einem Zuge leer. Das Bier war frisch und kühl, und es tat ihm wohl; er bestellte sich ein neues Glas und blieb sitzen. Die Sonne stand jetzt am höchsten, und ihre Strahlen fielen fast senkrecht nieder. Es war um die vierte Nachmittagsstunde. Zu dem Wege, der, von hier aus gesehen, nicht mehr als zehn Minuten zu betragen schien, hatte er fast eine Stunde gebraucht, so groß waren die Umwege gewesen. Eine grenzenlose Müdigkeit überkam ihn, die Müdigkeit der dritten Nachmittagsstunde, des Mitt-Tages zwischen Morgen und Abend, die alle Natur mit unbezwinglicher Gewalt ergreift, und er hätte hier sitzen und schlafen und nicht mehr aufstehen mögen. Aber er träumte von einem weißen Hause, und dieser Traum hielt ihn von dem völligen Versinken in Schlaf und Vergessenheit zurück. Das weiße Haus – ja, wo war es? – Und er sprang auf, trank aus, bezahlte und ging. Er ging geradeaus unter der Bahn durch, mitten auf der breiten grauen Chaussee, und seine Füße wühlten achtlos den Staub in die Höhe, der ihn mit einer dichten Wolke umgab. Nun lag das weite Feld offen vor ihm, und er ließ einen langen Blick über die weite Ebene schweifen. Aber was er sah, waren nur Felder und Wiesen, in denen sich hier und da ein Baum erhob. Vergebens suchte er nach den scharfen Konturen eines Hauses – des weißen Hauses: er konnte nichts entdecken. Dann glaubte er endlich, am äußersten Horizont zu seiner Rechten eine schwache Erhebung zu erblicken, die wohl ein Gebäude sein konnte. Und von neuer und über die Maßen quälender Unruhe ergriffen, sagte er sich, daß es das sein müsse. Dort zog sich die Bahn hin, mit der er gekommen war; dann verlor sie sich in dem großen Bogen um das Südende der Stadt – ja, dort ungefähr mußte es liegen; wenn jene dunkle Wölbung auf der scharfen Linie des Horizontes das Haus nicht selbst war, so konnte es doch nicht mehr weit davon sein. Gewiß, es war kein Zweifel möglich, und wenn er in jener Richtung ging, mußte er entweder direkt auf sein Ziel losschreiten oder ihm doch so nahe kommen, daß er es leicht von da aus erblicken und erreichen konnte. Er maß noch einmal mit einem langen Blicke die große Öde vor sich: geradeaus zog sich die breite Chaussee dem Osten zu, links floß hinter dem Park die Spree, und rechts begann die freie Weite unübersehbarer Felder und Wiesenflächen. Ein offenbar wenig begangener Weg – halb Fahr-, halb Fußweg – führte über sie hin. Ihn mußte er gehen. Zum letztenmal sah er die Chaussee hinunter, auf der ein Lastwagen in einer weißen Wolke träge dahinzog, dann bog er ab und begann mit schnellen, fast hastigen Schritten seinen Marsch über die Felder. Er sah nicht mehr auf, denn der Weg war holprig und steinig, und er mußte alle Augenblicke den tiefen, vor langem hier gezogenen Furchen der Räder ausbiegen, die den schmalen Fußsteig zerstört hatten. Es war ein ermüdender Weg, wie man ihn sich reizloser und eintöniger nicht denken konnte. Aber er schien es nicht zu empfinden. Er schritt, den Hut in der Hand, weiter und weiter, ohne aufzublicken, und die einzige Erholung, die er sich gönnte, war, daß er mit dem Tuch von Zeit zu Zeit über die Stirn strich, um den Schweiß wegzutrocknen. So ging er mit einer qualvollen Hast wohl eine Stunde, bevor er eine kurze Rast machte und sich von neuem umsah. Er befand sich jetzt inmitten der unfruchtbaren Felder. Vor ihm und hinter ihm, wie er sich wandte, war nichts mehr zu sehen als der weite, runde Kreis flachen Landes, und immer noch waren es nur hier und da vereinzelte Bäume, die starr und regungslos die erdrückende Gleichmäßigkeit der Linien unterbrachen. Von dieser schlecht bebauten Erde ging keine Kraft aus: die Felder lagen brach, und die Wiesen waren ohne Frische. Überall sah der gelbe Sand des Untergrundes hervor und offenbarte die innere Unfruchtbarkeit. An dem glühenden blauen Himmel zeigte sich keine Wolke, nur die Sonne schien allmählich an ihrer eigenen mörderischen Glut zu ermatten. Der Wanderer ließ nach einem langen Blick seinen Kopf wieder sinken und ging wie bisher – immer geradeaus, und als er ihn wieder hob, schien ihm eine andere Stunde vergangen. Fast nichts hatte sich verändert; er schien nicht weiter gekommen zu sein – diese Felder waren wie das Meer, immer gleich in ihrer schrecklichen Eintönigkeit und endlos, wie es schien ... Wie sollte er wissen, wo er war? – Nur die Sonne hatte noch mehr von ihrer Glut verloren, und der Himmel etwas von seinem tiefen Blau. Auch der Bahndamm, den er bei seinem letzten Halt ganz und gar aus den Augen verloren, erschien wieder in weiter Ferne wie ein dunkler Streifen am Horizont. Aber von dem weißen Hause war keine Spur zu sehen. Und der Wanderer, der, ohne zu denken, gegangen und nur gegangen war, hatte es fast vergessen. Daß er so gehen und gehen konnte, immer weiter und weiter, auf den Weg achten mußte und den Kopf gesenkt halten durfte, schien ihn zu beruhigen und zu beglücken. Seine Augen blickten klarer, und sein Gang wurde fester. Er zeigte keine Spur von Müdigkeit, im Gegenteil, er schien sie zu verlieren, je weiter er ging. Jetzt, wo es etwas kühler zu werden begann, hätte er immer so gehen mögen, ohne Aufhören, immer hin über die schweigenden Felder. Bisher war der Weg immer geradeaus gegangen; nun machte er eine leise Biegung dem dunklen Streiten am Horizont zu, als wollte er sich nicht zu weit von der Bahn entfernen und sich endlich dort in der Ferne wieder mit ihr vereinigen. Der Mann begann die Wanderung seiner dritten Stunde. Jetzt trug er den Kopf nicht mehr gesenkt, sondern blickte geradeaus mit einem scharfen und suchenden Blick. Denn jetzt konnte sein Ziel nicht mehr fern sein, und er mußte es erreichen – noch bevor diese Stunde zu Ende war. Und wie er ging und ging, kam langsam die Dämmerung des Abends, und alles wurde anders um ihn her. Alle Farben verblaßten allmählich; zuweilen erhob sich ein leiser Wind, bewegte zart die Halme und verlor sich wie der sprachlose Hauch eines Mundes; und das Schweigen, nicht größer als bisher, nur ungefühlt und dumpf unter der heißen Helle der Sonne, wurde nun fühlbar und glitt über die Felder wie der tröstende Bote der kommenden großen Stille der Nacht. Mit dem Schweigen aber kam der Friede, und die Angst und die Unruhe waren von dem einsamen Gänger gewichen. Hier war er allein – der Herr dieser Einsamkeit und dieses Schweigens, und das Leben hatte seine Macht verloren an dieser Grenze des Seins. – Und in der leisen Dämmerung des Abends, beim Sinken der Sonne, die die luftigen Fluten am Himmel rosig färbte, kam es über ihn wie ein Rausch der Erfüllung, der seine lange Sehnsucht nun endlich stillen sollte. Er hemmte seinen Gang, der Stock entglitt seinen Händen, und indem er beide Arme weitaus in die Ferne streckte, flammten seine Augen, quoll zwischen den bebenden Lippen ein Laut des Entzückens, und er sah vor sich, noch in weiter Ferne, aber klar und deutlich – o so deutlich – das Haus, sein weißes Haus ... – Ganz von Marmor lag es in dem weiten Park am See. Uralte Bäume umschlossen es von allen Seiten, und nur an einer Seite ging von der breiten Treppe ein langer, stiller Weg, den schlanke Zypressen umsäumten, zum See hinunter. Schwarz waren die Bäume und weiß die Wände des Hauses. Aber der weiße Marmor war nicht kalt, denn eine warme Stimme glitt über ihn und füllte alle Räume mit Leben und Liebe. – Das einsame Haus war nicht einsam, und das Leben in ihm war eine stille Süßigkeit ... Und verlangender streckte der Mann seine Arme aus. Aber so schnell, wie es gekommen, verlor das luftige Bild an Schärfe, die weißen Mauern und die Zypressen des Parkes am See verschwanden in ungewissen Umrissen von Dämmerung und Schatten, und vor ihm lag nichts mehr als die leere Fläche der Felder, die sich weit dort hinten in beginnende Nacht verloren. Die Arme des Mannes sanken nieder, aber seine Augen blickten noch immer wie gebannt geradeaus. Denn auf dem Wege vor ihm bewegte sich langsam ein dunkler Punkt ihm entgegen, der immer größer wurde, je näher er auf ihn zukam. Noch war er so klein, daß er nicht sehen konnte, was es war. Aber wie gebannt blieb er stehen und ließ das Auge nicht mehr von dem langsam rollenden Fleck. Dann von Ungeduld und Erwartung getrieben, ging er wieder – blieb wieder stehen – und ging wieder schnell vorwärts, bis er erkannte, daß es ein Mensch war, der auf ihn zukam. Da ging er nicht weiter. Er erwartete ihn. Und der dunkle Punkt wurde größer und größer, schien allmählich die ganze Breite des Weges einzunehmen und war dem Mann wie eine übermenschliche Gestalt. Er fühlte, wie ihn langsam ein Grauen packte und eine Angst, so stark, daß er hätte zurückfliehen mögen über die verlassenen Felder. Er sah nicht, daß es eine alte, müde Frau war, die ihm entgegenkam; er sah nur einen drohenden, schwarzen Schatten, und lange, bevor er ihn erreicht hatte, trat er zurück von dem Wege in die Furchen des Feldes, faßte seinen Stock fester und erwartete die feindliche Gestalt. Sein Herz klopfte, und er fühlte, wie das Grauen ihn schüttelte ... Die alte Frau kam keuchend heran. Sie war klein und verschrumpft, aber ein großer Sack gab ihr einen gewaltigen Buckel. Sie stützte sich auf einen langen Stock und ging trotz der Gebrechlichkeit ihres Alters mit schnellen, kleinen Schritten. Ihre Augen sahen nicht auf vom Boden, und ihre Lippen bewegten sich, unaufhörlich murmelnd und vor sich hin murrend – unaufhörlich ... Sie sah den Wanderer überhaupt nicht, der am Wege stand. Sie glitt an ihm vorbei wie ein Schatten und verschwand in der Dämmerung ohne Spur. Er sah ihr noch lange nach, und es war ihm, als sei das Leben an ihm vorbeigeschritten, mühselig und beladen, schmutzig und armselig. Auch er ging jetzt so weiter wie die Alte: die Augen auf den Boden geheftet und wie unter einer großen Last. Und auch seinen Schatten verschlang die Dämmerung des Abends. Er schritt weiter und weiter, aber er ging jetzt mutlos und ohne Erwartung, und der einzige Wunsch, den er noch hegte, war, so bald wie möglich nach Hause zu kommen. Wie er den Bahndamm durchschritt und die Felder, die er seit so langen Stunden durchwandert, hinter sich ließ, da sah er plötzlich ganz dicht vor sich das Haus, das ihn zu dieser zwecklosen Wanderung verführt hatte. Ein Blick genügte, um es ihm zu zeigen, wie es wirklich war: ein schmutziger, viereckiger Kasten, im Erdgeschoß eine Fuhrmannskneipe, an der Hinterwand einige verkümmerte Bäume um einen stagnierenden Tümpel herum ... Sein weißes Haus! Er wollte eilig vorbeigehen, ohne es noch einmal mit einem Blicke zu streifen, und den nächsten Ringbahnhof noch erreichen, bevor es völlig dunkel wurde, aber er vermochte es nicht. Er glaubte die Viertelstunde nicht mehr gehen zu können, die noch vor ihm lag. Und er ging um das Haus herum in den kleinen Garten, der völlig leer war. Er setzte sich an einen der staubigen Tische auf die harte Bank und wartete darauf, daß jemand kommen möge. Von dem trüben Gewässer stieg ein unangenehmer, fauliger Geruch auf; vom Schenkzimmer her tönte zuweilen lautes Lärmen und rohes Gelächter. Irgendwo in der Nähe mußte ein Stall sein; sein Dunst mischte sich mit dem der Pfütze. Es wurde dunkel unter den traurigen, schweigenden Bäumen. Niemand kam, um den einsamen Gast zu bedienen, und dieser war zu müde, um noch einmal aufzustehen und zu rufen. Er fühlte die Müdigkeit in seinen Füßen und Knien plötzlich so stark, daß sie fast schmerzhaft war und doch zugleich verbunden mit der süßen Mattigkeit der Ruhe. Sie war stärker als Durst und Hunger, und er vergaß beide darüber, im Wohlgefühl, so sitzen zu können. Die Unruhe, die ihn zerrte und riß, und die Angst, die ihn folterte ohne Grund – sie hatten ihn nun verlassen, und er fühlte sich losgelöst von dem Leben in der tiefen Gleichgültigkeit der Erschöpfung. Jetzt stand er sich selbst gegenüber und war fähig, sich selbst zu sehen; daher dachte er jetzt nach über sich selbst. Was war der Grund seiner Krankheit? – Wonach sehnte er sich eigentlich? – Wenn je, so mußte er heute abend die Antwort finden. So war es nun schon seit Jahren: alles erregte die Begierde seiner Sehnsucht, nichts stillte sie mehr. Keiner seiner Wünsche ging mehr nach innen. Alles in ihm drängte nach außen und griff mit hastigen, gierigen Händen nach allem, was an seinen Tagen vorbeiging. Die wüste Oberflächlichkeit der Außen-Menschen, die er so verachtete, hatte ihn ergriffen, wenn auch in anderer Weise. Denn jenen waren ihre lauten Tage nur Bälle, die sie sich gegenseitig zuwarfen wie leere Worte, und sie zerplatzten in der Luft; aber er durcheilte sie stumm, um die Stille seines Innern wiederzugewinnen, die er so ganz verloren. Das war der Zwiespalt, das war seine Krankheit: er wußte, er konnte nie in den Tagen finden, was er suchte, außer indem er sie preisgab und sich zurückzog auf sich selbst; und er fühlte, er konnte sie nicht lassen, denn sein Leben war kalt geworden ohne ihre äußerliche Wärme. Er neigte seine Stirn tiefer über den Tisch, und der Ausdruck seiner Züge wurde noch gramvoller, wie der eines Verzweifelnden. Warum kümmerte sich niemand um ihn? – Er hatte Durst – aber er war zu müde, um aufzustehen. Er dachte weiter. Wonach sehnte er sich noch? – Was konnte es sein, da er doch alles genossen und alles gelitten hatte, was das Leben einem Menschen geben und nehmen konnte – alle Freuden, alle Leiden? Was konnte es noch sein? – Alle Freuden: er hatte das Leuchten eines Auges gesehen, entzündet an der Glut des seinen; die warme und liebreiche Umarmung stiller Tage und unvergeßlicher Nächte beglückt und schaudernd empfunden; die edelste und treueste Freundschaft genossen in ihrer höchsten Blüte: der Gemeinsamkeit der Idee. Er hatte die Länder und Meere gesehen, wie sie am Morgen im goldenen Glanze des ersten Lichtes und am Abend im silbernen des letzten lagen, und sein Auge hatte sie umspannt; seine Kräfte geübt an Werken, die den Tag seines Lebens überdauerten, und den Flügel des Ruhmes gespürt, so süß, wie er nur die ungekrönten Stirnen berührt; und das Lächeln und die Tränen einer Mutter hatten lange seine Wege begleitet ... was hatte er nicht genossen? – Und er hatte alles gelitten. Er hatte dahinsterben sehen, was er liebte, – rettungslos, und sein Blut war entströmt aus Wunden, die sich nie mehr schlossen; die tiefe Gemeinheit der Gewöhnlichkeit hatte ihn beschmutzt, und er hatte sich nicht reinigen dürfen; er hatte jede Sorge und fast die letzte Not kennengelernt in Jahren, die tief unter dem Niveau der Lebensmöglichkeit lagen; und Freundschaft und Liebe waren ihm geraubt worden – nicht durch den Tod, sondern durch eigene Schuld. Krankheit hatte mit seinem Mut gerungen, bis sie Siegerin wurde und nur mit Preisgabe letzter Kraft noch gebannt wurde ... was hatte er nicht gelitten? – Was wollte, was begehrte er noch? – Wonach sehnte er sich? – Es war nun ganz dunkel geworden unter den Bäumen, und das Gelächter und der Lärm in der Schenkstube hatten aufgehört. Und wie er so dasaß und vor sich hinsah, da fühlte er plötzlich, daß es der Tod war, den er ersehnte. Und es wurde ganz still in ihm. Nur sein Kopf senkte sich noch tiefer über den Tisch wie in stummer Ergebung ... Noch lange saß er so da. Aber er dachte an nichts mehr. Er wartete. Und so würde er von nun an warten – still und geduldig, bis der Erlöser kam, der ihn heute schon berührt und mit dieser einen Berührung alle Angst und alle Unruhe für den Rest seiner Tage von ihm genommen. Nie in seinem Leben hatte er ein solches Glück empfunden wie in dieser Stunde, die ihm Gewißheit und mit ihr den Frieden gebracht. Das weiße Haus hatte ihm sein Versprechen gehalten. Als er sich endlich erhob und ruhig und sicher an den Bänken und dem Hause vorbei die Landstraße hinunterschritt, bemerkte ihn der Wirt, der am Fenster stand; und verblüfft und ärgerlich über diesen anständig gekleideten Gast, der aus seinem Garten kam und nichts verzehrt hatte, sah er ihm nach, wie er in dem Dunkel des Abends verschwand. Das graue Meer Er kam von seinem Büro im Zentrum der Stadt, und ging mit seinen mühsamen Schritten die Linden hinunter, immer in der Mitte, und ohne sich umzusehen. Er war alt und grau, seine Kleidung abgetragen, wenn auch sauber, und er sah aus wie ein Mann, der mit den Dingen des Lebens abgeschlossen hat – wie der aufgebrauchte Büroarbeiter mit neunzig Mark monatlich, und acht Tagen Urlaub im Jahr, der er war, genau so sah er aus. In der Nähe des Tores bog er zum Bürgersteig ab und trat an ein Fenster der großen Kunsthandlung. Seit vierzehn Tagen machte er jeden Abend diesen Weg und Halt vor diesem Fenster. Denn eines Sonntags, als er aus dem Tiergarten gekommen war, sah er in diesem Fenster ein Bild, das er seitdem nicht mehr vergessen konnte, so daß er jeden Tag hierher kam, um es zu sehen. Den ganzen Tag über freute er sich auf dieses Wiedersehen. Gleich, als er sich heute abend dem Fenster näherte, sah er, daß es aus ihm verschwunden war. Er glaubte zuerst, es habe nur seine Auslage gewechselt. Aber es war wirklich fort. In dem einen hing eine große Schmiererei in Gelb und Grün. Das Gelbe war eine grasende Kuh und das Grün die Natur, in der sie breitbeinig stand. Aus dem anderen schaukelte eine nackte Frauensperson ihre üppigen Fleischmassen von zwei lila Bäumen aus dem Beschauer ins Gesicht, und lächelte ihn dabei einladend an. Das Bild war fort. Der alte Mann wurde ganz unruhig. Er hatte sich so daran gewöhnt, dies Bild zu sehen, daß er nie auf den Gedanken gekommen war, es könne eines Abends nicht mehr da sein. Denn es war ihm eine Erinnerung gewesen, eine der wenigen Erinnerungen seines Lebens, in denen seine alten, müden und resignierten Gedanken noch wohnen konnten ... – Damals vor einem Menschenalter, als er noch jung und gesund, und daher noch voller Hoffnungen und Träume gewesen war, sich noch hinaussehnte in Fernen, die er nicht kannte, lud ihn ein Freund zum Besuch in seine Heimat an der Ostsee auf einige Wochen ein: in die alte Stadt mit den Winkelgassen und den spitztürmigen Kirchen, den Giebeldächern und dem großen Hafen – in die Stadt am Meer. Dem tiefen, dem leuchtenden, dem grollenden, flüsternden, stürmenden und klagenden, dem stillen, dem grauen Meer, dem geheimnisvollen, nach dem er sich sehnte, das er nicht kannte, und das er nun sehen sollte von Angesicht zu Angesicht ... Natürlich war aus dem Besuch nichts geworden, wie nie irgend etwas in Erfüllung gegangen war von allem, worauf er sich einst gefreut und wonach er sich gesehnt hatte, wie aus ihm selbst nie etwas geworden war. An den Traum, den er damals geträumt, den Traum vom ewigen Meere, erinnerte ihn ein Bild, das ein französischer Maler irgendwo dort unten auf einer seiner Studienfahrten in einer stillen Stunde gemalt haben mußte. Denn er nannte es: La mer grise – (zu Hause in einem verstaubten Diktionaire fand der Alte, was das hieß –: das graue Meer) –. Einige Fußbreit gelben Sandes, ein paar Wellen, die müde darüber hinflossen, ein Stück Himmel darüber, ohne Farbe, ohne Licht ... Das Bild war fort. In der Tür der Kunsthandlung stand ein breitschultriger Portier in großer Livree. Er sah gutmütig aus, so daß sich der Alte ein Herz faßte: »Ob er ihm nicht sagen könne, wo das Bild geblieben sei, das in diesen Wochen in dem mittleren Fenster gehangen habe?« »Ja. Es sei mit den anderen hineingenommen worden und noch bis morgen ausgestellt, wo dann die neue Ausstellung beginne.« Nur noch heute? Ja. Und in einer Stunde würde geschlossen. Der Alte dankte für die Auskunft und ging weiter. Er wollte nach Hause. Aber er kehrte wieder um. Er empfand eine so große Sehnsucht, das Bild noch einmal zu sehen. Doch wie durfte er wohl daran denken, eine ganze Mark dafür auszugeben, um ein Bild zu sehen! Ebensogut konnte ihm einfallen, in ein großes Restaurant zu gehen und sich warmes Abendbrot zu bestellen. Oder in einer Droschke nach Hause zu fahren, nur weil er müde war. Er begann zu rechnen – jeden Groschen. Aber es ging nicht. Es ging nur, wenn er nicht rechnete. Ein plötzlicher Trotz packte ihn und er ging geradewegs an dem Portier vorbei und trat ein. Nochmals erklärte er an der Kasse, um was es sich für ihn handele, und wieder wurde ihm versichert, das gesuchte Bild hinge an der hinteren Wand des letzten Saales. Da bezahlte er seine Mark. Es war kein Mensch mehr in den stillen Sälen. Ein Diener wies ihn zurecht und ließ ihn allein. Der späte Besucher setzte sich auf das Sofa der Wand gegenüber. Die elektrischen Bogenlampen warfen ihr Licht grell und weiß auf das farbenbunte Wirrwarr, das dort – sinnlos und frech zusammengewürfelt – hing. Wie das eine das andere verdrängte und erstickte, so war bei keinem Bilde die Möglichkeit gegeben, sich über seinen Rahmen hinauszudenken, denn bei jedem Versuch dazu stieß oben und unten, rechts wie links der Blick in ein anderes, verwirrte, verstimmte und beleidigte. Aber was war das dem Alten, der nie Bilder gesehen, und der nur gekommen war, um ein einziges zu sehen, es sah, und außer ihm nichts. Dort hing es. Er hatte es gleich erkannt, und nun saß er ihm gegenüber. Das war es, das war es wieder – sein Bild: ein Streifen Strand, über den müde Wellen hingehen, ein Stück Himmel darüber, grau und regenschwer – das war alles. Welches Meer? – welcher Strand? – Er wußte es nicht, und es war ihm ja auch gleichgültig, gleichgültig wie die große, sichere Kunst, die es allein wagen konnte, eine Stimmung wie diese in ihrer grandiosen Einfachheit zu fassen und zu bannen. Denn er liebte dieses Bild deshalb, weil es das Bild seines Lebens; seines eigenen, mühseligen, eintönigen und engen Lebens war, das es ihm zeigte. Denn so, ganz so, war sein eigenes Dasein: ein enger Raum, kaum groß genug, um hin und wieder her zu gehen, überdeckt von dem Stück Himmel, das er durch die trüben und immer schmutzigen Fenster seines Büros sah, und bespült, so lange er denken konnte, immer und immer nur von den kleinen, armseligen und müden Wellen seiner freudlosen Tage, von denen einer dem andern sich glich, wie diese Wellen sich glichen: eintönig, mutlos, geräuschlos und müde – letzte der letzten, deren letztes Ringen keiner sah, deren letzten Atem niemand vernahm ... Und wie er jetzt wieder vor diesem Bilde saß, und wieder den Blick nicht lassen konnte von den blaugrauen Wogen, dem grauen Himmel ohne Wolkenspiel und Sonne, dem braunen Strande, da begriff er wohl seine geheimnisvolle Macht noch immer, aber zugleich, auch legte sich auf ihn mit erdrückender Schwere die Last seines Lebens, von dem er nun wußte, wie arm es gewesen war: die ganze endlose Reihe seiner abgearbeiteten Tage. Und eine Müdigkeit, so tief kam über ihn, daß er einschlief. – Der Diener ging durch die Säle, um die Lichter zu löschen, sah den einsamen Besucher, der schlief, wollte grob werden, besann sich aber, daß er einen zahlenden Besucher vor sich hatte und weckte ihn höflich. Der Alte schlich hinaus, ohne noch einen Blick auf das Bild geworfen zu haben. Müde und hungrig, und von einer Erbitterung erfaßt, die ihm bisher fremd gewesen war, schalt er innerlich sich und seine Dummheit, sein Geld fortzuwerfen, um ein Bild zu sehen und dann vor ihm einzuschlafen. Zwei Dichter Er ging in die Dünen, wie jeden Nachmittag, um dort seinen Träumen nachzuhängen. Da hörte er neben sich wieder die kurzen Schritte, die ihn so oft in diesen Wochen auf seinen Wegen begleiteten, und er ließ ihn neben sich hertapsen, den kleinen Kerl, der die sehnsüchtigen Augen eines Dichters hatte, und der ihn nie störte mit seinen stillen und seltenen Fragen. Die Eltern saßen bei der Kurmusik und schwatzten. Wo die niedrigen, verkrüppelten Holzungen, die sich wie ein Streifen zwischen den hellen Strand und den hohen, schwarzen Wall des Buchenwaldes schoben, ihre seltsamen Schatten auf den riedbewachsenen Sand warfen, ließen sie sich nieder – der Kleine zu den Füßen des Großen, wie ein treuer Hund. Hier hörten sie die Mißklänge der Musik und das Stimmengewirr der Menschen nicht mehr, sondern nur noch das leise Rauschen des Meeres, das Wehen der Brise in den Halmen, und jenes geheimnisvolle Raunen, mit dem hinter ihren Erscheinungen die Natur unaufhörlich neues Leben zeugt und gebiert. Unter der festen Decke von Tannennadeln und zerbröckeltem Holze, die wie ein dichter Pelz über dem weißen Sande lag, gärte und zitterte das verborgene Drängen ungezählter und unsichtbarer Lebewesen. Und überall taten Ameisen ihre emsige Arbeit. – Der Knabe spielte mit einem vertrockneten Tannenzapfen, der seine Kiefer nach allen Seiten auseinandersperrte und tief in sein entkerntes Innere sehen ließ; der Mann aber sah still auf die hügeligen Buchtungen der Dünen mit ihrem schwarzen Ginster und den silbergrauen, schlanken Gräsern, und auf die bizarren Formen der Nadelhölzer, die sich im stetigen Kampf im Wind und Wetter so tapfer gewehrt, und von ihnen doch zu Krüppeln gemacht waren, hier an der Grenze zwischen Land und Meer, auf dem äußersten Vorposten, während hinter ihnen, dem Schutze der treuen Vasallen, hochmütig und stolz die Herren ihre Kronen hinauf zum Himmel hoben. Es war eine Weiche und Süße in der Luft, die die Augen betäubte; und zugleich eine Frische, die sie immer wieder öffnete ... Da erzählte der Dichter seinem kleinen Freunde die Märchen der Sehnsucht, nach denen seine Augen verlangten: das von der Seejungfrau, die mit ihren Schwestern tief auf dem Grunde des Meeres lebte, aber heraufstieg, um die Liebe eines Menschenkindes zu gewinnen, und an ihr zu leiden und unterzugehen; und das von dem häßlichen, jungen Entlein, das, getreten und verstoßen auf dem Hühnerhofe, hinausschwamm, sein graues Gewand von sich warf und ein stolzer, königlicher Schwan ward; und sein eigenes von dem kleinen Seepferdchen, das auch nicht mehr leben mochte in der stillen, kühlen und leuchtenden Tiefe, das die Wärme fühlen wollte und starb, als der erste Sonnenstrahl es traf ... Ein verlorener, verträumter Ausdruck lag in den Augen des Kindes, als er endete; Furcht vor dem Leben und Sehnsucht nach ihm zugleich. Da packte den Dichter das unbezwingliche Verlangen, in diese reine unberührte Seele, die keiner verstand, wie ein klares, kostbares Glas, aus dem noch niemand getrunken, als der Erste die ersten Tropfen unvergänglicher Schönheit, das Elixier seines eigenen Lebens, zu gießen und zu sehen, wie es sich in ihr spiegelte, übermächtig wurde sein Verlangen, und es dünkte ihm köstlich zu sein, dieser Erste zu sein nach freier Wahl. Und von seinen Lippen klangen plötzlich die Verse, die er liebte, die Verse seiner angebeteten Großen, die ihm vertraut waren, ihrem Sinn und ihrem Klange nach bis in ihr letztes Geheimnis. Und sie waren, wie sie tönten und schwollen, wie das Grollen des Meeres bald, und bald wie das Klagen des Windes in den Dünen ... Er sprach und sprach, rastlos, wie sie ihm kamen, ohne Zusammenhang, aber alle waren sie gebadet wie in Glanz, und wie beschienen von einem zitternden Lichte. Er wußte es wohl: der kleine Knabe konnte sie nicht verstehen. Sie mußten ihm dunkel und geheimnisvoll sein, wie das Meer und die Nacht und das Leben es ihm waren. Aber er sollte sie auch nicht verstehen; er sollte sie nur hören. Und wie er sich nicht gescheut hätte, vor den Ohren des Kindes aus den stummen Saiten eines Instruments unverstandene Klänge zu locken, so scheute er sich nicht, vor ihnen die Klänge der Worte zu entfalten in ihrer unerhörten Pracht, deren innerste Seele Musik war, und mit keinem Verstände begriffen werden konnten. Er sprach weiter und weiter, wie er sprach auf seinen einsamen Gängen am Ufer und im Walde, und in der Einsamkeit seines Zimmers, wenn er fühlte, wie die Schauer der Schönheit ihn überrieselten wie warme Wogen. Er sprach weiter und weiter, und vergaß, zu wem er sprach und weshalb ... Dann, als sein Blick die Augen des Knaben traf, stockte er. Sie waren auf seine Lippen gerichtet mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Erwartung und Angst, erschrocken fast und doch begierig. Da wußte er, daß er eine Seele zu ewiger Sehnsucht nach der Schönheit geweckt hatte, und er hielt inne. Der Becher sollte nicht auf einmal gefüllt werden in roher Hast. Nun sein Boden bedeckt war mit dem reinen Stoff unversieglicher Kraft, konnte das Leben hineinschütten, was es wollte: er würde absorbieren und kristallisieren, was an Unreinem hinzugeschüttet werden mochte. Und was immer aus diesem Kinde werden mochte – es war ein Dichter. Sein würden alle Leiden und alle Herrlichkeiten des Lebens sein, und alles mußte er tragen, so gut er es vermochte ... Sie standen auf und gingen zurück, wie sie gekommen waren, Hand in Hand, und ohne zu sprechen. Je näher sie den Häusern des Badeortes kamen, um so deutlicher wurden die abgegriffenen Klänge der Musikweisen, die dort gespielt wurden und die lauten und schrillen Worte der Menschen – Lärm, mit dem diese Menschen das Schweigen ihrer Seele betäubten, um es nicht zu vernehmen. 13 BIS , Rue Charbonnel Während er sein Dejeuner hinunterschlang schrie er plötzlich: – Und Marguérite? Sie war bei der Tante. So, bei der Tante. Schon wieder bei der Tante. Aber er wollte das nicht länger, daß sie jetzt immer dort war. Diese Tante – sie – sie war zu gut, diese Tante! Warum kam sie denn plötzlich jetzt alle Tage, wo sie doch früher nie daran gedacht hatte, sich der Grillons zu erinnern? – Und was sollte es heißen, daß sie die Kleine immer mitnahm? – Und beschenkt wieder nach Hause brachte? – Hatte sie wohl jemals in ihrem Leben einem Menschen auch nur eine Stecknadel geschenkt. – he? – Seine Augen gingen mißtrauisch hin und her, während er die letzten Bissen mit großen Rotweinschlucken niederspülte. Sie funkelten böse und unruhig, aber die Frau blieb gleichmütig wie immer. Was ging es ihn denn an, wenn die Tante ihnen half? – Sie hatten Hilfe doch gewiß nötig, seitdem er seines alten Leidens wegen nicht mehr arbeiten konnte und nichts mehr nach Hause brachte. Er aber fuhr fort zu schelten und zu fragen und umherzuschnüffeln, bis er plötzlich das Messer fortwarf und von neuem aufschrie; – Ja, und was war denn das? Ja, wo kam denn das her? – Wie? Er brachte kein Geld nach Hause und sie hatte eine neue Bluse an. Eine neue Bluse! – War die etwa auch ein Geschenk der Tante – sie war ja auf einmal ungeheuer freigebig, diese – Tante! Und vierzehnmal hintereinander wiederholte er immer wieder dasselbe Wort: »Diese Tante – diese Tante! –« und jedesmal wurde der Ton bitterer, mißtrauischer und gehässiger. Er stand jetzt vor ihr und betastete mit seinen kurzen, fettigen Fingern den Stoff, als ob er so herausfühlen könnte, woher er stamme. Erst hielt er ihn zwischen den Händen, aber dann nahm er ihr Fleisch zwischen die Nägel, drückte, kniff und stieß sie, bis er sich endlich vor Zorn nicht mehr auskannte, und sich auf sie warf und mit den Fäusten auf sie losschlug: – Ach, das war ja alles nicht wahr, das mit dieser Tante! ... Glaubte sie denn, er sei so dumm, nicht zu sehen, was um ihn her, in seinem eigenen Hause, vorging? – Als ob er nicht längst alles wußte, was sie ihm glaubte verschweigen zu können! – Vor vier Wochen war sie wieder einmal gekommen, diese Tante, einmal wie immer im Jahre, aber statt die Wände mit ihren Jammerklagen über ihre eingebildeten Leiden zu füllen, hatte sie diesmal kein Auge von dem Kinde gewandt, sich nur mit ihm abgegeben und einmal über das andere sich nicht genug wundern können, wie sich die kleine Marguérite im letzten Jahre entwickelt habe – »zu einem Fräulein, einem richtigen Fräulein« aus dem Kinde ... Und dann war sie wieder gekommen, und wieder ... hatte das Kind mitgenommen, weil »sie sich so einsam fühlte«, auf Spaziergänge und ins Theater ... immer öfter und öfter ... und dann war das Geld ins Haus gekommen, von dem niemand wußte, und wissen wollte, woher es kam. Und Marguérite? – Nun, frech war sie ja immer gewesen, die Kröte, aber woher hatte sie denn auf einmal diese zweideutigen Ausdrücke und diese unzweideutigen Gebärden? Was? auch von der Tante? – Und weshalb sah er sie denn jetzt überhaupt fast nicht mehr? – Aber wie sie sich irrten, sie. Madame Grillon, die seine Frau war, und die kleine Marguérite, diese kleine Schlaue, seine einzige Tochter, wenn sie glaubten, ihn, Grillon, betölpeln zu können – ihn, der hier in Paris, der größten und schönsten Stadt des Weltalls, geboren war, der dem Staate lange Jahre gedient und den großen Krieg mitgemacht hatte, und dessen einzige Dummheit, die gewesen war, daß er sie, die dumme Gans aus der Provinz genommen hatte, als sie von dem famosen Monsieur Jumel sitzen gelassen worden war, und mit ganzen fünftausend Franks als Abfindung ... Er schrie nicht mehr. Er sprach fast leise, aber bei jedem Worte puffte und kniff er sie, und aus seinen Augen leuchtete eine hämische Freude. Sie wehrte sich nicht. Sie kannte ihn, diesen eitlen und rohen Patron, wie sich selbst. So dumm war er, daß er von allem nichts, aber auch gar nichts gemerkt hatte in diesen zwei Monaten ... Heute morgen hatte ihm irgendeiner dieser neidischen Affen, mit denen er sich den ganzen Tag herumtrieb, um »Arbeit zu suchen«, die Sache ins Ohr gesetzt, und nun wußte er natürlich auf einmal alles, und hatte alles längst gewußt. Nun würde er schreien und fauchen und sie schlagen, bis sie ihm alles gesagt hatte – bah, und dann würde er heulen und fortgehen und sich betrinken, und morgen würde alles in Ordnung sein, und sie würden wieder nebeneinander her leben, und ganz gut, besser als bisher, weil sie ja die kleine Marguérite hatten, so klug und so niedlich, so zärtlich und so selbstbewußt, die nun mit ihren dreizehn Jahren anfing, für sich und ihre Eltern zu sorgen ... Aber diese Kneiferei mußte ein Ende nehmen. Ach, sie kannte ihren alten Grillon viel zu gut, um nicht zu wissen, daß nun, da er einmal argwöhnisch geworden war, ihn seine kleinliche Neugier, diese schreckliche Neugier, mit der er tagtäglich bis in die letzten Winkel ihres Lebens zu dringen versuchte, nicht ruhen lassen würde, bis er alles wußte. Darum sagte sie ihm alles – ganz ruhig, ganz gleichgültig und ihre Stimme war so träge wie immer. Auch die Adresse wollte er wissen, die genaue Adresse. Nun ja, er konnte sie haben. Nur sollte er jetzt endlich aufhören zu schreien. Und sie schrieb sie ihm selbst auf ein schmutziges Stück Papier, da er behauptete, er könne nicht schreiben, so sehr zitterten ihm die Hände vor innerer, seelischer Erregung. Also: rue Charbonnel ... Und die Nummer? – Die Nummer? – 13bis. Und das Geld? – He? – Welches Geld? – Ach, er dachte wohl die Hundertfrankscheine flögen nur so bei dem Geschäft, dummes Tier, das er war. So war das heute nicht mehr. Und sie rechnete ihm alles vor ... Geld? Nun, sie hatten eben davon gelebt. Wovon denn sonst? Aber er schrie und tobte weiter. Er wollte Geld sehen. Und endlich gab sie ihm ein Zehnfrankenstück, das sie noch hatte. Was für ein widerwärtiger Mensch er doch war! Dann aber, als er noch immer nicht aufhörte zu schreien und in sie zu dringen: sie müsse noch mehr Geld haben, noch viel mehr – da wurde auch sie böse. Aber ihr Zorn äußerte sich ganz anders als der seine. Sie schrie nicht. Sie wurde nur plötzlich ganz blaß und grünlich um die vollen Lippen herum. Und so ging sie auf ihn zu, schob ihn mit einer Handbewegung wie ein unnützes Stück Möbel beiseite und verschloß sich in das Schlafzimmer. Er wußte: nun war es genug. Ganz genug. Noch ein Wort mehr vielleicht und sie hätte ihn mit ihren rosigen Metzgerarmen gefaßt und durch das Fenster auf die Straße geworfen. Er kannte sie. Einmal, vor Jahren, als sie ihm noch fremder war und er noch nicht wußte, wie weit er gehen durfte, hatte sie einen Stuhl genommen, wie eine Fliegenklappe, und ihn auf ihn niedergeschmettert, daß er – beim Satan! – nicht mehr lebte, wenn er nicht noch rechtzeitig ausgewichen wäre; und ein anderes Mal hatte sie ihn wie ein Baby ganz einfach in dieses selbe Schlafzimmer getragen, auf dem Bett festgebunden und ihn so bis zum Abend liegen lassen, daß er drei Tage gebraucht hatte, um sich wieder bewußt zu werden, wie sehr er diesem Schwein an Charakter und Geist überlegen war, das sich mit allen Männern, die ihr in den Weg kamen, wenn sie nur stark und groß waren wie sie, einließ, und dabei merkwürdigerweise äußerlich doch immer reinlich und sauber blieb ... Sein Schreien ging langsam in ein Knurren über, indem er in seinen Rock fuhr. In ihm fand er alsbald seine Würde als Mensch, Soldat und Staatsbürger wieder. Er durchwühlte noch schnell einige Schubladen, fand nichts mehr, befühlte noch einmal das Zehnfrankenstück in seiner Tasche und verließ das Haus. Wenn er es wieder betrat, würde die Ehre seines einzigen Kindes, und seine eigene, gerächt sein! Obwohl er sich auf seine Kenntnis von Paris viel zugut tat, hatte er keine Ahnung, wo die rue Charbonnel lag. Wahrscheinlich mitten in der Stadt, dort, wo sich alle Laster zusammenhäuften ... An der Haltestelle des Omnibus traf er den Bürger Ravel, gleich ihm aus Levallois-Perret. Der meinte, die rue Charbonnel läge am Palais Royal. Nein, beim Square Louvois, behauptete ein anderer. Das mußte entschieden werden, und so zogen alle drei in das nächste Café. Grillon bestellte und zahlte – einen Bock, einen kleinen Cassis und einen Absinth. Der Bottin gab den Ausschlag: die rue Charbonnel lag am Square Louvois und Grillon erkletterte die Imperiale des Omnibus. Einerlei, er wollte die schmutzige Gasse und dies infame Haus schon finden! Unterwegs stieg der Nachbar Lagrange, der Schuhmacher, zu ihm. Verdammt, daß man keinen einzigen Gang mehr machen konnte, ohne auf Schritt und Tritt Bekannte zu treffen! Aber er würde es ihm nicht sagen, wohin er ging, dem neugierigen Schwätzer – o nein, das würde er nicht. Nur einen halben Liter an der Umsteigestelle am Gare St. Lazare kostete ihm dies neue Zusammentreffen und eine halbe Stunde Zeit, so daß er beim Weiterfahren eine große Auseinandersetzung mit dem Kontrolleur hatte, der behauptete, seine Korrespondence sei ungültig geworden, dies dumme Vieh ... Grillon zog den Kürzeren, mußte ein zweites Mal bezahlen, wieder einen Franken wechseln lassen, und war in höchster Wut, als er endlich dem Square Louvois, durch enge Seitengassen der Avenue de l'Opéra, zusteuerte ... Der kleine Platz lag da, von eisernen Gittern umzäunt, still und verschlafen in der Glut der Sonne. Auf einer Bank kauerte eine schlafende Gestalt, ineinandergekrümmt wie ein Igel; bei einer anderen spielten ein paar schmutzige Kinder lautlos im Sande. Die Gesträuche waren vertrocknet und gelb, und die dumpfe Luft schwer von Staub und den Dünsten der Gassen, die aus allen Ecken hervorkrochen. Der Bürger Grillon hätte sich am liebsten auch dort hingelegt und geschlafen, aber es war bereits vier Uhr und er hatte eine Pflicht zu erfüllen, eine ernste Pflicht. Und er lief die Straßen ab, rings um diesen Platz, bis er sie fand, gleich die dritte: Rue Charbonnel. So, das war sie also, die verfluchte Gasse, in die man sein Liebstes schleppte, um es zu vergiften an Leib und Seele ... Und nun sollte die Welt etwas erleben: wenn er diese Hölle gefunden hatte, natürlich die schmutzigste und versteckteste unter all diesen Lasterwinkeln dieser elenden Gasse, dann würde er, Grillon, auf das nächste Polizeiamt gehen, seine Papiere vorlegen und seine Anklage vorbringen; und mit dem Leutnant und dem Sergeanten würde er zurückkehren, er an ihrer Spitze, und dann würde man es stürmen, dieses Haus, wie die Bastille, ja wie die Bastille! – und sie würden etwas erleben, die Bewohner dieser guten Gasse da! – – Aber erst wollte er sich diese Nummer 13 bis einmal ansehen. Er betrat die Straße und war sehr erstaunt über den ruhigen und friedlichen Eindruck, den sie machte. Sie unterschied sich in nichts von den übrigen Seitenstraßen, die sich hier um die großen Adern des Verkehrs am Herzen der Stadt hinzogen. Im Gegenteil: diese rue Charbonnel sah vielleicht noch sauberer und wohlhabender aus, wie sie sich dahinstreckte in der hellen Sonne des Nachmittags, mit ihren offenen Läden, ihrem tätigen Leben, das seiner Arbeit nachging. Aber das Haus, wo war das Haus? – Sollte sie ihn belogen haben, die Canaille? – Nein, er wußte, sie log nie in ihrer schamlosen Frechheit –: sie schwieg oder sie sagte ihm die Wahrheit. – Und der Bürger Grillon suchte die Nummer, die Nummer 13 bis, indem er auf der Seite der ungeraden Nummern hinging, und als er nach ein paar Schritten gegenüberstand, war er ganz verblüfft. Denn diese Nummer 13 bis war wahrhaftig nicht so leicht zu übersehen! – Es war das größte Haus dieser ganzen Straße und überragte mit seinen fünf, sechs Stockwerken alle anderen um ein Beträchtliches. Und es unterschied sich nicht hierin allein von seiner Umgebung: denn während an allen anderen Häusern und in allen Stockwerken die Fenster weit offen standen, waren die langen Reihen der Fenster dieses Hauses – acht in jeder – so dicht mit ihren grauen Holzläden verschlossen, daß man auf den ersten Blick annehmen mußte, das Haus sei überhaupt nicht bewohnt. Nur oben, ganz oben, in der letzten Reihe, stand ein einziger dieser unzähligen Läden ein wenig, kaum halb, offen, als habe man vergessen, ihn zu schließen, überhaupt, das ganze Haus hatte etwas – etwas Unheimliches, fand der Betrachter. Zwar stand die Haustür weit offen und ließ den Eingang in einen kleinen Vorraum frei, von dem eine kurze Treppe zu einer zweiten, fest verschlossenen Tür führte. Aber Grillon konnte weder irgendeinen Namen entdecken, der gesagt hätte, wer denn eigentlich in diesem Hause wohnte, noch eine Klingel. Und was das Merkwürdigste war: rechts und links in diesem Eingang, in Manneshöhe über der Straße, lagen zwei große Fenster, die wie die Zelle eines Zuchthauses mit mächtigen Eisengittern versehen waren, und durch die bunten, durch Übermalung völlig undurchsichtig gemachten, tief zurückliegenden Scheiben dieser Fenster drang schwach, aber doch erkennbar, ein Schimmer von Licht, das dort – am hellen Tage – brannte, und, wie schon die offenstehende Haustür bewies, daß das Haus in Wirklichkeit bewohnt war. Grillon mußte Atem holen, so sehr beengte ihn der Anblick. Dann stieß er einen halblauten Fluch aus: Donnerwetter, war das ein Haus! – Aber das war ja eigentlich gar kein Haus, das war ein Grab inmitten des Lebens, eine Festung, ein Fort Chabrol! – Was konnte das sein?– – – Er ging weiter, um nicht aufzufallen, denn er allein starrte nun schon diese ganze Zeit dieses Haus an, an dem' alle anderen Menschen so gleichgültig vorübergingen, als sei es nicht im mindesten auffallend, daß es so dalag, stumm, verschlossen und vergittert am hellen Tage ... Dann drehte er plötzlich um, warf im Vorübergehen noch einmal einen langen, scheuen Blick über die verschlossenen Fensterreihen und befand sich wieder auf dem kleinen Platz, wo die Kinder noch immer ihr lautloses Spiel trieben und auf der Bank der Ouvrier weiterschnarchte. Er mußte nachdenken über das, was er eben gesehen. Denn es war ihm ganz klar, daß seine ursprüngliche Idee, zur Polizei zu gehen, lächerlich war. Man würde ihn hinauswerfen, nein, man würde ihn überhaupt nicht anhören. Denn wenn dieses Haus auch äußerlich kein einziges Kennzeichen aufwies, eines trug es doch: die kleine, doppelseitige Nummer, wie ein Dreieck aus der Wand herausspringend und abends von innen erleuchtet, die Nummer aller öffentlichen Gebäude in Paris, aller öffentlichen Gebäude und – aller öffentlichen Häuser, die unter dem Schutze des Gesetzes standen! – Er kannte sie, diese Nummern, so unauffällig und doch so vielsagend ... Allerlei dunkle Geschichten fielen ihm ein, die er irgendwo einmal gehört hatte: wie die Polizei diese Häuser nicht nur tolerierte, sondern geradezu beschützte; wie unmöglich es den Mädchen gemacht würde, die einmal in einem solchen Hause waren, ihm wieder zu entfliehen; wie sie willenlose Sklaven geworden waren, wenn sie es einmal betreten hatten ... Und seine Kleine, wer sagte ihm denn, daß sie überhaupt jetzt in dem Hause war? – Nein, die kleinen Mädchen, die hielt man nicht dort fest, die kamen dorthin nur zum Besuch, und bevor er sie nicht selbst dort hatte eintreten sehen, er mit eigenen Augen, wie konnte er beweisen, daß seine Marguerite in dem Hause war? – – Jetzt, am hellen Tage, würde sie wohl noch nicht dort sein, sondern bei ihrer Tante, die sie in den Straßen herumführte, um sie zu zeigen – aber am Abend, da würden sie wohl kommen, die beiden! – Und da kam ihm eine glänzende Idee. Nein, das wollte er nicht: jetzt auf dies stille Haus zugehen, Lärm schlagen und sich als ein Narr einstecken lassen unter dem Gelächter der Zusammengelaufenen. Nein, er wollte warten, bis der Abend kam und sie sein kleines Opfer angeschleppt brächten – dann, dann würde er hervorstürzen aus seinem Versteck, mit den Fäusten an die Tür dieser Hölle donnern und so laut rufen, daß alle es hören müßten, daß er, er der Vater sei. Und auf seinen Armen würde er sie nach Hause tragen, seine kleine Marguérite, und überall, wo er hinkam, würden die Leute um ihn herumstehen und sagen: Ja, so handelt ein Vater, ein rechter Vater ... Und er ging von dem Platze wieder in die rue Charbonnel zurück. Fast gegenüber der Nummer 13 bis befand sich ein kleines Café, wie sie in jeder Straße zu finden sind. Vor der Tür standen ein paar kleine Tischchen, die kleinen, runden Blechtische mit den niedrigen Rohrsesseln, an die Wand der Häuser gedrückt, um möglichst wenig Platz von dem Trottoir wegzunehmen. Das schien dem Bürger Grillon der rechte Platz für seinen Beobachtungsposten zu sein. Von dort aus konnte man die ganze Straße nach beiden Seiten und das Haus gegenüber genau beobachten und jeden sehen, der sie herunter- oder heraufkam und dort ein- und austrat. Er setzte sich an den äußersten Platz an den letzten der kleinen Tische, wo er dem Hause gegenüber am nächsten war, und bestellte sich einen Liter, den ihm der Wirt gleichgültig brachte. Grillon schenkte sich ein. Das war so ganz sein Fall: etwas zu tun zu haben, ohne etwas zu tun. Oh, er wollte hier schon warten, und wenn es acht Tage lang dauern sollte! ... Nichts sollte ihm entgehen von allem, was in dem Hause dort drüben vor sich ging! Vor allem aber wollte er seine Aufmerksamkeit auf die Tür richten. Jeder, der aus- oder einging sollte von seinen unbestechlichen Augen gesehen werden. Einstweilen aber verging eine halbe, eine ganze Stunde, ohne daß sich in dem Leben der Straße und an dem Hause das geringste verändert hätte. Die Menschen kamen und gingen an ihm vorbei, zuweilen betrat ein Gast den Ausschank, um ein Glas zu trinken, aber die andern Tische blieben leer, und in der Nummer 13 bis lagen die Läden fest vor den Fenstern, brannte das matte Licht hinter den bunten, undurchsichtigen Fensterscheiben und blieb die Tür fest verschlossen, ohne irgendeine Menschenseele hinein- oder hinauszulassen. Um Grillon kümmerte sich kein Mensch. Der, da er sich zu langweilen anfing, ließ seine Gedanken schweifen in die ferne Zeit, da er noch selbst in solchen Häusern verkehrt hatte, damals, als er noch jung und unverheiratet war, am Sonnabend abend, mit dem Lohne der Woche in der Tasche, und allerlei längst vergessene Dinge fielen ihm ein: was sie alles mit den Mädchen gemacht hatten und was die sich gefallen lassen mußten, unsaubere und häßliche Dinge, deren sich dennoch keiner schämte, die sie vergaßen ... Aber das waren alles erwachsene Mädchen gewesen mit starken Hüften und vollen Busen, je fetter, desto begehrter von ihnen. Was jedoch ging in dem Hause dort drüben vor? – Wer lebte darin? ... Na, er würde ja dahinterkommen, noch heute. Nur ausharren mußte er hier. Und mit einem schweren Seufzer trank er seinen Liter aus und bestellte gleich noch einen, denn zum Apéritif war es ihm noch zu früh. Es war fünf, halb sechs geworden. Die Straße belebte sich etwas. Hausfrauen und Dienstmädchen, die die erste Kühle des späten Nachmittags abgewartet hatten, erschienen mit Körben zum Abendeinkauf, Kinder liefen zum Platze, um zu spielen, und das ganze Leben nahm, wie die Arbeit dieses Tages langsam zu Ende ging, ein lebhafteres Tempo an. Die ersten Apéritif-Gäste tranken ihren Absinth oder ihren Amer Picon mit Wasser. Drüben blieb alles still. Nichts rührte sich hinter den verschlossenen Läden. Und als Grillon nochmals mit scharfem Blick die Reihen der Fenster entlang strich, bemerkte er, daß jetzt, hoch dort oben, auch der eine Laden, der ein wenig offengestanden hatte, angezogen worden war. Alles lag tot und still, ein Grab, ja ganz wie ein Grab. Grillon langweilte sich entsetzlich, aber er hielt aus. Es wurde sechs, und er glaubte, sich jetzt seinen ersten Absinth leisten zu dürfen. Er bestellte, und neuer Mut zog in sein verwundetes Vaterherz. Die erste Dämmerung des Abends kam. Laternen wurden entzündet, leuchteten aber noch matt in der weißen Helle der noch zu frühen Abendstunde. Die Woge des Lebens floß stärker durch diese Straße. Es kamen Menschen, Männer und Frauen, die die Arbeit des Tages hinter sich hatten, und eilten, nach Hause zu kommen; und keiner kümmerte sich um den andern, nur insoweit, als er ihm auswich, um selbst schneller vorwärtszukommen. – Auch Wagen fanden jetzt ihren Weg durch die rue Charbonnel. Grillon richtete sich auf, angefeuert durch seinen ersten Absinth. Seine Stunde nahte. Er würde sich ihrer würdig zeigen, wenn sie kam. Er war gefaßt. Er war vorbereitet auf alles ... Er strich seinen Schnurrbart nach jedem Zug aus dem Glase und verwandte das Auge nicht mehr von der Tür dort drüben. Es war keine Zeit mehr, eigenen Gedanken nachzuhängen ..., denn jetzt sollte kommen, was kommen mußte. Er scheuerte seinen Rücken dichter an die Wand und wartete ... Er würde warten! – Er hatte gelernt zu warten. Er bestellte den zweiten Absinth, gelassen und ruhig. Aber seine Erwartung war gespannt. Warum begannen sie dort drüben nicht endlich? – Er saß jetzt hier seit zwei und einer halben Stunde und nichts hatte sich ereignet. Er wandte seine Blicke jetzt nicht mehr von den Menschen, die an dem Hause vorbeigingen. Da er seine Blicke nur auf die eine Stelle dort drüben gerichtet hielt, schien es ihm, als wichen sich die Menschen nur an dieser einen Stelle aus, die dort, von beiden Seiten kommend, zusammentrafen. Es war ein stetig wechselndes Bild: oft blieb die Stelle ganz leer, dann kamen nur einzelne Personen an ihr vorbei, dann wieder schien die Flut anzuschwellen, und Grillon konnte die Einzelnen kaum mehr verfolgen, die sich dort aneinander vorbeischoben. Aber immer noch zogen alle an der Tür vorbei und er hatte noch keinen einzigen hinter ihr verschwinden sehen. Es lag eine gewisse Regelmäßigkeit in diesem Ebben und Anschwellen: wenn der Strom stärker geworden war, schien er langsam zu versiegen, und eine Weile lag das Trottoir leer, bis dann wieder einer oder der andere erschien, vorbeiging, und mehr und mehr Passanten hinter sich nachzuziehen schien ... Jetzt war es wieder leer dort drüben. Und langsam kam ein Herr ganz allein die Straße herauf. Grillon betrachtete ihn mit besonderem Interesse. Ein schöner, alter Mann, mit weißem Bart, im Zylinder und Gehrock, den hellen Paletot leicht über dem Arm, das Bändchen der Ehrenlegion im Knopfloch – oh, Grillon, sah es wohl! – Gravitätisch und ernst. Grillon tat einen tiefen Schluck und sah ihm nach ... Aber was war das? – Der Herr schritt nicht dort weiter die Straße hinunter. Er war auch nicht umgekehrt. Er war einfach verschwunden! – – – Grillon rieb sich die Augen. Träumte er?! – Er starrte hinüber, er sah die Straße hinauf und hinunter, noch war sie leer, jetzt kamen wieder ein paar Menschen von beiden Seiten, gingen vorbei, aber der Herr im Zylinder war und blieb verschwunden! Lange saß Grillon auf seinem Platze mit offenem Munde, so verblüfft war er. Er riß die Augen auf, denn jetzt, jetzt wieder: waren da nicht vier Personen eben heraufgekommen und waren es jetzt nicht nur noch zwei, die weitergingen, während die beiden anderen wie vom Erdboden verschlungen waren? – Vier, vier Frauen waren es gewesen, die in einigem Abstand, je zwei und zwei, gekommen waren, und nur zwei, die Vordersten, schritten weiter ... Es wurde ihm unbehaglich zumute. Er hatte doch Augen im Kopfe, warum konnte er denn nicht sehen? – Und er war doch nicht betrunken, jetzt doch noch nicht! – Er träumte entweder oder die Dämmerung war bereits zu stark geworden, und dieser verfluchte Magistrat tat natürlich wieder nicht seine Pflicht den steuerzahlenden Bürgern gegenüber und zündete die Laternen zur rechten Zeit an! – Aber jetzt würde er schon aufpassen. Nichts sollte ihm mehr entgehen! Er setzte sich in Positur. Und wieder verfolgte er die Menschen mit seinen Blicken, die dort, bald einzeln, bald in Gruppen vorbeigingen, dort an dem grauen Hause, das stumm und verschlossen dalag, regungslos, ein unheimliches Ungeheuer, und wie auf der Lauer, anzuziehen und zu verschlingen, wer sich ihm nahte, mit den blinden Augenhöhlen seiner verschlossenen Fenster ... Und wie Grillon spähte und spähte, schien es ihm, als ob dort drüben immer wieder Menschen beim Vorbeigehen an der Tür des Hauses verschwänden, ohne daß er ein einziges Mal erkennen konnte, wie sie eintraten. Jetzt: diese beiden jungen Mädchen, die sich noch eben lachend durch die Menschen geschoben hatten, wo waren sie hin? – Der Herr, der ganz allein, dicht an den Häuserwänden sich hindrängend, die Straße heraufgekommen war, er ging nicht mehr weiter, er war weg, plötzlich weg! – Und diese Droschke, die da leer fortfuhr, hatte sie nicht einen Augenblick, nur einen Augenblick, dort drüben gehalten und war es nicht ganz so gewesen, als hätte er den Schlag klappen gehört? – Aber ihre Insassen – wo waren sie? – Wo konnten sie sein als hinter jener Tür? Denn die Straße war leer. Da faßte Grillon einen Entschluß. So ging es nicht weiter. Wenn er hier so weiter saß, so entschlüpften sie ihm, die er erwartete. – Er rief laut nach dem Wirt und zahlte: zwei Liter und drei Absinth. Etwas schwankend, aber stolz erhob er sich. – Jetzt wollte er dort hinüber und sich dicht neben die Tür hinstellen, dicht neben die Tür an den Eingang, und keiner, keiner sollte ihm entgehen, der dort eintrat, auch sie nicht, die Bestie, die Tante, und sie nicht, seine kleine Marguérite. – Oh, er wollte! – Er überschritt die Straße und ging auf das Haus zu. Aber wie er in die Mitte kam und er das Haus näher und näher vor sich sah, packte ihn wieder das Grauen, mit dem er es am Nachmittag zuerst erblickt – seine Schritte wurden langsamer, er starrte auf die Tür in dem Eingang, und plötzlich, noch bevor er das jenseitige Trottoir erreicht, kehrte er um und ging in einem großen Bogen, wie ein geprügelter Hund, über die Straße zurück und setzte sich wieder auf seinen noch warmen Platz an die Ecke des Tischchens an der Wand. Er zitterte förmlich vor Angst. Als er den Wirt sah, rief er nach einem neuen Liter, der ihm mürrisch gebracht wurde. Von nun an verließ ihn die Angst nicht mehr. Er drückte sich fest an die Wand, trank und starrte mit seinen gläsernen Augen hinüber auf das fürchterliche, stumme Haus und seine Tür, diese Tür, die sich lautlos durch eine geheimnisvolle Macht von selbst beim Nahen der Besucher zu öffnen und sich ebenso lautlos hinter ihnen zu schließen schien. Es war Abend geworden. Die Laternen brannten durch den Dunst der Straße wie gelbe Kugeln, und über das Hasten und Treiben der Menschen hatte sich ein geheimnisvolles Begehren gebreitet, als verlangten sie alle nun von dem teuer erkauften Tage der Arbeit den Lohn – die Erfüllung irgendeines heimlichen Wunsches ... Und wie Grillon hinüberstarrte und starrte, sah er alles, was diese Tür dort einzog und ausspie: elegante Damen und Herren jeden Alters; blutjunge Bürschchen, die reinen Gassenjungen, und kleine Mädchen; Frauen in Federhüten und einfache Bürgersleute, die aussahen wie brave Ladenbesitzer und Beamte – das alles ging dort aus und ein, kam zu Fuß oder zu Wagen und verschwand dort, und keiner, keiner von allen brauchte zu warten und zu klingeln oder zu klopfen: bei jeder Annäherung ging die Tür ein wenig auf, in magnetischen Angeln ruhend, zurückweichend und sich wieder schließend – wie selbstverständlich. Die meisten sah Grillon verschwinden, wie vorhin – bei der Annäherung des Hauses wie in den Erdboden verschlungen. Aber andere sah er ganz deutlich die drei Stufen des Einganges emporgehen, ruhig und langsam, und dann plötzlich von der Tür verdeckt, ja manche der Eintretenden erkannte er deutlich wieder, wenn die Straße drüben gerade leer war, wie sie das Haus verließen – alle schnell und ohne sich umzusehen, und nach kürzerem oder längerem Verweilen ... Alle aber, alle, die eintraten und wieder gingen, hatten etwas in ihren Bewegungen, als wollten sie es vermeiden, gesehen zu werden oder Aufsehen zu erregen. Es gab dort drüben keine Ansammlung wie vor anderen öffentlichen Häusern, keine Szenen, keine Fragen ... Vor den starren Augen des Bürgers Grillon begann sich alles zu verwirren. Das unheimliche Grauen ließ ihn nicht los, und er hätte nicht mehr gewagt, sich von seinem Platz zu erheben, aus Angst gesehen zu werden, aber er begann die Menschen, die die Straße drüben herauf- und herunterkamen, daraufhin anzusehen, ob sie wohl dort eintreten würden oder nicht. Und er täuschte sich alle Augenblick ... Wie? – Diese ehrbare Frau mit der stolzen Haltung und der eleganten Kleidung besuchte das Haus? – Und diese beiden Mädchen, die ganz so aussahen, als gehörten sie dort hinein, gingen vorüber? – Und was wollten denn diese beiden Gassenjungen dort, die eben nach links in den Eingang geschwenkt waren? – Und der Herr, der so aussah, als sei er ihnen gefolgt, und der nun doch weiterging? – Alles verschwamm vor seinen Augen. Und allmählich unterschied er nichts mehr deutlich: alle Vorübergehenden schienen durch das Haus zu gehen, es zu betreten und zu verlassen, angezogen und wieder ausgespien von seiner Unersättlichkeit. Er gab es auf, zu beobachten, sondern starrte nur noch weiter hinüber, wie gelähmt durch den Bann der letzten Stunden. Und einmal nur noch wurden seine verglasten Augen etwas größer: war das nicht die Tante und seine Kleine, die dort die Straße heraufkamen? – Und standen sie nicht einen Augenblick dort still? – Löste sich Marguérite nicht von der Hand der Alten, nickte ihr noch einmal zu und verschwand die Stufen des Einganges hinauf, während jene ruhig und aufgeblasen, wie immer, weiterschritt? – Hatte er sich getäuscht oder war es so gewesen? – Grillon wußte es nicht mehr. Er war wie betäubt. Er hatte keinen Willen mehr. Er dachte nicht mehr daran, aufzustehen. Er hätte es gar nicht mehr vermocht. Seine letzten, verschwimmenden Gedanken in den Stunden des Abends, in denen er weiter hier saß und trank, und trank, und wartete – er wußte nicht mehr: auf was? – aber nicht mehr hinüber, sondern nur noch vor sich hin stierte, waren beherrscht von dem Grauen vor dem Hause dort drüben und einer dumpfen und quälenden Neugier seiner Sinne. Was ging dort drüben vor? – Welche Szenen spielten sich dort ab? – Welcher Art waren die Vergnügungen, denen man sich dort hingab? – Und wer unter all diesen Menschen, jung und alt, vornehm und arm, beiderlei Geschlechter, welche waren die Käufer und wer verkaufte sich? Und was tat seine kleine Marguerite dort? – – Scheußliche Bilder stiegen vor ihm auf und ballten sich in immer neuen Formen vor seinen trunkenen Sinnen. Er sah durch die verschlossenen Fenster in die Zimmer des Hauses dort drüben hinein, und überall die nackten Leiber der Eingetretenen in immer wechselnden Verschlingungen der Wollust. Und unter ihnen den alten, den jungen, den mageren und fetten, den reinen und schmutzigen, den kleinen und zarten Körper seiner Marguérite, in seiner lockenden Beweglichkeit und seiner frühreifen Schmiegsamkeit ... Die Gier packte ihn. Er wollte in das Haus. Er hatte keine Angst mehr. Er stand auf, tat einen Schritt und fiel der Länge nach hin. Man brachte ihn auf die nächste Wache. Als der Bürger Grillon am nächsten Mittag, schmutzig und noch immer betrunken, nach Hause kam, war seine Frau, adrett und frisch, längst bei der Arbeit und Marguérite kam eben fröhlich aus der Schule. Sie reinigten ihn und brachten ihn zu Bett. Sie kannten ihn beide und wußten, daß er nie mehr von der Sache sprechen würde. Und so war es. Er ließ es zu, daß die Kleine statt seiner die Kosten des Haushaltes bestritt, und er behandelte sie fortan mit einer verständnisvollen Zärtlichkeit, in die sich Neugier und Respekt seltsam mischten. Herkulische Tändeleien Auf der großen Wiese im Norden der Stadt, wo alle ihre kleinen und großen Festlichkeiten stattfanden, hatte seit einigen Tagen der ›Zirkus Morosini‹ sein großes Leinwandzelt und seine Wagenburg aufgeschlagen. Heute, am Sonntagnachmittag, sollte die erste große ›Gala- und Eröffnungsvorstellung‹ stattfinden, und jung und alt drängte sich in dichten Scharen erwartungsvoll um die soviel vorher besprochenen Genüsse. Jung und alt. Die Jungen aller Stände der braven Stadt, denn selbst die stolzen Gymnasiasten hatten ihre Eltern um den Zutritt zu dieser Vorstellung bestürmt, während diese selbst es natürlich unter ihrer Würde hielten, den Darbietungen einer untergeordneten Wandertruppe ihre Beachtung zu schenken oder doch wenigstens unter ihrer Beachtung halten mußten. Denn mancher neugierige Blick flog von der ›Promenade‹ zu dem ungewohnten Schauspiel auf der Wiese hinüber, zu dem sich im Winde blähenden Zelt, den flatternden bunten Wimpeln und dem hoch durch die Luft gespannten Turmseil. Von den Erwachsenen der Stadt waren daher nur die Kleingewerbetreibenden und die Arbeiter unter den Zuschauern, die ›ohne gesellschaftliche Stellung‹, und sie erwarteten ebenso gespannt und glücklich wie ihre Kinder den Beginn der Vorstellung. Um so mehr fiel es wieder auf, daß Herr Karl W. Ettermann, der Chef der großen Firma Wunder u. Co., der größten der Stadt, und ihre bekannteste und vielbesprochenste Persönlichkeit, sich um diese Zeit bereits unter den Gaffern umhertrieb, mit demselben unverhohlenem Interesse, wie sie hinter alle Zeltwinkel zu lugen versuchte und sich in lange Gespräche mit dem entzückten Zirkusbesitzer und den Mitgliedern seiner Bande einließ. Er fiel auf. Das heißt: soviel an ihm noch etwas auffallen konnte. Man war ja an ihm schon manches gewohnt, was man bei den anderen Honoratioren unbegreiflich und unverzeihlich gefunden hätte. Er hatte in seiner Fabrik auffallende Reformen einer gewissen Selbstverwaltung der Arbeiter eingeführt, gab sich ungezwungen im Verkehr mit »hoch und niedrig«, war, selbst kinderlos, ein großer Kinderfreund und beschäftigte sich mit den Kleinen, die ihn vergötterten, bei jeder Gelegenheit – kurz, er wäre dem allgemeinen Hasse des Bürgertums verfallen, wenn man ihn nicht gefürchtet hätte. Aber man fürchtete ihn. Man scheute sich vor diesem starken und spöttischen Menschen, der gekommen war, man wußte nicht woher, und nun hier so eisern und fest saß, als sei er hier geboren und aufgewachsen, und man wich dem Blick dieser durchbohrenden Augen aus, die so schweigend auf den honigsüßen Lippen der Klatschmäuler ruhen konnten, bis sie ihr Gift verspritzt hatten, und sich dann so maliziös in die Blicke des Sprechers senkten, als wollten sie ihn seines vollen Verständnisses für die gebotene Leistung versichern. Man haßte ihn hier und da. Aber ganz allgemein fürchtete man ihn. Und man gab es auf, über ihn zu klatschen, denn kein Philister dieser Stadt lebte philiströser als er, und sein Leben bot im Grunde nicht den leisesten Spalt zu den Angriffen bohrender Verleumdung. Man ertrug ihn. Aber man trug schwer an ihm, das war nicht zu leugnen.   Man wußte nicht, woher er gekommen war. Aber wann er hierhergekommen war, wußte man noch ganz genau. Vor acht Jahren war er in diese Stadt verschlagen: ein Dreißigjähriger, groß, schlank und sehnig, völlig wild und ganz gebräunt von einem ruhelosen Wanderleben in aller Herren Länder, zitternd noch, gleichsam noch rauchend von den erlebten Abenteuern, und nur durch einen der lächerlichsten Zufälle des Lebens und widerwillig, um die kleine Erbschaft irgendeiner Verwandten, von der er nie gewußt, in Empfang zu nehmen, hierher abbiegend von seiner Straße. Und er war geblieben! – Aus welchem Grunde, das hätte er, der sonst nicht gewohnt war, sich den Fragen seines Lebens zu versagen, kaum zu beantworten gewußt. Kein Anlaß war direkt bestimmend für sein Bleiben gewesen. Aber viele hatten in zweiter Linie dazu mitgewirkt: der Spaß, den ihm das Entsetzen und die Neugier dieser braven Bürger machte, so oft er sich gab, wie er es gewohnt war; das so gänzlich andere, ungewohnte Leben; nicht am wenigsten nach so langer Fahrt das Bedürfnis eines zeitweiligen Ausruhens und vielleicht nicht eingestandene, aber wieder erwachte Gefühle – Erinnerungen an Orte wie dieser, in denen seine vergessene Kindheit sich abgespielt, still, ahnungslos und vertrauensvoll, in Träumen und Sehnsucht des kommenden Lebens ... Endlich: der Kontrast. Der grauenhafte und lächerliche Kontrast zwischen seinem bisherigen Leben und diesen Tagen. Stolz war er nicht auf das Aufsehen, das er hier erregte. Dazu war er wirklich nicht eitel genug; und es gehörte in der Tat allzuwenig dazu, um diese Stadt auf den Kopf zu stellen. Eine Flasche Sekt, am hellen Tage statt um Mitternacht am ehrwürdigen Stammtisch der »Goldenen Krone« getrunken; ein Zwiegespräch mit irgendeiner nicht zum Honoratiorenkreise gehörigen Person auf offener Straße; die Sendung schönster Rosen aus der Hauptstadt an »das schönste Mädchen der Stadt« – all das genügte, um den Aufruhr über den Fremden nicht zur Ruhe kommen zu lassen und ihn – für diese Zeit wenigstens – zum ausschließlichen Gesprächsthema der Stadt zu machen. Dann – bevor das Erstaunen dieser guten Leute sich in Ärger, der Ärger sich in Entsetzen und das Entsetzen sich in Haß zu verwandeln Zeit hatte – geschah das Unerhörte: auf der Ressource verliebte sich »das schönste Mädchen der Stadt« in ihn (das schönste Mädchen nach der Ansicht des galanten Postbeamten, der die Rosen befördert hatte), und das reichste zugleich. Sie heirateten sofort, und der fremde Herkömmling wurde mit einem Schlage der große Fabrikbesitzer Ettermann, eine Respektperson von fast uneingeschränktem Einfluß am Ort. Weshalb er sie heiratete? – Wieder spielten vielerlei Gründe ineinander, von denen er sich über manche selbst nicht klar war. Sicher waren unter ihnen nur zwei: ein auch bei ihm schnell erwachter Rausch – das Verlangen nach diesem schönen und jungen Geschöpf, und dann die alte Abenteuerlust nach der durchschlagenden Wirkung seiner Eroberung. Auch an die Unabhängigkeit eines großen Besitzes dachte er vielleicht. Jedenfalls nahm er die Sache wie er früher seine Abenteuer genommen hatte. Sehr bald erkannte er, daß die Ehe kein Abenteuer war. Nach vierzehn Tagen gab er jede Art geistiger Annäherung an seine Frau auf. Er hatte zwar das schönste und reichste Mädchen der Stadt geheiratet, aber zugleich eine ausgemachte Bourgeoise, triefend von allen kleinlichen Lastern der Wohlanständigkeit und Gewöhnlichkeit, die selbst auf der Hochzeitsreise mit einer beispiellosen Hartnäckigkeit an jeder Klatschgeschichte ihrer Heimat hing und jeden Versuch, sie loszureißen, als eine tödliche und persönliche Beleidigung empfand. Sein Erwachen nach diesen vierzehn Tagen war schrecklich. Er hatte sich in seinem Leben in so viele Abenteuer gestürzt und stets einen Ausweg gefunden. Hier sah er keinen. Er dachte sofort an Scheidung. Nach ein paar Wochen und aus welchem Grunde? – Er hatte ohne Grund geheiratet, so mußte er wenigstens einen Grund zur Scheidung haben, das fühlte er. Er hätte sie verlassen können – und das, wußte er jetzt schon, würde er eines Tages tun – aber jetzt? Der Schreck saß ihm noch in den Gliedern und lähmte sie. Und dann begann seine neue Tätigkeit und hielt ihn. Er liebte seine Frau nicht, wie er jetzt wußte, und er würde sie nie lieben, aber er liebte seine neue Arbeit, die ihm so viele Gelegenheit zur Entfaltung seiner Kräfte und zur Ausnutzung seiner Energie bot. Seine fabelhafte Fähigkeit, sich jeder neuen Situation gegenüber solange trotzig zu behaupten, bis er sie überwunden hatte, wurde hier gleich von Anfang an von so augenscheinlichen Erfolgen begleitet, er hatte mit seinem scharfen Blick sofortige und durchgreifende Veränderungen in Angriff genommen, daß er zum mindesten ihre Erfolge abwarten mußte, daß es einer Flucht aus Feigheit gleichgesehen hätte, wäre er jetzt plötzlich davongelaufen. So tat er, was er unter diesen Umständen tun mußte: er wartete ab. Er baute sich und seiner Frau eine große Villa, die schönste und geschmackvollste der Stadt. Die geschmackvollste, weil er sie in allem anders baute, als seine Frau es haben wollte, um deren Wünsche er sich so wenig kümmerte wie um die Wünsche eines verzogenen Kindes, dem man alles verspricht und nichts hält, um es loszuwerden. Nur in einem gab er ihr nach: er ließ ihr den Willen großer Feste, auf denen die ganze Stadt und die halbe Umgebung erschien, und in denen sie, wie er zu seiner Befriedigung sah, so aufging, daß sie ihn im übrigen tun und treiben ließ, was er wollte, obwohl sie seine Extravaganzen schrecklich fand. So lebte er denn ganz sich: am Tage seiner unermüdlichen Tätigkeit und am Abend in den Zimmern seiner Villa, die keiner betreten durfte, und die er sich nach und nach bis in den kleinsten Winkel hinein mit den Trophäen und Erinnerungen seiner Abenteuer ausstaffierte, diesen Trophäen, aus allen Winkeln der Welt aufgetrieben und nun allmählich von überall hierher zusammengeholt und geordnet. Jahr um Jahr verging so. Die Ehe blieb unverändert langweilig und kinderlos. Karl W. Ettermann war noch immer der meistbesprochene und geistreichste Mann der Stadt, denn immer noch liebte er es, seine Mitbürger durch irgendeine Außergewöhnlichkeit in Erstaunen und Ärger zu versetzen. Aber die rechte Freude hatte er doch nicht mehr daran. Er war völlig vereinsamt. Er hatte keinen Freund, mit dem er über das sprechen konnte, was ihn am meisten interessierte, er hatte niemand ... Er wurde müder und älter. Und er fühlte es langsam. Nur zuweilen witterte er die alte Freiheitsluft und schlug aus.   So heute. Am Sonntagnachmittag. Auf der Bürgerwiese und beim Anblick einer elenden Zirkustruppe. Statt daheim bei den Vorbereitungen zu der großen Abendgesellschaft seiner Frau zur Seite zu stehen (sie wäre sehr erstaunt gewesen, ihn dort zu sehen), trieb er sich hier auf der Wiese schon vor Beginn der Vorstellung, selig wie ein der Schule entlaufener Junge umher, kaufte dem völlig aus dem Häuschen geratenen ›Herrn Direktor‹ drei Reihen seiner besten Plätze ab und saß während der ganzen Vorstellung inmitten einer jauchzenden Kinderschar, größtenteils den Kindern seiner Arbeiter, mit denen er sie füllte, nachdem vorher alle Mitglieder seines Stammtisches abgesagt hatten, weil sie für denselben Abend bei ihm zu Hause geladen waren. Er amüsierte sich göttlich und dachte keinen Augenblick daran, sich bei seiner Frau auch nur zu entschuldigen. Hellauf lachte er, als er das Programm las. Da stand in großen Lettern: Unglaublich aber wahr! – Sehen und staunen! Heute Große Kapazitäten-Vorstellung Die Vorstellungen bestehen in Ballett, Nationaltänzen, Akrobatik, Luft- und Parterregymnastik, elektrischen Demonstrationen, italienischen Harlekinaden, herkulischen Tändeleien ... Er lachte und lachte. – Herkulische Tändeleien! – Wie über alle Maßen originell das war! Herkulische Tändeleien – wie war der gute Kapitän Brettschneider aus Wien, der preisgekrönte Meisterschafts-Turmseilkünstler und »Inhaber goldener sowie silberner Medaillen«, auf dieses Wort gekommen? Ettermann lachte, lachte und blieb den ganzen Abend in vergnügtester Stimmung, auch dann noch, als er sich endlich am Schluß der Vorstellung von den dankbaren Kindern und dem mehr als dankbaren Direktor, der ihn in dunkler Erinnerung besserer Zeiten und einer einstigen Liebschaft seiner Frau nur noch mit »Herr Graf« anredete, freigemacht hatte und in seinem tadellosen Frack plötzlich inmitten der Gesellschaft in seinem Hause erschien. Er kümmerte sich, wie immer, nicht im mindesten um die erstaunten Blicke und die versteckten Anspielungen, schwieg alle Fragen in eisiger, unnahbarer Höflichkeit tot, blieb aber trotzdem, wo er solche nicht zu fürchten hatte, der belebendste und anregendste Unterhalter der Gesellschaft, die ohne sein spätes und plötzliches Erscheinen längst auseinander gegangen wäre.   Spät, lange nach Mitternacht, kam er auf sein Zimmer. Er entzündete das elektrische Licht und die Holzscheite im Kamin, schlüpfte, halb schon entkleidet, in einen bequemen Rock und begann aus kostbaren, alten, dunklen Eichenschränken seltsam geformte Flaschen hervorzuholen, aus denen er sich mit unendlicher Sorgfalt und offenbarer Meisterschaft in immer wiederholten Mischungen merkwürdige und fremdartige Getränke zusammenbraute. In seinen Augen leuchtete wieder die Freude, eine andere Freude als die, welche bis eben auf ihnen gelegen, denn nun begann die liebste Stunde seines Tages. Hierher, auf sein Zimmer, zog er sich jeden Abend zurück, hier atmete er auf von dem Druck seines Lebens, und hier träumte er vergangenen Tagen nach, die nie wiederkehrten, wie er zuweilen glaubte. Tagsüber der mäßigste Mensch, hatte er Abende, an denen er sich hier allein berauschte, um zu vergessen, wo und wer er jetzt war. Und er kannte die Getränke, die berauschten, die Flips und Cocktails, die Sours und Figs: nicht umsonst hatte er hinter so mancher Bar der Staaten und Kanadas gestanden und nicht umsonst sein Finish als Barkeeper hinter der des Waldorf Astoria in Newyork erhalten. Behaglich die Füße gegen die prasselnden Flammen gelehnt, tat er den ersten Zug aus dem Silberbecher und seiner alten Holzpfeife. Der Zirkus fiel ihm wieder ein, die lachenden Kindergesichter und der armselige Flitter der Schaustellung. Und das pompöse Programm ... Er suchte es hervor. Und wieder lachte er hell auf, als er es nochmals durchlas und an die »herkulischen Tändeleien« kam. »Herkulische Tändeleien!« Welch ein Wort für diese traurigen akrobatischen Übungen, die jeder Turner diesen armen Vagabunden des Lebens nachmachte! Und plötzlich wurde er ernst. Warum lachte er? War er selbst in den besten und glücklichsten Jahren seines Lebens etwas anderes gewesen als ein armer, heimatloser Lebensvagabund, laut nach außen und still nach innen, aber sorglos und unbekümmert in einem ewigen Rausch von Gefahren, Abenteuern und Not, zufrieden mit dem Tage und dem Unverhofften, das er ihm brachte, sorglos und unbekümmert wie diese Ausgestoßenen und Gaukler? Hatte er nicht auch in unerschöpften Kräften mit dem Leben getändelt, seine Lasten wie spielend in die Luft des Zufalls geworfen und sie wieder aufgefangen mit übermütigem Lachen? Und was war aus ihm geworden, seiner Lust, seiner Kraft, seinem Getändel? Er spielte nicht mehr mit dem Leben. Er vergeudete seine Kräfte – und er allein wußte, wie groß sie waren – an »nützliche Dinge«. Er trank den großen, silbernen Becher mit einem Zuge leer, doch das scharfe, beizende Getränk, dem reichlich Whisky beigemischt war, stillte nur für einen Augenblick seinen brennenden Durst. Er stand auf und ging auf und ab. Er schlug die Fenstervorhänge zurück. Es war tiefe, dunkle Nacht. Nur dort in der Ferne lohten die Schornsteine seiner Fabrik, in der Tag und Nacht gearbeitet wurde. Und soweit sein Auge reichte, war alles sein. Er war der Herr hier. Aber ihn ekelte vor dieser Herrschaft über andere, vor der Rolle, die er spielte. Nie, keinen Augenblick hatte er an sie geglaubt, nie sich eingebildet, daß er hier irgend etwas »nützen« könne. Denn er glaubte nun einmal, daß alles Leben heute ein gesetzmäßiges Bestehlen der einen durch die anderen sei. Was war er denn hier geworden? Ein großer Dieb. Nichts weiter. Und ein unglücklicher Mensch. Er ließ die Vorhänge über die Nacht da draußen wieder fallen und trat ins Zimmer zurück. Dieser eine, einzige Raum war alles, was in seinem elenden Leben wirklich sein war. Hier lebte er allein, in wüsten Räuschen alkoholischer Gifte und betäubender Erinnerungen. Hier allein hielt er, der reiche Fabrikherr, der keinen Menschen hatte, mit dem er sprechen konnte, Zwiegespräche in nächtlichen Stunden. Wenn er dies rostige Messer von der Wand nahm, so erzählte es ihm von dem Kampf mit dem Tiger in den Dschungeln Indiens; dieser Schleier, aus dem die Düfte des Orients strömten, war mit seinen Händen von dem Haupte des schönsten und feurigsten Weibes gewunden, das je in seinen Armen gelegen; dieser Lasso hatte sich – wie oft! – in seiner Faust wie eine Schlange geringelt, um sich aufschnellend um die Hälse schlanker Mustangs in den Steppen Kolorados zu legen; dieser Revolver seine Kugel mehr als einmal in die Brust des Angreifers gesandt, um das eigene Leben zu retten; und diesen Becher, aus dem er trank, hatte er zur Verfügung gehabt zu eigener Benutzung, wenn er hinter den Bars von Detroit und Chicago gestanden, um sein Leben zu fristen, und selbst zu einem Drink von dem geladen wurde, welchem er sie mischte, diese Höllentränke, von denen das alte Europa nur einen faden Abguß erhielt ... Sein Blick fiel in den Spiegel und verweilte in ihm. Sein Auge, obwohl es jetzt blitzte, schien ihm nicht mehr den alten Glanz zu haben. Und er setzte Fett an, daran war nicht zu zweifeln. Noch ein paar Jahre dieses Lebens, und er war so träge, daß er keinen Pferderücken mehr besteigen mochte. Und was sollte dann aus ihm werden? Ihn grauste. Der ihn nie auch nur einen Augenblick in all diesen Jahren verlassen; der Gedanke, eines Tages wieder hinauszugehen in sein Leben, stand plötzlich vor ihm wie eine nicht mehr zu bändigende Macht und gewann Gewalt über ihn. Er mußte fort. Er wollte fort. Er reckte sich auf. Vor ihm auf dem Tisch lag eine glänzende Stahlprobe aus seiner Fabrik, ein Stück von mehr als Zentimeterstärke. r nahm sie zwischen die Finger, in denen er früher eine außergewöhnliche Kraft besessen, und bog sie zusammen wie eine Rolle Gummi. Dann lachte er froh, als er sie wieder hinwarf. Herkulische Tändeleien! ... Etwas von der alten Kraft war noch in ihm. Er wollte noch einmal hinaus, um sie zu erproben in Abenteuern und Fahrten aller Art. Und diesmal, älter und reifer geworden, nicht mehr willig, sich von jeder Laune des Schicksals machtlos hin und her werfen zu lassen, in der neuen Rüstung: der des Geldes. Denn tändeln wollte er jetzt mit dem Leben – seinen Ernst verlachen und mit seinen Gefahren spielen. Aber mit der Kraft des Herkules! Dazu brauchte er Geld. Das Geld, das er sich hier verdient in acht Jahren der Selbstbezwingung, der Tagesarbeit und – ach! der Langeweile!   Herr Karl W. Ettermann gab in den nächsten zwei Jahren immer weniger, fast keinen Anlaß mehr zu Verstimmungen und Redereien in der Stadt. Mit hoher Befriedigung sahen die gutgesinnten Einwohner ihn mehr und mehr zu einem der ihren werden, wie sie es wollten. Er war unermüdlich fleißig, nahm teil am Rate der Stadt zum Wohle der Bürger, war ein musterhafter Ehemann, der neben seiner Frau in tadelloser Höflichkeit hinlebte, und verbrachte sogar des öfteren einen Abend am Stammtisch, wo man aufhörte, seine scharfe Zunge und seine mörderischen Bemerkungen zu fürchten. Denn er schwieg meistens. Dennoch war man allgemein der Meinung, daß er nie so froh und zufrieden ausgesehen habe wie jetzt ... Einmal jedes Jahr machte er eine vierwöchentliche Reise und zwar allein. Er erzählte davon. Beide Male war er in der Schweiz gewesen, hatte sich jedesmal längere Zeit am Bodensee, vornehmlich in Konstanz und den westlichen Grenzen aufgehalten. Einmal war er auch in Berlin gewesen, wohin, wie alle wußten, ihn seine Geschäfte riefen. Im dritten Jahre ging er wieder nach der Schweiz. Er sprach über die Pläne dieser Reise mehr als sonst am Stammtisch: er wollte zunächst vierzehn Tage in »seinem geliebten Konstanz« bleiben, den Rest der Zeit aber zu Fußwanderungen und Bergbesteigungen verwenden, und er erwähnte mit besonderer Befriedigung, daß es ihm dieses Jahr wohl möglich sein würde, etwas länger, vielleicht sogar sechs Wochen fortzubleiben. Er nahm denselben höflichen und kühlen Abschied von seiner Frau, die nach Heringsdorf mit Bekannten ging, traf in seiner Fabrik wie immer die genauesten Anordnungen für die Zeit seiner Abwesenheit und reiste, alles wie sonst hinterlassend, mit seinem Rundreisekoffer, den er stets benutzt hatte, ab, als wisse er ganz genau, daß er in ein paar Wochen wieder hier in dieser Stadt sein würde.   Er wußte im Gegenteil ganz genau, daß er sie nie in seinem Leben wieder betreten würde. In Stuttgart übernachtete er, stieg selbstverständlich im Hotel Marquardt ab, aß vorzüglich zu Abend und trank seine Flasche Monopol, schrieb dann eine Karte an seine Frau, in einem fast scherzhaften Ton, den er sonst nie gegen sie anschlug sowie einen Geschäftsbrief an seinen Prokuristen und schlenderte dann gemächlich die Königstraße hinunter. Die Läden waren noch offen. Er betrat zwei. In dem einen kaufte er eine Touristentasche; in dem anderen, einem großen Herrenmanufakturgeschäft, machte er die verschiedensten Einkäufe, in erster Linie alles, was zu einer Fußtour gehörte: einen vollständigen Touristenanzug mit bequemen Taschen, zwei Hemden, Unterkleider, Bergschuhe und Socken, eine Sportmütze, ein Dutzend Taschentücher, zwei Handtücher sowie verschiedene andere Sachen: ein Stück Wachstuch, eine Reiseflasche, ein Messer und anderes. Er ließ alles noch an demselben Abend gut verpackt in sein Hotel besorgen. Am nächsten Nachmittag war er in Konstanz. Er wurde im Inselhotel wie ein alter Bekannter empfangen und fand zufällig sein großes Zimmer vom vorigen Jahr mit dem weiten Blick auf den See frei. Er machte alsbald einen Gang in die Stadt und eine Fahrt mit seinem alten Freunde, dem Schiffer Peter Eggli aus Appenzell, im Ruderboot, wobei er, wie stets im vorigen Jahre, sein erstes Bad in dem abgründigen See nahm, und ließ sich von Eggli, einem guten, etwas dummen Kerl, erzählen, was seit dem vorigen Jahre alles passiert war. Auch engagierte er ihn gleich für die nächsten vierzehn Tage jeden Nachmittag auf ein paar Stunden. Den Abend verbrachte er im Garten des Inselhotels und genoß in vollen Zügen seine einzige Lage und den geheimnisvollen Zauber des alten Klosters. Vom folgenden Tage an glich sein Leben genau dem, das er bei seinem letzten Aufenthalt hier geführt hatte: er streifte in der Umgegend umher, stets bewaffnet mit einem vorzüglichen Anschützapparat etwas altmodischer Konstruktion in einer verhältnismäßig großen Tasche, die außer dem Apparat noch sechs Kassetten 12 x 18 enthielt, dessen Schwere ihn aber nie zu ermüden schien, beging auf diesen Schweifereien oft das Schweizer Gebiet und das jenseitige Seeufer und fuhr jeden Nachmittag mit Eggli oder aber allein in seinem Kahn auf den See hinaus, wobei er sein regelmäßiges Bad nahm. War Eggli dabei, so hatte dieser sich während der halben Stunde, in der er umherschwamm, in seiner Nähe zu halten. Einmal, nach vier Tagen, geschah es zum erstenmal,, daß ihn eine Anwandlung von Herzschwäche zu überkommen schien und er nach dem Boot rief. Der Schiffer geriet seitdem in Angst, wenn er allein hinaus wollte, und bat jedesmal, ihn doch mitzunehmen. Aber Ettermann lachte ihn, seine Befürchtungen und sein ängstliches Gesicht aus, wenn er in den nächsten Tagen noch länger, als gewohnt, allein draußen blieb und ihm erzählte, wie »er heut' wieder lange draußen um das Boot herumgeschwommen sei, das von der Strömung ergriffen weit abgetrieben war ...« Denn der gute Eggli liebte diesen fremden Herrn Ettermann sehr, der so famos mit ihm plauderte und ihn fürstlich bezahlte. Jede dieser scheinbar so sorglosen Wanderungen war in jedem Schritt, jede dieser Fahrten, alles, was Karl W. Ettermann in diesen Tagen tat und sprach, so genau überdacht, daß er, ganz allein mit sich noch einmal das heute Getane und morgen Auszuführende überdenkend, immer wieder vor sich hinlachend, diese Vorbereitungen seine »herkulischen Tändeleien« nannte.   Er war bestrebt, sich unauffällig aber möglichst bekannt zu machen. Nicht nur Wirt und Personal des Inselhotels kannten ihn, sondern eine ganze Anzahl der Gäste wußte, wer er war, und woher er kam. An manchem Abend saß er nach dem Souper im Garten des Hotels mit allen möglichen Leuten zusammen und erzählte oft und, wie es schien, gern von seinem Wohnort, seiner Fabrik, seiner Frau und seinen Beziehungen. Auch in der Stadt grüßte man ihn häufig. Immer nur dachte er an eines! Er kannte jetzt jeden Weg, jeden Pfad, jeden Baum und jeden Strauch an der Grenze der Stadt am See gegen die Schweiz hin. Er kannte den See selbst und seine Ufer in dieser Richtung in jeder Bucht, jedem Felsblock und jedem Stein an seinen Ufern und ihn selbst hier in seinen Tiefen. Er hatte Pläne und Zeichnungen in seinem Zimmer, die mit Strichen und Bemerkungen übersät waren. Nur von den Menschen und ihren Wohnungen hielt er sich in diesen Gegenden fern, soviel er konnte. Hier wollte er nicht gekannt sein. Sonst verbrachte er seine Zeit mit dem Entwickeln und Kopieren photographischer Platten. Doch waren seltsamerweise gerade von den Örtlichkeiten, die er am eifrigsten durchstreifte, verhältnismäßig wenig Aufnahmen unter ihnen.   An einem Morgen tat er dies: er leerte die Tragtasche von Apparat und Kassetten und verschloß alles sorgfältig in seinen Koffer. An ihre Stelle legte er die auf der Herreise gekaufte Touristentasche, die schon vorher mit peinlicher Genauigkeit gepackt war. Sie ging gerade hinein und enthielt die ebenfalls in Stuttgart erworbenen Bekleidungsgegenstände, andere Kleinigkeiten sowie einige Erinnerungen an sein früheres Leben: einen Revolver, eine alte Tabakspfeife, ein paar Schmuckgegenstände und anderes mehr. Dann eine Feldflasche mit Kognak und ein Paket Kakes. Endlich ein kleines Paket Papiere: ein altes Notizbuch, den Paß eines längst verstorbenen Freundes, den er schon mehreremal für sich benutzt hatte sowie in einer alten Brieftasche ungefähr achtzigtausend Mark in englischen und deutschen Banknoten: die Summe, die er in den letzten zwei Jahren aus seinem Geschäft gezogen, ohne daß es auffällig gewesen wäre, und die dem Betrage glich, um den er den Wert der Fabrik durch seine eigene Arbeit erhöht hatte. Als er die Tasche schließen wollte, fiel ihm noch das Wichtigste ein: ein bereits im vorigen Jahre in Berlin gekauftes Rasiermesser und eine kleine Schere. Nochmals nahm er die Touristentasche heraus, hüllte sie fest in ein großes Stück Wachstuchleinwand, das er mit Bindfaden umschnürte und zwar so, daß das eine Ende des starken Fadens noch etwa zwei Meter lang war. Das ganze so behandelte Paket legte er abermals in die geleerte Tragtasche des Apparates, die er dann verschloß. Er warf sie um die Schultern, als er nach Tisch zur gewohnten Stunde das Hotel verließ. So war er fast täglich fortgegangen. Als er die Brücke überschritt, wurde er angerufen. – Nun, Herr Ettermann, gehen Sie schon wieder auf Raub aus? Er antwortete kurz, aber höflich, daß er noch ein paar interessante Punkte um Emmishofen herum aufnehmen wolle, und ging weiter. Er ging am Hafen vorbei durch die Stadt, überschritt die Bahn und die Schweizer Grenze. Der Zollbeamte, der schon längst nicht mehr nach dem Inhalt der ihm wohlbekannten Tasche frug, nachdem dieser ihm einmal gezeigt worden war, grüßte höflich. Ettermann schritt an der jenseitigen Badeanstalt vorbei. Gebüsch, dann Wald nahmen ihn auf. Jeder seiner Schritte verriet, wie genau er die Örtlichkeit kannte. Er erreichte das Ufer. Ein schmaler Streifen Kies und Sand trennte Wald und Wasser. Steinhaufen und Felsblöcke lagen ringsumher. Der Himmel hatte sich überzogen, und es war bereits trotz der frühen Stunde so dunkel, daß man vom See her nichts mehr am Strande erkennen konnte. Er stand still und stellte die Tasche nieder. Dann lauschte er. Dies war der Ort. Er vernahm nichts als das leise Anschlagen der Wellen an den Kies des Ufers, unruhiger als sonst, als ahnten sie das drohende Gewitter. Nochmals ging Ettermann etwa hundert Meter in beiden Richtungen von dem Platz aus, wo er stand, am Strande entlang, ob sich nicht doch noch ein Grenzwächter oder ein verirrter Wanderer zeigen möchte. Aber nichts rührte sich. Da schloß er schnell die Tragtasche auf, entnahm ihr das in Wachstuch gehüllte Paket und ging ohne weiteres Zögern auf einen Haufen Felsblöcke los, der ein paar Schritte weiter am Rande des Waldes, halbverdeckt von dichten Zweigen lag. Vor einer höhlenartigen Öffnung schob er das Gebüsch zurück und ließ das Paket an der Schnur hinabgleiten. Den Faden legte er so, daß er von außen leicht zu ergreifen war. Die Zweige schlossen sich von selbst wieder über dem Loch. Zum Strande zurückgekehrt, füllte er die Tragtasche mit einigen Steinen, um ihr Gewicht zu geben, und ging dann auf Emmishofen zu. Niemand begegnete ihm. Als er die »Krone« erreichte, brach das Unwetter los. Er saß lange auf der Veranda, sprach mit der freundlichen Wirtin und kam erst am späten Abend nach Hause. Auf seinem Zimmer leerte er die Tasche von den Steinen und füllte sie wieder mit Apparat und Kassetten. Wieder fiel ihm das Wort von den »herkulischen Tändeleien« ein, als er in später Nachtstunde, während alles schlief, die Steine einen nach dem anderen in den Garten warf, und wieder lachte er auf ...   An dem Tage, der diesem folgte, war der See unruhig, und Ettermann nahm, von Eggli begleitet, nur eine kurze Fahrt und ein schnelles Bad. Der übernächste jedoch erschien ihm geeignet. Noch einmal prüfte er mit derselben peinlichen Genauigkeit, mit der er in seinem Hause jeden kleinsten Gegenstand und jedes Stück Papier wieder und wieder – Monate vorher schon – daraufhin angesehen hatte: ob er sie dort lassen oder vernichten sollte, jetzt die Dinge, die hier zurückbleiben sollten ... Er fand nichts mehr. Nichts war dort geblieben, was er nicht gesehen wissen wollte; nichts derartiges würde hier bleiben. Dagegen fehlte auch nichts, dort in seiner Wohnung wie hier im Hotelzimmer, von dem, was seine Frau und seine Bekannten in seinem Besitz wußten ... Alles blieb zurück. Alles war getan. Ein Brief an seine Frau lag angefangen in seiner Schreibmappe; noch gestern waren die gewohnten Anordnungen mit seinem Stellvertreter in der Fabrik gegeben und neue Pläne angedeutet, eine fidele Karte an den Stammtisch unterwegs und Bekannten im Engadin mitgeteilt, daß er in acht Tagen dort eintreffen und den und den Weg wählen würde. Nun warf er noch einen langen Blick in das Zimmer zurück, bevor er es zu gewohnter Stunde verließ: alles lag und stand da, als kehre er in kurzem wieder hierher. Dann ging er die Treppe hinab und durch das Vestibül. Es war zufällig leer. Er wollte aber gesehen werden und machte daher einen Umweg durch den Garten des Hotels. Bei einer Gruppe von Damen, die hier zusammensaßen, blieb er stehen und ließ sich in ein kurzes Gespräch ein. Er ließ sich fragen, wohin er gehe, erzählte, daß er baden wolle, sprach einiges über das Wetter, machte einer der älteren ein Kompliment und ging dann endlich mit seinen gewohnten höflichen Grüßen, alle entzückt ob seiner Liebenswürdigkeit zurücklassend ... Am Abend, wenn er nicht zurückkehrte, würden diese Gänse durch das ganze Hotel schnattern, was er ihnen gesagt. Das gerade wollte er. Am Hafen, wo Eggli seiner wartete, hatte er nochmals ein Gespräch mit diesem. Er lehnte seine Begleitung ab, sprach davon, ein schönes und langes Bad nehmen zu wollen, aber zur gewohnten Stunde zurück zu sein, und fuhr dann langsam hinaus, ganz wie ein Mensch, der kein Ziel und Zeit genug hat. Er ruderte fast eine Stunde, langsam und gleichmäßig, bis er weit über die Stelle hinaus war, an der er gewöhnlich zu baden pflegte, und die Stadt nur noch undeutlich zu erkennen war. Endlich zog er die Ruder ein und ließ sich treiben. Der sonnige Glanz des ersten Nachmittags war erloschen, nd ein grauer Ton lag in der Luft und auf dem Wasser. Aber noch war es hell und sein Spiegel weit hinaus zu überblicken. Kein Boot rings in weitem Umkreis, nur ganz in der Ferne die Rauchwolken eines Dampfers auf Meersburg zu. Ettermann wartete noch, wohl eine Stunde, bis sich der graue Ton zur beginnenden Dämmerung verstärkte. Er saß ganz still auf der Ruderbank, spähte umher und tat nur ab und zu einen Ruderschlag, um das Boot auf der Stelle zu halten. Dann stand er plötzlich auf und sah nochmals lange nach allen Seiten: die Stadt lag wie ein grauer Streifen am Ufer, die Anhöhen umhüllte ein leichter Dunst, und die Schweizer Seite versank fast ganz in der nun stärker sinkenden Dämmerung. Und ringsumher herrschte ein Schweigen, das nichts durchbrach. Da entledigte er sich schnell seiner Kleider und warf sie in den Kahn, wie er gewohnt war, wenn er baden wollte. Jede Tasche war in ihnen bis auf die letzte Naht auf ihren Inhalt untersucht; man würde in ihnen nichts vermissen und nichts finden. Sein Laken breitete er – zum Abtrocknen wie immer bereit gelegt – über den Rudersitz. Dann stand er da, völlig nackt, und sah zum letztenmal lange in die Runde. Die Atmosphäre war erfüllt von Schwüle und Feuchtigkeit, und auch heute schien ein Gewitter im Anzuge. Ettermann versuchte mit den Augen die Entfernung zu messen, die ihn von dem Ufer trennte, das er erreichen wollte. Es gelang ihm nicht. Er wußte nur, daß er eine, vielleicht auch zwei Stunden schwimmen mußte. Endlich tauchte er mit einem Kopfsprung in das Wasser. Er lächelte dabei, indem er dachte, daß dies der Todessprung seines alten Lebens war, mit dem er endlich Abschied nahm von diesen zehn verlorenen Jahren der Demütigung und Knechtschaft. Es war sein altes, böses Lächeln, das ihm in seiner starken Überlegenheit so oft geholfen hatte hinwegzukommen über den Haß, die Dummheit und die Tücke seiner so sehr geliebten Nebenmenschen. Im lauen Wasser schüttelte er sich vor Behagen. Er schwamm noch einmal zum Boot zurück und lenkte es mit einem Stoß seiner ganzen Kraft der Rheinströmung zu, die es auf die Stadt zutreiben sollte. Dann erst griff er aus und schwamm, nachdem er sich über die Richtung vergewissert und sich nur von Zeit zu Zeit herumwerfend und sich überzeugend, daß er sie nicht verlor, eine halbe Stunde mit unausgesetztem Hintenüberwerfen seiner sehnigen Arme und kräftigen Beinstößen, nur den Himmel über und die unermeßliche grüne Tiefe unter sich. Nach einer halben Stunde, wie ihm deuchte, hielt er ein und warf sich herum. Er sah erst hinunter in die Tiefe. Dort unten würden sie ihn morgen versunken glauben, unauffindbar ... Und hinauf. Der Himmel hatte sich umzogen, und es war merklich dunkler geworden. Er stellte sich auf im Wasser und spähte nach dem Ufer. Er schien ihm nicht näher gekommen zu sein. Sich von neuem herumwerfend, schwamm er abermals eine lange Zeit. Er hatte die einzige Furcht, die er empfand, verloren: ein Boot könne in seine Nähe kommen. Rings war alles leer und nichts als Wasser. Dennoch sah er jetzt von Zeit zu Zeit um sich, ob nicht doch ein Kahn im Umkreis erschien, und vor allem, um der Richtung gewiß zu sein. Er kannte sie kaum, aber er arbeitete zäh und hartnäckig. Er wußte, das Ufer war weit, und eine Stunde war wenig, ihm zuzuschwimmen. So begann er ohne das geringste Bangen die dritte halbe Stunde, und als er sie zurückgelegt glaubte und sich abermals, nicht um sich auszuruhen, treiben ließ, sah er, daß der Himmel sich völlig überzogen hatte und es an ihm wetterleuchtete. Und bei diesem Leuchten sah er auch, daß das Ufer wie eine schwarze Wand sich in der Ferne hob, ohne daß er irgendwie sein Ziel unterscheiden konnte. Das Wasser schien wärmer zu werden und der Grund flacher. Da wußte er, daß er dem Ufer näher war, als er glaubte. Er schwamm weiter, aber langsamer und behutsamer und erhob, von der Rücken- in die Brustlage übergehend, oft den Kopf, um umherzuspähen. Wie die Wellen, so trugen ihn seine Gedanken – so leicht war ihm. Es schien ihm, als könne er nie müde werden. Herkulische Tändeleien – dachte er und mußte lachen. Das Wasser kam ihm in den Mund. Nein, so ging es nicht. Er schwamm denn doch hier nicht zu seinem Vergnügen, sondern im Kampfe um sein Leben. Aber war es denn ein Kampf? – Herkulische Tändeleien nur, dachte er wieder ... Und schwamm weiter. Dann streifte er Schlinggewächse, und plötzlich fühlte er Grund mit den Füßen. Er wußte nicht, wie lange er geschwommen war, aber er sah das Ufer jetzt vor sich liegen. Noch wußte er nicht, wo er und wie weit er aus der Richtung abgekommen war. Er stellte sich fest auf den Grund und lugte, nur den Kopf über dem Wasser, regungslos nach dem Ufer. Die Bäume lagen dort wie ein dunkler Wall, und über ihnen drohte der Abendhimmel, dunstig, heiß und gewitterschwer. Ettermann wußte jetzt, wo er war: rechts von ihm mußte die Stelle sein. Er watete halb, halb schwamm er weiter, fast lautlos, bis er die Baumgruppe unterschied, die sein Ziel war. Er war nur wenig von der Richtung abgewichen. Und nochmals stellte er sich auf, lautlos, horchend und spähend. Aber nichts Lebendes zeigte sich, weder Mensch noch Tier. Da ging er, sich immer tiefer niedertauchend, je näher er dem Ufer kam, jetzt gleitend, dann wieder auf dem immer flacher werdenden Boden hinkriechend, auf die Baumgruppe der Pappeln und Buchen los, die sich jetzt deutlich vor ihm erhob, und kam lautlos näher und näher heran ... Denn jetzt kam der einzige Augenblick wirklicher Gefahr. Sein weißer Körper durfte nicht gesehen werden bei seinem Auftauchen aus dem Wasser und dem Sprung ans Ufer. Nochmals horchte er, lange und angestrengt, mit den Füßen auf dem steinigen Grund und bis an die Schultern niedergeduckt unter dem Wasserspiegel. Sein Auge durchdrang jeden Schatten dort drüben. Aber nichts war zu vernehmen als das Quaken der Unken und das leise Brodeln der Wellen am Strande unter der Last der gewitterschwangeren Atmosphäre. – Da richtete er sich jäh in die Höhe und sprang in eiligen Sätzen auf das Ufer zu, daß das Wasser aufspritzte, und weiter über den weißen Streifen hinweg auf die Stelle los, wo unter dem Gesträuch die Tasche verborgen lag. Er griff nach der Schnur, erfaßte sie und riß mit einem heftigen Ruck das Paket aus der Höhlung. Schnell hatte er die Tasche von der Leinwandhülle befreit, sie geöffnet und sich mit dem Handtuch flüchtig abgerieben, und ruhiger, aber schnell und sicher begann er sich in die neuen, aber ihm bereits durch Anproben vertraut gewordenen Kleider zu werfen. Jetzt mochte kommen, wer wollte: er hatte einfach, von der Wanderung kommend, ein Bad im See genommen. Aber niemand ließ sich sehen. Da vollendete er in Ruhe sein Werk: mit einer kleinen, scharfen Schere fuhr er an Kinn, Wangen und Lippen hin und entfernte sie vom Barte, zog die Sportmütze über die noch nassen Haare, kleidete sich vollends an und barg alle übriggebliebenen Gegenstände – das Paket mit dem Gelde und den Papieren, seine Erinnerungen, den Revolver, das Handtuch, das Stück Wachsleinwand sowie die mitgenommenen Kleinigkeiten, noch einmal alle sorgfältig prüfend, von neuem in der Tasche. Bevor er sie überwarf, tat er einen langen Zug aus der Kognakflasche, denn er fühlte die Kälte des langen Aufenthaltes im Wasser in den Gliedern. Dann war er bereit für die Wanderung in sein neues Leben. Nochmals, bevor er sich wandte, prüfte er den Platz. Nichts verriet, daß hier ein Mensch gelandet und geweilt, nichts als die Büschel Haare seines Bartes, die der Wind bald verwehen, aus denen sich vielleicht ein Vogel ein weiches Nest bauen würde ... Ettermann ging die ganze Nacht durch, ließ erst Kreuzungen rechts liegen, dann teils auf der Chaussee, teils auf Uferwegen weiter. Das Gewitter drohte noch lange, bevor es ausbrach, dann regnete es ununterbrochen. Das gerade war ihm recht. Er wurde durchnäßt bis auf die Haut, aber nach einer Stunde waren Kleider und Schuhe schmutzig wie nach langer Wanderung, so wie er es wollte. Er sah jetzt ganz aus wie einer der zahllosen Touristen, die die Schweiz zu Fuß nach allen Richtungen hin durchschweifen. In der Morgendämmerung war er in Romanshorn, nach sechsstündiger, kaum unterbrochener Wanderung. Er wartete den ersten Frühzug ab, der ihn nach Rorschach brachte. Dort mischte er sich in das Gedränge der Reisenden und war um Mittag in Zürich. Auf der Reise schlief er fest. In Zürich machte er die verschiedensten Einkäufe: zunächst im Anglo-Americain am Bahnhof Anzüge und Wäsche, dann, in einer Droschke von Laden zu Laden fahrend, alles, was er zunächst brauchte, vor allem einen großen Koffer. Er stieg in einem kleineren Hotel an der Bahnhofsstraße ab. Als er am Abend einen Gang am Kai machte, glattrasiert und völlig frisch, war er wieder der wohlhabende und elegante Reisende, der zu seinem Vergnügen von Ort zu Ort reist. Er nannte sich für diesen Tag Charles D. Macintyre und sprach nur Englisch. Am dritten Tage abends langte er auf der Gare du Nord in Paris an. Und am nächsten Morgen, zu einer Stunde, in der es wenig besucht war, las er im Café Riche in den schweizer und deutschen Blättern mit Befriedigung die Nachricht von seinem Tode: daß er beim Baden in den Fluten des Bodensees bei Konstanz ertrunken sei und seine Leiche vergebens gesucht werde. Noch an demselben Abend schiffte er sich in Havre, zunächst nach Australien, ein. Ende