Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus – Erstes Buch: Im Schatten Napoleons Erzählt von Wilhelm Langewiesche Erstes Buch Im Schatten Napoleons Zweites Buch Vor Bismarcks Aufgang * Kriegspapier Alles Kornes innerste Natur meinet Weizen Alles Metall meinet Gold Alle Geburt meinet den Menschen Ein Maurermeister, der noch in keine Fachschule gegangen war, hatte um Achtzehnhundert das Haus den Wünschen des Bauherrn gemäß erbaut und dabei, vielleicht so unbewußt wie ungewürdigt, ein feines Gefühl für Formen, Raum und Maße bekundet. Das Wohnhaus lag, ein wenig zurück, an der Hauptstraße, und wenn es zwischen den Nachbarhäusern, aus denen es in engster Verbindung hervorwuchs, wie ein König unter Hirten wirkte, so war das weder unbeabsichtigt, noch ungerechtfertigt. Denn in jenen wohnten Kleinbürger und in ihm wollte J. P. Wolf, der großmächtige Maire des Städtchens, hausen, den nach unverhofft frühem Aufstieg zu solcher Würde, obschon sie seiner Länge keine Elle zugesetzt hatte, niemand mehr »et Wölfche« nannte. Wußte man doch, daß zwischen ihm und dem Ersten Konsul nur noch der Präfekt stand. Ja, er war wirklich ein kleiner König und er sollte es sein, er sollte den Gemeinderat möglichst selten anhören. Daß ihm sein Amt nichts einbrachte, brauchte J. P Wolf nicht zu beunruhigen, für den in allen Dörfchen der fruchtbaren niederrheinischen Ebene ringsum auf hunderten von Stühlen die Weberschiffchen tagaus tagein unermüdlich hin- und herliefen. Es war aber um die Zeit, da das von alters her in dieser Gegend heimische Leinen, durch die bis an den Rhein vorgerückten französischen Zollgrenzen der westfälischen und schlesischen Konkurrenz glücklich enthoben, mit zwei neuen Todfeinden den Kampf aufnehmen mußte: Die Baumwolle, aus Holland durch den Seewind über die nahe Grenze geblasen, aus dem Wuppertale durch die niedrigeren Arbeitslöhne magnetisch angezogen, und die Seide, von Krefeld aus energisch vorgeschoben, suchten ihm arbeitwillige Hände abspenstig zu machen. Mit Weitblick und Erfolg hatte der Maire, nachdem er in jungen Jahren behend und doch gründlich in der Welt sich umgetan, auch wohl ein Weniges über die Stränge geschlagen, seine Tatkraft nun auch vor die Baumwolle gespannt, ohne der leinenen Überlieferung seiner Väter untreu zu werden. Sichtbarlich ruhte ein Segen auf seiner Unternehmung. Der glänzte als überlegene Heiterkeit auf dem glattrasierten, roten und rundlichen Antlitz des Dreißigjährigen, knisterte festlich in der gestickten Weste und der seidenen Halsbinde, die, durch eine goldene Nadel verbunden und gebändigt, ruhevoll vor dem hochragenden Samtkragen des dunkelblauen Rockes wogte, und umgab ihn mit einer Wolke von Sauberkeit und Wohlwollen – »Gnade bei Gott und den Menschen« wie sein Schwiegervater, der Pastor Pieper, meinte. Wie sollte er nun solchen Segen nicht auch durch die Behäbigkeit der neuen Behausung zum Ausdruck bringen, die sich aufsammelnden Schätze nicht würdig zu bewahren trachten? Nicht nur vor Rost und Mottenfraß, sondern auch vor Räubern, von denen noch immer einzelne Banden den niederrheinischen Bürger bedrohten. Schwervergittert waren darum die Fenster des Kellergewölbes, die in Höhe der nachbarlichen Erdgeschoßfenster saßen und hinter denen in verdunkelter Kühle die vielen guten Weine lagerten, die besonderen Pfleglinge des Hausherrn. Die sollte ihm der »Schafsheinrich« nicht austrinken, wenn er wiederkäme! Denn auf die Nachtwächter war ja kein Verlaß! Das eine Mal, als »dat Studentche«, Damian Hessel, den die Holländer, Gott sei's gedankt, jetzt auf die Galeere geschickt hatten, ihnen zurief, sie sollten mitkommen und Soldaten werden, da waren sie ausgerissen, und das andere Mal hatte »dat Generalche«, das, Gott sei's geklagt, immer noch dem Arm der Gerechtigkeit sich zu entziehen wußte, sie geknebelt vor die Tür der einstigen Pastoratsscheune legen lassen, die jetzt als Schulhaus diente, wo dann am Morgen die frühesten der Buben den sonst so gefürchteten Hütern der Obstbäume Bedauern und Befreiung nicht versagten. Nein, auf die war kein Verlaß! – Und eine richtige Spitzbubenfalle, wie sie vor einem Vierteljahrhundert der misogyne Sonderling, der alte Graf Kessenich draußen auf Haus Duynburg sich eingerichtet hatte, ließ sich in das neue Haus doch nicht wohl einbauen. Der hatte neben dem Einfahrtstor, das täglich, sobald es anfing zu dunkeln, geschlossen und verrammelt ward, ein hochsitzendes Fensterchen geflissentlich unvergittert gelassen, darunter auf der Hofseite der tiefe Ziehbrunnen sich befand. Und jeden Morgen, den Gott werden ließ, mußte sein Diener und einziger Hausgenosse, der greise Ephraim, nachsehen, ob etwa ein Dieb im Brunnen läge. Was aber nie der Fall war, denn die Tücke des Fensters war so wenig Geheimnis geblieben wie die Armut des alten Herrn, dem die verpachteten Äcker nicht einmal Pferd und Wagen zu halten erlaubten. Daß die beiden hohen und breiten Steintreppen, die der Maire von rechts und links zur schweren Haustür emporführen und vor dieser eine balkonartige Plattform bilden ließ, späteren Bürgermeistern ein Stein täglichen Anstoßes werden sollten, das freilich konnte er nicht voraussehen, und wenn er's gekonnt hätte, würde er sie doch angelegt haben. Einmal, weil Jan Bosbeck, der Schändliche, den Gott strafe, dieser Jan Bosbeck, dessen Bande nach vollbrachtem räuberischen Überfall in geschlossener Ordnung unter dem Gesang der Marseillaise abzuziehen pflegte, jetzt wenigstens den gefürchteten Rennbaum nicht gegen die Haustür sausen lassen konnte, sintemal ihm der Platz zu wuchtigem Anlauf gefehlt hatte. Dann aber auch, weil der Maire erkannte, daß er von keiner Stelle aus so stattlich zu einer wohlgesinnten Bürgerschaft werde reden können, wie von der Plattform dieser Treppe, die ganze Wirkung des Hauses hinter sich. Und nicht nur er, sondern – wer weiß – vielleicht auch der eine oder andre hohe Gast seines Hauses. Napoleon freilich, als er an dem heißen Nachmittag des 11. September 1804 mit seinen Mamelucken und großem Gefolge das Städtchen durchflog, dachte nicht daran, seinen achtspännigen Reisewagen an dieser Treppe oder sonst wo halten zu lassen. Aber 1810 hat Ladoucette, der Präfekt des Roer-Departements, von ihr aus zu den Bürgern gesprochen, die unter Freudentränen einander umarmend sich selig priesen, Untertanen des großen Friedenskaisers zu sein, den ein protestantischer Pfarrer in der Eifel soeben als »die Liebe und das Vergnügen des Menschengeschlechtes« gefeiert hatte ... Zu denselben Bürgern, die mit ebenso ehrlicher Begeisterung einige dreißig Jahre später den vierten Friedlich Wilhelm von Preußen an derselben Stelle stehen sahen und dem gänzlich unkriegerischen Herrn durch ein kräftiges »Heil dir im Siegerkranz« huldigten. Diesen hohen Tag seiner Stadt und seines Hauses freilich, wie so manchen späteren, sollte der Maire leider unter seiner Sandsteinplatte draußen auf dem Friedhof verschlafen. In bedauerlicher Ermangelung eines Familienwappens ließ I. P. Wolf über der Haustür aus Stein gemeißelt die römische saugende Wölfin anbringen, was dem überaus züchtigen Sinn seiner Hausfrau Maria Magdalena, der Tochter des Pfarrhauses schräg gegenüber am Marktplatz, peinlich genug war, von ihrem Vater, dem Pastor Pieper, aber durchaus gutgeheißen ward, weil er die Antike schätze und weder an der menschenfreundlichen Wölfin, noch an seinem Schwiegersohn den mit Recht gefürchteten Schafspelz wahrzunehmen vermöge. Den durch solches Bildnis hervorgerufenen Eindruck klassischer Strenge verstärkte der breite, niedrige Giebel, der, durch zwei Stockwerke von der Haustür getrennt, und getragen von zwei glatten, flachen, die Wand aufs schönste gliedernden Pilastern, aus dem schwarzen Schieferdach herauswuchs. Inmitten dieses Giebels saß ein kreisrundes Fensterchen, aus dem, so oft in beruhigender Ferne die französischen Waffen gesiegt hatten, die Trikolore wehte, aus dem aber seit 1815 alljährlich an Königs-Geburtstag eine mächtige schwarz-weiße Stange herausschaute, die Trägerin einer gleichfalls schwarz-weißen Fahne von so ungeheurer Länge, daß, wer auf der Treppenplattform stand, ihren Saum beinahe greifen konnte. Von der Rückseite des Hauses gingen zwei wesentlich niedrigere Seitenflügel aus, zwischen denen ein gepflasterter Hof lag, und die an ihren Enden im rechten Winkel sich verbanden, ein großes, schmiedeeisernes Tor überbauend. In diesen Seitenflügeln befanden sich außer Pferdestall, Gärtner- und Kutscherwohnung das Kontor, die Wiegekammer und zahlreiche Lagerräume für die Erzeugnisse der Hausweber, die ringsum im Lande für I. P. Wolf arbeiteten. So war das Haus beschaffen, das um Achtzehnhundert erstand und das, als es den Wohnansprüchen der Nachkommen längst nicht mehr genügte und die Industrie die Einwohnerzahl des Städtchens verzwölffacht, die Zahl der städtischen Beamten aber unter der preußischen Regierung sich verdreißigfacht hatte, um Neunzehnhundert durch die Brüder Elias und Abraham Schlesinger aus Köln erworben und durch einen Umbau von verblüffender Kühnheit in ein Warenhaus »großen Stiles«, wie sie sagten, verwandelt ward. Wer zu des Maire Zeiten den Hof durch das schmiedeeiserne Tor verließ, sah sich auf der Bachstraße, die, die Hauptstraße in immer gleichem Abstand begleitend, nur an dieser Seite mit Häusern bestanden war. An ihrer anderen Seite floß ein Bach, der sich keines eigenen Namens erfreute, sondern kurzweg »die Bach« genannt ward. Jenseits des Baches dehnten die Gärten sich aus, mit denen die Stadt hier in die weite und fruchtbare Ebene überging. Die war leicht gewellt und mit ihren zerstreuten, unter Obstbäumen halbversteckten Dörfchen, ihren vielgewundenen hellen Wegen, einzelnen Baumgruppen und mancherlei unregelmäßigen Streifen niedrigen Buschwerks heiter, fast lustig anzusehen, denn die Verkoppelungsideen einer weisen Königlich Preußischen Staatsregierung schliefen noch im Dunkel fast eines Jahrhunderts. Auch dem schmiedeeisernen Tor des Wolfschen Hofes gegenüber setzte, stattlicher als die andern, eine Brücke über den Bach. Die führte zu dem großen alten Garten, der der Familie schon vor der Erbauung des neuen Hauses jahrzehntelang gehört hatte. Der Eintretende mußte zunächst die große runde Gruppe alter Bäume und Sträucher umgehen, die den Einblick in den Garten von der Bachstraße aus verhinderte, wie denn auch die Grenzen ringsum durch alte Bäume und dichtes Gesträuch geschlossen waren. Die Mitte des Gartens war baumlos, und gegliedert durch einen in seine Tiefe führenden Hauptweg, der von vielen Nebenwegen rechtwinkelig geschnitten oder in mäßigen Abständen begleitet ward. Buchs faßte die Wege ein und nicht Kies, sondern feiner, roter Sand bedeckte sie, der nicht geharkt, sondern gewalzt und gefegt werden mußte, denn der Maire wünschte bequem und unhörbar zu gehen. Auf den Beeten gediehen Obst, Gemüse und Blumen, und der Stolz auf deren besondere Fülle, Güte und Schönheit war in der Wolfschen Familie erblich. Im letzten Teil des Gartens aber hörten Beete und Querwege auf, hier durchschnitt der Hauptweg eine große Rasenfläche, um dann zwischen zwei Zedern, die die weiche niederrheinische Luft zu wahren Prachtstücken hatte gedeihen lassen, vor der Tür eines weißen Gartenhäuschens mit bescheidenen Andeutungen von Rokoko zu enden. Das Häuschen enthielt einen größeren Raum, dessen Einrichtung, wenn auch nicht mehr prächtig, so doch noch ganz wohnlich anmutete, obwohl der Name »Gartensaal« trotz der großartigen chinesischen Tapete nicht ganz zu passen schien, und zwei kleine Nebenzimmer. Aus den tief hinuntergehenden Fenstern des Gartensaals hatte man an den Zedern vorbei hübsche Blicke in den Garten. Überraschend schön aber war die Aussicht über das weite Land von einem der Nebenzimmer aus, in dem ein paar Stufen zu einem behaglichen Fensterplatz emporführten. Besonders zur Zeit der Flachsblüte. Dann war der kleine Raum von Licht und lauter Bläue erfüllt. Denn unter dem zartblauen Himmel dehnte sich hier im Flimmern der Sommerluft der wunderblaue Teppich eines schier endlosen Flachsfeldes aus. Das Gartenhaus hatte seine Geschichte, die nicht immer Pastor Piepers Beifall gefunden haben würde, am wenigsten die Blätter, die sein Schwiegersohn, der Maire, im letzten Jahr seines Junggesellenlebens beschrieben hatte. Nicht lange nach dem Tode seines Vaters war nämlich dem »Wölfche« eines Tages in Köln ein schönes großes Fräulein über den Weg gelaufen, das von einem französischen Offizier aus Bayern entführt, in Wesel verlassen worden und nun auf der Heimreise sein wollte. Das hatte er ohne sonderliche Mühe zu einem kleinen Umweg und heimlichen Sommerfrischlern verleitet und vorläufig hier einquartiert, die Verfolgung solch werten Gastes der Kutschersfrau anvertrauend. Die sah sich dadurch täglich in nicht geringer Verlegenheit, denn wie richtig sie auch die Gesamtlage beurteilte – was hinter der niedrigen Stirn ihres dunkelhaarigen Schützlings vorging, mochte es nun wenig oder viel sein, das blieb ihr völlig verborgen. Denn sie verstand von dem, was jene ihr erzählte, nicht viel mehr als von den Liedchen, die das fremde Mädchen zuweilen mit dunkler und ein wenig belegter Stimme sang, wobei sich der einfachen Schönheit des länglichen Antlitzes der Ausdruck einer unschuldigen und unbewußten Schelmerei verband: Wann i erst außi schau, wos Lüfterl is schö blau, sich i die Stadt, die schö, mit die zwoa Kirchturm steh. Nach Verlauf einiger Wochen, als I.P.Wolf schon erwog, wie er sich des fremden Fräuleins auf eine gute Manier wieder entledigen könne, fand er bei seinem abendlichen Besuch das Gartenhäuschen leer. Der hübsche Vogel war entflogen. Doch sieh da: Am Spiegel stak ein Brief, darin Mamsell Kathi in großen, unsichern Schriftzügen ihm kundtat, sie sei der geraden und wohlgepflegten Wege seines Gartens überdrüssig und wolle hinfort lieber wieder auf den unterhaltsameren ihres früheren Lebens wandeln.– »Laß fahren dahin, laß fahren!« tröstete sich der Maire, der seinen Schiller kannte. Im folgenden Sommer aber las Pastors Lenchen, die blonde und ein wenig kurzsichtige Frau Maria Magdalena, als I. P. Wolfs vielbeneidete junge Gattin im Gartensaal ihren Freundinnen St. Pierres Paul und Virginie vor, denn sie war eine schöne Seele und hatte das Lehrhafte. Es war sozusagen noch während des Bauens, daß I. P. Wolf mit seiner Frau Maria Magdalena das neue Haus bezog. Aber gegen einen nächtlichen Angriff Jan Bosbecks erschien es hinreichend gesichert, und daß bei Tage noch allerlei Handwerker in ihm ihr Wesen hatten, hinderte die junge Frau nicht, in der Nacht vom 14. auf den 15. September 1800 den sehnlichsten Wunsch ihres Mannes zu erfüllen so gut sie konnte. Das Kindlein, durch dessen Erscheinen das neue Haus erst die rechte Weihe erhielt, war, was erste Kinder immer sein sollen: ein kräftiger Stammhalter, der noch im selben Herbst von seinem Großvater, dem Pastor Pieper, auf den Namen seines längst verstorbenen andern Großvaters Friedrich Wilhelm getauft ward. Der liebe Junge gehe mit dem Jahrhundert, hatte der Pastor ausgeführt, aber er solle nicht mit ihm vergehen, sondern zum mindesten in Söhnen und Enkeln noch die folgenden Jahrhunderte bereichern. Das Kindlein brüllte hierzu, aber Frau Maria Magdalena bewahrte die väterlichen Worte in ihrem Herzen. Sie zog sich frühzeitig zurück und im Dämmerlicht der winzigen Flamme, deren Docht auf dem Öl des Nachtlichtchens schwamm und deren Schein an der weißen Zimmerdecke sich sacht bewegte, lauschte sie behaglich mal auf die sich nähernden und wieder entfernenden Hufschläge eines verspäteten Pferdes (wobei es sie vergnügte, deren Klang und Rhythmus mit der Zunge nachzuahmen) mal auf die Atemzüge des kleinen Schläfers an ihrer Seite, mal auf die Lieder, die gedämpft zu ihr drangen. Denn ihr Gatte, der Maire, saß noch lange, die Rheinweinflasche in bequemer Nähe, an seinem schönen Erardschen Piano und sang mit den letzten Gästen ein Lied nach dem andern, aber keines so oft wie das, was er vor allem liebte: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht! Pflücket die Rose, eh sie verblüht! Nach zwei Jahren genas die junge Frau eines zweiten Kindes. Wieder war es ein Knabe, ein winziges, zartes Kerlchen, das die roten Haare und den großen häßlichen Mund, der in späteren Jahren ein allzu entwickeltes Gebiß nicht verbergen konnte, von seinem Großvater Wolf geerbt hatte. Er ward von seinem Großvater Pieper auf den Namen seines noch Mädchenkleider tragenden Oheims, des jüngsten Bruders seiner Mutter, Johannes und – nicht ohne einiges Sträuben des geistlichen Herrn – auf den des großen Napoleon getauft und ließ sich in seinem Schlummer nicht stören, als kurz nach Mitternacht die Sturmglocke das Tauffest beendete. Es hieß, ein Teil der »Neußer Bande«, unter »Schlaumännches« persönlicher Führung sei im Anzug. Noch war's diesmal nur blinder Lärm. Der alte Bote Schrey, der mit seinem Planwägelchen soeben von Düsseldorf zurückgekehrt war und in einer Fuhrmannskneipe verdächtige Kerle von dem Anschlag reden gehört haben wollte, mußte sich getäuscht haben. Er wurde ohnehin alt und war immer seltener ganz nüchtern. Und der Maire, der lange nicht einschlafen konnte, erwog, ob ihm nicht die Konzession zu entziehen sei. Auch in den benachbarten, zu Preußen gehörigen Landschaften stand eine hohe Obrigkeit dem Räuberbandenwesen ebenso rat- und hilflos gegenüber wie der Maire. Zwar verkündete der Minister Schulenburg am 7. Juli 1802, daß die preußische Regierung von der russischen die Erlaubnis erwirkt habe, die gefährlichsten Bösewichte, für die preußische Ketten und Kerker als zu schwach sich erwiesen, in die entferntesten sibirischen Bergwerke abzuschieben. Aber was half es, daß man alsbald achtundfünfzig nach und nach eingefangene Mitglieder rheinischer Banden diese weite und beschwerliche Reise antreten ließ? Das niedere Volk, seit Jahrhunderten der Willkür fürstlicher Landesväter preisgegeben, infolge der langen, bösen Kriegszeiten verwildert, auf tausendfache Weise Not leidend und ohne alle Möglichkeit, sich emporzuarbeiten, ergänzte den Bestand jeder dezimierten Räuberbande rasch und reichlich, darin auch fremde Landstreicher und fahnenflüchtige Soldaten zahlreich genug ihr Glück versuchten. Und wie am Niederrhein, so gedieh das Unwesen auch auf Hunsrück und Eifel, an Mosel, Main und Nahe, wo der »Schinderhannes«, dessen Persönlichkeit und Taten die Phantasie des Volkes ins Heroische steigerte, als eine Art »Gottesgeißel« sich umtrieb. Wie dieser seinen »Beruf« auffaßte, indem er die Reichen und Mächtigen schädigte, den Armen und Unterdrückten aber sich hilfreich erwies, darüber mußte I. P. Wolf, wenn er abends den Maire ausgezogen hatte und seiner Frau aus dem Kölner »Beobachter« vorlas, wohl selber oft herzlich lachen. Am meisten Vergnügen hatte ihm bereitet, was das Blatt von einer Begegnung des Räuberhauptmanns mit der berühmten schönen Tänzerin Cäcilie Vestris zu erzählen gewußt hatte. Die sei, von Paris nach Mainz unterwegs, für dessen Theater sie der dortige Präfekt verpflichtet habe, in Kirn an der Nahe abgestiegen. Das habe Schinderhannes erfahren und mit seinen Gesellen am andern Tag ihr aufgelauert. Er habe ihren Kutscher nach Kirn zurückgeschickt, einem seiner Räuber die Zügel übergeben, sich selber aber ganz manierlich zu der Schönen und ihrer Kammerfrau in den Wagen gesetzt und ihr versichert, sie brauche nichts zu fürchten, er wolle dem Präfekten nur einen Tort antun, indem er ihn ein wenig auf sie warten lasse und selber der Annehmlichkeit ihrer Gesellschaft vor jenem genieße. Sie solle ihm nur vertrauen und fröhlich sein, es werde ihr kein Haar gekrümmt werden und allzu lange werde er sie auch nicht aufhalten. – Indessen sei der Wagen in scharfem Trabe immer weiter und weiter gerasselt und habe endlich vor einer entlegenen und verwitterten Ruine gehalten, darin ein paar ganz wohnlich eingerichtete Gemächer und eine schön gedeckte Tafel die Räuber und ihre Gäste erwartet, auch ein hübsches Räubermädchen die Honneurs gemacht habe. Die schöne Cäcilie Vestris aber sei immer mehr aufgetaut und ganz vergnügt geworden. Endlich habe sie gar auf Bitten des Schinderhannes eine Probe ihrer Kunst gegeben, wofür der ihr eine nach seiner Versicherung »ehrlich erworbene« goldene Kette aufgenötigt. Nach wenigen Tagen habe Schinderhannes die beiden Frauen wieder durch den Wald fahren und ihrem aus Kirn zurückbeorderten Kutscher überantworten lassen, und seien sie dann auch ohne weiteren Schrecken und Abenteuer beim Präfekten in Mainz angelangt. Aber der Maire empfand doch eine tiefe bürgerliche Befriedigung, als die Zeitung eines Abends behaglich und erbaulich berichtete, wie man diesem Erzbösewicht in Mainz den Prozeß gemacht, daß bei den letzten Verhandlungen die Eintrittskarte zum Gerichtssaal vierundzwanzig Franken gekostet, und wie man ihn und neunzehn seiner Spießgesellen am 21. Oktober 1803 vor vierzigtausend von nah und fern herbeigeströmten Zuschauern mittels der Guillotine vom Leben zum Tode befördert habe. Und seine Ahnung, daß nun den rheinischen Banden allen bald das letzte Stündlein schlagen werde, betrog den Maire nicht. Pastor Pieper, ein kleiner, sehr beweglicher Herr von entschiedener pastoralem Aussehen, als er es Wort haben wollte, war durch seine Frau zu Vermögen gekommen. Das gestattete ihm ein Vergnügen, woran weder die Gattin noch sonst jemand im Städtchen ein sonderliches Gefallen fand: Er reiste gern. Sein leichter Reisewagen war schon in fast aller deutschen Herren Ländern auf guten und schlechten Wegen dahingerollt. Meist waren es freilich nur kurze Entfernungen, die mit ihm zurückgelegt wurden, wenn es galt, einer Konferenz oder Synode beizuwohnen. Aber einmal in jedem Jahr nahm der Pastor seine sechs Wochen Urlaub, und dann ging's in die weite Welt hinaus. Die kleinen Verdrießlichkeiten des Reisens, als da waren: Wege, die den Wagen beschädigten oder gar umwarfen, mürrische oder allzusehr auf ihren Vorteil erpichte Wirte und Posthalter, schläfrige oder allzu temperamentvolle Kutscher und Pferde, umständliche Vorschriften und zeitraubende Formalitäten, die ebenso zahlreich waren wie die deutschen Landeshoheiten – das alles ward gern in Kauf genommen, und durch viele neue Eindrücke erfrischt und bereichert kehrte Pieper von jeder Reise befriedigt heim. Im Sommer 1805 entschloß sich I. P. Wolf, der Maire, auch einmal Urlaub zu nehmen und den Schwiegervater auf solcher Fahrt zu begleiten, deren Ziel diesmal Hamburg sein sollte. Dort lebte als Schiffsmakler und kleiner Reeder ein Bruder des Pastors. Den wollte man besuchen und sehen, ob sich etwa ein Wasserreis'chen anschließen lasse. Unterwegs hielten sich die Reisenden ein paar Tage in Helmstedt auf, denn der Pastor Pieper, dessen Frau einer dortigen Professorenfamilie entstammte, hatte zu seiner Zeit etliche Semester auf dieser kleinen braunschweigischen Universität studiert, und nun machte es ihm Freude, den Schwiegersohn die alten Wege dort zu führen und mit ihm in der dämmerigen Stephanskirche den Grabstein des Mannes aufzusuchen, in dem er seinerseits den Schwiegervater verehrte, freilich ohne ihn noch gekannt zu haben. Die Berufung auf den toten Professor erschloß den beiden Reisenden in Helmstedt das Haus eines lebenden, eines Sonderlings, dessen Ruhm den der kleinen Universität überflügelt hatte und überdauern sollte. Es war der fünfundsiebzigjährige Professor Gottfried Christoph Beireis, der die fremden Besucher freundlich empfing, auch, gut gelaunt, alsbald ihre Bitte erfüllte und ihnen seine weltberühmten Merkwürdigkeiten zeigte. Da war die automatische Ente aus seinen Metallfäden, die, aufgezogen, sich genau wie eine lebende betrug: watschelte, schnatterte, vorgehaltene Gerstenkörner aus der Hand fraß und – verdaute. Da waren die Lieberkühnschen Präparate, die dem bloßen Auge wie rote Fleckchen von der Größe eines Stecknadelkopfes erschienen, wenn man sie aber durchs Mikroskop betrachtete, sich als unendlich zart aus Wachs gebildete, in allen Einzelheiten klar erkennbare Organe des menschlichen Körpers darstellten. Und mit Stolz erzählte der Alte, wie er diese Wunderwerke menschlicher Geschicklichkeit in Berlin dem Fürsten Orlow, der sie aus dem Lieberkühnschen Nachlaß für die Zarin kaufen sollte vor der Nase weggeschnappt hätte. Allerdings hätte er vierzehntausend Taler dafür bezahlen müssen. Jener nun wäre ihm alsbald nachgereist und hätte ihm schließlich unter Fluchen und Drohen die Hälfte mehr geboten. Da aber hätte er, Beireis, gesagt: »Fürst, wenn Gott selbst vom Himmel stiege, vor mich träte und spräche: Beireis, siehe ich will dir geben ganz Deutschland, Europa, Asia, Amerika, die ganze Welt und alles, was darinnen ist – gib mir das Kästchen mit den Präparaten! – so spräche ich dennoch: das kann ich nicht!« – Aber die größte Merkwürdigkeit war doch das blasse dürre Männlein selber in seiner weißen Ziegenhaarperücke, die hinten einen Knoten und an den Seiten zwischen Ohr und Auge kunstvolle Locken hatte. Eine weiße, dünne und schmale Halsbinde wurde im Nacken durch eine große silberne Schnalle gehalten und der Rock mit Aufschlägen und langen Schößen war, wie die tiefausgeschnittene Weste und die kurzen Beinkleider, von blauem Tuch. Hochklappige Schuhe und lange schwarze Strümpfe vollendeten die Gewandung des Sonderlings, der bald gravitätisch schreitend, bald leichtfüßig tänzelnd, sie durch das Museum führte, das seine Junggesellenwohnung bildete. Dabei redete er in einemfort mehr noch als von seinen Schätzen von sich selber, den Verdiensten um die Wissenschaft, die er als Jurist und Theologe, als Chemiker und Sprachforscher sich erworben, von den wunderbaren Kuren, die er als Arzt gemacht, von seinen mannigfachen Reisen in fernen Ländern und von seinen Beziehungen zu den Großen der Erde. Bitter klagte er über die Unvernunft der Menschen, die er in ganze, dreiviertel, halbe und viertel Köpfe einteilte, nicht ohne anzudeuten, daß zu der ersten dieser Klassen außer ihm nur Archimedes, Christus, Newton und allenfalls Friedrich der Große zähle. Beireis schien Gefallen an seinen artig zuhörenden Gästen zu finden, denn als diese, von dem Gesehenen und Gehörten überwältigt, unter geziemenden Dankesbezeigungen und gegenseitigen Bücklingen sich zu verabschieden begannen, schloß er plötzlich die schon geöffnete Haustür wieder, und bedeutete den überraschten Herren mit geheimnisvollem Flüstern, ihm zu folgen. Nun führte er sie in seine Bibliothek, zog einen Teil des Bücherregals heraus, der sich wie eine Tür bewegte, und entnahm dem Geheimfach eine Flasche und drei Gläser; jetzt wollten sie noch miteinander von seinem Lebenselixier trinken. Das schmeckte freilich den beiden Herren vom Niederrhein scharf und abscheulich, indessen Beireis sein Gläschen mit Behagen ausschlürfte. Dann trat er wieder an den Wandschrank und holte einen derben Stein heraus, der an einigen Stellen ein wenig glitzerte: das sei sein höchster Schatz, erklärte er strahlend, das sei der größte Diamant der Erde und alle Potentaten Europas zusammen wären nicht annähernd reich genug, ihn nach seinem Wert zu bezahlen. – Während der Pastor diesen Diamanten, der so unscheinbar aussah, mit Ehrfurcht in der Hand wog, dachte er in seinem Herzen, jetzt sei der Augenblick günstig, und ganz unvermittelt fragte er den Alten, ob es denn wahr sei, daß er Gold machen könne. – Und alsbald begann auf dem Greisengesicht ein seltsames Mienenspiel, wie wenn alle die Falten und Runzeln durcheinander huschten. Dann aber war es ein unheimlich starrer Ausdruck, mit dem jener erwiderte: ja, wahr sei das freilich, aber darüber spreche er nicht, denn dies Geheimnis tauge nicht für die dem Mammonsgeist verfallende Menschheit und er werde es mit ins Grab nehmen. – Als der Pastor und sein Schwiegersohn abends in ihrem Gasthof die Einzelheiten dieses denkwürdigen Besuches durchsprachen, um sie alsdann in ihr Reisetagebuch einzutragen, wußten sie nicht recht, ob sie Beireis für einen Schelmen und Narren, oder für ein Genie und großen Gelehrten halten sollten. Schließlich kamen sie überein, daß er wohl eine Mischung aller menschlichen Möglichkeiten und Widersprüche darstelle. Etliche Tage später hielt das pastorale Wägelchen nach mancherlei Paßumständlichkeiten glücklich vor dem Hause des Schiffsmaklers Pieper auf dem Holländischen Brook zu Hamburg, und die beiden Reisenden begannen, den Eindrücken der lauten und lebhaften Hafenstadt sich hinzugeben, deren Schiffe alle Meere durchfuhren, die aber daheim jeglicher Erziehung zum Weltbürgertum um so entschiedeneren Widerstand entgegensetzte. Die vielen französischen Emigranten zwar, die der Sturm der Revolution hierher geweht, hatte man gastlich genug aufgenommen, und beim Doppelkonzert im Rainvilleschen Garten am Sonntagnachmittag begann die eine Kapelle mit der Marseillaise, die andere mit God save the King . Aber gegen das nachbarliche Ausland wurden allabendlich die Tore sorgsam geschlossen und die Wälle von einer Bürgerwache besetzt, deren Soldaten weder nach Gestalt und Haltung, noch nach Montur und Bewaffnung den Beifall eines preußischen Generals gefunden hätten. Das jede Nacht eintreffende berlinische Postfelleisen mußte mittels eines sinnreichen Flaschenzuges über Tor und Wall hinweg durch die Luft seinen Weg nehmen, und wer nicht in Hamburg geboren war, der blieb zeitlebens ein »Butenminsch«. Alsbald nach dem ersten Abendbrot lobten die Gäste die vorzügliche Mischung, womit der Reeder sie ihre Pfeifen hatte stopfen heißen. Das sei freilich etwas anderes als sie's daheim bekommen könnten, meinte der Maire, und der Pastor fragte, ob es denn wahr sei, daß hier in Hamburg auch die Frauen dem Tabakgenuß sich hingäben, und daß man immer mehr dazu überginge, das edle Kraut ohne Pfeife zu rauchen. – Jawohl, das sei so, in den niederen Ständen rauche freilich alles, auch Frauen und junge Burschen, aber unter den Gebildeten gelte der Tabak doch noch für ein ausschließliches Vorrecht des erwachsenen Mannes. Und was die sogenannten Zigarren betreffe, so erziele sein Freund, der Bürgerkapitän Hans Hinrich Schlottmann am Rademachergang, der seit Anno achtundachtzig als erster in Hamburg, und somit wohl auch als erster in ganz Deutschland, diese Dinger fabrikmäßig herstelle, von Jahr zu Jahr einen größeren Umsatz. Und das, obwohl die Zigarren keineswegs billig seien, sintemal die ordinärste Sorte doch immerhin fünfzehn Pfennig das Dutzend koste, und obwohl mit der Zeit auch ein paar Konkurrenten sich aufgetan. Noch mehr als in Hamburg werde übrigens wohl im benachbarten Altona geraucht, so daß der dortige Polizeimeister, ein Herr von Aspern, sich schon veranlaßt gesehen, dagegen einzuschreiten und zum mindesten alles öffentliche Tabakrauchen unter Androhung einer Geldstrafe und sofortiger Konfiskation der Pfeife strengstens zu verbieten. Da nun habe vor wenigen Wochen eine Geschichte sich zugetragen, die zeige, daß ein einfacher Hamburger Bürger allein gegen die Übergriffe einer ausländischen Macht sich zu helfen wisse. Das sei aber solchergestalt zugegangen: Herr Kaspar Knoop fährt eines Samstagnachmittags im offenen Wagen aus Hamburg durch Altona seinem Landsitz zu, allwo er die Sonntage zu verleben pflegt. Ohne des Polizeiverbots zu gedenken, raucht er behaglich seine schöne Meerschaumpfeife. In solcher angenehmen Beschäftigung sieht er plötzlich durch Polizeidiener sich gestört, die, ihren Müßiggang unterbrechend, seinen Wagen halten lassen und unwirsch zwei Taler Strafe und die Pfeife heischen. Sie lassen sich auf nichts ein, so daß Herr Kapsar Knoop ihnen schließlich gehorsamen muß. Aber er fährt sofort bei Herrn von Aspern vor und gibt dem Allgewaltigen gute Worte genug, um seine Lieblingspfeife wiederzukriegen. Doch der bleibt harthörig: er dürfe das Recht nicht biegen. – Am Montag nach der Hamburger Börse gehen die Altonaer Kaufleute wie immer zum Maria-Magdalenen-Kirchhof, wo nach alter Gewohnheit ihre Equipagen auf sie zu warten pflegen. Aber diesmal ist der Platz leer, nicht ein Wagen zu sehen. Indessen jene noch stehen und sich den Kopf zerbrechen, was ihren Kutschern denn nur eingefallen sein könne, fährt einer von diesen gemächlich heran. Da erfahren sie dann, daß Herr Kaspar Knoop, dem der Fuhrwerskverkehr auf den Hamburger Straßen und Plätzen unterstellt ist, ein strenges Verbot erlassen hat, wonach sie nicht mehr wie bisher auf dem Maria-Magdalenen-Kirchhof ihre Herren erwarten dürfen, sondern während der ganzen Börsenzeit unablässig in den Straßen umherfahren müssen. Am Dienstag aber erhält Herr Kaspar Knopp seine geliebte Meerschaumpfeife zurück, denn den Vorstellungen der vereinigten Altonaer Kaufmannschaft hat Herr von Aspern nicht zu widerstehen vermocht ... Kaum hatte der Reeder diese Erzählung beendet, als ein Höllenlärm von der Straße her seine Gäste aufschreckte: das seien die Nachtwächter, beruhigte er sie, die mit großen Schnarren etwaige Spitzbuben verscheuchen und, um ja nicht überhört zu werden, auch noch ihre eisenbeschlagenen Stöcke über das Pflaster fahren lassen müßten. Auch hätten sie mit diesen Stöcken nachzuprüfen, ob etwa die eine oder andere Haustür nicht ordentlich verschlossen oder vielleicht sogar nur angelehnt sei ... Und später wimmerte die ganze Nacht alle Viertelstunden das Glockenspiel auf einem nahen Stadtturm – mit den nicht immer richtigen und nicht immer vollzähligen Tönen der verschiedensten Bußlieder der bürgerlichen Frömmigkeit sänftiglich aufzuhelfen. Wenn nun auch mancher Hamburger jahraus jahrein mit der ganzen Welt Geschäfte machte, ohne selber jemals eine Nacht außerhalb des Bereichs dieser frommen Klänge verbracht zu haben, so gab doch, besonders seit sie am zweiten Abend in einer Gondel über den weiten Alsterspiegel geglitten waren, jeder Tag dem Wunsche des Pastors und seines Schwiegersohnes neue Nahrung, eine bescheidene Seefahrt zu riskieren. Eines Mittags konnte der Schiffsmakler die Gastfreunde dann auch durch die Mitteilung erfreuen, daß er einen zuverlässigen Schiffer ausfindig gemacht habe, der sie nach Helgoland mitnehmen und nach etwa vierzehn Tagen von dort wieder abholen wolle. Er kenne den Mann seit langem und habe sich sein Schiff angesehen, das einen tüchtigen und saubern Eindruck mache. So rate er, die gute Gelegenheit zu benutzen, sie würden daheim viel zu erzählen haben und er bedauere nur, daß seine Geschäfte ihm nicht erlaubten, die Partie mitzumachen, wie er denn bisher noch nie dazu gekommen sei, jenes seltsame Felseneiland aufzusuchen. Die beiden Landratten griffen erfreut zu und gestanden einander erst viel später, daß jeder alsbald heimlich einen Brief an die Frau geschrieben, der so etwas wie ein letzter Wille gewesen sei, und daß sie ein höchst ungemütliches Herzklopfen verspürt hatten, als sie das Schiff bestiegen. Es war schon dunkel geworden, als sie die Ufer aus den Augen verloren und an den lebhafteren Bewegungen des Schiffes merkten, daß sie sich der offenen See näherten. Und alsbald fühlten sie sich gleichzeitig mit solcher Heftigkeit von der Seekrankheit befallen, daß sie, einander mit sterbenstraurigen Augen hilflos anblickend, heimlich aber herzlich den Leichtsinn verwünschten, der sie in diese abscheuliche Lage gebracht hatte. Obwohl an Schlaf nicht zu denken war, wurden sie doch erst nach geraumer Zeit inne, daß ein widriger Wind sich aufgemacht hatte, der den Schiffer zwang, viele Stunden lang hin und her zu kreuzen. – In der Dämmerung des zweiten Abends erst kam Helgoland in Sicht und ward dann auch bald erreicht, eine hohe schwarze Masse, darauf, von dunkeln Gestalten geschürt und behütet, ein mächtiges Feuer flammte, sprühte und qualmte, fernen Schiffen die Wege zu weisen. – Die beiden Reisenden, denen der feste Boden unter den Füßen alsbald Gesundheit und Unternehmungslust zurückgab, stiegen, von einem Fischer geleitet, der sich als zu den Ratsmännern der Insel gehörig vorstellte, übrigens aber wortkarg und schwer verständlich blieb, die hohe Treppe zum Oberland hinauf und fanden in dem einzigen Gasthäuschen leidliche Unterkunft. Als Männer von guter Erziehung machten sie gleich am ersten Tage den Honoratioren ihren Besuch: dem dänischen Landvogt, dem sie als Ausländer ohnehin ihre Pässe vorzulegen hatten, den beiden Pastoren, dem Apotheker, den der Maire einen botanischen Beireis nannte, weil er bei der Vorführung seiner Blumenzucht versicherte, seine Sonnenblumen wendeten jede Nacht ihre Köpfe dem Leuchtfeuer zu, und im vorigen Sommer hätte er eine Levkoie zu solcher Höhe und Umfang gebracht, daß er mittags mit seiner Frau in ihrem Schatten den Kaffee habe trinken können. Endlich dem Kommandanten Major Ziska. Der führte hier mit seiner aus vierundzwanzig Invaliden bestehenden Inselwache das beschaulichste Stilleben, das aber keineswegs ohne Haltung war: bei jedem Ausgang mußte, in geziemendem Abstand und nie erteilter Befehle stets gewärtig, eine Ordonnanz ihn begleiten und vor dem Hause, in dem der Gestrenge etwa an Tee oder Souper teilnahm, ohne Rücksicht auf Zeit und Witterung Posten stehen. Der Major nahm den Besuch der beiden mit verbindlichen Worten entgegen, wobei freilich sein Raubvogelgesicht sie aus kleinen wasserblauen Augen anschaute, wie wenn er in ihrer Seele lesen wollte, ob sie auch wirklich so harmlos wären, wie sie aussähen. – Übrigens war seine militärische Laufbahn zu jener Zeit ihrem letzten Ende schon recht nahe. Als nämlich zwei Jahre später, 1807, die Engländer den Dänen die Flotte wegnahmen und der Major ahnte, daß seinem Felseneiland bald das gleiche Schicksal widerfahren werde, da bildete er auf eigene Faust die jungen Insulaner militärisch aus, entschlossen, bis aufs äußerste Widerstand zu leisten. Doch der Heldentod blieb ihm versagt ... Zwar ließ er, als die Engländer ihn zur Übergabe aufforderten, seine Truppe aufmarschieren und hielt ihr eine gewaltige Ansprache: Als er aber am Schluß fragte, ob sie denn nun auch alle wie rechte Männer sich wehren und die Insel bis zum letzten Hauch verteidigen wollten, da öffneten sich die lebensfrischen Lippen der Flachsköpfe zögernd, aber mit einstimmiger Entschiedenheit zu einem überzeugten: »Nee!« Worauf dann freilich nur übrig blieb, zu kapitulieren. So ward Helgoland englisch. Die beiden Reisenden vom Niederrhein, die in ihren Tagen die einzigen Fremden auf der Insel waren, denn an ein Seebad dachte noch niemand, unterbreiteten jeden Morgen, während sie sich rasieren ließen, der jungen Barbierin ihren Tagesplan, die sie immer freundlich und munter beriet, auch nicht unterließ, dem Maire Ort und Stunde zu verraten, da die jungen Burschen und Mädchen täglich ihren Spaß miteinander trieben. Sie warnte ihn aber: wenn er etwa mittun und auch »körteln« wolle, so solle er doch von den »Deerens« die in Ruhe lassen, die einen silbernen Schmuck auf der Brust trügen, denn die waren »Bruut«, und soviel Freiheit den andern gegenüber auch gern erlaubt sei, so wenig ratsam sei es, mit Bräuten zu scherzen, »denn die jungen Keerls mögt dat nich hebben«. So körtelte der Maire dann in den Grenzen, die ihm die Barbierin, der Gedanke an sein blondes Lenchen daheim und die Augen des pastoralen Schwiegervaters zogen, und obwohl diese Grenzen nicht allzu weit waren, fand er die Sache doch ganz pläsierlich. Standen die Bräute so hoch in Ehren, so war das Los der Witwen um so betrüblicher: sie durften sich nicht wieder verheiraten, auch wenn sie noch so jung waren. Aber auch das Leben der verheirateten Frauen war hart genug. Alle Arbeit lag auf ihnen, indessen die Männer, sofern sie nicht als Fischer oder Lotsen gerade auf See waren, sich einen guten Tag machten. Allerdings waren sie nur scheinbar ganz müßig, wenn sie, die Hände in den Hosentaschen, stundenlang auf dem Oberland umherlungerten. Denn ihre scharfen Augen suchten immerfort den Horizont ab. Und sobald einer von ihnen »wat in Kieker« hatte, schlenderte er nachlässig und wie zufällig an die Treppe, um sie dann plötzlich in wilden, mächtigen Sätzen hinabzuspringen, auf daß er als erster sein Boot und das noch ferne Schiff erreiche, das vielleicht einen Lotsen brauchte. – Von der Gefährlichkeit dieses Berufes sollten die beiden Landratten alsbald einen Eindruck bekommen. Am Sonntagnachmittag hatte Pastor Pieper seinen Helgoländer Amtsbruder noch gefragt, warum er denn nach der Predigt so umständlich gesagt hätte: »Ferner bitten wir Gott für einen christlichen Lotsen, der am 20. in ein Schiff getreten, und für einen christlichen Lotsen, der am 20. in ein Schiff getreten, und für einen christlichen Lotsen, der am 20. in ein Schiff getreten«, statt diese drei christlichen Lotsen summarisch dem Schutze Gottes zu empfehlen. – Tja, das müsse so sein, hatte ihm jener auseinandergesetzt: die Insulaner hätten solche Lotsenfürbitten ganz abschaffen wollen, weil sie für jede zwölf Schillinge an den Pastor zahlen müßten. Aus demselben Grunde hätten aber die Geistlichen an der guten alten Sitte festhalten zu müssen geglaubt, und die oberste Behörde hätte ihnen recht gegeben. Da wäre dann die Folge gewesen, daß die zur Zahlung der Schillinge Verurteilten nun darauf beständen, daß dann auch jede einzelne Fürbitte für sich ausgesprochen werden müsse ... Am Sonntagabend setzte ein böser Sturm ein, und am Dienstag verbreitete sich das Gerücht, daß eine Jolle umgeschlagen und zwei Männer ertrunken wären. Da machten sich mehrere Boote auf, die Leichen zu suchen. – Am nächsten Sonntag nach der Predigt wurden die beiden Särge im Mittelgang der Kirche niedergesetzt. Nahe bei jedem nahmen die Leidtragenden Platz, und die beiden jungen Witwen mußten der Sitte gemäß während der ganzen Trauerrede das verschleierte Haupt an den Sarg gelehnt halten. Auf dem Friedhof aber, wo die Entfernung zwischen den beiden offnen Gräbern kaum zwanzig Schritt betrug, redeten beide Geistliche gleichzeitig, an Seelenschmerz und Lungenkraft einander überbietend, denn jede Partei hatte ihren Pastor bezahlt und wußte und wollte, was ihr zukam. Wie manches artige Erlebnis und seltsame Beobachtung das Reisetagebuch auch festzuhalten hatte, nie hat größere Begeisterung die pastorale Feder geführt, als am Abend des Tages, an dem die beiden auf der Rückreise in Hamburg den französischen Luftschiffer François Blanchard hatten aufsteigen sehen. Es sei ihm wie eine richtige Himmelfahrt vorgekommen, versichert der ehrliche Rationalist, und nie habe er einen Menschen mehr beneidet, als diesen Luftschiffer, der, alles Irdische zurücklassend, in der seligen Blaue verschwunden sei. Und das Heiligegeistfeld, von wo aus Blanchard aufgefahren, trage nun seinen Namen in einem neuen Sinn, denn es sei eine heilige und rein geistige, von keinerlei materiellen Absichten gespeiste Sehnsucht des Menschen, aller Erdenschwere ledig, so in dem Unendlichen sich zu verlieren ... An die Hunderttausend seien nicht nur aus den Schwesterstädten Hamburg und Altona, sondern auch aus ganz Holstein, Mecklenburg und Hannover auf diesem Felde zusammengeströmt, wehmütig beneidet von den Hunderttausenden, die sie hatten zu Hause lassen müssen. – Die Füllung des Ballons sei innerhalb der Sternschanze geschehen und der Eintritt in diese mit zwei Reichstalern wahrlich nicht zu teuer bezahlt gewesen. Nach schier endlosem Warten drei Kanonenschüsse und dann habe der Ballon, zuerst langsam, bald aber immer rascher, sich erhoben. Der Luftschiffer, ein behender kleiner Mann in weißer Matrosenkleidung, seidener Schärpe und rundem Hütchen, habe mit zwei Fahnen, die er statt der Ruder in Händen gehalten, den unendlichen Jubel erwidert, unter oder vielmehr über dem der Ballon kerzengerade in die völlig windstille Höhe gestiegen sei, zuletzt nur noch als Pünktlein erkennbar. Da plötzlich sei in raschem aber sanftem Gleiten ein Schaf vom Himmel her auf der Wiese gelandet, das jener mittels eines Fallschirmes der Erde zurückgegeben habe. Das Tierlein nun, anscheinend durch solche Luftreise nicht im geringsten alteriert, habe unverzüglich zu grasen begonnen, indessen die Menschen einander fast totgedrückt hätten, um seiner ansichtig zu werden, das doch genau so ausgesehen wie jedes andere Schaf. I. P. Wolf, der Maire der kleinen niederrheinischen Stadt im französischen Roerdepartement, die mit ihrer nächsten Umgebung bis vor gut zehn Jahren noch eine jülichsche Unterherrschaft gebildet hatte, sah im Jahre 1806 sowohl das Erbe Friedrichs des Großen, wie das der alten Kaiser zusammenbrechen. Er bedauerte das, denn sein Vater war gut fritzisch gesinnt gewesen und sein eigenes Weltbürgertum war von durchaus deutscher Färbung, aber es erschütterte ihn nicht. Und wie gut er als Maire auch zwischen den Wünschen der Regierung: das Französische zu fördern und das Deutsche zu unterdrücken, seinen Unterschied zu machen wußte – er fühlte sich doch als Sohn einer neuen Zeit, die ihr Heil vom Erben der französischen Revolution, dem großen Napoleon erwartete. Dazu kam, daß die noch im gleichen Jahr verfügte Absperrung des europäischen Festlandes gegen englische Waren gerade dem Roerdepartement bedeutende Vorteile brachte. Zahlreich siedelten sich hier innerhalb der französischen Zollgrenzen Fabrikanten und Kaufleute von jenseits des Rheins, besonders aus dem Bergischen an, nachdem es ihnen nicht gelungen war, den Kaiser zur Annexion ihrer Heimat zu bewegen, und mancher von ihnen wählte das Städtchen, dem I. P. Wolf als Maire Vorstand. Der gedachte solchen Zuwachs zwei Lieblingswünschen zugute kommen zu lassen, die sich auf die Verbesserung des Schulwesens und auf die Hebung der Geselligkeit richteten. Bei jedem Besuch im nahen Krefeld – und solcher Besuche machte der Maire viele, um sich in den Dingen der dortigen Fabrikanten auf dem Laufenden zu halten – mahnte die Inschrift, die nun schon an die fünfzig Jahre am dortigen Schulhaus stehen mochte und deren Richtigkeit ihm jährlich mehr einleuchtete: Bebauet wie ihr wollt ein wildes Krähenfeld, führt schöne Häuser auf, erweitert Mauern, Toren, ja legt Fabriken an und häufet Geld auf Geld – ist keine Schule da, so bleibt es wie zuvoren. Dann mußte er immer wieder an die ehemalige Pastoratsscheune daheim denken und an den nicht weniger unzulänglichen alten Paulussen, der, für seine schulmeisterlichen Bemühungen von den Eltern seiner Opfer teils durch mittäglichen »Wandeltisch«, teils durch »Schlafung, Waschen und Schuhschmieren« entlohnt, im Winter in ihr sein Wesen hatte. Denn in der schönen Jahreszeit zog er vor, als wandernder Scherenschleifer ein reichlicheres Brot sich zu erwerben. – Durch solchen Schulbetrieb nun mochte freilich die Zahl der Analphabeten nicht wesentlich kleiner werden. Aber der Präfekt in Aachen war nicht imstande oder nicht gewillt, die schulreformatorischen Absichten des Maire zu fördern. Und wenn es diesem schließlich auch gelang, den irrlichtelierenden Scherenschleifer durch einen seßhaften Schneider philosophischer Neigungen zu ersetzen, so waren doch dessen pädagogische Gaben leider gleichfalls allzu bescheiden. Pastor Pieper, der zuweilen einmal einer Schulstunde beiwohnte, wußte davon ergötzlich genug zu erzählen. – Zwar die gesunde Philosophie des bakelschwingenden Schneiders mußte er anerkennen, der etwa seinen Schülern versicherte, das Schwein trage seinen Namen mit Recht, weil es in der Tat ein äußerst schmutziges Tier sei, aber er meinte doch, daß jener noch nicht hinter das Geheimnis der neuen Rechenmethode gekommen sei, sintemal er im Unterricht die Frage aufgeworfen habe, »wenn drei Gänse siebenundzwanzig Silbergroschen kosten, was kostet dann ein Kalb?« Mehr Erfolg hatten die Bemühungen des Maire um die Hebung der Geselligkeit. Es gelang ihm, die Honoratioren zu einem Verein zusammenzuschließen, der den Zweck haben sollte, »unter gleichzeitiger Pflege der geistigen Interessen die Vergnügungen der Geselligkeit in angenehmer Unterhaltung gemeinschaftlich zu genießen«, und den man kurzweg »Die Gesellschaft« nennen wollte. Der Maire selber übernahm gerne den Vorsitz. Sein Schwiegervater Pastor Pieper, der alte Doktor Kükes mit dem Rohrstock (an dessen durchlöchertem goldnen Knopf zu riechen, gut gegen Miasmen war, sintemal er allerlei heilsame Kräuter barg) und der fast neunzigjährige kleine Herr Henricus ten Bompel wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt. Der Wirt vom »Jülicher Hof« am Markt baute einen Gesellschaftsraum an, zu dem nur Mitglieder Zutritt hatten. Ein Billard ward aufgestellt, man subskribierte auf Brockhausens Konversationslexikon, das soeben in Bündchen bescheidenen Umfangs zu erscheinen begann und rasch das am meisten gelesene Buch in Deutschland ward, und hielt sich die Cottasche Allgemeine Zeitung, den Freimütigen und das Journal de l'Empire . Und jeden Abend von sechs Uhr an genoß die Gesellschaft, oder doch ein Teil von ihr, in angenehmer Unterhaltung der Pflege geistiger Interessen und der Vergnügen der Geselligkeit, wobei die Betrachtung der städtischen und häuslichen Angelegenheiten hinter der Würdigung der politischen und kriegerischen Ereignisse der Zeit natürlich durchaus nicht zurückblieb. Aber beides stand im Zeichen der Freude über den Fortschritt. Denn daß noch nicht zehn Jahre vergangen waren, seit des Heiligen Römischen Reiches Kammergericht zu Wetzlar zwei mecklenburgische Städte bestraft hatte, weil sie in einer Klage gegen die überhebliche Ritterschaft das Wort »Menschenrechte« gebraucht hatten, das wollte allen fast unglaublich erscheinen. Und die von Görres verfaßte Todesanzeige, die Pastor Pieper eines Abends vorlas, löste keine Trauer in den Herzen der Hörer aus: »Am 30. Dezember 1797, am Tage der Übergabe von Mainz, nachmittags um drei Uhr starb zu Regensburg im blühenden Alter von neunhundertfünfundfünfzig Jahren, fünf Monaten, achtundzwanzig Tagen sanft und selig an einer gänzlichen Entkräftung und hinzugekommenem Schlagfluß, bei völligem Bewußtsein und mit allen heiligen Sakramenten versehen, das Heilige Römische Reich, schwerfälligen Andenkens.« Pastor Pieper, der vor kurzem sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum gefeiert, hatte gezögert, die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft anzunehmen. Wenn er sie annahm stand für ihn fest, daß er auch Gebrauch von ihr machen und wenigstens zweimal in der Woche sein Schöppchen Mosel dort trinken würde. Daß ihm dies von den pietistisch gesinnten seiner Gemeindeglieder alle oder fast alle verdenken würden, wußte er. Er wußte und bedachte auch, daß Christus gesagt hatte: »Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist.« Würde er einen ärgern, oder gar alle? Nein! Sie würden sich an ihm ärgern, und das mochten sie mit sich selber abmachen. Er wußte, daß er nicht in die Gesellschaft gehen würde, um Wein zu trinken. Und gehörten die Herren dort nicht ebensogut zu seiner Gemeinde? Würden sie sich nicht mit mehr Recht an ihm ärgern, wenn er es ablehnte, in ihrem Kreise zu verkehren? Mußte er nicht vielmehr die Gelegenheit ergreifen, dem einen oder andern, der vielleicht nur selten in die Kirche ging, näherzukommen, und konnte er nicht möglicherweise das geistige Niveau der Geselligkeit glücklich beeinflussen? So entschloß er sich denn, die Ehrenmitgliedschaft anzunehmen, und der Erfolg gab ihm recht. Sein Rationalismus, der den pietistischen kleinen Leuten so wenig zu geben hatte, hielt von den Herren der Gesellschaft doch manchen wenigstens an der Peripherie des Christentums fest, und da Pastor Pieper nicht nur Theologe, sondern zugleich auch ein in den Dingen der Welt wohlunterrichteter und interessierter Herr war, freute man sich, so oft er im Jülicher Hof erschien. Und er seinerseits, indem er sich zuerst an dem Gespräch etwa über den neuen Webstuhl, den der Franzose Jacquard erfunden hatte, mit Interesse und Verständnis beteiligte, wußte oft die Unterhaltung ganz zwanglos auch auf geistige, ja manchmal sogar auf geistliche Fragen hinüberzuleiten. Auch brachte er zuweilen ein Buch mit, etwa Herders »Cid« oder Arndts »Geist der Zeit« und las Stellen daraus vor, wodurch sich dann der eine oder andere angeregt fühlte, daheim weiterzulesen. Dabei ward Pastor Pieper, auch innerlich nicht, weder ungeduldig noch überheblich, wenn er merkte, daß es den meisten doch wichtiger blieb, welche Erfahrungen die Engländer mit der Dampfmaschine machten, wovon nun schon mehrere Tausend drüben in Betrieb sein sollten, oder wie sich in London diese merkwürdigen Straßenlaternen bewährten, in denen Luft brannte, was mancher geradezu für Teufelsspuk zu halten geneigt war. Wie denn auch zwanzig Jahre später noch, als das Heilige Köln sich anschickte, dem Beispiel Londons zu folgen, die Geistlichkeit aus theologischen Erwägungen Widerspruch erhob: Gott sei es, der die Nacht dunkel gemacht habe, darum dürfe der Mensch sie nicht erhellen. – Und der gute Ton schrieb denen, die sich's leisten konnten, noch lange vor, auch durch die gaserhellten Straßen nach guter alter Sitte das eigene Laternchen sich vorantragen zu lassen. Ein Gebiet nun gab es, auf dem aller Interesse sich vereinte, das waren die großen kriegerischen Ereignisse der Zeit, die in beruhigender Ferne sich abspielten. Hier nun schied ein anderes die Geister, das war die Stellung für oder gegen den Franzosenkaiser, die der einzelne einnahm. Während der Pastor, besonders seitdem er Fichtes Reden gelesen, die Befreiung der Deutschen zuversichtlich voraussagte, hielt sein Schwiegersohn, der Maire, selbst noch nach der Katastrophe in Rußland daran fest, daß der endliche Sieg doch Napoleon gehören werde. Nicht daß I. P. Wolf dies gewünscht hätte, er rechnete damit als mit etwas Selbstverständlichem und er war keineswegs der einzige, der unbeirrbar an den Dämon des Kaisers glaubte. Ja, noch nach der Völkerschlacht bei Leipzig nahm I. P. Wolf, wie die meisten Herren der Gesellschaft, durchaus für bare Münze, was das in Aachen erscheinende staatliche » Journal de la Roer « immer wieder von militärischen Erfolgen des Kaisers zu melden wußte, den übrigens alle mehr als Friedensfürsten, denn als Kriegshelden zu verehren gewohnt waren. Der Pastor aber hielt sich den Rheinischen Merkur, den Joseph Görres, einer der Hüter und Schürer des Feuers, das die Fremdherrschaft verzehrte, in Coblenz herausgab, und immer wieder las er in der Gesellschaft daraus vor und freute sich, so oft er merkte, daß ein Funke zündete. Und allenthalben in Deutschland stärkten die Besten sich an diesem Merkur, der den Staatsmännern Berater und der öffentlichen Meinung Gewissen sein wollte. Bis er wenige Jahre nach Beseitigung der Fremdherrschaft verboten ward, weil er ein »teutsches Blatt« bleiben und nicht zu einer »K. preuß. privil. Zeitung« degradiert werden wollte. Indessen wurden in den pietistischen Versammlungen der Kleinbürger die Zeitereignisse nach der Offenbarung Johannis und Napoleon als der Antichrist gedeutet. Und der Komet von 1811 gab auch den Kindern der Welt ernste Gedanken ins Herz. – Aber die Winzer am Rhein ließen alle diese Dinge auf sich beruhen und klimperten vergnüglich mit ihren rasch sich mehrenden Silbertalern, denn ein Wein wie der Gilfer war lange nicht dagewesen. Mit Pfarrhaus und Kirche gute Nachbarschaft haltend, stand mitten auf dem Markt der Blumenpott. So nannte man augenfälliger Ähnlichkeit halber ein fast mannshohes, kreisrundes und stark verwittertes Backsteingemäuer, daraus ein schöner alter Kastanienbaum aufragte. Der »Verkehr«, zu jenen Zeiten noch Diener, noch nicht Tyrann der Menschen, ärgerte sich an solchem »Hindernis« keineswegs. Im Gegenteil, er sah sich dadurch gefördert, denn das junge Volk vereinte mit Vorliebe am Blumenpott sich zu Spiel und Kletterkunst, und die Erwachsenen, wenn sie den Markt überquerend einander begegneten, traten nicht ungern in den Schatten der Kastanie, um ein wenig zu schwatzen. In jedem Herbst aber bedauerten kleine und große Leute einmütig, daß man bei solchen Anlässen sich nicht ein Paar Nüsse abschlagen könne. – Von dem alten Gemäuer nahm man an, daß es die Reste eines durch die Spanier zerstörten Wachtturms darstelle, dessen Trümmer, soweit sie nicht in seinem Innern zwischen den Wurzeln der Kastanie begraben lagen, von den verständigen Vorvätern wohl zum Bau ihrer Häuser mitverwendet sein mochten. In der Dämmerung eines nebeligen Spätnachmittages zu Anfang Oktober des Jahres 1812 gewahrte der Pastor Pieper, als er von einer Beerdigung heimschreitend auf den Marktplatz einbog, am Blumenpott ein Trüpplein Männer, daraus zwei auffallend hochgewachsene emporragten. Da so ansehnliche Leibeslänge des Landes zwischen Niederrhein und Maas nicht der Brauch ist, mutmaßte Pieper alsbald, daß es sich um durchwandernde Fremdlinge handle, die etwa eine politische Neuigkeit oder ein absonderliches Reiseerlebnis zum besten zu geben sich gedrungen suhlen mochten. Es schien lediglich der längere der beiden Langen zu sein, der redete, und zu dem an die zwanzig oder fünfundzwanzig Leutchen gereckten Halses hinaufblickten; auch schien jener abwechselnd der deutschen und der französischen Sprache sich zu bedienen, denn vorhin hatte er seine Hörer »Bürger« angeredet und jetzt nannte er sie › citoyens ‹, das eine wie das andere Wort mit erhobener Stimme und einer werfenden Bewegung der Rechten ihnen zuschleudernd. Als der Pastor, der unwillkürlich seine Schritte verlangsamt und etwas näher als seines Zieles wegen nötig gewesen wäre, auf den Blumenpott zugelenkt hatte, endlich, zwischen sich und dem lauschenden Häuflein geziemenden Abstand wahrend, gar stehen geblieben war, da merkte er zunächst mit Staunen, daß er sich getäuscht hatte: Der dort redete, war keineswegs ein Riese, eher hätte man ihn einen Zwerg nennen können, denn er stand nicht vor, sondern in dem alten Gemäuer, es als Kanzel benutzend. Aber der Bebrillte daneben, der, den Ellenbogen auf die Brüstung solcher Kanzel gestützt, schwarz gewandet in derben Stiefeln vor der Mauer stand, der war nun in der Tat von ganz außergewöhnlicher Länge, denn sein kräftiges und ruhiges, wenn auch anscheinend etwas erheitertes Antlitz befand sich in gleicher Höhe mit dem blassen und leidenschaftlich erregten des Redners, der soeben wieder sein » citoyens « auf die Hörer herabschmetterte. Und der dann fortfuhr, in beweglichen, übrigens ausschließlich deutschen Worten und mit einer Stimme von landfremder Rauheit den Heiligen Vater zu beklagen und dem Kaiser Napoleon, dem Verruchten, zu fluchen, der, allem göttlichen und menschlichen Recht hohnsprechend, jenen in Frankreich gefangen halte, und dem für so unerhörten Frevel die Fülle der zeitlichen und ewigen Strafen sicher sei. Noch zwar sitze der Bluthund, verblendet als Sieger sich fühlend, in Moskau, aber schon habe in seinem Rücken die Heilige Mutter Gottes das himmlische Heer aufgestellt, ihm die Heimkehr zu verleiden. Und aus dem sibirischen Bergwerk, wohin die Russen den Elenden schleppen würden, und wo der Teufel schon auf ihn warte, gebe es nur einen Ausgang und der führe schnurstracks in die benachbarte Hölle. – Nachdem das Männlein alsbald mit der Bitte, durch Anrufung der Heiligen und fromme Gelübde die Wiederbesetzung des verwaisten Stuhles Sankt Petri und das Hereinbrechen des Strafgerichtes zu beschleunigen, seinen Sermon beendet hatte, ließ es sich ganz gemächlich durch den Langen von der Kanzel herunterheben. – Der Volkshaufe löste sich auf und war rasch von Nebel und Dämmerung verschlungen. Pieper aber schritt seinem Pfarrhaus zu, im Herzen bedenkend, auf wie vielen und krausen Wegen die deutsche Seele wandle, um in Haß oder Liebe, Furcht oder Hoffnung mit diesem einen Franzosen sich auseinanderzusetzen. Er freute sich des gesunden Empfindens dieses gutkathotischen Mannes, der dem Bonaparte so gar keine »heilsgeschichtliche Bedeutung« beizulegen schien und der gewiß weder am 15. August zwischen der Geburt des Korsen und der Himmelfahrt der Maria die vorgeschriebenen Beziehungen konstruierte, noch am 10. Dezember den »Tag des heiligen Napoleon« in besonderer Andacht feierte. Und der Pastor gestand sich, daß ihn persönlich solche Philippika des Hasses doch ungleich erfreulicher berühre als die vom großherzoglich bergischen Staatsrat zu Düsseldorf unlängst dem Kaiser zu Füßen gelegte Bitte um sein Bildnis, mit ihrer überschwenglich liebevollen Begründung: »Wenn wir uns schwach fühlen, werden wir unsere Augen zu Euer Majestät erheben, und diese Züge werden uns erleuchten, uns das Wissen und die Weisheit geben, die uns fehlt.« – Im Grunde aber, meinte Pieper, habe doch Friedrich Stapß, der siebzehnjährige Pastorensohn aus Naumburg (den gerade jetzt vor drei Jahren Napoleon zu Schönbrunn hatte erschießen lassen, weil jener ihn hatte totstechen wollen) in seiner Unschuld den natürlichsten Weg gewählt – nur daß er ihn leider nicht bis zum glücklichen Ende zurückgelegt habe. Freilich wäre es ein Mord gewesen, ein politischer zwar, aber immerhin ein Mord, ein feiger Meuchelmord ... Nun, gerade »feige« hätte man die Tat wohl nicht nennen dürfen ... Aber Mord bleibt Mord, bleibt ein nach der christlich-bürgerlichen Moral zu verdammendes Verbrechen. Gewiß! Nur, daß Klio ihre eigene Moral hat, die zuerst nach dem Motiv und dann nach dem Erfolg – vielleicht auch umgekehrt, aber jedenfalls dann nicht weiter – fragt. Ihr Griffel hätte den Namen dieses »Verbrechers« in die Ehrentafel der Helden seines Volles eingegraben... Während solcher Meditation hatte der Pastor ein Gefühl, wie wenn ihm jemand folge. Richtig. An seiner Haustür sah er sich eingeholt. Es war der Lange, der, indessen der Zwerg ein paar Schritte zurückblieb, als studiosum theologiae Justus Bollinger aus der Pfalz sich vorstellte. Er sei eines Weinbauern Sohn und nach den Niederlanden unterwegs, wo in Utrecht ein schönes Stipendium auf ihn warte. Ob der Herr Pfarrer für zwölf Stunden Quartier und Nahrung um Gottes Lohn ihm gewähren wolle. – Pieper, der des freien Antlitzes und der frischen Art des Studenten sich freute, warf unwillkürlich einen fragenden Blick nach dem abseits stehenden Zwerg. Vollinger lächelte: » Par nobile fratrum , Herr Pfarrer!« Der kleine Papist, erklärte er dann, sei freilich ein sonderbarer Reisekamerad für einen evangelischen Theologiebeflissenen, übrigens auf seine Weise ein kluger Kopf und von gutem Humor. Ja, vielleicht sei sogar ein Kleriker und Stiefbruder im Herrn an jenem verloren gegangen, denn, wenn es über ihn komme, könne er reden wie ein Buch, und es komme oft über ihn. Mit dem Reisezufall aber, der sie beide zusammengeführt, habe es solche Bewandtnis: eines Morgens kurz hinter Boppard habe er bemerkt, daß in Steinwurfsweite ein kleiner Mann ihm folge. Der sei dann den ganzen Tag hinter ihm hergezogen, bis sie in der späten Dämmerung Andernach erreicht, wo er des kleinen Trabanten wohl für immer ledig zu sein vermeint hätte. Als er aber nach gefundenem Nachtquartier noch ein wenig am Ufer sich ergangen, denn er sehe für sein Leben gerne, wie Mondschein auf fließendem Wasser sich spiegle, da sei er plötzlich des Knirpses wieder ansichtig geworden. Der habe, am Steuerruder eines am Ufer angeseilten großen Kahnes stehend, im Licht der Schiffslaterne mit eindringlichen Gebärden zu einigen ihr Pfeiflein schmauchenden Rheinschiffern und allerlei müßigem oder müdem Volk geredet – was, das habe er nicht verstehen können, da er vorgezogen, sich in einiger Entfernung zu halten. – Am zeitigen andern Morgen aber auf der Landstraße seien die kleinen Beine richtig wieder hinter ihm her gewesen. Und kurz vor Remagen hätten sie plötzlich gar sich in Trab gesetzt, ihn einzuholen, und ihr Besitzer ihn angerufen: Der Herr habe gewiß etwas verloren! Und dann habe jener in der Tat ihm sein Novum Testamentum Graece überreicht, das ihm wohl, indem er sein Sacktuch gezogen, aus der Rocktasche gefallen sein müsse, ohne daß er in dem flattrigen Rheinwind und Staub der Landstraße solches Verlustes alsbald inne geworden. So seien sie in ein Gespräch gekommen, in dessen Verlauf das Männchen ihm erzählt habe, es heiße Pius Ungeheuer, stamme aus dem Nassauischen, sei aber seit einem Dutzend Jahren in Kirn an der Nahe wohnhaft, allwo es eine Achatschleiferei und Handel betreibe, und soeben unterwegs, einem Gelübde gemäß zur Heiligen Mutter Gottes nach Kevelaer zu pilgern. Er, Bollinger, habe Gefallen an dem muntern Redebächlein des Andern gefunden, und als der ihm dann ganz treuherzig gestanden, daß er immer hinter ihm hergegangen sei und auch weiterhin immer hinter ihm hergehen werde, das geschehe, weil er von einer argen Angst vor Räubern und Mördern besessen sei, da habe er bei sich gedacht, wenn zwei auf so seltene und erbauliche Namen getaufte Männer den gleichen Weg hätten, dann könnten sie ja auch wohl statt hintereinander nebeneinander fürbaß ziehen, auch wenn jeder vom andern für gewiß halte, daß er in Hinsicht der ewigen Ziele auf einem Irrweg sich befinde. Ja, gerade solches Irrwegs halber habe ihn, Bollinger, das Unternehmen gereizt, da er sich von dem zwanglosen Gedankenaustausch langer Wandertage Einblicke in die ihm fremde römische Innenwelt des Andern und somit einigen Gewinn und Stärkung für das eigene Glaubensleben versprochen habe. – Pius Ungeheuer, der Furchtsame, sei mit Freude einverstanden gewesen und so seien sie denn seit ein paar Tagen selbander durch das herbstliche Land gezogen. Und wenn es ihm auch ein wenig genannt gewesen sei, daß allabendlich vor oder in der Herberge jenen der Geist der Rede überfallen und nach Zuhörern lüstern gemacht habe, so müsse er doch bekennen, daß es ihn schier schmerze, den guten Wandergesellen morgen in Kevelaer zurücklassen zu müssen. Übrigens werde der für die heutige Nacht auch ohne ihn leicht einen Unterschlupf zu finden wissen, denn er gedenke keineswegs, den Herrn Pfarrer auch mit dem kleinen Papisten noch zu beschweren. Aber Pieper, indem er den Knirps freundlich heranwinkte, meinte lachend, das Pastorat sei am Ende doch geräumig genug, um neben Justo auch noch Pium zu beherbergen, worauf Bollinger rasch und mit fröhlicher Offenheit bat, dieses »neben« nicht allzu wörtlich verstehen zu müssen. Denn es gelüste ihn keineswegs nach einer zweiten so schlafarmen Nacht, wie sein Geselle von gestern auf heute in Grevenbroich sie ihm bereitet. Dort habe ein augenscheinlich sehr reicher Zigeunerstamm aufs üppigste Hochzeit gefeiert und sei infolgedessen nur in einer einzigen Herberge noch für die beiden Wandrer ein winziges Stüblein zu haben gewesen. Darin nun Pius Ungeheuer als einen Schnarcher von unerhörter Ausdauer sich erwiesen und ihn um alle und jede nächtliche Erquickung gebracht habe. – Der Pastor nickte dem also Geschädigten verständnisvoll zu und dann traten sie ein, und die gute Pastorin machte große Augen, begrüßte aber die unerwarteten Gäste aufs herzlichste. – Bald nach dem frühzeitigen Abendbrot, während die Pastorin sich verabschiedete, um noch auf ein Stündchen zu ihrer Tochter zu gehen, stellte die Magd den drei Männern einen großen blauen Steinkrug mit Altbier auf den Tisch. Pieper legte seinen Tabaksbeutel mit Oldenkott-Kanaster daneben und forderte seine Gäste auf, sich's schmecken zu lassen. Dem Pfälzischen Weinbauernsohn schien der bittere Trank nicht recht zu munden, aber Pius Ungeheuer, der während der Mahlzeit in stummer Befangenheit dagesessen, übrigens seinen Wanderhunger ganz resolut gestillt hatte, begann immer offenherziger sich mitzuteilen. Ja einmal – man hatte von den Zeitläuften gesprochen und der Pastor seiner Hoffnung auf ein befreites und geeintes Deutschland Ausdruck gegeben, in welchem zu leben eine Lust sein werde – da kam der Geist der Rede so gewaltig über das Männlein, daß es unversehens auf seinen Stuhl sprang und mit lebhaften Gebärden ausführte: Nein, Nein! Nein! Eine Lust werde es nie sein, zu leben, nie! nie! Denn die Hand des Menschen sei verflucht und was sie anfasse, vergifte sie, und was sie beginne gereiche endlich ihm nur zum Verderben. Und wenn auch, wie er glaube und inniglich hoffe, den Kaiser Napoleon, den Verruchten, der an Gottes Statthalter auf Erden sich vergriffen, bald sein Schicksal ereile, ja, in dieser Stunde vielleicht schon ereilt habe: eine Lust werde es nie sein, zu leben, nie! In einem befreiten und geeinten Deutschland so wenig, wie in einem unterjochten und uneinigen. Und wenn wirklich Gott die deutschen Stämme ihrer innersten Natur zuwider sich einigen und das alte Heilige Römische Reich deutscher Nation neu erstehen und erstarken lassen sollte, so werde der Teufel schon dafür sorgen, sorgen müssen, daß es zu seiner Zeit auch wieder auseinanderfalle und untergehe. Wie jener Bluthund, den so viele Verblendete den Friedenskaiser nannten, bösen, ehrgeizigen und selbstsüchtigen Willens Tausende und Zehntausende in den Tod geschickt habe, so werde, wenn ein Jahrhundert oder ein halbes nach ihm die aufatmende Menschheit soeben den schönen Traum vom ewigen Frieden zu träumen beginne, ganz gewiß irgend ein andrer aufstehen und, vielleicht jenem schönen Traum zuliebe, Hunderttausenden, Millionen den Tod bereiten. Denn die Hand des Menschen sei verflucht, mit immer neuem Blut sich zu besudeln, seit Kain einst den Abel erschlagen. Und über und über mit Blut besudelt zu werden, davor sei nichts dem Menschen Erreichbares sicher, und nach dem Unerreichbaren sogar taste seine von Gott verfluchte Mörderhand. Wie hätten Katholiken und Protestanten, die bei allem Trennenden doch gemeinsam bekannten: ›Wir glauben all an einen Gott!‹ – wie hätten sie, guten aber verblendeten Willens, das Letzte der Seele einander in Blut zu ersäufen getrachtet und damit Gott zu dienen vermeint. Was solle aber erst werden, welches Blutbad, wenn einst, nachdem die letzten der verirrten Gläubigen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche sich zurückgefunden, die unabsehbaren Scharen derer herangezogen kämen, die da bekannten: ›Wir glauben all an keinen Gott!‹ Nein, wahrlich, es sei keine Lust zu leben, und werde nie eine sein, nie, nie, nie! Blut ... Da dröhnten drei dumpfe Schläge durchs Haus ... Der Prophet schrak zusammen und verlor den Faden. »Blut! Blut!« wiederholte er und verstummte. – Es war die heimkehrende Pastorin, die den Klopfer an der Haustür in Bewegung gesetzt hatte – dreimal, das war ihr Zeichen. Der Pastor erhob sich, ihr zu öffnen. – Da bat Pius Ungeheuer plötzlich, schlafen gehen zu dürfen. Sein freundlicher Wirt selber leuchtete ihm in die ihm zugedachte Kammer und mußte lächeln, als jener deren Türschloß umständlich untersuchte. Als er dann in die Wohnstube zurückkehrte, fand er seine Frau und Bollinger im Gespräch am geöffneten Fenster stehen, durch das der Tabakrauch, ihr allzu langsam, in die nebelfeuchte Nacht abzog. »Ein wunderlicher Heiliger, Ihr Reisekamerad, Herr Studiosus!« meinte Pieper lächelnd, aber seine Frau unterbrach ihn lebhaft: sie höre soeben, daß der Herr Studiosus über Cleve zu reisen gedenke, da wolle sie ihm doch einen Gruß an ihren Johannes mitgeben, den aufzusuchen er ihr freundlich versprochen habe – übrigens solle dieser mütterliche Gruß ihm die Tasche nicht allzusehr beschweren. Während dann die Mutter in der pastörlichen Studierstube ihren Brief schrieb, rauchten die beiden Männer plaudernd eine letzte Pfeife. Der Pastor, indem er bitter über die absichtliche Vernachlässigung der rheinischen höheren Schulen seitens der französischen Verwaltung klagte, setzte dem Studenten auseinander, aus welchen Gründen er seinen spätgeborenen Sohn, nachdem er selber infolge der vermehrten und immer noch zunehmenden Amtsgeschäfte, offen gestanden: auch, weil er mit seinem Latein ziemlich zu Ende gewesen, ihn nicht mehr habe unterrichten können, gerade nach Cleve aufs Gymnasium oder, wie man ja jetzt sagen müsse, Lyzeum gebracht habe. Und als er ihm dann von diesem Reis'chen erzählte und die eigenartige Schönheit des Clever Landes pries, erklärte der junge Pfälzer, daß er ohnehin im Sinn habe, dort einen Ruhetag einzuschieben, und zwar in Pfalzdorf. Denn ein Vorfahr von ihm sei mit unter den ihres Glaubens wegen aus der Pfalz Vertriebenen gewesen, die dort am Reichswald sich eine neue Heimat gegründet. Und wenn auch einer von dessen Söhnen schon wieder in die alte zurückverschlagen und in ihr eingewurzelt sei – die Beziehungen zwischen den ober- und niederrheinischen Bollinger seien doch nie ganz abgerissen, – Ja, meinte der Pastor, um die Wanderung durch den herbstlichen Reichswald beneide er ihn, und wenn er darin den Sturmvogel schreien höre, solle er ihn grüßen. Was denn das für ein Vogel sei, fragte der Student, und der Pfarrer erklärte: auf der höchsten Spitze des Schwanenturms zu Cleve sitze seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ein versilberter kupferner Schwan. Der blitze und funkle im Sonnenschein weit, weit ins niederrheinische Land hinaus. Wenn aber der Seewind blase und den Clevern einen Salzgeschmack und guten Durst mache, so fahre er auch dem Schwan unter die Flügel, in die Schallöcher. Und dann schreie der über den unabsehbaren Reichswald und die unendlichen Weiden hin, Zorn oder Klage, wie der Wind es ihn heiße. Er, der Pastor, hoffe aber, die Tage noch zu erleben und die Nächte, da dieser niederrheinische Sturmvogel gewaltigen Fluges über das Land ziehen werde, mit seinem Schreien zum Kampf gegen die Fremdherrschaft aufrufend. – Damit kam man wieder auf Pius Ungeheuer und seinen fanatischen Haß gegen Napoleon zu sprechen und Bollinger meinte, der kleine Mann würde am Ende noch einen ganz brauchbaren ober rheinischen Sturmvogel abgeben. – Übrigens verbinde jener mit einer gutkatholischen Rechtgläubigkeit den krassesten Aberglauben. Nicht nur, daß er in einer flachen, runden Achatkapsel ein Amulett auf der Brust trage, das seinen Andeutungen nach nichts mit Rom und den Heiligen, aber um so mehr mit der magischen Astrologie zu tun haben müsse, sondern er habe auch über die Edelgesteine und ihre geheimnisvolle, aber starke Wirkung auf den, der solche trage, das krauseste Zeug expektoriert und unter anderm behauptet, daß es ganz von der Stellung der Sterne in der Stunde der Geburt eines Menschen abhänge, welche Steine ihm Glück und welche ihm Unglück bringen würden; und was dergleichen Narretei mehr sei. – Aber merkwürdiger noch als dieses alles sei ihm, Bollinger, doch gewesen, wie blutig in jenes friedlichen und ängstlichen Menschen Kopf die Welt sich male, auch wenn es sich um noch so unschuldige Dinge handle. Dabei kenne der Kleine weder Vulpiussens Rinaldo Rinaldini, noch einen der vielen auf dessen Spuren wandelnden Räuberromane, wisse auch ganz gut, daß es jetzt, fast zehn Jahre nach der Hinrichtung des Schinderhannes, am ganzen Rhein keine einzige Räuberbande mehr gebe, wofür den Franzosen und insbesondere dem tatkräftigen Öffentlichen Ankläger Keil zu Köln von Herzen dankbar zu sein jener wiederholt versichert habe. Gleichwohl scheine ein blutiger Schrecken, ein Grauen vor Blut im Innersten sein ganzes Denken und Empfinden zu beherrschen, – So habe Pius Ungeheuer unterwegs einmal aus seinem eigenen gewiß harmlosen Metier dieses Gleichnis angeführt: die Menschheit sei wie ein Achat, dem Glanz und Farbe zu geben, Gott unablässig sich mühe. Nicht eben zur Freude des Steins, der mit Angst und Schmerzen die verschiedenen Prozeduren über sich ergehen lasse: das viele Schleifen und besonders das Baden in der gräßlichen Blutlauge. Und doch sei es allein das Blut, was ihm die tiefe und reine Bläue verleihe, die blauer als der Himmel und nur mit dem Mantel der heiligen Mutter Gottes vergleichbar sei. – Die wiedereintretende Pastorin, die diese letzten Wörter noch hörte, sagte lächelnd, die Herren sprächen gewiß von jenem wunderlichen Heiligen, wie ihr Mann ihn vorhin genannt habe, dem Kevelaerpilger, der bei Tisch so stumm gewesen. Ob der etwa nachher bei Bier und Tabak hier im evangelischen Pfarrhaus ein wenig auf den Proselytenfang ausgegangen sei? Der Pastor erwiderte, nein, für so töricht halte er den kleinen Papisten nun doch nicht, und dann berichteten die Herren ihr, was jener alles vorgetragen, und der Pastor fügte hinzu, ein Kern von Wahrheit sei in solchem Pessimismus schließlich doch nicht zu verkennen, wie ja auch vom Acker als dem Symbolum der menschlichen Lebensarbeit geschrieben stehe: »Dornen und Disteln soll er dir tragen.« Und der Teufel möge wohl schmunzeln, so oft er beobachte, daß dieser Fluch sich erfülle. »Aber die Engel im Himmel jubeln, so oft ein tapfrer Mensch sein ›Dennoch!‹ spricht«, sagte die Pastorin, und nun wollten sie schlafen gehen. In der Frühe des andern Morgens verabschiedeten sich die beiden Wanderer mit geziemenden Dankesworten, und der Pastor und seine Frau sahen von ihrer Haustür aus ihnen nach, bis in der Nähe des Blumenpotts der Nebel die so ungleichen Gestalten verschluckte. Als der Pastor gegen Mittag von einem Krankenbesuch heimkehrte, fand er auf seinem Schreibtisch ein rundes Blättchen Pergament. Darauf war unter einem Stern ein martialischer Krieger dargestellt, der gegen einen unsichtbaren Feind das Schwert zückte und mit dem Schild sich deckte. Zu seiner Rechten befand sich ein Widder, zu seiner Linken ein Krebs. Auf der Rückseite aber war ein Quadrat schachbrettartig in sechzehn kleine Quadrate eingeteilt und in dieser jedem stand eine dreistellige Zahl. Mechanisch liest der Pastor die erste Zahlenreihe: 486. 473. 472. 483., die zweite: 475. 480, 481. 478., die dritte: 479. 476. 477. 482., die vierte: 474. 485. 484. 471. Unwillkürlich stellt er fest, daß es sich um die sechzehn Zahlen von 471 bis 486 handelt, aber vergebens sinnt er, nach welchem Gesetz sie hingeschrieben sein mögen. Da beginnt er die einzelnen Spalten zusammenzuzählen und siehe: jede ergibt dieselbe Summe: 1914. Er stellt die Quersummen fest: auch hier jedesmal 1914. Er addiert nach der Diagonale: immer 1914. Er teilt das große Quadrat in vier kleinere zu je vier Feldern ein und addiert diese: jedesmal 1914. Und auch das vierfelderige Quadrat in der Mitte des großen ergibt die gleiche Zahl. – Unterdessen war seine Frau eingetreten und hatte erzählt, daß die Magd das Pergamentblättlein beim Aufräumen im Zimmer des kleinen Kevelaerpilgers gefunden hätte. Pieper zeigte ihr das seltsame Zahlenspiel und meinte, wahrscheinlich hätte das Kerlchen mit diesem Blatt das Amulett verloren, wovon der Student ihm gesprochen und es nehme ihn nur wunder, daß jener Überängstliche sich einem so kriegerischen und heidnischen Schutzpatron anvertraut, denn der grausliche Herr auf der Vorderseite könne doch niemand anders sein, als der unter die Sterne versetzte römische Kriegsgott. Welche Bewandtnis es aber mit den Zahlen habe, verstehe er nicht, gewiß sei da noch irgendein Kniff verborgen, sintemal es doch vermutlich schon 1814 und nicht erst 1914 heißen werde »Und Mars regiert die Stunde.« – Die gute Pastorin sagte, das sei alles Teufelswerk und er solle das greuliche Blättchen in den Ofen stecken, wozu er sich aber nicht entschließen konnte, da er ein Liebhaber von Kuriositäten war und vertraute, daß ihm diese nichts anhaben werde. Etwa vierzehn Tage später setzte Frau Maria Magdalena eines Abends den väterlichen Türklopfer in Bewegung, die neueste Nummer des Kölner Beobachters in der Hand. Darin stand, daß man unweit der Nahemündung im Weidengestrüpp des Rheinufers die blutige Leiche eines auffallend kleinen Mannes gefunden habe. Bis auf die Kleidung, die wegen ihrer Kleinheit wohl, nicht leicht einem andern gepaßt haben dürfte, sei der augenscheinlich Ermordete, in dem ein zufällig des Weges kommender Handelsmann aus Kreuznach mit Sicherheit einen Kirner Achatschleifer erkannt habe, völlig ausgeraubt gewesen. Nur ein sogenanntes Kevelaerer Herrgöttchen sei dem Mörder entgangen, der dann auch in der Person eines vagabundierenden Kesselflickers alsbald dingfest gemacht worden, übrigens schon geständig sei: Der Kleine habe sich ihm, rheinaufwärts wandernd, bei Bacherach auf der Landstraße angeschlossen und soviel von Räubern und Mördern, Blut und Blutvergießen geredet, daß er ihn schier verrückt gemacht und also gleichsam selber zu der Untat angestiftet habe. Es war im Hochsommer 1815, wenige Monate nach der Schlacht bei Waterloo, und der Nachmittag war unerträglich schwül. Jetzt, gegen sieben Uhr, war der Himmel gelbgrau und aus Nordwesten wälzte sich eine schwarze Wolkenmasse heran. Es begann zu blitzen, zu donnern, aber nur vereinzelt fielen schwere Regentropfen. Die Fenster des Gesellschaftszimmers im Jülicher Hof, der sich nun »Schwarzer Adler« nannte, denn das Städtchen war im Frühjahr preußisch geworden, standen weit offen, und die Herren, die an ihnen nach Kühlung schnappten, hatten sich's bequem gemacht. Nur J. P. Wolf, der einstige Maire, der nun ehrenamtlicher Bürgermeister war, hatte den Rock nicht ausgezogen, dessen Knopfloch, wie es hieß, auf ein schwarz-weißes Ordensbändchen wartete. Denn das neue Schulhaus, für das er persönlich tief in die Tasche gegriffen hatte, war unter Dach, und die Normalschule zu Coblenz hatte für den Herbst zwei tüchtige Lehrkräfte zugesagt. – Alles blickte auf den Marktplatz, gespannt, ob es der Kölner Postkutsche, die nun täglich fuhr, wohl gelingen werde, noch vor Ausbruch des Unwetters einzufahren ... J. P. Wolf vermutete, daß sein Schwiegervater, Pastor Pieper, der sich beim Predigen überanstrengt hatte und vor sechs Wochen nach Ems gereist war, um den Hals wieder auszubessern, mit dieser Post zurückkehren werde, und Frau Maria Magdalena war ins Pfarrhaus gegangen, den Vater dort mitzuempfangen. Jetzt brach ein Regen los, wie wenn alle Schleusen des Himmels auf einmal geöffnet würden, aber schon hörte man auch den Postillon sein heiseres Tätärä-tätätätä schmettern, und eine Minute später stand das triefende Gefährt vor dem Tore des Schwarzen Adlers, von Kellner und Hausknecht gelassen in Empfang genommen, von den hemdärmeligen Herren der Gesellschaft aber durch Zurufe und Winken mit Gläsern und Tonpfeifen so stürmisch begrüßt, daß die Gäule wohl nur dank ihrer Müdigkeit Haltung bewahrten. Wirklich entstieg dann auch Pastor Pieper dem Wagen, und im Blick auf den Wolkenbruch entschloß er sich, die Seinen daheim noch ein wenig warten zu lassen und zunächst in die »Gesellschaft« einzutreten. Man nahm Platz, und in der zunehmenden erfrischenden Kühle mit verdoppeltem Behagen trinkend und rauchend, erkundigte man sich lebhaft nach seinen Reiseerfahrungen und der Wirkung der Kur, Der Pastor schien zuerst zerstreut an anderes zu denken, dann aber begann er mit erhobener Stimme im Zusammenhang zu erzählen: er habe gestern in Köln etwas ganz Außerordentliches erlebt. Im Gasthof habe er gehört, daß der Reichsfreiherr vom Stein zusammen mit dem großen Dichter Goethe in Köln eingetroffen, wo ja auch Ernst Moritz Arndt jetzt ansässig sei. Und eine freundliche Fügung habe ihn alsbald die drei Männer finden lassen, wie sie in ernstem Gespräch miteinander am Domtorso gestanden, der ja nun, Gott sei Dank, nicht mehr französisches Militärmagazin sei. Sie seien aber alle drei viel kleiner gewesen, als er sich's gedacht, und der große Heide von Weimar habe gar nicht apollinisch ausgesehen, sondern ganz ehrbar und fast strenge. Er, Pieper, habe sich unauffällig in ihrer Nähe gehalten, und als sie endlich weitergegangen, sei er ihnen gefolgt, die ganze lange Komödienstraße hinab. Als sie sich dann aber getrennt, und der teure Ernst Moritz allein zurückgegangen sei, habe er sich an diesen herangemacht, als Pastor und Verehrer sich zu erkennen gegeben und ihn ein Stücklein begleiten dürfen, wobei sie gar vieles miteinander besprochen hätten. Als er, Pieper, aber die Neugestaltung Europas berührt, wäre Arndt ganz in Rage geraten: Dieser Wiener Käsezuschnitt sei einfach monströs und nur von einem Kongreß zu verstehen, auf dem alles Ernstes die Frage verhandelt worden, ob es sich nicht empfehle, die Gesandtschaftsposten erblich zu machen. – Auch daß Arndt gemeint, Goethe sei wohl auf seine Weise gar nicht fern vom Reiche Gottes, habe ihm zu denken gegeben. Item: die ganze Begegnung sei doch eine köstliche Erinnerung für sein Leben. C. C. Windemann meinte, das sei freilich wahr, und ein so bedeutendes Erlebnis habe gewiß von den Anwesenden keiner gehabt. Und nachdenklich schwiegen alle. Da aber richtete sich der achtundneunzigjährige Herr Henricus ten Bompel in seinem gepolsterten Sessel, den ihm die Gesellschaft zum neunzigsten Geburtstag verehrt hatte, ein wenig auf, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger der welken Rechten nach seiner Gewohnheit die mächtige Nase, und sagte, indem er die vergnügten Äuglein von einem zum andern wandern ließ: Ja, er habe eine ebenso köstliche Erinnerung, das könne er doch wohl sagen. – Und alle blickten gespannt auf den alten Herrn und wunderten sich der Rede, denn sie wußten, daß die letzten sieben Jahrzehnte seinem Gedächtnis fast restlos entglitten waren, und daß seine Kindheit und Jugend arm und hart gewesen ... Er aber begann zögernd und umständlich zu erzählen, wie er Anno dreißig als Junge in seiner Vaterstadt Wesel eines Tages am Rhein geangelt habe, und wie dann, von einer Abteilung preußischer Soldaten erwartet, ein Schiff angekommen sei. Dem wären ein Paar Offiziere entstiegen, die hätten einen schlanken, ganz jungen Menschen zwischen sich geführt, der über die Maßen fein und erschrecklich blaß ausgesehen hätte. Dem hätte der flattrige Rheinwind die Mütze vom Kopf geweht. Da aber sei er, Henricus, der Mütze nachgesprungen und habe sie endlich auch eingeholt und flugs dem jungen Menschen zurückgebracht, worauf dieser ihn aus seinen großen blauen Augen gar traurig angeblickt und mit einem müden Lächeln: » merci, mon ami !« gesagt habe. Und alsbald habe erfahren, daß der junge Mensch niemand anders gewesen als der Kronprinz in Preußen, den sie ja nun wohl den Alten Fritz nennten und der zu jener Zeit wegen versuchter Desertion von seinem Herrn Vater, dem König, gefangen gesetzt worden sei. Und: merci, man ami ! habe er gesagt. Er höre es noch, und sehe noch die traurigen und trotzigen blauen Augen und es sei doch nun schon so lange her und der Alte Fritz sei am Ende wohl gar schon gestorben oder doch dem Tode so nahe wie er, Henricus. Das hätte sich der amerikanische Farmerssohn Benjamin Thomson, der in englischen Diensten gegen die Unabhängigkeit Amerikas kämpfend Oberst, und in München, wo er nebenbei den Englischen Garten anlegte, Armenpfleger großen Stiles und Kriegsminister gewesen und zum Grafen Rumford geworden war, – das hätte er sich nicht träumen lassen, daß er wenige Jahre, nachdem er im Frieden eines Pariser Vororts sein wechselvolles Leben beendet, dem Knopfloch eines preußischen ehrenamtlichen Bürgermeisters am Niederrhein zu einem Ordensbändchen verhelfen werde. Und zu einem wohlverdienten. Denn die Hungersnot, die infolge der schrecklichen Mißernte des Jahres 1816 zu einer Zeit ausgebrochen war, da die junge niederrheinische Industrie, durch keine Kontinentalsperre mehr geschützt, schwer daniederlag, indessen die so lange aufgespeicherten und nun unter den Herstellungskosten in den Handel gegebenen englischen Fabrikate ungehemmt ganz Deutschland überfluteten – die Hungersnot hatte J. P. Wolf in seinem Bereich mittels Rumfordscher Suppen tatkräftig und wirksam bekämpft. Auch die Mönche des vor fünfzehn Jahren erst aufgehobenen Klosters, das inmitten des Städtchens lag, hätten sich's nicht träumen lassen, daß in ihrem verwaisten Refektorium vier mächtige Kessel aufgestellt würden, in deren jedem der Bürgermeister täglich für mehr als zweihundert Menschen eine Suppe kochen ließ, die aus Wasser, je zehn Pfund Erbsen, Grütze und Gerste, vierzig Pfund Erdäpfeln, sechs Pfund Fleisch und drei Pfund Salz bestand, und von der die Portion anderthalb Stüber, nach heutigem Geld sechs Pfennig, kostete. Wer wollte, durfte sein Näpfchen gleich an Ort und Stelle auslöffeln, aber die meisten zogen vor, die billige Kost daheim am weißgescheuerten Tisch zu verzehren, wo sie ihren Nährwert durch ein Gebetlein und etwa noch durch ein Stück Holländerkäse erhöhen konnten. So sah man denn auf allen Wegen Kindertrüppchen, deren blankgeputzte Blechkannen lustig in der Sonne glitzerten, und J.+P. Wolf erhielt den Roten Adler. Schlimmer war ein anderer Hunger, von dem freilich die überwiegende Mehrheit des Volkes, durch die Jahrhunderte zu knechtischer Ergebenheit allem Hochgeborenen oder Hochgestellten gegenüber erzogen, nicht allzuviel verspürte: der Hunger nach staatsbürgerlicher Freiheit, den das letzte Viertel des achtzehnten Jahrhunderts geweckt und den Napoleon zu stillen begonnen hatte. Wohin er gekommen war, da hatte er mit den alten Privilegien aufgeräumt und Freizügigkeit und eine schnellere und billigere Rechtsprechung eingeführt. Da gab es keine ständisch eingekasteten »Untertanen« mehr, sondern nur noch »Citoyens« mit gleichen Rechten und Pflichten, und mit einer angenehmen Überraschung hatte am Niederrhein sogar der Bauer und Kleinbürger von den französischen Beamten sich als Menschen behandelt gesehen. Denn so wollte es der große Kaiser, dessen Schatten beständig hinter ihnen stand. Gewiß, er war ein Despot. Aber solchen Despotismus, voll Einsicht, Kraft, Folgerichtigkeit, reich an demokratischen Grundsätzen und überreich an Organisationstalent, den konnte man sich allerdings gefallen lassen. – Hätte man in den Rheinlanden nach Napoleons Sturz die Wahl gehabt, man wäre wahrscheinlich ganz gerne wieder deutsch, sicherlich aber nicht preußisch geworden. – »Da haben wir aber in eine arme Familie hineingeheiratet!« sollte der Bankier Schaaffhausen in Köln ausgerufen haben, als er hörte, daß die Einverleibung der Rheinlande in Preußen zur Tatsache geworden. – So trat dann hier, wo ihm keine dynastische, einzelstaatliche Tradition im Wege stand, der Gedanke der deutschen Einheit frühe neben das Verlangen nach vermehrter staatsbürgerlicher Freiheit. Und immer wieder sprach Görres in seinem Rheinischen Merkur es aus: »Ganz Deutschland ruft nach einem Kaiser.« Obwohl es ihn als französischen Maire ja eigentlich nichts anging, hatte I. P. Wolf 1807 das Zukunftsversprechen des preußischen Staatskanzlers Hardenberg mit Freuden begrüßt: »Demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung!« Inzwischen hatte das deutsche Volk Gut und Blut für die Befreiung der deutschen Lande von der Fremdherrschaft geopfert. Aber in Berlin dachte man nicht daran, jenes Versprechen einzulösen. Man hatte durchaus erreicht, was man wollte, nun sollte der Befreiungskampf nicht in Freiheitskampf »ausarten«. Waren denn mit den französischen Heeren nicht auch die Ideen der französischen Revolution endgültig besiegt? Ihr Sohn und Erbe, der »Usurpator« war glücklich beseitigt, und die Legitimität derer triumphierte, die er »erbliche Esel« und deren Väter schon Friedrich der Große »erlauchte Trottel« genannt hatte. Der große französische Tyrann erwartete auf St. Helena den Tod, da durften die vielen kleinen deutschen Tyrannen um so kräftiger wieder aufleben, und schmunzelnd oder enttäuscht betrachten, wieviel »Seelen« sie auf dem Wiener Kongreß eingeheimst hatten. Mochte solches nun wenig oder viel sein – in jedem Fall versuchten die meisten, von einer Art Größenwahnsinn befallen, eine Erhöhung ihrer Würde durchzusetzen. Ward ihnen diese versagt, so legten sie sich mindestens aus eigener Machtvollkommenheit innerhalb des eigenen Höfchens und Ländchens das Prädikat »Königliche Hoheit« bei, auch wenn sie nur simple Herzöge waren. – Schon 1814 war in Kassel Landgraf Wilhelm, »der Siebenschläfer«, der jahrzehntelang seine Landeskinder als Soldaten ans Ausland verkauft, und den Napoleon 1806 verjagt hatte, als Kurfürst festlich wieder eingezogen, jubelnd begrüßt von allen Bedientenseelen seiner Untertanen. Und das Erste, was er – symbolisch nicht nur für Hessen – als Landesvater unternommen hatte, war die Wiedereinführung von Zopf und Perücke gewesen .... Das gute Beispiel aber, das der treffliche, 1811 hochbetagt entschlafene Großherzog Karl Friedlich von Baden seinen Standesgenossen gegeben, als er die wie Bayern und Württemberg, so auch Baden von Napoleons Gnaden angebotene Königskrone abgelehnt hatte, weil seine Einkünfte für eine königliche Hofhaltung zu gering seien und er sie nicht auf Kosten seiner Untertanen steigern wolle – dieses gute Beispiel schien auf jene wenig Eindruck gemacht zu haben. Die Schwaben atmeten auf, als im Herbst 1816 Friedrich II., von Napoleons Gnaden König von Württemberg das Zeitliche segnete. Denn dieser prachtliebende Gernegroß hatte sein schönes Ländle weidlich ausgesogen und seine Untertanen in der Furcht des Herrn gehalten, wie er denn schon als Herzog sich die besten Herzen dadurch entfremdet hatte, daß er den Söhnen der Handwerker und Kleinbauern das Studium der Theologie verschloß. Übrigens verfügte er, wovon manche durch ihn enteignete Landesherrlichkeit in Schwaben ein Lied zu singen wußte, über weit mehr Verstand und Energie, als man sich dessen angesichts der ungeheuren Rundungen seiner Leiblichkeit versehen konnte, nur daß er jene vortrefflichen Gaben lediglich seinem dynastischen Ehrgeiz, seiner Genußsucht und seinen Günstlingen zugute kommen ließ. Doch wie schwer er auch sein Volk plagte, noch viel schwerer plagte ihn sein Bauch, der, als er schon längst weder in der alten noch in der neuen Welt seines Gleichen hatte, immer noch wuchs und wuchs und wuchs. In einem grünseidenen Netz, dessen Gurte die königlichen Schultern drückten, mußte Friedrich II. diesen ungeheuren Bauch vor sich herschleppen, der ihn langsam und sehr wider Willen zum Akrobaten ausbildete. Und der, ach oft genug, ganz anders wollte, als sein königlicher Inhaber. So Anno Acht auf dem Fürstentag zu Erfurt wo »Württembergs geliebter Herr« als Schwiegervater des lustigen Königs Hieronymus von Westfalen selbstverständlich nicht fehlen durfte. Die in starken Riemen hangende Karosse hatte ihn angenehm auf das Schlachtfeld von Jena gewiegt, das Napoleon dazu ausersehen, mit dem Zaren und den deutschen Fürsten Hasen zu jagen. Zu solchem Zweck mußte der Württemberger, der übrigens ungeachtet seiner Schwerfälligkeit ein gewaltiger Nimrod war, allerdings den Wagen verlassen. Aber dabei revoltierte der Bauch. Mit elementarer Gewalt sein Netz zerreißend brach er sich den Weg ins Freie. Und nur den vereinten Kräften des Kammerherrn und des Leibjägers gelang es, das Ungetüm zu bändigen und die königlichen Massen diskret in den Wagen zurückzuverladen, der dann auch ohne neue Sensation oder Beschädigung die Majestät behufs Rehabilitierung in Erfurt wieder ablieferte. – Von nicht weniger heiterer Eigenart als diese mißratene Hasenjagd waren die Minuten, in denen die königliche Seele und der königliche Bauch für immer von einander Abschied nahmen. Schon mehrere Nächte hatte der Leibarzt Dr. Froriep am hochgewölbten Krankenlager seines Königs gewacht. Er wußte, daß seine ärztliche Kunst dem Ende so nahe war, wie das Leben seines Patienten. Nun gedachte er, sich ein wenig auszuruhen, wozu ein anscheinend höchst bequemer Sessel einlud, von dem aus er das Antlitz des Sterbenden im Auge behalten konnte. Daß er, indem er behaglich sich niederließ, eine Spieluhr im Innern des Sessels in Betrieb setzen würde, das konnte er wirklich nicht wissen, auch nicht, auf welche Weise etwa man solche Musik wieder verstummen machen könnte: Blühe, liebes Veilchen, blühe noch ein Weilchen, werde schöner noch! Unbefangen spielte die Uhr das heitere Liedlein zu Ende. Aber dann zeigte sich leider, daß die Majestät seine freundliche Aufforderung in den Wind geschlagen und sich dahin zurückgezogen hatte, wohin ihr der Bauch nicht folgen konnte. Der dürftige Philister aber, dem dieser Friedrich als Herzog von Württemberg einst das Kaiserdiplom von Frankfurt nach Seligenstadt gebracht, und der inzwischen als Franz II. 1806 die lange Reihe der deutschen Kaiser ruhmlos genug abgeschlossen, der hockte in Wien im Schatten Metternichs auf dem österreichischen Kaiserthron, mit seiner groben und bellenden Stimme betriebsam und dünkelhaft in alles sich einmischend, ohne Größe in seinen Lastern wie in seinen Tugenden. Mißtrauisch und kleinlicher Rachsucht voll, organisierte er persönlich die Qualen der Staatsgefangenen auf dem Spielberg, die gegen die österreichische Herrschaft in Oberitalien unglücklich genug sich verschworen hatten, und, für die andern Kronenträger ein nicht zu übertreffendes Vorbild, ließ er als »der gute Kaiser Franz« von seinen Untertanen wie ein unleidlicher Familienpapa sich die Hand küssen, die nur die Rute zu führen wußte. Auch der in heiliger Allianz ihm und dem Zaren verbrüderte dritte Friedrich Wilhelm von Preußen erkannte als seine Aufgabe, mit allen Mitteln »die gute alte Zeit wiederherzustellen«. Noch hatte man in der preußischen Rheinprovinz der Königlichen Kabinettsorder vom 22. Mai 1815 vertraut, die die baldige Bildung einer an der Gesetzgebung mitarbeitenden Repräsentation des Volkes verheißen hatte, und I. P. Wolf, der Bürgermeister, bedauerte nichts mehr, als daß die Geringfügigkeit seines Städtchens ihm verbot, sich den Kollegen von Köln, Trier und Koblenz anzuschließen, als sie den König im Sommer 1817 nachdrücklich an dieses Versprechen erinnerten, wodurch sie sich freilich nur eine ärgerliche und hochmütige Zurechtweisung zuziehen sollten. Denn der hohe Herr hatte vorerst Wichtigeres zu tun: er gedachte die dreihundertste Wiederkehr des Wittenberger Thesenanschlagtages dadurch zu feiern, daß er in seinen Landen als summus episcopus Reformierte und Lutheraner zur »Union« zusammenschloß, in welcher er dann allmählich überall die neue, von ihm selbst verfaßte Agende einzuführen beabsichtigte, nicht ahnend, daß er durch beides, Union und Agende, manche gläubige Seele in Gewissensnot bringen, auch Jahrzehnte hindurch unter der streitbaren Geistlichkeit die unfruchtbarsten Kampfe wachrufen werde. – Doch soll nicht verschwiegen sein, daß in manchen Landesteilen der alte Zank durch die Union tatsächlich begraben worden ist. – Pastor Pieper wählte einen Mittelweg, indem er, den Heidelberger Katechismus freilich beibehaltend, seine ursprünglich reformierte Gemeinde hinfort eine »evangelisch-christliche« nannte. Aber das Wartburgfest der deutschen Studenten im Oktober desselben Jahres, daran auch sein Schwager Johannes teilgenommen, machte den Bürgermeister doch bedenklich. Diese akademische Jugend in ihrem schönen Freiheitsrausch ging ihm entschieden zu weit, und mit seinem Schwiegervater, dem Pastor, hielt er es für eine unziemliche Nachahmung Luthers, daß jene bei solcher Gelegenheit nicht nur einen hessischen Zopf, einen österreichischen Korporalstock und einen preußischen Ulanenschnürleib, sondern, um gleichsam den Geist der Autorität selber mitzuverbrennen, eine Anzahl verhaßter Bücher den Flammen überantwortet hatten. So des Staatsrechtslehrers von Haller berüchtigtes Werk »Die Restauration der Staatswissenschaften« (das dem Zeitalter den Namen verliehen hat), darin es hieß, daß in monarchischen Staaten schlechterdings kein Raum für den Begriff des Patriotismus, und Vaterlandsliebe schon deswegen unstatthaft sei, weil die Person des Monarchen ein ausschließliches Anrecht auf alle derartigen Gefühle der Untertanen besitze. So den Code Napoléon und die Schriften des übelsten aller Berliner Geheimräte, Schmalz, deren eine, die ihm den Roten Adlerorden eingebracht, zugunsten der Fürsten dem Volke alles und jedes Verdienst um die Befreiung des Vaterlandes von der Fremdherrschaft absprach. Auch den »Kodex der Gendarmerie« des hochwohlgeborenen Herrn von Kamptz, der durch seine Spione des freimütig-frommen Schleiermacher Predigten nachschreiben und verdächtigen ließ, später Ernst Moritz Arndt um seine Professur gebracht und endlich als preußischer Justizminister die unwürdigste aller exzellenten Streberbrüste mit Erfolg dem Schwarzen Adler dargeboten hat. – Daß der Student Maßmann statt dieser Bücher einen Haufen Makulatur mit leidenschaftlichen Worten den Flammen überantwortet, ließ zwar auf eine höchst verständige Sparsamkeit schließen, und daß er selber die Bücher gar nicht gekannt, sondern sie erst während der folgenden Monate studiert hatte, um sein Gewissen zu beruhigen, war freilich komisch genug, machte aber im Grunde die Überheblichkeit nur um so schlimmer. – Da hatte dann Johannes in den Ferien einen schweren Stand, sowohl dem Schwager wie dem Vater gegenüber, wenn auch beide ihn gerne von den Einzelheiten jenes Festes erzählen hörten. So von dem Durcheinander des Festmahls, wie man hungrig und des langen Wartens müde, zuletzt die Küche gestürmt und die einzelnen Tische mit wahllos geraubten Speisen versorgt hätte, also, daß der eine nur die Würste, der andere nur das dazu gehörige Kraut, ein dritter nur die Kartoffeln und ein vierter nur den Festbraten erhalten. Und wie dieser Riesenbraten, den ein langer Student vor den begehrlichen Händen der andern hoch über seinem Haupt dahingetragen, plötzlich samt der Tunke aus seiner Schüssel mitten auf den Tisch der Professoren und Ehrengäste gesprungen sei – nicht ohne jammervolle Beschädigung der Uniformen und Staatsröcke... Im allgemeinen konnten ja weder der Pastor noch der Bürgermeister gegen die Ziele der Burschenschaft, wie Johannes sie ihnen enthüllte, viel einwenden: »teutsche Art und teutschen Sinn beleben, teutsche Kraft und teutsche Zucht erwecken« – das war doch gewiß nur löblich. »Die vorige Ehre, Macht und Herrlichkeit des teutschen Volkes wiederherzustellen« – nun ja, vielleicht war das ein Traum, dann aber doch ein schöner. Daß Johannes dabei »dem verderblichen Weltbürgersinn Krieg bis aufs Messer« ansagte, erschien dem Schwager freilich übertrieben, in dessen Augen höher als die Nation die Menschheit stand. Gab ihm übrigens hierin nicht der große Schiller recht? Und gern übertönte er dann mit seiner schönen Stimme den schwärmenden Studenten! »Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!« Ja, er war ein Feuerkopf, dieser Johannes Pieper, dieser hochgewachsene blonde Jüngling von jetzt einundzwanzig Jahren, der immer für irgend etwas glühen mußte. Und da er für den Rationalismus seines theologischen Studiums schlechterdings nicht glühen konnte, sah es der Vater immer noch lieber, daß er sich als Burschenschafter für Deutschtum und Christentum, Freiheit und Vaterland begeisterte, als wenn er gar, wozu eine Neigung zuweilen erkennbar schien, mit pietistischen und sektiererischen Kreisen sich eingelassen und schließlich etwa noch bei dem leidenschaftlich frommen Weber Schlüpjes, dem Totengräber, Schrifterkenntnis gesucht hätte. Denn der hatte um diese Zeit gerade angefangen, in seinem blaugetünchten Häuschen beim Friedhof abendliche Gebetsversammlungen abzuhalten und aus der Offenbarung Johannis zu weissagen, was dem Pastor ein Greuel war. – Mit der Zeit kam es so weit, daß dem Vater etwas fehlte, wenn in einem Brief des Sohnes ausnahmsweise einmal nichts von den burschenschaftlichen Dingen zu lesen war. Und zum Geburtstag bereitete ihm die gute Pastorin mit einem Paar gestickter Pantoffeln, darauf schwarze, rote und goldne Perlenkaros miteinander abwechselten, eine noch weit größere Freude, als sie geahnt hatte. Er hoffe nur, sagte er lächelnd, daß seine Füße, umhegt von der Trikolore der deutschen Zukunft, nun auch nicht müde werden möchten, bevor seine Augen ein geeintes Deutschland, das gelobte Land seiner Sehnsucht, wenigstens von fern erblickt hätten. Nachdem aber im März 1819 Karl Sand, ein Jenenser Burschenschafter, in Mannheim den »Verräter« Kotzebue, den Possenschreiber, der dem Zaren Berichte über den preußischen Patriotismus lieferte und dessen »Geschichte des Deutschen Reiches« auf der Wartburg mitverbrannt worden war, ermordet oder, wie er meinte, »gerichtet« hatte, und Johannes von solcher abscheulichen Tat, sie gleichsam entschuldigend, annahm, daß Gott sie gewiß für Freiheit und Vaterland zum Segen gereichen lassen werde, da hielt der Pastor es doch für richtig, ihn zur Beruhigung für ein Semester oder zwei in den weniger aufgeregten Osten zu verbannen, damit er, den bisherigen Eindrücken entrückt, zu sich selber und zum Studieren komme. Eine verwandtschaftliche Beziehung der Frau Pastorin wies nach Königsberg, und so bezog Johannes mit dem Sommersemester 1819 die dortige Universität. Zwar eine Burschenschaft gab es auch hier, doch stand sie nicht in besonderem Ansehen, da sie im Gegensatz zu allen andern auch Juden aufnahm. Und Johannes versprach, sich ihr fernzuhalten. Diese Juden der Königsberger Burschenschaft führten übrigens eines Abends, als im Familienkreis wieder einmal über die Wahl der Universität Rats gepflogen ward, zu einer Verstimmung zwischen dem alten Pastor Pieper und seinem Schwiegersohn, die nicht ohne Mühe von den Frauen wieder beseitigt ward. Der Bürgermeister hatte geäußert, daß, nachdem in den Befreiungskriegen jüdische Freiwillige zahlreich ihren Mann gestanden, die deutsche Burschenschaft sich jüdischen Studenten nicht verschließen dürfe. – Der Pastor erwiderte, er habe es stets für einen Fehler gehalten, daß man jene Freiwilligen angenommen, aber er sehe nicht ein, daß man eines ersten Fehlers wegen verpflichtet sei, einen zweiten zu machen. Er gönne dem so lange unterdrückten Volk gewiß jede vernünftige Emanzipation, und der abscheuliche Judensturm, der gerade jetzt in den Mainstädten mittelalterliche Gespenster heraufbeschwöre, betrübe ihn herzlich. Aber wenn er als Christ auch jeden Judenhaß und Verfolgung verurteile, als Deutscher hätte er doch gewünscht, Hardenberg wäre den Juden nicht so weit entgegengekommen. Man hätte sie doch auch als Ausländer gut behandeln, ihnen manche Freiheit gewähren und Ehre, Leben und Eigentum schützen können, statt sie unmittelbar in die Volksgemeinschaft aufzunehmen. Wozu natürlich auch wieder diese gottvergessenen Franzosen den Anstoß gegeben, indem sie jeden rheinischen Juden, wenn er nur den Bürgereid geschworen, als gleichberechtigten Staatsbürger anerkannt hätten. Was Wunder, daß daraufhin das heilige Köln, das doch 1424 seiner Juden so gründlich sich entledigt und seitdem diese Fremdlinge nicht mehr in seinen Mauern geduldet, jetzt schon wieder eine ganz ansehnliche jüdische Gemeinde habe. – Wolf war der Ansicht, daß jede Ausnahmestellung, möge sie nach oben oder nach unten hin liegen, verwerflich und auch gefährlich sei, weil sie zu Empörung oder Verfolgung aufreize. Schon deswegen müsse man den Juden, denen man dazu doch auch in Preußen an fortschreitender Intelligenz und Wirtschaft immerhin einiges verdanke, obwohl man sie bis vor einem Vierteljahrhundert noch sozusagen im Mittelalter gehalten habe, so rasch wie möglich die letzten Fesseln abnehmen. Die ihnen hier in den Rheinlanden von den Franzosen gewährten Staatsbürgerrechte zu bestätigen und sie doch zugleich von allen öffentlichen Ämtern, sogar von Advokatur und Geschworenenbank auszuschließen, das sei ein Unrecht und eine Dummheit. Auch das von Napoleon für den jüdischen Kaufmann vorgeschriebene obrigkeitliche »Moralitätspatent« müsse beseitigt und den Juden in jedem Betracht die völlige Gleichstellung eingeräumt werden. – Dann befürchte er, entgegnete Pieper, den Ausbruch einer Christenverfolgung, nicht einer blutigen zwar, aber einer permanenten, wobei er keineswegs in erster Linie an Ausbeutung und materielle Übervorteilung denke. Denn nicht nur, daß die Juden fortfahren würden, einen Staat im Staate zu bilden, sie würden auch in Reaktion auf ihre lange Unterdrückung mit Naturnotwendigkeit die Herrschaft an sich zu reißen suchen, und das werde ihnen auch, langsam vielleicht, aber sicher, gelingen. Eine Herrschaft, die bei der destruktiven, negierenden Tendenz des jüdischen Geistes den Deutschen um sein Eigentlichstes bringen werde. – Was denn das sei, dieses »Eigentlichste«, fragte der andere und der Pastor erwiderte: »Das Faustische, das Suchen nach dem, was jenseits der Dinge ist.« – Der kosmopolitische Bürgermeister machte geltend, daß Christen und Juden doch zu demselben Gott beteten, daß die Christen den Juden doch den verdankten, nach dem sie sich nennten, der allen Menschen hätte helfen wollen, und daß es schließlich doch Gott gewesen sei, der die Juden über die ganze Erde zerstreut hätte, gewiß nicht ohne erzieherische Absichten für die Völker. – Das gab Pieper ohne weiteres zu, meinte aber, eben deswegen und weil nach der göttlichen Verheißung die Juden einst das Land ihrer Väter wieder innehaben sollten, müsse man sie als Fremdlinge und Gäste betrachten. Ihm wolle scheinen, Goethe habe das gottgewollte Verhältnis zwischen Deutschen und Juden sehr hübsch gekennzeichnet, wenn er in seinem »Faust« den lieben Gott sagen lasse: »Des Menschen Geist würd' allzu leicht erschlaffen, er liebt sich bald die unbedingte Ruh', drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, der lebt und wirkt und muß als Teufel schaffen.« Wessen man sich aber zu versehen habe, wenn dieser Geselle den Meister spiele, das zeige etwa die Stelle, wo Mephisto in Fausts langem Kleide den armen Schüler halb verrückt mache. – So hatte man hin und her verhandelt, bis Wolf den Pastor einer unchristlichen Intoleranz geziehen, worauf dieser ärgerlich ihm vorschlug, sich doch lieber gleich Levysohn oder Veilchenfeld zu nennen, der Name Wolf sei ihm ohnehin immer verdächtig gewesen ... Solches Zankes ungeachtet war man darin einig, daß Johannes zunächst nach Königsberg gehn und dann in Bonn sein Studium beenden solle. Denn Bonn hatte den Sieg davongetragen in dem Streit, der unter den rheinischen Städten entbrannt war, als König Friedrich Wilhelm III. 1815 von Wien aus den Rheinlanden eine Universität versprochen hatte. Mainz, Trier, Bonn, Köln und Duisburg hatten geltend gemacht, daß ihre Hochschulen von den Franzosen zugrunde gerichtet seien, wobei die Duisburger betonten, daß die ihrige vom Großen Kurfürsten gegründet und immerhin noch nicht ganz tot sei. Koblenz und Düsseldorf hatten als ehemalige Residenzstädte Berücksichtigung zu verdienen geglaubt und der Fürst von Wied war nicht müde geworden, die Vorzüge Neuwieds zu beleuchten. Schließlich hatten Köln und Bonn sich in engerer Wahl gesehen. Goethe, dessen Rat man nun einholte, sprach sich für Köln aus, wo ihm 1815 »das schmerzvolle Denkmal der Unvollendung und die privaten Sammlungen altertümlicher Malerei« Eindruck gemacht hatten, wenn er auch keineswegs, wie die Brüder Boisserée sehnlichst gehofft, von der Antike zur mittelalterlichen deutschen Kunst bekehrt worden war. Auch Graf Solms, der preußische Oberpräsident von Jülich-Kleve-Berg und Köln, meinte, daß es an einem Orte dunkel sei, könne doch nicht als Grund gelten, daselbst kein Licht anzuzünden. Gleichwohl war 1818 die Entscheidung für Bonn gefallen, weil es kleiner sei als Köln, landschaftlich schöner gelegen und der alma mater eine sofort beziehbare Wohnung anzubieten habe. Die Universitäten zu Duisburg und Paderborn aber wurden gleichzeitig aufgehoben. Auch als die Untat Karl Sands von der überwiegenden Mehrheit der Nation als Heldentat gefeiert und sein Bildnis wie das des alten Goethe auf Pfeifenköpfe und Tassen gemalt ward, blieb der Pastor bei seiner Verurteilung dieses feigen Meuchelmordes. Wenn Napoleon Bonaparte, meinte er, zur rechten Zeit durch ein mutiges deutsches Messer in die Hölle befördert worden wäre, das hätte Sinn gehabt, dem eitlen alten Skribenten in Mannheim dagegen hätte der Dolchstoß nur das Tor zu einer völlig unverdienten Unsterblichkeit erschlossen. Inzwischen aber benutzte Metternich jene Untat und ihre Verherrlichung, die Fürsten des deutschen Bundes mit einer aus den akademischen Kreisen drohenden Revolution zu schrecken, die man auf jede Weise ersticken müsse, bevor sie zum Ausbruch komme. Er lud die deutschen Staatsmänner zu einer Beratung nach Karlsbad, und die hier gefaßten (letzten Endes auf die Beseitigung der liberalen süddeutschen Verfassungen zielenden) »Beschlüsse« zu schärfster Überwachung der Universitäten, Professoren und Studenten, der Schriftsteller, der Presse und des Buchhandels, brutal gemeint und brutal gehandhabt, haben jahrzehntelang jedes freie Wort geknebelt und eine Flut von Not und Bitterkeit, Jammer und Elend über Deutschland ausgeschüttet. Was alles Pastor Pieper freilich nicht voraussah, als er von jenen Beschlüssen annahm, daß sie seinem Sohn in Königsberg die Erfüllung der väterlichen Wünsche erleichtern würden. Aber in der Stadt der reinen Vernunft lebte zu jener Zeit ein höchst unvernünftiger Heiliger, Schönherr mit Namen, dem schon, als er noch auf der Universität zu Rinteln Philosophie studiert hatte, durch eine himmlische Offenbarung das Geheimnis des Lebens enthüllt worden war. Eine Offenbarung, an der und von der er hinfort zehren sollte: Alles Leben sei auf zwei Grundwesen zurückzuführen, ein tätiges männliches, das Feuer, und ein leidendes weibliches, das Wasser. Ihre gegenseitige Berührung und Ergänzung sei das Wort, und so sei alles durch das Wort geschaffen. Aus der Verbindung des Urlichtes mit dem Urwasser sei Luzifer hervorgegangen, der aber seine Aufgabe: gleichsam als Kanal das Licht auszuströmen und weiterzuleiten, verkannt oder doch nicht erfüllt, vielmehr selbstsüchtig die Edelkräfte des Lichtes für sich behalten und mißbraucht habe. Als dann der Mensch entstanden, habe Luzifer ihn verführt und ihm das Blut verfinstert, wodurch die große Finsternis und Schatten des Todes sich ausgebreitet, die erst Christus durch sein für die Menschen vergossenes Blut aufgehellt habe. So gebe es nun unter den Menschen Lichtnaturen und Finsternisnaturen, die einander bekämpften und gleichsam auffräßen. – Schönherr trug und gebärdete sich wie ein Prophet, und es hatte lange gedauert, bis die Königsberger Straßenjugend an seine Erscheinung sich gewöhnt hatte. Aber er fand viele Anhänger, und als einer der eifrigsten stand ihm seltsamerweise der fromme und milde Pastor Ebel von der Altstädtischen Gemeinde zur Seite. Um die Zeit nun, da Johannes Pieper nach Königsberg kam und als Pastorssohn und Theologe Zutritt in das gastliche Ebelsche Pfarrhaus fand, hatte Schönherr gerade einen neuen Weg zur restlosen Vollendung seiner Lichtnatur entdeckt, und zwar in der äußersten Askese, einen Weg, auf den Ebel ihm nicht folgen wollte. Diese Weigerung führte zur Spaltung des Kreises. Ebel sah sich bald im Mittelpunkt eines neuen, zumeist aus Damen der Aristokratie bestehenden, von denen manche sogar noch zu ihm hielten, als er später, ein Opfer niedrigster Denunziation, in den sogenannten Muckerprozeß verwickelt wurde und trotz erwiesener Schuldlosigkeit sein Pfarramt nicht wieder aufnehmen durfte. Schönherr aber glaubte in dem glühenden Studenten vom Niederrhein einen Schüler und Erben seiner Wahrheit zu erkennen. Leidenschaftlich schloß Johannes sich ihm an. Aber es geriet ihm zum Verderben. Sein einfacher Sinn verirrte sich auf den krausen Gedankengängen seines Meisters. Immer verworrener wurden seine Briefe in die Heimat und immer seltener. Endlich blieben sie ganz aus. Und dann erfuhren die Eltern das Entsetzliche: Ihr Johannes war zu der seligen Gewißheit gelangt: Wenn er achtundzwanzig Tage jeder Nahrung sich enthalte, dann werde in ihm der neue Mensch geboren. Und am dreiundzwanzigsten Tage war er an Entkräftung gestorben. Von nun an fand man, daß Pastor Pieper »sonderbar« werde. Und am Ostersonntag, da die ganze Familie im Wolfschen Hause beisammen war, erklärte er plötzlich, er müsse es sagen, es drücke ihm sonst das Herz ab. Als er gestern nach der Predigt in seine Sakristei eingetreten sei, habe er dort sich selber sitzen sehen, die aufgeschlagene Bibel vor sich. Er sei von hinten an den Sitzenden herangetreten, der unbeweglich mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf eine Stelle gewiesen. Da habe er, der Pastor, sich über jenes Schulter gebeugt und Jesaja am Achtunddreißigsten gelesen: »Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben!« Als die Pastorin in der Frühe des Sonntags Quasimodogeniti erwachte, lag ihr Mann tot in seinem Bett. Der alte Doktor Kükes stellte Gehirnschlag fest, und die betrübte Gemeinde nahm statt der Predigt mit dem vorlieb, was der Hauptlehrer Freundgen ihr aus den »Stunden der Andacht« vorlas. Des Pastors Enkel aber, der rothaarige Primaner Johannes Wolf, der jetzt in Kleve zu Füßen derselben Lehrer saß, die einst seinen unglücklichen Oheim Johannes Pieper unterrichtet hatten, schrieb seiner Mutter, der Großvater habe in seinem letzten Brief von den sanft tötenden Pfeilen der Artemis gesprochen, deren er einen innig ersehne. »Ach ja, was ist das Leben? – Eine rechte Kalamität!« fragte sich und antwortete sich seufzend Frau Maria Magdalena Wolf, die in der Dämmerstunde eines Novembertages im Jahre 1824 einsam an ihrem Nähtisch saß, indessen der Wind den Regen unaufhörlich gegen die Fensterscheiben trieb. Sie legte die Brille in Jean Pauls Titan, darin sie gelesen hatte, denn es wurde zu dunkel, auch erregte das Buch sie zu sehr und zu Ende kam sie heute doch nicht. Welch ein entsetzlicher Mensch, dieser Roquairol, und wie fürchterlich sein Selbstmord auf der Bühne, vor so vielen Leuten und angesichts der von ihm so schändlich betrogenen Geliebten ... An der Dachrinne mußte eine schadhafte Stelle sein, ein Wasserfall ergoß sich gerade vor der Haustür auf die Plattform der großen Treppe. Aber der Seufzer hatte weder der naturgemäß erlaubten, noch der gesetzwidrigen Betätigung des nassen Elements gegolten, sondern dem Leben im allgemeinen. Frau Maria Magdalena, wie sie dasaß, über dem dunkeln Kleid ein schwarzes Tüchlein auf den magern Schultern und das etwas spitze Gesicht von dem gekräuselten Rand einer weißen Haube eingerahmt, war rascher gealtert als ihr Gatte, und in ihrem Herzen hatte das Schwärmerische längst einer etwas unklaren religiösen Sehnsucht Platz gemacht, das Lehrhafte aber war geblieben. Eigentlich hatte das Leben ein so hartes Urteil nicht verdient. Gewiß, das schreckliche Ende ihres Bruders hatte sie erschüttert, aber bei dem großen Altersunterschied war das geschwisterliche Verhältnis doch kein so nahes gewesen, daß sie persönlich dauernd viel zu entbehren gehabt hätte. Und wenn sie auch den guten Vater lieber noch länger behalten hatte, so mußte sie sich doch sagen, daß er die biblische Altersgrenze erreicht und einen schmerzlosen Tod gehabt hatte. Leicht war auch das Ende ihrer Mutter gewesen, die sich so oft gewünscht, vor ihrem Pastor heimgehen zu dürfen und ihm nun wenigstens bald nachgefolgt war. Und Frau Maria Magdalenas eigene Wünsche als Gattin und Mutter, Wünsche, die nie sehr ausschweifend gewesen waren, hatte das Leben ihr in der Hauptsache ja ganz freundlich erfüllt. Trotzdem lag jetzt immer etwas, wenn nicht Anklagendes, so doch Klagendes, ja beinahe Weinerliches in ihrer Stimme. Nun, es war doch auch traurig, daß der alte Doktor Kükes ihr so gar nicht zuhelfen vermochte in den vielen, vielen gesundheitlichen Störungen, die schließlich doch wohl noch nicht die Gebresten des Alters sein konnten. Wenn wirklich einmal eine Medizin von ihm ein Leiden behob, so schien sie dafür ein neues hervorzurufen. Gewiß war er zu alt geworden, um sich in seiner Wissenschaft auf dem Laufenden zu halten. Jetzt hatte sie an Hahnemann geschrieben, den herzoglichen Leibarzt in Köthen, der ja eine ganz neue Heilweise erfunden hatte. Die Pastorin Kranevoß hatte ihr davon erzählt: Er verordne lauter Gifte, aber in ganz winzigen Dosen, die nicht schaden könnten. Es komme nun darauf an, für jedes Leiden die Arznei zu finden, die, von einem Gesunden in großen Mengen eingenommen, ein ähnliches Leiden hervorrufen würde. Dann fräßen das Krankheitsgift und das ihm verwandte künstliche Gift einander restlos auf und man wäre die Sache los. Ganz verstanden hatte Frau Maria Magdalena das nicht, aber eingeleuchtet hatte es ihr. Nun erwartete sie mit Ungeduld Hahnemanns Antwort und Verordnungen. Schwer war auch, daß der liebe Gott ihr eine so lebhafte Phantasie gegeben, die ihr, was sie Schreckliches hörte oder las, immer noch schrecklicher und in allen Einzelheiten ausmalte, besonders in der Nacht, wenn sie den Schlaf nicht finden konnte. Wie fürchterlich hatten die Türken auf Chios gehaust! Dreiundzwanzigtausend Männer hatten sie ermordet, siebenundvierzigtausend Frauen, Jungfrauen und Kinder hatten sie in die Sklaverei verschleppt! Welche Greuelszenen mochten sich da abgespielt haben und wie wenig tat die Christenheit, den armen Griechen in ihrem Freiheitskampf zu helfen! – Aber schließlich – in den zwei Jahren, die seitdem vergangen waren, mochte manche Träne getrocknet sein, und Gott würde schon wissen, warum er solches zugelassen. Sein Geheimnis war ja auch, warum der edle Lord Byron in Missolunghi dem Fieber hatte erliegen müssen, der doch mit so selbstloser Hingabe sich in den Dienst der griechischen Sache gestellt und auf eigene Kosten eine Brigade von fünfhundert tapfern Sulioten aufgestellt hatte. Denn daß er, wie Wolf sie hatte glauben machen wollen, nach Griechenland gegangen, um sein Krönchen in eine Krone zu verwandeln, das war doch ganz gewiß nicht wahr. Ebensowenig wie, daß die heutigen Griechen keineswegs Nachkommen der alten Hellenen wären, sondern – Slowaken. Nein, das Traurigste war doch, daß sie keine Tochter hatte, die ihr die vielen einsamen Stunden erheitern könnte, denn ihr Mann ging ganz auf in den Plänen und Vorbereitungen der mechanischen Fabrik, die, als erste des Städtchens, ja des Kreises, er zu erbauen beabsichtigte, sobald sein Ältester, Friedrich Wilhelm, aus England zurückkäme. Den wenigstens, der sich drüben mit dem Wesen und der Behandlung dieser merkwürdigen neuen Dampfkraft vertraut machte, brauchte die Mutter jedenfalls nicht zu beseufzen, denn er war auf gutem Wege, beruflich, bürgerlich, kirchlich. Über den zweiten Sohn, Johannes, zu seufzen, wäre wohl viel Ursache gewesen, aber daß es doch nicht helfen würde, wußte die Mutter recht gut. Trotz dem großväterlichen Einfluß und dem mütterlichen Bitten und Drängen hatte der Junge durchaus nicht Pastor werden wollen. Nun saß er in Berlin, diesem Sündenbabel, darin fast eine Viertelmillion Menschen hausten – wie viele schlechte mochten darunter sein! – und studierte, was die Mutter bei keiner der vier Fakultäten unterzubringen vermochte: Physik und Chemie und allerlei Naturwissenschaft. Ach, wenn sie ihn doch nur erst wohlbehalten wieder hätte, den kleinen zarten Kerl mit seinen roten Haaren und dem großen Mund, ihren Johannes, der immer so viel Zurücksetzung erfuhr und der doch nun einmal ihr Liebling war. Gerade weilten ihre Gedanken wieder in diesem schrecklichen Berlin, als auf dem weiten Hausflur die Glocke dreimal ertönte. Sie wußte, wer zwei Minuten später ins Zimmer eintreten und ihr die Hand küssen würde: Gabriele ten Bompel, die Urenkelin des seligen Herrn Henricus, eine zarte Blondine von jener rührenden Schönheit, die auf ein kurzes Erdenleben deutet. Sie war Friedrich Wilhelms heimliche Braut geworden als er vor seiner Reise unter ihrer Assistenz bei ihrer zweiten Mutter, einer Engländerin, sich einige Gewandtheit im Englischen erworben hatte. Heute war ein Paket von ihm eingetroffen, darin er seiner teuersten Schwiegermutter einen neuen Roman übersandte, der jetzt in England viel gelesen werde: Ivanhoe von Walter Scott, – der innig geliebten Fräulein Braut aber ein kleines, auf Elfenbein gemaltes Bildnis seiner selbst. Für seine Mutter endlich hatte er ein Päckchen jenes feinsten Tees beigefügt, den die Engländer nur in England einführen ließen, und das hatte Gabriele trotz dem schlechten Wetter heute noch überbringen wollen. Während nun die zierliche Kleine nach gemeinsamer Bestaunung des Elfenbeinbildchens und immer erweiterter Anerkennung seiner sprechenden Ähnlichkeit mit durchleuchteten Händen den Docht in dem »Komföhrchen« in Brand setzte, darauf das vorgewärmte Wasser stand, bedachte Frau Maria Magdalena sorgenvoll, daß jene doch noch ein rechtes Kind und viel zu zart für ihren derben Friedrich Wilhelm sei. Aber die jungen Leute liebten einander, die Väter hielten die Verbindung für richtig, und Gabriele war von ihrer ersten Mutter her sehr reich: »Sechzigtausend Taler mindestens« hatte Wolf ihr schmunzelnd anvertraut. Warum nur kam jetzt wieder dieser Seufzer über ihre Lippen, den Gabriele so gut kannte, und stets mit einem kindlich ehrerbietigen und gleichsam um Verzeihung bittenden Lächeln beantwortete, der Seufzer: »Ach ja, was ist das Leben? Eine rechte Kalamität!« Wie die Wasserdiligencen und die noch seltenen Dampfboote, die rheinauf- und abwärts herangeschwommen kamen, so waren auch die durch Getreide- und endlose Kappesfelder, Wälder und fette Viehweiden führenden und immer wieder sich verzweigenden Landstraßen um Düsseldorf am Sonnabend, dem 13. Mai 1826 noch bevölkerter als sonst. Eilwagen und Extraposten, altmodisch behäbige Kutschwagen und blinkende Landauer rollten, mit lauter Fröhlichkeit befrachtet, der heitern Kunst- und Gartenstadt entgegen, die, einst Residenz der Herzöge von Berg, jetzt die Hauptstadt eines preußischen Regierungsbezirkes und seit kurzem auch der Sitz dieses gesegneten rheinischen Provinziallandtags war und nahezu zwanzigtausend Einwohner zählte. Ach ja, dieser Landtag! Der aufrechte rheinische Mann ärgerte sich, wenn er nur daran dachte. Von jedem Einfluß auf die Geschicke des Staates sah er sich nach wie vor ausgeschlossen und auf die der Provinz hatte er im Grunde auch keinen. Denn die »Ritterschaft«, die Adligen, die einschließlich ihrer Frauen und Kinder noch nicht sechstausend Seelen zählten und insgesamt keine fünfundsiebzigtausend Taler Steuern zahlten, waren durch fünfundzwanzig Deputierte in diesem Landtag vertreten, während Köln und Aachen, die doch zusammen an die neunzigtausend Einwohner hatten und über dreimalhunderttausend Taler Steuern aufbrachten, zusammen nur drei Deputierte entsenden durften. Und dann hatte dieser Landtag ja auch nur zu beraten, zu entscheiden war ausschließliches Vorrecht der Krone Preußen. Hatte da nicht zur Franzosenzeit, trotz allem »Despotismus«, ein freierer und frischerer Wind durch das bürgerliche Leben geweht? Und viel billiger war die französische Verwaltung auch gewesen mit ihren wenigen Beamten, die unvergleichlich viel artiger auftraten als diese kalten und hochnäsigen preußischen Bureaukraten. Aber daran wollte man heute nicht denken! Denn in Düsseldorf sollte ja morgen und übermorgen das neunte der rheinischen Musikfeste sich abspielen, zu denen am Pfingstsamstag im Rheinland und noch ein wenig über dessen Grenzen hinaus für viele frohe Menschen schlechthin jeder Weg führte. Auch Wolfs Anton, der vor einigen Jahren als Ehemann wie als Kutscher sein silbernes Dienstjubiläum gefeiert und aus solchem Anlaß eine silberne Taschenuhr mit Kette und eine neue Livree: grau mit silbernen Knöpfen, erhalten, hatte anspannen müssen und nun seine Freude an der guten, von Napoleon angelegten Straße. Im Wagen saßen, festlich gewandet, der Bürgermeister, den seine Freunde unter sich immer noch den Maire nannten, und Frau Maria Magdalena, und ihnen gegenüber ihr Ältester, Friedrich Wilhelm, und seine kindlich junge Frau, die zarte Gabriele. Und alle vier genossen des schönen Maitages und des jungen Eheglückes. Mit der niederrheinischen Fähigkeit, dem Vergnügen ebenso restlos sich hinzugeben wie der Arbeit, unterhielten sie sich lebhaft sowohl von den Freuden, die in Düsseldorf ihrer warteten, wie von den bisherigen Musikfesten, deren einige sie mitgemacht, während von den andern Verwandte und Freunde mündlich und brieflich ihnen eingehend berichtet hatten. Frau Maria Magdalena, die alle Sorgen und trüben Gedanken zu Hause gelassen zu haben schien, versicherte mit Entschiedenheit, für sie sei Händels erhabener »Messias«, Anno neunzehn zu Elberfeld, doch bei weitem das Schönste gewesen, während ihr Gatte dem Elberfelder Musikfest von Anno dreiundzwanzig den ersten Preis zusprechen wollte, weniger wegen des großen Händelschen Oratoriums »Jephta«, obschon das ja auch wunderhübsch und ergreifend gewesen, sondern wegen der göttlichen Ouvertüre zum »Freischütz« am zweiten Tag, und ganz besonders wegen der pläsierlichen Exkursion, die man am dritten, in vielen Wagen und von Reitern begleitet, durchs Wuppertal unternommen. Er müsse immer noch lachen, wenn er daran denke, wie komisch der dicke Kommerzienrat Weyerstraß zu Pferde ausgesehen habe. Die zarte Gabriele hatte nur das erste Musikfest vor acht Jahren und dann voriges Jahr das achte, beide zu Düsseldorf mitgemacht. Auf jenem ersten sei sie doch wohl noch reichlich jung gewesen, meinte Frau Maria Magdalena etwas strenge, aber Gabriele beteuerte, sowohl von den »Jahreszeiten« wie von der »Schöpfung« eine unendliche Freude und starke Eindrücke gehabt zu haben. Und unter ihrem Strohhut bis an die Wurzeln des Blondhaars errötend gestand sie, sie habe damals eine richtige Liebe zu Haydn gefaßt und sei sehr schmerzlich enttäuscht gewesen, als man ihr gesagt, daß der ja schon lange tot sei. – Ja, belehrte die Schwiegermutter sie tiefsinnig, das sei nun immer so: wenn man etwas ganz besonders schönes lese, höre oder sehe, so sei dessen Urheber sicher schon tot. Es sei, wie wenn das Kunstwerk mehr Zeit zum Reifen brauche als der Künstler, es könne aber auch sein, daß dieser seinen Zeitgenossen allzu weit voraus sei und somit die Menschheit erst nach seinem Hintritt für sein Werk reif werde. »Ach ja, was ist das Leben?« seufzte sie leise und klappte ihren Sonnenschirm zu, denn sie fuhren jetzt im Schatten einer großen und schöngeformten weißen Wolke. Dabei streifte ihr Blick unwillkürlich die rundliche Fülle des Eheherrn und sie raunte ihm zu: »Wolf, du wirst zu stark!« Was das vorjährige Musikfest betraf, so waren alle darin einig, daß es nicht gehalten habe, was man sich davon versprochen. Zwar mußte man anerkennen, daß Ries sich große Mühe gegeben hatte, besonders um die neunte Symphonie, zu der Beethoven aus Wien ihm die Noten abschriftlich zugesandt, nachdem der Verleger Schott in Mainz das Werk nicht früh genug hatte erscheinen lassen können. Aber so großartig, wie man erwartet, sei diese neunte Symphonie nun doch nicht gewesen; Frau Maria Magdalena behauptete sogar, sie habe etwas beunruhigend Heidnisches an sich gehabt. Das wollte ihr Gatte freilich nicht Wort haben: zum mindesten sei doch das Lied an die Freude nicht nur ganz wunderschön, sondern auch entschieden christlich. Und er sang, daß die beiden Braunen einen Ruck taten »Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder, überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen ...« Dieser Ries sei übrigens ein rechter Glückspilz, wie ihm denn auch erst kürzlich ein hübsches Landhaus in Godesberg als unverhoffte Erbschaft zugefallen. Der junge Herr von Woringen aus Düsseldorf, der ja alle diese Musikanten persönlich gut kenne, habe neulich in der »Gesellschaft« manches Interessante aus Riesens Leben erzählt, dessen Vaterstadt, wie die Beethovens, Bonn sei: als zehnjähriger Junge sei er zu einem Organisten nach Arnsberg in die Lehre gekommen, der ihn im Komponieren und im Generalbaß habe unterrichten sollen, statt dessen aber bald nur noch sein Schüler im Violinspiel gewesen sei. Später habe Ries über München nach Wien zu Beethoven sich durchgehungert. Der habe ihn als Kopisten beschäftigt, aber auch innerlich an seinen Arbeiten teilnehmen lassen und endlich ihn gar zum Klaviervirtuosen ausgebildet, als welcher Ries dann auf großen Reisen rasch sein Glück gemacht, dem edlen Lehrer überall sich dankbar erweisend. Wie denn auch für die vorjährige Aufführung der neunten Symphonie Ries für Beethoven ein Douceur von vierzig Karolinen vom Komitee erwirkt habe, wogegen dieser ja allerdings die Kopisten selber habe entlohnen müssen. Auf einer seiner Konzertreifen sei dem Virtuosen übrigens einmal ganz übel mitgespielt worden. Das sei zur Franzosenzeit und Ries von Dänemark nach Rußland unterwegs gewesen, als ein englisches Schiff das seine angehalten und mitgenommen hätte, nachdem die Passagiere auf eine wüste kleine Insel verbracht worden wären. Und erst nach acht Tagen hätte man die schon ganz Verzweifelten aus diesem Salas y Gomez der Ostsee erlöst und nach St. Petersburg weiterbefördert, also daß jener doch noch mit einem blauen Auge davongekommen. – »Ja, mit einem blauen Auge«, bestätigte Friedrich Wilhelm, das sei nun ganz wortwörtlich richtig, sintemal Herr Ries das andere schon als Junge durch die Blattern eingebüßt habe. Damit kam man auf die Kuhpockenimpfung zu sprechen, von der der Bürgermeister wünschte, daß sie sich immer mehr einbürgere. Hierfür sei freilich seiner Ansicht nach ihre obligatorische Einführung ganz unerläßlich, wozu man in einigen deutschen Ländern mittlerweile ja auch sich bequemt habe.– In Preußen hätten die Blattern übrigens wohl nie so viele Opfer gefordert, wie gerade jetzt vor dreißig Jahren, Anno sechsundneunzig. Da waren mehr als dreißigtausend daran gestorben, auch die Narben des Zuckerbäckers Stümges stammten noch aus jenem Jahr. Und zu dem, wofür man am linken Niederrhein den Franzosen heute noch dankbar sein dürfe, gehöre die Einführung der Impfung. Frau Maria Magdalena sagte, sie finde es gottversucherisch, etwas auf so grausame und unappetitliche Weise Erzeugtes wie diese Lymphe einem wehrlosen, gesunden und unschuldigen Kindlein ins Blut zu geben. Und wenn man es dadurch auch wirklich gegen die Blattern feie, so sei doch noch nicht erwiesen, ob durch solche künstliche Vergiftung der Säfte nicht vielleicht andere, mehr schleichende Krankheiten hervorgerufen würden. Ihr jedenfalls sei es lieb, daß sie als Mutter dergleichen nicht mehr zu verantworten brauche. Das Leben jedes Menschen stehe in Gottes Hand und die einzige Quelle aller Krankheiten sei die Unsauberkeit in ihren verschiedensten Formen. Die möge man bekämpfen, wo und wie immer man könne, der einzelne, die Gemeinde, der Staat, dann würden alle Seuchen von selber aufhören. Im Übrigen denke sie von diesen wie der alte Polizeidiener Hermges vom Kaschott: wer hinein soll, entgeht ihm nicht. Noch bevor der Bürgermeister antworten konnte, lenkte sein Sohn, sich erinnernd, daß die Eltern in solchen Fragen einander leichter verstimmten als überzeugten, das Gespräch rasch auf die Pfingstlichen Musikfeste zurück, indem er seiner schön bestickten Brieftasche, einem Geschenk Gabrielens, das Programm des bevorstehenden entnahm und fragte, wer wohl dieser »Herr N. N. aus Kassel« sein möchte, der da beim Baß unter den Solisten figuriere; eine derartige Anonymität sei doch seltsam. Der Vater erwiderte, dieselbe Frage sei gestern Abend in der »Gesellschaft« auch aufgeworfen worden, aber man sei nicht dahintergekommen, obwohl C. C. Windemann gerade gestern seinen Schwager aus Kassel bei sich gehabt, der mit allen dortigen Verhältnissen vertraut zu sein scheine. Ein konzilianter Herr, dieser Schwager, und viel Interessantes habe er zum besten gegeben. Ja, ja, die Zustände in Kassel müßten unter dem jetzigen Kurfürsten doch noch viel schlimmer sein als unter seinem Vater, dem Siebenschläfer. Da könne man sich wirklich freuen, in Preußen und nicht in Kurhessen zu leben. Es sei ein öffentlicher Skandal, wie dieser Wilhelm II. seine Frau behandle, und man müsse sich nur wundern, daß ihm von Berlin aus nicht derber auf die Finger geklopft werde, denn die Frau Kurfürstin sei doch eine leibliche Schwester des Königs. – Die Mamsell Ortlöpp, die ja nun Gräfin Reichenbach heiße, habe den Kurfürsten offenbar völlig in ihrer Gewalt und den Jähzornigen schon des öftern zu schweren Mißhandlungen seiner Frau und besonders seines Sohnes aufgestachelt, ja vor einigen Jahren sogar versucht, den jungen Kurprinzen durch Gift aus dem Wege zu räumen. Von sehr großem und üblem Einfluß sei auch der Bruder der Ortlöpp, den der Kurfürst, durch etliche Drohbriefe erschreckt, zum Postdirektor gemacht habe, als welcher er nun die schamloseste Briefspionage betreibe: in Kassel werde jeder ankommende und jeder abgehende Brief auf der Post geöffnet und, sofern sein Inhalt diesem famosen Postdirektor irgendwie mißfalle oder ihn interessiere, einfach unterschlagen. Die Kasseler vermieden infolgedessen nach Möglichkeit, die Post zu benutzen und schickten und empfingen ihre Briefe lieber auf langwierigen Umwegen. So hatte auch Windemanns Schwager von allen seinen Kasseler Bekannten Briefe mit auf die Reise bekommen, die er unterwegs teils selber zustellen, teils bei der Post aufgeben solle, was ihm, wie er gesagt, heidenmäßig viel Umstände mache. Aber man balle die Faust nur im Sack, und wenn es hoch komme, räche man sich heimlich durch boshafte kleine Scherze wie den, daß man den Hauptsatz des Staatsgrundgesetzes auf die Gräfin Reichenbach deute: »Die Person des Kurfürsten ist heilig und unverletzlich.« Ein sehr niedliches Geschichtchen habe Windemanns Schwager aus der Prinzenzeit seines saubern Landesvaters gewußt: Anno sechs sei ja bekanntlich der Landgraf Wilhelm IX., der Siebenschläfer, vom großen Bonaparte aus Hessen verjagt worden. Mit dem Vater habe der dreißigjährige Sohn, der gegenwärtige Kurfürst, sich ins Exil begeben. Der sei bei solch' unfreiwilligem Wanderleben auch nach Berlin gekommen, allwo er der Mamsell Ortlöpp ins Garn gegangen sei. Anno dreizehn nun habe er als sogenannter preußischer General im Yorkschen Hauptquartier herumgelungert und dort eines Tages ein kleines Fest gegeben. Beim Mahl sei ihm eine rührselige Sehnsucht nach Thron und Fleischtöpfen des Landes seiner Väter aufgestiegen und weinerlich habe er gefragt, ob die Herren nicht auch meinten, daß das schöne Hessenland schließlich doch seinem Hause zurückgegeben werden müßte. Da habe der neben ihm sitzende General Hünerbein geantwortet, wenn's nach ihm ginge, bekäme der Landgraf von Hessen nicht soviel Land zurück, wie er Schmutz unter den Fingernägeln hätte... Und als der Prinz, durch solche Antwort einigermaßen verstimmt und betrübt, gleichsam hilfesuchend zu York aufgesehen, habe dieser ihm nur bestätigt, daß er's freilich so grob nicht ausgedrückt haben würde, – Auf dem gesegneten Wiener Kongreß hätten die Diplomaten ja nun freilich auch hierin leider wieder anders gedacht, als jene verständigen preußischen Militärs, und wenn sie auch dem verjagten Siebenschläfer die beantragte Krone eines »Königs der Katten« vorenthalten und ihm nur den nichtsmehrsagenden Titel eines Kurfürsten zuerkannt, als welcher der Sohn jetzt statt der IX. eine II. hinter seinen Namen malen dürfe – das schöne Hessenland hätten sie ihm doch wieder ausgeliefert, das bei Preußen viel besser aufgehoben sein würde. Das Neueste sei übrigens, daß dieser Wilhelm der Zweite von seinen Offizieren und Beamten verlange, sie müßten Schnurr- und Wangenbart durch Rasieren und Beschneiden zu einem lateinischen großen W formieren. Um aber auf das bevorstehende Musikfest zurückzukommen, fuhr der Bürgermeister fort, so solle der Hofkapellmeister Spohr, mit dem Ries ja diesmal sich in die Leitung teilen werde, weil jener sein Oratorium »Die letzten Dinge« begreiflicherweise selber zu dirigieren wünsche, persona grata beim Kurfürsten sein. – Was das heiße: »Person agrata«, fragte die zarte Gabriele. »Das heißt, was du bist«, antwortete Friedrich Wilhelm ihr galant die Hand küssend: »ein süßes Persönchen« – und wieder überzog das Antlitz der jungen Frau sich mit einem flüchtigen Rot. – Na, ein Persönchen könne man Spohr nun wohl gerade nicht nennen, erklärte der Vater, denn er sei ein Hüne, und der Ausdruck persona grata heiße in diesem Fall soviel wie »sehr gut angeschrieben«. – Ob der Kurfürst aber wirklich Freude an der Musik habe, oder auch diese nur benutze, um seiner Verschwendungssucht zu frönen, das wisse er nicht, habe Windemanns Schwager geäußert. Tatsache sei, daß er schon mehreren hessischen Regimentern Janitscharenmusikinstrumente aus Ebenholz und reinem Silber geschenkt. Freilich habe jener gut schenken, da die Untertanen schließlich doch alles bezahlen müßten, wie das Land ja auch jetzt schon dem Hause Rotschild an dreimal hunderttausend Taler kurfürstliche Schulden zu verzinsen hätte. Nun sei ihr lieber Mann doch schon wieder bei diesem Kurfürsten, bemerkte Frau Maria Magdalena, ob der berühmte Schwager aus Kassel denn über Spohrs Oratorium nichts gesagt hätte, das würde sie weit mehr interessieren. »Die letzten Dinge« ... der Titel verspreche ja viel für morgen, auf jeden Fall aber freue sie sich, daß übermorgen wieder ein paar der schönsten Stellen aus dem »Messias« aufgeführt werden sollten, darunter das ganz prachtvolle Grave der Ouvertüre, Ihr Gatte aber meinte, nein, über »Die letzten Dinge« hätte Windemanns Schwager nichts aussagen können und er seinerseits freue sich am meisten auf die »Jubelouvertüre« von Karl Maria von Weber. »Die letzten Dinge«, sagte die zarte Gabriele nachdenklich, das klinge so geheimnisvoll – sie fürchte sich fast ein wenig... worauf die Schwiegermutter sie belehrte, daß es sich selbstverständlich um die Offenbarung Johannis handle, und daß, bevor die dort geweissagten letzten Dinge einträten, erst die Türken aus Europa vertrieben sein müßten. Davon den Anfang erlebe man ja jetzt und deswegen interessiere sie nichts so sehr, wie dieser griechische Freiheitskampf, denn der sei der Anfang. Sie halte für ein bedeutsames Zeichen der Zeit, daß nun endlich auch die Mächte sich anschickten, den edlen Griechen zu Hilfe zu kommen. Lange genug hätte das freilich gedauert, denn die entsetzlichen Greuel der Türken auf Chios lägen doch nun auch schon wieder vier Jahre zurück und es sei erstaunlich, wie rasch die Zeit vergehe, wenn man älter werde: »Ach ja, was ist das Leben?« Diese Frage zu beantworten, fühlte keiner sich berufen, nur meinte Gabriele schüchtern, sie könne sich gar nicht denken, daß sie so alt werde, vorläufig wolle ein Jahr ihr, wenn es vor ihr liege, wie eine kleine Ewigkeit und auch, wenn es zurückliege, recht lang erscheinen. Und schließlich bringe doch jeder Tag so viel Liebes und Schönes, daß man wohl einen reichen Schatz an Erinnerungen aufspeichern könne. Aber Frau Maria Magdalena war nicht geneigt, auf eine derartige, unreife Lebensphilosophie sich einzulassen. Sie nahm ihr Griechenthema wieder auf und sagte, daß Gottes Mühlen oft über menschliches Verstehen langsam mahlten, daß aber diese heldenhafte Verteidigung Missolunghis den europäischen Staatsmännern das Gewissen wachgerüttelt zu haben scheine. Die mitten durch die Feinde den Weg nach den Bergen der Freiheit sich bahnenden Krieger und die in der Stadt zurückbleibenden und mit den eindringenden Türken sich selber in die Luft sprengenden Wehrlosen, die hätten eine wahrhaft antike Größe betätigt und sich ihrer hohen Ahnen wert gezeigt. Darum freue sie sich, daß, wie ja das Komitee nachträglich bekanntgegeben, der Überschuß der Einnahmen aus dem Musikfest den bedrängten Griechen zufließen solle. Das werde wohl nicht eben viel sein, milderte der Bürgermeister, er halte dafür, daß die Verschiedenheit der Eintrittspreise, zu der man sich entschlossen habe, weil das Fest diesmal im Theater stattfinde und man der Verschiedenartigkeit der Plätze habe Rechnung tragen wollen, das Gesamtergebnis ungünstig beeinflussen werde, wie er denn auch sonst bedaure, daß der Rittersaal des alten Schlosses nicht mehr zu haben sei. Viel oder wenig, Gott werde es segnen, schloß Frau Maria Magdalena. Was wohl der dritte Tag bringen werde, fragte Gabriele, und der Schwiegervater antwortete, soviel er gehört, sei der Plan einer gemeinschaftlichen Dampferfahrt aufgegeben worden. Dann würde er, meinte Friedrich Wilhelm, Gabrielen gern Cromford zeigen, das sie ja noch nicht kenne und das er selber auch lange nicht mehr gesehen habe. Der Vater fand dies verständig, er hoffe, daß sie den Kommerzienrat Brögelmann morgen treffen und mit ihm das Nähere vereinbaren könnten, er würde ihn ohnehin gern in einigen technischen Dingen ein wenig aushorchen. Frau Maria Magdalena fragte, was das sei: »Cromford«, das klinge ja ganz englisch. Das sei auch englisch, erwiderte ihr Sohn, und sie habe wohl nur den Namen vergessen, denn gehört habe sie sicher schon zuweilen von dieser großen, ganz nach englischem Muster und zugleich nach deutschen philanthropischen Ideen angelegten und baulich der Landschaft romantisch angepaßten Baumwollspinnerei bei Ratingen, der allerersten übrigens auf dem Kontinent. – Ja, ja, sie erinnere sich, meinte die Mutter, würde aber ihrerseits vorziehen, in der Stadt zu bleiben, um einige ihr noch unbekannte Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. So das Innere der Lambertikirche, dahinein der König ja vor einigen Jahren den Sarg der unglücklichen Jakobe von Baden feierlich habe überführen lassen, der länger als zwei Jahrhunderte einsam und ungeehrt im Kirchlein des Kreuzbrüderklosters gestanden. Wogegen an sich gewiß nichts einzuwenden sei, denn Ordnung müsse sein, und die tote Jakobe gehöre nicht zu den toten Kreuzbrüdern, sondern zu ihrem toten Gemahl. Aber daß aus solchem Anlaß ein evangelischer König Messen für das Seelenheil einer leichtfertigen Papistin ausdrücklich anbefohlen, sei doch unerhört, wie ja Friedrich Wilhelm der Dritte leider auch sonst des öftern schon eine bedauerliche Hinneigung zum Katholizismus verraten habe, sie erinnere nur an die von ihm verfaßte Agende. – Das sei nicht tragisch zu nehmen, entgegnete der Bürgermeister, sei einfach Politik und sonst nichts, und auch für die arme Jakobe müsse er eine ritterliche Lanze brechen: sie sei weniger leichtfertig als unglücklich gewesen, und die gewiß nur läßlichen Sünden ihres kurzen Erdenlebens habe sie durch die zweijährige Kerkerhaft und den grausamsten Tod schwer genug gebüßt. – Gabriele fragte, ob sie mehr von jener armen Frau erfahren dürfe, und ihr Schwiegervater, erfreut, das Lichtlein seiner Kenntnis der Historie hell aufleuchten lassen zu können, erzählte behaglich und ausführlich, wie die schöne junge Markgräfin Jakobe von Baden, früh elternlos geworden, sich heimlich mit einem Grafen von Manderscheid verlobt, wie die beiden sich gegenseitig mit lieblichen Minneliedern angedichtet und nicht anders vermeint hätten, als daß sie in Bälde Mann und Frau und solchergestalt auf Erden schon aller himmlischen Seligkeit miteinander teilhaftig sein würden. Wie dann plötzlich die Politik dynastischer Interessen sich eingemischt und die gutkatholische Jakobe gezwungen habe, ihre Hand dem Thronerben von Jülich, Cleve und Berg zu reichen. Noch während der Hochzeit und der mancherlei glänzenden und rauschenden Festivitäten, die man am Hofe zu Düsseldorf der jungen Herrin zu Ehren abgehalten, und zu denen auch die Aufführung einer richtigen »Seeschlacht« aus dem Rhein gehört habe, sei die Jakobe leider dahinter gekommen, daß ihr Minnesänger über ihre Untreue den Verstand verloren, und daß ihr Eheherr nie einen besessen, daß man vielmehr auf dessen Haupt vordem, seinem Schwachsinn aufzuhelfen, vergeblich schon manches frischgeschlachtete Huhn hätte verfaulen lassen. Auch daß, was alles man ihm schon in die Kleidung eingenäht: Reliquien und Amulette und Hostien und die Offenbarung Johannis und Austern – ihm alles nicht hätte helfen können. »De Düwel is im Wamms«, hätte er dann wohl gesagt, so oft er dergleichen gemerkt, dieser Geistesblitz wäre aber leider auch das einzige Licht geblieben, das ihm auf jene Manipulationen hin aufgegangen. – Acht lange Jahre habe die arme Jakobe das grauenvolle Elend solcher Ehe getragen. Und dann sei es wieder die Politik dynastischer Interessen gewesen, die für gut befunden habe, die Kinderlose zu beseitigen. Ehebrecherischer Liebschaften angeschuldigt, sei die Unglückliche gefangen gesetzt und eines Morgens erwürgt in ihrer Zelle aufgefunden. – Die zarte Gabriele war während dieser Erzählung ganz blaß geworden, aber Friedlich Wilhelm, der dessen nicht acht hatte, meinte mit robustem Lachen, so ganz unschuldig sei »die tolle Herzogin« am Ende doch wohl nicht gewesen, von der in Düsseldorf männiglich wisse, daß sie, so oft der Sturm nächtens um den alten Schloßturm heule, in ihrem langen Schleppkleide ruhelos durch die finstern Gassen irren müsse ... Während hinter seinem breiten Rücken solche Gespräche mit Pausen sich ablösten, in denen man schweigend der wohligen Frühlingssonne sich erfreute, ließ Anton die beiden Braunen gemächlich traben, zuweilen dem Lenker eines Planwagens oder eines ungefügen zweiräderigen Bauernkarrens zürnend, wenn solche allzu nachlässig auswichen oder gar geflissentlich sich nicht überholen lassen wollten. Als sie endlich an den Rhein kamen, stand die fliegende Brücke natürlich gerade am andern Ufer, so daß die pfingst- und musikfestlichen Wallfahrer zunächst ausstiegen, um auf dem Damm sich ergehend die Steifheit der Gelenke loszuwerden und den vorbeiziehenden Schiffen zuzusehen. Ja, meinte der Bürgermeister, die Rheinschiffahrt würde wohl Schaden leiden und insbesondere würden die Holländer ihren unverschämten Durchgangszöllen nachtrauern, wenn Herrn Harkorts Plan, die rheinische und westfälische Industrie durch einen Schienenweg mit Emden oder Bremen zu verbinden, sich durchsetze. Er seinerseits glaube freilich nicht, daß der Staat auf eine so riskante und kostspielige Unternehmung sich einlassen könne und dürfe, aber möglicherweise sei dies etwas für eine Gesellschaft auf Aktien. Friedrich Wilhelm sagte, wie er Herrn Harkort kenne, werde der nicht locker lassen. Und wenn die Rechnung stimme, daß auf solchem Schienenwege eine Maschine von acht Pferdekräften nur fünf Scheffel Kohle brauche, um tausend Zentner in zweiundeinerhalben Stunde von Düsseldorf nach Elberfeld zu schaffen, dann gehöre diesem Gedanken doch wohl die Zukunft, Ja, erwiderte der Vater, es tue ihm nur leid, daß der selige Aders diese Zukunft nun nicht mehr erleben könne, denn gerade für die Rheinisch-Westindische Kompagnie würde solche unmittelbare Verbindung mit einem deutschen Seehafen ja von ganz kolossalem Vorteil sein. Rotterdam schlucke ohnehin zuviel. In ähnlichem Betracht tue es ihm leid, bemerkte Friedrich Wilhelm, daß sie nun doch alle Maschinen für die Fabrik aus England verschrieben hätten. Diese neuen Harkortschen Webstühle nach englischem Muster müßten gar nicht so schlecht sein. – Ach nein, das tue ihm gar nicht leid, meinte der Vater, bei den echt englischen habe man doch mehr Garantien, Übrigens solle Herr Harkort neuerdings mit der Absicht sich tragen, neben seiner Maschinenfabrik in Wetter auch noch ein Puddel- und Walzwerk anzulegen. Wenn ihm die vielen Unternehmungen und Projekte nur nicht am Ende über den Kopf wüchsen ... Erst jenseits des Stromes nahmen die Musikfestfahrer ihre Plätze im Wagen wieder ein und dann ging's in raschem Trab durch die gesegneten Obstwäldchen von Hamm dem Bergertor zu, dem die Franzosen das bergische Wappen genommen, aber die lateinische Schrift gelassen hatten, wonach es von den »als wahre Eltern des Vaterlandes fromm regierenden Serenissimis Carolo Theodoro und Elisabetha Augusta« erbaut worden war. In der Dämmerung des weiten Gewölbes schlug Anton ärgerlich mit der Peitsche nach einem der Jungen, die hier »Räuber und Schandiz« spielten, weil er ihn beinahe überfahren hätte. »Heia, berge romerike!« rief der Bürgermeister dem verdutzten kleinen Düsseldorfer zu, der aber auf diesen uralten Schlachtruf der bergischen Bauern nichts zu erwidern wußte. – Und dann hielt der Wagen vor dem »Römischen Kaiser«, denn man wollte die vom Komitee angebotene Gastfreundschaft der einen oder andern Düsseldorfer Familie diesmal nicht in Anspruch nehmen. Aus zweihundert Kehlen und hundertfünfzig Instrumenten ergoß sich am Abend des Pfingstsonntags, von Spohrs Dirigentenstab gebändigt, eine Flut von Wohllaut auf fünfzehnhundert Hörer. Unter denen waren vielleicht nicht viele gläubiger, schriftkundiger und von lebhafterer Phantasie als Frau Maria Magdalena, die im Gefühl des persönlichen Geborgenseins »Die letzten Dinge« auf diesem alten Planeten im Geiste sich vollenden sah: Der Gesang der Schnitter verstummt im Feld der Ernte und die Stimme der Hirten auf den Bergen. Klage tönt vom Tal herauf und aus den Klüften Wehgeschrei. Er kommt, der Tag der Schrecken, sein Morgenrot bricht an... Weltlicher gesinnt mochten mit dem einstigen Maire wohl die meisten der letzten Dinge gedenken, die nicht einer wahrscheinlich doch sehr, sehr fernen Zukunft, sondern einer noch recht nahen Vergangenheit angehörten, der großen Dinge, die sie selber erlebt, und des Mannes, der solche herauszuführen, aber nicht zu vollenden vermocht hatte, und der nun seit fünf Jahren auf einer weltverlorenen Insel im Atlantischen Ozean unterm Rasen lag. Ihrer viele hatten ihn gesehen, wie er kalten Angesichts durch die Königsallee geritten war oder im grauen Hütchen unbeweglich eine Truppenschau abgehalten hatte. Und wer, der je ihn gesehen, hätte seiner vergessen können, dessen harte Züge sprachen: »Du sollst nicht andre Götter haben neben mir!« Es hat sich aufgemacht der Tyrann, die Geißel Gottes für die Völker. Auf den Gassen geht das Schwert, in den Häusern wohnt Hungersnot. Sie werfen ihr Silber heraus und achten ihr Gold als Spreu, denn es errettet sie nicht am Tage des Herrn, ihre Seelen werden nicht davon gesättigt. Für ihre Glieder macht man Ketten, Könige stehen gebeugt, die Fürsten klagen in Trauer, des Volkes Arme sinken matt herab und seine Tränen fallen in den Staub... Aber gewiß fühlte unter den Fünfzehnhundert niemand von Spohrs Oratorium stärker sich ergriffen als die zarte Gabriele. Mit großen glänzenden Augen saß sie da, sie dachte an keine Zukunft und an keine Vergangenheit, ganz gab sie dem Zauber der Töne und der starken Worte sich hin, und plötzlich, bei einer Stelle, die doch gar nichts sonderlich Erschütterndes an sich hatte, brach sie zum Schrecken ihres Mannes in die herzlichsten Tränen aus: Die Stunde der Ernte ist da, reif ist der Erde Saat... Als endlich der letzte der vielen Töne verklungen war und Spohr mit königlicher Würde für die letzte der immer sich erneuernden Huldigungen gedankt hatte, begannen die Gärten und Weinstuben der Stadt rasch mit lärmender Fröhlichkeit sich zu füllen. Auch Wolfs hatten mit Bekannten ein Waldmeisterböwlchen verabredet. Aber Gabriele bat, schlafen gehen zu dürfen, und Frau Maria Magdalena bestand darauf, die Erschöpfte mütterlich zu Bett zu bringen. Friedrich Wilhelm war über seine »weinerliche« Frau und ihre »Fahnenflucht« zunächst ein wenig verstimmt, da ein Musikfest doch ein Vergnügen sei, und zu einem Vergnügen eine Bowle gehöre, als aber seine Mutter ihm leise bedeutete, er müsse Gabrielens »Zustand« berücksichtigen, schlug seine Verstimmung alsbald in die herzlichste Ritterlichkeit um, die allerdings am Tor des Römischen Kaisers ihn nicht hinderte, die angebotene Freiheit dankbar anzunehmen und zu seinem Böwlchen zu eilen. Wohin den kurzen Weg er sich noch aufs beste zu verkürzen wußte, indem er das Lieblingslied seines Vaters vor sich hinsang, das auch das seine geworden war und das ihn schöner däuchte als »Die letzten Dinge« mit all' ihrer Tonfülle, schöner und verständlicher: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht, pflücket die Rose eh sie verblüht.« »Die letzten Dinge« – nein, die lagen ihm, so oder so, doch allzu fern. Obwohl die an die Rathaustür angeheftete »Informatio de commodo et incommodo« niemand zu einem Einspruch gegen die Dampfmaschine veranlaßt hatte, die J. P. Wolf und Sohn in ihrer neuerbauten Fabrik aufzustellen beabsichtigten, war von einer hochpreislichen Regierung zu Düsseldorf die Konzession nur sehr schwer zu erlangen gewesen. Erfreulicherweise ereignete sich aber nichts, was die obrigkeitliche Furcht vor Untertanenbeschädigung gerechtfertigt hätte. Das blanke Ungetüm, das Schwungrad, zeigte keinerlei Neigung zu Ausflügen in die Nachbarschaft, von deren Wegen man weit hatte abrücken müssen. Sausend drehte es sich vom Morgen bis zum Abend um seine ölige Achse, den Reichtum des Hauses Wolf vermehrend und an hundert Arbeiter wirksamer in Atem haltend, als der häusliche Webstuhl daheim, den man immer mal stillstehen lassen konnte, so oft es in Stall oder Garten andere Arbeit gab. Und der Dampfkessel, dessen gewaltige Feuerung Pastor Kranevoß zur Veranschaulichung der höllischen wirksam benutzte, dachte nicht daran, in die Luft zu fliegen. Für alle Fälle aber versicherte J. P. Wolf, der Ehrenbürgermeister, Gebäude, Maschinen und Einrichtung bei der Gothaer Feuerversicherungsbank, bei der er des guten Beispiels halber sein Wohnhaus schon vor fünf Jahren unmittelbar nach ihrer Gründung angemeldet hatte. – Nur seinen Weinkeller hatte er nicht mitversichert. Er glaubte dem Gewölbe unbedingt vertrauen zu dürfen, und dann hatte es ihm auch widerstanden, den Agenten dahinein zu führen und die lagernden Werte abschätzen zu lassen, die ja zum Teil, wie der herrliche Eilfer, unschätzbar waren, und schließlich doch auch niemand nichts angingen. Nein, den Weinkeller, der seine heimliche Liebe barg, wenn auch eine anders geartete als vor Zeiten das Gartenhaus, den konnte er unmöglich profanen Blicken preisgeben. Prüfte er doch sogar jedes Weinchen selber mit Strenge, bevor er es der Einlagerung würdigte. – Und wie wohlwollend auch der Bürgermeister jedem neuen Unternehmen bürgerlichen Fleißes gegenüberstand – als man vor etlichen Jahren in der »Gesellschaft« die ersten Erzeugnisse der ersten deutschen Champagnerfabrik probierte, die in Grünberg in Schlesien sich aufgetan, da hatte er, indessen die meisten der anderen Herren schmunzelten, im Herzen seinem Weinkeller unverbrüchlich gelobt: »Niemals!« Unter den Fabrikanten gingen die Ansichten über den Wert der neuen Betriebskraft auseinander, besonders erschien es manchen zweifelhaft, ob die hohen Anschaffungskosten sich vor der vielleicht raschen Abnutzung der Maschine bezahlt machen würden. Das mußte abgewartet werden, aber J. P. Wolf zweifelte nicht daran, wenn er sich auch nicht träumen ließ, daß dieselbe Maschine noch nach achtzig Jahren für seine Urenkel Geld verdienen würde. Seine Urenkel! Ach! J. P. Wolf ahnte ja nicht, ein wie gutes Geschäft er abschloß, als er, auch jetzt wieder seinen Mitbürgern vorangehend, 1829 in die als erste in Teutschland soeben gegründete Lebensversicherungsbank zu Gotha eintrat. Ein wenig hatte zu solchem Entschluß wohl auch das Vergnügen beigetragen, das ihm Arnoldis Tüchtigkeit und Begeisterung bereitete. Denn dieser kluge und energische Mann hatte nicht nur selber in so kurzer Zeit zwei so bedeutende und wohltätige Versicherungsgesellschaften ins Leben gerufen, sondern auch noch den Plan eines allgemeinen »Bundes deutscher Fabrikanten« angeregt und unermüdlich verfochten. Und jetzt, 1829, hatte er in dem Zusammenschluß des Preußischen Zollverbandes mit dem Süddeutschen die sichere Anbahnung des großen »Deutschen Zoll- und Handelsvereins« erkannt, der dann, allen partikularistischen Quertreibereien zum Trotz, wenige Jahre später auch wirklich zustande kam und Deutschlands Wohlstand begründete. In dieser gewissen Erkenntnis hatte Arnoldi überschwänglich gejubelt: »Heil den edlen Häuptern, welche den von der edelsten Glorie umgebenen Handelsvertrag am 27. Mai abgeschlossen. Sie haben ein Werk vollbracht, das alles überstrahlt, was seit der Reformation Großes in Deutschland geschehen ist.« Freilich wäre Wolf dem Tode, der ihn 1830 durch eine giftige Auster aus einem heiter-tätigen Leben abrief, wohl leichter unversicherten Lebens gefolgt, wenn er den Enkel noch gesehen hätte, den er mit einer Bestimmtheit erwartete, die keinen Spaß verstand. Was half ihm Friedrich Wilhelms und Gabrielens erstes und bis jetzt einziges Kindlein, das aus Verlegenheit auf die Namen Jeanette Philippine getauft war. Denn Frau Maria Magdalena hatte die vielen und zierlichen Wäsche- und Kleidungsstückchen allzu zuversichtlich mit J. P. bestickt, sintemal der Junge natürlich wie sein Großvater heißen sollte. Mit der Eröffnung der mechanischen Fabrik waren die Seitenflügel des Wohnhauses, soweit sie geschäftlichen Zwecken gedient hatten, frei geworden. Nach dem Tode des einstigen Maire wurden ihre Obergeschosse zu Wohnungen umgestaltet. Das eine bot Frau Maria Magdalena einen annehmbaren Witwensitz und das andere, gegenüber, bezog ihr Liebling Johannes, der die Mahlzeiten bei der Mutter einnahm, im übrigen aber den ganzen Tag mit seinen Glasröhren, Retorten und Tiegeln an langen Tischen hinter seinen Fenstern hantierte, so daß sie ihn wenigstens viel vor Augen hatte, wie unverständlich ihr auch sein Tun blieb. Sie hätte ihn so gerne verheiratet, den lieben Jungen, seitdem er jedoch diesem geheimnisvollen künstlichen Brot auf der Spur war, das fast nichts kosten und eine Hungersnot, wie die von 1816, unmöglich machen würde, seitdem war er solchem mütterlichen Wunsch erst recht unzugänglich geworden. Im Vorderhaus aber sah Friedrich Wilhelm Wolf wenige Monate nach dem Heimgang des Vaters dessen sehnlichstem Verlangen, das auch das seine war, zuversichtlich die Erfüllung nahen. Die alte Frau van Neersen, die allen honetten Kindern behilflich war und mit den Sternen gut Bescheid wußte, erlaubte durchaus keinen Zweifel. Sie hatte die genauesten Berechnungen angestellt; diesmal mußte es ganz unbedingt ein Junge sein. Doktor Latschert, der Hausarzt, hatte nicht widersprochen. Gabriele freilich weinte viel und war von bangen Ahnungen erfüllt, von denen ihr Mann nichts wissen wollte. Sie hatte so seltsame Träume gehabt. Einmal hatte sie ein Leichenbegängnis gesehen, und als sie ein Paar junge Fabrikarbeiterinnen, die dabeistanden, fragte, wer es sei, den man zu Grabe trage, da hatten die aufgekreischt und sich bekreuzt und waren ohne zu antworten davongelaufen. Und ein andermal hatte sie ihren Mann gesehen, wie er mit einer stattlichen Dame am Arm, Pinchen an der Hand und ein Knabentrüpplein hinter sich, vor ihr her zur Kirche ging. – Frau van Neersen, die sich auch auf Träume verstand, versicherte, der erste Traum bedeute einfach ein langes Leben, das sei ganz bekannt, und der andere, daß es nicht bei dem einen jetzt erwarteten Jungen bleiben und daß sie selber, Gabriele, sich ins Stattliche verändern werde, wie das ja bei Frauen mit den Jahren meist geschehe. Aber der fromme Weber Schlüpjes, der Totengräber, von dem doch jeder wußte, daß er über die Dinge dieser und der zukünftigen Welt seine besonderen Gedanken und Erkenntnisse hatte, der war auf ihre Not eingegangen. Gott habe von jeher, hatte er gemeint, einzelnen Menschen seltsame Träume gesandt, und sie tue gut, auf die ihrigen zu achten. Dann hatte er sie aus einer flachen Pappschachtel, in der einige hundert einzeln zusammengerollte Papierlein nebeneinander standen, eines herausziehen heißen. Und als sie das gezogene aufrollte, las sie: »Darum verziehe nicht, dich zu bekehren und verschiebe es nicht von einem Tage zum anderen. Sirach 5, 8.« Da war sein ernstes Gesicht noch ernster geworden und er hatte mit ihr gebetet, daß Gott ihr die Gnade schenken wolle. Und seitdem war sie viel ruhiger geworden. Nur daß Wort und Weise einer Stelle aus den »Letzten Dingen« jenes Musikfestes ihr immer durch den Sinn gingen: Die Stunde der Ernte ist da, reif ist der Erde Saat... Nun war Pinchen schon seit ein paar Tagen bei der Großmutter untergebracht, die es jeden Abend vor dem Einschlafen um ein Brüderchen beten, vorsorglich aber morgens auch ein Sprüchlein für den Storch hersagen ließ. Endlich war die Zeit erfüllt: Kurz nach Mitternacht schickte Friedrich Wilhelm zu Doktor Latschert und Frau van Neersen. Es waren lange, bange Stunden, und das gute Gesicht des Doktors hatte alle Farbe verloren, als er sich nicht länger verhehlen konnte, daß von den beiden Hauptbeteiligten nur einer sie überleben würde. Wessen Leben nach den Bestimmungen des noch gültigen französischen Rechts in erster Linie zu erhalten war, darüber konnte kein Zweifel bestehen. »Ein gesundes Mädchen,« murmelte Frau van Neersen und mit noch leiserer Stimme vorwurfsvoll: »und rote Haare hat es auch!« Da schlug die gänzlich entkräftete junge Mutter noch einmal die Augen auf und sah ihren Mann an, voll unendlicher Liebe und doch, wie wenn sie zugleich an etwas ganz andres denke oder auf etwas nur ihr hörbares horche... »Verzeih mir, Fritz!« flüsterte sie und starb. Als aber am Nachmittag der Totengräber Schlüpjes kam, um sich die Anweisungen wegen der Beerdigung zu holen, bat er, die Tote sehen zu dürfen. Er sah sie lange an und seine schmalen Lippen bewegten sich leise. Dann sagte er ruhig und zufrieden, er sähe auf ihrem Antlitz den Morgenglanz der Ewigkeit. Trotz der Befürchtung der erfahrenen Frau van Neersen, daß man das rothaarige kleine Mädchen, das kaum vier Pfund wog und sehr lange auf den ersten Schrei hatte warten lassen, zusammen mit der Mutter werde begraben müssen, war es doch nur ein Sarg, der eines trüben Vorfrühlingsnachmittags unter der knabensäugenden Wölfin hinweg, mühelos aber sehr behutsam, die große Treppe hinabgetragen ward, von deren Plattform der selige Maire sich so stattliche Wirkungen versprochen hatte. Den Trauerzug eröffnete Herr Freundgen, der Hauptlehrer, der nun schon fünfzehn Jahre lang den Bakel preußischer Schulzucht schwang, ein kleiner, rundlicher, bartloser Mann. Der füllte Sonntags sein eigenes Gestühl, unmittelbar unter der Kanzel, aus dem heraus er mit seiner goldenen Brille sowohl die Aufmerksamkeit der Gemeinde, wie den Organisten und den gesanglichen Fleiß der Schuljugend überwachte und nach der Predigt allerlei kirchliche Nachrichten verlas. Ihm folgten die stimmbegabten seiner Knaben und Mädchen, den Blick unverwandt auf seinen rhythmisch zuckenden Zylinder gerichtet, der den Sterbegesängen ihrer lebensfrischen Münder den Takt wies. Ach, die Gedanken unter diesem Zylinder waren nicht bei den Liedern. Das waren schwere, schwarze Gedanken, die immer wieder dieselben Wege durchliefen und immer wieder in Not und Gram endeten. Sein einziges Kind, sein Stolz, sein Gustav, dessen Leben seine selige Anna mit ihrem Leben bezahlt hatte, dieser begabte Junge, dem er mit schweren Entbehrungen und drückenden Schulden den Besuch der Universität ermöglicht, der hatte sich in freiheitliche Umtriebe eingelassen. Und er, der Vater, der schlechte Vater, er war, von der Begeisterung des Jünglings hingerissen und von der Gerechtigkeit seiner Ziele überzeugt, schwach gewesen. Er hatte ihn nicht ernstlich genug gewarnt, nicht durch ein striktes Verbot ihn gehalten. Nun war der Unbehütete, der für ein einiges und freies Deutschland glühte, der nur erstrebt hatte, was gerecht und was versprochen war – der war wie ein gemeiner Verbrecher zu fünfzehnjährigem Zuchthaus verurteilt worden. Und noch bevor er, der Vater, die Schuld auf sich nehmen und die Gnade des Königs anrufen konnte, war es jenem gelungen, zu entfliehen, und von Rotterdam aus hatte er geschrieben, daß er nach dem Lande der Freiheit unterwegs sei. Wo mochte er jetzt sein und was mochte drüben aus ihm werden, der so gar nicht zum Abenteurer paßte. Ja, er war ein schlechter Vater und die Leute hatten recht, wenn sie mit Fingern auf ihn wiesen, weil er mit seinem Jungen so hoch hinausgewollt. Dann kam der zierliche, mit Kränzen bedeckte Mahagonisarg, von sechs Arbeitern der Fabrik getragen. Mit auffallend großen Füßen in derben Stiefeln schritt der stattliche Herr Pastor Kranevoß, der, das gelehrte Haupt nach seiner Gewohnheit ein wenig vorgestreckt, das eine Auge fest auf den Sarg gerichtet hielt, während der Blick des andern die Fenster der Erdgeschosse streifte, denn er schielte beträchtlich. Mit seinem Talar spielte der flattrige Wind, und während die Rechte ein schwarzes Buch an die Brust gedrückt hielt, mußte die Linke immer wieder das Barett festhalten. Hinter ihm ging Friedrich Wilhelm Wolf, der junge Witwer, das kleine Pinchen an der Hand und einander widerstreitende Gedanken an die teure Tote und seine Zukunft im Herzen. Von den Bompels nahm nur der Vater und der älteste Stiefbruder der Verstorbenen teil an der Beerdigung, denn die englische zweite Mutter weilte in Bradford am Sterbebett ihres Vaters und die jüngeren Geschwister waren in auswärtigen Erziehungsanstalten. Die Herren der »Gesellschaft« gingen paarweise in gedämpfter, aber lebhafter Unterhaltung, die in der Hauptsache sich um die Preisschwankungen der Baumwolle bewegte. Frau Maria Magdalena, auf deren spitzem und vorwurfsvollem Antlitz ihre seufzende Lebensfrage sichtbaren Ausdruck gefunden hatte, eröffnete, von Frau Pastor Kranevoß geleitet, die Abteilung der Damen, die alle ohne Hut und in schwarzen Umschlagtüchern gingen. Ihnen folgten die Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabrik, und den Beschluß machten die zwei Polizeidiener, die nachströmende Straßenjugend im Zaum haltend. Vor seinem bläulich getünchten Lehmhäuschen, dem letzten der den Friedhof berührenden Duhnbergerstraße, erwartete der fromme Weber Schlüpjes, der Totengräber, den Zug, um ihn der Sitte gemäß an das offene Grab zu führen. Mit einem ernsten und stummen Grinsen seiner schmalen Lippen, durch das er den Respekt vor der Obrigkeit und die Ergebung in Gottes Willen andeuten wollte, trat der große, hagere und bleiche Mann schlotternden Schrittes an Herrn Freundges linke Seite, und als beim Einbiegen in den Friedhof der Wind ihm die weiten Hosen an die dünnen Beine preßte, indessen er den kurzen schwarzen Radmantel fester an sich zog und aus den tiefliegenden Augen den Trauerzug entlang blickte, da war's, als hätte der Tod selber die Führung übernommen. – Übrigens war der fromme Mann und Stundenhalter, wenn er auch mancherlei Anfechtung zu erleiden, ja, in schwarzen Nächten zuweilen mit dem Teufel selber hart zu kämpfen hatte, durchaus kein Spielverderber und Verneiner des Lebens. Im Gegenteil. In der schwer genug errungenen und zäh festgehaltenen Gewißheit, der Gnade teilhaftig und durch sie auch in der Ewigkeit vor dem Zorn Gottes geborgen zu sein, suchte er die Heiterkeit seines Geistes der Totengräberarbeit gegenüber dadurch aufrechtzuerhalten, daß er, wie der letzten, so auch in möglichst vielen Menschenleben der ersten Betätigung der Kirche und ihrem kaffeegewürzten Nachspiel beiwohnte. Er fehlte bei keiner Kindtaufe und sein Appetit war in beiden Fällen gleich gesegnet. »Von Erde bist du genommen, – zu Erde sollst du werden,« rief Pastor Kranevoß am Schluß seiner Amtshandlung, den Kopf ein wenig schräg nach vorn gestreckt, eindringlichst ins offene Grab. Der alte C. C. Windemann aber, auf dem dabei, ganz ohne Absicht, lediglich nach dem Naturgesetz seines Schielens, sein rechtes Auge ruhte, bezog, als Katholik mit den kirchlichen Formen der Evangelischen nicht vertraut, diese unerwartete Drohung auf sich. Er knickte in den Knieen zusammen und mußte, auf den Arm seines einzigen Sohnes, des »Schönen Oskar« gestützt, vor den andern den Friedhof verlassen. Auf dem Kaffeetisch im Wolfschen Hause, um den sich nach der Beerdigung die Verwandten und nächsten Freunde niederließen, – für Herrn Schlüpjes war in der Leutestube mitgedeckt – lag das feine Damasttuch mit dem eingewebten Wappen Napoleons, womit der selige Maire Anno achtzehnhundertzehn auf der Industrieausstellung zu Aachen Aufsehen erregt und einen ersten Preis gewonnen hatte. Als nach Verabschiedung des letzten Trauergastes Friedlich Wilhelm Wolf sich endlich allein sah, hieß er das Mädchen das Tischtuch liegen lassen. Und immer wieder mußte er das feine Gewebe und das Wappen betrachten. Und er bedachte in seinem Herzen, wie vergänglich doch das lebendige Glück im Vergleich zu den leblosen Dingen sei, und in seine aufrichtige Trauer um die Heimgegangene mischte sich eine fürchterliche Angst vor der Einsamkeit und vor dem Ende. Jedesmal, wenn Friedrich Wilhelm Wolf, der Witwer, die hohe Treppe zu seinem Hause hinanstieg, war es ihm, wie wenn die knabensäugende römische Wölfin ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwürfe. Aber wie oft er auch in seinem Herzen die Schönen des Landes Revue passieren ließ – bei keiner kam ihm die Erleuchtung, daß sie vielleicht die Rechte sein könnte. Das einzige Mädchen, zu dem er einen leisen Zug des Herzens verspürte, der sich ja möglicherweise in Liebe verwandeln konnte, war eine Fremde, Antoinette Jeanbon, die mit ihrem Vater, dem Capitaine Pierre Jeanbon-St. André auf Haus Duynberg lebte. Das lag eine Viertelstunde vor dem Städtchen auf der höchsten Erhebung einer sandigen Erdwelle, die in unvordenklichen Zeiten eine Düne gewesen sein sollte, und hatte in der Jugend des seligen Maire dem letzten eines Adelsgeschlechtes gehört, das mit diesem erloschen war. Dann war der ziemlich verwahrloste Herrensitz Gegenstand langwieriger Prozesse gewesen und schließlich ohne die ursprünglich dazugehörigen Ländereien als ein Achtel des gesamten Nachlasses einem österreichischen Grafen zugefallen, der solche Errungenschaft aber niemals in Augenschein genommen, vielmehr alsbald die zuständige Pfalzneuburgische Hofkammer zu Düsseldorf zum Verkauf ermächtigt hatte. Um achtzehnhundert endlich hatte der Capitaine Pierre Jeanbon-St. André, der in der Armee des Generals Jourdan 1796 an den Niederrhein gekommen war und wegen Übergehung beim Avancement seinen Abschied genommen hatte, das alte Gemäuer um ein Geringes an sich gebracht. – Er war ein Neffe des gleichnamigen »Bürgers«, dem Frankreich die Verwaltung des südlichsten der vier rheinischen »Departements« anvertraut, und der, unbeschadet seines einstigen Jakobinertums, als ein kleiner »aufgeklärter Despot« bis 1813 in Mainz residiert hatte: wer sich seinen meist verständigen Anordnungen widersetzte, den ließ er ohne viel Federlesens einsperren, aber nur um ihn persönlich unter vier Augen um so besser überzeugen zu können und alsdann wieder laufen zu lassen. – Einige Jahre nach geschehenem Ankauf hatte der Neffe sich eine Frau geholt, die Tochter eines in Koblenz festgewurzelten Emigranten, die ihm ein Töchterchen, Antoinette, geboren und dabei ihr Leben verloren hatte. Jetzt war Pierre Jeanbon, bei dem Haupthaar, Augenbrauen, und Schnurrbart miteinander an Weiße und Straffheit wetteiferten, ein alter Herr, aber auf seinem gebräunten Antlitz mit den lebhaften dunkeln Augen und in seiner schlanken, sehnigen Gestalt trat eine erfrischende Jugendlichkeit in die Erscheinung, auch war er voll Interesse für die Dinge des Zeitlichen, das zu segnen offenbar noch nicht in seiner Absicht lag. Dreimal jede Woche fuhr er, selber kutschierend, am Schwarzen Adler vor, wo die beiden Schimmel mit militärischer Exaktheit auf einen Ruck hielten. Dann trank der Alte, der sich am liebsten »Monsieur« nennen ließ, in der »Gesellschaft« seine halbe Flasche Medoc, den er stets mit Wasser verdünnte, wobei er besonders über Fragen der Politik und der Jagd prächtig zu Plaudern verstand, ohne je durch seine, vom ortsüblichen oft stark genug abweichende Meinung einen ernstlichen Streit oder Verstimmung hervorzurufen. Wie vieles, was nicht oder anders in den Zeitungen gestanden, hatte man von ihm erfahren: daß Ludwig der Achtzehnte in dem Massengrab der Hingerichteten die Leiche des Sechzehnten gesucht, in Wahrheit aber die Robespierres erwischt und mit großem Pomp in der Königsgruft zu St. Denis habe beisetzen lassen... Daß eine Madame Boursier aus purer Begeisterung für die Befreiung Griechenlands ihren braven Mann vergiftet, um den Griechen Kostolo heiraten zu können... Oder daß der reiche Aristokrat, der 1816 die Dampfschiffahrt zwischen Paris und London eingerichtet, im Armenhaus gestorben sei... Nur von der Reise, die Jeanbon 1830 zwischen der Aufhebung der französischen Preßfreiheit und dem Ausbruch der Pariser Juli-Revolution nach Frankreich unternommen hatte, vermied er zu erzählen, wenn er auch kein Hehl daraus machte, daß er den abgesetzten Karl X. so wenig schätze, wie seinen Nachfolger Louis Philippe, den Bürgerkönig, der vordem Oberlehrer am Philanthropin zu Reichenau bei Chur gewesen war. Von jenem, Karl X., wußte er die heitersten Dinge: als man ihm, der, voll unbegrenzten Vertrauens zu seinem Ministerpräsidenten Polignac, in St. Cloud den Freuden des sommerlichen Hoflebens sich hingab, gemeldet, in Paris tobe die Revolution, da habe er, seines Gottesgnadentums gewiß, ganz gelassen geantwortet, man solle sich beruhigen, Polignac sei diese Nacht die Heilige Jungfrau erschienen und habe ihm versichert, alles werde ein gutes Ende nehmen, – Und als ein wenig später das »gute Ende« tatsächlich eingetroffen und Karl als Exkönig, nach England unterwegs, auf dem Landsitz einer Aristokratin Mittagsrast gehalten, da habe sein Hofmarschall darauf bestanden, daß der Dorfschreiner zuerst den runden Tisch in einen viereckigen verwandele, denn ein König von Frankreich speise nicht an runden Tischen. Wovon jener Karl zu viel gehabt, davon habe dieser Ludwig Philipp zu wenig, der einem Republikaner gegenüber alsbald geäußert, die goldene Krone sei im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt, und das Zepter sei zu stumpf, um als Waffe, und zu kurz, um als Stütze gebraucht zu werden, er ziehe Filzhut und Regenschirm vor. – Sehr komisch sei auch, wie dieser »Bürgerkönig«, der übrigens, wie alle vielredenden Monarchen, ein Poseur und Phraseur sei, unmittelbar nach den Julikämpfen sich habe für Geld sehen lassen. Man hätte sich nur unter die Müßiggänger zu mischen brauchen, die beständig das Palais Royal umlagerten, so hätten sie alsbald gefragt, ob man vielleicht den König mal sehen wolle, dann solle man ihnen fünf Franken zahlen. Habe man das getan, so hätten sie ein jubelndes Vivatrufen unter den Fenstern des Königs erhoben. Dann sei Höchstderselbe auf der Terrasse erschienen und habe dankend sich verbeugt. Wenn man den Tagedieben aber zehn Franken gegeben, so hätten sie beim Heraustreten des Königs dermaßen geschrien und wie besessen sich gebärdet, daß dieser zum Zeichen seiner Ergriffenheit die Hand aufs Herz gelegt und die Augen seelenvoll zum Himmel aufgeschlagen hätte. Zuweilen sei es auch vorgekommen, daß ein Engländer sich den Spaß zwanzig Franken habe kosten lassen, dann hätten jene mit solcher Begeisterung die Marseillaise angestimmt, daß der gerührte König, die Hand auf dem Herzen und die Augen gen Himmel gerichtet, laut mitgesungen... Wenn nun die Majestät an diesem Geld auch wahrscheinlich nicht partizipiert habe, ein guter Geschäftsmann sei der König doch. Zunächst habe er nicht, wie vor ihm noch jeder König, bei der Thronbesteigung sein persönliches Vermögen den Staatsdomänen hinzugefügt, sondern es seinen Kindern zugeschrieben, die Nutznießung aber weise sich selber lebenslänglich vorbehaltend. Sodann habe er bei der Festsetzung seiner Zivilliste mit der Kammer sich herumgestritten wie ein gerissener Entrepreneur. Übrigens heiße Ludwig Philipp noch in einem andern Sinne mit Recht der Bürgerkönig. Er, Monsieur, wisse bestimmt, daß in jenen Julitagen in Paris die Fabrikanten ihren Arbeitern gesagt hätten: »Geht kämpfen, wir zahlen die Löhne weiter!« Denn es sei doch nur die Oberschicht der Bürger, der dieses neue Regiment zugute komme. Die Masse der Kleinbürger, Bauern und Arbeiter sei nach wie vor politisch völlig rechtlos, wer zu ihr gehöre, dürfe weder wählen noch gewählt werden. Sie werde sich ihr Recht wohl durch eine neue Revolution erkämpfen müssen. Er wolle hoffen, daß das Volk dann wieder so prachtvoll sich bewahre, wieder so Zucht und Maß halte. Oder ob es nicht von einer Größe zeuge, wie die Welt sie seit den Tagen der alten Römer kaum gesehen, wenn in Paris die Gefangenen, nachdem sie mitgekämpft, freiwillig in ihre Gefängnisse sich zurückbegeben hätten? Bei weitem am liebsten aber hörten die Herren der »Gesellschaft« den Franzosen doch von seinen Erfahrungen als Jäger erzählen. Denn Jeanbon hatte in bequem erreichbarer Nähe unmittelbar an der holländischen Grenze unendliche Heidestrecken als Jagdrevier gepachtet, auch schon des öftern dort allerlei Getier eingesetzt, das aber zu Monsieurs Leidwesen den göttlichen Befehl »seid fruchtbar und mehret euch!« beharrlich in den Wind schlug. Die Hauptschuld daran maß Jeanbon den Wilderern, besonders den holländischen bei, mit denen er in einer zähen und erbitterten Fehde lag. Es hieß sogar, er hätte einmal einen erschossen, was er selber weder bestätigte noch bestritt. Jedenfalls, hatte er einmal geäußert, besitze er kein Beinkleid wie der Graf Erbach, der aus der Haut eines getöteten Wilderers sich solches Kleidungsstück habe anfertigen lassen. An seinem Geburtstag sah Monsieur alljährlich die Herren der »Gesellschaft« zum Dejeuner bei sich auf Haus Duynberg. Dann war der kleine, sonst kaum benutzte Ahnensaal in Ermangelung von Ahnenbildern mit Girlanden aus frischem Tannengrün und mit französischen Fahnen und Fähnchen ganz festlich geschmückt, wobei die Trikolore, »der Regenbogen der Freiheit« wie Monsieur sie nannte, dominierte, und die Adler Napoleons mit den Lilien der Bourbonen gute Nachbarschaft hielten. Denn Monsieur, der zu Häupten der langen, schmalen Tafel in einem bekränzten Sessel saß, war auch in der neuen Heimat stolz darauf geblieben, Franzose zu sein. Den schönsten Schmuck des Saales aber bildeten die weit offenstehenden Fenster, deren jedes in seinem dunklen Rahmen ein eigenartiges Landschaftsbild zeigte, und von den Herren der »Gesellschaft« hat mancher hier zum erstenmal die Schönheit seiner Heimat empfunden. Da lag im Kranz der Gärten das Städtchen mit seinen Häusern und Hütten und den zwei alten Backsteinkirchen, eine Insel im Ährenmeer, wie Herr Freundgen, der Hauptlehrer, gemeint, eine Insel und Hochburg evangelischen Glaubens, wie Herr Pastor Kranevoß ihn verbessert hatte. Und weiter ringsum die heitere und fruchtbare Ebene, unendlich wie der Himmel, leicht gewellt, von weißen Wegen durchzogen, von fernen Wäldern beschirmt, eingebettet in den geheimnisvollen Dunst des Horizonts und überwölbt von einem unermeßlichen, lichtblauen Himmel. – Monsieur hatte dann immer wieder irgendeine Merkwürdigkeit zu zeigen, aber das Merkwürdigste blieb doch das vergilbte Büchlein, das der junge Napoleon Bonaparte, mit dem er eine Zeitlang auf der Kriegsschule zusammen gewesen war, ihm beim Scheiden von Brienne hinterlassen hatte. Es enthielt von Napoleons Hand eine Menge erdkundlicher Aufzeichnungen und als letzte die, daß St. Helena eine kleine Insel im Atlantischen Ozean sei .... Auch pflegte Jeanbon zur Feier dieses Tages aus Courtoisie gegen seine deutschen Gäste stets irgendetwas von Friedrich dem Großen zu erzählen, in dessen Werken er beinahe täglich zu lesen versicherte und dessen Genie er immer aufs Neue bewundere. Zu tadeln finde er an diesem wirklichen Könige nur, daß er kein Franzose und daß er kein Jäger gewesen sei. Daß aber jener sogar des öfteren geäußert das Jagen wolle ihn ungefähr so vergnüglich bedünken wie das Schornsteinfegen, das verdenke er ihm ernstlich. Fräulein Antoinette, die bei solchem Anlaß, bis sie die Herren allein ließ, ihren Platz dem Vater gegenüber am untern Ende der Tafel hatte, machte höchst anmutig die Honneurs. Sie war ein rassiges, dunkles Mädchen von jetzt sechsundzwanzig Jahren, nicht eigentlich schön, aber voll Leben und Gesundheit, und von den Herren der »Gesellschaft« war kaum einer, der nicht auf irgendeine Weise in sie verliebt gewesen wäre, sei's auch nur, daß ihn der Klang der Stimme oder ihre Art zu lachen bezaubert hätte. Aber die wenigen Male, da ein Heiratslustiger ernstlich an sie gedacht und sich ihr zu nähern versucht hatte, war's immer eine taube Nuß gewesen, die seine Liebesmühe endlich aufknackte. Denn sobald sie etwas merkte, schob Fräulein Antoinette nicht nur allem Schmachten und Werben durch gleichsam unabsichtliche Bemerkungen über ihre Vorausbestimmung zur Ehelosigkeit sacht ein Riegelchen vor, sondern wußte auch nach dem Grundsatz, daß die beste Verteidigung der Angriff ist, in muntern und boshaften Ausfällen den Bewerber stutzig zu machen, ohne sein Wohlwollen zu verscherzen. Und wem sie solchergestalt die Wege weisen zu sollen glaubte, dem wies sie mit sonderlicher Freude bisweilen zugleich den Weg, an dessen Ende er mit dem ihr zugedachten Kränzlein eine andere glücklich machen konnte. So oft Friedrich Wilhelm Wolf die Möglichkeiten seiner Zukunft überdachte, trat Antoinettens Bild vor seine Seele, wie sie mit dem alten Vater zur Jagd fuhr oder beim Geburtstagsdejeuner die Unterhaltung lenkte. Auch die Büchse im Arm und ein Jagdhütchen unternehmend aufs dunkle Haar gestülpt, war sie ihm in der Nähe ihres Hauses einmal begegnet, allerlei Raubzeug nachstellend, das den Geflügelbeständen gefährlich zu werden beginne. Seine selige Frau, die zarte Gabriele, hatte sich so oft gewundert, woher Fräulein Jeanbon nur die Zeit zu allem nehme, denn sie halte ihr Hauswesen ganz musterhaft in Ordnung, beteilige sich an der ausgedehnten politischen Korrespondenz des Vaters, lese unglaublich viel und habe sich von Monsieur jetzt auch noch eines dieser merkwürdigen neuen Münchener Fernrohre schenken lassen, um vom Dachreiter aus den Sternenhimmel zu beobachten. Schlaf scheine sie nicht viel nötig zu haben, und wenn das braune Frauenzimmerchen nicht am Ende gar eine richtige kleine Hexe sei, so sei es eine erstaunlich tüchtige und beneidenswert resolute Person. Dabei fiel ihm ein, welchen Eindruck die Nachricht von Fraunhofers frühem Sterben auf Gabriele gemacht hatte, deren Mutter in dem gleichen jugendlichen Alter derselben Krankheit erlegen war. Armer Leute Kind aus einer kleinen Stadt in Niederbayern, war jener, früh elternlos geworden, vom Vormund zu einem Münchner Spiegelmacher in eine harte Lehre getan worden, der für den Wissensdurst des armen Jungen nur Spott gehabt hatte. Da stürzt eines schönen Tages das Haus ein, und als einziger Überlebender wird der junge Fraunhofer unter den Trümmern hervorgezogen, dem der gütige König Max Joseph daraufhin achtzehn Dukaten schenkt. Nun kauft er sich Bücher und lernt und lernt und arbeitet und arbeitet. Und nach sieben Jahren steht die Optik theoretisch und praktisch auf ganz neuen Grundlagen .... Frau Maria Magdalena freilich, deren Gedanken über die Wiederverheiratung ihres Ältesten eigene Wege gingen, riet ihm mit einer ihr sonst fremden Lebhaftigkeit ab: nicht nur, weil Pinchen und die überaus zarte kleine Regine ihrer Ansicht nach einer ganz anders gearteten Mutter bedurften, sondern besonders, weil Antoinette katholisch war. Denn der Pastorentochter, deren Eltern aus dem evangelischen Norden stammten, war der im überwiegend katholischen Westen herrschende konfessionelle Friede immer verdächtig, dieser Scheinfriede, wie sie meinte, den mit allen Schrecken der Ketzerverfolgung zu brechen, Rom zu gelegener Zeit nicht verfehlen werde. Es war ihr nicht klar, weder, daß solcher Friede letzten Endes aus der religiösen und kirchlichen Gleichgültigkeit stammte, die die napoleonischen Kriege in beiden Lagern zurückgelassen hatten, noch daß dieser Friede jetzt, da jene Gleichgültigkeit in ihr Gegenteil sich wandeln wollte, ein Gebot der Klugheit war, indem beide Parteien gegen den gemeinsamen Feind, den Liberalismus, sich zu rüsten hatten. Und so oft sie von jemand hörte, daß er katholisch sei, begann sie eine unüberwindliche Abneigung und Mißtrauen gegen ihn zu empfinden. – Viel lieber sei es ihr, beteuerte sie mit ihrer etwas weinerlich gewordenen Stimme, viel lieber, Friedrich Wilhelm heirate eine Jüdin, Türkin oder Heidin, die sich schließlich doch leichter zum Herrn bekehren könne, als solche Tochter des römischen Antichrists. Der Sohn meinte zwar, soviel er merke, sei die junge Dame unbeschadet ihrer sonstigen, auch von der Mutter anerkannten Vorzüge, von ziemlich heidnischer Gesinnung, aber die Mutter wollte das nicht gelten lassen: das Römische stecke darin und werde bei zunehmendem Alter ganz bestimmt zum Durchbruch kommen und ihm Entfremdung, Mißverstehen und Kälte, wenn nicht noch Schlimmeres, ins Haus bringen. Da ereignete sich, was allem Schwanken ein Ende bereitete. Dem jetzt täglich aus Köln eintreffenden Eilwagen entstieg eines Abends ein Herr, der sich als Gaston Besnard de Vivie aus Paris ins Fremdenbuch des Schwarzen Adlers eintrug, alsbald sich auf sein Zimmer zurückzog und am andern Vormittag dem Capitaine Jeanbon-St. André auf Haus Duynberg einen Besuch machte. Dieser Besuch dehnte sich bis zum späten Abend aus. Am folgenden Morgen in aller Frühe fuhr Herr Jeanbon, seiner Gewohnheit nach im scharfen Trabe, mit einem zweisitzigen Jagdwagen am Schwarzen Adler vor, der Fremde stieg zu ihm auf, und nachdem dessen leichtes Gepäck vom Hausknecht hinter den Sitzen verstaut war, rollte das Gefährt auf der zu Monsieurs Jagdgründen und weiter nach Holland führenden Landstraße zum Städtchen hinaus. – Drei Tage später gegen Mittag stieg Antoinette Jeanbon die hohe Steintreppe vor dem Wolfschen Hause hinauf, und ohne den prüfenden Blick zu bemerken, den ihr die römische Wölfin zuwarf, zog sie die Glocke. Wenige Minuten später sah sie sich dem Hausherrn gegenüber, der den Gegenstand seiner vielen Erwägungen mit einiger Verlegenheit empfing, indessen Pinchen ihr mit einem Knix zutunlich die Hand gab und die kleine Regine auf ihrem hohen und gegen die verschiedensten Möglichkeiten gesicherten Stühlchen sie mit lautem Krähen begrüßte. Antoinette war blaß und erregt, aber sie sagte, was sie zu sagen hatte, ohne Tränen oder Verwirrung: der Vater habe am Montag einen Besuch aus der Heimat empfangen, den er ihr als den Sohn einer Jugendfreundin vorgestellt und mit dem er auf seinem Zimmer lange politische Gespräche geführt habe, wobei die Geister wohl des öfteren hart aufeinander geplatzt seien. Am Abend habe er ihr erklärt, daß er am andern Morgen den Landsmann, der nach Antwerpen und weiter nach England unterwegs sei, um ihm einen Umweg zu ersparen, mit seinem Jagdwagen bis ins Holländische bringen wolle. Er gedenke ihm unterwegs seine Jagdgründe zu zeigen, die Schimmel in der holländischen Grenzstadt sich gut ausruhen zu lassen und am folgenden Nachmittag heimzufahren. Sie habe den Herren ein reichliches Frühstück, auch ihrem Vater das für eine Nacht Erforderliche eingepackt und in der Frühe ihn gesund und heiter abfahren sehen. Da er nun bis jetzt nicht zurückgekommen, auch keine Nachricht von ihm eingetroffen sei, müsse sie, wie sie ihren Vater kenne, mit vollkommener Sicherheit annehmen, daß ihm ein Unglück zugestoßen, oder daß er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei. Sie bitte aber Herrn Wolf, ihr aus Freundschaft für den Vater zu raten und beizustehen, damit sie das, was sie nun zu tun habe, so zweckmäßig wie möglich tue. – Friedrich Wilhelm sah ihr mit der herzlichsten Teilnahme in das erregte und doch so beherrschte Antlitz und sprach ihr mit Überzeugung die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der ja freilich zunächst ganz unerklärlichen Sache aus. Daß aber das Mögliche sofort versucht werden müsse, darin gab er ihr völlig recht. Er versprach, die Behörden unverzüglich zu benachrichtigen und andern Tags persönlich mit ihr durch die väterlichen Jagdgründe zu fahren, ob sich dort eine Spur finden lasse. Es war ein wundervoller Frühherbstmorgen, an dem sie der holländischen Grenze zufuhren. Friedrich Wilhelm Wolf hatte, sehr gegen seine Neigung, Herrn und Frau Pastor Kranevoß gebeten, die Fahrt mitzumachen. Die Damen saßen nebeneinander, die Herren ihnen gegenüber, Wolfs alter Anton kutschierte. Anfangs wollte kein Gespräch aufkommen. Die Frau Pastorin war verstimmt, weil man, als sie es reichlich frisch fand, sie nur in mehrfache Decken und Tücher eingewickelt hatte, anstatt den Wagen zu schließen. Sie sah aus ihrem spitzen blassen Gesicht mit kalten Augen an ihrem Pastor vorbei auf die silbernen Knöpfe an Antons Rockschößen, dessen Livree sie in ihrem Herzen reichlich anspruchsvoll fand. Der Pastor wie Friedrich Wilhelm Wolf hatten immerfort die ehrerbietigen Grüße der Arbeiter und Arbeiterinnen zu erwidern, die aus den Dörfchen der Umgegend der Fabrik zustrebten. Zuweilen tauschte man eine Bemerkung über die beginnende Entkirchlichung und die wachsenden Lohnansprüche des niedern Volkes aus, wobei die Pastorin besonders darüber beweglich klagte, daß auch die jungen Mädchen in gottloser Verblendung jetzt lieber Fabrikarbeiterinnen als Dienstmägde würden, nur weil sie auf solche Weise mehr Geld verdienten und mehr freie Zeit hätten, den Segen des Lebens in einer christlichen Hausgemeinschaft also völlig verkennend. Und, verstimmt, wie sie war, ließ sie sich mit einem schiefen Blick auf Antoinette zu der Bemerkung hinreißen, der Code Napoléon , wie er hier am linken Niederrhein leider Gottes immer noch Geltung habe, sei doch ein ganz schlechtes Gesetzbuch, das nicht einmal erlaube, der Magd eine Maulschelle zu geben. Nun, sagte Friedrich Wilhelm Wolf, solches Verbot zu übertreten, sei er noch nicht in Versuchung gewesen. Aber als er einmal im Preußischen Landrecht geblättert und zufällig den Paragraphen 788 gelesen, da habe er sich doch gefreut, daß dieses Gesetzbuch für seine Ehe nicht maßgebend gewesen sei. – Wieso, fragte die Pastorin neugierig, was denn da geboten oder verboten werde? Und Wolf antwortete, jener Paragraph bedrohe, wahrscheinlich um salomonischen Urteilen vorzubeugen, die Mutter mit Prügelstrafe, wenn sie ihr Kindlein in der Nacht zu sich ins Bett nehme, was seine selige Gabriele mit der kleinen Pina oft genug und immer zu seiner herzlichen Freude getan habe. – Antoinette überhörte das alles, sie dachte unablässig an ihren Vater und die Möglichkeiten seines Schicksals. Je weiter sie kamen und je einsamer es wurde, desto stärker begann die stille Natur ringsum auf alle zu wirken. Der Herbst hatte alles vergoldet. Gold floß aus den Birken am Straßenrand, die der Pastor unter höchst befremdeten Blicken seiner Gattin spezifisch weibliche Bäume nannte, weil sie schlank, biegsam und in jedem Kleide schön wären, Gold brannte in den Kronen der Ahornbäumchen, die die lange weißgetünchte Mauer eines Gutshofes begleiteten, und Gold lag in der Luft über der weiten, leicht gewellten Ebene mit ihren Windmühlen und halbversteckten Dörfern, Klöstern und Herrensitzen. Lange fuhren sie auf einer Anhöhe dahin, von der aus die Jagdgründe des Herrn Jeanbon zu übersehen waren: unendliche braune Heidestrecken, durchsetzt von Fichtenbeständen und niedrigen schwarzen Föhren. Dahinter im Duft der Ferne ragten die Türme der holländischen Grenzstadt aus den bunten und lichteren Farben der Maasniederung empor. Am Himmel über ihnen schwammen vereinzelte weiße Wolken und die höhersteigende Sonne ermutigte die Frau Pastorin, sich ihrer Decken und Tücher zu entledigen. Alle, sogar Antoinette, gaben sich der Wärme mit wohligem Behagen hin und in ihm wurden nicht nur die Lippen immer träger, auch die Herzen mit ihren Sorgen und Wünschen kamen mehr und mehr zu Ruhe, bis das Pflaster der kleinen Maasstadt sie unsanft genug weckte. Aber von den beiden Franzosen fand sich keine Spur, weder in den Gasthöfen noch im Rathaus ließ sich das geringste ermitteln. Der holländische Bürgermeister versprach, im Städtchen sowohl wie in den Dörfern der Umgegend nachzuforschen, und nachdem Friedrich Wilhelm Wolf mit dem Posthalter verabredet, daß dieser die müden Pferde einstellen und ihnen frische vorspannen solle und wie man übermorgen auf halbem Wege die Umwechselung vornehmen wolle, trat die Gesellschaft in der frühen Abenddämmerung kleinlaut die Heimfahrt an. Kühle und Nebel nötigten, den Wagen zu schließen, und rasch schien das Gespräch alle Möglichkeiten sowohl des Schicksals der Vermißten, wie auch der noch zu unternehmenden Versuche ihrer Ermittelung erschöpft zu haben, so daß jeder schweigend seinen Gedanken nachhing. – Es war fast Mitternacht, als der Wagen zuerst vor Haus Duynberg, dann auf dem Markt vor dem Pfarrhaus und endlich vor der hohen Treppe des Wolfschen Hauses hielt. Gegenüber beim Zuckerbäcker Stümges öffnete sich sacht ein neugieriger Fensterladen, was für ein Gesicht aber die knabensäugende römische Wölfin machte, das hätte Friedlich Wilhelm Wolf in der Dunkelheit nicht sehen können. Der nächste Vormittag brachte ihm von neuem den Besuch Antoinettens, die berichtete, daß ihre Leute in der Morgenfrühe die beiden Schimmel mit dem Jagdwagen vor der Stalltür gefunden hätten. Die Tiere wären sichtlich ermüdet, übrigens aber wohlbehalten gewesen, und als sie sie dann im Stall besucht und gestreichelt hätte, da wäre ihr der Gedanke gekommen, ob sie ihr vielleicht auf die Spur helfen könnten. Sie wolle daher morgen früh mit ihnen die Fahrt nach Holland wiederholen und sie sowohl in der Nähe der Jagdgründe, wie auch unmittelbar vor der Stadt selber den Weg bestimmen lassen. Wenn sie sich's vielleicht auch nur einbilde, daß die treuen Pferdeaugen sie heute Morgen mit einem ganz besonderen Ausdruck angeblickt hätten – möglich sei es doch immerhin, daß den Tieren ein Verständnis dafür aufgehe, worum es sich bei dieser Fahrt und der gewährten Zügelfreiheit handle, und daß sie dann einen Weg einschlügen, der zu irgendeiner Spur führe. Sie halte es aber für richtig, die Schimmel vor den Jagdwagen zu spannen, der, wie Herr Wolf wisse, nur zwei ordentliche Sitze habe. Kutschieren wolle sie selber und wenn er ihre Bitte erfüllen und sie begleiten wolle, so werde sich ihr Stallbursche auf dem Platz hinter den Sitzen schon einzurichten wissen. Friedrich Wilhelm, so sehr ihn auch selber das rätselhafte Verschwinden Jeanbons und die merkwürdige Heimkehr der Schimmel beunruhigte, und so herzlichen Anteil er auch an der Not des lieben Mädchens nahm, hatte einige Mühe, die Freude über die Aussicht auf einen ganzen Tag in ihrer so nahen und ungestörten Gesellschaft zu dämpfen. Er sagte zu und schlug vor, daß man, um für alle Fälle recht viel Zeit zur Verfügung zu haben und möglichst wenig Leuten Stoff zu albernem Gerede zu geben, schon im Morgengrauen aufbrechen und erst nach Mitternacht heimkehren wolle. Wenn die Schimmel in Holland sechs bis sieben Stunden ausruhen könnten, würden sie ja auch imstande sein, selber den leichten Wagen wieder zurückzuziehen. Die Pracht der Venus funkelte über ihnen, als sie fröstelnd in den dämmernden Sonntagmorgen hinausrollten. Friedrich Wilhelm freute sich des glücklichen Vorzeichens. Er hatte sich bequem zurückgelehnt, indessen Antoinette, die Zügel in der Hand, ein wenig vorgebeugt dasaß, die Augen scharf auf den Weg gerichtet. Auch sie hatte des Morgensternes wahrgenommen, aber bei sich bedacht, daß es wohl leichter sein möge, einen Planeten zu erschaffen, als ein Menschenherz auf ihm mit Trost zu füllen. Friedrich Wilhelm sah ihre feine Silhouette und ihre liebe Nähe ward ihm warm und vertraut wie nie zuvor. Und indessen sich ihre Gedanken unablässig mit der Frage beschäftigten, ob und wie dieser Tag sie auf die Spur des Vaters bringen würde, reifte in seinem Herzen der Entschluß, sie heimzuführen, mochte sie gleich zehnmal eine Tochter des römischen Antichrists sein oder wie seine Mutter sie sonst genannt hatte. Und wenn sein Großvater, der Pastor, sich wirklich dieserhalb im Grabe umdrehen sollte, er würde es doch tun, denn das Leben gehöre den Lebenden und nicht den Toten. Es gebe eine katholische Wahrheit und eine evangelische Wahrheit, suchte er sich klarzumachen, und ob die wirkliche Wahrheit nicht noch ganz anders aussehe, das wisse man nicht. Dabei gedachte er des Romans in Briefen »Der Proselyt«, den er kürzlich bei seiner Mutter gefunden und ein wenig angelesen hatte. Darin bekehrte der Protestant den Katholiken, während gleichzeitig dieser ihn, womit die Mutter freilich weniger einverstanden gewesen war, zum Katholizismus bekehrte .... Und sein Geist verlor sich auf ungewohnten philosophischen und theologischen Gedankengängen, die alle von einem Mittelpunkt ausgingen und immer wieder zu ihm zurückführten, und der hieß Antoinette. Mochte sie nun eine Hexe sein, oder eine resolute Person, mochte sie ihm Söhne schenken oder Töchter – sie war ein liebes Mädchen, dem man auch auf der Lebensfahrt die Zügel wohl überlassen konnte. Und hatte sie in ihrer Not sich nicht gerade an ihn gewandt? War er nicht dadurch zu ihrem Beschützer berufen? Sie, die Vaterlose, die Heimatlose, sollte bei ihm alles wiederfinden, und wie er seine Mutter kannte, würde sie, vor die fertige Tatsache einer Verlobung gestellt, Antoinetten das Leben nicht schwer machen. – Es war ein guter Blick, mit dem sein Auge immer wieder auf ihrem dunklen Antlitz ruhte. – Da ging die Sonne auf, und während Antoinette die bange Frage bewegte, ob und wo und wie der Vater jetzt wohl das liebe Licht des Tages begrüßen würde, sah Friedrich Wilhelm bei einer plötzlichen Biegung des Weges das kräftig geschnittene Profil des Mädchenkopfes an seiner Seite einen Augenblick wie auf Goldgrund stehen oder wie von einem Heiligenschein umwoben. Sie sprachen wenig, und als sie Herrn Jeanbons Jagdgründe erreichten, lenkte Antoinette in diese ein, die sie so gut kannte, und überließ dann den Schimmeln, welche Wege darin sie laufen wollten. – Sie litt unter der grausamen Heiterkeit der Natur die, unbekümmert um menschliche Sorgen und Nöte, so ganz wie immer sich gab. Die Luft war voll herbstlicher Würze und die Sonne spielte mit den tausend bunten Farbtönen der Bäume, Sträucher und Gräser, die in einer letzten Lebenslust erglühten. Zuweilen sprang ein Hase über den Weg oder ein Fasan lief mit lautem Ruf querfeldein, aber von den beiden Vermißten fand sich keine Spur. Die Schimmel schienen ganz ziellos hinzutrotten. Da lenkte Antoinette sie wieder auf die Landstraße und erst unmittelbar vor der kleinen Maasstadt gab sie ihnen von neuem die Freiheit. Mochten die Tiere nun eine ungewollte Bewegung der Zügel mißverstanden haben oder eine Erinnerung in ihnen erwacht sein: sie bogen plötzlich in eine dunkle Allee ab, die zu einer alten Abtei führte, liefen durch deren weit offenstehendes Hoftor und machten vor einem Stallgebäude Halt. Alsbald wurden Schimmel, Wagen und Insassen neugierig von einer Schar kleiner Mädchen betrachtet, denn in der alten Abtei betrieben jetzt Ursulinerinnen eine Erziehungsanstalt. Antoinette ließ sich zur Domina führen, die alsbald Nonnen, Zöglinge und Gesinde zusammenrief. Aber niemand wußte etwas auszusagen. Während danach die Schimmel im »Wapen van Amsterdam« Futter und Ruhe fanden, wiederholten Friedrich Wilhelm und Antoinette den Besuch beim Bürgermeister, der versicherte, daß die bisher leider ergebnislosen Nachforschungen fortgesetzt würden, übrigens kein Hehl daraus machte, daß seine Hoffnung gering sei. – Die Zeit bis zur Heimfahrt war im Verhältnis zu den Sehenswürdigkeiten der sonntäglich träumenden kleinen Grenzstadt reichlich lang. Endlich saßen sie wieder im Wagen und fuhren, die prachtvoll untergehende Sonne im Rücken, den Jagdgründen Jeanbons zu. Während in Friedrich Wilhelm Wolfs Herzen Abendgedanken und Morgengedanken einander ruhig und innig bestätigten, empfand er deutlich, daß Antoinette ihm etwas zu sagen hatte. Endlich begann sie: Sie könne dieses Leben nicht länger ertragen. Sie werde ihr Haus bestellen und nach Frankreich reisen, um von dort aus in Verbindung mit der Familie Besnard de Vivie Nachforschungen anzustellen, für die sich dort möglicherweise neue Anhaltspunkte finden lassen würden. Sie werde wohl nicht zurückkehren, jedenfalls würde sie ohne den Vater nicht auf Haus Duynberg leben mögen. Herrn Wolf sei und bleibe sie herzlich dankbar für alles und sie vertraue, daß er ihr auch ferner beistehen, auch ein Auge auf das Besitztum ihres Vaters haben werde, bis dieser etwa doch noch zurückkehre oder sich ein Käufer finde. Und als Friedlich Wilhelm, aufs äußerste überrascht und beinah aus der Fassung gebracht, zögernd und unsicher sich auszusprechen anfing, da sah sie ihn mit einem vollen Blick ganz freundlich und unbefangen an und sagte Nein und daß sie, auch wenn sich dieses Unglück nicht ereignet hätte, niemals Ja gesagt haben würde. Und mit einer freien und anmutigen Bewegung reichte sie ihm über die Zügel hin ihre Hand, die er ehrerbietig küßte. Frau Maria Magdalena Wolf, die Pastorentochter, benutzte jetzt zuweilen einen abendlichen Gang zum Friedhof, um unauffällig im blaugetünchten Weberhäuschen vorzusprechen und sich in der Heilsgewißheit kräftigen zu lassen. Was verschlug es ihr, daß Pastor Kranevoß Herrn Schlüpjes einen Irrlehrer und Sektierer schalt – Doktor Latschert sprach ja von ihrem teuren Hahnemann auch als von einem Kurpfuscher und Charlatan und doch taten ihr dessen Kügelchen und Pülverchen so sichtlich gut. Und wie vielen hatte sie schon damit geholfen, denn ihre kleine Taschenapotheke hatte sie immer bei sich, mochten die Söhne sie darob auch »unser Pulvertürmchen« heißen. Zu Pastor Kranevoß hatte sie ohnehin kein rechtes Verhältnis. Zwar wäre es ihr so wenig eingefallen, Sonntags seinem Gottesdienst fernzubleiben, wie es etwa ihrem Ältesten in den Sinn hätte kommen können, seine Steuern nicht mehr zu bezahlen. Aber sie mußte Kranevoß immer mit ihrem guten Vater vergleichen, was ihre Andacht störte, und dann hatte er ihr auch nicht viel zu geben. Nur durch zwei Dinge fühlte sie sich mit ihm verbunden. Das eine war die Hengstenbergische Kirchenzeitung, die sie gemeinsam hielten, und darin immer manches stand, was er ihr später erklären mußte, aber zuweilen mußte sie auch ihm einmal etwas erklären, so den Aufsatz vom Prediger Lange, der »Das Reich der Herrlichkeit« hieß und eine Vision war, für die jenem das Verständnis versagt schien. Und das andere war die Bekehrung der Heiden, die ihnen beiden am Herzen lag. Denn die drei rheinischen Missionsvereine hatten sich um 183o in Barmen zur Rheinischen Missionsgesellschaft zusammengeschlossen, um die Ausbreitung des Evangeliums selbständig und in größerem Umfange zu betreiben, und der fromme Inspektor Richter besaß an Frau Maria Magdalena eine immer opferwillige Freundin. Nach all dem Schweren, das die Jahre ihr gebracht, war ihre Seele den Weg vom Rationalismus zum Pietismus gegangen, den zu jener Zeit so viele sich suchten. Für einzelne Strecken waren wunderliche Heilige ihr Führer gewesen, zu denen Kranevoß wohl den Kopf schütteln mochte. So die Schriften des ehemaligen Kaplans Lindl, zu dessen Predigten unter freiem Himmel in seiner bayerischschwäbischen Heimat einst Zehntausende heilshungriger Menschen zusammengeströmt waren, bis das augsburgische Ordinariat der Sache ein Ende gemacht hatte. Und der dann auf jahrelangem Umwege über St. Petersburg und Südrußland endlich als evangelischer Hilfsprediger nach Barmen gekommen war, allwo sich natürlich auch um ihn ein richtiges Sektlein gebildet hatte. Aber schließlich war es doch Herr Schlüpjes, der Totengräber, der auf ihre seufzende Frage, was das Leben sei, die besten Antworten wußte. Dieser seinerseits hielt es nicht für einen Raub, solche freundliche Beziehung zu der Vertreterin eines Kreises, dessen Angehörige er im allgemeinen je nachdem »Kinder der Welt« oder »Mammonsknechte« nannte, zugunsten der beiden Enkelsöhne ein wenig auszunutzen, die er zu erziehen hatte. Vor zwölf Jahren nämlich hatte seine älteste Tochter in Düsseldorf, wo die Mutter sie mit so viel Vorsicht in einer christlichen Familie als Dienstmädchen untergebracht, einen Musikus namens Ritter kennen gelernt. Das war ein begabter Mensch, aber ein allzu lustiger Bruder und dazu arm wie eine Kirchenmaus. Über seine Armut hatte ihn einst sein Lehrer, Goethes alter Freund Zelter, getröstet: er dürfe nur brav auf seiner Klarinette blasen, dann würde er manchen Dukaten herauspusten. Das gelang ihm auch ganz leidlich, aber er verjuxte sie alle. Er sah dann auch ein, daß er jemand brauchte, der sie ihm festhielt, und solcher Aufgabe fühlte Hannchen Schlüpjes sich gewachsen. So war sie ihm denn, nicht zur Freude der Eltern, die sich aber schließlich ihren zwingenden Argumenten fügen mußten, als Gattin nach Berlin gefolgt, wohin Zelter bei guter Gelegenheit den Schützling und einstigen Schüler zurückgezogen hatte. Im Jahre 1831 nun war sie und alsbald auch ihr Musikant der Cholera zum Opfer gefallen, dem russischen Gast, der übel in Deutschland hauste und auch Größere zu den Toten entbot: Gneisenau ungeachtet seines Feldherrnruhms und Hegel, »den preußischen Normalphilosophen«, dessen Philosophie trotzdem ihre Herrschaft über den deutschen Geist antrat. Da hatte sich dann freilich gezeigt, daß das Kompagniegeschäft mit den Dukaten noch kein Goldgrüblein gewesen war. Gleichwohl aber hatte Herr Schlüpjes gottergeben die beiden Buben zu sich genommen, die jene hinterlassen. Die kleinen Berliner hatten in der neuen Heimat ihrer Sprechweise wegen viel von den Altersgenossen auszuhalten, waren aber weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen. Der ältere, Wilhelm, den der Großvater Willemken rief, während die andern Jungen ihn Wimm nannten, war so entschieden der begabtere, wie er der hübschere und gewandtere war. Er wußte das und wußte auch, daß der Großvater ihn verzog, weil er sich mit weisen und frommen Redensarten gelegentlich wichtig zu machen verstand. Michel, der jüngere und zuverlässigere, hielt es für selbstverständlich, daß jedes neue Kleidungsstück zuerst von Willemken getragen ward. Er sah mit unverhohlener Bewunderung und Ergebenheit zu dem um zwei Jahre älteren, feinen Bruder auf, zu dessen Sprüchen er freilich wohl den Kopf schüttelte, zumal ihnen beiden durch solche die Existenz unter den eingeborenen Jungen nur erschwert ward. Michel erfreute sich größeren Mutes und derberer Fäuste als Wilhelm und hielt es daher für seine Pflicht, diesem beides gelegentlich zugute kommen zu lassen. – Einmal hatte der Großvater, als er nach seiner Gewohnheit mittags in der Haustür sich ein wenig sonnte, beobachtet, wie sein Willemken auf dem Heimweg aus der Schule von vier andern Schlingeln behelligt und endlich gestellt und umzingelt ward. Schon schwang einer der kleinen Feinde drohend den ausgezogenen Holzschuh und der Großvater, der die Gefährlichkeit dieser Waffe kannte, wollte sich gerade einmischen, als Michel angelaufen kam, noch im Laufen den Schulranzen abstreifte und den Klompschwinger überrannte. Dann stürzte er sich auf einen der andern und nach wenigen Minuten verließen die Brüder als Sieger den Kriegsschauplatz, ein paar Steine, die an ihnen vorbeisausten, gelassen vormerkend. Als sie aber näherkamen, hörte Schlüpjes mit Vergnügen den Schluß ihrer Auseinandersetzungen: »Ik kann dir aber doch nich immer raushauen!« meinte der Kleinere warnend. Darauf Willemken vorwurfsvoll: »Ja, wenn se mir aber doch einkreisen!« ... »Schafskopp, laß dir nich einkreisen!« Wirklich erreichte Schlüpjes mit der Zeit manches für seine Enkel. Es fing damit an, daß sie an den schulfreien Samstag- und Mittwochnachmittagen bei schönem Wetter zuweilen mit Pinchen und der zarten Regine spielen durften oder daß bei schlechtem die Großmutter den vier Kindern schöne Geschichten aus der »Urania« vorlas oder Märchen erzählte. Beim Zuhören wie beim Spielen fehlte auch ein vierbeiniger Teilnehmer nie. Das war Hauser, der Hund, der anders war als andere Hunde, Hauser, der Hund, der sein Geheimnis hatte. Nicht nur, daß die Ansichten über seine Abstammung und Rasse weit auseinandergingen: auch seine Herkunft war in Dunkel gehüllt. Es war kurz nach Gebrielens Tode gewesen, daß bei ihren kleinen Mädchen, die, von der Wärterin »verwahrt«, in der Nähe des Gartenhauses sich aufhielten, ein ziemlich großer brauner Hund sich eingefunden hatte, unmittelbar an dem Wägelchen der zarten Regine mit selbstverständlichem Behagen sich auf den feinen Sand in die Sonne legend. Als gegen Mittag die Kinder ins Haus gebracht wurden, war er mitgelaufen, und als ihr Vater ihn hinauswies, hatte er sich in den Hof gelegt bis sie wiederkämen. Das hatte sich gegen Abend wiederholt und wiederholte sich ein paar Tage hindurch immer wieder. Wenn Anton morgens das große schmiedeeiserne Hoftor öffnete, stand der Hund schon wartend davor. Niemand kannte ihn, niemand schien ihn zu vermissen. Da hatte Johannes vorgeschlagen, man solle den Hund doch behalten und ihm eine Hütte in den Hof stellen. Wegen seiner dunklen Herkunft könne man ihn ja Hauser nennen und, um ihn von jenem rätselhaften Jüngling in Bayern zu unterscheiden: »Hauser, der Hund« sagen. Denn der unbekannte Findling von Nürnberg war rasch in ganz Deutschland berühmt geworden. Und so geschah's denn auch. Als aber am nächsten Sonntagnachmittag Frau Maria Magdalena nach ihrer Gewohnheit mit dem kleinen Pinchen zum Friedhof ging und Hauser, der Hund, das Kind zu begleiten sich anschickte, dachte sie, daß sie ihn ja, während sie die Gräber besuchten, bei Herrn Schlüpjes einstellen könnte, wo Willemken ihn schon betreuen würde. Unterwegs achtete sie nicht auf ihn, und als sie vor dem blaugetünchten Weberhäuschen anlangten, war der Hund fort, wie sie annahm, wieder nach Hause gelaufen. Sie besuchten zuerst die Pieperschen Gräber. Als sie danach an das Wolfsche Erbbegräbnis traten, lag an Gabrielens Grab zu Füßen der großen Platte Hauser, der Hund. – Da erschrak Frau Maria Magdalena im innersten Herzen: was hatte den Hund gerade an dieses Grab geführt? Sie konnte sich lange nicht entschließen, über dies Seltsame zu sprechen, aber sie machte sich fortan absonderliche Gedanken über Hauser, den Hund, und seine Sendung. Von dieser Zeit an begann sie den Fragen der übersinnlichen Welt auf eine neue Weise sich zuzuwenden. Und Justinus Kerners »Seherin« und seine »Blätter aus Prevorst« mögen am Niederrhein nicht viele eifrigere Leser gefunden haben, als des seligen Pastors Pieper Tochter. – Doktor Latschert aber, als sie ihm zuerst von Kerner sprach, meinte gelassen, dergleichen Hokuspokus werde ja auch in Bonn getrieben. Und er erzählte ihr von Professor Joseph Ennemoser, der, einst Schreiber bei Andreas Hofer, dann Jäger im Lützowschen Freikorps, bald nach der Gründung der Universität sich dort habilitiert habe und nun eine Leuchte der auf einer Verquickung von Naturwissenschaft und Mystik beruhenden, mit dem sogenannten tierischen Magnetismus experimentierenden Heilkunde sei. Er, Latschert, habe als Student sich jenem geflissentlich ferngehalten und nur ein einziges Mal aus purer Neugier in Ennemosers Kolleg sich mitnehmen lassen. Mit dem aber, was er da zu hören bekommen, sei sein Bedarf an dergleichen für den Rest seines Lebens völlig gedeckt. Ennemoser habe etwa ausgeführt, alles müsse magnetisiert werden, sogar die Kinder im Mutterleib, damit sie als um so kräftigere Weltbürger ans Licht träten, und die Bäume, damit sie um so zahlreichere und schönere Früchte hervorbrächten. Der Magnetismus sei so alt wie die Welt. Schon Adam und Eva hätten ein magnetisches Leben geführt, aber mit dem Paradies sei leider ein gut Stück Magnetismus verloren gegangen, weswegen denn auch heute die wirksamsten magnetischen Kuren in der Kirche vorgenommen würden. Die Menschen sollten daher nicht gelehrt sein wollen, keine Erfahrungen sammeln wollen aber Eines sollten sie, nämlich geistlich werden, den Leib ablegen; das zeitliche Suchen aufgeben und dem Ewigen nachstreben. Denn bevor nicht Ein Gott, Eine Kirche, Ein Glaube und Eine Liebe, Ein Hirt und Ein Schafstall sei, könne auch der Magnetismus nicht allgemein werden. – »Ein Hirt und Eine Herde«, verbesserte die Pastorentochter, aber Doktor Latschert bestand darauf: Nein, »Ein Schafstall« habe Professor Ennemoser gesagt. Hauser, der Hund, fuhr fort, Gabrielens Kinder zu behüten. Aber als es sich dann begab, daß die zarte Regine in den Bach fiel und er sie herauszog, da wußte Willemken den eigenen bescheidenen Anteil an solchem Rettungswerk so kräftig zu betonen, daß er selber und nicht Hauser, der Hund, in den Augen der Großmutter Wolf wie in seinen eigenen zu »Reginens Lebensretter« ward, und nun gelang es unschwer, Friedrich Wilhelm für die großväterlichen Zukunftspläne des frommen Webers zu gewinnen. Zunächst erhielt Willemken lateinischen und griechischen Unterricht beim Pastor Kranevoß, der den begabten Jungen in wenigen Jahren für die Obertertia eines Gymnasiums reif zu machen versprach. Es war merkwürdig, wie verschieden in den beiden Brüdern Friedrich Wilhelm und Johannes Wolf das Erbe des einstigen Maire: Weltbürgertum mit deutschem Einschlag, sich entwickelt hatte. Deutscher als der Vater waren beide geworden. Beide beklagten die staatliche Ohnmacht und Zerrissenheit der Nation und beide empfanden die beiden Hauptfehler der Deutschen: Ausländerei und Bedientenhaftigkeit, als erbärmlich. Aber der bewegliche und in einem tätigen und geselligen Leben stehende Friedrich Wilhelm versprach sich alles Heil von der überragenden deutschen Geistigkeit, von den Philosophen und Dichtern (die zu lesen er keine Zeit fand), von deutscher Wissenschaft und Kunst (über die er sich aus der Zeitung unterrichtete), von fortschreitender Gesittung und zunehmendem Wohlstand. Das alles und dazu die Entwicklung der neuen Verkehrsmittel werde die Deutschen immer fester verbinden, für die andern Völker sie immer unentbehrlicher machen, mit der Zeit ihnen auch mehr innere und äußere Bewegungsfreiheit gewähren. Johannes dagegen, der Grübler und Einsiedler, sah nur in einem starken, wenn auch zunächst noch herzlich unsympathischen Preußen die Möglichkeit zu einer schöneren und größeren deutschen Zukunft. Er glaubte die Linie zu erkennen, die von den »Bauern von geringem Gut« über den Großen Kurfürsten, den tüchtigen Soldaten- und Beamtenkönig Friedrich Wilhelm I. und Friedrich den Großen zu den Befreiungskriegen und weiter zu künftiger deutscher Macht und Einheit führe. Und er vertraute, daß diese Linie durch die zufällig regierende oder mißregierende Persönlichkeit des preußischen Königs zwar gebogen, aber nicht gebrochen werden könne. Das hatte ja doch erst der Befreiungskampf deutlich genug gezeigt, zu dem schließlich doch auch »der König kam, als alle, alle riefen«. Zu erkennen, daß des deutschen Volkes Beruf und Sendung Leiden heißt, daß seine ganze Geschichte ein Leidensweg ist, das ist beiden Brüdern erspart geblieben. Friedlich Wilhelm Wolf, dem während seines Aufenthaltes in England die größere bürgerliche Freiheit dort Eindruck gemacht hatte und dem auch noch so manches gegenwärtig war, was der selige Vater von der liberalen Gesinnung und den angenehmen Verkehrsformen der französischen Beamten erzählt hatte, hielt nicht viel von der deutschen Beglückung durch Preußen. Ihm schien dieses Land in seinem innersten Kern dem Absolutismus, dem militärischen Drill und einem mißtrauischen und anmaßenden Polizei- und Beamtentum verfallen, und seine Hoffnung war, daß die freiheitlicheren Südstaaten, wie sie ja auch zum Teil schon eine ganz annehmbare Verfassung hätten, sich zu einem Staatenbunde zusammenschließen würden, um dem preußischen Dünkel und dem österreichischen Dunkel entgegenzuarbeiten und ein aufrechtes deutsches Bürgertum heranzubilden. Johannes meinte dann wohl, ihm wäre ein Bundesstaat unter Preußens fester Führung lieber als ein Staatenbund, der französischen Wind in den Segeln seiner Verfassungen hätte. Die preußische Heeresorganisation aber, dieses Volk in Waffen, schiene ihm die einzige vernunftgemäße und menschenwürdige – aus eigner Anschauung kannte er sie freilich so wenig wie sein Bruder die deutschen Philosophen und Dichter, – und was das preußische Beamtentum beträfe, so sähe er darin, trotz der gelegentlichen Überheblichkeit einzelner seiner Vertreter bei der anerkannten Tüchtigkeit und Rechtlichkeit des Ganzen doch die Keime einer wertvolleren neuzeitlichen Aristokratie. Allerdings bedürfe der Beamte, wie er das Volk zu Bürgern zu erziehen hätte, auch selber der Erziehung durch den Bürger. Wer aber wie sein lieber Bruder den heimlichen Wunsch hätte, Königlich Preußischer Kommerzienrat zu werden, der sei wohl nicht zu solcher Beamtenerziehung berufen, noch weniger aber berechtigt, das preußische Beamtenwesen abzulehnen. Denn letzten Endes wolle doch der Bürger, indem er sich mit jenem pompösen Titel bekleiden lasse, den Anschein erwecken, als ob er auf irgendeine Weise zum Berater des Königs in kommerziellen Dingen bestellt und also gleichsam auch ein Königlicher »Beamter« sei. Ein harmloser Täuschungsversuch zwar, weil jedermann wisse, daß der König nicht annähernd so vieler kommerziellen Ratschläge bedürfe, wie er Kommerzienräte ernenne. Immerhin sei solches Streben nicht gerade als ein Zeichen besonderen bürgerlichen Stolzes anzusprechen. – Ihm, Johannes, wolle übrigens scheinen, als ob nicht, was das Beamtentum aus dem öffentlichen Leben mache, das Bedenkliche sei, sondern, was die Gesellschaft daraus mache, die nun ja leider mehr und mehr an die Stelle der großen ehrwürdigen Lebensmächte: Familie, Volk, Staat, Kirche, sich selber setzen wolle, diese undefinierbare und unverantwortliche Masse, an der kein »Pack-Ende« sei ... Da müsse er freilich sagen, daß ihm dies einer allgemeinen Auflösung nahezukommen scheine, indem die Gesellschaft das persönliche wie das öffentliche Leben mit bewußter und unbewußter Lüge durchsättige. Sie predige Pflichten, die niemand erfüllen wolle. Im Reden und Urteilen lege sie Maßstäbe hoher Sittlichkeit an, während sie wisse und ungeahndet lasse, daß beim Handeln Furcht und Eitelkeit und Eigennutz den Ausschlag geben. So sei die Gesellschaft der Menschen untereinander recht eigentlich ein Abbild der »Politik« genannten Beziehungen der Völker zueinander, die ja auch von der freilich nicht eingestandenen Annahme ausgehe, das Sittliche sei nur zu dekorativen Zwecken verwendbar. Und doch gebe es nichts Gesundes und nichts Weiterführendes weder zwischen Mensch und Mensch, noch zwischen Volk und Volk, das nicht in der Sittlichkeit verankert sei. In dem einfachen Wort, über das alle gesellschaftliche und politische Klugheit nicht hinauskomme: »Alles nun, was ihr wollet, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch – das ist das Gesetz und die Propheten.« Die Revolution habe dieses Licht ja auch von neuem über den Völkern aufgehen lassen wollen, aber da sei der nationale Egoismus Napoleons dazwischengetreten und seitdem umdunkle sein Schatten die Menschheit. Es war am 30. Juni 1834, als die »Gesellschaft«, die im besondern Johannes mit so hartem Urteil gewiß nicht hatte treffen wollen, durch ein »gediegenes Herrenessen« am Vorabend ihres Stiftungsfestes ihr erstes Vierteljahrhundert würdig abzuschließen gedachte. Das Fest selber sollte durch einen Ausflug gefeiert werden, dem durch ihre Beteiligung die rechte Weihe zu geben die Damen zugesagt hatten. Daß die Herren für solche Unternehmung sich gehörig stärken mußten, leuchtete auch den Damen ein, um so mehr, als sie selber dann ungestört den letzten Vorbereitungen einer sommerfestlichen Bekleidung sich hingeben konnten, denn sie gedachten keineswegs nur im Negativen den Lilien auf dem Felde vergleichbar zu erscheinen, und hier und da war doch noch ein Volant anzusetzen, eine Schärpe auszubügeln, oder eine Blume aufzunähen. Und Mamsell Wolff (auf deren zwei f ausdrücklich aufmerksam zu machen Frau Maria Magdalena früher zuweilen für richtig gehalten) hatte so über die Maßen viel zu tun, daß sie seit vierzehn Tagen vor lauter Arbeit nicht dazu gekommen war, auch nur eine Zeile von ihrem über alles geliebten Clauren zu lesen – eine Entbehrung, für deren Härte ihre Kundinnen volles Verständnis hatten. Nein, man durfte ihr nicht noch mehr zumuten, man mußte Geduld haben oder sich ohne sie behelfen. Wieviel aber konnte morgen von einer Kleinigkeit abhängen .... Ein wunderschöner Sommertag ging zu Ende. Aber es war sehr heiß gewesen und der Königliche Flußbaudirektor Regierungsrat Ohnegroll aus Düsseldorf – er war erst kürzlich aus dem Osten an den Rhein versetzt worden und der Regierungspräsident war ein Studienfreund von ihm – der mit zwei technischen Hilfskräften viele, viele Stunden lang in der Sonne einem langsam der Maas zustrebenden Gewässer kritisch nachgegangen war, der freute sich, als ihn endlich der »Schwarze Adler« gastlich aufnahm, indessen seine beiden Beamten sich eine bescheidenere Unterkunft suchten. Während er in seinem Zimmer den äußeren Menschen auffrischte und in seinem Herzen beratschlagte, welche Genüsse er dem innern unter den Kastanien des Hotelgartens bieten sollte, fielen ihm die schwarzgekleideten Herren auf, die einzeln, paarweise oder in heitern Trüpplein über den Marktplatz dem »Schwarzen Adler« zustrebten. Eine Stunde später, als der Regierungsrat seinen Tisch im Garten gefunden und den ersten Hunger gestillt hatte, rief er den Kellner heran und fragte ihn, was denn hier los sei, denn aus den weitgeöffneten Fenstern des Gesellschaftsraumes drang der fröhlichste niederrheinische Festlärm. Der Kellner gab ihm die gewünschte Aufklärung, nicht ohne sich mit Vergnügen in einen umständlichen Bericht über die »Gesellschaft« und ihr Fest einzulassen, das ja ohnehin in diesen Tagen das Stadtgespräch bildete. – Da freute sich der Regierungsrat, dem schon das gute und reichliche Essen (dessen Üppigkeit er nun verstand) Eindruck gemacht hatte, aufs neue des weisen Entschlusses, gerade hier und nicht im »König von Preußen« der nahen Kreisstadt eingekehrt zu sein, wo ihm die mögliche Gesellschaft des Landrats vielleicht zu einer Partie Whist verholfen, aber wahrscheinlich nicht viel Neues gesagt haben würde, während er hier ganz zwanglos die Volksseele studieren und feststellen konnte, wie sich die nach Besitz und Bildung maßgebenden Kreise einer Bevölkerung, die immerhin noch keine zwanzig Jahre des Segens der preußischen Regierung genoß, mit der Neuordnung der Dinge abgefunden hatte. Denn daß »der kleine Mann« solchen Segen noch unterschätzte, das war ihm heute im Gespräch mit einem Bäuerlein klar geworden, das erbärmlich geklagt hatte, weil sein einziger Junge »Prüß werden« müsse. Und er war durchaus nicht sicher, ob er jenen überzeugt hatte, daß es für seinen Sohn nützlich und ehrenvoll sei, drei Jahre lang des Königs Rock tragen zu dürfen. – Leider war aus dem Stimmengewirr der den Tafelfreuden sich Hingebenden vorerst wenig zu verstehen. Aber das würde schon besser werden. Und nachdem der Regierungsrat, gesättigt, die versilberten Waffen gestreckt hatte, rief er den Kellner wieder heran und hieß ihn mit der Begründung, daß es hier ziehe, die zweite Flasche auf einen Tisch zu stellen, den der Anbau des Gesellschaftsraumes vor jeder Bewegung der Luft zu schützen schien. Ein Windlicht, das jener anbot, lehnte er ab: er wolle nur noch ein wenig meditieren und dann schlafen gehen. Zunächst nun sah er sich freilich in seinen Erwartungen getäuscht: Zu verstehen war auch hier nicht allzuviel. Und vielleicht war das gut. Denn einigen Schelmen der Gesellschaft war es richtig gelungen, zwei sehr selten erscheinende und wenig beliebte Mitglieder beim Nachtisch in eine lebhafte Debatte zu bringen: Pastor Kranevoß und Johannes Wolf, die anscheinend zufällig nebeneinander saßen, die geöffneten Gartenfenster im Rücken. Eine von vielen Zwischenrufen durchkreuzte Debatte, die damit begonnen, daß Johannes geäußert hatte, soviel er sehe, fehle den Deutschen überall der rechte Mittelpunkt. Alles sei Peripherie ohne Zentrum. Da hatte Pastor Kranevoß geantwortet, die deutsche Bildung sei doch wohl ein solcher Mittelpunkt, um den sich, wie ihm scheine, mit der Zeit das gesamte Leben der Nation kristallisieren könne. Johannes widersprach: der deutsche Gedankenüberfluß sei recht eigentlich die deutsche Krankheit. Alles werde von des Gedankens Blässe angekränkelt und als von einem Mittelpunkt des deutschen Lebens könne von der deutschen Bildung nicht die Rede sein, solange sie sich auf ganz enge Kreise beschränke. Sogar diese aber befänden sich in der heillosesten Zersplitterung und Verwirrung, indem jeder der führenden Männer sich zu einem kleinen Papst auswüchse, während das Volk Not litte. Da nun hatte der Pastor es mit der deutschen Literatur versucht und auf Herder, Goethe und Schiller hinweisend gemeint, die deutsche Dichtung sei doch recht eigentlich das alle umspannende und untrennbar zusammenhaltende Band. Aber Johannes hatte auch das abgelehnt: auch die deutsche Dichtung wäre nur für ganz kleine Kreise vorhanden. Das Volk hätte gar nichts davon, daß Herder, Goethe und Schiller in den Bücherschränken der Gebildeten ständen. Es gäbe nicht einen einzigen Dichter, der aus den Tiefen der deutschen Seele schöpfend, ursprünglich und groß geartet, dem Volke bedeutende und einfältige Kunst zu bieten hätte, Brot, nicht Kuchen. Und selbst den Gebildeten – was sei ihnen Goethe? »Der größte deutsche Dichter« – gewiß. Aber doch »Achtzehntes Jahrhundert«, wenn auch mit einzelnen Ewigkeitswerten. Auch er lese zuweilen den ersten Teil des Faust oder in den Jugendgedichten. Aber der deutsche Geist des gegenwärtigen Jahrhunderts habe für ihn in Alexander von Humboldt einen ungleich stärkeren Ausdruck gefunden als in der alten Exzellenz, die vor zwei Jahren in Weimar gestorben sei. Hier mischte der neue Amtsrichter sich ein, der wenig beliebt war, weil er immer tat, als sei der Aufenthalt in dem »Baumwollnest« seiner und seiner Gattin unwürdig: Was die Herren denn nur zu seinem Kollegen Karl Immermann sagten? Daß dieser als Jurist und preußischer Beamter poetische Bücher schreibe, würde ihn ihm, falls er sein Vorgesetzter wäre, nicht gerade empfehlen. Daß er aber jetzt auch noch unter die Komödianten gegangen sei und in Düsseldorf ein Theater nach neumodischen Grundsätzen einrichten und leiten wolle, das sei doch ganz unerhört. Dabei gebe er dort der ganzen Stadt ein Ärgernis, indem er mit einer sogenannten Freundin zusammen Hause, die noch dazu von gutem alten Adel sei. Der entrüstete Amtsrichter ergriff sein volles Glas: »Ein Skandal! ein richtiger Skandal!« schrie er und leerte es auf einen Zug. – Einige Herren grinsten. Der Pastor schüttelte mißbilligend das nach seiner Gewohnheit ein wenig schräg vorgestreckte Haupt, schien sich aber auf das Moralische nicht einlassen und das Theater mit der flüchtigen Bemerkung abtun zu wollen, daß, was Schillern nicht gelungen sei, auch diesem Herrn Immermann nicht gelingen werde. Dann aber, indem er Johannes mit dem linken Auge durchbohrte, während das rechte auf der Gipsbüste Friedrichs des Großen ruhte, rief er, sich auf seine eigenste Domäne zurückziehend mit erhobener Stimme – so gut hatte der Regierungsrat draußen noch nichts verstehen können –: »Die Kirche, lieber Freund, für mich natürlich in erster Linie unser teurer evangelischer Glaube, aber ich schließe auch die katholische Kirche nicht aus, die Kirche ist und wird der große deutsche Mittelpunkt, den Sie suchen. Ach, widersprechen Sie mir nicht – und er griff nach seinem Glas – das Reich Gottes, sehen Sie, Ein Hirt und Eine Herde – à votre santé .« Aber Johannes, indem er mit ihm anstieß, widersprach ihm doch, und zwar mit einer durch den Wein noch gesteigerten Offenheit, Er glaube das nicht. Nur die negative Seite der Reformation sei begriffen und weitergeführt worden und heute seien unter den Protestanten viele, die nach der verlorenen römischen Kirche seufzten. Der Pastor runzelte die Stirn. Aber Johannes ließ sich nicht einschüchtern. Die Theologie habe sich überlebt, fuhr er fort, weil sie nicht verstanden habe, das Dogmatische den Zeiten gemäß weiterzuentwickeln. In der Kirche werde den Menschen Moral gepredigt nicht herzliche Erbauung und lebendige Erhebung zu Gott geboten. Das Gesetz des Christentums sei aber doch ursprünglich auf Freiheit und Liebe gegründet gewesen, nicht auf die Sklaverei der Pflicht oder den dürren Begriff der Tugend. Die Folgen seien nicht ausgeblieben. Es gebe doch eigentlich nur noch Unglauben oder Mystik und die wenigen Frommen flüchteten sich in Weberhäuschen wie die ersten Christen in Katakomben. ... Einige lachten. Der Pastor aber war in sichtlicher Erregung ... Da schlug Friedrich Wilhelm an sein Glas und erhob sich stattlich. Er hatte das Gefühl, gleichzeitig dem Bruder und dem Pastor zu Hilfe kommen und die heitre Feststimmung des Abends retten zu sollen. Hochaufgerichtet stand er da, die Rechte mit den zwei Goldreifen des Witwers leicht auf den Tisch gestützt, die Zigarre in der Linken. Sein gutes, offnes Gesicht glänzte im Widerschein des Weines von Wohlwollen und Behagen. »Ganz wie der selige Papa,« raunte ein weißhaariger Herr dem Nachbar zu. »Nur jet jrößer,« gab dieser zurück. Was er sagen wollte, wußte Friedrich Wilhelm noch nicht recht, aber die Worte würden ihm schon einfallen. Und sie fielen ihm ein. Er begann mit Preußen und er blieb bei Preußen. Preußische Zucht und preußische Führung, Er reihte die Sätze aneinander, wie ihm die Erinnerung an so viele politische Auseinandersetzungen mit dem Bruder die Gedanken eingab. Er merkte nicht, daß er sich mit fremden Federn schmückte, daß es lediglich die politischen Ansichten des Bruders waren, die er so kräftig vertrat, daß er die eigenen gleichsam nur als zu widerlegende Einwürfe behandelte. Mit starken Worten pries er Preußen als Band und Mittelpunkt der deutschen Einheit .... Der Regierungsrat draußen lauschte innigst beglückt. Welch ein prachtvoller Mann in diesem Nest! Den mußte er sehen! Er blickte um sich. Im Garten war niemand mehr. Nicht ohne Mühe kletterte er, indessen Friedrich Wilhelm Wolf soeben mit erhobener Stimme von der »beselijenden Macht des Preußenjeistes« sprach, auf seinen Gartentisch. Da sah er dem Redner gerade ins Gesicht, der dem Fenster zugewendet dastand. Wirklich ein prachtvoller Mann! Und Witwer ist er auch – den Regierungsrat durchschoß ein rascher Gedanke an seine verblühende Adelheid. – Wer war denn sonst noch da? Unmittelbar vor sich, zwischen sich und dem Redner, erblickte er eine ungeheure, bewegungslose Glatze. Im Rauch der Pfeifen und Zigarren und von dem Licht leicht bewegter Kerzenflammen beschienen, rahmten etwa dreißig Herren mit klugen und weniger klugen, müden und angeregten, gelangweilten und belustigten, verstimmten und gelassenen Gesichtern die Tafel ein, auf der Aschenbecher, Gläser und sehr viele Flaschen standen. Kein Zweifel, hier wußte man zu leben .... Da knirschte der Kies in seiner Nähe. Es war der Kellner. Er winkte ihn heran: »Wer ist der Herr, der da redet?« Der Kellner, ein ehrsamer Flickschneider, der heute im »Schwarzen Adler« aushalf, weil Jean durch die Bedienung der »Gesellschaft« vollauf in Anspruch genommen war, kannte die Stimme nicht. Mit einem raschen Entschluß – es sah ja niemand und wer kannte ihn denn? – half ihm der Regierungsrat zu sich auf den Gartentisch, just als der Redner wieder die prächtige Wendung von der beselijenden Macht des Preußenjeistes gebrauchte. »Ah, der! Ja, dat is dä Heer Fabrikbesitzer Friedrich Wilhelm Wolf von J. P. Wolf und Sohn. Ja, wenn Se bei dem ins Jefchäff können kommen ... ein sehr solventes Haus,« denn der Kellner hielt den Regierungsrat für einen der vielen reisenden Kaufleute, die im »Schwarzen Adler« abzusteigen pflegten – »ein äußerst solventes Haus. Und en juter Mann is er auch. Schade, daß ihm so früh de Frau hat sterben müssen! Ach, das war ne jute Frau, sach ich Ihne!« – Friedrich Wilhelm Wolf kam zum Schluß: »Jott und Preußen, Könich und Heer, Schtaat und Kirche, Kunst und Dichtung, Handel und Wissenschaft – suum cuique – Jedem das Seine!« Es war kein rauschender Beifall, der dieser Rede folgte, aber einzelne schienen ihr doch mit Entschiedenheit beizustimmen. Die meisten saßen in nachdenklichem oder gedankenlosem Schweigen .... Johannes aber lächelte amüsiert und ein wenig boshaft als er mit dem Bruder anstieß: »Gut gebrüllt, Löwe,« raunte er ihm zu, »prost, Herr Kommerzienrat!« ... Behutsam halfen Regierungsrat und Kellner einander vom Gartentisch. Dann trennten sie sich und jeder suchte befriedigt das Glück des Schlummers, doch schrieb der Regierungsrat im Bett noch einiges in sein Notizbuch. Der andere Morgen enttäuschte durch einen Landregen und der Ausflug wurde verschoben. – Friedrich Wilhelm Wolf verspürte ein Unbehagen, für das er schließlich doch dem Wein die Schuld beimaß. Immerhin vermied er in den nächsten Tagen, seinem Bruder Johannes zu begegnen. Einige Wochen später hielt der Wagen des Landrats aus der nahen Kreisstadt vor der hohen Treppe des Wolfschen Hauses. Im »besten Zimmer« saßen die beiden Herren unter dem Bilde des seligen Maire einander gegenüber und verabredeten die Einzelheiten der Besichtigung der Fabrik, die der Regierungspräsident kennenzulernen wünschte. Als dieser dann einige Tage später selber erschien, vom Landrat im Frack geleitet, von Friedrich Wilhelm im Frack empfangen, konnte er für die technischen Dinge freilich nicht allzuviel Verständnis aufbringen. Das Bildnis des seligen Maire aber gefiel dem Präsidenten ausnehmend gut, besonders als er hörte, daß es eine frühe Arbeit des kleinen Malers Preyer sei, der aus einem Nachbarstädtchen stamme und jetzt in Düsseldorf lebe. Ja, da müsse er den Herren doch eine Geschichte erzählen, meinte er, eine Geschichte, die den Düsseldorfern viel Vergnügen mache. Dieser Preyer, von dem Schadow ihm übrigens neulich gesagt habe, daß er sowohl zum Bildnis- wie zum Historienmaler gänzlich verdorben sei und nur noch Stilleben male, dieser Preyer habe unlängst einen hochgestellten Herrn besuchen wollen, der sich für eines seiner Bilder interessiert hätte. Der habe gerade andern Besuch gehabt und der Kleine, der ja bei übrigens guten Proportionen tatsächlich nach Gestalt und Antlitz das Aussehen eines Achtjährigen habe, sei vom Mädchen einstweilen der gnädigen Frau zugeführt worden. Diese hübsche und noch ziemlich junge Dame, eine passionierte Kindernärrin, habe, die Situation völlig verkennend, alsbald Gefallen an dem netten Bengel gefunden und ihn kosend auf den Schoß genommen, was der Schelm sich auch ganz harmlos habe gefallen lassen. Der eintretende Herr Gemahl aber sei von diesem tête-á-tête weniger erbaut gewesen und der geplante Bilderhandel wohl infolgedessen nicht zustande gekommen. Seitdem habe er, der Regierungspräsident, immer Mühe, ernst zu bleiben, wenn er dem Kerlchen auf der Straße begegne. Im weitern Verlauf des Besuches äußerte sich der Regierungspräsident höchst anerkennend über den erst kürzlich erbauten Raum, darin die Arbeiter und Arbeiterinnen, wenn der Weg zu weit oder das Wetter zu schlecht war, ihr Mittagessen verzehren konnten, das ihnen von den Frauen, Kindern oder Geschwistern in blankgeputzten Blechgeschirren zugetragen ward. Daß dieser Raum nicht immer so sauber und so gut gelüftet war, wie heute, und daß es nicht immer Szenen höchst moralischen Familienlebens waren, die in ihm sich abspielten, davon wußte Friedrich Wilhelm Wolf nicht viel und der Präsident gar nichts, der einen Hauch von Wohlwollen und guter englischer Seife darin zurückließ. Aber auch Kesselhaus, Maschinensaal, Schreibstuben und Lagerräume erhielten durch den hohen Besuch eine Weihe, die lange nachwirkte. – Und wieder einige Wochen später stand unter »Lokales« im Wochenblättchen: »Wie wir aus bester Quelle erfahren, hat Seine Majestät der König in Gnaden geruht, unsern allverehrten und beliebten Mitbürger, Herrn Fabrikbesitzer Friedrich Wilhelm Wolf, zum Königlich Preußischen Kommerzienrat zu ernennen. Es ist dies das erstemal, daß unsere mächtig aufstrebende Industriestadt in den Genuß dieses hohen Titels kommt, und erblicken wir hierin einen neuen Beweis landesväterlicher Huld und Gnade. Wir sind so frei, auch unsererseits dem durch die wohlverdiente Königliche Anerkennung ausgezeichneten Herrn unsre ehrerbietigsten Glückwünsche auszusprechen. Nicht ohne tiefe Wehmut geben wir zugleich dem Bedauern Ausdruck, daß es unserm unvergeßlichen seligen Herrn Bürgermeister nicht vergönnt gewesen ist, diesen hohen Ehrentag seines Herrn Sohnes noch zu erleben.« So hatte denn, was der alte Anton gleich vorausgesagt, das Schwalbenpaar, das im Frühjahr gerade über der Schnauze der knabensäugenden römischen Wölfin sein Nest sich gebaut, dem Hause wirklich Glück gebracht, ein anderes freilich, als es Frau Maria Magdalena sich ausmalte, so oft sie mit Pinchen und Regine von der Plattform der hohen Treppe aus den Vögeln zusah, wie sie ihre Jungen fütterten. Gleichwohl gab sie die Hoffnung nicht auf, daß auch die kleinen Mädchen der Liebe einer Mutter wieder froh werden möchten, und das betriebsame Familienleben, das an der Wand des Hauses in Federn und in Stein sich abspielte, blieb ihr Sinnbild und Versprechen eines Segens, damit Gott auch sein Inneres erfüllen werde. Und rasch, im selben Jahr noch, begannen ihre Wünsche sich zu verwirklichen. Am 3. Oktober fuhr der alte Anton im neulackierten Kutschwagen die Großmutter, den Onkel Johannes und die weißgekleideten Enkelinnen nach Düsseldorf, wo im Zweibrücker Hof, der Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Wolf seine zweite Hochzeit hielt. Nicht mit der verblühenden Adelheid Ohnegroll, die er wohl nie gesehen hat, sondern mit der fünfundzwanzigjährigen Anna Reichardt, die er auf einer Rheinreise erst im August ganz zufällig auf dem »Herzog von Nassau« kennengelernt hatte und die, wie er selber, groß und kräftig, blond und blauäugig war, dazu heiteren, gütigen und tatkräftigen Wesens – »zur Mutter, Großmutter und Urgroßmutter prädestiniert«, versicherte Pastor Kranevoß, der sich auf Frauen verstand, in der »Gesellschaft« am Abend des Tages, an dem das Brautpaar ihm seinen Besuch gemacht hatte. – Der Kommerzienrat dagegen behielt Annas Eindruck von der Frau Pastorin wohlweislich für sich, aber er mußte herzlich lachen, so oft er daran dachte: »ein saurer Obstkuchen mit reichlich aufgestreutem Zucker« hatte sie gesagt ... Frau Maria Magdalena, ja, die hatte anfangs wohl ein wenig geseufzt, daß ihr Sohn »so ein ganz einfaches Mädchen« heiraten wolle. Mit solcher Bezeichnung hatte sie zweifellos recht, aber in einem schöneren Sinn als sie dachte. Übrigens half ihr Anna, noch ehe sie als Schwiegertochter sich persönlich vorstellte, als »Geheimratstochter« über diese Enttäuschung leidlich hinweg; es war also immerhin, wenn auch keine gute Partie, so doch wenigstens keine Mesalliance ... In der Tat hatte Annas Vater nach zwölfjährigem Dienst als Unteroffizier in eintönigen Jahrzehnten »es« bis zum Rechnungsrat am Garnisonlazarett gebracht, und als er dann kurz vor dem ewigen in den zeitlichen Ruhestand eintrat, war ihm der Titel durch den Reiz des Geheimen noch erhöht worden. Seine Frau war mit der spätgeborenen Tochter in Düsseldorf wohnen geblieben, weil Anna hier, nach harten Jahren auf dem Seminar und einem Hauslehrerinnenjahr in England, eine Anstellung als Lehrerin gefunden hatte. So war es denn nun in eigenster Sache, daß Friedrich Wilhelm Wolf zum erstenmal als königlich preußischer Kommerzienrat an eine Behörde sich wandte. Er erreichte ohne Mühe, daß Anna alsbald ihren Verpflichtungen enthoben und die von ihr vorgeschlagene Nachfolgerin angestellt ward. Die Hochzeitsreise hielt sich an den Rhein, der im schönsten Schmuck des Herbstes stand und von der Fröhlichkeit der Weinlese erfüllt war ... Als der alte Anton am Abend des Tages, an dem Friedrich Wilhelm Wolf seine junge Frau die hohe Treppe hinauf heimgeführt hatte, das Hoftor schließen wollte, war die Hundehütte leer. Hauser, der Hund, war fort und kam nicht wieder, und dunkel wie seine Herkunft ist sein Verschwinden geblieben. Während Frau Anna dachte, daß bei beidem vielleicht ihr Schwager Johannes die Hand im Spiele hätte, machte Frau Maria Magdalena sich Gedanken darüber, ob Hauser, der Hund, ihr wohl im Himmel wiederbegegnen werde. Mit der Zeit lernten die beiden Mütter einander manches nachsehen, aber daß Frau Maria Magdalena gleich beim ersten Besuch mit ihrer etwas weinerlichen Stimme versichert hatte, ihr Sohn hätte wohl an jede Tür klopfen dürfen – das blieb als eine letzte Schranke doch immer zwischen ihnen. Das Glück der Neuvermählten stieß sich hieran freilich nicht, und wenn der Kommerzienrat auch im Herbst durch Anton das zerfallene Schwalbennest und seine Spuren von dem steinernen Bildwerk entfernen ließ, so ward dieses selber im Hochsommer 1835 dafür auf die schönste Weise ins Menschliche übertragen: die alte Frau van Neersen war zwei gesunden Knaben beim Eintritt ins Leben behilflich, ohne daß Dr. Latschert sich sonderlich zu bemühen brauchte. – Daß der weisen Frau hierdurch ein schöner Plan heimlich zerstört ward, fiel ihr selber erst ein, als alles vorbei war. Sie hatte nämlich seit Jahren die Absicht, ihre Lebensarbeit auf dreihundert Kindlein zu beschränken und alsdann sich zu Ruhe zu setzen. Na nun aber unversehens Nummer dreihunderteins erschienen war, beschloß sie, noch weitere vierundzwanzig abzuwarten, um doch mit einer schönen und leidlich runden Zahl Feierabend zu machen. Und die junge blonde Kommerzienrätin sorgte, so viel an ihr lag, freundlich dafür, daß jene nicht allzu lange zu warten brauchte, indem sie selber so rasch wie möglich ihrem Manne noch drei Söhne schenkte, die nun freilich einzeln sich einfanden. Und die sie nicht unterm Heizen getragen hatte, Pinchen und Regine, die trug sie um so treuer in einem Herzen, das, wie sie sagte, für ein volles Dutzend reichlich Platz hatte. Eine Versicherung, die jeder ihr aufs Wort glaubte. Aber ihr Mann bestach den Storch, und so mußte sie den Beweis schuldig bleiben. Jedem Hause wird ein Zauber, daß es unvergänglich dauert, etwas Liebes und Lebend'ges in den Grundstein eingemauert.« – In den Fundamenten der niederrheinischen Textilindustrie modern die Seelchen Tausender von Kindern. Von Kindern, die keine Kindheit gehabt haben, weil sie, oft schon vom sechsten Lebensjahr an, »auf die Fabrik« mußten, um im Staub und Getöse der überhitzten Säle täglich ihre zwölf bis sechzehn Stunden mitzuarbeiten. Sie hatten keinen Fluch, sie hatten nicht einmal Tränen, sie kannten es nicht anders. Dumpf und stumpf, wie kleine niedere Tiere, siechten sie dahin, stumme und ungepflegte Maschinchen zwischen ihren Herren, den lauten und blanken Maschinen, und wie diese nur dazu auf der Welt, das Geld, das in der Fabrik steckte, möglichst hoch zu verzinsen. Die staubige Hitze fraß an ihren Lungen, und wenn ihre Seelen eine Zeitlang den Schmutz, der hier gedieh, eingeatmet hatten, dann begannen die elenden Körperchen frühe eignen und fremden Lüsten sich hinzugeben. Fünfzehn, und wenn es hoch kam, zwanzig Jahre hielten sie dieses Leben aus. Dann machten sie dem Doktor wenig und im Sarge dem Pfarrer auch nicht gerade viel Mühe. Und ein bleicher Nachwuchs, der meist den Vater, oft auch die Mutter nicht kannte, schickte sich an, auf ihren Spuren den Weg in die Fabrik und durch die Fabrik zu gehen. Der fern in Berlin von Gottes Gnaden thronte und schöne landesväterliche Gefühle in seinem Herzen hegte, der wußte nichts, oder allzu wenig von diesem Elend. Huldvoll hatte er 1818 einem rheinischen Spinner seine besondere königliche Anerkennung aussprechen lassen, der »aus eigenen Mitteln eine Fabrikschule eingerichtet« hatte. Daß dieser Spinner Nacht für Nacht eine Menge kleiner Kinder elf Stunden arbeiten ließ, die dann morgens zwei Stunden Unterricht erhielten, das wußte der König gewiß nicht, und ebenso wenig, daß der Unterricht der tagsüber in der Fabrik arbeitenden Kinder auf eine Stunde beschränkt blieb. – Und seine Präsidenten und Räte – ja, die wußten genug von solchen Zuständen und verfügten und verordneten unermüdlich dagegen. Besonders seitdem der Generalleutnant von Horn 1828 in seinem Landwehrgeschäftsbericht gemeldet hatte, daß die Fabrikgegenden ihr Kontingent zum Ersatz der Armee nicht mehr vollständig stellten. Da hatte der Unterrichtsminister Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, der Schöpfer des höheren Schulwesens in Preußen, sich gefreut, daß nun auch die Kinder der Armen zu ihrem Recht kommen und in die Schule, statt in die Fabrik gehen würden. Aber sein Kollege, der Handelsminister von Schuckmann, war der Ansicht, daß das Leben eines mit Schularbeit belasteten Gymnasiasten der Gesundheit auch nicht zuträglicher sei ... Und schließlich – die Zeiten waren schwer, die junge Industrie mußte geschont werden, und der Staat brauchte kapitalkräftige und wohlgesinnte Männer, Stützen für Thron und Altar. Und dann blieb die Überwachung der Verfügungen und Verordnungen einer hohen Königlichen Regierung im einzelnen ja natürlich auch der Ortspolizei überlassen, deren Organe wohl wußten, mit wem sie's nicht verderben durften. Ward aber wirklich einmal von Düsseldorf aus eine Fabrik inspiziert, so ließen die kleineren Kinder sich rasch auf dem Speicher verstecken. Denn das war doch nur ein ganz vereinzelter Ausnahmefall, daß man auch dort nachsah und beim alten Damian Gottfried Huyskens siebenundzwanzig kleine Kinder hinter Fässern und Kisten entdeckte. »Die fünfzig Taler Strafe quetsche ich in einer Woche wieder aus den Kröten heraus,« erklärte der Alte mit ärgerlichem Lachen, als man ihn abends in der »Gesellschaft« wegen seines Mißgeschicks hänselte. Während des in Manchester verlebten Jahres hatte Anna Reichardt entsetzliche Wirkungen der industriellen Ausnutzung kindlicher Arbeitskräfte beobachtet. Es war natürlich nur ein winziger Bruchteil des Elends, der in ihren Gesichtskreis getreten. Aber schon dies Wenige hatte ihren Gottesglauben in allen Tiefen erschüttert, so daß sie Jahre brauchte, um sich wieder zurechtzufinden. Den in Manchester gewonnenen Glauben aber, daß Mammon der Teufel oberster und sein Reich das eigentliche Reich der Finsternis sei, den hat sie den ganzen langen Rest ihres Erdenlebens festgehalten und, wo und wie immer sie konnte, mit ihrem unerschrockenen Frauenherzen tapfer gegen diesen größten Feind des Menschengeschlechts gekämpft. Den Anbruch seiner Weltherrschaft zu erleben, ist ihr erspart geblieben. Wie in England, so hatte Anna auch in Düsseldorf ganz harmlos des Glaubens gelebt, daß solcher Kindermord im lieben Deutschland selbstverständlich ganz unmöglich wäre, und erst recht in Preußen, wo doch so viele Regierungsräte, Polizeidiener und Pastoren überall nach dem Rechten sahen und jedes Kind schulpflichtig war. Daß nun sogar ihr Fritz in seiner Fabrik zahlreiche Kinder beschäftigte, die statt zu lernen oder zu spielen den ganzen langen Tag surrende Maschinen zu bedienen hatten, das lastete schwer auf ihr, und ganz offen sprach sie ihm aus, wenn sie das gewußt hatte, würde sie Lehrerin geblieben sein. Es beirrte sie auch nicht im geringsten, wenn er ihr schön beschriebene Blätter brachte, aus deren Zahlen sie sehen sollte, daß die Firma ohne solche billigen Arbeitskräfte Bankrott machen müßte. Sie ließ sich auf nichts ein. Sie könne seine Zahlen nicht nachprüfen, das Papier sei geduldig, und in ihren Augen wenigstens heilige der Zweck das Mittel nicht. Aber seine Liebe, vielleicht noch mehr seine Verliebtheit, und seine Gutmütigkeit wurden ihr Bundesgenossen in diesem Kampf, und als sein Gegengeschenk für die Zwillinge erhielt sie zu Weihnachten das schriftliche Versprechen, daß zu jedem Osterfest die Altersgrenze für Kinderarbeit um ein Jahr hinaufgerückt werden solle, solange, bis kein Junge und kein Mädchen von weniger als vierzehn Jahren für J. P. Wolf und Sohn arbeite. Während dieses Kampfes noch nahm Anna sich persönlich der in der Fabrik beschäftigten Kinder an. Durch die Kinder kam sie zu den Eltern in Beziehung, was wieder den Kindern zum Segen gereichte. Und nach Verlauf einiger Jahre war alles ganz anders geworden und die Fabrik selber hatte auch ihren Vorteil davon. Frau Maria Magdalena aber, in einem heimlichen Gefühl der Beschämung, ließ sich durch solche weltlich-soziale Fürsorgearbeit ihrer dem Reich Gottes doch noch recht fernstehenden Schwiegertochter anregen, das eigene Interesse von der äußeren Mission auch auf die innere zu übertragen. Es drängte sie ohnehin längst, die vermehrten Kräfte, die Gott ihr durch Hahnemanns Kügelchen und Pülverchen geschenkt hatte, auch mehr als bisher in seinen Dienst zu stellen, schade nur, daß ihr als Frau so enge Grenzen gezogen waren. Zunächst trat sie in die Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft ein, die der junge Kaiserswerther Pfarrer Fliedner in Düsseldorf gegründet hatte. Und um die Zeit, da dieser in sein kleines Gartenhaus einen entlassenen weiblichen Sträfling aufnahm und auf so unscheinbare Weise den Grundstein seiner großartigen Schöpfung der weiblichen Diakonie legte, gewann sie auch eine persönliche Beziehung zu diesem frommen und tatkräftigen Mann, dem die Not der Ärmsten auf der Seele brannte. Bis zu ihrem späten Tod ist sie mit immer offnen Händen seinem Lebenswerk eine treue Freundin geblieben. So oft Friedrich Wilhelm Wolf seine schöne junge Frau beobachtete, wie sie sich Gabrielens, ihren eignen und nun auch noch den Kindern in der Fabrik gab, wie sie ihr Hauswesen pflegte, die Dienstboten in freundlicher Zucht hielt, und immer heiter, immer für ihn frei war, ja sogar ihn den Büchern Geschmack abgewinnen zu lassen wußte, gedachte er dessen, was seine selige Gabriele einst von Fraulein Antoinette Jeanbon gesagt hatte, und tief beglückt segnete er den Rhein im allgemeinen und den »Herzog von Nassau« im besondern, darauf ihm diese »richtige Hexe und resolute Person« in sein Leben geschwommen war. Wenn das persönliche Verhältnis zwischen den beiden Frauen fürs erste auch kein ganz vertrautes ward, so versagte doch Frau Maria Magdalena der Schwiegertochter ihre Anerkennung und ein weises Gewährenlassen nicht, was von dieser bei dem großen Altersunterschied und der nahen Nachbarschaft als eine besondere Freundlichkeit des Schicksals mit Vorsicht genossen ward. Der Kommerzienrat aber fand, daß seine Mutter sich zusehends verjünge. Nur daß er geneigt war, diese erfreuliche Tatsache mehr auf den stillen Einfluß seiner Frau als auf die Hahnemannsche Hausapotheke und Taschenapotheke zurückzuführen. Allerdings: daß Hahnemann soeben als Achtzigjähriger zum zweitenmal geheiratet hatte und daß er in so hohem Alter noch von Köthen nach Paris, der Vaterstadt seiner jungen Frau, übergesiedelt war, um dort sich eine lohnendere Praxis zu suchen – das ließ am Ende doch auf eine verjüngende Wirkung seiner Präparate schließen. Oder sollte solche Verjüngung oder Jugendlichkeit vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß jener viel und nur ganz reinen Wein trank? Denn Johannes hatte erklärt, von allen Weinuntersuchungsmethoden sei die Hahnemannsche die beste ... Frau Maria Magdalena aber, als sie von den unternehmenden Schritten des ihr so teuren Mannes hörte, mußte sich am meisten darüber wundern, daß der Herzog seinen Leibarzt ziehen ließ. Sollte er dessen Wert so unterschätzt haben, wie er die Baukosten einer Eisenbahn unterschätzt hatte, als er in der ersten Begeisterung ausrief, er wolle und müsse eine im Lande haben und wenn sie tausend Taler kosten sollte .... Ganz nah und herzlich gestalteten sich die Beziehungen zwischen Anna und ihrem Schwager Johannes. Zwar hatte sie nicht selber die Hand im Spiel, aber es war doch die Wärme ihres Wesens, die im Herzen des kleinen und häßlichen Mannes die Sehnsucht nach Frauenliebe aufblühen ließ. Gegen das junge Mädchen aus dem Kreise der »Gesellschaft«, mit dem seine Gedanken sich immer wieder beschäftigten, hatte Anna einige Bedenken, die sie auch ganz offen aussprach, nicht ohne zu betonen, daß in so zarter Angelegenheit letzten Endes jeder nur sich selber raten könne, und daß sie als Fremde ja auch nicht mehr denn flüchtige Eindrücke habe. So konnte sie freilich nicht verhüten, daß Johannes sich eines Tages ein Körbchen holte. Daß die Schöne aber herzlos genug gewesen war, zu ihren Freundinnen über den »Werwolf« zu spotten, den man ja doch nicht heiraten könne – wovon diese keineswegs in dem Maße überzeugt waren, wie sie es zu sein versicherten – das schmerzte Anna vielleicht tiefer als ihren Schwager, der ja seit seiner Kindheit an viel Zurücksetzung gewöhnt war. Der häßliche Name »Werwolf« aber begann sich einzubürgern. Immer mehr Kinder der Welt fanden den Weg zu dem blaugetünchten Weberhäuschen, das Johannes Wolf mit den Katakomben im alten Rom verglichen hatte. So fehlte seit einem halben Jahr in keiner Gebetsversammlung der junge Herr Walter Götze, der in der Leitung der Fabrik die rechte Hand des Kommerzienrats war und nächstens Vollmacht erhalten sollte. Der war doch wirklich recht weltlich gesinnt gewesen. Wie mächtig mußte in Schlüpjes die Wahrheit sein, wenn er solche Sinnesänderung bewirkte! – Allerdings hatte er gerade in letzter Zeit des öftern über die Offenbarung Johannis gesprochen und die Stellen gedeutet, nach denen der Anbruch des Tausendjährigen Reiches im Jahre 1836 mit Sicherheit zu erwarten war. Das mochte ja auch wohl solche interessieren, die der Gnade noch nicht teilhaftig waren. Katakombenartig waren die zwei niedrigen Stuben, in denen der fromme Weber seine Versammlungen abhielt, aber nun wirklich nicht, sondern, zumal wenn die Sonne hineinschien, ganz hell und freundlich, nur daß die gekalkten Wände vielleicht ein wenig zu kahl waren. In der Mitte der Hauptwand des größeren Zimmers, in das man zuerst eintrat, hing ein Spiegel oder er stand vielmehr, beträchtlich nach vorn geneigt, mit seinem Goldrahmen auf zwei großen Goldrosetten, die ziemlich weit aus der Wand herausragten. Zwischen ihnen, dicht unter dem Spiegel, war eine niedrige, oben offene Pappschachtel aufgehängt, auf deren halbrunder Außenwand, mit Goldperlen auf blauem Grunde »Nur selig!« stand. Im Innern barg sie ein paar hundert Bibelsprüche, die, jeder für sich auf ein Zettelchen geschrieben, zusammengerollt dicht nebeneinanderstanden. Wenn Schlüpjes in irgendeiner Sache unschlüssig war, pflegte er in diese Schachtel zu greifen und blindlings ein Sprüchlein zu ziehen, das ihn auch noch immer gut beraten hatte. Auf der Kommode unter der Pappschachtel stand eine zinnerne Kaffeekanne, aus deren behaglichem Bauch ein Kränlein sich vorstreckte. Diese Kaffeekanne, die nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt ward, blinkte mit dem eisernen Kanonenöfchen in der Ecke um die Wette und ein ebenso lauterer Wettbewerb schien zwischen dem weißgescheuerten Holz des Tisches, der Bank und des Fußbodens entbrannt zu sein. Vor den altersgrünen Fensterscheiben hingen kleine weiße Tüllgardinen und auf den Fensterbänken standen unermüdlich blühende Topfblumen, der besondre Stolz der Frau Schlüpjes und ihrer dritten Tochter, der schwarzen Billa, die ein abenteuerlicher Sinn und ein frommer väterlicher Wunsch zur Missionsbraut gemacht hatten. Unmittelbar nach ihrem zwanzigsten Geburtstag wollte sie »in die Heidenwelt gehen«, um dort die Gattin eines ihr und den Eltern unbekannten Sendlings der Barmer Missionsgesellschaft zu werden, der durchaus eine Gehilfin brauchte und von Zeit zu Zeit schrieb, daß er sie sehnlichst erwarte. – In dieses Zimmer mußten Willemken und Michel vor jeder Versammlung so viele Stühle schleppen, wie nur irgend hineingingen, und neben den Ofen ward dann ein Tischlein gestellt, darauf der Stundenhalter Bibel und Brille ablegen, auch wohl sich selber ein wenig niederlassen konnte, wenn ihn das lange Stehen zu sehr angriff. Seinem Platz gerade gegenüber befand sich die Tür zum zweiten Zimmer, dessen gesamte Einrichtung in dem großen, zwischen Decke und Fußboden fest eingebauten Webstuhl bestand. Dieses Zimmer nahm die Familienmitglieder, soweit sie im vorderen ihre Stühle den Freunden geopfert, auf, außerdem bei sonderlichem Andrang auch noch die, die lieber stehn als wieder fortgehn wollten. Denn Sitzgelegenheiten gab's hier nicht, wenn auch der Webstuhl einige Stützpunkte darbot. Daß es heute so früh dunkel ward, machte das Gewitter, das den ganzen Nachmittag drohend umhergezogen war und nun langsam anfing, sich zu entladen, gerade als Herr Walter Götze, ein wenig verspätet, das Weberhäuschen betreten hatte. Er fand im vorderen Zimmer keinen Platz mehr und stellte sich daher neben die neunzehnjährige Billa Schlüpjes, die, ein zierliches Wunder keltischer Mädchenschönheit, leicht an den Webstuhl gelehnt, dastand, so daß er durch die offene Tür den Stundenhalter gut hören und auch sehen konnte. – Mit dem Sehen war's freilich bald vorbei, denn die einbrechende Nacht, mit Wolken und Regen verbündet, ließ aus der tiefen Dämmerung rasch die finsterste Finsternis werden, die immer für Sekunden nur durch Blitze aufgehellt ward. Herr Schlüpjes entzündete eine Kerze auf seinem Tischlein, aber da wurden einige Frauen unruhig: während eines Gewitters dürfe man kein Licht brennen, das ziehe den Blitz an. »O ihr Kleingläubigen!« rief der fromme Weber, aber er löschte die Flamme doch und fuhr im Dunkeln fort, den Weg der Wahrheit zu weisen und den Sieg des Lichtes zu verkünden. Schwüle und Dunkelheit ließen von den arbeitmüden Männern und Frauen manche ein wenig einnicken, aber die meisten nahmen die Worte, die schlicht und ernst von den unsichtbaren Lippen flossen, innig auf. Das Gewitter tobte vorüber, auch der Regen ließ nach und schien endlich aufgehört zu haben. Schlüpjes kam zum Schluß. In Versen des teuren Gerhard Tersteegen ließ er seine Darlegungen ausklingen, den Freunden ein geistliches Schlaftrünklein mit auf den Heimweg und ins Bett zu geben: Nun schläfet man, und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen, dem Tag und Nacht wird von der Himmelswacht Preis, Lob und Ehr gebracht: O Jesu. Amen. – Weg Phantasie! Mein Herr und Gott ist hie. Du schläfst, mein Wächter, nie, dir will ich wachen. Ich liebe dich, ich geb zum Opfer mich und lasse ewiglich dich mit mir machen. Es leuchtet dir der Himmelslichter Zier; ich sei dein Sternlein, hier und dort zu funkeln. Nun kehr ich ein; Herr, rede du allein beim tiefsten Stillesein zu mir im Dunkeln. Noch ehe die Andächtigen im Herzen ihr Amen hinzusetzen konnten, zuckte ein verspäteter Blitz hernieder, die schwülen Zimmer mit einem jähen, gelben Lichte füllend. »Satanas! Satanas!« schrie Schlüpjes auf, und einige sahen noch seinen emporgereckten Arm und die krampfhaft geballte Faust. Wach waren jetzt alle, aber Schlüpjes sagte nichts mehr, und als er die Kerze anzünden wollte, da zitterten seine Hände so stark, daß er's nicht vermochte und ein andrer es ihm abnehmen mußte. Sie drangen nicht mit Fragen in ihn .... Vielleicht hatte er eine schwere Anfechtung überstanden .... Gott würde ihm beistehen, vertrauten sie, und schweigend oder in leisem Geflüster verließen sie das Haus. Und alsbald bot die schwarze Billa nach ihrer Gewohnheit dem Vater den Mund zum Gutenachtkuß. Da versetzte er ihr unversehens einen harten Schlag mitten in das hübsche Gesichtchen, so daß sie laut aufschrie und auf der Stelle sterben zu müssen vermeinte. Darauf erfolgte in dem schwülen Zimmer eine Aussprache, wobei Vater, Mutter und Tochter im Licht der kleinen Kerze wie ruhelose Geister zwischen den Stuhlreihen hin und her irrten, indessen Willemken im Nachtkittel vor der Zimmertür stand und lauschte. Es waren Worte von alttestamentarischer Wildheit, mit denen Schlüpjes die Tochter und dann auch die Frau überschüttete, Worte so voll Grauen, daß Billa noch nach vielen Jahren aufstöhnte, wenn sie durch ihre Träume tobten. Der Anblick aber, den der letzte Blitz dem frommen Weber dargeboten, war auch wirklich entsetzlich gewesen: ihm gerade gegenüber hatten Billa und Herr Walter Götze sich innigst umschlungen gehalten, mit festgeschlossenen Augen die Schmerzen und Wonnen eines langen Abschiedskusses auskostend. Für den leichtgekleideten Lauscher draußen, den auf den Ziegelsteinen des Hausflurs plötzlich ein kräftiges Niesen anfiel, womit er sich schleunigst ins Bett flüchtete, hätte es beinahe noch eine Tracht Prügel abgesetzt. Aber er versicherte so treuherzig, nur zu einem allgemein menschlichen Zweck unterwegs gewesen zu sein, daß er den Großvater wieder entwaffnete. Übrigens war's gut, daß er gelauscht hatte und gleich am andern Nachmittag seinen Freundinnen Pinchen und Regina berichtete. Durch sie erfuhr die Kommerzienrätin von der Sache, und ihrem Takt gelang es, mit Hilfe ihres Mannes eine allerseits befriedigende Verständigung herbeizuführen, bevor so oder so ein Unglück geschehen konnte. Schon aus Rücksicht auf Herrn Walter Götze versagte dann auch die Familie Wolf ihre Teilnahme an Billas Hochzeitskaffee nicht, wie auch der Kommerzienrat sich in einer kleinen Festrede den Witz nicht versagte: daß eine Tochter aus so frommem Haus hinfort ohne Scheu Götzendienst treiben wolle und dürfe, sei doch eine höchst merkwürdige, ja befremdliche Sache. Das Körbchen, das Johannes Wolf sich geholt hatte, verleidete ihm die kleine Vaterstadt, worin Begegnungen mit der herzlosen Schönen sich nicht vermeiden ließen, und wo obendrein der häßliche Name »Werwolf«, den statt erhofften Eheglückes die mißratene Werbung ihm eingebracht, immer mehr Anklang fand. Nicht als ob man dem Sohn des alten Maire, dem Bruder des neuen Kommerzienrats übelgewollt hätte, aber er war so anders als die andern und das hatte man nicht gern, auch kannte man ihn so wenig, weil er nur selten in die »Gesellschaft« kam und dann – zu seinem unschönen Äußeren paßte der Name so gut. Schon lange hatte Johannes mit dem Gedanken gespielt, noch einmal wieder auf die Universität zu gehen, war doch seine junge Wissenschaft, die Chemie, gerade im letzten Jahrzehnt, besonders durch die beiden menschlich und wissenschaftlich einander so wunderbar ergänzenden Freunde Justus Liebig und Friedrich Wöhler um so viel weitergeführt, ja durch deren gemeinsame Begründung der organischen Chemie um ganz unabsehbare neue Möglichkeiten bereichert worden. Ner Gedanke verdichtete sich zur Absicht, und er sprach mit den Seinen darüber. Der Kommerzienrat schlug ihm vor, wenn er durchaus einmal für längere Zeit fortwolle, was ja gut zu verstehen sei, dann solle er doch statt zu Liebig besser zu Liebieg gehen. Von diesem, Österreichs größtem industriellen Genie, dessen Ruhm als eines Vaters der Arbeit und der Arbeiter dreißig Jahre später keine Landesgrenzen mehr kannte, wußten zu jener Zeit außerhalb Böhmens nur Wenige. Dort, zu Braunau, war Johannes Liebieg 1802 geboren, armer Leute Kind, und, kaum des Lesens und Schreibens kundig, zuerst Hausweber, dann Fabrikarbeiter und endlich zu Reichenberg Mitinhaber einer »Schnittwarenhandlung« gewesen. Überall hatte er viel gearbeitet, viel beobachtet und viel gelernt, und schon bevor er sich zu einer kurzen Reise nach Frankreich und dann nach England entschloß, wußte er genau, wie und wo der Hebel des Erfolges anzusetzen war in einem Lande, dessen Handelspolitik auf dem Grundsatz beruhte, es sei besser, für eine Ware zwei Taler zu bezahlen, die im Lande blieben, als einen , der ins Ausland ginge. Auf der Rückreise aus England hatte er die junge niederrheinische Textilindustrie flüchtig berührt, gerade in den Tagen, als das Schwungrad in der neuen Fabrik von J. P. Wolf und Sohn sich anschickte, die Befürchtungen der Königlichen Regierung zu Düsseldorf zu entkräften. Unmittelbar danach erwarb Liebieg im Josephinental bei Reichenberg ein altes Gebäu mit reichlicher Wasserkraft, dem kein Mensch ansah, was aus ihm noch werden sollte. J. Liebieg war Spinner, Weber, Appreteur, Färber und Techniker, besonders aber – Kaufmann. Und in jeder dieser Eigenschaften steckte er, wie der Kommerzienrat versicherte, ihn und alle andern Herren der »Gesellschaft« zusammen in die Tasche. Denn zu der Zeit, da die Brüder Wolf hierüber sich besprachen, hatte das Liebiegsche Unternehmen schon ein gutes Stück des Weges zurückgelegt, auf dem es das bedeutendste seiner Art auf dem europäischen Festlande werden sollte. – Seinem Begründer aber, diesem Universalgenie, solle Johannes, so riet ihm der Bruder, möglichst viel abgucken und dann in die väterliche Fabrik eintreten, die man gemeinsam vergrößern, durch eine Färberei erweitern und in J. P. Wolfs Söhne umtaufen wolle. Aber Johannes fühlte, daß dies nicht sein Weg sei. Er hielt an Justus Liebig fest, der in den letzten zehn Jahren seinem Lehrstuhl zu Gießen einen europäischen Ruf erarbeitet hatte. Dieser Vater der deutschen Chemie, der ihr die Bahn zugleich ins praktische Leben und in die medizinische Wissenschaft brach, hatte jene zehn Jahre hindurch ein echt deutsches Martyrium erlitten. Denn die hohe Regierung zu Darmstadt versagte dem auf Alexanders von Humboldt Empfehlung nach Gießen Berufenen jegliche Förderung, stellte ihm statt eines Laboratoriums einen völlig leeren Raum zur Verfügung und verweigerte ihm, dem aus halb Europa die Schüler zuströmten, Jahr für Jahr die Mittel für Einrichtung und Unterhaltung dieser Arbeitsstätte. So sah Liebig sich gezwungen, hierfür seine Besoldung bis auf einen winzigen Rest aufzubrauchen, »der nicht gereicht hätte, seine Kinder zu kleiden«. Und während er der kleinen Universität einen großen Namen machte, begegneten die andern Professoren dem »Ausländer« und »gescheiterten Pillendreher« mit überheblicher Mißachtung. Mit solchen Bezeichnungen hatten jene ja nun freilich nicht ganz unrecht, denn Liebig stammte zwar aus Darmstadt, hatte aber in Erlangen promoviert, und etliche Jahre vorher hatte der Apotheker zu Heppenheim den Lehrling heimgeschickt, der statt Pillen zu drehen eine höchst ungemütliche Neigung zu Experimenten mit – Knallsilber betätigte. In denselben Wochen aber, da Johannes Wolf sich zu dem Entschluß durchrang, wieder Student zu werden und Liebig zum Lehrer zu wählen, befand dieser sich, durch Überarbeitung und Nahrungssorgen in seiner Gesundheit schwer erschüttert, zur Erholung in Baden-Baden, von wo aus er jenen aufrichtigen Brief an seinen höchsten Vorgesetzten, den Kanzlei Linde zu Narmstadt schrieb, den sein Schwiegersohn Moritz Carriere später veröffentlicht hat. Jenen Brief, der den Kanzler merkwürdig rasch die »fehlenden Mittel« finden ließ. Frau Maria Magdalena hotte zu der Frage: »Liebig oder Liebieg« gemeint, wenn ihr Johannes sich überhaupt von ihr trennen wolle, so sei es ihr am Ende einerlei, ob er zu Liebieg oder zu Liebig gehe, immerhin sei Hessen nicht so weit wie Böhmen, was ihr für alle Fälle einige Beruhigung gewähre. So bezog Johannes Wolf zu Beginn des Wintersemesters 1834 die Universität zu Gießen. Er arbeitete fleißig in seinem Fach und gewann auch rasch ein menschlich nahes Verhältnis zu der bedeutenden und gütigen Persönlichkeit seines ihm gleichalterigen Lehrers. Die Mußestunden aber begann Johannes in dieser Zeit dem Studium der Ideen des französischen Grafen Saait-Simon zu widmen, der vor zwölf Iahren in bittrer Armut gestorben war, aber in Enfantin und andern überzeugte Jünger hinterlassen hatte. Der Graf Saint-Simon war schon neunundfünfzig Jahre alt gewesen, als er 1819 die Frage aufgeworfen hatte: was geschieht, wenn in Frankreich die dreitausend tüchtigsten Vertreter der Wissenschaft, der Kunst und des Handwerks – und was, wenn dreißigtausend Prinzen, Grafen, Barone und Millionäre plötzlich sterben? In jenem ersten Fall, meinte er, würde Frankreich verwaist und gelähmt sein, während dieser zweite Fall kulturell keinerlei Bedeutung noch Wirkung haben würde. Saint-Simon wollte also statt auf Vorrechte, Gewalt und Unterdrückung den Staat lediglich auf Leistung sich gründen sehen und die von seinen Zeitgenossen vielumstrittene Charte, die Verfassung, die Ludwig der Achtzehnte bei der Wiederherstellung des Königtums 1814 den Franzosen gegeben und, zum Gelächter Europas Napoleon gänzlich ignorierend, aus dem neunzehnten Jahr seiner Regierung datiert hatte (sintemal 1795 der unglückliche Exdauphin seinen Leiden erlegen war) – diese Charte war für Saint-Simon nur ein Fetzen Papier: Denn die Revolution von 1789, deren Errungenschaften die Charte garantierte, war von der Bourgeoisie und für die Bourgeoisie gemacht, die »Enterbten« hatten wenig davon. – »Mein ganzes Leben,« hatte der Graf kurz vor seinem Tode gesagt, »ist in dem Gedanken aufgegangen, wie man allen Menschen die freie Entwicklung aller ihrer Gaben ermöglichen könne.« Und Johannes fühlte, daß diesem Gedanken, weit über die nationalen Ziele der Völker hinaus, die Zukunft der Menschheit gehöre. Mit Eifer las er Saint-Simons »Neues Christentum« und mit Interesse unterrichtete er sich über die praktischen Versuche seiner Schüler, deren Scheitern ihn nicht überraschte, da sie in der Ausschaltung der persönlichen Freiheit zu weit gingen oder in schrankenloser Willtür an ehrwürdigen und unentbehrlichen Lebensmächten rüttelten. Da waren hauptsächlich Enfantin und Bazard, die alles verstaatlicht wissen wollten und 1829 sich mit ihren Anhängern zu einer »Kirche« zusammengeschlossen hatten. Nach der Julirevolution, die wiederum nur der Bourgeoisie genützt hatte, kauften sie die Zeitung »Globe« und begannen darin und durch Schriften und Vorträge eine bedeutende Werbetätigkeit. Aber der zweiköpfige »Papst« fiel auseinander, als Enfantin auch die Frauen berief und die freie Ehe verkündete, was ihm zwei Jahre Gefängnis wegen Beleidigung der öffentlichen Moral einbrachte. Er verlegte den Sitz seiner Kirche daraufhin in den Orient, nebenbei den Plan einer Durchsuchung der Landenge von Suez entwerfend. Johannes ahnte nicht, daß er mit solchen Interessen auf politischem Gebiet in eine ähnliche Gefahr sich begab, wie auf religiösem ihr sein junger Oheim Johannes Pieper zu Königsberg erlegen war. Oder wenn solche Gefahr innerlich ihm bei seiner Reise, Besonnenheit und Klarheit des Geistes nicht leicht zum Verhängnis werden konnte – daß er doch alsbald in den gefährlichen Geruch eines Revolutionärs geraten sollte, indem sich ganz von selbst zwischen ihm, dem politisch interessierten Manne, und seinen jungen politisch schwärmenden Kommilitonen Beziehungen herstellten. Beziehungen, die ihn, wenn auch nicht allzu schwer, in einen jener Prozesse verwickeln sollten, von denen die dunkelsten Blätter der Geschichte der deutschen Rechtspflege berichten. Sind es nicht immer, auch wenn sie irren, wertvolle Menschen, die, obwohl sie selber nicht darunter zu leiden brauchen, herrschende Mißstände bekämpfen, einfach weil sie des Volkes jammert? Auch der Rektor der Lateinschule zu Butzbach in Hessen, der Theologe Dr. Friedrich Weidig, war ein Mann edler Gesinnung, reinen und starken Willens und gebildeten Geistes. Umstürzlerischer Absichten verdächtig, war er, dem seine Arbeit als Lehrer und Erzieher Herzenssache und dessen Lebenswandel vorbildlich war, zu der Zeit, da Johannes Wolf nach Gießen ging, schon ein Dutzend oder mehr Jahre hindurch von der hessischen Regierung in immer neue Untersuchungen gezogen worden. Schließlich, im Sommer 1834, hatte man ihn seines Rektorates enthoben und zur Übernahme eines kleinen ländlichen Pfarramtes gezwungen. Auch hier, in Obergleen bei Alsfeld, erwies er sich als pflichttreu und hilfsbereit. Er trat der Habsucht und Völlerei der Bauern mit Strenge entgegen und gab ihnen durch sein eignes das Vorbild eines christlichen Lebens. Seiner radikalen politischen Überzeugung freilich blieb er treu, und mehr noch als bisher suchte er sie zu verbreiten, besonders unter der akademischen Jugend zu Gießen. Dort hatte der einundzwanzigjährige Student der Philosophie und Naturwissenschaften Georg Büchner, ein Dichter, dem erst fast hundert Jahre nach seinem Tode der Lorbeer zu grünen beginnt, die geheime »Gesellschaft der Menschenrechte« gegründet, deren Ziel war, mit Hilfe nicht des satten liberalen Bürgertums, sondern der darbenden, durch die Jahrhunderte enterbten und entrechteten Masse des Volkes die monarchische Staatsform durch die demokratische zu ersetzen. Züchteten diese deutschen Monarchen, der Preußische an der Spitze, nicht selber den Umsturz, indem sie durch knechtische und grausame Beamte der Polizei und Inquisition auch das besonnene freie Wort verfolgten und ihre durch das deutsche Volk von der Fremdherrschaft befreiten Staaten zu Kleinkinderbewahranstalten zu machen versuchten? Weidig, der schon einige Nummern des »Leuchters und Beleuchters für Hessen oder der Hessen Notwehr« herausgegeben und verbreitet hatte, war mit Büchner in Verbindung getreten und hatte dessen Manuskript »Der Landbote« überarbeitet, besonders aber dem darin Ausgesprochenen zahlreiche Beweise und Kraftstellen aus der Bibel hinzugefügt. Glühende Leidenschaft spricht aus diesen Blättern: Gott werde dem Volke Kraft geben, die Füße seiner Tyrannen zu zerschmeißen, sobald es sich bekehre und die Wahrheit erkenne, daß eine Obrigkeit, die Gewalt, aber kein Recht über ein Volk habe, nur so von Gott stamme, wie der Teufel auch, und daß der Gehorsam gegen eine solche Teufelsobrigkeit nur so lange gelte, bis ihre Teufelsgewalt gebrochen werden könne; daß der Gott, der ein Volk durch eine Sprache zu einem Leibe vereinigt habe, die Gewaltigen, die es zerfleischen und vierteilen oder gar in dreißig Stücke zerreißen, als Volksmörder und Tyrannen hier zeitlich und dort ewiglich strafen werde. – Und nach einer Schilderung der elenden Lage der hessischen Bauern heißt es: »Das alles duldet ihr, weil Schurken euch sagen, diese Regierung sei von Gott. Diese Regierung ist nicht von Gott, sondern vom Vater der Lügen. Diese deutschen Fürsten sind keine rechtmäßige Obrigkeit; den deutschen Kaiser, der vormals vom Volke frei gewählt wurde, haben sie seit Jahrhunderten verachtet und endlich gar verraten. Aus Verrat und Meineid und nicht aus der Wahl des Volkes ist die Gewalt der deutschen Fürsten hervorgegangen und darum ist ihr Wesen und Tun von Gott verflucht; ihre Weisheit ist Trug, ihre Gerechtigkeit Schinderei. Sie zertreten das Land und zerschlagen die Person des Elenden.« In der frühen Dämmerung eines Novembernachmittages, als Johannes soeben in den Botanischen Garten eingetreten war, in dessen Einsamkeit er nach seiner Gewohnheit ein wenig spazierengehen wollte, sah er sich von einem stattlichen Herrn eingeholt, der als Pfarrer Weidig von Obergleen sich vorstellte und versicherte, seine Bekanntschaft machen zu müssen. Jeder von ihnen habe durch Büchner schon vom andern gehört und jeder wisse vom andern, daß er, wenn auch nicht seine politischen Ansichten, so doch die Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen in Deutschland und den ehrlichen Wunsch nach ihrer Verbesserung teile. Nun meine er, der Pfarrer, wenn zwei aufrechte und unbefangene Männer ihre vaterländischen Gedanken aufeinanderplatzen ließen, müsse der göttliche Funke der Wahrheit herausspringen. Und schon begann er leidenschaftlich und eindringlich, dem andern seine Überzeugung von der Notwendigkeit und den Zielen eines gewaltsamen Umsturzes darzutun. – Johannes hatte seine Freude an der Wärme und Aufrichtigkeit des Mannes, der so befangen sich für unbefangen hielt. Er hörte ihm gerne zu, und wenn er voraussah, daß er den Fanatiker so wenig bekehren werde, wie dieser ihn, so war es ihm doch nicht unerwünscht, die eigenen Sorgen und Hoffnungen einmal im Zusammenhang auszusprechen und an denen des andern nachzuprüfen: ja, der deutsche Bund laste auf Deutschland wie die Heilige Allianz auf Europa, und die kleinstaatlichen Serenissimi seien ebenso vom Übel wie in Preußen die absolutistischen Neigungen, die durch Rußland, und wie in den süddeutschen Staaten die »liberalen« Verfassungen, die durch Frankreich sich zu stärken suchten. Aber für eine Republik, die auch er für die würdigste Staatsform halte, seien die Deutschen nicht reif, solange Uneinigkeit, Eigennutz und Bedientenhaftigkeit zu ihren bezeichnendsten Eigenschaften gehörten. Der Fortschritt müsse von innen nach außen einsetzen. Und da nun, was zu überwinden sei, mehr mit dem Verstande als mit dem Gemüt überwunden werden müsse, so setze er seine Hoffnung auf Preußen, wo trotz allem die Intelligenz am stärksten entwickelt sei, und auch am meisten zu ihrer Verbreitung geschehe. So wenig aber der Fortschritt auf die Dauer durch äußere Gewalt sich hemmen lasse, so wenig lasse er ungestraft durch solche sich beschleunigen. Aus eigener erstarkender Kraft müssee die Masse sich den Fortschritt genau in dem Maße, in dem sie ihn ersehne und gebrauchen könne, Schritt vor Schritt erkämpfen. Durch Gewalttat, zu der man sie aufreize, lasse sich nur der rasch verfliegende Schein der Freiheit gewinnen, einer Freiheit, mit der das Volk nichts anzufangen wissen würde, weil es nicht dazu erzogen, noch gereift sei. Der Pfarrer möge doch bedenken, daß auch das Reich Gottes, wie die Heilige Schrift bezeuge, nicht mit äußeren Gebärden komme, sondern inwendig in den Menschen sich zu entfalten beginne, daß auch sein Weiden und Wachsen nicht durch Gewalt und Paragraphen hervorgerufen oder gefördert werden könne. – Aber es heiße doch, entgegnete Weidig, daß die Stürmer und Dränger das Reich Gottes an sich rissen, und bevor man nicht ein wenig am Baum geschüttelt habe, könne man nicht wissen, ob der Apfel schon reif sei oder noch nicht. – Nein, sagte Johannes, sobald die Deutschen besserer Zustände und Regierungen wert würden, würden die gegenwärtigen in sich selbst zusammenbrechen... So verhandelten sie lange, ohne einander zu überzeugen, zuerst im Botanischen Garten, dann im Schein der wenigen Öllaternen den Seltersweg, an dem Johannes wohnte, ein paarmal auf und ab schreitend. Daß ihnen dabei ein Mann bald nachbald voranging, und daß dieser Unbekannte ihn mehrmals scharf ansah, das kam Johannes erst zu Bewußtsein, als er sehr viel später einmal an diesen Abend erinnert ward. Schon im August war ein Gießener Student verhaftet worden, der den »Landboten« verbreitet hatte, aber die Untersuchung belastete Büchner und Weidig nicht so stark, daß man ihnen den Prozeß hätte machen können. Erst im April 1835 legte ein andrer Student ein Geständnis ab, auf das hin man den Pfarrer von Obergleen alsbald in Haft nahm, Büchner, der im Winter in seinem Elternhaus zu Darmstadt in beständiger Furcht vor der Verhaftung sein Revolutionsdrama »Dantons Tod« geschrieben hatte, war zu seinem Glück im Ausland in Sicherheit: Er studierte jetzt in Straßburg Philosophie und vergleichende Anatomie. Johannes Wolf aber hatte sich vor dem Disziplinargericht der Gießener Universität zu verantworten, was ihm, dem die Königlich Preußische Regierung zu Düsseldorf das Zeugnis loyalster Gesinnung ausstellte, auch ganz leidlich gelang. Er hielt sich aber in Fühlung mit dem Weidigschen Kreise, weil er am ferneren Ergehen des revolutionären Pfarrers herzlichen Anteil nahm. Nachdem Weidig ein paar Monate im Gefängnis zu Friedberg gesessen, ward er in das Arresthaus zu Darmstadt gebracht. Mit der Leitung des Verfahrens gegen ihn ward der Hofgerichtsrat Georgi betraut, den für seinen persönlichen Feind zu halten der Angeklagte allen Grund zu haben glaubte. Aber seine Versuche, jenen wegen Befangenheit abzulehnen und einen andern Richter zu erhalten, mißlangen. Der hartnäckig und trotzig alles leugnete und, was sich gar nicht leugnen ließ, mit allen Künsten der Verstellung ins Harmlose umzudeuteln suchte – war das wirklich der kampffrohe Verfechter ewiger Menschenrechte? War das wirklich der Pfarrer mit dem zarten Gewissen, der vor kurzem erst, als er eine Bäuerin seiner Gemeinde über die Heiligkeit des Eides belehren mußte, aus eigner Tasche das Geld bezahlt hatte, das einem Juden nicht schuldig zu sein jene, wie er glaubte leichtfertig, zu schwören Willens gewesen war? Ja, einer Regierung gegenüber, die nach seiner Überzeugung nur auf den Teufel, den Vater der Lügner, sich stützte, hielt der Verblendete jedes Mittel, auch Lug und Trug und Verstellung für erlaubt und geboten. Monat auf Monat verging ohne Ergebnis. Der Hofgerichtsrat Georgi war in Verzweiflung. So hatte noch kein Verbrecher seiner inquisitorischen Künste gespottet! Es war eben doch ein Unterschied, ob man einen Analphabeten zum gewünschten Geständnis zu bringen hatte oder einen Akademiker, Er wandte die schärfsten Mittel an, die das Gesetz ihm erlaubte: er ließ den Gefangenen mit Kugeln beschwerte Ketten schleppen, er ließ ihn wie einen bösen Hund an die Kette legen, er ließ ihn an die Zellenwand anschließen, er stellte ihm Farrenschwanzhiebe in Aussicht. Alles vergeblich! Und dabei versagte sein Präsident ihm noch die Erlaubnis, den Verstockten tatsächlich prügeln zu lassen, weil der Arzt dagegen war! Jetzt beschloß Georgi einen anderen Weg zu versuchen. Er stellte die Verhöre gänzlich ein und überließ den Gefangenen sich selbst, um inzwischen allenthalben nach Beweisen zu fahnden, unter deren Menge und Schwere jener dann später zusammenbrechen sollte. Um diese Zeit war es, daß Johannes, eines späten Nachmittags von einem Unbekannten sich besucht sah, gerade als er angefangen hatte, in des München« Philosophieprofessors Franz von Baader neue Schrift »Über das Mißverhältnis der Vermögenslosen oder Proletarier zu den Vermögen besitzenden Klassen« sich zu vertiefen. Er empfand angesichts dieses Besuchers sofort ein äußerstes Mißbehagen, das unmöglich auf die unterbrochene Lektüre allein zurückzuführen sein konnte. Der Fremde stellte sich als Freund und Gesinnungsgenossen des Pfarrers Weidig vor, bat aber, seinen Namen verschweigen zu dürfen. Doch mit wie großer Geschicklichkeit jener ihn auch auszuforschen versuchte, Johannes ließ sich nicht aufs Glatteis führen: seine Unterredung mit Weidig wäre durchaus theoretischer Natur gewesen, sozusagen eine wissenschaftliche Untersuchung über das Wesen des Staates, wobei er, Johannes, aus Vergnügen am Disputieren vielleicht etwas zu weit gegangen, der Pfarrer aber von um so größerer Besonnenheit gewesen wäre. Wie er denn überhaupt nicht glauben könnte, daß ein so edler und frommer Mann der ihm zur Last gelegten hochverräterischen Umtriebe ernstlich fähig gewesen sein sollte. Als der Unbekannte sich endlich verabschiedet hatte, erinnerte sich Johannes des Mannes, der ihn und Weidig an jenem Novemberabend auf dem Seltersweg beobachtet hatte. Eintönig gingen dem unglücklichen Pfarrer in seiner Zelle die Tage dahin, endlos, grau in grau, einer wie der andere. Die Tage und die langen Nächte. Als einen lebendig Begrabenen fühlte er sich. Die Besucher, die er bei sich sah, waren keine leibhaftigen Menschen. Waren die Särge, die sie an ihm vorübertrugen, nicht mit gefälschten Protokollen gefüllt? Die Worte, die er hörte, wurden nicht von Menschenlippen gesprochen, aber wie ähnlich klangen sie den Stimmen seiner Kinder! Der Wahnsinn umlauerte ihn. Dann ersehnte er die Hinrichtung, vor der ihm doch graute, seit er sie für heimlich beschlossen hielt. Ende Januar 1837, zu welcher Zeit der Hofgerichtsrat Georgi den ersten Anfall ausbrechenden Säuferwahnsinns zu überstehen hatte, bestätigte der oberste Gerichtshof endgültig die Ablehnung der Anträge Weidigs, ihn vorläufig aus der Haft zu entlassen. Als der Wärter am 23. Februar um halb acht dem Gefangenen die Wassersuppe bringen wollte, fand er die Zelle voll Blut und auf dem Fußboden die Scherben der Wasserflasche. Der Pfarrer Weidig aber lag röchelnd auf seiner Pritsche: er hatte sich an den Armen Schnittwunden beigebracht; er hatte auch etwas auf die weiße Wand geschrieben, mit Blut, das noch nicht trocken war. Der erschrockene Wärter verschloß die Tür wieder und eilte zum Hofgerichtsrat Georgi, der sich um acht die Zelle öffnen ließ, den Tatbestand aufnahm und alsdann wieder fortging, um nach Ärzten zu schicken. Als diese um zehn Uhr erschienen, stellten sie fest, daß Weidig sich inzwischen noch durch einen neuen Schnitt in den Hals verwundet hatte und nun im Sterben lag. Was er mit seinem Blut an die Kerkerwand geschrieben, lautete: »Da mir der Feind jede Verteidigung versagt, so wähle ich einen schimpflichen Tod von freien Stücken.« Bei der Untersuchung der Leiche fanden sich an den Oberschenkeln Wunden und Narben, die anscheinend von Farrenschwanzhieben herrührten. Die medizinische Fakultät der Freien Zürcher Hochschule aber erklärte auf Grund des gerichtsärztlichen Sektionsbefundes mit Entschiedenheit, daß der Gefangene unmöglich selber den Hals bis auf die Wirbelsäule sich habe durchsäbeln können... Die von Weidig erhoffte große deutsche Revolution brach nicht aus, aber zur Abschaffung des geheimen Strafverfahrens hat nichts mehr beigetragen als sein schreckliches Ende, also daß er doch für eine gute Sache, wenn auch eine andere als er meinte, das Martyrium erlitten hat. Johannes aber, als er die Einzelheiten erfuhr, segnete in seinem Herzen den großen Kaiser, auf dessen Namen getauft zu sein, ihm oft ärgerlich gewesen war. Denn es war doch Napoleon, dem seine Heimat so frühe schon die Schwurgerichte verdankte, diesen Richterstuhl des unbefangenen Menschengefühls, des volkstümlichen Rechtsgefühls, vor dem auch der Fall des Pfarrers Weidig einen andern Ausgang genommen haben würde. Ja, die rheinischen Juristen hatten wohl recht gehabt, als sie – unbewußte Propheten – Anno elf zu Düsseldorf den »Fiedenskaiser« apostrophiert hatten: »Ihre Gesetze sind mächtiger als Ihre Waffen!« – Und es war nur innigst zu wünschen, daß die Bemühungen des gegenwärtigen preußischen Justizministers von Kamptz, in den Rheinlanden das französische Recht wieder zu beseitigen, scheitern möchten. Was man auch mit einiger Zuversicht hoffen dürfte, denn zu den Gegnern dieses Polizeischleichers, dem jedes Mittel recht war, gehörten die besten Männer der Provinz. Darunter auch der treffliche Fürst Joseph Salm-Reifferscheid-Dyck, dessen prächtiger Schloßpark für Johannes Wolf das Ziel so mancher einsamen Wanderung gewesen war. In der Empörung und Erschütterung seiner Seele empfand Johannes als wohltätig, daß gerade um diese Zeit seine Fachstudien, die er nun bald abzuschließen gedachte, immer strenger ihn in Anspruch nahmen. Als er aber nach einem fleißigsten Jahr zu Weihnachten kurze Ferien sich gönnte, die er daheim bei den Seinen verlebte, brachen die hintangehaltenen politischen und sozialen Interessen um so stärker sich Bahn. Da hatten die Brüder dann manchen Strauß miteinander, denn der Kommerzienrat machte kein Hehl daraus, daß in seinen Augen nicht nur der Pfarrer Weidig, sondern auch »der heilige Graf Simon und der Vater Enfantin komplette Narren« gewesen seien, die ernst zu nehmen jeder Mann von einiger Welt- und Menschenkenntnis ablehnen müsse. Wenn aber die beiden Frauen sich geneigt zeigten, dem jüngeren Bruder beizustehen, zog der ältere nicht ungern sich zurück: Drei gegen Einen, das sei doch eine zu ungleiche Verteilung der Kräfte. – Als Gesamtergebnis derartiger Auseinandersetzungen, die manchen Abend füllten, ist zu verbuchen, daß der Kommerzienrat den Theorien Saint'Simons in nichts, seine Mutter ihnen in allem beipflichtete, weil sie darin die Praxis der ersten Christen wiederzuerkennen vermeinte, während Johannes mit seiner Schwägerin auf einer mittleren Linie sich zusammenfand: alle soziale Reform müsse bei den Kindern einsetzen, ja sie dürfe wesentlich auf die Kinder sich beschränken. Daß hier das eigentliche Problem liege, das werde, meinte Johannes, schon durch das Wort selber bestätigt, denn »Proletarier« komme vom lateinischen »proles«, zu deutsch: Nachkommenschaft, und bedeute also wörtlich »Kinderbesitzer«. Das Proletariat sei mithin der Stand, der nichts besitze als seine physische Kraft. Wahrscheinlich werde die Maschine sich ja rasch vermehren, aber daß die Arbeiter noch rascher sich vermehren würden, halte er für gewiß. Die Aufgabe sei nun, nicht etwa die Vermehrung der Maschine künstlich zu beschleunigen oder die Vermehrung der Arbeiter – etwa nach dem grotesken Vorschlag des Hofrats Weinhold in Halle – künstlich hintanzuhalten, sondern dafür zu sorgen, daß möglichst wenige Proletarierkinder mit Notwendigkeit selber wieder Proletarier werden müßten. Dann werde bei zunehmender Industrialisierung die Arbeit stets den Arbeiter suchen, nicht umgekehrt, und das werde die Löhne und Lebensbedingungen der Arbeiter wesentlich verbessern. Ohne Ausnahme jedem Kinde aber sei der gleiche Anteil an jeder geistigen und leiblichen Entwicklungsmöglichkeit zu gewährleisten, seine Ausrüstung für den Kampf ums Dasein und für den Kampf mit dem Dasein, seine Lebensstellung und Lebensleistung dürfe nur von seiner eigenen Begabung, nicht vom Geldbeutel seines Vaters abhängig gemacht werden, übrigens aber auch bei der Erziehung keines Kindes der weise Grundsatz der alten Griechen außer Betracht bleiben: wer nicht geschunden wird, der wird auch nicht erzogen. Ein Grundsatz, der freilich auch für die Erwachsenen zu Recht bestehe, denn wer sich nicht plage, der komme nicht weiter, weder innerlich noch äußerlich. Die Möglichkeit, auf solche Weise weiterzukommen, dürfe nun freilich auch keinem Fabrikarbeiter vorenthalten werden, weswegen der Akkordlohn, wo irgend er sich einrichten lasse, dem Zeitlohn vorzuziehen sei. Im übrigen, so löblich es sei, die Existenz auch des erwachsenen Arbeiters zu verbessern, allzuviel sei hier weder möglich noch zu versuchen ratsam, sintemal dem Unverständigen doch nicht zu helfen sei und der Verständige wisse, daß es auf Erden keinen Himmel gebe und daß auch der wohlmeinendste fremde Wille ihm wesentlich nicht über sich hinaushelfen könne. Die Uhr müsse eben ein Gewicht haben, wenn sie gehen solle, und das sehe für den einen so aus und für den andern so. Und wenn man nun auch keinem sein Gewicht unfreundlich erschweren dürfe, so solle man es ihm doch um Gottes willen auch nicht aus Sentimentalität künstlich erleichtern. Der gute Durchschnittsarbeiter würde, und mit Recht, sich völlig zufrieden fühlen, wenn er sein leidliches Auskommen habe und seinen Kindern ein Anrecht auf die guten und schönen Möglichkeiten des Lebens gesichert wisse, auf die Möglichkeiten, die für ihn selber ja doch nicht mehr in Betracht kommen könnten, weil ihm alle Voraussetzungen dafür feblten. Das gelte zum Beispiel auch für seine Beteiligung am politischen Leben, die vernünftigerweise doch nur auf einer schon in der Kindheit und Jugend gelegten ethischen und intellektuellen Grundlage möglich sei. Mit weiser Auswahl anerkannte der Kommerzienrat von solchen Theorien einige als richtig, zu andern schüttelte er den Kopf: das seien Utopien, ebenso wie der von manchen Arbeitern neuerdings erstrebte zehnstündige Arbeitstag. Zwölf Stunden sei auch nicht zu viel und selbst an vierzehn oder fünfzehn noch niemand gestorben. Das Unglück sei, daß es allzuviele »Arbeiter« gebe, die überhaupt nicht arbeiten wollten, die auch nicht zehn und nicht acht und nicht sechs und nicht vier Stunden wirklich arbeiten würden, ja, die nicht einmal andere arbeiten sehen könnten, worunter dann natürlich die Fleißigen mit zu leiden hätten. Jeder Fabrikant wisse davon ein Lied zu singen, und jeder Werkmeister habe mit solchen Faulpelzen zu tun, die, zumal Montags, frech oder gleichgültig bei jedem Anlaß ihm unter die Nase rieben: »Ech maach hüt net wirke!« – Und wenn dieser Professor von Baader in München behaupte, die sogenannten sozialen Fragen würden den Regierungen noch einmal mehr Kopfzerbrechen machen als die politischen, so liege das jedenfalls noch in weitem Felde. Auch müsse man sich hüten, die Bedeutung der Fabrikarbeiter hierfür zu überschätzen: in ganz Preußen gebe es bis jetzt nur wenig über vierhundert Dampfmaschinen von zusammen noch nicht achttausend Pferdekäften. Daß aber das Handwerk, dessen goldenen Boden man jetzt so gern gegen die Fabrikarbeit ausspiele, auch da, wo ihm die Dampfmaschine noch keine Konkurrenz mache, nicht gerade auf Rosen gebettet sei, gehe daraus hervor, daß vor einigen Jahren von den rund tausend Tischlermeistern in Berlin über sechshundert ihre Gewerbesteuer nicht hätten bezahlen können. Es sei eben eine unvollkommene Welt und Preußen ein armes Land, und die wirtschaftlichen Verbesserungen dürften nicht künstlich einigen Ständen zugewendet werden, sondern würden bei zunehmendem Wohlstand naturgemäß auf alle sich verteilen, gemäß dem preußischen Wahlspruch »Jedem das Seine.« Dagegen gab der Kommerzienrat ohne weiteres zu, daß das Gewicht an seiner eigenen Lebensuhr nicht allzu schwer sei. Aber daß er dieses Jahr achtundfünfzig Taler Steuern zahlen solle, sei Unrecht und er werde gegen solche Einschätzung Berufung einlegen. Er habe erst vor kurzem gelesen, daß der Höchstbesteuerte in Preußen hundertvierundvierzig Taler zu zahlen habe, da seien dann für ihn achtundfünfzig natürlich doch viel zu viel. Ging man solchergestalt im Sozialen verschiedene Wege, so war man diesmal im Politischen von ganz besonderer Einmütigkeit, wie denn eben um diese Zeit die Gebildeten der ganzen Nation von einer und derselben Woge der Entrüstung und des Zornes ergriffen wurden, die an keines der vielen deutschen Vaterländer Grenze Halt machte. Solche allgemeine Empörung galt dem unerhörten Verfassungsbruch des neuen Königs von Hannover, der die Gewissen vergewaltigte und die Widerstrebenden entrechtete und verfolgte. – Im Sommer war Wilhelm IV. von England kinderlos gestorben. Mit seinem Leben hatte die hundertdreiundzwanzigjährige Personalunion zwischen England und Hannover ihr Ende erreicht. Denn nach englischem Staatsrecht fiel die englische Krone der achtzehnjährigen Tochter Viktoria seines verstorbenen Bruders Eduard zu, nach deutschem die hannöversche seinem sechsundzwanzigjährigen Bruder Ernst August. Dieser sehr dunkle Ehrenmann, der auf der Schule nur im Religionsunterricht einige Empfänglichkeit gezeigt, ein annähernd richtiges Deutsch nie erlernt und in einem bewegten Leben den ihm verliehenen Titel eines Herzogs von Cumberland diesseits und jenseits des Kanals in Verruf gebracht hatte, wollte »Monarch im guten alten deutschen Sinne« werden und lediglich vom Berliner Politischen Wochenblatt sich beraten lassen, das seit 1831 für Absolutismus und Christentum focht. Er stieß daher am 1. November 1837, wenige Monate nach seiner Thronbesteigung, das Staatsgrundgesetz um, das vier Jahre vorher, sogar vor Metternichs reaktionären Augen Gnade findend, eingeführt worden war. Statt dessen stellte er die Verfassung von 1819 wieder her, ein übles Zweikammersystem, darin die erste Kammer stets jede fortschrittliche Entwicklung im Keim erstickt hatte. Am 18. November unterzeichneten, von ihrem Gewissen getrieben, die »Göttinger Sieben«, die Professoren Albrecht, Dahlmann, Ewald, Gervinus, Jakob und Wilhelm Grimm und Wilhelm Weber, den Protest gegen den Verfassungsbruch des Königs. Sie wurden kurzerhand ihres Amtes entsetzt, Dahlmann, Gervinus und Jakob Grimm sogar gezwungen, binnen drei Tagen das Land zu verlassen. Und der rachsüchtige Tyrann suchte auf jede Weise zu verhindern, daß sie irgendwo in Deutschland Amt und Brot wiederfänden, was ihm nun freilich mißlang. Dieses Ereignis goß, wie Dahlmann später schrieb, wieder frisches Lebensblut einträchtiger vaterländischer Überzeugung in die Adern Deutschlands. – Zunächst wurden allenthalben Geldsammlungen für die Geschädigten veranstaltet. Der alte Salomon Heine zu Hamburg, der Oheim des Dichters, steuerte Tausend Mark Blanko bei, aber Herr von Rochow, der preußische Minister des Innern, erteilte den zu ihrem Landsmann, dem Professor der Jurisprudenz Albrecht, sich bekennenden Bürgern von Elbing einen strengen Verweis: es gezieme dem Untertan nicht, an die Handlungen des Staatsoberhauptes den Maßstab seiner (des Untertans) beschränkten Einsicht anzulegen, – und der Prinz Wilhelm von Preußen fragte noch nach Jahr und Tag den jungen Savigny, ob er etwa der Sohn des Mannes sei, der die Infamie begangen habe, für die Göttinger Professoren Geld zu sammeln. Als aber in Wien Kaiser Ferdinand der Gutmütige – er hatte dem Attentäter, der vor einigen Jahren ihn als Kronprinzen angeschossen, eine lebenslängliche Pension erwirkt – von den hannoverschen Händeln hörte, fragte er seinen allwissenden Metternich: »Bitt' schön, wo liegt denn dies Hannover?« Schon im Frühjahr 1836 hatte sich, wenn auch kein Käufer, so doch ein Mieter für Haus Duynberg gefunden. Da war Pinchen eines Nachmittags in die Fabrik gelaufen: Die Mutter ließe bitten, der Vater möchte doch sofort mitkommen, eine fremde Dame wäre da und wünschte dringend ihn zu sprechen. Der Kommerzienrat hatte sich durch solche Botschaft ein wenig beunruhigt gefühlt und unterwegs hatte die Kleine in aller Unschuld ihn dazu auch noch recht neugierig gemacht: Vor dem Hause hielte ein wunderschöner Wagen, auf dessen Bock neben dem Kutscher noch ein Mann säße und beide hätten weiße Handschuhe an und sähen viel stolzer aus als Anton und wären auch viel feiner angezogen. Als sie dann die hohe Treppe hinanstiegen, erkannte der Kommerzienrat am Wagenschlag das fürstlich Salmsche Wappen und wunderte sich, denn zwischen den kleinen Industriestädtchen der Landschaft und Schloß Dyck bestand keinerlei Verkehr. Fürst Josef Salm-Reifferscheid pflegte, sofern er nicht in seinem Winterpalais zu Paris oder auf Reisen war, in seinem niederrheinischen Stammschloß einer gelehrten Passion sich hinzugeben, deren Seltsamkeit ihm den unverdienten Ruf eines Sonderlings eingebracht hatte: er sammelte, züchtete und erforschte Kakteen und sollte auf diesem etwas entlegenen Gebiet ein wahrer Doktor Allwissend sein. – Entlegen war auch sein Schloß. Wenn man auf der Landstraße nach Düsseldorf fuhr und etwa den halben Weg zurückgelegt hatte, sah man in einiger Entfernung ein dunkles Waldquadrat, wie eine steilwandige grüne Insel mitten in den niedrigen bunten Wellenzügen des Flachlandes, die ringsum an einigen Stellen unabsehbar, an andern von sehr fernen Wäldern beufert waren. Das war der Schloßpark. Aber kein Turm noch Giebel verriet den prächtigen Herrensitz, den er in sich barg. Unter dem Bilde des seligen Maire fand der Kommerzienrat seine Frau im Gespräch mit einer hochgewachsenen Dame, deren regelmäßiges, frisches Gesicht mit den mandelförmigen und langbewimperten braunen Augen, den über der scharfgeschnittenen Nase leicht sich berührenden dunklen Brauen, unter vollem und schneeweißem Haupthaar eigenartig vornehm und anziehend wirkte. Es war Frau Cato van Bornevelde aus dem Haag, der Fürstin Salm durch deren ersten Gemahl, den Pariser Chirurgen Pipelet, verschwägert. Sie wünsche, erklärte Frau van Bornevelde, in Rücksicht auf widrige Familienverhältnisse eine Reihe von Jahren außerhalb ihres Vaterlandes, aber nahe an dessen Grenze zu hausen, und zwar keineswegs allein, sondern mit der kleinen Erziehungsunternehmung, auf die sie in Ermangelung eigener Kinder sich eingelassen habe. Von der Fürstin sei sie auf Haus Duynberg aufmerksam gemacht worden, dessen Lage und Räume sie in der Tat für geeignet halte, und wenn sie mit dem Herrn Kommerzienrat als dem Vertreter der Besitzerin handelseinig werde, gedenke sie das alte Nest alsbald mit halbflügger Brut fröhlichster Art zu füllen. Die zwölf annähernd gleichaltrigen holländischen Jungen, die sie zu betreuen habe, seien soeben im Begriff, in das einzutreten, was man in Deutschland so hübsch Flegeljahre nenne – übrigens zwar wilde, aber grundbrave Kerlchen, unbemittelte Waisen bester Herkunft, die zusammenzubringen ihr nicht wenig Mühe gekostet habe. In Erziehung und Unterricht verfolge sie ganz bestimmte Pläne. Es handle sich darum, die Entwicklung der Knaben von frühauf so zu beeinflussen, daß sie zum späteren Verwaltungsdienst in den Kolonien eine gleichsam natürliche Veranlagung mitbrächten. – Hinzu komme dann noch ein holländischer und ein deutscher Hauslehrer, hinsichtlich welcher Persönlichkeiten sie nicht ohne Ansprüche, bisher aber vom Glück begünstigt gewesen sei, und ihre alte Dienerin Antje, die sie schon als junge Frau nach Indien begleitet habe, denn Jongheer van Bornevelde sei Assistent-Resident auf Sumatra gewesen und, wie auch ihre beiden Kinder, dort gestorben. – Was sie sonst noch an Dienerschaft benötige, beabsichtige sie ihrer neuen Heimat zu entnehmen. Nachdem in den nächsten Wochen der fürstliche Landauer noch einige Male sowohl vor Haus Duynberg wie auch vor der Wolfschen Treppe gehalten hatte, war man handelseinig und die Handwerker des Städtchens schmunzelten, denn sie hatten alle Hände voll zu tun. – Und einige Tage vor Pfingsten zogen vier ungefüge und fremdartige Reisewagen, deren Erbauer gewiß schon vor vielen Jahrzehnten für immer Feierabend gemacht hatten, gemächlich an den Jagdgründen des Herrn Jeanbon vorüber, um ihre teils lebendige, teils in Körbe, Kisten und Bündel verpackte Fracht vor dem Hause abzuladen, dessen Herrn ein dunkles Schicksal die Heimkehr verwehrt hatte. Frau van Bornevelde machte einige Besuche, aber ein richtiger Verkehr kam nur zwischen ihr und der Kommerzienrätin zustande, ein Verkehr, aus dem sich mit der Zeit eine nahe Freundschaft entwickelte. Auch zwischen Haus Duynberg und Schloß Dyck wurden freundschaftliche Beziehungen unterhalten, denn die Holänderin teilte die Passion des gelehrten Fürsten für Kakteen und hatte eine glückliche Hand in der Pflege dieser seltsamen Blumenwesen. So oft ihr hierin eine merkwürdige Beobachtung oder schwieriger Versuch gelungen war, oder eine besonders seltene und schöne Blüte sich erschlossen hatte, hißte sie gegen Mittag auf dem Dachreiter, von dem aus Fräulein Antoinette einst die Sterne beobachtet, und den man von Schloß Dyck aus sehen konnte, ein weißes Fähnlein auf, und meist fuhr dann schon nach wenigen Stunden der Fürst bei ihr vor, um lernend oder erläuternd sich die Merkwürdigkeit anzusehen. Im Städtchen beschäftigte man sich viel mit Haus Duynbergs neuen Bewohnern und bald waren die abenteuerlichsten Gerüchte im Schwange, die sowohl die vergangene wie auch die gegenwärtige Existenz der Frau van Bornevelde mit krausen Phantasien umrankten. Mal sollte ihr Mann als Sklavenhändler, mal als Seeräuber ein riesiges Vermögen zusammengebracht, mal nie existiert, mal sie ihn umgebracht haben, und die Flaggenzeichen nach Schloß Dyck machten die Holländerin den einen als Spionin verdächtig – denn man wußte ja, daß der Fürst eine Französin zur Frau hatte und seine Winter in Paris verlebte – während die anderen in ihr trotz ihren weißen Haaren eine heimliche Geliebte des Fürsten vermuteten. Da aber die beiden Hauslehrer, die als »außerordentliche Mitglieder« in die »Gesellschaft« eintraten, sich dort als umgängliche und verständige Männer erwiesen, auch über die Dame, ihr Schicksal und ihre Absichten ohne alle Geheimnistuerei im Gespräch jedem Rede und Antwort standen so gut sie konnten, beruhigten sich die Gemüter allmählich. – Von diesen Hauslehrern war der holländische Mynheer van den Bleek entschieden der interessantere: ein Mensch mit zu langen Armen und zu kurzen Beinen, aus dessen bartlosem, roten und von einem unaufhörlichen Mienenspiel belebten Antlitz zwei immer freundliche Kinderaugen unschuldig in die Welt sahen. Aber man merkte bald, daß diese harmlose und ein wenig komische Hülle einen außerordentlichen Geist und Willen barg, eine Persönlichkeit, die, wenn sie statt ins Wissenschaftliche und Schulmeisterliche etwa ins Politische oder Militärische geraten wäre, vielleicht die Welt erschüttert hätte. Die Herren der »Gesellschaft« in ihren politischen Ansichten zu beeinflussen, darauf schien er freilich keinen Wert zu legen, im Gegenteil als Ausländer bewußt sich zurückzuhalten. Nur als die preußische Regierung 1837 den Erzbischof von Köln, Clemens August von Droste-Vischering, gefangen in die Festung Minden bringen ließ, weil er seinen Geistlichen verboten hatte, gemischte Ehen einzusegnen, es sei denn gegen das bedingungslose schriftliche Versprechen, daß die Kinder sämtlich katholisch werden sollten, da vertrat Mynheer van den Bleek entschieden, ja fast leidenschaftlich die überraschende Auffassung, daß dieses der Anfang nicht des Sieges, sondern der Niederlage des Staates sein werde. Durch die Aufhebung der Klöster und die Verteilung ihrer Güter während der Napoleonischen Kriege sei die katholische Kirche zwar äußerlich ärmer, der Katholizismus aber innerlich reicher und stärker geworden. Und entschiedener noch als in der protestantischen hätten bei den Gebildeten in der römischen Kirche sowohl die freiheitlichen Ideen wie die Gleichgültigkeit im letzten Vierteljahrhundert in ihr Gegenteil sich verwandelt. Ideen aber könnten nur durch Ideen besiegt werden und nicht durch Gewalt, und nichts sei in solchem Kampf gefährlicher, als Märtyrer zu machen. Der in einem Mindener Bürgerhaus inhaftierte Erzbischof werde der Regierung gewiß noch viel mehr Kopfschmerzen verursachen, als der unbotmäßig amtierende ihr verursacht habe. Und die königliche Kabinettsorder, wonach der preußische Beamte am Rhein, wenn er eine Katholikin heirate, seine Kinder evangelisch werden lassen müsse, sei unhaltbar. Durch diesen Mynheer van den Bleek nun war Frau van Bornevelde zur Beschäftigung mit Kant gekommen, der ihr ein höheres Leben erschloß, wie denn seine Strenge und Klarheit ihrem eigenen Wesen gemäß war. Durch Kant erlebe sie, äußerte sie einmal zur Freundin, an sich selber das unscheinbare aber starke Wachstum, das sie an ihren Kakteen beobachte, und die Erlösung ihres Selbst, welche die Liebe ihr vorenthalten und die Mutterschaft nicht lange genug ihr gewährt habe, wie denn auch Kant ihr bestätige, daß sie für die schwerste und dunkelste Frage ihres Lebens die richtige Antwort gefunden habe. Ein andermal wieder konnte Frau van Bornevelde von Menschen, Einrichtungen und Verhältnissen, zumal der holländischen Kolonien, mit so viel Bitterkeit und Schärfe sprechen oder im Blick auf ihre Knaben, die mit augenscheinlicher Liebe an ihr hingen und aufs beste gediehen, zu so harten, ja unbarmherzigen Erziehungsgrundsätzen sich bekennen, daß Frau Anna erschrak und bei sich dachte, sofern auch solches etwa eine Wirkung des Königsberger Philosophen sei, wolle sie ihrerseits doch lieber sich an ihren guten Seminardirektor und den alten Pestalozzi halten. Jene aber sei wirklich zuweilen selber wie ein grauer und stachlichter Kaktus, von dem man hoffen müsse, daß er seine Blütenwunder mit der Zeit immer reichlicher hervorbringen lerne. Darin freilich pflichtete sie der Holländerin bei, daß in der Erziehung von Knaben nichts weniger übersehen werden dürfe, als etwaige Anzeichen einer schofelen oder grausamen Gesinnung, nur daß sie auch hier mehr als jene der Ansteckungsfähigkeit des Guten vertraute. Über Mädchenerziehung zu verhandeln, gaben nicht nur Frau Annas kleine Nöte mit Pinchen und der zarten Regine, sondern auch die Briefe des öfteren Anlaß, die Frau van Bornevelde von einer Freundin in Wiesbaden erhielt, der sie eine junge Malaiin zu erziehen gegeben hatte. Sie wisse immer noch nicht, meinte Frau van Bornevelde dann wohl, ob es richtig gewesen sei, die kleine Odinda mit nach Europa zu nehmen. Damals habe sie unter dem Eindruck gehandelt, das Kind einerseits vor dem sicheren Untergang zu retten, andererseits ein schweres Unrecht an ihm wieder gutmachen zu sollen, und zu beidem keinen anderen Weg gesehen. Aber es sei ja nun doch so, daß es sich als äußerst schwierig, ja fast als unmöglich erwiesen habe, Kinder jenes liebenswürdigen Volkes in Europa seelisch zu akklimatisieren, nnd so müsse sie oft befürchten, den Untergang der Kleinen durch solchen Versuch nur verlangsamt, vielleicht dazu noch vergrausamt zu haben. Ihre Freundin, die selber lange Jahre in Niederländisch-Indien gelebt, sei zwar für die übernommene Aufgabe außerordentlich begabt, aber jeder Brief zeige doch nicht nur neue Schwierigkeiten, sondern auch, daß Erzieher und Zögling bei aller äußeren Harmonie in zwei getrennten Welten lebten und zumeist aneinander vorbeifühlten. Oft beruhige sie sich mit dem Gedanken an einen gewissen Fatalismus ihrer Freundin, die dafür halte, daß jedes einzelne Menschenleben im Guten wie im Bösen nach ewigen und unabänderlichen Gesetzen sich vollenden müsse, und die also, was sie etwa noch Unerwartetes an der kleinen Odinda erleben würde, nicht werde verbittern können. Oft aber beunruhige sie der gleiche Gedanke, weil solcher Fatalismus auf einen Erzieher doch vielleicht narkotisierend wirken und also die nötige Tatkraft und Strenge lähmen möchte, und sie könne nicht leugnen, daß es ihr lieber wäre, in den Berichten über die mehr symptomatisch als sachlich bedeutsamen Schwierigkeiten das resignierende Wort »Schicksal« nicht so oft lesen zu müssen. Anfänglich sei es ihr, die unbeschadet aller grundsätzlichen Strenge doch nie daran gedacht habe, sich von ihren Knaben anders als »Mutter« nennen zu lassen, auch ein wenig befremdlich gewesen, daß die Freundin der Kleinen die Zärtlichkeit solches Namens vorenthalte und sich »Tante« anreden lasse. Aber vielleicht sei dies doch nicht von ungefähr geschehen, sondern in unbewußter Vorausahnung der kommenden Dinge. Vorläufig nun dürfe man ja hoffen, daß die, wie sie schätze, jetzt Achtjährige doch noch zu einem guten Ziel gelange, als welches ihnen beiden die Rückkehr nach Sumatra zu irgendwelcher Förderung der Eingeborenen, mit der ja die holländische Regierung doch nun wohl bald beginnen werde, das erwünschteste, die Ehe mit einem Europäer aber das bedenklichste erscheinen wolle. Übrigens werde ein Fatalist geneigt sein, zu glauben, daß über der Odinda ein freundlicher Stern stehe, die als kleines Kind schon dem gräßlichsten und unerbittlichsten Boten des Todes spielend in die Arme gelaufen, von ihm aber unversehrt dem Leben zurückgegeben worden sei. Dieses Wunder nun habe sich solchergestalt zugetragen. Einige Zeit nachdem durch eine auf Sumatra nicht unerhörte Härte, sie wolle nicht sagen des Assistent-Residenten, ihres Mannes, aber doch seiner Verwaltung, die kleine Malaienfamilie um den letzten Büffel gebracht worden und bis auf die einzige Odinda dem Verderben anheimgefallen sei, habe sie, Frau van Bornevelde, in einem entlegenen Teil des Gartens vom Liegestuhl aus in Gedanken oder vielleicht auch ohne Gedanken zugesehen, wie die höchstens anderthalbjährige Odinda versucht hätte, eine Rasenböschung hinaufzuklettern, auf halber Höhe jedesmal wieder unsicher werdend und mit lautem Gelächter herabrollend. Plötzlich sei ein Aussätziger oben auf der Böschung erschienen, einer jener Unglücklichen, die, von allen gemieden, flußabwärts in der Verborgenheit ihr armseliges Dasein fristeten, das Leben wagend, wenn sie in der Ansiedelung sich blicken ließen. Der habe, sie auf ihrem Liegestuhl nicht gewahrend, sich auf die Erde gelegt und, ein freundliches Grinsen im zerstörten Antlitz, der kleinen Volksgenossin mit ermunterndem Zuruf die Hände hingehalten. Odinda habe auch ihre Händchen hineingelegt, bevor sie, Frau van Bornevelde, den Schreckensschrei noch habe ausstoßen können, auf den hin jener das Kind sofort losgelassen habe und alsbald spurlos verschwunden sei. Odinda sei, diesmal aber weinend, den ganzen Hang heruntergekugelt, doch habe weder der Absturz, noch die Berührung des Aussätzigen irgendeine Folge gehabt. – So wolle sie hoffen, daß die junge Malaiin auch gegen die Gefahren des europäischen Lebens gefeit sei, und das Wagnis ihrer Verpflanzung so oder so zum Guten ausschlagen werde. Als Frau van Bornevelde mit ihrem Völkchen in Haus Duynberg sich einnistete, hatte sie die beiden übereinanderliegenden Turmgemächer, die durch ein Wendeltrepplein in unmittelbarer Verbindung standen, zu Krankenzimmern eingerichtet. Denn sie meinte, daß das viele Licht da oben und der freie Ausblick der Seele wohltätig sein und die Genesung beschleunigen werde, weswegen man die vermehrten Unbequemlichkeiten der Pflege wohl in Kauf nehmen dürfe. Aber es dauerte lange, bis der erste Kranke sich einfand. Das war der kleine Elias Meulenhoff, der im Frühjahr 1839 von einem tückischen und langwierigen gastrischen Fieber befallen ward. Doktor Latschert schüttelte den Kopf: »Wenn nur keine Komplikationen eintreten!« sagte er, Frau Anna aber, da sie eines Tages die Freundin besuchen wollte und sie als Krankenpflegerin tätig fand, dachte in ihrem Herzen, daß der stachlichte Kaktus da wieder einmal ein schönes Blütenwunder hervorgebracht habe, denn keine Mutter hätte des eigenen Kindes liebevoller und behutsamer warten können. Ja, sie fand, daß Frau van Borneveldes Angesicht einen neuen Ausdruck gewonnen habe, der es verschöne und verjünge. Der kleine Elias war, wie seine mütterliche Pflegerin, eine seltsame Mischung von Weichheit und Herbheit, ja Härte: Als Schüler mit mehr Eifer und Ehrgeiz, denn mit rascher Auffassungskraft begabt, als Kamerad zuverlässig, aber keiner ganz nahen Freundschaft fähig, die zarteren Regungen seiner Knabenseele nur der geliebten Geige anvertrauend, die er meisterlich spielte. Die war es auch, die ihn mit dem Krankenlager versöhnte: so oft Doktor Latschert es irgend erlaubte und dann immer so lange bis Frau van Bornevelde ernstlich Feierabend gebot, ließ er seine Phantasien durchs offene Fenster hinausfliegen, wodurch die Vogelkehlen im Duynberger Park sich ihrerseits zu vermehrtem Fleiß angeregt fanden, also daß die alten Mauern in allen ihren Jahrhunderten noch nie von so viel Wohllaut umflossen gewesen waren. Und Doktor Latschert, der der Frau van Bornevelde den schleichenden Hinzutritt der befürchteten Komplikationen nicht verhehlte, legte seinem Patienten zuletzt keinerlei Beschränkung mehr auf, bis dann spät an einem lauen Juniabend, als die Geige des kleinen Elias gerade die erste Nachtigall wachgerufen hatte, der Tod den Fiedelbogen auf die Bettdecke und den bleichen Knabenkopf in Frau van Borneveldes Arme sinken ließ. Längst hatten Herr Schlüpjes und Pastor Kranevoß dem kleinen Elias die letzten Dienste erwiesen, längst hatte ein neuer Zögling den leeren Platz eingenommen, längst ging das Leben in Haus Duynberg seinen gewohnten Gang, als im Sommer 1840 Frau van Bornevelde selbst plötzlich erkrankte. Kommerzienrats waren mit Kind und Kegel in Rothenfelde, weil Doktor Latschert für die zarte Regine Solbäder verordnet hatte. Am Tage nach ihrer Heimkehr schon kam Antje und überbrachte die Bitte um Frau Annas baldigen Besuch. Die Kranke fühlte sich gerade heute so frisch und habe so vieles auf dem Herzen – wenn sie gegen Abend ein Stündchen miteinander verplaudern könnten, so würde das ihre Genesung beschleunigen. Antje selber sah traurig und müde aus und schien die Krankheit ihrer Herrin sehr ernst zu nehmen. Frau van Bornevelde lag in dem obern der beiden Turmzimmer, darin man sich fast in Höhe des Dachreiters befand, von dem aus Antoinette die Sterne beobachtet hatte. Ihr Bett stand auf einer kleinen Erhöhung, so daß sie, ohne sich aufzurichten, durch das offene Fenster die unendliche Niederung überblicken konnte, mit der Seele oft die Heimat suchend, darin eben jetzt hinter Herrn Jeanbons Jagdgründen die Sonne zum Untergang sich anschickte. Mit ihren mandelförmigen braunen Augen, die klar und lebhaft wie in gesunden Tagen, aber von einem neuen Lichte durchleuchtet waren, blickte sie der Eintretenden lächelnd entgegen, indem sie versuchte, sich ein wenig aufzurichten. Die Kommerzienrätin erschrak über den raschen Verfall des Antlitzes, aus dem mit der Farbe des Lebens alle Strenge gewichen war, obwohl die Linien sich verschärft hatten, und nachdem sie der Kranken die Hand gegeben und ein paar freundliche Worte mit ihr ausgetauscht, nahm sie neben dem Bett Platz, so daß sie das Fenster voll Abendsonne im Rücken hatte. Über und neben ihr floß die Fülle der roten Glut auf das Krankenlager. Frau van Bornevelde lächelte: »Leben und Sterben verbinden sich dicht, selig beruhend im ewigen Licht,« zitierte sie leise. Frau Anna widersprach nicht, Worte zu machen war ihr nicht gegeben. Sie empfand sofort, daß jene mit dem Leben abgeschlossen hatte, und so freudig sie ihrerseits den Forderungen des eigenen, hellen Lebenstages sich hingab und so dankbar sie seines Reichtums genoß – es war doch etwas wie leiser Neid, was in ihrem Herzen sich regte, und sie schämte sich dessen. Frau van Bornevelde begann von den schönen Tagen und schöneren Nächten zu sprechen, die sie jetzt erlebe. So voll Wunder sei diese schlichte Landschaft, mit der dunklen Nähe und der lichten Ferne, und die Weite dieses Himmels, und in diesen stillen Nächten erst habe sie Muße gefunden, die Wahrheit des Kantschen Wortes ganz zu erleben – sie blätterte in dem Buch, das sie beim Eintritt der Kommerzienrätin aus der Hand gelegt hatte, und las: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwäglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.« – Sie schwieg eine kleine Weile und sah still ins Weite. Dann sagte sie, daß sie oft stundenlang den kleinen Elias auf seiner Geige phantasieren höre, der ja in diesem Zimmer gestorben sei. Dieser freundliche Spuk, der von einem ernstlich so genannten dadurch sich unterscheide, daß er nicht errege und verwirre, sondern tröste und beruhige, sei ihr ein Versprechen, daß auch das grauenvolle Gespenst ihres dreifachen Mordes – ja, sie sage das bei voller Klarheit des Geistes: dieses dreifachen Mordes, den sie, Frau Cato van Vornevelde, begangen und an den sie in beständiger Trauer aber ganz ohne Reue zurückdenke – daß das Gespenst dieser furchtbaren Tat sie in ihrem letzten Stündlein nicht verwirren und erschrecken werde. Die Kommerzienrätin meinte, sie wollten doch lieber von freundlicheren und wirklicheren Dingen sprechen, als von Gespenstern, und wenn ihr Besuch in dieser schon abendlichen Stunde die Kranke zu sehr aufrege, wolle sie ihn abbrechen und morgen vormittag wiederholen. Aber Frau van Bornevelde ergriff ihre Hand und bat inständig, sie möge doch ja bleiben, denn gerade um über diese dunklen und gräßlichen, aber sehr wirklichen Dinge mit ihr zu sprechen, habe sie sich ihren Besuch erbeten. Sie sei keineswegs erregt, sondern so ruhig wie immer, aber es würde ihrer Seele wohltätig sein, wenn sie, bevor sie diese schöne und leidvolle Erde verlasse, einem Menschen in Rede und Gegenrede mündlich sich aussprechen dürfe, statt ihr trauervolles Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Sie wisse aber sonst niemand, von dem sie solchen Freundschaftsdienst erbitten, oder auch nur ertragen könne. – Ja, es sei ganz wörtlich wahr: sie habe ihren Mann, den sie aus Liebe geheiratet, und ihre beiden Kinder, die sie in Liebe empfangen und geboren, in Liebe gepflegt und behütet habe, ermordet. Auch sei das keineswegs bildlich zu verstehen, sondern vollkommen sachlich: sie habe diese drei Leben an einem Tage mit klarer Absicht und in völliger Freiheit ihres Willens durch Gift vernichtet. Und so unendliche Schmerzen ihr die schreckliche Tat bis auf diese Stunde bereitet, Reue habe sie nie empfunden und Reue empfinde sie auch jetzt nicht. Ja, sie wisse, daß sie in der selben Lage heute wieder ebenso handeln würde ... Die Kommerzienrätin antwortete nicht. Ihr schwindelte. Konnte das noch Fieberphantasie sein? War es ausbrechender Wahnsinn? Oder – Wahrheit? Sollte sie Doktor Latschert rufen oder Pastor Kranevoß? Aber Frau van Bornevelde, die ihre Gedanken erriet, fuhr fort: Nein, zwischen ihr und dem guten Doktor sei alles im Reinen und mit dem Pastor wisse sie so wenig anzufangen wie er mit ihr. Sie bedürfe, um das ihr anvertraute göttliche Pfündlein, damit sie schlecht genug gewuchert habe, dem Unendlichen zurückzugeben, keines irdischen Maklers, aber wenn die Frau, die sie vom ersten Sehen an als Freundin empfunden, jetzt ihre Lebensbeichte anhören wolle, werde sie ihr noch jenseits des Grabes dankbar sein. Die Kommerzienrätin drückte ihr schweigend die Hand und die Kranke fuhr fort, indem sie auf den schmalen Bogen des Sonnenrandes wies, der eben jetzt verschwinden wollte: so habe sie in ihren Mädchentagen in Scheveningen oft die Sonne ins Meer tauchen sehen und nie ohne den heißen Wunsch, in unbekannte Fernen ihr nachzueilen. Als dann Jongheer van Bornevelde in ihren Kreis eingetreten sei, habe sie dem tüchtigen Manne doppelt freudig die Hand gereicht, weil er ihr die Wunderwelt des fernen Ostens erschließen würde. Als Braut habe sie eines Tages einen anonymen Brief erhalten: ob sie denn nicht wüßte, woher der große Reichtum ihres Verlobten stammte. Sein Vater wäre ein Schurke gewesen, der in Verbindung mit einem deutschen Schurken und amerikanischen Helfershelfern hüben und drüben morsche Schiffe billig aufgekauft und solche, mit wertlosem Ballast verfrachtet, unter allerlei falschen Eigentümernamen bald bei diesem, bald bei jenem englischen Hause hoch versichert hätte. Von allen möglichen kleinen französischen und deutschen Häfen aus hätte man alsdann diese Schiffe in See stechen lassen, auch so oft sich irgend Gelegenheit geboten, die Unternehmung durch Mitnahme von Auswanderern stattlicher und gewinnreicher zu machen gesucht. Zuweilen zwar hätte man sich verrechnet, indem ein gänzlich seeuntüchtiges Fahrzeug nicht bei der ersten, sondern erst bei der zweiten oder dritten Reise zugrunde gegangen wäre und also die Versicherungssumme mit einiger Verspätung eingebracht hätte. Im ganzen aber wäre es doch die am besten prosperierende Reederei ihrer Zeit gewesen. Und als man dem sauberen Handel endlich auf die Spur gekommen hätte der Jongheer sich und sein Blutgeld rechtzeitig in Holland in Sicherheit gebracht, dem deutschen Spießgesellen noch ein Schnippchen schlagend. Dem hätte man dann in Emden den Prozeß gemacht, aber nicht allzuviel nachweisen können, zumal er ein frommer Mann und Kirchenältester gewesen, der beteuert hätte, von dem Holländer hinters Licht geführt worden zu sein. – Diesen Brief habe sie nach einigem Zögern ihrem Verlobten gegeben, der ihn überflogen und alsdann zerrissen habe. Anonyme Briefe, so habe er sie belehrt, nähme man nicht ernst und übrigens möchte er wohl den Reichtum sehen, der, sofern man ihm auf den letzten Grund ginge, nur aus ganz und gar sauberen Quellen stamme. Wie es denn überhaupt in der Welt ganz anders aussähe als hinter ihrer klugen Stirn und in ihrem unschuldigen Herzen. Sein seliger Vater wäre, wie er von der seligen Mutter wüßte, ganz zweifellos ein Ehrenmann gewesen, aber wenn wirklich nicht jedes einzelne Geschäft, das jener in seinem arbeitsreichen Leben abgeschlossen, der allerstrengsten Moral entsprochen haben sollte, so stünde es doch keinesfalls dem Sohn zu, hierüber zu Gericht zu sitzen und der Schwiegertochter noch weniger. Sie wollten vielmehr des väterlichen Erbes miteinander als gute Haushalter genießen und vergangene Dinge, die aufzuhellen ohnehin in keines Menschen Macht läge, auf sich beruhen lassen. Am meisten habe ihr davon eingeleuchtet, daß man anonymen Briefen nicht zu viel Wert beimessen dürfe und im ganzen habe sie sich über diese Sache im Blick auf die tüchtige und zuverlässige Art ihres Verlobten nicht allzu viele Gedanken gemacht. Sie sei eben erst siebzehn Jahre alt und noch ein rechtes Kind gewesen. – Unmittelbar nach der Hochzeit seien sie an Bord gegangen und ein halbes Jahr später, nachdem sie sich in Buitenzorg von der langen Seereise erholt und ein wenig an das Klima gewöhnt gehabt habe, nach Oranjezon weitergereist, wo sie ... Hier ward leise an die Tür geklopft und auf Frau van Borneveldes »Kom binnen!« erschienen die freundlichen Kinderaugen und die Mimik Mynheers van den Bleek, des Hauslehrers: ob es angenehm sei, wenn die Knaben ihr Abendlied auch heute wieder im Hofe sängen. Einige Minuten später erscholl es durchs offene Fenster: Wilt heden nu treden voor God den Heere, Hem boven al loven van herten seer, End' maken groot sijns lieven naemens eere, Die daer nu onsen vijant slaet terneer. Ter eeren ons Heeren wilt al u dagen ^ Dit wonder bijsonder gedenken toch; Maeckt u, o Mensch! voor God steets wel te dragen, Doet ijder recht en wacht u voor bedrog. D'arglosen, den boosen, om ijet te finden, Loopt drieschen en brieschen gelijck een Leeu, Soeckende wie hij wredelijck verflinden Of geven mocht een doodelijcke preeu. Bid, waket end' maket, dat g'in bekoring End' 't quade, met schade, toch niet en valt. U vroomheijt brengt de vijand tot verstoring, Al waer sijn rijck nog eens soo sterck bewalt. Das altniederländische Dankgebet des Adrianus Valerius. 1625 In wörtlicher Übersetzung von Karl Budde. Aus: Goldscheider, Gloria Viktoria. C.H.Becksche Verlagsbuchhandlung (Oskar Beck), München 1916. Wollt heute nun treten vor Gott den Herrn, Ihn über alles loben von Herzen sehr, Und machen groß seines lieben Namens Ehre, Der da uns unseren Feind schlägt darnieder. Zu Ehren unsers Herrn wollt all eure Tage Dieses Wunders besonders gedenken doch; Befleißige dich, o Mensch, vor Gott stets eines guten Betragens, Tut ein jeder recht und hütet euch vor Betrug! Arglose, der Böse, um etwas zu finden, Läuft drohend und brüllend gleich einem Löwen, Suchend, wen er grausamlich verschlingen Oder geben könnte einen tödlichen Streich. Betet, wachet und machet, daß ihr in Verführung Und das Böse nicht fallet! Eure Frömmigkeit bringt den Feind zur Zerstörung, Wäre auch sein Reich noch einmal so stark bewallt. Als der letzte Ton verklungen war, pries Frau van Bornevelde die freundliche Fügung, die gerade dieses stärkende Lied ihr heute noch einmal und in dieser Stunde dargeboten. Dann nahm sie ihre Erzählung wieder auf: Von der märchenhaften Schönheit der Residentschaft Oranjezon und von ihrem dortigen Leben, auch von den Schrecknissen ihres einzigen Wochenbettes habe sie ja schon des öftern erzählt, und gewiß habe die Freundin längst gemerkt, daß ihre Ehe nicht glücklich gewesen sei. Sie wolle darüber auch heute nur sagen, daß sie unsagbar gelitten habe, und sich darauf beschränken, das zum Verständnis ihrer Tat Notwendige noch auszuführen. Ja, das könne sie wohl sagen: ihr Leben in Oranjezon sei nicht eine Hölle auf Erden, sondern etwas viel Schlimmeres: eine Hölle im Paradies gewesen, und nichts als die hilflosen Augen der Zwillinge hätte sie darin festgehalten. Der Jongheer sei in der Tat ein tüchtiger Mann und Beamter gewesen, aber von einer Habgier und Grausamkeit, die nichts Menschliches mehr gehabt habe. Sie wisse wohl, daß sie selber durchaus keine besondere Liebe zu den Eingeborenen empfunden, sondern deren Armseligkeit ganz gelassen als etwas Selbstverständliches betrachtet habe. Ihr Mann aber sei wie ein Teufel mit ihnen Verfahren und habe die Rechtlosen auf jede Weise ausgesogen und gequält. Und wie dumpf und stumpf jene auch, der Unbarmherzigkeit ihrer europäischen Herren gewohnt, alles über sich hätten ergehen lassen – zuletzt sei doch die Luft so voll Haß und Verzweiflung gewesen, daß ihr das Atemholen schwer und das Leben unerträglich geworden sei. Die Kranke hielt inne und schien sich zu besinnen, ob sie etwas vergessen habe. Dann fuhr sie fort: Ja, gewiß, in den ersten Jahren als ihr Mann noch einige Zärtlichkeit für sie empfunden, o, da habe sie ihn oft und unter Tränen gebeten und beschworen, von seiner Unmenschlichkeit abzulassen. Anfangs habe er dann wohl gelacht und gesagt, sie solle sich doch nicht in seine Regierungsgeschäfte einmischen, er wisse selber sowohl, was der Staat von ihm erwarte, wie auch, was er sich und seinen Söhnen schuldig sei. Wenn er erst daheim im Ministerium sitze, könne er nichts mehr zurücklegen. Die Eingeborenen seien nichts Besseres gewöhnt und nicht anders im Zaum zu halten, auch bestreite er durchaus, daß er in allen diesen Dingen anders verfahre, als die anderen Assistent-Residenten. Und mit der Zeit hätten ihre Bitten und Vorwürfe nur dahin geführt, daß er sich immer mehr von ihr und den Zwillingen abgewendet und hart und trotzig sich immer ausschließlicher seinen sogenannten Regierungsgeschäften hingegeben habe. Sie aber habe vergeblich immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, wie sie mit ihren Kindern ihn verlassen könne, um schließlich einzusehen, daß dies ganz unausführbar sei. Mit solcher Einsicht sei eine große Müdigkeit über sie gekommen und sie habe nur noch ganz mechanisch dahingelebt wie ein Tierchen. Da sei ein Offizier nach Oranjezon versetzt worden, ein Deutscher, den nach den Befreiungskriegen das Garnisonleben nicht mehr befriedigt und ein abenteuerlicher Sinn in die Ostindische Kompagnie und nach Sumatra geführt habe, wo er sich in den Kämpfen gegen den letzten Sultan von Palembang hervorgetan und zum Rittmeister aufgestiegen sei. Der habe alsbald begonnen, ihr den Hof zu machen, was ihrem Mann so gleichgültig gewesen sei wie ihr selber. Durch den Schleier ihrer hoffnungslosen Müdigkeit habe sie, wie alles andere, so auch ihn und sein Werben nur ganz undeutlich wahrgenommen, als etwas Fremdes und Fernes, das sie nicht berühren könne und worüber nachzudenken sich nicht lohne. Im Lauf der Zeit habe es sich gefügt, daß er mit ihr Deutsch getrieben und sie deutsche Bücher miteinander gelesen, was ihr, wenn auch weder Trost noch Hilfe, so doch ein flüchtiges Vergnügen gewährt habe. Und da sei es denn eines Tages beim Lesen von Werthers Leiden über ihn gekommen, obschon die drei Hauptpersonen dieses Buches mit den drei Hauptpersonen in Oranjezon gewiß nicht eben viel gemeinsam gehabt hätten, und leidenschaftlich habe er ihr seine Liebe ausgesprochen. Ihr sei gewesen, wie wenn sie nun das letzte Restchen Erdenfreude vor sich versinken sehe, aber sie habe sich das nicht anmerken lassen, sondern enttäuscht und kalt und ein wenig gelangweilt sich derartige Ausbrüche verbeten. Das müsse ihn über die Maßen gereizt haben, denn er habe daraufhin, alle Selbstbeherrschung verlierend, gedroht: sie solle sich's wohl überlegen! Er sei nicht gewohnt und nicht gesonnen, sich von oben herab behandeln zu lassen. Noch habe nur er Beweise, daß ihr Mann sich der Unterschlagung von Staatsgeldern schuldig gemacht habe. Aber es koste ihm nur einen Brief, so würden übers Jahr in ganz Holland die Spatzen von den Dächern pfeifen, welcher Schuft als Assistent- Resident Seine Majestät in Oranjezon vertreten habe. Nach solcher Drohung sei der Rittmeister, ohne eine Antwort abzuwarten, fortgestürmt. – Sie habe alsbald gewußt, daß jener nicht lüge, übrigens aber innerlich sich von diesem neuen Elend kaum berührt gefühlt. Immerhin habe sie für ihre Pflicht gehalten, sich zu dem zu bekennen, der nun einmal ihr Mann war, und ihm den ganzen Auftritt zu erzählen. Er habe ihr vorgeworfen, dem Rittmeister offenbar weiter entgegengekommen zu sein, als es für die höchstgestellte Dame von Oranjezon schicklich gewesen sei. Über den Vorwurf der Unterschlagung auch nur ein Wort zu verlieren, halte er für unter seiner Würde. – Einige Tage später hätten drei Malaien im Walde den Rittmeister, der ein passionierter Jäger gewesen, an einen Stein gelehnt tot aufgefunden, augenscheinlich während des Frühstückens von einem malaiischen Pfeil durchbohrt. Der Assistent-Resident habe den drei armen Kerlen den Prozeß gemacht und alsbald den einen von ihnen wegen Ermordung eines königlich niederländischen Offiziers henken lassen, ohne seiner Ausrede, durch eine alte Malaiin zu der Mordtat angestiftet worden zu sein, irgendwelche Bedeutung beizumessen. Frau van Bornevelde unterbrach ihre Erzählung. Die Sonne war jetzt ganz entschwunden, aber sie hatte den Himmel in einer unbeschreiblichen Pracht zurückgelassen und die beiden Frauen sahen in Ergriffenheit hinaus, die eine Kräfte sammelnd für das Schrecklichste, das sie noch auszusprechen hatte, die andere in diesem erlöschenden Leben, das ein erstes und letztes Mal vor ihr sich aufrollte, die unendlichen Schmerzen der zwischen Licht und Finsternis kreisenden Erde in starkem Mitleiden umfassend. Sie komme nun zu der qualvollsten Erfahrung ihres Lebens, fuhr die Kranke in ihrer Erzählung endlich fort, das sei die immer tiefere Entfremdung zwischen ihr und den heranwachsenden Zwillingen gewesen. Anfangs hätte sie sich eingeredet, ein Kinderherz sei weich wie Wachs, und mit Festigkeit und Liebe könne sie alles Gute hineinprägen. Sie habe sich aber bald überzeugen müssen, daß eine geheimnisvolle Naturkraft von innen heraus solchen Eindrücken nur allzu wirksam entgegenarbeite und das eigentliche Wesen des Kindes nach ihrem eigenen strengen Gesetz bilde. Da sei ihr der Gedanke an einen Gärtner trostreich geworden, der ja, wenn er auch die große Entscheidung der Natur überlassen müsse, doch mit Einsicht und Treue viel Gutes fördern, viel Schlechtes hindern könne. Aber auch in solcher Bemühung und Fürsorge habe sie von Jahr zu Jahr sich immer mehr bescheiden, immer mehr mütterliche Hoffnungen begraben müssen. – Als ihrem eigenen Wesen besonders fremd habe sie eine gewisse Schäbigkeit der Gesinnung empfunden, die die Zwillinge, so oft es sich um ihr kleines Mein und Dein gehandelt, an den Tag gelegt hätten. Aber was ihr Mutterherz am meisten beunruhigt und bekümmert hätte, sei die mit den Jahren zunehmende Grausamkeit der Knaben gewesen, eine wahrhaft teuflische Freude, mit der sie Tiere und Malaienkinder gequält hätten. Bis in ihre Träume hinein hätten einzelne solcher schrecklichen Vorfälle sie verfolgt, so daß sie oft in Angstschweiß und Tränen erwacht sei. Und deutlich erinnere sie sich noch der Nacht, da sie nach solchem Traum schlaflos geblieben und plötzlich der Gedanke an die Tat, die sie später ausgeführt, vor ihre Seele getreten sei. Wieder schwieg Frau van Bornevelde und die Kommerzienrätin sah durch die Dämmerung, die das Antlitz der Sterbenden überschattete, in den weitgeöffneten Augen den letzten roten Streifen des Abendhimmels sich seltsam widerspiegeln. Behutsam suchte sie auf der Decke die heiße Rechte und nahm sie in ihre beiden Hände und bedachte im Herzen, daß es nur eine kurze Spanne Zeit sei, bis auch diesen die Lebensarbeit entgleiten werde. Und Frau van Bornevelde erzählte weiter: Nach der Ermordung des Rittmeisters und Hinrichtung des hierzu angestifteten Malaien habe die Ahnung sie keinen Augenblick mehr verlassen, daß eine Rache und schreckliche Lebenswendung sich vorbereite. Ein Ungeheures habe auf ihr gelastet und ihr den Atem benommen, und so oft sie später an diese Monate zurückgedacht, habe sie nie verstanden, daß sie sie hätte überleben können, so voll Grauen sei ihre Seele gewesen. – Und dann in einer traumhaft schönen Nacht, während sie schlummerlos auf das Sternbild des Orion geblickt, wohl auch zu beten versucht hätte – da habe sie im Nebenzimmer, wo die Knaben schliefen, ganz, ganz leise Schritte gehört. Ihr Mann, der auch noch wach gewesen sei, von ihr aber angenommen hätte, daß sie schlafe, habe sein Jagdgewehr ergriffen und sich an die offene Tür geschlichen. Sie habe noch gesehen, daß er angelegt, aber als der Schuß losgegangen, sei sie ohnmächtig geworden. Als sie endlich wieder zu sich gekommen, habe Antje sich um sie bemüht und zögernd ihr berichtet, Mynheer habe einen Aussätzigen erschossen, der an den Betten der Knaben sich zu schaffen gemacht hätte, und überwache jetzt das heiße Bad, das er für diese befohlen. Sofort habe sie gewußt, daß das vergeblich sein und daß nichts den Ausbruch der entsetzlichen Krankheit verhüten werde. Und sofort auch sei der Gedanke jener Nacht wieder vor ihre Seele getreten, diesmal aber fast wesenhaft, ein Bote und unabänderlicher Befehl des Schicksals. – Als nach kurzer Zeit die ersten untrüglichen Anzeichen des Aussatzes bei den Knaben sich eingestellt, habe sie ein Gift in den Reis der gemeinsamen Mittagsmahlzeit gemischt. – Ihr Mann und die Zwillinge wären daran gestorben und längst begraben gewesen, als sie nach schwerer Erkrankung mit Schrecken sich selber habe genesen sehen. Frau van Bornevelde schwieg, und als die Kommerzienrätin empfand, daß sie nichts mehr hinzusetzen werde, erhob sie sich und reichte ihr mit festem Druck zum Abschied beide Hände. Sie halte dafür, sagte sie, daß das Leben die am weitesten führe, an die es die schwersten Forderungen stelle, und daß der Leidgesegnete, der ein ungeheures Schicksal bestanden habe, zu beneiden sei. Ihr selber bange zuweilen davor, das Leben, das bisher ihr allzu freundlich sich erwiesen habe, einst mit einem etwas faden Geschmack auf der Zunge beenden müsse. Nun könne ja keiner seinen Weg sich aussuchen, wohl aber seinen Helden, und wenn auch von ihr einmal ein übermenschlicher Entschluß gefordert werden sollte, so hoffe sie, daß unter den guten Kräften, ihn zu fassen und durchzuführen, auch die Erinnerung an den heutigen Abend sein werde. Jetzt aber wolle sie die Freundin der treuen Antje und dem Schlummer nicht länger vorenthalten. Morgen nachmittag werde sie wiederkommen und dann wollten sie von freundlicheren Dingen sprechen. Seit dieser Beichte glaubte Frau Anna die Antwort auf die Frage zu wissen, die schon so oft sie beschäftigt hatte: Ob der Mensch wirklich die Pflicht habe, jedes einzelne Leben, es sei auch wie es sei, nach Möglichkeit zu erhalten, oder ob es eine höhere und schwerere Pflicht gebe, in zahlreichen Fällen das einzelne Leben zu vernichten – zu seinem eigenen Besten und zu dem der Gesamtheit. Und sie bedachte, um wieviel froher und reicher die Menschheit sein werde, wenn diese Antwort dereinst, in ihr Sittengesetz und in ihre Gesetzbücher aufgenommen, ihr Handeln bestimmen dürfe. Wenn das Töten nicht mehr nur als Ultimo ratio des Willens zur Vernichtung, sondern, durch einstimmigen Beschluß mehrerer gegen Irrtum und Beeinflussung gesicherter Instanzen angeordnet, auch als ultima ratio des Willens zum Leben gelte. Wenn Liebe zweckloses Leben, sinnloses Leiden, endloses Sterben enden und alle Kraft und Gesundheit in den Dienst der Kraft und Gesundheit stellen dürfe. Doktor Latscherts Voraussage, daß Frau van Bornevelde sterben würde, bevor die Blätter von den Bäumen fielen, bewahrheitete sich; in der Frühe des ersten Septembersonntags ging Antje ihren Tod ansagen, indessen Mynheer van den Bleek auf dem Dachreiter das weiße Fähnlein hißte, den Freunden auf Schloß Dyck die Todesbotschaft hinüberzuwehen. Am Dienstag ward der schlichte Sarg in der fürstlichen Gruft zu Sankt Nikolas, dem Kirchdorf der Herrschaft Dyck, vorläufig beigesetzt. Und Anfang Oktober standen eines frühen Morgens die vier altmodischen holländischen Reisewagen mit müden Gäulen vor Haus Duynberg, um einige Tage später mit ihrer teils lebendigen, teils in Körbe, Kisten und Bündel verpackten Fracht der holländischen Grenze wieder zuzurumpeln. Ihnen folgte, bekränzt und trauerflorumweht, ein Leiterwagen mit dem Sarg. Zu dessen Häupten saß der Kutscher, zu seinen Füßen aber Mynheer van den Bleek, der Hauslehrer. Aus seinen freundlichen Kinderaugen blickte er, das Herz voll brennender Trauer, gedankenvoll in die Weite. Und die beiden Braunen, die den kommerzienrätlichen Wagen zogen, fühlten sich durch sein unaufhörliches Mienenspiel so wenig beunruhigt, wie es ihn beunruhigte, wenn zuweilen eines der nickenden Pferdehäupter gedankenlos nach seiner Hose schnappte. Denn Friedrich Wilhelm und Frau Anna hatten beschlossen, die landrätliche Vorschrift, daß die Leiche bis zur Grenze von einem preußischen Untertan geleitet werden müsse, persönlich zu erfüllen. So fuhren sie an Monsieurs Jagdgründen vorüber, Erinnerungen an Fräulein Antoinette Jeanbon und Frau Cato van Bornevelde austauschend, und der alte Anton ahnte nicht, daß dies seine letzte Fahrt war, und daß, bevor noch die Blätter von den Bäumen fielen, Herr Schlüpjes ihm die endgültige Ruhestatt bereiten sollte. Am Silvesterabend des Jahres 1840, während die ballfähige Jugend der »Gesellschaft«, von den Müttern behütet, unter Singen, Spielen und Tanzen den großen Weihnachtsbaum plünderte, steckten im Unterhaltungszimmer nebenan die ältern Herren scharf politisierend die Köpfe zusammen. Es waren im Grunde nur wenige, die dabei selber das Wort ergriffen, nicht ohne vor solchem Unterfangen die lange Pfeife durch ein kräftiges Pppp anzufeuern; die meisten begnügten sich, zuzuhören und Mißbilligung oder Zustimmung durch kurze Zwischenrufe oder auch nur durch Kopfbewegungen kundzutun. Was hatte dieses Jahr aber auch nicht alles gebracht! Im Frühsommer den Tod des dritten und die Thronbesteigung des vierten Friedrich Wilhelm. Und dann fast einen Krieg mit Frankreich, wo Thiers gewaltig mit dem Säbel rasselte, als mit den andern Großmächten auch Preußen nicht dulden wollte, daß der Vizekönig von Ägypten aus der türkischen Oberhoheit in die französische überträte. Wie verheißungsvoll hatten übrigens diese gefährlichen Wochen die nationale Zusammengehörigkeit der Deutschen offenbart, denn auch außerhalb Preußens war der Zorn über die Anmaßung der Franzosen hell aufgeloht. Am handgreiflichsten im Königlichen Hof- und Nationaltheater zu München. Da hatte der Athlet Jean Dupuis, der als Deutschenschreck und Kostprobe franzmännischer Urkraft übern Rhein gekommen und in Kassel, Berlin und Dresden Sieger geblieben war, im Simerl vom Faberbräu seinen Meister gefunden. »Du Malefizfranzos, du damischer, di werd i mal richti schmeißn!« hatte der wackre Bierführer gemurmelt und den Gegner unter dem patriotischen Jubel des Hauses auf die weltbedeutenden Bretter gelegt, daß sie krachten. Am meisten redete auch heute abend wieder und am kräftigsten Herr I. W. Latschert, ein Baumwollagent, der Bruder des Doktors. Er war Demokrat und beschränkte sich keineswegs darauf, solche Gesinnung durch seinen ungebändigten blonden Haar- und Bartwuchs zum Ausdruck zu bringen. Nein, er pflegte wirklich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, und wenn man das englische Haus, das er vertrat, hätte entbehren können, so würde die »Gesellschaft« wohl nicht so duldsam gegen ihn gewesen sein. Übrigens hielt er auf »Bildung«, wie er auch den Majoritätsbeschluß durchgesetzt hatte, auf das neue Meyersche Konversationslexikon zu subskribieren, denn anfänglich waren wohl die meisten der Ansicht gewesen, der alte Brockhaus genüge vollkommen. Hierbei nun hatte ihn allerdings auch der Wunsch geleitet, zugleich mit den Fortschritten des Wissens die ausgesprochen neuzeitlich-liberale Gesinnung zu verbreiten, in der jene Enzyklopädie redigiert war. – Darin hatte er ja recht: beim Sterben Friedrich Wilhelms III. war tatsächlich ein allgemeines, erlöstes Aufatmen durchs Land gegangen, und darüber, ob der Verstorbene ausgerechnet ein »Heldenkönig« gewesen war, wie der Nachfolger ihn genannt hatte, darüber konnte man verschiedener Meinung sein. Aber daß Latschert jetzt von der allerhöchstseligen Majestät als von einem »schauderösen Übeltäter« sprach, der in allzu langer Mißregierung durch seine Dumpfheit und Schwäche ein aufstrebendes Kernvolk aufs jämmerlichste mißhandelt und geschädigt, und, während er mit seinem Generaladjutanten von Witzleben eine langatmige Agende gedichtet und den evangelischen Gemeinden aufgenötigt, gleichzeitig mit seinen Schergen unter der gebildeten Jugend wie ein Wüterich und Seelenmörder gehaust hätte – das ging denn doch zu weit! Es war ein lautes und entschiedenes, fast drohendes Murmeln des Unwillens, das solchen Worten folgte, indessen die Jugend nebenan das trutzige Lied anstimmte, das der Hilfsschreiber eines benachbarten Amtsgerichts diesen Sommer gedichtet hatte: Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, ob sie wie gier'ge Raben sich heiser darnach schrei'n ... So hatte denn Pastor Kranevoß doppelten Grund zu zeigen, welcher durchdringenden Kraft seine Stimme fähig sei: »Herr Latschert, mäßigen Sie sich! Ich gebe Ihnen ohne weiteres zu, daß Gott den hochseligen König nicht mit außergewöhnlichen Kräften des Verstandes und des Willens gesegnet hatte, wie sie im Blick auf außergewöhnliche Epochen seiner Regierung gewiß erwünscht gewesen wären. Aber wie dürfen Sie ihm persönlich daraus einen Vorwurf machen? Ultra posse nemo obligatur ! Das ist denn doch gerade so, wie wenn ich Ihnen vorwerfen wollte, daß Sie das Pulver nicht erfunden haben ... oder ... ich will besser sagen, daß Sie ... daß Sie die Baumwollpflanze in Deutschland zu akklimatisieren nicht verstehen!« Latschert lachte. »Nein, Herr Pastor! Das ist doch was andres! Das Pulver zu erfinden hat Ihnen, nicht mir, ein Amtsbruder von der andern Fakultät vorweggenommen, und meine Aufgabe ist Baumwolle importieren, nicht Baumwolle anpflanzen. Aber wenn einer von uns Kaufleuten oder Fabrikanten sein Geschäft so führte, wie Friedrich Wilhelm III. das seinige alle die langen Jahrzehnte hindurch geführt hat, ohne auch nur durch Schaden klug zu werden, der Mann machte in kurzer Zeit Bankrott und kein Mensch hätte Mitleid mit ihm. Und Sie, Herr Pastor, wären der Letzte, ihm aus den Gottesgaben geringer Einsicht und schwachen Willens mildernde Umstände zuzusprechen. Ich erinnere nur an unseren Freund Windemann, den schönen Oskar. – Nein, was zuviel ist, ist zuviel! Der Alte Fritz, ja das war ...« »Nun, lieber Herr Latschert, so lassen Sie uns hoffen, daß Gott uns jetzt eine lange Reihe von Alten Fritzen schenken wird, wie wir ja auch alle gedacht hatten, der neue König würde sich Friedrich III. nennen.« »Wo sollten die wohl herkommen? Der Alte Fritz war ja kinderlos! Nein, die königliche Begabung, die in ihm und im großen Kurfürsten, meinetwegen auch noch in seinem Vater lebendig war, die ist mit ihm gestorben. Das Haus Hohenzollern hat sich in Friedrich dem Großen verausgabt und erschöpft.« »Aber, Herr Latschert, das ist eine kühne Prophezeiung, deren Eintreffen Gott in Gnaden verhüten wolle. Mir jedenfalls sollen Sie die Freude an unserem gegenwärtigen frommen und geistvollen König nicht beeinträchtigen, durch den Gott vielleicht noch große Dinge tun wird.« – »Jömmich ja! Dummes Zeuch!« warf der achtundachtzigjährige Jup Breskens ein, der jetzt den Ehrensessel des seligen Herrn Henricus ten Bompel bewohnte. »Über die Frömmigkeit und die Geistesfülle des Königs habe ich kein Urteil,« erwiderte Latschert, »mir fehlt wohl das rechte Verständnis. Die Königliche Regierung hat voriges Jahr die Altlutheraner ihres Glaubens wegen aus ihrer schlesischen Heimat vertrieben. Als diese armen Auswanderer auf ihren Spreekähnen Berlin passierten, verbot die Zensur den Zeitungen, hiervon Notiz zu nehmen, damit im Volke keine Beunruhigung entstehe. Die Königliche Regierung hat voriges Jahr die ihres Glaubens wegen aus der Heimat vertriebenen protestantischen Zillertaler in Schlesien angesiedelt. Da flössen die Zeitungen über vom Lob der Königlich preußischen Toleranz. Ich weiß nicht, auf welche dieser beiden Fakta ich königlich preußische Frömmigkeit reimen soll. Doch das sind meinetwegen kirchenpolitische Interna und war ja auch noch unter dem alten Herrn, dem Agendendichter. Was aber den gegenwärtigen König betrifft, so habe ich ihm schon als Kronprinzen mißtraut, wenn die Leute ihn einen Hort des Liberalismus nannten. Genau das Gegenteil steckte immer in ihm. Er ist geistreich – geistreiche Monarchen sind immer gefährlich – er möchte durch Ungewöhnliches überraschen und wird das auch. Nur, daß dies Ungewöhnliche nicht erfreulich sein wird. Besonders dies viele Reden und dies ewige Betonen des Gottesgnadentums und des von Gott Erleuchtetseins läßt mich nichts Gutes hoffen. Das heißt doch schließlich für die eigenen Dummheiten Gott im voraus verantwortlich machen und grenzt an meinetwegen unbewußte Gotteslästerung.« »Dummheiten? – mir scheint, bis jetzt hat der König noch keine gemacht! Oder meinen Sie etwa die Amnestie für politische Verbrecher?«– »Die größte Dummheit, die je ein politischer Stümper fertiggebracht hat! Hat er nicht ohne jeden Anlaß und Gegengabe, allein aus dem Gefühl seiner Gottähnlichkeit heraus, Österreich den Bestand seines italienischen Besitzes garantiert? Wie mag Metternich geschmunzelt haben, als ihm diese gebratene Taube ins Maul flog!« »Aber, was wollen Sie, wir Germanen müssen doch zusammenhalten, heute gegen die Romanen nicht weniger als vor Zeiten gegen die Hunnen. Es ist die alte Nibelungentreue ...« »Die denen, die sie hielten, den Untergang brachte! So was ist meinetwegen sehr schön in Sage und Dichtung, aber nichts für die Politik. In Paris und London sprechen solche Sentimentalitäten nicht mit, von Petersburg gar nicht zu reden. Ist denn uns von Österreich schon jemals etwas Gutes gekommen? Gott weiß, was uns diese unsinnige Garantie noch kosten wird! Nein, Herr Pastor, da hätten andere Garantien näher gelegen. Wo sind die 1807 versprochenen »demokratischen Grundsätze in einer monarchischen Regierung«? Statt dessen ist der Deutsche Bund gekommen, diese Polizeiunternehmung gegen das nationale Leben, diese Assekuranz der Fürsten gegen die Völker. Und heute? Blickt der Bürger aus seinen vier Pfählen in das Gemeinwesen, so sieht er nichts als eine aufsteigende Beamtenhierarchie, die ihm jedes selbsttätige Eingreifen verbietet. – Nein! Dieser Mensch ist ein König von Gottes Ungnaden, sonst hätte er auf den richtigen Weg eingelenkt...« »Aber, Herr Latschert, so warten Sie doch erst ab! Ich meine ...« »Da ist nichts abzuwarten. Gottes Gnade ist bei den Einfältigen und Klaren, bei den Entschiedenen – kalt oder warm – die wissen, was sie wollen. Nicht bei den Verworrenen und Schwankenden. Wenn in unsern Tagen ein König von Preußen sich einbildet, er könne zugleich die deutschen Hoffnungen und die Ziele der Heiligen Allianz erfüllen, dann ist Gottes Gnade nicht in ihm. Nein, Herr Pastor, von diesem Romantiker ist kein Heil zu erwarten, für Deutschland nicht und für Preußen nicht und für die dreizehntausend politischen Flüchtlinge, die jetzt heimatlos in der Welt umherirren, auch nicht – dreizehntausend Märtyrer , Herr Pastor, und die besten Köpfe und die stärksten Herzen sind darunter! Diese Unsumme von Jammer und Not, zerstörten Leben und unwiederbringlichen Verlusten kann keine Amnestie wieder ausgleichen. Nein, wir gehen schweren Zeiten entgegen bis das souveräne Volk ...« »Schweren oder leichten, Herr Latschert, wie Gott sie gibt, der die Geschicke der Völker nach seiner Weisheit leitet und der auch unsern frommen König und seine Entschließungen leiten wird.« »Ja, durch den Hofprediger Strauß meinetwegen, der ja jetzt allmächtig ist, nachdem er im Anfang so knechtselig war, daß er glaubte, bei Hofe jedem Grafen die Hand küssen zu müssen ...« »Gott wählt seine Werkzeuge nicht nach unsrem ...« Jetzt aber kam, pfiffig lächelnd, der dicke und asthmatische Herr Paul van Overaad seinem Freunde Latschert unerwartet zu Hilfe, indem er schnaufend einwarf, daß es Gott sei, der sich eines solchen Werkzeuges bedienen werde, könne der Pastor ernstlich doch selber nicht glauben. Es sei noch kein Jahr her, da habe er, der Pastor, ihnen hier an diesem Tische auseinandergesetzt, daß dieser Strauß ein ganz entarteter Theologe und problematisches Individuum und daß sein Buch vom Leben Jesu ein oberflächliches und gottloses Machwerk sei. Ja, daß darin für den nicht theologisch geschulten Leser überzeugend, in schöner Sprache und betörender Geistreichelei der Nachweis geführt werde, Jesus Christus sei gar nicht Gottes Sohn gewesen, sondern ein Mensch wie jeder andere auch ... »Jömmich ja! Dummes Zeuch!« meinte der alte Jup Breskens, aber Herr van Overaad war noch nicht fertig: die Hegelsche Philosophie – so habe der Herr Pastor gesagt – habe in Strauß einen Triumph gefeiert, ähnlich dem des Satans, als er in den Judas fuhr, mithin könne er heute nicht denselben Strauß als Gottes Werkzeug in Anspruch nehmen. Der Pastor lächelte überlegen: Strauß und Strauß sei eben ein Unterschied. Der fromme und einflußreiche Hofprediger heiße Gerhard Friedrich und stamme aus Westfalen, während jener Vorläufer des Antichrists David Friedrich heiße und ein Schwabe, übrigens noch nicht vierzig Jahre alt sei, so daß man hoffen dürfe, er werde noch zu Verstande kommen und seine Irrtümer einsehen und bereuen, ja vielleicht noch aus einem Saulus zu einem Paulus werden. Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide. Wir führen dich zu Spiel und Tanz, zu Glück und Liebesfreude ... begann das junge Volk im Saal nebenan. Da vergaßen die Herren der Politik und summten das liebe Liedchen mit. Und dann verhinderte das Eintreten des Kommerzienrats Friedrich Wilhelm Wolf die Wiederaufnahme des Streites. Sein freundliches, offnes Gesicht zeigte heute einen besonders beglückten Ausdruck. Nachdem er die Herren einzeln begrüßt und mit jedem ein paar Worte gewechselt, ließ er sich behaglich in der für ihn freigehaltenen Ecke des schwarzen Wachstuchsofas nieder, schenkte sich ein Glas Wein ein, bat seinen Nachbar um Feuer und berichtete: er komme so spät, weil ihm die Post am Abend erst zwei merkwürdige Briefe gebracht habe, deren Inhalt übrigens, wie er denke, die Herren interessieren werde. »Daß ich's nicht vergesse, Latschert,« unterbrach er sich, »meine Pina ist glücklich über die englischen Freimarken, die Sie ihr geschenkt haben. Auch ich danke Ihnen bestens. Das ist wirklich eine geniale Erfindung, die einem viele Umständlichkeiten ersparen wird. Das Ei des Kolumbus. Sie sollen sehen, bald gibt es keinen Staat mehr ohne solche Freimarken, da wird dann hoffentlich mein Vetter in Hamburg für die Pina sorgen, daß sie mit der Zeit eine ganze Sammlung von solchen netten Dingern zusammenkriegt.« »Jömmich ja! Dummes Zeug!« urteilte der alte Breskens, aber das allgemeine Urteil der kleinen Tafelrunde bestätigte solche Negierung keineswegs, wenn man auch der Ansicht war, die Hauptsache sei und bleibe, daß das Porto billiger würde. Von der neuen Erfindung kam man auf den Generalpostmeister Nagler zu sprechen, der sie wohl bald einführen werde, wie er ja überhaupt in den letzten fünfundzwanzig Jahren das preußische Postwesen auf eine schöne Höhe gehoben habe, was in Anbetracht der unter Einen Hut zu bringenden fünfzehn verschiedenen deutschen Postunternehmungen doch gewiß äußerst schwierig gewesen sei. Ja, meinte einer der Herren, aber das Beste seien doch diese neuen Naglerschen Schnellposten, mit denen man jetzt in drei Tagen und vier Nächten von Berlin nach Köln reisen könne. Mit einer Eisenbahn würde man freilich wohl weniger als die Hälfte brauchen ... Daß Herr von Nagler der Eisenbahn, der doch die Zukunft, auch die der Post, gehöre, so ablehnend gegenüberstehe, sei freilich sehr bedauerlich. Hier nun steuerte Herr van Overaad ein Geschichtchen bei, das er in Dresden gehört haben wollte – aus bester Quelle – und das allgemeine Heiterkeit auslöste: Herr von Nagler habe gegen den Bau der Eisenbahn Berlin-Potsdam geltend gemacht, daß die Diligence, die er wöchentlich viermal fahren lasse, nur ganz selten voll besetzt und es ihm mithin unerfindlich sei, woher man für täglich vier Züge die Reisenden nehmen wolle. Herr Latschert, der heute seinen bösen Tag haben mochte, sagte, man könne nur hoffen, daß ein so rückständiger Beamter bald in den Ruhestand geschickt werde, wozu ja auch wohl einige Aussicht sei, weil Nagler beim alten König persona gratissima gewesen und es in Preußen nicht der Brauch sei, daß mit der Krone auch die besondere Vorliebe für einzelne Beamte sich vererbe. Außerdem sei der Herr von Nagler zu alt. Aber nichts sei mehr zu wünschen, als daß sein Nachfolger mit dem niederträchtigen System der Briefspionage breche, zu dem Nagler sich von Metternich habe verführen lassen, und daß es ihm gelinge, die Achtung vor dem Briefgeheimnis wieder herzustellen. Die Post sei doch wahrhaftig nicht dazu da, die Gesinnung derer zu überwachen, die ihr Briefe anvertrauten, oder der politischen Polizei zu dienen, sondern sie habe lediglich Handel und Wandel zu fördern und den Gedankenaustausch zu erleichtern. In den Kreisen der Postbeamten selber herrsche, bestätigte Herr van Overaad, Erbitterung darüber, daß das Naglersche System sie zu Demagogenriechern stemple. Ein alter Postdirektor habe ihm übrigens letzten Sommer in Karlsbad mit posttechnischen Ausdrücken den in dieser Hinsicht zwischen Preußen und Österreich bestehenden Unterschied klargemacht: In Preußen perlustriere man die Briefe bloß, das heiße, man durchmustre und prüfe sie, wahrend man sie in Österreich interzipiere, auf deutsch: unterschlage und stehle. Am weitesten sei man in Rußland: der Großfürst Konstantin habe sich Naglern gegenüber gerühmt, in dreiunddreißig Lederbänden eine erlesene Sammlung interzipierter Briefe zu besitzen, die ihm jederzeit eine ebenso interessante wie unerschöpfliche Lektüre biete. Dieser Großfürst habe auch sonst merkwürdige Passionen, so mache er sich ein besonderes Vergnügen daraus, mit lebenden Ratten geladene Kanonen abzufeuern ... Das Gespräch blieb jetzt eine Zeitlang beim Ausland, und in seinem weiteren Verlauf meinte der Kommerzienrat, es sei doch erstaunlich, wie abhängig wir überall von den Franzosen wären! Da hätte er soeben, noch auf der Straße, von weitem schon die jungen Leute nebenan das neue Rheinlied singen hören, das ja nun die deutsche Marseillaise genannt werde. So müßten wir die Franzosen kopieren, selbst wenn wir ihnen Trutz bieten wollten ... Ja, sagte Herr Latschert, und während die Franzosen sich mit einer Marseillaise begnügten, hätten wir Deutschen sofort wieder ein halbes Dutzend. Die sogenannte Berlinoise zum Beispiel singe: Wir wollen ihn nicht haben, den Herrn von Haß und Fluch, den eine Schar von Raben ins Nest des Aaren trug ... Aber nun hätten wir ihn doch, diesen famosen Herrn von Hassenpflug, und Obertribunalsrat werde er auch wohl nicht bleiben, sondern bald als Minister in Preußen versuchen, was er in Hessen versucht hätte: »die liberale Strömung in das alte Bett des Gehorsams zurückzudämmen.« Die Hessen könnten sich freuen, daß sie ihn los wären. Übrigens werde Hassenpflug, der fest an Hexen glaube, gewiß auch die Hexenverbrennung wieder einführen. Ja, das Mittelalter scheine überhaupt Trumpf zu werden, warf Herr von Overaad ein. Ihm wenigstens gebe diese schauderhafte Judenverfolgung in Damaskus zu denken. Nebenbei sei es doch höchst merkwürdig: Anfang Februar verschwindet in Damaskus der alte Pater Thomas und die dortige Judenschaft wird beschuldigt, ihn ermordet zu haben, um mit seinem Blut ihre österlichen Brote zu backen. Und Anfang März behauptet am preußischen Niederrhein ein kleines Mädchen, von einem Juden angestochen worden zu sein, der außerdem auch noch einen alten Mann ermordet haben soll. Hätte man in Jülich den armen Juden so fürchterlich gefoltert wie seine Volksgenossen in Damaskus, wer könne wissen, was er alles bekannt hätte! Während doch jetzt die Untersuchung sofort ergeben habe, daß jenes Kind gänzlich unbeschädigt sei und der alte Mann sich nach wie vor unangefochten des besten Wohlseins erfreue. So würde auch in Damaskus eine vernünftige Untersuchung die Unschuld der Juden wahrscheinlich sehr rasch erwiesen haben, während die Sache sich jetzt dank der schändlichen, fanatischen Parteilichkeit des französischen Konsuls zu einem internationalen Skandal ausgewachsen und den Ruf der Franzosen als eines Kulturvolkes schwer geschädigt habe ... Zu denken gebe auch das Zusammenhalten und die Macht der reichen Judenheit in der ganzen Welt, die so einmütig und so erfolgreich für die Unglücklichen von Damaskus eingetreten sei. Dieser immer und überall wieder auftauchende abgeschmackte Wahnwitz aber: die Juden brauchten zu rituellen Zwecken Christenblut, beweise nur, daß eine Lüge nicht zur Wahrheit werde, auch wenn man sie noch so oft wiederhole. Um aber auf den freien deutschen Rhein zurückzukommen, fuhr Herr Latschert fort, so hätten die Franzosen immerhin bei Straßburg leider Gottes längst schon ein hübsches Stück davon und die Schweizer und Holländer könne man auch nicht als Deutsche ansprechen. Und frei dürfe man den Rhein erst recht nicht nennen – schon wegen der vielen Zölle. Nein, frei nicht, aber vogelfrei, meinte Herr van Overaad, wenigstens scheine der hessische Minister du Thil ihn dafür zu halten. Denn er wisse jetzt zuverlässig, daß der Herr Minister selber der Reeder der hundert großen Kähne gewesen sei, die in Mainz mit Steinen, angeblich für Köln, beladen, in dunkler Regennacht rheinabwärts treibend, vor Bieberich dicht am Ufer ihrer Fracht sich entleert hätten, um den Nassauern den geplanten Freihafen zu verleiden, der dem Mainzer eine unerwünschte Konkurrenz gemacht haben würde ... Nun kam der Kommerzienrat auf die beiden Briefe zurück und erzählte: Der eine sei aus Paris von Fräulein Antoinette Jeanbon St. André gewesen, deren sich die Herren wohl noch erinnerten. Nebenbeibemerkt sei es doch ganz unbegreiflich, daß sich von Monsieur trotz allem Suchen der beiden Familien und der Behörden nicht die kleinste Spur gefunden habe. – Fräulein Antoinette nun habe ihm heute geschrieben, daß sie beabsichtige, nachdem Haus Duynberg durch den Tod der Frau van Bornevelde von neuem wieder verwaist sei, das Anwesen der Stadt zu schenken, vorausgesetzt, daß sie sich mit dieser über seine Verwendung einigen könne. Es solle einem gemeinnützigen Zweck dienen und zugleich die Erinnerung an ihren Vater wachhalten. Er wolle das, meinte der Kommerzienrat, in einer der nächsten Sitzungen des Gemeinderats in aller Form zur Sprache bringen, bitte aber die Herren schon heute, einiges Nachdenken an diese Frage zu wenden, damit man rasch zu einer glücklichen Lösung komme. – Sehr merkwürdig habe ihn übrigens eine Stelle in dem Briefe des Fräuleins berührt, die zeige, daß die Tochter Monsieurs Interesse für Politik geerbt habe. Antoinette habe von der Beisetzung Napoleons erzählt und hinzugefügt, sie halte dafür, daß der tote Napoleon auf St. Helena ungefährlicher gewesen wäre als im Invalidendom zu Paris, und daß in seinem Neffen mehr stecke als man denke. Dabei habe ihn das Fräulein auf ein höchst merkwürdiges Spiel des Zufalls aufmerksam gemacht: am 15. Oktober dieses Jahres sei in Paris auf Louis Philippe geschossen, in Berlin dem vierten Friedrich Wilhelm gehuldigt und auf Sankt Helena die Leiche Napoleons ausgegraben worden. Vor allem merkwürdig aber sei ihm in dem Brief der Französin diese Betrachtung gewesen: Europa lebe gegenwärtig noch ganz im Schatten Napoleons, der ihm das Licht verdunkele, das mit der großen Revolution über den Völkern habe aufgehen wollen. Und sie halte dafür, daß in erster Linie Preußen zu einer verhängnisvollen Nachfolge Napoleons bestimmt sei. Denn ein Wesentliches an Napoleon sei doch dieses, daß er, der Sohn und Erbe der Revolution, deren berühmtes Dekret vom 22. Mai 1790, wonach Frankreich allen auf Eroberung und Vergewaltigung zielenden Kriegen entsage, schon als General und erst recht als Kaiser in den Wind geschlagen und ganz Europa bekriegt habe, anstatt es nach der Absicht Grégoires und Robespierres zu einem Völkerbund zusammenzuschließen. Damit habe er dem Jahrhundert den blutigen Weg gewiesen, den, wie ihr scheine, kein Staat so folgerichtig und energisch zu beschreiten sich anschicke wie Preußen, dieses »Volk in Waffen«. Wie ja auch auf andern Gebieten des öftern schon der französische Elan für die deutsche Gründlichkeit eine Tür aufgestoßen habe. Wohin Preußen jener Weg führen werde, sei schwer vorauszusagen, aber daß auch der Neffe des Kaisers, wenn er seine ehrgeizigen Ziele erreiche, denselben Weg des nationalen Egoismus gehen werde, sei ihr nicht zweifelhaft. – Fräulein Antoinette Jeanbon habe ihm auch ihr Bild geschickt, das auf diese neue, in Frankreich erfundene Manier lediglich mit Hilfe des Lichtes hergestellt sei, also wohl zuverlässiger der Wirklichkeit entspreche, als wenn Künstlerhand es gezeichnet hätte; zum mindesten aber scheine die Natur nicht gerade zu schmeicheln. Und er entnahm seiner Brieftasche eine kleine Glasplatte, darunter, von zierlichen Goldarabesken eingerahmt, ein dunkles Damenbildnis zu sehen war. Das seltsame Gebilde ging, geziemend angestaunt, von Hand zu Hand, und Pastor Kranevoß, der sich auf Frauen verstand, meinte, das Fräulein habe sich außerordentlich gut konserviert, auf welche Bemerkung der alte Jup Breskens sein »Jömmich ja! Dummes Zeuch!« folgen ließ. Da tremulierte nebenan ein außerordentlich kräftiger Tenor: »Fordre niemand mein Schicksal zu hören, dem das Leben noch wonnevoll winkt. Ja, wohl könnte ich Geister beschwören, die der Acheron besser verschlingt. Aus dem Leben, mit Schlachten verkettet, aus dem Kampfe, mit Lorbeer umlaubt, Hab ich nichts, hab ich gar nichts gerettet, als die Ehr und dies alternde Haupt.« Die Herren lauschten und lächelten. Jeder wußte, das war der Apotheker, der vor zehn Jahren in seiner großen Begeisterung für die Befreiung Polens seinen Tenor entdeckt und nach der Einnahme Warschaus durch die Russen niemand auf der Welt mehr beneidet hatte als seinen Kollegen Trapp zu Friedberg, sintemal dieser fünfzig polnische Offiziere auf ihrer Flucht hatte herbergen und mit erlesenen Krankenweinen stärken dürfen. Die Weltgeschichte war über seine Begeisterung achtlos hinweggeschritten, aber in vorgerückter Stunde ließ er sich ganz gern nötigen, »die lieben alten Polenlieder« zum besten zugeben, die noch immer manches Herz höher schlagen machten. Übrigens wollte der Apotheker durchaus nicht Wort haben, daß er vor zehn Jahren seine Liebe auch durch sein Äußeres bekundet und selber ein wenig den edlen Polen gespielt habe. Die verschnürte Pekesche konnte er zwar nicht in Abrede stellen, aber die mit Schweineschmalz gesalbte Locke, das gebrochene Deutsch und das brechende Auge wies er in das Reich der Verleumdung. Dann kam der Kommerzienrat auf den zweiten Brief zu sprechen. Der sei von seinem Bruder Johannes, dem Chemiker, der, wie die Herren ja wüßten, jetzt nicht mehr in Gießen, sondern in München lebe. Jetzt sollten sie sich aber auf eine große Überraschung gefaßt machen. Johannes habe geschrieben, daß er zum Frühjahr an dem Königlichen Laboratorium, darin er arbeite, fest angestellt werde und daß er sich verlobt habe. Er, der Kommerzienrat, wolle den Herren die außerordentlichen Vorzüge seiner Schwägerin, wie der Verlobte sie schildere, jetzt erlassen, denn einmal seien die meisten von ihnen ja verheiratet, so daß sie nur an ihre eigene Verliebt- und Verlobtheit zurückzudenken brauchten, sodann aber wolle das junge Paar im nächsten Sommer die Hochzeitsreise in die alte Heimat des Ehemannes unternehmen, wo man sich ja dann bald allerseits persönlich kennen lernen werde. Für seine Mutter freue ihn besonders, bemerkte er vertraulich zu dem neben ihm sitzenden Pastor, daß die junge Dame, obwohl nach Geburt und Sprechweise Münchnerin, evangelischen Glaubens sei. Das überrasche ihn aber höchlich, meinte Kranevoß, er habe immer gehört, in München gebe es keine Protestanten. Jedenfalls wisse er zuverlässig, daß vor einigen dreißig Jahren die erste Königin von Bayern, die ja evangelisch gewesen sei, ihren Hofprediger habe im Schloß unterbringen müssen, weil in der ganzen Stadt niemand dem Hofketzer habe Wohnung gewähren wollen oder dürfen. Nun ergingen sich die Herren, nachdem sie ihre Freude und ihre Glückwünsche mit rheinischer Fröhlichkeit zum Ausdruck gebracht, auch auf das Wohl des jungen Paares angestoßen hatten, in Vermutungen, welchen Reiseweg die Neuvermählten zweckmäßig wählen und ob sie wohl schon hier und da ein Stückchen mit der Eisenbahn fahren könnten. Es ergab sich aber, daß dies nur von München bis Augsburg möglich sei, von wo jene dann mit der Post über Ulm und Stuttgart nach Mannheim fahren würden, um dort das Kölner Dampfboot zu nehmen. – Herr Paul van Overaad, der im Sommer das Karlsbad gebraucht hatte und bei dieser Gelegenheit mit der neuen, von Friedrich List angeregten Eisenbahn von Leipzig nach Dresden gefahren war, versicherte, daß die Annehmlichkeiten des Reisens auf dem Dampfschiff bei weitem größer seien als in der Eisenbahn. Freilich hätte er von Dresden bis Leipzig nur fünf und eine halbe Stunde gebraucht, da man aber den oberen Teil der Coupétüren nicht hätte zumachen können – seiner Ansicht nach gehöre ein Fensterrahmen mit kleinen Glasscheiben da hinein –, so hätte er sich einen fürchterlichen Schnupfen zugezogen. Und wenn ihm nicht auch, wie verschiedenen Mitreisenden, Ruß aus der Lokomotive ins Auge geflogen sei, so verdanke er das nur der Eisenbahn-Schutzbrille, die er auf Anraten eines erfahrenen Freundes in Leipzig sich angeschafft hätte. Als das Gespräch sich dann über die großen Entwicklungsmöglichkeiten der beiden neuen Beförderungsmittel verbreitete, erwähnte der Kommerzienrat, daß sein Hamburger Vetter, der Reeder, ihm neulich geschrieben hätte, es gäbe in der ganzen Welt jetzt schon etwas über hundert seetüchtige Dampfschiffe, und die neue regelmäßige Dampfschiffahrt zwischen England und Nordamerika verspräche eine prachtvolle Rente. Nebenan aber sang die unermüdlich fröhliche Jugend: Du, du liegst mir im Herzen, du, du liegst mir im Sinn. Du, du machst mir viel Schmerzen, weißt nicht wie gut ich dir bin ... wobei unter den freudeglänzenden Augen allerlei Spione, Heuchler und Verräter ihr Wesen treiben mochten. Als das Lied verklungen war, entstand im Saal wie im Unterhaltungszimmer eine Stille, denn nun mußte es jeden Augenblick zwölf schlagen. Endlich. Und in die ersten Glockenklänge mischten sich Böllerschüsse, des strengen Verbotes spottend, das der Bürgermeister alljährlich in der letzten Nummer des Wochenblättchens gegen solchen heidnischen und gefährlichen Unfug erließ. Die Herren schüttelten einander die Hände: »Prost Neujahr! Prost Neujahr!« Der achtundachtzigjähnge Jup Breskens erwehrte sich zwar der Gratulanten: »Jömmich ja! Dummes Zeuch!« schloß sich aber doch den andern an, die, eine Mahnung zum Aufbruch, in den von Jubel und Glückwünschen erfüllten Saal der Jugend eintraten. Eine Stunde später herrschte hier das Reich der Finsternis, aber nebenan im Unterhaltungszimmer saß noch ein Grüpplein trinkfester Männer um den runden Tisch unter der Hängelampe, deren Öl der Ökonom frisch aufgefüllt hatte: Der alte Jup Breskens in seinem Ehrensessel, aber er wachte nur selten und nur zu dem Zweck auf, ein Schlücklein »Zwölfer« zu sich zu nehmen, der Kommerzienrat Wolf in seiner Sofaecke, denn er gedachte eine kurze Strohwitwerschaft auszukosten, der streitbare Demokrat und Baumwollagent Herr Latschert und sein Bruder der Doktor, der noch in der letzten Stunde des alten Jahres einer winzigen Eins geholfen hatte, die Einwohnerzahl auf fünftausend zu erhöhen. Die andern von vorhin waren nach Hause gegangen, aber dafür hatte der Saal der Jugend Ersatz geschickt: den dicken, goldbebrillten Assessor Lohmeyer, einen Schöngeist, der den »Zerrissenen« spielte, allen jungen Damen den Hof machte, aber keine einzige heiraten wollte, Heinrich ten Bompel, einen jüngeren Bruder der zarten Gabriele, der den andern Fabrikanten dadurch imponierte, daß er als Erster und mit augenscheinlichem Erfolg auf Cassinet, diesen neuen englischen Arbeiterkleiderstoff aus Baumwollkette mit Wollgarneinschlag sich geworfen hatte, dann den jungen Rektor der neuen Höheren Bürgerschule Dr. Stups, dessen Basiliskenblick zwanzig Schüler und vierzehn Schülerinnen in Zucht hielt und der sich erboten hatte, das Griechische als Wahlfach einzuführen, wovon aber nie Gebrauch gemacht ward, und endlich »den edlen Polen«, den Apotheker Max Weynandts, den geplagtesten aller Mädchenpapas und Ballväter, der so gerne der Schwiegervater dieser drei Herren geworden wäre, bloß damit endlich ein Anfang gemacht würde. Ach, wieviel lieber würde er aus solchem Anlaß den Pegasus bestiegen haben, als ihn immer nur für andere Leute zu reiten! Denn Weynandts war der anerkannte Lokaldichter und blieb es, trotzdem sowohl der Rektor wie der Assessor anfänglich versucht hatten, ihn aus dem Sattel zu heben. Nur Pastor Kranevoß bestritt seiner Muse neuerdings die Echtheit. Denn er zürnte ihr ernstlich und verbreitete sich auffallend oft über den grundsätzlichen Unterschied zwischen »Gedichten« und »Versen«. Und damit hatte es solche Bewandtnis: Als voriges Jahr dem pastoralen Ehepaar die Silberne Hochzeit nahte, hatte die Pastorin, eine kleine Notlüge nicht scheuend, einigen Damen unter vier Augen ausgesprochen, sie hätte gehört, die Gemeinde beabsichtige, ihnen eine silberne Teekanne zu schenken. Nun würde ihnen aber, offen gestanden, ein bequemes Wachstuchsofa für die Studierstube viel erwünschter sein. Denn der Pastor würde immer älter und empfände immer dringender das Bedürfnis, seine Predigten liegend zu durchdenken. Der Wunsch ward erfüllt und das Sofa von einem Weynandtsschen Festgedicht begleitet, einem kalligraphischen Meisterwerk des Stadtsekretärs, das namens der Gemeinde die Mitglieder des Presbyteriums vollzählig unterschrieben hatten. Gleichwohl nahm Kranevoß an einer Strophe alsbald ernstlichen Anstoß, die gewiß nicht so gemeint war, wie er sie deutete: als eine verkappte Bosheit. Was der Pastor jedoch dem Apotheker am meisten verdachte, war, daß er, Kranevoß, selber so unklug gewesen, in der »Gesellschaft« dem Rektor über die ärgerliche Sache zu sprechen, wodurch solche dann rasch zum Gelächter der Stadt geworden war. Die ihm so anstößige Strophe aber lautete: Ringst du auf diesem Sofa nach Geistes Kraft und Licht, versagt gewiß Jehova auch dir ein Wunder nicht. Von den andern nicht allzu gerne gesehen, hatte inzwischen Herr Oskar Windemann sich eingefunden, um, wie er sagte, das neue Jahr im alten Freundeskreis anzufangen. C. C. Windemanns einziger Sohn war ein äußerst stattlicher und wohlgepflegter Herr, dessen sonores Organ niemand lieber hörte als er selber. Seinen zweizipfeligen blonden Vollbart mit weißer und fleischiger Hand liebkosend, begann er alsbald einen kleinen Vortrag über die Flüchtigkeit der Zeit, wobei seinem freundlich überlegenen Lächeln der Ausdruck kindlicher Unschuld sich verband. Er war aber, wie jedermann wußte, durchaus unsauberen Geistes, selbstgerecht und voll Torheit. Und wie unerwünschte Erfahrungen das Leben ihn machen ließ – er lernte nichts aus ihnen und schrieb die Schuld immer »den Andern« oder »den Umständen« zu. Als sein ehrenfester Vater, wenige Monate nachdem er am offenen Grab der zarten Gabriele durch des schielenden Pastors Sprüchlein und Auge so grausam erschreckt worden, überraschend aber sanft aus dieser Zeitlichkeit geschieden war, hatte »der schöne Oskar« die Weberei übernommen, die jener in langer und mühevoller Arbeit zu Gedeihen und Ansehen gebracht. Solches war dem Vater, der weder in den kaufmännischen noch in den technischen Dingen ein Daus war, durch Fleiß und Redlichkeit, noch mehr freilich dadurch gelungen, daß er einen selbstlosen und außergewöhnlich begabten Angestellten, Bernhard Suydenkamp mit Namen, still gewähren ließ, dessen Treue und überlegener Einsicht unbedingt vertrauend. Der Sohn aber machte kein Hehl daraus, daß er selber sein Prokurist zu sein und die Geschäftsführung der neuen Zeit anzupassen, auch seine Tätigkeit keineswegs auf die Weberei zu beschränken wünschte. Und nach Ablauf des ersten Jahres sah der alte Suydenkamp in allen Ehren und mit einem bescheidenen Ruhegehalt sich verabschiedet. Von seinem Gewissen getrieben und des seligen Prinzipals gedenkend, warnte er Oskar anfänglich noch zuweilen von den »Neuerungen«, die dieser für zeitgemäß hielt und die in allerlei Spekulationen und Beteiligungen, in impulsiven Reisen mit Geschäftsabschlüssen bei Austern und Champagner, in reichlichem Personalwechsel, in der raschen Aufnahme und dem noch rascheren Wiederfallenlassen immer neuer Artikel und endlich im Brüskieren oder übertriebenen Flattieren der Kundschaft bestanden, alles wie es der sprunghaften Laune des neuen Herrn und seinem Drange, die eigne Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen, entsprach. Aber solche Warnungen waren verlorne Liebesmüh und so ließ Suydenkamp bald schweren Herzens den Dingen ihren Lauf, der zur Katastrophe führen mußte. Als solche nach sieben Jahren auch durch die Briefe von wortreicher Herzlichkeit nicht mehr abzuwenden war, die der schöne Oskar in letzter Stunde an die größten seiner Gläubiger richtete, ihnen besonders das Unglück der vielen kleinen Leute, deren Existenz mit der seinen verbunden sei, beweglich genug vorstellend – da blieb nur noch eines. Und das gelang. Der schöne Oskar mobilisierte durch eine große und scheinbar improvisierte Rede in der Loge »Zum östlichen Gewölbe« das Mitleid und die tätige Hilfe der Freimaurer, wobei sich zeigte, daß Not nicht nur beten, sondern auch reden lehrt – selbst die dem Bruder Windemann persönlich nicht holdgesinnt waren, widerstanden seiner Rhetorik nicht. Und als er am Schluß, die weiße und fleischige Rechte wie zum Schwur erhebend, mit der ganzen klangvollen Wucht seiner Stimme ausrief: »Ich habe es nicht gewollt!« – da war sein zweizipfeliger Bart nicht der einzige, in den sich eine Träne stahl. Zugleich ein Märtyrer und ein Sieger stand er da, der Größe der Stunde innerlich gewachsen, die alle Schuld zu Schicksal hatte werden lassen, und mit Ergriffenheit und Wohlwollen die Hände drückend, die sich ihm entgegenstreckten. Die Brüder brachten einen höchst anständigen Vergleich zustande. Heinrich ten Bompel übernahm die Weberei und Oskar Windemann den in solchen Fällen naheliegenden Beruf eines Agenten: man verschaffte ihm die Vertretung einer Treibriemen- und einer Schmierölfabrik, eine ausländische Lebensversicherungsgesellschaft betraute ihn mit Werbung und Inkasso, und ganz diskret befaßte er nebenbei sich noch mit kleinen Makler- und Lotteriegeschäften, also daß er bei freilich begrenzter Selbständigkeit nicht nur rasch sein gutes Auskommen fand, sondern auch, häufiger noch denn als Fabrikant, der Freude, sich reden zu hören, genoß. Die empfand er auch jetzt lebhafter als die andern, die zerstreut sein Phrasenbächlein über sich ergehen ließen. Der Apotheker hatte sich's in der vom Pastor geräumten Sofaecke bequem gemacht und wartete auf seine Halbe »Achter« (mit welcher Zahl nicht die des Jahrgangs, sondern die des Preises – acht Silbergroschen – gemeint war) und auf den Schluß der Windemannschen Ausführungen. In der Rechten hielt er die lange holländische Tonpfeife, indessen die Linke nervös den grauen Knebelbart zupfte – er hatte etwas auf dem Herzen und der Kommerzienrat, als der schöne Oskar endlich fertig war, behauptete, daß es ein Gedicht sei. Nach geziemender Nötigung gab er's dann auch zum besten, die bebrillten Augen starr auf die noch blendend weiße Gipsbüste des neuen Königs gerichtet, wie wenn er bei diesem ein besonderes Verständnis für das jüngste Kind seiner Muse voraussetzen dürfe: Nun haben die Soliden sich eiligst fortgemacht, sie ziehn dahin in Frieden Wohl durch die stille Nacht. Mich dünkt, ich hör sie flüstern: »Der Abend war sehr nett, doch besser ist's im Düstern, im Bett, im Bett, im Bett.« Bravo! rief der Assessor, und der Apotheker fuhr in seiner Deklamation fort, die in vielen Strophen das Glück des deutschen Männertrunks pries und mit der Aufforderung endete, die Plätze um den Tisch mit solchen unter dem Tisch zu vertauschen. Nachdem dergestalt die Poesie den kleinen Kreis geweiht, und der Baumwolle wie der Politik den Zutritt erschwert hatte, bekannte der Assessor Lohmeyer seufzend, daß er allzu tief in zwei wundervolle Augen geblickt habe, die nun den ganzen Abend ihn verfolgten. Der Rektor Dr. Stups lächelte: »Weil' auf mir, du dunkles Auge,« aber der Apotheker Weynandts spitzte die Ohren, und der Kommerzienrat Wolf fragte verbindlich, ob man gratulieren dürfe. »Ach nein, eher kondolieren,« antwortete der Assessor, es handle sich um eine Tote, allerdings um eine Tote, die unsterblich lebe, wenn auch die Augen, die es ihm angetan, leider nur lithographiert gewesen seien. Er habe nämlich zu Weihnachten ein Buch geschenkt bekommen, von dem er schon seit Jahren viel gehört und das in der Tat köstlich sei. Es heiße »Charlotte Stieglitz, ein Denkmal«, und es sei wirklich ein Denkmal. Ja, das Buch kenne er, versicherte der Rektor, nur daß er nicht dahintergekommen sei, ob Theodor Mundt, der anonyme Herausgeber, dieses Denkmal der Überspanntheit der jungen Frau oder der Eitelkeit und Schlaffheit ihres Herrn Gemahls habe errichten wollen. Übrigens halte er dafür, daß die gute Charlotte, sofern sie wirklich sich erdolcht haben sollte, damit aus Heinrich Stieglitz durch einen großen Seelenschmerz doch noch ein tüchtiger Kerl werde, solches Opfer vergeblich gebracht habe. Er wolle daher lieber annehmen, daß das mit dem Opfer eine schöne Pose sei und daß jene in Wahrheit sich getötet, weil sie das Leben als Frau Stieglitz einfach nicht länger mehr habe ertragen können. »Frau Stieglitz,« wie hübsch und vergnüglich das klinge, bemerkte der Kommerzienrat, aber der gestrenge Schulmonarch ging hierauf nicht ein: Die Herren wüßten wohl, daß dieser bedauerliche Vorfall Gutzkow zu seinem Roman »Wally« angeregt habe, welches Buch dann durch einen höchst verständigen Bundestagsbeschluß verboten sei, da derartige ungesunde Sentimentalitäten leicht ansteckend wirkten. Übrigens habe auch er, und zwar mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, das Titelbild jenes Buches sich angesehen. Der seelenvolle Ausdruck der Augen sei wohl auf den Lithographen zurückzuführen, dagegen habe er an den Ohrringen sich gestoßen, weil man, solche zu tragen, das Ohrläppchen durchlochen müsse, was barbarisch sei. Besonders wenn man, wie die lithographierte Charlotte, eigentlich gar keines habe, was bekanntlich für ein Zeichen von Degeneration gelte. Ja, das stehe fest, bestätigte der Apotheker, und er erinnere sich gut, wie beruhigend es für ihn gewesen sei, als er bei jeder seiner Töchter gleich nach der Geburt außerordentlich entwickelte Ohrläppchen konstatiert habe, übrigens würde er gleichwohl nie erlaubt haben, daß seine Töchter Ohrringe trügen, ganz abgesehen davon, daß sie dafür selbst viel zu verständig seien. Etwa des weitern noch über die Vorzüge seiner Töchter sich zu verbreiten, hinderte den »edlen Polen« der Kommerzienrat, indem er Senefelder glücklich pries, der, durch den Tod des Vaters gezwungen, das Studium der Jurisprudenz aufzugeben und, als Theaterdichter sich durchhungernd, bei dem Versuch, aus Gründen der Sparsamkeit seine Geisteskinder selber zu vervielfältigen, so Wertvolles wie die Lithographie erfunden, auch vor seinem Tode noch die Freude gehabt habe, diese Erfindung den Erdkreis erobern zu sehen. Das lithographierte Bildnis der Frau Stieglitz, das auf die Herren ja sehr verschieden gewirkt habe, kenne er nun freilich nicht, aber er habe seiner Frau auf ihren Wunsch auch diesmal wieder zu Weihnachten einige der Lithographien geschenkt, die die Brüder Boisserée nach den von ihnen mit so viel Ausdauer, Verständnis und Glück gesammelten altdeutschen und altniederländischen Gemälden hätten anfertigen lassen, sehr köstliche Blätter, die seine Frau den Herren gewiß gern einmal zeigen werde. Die Beiden versicherten lebhaft, daß ihnen dies eine besondere Freude sein werde, und der Assessor meinte, es sei doch ein großer Verlust für die Rheinlands, daß die Brüder Boisserée mit ihrer Sammlung und ihren vielen künstlerischen Interessen nach Süddeutschland verzogen seien. Freilich, bestätigte der Rektor, aber sie wirkten doch auch von dort anregend genug. Ihre berühmte Sammlung habe ja nun längst der König von Bayern erworben und seit einigen Jahren in seiner Pinakothek zu München dem Studium und allgemeinen Genuß bequem zugänglich gemacht. Ja, meinte der Kommerzienrat, er selber sei in den Dingen der Kunst nicht eben sehr bewandert, aber seine Frau finde diese altdeutschen und altniederländischen Bilder viel schöner als die sogenannten klassischen und sie habe ihm erzählt, daß Goethe in Heidelberg vor der Boissereéschen Sammlung von seiner einseitigen Vorliebe für gemalte Antike einigermaßen abgekommen sei. Darum verdrieße es ihn, daß jene Sammlung sich nicht mehr in Köln, und daß auch die alte Düsseldorfer Gemäldesammlung der Herzöge von Berg jetzt in der Münchner Pinakothek sich befinde. Woraus Preußen aber doch schwerlich einen casus belli machen könne, scherzte der Rektor, übrigens würden die Brüder Boisserée, wie in Heidelberg und Stuttgart, so auch in München ihrer Vaterstadt Köln die Treue halten. Insonderheit lasse Sulpiz Boisserée nicht ab, für seinen alten Lieblingsplan der Vollendung des Kölner Domes zu wirken. Daß der jetzige König schon als Kronprinz diesen Gedanken sich zu eigen gemacht habe, sei ausschließlich sein Verdienst. – Ob der Herr Kommerzienrat, fragte der Assessor, vielleicht auch das wundervolle Kupferstichwerk besitze, das Sulpiz Boisserée über den Dom, wie er jetzt sei und wie er nach den mutmaßlichen Plänen seines ersten Baumeisters werden solle, herausgegeben habe. Wolf verneinte: es sei ihm zu teuer gewesen, er hoffe, daß gelegentlich eine kleinere und wohlfeilere Ausgabe erscheinen werde, was ja mit Hilfe der Lithographie vielleicht möglich sei. Hier fragte Heinrich ten Bompel den Schwager, ob er – um noch einmal auf Senefelder zurückzukommen – wisse, daß dieser durch seine Erfindung auch die Textilindustrie wesentlich gefördert habe, und dann erklärte er, daß der Kattundruck unmittelbar auf Senefelder zurückzuführen sei. Unter dessen persönlicher Mitarbeit sei in Wien eine Kattundruckerei eingerichtet worden, wie denn auch der Musikverleger André in Offenbach das Recht, Senefelders Erfindung zu benutzen, keineswegs nur für den Notendruck, sondern ausdrücklich auch für den Kattundruck erworben, auch alsbald eine Kattundruckerei ins Leben gerufen habe. – Übrigens solle Senefelders Begabung von einer ganz gefährlichen Vielseitigkeit gewesen sein: er hätte mit Bravour gedichtet, komponiert, gemimt, gezeichnet und gemalt, auch ein besonderes Vergnügen darin gefunden, auf langwierige Zeitungspolemik sich einzulassen. Ja, es sei dem guten Senefelder sein Lebenlang recht schwer gefallen, bei der Stange zu bleiben, wie er denn auch, als er in London um ein Privilegium sich bemühend, gehört, daß die Regierung dreiunddreißigtausend Pfund Sterling für einen lenkbaren Luftballon ausgeschrieben, unverzüglich die zum Zweck der Vorführung seiner Erfindung in einem Gasthof eingerichtete lithographische Anstalt geschlossen, die Arbeiter entlohnt und heimgeschickt, dagegen alle Werke über Ärostatik zusammengekauft und mit kleinen Ballons und großen Blasebälgen an jenem neuen, entlegenen Problem zu experimentieren begonnen habe. – Von der Äronautik kam man allgemach auf das Bedürfnis der menschlichen Seele nach Höherem und dann bewegte sich die Unterhaltung lange um neue Bücher, die man gelesen haben müsse, bis sie endlich zu einem Rededuell zwischen Rektor Dr. Stups und Assessor Lohmeyer ward. Jener hatte, als der schöngeistige und heiratsunlustige Assessor mit Entzücken von George Sand sprach, wegwerfend geäußert, dieses androgyne Ungeheuer kokettiere ja mit der deutschen Burschenschaft, indem es sich den Namen des Kotzebuemörders zum Pseudonym gewählt habe, worauf der Assessor ihn belehrte, daß die Dichterin sich nach ihrem Freunde Sandoz so nenne, der ihr bei den ersten Versuchen behilflich gewesen sei und sie in die Literatur eingeführt habe. – Das sei ja schließlich auch nebensächlich, meinte der Rektor, aber jedenfalls sei die Sand ein übles Frauenzimmer, das Hosen trage, Zigarren rauche und ein liederliches Leben führe. – Er habe nicht den Vorzug, die Dame persönlich zu kennen, sagte der Assessor, und sei daher nicht in der Lage, diese Vorwürfe nachprüfen zu können, aber Hosen trügen die Orientalinnen und die bayrischen Sennerinnen auch, und bei den Damen in Südamerika sei das Rauchen allgemein üblich – ob der Herr Rektor über den liederlichen Lebenswandel Authentisches wisse. – Nein, das nicht, gestand Stups, aber er schließe es mit Sicherheit aus dem Was und Wie ihrer ›Schriftsteller‹. – Dann erlaube er sich, daran zu erinnern, entgegnete der Assessor, daß ein gewisser Gotthold Ephraim Lessing, den ja auch der Herr Rektor verehre und als Autorität anerkenne, für durchaus unstatthaft halte, aus den Werken eines Dichters derartige Schlüsse auf seine persönliche Lebensführung zu ziehen. – Nun ja, lenkte der andre ein, aber die Bücher der Sand seien doch völlig unethisch, dazu erstaunlich monoton. Sie behandle im Grunde immer ein und dasselbe Thema: Die Zugrunderichtung des Weibes durch den Mann. Die einzige Abwechselung sei, daß das Weib das eine Mal an der Brutalität des Mannes, das andere Mal an der Schwäche des Mannes zugrunde gehe. – Der Assessor konnte das in solcher Einseitigkeit durchaus nicht zugeben. Vielmehr sei die Sand gewissermaßen eine Richterin der Ehe und ihre weibliche Befangenheit keineswegs der Art, daß man sie deswegen ablehnen müsse. Übrigens zeige sie doch nicht nur das Negative, sondern auch das Positive, die Kraft der Aufopferung, die Herrlichkeit der wahren Liebe. – Ja, es sei etwas Herrliches um die wahre Liebe, etwas unsagbar Köstliches, warf »der edle Pole« ein, aber der Rektor stellte mit seinem strengsten Basiliskenblick fest, daß die Sand ihrem Manne entlaufen sei, was doch gewiß nicht auf eine moralische Gesinnung schließen lasse. »Doch auch nicht unbedingt auf das Gegenteil,« belehrte ihn der Assessor, indem er sich wohl denken könne, daß ein weltunkundiges Mädchen, das in unmittelbarem Anschluß an die Klostererziehung einem alten Herrn angetraut werde, diesem alsbald entlaufe, gerade um seine Sittlichkeit zu retten. – »Seine? Wessen?« fragte der Rektor spitzfindig, »die des alten Herrn oder die des jungen Mädchens?« – »Na meinetwegen beider,« antwortete der Assessor ungeduldig. »Aber sagen Sie mal,« fügte er grob hinzu, »welche Bücher von der Sand haben Sie denn gelesen?« – »Keine,« lehnte der Rektor entrüstet ab, »aber ganz ausgezeichnete Kritiken und Charakteristiken.« – Hier nun schützte ihn der Kommerzienrat vor einer bösen Abfuhr, indem er rasch einwarf, vielleicht sei der Fall George Sand noch nicht spruchreif, indem ja die Dichterin möglicherweise erst am Anfang ihres Werkes stehe. Denn wenn man auch gewiß jede einzelne Dichtung als ein abgeschlossenes Kunstwerk betrachten dürfe, für die ethische Beurteilung des Schöpfers sei doch Wohl das Gesamtwert entscheidend. – Er müsse übrigens gestehen, daß er außer den Lettres d'un voyageur noch nichts von der Dame gelesen habe, obgleich sie schon seines Namens wegen für ihn doch besonders anziehend sein müsse, wenigstens wenn dergleichen auf Gegenseitigkeit beruhe. – Wie das zu verstehen sei, fragte der Rektor, und der Kommerzienrat erklärte lächelnd, ja, als die Sand einst in der Gascogne bei ihrem Schwiegervater, dem Baron Dudevant, zu Besuch gewesen, wäre sie beinah von Wölfen aufgefressen worden, die sogar gewaltsam ihr nach ins Haus einzudringen versucht hätten. – Die Herren belachten den Witz gebührend und der Rektor sagte boshaft: »Schade!« Übrigens habe seine Frau gemeint, fuhr der Kommerzienrat fort, daß die Sand in ihrem Ehescheidungsprozeß auf ihr Vermögen verzichtet, um ihre Kinder behalten zu dürfen, zeige doch, daß die Schriftstellern ihr das Beste des Weibes, die Mütterlichkeit, noch nicht verdorben habe. – Aber der Rektor wollte das letzte Wort behalten. »Mag sein,« sagte er, »aber mir sind alle diese ›emanzipierten Frauenzimmer‹ herzlich unsympathisch (»der edle Pole« nickte zustimmend), mögen sie nun Karoline, Rahel, Bettine oder George heißen.« – »Die Karoline Pichler nehmen Sie aber doch wohl aus?« höhnte der Assessor. – »Ja, die will ich ausnehmen,« gab der Rektor zu, »aber im übrigen: das Weib gehört ins Haus, an den Kochherd, in die Kinderstube. Und ich jedenfalls verspüre als Schulmann nicht die geringste Neigung, der Emanzipation irgendwie Vorschub zu leisten.« – Damit lenkte sich die Unterhaltung dann auf die Höhere Bürgerschule und die Kämpfe, die ihrer Gründung vorausgegangen waren, und Doktor Latschert sagte, er müsse immer noch lachen, wenn er daran denke, mit welcher einmütigen Zähigkeit die beiden Pastoren, und Kranevoß vielleicht noch mehr als sein katholischer Amtsbruder, der neuen Städtischen Schulkommission gegenüber an ihren geistlichen Oberhoheitsrechten festgehalten hätten. Kranevoß selber hätte ihm gesagt, daß er der Regierung als letzten Trumpf die Bestimmungen aus dem Jahre 1624 unter die Nase gerieben hätte, die durchaus noch zu Recht beständen. »Nun, meine Herren,« schlug endlich der Kommerzienrat vor, »wie wär's, wenn wir ein Stündchen schlafen gingen? Unter den Tisch trinken wir uns doch nicht. Und – wie sagte doch unser Dichter?: »Der Abend war sehr nett, doch besser ist's im Bett!« In der Tat war es Johannes Wolf ergangen wie Saul, der auszog, eine Eselin zu suchen, und ein Königreich fand. Niemand, selbst seine Mutter nicht, freute sich über diese seine späte Verlobung mehr als seine Schwägerin Anna. Für sie und die Mutter hatte er besondere Briefe mitgeschickt, auch solche von seiner Braut. Besonders eingehend hatte er an Anna geschrieben, weil er bei ihr jedes Verständnisses sicher war. Seine Marie zähle erst achtzehn Jahre und sei das einzige, ziemlich spät geborene Kind seiner braven Hauswirtin, die, seit sie vor sechzehn Jahren Witwe geworden, wie man in München sage: Zimmer verstifte. Übrigens tue sie dies wohl weniger, um Geld zu verdienen als aus Tätigkeitsdrang und um sich nicht von ihrer Wohnung mit dem hübschen Blick in den Englischen Garten und von ihren Möbeln trennen zu müssen. Sein Schwiegervater scheine ein merkwürdiger, vielseitig begabter und erfahrener Mann gewesen zu sein, der nach abgebrochenem Studium der Rechte und, mancherlei anderem Mißgeschick endlich in den Thurn-und-Taxischen Postdienst geraten sei. Als dann der edle Eugen Beauharnais, der Stiefsohn Napoleons, die Tochter Max Josephs, des vorigen Bayernkönigs, geheiratet und als Herzog von Leuchtenberg und Fürst von Eichstätt in Bayern sich niedergelassen, habe er jenen, der ihm einmal einen großen Dienst erwiesen, alsbald zu seinem Geheimsekretär ernannt. Leider habe der Tod beide Männer allzu früh und in ihren besten Jahren abgerufen. Infolge eines herzoglichen Vermächtnisses oder Witwengeldes und einer anderweitigen kleinen Erbschaft habe jedoch sein Schwiegervater Frau und Töchterchen in leidlich auskömmlichen Verhältnissen zurückgelassen. Seine Marie solle, wie ihre Mutter sage und ein altes, von einem in München verkommenen Schweizer Bildhauer stammendes kleines Alabasterrelief bestätige, einer Schwester ihrer Mutter auffallend ähnlich sehen, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts als ganz junges Mädchen leichtfertigen Sinnes von einem französischen Leutnant sich habe an den Niederrhein entführen lassen, von wo aus sie unter mancherlei Liebesabenteuern nach Dänemark gelangt sei, um dort in einer harten und ärmlichen Ehe früh zu sterben. Solcher äußern Ähnlichkeit ungeachtet wisse er, daß seine Braut, die übrigens ja sozusagen unter seinen Augen zur Jungfrau erblüht sei, die verhängnisvollen Anlagen jener Tante nicht geerbt habe. Vielmehr sei Marie, die nach der gütigen Herzogin von Leuchtenberg mit ihrem zweiten Namen Auguste heiße, von jener schönsten und stärksten, weil unbewußten und selbstverständlichen Reinheit, die als ein Geschenk Gottes nicht auf eignen oder fremden Grundsätzen beruhe, sondern auf natürlicher Empfindung und seelischer Gesundheit. Dank ihrer verständigen Mutter, die die Beziehungen zur Herzogin nur mit weiser Beschränkung benutzt habe, sei der kluge und lebhafte Geist des Mädchens einer feineren Bildung teilhaftig geworden, ohne daß Marie dadurch an Einfalt und Bescheidenheit Schaden genommen hätte. Übrigens würde ihre Absicht, das Examen zu machen und Erzieherin zu werden, wenn er sie nicht durchkreuzt hätte, über kurz oder lang durch irgendeinen andern durchkreuzt worden sein, wie er denn auch überzeugt sei, daß seine teure Schwägerin auch ohne den »Herzog von Nassau« dem Lehrerinnenberuf untreu geworden, wenn auch nicht in ein so nahes freundschaftliches Verhältnis zu ihm geraten sein würde, wodurch ihr nun das Lesen so langer Briefe und verliebter Herzensergüsse aufgenötigt werde ... Bevor die Neuvermählten im Sommer 1841 die große Reise nach Nordwesten antraten, ließ die Kommerzienrätin das alte Gartenhaus aufs schönste instand setzen, damit sie dort nach Belieben jederzeit auch ganz für sich sein könnten. Das gab dann freudenreiche Wochen für alle Beteiligten. Frau Maria Magdalenas Verjüngung ward durch den langen Besuch ihres Lieblings aufs beste gefördert, und Pinchen und Regine schlossen sich mit leidenschaftlicher Schwärmerei an die junge Tante an, die der Onkel Johannes komischerweise Mirl nannte, obwohl sie doch Marie hieß, und die von ihnen als von den Madeln sprach. Sie hatte ihnen Riegelhauben mitgebracht, wie die Münchener Bürgertöchter sie trügen, und der Onkel Johannes erklärte, wenn man in München von einem saubern Riegelhäubchen spreche, so meine man nicht die Haube, sondern das Jungfräulein darunter. Und Mirl, für die die Hochzeitsreise die erste Reise ihres Lebens war, und die die ganze Zeit an einem leichten Heimweh nach den Frauentürmen laborierte, fand es tröstlich und ward nicht müde, den beiden Madeln ihr geliebtes München immer von neuem aufzubauen und auszubauen: diese ferne und große Stadt an der rauschenden Isar, mit ihren Gassen und Gärten, Toren und Standbildern, Palästen und Kirchen, Hallen und Kunsttempeln, von denen die neuen alle irgendwelchen bedeutenden Bauwerken Italiens oder Griechenlands nachgebildet würden. Und sie bevölkerte ihnen diese Märchenstadt mit schwarzen Nonnen und braunen Mönchen, mit riesigen Hatschieren und hellblauen Soldaten in Raupenhelmen, mit Künstlern in langen Locken unter breitrandigen Hüten, mit trippelden Riegelhäubchen, übermütigen Studenten, buntgewandeten Griechen, mit zerlumpten Bettlern und italienischen Gipsfigurenhändlern, Bauern und behäbigen Bürgern und ließ durch solches Gewimmel noch schmetternde Postillone, Sänften mit vornehmen Damen, Hofequipagen und gewaltige, von riesigen Ochsen gezogene Bierfässer, stolze Reiter und hochbepackte Reisewagen ihre Wege suchen. – Bis ins kleinste hinein sei in dieser großen Stadt alles aufs genaueste geordnet: bis hinab zu den Bettlern an den Kirchentüren wisse jeder, wo er hingehöre, was er zu tun und zu lassen habe und was ihm zukomme; und als vor etlichen Jahren der Hofknopfmacher sich habe einfallen lassen, Borten zu machen, habe der Hofbortenmacher für solchen Übergriff ihm in der Zeitung ganz gehörig auf die Finger geklopft. – Und selbst der Arme Sünder noch könne verlangen, daß der Scharfrichter, bevor er ihn köpfe, seiner Genehmigung und Verzeihung sich dadurch versichere, daß er unter vier Augen den Johannissegen mit ihm trinke, dem enthaupteten Täufer zum Gedächtnis. Auch von den Königen erzählte sie, von dem alten, unter dessen Regierung sie noch geboren, der große goldene Ohrringe und einen langen blauen Rock getragen und sich einen richtigen Mohren und einen häßlichen und sehr boshaften Hofzwerg gehalten hätte. Dieser erste König von Bayern, Max Joseph, wäre ein gar freundlicher und gemeiner Herr gewesen und unmittelbar nach einem Ball beim russischen Gesandten eines sanften Todes verblichen. Da hätte man ihn dann im Gruftgewölbe unter der Michaelis-Hofkirche beigesetzt, aber sein Herz, das hätte man in einer silbernen Kapsel mit der Aufschrift »Das beste Herz« weit über Land nach Altötting in eine alte Kirche zu andern Wittelsbacher Herzen gebracht. Seitdem die Mutter ihr das erzählt, komme ihr das Bild immer ganz merkwürdig vor, das der gnädige Herr Herzog von Leuchtenberg einst ihrem Vater selig geschenkt und das daheim in der Wohnstube hänge. Darauf seien zwei gekrönte Herzen dargestellt, von einem Lorbeerkranz umschlungen, mit der sinnigen Unterschrift: Napoleons und Max Josephs Herz schließen sich fest aneinander, Verschaffen Bayern Ruh und Fried vor Franz und Alexander. Zwar sage der Onkel Johannes, das mit der herzlichen Verbundenheit sei nicht so weit hergewesen und habe den Napoleon nicht abgehalten, seine kurzen Briefe an Max Joseph meist mit » Je demande « anzufangen. Das wisse sie nicht, aber sie wisse, daß der König Max Joseph sein Bayernvolk sehr lieb gehabt hätte, und dieses ihn, und daß er sowohl zum Kaiser Franz wie zum Kaiser Alexander gesagt hätte, er würde nicht mit ihnen tauschen, denn sein Land wäre doch das schönste und seine Untertanen die treuesten. Und von dem jetzigen König erzählte sie, der schon des öftern mit ihr gesprochen und einmal sie recht in Verlegenheit gebracht habe. Sie trage sonst nie einen Schleier. Aber als ihr Verlobter ihr einmal einen geschenkt habe, weil er wissen wolle, wie sie darin aussehe, da habe sie gemeint, sie müsse ihn doch nun auch zuweilen tragen. Als sie aber das erstemal darin ausgegangen, sei der König Ludwig quer über die Straße auf sie zugekommen und habe ganz laut, so daß viele Leute es gehört hätten, zu ihr gesagt, er wolle keinen Schleier, das verstoße gegen die Etikette, wer was Hübsches zeigen könne, dürfe es nicht verstecken. – Dieser König Ludwig, der nicht nur der Landesvater von Bayern, sondern auch der Landesgroßvater von Griechenland sei, könne auch ganz wunderschön dichten. Auch heiße es, er hätte sich's geschworen, daß München die schönste Stadt in Deutschland werden solle, und darum müßten sie, Pinchen und Regine, die Eltern recht schön bitten, daß sie bald mal zu ihr nach München kommen dürften, denn es ließe sich alles viel besser zeigen als erzählen. – In der Residenz – so nenne man in München das Königliche Schloß – daran er immerfort umbaue, habe der König Ludwig auch eine Schönheitengalerie, lauter Bilder von Münchener Bürgermädchen, worunter »die schöne Wildbretstochter« das schönste sei. So oft nämlich der König einem besonders schönen Riegelhäubchen begegne, lasse er's durch den Hofmaler Stieler abmalen, wenn sie aber ihre Häubchen nicht aufsetzten, könne ihnen nichts passieren, denn fremde Mädeln wolle der König gar nicht, dessen Frau übrigens Theres heiße und sehr lieb sei. Wie denn auch der König der Königin zur silbernen Hochzeit selber ein Gedicht gemacht habe, damit sie seine Vorliebe für hübsche Riegelhäubchen nicht etwa gar falsch auffasse: Dichter es so schlimm nicht wirklich meinen: Leicht erregt, wie ein poetischer Sinn, mocht ich andre liebend auch erscheinen, bist du dennoch tief im Herzen drin. Und von »ihrer« Herzogin erzählte sie, die sehr gütig sei und beim Tode des gnädigen Herrn Herzogs alle Pfänder im Leihhaus eingelöst und den Armen zurückgegeben habe. Und von der Fußwaschung der Zwölf Apostel am Gründonnerstag: wie da die zwölf ältesten Männer aus dem ganzen Königreich nach München kämen und der König in der Residenz jedem einzelnen eigenhändig die Füße wüsche, alsdann mit ihnen speiste und endlich sie reich beschenkt entließe. Und von den sogenannten Sklavenmädchen: unbescholtenen armen Jungfrauen, denen der König eine kleine Aussteuer schenkte, damit sie um so leichter einen Mann kriegten. Und vom Hoftheater und Madame Schröder, »Teutschlands größter Tragödin«, die wegen Kränklichkeit und zunehmenden Alters jetzt leider wohl nicht mehr auftreten werde, und von den Konzerten im Odeon. Aber an Musik das Schönste sei doch Palestrinas Miserere am Karfreitag in der Michaeliskirche, die dann durch ein großes, frei in der Luft schwebendes Kreuz aus tausend Lichtern ganz wundersam beleuchtet sei. Und von der Prozession am Fronleichnamstage, daran der Erzbischof mit der ganzen Geistlichkeit und der König mit dem ganzen Hofstaat teilnehme, und von den Freuden des Oktoberfestes, und vom Tage Allerheiligen, an dem ganz München durch das alte Sendlingertor auf den Friedhof ströme, die Gräber zu schmücken und auf jedem ein Lichtlein anzuzünden. Und in einem dieser Gräber liege, als armer Sprachlehrer in München gestorben, der Vater des grünäugigen Revolutionsfanatikers Robespierre, jenes tugendhaften Diktators von Frankreich, der die Existenz des lieben Gottes gesetzlich sichergestellt, die eigene jedoch auf dem Schafott beendet habe. – Den beiden Schwestern aber, Pinchen und Regine, war wie den Träumenden. Doch weit über alle Traume hinaus mußte die Pracht und Herrlichkeit des großen Künstlerfestes vom vorigjährigen Fasching gegangen sein, wovon sogar Johannes nicht ohne zu schwärmen erzählen konnte. Seit den goldenen Tagen von Florenz und den Festen Linardos, meinte er, sei derartiges gewiß nicht erlebt worden, und ein Studienfreund aus Berlin, der vor elf Jahren im dortigen Schauspielhaus das berühmte Kostümfest »Hoflager Ottos des Großen« mitgemacht, habe ihm versichert, das Münchner Dürerfest sei unvergleichlich viel großartiger und geistreicher gewesen. Jedenfalls müsse er, Johannes, bekennen, daß ihn das Ganze wie ein Blick in eine andere, schönere und bessere Welt angemutet habe. Freilich sei auch unendliche Liebe und Mühe aufgewendet worden bis jeder der sechshundert Mitspieler wirklich war, was und wie er sein sollte. So, von dem väterlichen Erbe schauspielerischer Begabung unterstützt, der Landschaftsmaler Lichtenheld als Kaiser Maximilian nach Aussehen, Haltung und Benehmen jeder Zoll ein Kaiser, auch innerlich mit seiner Rolle ganz verwachsen. Denn als der König Ludwig, vom Glanz des im Hoftheater an ihm vorbeidefilierenden kaiserlichen Zuges geblendet und aus der Fassung gebracht, an jenen die etwas banale Frage »Wer sind Sie?« gerichtet, da habe Lichtenheld, mit Grandezza das stolze Haupt leicht neigend, ganz gelassen erwidert: »Euer Majestät getreuester Vetter, der Kaiser Maximilian.« Worauf König Ludwig hochbeglückt der Königin zugerufen: »Theres, er vettert mich schon!« ... In der schönsten Gruppe des dem Kaiser folgenden Mummenschanzes, der des Bergkönigs, habe übrigens auch der kleine Maler Preyer als Berggeist mit seinem Grubenlicht eine gute Figur gemacht, wenn auch keine so komische wie einige Tage später bei der Wiederholung des Festes auf der Menterschwaige, wo nach Vertilgung des Riesenhechtes ein paar übermütige Landsknechte das Männlein auf der umgedrehten Fischschüssel hoch über allen Köpfen hin im Triumph durch den Saal getragen hätten ... Mirl war ziemlich viel größer als Johannes, aber Frau Maria Magdalena, die die Schwiegertochter »apart, aber angenehm« fand, erklärte mit Entschiedenheit, daß die beiden ein schönes Paar wären, und dabei blieb es. Die kleine Enttäuschung, daß auch diese zweite Schwiegertochter wieder nicht »von Familie« war, bekämpfte sie tapfer und wenn sie die Mundart der jungen Münchnerin auch nur schwer verstand, so ward sie doch nicht müde, ihrem Geplauder zuzuhören, weil Marie so viel Musik in ihrer dunklen Stimme hätte und weil sie sich im Herzen doch so gut verständen. Daß Mirl im Gespräch so oft »o Mai« sagte, fand sie freilich komisch und auch ein wenig störend, aber sie dachte, schließlich sei es doch netter, einen Monat anzurufen, als, was so Viele in sträflicher Gedankenlosigkeit täten, den lieben Gott. – In religiöser Hinsicht wollte sich zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter leider kein Kontakt herstellen, und jene meinte duldsam, daß die Evangelischen da unten in München doch wohl eben eine besondere Art von Christentum hätten. Aber etliche Male mußte Frau Maria Magdalena doch mit Entschiedenheit den Kopf schütteln, wobei ihr Mutterauge mit einiger Sorge auf ihrem Liebling Johannes ruhte. So einmal als Mirl erzählte, die einzige protestantische Kirche in München habe man vorsorglich als Rotunde erbaut, damit sie, falls der Protestantismus aus der Königlichen Haupt- und Residenzstadt wieder verschwände, leicht in eine Reitbahn verwandelt werden könne. Und ein andermal, als die junge Münchnerin ebenso harmlos erklärte, der katholische Gottesdienst gefalle ihr doch viel besser als der protestantische, aber noch schöner sei der in der griechischen Kapelle. Auch auf einem andern, dunklen Gebiet des Übersinnlichen, zu dem Mirl sich übrigens keineswegs hingezogen fühlte, ergaben sich nur wenige Berührungen, indem die junge Frau vom »dicken Mann« erzählte, den sie selber zwar nie, wohl aber ihre Mutter des öftern gesehen hätte. Der tauche abends spät, wenn man etwa aus dem Bürgerverein nach Haus gehe, an irgend einer Straßenecke auf: ein wahrer Koloß stehe er plötzlich da und warte. Und wenn man dann an ihm vorübergehe, so folge er schweigend bis zur Haustür, dann sei er plötzlich verschwunden, Männer sähen ihn nicht, sondern nur Frauen und Mädchen, wenn sie ohne männlichen Schutz wären, aber getan hätte er noch keiner etwas. – Ihre Eltern hätten übrigens den Grafen Eckartshausen noch gekannt, der ja eine Art Hexenmeister gewesen sein sollte. Wenn der an finstern Abenden nach Hause gegangen wäre, dann hätte er nur mit seinem Spazierstock über das Pflaster zu streichen brauchen, um die Steine zum Leuchten zu bringen und so gut sehen zu können. – Und ihre Großmutter selig, die draußen in Harlaching gewohnt, die wäre beim Heimgehen durch die Abendnebel der Isarauen oft genug vom Tutlipfeiferl angepfiffen worden ... Mochte Mirl nun plaudern oder mit ihren beiden Nichten im Garten umhertollen oder mütterlich der Buben sich annehmen: immer fanden alle, daß Johannes doch das große Los gewonnen habe. Am entzückendsten aber erschien sie ihnen, wenn sie zur Zither ihre heimatlichen Lieder sang, wobei die dunkle und fremdartige Schönheit ihres länglichen Angesichts den Ausdruck einer unschuldigen und unbewußten Schelmerei gewann: Wann i erst aussi schau, wos Lüfterl is schö blau, sich i die Stadt, die schö, mit die zwoa Kirchturm steh. Die Herren der »Gesellschaft« waren beinahe vollzählig in sie verliebt, und Pastor Kranevoß, der sich auf Frauen verstand, sagte, daß sie genau dem Bilde entspräche, das er sich immer von der klugen Ruth gemacht hätte, und daß der Altersunterschied zwischen dieser und dem trefflichen Boas wohl nicht beträchtlicher gewesen sein dürfte, als der zwischen ihr und Johannes. Nur die alte Witwe des Kutschers Anton, in deren müdem Kopf die Gedanken und Erinnerungen des Lebens zu erlöschen begannen, schien die allgemeine Freude nicht mehr zu verstehen. Sie sah Mirl zuweilen mit besinnlichen und hilfesuchenden Augen an, und wenn sie von ihr sprach, nannte sie sie nie anders als »das fremde Fräulein«. Aber die steinerne Wölfin über der Haustür warf der jungen Frau stets einen freundlich ermunternden Blick zu, so oft sie die hohe Treppe des seligen Maire hinaufstieg. Seit jener denkwürdigen Reise, die der Pastor Pieper und sein Schwiegersohn im Sommer 1805 nach Hamburg unternommen, hatte das Leben keine persönliche Berührung mit den dortigen Verwandten mehr gebracht. Aber man war in Fühlung geblieben, und nachdem, zeitlich just in der Mitte zwischen dem des geistlichen Herrn und dem des Ehrenbürgermeisters, auch des Reeders Lebensschifflein den Hafen der Ewigkeit erreicht hatte, war es Frau Maria Magdalena, die sich die Pflege solcher Beziehungen angelegen sein ließ. Sie »hielt auf Familie« und schätzte überlieferte »Bildung« höher denn jungen Reichtum. Und sowohl dem seligen Maire wie auch dem Kommerzienrat hatte es noch immer Eindruck gemacht, wenn sie bei gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten für die Stichhaltigkeit ihrer Gründe als Letztes die an sich ja nicht gerade überraschende Tatsache ins Treffen führte, daß sie »eine geborene Pieper« sei. Hatte doch zu einer Zeit, da der Urgroßvater Wolf noch in Holzschuhen und blauem Kittel hinter seinem Webstuhl hantierte, der Urgroßvater Pieper schon am Reichskammergericht zu Wetzlar die Fülle der Weisheit sowohl Salomos wie des Römischen Rechtes unter seiner Perücke vereinigt. Ungleich verzweigter als der des Pastors Pieper war der Nachwuchs des Reeders Pieper, und wenn Frau Maria Magdalena auch verstand, in den vielen, übrigens ohne Erschütterungen oder sonderliche Abenteuer sich entwickelnden Einzelschicksalen auf dem laufenden zu bleiben, so freute sie sich doch herzlich, als im Sommer 1843 der jüngste Enkel ihres seligen Oheims, des Reeders, mit seiner blonden Frau auf der Hochzeitsreise persönlich sich vorstellte. Das junge Paar hatte in den Schweizer Bergen sich bräunen lassen, nachdem es in gemächlichen Etappen auf dem Wasserwege von Hamburg über Rotterdam nach Basel gereist war, und nun die schnellere Talfahrt in Köln unterbrochen, um in der persönlichen Bekanntschaft mit den von hier aus bequem erreichbaren Verwandten noch eines weiteren schönen Reisegewinns teilhaftig zu werden. – Immer wieder mußte Frau Maria Magdalena sich wundern, wie sehr dieser Johannes Pieper nach Gestalt, Antlitz und Wesen ihrem früh vollendeten Bruder gleiche. Allerdings waren es weder die Ziele der deutschen Burschenschaft, noch die einer mystischen Askese, wofür jener glühte, sondern die Macht und Herrlichkeit seiner Vaterstadt Hamburg, die aus der Asche des fürchterlichen Brandes um so stolzer sich erheben, mit dem Schutt der Ruinen auch den veralteter Einrichtungen ihrer Verfassung abstoßen und, freieren Wind in den Segeln, durch Schiffahrt und Handel die Welt erobern werde. Wie manche nächtliche Stunde hatte Frau Maria Magdalena voriges Jahr vergeblich auf den Schlaf gewartet, weil ihr immerfort das brennende Hamburg vor Augen stand. Da hatte ihre Einbildungskraft sich stärker erwiesen als Hahnemanns Kügelchen, Pülverchen und Tropfen, soviele sie auch schluckte. Jetzt, da auch dies schon wieder so weit zurücklag, jetzt war gleich den andern auch sie so unermüdlich im Zuhören, wie die beiden im Erzählen unermüdlich waren, denn auch die junge Hamburgerin hatte in jenen Schreckenstagen tüchtig sich umgetan und unter der edlen Amalie Sieveking Führung geholfen, die Not der vielen Obdachlosen zu lindern. Pina und Regine stellten allerlei heimliche Vergleiche an und beschlossen dann endgültig, den ersten Platz in ihrem Herzen doch München und Mirl vorzubehalten. Denn wie man in Hamburg ß-prach, das wollte ihnen nun gar nicht gefallen, und diese neue Tante, so nett sie war, ein wenig ß-teif war sie doch und so vertraut wie mit Mirl konnte man mit ihr nicht werden. Gleichwohl freuten sie sich jetzt, da sie so viel schauerliche Einzelheiten zu hören bekamen, von neuem, daß sie im vorigen Sommer, als in der Kirche, auf dem Rathaus und in der »Gesellschaft« für Hamburg gesammelt worden war, ihre kleinen Ersparnisse restlos für die unglückliche Stadt hingegeben hatten. – Sie freuten sich auch geziemend über das sonderbare »Andenken«, womit der neue Ohm, durch einen Brief der Großmutter über ihre Opferwilligkeit unterrichtet, ihretwegen sein Reisegepäck beschwert hatte: das saubere und vollständige Knochengerüstlein eines Sperlings, dessen Schnabel zu schließen das entfliehende Leben keine Zeit mehr gehabt hatte, als die Glut die kleine Kreatur mit dem Bruchstück eines Steins der Sankt Petrikirche zusammenbuk. Aber sie kamen dann doch überein, solcher ein wenig grauslichen Seltsamkeit nur vorläufig einen Platz zwischen den jüngferlichen Nettigkeiten auf ihrem Bücherbrett zu gönnen, um bei guter Gelegenheit den Vater zu bitten, sie Herrn Rektor Dr. Stups für den Naturalien- und Raritätenschrank der Höheren Bürgerschule anzubieten. Von welchem Schrank zu jener Zeit noch niemand ahnte, daß er in nicht viel mehr als einem halben Jahrhundert zu einem recht ansehnlichen städtischen Museum sich auswachsen würde. Denn noch hielt der uralte Kulturboden dieser Landschaft fest, was er von den entschwundenen Zeiten und Geschlechtern der Menschen in sich aufgenommen hatte. – Heute nun wird in diesem Museum neben allerlei keltischen und römischen Funden, spanischen Münzen und verrosteten Franzosensäbeln auch das »martialische« Amulett des unglücklichen Achatschleifers von Kirn aufbewahrt. Ein anderes »Angedenken« trug Johannes Pieper immerfort bei sich. Das war eine tiefe Narbe auf der Wurzel des linken Daumens, wohin sich ihm ein Stücklein regnender Glut gelegt, als er ein Holzrelief aus Sankt Petri in Sicherheit brachte, das fast schwarz vor Alter war. Da hatte er, die wertvolle Last nicht zu gefährden, den Schmerz verbissen, bis ihm Hilfe ward. Wie unbefangen und anschaulich dieser Hamburger Kaufmann zu erzählen verstand! Es war am letzten Abend, daß Frau Anna, nachdem sie den häuslichen Kreis durch Verwandte, Freunde und Bekannte beträchtlich erweitert und die Gesellschaft auf dem kleinen Platz zwischen Zedern und Gartenhaus sich eingerichtet hatte, den jungen Vetter bat, er möchte ihnen doch nun noch einmal alles in zeitlicher Folge und Zusammenhang darstellen. Da war es seinen Zuhörern dann, als sähen sie den hannoverschen Postbeamten in der schwülen Nacht vom 4. auf den 5. Mai müde vom Dienst durch die stillen Straßen nach Hause gehn ... Schon unterwegs hat er einen sonderbaren, brenzlichen Geruch zu verspüren gemeint. Den wird er auch in seiner Wohnung nicht los. Er öffnet ein Fenster und späht in die Dunkelheit hinaus. Er sieht und hört nichts Auffallendes, aber ihm ist, der Geruch werde stärker. Er kehrt auf die Straße zurück und teilt einem Nachtwächter seine Beobachtung mit und daß er die Ahnung von etwas Fürchterlichem habe ... Nun gehen die beiden Männer suchend in der Nachbarschaft umher. Andere Wächter schließen sich an, auch einzelne vom Stammtisch heimkehrende Bürger. Bald glauben sie, sich getäuscht zu haben, dann wieder sind alle überzeugt, daß von Täuschung keine Rede sein könne. Und wortlos teilt die bangende Ahnung des Einen sich allen mit, denn die letzten vier Wochen sind ganz ohne Regen gewesen und ein starker Wind geht durch Gassen und Fleete ... Da – es hat schon so lange Zwölf, aber immer noch nicht Eins geschlagen – da sehen sie aus dem Levyschen Erbe an der Deichstraße eine mächtige Rauchwolke vom Speicher wehen, und indessen ihr Feuerruf sich fortpflanzt und von den Soldaten an den Wachen durch Signalschüsse bestätigt wird, sagt irgendeine Stimme im Dunkeln, daß auf dem Speicher da oben das große Lumpenlager von Philipp Seligmann sei. Die Türmer läuten Sturm und mit den ersten Spritzen stellen, wie dem Erdboden entstiegen, Hunderte von Neugierigen sich ein. Schon beginnen auch einige Nachbarhäuser zu rauchen und hier und da werden Fenster heller, als sie es von einer Kerze oder Öllampe werden könnten. Und plötzlich steht eine ganze Reihe Häuser lichterloh in Flammen, die der Spritzen spotten. – Aber an ihrer einem, dem Stuckenbergischen, öffnet sich sacht die Tür und an die fünfzig oder sechzig fremde Schreinergesellen, jeder sein Felleisen auf dem Rücken und den Ziegenhainer in der Faust, treten aus dem dunklen Flur in die glühe Straßenhelle. Und gelassen wie das Häuflein Christen aus der Zerstörung Jerusalems ziehen sie von dannen: Die Welt ist weit und sie werden schon Arbeit finden. – Brennende Latten und Bretter schießen durch die Luft, ja das Wasser in den Fleeten beginnt zu brennen. Nein, das ist der Spiritus, der dort, eine feurige Kaskade, von einem Speicher herabrauscht und die trübe Flut in ein Flammenmeer verwandelt... Wie die Hitze durstig macht! Ah, da ist ja der Weinkeller von Hein und Jung! In den Stockwerken über ihm wütet das Feuer schon. Soll das Fleet etwa den guten Wein saufen? Auch von den Spritzenleuten bedarf mancher der Stärkung. Und mag man gleich ein wenig über den Durst trinken – man wird schon rasch genug wieder nüchtern werden. – Immer mehr Spritzen finden sich ein, auch die im Hafen liegenden Schiffe senden die ihren. Aber wie hart sie, in allen Sprachen der Erde durcheinanderfluchend, sich plagen, der Siegeslauf des Feuers wird auch durch die Blaujacken kaum verlangsamt. ... Man diskutiert, ob man noch nicht brennende Häuser niederreißen soll? – darf? – kann? – um die Brandstätte zu begrenzen. Häuser? Nein: Straßen! Pulver gehörte her, Kanonen! Inzwischen ist die Sonne aufgegangen. Himmelfahrtsmorgen. Heute soll die Eisenbahn nach Bergedorf eröffnet werden. Statt mit Festgästen und Ausflüglern füllen und überfüllen gleich die ersten Züge sich mit Flüchtlingen. – Der Senat hat schon in der Nacht sich versammelt. Er tagt ohne Unterbrechung. Einzelne Senatoren sind immerfort zwischen Rathaus und Brandstätte unterwegs. Die Hitze wird unerträglich. Gegen zehn Uhr erklären die beiden Spritzenmeister zum zweitenmal, daß ihre Kunst zu Ende sei. Die Mannschaften sind teils übermüdet, teils betrunken. Ein zusammenstürzender Hausgiebel erschlägt zwei Rohrführer. Um elf Uhr steht das ganze Stadtviertel in Feuerregen, Rauch und Flammen. Mit raschen, sichern Strichen zeichnete Johannes Pieper die wichtigeren Straßenzüge und Plätze seiner Vaterstadt in den feinen Sand, die zerstörten oder geretteten öffentlichen Gebäude durch kleine Kreuze, Ringe oder Quadrate andeutend. Und an solchem, sehr vergänglichen Stadtplan erklärte er seinen Zuhörern, wie die Feuersbrunst, auf noch nicht ermittelte Weise im Südwesten der Altstadt entstanden, fächerförmig nach Nordosten sich ausgedehnt, das Südende der Binnenalster umklammert und nach vier Tagen diese von halbverbranntem Hausrat belebte Wasserfläche als endgültige Begrenzung zögernd genug anerkannt hatte. Persönlich hatte er an jenem Himmelfahrtstag am Rettungswerk sich nicht beteiligen können, weil darin für freiwillige Helfer seiner Art noch kein Platz vorgesehen war. Mit seiner Braut und ihren Eltern hatte er dem mittäglichen Gottesdienst in Sankt Nikolai beigewohnt, wo der Kandidat Wendt nach der Predigt für die Bewahrung dieser jedem Hamburger besonders teuren Kirche noch betete, als schon die ersten Rauchwölkchen aus ihrem Turm aufflatterten. Ein Habichtsnest sollte Feuer gefangen haben. – Daß er durch die Bitten seiner Braut vom Besteigen des Turmes sich habe zurückhalten lassen, das tue ihm heute noch leid, wie denn sein sonst ganz nüchterner Bruder Walter, der oben gewesen, von der grausigen Erhabenheit der Aussicht heute noch nicht ohne Überschwang sprechen könne. – Um drei Uhr nachmittags steht die Turmspitze in Flammen. Keine Möglichkeit, den Turm zu retten. Mehr als hundert Menschen steigen gleichzeitig auf der Treppe hinab, die sonst schon bedenklich wackelte, wenn nur drei gleichzeitig auf ihr sich fortbewegten. Nun läutet der Türmer von Sankt Nikolai zum letztenmal, brüderlich tröstend antwortet der von Sankt Michaelis. Und dann plötzlich ertönt das Glockenspiel, aber das ist kein Choral: eine wilde Rapsodie erbraust über der brennenden Stadt. Hat die Glut das Spiel verwirrt oder der Schornsteinfegerjunge, der als Letzter auf dem Turm sich zu schaffen machte? Als Letzter? Ist es Rauch oder sind es händeringende Menschen, die Gestalten, die da oben umgehen? – Um vier bricht die Turmspitze zusammen. Eine schlanke Lohe, wenigstens viermal höher als der Turm, springt gegen den Himmel, Kirchendach und Pastorate entzünden sich und die Drachenhäupter der Traufen speien glühendes Kupfer ... Hier fragte die Pastorin Kranevoß, ob jener Kandidat durch seine Himmelfahrtspredigt den Hamburgern auch so kräftig ans Gewissen gegriffen hätte, wie der Pastor Mallet am Sonntag darauf. Dessen Predigt »Das hat Gott getan!«, die ja zum Besten der Abgebrannten gedruckt worden, hatte ihr Mann sich kommen lassen, und auch sie hätte sie mit sonderlicher Erbauung gelesen. Denn sie hätte ja immer gesagt, daß diese Großstädte wahre Sündenpfuhle seien, und sie wüßte noch recht gut, wie sehr die Frau Bürgermeisterin einst um ihren Johannes in Berlin sich gesorgt hätte. – Frau Maria Magdalena nickte bestätigend, aber Johannes Pieper lächelte: Nein! Der Kandidat habe schön und tröstlich über »Das Erbe, das uns wird behalten im Himmel« gesprochen, und was Mallets Predigt der strafenden Gerechtigkeit betreffe, so habe sie doch vielleicht mehr geschadet als genützt. Daß die Theologen gelegentlich den lieben Gott selber zum Brandstifter machten, sei zwar nichts Neues, wie denn schon Anno 1637 nach der großen Hamburger Feuersbrunst des Magisters Jodocus Edzardi gleichfalls im Druck erschienene Predigt betitelt gewesen sei »Der Herr zündet ihre Stadt an«. Unanfechtbar hätte Mallet etwa behaupten dürfen: »Das hat Gott zugelassen !« In der Tat verdächten ihm viele ernstlich, daß er, nicht ohne anscheinende Überheblichkeit, das göttliche Verbot, zu richten, in den Wind geschlagen und auf solche Weise manche Herzen beschwert und verbittert habe. Er, Johannes, halte auch dafür, daß kein Sterblicher die Gedanken des Unerforschlichen zu kennen sich vermessen dürfe, und daß es zum mindesten gegen die Liebe und gegen den Takt sei, dem von einem ungeheuren Schicksal Zugrundegerichteten sein Los als wohlverdiente Strafe hinzustellen. Übrigens hatte nicht nur christlicher Übereifer, sondern auch mohammedanischer Aberglaube oder Gaukelei die allgemeine Not auszunützen versucht, wie denn am Himmelfahrtstag ein richtiger Muselmann beim Senat eine Audienz nachgesucht und, als ihm solche gewährt, auch ein Dolmetscher beschafft worden, angeboten habe, für fünfzigtausend Taler den Brand alsbald aufhören zu machen. Des näheren befragt, habe jener erklärt, Allah sei groß und Mohammed sein Prophet, und er brauche nur einige Worte aus dem Koran in der richtigen Zusammenstellung, die sein Geheimnis sei und bleibe, auf einen Zettel zu schreiben und diesen dann ins Feuer zu werfen, so werde die versprochene Wirkung unverzüglich eintreten. Der Senat sei hierauf nun freilich nicht eingegangen, aber wenn er, Johannes, regierender Bürgermeister gewesen wäre, so hätte er dem Muselmann, bis zum Verglimmen des letzten Fünkleins, täglich fünfundzwanzig aufzählen lassen, nicht Taler, sondern mit einem guten Tauende. Solcher Ratsbeschluß würde, wolle ihm dünken, die lange Reihe eines halben Jahrtausends aufs würdigste beendet haben. Denn das alte Rathaus sei nicht mehr zu halten, seine Sprengung nicht mehr zu umgehen gewesen: Um halb drei in der Nacht habe der präsidierende Bürgermeister Benecke zum letztenmal in dem Raum das Wort ergriffen, darin durch fünf Jahrhunderte über Hamburgs Wohl und Wehe Rats gepflogen worden. – Andern Tags habe jener Muselmann sein Angebot erneuert, diesmal aber hunderttausend Taler sich ausbedingend. Leider sei er wieder ungestäupt entlassen worden. Ernster als solche Schwäche des Senats sei die Gefahr gewesen, daß bei der mit dem Feuer wachsenden Kopflosigkeit am Ende noch der Pöbel die Herrschaft über die Stadt an sich reißen werde. Es habe wirklich zuweilen ganz so ausgesehen, als ob dies unmittelbar bevorstehe. Wie denn er, Johannes, in jenen schlimmen Tagen auch sonst gelernt habe, daß eine allgemeine Not wirksamer noch als die Kräfte des Guten die des Bösen wachrufe: bis zum Zwanzigfachen des sonst üblichen Fahrpreises hätten Fuhrleute und Schiffsführer gefordert, um den Flammen entrissenen Hausrat völlig in Sicherheit zu bringen, und nur allzu viele, die von irgendwelchen vielbegehrten, weil vielverbrannten Dingen größeren Vorrat besessen, hätten davon nicht anders als zu schamlosen Wucherpreisen abgegeben. ... Was aber jene Gefahr der Pöbelherrschaft betreffe, so sei sie durch »die sogenannten Zimmerleute« und »die angeblichen Brandstifter« offenkundig, aber rechtzeitig noch durch einen hochedlen Rat bekämpft worden, indem dieser am 7. Mai durch ein Publikandum alle wackeren Bürger aufgefordert, als »Polizey- Bürger« sich einschreiben zu lassen, um, nach Ordnung des Bürger-Militärs in Kompagnien abgeteilt, an einer weißen Schärpe kenntlich und mehr den Geist als die Worte einer in der Eile abgefaßten Instruktion vor Augen, überall nach dem Rechten zu sehen, einseitiger Anordnungen hinsichtlich der technischen Teile der Löschung sich zwar zu enthalten, nach Kräften aber sich angelegen sein zu lassen, die Arbeiter und das Volk zur Nüchternheit und Mäßigkeit, zu steter Tätigkeit und besonders zum Vertrauen auf Gott zu vermahnen. Solchergestalt habe auch er unverzüglich sich in den Dienst der bedrängten Vaterstadt begeben und dabei alsbald mit den sogenannten Zimmerleuten ein Renkontre gehabt. Es sei nämlich von alters her der Brauch, daß bei Bränden die Zimmerleute, den Spritzenmeistern zwar unterstellt, aber doch mit ziemlich weitgehenden eigenen Machtbefugnissen, an der Bekämpfung des Feuers sich zu beteiligen hätten, wobei in den kleineren Verhältnissen der guten alten Zeit von einer ausdrücklichen Legitimation des einzelnen abgesehen wäre. Solche Gepflogenheit nun hätten jetzt zahlreiche Taugenichtse nach rasch beschaffter Axt benutzt, um unangefochten auf Raub und Zerstörung auszugehen. So habe er selber in einem der vielen Häuser, die von ihren überängstlichen Bewohnern verlassen worden lange bevor das Feuer sie ernstlich bedroht, geschweige denn ergriffen hätte, fünf solcher Kerle angetroffen, die Zimmer und Schränke erbrochen und durchsucht, auch schon fünf artige Häuflein nützlicher und angenehmer Dinge in der Nähe der Haustür zu bequemer Mitnahme aufgeschichtet gehabt hätten. Von ihm zur Rede gestellt, habe der eine, ein bebrillter Graukopf, auf das »Kollegium ehrbarer Oberalten« sich berufen, dem er angehöre, und versichert, daß sie im Auftrag und nach Anweisung des Hausherrn hier verführen. Als jener dabei aber in allerhand Widersprüche sich verstrickt, sei ein andrer, ein baumlanger, flachsblonder und pockennarbiger Kerl hinzugetreten: »Uns hett hier keen Minsch mehr watt to seggen, nu sind wi de Herren!« – welche Auffassung ihn, den Erzähler, entschieden glaubwürdiger angemutet. Obwohl er nun als einzige Waffe nur einen derben Knotenstock gehabt, sei es ihm doch ohne sonderliche Mühe und Gefahr gelungen, die fünf Unholde auf die Straße hinauszukomplimentieren, wie denn erfreulicherweise dieses Gesindel weder durch Mut ausgezeichnet, noch organisiert gewesen sei. Übrigens sei einmal eine ganze Bande solcher sogenannten Zimmerleute von der fürchterlichsten Strafe ereilt worden. Die hätten in der Nähe der Heiligen-Geist-Brücke einen Weinkeller erbrochen und alsbald einstimmig beschlossen, dessen wohlassortiertes Lager auf dem einfachsten und zugleich angenehmsten Wege zu »retten«. Um das »Bankett« ansehnlicher und pläsierlicher zu gestalten, hätte man einige pflichtvergessene Soldaten, auch etliche holde Weiblichkeit zugezogen, den Eingang aber gehörig verbarrikadiert, auf daß man ja die ganze Nacht unangefochten und »unter sich« bleibe. Inzwischen habe das Feuer jenes Haus ergriffen und völlig zerstört. Nach Wochen, bei den Aufräumungsarbeiten seien vierzehn Zimmermannsäxte und zweiundzwanzig Leichen zutage befördert worden... Mit den »angeblichen Brandstiftern« habe er persönlich, fuhr der Erzähler fort, keine Bekanntschaft gemacht, es sei da aber manchen Unschuldigen gar übel mitgespielt worden. Gleich anfangs habe es geheißen, das Feuer sei von Arbeitern der großen englischen Maschinenfabrik auf dem Grasbrook angelegt, die nur Engländer beschäftige. Hierfür nun habe sich auch nicht der geringste Anhalt ergaben. Im Gegenteil: gerade diese englischen Arbeiter und besonders ihre Ingenieure hätten mit mustergültiger Disziplin, Tatkraft und Umsicht an der Bekämpfung des Feuers sich beteiligt. Gleichwohl sei jenes Gerede nicht zu Ruhe gekommen, das letzten Endes wohl auf Brotneid und nationale Mißgunst Hamburger Arbeiter zurückzuführen sei. Wie dann auch im weiteren Verlauf der Feuersbrunst mancher Lump sein Mütchen an einem persönlichen Feind gekühlt, indem er ihn der Begünstigung des Brandes oder gar der Anlage eines neuen Feuerherdes bezichtigt und so einer raschen und derben Volksjustiz überantwortet habe. Nun wolle er aber, eingedenk des Wunsches seiner teuren Frau Base, strenger als bisher an die zeitliche Ordnung der Dinge sich halten. In der zweiten Nacht also habe das Durcheinander, am zweiten Tage die Feuersbrunst den Höhepunkt erreicht. Doch habe man in jener zweiten Nacht Sankt Katharinen gerettet – wie denn auch die Bewohner der nach dieser Kirche benannten Straße ihre Häuser mit sonderlicher Tapferkeit, Umsicht und Erfolg gegen die nimmersatten Flammen verteidigt hätten. Und an jenem zweiten, dem auf »Himmelfahrt« folgenden Tage, wäre es einem halben Dutzend beherzter Männer, die zufällig in der schon aufgegebenen Börse sich gefunden, wider alles Erwarten gelungen, diese Hochburg der hamburgischen Kaufmannschaft zu retten, also daß man schon nach Ablauf einer Woche darin wieder Geschäfte habe abschließen können. Aber wie wenig vermag des Menschen Wille zur Ordnung gegen des Elementes Willen zum Chaos. ... Auf immer neue Straßen flutet das Flammenmeer. Ein Feuerregen geht ihm voran. Und vor diesem her fliegt ein Sturm, ihm die Fenster zu öffnen. – Alle Städte und Dörfer ringsum haben Spritzen und Mannschaften zu Hilfe gesandt. Dänisches Militär rückt ein, auch preußische Pioniere. Zuweilen wird das unendliche Brausen des Feuers von dumpfen Donnerschlägen übertönt: Pulverexplosionen, Sprengungen, von Offizieren und englischen Ingenieuren geleitet, und, wie alles, eine Lustbarkeit für das Gesindel, das allenthalben im Wege ist. Und die sogenannten Zimmerleute wirtschaften mit einer wahren Berserkerwut, als wären sie dem Tollhaus entsprungen. – Aber die Neustadt wenigstens wird durch die Sprengungen gerettet, bei denen einzelne allzu Verwegene den Heldentod finden und viele verletzt werden, denn die Straßen sind überfüllt von Menschen und Fuhrwerken. Es heißt, an die sechzigtausend Flüchtlinge hätten bis jetzt schon die Stadt verlassen. Um sechs Uhr nachmittags wird durch die ganze Stadt Generalmarsch geschlagen: Auf dem Pferdemarkt und in der Breiten Straße hält hannöversche Artillerie. Doch die Kanonen richten wenig aus: ihre zwölfpfündigen Kugeln schlagen glatt durch die Mauern. Aber, Gott sei Dank, die Hannoveraner haben eine Unmenge Pulver mitgebracht. Denn wer kann verkennen, daß Sankt Petri, die größte und älteste der Hamburger Kirchen in höchster Gefahr und nur durch Sprengungen in der Nachbarschaft vielleicht noch zu retten ist. Mit Pulverfässern hochbeladene Wagen müssen durch den Feuerregen. Auf jedem thront ein Kanonier, gelassen die Funken und brennenden Holzstückchen aus- oder abschlagend, die auf die über die Fässer gebreiteten nassen, allzu rasch trocknenden Tücher fallen. Sechshundert Pfund Pulver werden in den Keller des großen alten Hauses von Romagnolo geschafft; dessen hohen Giebel schon die Flammen grell beleuchten. ... Eine fürchterliche Explosion, nächst der Sprengung des alten Rathauses wohl die gewaltigste von allen. Eine weiße Wolke verschlingt Haus und Straße. Daraus erhebt sich eine dunkle Masse von Steinen und Balken zum Himmel, die niederprasselnd Dächer, Schornsteine und Fenster der Nachbarhäuser zertrümmert. Vielleicht ist Sankt Petri gerettet. Aber die höllischen Mächte spotten der menschlichen! Mit glühenden Armen greifen sie nach dem Gotteshaus. In erhabener Ruhe, wie ein Unverwundbarer im Toben der Schlacht, steht der hohe Turm, nur das kupferne Fähnlein auf seiner höchsten Spitze, durch die von der zunehmenden Glut bewegte Luft in immer rasenderem Wirbel umgetrieben, zeugt von Erkenntnis der Gefahr und äußerster Spannung. – Da, wo das Mauerwerk des Turmes sich der ganz aus Holz erbauten, mit Kupfer gedeckten Spitze verbindet, beginnt in der Nacht vom Freitag zum Samstag der Turm sich zu entzünden. Fieberhaft und mit wechselndem Glück versucht man ihn zu retten. Nach übermenschlicher Anstrengung muß man endlich jede Hoffnung aufgeben. Und bald steht dann auch das Kirchendach in Flammen. In den hohen Hallen darunter, in die Hunderte ihr gerettetes Hab und Gut geflüchtet haben, sind die verschiedenartigsten Kräfte gleichzeitig am Werke. Soldaten und »Polizeibürger« bringen unter Leitung eines Pfarrers die Kunstwerke und Kirchengeräte in Sicherheit, während zahlreiche der sogenannten Zimmerleute unter rohen Scherzen mit dem umherstehenden Hausrat Fangball spielen oder das alte Kirchgestühl die Wucht ihrer Äxte kosten lassen. Hier und da kniet ein zitterndes Mütterchen auf den Steinfliesen und betet. – Und dann, in der Nacht, sind die hohen, spitzbogigen Fensterhöhlen voll vom roten Widerschein des unersättlichen Feuers, das alles verzehrt, was die Menschen in der Kirche zurückgelassen haben. Und in dessen Glut und Wut Pfeiler und Gewölbe zusammenbrechen und Grüfte bersten ... Johannes Pieper kam zum Schluß. Am Sonntag, den 8. Mai, um die Mittagstunde, kurz nachdem Herr Mallet sein Amen gesprochen, sei Hamburgs gewaltige Brandstätte endlich begrenzt, ein Weitergreifen des Feuers nicht mehr zu befürchten gewesen. Aber noch zwei Monate hindurch hätten die Spritzen zwischen den Ruinen der fast zweitausend Häuser zu tun gehabt. Ja, noch Ende September wären halbverkohlte Bücherballen, aus den Trümmern des Verlagshauses Hoffmann und Campe hervorgezogen, in der frischen Luft alsbald lichterloh aufgeflammt. »So, so, bei Hoffmann und Campe!« sagte Dr. Stups, der Basilisk, und meinte dann mit Strenge, daß das meiste, was diese Handlung verlege, auch wohl kein besseres Schicksal verdiene: Und er begreife den König nicht, dessen mitleidiges Herz die Regierung veranlaßt hätte, für Preußen den bekannten Buudesratsbeschluß gegen das sogenannte Junge Deutschland aufzuheben und mit einer milden Ermahnung zum Bravsein jenen Verlegern die Grenzen wieder zu öffnen, lediglich um sie für das Brandunglück zu entschädigen. Damit begann das Gespräch sich Heinrich Heines zu bemächtigen. Die meisten fanden seine Gedichte wunderschön, einige Damen einzelne sogar himmlisch. Doktor Stups fand sie entbehrlich und meinte, der alte Salomon Heine scheine diese Ansicht zu teilen, denn er habe geurteilt: »Hätte der Heinrich was ordentliches gelernt, so brauchte er keine Bücher zu schreiben.« Als aber Herr Latschert, der Baumwollagent, den Dichter als Volkstribunen und Apostel der Freiheit pries, sagte die Pastorin Kranevoß, sie danke entschieden für solche Freiheit und Heine sei ein Lästerer und Lüderjan, den der liebe Gott nicht umsonst so lange Jahre an einer schrecklichen Krankheit zwischen Leben und Sterben halte. »Mallet« dachte der junge Hamburger, und um zu verhüten, daß die Unterhaltung sich nun etwa in dieser Richtung weiter entwickle, bat er, noch erzählen zu dürfen, auf welche heitere Weise Campe zu Heine oder vielmehr Heine zu Campe gekommen sein sollte: Vor etwa dreißig Jahren hätte der junge Heine in Berlin ein Bündchen Gedichte, seine ersten, erscheinen lassen. Als er dann einmal bei seinem Onkel Salomon in Hamburg zu Besuch gewesen, wäre er eines schönen Tages in die Buchhandlung von Hoffmann und Campe eingetreten und hätte Campe, ohne daß sie einander gekannt, nach jenem Gedichtbuch gefragt, das er sich gern einmal ansehen möchte. Campe hätte es ihm gereicht und der Dichter, nachdem er fünf Minuten darin geblättert, es dankend zurückgegeben: Nein, diese Gedichte wären nach Gehalt und Form doch allzu schlecht! Da wäre der Buchhändler aufgebraust: dann verstände einer von ihnen beiden nichts von Poesie, denn er seinerseits hielte dafür, daß seit Goethes Jugendtagen gehaltvollere und schönere Gedichte nicht geschrieben wären, und daß unter den Neueren keiner diesem Heine das Wasser reichte. Der Dichter aber hätte nach diesem Zornesausbruch mit gewinnendem Lächeln gesagt: »Ich bin Heine, und Sie, Campe, müssen mein Verleger werden!« Übrigens sei der vom Herrn Rektor soeben erwähnte Ukas doch wohl reichlich weit gegangen, indem er »auch alle zukünftig noch bei Hoffmann und Campe zu verlegenden Druckwerke« im voraus verboten habe. Wonach Herr Campe sich nun freilich nicht gerichtet, vielmehr vorgezogen habe, »im Betretungsfalle« eine Geldstrafe auf sich zu nehmen, solche jedesmal erst nach erfolgter Pfändung zahlend. Dabei habe es sich dann einmal begeben, daß er dem Exekutor auf die Frage »Was soll ich pfänden, Herr Campe?« ganz ernsthaft geantwortet: »Den Kronleuchter, denn der Bundestag bedarf der Erleuchtung.« Während Johannes Pieper alsdann von Herrn Latschert, dem Baumwollagenten, der seit kurzem Brandoffizier und Chef des neuen Feuerkorps war, in ein längeres Gespräch über das Hamburger Feuerlöschwesen im allgemeinen und seine technischen Hilfsmittel im besonderen verwickelt ward, sah der Rektor Dr. Stups von unterschiedlichen Vätern und Müttern sich umringt, die, durch eine Notiz in der Kölnischen Zeitung beunruhigt, teils fürchtend teils hoffend zu wissen begehrten, ob es denn wirklich wahr sei, daß das bisher doch als demagogenhaft verpönte Turnen in Bälde als richtiges Schulfach allgemein eingeführt werden solle. – Ja, das sei leider wahr und eine Folge dieser unseligen Schrift »Zum Schutz der Gesundheit auf Schulen« vom Professor Lorinser, die viel Staub aufgewirbelt und eine ganze Literatur für und wider das Turnen hervorgerufen habe. Er, Dr. Stups, verspreche sich garnichts von dieser Sache, halte vielmehr dafür, daß die Schule den Verstand und den Charakter auszubilden habe und nicht die Muskulatur, und daß das Turnen, ganz abgesehen von seiner Gefährlichkeit, leicht zur Verrohung der Jugend führen könne. Aber selbstverständlich müsse und werde er sich fügen. Weit erfreulicher und in Hinsicht jener unerwünschten Nebenwirkung des Turnens auch einigermaßen beruhigend erscheine ihm, daß Exzellenz Eichhorn nun sein Gelöbnis: »eine widerstrebende Welt zum lebendigen Christentum zurückzuführen«, auch der Schule gegenüber in Taten umzusetzen beginne. Zunächst werde der Religionsunterricht ganz beträchtlich vertieft und erweitert werden, so müsse z.B. in Zukunft der Gymnasialabiturient siebzig geistliche Lieder und hundertachtundvierzig meist ziemlich lange Bibelsprüche auswendig können. »Wenn er sie nur auch inwendig kann!« warf Heinrich ten Bompel ein. Dafür werde selbstverständlich gleichfalls gesorgt werden, meinte der Rektor und fuhr dann fort, den frischeren Wind der Zeit zu preisen, der seit Herrn von Altensteins Tode durch das preußische Schulwesen gehe und die Ansprüche steigere. Man sei jetzt auch in Berlin endlich dahintergekommen, was er schon immer gesagt, daß es gegen die Gefahren und Versuchungen dieser nach einer falschen Freiheit lüsternen Zeit kein wirksameres Mittel gebe als das Rezept des alten Pharao. Was denn das für ein Rezept sei, fragte die Kommerzienrätin, und prompt und ein wenig pathetisch erwiderte der Schulmonarch: »Man drücke die Leute mit Arbeit, daß sie zu schaffen haben und sich nicht kehren an lose Rede.« Das gelte nicht nur für das Volk, sondern erst recht für die Jugend dieser entartenden Zeit. – Die Kommerzienrätin entgegnete, sie ihrerseits halte nicht nur für das Volk, sondern erst recht auch für die Jugend ein anderes Wort aus dem Alten Testament für viel beherzigenswerter. Das stehe im »Prediger« und laute: »Darum sah ich, daß nichts Besseres ist, denn daß ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit.« Der Rektor lächelte überlegen: seiner Ansicht und pädagogischen Erfahrung nach lasse sich das vereinen. Dann wandte er sich an die Frau Pastorin: In der Kirche habe ja nun endlich das Positive über Rationalismus und Bürokratismus den Sieg davongetragen, und was der Kirche recht sei, das sei der Schule billig. »Ja, gewiß!« bestätigte die Angeredete und sie ihrerseits hoffe nur, daß es dem neuen Kultusminister mit der Zeit doch noch gelinge, die unanständigen Figuren von der Berliner Schloßbrücke zu entfernen, an denen alle ernsten Christen Anstoß nähmen, denn das Nackte gehöre nicht in die Öffentlichkeit, wo jedermann es betrachten könne. »Selbstverständlich,« meinte der Rektor, um aber bei der Schule zu bleiben, so hoffe er, daß bald über jeder Schultür und in jedem Schülerherzen geschrieben stehe: Ora et labora – Bete und arbeite! – Dann werde in Wahrheit ein ver sacrum , ein heiliger Frühling seinen Einzug halten. – Als sie noch Lehrerin gewesen, warf die Kommerzienrätin ein, hätte sie solches Sprüchleins über der Schultür zwar entbehren müssen, gleichwohl aber wäre durch diese täglich »ein heiliger Frühling« in die graue Schulstube geströmt, der sie dann während des ganzen Unterrichts aus siebzig oder achtzig Kinderaugen angestrahlt hätte. Daß aber in den Vorschriften und Methoden der Schule auch zu ihrer Zeit noch nichts von einem heiligen Frühling zu verspüren gewesen, das wolle sie gern zugeben und es solle sie freuen, wenn dies anders werde. Nur befürchte sie, daß die neue unendliche Vermehrung des Lernstoffes jeden heiligen Frühling alsbald wie ein böser Reif anfallen und das Beste, das Interesse des Schülers, lähmen würde. Wenn es z.B. wahr sei, daß der Gymnasialabiturient in Zukunft viertausend Geschichtszahlen wissen müsse, so sei es ihr nicht zweifelhaft, daß ein derartig belastetes Gehirn die Fähigkeit einbüßen werde, etwa in Rottecks Weltgeschichte die großen Zusammenhänge zu suchen oder gar des Geistes der Geschichte einen Hauch zu verspüren. Am allerbedenklichsten aber wolle ihr doch die geplante ungeheuerliche Vermehrung des religiösen Lernstoffes erscheinen. – Er im Gegenteil, erwiderte Dr. Stups, verspreche sich nun gerade hiervon nur Gutes, besonders auch für die Schulzucht, die Disziplin, die ja im Grunde doch die Hauptsache sei und bleibe. – Für Lehrautomaten und Lernautomaten ganz gewiß, bestätigte die Kommerzienrätin, aber für Lehrer und Schüler halte sie einen Ausbau der Disziplin nach der Seite einer maßvollen Freiheit hin für nützlicher und auch für würdiger. – Aber davon wollte der Rektor nichts wissen: wohin das führe, habe doch schon vor zehn Jahren Dr. Bunsens Schule in Frankfurt am Main gezeigt, die ja so eine Art »Freistaat der Jugend« gewesen, bis sie dann durch die vermutlich ganz logische Beteiligung ihres Leiters am Frankfurter Wachensturm ein Ende mit Schrecken genommen, wie denn inzwischen auch dieser Dr. Bunsen selber jämmerlich zugrunde gegangen, soviel er wisse, in Texas verschollen sei. Was aber eine Beschäftigung der Schüler mit Rottecks Weltgeschichte betreffe, so befürchte er, daß sie am Ende gar in eine Beschäftigung mit der Politik ausarten werde, was doch gewiß niemand erwünscht sein könne. – Hier nun kam Friedrich Wilhelm Wolf seiner Frau zu Hilfe: In seinen Augen sei es in der Tat ein außerordentlicher Vorzug der englischen Schulen im Vergleich mit den deutschen, daß drüben das politische Interesse frühzeitig geweckt und gepflegt werde, so daß die Knaben con amore politisch debattierten. – Gott möge uns bewahren, rief Dr. Stups, daß Schuljungen über Politik reden wie Männer! – Die Kommerzienrätin aber, indem sie sich erhob, um ein paar aufbrechende Gäste zu verabschieden, meinte lächelnd, vielleicht würde das immer noch erfreulicher und für die deutsche Zukunft besser sein, als daß jetzt zuweilen Männer über Politik redeten wie Schuljungen. Das Aufbrechen wirkte ansteckend. Auch der Basilisk empfahl sich. Als Frau Anna in den beträchtlich verkleinerten Kreis zurückkehrte, hatte Friedrich Wilhelm ein Windlicht entzündet, in dessen Schein er soeben eine Flasche »Eilfer« entkorkte, während der Vetter aus Hamburg in einem Büchlein blätterte. Denn als das Gespräch vorhin die Wendung ins Pädagogische genommen, war ihm sein Freund Dr. Schleiden eingefallen, dessen junge Schulunternehmung durch das Feuer aus den zwei Zimmern an der Paulstraße vertrieben worden war, und der nun mit seinen zwanzig Jungen in der elterlichen Wohnung bei der kleinen Michaeliskirche beschränkt genug hauste. Und daß er, Pieper, ja die Absicht gehabt hatte, nach Beendigung seiner Erzählung das schöne Schlußwort aus Schleidens Darstellung des großen Brandes vorzulesen, dieses Schlußwort, um dessentwillen er das Büchlein seinem Reisegepäck einverleibt hatte. Alle freuten sich seiner Absicht und er las: »Zum Pfingstfeste, acht Tage nach dem Aufhören des Brandes, füllten sich die stehengebliebenen Kirchen so, daß überall die Räume zu enge waren für die Menge derer, welche in gemeinsamer Andacht Beruhigung und Erhebung des Gemütes suchten. Jeder der Geistlichen suchte das Feuerzeichen von seinem Standpunkte aus zu deuten, aber auch Redner, die nicht auf der Kanzel standen, haben gepredigt und gesprochen, wie sie der Geist getrieben und was sie zum Nutzen und Frommen der Stadt für nützlich und wünschenswert erachteten. Von der Notwendigkeit, daß es anders, daß es besser werden müßte, daß, wenn nicht der alte Ruhm unserer geliebten Stadt zugleich mit ihren Kirchen und Straßen zugrunde gehen sollte, wir uns dieses furchtbare Ereignis »zum Besten dienen lassen« müßten, darüber waren alle einig. Klagen und Fragen, Hoffnungen, Wünsche, Vorschläge, Reformpläne der verschiedensten Art wurden laut, ein rüstiger Kampf der Meinungen hat sich erhoben und ein lebensfrischer Odem weht kräftigend durch viele Kreise unseres Gemeinwesens. Man hat diese Bewegung Aufregung genannt und ihr Erlöschen von der Zeit erwartet. Wollte Gott, daß diese Aufregung, »in welcher jeder Bürger mehr an das Gemeinwohl als an sich selbst denkt,« daß diese Liebe für unsere Stadt und unseren Staat, welche nicht das Ihre sucht, sondern das, so der andern ist, nie aufhöre, denn nur in dem sich solchergestalt bildenden und entwickelnden vaterländischen Gemeingeist ist das Heil, und ein Freistaat wie Hamburg ist ohne denselben ein Kinderspott. Es wird niemand in Abrede stellen, daß wir noch mancherlei Schutt dort zu versenken haben, wo es am tiefsten ist; daß aus den Ruinen mittelalterlicher Institutionen sich ein Neubau erheben muß, welcher namentlich fast alle Zweige unserer Verwaltung umfaßt; aber nur Einseitigkeit oder Gehässigkeit wird die Schuld der Übelstände unter uns irgend einem einzelnen Gliede des Staatskörpers allein beimessen, und nur Kurzsichtigkeit wird von der Umgestaltung einzelner Institutionen die Wiedergeburt eines Staates erwarten. Als Nero Rom beherrschte, bestanden noch alle Formen der alten Republik, aber, vom Geist verlassen, waren sie ein Spiel der Willkür. Das Übel liegt tiefer. Aus diesem Gefühl heraus müssen uns die Verbesserungen kommen, sonst sind sie hohl und nichtig von Anfang. Solange die philisterhafte Lobhudelei über die Vortrefflichkeit unserer Institutionen noch für Patriotismus gilt, solange nur jeder von dem andern fordert und nicht selbst zu leisten und aufzuopfern bereit ist, solange unsere Bürgerkonvente nur dann sich füllen, wenn die Sonderinteressen irgend eines Standes gefährdet scheinen, solange nicht die Kenntnis unserer Verfassung und unserer Gesetze und die lebendige Teilnahme dafür in jedem Bürger ist, solange die einen behaglich den alten Weg des Schlendrians wandeln und die andern ebenso behaglich kritisieren, ohne sich energisch zu rühren, daß es besser werde, solange nicht aus unseren niederen Ständen die Völlerei und die alberne Sucht, es den Reichen gleich zu tun, und aus unseren höheren Ständen das gemeine Vorurteil, den Wert des Menschen nach seinem Kapital und nach der Opulenz seiner Gastereien anzuschlagen, ausgerottet sind, solange mit einem Worte nicht ein Geist der Zucht und Ehre, der Gerechtigkeit und Frömmigkeit alle zusammen und jeden einzelnen Bürger durchdringt, so lange werden alle Verfassungsreformen, und wären es die besten, uns nichts helfen. Sollen wir denn nun alles gutheißen und in Geduld erwarten, bis dieser heilige Geist über uns komme? – das sei ferne! Formen sind nicht gleichgültig, und wer den Tempel bauen will, muß einen Stein zum andern legen. Geist und Form stehen in beständiger Wechselwirkung und nur in dem Kampf um Formen ringt sich, wie die Geschichte aller Zeiten lehrt, der Volksgeist der Selbständigkeit und Gerechtigkeit empor. Darum räume jeder Bürger in seinem Kreise zuerst den Schutt weg und suche diesem Geiste eine Heimat zu bereiten, und wem die Kräfte dazu verliehen sind, der denke und wirke fürs Ganze. Es mögen die Besten und Einsichtigsten sich zum starken Bunde die Hand reichen, daß vor der Gerechtigkeit und Wahrheit ihrer Forderungen die Selbstsucht und der Unverstand sich beschämt zurückziehen müssen. Es kämpfe im redlichen Kampfe jeder für seine Überzeugung und an der Stelle, wo ihm im Verhältnis zum Ganzen sein Platz angewiesen ist. Vor allem aber: es fordere niemand, der nicht zu geben bereit ist, oder besser: es sei jeder bereit zu geben, was von ihm das Vaterland fordert. Dann wird es vorwärts gehen. Etwas Besseres haben wir nicht zu erwarten und das wäre das Beste. Es gibt keinen vollkommenen Staat und wird auch keinen geben; aber das sind die besten und die zeichnet die Geschichte mit unsterblichem Ruhme aus, welche in stetem Fortschritt begriffen, das Ziel der Vollendung anstreben. Denn, wie Dahlmann sagt, »weil nichts vollkommen ist, was besteht, so ist das höchste Darstellbare der Fortschritt.« Ruhen ist freilich bequemer als Arbeiten, und »Gehenlassen« bequemer als diese Unruhe des Vorwärtsstrebens; aber Gesundheit ist auch besser als Siechtum und ein blühender, kräftiger, gerechter und ehrenhafter Staat schöner als eine Ruine, an der man, zur Schmach der Gegenwart, nur die Weisheit der Vorfahren zu loben hat. Eine Mahnung, eine furchtbare, ist uns geworden: ein Anfang, ein erster Anfang ist gemacht; die Zukunft muß entscheiden, ob wir der Teilnahme, welche das deutsche Vaterland und die Völker Europas uns bewiesen haben, würdig sind oder nicht, ob Hamburg in künftigen Menschenaltern als eine wahrhaft freie, ehrenhafte und gerechte Stadt, als der blühende Sitz des Welthandels, als die Heimat, von Kunst und Wissenschaft dastehen – oder versunken und vergessen sein wird. Sollten wir zweifeln? – »die Völker werden, was sie in gutem Selbstvertrauen aus sich machen.« So laßt uns die Hand aufs Herz legen und geloben: Wir wollen halten und dauern,/Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum./Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist,/Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter./Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.«