Otto Ludwig Das Fräulein von Scuderi. Schauspiel in fünf Aufzügen, nach Hoffmanns Erzählung . Personen.       Louis XIV. , König von Frankreich . Graf Miossens . Serons , ein berühmter Arzt in Paris,         der Scuderi Hausfreund . Degrais , Polizeileutnant von Paris . Bontems , Louis' Kammerdiener . René Cardillac , ein Goldschmied in Paris . Olivier Brusson , sein Geselle . Meister Martin , ein Maler . Meister Lejean , ein verarmter Goldschmied . Baptiste , der Scuderi Kammerdiener . Jérome , Bedienter des Grafen Miossens . Fräulein von Scuderi . La Martinière , ihre Kammerfrau . Madelon , Cardillacs Tochter, Brussons Braut . Caton , Haushälterin Meister Claude Patrus,         des Mietsmanns in Cardillacs Haus . Gendarmen . Das Stück spielt in Paris, anfangs des achtzehnten Jahrhunderts . Erster Aufzug Zweiter Aufzug Dritter Aufzug Vierter Aufzug Fünfter Aufzug Erster Aufzug. Bei der Scuderi . Einfaches Zimmer. Ein Bücherschrank, Schreibtisch mit Papieren, nicht ängstlich geordnet. Eine Thür im Fond und eine Seitenthür. Erster Auftritt. Graf Miossens . Serons (im Gespräch). Serons . Ja, mein Herr Graf von Miossens, es ging, Seit Ihr's verließt, in Frankreich wunderlich. Miossens . Ich glaube das Unglaubliche nur Euch. Serons . Kein Band mehr heilig. Von des Argwohns Eishauch Des trauten Herdes letzte Glut gelöscht. Der Vater traut den eignen Kindern nicht; Der Mann ißt nicht von seines Weibes Kost; Der Bruder sieht im Bruder seinen Mörder. Und wohl ihm, muß ich sagen, wenn er's that. Denn ohne Mitleid wütete der Giftmord Wie eine Seuche durch das ganze Land. Miossens . Das Übel war verzweifelt und verzweifelt auch, Ja noch verzweifelter, mein' ich, die Kur. Ein Tribunal, so unbeschränkt an Macht Als diese chambre ardente So nannte man den Gerichtshof nach dem schwarz ausgeschlagenen, nur durch Fackeln erhellten Saal, in dem die Sitzungen stattfanden. ist unerhört. Und dieser unerbittliche La Regnie An seiner Spitze. Spanien hat nun Nichts mehr voraus vor Frankreich. Der Gerichtshof Wiegt Spaniens heiliges Gericht noch auf. Serons . Wahr ist's; die fernste Möglichkeit genügt, Das kleinste Wort, das man willkürlich auslegt, Und frech dringt er ins Innerste der Häuser Und reißt den Vater aus der Seinen Arm. Da schützt kein Rang, kein Ruf, kein wohlerworben Verdienst. Der Henker der Tortur arbeitet Für den Kollegen auf dem Blutgerüst; Denn eher gibt der Tod ein Opfer wieder, Als dieser La Regnie. Aus seinen Kerkern Führt nur ein Weg: der Weg aufs Blutgerüst. Und Gnade dem, der laut ein Urteil wagt Über dies Treiben! Gegen Euch, Herr Graf, Sonst gegen niemand thu' ich's. Miossens .                                         Meister Serons, Daß Eu'r Vertrauen ich zu schätzen weiß, Beweist, daß ich es argwohnlos erwidre. Denn hier beschützt mich die Geburt so wenig, Als Euch der Ruf von Eurer Meisterschaft Als Arzt. Den Pair des Reichs, den Grafen trennt Kein Vorrecht mehr von dem gemeinen Pöbel. Die Kammer ist's nicht mehr der Pairs, die ihre Mitglieder richtet. Vor ein königlich Tribunal wie den Bürger und den Bauer Schleppt man den Herzog, Grafen und Baron. Dem König konnte nichts gelegner kommen Als dies Verbrechen, das dem neuen Griff In unser Recht erwünschten Vorwand lieh. Ein Stückchen Staatskunst, das dem schlauen Schüler Des schlauen Lehrers Ehre macht. Das ist Ein Kunststück noch aus Mazarinis Jules Mazarin ( Giulio Mazarini , 1602–1661), der berühmte französische Minister zur Zeit Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. Schule. Damit bricht er des Adels Ansehn vollends, Und sichert sich zugleich des Pöbels Gunst, Und spielt uns dieses Werkzeug aus den Händen, Und wie erst wir es gegen ihn gebraucht, Wird er's zu brauchen wissen gegen uns. Der Ananas lebt von gemeinem Dünger – Und dieser große Ludwig ward so groß, Weil er es nicht verschmäht, so klein zu sein, Dem Kote schön zu thun an seinen Sohlen. Alt, uralt ist die Wahlverwandtschaft zwischen Der Hefe und dem Schaum. Serons . Und wirklich war es nur des Volkes Gunst, Was dies Tribunal möglich machen konnte, Das sich herausnimmt, was der König selbst Nicht wagt, und seine Eifersucht heraustrotzt, Die keine Macht im Staate sonst mag dulden, Als die wie Strahlen von der einen Sonne Ausgeht allein vom Königsdiadem. Doch schon beginnt die leichtgeschürzte Gunst Des Volks den alten Günstling zu verlassen. Miossens . Ein Lied scheint jetzt der Günstling von Paris. Schon vor dem Thor empfing es mich; bald lief's Neben mir her, bald kam es mir entgegen. Ein alter Schuster brummt' es bei der Arbeit; Die jungen Herrn – Ihr wißt – die eben nichts sind Als jung, begrüßten sich damit, als wär's Ihr Bundesgruß; den Kunden gab's der Krämer Unter den Buden als Zulage drein. Serons . Das Volk spielt gern mit solchem Wort. Es läuft, Ist's einmal ausgeprägt, wie eine Münze Von Hand zu Hand. Wer nicht von seinem Eignen Die Schuld der Unterhaltung tilgen kann, Stützt seine Armut mit Entlehntem aus. Ich kenne manchen, der nicht hundert Worte Im Vorrat hat, und dennoch sich was weiß; Und neunundneunzig sind geborgt davon. Die meisten Menschen leben von der Phrase Und sind drum selber nur lebend'ge Phrasen. Ein eignes Sein wird immer seltener. Solch Wort fliegt wie ein bunter Federball Hin und zurück durch den Verkehr, bis sich Die Farb' vergriffen oder bis ein andrer Und bunterer des vor'gen Gönner erbt.                 »Liebe sei der Helmschmuck sein,                 Den nur Tapferkeit soll tragen.                 Wer vor Dieben kann verzagen,                 Ist nicht wert, geliebt zu sein. Das Verschen, das Ihr meint: ist's dieses nicht? Miossens .                 »Wer vor Dieben kann verzagen,                 Ist nicht wert, geliebt zu sein –« Ganz recht. Das ist's. Serons .                               Wißt Ihr, wer diese Münze Hat ausgeprägt? Die liebenswürd'ge Dame, Die wir erwarten hier in ihrem Zimmer. Miossens . Das Fräulein Scuderi? Bei meiner Seele! In diesem Wort weht 'was von ihrem Atem. Und kommt's von ihr, dann hat dies kleine Lied Eine Geschichte, die mich intressiert. Von ganzem Herzen acht' ich diese Dame. Serons . Und wenn sie's nicht verdient, verdient es keine. Miossens . Bewundernswürdig ist, ja unbegreiflich, Wie dieses Fräulein aus des Alters Schiffbruch Der Jugend Reize sich gerettet hat. Von siebzig Jahren zeigen sich kaum dreißig. Der süße Duft der Mädchenhaftigkeit Liegt über die Erfahrung hier gebreitet, Die nur ein langes Leben geben kann. Und so vereinigt sie, was beide Zeiten, Den Winter und den Sommer, reizend macht. Wenn man nur sie sieht, meint man, weißes Haar Gehöre zur vollkommnen Frauenschöne; Sie ist die Anmut selbst in weißen Haaren. Serons . Der Seele Jugend ist der warme Boden, Der dieses Fräuleins ew'ge Blüte treibt. Inmitten dieser sittenlosen Stadt Steht sie in wunderbarer Reinheit da; Selbst die Verleumdung hat es nie gewagt, Ihr Schwarz in dieses reine Weiß zu malen. Arm ist sie und doch ist sie reich im Geben, Weil Weisheit ihre Güte unterstützt. Kann sie nur wenig geben, gibt sie's so, Daß dieses Wenig Viel den Armen wird. Denn sie gibt nicht nur, um zu geben, wie's Die Reichen thun; nein, sie gibt, um zu helfen. Bis sie nach Hause kommt von ihrer Andacht Zu Notre-Dame, verkürzet Euch vielleicht Die Zeit, zu hören, wie jenes Lied entstand. Miossens . Erzählt mir, Meister Serons; seid so freundlich. Serons . Trotz Regnies Strenge, trotz der Schlauheit Degrais', Des Polizeileutnants, treibt eine Bande Von Mördern in den Straßen von Paris Allnächtlich ungescheut ihr gräßlich Handwerk. Es hat damit ganz eigene Bewandtnis. Denn nur den Adel trifft der Meucheldolch, Nur auf Geschmeide scheint es abgesehn. Wo ist der Edelmann jetzt in Paris, Der nicht sein Liebchen hätte, das er nachts Geheim besucht? Und wer geht diesen Weg, Der nicht zuweilen ein Geschenk, sei es Ein edler Schmuck, ein Ring, ein reiches Armband, Auf seinem Herzen trüg' für seine Herrin? Ein böser Geist scheint jener Bande dienstbar, Der ihr's verrät, so oft ein Kavalier Mit solchem Schmuck zur Liebsten nächtlich wandert. Denn früh am Morgen findet man ihn tot, Und sonst ist nichts ihm als der Schmuck geraubt. Der schlaue Degrais tobt, daß seine List Vor einer größern weichen muß. Vergeblich, Daß die Maréchaussée , ein kleines Heer An Zahl, die Straßen von Paris allnächtlich Bei jedem Stundenschlag durchzieht; vergeblich, Was irgend List ersinnen mag, Verkleidung, Verstecke – nichts, nichts spürt die Thäter auf Und ihre Spur erneuert jeden Neumond Ein und derselbe Dolch – scheint es doch fast Ein und derselbe Arm; so gleicht sich stets Des Stoßes Richtung und der Wunde Form. Miossens . Und keinem noch gelang's –? Serons .                                                   Wenn er allein ging, War er verloren. Miossens .                   Das geschieht noch jetzt? Serons . Vor wenig Nächten noch. – Miossens (für sich) .                           Dies Wagnis könnte Mich reizen. Nunmehr ist der Schmuck wohl fertig, Mit dem der Narr, der Goldschmied Cardillac Mich fast ein ganzes Jahr hat hingehalten. Die Nacht noch, wenn es möglich ist. Ich will Den Arm doch sehn, der schwerer wiegt als meiner. Ein Harnisch unterm Kleid –; ich will doch gleich Zum Goldschmied schicken. – Bester Meister Serons, Mir fällt ein wichtiges Geschäft da ein. Beendigt nur, ich bitt' Euch, die Erzählung. Vielleicht kommt unterdes das Fräulein. Sonst Ersuch' ich Euch, mich zu entschuldigen Bei unsrer Freundin, komm' ich später wieder. Serons (verneigt sich) . Die Herrn vom Hofe wandten sich vor kurzem Deshalb in einer Schrift, von Dichterhand Geschrieben, an den König. Ein Gericht – Das war des Schreibens Inhalt – zu bestellen Mit größrer Vollmacht und Befugnis noch, Als die von des La Regnie Tribunal. Das Schreiben wußte Ludwigs Eitelkeit So wohl zu treffen, daß er schon bereit schien, Ihm zu willfahren. Fast schon unterlag sein Bedenken, als sein Auge wie aus Zufall Auf unsre Freundin fiel – es war in den Gemächern der Marquise Maintenon , Und unter andern Herrn und Damen auch Das Fräulein gegenwärtig, das der König Vorzüglich schätzt und achtet. Bei ihr bleibt Er stehn und fragt – er fordert sie zuweilen Zum Scherz heraus – sie lächelnd, ob nicht sie auch Den Rittern um der edlen Minne willen Geholfen sehen möchte. Da erhob Das Fräulein sich. Ein Rot, wie's morgenröter Die siebzehnjähr'ge Wang' nicht kleiden kann, Umwob die edeln Züge; zwischen Scham Und edlem Zürnen sprach sie aus dem Stegreif:                 »Liebe sei der Helmschmuck sein,                 Den nur Tapferkeit darf tragen;                 Wer vor Dieben kann verzagen,                 Ist nicht wert, geliebt zu sein.« Der König überrascht von dieser Verse Erhabnem Sinn, verneigte sich voll Achtung Und ließ sofort die vier gereimten Zeilen Als Antwort setzen unter das Gesuch. Von diesem aber war nicht mehr die Rede. Miossens . Nun, Meister, nehmt den Dank für Eure Güte. Ein wichtiges Geschäft ruft mich. Empfehlt mich Dem würd'gen Fräulein und lebt wohl für heut. (Ab.) Zweiter Auftritt. La Martinière . Serons . Martinière (in der Thür) . Sie sind allein? Serons .                     Ich bin's. Soeben ging Der Graf Miossens. (Sie kommt herein.)                                 Seid Ihr krank? Was ist Euch, Frau Martinière? Ist dem Fräulein 'was? Ihr seid so ängstlich – Martinière .                         Meister Serons, wie Hab' ich den Augenblick erwartet, Euch Allein zu sprechen. Serons .                           Nun so sprecht? Wir sind's. Martinière . Denkt Euch, die vor'ge Nacht – das Fräulein war Bei Hof – und ich allein in diesem Zimmer, Baptiste war in die Nachbarschaft gegangen, Ich weiß nicht anders, als die Hausthür hat Baptiste verschlossen – denkt, wie ich erschrecke, Als ich die Vorhausthüren gehen höre So hastig, daß ich weiß, Baptist' ist's nicht, Und eh' ich mich besinne nur, warum ich Doch so erschrecke – Meister Serons! wird Die Thür hier aufgerissen und ich bin – Denkt Euch – allein mit einem Manne hier Mit wildem Blick, von wildem Haar umflattert, Todblaß – zwei glüh'nde Augen – »Schweigt« – so spricht er Mit droh'nder Stimme, droh'nderen Gebärden – »Schweigt, wenn Ihr Euer Leben liebt!« Ich mußte Wohl schweigen. An der Kehle packte mich Der Schrecken fest mit unsichtbarer Hand. »Wo ist das Fräulein Scuderi?« – Was ich Auch stammeln mag, er glaubt mir nicht. Bald droht er, Bald ruft er, wie im tiefsten Jammer weinend: Die einz'ge Hoffnung sei's in seinem Elend, Dem Fräulein Scuderi sein Herz zu öffnen, Spricht von der Qual, die seit acht langen Tagen An seinem Leben zehre. Endlich hab' ich Die Stimme wieder, rufe nach Baptiste. Die Gasse her lärmt die Maréchaussée. Das gibt mir meinen ganzen Mut zurück. Auf seinem Antlitz war es, als erblaßte Die Blässe selbst; ein Schrei rang stöhnend sich Aus seiner Brust, der mir das Herz durchschnitt. Ein Kästchen holt er unterm Mantel vor Und stellt's hier auf den Tisch, und händeringend Stürzt er davon. Baptiste fand offne Thüren, Wie er zurückkam. Dann, als heute mittag Ich mit dem Fräulein nach dem Hofe fuhr, Da reißt's den Schlag Euch auf, daß wir erschrecken. Ein bleich Gesicht, von Haaren wild umflogen, Sieht Euch herein – es war derselbe, ganz Gewiß derselbe, der den Schmuck gebracht. Wir schreien auf vor Schreck. Er gleitet stöhnend Vom Tritt herab – ich weiß nicht, wo er blieb. Hat's nicht geschellt? Ja – Gott sei Dank! Da kommt Mein Fräulein. Ach, Ihr wißt nicht, werter Meister, Wie mich seit gestern abend alles ängstet. Sie sollte nicht allein gehn, doch sie thut's. Beseht einstweilen Euch das Kästchen und Was drinnen ist. Dies Kästchen ist's, das gestern Der schauerliche Zuspruch hat gebracht. Entschuldigt mich; ich komme gleich zurück. Dritter Auftritt. Serons (allein; betrachtend) . Ein Etui für einen Schmuck, wenn ich Nicht irre. Und ich irre nicht. (Nimmt heraus.)                                                 Das ist Ein Schmuck für eine Königin. So wertvoll Der Stoff – die Kunst hier überwiegt ihn noch. Nie sah ich solchen Wert, nie solche Arbeit. Vierter Auftritt. Fräulein Scuderi . Martinière . Serons . Fräulein (gibt Serons die Hand) . Ihr seid mir nicht willkommner, alter Freund, Als sonst; das ist nicht möglich. Doch bedürftiger Des Freundesrates fanden Sie mich nie. Sie wissen alles? Haben auch die Zeilen Gelesen? Serons (hat ihr die Hand geküßt) .                 Zeilen? – welche? Fräulein .                                       Hier, worin Der unheilvolle Schmuck gewickelt ist. Serons . Hier ist etwas geschrieben. Fräulein .                                           Lesen Sie Und, ist es möglich, trösten Sie mich dann. Ich habe siebzig Jahre leben müssen, Um so viel Hohn und Schimpf noch zu erleben. Serons (liest) .                 »Liebe sei der Helmschmuck sein,                 Den nur Tapferkeit darf tragen;                 Wer vor Dieben kann verzagen,                 Ist nicht wert, geliebt zu sein!«         »Euer scharfsinniger Geist, hochgeehrte Dame, hat uns, die wir an der Schwäche und Feigheit das Recht des Stärkern üben und uns Schätze zueignen, die auf unwürdige Weise vergeudet werden sollen, vor großer Verfolgung errettet. Als Zeichen unserer Dankbarkeit nehmt diesen Schmuck, das Kostbarste, was wir seit langer Zeit auftreiben konnten. Wir bitten, daß Ihr uns Eure Freundschaft und Euer huldvolles Andenken nicht entziehen möget.         Die Unsichtbaren.« Fräulein . Und was sagt Ihr dazu? Serons .                                         Ich weiß nicht, was Ich denken soll. Der wunderliche Baum Der Zeit wirft Euch die allerwunderlichste Von seinen Früchten in den Weg – Wollt Ihr Den Schmuck behalten? Fräulein .                               Ich? Doch nimmermehr! – Wär' er nicht gar so wertvoll, könnt' ich glauben, Die Sache rühre von den Rittern her Als Rache für den unbedachten Scherz. Ich möchte mit des Himmels Gabe hadern, Die harmlos mich so tief herabgewürdigt, Daß eine Rotte Bösewichter mich Für ihren Advokaten halten darf. Serons . Deshalb, mein Fräulein, zürnt der Gabe nicht, Die – harmlos, wie Ihr selber sagt – so oft Den Freundeskreis Euch hat entzückt. Was wär' So herrlich, daß gemeine Bosheit nicht, Wenn's ihr nur dient, sich drauf berufen sollte? Martinière . Sie sind nie billig gegen sich. Fräulein .                                                     Was würden Sie thun an meiner Stelle? Martinière .                               Weg erst mit Dem Schmuck hier. Wessen Blut mag daran kleben! Geben Sie ihn der nächsten besten Kirche. Fräulein . Das darf ich nicht. Serons .                                   Sie dürfen's nicht? Martinière .                                                           Warum? Fräulein . Ich darf nicht fremdes Eigentum verschenken. Martinière . Wie wollen Sie den rechtlichen Besitzer Ermitteln? Mag's die Kirche dann! Fräulein .                                                 Ich seh's Ihm an den Augen an. Mein alter Freund Hat etwas ausgefunden. Martinière .                           Denn Sie können Die Sache doch zum Stadtgespräch nicht machen. Wenn Degrais was davon erfährt. Das wäre Genug, Euch in La Regnies Hand zu liefern. Fräulein . Laß unsern Freund – Serons .                                     Was ich davon verstehe, Gibt's einen Goldschmied nur, der das kann machen, Nicht in Paris allein, nein, in ganz Frankreich, In ganz Europa. René Cardillac Ist dieses Schmucks Verfertiger. Laßt ihn Her zu Euch kommen; laßt den Schmuck ihn sehn. Er muß es wissen, wem er ihn gemacht, Und diesem gebt sein Eignes dann zurück. Fräulein . Nun siehst du, Martinière, Serons denkt Wie ich. Und war Baptiste schon bei dem Goldschmied? Martinière . Er fand ihn nicht daheim. Zu Saint-Sulpice Fand er den Meister. Der will kommen, wie Er seine Andacht nur beendigt hat. Ihr könnt ihn jeden Augenblick erwarten. Serons . Erschreckt mir nicht, mein Fräulein, wenn er kommt. Er ist ein seltsamer Gesell. So wie Es Menschen gibt, die unter Engelslarven Den Teufel bergen, so gibt's Menschen auch, Die Teufel scheinen und doch Engel sind. Zu diesen stellt den Cardillac. Nie barg Eine rauh're Nuß Euch einen süßern Kern. Ein langes, frommes, tadelfreies Leben Voll Biederkeit und jeder Bürgertugend Steht für die wunderliche Larve ein. Er ist ein Künstler, der so ganz versunken In seine goldnen Träume ist, daß ihm Die Wirklichkeit zum bloßen Traum geworden, Der Traum zur Wirklichkeit. Nachtwandlern gleich Geht er durchs äußre Leben und erschreckt Die Wachenden. Fünfter Auftritt. Baptiste . Die Vorigen . Dann Cardillac . Baptiste .                     Der Meister Cardillac! Er hat nicht lange Zeit. Noch in zwei Kirchen Muß er den Abend, sagt er. Fräulein .                                     Laß ihn kommen. Baptiste (abgehend) . Ihr könnt eintreten, Meister Cardillac. Cardillac tritt unbeholfen ein. Fräulein . Seid Ihr der Meister Cardillac? Cardillac verneigt sich. Serons .                                                     So wenig Kann dieser Meister sich verleugnen, als Seine Arbeit. Beide rät man gleich. Cardillac .                                                Ihr seid Sehr gütig, Herr. Fräulein .                   Ich ließ Euch, Meister, bitten, Zu mir zu kommen. Eine Frage hab' ich An Euch. Cardillac .       Habt tausend, und antworten will ich. Fräulein . Seht diesen Schmuck und leset diese Zeilen. Ein Unbekannter brachte gestern nachts, Als ich abwesend war, dies Beides und Entfloh. Cardillac (liest und besieht) .               Hm! Ja! Das glaub' ich. Fräulein .                                             Ihr seht nun, Daß ich das nicht behalten kann, woran Das Blut des Eigners klebt. Cardillac .                                     Klebt Blut daran? Zeigt doch! Hm! Ich für mein Teil, ich seh' Hier nichts von Blut. Das macht verdammte Flecken. Das müßt' ich sehn. Serons .                           Das Fräulein meint's nicht wörtlich. Man sagt ja wohl: an diesem oder jenem Klebt Blut, wenn drum ein Mord begangen ist. Cardillac . Hm, ja! das sagt man freilich. Und die Frage? So ist's das nicht? Serons .                         Zwei Fragen sind's. Die erste – Ist: ob Ihr diesen Schmuck gemacht? Cardillac (wird eifrig) .                               Ob ich? Das ist die Frage? Und nun frag' ich Euch, Wenn Ihr's erlaubt, ob hier noch Frage sein kann? Warum habt Ihr nicht Euer Aug' gefragt? Muß man mich fragen, ob ich das gemacht, Was keiner sonst kann machen, als nur ich? Die Arbeit, Herr, von mir, die Euch nicht selbst sagt, Wer sie gemacht hat, seht, die nehm' ich so Und schlag' sie Euch zu Brei. Herr, habt Ihr Augen? Und fragt mich, was Ihr selber sehen könnt? Warum fragt Ihr mich nicht, ob das hier gelb, Das rot und das – ei, geht mir doch zum Henker! Serons . Ei, Meister, seid Ihr kurz – Cardillac .                                         Herr, seid Ihr lang Mit Euern Fragen. Nunmehr könnt' ich auch Die zweite wissen. Serons .                           Gut. So sagt dem Fräulein, Für wen Ihr diesen Schmuck verfertigt habt? Cardillac . Ihr fragt schon wieder unnütz, Herr. Für wen Denn sonst als für das Fräulein? Serons .                                               Habt Ihr mich Zum besten? Cardillac .             Wem? wenn dem nicht, der ihn hat? Serons . Wenn Ihr es so nehmt, freilich; wenn sie ihn Einmal besitzen sollte, war er auch Für sie gemacht. Doch seht Ihr, daß das Fräulein Ihn nicht besitzen will. Deshalb ja eben Seid Ihr gefragt. Man will von Euch nun wissen, Wem dieser Schmuck hier rechtlich angehört, Wem Ihr ihn auf Bestellung habt gemacht? Cardillac . Den macht' ich, Herr, auf eigene Bestellung, Das heißt, – wenn Ihr es hören wollt –: ich suchte Ein's Tags das Schönste von Demanten aus, Was ich besaß. Ich bin so arm nicht, Herr, Daß ich nicht kaufen könnte, was ich mache: Den Schmuck hier macht' ich mir zum heil'gen Christ, Und als er fertig war, da sagt' ich mir: Du bist ein großer Sünder, Cardillac, Du willst den Schmuck zur Buße deiner Sünden Den Heil'gen opfern, wenn du dich erst satt Gesehen hast. Und legt' ihn in die Truhe. Da war er eines Morgens fort – weiß Gott, Wie es geschehn – der einz'ge Schmuck allein War fort; sonst fehlte nichts. Was ist das anders Als Himmelsschickung? sag' ich nun. Mir war So fromm zu Mut, da ich den Schmuck gehämmert, Und wie ich nun das edle Fräulein seh', So wird es hell mir vor den innern Augen: Da weiß ich endlich, daß ich sonst für niemand Den Schmuck gemacht, als für das edle Fräulein. Serons . Ei seht; Ihr glänzt in allen Farben, Meister, Trotz Euerm Schmuck hier. Daß Ihr fromm seid, wußt' ich; Daß Ihr galant sein könnt, trotz einem Hofherrn, Damit habt Ihr mich überrascht. Fräulein (verwundert lächelnd) .           Hab' ich Euch recht verstanden? Cardillac .                             Wenn Ihr gütigst mich Verstehen wollt, bitt' ich Euch nicht vergebens: Helft meinem frommen Traume zur Erfüllung, Behaltet gütigst, was nur Euch gehört. Fräulein . Nein, Meister, seid Ihr denn –? Was fällt Euch ein? Wär' ich, was ich gewesen bin, noch jung Und. was ich nie war, schön; dann ja; wer weiß, Was dann geschäh'. Denn wär' ich jung und schön, War' ich auch eitel. Aber, aber, Meister – Auch abgesehn davon, daß ich nicht weiß, Wie ich nun eben zu der Gabe komme; Was soll dem welken Arm der frische Schmuck, Der nur erinnern wird an das, was fehlt? Und was dem Halse der Matrone, die Sich putzt, indem sie ihn versteckt? Ich weiß, Es ziert ein Schmuck die Schönheit nur allein, Die schön genug ist, auch den Schmuck zu zieren. Soll er in ew'ger Ruh' begraben liegen? Nein; eine Sünde wär's an ihm und Euch. Cardillac (hat, während das Fräulein sprach, den Schmuck in die Hand genommen und mit Überwindung wieder hingesetzt; jetzt faßt er ihn krampfhaft mit zitternder Hand; sein Wesen ist im Kampf; was er spricht, mehr Selbstgespräch) . Ihr wollt ihn nicht. Durchaus nicht. Wollt ihn nicht. (Er schiebt ihn mit Gewalt wieder von sich.) Geb' ich's der Kirche, hat die Armut nichts. Doch in des Fräuleins Hand da wuchert es, Bringt Segenszinsen hundert-, tausendfach, Und was ich vorhab', dazu brauch' ich Segen. Und sicher bin ich vor dem bösen Geist. Sie ist ein Kind des Lichts. Aufkommen kann Er nicht vor ihr. – Nein, nein. Mein edles Fräulein, Ihr müßt – (er faßt ihn, um ihn dem Fräulein hinzureichen; wie er ihn in der Hand hat, reut's ihn, und er zieht ihn zurück) .                     Ihr wollt ihn nicht. Bricht mir der Schweiß Da aus. Ich bitt' Euch, habt Barmherzigkeit Mit einem Sünder, nehmt ihn hin – (er nimmt den schon hingeschobenen wieder zurück; schwer aufatmend) .                                                         Ihr wollt Ihn nicht – durchaus nicht – wollt ihn nicht? Ah, ah. Er bleibt mir an den Händen kleben und Doch brennt er mich. (Er bricht in Schluchzen aus.)                                     Nehmt ihn doch nur. Nehmt ihn. O, all ihr Heiligen. – Ich – hm – ja – ich – Muß schnell nach Haus; da fiel mir etwas ein. (Bleibt stehn und hebt die Hand nach dem Schmuck; bezwingt sich.) Ob – ja – nein. Ich muß fort, muß fort. Ja ich Muß fort. Hm, ja; da wartet einer – seht – (bezwingt sich noch einmal.) Fräulein . So nehmt doch – Cardillac (kratzt sich an den Ohren) . Ist das eilig! Ist das eilig! (als wenn ihn jemand gerufen) Ich komme schon! (In polternder Eile, wie gejagt, ab.) Sechster Auftritt. Vorige ohne Cardillac . Fräulein (nach einer Pause verdutzt, wie alle) .                                   Kränkt' ihn die Weig'rung so? Serons (der die unbehagliche Stimmung durch einen Scherz verscheuchen will) . Mein Fräulein, nehmt mir Euer Herz in acht! Um Euer Herz will Euch der Meister bringen. Das ist der Fisch, nach dem der Schmuck hier angelt. Martinière . Ja; er ist rasend, wenn er nicht verliebt ist. Fräulein (lachend) . Das wär' mir doch noch eine Goldschmiedsbraut: Gesetzt von Jahren und von echtem Adel. Wenn er – wir scherzen, und doch ist es uns Kein rechter Herzensernst mit diesem Scherz. Ich will es nur gestehn, was ich empfinde. Mich kränkt es, daß ich einem Ehrenmann So Unrecht thun muß, und kann's doch nicht ändern. Sein Hiersein preßte mir, ein Alp, die Brust, Und kaum barg unter Scherzen ich die Angst. Mehr war's als Widerwillen – Grauen war's, War Schauder, was der Mann mir hat erregt. Serons , zum Gehen fertig. Martinière . Verliebt ist er. Das lass' ich mir nicht nehmen! Vorhang fällt. Ende des ersten Aufzugs .   Zweiter Aufzug. Cardillacs Werkstatt . Erster Auftritt. Olivier sitzt arbeitend. Madelon , von ihm nicht bemerkt, naht sich ihm; zuweilen hält er inne und seufzt auf; wie er das wieder thut, neigt sie sich zu ihm; aufsehend sieht er ihr Gesicht an dem seinen. Madelon . Schon wieder? Olivier (schrickt auf) .         Madelon? Madelon .                                             Wie klingt das kläglich! Das heißt nicht: Madelon ist all mein Glück. Böser Olivier, bist du so falsch? Du sagtest: Madelon, du bist mein Ich; Und weiß dein Ich allein nicht, was dich kränkt? Olivier . Mein Glück ist dein; den Schmerz laß mich behalten. Madelon . Gib lieber mir den Schmerz. Den Schmerz vertraut Man nur dem Freund; das Glück teilt man mit jedem; Vertraust du mir den Schmerz, bin ich dein Freund. Bin ich dein Freund nicht? Ach, so täuscht' ich mich! Dir wollt' ich alles sein; und nun gibst du Die bessre Hälfte mir zurück. Du denkst, Ich bin ein kindisch Mädchen, gut nur, wenn du Erheit'rung brauchst. Ernst muß der Freund dir sein. Ich bin nicht kindisch nur; ich kann auch ernst sein. Wie quält' ich mich! Er überschätzt mich, dacht' ich, Hält mich für besser, klüger, als ich bin. Nun seh' ich, wie ich irrte, und du zwingst mich, Mich selbst zu loben. Alles dir zu sein, Hofft' ich – und bin dir nichts. Olivier .                                           Du bist mir – zu viel! Madelon . Doch hast du recht. Ich bin ein albern Kind. Gewiß! Sonst könnt' ich raten, was dir fehlt. Ich kann's nicht, kann nur weinen, kann nur bitten, Wenn dich was ängstet, das dich treffen soll, Laß mich's mittreffen! Olivier (thut sich Gewalt an) . Eine Grille ist's. Du würdest lachen, wenn du's wüßtest. Komm Und laß uns scherzen. Madelon .                           Sag' mir, ist's mein Vater? Olivier (kann eine Anwandlung nicht bergen) . Dein Vater? Madelon .             Claudes Caton sagt' es mir. Er hat dich hart behandelt meinetwegen, Armer Olivier! Für dich nicht hätt' er Mich aufgezogen – doch was ist dir? Olivier (aus Gedanken aufschreckend) .         Wo- Von sprach ich doch? Madelon .                           Von meinem Vater. Olivier .                                                               Was Hab' ich – Madelon .           Wie er dich aus dem Haus gestoßen, Weil er erfuhr, daß du mich liebtest. Ich Hatt' es ihm selbst gesagt. Olivier, Nicht wahr? Ein Kind darf seinem Vater nichts Verschweigen? Wollt' ich auch, ich könnt' es nicht. Und er ist gut, wenn er auch manchmal zürnt. Das eine Mal schien all mein Flehn umsonst, Doch in der Nacht – Olivier (wieder aus Gedanken aufschreckend) .                                   Was weißt du von der Nacht? Madelon . Du närrischer Olivier; wie du fragst! Hatt' er sich's anders überlegt. Da fiel Ihm bei, wie du so fleißig doch und wie Geschickt du bist. Früh kam er vor mein Bett Und sagte: »Wohin denkst du, daß so früh Ich gehe?« – »Auf den Markt wohl?« – »Albern Kind! So früh? Ich gehe zu Olivier Brusson, Und will er, seid ihr Bräutigam und Braut.« Da litt mich's freilich auch im Bett nicht mehr. Du schrickst? Ich hör's am Tritt. 's ist Claudes Caton; Sie darf uns nicht beisammen sehn, sonst zieht Sie uns mit ihren Scherzen auf. Zweiter Auftritt. Caton . Vorige . Caton (noch in der Thür) .                    Weil ich Doch just vorbeigeh'. Guten Tag herein! Wo Liebesleute sind, braucht's nicht den Wunsch. Ich muß mich setzen, wenn ihr mir's vergönnt. Vor Schrecken zittern mir die Knie. Stets mächt'ger Wird der Gottseibeiuns. Ei, ei, ei, ei! 's geht nirgends toller zu als auf der Welt. Madelon . Ihr habt doch stets 'was Neues. Caton .                                                       Ja; das Neue, Gott sei's geklagt. Seit vierzig Jahren hab' ich So vieles Neue nicht erlebt, als nun In einem Monat. Hm; das Neue, das – Ist neu; das Alte aber ist das Gute. Und doch ist jetzt nichts neuer als das Gute. Doch das ist's nicht, was ich zu sagen kam. Ja, braver Meister Cardillac, jetzt müssen Die Frommen sich zusammenthun. Denn soll Die Welt ein Jahr noch halten, kostet's Knieen Und Beten, Fasten, Beichten, Händeringen. – Der fromme Meister – in der Kirch' ist er Gewiß. Wo sollt' er anders sein? Ganz recht, 's ist seine Zeit. O ja, in dieser Zeit Ist's endlich Zeit, auf nichts mehr Zeit zu wenden, Als daß beizeit – du lieber Gott! bin ich Da in die Zeit gekommen – was doch – ja, Mich wundert gar nichts mehr; i Gott bewahre! Die Welt geht jetzt so rasch, daß man sich nicht Verwundern darf, will man zurück nicht bleiben. Der Meister Cardillac – kenn' ich ihn vier Und zwanzig Jahr? Wie so? Und war sein Ja Nicht mehr, als wenn ein andrer schwur, sein Nein Nicht wie ein eisern Thor, dadurch kein Aber, Kein Außer und kein Doch den Weg mehr fand? Und doch! Heut schilt er laut, das Angesicht Zornflammig: Fort mit dir! Aus meinem Haus! Für dich hängt diese Frucht zu hoch. Mein Kind Solch einem Burschen? Und denselben Burschen, Den er heut ausgewiesen, führt er selber Mit seiner selben Hand durch selbe Thür In selbes Haus und in die selbe Stube, Zur selben Tochter, die er erst ihm hat Versagt. Da möchte man doch selber nicht Den selben Augen und den selben Ohren – Ich sage weiter nichts; auch wollt' ich damit Gar eigentlich nichts sagen. Sonst einmal, Wenn einem eine Taub' ins Maul geflogen, Will sagen, wenn ein Mensch ein Glück gemacht, So war er fröhlich auch von Angesicht Und lobte Gott und die ihm wohlgethan – Ihr meint, das geht auf Euch? Nun, wen es traf, Der wird's wohl spüren. Aber solch ein Bräutlein – Euch mein' ich nicht, Herr Brusson. Ja, des Königs Erhabene Person, wär' er nichts mehr Als eines Bürgers Kind, dürfte sechs Kerzen Von weißem Wachse seinem Heil'gen stiften. Was meint Ihr? René Cardillacs, des bravsten Und angesehnsten Bürgers in Paris Erwählter Schwiegersohn – und ein Gesicht, Als wär' – ich nenne niemand, nein; ich nicht! Doch kommen einem allerlei Gedanken. Ein gut Gewissen macht nicht bleich – ich meine Den Mann im Mond – und wenn ein großer Haß So plötzlich sich in Lieb' verwandelt, wer Muß denn auch gleich an Liebestränke denken! Ein frommer Mensch denkt heutzutage gar nicht. Nun bin ich fertig für diesmal. (Schritte außen; indem sie öffnet.)                                                 Der Meister? Ja. Und der arme Lejean ist mit ihm. Dritter Auftritt. Cardillac rasch herein; hinter ihm Lejean . Die Vorigen . Cardillac . Ihr wollt? – Was wollt Ihr? Kommt Ihr mir schon wieder? Hab' ich nicht erst –? Wer saugt am Bürger nicht Sich voll? Der Hof, die Kirche; muß auch solch – Ihr kommt zu mir, als müßt' es sein. Zu wem Geh' ich denn nun? Lejean .                         Wärt Ihr ein braver Armer, So sagt' ich: Geht zu René Cardillac! Wenn Gott nicht hilft, so hilft der Cardillac. Caton . Bei Gott! Er ist ein Sieb. Von oben schüttet Der Herrgott; unten liest das Armut auf. Cardillac (als sollte es niemand sehen, daß er gibt) . So; gebt die Hand – so, Tölpel. Muß es denn Jed' Mutterkind mit ansehn? (barsch) Ich Euch geben Und immer geben! Fragt doch, ob ich solch Ein Schwamm bin, den man nur zu drücken braucht. Lejean . O, Meister – Cardillac .                   Haltet's Maul! – Sie nennen mich Freigebig hier? Ich bin's nicht. Ich bin geizig. Und sagt Ihr's jemand – Überlaufen wird Man ohnedem von Freund und Feind. Schon gut. Noch eins! Wenn Ihr wo sagen hört: der Mann, Der Cardillac, ist doch ein geiz'ger Schuft; Da zuckt die Achseln, sagt: das weiß der liebe Gerechte Gott und ich – ich hab's erfahren! Sagt Ihr mir irgendwo, daß ich Euch gab – (wieder barsch) Nun geht und laßt mich ungeschoren! Lejean .                                                     Tausend Und aber tausend – Cardillac .                       Wollt Ihr gehen? frag' ich. Lejean . Laßt einen alten Mann – Cardillac .                                     Schert Euch zu dem Und jenem – Lejean .               So nimm du den Dank, o Gott, Den dieser gute Mann – Cardillac .                               Zum Henker! Bringt In dieser gotteslästerlichen Zeit Die Menschen noch zum Fluchen! (Wieder, als sollte es niemand sonst hören.)                                                       Seid mir sparsam Und jeden Freitag könnt Ihr (wieder barsch)                                             Wart', ich will Euch Beine machen! (Er kommt mit einem Hammer auf ihn zu.) Lejean entflieht. Vierter Auftritt. Vorige ohne Lejean . Caton .                               Wunderbar! O über Den Mann, der aller Heil'gen Wunderlichster Und aller Wunderlichen Heiligster! Ihr seid mir ein Johannes in der Wüste. Wie jener seinen Leib in hären Kleid, Versteckt Ihr Eure Milde hinter Zorn. Cardillac . Gib mir mein Hauskleid, Madelon – Daheim Ist doch daheim. Caton .                       Doch, Meister Cardillac, Wo wir auch sind, sind wir bei Gott zur Miete. Cardillac . Und mit der Zunge tragen wir sie ab. Caton . Weshalb ich eigentlich gekommen bin – Laut red' ich nicht davon. Ihr wißt, daß man Fast jeden Morgen hier in Gottes liebem Paris Erschlagene gefunden hat. Cardillac . Und wenn ich's weiß? Caton .                                           So wißt Ihr nichts; ich meine. Nicht, wer's gethan. Cardillac .                       Und das ist just soviel, Denk' ich, als einer weiß. 's weiß keiner mehr. Caton . Ganz recht. Und einer weiß es doch. Wißt Ihr. Der eine , der das alles angestellt. Cardillac (wild) . Der eine? Dumm Geschwätz! Was wißt Ihr da Von einem? Hol' Euch der und jener! Hat Man Euch ein Märchen aufgeheftet? Ja? Mit Euerm einen! Dichtet ihm doch gleich – Seid einmal d'rüber – einen Namen an. Bringt noch unschuld'ge Bürger ins Gerede Mit Euerm – Caton .                   Ei, geratet Ihr in Zorn, Verblaßt Euch ganz. Cardillac .                         Verblaßt? Ich bin nicht blaß. Was sucht Ihr mir da im Gesicht herum? Was einer? Nein, ich sag' Euch: Hundert sind's, Hundert zum wenigsten. Es langen hundert Noch nicht. Und einer? Warum nicht ein halber? Das wär' der Teufel! Caton .                               Freilich doch, nun freilich! Der ist's ja eben, den ich meine. Cardillac .                                           Was? Caton . Ja; der Gottseibeiuns. Das weiß ich so Genau, als wär' ich selbst dabei gewesen. Seht Ihr, hätt' ich die Hörner ihm befühlt Mit meinen Händen, wüßt' ich's nicht genauer. Warum denn sonst der Lärmen der Patrouillen Mit Räuspern und mit Stöcken durch die Straßen? Als wollten sie den Dieb zu fürchten machen Mit ihrer Furcht? Lärmt auch die Katze, wenn Sie Mäuse fangen will? Wann war's doch? War's Vorgestern nicht, daß Euch der schlaue Degrais, Der Polizeileutnant – er war vermummt Und schlich auf allen vieren durch die Straßen Im Schatten fort; und wie er in Gedanken Der Mutter Gottes zwanzig Kerzen stiftet So dick wie er, wenn sie's gelingen läßt – Da singt's und tanzt's die Straße her, wie nur Ein Kavalier, wenn er zur Liebsten schleicht. Nun – ich verteid'ge solche Gänge nicht, Ich nicht. Die Strafe war auch gleich dahinter: Ein Faustschlag wie ein Donnerschlag. Da liegt Der Kavalier. Der Polizeileutnant Schreit laut: Nun hab' ich euch, ihr Mörderbande! Stößt in sein Horn, oder vielmehr er will's, Will schreien und will stoßen. Ach, du heil'ger Sebastian! Was schreit er und was stößt er? Er schreit Miau. Vor Schrecken fährt er sich Hinter die Ohren. Da war keine Haut mehr, Ich meine, keine Menschenhaut. Er greift Sich ins Gesicht – ach, nichts und nichts als Hammel- Und Katzenfell. Der Teufel aber springt Euch wie ein Hund, so groß als wie ein Kalb, Mit Augen – hört, mit Augen! na – mit Augen, Ich sage weiter nichts davon. Hättet Ihr sie gesehn – na, ich vergesse sie In hundert Jahren nicht. Cardillac .                             Ha, ha, ha, ha! Ihr waret selbst dabei? Caton .                                   So was man selbst Dabeisein nennt, so eigentlich nun nicht. Das weiß doch aber alle Welt, was der Gottseibeiuns für Augen hat. – Der springt Auf Degrais los. Der will schnell auf die Beine, Ich meine, auf die Menschenbeine. Das Ist Häckerspinnen . Nun, so läuft er denn Als Katze auf vier Beinen fort. Der Hund, Groß wie ein Ochse, immer hinterher. So geht es Straßen auf und Straßen ab. Die Katz' macht Sprünge groß wie ihre Angst, Doch der Gottseibeiuns mit seinem langen Kamelhals immer hinterdrein, bis endlich Degrais die Genovevenkirch' erreicht, – Da war er sicher. Der Gottseibeiuns Sah durch die Kuppelfenster – Cardillac .                                         Kuppelfenster? Das nenn' ich doch in kurzer Zeit gewachsen. Und Degrais, wuchs der mit? Caton .                                           Nein; der ward kleiner. Durchs Schlüsselloch entkam er in die Kirche. Da schlug es eins, und Degrais saß, gestaltet Wie sonst, in einem Beichtstuhl. Doch ihm war's, Als wär' er nur aus einem Traum erwacht. Der Gottseibeiuns aber war entwichen. Fünfter Auftritt. Martin . Vorige . Caton (im Abgehn) . Martin . Gott grüß' Euch. Seid Ihr Meister Cardillac? Cardillac .                                                                     Zuweilen. Martin . Wie? Cardillac .       Ich meine, Meister – Cardillac Heiß' ich nun fünfzig Jahr'. Ihr seht, ich hab' Zu thun. Martin .         Ihr überrascht mich nicht. Ich muß es Gestehn: der Ruf von Eurer Seltsamkeit, Nicht mein Geschäft allein führt mich zu Euch. Cardillac . Den Leuten, die wie alle andern sind, Deucht jeder seltsam, der ist, wie er selbst. Ich bitt' Euch, geht. Wer Kurzweil kommt zu suchen Bringt Langeweile mit. Ich merk' schon, Euer Geschäft ist, einen Narren mir zu zeigen. Vergebt; ich bin gern grad' heraus. Martin (für sich) .                                   Was ist Das für ein Mensch! Welch stechend unstet Auge! Ist dieses trocken biedre Wesen Wahrheit, Hat keine Seele je unpassender, Als dieses Mannes Seele, hier gewohnt. Cardillac . Ihr habt wohl selten ein Gesicht gesehn? Ich kann's nicht leiden, dieses Spionieren. Ihr seht, Ihr stört mich. Wollt Ihr was, so sagt's Und geht. Martin .           Hier bring' ich, Meister Cardillac, Fünf edle Steine, nichts Besonders eben – Cardillac . Seid Ihr ein Kenner? Nichts Besonders? Hm. Euch soll doch gleich – Wenn Ihr kein Auge habt, So laßt's die edlen Steine nicht entgelten! Hm, hm, ei, ei, (indem er sie in der Hand zusammenstellt)                         Das macht sich. Hm; ja. Setzt Die schönsten Mädchenaugen einem Fisch An seinen Bauch. Was? Augen sind nicht Schuppen, Und Euer Goldschmied war ein Stümper. Hol' ihn Der Teufel. Schön ist alles. Nichts ist häßlich, Wenn's nur an seiner rechten Stelle steht. Was ist das Schöne? was an einem Schmuck? Die Steine sind es nicht; das Gold ist's auch nicht. Stellt sie ein wenig anders, als sie müssen, Es ist dasselbe Gold, dieselben Steine, Doch mit der Schönheit ist's vorbei. So wie Des Mondes Abglanz in dem Krug mit Wasser, So ist das Schöne eines Schönern Abglanz, Das Ihr mit Händen nur nicht greifen könnt. Ihr könnt nichts weiter thun, als Euern Krug So stellen, daß der Mond sich drinnen spiegelt, Und steht er recht, scheint schlechtes Wasser Gold. – Hm. – Nichts Besonders. Wartet nur. Ich kenn' Euch! Der fadste Hans, der nicht sein leichtes Handwerk Begreift, spricht man von Kunst, da reckt er sich Und reißt sich selber zur Bewund'rung hin Mit weisem Urteil und mit Lob und Tadel. Und hätt' er nur nichts Besseres zu thun, Er würd' uns zeigen, wie man's machen muß. Gebt her und sagt mir, was es werden soll. Ein Halsband? Armband? Diadem? Martin .                                                     Ein Halsband. Cardillac . Recht. Recht. Nun geht zum – daß ich's nicht vergesse, Ihr heißt? Martin .           Ich heiße Martin. Cardillac .                                     Martin? Seid – Ich will doch hoffen – Martin .                               Wohne Faubourg Saint Germain. Cardillac .       Seid Ihr der große Maler, der Die heil'gen Kön'ge in der Notre-Dame Gemalt? Martin .         Was weiter? Cardillac .                           Ei, zum Teufel, Herr! Was weiter? Nichts. Denn weiter geht es nicht. Seht, ich verstehe nichts von Proportionen Und von Verkürzungen. Doch für die Farbe Und für den Schmuck, da hab' ich Sinn für hundert. Da an des Mohrenkönigs Säbel habt Ihr Edelsteine angebracht – man sieht, Ihr habt Verständnis von der Steine Wesen. Ihr seid ein großer Maler. (Er dringt ihm seine Steine mit heftiger Gebärde wieder auf.)                                           Da – da, nehmt, Laßt Euer Halsband machen, wo Ihr wollt. (Er setzt sich wieder zur Arbeit.) Martin (erstaunt) . Plagt Euch – Nur eben wolltet Ihr – Cardillac .                                                 Ich wollte; Nun will ich nicht. Martin .                         So sagt mir wenigstens, Warum? Cardillac .      Wenn einer erst ins Fragen kommt. Warum halt' ich den Hammer mit der Rechten? Könnt' ich ihn nicht auch in der Linken halten? Wenn ich ihn nun mit meinen Zähnen faßte? Ihr fragt: warum ich Euch nichts machen will? Wenn ich nun frage: warum fragt Ihr mich? Sechster Auftritt. Jérome . Die Vorigen . Cardillac (barsch) . Was gibt's? Jérome .             Graf Miossens, mein gnäd'ger Herr, Will sich nicht mehr gedulden mit dem Schmuck – Cardillac . Ah, mit dem Schmuck. Kommt wieder, guter Freund, In acht – in vierzehn Tagen. Heute ist Der Erste; fragt am Letzten wieder nach. Jérome . Zehn Monde schon habt Ihr mich so zum Narren. Jetzt reißt dem Grafen die Geduld. Wenn nicht Den fert'gen Schmuck, so will er seine Steine; Ich geh' nicht eher, bis Ihr mir sie gebt. Cardillac . Hol' Euch der – da, ins Teufels Namen, nehmt! (Er bringt den Schmuck zum Vorschein.) Jérome . Nun endlich ist er fertig! Cardillac .                                       Fertig? Wißt Ihr auch davon? Wärt Ihr erst selber fertig! Und kurz und gut: ich geb' ihn Euch noch nicht. (Er will den Schmuck wieder wegnehmen.) Martin . Ein herrlich Stück. Erlaubt. Und das nennt Ihr Nicht fertig? Cardillac .             Was? Ein Stuhl, ein Tisch, ein Sattel, 'ne Pflugschar, die wird fertig. Denn das Handwerk Ist endlich. Ist es brauchbar, ist's geraten. Das Schöne wird nie fertig; immer könnt' es Noch schöner sein. Und Ihr, ein Künstler, sprecht Von Fertigsein? Martin .                     Das Schöne ist ein Maß. Was drunter und was drüber ist's nicht mehr. Cardillac (lauernd) . Was, guter Freund? Ihr braucht es doch noch nicht? Jérome . Ich sag' Euch, morgen muß der Graf es haben. Cardillac . Was, morgen? Übermorgen. Ist's denn gar So eilig? Jérome .         Ein Geburtstag ist im Jahr Nur einmal. Cardillac .           Ein Geburtstag; hm; 's hat freilich Zweifachen Wert, kommt es zum rechten Tag. Und die Frau Gräfin – ist wohl jung und schön? – Jérome (lachend) . Ja; sie ist schon zum zweiten Male jung. Sie war schon einmal zwanzig; jetzt wird Sie's noch einmal dazu. Cardillac .                             Spitzbube, du! Der Bursch ist witzig. Gut. Den Schmuck schlag' ich Zusammen noch einmal. So, wie er ist, Paßt er für zwanzig Jahre, nicht für vierzig. Jérome . So gebt ihn nur; denn – im Vertraun – der gnäd'gen Frau Gräfin wird der nicht zu teil. Der kommt Gar nicht so weit von hier. Wißt Ihr? – Da um Die Ecke – Cardillac .           Um die Ecke – Jérome .                                       Von der Straße Nicaise; da gleich bei der langen Mauer – Da wohnt – Cardillac .           Was kümmert's mich? Laßt mich zufrieden Mit Euerm Sündenleben. Jérome .                                   Mein Herr Graf Kommt nur soeben aus dem Krieg zurück. Wer aus der Fremde kommt – so ist's Gebrauch Der muß – Ihr wißt schon – schwitzen – Cardillac .                                                       Dacht' ich's nicht? Ja; dies Paris, das ist ein neues Sodom. Da hilft kein Warnen mehr, kein Himmelszeichen. Und schickt der Herrgott einmal eine Pest, Muß der Strafengel noch zum Kuppler werden. Jérome (will fort) . Nun gebt ihn her – Cardillac .                       Kommt morgen wieder, morgen. Jérome . Nun gut. Vor zehn Uhr aber, sag' ich Euch! Punkt elfe pflegt mein Herr – ist's just nicht Vollmond – Ihr wißt nun, welchen Weg zu gehn. Er wird Mich schelten, daß ich heut den Schmuck nicht bringe. (Ab.) Siebenter Auftritt. Vorige ohne Jérome . Cardillac (für sich) . Da um die Ecke – und Punkt elf – Martin .                                                 Ich sehe, Man hat mich nicht belogen. Zwingen muß Man Euch, will man zu dem Bestellten kommen. Cardillac . Gebt Ihr ein Bild, an das Ihr Euch gewöhnt, So gern aus Euern Händen, Meister Martin? Ein Bild wird erst durch den Beschauer fertig. So ist's mit Büchern auch. Ein Buch ist schlecht, Wenn's nicht den rechten Leser findet, der Im Lesen erst es fertig macht. Es liest Kein Leser mehr heraus, als er hineinliest. Dem andern ist dasselbe Buch ein ander's. Macht Ihr ein Bild, so ist's die Wirklichkeit, Durch Euer großes Auge angeschaut. Der Kluge weiß Euch Dank; indem er sie Durch Euer Auge schaut, glaubt er die Klarheit, Die Ruh', die Euerm Anschau'n eigen ist, Die wohn' in seinem Aug'. Er fühlt sich größer In Eurer größeren Persönlichkeit; Das nennt er Kunstgenuß und dankt es Euch. – Hol' Euch – da der Gedanke macht mich wild: Mein Werk soll ich hingeben, mich, mich selbst, So wie's dem Herrn beliebt zu winken! Hört Ihr? das macht mich toll. Was meint Ihr? Wie? Martin . Was hilft's. Ein jeder Stand hat seine Rechte. So wollt' es Gott. Drum lass' ich mir's gefallen. Cardillac . Hat seine Rechte? Schwatzt mir nicht so zahm. Gott schuf das Recht; die Rechte schuf der Teufel. Ich sag' es Euch nur, Meister: Frankreichs Adel Ist faul. Dem schönen Frankreich fehlt ein Gärtner, Der schneidet, schneidet, bis aufs Leben schneidet. Davon ein andermal. Was, Meister Martin? Ihr macht den Stuhl, und dürft nicht sitzen drauf. Ihr schafft, damit ein andrer schwelgen kann. Aus Euern Mühen destilliert er Wein. – Und, trunken von dem Wein, sieht er sich um, Ob Ihr ein schönes Weib nicht habt; ob er Nicht der Gesundheit Eures Hauses kann Das Gift einimpfen, das sein Blut verpestet. Und was Ihr schuft, was Euerm tiefsten Wesen, Da es erregt in heißen Wogen schwoll, Entstieg wie jene Göttin aus dem Meere, Wovor Ihr selber knie'n und schmachten möchtet Ein ganzes Leben lang – um die verstumpften Sinne Empor zu stacheln, holt er sich die Kraft An Eurem Bild, um Euer Haus zu schänden. Ihr müßt Euch selbst verkaufen. Denn das Bild Ist mehr Ihr, als Ihr selbst – denn Ihr müßt leben. Ihr müßt ihn selber waffnen, Euch zu schänden Mit Eurem Heiligsten – denn Ihr müßt leben. Martin . Er kauft die Leinwand, doch das Bild bleibt mein; Er holt es in sein Haus, doch bleibt's bei mir. Dem, der es schaffen kann, gehört das Schöne, Der Reiche hat den Marmor – wir den Gott. Cardillac . Zum Teufel, nein! sag' ich. Denn, wenn er will, Kann er den Marmor, den er kauft, zerschlagen. – Mein ist nur, was ich straflos kann zerstören; – Und thut er das, hat Euer Gott ein Ende. Aus Eurer Göttin macht er seine Dirne Durch frech Betrachten. – (Er hat den Schmuck in der Hand.)                                           Diese Himmelsfunken, Die süßen, wonn'gen Tropfen meines Herzbluts, Die soll ein andrer – Herr, was sagtet Ihr, Wenn Ihr so einen bei der Tochter fändet? Solch einen Blutvergifter? – Seht, das kann Mich wütend machen. Martin .                               Seid Ihr wunderlich! Ihr liebt den König, weiß ich, und doch wollt Ihr ihm nichts schaffen, habt, so hört' ich einst, Ihn auf den Knie'n gebeten, ihm nichts schaffen Zu müssen – Cardillac .             Ich lieb' ihn, schmied' ich gleich ihm nichts. (Fromm.) Erhalt' uns Gott den lieben Bürgerkönig, (Für sich.) Die große Ratte, die die kleinen frißt! Martin . Und dann liebt Ihr den Adel nicht, und dennoch Arbeitet Ihr nur für den Adel. Mich, So scheint es, achtet Ihr und dennoch weist Ihr selber mich zu einem andern Meister, – Ich kann nicht denken, welchen Grund Ihr habt. Cardillac . Ich lieb' den Adel nicht, und dennoch – Muß Man denn zu allen Dingen Gründe haben? Genug, ich thu's. Warum trägt einer Lust Zu dem? warum der andre zu was anderm? Warum stehlt Ihr nicht und ein andrer thut's? Kommt das auf Euch an? Martin .                                   Seid Ihr bei Vernunft? Der böse Keim liegt freilich in uns allen, Doch unsre Schuld ist's, überwächst er uns. Nur selten sah ich einen Arm wie Euern; Nicht Ruh', die Arbeit hat ihn so gestählt. Durch Übung wächst das Gute und das Böse. Cardillac . Was da? Was könnt Ihr gegen Eure Art? Seid Ihr ein Kind des Tags, liegt Euer Wesen Am Tag und, was Ihr thut, Ihr wißt, warum! Und Ihr könnt sagen: morgen will ich das, Und in zehn Jahren will ich noch dasselbe! Das kann der Mensch nicht, den die Nacht regiert. Er ist sich selbst ein Rätsel. Dunkler Drang Regiert ihn, und er kann nicht, wie er will. Martin . Pah! Das ist Euer Scherz nur. Nennt Euch doch Paris den wackersten von seinen Bürgern; Zum Wohlthun fleißig, wie zu dem Gebet. Cardillac . Drum denk' ich: ist er sonst nur fromm und gut, So gönnt dem alten Kauze seine Launen! Martin . So muß ich meine Steine weiter tragen? Cardillac . Wär't Ihr von Adel, so behielt' ich sie. Ihr seid es nicht, so geht in Gottes Namen! Martin . Und fragt mich einer, so verschweig' ich's nicht: Paris hat keinen seltnern Kauz als Euch. (Er geht.) Achter Auftritt. Vorige außer Martin . Cardillac (in Gedanken hin und her) . Punkt elf – und um die Ecke – zwanzig Schritte Von hier – so mag's. Was summt mir stets im Ohr? Ich will's nicht wissen. – Hm, ihr seid nicht klug – Der böse Keim liegt freilich in uns allen, Doch unsre Schuld ist's – Was ist Schuld? Was ist's? Der Narr! Die Schuld trägt, der uns schuf. Ich hab' Mich nicht geschaffen. Wär' ich nicht, so wär' Ich nicht so, wie ich bin. Und bin ich nicht, Wie er mich möchte – warum hat er mich – Wie kann mich einer ohne meinen Willen Ins Leben setzen und bestimmen noch Dazu: du sollst dich plagen, besser werden, Als ich dich schuf. – Hm – also punkt elf Uhr – (Versinkt wieder ins Brüten.) Das, was ein Hüben hat, hat auch ein Drüben, Dasselbe Ding ist licht und dunkel, je Nachdem es steht, die Seite bald, bald die. Gut war nicht ohne Bös; wer's Gute schuf, Der schuf das Böse mit. Und schuf's ein Gott, So ist das Böse göttlich wie das Gute. Er kann nichts schaffen, was er selbst nicht ist. Und hat's ein andrer – warum litt er's denn? Und mußt' er's leiden, kann er's auch nicht strafen. Albernes Zeug. Das Drüben ist so nötig Als wie das Hüben. Wie der Tag, die Nacht. Da um die Ecke – still mit deinem Summen, Verwünschte Wespe! – zwanzig Schritte nur – (Er fährt auf und gewahrt Madelon und Olivier, die beide bei ihrer Arbeit sitzen.) Hm, mit dem Jungen muß ich endlich reden. He, Madelon, du störst mich. Geh hinunter Zu Claudes Caton. Hörst du? Madelon .                                       Väterchen, Ich gehe schon. Siehst du? (Sie legt ihre Arbeit in Ordnung und will ihn umarmen.) Cardillac (abwehrend) .               Schon gut. Ich rufe. Eh' komm mir nicht. Schon gut. Schon gut. Ja, ja. Madelon ab. Neunter Auftritt. Cardillac . Olivier . Cardillac (sieht ihr nach; dann macht er Schritte, mit welchen er sich Olivier nähert. Plötzlich bleibt er bei diesem, der erschrickt, stehn) . Hör' du, Olivier, du bist mir so Verändert. Bist nicht der mehr, der du mir Vor vierzehn Tagen warst. Das hat 'nen Grund. Was fehlt dir, Junge? Olivier .                             Fragt Euch selbst. Ihr wißt es Besser als ich. Cardillac .                 Kommst du so außer dich! Wie du mir bleich wirst. Hm; das muß doch was Bedrohlich's sein! Sagst du's? Olivier .                                           Entsetzlicher! Auf Euch stand all mein Hoffen. Keinen Vater Liebt so sein Sohn – Cardillac .                         Das laß beiseite jetzt. Jetzt möcht' ich wissen, was du weißt, was du Von mir zu wissen glaubst – verstehst du? glaubst. Ich hab's gern reinlich zwischen mir und andern. Ein redlich Wort verhütet Mißverstand. Olivier . Sprecht Ihr von Redlichkeit? Cardillac .                                             Und sollt' ich nicht? Du hast von mir geträumt jene Nacht – Olivier .                                                         Geträumt Bis jene Nacht mich gräßlich hat geweckt. Ihr seid ein Ungeheuer. In der Faust Zuckt mir's. Fort, Mörder! Fort von mir. Cardillac (ganz ruhig und kalt) .                         Kurios. Sonst seh' ich, wie ein Tiger, scharf bei Nacht Und höre leiser, als der Hase hört, Der bangend sich im hohen Grase birgt. Dich hört' ich nicht, der meinen Schritten folgte, Nicht eher, als mein schauriges Geheimnis Dir meine That verriet, das Degrais' List Und aller Wachen Wachsamkeit verhöhnt. (Indem er die Thür abschließt.) Der Zufall, du nicht, hat mich dir entlarvt. Recht so, mein Junge. Recht. So weiß man doch Nun, wie man steht. Olivier (springt auf) .         Was wollt Ihr, Gräßlicher? Wollt Ihr mich morden? Kommt mir nicht zu nah'. Ich bin nicht ungewarnt, wie Eure Opfer. Cardillac . Zu spät entdeckt' ich dich, und doch noch nicht Zu spät. Es war ein Sprung, ein Stoß. Der Löwe Springt sichrer nicht. Der Blitzstrahl schmettert nicht Mit ungestümrer Kraft sein Opfer nieder, Die Lungen um den einz'gen Schrei betrügend. Ich schone dich. Warum? – Wenn ich dir sage: Ein Stoß, und mein Geheimnis war begraben Bis zu dem Tag, der alle Gräber öffnet. Trotz deiner Jugendkraft bist du ein Kind Nur gegen mich. – Und wollt' ich noch – was wär's? Ein armer Bursch wie du verschwindet spurlos In dieser ungeheuern Stadt. – Ich geh' Zu der Genossen einem: Hattet Ihr Die Steine nicht, nach denen ich geschickt? – Ihr habt geschickt? – Nun freilich. Meinen Burschen. Und weil ich vieles Geld ihm mitgegeben Und er nicht heimkommt, mach' ich selbst mich auf. So geh' ich, und der Juwelierer lacht Mir nach und denkt: wie ist der Mann so ehrlich, Der einem Burschen soviel Geld vertraut. Ich frage noch in ein'gen Häusern nach. So läuft die Sache mir voraus, und komm' ich Aufs Rathaus, kommt sie da mir schon entgegen, Begleitet von Bedauernis und Warnung Von wegen der zu großen Ehrlichkeit. Nun ja. Bin ich nicht René Cardillac, Das Muster eines wohlgesinnten Bürgers? Derweil im tiefsten Keller du vermoderst, Hetzt deinen Namen Scherg' und Schande matt. Olivier . Sei du so klug und stark; aus Furcht nicht schwieg ich. Doch Madelon! – O dreimal heil'ger Gott! Mir ist's um Madelon, und thu' ich unrecht, Thu' ich's um Madelon und nicht um dich. Cardillac (heiser lachend) . Um Madelon – Olivier .                   Die Nachricht wär' ihr Tod. Cardillac . Wie rührend, wenn's ein andrer hörte. Mich Täuscht Ihr mit solchen Phrasen nicht. Aus Liebe? Der Mensch thut nichts aus Liebe, macht er's auch Sich selbst und andern weiß. Ich will's Euch sagen, Warum Ihr schwiegt. Wenn Ihr Beweise hättet Und Zeugen, schwiegt Ihr nicht. Und was denn hättet Ihr sagen wollen? Etwa das: ihr sucht Vergeblich jener Bande Spur, die frech Auf offner Straße Mord und Diebstahl paart? 's ist keine Bande. Einer nur thut alles. Unmöglich. Und wer wär' der eine dann? Der René Cardillac? Der Goldschmied? Habt Ihr Zeugen? Oder sonst Beweis? Ihr habt Sie nicht? Ihr seid ein Thor, wenn nicht ein Schurke, Die wunderlich beschränkte Künstlerseele, In frommen Träumen heim'scher denn auf Erden, Der unbeholfen Kinder lachen macht, Der jede Laune harmlos walten läßt Und ehrlich sagt, was Dümmere verschweigen, Der Bettler schilt und immer wieder gibt; Der wär' entschlossen wie ein Löwe, schnell Und blutig wie ein Tiger, listig wie Ein Fuchs? Dem hätte jener Schlaukopf Degrais Vergeblich tausend Fallen schon gestellt? Und wußte man, daß ich dich fortgejagt, Wie nah' dann lag's, der Bursche will sich rächen? Ihr hießet vor der Welt und Madelon Ein undankbarer Bösewicht. – So stand's Noch kürzlich. Da war ich sicher schon, Als ich den Schmuck dir heimlich anvertraute – Und hätt's nicht, wenn das Fräulein selbst zu Haus war Zurückgekehrt zu mir, gingt Ihr dann auch Zu klagen, und man glaubte auch, Ihr ständet Nun als mein Helfer da und mein Genosse; Und Madelon – Olivier .                     Ihr wißt, womit Ihr mich Zu allem treiben könnt. Um Madelon Schweig' ich. Ich sollte sagen: Madelon, Dein Vater ist – Verzeih' mir's Gott, ich kann nicht. Doch Eures Treibens Helfer werd' ich nicht. So wahr ich lebe, niemand sollt Ihr mehr Berauben, niemand töten mehr; soll mich's Mein Leben kosten oder Euch das Eure. Cardillac . (hat Schritte gemacht, nun bleibt er wieder vor Olivier stehen; sein Ton ist verändert) . Du hältst mich für ein Scheusal – und ich bin's. Du thust mir recht, und doch thust du mir unrecht. (Stellt Stühle nahe zusammen.) Komm, setze dich, Olivier; du sollst Der einz'ge schaun in meines Busens Hölle. Mir ist, als müßt' es mir das Herz erleichtern. Und sieh, ich glaub' an Himmelsschickungen. So eine ist's, die dir mich hat verraten. Zu meiner Bessrung hat sie dich geschickt. Verworfen bin ich, doch, Olivier, Elender noch, als ich verworfen bin. Ich bin ein Elender, weit elender, Als es der Säufer und der Wüstling ist, Der das verachtet und verwünscht, dem er, Kaum daß er es verschwor, aufs neu' verfällt. Das ist des Bösen schwerste Strafe, daß Er nicht ganz bös kann sein. In seinem Herzen Bleibt unverwüstlich noch ein Stückchen Himmel, Ihn ewig ans Verlorne zu erinnern, Ein Stern, vor dem die Nacht sich schaudernd krümmt, Ein kühler Hauch, der noch die Gluten anfacht, Die kein Erbarmen löscht. – – Und gäb's für Tugend sonst kein Zeugnis mehr, Das Laster selbst muß für die Tugend zeugen. Leis ist der Stimme Ton, doch unbestechlich. Wenn ich auf meinen Knieen betend ringe Um Selbstvergessen in der Andacht Taumel, Dann flüstert sie: »Du lügst, dir ist's kein Ernst; Du möchtest Gott betrügen und dich selbst.« Dann fahr' ich auf: »Es ist kein Gott!« und bau' Aus Gründen mir ein Bollwerk auf, und schließ' ich Hohnlachend dann: »Es ist kein Gott!« dann flüstert's Wie Echo irgend aus des Zimmers Ecke: »Und doch ist einer!« – Und so leis es flüstert, Es überbrüllten's tausend Donner nicht. Und kämpft um mich der Himmel und die Hölle, Kann ich's nicht ändern, wenn die Hölle siegt. (Eine Pause, während Cardillac einige Schritte macht; sein Ton wieder verändert.) Eh' ich geboren ward, sechs Monde früher Warf meines Vaters Herr – er war Leibeigner – In Ketten ihn. Warum? Weil meine Mutter, Die ihm gefiel, ihm nicht zu Willen war. Doch einen Vorwand brauchte man. Mein Vater Sollt' edeles Gestein zum Schmuck ihm fassen; Damit er nun nicht in Versuchung komme, Sei er bewacht, bis er das Werk vollendet. Meine Mutter war, wie junge Weiber sind, Nach Schmucke lüstern. Mit des Mannes Arbeit Und dem Versprechen, dann ihn frei zu lassen, Bestach der Edelmann des Weibes Tugend. Den Morgen nach der sünd'gen Nacht war endlich Mein Vater frei, wie es der Graf versprochen. Doch kaum in seiner Hütte, als der Graf Mit seinen Schergen auf dem Fuß ihm folgte. »Hier«, rief der Graf, »dies Weib hat einen Schmuck Von mir bekommen, weil es mir an Münze Gebrach, sogleich ihr die Gefälligkeit, Die Kurzweil einer Nacht nach Wert zu lohnen. Hier ist das Geld; nun gebt das Pfand heraus! Gutwillig, oder man entreißt es Euch!« Mein Vater – was der fühlte, denk' dir selbst. Meine Mutter – was die that? Sie leugnete, Bis sie der Schmuck, gefunden, Lügen strafte. Schnell war mein Vater, doch der Graf war schneller, Hatt' auch den Dolch zur Hand. – Aus ihrer Ohnmacht Erwachte meiner Mutter Seele nie Zur vollen Wirklichkeit. Barmherzig täuschte Der Wahn, wo Wahrheit nur Verzweiflung bot. Bei Tag und Nacht nie dachte sie was anders Mehr, als den Schmuck. Der Wahnsinn spielt wie Kinder; Er macht aus allem alles. Einen Strohhalm Band sie um ihren Arm und jauchzt' ihm zu; Verlor sie ihn, so war der Schmuck gestohlen, Im nächsten Strohhalm war er wieder ihr. Ich wurde ungeboren schon der Erbe Von ihres Wahnsinns Keim. Der Anblick edeln Gesteins erregte schon des Kindes Triebe, Und kam's aus meinen Augen, war es mir Gestohlen, faßte mich ein Schmerz und Grimm Auf den, der es besaß, was mein doch war. Dazu ein Haß auf alle, die genossen, Ohne zu schaffen, während der Arbeiter Aus seinem eignen Schweiß sein dürftig Brot Nicht kneten darf, gibt er das Beste nicht Dem faulen Dränger hin. –                                             Der Schein des Bluts Schlich sich durch meiner Mutter brechend Aug' In meiner Zukunft Schlummer als ein wild Vordeutend Traumgespenst. Da schlief es, bis Der Haß es weckte und des Wahnsinns Erbtum. Meines Vaters Mörder war der erste, den Es fraß; der erste war's, der letzte nicht. Nun steht's blutrot an meines Bettes Fuß Und macht mich toll und zeigt die Spangen mir, Die ich aus meiner Hand gegeben habe – Läßt mir die Steine blitzen in das Herz Und wendet sie bald so, bald so – wie es Ein üppig Weib mit seinen Reizen thut. Im halben Wahnsinn fass' ich nach dem Schmuck Und greife leere Luft. Ich schließ' die Augen, Um nicht zu sehn. Vergeblich. Seh' ich's mit Den Augen nicht, so seh' ich's mit dem Herzen. Dann flüstert's: »Fort mit dem, der dir ihn stahl! Fort mit dem Dränger! Fort mit dem Verführer! Zapf' das verdorbene Blut ihm aus den Adern, Eh' er das Weib, die Tochter dir vergiftet. René, auf! Straf' ihn. Räch' an ihm das Elend.« Im Traum eil' ich ihm nach und fass' ihn fest Und bohr' den Stahl ihm in die Brust; und wieder Seh' ich ihn gehn, und wieder treff' ich ihn. Und eher kehrt nicht Ruh' in meine Brust, Bis, was ich träumte, wirklich ist geschehen Und meinen Schmuck ich halt' in meiner Hand. Hab' ich so das Gespenst mit Blut versöhnt, Dann ist mir leicht, als hätt' ich recht gethan. Doch lange ruht der blut'ge Wahnsinn nicht. Sieh her – (Er öffnet eine geheime Wandthür.)                   Die Schmucke hier im Schrein. Bei jedem Ein Blatt, worauf geschrieben steht, wem er Auf nächt'gem Gang das Leben hat gekostet, Damit nach meinem Tod das ungerecht Erworb'ne Gut an seinen Eigner kommt. – Du kennst den Grund von meinem Elend nun, Doch meines Elends Tiefe weiß nur ich. Ein Zufall, der die schwangern Mütter schreckt, Prägt unsern Seelen ihre Zukunft auf. Das Leben ist nichts anders, als die Seele, Aus sich herausgestellt, ihr Spiegelbild; Erschien ein Engel meiner schwangern Mutter Am Ostermorgen beim Geläut der Glocken, Wär' meine Seele weiß wie sein Gewand. So schwankt sie ruhlos in den dunkeln Tiefen. Mein Äußeres wär' ihrer Schwärze Bild, Prägt' ich nicht die Verräter des Gewissens Mühsam mit eiserner Beharrlichkeit Zu ihren Gegenteilen um. Es muß Der herrenlose Zustand meines Innern, Wenn meine Seele meiner Faust voraneilt Und Reue sie vergeblich halten will, Zerstreutheit scheinen, wie sie Künstlern eignet; Und zwischen der Affekte zack'ge Klippen Breit' ich das Thal erheuchelten Gemüts, Werf' über meines innern Leib's Gebrechen Den Schleier allen Greuls, Scheinheiligkeit. Und so erschein' ich ein gutmüt'ger Poltrer. Bete für mich, Olivier! Ach, bete, Daß das Gespenst mich läßt. O bete, daß Ich fromm kann werden. Keine Seligkeit Muß reichen an den frommen Seelenfrieden. Wie ein Verdammter, siehst du, könnt' ich heulen, Mess' ich die Himmelshöhe jener Wonnen An meiner Qualen Höllentiefe ab. – Der Hoffnung grünes Eiland, ewig grün, Des Glaubens blauer Himmel drüber hin – (Er verliert sich ins Brüten.) Hm ja; Aquamarin läßt schon sich sehn; Jubelnder der Rubin; doch der Demant Hat alle Farben, weil er keine hat, Ist die Kokette drunter – – – – (Wie aus einem Traum auf.)       Ja, – der Schmuck – Der Schmuck, den ich der Scuderi gesandt – (Sich besinnend) Du hast ihn hingeschafft, Olivier. Olivier . Ihr wißt es doch; ich hab' ihn hingeschafft. Cardillac . Du hast ihn hingeschafft. – (Für sich.)                                                     Ich wollte doch, Er wär' noch da. Olivier (für sich, ihn beobachtend) . Gott! womit geht er um? Cardillac (wie vorhin) . Erblassen, dacht' ich, sollte das Gespenst Vor jener Heil'gen – denn so strahlt sie mir Wehthuend in der Seele Aug'. Sie ist Ein Kind des Tages. – Fort, Gespenst! Es geht Nicht fort. Vielleicht, wenn ich was anders in Die Händ' ihm spiele. Morgen mag der Graf Miossens – (Wie erleichtert, reibt die Hände.)                     Ja; das hilft; der muß – der muß. Punkt elf – da um die Ecke – zwanzig Schritt. Schon gut. – Der Himmel will mich nicht. Er stößt mich Zurück. – Und dennoch wollt' ich doch, ich hätte Den Schmuck noch von dem Fräulein – –                                                                   Ah! Du bist Noch da, Olivier? Es ist schon spät. Schlaf' wohl. – Läg' er im Meer. – Ich schließ' die Hausthür. (Ab.) Zehnter Auftritt. Olivier allein, später Cardillac in der Thür. Olivier . Ich weiß nicht, wach' ich oder träum' ich schwer? Was will er von dem Fräulein Scuderi? Will er sie morden um den Schmuck? – Wenn ich Verhindern könnte, was der Unmensch brütet! Da leuchtet mir zum zweitenmal der Stern; Ist's Gottes Fügung, daß der Teufel selbst Mich an die Retterin erinnern muß? Heut nacht noch, wenn er schläft, mich niemand sieht, Steig' ich durchs Fenster und durch die Geheime Thür. Ja; ich muß zu ihr! Diesmal wird mir's gelingen, sie zu treffen. Wenn ich ihr sage: Anne Guiots Sohn Fleht Euch um Rat, um Hülfe und um Rettung – Behalten darf den Schmuck sie nicht. – Gewiß! Sie ist so gut, so klug. Gewiß, sie weiß Mir Rat, wie Cardillac unschädlich wird, Ohne daß Madelon davon erfährt. – Cardillac (erscheint in der Thür) . Bist du noch auf? Leg' dich zu Bett. (Ab.) Olivier .                                                   Ja, Meister. Ich geh' zu ihr, und sie wird Hülfe wissen. (Ab.) Beim Fräulein von Scuderi . Eine Thür im Fond und eine Seitenthür. Elfter Auftritt. Baptiste und die Martinière kommen im Streit durch die Fondthür. Martinière . Kein Mensch kann durch verschlossne Thüren gehn. Das kann nur der Gottseibeiuns. Baptiste .                                            Drum hätten Sie schließen sollen. Martinière .                       Ich? Baptiste .                                   Sie hatten mir Die Schlüssel abgeschwatzt. Martinière .                                   Geschwatzt? Mit Ihnen, Da schwatzt man auch. Ich schwatze nicht mit Ihnen. Baptiste . Ich werde wachen. Martinière .                             Sie? O gehn Sie immer Zu Bett. Die Augen fallen Ihnen zu. Ich glaub', Sie schlafen stehend schon. Baptiste .                                                       Madame! Martinière . Monsieur! Zwölfter Auftritt. Das Fräulein . Die Vorigen . Fräulein (aus der Seitenthür) . Ei, Kinder! Lebt ihr stets im Krieg? Martinière . Der Herr hier – Baptiste .                                 Diese Dame hier – Martinière .                                                              Er will – Baptiste . Sie denkt – Fräulein .                     Schon gut. Schon gut. – Was euch entzweit, Ihr wunderlichen Kinder, sollt' euch einigen. Ich weiß, es ist die Lieb' und Treu' für mich. Du, lege dich, Baptist'. Ich weiß, du hast Die ganze vor'ge Nacht gewacht. Und du, Martinière, hilf mir, mich entkleiden. (Da Baptiste zögert.) Ei was! Ihr müßt mir folgen, junges Volk. Schlaft! Ihr bedürft's. Was fürchtet ihr für mich? Ein armes Fräulein, das nichts hat als Bücher Und etwas Staat, darin an Hof zu gehn, Das ist, so hoff' ich, doch vor Räubern sicher. Baptiste . Gehn will ich; aber schlafen? Gnädig's Fräulein – Martinière , Mein Gott, so gehn Sie nur. Baptiste .                                                 Sie – Sie – o Sie – Fräulein (gibt ihm die Hand) . Kehr' dich doch nicht an die. Schlaf' wohl, Baptist'! Baptiste . Die heil'ge Frau thu', was Baptist' nicht kann. (Küßt ihr die Hand und geht ) Dreizehnter Auftritt. Das Fräulein . Die Martinière . Fräulein . Heut nacht träumt' ich zweimal von Anne Guiot. Martinière . An was man denkt, das träumt man. Sie verdient nicht, Die Undankbare, daß Sie an sie denken. Fräulein . Wie hart du bist. Martinière .                         Was Sie an ihr gethan, Die rechte Mutter that es nicht. Sie nahmen Das Mädchen von der Straße auf, in Lumpen Gehüllt, vor Frost und Hunger zähneklappend; Erzogen sie mit Muttertreu' und Sorgfalt, Und als ein braver Werber sich gefunden, Entblößten Sie sich selbst, um sie zu kleiden. Fräulein . Wer weiß, welch traurig Schicksal sie verhindert, Ein Zeichen ihres Lebens mir zu geben, Wenn sie noch lebt. Ich müßte mich erkund'gen. Martinière . Und haben Sie das nicht gethan? Fräulein .                                                         Ja. Doch Wie einer nur, der etwas thut, damit Er sich nichts vorzuwerfen haben will. Martinière . Ich leid' es nicht, daß Sie sich unrecht thun. Sie thaten, was Sie konnten. Fräulein .                                       Zwanzig Jahr' Nun müßt' Olivier sein, wenn er noch lebt, Das arme, liebe Kind; wer weiß, wo es Jetzt darbt, und ich leb' hier im Überfluß! Martinière . Nun freilich. Und nun fehlt nur, daß Sie sagen: Sie sind an seinem Unglück schuld. Fräulein ,                                                   Vielleicht, Wenn ich es sagte, sagt' ich nur die Wahrheit. Ich ließ sie ziehn mit ihrem Mann. Martinière .                                           Er hatte Das Heimweh. Wollen Sie den Schweizer halten, Wenn ihn das Heimweh faßt? Das war' sein Tod. Fräulein . Du bist ein guter Anwalt, wenn es mich Verteid'gen gilt. Nun geh! Daß du nicht wachst! Die Straße wird nicht leer von Degrais' Wächtern. Schlaf' wohl! Vielleicht gibt mir's ein freundlicher Engel im Traum, wo Anne Guiot lebt. (Martinière küßt ihr die Hand.) Martinière . Ich schließe nur die Thüren. Fräulein geht ab durch die Seitenthür. Martinière .                                               Sie ist selbst Ein Engel. Und die Martinière fleht, Der Himmel soll ihn noch der Erde gönnen, Bis sie ihn einst begleiten darf. (Sie geht. Gleich darauf kommt:) Vierzehnter Auftritt. Olivier außer sich; die Martinière hinter ihm. Martinière (erst noch in der Szene) .         Baptiste! Schnell rufen Sie die Wache! Räuber! Mörder! Olivier . Ich muß sie sprechen. Still! wollt Ihr nicht sterben. Martinière (hat ihm die Seitenthür abgewonnen, die sie mit ihrem Rücken deckt) . Versucht's! Doch lebend lass' ich Euch nicht zu ihr. Olivier , O Gott! So nah' dem Ziel und sollt' es nicht Erreichen. – Habt Erbarmen! Die Verzweiflung Trieb mich, den Dolch zu ziehn. Ich muß sie sprechen. Frau Martinière, denn das seid Ihr doch; – Hier liegt mein Dolch. Ist Euch ihr Leben lieb, Laßt mich zu ihr. Ich bin – Fünfzehner Auftritt. Das Fräulein . Die Vorigen . Olivier .                                       Da ist sie selbst. O Gott sei Dank! Fräulein .                     Wer rief nach mir? Martinière .                                                 Laßt ihn Euch nicht so nah'. Dank sei der heil'gen Jungfrau – Hört ihr die Waffen? und Baptistes Stimme? Die Wache kommt! Olivier .                           So muß ich eilen. Fräulein, Bei Gott und allen Heil'gen fleh' ich Euch, Schickt morgen jenen Schmuck an Cardillac, Den Ihr zu Nacht erhieltet. Schickt ihn hin, Er soll die Steine anders fassen. Mehr Kann ich nicht sagen. Mich vertreibt mein Schicksal. Schickt, Fräulein, schickt! – Eu'r Leben hängt daran. (Ab.) Sechzehnter Auftritt. Vorige ohne Olivier . Fräulein . Was wollte dieser Mensch? Martinière .                                           Nach Euch verlangt' er. Der Schreck! Die Angst! Nun die Gefahr vorbei ist, Nun fühl' ich erst, wie ich erschrocken bin. Ob sie ihn haben? (Am Fenster.)                               Nein; da eilt er hin, – Der Bösewicht. Fräulein .                   Die Haare flogen wild Ihm um die bleiche Stirn; es zuckten ihm Die Lippen fieb'risch; doch im Auge selbst Lag etwas freundlich Frommes. Fast erinnert' Er mich an Anne Guiot – Martinière .                             Freilich, was Das Herz erfüllt, das kommt uns in die Augen. Sind wir betrübt, gleicht alles unserm Kummer. Ich sah ihn schon einmal; es ist derselbe, Der von den Räubern Euch den Schmuck gebracht. Fräulein . Nicht möglich! Martinière .                       Darum sprach er von dem Schmuck. Oh gebt ihn weg, den unglücksel'gen Schmuck. Es ist kein Segen dran. – Da kommt Baptiste. Siebzehnter Auftritt. Baptiste . Vorige . Martinière . Nun? Haben Sie den Menschen? Ja; Sie sind Der Rechte! Baptiste (keuchend) . Er war schon zu weit. Er hatte Zu viel Vorsprung. Martinière .                     Zwei Schritte. Baptiste .                                                 Wenigstens Zweihundert. Fräulein .               Laß es gut sein, ehrlicher Baptiste. Sie neckt doch nur. Sie macht's nicht anders. Du kennst sie ja. Dafür ist sie ein Kind Auch noch. Baptiste .             Ein Kind von fünfzig Jahren. Martinière .                                                         Fünf- Undvierzig erst, wenn Sie erlauben, Herr. Fräulein . Da bist du fünfzehn älter, mußt drum klüger Auch sein, Baptist'. – Ja, Jugend hat nicht Tugend. Man hat seine Not, in Ordnung euch zu halten, Ihr junges Volk. Nun geht; geht. Gute Nacht! (Alle gehen.) Vorhang fällt. Ende des zweiten Aufzugs .   Dritter Aufzug. Cardillacs Werkstatt . Erster Auftritt. Cardillac (allein; arbeitend) . Wer kommt da? Ach, der Graf von Miossens Wird schicken nach dem Schmuck. (Er holt den Schmuck herbei.)                                                         Hol' Euch der Teufel, Ihr Lastervolk. (Betrachtet den Schmuck.)                         Dich wollen sie mir nehmen, Mein Kleinod! Meine Seele! So wie dich, Liebt' ich noch keinen. Und dich, armes Herz, Will man mir nehmen, einer Dirne hängen An den verbuhlten Hals. – Du mußt es dulden, Du armes Ding. Doch ich, ich will's nicht dulden! Daß ich an jenen denke, den die Scuderi Nun hat, das ärgert dich. Ich wär' ein Narr, Dächt' ich an jenen. Du bist tausendmal So schön. Recht! Äugle, Schelm, mit mir, daß ich Jenen vergesse. –                               Eine Heil'ge ist Das Fräulein; ihr ein Haar möcht' ich nicht krümmen, Doch dieser – Graf und seinesgleichen! Ja; Der Himmel will mich nicht, und dennoch schon' ich Und schäume nur den Moder oben ab. Kein heilsam Kraut, langhals'ge Gräser nur Reut' ich, die frech die Kräuter überwuchern. (Schritte in der Szene.) Das ist der Graf Miossens selbst. Was solch Ein Fußtritt sich herausnimmt. Wie ein Herold Zieht er voran und ruft: Platz da, Gesindel! Hier kommt des Herrgotts feinstes Backwerk! Doch Will ich den Hochmut dulden. Er ist noch Bescheiden gegen jenen Hochmut von Herablassung. Läßt Gottes Kuchen sich So weit herab, zu Gottes Schwarzbrot sich Herabzulassen, wie läßt sich das Lächeln So gnädig dann herab, dem Glücklichen, Der die Herablassung erdulden muß, Bis auf den Zoll die Tiefe vorzurechnen, In welche sich der gnäd'ge Herr so gnädig Herabgelassen, um zu thun, als wär' er Nichts als ein bloßer Mensch, nichts als Kanaille. Zweiter Auftritt. Miossens . Cardillac . Miossens . Bin ich hier bei dem Goldschmied Cardillac? Cardillac . Ist's Euch gefällig; nun so denkt, Ihr seid's. Miossens . Mein Schmuck ist fertig. Gebt ihn! Cardillac .                                                         Wißt Ihr das, Herr Graf? Miossens .           Ich höre: will man sein Bestelltes Von Euch, so muß man selbst es holen. Gebt! Die Rechnung wird mein Diener morgen holen. Cardillac . Ihr meint, wenn Ihr befehlt, muß man gehorchen. Sonst bät' ich Euch: Herr Graf, seid nicht so kurz. Miossens . Meint Ihr, Graf Miossens soll mit Euch schön thun? Meine Hände sind zu schwer dazu. Ich bin Zu streicheln nicht gewohnt und rat' Euch Gutes, Herr Bürger. Cardillac .             Euer Rat, Ihr wißt's wohl, ist Zu gut für einen Bürger. Drum behaltet Ihn selbst. Miossens .         Ihr wollt mir trotzen? Wagt, mir so Zu kommen, Ihr elender Knecht? Her mit Dem Schmuck! Cardillac .                 Ja, ja! Hier. Hier. Nehmt ihn und – geht. Dies Zimmer hier ist mein. Begreift Ihr das? Ihr edler Herr, Ihr gnäd'ger Graf? Seht Ihr, So werf' ich Euch die Trepp' hinab; Ihr hoch- Geborner Herr! Was unterfängt sich nicht Solch ein elender Knecht! Denn seht, solch einer Hat Arme just wie Ihr. Daran habt Ihr Wohl gar noch nicht gedacht? Ihr meintet wohl, Ihr Herren nur seid Menschen und habt Köpfe, Habt Arme, Beine und dergleichen mehr? Ich will Euch zeigen, daß wir Arme haben, So gut und bessre noch als Ihr. Miossens .                                         Fort mit Der Hand, verrückter Knecht! Solch ein Verrückter Hat mehr als Menschenkraft. Heiß' ich Miossens, So kommt Euch teuer dieses Thun. Cardillac .                                               Verzeiht, Mein gnäd'ger Herr, wenn ich in allertiefster Demut Euch hier beim gnäd'gen Kragen packe Und Euch in tiefster Unterwürfigkeit Die Trepp' hinab – 's ist eines Knechtes Treppe, Und drum nicht wert, daß Ihr hinunter geht – Wollt Ihr das nicht, so packt Euch huldreichst selbst! Miossens . Wahnsinniger, ich gehe schon. (Ab.) Dritter Auftritt. Cardillac (allein) .                                       Haha, Hahahaha! (Pause, dann fährt er auf.)                   Er geht mit meinem Schmuck. Halt' ich ihn auf? Laß ihn nur. Laß ihn nur. Er wird nicht weit gehn. – Da – da um die Ecke – Punkt elf. – Gott sei's gedankt. Das war ein Stein Vom Herzen; das betrügt den wilden Geist Da drin. – Statt jener werf' ich den ihm vor. Was wär' das eine Schurkenthat gewesen, Das Fräulein morden, das ein Engel ist. Verbrecher morden, das ist kein Verbrechen. Thut's doch der Richter auf dem Richterstuhl, Aus den ihn Gott gesetzt. Er thut es freilich Nur an den Kleinen. Große Missethäter Zerreißen ihm sein Netz. Um das, worum man Das Schächerlein hängt an das große Kreuz, Hängt man ein Kreuzlein an den großen Schächer. Das machen ihre angebornen Rechte. Haha! mein Thun ist mir auch angeboren, So mach' ich draus ein angeboren Recht Und bin der Herr von Adelshaß, der Ritter Vom Dolch, haha! der Graf von Straßenmord. Der Straßenmord, der ist ihr altes Recht, Davon ist dies Paris ihr Pergament, Und fleißig haben sie's mit Blut besiegelt. Warum, was sie Jahrhunderte gethan, Warum nicht ahmen das wir ihnen nach, Wie wir's mit Kleidern und mit Sitten thun? Scheint sich der Bürger doch ein Bauer, geht er Nicht wie ein Herr gekleidet. Was? – Schlag elf? – Nun ist es zehn erst, und kaum das. – Das ist Mein Morgen; da wird meine Seele frisch Und stark. Ein anderer bin ich bei Nacht. (Schritte; Gebärden, zuweilen ein Gelächter; sein Selbstgespräch wird mählich wieder lauter.) Haha – ja doch – hm ja. Was ist's? Was ist's? Ein Leuchten nur von faulem Holz; ein – ja doch – Ein Krampf, der durch des Dunkels Wimpern zittert, Am totenfahlen Blei der bunte Moder; Der Ausschlag böser Säfte; wie der Pilz, Die Blatter auf der kranken Haut der Erde, So bunt und seltsam und so flüchtig auch. Die offne Wunde an dem stummen Nichts Und wir die Maden drin, und eine macht Die andre Made fürchten mit Vergeltung, Dem nebligen Popanz; so macht das Nichts Im Nichts das Nichts mit künft'gem Nichts zu fürchten. Je schärfer man's beschaut, je kleiner wird's, Und endlich schwindet's; 's ist im Auge nur, Nicht außer ihm und in der Wirklichkeit, Krankheit des Aug's und schwindet mit der Krankheit – – Diese Zofe der Verwesung, unermüdlich Mit Schmink' und Putz; wie bunt und frech – es bleibt Der alte Tod; er wechselt nur die Kleider. Schmink' ist das Leben auf der Wang' des Todes Und weiter nichts. Und doch ist ein Geschrei, Wenn einer, der der Narren Narr nicht ist, Ein Tröpfchen Schmink' verwischt. Ho! ein Geschrei Von Tugend, Glauben, Liebe. Seifenblasen, Von weitem Weltensterne, in der Näh' Zwei Tropfen Seifenwasser, wenn der kalte Verstand sie anhaucht. Kommt mir an, ihr Blasen, Bastarde ihr vom Tag, dem Millionteil Des Augenblickes Leben; kommt mir an! Der Tag ist nur die krankgewordne Nacht, Nur ein Erbleichen auf der Mohrin Antlitz, Das kaum die Wang' ihr mit dem Fuß berührt. Tag ist's, solang' die Nacht sich nicht besinnt. Da kommt 'ne Blase. Tugend? Ja, dich kenn' ich. Wenn Müdigkeit des Menschen wirkliche Natur einmal einnicken macht, dann steigst Du auf, und Narren rufen: Welche Tugend! Dann ist der edele Entschluß gefaßt, Das nicht zu nehmen, was man nicht mehr mag, Und just solang' hält der Entschluß, wie du! Noch eine Blase? – Wie 'ne rote Mütze. Von Gottes Gnaden war hier ein Tyrann, Nun sind es hundert in der Freiheit Namen. Die Thaten nicht, die Thäter wechseln nur. Ob einer sie besitzt, ob hunderttausend – Wer die Gewalt hat, der mißbraucht sie auch. Noch eine Blase? Her damit. Es ist 'ne Arbeit. Haha! Eine Krücke kommt Geflogen; drum ein Heil'genschein von Seife. Nach fremden Göttern rafft um sich die Ohnmacht, Die sich nicht selber Gott kann sein, und tauscht Des Lebens wilden, sturmdurchbrausten Baum Um dürres Holz, 'ne Krücke. Eine Krücke Für Lahme nennt man Glauben. Hahaha! Drum liebt er seinen Glauben, seine Krücke, Und haßt den Starken, der sie nicht bedarf, Und wütet, wenn man nach der Krücke faßt. Noch eine Blase? Eine noch? Die Liebe; Ein stolzes Schifflein auf der Jugend Welle, Und falsche Schwüre blasen in die Segel. Der Zwitter, oben Geist und unten Vieh. Das Feuer liebt das Holz, das Holz das Feuer. Des Mannes Lieb' ist Herrschsucht. Wie das Feuer Ums Holz, schlägt er verzehrend seinen Arm Um des Weibes Selbst und schlingt es gierig in sich. Und ist nichts zu verzehren mehr, dann ekelt Ihm vor der Asche, und er flackert weiter. Des Wolfes Liebe ist, das Lamm zu fressen; Des Lammes Liebe, sich vom Wolfe fressen Zu lassen. – Und die Menschenlieb', die Milch, Von der der Menschheit Brei so süßlich schmeckt, Die Kinderspeise für entnervte Magen? Haß ist der wilde Atem der Natur; Haß ist der Atem in der Menschenbrust, Der sie zu markiger Gesundheit schwillt, Und Liebe nur ihr lungensüchtig Keuchen. Kampf ist des Tieres Leben. Die Vernichtung Ernährt uns; wir ernähren die Vernichtung. Die Lunge frißt, ein gierig Tier, die Luft; Das Auge schlingt die lichten Strahlen ein; Die Arglist lauert dem Vertrauen auf; Der Wilde sucht die Willen zu verschlingen. Und wenn wir nicht die Dinge mehr vernichten, Vernichten uns die Dinge. Fried' und Ordnung Sind für die Schwäche; denn da ist der Schwache Der Starke, und der Starke ist der Schwache. Still da, du Stimm' im Busen, wildes Tier; Daß du mir nicht die Vorsicht überschreist. – Punkt elf – da an der Mauer hin. Husch nur, Verbuhlter Luftzug, an dem Busentuch Der stillen, traumversunknen Gäßchen hin. Die Nacht läßt leben, hält ihr Ohr gern zu. Ihr habt die dunkeln Straßen gern; ich auch. Nur zu – nur zu – ihr kommt mir schon. Ich will Meinen Schmuck schon haben. – Klirrt nur mit den Sporen, Besorgt Eu'r eigen Grabgeläut'. Still – still – Die Nacht hält ihren Atem an – ihm nach – Treu wie sein Schatten – lautlos leicht wie er – Dem trüben Blick einsamer Lampen, die Vor Langweil' nicken und sich mühsam nur Einmal aufrecken und dann wieder nicken – Jetzt biegt er ein – schnell hinterher – die Mauer Entlang – des Vorsprungs Schattenmantel um Die Brust geworfen – flink an ihm vorbei, Denn ihm zuvorzukommen gilt's. Hier hinter Das Heil'genbild – das Heil'ge ist gefällig, Deckt das Unheil'ge gern – und nun nicht atmen – Schon recken sich des Armes Muskeln – still – Noch fünfzehn Schritt – noch zehn – so; nun den Arm In die Höh'; der andre drückt den schweren Atem Zurück – noch fünf – noch drei – noch zwei – noch (Ein Sprung beschließt die Vision und ein Stoß mit der Hand, in der er den Dolch zu haben meint.)                                                                                   So; Nun ist's geschehn. Und nun den Schmuck, den Schmuck; Her mit dem Schmuck! Nun hab' ich – (Er erwacht wie aus einem Traum, matt.)                                                               Nein – ich hab' Ihn nicht. 's war nur ein Traum. – Ich hab' ihn nicht, Meinen Schmuck. Ich hab' ihn nicht. – He, munter, munter! – Es lauscht doch niemand? Nein. Verwünschtes Träumen! Ich schließ' die Thüre. Meine Leute müssen Zu Bett. – Die Caton lauscht mir so umher. 's ist hohe Zeit. Kommt jemand? Ja. Bewahr' – (Er singt.)                 Bewahr' uns unser besser Teil,                 Bewahr' uns unser Seelenheil.                 Laß es dem Satan nicht gelingen,                 Daß er uns fängt in seinen Schlingen. Vierter Auftritt. Olivier . Cardillac . Cardillac (unterbricht sich im Singen) . Kommst du, mein Junge? Wo ist Madelon? Zeit ist's, zu schließen. Ich bin schläfrig. Olivier (für sich) .                                             Nein. Er täuscht mich nicht. Er geht mit etwas um – Cardillac (hat für sich fortgesungen; gähnend) . Was meinst du? Ah, ah. Sagtest du nicht 'was? Olivier . Ich? Nein. Ich sagte nichts. Cardillac .                                         Nun, so schlaf wohl, Mein Junge. Diese Nacht hab' ich geträumt: Ich war ein andrer Mensch. Ich will es werden. Schwer ist es, doch wenn man nur wollen will, So kann man können. Leg' dich. O, es ist Ein Wohlgefühl, das fromme Wollen. Tugend Geht über allen Schmuck – den Schmuck – er hat Ihn noch – den – (Er reißt sich mit Gewalt los.)                             Wie gesagt – wie? sagt' ich's nicht? Daß ich – nun freilich; ah, ich bin schon halb Im Schlaf; bin heute müd' geworden. Voll Eine Stunde hab' ich in Notre-Dame gekniet. Ich schließe. Leg' dich. – Gute Nacht, mein Junge! (Er geht, ein Licht in der Hand; man hört ihn singen und gähnen.) Fünfter Auftritt. Olivier allein; gleich daraus Madelon . Olivier . Daß mit dem Fräulein wieder mir's mißlang. Gott! sie hat nichts geschickt, hat meine Warnung Verachtet, und der Unmensch – o, es ist Nur zu gewiß, er brütet ihren Tod. Was thu' ich? Nein, er darf es nicht. Dann wär' ich Sein Helfer, sein Genosse. Um Madelon Schweig' ich, doch nicht, daß er – Madelon (ist eingetreten und während der letzten Worte, ohne darauf zu hören, von hinten nach ihm zugeschlichen und hält ihm die Augen zu) .                                                       Rat', rat', wer's ist? Olivier . Du – Madelon (immer noch mit veränderter Stimme) .                 Nein. Ich nicht. Es ist Herrn Claudes Caton. Olivier (will sich nichts merken lassen) . Du, wart' – (Geräusch; er erschrickt.) Madelon .           Erschrickst du? Fährst du aus um nichts? Es war das Thor, das in den Angeln kreischte. Der Vater schließt's. – Olivier (für sich) .                 Daß ich ihn nicht verfehle! Madelon . Dich wundert's auch – Olivier (wie vorhin) .                     Ging ich vor ihm, er merkt' es. Madelon . Er ist so eigen sonst und spart kein Öl, Und läßt das durst'ge Thor doch immer schrein. Was pocht da noch? Gewiß ist's Claudes Caton. Was die nur immer auf den Treppen schleicht. (Während sie öffnet und Caton eintritt, spricht) Olivier . Ich will ihm nach. An der geheimen Thür Wart' ich auf ihn. Bin ich nicht jung und schnell? Er soll nicht! Nein. ich duld' es nicht. Wie gestern Steig' ich aus meinem Fenster. Gott, laß mir's Um Madelon gelingen! (Er eilt ab, ohne Caton zu bemerken.) Sechster Auftritt. Caton . Madelon . Caton .                                   Na, das heiß' ich Es eilig haben. – Keine gute Nacht – Nichts. Im Vorbeigehn, dächt' ich, gute Nacht, Angenehme Ruh' oder sonst 'was zu sagen, Das könnt' die schnellste Eile noch erlauben; Guten Tag, gute Nacht, Mamsell Caton. Hat er's Doch sonst gekonnt. – Ich will nicht lange stören. Die Lamp' wird's ohnehin nicht lang' mehr machen. (Sie löscht ihre Lampe aus und stellt sie hin.) Die junge Welt – wenn ich was loben kann, Thu' ich; das weiß die ganze Welt. Wo Caton Die Achseln zuckt, da schlagen andre Frau'n Die Hände schreiend überm Kopf zusammen. Na – na; ich sage nichts. Wenn ich nicht täglich Den Meister Cardillac mit Augen sähe – Das ist ein Trost noch, solchen Mann zu sehn. Ich kam an seinem Kämmerlein vorbei Und hörte seine frommen Seufzerlein. Der Mann – Gewalt thut er dem Himmel an; Gott selber kann sich seiner nicht erwehren. Horcht nur – (Sie öffnet die Thür; man hört Cardillac singen)                       Hört Ihr? (Sie singt mit.)                 Daß er uns fängt in seinen Schlingen. Dich fängt er nicht, dich nicht, du frommer Mann. Ich aber bete für dein armes Kind. Behüte Gott die liebe Madelon! Denn, fürcht' ich, fürcht' ich schier, der Satan sinnt, (Sie bekreuzt sich, singend.)                 Wie er sie fängt in seinen Schlingen. Madelon . Es ist schon spät, Frau Caton – Caton .                                                       Eine Seele Zu retten aus des Gottseibeiuns Klauen, Ist's nie zu spät. Madelon .                   Der Vater hat's nicht gern, Wenn ich nach ihm noch auf bin. Caton .                                                 So? Und er Ist streng; ich weiß es. Ja, ich möchte nicht Mit ihm zusammenkommen anders als In Fried' und Frömmigkeit. Ich zünde nur Mein Lämplein wieder an. (Sie beginnt, kann aber nicht damit fertig werden.)                                             Ich sage nur: Die Menschen leben froh und unbekümmert Und lassen Gott den guten Vater sein; Warum muß ich denn nur den Bösen sehn, Wo ich nur hinseh'? und mich drob ereifern? Die andern, o wie sind sie glücklich blind; Warum muß mich denn nur der Geist regieren, Daß ich mich über alles ärgern muß Und überall Gottlosigkeit entdecken, Daß ich drein schlagen möcht' mit Hand und Füßen? Ich denke, Gott hat etwas mit mir vor. Ich gehe schon. Nur eins. Ich sage nur – Ich weiß, Ihr hört's nicht gern; doch sprechen muß ich, Wenn mich der Geist regiert. Ich frage nur: Was kann ein junger Mensch darunter haben, Bleich auszusehn, wenn er sein gutes Essen, Sein Trinken hat und seine rechte Ordnung In allen Dingen, nicht für Wäsche braucht, Noch für Geleuchte, Betten, Knecht und Vieh, Noch sonst für was zu sorgen? Was? Wie kann er Sich unterstehn da, blaß zu sein? Und da vorbei Mir nichts und dir nichts stürzen, als wär' ich 'ne Nadel, und das bin ich, Dank Gott, nicht. Ein gutes Auge kann mich noch erkennen. Ich sage nur. was hat er blaß zu sein? Kann er nicht sagen. Guten Abend; wie? Und daß ich's Euch nur sage: was steigt er Aus seinem Fenster nachts? Kann er das nicht Den Herren lassen? – Nicht, als lobt' ich die – Und hat ein Bräutchen wie ein Nelkenstöcklein! Madelon . Ihr scherzt, Frau Caton; das ist Eure Art so. Caton . Meint Ihr, Unart sei meine Art? Da schlüg' ich Doch noch in meinem Alter aus der Art. Ich sag' Euch: das ist eine Art von dem Gottseibeiuns. Nehmt Euch vor dem in acht. Ich sag's ihm so noch, daß es eine Art hat. Ei, mag er klettern doch soviel er will, Was geht das mich an? Aber zu verschwinden, Spurlos verschwinden, sag' ich Euch, rein von Der Gotteserde wegverschwinden, ganz und gar So mir nichts, dir nichts und, weiß Gott, wohin? Das geht Euch nicht mit rechten Dingen zu. Was ist er bleich und sagt nicht guten Abend? Als wenn er mich nicht säh'? Hat seinen Grund: Der Gottseibeiuns mag von mir nichts wissen; Er weiß, ich bin ihm immer auf dem Dach. Na, nichts für ungut. Ja; Ihr glaubt mir nicht. Ihr seid verliebt; da seht Ihr freilich nicht. 's ist eine wilde Nacht heut, schaurig, schaurig, Über die Maßen schaurig. Nun, wir stehn Und reden hier im warmen Kämmerlein, Derweil vielleicht da draußen auf der Straß' 'nem Vornehmen Mutterkind der kalte Dolch Ins warme Herz fährt – Madelon .                               Macht Ihr mich zu fürchten. Sprecht nicht so garst'ge Dinge, böse Caton. Gewiß steck' ich die Nacht bis an die Stirn Unter der Decke. Daß ein Mensch so 'was Soll können; doch ich glaub's Euch nicht. Caton .                                                               Ich glaube, Ihr glaubt, es glaubt es jemand gern? – Für heut Nun weiter nichts als eine gute Nacht. Schlaft Ihr nur. Schlaft Ihr nur. Wir wollen desto Munterer sein. Die Maréchaussée – hört Ihr sie? – die ist mein Adjutant; ein frommes Lied dazu – Nun laßt den Bösen bellen. – Gute Nacht. Schlaft nur. Denn Gott und Claudes Caton wacht. (Ab.) Siebenter Auftritt. Madelon (allein) . Was die nicht sieht! Ich zittre ordentlich Vor Furcht. Daß es so böse Menschen gibt! Wie glücklich bin ich doch, du lieber Gott, Daß ich so guten Menschen angehöre. Man sagt: so fromm wie René Cardillac. Da muß ich dankbar sein, solang' ich lebe. Könnt' ich nicht eines bösen Menschen Kind sein? Ob solche böse Menschen Kinder haben Und Bräute? Und was könnten die dazu? Ach, das ist schrecklich, wenn man sich's nur denkt! Ich will's nicht denken, krank könnt' ich sonst werden Vor bloßer Furcht. Nein, ich will beten. Gott, Ich kann es nicht dem Vater danken, daß er So gut ist und so brav. Hörst du ein Kind, O so vergilt du's ihm! Und meinen Bräut'gam – Ich weiß nicht, was ihm fehlt, doch ist's kein Unrecht, Das weiß ich so gewiß – laß wieder sein So froh und heiter, als er sonst es war. – Wird das so seltsam sein, wenn man mich Frau nennt, Und ich nicht mehr im bloßen Kopf kann gehn, Ein Häubchen tragen muß. Wie ich mag aussehn? Ach, ich muß lachen, wenn ich nur dran denke. Und schämen werd' ich mich zuerst. Warum? 's wird ja nicht anders, als es jetzt schon ist – Was ist's denn weiter, wenn's Frau Brusson heißt? Das ist schon wahr. Und doch werd' ich mich schämen. (Sie geht mit ihrer Lampe durch die Seitenthür, nachdem sie das Licht ausgelöscht.) Achter Auftritt. Einige Zeit bleibt das Theater leer, dann Schritte und das Werda der Maréchaussée auf der Straße. Dann bringt Olivier den verwundeten Cardillac mehr getragen als geführt. r Cardillac . Oh – hierher – hierher – oh. Der Teufel selbst Hat ihm die Hand geführt. – Langsam – nur langsam – Ich bin des Todes. Olivier .                         Setzt Euch in den Stuhl hier. Gott! ich bin ganz verwirrt – so wie im Traum. Sagt nur, was ich beginnen soll? Cardillac .                                             Meinen Schmuck! Meinen Schmuck! Olivier .                         Ist das entsetzlich, wie er stiert Und mit den Händen tastet in der Luft. Was thun? Was thun? Kommt zu Euch, Meister, sagt, Ich bitt' Euch, Meister, sagt, was ich beginne? Fahrt Ihr so fort, so tötet mich die Angst. Cardillac . Es wär' ein Gott? Es wär' ein Gott? Du lügst. Ich soll nicht ruhig sterben. Olivier .                                       Meister, ich Hab' nichts gesagt. Cardillac .                     Nein, nein, du bist's auch nicht. Und doch spricht's immerfort. Sieh hin, sieh hin In jene Ecke; dort kommt's her. Sieh hin, Wer dort ist? Olivier .                 Dort ist niemand. Cardillac .                                           Aber hier In dieser; oder dort. – »Es ist ein Gott.« Hörst du, Olivier? »Und doch ist einer, Und doch!« Wahnsinnig könnte man da werden. Sieh hin ans Fenster du. Vielleicht spricht jemand Durchs Fenster: »'s ist ein Gott, und doch ist einer!« Olivier . Spräch' jemand, Meister, so hört' ich's doch auch. Cardillac . Wie' s flüstert: »'s ist ein Gott, und doch ist einer – Und doch! und doch!« und immer, immer, immer: »Es ist ein Gott!« Es ist ganz nah' herum – 's ist in mir selber, glaub' ich. Wie das brennt In meiner Seele Ohr. Wie wird mir angst. Nimm mir den schwersten Hammer, schlag damit Den Amboß, bis er weißlich glüht! Laß! Laß! Bräch' selbst der ehrne Himmel müd' zusammen, Kreischten die Stern' in ungeölten Angeln, Und ging der Donner mit dem Reiter durch Und schlüg' den Huf der Wolk' in ihren Rücken, Daß sie aufstöhnte hunderttausendstimmig – Das Flüstern übertönt' es nicht: »Es ist Ein Gott!« O, brüllt' es selbst mit Sturmposaunen Daher, so wär' es doch zu tragen noch; Vor einem Lärmen kann die Seele flüchten Unter der Betäubung Vampirsflügel. Diesem Entsetzlich leisen Flüstern muß sie stehn. Das hält sie fest und leuchtet unbarmherzig Ihr alle Falten aus, so daß ihr selbst Vor ihrer wüsten, leeren Tiefe graut. »Und doch ist einer!« Hörst du? »Doch ist einer!« Hahaha! »Doch ist einer – doch ist einer.« Wär' ich wahnsinnig, dann wär' alles gut. Olivier . Die Seele, angstverwirrt, vergreift sich, mengt Die Gegenteile schaurig lächerlich. Der Jammer flucht, und die Verzweiflung jubelt, Das Lachen weint, das Weinen lacht. Und mir Reißt Schwindel hier an dieses Abgrunds Kluft Die Stütze der Besinnung aus der Hand. Ach, großer Gott, wie bin ich ratlos. Cardillac .                                                   Schaff' Mir Madelon. Vielleicht, wenn ich sie seh' – Olivier (pocht an Madelons Thür) . He, Madelon! Hörst du mich, Madelon? Steh' auf! Steh' auf! Dein Vater – Cardillac .                                             Nimm den Dolch Mir aus der Brust. Versteck' ihn. Sag ihr nicht, Daß ich gemordet bin. Deck' mir 'was über Die Brust, daß sie das Blut nicht sehen kann. Olivier (steckt den Dolch in die Tasche, bedeckt Cardillac die Brust und pocht wieder) . Sie hört mich nicht. Cardillac .                       Solang' man jung ist, hat Man guten Schlaf und jeder Traum ist süß Vom Zucker der Gewissensruh'. Olivier .                                               Hörst du? He, Madelon! Madelon (draußen) . Was ist? Olivier .                                   Schnell komm heraus. Madelon . Ich komme schon. Ich zieh' mich nur schnell an. Olivier . Eil' dich. Cardillac .             Meinen Schmuck. Meinen Schmuck! Olivier .                                                                           Wie schauerlich! Das Fieber rüttelt ihn schon wieder. Cardillac .                                                 Gib Mir meinen Schmuck, und du sollst leben bleiben. Ich will dir einen andern schaffen. O, Ich weiß schon, wie man Schmucke schafft. Still doch, Wenn ich dir was erzählen will. Hör' du, Warum ist rot das Gold und weiß das Silber? Still doch; so was sagt man nicht gerne laut. Das Gold ist rot von all dem roten Blut, Das drum geflossen ist; das Silber bleich Vor Schauder über das, wozu es lockt. Sie schliefen süß unschuld'gen Kinderschlaf – So heißt's, wenn man noch keine Träume hat – Am Erdenherzen, bis das Raubtier Mensch Der alten Mutter in das Eingeweide Die Klauen schlug. Die arglos Schlummernden, Sie mußten Räuber, Kuppler, Mörder werden; Nun rächen sie ihre Unschuld am Verführer; Aus Knechten werden sie des Menschen Herr Und treiben ihn zu allem Gräßlichen. Alles ist gut, was noch nicht Menschen dient, Dem schlauen Feind der Unschuld der Natur. Die ew'gen Sterne selbst am Himmel dort, Wenn sie des Menschen Gier erreichen könnte, Die müßten seiner Lüste Kuppler werden. – Her mit dem Schmuck. Fort mit dem Schmuck. Fort! – Her! – Die Steine brennen. Bunte Flammen sind's, Die durch das Aug' mit glüh'nden Zungen züngeln Und, durst'ge Vampire, an dem Hirn mir saugen. Das brennt! Das brennt! Das brennt! Dasselbe, was Des Menschen Himmel ist, ist seine Hölle. 's gibt Menschen, die nur beten dürfen, und Ablassen muß der böse Geist von ihnen. Ich kann der Kirche schenken. Die Kirch' ist feil. Für Geld verkauft der Priester mir den Himmel. Für Geld ist Erd' und Himmel feil. Haha! Olivier . Ein jedes Haar bäumt einzeln ihm die Angst Und Schauer kräuseln flüchtig seine Haut, Wie Wirbelwind den Staub am Boden hin. Aufzuckt Entsetzen jeder Nerv an ihm, Ein jeder Nerv ein Mensch im Todesringen. Jetzt faltet er die Hände. Welch ein Beter! Cardillac . 's könnt' jemand lauschen; Claudes Caton etwa – (Er singt.)                 Und laß dem Satan – Hol' euch die Pest, ihr Blutvergifter – halt' ihn! Mir nach, Olivier, schnell! halt' ihn! halt' ihn! Halt' ihn! Da läuft er fort mit meinem Schmuck. Mach mir die Füße frei, Olivier; Eine Spinn' umspinnt sie mir – da fall' nicht über Den roten Faden – ich lauf' und lauf' und lauf', Und komm nicht von der Stelle – und muß dort sein Punkt elf – da an der Mauer. Gib die Schmucke; Hörst du, Olivier? Laß Messen lesen. Dann hol' ich mir sie wieder. – So 'was kommt Nicht alle Tage vor; die werden lachen; Was steht ihr da und schüttelt euch! Bin ich Der Cardillac nicht mehr, der fromme Bürger? Hahahaha; die Guten ließ ich leben, Hab' nur die Schurken abgethan. Haha! Hörst du? hörst du? wie's hämmert hier? Haha, Und hin und her ächzt in der Nerven Kreuzgang? Wie's angstvoll an die leeren Zellen pocht? Wie's ruft, wie's trippelt hin und her und stöhnt? 'ne arme Seel', die soll begraben werden, Und hämmert jetzt sich selber ihren Sarg. (Singt.)                 O du heilig ewig Gut,                 Nimm uns du in deine Hut! Ich will euch – Harnisch unterm Koller tragen, 'nen tugendhaften Mann zum Narren haben, Mit meinem eignen Dolche mich bedienen –! Olivier . Sie kommt. Gott! wenn sie seine Reden hört, Wenn sie erfährt – Cardillac .                       Ich will euch, Schurkenpack! Halt' ihn! Halt' ihn! Halt' ihn! Olivier! Er hat meinen Schmuck noch. Bohr' ihm durch den Harnisch! Such' seine Seele mit dem Dolch! Halt' fest, Und laß sie nicht! Die Seelen sind wie Luft, Wie Blasen. Halt' sie fest! Nagl' ihm die Seele Ans Herz! Häng' sie an seinen Därmen auf! Halt' ihn! Halt' ihn! Zapf' ab! Zapf' ab! Zapf' ab! (Singt.)                 Und fassen uns des Todes Wehen,                 Laß deine Engel um uns stehen. Neunter Auftritt. Madelon im Nachtkleide und aufgelösten Haaren; mit einem Licht. Die Vorigen . Cardillac . Was ist da – da – da – da? – ein weißer Engel? Er thut mir in der Seele Augen weh. Ich kann das Weiße nicht – hat er meinen Schmuck? Und wenn's ein Engel ist. meinen Schmuck soll er Mir geben. Madelon (vom ersten Schreck erholt) .                     Vater! Vater! Was ist dir? Cardillac . Ich hab' ein Kind? – Ach, so ein frommes Kind, Dein Atem kühlt mit süßem Veilchenduft – Das wäre schön, wenn nicht – jetzt faßt er mich, Der Tod – Laß – laß – oh – oh – (Er kann nicht mehr sprechen.) Olivier .                                                 Siehst du? Er winkt. Die Hand sollst du ihm geben – Madelon .                                           Vater, stirb Mir nicht! Ach, stirb mir nicht! Was hab' ich dir Gethan, daß du mir stirbst? Olivier .                                       Er legt deine Hand In meine – sieht nach dem Schranke – wie? was meint Ihr? Er deutet – macht ein Kreuz – ja, ich versteh' Euch. Ja; ja; er zuckt! es ist vorbei. – Madelon .                                           Nein! Nein! Er soll noch leben! Nein, er muß noch leben! Laß ihn nicht sterben! Liebst du mich, laß ihn Nicht sterben! Wenn du Mitleid hast mit mir – Ich will dir alles, was du willst – nur laß ihn Nicht sterben! – Olivier .                       Madelon! Mein armes Mädchen! Madelon . Gott, hier ist Blut – ist – Hülf'! Er ist ermordet! Olivier . Um Gottes willen, schweig'! – Wenn's jemand hörte! Madelon . Olivier! Hülfe! Hülfe! Olivier (außer sich) .                     Du sollst schweigen! Die Wache zieht vorbei. Ach, Madelon, Komm zu dir! Madelon .               Du? Du bist's? Und hätt' ich mich Verloren, hier in deinem Aug' fänd' ich Mich wieder. Ach, Olivier, könnt' ich Nur weinen! Olivier .                 Horch! Was ist das? Madelon .                                               Nun hab' ich Nur dich noch auf der Welt, nur dich allein! Olivier . Um Gottes willen! horch; da auf der Treppe – Es klingen Sporen. Gott! wer wird mir glauben! Madelon . Was fürchtest du? Ist nicht mein Vater nun Ein Engel? Fühlst du's nicht? Mir ist, es weht Um uns wie leiser, lauer Flügelschlag. Nun bet' ich noch um eins so gern zu Gott. Bei ihm ist ja der gute Vater nun! Zehnter Auftritt. Caton , Degrais , Gendarmen , erst noch in der Szene. Die Vorigen . Caton (draußen) . Hierher, Herr Polizeileutnant Degrais! Hier war's, hier oben. O, ich kenne noch Den Gottseibeiuns; der macht Claudes Caton Nichts vor. Degrais (weiter entfernt als Caton) .                     Nicht einen Fußbreit dieses Hauses Laßt undurchsucht. Caton .                           Wenn Eure Leute nur Standhalten. Degrais .               Ihr seid sicher. Caton .                                           Meinetwegen? Mit meinem Rosenkranz und frommen Sprüchlein Nehm' ich's allein auf mit dem Gottseibeiuns. Laßt sehen, wer den andern schützen wird. Ihr mich oder ich Euch? Nur hier herauf. Kein Wunder, daß Ihr nicht den Bösen fangt; Der wird Euch leichter fangen als Ihr ihn. Er hat Euch schon. Das Liebeln, Trinken, Spielen, Das Fluchen und das weltliche Erzeugen , Das sind die Henkel, dran er Menschen faßt. Nehmt's nicht für ungut, Herr, doch ich muß sprechen, Wenn mich der Geist regiert. Wie kommt Ihr mir? Ihr wäret mir die rechten Himmelsfechter. Wozu das Schwert? Einen Weihwedel hängt An Eure Seiten. Ein Gebetbuch faßt Anstatt des Stabs in Eure Hand. Was soll Dies weltliche Gekrös von Posamenten? Hängt's Paternoster um. Das ist Euch besser. Dann fangt den Satan Ihr; so fängt er Euch. Degrais . Gut ist's, Frau Caton, was Ihr sprecht. Doch besser, Wenn Ihr jetzt schwiegt. Caton .                                   Glaubt Ihr, ich kann nicht schweigen? Doch muß ich schweigen, bin ich unnütz hier. Degrais . Wir brauchen Euch, Frau Caton. Caton .                                                       So; Ihr braucht mich? Ich brauche niemand. Doch – wenn Ihr mich braucht, Claude Patru ist mein Herr; ich weiß nicht, ob er Euch kennt? – Nein, Gott sei Dank, er kennt Euch nicht. Und ging ich, nicht um Euretwillen ging ich, Denn seht: ich steh' in Gottes Namen hier. Doch Ihr sollt sehen, daß ich schweigen kann. Nur immer hier heran. Hier ist die Thür, Hier in der Stube war der wilde Zank. Ich wohne gleich darunter. Hier ist vorhin Geröchelt worden. Hier herein, so fangen Wir den Gottseibeiuns in seinem Nest. Ich habe nicht umsonst gewacht. Ich wußte: (Sie tritt ein mit ihrer Lampe.) Der Herrgott hatte Großes mit mir vor. Degrais (tritt ein; Gendarmen besetzen die Thür) Im Namen des hochpeinlichen Gerichtshofs Chambre ardente ; was ist hier geschehn? Caton . Ihr fragt noch, Herr? Seht Ihr nicht hier? Da liegt er, Der tugendhafte Mann – doch ich kann schweigen. Degrais (untersuchend) . Gemordet? Leuchtet her. Caton .                                     Gott sei uns gnädig! Degrais . Ha, endlich. Gott sei Dank! Caton .                                                 Seid Ihr ein Heide? Wollt Ihr uns allesamt – doch ich kann schweigen. Degrais . Dieselbe Wunde. Endlich, endlich sind wir Der Mörderbande auf der Spur. Wer ist Der Bursche hier? Caton .                           Olivier Brusson, sein (auf die Leiche zeigend) Geselle. Degrais .       Seht, wie er erbleicht. Olivier .                                             Herr, wenn ich Erbleiche, so ist's nicht aus Schuld. Ich bin Unschuldig. Bleich macht der Gedank' mich nur, Daß ich als schuldig Euch erscheinen muß. Degrais . Müßt Ihr? Das mein' ich eben. Olivier .                                                   Ihr müßt glauben: In diesem Zimmer sei die That geschehn, Und ich der Täter. Degrais .                       Ja; das muß ich denken, Bis Ihr mir, daß es anders ist, beweist. Frau Caton, sprecht: Habt Ihr an diesem Burschen Bemerkt, daß er jähzornig ist? daß er Im Streit mit seinem Meister war? Caton .                                                   Hm ja; Jähzornig? Nun, das weiß ich selber nicht. Noch vor acht Tagen, das weiß ich gewiß, War er ein andrer. Wie 'ne Taube, seht, 'ne ausgestopfte Taube, lustig, rot Von Wangen – ei, er war ein hübscher Junge. Ein Hammerschlag, ein muntrer Ton und wieder Ein Hammerschlag: so schmiedet' er ein Lied Und eine Arbeit miteinander fertig, Und Lied und Arbeit, beides war geraten. Ja, damals hatt' er stets ein freundlich Wort, »Ein guten Tag, Frau Caton«; und seit gestern, Glaubt Ihr, daß mich der Bösewicht nur einmal Gegrüßt hat? – Und wie ich Euch schon gesagt, Der Meister jagt' ihn fort und bracht' ihn doch Den nächsten Morgen selbst ins Haus zurück. Olivier . So wahr ich lebe und so wahr Ihr lebet, In diesem Haus ist's nicht geschehn. Der Meister War ausgegangen – Caton .                             Ausgegangen? Seht doch! Euch wird schon noch der Lügenatem ausgehn. Olivier . Und in der Straß' Nicaise stach ihn einer An meiner Seite tot. Ich trug ihn heim. Caton . Ihr trugt ihn heim? Durchs Fenster? Durch den Schornstein? Ihr trugt ihn heim? Degrais .                       Nach Euern Worten scheint es, Es führt kein zweiter Eingang in das Haus. Caton . So wenig als zwei Wege in den Himmel. Und diesen einen Weg hielt ich belagert Mit allem Sturmgeschütz der Frömmigkeit. Hab' mit den Augen hier den Seligen Die einz'ge Thür verschließen sehn; bin dann An seinem Schlafgemach vorbeigekommen, Da sang er einen gottesfürcht'gen Vers – Es ist noch keine Stund' vorbei seitdem – Und bin seitdem nicht von der Trepp' gekommen. Und wär' er ausgegangen, was doch nicht ist, So müßt' er mir vorbeigekommen sein – Das wär' er nimmer ohn' ein freundlich Wort; Und müßt' die Thür alsdann geöffnet haben – Denn durch verschlossne Thüren geht kein Mensch. Und nur vorhin hab' ich den Seligen Mit ganz erstickter Brust hier röcheln hören: »Halt' ihn! Halt' ihn!« Und, Herr, wie klang Euch das! Degrais . Was sagst du nun? Wie, Bursche? Olivier .                                                         Herr, so wahr Ein Gott im Himmel ist, der Meineid straft, Ich kann nicht anders sagen, als ich sagte. Vor meinen Augen stach ihn einer tot. Degrais . Geschah's, ihn zu berauben? Olivier .                                                 Herr, ich weiß nicht. Degrais . Und du hielt'st nicht den Mörder ab? Du standest Dabei und ließest es geschehn? Stand'st ruhig Dabei? riefst nicht um Hülfe? Olivier .                                           Herr, zum erstern Kam ich zu spät. Und Hülf' herbeizuholen, Verbot der Meister selbst. Ich durft' es nicht. Degrais . Wenn Ihr wollt lügen, lügt wahrscheinlicher. Und was hatt' er so spät in jener Gasse Zu thun? Olivier .         Ich weiß nicht. Degrais .                                 Was du selbst? Olivier .                                                           Ich kann's Euch Nicht sagen. Degrais .             So? Kommt mir doch etwas näher. Ihr blutet wohl zuweilen aus der Nase? Oder habt Euch geritzt? Olivier .                                 Als ich ihn trug, Da floß das Blut von ihm auf mich herab. Degrais . Und ließ, der ihn erschlug, den Dolch zurück? Nahm er ihn mit sich? Olivier (verwirrt) .               Herr, das weiß ich nicht. Degrais . Es scheint, wir wissen mehr als Ihr. Er nahm Ihn mit sich. Wußt' er, daß der That Genosse Auch ihr Verräter würde sein – (Mit feierlich erhobener Stimme.) He! Ihr, Olivier Brusson; (Er reißt ihm rasch den Dolch aus der Tasche und hält denselben ihm vor die Augen.)                               wovon ist der Dolch In Eurer Tasche blutig bis ans Heft? Olivier . Ich bin verloren! Ohne Schuld verloren! Degrais (untersucht) . Das Messer und die Wunde hier verleugnen Sich nicht. Mit diesem Dolch ist es geschehn. Olivier . Der Meister wollt' es so, daß ich den Dolch Ihm aus der Wunde nahm und ihn versteckte; Er wollte nicht, daß es sein Kind erführe – Degrais . Er wollte? Ihr, Ihr wolltet's nicht. Genug. Faßt ihn und legt ihm Ketten an die Hände. Vielleicht, wenn er die span'schen Stiefel trägt, Fällt dann ihm ein, was jetzt ihm ist entfallen. Olivier . Gott! Die Tortur! Allmächt'ger Gott! Sie werden Mich zwingen, zu gestehn, was ich nicht weiß. La Regnie läßt kein Opfer aus den Händen. Fesselt mich nicht – und ich bekenn' Euch alles. Ich bin unschuldig, doch – Degrais .                                     Und doch unschuldig? Hört man Euch Buben selbst, seid Ihr nie schuldig. Olivier . Ich will Euch nichts verschweigen. Ihr sollt sehn, Daß ich der Schuldige nicht bin. Zwei Thüren nur (mit einer Bewegung nach dem geheimen Wandschrank hin) Brauch' ich zu öffnen, und Ihr müßt mir glauben. Unglücklich bin ich; schuldig bin ich nicht. Laßt mich, und Ihr sollt sehn. Degrais .                                         Wohlan, so laßt ihn; Zeig' uns, daß du unschuldig bist, und du Bist frei. (Sie lassen ihn.) Olivier .           Was thu' ich? (Nach Madelon blickend, um welche, da sie ohnmächtig, Caton beschäftigt ist.)                                       Madelon! – Ich darf's nicht. Nein. Führt mich fort! (Sie halten ihn wieder.)                                       Nein, laßt mich! Großer Gott! (Er sinkt auf die Kniee.) Was thun? Was thun? O Gott, erleichtre mir Den Kampf. – Hier sterben, schmerzens-, schreckensvoll, Und doch unschuldig – dort, o Madelon, Meine arme Madelon! Es wär' ihr Tod. Wie hast du so entsetzlich mich verlassen! Und doch, sterb' ich, so muß sie mich verfluchen – Und trag' ich alles, das ertrag' ich nicht. Ich will sie fragen. Madelon! (Sie fährt aus ihrer Lethargie auf und umschlingt ihn leidenschaftlich.)                                                 Kann ich Sie lassen? Ich muß leben! Ich muß leben! Dies Auge soll ich nicht mehr sehn, wie's Frieden Und Ruh' mir in die trübe Seele blickt – Ja; ich will leben! Ihr sollt sehn, daß ich Unschuldig bin. Ich bin der Mörder nicht. Ich will Euch zeigen, wer der Mörder war. Madelon . Mein frommer Vater, hilf uns doch vom Himmel! Olivier, sei unverzagt. Er ist Ja dort und wird dir helfen. O, ich weiß es! Olivier . Du weißt es, daß er dort ist? – Ja; so muß Ich sterben. Eins nur, Madelon, nur eins, Eins laß mich fragen: Hältst mich du für schuldig? Wenn sie mich töten – Madelon .                             Dich, Olivier? Wenn sie dich töten, will ich auch nicht leben. Olivier . Glaubst du an meine Unschuld? Madelon .                                                 Wie an Gott Und meinen Vater. Olivier .                         Ja; es muß! – So führt mich, Wohin Ihr wollt. Ich bin bereit, zu sterben. Verdien' ich's, ist es nicht um diesen Mord. Schuldig bin ich – und doch bin ich unschuldig. Degrais . Schließt ihn und führt ihn fort. Wer ist dies Mädchen? Caton . Des Sel'gen Tochter, Herr. Ein Engel. Degrais .                                                           Weiß Sie von der That? Caton .                         Ich ging nur erst von ihr. Sie legte sich zu Bett. Olivier .                               Als ich sie weckte, War alles schon geschehn. Caton .                                       Seht Ihr, wie sie Sich schämt, daß Ihr sie so betrachtet? Degrais .                                                       Vorwärts. Madelon (an Olivier hängend) . Ach, Herr, nehmt ihn mir nicht. Ich habe niemand Mehr auf der Welt als ihn. Er ist unschuldig. Seht, wenn er schuldig war', liebt' ich ihn nicht. Er ist so brav, so gut. Ach, Herr, warum Sollt' ich das sagen, wenn es anders wäre! (Auf ein Zeichen von Degrais bewegt sich der Zug.) O Gott, Ihr hört mich nicht. Ihr wollt ihn töten. Ich aber laß ihn nicht. Erst tötet mich. Wenn Ihr ihn tötet, tötet Ihr mich mit, Und wenn Ihr's nicht wollt. Führt mich mit! Degrais .                                                               Das könnte Noch werden. – Vorwärts. Madelon .                                     Führt mich mit! Wo er ist, Muß ich sein. Wo er nicht ist, kann ich ja Nicht sein, kann ich nicht leben. Habt Erbarmen!. Ihr tötet mich doch einmal, trennt Ihr uns. Degrais . Zurück! Olivier (indem er weggeführt wird) .                       Ach, Madelon! arme Madelon! Meine arme Madelon! Degrais .                               Vorwärts! Madelon (will zu Olivier; dieser aber ist so von Gendarmen umgeben, daß sie nicht zu ihm kann) .                                                         Olivier! (Sie sinkt um; Caton bemüht sich um sie.) Olivier (an der Thür schon, hält mit Gewalt an) . Ihr zürnet mir, Frau Caton. Nicht um mich Erfüllt mir eine Bitte. Schützt die Arme, Die stützenlos nun in der Welt soll stehn. Betet für mich, denn ich muß sterben, weiß ich. Ihr haltet mich für einen Bösewicht; Und ich nur weiß, daß ich unschuldig bin. (Auf erneuten Wink Degrais' drängen die Gendarmen ihn mit sich fort. Indem fährt Madelon aus Catons Armen auf, sieht sich wild um und eilt außer sich nach. Einige tragen den Leichnam ab.) Vorhang fällt. Ende des dritten Aufzuges .   Vierter Aufzug. Bei der Scuderi (wie früher) . Erster Auftritt. Serons und Martinière im Gespräch; sie sprechen leise, um Madelon nicht zu wecken, die auf einem Ruhbett schlafend liegt. Martinière . Da schleppte man den Mörder eben fort. Serons . Den Mörder Cardillacs? Martinière .                                   Den Leichnam trugen Zwei Männer nah' genug an uns vorbei, Daß ich erkennen konnte, wer es war; Obgleich nur eben erst die Sonne aufging. Serons (auf Madelon zeigend) . Das Mädchen aber – Martinière .                       Hing wie außer sich Dem Mörder um den Hals; und als man ihn Gewaltsam von ihr trennte, schlug sie nieder In Ohnmacht auf das Pflaster. Wie sie das sah, Da ließ mein Fräulein halten. Alles war Vergessen, Landpartie und Freundin – alles. Das war so Wasser auf des Fräuleins Mühle, Die Jagd auf die Verlassenen macht. Sie nahm Das Mädchen von dem Pflaster in den Wagen; Zurück ging's, und wir waren wieder hier, Von wo wir kamen. Serons .                             Und das Fräulein? Martinière .                                                     Damit War's nicht zu Ende. Recht ging's nun erst an. Serons . Die Kleine blieb dabei, ihr Bräutigam sei Der Mörder nicht – Martinière .                     Ja. Und mein Fräulein hat Sich's nun geschworen, unversucht will sie Nichts lassen, was den Menschen retten kann. Serons . Das sieht dem Fräulein ähnlich, wie das Mitleid Den Engeln. Doch vergeblich müht sie sich. Eh' windet sie dem Satan eine Seele Aus der Hand, als diesem La Regnie ein Opfer. Und gegen ihren Schützling spricht zu viel, Als daß man ihre Meinung teilen könnte. Martinière . Nun ging's sechs Tage lang von Pontius zu Pilatus, zu La Regnie, zu – weiß ich's? Sie ißt nicht, schläft nicht – und da hilft kein Wort. Jetzt eben ist sie wieder auf der Straße. (Nach Madelon zeigend.) Wär's nicht ein gar so liebes Kind, ich könnte Der Kleinen dort in vollem Ernste gram sein. Serons . Da kommt sie selbst. Zweiter Auftritt. Fräulein . Martinière . Serons . Madelon (schlafend) . Martinière .                               Und ganz erhitzt. Serons .                                                                 Mein Fräulein. (Küßt ihr die Hand.) Fräulein . Mein alter Freund, willkommen. Serons .                                                       So erhitzt – Martinière (stellt ihr einen Stuhl) . Ruhn Sie erst aus, bevor Sie sprechen. Fräulein (betrachtet erst Madelon liebevoll)     Ruhn? La Regnie ruht nicht. Serons .                             Lassen Sie doch den. Was geht Sie der an? Fräulein .                           Seht, er weiß noch nicht, Daß ich ein Advokat geworden bin. Ei, das versteht ihr nicht, ihr jungen Leute; Ein junger Anwalt, der muß rührig sein. Serons (will ihr den Puls fühlen) . Sie müssen – Fräulein (immer im Scherz) . Dacht' ich's nicht? Er will den Puls Mir fühlen. Ja, das ist so hergebracht. Wenn man das Rechte will mit rechtem Ernst Und nicht bloß auf die eigne Ruhe denkt, Dann fühlen uns die Leute an den Puls. Serons (ebenso) . Wenn jemand will Unmögliches erzwingen, Dann ist's am Platz. Sie, bestes Fräulein, sollten Sich schonen. Fräulein .               Schonen. Ja; das ist das Wort. Man muß das Unrecht dulden, wo es sei, Wenn's uns nur nicht betrifft; das heißt: sich schonen. Ich dachte schon, Serons, auch Euch zu werben Zu einem Kämpfer der bedrohten Unschuld. Ihr geltet was beim König und man hört Euch. Hab' ich die Rechnung ohne Wirt gemacht? Helft Ihr mir, Freund? Oder müßt Ihr – Euch schonen? Wie? Serons (bedenklich) .           Fräulein – Fräulein (ahmt's ihm nach) . Fräulein – O, nun ist's schon gut. Inkommodiert die Zunge mir nicht weiter. Antwort genug hab' ich an dieser Probe. Serons . So machen sie's, die Ritter von dem Recht; Niemand ist ungerechter – um das Recht. Fräulein . Und Ihr seid ein Besonnener, der vor Besonnenheit nicht zur Besinnung kommt. An Euch, ich seh's schon, darf ich mich nicht wenden. Was ich bedarf, ist Hülfe, wackre That. Ich weiß, was man bei euch, ihr Klugen, findet: Rat, der nicht rät, und Hülfe, die nicht hilft. Ihr, die ihr bis zur Unbesonnenheit Besonnen seid, geht mir, geht. Einen brauch' ich, Der sich vergessen kann. Das könnt ihr nicht. Serons . Und doch – gesetzt – Fräulein .                                 Ja, wenn und in dem Fall Der Fall vorfiele, daß, im Fall der Fall wär' – Die einz'ge Antwort, die ich brauchen kann, Die heißt: Ja oder Nein. Ich will, will nicht. Atem vergeudet, wer die That will sparen. O, ihr Besonnenen, so zeigt mir doch Das Große, was ihr auf der Welt gethan? Das Größte, was geschah – die Klugheit nicht, Die Einfalt that's in edelm Selbstvergessen, Und die Besonnenheit – hat zugesehn. Vielleicht thu' ich Euch Unrecht und Ihr seid Noch nicht verloren, seid noch zu entflammen. (Sie führt ihn vor das Ruhebett.) Hieher, Serons, hier kommt mir her und seht Dies Antlitz. Seht es noch einmal und wagt Mir nur mit eines Zweifels Hundertteil Die Wahrheit dieser Stirne zu verleumden. Ihr sollt dem Mund nicht glauben, wenn er wacht; Euch will ich's glauben, Mund und Wachen lügt. Doch Aug' und Stirn und Schlummer lügen nicht. Seht her und wagt's zu sagen:»Dieses Mädchen Liebt einen Mörder.« – Wär' es; ja, dann traut' ich Mir selbst nicht mehr. Und sagt mir einer dann: »Der Meister Serons hat's gethan, Ihr selbst Habt ihm geholfen« – dann – dann glaub' ich's ihm, Dann glaub' ich alles, wär's auch noch so toll; Dann ist der Schöpfer selber der Verfälscher. Serons . An dieses Kindes Reinheit zweifl' ich nicht. Doch alles, was man weiß, spricht gegen ihn, Ihr seid's allein, die seine Sache führt. Fräulein . Die Welt ist hart; sie glaubt das Schlimme lieber. Der Angeklagte ist den meisten Menschen Schon ein Gerichteter. Was gegen ihn spricht, Das weiß man; weiß man auch, was für ihn spricht? Was ihn verdammen kann, drum müht sich jeder, Da weiß der was und der; zu seinem Besten, Ach, da hat niemand Lust und niemand Zeit. Ihr seid wie alle. So spricht der La Regnie, So Degrais. Ach, an Härte sind die Menschen Sich alle gleich. Dritter Auftritt. Baptiste (ängstlich). Vorige . Fräulein .                     Was fehlt dir? Baptiste .                                              Nur erschreckt Mir nicht; ach, gnäd'ges Fräulein – Fräulein .                                                 Närrischer Baptiste; warum sagst du nicht: »Erschreckt mir?« Denn beides sagt dasselbe. Und nun sprich, Warum? Baptiste .       Der Polizeileutnant – Martinière .                                       O Himmel! Was will der bei Euch? Baptiste .                               Degrais will Euch sprechen. Fräulein . Seid Ihr so kindisch noch und fürchtet Euch Vor einem Titel? Laß ihn ein. Baptiste .                                         Es ist Nie etwas Gutes, was der bringt. Und einen Verhängten Wagen führen sie mit sich. Fräulein . So ist er nicht allein? Baptiste .                                   Am Wagen unten, Da halten vier Bewaffnete. Fräulein .                                     Laßt ihn Nicht warten. Baptiste geht kopfschüttelnd. Vierter Auftritt. Degrais . Vorige . Degrais .                 Edles Fräulein, Ihr entschuldigt Mein Kommen mit des Präsidenten Auftrag. Fräulein . Entschuldigt, daß ich sitze, Herr, und thut Das Gleiche, dann – Degrais .                           Mein Auftrag lautet nur An Euch. Fräulein (zu Serons) . Mein werter Freund – Serons küßt ihr die Hand und entfernt sich. Fräulein (zur Martinière) . Geh, Martinière, nimm die Kleine mit dir. Martinière weckt die Madelon , bedeutet sie, und beide gehen durch die Seitenthür ab. Fünfter Auftritt. Fräulein . Degrais . Fräulein . Und nun sind wir allein. Nun sprecht. Ich höre. Degrais (hat auf ihren Wink Platz genommen) . Der Präsident La Regnie würd' Euch nicht Belästigen, mein Fräulein, kennt' er nicht Eure hohe Tugend, Euern edeln Mut. Es liegt in Eurer Hand das letzte Mittel, Der Sache Wahrheit an den Tag zu bringen, Die Euch so wichtig scheint als uns. Fräulein .                                                   Ihr sprecht Von dem Olivier Brusson. Redet weiter. Degrais . Er dringt in uns mit flehentlichen Bitten, Ihm zu erlauben, daß er Euch, mein Fräulein, Sein Herz entdecke. Alles will er Euch Gestehn. Laßt Euch herab, mein gnädig's Fräulein, Und Ihr erspart vielleicht ihm die Tortur. Fräulein . Ich soll – (Sie steht auf, ernst.)                         Mein Herr, hab' ich Euch recht verstanden? Ich zweifle noch, ob man es wagt, mir eine Gemeinheit zuzumuten solcher Art. Aushorchen soll ich den Unglücklichen? Soll sein Vertraun mißbrauchen und verraten? Und wär' er auch der Mörder, der er scheint, Und hört' ich ihn, so ruhte sein Bekenntnis Mir als ein Beichtgeheimnis in der Brust. Degrais . Vielleicht, mein Fräulein, änderte sich dann Euer Entschluß. Erinnert Euch, Ihr batet Den Präsidenten selbst um Menschlichkeit. Ihr sollt allein ihn sprechen. Niemand soll Behorchen, was er Euch vertrauen wird. Ihr könnt es dann entdecken, könnt's verschweigen, Könnt so viel davon sagen, als Euch gut dünkt; Das alles hängt von Euerm Willen ab. Und daß Ihr nichts zu fürchten habt von ihm, Dafür steh' ich mit meinem Leben ein; Er spricht von Euch mit brünstiger Verehrung. Fräulein . Ihr habt ihn bei Euch? Degrais .                                     Sprecht Ihr Ja, so steht er Den Augenblick vor Euch. Und sprecht Ihr Nein, So geht die Untersuchung ihren Gang, Und die Tortur – Fräulein .                     O Gott! Degrais (zuckt die Achseln) .       Wir müssen ein Geständnis haben – Fräulein .                         Ein Geständnis; ja, Und wär's ein falsches, ein Geständnis nur! Geht, geht, Ihr Helfer der Gerechtigkeit; Ihr machtet einen Engel zu dem Mörder, Nur, daß Ihr nichts vergebens habt gethan. (Nach kurzem Besinnen.) So laßt ihn kommen. Degrais (aus der Thür) .     Olivier Brusson, kommt Herein! Sechster Auftritt. Olivier . Vorige . Degrais .       Ich mache Platz. Fräulein (wie sie den Olivier sieht) . Was seh' ich? Laßt mich Mit diesem Menschen nicht allein. Gott! ist Es der? – Hört, nehmt ihn fort. Den Menschen will ich Nicht sprechen. Degrais .                   Kommt denn, Bursche. Olivier .                                                         Großer Gott! Auch diesmal soll mir's nicht gelingen? Fräulein .                                                         Geht! Geht. Hört Ihr? Degrais mit Olivier ab. Siebenter Auftritt. Das Fräulein allein, bald darauf Madelon . Martinière . Fräulein .                   O so ist es doch! ist doch! Es ist derselbe, der das Kästchen – Gott, Warum durft' ich nicht sterben, eh' ich das Erfuhr! Madelon stürzt herein. Martinière sucht vergeblich sie zurückzuhalten. Madelon .       O Mutter! Meine zweite Mutter! Er ist gerettet! Nicht? Ach nein. Ihr weint. Fräulein . Geh – geh – Madelon .                     Was ist Euch? Hab' ich Euch gekränkt? Was hab' ich Euch gethan? Fräulein .                                     Nichts. Nichts. Das Herz Gebrochen – weiter nichts. Martinière .                                 Was ist Euch nur? Fräulein . Geht! Geht mir! Ihr seid alle falsch. Ich mag nicht Mehr leben. Martinière .         Gott! Was ist hier nur geschehn? Fräulein . Und hätt's ein Engel mir gesagt – die Schrift Auf dieses Mädchens Stirn ist nachgemünzt. Die Thränen fließen nicht des Vaters Tod, Sie fließen seinem Mörder, dem Gedanken Der eignen Schuld, der Furcht vor eigner Strafe, Vor – Gott! wohin gerat' ich da? Madelon .                                             Ihr seht Mich nicht mehr an. Und ich weiß nicht – Fräulein (die sich mühsam gefaßt zeigt) .             Geh, tröst' Über den Mörder dich, den ein gerechtes Gericht verfolgt. Und mög's die heil'ge Jungfrau Verhüten, daß nicht auf dir selbst ein Teil Der Blutschuld laste. Madelon .                           So ist alles, alles Verloren! (Sie sinkt um; die Martinière um sie beschäftigt.) Fräulein .         Meine Welt ist mir zerbrochen, Meine Welt voll hoher, edeler Gestalten; Die Scherben stechen mir die Seele wund. Und in La Regnies Welt soll ich nun leben. Wie bin ich hülflos, schwach und ganz verlassen In dieser kalten, schauerlichen Welt! Wenn ich nicht unbedingt mehr trauen darf – Wo fängt der Zweifel an? wo hört er auf? Madelon (knieend) . Ach Gott! Mein Vater, der du nun bei Gott bist, Bist du nicht mehr so gut? liebst mich nicht mehr, So wie du mich geliebt, da du noch lebtest? O, ist der Himmel dir so schön, daß du Dein armes Kind vergißst, das du auf Erden Zurückgelassen hast in Not und Zagen? Fräulein (die sich erst von Madelon wegwenden wollte, um nicht bestochen zu werden, kämpft mit dem Eindruck) . Hör' auf. Hör' auf. Zerreiß' mir nicht das Herz Noch vollends. – Wer kann diese Töne hören Und doch mißtraun? – Und muß ich denn? Wer kann Mich zwingen? Hab' ich siebzig Jahre der Tugend Gelebt, nur um im einundsiebzigsten An ihrem Dasein zu verzweifeln? Nein! Vertrauen, Lebensatem meiner Seele, Dich will ich atmen, bis ich nicht mehr atme. Du, Martinière, schnell! Baptiste soll eilen, Degrais zu sagen, daß er wiederkehre (da Martinière sprechen will) Nein. Geh erst, und dann rat' mir ab! Martinière ab. Achter Auftritt. Vorige ohne die Martinière . Fräulein . (kann sich nicht mehr bemeistern; sie nimmt Madelon in die Arme) .                                                             Mein Kind! Meine Madelon. Mein liebes, armes Kind. Madelon (umschlingt sie leidenschaftlich) . Ach, nun ist alles gut. Sie liebt mich wieder! Fräulein . Muß ich auch noch dich ängsten, liebes Wesen? Madelon . Ja, du wirst helfen, meine zweite Mutter! Fräulein . Vertrau' mir nicht so. Rot werd' ich, ich fühl's, Wenn du mich so beschämst. Nur kaum, daß ich Die Welt geschmäht um ihrer Härte willen, War ich schon selber hart. – Ach, schon sein Namen – Olivier Brusson – mußte mich zur Milde Bewegen. Gott, nun fällt mir ein, was mich So eigen ansprach in des Menschen Zügen, Es war etwas von Anne Guiots Antlitz. Es war ihr Aug'. Wie konnt' ich nur –! Sie selbst Hab' ich von mir gewiesen in dem Armen. Gewiß, nur Schmerz sprach aus den milden Zügen. Sie kommen schon. (Zu Madelon.)                                 Mein liebes Leben, geh jetzt, Laß mich allein. Madelon umarmt das Fräulein leidenschaftlich und geht. Neunter Auftritt. Martinière . Degrais. Fräulein . Dann Olivier . Degrais .                     Mein edles Fräulein, Ihr Befahlt – Fräulein .         Entschuldigt, daß ich mich so kindisch Benahm. Ich habe mich gefaßt und will Ihn sprechen. Degrais (wartet, bis Martinière auf des Fräuleins Wink in die Seitenthüre ab, welche das Fräulein selbst verriegelt, dann öffnet er die Mittelthür) .                         Kommt herein, Olivier Brusson. Anderthalb Stunden Zeit durft' ich Euch gönnen. Davon ist schon ein großer Teil verstrichen. Drum faßt Euch kurz. – Ich gehe (zum Fräulein) .                                                     Ein Glockenzug Ruft mich, wenn Ihr mich braucht. (Ab.) Zehnter Auftritt. Olivier . Fräulein . Fräulein .                                               Unglücklicher, Nun sprecht; wir sind allein. Olivier .                                         Verehrtes Fräulein, Erschreckt nicht vor mir. Mit dem rechten Namen Nanntet Ihr mich. Und bin ich schuldig, bin ich Weit unglücklicher, als ich schuldig bin. – Ach, kennt Ihr mich den gar nicht mehr? Ist Euch Mein Antlitz stumm? Spricht nicht mein Auge mehr Die Sprache, die Euch wiedertönt im Herzen? Ihr meintet selbst, wie ich so klein noch war – Fräulein . So trog's nicht. Ihr seid Anne Guiots Sohn. Sie war's, die mich aus diesen Augen ansah. Und lebt sie noch, die gute Anne? Olivier .                                                 Nein. Ein gütig Schicksal schloß ihr Aug', daß sie Nicht sehn muß, was aus ihrem Kind geworden. Fräulein . Die Anne tot? Und Euch, mein Kind und Annens Kind, Muß ich so elend wiedersehn? Olivier .                                             Wie gern' Erzählt' ich Euch von meiner Mutter. Wie sie Undankbar schien, zudringlich nicht zu scheinen; Wie ich – doch meine Worte sind gezählt, Und reden muß ich Euch von andern Dingen. Die Welt hält mich für meines Meisters Mörder Und für ein Glied von jener Räuberbande, Will mich zur Auskunft zwingen über sie. Ich weiß, mein Fräulein, ich allein, wer jene Verruchten Thaten alle hat begangen, Mein Leben könnt' ich retten, nennt' ich ihn. Doch will ich sterben, und nur Ihr, nur Ihr Sollt wissen, was mit mir begraben wird. Ihr sollt mich nicht verkennen. Weiß ich nur, Daß Ihr verschweigen wollt, was ich Euch sage – Fräulein . Das will ich, meiner Anne armes Kind; Könnt' ich mehr thun für dich als das! Olivier .                                                       So hört. Es sind die Worte eines Sterbenden, Die Ihr vernehmen werdet. Sterben will ich. Was ich Euch sage – mich zu retten, sag' Ich's nicht. Weshalb sollt' ich Euch drum belügen? Doch Eilen gilt's. Degrais zählt die Minuten. Darum verschweig' ich's, wie zu Cardillac Ich als Geselle kam. Genug; da war ich, Und Madelon, des Meisters Tochter, war Mir hold; wir liebten uns. Deshalb stieß mich Der Meister eines Tages aus dem Haus; Denn nicht für mich hab' er sein Kind erzogen. Nun denkt Euch, was die Zeit mir nicht zu sagen Erlaubt, denkt meinen Schmerz. Euch wird's nicht wundern, Wenn ich die Nacht hindurch verzweiflungsvoll Das Haus umirrte, das mein Liebstes barg. Mein Schicksal wollt' es so. In dieser Nacht Sollte der Zufall mir enthüllen, was Selbst Degrais' Scharfsinn unenthüllbar blieb. Da stand ich an der Wand, die fensterlos Vom Hause Cardillacs nach einem engen Und dunkeln Gäßchen weist. Da hör' ich's knarren Sechs Schritt von mir, und – denkt Euch mein Erstaunen – Ein Heiligenbild, die einzige Verzierung An dieser Wand, bewegt sich, dreht sich leis Wie eine Thür nach innen, und heraus Kommt Cardillac geschlichen. Tiefer Schatten Verbirgt vor seinen Lauerblicken mich. Nun eilt er flüchtig und auf leisen Sohlen Hart an den Häusern hin. Ich – eil' ihm nach Ohn' einen andern Grund, als dunkle Ahnung, Ich könnte, eilt' ich nur, etwas Entsetzliches Verhindern. Gott! Die Ahnung trog nicht, insofern Sie das Entsetzliche vorausempfand. Doch zum Verhindern kam ich schon zu spät. Ich sah nur noch den Tigersprung, sah lautlos Das Opfer fallen, ihm den Schmuck entreißen, Und schon verbarg der Schatten jenen wieder. Ich warf mich auf das Opfer, ihm zu helfen Und es zu retten, wenn noch Rettung möglich. Es war ein junger, schöner Kavalier; Doch furchtbar sicher war der Stoß gewesen. Nun rannt' ich durch die Straßen; das Entsetzen Hinter mir her. Erst spät zwang Müdigkeit Mich, in der Herberg' mir ein Bett zu suchen. Ich schlief noch nicht, als mit der Sonne früh Ein Mann zu mir herein ins Zimmer trat. Gott! wie erschrak ich. Es war Cardillac, Und mit gutmüt'gem Poltern, wie's ihm zu Gebot stand, und als wäre nichts geschehn, Hieß er mich aufstehn und nach Haus ihm folgen, Wo Madelon, die einmal ohne mich Nicht leben könne, mich als Braut erwarte. Dann sagt' er mir, er sei ein großer Sünder, Durch mich jedoch gedenk' er sich zu bessern. Ich ging mit ihm. Da gab er später mir Einen Schmuck; es war derselbe, den ich Euch Auf sein Geheiß gebracht – Fräulein .                                     Nun wird mir klar – Erzählt nur weiter. Olivier .                         Als er Euern Namen Aussprach, da war mir schon, als wär' geholfen. Ich dachte mir: dem Fräulein sagst du alles, Was dich bedrängt, und sie wird Hülfe wissen, Wird wissen, wie der Cardillac unschädlich Zu machen ist, ohne daß Madelon Die Schande des verruchten Vaters teilt Und je erfährt, was sie – ach, teures Fräulein, Sie sieht in ihrem Vater einen Heiligen, Und Wahnsinn oder Tod brächt' ihr das Wissen. Fräulein . Ja; leidenschaftlich, wie sie ist – Olivier (freudig überrascht) .                         Ihr kennt sie? Fräulein . Ich sah sie neulich. Olivier .                                   O, so wißt Ihr selber, Daß sie ein Engel ist, o, so begreift Ihr, Warum ich lieber sterben will, als sie – Seht, teures Fräulein; sollen die Gerichte Ihres Vaters Leichnam aus dem Grabe reißen Und die vermoderten Gebeine noch Brandmarken? – Madelon wird mich beweinen Als den unschuldig Hingerichteten. Die Zeit wird diesen Schmerz sie tragen lehren. Doch tödlich, nimmer heilbar tödlich müßte Verzweiflung über sie die Wahrheit bringen. Drum will ich sterben. Fräulein (ihre Rührung bemeisternd) . Und du trafst mich nicht. Du suchtest mich noch einmal auf; auch da Gelang dir's nicht. An meines Wagens Schlag – Olivier , Ich war's; ich war der Elende, der Euch So oft erschreckte, ohne daß es ihm Gelingen sollte, Euch sein Herz zu öffnen. Mein böses Schicksal wollt' es so; denn anders Ständ's nun um mich, gelang mir's, Euch zu sprechen. Fräulein (wie vorhin) . Und Cardillac? – Er war – Olivier .                                       Er war's allein. Nicht eine Bande war's von Mördern. Ihn Trieb angeborner Wahnsinn zu dem Ärgsten. Ihn quälten wilde Träume, hetzten ihn, Bis er den Schmuck, den er gefaßt, dem Eigner Gewaltsam heimlich wieder abgenommen. Eines Tags erzählt' er's mir. Er öffnete Einen geheimen Schrein mir in der Wand. Drin hängen all die Schmucke, die er gewaltsam Durch Mord gewonnen, und bei jedem steht Auf einem Zettel Jahr und Tag und Namen, Wem er und wann das Leben hat gekostet. Fräulein . Entsetzlich! Ja, so trog sein Ansehn nicht, Trog nicht der Schauder, der mich damals faßte, Als – doch erzähle weiter. Olivier .                                       Heilig hatt' Ich mir versprochen, zwar um Madelon Den Schleier nicht zu lüften, der des Vaters Unthaten barg; doch – sei es mit Gefahr Des eignen Lebens – neue Greuel zu Verhindern; sonst war ich sein Mordgenosse. Da zeigte sein Gespenst ihm Euern Schmuck. Was hab' ich da gelitten! Ganze Nächte Lag ich versteckt bei der geheimen Thür. Ich warnt' Euch, meine Warnung war vergebens. Er ging. Ich eilt' ihm nach. Doch diesmal galt es Dem Grafen Miossens. Zum erstenmal Gelang der Stoß ihm nicht. Ihn selber traf Das Schicksal, das den Grafen treffen sollte. Ich trug ihn eilend heim auf meinen Schultern – Den Sterbenden – durch die geheime Thür. Hier legt' er röchelnd unsre Hände noch Ineinander, dann – Ihr wißt, wie man mich bei Dem Toten fand und für den Mörder nahm. Alles sprach gegen mich, und was für mich sprach, Das Dasein der geheimen Thür, des Schrankes Mußt ich verschweigen wegen Madelons. – Noch eins drückt mich. Der Sterbende hat mich, Da er schon sprachlos war, mit Blick und Zeichen Beschworen, das geraubte Gut der Kirche Zu übergeben. Ach, vielleicht wird Euch Es möglich, sein Begehren zu erfüllen. Pause. Das ganze Gefühl seiner Lage kommt über ihn; er sinkt weinend mit vor das Gesicht geschlagenen Händen in die Kniee. Die Scuderi weint auch. Er faßt sich und erhebt sich. Ich weiß, was mich erwartet. – Ihr, Ihr seid Gewiß von meiner Unschuld überzeugt. Nichts hab' ich sonst gethan, als daß ich schwieg; Doch keine Marter soll mir das entpressen. Und nun, – ach, hört die Bitten Anne Guiots; Sie ist's, die Euch in meinem Jammer fleht. – Und nun, ach! hört mich, hört die Bitten eines, Der sterben muß so jung und ohne Schuld: Erbarmet Euch der armen Madelon, Und dankbar will ich Euch noch sterbend segnend Fräulein (umarmt ihn, kann kaum sprechen) . Mein armes Kind! Olivier .                         O, wie Ihr mich beseligt, Wie Ihr das Sterben mir erleichtert! Fräulein .                                                   Gott! Das Sterben! Ist kein Weg denn mehr, dich zu Erretten. Ach! wenn ich verspreche, alles Zu thun, um dich zu retten, was ich kann – Wie ist das ein geringer Trost! Was kann ich, Die arme Greisin, ich, das schwache Weib, Als weinen, beten und vor Jammer sterben. (Sie besinnt sich.) Eins kann ich doch. Kann eine Freude dir Bereiten. Höre; du sollst jemand sehn. Rätst du den Jemand? (Sie ruft durch die entriegelte Thür.)                                     Madelon! Olivier .                                               O Gott! Sie ist's? Sie hier? Sie soll ich sehn? Elfter Auftritt. Madelon . Vorige . Madelon (stürzt in seine Arme) .                   Olivier! Olivier . Du bist's? Mein Einzig's? Madelon .                                       Bist du's denn? Ich kann dich Vor Thränen noch nicht sehn. Olivier .                                         Ich hab' dich wieder? (Weinend und lachend.) Haha, ich hab' dich wieder, meine Seele! Madelon . Ach, du bist bleich, Olivier; mein armer Olivier! Olivier .         Ich bin nicht arm jetzt. Nein. Haha, ich will den sehn, der reicher ist! Fräulein (ebenso glücklich wie die Liebenden) . Sein Ich hält das Verdorb'ne krampfhaft fest; Er hat nichts weiter auf der Welt. So selig Vergessen kann sich nur das reine Herz. – Den kalten Degrais hör' ich schon. Ihr müßt Euch trennen, Kinder. Madelon! Sie ist Ohnmächtig. Hilf, Olivier! wir tragen Sie da hinaus. Ach, arme, arme Kinder! (Es geschieht; sie schließen die Thür.) Martinière, sorg' für das arme Kind. Zwölfter Auftritt. Degrais . Die Vorigen . Degrais . Entschuldigt, edles Fräulein, wenn ich störe. Die Frist ist um, die mir der Präsident Bewilligt hat. Olivier Brusson – (Aus der Thür sprechend.)                                                     Legt ihm Die Ketten wieder an – Ihr müßt nun gehn. Olivier . Mein Fräulein, heißen Dank – und lebet wohl! (Er geht.) Fräulein . Lebt wohl, Olivier Brusson! Hört mich Gott, Sag' ich Euch nicht zum letztenmal Lebewohl. (Zu Degrais, der sie fragend ansieht.) Mein würd'ger Meister, der Beklagte hat mir Glaubwürdig seine Unschuld dargethan, Und nur ein edelmütiger Entschluß, Die Unschuld selbst nicht zu vernichten, hält ihn Zurück, Euch sein Geheimnis zu entschleiern. Ein Entschluß, den Ihr selbst bewundern würdet, Der um so edler ist, als er geheim bleibt. Degrais (fein lächelnd voll Höflichkeit) . Den Präsidenten wird es freun, wenn es Brusson bei seiner hohen Gönnerin Gelungen, ganz sich zu rechtfertigen. Doch was den edelmütigen Entschluß Mit dem Geheimnis anbetrifft, wird's ihm Unendlich leid thun, daß die Chambre ardente Dergleichen Edelmut nicht würd'gen kann, Der ihr ein Vorwand nur erscheinen darf; Und sich, bis das Geheimnis ihr bekannt, Sich an das Nichtgeheime halten muß. Zum Beispiel daran, daß, solange nun Olivier Brusson in Verwahrung ist, Der Straßenmord schon feiert – Fräulein .                                             Haltet ein. Um Gottes willen folgert nichts daraus, Daß Brusson nun – ich darf nichts sagen. Wüßtet Ihr – So viel nur kann ich Euch sagen: Er Ist nicht der Mörder Cardillacs; er ist Unschuldig an dem Straßenmord. Ein böses Geschick zwingt ihn, der Schuldige zu scheinen Und was ihn retten könnte, zu verschweigen. Degrais (immer sehr verbindlich) . Der fromme Glaube, der Euch ziert, dem Richter Würd' er schlecht anstehn. Gut, Ihr sagt, mein Fräulein: Er muß verschweigen, was ihn retten kann, Und Edelmut ist's, was dazu ihn treibt; – Mein Fräulein, diese Worte sprach er selbst, Als ich ihn griff: »Ich bin bereit zu sterben. Verdien' ich's, ist es nicht um diesen Mord.« Und worum sonst? Wenn nicht um diesen, doch Um andre? – Ging der Edelmut so weit, Muß er verschweigen, was ihn retten kann, Daß er noch spricht, was ihn verderben muß? Fräulein . O, dieses unheilbringende Geheimnis, Was für ihn zeugen sollte, klagt ihn an. Und doch – Degrais (achselzuckend, macht sich zum Gehen bereit, immer sehr höflich) .                     Der Präsident that, was er konnte. Des Richters Pflicht ist, Unschuld oder Schuld An den Tag zu bringen. Weil nun, wie Ihr sagt, Nur des Geheimnisses Entschleierung Die Unschuld ihm beweisen kann, so weist Ihr Den Weg uns selbst, der zu dem Ziele führt. Wir sind so unbescheiden nicht, in Euer Vertrauen uns zu drängen. Uns bleibt immer Ein Mittel noch. Fräulein .                   Ihr lächelt? Gräßlich ist Das Lächeln wie das Mittel. Geht; mich schaudert. Degrais . Auch könnt' es sein, daß wir des Toten Tochter.– Fräulein . Was wollt – Degrais .                       Bedürften bei dem weiteren Prozeß. Den Präsidenten würd' es schmerzen, Da er es weiß, daß Ihr Euch ihr annehmt, Wenn die Notwendigkeit unvorbereitet Euch träfe – Fräulein .             Sie –? O, ihr seid keine Menschen. Was wollt Ihr mit der Armen? Wollt Ihr sie Noch ärmer machen? noch unglücklicher? Wollt Ihr – vor Euerm eisernen Gesicht Erstarrt mein Blut! Nein – ich will nicht vergebens – Gut – thut, was Ihr – Ihr dürft ja alles thun, All das, weshalb Ihr andere bestraft. Doch glaubt nicht, daß sie schutzlos ist, bin ich Auch nur ein Weib. Geht, geht, mein Herr. Degrais (immer ruhig und äußerlich höflich) .       Deshalb, So bittet er inständig Euch, mein Fräulein, Daß Ihr mit dem Gedanken Euch vertraut. Denn schmerzen würd's ihn, wenn Ihr ihn verkenntet. (Verbeugt sich tief und geht.) Dreizehnter Auftritt. Fräulein allein. Dann Baptiste . Fräulein . Nein; ich verkenn' Euch nicht. Glaubt' ich, Ihr wär't Ein Mensch mit einem Herzen; ja, dann thät' ich's. Und was nun – was nun thun? Und was nun lassen, Die Unschuld aus des Molochs Arm zu retten? Baptiste . Der Graf von Miossens. Fräulein .                                         Es thut mir leid. Ich kann ihn jetzt nicht sprechen. Ich bin krank. Bin – Baptiste .   Um Olivier Brusson – Fräulein .                                       Was sagst du? Baptiste . Kam' er. Notwendig sei's, daß er Euch spreche Wegen des Brusson. Fräulein .                           Wie noch einer, der mich Abmahnen will? Und doch – wär's nicht der Graf Miossens, der – vielleicht – er ist willkommen. Dreizehnter Auftritt. Graf Miossens . Das Fräulein . Miossens (küßt ihr die Hand) . Ich will nicht lange stören, teures Fräulein. Ihr seid, so hör' ich, Brussons Gönnerin; Und ihn betreffend, kann ich eine Nachricht Euch geben, die vielleicht ihm nützlich ist. Von Euerm ritterlichen Spruch begeistert:                 »Wer vor Dieben kann verzagen,                 Ist nicht wert, geliebt zu sein« – Beschloß ich, einen Harnisch unterm Rock, Mit einem Schmuck allein auf nächt'gem Wege, Dem Harnisch und dem sichern Arm vertrauend, Das blutige Gezücht der Nacht zu treffen. Fräulein . Und das gelang Euch. Miossens (nachdem er sie einen Augenblick angesehn) . Es gelang mir. Ja. Doch wär' mir's ohne Harnisch nicht gelungen, So übermenschlich war des Räubers Kraft Und so entsetzlich seiner Muskeln Schnelle. Noch rang ich mit dem einen, als ein andrer Ihm beizustehen kam. Der eine stürzt Zur rechten Zeit. Ich kann den Degen noch Gegen den andern ziehn. Da tönen Schritte Und Waffenklirren Straß' herauf. Ich floh, Um nicht La Regnie in die Hand zu fallen. Fräulein . Der andre aber – Miossens .                           Eilte zu dem Leichnam – Fräulein . Und rafft' ihn auf und trug ihn fort – Miossens .                                                         Ihr wißt – So sah ich recht; so war's derselbe, den Degrais jetzt hat an mir vorbeigeführt. Fräulein . Jetzt saht Ihr recht, doch neulich nicht. Der jenem Zu Hülfe, wie Ihr meint, herbeigeeilt, Der kam, um jenes Frevelthat zu hindern. O Gott sei Dank! Nun tagt es endlich! endlich! Euch sendet Gott mir, der die Unschuld schützt; Denn Euer Zeugnis muß den Armen retten. Miossens (tritt einen Schritt zurück) . Mein Fräulein, mißversteht mich nicht – Fräulein .                                                         Wer Euch Für edel hält, der mißversteht Euch nicht. Miossens . Euch sagt' ich, was ich sagte; niemand sonst. Fräulein . Euch glaub' ich, was Ihr sagt; nur nicht das eine, Womit den eignen Mut Ihr wollt verleumden. Miossens . Graf Miossens weicht keinem Gegner, der Mit seinen Waffen ficht. Doch gegen Ränke, Spitzfind'gen Schein, der mit der Schwere des Gesetzes sich bewaffnet, kann ich nichts Und bin ein wehrlos Opfer wie ein andrer. Und wagt' ich's doch, müßt' es ein andrer Preis, Als eines solchen Menschen Rettung sein. Fräulein . Eines solchen – wie Ihr das verächtlich aussprecht! Gilt's seinem Rufe? Gilt es seiner Herkunft? Gilt es der letztern, sag' ich Euch: Ihr steht So hoch, nicht um den Niedern zu zertreten. Ihr steht so hoch, den Niedern zu beschützen, Wenn Unrecht ihn bedrängen will. Heißt Ihr Ein Edler darum, daß Ihr's nicht zu sein braucht? Wollt Ihr ein Ritter sein, so seid ein Retter. Seid Ihr ein Mann, so seid Ihr es, damit Ein Weib nicht wünschen muß, ein Mann zu sein. Gilt's seinem Rufe nur, so sag' ich Euch, Ich, die Ihr nie als Lügnerin gekannt, Daß er unschuldig ist an alledem, Was man ihm schuld gibt. Miossens (ausweichend) .           Doch ist's nicht das Sein, Mein Fräulein, nur der Schein, der hier verdammt. Fräulein (öffnet die Seitenthür) . Und seht dies Mädchen dort. Dies Mädchen liebt ihn, Wie wärmer nie ein Mädchenherz geliebt; Liebt ihn – Miossens .           Welch wunderbare Ähnlichkeit! Es ist die Herzogin von La Vallière Louise Françoise de la Vallière (1644–1710) war seit 1661 Geliebte des Königs, ging aber wenige Jahre später ins Kloster. , Um vierzig Jahre jünger nur. – Ja; jetzt Begreif' ich wohl, warum der König noch Nach so viel Jahren der Zerstreuung kann Mit Wehmut seiner Jugendliebe denken. Fräulein (schließt die Thür wieder) . Was sagt Ihr nun? Wenn Ihr mit Euerm Ruhme, Mit Euerm Rang – Miossens .                     Mein Fräulein, wißt Ihr nicht Wie lang' dieser La Regnie jenen tapfern Herzog von Luxemburg Vgl. E. T. A. Hoffmanns Erzählung »Das Fräulein von Scuderi« (Hoffmanns Werke, hrsg. von V. Schweizer, Bd. II, S. 243 u. 299  f.). , den Stolz von Frankreich, In der Bastille Kerker schmachten ließ, Und um ein Horoskop, um weiter nichts, Das er sich stellen lassen? Was half ihm Ruhm und Verdienst? Und meine Lage wär' Ungleich gefährlicher. Ich traf den Mörder In jener Nacht mit seinem eignen Dolch. Nun denkt, in welchem Rufe Cardillac Von Frömmigkeit und Bürgertugend stand. Freigebig gleicht des blut'gen Todes Unrecht Die allgemeine Meinung durch Verklärung Des Lebens aus, das ihm vorhergegangen. Und selbst geringe Aussaat solchen Lebens Bringt solchem Tod oft hundertfache Ernte. Ich bin der Lebende; er ist der Tote. Was man dem Toten zu viel gibt, das nimmt man Dem Lebenden. Vom allgemeinen Zorn Borgt sich die Klage Macht und schüchtert die Verteid'gung ein. – Und nun bedenkt, was an Den Dolch sich knüpft. Wer dieses Dolches Herr, Der so genau in all die Wunden paßt, Dem läd't Verdacht die Morde sämtlich auf. Und sagen: diese eine That hab' ich, Heißt sagen: alle hab' ich sie gethan. – – – Zu einem will ich mich erbieten, wenn Daran Ihr G'nüge finden könnt. – Was Ihr Durchsetzen wollt, als recht könnt' Ihr es nicht Durchsetzen vor La Regnies Richterstuhl, Und wollt' ich opfern, was ich nicht will opfern. Ihr müßt Euch an den König wenden, nur Auf seine eigne Überzeugung, sein Gefühl, das, wo der Richter strafen muß, Das königliche Gnadenrecht darf üben, Euch klug berufen. Dazu will ich Euch, Mein edles Fräulein, helfen, das ich achte, Mehr, als ich irgend jemand andern achte. Ihr sollt Euch bei dem Könige geheim Auf mich berufen, und – ich will nicht fehlen. Fräulein . Ja; Ihr habt mir den einz'gen Weg gezeigt. Ihn will ich gehn an Eurer Hand. Dank Euch. Miossens küßt ihr die Hand und geht. Fünfzehnter Auftritt. Fräulein allein. Dann die Martinière . Fräulein (durch die Seitenthür, die sie dann schließt) . Schnell, Martinière, daß ich nicht die Zeit Versäume, wo den König ich allein Bei der Marquise Maintenon kann treffen. (wieder durch die Thür.) Baptiste soll eine Sänfte holen. Dann Hilf mir mich kleiden. (Schließt wieder.)                                     Den unsel'gen Schmuck Von Cardillac leg' ich heut an. Das muß Den König selbst auf die Geschichte bringen. Martinière kommt durch die Seitenthür; sie möchte gern abraten; das Fräulein läßt sie nicht zu Wort kommen in schelmischer Eilfertigkeit. Fräulein . Schnell putze mich. – Ja; das ist eine Kunst, Solch einen alten Menschen aufzustutzen, Der Müh' nicht wert, die man sich gibt – Martinière (während des Anziehens, kommt endlich vom Zeichen zum Wort) .                                                                   Allein – Fräulein . Und aller Putz, mit dem die Alten sich Aufdonnern – Martinière .             Aber – Fräulein .                             Zeigt nur eben, daß es Vergeblich Mühen ist. Martinière .                         Doch – Fräulein .                                           Doch? – Schon gut. Ich seh' die Aber all in deinen Augen. Was sollst du deinen Mund bemühn! Du weißt, Wer Recht behalten will, behält auch Recht. Drum laß mich gehen; mir ist nicht zu helfen – Es muß gelingen. Muß! Und drum gelingt's – Daß ich so alt sein muß, jetzt, wo ich jung Sein müßte. Muß ich's auch? Muß ich denn alt sein? Und müßt' ich's, hab' ich keine Zeit dazu. Ich kann nicht alt sein; denn das kostet Zeit! Vorhang fällt. Ende des vierten Aufzuges .   Fünfter Aufzug. Wieder bei der Scuderi . (wie im vorigen). Erster Auftritt. Das Fräulein liegt in einem Sessel krank, die Füße in Decken gehüllt auf einem Taburett; diese umschlingend sitzt schlafend Madelon . Serons sitzt neben dem Fräulein auf einem Stuhl. Die Martinière bei einer weiblichen Arbeit, von welcher weg sie immer nach dem Fräulein sieht. Fräulein (mitleidig auf Madelon blickend) . Das arme Ding! Rück' ihr das Köpfchen doch Ein wenig höher, gute Martinière, Doch weck' sie nicht. (Es geschieht.)                                   Das Lächeln, das ihr freundlich Ein süßer Traum auf ihre Lippe zaubert, Soll vorschnell nicht die Wirklichkeit verscheuchen. So. – Noch etwas. – Das arme Mädchen hat Die ganze Nacht gewacht in dieser Stellung, Bis sie den Morgen früh nach Kinderart Über dem Weinen eingeschlafen ist. – Ja, lieber Meister Serons, huldreich hörte Der König mich, versprach, was ihm nur möglich, Woll' er für meinen Schützling thun. Und hat Nur Miossens das Seine auch gethan, Hoff' ich das Beste. Serons .                           Zweimal schon war er, So hört' ich, bei dem König. Einmal blieb Er eine Stunde voll mit ihm allein. – Noch etwas. Heute morgen war ich in Cardillacs Haus, um etwas zu erfragen, Wenn's möglich, was für Euern Schützling spräche. Frau Caton, Meister Patrus, dort des Mietsmanns, Haushälterin, erzählte mir von Wundern. Zwei Nächte schon sei über ihrer Wohnung In Meister Cardillacs eh'mal'ger Werkstatt Ein Schreiten und ein lebhaftes Gespräch Gewesen. Da es bei verschlossner Hausthür Geschehn und sonst kein Eingang mehr ins Haus, So sei kein Zweifel, daß der Gottseibeiuns In eigener Person der Redner sei. Sie fürchte nun den Gottseibeiuns nicht, Sei drum dem Treiben einst so nah' als möglich Geschlichen, und wenn sie nicht wüßte, daß es Nur eitel Blendwerk damit sei, so würde Sie schwören, daß sie den Olivier Brusson Und Degrais miteinander sprechen hören. Fräulein (erheitert) . Ei, das kommt immer besser. Seht mich nicht So fragend an, warum, was Ihr erzählt, Mich so erfreut – Serons .                       Mein Fräulein, Ihr vergeßt Die Hausthür, die geschlossen war. Das Reden Klang eben nur in der Frau Caton Hirn, Sonst nirgends. Fräulein .                   Doch versichr' ich Euch, es klang Wo anders noch – Still, still! ich sag' zu viel. Horch, Martinière, schellt es nicht im Vorhaus? Martinière . Ich hörte nichts. Fräulein .                               Doch ich. So silbern klang mir's, Als hätt' es gute Nachricht mir zu melden. Martinière ab. Fräulein . Daß ich hier liegen muß. So Freud' als Kummer Drückt doppelt auf den Liegenden. So 'was Hülfloses ist im Liegen. Alter Freund, Laßt mich nur auf sein, und Ihr wendet sehn, Nur schneller dann genes' ich. Serons .                                             Ruhe muß Der Unruh' Folge tilgen. Zu viel war's, Was diese Tage Eure Seele hat Dem Körper zugemutet. Fräulein .                               Und nun mutet Der Körper noch weit mehr der Seele zu. Doch muß ich Euch gestehn: einmal schon hab' ich Versucht heut, aufzustehn, und konnt' es nicht. Martinière (freudig herein, einen Brief in die Höhe haltend) . Hier ist's. Hier. Hier! Fräulein .                             Ei, junges Volk, was gibt's? Martinière . Vom Hof, mein Fräulein. Serons .                                               Ihr verfärbt Euch; seht, Ich sollt' es nicht erlauben, daß Ihr jetzt Euch um die Sache kümmert – Fräulein .                                         Besser, jetzt Erblassen, als nachher erröten. Gib. Das ist Die Hand der Maintenon. – Wie mir das Herz pocht. Nur junge Mädchen, dacht' ich, hätten Herzen. Nun weiß ich's besser. Sieh; ich kann das Blatt Vor Zittern nicht erbrechen. Brich und lies. Martinière . Geht mir's doch nicht viel besser. Gott, nun ist Ja alles gut! (Sie liest;)     »Ich bedaure, mein sehr würdiges Fräulein, daß ich in der Euch bewußten Sache nichts thun kann. Das Volk will des Angeklagten Tod. Es gilt, dem Volke die Gerechtigkeit seines Königs zu zeigen. Ihr wißt, wie der König in diesem Punkte denkt; ebenso, daß ich, Euch zu gefallen, schon zu weit über meinen Grundsatz hinausgegangen bin: mich auf keine Weise in die Geschäfte zu mischen.« (Eine Pause der Betretenheit.) Martinière . Ach, Ihr verblaßt Euch ganz. Fräulein .                                                   Schlimm, schlimm genug, Daß ich nichts Besser's weiß zu thun. Jetzt, wo Geholfen werden muß. – Sie sagt sich los, Und alles in dem Brief ist hoffnungslos. Und ich – hier lieg' ich – Martinière .                             Nein; Ihr werdet mich Im ganzen Ernst nun böse machen! Habt Ihr – Fräulein . Was hab' ich? Nichts hab' ich gethan. Wer nicht Genug gethan hat, der hat nichts gethan. Martinière . Ach ja. Euch ähnlich sieht's. Warum packt Ihr Euch nicht die Schuld noch auf, daß es mißlang? Bis jetzt hab' ich geduldig zugesehn. Nun aber wird's zu viel. Ich leid' es nicht, Daß Sie noch etwas thun in dieser Sache. Sie haben nun das Ihrige gethan. Fräulein . Dir ist das Grund genug, weil du nur mich Entschuld'gen willst. Du kannst das, aber ich Darf's nicht. Ich darf mich nicht entschuldigen. Was kommt da noch? Das ist Baptiste. Zweiter Auftritt. Baptiste . Vorige . Fräulein .                                                       Was ist? Serons (will Baptiste abhalten von dem Fräulein) . Sie haben Schlimmes – Martinière .                           Schweigen Sie. Fräulein .                                                         Sprich nur, Baptiste; ich heiße dir's. Baptiste .                                 Heut noch, heut noch Soll die Hinrichtung sein. Fräulein .                                   Von wem? Baptiste .                                                     Von – Martinière .                                                             Daß Sie uns Das Fräulein töten? Sie? – Baptiste .                                     Mein Gott, was soll Ich denn nun thun? Fräulein .                       Laß dich nicht irre machen, Mein ehrlicher Baptiste. Und sprecht mir leise, Daß Ihr das arme Kind nicht weckt. Es ist Ihr Urteil, fürcht' ich, was du sprechen willst. Das Restchen Traum, das ihr Gesicht umlächelt, Vielleicht, vielleicht ist es ihr letztes Lächeln, Denn seine sichre Rettung träumt sie noch. Heut schon will man ihn töten? Gott und wann? Baptiste . Den Abend noch. La Regnie hat geschworen, Kein Engel soll ihn retten. Fräulein .                                   Großer Gott. Baptiste . Das Volk ist ganz empört. Fräulein .                                           Empört? Was sagst du? Worüber denn empört, wenn er soll sterben? Baptiste . Darüber eben, daß er sterben soll. Fräulein . Und hast du recht gehört? Baptiste .                                           Da braucht man nicht Sehr aufzuhorchen. Hört man's doch von hier Wie ferne Wellen brausen. »Nieder mit La Regnie«, schreit das Volk, »der König lebe! Der König soll uns ein Gericht ernennen Gegen den Mörder Regnie!« Keinen mehr Will es hinrichten lassen, den La Regnie Verurteilt. Fräulein .         Und doch schreibt die Maintenon Das Gegenteil? Serons .                     Sie schreibt, wie sie's erfuhr. Der König ist ein Haupt, das seinen Augen Und Ohren selten trauen darf. Und eh' Der Ruf des Volks in seine Höh' gelangt, Ist er oft so undeutlich schon geworden, Daß es nur kleiner Müh' bedarf, aus ihm Sein Gegenteil zu deuten. Ebenso Umlagert in unruh'ger Zeit das Volk Ein Haufe feiler Schmeichler, der, was ihm Vom Throne kommt, verfälscht. Sicher ist's: Das, Was Ludwig für des Volkes Stimme hält. Ist Regnies nur und seiner Kreaturen. Martinière . Was? Ihr wollt aufstehn? Jetzt? Bei Eurer Schwäche? Fräulein .                                                                                           Jetzt Darf ich nicht schwach sein. Martinière .                                   Doch Ihr seid's. Und Ruhe Nur kann Euch helfen jetzt. Fräulein .                                     Wo jetzo muß Geholfen werden. hilft die Ruhe nicht, Da hilft nur Thätigkeit. Martinière .                         Und was denn wollen Sie thun? Fräulein .         Zum König gehn. Den König sprechen, Dem König sagen, wie man ihn belügt. Serons . Sie kommen nicht zu ihm. Fräulein .                                         Um diese Zeit Beginnt der Staatsrat in der Maintenon Gemächern. Serons .               Doch Sie kommen nicht dahin. Die Schwäche läßt sie nicht. Und wären's nicht La Regnies Ränke. Glauben Sie, er wird Sie vor den König lassen? Fräulein .                                   Was La Regnie Wird thun, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, was Ich thun muß. Serons .                 Welchen Gegnern werfen Sie Den Handschuh hin? Fräulein .                           Der Gegner nicht, das Recht ist's, Was man bedenken muß. Serons .                                   Der Mutigste In Frankreich wagt nicht, was Sie wagen wollen. Es ist La Regnie, ist der allgewaltige Minister Louvois François Marquis de Lonvois (1641–91), Ludwigs einflußreicher Kriegsminister. , sein Busenfreund! Martinière . O Himmel. Säh' ich nicht, wie es muß kommen! Ich seh' es, was das End' wird sein. Des Königs Ungnade – Fräulein .             Und du meinst, die kostet mir Den kleinen Jahrgehalt, von dem ich lebe? Martinière . Von dem so viele Arme leben; ja. Serons . Vielleicht noch mehr. Die Rache des La Regnie kann Sie bluten lassen – Fräulein (lächelnd) .         Nun, da käm' ich ja Über die Ungnad' weg mit bester Art. Serons . Die Aufregung schon kann Sie töten. Fräulein .                                                         Seht doch! Da schlüpft' ich dem La Regnie aus der Hand. Martinière . Und die paar Jahre, die Ihr Alter Ihnen Noch gönnt, so hinzuwerfen! Fräulein .                                       Ist's so wenig, So ist's auch nicht so großer Schonung wert. Und werf' ich sie denn hin für nichts? Such' ich Sie für den höchsten Preis nicht loszuschlagen? Martinière . Und selbst die Maintenon hat Sie verlassen. Fräulein . So nöt'ger ist es, daß ich selber handle. Schnell, Martinière, gib mir den Mantel um. Und du, Baptiste, bring eine Sänfte her. Sagt, Serons, seht auch Ihr die Ähnlichkeit Zwischen dem Mädchen und der La Vallière? Serons . Sie kann nicht größer sein – doch – Fräulein .                                                       Hör', Baptiste, Zwei Sänften bring', und schnell. Nun, Meister Arzt, Wo ist die Schwäche denn? Steh' ich nicht straff Wie Ihr? Serons .         Der Körper borgt noch von der Seele – Fräulein . Dann mag die Seele von dem Körper borgen. Ich muß sie wecken nun. He, Madelon, Wach' auf! – Wir können uns nicht putzen erst. Dem Veilchen steht nichts schöner als sein Laub, Der Frucht nichts schöner als ihr leiser Duft. Nicht ein Gedanke von Gefallsucht darf Dies schöne Bild der Reinheit heut entstellen. Wach' auf! Madelon (erwachend) . Ja, meine Mutter. Ach, ich glaube, Doch war ich eingeschlafen. Zürne nicht. Fräulein . Sagt ihr noch nichts. Vielleicht ist ihr der Schmerz Noch zu ersparen. Martinière .                  Ach, Sie denken nur An andrer Schmerz – Fräulein .                           Das beste Mittel ist's, Den eignen zu vergessen. – Sei nicht böse; Auch du mußt mit. Wenn ich einmal beschwere, Dann thu' ich's ordentlich. Ich weiß nicht, was Mir widerfahren kann. Und du, Baptiste, Bleibst heim. Baptiste .               Ich nicht, mein Fräulein. Der Baptiste Bleibt nicht daheim. Er geht mit Euch zum König. Ging's in den Tod, der alte Baptiste ließ Euch nicht allein. Serons .                       Erlaubt's ihm, Fräulein, und Erlaubt's auch mir. Erlaubt mir, daß ich über Eure Gesundheit wachen darf. Fräulein .                                           Still! Still! Ihr bösen guten Menschen. Wollt ihr mich Zum Weinen bringen jetzt mit eurer Liebe? Ihr sollt mir doch – bei Gott, ich müßte weinen, Hätt' ich die Zeit dazu. Nun seht ihr nicht, Daß ich muß helfen, wo ich kann? Wie soll ich Denn sonst Gott dankbar sein für Eure Liebe? (Sie stützt sich auf Martinière und Madelon; im Gehen.) Es geht noch langsam. Doch laßt das nur gut sein. Komm' ich erst in den Gang, dann überhol' ich Euch alle. Und nun vorwärts. – Hat er ein Und siebzig Jahr' gehalten mir bis jetzt, Der alte Leib, wird er auf einen Tag Mehr oder weniger nicht interessiert sein. Kommt, Kinder, kommt. Schon geht's was besser. Kommt. (Alle ab.) Verwandlung. In den Gemächern der Marquise Maintenon . Dritter Auftritt. Das Fräulein , geführt von der Martinière und Madelon , durch die Mittelthür. Serons . Fräulein . Da wären wir. Dies ist das Zimmer. Hier Kommt er vorbei. Serons .                         Die Maintenon stellt Euch Dies Zimmer zur Verfügung. Doch ihr selbst Möchte vergönnt sein, wegzubleiben. Sie Will Euch nicht hindern; doch Ihr sollt auch nicht Auf sie zählen. Fräulein .                 Kommt nicht jemand? Ja. Nun geht, Ihr lieben Menschen. Laßt mich nun allein. Martinière . Ihr zittert. Fräulein .                       Es ist kühl hier. Sonst um nichts. Du, Madelon, mußt an der Thüre bleiben, Daß ich dich gleich – Madelon .                           Ja, Mutter; ich will nah' sein. Fräulein . Heut bin ich eine wichtige Person. Ich fühl's bis in die Füße. Gebt mir doch Einen Stuhl. – Hier muß ich auf der Lauer liegen. Dorther kommt mir mein Wild. Sollt' ich's erlaufen, Da wär' es sicher heut vor mir. (Der Stuhl wird ihr nahe an die rechte Seitenthür gesetzt.)                                                   Nun geht. (Gibt allen die Hand.) Vierter Auftritt. Das Fräulein allein. Bis jetzt hab' ich gescherzt, die lieben Menschen Mir heiter zu erhalten, die um mich Sich ängsten. Und nun wird mir selber bang. Muß ich die Thür hier lang' ansehn und denken: Hier wird er kommen, geht mir's wie dem Kranken, Dem man das Messer vor die Augen hält, Das ihm soll helfen. – Ist dies auch ein Kampf? Mein alter Leib, nur jetzt verlaß mich nicht, Wo alles mich verlassen hat und ich Allein auf mich muß stehen – oder sitzen! Ich muß versuchen, über diese Spanne Voll schwerer Spannung mich hinwegzuscherzen. Der gute Gott soll dieses freundliche Geschenk mir nicht umsonst verliehen haben. Er selbst ist ja ein heitrer Gott und alles, Was er geschaffen, ist sein heitrer Spiegel. Scheint einem Menschen dieser Spiegel trüb', Ist's nur sein eignes trübes Angesicht, Was ihm daraus so trüb' entgegensieht. Der gute Wille lächelt, Frömmigkeit Und Tugend, Glaube, Liebe, Hoffnung lächeln; Die gute That hat keine finstre Stirn. Heiter ist alles Gute; doppelt gut, Wenn's doppelt heiter ist. – Nun komme, was Da will! – (Schritte; sie schrickt zusammen und steht auf.) Fünfter Auftritt. Bontems . Fräulein . Fräulein .           Das ist Bontems, der Kammerdiener Des Königs, nicht der König selbst. Bontems .                                                 Mein Fräulein, Erwartet Ihr den König? Fräulein .                                 Sonst wär' ich Nicht hier. Bontems .         Ihr seid es um des Brussons willen – Fräulein . Um der Unschuld willen, Freund. Bontems .                                                       So gut die Sache Erst stand, unwiderbringlich ist sie nun Verloren. Seine Majestät der König Wollte den Brusson selber sehn. Schon ist er Hiehergeführt und wartet auf den Wink. Wenn ihn der König einmal sah, war er Gerettet. Denn wie Licht und Wärme von Der Sonne, geht der Strahl der Gnade von Der Majestät aus. Aber La Regnie Kam dem zuvor. Bei der Gerechtigkeit, Deren Bild die Majestät soll sein, beschwor er Den König, stellt' des Volkes Wut ihm vor, Wenn dieser Sünder, dessen Tod das Volk Zu seiner eignen Sache macht und laut Zum König aufschreit um ein strenges Beispiel, Begnadigt würde. Das ist seine Seite, Wo er verwundbar ist. Im Kampfe gegen Den Adel muß er auf das Volk sich stützen. Jetzt eben führt man den Unglücklichen Zurück in die Gewalt der strengen Richter, Und seinen Tod kann niemand mehr verhindern. Der König ist so ungehalten auf des Brussons Verteidiger, daß er kein Wort Für ihn mehr hören will; ja, nicht den Namen Des Brusson darf ihm jemand nennen, der Den höchsten Zorn nicht auf sich laden will. Mein Fräulein, laßt Euch raten; gebt es auf, Alles in diesem Spiel zu wagen, wo Ihr nichts gewinnen könnt. Wollt Ihr, so nah' Dem Grab, so schwere Last noch auf Euch laden, Den Zorn des Königs und jenes La Regnie Allmächt'ge Rache? Nein, mein edles Fräulein. Ich kann etwas bei seiner Majestät, Und wo es sonst mag sein, glaubt meinem Wort, Dürft Ihr auf meine Dienste sicher rechnen. Doch hier – des Königs Zorn ist noch zu neu, Und dieser Richter Rächerarm zu eilig. – – Er kommt. – Der König kommt. – Sie wollen dennoch –? Mag Gott Sie schützen bei dem kühnen Wagnis. (Er zieht sich zurück.) Sechster Auftritt. Das Fräulein allein, gleich darauf der König . (Das Fräulein erhebt sich; der König tritt ein aus der rechten Seitenthür; wie er das Fräulein sieht, verfinstern sich seine Züge; er schwankt einen Augenblick, ob er nicht wieder umkehren soll; er will schnell vorbei; um das Fräulein nicht zu Wort kommen zu lassen, spricht er während des Gehens.) König . Ah. Seht. Mein edles Fräulein Scuderi. Ich habe dringende Geschäfte – Fräulein .                                             Majestät, Das dringendste Geschäft für einen König ist Gerechtigkeit! König (bleibt verwundert stehen) .                           Die rufen Sie an? (Will gehn.) Fräulein .                                                 Majestät, Im Namen Ihres Volks ruf' ich sie an. Im Namen Ihres Volks Gerechtigkeit! König . Die soll dem Volke werden. Doch uns deucht, Die wir gewähren wollen, ist die nicht, Um die Sie bitten. Fräulein .                       Hören müssen Sie! König . Wohlan; ich will Sie hören. Einen Namen Nur nehm' ich aus. Wie Sie den Namen nennen – Fräulein . Den sollen Sie nicht hören. Einen Fremdling In diesen Zimmern bring' ich, wenn sein Name Auch oft genannt wird – König .                                     Muten Sie mir jetzt Nicht zu, spitzfind'ge Rätsel aufzulösen – Fräulein . Das Volk, mein König, ruft zu Euch um Recht Gegen die Mörder – König .                               Das wird Ihnen schon. Fräulein . Nicht gegen die, mein König, die bei Nacht Und heimlich morden; nein, mein König. Recht Gegen die Mörder, die bei Tage morden Und öffentlich, und die dem Recht zum Hohn Sein heilig Schwert zum Mörderdolch entweihn; Gegen die Mörder, die, was sie verletzen, Zum Vorwand selber nehmen der Verletzung; Die unterm Namen der Gerechtigkeit die Gerechtigkeit verhöhnen; die dem König Des Volkes Lieb' entfremden. Darum ruft Das Volk, das seinen König lieben will, Recht gegen die Entfremder. die Entweiher, Recht gegen die La Regnie! König .                                         Fräulein, Ihr Seid kühn. Fräulein .           Ich weiß es, was ich wage, daß ich Den Fremdling hier einführen will: die Wahrheit. Ihr wollt das Recht, mein König, doch La Regnie Will's nicht. Ihr wollt, das Volk soll Euch vertrauen, Seinen Vater in Euch sehn; Ihr wollt es, aber La Regnie will es nicht. Ihr wollt die Wahrheit, Ihr seid so groß, die Wahrheit nicht zu hassen, Selbst wenn sie Euch nicht zeigte, was Ihr wünscht; Ihr wollt die Wahrheit, doch La Regnie will Sie nicht. Mein König, gebt dem Volk, was Ihr, Nicht, was La Regnie will. König .                                         Die Klage will beweisen, Verdächtigung will nur schaden. Fräulein .                                             Majestät, Ich steh' am Grabe. Mich erwartet schon Ein höh'rer Richter, als Ihr selber seid, Der Richter, der auch Euch einst richten wird, Der zwischen uns entscheiden wird. Glaubt Ihr Nicht mir, so sendet Boten, doch nicht jene, Die in La Regnies Solde stehn. Denn die Geschöpfe loben ihren Schöpfer. – Mich Führte mein Weg durch große Haufen Volks. (Auf einen Wink des Königs Bontems ab.) »Nieder La Regnie! Doch der König lebe! Der König soll uns ein Gericht ernennen Gegen den Mörder Regnie. Keinen mehr Soll dieser Schlächter schlachten!« Solche Worte Hört' ich von Hunderten, und nicht allein Vom Pöbel, der nur, um zu schreien, schreit. Wut gegen den La Regnie und Vertrauen Zu seinem väterlichen König spricht Von jedem Mund. Rechtfertigt, Herr, das letzte, Indem der ersten Ihr ihr Recht verschafft. Sie wollen nicht zwei Kön'ge, sagen sie, Sie wollen nur den einen, gottgesetzten, Den König, den sie lieben, der sie liebt, Und der vom andern sie befreien wird, Den alle hassen und der alle haßt! König steht sinnend. Fräulein holt Madelon. Siebenter Auftritt. Madelon . Vorige . Fräulein (Madelon an der Hand) . Sag' du's ihm, Unschuld, was sein Volk begehrt Von seiner Liebe. Fleh' im Namen aller Unmünd'gen um das Recht der Unschuld, um Der Schwäche Schutz! Sag' ihm in ihrem Namen: Kein Alter, kein Geschlecht, kein schwer erworben Verdienst, kein Ruf schützt vor La Regnies Schergen. Das Geständnis ist schon fertig vor der Frage. Das Vorgesagte zwingt die Henkerqual, Dem – Richter nachzusprechen, und die Unschuld Gesteht Verbrechen, die sie nicht dem Namen Nach kennt. Aus seiner Kinder Armen reißt er Auf bloße Möglichkeit den Vater. Der Weiß nicht, warum? Das braucht's ja nicht. Man wird's Ihm auf die Zunge legen schon, was er Gestehen soll. Er wird es gern. Denn das Geständnis lohnt der Tod, der endliche Befreier aus der Kerker Modergruft Und – (Sie wird immer schwächer.)           aus der Quäler Händen – Bontems (der unterdes wieder erschienen) .                                                     Ha! wie schlau! Die La Vallière selber – König macht eine Bewegung zu gehn. Fräulein (wankend) .                 Recht, mein König! – Mein König – Recht – Ich sterbe – mir wird übel – König (zu Madelon) . Schnell, rufen Sie um Beistand – (Er fängt die Sinkende auf; Bontems stellt schnell einen Stuhl, worauf sie der König gleiten läßt. Der König geht bis zur andern Seitenthür, wohin Bontems auf seinen Wink ihm folgt; dort bleibt er so lange stehen, bis er Madelon mit der Scuderi Leuten zurückkommen sieht.) Achter Auftritt. Das Fräulein , die Martinière , Madelon , Serons . Fräulein .                                               Ich muß sterben Und – hab' – nicht – (will aufstehn und dem König nach) .                                 Recht, mein König! (Sie fällt der Martinière ohnmächtig in die Arme.) Martinière .                                                     Ach! sie stirbt! Madelon (aufschreiend) . Sie stirbt? Ich lass' dich nicht! Du darfst nicht sterben! Martinière . Ach! ist sie tot, nimm mich mit ihr, mein Gott! Serons (um sie beschäftigt) . Noch stirbt sie nicht, macht uns noch nicht zu Waisen. Reibt ihr die Stirn mit diesen Tropfen. So. Seht ihr, schon wirkt's. Neunter Auftritt. Olivier . Vorige . Olivier (erstaunt) .                 Meine Mutter? Madelon? Ich Bin frei! Gott, ich bin frei! Ich muß nicht sterben! Ich muß in Regnies Kerkern nicht verschmachten. Frei bin ich! Keine Kette rasselt mehr Und weckt mich aus dem goldnen Freiheitstraum Zur Verzweiflung auf. Noch immer fürcht' ich, jetzt, Jetzt wird sie klirren. Nein, es ist kein Traum! Ich Bin frei, frei wie der Vogel in der Luft, Frei wie der Fisch im Meer. Hab' ich nur erst An den Gedanken mich gewöhnt –– meine Madelon, Hier laß uns danken! Hier zu ihren Füßen Der Retterin. Hier danken, weinen, jubeln! Fräulein (öffnet die Augen) . Wo bin ich? Wenn ich nicht im Himmel bin? Olivier . Ihr seid ein Engel. Wo Ihr seid, da ist Der Himmel. Fräulein .               Meiner Anne Guiot Sohn – Olivier . Ist frei durch Euch, frei wie des Himmels Wolken! Fräulein . Ihr, Serons – Martinière – Madelon – (gibt jedem die Hand) . Ja, ich bin in der Maintenon Gemächern, Wo ich den König – doch wo ist der König? Ohnmächtig war ich wohl? Ihr lieben Menschen Seid so bekümmert, und um mich. Daß ich Euch soviel Sorgen mache. Martinière (bei ihr knieend; fast zürnend) . Ewig sieht Sie nur das Wenige der andern; für Ihr eignes Viel hat sie kein Aug'. Ein jeder Thut ihr genug; sie selber nur kann nie sich Genug thun. Fräulein (abwehrend) .                     Still! Wer kommt? Zehnter Auftritt. Bontems . Vorige . Bontems .                                           Mein edles Fräulein, Ihr habt gesiegt. Von Herzen meinen Glückwunsch. Soeben fliegt der Bote fort. Die Chambre Ardente hat aufgehört. Mit Regnies Reich Ist's aus. Schon habt Ihr Euern Schützling wieder. In Frankreichs Namen dankt der König Euch. Es sei kein Wunder, sagt' er; wessen Sache Die Tugend selber führt, der muß gewinnen. Hier sendet er an Euers Schützlings Braut Einen Abschlag nur von dem, was Frankreich schulde, Sie auszusteuern, wie's der Braut geziemt Von Euerm Schützling. Beide sollen aber Von diesem Augenblick das Land verlassen Und sich in seine Heimat Genf zurückziehn, Wo sie der König nicht vergessen wird. Doch allen Dank verbittet sich der König. (Er verbeugt sich und geht schnell ab.) Elfter Auftritt. Vorige ohne Bontems . Fräulein . So geht, ihr Kinder. Gott und dieser Kuß Mit Euch. Olivier .           Ihr wollt allein uns ziehen lassen? Nein. Ihr geht mit uns. Madelon .                           Mutter, Ihr zieht mit. Fräulein . Ihr dummen Kinder, denkt ihr denn, es ist 'ne Kleinigkeit –? Denkt nur die hundert Schachteln; Meine Tauben und den alten Star – ei ja, Ihr junges Volk wißt, was dazu gehört, Wenn solch ein altes Fräulein reisen soll, Und gar im Augenblick. – Geht; geht, ihr Kinder, Und dankt dem König durch Gehorsam. Laßt Nunmehr die Raupe sich einspinnen, wo sie So lang' gewohnt. In meinem Alter reißen Die alten Fäden nicht so leicht und spinnen So leicht sich neue an. Geht, Kinder, geht! Und wird's Euch wohl, wenn ihr die neue Heimat Erblickt, bin ich's, die euch entgegenkommt Von dort. – Thut mir die Liebe! Nein. Kein Wort mehr. Doch eins! Olivier, komm' noch einmal. Der Bischof von Paris wird jene Schmucke, Als ihm von einem reuig Sterbenden Dazu vertraut, den Eignern wiedergeben. Olivier . O meine – Fräulein .                 Stille! Still! Kein Wort jetzt mehr, Wenn Ihr mich liebt. Lebt wohl. Madelon .                                           Lebt wohl. Doch kommt Uns nach! Olivier .           Denn ohne Euch ist unser Glück Ein halbes nur! (Olivier und Madelon ab.) Zwölfter Auftritt. Vorige ohne Olivier und Madelon ; bald hernach Baptiste . Fräulein . (zu Serons; man merkt, daß sie sich in Gegenwart der eben Abgegangenen Gewalt angethan hat) .                               Gut, daß sie gehen müssen, Bevor ich Sie betrüben mußte – Serons .                                               Meint Ihr – Fräulein . Ich mein' es nicht; ich weiß es, wußt' es schon Vorher. Mein letztes Haus darf ich bestellen. Meine Seele hat dem alten Leib zu viel Geborgt. Nun ist sie bankerutt wie er. – Nun geh' ich gern. Martinière .                 O sprecht nicht so. Fräulein .                                                     Ich denk' Euch wenig Sorgen mehr zu machen. Hoff' ich doch, Mein heiter' Leben schließt ein heiter' Ende. Baptiste echauffiert herein. Fräulein . Was ist, Baptiste? Wo hast du deinen Atem Gelassen? Baptiste .         Fräulein. Ach, mein gnädig Fräulein! Das ist mein schönster Tag in diesem Leben. Wenn Ihr – ach, ganz Paris ist Euch ein Sprachrohr Für diesen einen Ruf: das Fräulein Scuderi! Die Retterin. Die Helferin! Die – (schluchzend) ich – Ich überleb' die Freude nicht. Die Chambre Ardente sei aufgelöst. Den Boten trugen sie Auf ihren Schultern. Ach, mein Fräulein, geht Jetzt nicht, denn sie zerreißen Euch vor Lieb' Und Dankbarkeit. Fräulein .                     Das Schicksal mußte mir 'was Bitt'res mischen in das allzu süße Getränk. Muß ich das Stadtgespräch noch werden? Was hab' ich denn gethan für solchen Preis? So viel als von dem Beifall das Verdienst Übersteigt, so viel verliert der Beifall selbst An seinem Wert. Zu große Ehre macht Sich selber wohlfeil. Und ein stiller Blick Des Gleichverstehns ehrt Geber und Empfänger Mehr, als der Straßen lärmendes Gepränge. Ein solcher Dank würdigt allein vor Gott Sich selber nicht herab. Die Maintenon Wird mir den Aufenthalt bei ihr vergönnen, Bis diese guten Menschen wieder ruhig Genug sind, mich nicht schamrot mehr zu machen. (Sie wendet sich, auf die Martinière gestützt, zu gehn. Die andern folgen.) Vorhang fällt. Ende des Stückes .