Niklaus Manuel Spiel evangelischer Freiheit Die Totenfresser »Vom Papst und seiner Priesterschaft« 1523   Zum erstenmal nach der einzigen alten Handschrift herausgegeben und eingeleitet von Ferdinand Vetter     H. Haessel Verlag Leipzig 1923     Inhalt. Einleitung: Unsere Aufgabe Die Vorgänger Die »Totenfresser«: Die Aufführung von 1523 und die Schicksale des Textes Die Handlung des Stückes Das Zwillingsstück der »Totenfresser«: »Von Papsts und Christi Gegensatz« Die Datierung der beiden »evangelischen Freiheitsspiele« Manuels Angebliche und wirkliche reformatorische Dichtungen Manuels vor 1523. Der »Traum« von 1522 Die Dichtungen des Landvogts von Erlach 1523 bis 1527 Wirkliche und angebliche reformatorische Dichtungen Manuels von der Berner Disputation 1528 Eine angebliche Dichtung des Regierungsmanns Manuel nach 1528. Sein Tod 1530 Text mit Anmerkungen: Erster Auftritt : Die Totenmessen und die päpstliche Hierarchie Zweiter Auftritt : Die päpstliche Schweizergarde. Dritter Auftritt : Rhodiserszene Vierter Auftritt : Bauernszene Fünfter Auftritt : Apostelszene Sechster Auftritt : Musterungsszene Siebenter Auftritt : Gebet des Doktors     Einleitung. Unsere Aufgabe. Niklaus Manuels Fastnachtsspiel » Die Totenfresser «, als » Spiel evangelischer Freiheit « schon von dem gleichzeitigen Geschichtschreiber Anshelm gepriesen, ist für den Mann, für seine Zeit und seine Heimat – die damals noch fast ausschließlich deutsche Schweiz – so bezeichnend, daß wir den Dichter Manuel als Vertreter der »Schweiz im deutschen Geistesleben« am besten in weitere Kreise glauben einführen zu können, wenn wir dieses erste und wirksamste seiner volksmäßigen Bühnenspiele vollständig mitteilen, statt eine Auswahl von einzelnen Stellen desselben und etwa noch von zwei oder drei kleineren Dichtungen dem Leser vorzulegen, der sich von dieser eigenartigen, mehr genannten als gekannten Dichterpersönlichkeit ein Bild machen möchte. Dazu kommt, daß wir auf Grund neuerer Entdeckungen und Forschungen gerade dieses Spiel zum erstenmal in der ursprünglichen und allein des Dichters würdigen und für den heutigen Leser genießbaren Gestalt glauben bieten und damit auch dem der Literatur und der Geschichte beflissenen Fachmann fast ein neues Stück Manuel vorführen zu können. Da wir uns seit vielen Jahren mit unserm Berner Maler, Krieger, Dichter und Staatsmann beschäftigen, hoffen wir später, in besseren Tagen, noch Zeit und Kraft zu haben, um eine vollständige Ausgabe seiner echten Schriften in VIII Verbindung mit einer neuen eingehenden Darstellung seines Lebens und seiner künstlerischen Tätigkeit zu vollenden. Für heute und hier beschränken wir uns – um für dieses Muster- und Meisterstück von Manuels Dichtung den nötigen Raum innerhalb der uns vorgeschriebenen Grenzen einigermaßen innezuhalten, auf kurze Angaben über seine schriftstellerische Tätigkeit und Bedeutung. Die Vorgänger. Die Mannigfaltigkeit der Begabung und Betätigung, die wir an den großen Italienern des Rinascimento bewundern, findet sich vielleicht bei keinem Manne deutschen Stammes so auffallend wieder wie bei Manuel. Sie ist aber doch wohl auch das Verhängnis seines Lebens und seines Lebenswerkes gewesen, das bei der kurzen ihm vergönnten Spanne Zeit auf keinem der Gebiete seiner Tätigkeit die reifen Früchte gezeitigt hat, worauf seine reiche Natur Anspruch hatte. So ist auch seine volle Würdigung erst den eingehenden geschichtlichen, kunst- und literarhistorischen Forschungen des 19. Jahrhunderts vorbehalten gewesen. Frühere Zeiten kannten ihn zumeist nur als einen der Vorkämpfer der Berner Reformation, die er dichtend und malend, durch seine Fastnachtsspiele und durch seinen Totentanz, befördert habe. Zwar der Zeit- und Gesinnungsgenosse Valerius Anshelm steht noch unter dem Eindruck der seltenen Vielseitigkeit des Mannes: er hebt die Wirksamkeit des Fastnachtsspieldichters Manuel nachdrücklich hervor, gedenkt aber auch lobend des »künstlichen Malermeisters« und seiner vielfachen Verdienste in öffentlichen Stellungen, zu denen der »junge, aber wohlberedte, tätige Mann« insbesondere seit dem reformatorischen Umschwung von 1528 – also erst in seinen zwei letzten Lebensjahren – gelangt ist. IX Im Zusammenhang mit der Reformationsgeschichte führen wenigstens die Berner Geschichtschreiber der Folgezeit den Venner Manuel regelmäßig in ihren Werken auf. Auch Samuel Scheurer , der zum erstenmal, in seinem »Bernerischen Mausoleum« (II, i. J. 1742), eine Biographie Manuels unternahm, beabsichtigt damit zunächst nur einen Beitrag zur Geschichte der Berner Reformation zu geben; doch wird auch des Künstlers Manuel, und zwar nicht bloß des Totentanzmalers, einläßlich Erwähnung getan. Mehr oder weniger einseitig haben auch die Zeitgenossen und Nachfolger Scheurers bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Manuel behandelt. Erst Karl Grüneisen aus Stuttgart hat (1837) dem Leben und den Werken Manuels ein eigenes Buch gewidmet und ihn als eine der besondern Darstellung würdige Erscheinung der religiös-politischen, der Kunst- und der Literaturgeschichte erkannt. Ihm folgte vierzig Jahre später, mit bedeutender Vermehrung des biographischen Stoffes und des literarischen Nachlasses, Jakob Bächtold in seiner Ausgabe Manuels (erschienen 1878) nach, auf welcher auch die schöne Darstellung in seiner »Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz« (1892) beruht, und seither hat sich dem so vielseitig tätigen Künstler, Dichter, Staats- und Volksmann eine entsprechend vielseitige Tätigkeit von Historikern, von Kunst-, Sprach- und Literaturkundigen zugewandt. Über den Maler und Zeichner Manuel haben ausführlicher zuerst in Bächtolds Ausgabe Salomon Vögelin , dann – teilweise in besonderen Schriften und Bilderwerken – Georg Trächsel, Berthold Haendcke, Paul Ganz, Josef Zemp, Lucie Stumm, Eduard von Rodt, Konrad Escher Förderndes gearbeitet, seinen Totentanz insbesondere (nach der alten Kopie Albr. Kauws ) J. R.  Wyß und A.  Flury im Bilde wiedergegeben, einzelne seiner Dichtungen und deren Sprache X Adolf Kaiser und Samuel Singer ersprießliche Untersuchungen angestellt, zu seiner politischen Tatigkeit Emanul Lüthi und Adolf Fluri Beiträge geliefert. Einzelne Abschnitte seines Lebens im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte – den Mailänder Feldzügen von 1516 und 1522, der Reformation von Basel und von Solothurn, seiner Vogtschaft in Erlach – sind durch den Schreibenden, ferner durch Wilhelm Vischer d. Ä. (nach Briefabschriften Moritz v. Stürlers), Rudolf Steck, Wolfgang Fr. v. Mülinen, Heinrich Türler, Adolf Wustmann und andere – zum Teil mit Veröffentlichung von Briefen seiner Hand – ins Licht gestellt worden. Einzelne Stücke wurden vielfach in Sammlungen abgedruckt: bei Goedeke und Tittmann (»Totenfresser« von letzterem), bei Kürschner u. a. Für die literarische und reformationsgeschichtliche Seite des Gegenstandes, insbesondere für die ältern Dichtungen Manuels, ist aber seit fünfundzwanzig Jahren die Auffindung der einzigen alten, wenn auch vielfach lückenhaften Handschrift jener frühesten Dichtungen in der Hamburger Stadtbibliothek durch Fritz Burg (veröffentlicht 1897 im Berner Taschenbuch) wichtig geworden. Dieser Fund hat uns ein verlorengeglaubtes Gedicht Manuels wiedergebracht und zu vielfachen Berichtigungen in bezug auf die Echtheit mancher Stellen dieser Werke und auf den Wortlaut ihres Textes Anlaß gegeben. Durch Adolf Fluri ist ferner (ebenfalls im Berner Taschenbuch, 1901) erwiesen worden, daß die satirischen Verse, die einst auf Manuels Totentanzbildern stunden und unter anderm auch Mönchtum und Geistlichkeit treffen, das späte Machwerk eines Schulmeisters sind und daß Manuel zu seinen Angriffen gegen die alte Kirche erst nach und nach durch die Zeitereignisse und durch den Vorgang der kirchlichen Reformatoren gedrängt worden ist. Volksmäßige Darstellungen seines Lebens und Wirkens, XI auf Grund der früheren Arbeiten besonders von bernischen Pfarrern (Schädelin, A. v. Greyerz, Ochsenbein, Schaffroth u. a.) verfaßt, gingen daneben noch vielfach her. Durch den Fund Burgs kam sodann der Schreibende zu einer spätern Ansetzung des hier mitgeteilten Spiels »Die Totenfresser« (Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache XXIX, 1903) und gelangte ferner zu den ersten zunächst mehr nur papstfeindlichen als eigentlich reformatorischen Anfängen von Manuels Kampf gegen die alte Kirche, wie er ihn hier bei Burg in seiner ersten erhaltenen Dichtung, dem »Traum« von 1522, führt (Besprechung im Sonntagsblatt des »Bund« 1893). Auf grund dieser neu gewonnenen Erkenntnisse über die Frühzeit des Dichters Manuel veröffentlichte ebenderselbe sodann Mit Beihilfe seines seither verstorbenen Freundes Karl Frey. in Gustav Grunaus »Blättern für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde« 1916 und 1917 teilweise, und auf das Reformationsgedenkjahr 1917 unter dem Titel »Ein Rufer im Streit« vollständig in Neudeutsch, Niklaus Manuels erste reformatorische Dichtungen: die Satire»Ein Traum« und die beiden Spiele »Die Totenfresser« und »Von Papsts und Christi Gegensatz«, letzteres – ein Bauern-Zwiegespräch – übertragen in gegenwärtiges Berndeutsch, das der Sprache der Reformationszeit immer noch viel näher steht als das heutige Hochdeutsch. In der Sprache Manuels jenes, in berndeutscher Umformung dieses, wurden diese zwei frühesten dramatischen Spiele des Berner Malerdichters am 29. und 30. Juni 1918 unter Führung der Mitglieder des Deutschen Seminars der Berner Hochschule im dortigen Stadttheater nach vier Jahrhunderten zum erstenmal wieder auf die Bühne gebracht. Weder die Bearbeitung noch die Aufführung wurden damals, während des letzten Kriegsjahres, auswärts beachtet; nur von seiten einer beschränkten Ortspresse eines Nachbarkantons, die auch in unserer Zeit der »Umwertung aller Werte« die XII von rückständigen Glaubensgegensätzen unbeeinflußte Würdigung einer wertvollen geschichtlichen Persönlichkeit nicht verstehen kann, erhub sich nachträglich einiger Widerspruch. Wir ergreifen gerade deswegen gern die Gelegenheit, zunächst das erste Spiel unseres Landsmanns in der neugewonnenen, erst jetzt eigentlich lesbaren ursprünglichen Form den germanistischen Fachgenossen und den Freunden der ältern deutschen Literatur und Sprachgeschichte vorzulegen. Die Germanisten insbesondere mögen in dieser ersten bereinigten Ausgabe der ältesten und echtesten Überlieferung des frühesten der Manuelschen Fastnachtsspiele, worin die große Lücke aus den bisher allein bekannten gedruckten Quellen ergänzt ist, den Vorläufer sehen einer wissenschaftlich-kritischen Neuausgabe der echten Dichtungen Niklaus Manuels, wozu nach den neuerlichen Entdeckungen und Forschungen, besonders seit der Veröffentlichung der von Grüneisen und Bächtold noch nicht genannten einzigen alten Handschrift, ein dringendes Bedürfnis besteht, wenn Manuel künftig in seiner wahren Gestalt und gereinigt von fremden Zutaten seinem Land und der deutschen Literatur angehören soll. Im Anschluß daran wird eine ausführliche Lebensbeschreibung auf Grund der seitherigen Forschungen die Arbeiten Grüneisens und Bächtolds ergänzen und berichtigen, eine Anzahl beigegebener Bilder den Künstler Manuel dem Betrachter und Leser vorführen. Hier nur einiges auch für den Leser der »Totenfresser« Wissenswerte. Niklaus Manuel ist nach herkömmlicher Überlieferung i. J. 1484 (in Wirklichkeit vielleicht einige Jahre später) zu Bern geboren und nach sichern Angaben am 28. April 1530 ebenda gestorben. Er war der Sohn des Tuchhändlers und Stadtläufers Emanuel (Manuel) Alamand, genannt Apotheker, und seiner Gattin Margareta Fricker, ein naher Verwandter des Hans Alamand, Apothekers an der Kreuzgasse, dessen Vater Jakob Alamand der Walch (der »Welche« oder »Churwelche«?), ebenfalls Apotheker, aus romanischen Landen (Chieri bei Turin, oder Chur?) über Genf nach Bern gekommen war; aus Genf lassen auch die fabelhaften Stammbäume der Familie den Vorfahr Niklaus Manuels nach Bern gelangen. Dieser selbst führte nochg bei seiner Verheiratung 1509 den Namen Niklaus Allaman , vermutlich weil irgendwo in welschen Landen die vorübergehend in Genf niedergelassenen »Walchen«, seine Vorfahren und Verwandten, als »Deutsche« mochten bezeichnet worden sein; er selbst nannte sich in seinem Künstlermonogramm (NMD) den »Deutschen« (»Dütsch«), im übrigen seit seinen Mannesjahren ausschließlich nach dem Vornamen seines Vaters »Niklaus Manuel «. Der junge Mann ward Maler und erlernte auch, wahrscheinlich in Basel, die Glasmalerei. Den Höhepunkt seiner künstlerischen Tätigkeit bezeichnet die nur mehr als Kopie vorhandene Bilderreihe des Totentanzes in Bern. In Basel bewundert man mit Recht sein Schreib- oder Vorlagebüchlein: feine Zeichnungen mit Silberstift auf Elfenbeinplättchen ausgeführt. Der erhaltene Nachlaß des Künstlers Manuel an Gemälden und Handzeichnungen liegt hauptsächlich in den Museen von Basel und von Bern. Hier in der Heimatstadt ist die dekorative Bemalung des Chorgewölbes der Leutkirche (des Münsters) – nicht aber die Wölbung selbst, wie man früher glaubte – sein Werk; an der Erstellung der Chorgestühle daselbst hat er mindestens als Berater teilgenommen. Zum Dichter haben ihn vermutlich erst die politischen und kirchlichen Ereignisse seit den ersten Zwanzigerjahren des 16. Jahrhunderts gemacht; zur staatsmännischen Tätigkeit hat ihn für seine zwei letzten Lebensjahre der reformatirische Umschwung von 1528 berufen. Hier haben wir es von nun an nur mehr mit dem Dichter, besonders mit dem der »Totenfresser« von 1523, zu tun. XIII Die »Totenfresser«. 1. Die Aufführung von 1523 und die Schicksale des Textes. Es ist der Sonntag der Herren oder Pfaffenfastnacht des Jahres 1523. An der Kreuzgasse in Bern, wo sonst bei dem großen Kreuz, nach dem die Straße benannt ist, der Schultheiß von seinem Richterstuhle aus nach altem Brauch unter freiem Himmel Recht zu sprechen pflegt und wo sich zwischen Leutkirche und Rathaus die beiden Hauptstraßen der Altstadt kreuzen, ist eine geräumige Bretterbühne gezimmert, deren Hintergrund und Kulissen von den malerischen Bürgerhäusern selbst, die aber heute die Stadt Rom bedeuten, gebildet und stadtaufwärts von dem alten XIV Stadttor des Zeitglockenturms abgeschlossen werden. Vor der Bühne drängt sich bereits das Volk von Bern in Erwartung kommender Dinge. Denn hier soll es heute ein Fastnachtsspiel neuer, ja unerhörter Art geben, in dem der Papst selber mit seiner Klerisei auftreten wird, um sich selber und seiner Habsucht und Kriegslust das Urteil zu sprechen und es aus dem Munde der Erzapostel und des evangelischen Predigers gesprochen zu erhalten. Der treffliche Malermeister und Feldschreiber Niklaus Manuel, der schon vor sieben Jahren, und ganz neulich wieder, im Kampf gegen Papst und Kaiser mit Schwert und Feder seinen Mann gestellt hat, der noch letztes Frühjahr im Welschland, bei der Erstürmung von Novara – zum Glück nur leicht – verwundet worden und der blutigen Niederlage an der Biccocca glücklich entgangen ist, hat das Stück verfaßt und mit den jungen Bürgerssöhnen eingeübt: dem ist so was schon zuzutrauen! Hat er nicht auch den spottenden Landsknechten ihr übermütiges Lied auf die besiegten Schweizer in gleicher Münze heimgezahlt und noch auf dem Heimweg in einem erdichteten Traumgesicht den verstorbenen kriegerischen Papst zur Hölle fahren lassen wegen seines Betrugs mit dem Ablaß und wegen seiner Ländergier und Kriegstollheit? Der Büchsenmeister Fabian besitzt die Handschrift davon, die er freilich noch geheim hält: die altgläubigen Bürger und Junker sind immer noch zu scheuen. Aber heute, an der Fastnacht, will offenbar der Rat ein Auge zudrücken: man sagt sogar, es sei den Spielern von dort eine Beisteuer an ihre Kosten in Aussicht gestellt! Ja, die neue Lehre greift bei den Regierenden wie bei den Regierten kräftig um sich: ist doch auch vor wenig mehr als vierzehn Tagen im Zürcher Ratssaal beim Kampfgespräch über Papsttum, Messe und Heiligenverehrung der gelehrte Vikar des Konstanzer Bischofs dem streitbaren Meister Zwingli unterlegen oder feige ausgewichen und ist doch XV auch bei uns das Neue Testament Luthers, das sie in Basel drunten so flink nachgedruckt, bereits in vielen Händen . . . Und da nimmt auch schon der Papst mit seinem Hof auf der Bühne die geschmückten Sitze ein und naht sich aus der Gasse der Leichenzug, der mit seinen Zeremonien die päpstliche Kirche neuerdings wird ernähren und stützen helfen, und hageldicht sausen auf ihren Herrn und sein hohes Gesinde, zumeist aus deren eigenem Munde, die vernichtenden Streiche nieder . . .   Wir wollen die Handlung und die Reden des Spiels nach dessen uns heute durch den Fund Burgs geschenktem, aber in dem ersten buchstabengetreuen Abdruck des Entdeckers bisher nur schwer lesbarem Wortlaut und dramatischer Gliederung an uns vorbeigehen lassen. Das Stück baut sich gemäß den Auftritten und Aufmärschen der spielenden Personen in sieben einzelnen Szenen auf, worunter die erste, von den Totenmessen ausgehende, den größten Raum (etwa 648 echte Verse gegenüber 110, 220, 304, 296, 148, 112, zusammen 1190, der sechs andern Auftritte) einnimmt. In den bisher bekannten Texten, die alle – auch der Bächtolds von 1878 – auf eine in starke Zerrüttung gerateneVorlage der noch zeitgenössischen Druckausgaben von Froschauer in Zürich (1524 und 1525) zurückgehen, ist diese Anfangsszene schon von diesem ersten Drucker durch Einschiebungen entstellt worden, die den Zusammenhang unterbrechen oder in die Zusammensetzung der hohen Gesellschaft nicht passen, und die außerdem in ihren Anspielungen auf das Zürcher Religionsgespräch vom Jänner 1523 sich als Zutaten eines wahrscheinlich Zürcherischen Theologen verraten. Es sind das gleich im ersten Auftritt – nebst einigen Ausfällen auf die Lehre vom Fegefeuer (unten hinter Vs. 8 und Vs. 626) – die Reden des neben dem vorhergehenden Bischof gänzlich überflüssigen bischöflichen Vikars Fabler XVI (Faber von Konstanz) über die – erst im Verlauf des Jahres 1523 ihm gewidmete – Spottschrift vom »Gyrenrupfen«, sowie eines Klosterbettlers über den Rückgang seines Gewerbes, gegen das damals (1522 und 1524) Bern und andere Orte einschränkende Maßregeln ergreifen mußten (Beiträge aaO. 96¹): beide Personen und ihre Reden sind der Hamburger – ehemals Berner – Handschrift noch fremd. Auch im spätern Verlauf und gegen Ende des Spiels sind eine Anzahl von Stellen deutlich erst für den Zürcher Drucker von einem theologischen Überarbeiter zugesetzt oder wenigstens der Einschiebung verdächtig; wo sie in unserer Handschrift noch fehlen, sind sie in unserem Drucke weggelassen. Durch bloße Sorglosigkeit und Gedankenlosigkeit sodann ist in der handschriftlichen Druckvorlage Froschauers, von der alle weiteren Drucke abstammen, vielleicht erst während der Setzerarbeit, die sechste Szene – die der Musterung der Kriegsvölker durch den Papst – unvernünftig in fünf Bruchstücke auseinandergerissen und sodann in geradezu blödsinniger Weise falsch wieder zusammengeflickt worden, doch so, daß sie jetzt mit Hilfe der Hamburger Handschrift wieder richtig und vollständig hergestellt werden kann. Wir nehmen in die folgende nach der Handschrift gegebene Erzählung der Handlung die wesentlichsten Abweichungen und Zusätze der Drucke (bzw. des Textes bei Bächtold, B) von dem Hamburger Text, in [ ] gesetzt, mit auf, ebenso die wichtiger erscheinenden neuen Namen, die in den Drucken einzelnen Personen beigegeben sind. 2. Die Handlung des Stückes. Erster Auftritt (bei Bächtold [B] Vs. 1–752, mit Abzug von 175–210, 437–494, 737–750 und einzelnen andern Versen, die in der Hamburger Hs. [H] noch fehlen; bei uns Vs. 1–28): XVII Die Totenmessen und die geistliche Hierarchie. (Die Szene ist wie alle späteren am päpstlichen Hofe gedacht, zu dem aber die Hauptstraße von Bern den stehenden Hintergrund bildet. Alle sprechenden Personen des Spiels sind von Anfang an auf der Bühne anwesend; auch die beiden Apostel des fünften Auftritts erscheinen gleich zu Beginn als Zuschauer auf der Hinterbühne.) Bei Gelegenheit des Leichenbegängnisses eines reichen Bauern, den die Leidmänner beklagen, triumphiert der Kilchherr mit Meßner [ sigrist ], Metze und Tischdiener über die Einträglichkeit der Totenmessen und Jahrzeiten. Ebenso der auf dem Throne sitzende Papst, der hiedurch, sowie durch die Schlüsselgewalt und die geistlichen Rechte, durch Ablaß und Fegefeuer, zu Macht und Reichtum gekommen ist. Kardinal, › byssdschaf ‹ [Bischof], Propst und Dekan stimmen ihm bei und preisen das gute Leben, das sie mit Krieg, Jagd und jeglicher Hoffart, dem Evangelium zuwider, aber des Papstes Lehre gemäß, führen; der Pfarrherr mit Metze und Kaplan, der Abt und der Prior samt dem Schaffner, der junge Mönch, die Nonne, die Begine und der Nollbruder [diese beiden in den Drucken umgestellt] spüren dagegen bereits den neuen evangelischen Geist im Volke und die daherige Abnahme ihrer Einkünfte, und sind auch teilweise selbst mit ihrem Stand zerfallen [dem der Mönch flucht] oder nützen ihn zu zweifelhaftem Gewerbe aus [als weitere geistliche Personen sind später – noch nicht in der Hamburger Hs. – hinter dem Bischof der Vicari Fabler und hinter dem Abt und Schaffner der Quästionierer Bonaventura Giler, s. unten, eingeschoben]. Von Laien treten sodann auf: der Landfahrer, der mit seinen Pilgergängen auf »St. Jakobs-Straße« bei den Bauern keine Unterstützung mehr findet, der kranke XVIII Hausarme, dem die Pfaffen, Mönche und Nonnen das Almosen vorwegnehmen [und der sich nun einzig des Himmelreichs getröstet, das den Armen verheißen ist], endlich der Edelmann, dessen Vorfahren ihr Gut den Pfaffen und Mönchen gegeben haben und dessen Kinder nun darben müssen, ohne daß ihnen der »Wolfsgesang« der Priester hilft [die mit dem Fegefeuer sich bereichert haben]. Zweiter Auftritt (Bächt. 753–863; bei uns 629–738): Die päpstliche Schweizergarde. Der Gardehauptmann sowie die Gardeknechte Hans Eberzahn [Zahn], Heini Ankennapf, Ludi Krüterziger [Benedict Löwenziger] und Dies [Durs] Kalbskopf preisen den Papst, der sie aus den frommen Spenden der Bauern auf Kosten der Armen reich besoldet und der dem Heini, welcher die Kriegsmetze Sibylla Zöppli [Hure Sibylla Schieläugli] mit sich führt, sowie dem Dies einträgliche Pfründen und Chorherrenstellen gegeben hat, während Ludi ein reicher Dorfpfaffe zu werden hofft. Auch der »Schryber« hält auf den Papst, dessen Geldquellen so mannigfaltig sind, mehr als auf Christus und Petrus. Dritter Auftritt (Bächt. 864–1083; bei uns 739–956): Rhodiserszene. Von einem Posten und dem Gardehauptmann eingeführt, erscheint ein Rhodiser Ritter und meldet dem Papst, wie seit Mitte Augusts die Türken Rhodus beschössen, wie sie es einnehmen und sodann Apulien angreifen würden, XIX sofern nicht der Papst, der soviel Geld für den Türkenzug gesammelt, Hilfe bringen werde. Aber dieser, der andere Kriege zu führen hat, hat für Rhodus keinen Heller übrig. Der Ritter muß mit leeren Händen nach Rhodus heimkehren, um dort zu sterben, und ruft auf den Papst die himmlische Rache herab, die dem Antichrist angedroht ist; der Türke aber, auf der Szene erscheinend, spottet der Christenheit, die bereits zu drei Vierteilen sein ist und es bald ganz sein wird. Vierter Auftritt. (Bächt. 1084–1387; bei uns 957–1260): Bauernszene Der Doktor Lüpolt [ d. L. predicant ; später, vor V. 1834, in beiden Fassungen: doctor Lüpolt (Lütpolt) Schüchnit ] flucht dem Papst, der, indem er Rhodus preisgibt, sich unwürdig zeigt, auch nur der geringste Sauhirt auf Erden zu sein, und fragt die herankommenden Bauern, ob auch sie von seiner Schinderei wüßten. Ihrer sieben treten auf und beklagen sich zunächst über den Betrug, der seinerzeit mit dem Ablaß in der Frauenkapelle des Chors der Kirche zu Bern durch den grauen Mönch und Herrn Heinrich Wölfli getrieben worden ist. Gegen sechshundert Jahre lang löse man den Ablaß, der doch immer noch von der Kirche versetzt sei. Diese stütze sich auf die Konzilien und habe doch einst eine Hure zum Papst gehabt. Christus habe der Obrigkeit Zins und Zoll entrichtet, nicht den Pfaffen, und den armen Hirten, Bauern und Laien sei er zuerst verkündet worden. Die Ablaßkrämer, die Christi Heil um Geld verkauft und Gott zu einem Krämer gemacht hätten, seien schlimmer als Diebe: man sollte sie alle ertränken. XX Fünfter Auftritt (Bächt. 1466–1761; bei uns 1261–1546): Aposterszene. Petrus kommt mit Paulus aus dem Hintergrund, und nachdem er den Papst lange mit und ohne Brille betrachtet hat, fragt er einen Kurtisan, wer der Mann sei, den man da wie einen Türken oder Heiden auf den Achseln trage. Jener wundert sich der Frage von seiten des Petrus und nennt den Papst den Herrn ungezählter Fürstentümer, die er, der Statthalter Petri, als dessen Erbteil besitzen will. Petrus kann sich nicht erinnern, je nach Rom gekommen zu sein; er ist ein armer Fischer gewesen und kennt weder jenen noch sein Gesinde. Der Kurtisan aber, der den Alten für gedächtnisschwach hält, belehrt ihn über die Macht des Papstes, den man mehr fürchtet als den Kaiser und als Gott selbst und der für Geld den Himmel zu kaufen gibt: Petrus solle sich nur vor seinem Banne hüten. Dieser entsetzt sich über den Frevel an Gott, den sein angeblicher Statthalter begeht: Christus allein könne uns selig machen. Auch von der Schlüsselgewalt, die man, der Auskunft des Kurtisans zufolge, ihm, dem Apostel, zuschreibt, weiß er nichts: die Schlüssel zum Himmel besitzen alle Christen zumal. Er fragt nun den Paulus, was er von dieser Auskunft des »Pfäffleins« halte, und ob er selbst, Petrus, sich wirklich so weit habe vergessen können, als Nachfolger Cbristi, der ihm einst die Füße gewaschen, der Oberste unter allen Christen sein zu wollen. Aber Paulus kennt den Papst auch nicht; täte er die Werke Petri und Christi, so könnte man ihm wohl seine Ansprüche hingehen lassen. Doch dem Petrus ist nichts davon bekannt, daß der Papst je gepredigt oder sich der Armen angenommen hatte, und die beiden sind darüber einig, daß er geradezu das XXI Widerspiel Christi sei. Sie wollen mit ihm nichts zu tun haben; Gott, der keine Frühmesse verschläft, wird diese Gottesschmach nicht ungestraft lassen. Sechster Auftritt (Bächt. 1762–1801, 1444–1451, 1388–1443, 1452– 1465, [1802–1833]; bei uns 1547–1664): Musterungsszene. Der Papst beruft die Kardinäle zum Kriegsrat und ordnet [unbekümmert um die Gewalttaten, die jetzt zu Rhodus geschehen mögen] sein Heer zum Krieg, wofür er aufs Frühjahr einen Ablaß in deutsche Lande ausschreiben will. Ein Kardinal begrüßt freudig diese Aussichten. Es marschieren auf: der Geschützhauptmann mit einem mächtigen Geschwader [400 Geschwadern], der Hauptmann der Reisigen mit 200 [400] Glenen, der Hauptmann der Stratioten mit 400 [300] Mann, die in zehn Jahren nie anders als im Feld gelegen haben, der Hauptmann der Pellkaner [Italianer], der dem Papst vor langen Jahren zu Ravenna, Rimini, Pistoja und in der Venediger Schlacht gedient hat, der Hauptmann der Eidgenossen, die vor langer Zeit schon für ihn gegen die Türken auf der Tiber [fehlt in den Drucken] gestritten haben, endlich der Hauptmann der Landsknechte, der ihm mit kräftigen Flüchen sechshundert alte Kriegskatzen mit wild zerschnittenen Knebelbärten zuführt. Der Papst heißt seine Kriegsleute willkommen und will ihnen einen Kardinal schicken, der sie mustert und bezahlt; er gibt ihnen Banner und Zeichen und heißt sie sich mit Wein füllen; der Bauer, der die Schuhe mit Weidenruten bindet, muß die Kosten tragen. [Der oberste Hauptmann, Kardinal de Sancte Unfrid, führt das 80 000 Mann starke Heer ab, von dem er einen Katalog gibt: 500 Glene XXII zu Roß, 1000 Ertschiere, 4000 leichte Pferde, 20 000 deutsche und 25 000 welsche Fußknechte, 38 Kartaunen, 22 Schlangen nebst anderem Geschütz, 800 Bauern mit Schaufeln. Der Papst entläßt das Heer mit seinem Segen.] Siebenter Auftritt (Bächt. 1834–1945; bei uns 1665–1770.) Gebet des Doktors Lüpolt [Lütpolt] Schüchnit. »Herr Jesu Christ, laß uns alle Menschenlehre verachten und an deine Erlösung und an dein Evangelium uns halten statt an des Papstes Acht und Bann und an die Zeugnisse der Heiden. Könnte ich mit einer Axt auf einen Streich die päpstlichen Rechte zerscheiten! Das hieße wahrhaft wider den Türken gestritten. Herr, laß uns auf dich und nicht auf jenen sterblichen Madensack vertrauen und verleih uns deinen göttlichen Segen!« Das Totenfresserspiel, das der Maler und Kriegsmann Niklaus Manuel während der ersten reformatorischen Bewegungen in Stadt und Land Bern, aber ein halbes Jahrzehnt vor der staatlichen Glaubensänderung, durch die Berner Jungmannschaft öffentlich aufführen ließ, ist ein – in Art und Stil an die zur Fastnacht üblichen Narrengerichte sich anschließendes – eigentliches Volksurteil des jungen Bern über die Mißbräuche der Kirche: über dasWohlleben der Priester, das diese aus den Einkünften der Totenmessen, des Ablasses und der Bußen für die Übertretung des Keuschheitsgelübdes der Geistlichen so üppig zu bestreiten wissen; über die Ländergier und Kriegslust des Papstes, der dann doch für den Schutz bedrängter Christen nicht zu haben ist, das einfältige Volk durch den Ablaß und die geistlichen Rechte betrügt und seine Macht durch ein XXIII wohlgerüstetes Heer aufrecht hält. Unser Spiel ist die muntere Abrechnung, die der Laie und bereits beliebte Volksdichter über die bisherigen, aber nunmehr verjährten kirchlichen Ansprüche und Anmaßungen einer- und die Bestreitungen und Anforderungen der Gelehrten und der Ungelehrten aus dem Volke anderseits den Freunden und Gegnern überreicht, – eine bündige, bürgerlich derbe Zusammenfassung der Beschwerden und Begehrungen, die insbesondere durch die Begebnisse des abgelaufenen Jahres beim Städter und beim Bauer wach geworden sind und dort wie hier im unvergessenen Dichterwort und -bild nachwirkend durch die folgenden Jahre zu dem endlichen Umschwung von 1528 zweifellos kräftig beigetragen haben. 3. Das Zwillingsstück der »Totenfresser«: »Von Papsts und Christi Gegensatz«. In engerem Rahmen ist derselbe Gegenstand behandelt in dem Spiel von Papsts und Christi Gegensatz . Das Stück erscheint überall als Anhang zu dem eben besprochenen Spiele abgeschrieben und gedruckt und ist nach Anshelm nur acht Tage nach jenem auf demselben Schauplatz aufgeführt worden. Die Gegenüberstellung der weltlichen Pracht des Papstes als des Antichrists und der Demut Christi als des Welterlösers, war ein der Zeit geläufiger Gegenstand, den u. a. schon 1521 Lukas Kranach, mit Versen Luthers begleitet, in dem Passional Christi und Antichristi behandelt hatte, der sodann von Manuel selbst i. J. 1524 in einer Handzeichnung bildlich dargestellt worden ist und bis 1840 auch in der Kirche zu Boltigen im Berner Simmental auf sechs Fensterscheiben gemalt zu sehen war. Das Fastnachtsspiel von Papst und Christus ist im wesentlichen nur ein bewegtes lebendes Bild dieses Gegensatzes. Durch die XXIV Kreuzgasse zu Bern kommen zwei Züge verkleideter junger Leute gegen den dort im Mittelpunkt der Altstadt im Freien stehenden Richterstuhl heran: erst von hüben Christus auf dem Esel, die Dornenkrone auf dem Haupte, hinter ihm ein Gefolge von armen Jüngern und von Hilfsbedürftigen aller Art, dann von drüben der Papst an der Spitze seines Hofstaates und seines Kriegsheeres. Zu beiden Zügen machen zwei zuschauende Bauern ihre Bemerkungen, mit derben Ausfällen gegen das weltliche und kriegerische Leben des Papstes und gegen die Ablässe und Wallfahrten, die auf Kosten des gemeinen Mannes sich und die Kirche bereichern. Der Schwabe und Berner Chronist Valerius Anshelm hat etwa zwölf Jahre später in seinem Geschichtswerke (Bd. 4, 475 der neuen Ausgabe, 1893) diese »zwei wohlgelehrten und in weite Lande erfolgreich verbreiteten Spiele« von den »Totenfressern« und von dem »Gegensatz des Wesens Christi Jesu und seines sogenannten Statthalters, des Römischen Papstes« unter der auszeichnenden Überschrift » Spiele evangelischer Freiheit « besprochen und ihre Bedeutung gut zusammengefaßt mit den Worten: »Durch diese farbenreichen Schaustellungen ( wunderliche anschowungen ) derengleichen bisher – als gotteslästerlich – nie erhört gewesen, ward viel Volkes bewegt, christliche Freiheit und päpstliche Knechtschaft überdenkend zu unterscheiden. Es ist auch in dem evangelischen Handel kaum ein Büchlein so oft gedruckt und so weithin ausgebreitet worden als das mit diesen Spielen.« 4. Die Datierung der beiden »evangelischen Freiheitsspiele« Manuels. Anshelm hat freilich auch – durch sein Ansehen als bester Berner Geschichtschreiber der Zeit – wesentlich dazu XXV beigetragen, daß die Entstehung und Aufführung unserer beiden Spiele Jahrhundertelang um ein Jahr zu früh angesetzt und daß dadurch für die Folgezeit Niklaus Manuel zum Vorläufer statt – was ihm als Laien allein zukam – zum treuesten und erfolgreichsten Nachtreter der ersten wirksamen Schritte der Berner Reformfreunde von 1522 und 23 gemacht worden ist. Anshelm hat in seiner Berner Chronik – übrigens erst im Anschluß an die Ereignisse vom August und September 1522! – die Aufführung auf die Fastnacht »diß jars« (des 1522sten also, mußte man ihn verstehen und wollte er wohl auch verstanden sein) zurückverlegt, mithin diese Schaustellungen um mindestens ein halbes Jahr vor jenen herbstlichen Ereignissen – ein ganzes vor dem geschichtlichen Datum der Aufführungen an der Kreuzgasse – geschehen lassen. Er ist dazu verführt worden – oder seine Nachfolger und Nachschreiber haben ihn so verstanden – unter dem Einfluß der ersten und für lange Zeit einzigen, auch sonst vielfach unzuverlässigen, Zürcher Druckausgaben der beiden Spiele von 1524 und weiterhin, wonach dieselben an der Herren- und an der »alten« Fastnacht 1522 aufgeführt worden wären. Die katholischen Gegner freilich haben diese Vordatierung bemängelt: der Luzerner Stadtschreiber Cysat spricht fünfzig Jahre nach Anshelm sogar von einer»betrüglichen« Zurückstellung des Datums in den Drucken der »hochschmählichen« Berner Komödien. Tatsächlich – wie wir das vor zwanzig Jahren im 29. Bande der »Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache« nachgewiesen haben, freilich ohne seither damit in Bern oder auswärts Zustimmung, aber auch ohne dagegen Widerspruch zu erfahren – tatsächlich sind denn auch in Manuels »Totenfressern« einige Begebnisse der Berner und Schweizer Reformationsgeschichte berührt und teilweise mit wörtlichen Anführungen wiedergegeben, die erst in den spätern Verlauf des Jahres 1522 XXVI fallen: der Prozeß des ketzerischen Pfarrers Jörg Brunner im September, die Bittschriften Zwinglis und der Handel des verheirateten Pfarrers Urban Wyß wegen der Priesterehe, Juli bis November, endlich der Kommentar Sebastian Meyers von Bern zum Hirtenbrief des Bischofs von Konstanz, Spätjahr 1522. Erst diese drei Ereignisse vom Sommer und Spätjahr 1522, sowie die Eroberung von Rhodus durch die Türken vom August 1522, haben Manuel für ganze Szenen und Reden seines ersten sicher zu datierenden reformatorischen Fastnachtsspieles, unserer » Totenfresser «, den Stoff geliefert und wahrscheinlich auch erst den Anstoß gegeben zu dieser Dichtung, sowie zu der kürzern » Von Papsts und Christi Gegensatz «. Denn er ist sicher der Verfasser wenigstens der Urform dieser Spiele, die uns jetzt in der neulich entdeckten Handschrift vorliegt, während für die davon mehrfach abweichende gedruckte Form, worin neben Anspielungen auf Berner und Zürcher Ereignisse von 1523 und 1524 auch einige sehr störende Umstellungen erscheinen, wohl der Ausdruck Anshelms gelten mag, daß die beiden Spiele »fürnemlich« (d. h. größtenteils, in der Hauptsache) von Niklaus Manuel gedichtet seien. Seit der ersten Ausgabe (Zürich 1524) und seit dem Bekanntwerden des einschlägigen, um 1535 geschriebenen Teiles der Chronik Anshelms gelten diese beiden Spiele als auf die Fastnacht 1522 verfaßt und aufgeführt. Die Benutzung der Berner Ereignisse vom Sommer 1522 in dem größern, alle Mißbräuche des Papsttums zusammenfassenden Stücke ist aber so zweifellos, und die darin vorkommende Eroberung von Rhodus so unentbehrlich im Aufbau des Ganzen, daß an eine frühere Entstehung des Spieles, in das dann die Rhodiserszene erst nachträglich eingeschoben sein müßte, nicht zu denken ist. Höchst wahrscheinlich ist auch das kleinere Spiel, worin XXVII lediglich die kriegerische Hoffart des Papstes und sein Ablaßhandel bekämpft werden, erst zu Fastnacht 1523 entstanden und aufgeführt worden; undenkbar jedenfalls ist eine Aufführung beider Spiele an der Fastnacht 1522, also zu einer Zeit, da Manuel vor Mailand lag. Die Erinnerung des ein Dutzend Jahre später schreibenden Zeitgenossen Anshelm, daß im nämlichen Jahre zu Fastnacht erst das größere, acht Tage später das kleinere Spiel aufgeführt und dazwischen, am Aschermittwoch, ein spöttischer Umzug mit dem Ablaß und mit dem »Bohnenlied« gehalten worden sei, wird wohl richtig sein; nur daß er sich durch die falsche Jahrzahl der Zürcher Ausgaben hat irreleiten lassen. Mit der richtigen Ansetzung dieser Aufführung auf Fastnacht 1523 stimmt es dagegen gut, daß in der ersten Jahreshälfte von 1523 »denen so das Spiel in der Kreuzgasse machten«, 21 Pfund vom Rate geschenkt wurden, während für 1522 weder Spiel noch Spende solcher Art erwähnt werden. Mit diesen beiden reformatorischen Fastnachtsspielen von 1523, die seine bedeutendste dichterische Tat sind, ist Manuel zwar noch nicht, wie man dies bisher meist dargestellt hat, einer der Heerführer der evangelischen Sache im beginnenden Reformationskampf Berns gewesen;wohl aber ist der reisige Gegner der Politik Papst Leos vom vorigen Frühjahr jetzt, in dem Jahr der Vorreformation seiner Vaterstadt, auch im öffentlichen, bürgerlichen Leben derselben der vernehmlichste und wirksamste »Rufer im Streit« um die Glaubensänderung geworden, die im Brachmonat darauf in dem Reformationsmandat von Viti und Modesti ihren amtlichen Ausdruck und fünf Jahre später, in den Neujahrstagen 1528, durch das große, den Übertritt Berns vollendende Religionsgespräch in der Barfüßerkirche, wo Manuel als bestellter »Rufer« die Sprecher anzukündigen hatte, ihren Abschluß fand. XXVIII 5. Angebliche und wirkliche reformatorische Dichtungen Manuels vor 1523. Der »Traum« von 1522. Daß allerdings reformatorischer, kritischer Geist, in dem gelegentlich auch »Entrüstung den Vers gebar«, schon vor den ersten Berner Reformationswehen von 1523 die leidenschaftlich und dichterisch erregbare Seele des Malers und Kriegers Manuel erfüllte, läßt sich leicht denken und es ist uns davon auch ein vollgültiges poetisches Denkmal geblieben. Wir meinen nicht die Verse zu dem einst berühmten Totentanz , welchen Niklaus Manuel schon um 1518 an die Innenmauer des Predigerkirchhofs für die Insassen des Klosters und für die ihnen gewogenen Bürger Berns gemalt hatte und worin seither nur protestantische Verbohrtheit, die schon in dem jungen Künstler Manuel den schneidigen Pfaffenfeind sehen wollte, weil 23 Jahre nach seinem Tode ein beschränkter Schulmeister die Bilder der vom Tode geholten geistlichen Herren und Frauen in seinen holprigen Reimen so auslegte, den Ausdruck »ingrimmigen Hasses gegen die versunkene Klerisei« erblicken konnte: erst vor zwanzig Jahren hat Adolf Fluri (im Berner Taschenbuch 1901) ihr und uns den Star gestochen. Auch das erste uns erhaltene Gedicht Manuels, das derbe Spottlied auf die übermütigen Sieger von Biccocca , die deutschen Landsknechte, ist noch kein Erzeugnis und Zeugnis des Reformationskämpen Manuel, vielmehr nur eine kräftige Äußerung des Ärgers über die erlittene Niederlage, die lediglich auf die damals noch wenig gebräuchlichen Grabungs- und Deckungsarbeiten des Feindes zurückgeführt wird. Dagegen ist die wenig später – wahrscheinlich auf dem Heimweg aus Italien – entstandene Dichtung Manuels » Ein Traum « eine heftige dichterische Absage an die verhängnisvoll gewordene XXIX kriegerische Politik der Zeit, wie sie für ihn hauptsächlich in der Person des kürzlich verstorbenen Papstes Leo verkörpert ist und, wie er glaubt, auch künftig, wenn Gott nicht ein Einsehen tut, durch den päpstlichen Stuhl zum Verderben der Welt wird betrieben werden. Niklaus Manuels »Traum«, offenbar zunächst nur für den engeren Kreis der Waffengenossen und Freunde des Dichters bestimmt, und ungewollt durch einen derselben uns handschriftlich erhalten, ist ebenfalls durch den Fund Fritz Burgs uns wiedergeschenkt worden. Das Gedicht ist eine bilderreiche Betrachtung der Zeitereignisse, ein prophetisches Gesicht vom Weltkrieg und vom Papst und Kardinal, gerichtet gegen den Urheber der ganzen heillosen Verwirrung der jetzigen Welt, der samt seinem ersten Würdenträger mit Segnen und Fluchen, mit Verführung und Bestechung die Christenheit in zeitliches und ewiges Verderben geführt hat: des Papstes in Rom. Am 1. Dezember 1521 war der streitbare Mediceer Leo X. gestorben; der päpstliche Stuhl, auf den statt des anfänglich in Aussicht genommenen Wallisers Schinner der in Spanien weilende Niederländer Hadrian berufen war, stund noch unbesetzt. Leo war es gewesen, der seit 1517 einen Tetzel und einen Samson als Ablaßkrämer ausgesandt, der neulich seine aus aller Welt geworbenen Scharen als Bundesgenosse des Kaisers dem Heere des Königs Franz und der mit ihm verbündeten zwölf eidgenössischen Orte entgegengestellt hatte. Nach viel verursachtem und erlittenem Kriegselend sind nun die Schweizer auf dem Heimwege. Da hat unser Maler und Dichter, den die Betrachtung der allgemeinen Verwirrung lange im nächtlichen Feldlager wachgehalten, einen Traum. Der Papst mit seinem großen Buch (den päpstlichen Dekretalien) führt Kampf gegen das kleine Buch (das Evangelium) und betrügt mit seinem Kardinal (Schinner) XXX einen großen Teil der Christenheit. Aber er macht diese durch seine ewigen Kriege unglücklich. Ob der richtenden Stimme Gottes und dem Abfall des Volkes stirbt der Papst eines jähen Todes. An der Himmelspforte, die er vergeblich mit seinen Schlüsseln zu öffnen versucht, wird er abgewiesen zusamt seinen Anhängern, die ohne Erfolg auf seine Ablaßbriefe pochen und diese dann auf die unsauberste Art behandeln. Nun wendet sich der »gekrönte Hut«, der »Schelm von Rom« nach der Hölle, wo man beschließt, ihn auf die Erde zurückzusenden, da er dort der beste Helfer des Teufels ist und nunmehr zwischen Frankreich, dem Kaiser, der Eidgenossenschaft und Venedig Streit erregen soll. Der Papst aber wendet ein, es sei droben schon einer da, sein Werk weiterzutreiben, und wird auf seine dringliche Bitte mit seinen Schafen von seinem Herrn, dem Teufel Lucifer, zu Gnaden angenommen. – Der Dichter erwacht vom Traum und wendet von der Welt und von der Hölle seine Gedanken dem Himmelreich zu, wo er neben dem Herrn die Himmelskönigin unter lobsingenden Engeln thronen sieht. Jetzt hört er ein Maultier schellen, einen Hahn krähen, seinen Hund bellen; er findet sich im Harnisch auf dem harten Boden liegen, neben ihm sein Bube, sein Roß und etliche große Kürißpferde, und die Läuse beißen ihn grimmig. Er erseufzt in Sehnsucht nach dem Himmelreich und wünscht von der Erde zu scheiden und durch Christum selig zu werden. So der »Traum« Manuels von 1522, wie er in einer seinerzeit wahrscheinlich dem Büchsenmeister Fabian zu Bern gehörigen Abschrift uns ziemlich vollständig erhalten und erst vor siebenzehn Jahren aus der Hamburger Stadtbibliothek wieder ans Licht gezogen worden ist. Das ursprünglich wohl etwa 1000 Verse lange Gedicht ist in einer sonst bei Manuel nicht vorkommenden Form, in regelmäßigen iambischen und kreuzweise gereimten Zeilen XXXI geschrieben, hat aber trotzdem zweifellos ihn zum Verfasser. Unter einer Anzahl »Schimpfschriften«, die er i. J. 1529 sich brieflich von Zwingli zurückerbat, nennt er selbst einen »Traum«, offenbar als ein Werk seiner Feder; das eines Andern von 1522 hätte er kaum noch kurz vor 1529 dem Reformator zu lesen gegeben. Entstanden ist das Gedicht während des zwischen dem Tode Leos im Dezember 1521 und dem Regierungsantritt Hadrians VI. im folgenden August liegenden päpstlichen Interregnums auf einer Kriegsfahrt, und zwar, nach der gedrückten Stimmung und der anschaulichen Schilderung der Kriegsgreuel zu schließen, eher auf dem Rückzug aus Italien als auf der Hinreise, also im Mai 1522. Erwachsen unter den großen politischen Ereignissen der Zeit, die sich in der Seele eines nahe Beteiligten aufs Lebendigste spiegeln, ist das Gedicht eine der merkwürdigsten Urkunden der Zeitgeschichte sowohl als der kräftigen Eigenart Manuels. 6. Die Dichtungen des Landvogts von Erlach 1513–1527. Den bald nach 1523 eintretenden Rückschlag in der reformatorischen Bewegung hat Manuel nur außerhalb der Hauptstadt miterlebt, als Landvogt zu Erlach . DieseVersetzung mochte ihm ein willkommener Ersatz dafür sein, daß die Weibelstelle, um die er sich noch vom italienischen Feldzug aus (1522) beworben hatte, ihm entging und daß die Einnahmequellen des Künstlers mehr und mehr versiegten. Neuerlich bekanntgewordene Briefe an den Rat zeigen uns den Landvogt Manuel als umsichtigen Wirtschafter und als besorgten Anwalt der Bedrängten. Dazwischen schickt er einmal, im Spätherbst 1526, seinen Gnädigen Herren ein Faß Erlacher Weins zu, mit einem XXXII heitern Brief, womit er ihnen vermittelst einer allegorischen Darstellung der Weinzucht und Weinbereitung den Gegenstand der Sendung schalkhaft zu erraten gibt. Seine Aufmerksamkeit aber blieb den religiösen Fragen nach wie vor zugewandt, und seine Muße widmete auch der Landvogt von Erlach noch mehrmals der satirischen Dichtung im Dienst der reformatorischen Gedanken. Der Ablaßhandel erregt von neuem seinen Zorn, aber auch bereits seinen Spott. Denn in der Stadt, wo Samson einst im Münster seine Bude aufgeschlagen, geht das Geschäft nicht mehr; nur bei den Bauern auf dem Lande versucht der fromme Gaukler Richardus Hinderlist noch sein Glück. Doch auch hier ist man jetzt aufgeklärt: die Bauern und Bäuerinnen wollen das Geld zurückhaben, das sie seinerzeit für die Ablaßbriefe ausgegeben. Die Weiber ziehen den Betrüger an einem Seil empor, und dieser bekennt nun, daß er ein bloßer Geldmacher ist und dabei einen sehr schlechten Lebenswandel führt. Man nimmt ihm sein Geld ab als Entschädigung für den Ablaßkauf und überläßt den Rest einem würdigen Armen, der dafür Gott dankt. So das Spiel vom Ablaßkrämer , das kaum zur Aufführung bestimmt war. Manuel führt in dem erwähnten Briefe von 1529 unter seinen »Schimpfchristen« einen »Gaukler vom Ablaß sprechend« und einen»Ablaßkrämer« an: der erste Titel bezieht sich wahrscheinlich auf den Eingang unsrer Satire, der aus einer parodierten Ablaßpredigt besteht, worauf die eigentliche Handlung erst folgt. In der einzigen, von Manuel selbst geschriebenen und mit einer Titelzeichnung versehenen Handschrift unsres Spiels steht zu Anfang und zu Ende die Jahrzahl 1525, daneben dort noch das Monogramm Manuels und sein Künstlerzeichen, der Schweizerdegen (Dolch), während hier das Schlußwort des Textes, »schwitzerdegen«, den Verfassernamen ersetzt. Manuel zeigt sich im »Ablaßkrämer«, wie seinerzeit XXXIII in der Eingangsszene seiner »Totenfresser«, angeregt und beeinflußt von dem Basler Pamphilus Gengenbach, der in Bileamsesel (bei Goedeke, P. Gengenbach) bereits einige Jahre vorher einen Ablaßkrämer seine Ware ausbieten und vom Bauern und der Bäuerin abgewiesen werden läßt. Der Ablaß heißt hier eine päpstliche Hinterlist ; Hinderlist heißt der Ablaßprediger bei Manuel. Das Barbali , im folgenden Jahr (1526) erschienen, nimmt das Klosterleben aufs Korn. Die Dichtung bezeichnet sich selber als ein bloßes »Gespräch« und war jedenfalls auch nicht für eine Aufführung durch eine Truppe im Freien geschrieben (zwischen der ersten und zweiten Szene klafft eine Lücke von einem ganzen Jahr), aber trotzdem sehr beliebt: sie hat seinerzeit acht Auflagen erlebt. Als Manuels Werk ist sie wieder durch das Schlußwort schwyzertegen beglaubigt. 1523 war in Basel, 1524 und 1525 in Zürich das Neue Testament Luthers deutsch als Nachdruck herausgekommen, und nach seinem Text sind auch die zahlreichen Belegstellen in allen Ausgaben wiedergegeben, außer in dem einen der beiden Froschauerdrucke des Ursprungsjahrs, der diese Stellen in Reime gegossen enthält. Das Ganze ist die dialogische Ausführung eines Kapitels aus dem 1521 bei Pamphilus Gengenbach in Basel erschienenen Dritten Bundesgenossen des Eberlin von Günzburg , worin die Christenheit ermahnt wird, sich über die Klosterfrauen zu erbarmen, und insbesondere die Gründe einer Mutter widerlegt werden, aus denen sie ihre Tochter zur Nonne machen will; zugleich aber ist das Stück eine selbständige und beredte Verherrlichung des durch die Reformation verkündeten allgemeinen Priestertums, das vermöge göttlicher Einwirkung auch in einem Kinde sich offenbart. Das elfjährige Barbali soll ins Kloster, hat aber das Neue Testament gelesen und weist nun alle Zureden der Mutter und der XXXIV Geistlichen siegreich ab, indem es die Würde des Ehestands hoch über das schriftwidrige Klosterleben erhebt. Dem Klosterleben scheint in dieser Zeit, aber vielleicht noch in Bern, Manuel auch ein Fastnachtsspiel Von Nonnen und Mönchen gewidmet zu haben, wovon uns nur 23 Verse am Schluß der neulich entdeckten Hamburger Handschrift erhalten sind. Dieses Spiel ist wohl dieselbe Schrift, die Manuel in dem Brief an Zwingli von 1529 als »Vier Männer und vier Weiber bei einem Zechgelage« bezeichnet; denn auch in dem uns erhaltenen Bruchstück des »Fastnachtsschimpfs von Nonnen und von Mönchen, wie sie miteinander Kurzweil trieben« treten vier Männer auf und erwarten Weiber zu einem Gelage. Der dabei angeschlagene Ton ist durchaus in Manuels früherer Art. Von dem Inhalt und Gang des Stückes wissen wir freilich nichts. Als nach dem Religionsgespräch von Baden , wo im Frühjahr 1526 Eck, Faber und Murner mit Ökolampad, Haller u. a. über Messe und Heiligenverehrung gestritten hatten, beide Teile sich den Sieg zuschrieben und Murner die Gegner durch den säumigen Druck der Akten erbitterte, sah sich im Dezember 1526 der Rat von Bern veranlaßt, das Singen von Liedern zu verbieten, die von der »Disputatz«, von Zwingli, Luther u. dgl. handelten. Auf beiden Seiten machte sich damals die Erregung der Gemüter im volksmäßig derben Liede Luft. Murners »Kirchendieb und Ketzerkalender« von 1527 sollte unter anderm auch die Antwort sein auf ein »schändliches, lästerliches Liedlein« von der Disputation zu Baden. Ein solches Lied »wider Ecks und Fabers Disputieren« (ebenso wie schon das Lied von Biccocca) schreibt zuerst Bullinger unserm Manuel zu, und es ist keinerlei Grund vorhanden, das als fliegendes Blatt in zwei undatierten Froschauerdrucken uns erhaltene Gedicht einem andern zuzuweisen. XXXV Das Lied von Ecks und Fabers Badenfahrt ist in der 14zeiligen Strophe des Meistersingers Schilher oder Schiller (» Schilers hoffthon «) verfaßt, die der »Bernerweise« des alten Eckenliedes und anderer Gedichte aus dem Sagenkreise Dietrichs von Bern entspricht, wonach auch verschiedene Lieder von Bern und vom Burgunderkriege gingen. Wiederum sind es zwei einfache Bauern, in deren derben Reden sich die Ereignisse spiegeln. Der bayrische Schweinetreiber Eck hat zu Baden ein Schwein mit sieben Ferkeln gewonnen, d. h. »eine Sau gemacht« (sich blamiert) mit seinen sieben Thesen. Dem schreienden und um sich hauenden Eck (Manuel läßt ihn als den ungeschlachten Riesen Ecke der Dietrichssage auftreten, der dort von dem Berner Dietrich besiegt wird) hat Susschin (Ökolampad) den Weg verrannt; seine Argumente blies der Bär (Haller von Bern) durch die Tür wie Sommermücken usw. 7. Wirkliche und angebliche reformatorische Dichtungen Manuels von der Berner Disputation 1528. Als nun endlich im Jänner 1528 die für Bern entscheidende Disputation in der dortigen Barfüßerkirche unter Beisein Zwinglis und der Häupter der schweizerischen und schwäbischen Reformation, doch unter schwacher Vertretung der Gegenpartei, stattfand, da sah man in der Mitte der Korona, wo zwischen den zwei für die Streiter errichteten Tribünen die vier Präsidenten, darunter von neugläubiger Seite Vadian aus St. Gallen und der Komtur Schmid von Küßnach, Platz genommen hatten, auch den Vogt Manuel von Erlach als Rufer oder Herold amten, die Namen der Eingeladenen verlesen und die Sprecher aufrufen. Die kurze Rede, die er selbst am achten Tag des Gespräches hielt, um in einem über die päpstlichen Satzungen XXXVI entbrannten Streit die Ruhe wiederherzustellen, ist in die gedruckten Akten aufgenommen worden. Er betonte die Unparteilichkeit der Veranstalter des Gesprächs und ihre Absicht, lediglich die Wahrheit ans Licht zu bringen, ermahnte daher die Gegner der Reformationsartikel, ihrerseits ebenso offen und entschieden dagegenzureden und zu schreiben, wie die Prädikanten für dieselben einträten; das werde auch die Obrigkeit dankbar anerkennen. Schon während der Disputation hatte Zwinglis Stiftskollege Utinger in Zürich Kenntnis von einer Satire, womit Manuel in den Berner Kampf um die Messe eingegriffen hatte. Er schrieb am 15. Januar 1528 an Zwingli nach Bern: »Die Schrift ( operam ) des Emanuel von der Krankheit der Messe wünschte ich zu erhalten, und hernach die Totenklage ( planctum ad funus ), die er ebenfalls dichten muß.« Die Krankheit der Messe war also bereits vor dem Berner Religionsgespräch oder während desselben wenigstens handschriftlich im Umlauf bei den Freunden Manuels und Zwinglis, als eine Art Kriegsruf auf den entscheidenden Kampf hin; für den Druck mögen die denkwürdigenTage vom 7. bis 16. Jänner noch mancheshinzugebracht haben. Sodann enthalten die spätern Ausgaben – fünf verschiedene Drucke der »Krankheit« sind noch von 1528 datiert – einen Nachtrag zu unserer Satire, den Letzten Willen oder das Testament der Messe , das vielleicht eben durch den Wunsch Utingers nach einer »Totenklage« veranlaßt ist. Als Druckort ist am Schluß der »Krankheit« ein mythisches »Bergwasserwind« angegeben, allwo das Werk »neben dem Stubenofen, in Erwartung des Nachtmahls des Herrn« – d. h. wohl der Einführung des christlichen Abendmahls statt der unchristlichen Messe – entstanden sein soll. Die Krankheit der Messe, ebenso wie das Testament in Prosa verfaßt, ist der würdige Abschluß von Manuels XXXVII reformatorischen Streitschriften, ein kräftig-launiger Triumph nach den harten und oft übermäßig derben Waffengängen der Kampfzeit. Die Messe, die Verkörperung des Papsttums, lag endlich besiegt, hoffnungslos krank auf dem Todbette. Die Fahrt nach Baden (zur Disputation) hatte ihr nichts genützt; nun sollten ihr auf Geheiß »Seiner Heidischheit« des Papstes der berühmte Dr.  Rundeck , auch Lügeck und Schreieck genannt, und der Apotheker Heioho (sonst Hans Heierlin Schmid oder Faber) durch bewährte römische Mittel helfen. Aber unser erprobter Kämpe und Poet ahnt schon fröhlich den Ausgang dieses Siechtums und tut sich gütlich an der endlichen Niederlage der Gegner. Manuel führt mit witzigster Laune, die sich zu erhabenstem Hohn steigert, die Krankengeschichte weiter bis zu den letzten verzweifelten Anstrengungen der Krankenpfleger, denen alle Sakramente versagen: das heilige Öl ist versiegt – die Bauern haben die Schuhe damit gesalbt; der »Herrgott«, der Leib Christi, ist nicht zur Stelle zu bringen – der Himmel ist sein Stuhl und die Erde sein Fußschemel! Die Heilkünstler, unter denen auch Thoman Katzenlied (Thomas Murner) nicht fehlt, überlassen die Sterbende ihrem Schicksal, und »Dr. Schryegk« kehrt mit einem neuen Trieb »Säue« ins Bayerland heim. Im »Testament« erhält dann jeder der Meßfreunde sein Betreffnis aus der Hinterlassenschaft der Verstorbenen mit einem beißenden Sprüchlein zugewiesen; Kelche, Patenen und Monstranzen, Kreuze und Bilder, Silber, Gold und Kleinodien fallen dem weltlichen Regiment zu, »und gebe Gott den Münzern Glück und guten Wein, denn sie werden viel zu tun bekommen!« Wenn hier der Übermut des Siegers dem Künstler Manuel, der vor wenigen Jahren noch die Berner Leutkirche ausschmücken half, und der die entzückendsten Entwürfe für Zierarbeiten aller Art hinterlassen hat, ziemlich leicht über XXXVIII das weghilft, was wir heute als die schmerzliche Kehrseite der Reformation empfinden – und wir haben wiederum keinen äußern Grund, ihm die Verfasserschaft dieses Anhangs abzusprechen –, so erscheint uns dagegen eine andere Schrift, die er im Anschluß an die entscheidenden Ereignisse dieses Frühjahrs eigens dem Schicksal der Kirchenzierden, der »Götzen«, gewidmet haben soll, mit der Persönlichkeit des Künstlers und des Schriftstellers Manuel schlechterdings unvereinbar. Die » Klagrede der armen Götzen « kann Manuel nicht geschrieben haben. Die Messe war ein Götzendienst und mußte weg mit allem, was daran hing; das gleiche galt von der Heiligenverehrung: da mußte die Rücksicht auf die Kunst, sogar auf das von der eigenen Hand geschaffene Kunstwerk, billig schweigen. Aber daß der Maler und Zeichner und Kirchenausschmücker Manuel, dem der Untergang von so vielen edeln Gemälden und Gebilden und Geschmeiden – zumal von Erzeugnissen des jetzigen neuen Stils – doch zu Herzen gehen mußte, die »Götzen« nicht bloß kleinmütig sich entschuldigen, sondern das angerichtete Unheil ausdrücklich den Künstlern und deren Auftraggebern zuschieben läßt (Vs. 129 ff.), scheint uns in der Demut und Selbstwegwerfung für den Künstler und den Staatsmann Manuel viel zu weit zu gehen. So konnte ein Manuel seine Vergangenheit nicht verleugnen, und die nachfolgende Strafpredigt gegen die Zuchtlosigkeit, besonders der Jugend, sowie gegen die Nachsicht der Obrigkeit (Vs. 352), hätten einem, der sich und seinen Kunstgenossen eben vorher eine Hauptschuld an der Abgötterei der Zeit beigemessen, ebensowenig angestanden als einem Ratsherrn und Landvogt, der für die bevorstehenden Neuwahlen der Regierungsbehörden sicher schon in Aussicht genommen war. – Dazu kommt, daß die Verfasserschaft Manuels eigentlich bloß auf der Vermutung eines späten Schreibers beruht. Keine Ausgabe gibt oder deutet XXXIX Manuels Namen an; die einzige zeitgenössische Erwähnung des Gedichts enthält der Brief des Johannes Zwick in Konstanz an den damals im untern Schwabenland weilenden Konstanzer Ambrosius Blaarer vom 6. Hornung 1529, wonach damals (anfangs 1529, nicht 1528 wie in Bern) die Altäre zu »St. Stefan« (der Leutkirche von Konstanz) und »auch im Münster« (der bischöflichen Kirche daselbst) abgetan worden sind und es den Götzen übel geht: »sie (die Götzen) habend ein clag und bekantnus than, wie ir hie hörend.« Ein Schreiber des 17. oder 18. Jahrhunderts hat der Abschrift dieses Briefes und des Gedichtes die Bemerkung beigefügt: »Dise Clag ist von venner Manuel in Bern aufgesetzt«; in einer andern Abschrift steht statt des »ist« ein »sei«! Grüneisen und Bächtold bringen daraufhin das Gedicht ohne weiteres in Verbindung mit dem Berner Bildersturm von 1528 und mit der Predigt, die damals Zwingli im Münster zu Bern mitten unter dem »Kot und Narrenwerk« der zerstörten Bilder hielt. Aber nichts in diesem Briefe Zwicks spricht für einen Bernischen oder gar Manuelischen Ursprung der Dichtung, – nichts als jene unsichere Randbemerkung eines späten Schreibers – vielleicht eines Berners, der beim Lesen des Briefes an St. Stefan im Bernischen Simmental dachte, ohne sich daran zu stoßen, daß alsdann in dem Briefe Zwicks diesem entfernten Berner Kirchlein durch die Worte, » und auch im Münster « sogar die Hauptkirche des Landes nachgestellt wäre. Die » Klagrede « ist vielmehr allem Anschein nach in Konstanz entstanden, wo die in dem begleitenden Briefe Zwicks erzählte Bilderstürmerei soeben, zu Anfang 1529, erfolgt war, und hat mit Bern und seinem Bildersturm vom Anfang 1528 nichts zutun; in Schwaben sodann (Tübingen wenigstens ist in einer Ausgabe als Druckort genannt) ist sie gedruckt worden, und schwäbisch sind auch vielfach die in den Sprachformen der XL Aufzeichnung oft unreinen Reime, die nicht durchweg in verderbter Überlieferung ihren Grund haben, wie dies Bächtold annimmt, der denn auch erst die neuhochdeutschen (schwäbischen) ei, au und eu »auf die ursprünglichen Laute zurückführen mußte«. 8. Eine angebliche Dichtung des Regierungsmanns Manuel nach 1528. Sein Tod 1530. Zu Ostern 1528 ward in Bern die Obrigkeit neu bestellt: die Wahlen fielen ganz im Sinn der Neuerer aus. Manuel, seit 1512 im Großen Rat der Zweihundert sitzend, ward infolge des Umschwungs bereits zu Ende Mai Mitglied des neu eingeführten Chorgerichts und im Herbst Venner zu Gerbern, d. h. Bannerträger und Vertreter eines der vier Stadtquartiere in der Regierung. Durch Gesetz habe man, so schreibt Berchtold Haller aus Bern an Vadian in St. Gallen, Ehebrecher und Leute von anstößigem Lebenswandel aus den Räten hinausgedrängt und, wenn sie sich nicht bessern würden, mit Verbannung bedroht. »So haben«, fährt er fort, »zwanzig aus dem Rat der Zweihundert und vier aus dem Kleinen Rat weichen müssen. Emanuel ist von seiner Landvogtei in die Regierung ( senatus ) berufen worden, und die Zahl der guten Gläubigen ist so gemehrt, daß sie die der Ungläubigen übersteigt.« »Manuel wird nie etwas versäumen«, so rühmt derselbe Haller dem Freunde Zwingli die Zuverlässigkeit und Umsicht des neuen Regierungsmannes. Wie schon früher der Künstler, so geht nun auch der Dichter Manuel für seine zwei letzten Lebensjahre fast vollständig in seiner öffentlichen Tätigkeit auf: wir haben nach der auf den Sieg der Reformation verfaßten Krankheit der Messe und ihrem Anhang kein literarisches Werk XLI mehr von ihm. Denn das » Elsli Tragdenknaben «, das laut dem ersten zu Basel 1530 erschienenen Druck in diesem seinem Todesjahre an der Herrenfastnacht – wenige Wochen vor seinem Hinschied – zu Bern aufgeführt worden ist, gehört unserm Manuel zweifellos nicht zu. Zunächst fehlt wiederum jede Andeutung eines Verfassers, wie sie Manuel in seinen echten Spielen und Gesprächen (Totenfresser, Papst und Christus, Ablaßkrämer, Barbali) durch den »Schweizerdegen« am Schluß zu geben pflegt. In den erwähnten einzigen alten Druck – die zwei andern sind, ebenso wie die Überarbeitungen, viel später – ist am Ende des Büchleins »in alter Handschrift« der Vermerk eingetragen: »Diß spil sol gestelt haben Niclaus Manuel ein guotter Maaler und Burger zu Bern.« Dieser soll nach Grüneisen und Bächtold zu der Dichtung veranlaßt worden sein durch seinen eben erfolgten Eintritt in das neue Chorgericht, von dem nach Bächtold unser Spiel »eine lebensvolle Anschauung« gewährt. Nun ist aber im »Elsli« nicht das Walten und die gute Wirkung eines solchen Chorgerichts vorgeführt; vielmehr findet ein Rechtstag (Vs. 47) vor dem geistlichen Gericht (51), vor dem Offizial eines bischöflichen Gerichts (3) statt, wobei zwar allerlei Hiebe auf die geistlichen Richter und ihre Habsucht fallen und die von ihnen empfohlene Heirat eines lockeren Paares erst durch das Zureden eines einfachen bibelbelesenen Bauern zustande kommt, aber eine Beziehung auf das neue Ehegericht nirgend zutage tritt. Das 1530 zu Bern gespielte und zu Basel gedruckte »Elsli« ist also ein von dem uns verlorenen »Chorgericht«, das sich Manuel 1529 samt dem »Traum« und anderen Werken seiner Feder von Zwingli zurückerbeten hat, gänzlich verschiedenes Fastnachtsspiel irgendeines damaligen Berner Poeten. Das »Elsli« wäre auch, mit seiner Verbindung von derber Zotigkeit und frommer Salbaderei, XLII teilweise im Munde derselben Personen, Manuels keineswegs würdig; es wäre zudem bloß die ungeschickte Bearbeitung eines ältern Stückes. Adolf Kaiser hat (1899) nachgewiesen, daß der Kern des »Elsli« bereits in den verschiedenen Gestalten eines Tirolischen Spieles von einem Liebespaar Rumpolt und Mareth vorliegt. Dieses kurze Spiel sei dann vermutlich zunächst im Neckarland durch Einschiebung von Reden und Personen, worin auch neuere schwäbische Begebenheiten verwertet wurden, zu einem größern Volksschauspiel umgestaltet worden; ein Angehöriger des schwäbisch-bernischen Kreises der Berner Reformationsfreunde habe dieses schwäbische Spiel aus der Heimat mitgebracht und vorgeschlagen, ihm einen theologischen Anstrich zu geben, einen reformatorischen Schwanz anzuhängen. Das sei dann vielleicht unter Niklaus Manuels Leitung geschehen; aber jedenfalls brauche er nicht länger der Verfasser dieses »in seiner Doppelnatur geringwertigen« Spieles zu heißen. (Wir hatten diesem auch von uns empfundenen Eindruck der dramatischen – und namentlich der ethischen – Geringwertigkeit und psychologischen Unmöglichkeit des Stückes schon gleich nach seiner vollständigen Herausgabe durch Bächtold – 1878 – in der »Zeitschrift für deutsche Philologen« Worte gegeben und Urteile über den Verfasser des »Elsli« daran geknüpft, die wir seit 1899 über Manuel nicht mehr aussprechen dürften, jedoch nicht zurückzunehmen brauchen, da ihm dieses Werk nicht zur Last fällt.) Wenn wir aber von dem Dichter Manuel seit 1528 nichts mehr, von dem Maler und Zeichner wenig mehr hören, so erklärt sich das leicht aus dem bewegten Leben, das dem Ratsherrn und Chorrichter, dem einstigen Herold und nunmehrigen berufenen Vertreter der reformatorischen Umgestaltung Berns für seine zwei letzten Lebensjahre aus diesem Umschwung erwuchs. Die Durchführung der XLIII Reformation in Bern seit der entscheidenden Disputation war Sache der weltlichen Obrigkeit; die kirchlichen Angelegenheiten bildeten auch den Hauptinhalt der damaligen Politik Berns gegenüber den Eidgenossen und dem Ausland. Da konnte man Manuel brauchen. Er hat in den zwei letzten Jahren seines Lebens, 1528 bis 1530, Bern nachweislich auf über dreißig Tagsatzungen und Konferenzen vertreten. Er hat als Schützenhauptmann den Interlakner Aufstand gedämpft und den Ersten Kappelerkrieg unblutig zu Ende führen helfen, hat als Gesandter in Basel, Schaffhausen und Soloturn für die Annahme der Reformation gewirkt und in Straßburg den Schwur der Stadt zu dem Christlichen Burgrecht der evangelischen Orte entgegengenommen. Er hat noch wenige Wochen vor seinem Tode auf einem angesichts des bedrohlichen Bundes von Papst und Kaiser berufenen Tag der Burgrechtsstädte zu Basel die knappen und versöhnlichen Vorschläge eingereicht, die der Zürcher Ratsschreiber den schärferen Anträgen des gewählten Ausschusses als » Manuels Ratschlag « entgegenstellte: »mit den Eidgenossen sich zu verständigen, die alten Bünde zu beschwören, gute Sorge und Wachsamkeit zu üben«. Am 28. April 1530 ist Manuel gestorben. Der früh Vollendete, der in noch jungen Jahren die bildende Kunst der redenden, im Dienste der großen Bewegung der Zeit stehenden geopfert, hat noch die Gunst erleben und die Pflicht erfüllen dürfen, die damals stürmisch auf der Volksbühne vertretenen Gedanken in treuer und rastloser Bemühung dem Ziele entgegenzuführen, ohne den schweren Schlag, der im Zweiten Kappeler Krieg des folgenden Jahres die evangelische Sache in der Schweiz und weit über sie hinaus traf, erleben zu müssen. Bern und Stein am Rhein, 1922. F. V.     XLIV Der nachfolgende Druck der ›Totenfresser‹ gibt den Text des Stückes nach der einzigen alten Hs. H (Hamburg, Stadtbibl.), deren große Lücke aus B (Bächtolds Ausgabe des Druckes von angeblich 1522, richtig 1523) vervollständigt ist. Abgewichen sind wir in den aus B entnommenen Textteilen in dem durchgehenden Ersatz des ai durch ei, das sicher damals, wie noch heute, der Mundart des Bernerlandes entsprach. Dagegen sind wir dort in der Bezeichnung der anden Vokale und Diphthonge der nach genauer Wiedergabe der Laute strebenden Hs. H gefolgt. Das nach der Mundart des Schreibers zu å oder au gewandelte lange a ist nach der Hs. als ă gedruckt, wobei Inkonsequenzen des Schreibers beibehalten sind. Für den Umlaut des langen o in ou, der in schweizerischen Mundarten noch vorkommt, ist die Schreibung ŏ aus der Hs. aufgenommen, für den Umlaut des uo das Zeichen der Hs., ů, angewandt, für das kurze und das lange ü die einheitliche Schreibung ú durchgeführt, außer wo beibehaltene abweichende Schreibung (ŭ) abweichende Aussprache anzudeuten scheint. Der Umlaut von ŏ und ō ist in der Hs durch o e [als Ligatur], in B durch ö bezeichnet, was wir beidemal beibehalten, der von ă und ā hsl. durch e und a e , in B durch ä, was bei uns wiedererscheint. Die Bezeichnung weiterer benutzter Drucke neben Hs. H und Druck B entspricht derjenigen Bächtolds. Kursivschrift im Text deutet eine Abweichung derselben von der bez. Hs. an. Einzelne weitere Dichtungen Manuels sind zitiert als Tr.: Taum, BL: Biccoccalied, TF: Totenfresser (bei Bächt. ›Vom Papst und seiner Priesterschaft‹, was aber nur auf eine Inhaltsangabe bei Anshelm zurückgeht), PCG: Vom Papst und Christi Gegensatz, AK: Ablaßkrämer, Bb: Barbali, EF: Ecks und Fabers Badenfahrt, KM: Krankheit der Messe, TM: Testament der Messe. 1     Die Totenfresser (»Vom Papst und seiner Priesterschaft«) 1523. Titel ] Titel f. H. :// Ein Faßnacht spyl, so zu e Bern vff / der hern faßnacht, in dem M.D.XXII. Irrtum des Druckers (oder bewußte Vordatierung des Herausgebers und Einschiebers?) für M.D.XXIII: s. die Einleitung S. XI. XVI. XXIV–XXVII. / iare, von burgerß sönen offentlich gemacht ist, / Darinn die warheit in schimpffs wyß / vom pabst, vnd siner priester-/schafft gemeldet würt. // Item ein ander spyl, daselbs vff der / alten faßnacht darnach gemacht, anzei/gend anzeygende A, Anzeigende den B: die verschiedenen Lesarten könnten auf ein ursprüngliches anzeigende den oder anzeigend dē zurückgehen. Mit 'H' bezeichnen wir hier und weiterhin die Hamburger Hs., die wir, soweitsie vollständig ist, unserm Text zugrunde legen; mit 'B' den Text bei Bächtold, der meist auf dem Druck B beruht; mit weitern Buchstaben andere von Bächt. gelegentlich verglichene Drucke. Die Ziffern links an den Seiten geben die Verszählung von B (Bächt.) wieder; die unsrige (rechts) entspricht bis zu der großen Lücke (861 ff.) derjenigen von H (Burg). Weiteres zum Text s. in diesem selbst sowie im letzten Abschnitt unserer Einleitung, oben S. XLIV f. grossen vnderscheid zwischen / dē Papst vnd Christū Jesum / vnserm seligmacher. B. 3 Die Totenfresser. Szene: Die Kreuzgasse in Bern. Vorn ein gedeckter Tisch, dahinter ein Gerüst für den Sarg der aus dem Trauerhause herausgetragen wird; im Hintergrund auf erhöhten Sitzen der Papst und seine Würdenträger, die später an dem Tische Platz nehmen. Ganz hinten die später sprechenden Personen des Spiels. Erster Auftritt. Die Totenmessen und die päpstliche Hierarchie.         Des ersten trůg man ein toten in einem boum , in ge- stalt in ze vergraben. Und sass der bapst da in grossem gepracht mit allem hofgesind, pfaffen und kriegs- lüten, hoch und niders stands. Und stůnd aberPetrus und Paulus wit hinden, sahend zů mit vil verwund- 5 rens. Ouch warend da edel, leien, bettler und ander. Und es giengend aber zwen leidmann nach der bar, die klagtend den toten. Und do die bar für die pfeffisch rott ward nider gestellt, do fiengend die leid- lüt an ir klag, des ersten also: Die Bühnenanweisung (1–10) fehlt H. Hier nach A (bei Bächt. S. 29). 10     Der erst leidman . Erbarm es Got und all cho e r der engel Das unser v e tter Bon enstengel Die scherzhafte Namenbildung scheint von dem Schreiber von H der dafür u. vatter frommen stengel setzt, nicht verstanden worden zu sein; auf das ›Bohnenlied‹, mit dem (nach Anshelm) am Aschermittwoch zwischen diesem und dem andern Fastnachtsspiel der römische Ablaß durch die Gassen Berns getragen ward, wird sie sich kaum beziehen. Ein nachbaur bohnenstengel erscheint auch bei Fischart, Gargantua 1594, 95 a (Bächtold). 4 Mit tod so jung abganngen ist! [4]   O barmherziger Got her Jesu Crist, Sin sel lăß dir befolhen sin, 5 Erlo e ß sy ŏch von aller pin! Nur mit der Bitte dieser beiden Verse, die in den Drucken [Bächt.] fehlen, hat die Anrufung V. 4–6 einen rechten Sinn.   Der ander leidman . [5]   Kein kostung sol uns beturen daran, Wo wir priester, múnch, nonnen múgen han, Und sol t sol H. es kosten hundert kronen, [8]   So wend wir inen erlich lonen. Die in den Drucken hienach folgende nichtssagende Ausführung über das Fegefeuer (B 8–12) scheint – zumal in unserm Texte (H) der davon in Vs. 6 bereits gesprochen hat – im Munde des Leidmanns weniger am Platze als in der Selbstverspottung der Geistlichen wo das Fegefeuer, mit denselben Worten eingeführt, wiederkehrt: vgl. unten Vs. 94 mit B 11. 10   Der messner . [13]   Her pfarrer, gend mir 's bottenbrŏt! Es ist ein richer meier tŏd, [15]   Den hat man brăcht mit grossem weinen.   Der kilchher . Das ist recht: hettind wir noch einen! Der bschúst nút : kemind ir noch vil! 5 15 Der tod ist mir ein a e ben spil: Ie me ie besser; kemint noch zehen!   Der messner . [20]   Her Got, ich ließ es ŏ ch och H. geschehen! Ich wil lieber eim todtnen lútten Denn das ich wo e lt hacken und rútten. 20 Die tŏdten gend uns spis und lon: Sond sy mit lúten in himel kon, [25]   So ist das gelt wol angeleit Wenn sy der thon gen himmel treit.   Der kilchher . Lucas schrypt nit vil darvon 25 Das Got mit einem gloggenton Werd bewegt sin gnad zů geben, [30]   Es sy im tod oder in dem leben. Aber es bringt uns die fisch in d'rúsche n : drŭsche H (rüsche: Reuse). Vo e rinen vŏrinen : Forellen (mhd. vorhene, vorne , schwzdt. förnli ). , hecht, salmen und tr ú schen, trische H; trische und trüsche (wohlschmeckende Quappenart) im heutigen Schwzdt.; das ü der Drucke fordert der Reim. 30 Die múgent wir vom opfer kouffen: Das fro e wt mich bas denn kinder touffen!   Die pfaffenma e tz . [35]   Her Got, bis glopt! es wil wol g ă n gon H. : Da werdent wir aber me me B] ai n H. zins h ă n han H. ! Die rychen tŏdten gend gůten lon: 35 Mir wirt zum minsten ein rok darvon, 6 Der můß sin wyß, rŏt, schwarz und brun [40]   Und unden drumm ein ga e len zun zun: Besatz, Borte (zuergänzen: han ). Die drei Verse 36–39 des Vaters hat Hans Rudolf Manuel benutzt in seinem Weinspiel, Bächtolds N. Manuel S. 347.   Der tischdiener . !Benedicite Benedicite : ›Segnet‹: der Anfang des in Klöstern üblichen Tischgebets und Willkommgrußes. , ir mine lieben heren! Ir múgend aber wol fro e lich zeren: 40 Da lyt ein vogel der's wol vermag, Ist ietzend gfallen in den schlag; [45]   Er hat pfrůnd und jarzyt gstifft, Das jerlich ein húpsche summ antrifft; Und ee ir wir H. den werdent verzeren, 45 Wirt úch Got ein besseren bscheren.   Der hellig hellig (H): verkürzte Form von hailig, heilig und zugleich (wie unten 1565, 1571 heillos, hellisch H) boshaftes Wortspiel mit hellig : erschöpft, müde. In B heißt der hier Sprechende Papst Entchristelo , d. h. der falsche Christus (Antichrist) des Weltendes. vatter der păbst . Der todt todt : der (dieser) Tote; vgl. 82 u. ö. ist mir ein gůt wildpra e t [50]   Dardurch min diener und min ra e t Múgend fůren hohen pracht In allem wollust tag und nacht, 50 Diewil wir's prăcht hand dahin, Das man nit anderst nimpt in sin [55]   Denn das ich also gwaltig sy – Wiewol ich leb in bu e bery – Und múg ein sel inn himel lupfen, 7 55 Damit ich mengen vogel rupfen. Och wenend sy ich hey den gwalt [60]   In d ie der H. hell z' binden wer wies H. mir gfalt: Das sind alls gůt griff uff der gygen ! Darumm sond ir des Evangelis gschwygen Daß der Papst das Evangelium zu gunsten des päpstlichen Rechtes unterdrücke, ist ein der Zeit sehr geläufiger Gedanke, den die Drucke hier (B 60) durch einen nichtssagenden Flickvers verdrängt haben. 60 Und predigent allweg das ba e pstlich recht: So sind wir heren, die leyen knecht [65]   Und tragent herzů by der schwa e ry Das sust alls verderpt wa e ry , Wo ir das Evangelium seitind 65 Und nach sinem sin usleitind. Denn das lert niemand opferen und geben, [70]   Allein ei nfalt einfalt ( anfalt H); einfach, bescheiden. und in armůt leben. So e t das Evangelium fúr sich g a n fúr sich gan (gon H): Fortgang haben, sich ausbreiten – ebenfalls ein Zeitgedanke, der in den Drucken (B 71) zerstört ist. , Wir mo e chtind kum ein esel han, 70 So wir sust hoch gehalten werden. Ich ryt mit drú -, viertusent pferden, [75]   Ein cardinal mit zwei-, drúhundert: 73 f. H. I. r. mit 3000 oder 4000 pf. Ee wa n mit 400 pferden H: Mißverständnis und willkürliche Änderung der Vorlage, vgl. B 71 ff. Wiewol die leyen úbel wundert wundert B] werden H. , Ich zwing sy all e all H. durch den ban. 75 Sy wondint der túffel fiel sy an, Wo sy ein wort darwider redtend. 8 [80]   Darumm, wenn wir nun selber wedtend , So sind wir her der ganzen welt, Wan Dann B, Was H. uns gfalt rennt, gult rennt, gult (sonst gülte) : Rente, Einnahme. und bargelt 80 On alle arbeit: glimpf und fůg glimpf und fůg : Annehmlichkeiten und Vorteile; als solche werden V. 83–85 ›Kirchenopfer, Totenmessen am siebenten, am dreißigsten und am Jahrestage‹ eines Todesfalls aufgezählt, die von den Gläubigen auf Kosten der eigenen Kinder (vgl. unten V. 695 ff.) veranstaltet werden: lauter zeitgenössische, in den Drucken aber (B 83–88) durch Flickverse beseitigte Motive. Von tŏdtnen wirt uns me dann gnůg: [83]   Opfer, sybend, dryßgest und jarzyt, Deß menger uns pfaffen so vil gyt, Das sine kind gross mangel hend. 85 [88]   Wenn wir's n ü n nün H für nun (aus numen \< nútwan = nur), hier, 106 u. ö., scheint mundartliche Form zu sein: wenn wir nur dazu Sorge tragen wollen. behalten wend, [89] (105)   So sind w ir allweg fryg sicher lút, 87–90, hier in H fehlend, wo B (89–93) sie hat, stehen in H (Burg) V. 105–108, mit Abänderung von wir in ir 105 [B 89] und von Und in So 87 [B 93] an unrichtiger Stelle. Sond uff erden keim leyen nút: Weder zol, stúr noch ander bschwerd [92] (108)   Denn wiewasser, saltz, dri haselnuß werd, 90 [93]   Und ist keim volk uff erden bas. Darzů hilft uns och der aplas, Macht das man schú cht schücht B] sŭcht H. bůß zů tragen. [96]   Vomm fegfúr sind wir grúlich sagen (Seit schon die gschrifft darvon nit vil) 95. 96 f. B: vgl. o. zu 10. 25. : 95 Wenn es sich nommen schicken wil So oft es nur Gelegenheit dazu gibt? Wenn es nur dazu dienen kann? , 9 [97]   Das man das gmein volk mag mag me H. erschreken, Das hilft gar wol den schalck bedecken . Und wend ir gern leben fr y fryg H. , [100]   In wollust und och bůbery, 100 So behelfend úch mit minen rechten, So tar úch niemand widerfechten. Ir stelend, striglend streicht? kratzet zusammen? Dafür roubind. tüegind B. was ir wend, So tar och kein ley die hend [105]   An úch legen mit gewalt 105 (Wenn man n u e n dise gwonheit bhalt! Möge man diesen Brauch nur weiter pflegen! ) Und plagend und străffend wir alle welt Umm win, korn, fleisch und gelt: Darzů helfend uns die tŏdten, [110]   Das wir die leyen múgend pschrŏten ! 110   Der cardinăl Mit dem Kardinal ist wohl der kürzlich (Sept. 1522) verstorbene Matthäus Schiner gemeint, dessen roten Hut und Mantel Zwingli schon 1521 ähnlich gedeutet hatte wie hier 1523 Manuel den Hut 118. Vgl. »Traum« 138 ff. . Wann mir nit wer mit todten wol, So leg nit menger acker vol 112 ff.: vgl. Tr. 204 ff. Die durch mich und mine gsellen, So sta e t nach unfrid stellen, [115]   Sind erschlagen und erschossen. 115 Des han ich mechtig wol genossen, Das ich so gern sach cristenblůt: Darumm trag ich einn roten hůt Und han darvon vil nutz und eren, 10 [120]   Ein jar zwenzigtusend guldy zů verzeren! 120 Kan ich's gfu e gen, ich wil bas dran: Ich můß noch zehentusent han! n. zwei gůte bistům h. B, womit der Bearbeiter vielleicht auf einen besondern Fall von Pfründenjägerei eines Kardinals (Schiners?) hindeuten wollte.   Der byßdschăff oder fryßdschăff zeitgenössisch häufige Verdrehung von bischof . . Wir bischoff hand ein gůte sach, Darumm sind wir an gůt nit schwach; [125]   Darzu hilft uns das bepstlich recht. 125 Die sach wer sust nit halb so schlecht Es ginge uns sonst lange nicht so gut ( schlecht : gerade, wohlbestellt). Und wurdent Vor wurdent zu ergänzen: wir . nit vil syden tragen, Och nit groß gůt verton mit jagen Unmässige Jagdlust wirft z. B. auch Zwingli seinem Bischof Hug von Landenberg vor. , Zů keiner zyt imm harnasch rytten; [130]   Ich wer och nit hoptman in strytten: 130 Ich tru e g villicht grŏb tůch und zwilchen t. an u. H. ! Wer es allweg wie bim anfang der kilchen, So wurdent wir fúr recht hirten geacht: Ietz sind wir all zů fúrsten gemacht. [135]   Iedoch so bin ich och ein hirt, 135 Ja, wenn man nun die schăff beschirt! Die hirten sind och underscheiden Diese Hirten (die Bischöfe) unterscheiden sich auch von den wirklichen Hirten. : Die schăff die můssend mich weiden In allem můtwillen und libeslust; [140]   Sy můssentz thon: ich friss sy sust 140 Und milch s' das sy nit kunnent g a n gon H. , 11 Ietz mit dem ablăß, denn mit dem ban. Sy do e rffend sust keins wolfs dann min: Ich kan wol hirt und wolf och sin. [145]   Dank hab der bapst von dem ich s' han! 145 In sinem glouben wil ich pst a n pston H. ; Bis in den tod halt ich sin pott: Er ist mir wol ein gůter got Der Papst als Gott auf Erden auch unten 717; vgl. 657. . Das er de n den B] dem H. pfaffen die ee verbút [150]   – On grund der gschrifft –, das schat mir nút. 150 So múgend sy nit kúnscheit halten, Insonder die jungen, – und och die alten! Wiewol sy sind Paulus wort der Worte des Paulus: an Tim. I, 3, 2 und an Tit. I, 6 ff. Vgl. u. 281, und B 182. verkúnder, So si tz end sitzend B] sind H, vgl. u. 289. sy doch als offen súnder: [155]   D r an Daran H. ergert sich denn alle welt. 155 Was lyt mir dran? es bringt mir gelt: Ich lon im 's nach : warumm d e s nit des B] das H; der Genitiv bei nit scheint ursprünglicher als der Nom. von H. ? So er mir vier Rinsch guldy gitt Alle jar, so sich ich durch die finger [160]   Und halt den fúrstenhoff dest ringer . vgl. die Eingabe Zwinglis und seiner Genossen vom 2. und vom 13. Juli 1522 an den Bischof und an die Eidgenossen um Gestattung der Priesterehe, Beitrr. a. a. O. 101 f. (und 107); die zweite (deutsch abgefaßte) sagt von den 2, 3 oder 4 Gulden betragenden Bußen der fehlbaren Geistlichen, wie hier der Bischof 168: › Es gibt speck in die roßwúrst. ‹ 160 Macht dann die metz ein kind bimm pfaffen, So mag ich minn nútz wyter schaffen. 12 Sich zů: was bringt es nútz und gw i nss gwúnß H. , Der hoden- – wie heisst's haist H, heisst's F (Berlin-Froschauer?)] heisst B: die neujüdische Form ist verdächtig. ? – der bodenzins: [165]   Fúnffzehenhundert guldy bringtz ein jar, 165 Das gelt kompt von pfaffenhůren har: [f.]   Werind pfaffen und hůren frumm, 166a [f.]   So wurd mir nit ein haller drum; 166 a b nach B ; ausgefallen H. 166b Soltind pfaffen eewiber ne n nen B] han H. , Es wurd uns nit speck in d'prătwúrst gen. Also bin ich ein fúrst und geistlicher hirt, [170]   Ja frilich zů gůtem tútsch ein hůrenwirt! 170 Dafúr wend mich die puren han: Die selben thůn ich all in ban. Nach 172 Einschiebung in B (175–210): Rede des › vicari, Johannes Fabler ‹ über das erste Zürcher Religionsgespräch von 1523 und über die Streitschrift ›Das Gyrenrupfen‹ vom Sommer dess. Js. gegen den Generalvikar Joh. Faber. Die Anrede des Propstes schließt in H richtig sofort an die Rede des Bischofs (172) an.   Der Probst . [211]   Hochwirdiger fúrst, gnediger her! Sind handfest und gstattnend nimmer mer Das man anders predig, sing und sag 175 Denn das der băpst mit gwalt vermăg [215]   Die sel in d'hell und himel bringen, Damit man die leyen baß múg zwingen: Was ir redend, singent oder sage n sagend H. , Das sy by străff ewiger blăgen 180 Das mu e ssent glouben und halten sta e t [220]   Als werinds Cristus pot und ra e t: Damit múgend wir herlich prangen. 13 Es ist vorzytten wol angfangen ; Dann alles das was wider a. das wider HB. uns was 185 Das hand die ba e pst erlúttret bas, [225]   Krúmpt und pogen uf uf B] f. H. unsern weg, Das sust im widerspil sta e tz leg . Es stăt noch wol von Gotes gnaden! Thůnd wir unns nun nun (= nur)] nur B, f. H. selbs nit schaden 190 Und sta e tz in so e lichem bruch beharre n beharret H. , [230]   So erschreckend wir die armen narren, [f. B]   Die leyen, beyde wib und man, [f. B]   Und múgent gůt ful leben han. Diese beiden in B fehlenden Vss. sind vielleicht nachträgliche Erweiterung von 192 (nach B: So machend wir dieleien zů narren ).   Der dechan . Ich blyb darby diewil ich leb 195 – Got geb wo das Evangelion kleb –: Was găt mich an was Cristus seit, So es mir nit ein haller treit? [235]   Solt ich mich de s des B] denn H. benůgen l a n lon H. , So wurd ich nit feist bagken han. 200 Was han ich mit dem Evangeli z'schaffen? [238]   Es ist doch gantz wider uns pfaffen. Hienach in den Drucken (B 239–242) 4 weitere, den Parallelismus der Anaphern von V. 201 und 203 unterbrechende Vss., die sich durch ihre Anspielung auf den Handel des Hans UrbanWyss 1522/23 (Beitrr. a. a. O. 104²) als spätere für den Druck in Zürich erfolgte Einschiebung verraten. 14 [243]   Was darf ich der bibly und der profetten ? Hett ich ein bůch von Elsen und Greten ! [245]   Doctor Murner ein barfůsser ist 205 Mir ein gůtter seliger Endcrist Endcrist] evangelist B. : Der schript in Gouchmatt sch. in Gouchmatt ] sch. Gouchmatt B, sch. mir recht H, das die Anspielung des Dichters auf die ›Gauchmatt‹ Thomas Murners (1519) nicht verstanden hat. von minem wesen; [248]   So ist Esopus och hupsch zů lesen. Aesop als Fabeldichter auch in Papsts und Christi Geg. 149 (B) Hienach 2 Flickverse 249. 250 B. [251]   Wann ich das ba e pstlich recht verst a n verston H. Und das ich die eelút scheiden kan: 210 Was wot ich me? es ist nit not. Ich blyb darby bis in den tŏdt [255]   Das der bapst sy Got uf erden sy ain got/Und, worauf 4 Flickverse H. 213–217  H Und wir durch in múgent selig werden 218 Oder verdampt, wie es imm gfalt: Er glichet sich gantz Gottes gwalt. 220   Der pfarrer Der pfarrer ist mit dem ›Kirchherrn‹, oben vor 14 und 25, dieselbe Person. . O heiliger vatter, hilf und răt [260]   Das wir blybind by unserm stăt stăt? Bestand, Würde. ! Wer , wer, wer! es thet nie al s o alzo H. not, Denn sust wer uns weger der tod! Die layen merkend unsern list: 225 Wo du nit unser helfer bist, 15 [265]   So găt uns ab an allen dingen; Denn sy wend selb der gschrift zů tringen. Der túffel nemm die truckergsellen Die alle ding in tútsch thůnd stellen, 230 Das alt und núw testament! Luther hatte in Deutsch 1517 die sieben Bußpsalmen, 1522 das ganze Neue Testament erscheinen lassen; letzteres ward bereits 1523 zu Basel nachgedruckt. Vgl. u. 279. 310 323. [270]   Ach werend sy wol halb verprent! Sy thůnd uns grossen schaden Und wend uns úberladen 233. 234 f. B; vgl. 999³. : Ein ietlicher pur d er der B] das H. lesen kan, 235 Der gwúnnt ' s eim schlechten pfaffen an Der ist einem gewöhnlichen Geistlichen überlegen. 's f. H Nach 239 Erweiterung um 2 Vss. B. . Wir hand ins bapsts rechten glesen Und in Aristoteles wesen, [275]   Thomas, Scotus und ander mer: [277]   So komment sy mit Cristus leer 240 [279]   Und bringend da so starke stuck, [280]   Werffend all doctores zůrugk. Unser kunst die hilft nit me; Der Paulus thůt uns lyden wee Mit sinen tief gegrúndten epistlen: 245 Die schmeckend mir wie die tistlen m. glich wie grob distlen B. . [85]   Wo man nút mag mit bannbrieffen schaffen, Das sy nit redind wider uns pfaffen, So helf uns Got, so sind wir grech : Darumm lůgend wie man das fúrsech ! 16 250   Die pfaffenma e tz . Der băpst wer mir wol ein gůter man, [290]   Aber der bischoff wil ein hůt uffhan : Dem můß min her ietz alle jar Legen vier Rinsch guldy dar Dru mm Dru n n H. das wir by enandren sind Diese Buße für die im Konkubinat lebenden Priester (vgl. o. 158) ward später auf 5 Gulden erhöht: Beitrr. a. a. O. 107 5 . . 255 Wenn ich dann by imm gwúnn ein kind, [295]   So hat er aber sinn zins darvon. Ich bin dem bischoff nun offt wol kon : Ich han inn gnútzt inn [ in B] gnútzt: ihn gefördert, ihm Nutzen verschafft. Dieselben Vorhalte und Vorrechnungen hatte in seinem Kommentar zu dem bischöflichen Hirtenbrief unterm 11. Nov. 1522 Sebastian Meyer von Bern dem Bischof gemacht. Beitrr. a. a. O. 107. nun zehen jar Wol me denn fúnfzig Rinsch guldy bar. 260 Vor bin ich lang im frowenhus gsin [300]   Zů Străssburg da niden an dem Rin; Doch gwan min hůrenwirt nie so vil An uns allen (das ich glŏben wil) Als ich dem bischoff han mu e ssen geben. 265 Ach Got, mo e cht ich noch den tag erleben [305]   Das der bischoff nit wer min wirt! Es ist das gro e st das mich ietz irrt . Mir wer sust in allweg wol Denn das ich imm och zinsen sol. 270 Ich wond , ich wo e tt den hůrenwirt schúhen 17 [310]   Und zů einem erbern priester fl úh en 271 f. Sol ich dann ein hůren wirt sůchē / Oder einem e. p. flůchen H: durch die Abweichung wollte der Schreiber ofsenbar die Form flúhen (bern. heute fli ə ) aus dem Reim wegschaffen. : So ist es zwo hosen – eins tůch ! Darumm ich im nū H] im B. dick úbel flůch.   Der capl ă n Caplon H. spricht . Ach Got, wie ist es doch ein ding, 275 Das man uns priester wigt so ring , [315]   Das man och wider uns reden tarf! Die leyen sind ietz so styf und scharf Und wend all das evangelium lesen: Das rimpt sich nút zů unserm wesen. 280 Sy zeigent uns in Paulo an [320]   Wie das wir sond eewiber han Auf 7 Stellen des Paulus stützte Zwingli 1522 seine Bittschrift um Aufhebung des Zölibats, s. o. Vs. 123–172. 251-–274; vgl. Anm. zu 153; Beitrr. a. a. O.102. . So ich dann sprich und und f. H. meinen: ›Nein, Der priester sol sin kúnsch und rein‹, So sprechend sy: es wer vast gůt, 285 Sy lassentz nach dem der es thůt Es wäre recht gut [wenn dem so wäre] und sie ließen sich's gefallen wenn einer so handle. ; [325]   Aber die nit k ú nsch kunsch H. leben wend Und die gnad von Got nit hend, Die sitzend in hůren und bůben gestalt; Darumm sol man uns zwingen mit gwalt 290 Das wir uns der offnen súnden schemmind 289 291: vgl. o. 154. [330]   Und och elich wyber nemind. Da hu e tend vor: denn kumptz darzů, So hand wir, f o e rcht ich forcht v n n. H (Mißverständnis). , nimmer me r ů růw BH. . 18 Vil weger ist's, wir syend fry: 295 So bruchend wir die bůbery [335]   Und habent all tag ein n ú w e nuwe Ee H (Mißverständnis). : So bald es uns dann gerúwe, Das eine wirt ungschaffen und alt Oder uns sunst nit am schnit schnit: cunnus? Vgl. Mhd. WB. II, 2, 444 käppelsnit . Abgeändert sunst nit mer gevalt B. gefalt, 300 So schickend wir sy denn uss dem hus: [340]   Dise fryhait die wer denn gantz us, Wo wir ewyber mu e ßtind han: So wurdind wir gebunden st ă n ston H. .   Der appt . Ach Got, wie wil es uns erg ă n ergon H. ! 305 Man kŏfft kein aplăß und schúcht kein ban; [345]   Das opfer facht och an zů schwinden! Och kan ich ietz kein puren finden Der welle mess und jarzyt stiften. Sy hand die evangelischen gschriften 310 Ietz in allem tútschem land: [350]   Es wirt den puren alls zur hand. Sy sind ganz nienen me wie vor: Wenn ich sy schon wyß furhin in kor Als Schauplatz ist hier wie unten 1002 ff. die Leutkirche in Bern gedacht. , Sy sollind da den aplaß lo e sen, 315 So sprechend sy – sonders die bo e sen –: [355]   ›Ir pfaffen hand den aplaß versetzt Und uns puren lang mit gschetzt : Wend ir inn nit l o e sen, so sind dr ă n! losen H. dron H. ›Wollt ihr ihn nicht selbst lösen, so macht es ohne ihn‹. ( drăn – dran H – aus dar-ăne : ohne das). Die Vorstellung vom ›versetzten‹ oder dem Herrn Christus abgekauften und nun durch die Laien wieder einzulösenden Ablaß auch unten 1102 ff. 1244 f. ‹ 19 – Und gend uns also spitze ho e lzli dran und sehend uns sur und ŭbel an H: wohl nur Konjektur für den dem Schreiber unverständlichen Text von B (gegen den nur der rührende oder mindestens quantitativ unreine Reim Bedenken erregt): ›geben uns ähnliche spitze Antworten‹ (vgl. ein hölzlin spitzen bei Utz Eckstein, Schw. Idiot. II, 1248). – 320 ›Demm armen ho e rt das almůsen!‹ [360]   Darmit grifft der pur in bůsen Und zúcht herus das testament, Den spruch Crist i Crist H. er bald fúrwendt: ›Gend's umm sust: ir hand's vergebe n ! Matth. 10, 8. vergebens H. ‹ 325 Und ander starch sprúch darneben: [365]   ›Vergeblich dienent sy mir mit menschen gset zen Marc. 7, 7 (und Matth. 15, 9) nach Jesaj. 29, 13) gsetztē H. ‹, Und wend unser oberen ganz nút me schetzen. Sy sprechend: ›Ir múnch, sparen d mu e ssend sparen H. den aten! Got hătz weder gheissen noch geraten 330 Das ir so e llent in die klo e ster găn gon H. [370]   Und da selbetz gůt ful leben h ă n han H. Und úch all mesten wie die schwin. Wenn klo e ster werind nutzlich gsin, Gott der her der hetz och wol gstifft: 335 Ir hand keinn grund in der heilgen gschrifft. [375]   Ir mestsuwen 333. 337 Verbo e ggete (vermummte, verlarvte) mastsüw , ähnlich wie hier und 610 in H (vgl. B 456) die Klosterleute und Pfaffen, heißen dieMönche auch in Zwinglis ›Schlußreden‹ vom 19. Jenner 1523. Beitrr. 103. , was darf man ú wer uwer H. ? Vast us! ich wúnsch dir nit ein sprúwer man geb üch n. e. spr. (Spreu) B. !‹ 20 Das gend sy un s vnn H. zů antwurt an allen enden: Das Got die verflu e chten truckery mu e ß schenden! Vgl. oben zu 231. 340   Der prior . Her apt, der túffel ist im spyl, [380]   Das man uns nút me opferen wil. Ich sag an der canzlen von der hell Und von dem fegfúr was ich well: Vor 345 2 Plusverse B: wohl gelehrte Zutat. [385]   Es ist vergeben, sy gend nút drumm. 345 Wo ich ins wirtzhus zů inen k u m kom H. , So vahend sy an zů arguieren ; Wil ich dann mit inen disputieren, Das denn unsern nutz antrifft , [390]   So sprechend sy: ›Zeig's mit der gschrifft, 350 Und nemlich, die da biblisch s y Und nit mit ro e mscher bu e ber y 351 f. syg: bŭberyg H. !‹ Sprich ich, es mu e ß ein ro e mscher ablăß sin, So spricht der pur frefenlich, er schiss drin! [395]   So sprich ich dann: ›Pur, du bist ietz im ban!‹ 355 So spricht der pur: ›Ich wuschti den ars dran, Ann ro e mschen aplaß und bann alle bed!‹ Solche Verunglimpfung des Ablasses wie hier und 354 wird tatsächlich vollzogen im ›Traum‹ (›Rufer im Streit‹ a. a. O. 29 61 ) und von dem Bauer als selbst verübt erzählt unten 1034. Ich mein das der túffel uss im red. Wil ich dann die gschrifft verkrúmmen, [400]   So sprechend sy : ›Pfaff, denk sy n sy n, H. ›Laß dir das nicht mehr einfallen!‹ númmen: 360 Wir kúnnentz och al s o alzo H. verkeren und búgen!‹ 21 Und hei s sen haisen H. mich denn frefenlichen lúgen. Ich dar schier n ú mmen nummen H. zů inen g a n gon H. : Ich sorg by Got, sy schlahind mich dran.   Der schaffner . [405]   Ich weiß nit was drus wil werden! 365 Her apt, ir ryttend mit zwenzig 20 H. pferden Und hand darzů siben 7 H. húpscher kind Die noch u nerzogen onerzogen H. sind: Wend ir die dem adel glichen [410]   Und Nach und ergänze: wenn . die puren nit wend wychen 370 Von irem sinn den sy iez h e nd hand H. , Das sy uns nút me witers witers B] f. H. gend, Denn blŏß so vil sy schuldig sind: Her apt, so kratzend úch im grind ! [415]   Denn ich weiß nŭmmen hus ze han, 375 Sol es in d'harr e. alzo wyter beston H. in die harr (B): auf die Länge (von H nicht verstanden) alzo best a n beston H. . Wir hand zwo e lf priester im convent Und hand von aller gúlt und rendt Nit me denn fúnff tusend kronen [420]   Alle jar an korn, erbs und bonen, 380 Haber, ho e w, schăff, schwin, ku e und rind: Nun lůgend, her apt, wie rich rich: Die Ironie wird durch das arm der Drucke zerstört. wir sind! Wo man uns sust nit teglich g i t gyt H. , Wie wend wir denn denn (B) f. H. hus halten mit? [425]   Ich han's grechnet und gstelt in zal 22 385 All nutzung ganz gnăw ŭ beral An gelt von korn, fa e ch , was wir hand (Durch min zyffer ziffer zal i. H. zyffer B (mlat. cifra , frz. zéro ): Zahlzeichen, Rechnung mit Ziffern. ich's als fin fand): Ich pitt got das ich nimmer z'gnaden k u mm kom H. , [430]   Ja bra e cht es me eins hallers an der s u mm som H. 390 – Rúbis und stúbis , butzen und stil fūrbaß v n furbaß H. rübis und stübis (B): noch heute schwzdt. für ›alles und jedes‹, von H mißverstanden. butzen und stil: Bedeutung ebenso. – Zů gmeinen jaren villicht als vil ›daß ich nimmermehr Gnade bei ihm finden möge wenn es – wahrhaftig! – alles in allem im Jahresdurchschnitt auch nur um einen Haller mehr ausmachte als . . .‹ Als fúnffzehen tusend guldy wert; Es ist mir billich ein grosse bschwen d . [435]   Sol aplăß, Romfart und das abg a n abgon H. , 395 395 So wil ich einn andren hus lon han. Nach 396 Einschiebung (437–494) B, die wohl erst für den Druck erfolgt ist (s. Einleitung S. XV): Rede des Quästionierers (Klosterbettlers). Vor 397 P.-A.: Jung mŭnch Huprecht Irrig .   Der jung múnch . Der túffel hat mich in d'kutten gsteckt Die mir doch so angstlich úbel schmeckt, Und kan doch nit mit fůg entr ú nnen entrŭnnen H. , Wie wol ich tag und nacht nach H. druff sinnen, 400 Wie ich der regel ledig wurde, [500]   Denn es ist mir ein schwere burde. Wie ka n kans H. Got angnem sin mi n gs ang mī stād v n xang H. ? Ich schlaf, ich wach, ich stand und gang, I. thu e was ich well i. st. H. Hier und weiterhin scheint die Vorlage von H mangelhaft gewesen zu sein. Die folgenden 4 Vss. der Drucke (nach B) sind in H durch eine dürftige Wiederholung von 401 f. ersetzt: So denck ich sta e tz an min burdy / Und wie ich des ordens ledig wurdy . 23 So gdenk ich stets zům kloster us, 405 Glich wie ein gefangne mus 405a [505]   Wider us der fallen gedenkt. 406 Ja, můt und sinn ist mir bekrenkt. 406a Blib ich nit mit gůtem willen i. mit unwillen B. darinn, 407 So bekenn ich wol in minem sinn Das ich des t ú ffels mart r er tuffels marter H. bin. [510]   Tůn ich eins eins: etwas (besonderes, einen entscheidenden Schritt), vgl. u. 512. Oder = mhd. ënez (berndt. äis), jenes, das andere, mit Hinweis auf V. 399? und loff dahin 410 Uss der kutten und wird ein ley, So wirt úber mich ein grosses gschrey: Ich syg ein bůb, ein schelm verrůcht, Und wird von minen obren gsůcht, [515]   Gefangen und in einn kerker geleit. 415 Da hilft mich nit was Cristus seit, Die bybly und all zwelffbotten ; Der túffel mag min och wol spotten. Also wirt min junges leben Die 6 Verse der Drucke nach 418 (518–524 B) könnten auch von Manuel sein; sie fehlen aber in H. 418a [520]   Übel gemartret vergeben . 418b Verflůcht sigind alle die 418c Die rat und tat gabend ie 418d Dass ich in disen orden kam! 418e We mir dass ich in ie annam! 418f   Die nonn clăgt sich . [525]   Die bettler thůnd uns grossen schaden. Sust fu e rend wir vil me gen Baden , 24 420 Wenn man uns geb geb : gäbe. H schreibt ebenso zuer, weger, geb 440 u. ö. das inen wirt. So sind die lút als o als so H, so gar B. veryrt : Sy wenend sy dienind got daran. [530]   Nun weist d a s doch schier w. man doch sch. H, w. doch das ouch sch. B. iederman Das uns der băpst d. got ze Rom gr. H, von 428 hier heraufgenommen und alsdann dort willkürlich abgeändert: Der båpstlich got a. C. st. gross fryheit git: 425 Der uns sin almůsen och teilt mit ›und daß der, der seinerseits sein Almosen mit uns teilt‹ usw. , Das er gross gnad und aplaß hăt. Der got ze Rom an Cristus statt [535]   Hat gen aplaß tusend (Ziffer) 1000 H. jar Uss siner ro e mschen kysten Christus und die römische (Geld)-Kiste werden einander oft wortspielendgegenübergestellt: u. 1185 f. 1392. har 430 Allen denen die uns geben t geben H. Und in siner satzung leben t leben H. . Wo het er ie keinn aplăß usteilt [540]   Demm der einn armen kranken heilt Oder s pi st O. sust H, spist ( Oder f.) B. den armen hungerigen man 435 Und leit de m den H. nackenden kleider an, Den gfangnen tro e st, den turstigen trenkt? Der aplăß ist uns in dklo e ster gschenkt. Was hand wir mit de m den H. bettler zschaffen? Es wer weger man geb's múnchen, nonnen und pfaffen. 440 [545]   Wenn es nit wer súnd und schad D. h. wenn die Gnade Roms an ihm nicht gänzlich verloren und vergeudet wäre. , 25 So het der bettler och ro e msche gnad. Der bapst hat uns den aplăß fry geschenkt Und ein bligin sigel daran gehenkt Aber darumm er dz sygel an den brieff henckt H. – Das ›bleierne Siegel‹ an den römischen Bullen scheint der Schreiber von H nicht verstanden zu haben. : So Do H. hand wir im tusend Ziffer: 1000 H. pfŭnd geschoben 445 [550]   Umm den kutzen uff dem kloben Der Kauz auf dem Kloben (einer oben gespaltenen Stange, also ein Lockvogel für den Vogelfang) scheint den Ablaß zu bezeichnen der die ganze Welt verführt. .   Die alt begin Beginen hießen die Mitglieder der von Lambert de Beghe aus Lüttich gestifteten frommen Frauenvereine, die jedoch später ausarteten. Bächt. 54. . [585]   Ich fro e w mich das ich kuplen kan, Sust wurtz mir lyden úbel g a n; Das han ich meisterlich und wol gelert Und mich nun lang zyt fry mit ernert. 450 Sid das min tutten fiengend an hangen [590]   Wie ein la e rer sack an einer stangen Und sich min hut fieng an r i mpfen rŭmpfen H, rümpfen B. , Do wo lt wo H. man nit me mit mir schimpfen : D r umm Darumm H. gieng ich in das b e ginenhus baginen hus H. , 455 M in Das schůf / min H. alter gwerb trůg nút me us . [595]   Do schickt ich mich vast wol mit klapp r en klapperē (= schwatzen) H. Und gab mich al s o alzo H. under den schapp r en schapperē (= Kapuze, Mantel) H. . 26 By krancken lúten kund ich wol : Man gab mir gelt und fult mich vol. 460 Wann ich můß vil wins trunken han: [600]   Sechs măß gwún n end gwŭnend H. mir nit vil an. Uff greptnuß, sybent, dryssgost und jarzyt Do was mir ein mil wegs nit z' wyt: Ich fůgt mich dar, schŏch weder schne noch regen. 465 Ich ka n kan] kain H. allerley pett und segen [605]   Daran die menschen glouben hand. Ee man das us rúttet uff dem land, So bin ich tod und langest vergraben. Ob sich schon ietz die pfaffen úbel ghaben, 470 Do geb ich nit ein schnellen mhd. der snal, das snellen: rasche Bewegung, – Nasenstüber, – Schnippchen? umm: [610]   So sorg ich nit wie ich us kumm. 470–472 ›Somit mache ich mir keine Sorgen darüber, wie ich davon komme, d. h. in welcher Gestalt der Tod mich treffen möge, über den die Pfaffen ein solches Geschrei machen‹.   Der Nollbrůder Die Nollbrüder heißen eigentlich Lollharden und sind eine den weiblichen Beginen oder Begharden entsprechende fromme Vereinigung von Männern. . [551]   Es trybt mich bald von minem wesen, Das die armen och die gschrifft lesen. Ich han mich beholfen lang damit 475 Der antwort die do Cristus git: [555]   ›Verlăß din gůt und was du hăst: So du das thůst und mir nach găst, So wirstu ganz volkommen sin‹ Vgl. Matth. 19, 27. 29; Mark. 10, 7; Luk. 18, 19. . Das thet ich dar in so e llichem schin 27 480 Als het ich grŏß gůt verl a n verlon H. [560]   Und welt gůtwillig armůt han, Und solt man mir durch gotz lon lob B, willen H. lon scheint den abweichenden Lesarten von B und H zu grunde zu liegen. geben, Das ich mo e cht ful und ru e wig leben, Damit ich nit mu e st zů acker g a n gon H. 485 Oder och sunst andere arbeit ha n thon H. . [565]   So hand's die puren iez nit darfür : Kumm ich iez eim b u ren bleren H (Schreib- oder Abschreibfehler). fur die thúr Oder sust eim schlechten handtwerchsman, Der wil den spruch vor och verst a n 490 Und wil och miner meinung spotten, [570]   Spricht: Cristus hab daselbz nit potten Das der drumm so e ll mu e ssig g a n gon H. Der wib, kind und gŭt wel D. sin wib v n k. w. B. verl a n verlon H. ; Ich so e ll och werchen als ander lút, 495 Ich sy doch starck und do e rff sin nút [575]   Des betlens und der glyßnery, Och das Cristus meinung sy, 498 ff.: ›Auch (spricht er), Christi Meinung sei die daß der (in rechter Weise) Gut, Weib und Kind verlasse, der – mag er sie auch stets bei sich haben – nicht um seines Gutes, Weibes und Kindes willen irgendwelche Sünde tun wolle‹. gůt war in 494 und 499 des Parallelismus mit 501 wegen aus B aufzunehmen. Das der gŭt , wib und kind verlăt (Ob er sy schon sta e tz by im hăt), 500 Der nit durch gůt, wib und kind [580]   Welt thůn ein einige súnd, 28 Dardurch im Gotz huld mo e cht entg a n entgon H. : Das heiß recht wib und kind verl a n verlon H. . Ich sorg, sy bringend mich uff die fu e ß, 505 [584]   Das ich fúrhin och werchen mu e ß.   Der landvarisch bettler . [611]   Got geb dem leben schier den ritten Der ritt(e) : Schüttelfrost, Fieber. ›Daß dich der Ritt schütt‹ (schüttle) u. dgl.: häufige Verwünschung. ! Die puren lond sich vast wol bitten In sant Jacob und sant Michels namen, Sant Jos, Annen und der alsammen; 510 [615]   Wenn ich mich schon vast ubel ghan , So thůnd sy eins eins: vgl. zu 410. und spottent min dran: Warumm ich nit daheimen blyb Und etwas gwerb und handwerch tryb; Sy wellent nit fur mich arbeit han 575 [620]   Und mich fúr ein juncker pg a n pgon H. pgan = begân: pflegen, behandeln. ! Nun han ich mich lang mit genert Und keinerley arbeit gele r t Denn bettlen, gylen b. gutzlen g. H. Das gutzlen = betteln in H ist wohl nur aus der häufigen Verbindung gutzlen und gîlen (bitten und betteln) in jenen Text hineingekommen. , wol schwetzen Und gan gon H. in bo e sen hu d len hutlen H. und fetzen, 520 [625]   Als ob ich die lút erbarmen so e ll, Ob man mir des t dester H. me geben w o e ll well H. . Des han ich mengerley angfangen: Ich bin wol fúnfzehen jar ietz gangen 29 Alwegen uff sant Jacobs străss St. Jakobs Straße ist der Weg und die Pilgerfahrt nach San Jago di Compostella in Spanien, dann Pilgerfahrt überbaupt, endlich (wie hier) Landstreicherei und Bettelei. ; 525 [630]   Aber, als ich mich nun duncken lăss, So mag ich mich des nit erneren: Die puren wend mich ein anders leren.   Der armm kranck husman husman: heute noch Hŭsmə, Ghŭsmə für einen Verkostgeldeten, um Kostgeld Untergebrachten; hier wohl: armer Bauer. . Das Got erbarm in sinem thron! War ist Cristus leer hin kon 530 [635]   Die allzyt uff die liebe zeigt, Das man dem armen syg geneigt Zů hilf ze kommen in sinen no e tten? Der hunger wil mich schier erto e dten Und mine kind und arme frowen! 535 [640]   Das ellend můß ich sta e ts anschowen . Das man de n den H. pfaffen git all tag, Ich glŏb es syg von got ein blăg. Gross fursten, edel , burger vast rych Die bettlend sta e tz und eben glych 540 [645]   Als hettind s' nit eins hallers wert Und ryttend doch so hohe pferdt ›Auf hohen Rossen reiten‹ ist ein Schlagwort der Zeit gegenüber den Reichen und Übermütigen. , Hand groß pfrůnden, rendt und gúlt: Und sind nach allem wollust gfúlt: Mund was magst? hertz was witt? 30 545 [650]   Noch hăt der sack k e i n boden den b. H. nit. Och buwt man clo e ster, thůt múnch drin Die sust wol mo e chtind rych gnůg sin, Starch relling , frysch, můtwillig und gsund; Die armen lăt man g a n wie die hund, 550 [655]   Die Die, d. h. die Armen (550). billicher damit wurdint gespyst. Also ist man nun mit den pfaffen n. durch pf. B. verwyst Das man de r armen des a. B. ganz hăt vergessen. Der gyt hat múnch und nonnen bsessen Das ir sack kein boden me hăt Wiederholung von 546. , 555 [660]   D es Des B gleichbedeutend mit Darumm (H), aber ursprünglicher. meng arm mensch ietz nackent găt. Erbarm dich, o su e sser Jesu Crist, Syd du och arm gewesen bist: Lăß uns in armůt nit verzagen! Du hast all unser súnd getragen 560 [665]   Uff das wir wurdint ewig rych. Es gilt mir iez schier eben glych . Es ist doch hie nit lang zu leben; Demnach wirt uns der himmel geben; So werdent wir bi Lazaro sitzen, 565 [670]   Die rych en rych H. do e rt in's túffels hytzen Nach Luk. 16, 23. . Băpst, bischoff, gross heren und a e pt Die hie allzyt hand wol gelept, Sy werdent by dem rychen man [674]   In der hell ir wonung han. Nach 570 4 weitere Verse (Bibelzitat) B. 31 570   Der edelman fart inher . [679]   Ir bschornen gsellen, ir machent gůt g. machent ( ir f.) B. gschier! ›Ihr Geistlichen, machet gute Aufwartung!‹ laßt es euch wohl sein! [680]   Lůgend nun das úch niemand ier ! Ir hand doch rendt und gúlt genůg, So sind ir sicher vor dem pflug Und wirt úch doch gnůg korn und win, 575 Kompt úch on alle arbeit in [685]   Von acker, holtz, matten, reben, All frúcht der man sol gleben gleben H = geleben B: sich nähren. . Ir sind wol sicher alle zyt: Kein wetter úch zů schaffen gyt, 580 Es welle haglen, schnyen, regnen; [690]   Das úch's der ú tffel tuffel H. mu e sse gsegnen! Ich heiß Hans Urich Ulrich B. von Hanenkron, Ir hand aber rendt und gúlt darvon: Ir hand den nutz und ich den namen. 585 Der túffel nemm úch allsammen! [695]   Mi n vordren wărend gfryet heren 587 f. Mine v. w. grafen und fryen Als rich, als etliche herzogen syen B: die Drucke haben die Klage des verarmten Edelmanns durch eine Standeserhöhung seiner Vorfahren noch wirksamer zu machen geglaubt. Zugleich Spott auf den 1519 abgesetzten und dann besonders zu Luzern und zu Solothurn Hilfe suchenden Herzog Ulrich von Würtemberg? Und fu e rtend ir stăt mit grossen eren : Do wurdentz úberredt von úch pfaffen, Sy kúndint vor Got nút bessers schaffen 590 Denn das sy ir gůt nach irem leben [700]   Úch pfaffen, múnchen und nonnen geben: 32 Sy găbent das gůt den merteil dahin. Ietz, so ich nun erwachsen bin, So han ich zehen lepentiger kind 595 Die gůt, edel und blůtlich arm blůtlich ( blůtlichen B) arm: blutarm. sind: [705]   Sol ich sy nun in die clo e ster zwingen? Und so ich s' schon hinin mag pringen, [707]   So werdent sy, als ich besorgen, 599–602 Statt dieser 4 Verse hat B ihrer 6, die Rede etwas zu gunsten des armen Adels mildernde. Tag und nacht, ăbend und morgen 600 In hůren und bůben wis ummlouffen: [712]   Denn wird ich mir das hăr usrouffen, Und wurdind villichter kinder drus Als man sy ouch fúnd imm frowenhus, [715]   Wie man das sicht an mengen orten. 605 Also, ir pfaffen, mit kurtzen worten: Es ist ein j ă mer iomer H. und ein plăg, Das man's von úch erlyden mag. Es mag die lenge númmen sin. [720]   Ir sind des t ú ffels tuffels H. mestschwin Vgl, o. 333. 337. 610 Und wend d och heissen Ir w. och h. H. gnedig fúrsten! Wir mu e ssent úch mit knútlen búrsten! Ähnliches Sprichwort: mit dem Kolben lausen. Ich do e rfft des gůtz minen kinden wol , Wenn ich sy nun bald versorgen sol, [725]   Das ir minem vatter hand hand f. H. ab er logen ab gelogen H: Versehen für aberlogen (B): durch Lügen abgewonnen, abgeschwindelt. 615 Und listiklich an úch gezogen, Ja das es kem úch m ú nchen zů. 33 Es felt wol urara ein purenschů ein purenschů: sprichwörtlich für: ein tüchtiges Stück. Das ir s' in denn himel bringent [730]   Mit úwerm wolfgsang wolfgsang: so hatte am 29. August 1529 der wegen seiner Predigten öffentlich verhörte Helfer Jörg Brunner von Klein-Höchstetten bei Bern (s. Einl.) den Lobgesang genannt den man singe, wenn man die Leute für die Kirchenbauten Opfer bringen lasse. Die Flugschrift Vadians ' Das Wolfsgesang ' mit entsprechendemTitelbild, in der das Geschrei des Papstes und der Päpstler über seine Würde verspottet wird, war 1521 zu Basel erschienen. Beitrr. a. a. O. 28, 236 ff.; 29, 99 f. das ir singent. 620 Ir denckend weder an Got noch sin hellgen, Ja úwer gmůt stăt zů hůren und bellgen balg hier: schlechte Haut, lasterhafter Mensch. . Es wer och etwan als gůt wol zů schwygen Ich gloub, üch wärc vil weger [geziemender] z. sch. B. . Singent ›Gůt Hennsly uff der schyterbygen‹ Wohl der Anfang eines Liedchens, das beim Kiltgang gesungen ward. , [735]   So ir doch nit besseren andăcht h e nd! 625 [736]   Das úch der tonder inn gytsack schend! [751]   Wir edlen mo e gentz nummen erlyden: Wir můssend úch den kabes bschnyden! Die in den Drucken dem Schlußsatz vorausgehende abermalige Erwähnung des Fegefeuers hat wohl ein Zürcher Theologe hier am Schluß der Szene von den Totenmessen und der päpstlichen Hierarchie eingeschoben. 34   Zweiter Auftritt. Die päpstliche Schweizergarde. Des bapst gwardihouptman fieng an und redt, und demnach die andern gwardiknecht. Die Bühnenanweisung f. H.           Der Guardyhŏptman . Danck hab das hirn das ie erdăcht Das man den sin in puren brăcht, 630 [755]   Das sy almůsen und opfer gend Denen so land und lút inn inn f. H. hend Und ersparend das an armen krúplen, Blinden, lammen, narren und dúplen , Die nút uff allem ertrich h e nd hand H. , 635 [760]   Die aber dem heiligen vatter gend Umm aplăß, friheit und och bullen. Die selben schăff gend gůtte wullen. Wo wottend wir armen kriegslút blyben? Solt ich fúrbaß ein hantwerch tryben, 640 [765]   So mu e st ich in zwilchen kleider n g a n kleider gon H. : Sust trag ich sammet und syden an, Des glychen dise mine gs ellen xellen H. . Man wurd uns in einn pflůg stellen Vgl. o. 574. , 35 Zů acker, tro e schen, holtzen und ho e wen: 645 [770]   Das wurd mich lyden ŭbel fro e wen!   Die Guardyknecht: Hans Äberzan Äberzan ] Zan B (wohl bloße Flüchtigkeit des Druckers: Burg 133). . Aller heiligester vatter min! Das ist ein seliger mensch gesin Der dich hat prăcht zů so e llichem stăt, Den Petrus nie gesinnet hăt. 650 [775]   Dann soltest du ein fischer sin, So trunk ich wasser me denn win. Nun behu e t dir got din sinn und gmu e t Das es allzyt nach kriegen wu e tt! Denn so e ltestu nach fryden stellen, 655 [780]   So werind wir all lyden arm gs ellen xellen H. .   Knecht Heiny Ankennapf . Der bapst ist mir ein ein f. H. grechter got: Er fu e gt wol fúr die armen rot ; Er weist wol was was f. H. eim kriegs man man f. H (Flüchtigkeit). prist prist = gebristet: gebricht, nottut. , So er selb och ein kriegsman kriesiman (›Kirschenmann‹) B: wohl schlechter Witz eines Schreibers oder Setzers. ist. 660 [785]   Er hat mir dry gůtter pfrůnden geben, Die sol ich nutzen die wil ich leben; Die verdienen ich mit hellenbarten, Der kilchen darff ich gar nit warten. Ich sing die syben zyt bim win: 665 [790]   Ich kan ein frier corher sin 36 Und han ein fins hu e rly amm barren . Die puren sind groß toppel narren Doppelnarren? Narren beim Spielen ( toplen )? wenn nicht Fehler für düppel und n. (Bächt. nach A). , Das sy mir gend zins und gúlt: Damit wirt wirt , Sing. für Plur. da die Subjekte erst nachfolgen. hůren und bůben gfúlt. 670 [795]   Sag an, du palg, wie gfalt es dir? Ich mein vast des glychen alls mir.   Die kriegsmetz Sibilla Zo e pply . Wie kan mir das vast úbel gfallen. Mir und och minen gsellen allen, Das dir der bapst vil pfrůnden gitt; 675 [800]   Das gfalt mir wol: warumm das nit des n. B. ? Ich bin zů metty gůtter dingen, Ich hilf dir non non B] mess H. und vesper singen: [803]   Ich sing ›Ich weiß mir ein fine frow vischerin‹ Wohl Anfang eines volksmäßigen Liebesliedes. [805]   Das kan mir ein kriegscher psalm sin –, 680 Den Bennzenower Benzenauer hieß die beliebte Weise eines Liedes auf einen Johann von Pienzenau 1504. fúr den ymmß ! Gitt man dir noch me pfru e nd, so nimß! Wir wend s' wol verschlemmen und temmen , Hůren und bůben ee z'hilf nemmen!   Ludy Krútterziger . [810]   Nun bin ich och lang nahin gloffen, 685 Darzů ich noch allweg hoffen, Mir werd och ein pfrůnd pfru e nd H. oder dry 37 Das ich ein rycher dorffpfaff sy. Ich mag nút dester minder wol kriegen [815]   Und schweren, der himel mo e cht sich biegen, 690 Kriegen, to e den, rouben und brennen, Von einer schlacht zur andren rennen Als ander kriegslútt hand get ă n geton H. : Der bapst mag mir's och wol wol B, f. H. nachl ă n nach lon H. .   Dies Kallpskopf . [820]   Ich bin och ein kriegsman: warumm das nit des n. B. ? 695 Ich bin der man und kan darmit Eim heren dienen umm den sold. Dem băpst bin ich von hertzen hold: By im hab ich gůt gl ú ck und g fell gluck und gefell (Erfolg) H. . [825]   Ich stande hie wie kriegsch ich well , 700 So bin ich korher zů Kupferthon Kupferthon: rätselhafter Name; nach einer Vermutung bei Burg 134 verlesen aus Kupf'ion d. h. Kupfrion = Cyprianus. : Zweyhundert Rinsch guldy han ich darvon Al l Alle H. jar, da gat mir nit ein haller ab: Damit mag ich wol sin gůtt knab s. ain gůtter k. H. . [830]   Wenn ich min pfrůnd verdienen sol, 705 So kan ich's fry und darffs vast wol: Ich kan den bapst inn kriegen nútzen, Das das blůt můß gemm gemm (H, gen B): wohl ma. Zusammenziehung von gegen dem. Die Form und der ganze Gedanke wiederholen sich 1567. himel sprútzen. Demm băpst ist gar gůt zů dienen, [835]   Sins glich ist uff ertrich nienen: 38 710 Er nimpt ein trosser trosser: Troßbube. Dafür bůben B. Kardinal Schinner war als Knabe Geißbub gewesen. uss dem stal Und mach t machet H. uss im ein cardinal, Ja wenn er sich in kriegen wol halt Und vil cristener cristener: Gen. pl. des Adj. cristen, christlich. ko e pf zerspalt. [840]   Er ist ein kriegsman, der pfaffen got, 715 f. Nachdrückliche Wiederholung von 657 f. 715 Er fu e gt vast wol fúr die armen rott.   Der schryber schryber: hier Feldschreiber (was Manuel 1516 und 1522 für die auf französischer Seite stehenden Berner war). spricht . Der bapst der ist ein got uff erden! Des sol imm von mir kuntschaft werden, Und billich: warumm das nit? [845]   Die natur das selb gesatzt gitt, 720 Ja wenn einer gůtz von eim empfăcht Im zů nutz, und er's nit verschmăcht, Das er's och so e ll denn mit im han 720–723 ›Die Natur gibt selbst dieses Gesetz daß, wenn einer von einem andern gutes empfängt das ihm nützt, und er es nicht ablehnt, er dann zu jenem halten soll.‹ Die abweichende Fassung in B (845–848) will deutlicher sein als H, das aber auch einen ganz guten Sinn gibt. : Darumm wil ich den băpst nit lan, [850]   Denn er hat veil vil dings umm gelt, 725 Das man nit findt in aller welt: Den himel, die hell, die ee, den eid, Die súnd, die tugent und alle fryheit. Da gibt es denn gelt bim huffen: [855]   So mag das onnútz vo e lkly suffen. 39 730 Bly Bly: das Bleisiegel der päpstlichen Urkunden, vgl. 444. Die Drucke fügen dieser Aufzählung noch bapir hinzu. und wachs, schnu e r schnůr H, schnüer B, schnier E. und bermendt: Damit machend wir gult und rendt Und werdent heren, groß provosen provosen : Unterrichter, Vorgesetzte überhaupt. ; Darby sond wir gar billich losen [860]   Was der bapst von uns welle han: 735 Was găt uns dan Cristus an Und Peter mit dem glatzeten grind Die doch bed arm bettler gwesen sind? 40   Dritter Auftritt. Rhodiserszene. In disen worten kam ein post schnell har geritten, und demselben nach ein ritter von Rodis Rodis (auf der Hauptsilbe betont, daher auch die Ableitung ohneZweifel Ródisser zu schreiben und zu sprechen): Rhodus, der Sitz des Johanniterordens, ward zur Zeit Papst Adrians VI. seit dem 28. Juli 1522 von den Türken unter Suleiman II. belagert und nach tapferster Gegenwehr am 25. Dezember dess. Js. ihnen übergeben. mit grosser il rennende mit verhengtem zoum dem bapst zů . DieBühnenanweisung f. H.           Der post . Heiliger vatter vatter f. H. und grosser her! [865]   Es kumpt ein botschafft uber mer, 740 Die soltu ylentz fúr dich l a n lon H. : [867]   Es trifft den helgen glŏben an!   Der Rodysser ritter . [870]   Lieber hoptman und gůter frúnd! Sid ir ein her der guardy sind, So helfend mir ylentz hinin 745 – Es will fast vil d r an g l egen daran gelegen HB. sin – 41 Das ich mich nit lang sumen můß [875]   Und komm f ú r fur H. des heiligen vatters fůß!   Der hŏptman . Sind mir gott willkommen, lieber her! Ir sind on zwyffel gritten feer . 750 Ich will úch helfen so bald ich mag: So thůnd ir úwer sach an tag .   Der hŏptman zum bapst . [880]   Heiliger vatter, es kompt ein ritter Ilentz ha e r in bo e sem gwitter gwitter: der ungewöhnliche bildliche Ausdruck für ›Aufregung, Unmut‹ hat den Drucker (B) zu einer Änderung veranlaßt ( er weinet bitter ). ; Schnell und bald verho e rend in: 755 Zů úch verlangt sin můt und sin.   Der băpst . Lăssend mir in kommen ha e r: [885]   Er bringt on zwyffel núwe ma e r.   Der Rodysser ritter . Aller heilig s ter hailigest' H. vatter und her in got! Das aller erst du wissen sot 760 Unser aller willig dienstberkeit Gantz underworffen allzyt bereit! [890]   Dem nach min befelch und ernstlich pitt – Drumm lăss dich, her, verdriessen nitt –: Es embútend diner h elikeit selikait H. 765 Ir grůß und dienst allzyt bereit 42 Der oberst meister unsers orde n [895]   Und alle die beleit sind worden Zů Rodis von des Túrcken her, Hand mich gesant schnell uber mer 770 Zů dinr großmechtigen h elikeit selikait H. Klagen jămer jomer H. , angst, nŏt und leid. [900]   Die zyt sid mittem ougsten har Die eigentliche Belagerung und Beschießung der Hauptstadt mochte erst einige Zeit nach der Besetzung von Rhodus (28. Juli) begonnen haben. – Die dunkt uns lenger den ein jar – Hat uns der Túrck die stat beleit , 775 An lyb und gůt findtlich abgseit Und schúst darin tag und nacht. [905]   Er lyt mit siner grossen macht Vor der stat ze wasser und ze land; Er stúrmpt all tag mit gwerter hand; 780 Da ist och kein abel a n abelon H. . Zwey mal hundert tusent man [910]   Hat er darvor in sinem gwalt; Er schúst das thúrnn und muren falt. Vier tusent kuglen hat er hinin geschossen, 785 Die hand vil cristenblůt vergossen. Die kuglen sind den meren teil, [915]   Wenn man sy mist mit einem seil, Im zircker zirkel B. zehen span n en spangē scheint Schreibfehler B. Der Umfang der Kugeln wäre danach ungefähr 2 Mtr., der Durchmesser etwa 60 Zm. gewesen. wyt. Tag und nacht ist sturm und stryt. 790 O her, da bschicht vast grosse r grossen B. schaden! Sy st ă nd stond H. im blůt bis an die waden. 43 [620]   Hunger, j ă mmer iommer H. , ellend und tod: On underlăß ist dise nŏtt. 793. 794 umgestellt B. Von wyb und kind ist da da ist B. ein gschrei, 795 Das eim das ] sin B. das hertz im lyb enzwey Ze tusent măl en măl H. mo e cht zerspringen! [925]   O her, der Túrck der wil sy zwingen! Wo man sy nit by zyt entschútt, [927]   So blypt kein mensch bim leben nit. Nach 800 2 weitere Verse (im Text mitgezählt nach Burg): Sy mu e ssend gespisset v n prăten werden / Da hilft kain pitt vff erden H: wohl eine Vorerinnerung des Schreibers an V. 870, dem er hier (802 H) durch einen mühsamen Reim (: erden) einen Gespan schafft. 800 [928]   Wyb und kind es můß als dran. 803 Darnach wirt's an A pulien Ipulien H, wohl Schreibfehler. gan [930]   Und fúr und fúr, wo man nit wert, 805 Bis er die cristen all um b kert umbkert ( u m k. H): umwirft, vernichtet. . Nun hastu dick gross gůt ingnommen Das an den Túrckenkrieg solt kommen: Das gib nun us, wann es ist zyt! [935]   Sid das der merteil an dir lyt 810 Und du Cristi erbteil nússest Und selbs cristenblůt vergússest, Soltu billich sin da vornen dran, Die cristen nit zů grund l a n g a n lon, gon H. ! [940]   All unser hoffnung stăt an dir: 815 Ach heiliger vatter, hilff uns schier!   Der b ă pst zum Rodisser . Zů diser zyt so denk sin sin ( nur B): dessen. nit Das ich Rodis ietz entschútt! 44 Ich han wol anders ietz zů schaffen, [945]   Ich und all e all H. mine pfaffen: 820 Zů kriegen mit minen cristen. Da darff ich sorg und aller listen, Wie ich de m den H. kúng uss Frankrich, Den Venedigern und deren glich [950]   Múg gewúnnen ab ir land. 825 Darzů so leg mir wol zur hand Verrer und margrauffschafft vnd die M.V. H. Urbin, Ferrara, Urbino, Piacenza (Placentia), Parma. Manuel bezieht sich hier auf den Bund, der, schon von Adrians Vorgänger Leo mit Karl V. gegen Frankreich geschlossen und von Adrian erneuert, dem Papste die Herzogtümer Ferrara, Piacenza und Parma verschaffen sollte. Bächt. S. 68. Mo e cht ich die selben nemmen in, Die wil der keiser kriegt im feld: [955]   Darzů darff ich selber gelt. 830 Ich han das nechst vergangen jar Gestreckt all min vermúgen dar, [958]   Das mir wurd Plesentz und Barmen. [961]   Solt mich das cristenblůt erbarmen, Nach 834 und nach 838 je 2 nichtssagende und frühere Stellen wiederholende Vss. (B 960/961, H 839/840) BH. So het ich's under wegen gl ă n glon H. , 835 Dem Túrcken widerstand get ă n geton H. , Das er in Unger nit gwonnen hett [965]   So vil gůtter b ú rg bŭrg H. und stett. 838 Der keiser und ich sind ietzen gs ellen xellen H. : 841 Wenn wir zwen hettend wellen Unsern ernst legen daran, Den selben zúg ann Túrcken l ă n lon H. , [970]   Den wir hand brucht an cristenblůt, 45 845 Zů Rodis wer es ietz wol gut: Wir hettind den T ú rcken Turcken H. wol vertriben, Das Rodis ietz iez H] vor im B. wer sicher blyben. Aber nein, es git nit speck in d'růben Sprichwort wie oben 168 u. Anm. zu 158 ff. ! [975]   Wir mu e ssend uns allwegen u e ben, 850 Das wir gwúnnind land und lút; Sust schatzty man den bapst ganz nút: Man hielte mich nummen nummen {nit me B): nicht mehr. f ú r fur H. einn got. Ich han mit aller miner rott [980]   Mins eignen nutz so vil zů trachten 855 [983]   Das ich des Túrcken nit vast achten, Statt 855/856 4 schlechte Verse (980 bis 983) B. Got geb wie es zů Rodis gang. [985]   Ich hoff es syg noch eben lang Dahin, bis das des Túrcken her Gen Rom komm und uber mer! Nach 860 beginnt die große Lücke in H, die durch B 988–1588 ausgefüllt wird. Wir wenden in diesen 600 Vss., die wir (links in [ ]) mit 988 beginnend nach B weiter beziffern und zugleich (rechts, in Fettschrift) an H 860 anschließend bis 1383 fortzählen, im ganzen auch die Schreibung von B (nach Bächtold) an (z. B. ä ö ü üe gegen a e  o e  ú u e der bisher befolgten Hs. H) und bezeichnen nur unsre wenigen Abweichungen von B durch Schrägschrift . 860 [988]   Far hin, min lieber commentür commentür nach latein. commendator ; später ›Komtur‹. : Ich geb geb Proet. cj. wie wer, leg 421. 826 u. ö. dir nit ein haller ze stür!   Ritter . [990]   Nun erbarm's Gott in sinem tron! Ach dass ich in Rodis ie bin kon 46 Und ich die frommen ritter gůt 865 Ie hab erkennt die ietz ir blůt An Türken so lang vergossen hend [995]   Und doch ietz so jämerlich und ellend Müessend sterben mit grosser pin! Sie müessend gespisset, gebraten sin. 870 O Christ vom himmel, sich nun an: Die ritter hand ir best getan [1000]   Und gstritten, herr, durch dinen willen! Ir ellend wil ietz gar niemands stillen. Sie hand kein trost in aller welt, 875 Weder durch lüt, spis, hilf noch gelt: Sie sind verlassen von iederman. [1005]   Ja bapst und keiser grifend an Die christen selbs und tůnd derglich, Als machtind s' gern den Türken rich, 880 Und hindrend ander fromm fürsten dran Dass ir keiner sin hilf schicken kan [1010]   Gen Rodis noch an andre ort, Mort , mort, mort, o ewigklichen mort! Ach gott, wie magstu das jamer sehen! 885 O wie lang lastu das mort beschehen! Erbarm dich, Gott, durch din blůt [1015]   Über die frommen ritter gůt! Empfach ir selen in dinen tron! Alde Aldê, Nebenform von adê . , ich far ietz ouch darvon 890 Gen Rodis, ob mir müglich ist, Wil sterben als ein gůter christ. [1020]   Darzů verlich mir Gott sin kraft! O we der ellenden botschaft Die ich von Rom gen Rodis bring! 895 Ach Gott, schöpfer aller ding, 47 Din volk wellist selber fristen! [1025]   In Rom sind wenig güter christen.   Der ritter kert sich um und schlůg an sin brust und sprach wider sich : O bapst, bapst, wie bistu so gar verirt! Du bist ein wolf und nit ein hirt Vgl. o. 135, Beitrr. S. 98. 99. , 900 Dass du so ganz erblindet bist: Du bist, ich gloub, der war antichrist! [1030]   Wo sind ir blůtshünd in roten hüeten? Beitrr. S. 97–99; ›Traum‹ bei Burg Vs. 138. Ir machend selbs wohl christen zů blüeten. Warumb beschirmend ir nit den christenglouben,   905 So ir doch täglich die ganzen welt berouben? Wo ist nun das gross unsäglich gelt, [1035]   Das ir hand g non genon B. durch christenwelt? Hůren und bůben hand es vertan, Die christen lond ir zů schitren gan. 910 Die sünd der Sodomiten die ist hie Ja so gross als vor der straf Gotts ie ! [1040]   Was darf s vil kramanzen und langer red? Du bapst und keiser Carolus, ir bed Sind nit unschuldig an dem blůt 915 Das ietz der Türk vergiessen tůt! O bapst, bapst, fürchstu nit Gott? [1045]   Dine roten hüet und bschorne rott Hand blůtig und roubwölfen zän! Ir hettind gůt würstmacher gen , 920 So ir so gern im blůt umbgand, Ein lust die lüt zů metzgen hand! [1050]   Das blůt das ir vergossen hend, 48 Läg es iez frisch an einem end , Ir möchtend all darin ertrinken , 925 Ja schier gar nach ganz Rom versinken. Meinstu drum dass dich Gott hie nit well strafen, [1055]   Sin göttlich grechtigkeit sig drum entschlafen? Vgl. Psalm 43, 23. Fürwar, fürwar, es kumpt die stund Dass dich das schwert us sinem mund Das Schwert der Offenbarung Johannis I, 16. 930 Wirt zů boden richten gar Mit diner schölmischen bůbenschar, [1060]   Wie das vom entchrist entchrist: Alte Umdeutschung von Antichristus (als Christus des Weltendes). gschriben stat, Sant Peter selbs wisgsagt hat II. Brief Petri 3, 34. . Ja du und alle dine fründ: 935 Dass üch das hellsch für anzünd! [ Der Ritter sprengt davon. ]   Der Türk. Schupi Massgan Vermutlich Entstellung eines türkischen Namens. [ erscheint im Hintergrunde ] Ir christen, was sind ir für lüt! [1065]   Üwer ding sol doch minder denn nüt Und werdend allen fölkern zů spott. Zů Rom hand ir ein besundren gott, 940 Dem gebend ir gelt glich wie sprüwer . Nun sehend zů: er spottet üwer. [1070]   Wo hilft er üch in üweren nöten? Ja er lasst üch wol selb ertöten: Darumb ist üwer billich zů spotten. 945 Von Ungerland ist üch dick entboten , 49 Do wir das land gewunnen hand Sultan Suleiman war in Ungarn eingefallen, nachdem er am 29. August 1521 Belgrad erobert hatte. . [1075]   Pfuch laster und ewige schand! Rodis hand wir ietz ouch gewunnen, So ist Naplis noch nit entrunnen; 950 Demnach gen Rom wirt unser reis. Also so wirt der erdenkreis [1080]   In kurzer zit uns gar zů hand. Wir habend schon der christen land Dri teil von üwerem glouben genommen: 955 Der fierteil wirt bald nacher kommen. [ Er verschwindet. ] 50   Vierter Auftritt. Bauernszene.           Doctor Lupolt predicant Der Name Doctor Lupolt predicant (unten vor 1665 in beiden Fassungen Doctor Lúpolt Schúchnit ) wird von Burg (S. 100) ansprechend aus Lúp(priester Bercht)olt abgeleitet und mit früheren Erklärern auf den Prädikanten und Reformator Berchtolt Haller, Leutpriester zu Bern, gedeutet; doch könnte der Doktortitel vielleicht darauf hinweisen, daß seine Gestalt aus denen Berchtolt Hallers und Sebastian Meiers, der Doktor der Heiligen Schrift war, kombiniert ist. . O we der ellenden sachen! [1085]   Wie mag ich frölichen lachen, So ich sich den bapst unseren junkern zart Dahar faren in so grosser hoffart 960 Und wie sorglich es zů Rhodis stat! Das selb im leider wenig zů herzen gat. [1090]   Ich reden es uf die trüwe min: Er ist nit würdig dass er möge sin Der allerminst süwhirt in diser welt, 965 So er begert zů haben land, lüt und gelt, Das zů bringen under sinen zwang. [1095]   Ich hoff, es söl nit wären lang: 51 Aller anhang in sinem orden Werdend bald daran müessen erworgen Die unreinen Reime hier wie 977 f. 981 f. machen diese Rede des Doktors, für die wir hier nur auf die Drucke angewiesen sind, einigermaßen fremder Einschiebung verdächtig. , 970 Dann sin wesen ist wider Christus ler. Wer ist aber so frisch gewesen bisher, [1100]   Der im hab bedörfen reden drin? Hat nit der müessen gebannet sin, Darzů hie uf diser erden 975 Fúr einen ketzer gehalten werden? 974–976 Hindeutung auf Luther und seine Bannung 1520? Des bischofs dreck us essich essen Die ekelhafteste Speise zu genießen, d. h. sich alles gefallen zu lassen. , [1105]   Sin seckel suber und rein wäschen Von aller siner barschaft gar , Dass im ist bliben weder hut noch har: 980 Dise schindery kompt vom bapst us Rom. Ir frommen landlüt, wüssend ir nit darvon? 52   Pur . Nickli Zettmist Die hier auftretenden sieben Bauern tragen in unsern gedruckten Texten (der hsl. hat hier immer noch seine Lücke) Namen mit Zunamen, die ihre Hantierung und Kleidung bezeichnen (ähnlich wie die zwei Bauern des Spiels PCG, sowohl in der Hs. H als in den Drucken) oder an Kirchenheilige des Berner Landes erinnern können nämlich Nickli Zettmist, Růfli Pflegel, Heini Filzhůt, Zenz (= Vincentius , Kirchenheiliger von Bern), Klepfgeisel, Batt (= Beatus, Patron des Oberlandes) Süwschmer : damit, sowie mit dem Amman von Hanfdorf und dem Amman von Maraschwil und mit den Bauern in PCG, könnten wohl bestimmte Persönlichkeiten gemeint sein. . [1110]   Nachpur, Gott geb dem bapst den r—angen Der range (eine Schweinekrankheit) tritt hier als verächtliche Steigerung des sonst etwa dem Gegner angewünschten Fiebers (des ritten ) ein, s. o. 507 und u. 1120. ! Es ist mir übel mit im gangen. Ich hatt em wenig wider in geredt, 985 Dass mich unser kilchherr in den ban tet. Und eben in den selbigen tagen Zu Anfang Novembers 1518 hatte Bernhardin Samson, unterstützt von dem Chorherrn Heinrich Wölfli ( Lupulus ) zu Bern, im Münster daselbst seine Ablaßpredigten gehalten. [1115]   Hort ich von eim grossen ablass sagen, Der wär zů Bern in der statt. Darumb ich min husfrouw bat 990 Dass sie mir helfen wett um gelt, Denn mich tucht , alle welt [1120]   Welte gen Bern hinin loufen Und des bapsts ablass koufen. Sie sprach: ›Die kindbette hat mich ganz eröst , 995 Doch hab ich ein guldin us eiern gelöst, Den wil ich dir geben uf min sterben, [1125]   Dass du doch nit also müessist verderben In des bapst e s bapsts H. banden Aller welt ze schanden.‹   1000 Von rechter fröuden ich da ufsprang, Gen Bern ich in die kilchen vast trang: [1130]   Da hort ich orgelen und wol singen Und fieng an mit macht fürhin ze tringen In unser frowen capelen Es ist die ehemalige Marienkapelle am Ende des Seitenschiffs auf der Südseite des Chors, bei dem jetzigen Zäringerdenkmal. dört vor, 53 1005 Die stat uf der rechten siten am chor. Ich fieng glich an von andacht schwitzen. [1135]   Da sach ich ein alten münch sitzen Un an der siten neben im stan Gar ein finen wolgelerten man: 1010 Meister Heini Wölfli ist er genant; Nachpur Růfli, ist er dir wol bekant? [1140]   Ich halt in für ein geschickten gesellen. Der fieng an, dem münch min sach ze erzellen. Ich knüwet nider an der selben statt; 1015 Gar trüwlich ich den ablasskrämer bat, Dass er mir wette ablass geben [1145]   Über min armes sündigs leben. Und wolt ich han darumb ein brief, So můsst ich grifen in seckel tief 1020 Und můst im gen ein guldin rot. Ich hette sinen bass dörfen umb brot. [1150]   Ich macht mich heim ungessen und -trunken, Ich wäre schier im veld nider gesunken; Ich hatt schier weder vernunft noch aten; 1025 Ich wond fürwar, Gott hette mich beraten. Do mir min husfrow entgegen lief, [1155]   Knüwetend wir beide fúr den brief, Betetend beide mit nassen trähen. Ich wond, ich hette Gott selber gesehen –, 1030 Bis dass ich vernam, es sölte nüt : Des ward ich bericht durch witzig lüt. [1160]   Do ward ich ganz von zorn entrüst Und han den ars an brief gewüst gewüst zu wüschen : zum Reim vgl. 1067 f. 1095 f. . Nachpur Růfli, ich můss dir's klagen, 1035 Es lit mir noch in minem magen! 54   Pur . Růfli Pflegel . Ja ich han sie warlich wol gesehn gesehn: des Reimes wegen gesên oder gesän gesprochen. : [1165]   Sie predgetend beid, die selben zween. Ich sach dass der graw münch uf dem altar sass Und meister Heinrich Wölfli neben im was; 1040 Und was der münch redt in latin, Das kond meister Heinrich so fin [1170]   In tütsch dartůn, so glat und lieplich sagen Grad als wettind sie beid den Cůntzen jagen › den Cůntzen jagen ‹, Gaukelspiel treiben: Schw. Idiot. 3, 380. , Und wurfend die puren in unserem gricht 1045 So vil gelts ins becki, es war d war B. überricht ; Es klinglet stets den ganzen tag [1175]   Und vielend gůt vögel in den schlag. Do rieng man an koufen und verkoufen – Ich wond sie wöltend einandren roufen –: 1050 Eins gab man dings , das ander bar; Von sant Michel über ein jar [1180]   Oder zů zweien zilen bezalt man die brief. Ich meint, es wäre uf den tag nit nit : nichts, lies nüt ? so tief In armer spinnerin trog verborgen, 1055 Man sůcht es herfür am selben morgen. Das wäret nun ein gar lange zit. [1185]   Ich gedacht: Ist dann der tüfel im git ? Ach was ist doch das für ein leben! Sie gabend nieman nüt vergeben . 1060 Do was ein trucken und ein treng! Doch macht ich mins teils nieman zů eng; 55 [1190]   Aber mine nachpuren hattend kein rů: Sie trungend tüfelichen darzů; Sie wondend, sie söltind den himel koufen 1065 Und von stund an all einsmals hinin loufen, Desglich ouch ander puren sust: [1195]   Ich lachet dass mir ein furz entwust. Ich dacht, do ich die ablasskremer sach, Dem gůten frommen Jesus trüwlich nach, 1070 Wie er zů Jerusalem in tempel gieng, Da so vil schaf, kelber und tuben hieng, [1200]   Die man solt opfren nach dem gsatz, – Wechselbenk und ander koufmanschatz –, Wie er sie treib mit geislen us 1075 Und sprach: ›Es ist mins vaters hus, Das machend ir zur mördergrůben!‹ Matth. 21, 12 f. Marc. 11, 15. Luc. 19, 45 f. [1205]   Wett gott dass er zů disen bůben Grad iez in dise kilchen käm Und ouch ein gůte geislen näm 1080 Und schlüeg die schelmen úber die lende! Dass üch der tüfel uf ein hufen schende [1210]   Ja mit dem jarmerkt in der kilchen! lch sprach zů mengem: › Bis gottwilchen ! Bistu ietz im himel gsin 1085 Oder witt du erst darin? Mich dunkt – uf min jüngste fart ! – [1215]   Du hettist das gelt wol erspart! Ich hort dass der münch offenlich redt Dass er all Berner erlösen wett 1090 Die gestorben vor vil tusend jaren j. waren B. : 56 Die söltind grad all von stund an zů himel faren. [1220]   Ich was fro dass er mich nit ouch faren hiess Und dass er mich noch den tag hieniden liess, Dann ich hatt mine schů noch nit gewüst 1095 Und was sunst ouch vast übel gerüst.   Pur . Der amman von Hanfdorf . Lieben, frommen und trüwen lantlüt! [1225]   Der selben sach der denkend nüt ! Das gelt ist hin an galgen kon Anspielung auf die an den Galgen gehefteten Ablassbriefe des Bischofs von Lausanne, die man sich zur Warnung vor dem Ablass solle dienen lassen? : Werdend nur noch witzig darvon! 1100 Aber der wirt billich ein grosser böswicht geschetzt Der den römschen ablass so tür hat verpfendt und versetzt! Vgl. oben 317 ff. Die Meinung ist, die Pfaffen hätten den Ablaß, das Vermögen der Sündenvergebung verpfändet oder verpachtet. [1230]   Wüsstend wir doch wie tür er stat, Dass der doch sich nit lösen lat! Ich komme war ich well uf aller welt, 1105 So ist der römisch ablass versetzt umb gelt! Es sye uf wasser oder uf erden, [1235]   Der ablass kan nienan gelöst werden. Es ist kein kilchli nit so klein, So alt, wüest, růssig noch unrein 1110 Denn dass sie stond und all tag schryen, 11 f. umgestellt B, berichtigt von Burg 133²). Dass man den ablass möge fryen: [1240]   ›Lösend den ablass! lösend den ablass!‹ Und käm einer zů hinderst in Naplas : 57 Uf aller diser witen erden 1115 Der ablass mag nit gelöst werden. Wenn nimpt s' ein end, die schindery? [1245]   Ich mein dass da kein boden si. Vgl. 546. Gott geb er werde gelöst oder nit: Gib ich ein pfennig, dass mich der ritt schitt! Vgl. o. 507; unten 1128, zu 983. 1120 Ich wil in nit underston zu lösen: Wir wend das unser sunst wol vertösen .   Pur . Heini Filzhůt . [1250]   Man hat nun gelöst ein lange zit – Sechshundert jaren velt velt: fehlt. Mehr als 500 Jahre seien die Priester irregegangen und hätten die Menschen betrogen, hatte laut der Verhandlung vom 29. August 1522 der Helfer Brunner gepredigt. es nit wit –: Noch ist der ablass stets versetzt. 1125 Ich hab in noch nie anders geschetzt Denn grad wie ein kutzen vor der hütten Kauz als Lockvogel vor der Hütte des Vogelstellers oder am Hüttentor angenagelt als Popanz oder Vogelscheuche. ! [1255]   Ich liess sie den jarritt jarritt: der das ganze Jahr durch dauernde ritt(e) (Fieber), Schw. Id. 6, 1724. schütten. Wenn ich an römischen ablass gloub, So sagend, Heine Filzhůt sye toub! 1130 Lond pfaffen reden was und wie sie wend. Ja wenn wir sunst armen huslüten gend, [1260]   Unseren nachpuren, deren vast vil sind Arm, ellend und krank und hand ouch kind: Das gevalt am allerhöchsten Gott, 58 1135 Es sind ouch sine gheiss und gebot. Christus, do er uf ertrich was, [1265]   Do tet und hielt er alles das, Das Gott hat geboten, nach dem gsatz; Aber sunst ander götzpfaffen geschwatz 1140 Und ire gebot die sie selbs erdachtend Und us iren eignen köpfen brachtend, [1270]   Darmit sie bruchtend vast grossen pracht; Die hat er ruch gestraft, fri veracht. Gott geb sie gebietind und bannind was sie wend: 1145 Wo sie nit claren grund darum helger gschrift hend, So sind wir nit schuldig dass wir's halten, [1275]   Verachtend's fri, lond Gott darumb walten. Sprechend sie dann, es sye in concilien geboten, Ja so mag man der närrischen antwort wol spotten. 1150 Sie gründend daruf allermeist , Sie ratind denn im heiligen geist im h. geist unter Inspiration des H. G., also unfehlbar. [1280]   Und sye alles gerecht was sie machen: Der närrischen antwort můss ich lachen Verstärkende Wiederholung von 1150. . Das stinkt und ist ein fuler braten. 1155 Us was geists hand sie do geraten Do man die sach ganz zeletst erfůr [1285]   Und machet Lies: machten? ein bapst, das was ein hůr Und machet ein kind bi einem man Die Sage von der Päpstin Johanna wird hier als geschichtliche Tatsache gegen das Papsttum geltend gemacht. : Welcher geist hat das getan? 59 1160 Der lieplich geist der weisheit Der die süw in's wasser reit! reit: ritt, sprengte. Die Säue der Gergesener, Matth. 8, oder Gadarener, Markus 5, Lukas 8. [1290]   Der heilig geist was wit darvon. Nun lůg, wie bestond sie so fin und schon Bi irem heilgen geist mit eren! 1165 Sie machtend ein hůr zů einem herren, Und solt der allerheiligost sin! [1295]   Ach gott, wie rimt sich doch das so fin! Die hůr ward bapst Johannes gene mp t 69 genennt H. , Noch wend sie reden fri unverschempt: 1170 Der bapst der sye wie er well – Ein hůr, ein bůb, verrůchter gesell, [1300]   Ein blůthund, tyrann und wüetrich grimm –, So stand die christenlich kilch uf im Nach Matth. 16, 18. , Und můss das glouben iederman. 1175 Da wurde sie ein ful pfulment han! Wär sie nit bass uf Christum gebuwen, [1305]   Ich wurde dem pfulment nit wol truwen: Ich sorg übel, es gieng in kurzer frist, Wie Sodoma, Gomorrha geschehen ist. 1180 Darum so lond sie sin der sie sind ; Werdend sie uns denn schon glich vast find [1310]   Und tůnd uns in iren valschen ban: Das hand sie doch Christo selber getan! Ir sind nüt dest minder christen 1185 – Gend ir schon nit gelt in ir kisten 85 f. christen – kisten: o. 430, u. zu 1392. –, Christus brüeder, Gottes kind, [1315]   Tůnd ir das ir schuldig sind. 60   Pur . Amman von Maraschwil . Gevatter amman, ir redend als ein biderman. Sölte man den ietzigen pfaffen das alles nachlan 1190 Das sie erdenkend us iren stolzen eintönigen grinden Die grinde (Köpfe) sind eintonig: unbelehrbar und beschränkt, eig. nur einen Ton von sich gebend. , Sie wurdend uns die hut über die oren ab schinden. [1320]   Aber weltliche herrschaft die můss man han, Das zeiget uns Christus an menchen orten an; Weltliche oberkeit kumpt von Gott herab, 1195 Als Christus Pilato zů antwurt gab: ›Du hettist kein gwalt über min leben, [1325]   Er were dir denn von oben herab geben.‹ Joh. 19, 11. So hat er ouch geben zins und zoll: Das hör ich im euangelio wol 1200 ff.: Matth. 17, 27. , 1200 Do Christus Petrum selber hiess, Dass er sin züg in das wasser liess [1330]   Und bracht ein fisch an das land, Da er das gelt innen fand Und gab der herrschaft zoll gůtwillig, 1205 Ich mag nit wüssen wie vil schillig. Ich kan aber noch nienen vernen [1335]   Dass er den pfaffen gelt hab gen. Darumb, trüwen lieben landlüt, Das lond üch ganz bekümmeren nüt 1210 Dass üch die pfaffen heftig tůnd tröwen! Ir sönd üch des trösten und fröwen [1340]   Dass Gottes sun, unser lieber herr Jesus Christ, Den armen hirten des ersten verkündet ist, 61 Nit den bischofen, priesteren, phariseien, 1215 Besunder uns puren und schlechten leien. Noch eins tet Gott, das schetz ich hoch: [1345]   Dass er Joseph selb fürher zoch Und wott sin reinigste můter han Vermehlet Joseph dem zimberman, 1220 Wiewol er arm, nit priester noch edel was: Was grosser eer ist aber uns puren das! [1350]   Sin apostlen warend schlecht einfalt lüt, Schlecht arm fischer, man kant sie schier nüt, Die sitzend bi im in sinem tron: 1225 Da wend wir, ob Gott wil, ouch hin kon! Wir bedörfend darzů kein ablassbrief. [1355]   Wie menger sitzt in der hellen tief Der vil gelts um ablass hat geben: Sie stechend minenthalb all darneben ! 1230   Pur . Zenz Klepfgeisel . Es kan mich nit gnůg wunder nen Wer inen das in sinn hab gen, [1360]   Den schinderlug und valsch erdichten, Ein sölchen ablassmerkt ufrichten. Si gend den ablass bim lot, bim pfund 1235 – Es ist ein büebery im erzgrund! – Eim fúr ein krützer oder für ein kronen, [1365]   Und wenn einer sins seckels nit wet schonen, Sie geben in für hundert tusend dukaten, Denn went er der lieb Gott hab in wol beraten in beraten: ihm geholfen : 1240 So hand in tusend tüfel beschissen. Das heisst gůt schölmenbossen gerissen Gute Possen eines Schelms gerissen, Schelmenstreiche gemacht, richtige Narrenpossen getrieben. ! 62   Batt Süwschmer . [1370]   Gvatter Zenz, das han ich ouch dick gedacht. Wenn man den römischen ablass bracht, So wunderet mich wie inen das Gott vertrüeg, 1245 Dass sie nit der hagel von stund an da schlüeg, Dass sie die gůttat Jesu unsers erlösers [1375]   So frevenlich verkouftend und tatend bösers, Denn hettind sie still heimlich und verholen Das gelt us unsern secklen gestolen. 1250 Man solt die ablasskrämer all ertrenken! Sie stůndend wie kouflütknecht bi den benken [1380]   Grad glich als ob Gott ein grempler wär Und verkouft eim für ein krützer schmer, Dem andern kümich und blawen faden, 1255 Schwebelhölzli, fulen käs voll maden, Brisriemen brisrieme: Riemen od. Schnur zum Einfassen ( brtsen ) der Kleider oder zum Schnüren der Schuhe, Ärmel u. dgl. , haselnuss und brandtenwin, [1385]   Fenkel, suren senf ouch im häfelin – Glich als gott ein grempler si: [1387]   Es ist im grund ein büebery! 1259/1260 Diese beiden Verse sind aufgeregte Wiederholungen von 1253 u. 1236. 63 1260   Fünfter Auftritt. Apostelszene. Demnach do kam sant Peter und Paulus hinden herfür und fand ein cortisanen, bi dem stůnd Petrus lang und sach den bapst an mit ougenspieglen und sunst , und kunt in nit g nůg verwundern nit verwundren wohl flüchtigerweise für nit gnůg v. wer der wäre, der so mit grossem volk, richtům und bracht uf der menschen achslen getragen ward; fraget zůletst den cortisanen :           Petrus . [1466]   Lieber priester, sag mir an: 1261–1546 Diese Szene schloß in H richtig an die dort verlorene Bauernszene an, wie sich auch aus der unvollständigen Hs. noch deutlich ergibt; in sämtlichen Drucken (wonach B) sind mehrere Bruchstücke der Musterungsszene (Reden des Hauptmanns, der Stradioten, der Palikaren, der Eidgenossen, der Landsknechte, der Reisigen, sowie des Papstes) zwischen die Bauern- und die Apostelszene hineingeraten: s. o, Einführung S. XIX ff. und Beitrr. a. a. O. 90². Die Anordnung in H und in unserm Texte macht den Gang des Stückes erst wieder verständlich. 1261 Was mag doch das sin für ein man? 64 Ist er ein türk oder ist er ein heid, Dass man in so hoch uf den achslen treit, Ebenso PCG, B 90. Dort wie hier ist die päpstliche Tragsänfte, sedia gestatoria , gemeint. [1470]   Oder hat er sunst gar kein fůss, 1265 Dass man in also tragen můss?   Cortisan . Virgilius Lütenstern . Sidmal und du selb Petrus bist: Weistu denn nit wol wer er ist, üas sol mich billich wunder nen. [1475]   Doch wil ich in zů erkennen gen: 1270 Der mann den man da also hoch treit, Ist der gröst in der christenheit. Die zwölf Verse 1273–84 könnten mit ihren öftern anakoluthischen Wendungen und ungeschickten Wiederholungen wohl ein späterer Zusatz, vielleicht wieder des Druckers, sein. 1272 und 1285 würden sehr gut aneinander anschließen; die Namen erscheinen sehr willkürlich und ohne Ordnung gewählt, Trinacria ist der antike Name Siziliens; die inselen Sardinen: Sardinien; Corsia: Korsika; Biuarium: das Land am See Bivieri in Sizilien(?); Thusca: Toskana; Spollet: Spoleto; Benesin: Benesse in Frankreich(?); Ancon: Ancona; Masca: Massa; Sabin: Sabinerland; Trebarie: Trevi; Andiol: Dorf in Frankreich im Bezirk Arles(?); Campanien: die gleichnamigeLandschaft oder die Campagna um Rom; Banonien: Bologna; Verrer: Ferrara; Beneuent: Benevento; Perus: Perugia; Auion: Avignon; Castell: Castellamare; Tudert: Todi (Bächt.). [Er ist ein bapst zů Rom und witer me Künig in Sicilien und Trinacrie, [1480]   Herr der inselen Sardinen herum, 1275 Corsia, das land Biuarium, Thusca, herzog ouch zů Spollet, Benesin er ouch mit gwalt in het Und markgrafschaft Ancon, Masca, Sabin; [1485]   Trebarie, Rom, Andiol sind sin; 1280 Campanien, vil land am meer und grosse stett, 65 Banonien, Verrer, Beneuent er ouch hett, Perus, Auion, Castell die gůte statt, Tudert und anders das er sunst me hat;] [1490]   Darzů ist er uf erd ein gott: 1285 Das du vorus wol wüssen sott , So er doch din statthalter ist Und der allerheiligst christ.   Petrus . Das sind mir frömbd und ungehört sachen! [1495]   Wie könd ich doch ein statthalter machen 1290 Über sölich land und lüt? Ich hatt doch uf ertrich nüt. Woher kommend im die richen land Zů sinem gwalt und grossen stand? [1500]   Ich weiss ouch nit gar wol darvon 1295 Ob ich ie gen Rom si kon. Legende von einem Aufenthalt des Petrus zu Rom und seinem Märtyrertod daselbst. Nach der Überlieferung starb Petrus zu Rom unter Kaiser Nero. Bin ich in sölchem gebracht gebracht, bracht: Lärm, Hoffart. da gesessen, So hab ich sin doch warlichen ganz vergessen.   Cortisan . Alles das er tůt und lat, [1505]   Land und lüt und was er hat, 1300 Das wirt von im fri unverschempt Sant Peters eibteil allweg genempt.   Petrus . Da wirt die warheit wüest verderbt! Wie könd er's han von mir ererbt? 66 [1510]   Ich hatt doch weder gůt noch gelt, 1305 So bin ich vor hie in der welt Ein schlechter armer vischer gsin: Der stett noch land ward nie keins min.   Cortisan . Ach Peter, du bist nit recht daran: [1515]   Du möchtist sin wol vergessen han! 1310 Es ist úber fierzehen hundert jar – Und seit' ich noch me, so redt' ich war –, Dass du zů Rom gewesen bist, Als in der kroneck geschriben ist, [1520]   Die ist gemacht durch witzig lüt: 1315 Du weist schier von alter nüt.   Petrus . Ich weiss wol was ich ie hab tan: Wie könd ich das vergessen han? Ich weiss min sach wol, wie und wenn; [1525]   Das ist ein gesell den ich nit kenn 1320 Er treit von gold ein drifach kron: Die ist mir uf min houpt nie kon. Ich bekennen weder in noch sin gsind Und weiss bi minem eid nit wer sie sind.   Cortisan . [1530]   Peter, du solt wissen dass er ist 1325 Der aller grossmechtigeste Christ: All künig, fürsten in christenlanden Die stond in sinem gebot und banden. Der keiser ist der obrist in der welt. [1535]   Dem zůgehört tribut, schatz und gelt 1330 Und ist vil grosser eren wert: Der můss in fürchten wie ein schwert. 67 Der bapst hat die kronen in gewalt, Er gibt sie dem keiser ob es im gefalt. [1540]   [Wenn er sie denn von im erbitt, Die 12 Verse 1335–1346 scheinen wiederum spätere Einschiebungen für den Druck zu sein. Im übrigen enthält die Stelle eine dem Dichter sehr geläufige papstfeindliche Anschuldigung: der Papst verlange daß der Kaiser sich von ihm die Krone mit den Füßen aufs Haupt setzen lasse; vgl. Barbali (Bächt.) 1064. 1335 So gibt er im sie dennocht nit, Er wirt für in nider knüwen müessen Und im den bapst erst mit den füessen Die kron lon setzen uf sin keiserlich houpt. [1545]   Doch ward Maximilian vom bapst erloubt 1340 Dass er die kron in tütschem land empfieng – Das zwar on gross gelt und bitt nit zůgieng –; Můsst ouch vorhin brief und sigel schriben, Den bapst bi sinem gwalt lassen bliben, [1550]   Und im die kron us grossen gnaden 1345 Wär geschickt, des bapsts friheit on schaden. 44–46 ›dass er des Papstes Vorrecht wolle bestehen lassen und daß ihm (dem Kaiser) die Krone aus großer Gnade zugeschickt worden sei, unbeschadet der Freiheit des Papstes‹. ] Peter, du solt das warlich wüssen Dass im all fürsten die füess küssen. Er hat ouch sölich macht und gwalt, [1555]   Dass er gebütet was im gefalt: 1350 Er macht gsatz und ordnet gebot, Do man nit findt dass sie ie Gott Gefordret hab und geboten zů halten; Ja er spricht, er söl an Gotts statt walten, [1560]   Und wer im welle reden drin, 68 1355 Der müesse ewig des tüfels sin, Und wer nit haltet sin gebot, Dem wäre wäger dass er Gott Und alle sine gebot verschatzt [1565]   Denn dass er bräch das bäpstlich 1360 Doch wer im gelt gibt, und des vil, Der kouft von im wol was er wil, Den himmel gibt er ouch ze koufen. Sine krämer in allem land umbloufen [1570]   Und gebend brief und sigel drum 1365 Dass man von mund zů himel kumm D. h. ›sowie der Ablaß mit dem Munde ausgesprochen ist, fährt die Seele in den Himmel‹. . Die seelen mag er us dem fegfür nen: Gott gebe wie gott sin urteil habe gen, So grift er drin wie es im gefalt. [1575]   Ich sag dir, Peter, er hat den gwalt, 1370 Dass er ein mag dem tüfel geben Ob es im gefalt und ist im eben , Hüet dich, Peter, und red im nit darin, Wiltu anders ouch nit ouch nit: lies nit ouch ? in dem ban sin!   Petrus . [1580]   Herr behüet, herr behüet! ist das war 1375 Dass er sich darfür usgeben getar Und sich ein gott uf erden schetzt? Ich hab in warlich nit gesetzt. Das ist doch freflen wider Gott! [1585]   Ich was ein schlechter armer zwölfbot ; 1380 Gott hat mir grosse sünd vergeben 69 Und mich erwelt in ewigs leben Durch das verdienen Jesu Christ On den nút selig wirt noch ist. Hier setzt nach der großen Lücke 861–1383 die Hs. H (Burg S. 39) wieder ein, deren Schreibung, sowie (in runden Klammern rechts) die Verszählung nach Burg, wir nunmehr wieder aufnehmen. (861) [1590]   Der ist allein got und rechter her,       1385 Der gibt den himel, sust nieman mer, Der gibt den lon um gůt und bo e s: Ich gloub nit das man's mit gelt ablo e s; (865) Wer imm glŏpt und sin pot halt, [1595]   Der fúrcht keins băpsts noch menschen gwalt; 1390 Sin blůt das fúr uns ist vergossen, Ist zů Rom nit inbeschlossen nit in der kisten beschlossen B (womit die mehrerwähnte römische Kiste – o. 430. 1186) hier wieder hereingebracht ist. , Noch niemant hat gwalt drúber uff erden: (870) Wer gnad begert, dem mag sy werden. [1600]   Wie mag er der allerheiligest sin 1395 Der fúrchten můss die hellischen pin? Des nammens sind vil des n. vil: Viele seines Namens, d. h. Päpste. in der hell! Er ist ein grossmechtiger gs ell xell H. . (875) Kein zwelffpot noch euangelist [1605]   Me denn heilig genempt worden ist: 1400 So er denn der aller heiligest heisst Und in niemant zů străffen weisst, So wer er doch genzlich wie got: (880) Pfú dich, schand, laster und spott!   Curtisan zu Petrum . [1610]   Petre, Petre, ich dar nút me sagen! 1405 Du hast Malcho das or abgschlagen: 70 Du mochtist mir den grind zerspalten, Den will ich lieber ganz behalten! (885) [ch komm dir nit so wyt in d'ha e ren häre(n), härre(n): Fallstrick, Falle, Netz. ! [1615]   Was meinstu mit dem fischerberen baere, bere: Fischernetz. ? 1410 Ich wond du so e ttest zwen schlússel han Zum himel und uns all inhin l a n lon H. .   Petrus zum Curti s anen Curtizanen H. . Die schlŭssel zum himel han ich nit allein: (890) [1619]   Sy wurdent allen cristen gmein. Sy hangent nit zů Rom an der wand, 1415–1418 f. B. Die vier in B fehlenden Verse dieser Rede des Petrus scheinen ebenso gut-Manuelisch als die Plusverse der Drucke nach 1426 und nach 1428 müßige und teilweise wiederholende Einschiebungen sind. 1415 Kein mensch h ă t s' h?ts H. allein in der hand; Got lătt inn himel wen er wil, Des băpsts brief aber geltent nit vil. (895) [1620]   Mit vischen han ich mich begangen, Demnach han ich die menschen gfangen, 1420 Uss dem wasser der finsternuß Gebrăcht in des lebentigen bronnen fluß: So văcht der băpst mit sinen dryen kronen (900) [1625]   Die menschen ietz mit bŭchsen, cartonen cartonen: Belagerungskanonen. Sechs Jahre später sagt Manuel ähnlich (in Anlehnung an 1. Sam. 17, 47 wie hier) vor dem Zürcher Rate: mit Spießen und Hellebarten könne man den Glauben nicht einpflanzen (Bächtold XLIV). – Nach 1426 2 weitere Verse B. , Hellenbarten, schwert, messer, spiessen, 1425 [1628 f.]   Durch grosses mord und blůtvergiessen. [1631]   Das blůt schryt răch uff zů gott; 71 1427/28 umgestellt B. [1630]   Vil farend zů der hellische n hellische H. rott. (905) Er sol sich nútt mins namens nemmen : [1635]   Wir rimend uns gar úbel zemmen. 1430   Petrus zům Paulum . Paule, lieber brůder min, was dunkt dich? Der da wil wil da H. úberreden mich: Der gross keiser den man da treit (910) In sollicher hoffart und rychlikeit, [1640]   Der hey das rych, den gwalt und zier 1435 Alles sampt ererpt von mir, Ich hab in zum stathalter gmacht. Han ich dann so e llichen herlichen pracht 1438–43 um 2 Verse kürzer B. (915) Gefu e rt Gerfŭrt H. uff erden, so wundertz mich. [1645]   Drumm sag an: was dunckt doch dich, 1440 Wes stathalter er doch syg? Din meinung mir nit verschwig, [1646]   Denn ich weiß nit ein wort darvon (920) Und ist mir in min sin nie kon. Ich han gelept nach Cristus leer 1445 Und mein, es erfind sich nimmermer [1650]   Das ich hey wellen sin der gro e st, Denn hoffart ist das allerbo e st. Anspielung auf Matth. 18, 1; Mark. 9, 34; Luk. 9, 46. Die Drucke fügen dieser einfachen Erwähnung eine weitläufige theologische Erklärung (1652 ff.) mit Benutzung von H 1449 (Fußwaschung, Joh. 13, 1–11) bei, die jedenfalls dem alten Bühnenstücke fehlte: nach 1448 folgen dort auf 1449/50 die 10 Vss. B 1652–1661, worauf unser Vs. 1451 eingeleitet wird mit so er . (925) [1652–58]   Cristus hat mir die fůß geweschen; Do was ich nút dann kăt und eschen 72 1450 [1662]   Do er das selbig hăt geth ă n gethon H. : Wie do e rft denn ich mich underst ă n underston H. , Der oberst undern cristen z sin sin H, zů sin B. ? (930) [1665–69]   Min lon der wer die hellisch pin!   Paulus zům Petrum . [1670]   Fürwar, ich kenn in och gantz gantz och H (Schreibf.). nútt, 1455 In und alle sine lút; Doch so kennt man inn warlich darby, Ob er din stathalter sy syg H. : (935) Tůt er die werch die du hast th ă n thon H. , [1675]   So mocht man's im dester ee nachl ă n nach lon H. . 1460 Ist's das er das gotzwort fryg verkúnt, Schúcht daran nit fyendt noch frúndt; Bekert er och daran die juden und heiden (940) Die von Cristo sind gescheiden; [1680]   Weidet er die schăff Christi vergeben, 1465 Setzt fúr sy sin lyb und leben; Sůcht er kein eer in diser welt, Hăt er kein lust zů gold noch gelt; (945) Lidt er armůt und wil sin verschma e cht [1685]   Und das man inn in tod dura e cht; 1470 Ist er ein diener aller gmein, Hăt er sin hoffnung in Got allein Und ist sin wonung bi den armen: (950) Wend inn och alle menschen erbarmen, [1690]   Ist er fridsam und niemant schad schad Adj.: schädlich. , 1475 Halt er die pott Gotz styff und grad Und darzů alle sine ra e tt: Ja wenn er das alls sammen tha e t, 73 (955) Denn wettind wir inn frăgen wer er wer, [1695]   Ob im sin gwalt von Got kem ha e r! 1480   Petrus antwurt Paulo . Er hatt kein predig nie geth a n gethon H. ; So sa e ch er och keinn armen an; Binn schăffen lăt er sich och nit finden, (960) [1699]   Er well sy denn fressen oder schinden. Nach 1484 folgen die Vss. 1489–1492 B: daß diese Vss. nicht hier anschließen wie in den Drucken, sondern in H und bei uns an den richtigen Stellen stehen, zeigt der Parallelismus der Antwort des Petrus auf die einzelnen Punkte der Rede des Paulus. Nach 1486 zwei weitere Zusatz-Vss. B. [1704]   Er dura e cht selb das cristenblůt 1485 Mit grossen kriegen die er thůt; [1706 f.]   Er wil och nit sin veracht, [1709]   Sonder fu e rt den allerho e chsten pracht; (965) [1700]   Er dienet nit einer ganzen gmein: Er wil das im all welt allein 1490 Gehorsam syg in sinem pott; [1703]   Er wil gefúrcht sin me dann got. [1710]   Nút gytigers ist ietzmal uff erden, (970) Dann im kan nienen gnůg werden; Nút onghorsamers lept ietz z'măl: 1495 Er lydet kein străff úberal; Er lept nach allem sinem lust: [1715]   Da ist kein armůt noch kein prust ; (975) Wer wider inn redt und dennckt, Dem wirt es nit liederlich geschenckt, 1500 Er verflůcht inn in abgrund der hell: Paule, alzo ist der băpst ein gs ell! 74   Paulus antwurtet Petro . [1720]   So er dann nit prediget und lert (980) Und die lút nit zum glouben kert [1723]   Und lept, wie du mir hăst geseit, 1505 [1722]   Ist rych, kostlich, wollustig bekleit Und ein regierer weltlichs brachts –: [1725]   So wandlet er finster und nachts, (985) Nit nach dem liecht und Cristus leer, Sůcht wie er sin wollust mer, 1510 Vergú ss t Vergüst H. d e s cristenblůt s das Cristen blůt H. och vil: So thůt er grad das widerspil [1730]   Das Cristus uns hat glert und potten: (990) Darumm ist sin och wol zů spotten, Das er wil sin ein stathalter Crist e Cristi H. 1515 Und brucht so gar des t ú ffels tuffels H. liste! Wir wend mit im nútz ze schaffen han: [1735]   Got ist der, der selb als wol kan (995) Zů siner zyt bringen ann tag; Der ist der her der alle ding vermag. 1520   Petrus zum Paulum . On zwyfel brucht er das widerspil, Als ich dich denn berichten wil. [1740]   Cristus ist darumm fúr uns gestorben, (1000) Das er uns gnad hat erworben. Und das wir mo e chtind ewig leben, 1525 So hat er sich inn tod ergeben, Dardurch er uns erlŏste uss no e tten. [1745]   So lăt der băpst băpst ] blůtswolf B. vil tusent to e dten (1005) In schlachten, stúrmen und schalmútzen , 75 Die er solt beschirmen und beschútzen. 1530 Das hat er thon on alle zal, Uff einen tag zum dicker n măl [1750]   Erto e tet menig tusent man 1531–1533 Die lat er to e den zum dickermăl Das hat er thon lang on alle zal Uff einen tag vil tusent man H. Nach 1534 2 weitere Vss. B. Der in Unordnung geratene Text von H wird hier durch den von B gebessert, das hinwider nach 1534 die Überlieferung verdorben hat. , (1010) Das er grosse herschafft múg han. [1752 f., 1754]   Vill wib und kind die kommend umm; 1535 [1755]   Das thůt allein der mensch der schlang (B) für der mensch scheint, wie oben 1528 blůtswol für băpst , eine nachträgliche Verschärfung des Ausdrucks zu sein. darumm, Das er múg in wollust leben Und imm alls ertrich werd ingeben , (1015) Und wil darzů den nammen han, E r hab's alls an Gottes stat get a n. 1540 [1760]   Doch Got der kein fru e mess fru e mess ] ŭbels H. verschlăfft, Der lătz die lenge nit ongstrăfft. Darby wend wir's ietz bliben l ă n: (1020) Es mag die lenge nit best ă n. Wie wol er der allerheiligest gheissen ist, 1545 So hiess er billicher der widercrist! 1543–46 Dieser kräftige Schluß und Abgang der Szene in H scheint durchaus Mauuelisch (zum Papst als Widerchrist vgl. o. 902. 933) und dürfte in den Drucken aus Versehen weggeblieben sein. 76   Sechster Auftritt. Musterungsszene.           Băpst Bapst . zů den cardina e len . Wolan, woluff, wir wend inn rătt, Zů betrachten, wie wir unsern stătt (1025) Behaltind und och wyter merind [1765]   Und wie wir aller welt erwerind       1550 Das niemand uns do e r do e r (unten 1608 thar ): wage, sich unterstehe. reden drin: [1768–73]   Wir wend allein gefúrchtet sin. Nach 1552 6 weitere Verse (1768–1773) B: im wesentlichen Wiederholungen früherer Reden des Papstes (817. 857) und des Ritters (870). Wir mu e ßent ordnen unser her, (1030) Hŏptlút, reisig und ander mer, [1775]   Hŏptman zum gschútz und knecht ze fůss 1555 Und anders das man haben můss: Provision und alles das man brucht. [1780/81]   Der winter ietz zum poden strucht Statt 1557/58 4 Vss. (1778–1781) B. , (1035) Der sommer tringt daher mit dem glentz G (e) lenz: Lenz, Frühling. Es ist der Frühling 1523 gemeint, in dem auch die Aufführung unsres Fastnachtsspiels stattfand. , Und sol man schnell und angentz 77 1560 Ein aplăß fu e ren in Tútsche land [1785]   Damit man bringt vil gelt zur hand Damit der zúg besoldet werd (1040) On ro e msche bladung und beschwerd.   Der cardinal spricht Cardinal. Kilianus Wüetrich B. Dieser in den Drucken hinzukommende Name des Kardinals, der als Gestalt wohl wiederum dem Schweizer Landsmann Kardinal Schiner entspricht, könnte von dem Zürcher Drucker als ironische Anspielung auf den streitbaren Pfarrer und Dekan von Münsingen bei Bern, Peter Wüstener , den Ankläger des Helfers Brunner, der Personenangabe beigefügt worden sein; Beitrr. a. a. O. 97. 101. ! Heiliger Hellischer v. B. Die Anreden hellischer (höllischer) und heiloser (unheilvoller) vatter (in B 1788. 1794) sind wohl nur verschärfende Verdrehungen des ursprünglichen Textes (H) zum Behuf der Aufführung; weiterhin erhält der Papst auch in B (1398. 1416 [bei uns u. 1599. 1619]. 1802) von seinen Kriegsleuten die gebührende Anrede. vatter, das sol beschehen! 1565 Wir kúnnend wol einen krieg ansehen, [1790]   Das cristenblůt gemm gemm H (aus ge [ ge ] n dem, wie o. 708). himel sprútzt. Von herzen gern ho e r ich das gschútzt geschútzt (: sprútzt ), wohl aus geschützede (wie gsatzt [aus gesatzede , neben gesatz ] : verschatzt, o. 1359/60 (1564/65 B]. gschütz: sprütz B. (1045) Und lieber dann die vesper singen: Min herz făcht an in fro e den springen! 1570   Hoptman zum gschútzt . Heiliger vatter Heiloser v. B. , geschútzt und zúg 1571–74 abgeändert und auf 2 Vss. verkürzt B. [1795]   – Sond ir wissen, das ich nit lúg – [           Das ist nach allem vorteil grúst, 78 (1050) ]   Gefasset und suber usgewúst usgewús [ ch ] t: diese gute Einzelheit aus dem Geschützdienst fehlt in den Drucken, die hier stark zusammenziehen. . [1796]   Bulfer und stein da ist kein prust prust (aus gebrust ): Gebrechen, Mangel. : 1575 Es hat' s hat's B] 's f. H. kein her r mit sollichem lust. Reisigen hand ir einn mechtigen gschwader Das fremdartige Wort geschwader wird offenbar von Manuel (oder dem Schreiber von H?) als Mask. gebraucht. In B bestimmter: fierhundert geschwader . , Und alles das da dienet zum hader, (1055) [1800]   Das ist gerúst zum allerbesten: Nun wend wir dran von fryen esten ! 1580   Deranach kamend allerlei kriegslüt von frömbden landen zů ross und fůss, begertend dienst von dem heiligen vater; der ward inen mit erlicher besoldung zůgseit . Die Bühnenanweisung vor 1581 ist in den Drucken an ganz unmögliche Stelle eingeschoben: vor 1589 (B vor 1388).             Hŏptman zunn reisigen . Die 8 Vss. (1581–88) des Hauptmanns der Reisigen, die in 1577 vom Geschützhauptmann angekündigt waren, stehen in B (1444–1451) an unmöglicher Stelle vor der ebenfalls falsch eingereihten Schlußrede des Papstes: sie gehören (laut H) hierher, hinter die Rede des Geschützhauptmanns. Ir kriegslút Hoscha ir k. B. und ir bschornen gs ellen xellen H. ! Anrede an die kriegerischen Tonsurträger des päpstlichen Heeres. [1445]   Wend ir mich annen annên: annehmen. und bestellen? Ich han ein rott, zweihundert glen ; (1060) Wo ir uns wellend besoldung gen, 1583/84 in B (1446/47) umgestellt und abgeändert. 79 So wend wir dran an ú wer uwer H. vigend,       1585 Das wyb und kind mortlich schri g end schriend H. . [1450]   Wir hand einn lust und fr öu d frod H. darzů, Uns ist nit wol mit frid und rů růw H. . (1065)   Hŏptman der Strodiotten Strodiotten (Stratioten): leichte Reiterei aus Albanien. Der Name ihres Befehlshabers Francisco Gristelva in B konnte ein entstellter geschichtlicher sein. Die Hauptleute von Vs. 1589 an (der Stratioten, der Pellkaner, der Eidgenossen, der Landsknechte) gehören (laut H) hinter die zwei obersten Befehlshaber, den Geschütz- und den Reisigenhauptmann, und nicht an die Spitze aller Sprecher wie in den Drucken (B). . Wo sind ir kriegslútt, bischöf und pfaffen? Wenn ir úwern nutz wol wend schaffen, 1590 [1390]   So nemend och min gsellschafft an: Ir wend doch recht blůtvergiesser han! Der han ich ietz vierhundert hie, (1070) Die sind in za e hen jaren nie Anderst glegen dann zů feld. 1595 [1395]   W end Ir pfaffen [ kriegschen pf. B] w. H. Diese neue Anrede nach 1589 ist sicher unecht. ir uns geben sold und gelt, So wend wir úch helfen kriegen, Daß sich der himel m o e chte biegen můß b. H ( möchte nach B, vgl. o. 690). ! (1075)   Hŏptman der Pellkaner Pellkaner ] Italianer B: Abänderung wegen Fremdheit des Namens und des Volkes; es sind die Palikaren (Kriegsleute aus Thessalien und Makedonien) gemeint. . Her der der B, f. H. Durch die ganze Rede an stelle der 2. Ps. Pl. in Anrede und Verbum die 2. Ps. Sg. B (wie nachher [1622 f. 1629] in B und H noch von seiten der Eidgenossen). băpst, ich bin her kommen, Das Aus dem Grunde dass. ich nun lang zyt han vernomen 80 1600 [1400]   Wie ir ein frier krieger syendt, Und uns och vor dem túffel fryend, [            Das er niemant in d'hell thar tragen 1603/04 f. B, ist aber unentbehrlich als Begründung für die ›Freiung‹ der Papstkrieger vor dem Teufel: wäre sie nicht wirklich, so hätte der Teufel sie und den Papst schon längst geholt. (1080)          ]   Der in úwerm dienst wirt erschlagen. [1402]   Wenn úch der túffel nit fo e rchte bs u nder bsonder H. Statt 10 in B 3 Vss: Desmals do wir an dem ostertag waren Zů Ravenna an dem grossen strit. Da hattend wir zwar vast übel zit, die erweiternder Zusatz scheinen, obwohl geschichtlich begründet: am Ostersonntag (1. April) 1512 siegte bei Ravenna Frankreich über die Heilige Liga. , 1605 So wer es doch gar nit ein wunder Das er eins măls mit gwalt her kem [1405]   Und uns all mit enander nem. (1085) Ich hab úch dienet vor langen j ă ren, Do wir zů Ravennen wăren 1610 [1410]   Zů Ro e melen, Bis coi en Bisseren H. und umendum : Darumm ich ietz wider zů úch kumm. Darzů an der Venediger schlacht Sieg Ludwigs XII. über die Venediger bei Agnadello an der Adda, 14. Mai 1509. (1090) Hab ich den minen wol ufgemacht wol ufgemacht, bildlich: ihnen beim Angriff voranschreitend gute Musik gemacht (wie der Tod?). B ersetzt das Bild durch eine platte Redensart. . [            Wend ir mir aber soldung geben 1615 f. f. B. 1615          ]   Und minen gs ellen xellen H. och darneben, So wend wir drin schlahen wie es ghört [1415]   Bis das land und lút wirt zersto e rt. 81 (1095)   Der hoptman der ei d gnossen eignossen H. . Allerheilegester vatter, ich zúch dahar Und bring mit mir ein grosse schar 1620 Frommer redlicher eidgenossen: Sy sind dir och bisher wol erschossen; [1420]   Hand vill umm dinentwill erlitten, (1100) Vor langer zyt gar mannlich gstritten [            Wider die Túrcken uff der Tyber, 1625–28, in B weggelassen, beruhen auf der Fabel eines Römerzuges der Schwyzer und Hasler in der Schrift vom ›Herkommen der Schwyzer‹ (15./16. Jh.). 1625 Beschirmpt zů Rom man und wyber Und die fyend mannlich vertriben          ]   (Das findt man in den cronicken geschriben). (1105) [1422]   Wiltu nun uns besolden wol, Wie man kriegslút billich sol, 1630 So wend wir dienen frommklich und recht [1425]   Als redlich, erlich eidgnossenknecht!   Hŏptman der landzknecht . Der in B dem Hauptmann zugeteilte Name Graf Dietrich von Tierwolfen könnte auch eine historische Anspielung enthalten – vielleicht auf Georg von Frundsberg, den die Eidgenossen vor Jahresfrist (an der Biccocca 1522) und später (1525) im Tiergarten bei Pavia zum Gegner hatten. Ir gotzpriester, ir tempelknecht! (1110) Ir habint glich la e tz oder recht , So wil ich's trúlich mit úch han, 1635 Und solt der boden underg a n vnder gon H. ! [1430]   Ich han sechshundert lantzknecht, Sy sind dem băpst uss der măssen recht: (1115) Sy kúnnent schlahen, rissen bissen B. , kratzen 1639 f. umgestellt B. 82 Und sind nun recht alt kriegskatzen, 1640 Mit knebelba e rten, wild zerschnitten, [1435]   Und hand in kriegen vil erlitten. So ir pfaffen kriegslút bega e rend; (1120) Wo wir úch zů gfallen wa e r e nd wa e rind H. , Das ir uns erlich bezalen wellen, 1645 So wil ich ú ch uch H. mit minen gs ellen xellen H. [1440]   Dienen, das och och f. B. der boden kracht! Botz hirn, botz marter, krafft und macht! Das Fluchen und Schwören der Landsknechte wird von Manuel auch im Biccoccalied verspottet. (1125) Wir wellend fro e lich wăgen die hút [1443]   Als erlich redlich kriegslút! 1650   Der băpst Bapst H. zunn kriegslúten . [1452]   Lieben kriegslút, sind Got willkommen! V wer red ha n Uwer r. hand H. ich gern vernomen Und sag úch zů dienst jar und tag. (1130) [1455]   Das ist min gmu e t und anschlag Zů kriegen, stryten und zů fechten: 1655 Darumm so tarff ich wol vil knechten. Ich wird úch schicken ein cardinal 1657 ff. Kardinal Schiner, Bischof von Sitten, hatte 1512 den Schweizern päpstliche Geschenke, namentlich besondere Zeichen in ihre Banner, ausgewirkt. Der úch all mustery und bezall (1135) [1460]   Und gib úch da paner und zeichen. Wir wend, ob Got wil, gůt púten reichen . 1660 G a nd Gond H. hin und fúllend úch mit gůte m gůtez H. win, Machend gůt gschier M. g. gschier: ›Laßt's euch wohl sein!‹ vgl. o. 571. ertig und fin! 83 Es můß einr psalen bezalen B. psalen H ist älteres (mhd. seln, sellen, engl. sell, noch ma. psalə ) Synonym von bezalen (wie B hier, und – gemeinsam mit H – 1658 u. ö. schreibt). und wirt drumm gschint b. der nit dran sint B, veranlaßt durch die ungewöhnliche schwache Form gschint des urspr. Textes. : (1140) Ein pur der d' schů mit widen bint! D. h. ein ganz armselig beschuhter, also völlig armer Bauer. Vgl. ›Bundschuh‹.   Do gab inen der bapst den segen und fůr das volk und alles dahin bis an den doctor, der redt zůletst . Bühnenanweisung nach 64 f. H. Diese Bühnenanweisung war aus B aufzunehmen, aber im in inen zu ändern: jenes ist von B nur gesetzt der eingeschobenen Rede des Kardinals wegen, der aber doch sicher den Segen des Papstes nicht allein erhalten kann.   Siebenter Auftritt. Gebet des Doktors.               Doctor Lúpolt Schúchnit Lŭtpold B. Schŭchnit H, Schüch nit B. Lúpolt Sch. vielleicht = Berchtolt Haller: vgl. o. vor 975 und Anm. . [1834]   Ach her Jesu Crist, du gro e ste groste H. găb,       1665 [1835]   Du bist uns geschenckt von himel herab, Das du all die ha st habest H. selig gemacht, Die dich bisher darfúr hand geacht, (1145) [1838]   Wer Wer: parallel zu Die 68: (und) jeden der . . . in dich glopt und halt din pot 1669 abgeändert mit Einschiebung zweier Verse, die gegen › menschenler ‹ gerichtet sind: Spur theologischer Überarbeitung? [1841]   Und sůcht sust keinn anderen got 1670 [1842]   Denn vatter, sun, heilige n heiliger H, s. und heligen B. geist! Du bist der der Nur einmal der B. unsern presten weist Und hast das selb in menschlicher natur 85 (1150) [1845]   Erlitten: hunger, turst, hitz und kelty sur, Desglichen och des túffels argen list, 1675 Von dem du selb angevochten bist! Darzů hat dich die welt dura e cht dura e cht ] et [: verfolgt. , Damit du uns zů eren bra e cht bråcht als Ind. Praet. 2. Sg.: brachtest, gebracht hast. . (1155) [1850]   Ach du trostlicher su e sser Jesu Crist, S id Sid B] So H. du och unser scho e pfer bist 1680 Und unser brůder, recht fleisch und blůt: Ach lieber her, mach uns och gůt, Das wir den vatter mit dir erb en erbind H; wegen des Reimes durch B abgeändert: mögind erben; der Verf. schrieb hier vermutlich das gemeindeutsche erben (Ind.). , (1160) [1855]   Das wir uns nit lăssind verderben Der menschen gsatzt und falschen weg 1685 Und was uns da inn ougen leg läg B] leg H: Cj. Praet. = laege: liegen möchte. ! Du hast uns och so trúlich glert, Uns hertzlich gwarnet, empsig gwert (1165) [1860]   Vor valsch en propheten, menschengyfft Valsch p. ( Vor f.) H. p. und m. B. menschengyfft: Menschengabe oder Menschengift? ; Das nit glychfo e rmig ist der gschrifft, 1690 Nit anzunemmen, denn stracks fúrg ă n fŭr gon H. In dim wort das du hast verl ă n verlon H. , Als du och hast th ă n thon H. in menschli c hem menschlihē H. leben, (1170) [1865]   In allen sachen allweg antwurt geben: ›Es stăt da und da also geschriben!‹ 1695 Dardurch hastu den túfel vertriben Matth. 4, 4. 7. 10; Luk. 4, 4. 8. 12. , Desglichen och aller glerten mund Matth. 12, 3. 15, 4 u. ö. , 86 Das dich niemand úberwinden kund. (1175) [1870]   Hilf das wir al s o alzo H. menschenleer verachtind Und allein dein go e tlich wort betrachtind, 1700 Gantz nút uff uns armen menschen h ă n han H. , Und uns gantz fro e lich uff dich verl ă n verlon H. ! Dann in dir sind volkomen alle tugent (1180) [1875]   Durch die wir selig werden mugent: Sust werind wir ewig all verlorn, 1705 Dann wir sind all in súnden porn 1705/06 umgestellt und geändert B. Und sind und thůnd nút anders den súnd; Aber, Jesu, du bist allein der frúnd (1185) [1880]   Der uns gnad von Got erwarb, Da din lyb am crútz erstarb! 1710 Du bist der priester und das opfer bede, [1883]   Got geb was des bapsts satzung darvon rede, 1711/12 bêde: rede , ›literarischer‹ Reim. – Nach 1712 weitere 4 Vss. gegen das Meßopfer: dogmatische Ausführung von Vs. 12 für den Druck B. [1888]   Ach her, hilt das uff aller diser erd (1190) D in Din ] Ain H, Das war e. B. go e tlich evangelium prediget werd [1890]   Cristenlich, und wol angenommen! 1715 Dann es ist lange zyt darzů kommen Das mans hat wie ein merly zelt Und denn grad in einn winkel gstelt, (1195) Und des bapsts aplăß und ban [1895]   Die můstend allweg zů forderst dran, 1720 Und so sy nit f u ndent fündent H. in der gschrifft Das allein ir eer und nutz antrifft, N ă ment Nomēt H. sy die heiden denn zů zúgen 87 (1200) Damit sy a m canzel an der c. H. Manuel braucht in eigenhändigem Briefe das Mask.: am kanzel . m o e chti nd mogend H. lúgen lúgen [sonst liegen ]: ›literarischer‹ Reim. : [1900]   Des ward der Arestotiles hoch gebrisen, 1725 Damit sy vast ir sach bewise n bewisen [ bewisend H]: ›literarischer‹ Reim. . Her, verlich din verlich gib d. H. gnad darzů Das man imm furhin recht thů ! (1205) Denn ich gloub dinem wort gestra cks gestrax H. . [1905]   Welt Got, ich kúnd mit eine r ainex H. a cks ax H. 1730 Die ba e pstlichen recht eins streichs zerschiten – Das hieß recht wider den T ú r c ken stryten! – Und die subtilen schu e lleren schůlerleren B. (1210) All imm schyßhus umherkeren! Mit 1734 bricht das Spiel ab H; das Weitere hier nach B. [1910]   Es ist ein nüwer sündfluss súndfluss: süddt. ›Umdeutschung‹ von sinflůt = große, lange Flut. gewesen, 1735 Das wir die narry ie hand gelesen. Vergib uns, herr, durch din hoche güete! Hilf dass sich fürhin iederman hüete Vor dem den man so hoch hartreit! Vgl. o. 1264. [1915]   Ich han im mins teils gar abgeseit. 1740 Du hast uns zůgesagt vergebung der sünd Und dass wir durch dich sigend des vaters fründ; Nun bist du ewig, warhaft und frumm: Ich darf weder brief noch sigel drum; [1920]   Du haltest was du zů hast geseit, 1745 So der schantlich lügt den man da treit Oder füert in dem vergulten schlitten dem vergulten schlitten: dem Tragstuhl, vgl. o. 1264. Die nachfolgende Gegenüberstellung des Papstes auf der Tragsänfte und Christi auf dem Esel bildet den Kern zu dem gleichzeitig entstandenen Spiel Manuels, PCG. . 88 Du bist nit me denn einmal geritten Uf einem armen einfalten tier, [1925]   Glichet sich einem esel schier; 1750 Darzů so was er ouch nit din. Din kronen die ist dörnin gsin Und w a e rt ward B nach Druck G: alle andern haben wert , was (bzw. wa e rt ) richtige (bes. schwzdt.) alte Analogieform der 2. Ps. Sg. Präs. des stk. Vbs. ist: nhd. warst . von aller welt verschetzt . Min hoffnung ist in dich gesetzt [1930]   Und nit in den katsak katsack: Kotsack, als Bezeichnung des sterblichen Menschen wie (ebenfalls vom Papst gebraucht) madensack , Bb. 753. , der stirbt als ich! 1755 Ach süesser Jesus Christ, ich bitten dich: Erlücht uns alle durch dinen geist, Die oberkeiten ouch allermeist, Dass sie die schäfli füerind recht [1935]   Und sich erkennind dine knecht sich als deine Knechte erkennen. Die folgende Ausführung bezieht sich vermutlich auf Reibungen zwischen den geistlichen Reformfreunden und der Obrigkeit zu Bern vor dem Erlaß des Reformationsmandats von Viti und Modesti (15. Brachmonat) 1523. 1760 Und nit selb wellind herren sin, Ir eigen gedicht mischlind in Und dinen schäflin schüttind für! Herr, du bist doch allein die tür [1940]   Dardurch wir werdind in himel g ă n gon B. ! 1765 Her, erbarm dich úber iederman, Alle menschen, niemants usgenommen! Herr, lass uns all zů genaden k o mmen kummen B. 89 Und verlihe uns dinen götlichen segen! [1945]   Amen. Versiglet mit dem schwytzerdegen schwytzerdegen: das schriftstellerische und künstlerische Monogramm Manuels, der Schweizerdegen (Dolch), womit der Dichter alle seine echten Fastnachtsspiele (TF, PCG, AK, Bb) am Schluß beglaubigt. . 1770   End. Gott sye lob.