Fritz Mauthner Aus dem Märchenbuch der Wahrheit Die dunkle Sehnsucht wollte zu ihrer lieben Schwester, der hellen Wahrheit. Durch alle Himmel war die Sehnsucht geflogen auf weitgespreizten Fittichen, durch alle Meere war sie geschwommen bei Sturm und Wetter, durch alle Spalten der Berge war sie geschlüpft in Dunkel und Not; den Tod nicht scheute die dunkle Sehnsucht um die liebe helle Wahrheit. Es kam die heilig lachende Stunde des Glücks. Es leuchtete aus selig ernsten Augen, es schimmerte duftend rosig wie Pfirsichblütenglanz, es flüsterte wie Engelston von suchenden Lippen. Die Sehnsucht hatte die Wahrheit aufgefunden. Alle Sprachen der Menschenerde hatte die Sehnsucht geübt, ihre Schwester zu grüßen und zu fragen. Aber – ach! – die Wahrheit redete anders als irgendeine Sprache der Erde. Da verstummte die dunkle Sehnsucht; sie nickte traurig und wollte der Wahrheit ihr Teuerstes schenken, ihr liebstes Kind, den kleinen Glauben, auf daß die Wahrheit ihn lehrte und ihn dereinst reich machte mit den Rätselworten ihrer gar anderen Sprache. Eine Weile trug die Wahrheit den Glauben auf ihrem Arm, wie eine gemalte Madonna den Knaben. Bald aber schüttelte sie lächelnd das helle Haupt und reichte das Kind zurück. Bescheiden zuckte sie leicht mit den herrlichen Schultern, als wollte sie sagen: »Die arme Wahrheit hat leere Hände'.« Dann gab sie dem Knaben, was sie besaß: ihre Märchen von der Welt; und weil er sie nicht verstanden hätte in den Rätselworten ihrer Sprache, darum war es ein Märchenbuch in Bildern. Ängstlich nahm der Knabe das Buch; später erst, als er allein laufen gelernt hatte und auch schon allein lesen konnte, da schritt er einsam durch die Welt neben der dunkeln Sehnsucht, und da erblickte er wieder in der stillen Natur und im geschäftigen Menschentreiben das Märchenbuch der Wahrheit. Der Mann ohne Uniform Zwei große Heere lagerten einander gegenüber. Ein einsamer Mensch nur schloß sich keinem der Führer an; denn er besaß keine Uniform. Aber er befand sich nicht wohl in seiner Freiheit. Bald glaubte er sich hoch über den beiden Heeren; dann fror er und wünschte sich aus der Sonnenhöhe hinab auf die Erde. Bald glaubte er sich tief im Erdinnern warm gebettet und sicher geborgen; dann aber roch er Grabesmoder und sehnte sich hinauf an das Licht. Gewöhnlich aber schwebte er über den Berggipfeln zur Rechten oder zur Linken der Walstatt und sehnte sich hinab zu einem der Heere, einerlei zu welchem, nur hinab unter Menschen. Eines Abends trug er es nicht länger. Er wanderte hinab und trat unter den Troß, der hinter dem einen Heere kochte und tanzte und lachte. »Die Parole!« rief man ihm zu. Er schwieg. Da hatte eine der liederlichsten von den Troßdirnen Mitleid mit ihm: »Ruf du nur: Hie Hinz und Blau! Dann gehörst schon zu uns und kannst lustig sein. Siehst bis jetzt nicht danach aus. Willst essen? Willst mit mir gehn? So sag mal: Hie Hinz und Blau!« Heiser brachte der einsame Mensch hervor: »Hie Hinz und Blau!« Dann tanzte er mit der Dirne. Aber er mochte nicht essen und auch nicht mit ihr gehen. Er stahl sich hinweg vom Troß und drang weiter nach vorne vor. Bei jeder Abteilung wurde er nach der Parole gefragt. Immer mühsamer, immer heiserer brachte er es hervor: »Hie Hinz und Blau!« Er kannte den Hinz gar nicht persönlich. Und Blau war ihm nicht lieber als eine andere Farbe. So gelangte er bis an die Vorwacht des Heeres. Es war Nacht geworden und das Feld hallte wider von Hinz und Blau. Da schlich sich der einsame Mensch durch die Wachen hindurch, um vielleicht bei dem anderen Heere zu bleiben und zu kämpfen. Als er etwa auf halbem Wege zwischen den beiden Lagern war und nur noch leise den Ruf vernahm: »Hie Hinz und Blau!« – da drang auch der Kriegsruf des zweiten Heeres herüber: »Hie Kunz und Rot!« Der Mann ohne Uniform blieb stehen. Er kannte auch den Kunz nicht persönlich. Und auch Rot war ihm nicht lieber als eine andere Farbe. Wo er von beiden Lagern gleich weit entfernt war, blieb er stehen; da führte ein Feldrain. Am Feldrain stand ein Holzkreuz. Der Mann ohne Uniform lehnte sich müde an das Kreuz; aber er reckte die beiden Arme aus und legte sie auf das Querholz und wartete. Die ganze Nacht. Von beiden Seiten tönten die Schlachtrufe herüber. Von beiden Seiten stiegen Leuchtkugeln auf, die das Heer des Gegners beleuchteten, und von beiden Seiten sausten Granaten, welche das feindliche Lager anzünden sollten. Leuchtkugeln und Brandgranaten flogen hoch über dem Kopfe des einsamen Mannes hin. Die beiden Lager waren erhellt, von Brand und Feuerwerk, aber immer doch hell. Am Feldrain war das Dunkel. Da schien dem Manne der Krieg mit Brand und Mord lustiger, als sein Friede. Und die ganze Nacht beneidete er die Soldaten um ihre Parole und um ihre lustigen Uniformen. Als der Morgen graute, rückten die Heere gegeneinander los. Von beiden Seiten wurde er zusammengeschossen. Wieder wurde es Abend und man suchte das Feld nach den Gefallenen ab. Die Toten beider Heere wurden in eine große Grube geworfen. Sie sahen im Tode alle zornig oder lustig aus, oder auch ruhig. Nur einem Toten las man Verzweiflung vom Gesicht. Er lag an einem Holzkreuz und trug allein keine Uniform. Er wurde besonders begraben. Unter dem Holzkreuz. Der arme Dichter Der arme Dichter stand vor dem Berge, wo die Unsterblichen wohnen. Eine Zahnradbahn führte hinauf, und er wollte sie benützen. Er klopfte an das Schiebefenster des Schalters und rief vergnügt: »Ein Billett erster Klasse. Nur hinauf. Kostenpunkt?« »Tausend Goldkronen Rente,« sagte der Kassierer grinsend; er hatte ihm das Fensterchen nur ein bißchen gelüftet. Der arme Dichter lachte. »Tun Sie's nicht billiger? Ich hab' kein Geld. Aber ich will und muß hinauf.« Dabei hob der arme Dichter das Schiebefenster, so scharf auch der Rand war, steckte den Kopf hindurch und lachte den Beamten an. »Ja,« sagte der, »wir nehmen anstatt der Rente auch das Kapital. Lassen Sie uns Ihren Kopf für Lebenszeit hier, und wir befördern einstweilen das allerwerteste Übrige hinauf.« »Einverst...« rief der arme Dichter. Und rasch war das Schiebefenster herabgefallen; sein Kopf lag sauber abgeschnitten in der Kasse. Schon am nächsten Tage wurde der Kopf zurechtgemacht, und dem Kegelklub »Gemütlichkeit« vermietet. Nun schoben Müller und Schulze mit dem Kopf des armen Dichters allwöchentlich Kegel. Anfangs tat es ihm weh, weil er noch kleine Ecken hatte. Mit der Zeit aber wurde er rund und immer kugelrunder und hielt es endlich für eine Eigentümlichkeit der Dichter, daß ihre Köpfe auf Erden rollen müßten. Nur daß ihn der Kegeljunge immer so heftig in die Rinne schmiß, und er am Ende mit anderen runden Dichterköpfen im selben Kasten lag, das tat seiner Eitelkeit weh. Werkeltags übten sich an ihm die Jungen; sie klopften mit ihm auch Nüsse auf, und wenn sie müde waren, warfen sie ihn in den Dreck. Das taten sie aber ebenso mit den anderen Dichterköpfen. Kurz bevor er im Kegelklub »Gemütlichkeit« sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiern sollte, kriegte er einen Sprung und wurde ausgeschieden. Er hatte sich die fünfundzwanzig Jahre lang das dumpfe Gefühl bewahrt, daß er eigentlich nicht bestimmt sei, hinunterzurollen, sondern hinaufzufahren. Er meldete sich also an der Kasse und wurde richtig auf den Berg gebracht. Oben saßen etwa ein Dutzend Herren in den verschiedensten Trachten heiter beisammen. Die Unsterblichen. Ringsumher standen in ebenso bunten Kostümen weit über tausend Körper ohne Köpfe. Des armen Dichters Augen waren durch das viele Rollen schwach geworden, und es dauerte lange, bevor er sein allerwertestes Übrige fand. Er erkannte sich endlich an einem abgerissenen Westenknopf. »Du, Hans,« sagte er trübselig zu sich selbst, »da bin ich endlich. Setz mich mal auf.« Schon streckte das allerwerteste Übrige die Hände nach seinem Kopfe aus. Da lachten die Unsterblichen und riefen durcheinander: »Woran erkennst du ihn denn? Ist es denn gewiß dein Kopf? Ist es überhaupt ein Kopf? Er hat keine Nase! Er hat keine Physiognomie im Gesicht!« »Wahrhaftig!« rief das Übrige und steckte die Hände wieder in die Hosentaschen. »Du hast keine Physiognomie im Gesicht, hast keine Nase.« »Ach Gott,« sagte der Dichter weinend, »das kommt nur daher, weil man mit mir Kegel geschoben hat. Dir fehlt ja auch ein Knopf!« »O, mein lieber Kopf!« rief das Allerwerteste. »Ein Knopf gibt Physiognomie, auch dann noch, wenn er abgerissen ist. Eine Nase aber muß man hier durchaus haben.« Und unter dem Gelächter der Unsterblichen stieß das allerwerteste Übrige seinen eigenen Kopf mit einem Fußstoß wieder vom Berge hinunter. Sieben Ein reicher Bauer hatte viele Hunderttausende von Schafen. Wenn er sie zählen wollte, mußte er sich dazu einen Professor kommen lassen, so viel waren ihrer. Der Professor war angestellt für Schafzählerei oder Mathematik. Der reiche Bauer hatte auch zwei Kinder. Die waren noch klein und hatten für ihre sieben Lieblingsschafe besondere Namen erfunden; für sie gab es ein weißes Schaf, ein braunes, ein schwarzes, ein scheckiges, ein dickes, ein trauriges Schaf und endlich das Hanswurstel. Einst besuchte den reichen Bauer ein armer Verwandter. »Hoho!« fragte er die Kinder, weil er dem Vater schmeicheln wollte. »Wieviel Schafe habt ihr wohl?« »Sieben!« schrien beide Kinder wie aus einem Munde. »Die dummen Fratzen!« rief lachend der Bauer, und der Professor der Schafzählerei, der gerade zugegen war, fügte ernsthaft hinzu: »Was sie nicht benennen können, das wissen sie auch nicht, die Kinder.« Es regnete und die Sonne guckte zu. Hunderttausend Sonnenstrahlen spielten mit hunderttausend Regentropfen, die ihnen verlobt waren. Jeder Sonnenstrahl bemalte den lieben Regentropfen aus seinem Tuschkasten. Jeder Tuschkasten hatte hunderttausend verschiedene Farben. Und es gab keine zwei Tuschkasten, in denen auch nur eine Farbe ganz gleich gewesen wäre. Die Sonnenstrahlen sahen alle die Myriaden von Farben und waren froh. Ein kleiner Strahl wurde mit dem Bemalen seines Tropfens nicht schnell genug fertig oder hatte ihn zu lieb; genug, er kam der Erde zu nahe. Da fing ihn der Professor der Schafzählerei, sperrte ihn in eine dunkle Kammer und erzählte seinen Schülern im Dunkeln ein langes und breites über die Farben. Schon glaubte der Sonnenstrahl sterben zu müssen, denn der Professor wollte ihn brechen. Da kam zum Glücke die Professorsfrau mit dem Kaffee, und er konnte durch die offene Tür entschlüpfen. Schneller wie ein Blitz fuhr der Sonnenstrahl hinaus und hinauf, setzte sich rittlings auf einen lustig bemalten Regentropfen, fiel vor Lachen wieder hinunter und setzte sich wieder und rief: »Kinder, fallt nicht um! Wißt ihr, wieviel Farben wir haben? Sieben! Sieben! Der Schafzähler hat's gezählt! Sieben! Alle unsere Tuschkasten zusammen sieben Farben!« Da gab es unter den seinen Sonnenstrahlen und den verliebten dicken Regentropfen vor Lachen und Ausgelassenheit ein solches Schreien, Purzeln, Schießen, Sterben, Bersten und Tränenvergießen, daß die Frau Sonne, obwohl sie sich selbst vor Lachen schüttelte, ein Ende machen mußte. Sie rief alle Strahlen zu sich heran, barg sie wie eine Glucke unter ihre goldenen unsichtbaren Flügel, hieß sie schlafen und sagte: »Die wahre Dummheit des Schafzählers kennt ihr noch gar nicht, ihr Schafsköpfe. Er hat den sieben Farben – sieben! – weil er nur die kennt, Namen gegeben. Es sind das Worte. Und auf solchen Worten will er uns nahe kommen wie auf einer Leiter, uns, auf einer Leiter von sieben Sprossen.« Die Sonne lachte, daß ihre unsichtbaren goldenen Flügel schüttelten und wieder einige Strahlen nach ihren Bräuten blinzeln konnten, wie Küchlein ihre Köpfchen unter der Glucke hervorstrecken. Und der Sonnenrand schimmerte in hunderttausend Farben. Die Warte der Liebe Die Liebe wollte unten bleiben, trotzdem es eine wilde Liebe war. Sie wollte keinen hohen Standpunkt gewinnen. Ob sie aber wollte oder nicht, sie stieg immer höher. Nacheinander begrub sie, was sie liebte, und einen Wartturm von Gräbern schüttete sie also langsam auf. Zu unterst lagen dicht die kleinen Gräber ihrer Jugendfreuden, dann kamen nacheinander immer größer und fester die Gräber alles dessen, was sie eigen zu besitzen geglaubt hatte. Als der Hügel oder Wartturm so hoch gewachsen war, daß es einen weiten Ausblick gab, da stand die wilde Liebe oben, sah um sich und trauerte. Ihre Augen waren scharf geworden und grau ihr Haar. Der wilde Haß blickte mit kleinem Neid zu ihr empor: »Das kann ich auch! So hoch hinauf kann ich auch!« Und der wilde Haß bemühte sich, eine ebenso hohe Warte zu gewinnen. Aber ewig blieb er unten; denn er hatte nichts Liebes, daß er es begrübe. Das große Karussell Auf einer schönen und fruchtbaren Ebene lebten Kinder, nackt und bloß und froh. Es gab dort keine Häuser mit Stockwerken, es gab keine Kleider und keine Schule. Eines Tages kam ein alter Schullehrer von Anderswo auf diese Ebene und schüttelte seinen Kopf. Denn die Kinder wußten nicht einmal etwas von der vaterländischen Geschichte, nicht was zuerst und zuletzt geschehen war, und es gab unter den Kindern selbst keine Ersten und keine Letzten. Da baute ihnen der Schullehrer von Anderswo ein ungeheures Karussell. Am Rande der kreisrunden Scheibe standen hölzerne Pferde und Esel, Schlitten und Wagen, hölzerne Hirsche und Ziegen, Löwen und Tiger. Die Kinder aber durften sich setzen, wohin sie wollten. Der Schulmeister nahm in der Mitte Platz und drehte eine Kurbel. Mit der Kurbel setzte er das ganze Karussell in Bewegung und machte noch Musik dazu. Die Kinder prügelten sich lange um ihre Plätze. Jedes wollte auf dem Hirsch sitzen oder auf dem Löwen oder, auf dem Schlitten, keines auf dem Esel oder auf der Ziege. Als sie endlich untergebracht waren und das Karussell sich drehte, gaben sie sich jedoch zufrieden. Wie aus einem Halse schrien sie alle: Ich bin zuerst, ich bin zuerst! Der vor mir ist der Letzte. Und weil jedes glaubte den Letzten vor sich zu haben und den Zweiten hinter sich, wurde die Erfindung des Schulmeisters von Anderswo sehr beliebt. Namentlich des Sonntags mußte er von früh bis spät die Kurbel drehen, und die Kinder hopsten auf ihren hölzernen Tieren, spornten sie und peitschten sie, und jedes verlachte seinen Vordermann. Viele tausend Jahre vorher gab es auf dieser Ebene noch keine Kinder und keine Menschen und keine Sprache. Nur ein großer Wald stand da. Durcheinander gemischt wuchsen riesenhaft in den Himmel hinein moosbewachsene, harzige, schwarze Stämme, die Pyramiden von Nadeln trugen, und andere glatte, graue Bäume, deren Laubkronen sich wie Domeshallen über den Nadelpyramiden wölbten. Auf dem Boden lagen klafterhoch umgerissene Stämme und harte Nadeln und rötliche welke Laubblätter. Bei Sonnenschein bröckelte es im Walde überall in den Baumstämmen am Boden, und an den aufrechtstehenden Bäumen krochen geschäftige Käfer hin und her und freuten sich ihres Lebens. In den Kronen wiegten sich Vögel und auf dem Boden raschelten Schlangen. Wenn es dann wieder geregnet hatte, so ging das Wasser an seine stille Arbeit. Es floß durch die feinsten Röhren in die Bäume hinein, sott in den Kronen Blätter und Nadeln, färbte sie schön und warf sie dann wieder hinunter. Auf dem Boden fraß es die liegenden Stämme und machte aus den harten Nadeln und den roten Blättern einen schönen Teig und hörte nicht auf zu wirtschaften, auf und nieder. Da kamen Menschen in den alten Wald, zahme Menschen mit zahmen Hunden. Unter denen war ein gelehrter Hund. Der machte: Wau! vor den Bäumen mit Nadeln und machte: Wau! vor den Bäumen mit Blättern. Da nannten die Menschen die einen Wau oder Fichte und die anderen Wau oder Buche. Und sie brachten ihrem Schöpfer ein Dankopfer, weil er ihnen die Sprache verliehen hatte. Die war schön. Denn außer den sprechenden Menschen konnte niemand wissen, daß die Nadelbäume Fichten und die Laubbäume Buchen hießen. Die Menschen aber wurden übermütig durch diese herrliche Zaubergabe und benannten jetzt alles, was ihnen einfiel. Wenn ein Hund gegen den Himmel bellte, so sagten sie Oben. Wenn ein Huhn den Boden kratzte, so sagten sie Unten. Die stehenden Bäume nannten sie Leben, die ruhende Erde nannten sie Tod. Die Erde schwieg lange zu der Menschen Sprache, dann schüttelte sie sich eines Abends kurz nach Sonnenuntergang und verschlang die Fichten und Buchen, die bellenden Hunde und die sprechenden Menschen. Viele, viele tausend Jahre früher gab es eine Zeit, wo man die Zeit noch nicht kannte. Das Zuerst und das Zuletzt war ja noch nicht erfunden, die Sage vom Leben und vom Tod war noch gar nicht erzählt. Dämmernd träumte das Chaos, das war die Nacht. Da ging zum erstenmal die Sonne auf. Ein goldener Trompeter voran und ein schwarz gezäumtes Pferd hinterher. Das Chaos gähnte und fragte: Was? Wecken? Auf? Wirklich wachte das Chaos auf, und es war der erste Morgen. Der Trompeter ging voran und schmetterte in die Welt des Chaos hinein: Heute ist heute! Ich bin heute, morgen kommt das schwarze Pferd. Hinter dem Trompeter stieg die Sonne sieben Stufen hinauf, dann blieb sie stehen zu Mittag. Und wieder sieben Stufen hinab zum Abend. Hinter der Sonne kam das schwarzgezäumte Pferd und sprach: »Heute ist heute! Ich bin heute. Die Sonne war gestern, morgen ist der Trompeter.« Rastlos und ruhelos in ewigem Kreislauf jagen seitdem das Morgen und Heute und Gestern hintereinander her wie die Kinder auf dem Karussell. Heute zieht der Trompeter das Pferd am Zaum, morgen schlägt es mit den Hinterhufen nach ihm aus, und die Sonne hat ewig hinter sich das Morgen und vor sich das Gestern. Außer der Welt in einem Schneekristall wohnt eine Frau. Sie heißt die Ewigkeit. Sie kann nicht sprechen. Und wenn sie vom redenden Menschen Worte hört, so lacht die Ewigkeit. Zuerst, Zuletzt, Leben, Tod, Gestern, Heut. Bei solchen Worten lacht sie am lautesten. Denn Frau Ewigkeit stammt aus einer Zeit, wo die Zeit noch nicht erfunden war. Der stille Baumeister Er war ein kühner Baumeister und wollte ein weites und reiches Gebäude errichten aus allen Völkern der Erde. Er zeichnete seine Pläne. Als er aber zur Ausführung schreiten wollte, erfuhr er, daß es keinen Mörtel gebe, um Völker zu binden. Hierauf zeichnete er neue Pläne, kleiner als die ersten, aber immer noch recht groß. Einen Kuppelbau seines eigenen Volkes wollte er schaffen. Da erfuhr er, daß die Leute keine Bausteine sein wollten. Nur wenn man. sie hauen ließ, dann wollten sie Bausteine sein. Der Baumeister aber hatte seinen Plan in Liebe auszuführen gedacht; da ließ er sein Volk. Nun zeichnete, er einen ganz kleinen Plan, ein Häuschen für sich und die Seinen. Mörtel und Steine lagen schon bereit. Da erfuhr er von einem Gesetze, wonach ein Haus nur bauen dürfte, wer eine Scholle besaß, es darauf zu stellen. Der Baumeister hatte keine Scholle Erde zu eigen, und traurig ließ er Stein und Mörtel verwittern. Um nun doch etwas zu tun, erklärte er den Leuten seine alten Pläne; doch niemand verstand ihn, nicht die Welt, nicht sein Volk, nicht die Seinen. Niemand. Da ging der Ärmste aus seinem Hause hinaus, aus seinem Volke und aus der Welt und wurde ein stiller Baumeister. Er sprach nur noch mit sich selbst, nannte sich einen Baudichter und baute fortan große und kleine Gebäude ohne Mörtel, ohne Steine und ohne eine Scholle Erde, sie darauf zu stellen. Mahadöh Mahadöh, der Herr der Erde, kam herab zum siebentenmal. Er hatte vom sechstenmal her die Erinnerung an einen großen Moralischen. Diesmal wünschte er, Menschen göttlich zu sehen, Genuß ohne Bitternis zu erfahren, einen Rausch ohne Moralischen. Als er nun hereingekommen, wo die letzten Häuser sind, ging er mitleidig, aber schnell vorüber. Er achtete kaum auf die gefälligen schönen Kinder und eilte nach der Mitte der Stadt, wo die vornehmsten Häuser stehen und die ersten Familien wohnen. Zu den Menschen trieb es ihn, ehrlich und opferbereit. Den Tod wollte er auf sich nehmen, wenn er die Ärmsten dadurch loskaufen könnte von Not und Gewissensqual. Aber stärker noch als in den Tod trieb es ihn in die Arme eines liebenden Mitgeschöpfes. Sterben für die Elenden! Ja! Aber auch Leben wecken auf der Höhe der Menschheit. Und Mahadöh suchte Rausch und Leben auf den Höhen der Menschheit. Ihn fand ein erstaunliches Weib, die gelehrteste und geistreichste Frau der Zeit. Im Scherz und im Ernst wurde sie nicht anders genannt als die große Philosophin. Dabei war sie auch noch jung und erfreulich anzusehen. Mahadöh ertrank in Liebe zu ihr, und vor Seligkeit glühte er in ihren Armen, und hätte lieber auf seine Sonne und die Sterne verzichtet, als auf den Anblick ihrer großen klaren Augen, die geheimnisvoll zu ihm sprachen wie seine Sterne mit ihm sprachen zur Nachtzeit. Auch die große Philosophin schauerte wonnevoll in seinen Armen. Doch ewig offen hielt sie ihre großen Augen, auch im Genuß klar auf ihn gerichtet, als suchte sie etwas. Sie gestand es ihm ein. Sie konnte sich nicht ganz vergessen. Sie beobachtete sich im Taumel der Leidenschaft und beobachtete ihn. Noch nie hatte ihr ein Gott zum Studium vorgelegen. Als sie ihn genugsam studiert hatte, lächelte sie traurig und überlegen. Sie nahm den goldenen Sonnenschein an sich, der bis dahin wie ein Diadem seine Locken umleuchtet hatte, und sagte: »Ich habe mich doch in Ihnen geirrt, mein Freund. Es gibt eben keine Götter. Auch Sie sind kein Gott.« Sie verschloß die Aureole, seinen goldenen Götterschein, in ihrer Raritätensammlung, klebte eine Nummer darauf und wurde ihm treulos. Ohne seinen Götterschein trieb sich Mahadöh in den ersten Straßen der Stadt umher. Die gefälligen Weiblein lockten ihn, er aber wollte mit seiner Liebessehnsucht oben bleiben, auf den Höhen der Menschheit. Eines Tages begegnete ihm die Fürstin und winkte ihm. Da ertrank er in Liebe zu ihr und verging in ihren Armen. Ihr Schlafgemach war von Alabaster, der Boden mit Samt überzogen, die Wände mit Spitzen bedeckt, die Decke von Spiegelglas. Ihr Lager war weicher als der Flaum von Rosenblättern, und ihr Atem duftiger als der Atem der Rosen. Sie war nicht mehr so jung wie Mahadöh, aber auch sie schauerte in seinen Armen. Ihre Lippen lechzten nach ihm. In später Stunde sagte er einmal zu ihr, und die Weihrauchglut aus der Ampel beschien dabei sein edles Antlitz: »Eigentlich bin ich ein Gott, Geliebte. Man hat mir nur den Schein genommen.« Da jauchzte die Fürstin und schrie: »Einen Gott habe ich noch nicht getötet.« Und langsam saugte sie ihm das Blut aus unter der Weihrauchglut der Ampel. Als Mahadöh seinen letzten Blutstropfen verloren hatte, ließ sie den Hofmaler kommen und den toten Gott für ihre Galerie malen. Dann befahl sie, den Körper auf die Straße zu werfen, und wurde ihm treulos. Leichenblaß und ohne seinen Götterschein setzte sich der blutlose Mahadöh auf eine Bank der öffentlichen Anlagen nieder. Ihn bekümmerte wieder die Not der Menschen; er half den Bettlern ihre Lasten tragen und fing die Schläge auf, die den Bettelkindern galten. Aber noch verzweifelte er nicht, sein Glück zu finden auf den Höhen der Menschheit. Da kam das schönste Weib der Welt vorübergeritten und sah die durstigen Götteraugen aus seinem leichenblassen Gesicht auf sich gerichtet. Sie hieß die rote Schöne. Sie war so schön, daß Greise sich töteten, weil sie nicht mehr jung waren. Zweijährige Knaben weinten, wenn die rote Schöne vorüberritt und ihnen nicht lächelte. Mahadöh ertrank in Liebe zu ihr und konnte nicht satt werden, ihre Schönheit zu schlürfen und zu sammeln mit seinen Götteraugen. Auch sie schauerte in seinen Annen vor Wonne, aber niemals vergaß sie ihre Schönheit zu hüten auch in seinen Armen. »Küsse nicht so unvorsichtig! Das macht mir den Mund welk!«... »Was machst du mit meiner Schönheit?« fragte sie einmal um die Mittagszeit, als sie in seinen Armen ruhte und die Sonne zugleich in ihrem Nackenhaargekräusel spielen ließ. »Was machst du mit meiner Schönheit, wenn du dich mit ihr gefüllt hast?« »Ich könnte dich besingen, wie noch nie ein Weib besungen wurde.« »So tu's, ich warte drauf.« »Ich kann nicht singen, solange meine Augen deine Schönheit trinken.«, »So schließ die Augen!« »Ich kann die Augen nicht schließen, solange ich dich sehe. Und ich sehe dich immer.« Da stach sie ihm die beiden Augen aus, und er sang zur Ehre ihrer Schönheit das schönste Lied, das je erklungen war. Sie schrieb es auf und fügte es ihrem Liederbuche bei. Dann steckte sie seine beiden Augen auf ihren neuen Frühlingshut und wurde ihm treulos. Leichenblaß, ohne seinen Götterschein und ohne Augen lag Mahadöh in seinem Garten. Da sah ihn die berühmteste Künstlerin des Landes und erkannte an seiner Tracht, daß er ein Gott sein müsse oder so etwas. Sie ließ ihn zu sich führen. Es hatte nie eine vollkommenere Künstlerin gegeben. Wenn sie sang, so lauschten selbst die Hunde; und wenn sie tanzte, blieben die Sterne stehen. Er ertrank in Liebe zu ihr und lachte vor Glück, wenn sie in seinen Armen schauerte. Die Tänzerin liebte ihn; und sie nahm Stück für Stück von seiner Göttertracht, was sie gerade für ihren Flitterstaat brauchen konnte, und sie tanzte, gekleidet in seine himmlischen Stoffe. Als er nichts mehr zu geben hatte, schnitt sie ihm die goldbraunen Locken ab, seine goldenen Augenbrauen und die goldenen Wimpern. Sie tat alles bedächtig in ihren Perückenkasten und wurde ihm treulos. Leichenblaß, ohne Götterschein und ohne Augen, rattenkahl und rattenbloß fuhr Mahadöh zum Himmel zurück. Da nahm er wieder Göttergestalt an, aber er blickte menschlich und armselig drein. »Na?« fragte Wolfgang Goethe und tätschelte dabei die gute Christiane, die als seliger Engel neben ihm stand, frisch und jung. Nur an der rechten Hüfte hatte sie ein Brandmal. Da hatte sie Goethe gefaßt, als er sie mit feurigen Armen zum Himmel emporhob. »Na, wie war's auf den Höhen der Menschheit?« »Du hast doch wohl recht gehabt,« sagte Mahadöh. »Und wenn ich wieder herabkomme auf meine Erde, will ich die Liebe hier lassen und nur das Mitleid mitnehmen.« »Ei,« sagte die gute Christiane in ihrer Dummheit, »ist Liebe denn nicht Mitleid?« »Und die Klügsten sind sie auch noch, und überdies,« rief Wolfgang Goethe. Das glückliche Lächeln Ein Menschenkind wurde geboren. Mit einem leisen Seufzer kam es zur Welt. Um seine Wiege aber standen die Gevattern und lächelten glücklich. Siebenzig Jahre lebte das Menschenkind in schwerem Erdendienst. Dann starb es nach langem Todeskampf mit einem letzten Seufzer. Um sein Sterbebett standen die Vettern und verbargen nur schlecht ihr Lächeln. Oft hatte das Menschenkind so ein bißchen zu lachen vermocht, weißt du, nur so durch Ansteckung, dumm vor sich hin, wie man gähnt, wie Pferde wiehern. Nur dreimal in seinem Leben konnte das Menschenkind glücklich lächeln. Einmal mit den Gevattern an der Wiege seines Kindes. Einmal mit den Gevattern an der Wiege seines Enkels. Einmal ganz allein, als es noch jung war, im Traume, da hat es aber nicht gewußt warum, und hat es auch nie erfahren. Lügenohr In den ersten Lebensjahren war er der prächtigste Junge des ganzen Städtchens. Unnahbar und unfaßbar für falsche Menschen, war er für Eltern und Geschwister, und alle, die ihn wirklich lieb hatten, der lebendige Sonnenschein. Und so sicher war man, daß er sich niemals in den Leuten täuschte, daß die Lügner sagten, er habe eine Witterung wie ein Hund; seine Mutter aber wußte, er habe ein Lügenohr. Als er in die Schule kam, da machte ihm das Lügenohr viel zu schaffen. Er glaubte immer zu hören, ob die Lehrer etwas Wahres lehrten oder etwas Gelerntes. Das Wahre behielt er, das Falsche vergaß er und lachte noch dazu. Daß zum Beispiel eine Präposition den Akkusativ »regiere«, das glaubte er nicht, und merkte sich's darum nicht. Auch die sieben römischen Könige konnte er sich nicht merken. So wurde er bei seinen Lehrern unbeliebt und hieß ein schlechter Schüler. Als ein Lehrer aber eines Tages erklärte, Tiere und Pflanzen seien allein um des Menschen willen geschaffen worden, da lachte der Junge hellaut auf. Dafür erhielt er auch sofort eine furchtbare Maulschelle. Er fiel hin und ein durchsichtiges Heuschrecklein flog aus seinem linken Ohr. Er wurde recht krank, und als er wieder genas, hatte er Ohren wie andere Leute. Nur etwas taub war er links geworden, und so war er bald der Erste der Klasse. Er blieb nun ein musterhafter junger Mensch bis in die Zeit hinein, da ihm ein braunes Bärtchen um Lippen und Wangen sproßte. Er glaubte alles und war beliebt bei hoch und nieder. Eines Mittags wanderte er über Feld und legte sich in der heißen Stunde wegmüde hinter einen Heuhaufen. Er dachte an gar nichts. Da sprang ihm plötzlich etwas wie ein durchsichtiges Heuschrecklein, nicht größer als ein Marienkäferchen, auf den Rücken seiner rechten Hand und stöhnte zum Steinerbarmen. Der junge Ekel, der damals noch einen viel hübscheren Namen hatte, fragte mitleidig wie und wo und was, und erfuhr vom Heuschrecklein, daß es verdammt sei zugrunde zu gehen, wenn es nicht in der Ohrmuschel eines Sonntagskindes mit den und den Eigenschaften wohnen dürfe. Es kenne aber auf der ganzen Welt nur ein Sonntagskind mit den und den Eigenschaften, eben ihn, na kurz und gut, er hieß damals noch Hans. Und das Heuschrecklein bitte ihn inständig und erbärmlich, es doch wieder bei sich aufzunehmen; es sei damals bei der Ohrfeigengeschichte hinausgeschleudert worden. Hans werde freilich mit dem Heuschrecklein im Ohr wieder jede Lüge vernehmen, aber dafür wolle ihm das Heuschrecklein Gold und Ruhm verleihen, bergehoch. »Ei,« rief Hans, »an Gold und Ruhm ist mir nichts gelegen; aber ein Lügenohr besitzen, das möchte ich wohl wieder.« »Ich will dich auch Zaubereien lehren, die Menschen zu berücken und die Sterne zu sehen,« bat das Heuschrecklein noch erbärmlicher. »So sei doch still, du kleiner Narr,« rief Hans. »Ich will ja nichts von dir! Brauchst keine Miete zu zahlen. Komm nur! Du bist mir ein lieber Gast.« Da hatte Hans wieder sein Lügenohr und wurde der Ekel. Er zog in der Welt umher, und die Leute sahen es ihm an, daß er sie lügen hörte, lügen, wenn sie sich auch verstellten und Eide leisteten. In keiner Stadt konnte er darum lange bleiben. Bald mied man ihn wie einen Büttel. Er aber war dem Heuschrecklein dankbar für alle seine Gaben. Die Zauberei und das Sterngucken war über alle Maßen schön, auch Gold und Ruhm war nicht zu verachten; aber das Lustigste war ihm doch das Lügenohr. Was immer die Menschen sprachen, was immer sie taten und wie sie auch blickten, das Heuschrecklein in seiner Ohrmuschel zirpte seine stille Melodie, und der Ekel hörte, daß sie logen, logen mit Worten, Taten und Blicken. Der Ekel zog von Land zu Land und lachte wie der Sonnenschein und freute sich auf die Heimkehr. Denn es gefiel ihm wohl, daß alle Leute in der Fremde logen, und daß er, zurückgekehrt zu seinen lieben Genossen, Kurzweil zu erzählen haben würde aus der Fremde. Lange blieb er fort. Braun und lang war sein Bart, und je drei weiße Haare hielten schon rechts und links Wache an seinen Schläfen, als er zurückkam in die Heimat zu seinen lieben Genossen. Es erschreckte ihn nicht gleich, als es da hieß: »Der Ekel ist wieder im Land.« Denn er hatte Gold und Ruhm mitgebracht, bergehoch, und das Zaubern und Sternegucken war immer noch eine Freude. Und als seine Lieben und Genossen sein Gold und seinen Ruhm wahrnahmen, da nannten sie ihn auch wieder Hänschen. Er freilich hörte sie Ekel sagen. Von dieser Stunde an wurden täglich zwei Haare weiß auf seinem Kopf, eins zur Rechten und eins zur Linken, und seine Lieben und Genossen logen, logen so vielemal am Tage, als sie Worte sprachen am Tage. Er wollte fliehen, aber er konnte nicht. In der Wogenbrandung und im Sturmgebrüll, im Feuerlärm und im Getöse der Schlacht, wohin er ging, überall hörte er das Zirpen des Heuschreckleins. Und wenn in der Volksversammlung ein tausendstimmiger Zuruf der Begeisterung erscholl, so hörte der Ekel noch das leise Zirpen. Sein Haupt war halb weiß, halb braun, da traf er ein Weib, das schaute ihn verlangend an, verlangend nach Ruhm und Gold, nach Zauberei und Sterngucken und verlangend nach des Ekels Leib. Da endlich verstummte das Zirpen für eine Stunde, für eine gute Stunde. Laut lachte der Ekel auf und hing dem Weibe die Zauberei und das Sterngucken in ihre Ohren, warf ihr Ruhm und Gold in den Schoß und schloß sie in seine Arme und hatte sie lieb, sehr lieb. Täglich eine Stunde schwieg sie und sah ihn verlangend an; dann verstummte das Zirpen und der Ekel ruhte aus und brauchte nicht zu fliehen vor seinem eigenen Lügenohr. Täglich eine Stunde ruhte er aus. Dann aber kam ein Tag, da gebar das Weib ein Kind, das sah aus wie alle Kinder, und das Weib blickte ihn nicht mehr verlangend an und schwieg nicht mehr, und er hörte so viele Lügen, als Worte kamen aus ihrem Mund. Nächtelang sprach der Ekel mit dem Heuschrecklein und bat um Armut, Elend und Taubheit. Das aber zirpte leise weiter in seinem Lügenohr, und er hörte jetzt schon Tiere lügen, die Haustiere, seinen Hund, seine Katze, seinen Star. Da kaufte sich der Ekel ein kleines Schießgewehr und schoß nacheinander den Hund tot, die Katze tot und den Star. Jedesmal zögerte er lange. Darüber wurde das letzte Haar auf seinem Kopfe weiß, und er nahm noch einmal das kleine Schießgewehr und zögerte nicht und schoß das Heuschrecklein tot in seinem Lügenohr. Der Blitz und die Regenwürmer In einem Gemüsebeet hausten ein paar Regenwürmer. Leise drang bis zu ihnen das Rollen eines hohen Gewitters. Die Regenwürmer freuten sich nach Wurmart, und einer sagte zum anderen: »Uns tut der Blitz nichts. Vor uns hat er Angst.« Plötzlich fuhr ein Blitz in das Gemüsebeet und tötete drei von den Würmern, bevor ihn die durstige Erde verschlang. Als die überlebenden Regenwürmer sich von ihrem Schrecken erholt hatten, sagte einer zum anderen: »Ja, wir Regenwürmer! Wir sind eine Macht! Der Blitz hat einen Haß auf uns.« Praktisch Ein reicher Onkel hatte einen armen Neffen. Der arme Neffe saß in einem Amt und verzehrte sich in Sehnsucht nach Kenntnissen, nach Kunst und Freude. Dabei tat er seine Pflicht und schrieb endlose Zahlen ins Buch, ohne sich je zu irren. Als er sich aber genügend abgezehrt hatte, legte er eines Tages die Feder hin, setzte seine Mütze auf, ging auf die Straße, krampfte die Finger zusammen, warf mit der letzten Kraft seinen Stolz auf das Straßenpflaster und trat ihm ins Genick. Er wurde ganz bleich von der Anstrengung. So bleich ließ er sich bei seinem reichen Onkel melden, nahm die Mütze ab und faltete die Hände. Der reiche Onkel war guter Laune. Vielleicht wurde was aus dem Jungen, so einer, von dem es dann in den Zeitungen heißt, daß ihn sein Onkel hat ausbilden lassen. Und so schenkte der Onkel seinem Neffen zum vorläufigen Lebensunterhalt einen guten Rat und drei harte Taler. Auch der Rat war hart: »Du mußt praktisch werden.« Der Neffe sprang dankbar und glücklich die Treppe hinunter. Die Sonne schien, die Welt lag offen, und er nahm sich vor, praktisch zu werden. Zuerst und für den ersten Taler kaufte er sich eine Flasche Wein. Denn er hatte keinen Hunger. Dann und für den zweiten Taler kaufte er sich einen Rosenstock. Denn er hatte keine Geliebte. Wenn er aber eine fände, so wollte er den Rosenstock pflegen, und für sie jede volle Blüte abschneiden, solange es Sommer war. Zuletzt und für den letzten Taler kaufte er sich eine persische Grammatik bei dem alten Trödler hinter dem Mühlendamm. Denn er verstand die persische Sprache nicht. Wenn er aber alles andere erlernt hätte, unterstützt von seinem Onkel, Französisch und die Weltgeschichte, die Kunst und die Philosophie, dann wollte er ja auch Persisch lernen und in seligem Rausche mit dem winterdürren Rosenstock und der rosigen, jungen Geliebten nach Persien wandern, unter den Laubgängen der Rosengärten wohnen, persische Lieder singen, einen persischen Säbel verdienen und ihn ziehen an der Spitze des Perserheers im Kampfe gegen Rußland, und niederwerfen den Koloß und befreien das arme Europa von dem alten Alp und einziehen als Triumphator neben der Geliebten durch die Straßen der Heimat und dem Onkel die Schätze des Orients zu Füßen legen. Am nächsten Tage kam er wieder zu dem reichen Onkel und drehte die Mütze und faltete die Hände und wurde hinausgeworfen. Da suchte er auf der Straße bis zum Sonnenuntergang seinen Stolz, dem er ins Genick getreten hatte. Als er ihn nicht mehr fand, fühlte er mit der linken Hand, ob er die persische Grammatik noch in der Tasche hätte, und sprang ins Wasser. Das war an der Oberfläche zum Schreien kalt. Als er aber in die Tiefe sank, wurde es wohlig, warm und hell und duftig und farbenschimmernd wie die Rosengärten von Schiras. Die Spielerin Es war einmal eine sanfte Königin, die sollte geköpft werden. Als sie von ihrem Töchterchen Abschied nahm, schrie die kleine Prinzessin, Mama solle nicht sterben, Mama solle sich nicht köpfen lassen. »Ängstige dich nicht, mein Kind,« sagte die gute Königin, »das ist ja alles nur zum Spaß. Weißt du, wie auf dem Theater. Sie werden mir ein schwarzes Kleid anziehen, der Henker wird das Beil erheben, und die Zuschauer werden alle glauben, ich sei hingerichtet. Wie auf dem Theater. In Wirklichkeit aber geschieht gar nichts.« »Wenn alles nur ein Spaß ist, Mama, warum weinst du dann?« »Ich weine, mein Kind, weil du niemals eine Königin werden wirst.« »Warum denn nicht, Mama?« »Weil es keine Könige mehr gibt. Es ist alles nur ein abgekartetes Spiel. Die einen spielen Zauberer, die anderen spielen Könige, es gibt aber keine wirklichen Zauberer und Könige mehr.« Die Königin wurde geköpft, und die kleine Prinzessin wartete acht Tage lang auf die Rückkehr der Mutter. Dann fand sie neue Kameraden und vergaß ihr früheres Leben. Sie spielte Schülerin und spielte Puppenmütterchen. Später spielte sie junge Dame. Als sie aber groß genug war, ging sie zum richtigen Theater und spielte nach der Kunst tragische Rollen in schöner Sprache. Man lobte sie immer, wenn sie unglückliche Gräfinnen gab. Sie wußte oft nicht, wovon sie ihre Gräfinnenkleider bezahlen sollte. Da heiratete sie einen reichen Zauberer mit dem Beinamen das Trüffelschwein. Er war natürlich kein Zauberer, sondern ein Taschenspieler. Er gab vor, aus Schmutz Gold machen zu können. Aber sein Gold hatte er immer aus fremden Taschen geholt. Seine Zauberei war nur, daß er sich dabei wirklich die Hände schmutzig machte. Den Beinamen Trüffelschwein hatte er nicht davon bekommen, weil er etwa Trüffeln auszufinden verstanden hätte. Vielmehr davon, daß er Trüffeln fraß, wie ein Schwein Kartoffelschalen. Die Ehe mit dem Zauberer war für die spielende Prinzessin mit manchem Opfer verbunden. Denn es lag ein Fluch auf ihm, daß er nicht nach Trüffeln roch, sondern nach dem Schweinestall. Und wenn er Ananas gegessen hatte, so roch er nach dem Mistbeet. Und nach dem Genuß von Champignons stank er wie Pferdedung. Trotzdem fand die Spielerin das Leben an seiner Seite ganz erträglich. Er zahlte ihre Theaterkleider und warf es ihr nur selten vor. Sie mochte allen Grund haben, mit dem Trüffelschwein zufrieden zu sein. Denn ihre Bekannten beneideten das Ehepaar: sie um das dicke, reiche Trüffelschwein, und ihn um die schöne Gräfin. So ließen sie sich oft Arm in Arm auf dem Marktplatz sehen. Eines Tages kam ein richtiger König aus fernem Land zu der Spielerin. Sie gewannen einander lieb. Der König sagte zu ihr königliche Worte, und das gefiel ihr. Da sie aber immer noch glaubte, es gäbe keine wirklichen Könige, so hielt sie ihn für einen Spieler und seine Reden für Lernerei. Wenn er davon sprach, sie neben sich auf den Thron zu setzen, ein Diadem auf ihr seidenweiches, schwarzes Haar zu drücken und sie seinem Volk als Königin zu zeigen, so schloß sie wohl die Augen und lächelte zufrieden. Aber sie glaubte ihm eigentlich nicht. Wenn sie recht verliebt in ihn war, borgte sie sich von einem Kollegen eine Krone von Goldpapier und einen Mantel von falschem Hermelin und schmückte damit den wirklichen König. Dann liebten sie einander. Als ihre Liebe den höchsten Grad erreicht hatte, sagte der König eines Tages: »Nun kommst du mit mir.« Die Spielerin schloß die Augen und träumte von einer Hochzeitsreise nach den italienischen Seen. Wenn man in Wirklichkeit auch nur ein Stündchen spazierenfuhr, um die Stadt herum, es war doch hübsch von ihrem Geliebten, daß er den König so gut spielte und so schöne Worte brauchte. Der König aber kaufte dem Zauberer das Weib ab, für einen großen Sack Trüffeln. Dann hob er die erschreckte Spielerin in einen prächtigen Reisewagen, dem waren vier Rappen vorgespannt. Tagelang ging die Fahrt nach dem fernen Lande des Königs. Dort sprach er: »Jetzt hat das Spiel ein Ende. Du sollst mich in meinem eigenen Reiche sehen bei meiner Königsarbeit.« »Wo hast du denn die Krone und den Mantel?« fragte die Spielerin ängstlich. »Ich spiele nicht Theater,« sagte er ernst. »Ich bin ein wirklicher König!« Und er setzte sich hin an einen festen grünen Tisch und schrieb seinen Namen auf hundert Blätter. »Was tust du?« fragte die Spielerin. »Ich baue Wege und Brücken. Ich weise Flüssen ihren Weg. Ich schließe Bündnisse und ich bestrafe Verbrechen.« Da ging die Spielerin leise auf ihr Zimmer und schrieb einen Brief an ihren Mann. »Mein lieber guter Mann! Ich habe mit ihm eine schöne Hochzeitsreise gemacht, aber nicht an die italienischen Seen, sondern in ein kaltes Land, das er sein Königreich nennt. Ich bin entschlossen, zu dir zurückzukehren. Weißt du, mein liebes Trüffelschweinchen, er ist nämlich verrückt. Er hält sich für einen wirklichen König und spricht die reine Prosa. Du bildest dir wenigstens nicht ein, daß du ein Zauberer seist. Ich habe dich lieb.« Als der wirkliche König nach einigen Stunden von seinen Königsarbeiten aufstand, war ihm die Spielerin schon davongelaufen. Der Kurrendejunge Ende Februar war's, aber noch strenger Winter. Eisig wehte der Wind von Nordost und jagte ein hartes Schneegestöber durch die Straßen. Da und dort häufte er Berge von Schnee. Die Sonne war dem Untergange nahe und immer kälter blies der Wind. Der Lehrer mit zehn Kurrendejungen hatte sein Stadtviertel abgesungen. Der Erlös war gut. Bei solchem Wetter jagt man keinen Hund hinaus, sagten die Bürger und warfen ihre Groschen in die Höfe hinunter. Der Lehrer wollte das günstige Wetter benützen und noch eine Stunde im Vorort singen. Da wohnten reiche Leute. Einmal hatte er dort ein Goldstück bekommen. Bei den letzten Häusern der Stadt kehrte man rasch in einer Schenke ein. Der Lehrer ließ Grog geben. Von jedem Glase durften zwei Jungen einen Schluck nehmen, den Rest von allen Gläsern trank der Lehrer. Nur der kleine Gottlieb bekam nichts. Es war das achtjährige Söhnchen einer Näherin und fromm erzogen. »Ich werde dich lehren, uns verpetzen, du Lausejunge. Totschlagen tue ich dich, wenn du noch einmal was weiter zu tratschen hast.« Sie setzten sich in Marsch. Fast eine halbe Stunde hatten sie bis zum Vorort über freies Feld zu gehen. Der eisige Wind fegte noch heftiger. Der kleine Gottlieb konnte kaum mitkommen. Die anderen waren guter Dinge, und einer von den älteren Knaben pfiff einen Gassenhauer. Der Lehrer verwies es ihm. Man könnte Leute treffen. Und durch einen Schneehaufen stapfend gab er die Melodie an: »Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld.« Gottlieb konnte nicht mehr Schritt halten, er blieb zurück. Da stolperte der Lehrer bis zu ihm heran, gab ihm einen Stoß vor die Brust und schrie: »Wir brauchen dich gar nicht, du Aufpasser! Du glaubst, weil du eine helle Stimme hast! Machen wir allein. Wir brauchen dich nicht. Und du brauchst uns nicht. Hier bleibst du, wenn du Lust hast! Petzer! Kannst hier aufpassen und für dich allein singen!« Und fort stapfte der Lehrer mit den übrigen Jungen. Gottlieb nahm seine letzten Kräfte zusammen, um zu folgen. Die Tränen liefen ihm über die Wangen hinunter, und da und dort im Gesicht stach es ihn wie Eisnadeln. Weiter und weiter blieb er zurück, dann lief er ein Stückchen, ging wieder langsamer, stieß irgendwo an und lag in einem Schneehaufen. Eisig jagte der Wind über ihn hin. Die Füße schmerzten und der Kopf, und er hatte unsägliche Angst. Aus Angst fing er zu singen an: »Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld Der Welt und ihrer Kinder, Es geht und büßet in Geduld Die Sünden aller Sünder. Es geht dahin, wird matt und krank, Ergibt sich auf die Würgebank, Entzieht sich allen Freuden.« Das half. Die Schmerzen ließen nach. Eine warme Decke legte sich wie von der Mutterhand geschoben, ganz sacht über Gottliebs Füße. Er hörte auf zu weinen und schlief ein bißchen ein. Dann wachte er wieder auf, und ihm war ganz wohl. Er öffnete die Augen nicht, es war ihm, als ob es warmen Schnee schneite. Von der Ferne her vernahm er Hundegebell und dazwischen den Choral seiner Genossen. Lächelnd wartete Gottlieb den Vers ab bis »Entzieht sich allen Freuden«. Dann sang er mit seiner hellen Stimme mit: »Es nimmt auf sich Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod, Und spricht: ich will's gern leiden.« Darauf schlief Gottlieb ganz fest ein. Der Hochzeitstag Die Frau Professor weinte leise vor sich hin. Ihr Mann ging mit kleinen Schritten und schweren Tritten auf und nieder. »Nun ja, ich habe das Datum vergessen. Ich sehe aber wirklich keinen Grund zum Weinen. Denn erstens ist unser Hochzeitstag doch nur für uns persönlich von Interesse und ist dieserhalb eine Tatsache von ganz eigenartiger, ich möchte sagen inkohärenter Beschaffenheit. Das Datum dieses Tages reiht sich begrifflich in keine Wissenschaft ein. Ein Mann wie ich aber kann sich nur Reihen merken, nicht zufällige Fakta. Ich kenne das Datum des Erdbebens von Lissabon auch nur wegen der pessimistischen Literaturbewegung, die ätiologisch daran geknüpft ist. Und du wirst doch zugeben ... Herr Gott, ich kann mir doch keinen Sklaven halten, der mich täglich mit dem Rufe weckt: Herr, gedenke deines Hochzeitstages! Herr, gedenke des Geburtstages deiner Brüder, deiner Basen, deiner Kollegen!« Die Frau weinte leise vor sich hin. »Zweitens ist es doch ein reiner Zufall, daß unser Hochzeitstag gerade auf den heutigen Tag fällt. Es hatte keinen zureichenden Grund, daß es gerade der 24. Februar war ... Herr Gott, ich relativer Esel! Das alte Stück von Werner wäre ein gutes mnemotechnisches Mittel gewesen! – Zacharias, – Elias, der Wagen, der uns zur Kirche brachte... also, daß der Tag nach unserem Kalender gerade der 24. Februar heißt, das ist eine inkohärente Erscheinung, die man erst seit etwa vier Jahrhunderten beobachtet, und noch nicht einmal in ganz Europa. In Hellas hätte der Monat ganz anders geheißen und auch der Tag. In Rom wäre unser Hochzeitstag vor der Julianischen Berechnung in den Herbst gefallen, nachher in den April. Im Mittelalter hätte ich dir je nach dem Jahrhundert acht bis vierzehn Tage später zu gratulieren gehabt, und in dem Gebiete der griechischen Kirche heute noch im März. Also, was willst du eigentlich?« Die Frau weinte leise vor sich hin und sah wie im Traum einen guten Jungen, der vor Jahren am 24. Februar gegenüber dem Hause ihres Vaters auf und nieder ging, eine Rose in der Hand, einen stummen Segen auf den Lippen, und der die Rose zu früh welken ließ in seiner warmen hohlen Hand. Ein guter, dummer Junge, der im Examen durchgefallen war. Der Professor aber setzte sich an den Schreibtisch, um seine Briefe zu erledigen. »Du, Schatz,« rief er herüber, »was ist doch heute für ein Tag? Ach so, richtig! Der Hochzeitswagen – Wagen – Elias – Zacharias – der 24. Februar.« Das Genie Ein Fremder wollte das Genie besuchen. Er fragte die Arbeit, welche die Portiersfrau des hohen Hauses war. »Im sechsten Stockwerk,« lautete die Antwort. Der Fremde ging langsam hinauf und betrachtete sich dabei die Namen auf den Türschildern. Eine Treppe hoch wohnte der Luxus, darüber die Eitelkeit, im dritten Stock der Neid und im vierten die Sorge. Auf dem fünften Flur stand mit goldenen Buchstaben auf einem verrosteten Blechschild zu lesen: »Dr. Wahnsinn.« Der Fremde beeilte sich, noch eine Treppe höher zu kommen, und klingelte beim Genie. Dr. Wahnsinn aber öffnete die Tür und sagte lächelnd: »Wir wohnen schon lange beieinander, das liebe Genie und ich, und wir vertragen uns recht gut. An den Werkeltagen ist es mein Dienstbote. Sonntags aber schmeißt es mich heraus und dient der Menschheit. Sonntags nämlich ist es verrückt.« Nazis letzter Wunsch Der Schneider Nazi lag in den letzten Zügen. Es sah wüst in der Stube aus, denn er hatte keinen Kreuzer mehr übrig für den Arzt oder für seine Pflegerin. Essen konnte er schon gar nicht mehr. Auf seiner geblümten Bettdecke lagen aber noch zwei Zehnguldenscheine. Neben dem Pfühl, auf dem einzigen Stuhle, saß der gute, rundliche Pfarrer. Am Fußende stand der Nachtwächter und hielt eine Trompete in der Hand. »Nazi,« sagte der Pfarrer, »es ist dein letztes Stündlein. Schenk's der Kirchen, ich rat' dir gut, deine zwanzig Gulden. Dann les ich dir eine Messen, und du hast dafür die ewige Seligkeit. Sonst bleibst leicht in der Höllen.« »Ich will nichts gegen Hochwürden sagen,« brummte der Nachtwächter. »Aber du weißt, Schneider, was du haben kannst: eine Musik zum Begräbnis und noch dazu in Uniform. Die kriegt nur, wer Mitglied der Bürgerwehr ist. Du bist nicht Mitglied, kriegst also keine Musik. Jetzt, lang hast nicht mehr Zeit, dir's zu überlegen. Gibst mir die zwanzig Gülden, springst jetzt noch ein, kannst übermorgen dein Bürgerbegräbnis haben. Zureden tu ich zu nix.« Der Schneider dachte nach. Der Pfarrer murmelte Gebete, und der Nachtwächter blies aufmunternd die ersten Takte des beliebtesten Trauermarsches. Der Schneider horchte bald dahin, bald dorthin. Als der Nachtwächter plötzlich absetzte, griff der Schneider so rasch er konnte nach den beiden Zehnguldenscheinen und reichte sie zitternd ihm. »Da, schreib mich ein. Ich will meine Musik haben.« Der Nachtwächter rannte mit dem Gelde fort. Der Pfarrer wurde nicht zornig. Nur traurig schüttelte er das rote Köpfchen und sagte: »Schau, Nazi, du tust mir leid. Jetzt wirst in der Höllen bleiben.« Der Schneider röchelte. »Hochwürden ... ich hätte noch was ... da... unterm Kissen... leicht kommt ein Terno ... übermorgen ist Ziehung ... ich Hab' gehofft, es noch einmal zu erleben ... Hochwürden, nehmen S' den Lottozettel für sich.« Der Pfarrer zog unter dem Kopfkissen den kleinen blauen Papierstreifen hervor und blickte zuerst auf die drei Nummern. Sie schienen ihm zu gefallen. »Ist brav, Nazi, ist aber nichts Gewisses. Zehn Kreuzer Einsatz? Hm! Hm! Ich will dir was sagen, Nazi. Umsonst ist der Tod. Kommst raus mit dem Terno, kommst raus aus der Höllen, bleibst drin, bleibst drin.« Der sterbende Schneider faltete die Hände und betete zu Gott, daß sein Terno herauskommen möchte. Die hundertjährige Aloe Es war einmal eine Gegend, nicht zu heiß und nicht zu kalt, hübsch in gemäßigter Lage. Im Sommer wurde das Getreide ziemlich reif, wenn's nicht gerade ein schlechter Sommer war, im Herbst flogen die Blätter eilig von den Bäumen und die Vögel nach dem Süden, im Winter hatte man gute Kachelöfen und im Frühling gar ... Im Frühling hatte die Gegend Hochzeit, überall, fast alle Finger breit, schoß ein grünes Grashälmchen aus dem Boden, und die Bäume, die das gewohnt waren, bedeckten sich fast mit grünen Blättchen. Nur wenige Nachtfröste störten das Vergnügen. Die Sonne erhob sich ein hübsches Stückchen höher und blieb ein Stündchen länger sichtbar. Die Menschen zündeten keine Kohlen mehr an, und die Jüngeren unter ihnen machten sogar die Fenster ihrer Häuser auf und lachten, wenn ein Menschlein anderen Geschlechts vorüber kam. Dann sagte das eine: Du, du!, und das andere antwortete: Du, du! Man nannte das den Lenz oder das Verliebtsein. Das war aber noch gar nichts gegen das Tütü der Vögel in den Zweigen. Sie waren alle in dieser Gegend zu Hause, und wenn sie den Winter über anderswo ihrer Nahrung nachgegangen waren, so kehrten sie jetzt zurück, machten Tütü, bauten sich Nester nach dem Muster der Kachelöfen und legten zwei bis drei Eierchen hinein. Einige selbst fünf bis sechs, aber die wurden schon mißtrauisch betrachtet. Sie seien nicht von der ehrsamen einheimischen Art. Das war das Frühlingsfest der Gegend. Mitten in der Gegend, nicht weit von einem alten Gemäuer, lebte eine Aloe. Beinahe hundert Jahre steckte sie schon da im Sande. Unbewegt von Wind und Stürmen starrten ihre starken Schwertblätter wie Eisenwaffen in die Gegend. Unheimlich zeichnete sich ihr Schatten des Abends vom Gemäuer ab. Kein Grashalm wuchs im Umkreis ihrer Blätter, kein Vögelchen nistete auf ihrem Haupt, und der gefräßigste Esel ging scheu an ihren Stacheln vorüber. Und die Aloe dachte: »Das ist keine Sonne. Das ist nur ein Widerspiel des Glanzes, den ich meine. Das ist eine Spielsonne für Kinder. Mich friert in dieser Kindersonne. Das ist keine Wiese, das ist Hungergras. Das ist das Hungergras, das bei uns zu Hause wuchs, vor Jahren, damals, als unsere Sonne zerbrochen war und der Feind Salz auf die Erde gestreut hatte. Das ist kein Vogelgesang, das ist kein Vogelgefieder. Entfärbt ist der Flaum, krank ist der Gesang. Sie frieren wohl alle wie ich. Und das ist keine Liebe, das Dudu der Menschen. Das ist verhungertes Liebesspiel. Darum sind sie auch so ängstlich dabei und verstecken sich. Sie frieren alle!« Die kalte Nacht brach herein, und die Aloe verlor das Bewußtsein. Mit dem Tage wachte sie wieder auf. Es war der wärmste Frühlingstag der Gegend, ein Sommertag. Die Aloe zitterte und dachte: »Mich friert. Hundert Jahre in diesem schlechten Sand. Ich wollte, ich wäre auf meiner Südseeinsel, in meinem warmen, fetten, tiefen, eigenen Boden. Ich wollte, die Kindersonne ginge für immer unter und die echte Sonne stiege auf über mir, lotrecht, und sie überschüttete mich mit ihren schwersten Strahlen. Schwarzglühend, dicht und fest. Wie würd' ich baden in der Sonne, baden, auftauen, mich recken und strecken, ihr entgegenwachsen, gebären. Ja, ich weiß, das könnte ich. Über Nacht einen Blütenstengel so stark und so hoch, wie drüben der harte Eichbaum. Einen Baum über Nacht und ihn einhüllen in hunderttausend Blüten, und duften, duften zu deinem Preis, heilige Sonne, daß die ganze Gegend sich daran berauschen müßte. An mir allein, an meiner Blüte sollten sie alle sich berauschen, die armen, hungrigen Grashälmchen und die grauen, kranken Vögelchen. Und für alle Vögel und Schmetterlinge schüfe ich Raum auf meinem einen Blütenbaum. Das wäre mir ein Glänzen und Jubilieren. Und auch die armen, bleichen Menschen würde ich zwingen zum Rausch, zu Ringeltanz und Opferschmaus, und sie eine, eine Frühlingsnacht lang maßlos beglücken mit unserem allerheiligsten Du, mit der echten Liebe, der heißen Sonnenliebe.« Im kommenden Sommer wären die hundert Jahre der Aloe vielleicht um gewesen. Da kam aber ein Bauer und hob sie mit dem Pfluge aus dem Sand und warf sie auf den Mist. Sie störte ja mit ihren kalten Schwertblättern den Frühling der Gegend. Der Invalide Ein Mann hatte im Kriege mit Menschen seinen rechten Arm eingebüßt. »Armer Teufel!« sagte der Arzt, als er den Stumpf zunähte. »Ach was!« rief ein kecker Soldat, der heil nach Hause zurückkehren mußte, um da als Tagelöhner sein Brot zu verdienen. »Der Kerl hat Glück! Ein eisernes Kreuz baumelt ihm auf der Brust, das ist was für Weiberaugen. Drehorgelspielen kann er auch mit der linken Hand. Und in seinem Armstumpf spürt er das Wetter von morgen voraus. Da kann er mit Wahrsagen extra Geld verdienen.« Der Invalide wurde also Wahrsager und hatte recht gute Einnahmen, so oft er den Leuten schönes Wetter voraussagen konnte. Sonst freilich prügelten sie ihn. Mit der Zeit aber wurde es ihm zum Jammer, daß er sich von den schmerzhaften Stichen in seiner Narbe ernähren lassen sollte. Auch kamen immer viel mehr trübe Tage als schöne, und er erhielt mehr Prügel als Münzen. Da faßte er den Entschluß, die Stiche in seinen Narben still zu dulden, kein Gewerbe aus seinen Schmerzen zu machen und fortan nur noch mit seiner gesunden Linken die Drehorgel zu spielen. Eines Tages kam ein Dichter vorüber. Sie grüßten einander mit den Augen. Aber keiner konnte dem anderen eine Gabe reichen, denn sie waren beide arm, der invalide Drehorgelspieler und der wunde Dichter, der immer noch ein Gewerbe machte aus den Stichen in seinen Narben. Die Palme und die Menschensprache Am niederen Ufer des Kongo standen zwei Palmen, eine alte, hohe, mit Früchten behangene, nicht weit ab eine junge, schlanke, nicht größer als drei Menschenzwerge, und die blühte zum erstenmal. Die junge Palme dachte gar nichts, denn sie blühte. Die alte sann seit Jahren nach und wollte etwas sagen. Doch alles, was sie durch Biegen und Rauschen zustande brachte, war doch immer nur: Es ist schwül, es regnet, und so ähnlich. Da beneidete sie die Menschen, die so schön schwarz waren, auch um ihre geläufige Sprache. Eines Tages kamen Mwato und Nganya mit Spaten heran und begannen die junge Palme mit allen Wurzeln aus der dunklen Erde zu graben. Die alte Palme hatte die Empfindung, nun könnte es hier still werden. Und sie wunderte sich, daß der Jüngling und das Mädchen nicht unaufhörlich plauderten, da sie es doch konnten. Die aber gruben nur immer tiefer. Als die heiße Mittagstunde nahte, legte Mwato zuerst den Spaten fort und Nganya folgte ihm. Er holte Nüsse herbei, und sie brachte Wasser. Sie hielten eine Mahlzeit und dann begannen sie zu sprechen. Nganya : Hat der weiße Mann dir das Geldstück schon gegeben, ich meine den Lohn, weil wir die junge Palme ausgraben? Mwato : Er hat es mir versprochen. Versprechen ist dasselbe, wie geben. Nganya : Kannst du mir sagen, zu welchem Zauber die weißen Männer die Palme brauchen? Mwato : Das kann ich dir ganz genau sagen. Sie sind Priester des Kaisers, der kein Land hat und auf dem Wasser herrscht. Ich verstehe sehr gut ihre Sprache. Es ist Englisch, was soviel heißt wie die Göttersprache. Der Kaiser dieses Landes hat gar kein Land. Aber dort ist es das ganze Jahr so kalt, daß das Meer so hart wird wie Stein. Darum kann er auf dem Wasser herrschen. Auf dem harten Wasser wachsen aber nur Jamwurzeln und Reis, nicht Bananen und Datteln. Der Kaiser aber wird böse, wenn er nicht Bananen und Datteln hat, und findet er keine in der längsten und kältesten Nacht des Jahres, so muß der Himmel einstürzen, und das harte Wasser wird in Trümmer geschlagen, und ihr oberster Gott, der kein Wasser vertragen kann, muß ins Meer stürzen. Nganya : Das ist Bitterwasser. Mwato : Bitterwasser kann er auch nicht vertragen. Nun kamen die weißen Priester sorglich zu uns, um für ihren Kaiser Bananen und Datteln zu holen. Jetzt aber holen sie sich schon junge Bäume und wollen sie ganz und gar auf ihr gefrorenes Wasser pflanzen. Nganya warf sich auf den Rücken und strampelte vor Vergnügen mit ihren schwarzen Beinen. Sie lachte unbändig. Dann sprang sie auf, umrankte mit ihrem schlanken Leib die junge Palme und rief unaufhörlich: »Ich will dich wärmen, du sollst nicht frieren!« – Und dann lachte sie wieder und sagte zu Mwato: »Soll ich auch dich wärmen?« Mwato : Sie wird nicht frieren. Der oberste der weißen Priester hat mir alles genau erzählt, und ich habe alles genau verstanden. In der Hauptstadt des gefrorenen Wasserlandes steht ein großer Tempel, und seine Wände sind hart wie Eisen und durchsichtig wie Luft. Nganya : Du lügst! Mwato : Ich nicht. Es ist der Tempel der Palmen. Dorthin schaffen sie Erde vom Kongo und senken die Palmen mit Wurzeln ein. Dort auch – so sang mir der erste der Priester – schüren des Tempels dienende Brüder ein ewiges Feuer im Palmendienst. Und die Sonne scheint durch die luftigen Wände und vermählt sich drin mit dem ewigen Feuer und ruft die Palmen hinauf in die Höh'. Nganya : Weißt du noch mehr so Märchen? Was geschieht sonst in dem Tempel der Palmen? Mwato : Des Morgens sieht man dort junge Mütter mit ihren Säuglingen und Lehrer mit den Knaben. An den Palmen lernen die Knaben lesen. Nganya : Lesen? Was ist das? Mwato (nachdenklich): Ich weiß nicht gewiß. Ich glaube so ungefähr gefrorenes Sprechen. Nganya : Und dann? Mwato : Dann kommt in der Dämmerstunde wohl ein Lehrer und eine junge Mutter allein unter die Palmen und empfangen die Weihen für das Geheimnis der Liebe. Nganya : Liebe? Mwato : Naja, das ist wieder gefrorene Freude bei ihnen; wie zum Beispiel, wenn wir beide erfroren wären und uns doch umarmen wollten. Nganya warf sich lachend auf Mwato und schrie: »Ich bin nicht erfroren, ich liebe dich nicht.« Dann hielt sie plötzlich inne und sagte: »Nein, es muß doch schön sein, sich vorher dazu weihen zu lassen. Womit werden sie geweiht?« Mwato : Mit Kleidern. Nganya : Kleider? Was ist das schon wieder? Mwato : Bunte Matten. Wer dort keine solchen Kleider auf dem Kopfe trägt, der heißt ein Heide und wird verbrannt. Nganya (weinend): Ich will nicht hin! Ich will mich vom Kleiderpriester nicht weihen lassen! Mir wird kalt! Und sie warf sich schluchzend mit den Augen auf Mwatos Kniee. Die alte Palme aber, die hoch hinausragte über den Urwald und viel gesehen hatte, wiegte sich leise und merkte, daß die weißen und schwarzen Menschen einander nicht verstanden. Nach einer Weile flüsterte Nganya: »Wie gut du bist!« Mwato antwortete: »Nein, du bist gut !« Die alte Palme sah ihnen in die Augen und vernahm, daß sie beide sagen wollten: »Ich bin glücklich.« Mwato und Nganya waren glücklich alle zwei beide. Aber die alte Palme wußte jetzt, daß auch gleichfarbige Menschen einander nicht verstehen, selbst dann nicht, wenn sie sich verstehen wollen, und sie beneidete die Menschen nicht mehr um ihre arme Sprache. Der Donner Ein greiser Derwisch war sein Leben lang fromm gewesen; darum glaubte er mit Allah auf besonders gutem Fuße zu stehen. Und als er hundert Jahre alt geworden war, verlangte er sogar, mit Allah in näheren Verkehr treten zu dürfen. »Sprich zu mir!« rief er ganze Nächte lang. Da flog einmal ein Dschin zu ihm heran und sagte: »Allah spricht nicht mit dir.« »Wenn er meine Sprache nicht spricht, will ich ihm entgegenkommen, ich will seine Sprache lernen. Hebräisch, Griechisch, Lateinisch oder Arabisch? Welche Sprache ist die seine?« »Allah spricht nicht. Allah ist stumm.« »Unverschämter Dschin!« rief der Greis. »Allah wird doch mehr können, als du und ich. Warum sollte Allah nicht sprechen können?« »Allah ist stumm. Er braucht unsere arme Sprache nicht. Er ist kein Bettler.« Sieben Jahre lang kämpfte der fromme Greis damit, daß Allah stumm sei. Dann verlangte es ihn wieder mit ihm zu verkehren. »Höre mich wenigstens!« rief er ganze Nächte lang. Da erschien der Dschin wieder und sagte lächelnd: »Allah hört dich nicht.« »Was muß ich tun, damit er mich höre? Soll ich seine Feinde vergiften? Soll ich meinen kleinen Enkel schlachten?« »Allah hört nicht. Allah ist taub.« »Warum?« schrie der Derwisch entsetzt. »Allah ist taub. Er braucht unser armes Gestöhne nicht. Er ist kein Bettelvogt.« Da verlor der fromme Greis seine Vertraulichkeit mit Allah. Er begann ihn zu fürchten. Und wenn es donnerte, versteckte er sich und vermeinte, den drohenden Schrei eines Taubstummen zu hören. Die beiden Kavaliere Beide waren außerstande gewesen, ihre Schulden zu bezahlen, der Baron und der Graf. Beiden war die reiche Tochter des jüdischen Wucherers durch die Finger gewischt, denn beide hatten mit den Jahren schon anfangen müssen, ihren Bart zu färben. Beide waren zuerst aus der Armee ausgetreten und dann aus dem Klub herausgebeten worden. Dann wurden beiden die Möbel gepfändet und die Pferde, und endlich hatte der Baron seinen Kammerdiener entlassen und der Graf seinen Kutscher. Der freiherrliche Kammerdiener trieb sich mit seinem Ersparten und Zusammengestohlenen in einem Modebade umher und spielte den großen Herrn. Er hatte sich ins Fremdenbuch als einen Grafen eingeschrieben und lebte diesem Stande gemäß. Er mietete eine schöne Wohnung, machte den Frauenzimmern Geschenke und fuhr viel spazieren. Er hätte auch gern vornehmen Verkehr gehabt. Besonders auf einen stattlichen Mann mit blondem Schnurrbart hatte er es abgesehen, einen Baron, den besten Reiter des Bades. Bei einer exklusiven Reunion stellte er sich ihm vor und hatte schon am nächsten Tage das Glück, den Baron zu einem Diner einladen zu dürfen. Zwei verwöhnte Damen nahmen teil. Das Diner verlief allerliebst. Der Baron mußte zugestehen, daß nur ein Herr wie der Graf ein so erlesenes Menü zusammenstellen konnte. Auch hatte der Graf eine Art, mit den Damen zu scherzen, die nur in unseren Kreisen erlernt wird. Der Baron seinerseits war fast noch feiner. Er sprach nur von Pferden und Rennen. Der Baron war der entlassene Kutscher des Grafen. Die beiden wirklichen Kavaliere waren aber glücklich nach Amerika gelangt. Dort glückte es dem Baron, daß er Kellner wurde, und der Graf fand eine Stelle als Trambahnkutscher. Wichtig dünkte das die Leute, die's betraf, die Kavaliere und die Mitmenschen, in Amerika wie in Europa. Denn wichtig scheint das Leben, solange man lebt. 174 Die Göttin Vernunft Aller Völker verstorbene Götter leben auf einer goldenen Sonnenwolke. Die Wolke ist seltener Art. Sie kann nur blitzen und donnern, regnen kann sie nicht. Die Götter sind müßig wie abgesetzte Fürsten. Tausend Jahre hausten auf der goldenen Sonnenwolke die Götter der Griechen, froh, roh und behaglich. Sie liebten und freuten sich miteinander. Da ging das Wolkentor wieder einmal auf und ein verstorbener Gott trat müde lächelnd herein. Alle blickten ihn an, als wollten sie seinen Namen wissen. »Mitleid,« sagte er leise, und bleich war er von Wunden und Mitleid. »Gott war sonst anders!« rief Apollon erstaunt; Zeus ließ den Bizeps seiner Rechten spielen, und Wotan, der herangetreten war, schmunzelte: »Sie haben dich gut zugerichtet. Du siehst wahrhaftig einem Menschen ähnlich. Komm! Ruh' aus! Ich mach' dir Platz.« Wieder verging einige Zeit. Da öffnete sich das Wolkentor und die Göttin kam, die in Europa gerade hundert Jahre lang nach dem Mitleid geherrscht hatte. Auf die fragenden Blicke erwiderte sie: »Bin die Vernunft.« Da lachten alle Götter und Göttinnen, denn die Vernunft sah aus wie eine Rechenmaschine. »Ein Einmaleinsspiel,« sagte Sphinx und lachte. »Sie kann nicht einmal lieb haben,« sagte Buddha und lachte. »Sie ist den Strohtod gestorben,« sagte Wotan und lachte. »Sie hat nie eine Dummheit getan,« sagte Zeus und lachte. »Sie ist Vegetarierin,« sagte Moloch und lachte. »Ich habe die Menschen glücklich gemacht!« rief die Vernunft. »Ja, ja,« schrie Hephaistos und lachte lauter als alle übrigen. »Sie hat eine große Erfindung gelehrt. Sie hat einen Nachttopf erfunden, der zu gleicher Zeit als Tintenfaß zu benutzen war. Patent!« Da wandte sich die Göttin Vernunft an Pallas Athene. »Schwester, warst du nicht auch...« »Ich?« rief Pallas entrüstet. »Ich eine Rechenmaschine? Dumm war ich freilich, damals mit Paris. Aber eine ehrliche Göttin. Meine Athenerstadt habe ich beschützt vor Persern, Spartanern, Philistern und vor der Vernunft. Mit dir habe ich kein Mitleid. Geh doch zu dem.« Da ging die Vernunft zum Gott Mitleid, der sagte lächelnd: »Ich habe Mitleid mit allem Lebendigen. Nicht mit dir, denn du lebst nicht.« So wurde die Vernunft einstimmig aus dem Wohnsitz verstorbener Götter ausgewiesen. Der Löwe Da der Löwe noch jung war, gefiel ihm die Tigerkatze und er nahm sie zu sich in die Höhle. Dort sorgte er für sie wie ein großer Herr. Sie hatten aber keine Kinder, und so war die Tigerkatze niemals recht zufriedenzustellen. Sie war eine unverstandene Tigerkatze. »Du bist nicht schön genug,« sagte sie einmal, als sie eines Nachmittags, von der Sonne bestrahlt, auf einer Felsenstufe von rotem Granit aufwachte. Und als der Löwe vergnüglich dazu aufbrüllte, fügte sie hinzu: »Sag, was du willst, gestreift bist du doch nicht. Ich denke mir mein Löwenideal gestreift.« Ein andermal, als der Löwe gegen Mitternacht heimkehrte, schweißbedeckt und blutbefleckt – er hatte das Schaf zwischen Wachtfeuern über Plankenzäune und unter den Flinten der Jäger herausgeholt, seufzte die Tigerkatze gelangweilt auf und sagte: »Ich danke für Schaf. Ich esse heute nicht. Du bist nicht recht tapfer. Du traust dich ja nicht durch das ganze königliche Heer hindurch in den Schloßturm zu dringen und mir die kleine Prinzessin zum Nachtmahl zu schaffen. Nicht einmal auf dem Magnetberg bist du gewesen, um mir den goldenen Paradiesvogel heimzubringen. Der soll gut schmecken, mit Prinzessinnenhirn farciert. Schaf mag ich nicht. Und das will ein Mann sein!« Der Löwe zuckte von den Schultern bis zu den Flanken, leckte sich das Blut ab und fraß das Schaf allein auf. Für Kinder hatte er ja nicht zu sorgen. Ein drittes Mal war er die ganze Nacht fortgeblieben, die Jagd war beinahe verfehlt. Endlich des Morgens kam er schweren Ganges heran, einen mächtigen schwarzen Büffel schleppte er heim. Die Tigerkatze lobte den Braten und aß des Büffels Augen und die beiden Lungenbraten. Dann putzte sie sich das Fell und sagte nicht unfreundlich: »Wie bist du zu dem Stück gekommen?« »Nu, eben so. Aufgespürt, aufgejagt. Wies die Hörner, mußte ihn tüchtig ins Genick beißen. Na, und da ist er.« Die Tigerkatze streckte die glänzenden Glieder und sprach: »Du bist doch nicht so stark, wie ich mir den Löwen vorgestellt habe. Du solltest mit einem Schlag deiner Tatze die Pyramide umwerfen können, du solltest mit deinen Zähnen die Kette durchbeißen, die den Mondwolf an die Erde bindet. Du solltest...« »Ach was! Du solltest, du solltest!« brummte der Löwe verdrießlich. »Ich will! Sollen ist für die Tigerkatze!« Da zog sich die Tigerkatze schmollend in den Winkel der Höhle zurück. Und sagte nur noch leise: »Mag alles sein. Aber dir fehlt die Güte.« Da vermochte der Löwe nicht einzuschlafen. Langsam fraß er weiter am Büffel, die schlechteren Teile, und dachte darüber nach, warum ihm die Güte fehle. Um des Weibes willen hätte es ihn gefreut, auch die Güte zu haben. Da fing die Tigerkatze Streit an. Die Höhle war ihr bald zu hell, bald zu dunkel. Der Büffel hatte nicht das richtige Alter und war nicht in der richtigen Saison erlegt. Die Gegend war zu einsam. Der Löwe erwiderte nichts; solche gereizte Worte hatten bisher immer mit Koketterie geendet, auch wenn es bis zu tätlichen Neckereien gekommen war. Heute aber war die Tigerkatze wie außer sich. Sie beschimpfte ihn. Er sei ihr verächtlich durch seine Schwäche. Und sie bleckte ihn an, biß ihn heftig in die Ohren und zerkratzte ihm das Gesicht. Langsam stieg in ihm der Zorn auf. Und als sie ihm plötzlich und unversehens mit der kralligen Tatze über das linke Auge fuhr, daß er um ein Haar des Auges Licht verloren hätte, da brüllte er kurz auf und schlug ihr mit der furchtbaren Kraft seiner Pranke das Rückgrat ein, daß sie tot war. Die Nacht über sann der Löwe mühselig nach. Bei Sonnenaufgang schmiß er den Leichnam den Berg hinunter und begann zu trauern, solange als es um ein Löwenliebchen üblich ist. Später heiratete er eine gesunde Löwin und hatte mit ihr zwei allerliebste Kinder. Jetzt mußte er noch fleißiger auf Nahrung ausgehen und mehr Vorrat schaffen, obwohl die Herden seltener geworden waren und noch besser bewacht wurden. Oft, wenn er erst beim hellen Sonnenscheine mit der Beute heimkehrte, todmüde oder gar wund, lehnte er es ab, sofort zu ruhen und sich pflegen zu lassen. Stundenlang durfte die Löwin ihm erzählen und die Löwenkinder ihn zausen. Dann kam das Gespräch wohl auch auf seine Vergangenheit und auf seinen Charakter. »Nein,« meinte dann die Löwin oft recht wohlwollend, »das muß dir der Neid lassen; schön bist du und tapfer und auch ziemlich stark für einen Löwen, von meinem Standpunkt. Ich bin eine einfache Frau. Natürlich, was man als Mädchen geträumt hat... aber wirklich, ich bin nicht unzufrieden. Gott, die Güte, die fehlt dir freilich.« Der Löwe, dessen Flanken noch vor Anstrengung flogen, und an dessen Mähne die Kinder zerrten, daß es schmerzte, sann wieder nach. Und weil ihm das schwer wurde und er also dazu die Augen schloß, bemerkte er gar nicht, wie listig und dankbar zugleich ihn die Löwin anblinzelte. Der große und der kleine Neid Der große Neid war ein gewaltiger Lehrer der Menschheit und der Erfinder der besten Dinge. Die Schifffahrt erfand er und den Ackerbau, die Götter und Häuser für Götter und Menschen, den Gebrauch des Feuers und die Künste. Nur das Brückenspannen vermochte er nicht zu erfinden. Da nahm der große Neid die Liebe zur Frau und wurde ein Brückenbauer und Brückenspanner. Der große Neid hatte einen Stiefbruder vom gleichen Vater, den kleinen Neid. Der lernte beim großen Bruder das Erfinden. Aber es gelang ihm nichts als ein wütender Sprengstoff. Da legte der kleine Neid Pulverminen unter die Brücken seines großen Bruders. Sancho Pansa Don Quichote, der edelste der Menschen, war gestorben, ein Märtyrer seines tapferen und guten Glaubens. Sancho Pansa aber, weil er klug und gemein war, blieb am Leben, und Sancho Pansa wurde der Erbe Don Quichotes. Als nun Don Quichote, der edelste der Menschen, begraben war, weinte um ihn Sancho Pansa eine ehrliche Träne; dann sann er nach in seinem dicken Schädel, wie er Nutzen ziehen könnte aus dem Erbe seines Herrn. Zuerst veranstaltete er eine Versteigerung, in welcher die Rüstungsstücke, die Lanze und der Helm des Ritters zu kaufen waren. Und weil sehr viele Leute lebten, welche zu dem Märtyrer Don Quichote als wie zu ihrem himmlischen Wohltäter aufblickten, so hatte Sancho Pansa aus den Gewandstücken einen guten Erlös. Das verleitete ihn freilich, eine ganze Handlung von alten Kleidern und altem Eisen aufzukaufen und all die Lumpen und die zerbrochenen Lanzen als echte Reliquien Don Quichotes von Zeit zu Zeit auszuwürfeln. Den glücklichen Gewinnern machte die Fälschung nichts. Denn sie schrieben den armen Habseligkeiten des edlen Ritters wunderbare Kräfte zu; das morsche Zeug aus dem Trödelgeschäft aber war um nichts weniger wirksam als die echten Waffen. Da Sancho Pansa nun sah, daß man seinen guten Herrn als wie einen Wundertäter verehrte, war er nicht dumm und gründete daraufhin eine große Heilanstalt in derselben Gebirgswüste und an derselben Stelle, wo der edle Don Quichote einst auf dem Kopf gestanden hatte. Er versandte lange Briefe an alle Kranken und Bresthaften Spaniens und versprach ihnen schnelle Genesung, wenn sie in seine Heilanstalt kämen nach der Wüste, fleißig beteten und Geld mitbrächten. Die Kraft der Heilung sei an den geweihten Boden gebunden, außerdem besitze er, der Direktor der Heilanstalt, noch die allerwirksamsten Reliquien: die vier Hufe des Rosinante. Nur die vier Hufeisen hätte er verkauft und sich mit Gold aufwiegen lassen. Die vier Hufe aber seien gut gegen Pest und Aussatz, gegen Fluß und die fallende Sucht, besonders aber gegen die übrigen Krankheiten. Durch solche Klugheit wurde Sancho Pansa dermaßen reich, daß er seiner geringen Herkunft vergaß. Er sprach von seinem edlen Ritter nicht mehr als wie von seinem Herrn, sondern mehr wie von seinem Dienstknecht. Er fing an, sich wie ein Fürst zu kleiden und trank zur Erinnerungsfeier an Don Quichote nur noch aus goldenen Bechern. Da ereignete es sich, daß ein schwarzer Handelsmann aus Afrika die Grabstätte Don Quichotes erwarb und dort eine noch viel größere Heilanstalt aufmachte. Und den Kranken aller Weltteile Genesung versprach durch den Zauber der Knochen Don Quichotes. Nun wurde Sancho Pansa wild, so dick er schon geworden war. Er gürtete sein Schlächtermesser, und es begann eine jahrelange Rauferei um das Grab Don Quichotes. Bei diesen Unruhen verloren sowohl Sancho Pansa als der schwarze Handelsmann aus Afrika viel von ihrem Vermögen. Da kamen beide eines Abends heimlich zusammen und trafen eine Verabredung. Die Rauferei sollte weitergehen, aber zu ihrem Nutzen. Auf jeder Seite des Grabes baute einer von ihnen ein Wirtshaus und verkaufte seinen rauflustigen Parteigenossen schlechte Getränke. Durch solche Klugheit wurde Sancho Pansa immer nur noch reicher und dicker. Er faßte den Entschluß, sich Spanien anzueignen. War er schon einmal Statthalter einer Insul gewesen, so hoffte er auch als König gut zu bestehen. Er warb mit seinem Golde Tausende von Knechten, welche runde Schädel hatten wie er, Esel regieren konnten wie er, und sich wie er auf das Braten von Gänsen verstanden. Da hatte er eine gute Wahl getroffen. Mit ihren runden Schädeln rannten sie die Leute mit den hohen Stirnen über den Haufen, die Esel regierten sie vortrefflich, und zum Braten gab ihnen Sancho seine Feinde. Durch solche Klugheit wurde er am Ende mächtiger als der König von Spanien. Bald nach diesen Erfolgen stellte es sich heraus, daß auch unter seinen Gefährten einige ehrliche Leute waren, die über seinem Triumph den edlen Don Quichote nicht vergessen hatten. Die rotteten sich zusammen und stellten eine neue Lehre auf. Don Quichote habe keinen runden Schädel gehabt, habe es geliebt, ein edles Roß zu regieren und habe seine Feinde nicht gebraten. Sancho Pansa überlegte nicht lange. Er trieb die Aufrührer aus seinem Reiche hinaus und machte seine Anschauung von den Schädeln, den Eseln und der Braterei zum Gesetz, bei Todesstrafe. Seitdem wurde in Spanien der Name Don Quichote kaum mehr genannt. Sancho Pansa geht jetzt mit dem Plane um, sich aus eigener Machtfülle zum Sohne des edlen Ritters zu ernennen und seine eigenen Sanchokleider, seine eigenen Sanchoknochen und die Hufe seines eigenen Esels für wundertätig zu erklären. Scherbenfrühling In der Schule hat Jette es gelernt, daß der Frühling begonnen habe. Und es ist wirklich Frühling geworden. Mutter klagt weniger, Vater flucht weniger, Jette friert nicht mehr. Aber sie hat in der Schule auch gelernt, daß der Frühling tausend Freuden bringe. Jette soll ihren ersten deutschen Aufsatz machen über die Freuden des Frühlings. Jette möchte darum den Frühling auch sehen. Eine Mitschülerin hat ihr drei Bohnen geschenkt. Auf dem Hofe, auf welchem sie nicht spielen darf, hat sie die Hälfte eines zerbrochenen Blumentopfes aufgelesen. In der großen Straße, wo Vater auf dem Bau ist, hat sie dem Portier eine Tüte voll Erde aus dem Vorgärtchen gestohlen. Sie hat die Bohnen eingesetzt und wartet auf den Frühling. Seit vierzehn Tagen begießt sie täglich fünfmal ihren Scherben und wartet. Sie friert nicht mehr, aber für die Bohnen ist es wohl noch zu kalt. Wenn sie ihre fünf Treppen hoch am Fenster steht und auf den Frühling wartet, dann sieht sie ein großes Stückchen Himmel, aber niemals die Sonne; die scheint nicht vom Norden, das hat Jette wieder in der Schule gelernt. Wie ein Schlot gehen die Hofwände herab bis zum Pflaster. Die Kinder fallen nicht hinunter, wenn sie vorsichtig sind. Sie sieht vom Fenster auf siebenzehn Schornsteine, zwei Wäscheböden, und gerade gegenüber wohnen hinter zwei Fenstern mit roten Vorhängen zwei Mädchen, wo immer was los ist. Bald wird da gelacht, bald geschimpft. Jette kommt wieder aus der Schule nach Hause. Sie geht ans Fenster und schreit auf. An drei Stellen kommt ein weißgrüner, gebogener Stengel aus der Erde. Sie kann vor Freude ihre Salzkartoffeln nicht essen, sie kann vor Freude nicht schlafen. Am nächsten Morgen sind die Keimblätter noch immer nicht aus der Erde heraus. Anstatt den Bibelvers zu lernen, den sie auf hat, zupft und zupft sie an dem kleinsten Stengel. Endlich bricht er ab und Jette läuft heulend zur Schule. Am nächsten Tage macht sie's gescheiter. Vorsichtig tut sie mit der Haarnadel die Erde beiseite vom zweiten Stengel, bis die Keimblätter frei sind. Dann zieht sie behutsam, leise die Bohne mit den kleinen Würzelein aus der Erde, betrachtet das Wunder und gräbt es wieder ein. Am Abend ist der zweite Stengel verwelkt. Nun aber wird die dritte Bohne gehegt und gepflegt. Kein Finger darf sie berühren. Nur anhauchen muß sie Jette, und oft und lange mit der hohlen Hand bedecken, damit sie schneller kommt. Die Bohne kommt und entfaltet schöne, große, grüne Blätter. Mutter ist nun zwar in der Charité und Vater ist exmittiert. Was tut das? Auf einem Karren schleppt Vater sein bißchen Kram drei Straßen weiter. Auf dem Karren sitzt Jette, ihren Scherben in der Hand und ihren Frühling. Die Wahrheit und die Schönheit Die Wahrheit und die Schönheit mußten über einen breiten Sumpf, um zu dem hohen Lichtberg zu gelangen, wo sie zu Hause waren. Sie beratschlagten lange, wie sie hinüberkommen sollten. Denn der Sumpf war angefüllt mit häßlichen und giftigen Geschöpfen. Zuerst wollte jede von beiden die Führung übernehmen. Endlich gab die Schönheit nach; denn sie liebte den Streit nicht. »Ich gehe also voran,« sagte da die Wahrheit, »du wirst es ganz bequem haben.« Und die Wahrheit faßte die Schönheit bei ihren langen goldweißen Haaren und schleppte sie durch den Sumpf hinter sich her. »Au,« sagte die Schönheit so laut, als es ihr möglich war. »Das tut weh! Und wie werden meine sauberen Röcke aussehen!« »Dein Schmerz ist außerhalb meiner Nerven,« sagte die Wahrheit, »also geht er mich nichts an. Aber allerdings würden so deine Kleider schmutzig und dein Haar zerrauft. Du wärst dann nicht mehr die Schönheit. Nein, so geht es nicht. Geh du lieber voran.« Nun versuchte es die Schönheit. Und weil es ihr zuwider war, die Gefährtin durch den Kot zu schleppen oder gar bei den Haaren zu ziehen, sollte die Wahrheit sich ihr auf die Schultern stellen. Das gefiel ihnen nicht lange. Denn schon beim dritten Schritt versank die Schönheit im Sumpfboden. Das Gewicht der Wahrheit war zu groß. Die Wahrheit fiel dabei mit dem Kopf ins Moor, und so sah man am Ende von der Schönheit nur die zerrauften goldweißen Haare, von der Wahrheit nur die zappelnden Beine und noch etwas. »So geht's auch nicht,« sagte die Schönheit. Beide wurden traurig und es war eine traurige Wahrheit und eine traurige Schönheit. Die Schönheit bürstete ihre Kleider, die Wahrheit wischte sich die Augen aus; und beide dachten nach. Der Wahrheit fiel nichts ein; denn sie glaubte zu sehr an sich. Die Schönheit aber rief plötzlich: »Ich hab's! Meine irdische Gestalt ist zu schwer für den Sumpf! Ich will in meiner himmlischen Gestalt hinüber!« Sie ließ ihre beschmutzten Gewänder zurück und wurde ein Irrlicht. Als ein wechselnder, flackernder, schöner bläulicher Schein schwebte sie über den Sumpf. »Das kann ich nicht nachmachen,« sagte die Wahrheit. »An mir ist alles wahr. Ich bin kein Irrlicht! Ich flackere nicht!« Aber je länger sie die spielende Schönheit betrachtete, desto durchsichtiger wurde ihre irdische Gestalt. Sie legte ihre Rüstung ab und es ergab sich, daß auch sie ein Irrlicht war, ein langsam wechselnder rötlicher Schein. Die beiden guten Irrlichter hüpften nun über den breiten Sumpf dem hohen Lichtberge zu. Wenn sich die beiden Irrlichter einmal vereinigen werden, so werden sie eine herrliche veilchenblaue Flammensäule bilden, hell genug, um den häßlichen und giftigen Geschöpfen des Sumpfes den Berg aus der Ferne zu zeigen. Das Schwein und die Taube Es war einmal ein dickes Schwein. Als es nicht mehr dicker werden konnte, beteiligte es sich an einer Konkurrenz und wurde preisgekrönt. Es erhielt einen Kranz um den Hals und fraß von jetzt ab nur noch zu seinem Vergnügen. Nun machte es sein Testament und vermachte dem Hofe nach seinem Tode seinen Schweinskopf und seine beiden Schinken. Dafür wurde es Hofschweinskopflieferant. Als das dicke Schwein also Titel und Würden hatte, wurde es hochmütig und beschloß bei sich, keine Sau zu heiraten, sondern eine weiße Taube. Es hatte seinen Schweinskopf noch auf dem Leibe und hatte darum noch seinen ganzen Schweineverstand. Es ging zu den Eltern der weißen Taube und sagte ihnen: »Seid ihr Hoflieferanten, ihr Gesindel? Ist eure Tochter preisgekrönt? Habt ihr Speck angesetzt? Habt ihr einen Stall? Ich bin alles und habe alles. Euch gebe ich alle Jahre einen Sack Erbsen. Euer ältester Sohn kann sich, so oft er will, Kartoffelschalen bei mir holen, und eure Nichte kann bei mir als Köchin eintreten. Dafür nehme ich die weiße Taube zur Frau.« Die Alten erbettelten noch für alle Frühjahr etwas junges Gemüse; dann willigten sie ein. So wurde die weiße Taube die Braut des reichen Hoflieferanten. Alle Tanten brachen erstaunt in den Ruf aus: »Wahrhaftig, hat die ein Schwein!« Als die weiße Taube sich aber an ihrem Hochzeitstage von der Base Köchin den Hals abschneiden ließ, da waren ihre Tanten und ihre Eltern verwundert und entrüstet. Der Hoflieferant versuchte es noch zweimal mit weißen Tauben. Sie ließen sich jedoch jedesmal am Hochzeitstage den Hals abschneiden. Da heiratete er endlich doch eine Sau und wurde mit ihr glücklich. Sonntags fuhren sie spazieren. Der Hof kostete noch vor dem Tode der Sau ihre Schinken, und das dicke Schwein starb als Armeelieferant. Der Diamant im Mörtel Einmal, ganz zu Anfang der Weltgeschichte, wurde für einen der alten Götzen ein steinernes Haus gebaut, eins von den Häusern, welche bestimmt waren, durch Jahrtausende zu stehen. Sklaven türmten Quadern auf Quadern und legten Mörtelschichten dazwischen. Das Haus war bestimmt, in seinem innersten Heiligtum die größte Kostbarkeit zu bergen, die der Götze besaß, einen Diamanten. Als das Haus der Vollendung nahe war, tat's ein boshafter junger Sklave: er stahl den Edelstein des Götzen, warf ihn in den Mörtel und rührte ihn ein mit Finger und Spatel. Und mit diesem Mörtel wurden die Wände des innersten Heiligtums gemauert. Der Götze barg ruhig lächelnd einen falschen Diamanten im Tempel und sagte seinen Priestern gar nicht, daß der echte im Mörtel stecke. Eine Kreuzspinne zieht ihre Fäden von Wand zu Wand des innersten Heiligtums. Und es ist geweissagt: Wenn die Kreuzspinne mit ihren Fäden die Quadermauern des Tempels zusammenreißen wird, dann wird auch der Diamant im Mörtel zum Vorschein kommen. Der Traum im Herbstwald Unter den rötlichen Kronen, zwischen grauen Buchenstämmen lag er auf Waldmoos, matt und selig und gedankenfrei. Sein Kopf ruhte auf dem Schoß der Geliebten. Seine Augen blickten auf ihr schönes Gesicht. Sie streichelte sein Haar und lächelte. Da schien ihm das Lächeln leer, und er schloß die Augen. Sie sagte: »Mein geliebtes Herz.« Da klang ihm ihre schöne Stimme hohl. Er schloß sein Gehör. Er schlief ein und träumte. Er war ein edles Pferd, schwarzmähnig und ungezäumt. Die Geliebte saß auf seinem Rücken rittlings und hatte zwei dicke Strähnen seiner schwarzen Mähne um ihre weißen Finger geschlungen und spornte ihm die Flanken blutig. Sie lachte und spornte ihn und schlug ihn mit der Gerte um die Augen und um die Ohren. Da wollte er sie abschütteln und konnte nicht. Sie war eins mit ihm, nie konnte er sich von ihr trennen. Da faßte er sich einen Mut und jagte den Felsen hinauf und sprang mit einem furchtbaren Satz vom Stein hinunter ins Meer. Er tauchte unter, und er war ein Delphin. Die Geliebte aber haftete an ihm als eine glänzende Schuppe. Die war mit Glasnägeln befestigt. Er schwamm zum Schwertfisch und bat ihn; der Schwertfisch sprengte die Schuppe von ihm los. Da saß die Geliebte auf einer Korallenbank am Meeresgrunde und hatte Korallen in den Haaren und Korallen um den Hals. Sie hielt eine Angel von Korall in ihrer Hand, daran hing eine Schnur aus schwarzen Pferdemähnenhaaren, und an der Schnur hing ein goldener Angelhaken mit einem lebendigen zuckenden Herzen. Der Delphin verschlang das Herz und fühlte den Angelhaken schrecklich sein Inneres zerreißen. Er wollte seinen Leib ausspeien, um sich zu befreien. Da lachte die Geliebte, und er fühlte, daß der Haken in seiner Seele saß. Und mit einem Jammerruf spie er seine Seele aus. Seine Seele aber flog bis an den Meeresspiegel und wurde dort ein blauer Schmetterling. Am Ufer im Sande saß seine Geliebte und hielt ein Netz von stählernen Spinnenfäden in der Rechten und eine Nadel in der Linken und lachte boshaft. Sie stand nicht auf und bewegte sich nicht, aber wo immer er ans Ufer flattern wollte, da saß sie und wartete mit dem Netz und der Nadel. Endlich wandte er sich und flatterte meerwärts, bis er kein Land mehr sah und in den Wellen ertrank. Als seine Seele ertrunken war, wachte er auf. Immer noch ruhte sein Kopf im Schöße der Geliebten, und er weinte bitterlich. Das Wachen im Herbstwald Er weinte nicht mehr. »Und wenn du Lüge bist, ich liebe dich doch! Und wenn du Gift bist, ich berausche mich doch!« Er wand sich heran bis zu ihrem Mund und umschlang ihren Leib. Sie duldete alles und blickte in die rötliche Krone und blickte hindurch zum Himmel, schickte Fragen hinauf und bekam keine Antwort. Er zwang ihren Kopf ins Moos und küßte sie immer wilder. Sie befreite ihren Mund und sagte: »Bist du wirklich außer dir? Bist du wirklich außer dir? Bist du wirklich bei mir? Bist du bei mir? Bist du ich? Lügst du nicht, so sag' mir nur eines! Jetzt! Jetzt ruf Du, ruf Du und denk' an mich, denk nicht an dich, sag' »Du!« und sei bei mir.« Er erdrückte sie und rief: »Ich bin so glücklich!« Sie stieß ihm ins Gesicht und sagte: »Du Schuft.« Die schöne Wahrheit und ihr hübsches Dienstmädchen Ein echter Prinz lief seinem Hofstaat davon. Er hatte von der schönen Wahrheit gehört, Wunderdinge, und kein anderes Weib wollte er freien. Viele Bilder der schönen Wahrheit hatte man ihm gezeigt, keins dem anderen ähnlich, doch alle gleich geeignet, seine Sehnsucht zu verstärken. Lange suchte er nach dem Lande der schönen Wahrheit. Endlich fand er einen ansehnlichen Berg, der stand mit den Füßen auf heißer Wüste, und sein Haupt bedeckte ein Gletscher. Tief im Gletscher, in einem Schneepalast, da sollte die Wahrheit wohnen. Er klingelte und ein hübsches Mädchen machte ihm auf. »Sind Sie die Wahrheit?« fragte er. »Ach nein,« antwortete sie kichernd und heftete auf ihn ein Paar ehrliche graue Augen. »Die ist unsichtbar. Ich bin ja bloß ihr armes Dienstmädchen, die Wahrhaftigkeit.« »So, so!« sagte der Freier. »Schade, daß ich ein Prinz bin. Aber bitte, mein hübsches Kind, melden Sie mich doch bei Ihrer Herrschaft.« »Ich sagte Ihnen ja schon, sie ist unsichtbar.« »Aber man hat mir doch Bilder der Wahrheit gezeigt? Zeigen Sie mir doch auch welche.« »Ich kenne die Wahrheit nicht,« sagte das Mädchen lächelnd. »Ich kann nicht lügen, ich kann sie nicht malen. Aber unten, der alte, weise Unmensch, der malt. Gehen Sie doch zu ihm.« Der Prinz ging zu dem alten Unmenschen und ließ sich neue Bilder der Wahrheit zeigen. Ein Gletscher, meilenbreit und himmelhoch, lag auf den Felsen. Starr die Felsen und tot der Gletscher. Da regte es sich im Steinkern des Felsens, und er wuchs. Es blühte in den Kristallen des Gletschers, und er begann zu wandern. Und der Gletscher und der Felsen führten Krieg miteinander. »Das ist die Wahrheit,« sagte der weise Unmensch. Ein Panther lauerte hinter einem Baume. Eine junge Antilope kam äsend heran. Der Panther maß die Entfernung zum Sprung. Er dachte an sein Weib, an seine Kinder und an den Ruhm. Dann kaufte er sich doppelte Kraft vom Tode, der hinter ihm stand, und sprang der Antilope auf den Nacken. »Das ist die Wahrheit,« sagte der weise Unmensch. Eine alte Frau saß am Spinnrocken und spann fleißig und lächelte. Nicht weit von ihr stand ein junges Weib am Herde, es war ihre Tochter. Sie tat Kartoffeln in den Topf. Sie war guter Dinge und hielt mit der freien Hand einen Säugling an die Brust. Der Säugling wollte wachsen wie ein Fels und blühen wie ein Kristall und wandern wie ein Gletscher und sich Kraft vom Tode kaufen, der hinter ihm stand. Denn Mutter und Großmutter hielt er schon für tot. »Das ist die Wahrheit,« sagte der weise Unmensch. Da kehrte der Prinz entsetzt in den Schneepalast der Wahrheit zurück. Im Vorhof traf er wieder das hübsche Dienstmädchen. »Na?« fragte die einfach. »Ich habe nur schreckliche Bilder der Wahrheit gesehen. Sie, mein Kind, sind hübscher.« »Und man sagt doch,« rief lachend das Mädchen, ..ich sehe der Wahrheit ähnlich. Wahrhaftig!« »Dann sollst du meine Frau werden,« rief der Prinz, »und nicht die unsichtbare Wahrheit.« Sie wurden glücklich miteinander, aber er starb jung. Draht und Peitsche Ein eifriger junger Missionar ging nach Afrika, um dort im dicksten Innern am Ufer des Rufizi in seinem Beruf tätig zu sein. Vor seiner Abreise besuchte er einen berühmten Afrikareisenden. Der wohnte seit zehn Jahren in der Berliner Friedrichstraße nicht weit vom afrikanischen Bahnhof, ganz bequem. Der Missionar hatte einen Frack angezogen und wurde freundlich empfangen. Er fragte dies und das, erhielt ordentliche Auskunft und machte sich kurze Notizen. Endlich sagte er noch: »Herr Doktor, in welcher Münze bezahle ich denn, was ich von den guten Schwarzen käuflich erstehe an Tand des irdischen Lebens?« »Mit der Peitsche, hochwürdigster Herr. Sie kaufen sich in Bremen eine Peitsche von Nilpferdleder. Ein Hieb ist etwa so viel wert wie ein Taler. Handelt es sich um Groschen, so brauchen Sie nur zu drohen.« »Ich danke, Herr Doktor. Und was für Götter haben denn die Schwarzen am Rufizi gern?« »Messingdraht, hochwürdiger Herr. Nehmen Sie ein paar Lasten Messingdraht mit. Daraus machen die Schwarzen des Rufizi sehr geschickt Armspangen, Ohrringe, Haarnadeln und andere Götter.« Der Missionar kaufte alles ein, wie ihm geraten worden, und reiste nach dem dicksten Afrika. Kurz bevor er dort anlangte, erkrankte er an einem heftigen Fieber, das ihn aber nicht umbrachte; denn er war ein frommer Missionar. Sein Gedächtnis nur wurde schlecht durch das Fieber, und so verwechselte er auch nach seiner Genesung die wichtigsten Dinge. Ja sogar das Geld und die Götter der Schwarzen verwechselte er miteinander. Am Ufer des Rufizi gab er den guten Schwarzen Messingdraht, wenn sie Bezahlung haben wollten, und Peitschenhiebe gab er für die Götter aus, die er mitgebracht hätte. Die Schwarzen waren glücklich über sein prächtiges Geld und waren zufrieden mit seinen Göttern. Götter waren schon früher Nilpferdleder gewesen. Darin schien der weiße Mann sich von den schwarzen Medizinmännern nicht zu unterscheiden. Und der vergeßliche Missionar kam in den Ruf, der gütigste weiße Mann im Innern Afrikas zu sein. Erst nach vielen Jahren, als der Missionar nach Hause zurückgekehrt war, bemerkte er seinen Irrtum. Aber er hatte in Afrika verlernt, sich zu entsetzen. Staatsprüfungen Ein Berliner Weinreisender klapperte seine Tour ab in einem fabelhaften Land, links vom Äquator. Er gab sich dort im Wirtshaus für den deutschen Gesandten aus. Aber er habe viele Fässer Kreuzberger Nordseite unausgetrunken liegen und wolle die edle Berliner Marke seinen neuen Freunden gern zum Selbstkostenpreise ablassen. Dazu schwadronierte er, daß es eine Art hatte. Der Gastwirt hatte den Auftrag, es bei Hofe zu melden, wenn Fremde von Distinktion bei ihm abstiegen. Und weil er ein Gastwirt war, hielt er den Weinreisenden für einen Fremden von Distinktion. Sofort kam auch der Fürst des fabelhaften Landes herbeigelaufen und setzte sich mit den anderen Honoratioren an der Wirtstafel um den Fremden herum. Denn der Ruf der großen deutschen Erfolge war auch bis zu ihnen gedrungen, und weil er der Fürst des fabelhaften Landes war, hätte er gern was gelernt. Er fragte viel nach Bismarck und dem heiligen Stephan, der durch wunderbare Tauben Ölzweige und andere Nachrichten im Lande herumtragen lasse; es durften auch die anderen Honoratioren sich satt fragen, nach den neuen Gewehren und dem Aussehen der Prinzessinnen. Der Weinreisende war nie um eine Antwort verlegen und verkaufte zwischendurch ganze Stückfässer des berühmten Kreuzberger Nordseite zum Selbstkostenpreise. Endlich sagte der Fürst: »Können Exzellenz mir auch die wichtigste Frage beantworten? Ich denke mir nämlich, daß bei einer so ungeheuren Verwaltung der Staat doch eine große Verantwortung auf sich lade. Er muß wohl an die hunderttausend entscheidende Männer anstellen als Ärzte, Richter, Trauungs- und Gerichtsvollzieher, Soldatenabrichter, Minister, Nachtwächter, Schutzleute und andere Lehrer. Wie kann nun der Staat bei so vielen Männern in wichtigen Stellungen wissen, ob der Beamte tauglich sei für sein Amt?« Denn der Fürst des fabelhaften Landes war ein gewissenhafter Monarch. »Majestäteken,« sagte der Berliner Weinreisende, »det is die einfachste Sache von der Welt. Wer sich zum Amt meldt, wird jeprüft. Wer durchfällt, jeht zur Opposition; wer die Prüfung besteht, wird berappt, det heißt, er kriegt Kies, det heißt, er bekommt ein Amt und Jeld.« »Ah,« machten alle Honoratioren, »das ist wirklich sehr einfach. Das müssen wir bei uns nachmachen.« Der Fürst aber schüttelte den Kopf und sagte: »Bequem mag das sein, Exzellenz, aber gerecht dürfte man die Einrichtung schwerlich nennen. Wer prüft denn die Prüfenden daraufhin, ob sie tauglich sind für ihr Amt? Das müßte eigentlich der Fürst des Landes tun. Der kann aber unmöglich ein Gelehrter in allen Fächern sein.« »Unmöglich,« nickte der Weinreisende. »Hebeammen werden ooch jeprüft.« »Exzellenz sehen das ein. Und dann, wenn auch alle Prüfenden tüchtige und gerechte Männer wären, sie müssen doch dem Genie und dem fleißigen Schwachkopf die gleiche Note geben; da wissen doch die Ansteller nachher nicht, wer zumeist gefördert werden sollte?« »So ist es, Majestäteken. Sie sind nich uf den Kopf gefallen.« »Und noch eins,« sagte der Fürst, »es müssen doch da Millionen Menschen sein, die sich zu gar keiner Prüfung melden können, weil sie zu arm sind, um die hohen Schulen zu besuchen. Und wer kann wissen, ob unter ihnen nicht die begabtesten Gehaltbezieher zu erziehen wären?« »Prost. Majestäteken!« »Exzellenz zum Beispiel sind Gesandter und Weinhändler, und haben davon ein sehr gutes Auskommen. Prosit, Exzellenz, lassen Sie mich aber ausreden. Wonach regelt sich das in Ihrem Lande, daß Exzellenz zum Beispiel so viel Wein trinken dürfen, als Sie mögen, und viele andere nie im Leben einen Tropfen Wein zu schmecken bekommen?« Der Reisende hatte schon zu viel getrunken. Lallend sagte er: »Sire, Sie sind ein Schlauberger. Als Jesandter und Weinreisender brauche ich wirklich keine Prüfung abzulegen. Det wird man jewöhnlich durch seine Geburt. Aber mit dem Trinken is det anders. Sire, geben Sie keine Trinkfreiheit. Aufs Trinken wird jeprüft. Wer die feinste Zunge bei uns hat, der kriegt die besten Weine. Wer die feinste Nase hat, raucht die besten Zigarren, und wer die Weiber am besten versteht, kriegt von Staats wegen den schönsten Harem einjericht.« Der Fürst sprang auf und rief: »Gott segne die Trunkenheit Ihrer Exzellenz, daß Sie mir das große Geheimnis verraten haben. Ja, das ist ein herrlicher Gedanke, und den will ich auch in meinem Lande zur Tat werden lassen.« Der Fürst ging rasch ans Werk. Arbeiten mußten alle Bürger des fabelhaften Landes ohnehin; und da für alle Tätigkeiten ein mittlerer Verstand genügte, so führte der Fürst gar keine Beamtenprüfungen ein. Wohl aber ließ er alle seine Untertanen und sich selbst auf die Genußfähigkeit prüfen, und unerbittlich wurden von da an die Naturalgüter der Erde nach der Fähigkeit verteilt, ihrer froh zu werden. Vielen Grafen wurden ihre Gärten und Schlösser abgenommen, nur ihre Pferde, Hunde und Viehmägde wurden ihnen gelassen. Viele Bankiers mußten ihre Bildergalerien und ihre Köche hergeben und bekamen dafür Spielkarten, so viel sie haben wollten. Junge Arbeiter erhielten plötzlich der eine eine junge Komtesse, der andere einen Weinkeller, der dritte die erlesensten Zigarren, und ein armer Steinklopferssohn sogar eine Bildergalerie, die er erst zwei Jahre später sehen lernte. Es war ein furchtbares Durcheinander. Ein armer Graf, der zu seinem angestammten Besitz noch eine herrliche Waffensammlung und eine große Bibliothek hinzubekam, und ein Finanzmann, dem der Staat zwei Pariser Köche bezahlte und außerdem ein großes Palmenhaus mit den seltensten Pflanzen, wurden mit den Fingern gezeigt. Dafür nahm der Staat unzähligen Bauern auch noch das bißchen Wäsche aus den Truhen ihrer Frauen fort und ließ sie auf faulem Stroh schlafen. Die Kirchenplätze wurden an alte Frauen vom Lande verteilt. Am deutlichsten konnte man den Umsturz in den Schauspielhäusern beobachten. Da behielten nur wenige Abonnenten ihre guten Sitze. Junge Leute, die noch vor kurzem zweifelhafte Hemdkragen gezeigt hatten, jetzt aber freilich in Batist einhergingen, saßen in den Proszeniumslogen. Junge Mädchen mit den üppigsten Rosen im Haar lauschten im Parterre des Opernhauses. Und wenn diese Zuhörer die Augen schlossen, so taten sie es nicht, weil sie schliefen. Gar viele Bürger des fabelhaften Landes wanderten aus. Früher, als das Urteil noch bei den Gastwirten war, hatten sie für Leute von Distinktion gegolten. Die Schöpfung des Menschen Der liebe Gott war schon am Vormittag des sechsten Tages mit der Schöpfung jeder Art von Vieh und Gewürm auf Erden fertig geworden. Nur den Rest des Tages wollte er zum Ruhen benützen. Wäre er nicht gestört worden, so hätte die Woche nur sechs Tage gehabt, und vieles wäre anders. Kaum aber war er eingeschlafen, da erschien der böse Feind im Paradiese, der setzte die Keime von zwei neuen Wesen hinein: den Keim des Denkens und den Keim der Todesfurcht. Die beiden Keime hatten nur eben den Boden berührt und das erste Würzlein wie einen Fühlfaden auszustrecken begonnen, da entfloh entsetzt alles Getier und die Erde bebte. Darüber erwachte der liebe Gott. Er besah den Schaden und runzelte die Stirn. Die Keime vernichten, wie die guten Engel rieten, das konnte selbst seine Allmacht nicht. Wie sollte er aber das Denken und die Todesfurcht bändigen, daß seine Schöpfung nicht daran zugrunde ging? Was waren das für furchtbare Wesen! Das Denken, das ewig unfruchtbar und ewig begehrend, immer warum fragte und nie die Antwort erhielt! Die Todesfurcht, die Gewißheit des Endes, die die starke Erde selber beben machte und sie langsamer rollen ließ in der verzweifelten Aussicht auf den Tod! Das konnte kein Vieh aushalten. Da schuf der liebe Gott den Menschen, tüchtig dazu, die Keime des Denkens und der Todesfurcht auszuhalten. Und so schwer war die Arbeit, daß der liebe Gott den ganzen siebenten Tag ruhen mußte. Seitdem flieht alles richtige Getier vor dem blassen Menschen. Nur die zahmen Geschöpfe, die mit ihm gemeinsam wohnen in Haus und Hof, haben sich an sein Denken gewöhnt und an seine Todesfurcht, und sie selbst zittern vor ihm und vor dem Schlachtbeil. Die Sonne als Malerin Die Sonne kam zu ihrem Schöpfer und beschwerte sich über die Menschen. »Immer ruchloser wird das Gesindel,« sagte sie verächtlich. »Des Nachts zünden sie künstliche Glühwürmer an und nennen sie ihre Sonnenbrenner, und des Tages sperren sie meine Strahlen in einen dunklen Kasten ein und zwingen sie, Bildnisse zu machen von ihren Frauen, Kindern und Schwiegermüttern.« »So geh doch nicht mehr auf,« sagte spöttisch der Schöpfer. »Das kann ich nicht!« rief die Sonne. »Ich bin ja die Sonne und muß scheinen. Nur rächen möchte ich mich an meinen Strahlendieben, die mich dazu verurteilen, ihre Lichtbilder zu machen.« »So räche dich. Mach sie ähnlich.« Die drei Papageien Als der römische Kaiserstaat vernichtet wurde, blieb von der ganzen lateinischen Herrlichkeit nichts übrig als marmorne Frauenzimmer ohne Arme, Badewannen ohne Wasser und Hofämter ohne Gehalt. Die alten Römer sahen ein, daß man sich begraben lassen müsse. Sie ließen sich also begraben und nahmen mit sich, was ihnen die Eroberer gelassen: Ahnenbilder, Ahnenasche, Tränenkrüglein, ihre eigenen Knochen und die lateinische Sprache, nichts Wertvolles. Die deutschen Eroberer aber tranken auf dem Grabe Roms einen lustigen Trauersalamander. Denn sie glaubten, es wäre vorbei damit. Ein gutmütiger Häuptling von der Donau aber ließ sich verleiten, dreien Papageien das Leben zu lassen, trotzdem sie lateinisch sprachen. So ein Papagei, dachte er. Und er schickte die drei Papageien in einem goldenen Käfig seinen Kindern an der Donau. Bald darauf fiel diesem Häuptling eine Friedensstatue vom Grabmal des Hadrian auf den Kopf, und so blieb er in Italien. Die Kinder glaubten das Andenken ihres Vaters nicht besser ehren zu können, als durch sorgsame Pflege seines letzten Geschenks. Jeder der drei Papageien erhielt einen besonderen heiligen Hain zur Wohnung, und weil die Papageien unverständliche lateinische Worte hersagten, hielt man sie nach einigen Jahren schon für göttliche Wesen und für Propheten. Der erste Papagei war goldgelb und sagte immer nur die Worte: Suum cuique , das ist zu deutsch: Du hast recht, er muß bezahlen. Und die guten Leute an der Donau gewöhnten sich daran, das Orakel dieses Papageien zu fordern, sobald sie nur den ersten besten armen Teufel von Schuldner zum Zahlen zwingen wollten. Von diesem Kultus lebten schon nach hundert Jahren unzählige Tempelwächter des goldgelben Papageien mit ihrer Familie und mit ihren Sippen. Der zweite Papagei war pechrabenschwarz und sagte immer nur die Worte: Medicina non sanat , das ist zu deutsch: Du bist krank und wirst sterben, wenn du nicht gesund wirst. Und die guten Leute an der Donau gewöhnten sich daran, jedesmal das Orakel des pechrabenschwarzen Papageien einzufordern, kurz bevor sie starben. Von diesem Kultus lebten mit ihren Kindern und ihren Sippen unzählige Tempelwächter des schwarzen Papageien. Der dritte Papagei war blutrot und sagte immer nur die Worte: Te Deum laudamus . Es ist schwer zu sagen, was das auf deutsch heißt. Die Kinder des Häuptlings stritten oft darüber, ob es bedeute: Wir haben viele Feinde erschlagen! oder: Es brennt. Jedenfalls gewöhnten sich die Leute an der Donau daran, das Orakel des blutroten Papageien jedesmal anzurufen, wenn ihnen was fehlte. Da ihnen täglich etwas fehlte, so forderten sie das Orakel täglich, und Scharen von Tempelwächtern des blutroten Papageien, zahlreich wie Heuschreckenschwärme, lebten von diesem Kultus, und diese Tempelwächter gaben ihren Sippen und ihren zahlreichen Kindern nicht einmal etwas ab. Als die Dinge soweit gediehen waren, kam ein neuer Geist über das Volk an der Donau, und es verlangte die lateinischen Orakel auch zu verstehen. Die Tempelwächter wenigstens sollten alle Lateinisch lernen. Das war schwer, denn die Sprache war tot. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Man ließ in Italien einige verstorbene alte Römer ausgraben und munterte sie soweit auf, daß sie den Unterricht in den Anfangsgründen übernehmen konnten. Dann verbrannte man ihre schäbigen Reste. Die Tempelwächter aber erbauten aus den Anfangsgründen ein sehr schönes und schwieriges System einer kalten Sprache und machten es zum Gesetz, daß sie doppelte Sporteln bekamen, wenn sie lateinische Orakel gaben, und daß sie ohne Sporteln überhaupt nicht redeten. Mißtrauische Menschen aber wollen wissen, daß die drei römischen Papageien längst tot sind, und daß die Tempelwächter heimlich eine Zuchtanstalt für lateinische Papageien in ihren Hainen eingerichtet haben. Sonst wäre es ja auch für die Tempelwächter an der Zeit gewesen, sich begraben zu lassen, damals, zugleich mit den toten Worten der heiligen Papageien. Die heilige Mehrheit Die Männer im Mond haben Fernrohre anstatt Augen im Kopf. Sie kommen so auf die Welt. Sie können darum das Nächste nicht immer unterscheiden, sind aber sehr weitsichtig. Eines Tages sahen die Männer im Mond, daß auf der halben Erde wieder einmal illuminiert wurde. Dörfer und Städte brannten, und Blut floß in Strömen. So war die Erde festlich rot bei Tag und bei Nacht. Die Männer im Mond schickten eine Gesandtschaft ab, welche ihnen die netteste Errungenschaft der Erdenbewohner ausspähen und mitteilen sollte. Denn auf dem Monde wußte man aus Erfahrung: wenn man auf der Erde illuminierte, so hatte wieder einmal eine große Revolution gesiegt, und die kurzsichtigen Erdenmenschen waren um eine weltbeglückende Weisheitslehre reicher geworden. Nach acht Tagen schon kam die Gesandtschaft mit Freudensprüngen zurück. Die Erdenmenschen hatten wirklich etwas Funkelnagelneues erfunden, eine neue Gottheit: die heilige Mehrheit. Nun konnte es nicht mehr fehlen. Die neue Gottheit war gar nicht stolz und auch nicht selten; sie war so gemein, daß sie sich überall einführen ließ. Wer aber die heilige Mehrheit hatte, der hatte auf seiner Seite die Weisheit und die Kraft, die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Und es war doch bis dahin noch nicht vorgekommen, daß die Weisheit und die Kraft auf derselben Seite gestanden hätten, oder gar die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Die Männer im Mond beschlossen einstimmig, die heilige Mehrheit zu verehren; und sie ahnten gar nicht, daß dieser Beschluß selbst bereits von der neuen Gottheit eingegeben war. Es war von nichts mehr die Rede als von der Mehrheit. Von der heiligen Mehrheit erwartete man Beseitigung aller mondlichen Übelstände: Vergrößerung der Oberfläche, Verbesserung der Atmosphäre und Änderung der Umlaufszeit. Man ließ die heilige Mehrheit leben und feierte Feste ein ganzes Mondjahr lang, was auf der Erde so viel wie ein Monat ist. Zu Ehren der heiligen Mehrheit wurden Reden gehalten, Kinder verbrannt, Kraterweine getrunken und Meteore abgefeuert. Der Jubel war grenzenlos. Als der Jubelmonat um war, traten die ältesten Männer im Mond zusammen zur Untersuchung der Frage, was die heilige Mehrheit eigentlich sei. Denn die drei Abgesandten hatten sich beeilt, zurückzukommen, und nur den neuen Gott verkündet, sich aber über das Wesen nicht geeinigt. Der erste Abgesandte war der Meinung, die heilige Mehrheit sei der gefrorene Regen, der zur Winterszeit auf die Erde niederfalle und Berg und Tal, Haus und Feld mit einem gleichmäßigen farbenlosen Leichentuch bedecke. Die Erklärung gefiel den Männern im Mond anfangs, denn sie deutete ihnen endlich die rätselhafte Erscheinung, die man auf der Erde beobachtete. Da aber auf dem Monde weder ein nasser noch ein gefrorener Regen niederfiel, so hätte man von dieser Gottheit keinen Vorteil gehabt. Die Männer im Mond stimmten ab, und das Dogma des ersten Abgesandten wurde mit allen gegen seine einzige Summe abgelehnt. Der zweite Abgesandte wußte es besser. Die heilige Mehrheit war ein großer Wirbelwind, der von Zeit zu Zeit nicht nur Sand und Staub, sondern auch schwere Steine emporhob und, mit rasender Schnelligkeit dahinjagend, stolze Bäume umwarf und die Paläste der Erde gleich machte. Das schien das Richtige zu sein. Und weil das bißchen Atmosphäre auf dem Monde für starke Winde nicht genügte, so wurde das ganze Volk aufgeboten und mußte aus Leibeskräften blasen von beiden Seiten. Viele von den schwächeren Männern platzten dabei; aber ein rechter Wirbelwind kam nicht zustande, und so kehrten die Ältesten in den Versammlungssaal zurück, um den dritten Abgesandten zu hören. Der war klüger gewesen als die beiden anderen und hatte ein Bild der neuen Gottheit gleich in der Tasche mitgebracht. Es war ein Driesel, das heißt eine Art Würfel zum Spielen. Die Ziffern von eins bis sechs standen um eine Achse herum, man drehte den Driesel, und wenn er nach einer Weile niederfiel, lag immer eine Ziffer oben. Das war das Orakel der neuen Gottheit. Sie selbst aber, die Mehrheit, war ein Bleiklumpen im Innern des Driesels, den konnte man beliebig verstellen, und wo der Bleiklumpen lag, da fiel der Driesel schließlich hin. Die heilige Mehrheit war nach den Mitteilungen des dritten Abgesandten ein falscher Würfel. Jetzt überschlugen sich die Männer im Mond vor Freude. Einstimmig wurde beschlossen, einen ausgebrannten Vulkan mit dem letzten Kohlenvorrat neu anzuheizen und tausend Kinder hineinzuwerfen. Der falsche Driesel wurde ebenso einstimmig zur alleinigen Gottheit der Männer im Mond gewählt. Bei jeder wichtigen Frage wurde er getrudelt, und nach der Aussage der oberen Ziffer wurde gehandelt. Es ging den Männern im Mond vortrefflich bei dem Orakel der neuen Gottheit. Der heilige Driesel verkündete ausnahmslos die Wahrheit. Wirklich und wahrhaftig. Die Männer im Mond haben bis heute nicht erfahren, wie das kam. Nicht oben, unten lag ja der Bleiklumpen, die neue Gottheit! Unten lag das Orakel der heiligen Mehrheit! Die untere Ziffer galt! Und sie hatten immer die obere für die Wahrheit gehalten, hatten immer das Gegenteil getan vom Orakel der heiligen Mehrheit. Der Pantoffel des Propheten Mohammed war tot und die Gläubigen suchten einen Nachfolger des Propheten. Es fand sich ein Mann, der behauptete, er hätte des Propheten Kopf geerbt und wüßte alle seine Gedanken, mehr noch, als im Koran ständen. »Das wollen wir nicht wissen!« riefen die Gläubigen. Und sie schlugen ihm den Kopf ab, der die Gedanken des Propheten enthielt. Es fand sich ein anderer Mann, der hatte die Lieblingsfrau des Propheten geerbt und seine Leibbinde, und er wußte viel zu erzählen von Mohammeds häuslichem Leben, von seiner Gemütsart und von seinen losen Streichen. Die Gläubigen hörten aufmerksam zu. Dann aber schlugen sie dem Erzähler den Kopf ab, verbrannten die Leibbinde und verschlossen die Lieblingsfrau des Propheten in eine Moschee. Dort mußte sie schweigen. Es fand sich ein dritter Mann. Der hatte die Pantoffel des Propheten geerbt und schrieb über die Pantoffel des Propheten dreihundertundachtundachtzig Bände. Da forschten die Gläubigen, ob er nicht auch etwas vom Kopfe des Propheten geerbt hätte. Er besaß aber gar keinen Kopf. Da forschten sie, ob er nicht heimlich mit einer Witwe des Propheten verkehrte. Er aber kannte gar keine Frau und trug keine Leibbinde. Er hatte nur Füße und die steckten in den Pantoffeln des Propheten. Da wählten die Gläubigen ihn zum Nachfolger Mohammeds. Havana Ein spanischer Lord fuhr mit seinem Lustdampfer auf hoher See. Weib und Kinder hatte er an der Küste zurückgelassen, seine Lieblingssklavin nur hatte er mitgenommen, die sechzehnjährige braune Havana. Ihre Lippen waren rot und rosenfarben die Knospen ihrer Brüste. Schwarz lachten die Augen aus den weißen Augäpfeln, und weiß war das wirre lockige Haar. Nicht weiß wie das Haar eines Greises, nicht weiß wie der Schnee, weiß wie Mondlicht im Traum. Eines Mittags ging der spanische Lord hinunter in den Maschinenraum und bewunderte den Verstand, der die Maschine erdacht hatte. Dann faßte er die große Eisenwelle und zerbrach sie. Er ging auf Deck und sagte dem Steuermann seine Befehle. Er setzte sich im Speisesaal nieder und ließ auftragen. Er genoß die seltenen Speisen, bis er satt war. Dann warf er den Koch und die Küchenjungen ins Meer und nickte, als die Haifische sie verschlangen. Die Matrosen murrten, weil die Dampfmaschine nicht mehr für sie arbeiten konnte, und auch wegen der Köche. Da warf der spanische Lord auch die Matrosen ins Meer und rief die schwarze Kaffeesiederin um eine Schale Mokka. Er fand das Gebräu stark und heiß und süß und stieß die Schwarze über Bord. Der Steuermann trat auf ihn zu und sagte: »Herr, wie sollen wir weiter segeln? Die Eisenwelle hast du zerbrochen und die Matrosen ins Meer geworfen. Ich allein kann das Schiff nicht halten gegen Wind und Wellen.« Der spanische Lord lächelte und sprach: »Gegen Wind und Wellen brauchen wir Kräfte, brauchen wir Hilfe, brauchen wir Freunde. Ich aber habe beschlossen, mit dem Strom zu fahren. Allein.« Und er hob den Steuermann an dem bunten Gürtel seines Gewandes, schwang ihn dreimal in der Luft und warf ihn weit über Bord ins Meer, weit über den Meeresstrom hinaus. Das Schiff aber trieb in dem Strome über den Ozean hin nach der Seite, wo es bergab geht und woher kein Schiff zurückkommen kann. Der spanische Lord lag auf seinem Diwan; da kroch Havana zu ihm heran, leise, wie eine Schlange. Sie war splitternackt bis auf ein Räuchlein, das sie umgehängt hatte. Wie eine Schlange kroch sie über ihren Herrn hin, bis die Knospen ihrer Brust seine Hand berührten und dann ihre Lippen seinen Mund. Sie küßte ihn lange und innig, bis er die Augen schloß. Dann kicherte sie und fragte: »Willst du mich auch über Bord werfen?« Der spanische Lord blinzelte kraftlos: »Spiel mir was vor!« sagte er endlich leise. »Komödie.« Havana kroch in ihr Räuchlein zurück, und dann saß eine stumme Sphinx vor dem Diwan, eine Sphinx mit Kinderaugen, Mutterbrüsten und Löwentatzen. Das Räuchlein zog blaue Ringe um das Untier, immer enger und enger, bis es verschwand, und dann verzog sich das Räuchlein, und ein Weißer Engel kniete vor dem Diwan, sang ein himmlisches Lied und bewegte lautlos die veilchenblauen Flügel auf und nieder. Das Räuchlein umhüllte den Engel und verzog sich, und vor dem Diwan saß ein gelber Inder, deß grauer Bart reichte bis zum Nabel, und der Inder blickte mit beiden Augen an der Nasenspitze vorüber fest auf den Nabel und dachte und suchte ein Wort für sein Denken. Und das Räuchlein sank und stieg, und Havana schmiegte sich wieder an den Herrn. »Sind das all deine Gestalten und Namen?« fragte der spanische Lord verächtlich. Havana setzte sich aufrecht auf den Diwan, zog mit der Hand das linke Bein über das rechte Knie, blies kleine Rauchringelchen über ihre feinen braunen Schultern fort und sagte nach einer Weile: »Da hab' ich mich jüngst von einem Gymnasiasten abküssen lassen. Der dumme Junge nannte mich Lethe. Aber mir ist immer, als ob ich schon einmal ebenso genannt worden wäre, auch von Gymnasiasten.« Und Havana schlug ihr Räuchlein wie einen Mantel um den spanischen Lord, und er kuschelte sich an ihren Busen. Das Schiff jedoch war im Strom unter eine ungeheure schwarzrote Wölbung gelangt, wo es bergab ging. Und es verschwand mit dem spanischen Lord und seiner Havana in der Finsternis der schwarzroten Wölbung. Das Kamel Das Kamel beneidete das edle Pferd um seinen Adel, um seine Kraft und um seine Schönheit. Und auf Betreiben des Kamels kam man überein, daß das Pferd mit hundert Hunden um die Wette laufen sollte. »Hundert oder einer!« rief das Pferd in seinem Übermut. »Das gilt mir gleich! Sie laufen alle zusammen nicht schneller als der einzelne!« Denn es dachte, die hundert Hunde würden im Haufen rennen. Aber das alte schlaue Kamel hatte es anders geordnet. Immer nur ein Hund lief neben dem Pferde. Eine halbe Meile weiter stand ein Futtertrog; dort ruhte der Hund vom Rennen aus, und ein frischer Hund, der gut gefressen hatte, nahm den Wettlauf für die nächste halbe Meile auf. Dort stand wieder ein Futtertrog und ein unerschöpfter Hund. Das Pferd wieherte laut vor Zorn, als es den Betrug merkte. Aber stolz setzte es seinen Lauf fort und hoffte lange Zeit, daß es mit allen hundert Hunden fertig werden könnte. Endlich aber ließen die Kräfte nach. Das edle Pferd erzitterte, als der drittletzte Hund es anbellte; es wehrte sich nicht, als der vorletzte es in die Flanke biß; und auf der letzten halben Meile brach es blutend zusammen. So wurde zur Freude des Kamels das edle Pferd vom letzten Hund besiegt. Der Dichter und die Muse Es war einmal einer, der hieß Voltz, und alle seine Schulkameraden waren übereingekommen, er sei ein Dichter. Er war wohl wirklich so was, denn er machte sich nichts daraus. Er lebte seinen Tag dahin und hatte Einfälle, und am nächsten Tage waren sie wieder dahin wie ein Regenbogen von gestern. Er hatte nämlich nicht schreiben gelernt. Eines Tages merkte er, daß er alt würde, denn er hatte keine Einfälle mehr. Da bekam er Lust zu schreiben. Er fragte einen uralten Dichter um Rat, einen Greis, dem der Lorbeer im Laufe der Zeit ins Gehirn hineingewachsen war und ihm so den Kopf ausfüllte. »Ich möchte schreiben,« sagte Voltz, »denn ich habe keine Einfälle mehr. Zum Lernen aber bin ich schon zu alt. Was fang ich an?« Der Greis kratzte sich zwischen seinen Lorbeerblättern und sprach: »Gehn Sie zu einer Muse. Das sind famose Frauenzimmer. Gute Schreiblehrerinnen. Und wenn man erst schreiben kann, dann diktieren sie gern.« »Das wär' was für mich,« sagte Voltz, denn er hatte ja keine Einfälle mehr. Er stellte sich also auf den Kopf und befand sich im Lande der Musen. Ganz ordentlich bewarb er sich um die Hand einer Muse und verlobte sich mit ihr. Sie waren Bräutigam und Braut und sehr glücklich, und er wartete darauf, daß sie ihn das Schreiben lehrte. Sie aber war sehr verliebt in den Dichter Voltz und verlangte von ihm gerade hübsche Einfälle. Daraus sollte er Reime machen auf ihre Augen, auf ihre Haare und ihre Fingerspitzen. Er gab sich große Mühe, und es ging auch halbwege. Wenn sie ihn mit ihren Augen durch und durch sah, wenn sie ihr schwarzes Haar hinunterfließen ließ und ihn mit ihren Fingerspitzen bei den Ohrläppchen zupfte, so fielen ihm oft kleine hübsche Reime ein, so daß er sich dann und wann wieder etwas jünger fühlte. Die kleinen Reime aufschreiben aber lehrte sie ihn nicht. Die seien ihr Eigentum, ihr Brautgeschenk. Was sie ihn lehrte, war aber, Blumen für sie zusammenzustellen, so daß sie und die Blumen sich reimten. Das war sehr schwer, aber ganz und gar nicht schreibsam. Wieder fragte er den uralten Dichtergreis um Rat. Der kratzte sich den Lorbeer und sagte: »Sie sind wirklich noch jung. In die Muse darf man sich nicht verlieben, die muß man solide heiraten.« Da machte der Dichter Voltz nur: Ach! und folgte dem Rat. Er stellte sich und die Muse wieder auf die Füße und heiratete sie. Der Standesbeamte nämlich verlangte von beiden eine passende Stellung. Vor der Tür des Standesamtes war auch eine Papierhandlung. »Endlich sind wir Mann und Weib,« sagte Voltz. »Wie wär's, wenn wir gleich mit dem Unternehmen anfingen?« »Ach ja,« sagte die Muse. »Aber du mußt die Sache auch ernst nehmen und fleißig sein. Und wie du wieder den Schlips sitzen hast.« Sie rückte ihm den Schlips zurecht und begann den Schreibunterricht. Als er schreiben konnte, war er vergnügt und rief: »Nun kann's losgehen, nun will ich schreiben, was du mir vorsagst.« Die Muse sann nach, während sie drei Paar weiße Handschuhe in Benzin auswusch; dann diktierte sie ihm siebenunddreißig Einladungen zu einem Fest. Immer wieder: Dichter Voltz und Frau geben sich die Ehre, und so weiter. Voltz war sehr vergnügt, so leicht hatte er sich die Sache doch nicht gedacht. Dann brachte seine Frau hundert alte Bücher angeschleppt und befahl ihm, sie abzuschreiben. Alles durcheinander, da eine Seite und dort eine Seite. Je wirrer, desto besser. Und je schneller, desto besser. Schnelle Abschriften würden mit Gold bezahlt, und das junge Paar brauchte Gold. Nach vierundzwanzig Stunden schon besaß Voltz eine große Fertigkeit im schnellen und wirren Abschreiben. Die Finger taten ihm zwar weh, aber der Kopf schmerzte nicht ein bißchen. Seine Frau hatte nun Gold und kaufte dafür Rehrücken, Salat und Schlagsahne, ein Seidenkleid und Teekonfekt, für ihren Mann eine neue Kneiferschnur. Sie gaben ein sehr gelungenes Fest, und Voltz sprach einen ganz gereimten Toast auf die Damen. Den hatte ihm die Frau mittags nach dem Abschreiben diktiert. Seit diesem Tage sprach man von Voltz nicht mehr als von einem jungen Talente, was ihn immer geärgert hatte. Man nannte ihn »unseren Voltz«, »einen unserer ersten Schriftsteller«, lobte an ihm die entzückende Formgewandtheit und die erstaunliche Produktivität. Du und ich Das Feuer war gelöscht, die geretteten Möbel lagen und standen auf der Straße umher, und an der geborstenen Wand lehnte ein mächtig hoher Spiegel in vergoldetem Rahmen. Ein Affe kam des Weges und stellte sich vor dem Spiegel auf. Er grinste vor Wut und Zorn und Neid, da er sein Ebenbild sah. Wie jung und kräftig dieser Affe aussieht, dachte er, und wie elend und abgestanden ich schon bin. Er hat ein glattes Fell, und mir fangen die Haare an auszugehen. Er sieht so satt aus und ich werde in drei Stunden wieder Hunger haben. Und dabei muß ich mich hier auf der öffentlichen Straße herumtreiben, er aber macht sich breit in einem goldenen Rahmen. Schon wollte der Affe gegen sein beneidetes Spiegelbild losgehen, da bemerkte er blitzschnell, daß sich vom rauchgeschwärzten Dachgesims ein schweres Stück losgelöst hatte und gerade über seinem Ebenbilde niederfiel. Er sah das alles im Spiegel. »Wohl bekomm's,« dachte er, »jetzt komm' ich an die Reihe.« Und tödlich getroffen stürzte er selbst zusammen. Der Gummiwarenfabrikant Er war ein alter Gummiwarenfabrikant und hatte eine schöne Frau und einen jungen Zeichner. Der junge Zeichner fertigte Modelle an für Gummihunde, Gummielefanten und Gummiaffen, und die schöne Frau gebar einen schönen Sohn. Da war der Gummiwarenfabrikant von Herzen froh und beschloß, seinem Erben eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen, damit er dereinst die Gummifabrik zu großer Blüte bringen und die Konkurrenz vernichten könnte. Glücklicherweise zeigte der Sohn, er wurde Alf genannt, auch noch Talent zum Zeichnen und Malen. Das wurde ausgebildet, denn der Gummiwarenfabrikant wollte dereinst den Zeichner entlassen, weil der immer frecher und anspruchsvoller wurde. Auch redeten die Leute mancherlei. Alf war ein geweckter Junge, aber er nahm lieber Vogelnester aus, als daß er Lesen und Schreiben lernte; da prügelte ihn der Gummiwarenfabrikant mit der Rute so lange, bis Alf regelmäßig zur Schule ging. Alf hatte keine Freude an den lateinischen und griechischen Vokabeln, der Gummiwarenfabrikant schlug ihn so lange mit dem Stocke, bis Alf der Erste in der Klasse war. Als Alf mit der Schule fertig war, wollte er ein Maler werden; der Gummiwarenfabrikant gab ihm aber keinen Pfennig und blieb dabei, ihn verhungern zu lassen, wenn Alf etwas anderes malte als Hunde, Affen und Elefanten für die Gummifabrik. Alf mochte noch nicht verhungern und trat in die Dienste des Vaters. Zur Belohnung wollte der Vater sein Glück und verlobte ihn mit der Tochter einer großen Schäftefabrik. Alf war aber schon fünfundzwanzig Jahre alt und fürchtete sich nicht mehr vor dem Verhungern. Er verließ das väterliche Haus und wurde nacheinander ein Lump, ein Bettler und ein berühmter Maler. Als er ein Lump war, hatte er Freunde. Als er ein Bettler wurde, nahm sich der ehemalige Zeichner des Vaters seiner an. Als er aber berühmt geworden war, da verzieh ihm sein Vater und stellte in einem besonderen Saale der Gummifabrik Alfs Hunde, Affen und Elefanten aus. Jetzt ist der Gummiwarenfabrikant schon lange tot, auch die Frau und der Zeichner sind längst gestorben, und der berühmte Maler Alf lebt auch nicht mehr. Nach Alfs Tode wurden viele Bücher über ihn geschrieben. Der gelehrteste Alfkenner aber bereitet eben ein besonderes Werk vor über Alfs Vater, den Gummiwarenfabrikanten. Die Darstellung wird auf dem Prinzip der Vererbung beruhen. Der Alfkenner sammelt noch an den Materialien, und wenn der geehrte Leser den alten Gummiwarenfabrikanten gekannt hat, so wird er den Alfkenner mit jeder biographischen Mitteilung über des Künstlers Vater zu Dank verpflichten. Der bittere Kaffee Der Bauer lag im Sterben. Seit drei Tagen wußte es die Bäuerin, seit einer Stunde wußte er es selber. Der Bader war dagewesen und hatte die schiefen Achseln gezuckt und der Schäfer hatte gar versichert: der Bauer überlebt die Nacht nicht. Der Bauer und die Bäuerin haben siebenundzwanzig Jahre miteinander gehaust, und brav gehaust. Gute Christen und gute Eheleute, gut gegen ihre Kinder und gut gegeneinander. Gezankt, ja oft, aber nicht mehr als schicklich und recht. Jetzt sitzt die Bäuerin nicht lange am Sterbelager des Mannes. Sie schüttet das kleine Blechmaß voll Kaffeebohnen in die Mühle und mahlt gemächlich; dann kocht sie den Kaffee auf und gießt ihn in zwei Töpfe; auch Milch dazu. Der Bauer verschlingt ihre Bewegungen mit den Augen. Er fühlt, wie ihm die Kälte in den Beinen schon bis über die Knie zieht. Aber er hat einen brennenden Wunsch. Seit siebenundzwanzig Jahren tut die Frau die Haut von der Milch in ihren Kaffeetopf. Heute möchte er die Haut haben! Heute nur! Vielleicht tut sie's heute; und wenn er dann morgen nicht stirbt, wenn er wieder gesund wird, so ist sie die Gefoppte. Aber er ist ein stolzer Bauer und sagt nichts. Er schaut sie nur bittend an. Sie versteht seinen Blick. Aber sie tut die Haut in ihren Topf. Der Bauer stöhnt leise auf. Die Bäuerin holt aus der Schublade zwei Stücke Zucker. Auch sie denkt nach. Wenn der Bauer jetzt gleich stirbt, anstatt bis morgen zu warten, dann kann sie ein Stück Zucker ersparen oder in ihren Kaffee eins mehr hineinwerfen. Ihm muß es doch einerlei sein, ob er heute stirbt oder morgen. Und ruhig läßt sie beide Stücke Zucker in ihren Topf gleiten; den Kaffee ohne Zucker hält sie dem Sterbenden an den Mund. »Du, der ist aber bitter.« »Ach was, dir schmeckt nichts mehr! Da könnt' man sich die Beine ausreißen, wär' auch umsonst!« »Könntest nicht noch ein Stückerl Zucker 'rein tun?« »Trink ihn nur so. Hast halt schon den Totengeschmack auf der Zunge. Da hilft aller Zucker der Welt nicht.« Und der Bauer trank mit nassen Augen den letzten Kaffee. Die Eisenbahn Der alte Zauberer hatte den Menschen eine schöne Eisenbahn geschenkt. Sie führte hundert Jahre lang mitten durch die Welt, an Sternen und Meeren vorbei über Berg und Tal, durch Gärten und Wüsten. Wie die Welt nun schon ist. Am Ende der Fahrt fuhr der Zug freilich mit Mann und Maus aus der Welt hinaus in einen schwarzen Abgrund hinein. Am Boden des Abgrundes zerschlug sich der Zug zu Brei. Aus dem Brei machte der alte Zauberer neue Wagen und neue Maschinen, neue Kohlen und Wasser und neue Menschen. Und auf der anderen Seite kam die Eisenbahn wieder frisch in die Welt hinein und fuhr durch die Welt wieder dem schwarzen Abgrund zu. Die Menschen waren wie versessen auf die schöne Eisenbahn. Es gab da auch Schlafwagen, Speisewagen, Lesewagen und Kirchenwagen, alles erster bis vierter Klasse. In solcher Weise fuhren die Menschen über Berg und Tal, durch Gärten und Wüsten. Sie wußten, daß die Fahrt in den schwarzen Abgrund führte, aber sie dachten nicht daran, wenn sie nicht gerade aus dem Fenster schauten und die Weichensteller erblickten, grinsende Gerippe mit schwarzen Fähnlein. Der alte Zauberer hatte die Maschine genau auf eine Fahrt von hundert Jahren eingerichtet. Die Menschen aber arbeiteten sich während der Fahrt zuschanden, nur um die Maschine überhitzen zu können. So haben sie es allmählich dahin gebracht, schon in fünfzig bis vierzig Jahren durch die ganze Welt zu fliegen, und am Ende in den schwarzen Abgrund hineinzustürzen. Sie heizen die Maschine zum Spaß. Wenn es aber zum Kippen kommt, so schreien sie furchtbar auf und fluchen dem alten Zauberer. Der Sammler und die Sammlerin Es war einmal ein Kenner und Sammler. Als Knabe hatte er Schmetterlinge gesammelt und war hinausgezogen mit Netz und Nadeln und hatte die Sommervögel gejagt und sie des Nachts mit Laternenlicht gelockt und sie am Ende immer aufgespießt mit spitzen Nadeln und festgesteckt auf kleine Korkstückchen. Als er aber groß geworden war, sammelte er die untersten Nackenlöckchen schöner Weiber. Er zog aus mit allen Waffen der Frauenpirsch und jagte des Tags mit goldenen Netzen und lockte des Nachts mit Ampellicht. Eines Abends traf er auf die schöne Bus. Er jagte sie und lockte sie einhundertunddreiunddreißig Tage und Nächte lang. Er sang um sie und lief um sie, er sprang um sie und ermattete um sie. Was er aber sang, das tönte von Liebe und Liebesleid. Endlich einmal zu später Stunde ließ sie sich locken vom Lichte der Ampel. Sie lag in seinen Armen einhundertunddreiunddreißig Stunden lang. Die schöne Bus hatte ihren linken Arm um seinen Hals geschlungen, und ihr Mund sog an seinen Lippen. Der Sammler aber liebkoste sie im Nacken und schnitt ihr mit seinem Scherchen das unterste Löckchen ab. Als er das mit einem roten Seidenband umwunden hatte, streckte er sich und sang nicht mehr und sagte: »Jetzt will ich dir die Wahrheit sagen, liebe kleine Bus. Ich bin nämlich kein armer Amateur, sondern ein reicher Kenner und Sammler. Hier das Löckchen kommt in meinen Kasten. Es hat doch nicht weh getan?« Da preßte die schöne Bus lächelnd noch einmal ihre Lippen auf die seinen und lernte seinen Kuß auswendig. Dann sagte sie: »Du hast mich wohl für eine arme Liebhaberin gehalten, mein Schatz? Da muß ich doch bitten! Ich bin auch Sammlerin. Ich hoffe, es hat nicht weh getan.« Und beide, der Sammler und die Sammlerin, lachten noch lange über das lustige Zusammentreffen. Als aber jedes wieder allein war, machte jedes ein verzweifeltes Gesicht. Denn beide waren eigentlich keine Sammler. Er suchte nur das Nackenlöckchen von blauem Golde, und sie suchte den Kuß, der duftlos erstickte. Sie sammelten nur, weil sie suchten. Die Kiesel Am Strande, wo die Meereswellen Tag und Nacht heftig gegen das Ufer schlugen, lag schwer und fest ein alter Granitblock. Um ihn herum wälzten sich unzählige Kieselsteine bald hinauf, bald hinunter. Die Kieselsteine waren von verschiedener Größe und Gestalt, alle aber wurden von jeder Woge mit Knirschen und Rasseln emporgehoben und übereinander geschoben, um nachher wieder mit mahlendem Donnergeräusch ins Meer zurückzurollen. Wenn die Kiesel gegen den Granitblock aufschlugen, so rührte er sich nicht, sie aber verloren an ihm ihre Ecken, und gegenseitig rundeten und glätteten sie einander dermaßen, daß sie nach einigen hundert Jahren schon lauter polierte Kiesel waren. In diesem kultivierten Zustand fingen sie an zu denken, und sie dachten: »Du sollst Ehrfurcht haben vor dem alten Granitblock, als welcher nicht von der Erde ist und auch nicht vom Meer, sondern vom Monde niedergefallen.« »Du sollst glatt werden nach deiner Größe.« »Du sollst Feuer geben, wenn du auf dem Lande lebst und mit Stahl geschlagen wirst.« »Du sollst jeder Welle gehorchen, hinauf und hinab, auf daß es dir wohl gehe auf der Erde und auch im Wasser.« »Du sollst zerbrechen, was schwächer ist als du selbst; aber du sollst nachgeben, wenn einer härter ist als du.« »Du sollst schwer sein.« Die Strandkiesel nannten das ihre Moral und lebten auch danach. Die kleinen Strandmuscheln aber, welche zwischen die Kieselsteine gerieten und zerquetscht wurden, nannten die Kiesel unmoralische Geschöpfe, Das oberste Gesetz der Strandmuscheln lautet: »Du sollst leicht sein.« Die Frösche Ein junger Löwe dürstete. An einem Tümpel saßen dicke Frösche und quakten: »Komm, wirst groß! Komm, wirst groß!« Der junge Löwe hörte das Quaken und dachte: »Wo Frösche sind, ist auch Wasser.« So ging er dem Quaken nach und trank aus dem Tümpel. Die Frösche aber rieben sich die breiten Füße und sagten: »So sind die Löwen. Man braucht ihnen nur zu schmeicheln, dann kommen sie schon.« Die Bahn auf die Jungfrau Es war einmal ein junger Maschinenmeister, der hieß Krafft. Er lebte am Gebirge in Deutschland oder in Italien, wer kann das wissen. Er hatte einen großen Gedanken. Er wollte unter den Alpen eine Mine anlegen und alle höheren Berge in die Luft sprengen. Dann würden, deß war er sicher, die unfruchtbaren Felsen und Gletscher verschwinden und für hunderttausend Menschen Wohnsitz und Nahrung geschaffen werden. So wollte er oben und unten gleich machen. Und kühn teilte der zwanzigjährige Maschinenmeister Krafft seinen großen Plan der Welt mit. Am Fuße der Alpen, nördlich oder südlich, wer kann das wissen, weidete eine fette Rinderherde und vernahm von der Geschichte. Da gab es lautes Brummen. Beim Auffliegen der Mine könnten die Steine bis zur Herde herüberfallen und einem der wertvollen Ochsen das Horn verletzen oder gar den Kopf. Krafft wurde angeklagt, mit geeigneten Werkzeugen einen Mordversuch auf Ochsen unternommen zu haben, absichtlich und mit Überlegung. Er wurde verurteilt und bekam zehn Jahre Zuchthaus. Er mußte Tüten kleben, aber er hielt es aus. Wenige Stunden nach dem Verbüßen seiner Strafe war er schon in der Schweiz. Denn er war ja am Fuße der Alpen zu Hause, nördlich oder südlich, wer kann das wissen. Er war nun dreißig Jahre alt und berechnete seinen Plan noch genauer. Dann veröffentlichte er ihn aufs neue. Da gab es eine große Volksversammlung, in welcher die Gastwirte die Mehrheit hatten. Ein Gastwirt vom Rigi hielt eine sehr lustige Ansprache und machte sich darin über Herrn Krafft lustig, der nicht zu wissen scheine, daß auf den Bergspitzen noch Kellner wohnen und daß Kellnerleben und das Nationalvermögen außerdem auf dem Spiele stände, wenn man die Alpen abschaffte. »Das Chaib ist verrückt!« riefen alle Gastwirte. Und der Maschinenmeister Krafft wurde in ein Irrenhaus gesteckt. Es war sehr schön gelegen, der Nußbaumallee von Interlaken gerade gegenüber. Nach zehn Jahren wollte niemand mehr für den fremden Mann die Kosten bezahlen; er wurde entlassen und kam nach England, vierzig Jahre alt und etwas kränkelnd. In London faßte er neuen Mut und ließ seinen alten Plan in den Zeitungen abdrucken. Da entstand ein großer Federkrieg, und in der »Times« sprachen es neunundneunzig Zuschriften aus, daß der Maschinenmeister Krafft ein Kulturfeind wäre, wenn er der gebildeten Welt das Vergnügen des Bergsteigens nehmen wollte. Um sein Leben zu fristen, wurde der arme Maschinenmeister Schlosser und dann sogar Hufschmied. Doch kein Dieb bestellte bei ihm einen Nachschlüssel, und kein Pferd wollte sich bei ihm die Hufe beschlagen lassen. Da hatte er solange Hunger, bis er einmal auf der Straße umfiel. Nun wurde er sehr freundlich aufgehoben und in ein Armenhaus gebracht. Das konnte er lange Zeit nicht verlassen, weil er nur Pantoffeln an den Füßen und einen gelb- und grünkarierten Schlafrock auf dem Leibe hatte, und er wußte jetzt endlich, daß ein Genie nicht auffallen dürfe. Nach zehn Jahren Armenhaus war er endlich mürbe. Darauf hatte ein englischer Maschinenmeister gewartet. Er brachte dem mürben Genie ein Paar schwarze Stiefel, einen schwarzen Rock und einen schwarzen Zylinderhut. Dann führte er den willenlosen Krafft in das Beratungszimmer einer Bank und gründete auf seinen Schultern eine Aktiengesellschaft. Der Engländer hielt eine vortreffliche Rede. Es gäbe zwei Möglichkeiten, Berg und Tal zusammenzubringen; entweder müsse man die Berge auf die Ebene schmeißen oder man müsse die Ebene auf die Berge bringen. Der erste Plan sei an der öffentlichen Meinung gescheitert. Er müsse amendiert werden. Anstatt die Alpen in die Luft zu sprengen und für Hunderttausende Wohnsitz und Nahrung zu schaffen, werde das mürbe Genie eine Eisenbahn auf die Jungfrau bauen, auf der Gletscherhöhe ein Hotel errichten und so ebenfalls für zahlreiche Menschen der besten Stände in unerhörter Höhe Schlafräume und Pension mit allem Komfort der Neuzeit herstellen. Englands Eisenindustrie, das Hotelpersonal der Schweiz und die Rinderzucht der Nachbarländer würden dabei nicht zu Schaden kommen. Der Vertrag wurde sofort unterzeichnet. Weil der Name Krafft aber durch den Aufenthalt im Zuchthaus, im Irrenhaus und im Armenhaus unansehnlich geworden war, nannte sich der Maschinenmeister von nun an Cräftlin. Er baute die Bahn auf die Jungfrau und starb als reicher Mann. Auf der Jungfrau und in London würden ihm Denkmäler errichtet und ein drittes in seinem Geburtsort am Fuße der Alpen, nördlich oder südlich, wer kann das wissen. Das blinde Volk Es war einmal ein ganz blindes Geschlecht. Die Leute zwar in ihrer eigenen Sprache nannten das nicht so. Aber das ist nicht wunderbar, denn die Sprachen sind selber blind. Die Leute hatten rechts und links von der Nase plumpe Fühlhörner sitzen, mit welchen ein bißchen herumgetappt werden konnte; diese Fühlhörner nannten sie Augen, und wer diese Fühlhörner unverletzt im Gesichte trug, der hieß sehend. Dieses ganz blinde Geschlecht war darum nicht ganz dumm. Die Leute sahen ein, daß sie sich von jemand führen lassen mußten, der – wie sie sich ausdrückten – noch besser sah als sie, der Augen höherer Ordnung hatte. Da wählten sie einen Fürsten zum Führer. Der hatte ihnen gesagt, er sei in allem ein Geschöpf höherer Ordnung, habe also auch andere Augen als sie. Anders waren seine Fühlhörner in der Tat. Sie waren wie Zangen geformt, und was sie berührten, das hielten sie auch fest. Das blinde Geschlecht glaubte viele Jahre, die Zangen seien die Augen höherer Ordnung. Als das Kneifen aber kein Ende nahm, empörten sich die Leute und wählten den Priester zum Führer. Der Priester hatte dem blinden Geschlechte vorgelogen, durch ein besonderes Wunder des Himmels sehe er mit seinen Hörnerstümpfen unendlich mehr als die gewöhnlichen Leute mit ihren Fühlhörnern. Die auszureißen war nämlich heilige Pflicht jedes Mannes, der Pfaffe werden wollte. Als nun der Priester Führer des blinden Geschlechts geworden war und mit der Sehergabe seiner armseligen Stümpfe prahlte, da wurde es Mode unter dem blinden Geschlecht, daß viele junge und alte Männer Pfaffen wurden und sich darum die Fühlhörner ausrissen, die sie ihre Augen nannten. So ging es viele Jahre. Dann aber glaubten die Pfaffen die Oberhand zu haben und beschlossen, allen Kindern des blinden Geschlechts schon während der Schulzeit die Fühlhörner gewaltsam auszureißen. Darüber entstand wieder eine Empörung, und das Volk beschloß, gar keinen Führer mehr zu wählen, vielmehr seine Angelegenheiten selbst zu ordnen. Und dabei blieb es. Seitdem hilft sich das blinde Geschlecht auf die sinnreichste Weise. Wenn ein Fühlhorn, so sagen sie, nicht weiter sieht, als es selber reicht, so müssen hunderttausend Fühlhörner hunderttausendmal so weit sehen können, eine Meile weit. Sie tun sich darum bei wichtigen Fragen immer in großen Massen zusammen. Wenn dann ein jeder auch im Finstern sitzt – sind sie nur eine Masse, so nennen sie es hell. Sie haben sich auch daran gewöhnt, andere Dinge nach der Masse zu beurteilen. Ein bißchen Wasser nennen sie Schmutz, eine Masse Wasser den Ozean; ein bißchen Laster bestrafen sie, eine Masse Laster belohnen sie. Auf diese sinnreiche Weise lebt das blinde Geschlecht seitdem ohne Führer und läßt sich nicht mehr betrügen. Don Juans letzte Liebe Es ist nicht wahr, daß Don Juan schließlich vom Teufel geholt worden ist, in die Hölle hinab. Es gibt gar keine Hölle, wenigstens keine unter der Erde. Der Teufel hat auch gar keine Großmutter. Er ist sein eigener Vater gewesen, er hat gar keine liebende Mutter gehabt; darum ist er eben der Teufel geworden. Der Teufel hatte also seine Wohnungen auf der Erde, und hier schloß er seine berüchtigten Mietsverträge ab. Als nun Don Juan zwanzig Jahre alt war, strotzend von Kraft und Übermut wie ein jähriges Füllen, kam er zum Teufel und verschrieb ihm seine Seele. Der Teufel hatte es scheinbar eilig, sagte zu allen Bedingungen ja ja, lauerte aber genau auf das, was Don Juan forderte. So machten sie ab, daß Don Juan für seine Seele auf der Erde leben sollte solange wie das Christentum und der ewige Jude, dabei immer reich und schön und jung bleiben, und daß er leidenschaftlich geliebt werden müßte von jedem Weibe, das in seine Nähe kam. Als Don Juan nichts weiter verlangte, blitzte es in des Teufels Augen auf wie Schadenfreude, und er unterschrieb. Dreißig Jahre lang lebte Don Juan nach diesem Vertrage. Da ihm zweitausend Jahre gehörten, so hatte er kaum angefangen. Wie er auch verschwendete, er blieb immer noch reich, schön und jung. Er vermochte sein Geld und seine Kraft nicht auszugeben. Und die Weiber liebten ihn. Die Blonden und die Schwarzen, die Wilden und die Frommen, die Alten und die Jungen, die Schönen und die Pikanten, die Treuen und die Flatterhaften. Wenn er des Morgens erwachte, so rauschte es von Seide in seinem Hause, von dem Dache spähten Weiber herab, und im Garten vor seinem Schlosse seufzten Weiber um die plätschernden Wasser der Springbrunnen. Und Don Juan streckte wohl die geballte Faust der aufgehenden Sonne entgegen und rief: »Du Närrin, du philiströse trübe Studierlampe du! Was hast du gesehen? Du kennst das Schönste nicht. Du weißt nicht, was hinter deinem Rücken geschieht. Du kennst nicht, was ich kenne. Ignorantin! Dummes Frauenzimmer!« Und als Antwort lächelte die Sonne herunter und begehrte seiner. Dreißig Jahre geriet es ihm so. Fünfzig Jahre war er erst alt und zweitausend hatte er zu leben. Da hielt er einmal ein Weib in seinen Armen, ein halbes Kind, die starb in seiner Liebe und lächelte glückselig im Tode. Er aber konnte ihren Anblick nicht mehr vergessen und rief den Teufel. »Nimm, was du willst, aber gib mir noch eins. Eins habe ich vergessen.« Schadenfroh lachte der Teufel, als ob er es wohl wüßte. Aber täppisch fragte er: »Was möchtest du denn noch?« »Selbst lieben möchte ich! Nicht nur geliebt werden. Ich möchte selbst lieben können. Nimm was du willst dafür.« »Was hast du denn noch?« fragte der Teufel spöttisch. »Die Seele hast du mir schon gegeben.« »Nimm was du willst, aber lehr mich lieben.« Der Teufel setzte sich auf Don Juans Seidenbett, putzte mit der Samtdecke seinen Pferdefuß und sagte: »Deine Seele hab' ich schon. Willst du mir aber den Zauber zurückgeben, daß alle Weiber dich lieben, so sollst du selbst lieben können fortan.« Don Juan streckte die Arme von sich und gedachte des toten Mädchens und rief: »Das eben wollte ich.« Der Teufel lächelte und rieb sich den Schweif an Don Juans Seidenpfühl. »Und dann hast du noch die paar tausend Jahre junges und reiches Leben, die mußt du mir auch noch geben.« »Nimm sie, du Hund, aber laß mich lieben.« Da nahm der Teufel von Don Juan die Jugend, die Schönheit und den Reichtum, und kein Weib liebte ihn mehr. Er aber sah im Garten zwischen den Blumen ein junges, ruhiges Weib, die wandte ihm beinahe den Rücken. Er fühlte Liebe und legte sich hin und starb und hatte auf den Lippen das selige Lächeln wie seine letzte Geliebte, die noch fast ein Kind war. Meister Eitel Ich Eitel Ich war ein berühmter Künstler, und man nannte ihn darum Meister. Er hatte es durch langjährige Übung dahin gebracht, auf der Pikkoloflöte neunundneunzig Sechsachteltakte mit Doppelgriff in einer Minute zu spielen. Das machte ihm keiner nach. Früher hatte ihn die Pikkoloflöte gefreut, dann freute ihn eine Weile lang nur noch seine schwierige Passage. Als er aber vierzig Jahre alt geworden war, ekelte ihm vor der Flöte und vor seiner Passage. Er wurde nicht mehr rot, wenn er sie vortrug, sondern blaß. Und hatte er sie zweimal vorgetragen, so mußte er sich immer fortschleichen; ihm wurde übel davon. Jetzt freute ihn nur noch, daß man von ihm um der Passage willen sprach. Jeden Morgen setzte er sich in sein Kaffeehaus und las die Zeitungen durch, ob er etwas über seine Passage darin fände. Er suchte mit brennenden Augen seinen Namen. Eitel Ich? Eitel Ich? Es war selten zu finden, und er war so durstig nach seinem Namen. Wenn er nur die Anfangsbuchstaben fand, Erlöser Jesus zum Beispiel, so schrak er schon zusammen und glaubte, er wäre gemeint. Als er dann älter wurde, wurde er immer seltener genannt; denn einer seiner Schüler spielte hundertundneun Takte in einer Minute auf der Pikkoloflöte. Diesen Schüler haßte er nicht. Er hoffte es zu erleben, daß auch dieser gestürzt würde durch einen Größeren. Aber er haßte die anderen, deren Namen ihm in den Zeitungen auffielen, so rasch auch seine Augen darüber hinjagten. Er haßte den Komponisten, dessen Oper er im Orchester auf der Pikkoloflöte begleitete. Er haßte Bismarck, weil nach ihm eine Insel in der Südsee benannt war. Er haßte den Astronomen, der einen neuen Stern entdeckt hatte. Zuletzt haßte Eitel Ich jeden Gemordeten, dessen Bild in den illustrierten Zeitungen zu sehen war; und er haßte den Mörder, wenn er entdeckt, unter großem Zulauf gerichtet und geköpft wurde. Blieb der Mörder aber ungekannt und ungenannt, dann rieb sich Eitel Ich vergnügt die Hände. Eitel Ich war schließlich vollständig vergessen. Wo er nur ein großes E oder ein großes I in der Zeitung fand, in überseeischen Depeschen oder in Börsenzetteln, da stürzten seine Augen drauf los. Aber er fand seinen Namen nicht mehr. Am ersten Januar, als die Zeitungen in einer großen Totenschau alle berühmten Männer aufzählten, in alphabetischer Folge, die das Jahr über gestorben waren, da riß Eitel Ich im Kaffeehause ein Blatt an sich und buchstabierte alles, was unter I stand, und suchte sich unter den Toten. Er forschte in allen Blättern nacheinander und fand immer dieselben Namen und fand den seinen nicht. Noch ein Jahr hielt er es aus. Dann, am zweiten. Weihnachtsfeiertage, zerhackte er seine Pikkoloflöte. Er ging ins Wasser. Am letzten Dezember fand man seine Leiche, und richtig brachten die Zeitungen in ihrer Totenschau die Nachricht, daß Meister Eitel Ich gestorben sei. Der Ball der Tugenden Die Tugenden veranstalteten einen Maskenball. Da meldete sich beim Komitee auch die Heuchelei und verlangte ihre Eintrittskarte. Das sei eine Unverschämtheit, meinten die Leiter des Festes. Es sei doch kein Lasterball. »Ich bin aber noch auf jedem Maskenball gewesen,« sagte die Heuchelei bescheiden. »Unter welchem Namen, wenn wir bitten dürfen?« »Ach so. Ich bin freilich von Geburt die Heuchelei, habe aber bei meiner Erhebung in den Adelsstand den Namen Höflichkeit bekommen. Ich bin vom Hofe.« Unter vielen Entschuldigungen stellte das Komitee der Höflichkeit die Karte aus, und beim Balle unterließ es keiner der Herren, einmal mit der Höflichkeit zu tanzen, wenn die Tugenden ausruhen mußten. Das Gewissen Ein Mann hatte Tag und Nacht studiert, bis er die Glieder seines Leibes und ihren Gebrauch genau kannte. Da wurde er sehr unruhig, denn er erfuhr, daß auch die kleinste Bewegung von natürlichen Kräften geordnet sei und daß sein eigener Wille ganz und gar nichts dabei vermöge. So lebte er eine Zeit hin und war recht ärgerlich. Denn er hätte gern sein Selbst kennen gelernt. Er schlug in einem dicken Buche nach und las, sein Selbst sei das Gewissen. Das Gewissen befehle den Gliedern des Leibes und auch seinen Blutstropfen und Hirnkügelchen jede Bewegung. Der Mann ging zu seinem Gewissen und horchte aufmerksam zu, wie es herumkommandierte. Da vernahm er unaufhörlich: Dein Vater will, deine Mutter will, dein Land will, deine Stadt will, der Schutzmann will, der Kellner will, der Lehrer will, die Portiersfrau will, und so weiter, daß du das und das tust. »Zum Donnerwetter!« rief der Mann. »Wo bleibe ich? Bin ich ein toter Käfer? Wo ist mein Selbst? Ich will auch was wollen!« Das Gewissen, weil es nicht lächeln konnte, schwieg zum Zeichen der Heiterkeit. »Du Narr,« sagte es dann. »Der Mensch kann nicht wollen, solange er lebt. Du kommst auch noch an die Reihe. Horch mal zu.« Und der Mann mußte sein Ohr an das Herzchen seines kleinen Knaben legen. Da regte sich ein winziges Gewissen und lernte etwas auswendig: Der Vater will, die Mutter will, die Kindsfrau will, der Schutzmann will. Der Vater will... »Siehst du, da kommst du an die Reihe. Du kannst ruhig sterben, nachher wird sich dein Selbst schon finden. Jetzt aber halt's Maul und geh in die Kirche. Die Stadt will's.« Malthus Der Arbeiter Tillier meldete sich ängstlich beim Direktor des großen Eisenwerks. »Ich hätt' 'ne Braut, Herr Direktor. Erlauben Sie's uns! Heiraten! Sie ist ein braves Mädchen, wir möchten nicht so...« »Und nachher uns auf dem Halse liegen? Kerls, seid ihr denn des Teufels. Tillier, seien Sie vernünftig, trinken Sie 'nen Schnaps und seien Sie vergnügt.« »Herr Direktor, wir möchten nicht so. Sie ist ein braves Mädchen. Heiraten!« »Na denn, in drei Teufels Namen, ja. Sie kennen aber die Hausordnung, Tillier. Ein Arbeiter, der mehr als zwei Kinder hat, wird auf der Stelle entlassen.« »Kennen wir ja, Herr Direktor. Ich dank' auch schön, und wenn ich...« »Schon gut, ich habe keine Zeit.« Tillier verließ das Dienstgebäude mit einem Gesicht, als ob ihm inwendig die Sonne aufgegangen wäre. Auf dem Hof wartete Marie. Sie sah ihn an und fiel ihm um den Hals. »Ich dank' dir, ich dank' dir! Du sollst sehen!« »Ja, Marie, ich hab's ihm auch gesagt, du bist ein braves Mädchen.« Zu Ende des Jahres kam Tillier wieder zum Direktor. Wieder sah er aus, als wär' die Sonne in ihm aufgegangen. »Herr Direktor, ich melde mich, wir haben eins.« »Knabe oder Mädchen?« »Ein Junge, Herr Direktor. Ein Junge. Na, die Fäustchen...« Tillier lachte, daß der Direktor ihn beneidete. »Es ist gut, Tillier. Ich habe es notiert. Sie kennen doch die Hausordnung? Gehen Sie an die Arbeit.« »Heute ...« »Was?« »Nichts, Herr Direktor.« Wieder ein Jahr darauf stand Tillier gebückt in einem Kessel, dessen Wände zusammengehämmert wurden. Er hatte von innen sich gegenzustemmen und die furchtbaren Hammerschläge auszuhalten. »Das schien dir ja zu gefallen,« sagte ein Kamerad in der Mittagspause. »Du machtest ja ein Gesicht wie ein Pfefferkuchenmann.« Tillier lachte. »Ihr kennt ja meinen Jungen, was? Stramm! Und heut, wenn ich nach Haus komme, ist vielleicht wieder so einer da. Gott, Gott, meine arme Marie.« Nach Feierabend eilte Tillier noch schneller als sonst zu seiner Wohnung. An der Schwelle zog er die Stiefel aus. Dann schlich er sich hinein. Blaß lag Marie auf dem Lager, aber sie lächelte. Eine Nachbarin wärmte einen Kamillentee in der Ofenröhre. »Na, Marie?« fragte Tillier. »Ja, Tillier,« sagte die Nachbarin, »nur keine Bange. Zwillinge sind's. Beide gesund.« Und sie wies mit einer Kopfbewegung nach der Stubenecke, wo in der Wiege des schlafenden Knaben, zu seinen Füßchen, zwei apfelgroße Kinderköpfe aus einem Pack von Linnen heraussahen. Tillier näherte sich auf seinen Strümpfen. Er blickte die drei Kinderköpfe an, dann seine Marie und dann die Nachbarin. »Ganz hübsch, was?« sagte er endlich und lachte. Plötzlich fuhr er sich nach der Stirn. »Aber nun sind es ja drei?« schrie er auf. »Eins und zwei macht drei,« sagte die Nachbarin, und sogar Marie lachte. Tillier aber ging auf den Boden und hängte sich auf. Der Hausordnung wegen. Noch einmal Der arme Mensch lag vor dem Zauberer auf den Knien und flehte um Hilfe. »Dreißig Jahre bin ich alt. Seit zehn Jahren habe ich unselig gelebt. Meine Gesinnung verkauft, meinen Körper gebrochen, mein Wort verleugnet, die Liebe verloren. Alle meine Kraft ist fort. Ich bin zu schwach, um die Ketten zu brechen, die mich an der Dirne festhalten. Hilf mir! Gib mir die letzten zehn Jahre wieder, daß ich sie noch einmal leben kann, und du sollst Wunder sehen.« Der Zauberer lächelte und gewährte die Bitte. Ein frischer, starker Jüngling von zwanzig Jahren war der arme Mensch wieder, und alles in Nacht und Vergessenheit versunken, was inzwischen geschehen war. Er wußte nichts mehr von seinem Schwur und lebte. Er brach seinen Körper, er verkaufte seine Gesinnung, er verleugnete sein Wort, er verlor seine Liebe. Keine Erinnerung warnte ihn. Nur von Zeit zu Zeit störte es ihn auf wie ein Traum, als ob er all das genau so schon einmal erlebt hätte, vor tausend Jahren. Und er glaubte dann das spöttische Gesicht des Zauberers in den Wolkenzügen zu erblicken. Als der arme Mensch dreißig Jahre alt war, da hatte er keine Kraft mehr. Er konnte die Ketten nicht mehr zerreißen, die ihn an die Dirne fesselten. Da stürzte er jammernd dem Zauberer zu Füßen und flehte um Rettung und wollte die letzten zehn Jahre wieder haben. Jetzt aber faßte der Zauberer, ohne zu lächeln, nach dem armen Menschen und drehte ihm den Hals um. Das Weib Mann und Weib schoben ihren Karren vorwärts, aufwärts. Seit Monaten zogen sie so dieselbe Straße, immer langsam bergauf. Es gebar das Weib zwei Kinder. Da legte der Mann sie mit den Kindern auf den Karren zu den Gewändern und dem Mundvorrat. Das Weib bedeckte sich und die Kinder mit den Gewändern und nährte die Zwillinge und sang dazu. Der Mann schob den Karren allein weiter, trocknete die Stirn und war froh. Da rief das Weib: »Auf den Karren gehöre ich allein mit deinen Kindern. Nimm deinen Mundvorrat auf den Rücken!« Der Mann nahm die Nahrungsmittel auf seinen Rücken und war's zufrieden. Da rief das Weib: »Es ist ein Unding, daß du hinter dem Karren hergehst und ihn vor dir hinschiebst. Der Mann gehört an die Spitze. Nimm ein Seil um deine Brust und zieh, anstatt zu schieben. Dann können wir dich immer sehen und können dich anspornen, wenn du ermüdest.« Der Mann war's zufrieden. Er legte sich ein hartes Seil um die Brust und zog den Karren mit Weib und Kindern bergauf, den Brotsack auf dem Rücken. Das Weib trieb ihn mit einem Stachelstocke an. Die Kinder klatschten zum Scherz mit kleinen Peitschen in die Luft. Da rief das Weib: »Ich will die gleichen Pflichten haben wie du. Du sollst nicht allein an dem Karren ziehen. Ich will mich mit dir zusammen anspannen.« Und sie sprang wie eine Katze dem Mann auf die Schulter. Da blieb sie sitzen. Der Mann keuchte schwer. Da rief das Weib: »Nun will ich aber auch die gleichen Rechte haben wie du. Ich will deine Kraft lenken.« Und sie wandte den Mann und das Gefährt, und der Karren rollte abwärts, über den Mann hinweg. Dem hatten die Räder das Rückgrat gebrochen. Rosenrote Fenster Der gute Herzog lebte mit seiner schönen Frau in einem großen Schlosse, das hatte lauter rosenrote Fensterscheiben. Darum glaubte der Herzog, die Welt sei rosenrot. Denn er kam niemals aus dem Schlosse heraus. Eines Tages las er in seiner rosenroten Zeitung, die Bürger lebten der Meinung, die Welt sei nächtens schwarz, bei Tage aber mitunter blau und meistens grau. Da wurde er zornig und rief seinen Schatzmeister. Der mußte ungeheure Schulhäuser im ganzen Lande bauen, darin waren lauter rosenrote Fensterscheiben. Nun lernten die Schulkinder wirklich, die Welt sei rosenrot, und waren guter Dinge. Wenn sie aber herauskamen aus den Schulhäusern, so erfuhren sie zu ihrem Schrecken, daß die Welt nächtens schwarz war, bei Tage aber mitunter blau und meistens grau. Weil sie nun die Augen an die rosenrote Farbe gewöhnt hatten und weil sie sich über die Fopperei ärgerten, darum erschien ihnen auch der blaue Himmel gräulich. Der Herzog las in seiner rosenroten Zeitung, daß die Schule die Bürger nicht gebessert hätte. Da ließ er noch zorniger seinen Kriegsfeldherrn kommen und befahl ihm, jeden einzelnen Bürger zu binden und ihm beide Augen mit Gewalt rosenrot anzustreichen. Das tat weh, und die Bürger wurden böse. Sie rotteten sich vor dem Schlosse zusammen und drohten die rosenroten Schloßfenster mit grauen Steinen einzuwerfen. Da erschraken der Kriegsfeldherr und der Schloßkaplan über alle Maßen. »Alles, nur das nicht!« Es gab nämlich eine alte Wahrsagung, daß die Kapelle einstürzen müßte, wenn auch nur eines der rosenroten Schloßfenster zerbrochen würde. Lieber sollte alles beim alten bleiben. Der gute Herzog aber wollte noch einen Versuch machen. Er berief abermals seinen Schatzmeister und sagte zu ihm: »Mein lieber Schatzmeister, öffne alle deine Truhen; wir wollen über der Erde einen neuen starken Himmel aus rosenrotem Glase bauen. Dann werden die schlechten Bürger endlich zugeben müssen, daß die Welt rosenrot aussieht.« »Dann wäre sie es sogar, Hoheit,« sagte der ehrliche Schatzmeister. »Aber dazu langt's nicht.« Und so blieb alles beim alten. Flagranti Flagranti mag eine italienische Stadt sein, man weiß nur nicht, wo sie liegt. Einige glauben, mit Flagranti sei Rom gemeint, weil dort auch so viele Pfaffen und so viele deutsche Künstler gefunden würden. Andere wieder denken bei Flagranti an Neapel, weil ein Dichter einmal gesagt haben soll, in Flagranti möchte er gern begraben werden. Einerlei. Es fuhr einmal ein reicher Schlächter nach Italien. Alle Städte dieses Landes wollte er sehen. Nur von Flagranti wollte er nichts wissen. Denn am Tage seiner Hochzeit war ihm vorausgesagt worden, in Flagranti würde er seine Frau einbüßen. Er aber mochte seine Frau nicht gern verlieren, weder in Flagranti noch anderswo. Darum fragte er alle Reisegefährten, wie er am besten eine Hochzeitsreise durch Italien machen könnte, ohne Flagranti zu berühren. Oft verlangte die junge Frau nach Flagranti und quälte ihren Mann darum; da sagte er ihr einmal, was ihm prophezeit worden war, daß er sie nämlich dort verlieren würde. Ei, da wurde die junge Frau gierig und neugierig, ihrem Gatten ein bißchen verloren zu gehen. Sie sann nach und lachte und führte es aus. Sie schloß ihm die Augen und bestach den Schaffner und die Leute am Bahnhof und den Facchino und den Vetturino. In einer sicheren Stadt glaubte der Schlächter auszusteigen, um da zu übernachten; aber er war schon in Flagranti. Da fand die Frau einen Helfershelfer. Mit ihm in Gemeinschaft täuschte sie den Gatten. Sie fälschten die Straßennamen und die Hotelrechnung und die Zeitungen im Lesezimmer. Den »Anzeiger von Flagranti« warf der Helfershelfer ins Feuer und das »Abendblatt von Flagranti« nahm er auf ihr Zimmer. Sie tranken zusammen den schweren Wein von Flagranti; der Gatte schlief ruhig die ganze Nacht und vermißte nicht die verlorene Gattin. Am nächsten Morgen war sie wieder da und sann nach und lachte und bestach alle Diener des Gasthofes und die Ausrufer der Straße, den Vetturino und den Facchino. So kamen sie auf den Bahnhof. Da war die junge Frau schon mit allen im Einverständnis. Nicht einmal auf den Fahrkarten war der Name Flagranti zu lesen. Schon lächelten beide Ehegatten. Da schob sich der Eilzug in die Halle, mit dem sie weiterfahren wollten; und täppisch rief der junge, unbesonnene Bahnhofschreier: »Flagranti, fünf Minuten Aufenthalt.« Die junge Frau war einer Ohnmacht nahe. Der reiche Schlächter aber ging schnaufend vor Zorn und Selbstbewußtsein in die Stube des Vorstehers und schrieb dort in das offene Buch eine Beschwerde über den vorlauten Bahnhofschreier. »Denn ich habe ihn nicht einmal danach gefragt,« sagte er gütig und großartig zu seiner Frau. Zwei Schuster Es hat eine Zeit gegeben, wo alle Menschen glaubten, die Erde schwimme als eine beträchtliche Scheibe auf dem Ozean. Nur über die Form der Scheibe ist man damals nicht einig gewesen. Zu dieser Zeit lebten in Athen zwei Schuster in einer gemeinsamen Werkstatt. Sie waren gute Schuster und arbeiteten gleichmäßig an jedem Paar Stiefel, der eine am rechten, der andere am linken Stiefel. Aber sie waren nicht einer Meinung über die Form der Erdscheibe. Der eine Schuster hielt sie für kreisrund, der andere für rechteckig. Unablässig schlugen sie mit dem Hammer, bohrten sie mit der Ahle und schmierten sie mit Pech; aber ebenso unablässig zankten sie, und der eine verschwor die Häupter seiner Kinder fürs Quadrat, der andere für den Kreis. Nur die Stiefel machten sie nicht nach dem Vorbild des Quadrats oder des Kreises, die Stiefel machten sie nach der Form ihrer eigenen großen Füße, der eine den rechten, der andere den linken. Und sie standen oder saßen, beim Streit oder bei der Arbeit, fest auf der schwimmenden Erdscheibe. Die Ururenkel der beiden Schuster von Athen sitzen wieder in einer gemeinsamen Werkstatt. Jetzt zanken sie über die Freiheit des Willens und über die Ungleichheit der Menschenköpfe. Ihre Stiefel aber machen sie immer noch gleich nach ihren großen Füßen, der eine den rechten, der andere den linken, und arbeiten willig. Der Buchweizen und die Rechenmeister Das Volk hatte nicht genug Buchweizengrütze. Als es immer lauter nach Grütze schrie, bestellte die Regierung einen gelehrten Rechenmeister, der herausbringen sollte, auf welchem Boden Buchweizen am besten gedeihe. Der Meister erhielt einen Gehalt, eine Frau, drei Assistenten, ein Laboratorium und eine Bibliothek. Nach langen Mühen und Versuchen brachte er endlich heraus, daß Buchweizen am besten in einem Boden gedeihe, der aus der und der Mischung von Lehm, Sand und seinen Nitraten bestehe. Er veröffentlichte diese Entdeckung, und das Volk freute sich. Bald stellte es sich aber heraus, daß das Volk nicht wußte, welcher Boden aus der und der Mischung bestehe. Da gab die Regierung einem anderen Rechenmeister einen Gehalt, eine Frau, drei Assistenten, ein Laboratorium und eine Bibliothek, und dazu den Auftrag, herauszubekommen, woran man einen Boden von der und der Mischung erkenne. Der treffliche Gelehrte studierte zuerst mit der Retorte und dem Mikroskop, dann erst entschloß er sich, Experimente mit dem Aussäen von Buchweizen anzustellen. Sie glückten. Nach langen Mühen und Versuchen brachte er es heraus, daß man einen Boden von der und der Mischung daran erkenne, daß Buchweizen darin am besten gedeihe. Er veröffentlichte diese Entdeckung, und das Volk freute sich. Viele Jahre später kam ein schlechter und sparsamer Mann an die Spitze der Regierung. Da beide Rechenmeister eben gestorben waren, gab der neue Minister eine Frau, drei Assistenten, ein Laboratorium und eine Bibliothek an das Nachbarvolk ab, steckte einen Gehalt in den Staatssäckel und betraute einen dritten Gelehrten mit beiden Wissenschaften. Schleunig bekam dieser eine Gelehrte Kopfschmerzen und dachte nach, wie er die beiden Entdeckungen vereinigen könnte. Eines Tages, als er es vor Kopfschmerz nicht mehr aushalten konnte, fiel es ihm ein. Wo Buchweizen am besten gedeiht, da ist der und der Boden; wo der und der Boden ist, da gedeiht Buchweizen am besten. Alle drei Assistenten sprangen von ihren Arbeitsstühlen auf, als sie den logischen Schluß vernahmen: Also gedeiht Buchweizen dort am besten, wo Buchweizen am besten gedeiht. Uneigennützig überließ der treffliche Rechenmeister seine Entdeckung den drei Assistenten und seiner Witwe. Denn er hängte sich auf. Der Nachruhm Eine Familie von Zeitgenossen saß um den Tisch herum und wartete auf das Abendbrot. Es war um die Weihnachtszeit; draußen war es bitter kalt und stockfinster. Es war um die Weihnachtszeit, und ein fremder Gast trat über die Schwelle. Seine Augen waren trüb, aber seine Stirn leuchtete. »Wir haben nichts zu essen für dich,« sagte die Mutter. »Wir haben nichts zu trinken für dich,« sagte der Vater. Der fremde Gast streckte die Hände nach dem Ofen aus. »Wir haben keine Wärme für dich,« sagte der älteste Sohn. Da streckte der Fremde seine Hände nach der Tochter des Hauses aus. »So gebt mir nur ein gutes Wort!« »Wir haben kein gutes Wort für dich übrig,« sagte das Mädchen. Jetzt trübte sich auch die Stirn des fremden Gastes, und er ging hinaus in die stockfinstere und bitterkalte Nacht. Das Abendbrot wurde aufgetragen und war so reichlich, daß die Familie lange sitzen blieb, so lange, bis der Fremde schon weit, weit fort war. Da sagte der jüngste Sohn: »Der arme Mann, er hatte so was in seinem Gesicht. Weißt du, Mama, so etwas wie die Statuen.« »Auf sein Wohl,« sagte der Vater und schluckte ein Glas Glühwein hinunter. Die Familie stieß mit dem Vater an und freute sich über den fröhlichen Einfall. Nur der jüngste Sohn preßte seine Stirn an die kalte Scheibe und blickte traurig in die Nacht hinaus. Das Gesetz Seit Weltengedenken liebten einander der Mond und die Erde. Eines Erdenabends, es hatte zwischen den Liebenden stundenlang gewittert und sie waren wieder gut, sagte die Erde: »Willst du was Tolles hören, lieber Mond? Horch zu. Der Staub auf meinem grünen Gürtel vermag ein Geräusch zu machen. Der Staub nennt das Sprechen und Denken.« »Ho!« machte der Mond erstaunt. »Spricht und denkt er auch was über uns, der Staub auf deinem lieben grünen Gürtel?« »Ja. Der Staub hat herausgebracht, daß du dich um mich drehst.« »Ho, das war schwer! Was weiß er noch, der kluge Staub?« »Nichts weiter. Nicht daß der Äther uns innig verbindet, nicht, daß wir unendliche Küsse tauschen, nicht, daß du dich mit deiner Kraft einwühlst in meine wogenden Meere. Nichts. Aber er hat einen Grund gefunden für dein Drehen, wie er es nennt.« »Was für einen Grund?« »Ein Wort.« »Hoho! Wie kann ein Wort ein Grund sein? Was für ein Wort?« »Gesetz nennt der Staub unsere Liebe.« »Hohohoho! Was ist das, Gesetz?« »Der Staub auf meinem grünen Gürtel hat viele Gesetze. Das sind kleine Tafeln und auf jeder steht ein Wort: du sollst. Und wenn nun ein Staubkorn nicht kann, so kommt ein zweites, eins mit Eisenatomen, und packt es beim Kragen. Das ist das Gesetz des Staubes und so erklärt er sich unsere Liebe. Wir sollen! Wir!« »Hoho!« lachte der Mond und preßte die Erde an sich und spülte mit etwas Flut den Staub von ihrem lieben grünen Gürtel. »Das war die Sintflut,« sagte der Staub. Die gebärende Löwin In Tuat schlugen sie das Lager auf, Kosma und ihre Jagdgenossen aus London, Paris und Tiflis, Kosma und ihre Diener. Bis nach Tuat kamen die Löwen der Wüste, um ein Zicklein zu holen zum Fraß für ihre Kleinen. In Tuat lag das schöne Weib auf Löwenfellen unter einem weißen Zelt. Draußen schliefen ihre Freunde und ihre Diener, und draußen wachte auf seinen Knien der Älteste von Tuat. Auch Kosma wachte. Das wird wieder schön werden, eine Löwenjagd. Kosma war die Tochter eines russischen Fürsten und einer Pariser Jüdin. Zu siebzehn Jahren hatte sie einen sarmatischen Magnaten geheiratet und zum Bettler gemacht. Zu zwanzig wurde sie die Geliebte eines Königs; er verdorrte in ihren Umarmungen und starb. Jetzt war sie dreißig und die Frau eines alten und unerschöpflich reichen Amerikaners. Kosma konnte endlich das Leben genießen. Der Mann duldete alles, Kinder hatte sie nicht. Und Kosma hatte endlich entdeckt, daß eine Künstlerin in ihr lebte, zum mindesten eine Lebenskünstlerin. Blaß und schön lag sie auf ihren Löwenfellen, und wenn sie dürstete, so schlürfte sie, was ihr gefiel. Ob in Tuat oder in einem ihrer Paläste, jeder Genuß war bereit für jeden müden Wink der feinnervigen Frau. In ihrem Gefolge war einer, der hatte nur die Blätter umzuwenden, wenn ihr Virtuose sie zum Gesang begleiten durfte, in Tuat am Rande der Wüste. Kosma wachte und rief von ihren Freunden den Sternkundigen, den blassen edeln Mann aus dem Haag, daß er ihr die Schönheit dieses fremden Himmels mit Namen benenne. Und der Sternkundige aus dem Haag erfüllte ihren Willen; sie träumte sich auf den Sirius und spielte mit dem braunen Haar des verstummenden jungen Gelehrten. Auch schlafen konnte Kosma. Dann wachte sie auf und Afrika huldigte ihr. Die Sonne glänzte hinter einem Wald von Dattelpalmen. Im Westen hoben sich vom stahlgrauen Himmel ferne gelbe Hügel der Wüste. Ihre Nasenflügel witterten, und sie sog den Duft der Wüste und der Dattelblüte in sich ein. Ihre Augen weiteten sich und sogen den Glanz der Welt in sich, ihn zu bewahren für dunkle Nächte. Und ihre kleinen Ohren zitterten und sogen die Stille der Wüste ein und von Zeit zu Zeit ein ganz fernes tonloses Rollen, wie von verwehtem Gewitter. Da sprang der Älteste von Tuat auf, und zwei Beduinen sprangen auf und wiesen mit den Fingern und streckten ihre braunen Arme aus nach den Hügeln des Westens. Dort war nichts zu sehen, kaum ein Punkt. Meilenweit. Einer der Freunde aber richtete das Fernglas nach dem Punkt. Es war das kostbarste Fernrohr, das jemals aus einer Werkstatt hervorgegangen war. Die Sonne lag glänzend auf dem gelben Punkt. Der Freund Kosmas hatte das Fernrohr gerichtet, und Kosma blickte hindurch. Nach wenigen Augenblicken winkte sie dem Gefolge. Sie wollte allein sein. Auf einem Absatz des fernsten Hügels stand eine gebärende Löwin, durch das Glas zum Greifen nah. Und jetzt lag ein kleiner Löwe auf dem Moosbüschel links von der ragenden Agave. Die Löwin blickte gar nicht nach dem kleinen Löwen hin. Immer noch stand sie da, die Vordertatzen zitternd, die Hinterpranken eingestemmt gegen den Felsen, und von den Hinterpranken über den Rücken hinweg ging ein leises Zucken von unendlicher Lust und Kraft. Und mit Lust und Kraft hatte die Löwin den Hals emporgerichtet mit dem felsengleichen Löwenhaupt, und blickte mit ihren höhnischen Katzenaugen triumphierend vor sich hin, über die Wüste weg, die ein Spielplatz sein wird und Gazellen bieten wird für die kleine Löwenkatze zwischen ihren Pranken, triumphierend in den Himmel hinein, der das Löwenjunge nicht verletzen kann, nicht mit Adlern und nicht mit Blitzen, nicht mit Hagelschloßen, die es abschütteln wird wie Sandkörner, und triumphierend mit den Katzenaugen in die Augen des schönen, blassen Weibes hinter dem Glase. Und leise zog die Löwin die eine Hinterpranke vor, bis sie das Löwenkind berührte; dann ging es wieder durch den ganzen Leib wie ein Schauern der Lust, und die Löwin öffnete den Rachen und bleckte ihr Gebiß und stieß ein Gebrüll aus, schwanger von Lust und Kraft, von Liebe und Kampflust, zweimal, dreimal. Dann ließ sie sich nieder, sanft wie ein Hündlein, und bot dem Jungen das Euter. Das kinderlose Weib stand auf mit schmerzenden Knien und ging in ihr Zelt und weinte die Löwenfelle naß. Dann befahl sie den Aufbruch. Sie lachte darüber, daß man Löwenjagden schön fand. Zurück wollte sie nach Europa, wo sie hingehörte. Denn mit all ihrem Künstlertum schämte sie sich vor der Natur. Sie schämte sich wie ein Laster. Und sie verbrachte den Rest der Saison am Mittelmeer, in Monaco, am Spieltisch, wo sie sich nicht zu schämen brauchte vor der Natur. Die Einsamkeit Ein blasser Mann war allein, aber das machte ihm nichts. Er saß am Fenster und war allein mit der belebten Straße, mit den Häusern gegenüber, mit den Bücherschränken in seiner Stube, mit der Weinflasche auf dem Tisch und mit der Katze auf dem Teppich. Er blickte hinaus, dann las er wieder und trank, die Katze schnurrte, es war ein behagliches Alleinsein. Da kam die Dämmerung und der blasse Mann lehnte sich zurück. Sehnsucht faßte ihn. Wenn doch jemand käme. Da schlurfte es die Steintreppen herauf, wie wenn ein nasser Fetzen zerbrochenes Glas scheuert. Und über die Schwelle unter der Tür durch die Ritze floß es herein und kroch heran. Die Einsamkeit selbst. Sie stand und lag und kroch und erhob sich wieder in schlottrigen Maskenkleidern. Eine nasse schwarze Schleppe zog sich so lang hinter ihr her, daß das Ende noch draußen vor der Türschwelle blieb. Wie seine letzte Geliebte auf dem Maskenball war die Einsamkeit gekleidet. Rock und Schleppe von einer vornehmen Frau, das Leibchen von einer Gänsehirtin. Auf dem falschen Haar den Helm von irgendeiner toten griechischen Göttin, und durch die Augenschlitze der Larve blickte es schwarz. Die Einsamkeit stand vor ihm, fahl und grau. Er wartete darauf, daß sie zu sprechen und zu lachen begann. Aber sie lachte nicht einmal. Nur aus seinen Bücherschränken hörte er das Bohren und Nagen der Würmer. Die Katze fauchte, der Wein roch fade. Die Häuser gegenüber kriegten Risse, und die Menschen auf der Straße jagten wie hungrige Hunde. Man hatte eben die elektrischen Lampen angezündet. Der blasse Mann sprang auf und schrie: »Wer bist du?« Er riß der Einsamkeit die Larve vom Gesicht. Die klebte in seiner Hand. Und hinter der Larve ein schwarzer hohler Raum, hohl und schwarz in dem schlottrigen Maskenkleide. Die Einsamkeit aber hob die hohlen Arme und umarmte den blassen Mann fest mit eisernen Klammern. Der Weltverbesserer und die Bosheit Es war einmal ein strebsamer Bursche, ein angehender Weltverbesserer. Das wollte er aber erst später werden. Einstweilen und zur Vorbereitung war er Schornsteinfeger. Denn in der Enge und Dunkelheit des Rauchfangs hoffte er sich daran zu gewöhnen, einmal Weltverbesserer zu sein, und auch daran, von den Leuten für schwarz gehalten zu werden und sich doch selbst so weiß zu wissen wie die anderen. Einst an einem Sonntag, als er sich also gewaschen hatte und weiß war auch vor den Menschen, ging er durch ein Nachbardorf spazieren und erblickte plötzlich ein fliehendes Bettelmädchen. Die Bauern, die Weiber sogar und die Kinder, waren mit Stöcken und Knütteln, mit Dreschflegeln und Heugabeln hinter ihr her; die Dorfhunde schnappten nach ihr. Es war nämlich die Wahrheit. Über und über war sie mit Blut besudelt. Wie sie aber floh vor den Bauern und Hunden und dabei nicht eilig lief, sondern regungslos schwebte, da ward dem Schornsteinfeger weh ums Herz und sie erschien ihm blütenweiß unter ihren Blutflecken, wie auch er weiß war, wochentags unter seiner Rußhülle und Sonntags überhaupt. Nun eilte auch er hinter dem Bettelmädchen her. Und weil er die Wahrheit nicht aus Haß verfolgte, vielmehr aus Liebe, darum kam er ihr immer näher. An wüster Stelle, fern von den Wohnungen der Menschen, kam er ihr ganz nahe. Regungslos schwebend wie sie folgte er ihr und fragte, ob sie ihn nicht möge. »Ich?« antwortete das Mädel. »Ich gehöre dem, der mich liebt. Ich selbst liebe nicht. Mich aber will fast alle hundert Jahre einer, trotz meiner Wunden und trotz meiner Mutter.« Das Mädel lächelte unter seinem weißen Haar wie unter Vollmondscheinen. Weiß war das Haar der Wahrheit freilich, als wäre sie viele tausend Jahre alt; doch ihr Antlitz leuchtete hell wie das eines glücklichen Kindes. »Ich bin nicht, was ich scheine,« sagte der gute, verliebte Schornsteinfeger, »trotzdem ich heute weiß bin. Ich bin nämlich ein angehender Weltverbesserer. Könnten Sie sich nicht entschließen, einen solchen zu heiraten?« »Heiraten? Das ist was anderes. Sprechen Sie mit meiner Mutter.« Der Schornsteinfeger und die Wahrheit gingen also selbander nach der Hauptstadt. Dort wohnte hoch oben im fünften Stockwerk eines Riesenhauses, mitten im Treiben der Welt, die Mutter der Wahrheit. Auch die Mutter hatte weißes Haar und darunter ein leuchtendes Antlitz. Die Tochter sah ihr furchtbar ähnlich, nur daß Friede war in den Zügen der Wahrheit, was Unfrieden verriet in den Augen und um die Lippen der Mutter. »Liebe Mama,« so stellte das Mädel vor, »das ist hier ein Schornsteinfeger, der später Weltverbesserer werden will. Und hier... meine Mutter, die Bosheit. Erschrecken Sie nur nicht! Es ist so, man hat es nur bisher nicht gewußt, daß die Bosheit die Mutter der Wahrheit ist.« Der Schornsteinfeger erschrak dennoch und sprach zu sich selbst: »Wie denn? Soll etwa die Bosheit in eigener Person meine Schwiegermutter werden? Wird die Wahrheit, meine Frau, nicht am Tage der Silberhochzeit ihrer Mutter gleichen, der Bosheit? Und werden meine Kinder nicht die Bosheit zur Großmutter kriegen?« So zog sich der strebsame Bursche eilig von der Wahrheit zurück. Er wußte nicht, daß die friedsame Tochter der friedlosen Bosheit sich niemals ändert, nicht in tausend Jahren; und er wußte nicht, daß er mit der Wahrheit verwünscht gewesen wäre, kinderlos zu bleiben. Der junge Schornsteinfeger brachte es niemals dazu, Weltverbesserer zu werden. Er blieb, was er war. Und als er endlich träge und dick geworden war, so daß er sein Gewerbe in den Rauchfängen nicht mehr ausüben konnte, da heiratete er schließlich verbissen und verbittert die Bosheit in eigener Person. Sie wurde seine Frau und wäre doch nur seine Schwiegermutter geworden, wenn er der Wahrheit treu geblieben wäre. Königs Geburtstag Am Weihnachtsabend war's. Fünf Tagemärsche von Mpwapwa entfernt, auf einem stillen Hügel, im hohen Grase schlugen sie das Lager auf, der Graf und der Maler und ihre zwanzig schwarzen Begleiter. Der Jagd wegen waren sie nach Afrika gekommen, die beiden weißen deutschen Männer, der alte Graf und der junge Maler. Seit zwei Monaten zogen sie umher und waren ihren Leuten gute Herren, nicht wie die Araber und wie die Medizinmänner. Es war Weihnachtsabend und die beiden Weißen wollten sich etwas Gutes gönnen. Ein Wels, den Muganka mit den Händen aus dem Wasser gefischt hatte, wurde gesotten, die Zunge des Zebras gebraten, das der Graf heut erlegt hatte, Schokolade wurde gekocht und endlich eine der beiden Champagnerflaschen entkorkt und getrunken, froh getrunken trotz alledem auf das Wohl der Heimat. Abseits lagerten die Schwarzen und berauschten sich am Fleischgenuß. »Zebra, viel Fleisch.« Der Graf rief den Führer Mabruk heran und gab ihm Champagner zu kosten. Mabruk trank und grinste. »Ich weiß, was bedeutet... Habe schon einmal weißen Mann deines Landes geführt... hat damals ebensoviel essen wollen und das da dazu getrunken. Hat auch gesagt warum. War Königs Geburtstag. War auch dieselbe Jahreszeit.« Der Graf und der Maler blickten einander lächelnd an, und der Graf sagte: »Jawohl, es ist der Geburtstag unseres Königs.« »Bitte, Herr, sei gut, erzähl' von deinem König. Ja?... Kommt, Kinder, legt euch herum. Unser großer Herr feiert den Geburtstag seines Königs und will uns erzählen!« Die Schwarzen waren satt und lagerten sich im Kreise um den Grafen und den Maler. Sie lachten vor Spannung. »Laß mich erzählen,« sagte der Maler. »Ich habe was.« »Mein jüngerer Bruder wird euch von unserem König erzählen,« sprach der Graf. »O Herr'.« rief der Führer Mabruk. »Laß ihn doch schweigen; er gut, aber er erzählen Märchen und Lügen. Nur deine Worte wahr und stehen fest wie Elefanten.« »Heute will ich keine Märchen erzählen. Hört zu! Unser König, dessen Geburtstag wir heute feiern, ist nun bald zweitausend Jahre alt...« »O Herr, da hörst du, dein Bruder Lügen erzählen und Märchen.« Der Graf nickte ernsthaft mit dem Kopfe, und die Schwarzen glaubten dem Maler. Der fuhr fort: »Vor zweitausend Jahren wurde er geboren in einer verachteten Bambushütte als der Sohn armer Leute. Aber er wurde der größte und stärkste seines Stammes. Er trieb die Araber und andere Sklavenhändler hinaus und ließ sich martern von seinen Feinden, ohne mit den Wimpern zu zucken. Da erging sein Ruf über sein Volk hinaus von Land zu Land. Er aber wählte zwölf seiner Freunde aus, um die Welt zu erobern. Ohne ein Schwert zu ziehen, ohne eine Witwe zu machen oder eine Waise, hat er mit seinen zwölf Genossen mehr Land erobert, als der Flinkste unter euch durchmessen könnte in hundert Jahren. Und wo er herrscht, da jagt er noch immer die Araber und andere Sklavenhändler vor sich her.« Mabruk wiegte leise singend den schwarzen Kopf hin und her. »Immer Neues und immer Wunderbareres hört man von eurem Könige. Das wußten wir nicht, daß er Schwert nicht gezogen hat. Da seid ihr glückliches Volk, und wundert mich, daß ihr zu uns kommt... zu jagen.« Der Maler blickte zu den Sternen auf und sagte: »Ohne Schwertstreich hat er die Welt erobert. Als er aber ein paar hundert Jahre alt war, fing er an, alt zu werden. Er schrieb seinen Willen nieder und schickte mit diesem Willen Botschafter über alle Länder. Mit diesen Leuten hat er jedoch Unglück gehabt. Blutgierig sind sie und herrschsüchtig und bestechlich und nennen sich doch die Stellvertreter unseres guten Königs. Selbst sind sie Sklavenjäger und Sklavenhändler. Und vor ihnen sind wir aus unserem Lande geflohen, bis hierher, fünf Tagemärsche hinter Mpwapwa.« Mabruk sang wieder leise vor sich hin. »Hat euer König keinen jungen Sohn, der sein Werk fortsetzen und die schlimmen Statthalter züchtigen könnte?« Der Maler antwortete nicht. Er stand auf und lachte. Da nahm der Graf das Wort und sprach traurig: »Wir lieben unseren König, das seht ihr, denn wir feiern seinen Geburtstag hier, wo er es doch nicht erfahren kann, und nennen es den »heiligen Abend«. Aber es ist schlimm zu erzählen. Er wird keinen Erben hinterlassen, und niemand wird seinen Willen ausführen, wenn er einst stirbt.« Der Kapellenmeister Es war einmal ein Musikant, namens Schrumm, der war eigentlich gar keiner. Er kannte keine Note und kannte keinen Schlüssel. Aber es verlangte ihn, mitzutun, wenn die Kapelle was aufspielte, wenn die einen die Fiedelbogen hinauf- und hinunterzogen vor ihrer Nase, die anderen mit dem Bogen hin und her rutschten zwischen ihren Beinen, die dritten ihre Backen aufbliesen und tuteten, und die vierten auf der Pauke rasselten, und das Ganze sich vereinigte, als ob ein feuriger Wagen gen Himmel gefahren wäre, und Schrumm hätte drin gesessen und hätte die goldenen Rosse gelenkt und gestachelt und hätte jedesmal mit der unendlichen Peitsche geknallt an der Stelle, wo die Musik die Erde verließ und der feurige Wagen mit seinem kristallenen Deichselende krachend aufstieß das Himmelstor. Aber Schrumm kannte keine Note und keinen Schlüssel. Er verdingte sich bei dem Ältesten der Kapelle. Er blies ihm den Staub von seinem alten Hut und glättete ihm den Sand auf dem Estrich. Und er bat ihn inniglich und schmeichlerisch. Da versuchte es der Älteste der Kapelle mit ihm. Nacheinander durfte Schrumm vor jedem Notenpulte sitzen. Aber es ging nicht. Mit dem Violinenbogen stieß er seinem Nachbar ein Auge aus, an der Baßgeige lernte er nur einen einzigen Ton und glaubte, der passe zu allem, und spielte ihn zu allem, mit der Posaune erschreckte er die Nachbarn auf fünfhundert Schritte weit, und über die Flöte schüttelte er nur immer seinen Kopf. In die Pauke schlug er ein großes Loch, und als man ihm schließlich eine Knarre zu drehen gab, drehte er sie immer nur dann, wenn eine große Pause vorgeschrieben war. Denn er wollte sich hören lassen. »Das ist ein Kreuz,« sagte der Älteste der Kapelle. »Nicht einmal was ein Kreuz ist, weiß ich,« erwiderte Schrumm verzweifelt, aber soweit in guter Stimmung. Er drehte gern die Knarre in den Pausen. »Ja, kannst du denn gar nichts, ganz und gar nichts?« fragte der Älteste. »Könntest du nicht Noten umblättern?« »Könnt' ich nicht.« »Oder Lampen anzünden?« »Möcht' ich nicht,« sagte Schrumm. »Ja dann hilft das nichts, dann mußt du eben Kapellenmeister werden.« »Ei ja,« sagte Schrumm. Und so wurde er Kapellenmeister und paßte auf, daß er Takt schlug mit der Hand und mit den Füßen dazu stampfte, sowie er sah, daß die Musikanten den Bogen führten und auf der Pauke rasselten. Nebel Ein Schiff, ein eiserner Riese, kam heran über das Weltmeer; wie ein Dolch brach es sich Bahn durch die Wellen, und in schwarzer Nacht steuerte es in den Kanal. Die Nacht verging, aber keine Sonne ging auf. Nebel bettete sich auf dem Wasser. Die Offiziere standen auf der Kommandobrücke, bleich. Zwei Mann hielten Wache am Nebelhorn, und so oft aus maigrünem Busch der Kuckuck seinen Ruf erschallen läßt, in kurzen Pausen, unermüdlich, ebensooft stieß das Hörn seinen grausenerregenden Schrei aus, die Warnung rundum, daß der eiserne Riese durch den Nebel fahre und blind geworden sei. Entsetzt flohen die alten Fische, und bleich blickten die Leute der Wache. Es kam Antwort aus dem Nebel heraus. Von nah und von fern der gleiche grausenerregende Schrei, von nah und von fern das klirrende Singen von französischen Sirenen, und ganz aus der Nähe das verzweifelte Tuten der Segelschiffer, die ausgezogen waren nach Beute und nun umherirrten, blind zwischen blinden eisernen Riesen, wie Vögel im Netz. Zur Rechten und zur Linken, vorn und hinten, fern und nah ertönte das warnende Grausen, das klirrende Singen und der Angstruf der armen Fischer. Da erbleichten auch die Gäste des eisernen Schiffs, die bis dahin nichts gedacht hatten als: Ei, das ist hübsch! Ein Nebel im Kanal! Jetzt schlotterten sie und gedachten der letzten Dinge. Nur einer wurde nicht bleich. Ein Fiedler. Die Geige nahm er aus dem Kasten und küßte sie und nahm den Bogen und holte aus der Geige seine liebste Melodie. Er allein hörte sie, nicht die Offiziere auf der Brücke, nicht die Leute der Wache und nicht die Wanderer des Weltmeers. Da wieder weit voraus, kaum hörbar noch, der warnende Schrei eines Nebelhorns. Derselbe Schrei dann näher und näher. Man erkennt ihn, wie man eine Menschenstimme erkennt vor anderen. Geradeaus kommt es heran. Immer lauter erdröhnt es und überschreit die klirrenden Sirenen und den Angstruf der Fischer. Immer näher und immer drohender wird das warnende Dröhnen. Jetzt tönt es dicht vor dem Heck. »Backbord!« donnert es auf der Brücke; und »Backbord!« ruft das Echo aus dem Nebel. Hart neben dem eisernen Riesen dröhnt jetzt der Schrei. Die beiden Schiffe kreuzen einander, fremde Wellen schlagen an die Wände, aber man sieht einander nicht. Nur eine dunkle Wand scheint im Nebel vorüberzufließen. Entsetzen lähmt die Leute der Wache. Das Nebelhorn verstummt. Nur der Fiedler spielt seine Melodie. Da – von drüben – eine andere Geige nimmt die Melodie auf und begleitet sie, solange die schwarze Wand vorüberfließt, und noch eine Weile, bis der Nebel auch den Klang verschlingen will. Da hebt der Fiedler Geige und Bogen und ruft hinüber in den hungrigen Nebel: »...ich liebe dich.« Und aus dem Nebel, bevor er den Ruf noch verschluckt hat, kommt ein Echo zurück: »Ich liebe dich...!« Nur der Fiedler hat es gehört, nicht die Offiziere auf der Brücke, nicht die Leute der Wache und nicht die Gäste des eisernen Schiffs, die bleichen Wanderer des Weltmeers. Der Großstädter Ein frisches junges Füllen lebte auf dem Lande und hatte eine ganze Wiese für sich. Es wollte aber da nicht mehr fressen. Es hatte von der Stadt gehört und wollte ein Großstädter werden. Da ging es einmal durch, geradeaus nach der Hauptstadt. Es hatte nichts bei sich, nicht einmal Schuhe. Aber es hatte gehört, daß junge Füllen in der Stadt leicht ihr Glück machten. Was das Füllen in der Hauptstadt suchte, das war vor allem das öffentliche Leben. Es meldete sich also gleich nach seiner Ankunft überall dort, wo etwas öffentlich war. Zuerst wollte es ein öffentlicher Charakter werden. Aber es erhielt die Antwort, es sei dafür noch gar nicht zugeritten. Dann suchte es einen Dienst bei der öffentlichen Meinung. Aber es blieb keinen Tag dabei, denn dort wurden zu viele Geschäfte von Eseln besorgt. Da ging das Füllen in eine der öffentlichen Anlagen. Ein Schutzmann aber trieb es wieder hinaus. Hier dürften sich nur schön gestriegelte und wohlgenährte Herrschaften niederlassen; zum mindesten müßte es irgendein Schuhwerk haben. Öffentlich seien die Anlagen, aber nicht für die barfüßige Öffentlichkeit. Von diesem Schutzmann erfuhr das Füllen, daß es in der Stadt auch ein öffentliches Fuhrwesen gebe. Das Füllen meldete sich, bekam eisernes Schuhwerk, wurde sofort zum Gaul ernannt und zwischen zwei Deichseln vor einen Wagen gespannt. Nun war es ein Großstädter und begann das Leben, das es geträumt hatte. Den ganzen Tag war es auf den Beinen und trabte von einer Straße in die andere. Überall war was Neues zu sehen. Die Mahlzeiten nahm es nur noch stehend und eilig ein. Selbst während des Essens hieß es mitunter plötzlich: Nach der Börse! oder: Ins Ministerium! Am liebsten trabte der großstädtische Gaul mit geputzten Damen. Er hatte zwar nur die Arbeit davon, war den schönen Weibern nur vorgespannt, aber die Leute guckten doch alle, wenn nicht nach dem Gaul, der für sie schwitzte, so doch nach den Frauenzimmern in der Droschke. Und so keuchte der Gaul ganz vergnügt in Schnee und Hitze von Laden zu Laden, vom Theater zur Ausstellung, vom Ball zum Wohltätigkeitsbasar. Denn die schönen Frauen hatten doch auch mit der Öffentlichkeit zu tun. Bald kannte der Gaul jede Sehenswürdigkeit der Großstadt. Er konnte neugierige Fremde schon allein herumführen. Er war ein rechter Großstädter geworden. Aber er hätte sich wohl von Zeit zu Zeit gern ausgeruht, wie einst zu Hause auf der Wiese, wenn nicht der geldgierige Kutscher mit der Peitsche hinter ihm gesessen und ihm von Zeit zu Zeit um die Ohren gefuchtelt hätte. Als er sich einmal darüber beklagte, sagte der ehrliche Kutscher grob: »Das gehört zur Großstadt. Die schönen Weiber nehmen Arsenikpillen, die Herren trinken Kognak, du hast wieder eine andere Peitsche. Vorwärts zur Parade!« Der Gaul alterte rasch. Als er die Großstadt zwar bis auf die letzten Häuser kannte, aber nicht mehr recht traben konnte, ließ ihn sein Kutscher noch einmal nach dem Zoologischen Garten ziehen. Dort in der Roßschlächterei fand der großstädtische Gaul sein Ende. Er hatte ein ehrenvolles Begräbnis. Katzen und Hyänen folgten brüllend seinen sterblichen Resten. Die Jury Ein tüchtiger König hatte auch Adler in seinem Reich. Lange achtete er ihrer nicht, bis eines Tages ein Abenteurer an des Königs Tisch den Einfall vorbrachte, man könnte gut gezüchtete Adler zu einer Schwadron von Brief- und Paketträgern drillen für den nächsten Krieg. Der König schenkte dem Abenteurer eine abgelegte Komtesse zur Frau und lenkte seine hohe Aufmerksamkeit sofort auf die Adlerzucht. Für das bestgebaute Adlerweib setzte er einen Preis aus. Und Ochsen bestellte er zu Preisrichtern. Vettern einer kalbenden Kuh, die dem König befreundet lebten, waren alle Preisrichter. Und allemal hörten sie zuerst die Meinung der Kuh, bevor sie auch nur »Muh« sagten. Es waren bebänderte Ochsen, und zierliche Glöckchen hingen ihnen von der Wampe hinunter. Ein junges Adlerweib, weil es töricht war, ihren Adlermann verlassen hatte und sich in ihrem einsamen Stadtnest nicht wohl fühlte, meldete sich zum Wettbewerb. Ein stolzes Adlergeschöpf. Um das Adlerweib standen die Preisgeschworenen herum, sieben Ochsen, und dem Neste zunächst die einflußreiche Kuh mit ihrem Kalbe. »Hat sie Hörner?« fragte der Ochsenälteste und rüsselte mit seinem Maul vor den Augen des Adlerweibs. »Mein Kälbi kriegt sie bald,« sagte die Kuh. »Und nicht einmal ihr Mann hat welche.« »Muh,« machten die sieben Ochsen. »Hat sie ein goldenes Joch?« fragte der zweite Ochse und legte sich zum Wiederkäuen nieder. »Nicht einen roten Pfennig,« sagte die Kuh. »Mein Kälbi hat auch kein Geld, aber es gehört zur Familie.« »Muh,« machten die sieben Ochsen. »Kann sie alten Fraß wiederkäuen?« fragte der dritte Ochse. »Lebendiges schlingt sie hinunter,« rief die Kuh. »Seht nur, wie schön mein Kälbi schon wiederkäut.« »Muh.« »Hat sie 'nen Stall, 'nen warmen Stall?« fragte der vierte Ochse. »Bei Mutter Grün, in Luft und Wind!« rief die Kuh. »Eine Hergeflogene! Aus dem Ausland! Nicht einmal eine Streu hat sie wie mein Kälbi, das hier geboren ist.« »Muh.« »War sie bei Hofe?« fragte der fünfte Ochse und bewegte die Wampe, daß die Schellen klingelten. »Ohne Band und Schelle seht ihr sie,« rief die Kuh. »Da guckt mein Kälbi an. Seinem Vater zuliebe hat es, wie es nur vierundzwanzig Stunden alt war, schon ein Glöckchen gekriegt.« »Muh.« »Gibt sie Milch?« fragte der sechste Ochse. Die Kuh antwortete gar nicht. Kälbi suchte muffelnd unter dem Adlerweib und kehrte dann kläglich zum strotzenden Euter der Mutter zurück. »Muh.« »Gibt sie Mist?« fragte der siebente Ochse. Der Ochsenälteste bat das Adlerweib, sich ein wenig vom Neste zu lüften. »Etwas Mist wenigstens muß da sein,« meinte er wohlwollend. Da lagen zwei Eier. »Wie ekelhaft!« rief die Kuh. »Nicht einmal Mist gibt sie. Nichts als diese schäbigen Eier. Adlereier. Riecht mal, wie schön mein Kälbi schon mistet.« Da machten alle Ochsen »Muh« und sprachen den ersten Preis für Adlerzucht dem Kälbi zu. Das wurde später ein großer Ochse. Damals aber war es noch jung und gut. Darum sagte es freundlich zum Adlerweib: »Mach dir nichts draus. Was hättest du vom Preis des Königs gehabt, außer der Ehre? Der Preis ist ja ein Fuder Heu.« Da stieß das Adlerweib ab und schwang sich auf durch den wogenden Äther, zurück zu ihrem Adlermann. Die Bescheidenheit In den heiter-stillen Hallen, aus denen man nicht wiederkehrt, gab es mitten zwischen den anderen ewigen Freuden der Seligen auch einen Spieltisch der drei Unverschämten. Napoleon, der Kaiser, Schopenhauer, der Denker, und Helena, die Schöne, spielten da, unermüdlich, wie alles geschieht in den stillen Hallen des Jenseits, ihren Skat miteinander. Zu dreien. So war es behaglicher. Sie hatten einander bald gefunden, trotzdem der Name Helena dem Kaiser zuerst nicht gefiel und trotzdem der Denker mit gierig funkelnden Augen behauptete, ein Weiberfeind zu sein. Helena liebte es, mit wenigstens zwei Männern zu spielen. Hinter ihr gab es immer eine Schar von Kibitzen, die ihr in die Karten guckten und in den offenen Nacken unter dem rotgoldenen Haar. Die Ersten unter den seligen Geistern blickten alle sehnsüchtig nach dem Spieltisch der drei Unverschämten; doch selbst Leutnants, Professoren und wirkliche Geheimrätinnen wagten es nicht, sich als seligen vierten Mann anzubieten. Da sagte eines Tages der Vorsitzende des Totenreiches: »Die Kerls kümmern sich ja gar nicht um mich! Sie sollen mir die Bescheidenheit schon kennen lernen!« Er faßte einen grauen Schatten an der Hand und stellte ihn den drei Unverschämten vor. Es war eine von den ganz und gar Toten. Nicht groß, eher klein. Nicht stark, eher schmal. Nicht jung, eher alt. Nicht schön, formlos, wie ein Nebel. In den Kirchenbüchern war dieser Schatten die Bescheidenheit getauft, sonst hieß sie nur die graue Gans. Sie setzte sich schüchtern an den Tisch der Unverschämten, sprach leise und fragte, ob sie nicht mitspielen dürfte. Helena warf den Kopf zurück, Schopenhauer spähte kurzsichtig nach den Formen der grauen Gans, Napoleon gab die Erlaubnis. Ihm war jedes Weib recht, zum Spiel. »Nur einige bescheidene Bedingungen möchte ich zu stellen wagen,« lispelte die graue Gans und nahm dabei die Karten an sich. »Auch noch!« rief Helena. »Erstens, Sire, möchte ich gehorsamst gebeten haben, daß wir den Point um eine Viertelbohne spielen. Ich wenigstens gehe nie höher. Ich sehe, daß die Herrschaften um ganze Kronen spielen oder so was. Könnten die Leute das nicht Protzenhaft nennen?« »Wie Sie wollen,« sagte der Kaiser, »aber ich besitze keine Bohnen.« Da mußte Napoleon der grauen Gans ein Säckchen Bohnen abkaufen und die goldene Beute der Erde dafür geben, und sie spielten um Bohnenviertel weiter. Während des Spiels plauderten die drei Unverschämten nach ihrer Art. Sie entwarfen Pläne, dem Saturn seine Ringe abzureißen und sie Helena um die Fußknöchel zu schlingen; sie kritisierten die Formen der Planeten und ihrer Kurven; und wenn sie scherzten, so schleuderten sie Blasphemien der Liebe, daß die Sonnenflecken blau wurden vor Scham. Die graue Gans strich von jedem sieben Bohnenviertel ein und flüsterte, zu Schopenhauer gewandt: »Zweitens, hoher Meister, möchte ich verehrungsvoll die ergebenste Bitte stellen, daß unsere Unterhaltung sich schlicht und einfach mit den üblichen Gegenständen begnüge. Ihr Gespräch könnten die Leute hochmütig finden.« Schopenhauer nickte. Man redete nur noch von Köchinnen und Schauspielerinnen, von den Marktpreisen und von Badereisen. Der Denker fühlte sich dumm werden, als wäre er ein grauer Schatten. Hinter Helenas leuchtenden Schultern drängten sich die Kibitze so dicht, daß einer von ihnen erstickte. Hinter der grauen Gans stand niemand. Da sagte sie leise: »Drittens, meine gute Schwester, möchte ich Sie um ein kleines Zeichen Ihrer Zuneigung bitten. Nehmen Sie doch einmal meine Tracht an. Grau müßte Mode werden. Lassen Sie sich doch Ihr grelles Haar abschneiden und setzen Sie eine graue Perücke auf. Auch wäre es freundlich von Ihnen, sich Ihr Gesicht endlich mal grau anstreichen zu lassen. Dem Alter nach sollten Sie doch anständigerweise schon eine Ruine sein. Und ziehen Sie doch endlich was an! Etwas Dichtes, etwas Graues, etwas bis an den Hals! Die Leute könnten Sie sonst für eitel halten.« »Das ist die frechste Person, die mir mein Lebtag vorgekommen ist!« rief Helena. »Sie irren,« meinte die graue Gans demütig, »ich bin ja die Bescheidenheit.« Da fiel Helena vor Lachen hintenüber und strampelte mit den unsterblichen Beinen, daß sogar der erstickte Kibitz wieder lebendig wurde. Das Opfer Es war einmal ein Maler, der hatte viel gelernt auf der Akademie: Zeichnen und Farbenreiben, Anstreichen und Sichkleiden und große Pläne machen. Dazu hatte er noch eine wunderschöne Geliebte. Er hieß Stieglitz und war ein schlechter Maler. Die Geliebte aber hatte starke Arme und starr emporgerichtete Augen; sie wollte ihn hoch sehen über seinen Genossen oder ihn hochheben über sie, wenn er nicht steigen konnte aus eigener Kraft. Er ging müßig umher und sprach von einem großen Bilde, das sollte »das Opfer« heißen. Morgen wollte er anfangen. Nur ein Modell suchte er für das »Opfer«. Jahrelang suchte er sein Modell. Endlich fragte die Geliebte: »Was suchst du denn für ein Modell? Was wird dieses Weib denn können, das ich nicht kann?« »Schön muß sie sein wie du, und dieses Messer muß sie sich in die Brust stoßen können, aufrecht auf dem Modelltisch, vor mir.« »Spann die Leinwand auf,« sagte die Geliebte. »Nimm die Palette und mach die Augen auf!« Ein Band nur löste sie und alle Gewänder fielen von ihr ab. Naät stand sie da, schlank und voll in ihrer Blüte; sie stieg drei Stufen hinauf, setzte das Messer an unter der schwellenden linken Brust, blickte stolz und entschlossen empor und fragte: »Ist es so recht?« »Nicht ganz,« rief der Maler ungeduldig. »Das ›Opfer‹ muß ja lächeln! Lächelnd muß sie das Messer hineinstoßen.« Die Geliebte lächelte und stieß sich lächelnd das Messer tief ins Herz. Der Maler ist alt geworden und hat sein großes Bild nie gemalt. Er hatte doch ein glückliches Lächeln verlangt! Mit einem glückhaften Lächeln auf den Lippen mußte das Opfer sterben. Die Geliebte aber hatte im Tode ganz falsch gelächelt, bitter, spöttisch. Der Bravo Ein Jüngling war Mann geworden und sah Feinde ringsum. In einer dunkeln Mitternacht winkte er darum den Bravo herauf, der gegenüber an der Ecke vom Abend bis zum Morgen auf ein Geschäft zu lauern pflegte, einen Dienstmann. Eine rote Mütze trug er und eine rote Nelke steckte in seinem Knopfloch. »Sie befehlen, Eccellenza?« »Du sollst mich von meinen Feinden befreien.« »Mit Vergnügen, Eccellenza.« »Wann wird's geschehen sein?« »Zur richtigen Zeit für Eccellenza. Übrigens, was kriege ich dafür?« »Ich will im Jenseits dein Knecht sein.« »Geben Sie mir lieber hier ein Glas Branntwein. Schön! Und Ihre Feinde?« Der Jüngling, der Mann geworden war, nannte die Namen, Männer und Frauen seines Umgangs. Endlich wurde er blaß und flüsterte dem Bravo die beiden letzten Namen ins Ohr. Der Bravo trank seinen Branntwein und sagte: »Ich werde Eccellenza von allen Feinden befreien.« Der Mann wirkte weiter und wartete. Von Zeit zu Zeit starb wohl einer seiner Feinde, aber für jeden Toten standen zwei Lebende auf. Und so oft er herausblickte, stand drüben an der Ecke der Bravo mit der roten Mütze, als lauerte er auf ein neues Geschäft. Immer älter wurde der Mann und immer dichter scharten sich die Feinde. Eines Tages trat der Bravo wieder vor ihn und hielt ihm die rote Nelke vor die Nase. Den Tod sog er ein mit ihrem Duft. »Du bringst ja mich um!« »Freilich, Eccellenza. Ich habe Ihnen ja versprochen, Sie von Ihren Feinden zu befreien. Es ist ja ganz gleichgültig, wer von beiden Platz macht, Eccellenza oder die Feinde.« »Du bist von ihnen bestochen?« »Sissignore, von jedem einzeln, wie von Ihnen. Von jedem gegen alle. Aber ehrlich, ist Ihnen nicht schon etwas wohler?« »Ich... glaube wirklich ... ich ... von allen Feinden... befreit... Dank.« Der Kaiser und der Fuhrmann In einem Wirtshause an der Heerstraße trafen einander zur Vesperzeit ein müder Kaiser und ein müder Fuhrmann. Als beide den ersten Hunger und Durst gestillt hatten, rief der Fuhrmann: »Es ist ein Hundeleben, Den ganzen Tag zwei Gäule peitschen und immer nur im Schritt gehen.« »Hm,« sagte der Kaiser. »Ich fahre mit sechsen. Ich habe sechs Pferde zu peitschen.« »Was sind Sie denn?« fragte der Fuhrmann. »Kaiser.« »Wie ist das?« Da ließ der Kaiser den Fuhrmann ein Weilchen durch sein Knopfloch blicken, und der schaute plötzlich das ganze Kaisertagwerk. Weiße Zimmer und goldene Schüsseln und tausend Diener und hunderttausend kniende Menschen. Dann aber auch Minister, die nicht ziehen wollten, hinter ihnen einen großen Karren im Dreck; der Kaiser auf dem Karren, er schlug mit einer vergoldeten Peitsche auf die Minister, auf Fürsten und auf Geheimräte. Der Kaiser trank dazu Champagner aus goldenen Glaskelchen und schrie unaufhörlich »hü, hü!« Der Karren rührte sich kaum, so sehr der Kaiser sich mühte und schrie und schwitzte. »Mein lieber Herr,« sagte der Fuhrmann, und nahm den letzten Schluck von seinem Landwein und erhob sich, um schlafen zu gehen. »Mein lieber Herr! Da gehe ich doch lieber weiter im Schritt vorwärts und peitsche weiter meine beiden braven Gäule, aber ein Hundeleben ist es doch.« Die drei Getreuen Ein Held kehrte heim vom Kampf. Nach den Feinden hatten die Freunde sich gegen ihn gewandt. Wund vom Leben, wund von Feind und Freund kehrte er heim und schwieg und sank nieder. Sein Hund kam und leckte ihm die Risse, die die Dornen des Wegs ihm gerissen hatten. Sein Weib kam und verband ihm die Wunde, die der Feind ihm in die Brust geschlagen hatte. Der Tod kam und zog behutsam den Dolch heraus, den der Freund ihm in den Rücken gestoßen hatte. Da legte sich der Held auf den grünen Rasen seines Gartens und freute sich sterbend an seinem Hunde, seinem Weibe und seinem Tod. Der Fluß Zwischen der alten und der neuen Stadt führte die steinerne Brücke über den Fluß. In der Neustadt wirbelte es von Pauken, Zimbeln und Geigen. Vor den Buden sprangen Marktschreier und lockten die Leute mit Weibergesang, mit Wein und Würfelspiel. Die Altstadt hatte nur stille Gräberstraßen, aber jenseits der Friedhöfe, auf der höchsten Klippe des Berges, stand eine graue Säule, oben loderte ein Feuerbrand, und aus dem Feuer rief es den Einsamen. Durch die Gräberstraßen der Altstadt, vorüber an den Friedhöfen, strömte das Volk herbei, aus allen Dörfern und Flecken, über die Brücke nach der lustigen Neustadt. Rechts und links auf dem Steingeländer der Brücke standen ungefüge Bildwerke und winkten den Kommenden. Von der Neustadt her, den Blick geradeaus gerichtet auf den lodernden Feuerbrand, wollte der Einsame das andere Ufer gewinnen. Aber wie die Wellen der Springflut, so unwiderstehlich bewegte sich der breite Menschenstrom ihm entgegen. Oder auch wie fließende Lava, der einzelne Mensch sah nicht einmal die nächsten. Ein dicker Mann war da, der hatte Gold in den Ohren und Gold in den Zähnen und schob seinen vergoldeten Bauch vor, wie ein verbrieftes Recht. Da war ein junges Weib, das hatte goldene Krallen und drohte jeden zu kratzen, der sie aufhielt. Zwei junge Leute hielten Stöcke mit goldenen Spitzen vor sich und stachelten zum Spaß, wer ihnen nicht rasch genug ging. Und hinter den Nächsten kam die Masse, die Welle. Der einsame Mensch sah nur den Feuerbrand. Er streckte die Arme empor, und mit sehnsüchtigen Augen strebte er voran. Doch goldene Bäuche stießen ihn, goldene Krallen kratzten ihn, goldene Spitzen stachen ihn. Einer gegen alle. Dann hob ihn die Welle, die Masse, und schleuderte ihn über die steinerne Brüstung hinab in den Fluß. Oder auch er sprang selbst hinab, um das andere Ufer zu gewinnen. Der Fluß aber kannte seine eigenen Ufer nicht und trug den Einsamen leise hinab ins ewige Meer und dort hinunter in die stille Tiefe, wo nichts mehr lockte, nicht Geigenklang und nicht Weibergesang, keine graue Säule und kein Feuerbrand. Die Dankbarkeit Da war ein kleines, hübsches, dummes Mädel, dessen Amt es von jeher gewesen war, der Wohltätigkeit die Schleppe nachzutragen. In einer dunkeln Nacht ging die Dankbarkeit, so hieß das dumme Mädel, durch die Hauptstraße der Stadt, obdachlos, hungrig nach Brot und Liebe, eine hungernde kleine Dankbarkeit. Alle Fenster waren erloschen, nur aus einigen Kellerlöchern dämmerte es trüb und rötlich herauf. Eine Weibsgestalt, groß und vermummt, schritt dem Mädel entgegen und ließ wie von ungefähr ein Geldstück herabgleiten. Die kleine Dankbarkeit hob es lächelnd auf und blieb ein Weilchen sinnend stehen. Bänder und Äpfel wollte sie kaufen. Dann lief sie schnell hinter der alten Wohltätigkeit her und wollte ihr die Schleppe streicheln: Doch die hohe Gestalt war nicht mehr zu erreichen. So rasch die Dankbarkeit auch sprang, die Wohltätigkeit war immer voraus; und als der Morgen graute, war die verschleierte Frau auf der endlos langen Straße wie verschwunden. Da ging schreiend hell die Sonne auf. Dort... in Goldbrokat, die Schleppe von schwarzem Samt, einen silbergestickten Beutel in der Rechten, ein Gesangbuch in der Linken, eiserne Handschuhe bis zu den Ellbogen hinauf, so stolzierte die Erscheinung hin, feierlich und würdig. War es die alte Wohltätigkeit? Bald hatte die kleine Dankbarkeit sie erreicht. Eben wollte sie nach der schwarzen Schleppe fassen, da drehte sich das Weibsbild um, unverschleiert. Schön war es, aber geschminkt, das Haar gefärbt. Aus dem Munde blinkten zwei weiße Wolfszähne. Es hob die Eisenfaust und warf der Dankbarkeit ein paar kalte, harte Goldstücke ins Gesicht, daß die arme Kleine aufschrie vor Leid und daß sie entsetzt davonrannte vor der Wölfin mit den eisernen Händen. Jetzt fing die Wohltätigkeit an, der Dankbarkeit nachzulaufen. »Es war Gold!« schrie sie zornig. »Ich bin sogar eine Prinzessin! Du mußt mir die Hand küssen!« Die Kleine lief, was sie konnte. Seitdem ist die Wohltätigkeit ganz ohne Scheu, bald singend, bald tanzend, oft wie im Rausch, immer hinter der Dankbarkeit her – und kann sie nicht einholen. Die Frau aus dem Tierpark In einem alten Tierpark stand ein neues Schloß; dort wohnte ein Mann mit seiner Frau. Er war glücklich, weil er eine so schöne und treue Frau hatte, und sie war zufrieden, weil sie das neue Schloß im alten Tierpark bewohnen, Hochzeiten und Gastereien geben und ihre beiden Augen in hundert Spiegeln betrachten konnte. Es machte ihr Freude, mit ihren beiden Augen alle Geschöpfe zu verlocken, ihren Gatten und die anderen Männer zu verlocken, aber auch die wilden Tiere des Parks. Eines Tages, als sie den schwarzen Panther gereizt hatte mit ihren beiden Augen, schlug der schwarze Panther nach ihr mit der Tatze, und sie verlor das Licht des einen Auges. Da weinte sie, als ob sie sich auch das andere Auge blindweinen wollte, und schrie unaufhörlich: »Ich bin nicht mehr schön! Man wird mich nicht mehr lieben!« Der Mann kniete neben ihrem Lager nieder und sagte: »Ich liebe dich, ich liebe deine Seele. Ich liebe dich mit dem toten Auge mehr als je ein Weib geliebt worden ist.« Die Frau trocknete ihre Tränen. »Was sagt man von meiner Schönheit? Kommen sie nicht in geringerer Zahl zu meinen Hochzeiten und Gastereien? Sprechen die Maler nicht, daß sie mich nicht mehr malen wollen für den großen Saal des neuen Schlosses?« »Man beneidet mich, man drängt sich draußen, man sieht es nicht, daß dein eines Auge kein inneres Licht mehr hat.« Mann und Frau lebten so weiter miteinander. Auf Hochzeiten und Gastereien strahlte die Frau und lockte die Männer, und das eine Glasauge glänzte so hell wie das lebendige andere Auge. Die Frau lockte Männer und Tiere, und nur vor schwarzen Panthern nahm sie sich in acht. Sieghaft schritt sie durch ihre Gemächer und über die Blumen des Parks, und keinen ihrer hundert Spiegel zerbrach sie. War sie aber mit ihrem Mann allein, so verdüsterte sich ihre Stirn und sie murmelte: »Ich bin nicht mehr so schön wie früher, man liebt mich nicht mehr wie früher. Man weiß, daß ich ein totes Auge habe.« Der Mann sann und sann, wie er der Frau die Freude wiederbringen könnte. Als es ihm eingefallen war, zögerte er nicht. Er stach sich sein eines Auge aus und sagte gelassen: »Siehe, nun bin ich wie du, und ich habe dir gezeigt, wie man dich liebt.« Leise zuckte sie mit den Achseln. Sie setzte sich neben sein Schmerzenslager, sie kühlte ihm die Wunde, sie pflegte ihn, wie er sie gepflegt hatte. Sorgenvoll beobachtete sie seine Genesung. Und als er aufgestanden war und sie wahrnahm, daß seine beiden Augen glänzten, als ob nicht das innere Licht des einen erloschen wäre, da lächelte sie sanft und flüsterte: »Ich danke dir. Du hast mich wunderbar beruhigt.« Und sie ging fort mit ihrer strahlenden Schönheit und bezog mit einem anderen Manne ein anderes neues Schloß im Tierpark. Niemand hat je erfahren, daß das innere Licht ihres einen Auges ausgelöscht war. Niemand hat je erfahren, was aus dem Manne geworden ist, der sein Auge hingegeben hat. Die Blume ohne Wurzel Eine Lilientochter hatte die Sehnsucht, sich ganz von der Erde zu lösen. Sie stammte von einem ausländischen Geschlechte; Goldpunkte begrenzten ihre weißweiß schimmernden Blätter. »Mutter,« flüsterte die Lilientochter – und es war nicht zum ersten Male, daß sie so flüsterte –, »es ist nicht, weil meine Wurzel einen so häßlichen Namen hat. Zwiebel! Aber es ist wirklich nicht darum! Die Wurzel ist eine Fessel. Ich könnte fliegen, unserer Königin jeden Morgen entgegenfliegen, der Sonne, wenn mein Fuß nicht gefesselt wäre an die Erde.« »Ja, mein Kind,« sagte dann wohl die Lilienmutter, wie man fiebernde Kinder beruhigt, »mußt nicht glauben, daß ich nicht ähnliche Gedanken hatte. Wie ich noch jung war. Das vergeht wieder. Schlaf nur.« »Mutter,« flüsterte die Lilientochter wieder, »es ist nicht darum, daß ich nicht fliegen kann. Ich schäme mich nur so. Als ob ich nicht leben könnte ohne die gemeinen, schmutzigen Säfte, die mir aus der Erde durch diese alte Wurzel zufließen. Als ob ich nicht noch weißweißer blühen, mich nicht noch goldreiner schmücken, nicht noch heißheißer duften würde, wenn ich frei umherflöge, allein mit der Königin Sonne, ohne die Wurzelfessel, ohne die ungestalte Erde.« »Ja ja, mein gutes Kind,« tröstete dann wohl die Lilienmutter. »Ich kenne das. Wenn man jung ist! Sonnenaufgangsgefühle! Es gibt sich schon wieder. Schlaf' nur ein.« Eines Morgens aber glaubte die Lilientochter, sie müßte; das Herze würde ihr sonst bersten. Sie nahm also ihre ganze Sehnsucht in beide Hände, wandte ihr Antlitz nach Osten der aufgehenden Sonne zu, faßte sich einen jähen Mut, schloß die Augen und riß sich mit einem einzigen starken Ruck von der guten Erde los. »Das hast du jetzt davon,« sagte die Lilienmutter. »Ich habe es dir doch immer wiederholt. Befrei dich nicht von der Erde, befrei dich nicht von der Zwiebel. Es geht nicht ohne Nahrung. Wir sind nun mal keine Engelsköpfchen ohne Leib.« Die Lilientochter war wirklich in Ohnmacht gefallen, als sie die Verbindung mit der Erde gelöst hatte. Aber in der Ohnmacht träumte sie. Schön. Himmlisch schön. Die Goldpunkte an den Rändern ihrer Blätter waren durchsichtige Edelsteine geworden. Die Staubfäden ihrer Seele begatteten sich körperlos mit den Sonnenschmetterlingen ihrer Wahl. Und sie stieg empor, immer höher, immer reiner, eine Tochter der Sonne, eine Gespielin der Sonne. Immer höher, immer reiner. Ohne den schmutzigen Erdenrest. Bis ihr schwindelte und sie verwirrt aus ihrer Ohnmacht erwachte. Da lag die Lilientochter abgerissen neben ihrer Wurzel. Im Sterben. Welk. Und starb. Und ließ sich in unförmliche Erde wandeln von der sengenden Sonne. Zwei Bettler Zwei Bettler saßen an der Kirchentür. In der Kirche donnerte der Pfarrer von der Allmacht und von der Güte Gottes, ermahnte die Sünder und mahnte zum Glauben. Die Männer und Frauen blickten verstohlen aufeinander oder lasen in ihren Büchern oder schliefen. An dem großen Fenster rechts vom Hauptaltar zwitscherten die Schwalben. Bis vor die Kirchentür hinaus hörte man von Zeit zu Zeit die eindringlichsten Stellen der Predigt. Denn es war Sommer, die Tür stand offen, und die Bettler hatten ihre Gebreste entblößt. Und Schwalben schössen hin und her und fingen im Fluge die kleinen Mücken. Der jüngere Bettler hatte nur einen Stelzfuß. Dem älteren Bettler fehlte ein Arm und seine Brust war grauenhaft zerfressen. Der jüngere Bettler sagte: »Der Pfaff ist doch ein Feigling. Ich kann hier in der warmen Sonne sitzen und brauche immer nur: ›Vergelt's Gott‹ zu sagen und stehe mich jahraus, jahrein ebenso hoch wie er. Dafür muß er aber Tag und Nacht ein Gesicht machen wie ein Leichenbitter und muß alle segnen, die ihm was geben, mit vielen hundert Worten segnen, und auf lateinisch, die Kinder, die Brautleute und die Toten. So eine Memme, und kommt nicht höher als ich! Pfaff, anstatt sich ein Bein abschießen zu lassen!« Der alte Einarm schlug ein Kreuz und sagte: »Lästere nicht! Du wirst noch die ewige Seligkeit verscherzen.« »Ewige Seligkeit?...! Du natürlich, du hältst zu den Pfaffen. Für dich hat Gott auch etwas getan. Er hat dich als Einarm auf die Welt kommen lassen und dir dazu den Aussatz gegeben. Du hast allen Grund, ihm dankbar zu sein. Aber ich? Nichts hat er mir gegeben, und ich pfeife auf den Pfaffen. Alles habe ich mir selber zu verdanken.« Und er schob den versteckten Fuß ein wenig zurück und schnallte das Stelzbein fester. Thron und Altar I. Zwei alte Steine lagen nebeneinander am flachen Ufer des Weltmeers. Der eine Stein hart und breit wie ein Hackblock, auf den man Menschenleiber legen und Köpfe und Arme und Beine abhauen konnte; der hieß der Thron in der heiligen Sprache des Landes. Der andere Stein hart und breit wie ein Herd, auf dem man wohlriechende Hölzer und lebendige Menschenleiber zu Asche brennen konnte; der hieß der Altar in der heiligen Sprache des Landes. Lange stritten miteinander die Zwergriesen, die die Herrn der beiden Steine waren, um das Blutrecht. Sie stritten mit Feuer und Beilschwert, aber auch mit geistigen Waffen: mit Fluch und Bann und Gesetz. Sie kämpften ohne Entscheidung. II. Ein gewaltiger Sturm peitschte die Wellen des Weltmeers auf. Die Wellen jagten ans Ufer und drohten das Feuer des Altars zu löschen, den Thron zu unterspülen. Die beiden Zwergriesen schlossen da Frieden; aber im Frieden betrogen sie einander. Der Herr des Thrones hoffte, den unbeständigen Sand des Ufers durch Feuer und Blut zu festigen, daß sein Sitz nicht so leicht unterwaschen werden könnte. Der Herr des Altars hoffte sich hinter dem Thronstein zu bergen, so daß die Wellen sein Feuer nicht so leicht auslöschen könnten. Sie betrogen einander und sie verrieten einander. Der eine wie der andere träumte von Feuer und Beilschwert, wenn erst der unbeständige Sand wieder ruhig geworden wäre. Der Herr des Thrones träumte von dem Tage, an dem er dem Zwergriesen des Altars Kopf und Arme und Beine würde abhauen können auf seinem Hackblock; der Herr des Altars träumte ebenso von dem Tage, an welchem er den Zwergriesen des Thrones würde lebendig verbrennen können auf seinem Herde. Weil sie jedoch wachten, gaben sie einander freundliche Worte und gössen reichlich Blut und Feuer über den geduldigen Sand. III. Ein Kind spielte am flachen Ufer des Weltmeers, das Söhnchen der Zeit, des wahren Gottes. Das Kind sang und wußte nichts davon, daß die beiden harten und breiten Steine Thron und Altar hießen in der heiligen Sprache des Landes. Das Kind redete eine neue Sprache, die Sprache der Kinder. Das Söhnchen der Zeit sagte sich: »Schön, die sind gerade gut, mit ihnen Fastnachtküchle zu spielen. Drüben rufen sie's: Butterbrotwerfen. Kommt nicht auf den Namen an. Dummes Menschengeschwätz.« Und das Kind faßte den Hackblock, an den sich der Zwergriese des Thrones jammernd anklammerte, bückte sich, holte aus und warf den Stein jauchzend über die glatte Meeresfläche hin. Siebenmal prallte der Stein, weil der Zwergriese mit beiden Händen verzweifelt auf das Wasser aufschlug, vom Wasser ab und flog weiter. Dann versank er für immer in der Tiefe des Meeres. Mit seinem Herrn. Das Kind faßte den Herd, an den sich der Zweigriese des Altars fluchend anklammerte, bückte sich, holte aus und warf den zweiten Stein, noch heller jauchzend, hinter dem ersten her. Dreizehnmal prallte der Stein ab und flog weiter. Dann versank auch er für immer in der Tiefe des Meeres. Mit seinem Herrn. Timon Timon war tausend Jahre alt. Sein Haß war jung geblieben, tief in den Höhlen lohte die Glut seiner Augen. Auf einem Felsen saß der tausendjährige Timon und warf nach den Menschen mit Steinen und Schimpfreden. Jesus und Petrus kamen die Straße gezogen. Auch nach ihnen warf Timon mit Steinen und Schimpfreden. Und Petrus, als ob er vorstellen wollte, sagte zum Herrn mit einem seltsamen Blick: »Timon, der Menschenfeind.« Jesus hob seine Rechte und schaute auf Timon. Der blieb wie gebannt. Jesus sprach: »Hast du das neue Wort nicht vernommen?« »Welches neue Wort? Viele neue Menschen und viele neue Worte sind geboren worden, seitdem ich sehen und hören kann.« »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Der Bann war gebrochen. Wie ein Brüllen klang das Gelächter Timons. »Du bist also der! Das ist dein neues Wort! Huha! Das Wort habe ich vernommen! Seit einigen hundert Jahren vernehme ich's oft. Jeden Sonntag vor dem Mittagessen. Mit Glockenbegleitung. Neue Menschen werden geboren und neue Worte. Ich spei' auf die neuen Worte. Sie haben nichts umgeschaffen. Geblieben ist die alte Hundsfötterei!« »Kein bloßes Wort! Ein neues Leben soll es dir sein! Du sollst – deinen – Nächsten – lieben – wie dich selbst!« Da sprang Timon von seinem Felsen herunter. Wild hob er die Fäuste. »Nur die nicht, nur die Nächsten nicht. Die Nächsten, die kenne ich ja. Die Menschen, die ich kenne, die muß ich ja gerade hassen. Nur die Fernsten will ich gelten lassen, die ich nicht kenne, denen ich nicht ins Herz gesehen habe. Die über einen Steinwurf weit von mir entfernt sind. Sie sollen mir nicht nahekommen. Ich will sie nicht kennen, ich will sie nicht hassen.« »Du warst gut. Du bist gut. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Schauerlich klang das Gelächter Timons. Dann hielt er die weiße Hand des Herrn Jesus zwischen seinen braunen Händen und schrie: »Wie mich selbst! Mich selbst habe ich von je gehaßt, von dem Tage, da ich den viehischen Teufel in mir entdeckte. Die Menschen habe ich lieb gehabt wie mich selbst. Besonders die Nächsten. Und du, der du das neue Wort gefunden hast! Deine Nächsten haben dich verleugnet, verkauft und gekreuzigt. Die du gekannt hast, die waren deine Feinde. Die du nicht gekannt hast, für die hast du gebetet. Zu deinem Vater im Himmel, der dich verlassen hat. Warum? So hast du selbst gefragt! Pest und Marter in die Knochen der Menschen, die wir kennen. Tritt dicht zu mir heran. Du Wortfinder. Ich will dir etwas ins Ohr sagen. Ja, auch ich. Auch ich und immer noch. In jedem Frühjahr. Wenn dort, weit dort hinten am Rande der Ebene, an lichten Frühlingstagen, wenn dann junge Menschenkinder den Bach entlang schreiten, dann kommt dein Wort auch über mich. Nur von ferne seh ich sie, die sich bei der Hand gefaßt halten. Heiß quillt es in mir auf, bis zu den Augen. Mir wird priesterlich zumute. Huha! Priesterliche Sprüche drängen sich mir auf die Lippen. Segen über euch, Glück über euch, ihr Unbekannten, ihr neuen Menschen! Ja, ja, mein Herr, ich auch! Dem viehischen Teufel schlag' ich aufs Maul, und singerlich breitet sich meine Seele. Ich auch und immer noch. Darauf kommen sie heran, die neuen Menschen. Ich erkenne sie, und es ist der alte Unflat, der alte Menschenkot. Schaff sie aus meinen Augen, schaff sie aus meinem Wesen, damit ich sie lieben kann. Die Fernsten will ich lieben, die Nächsten muß ich hassen.« »Menschensohn,« sprach Jesus, »laß dich belehren...« »Fort,« schrie Timon, »weit fort von mir. Ich möchte dich lieben. Ich will dich nicht kennen.« Traurig schritt Jesus seine Straße weiter. Petrus ging hinter ihm her, schüttelte sein kluges Köpfchen und murmelte: »Schade! Der hätte ein ganz guter Christ werden können.« Die Giftschlange Eine junge Kreuzotter wollte sich über ihr Schicksal beklagen, wie das junge Leute so an sich haben. Nun ja, sie hatte die Gewohnheit angenommen, mit Gift um sich zu spritzen, so oft sie gereizt wurde; das war ihr eine Erleichterung; und wenn ihr Giftzahn in ehrlichem Kampfe die Beute getroffen hatte, so war das Gift eine angenehme Würze der Speise. Und wegen solcher Gewohnheiten war sie bei allen Tieren verhaßt, auch bei den Menschen. Das war ihr empfindlich, und sie wollte dort ihre Klage vorbringen, wo alle Unzufriedenen und alle Dichter Gehör zu finden hoffen, beim großen Untier. Das große Untier, ungestaltet und darum den armen Menschen unwahrnehmbar, war nach dem Glauben der Schlangen der Herr des Lebens. Die Kreuzotter wand sich über Erde und durch Wasser, bis sie das große Untier fand. »Du hast mich mißgeschaffen,« zischte sie vorwurfsvoll gegen ihre Gottheit. »Das doch wohl nicht,« war die Antwort, »weil ich überall kein Schöpfer bin. Alles Lebendige ist nach seiner eigenen Sehnsucht geworden, ist sein eigener Schöpfer.« »Unmöglich kann ich mich selbst so gewünscht haben, wie ich bin. Ich muß mich ja vor den schönen Mitlebendigen schämen, die kunstreich geformte Beine und Flügel oder doch wenigstens Flossen haben. Und die Menschen nennen mich häßlich.« »Die Menschen sagen viel. Blick auf mich, wie ich mich jetzt in eine Schlange wandle. Bin ich etwa nicht schön?« Und das große Untier wandelte sich in eine ungeheure Schlange, die mit den Ringen ihres goldgrün schimmernden Leibes sich um die harten grauen Klippen des Felsens schlang, den Oberkörper wie eine Säule emporreckte und eine blitzende, schimmernde Krone auf dem befehlenden Haupte trug. »Sie nennen mich nicht nur häßlich, sie nennen mich auch böse. Sie haben Furcht vor mir, und das ist mir unerträglich. Kleine Buben schlagen blindlings mit Gerten nach mir, um mir das Rückgrat zu zerbrechen, bevor ich sie stechen kann. Ich steche gern, das ist wahr; aber mein Gefühl sagt mir, daß ich eigentlich gut bin.« Das große Untier brummte; es klang wie ein Versuch, das Lachen der Menschen nachzuahmen. »Gut und böse. Menschenworte. Ungültig für uns sprachlos Lebendige. Da sind wir, du und die anderen und ich. Weiß ein jedes nur von sich selber. Gut oder böse ist immer nur das andere, wovon wir nichts wissen. Die redenden Menschen sind dumm; du bist dümmer, wenn du gut heißen möchtest nach Menschensprache; am dümmsten bist du, wenn es dich kränkt, böse zu heißen nach Menschensprache.« Die junge Kreuzotter legte sich zusammen wie ein flaches Schneckenhaus, züngelte mit Selbstgefühl, barg jedoch dann ihren schwarzen Kopf und die blitzenden Augen unter dem schlanken Leibe und zischte leise: »Aber ich bin doch nun einmal giftig. Es müßte herrlich sein, nicht immer nur Gift zu tragen, sondern Milch oder Datteln.« »Ganz recht, du hast es gesagt. Du trägst Gift in deinem Zahn, wie die Kuh Milch trägt in ihrem Euter, wie die Palme Datteln trägt auf ihren ziervollen Schultern. So hat jedes Lebewesen seine eigene Auszeichnung ersehnt und erworben. Laß doch die Menschen schwatzen; und wenn auch du reden zu müssen glaubst, so nimm doch nicht immer die ausgelaugten Moderworte des heutigen Tages in den Mund. Urworte schicken sich besser für dich und für mich. Laß dich belehren. Es ist einerlei, ob du es Gift nennst oder Gabe. Jedes Lebewesen hat seine eigene Gabe oder Gift oder Mitgift. Du aber hast die allerreichste Gabe dir erworben, die Gift oder die Gabe des Todes. Mancher an deiner Stelle wäre stolz auf eine solche Begabung oder Kraft.« Die junge Kreuzotter streckte das schwarze Köpfchen unter ihren Ringen hervor und wedelte mit dem Schwanze wie ein geschmeichelter Hund. »Das hättest du mir gleich sagen sollen, großes Untier. Das habe ich ja bisher gar nicht gewußt, daß ich begabt bin. Nicht wahr, so begabt wie ein Dichter oder Worteschmied?« »Du hörst immer nur, was du gern hörst. Wie ihr alle. Die Gift oder die Mitgift des Todes hast du dir selbst angewünscht und angeschaffen. Niemand hat dir eine Gabe oder eine Kraft gegeben, niemand hat dich begabt.« »Desto besser, wenn ich nicht einmal Danke zu sagen brauche. Ich bin wirklich froh darüber, daß ich so begabt bin. Adieu, großes Untier, ich brauche dich nicht weiter. Ich glaube sogar, daß ich recht hübsch bin. Und recht gutmütig, für eine Kreuzotter.« Die Schule des Gebens und die Schule des Nehmens Im Weltall schwebte eine Insel, sie sah aus wie die Erde. Auf der Insel lebten zweierlei Menschen, die Reichen und die Armen. Die Reichen gaben und die Armen nahmen. Wenn nur die Reichen so zu geben und die Armen so zu nehmen verstanden hätten, wie beides gelehrt wird im alten Sonnenlande nach dem Buche der Freude. Auf der Insel aber hatte man noch nicht daran gedacht, das Geben zu lehren oder das Nehmen. Da trat einmal ein junger König die Herrschaft an und beschloß in seinem Herzen, das Buch der Freude zum Gesetze zu machen. »Glück ist Pflicht,« so lautete dessen strengste Vorschrift. Und der junge König wollte endlich lehren lassen, was zumeist not tat, das Geben und das Nehmen. Er baute zwei weite, weite Schulen und setzte Kanzeln hinein für die Lehrer der Weisheit, die not tat. Die eine Schule war für die Reichen bestimmt, die das Geben lernen sollten. Einfach das Haus, bescheiden außen und innen. Über dem niederen Eingang nur die Worte: »Bitten ... Danken.« Mahnen sollten sie den Reichen, zuerst zu bitten, daß der Arme die Gabe annehme, und dann für die Annahme zu danken. Demut und Wehmut sollte der Reiche erfahren, der einging in die Schule des Gebens. Die andere Schule war für die Armen bestimmt, die das Nehmen lernen sollten. Heiter und prächtig das Haus, ein Palast. Golden auf Marmor der Spruch: »Dir wird gegeben, auf daß du glücklich machest.« Denn eine Entscheidung im Buche der Freude sagte: »Das Nehmen ist noch seliger als das Geben.« Hoch und herrlich das Portal, von nie welkenden Blumen umrankt. Stolz und froh sollte man eingehen in die Schule des Nehmens. Noch während des Bauens berief der junge König die Lehrer, um sie zu unterweisen: daß Nehmen noch seliger sei als Geben, daß der reiche Arme den armen Reichen schöner beglücken könne, als der Reiche den Armen. Alles prägte er ihnen ein. Und als die Lehrer das Buch der Freude nicht begriffen, weil sie unter dem anderen Gesetze, aufgewachsen waren, da grämte sich der junge König, und man begrub ihn in einem grünen Hügel. Der Todesengel lächelte seltsam. Bald darauf wurden die Schulgebäude fertig. Das Volk pries das Andenken des jungen Königs und strömte in die Schulen, wo das Geben und das Nehmen zu lernen war. Weil jedoch die Lehrer das Buch der Freude nicht begriffen hatten, weil den Armen die Inschrift »Bitten ... Danken« vertraut schien, den Reichen aber just die andere Inschrift »Dir wird gegeben, auf daß du glücklich machest«, und weil die gewohnte Sitte die Reichen in den Palast einlud, die Armen in das einfache Haus, darum gerieten die Reichen und die Armen in die falsche Schule. Die Reichen lernten das Geben nicht. Was für die Armen bestimmt war, die Heiterkeit und der Stolz, das lernten sie; und es waren die Besseren unter ihnen, die sich ihrer Heiterkeit schämten und die den Stolz nicht in Hoffart ausarten ließen. Die Armen lernten das Nehmen nicht. Was für die Reichen bestimmt war, das lernten sie, die Wehmut und die Demut; und es waren die Besseren unter ihnen, deren Wehmut sich nicht in Haß, deren Demut sich nicht in Bettlersinn verkehrte. Nach wie vor stehen die beiden Schulen auf der Insel im Weltall, welche aussieht wie die Erde. Nach wie vor besuchen die Reichen und die Armen die vertauschten Schulen und wissen es nicht. Das Buch der Freude ist verloren gegangen. Gute Feen rüsten die Wiege für einen kommenden Königssohn. Dem wollen sie die Gnade einbinden, daß er das Buch der Freude wiederfinde, daß er die Menschen das richtige Nehmen lehre und das richtige Geben. Die Natur Die Natur badete. Ohne Heiterkeit und ohne Trauer plätscherte sie ruhig im Weltmeer. Sie streckte ihren rechten Arm aus und schob die leichten Wellen auseinander, weil sie sich sonnen wollte. Sie legte sich auf den Rücken und schwamm auf der Oberfläche des Meeres, gedankenlos, sinnend. Ihr rotes Haar war eine Korallenbank. Die wuchs und wuchs, und es starrte eine Insel aus dem Meere. Kokospalmen und schwarze Menschen. Die lebten so dahin von Geschlecht zu Geschlecht. Dann strich die Natur mit der Hand über Stirn und Haar, und die Insel verschwand. Die Badende hob ihren Kopf und schüttelte das Haar, daß der Sturm viele Schiffe verschlang. Etwas Wasser nahm die Natur in ihre hohle Hand und schaute ernsthaft freundlich zu, wie Myriaden von Geschöpfen, Walfische und Glühpünktchen durcheinander fuhren, sich vermehrten, einander auffraßen und sich wieder in Luft und Wasser zurückverwandelten. Es juckte der Natur in der rechten großen Zehe. Sie tauchte auf den Grund und rieb die Zehe und zerrieb hundert Geschöpfe, deren Formen noch niemals ein Menschenauge geschaut hatte. Dann tauchte sie wieder auf und war froh, und weil sie nicht lachen konnte, schlug sie mit der rechten Hand aufs Wasser. Das warf eine Welle so hoch wie die Hand der Natur. Die Welle floh ans Land und begrub es hundert Meilen weit bis zu den höchsten Bergspitzen. Millionen von Menschen schrien zugleich auf in letzter Todesnot. Die Natur horchte. »Das war C,« sagte sie gedankenlos. Mit tiefer Stimme sang sie ein lang hinhaltendes C und schwamm mit weiten Stößen wieder dem Nordpol zu. Die heilige Jadwiga Die Herzogin Jadwiga von Polen war eine tugendliche Frau, hatte auch in allen Züchten ihrem Ehegemahl, dem Herzog, niemals ein Kind geboren. Der Herzog war ein gar zornmütiger Mann, hätte lieber eine minder tugendsame Frau gehabt und zog vor Ärger über sein leeres Haus in den Türkenkrieg. Seinen Vetter ließ er als Statthalter zurück, einen argen Mann, dem das Herzogtum wohl gefiel und vielleicht auch die Frau Herzogin. Die widmete sich, währenden Krieges, gänzlich den Werken der Barmherzigkeit. In einem Kloster der kleineren Brüder war eine Siechenanstalt eingerichtet worden, wo gar mancher wackere Geselle auf Genesung hoffte oder sich sterben legte, wenn er aus dem Kriege wund bis nach Hause gekehrt war. Geduldig wie eine Leibeigene, fromm wie eine Klosterfrau, sorgsam wie ein Arzt, freundlich wie eine Fürstin pflegte sie der Kranken, Tag und Nacht, unermüdlich. Gott möchte es irgendwann dem Herzog lohnen, sagte sie. Eines Tages, eben zur Vorfeier des heiligen Pfingstfestes, brachte man einen Jüngling in das Hospital, der trotz seiner argen Schwäche stattlich und fast verwogen dreinsah und mit leiser Stimme keck daherredete, als hätte er zu befehlen. Nur für wenige Tage sollte man ihn herbergen, dann wollte er auf das Schloß seines Herrn Vaters wieder heimreiten. In einem wilden Gemetzel, drunten am Draveflusse, war ihm sein Roß erschossen worden; er war zu Boden gestürzt, und da hatte ein Heidenpferd ihm mit den Hufen die Brust verletzt. Ein wenig nur. Acht Tage Bärenhaut und dann heidi! Der heilkundige Bruder aber hatte das Blut im Tüchlein geprüft und gab dem munteren Gesellen nur noch wenige Tage. Darum und weil er ein edler junger Fant war, wurde ihm ein eigenes kleines Gemach angewiesen, das auf den Fluß und die lenzhelle Landschaft hinausblicken ließ. Als die Herzogin Jadwiga am Abend desselbigen Tages an sein Bette trat, um ihm das verordnete Tränklein zu reichen, starrte der Jüngling sie an, schwieg seine Worte hinunter und faltete die Hände. Wußte aber nicht, daß es die Fürstin war. Tagüber scherzte er leise auch in Gegenwart der Fürstin. Da sie am zweiten Abend an sein Bette trat, schwieg er wieder seine Worte hinunter, faltete die Hände und starrte sie an, wie man zu einem Gnadenbilde schaut. Am dritten Tag erfuhr er von einem eifrigen Mönch, daß er hier und bald sterben sollte. Und erfuhr, daß es die Herzogin war, die ihn so huldreich pflegte. Da sie nun nach Sonnenuntergang an sein Bette trat, um ihm das Tränklein zu reichen, da sah sie, wie der junge Geselle sich rasch mit einem seinen Tüchlein über die Augen wischte. Dann aber starrte er sie wieder an, doch anders, daß sie ihn nicht gleich verstand. Wieder faltete er die Hände, aber er entfaltete sie darauf und streckte sie nach der Barmherzigen aus, sehnsüchtig, verlangend, lachend mit heimlicher Trauer. Und er schwieg seine Worte nicht hinunter und flüsterte: »Bevor ich sterbe! So jung!« Er hatte das Tränklein lächelnd genommen. Sie stand aufrecht neben ihm und verstand ihn noch immer nicht. Doch die Dämmerung wurde tiefer und tiefer; und als es ganz finster geworden war im Gemach, da verstand sie auf einmal seine traurig lachenden, um das Leben betrogenen Augen. Seine Bitte: »Bevor ich sterbe! So jung!« Langsam fuhr sie mit der rechten Hand nach der Achselschnalle, und ruhig begann sie sich zu entkleiden. Still und fromm, als wäre sie allein wie vor Jahren in ihrem Mädchenzimmer, legte sie Stück für Stück sorgsam auf eine Kante. Ohne zu zögern, zog sie Schuhe und Strümpfe ab und dann das Hemd von holländischem Leinen, betete ein Vaterunser und legte sich still zu dem Knaben ins Bette. Der murmelte etwas in einer fremden Sprache. Wie eine Lobpreisung Gottes, so klang es. Als ein dienender Bruder des Morgens das Gemach betrat, lag die Herzogin Jadwiga in festem Schlafe neben dem Gesellen; der aber war tot. Die Herzogin splitternackt und dennoch anzusehen wie eine Heilige. Der Bruder schlug Lärm, nicht so fast aus Zorn, denn vor Schrecken. Mönche und dienende Brüder umstanden schon das Lager, als die Herzogin erwachte. Sie sah den toten Knaben, sie sah an sich hinunter und wies die Zeugen mit einer arg herrischen Gebärde hinaus. Draußen war Toben und Geschrei. Sie aber zog still und fromm all ihr Gewand wieder an, ordnete ihr Haar, netzte und trocknete die Augen und zündete dem Toten die Kerze an. Als sie an das Weihwasserbecken unter dem kleinen eisernen Kruzifix herantrat, wurde sie blaß und zögerte. Dann glaubte sie den Kruzifizus nicken zu sehen, und auch sie nickte. Sie besprengte den Leichnam ihres jungen Freundes mit dem geweihten Wasser und machte über ihn und über sich das Zeichen des Kreuzes. Sie klinkte die Tür auf und überschritt die Schwelle nach dem Vorsaal, wo der Statthalter sie schon erwartete, des Herzogs Vetter, der nicht wußte, ob die Mär von der nackt erfundenen Herzogin ihn mehr erfreute oder mehr erzürnte. Der hatte es jetzt gut. Er konnte seinem bösen Herzen folgen und dabei meinen und sagen, er täte seine Pflicht. Eilig wurde ein Gericht zusammenberufen. Die Herzogin Jadwiga, die sich nicht mit einem Wort verteidigte, wurde zu Mittag enthauptet. Sie trug noch den abgeschlagenen Kopf unter dem Arm, als sie bald darauf still und fromm und zuversichtlich an das Himmelstor klopfte. Der heilige Petrus trat heraus und wurde rot bei ihrem Anblick. »Metze« war noch das sanfteste Wort, das er ihr zurief. Sie könnte von Glück sagen, wenn man sie mit ein paar tausend Jahr Fegfeuer davonkommen ließe. In den Himmel lasse er kein so liederliches Weibstück. So laut schimpfierte der heilige Petrus, daß der liebe Gott selber kam, nach dem Rechten zu sehen. Petrus mußte den Mund halten; Jadwiga aber, damit Petrus bei ihr nicht um jedes Ansehen käme, mußte vorerst noch vor der Himmelsschwelle stehen bleiben, über die Himmelsschwelle hinweg besprachen sich Schöpfer und Geschöpf. Nachdem der liebe Gott alles erfahren hatte, sagte er zu ihr: »So wahr ich allwissend bin, mußt du mir jetzt getreu eine Frage beantworten. Als du deinen lieben Leib neben den des Knaben legtest, Magd, hast du dir da eine Lust büßen wollen oder ein Werk tun der Barmherzigkeit? Antworte mir die lautere Wahrheit! Das befehle ich dir bei meiner heiligen Dreifaltigkeit!« »Lieber Gott, bis zu dem Augenblicke, da ich mich neben den Knaben hinstreckte, habe ich nicht gewußt und nicht gedacht, was das ist: Lust. Er hat mir so leid getan. So wahr du bist.« Der heilige Petrus wetterte dazwischen: »Dann aber, wie sie bei dem Kerle war...« Nicht einmal anzublicken brauchte ihn der liebe Gott. Er brach schon von selber ab. Der liebe Gott aber sprach zur heiligen Jadwiga und setzte ihr den abgeschlagenen Kopf wieder auf: »Komm herein. Und auf einen guten Platz.« Zu Petrus sagte er noch und hob den Finger: »Und überhaupt die Weiber! ... Wenn sie einmal gut geraten find. Das wirst du nie verstehen lernen.« Heinz Dichter Es war einmal ein armer Knabe, der hieß Heinz Dichter. Er liebte nichts so sehr als Träume, Spiel und Märchen. Die ganze Nacht war ihm immer zu kurz für die langen Geschichten, die er sich träumen ließ. Die Geschwister und Kameraden wurden zu bald müde wenn er mit ihnen Soldaten und Räuber spielte, und der schier unerschöpfliche Märchenschatz der Mutter reichte für seine Lust nicht aus. Darum wurde er ihr auch bald untreu und ließ sich von seinem steinernen Hündchen, von seinen Blumenstöcken und von seinen aufgespießten Schmetterlingen unendliche Abenteuer erzählen. Aber er war nicht ganz zufrieden mit ihnen, weil sie zu leise sprachen. Sein Vater war nur ein armer Schriftsetzer; weil aber seine Mutter in einem gräflichen Hause gedient hatte, wurde er dennoch eines Tages ein Prinz. Als er fünf Jahre alt einmal zur Mittagsstunde im wilden Steinbruch neben dem großen Kleefeld eingeschlafen war, hatte sich ihm ein Pfauenauge auf die Nasenspitze gesetzt und ihm alles erzählt. Nach dem Erwachen hatte er das Pfauenauge gefangen, ihm den zuckenden Leib durchstochen und das schöne Tierchen in seiner Sammlung aufbewahrt. Ja, er war ein Prinz und nur in der Wiege mit dem Söhnlein des Schriftsetzers ausgetauscht worden. Drüben, hinter den blauen Gebirgen von Indien, wo sein wahrer Vater über viele hundert Tiger und Elefanten und über noch weit mehr Menschen herrschte, saß vielleicht eben jetzt der unechte Prinz bei einem goldenen Bilderbuch und aß dazu Kirschkuchen mit Himbeersaft, während der echte Erbe den Kopf in seine Kissen versteckte und bitterlich weinte. Als er nun ein Jüngling geworden war und an einem sonnigen Ostertag vor den Toren seines Städtchens umherzog und eben heftig auf eine Meise schalt, welche ihm eine schöne Geschichte aus Sternenland nicht zum zweitenmal bis zu Ende aufsagen wollte, vernahm er plötzlich aus dem Grase ein wundersames Tönen. Eine köstliche Musik erscholl, und dazu sangen feine Stimmchen ein frisches Lied von Kampf und Sieg. Heinz lauschte andachtsvoll. Als der Gesang vorüber war, warf er sich zur Erde nieder und raufte Gras und Blumen aus, um dem hübschen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Da krabbelte plötzlich unter dem breiten Blatte eines Löwenzahnes ein stattlicher Zug hervor: vier Männlein, welche das Streichquartett bildeten, und vier Weiblein, welche an ihren bunten Kleidern und großen Hüten als Sängerinnen zu erkennen waren. Als die Gesellschaft bis dicht an die Nase des sprachlosen Heinz gekommen war, machte sie Halt, der älteste nahm sein Hütchen ab und sprach, während er die Hand mit dem Hute gefällig auf seine Baßgeige stützte: »Geehrter Freund und Gönner! Wie Sie soeben vernommen haben, verstehen wir uns ganz vortrefflich auf unsere edle Kunst. Leider aber fehlt uns ein sicheres Obdach; hier im Grase sind unsere Damen keinen Abend vor dem Schnupfen sicher, und erst heute nacht hat ein Marienkäferchen das Violoncello greulich beschmutzt. Wir möchten Ihnen deshalb ein Abkommen vorschlagen, welches uns ein sicheres Haus, Ihnen aber, verehrter Gönner, lebenslängliches Vergnügen schafft. Gestatten Sie uns, daß wir unter Ihrem Schädel ein ganz kleines Kämmerchen austapezieren und uns darin wohnlich einrichten. Es soll Ihnen gar nicht weh tun. Wir wollen hineinschlüpfen, schnell wie ein Seufzer und unsichtbar wie der Tod. Zum Dank für Ihre Gefälligkeit wollen wir Ihnen zeitlebens aufspielen, unaufhörlich, Tag und Nacht, denn wir sind die Geisterzwerge, die nicht schlafen. Sie sollen ein rechtes Prinzenvergnügen an uns genießen. Wenn Sie an unserem Singsang für sich allein noch nicht genug haben sollten, so können Sie auch Ihre Freunde zuhören lassen, und Sie werden dann, trotzdem Sie vertauscht worden sind, wie ein Prinz reich, glücklich und berühmt gepriesen werden und die Gunst der Frauen gewinnen.« Heinz stand starr vor Freude und Entsetzen und wußte nicht, was zu antworten. Als sie aber ihre Kehlen und Instrumente wieder gestimmt und was Neues zum besten gegeben hatten, sagte er schnell zu allem ja. Da wurde er mit Hilfe einiger kräftiger Wiesenpflanzen eingeschläfert; und als er wieder zu sich selber kam, spielten und sangen die Geisterzwerge schon in seinem Kopfe. Da lachte Heinz und beschloß, kein Mensch sollte von seiner heimlichen Herrlichkeit etwas erfahren. Denn die Musik blieb für alle Leute unhörbar, solange Heinz den König der Geisterzwerge, den Baßgeigenspieler Not, nicht beim Namen rief. Von nun ab hatte Heinz ein volles Glück. Er horchte auf die Weisen seiner Gäste und machte sich gar nichts daraus, wenn er deshalb in der Schule als zerstreut verschrien war, wenn ihm bei Tisch die besten Bissen weggeschnappt wurden, wenn ihm sein Hang zur Einsamkeit allmählich alle Genossen entfremdete. Niemals wurde ihm das lustige Treiben in seinem Kopfe zu viel. Mochten die Geisterzwerge dort fiedeln und tanzen, er ließ sich nichts merken, horchte stillvergnügt zu und freute sich der Stunde, da er die brave Kumpanei bei sich aufgenommen hatte. So verging die Zeit. Er hieß nicht mehr der kleine Heinz, man nannte ihn schon den Herrn Dichter und lachte ihn wohl auch aus, weil er kein Gewerbe verstand und das geringe Erbteil von seiner Mutter schnell für ein klein wenig Essen, einiges Trinken und sehr viele Hilfsbedürftige ausgab. Er selbst aber dachte: »Wer zuletzt lacht, lacht am besten!« Und als das vorletzte Silberstück für den Dank eines verlogenen Strolchs, das letzte für eine Flasche Rheinwein ausgegeben war, da gedachte Herr Dichter des Abkommens mit den Geisterzwergen, und fröhlich rief er laut den Baßgeigenspieler beim Namen: »König Not!« Da ertönte in seinem Kopfe ein donnerndes Lachen, und in demselben Augenblick erscholl Saitenspiel und Liedersang weithin vernehmbar zu den Menschen. Heinz Dichter aber fiel vor Schreck zu Boden. Denn jeder Geigenstrich und jeder Liederton tat ihm weh, und wenn die wilde Kumpanei da oben tanzte, so hätte er weinen mögen vor Schmerz und Zorn. Fliehen wollte er vor seinen Peinigern, aber Flucht war umsonst. Unentrinnbar hausten sie unter seinem Schädel; mächtig schön, wie Orgelklang, stark genug, die Toten zu erwecken, geschweige denn, seinen Schlaf zu verscheuchen, erdröhnte ihr Spielen und Singen. Vergebens flehte er um Erbarmen, vergebens bot er sich an, im Tagelohn für die Geisterzwerge zu arbeiten, wenn sie sich anderswo niederlassen wollten. Unbarmherzig jubelten sie weiter, und dann und wann ertönte ein Lachen von König Not dazwischen, so grauenhaft, lustig und höhnisch, daß es dem armen Heinz vor jeder Stunde Leben zu bangen anfing. Inzwischen aber hatte ein jeder, der in die Nähe kam, seine helle Freude an der prächtigen Musik. Bald hüpften die Kinder munter um Heinz her und sagten die Reime der Lieder jauchzend mit. Bald kamen die Jünglinge und Mädchen, lauschten den Tönen und wiederholten mit Liebesblicken die Zeilen und Strophen. Bald ließen sich gar ernste Männer neben dem Herrn Dichter nieder und merkten seine Sprüche. Alle vergaßen ihre Sorgen in der Stunde, die sie bei ihm zubrachten, und alle dankten ihm mit warmen Worten für seine köstlichen Gaben. Und der Vater, weil er ein kluger Schriftsetzer war, freute sich mehr als alle anderen und rief oft: »Das hat er von mir!« Heinz aber fühlte herzbrechenden Zorn gegen die zufriedenen Hörer, welche ihres Weges ziehen konnten, wenn sie die Kunst der Zwerge zur Genüge genossen hatten. In Verzweiflung sann Dichter über sein Unglück nach. »Reichtum hast du mir versprochen!« schrie er zornig auf, und von seinem Kopfe her tönte die lachende Antwort: »Frage die Reichsten der Erde, ob sie dich nicht beneiden um deinen Besitz.« Dichter zerschellte seinen irdenen Krug am Boden und rief: »Und Glück und Ruhm?« Und wieder ertönte die lachende Antwort im Brummen der Baßgeige: »In allen Städten und Dörfern preisen sie deinen Namen. Warum suchst du anderswo dein Glück als in der Meinung der anderen?« Da lachte Dichter endlich mit und sagte bitter: »So hab' ich auch die Gunst der Frauen, wie du's mir zugesagt. Nur daß das Tosen der Geisterzwerge mich nicht hören läßt, wenn die Geliebte mir ein holdes Wort zuflüstert, und daß die wilde Melodie meine Stimme übertönt, wenn ich ihr herzlich meine Seele offenbaren will. König Not, du bist ein Schelm und Wucherer!« Heinz wollte dem Vater sein Leid klagen. Der aber mochte sich nicht betrüben lassen in seinem Glücke. »Du hast mich so glücklich gemacht wie einen König,« sagte er dankbar. »Ich kann jetzt faulenzen und die unverständlichen Bücher selbst lesen, die ich früher mühsam zusammensetzen mußte.« Da erzählte der Baßgeigenspieler dem Alten: »Heinz ist nicht dein Kind! Er ist der Sohn eines Königs!« Und der Schriftsetzer starb vor Gram. Heinz Dichter faßte einen tiefen Groll gegen die Geisterzwerge. Noch eine Weile ertrug er ihr Wesen in seinem Kopfe; als sie aber immer toller und toller darin rumorten, ging er eines Tages ins Gebirge, wo ein Bergschutt niederfuhr in der Rinne. Wild aufschreiend sprang er vom sicheren Ufer in den Grund hinab, und als der nächste niedersausende Felsblock ihm den Schädel zertrümmerte, fühlte er keinen Schmerz. Er wußte nur, daß König Not mit seiner ganzen Bande in ihm vernichtet war, und in Frieden brachen seine Augen. Nachwort zum fünften Bande Der letzte Tod des Gautama Buddha ist in dem tiefen, auch inneren Frieden des Jahres 1912 entstanden; ich habe die heiter-ernste kleine Dichtung in einem Zuge niederschreiben können. Das Buch erschien bei Georg Müller in München; dank dem Entgegenkommen dieses Verlages durfte ich es in die Auswahl meiner Schriften aufnehmen. Die Anmerkungen habe ich nach einigem Zögern stehen lassen, weil ich nicht bei allen Lesern Kenntnis der Quellen voraussetzen konnte, aber auch darum, weil mir der Abdruck der Anmerkungen die ruhigste und heiterste Antwort zu sein schien auf einen schier unglaublichen Anwurf. Ich habe im Nachwort zum zweiten Bande erzählt, daß eine deutsche Zeitung es 30 Jahre früher vor ihrem Gewissen und vor ihrem Geschmack vertreten zu können glaubte, meine »Xanthippe« öffentlich für den Beweis einer Gehirnerweichung des Verfassers erklären zu lassen; die kühne Diagnose wird ja nicht ganz richtig gewesen sein, da ich noch 36 Jahre nach diesem geistigen Todesurteil meinen Beruf leidlich auszuüben vermag. Jene Beschimpfung dünkte mich damals ein Äußerstes, das kaum noch überboten werden konnte. Sie ist dennoch überboten worden. Bei Gelegenheit meines Buddha, in einer angesehenen italienischen Zeitschrift, wenige Tage nach dem Erscheinen meines Buches, von einem italienischen Universitätsprofessor, der sich G. de Lorenzo nennt. Ich wurde da des Diebstahls an dem verdienstvollen Buddhaübersetzer Karl Eugen Neumann bezichtigt; ich sollte mich an dem Totschweigesystem gegen diesen Übersetzer beteiligt haben, ich, der ich in meinen »Noten« Karl Eugen Neumann 18mal, sage und schreibe achtzehnmal, zitiert habe und mit übertriebener Pedanterei ausdrücklich hervorgehoben: »Ich habe manchen Ausdruck dieser feinhörigen Übersetzung entlehnt.« Im begreiflichen ersten Ärger über den frechen Anwurf habe ich dem italienischen Professor gröblich geantwortet; im »Berliner Tageblatt« vom 26. Januar 1913. Ich will durch Wiederabdruck meiner Antwort weder dem Leser noch mir die Stimmung verderben. Ich habe seitdem über jede Dummheit und über jede Bosheit lachen gelernt. Auch habe ich von zuverlässiger Seite erfahren, man nehme den leichtfertigen Herrn in Italien selbst nicht ernst. In seinem eigentlichen Fache, der Geologie, habe er nichts geleistet, in seinem Buche über Indien »India e Buddhismo antico« sei er vollends eine Nullität. Ich las das Buch, das überall aus zweiter und dritter Hand etwas Scheinwissen herbeiholt, und glaube jetzt die Psychologie des strebsamen Mannes zu verstehen. Er verwechselte seine eigene Nullität mit der Nichtigkeit, dem Nirwana, der Inder und glaubte seine Nullität zu etwas zu machen, wenn er sich als einen Propagandisten des Buddhismus aufspielte. In der Maske eines begeisterten Buddhisten stellte er sich, als wäre er blindwütig geworden gegen einen Ketzer, der sich durch eine wahrlich tiefe Ehrfurcht vor einem Sokrates, vor einem Buddha nicht zwingen ließ, menschliche Züge an einem Sokrates, an einem Buddha noch mit einem ganz leisen Humor zu betrachten, gegen den Ketzer, der sich herausnahm, ein Dogma des Buddhismus – die Seelenwanderung – zu leugnen und den sterbenden Buddha, den Vollendeten, dieses Dogma selbst verleugnen zu lassen. Warum soll ein Pfaffe des Buddhismus nicht lügen und verleumden dürfen wie andere Pfaffen auch? Übrigens haben mir Neapolitaner ihre Überzeugung mitgeteilt, daß Herr Professor de Lorenzo seine freche Verleumdung meines Buches niedergeschrieben haben müsse auf briefliche Anregungen hin, bevor er das Buch selbst auch nur zu Gesicht bekommen hätte. Die kleinen Gedichte in Prosa, Parabeln und Geschichten »Aus dem Märchenbuche der Wahrheit« (zum ersten Male 1892 im Verlage von Cotta erschienen, hier mit Erlaubnis dieses Verlages wieder abgedruckt) haben einzelne gute Leser gefunden. Die Nachworte dieser Auswahlbände wollen hie und da Beiträge liefern zu der Geschichte meiner Bücher; über mein »Märchenbuch« weiß ich nichts zu sagen, denn es hat gar keine Geschichte gehabt.