Fritz Mauthner Hypatia Roman aus dem Altertum Ein Vorspiel Drei Stunden schon dauerte der Vorbeimarsch. Kaiser Julianos hielt auf seinem schweren Fuchs nicht weit vom Statthalterschlosse, am Ende der breiten Hafenstraße, umgeben von Offizieren, Beamten, Geistlichen und Literaten. Seit drei Stunden zogen an ihm die Regimenter vorüber, welche den Marsch nach Asien, den Siegeszug gegen die Perser antreten sollten. Hier, auf dem Hauptstapelplatze Alexandrias, hatte der Kaiser die Parade abgenommen; gegenüber am Bollwerk des neuen Hafens ankerten die Schiffe, welche noch heute abend ihn selbst und seine Begleiter nach Antiochia bringen sollten. Von dort wollte der Kaiser mit dem syrischen Heere der ägyptischen Armee zuvorkommen. Die Zuschauer fingen bereits an zu ermüden. Es war erst die zehnte Stunde des Vormittags und im März, aber die Sonne brannte so glühend heiß auf die Stadt nieder, daß der Pöbel von Alexandria wünschte, das afrikanische Armeekorps wäre kleiner. Zwei Fellachenjungen saßen auf einem starken Pfahle und hatten ihre langen Arme einander um die schwarzbraunen nackten Leiber geschlungen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. »Du,« rief der eine, »sieh mal, ein Philosoph ist über das Dach geflogen!« Ein Marabu, den die Alexandriner, unbekümmert um seine Storchgestalt, nur um seines sonderbaren kahlen Kopfes willen den Philosophenvogel nannten, schwebte in ruhigem Fluge über das Dach der Akademie herüber, zog zwei weite, stille Kreise um das alte Gebäude, schlug dann mächtig mit den großen Fittichen und glitt endlich heran, um sich nicht weit von dem Standort des Kaisers auf eine verwitterte Säule niederzulassen. In den Lüften hatte das Tier ganz prächtig ausgesehen. Wie es aber jetzt auf einem Beine dastand, sich mit dem zweiten Fuße in unwahrscheinlicher Körperkrümmung den runzeligen Hals kratzte, wie dazu unter dem Schnabel ein langer Sack gleich einem graubraunen Barte hervorquoll, das war nicht eben schön. Darüber aber der kahle Kopf, ein ungeheurer Schädel, und darin zwei Augen, von denen man nicht wußte, ob sie mehr melancholisch oder mehr gravitätisch in die Welt blickten, das sah wirklich spaßig aus. Die beiden Fellachenjungen lachten denn auch kreischend auf, während drüben vor dem Kaiser wieder einmal ein Infanterieregiment den eingeübten Morgengruß rief, während von den Schiffen herüber hundertstimmige Zurufe erschollen und die Bürger kriegslustig wie eben Zivilisten ihre Bemerkungen über die Parade austauschten. Die Fellachenjungen belustigten sich nun damit, den zweibeinigen Philosophen auf der Säule mit dem philosophischen Kaiser zu vergleichen. Sie hatten unrecht. Kaiser Julianos sah weder melancholisch noch feierlich drein. Die Ähnlichkeit, war ganz äußerlich. Ein unscheinbarer, kleiner, stämmiger Mann von etwa dreißig Jahren, saß er zu Pferde wie ein Rekrut. Nur sein geistreicher Kopf mit dem langen, schmutzigbraunen Philosophenbart und dem kahlen Schädel erinnerte entfernt an den Vogel auf der Säule. Und was die beiden Straßenjungen besonders zum Lachen reizte: genau so, wie der Marabu jetzt mit dem rechten Fuße andauernd und ernsthaft an den Schädelknochen kratzte und scheuerte, nachdenklich und eifrig, so kratzte und scheuerte der Kaiser in seinem unordentlichen Barte herum, während er das gerade vorüberziehende Regiment mit einigen kriegerischen Redensarten begrüßte. »Vorwärts, Jungen! Wir wollen auf die Perser losdreschen, daß nur das leere Stroh von ihren Köpfen übrigbleiben soll! Es wird ein lustiger Krieg werden! Haben wir zusammen die tapfern Schwaben bei Straßburg in die Pfanne gehauen, so werden wir die Perser vor uns herjagen wie eine Hammelherde!« Und der Kaiser wandte sich nach hinten, um den Großrabbiner von Jerusalem heranzuwinken. »Euer Gesuch ist in Gnaden bewilligt. Ihr sollt das Geld erhalten, um euren alten Tempel wieder aufzubauen. Wenn ich aus dem Kriege nach Hause komme, so besuche ich euch einmal in Jerusalem. Da müßt ihr mir die geheimen Bücher über den Galiläer vorlegen, den ihr gekreuzigt habt. Ich sammle Materialien zu einer großen Satire auf den Gekreuzigten. Ich bin euch in Gnaden gewogen.« Wieder klang ein Kommandoruf, und »Guten Morgen, Majestät!« schallte es durch das Geklirr von Eisen. Die letzte Abteilung der Infanterie war vorüber und die Kavallerie begann vorbeizuziehen. Des Kaisers Augen, die eben boshaft aufgeleuchtet hatten, blickten wieder ernsthaft. »Guten Morgen, Panzerreiter!« rief er wie verwandelt mit mächtiger Feldherrnstimme. »Ihr seht brav aus! Adrett! Ihr werdet mir keine Schande machen! Ich habe mir sagen lassen, daß die persischen Mamsells ganz versessen sind auf afrikanische Kürassiere!« Ein rohes Gelächter der nächsten Soldaten antwortete, und das ganze Regiment nahm sofort das Gelächter auf. Die Pferde wieherten und schritten in tänzelndem Marsche vorüber. Der Kaiser warf denen, die zuerst gelacht hatten, Kußhände zu, und sprach dann schon wieder mit dem ägyptischen Statthalter. Kurz und entschieden lauteten seine Befehle. Es handelte sich um Nachsendung junger Mannschaften, um den Proviant, vor allem um einen großen Getreidetransport, welcher von Oberägypten aus durch das Rote Meer an die Mündung des Euphrat gebracht werden sollte. Der Statthalter durfte sich keinen Einwurf erlauben. Julianos zog sein Pferd einige Schritte zurück und ritt dann gegen die Gruppe der christlichen Geistlichkeit los, als ob er sie unter die Hufe seines Tieres bringen wollte. »Na, ihr Pfaffen!« rief Julianos, und wieder kratzte er sich im Bart, während er mit den Schenkeln den Fuchs immer weiter gegen die Beine der Geistlichen trieb. »Na, ihr Pfaffen, habt ihr heute in euren sogenannten Gotteshäusern für den Sieg der Perser gebetet? Ich will es schon glauben! Aber meinethalben könnt ihr das ungestraft tun. Solche ohnmächtige Demonstrationen verfolge ich nicht. Ich brauche die Hilfe eures Gekreuzigten nicht. Ich möchte euch nur höflich gebeten haben, mit euren eigenen Katzbalgereien fertig zu sein, wenn ich nach dem Siege wieder unter euch trete. Ich möchte doch endlich wissen, woran ihr Galiläer eigentlich glaubt. Seit fünfzig Jahren, seit mein blutiger Oheim euch das Heft in die Hand gegeben hat, streitet ihr über die Natur eurer Gottheit. Na, Herr Erzbischof, haben Sie es endlich heraus?« Der Erzbischof stand so dicht vor dem Kopfe des Pferdes, daß dessen Schaum ihm den weißen Bart benetzte. Der Kaiser suchte ihn noch weiter zu drängen, der Erzbischof stand aber fest, und das Pferd wollte nicht mehr vor. »Majestät,« sagte Athanasios, »wir sind katholische Christen und werden uns von unserem Glauben weder durch die Schärfe des Wortes noch durch die Schärfe des Schwertes abwendig machen lassen. Die Privilegien, welche die Vorgänger Euer Majestät uns verliehen haben...« »Die Privilegien hebe ich wieder auf!... Guten Morgen, Lanzenreiter!« »Guten Morgen, Majestät!« Ein Regiment leichter Reiter, das vor kurzem von der Donau nach Afrika versetzt worden war, um der ägyptischen Kavallerie gegen die Beduinen beizustehen, ritt vorbei. Es waren wilde, gelenkige Kerls mit langen Haarflechten und wirren schwarzen Schnurrbärten. Die Standarten dieses Regiments trugen über dem römischen Adler das Zeichen des Kreuzes und den Namenszug Jesu Christi. Der Kaiser ballte die Faust, aber freundlich grüßend rief er den Reitern in ihrer Muttersprache zu: »Gedenket eures alten Ruhmes! Laßt euch von den Veteranen erzählen, wie sie unter den alten Götterstandarten in der Donauebene dreingehauen haben! Und wißt ihr noch, wie ihr unter meiner Führung auf Syrmisch losgegangen seid? Donnerwetter, das war ein Ritt! Wißt ihr noch? Eine halbe Meile in Karriere über Maisfelder hinüber und dann an den Rebenhügeln hinauf. Wir haben die Feinde heruntergeschmissen, daß sie mit ihren spitzen Helmen im Weinberg stecken blieben und mit den Beinen in der Luft gestikulierten, als wollten sie meinen Vetter zu Hilfe rufen. Der aber starb vor Schrecken über diese neuen telegraphischen Zeichen. Euer Regiment hat mir den ersten Sieg gebracht! Dafür sollt ihr in Persien neue Standarten kriegen. Mit einem großen › J ‹ darauf. Das soll aber Julianos bedeuten. Am Tage der Weihe sollt ihr fünfzig Fässer persischen Wein austrinken dürfen – mit weiblicher Bedienung!« Aufmunternd lachte der Kaiser auf. Doch kein Echo war zu hören. Stumm und ernst wie ein Regiment von Mönchen zogen die christlichen Reiter vorüber. Selbst die Pferde hielten gemessenen Schritt. Und feindlich blickte der Standartenträger, ein riesiger Mann mit langem geflochtenem Schnauzbart, den Kaiser an. Der wurde bleich, aber das Blut kehrte in seine Wangen zurück, als der Träger hundert Schritte weiter die Standarte wie zum Gruße senkte. Dorthin auf die erste Stufe der Kathedrale hatte sich der Erzbischof mit seiner Geistlichkeit, nach der heftigen Ansprache des Kaisers, zurückgezogen. Und dieser sah noch, wie der greise Athanasios die rechte Hand erhob und die christliche Fahne des Regiments segnete. Der Kaiser stieß seinem Fuchs die Sporen in die Flanken, daß er sich plötzlich hob und dann zwischen den Lanzenreitern und der kaiserlichen Suite vorsprengte. Mit eigener Hand riß Julianos dem Fahnenträger die Standarte aus der Hand, warf sie zu Boden, und mit eigener Hand riß er ihm von der Schulter die Litzen, die seine Würde bezeichneten. »Du bist degradiert,« schrie der Kaiser, seiner selbst nicht mehr mächtig. »Als gemeiner Soldat wirst du den Krieg mitmachen und wirst Zeuge sein, wie wir die Altäre des Zeus in der persischen Hauptstadt aufrichten! Und wenn du nicht im Kriege fällst, du meuterischer Hund, so wirst du bei der Rückkehr vor den Augen deines Erzbischofs den Tod deines Galiläers sterben, beim Zeus, bei der Sonne, beim ungenannten Gotte! Ich bin doch neugierig, wer hier auf Erden den kürzeren ziehen wird! Ob er, der Sohn des Zimmermanns aus Galiläa, oder ich, der römische Kaiser, der Herr der Welt! Marsch!« Ohne Standarte zog das Reiterregiment weiter. Die musterhafte Disziplin hielt vor und Julianos lachte höhnisch auf, als er wahrnahm, wie diese christlichen Soldaten, ohne mit der Wimper zu zucken, sich die schwere Beleidigung gefallen ließen. Dann wandte er sein Pferd und bemühte sich, durch Scherzworte und siegessichere Rufe den Eindruck seiner raschen Tat zu verwischen. Die Reiter blieben unbewegt. Aber die nächstfolgenden Truppen jubelten ihrem Kaiser wieder zu, und als erst gegen elf Uhr die Artillerie an die Reihe kam und unter der verwunderten Unruhe der Zuschauer die ungeheuren Belagerungsgeschütze, von unzähligen Ochsen gezogen, über das Pflaster donnerten, da nahm die Parade einen stolzen Ausgang. Die Bevölkerung flüchtete vor der sengenden Sonnenglut in die Häuser. Der Kaiser aber schien nicht ermatten zu wollen. Nicht einmal die Einladung zu einem Frühstück im Schlosse nahm er an. Er ließ sich aus der Bude der nächsten Obstverkäuferin ein Brot und ein paar Datteln bringen und nahm die einfache Mahlzeit zu Pferde ein, während noch die Lastwagen mit dem Gepäck der Offiziere in endloser Reihe hinter dem Armeekorps einherrasselten. »Ich muß noch heute vor Nacht absegeln und möchte nicht fort, ohne die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein genommen zu haben. Ich bitte die Herren, sich mir anzuschließen. Das erste und wichtigste wird sein, daß ich mir die altberühmte Akademie und Bibliothek mal näher ansehe. Da soll ja auch allerlei christlicher Unfug sich eingenistet haben. Wir wollen gründlich ausfegen. Wer übernimmt die Führung?« Der Präsident der Akademie trat vor und bat mit schwacher Stimme um die Gnade, an dem schönsten Tage seines Lebens ... »Weiß schon! Sie sind einer von den unsicheren Kantonisten. Sind unter meinem allerchristlichsten Vetter, dem Mörder, für ein Hochzeitskarmen Professor, und dann zum Lohn dafür, daß Sie siebzig Jahre alt waren, Präsident geworden. Na, übernehmen Sie mal die Tête.« Der Kaiser sprang rasch vom Pferde, und der Zug setzte sich in Bewegung, voran der Kaiser, lebhaft und jugendlich. Neben ihm, immer um einen Schritt zurück, mit dem Kopfe aber unter unaufhörlichen Bücklingen stets in Hörweite voraus, der Präsident der Akademie. Hinter ihnen das militärische Gefolge des Kaisers und eine stattliche Menge von Professoren und Geistlichen. Einzelne Geschäftsleute drängten sich zu und verstanden es, sich vom Kaiser in ein Gespräch ziehen zu lassen, bevor noch der Haupteingang erreicht war. Julianos hatte den Präsidenten nach der Anzahl der Bücher gefragt. Als der alte Herr mit der Antwort zögerte, rief der Papierfabrikant Josseph auf drei Schritte Entfernung herüber: »Warum fragt der Kaiser nicht mich? Ich weiß auswendig, daß 35.760 Bände machen allein die Astronomie aus.« Die alten Räte und Offiziere, die schon unter Konstantin und dessen Söhnen amtiert hatten, erschraken über diesen neuen Bruch des Hofzeremoniells. Der Kaiser aber winkte den Fabrikanten Josseph freundlich heran und stellte seine weiteren Fragen an ihn. Josseph blieb keine Antwort schuldig. Das Homerzimmer enthalte 13.578 Bände, griechische Philosophie 75.355 und so weiter. Plötzlich blieb der Kaiser nachdenklich stehen und sagte: »Hören Sie, lieber Josseph, Sie sollen Hoflieferant werden, aber nur, wenn ich mich überzeugt habe, daß Ihre Angaben richtig sind. Ich will die letzte Ziffer mit dem Katalog vergleichen.« »Gott, gerechter!« rief Josseph zitternd und doch wieder frech. »Gestatten Majestät mir untertänigst, Ihnen zu sagen, daß das noch nie ein Kaiser gemacht hat. Nu ja, ich will zugeben, weil Majestät hat wissen wollen alles so genau, habe ich ein paar kleine Ziffern erfunden. So wollen es sonst immer die Kaiser haben. Aber die Tausender waren richtig. Und ich will Ihnen sagen, Majestät: Ist es für Majestät nicht genug, wenn die Tausender richtig sind?« Der Kaiser lachte herzlich und versprach, sich die Lehre zu merken. So gelangte man durch eine namenlose Seitengasse in die Töpferstraße und vor den Haupteingang der Akademie. Eine mächtige Säulenhalle, auf deren Stufen Hunderte von Beamten und Dienern des Hauses Aufstellung genommen hatten, lud zum Eintritt ein. Zur Rechten und zur Linken standen Bildsäulen griechischer Philosophen und Dichter. Man betrat das Gebäude, und von Saal zu Saal übernahm ein anderer der Professoren die Erklärung. Als wäre er ein Bibliothekar von Fach, der nur seiner Studien wegen nach Alexandria gekommen, ging Julianos überall hin, zog da ein seltenes Exemplar aus der Reihe hervor, kletterte dort auf einer der bequemen Leitern bis zur Decke hinauf, um sich von der Richtigkeit irgendeiner Angabe zu überzeugen, oder er setzte sich gar mit einem Bande der schönen Ausgabe des Homer an eines der kleinen Tischchen nieder und las ein paar Verse. Die griechischen Dichter fesselten den Kaiser allein gegen eine Stunde, und von den Philosophen wollte er sich gar nicht trennen. Mit Platons Staatslehre in der Hand führte er ein lebhaftes Gespräch über Jugenderziehung und setzte es fort, während er schon den Flügel der mathematischen Bibliothek betrat. Hier gestand er freimütig ein, daß er ein Laie sei, und ließ sich von den Professoren der einzelnen Fächer so im Vorüberfliegen Vorträge über den augenblicklichen Stand der besonderen Disziplinen halten. Das Gefolge war vollkommen ermattet, und zweimal schon hatte der alte Präsident der Akademie es gewagt, Majestät zu einem kleinen Imbiß einzuladen, der in dem prachtvollen Empfangssaal vorbereitet sei. Davon wollte der Kaiser nichts wissen. Wer ihm diene, müsse ebenso frugal leben können, wie er selber. Mit Theon, dem berühmten Professor der Mechanik, begann der Kaiser ein Gespräch über die Konstruktion eines neuen Belagerungsgeschützes. Der Kaiser bewies einige Kenntnisse in der Ballistik und gab dem Gelehrten eine allgemeine Idee, wie die Schleuderkraft der alten Maschine verdoppelt werden könnte. Professor Theon, der schon mehrere wissenschaftliche und praktische Arbeiten für die kaiserliche Artillerie ausgeführt hatte, schien heute nicht recht bei der Sache zu sein. Schließlich fiel es dem Kaiser auf. »Was ist denn das, lieber Theon? Sie wurden mir als einer der treuesten Anhänger unserer alten Götterreligion gerühmt. Ich habe auf Sie gerechnet. Sie wissen, was dieser Feldzug für mich bedeutet. Sie wissen, daß ich diesen Perserkrieg glorreich beendigen muß, um dann in langer Friedensregierung den inneren Feind besiegen zu können, den neuen galiläischen Atheismus, der gegen unsere alte Religion, gegen Götter und Thron das Haupt erhebt. Sie wissen, daß ich dieses Gesindel zu Paaren treiben will, welches allgemeine Gleichheit und Brüderlichkeit und was weiß ich lehrt und den Galiläer zu einem neuen Philosophen machen will. Haben Sie keine Lust, mir dabei zu helfen?« Theon, ein stattlicher Mann von wenig über vierzig Jahren, beugte sich herab, als ob er dem Kaiser die Hand küssen wollte. Leise sagte er mit Tränen in den Augen: »Verzeihung, Majestät, niemals werde ich zu den Christen übergehen. Die Götter haben keinen treueren Diener. Aber heute nacht – vor vierzehn Tagen hat mein junges Weib mir ein Kind geschenkt – und heute nacht ist mein junges Weib gestorben, hat mich mit der Kleinen allein gelassen! Heute nacht! Ich allein mit dem Kinde!« Der Kaiser drückte dem Professor herzlich die Hand. »Verzeihen Sie mir! Bleiben Sie in meiner Nähe!« Und in nervöser Hast eilte der Kaiser in den nächsten Saal, rücksichtslos und unermüdlich. Es war sechs Uhr vorüber, als der Kaiser den Neubau betrat, dessen erste Abteilung die Bibel der Juden in zahlreichen hebräischen Exemplaren und die Übersetzung der siebzig Dolmetscher, sowie zahlreiche Kommentare und Hilfswerke enthielt. Hier warteten seit vielen Stunden die jüdischen Rabbiner und die christlichen Geistlichen, um dem Kaiser ihre Kenntnisse zur Verfügung zu stellen. Julianos fragte unter allerlei Scherzen und Bosheiten die Juden nach der Geschichte ihrer heiligen Bücher und las auch auf der Stelle ein Kapitel aus der Septuaginta. Der Oberrabbiner hatte ihm zur günstigen Vorbedeutung etwas aus der Eroberung Kanaans vorgelegt. »Eure Moses und Josua sind viel zu gute Soldaten gewesen, um erträglich Philoseophen zu sein. Sie haben zu viele Gesetze gemacht. Aber immerhin habe ich Achtung vor dem Alter dieser Bücher. Ich will in Asien eurer gedenken, wenn ich etwas Hebräisches finde. Ich lasse alles auf Schweinsleder abschreiben.« Zum drittenmal war der Erzbischof vorgetreten, um in einer vorbereiteten Rede die Bedeutung der Judenbibel für den neuen christlichen Glauben auseinanderzusetzen. Jetzt gelang es ihm, zu Worte zu kommen. Jesus Christus habe das Zeremonialgesetz abgeschafft, welches Seiner Majestät mit Recht so sinnlos erscheine; und wenn Majestät die Gnade haben wollte, einen Saal weiter zu gehen, so werde er die schönste Sammlung aller wichtigen Schriften der christlichen Philosophen vorfinden. »Ich bitte, sich nicht zu stören, meine Herren!« rief der Kaiser höhnisch. »Ziehen Sie sich zu Ihren christlichen Philosophen zurück und fasten Sie dort, wenn Sie wollen, wie Ihre neuen Menschenbeglücker, die Mönche! Bei dem Gedanken, daß christliche Philosophen meine geistige Kost sein könnten, habe ich plötzlich einen solchen Hunger bekommen, daß ich die Einladung des Herrn Präsidenten annehme, für mich und alle guten Bürger des Reiches. Entscheiden Sie selbst, Herr Erzbischof, ob Sie ein Glas Wein oder ein Kapitel Origenes vorziehen. Dieser heilige Herr soll ja ausnehmend asketisch gewesen sein!« Der Kaiser faßte Theon unter den Arm, und über Origenes spottend folgte er dem Präsidenten in den großen Prunksaal, wo drei mächtige Büffets aufgestellt waren und wohin sich nun das kaiserliche Gefolge mit Auflösung aller Ordnung stürzte. Der Kaiser selbst nahm mit absichtlicher Enthaltsamkeit nur ein Brot und ein Glas Wein, während die Offiziere und Professoren gieriger, als es wohl Hofsitte war, über die guten Dinge herfielen. Selbst die christliche Geistlichkeit, die widerwillig gefolgt war, vergaß beim Essen ihren Zorn und ihre Sorgen. Nur die Juden berührten nichts. Der Kaiser sprach wieder mit Theon über die Verbesserung der Belagerungsstücke. Theon sollte sein Weib in Ruhe begraben und betrauern, dann aber mit dem Direktor der Artilleriewerkstätten in Verbindung treten und das geplante neue Geschütz möglich zu machen suchen. Theon hatte ein Glas arabischen Weines zu sich genommen und wollte eben lebhafter als bisher des Kaisers Berechnungen verbessern, als ein lauter Lärm von der Straße die Aufmerksamkeit des Kaisers ablenkte. Rasch schlug Julianos die Portieren zum Balkon beiseite und trat hinaus, um selbst zu sehen, was vorgehe. »Alles will er selbst sehen,« flüsterte Josseph einem Vetter zu. Unten in der Töpferstraße hatten sich über tausend Menschen versammelt und schienen zwei Parteien zu bilden, die heftig miteinander stritten. Man hatte das Erscheinen des Kaisers nicht bemerkt. Dieser schickte hinunter, um eine zuverlässige Meldung zu erhalten. Bevor aber der Bote zurückkehrte, war Professor Theon auf den Balkon gestürzt und hatte sich dem Kaiser zu Füßen geworfen. »Schützen Sie mein Kind, Majestät! Man will es mir taufen.« Der Kaiser trat in den Saal zurück. Die Ader auf seiner Stirn war angeschwollen. Geschlossen versammelten sich seine Offiziere um ihn. So hatte er ausgesehen, als in der Schlacht bei Straßburg der Verrat des Kaisers Constantius ihn einer Niederlage nahe brachte und nur seine persönliche Tapferkeit den Sieg der Schwaben verhinderte. Der Kaiser ließ sich berichten. So viel war gewiß, daß der christliche Gesellenverein den Tumult im Akademiegebäude dazu benutzen wollte, um das kleine Töchterchen des Professors Theon gegen den Willen des Vaters zu einer Christin zu machen. Die christliche Amme war bestochen worden, und die Absicht wäre gelungen, wenn ein jüdischer Bibliothekdiener nicht aufgepaßt und Zeter geschrien hätte. Nun standen sich auf der Straße die jungen Leute vom Gesellenverein, welche dem Erzbischof unbedingt zur Verfügung standen, auf der einen Seite, die Griechen und Juden auf der andern Seite gegenüber. Man hatte die Amme mit dem Kinde in das Akademiegebäude zurückgebracht und führte sie jetzt in den Prunksaal vor den Kaiser. »Majestät,« rief Theon, »noch bevor das Kind geboren war, haben sie mein armes Weib gequält, es der neuen Kirche zu versprechen! Dann haben sie der Kranken keine Ruhe gelassen und durch unaufhörliche Bedrohungen die Todeskrankheit wohl verschuldet! Jetzt wollen sie das arme Würmchen Maria taufen, damit ich auf meine alten Tage anstatt eines lieben Kindes eine Feindin, eine Christin, im Hause habe!« Der Kaiser winkte die Amme zu sich heran und nahm ihr das Kind aus den Armen. Das lag schlafend in seinem Steckkissen und bewegte nur leise das holde Köpfchen, als der Kaiser sich herabbeugte und die weihe Stirn mit seinen harten Barthaaren berührte. Todesstille herrschte im Saal. »Uns beide sollen sie nicht erobern, du armes Geschöpf!« flüsterte der Kaiser. »Dich nicht und mich nicht, so wahr ich Julianos heiße!« »Ihr Herren!« rief er dann so laut, daß das Kind erwachte und mit seinen schwarzen, wunderbaren Augen aufschaute, »ihr Herren, ich habe Eiligeres zu tun, als Frevler hier zu strafen! Aber ich kündige euch an, daß der Krieg gegen die Perser nur ein Vorspiel sein soll dessen, was ich gegen die inneren Feinde meines Reiches im Sinne trage. Dieses Kind bleibt unter meinem Schutz. Jeder Fluch der Unterwelt und jeder Blitz der Überirdischen soll die verdammte Hand treffen, die es wagt, das Kreuzeszeichen über mein Patenkind zu machen. Maria wollen sie dich taufen, du armes Ding, und dir die lebendige Seele ertöten, wie sie die Seele der Welt vernichten wollen. Die Lebensfreude wollen sie auslöschen, wie sie dem Griechentum jede Lust und jede Freude vergällt haben für lange Zeit. Mord und Tod, Herr Erzbischof! Zittern Sie vor meiner Rückkunft! Dieses Kind aber soll keinen der demütigen Christennamen tragen. Ich weihe es dem obersten Gott im Himmel, dem Zeus Hypatos, dem höchsten Zeus, und ich nenne es Hypatia.« Mit beiden Händen hob der Kaiser das Kind empor, mit derselben Bewegung, mit der der griechische Priester bei den heiligen Mysterien der unbekannten Gottheit Opfer darbrachte. Rührung und Friede lag auf seinen Zügen. »Ihr heiligen alten Götter! Wenn ihr noch lebt, wenn ihr mich liebt und wenn ihr gewillt seid, den Galiläer nicht zu euren himmlischen Sitzen aufsteigen zu lassen, so schützt mir dieses Kind! Ich werde niemals mehr ein Weib haben und Kinder. Wer euch dient, der muß verzichten auf eigenes Glück. Ich nehme dieses Kind für euch als das meine an. Laßt es der Erde zum Pfande, daß Griechenlands Schönheit und Wahrheit und Griechenlands Freude dauern werden, trotz dem Galiläer und seinen Pfaffen. Heilige Götter, schützt mir das Kind, wie ihr mich zum Siege führen werdet, für mich und für mein Reich!« Ein leises Weinen des Kindes unterbrach die unheimliche Stille, welche den Worten des Kaisers folgte. Julianos ließ das Kind dem Vater und ging dann mit mächtigen Schritten auf den Erzbischof los. Drohend ballte er die Faust und sagte nichts als: »Auf Wiedersehen nach dem Siege! Erst den Perser, dann den Galiläer! Ich bin erst dreißig Jahre alt, und wenn ich nur zehn Jahre das Heft in Händen behalte, so soll die Welt für immer es gespüren! Es ist Zeit, ihr Herren, wir schiffen uns ein.« Und ohne ein Wort weiter zu verlieren, eilte Julianos die Treppen hinunter. Nur die Offiziere folgten ihm. Unten hatte eine Abteilung der Marinesoldaten Posto gefaßt. Unter ihrer Eskorte marschierte der Kaiser und seine Suite dem Hafen zu. Dort wurde er von einer unzähligen Volksmenge mit Hochrufen empfangen. Die Griechen, die Juden und das ganze Volk der altgläubigen Ägypter hatten von seinem Auftreten gegen die Klerisei gehört und jubelten ihm zu. Begeisterung und Glück strahlte aus des Kaisers Augen. Dicht vor der kleinen Laufbrücke, die ihn auf das Admiralsschiff tragen sollte, richtete er sich, so hoch er konnte, auf und rief, als könnte es die ganze Stadt hören, mit schmetternder Kommandostimme: »Seht ihr die Sonne, die rotglühend dort im Meer untergeht? Ihr glaubt, sie wäre tot, ihr glaubt, die alten Götter wären gestorben. Aber morgen früh, wenn unsere guten Schiffe uns schon weit von hier dem Kampf und dem Sieg entgegenfahren werden, morgen früh wird sie sich allgegenwärtig in dem Glanze des ersten Tages wieder erheben und wird uns leuchten, uns und aller Kreatur. Daß ihr es wißt, unser aller höchster Gott, der höchste Zeus und der Gott der Juden und euer Gott Serapis, es ist die Sonne, die jetzt schlafen geht, aber auferstehen wird und niemals sterben. Mein Gott, mein Gott, segne mich im Scheiden und segne mein Werk und lasse uns siegen über die Nacht der Galiläer!« Noch eine weite Handbewegung, als wollte er priesterlich die Stadt segnen, die er verließ, und die Sonne segnen, die blutig untertauchte, dann sprang Kaiser Julianos auf sein Schiff, unter hundertstimmigem Rufen wurden die Taue eingezogen und langsam schwamm das Fahrzeug vom Ufer hinweg, zwischen den andern Schiffen hindurch und majestätisch mit vollen Segeln, die im Abendschein rötlich strahlten, aus dem Hafen hinaus. Der Philosophenvogel verließ das Dach der Akademie und folgte in weiten Kreisen seinem Kaiser. Lange, lange schwebte er hoch über den Masten, dann kehrte er mit schweren, harten Flügelschlägen zurück und stellte sich mit einem Beine auf einen vorgeschobenen Steinbalken der Akademie, dort, wo das Patenkind des Kaisers längst wieder schlief. Der Marabu kraute sich den Kopf mit dem linken Fuße und klapperte mit dem Schnabel und schloß sorgenvoll die Augen. Die Sonne! Die Sonne! Mein siegreicher Kaiser! Sie ist nicht gut, ist hart wie die Götter; wohl läßt sie uns leben, doch liebt sie uns nicht. Sie will nur Wüste, sie will nicht dein Wohl. Moloch – Mörderin – Wüstengewaltige? Steine brütet sie, Steine statt Brot! Armer Kaiser, armes Kind! Und der Philosophenvogel wachte noch lange auf dem Steinbalken über dem Bettchen Hypatias, während Alexandria schon schlief und außer dem uralten Marabu nur noch der Erzbischof wachte, der Erzbischof und sein Sekretär, welche Briefe schrieben nach Rom, nach Konstantinopel und nach Persien, an die Feinde des Kaisers Julianos. 1. Die Jugend der Hypatia Unter der Pflege einer treueren Amme, einer ehrlichen braunen Fellachin, war Hypatia ein Jahr alt geworden und zum Geburtstag hatten sich viele Kollegen Theons und viele Beamte aus der Stadt mit hübschen und kostbaren Geschenken eingefunden. Das Patenkind des Kaisers, da es so schön und ernst und glücklich in seiner Wiege lag, wurde wie eine Prinzessin bedacht. Auf das Wort des Kaisers hin hatten griechische Hexen und ägyptische Pfaffen, sowie jüdische Kabbalisten dem kleinen Fratzen eine glänzende Zukunft vorausgesagt. Da war keiner unter den Gratulanten, welcher nicht an die Zauberei seiner Religion oder an die Macht des Kaisers Julianos geglaubt hätte. Und so erhielt die kleine Hypatia hundert Gaben, die sie nicht verstand, darunter viele geheimnisvolle Mittel gegen Krankheit und Not, Amulette, welche so ein Glückskind doch niemals brauchen konnte. Und die Blüte der heiligen Lilie, welche der Philosophenstorch mühsam genug aus dem innersten Gärtlein des Ammontempels für das Kind geholt hatte und welche er ihr nach einem Fluge von vielen Meilen bei Sonnenaufgang durch das Fenster vor die Wiege warf, wurde von achtlosen Männern zertreten. Auf seinem mächtigen Fluge nach der heiligen Lilie erfuhr der traurige Marabu schlimme Neuigkeiten von anderen weitgereisten Vögeln, von Adlern und Geiern. Doch er mußte schweigen, denn man hätte ihm doch nicht geglaubt. So saß er denn Tag und Nacht trübselig da und verschmähte die leckersten Fische. Sechs Wochen später kam das schreckliche Gerücht zu Fuße nach Alexandria, so unsicher und ängstlich freilich, daß die Parteien der Stadt stumm und tatenlos sich gegenüberstanden. Kaiser Julianos sei tot! Wieder vier Wochen später war es kein Gerücht mehr. In der glühenden Wüste jenseits des Tigris hatte sich das römische Heer aufgerieben im Kampfe gegen die feindliche Natur. Julianos war vielleicht ein guter Soldat gewesen, ein großer Feldherr war er nicht. Oder die Perser mußten aus der Umgebung des Kaisers beraten gewesen sein. Nichts gelang, nirgends stellte sich der Feind zur Schlacht, Armee und Volk von Persien mit allem Vieh und allen Vorräten zogen tiefer und tiefer ins Innere des Landes und ließen das kaiserliche Heer allein in einer Wüste. Wo eine Stadt eingenommen wurde, da schlugen wenige Stunden später die Flammen an allen vier Enden empor. Und dann kam der furchtbare Tag im Engpaß, wo der Kaiser bei der Nachhut überfallen wurde, wo er wie ein Rasender der Überzahl entgegenritt und mitten im Gedränge von der Seite den tödlichen Schuß empfing. In der Todesnot hatte der gelehrte Libanios ausgehalten neben ihm, und sein Bericht verkündete der Welt die letzten Worte des letzten römischen Kaisers. Das hervorquellende Blut wollte Julianos mit der rechten Hand zurückhalten, bald aber warf er es dem Himmel entgegen, als wollte er sich selbst dem Zorn des neuen Gottes als Menschenopfer darbieten. Dann sank er zurück, graue Todesblässe überzog sein Antlitz und er flüsterte: »Galiläer, jetzt hast du gesiegt.« Libanios fügte seinem Berichte verdammende Worte über die Mörder seines Herrn hinzu. Ein neuer Kaiser stieg auf den Thron und bald wieder ein neuer. Doch in Alexandria hörte man nur ihre Namen und fragte immer nur noch nach den Mördern des Kaisers Julianos. Es hieß, der König von Persien hätte demjenigen seiner Soldaten, der sich rühmen könnte, den römischen Kaiser getroffen zu haben, ein Vermögen versprochen. Aber kein Perser machte sein Recht geltend. Man erzählte, der erste Schuß des Treffens hätte dem Kaiser gegolten, und dort, woher der Schuß kam, standen keine Perser. Zwei Tage lang wagte der Erzbischof von Alexandria nicht sein Haus zu verlassen. Denn der Pöbel drohte ihn zu steinigen und nannte ihn laut den Mörder des Kaisers. Doch wieder kam aus Konstantinopel ein Schiff, mit Gold für die Kirche von Alexandria und mit neuen Verordnungen, welche den Kaiser Julianos einen Abtrünnigen und Gotteslästerer nannten. Da zog der Erzbischof frei vor allem Volk in seine Kathedrale und las ein Hochamt; der Pöbel von Alexandria stand am Wege und verhöhnte die armen Soldaten, die nun aus dem unglücklichen Feldzuge heimkehrten, krank und in Fetzen, Krüppel und Invaliden. Einer von den rückkehrenden Soldaten, der degradierte Fahnenträger eines Reiterregiments von der Donau, beichtete lange im Privatzimmer des Erzbischofs Athanasios. Man kannte ihn nicht, nicht ihn und nicht das fürstliche blonde Weib an seiner Seite; aber man nannte ihn den Mörder des Kaisers und wollte ihn nicht dulden in der Stadt. Der alte Fähnrich aber warf stolz die schwarzen Flechten in den Nacken, strich sich trotzig den geflochtenen Schnurrbart und betete in allen Kirchen und suchte sich ein Heim für das Weib, das er irgendwo in Germanien erbeutet hatte. Er fand endlich ein Obdach in dem verlassenen Gespensterhaus, einem burgartigen Bau, hinten an der Stadtmauer, zwischen den ägyptischen Museumsanlagen und den Friedhöfen, zwischen dem Serapeum und der Totenstadt. Was der Marabu vor ihrem Fenster klapperte und was der Vater vor ihrer Wiege traurig immer wieder sagte: »Galiläer, du hast gesiegt!« das schien der kleinen Hypatia gleich drollig. Denn sie lächelte, wenn der Vater neben ihr stand, und sie lachte, wenn der Philosophenstorch durch das offene Fenster ungeschickt zu ihr hineinspazierte, um ihr die Zeit zu vertreiben. Es war einsam geworden in der Akademie seit dem Tode des Kaisers. Monatelang ängstigten sich die Professoren vor dem Übermut des Erzbischofs Athanasios, und auch später, als von Konstantinopel der Befehl gekommen war, nichts an dem Bestehenden zu ändern, die strenge Weisung, die heidnischen Lehrer der Hochschule auf den Aussterbeetat zu setzen, sie aber zunächst im ungekränkten Genuß ihrer Stiftungen zu belassen, da blieb es einsam und still in den Zellen und auf den Höfen der berühmten Schule. Drüben das neu erhöhte und vergoldete Kreuz der Kathedrale überragte nun das Dach der Sternwarte. Gerade unter der Sternwarte hatte Professor Theon seine kleine Dienstwohnung. Der Mathematiker war sein Flurnachbar. Theon lebte und schlief in seiner Arbeitsstube; sein Wohnzimmer hatte er dem Kinde und der Pflegerin überlassen, der braunen Fellachin. Noch ein anderes junges Menschenwesen lebte dort, wenige Schritte von der kleinen Hypatia. Isidoros, ein siebenjähriger Junge, ein hochaufgeschossener, brauner, schwarzhaariger, langarmiger Spatzenschreck, durfte im Vorzimmer des Mathematikers hausen, schlafen oder studieren, leben oder sterben. Niemand wußte so recht, wem dieser scheue und doch wieder rücksichtslose Knabe gehörte. In den Gesindezimmern der Akademie erzählte man sich darüber eine wüste und unwahrscheinliche Geschichte. Ein ägyptischer Priester, der ja zur Ehelosigkeit verurteilt war, sei der Vater, eine Nonne, eine Verwandte des erzbischöflichen Sekretärs, sei die Mutter. Ägyptisches und syrisches Blut, eine nette Mischung! Das Kind sei vor dem erzbischöflichen Palais ausgesetzt gewesen, aber als es dem Verhungern nahe war, von irgendeiner gutmütigen Dienstmagd in seinem Weidenkorbe nach der Akademie herübergebracht worden. Und die Anatomiediener behaupteten, Isidoros sei eigentlich schon tot und ihnen verfallen gewesen; man habe den Knaben künstlich zum Leben gebracht. Genug, für das Waisenkind fand sich in der kleinen Stadt, welche die Akademie hieß, zwischen weltentrückten Lehrern und einer reichlich besoldeten Dienerschar ein Plätzchen zum Weiterwuchern. Wie das Unkraut zwischen den Steinen in den Ecken der Höfe, so schoß er auf, genährt und gestoßen wie die halbwilden Hunde auf diesen Höfen. Und wenn niemand wußte, in wessen Obhut Isidoros aufwuchs, wer ihn kleidete und wer ihm Unterricht erteilte, so fragte der Knabe am wenigsten danach. Zur Mittagszeit aß er etwas an der Schwelle, welche die nächste war, schlechte Kleider erhielt er mehr, als er völlig zu Fetzen tragen konnte, und seine Kenntnisse, ja, um seine Kenntnisse war es eine seltsame Sache. Als Isidoros etwa fünf Jahre alt war, verbreitete sich plötzlich in der ganzen Akademie die Nachricht, er sei ein Wunderkind. Zwei Professoren, Theon und der Mathematiker, hatten ihn beobachtet, wie er den Sandweg am Springbrunnen des dritten Hofes dazu benutzte, um die geometrischen Linien einer schwer zu berechnenden Mondfinsternis grob, aber richtig mit einem Stäbchen nachzuzeichnen. Man staunte und forschte und es kam heraus, daß der kleine Junge womöglich alle mathematischen und astronomischen Vorlesungen durch die offenen Fenster oder drinnen im Saale selbst, hinter einem Wandpfeiler versteckt, mit angehört hatte und unter den ordentlichen Schülern schon lange als ein närrischer Weisheitsschatz galt. Eine nähere Untersuchung ergab, daß Isidoros alle die verzwickten Formeln und langen Zifferreihen nur auswendig wußte, daß er ihren inneren Zusammenhang mitunter ungefähr ahnte, gewöhnlich aber gar nicht verstand. Auf Wunsch des alten Mathematikers wurde Isidoros in die Kinderschule gesteckt. Dort verschlang er mit glücklicher Gier binnen vier Monaten, womit die anderen Schüler sich jahrelang abplagten. Seit dieser Zeit eben durfte er im Vorzimmer des Mathematikers schlafen, und sogar an den Kaiser nach Konstantinopel ging ein Bericht über das Wunderkind ab. Und wirklich setzte eine der Prinzessinnen eine kleine Stiftung für den Knaben aus. Er sollte gute christliche Bücher zum Geschenk bekommen und zu einem Streiter für den neuen Glauben erzogen werden. Weiter reichte die Stiftung freilich nicht. So war der Flurnachbar des schönen kleinen Heidenkindes; aber er bekümmerte sich um Hypatia weder im Guten noch im Bösen. Diese wuchs trotz der Nähe ihres Vaters nicht gerade in gelehrter Gesellschaft auf. Ihre Amme führte das kleine Hauswesen weiter und war für das Kind die einzige Beschützerin und Erzieherin. Der gute Marabu gewöhnte sich, seine müßige Zeit bei Hypatia zuzubringen; aber in seinem Wesen lag mehr Betrachtung als Belehrung, und überdies verstand sie sein Klappern noch nicht, denn sie hatte noch keinen Schulunterricht genossen. Der Vater selbst liebte sein Kind über alles, aber er sah es fast nie, höchstens einige Minuten des Morgens, wenn er der Fellachin das viele Geld für den Hausstand übergab und sich darüber wunderte, daß die Amme ihm dabei immer über die Schlechtigkeit der Marktweiber klagte. Er nannte das: mit der Wirtschafterin rechnen. Diese Art der Hauswirtschaft gedieh der kleinen Hypatia nicht eben zum Schaden. Die Fellachin war immer in der Lage, das süße Kind mit allerlei Leckerbissen zu verwöhnen, für seine Kleidung die feinsten Gewebe einzukaufen und es von Zeit zu Zeit durch die Zaubermittel der Priester und der alten Weiber vor Krankheit zu bewahren. Wirklich wuchs Hypatia so heran, ohne daß ihr gelehrter Vater jemals durch eine Sorge um das Kind gestört wurde. Hypatia stand in ihrem siebten Jahre, als dieses Leben die erste Änderung erfuhr. Es war in einer warmen und klaren Maiennacht und Professor Theon hatte die Zuverlässigkeit eines neuerfundenen Meßinstruments auf der Sternwarte geprüft. Es war ihm wieder einmal gelungen, einen Irrtum des Ptolemaios festzustellen, einen Rechenfehler in der Umlaufszeit eines Planeten. Noch vor Sonnenaufgang kehrte er in seine Wohnung zurück und war recht überrascht, als er da in Wolken von Räucherwerk zankende alte Hexen und Pfaffen vorfand. Hypatia war gegen Mitternacht auf den Tod erkrankt, und die Fellachin hatte sich nicht anders zu helfen gewußt. Theon trat an das Bettchen des Kindes, das mit glühenden Wangen im Fieber lag, sein schwarzes Wunderauge starr nach der Zimmerdecke richtete und den Vater nicht kannte. Theon blieb eine Weile hilflos vor Überraschung und Jammer, dann suchte er einen Kollegen von der medizinischen Fakultät auf, mehr um seine Not zu klagen als um Hilfe zu erbitten. Denn die Mathematiker betrachten die Medizin als eine unkontrollierbare und unzuverlässige Wissenschaft. Der Arzt aber, der das schöne Kind vom Hofe der Akademie her wohl kannte, begleitete Theon sofort in dessen Wohnung zurück. Dort gab es einen heftigen Auftritt. Die Zauberer wurden endlich zu allen Teufeln gejagt, und die Amme versprach unter Tränen, sich allen Anordnungen des Arztes zu fügen. Nach fünf sorgenvollen Tagen und Nächten wurde das Kind für gerettet erklärt. Aber Theon, der hilflos und fremd unaufhörlich neben dem Krankenbettchen saß, erfuhr zu seinem Kummer, wie sehr das geistige Leben des Mädchens bisher vernachlässigt worden war. Natürlich konnte sie nicht lesen und nicht schreiben. Aber nicht einmal ordentlich griechisch sprechen konnte sie, die Tochter des griechischen Weisen, das Patenkind des Kaisers. Mit der Amme hatte sie immer in der ägyptischen Mundart geplaudert, ebenso mit ihren Spielkameraden, und für den Vater und dessen Morgengruß hatten ein paar Dutzend griechische Worte genügt. Anstatt homerischer Verse wußte sie nur ein paar ägyptische Auszählsprüche auswendig. Und der gelehrte Professor mußte die verhaßte Mundart sprechen, um sich seinem kranken Kinde verständlich zu machen. Während Hypatia sich nur langsam von der schweren Krankheit erholte, besprach der müßige Theon mit dem Arzte, mit seinem Flurnachbar und mit anderen Kollegen, wie sein Hauswesen nach den Grundsätzen einer vernünftigen Erziehungslehre umzugestalten wäre. Da sollte eine zuverlässige und gebildete Gesellschaftsdame gewonnen, da sollte für das Kind ein geeigneter Lehrer gefunden werden. Als der Arzt aber nach einigen Wochen Hypatia, die schon längst ungeduldig geworden war, für vollkommen hergestellt erklärte und sie aus seiner Behandlung entließ, nahm Theon aufatmend das neue Meßinstrument wieder zur Hand, um die Rechnung jener warmen Maiennacht zu Ende zu führen. Der unermüdlich fleißige Isidoros hatte sich kurz bis vor ihrer Erkrankung ganz und gar nicht um seine Nachbarin gekümmert. Sein Studium duldete überhaupt keine Spielgenossen, und Mädchen verachtete er doch gar zu sehr, um von so was Notiz zu nehmen. Ein unwissendes Kind und dazu noch sechs Jahre jünger als das Wunderkind der Akademie. Aber kurz vor Hypatias Erkrankung war in dem flegelhaft aufgeschossenen Wunderknaben eine ernste Veränderung vor sich gegangen. Seitdem er die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, war aus dem wißbegierigen Jungen ein unersättlicher Bücherwurm geworden. Die Professoren plauderten mit ihm, die älteren Studenten ließen sich von ihm bei ihren Arbeiten helfen; aus alledem wie aus dem ungeordneten Besuche der Vorlesungen hatte sein Hochmut Nahrung gesogen. Nur in den Räumen der Bibliothek, unter den unerschöpflichen Bücherschätzen hatte er noch Neues zu lernen gehofft. Sein eigentlicher Leiter sollte ein alter Mönch sein, der etwa dreißig Jünglinge zu Geistlichen oder Mönchen erzog. Was aber hier gelehrt werden durfte, das wußte Isidoros besser als sein Lehrer, und so waren Mönch und Knabe froh, wenn sie einander nicht sahen. Ohne Führer, ohne Freund hatte der Wunderknabe sich selbst einen einfachen Lehrgang entworfen. Er hatte sich die Aufgabe gestellt, sämtliche zweimalhunderttausend Bücher der Bibliothek durchzulesen. Plötzlich kam zu der Lernwut auch die Eitelkeit. Mit den seltensten Büchern, mit ungeheuren Folianten, hatte er sich breit in die große Halle gesetzt, als wollte er Studenten und Professoren herausfordern. Durchreisenden Fremden, welche die Bibliothek besichtigten, war der Junge gezeigt worden. Pedantisch gekleidet wie ein alter Schulfuchs, eitel wie ein junger Zirkusreiter, so sollte Isidoros dreizehn Jahre alt werden, in demselben warmen Monat Mai, in welchem Hypatia erkrankte. Um diese Zeit fing der junge Gelehrte zu denken an. Es kam über ihn die Ahnung, daß die unzähligen Dinge, die er gelernt hatte, einander widersprachen. So konnten doch nicht alle Autoritäten gleich gut sein! Alle Lehrer der Akademie hatten ihn unterrichtet, aber keiner hatte ihm von den Rätseln gesprochen, die ihn jetzt zu umgeben begannen. Isidoros sehnte sich nach einem Führer, nach einem Freund. Am liebsten hätte er sich von einem hundertjährigen Priester an der Hand nehmen und willenlos lenken lassen. In diesem Zustande seiner Seele war es, daß Isidoros eines Tages, eben am ersten Mai, kurz vor Sonnenuntergang in der Halle des zweiten Hofes saß und las. Nicht weit von ihm spielten kleine Mädchen zuerst Ringelringelrosenkranz und dann Verstecken. Es störte ihn nicht einmal. Plötzlich schoß eines der Kinder wie ein Windspiel um ein Gebüsch von Rosenlorbeer herum auf ihn zu und duckte sich, schelmisch lächelnd, hinter seinem großen Folianten nieder. »Nicht mucksen!« sagte das Mädchen. Isidoros wollte im ersten Augenblick das Kind fortstoßen; dann wollte er würdevoll mit seinem Folianten einen stilleren Platz aufsuchen; endlich entschloß er sich herablassend, wie es seinem höheren Alter geziemte, das kindische Spiel zu beobachten. Doch auch das vermochte er nicht. Was zwischen seinen Knien und dem Folianten kauerte ...ja, was war denn das? Warum schien es ihm eine Offenbarung, daß die kleine Hypatia vom Laufen erhitzt schwer atmete, daß sie vertrauend und doch ängstlich zu ihm aufblickte? Ja, war denn das Wirklichkeit? Gab es solche Augen auf der Welt? Augen waren doch sonst nur blöde, gerötete, blinzelnde Schlitze, durch welche der menschliche Geist Buchstaben sehen konnte. Und diese Augen... Isidoros konnte nicht begreifen, warum aus seinen eigenen blinzelnden und geröteten Augen Tränen hervorschossen. Um sich Haltung zu geben, legte er die zitternde Hand auf des Mädchens Locken und sagte recht freundlich: »Du bist die kleine Hypatia?« »Ja, die Prinzessin. Sie sagen es bloß, um mich zu necken; aber ich bin wirklich das Patenkind des Kaisers, und wenn ich groß bin, bekomme ich ein goldenes weißes Kleid.« Die Kinder wurden bald nach Hause gerufen. Es war dunkel geworden und Isidoros saß noch lange in der Halle. Das große Buch lag auf der Erde, und er träumte. Noch niemals, seitdem er denken konnte, hatte er so geträumt. Noch niemals hatte er in müßigen Stunden an etwas anderes gedacht als an Lehrer und Schriftsteller, an Aufgaben und ihre Lösungen. Heute war etwas Neues über ihn gekommen, etwas, was wie Phantasie aussah und ihn zwang, an Menschen zu denken und noch dazu an das Kind mit den schwarzen Wunderaugen, an das Patenkind des Kaisers, an die verwunschene Prinzessin. Vielleicht war Julianos nicht tot, vielleicht war er der Mann, der die Zweifel lösen und der nach seiner Rückkunft Philosophie und Glauben versöhnen konnte. Vielleicht nahm einst Kaiser Julianos den gelehrten Isidoros bei der Hand und führte ihn in einen glänzenden Tempel, wo in Flammenbuchstaben auf goldenen Blättern das Geheimnis der Welt enthüllt wurde, vielleicht gab Kaiser Julianos dem gelehrten Isidoros die Prinzessin zur Frau und machte ihn zum Cäsar und zum Imperator. Isidoros verbrachte die Nacht mit Schluchzen und wand sich in Krämpfen, und er sah noch häßlicher aus als sonst, als er mit Sonnenaufgang wieder in die Halle trat und wartete, daß Hypatia erschien. Heute hielt er eine Liebestragödie des Euripides in den Händen; er las sie und erschrak über sich selbst, weil er sich mit keinem Gedanken um die Grammatik und um die Ausleger bekümmerte, sondern nur um die süße Sprache und den holden Inhalt der Verse. Isidoros hatte niemanden, mit dem er von seinen neuen Schmerzen hätte sprechen können, und auch die Prinzessin ließ er nichts ahnen, er sprach kein Wort mit ihr und schreckte sie mit seinen bösen Augen von sich, wenn sie in seine Nähe kam. Aber lange konnte er ihren Spielen zuschauen, und bei Nacht schlich er wohl vor ihr Fenster und beneidete den frechen Marabu, der über ihrer Kammer sein Junggesellennest gebaut hatte und die Nacht über auf einem Beine Schildwache stand, und wenn die Sonne aufging und Isidoros heimlich in seine Wohnung schleichen wollte, den Schnabel ganz spöttisch verzog. Kein Lehrer und kein Schüler ahnte, was in der Seele des Isidoros vorging, als Hypatia nun bald darauf wieder erkrankte. Kein Schlaf kam in seine Augen, und in einem finsteren Keller der Akademie vollführte er Totenbeschwörungen, um das Leben des Kindes beschützen zu helfen, heimlich bezahlte er in den Kirchen der ägyptischen Götter Fürbitten für eine kranke Prinzessin und hatte den Eid geschworen, keine Nahrung über seine Lippen zu bringen, bevor Hypatia gerettet war. Als das Patenkind des Julianos endlich wieder auf dem Hofe erschien, durchsichtige Blässe auf den Wangen, die Wunderaugen noch erweitert, groß, schlank geworden, wie eine richtige Prinzessin, und als sie plötzlich, weil sie müde war oder sich so verwandelt hatte, mit ihren Altersgenossen nicht mehr spielen wollte, da meldete sich Isidoros zum Amte eines Lehrers der Kleinen. Linkisch und lächerlich trat er vor Theon hin und setzte altklug auseinander, wie er zu alt zum Schüler und zu jung zum Professor sei, und wie es ihm gut tun würde, sich zum ersten Male in der Unterweisung der kleinen Hypatia zu üben. Isidoros wurde noch bleicher als sonst, als sein Antrag ohne jeden Widerspruch aufgenommen wurde und als gar Hypatia auf den Ruf des Vaters hereintrat. »Hypatidion,« sagte der Profefsor mit liebevoller Zerstreutheit, »du bist nun in dem Alter, wo auch ein Mädchen in die Schule gehen soll. Möchtest du lesen und schreiben lernen?« »Nein!« »Warum nicht, Hypatidion?« »Die lesen und schreiben können von den Mädchen, sind ebenso dumm wie ich und patzig dazu.« »Was für ein Ausdruck, Hypatidion?« »Na ja, sie haben sich so. Und überhaupt, ich will nicht in die Schule gehen, da ist es erbärmlich gräßlich.« »Hypatia,« sagte da Isidoros und seine Stimme zitterte, »möchtest du bei mir in deiner Stube oder im Garten etwas lernen?« »Bei dir? Lernen ja! Du siehst nicht aus wie ein Lehrer.« Seit diesem Tage war Isidoros der Lehrer der kleinen Hypatia. Niemand kümmerte sich um sie, auch der eigene Vater nicht. Ganz allein Isidoros erfuhr, daß in der Akademie ein neues Wunderkind heranwuchs. Aber Hypatia war anders als er. Er war dreizehn Jahre alt und hatte noch niemals »warum« gefragt. Er hatte mit seinen Gedanken die Abgründe über und unter der Erde durchmessen, hatte alle Dichter und Götter kennen gelernt, hatte die Bücher der Kritiker und Atheisten gelesen und hatte sich nacheinander den Dichtern und Göttern, den Kritikern und Atheisten unterworfen und hatte niemals »warum« gefragt. Und dieses kleine Wundermädchen mit den furchtbaren schwarzen Augen hatte in der ersten Minute der ersten Unterrichtsstunde »warum« gefragt, als Isidoros ihr ein A auf die Tafel aufzeichnete und behauptete, das heiße A. »Warum?« Selige Stunden! Selige Jahre! Binnen kurzem hatte man sich daran gewöhnt, den gelehrten Isidoros täglich bei gutem Wetter mit seiner kleinen Schülerin in der Lorbeerlaube des ersten Hofes sitzen zu sehen. Nur dem Lehrer und der kleinen Schülerin wurde ihr Umgang nichts Altgewohntes, nichts Alltägliches. Isidoros wußte nicht, wie man Kinder unterrichtete. Er hatte es nicht gelernt und es den Professoren nicht abgesehen. Doch wenn er es auch gekonnt hätte, das Patenkind des Kaisers ging seinen eigenen Weg. Sie wollte alles wissen und nichts ohne Zusammenhang. Es dauerte zwei Jahre, bevor sie geläufig lesen und schreiben konnte, aber da hatte sie auch schon zugleich eine Welt in ihrem kleinen Kopfe. Sie malte keinen Buchstaben hin, ohne nach der Bedeutung des Zeichens zu fragen, und nach seiner schönsten Form und nach seiner Geschichte. Isidoros mußte sich abquälen wie ein junger Professor, um der Kleinen das ABC so beizubringen, wie sie es lernen wollte. Wonach niemand forschte, das verlangte Hypatia zu wissen, und Isidoros hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als ihr jemals mit einem »Das weiß ich nicht« gegenüberzustehen. In seinen Büchern und bei ägyptischen Geistlichen lernte er nach, was ihm noch fehlte, um den Wissensdurst des Kindes zu befriedigen. Mit ganz neuen Kenntnissen ausgestattet, betrat er die Laube oder das Stübchen, und wie ein Spielgenosse kramte er aus, was er mitgebracht hatte. Das hieroglyphische Zeichen, aus dem der griechische Buchstabe geworden war, und die lateinische Form, die er jetzt bei den Römern angenommen hatte. Das war ein köstliches Spiel, die drei Schriften nacheinander zu malen, zu lesen und zu schreiben und dann wohl auch hinauszugehen in die Totenstadt, dort Blumen zu pflücken und zu zerpflücken und Inschriften zu buchstabieren und darüber zu plaudern, welchen Unsinn die Ägypter von ihren Göttern glaubten, oder hinüber zu laufen zu den beiden großen Obelisken hinter dem Hause der Hafenpolizei und darüber zu sprechen, wie die alten ägyptischen Könige vor der griechischen Zeit diese Steine aufgerichtet hatten als Herren der Welt, und wie sie dann doch von uns Griechen besiegt worden waren. Es war köstlich, vier Wochen lang an dem Delta herumzumalen und sich über die Weisheit zu wundern, mit welcher der Erfinder der ägyptischen Schrift dafür gesorgt hatte, daß man sich bei dem Buchstaben Delta auch etwas denken konnte. Es war köstlich, bei dieser Gelegenheit die Wunder des Nils zu vernehmen, die Märchen von seinem Schwellen und Sinken, von den Göttern, die ihn aussandten, das Land zu befruchten, von dem Nil mit seinen sechzehn Kindern, die alle nicht lesen und nicht schreiben konnten und doch so herzige Bengel waren, und in deren Fülle so schöne Geheimnisse verborgen lagen, daß Isidoros stundenlang sprechen und Hypatia stundenlang hören konnte, beide ohne zu ermüden. Das war eine Schule! In der einen Ecke des Rohrsofas saß Isidoros und hielt seine kranken Augen still und gezähmt auf das Kind gerichtet und sprach und sprach, was er für sie allein gelernt hatte, und in der anderen Ecke saß zurückgelehnt die kleine Prinzessin und suchte mit ihren großen Augen alles in sich aufzunehmen, wie sie das Sonnenlicht mit ihnen einzusaugen schien. Wenn sie eines ihrer ewigen »Warum« dazwischen zu werfen hatte, so sprang sie auf und stellte sich vor den Lehrer hin und zog das Kleidchen über das Knie herunter und stemmte die Händchen in die Seite und fragte: »Wie das? oder »Warum?« oder sie rief gar: »Das glaub' ich nicht!« und dann sprang der Lehrer auf und drohte sie zu strafen, und sie lief um den Tisch herum und klatschte in die Hände und rief in einem fort: »Das glaub' ich nicht, das glaub' ich nicht!« Bis er die Schiefertafel ergriff und ihr, was er gesagt, aufzeichnete oder aufschrieb; dann legte sie wohl nachdenklich die Schiefertafel auf den Teppich und warf sich längelang davor nieder und stützte ihr Köpfchen in beide Hände, daß die schwarzen Locken zur Rechten und zur Linken zwischen den Fingerchen niederflossen, und prüfte und las stumm und aufmerksam, bis sie endlich ruhig wieder aufstand und dann nichts sagte als: »Weiter!« Da war Isidoros glücklich und erzählte ihr wohl zur Belohnung ein schönes Schiffermärchen aus der Heimkehr des Odysseus, damit sie nur endlich einmal befriedigt war und nicht »warum« fragte. Niemals, so oft er auch drohte, hatte Isidoros seine Schülerin geschlagen. Niemals hatte er die Prinzessin zu berühren gewagt. Aber die Schiefertafeln, die sie beim Unterricht zerbrochen, die abgenutzten Griffelstumpfe trug er sorgsam in seine Kammer und hütete sie dort als seinen einzigen Schatz. Ein seidenes Haarband, das sie einmal aus den Zöpfen verloren, hatte er gestohlen, und wenn sie nach ihrer Gewohnheit auf dem Teppich lag und ihre Augen auf die Tafel richtete, während sie mit dem kleinen Zeigefinger über die Linien fuhr und dann wieder den Kopf aufstützte, um die Locken zurückzuhalten, welche die Tafel verfinsterten, da stand er wohl neben ihr mit scheuen Blicken und flüsterte unhörbare Worte und streckte die rechte Hand in die Luft, als wollte er sie baden im Luftkreis der kleinen Prinzessin. Selige Stunden! Selige Jahre! Fünfzehn Jahre war Isidoros alt, als er auf den Höfen der Akademie seine erste Rauferei hatte. Ein Christenknabe hatte Hypatia mit dem Kaiser Julianos geneckt und ihr durch Schimpfworte Tränen in die Augen getrieben. Da hatte sich Isidoros auf ihn gestürzt, gerade wie ein wildes Tier, daß niemals wieder ein Wort gegen das Patenkind des Kaisers gewagt wurde, obwohl Isidoros bei der Prügelei den kürzeren zog und mit blutiger Nase liegen blieb. Hypatia lachte nicht, als er zur nächsten Stunde mit geschwollenem Gesicht hereintrat. Sie fingen jetzt miteinander das Rechnen an, und Hypatia war wißbegierig wie noch nie. Das war ein Lehrer! Das gewöhnliche Rechnen brauchte nicht mehr getrieben zu werden. Das hatte das Kind beim Lesen und Schreiben längst nebenbei geübt. Jetzt konnte man gleich die Zeichnereien des Vaters verstehen lernen. Das Schwerste verlangte und begriff sie zuerst. Denn warum 2x2=4 war, das konnte ihr Isidoros doch nicht erklären. Wie aber die Höhe der Obelisken berechnet wurde und die Höhe der Sterne und die Mondfinsternis, und nach welchen Zeichen die Schiffer sich richteten, um sich auf dem weiten Ozean nicht zu verirren, das war so schön und so leicht, daß Hypatia lachen mußte, als sie hörte, die Professoren beschäftigten sich damit. Sie legte sich jetzt nicht mehr auf den Teppich nieder, auch saßen sie nicht mehr auf dem Sofa. Ordentlich rechts und links von einem Tischchen trieben sie ihre Studien, und Isidoros drohte nicht einmal mit Schlägen. Zwei Jahre lang lernte sie die Mathematik bei ihm, und eines Tages, als sie fragte, warum man das römische Reich die Welt nenne, da doch die Erde hundertmal größer wäre, und als sie wissen wollte, ob auf der andern Seite der Erde auch Menschen seien, und warum man glaube, die Götter seien gerade auf der Erde zu Hause und nicht anderswo, da stürzte Isidoros plötzlich aus ihrer Stube, um sie seine Tränen nicht sehen zu lassen. Er wußte alles, was irgend jemand wußte, aber dieses fragende Kind verlangte noch mehr. Und trotzdem selige Stunden, selige Jahre! Er kam wieder und sagte ihr, sie habe in ihrem zarten Alter alles gelernt, was er ihr an Kenntnissen bieten dürfe. Jetzt bleibe nur noch die Philosophie übrig, die Lehre von dem Weltganzen und den Göttern und die müsse sie von den alten Professoren lernen und nicht von ihm, der selbst noch von Zweifeln geplagt würde. Dabei hatte Isidoros zum erstenmal wieder seine zitternde Hand auf ihren Kopf gelegt; er sagte: »Ich muß dich verlassen, ich muß dich anderen Lehrern übergeben.« Verstört stand er vor ihr, ein hoch aufgeschossener Jüngling, so groß wie ein Mann, aber ungeschickt wie ein Knabe. Auch Hypatia war mit ihren beinahe vollendeten zwölf Jahren aufgeschossen und stand schlank und blaß wie ein Prinzeßchen vor ihm. Sie stampfte mit dem Fuße auf und sagte statt aller Antwort: »Ich will keinen andern Lehrer, du sollst bei mir bleiben!« Da fiel Isidoros nieder, daß sie heftig erschrak. Es schüttelte ihn. Dann faßte er ihr rechtes Füßchen und drückte einen Kuß auf den Knöchel. »Was tust du, Isidoros? Bist du krank? Tut dir das gut?« »Nein, Hypatia, ich bin... Das ist eine Sitte, die geübt wird, wenn ein junges Mädchen auf die hohe Schule kommt.« »Das ist eine dumme Sitte.« »Hypatia, versprich mir...« »Was denn?« »Daß du nie einen anderen...« »Ich will nie einen anderen Lehrer als dich. Komm, lehre mich die Philosophie! Warum lehrt man sie erst so spät? Ich werde bald zwölf Jahre alt und weiß noch nicht, warum ich geschaffen bin. Das mußt du mich lehren, gleich. Warum?« Selige Stunden! Selige Jahre! Hypatia hatte nicht den Ehrgeiz, alle 200 000 Bände der Bibliothek zu lesen, aber Isidoros war da, um für sie zu wählen und für sie aus allem, was jemals gedacht und gedichtet worden war, einen Strauß von Blüten und Früchten zu pflücken. Mit den griechischen Dichtern begann die Schule der Philosophie. Denn nacheinander, wie sie im Laufe der Zeiten folgten, sollte Hypatia die Meinungen kennen lernen, die gottbegnadete Männer sich von Göttern gebildet hatten. Zuerst also die Göttergeschichten und den Götterglauben. Der Jüngling und das halbe Kind lasen Homer und spotteten seiner Frömmigkeit und wußten klug Unmögliches und Törichtes in den schönen Sagen zu finden. Wenn Hypatia einmal ängstlich fragte, warum der große Dichter solche Lügen behauptet und warum er sie mit so schönen Worten behauptet habe, dann wurde Isidoros zornig und erinnerte die Schülerin daran, daß sie beide beisammen wären, um Philosophie zu studieren, nicht, um sich von einem Dichter verwirren zu lassen. »Warum nicht verwirren lassen?« Den Winter und den Frühling hatte die homerische Welt erfüllt, im Sommer lasen sie die griechischen Dramen von Aschylos und Sophokles, alle, die endlose Reihe. Als sie auch Euripides lasen und die Liebestragödie, bei welcher einst das Fühlen des jungen Gelehrten sich zuerst geregt hatte, da sagte er der kleinen Schülerin leidenschaftliche Verse vor und Hypatia fragte erstaunt: »Warum lehrst du mich hier die Schönheit kennen und wolltest sie aus Homer vertreiben?« Selige Tage. Und wieder kam der Winter und fand die beiden bei den dunklen Philosophen der griechischen Vorzeit. Schwer zu fassen waren die Worte, schwer der Sinn, doch mit wildem Eifer erklärte der Lehrer und mit einer neuen feurigen Begier horchte die Schülerin. Jetzt kam es wohl, das große Geheimnis. Und wie sie in dem »König Ödipus« atemlos von Akt zu Akt auf die Lösung des furchtbaren Rätsels gewartet hatte, so lauerte sie jetzt gespannt von Tag zu Tag auf die volle Enthüllung aller Rätsel des Lebens. Sie schien selbst körperlich unter der angestrengten Aufmerksamkeit zu leiden. Immer blasser wurden ihre Wangen, flackernder wurden ihre Augen, und mehr als einmal in der Stunde fuhr wohl, als das Frühjahr nahte, die weiße Hand an die Schläfen, hinter denen so viele ernste Gedanken sich jagten, während die dichten Kinderlocken immer widerspenstiger gegen Kamm und Bänder sich bäumten. Sie hatten die düsteren Gänge der Alten verlassen und studierten Platons lichtere Welt. Es war an Hypatias Geburtstag, den alle vergessen hatten, auch ihr Vater, als Isidoros ihr den schönen Traum des Philosophen erzählte von dem alten Fluch und Segen der Götter, welche in Ururzeiten jedes lebendige Wesen in zwei Hälften gespalten und sie hinausgeschickt hatten in die weite Welt als Männlein und Weiblein mit dem Fluche und dem Segen, zu suchen und zu forschen, zu ermatten und zu bluten und nicht früher zu ruhen, als bis jede Hälfte die andere Hälfte gefunden hätte, sich mit ihr zu vereinen, und das Spiel fortzusetzen, das Spiel von den getrennten und wiedergefundenen Hälften, zum ewigen Spaße der ewigen Götter. Als Angebinde zum Geburtstag hatte Isidoros das Märchen mitgebracht, und er wollte es der Schülerin in dem Büchlein schenken, aus dem er heute vorlas, einem köstlichen Büchlein von feinstem weißen Leder mit Goldschnitt, und die Anfangsbuchstaben von Hypatias Namen waren in Gold darauf gepreßt und sonst noch manches heimliche Zeichen, das er ihr später deuten wollte, später. Heute sollte sie keine Freude haben, nicht am Märchen und nicht an dem Buche. Denn eben, als sie noch mit fieberhaften Augen auf die Geschichte von den Hälften horchte, fuhr sie plötzlich mit beiden Händen nach den Schläfen und sank dann ohnmächtig in ihr Stühlchen zurück. War das ein Schrecken! Die Fellachin stürzte herbei, und sie hatte es immer gesagt, das verrückte Studium würde ein böses Ende nehmen; sie suchte so lärmend nach wohlriechenden Salzen, daß Hypatia darüber erwachte. Theon sogar wurde aus seiner Arbeitsstube geholt, und Isidoros mußte mit seiner hübschen Abschrift des Platon abziehen. Doch dank den unbekannten Überirdischen, es war keine Gefahr. Schon nach wenigen Tagen erhielt Isidoros ein Briefchen von Hypatia, ihr erstes Briefchen. Sie bat um Entschuldigung für die törichte Störung des Unterrichts, sie bat ihn, wiederzukommen und das Angefangene fortzusetzen. Ihr erstes Briefchen war gar nicht, wie von einem Kinde. Feste Züge, wie von einem jungen Weibe, wie in den Handschriften der berühmten Philosophinnen von Athen, wie in den Briefen, welche schöne und stolze Damen von Alexandria an Bibliothekare richteten, wenn sie heimlich einen Roman zu leihen wünschten. Ihr erstes Briefchen! Wo hatte sie nur das Papier dazu her, ein Papier, wie keines sonst in den 200 000 Bänden und Handschriften der Bibliothek, so duftig, so weiß. Und wenn man es an die Lippen führte, so weich, so weich! Isidoros betrat die Wohnung des Theon aufs neue, aber ängstlich starrte er die Schülerin an, die in einem neuen, langen, dichten Kleide und mit gesenkten Augen ihm gegenüberstand. Was war dem Kinde geschehen, daß es wie eine Jungfrau vor dem Lehrer stand? Die Haltung war verändert, und die Stimme und der Blick und alles. Verschwunden war das flackernde Feuer aus den Augen, verschwunden die kranke Blässe von den Wangen, und etwas wie das Lächeln eines überlegenen Weibes huschte unter der Haut hin, um Augen und Mund, und jetzt hob sie die Augen und sagte, weich und freundlich und so ganz anders als sonst: »Verzeih' die Störung, und nun weiter, weiter!« Isidoros wollte nicht, er wollte sich nicht vergessen. Aber wie eine mächtigere Gewalt warf es ihn zu ihren Füßen nieder, als ein lebloses Ding. Und er streckte die langen Arme nach ihr aus und wollte den Knöchel ihres rechten Fußes umfassen. Da trat sie zurück und sagte nichts als: »Das ist nicht die Sitte. Ich weiß es jetzt. Ich weiß alles. Nicht wieder, lieber Isidoros! Ich bin dir so dankbar für alle Güte. Aber das ist nicht die Sitte.« Wie ein Schwerverwundeter erhob sich der Lehrer und schleppte sich auf einen Stuhl und trug ihr vor, was er an Kenntnissen für sie gewonnen hatte. Weiter, weiter! Während des Sommers, mitten im Aristoteles, wurde der Unterricht wieder unterbrochen. Theon kränkelte und auch Hypatia schien unter der glühenden Hitze dieses Jahres zu leiden. Die medizinischen Professoren rieten zu einem Sommeraufenthalt und zu Seebädern an der Küste der Pentapolis, und von heute auf morgen wurde die kleine Reise beschlossen und ausgeführt. Isidoros blieb allein in Alexandria zurück und ging wie ein bankerotter Kaufmann in den Straßen der Stadt umher. Am Abend des Tages, an welchem Hypatia abgereist war, wanderte er Stunden und Stunden lang nach Westen der lybischen Küste zu. Bei Sonnenaufgang fand er sich am Rande der Wüste und sah vor sich die Klöster christlicher Mönche und hörte ringsumher Schakale heulen, und einmal, gerade als die Sonne aufging, glaubte er aus weiter Ferne einen leisen Donner zu hören oder das Brüllen eines gierigen Löwen. Schaudernd vor Hunger und zitternd in dem kalten Morgenwinde, flüchtete er nach der Stadt zurück und wartete auf eine Nachricht. Hypatia hatte versprochen, sie würde schreiben. Sie hielt Wort, und zwei Monate lang verbrachte Isidoros in Durst und Rausch. Wohl waren es nur Briefe einer ergebenen Schülerin, wohl erzählte sie nur von ihren Büchern und ihren Zweifeln, aber am Ende stand jedesmal ein kurzes gutes Wort von ihrem Wohlergehen oder von einer Segelfahrt oder von einem Gewitter, oder von den Baumzweigen, die an das Fenster ihrer Stube schlugen. Und ganz zu äußerst stand jedesmal »Deine Hypatia«. Noch einmal drang Isidoros bis an den Rand der Wüste vor, am Abend vor Hypatias Rückkehr. Dieses Mal aber hatte er sich wohl vorgesehen; er blieb in einer einsamen Schenke und schlief nicht und spähte von Sonnenaufgang, hinter den Holzladen versteckt, auf die Straße hinaus, auf welcher Hypatia kommen mußte. Und er verriet sich nicht, als sie kam. In einem offenen Reisewagen, den zwei langsame Maultiere zogen, saß sie neben ihrem Vater – so groß, so schön, ein Weib. Isidoros preßte seinen Kopf gegen die Holzstäbe und schluchzte und murmelte Verse und zuckte mit den Fingern. Dann war der Wagen vorüber, und Isidoros rief einen kleinen schwarzen Eseltreiber, setzte sich dem Esel auf den Rücken, ließ seine langen Beine schlottern, faßte das Tier mit beiden Händen an den Ohren und trieb es zur Eile und sah so ungeschickt aus, daß der Wirt und die Wirtin in lautes Gelächter ausbrachen und der schwarzbraune Eseltreiber hinter dem Reiter her im Staube der Straße Purzelbäume schlug, um seiner Lustigkeit Herr zu werden. Dann ging es fort im Galopp auf Seitenwegen zurück nach der Stadt. Der Junge lief neben seinem Esel her, und als die Hauptstraße erreicht war, da machte er, schweißgebadet, abermals einen Purzelbaum und lachte noch immer. Isidoros ließ sich aber vom Esel herunterfallen und eilte nach der Akademie, um seine Schülerin zu empfangen. Vom Norden her flog eine lange Kette von Reihern über die Stadt, über das Meer daher, irgend woher, von Griechenland oder weit von den fabelhaften Eisländern der Donau. Von Westen aber schwebte langsam und schwer, nur ab und zu von dem Schlage der weihgrauen Fittiche getrieben, der Philosophenstorch herbei und verzog den Schnabel zu einem breiten Lächeln, als er den jungen Gelehrten erblickte. Unter dem Vogel trottete das Gespann heran; Theon und seine Tochter hielten und stiegen aus. Es war ein Glück, daß Isidoros schon heute früh den ersten Eindruck überwunden hatte; er konnte die Rückkehrenden mit ziemlicher Fassung begrüßen. Hypatia entgegnete ihm freundlich und gesetzt wie eine wohlerzogene junge Dame und schritt an ihm vorüber in das Akademiegebäude hinein, das sie zum erstenmale verlassen hatte und, wie sie sagte, nie wieder verlassen wollte. Professor Theon hielt unschlüssig und verlegen die Hand des Isidoros fest. Als die Fellachin das Gepäck besorgt und den Kutscher abgelohnt hatte, welchen Geschäften Theon so neugierig zusah, als ob da etwas ganz Neues zu lernen wäre, führte er den Lehrer seiner Tochter in die große Halle und ging dann neben ihm eine Weile stumm auf und nieder. Er mochte wohl mit sich selber gesprochen haben, denn plötzlich sagte er, als führe er mitten in der Rede fort: »Ich war äußerst überrascht, wie gesagt. Ich machte die Bekanntschaft eines ganz eigenartigen Mädchens und konnte kaum glauben, daß meine Tochter so viel Kenntnisse besitze. Weit über die Gewohnheiten ihres Geschlechtes hinaus, wie es scheint, fast nach dem Ehrgeiz der Aspasia. Und dabei ertappte ich sie auf solchen Kenntnissen immer nur zufällig, wenn sie mir bei meiner Ferienarbeit half. Am Ende hat sie noch mehr gelernt, als sie mir verraten hat. Wie gesagt, auf das angenehmste überrascht, junger Freund. Und bei unserer Verabredung bleibt es!« »Bei welcher Verabredung, Herr Professor?« »Ach so! Ja, ich denke, daß Hypatia nur noch etwa ein Jahr lang, vielleicht bis zum nächsten Frühjahr, unter Ihrer geistigen Leitung bleibt und dann – ja, ich weiß wirklich nicht, was man dann mit Hypatidion vor hat. Sie aber, mein lieber junger Freund, werden dann das Alter erreicht haben, in welchem wir Sie für eine Professur an unserer Akademie in Vorschlag bringen können. Bei den alten Verbindungen, die Sie noch von den Kinderjahren her in Konstantinopel haben, ist Ihre Bestätigung außer Zweifel, und Sie können dann – ich glaube – ich muß doch einmal die erste Ausgabe des Ptolemaios holen. Seit vier Wochen zerbreche ich mir den Kopf, um den Wortlaut der dummen Stelle zurückzurufen.« Am nächsten Morgen schon durfte Isidoros sich einstellen, um dem jungen Mädchen weitern Unterricht in der Geschichte der Philosophie zu erteilen. Furchtbare Stunden, ein seliges Jahr! Hypatia hatte einmal von ihrer Sommerwohnung aus geschrieben, daß die Lösung aller Welträtsel etwas lange auf sich warten lasse und daß sie anfange, mißtrauisch gegen die Philosophie zu werden. Sie habe eben eine Stunde lang wie ein ganz dummes Kind mit einer großen, rosaroten Muschel gespielt und darüber ihre Bücher vollkommen vergessen. An diesen Brief knüpfte Isidoros an, um zögernd und schüchtern zu lehren, daß die Kenntnisse, daß die Bereicherung der Geisteskräfte nicht alles bedeute, daß es noch etwas Höheres gebe, eine Einheit des einzelnen Menschen mit dem All durch das Gefühl. Aber Hypatia hatte ihn nicht verstanden und verlangte fast heftig eine Fortführung des Lehrplanes bis auf die Gegenwart. Und so mußte der arme Lehrer sich während der Stunden nach wie vor auf die trockene Philosophie beschränken, wenn auch der Verkehr mit dem Hause des Theon rasch eine andere Form annahm. Die Fellachin betrat häufig das Studierzimmer, setzte sich auch wohl einige Zeit mit einer Handarbeit in einen Winkel und brachte dem Lehrer nach Beendigung des Unterrichts eine Einladung zum Mittagessen. Isidoros wäre über diese neue Annäherung noch glücklicher gewesen, wenn er nur jemals mit Hypatia in ein herzliches Gespräch gekommen wäre. Diese aber saß teilnahmslos da, sowie die gelehrte Unterhaltung aufhörte, und schien stumm das Neugelernte zu überdenken. Während dessen plauderte der Professor über die Hoffnungen des jungen Gelehrten, der nun bald Honorarprofessor sein und eine Dienstwohnung in der Akademie erhalten würde. Die bedienende Fellachin zwinkerte mit den Augen und Isidoros blickte errötend auf Hypatia. Spät am Abend ging dann wohl Isidoros fort, trunken von Sehnsucht und Hoffnung, und kam den andern Morgen wieder und las und erklärte aus allen Philosophen von Aristoteles bis zu dem großen Platinos. Lehrer und Schülerin hatten jetzt keine rechte Freude am Unterricht. Lag es an der Unfruchtbarkeit des Stoffes oder lag es an der Unruhe des Lehrers? Jedenfalls fühlte Hypatia sich nicht gefördert. Sie fragte nur noch selten »warum«, aber in ihrem Kopfe schichteten sich die Lehren der Philosophie übereinander wie Mühlsteine, und des Nachts glaubte sie unaufhörlich die Mühle klappern zu hören, und es war ihr, als ob die Mühlsteine taube Ähren mahlten und als ob die Vorratskammern leer blieben. Oder war es der Philosophenstorch über ihrer Kammer, der sie derart mit seinem Gelächter störte? Sie war mit ihm im Laufe der Jahre so vertraut geworden, daß sie nicht mehr wußte, ob sie es war oder der Vogel, der die Systeme der Philosophen verhöhnte. Und sie wußte nicht, war es ein uraltes Kinderlied oder war es das rhythmische Klappern des Storches oder war es ihr eigenes Denken, was die Worte formte, mit denen jede neue Verhöhnung jedes neuen Systems schloß. Komisches Kinderpack! Blühende Blumen trocknet, zertrennt ihr und nennt sie mit Namen! Müßiges Menschenpack, wie ihr so eitel seid. Blumen und Blätter, namenlos blühn sie. Menschliche Namen – Morgennebel! So sucht denn, ihr Sammler, seid Philosophen! Haust in den Blumen, wie Hunde im Heu! Eines Tages um die Zeit der Wintersonnenwende, als die Christenkinder auf der Straße die Geburt ihres Heilands feierten und die ägyptischen Priester wie zum Trotz ihre feierlichen Isislieder sangen – die Akademie hatte Ferien und selbst Theon gönnte sich einen Ruhetag –, da hatte Isidoros mit dem Professor eine lange Unterredung. Dann küßte der Vater Hypatia auf die Stirn und sagte ihr, Isidoros habe um ihre Hand angehalten und in einem Jahre solle die Hochzeit sein. Hypatia schwieg und hatte mit ihrem Vater keine Aussprache. Nur mit ihrem Bräutigam wechselte sie ein paar Worte über ihre Zukunft. Er solle über seine Gefühle kein Wort mit ihr sprechen, er verliere dadurch an Ansehen, und sie wolle doch mit aller Verehrung und mit aller Dankbarkeit gegen ihn in die Ehe treten. Er solle so bleiben, wie er sei, dann wolle sie alles tun, was er verlange. Aber nur nicht vom Leben mit ihr reden, vom häßlichen Leben, das sie gar nicht kennen wolle. Der Unterricht ging weiter. Der böse Vogel war schuld, daß sie so häufig, während Isidoros halb geistesabwesend las und erklärte, immer an die Hunde im Heu denken mußte. War das das Ende? War das die Lösung der Welträtsel? Wieder war der Frühling da, und Isidoros saß ihr gegenüber und suchte ihr die Eigenschaften der Gottheiten auseinanderzusetzen. Auf dem Tisch in einem Tongefäße stak ein mächtiger Myrtenstrauß, den Hypatia selbst gepflückt hatte. Draußen tänzelte der Storch in raschen Frühlingsrhythmen, und Isidoros hatte, müde, zu sprechen aufgehört. Eine lange Pause trat ein. Plötzlich fragte Hypatia: »Du hast mir alles getreulich erzählt, nur eines nicht. Wie dachte Er von Gott und der Welt?« »Wen meinst du?« »Er.« »Der Professor?« »Der Kaiser! Verzeih, ich meine den Kaiser Julianos, meinen Paten.« »Ich glaubte, wir wären zu Ende mit der Wissenschaft,« sagte Isidoros mit zuckenden Lippen, »und das Leben sollte beginnen.« »Erzähl mir vom Kaiser!« Isidoros mußte vom Kaiser Julianos erzählen. Er sprach zuerst von seinem Leben. Wie der große Kaiser Konstantinos, der dem Christentum zum Siege über die Welt verhelfen wollte, alle Verwandten nacheinander hätte abschlachten lassen und den kleinen Julianos in eine Kutte steckte und ihn beinahe zum Mönch machte; wie Julianos aber dennoch heimlich den alten griechischen Göttern treu blieb; wie er dann als junger Held unter dem Beistande der alten Götter die Feinde des Staates vernichtete und schließlich das Kaisertum gegen alle Wahrscheinlichkeit für sich errang. Er erzählte von seinen Tugenden, von seiner Güte, von den Großtaten seiner kurzen Regierung und von seinem geheimnisvollen Tode in den Steppen Asiens. Hypatia zuliebe unterdrückte Isidoros, was die christlichen Feinde vom Kaiser berichteten. »Ist es wahr, daß er mich gesegnet hat zu seinem Patenkind im Namen unserer alten Götter?« »Ich stand dabei.« »Und wie dachte er über Gott und die Welt?« Bis zu dieser Stunde hatte Isidoros in dem Kinde Theons die Prinzessin verehrt, das Patenkind des Julianos. Jetzt durchzuckte ihn plötzlich ein Zorn gegen den Kaiser, etwas wie Eifersucht oder wie Haß, und fast höhnisch suchte er der Schülerin nachzuweisen, daß Kaiser Julianos das Rätsel der Welt so wenig gelöst habe wie die anderen Philosophen seiner Zeit. Was wir alle glauben, das glaubte auch er. Gott ist das ewig Reine, das Unbefleckte, zu dem wir zurückstreben müssen, wie wir von ihm ausgegangen sind von Uranfang. Er befiehlt uns, unsere Leidenschaften zu beherrschen, unsere Begierden zu töten, und müßte unser eigenes Fleisch mit ihnen vergehen. Er befiehlt uns das Denken, das er in uns gesenkt hat, so vollkommen wie möglich zu machen und uns durch Kasteien und Sinnen so lange über alles Irdische zu erheben, bis wir in höchster Ekstase ihn selber schauen, den Alleinen, den lebendigen Gott des Himmels und der Erde. In unseren Ekstasen sind wir eins mit ihm, dem Unendlichen. Wir kennen Gott so genau, wie wir unseren Schlaf kennen, wenn wir schlafen. Und wenn wir erwachen aus dem Schlaf oder aus der Ekstase, so bleiben uns immer nur dunkle, wirre Bilder von heiliger Schönheit, in denen völlig aufzugehen unsere höchste Wonne sein muß. Denn es gibt keinen größeren Genuß als das Aufgehen im Alleinen, das Aufgehen im Anderen. Und die letzten Mysterien lehren uns, daß Gott nur ein anderes Wort ist für die Liebe. Und Gott hat sich gespalten, dreifaltig, um etwas Ebenbürtiges zu haben, das er lieben könnte. Er wollte lieben und fand nur sich, da setzte er seinen Sohn und liebte ihn. Der Alleine setzte das Denken, und nach dem Denken setzte er das Wollen, und diese Dreieinigkeit herrscht über die Welt und hat die Erde geschaffen mit allen Menschen und Tieren und Pflanzen und erfüllt den Weltraum mit den unzähligen Scharen seiner unsichtbaren Geister, seiner Engel und Dämonen, die uns lohnen und strafen, die uns leiten und verführen und die uns zu blinden Werkzeugen seines Willens machen, denn bei ihm ist das höchste Denken und die höchste Allmacht. Aber einem Gott gleich werden wir, wenn wir mit Hilfe seiner guten Engel unsere Begierden zähmen, unser Irdisches abtöten und bei lebendigem Leibe eingehen zur strahlenden Herrlichkeit des Alleinen, des einzigen Gottes, der Sonne, des Jeus, unseres Vaters im Himmel und auf Erden. So sprach Isidoros noch lange, und er suchte die Hand Hypatias zu ergreifen und redete zu ihr mit den Blicken von seiner Sehnsucht. Hypatia hörte ruhig zu, und langsam trat aus jedem Auge eine schwere Träne. »Das also hat der Kaiser geglaubt? Das also glauben wir? Ist das das letzte Wort? Aber das sagen ja auch die Christen, die er verfolgt hat. Warum hat er sie verfolgt? Warum?« Der Sommer nahte, und man traf die Vorbereitungen zur Hochzeit. Der Unterricht aber nahm seinen Fortgang; Isidoros mußte die gelehrten Verteidiger der christlichen Kirche studieren, um Hypatia auch noch die neueste Antwort auf ihr altes »Warum« zu lehren, das Christentum. Isidoros hatte seit Jahren diese Bücher beiseite gelassen. Jetzt war es ihm fast lieb, daß er die wenigen Monate, die ihn von dem Tage seines Glücks trennten, mit neuer Forschung ausfüllen durfte. Neugierig betrat er wieder die Bibliothekräume des Anbaues, wo außer den Schriften des Alten und Neuen Testaments auch alle Pamphlete und Streitschriften der Bischöfe von Alexandria, Antiochia und Rom beisammen waren. Das gab weit mehr Arbeit, als er vermutet hatte. Er hatte schon früher die boshaften Kritiken Julians gelesen, von denen Bruchstücke trotz der Verfolgungswut der Geistlichen noch vorhanden waren und heimlich von Hand zu Hand gingen. Jetzt las er die christlichen Entgegnungen und war erschreckt von der sittlichen Kraft, von dem Opfermut der Bekenner und von der Tiefe des Glaubens. Das war kein philosophischer Unterricht mehr, den er seiner Braut zuteil werden ließ, das waren aufgeregte Bekenntnisse über das Schwanken seiner Seele. Mitten in einer Welt des Egoismus und eines materiellen Kampfes waren vor hundert Jahren oder noch früher diese Leute aufgetreten und hatten den privilegierten Klassen des Reiches nichts anderes gegenübergestellt als den Schmerzensruf der Sklaven: Sind wir nicht Menschen wie ihr, sind wir nicht Brüder, sind wir nicht alle Kinder desselben lebendigen Gottes? Der erste Führer dieser Sklaven und Arbeiter sei selbst ein schlichter Arbeiter gewesen, ein armer Zimmermann aus Galiläa, der von den römischen Behörden gekreuzigt worden sei. Aber es sei etwas daran, es sei etwas Wahres an der neuen Lehre, und wenn auch Demagogen und Betrüger und Faulenzer die ungeheure Bewegung unter den Mühseligen und Beladenen zu ihren Gunsten ausgebeutet hätten, so sei doch das kommende Reich das der Armen, der Armen an Besitz und der Armen an Geist. »Du redest wie ein Christ!« schrie Hypatia einmal entsetzt auf. »Hypatidion,« antwortete Isidoros mit unruhigem Blicke, »laß dir sagen, es kommt etwas Furchtbares über die Welt. Die alten Götter, die wir philosophisch deuten und dennoch immer anbeten, sie leben vielleicht nicht mehr. Die Armen an Besitz und die Armen an Geist sind unsere Herren geworden, heute oder morgen. Sie wissen es selbst noch nicht, weil ihre Bischöfe sie betrügen und das alte Unrecht aufrechthalten möchten. Hypatia, willst du ein Geheimnis hören? Die Welt ist aus den Fugen, und die neue Lehre ist gekommen, sie einzurichten. Ihre Bischöfe zwar sind Lügner, aber der Kaiser Julianos war beinahe ein Christ!« »Du lügst!« schrie Hypatia auf. »Mein Kaiser war den Göttern getreu, wie ich ihnen getreu bleiben werde und mit niemand etwas Gemeinsames haben will, als wer unseren alten Glauben verteidigen will bis zu seinem Tode, mit seinem Leben!« Mit Mühe nur konnte Isidoros seine Braut beschwichtigen. Er habe das alles natürlich nur in figürlichem Sinne gemeint und verabscheue und verachte den Aberglauben der Christen. Im September wurde Hochzeit gemacht. Nach Griechensitte. Mit großem Gepränge wurde das Brautpaar in dem alten Serapeum eingesegnet. Hypatia, die bis zu diesem Tage sich um keine Einrichtung ihres künftigen Lebens gekümmert hatte, die mit ihrem Bräutigam nur wie mit ihrem Lehrer verkehrte und die für die Mitteilungen und Neckereien der Fellachin niemals Verständnis oder auch nur Aufmerksamkeit gezeigt hatte, war plötzlich rechthaberisch geworden, als es sich um die Form der Eheschließung handelte. Nicht der kleinste von den alten Gebräuchen der Hellenen durfte umgangen werden. Und die Gesellschaft von Alexandria strömte in das Serapeum, um endlich wieder einmal eine Hochzeit alten Stils mitanzusehen, die durch die Jugend der beiden Brautleute noch denkwürdiger wurde. Nach der Trauung fanden sich die Zierden der Akademie im Festsaal zu einem Prunkmahl zusammen, bei welchem abermals die hellenischen Geistlichen alle alten religiösen Formen aufs strengste beobachteten. Es wurde mehr gebetet als gegessen. Die Geistlichen selbst schienen ein wenig verlegen, so veraltete Liturgien wieder anwenden zu müssen. Nur der oberste Geistliche, ein neunzigjähriger Mann, strahlte vor Glück, und die fünfzehnjährige Braut lauschte den frommen Worten andächtig, als wäre es ihre erste Kommunion. Der Abend brach herein, und die Gäste zerstreuten sich. Nur ein Haufe junger Leute hielt aus, um das Ehepaar nach alter Unsitte zu seinen Gemächern zu geleiten. Isidoros hatte es sich verbitten wollen, denn nicht nur bei den Christen der Stadt war der Gebrauch abgekommen, sondern auch die besseren Kreise der Griechen fanden sich mit dieser ausgelassenen Schar gern durch reiche Geschenke ab. Die Lieder, wie sie bei dieser Gelegenheit gesungen wurden, waren roh und unzüchtig zum Entsetzen. Hypatia aber bat, ruhig in ihrem frommen Glück, man möchte die Leute gewähren lassen. Der Kaiser hätte so alte Bräuche geliebt. Und so geschah es. Theon gab seiner Tochter noch einen innigen Kuß auf die Stirn, und als er in seine Wohnung zurückkehrte, hörte er die wilde Schar hinter dem geschmückten jungen Paar in tollem Jauchzen und Tanzen über den Hof dahinrasen. Theon fühlte es unklar wie den letzten Markstein seines Lebens. Traurig setzte er sich an seinen Schreibtisch und sah vor sich hin. Allein in einer Welt mit anderen Zielen und anderen Gedanken, als die seinen waren, kaum noch ein brauchbarer Mann, er, der einst den Lauf der Sterne berechnen konnte oder eine neue Maschine ersinnen zum Wasserschöpfen oder zum Schießen. Der Glanz und das Glück des Lebens war verloren, entwichen! Der Glanz und das Glück des Lebens verflogen, gestorben, damals als Hypatidion geboren wurde und sein junges Weib starb und bald darauf der gute Kaiser Julianos. Theon stand auf und ging an seinen Bücherschrank, dorthin, wo seine alte Handbibliothek in einer besonderen Abteilung verschlossen war. »Homeros,« murmelte er, »Hektors Abschied von Andromache... zu traurig! Wie konnte ich nur... Hypatidion!« Und er schob seine Hände zwischen den Büchern in die Öffnung und holte statt des alten Homeros ein Paar winzige Kinderschuhe hervor, Hypatias erste Schuhe. Niemals hatte er dem Kinde seine Liebe beweisen können, niemals feit dem Tode der Mutter. Es war ihm gegen seine Natur. Wer er mochte sie doch wohl lieb haben. Er streichelte die kleinen Schuhe und redete sie an. Vor dem Fenster stand der Marabu und schrie zornig und stieß mit den Beinen und schlug mit dem Schnabel um sich. »Fehlt sie dir auch?« Plötzlich klang es von unten wie das Atmen eines Schwerkranken. Zuerst horchte der Storch, und dann wurde auch Theon aufmerksam. Am Fuße der Treppe mußte etwas Lebendes liegen, und jetzt raffte es sich da unten auf und flog die Treppe empor und riß die Tür auf; Hypatia stürmte herein, schob den Riegel hinter sich zu und stürzte dem Vater zu Füßen und schrie, als wäre sie aus Lebensgefahr gerettet. »Vater!« rief sie und legte ihre Wange zitternd auf sein Knie. »Vater, du bist auch ein Mann, aber das kannst du nicht wollen! Das ist ja fürchterlich! Kein Tier ist so häßlich! Frage mich nicht, und sag' nicht nein, oder man zieht mich tot aus dem Hafen heraus. Wenn ich es nur wieder vergessen kann! Lieber, lieber Vater, wir sind einander nicht viel gewesen bis zum heutigen Tage. Laß mich bei dir! Und den anderen nie wiedersehen, nie! Ich will dir dienen, wie du willst. Ich bin nicht unnütz, du kennst mich nur nicht. Was du willst, nur das nicht! Ich bleibe mit dir, oder bei Hera und Herakles, ich gehe sterben.« Theon hatte völlig seine Fassung verloren. Das verstand er wohl, daß Hypatia in der Brautnacht zum Vater zurückgelaufen war. Er stammelte allerlei von dem Sklavenlos der Frau, von Rechten und Pflichten und von Skandal. Glücklich mit der Hand den Kopf des Mädchens festhaltend, glaubte er doch als Vater zum Frieden reden zu müssen. Sie sei jenem Manne nun einmal angetraut. Und als Hypatia aufjammerte, so laut, daß der Marabu draußen vor dem Fensterladen mit weinerlicher Stimme antwortete und aus allen Kräften gegen die Holzbrettchen stampfte, als wollte er zu Hilfe kommen, da hob Theon seine Tochter vom Boden auf und glaubte sie zu überreden, als er sagte: »Du bist noch jung. Es war niemals Sitte in griechischen Landen, daß die Mädchen über ihre Zukunft mitzusprechen hatten. Sieh, sieh, Hypatidion, du rühmst dich, das Patenkind unseres guten Kaisers zu sein, du willst in dieser wilden Zeit als Hellenin leben und sterben, und was du tust und was du sagst, das ist christlich, nun ja, ja, christlich! Diese Leute reden von Liebe, wenn es sich nur um die Ehe handelt. Diese Leute reden von der unsterblichen Seele des Weibes, von Gleichheit, von Freiheit und dergleichen Dingen. So hat Achilleus nicht gefreit, und nicht Agamemnon und nicht unser Kaiser Julianos.« Hypatia hatte ihr Kleid über der Brust wieder geordnet und hörte kaum hin. Als Theon aber ihr Tun christlich nannte, da wuchs das Mädchen vor ihm, daß er erschrak. Fester stellte sie sich auf ihre Füßchen, wie mit einem Ruck richtete sich ihr Oberleib aus den jugendlichen Hüften empor, und ein schwärmerischer Blick strahlte aus ihren dunklen Augen. Wild wie in ihrer Kinderzeit flossen die schwarzen Locken um die blassen Wangen nieder, und sie hielt den Kopf emporgerichtet, als sie erwiderte: »Vater, versuche es nicht, fessele mir nicht meine Seele! Ich bin keine Christin! Und wenn Achilleus käme oder Zeus in der Wolke, wie in der grauen Vorzeit, würdest du mich bereit sehen, willenlos, ein Hellenenmädchen. Laß mich aufsteigen zum Olympos durch den Vater der Götter und Menschen, und ich leiste Verzicht auf meine freie Seele. Aber das ... ! Wenn dieses mein Gefühl christlich ist, so ist die Wahrheit christlich, und das hast du nicht sagen wollen, das nicht, Vater! Er aber, er ist einer, er gehört zu ihnen, er ist kein Grieche! So häßlich! Pfui!« Und Hypatia stürzte fort, wollte am Vater vorüber, um sich einzuschließen. Da bemerkte sie die Kinderschuhe auf dem Schreibtisch. Es wurde still im Arbeitszimmer des Professors. Draußen hörte man den Marabu ärgerlich klopfen und brummen und klappern, und Theon nickte nur immer mit seinem grauen Kopfe, und Hypatia faßte ihn um die Schultern und lachte unter strömenden Tränen. »Sei still, Papachen, sprich kein Wort mehr! Da sieh doch, du hast mich ja lieb, du jagst mich nicht fort.« Professor Theon nahm sein Kind auf den Schoß und schlang ihm ein warmes Tuch um den Leib, und flüsternd sprachen sie von der verstorbenen Mutter und von dem ernsten Leben, das sie jetzt zusammen führen wollten. Unten auf dem Hofe war dichte Finsternis. Ein Mann stand dem Fenster Hypatias gegenüber, seine langen Arme waren emporgestreckt, seine Fäuste geballt. Wie ein Dieb, wie ein hungriges Tier schlich er umher und suchte den Zugang. Von Zeit zu Zeit kam ein rauher Laut aus seiner Kehle wie von einem Wahnsinnigen. Endlich betrat er die kleine Freitreppe, die zur Dienstwohnung Theons emporführte. Leise, leise setzte er den Fuß von Stufe zu Stufe. Jetzt war er oben. Da rauschte vom Himmel eine furchtbare Erscheinung nieder. Mit schrecklichen Flügelschlägen umwehte es ihn, und der Dämon, der herunterkam, schlug ihn mit scharfen Hieben ins Gesicht und vor die Brust. Der Mann stürzte rücklings die Treppe hinunter. Unten sprang er auf und rannte, immer vom Dämon verfolgt, hinaus auf die Straße und hinaus aus der Stadt, der Wüste zu. Der Philosophenvogel aber kehrte mit langen Schritten vergnüglich zurück und stellte sich auf einem Beine vor dem Zimmer Hypatias auf. Dieses ist das letzte Ereignis, welches die Quellen über Hypatias Jugend melden. Während ihr Name bis dahin in den Akten der Akademie, in den Aufzeichnungen der Kirchenväter und dem Briefwechsel der Professoren häufig vorkommt, scheint er jetzt plötzlich aus der Welt verschwinden zu wollen. Es ist eine Lücke von vollen zehn Jahren. Die Vermutung liegt nahe, daß das ungewöhnliche Benehmen Hypatias, ihre Flucht aus dem Brautgemach, in der Stadt Alexandria Skandal erregte, und daß aus diesem Grunde eine stillschweigende Verabredung das junge Weib aus der Liste der Gesellschaft strich. Die Damen der Akademie mögen wohl an dieser Achtung die Hauptschuld getragen haben, wenigstens läßt darauf die Korrespondenz eines berühmten Literaturprofessors jener Zeit schließen, welche erst vor kurzem herausgegeben worden ist. Ist unsere Vermutung richtig, so würden einige Briefstellen darauf schließen lassen, daß das gelehrte junge Weib die ganze Zeit über wie eine Nonne gelebt habe, einzig und allein mit mathematischen und astronomischen Berechnungen beschäftigt, und daß sie da einem der älteren Professoren, offenbar ihrem Vater, bei seinen Arbeiten geholfen habe. Mit dieser Annahme stimmt es merkwürdig zusammen, daß Professor Theon, der vor dieser Zeit ein trockener Fachmensch war, nun plötzlich anfing, wissenschaftliche Schriften herauszugeben, welche sich durch ein gewisses jugendliches Ungestüm und durch eine beinahe künstlerische Eleganz auszeichneten. Namentlich eine kleine Abhandlung über Kegelschnitte, welche in Hypatias neunzehntem Lebensjahre zuerst erschien, behandelte den nüchternen Stoff, man möchte sagen philosophisch, und vier Jahre später machte Theons Kritik des ptolemäischen Weltsystems durch die glänzende Sprache und durch die Kühnheit einer neuen Hypothese überall Aufsehen, wo man griechische Bücher las. Diese Kritik brachte, wenn auch mit einiger Vorsicht, die Fragen auf, ob die Erde auch wirklich der Mittelpunkt der Welt wäre, und ob nicht vielmehr der Sonne diese Ehre zukäme. Der heilige Hieronymos schrieb über dieses Werk, der Teufel müsse dem Professor bei der Abfassung geholfen haben; und einige fromme Mönche hatten wirklich den Teufel in Gestalt eines abenteuerlichen Vogels in die Wohnung des Professors hinein- und wieder herausfliegen sehen. Die gegenwärtige Wissenschaft aber neigt der Ansicht zu, daß niemand anders als Hypatia die Verfasserin oder wenigstens Mitarbeiterin von Theons späteren Werken war, Hypatia der Teufel, welchen die Christen als den Anstifter der neuen Ketzereien zu erkennen glaubten. Mit Sicherheit ist über die Sachlage nichts zu erfahren. Denn Professor Theon verriet niemals etwas über die Entstehung seiner Werke. Und Hypatia ehrte das Andenken ihres Vaters. So mag denn ein jeder zehn Jahre aus dem Leben des unglücklichen Weibes mit seinen eigenen Mutmaßungen ausfüllen. 2. Das Serapeum Es war etwa fünfundzwanzig Jahre nach dem Tode des Kaisers Julianos; das Christentum war in den Hauptstädten und in den Provinzen überall so siegreich, daß die einzelnen Sekten einander schon ungestraft mit tödlichem Hasse verfolgen konnten. Da saßen eines Abends in der alten Universitätsstadt Athen vier junge Leute beim Abschiedstrunk. Vor der Kneipe der alexandrinischen Landsmannschaft unter dem grünen Dache einer Laube plauderten sie bei unverfälschtem roten Wein über die ausgestandenen Examensorgen, über die komischen Seiten ihrer Lehrer und über den Ernst der Zukunft. So lebhaft waren sie erregt, daß sie die aufwartende Kellnerin gar nicht beachteten. Höchstens, daß der schönste unter den vieren, der schwarzlockige Halbbeduine Synesios von Kyrene, das hübsche Kind in die Wange kniff, wenn sie einen frischen Krug brachte. Doch auch das tat er gedankenlos, mehr aus Gewohnheit; der schönste Student aus Athen war großmütig gegen das schöne Geschlecht. Er war übrigens ruhiger als die Genossen. Seine großen Augen deuteten auf mehr Seelengüte als Geist, und seine gewählte oder gar geschraubte Redeweise paßte wenig zu dem burschikosen Ton der anderen. Die vier jungen Leute waren heute vereinigt, weil sie gemeinsam eben die höchste akademische Würde erlangt hatten. Mit Synesios von Kyrene waren aber zwei von den Gesellen seit Jahren befreundet. Der kleine, dicke, braunhaarige, rotwangige, etwas schief gewachsene Troilos aus Antiochia und der schlanke und lebhafte Alexander Jossephsohn aus Alexandria waren mit dem Patriziersohn vom Rande der Libyschen Wüste durch Reichtum und durch gleiche Neigungen vertraut geworden. In Athen hatten sie ein maßvolles Bummelleben geführt und außer der Jurisprudenz ein wenig Philosophie und Philologie studiert. Allen dreien sproßte ein dunkles Schnurrbärtchen über den Lippen. Der vierte im Bunde, der dreiundzwanzigjährige Germane, der neben den anderen mit seinem hellblonden Flaum wie bartlos aussah, stimmte nicht ganz zu den Genossen. Aber sie hatten ihn besonders lieb. Sonst wußten sie von ihm nicht viel; er führte den barbarischen Namen Wolff, schien von geringer Herkunft, war aber mit hinreichenden Geldmitteln versehen. Um so unbegreiflicher war für die anderen seine Schwermut, die sich nur schlecht mit dem sonnigen Leuchten seiner Augen und mit seinem kräftigen Körperbau zu vertragen schien. Ohne es zu wollen, übte Wolff eine große Macht über den kleinen Kreis. Die anderen hatten eine schöne allgemeine Bildung erworben; Wolff stand trotz seiner wilden Natur und seiner wenig akademischen rotblonden Mähne in dem Rufe der Gelehrsamkeit. Er sprach fließend nicht nur griechisch und latein, sondern auch ägyptisch, und sogar seine Muttersprache hatte er nicht vergessen. Er verstand kurze deutsche Lieder zu singen, Kampfverse, wie sie am Nordabhange der Alpen, am Ufer des jungen Rheins zu Hause waren. Alexander Jossephsohn war Jude, die Familie des Synesios war in ihrem versteckten Erdenwinkel dem alten griechischen Götterglauben treu geblieben, Troilos und Wolff waren getauft. Troilos aber gehörte einer reich gewordenen Beamtenfamilie an, welche sich dem neuen Christentum der Kaiser nur äußerlich unterworfen hatte; er selbst nannte sich einen Freigeist, einen Atheisten. Wolff hing inbrünstig an Jesus Christus, aber er war der orthodoxen Kirche feindlich und schien einer der unterdrückten Sekten anzugehören, die sich seit Jahren unter den Arbeitern und unter den Sklaven wieder heimlich ausbreiteten. Nur zwischen Alexander und Wolff wurden mitunter religiöse Gespräche geführt; Synesios spielte sich auf den Skeptiker hinaus und Troilos lachte wirklich über alles. Es war tief in der Nacht, und die jungen Leute wurden abschiedschwer. Lebhaft bedauerten sie es, daß sie nun vom Burschenleben Abschied nehmen und im Philisterium untertauchen sollten. Besonders Alexander Jossephsohn klagte, er wolle kein Aktenschmierer werden, um am Ende das gelehrte Banausentum zu vermehren; dazu hätten ihn Vater, Mutter, Onkel und Tanten zu gut ausgestattet. »Sei kein Protz!« rief Troilos; aber alle stimmten in dem Wunsch überein, auf die drei Jahre Athen noch zwei letzte Semester Bummel zu setzen. Aber wo? Konstantinopel und Rom hatte jeder von ihnen schon auf einer Ferienreise genügend kennen gelernt. Alexandria zog sie eher an, aber die lieben Eltern und die sonstigen Verwandten waren doch nicht das Richtige. In den kleinen Universitätsstädten, welche für einzelne Fakultäten an den äußersten Grenzen des Reiches aufzublühen begannen, war nicht viel los. Karthago war zu pfäffisch, Paris zu dreckig. Synesios bürstete seine schwarzen Locken und äußerte mit seiner weichen Stimme: »Man könnte doch noch ein halbes Jährlein in Athen bleiben, dem göttlichen Musensitz, in welchem die Jünglinge überall an die herrschen Meister Platon und Aristoteles, desgleichen an die unsterblichen Dichter erinnert werden, und wo die schimmernden Statuen aus perikleischer Zeit...« »Rasple doch nicht,« unterbrach ihn Troilos. »Es sind ja keine Damen in der Nähe und auf die Kellnerin machst du so keinen Eindruck. Der gefällst du besser, wenn du schweigst. Mir auch. Wißt ihr, dieses alte Eulennest verlasse ich lieber heute als morgen. Schade um unsere schöne Zeit! Die verehrten Räuber und Hausbesitzer, die sich hier Athener nennen, zehren von dem verstaubten Ruhme der Stadt und würden am Fuße der Akropolis verhungern, wenn wir nicht so dumm wären, ihnen die möblierten Stuben abzumieten. Und ich frage euch, ob wir hier einen einzigen Lehrer gefunden haben, der kein Kaffer gewesen wäre. Die Vergangenheit ist so groß, daß die Herren Professoren aus lauter Pietät keinen neuen Gedanken zu haben wagen. Man hat uns nichts gelehrt, als was seit dreihundert Jahren gelehrt werden darf. Ich fürchte, der erste beste Sackträger im Hafen von Alexandria kennt die Welt besser als wir. Gelehrte Pfaffen alle miteinander.« Die Genossen stießen mit ihm an. »Alexandria wäre ja nicht so übel,« sagte Alexander Jossephsohn. »So eine Spritzfahrt nach den Pyramiden und zu den anderen seligen Pharaonensachen, das wäre doch eigentlich was.« »Und die Jagd!« rief Synesios mit natürlicherem Ton als gewöhnlich. »Anderswo als bei uns gibt es doch keine Jagd mehr! Strauße, Löwen!« und seine Augen leuchteten. »Steinbock, Auer,« sagte Wolff leise, ohne sich zu bewegen. »Die Menschenhetzen nicht zu vergessen!« lachte Troilos. »Wo im ganzen römischen Reiche gibt es noch so mordlustige Kirchenfürsten wie in Alexandria? Wo kommt es noch vor, daß sie einen alten frommen Heidentempel förmlich belagern und die Verteidiger einen nach dem anderen über die Klinge springen lassen?« »Du meinst die Wut der Pfaffen gegen das Serapeum? Haben sie es immer noch nicht?« »Sie werden es schon kriegen. Die ganze Welt werden diese Pfaffen erobern, wenn man ihnen römische Soldaten zur Verfügung stellt. Gerade darum möchte ich ein Semester in Alexandria leben und sie ärgern. Wir wollen dem Erzbischof ein Dutzend von den heiligen ägyptischen Mistkäfern ins Bett schmuggeln!« »Nein, Skorpione!« »Nein, die armen Skorpione würden nach dem Stich an Blutvergiftung umkommen. Wir wollen den Erzbischof lieber zwingen, wie ein Christ zu leben. Das hält er nicht aus.« »Ein lustiges Leben wäre es schon.« »Ja, wenn mein Alter nur nicht da die Papierfabrik hätte!« »Ach was!« erwiderte Troilos. »Irgendein Vater oder Großvater hat daheim immer eine Papierfabrik gehabt. Sie haben dort schließlich doch noch die beste Schule. Lernen kann man da was, soweit unsere Pfaffen die Lehrstühle noch nicht innehaben. Aber langweilig sind die alexandrinischen Gelehrten freilich, höllisch langweilig!« »Gegen die Gleichförmigkeit, welche ihr so benennt,« sagte Synesios, »scheinen die Alexandriner zur Stunde eine angenehme Arznei gefunden zu haben. Sie besitzen seit einem Semester einen weiblichen Professor.« Alle lachten. »Synesios will zu Hypatia! Er will das Patenkind des Kaisers Julianos sehen! Das fehlte gerade noch, Blaustrümpfelei! Es ist ein Skandal, daß man so ein unwissendes Frauenzimmer protegiert!« Statt jeder Antwort zog Synesios einen Brief aus der Tasche. »Von meinem Onkel. Ihr wißt, er ist mit Seiner Exzellenz dem Statthalter nah befreundet, nicht ungelehrt und nicht von jungen Jahren. Er rät mir zu Alexandria ... und hier: ›Außer diesen hervorragenden Gelehrten wirkt an unserer Akademie seit einigen Monaten auch die göttliche Hypatia. Sie hat dank ihrer berückenden Erscheinung, ihrem hinreißenden Vortrag und ihrer erstaunlichen Gelehrsamkeit einen Zulauf wie keiner von den Herren. Für das nächste Semester sind ihretwegen Studenten von weither angemeldet, aus Spanien, aus England und einer sogar von dorther, wo an der Weichselmündung der Bernstein gewonnen wird. Die Einheimischen sollten nicht verfehlen, sich inskribieren zu lassen. Vielleicht bist du übrigens gerade in Athen an der Quelle, um dich nach der Geschichte ihrer Berufung zu erkundigen. Man klatscht hier vielerlei. Gewiß ist, daß sie während einer langen Krankheit ihres Vaters und auf dessen ausdrücklichen Wunsch sein Kolleg über angewandte Astronomie mit großem Erfolg fortgesetzt hat. Er liest jetzt wieder, ist aber recht schwach geblieben. Auf seinen Wunsch bewarb sie sich um den freigewordenen Lehrstuhl des Mathematikers. Die Akademie schlug das Mädchen primo loco vor, aus Galanterie. Niemand dachte an eine Bestätigung. Da soll Seine Exzellenz der Statthalter die Sache unterstützt haben, Hypatia wurde berufen und ist jetzt unabsetzbarer Professor unserer Akademie. Die Aufregung war groß. Der würdige erzbischöfliche Großsprecher, der bis dahin täglich zwei Griechen und zwei Juden zum Frühstück zu verspeisen pflegte, leidet seitdem an einem verdorbenen Magen...‹ na ja, da kommen ein paar schneidige Bemerkungen über diesen Fanatiker. ›Vielleicht kannst du in Athen erfahren, was Seine Exzellenz eigentlich an den Hof berichtet hat. Ich möchte ihn gern damit aufziehen. Der wackere alte Herr schwärmt für das Fräulein Professor wie ein Jüngling. Einige sagen, sie sei die geschiedene Frau eines verrückten Mönchs; der sei ihretwegen verrückt geworden. Schön ist sie freilich, zwar nicht so, was ihr modernen jungen Leute schön nennt. Nein, so, wie du die Göttin auf der Akropolis sehen kannst. Und damit du dir keine dummen Gedanken machst, teile ich dir gleich mit, daß sie ein musterhaftes Leben führt und selbst vom Pöbel nur mit der alten Exzellenz in Verbindung gebracht wird. Und das haben die verdammten Pfaffen aufgebracht, die ihr am liebsten ans Leben möchten. Sie selbst ist schön wie eine griechische Göttin und keusch wie eine christliche Nonne.‹ So schreibt mein Onkel. Ich habe natürlich nicht spioniert.« Eine Pause folgte. Die jungen Leute blickten vor sich hin oder tranken einen Schluck. Plötzlich sprang Troilos auf und rief mit blitzendem Übermute: »Ihr drei scheint mir alle neugierig und fast verliebt in die unbekannte Schöne. Verliebt bin ich nicht, denn Liebe ist Unsinn! Da ihr aber brennt, das Weltwunder zu sehen, so gehen wir doch nach Alexandria! Wer kein Frosch ist: nieder mit den Pfaffen! Es lebe die schöne Hypatia, das Patenkind des armen Kaisers!« Es zitterte etwas wie schmerzlicher Ernst durch die letzten Worte des jungen Atheisten. Doch niemand achtete darauf, und Grieche, Jude und Nazarener stießen mit ihren Krügen gegen den vollen Pokal des Troilos und beschlossen, mit einem der nächsten Schiffe nach der Hauptstadt von Ägypten aufzubrechen. Schon nach acht Tagen fand sich eine günstige Gelegenheit zur Überfahrt. Ein bequemer Kutter ging mit schwerer Metalladung nach Alexandria unter Segel, und der Wind war gut. Jetzt, Mitte Juli, waren Stürme nicht zu befürchten. Die vier Freunde ordneten also ihre Angelegenheiten, packten ihre Siebensachen und schifften sich getrosten Mutes nach Alexandria ein. Nur die beiden ersten Tage hatten Alexander und Synesios ein wenig von der Seekrankheit zu leiden, dann wurde es eine köstliche, stille Fahrt. Der Kutter steuerte an den zahlreichen Inseln vorüber, und es war immer etwas Neues zu sehen oder zu erzählen. Erst nach acht Tagen, als bei prächtigem Nordwind die Küste von Kreta steuerbord zurückgelassen war, wurde die Fahrt eintönig und die jungen Leute suchten Zerstreuung. An Bord befanden sich außer ihnen nur noch zwei Kaufleute und ein junger Geistlicher aus Alexandria, der sich seit der Abfahrt in ihrer Nähe zu schaffen gemacht hatte. Jetzt glaubte er wohl die günstige Zeit gekommen, denn er benutzte einen warmen Abend, welchen die Genossen träge und schweigsam auf Deck verbrachten, um endlich ein aufschlußreicheres Gespräch anzuknüpfen, als bis dahin gelungen war. Da keiner von den Vieren mit seiner Meinung zurückhielt, so sah der Geistliche, ein Schreiber aus dem erzbischöflichen Palast von Alexandria, bald ein, daß er es mit vier Gegnern seiner orthodoxen Kirche zu tun habe. Er versuchte es nun, gewohnheitsmäßig wie es schien, durch frömmelnde Predigten und durch Berichte über Wundergeschichten, die er alle selbst miterlebt haben wollte, die verirrten Seelen zu retten. Die vier Freunde belustigten sich an diesen Bemühungen, bis der Geistliche seine Torheit einsah und sich beleidigt zurückzog. Er hatte aber dennoch die Neugierde seiner Zuhörer gereizt; denn unter Verfluchungen, die nicht eben an die Bergpredigt erinnerten, hatte er ein oder das andere Mal den Namen Hypatia ausgesprochen, und über die inneren Verhältnisse der Akademie, sowie über den Vernichtungskampf gegen das Serapeum schien er genau unterrichtet. Sie waren nur noch hundert Seemeilen vom Leuchtturm Alexandrias entfernt, als Wolff einmal gegen Mitternacht auf Deck kam, um frische Luft zu schöpfen. Er hätte in der heißen Kajüte doch nicht schlafen können. Er traf den Geistlichen, der ungeduldig auf- und niederschritt und die Heimkehr nicht erwarten zu können schien. Sie boten einander einen kurzen Gruß, wechselten ein paar gleichgültige Worte, lehnten aber bald nebeneinander am Heck und sprachen von ernsten Dingen, von Politik und Teuerung, und endlich auch wieder von der alexandrinischen Kirche. Wolff bat den hochwürdigen Herrn um Auskunft über das Serapeum. Er sei in dessen nächster Nähe zu Hause und darum an dem Schicksal der Stadtgegend besonders interessiert. Der Geistliche hatte bei seinem ersten Annäherungsversuche durchblicken lassen, daß er in geheimen Geschäften unterwegs sei und in Athen die neueste Post aus der Heimat erhalten habe. Er mußte mehr wissen als andere. Er erwähnte jetzt mit keiner Silbe mehr seine amtliche Stellung, war aber zu jeder Auskunft bereit. Und Wolff konnte nicht sehen, ob der jugendliche Streiter der Kirche mehr aus Eitelkeit oder mehr aus Bosheit redselig wurde. Was immer man sagen möge von der Menge von altgläubigen Ägyptern, Griechen und Juden, Alexandria sei doch die christlichste Stadt des römischen Reichs. In ihrer Umgebung gebe es mehr Mönche als sonst irgendwo auf der ganzen Welt. Trotzdem sei die kaiserliche Regierung nur lau in der Verteidigung des katholischen Glaubens. Seine Exzellenz der Statthalter müsse von Zeit zu Zeit sanft oder unsanft an die Tatsache erinnert werden, daß er getauft worden sei. Seine Exzellenz habe für das griechische Heidentum eine rein ästhetische, aber trotzdem sehr gefährliche Vorliebe. Selbst für die reichen Juden von Alexandria habe er noch Sympathie. Diese kühle Haltung der Landesregierung sei dafür verantwortlich zu machen, daß man von Konstantinopel her gegen die griechische Akademie so konservativ verfahre, die alten heidnischen Gelehrten auf ihren Lehrstühlen belasse und es sogar verantworten wolle, die Tochter des Theon oder des Teufels, das Patenkind des von Gott gerichteten Julianos, berufen zu haben. »Sehen Sie, lieber Herr, die anderen Heiden sind wenigstens so bescheiden, bei ihrer Astronomie, ihrer Mathematik oder Botanik zu bleiben. Ist auch bedenklich, aber kann noch geduldet werden. Doch dieses von der Hölle geschaffene Weib will sich nicht auf ihre Fachwissenschaft beschränken. Im Lehrsaal wie in der Gesellschaft wagt sie es, nicht nur griechische Wissenschaft, sondern sogar griechische Philosophie zu lehren und unsere heiligen Glaubenssätze zu kritisieren. Bedenken Sie doch! Jede Christin in der Kirchengemeinschaft hat zu schweigen, weil Gott das Weib doch zum Schweigen bestimmt hat. Und dieses Weib läßt man reden, trotzdem ihr doch nur der Teufel den scharfen Sinn verliehen haben kann, da Gott doch das Weib dumm geschaffen hat. Bedenken Sie doch! Nun, wir werden auch noch mit ihr fertig werden. Einstweilen kommt aus Konstantinopel immer noch das Echo des Statthalterpalais wieder: im Interesse der Stadt und des Ansehens der Wissenschaft sei die alte Tradition der Akademie festzuhalten. Und uns hat man nichts preisgegeben als das alte überholte Serapeum, wo nur noch Hieroglyphenweisheit der Ägypter gepflegt wurde. Die war uns nicht mehr gefährlich, die hätte man langsam vermodern lassen können. Nur der Übung wegen war es gut, daß so ein Heidennest wieder einmal ausgenommen wurde.« »So ist es zerstört? Zerstört wie die alten Gräber! Und das Serapeum galt doch für das schönste Gebäude der Mittelmeergestade!« »Es galt dafür.« »Ich habe kein Urteil,« sagte Wolff traurig. »Ich war von Kindheit auf daran gewöhnt, wie an den blauen Himmel oder an diesen Sternenkreis.« »Das Gebäude steht vielleicht noch,« sagte der Geistliche boshaft. »Es war überhaupt kein lustiges Geschäft, die Aushebung dieses Nestes. Die äußeren kleinen Kapellen waren freilich bald genommen und eingerissen. Aber das Serapeum selbst ist ja ebensogut eine Festung wie ein Tempel. Und dann, Sie wissen, es gilt von altersher bei Ägyptern und Griechen für das höchste Heiligtum; selbst bei den Christen der unteren Stände ist ein Aberglaube verbreitet, wonach der Wohlstand des Landes, das Schwellen des Nils, an die Erhaltung der großen Serapisbildsäule geknüpft ist. Es wollte niemand recht voran, nicht die Soldaten und nicht einmal die schlichten frommen Leute, die uns sonst mit ihren schwieligen Fäusten zu Gebote stehen. Im Gebäude selbst hatten sich alle Priester, Diener und Beamte bewaffnet, gegen tausend Mann. »Die Sache zog sich wochenlang hin, und mein guter Erzbischof wurde vor lauter Eifer für die Sache Gottes aufs Krankenlager geworfen. Wieder ein Grund zur Freude für die Heiden, Juden und die hohen Beamten. Glücklicherweise war aber nur der Körper des guten Erzbischofs siech geworden, nicht aber sein christlicher Sinn. Unsere Gesellenvereine wollten den Sturm unternehmen, wenn nur die Mönche vorangingen. Da erhielten denn die Mönche wohl einen Wink. Die heiligen Männer in den Klöstern und Einsiedeleien der Wüste ermangeln oft der weltlichen Bildung. Sogar unter meinen Brüdern gibt es welche, die die Entbehrungen und Kasteiungen der Anachoreten und Säulenheiligen als Eitelkeit verurteilen. Aber selbst wenn diese Meinung richtig wäre, so wäre der Wahnsinn dieser Männer nicht von den Dämonen der Hölle erregt, sondern von unserem lebendigen Gott. Denn sie stellen ihre Kraft und ihr Leben in den Dienst der Kirche, und die Kraft dieser Büßer ist oft recht groß. Viele erbauliche Geschichten lehren uns, daß einzelne es mit Löwen im Handgemenge aufgenommen haben, und daß die Tapfersten mit dem Teufel selbst fertig geworden sind. Bedenken Sie doch nur! Nun, diese heiligen Männer haben auch gesiegt und dann keinen einzigen Verteidiger des Serapeums am Leben gelassen. Tapfere Soldaten der Kirche! »Kurz vor unserer Abreise kamen Nachrichten darüber an. Es ging hoch her. Über viertausend Mann sollen mit barbarischen Waffen Schritt für Schritt vorgedrungen sein und auch nicht dem jüngsten Knaben Pardon gegeben haben. »Die heiligen Männer sind im Gebrauche ihrer einfachen Waffen geübt. In der Wüste haben sie oft wilde Tiere zu bestehen und ihre Glaubensstreitigkeiten auszukämpfen. Das tun sie gern mit Keulen von Eichenholz und mit Steinen. Und die Härte gegen die Verteidiger des Serapeums war notwendig. Denn der Teufel selbst war im Serapeum zu Hause. Viele meiner Brüder haben es mit eigenen Augen gesehen, wie am Abend des dritten Tages Beelzebub vom Dache des Heidentempels fortflog. Er hatte die Gestalt eines alten Marabu angenommen und schwebte mit weit ausgebreiteten Fittichen nach der Richtung der Akademie. Dort soll er seine Residenz aufgeschlagen haben, über der Dienstwohnung der Hypatia. Andere sagen wieder, er hause dort seit den Tagen des Julianos. Wie dem auch sei, es waren Verteidiger des Teufels, und je früher sie in die Hölle kamen, desto besser war es für ihr Seelenheil.« »Sind Sie dessen so gewiß?« »Jawohl! – Das Haus war nun in unseren Händen, aber die Säulen und Mauern waren selbst für die Hände und Hebelstangen der Mönche zu stark. Es mag ein erbaulicher Anblick gewesen sein, wie die heiligen Männer sich in ihrem frommen Eifer die Fäuste an den Marmorquadern blutig schlugen. Aber selbst das Zeichen des Kreuzes brachte die felsenharten Wände nicht zum Einstürzen, und mit Hacken und Meißeln ging es doch gar zu langsam vorwärts. Unser guter Erzbischof befahl, das Gebäude mit ungeheuren Holzstößen zu füllen und zu umgeben und das Ganze anzuzünden, und wenn die Stadt darüber hätte verbrennen müssen. Seine Exzellenz der Statthalter verbot die Ausführung, und die Heiden und Juden hatten noch ein Weilchen die Freude, das alte Serapeum aufrecht stehen zu sehen.« »So bleibt es erhalten?« »Ich fürchte, daß es in diesem Augenblick nicht mehr aufrecht steht. Ich glaube zu wissen, daß man in Konstantinopel ein mächtiges Wort gesprochen und daß Seine Exzellenz den strengen kaiserlichen Befehl erhalten habe, das heidnische Gebäude von Staats wegen dem Erdboden gleichzumachen. Einem solchen Befehl muß auch Seine Exzellenz gehorchen. Und es ist die ausdrückliche Order hinzugefügt, daß man zur Zerstörung die Geschütze benutzen solle, welche Professor Theon, der irdische Vater der Hypatia, einst für den Perserkrieg seines Gönners Julianos konstruiert hat. Schweres Belagerungsgeschütz, es kann nun am Serapeum die Meisterprobe bestehen. Theon und Hypatia werden gewiß ihre Freude daran haben.« Wolff blickte düster in die Nacht hinaus; deutlich wie niemals selbst in Hellen Nächten auf der Akropolis von Athen glänzte der Orion zu ihm herüber. Ohne Gruß und ohne Dank verließ er den Geistlichen. Aber er vermochte nicht in die Schlafkammer zurückzukehren. Immer wieder blickte er nach Süden, wo Alexandria lag, und wo er nach langer Lehrzeit eintreten sollte in die Kämpfe der Welt und des Geistes. Er behielt die Mitteilungen des Geistlichen für sich und verstand darum besser als seine Genossen, was sie zuerst vernahmen, als sie am Morgen des nächsten Tages in den neuen Hafen von Alexandria eingelaufen waren. Wo sonst Hunderte von schwarzbraunen Barkenführern das ankommende Schiff umkreisten, unter wirrem Geschrei ihre Waren und ihre Boote anbietend, wo sonst, bevor noch die Anker niedergelassen waren, der Handel begann und Früchte und Fische an Bord gezogen und Münze hinausgeworfen wurde, da stand heute den Ankömmlingen nur ein alter lahmer Bootsmann zur Verfügung. Der brachte sie alle auf einmal ans Land; ihr Gepäck mußten sie auf dem Kutter zurücklassen. Auch die Kais längs der Hafenstraßen waren verödet. Die ungeheure Stadt schien ausgestorben. Der alte Bootsmann kannte die Ursache. Heute wurde das Serapeum geschleift. Ihn hielt sein Gebrechen bei seinem Gewerbe zurück. Sonst müßte es schön sein, sich das anzusehen, das Krachen zu hören, aber ein Unglück würde es doch fürs Land werden. Der Nil würde sicherlich dieses Jahr nicht schwellen, aber dem Kaiser in Konstantinopel wäre ja eine Hungersnot in Alexandria ganz gleichgültig. Der Bootsmann stieg in seine kleine Barke zurück, um Kisten und Koffer zu holen, und die Freunde standen mit dem Geistlichen auf dem Kai allein. Die ganze lange Hafenstraße schien zu feiern. Links, wo sich die Straße zu einem breiten Platz auseinanderschob, sahen sie nebeneinander die beiden feindlichen Residenzen, die Kathedrale nicht weit vom Wasser, und tiefer gegen die Stadt zu den nördlichen Ausgang der Akademie. In die Kirche aber trat kein Beter, in die Akademie kein Schüler. Nur auf der weiteren Uferstraße, die dort an der Kathedrale vorüber zum Palais des Statthalters führte, zeigte sich Leben. Vor dem Palais sah man in der Ferne Soldaten kompagnieweise aufgestellt, wie bei einer Parade oder vor einer Revolution. Plötzlich vernahmen die Neuangekommenen durch das leise Spiel der Hafenwellen hindurch ein fernes Brausen wie die Ankündigung eines Orkans; und ohne ein Wort zu wechseln, setzten sie sich in Marsch, auf wohlbekannten nahen Wegen dem Serapeum zu. Sie hatten das moderne Griechenviertel noch nicht lange verlassen und nur wenige Gäßchen des Ägypterviertels durchmessen, nach so langer Abwesenheit erschreckt von der Armut und dem Schmutz dieser elenden Lehmhütten, da standen sie auf einmal nach einer scharfen Biegung des Gäßchens auf dem ungeheuren Platze des Serapeums, und erblickten zwischen sich und dem Bau eine fünfzigfache Menschenmauer. Mitten in dem weiten Räume auf einer niederen Anhöhe stand noch immer fast unversehrt der Tempel, der die Statue des mächtigen Gottes barg und jahrtausendealte Schätze hieroglyphischer Weisheit. Durch die riesenhaften Säulen hindurch konnte man weit nach innen blicken bis zu dem gewaltigen Hinterbau, der zugleich Kloster, Bibliothek und Schule der ägyptischen Priester war. Dort hatten Plünderer gehaust, das sah man. Die Türen waren erbrochen, und unter den Säulen lagen hier Haufen von Büchern, dort Haufen von Leichen. Auch vorn, wo die eigentliche Riesenkapelle des heiligen Gottes Serapis stand, war das Heiligtum nicht unversehrt. Mehrere von den Säulen waren an vielen Stellen bis auf Manneshöhe mit spitzen Eisen barbarisch verletzt, anderswo wieder mit Schmutz oder Blut besudelt. Ohnmächtige Wut gegenüber den schier unzerstörbaren Kolossen. Hinter der zweiten Säulenreihe, wo entsprechende Mauern das Allerheiligste des Gottes umschlossen, hatten die Christen gründlichere Arbeit zu tun versucht. Unterwühlen wollten sie die Mauern, um sie so zum Stürzen zu bringen. Aber zu tief wohl gingen die Fundamente. Zur Rechten und zur Linken lagen hohe Schuttmassen zwischen den Marmorquadern des Fußbodens aufgeschüttet. Noch standen die Mauern, und nur das scharfe Auge Wolffs glaubte zu erkennen, daß ein dünner Riß an der Schmalwand der Cella herunterging. Als die Freunde vor dem Serapeum anlangten, trennte sich der Geistliche von ihnen, um sich zu seinen Amtsbrüdern zu begeben und da die neuesten Nachrichten einzuholen. Auch die jungen Gelehrten erfuhren bald, was die augenblickliche Stille bedeutete und worauf man wartete. Vor zwei Stunden hätten die Soldaten des Statthalters, aber in dessen Abwesenheit, angefangen, das verlassene Serapeum regelrecht zu belagern. Drüben der Erzbischof, der wie ein Sterbender in seiner Sänfte lag, inmitten von seidenbedeckten Priestern und halbnackten Anachoreten, der alte kranke Erzbischof Theophilos hätte vor dem Brescheschießen ein Gebet gesprochen. Aber das Gebet hätte nichts geholfen und die Strafe des Serapis würde nicht ausbleiben! Der anderthalb Ellen dicke Granitblock der Wesenschleuder hätte nach drei furchtbaren Stößen die Säule vor der Cella nicht zum Wanken gebracht. Nun wäre eine Abordnung zum Statthalter gegangen und zum Professor Theon, dem Erfinder der Riesenschleuder von anderthalb Ellen Kaliber. Man wartete. Die Mönche sangen und hunderttausend Alexandriner, Männer, Frauen und Kinder, hörten untätig zu. Ihre Neugier war größer als ihr Zorn gegen die Mönche. Nur dann und wann ertönte irgendwo aus der Menge ein Fluch gegen den blutigen Erzbischof, dann wuchs die Zustimmung langsam zu einem Wutgeheul an, und wieder wurde es still. Die Freunde gewannen allmählich Raum, sich freier zu bewegen, und plauderten. »Ich bin hier zu Hause,« sagte Wolff und deutete mit dem Finger nach einem turmartigen schwarzen Gemäuer an der Ecke eines Gäßchens, das vom Serapeum nach der Totenstadt des ägyptischen Viertels hinausführte. »Dort?« rief Alexander erstaunt, »im Gespensterhaus? Dort wohnt ja der alte Fähnrich!« »Mein Vater.« Es blieb den Freunden zum Staunen nicht viel Zeit. Auf demselben Wege, auf welchem sie gekommen waren, nahte langsam ein seltsamer Zug. Voran ein paar Geistliche und Artillerieoffiziere, hinter ihnen, von Offizieren eskortiert, der alte weißhaarige Professor Theon in gebückter Haltung, an seiner Seite, ihn bescheiden stützend und doch stolz aufgerichtet, ein schlankes, jugendliches Weib. Noch sahen die Freunde nichts als ein schimmerndes, weißes Wollengewand, einen dunklen Schleier, blasse Wangen und ein Paar große Augen; aber das mußte Hypatia sein, deren Name sie von Athen herübergezogen hatte. Hinter dem Professor und seiner Tochter drängten weit über hundert junge Leute, die an ihren gleichfarbigen, breiten, schwarzen Kappen als Studenten zu erkennen waren. Brausend ging der Ruf über den Platz: der Konstrukteur sei da, der Statthalter weigere sich, zu kommen. Unter tausend zornigen oder freundlichen Zurufen öffnete die Menge dem Zuge eine Gasse. Dicht an den Freunden vorüber schritt Hypatia vorwärts. Ihre schwarzen Wunderaugen waren unausgesetzt auf ihren Vater gerichtet, zu dem sie leise sprach. Sie sah niemand, die Freunde aber hatten sie erblickt, und Wolff faßte die Schulter des Troilos, daß dieser ächzte, und Alexander sagte zu Synesios, der keinen Ton gesprochen hatte: »Sag' kein Wort, schweig!« Schon hatten sich die vier Freunde unter die Studenten gemischt, welche Hypatia von der Menge trennten. So in ihrer Nähe schritten sie langsam vorwärts. Ohne Verabredung, ein jeder das gleiche Gefühl in der Seele: Gut, daß wir da sind! Nach etwa fünfzig Schritten mußten sie Halt machen. Eine dichte Postenkette von Soldaten ließ nur die Offiziere, die Geistlichen und den Professor passieren. Alle anderen sollten zurückbleiben. Mit aufgehobenen Händen trat Hypatia noch einmal zu ihrem Vater heran: »Tu's nicht, tu's nicht!« »Ich muß!« erwiderte Theon. »Es ist Befehl von Konstantinopel. Und dann, sie sagen, die Anderthalbellenkalibrige tauge nichts. Meine Maschine! Sie haben sie schlecht eingestellt. Sie war gegen die Mauern von Ninive berechnet, die um dreiviertel Ellen dicker sind. Da will ich doch sehen...« »Tu's nicht!« Theon wandte sich zum Gehen. Da warf Hypatia ihren Schleier zurück, hob ihre Arme gegen die Offiziere und rief so laut, daß das Volk es hören mußte: »Tut es nicht, ich warne euch! Laßt mich kaiserlich mit dem Kaiser reden, laßt mich ihm sagen, daß die Hände der christlichen Priester schon nach seiner Krone greifen, während er sich und seine Armee in den Dienst der Kirche stellt! Tut es nicht! Größe des Hellenentums leuchtet auch von diesen Säulen, leuchtet hinüber über diese armseligen Hütten weit hinaus ins Meer und erzählt den fremden Schiffern, daß hier an unserem afrikanischen Strande hohe, menschliche Kultur im alten Schatzhaus erhalten sei! Schützen solltet ihr sie gegen diese Männer, schützen in des Kaisers Namen! Denkt an Kaiser Julianos...« Wie bezaubert lauschten die nächsten Tausend auf die begeisterte Sprecherin. Aber ungeduldig hallte es von allen Seiten: »Theon!« Plötzlich war der Professor von seiner Tochter getrennt und schritt die Anhöhe empor, zu einer der mittleren Säulen, wo die Riesenschleuder aufgestellt war. »Vater, tu's nicht!« schrie Hypatia ihm nach und wollte die Postenkette durchbrechen. Einer der jüngeren Offiziere hielt sie artig zurück und sagte leise: »Glauben Sie mir, Fräulein Professor, wir möchten selbst lieber auf diese Pfaffen einhauen. Aber es ist Befehl.« »Befehl? Von wem?« Der Offizier zuckte die Achseln. Hypatia verschränkte die Arme und schwieg. Mit ihren Augen verließ sie den Vater nicht. Der stand oben, von hunderttausend Neugierigen betrachtet, und erklärte einigen Offizieren ruhig, wie im Hörsaal, irgendein Geheimnis der Maschine. Wolff erriet, daß offenbar zwei Dinge versehen worden wären. Der Granitblock war nicht gut gerichtet gewesen; er hätte die Säule genau in der Mitte treffen müssen. Vor allem aber hatte man die Riesenschleuder so gelassen, wie sie auf große Entfernungen eingestellt worden war. Hier auf die kürzeste Distanz sollten einige Taue verkürzt und zwei Hebel vorgelegt werden. Wolff sah wenigstens, daß diese Änderungen jetzt auf Befehl der Offiziere und unter Zustimmung des Professors ausgeführt wurden. Man hörte nicht, was oben gesprochen wurde. Nur das konnte alle Welt sehen, wie Professor Theon nun selbst an die bedienende Mannschaft herantrat, die Taue noch um ein Stück zu kürzen befahl, wie er dann zeigte, welcher Hebel herunterzudrücken war, um die Maschine zum Schleudern zu bringen. Dreimal mußte der Mann am Hebel die Bewegung markieren. Dann ging Theon, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, an die Säule heran und zeigte mit dem Finger auf die Stelle, wo der Granitblock mit seiner stumpfen Spitze einschlagen mußte. Lächelnd in seiner wissenschaftlichen Sicherheit stand der alte Mann da, sprach noch, da geschah es. Ob Theon selbst den Befehl gab in seiner Zerstreutheit, ob der verwirrte Soldat eigenmächtig den Hebel niederdrückte oder ob, wie am nächsten Sonntag in allen Kirchen erzählt wurde, ein rosiger Engel vom Himmel die Maschine bedient hatte, man erfuhr es nicht. Der Soldat schrie auf, die Maschine knirschte, und fast in derselben Sekunde donnerte der Block gegen die Säule. Professor Theon lächelte noch, und mit Donnergekrach stürzte es zusammen. Zuerst die getroffene Säule und das mächtige Steingebälke, das sie sechzig Ellen hoch auf ihrem Riesenhaupte trug; dann stürzte die nächste Säule mit dem halben Dach nach und noch ein Stück der dritten Säule. Noch immer hatte die Spannung die Masse nicht atmen lassen, da erscholl abermals mitten aus einer undurchdringlichen Staubwolke heraus ein neues Donnergekrach. Der Tempel stürzte ein. Jetzt war es eine Sekunde ganz still; dann schrien die Menschen auf, lauter noch, als das Gebäude krachte. Freilich nicht alle Zuschauer waren entsetzt. Einige von den wildesten Anachoreten, welche sich zunächst an die Maschine herangedrängt hatten, begannen zu springen wie Wahnsinnige. Unter ihnen ihr Führer Isidoros, unheimlich mit seinen gespenstisch langen Armen im Nebel der Staubwolke. Dann stimmten sie einen Siegespsalm an. Tausendstimmig klang er von den Mönchen herüber, noch übertönt von Schreckensrufen derer, die jetzt den Professor erschlagen wußten und viele von den Soldaten verwundet, über Gesang und Angstschrei hinaus tönte aber zehntausendstimmig über den Platz die Klage um das Land, das nun von Serapis mit einer Hungersnot gestraft werden würde. »Brot! Der Kaiser soll uns Brot geben! Nieder mit den Pfaffen! Nieder mit dem Statthalter! Der Statthalter ist gut! Nieder mit dem Kaiser! Hypatia ist gut! Man soll Hypatia gehorchen! Wo ist Hypatia?« Hypatia war ohnmächtig umgesunken, als sie ihren Vater nicht mehr sah. Wolff hatte sie aufgefangen, und als wäre er ein Befehlshaber, so kommandierte er den Studenten. »Hinüber ins Gespensterhaus. Keilförmig vor durch die Masse. Niedergetreten, wer nicht Platz macht. Und wenn sich einer nicht niedertreten läßt, das Messer. Wir tragen sie. Sie beide und ich. Vorwärts, Kommilitonen! Durch!« Und als wäre der Keil von Studenten ein Schiff gewesen und die Menschenmasse das Meer, so ruhig und sicher, so rücksichtslos drangen die Studenten mit dem ohnmächtigen Weibe hindurch bis ans Gespensterhaus. Dort stand der alte Fähnrich auf der Schwelle. Mit gutmütigem Spott blickte er auf den Zug der Studenten, auf die Tochter des Theon und auf ihre Träger. Da erkannte er Wolff. »Uli!« rief er, und weil er vor Fremden sein Gefühl nicht zeigen wollte, so ballte er bloß die Fäuste. Er trug immer noch etwas wie einen militärischen Anzug. Seine Arme waren bloß, und wie er die Fäuste ballte, reckten sich seine Muskeln wie die eines Schmiedes. »Zu guter Stunde...« »Verflucht sei die Stunde!« rief Wolff. »Tragt das arme Weib hinein. Synesios, du verstehst dich auf Krankenpflege, gib der Magd die nötigen Weisungen. Du, Alexander, holst einen Arzt. Ich bleibe hier und lasse niemand ein.« Und stumm stellte sich Wolff neben seinen Vater. Auch von hier konnte man das Serapeum gut übersehen. So schwach der Wind auch wehte, die Staubwolke fing an sich zu verziehen. Um die Riesenschleuder war lebhafte Bewegung. Offiziere studierten sie aufmerksam, Soldaten bewegten sie langsam auf niedrigen Rädern zur vierten Säule, während einige verwundete Kameraden fortgetragen wurden. Der Trümmerhaufe, den die geborstenen Säulen bildeten, war schreckhaft. Dahinter aber war etwas Wunderbares geschehen. Zur Rechten und zur Linken waren die Längswände der Cella, alles mit sich reißend, niedergestürzt, aber gerade hinter den geborstenen Säulen, inmitten der Ruinen, schimmerte jetzt aus dem sinkenden Staub heraus die silberglänzende Statue des Gottes. Ein unendlicher Jubelruf ertönte aus der Menge. So hatte Serapis ein Wunder getan, um sein Bild zu retten und das Land! Eine lange Zeit kämpften Stimmen gegen Stimmen, Gebete gegen Gebete. Die Mönche sangen Verdammungslieder gegen die Statue, der niedere Pöbel flehte zu ihr. Das Heiligtum der Stadt ließ Kranke genesen, Krüppel zu heilen Gliedern kommen, vor allem schaffte es Brot, Brot! Um die Sänfte des Erzbischofs herum kamen und gingen die Geistlichen und die Offiziere. »Es traut sich keiner an den Götzen,« sagte der alte Fähnrich zu seinem Sohne, »sie sind alle zu feige.« Wenige Minuten darauf kam ein Sekretär eilig auf das Gespensterhaus zu. Schon von weitem winkte er dem alten Fähnrich. »Der Erzbischof sendet Euch seinen Segen!« »Hm!« »Kein anderer als Ihr dürfe, so sagt er, sich das ewige Verdienst erwerben, mit scharfem Beil das Haupt des Götzen zu spalten. Höchste Eile sei not. Auf der Stelle müsse es geschehen. Seid Ihr bereit?« Der alte Fähnrich wandte sich an seinen Sohn. »Du bist gelehrt, ich nicht. Ist das ein Götze?« »Jawohl, auch das ist ein Götze,« sagte Wolff. »Und ist es zu Frommen unserer heiligen Sache, ist es zu Frommen des wahren Glaubens und der christlichen Zukunft, wenn dieser Götze stürzt?« Wieder hallte über den weiten Platz das alte Gebet, das die Ägypter seit tausend Jahren sangen, wenn der Nil nicht schwellen wollte und Serapis helfen sollte. Verächtlich wandte sich Wolff zu dem Abgesandten des Erzbischofs und sagte: »Was würdet ihr tun, wenn die Nilwasser ausblieben?« »Wir würden eine Wallfahrt zu den Gebeinen des heiligen Antonios veranstalten im Namen des wahren Gottes.« Da ging Wolff mit einem Fluche gegen alle Götzen ins Haus hinein, woher er ein Schluchzen zu vernehmen glaubte. Ohne ein Wort zu sprechen, trat auch der alte Fähnrich ins Haus und kehrte bald mit einem Beil in der Hand zurück. Langsam schritt er mitten durch das Volk, das ihm scheu Platz machte, auf den Tempel zu. Noch aus der Menge ragten seine grauen Haarzöpfe und seine Schultern heraus. Am Erzbischof, der ihm zuwinkte, schritt er aufgerichtet vorüber, die Anhöhe stieg er hinauf und ging über die Trümmer, wie auf ebenem Boden, bis in die geborstene Cella hinein. Wie über glatte Stufen stieg er empor bis über den Gürtel der Statue. Dann maß er die Entfernung und schwang das Beil. Die Mönche schrien ihm fanatisch zu. Die Menge drängte vor und wollte die Tat verhindern. Mit Gewalt mußten die Soldaten ihre Postenkette behaupten, und an zwei Stellen drohte ein Kampf auszubrechen. Dreimal hatte der alte Fähnrich das Beil gehoben, dreimal schwang er es wie ein opfernder Priester um den silberglänzenden Stierkopf des Gottes, dann ließ er die Schärfe donnernd niederfallen, und ein entsetzter Aufschrei des Volkes war die Antwort. Die silberne Hülle löste sich und das schwarze Holz trat zutage. Wieder schwang er das Beil und ließ es fallen und zum dritten Male. Da klaffte das Bildwerk weit auseinander und schauerlich tönte es von allen Seitens »Der Teufel! der Teufel!« – Eine schwarze Ratte war aus dem Innern der Statue entflohen. Rasend durchbrach jetzt die Menge noch an einer dritten Stelle die Postenkette, und ein blutiger Kampf begann, ein echt alexandrinischer Straßenkampf. Eine gute Weile blieb der alte Fähnrich noch auf seinem Marmorblock stehen und führte Schlag um Schlag gegen das Götzenbild. Dann kehrte er, das Beil fest in der Hand, zu seinem Hause zurück. Das Volk, das Tod und Verderben herabwünschte über den Erzbischof und über alle Pfaffen, machte vor ihm Platz, scheu wie vor dem Henker. Am Abend dieses Tages verkündeten Mauerinschriften an allen christlichen Kirchen, der Zeichentelegraph von der großen Pyramide habe gemeldet, der Nil stehe sechzehn Ellen hoch. Der Christengott war gut, gab Brot, so reich wie der stierköpfige Serapis. Das Volk von Alexandria jubelte vor dem Palais des kranken Erzbischofs. 3. Die Nazarener Auf dem zweiten Hofe der Akademie verkündete ein Anschlag, daß Hypatia ihre Vorlesungen für zwei Monate unterbrechen würde. Für diese Zeit trennten sich die Freunde, und ein jeder von ihnen hatte seine persönlichen Angelegenheiten zu ordnen und sich je nach Neigung und Umständen für ein Jahr einzurichten. Alexander wurde von seiner Familie völlig in Anspruch genommen. Es regnete Einladungen in der ganzen weitverzweigten Familie Josseph. Der Vater war in Haltung und Sprache noch schüchterner geworden, als er es zur Zeit des Kaisers Julianos war, aber er konnte dem Sohn die reichsten Erfahrungen zur Verfügung stellen. Dankbar lächelnd und doch fremd berührt, erfuhr Alexander, welchen Lebensplan der alte Fabrikant für ihn ausgedacht hatte. Erst so schnell wie möglich die Professur, dann die reichste Heirat und dann – Regierungspräsident, Minister; der alte Josseph war eigentlich doch nicht blöde. Troilos besaß in Alexandria nur entfernte Verwandte. Er beschäftigte sich damit, eine elegante Junggesellenwohnung zu suchen, Wohnung und Küche mit dem Komfort Asiens einzurichten, einen schwarzen Diener, einen braunen Koch und einige weiße Mägde aufzunehmen. Synesios hatte sich nur kurz in der Stadt aufgehalten und sich durch seinen Oheim bei dem freundlichen Statthalter einführen lassen. Dann war er in Begleitung seines Verwandten zu Schiff nach der Pentapolis gefahren. Die Jagd auf Bekassinen hatte dort eben begonnen. Er war froh, nicht länger mitansehen zu müssen, wie das Serapeum schnell und sicher der Erde gleichgemacht wurde und wie man, als der Statthalter etwas retten wollte, zum Hohn eine einzige der Riesensäulen stehen ließ; er war noch froher, die Legenden nicht zu hören, die sich binnen wenigen Tagen im Volke gebildet hatten. Hunderttausend Menschen waren zugegen gewesen, als die Riesenschleuder ihre Tätigkeit begann und als ihr Erfinder unter den ersten Säulentrümmern begraben wurde; und dennoch erzählte einer dem anderen, der große Christengott habe Feuer vom Himmel und ein Erdbeben aus der Hölle gesandt, um den Heidenbau zu vernichten; und das Götzenbild sei erst dann entzweigesprungen und habe erst dann den Teufel ausgespien, als der brave alte Fähnrich das Zeichen des Kreuzes in seinen Beilstiel eingeritzt hätte. Im Gespensterturm hatte Wolff Wohnung genommen. Ein großes kahles Zimmer, ein Feldbett und ein Tisch standen ihm zur Verfügung. Dennoch fühlte er sich behaglich in dem düsteren Hause. Es erzählte ihm so viel. Vor vielen hundert Jahren sollte es für einen berühmten Astronomen des Serapeums erbaut worden sein. Das Volk wußte, daß Königin Kleopatra dort oben auf dem Turme mit dem Gelehrten viele Nächte verbracht hätte, um den Mond auf die Erde herunterzuziehen und noch schändlichere Zaubereien zu treiben. Nach dem schrecklichen Ende der Königin hätte der Teufel auch den Geisterbeschwörer geholt. Seitdem wäre es nicht geheuer im Hause, am wenigsten im Turm und in den Kellern. Hier fühlte Wolff sich behaglich. Aus jedem Winkel grüßte ihn eine Kindererinnerung. Nicht einmal eine kleine erträgliche Scheu vor den Gespenstern hatte er. Er hoffte nicht mehr, in einem dunklen Gange auf ein Ungeheuer der Vorwelt zu stoßen und es mit seinen Händen erdrosseln zu können. Er glaubte nicht mehr an Gespenster. Desto größer war die Scheu vor seinem Vater geworden. Als Kind hatte er den Vater gefürchtet, ja gefürchtet wegen seiner wilden Zornausbrüche ebensosehr wie wegen der rätselhaften Demut, mit der er nach solchen heftigen Szenen das Kind zu versöhnen suchte. Jetzt hatte er freilich schon lange nicht mehr die Hand gegen den großen Sohn erhoben. Aber die seltsame Demut war geblieben. Der Vater und die alte gotische Wirtschafterin behandelten ihn fast mit der gleichen Auszeichnung. Für die Gotin war er der junge Herr, für den Vater der Herr Sohn. Das einzige unheimliche Gemach des Gespensterturmes war für Wolff das Wohnzimmer des Vaters. Und doch war an der nackten grauen Wand nichts zu sehen als ein Kruzifix, darunter eine ewige Lampe in rotem Glase und rings umher die alten Waffen des Soldaten. Tagsüber streifte Wolff in der Stadt umher. Nachdenklich und allein. Auch zu Hause wurde nicht viel gesprochen. Beklommen saß ihm der Vater bei Speise und Trank gegenüber, legte ihm die besten Bissen vor, stieß mit ihm an, schien aber mit dem zurückzuhalten, was er auf dem Herzen hatte. Erst wenn es dunkel geworden war, bekam das Gespensterhaus Besuch. Zu zweien und dreien kamen Männer aus allen Stadtgegenden herbei, zumeist Arbeiter und Handwerksmeister, doch auch unzufriedene Offiziere und gemaßregelte Geistliche. Wolff wußte, das waren die Nazarener, und unter ihnen die Führer der Bewegung. Diese Leute bekannten sich zu Jesus Christus, aber sie haßten das neue Heidentum, das seit zweihundert Jahren, auf den Namen Jesus Christus gegründet, emporwucherte. Wolff wußte auch, daß man ihn nicht aus bloßer Neugier aufsuchte. Man wollte prüfen, ob der Student die Hoffnungen der Partei nicht getäuscht habe, ob er in Athen weder zu den griechischen Atheisten noch zu den katholischen Gottesverkäufern übergegangen sei. Wolff mochte wohl einen guten Eindruck machen. Denn etwa einen Monat nach seiner Rückkehr ins Vaterhaus trat eines Abends, während mehr als zwanzig andächtige Gäste das Zimmer füllten, der alte Biblios über die Schwelle. Damit wurde Wolff in das große Geheimnis der Partei eingeweiht. Auf den Kopf des alten Biblios hatten drei alexandrinische Erzbischöfe nacheinander einen Preis gesetzt, weil er die Gottheit Christi leugnete wie sein Lehrer Arios. Jetzt erfuhr Wolff, daß der achtzigjährige Mann unter dem Schutz des alten Fähnrichs und unter Mitwissen sämtlicher Nazarener das Gespensterhaus bewohnte. Biblios hatte als junger Mann unter den letzten Christenverfolgungen der heidnischen Kaiser zweimal die Tortur ausgehalten, ohne Jesus Christus zu verleugnen. Dann hatten christliche Kaiser die Verfolgung eingestellt, aber ein neuer Erzbischof von Alexandria hatte dem Märtyrer Biblios die rechte Hand abhauen lassen, weil Biblios auf die Dogmen des großen Konzils nicht schwören wollte. Und dieser Mann war jetzt der Führer der nazarenischen Bewegung. Daß Biblios in der Stadt war, daß er überhaupt noch lebte, durften die Feinde, die Herren der Kirche, nicht erfahren. Heute nacht sollte in den unterirdischen Räumen des Gespensterhauses eine allgemeine Nazarenerversammlung stattfinden. Jetzt hatten sich vorerst bloß die Eingeweihten und die zuverlässigen Anhänger des Biblios vereinigt, um das Programm der Versammlung endgültig festzustellen und den neuen Genossen auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten. Man wollte Stellung nehmen zur Bischofswahl, die jeden Tag durch den Tod des Theophilos das wichtigste Ereignis werden konnte. Die nazarenische Partei war fest entschlossen, für den liberalen Timotheos zu stimmen und zu wirken; und Wolff sollte den besonderen Auftrag erhalten, in seinen akademischen Kreisen, das heißt unter den gebildeten und darum gleichgültigen Christen, ebenfalls für den duldsamen Mann zu agitieren. Nach einiger Überlegung erklärte sich Wolff bereit. Das Gespräch wandte sich unter der Leitung des Biblios immer enger den Fragen der politischen Parteitaktik zu. Innerhalb der Nazarener, welche mit den Lehren Jesu Christi Ernst machten, die Beschlüsse der Konzilien umstoßen, die Religion auf einige wenige biblische Sätze beschränken und eine werktätige Fürsorge für die Enterbten durchführen wollten – innerhalb dieser Partei hatte sich unter der Führung eines Steinträgers die Gruppe gebildet, welche die griechischen Nazarener Exukontianer, die römischen Beamten aber auf Lateinisch Nihilisten nannten. Biblios hätte die größte Masse seiner Anhänger verloren, wenn er den Steinträger um seiner Anarchiepredigten willen aus der Partei ausgestoßen hätte. So handelte es sich für die Eingeweihten darum, diese wilde Masse gegen ihren Willen zum Guten zu lenken. Wolff verhehlte nicht, daß ihm diese Taktik mißfiel. Lüge und Verstellung beherrschte die ganze Welt. Das sei nicht anders möglich zwischen feindlichen Gewalten. Aber unter Brüdern sollte Offenheit walten, und die Nazarener habe er sich immer als Brüder gedacht. Biblios suchte die Verstimmung des jüngsten Genossen zu zerstreuen. Ordnung sei in allen großen Dingen nötig. Der Staat müsse ein Oberhaupt haben und auch die Kirche. So frei ein Nazarener sie auch wünsche, dürfe sie doch nicht den Launen jedes Steinträgers anheimgegeben werden. Es war offenbar, der alte Biblios, der zwiefache Märtyrer des Christentums und seiner Ketzerei, vertrug in seinem hohen Alter keinen Widerspruch mehr. Seine Getreuen lauschten andächtig, als er nun das Wort keinem anderen mehr ließ und aus dem Gesprächston immer mehr in den eines Lehrers verfiel. Er sah herrlich aus, wie er gerade unter den Waffen des alten Fähnrichs dastand, leichenfahl auch unter dem rosigen Schein der ewigen Lampe, und mit den Blicken eines Überwinders zu Wolff hinüberschaute. Ein weißes Priestergewand floß ihm von den Schultern bis an die Knöchel nieder, weiß war der lange, schmale Bart, weiß die oft ausgestreckte linke Hand, und blutigrot erschien nur der Stumpf, wenn er einmal den rechten Arm erhob. Wolff hatte keine Gelegenheit mehr, seine Bedenken auszusprechen. Für alle Anwesenden schien es ausgemacht, daß die Partei zu tun und zu denken hätte, was Biblios wollte und dachte. Nur der alte Fähnrich blickte gierig nach Wolffs Augen, als traute er den Kenntnissen seines Sohnes mehr als selbst den Erfahrungen des Märtyrers. Unten schien es heute entweder sehr lebendig zu werden oder sehr gespenstisch. Von der elften Stunde an huschte es unaufhörlich über den Flur. Biblios war in seiner Begeisterung für die Ordnung allmählich zu einer Verherrlichung des römischen Kaisertums gekommen. Wer ein Freund der Ordnung ist, der muß es den Kaisern Dank wissen, daß sie in rastloser Arbeit bemüht sind, das ungeheure Netz der römischen Staatsverwaltung instand zu halten, dieses Riesennetz, dessen Fäden alle schließlich in ihrem goldenen Hause zusammenlaufen und das jeder Kaiser unbeschädigt seinem Nachfolger vererben möchte. Es ist ein großes Ding, so ein Netz, und es nur zu flicken, ist eine kaiserliche Aufgabe. Darum flicken sie es mit allem, was nützlich ist für die Staatszwecke. Hungersnot und Pest, Krieg und Feste, Menschen und Götter sind den Kaisern nur Flickzeug für das Staatsnetz. So zeigte sich der erste Konstantinos als ein weiser Kaiser, da er die lange verfolgten Christen freundlich aufnahm und sie anwies, im Osten des Reichs das Netz zu flicken. Dabei wollten die Kaiser alle Mühseligen und Beladenen nur entlasten, um sie zu besseren Bürgern zu machen. Und wenn die Bischöfe nicht gekommen wären, so hätte das wahre Christentum allmählich das Reich erfüllt. Oh, die Kaiser sind niemals dumm, denn ihr Vorteil ist Staatsvorteil! Wer weiß, wohin Biblios noch gekommen wäre, wenn nicht ein dumpfes Geräusch von unten die Ungeduld der großen Versammlung verraten hätte. Sofort brach der Märtyrer seinen Vortrag ab und führte seine Freunde über wohlbekannte Treppen und Gänge hinab in die unterirdischen Wölbungen des Gespensterhauses. Wolff hatte sich selbstverständlich angeschlossen. Neben ihm schritt der alte Fähnrich und schien ängstlich auf ein Wort der Entscheidung zu lauern. Am Ende eines langen Ganges, hinter welchem Wolff als Kind die stärksten und gefährlichsten Ungeheuer vermutet hatte, öffnete sich eine eiserne Tür. Sie war von einigen Bewaffneten bewacht. Achtungsvoll ließ man Biblios und seine Schar eintreten in einen weiten gewölbten Raum, in welchem sich beim Schein weniger Fackeln wohl tausend Genossen versammelt hatten. Biblios begab sich sofort auf eine Art Kanzel und eröffnete von da aus die Versammlung. Zuerst bitte er um Absolution für den bewährtesten Genossen, den alten Fähnrich, der mit seiner Erlaubnis dem blutigen Erzbischof zu Willen gewesen sei und das Götzenbild zerschlagen habe. Denn am Ende komme die Zerstörung der heidnischen Tempel doch auch dem wahren Christentum zugute. Ein beifälliges Gemurmel ging durch den weiten Raum. Nur aus der Ecke links vom Eingang ließen sich Spottrufe hören. Dort standen die Exukontianer oder Nihilisten und spotteten über die Weltklugheit des Biblios. Biblios rief erregt: »Die Klerisei hält unseren alten Fähnrich für eine verdammte Seele, die ihr unbedingt zu Willen ist. Dieser Täuschung haben wir es zu verdanken, daß unsere Partei nun seit mehr als zwanzig Jahren in diesen Räumen in Sicherheit beraten kann. Sollen wir diesen Vorteil aufgeben?« »Nein,« rief der Steinträger aus der Ecke, »wenn die Partei nichts weiter will, als in Sicherheit beraten! Wir aber wollen hinaus auf die Straße, mit den Waffen unser Blut... Revolution!« »Revolution!« hallte es hundertstimmig aus der Hallenecke wider. »Und wollt ihr enden wie dieser hier?« So dicht die Männer auch standen, sie schufen Raum und leuchteten mit Fackeln herein, so daß plötzlich eine Leiche sichtbar wurde, die neben der Kanzel lag – ein Genosse, der sich in der Kirche vor den frommen Betern gegen die Predigt eines Geistlichen empört und verraten hatte, daß er Nazarener war. Man hatte ihn darauf zwingen wollen, die Genossen zu nennen. Stumm war er unter der Folter gestorben. Der Anblick des Todes ließ die Opposition einen Augenblick erlöschen. Dann brach sich der Steinträger Bahn durch die Versammelten, setzte einen Fuß auf die Leiche und schrie: »Dieser tote Mund, verzerrt von Henkersqualen, er ruft: ›Wehe allen Pharisäern! Der Zimmermannssohn ist auf die Welt gekommen, um zu brechen das Joch und zu lösen den Fluch Adams, um damit ein Ende zu machen, daß im Schweiße ihres Angesichts arbeiten müssen, die nur Gottes Sonne genießen wollen! In dem römischen Staate, der eine Verschwörung von einigen Tausend gegen so viele Millionen geworden war, sprach er das Wort der Erlösung, und aus Wohnungen, die Grüfte waren, krochen hervor die fleischlosen Brüder wie am jüngsten Tage! Da entsetzten sich die Verschworenen und die Mächtigen und die Herren und schlossen einen neuen Bund und kauften mit Mitteln und Titeln die Bewahrer des Erlöserwortes. Und da nannten sie sich selbst Herren und Bischöfe und schlossen ihren Bund mit dem römischen Kaiser, und mit den Erlöserworten selbst peitschten sie die fleischlosen Brüder in die Grüfte zurück und breiteten über die Erde ein Leichentuch, dichter, als es früher gewesen war. Man hat uns um das Wort betrogen! Nieder mit den Verrätern! Zu den Waffen! Revolution!‹« Minutenlang tobten die Anhänger des Steinträgers. Dann wurde es still, und Biblios sprach ruhig, als ob die Unterbrechung nicht dagewesen wäre: »So laßt uns unseren Toten begraben.« In feierlichem Zuge und unter leisen Totengesängen trug man die Leiche hinweg durch schmale, finstere Gänge, die unregelmäßig verliefen, aber doch immer ungefähr in der Richtung nach der Wüste, nach der alten ägyptischen Totenstadt führten. Zweimal öffneten sich die dunklen Wölbungen zu großen Hallen, christlichen Begräbnisstätten aus der Verfolgungszeit. Dann traten an Stelle der gemauerten unterirdischen Gänge natürliche Klüfte, und die endeten in einer Felsenhalle, die allen Versammelten Raum gewährte und an deren Wänden Grabinschriften verrieten, daß es die Begräbnisstätte der Nazarener war. Der alte Fähnrich flüsterte seinem Sohn zu, daß von hier aus –dort wo kaum mannsbreite Steinstufen aufwärts in ein schwarzes Grab zu leiten schienen – ein enger, aber gangbarer Felsenspalt emporführte bis in ein vergessenes und verstecktes ägyptisches Grab und von dort ins Freie. Nachdem man den Leichnam in einer Felsenhöhlung bestattet hatte, wurde die Öffnung zugemauert. Biblios hielt eine Ansprache, in welcher er alle Genossen zur Demut und Eintracht ermahnte. Nach einer guten halben Stunde wurde in dieser Felsenhalle der eigentliche Gegenstand der Versammlung aufgenommen. Man kehrte in den ersten Saal gar nicht zurück. Die Genossen sollten bei Tagesanbruch der größeren Vorsicht wegen über die ägyptische Totenstadt hinweg nach Alexandria zurückkehren. Biblios führte die Beratung auf die nahe bevorstehende Bischofswahl und empfahl in ähnlicher Weise, wie er es vorher im Kreise seiner Getreuen getan hatte, für Timotheos zu wirken. Daran knüpfte sich eine Debatte, welche anfangs friedlich zu verlaufen schien; denn die meisten Redner stimmten schließlich, nachdem sie ihre Privatbedenken losgeworden waren, für die Meinung des Märtyrers Biblios. Erst als einer der gemaßregelten Geistlichen unklugerweise das Glaubensbekenntnis des Timotheos vorlas, um ihn dadurch den Nazarenern besonders zu empfehlen, war den Gegnern eine Handhabe geboten. Der Steinträger stellte dem Bekenntnis das seiner eigenen Gruppe gegenüber. Vom ganzen Alten und Neuen Testamente ließ er nichts für echt gelten als die Bergpredigt, diese kommentierte er unter den Jubelrufen seiner Anhänger, gründete auf jeden Satz den Umsturz der Gesellschaftsordnung und verlangte für diese Lehre die Anerkennung, daß sie das wahre Nazarenertum sei. Ebenso heftig erwiderte Biblios. Er sagte geläufig das alte Glaubensbekenntnis der Nazarener auf, wie es sich aus der arianischen Lehre entwickelt hatte und wie es vor beinahe fünfzig Jahren zum Grundpfeiler der Partei gemacht worden war. Andere Redner ergriffen das Wort. Mit etwas mehr Bildung und Weltkenntnis sprachen Handwerksmeister und Geistliche für die Dogmen des Biblios; wild und ungeschlacht, aber aus einer fanatischen Überzeugung heraus sprachen drei Arbeiter für die Meinung des Steinträgers. Immer mehr engte sich der Streit ein. Über das hohe Menschentum Jesu Christi waren die Gegner einig. Sie stritten jetzt über den wahren Willen Gottes. Drei Stunden schon dauerte das Wortgefecht. Da nahm Biblios wieder das Wort und hoffte einen glücklichen Schlag zu führen, wenn er den Neuling Wolff als einen Unparteiischen zum Zeugen riefe. Dieser junge Mann, der einzige in der Versammlung, der ein Gelehrter wäre, der in Athen studiert hätte, müßte die Wahrheit wissen. Und Wolff, der Sohn des alten Fähnrichs, hätte sich sofort für Timotheos und damit für Biblios und seine Lehre über den wahren Willen Gottes erklärt. Alles wurde still und blickte nach dem blonden jungen Manne, der ohne Verlegenheit mit gekreuzten Armen an der Felswand lehnte. Der alte Fähnrich selbst hatte nicht weit davon eine Fackel in eine Zwinge gesteckt, um die Meinung des Sohnes besser von seinem Gesicht ablesen zu können. Wolff war beinahe froh darüber, daß er zum Reden gezwungen wurde. Er streckte nur einmal die rechte Hand aus und sagte dann mit seiner gewohnten ruhigen Stimme: »Ich habe meinen Beistand zugesagt, damit Timotheos gewählt würde. Und ich bitte euch alle, auch die Ezukontianer, gegen die Gottesverkäufer für ihn zu stimmen und für ihn zu agitieren. Denn Timotheos ist ein guter Mann, und wir haben auf dem erzbischöflichen Stuhl von Alexandria noch niemals einen guten Mann gehabt. Wenn ein oberster Bischof sein soll, so bin ich für Timotheos. Wenn aber die Meinung aufgestellt werden sollte, daß wir überhaupt keinen obersten Bischof brauchen, so will ich diese Meinung verteidigen. Brüder, da ihr mich anhört, so hört mich auch zu Ende an. Ihr scheint gar nicht zu wissen, daß es etwas ganz Neues ist, daß große Menschenhaufen verpflichtet sein sollen, ein und dasselbe zu glauben. Jawohl, ich habe viele Bücher gelesen, und ich sage euch, diese Neuerung haben erst die christlichen Bischöfe aufgebracht. Es ist wahr, erlogene Götzen waren die Götter der Griechen und Römer. Aber es waren gute Götzen. Sie zwangen keinen, ihnen zu opfern. Und Jesus Christus, er selbst hat den Zwang, das Gesetz, in seinem Volk abgeschafft. Ihr aber, liebe Brüder, seid mir teuer, weil ihr die einzigen seid unter den Christen, so glaubte ich bis heute, die gut sind und nicht böse Pfaffen. Nur in diesem Einen wissen wir uns einig, daß unser Heiland Jesus Christus uns erlöst hat durch sein Vorbild, durch seine Liebe von unserer Bosheit, von unserer menschlichen Schwäche. Jeden einzelnen von uns besonders hat er erlöst, denn jeder von uns hat seine eigene Bosheit und Schwäche. Gemeinsam kann uns nur ein Gefühl sein, nicht eine Satzung, nur die Liebe, nicht das Bekenntnis. Wenn ihr aber um Dinge streitet, die ihr nicht kennt, so seid ihr Pfaffen, wie die anderen auch. Pfaffen, wenn ihr heute auf das alte Glaubensbekenntnis der ersten Nazarener schwört, Pfaffen, wenn ihr aus der ganzen schönen Welt der Evangelien einige Zeilen allein herauswählt und uns auf sie allein verpflichten wollt. Im Dunkel der Nacht sind wir versammelt, um einst für die Freiheit unserer Seele zu kämpfen, und hier diese meine Arme sollen euch nicht fehlen am blutigen Tage. Aber ihr seid nicht wert zu kämpfen für die Freiheit eurer Seelen, wenn ihr euch bindet an Worte und Bekenntnisse, wie die Mönche. Eines nur darf uns binden, unser Gefühl, unsere Liebe zum Heiland, zueinander! Wer im übrigen nicht frei ist, der ist kein Nazarener!« Es war stille in der Felsenhalle. Plötzlich stießen einige Hunderte der Versammelten einen Ruf aus, wie einen freudigen Kriegsschrei. Dann wurde es wieder still. Biblios streckte seinen rechten Arm aus, daß der blutrote Stumpf schrecklich aus dem weißen Ärmel hervorsah. Er rief: »So bist du abgefallen? Wir beobachteten dich aus der Ferne, wir freuten uns deines Fleißes und deines Eifers und hofften dadurch, dich, einen der Unseren, einst auf einen Bischofssitz zu bringen!« Wolff zuckte die Achseln. Vor ihm stand sein Vater, er hob die Hände und murmelte: »Aber ich habe ja gelobt...« Biblios erhob seine Stimme mächtig: »Wolff, der Sohn des alten Fähnrichs, hat uns getäuscht! Sein Vater – und er wußte wohl, warum – hat uns gelobt, sein Sohn sollte ein Mönch werden, draußen in der Wüste dem wahren Christentum eine Stätte bereiten und mit seinem Ansehen unserem Rufe folgen, wenn wir einst mächtig genug geworden sind, um einen der Unseren an die Spitze der Christenheit zu berufen!« Da schwang sich Wolff auf einen Vorsprung des Felsens und hielt sich mit der linken Hand an der Kante einer Grabwand, streckte die Rechte aus und rief: »Das Christentum aber soll keine Spitze haben, sondern soll friedlich in jedem von uns wohnen! Mich aus der Reihe der Menschen auszuschließen, mich zum Mönche zu geloben, dazu hatte niemand ein Recht! Das könnte ich nur selbst wollen, wenn ich etwas vom Geiste Johannes des Täufers in mir fühlte! Brüder, zwingt mich nicht. Ein Christ bin ich, wahrhaft und treu, und werde eher sterben, als den Herrn zu verleugnen und etwa dem römischen Götzen zu opfern. Aber auch euren Götzen opfere ich nicht. Beklagt mich, wenn ihr müßt, weil ich nicht ganz bin, was ich möchte. Ich freue mich meines Heilands, aber ich bin nicht so sehr Christ, daß ich alle seine Lehren befolgen könnte. Ich kann nicht meine Feinde lieben, ich kann nicht meine Backe zum zweiten Streiche bieten, ich kann nicht auf die Schönheit der Welt verzichten. Vielleicht, wenn das Christentum zweitausend Jahre alt sein wird und kein Bekenntnis mehr, sondern nur noch ein Gefühl, vielleicht wird dann eine Nachfolge Christi leichter sein. Ich will sterben für meinen Heiland, aber bis dahin glücklich leben in der schönen Welt seines Vaters.« Aristokrat und Epikuräer wurde Wolff da von der Partei des Steinträgers geschimpft, Anarchist und Atheist von den Parteigängern des Biblios. Schließlich entspann sich ein langer Streit um die Frage, ob die Welt schön sei oder nicht. Und viele Klafter tief unter der Erde, in der feuchten Felsenhalle, kämpften die Parteien darum, bis die Fackeln erloschen und durch den Spalt ein gelbliches Licht hereinschimmerte. Da löste Biblios unzufrieden die Versammlung auf. Unter allerlei nachhallendem Gezänk stiegen die Männer immer einer nach dem anderen über die Stufen der Felsenenge dem Ausgang zu, der ägyptischen Totenstadt. Mit einer frischen Fackel geleitete der alte Fähnrich seinen Sohn und den Märtyrer durch alle Gänge und Hallen in das Gespensterhaus zurück. Biblios sprach kein Wort. Erst als sie sich auf dem Flur des Hauses im hellen Morgenlicht trennten, sagte er zu seinem Wirt: »Ich habe dir die Tat einst verziehen, weil deine trügerische Stimme mir versprach, dein kleiner Sohn werde uns retten. Schau jetzt zu, ob dein Sohn, der Pfaffenfeind, einen Mörder absolvieren kann.« Beleidigt und stolz ging Biblios in seinen Turm zurück. Der alte Fähnrich folgte demütig seinem Sohne hinauf in die Stube, wo die ewige Lampe ihren rötlichen Schimmer auf die alten Waffen warf. Dort tat der Alte geschäftig, seinem Sohne zur Stärkung einen Krug mit Wein zu füllen. »Wolff, ich kann nicht lesen und nicht schreiben. Du aber weißt alles, du hast alles gelernt. Was war es mit dem Kaiser Julian?« Wolff sagte nach einem mächtigen Zug: »Der Pate der schönen Hypatia? Er war der letzte große Kaiser. Er war vielleicht heimlich selbst ein Nazarener. Er verstand besser als andere die Lehren des Arios. Freilich als römischer Kaiser fürchtete er die echten Christen, weil ihnen die Welt und der Staat gleichgültiger sind als das Himmelreich. Als römischer Kaiser haßte er aber auch die Kirchenfürsten, die aus dem neuen Glauben anfingen ein neues Joch zu schmieden für die Knechte des Reichs. So bedauerte er die echten Christen, und so verfolgte er die Bischöfe, welche das Wort des Heilandes verschacherten und mit dem Erlös einen neuen Staat errichteten zu ihrem eigenen Vorteil. Da täuschten die Bischöfe die echten Christen und hetzten auch sie gegen den armen Kaiser.« Der alte Fähnrich beugte sich vor seinem Sohne und rief: »Wolff, da hilft ja nichts. Du hast ja doch in deinen Büchern alles gelesen. Du hast gewiß verstanden, worauf Biblios vorhin angespielt hat, du hast in deinen vielen Büchern gewiß auch gefunden, warum dieser Bogen hier so rot ist. Sag es nur. Du weißt es ja, daß ich den Kaiser erschossen habe!« Er stürzte zu Boden und schrie: »Ja, ja, ja, ja, ich habe es getan, weil er mich vor dem Regiment degradiert hat, und weil alle Christen es wollten, und weil Athanasios es von mir verlangte! Hier mit diesem Bogen, von hinten, in der Morgendämmerung. Er hat es nur zwei Stunden überlebt. Ich schon fünfundzwanzig Jahre!« »Hat es die Mutter gewußt?« »Das weißt du nicht? Ach so, das kann ja halt nicht in den Büchern stehen. Jenseits der Alpen hatte ich sie gefunden, die Tochter eines Fürsten, nach Kriegsrecht. Sie wohnte in meinem Zelte und in meinem Hause, und beim Heiland, der Sklave war ich. Alles war umsonst. Sie wollte mich nicht. Einmal des Nachts, nach dem persischen Feldzug, ich vergaß mich, sie griff hier nach diesem Dolch, da wurde ich zornig und es entfuhr mir, welches Blut ich schon vergossen hätte. Ich weiß nicht warum, aber da wurde sie mein Weib und duldete mich freundlich. Sie bekannte sich begeistert zu der Lehre Christi. Vielleicht mochte sie mich um meiner Tat willen. Wir armen dummen Leute erfahren ja nie etwas. Sie aber war ein Fürstenkind und konnte lateinische Bücher lesen... Sie gebar dich mir und nährte dich, und du wurdest schön und stark. Und als ich dich einst unserer Kirche gelobte, damals, als ich erfuhr, daß der Bischof ein Ketzer wäre und nur Biblios den wahren Glauben hätte, da bat mich mein Weib um Urlaub und ging mit dir in ihre Heimat. Sie wollte, sagte sie, sehen, ob ihre Verwandten noch lebten, und wie sie lebten. Ich glaube, sie wollte für dich ein Fürstentum suchen in ihrer Heimat. Fünf Jahre ließt ihr mich allein. Fünf Jahre hat sie für dich ein deutsches Fürstentum gesucht. Dann kam sie zurück, müde und blaß. Sie starb und du warst groß geworden. Und Uli nannte sie dich jetzt. Wolff, um deiner Mutter willen verlaß mich nicht. Ich weiß ja nicht, was ich getan habe!« Der alte Fähnrich strich sich die grauen Flechten aus dem Gesicht, um Wolff besser in die Augen sehen zu können. Dann lachte er auf und preßte den Sohn an seine Brust. 4. Der neue Erzbischof Die Wahl des neuen Erzbischofs war auf Anfang September festgesetzt. Als der arge Theophilos während eines seiner Zornanfälle zum Sterben kam, galt es für ausgemacht, daß sein Nachfolger aus einer der volksfreundlichen Parteien gewählt würde. Man erinnerte sich, während der alte Erzbischof mit dem Tode rang, an seine greulichen Worte und an seine noch greulicheren Taten. Als junger Mann schon hatte er in einer großen Wahlschlacht selbst zum Messer gegriffen. In seiner hohen Stellung hatte er dann in bisher unerhörter Weise die Gegenparteien beschimpft und bedroht und bei der Verfolgung seiner ehrgeizigen Absichten weder das Leben des einzelnen geschont, noch die Not der Stadt. Er zuerst hatte in rücksichtslosem Hasse solche Wahlkämpfe eingeführt. Er zuerst hatte die Wähler gelehrt, die Gegner wie im Kriege zu überwinden durch Hunger und Wunden. Freilich schmeichelte es auch der Eitelkeit der ägyptischen Residenzbewohner, daß der Mann ihrer Wahl, einerlei, durch welche Mittel, eine der angesehensten Personen des Reichs geworden war. Auf den Reichstagen der Kirche war der Erzbischof von Alexandria der ausschlaggebende Mann. Seine Verehrer nannten ihn einen Patriarchen, und selbst seine Nebenbuhler von Rom und Konstantinopel fühlten sich von seinem Ansehen gedrückt. Es war alle Aussicht vorhanden, daß Alexandria die Hauptstadt der christlichen Welt würde, daß die Bischöfe von Alexandria als Statthalter Gottes auf Erden in die Lage kämen, der ganzen Christenheit vorzuschreiben, wie sie zu glauben, zu denken und zu handeln hätten. Das reizte nicht allein den Stolz und die Schaulust der Großstädter vom Nil, sondern versprach ihnen auch beträchtliche Einkünfte für ungemessene Zeiten. Von dem Nutzen für das Seelenheil gar nicht zu reden. In die Vorbereitungen zur Wahl fiel ein aufklärendes Wort des Statthalters, der bei einem Diner inmitten der Ältesten der Kaufmannschaft die Bemerkung hinwarf: gewiß sollte Alexandria sein hohes Ansehen behaupten; aber gerade darum müßte der neue Erzbischof ein Mann des Friedens und des Kompromisses sein; die Zeiten der blutigen Wahlkämpfe wären vorüber, der Staat würde einen Extremen, einen Fanatiker nicht unterstützen. Solche Worte schienen deutlich auf den Erzpriester Timotheos gemünzt zu sein, einen Mann aus der arianischen Zeit, den Sohn eines Knechts, einen emporgekommenen Proletarier, der zwar unter dem blutigen Theophilos sich der herrschenden Partei unterworfen hatte, aber keiner von den lauten Überläufern geworden war, vielmehr heimlich immer wieder die alten Genossen zu schützen suchte. Ob das aus Furcht vor ihrer Rache geschehen, oder aus Güte, das war schwer zu sagen; genug, Timotheos hatte bei den armen Wählern der Vorstädte großen Anhang; und wenn ihn zugleich die Regierung unterstützte, so mußte ihm die Mehrheit zufallen. Die orthodoxe Partei schien von der Tischrede des Statthalters so erschreckt zu sein, daß ihr Kandidat anfangs gar nicht hervorzutreten wagte. Erst acht Tage vor der Wahl erschienen an allen Straßenecken von Alexandria Maueranschläge, in denen der Neffe des blutigen Theophilos, Kyrillos mit Namen, sich zu dem hohen Amte meldete, seiner guten Vaterstadt Alexandria, den Patriziern sowohl wie den letzten Bettlern, goldene Berge versprach und am Schlusse die Worte des ersten Beamten aufnahm, um sie zu seinen eigenen zu machen. Auch er wolle nur den Frieden zwischen den Parteien und durch den Frieden Macht und Ansehen für Alexandria. Der Wahlkampf geriet in eine ungeheure Verwirrung. Beide Parteien beriefen sich auf das Programm des kaiserlichen Statthalters, und von den grundlegenden Gegensätzen war gar nicht mehr die Rede. Die Volksredner in den einzelnen Bezirken hätten manche ihrer Ansprachen ebensogut für Timotheos wie für Kyrillos halten können. Es handelte sich nur darum, welche von den beiden Personen der Statthalter für geeigneter hielt, sein Programm auszuführen. Er äußerte sich nicht, und einige Tage tappten alle Regierungsfreunde im Dunkeln. Doch plötzlich erfuhr man, daß Timotheos an die Behörde ein selbstbewußtes Schreiben gerichtet hätte, in welchem er verschiedene Streitpunkte zwischen Staat und Kirche auseinandersetzte, zwar höflich, aber entschieden deren Beilegung verlangte, daß dagegen Kyrillos vom Statthalter empfangen worden wäre und ihm genügende Garantien für seine gut kaiserliche Gesinnung gegeben hätte. Da ergriff ein dumpfer Zorn die Männer von der untersten Wählerklasse. Plötzlich schien das Schlagwort gefunden, unter welchem man für die Partei der Armen und Enterbten streiten wollte. Der Neffe des Theophilos war bis dahin ganz und gar nicht politisch hervorgetreten, und dennoch schien seine eilige Unterwerfung unter die byzantinische Allmacht alles zu verraten, wessen man sich von ihm zu versehen hätte. Man kannte den Neffen des Theophilos bisher nur als einen stimmgewaltigen guten Redner, dessen Kunst bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen in den ersten Häusern der Stadt beliebt war. Besonders die Damen schwärmten für seine klangvoll dahinrollende Stimme. Er war ein stattlicher Mann, dessen breites, glattrasiertes Gesicht Züge einer stupiden Härte gezeigt hätte, wenn nicht durch ein unveränderliches Predigerlächeln der Ausdruck gemildert worden wäre. So ausgestattet, benutzte Kyrillos die letzten Tage, um mit eigener persönlicher Gefahr, wenn auch stets von einem Dutzend seiner Getreuen begleitet, in den schmutzigsten Spelunken der Vorstadt selbst für seine Wahl einzutreten. Seine Rednergeschicklichkeit und seine Lungenkraft erzwangen sich häufig Gehör. Wie er das Programm der Regierung zu dem seinen gemacht hatte, so nahm er auch die schönsten Worte aus dem Evangelium und aus den aufrührerischen Schriften der demagogischen Sektenführer in seinen Gedankengang auf, und wenn man ihm so lauschte, hätte man glauben müssen, ein asketischer Mönch aus der Wüste wäre als neuer Messias erschienen, um zu gleicher Zeit den allmächtigen Staat auf der Erde und den allmächtigen Gott im Himmel vor den Unordnungen der Alexandriner zu schützen. Aber ein sicherer Instinkt warnte trotzdem die Wähler der Vorstadtbezirke. Man glaubte dem reichen Neffen des Theoptzilos nicht, dem mehrere Zinshäuser in der teuersten Stadtgegend gehörten und dessen Küche selbst in Finanzkreisen berühmt war, dem Manne, der sich vor der Wahl blindlings der Regierung in die Arme warf, man traute ihm nicht, obwohl man an die guten Absichten der Regierung glaubte. Mitunter wurde der Redner Kyrillos, anfangs zu seiner großen Verwunderung, verhöhnt und mit ungekünstelten und deutlichen Antworten heimgeschickt. Und zu derselben Zeit wurde Timotheos fast gegen seinen Willen zum alleinigen Kandidaten des armen Volkes ausgerufen. Man erzählte sich, der alte totgeglaubte Märtyrer Biblios sei aus Asien oder der neuen Welt der Atlantis zurückgekommen, um in den Katakomben gegen den Neffen des Theophilos und für Timotheos zu sprechen. Aber am Wahltage wußte wiederum jeder christliche Sackträger im Hafen von Alexandria, daß das Brot billiger würde, wenn man den Kyrillos wählte. Das hätte der Kaiser selbst versprochen. Eine Wahl wie diese war selbst in Alexandria noch nicht erhört worden. Bis gegen Mittag glaubte man im niederen Volke, daß der verhaßte Kyrillos keine Aussicht hätte, obgleich die untere Wählerklasse nur ein beschränktes Wahlrecht besaß. Kurz nach der Mittagstunde aber ging es wie ein Lauffeuer vom Leuchtturm bis hinunter zum letzten Totengräberhäuschen, daß das Volk betrogen worden sei. Im letzten Augenblick hätte man sämtlichen hohen und niederen Beamten, die noch kein Wahlrecht besaßen, durch eine neue Gesetzesauslegung ein solches verliehen. Die Ausländer wären naturalisiert worden, die Nichtchristen in Massen getauft, die Neuangekommenen durch Verleihung von Titeln und Ämtern zu Bürgern der Stadt gemacht worden, und endlich hätte Kyrillos ein ganz neues System der rücksichtslosesten Beaufsichtigung durchgeführt. Kolonnenweise zogen die christlichen Gesellenvereine zur Wahl, kolonnenweise die Innungen, kolonnenweise die Beamten und die invaliden Soldaten. Umsonst rafften die kleinen Leute, die Arbeiter und die Knechte, in letzter Stunde ihre Scharen zusammen, umsonst versuchten sie es gegen Abend, mit Waffengewalt die Fälschung der Wahl zu verhindern, sich den Eintritt in die Lokale zu erzwingen und durch ihre Gegenwart allein zu beweisen, daß die wahre Mehrheit nicht auf seiten des Kyrillos sei. Umsonst! Die Truppen waren konsigniert worden, und bevor noch das Signal zum Aufstand, welches aus der Gegend des vernichteten Serapeums herzukommen schien, bis in die entfernten Stadtgebiete gelangt war, waren schon die bedrohten Punkte von Soldaten besetzt. Trotzdem brach der Aufstand los. Namentlich in der westlichen Vorstadt wurde heftig gekämpft. Und während laut schreiend Frauen und Kinder herbeieilten, um die Leichen ihrer Ernährer aus dem Gedränge zu retten, während viele Hunderte von Verwundeten in den Straßen umherlagen, die einen sich und ihr heißes Blut verwünschend, die anderen die Pfaffen, wurde in der Kathedrale der Stadt verkündet, daß der heilige Mann Kyrillos durch den Willen des Volkes Erzbischof von Alexandria geworden sei. Aber zur selben Zeit, da die Stadt durch die Wahlkämpfe aufs äußerste in Angst und Unruhe versetzt wurde, vollzog sich ganz still dieses und jenes Ereignis, welches den beteiligten Kreisen noch wichtiger schien als der Streit um den erzbischöflichen Stuhl von Alexandria. Die schöne Hypatia hatte die stumme Trauer um ihren Vater beendet und außer ihrer Vorlesung über das Ptolemäische Weltsystem noch ein publicum : »Die religiöse Bewegung und Kritik des Christentums« angekündigt. Das astronomische Kolleg war gut besucht; außer den Studenten des Fachs erschienen noch zahlreiche junge Leute anderer Fakultäten, selbst manche Professoren, und alle staunten über die Schärfe der Logik, mit welcher das junge Weib das Lehrgebäude des größten Alexandriners angriff. Das publicum aber, welches jeden Sonntag von Neun bis Elf gehalten werden sollte, fand einen solchen Zulauf, daß es gleich am ersten Tage aus dem Hörsaal der Hypatia nach der großen Aula an der Hafenstraße verlegt werden mußte. Die vier jungen Gelehrten aus Athen hatten sich zur rechten Zeit wieder zusammengefunden. Um die Wahlbewegung kümmerten sich Troilos und Alexander ganz und gar nicht, trotzdem dem letzteren vom Vater geraten worden war, sich der Regierung zur Verfügung zu stellen. Synesios, als Patriziersohn, gab seine Stimme gleichgültig für Kyrillos ab. Wolff mochte sich wohl etwas tiefer eingelassen haben. Wenigstens erschien er am Tage nach der Wahl im Kolleg mit einem schwarzen Pflaster über der linken Wange und trug überdies die rechte Hand in einer Binde. Er lachte aber auf alle Fragen und versprach binnen wenigen Tagen wieder imstande zu sein, jeden die große Treppe hinunterzuwerfen, der die Vorlesung Hypatias stören wollte. Drei Tage früher nämlich, am Sonntag vor der Wahl, war es geschehen, daß Hypatia die erste öffentliche Vorlesung gehalten hatte und dabei durch den Andrang der Zuhörer zur Übersiedelung gezwungen worden war. Die vier Getreuen hatten, trotzdem sie noch vor Schluß der akademischen Viertelstunde kamen, nur noch einige Plätze an der Tür erobert. Von da aus konnten sie am besten beobachten, daß in ihrer Nähe junge Leute standen, die offenbar in feindlicher Absicht hierhergesandt worden waren. Sie machten ziemlich laut ihre schlechten Witze über das schöne Fräulein Professor, versuchten es, unanständige Geschichten mit der Lehrerin in Verbindung zu bringen und der ganzen Vorlesung etwas von einem studentischen Ulk oder einer lustigen Hetz zu geben. Als das Kolleg nun mit Rücksicht auf Hunderte von abgewiesenen und draußen lärmenden Studenten sofort nach der großen Aula verlegt wurde und die zusammengeströmten Zuhörer durch die Gänge und über die Höfe der Akademie nach dem anderen Saale stürmten, riefen die vier Getreuen einander zu, sie wollten die Leibwache der edlen und schönen Frau sein. Von Alexander geführt, dem ein Diener für ein gutes Trinkgeld eine sonst verschlossene Verbindungstür öffnete, erreichten sie die Aula zuerst und besetzten lustig triumphierend die erste Mittelbank, gerade dem Katheder gegenüber. Sie hatten es nicht zu bereuen. Als Hypatia nach einer leisen Verbeugung Platz nahm und Synesios vor Verblüffung über das, was er sah, sich niederzusetzen vergaß, als Wolff ein unverständliches deutsches Wort zwischen den Lippen herauspreßte, da sahen einander auch Alexander und Troilos verwundert an, und Troilos schrieb noch vor Beginn der Vorlesung auf einen Zettel: »Es gibt endlich etwas, woran ich nicht zweifle: daß Hypatia schön ist.« Alexander schob den Zettel zurück. Er hatte darunter geschrieben: »Das hohe Lied Salomonis, das vierte Kapitel, zwölfter Vers.« Ein einfaches schwarzes Kreppkleid floß in matten Falten vom Hals zu den Knöcheln der Lehrerin nieder. Es war nicht modern und nicht veraltet, nicht geschickt gewählt und auch nicht unkleidsam; es war, als ob die schöne Lehrerin gerade so und nicht anders gekleidet sein müßte. Die Fülle ihres schwarzen Haares, aus dem über der linken Schläfe eine dünne graue Haarsträhne wie ein Maskenscherz hervorschimmerte, hatte sie fast gewaltsam zu einem dichten Knoten verschlungen; aber wer den Knoten bei einer Bewegung des Kopfes erblickte, der mochte fragen, wie diese Wellen niederfließen müßten, wenn sie nicht gewaltsam zurückgehalten würden, niederfließen um Wangen und Schultern hinab bis zum Gürtel. Doch auch ohne den Rahmen der schwarzen Locken leuchtete das ruhige Oval des Gesichtes wie von einem überirdischen Schein. Die bleichen Wangen rundeten sich langsam; und ohne daß auch nur ein Ansatz von Grübchen vorhanden gewesen wäre, huschte es wie ein Schatten von Grübchen darüber hin, als die Aula sich immer weiter und weiter füllte, und Hypatia verlegen lächelte wie ein Kind am Geburtstag. Der Mund war nicht klein und die Zähne groß. Darüber die kräftige Nase und die edle, fein modellierte, an den Schläfen von bläulichen Adern gefärbte Stirn. Was aber dem Gesicht seinen unvergleichlichen Ausdruck gab, das waren die großen schwarzen Kinderaugen, die anfangs wie hilflos in froher Verlegenheit in die Schar der Studenten hineinstarrten und dann während des Vortrags leblos wie die Marmoraugen einer Götterstatue und doch wieder leuchtend von innerem Leben, über die Zuhörer hinweg, durch die Wände hindurch, irgendwo etwas Fernes, Großes schauten. Die tiefe, weiche Stimme der Rednerin endlich führte völlig hinaus aus den persönlichen Beziehungen, die wohl mancher der Studenten beim Anblick der schönen Lehrerin erträumen mochte. Der war es um die Sache zu tun, das hörte man, nicht um menschliche Eitelkeit. Auch in der Aula hatten einige Studenten in den hintersten Reihen Störung verursachen wollen. Aber unter Führung der vier Getreuen wurden die fremden Elemente energisch zur Ruhe gewiesen, und bei wiederholtem Trampeln der Zustimmung konnte Hypatia ihr zweistündiges Kolleg halten. Es war aber diesmal nur eine fast trockene Einleitung. Sie habe sich die Aufgabe gestellt, die in mathematischer Schulung erworbenen Fähigkeiten an die höchsten Aufgaben zu wenden, an die Prüfung der neuen Weltanschauung. Das Christentum scheine ja die kultivierte Menschheit erobern zu wollen. Da sei es für den Philosophen an der Zeit, die Beweisgründe dieser Religion zu prüfen: ob die heiligen Schriften der Christen wirklich einen höheren Ursprung hätten als die Bücher anderer Leute, und ob, den göttlichen Ursprung und all die Wundergeschichten zugegeben, Übereinstimmung wäre zwischen dem Leben der Christen und den Lehren ihrer heiligen Schrift. Das wolle sie untersuchen. Sie habe einen großen Vorgänger gehabt an dem unglücklichen Kaiser Julianos, der mit mehr Menschenkenntnis und unvergleichlichem Witz die Wundergeschichten und Dogmengebäude der Bischöfe für jeden philosophischen Leser aus der Welt geschafft hätte. Doch nach dem frühen Tode des großen Kaisers sei eine wahre Hetzjagd nach seinen Schriften unternommen worden; besonders der damalige Bischof von Alexandria habe alle Bücher des Julianos verbrennen lassen, als ob Feuer die Wahrheit vernichten könnte. Hypatia schloß für diesmal mit einer begeisterten Darstellung von Julianos Charakter. »Ein armer Lehrer unserer Akademie ist nicht imstande, irgendeinen der Pläne aufzunehmen, mit denen Kaiser Julianos das Erbe griechischen Geistes unverkürzt auf die Nachwelt bringen wollte. Schon bricht das Reich zusammen, und niemand ist da, die Grenzen zu schützen. Barbaren vom Norden, Barbaren vom Osten zertragen das Erbe des Reichs. Sein Geist aber, der Geist des großen Kaisers, soll nicht untergehen; und auch ein armer Lehrer unserer Akademie darf es sich zum Lebenswerk setzen, Julians Kritik der neuen Religion zu suchen, wiederherzustellen und fortzuführen nach Kräften und Vermögen. Diese Arbeit habe ich auf mich genommen und erwarte einst keinen anderen Lohn als den Lohn des Kaisers Julianos.« Es verstand sich von selbst, daß die nächsten Studenten, unter ihnen die vier aus Athen, das Fräulein Professor, das von Feinden bedroht schien, nach Schluß der Vorlesung die wenigen hundert Schritte bis zu ihrer Wohnung geleiteten. Bescheiden, in angemessenem Abstand, aber doch nahe genug, um jede Beleidigung verhindern zu können. Ähnlich verlief die zweite Vorlesung am Sonntag nach der Wahl. An diesem Sonntag aber hatte der neue Erzbischof seine erste Predigt in der Kathedrale gehalten. Und er war nicht wenig ungehalten darüber, daß die Kirche aus solchem Anlaß nicht so recht gefüllt war. Die Behörden waren zwar ganz nach der Sitte vertreten, die angesehensten Familien hatten ihre festen Plätze nicht leer gelassen, und weiterhin standen in der Vorkirche viele alte Frauen und die Mitglieder der Gesellenvereine, aber Kyrillos sagte sich, während er seine schöne Stimme durch die weite Halle rollen ließ, daß außer den frommen alten Weibern eigentlich niemand freiwillig zu seiner Predigt gekommen sei. Unzufrieden schloß er seine Ermahnung, und unzufrieden nahm er in der Sakristei die Glückwünsche des Klerus entgegen. Das müsse alles anders werden, war der einzige Gedanke, den er in immer, neuen Ansprachen, hoffärtig und nervös, gegen Kleriker und Beamte aussprach. Als er sich nun in deren feierlichem Geleite von dem Portal der Kathedrale über den Hafenplatz hinweg nach seinem Palais zurückbegeben wollte, kreuzte seinen Weg ein Strom von jungen Leuten der besseren Stände, die lebhaft plaudernd aus dem Akademiegebäude herausdrängten. Auf einen fragenden Blick des Erzbischofs erwiderte sein Sekretär Hierax, das sei das Publikum der Heidin Hypatia, die den Sonntag durch ihre Kritik des Christentums entheilige und einen Zulauf habe wie kein Prediger seit Menschengedenken. In diesem Augenblick, da Kyrillos von zwei Studenten, die in ihrem eifrigen Gespräch gar nicht aufblickten, sogar zur Seite geschoben wurde, erschien auf der Treppe der Aula die Lehrerin selbst, hoch aufgerichtet, so ernst und stolz wie auf dem Katheder, das schöne Haupt jetzt nur von einem langen schwarzen seidenen Tuch bedeckt. Nicht weit hinter ihr schritten etwa dreißig Studenten, achtungsvoll und stumm wie eine Leibwache. Ein kurzes Hoch von vielen hundert Stimmen erscholl, und Hypatia verschwand nach einem stillen Neigen des Hauptes, von den Getreuen ruhig gefolgt, um die nächste Ecke des Akademiegebäudes. Der Erzbischof Kyrillos blieb stehen, als ob er duldsam den Strom der jungen Leute verlaufen lassen wollte. Aber über sein glattes Gesicht flog ein gelblicher Schimmer, und der Sekretär flüsterte seinem Nachbar zu: »Das sitzt! Ihre Kritik hätte er ihr vielleicht vergeben, aber den Zudrang nicht!« 5. Ein Statthalter des Kaisers und ein Statthalter Gottes Seit der Bischofswahl war die schöne Stadt Alexandria der Schauplatz von allerlei Kämpfen, welche bald auf offener Straße ausgetragen, bald durch Briefe und Depeschen zwischen der Provinzialhauptstadt und Konstantinopel geführt wurden, aber in dem einen wie dem andern Falle die ganze Bevölkerung lebhaft bewegten. Die beiden ersten Männer der Stadt, der Statthalter und der Erzbischof, stritten darum, wer Alexandria regieren sollte. Die gebildete Bevölkerung, auch die christliche, stand mit ihrer Neigung zu dem kaiserlichen Beamten. Die Großväter der heutigen Bürger waren noch Zeugen gewesen der niederen Stellung und der bescheidenen Lebensführung der ersten alexandrinischen Bischöfe. Das waren damals einfache Vertreter des christlichen Proletariats gewesen, rücksichtslose, ehrliche, redegewaltige Männer, welche in öffentlichen Tagungen die Sache ihrer bedrohten Genossen führten, welche die Sammlungen für wohltätige Zwecke und für die Parteikasse leiteten und über die Verwendung Rechnung legten, welche endlich als die Ärmsten unter den Armen nichts besaßen als ihr nacktes Leben und dieses um der Idee ihres himmlischen Zukunftsstaates willen täglich der Verfolgung preisgaben. Es war für die Patrizier der Stadt kein erfreulicher Anblick, wie aus diesen hungernden Sendboten des Volks allmählich reiche und stolze Pfaffen geworden waren, wie dabei die Not der Mühseligen und Beladenen in keiner Weise nachgelassen hatte, die ehemaligen Proletarierführer aber sich blähten und dem Statthalter des Kaisers den Rang streitig machten. Wie gesagt, die gute Gesellschaft von Alexandria stand mit ihrem Herzen auf seiten des Statthalters Orestes, aber man gehörte nun einmal zu den Christen, und so mußte man sich in jedem Konfliktsfall schließlich doch der Ansicht des Kirchenfürsten unterwerfen. Der Statthalter Orestes war mit seinen fünfundsechzig Jahren dem vierzigjährigen Kyrillos gegenüber im Nachteil. Der neue Erzbischof war ein Landeskind, war tätig und fanatisch. Orestes war kein Ägypter. Er stammte aus der angesehensten und reichsten Familie von Korinth und hatte seine Beamtenkarriere ziemlich rasch in einigen Küstenstädten Kleinasiens und dann im Kriegsministerium von Konstantinopel gemacht, bevor er in ziemlich jungen Jahren als Provinzpräsident und schließlich als Statthalter von ganz Ägypten einen Posten für Lebenszeit fand. Er liebte die Stadt, trieb in seinen Mußestunden archäologische Studien und war in dem heißen Lande nicht gern im Übermaß tätig. Es war nicht seine Meinung, sich ohne Zwang Arbeit aufzuhalsen. Sein Bureau erledigte die laufenden Geschäfte, und er selbst unterschrieb pflichtgetreu, was zu unterschreiben war. Doch in den zwanzig Jahren seiner Amtstätigkeit hatten ihn die Schicksale seiner Provinz nicht ein einziges Mal sonderlich aufgeregt. Er war sich bewußt, die Gerechtigkeit im Lande gewissenhafter zu handhaben als die meisten seiner Kollegen, und an Milde und Menschlichkeit sie alle zu übertreffen. Von Wichtigkeit war nur, daß man in Konstantinopel mit ihm zufrieden war und ihn nicht eines Tages zwang, aus Gesundheitsrücksichten seinen Abschied zu nehmen. Aber er kannte den Hof und die Residenz. Dort galt diejenige Provinz für die beste, von welcher man am wenigsten sprach, und es war sein Ehrgeiz, Ägypten zur besten Provinz des römischen Reiches zu machen. Dabei verstand es sich für Orestes von selbst, daß dem Kaiser würde, was des Kaisers war. Denn der ununterbrochene Fortbestand dieses römischen Reiches, das war auch für ihn der selbstverständliche Boden, auf welchem sein Leben ruhte, und dazu das Dasein ungezählter Millionen. Der Kaiser mochte ein wahnsinniger Mörder sein oder ein menschenfreundlicher Philosoph, das änderte für Orestes eigentlich gar nichts an dem Wesen des Staates. Ob in dem einen Fall ein paar hundert Köpfe abgeschlagen, ob im anderen Fall ebensoviel hundert Menschen für ihre Tugend belohnt wurden, das war recht gleichgültig, das änderte nichts an der Staatsidee, vor allem aber nichts an der mächtigen Staatsmaschinerie, in welcher er, der Statthalter von Ägypten, kein ganz unbedeutender Teil war. Mochte auch alles drunter und drüber gehen, mochte seit vierhundert Jahren kein Tag vergangen sein, ohne daß in irgendeinem Winkel des unermeßlichen Staates Krieg oder Revolution gehaust hätte, die römische Macht und Größe thronte dennoch unverletzlich und unverlierbar über dem zivilisierten Teil der Welt. Das heilige römische Reich gab allen seinen Bürgern, und natürlich in erster Reihe dem auserwählten Volke der Griechen, Gelegenheit, die Bestimmung des Menschen zu erfüllen: das Leben maßvoll zu genießen, dem Staate ohne Selbstvergessen zu dienen und Kunst und Wissenschaft mit einiger Leidenschaft zu betreiben. Die Familie des Orestes war natürlich seit zwei Generationen christlich geworden. Nur unter der kurzen Regierung des Kaisers Julianos hatte sie wieder den alten Göttern geopfert. Orestes war Christ, so wie er an festlichen Tagen seine Uniform trug. Er zählte das Christentum zu seinen Pflichten, und zwar zu den gleichgültigen Repräsentationspflichten. Er wäre freilich des Sonntags lieber nicht zur Kirche gegangen, aber er schlummerte dort in seiner bequemen Loge fast noch ungestörter als in seinem Arbeitszimmer. Denn in seiner Dienstwohnung war doch eine Störung möglich, in der Kirche, während der Predigt, verbot sie das Gesetz. Der vorige Erzbischof und dessen blutige Verfolgung der Andersdenkenden waren dem humanen Beamten recht lästig gewesen. Aber am Ende waren das alles innere Angelegenheiten der Kirche, in welche sich ein Staatsmann grundsätzlich nicht gern einmischt. Wenn diese christlichen Parteien nun einmal unverträgliche Götter hatten, so mochten sie den Streit untereinander ausfechten. Und der christliche Statthalter schwur beim Zeus, daß diese Pfaffen doch den Teufel im Leibe hätten, sich so für ihre Götter zu erhitzen. Das war doch früher ganz anders gewesen, als die römischen Kaiserinnen, wenn sie Schnupfenfieber hatten, nacheinander von den Pfaffen aller Kulte Gebete sprechen ließen und schließlich – bis zum nächsten Schnupfenfieber – sich zu demjenigen Gotte bekannten, nach dessen Anrufung sie ihre Liebhaber wieder küssen konnten. Die alte, gute Zeit! Orestes war darum recht unangenehm berührt, als der neue Erzbischof, der so treuherzig ein ehrliches Handinhandgehen zugesagt hatte – damals vor der Wahl –, nun plötzlich, kaum daß die Bestätigung aus der Residenz eingetroffen war, herrschsüchtiger und hochmütiger auftrat als sein brutaler Vorgänger. Das erste war, daß der neue Erzbischof auf Grund angeblicher Stiftungsurkunden, die aber niemand mehr lesen konnte, die Statthalterloge in der Kathedrale für sich selbst in Anspruch nahm und dem Beamten einen Platz gegenüber, etwas dunkler und enger, anweisen wollte. Orestes wurde zum erstenmal in seinem Leben dem Grundsatz untreu, an der höchsten Stelle nicht unbequem zu werden. Er schrieb offizielle Beschwerden an seinen Chef, er vertraute sich in liebenswürdigen Plauderbriefen den mächtigsten Damen des Hofes an; aber es half ihm alles nichts, er mußte dem Erzbischof nachgeben und gegenüber der schadenfrohen Domgeistlichkeit in dem neuen »Käfig« Platz nehmen. Er hätte sich persönlich mit der Änderung leicht aussöhnen können, denn in seinem neuen Predigtstuhl schlummerte es sich zur Kirchenzeit noch weit behaglicher als in der großen hellen Loge. Aber in ihm war der Staatsmann verletzt worden, der erste Vertreter des Kaisers; und er konnte es nicht verstehen, daß man in der Residenz dem hierarchischen Hochmut nachgab. Er sah nach wie vor im Kaiser den höchsten Bischof des Reiches, und er vermochte nicht einzusehen, warum die Pfaffen des einen Gottes selbständiger sein sollten als die von dreihundert anderen. In Konstantinopel aber schien man die Vertreter der neuen Schichten durch solche Nachgiebigkeit in Formsachen freundlich stimmen zu wollen, und Orestes war zu sehr Beamter, um nicht am Ende gegen seine eigene Überzeugung zu gehorchen. Leichter wäre ihm die Unterwerfung in einer anderen Frage geworden, welche der heilige Mann Kyrillos ebenfalls gleich nach seiner Inthronisation aufwarf: in der Judenfrage. Die Juden hatten Alexandria gründen helfen. Sie hatten sich wie der Protektion Alexanders des Großen, so auch stets des Schutzes der ägyptischen Könige erfreut und bildeten ihrer Zahl nach, noch mehr aber nach Reichtum und bürgerlichem Einfluß, einen sehr ansehnlichen Teil der Bevölkerung. Seitdem der neue Glaube der Armen und Elenden aufgekommen war, den Pöbel im Sturm erobert und langsam auch die konservativen und vornehmen Anhänger der alten Landeskirche ergriffen hatte, bildeten die freier denkenden, im allgemeinen recht kenntnisreichen und in jeder Beziehung strebsamen Juden von Alexandria den eigentlichen Stamm des Kaufmannstandes. Die Stadt besaß an ihnen die besten Steuerzahler, der Staat die fügsamsten Untertanen. Die Juden konnten nicht mehr so wie früher als eine fremde Rasse betrachtet werden. Während die Ägypter in ihrem eigenen Lande immer noch durch Kleidung, Hautfarbe und Sprache mit den herrschenden Griechen im Gegensatz waren, unterschieden sich die Juden oft nur noch für schärfere Sinne von der griechischen Gesellschaft. Eine leise Spur von Orient war vielleicht ihrer Kleidung, jedenfalls ihrem Gesichtsschnitt und ihrer Aussprache beigemengt, aber dieser kleine fremde Zusatz störte die guten Beziehungen durchaus nicht, ja, man erzählte sich sogar, daß diese pikante Mischung schon öfter das Interesse französischer Gräfinnen und deutscher Herzogstöchter geweckt hätte, während umgekehrt die glutäugigen Töchter jüdischer Großhändler aus Alexandria von den Offizieren der Provinzialarmee häufig und nicht selten mit Erfolg zur Ehe begehrt wurden. Dieses vortreffliche Verhältnis war nur dann von Zeit zu Zeit gestört worden, wenn der süße Pöbel von Alexandria in seiner Not oder im Rausche Lust bekam, einen jüdischen Laden zu plündern. Im Pöbel lag seit undenklicher Zeit ein nationaler Haß gegen die Juden aufgespeichert. An diesen Pöbelhaß knüpfte Kyrillos gleich in einer seiner ersten Predigten an, da er die Gemeinde davor warnte, den Sonntag zu entheiligen. Man habe mit Entsetzen wahrgenommen, daß die ketzerischen Vorlesungen einer verkehrten Wissenschaft gerade am Sonntag die jungen Leute von der Kirche hinweglockten. Wenn reiche Judenbengel einer albernen Mode zuliebe hinliefen, so könne das den Erzbischof nicht wundern. Wenn aber viele Hundert Jünglinge aus den achtbarsten christlichen Häusern in solcher Weise dem Antichrist huldigten, dann würde die Ankunft des Reiches Gottes ins Ungewisse hinausgeschoben werden, betrogen wären die Hoffnungen der Millionen, welche Tag und Nacht beteten, daß die Gräber sich öffneten und die Lebendigen einzögen zu der Herrlichkeit des himmlischen Reiches. Mit diesen Worten begann ganz unscheinbar die Hetze gegen die Juden, und sie wurde bald von allen Kanzeln Alexandrias in lauterer oder leiserer Tonart getrieben. Die Folgen blieben nicht aus, und bald hatte das Polizeipräsidium und schließlich Orestes selbst vollauf zu tun, um die Ordnung in der Stadt aufrechtzuerhalten. Denn so oft die Geistlichen auch versicherten, sie hätten es nur mit dem Seelenheil der Gläubigen zu tun, sie wurden immer mißverstanden; und es verging kaum ein Sonntag, daß nicht die Polizei oder das Militär Plünderungen im Judenviertel oder Schlimmeres zu hintertreiben oder zu ahnden gehabt hätte. Orestes war mit den Juden sehr zufrieden und hatte sie eigentlich gern, wenn er auch ihre kleinen Schwächen gern bespöttelte und sich von seinen Tischfreunden am liebsten alte jüdische Anekdoten erzählen ließ. Er nahm sich der Bedrängten darum ehrlich an und hatte auch die Genugtuung, daß ihm von Konstantinopel aus die Weisung kam, ernsthafte Unterdrückung der Juden nicht zu dulden. Den Hetzpredigten geradezu entgegenzutreten wurde ihm nicht gestattet. Das sei eine rein kirchliche Angelegenheit, in welche die Regierung sich nicht hineinmischen wollte; auch mußte mit den Besonderheiten jeder Provinz gerechnet werden. Endlich seien die Juden an solche kleine Schröpfungen gewöhnt und wären sonst vielleicht gar nicht so vortreffliche Staatsbürger. Und was dergleichen ererbte und erprobte Staatsweisheit mehr war. Der Statthalter war es zufrieden, ließ die Geistlichen aufreizende Reden führen und bestrafte die Trunkenbolde und armen Teufel, welche die Redner falsch verstanden hatten. Er meldete höchstens noch an den Minister, daß unter solchen Umständen sich allmählich ein gefährlicher Zündstoff ansammle und daß da bei Gelegenheit ein unberechenbarer Brand entstehen könne. Noch näher ging dem Statthalter eine dritte Frage, welche der Erzbischof gleichzeitig mit Leidenschaftlichkeit behandelte. Die alte Akademie sollte der Kirche vollständig überantwortet werden; man wollte die letzten Griechen, die da noch ihre alte Wissenschaft lehrten, vertreiben und den jungen Feuerköpfen, welche dort studieren wollten, um ihre Kenntnisse in den Dienst der radikalen Sekten und des politischen Liberalismus zu stellen, die Erlaubnis versagen. Kein Name wurde genannt, aber es war ein öffentliches Geheimnis in Alexandria, daß dieser Kampf sich fast ausschließlich gegen die schöne Hypatia und ihre öffentliche Vorlesung »Kritik des Christentums« richtete. Außer ihr lehrten jetzt nur noch drei oder vier entschiedene Nichtchristen an der Akademie, und das waren alte Fachgelehrte, welche von ihrer religiösen Überzeugung am liebsten gar keinen Gebrauch machten. Hypatia allein stand bewußt der andrängenden Kirchengewalt als Feindin gegenüber, und so wie sie selbst mit ihrer stolzen Erscheinung und ihren berückenden Augen den schönheitsfeindlichen Grundsätzen der neuen Kirche zu widersprechen schien, so lehrte sie auch bei jeder Gelegenheit Liebe für die Welt der Griechen, Liebe zu den Dichtern und zur Natur, Liebe zu den großen Taten der menschlichen Vernunft. Darum strömte in ihrem Hörsaal zusammen, was noch in der Stadt übriggeblieben war an gottlosen, menschlichen, freudigen Griechenherzen. Gegen Hypatia war seit ihrem ersten Auftreten der Pöbel aufgestachelt worden, nicht immer von den Geistlichen der Kathedrale, häufiger von den Büßern, welche unter Kasteiungen und Heimsuchungen das Gottesreich erwarteten und darum außer dem Teufel nichts so sehr haßten als die Götter und Dichter und Denker der Griechen, die doch alle miteinander vom Teufel wären. Doch die Wut der Mönche hatte nicht bis an die Akademie heranreichen können. Nur draußen in den Wallfahrtsorten der Säulenheiligen und anderer heiligen Männer und rings um Alexandria in den schmutzigen Vorstädten der Fellachen und des Christenpöbels bildete sich allmählich die Sage, daß in der Hochburg des Satans, in dem Akademiegebäude von Alexandria, der oberste der Teufel selber hause in Gestalt eines wunderschönen Weibes, eines Vampirs in Mädchengestalt, der den edelsten Jünglingen des Landes nächtlicherweile das Blut aussauge und sie abwendig mache vom wahren lebendigen Gotte, eines Vampirs, der in der Dämmerstunde zu erblicken sei in den alten Teufelsbauten aus der Zeit der Pharaonen, und der unter dem Scheine eines jungfräulichen Lebens Buhlschaft treibe mit geflügelten Ungeheuern. In den Klöstern des Nils sagte man, daß die ersten Gesichte über dieses teuflische Weib ausgegangen wären von dem heiligen Mann Isidoros, der des Nachts vom Teufel sowohl in schönen als in gräßlichen Gestalten heimgesucht würde und der sich dafür den Leib geißelte mit taufend Wunden, der aber in der Sonne Gottes und angesichts des Kreuzes zu lügen nicht imstande gewesen wäre. Von solchen Angriffen hielt der Erzbischof und seine Geistlichkeit sich fern. Der Name Hypatia wurde selten genannt. Aber langsam, langsam erfuhren die besten Familien der Stadt, daß dem Frieden zwischen Stadt und Kirche, dem so wünschenswerten Frieden zwischen dem Statthalter und dem Erzbischof nichts weiter im Wege stünde als diese eine Frau, die schöne Lehrerin, die es doch kaum wert war, daß um ihretwillen die materiellen Interessen der Stadt Schaden litten. Wenn die Hafenanlagen verbessert werden sollten und der Erzbischof ein unbenutztes Stück vom Terrain der Kathedrale nicht hergeben wollte, so hätte sein Zorn über Hypatia das verschuldet. Wenn die Union mit zwei nahe verwandten christlichen Sekten und im Anschluß daran die Auslieferung der Kirchenschlüssel nicht zustande kam, so läge das an Hypatia. Und schließlich glaubte man da und dort, die Schließung aller Wirtshäuser von zehn Uhr abends ab, wie es der Erzbischof direkt in Konstantinopel durchgesetzt hatte, wäre auf seinen Schmerz über die heidnischen Vorträge der Hypatia zurückzuführen. Man hörte in der Stadt nicht auf, die schöne Hypatia als eine Sehenswürdigkeit von Alexandria zu betrachten; man hätte aber nichts dagegen gehabt, wenn das unbequeme Fräulein Professor eine Berufung nach der Residenz angenommen hätte. Orestes nahm sich in seinen Berichten und Privatbriefen seiner gelehrten Freundin mit ungewöhnlicher Wärme an. Sei es nun, daß man dem verdienten Beamten in diesem einzelnen Fall entgegenkommen wollte, oder daß man die mehr als halbtausendjährige große Vergangenheit der Akademie in der letzten Philosophin pietätvoll konservieren wollte, sei es endlich, daß eine griechische Gegenströmung am Hofe von Konstantinopel ihren Willen durchsetzte, oder daß die leitende Frau gerade einem Weibe den Triumph über den allmächtigen Erzbischof gönnte: genug, Orestes erhielt gnädigst den Befehl, den alten Geist der Akademie unnachgiebig gegen die Machtgelüste der Kirche zu schützen und insbesondere der gelehrten Hypatia, dem Patenkind des Kaisers aus dem Hause Konstantins des Großen, jede Förderung zuteil werden zu lassen. Kein Befehl konnte dem Statthalter erwünschter sein. Von allen Besuchern seines prachtvollen Junggesellenheims war ihm niemand lieber als die schöne Philosophin. Er hatte sie lange vor ihrem öffentlichen Auftreten in sein Haus gezogen, um mit ihr wie mit den anderen ersten Gelehrten der Stadt ein angeregtes Gespräch über sein archäologisches Steckenpferd führen zu können. Er hatte sie lieb genug, um ihr fast demonstrativ mit der größten Achtung zu begegnen, und es schmeichelte doch wieder seiner Eitelkeit, wenn der Klatsch der kleinen Leute fragte, ob die schöne Hypatia dem Statthalter für den gewährten Schutz nicht ein bißchen erkenntlich wäre. Seit dem Tode ihres Vaters hatte Hypatia die großen Gesellschaften des Statthalters nicht mehr besucht, aber allmählich gewöhnte sie sich wieder daran, mitunter an seinen zwanglosen wissenschaftlichen Abenden zu erscheinen. Hier wurde sie von der ganzen Gesellschaft neidlos nicht nur als die Gelehrteste und Schönste, sondern auch als die Vornehmste des Kreises gefeiert. Hier war es auch, wo sie im nächsten Frühjahr die vier Offiziere ihrer Leibgarde nacheinander persönlich kennen lernte. Sie senkte mit dem feinsten Lächeln ihr Haupt zum Gruß, als ihr eines Freitag abends die Herren Doktoren Troilos und Synesios vorgestellt wurden. Sie lächelte dankbar, als wenige Wochen später Alexander Jossephsohn am wissenschaftlichen Abend erschien und ihr schon in der ersten Viertelstunde der jungen Bekanntschaft erzählte, die vier Getreuen hätten den Zutritt in dieses Haus durch den wohlgelittenen Synesios zu erreichen gewußt, um als ergebene Leibgarde auch da nicht zu fehlen, wo die Gefahr nicht so deutlich sichtbar war wie auf der Straße. Und an demselben Abend errötete Hypatia doch ein klein wenig, als auch der Flügelmann der ersten Mittelbank vor sie trat, der blonde Wolff, sich stumm vor ihr neigte und sie dann fragte, ob sie es verziehen habe, daß er und seine Freunde sich zu ihren Rittern aufgeworfen und die Plätze in ihrer Nähe erobert hätten. »Sie sind ein tapferer Deutscher,« sagte Hypatia. »Nicht wahr, Sie waren mit dabei, damals ... Sie müssen mir von dem Glauben und von den Bräuchen Ihrer Heimat erzählen.« »Wann darf ich das?« »So oft Sie wollen, daß ich Ihnen aufmerksam zuhöre.« Da begann Wolff von den Bräuchen jenseits der Alpen zu erzählen, von der Heimat seiner Mutter. 6. Die Freier Unbekümmert um ihre Feinde führte Hypatia ihre Studien und ihre Vorlesungen fort. Während sie die Wahrheit suchte, konnte sie doch unmöglich an ihre eigene Person denken. Wenn sie die wahre Umlaufszeit des Planeten Mars berechnete, so war der Erzbischof von Alexandria und selbst der Kaiser von Konstantinopel ohne jeden Einfluß auf das Ergebnis. Ihre astronomischen Vorlesungen verliefen auch völlig ungestört. Obwohl ihre Behauptungen und noch mehr ihre Ahnungen, welche sie offen und unbefangen aussprach, mit der ganzen Anschauung der Zeit zu brechen drohten, so kam doch die Gefahr den Studenten nicht recht zum Bewußtsein. Und die Spione waren nicht imstande, Hypatias Gedanken zu folgen. Ihr theologisches publicum jedoch wurde von Woche zu Woche lärmender und gefährlicher. Fast jedesmal, wenn sie, von ihrer Leibgarde geleitet, die große Aula betrat, setzte es vor Beginn der Vorlesung einen kleinen Kampf zwischen wohlwollendem Getrampel und böswilligem Pfeifen. Fast jedesmal kam es auch dazu, daß einer oder der andere Gegner Hypatias als abschreckendes Beispiel vor die Tür befördert wurde. Die große Mehrheit der Studenten bestand freilich aus Hypatias Verehrern, und sie bemühten sich, durch Ruhe und rasche Justiz möglichst viel von den Vorgängen ihrer Kenntnis zu entziehen. Sie konnten es aber nicht verhindern, daß häufig zum Schlüsse der Vorlesung die Gegner einen Höllenlärm vollführten, weniger um die Lehrerin zu kränken, als um von ihrer Gegnerschaft Zeugnis abzulegen. Gewöhnlich verstummte der Lärm bald, wenn Wolff mit seiner Hünengestalt den Saal durchschritt und halb lächelnd und halb zornmutig auf die ärgsten Schreier losging. Nicht immer kam es zu Schlägereien. Der heiße Frühling war wieder übers Land gekommen, und die Frage nach der Weizenernte beschäftigte wieder alle Gemüter. Die meisten Professoren hatten ihre Vorlesungen unterbrochen. Hypatia aber blieb mit doppeltem Eifer bei ihrer Aufgabe. Wie durch ein Wunder war ihr eine Unterstützung geworden bei ihrem großen Ziel, die kritischen Schriften des Kaisers Julianos zu sammeln und zu ergänzen. Niemand durfte es erfahren, daß es der Oheim Alexanders war, der Buchhändler Samuel, der einige der schlimmsten Schriften des Kaisers für sie aufgetrieben hatte. Bücher, von denen die Kirche glaubte, jede letzte Abschrift wäre vernichtet, fanden sich in der Hinterstube von Samuels Laden und wanderten von da heimlich in die große Bibliothek der Akademie. Hypatia mußte den Gedankengang ihrer Kritik des Christentums unterbrechen, um ihren Kaiser zu Worte kommen zu lassen. Woche für Woche trug sie ihren Zuhörern nichts anderes mehr vor als die scharfsinnigen Ketzereien und die boshaften Witze des Kaisers Julianos. Was die Geistlichkeit endgültig vergessen und begraben glaubte, das wachte wieder auf und wurde Tagesgespräch in Alexandria und ging mit der zweifachen Autorität des Kaisers und der schönen Philosophin von Ägypten hinaus nach Antiochia, nach Rom und nach Konstantinopel. Dabei konnte niemand der Lehrerin ehrlicherweise vorwerfen, daß sie Blasphemien auszusprechen liebe. Sie berief sich ruhig auf die Freiheit der Wissenschaft und untersuchte die Echtheit der Evangelien, wie man sonst die Echtheit der homerischen Gesänge prüfte; sie kritisierte des Bischofs Augustinus neue Lehre von der Willensfreiheit und der Gnade, wie sie den Platon kritisierte. Und die zermalmenden Scherze des Kaisers Julianos, die Scherze über den neuen Himmel, über die Konzilien und die Eunuchen an ihrer Spitze, sie trug sie vor, wie einer ihrer Kollegen die Spöttereien des Lukianos über den griechischen Olymp vortrug. Was dem einen recht ist, sei dem anderen billig. Für die Wissenschaft gebe es keine unantastbare Wahrheit. Denn den Andersgläubigen totzuschlagen oder zu vertreiben, sei doch niemals ein Gegenbeweis. Die Kirchenbehörden fühlten sich ohnmächtig gegen das furchtlose Weib, welches gar nicht zu wissen schien, daß es ohne den Schutz des Statthalters und ohne die unvernünftige Duldung des Hofes verloren war. In der Aula selbst waren ja ihre Gegner eingeschüchtert worden, und auf der Straße hatte sie stets ihre freiwillige Leibgarde. Wohl flog mitunter ein Schimpfwort zu ihr hinüber. »Atheistin, Gottesmörderin!« riefen ihr wohl strebsame Geistliche nach, und auch das Wort »Studentendirne« wurde ihr einmal von einer alten Melonenverkäuferin nachgeschrien. Aber solche Schimpfworte berührten Hypatia nicht. Sie hörte sie wahrscheinlich wirklich nicht. Und wenn sie sie hörte, so glitten sie von ihr ab wie Wasser von einem Schwanenfittich. Was dem Pöbel nicht gelang, das gelang dem Erzbischof: ihre Kampfeslust zu reizen. Kyrillos machte bei der Statthalterei Eingaben, um die Staatsbehörde zum Einschreiten gegen Hypatia zu veranlassen, angeblicher Gotteslästerungen wegen. Orestes teilte der Freundin solche Aktenstücke lächelnd mit, und Hypatia konnte daraus mit immer steigender Entrüstung sehen, wie ihre Worte verdreht, wie dem Kaiser Julianos und ihr selbst Nichtswürdigkeiten und Unanständigkeiten in den Mund gelegt wurden. Gegen Mitte Juni erhielt sie an einem Sonntagmorgen wieder so eine nichtswürdige Denunziation in die Hand. Sie hatte sich eben vorbereitet, Julians Kritik des christlichen Zölibats vorzutragen, weil er jetzt wieder von den strengsten Kirchenlehrern gefordert und unter endlosen Beschimpfungen des Weibes gepredigt wurde. Ähnliche Schmähungen gegen ihr Geschlecht fand sie nun in der Anklage des Erzbischofs wieder. Hypatia warf die Bücher und die Denunziation hin und ging erregt in ihrer Stube auf und nieder. Das wagte der Statthalter der Gottheit von ihr zu sagen! Von ihr, die, seitdem sie denken konnte, alles menschliche Fühlen gebändigt hatte und aufging in den Mauern dieser Akademie; die nichts kannte als die Bibliothek, die Sternwarte und ihren Hörsaal, die von ihrem Schlaf abbrach, um neue Instrumente zu ersinnen, Instrumente, die so ein Erzbischof gar nicht verstand. Wenn der Schiffer fortan mit größerer Sicherheit durch die Säulen des Herkules bis hinauf nach der friesischen Küste fahren konnte, so verdankte er es den Nachtwachen der Hypatia. Das nächtliche Licht in ihrer Stube wagte dieser Mensch zu verleumden. Plötzlich mußte Hypatia lächeln; die Leibwache war vor ihrer Wohnung angetreten, es war Zeit zur Vorlesung. Schneller als sonst, mit höher gehobenem Haupte schritt sie über den Hof und über den Hafenplatz der Aula zu. Ihre Faust zitterte vor Erregung, als sie zu sprechen begann. Sie hatte kein Heft mitgenommen. Wieder begann sie mit Worten des Kaisers Julianos. Sie wies auf den Widerspruch hin, dessen die Kirchenlehrer sich schuldig machten. Sie schickten sich an, ein schlichtes Weib als Gottesmutter zum höchsten Rang im Himmel zu erheben, und gleichzeitig stießen sie das Weib hinaus aus der Kirche, hinaus aus der Gemeinschaft der Gläubigen, ja sogar hinaus aus der Ehe. Eben erst habe der heilige Mann Hieronymus drüben in Palästina gelehrt, ein Knecht des Teufels sei jeder Mann, der ein Weib berühre. Nun, der fromme Hieronymus müsse das ja wissen, da er um seiner Teufelsknechtschaft willen Rom habe verlassen müssen. Aber auf die Person komme es nicht an. Durch die ganze christliche Kirchenlehre gehe ein krankhafter Abscheu vor aller Natur und vor aller Schönheit, und weil im Weibe Natur und Schönheit eins würden im glücklichen Augenblick der Schöpfung, darum hasse das Christentum das Weib, und hasse es dann zumeist, wenn es zu seiner Natur und zu seiner Schönheit auch noch die geistige Freiheit erobern wolle. Hypatia konnte nicht anders. Alle Studenten fühlten, daß sie nicht an sich dachte, daß sie ihre eigene Schönheit nicht zeigen wollte, als sie bei diesen Worten fester und fester die weiße Faust auf ihren Tisch niederdrückte und dann aufsprang und stehend weitersprach mit leuchtenden Augen und mit leuchtender Stirn, wie wenn ein Lichtschein ausginge von ihrem Haupte. »Nicht einwandfrei war das Los des Weibes zur Zeit des Perikles und des Platon. Schwer erkaufen mußten sich die denkenden Frauen der großen Zeit das Recht, ebenbürtige Genossen bedeutender Männer zu sein. Aller Schmutz der Gemeinheit flog über sie her, und nicht alle blieben unberührt. Doch die besten Männer jener Tage waren weit entfernt, das Weib zu verachten. Sie waren zu ehrlich, um sich der Schönheit und der Freude zu schämen, wo Schönheit und Freude ihnen geworden war, sie waren zu ehrlich, um nicht dankbar zu sein, wenn sie mit einer stolzen Genossin austauschen konnten, was die Götter beiden an hohen Gedanken geschenkt hatten; sie waren zu ehrlich, um das begeisterte Weib, das ihr Leben eingesetzt hatte, um zu wissen, um zu lernen, um zu streben, mit einem Wort der Verachtung hinabzustoßen zum Pöbel, zu den Tieren. Und wenn die ganze Welt sich den Sophismen der Kirchenlehrer beugen sollte, ein stolzes Weib wird mit der Götter Willen immer noch übrig bleiben und sich dem widersetzen, daß man dem Weibe seine Menschenwürde nimmt, um die Männer den unbekannten Engeln gleichzumachen. Vielleicht lehrt uns einmal ein neues Volk, daß Liebe zum Weibe auch die höchste Achtung sei. (Und Hypatia hätte ihren kleinen Finger darum gegeben, wenn sie in diesem Augenblick nicht von der Saaldecke hinweg den Schatten eines Gedankens lang nach dem blonden Mann an der Ecke der ersten Mittelbank geblickt hätte.) Ja, meine Herren, verzeihen Sie meine Erregung, aber dieser Kampf um die Wahrheit berührt mich doch am Ende auch persönlich ... Sie wissen nicht, was alles ich hören und lesen muß ... solange also kein besseres Volk kommt, als das der Griechen war, so lange werde ich sagen, daß die Freundinnen der großen Griechen, die Theano, die Thargelia, die Timandra und die vielgeschmähte Aspasia, größere Frauenbilder waren als die Schülerinnen des Hieronymus, die auf alles Menschliche verzichten, auf Schönheit und Glück und auf Wissen, als ob sie sich wirklich selbst bewußt wären, die Krankheit des Menschengeschlechts zu sein. Lieber eine Aspasia als eine Nonne!« Hypatia konnte nicht weitersprechen. Von den letzten Bänken kam das Signal. Zuerst ein greller Pfiff und dann von mehr als hundert wirklich entrüsteten Zuhörern Zischen und Pfeifen und Johlen. Die übrigen Studenten hörten einige Sekunden zu, als ob dieser Ausbruch ein Erfolg der schönen Lehrerin gewesen wäre. Dann sprangen sie auf, die vielen Hunderte wie ein Mann. Und wie aus einem Munde tönte plötzlich begeistert und schmetternd der Ruf: »Es lebe Hypatia!« Sie schwangen ihre Hefte und ihre Kappen, viele schüttelten einander die Hände, sie wußten selbst nicht warum. Und dann ging es über die Gegner. Nicht wie sonst, um Ruhe herzustellen und der Lehrerin ihre Vorlesungen zu sichern. Nein, heute war es anders. Man kann nicht immer Hoch rufen und Kappen schwenken. Man muß einmal seiner höchsten Lust, seiner Freude am Dasein und seiner Schwärmerei für Hypatia Ausdruck geben. Und so sollte es denn auch nur eine Ovation für Hypatia sein, als ihre Anhänger ohne Zorn und ohne Bosheit aus lauter Freude an der schönen Welt die Gegner zerbleuten und auf die Straße warfen. Eine Fortsetzung der Vorlesung war für heute nicht möglich. Etwas beschämt darüber, daß sie sich so weit hatte fortreißen lassen, kehrte Hypatia in ihre Wohnung zurück. Die schlimmen Folgen blieben nicht lange aus. Der Erzbischof konnte sich mit mehr Recht als bisher darüber beschweren, daß sie angesehene Bischöfe persönlich angegriffen hätte; und von allen Kanzeln der Stadt wurde erzählt, daß unter dem Schutze der Regierung von einer Lehrkanzel der Akademie höllische Unsittlichkeiten, ja sogar freie Liebe gelehrt würde. Aber die Stunde hatte noch eine andere Folge: das Weib Hypatia hatte zu den Studenten gesprochen. Zwar ließen es die jungen Leute im Hörsaal nicht an der gewohnten Ehrerbietung fehlen. Da die Gegner und Spione an der letzten Lektion genug hatten, so herrschte während der nächsten Vorlesungen musterhafte Ruhe und Aufmerksamkeit. Doch Hypatia konnte sich nicht mehr bergen vor den närrischen Anträgen ihrer Verehrer. Von einigen fremden Studenten und von vielen Mitgliedern der freiwilligen Leibwache erhielt sie verrückte Briefe, und die vier Getreuen der ersten Mittelbank, da sie mit ihr persönlich sprechen durften, legten ihr mündlich Herz und Hand zu Füßen. Noch mehr, die vier Freunde warben gewissermaßen gemeinsam um ihre Hand, denn wie Hypatia bald erfuhr, hatten sie sich durch einen feierlichen Schwur verpflichtet, das Freundschaftsband nicht zu lösen, wen auch immer das herrliche Weib wählen würde. Selbst dabei blieb es noch nicht stehen. Das Gerücht, daß Hypatia, wie einst Aspasia, in freier Neigung die Freundin eines Mannes werden wolle, drang über Alexandria hinaus. Und so wie Orestes selbst ihr im Scherz als der Perikles von Alexandria sein Herz und seine Treue anbot, so warben um ihre freie Freundschaft hochgestellte Offiziere und Beamte aus der Pentapolis, aus Antiochia, aus Zypern und Kreta, von überall her, wohin das Gerücht von ihrem erneuten griechischen Kultus rasch genug gelangt war. Mit einiger Beschämung vernahm Hypatia das alles. Das Griechentum war doch am Ende nicht mehr rein auf der Welt oder sie war keine echte Griechin. Denn sie konnte den Gedanken gar nicht ausdenken, so eine Periklesfreundin zu werden. Nicht einmal als Gattin eines ihrer Freier konnte sie sich selbst vorstellen. Höchstens etwa ewige Braut hätte sie sein mögen, die Braut eines mächtigen, klugen und lieben Menschen, der sie schützte und ihr einmal ein gutes Wort sagte, wenn sie müde oder traurig war ... Hypatias Trauerjahr war zu Ende. Noch einmal hatte sie in ihrem schwarzen Kleid die astronomische Vorlesung gehalten und nahm jetzt ihr Bad in dem weiten öden Raum neben ihrer Wohnung. In dem großen Marmorbecken saß sie behaglich zurückgelehnt, um ihre hohe Schönheit unbekümmert, und blickte zerstreut auf ihre alte Amme, die schwarzbraune Fellachin, die geschäftig Kleider und Wäsche fortnahm und andere Wäsche und einen langen, weißen, faltenlosen Rock auf das Polstersofa legte. Hypatia wollte sich der Sitte fügen und die dunklen Gewänder nicht länger tragen, als es üblich war. Weiß anstatt schwarz. Farblos das eine wie das andere. Farblos, glanzlos, leblos wie ihr Dasein ... Sie wollte auch heute nicht an sich denken. Nicht an sich und nicht an die Menschen. So hatte sie es gehalten, seitdem sie ihr Leben dem Vater und der Wissenschaft geweiht hatte. Nichts Menschliches denken! Das sollte sie der Gottheit näher bringen. Welcher Gottheit? Nein! Nicht denken! Sie galt für zerstreut. Was wußten die anderen von ihr? Was wußten die anderen, wie es sie trieb zur Menschheit, wie sie die Arme auszubreiten verlangte nach Mitgeschöpfen auf der Erde! Doch sie hatte die Gewohnheit angenommen, nur an leblose Sachen, nur an Wissenschaft zu denken im Ernst und selbst im Spiel. Das half ihr oft. Und wie sie jetzt an der Oberfläche des klaren Wassers ihre hohlen Hände aneinander legte und zwischen den Daumen hinweg einen feinen Wasserstrahl wie einen Springbrunnen emporsteigen ließ, da fiel ihr der öffentliche Garten ein mit seinen Springbrunnen und seinen Laubengängen und den tausend einfachen Menschen, die sich dort harmlos vergnügten. Erdengeschöpfe, die über den Beginn der Nilschwellung schon glücklich waren. Nicht daran denken! Und sie zwang ihre Aufmerksamkeit auf die kleine Wasserkunst, die sie immer wieder vollführte, und sie versuchte aus dem Kopfe zu berechnen, wie lange sie wohl bei dem Flächenmaße ihrer kleinen hohlen Hände die Wassersäule von dieser Stärke emporsenden könnte. Sie rechnete gelehrt und spielte wie ein Kind. Das warme, wohlige Wasser umspülte sie bis zum Halse und netzte ihr die untersten Haarlöckchen, wenn auch das übrige Haargeflecht durch eine drollige Mütze von Wachstuch geschützt war. Hypatia seufzte auf. Sie war so froh darüber, daß sie allein war. Die Fellachin ordnete jetzt das Nebenzimmer, und nur der Marabu stolzierte um das Marmorbecken herum, schüttelte zweimal den Kopf und steckte seinen Schnabel verdrießlich, recht absichtlich, um zu stören, in den kleinen Springbrunnen Hypatias. Dann schüttelte er wieder den Schnabel, um die warmen Wassertropfen loszuwerden, und blickte so verwundert darein, daß Hypatia laut und herzlich lachte. Das schien der Vogel übelzunehmen, denn er stellte sich vorwurfsvoll auf ein Bein neben ihr weißes Kleid und kratzte sich altklug den Philosophenschädel. Auf dem Sofa lag ein Bändchen von Platons tiefsinnigen Plaudereien. Hypatia hatte es beim Auskleiden weggelegt. Der Vogel klopfte mit seinem Schnabel hart auf den Einband. Ich und der Platon! Das andere ist Plunder! Gediegenheit, Ernst gibt ewiges Dasein! Wie einfältig sprudelst du Springbrunnenfaxen! Hypatia lächelte und ließ in ihrem Geiste saalweise die Bibliothek vorüberziehen, die sie ausgeforscht und dann wieder selbst durch eigene Schriften bereichert hatte. Ihr schauderte. Ihr Bad schien kühler zu werden. Wieviele Bücherregale, wieviel Holz und Papier! Wenn eines Tages ihre Feinde kämen, die Mönche aus der Wüste, und der Welt verkündeten, daß es aus sei mit allem irdischen Wissen, oder wenn die Beduinen kämen, drüben von der arabischen Küste, die Beduinen, die so leidenschaftlich zu ihr aufblickten, wie der schöne Synesios – wenn die Mönche oder die Beduinen die Akademie und die Bibliothek erstürmten und darüber nachsännen, was mit den unzähligen Büchern anzufangen wäre, wie dann? Badestuben damit heizen? Warmes Wasser für die ungewaschenen Mönche und für die abscheuliche neue mönchische Welt, die anbrach! Warmes Wasser für eine stille verträumte Badestunde! Das war vielleicht ein besserer Dienst, als was die Hunderttausende von Büchern bisher der Menschheit geleistet hatten. Badestuben heizen! Und sie übte sich wieder im Kopfrechnen und schätzte ab, wieviel warmes Wasser die berühmte Bibliothek von Alexandria wohl liefern könnte. Über ein halbes Jahr würde das Papierfeuer etwa dauern und könnte so lange täglich viertausend Badeöfen heizen, und vielleicht kam bald so ein schwarzer Beduinenfürst und erlöste die Welt vom Wissen und schenkte ihr dafür wohlige Badestuben! Die Mönche freilich, die würden es auch noch für Sünde halten, mit den Forschungen der Philosophen dem armen Menschenkörper diese letzte kleine Freude zu bereiten. Die Mönche – Pfui! Hypatia mußte am Hahn für warmes Wasser drehen, um wieder in behagliche Stimmung zu kommen. Den Urgrund alles menschlichen Wissens hatte sie erringen wollen und hatte es ehrlich gemeint in ihrem Streben. Nichts war ihr fremd geblieben, was andere vor ihr gedacht hatten und neben ihr. An den Hochschulen des römischen Reichs war kein Mann, der an Scharfsinn über ihr stand. Nun wußte sie aber auch was Rechtes! Seit drei Jahren, zuerst gemeinschaftlich mit ihrem Vater und jetzt allein, war sie der wahren Umlaufsbahn des Planeten Mars auf der Spur. Wenn es Hypatia gelang und sie abermals beweisen konnte, daß nicht alles so einfach war am Himmelsgewölbe, wie das ptolemäische Weltsystem es lehrte, was dann? Wieder wurde sie berühmter, und von Rom und Athen kamen Huldigungsbriefe und Verse und Lorbeerkränze; sie aber wußte, daß sie nicht mehr getan hatte als einer der Korrektoren der Bibliothek, der einen Sprachschnitzer im Homer verbesserte. Und wenn es gar wahr wäre, was sie dunkel ahnte, was der alte Platon gesehen hatte mit seinen nächtlichen Himmelsaugen und was auch sie wahrnimmt, wenn sie um Mitternacht Tafel und Griffel beiseite legt und aufhört zu rechnen, und statt zu klügeln frei hinausblickt in den unergründlichen klaren Himmel, wenn es wahr ist, daß die Sonne und der Mond und die Planeten sich gar nicht um die Erde drehen, daß da oben ein ganz anderer Tanz aufgeführt wird, an welchem die arme Erde bescheiden teilnimmt, wie die anderen glänzenden Flämmchen und Funken. Und wenn einmal neue Sternkundige kommen und der Welt mit runzeligem Munde erzählen, daß Ptolemaios gelogen hat und Theon und Hypatia gelogen haben, daß deren Berechnungen Kinderspiel waren, Zeitvertreib, müßiges Plappern, und daß der Kosmos der Welt sich, um die Erde nicht mehr kümmert als um einen der glänzenden Punkte am Himmel? Wenn es wahr ist, daß die Erde auch nur ein Punkt ist im Weltall, was sind dann die Gedanken der Menschen auf dieser armen Erde? Und ist dann auf Erden noch irgend etwas anderes wirklich und wahr als die ewig ungestillte Sehnsucht nach Glück? »Glück!« Hypatia rief es laut; der Philosophenstorch schritt gravitätisch heran und legte seinen Schnabel auf ihre Schulter. Tröstlich sah er sie dabei mit schrägen Augen an. Hast ja den Vogel und Philosophie! Auf Bergen von Büchern führt dich mein Fittich durch die Hallen des Hörsaals zur Ewigkeit ein! Kinderpäppeln? Pöbelköder. Erschrocken starrte Hypatia auf den kahlen Philosophenvogel. Dann schöpfte sie mit der linken Hand und plötzlich spritzte sie das Tier von oben bis unten an, und spritzte und lachte, bis der Vogel entrüstet und beleidigt in das Nebenzimmer entfloh, wo er heftig auf und nieder schritt und zänkisch klapperte. Hypatia aber verließ bald darauf, strahlend in Schönheit, über drei Marmorstufen hinweg, heiter das Badebecken, rief der Fellachin, hüllte sich in ein weißes, zartes Tuch und ließ sich behaglich abtrocknen. Wie immer fing die Amme zu schwatzen und zu schmeicheln an. Was für einen kußlichen Rücken das gnädige Fräulein habe! Wie immer befahl ihr Hypatia, zu schweigen. Sie schickte die Amme fort und streckte sich, dicht in ein neues wollenes Tuch gehüllt, auf den Diwan aus. Glück! Alle Menschen forderten es, warum nicht auch sie? Mußte sie einsamer durchs Leben gehen, weil sie das Glück um so viel reicher hätte aufnehmen können als die träge Masse? War es denn wirklich schon zu spät? War ihr Leben im Rückgang? War sie nicht noch jung und schön? Sie hüllte sich fester in ihr Tuch, als schämte sie sich ihres jungen Leibes. Sie blickte nach dem Badebecken, in welchem der ruhige Wasserspiegel langsam immer tiefer sank. So floß wohl auch die Lebenskraft aus dem Körper, täglich, stündlich. Und die Narren, welche über Langeweile klagen, wissen nicht, daß ein paar tausend von solch langweiligen Stunden das ganze Leben ausmachen. Drüben die Sanduhr ließ auch so die Zeit verrinnen. Die Stunde war bald um. Sandkörnchen auf Sandkörnchen drängte sich zu dem schmalen Ausgang, von der alten, dummen Naturkraft gezogen. Ob der Mensch nicht auch von seinem törichten Willen gelenkt wurde, sein Leben so rasch als möglich zerrinnen zu lassen? Und eine von den Erfindungen, das Leben kurzweiliger zu machen und das Ende zu beschleunigen, nannte man das Glück. Und doch! Die Wasseratome hielten zusammen und die Sandkörnchen drängten sich zueinander. Wie gar in der lebendigen Natur. War es nicht besser, von der Bosheit und Niedrigkeit der Menschen Schmerzen zu leiden, als so einsam dahinzuleben, ein Mensch ohne Menschen. Der Philosophenvogel ging im Nebengemach immer gereizter auf und nieder. Er vollführte allerlei Spektakel, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er war in seiner philosophischen Würde beleidigt worden; wenn man aber um Verzeihung bat – wenn man ihn nur freundlich rief –, wollte er offenbar nicht ewig böse sein. »Komm!« rief Hypatia, und als das Tier ganz würdelos vor Freude heranstelzte, schlug sie ihm lachend auf den Schnabel und sagte: »Was, du willst auch nicht einsam sein? Und vielleicht scheine ich dir trotz all deiner Liebe und Eifersucht ebenso häßlich, wie du mir, du Tolpatsch. Nur nicht allein sein!« Der Storch sprang ganz zufrieden, hüpfend und mit den Flügeln schlagend, in das Becken, um in den letzten paar Zoll Wasser noch ein Fußbad zu nehmen. Er suchte dabei mit verwunderten Augen nach Fischen oder Fröschen und blickte fast vorwurfsvoll zu Hypatia hinüber, daß die in einem so ungemütlichen Wasser badete. Dann steckte er das rechte Bein unter den Flügel, legte den Kopf auf die Seite und sann wohl darüber nach, ob es vielleicht die höchste Aufgabe von gottgeschaffenen asketischen Störchen wäre, Fußbäder in ganz klarem Wasser zu nehmen, während gemeine Störche, fern von Hypatia, Schlammwasser mit Fröschen vorzögen. Hypatia stützte ihren Kopf auf den linken Arm und betrachtete den getreuen Marabu. Schöner als dieses alte Tier war jeder ihrer Studenten, und ihre vier Ritter am Ende ebenso treu. Lachend hatte sie die Bewerbungen der einen angehört, für die anderen hatte sie sich taub gestellt. War das gut? War das auch nur vernünftig? Behielt denn Kyrillos mit seinen schändlichen Verleumdungen recht, wurde sie zur Studentendirne, wenn sie diese Sache ernst nahm und sich wie jedes andere ordentliche Mädchen dem Schutze eines braven Mannes anvertraute? Sie verkroch sich lächelnd noch tiefer in ihr Badetuch und ließ die tolle Werbung des Griechen Troilos an ihrem Geiste vorüberziehen. War der wenigstens noch ein rechter Grieche? Oder war auch sein schönheitslüsterner Sinn nur noch eine Treibhauspflanze, zeigte sich in ihm das Griechentum schon in der Dekadence? Blasiert stellte er sich, darum meinte er es nicht anders, darum war er nicht weniger verliebt. Hypatia schloß die Augen und lächelte, als ob sie an eine Posse dächte; denn Troilos hatte etwa so zu ihr geredet, als sie einmal im Musikzimmer des Statthalters einem übermäßig langen Flötenkonzert zuhören mußten: »Ich bin zwar reich und jung und klug, schönste Hypatia. Und Sie sind ein armes Fräulein Professor, das von den Kollegiengeldern ihrer Studenten abhängt, dennoch weiß ich, daß ich Ihnen das berühmte große Glück nicht bieten kann. Sie müßten mit Ihrer Schönheit für uns beide haushalten, wozu es ja auch ausreichen würde. Ich glaube aber nicht, daß Ihr Überschuß von Schönheit gerade ein Grund für Sie wäre, sich in mich zu verlieben. Sie müßten also, um meine Frau zu werden, mich ohne die sogenannte Liebe heiraten. Aber ich frage Sie, schönste Hypatia, ob nicht just das Ihrer würdig wäre? Sie sind zu weise, um nicht einzusehen, daß die sogenannte Liebe die frechste unter allen Illusionen ist, mit denen die Natur Menschen und Tiere an der Nase führt. Verbinden Sie doch mal Ihr Leben mit dem meinen! Wir wollen das Dasein als überlegene Geister genießen, genießen, was immer es Genießenswertes bietet. Meine Millionen sollen zu Ihren Diensten stehen, wenn Sie Pfirsiche von einer noch nicht erfundenen Gattung oder Bilder von der neuesten Schule genießen wollen. Und was das Leben außer dem Genuß bietet an Ernst und Schmerz, das wollen wir als überlegene Skeptiker verachten. Die Welt und uns verachten, und es verachten, wenn man uns nicht versteht und uns darum verachtet. Wir wollen genießen, solange unsere Nerven es dulden, und in den Pausen des Genießens wollen wir uns in Hängematten legen und zum Zeitvertreib Illusionen zerreißen, alle Illusionen, was doch wieder ein neuer und wenig anstrengender Genuß sein wird. Denn ich werde Sie lehren, Illusionen zu zerreißen wie Spinngewebe, und wenn Ihnen, schönste Hypatia, ein solches Hängemattendasein, wie ich hoffe, als das wahre Ideal einer philosophischen Ehe erscheint, so bitte ich Sie, mein Weib zu werden. Selbstverständlich treibt auch mich zu diesem verrückten Antrag die Illusion, wahnsinnig in Sie verliebt zu sein!« »Sag mal, was hätte ich dem Menschen antworten sollen?« Der Storch schwang sich mit einem derben Flügelschlage auf das Türgesims empor. Alexander Jossephsohn, der schon tagelang unentschlossen um sie herumgeschlichen war, hatte das Gespräch im Musikzimmer des Statthalters von weitem belauert, hatte dann die Freunde geschickt zu entfernen gewußt und auf dem Heimwege, erst vorsichtig, dann immer leidenschaftlicher seine Gefühle offenbart und endlich etwa so gesprochen: »Ich darf kein Ja von Ihnen verlangen, verehrtes Fräulein, denn ich sehe wohl, Sie empfinden für mich nicht, was ich für Sie. Nur um ein Versprechen flehe ich zu Ihnen: werfen Sie sich nicht fort an einen Niedrigen, bleiben Sie, wie Sie sind, noch drei Jahre. Versprechen Sie mir, nach drei Jahren noch ebenso frei zu sein wie heute. Dann will ich wieder vor Sie treten, ein anderer Mann, einer, der es wagen darf, um Sie zu werben. Nicht wahr, wir lächeln beide über die kleinen Eitelkeiten der Welt, Sie besonders. Aber ich will mich auch nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Nach drei Jahren sollen Sie entscheiden, ob ich zuviel versprochen habe, wenn ich Ihnen ein Stück Weltherrschaft anbiete als meine Mitgift. Ich habe Protektion in Rom und Konstantinopel; ich kenne die Menschen und die Geschäfte des Reichs. Ich will auch gern meine Religion wechseln, ein Heide will ich werden für Sie oder mich sogar taufen lassen. Nach drei Jahren bin ich, um Sie zu erringen, so oder so, Minister in Rom oder in Konstantinopel. Dann werden Sie mein Weib, und nicht der Wille des Kaisers soll vollzogen werden vom Euphrat bis zur Nordsee und auch nicht mein Wille, sondern nur, was Hypatia will. Halten Sie mich für keinen Phantasten! Um Sie zu erringen, könnte man mit Fleiß, Klugheit und Ausdauer noch mehr durchsetzen, als unter dem mitlebenden Gesindel Minister zu werden. Hypatia, in diesen Zeitläufen bleibt ein Weib wie Sie nicht in wissenschaftlichen Spielereien stecken. Stürzen Sie sich mit mir in die hohe Politik. Es ist immer ein leichter Kampf, wenn nur zwei Parteien einander gegenüberstehen. So haben wir jetzt nur Staat und Kirche. Und weil die siegreiche Kirche alle Kultur vernichten müßte für Jahrhunderte hinaus, darum will ich mich auf die Seite des Staates stellen, als Müßiggänger, wenn ich allein bin, als Herr, wenn Sie mitspielen wollen. Verbünden wir uns. Es wäre das aufregendste Spiel, das wir wagen könnten! Herrschaft oder Tod! Wollen Sie aber nicht drei Jahre auf mich warten, dann will ich auch nicht Minister werden, dann lasse ich mich nicht umbringen und nicht einmal taufen; und wenn mir meine Verwandten alle Millionärstöchter zwischen Babylon und Karthago zur Ehe vorschlagen, so bleibe ich dennoch in Alexandria, nur um Sie täglich sehen zu dürfen, Sie, Hypatia, das Wunder der Welt.« Was meinst du zu dem? Wollen wir Frau Minister werden, und anstatt zu denken, Politik treiben? Es würde heiß zugehen. Der Marabu hatte Hypatia nicht verstanden. Wenn sie sonst sagte, ihr sei zu »heiß«, dann brachte er ihr ihren indischen Fächer, ein dünnes Gestell von Bambusstäbchen, von denen helle Seidenbänder niederflatterten. Mit seinem drolligen und sorgenvollen Ausdruck holte der Marabu auch jetzt den Fächer und legte ihn mit dem Schnabel zierlich auf ihren Schoß. Sie schlug ihm lachend auf den Schädel, dann wurde sie plötzlich ernst. Was ihr wenige Tage nach der Huldigung Alexanders der blonde Wolff gesagt hatte, und wie er es ihr gesagt hatte, das durfte nicht einmal der Philosophenvogel hören. Zur Nachtzeit war Wolff an ihrem Fenster emporgestiegen, wie das Sitte sein sollte in der Heimat seiner gotischen Väter, auf den Almen der Berge, aber auch da nur Sitte, wenn der verliebte Bursche zur Bauerndirne schleicht. Und zu ihr, zur berühmtesten Philosophin der Welt, war Wolff so gekommen, wie zur ersten besten hübschen Magd. Er hatte zu ihr zu sprechen gewagt, wie ein Soldat in Feindesland vielleicht zum erbeuteten Weibe spricht. Und nicht ungefähr oder beiläufig wie die Reden von Troilos und Alexander hatte Hypatia die Worte Wolffs behalten, sondern Silbe für Silbe, Ton um Ton. »Komm mit mir! Sei mein Weib! Laß Alexandria und deine Ehren und deine Schüler! Komm mit mir und sei glücklich als mein Weib! Wohin du willst! Über Eis oder glühenden Sand. Ich will dich tragen und dich hüten! Aber du darfst nichts sein wollen als mein Weib!« Hypatia hatte nicht geantwortet. Aber sie hatte Wolff auch nicht gescholten und hatte nicht um Hilfe gerufen. Sie hatte sogar den Marabu, als er unruhig wurde, zur Ruhe gewiesen. Sie hatte gelauscht und sich schlafend gestellt – vielleicht wie eine der Dirnen, die sich schlafend stellen pochenden Herzens, oben an den wilden Ufern des jungen Rheins, in der Heimat von Wolffs Ahnen. Und wieder hatte er gesprochen: »Komm mit mir und sei mein Weib! Steh auf und komm! So wie du bist! Ich will dir dienen, wie ein Mann dem Weibe dienen darf, mit Leben und Tod. Aber auch du mußt meine Sklavin sein, wie das Weib des Mannes Sklavin sein soll!« Des Mannes Sklavin! Da hatte Hypatia die Amme gerufen. Erst leise, mit versagender Stimme, dann lauter und endlich mit Aufgebot der ganzen Kraft so vernehmlich, daß die Fellachin erwachte. Der Angstschrei der Amme und das Gepolter des Storchs hatte dann den fremden Menschen vom Fenster vertrieben. Hypatia war mit stockendem Atem auf ihrem Lager liegen geblieben. Zornig und gekränkt und doch wieder seltsam belustigt oder vielleicht erheitert oder gar beglückt. So, wie sie jetzt noch, zornig in der Erinnerung und doch wieder heiter, auf dem Diwan lag. Plötzlich – sie wußte nicht, warum – warf sie das weiße warme Tuch zu beiden Seiten von sich; in all ihrer Schönheit sprang sie auf und rief die Amme, um sich mit ihrer Hilfe anzukleiden. Wieder sagte die ihr Schmeicheleien, wieder stellte sich der Storch vor sie hin und betrachtete neugierig das Raffen und Binden der Kleidungsstücke, und dann richtete sich Hypatia in dem blühend weißen, neuen Gewande hoch auf, streckte beide Arme mit geballten Fäusten weit aus, faßte den erschreckten Storch bei seinem langen Halse, gab ihm rechts und links Kopfnüsse und rief: »Komm nach Hause, Synesios wird warten!« Sie dachte absichtlich nur an Synesios, während sie ihren Wohnräumen zuschritt. Sie mußte an ihn denken, weil er binnen kurzem bei ihr erscheinen wollte, der einzige, dem sie um seiner Bescheidenheit willen den Zutritt gestattete, und sie wollte nur an ihn denken, weil Synesios sie am sichersten von der Erinnerung an Wolff befreite. Wolff mit seiner rotblonden Löwenmähne, mit seiner viel zu langen Adlernase, seinen stillen Augen, seinem großen, selten geöffneten Munde und dem hellen Bartflaum um Lippen und Kinn, Wolff war gar nicht schön. Ja, stattlich gewiß, vielleicht auch nach dem Geschmack seiner Landsmänninnen, wenn er an der Spitze eines Reiterzuges über die Landstraße trabte, oder wenn er nach der Mythe seines Volkes tot auf dem Schoße einer der Schlachtjungfrauen in ihre Hölle hineinritt. Aber Synesios, dessen unansehnlicher Wuchs allein schon freundlicher stimmen mußte, dessen wackere Familie seit Jahrhunderten die erste der Pentapolis war und der durch die Bildung vieler Geschlechter aus einem Araber so ganz Grieche geworden, war unbedingt weit schöner, vornehmer, angenehmer. Was erzählten die Studenten nicht allein von Wolffs Unmäßigkeit! Einmal hätte sie ihn bei so einem Gelage überraschen mögen, um ihn mit ihren Blicken zu strafen und sich selbst davon zu überzeugen, ob diese ruhigen blauen Augen im Rausche nicht aufblitzten, wie gewiß damals bei Nacht am Fenster. Wie anständig doch die Mäßigkeit des Synesios gegen ein solches Treiben abstach! Wolff war doch kein Jüngling mehr! Wenn überhaupt noch eine Verbindung zwischen ihnen beiden möglich war, so hätte sie ihn gern gewarnt und ihn durch das Beispiel der bedeutendsten griechischen Dichter und Philosophen zu einer vernunftgemäßen Lebensweise zurückgeführt. Freilich, die griechischen Dichter waren auch nicht alle vom Mäßigkeitsverein gewesen, und wer weiß, ob die Gelage Wolffs so schlimm waren, wie der brave Synesios das ausmalte. So dachte Hypatia nur an Synesios, während sie ihr Arbeitszimmer betrat und sich selber einredete, sie wollte an ihre Bücher gehen. Aber es ließ sie heute nicht. Glück! Troilos wollte es ihr bieten in der frivolen Verbindung mit einem geistig überlegenen Manne. Ihr war niemand überlegen. O, sie fühlte es oft, daß man ihr von seiten hervorragender Männer und unter Beamten mit einem Ton entgegentrat, der sagen wollte: Die gelehrteste Frau magst du sein und gelehrter als alle Männer unserer Zeit. Aber männlichen Geist, männliche Tatkraft besitzest du doch nicht! Und da trat ihr in diesem Troilos der alte Hochmut wieder entgegen. Blasiert war dieser Herr Troilos, blasiert, wie ein vornehmes Weib niemals werden kann, müde und ironisch, das war seine ganze Überlegenheit. Hypatia wäre die Törin gewesen, welche jedes Weib in den Augen dieser Männer zu sein schien, wenn sie sich vor solcher angemaßten Überlegenheit gebeugt hätte. Natürlich mußte ihr Lebensgenosse, wenn sie sich einen solchen denken konnte, auf der Höhe der Bildung stehen, mußte, wie Synesios, die Universitäten besucht und in Literatur und Philosophie tüchtig gearbeitet haben. Man konnte doch nicht jahrelang mit einem Menschen zusammenleben, der nicht verstand, was man etwa sprach. Daran aber war es genug. Sich zu beugen vor einer eingebildeten Größe, sollte das etwa Glück sein? Glück! Alexander zeigte es ihr in der Ferne, wenn er einst seiner Frau gestattete, an der Seite eines Staatsmannes die Huldigungen der Streber entgegenzunehmen. Ebensogut konnte sie ja hinter Wolff zu Pferde sitzen, wenn er zu Felde ritt und sich irgendwo in Persien oder Thule ein Reich eroberte. Doch das war ja Unsinn, Märchen, kindische Träumerei. Besser war es doch, dem guten Synesios auf das Erbe seiner Väter zu folgen, wo er zwischen Meer und Wüste, weit entfernt von allen Staatsbeamten, wirklich wie ein kleiner König sich selber Gesetze gab. War Herrschaft ein wünschenswertes Ziel, so kam es doch auf die Größe des Landes nicht an. Synesios war ein geistig hochstehender Mann und ein kleiner Fürst, aber er bot ihr nicht nur den Reichtum des Troilos und die erträumte Macht des Alexander, er kam zu ihr auch mit der leidenschaftlichen Inbrunst dieses ungeschlachten Wolff. Und dabei war er bescheiden. Er ließ sich gewiß jede Bedingung gefallen. Sie sollen sehen, Herr Wolff, Herr König ohne Land, daß man nicht gerade zu Ihnen flüchten muß, wenn überhaupt geflohen werden muß. Mit festen Schritten ging Hypatia auf und nieder. Sie suchte Sammlung zu gewinnen. Zwei-, dreimal trat sie an einen großen Tisch, ihrem Schreibpult gegenüber, wo ein Gestell von allerlei Rädern und gebogenen Drähten und von kleinen Metallkugeln das System der Erde und ihrer Planeten darstellen sollte. Als sie noch ein Kind war, hatte sie ihren Vater in seinen seltenen müßigen Stunden über diesem Kunstwerk brüten sehen, später hatte sie dem Vater mit vieler Rechnerei geholfen und nun es als seine Erbschaft übernommen, das schwierige Gebäude zu Ende zu führen. Doch heute hätte sie am liebsten die ganze mühselige Arbeit wieder zerschlagen, so unwahr, so töricht schien das Abbild der unendlichen Sternenwelt. Alles war nur ungefähr richtig, keine einzige Gleichung ging ohne Rest auf; wenn solche Ziffernfehler im Himmel selbst vorhanden wären, dann müßte ja das Himmelsgewölbe morgen oder übermorgen zusammenstürzen und die Erde mitsamt dem römischen Reich und der Alexandrinischen Akademie und der schönen Hypatia und dem frechen Wolff zu Brei und Scherben zusammenschlagen. Das war es ja, was sie gerade heute so unzufrieden machte mit ihrer Wissenschaft. Noch nie hatte sie so stark gefühlt, daß die Natur ihre eigenen Wege ging, daß kein Mathematiker das große Räderwerk vorher mit dem Griffel in der Hand ausgerechnet hatte, daß nicht das Wissen das Erste war, sondern die Tat, daß auch das arme Menschenherz niemals wollte, was es sollte, sondern sich sehnte, kämpfte, lebte und zusammenbrach, nach seiner Natur und nicht nach klugen Gesetzen. Der Marabu scharrte an der Tür und Hypatia ließ ihn herein. Der heilige Vogel wußte, daß er in diesem Raum nicht stören durfte, und stellte sich gravitätisch neben den Tisch, auf welchem das Tellurium stand. Er hatte nur als Gesellschafter des Fräuleins Besuch anmelden wollen. Nach wenigen Sekunden kam auch die Fellachin mit der Frage, ob Fräulein Professor für Synesios zu sprechen wäre. Mit gereiztem Lächeln nickte Hypatia und nahm aufseufzend in ihrem Lehnstuhl Platz. Der hübsche Synesios trat in tadelloser Besuchskleidung herein und überreichte der schönen Lehrerin einen Strauß von üppigen roten Rosen, wie sie in solcher Art nur in Indien gezogen wurden. Er bat mit schmeichelnder Stimme um die Erlaubnis, »der gelehrten Freundin außer diesen Erzeugnissen indischer Weisheit auch noch die Sammlung astronomischer Werke überreichen zu dürfen, die auf sein Betreiben aus dem Indischen ins Griechische übersetzt worden waren und deren Handschrift eben jetzt mit demselben Schiff angelangt war, das diese Rosen als schüchternen Tribut Asiens an die Herrin brachte, die an der Grenze zweier Welten die Geister des römischen Reichs beherrschte«. Hypatia wurde sonst immer fremd und kalt berührt, wenn Synesios so gedrechselt zu ihr sprach; aber seine schöne, tiefe Stimme, seine sichere Beherrschung der feinsten Tönungen der geliebten Muttersprache und schließlich die Demut des Mannes, der für den fleißigsten und zukunftreichsten Studenten der Akademie galt, taten es ihr doch an, und wider Willen mußte sie freundlich aufnehmen, was ihr im Grunde ihres Herzens mißfiel. Dazu kam, daß die lang versprochenen und nun endlich eingetroffenen Bücherschätze ihr wirklich eine außerordentliche Freude bereiteten. Sie drückte dem jungen Manne also herzlich die Hand, bat ihn Platz zu nehmen und stellte seine Rosen mit recht sichtlicher Aufmerksamkeit in eine schöne Vase. Der Marabu steckte seinen Schnabel tief in den mächtigen Rosenstrauß hinein und schielte etwas spöttisch nach dem hübschen Synesios. Indischer Rosenbusch, indisches Rechenbuch! Im Herbste der Mäher macht es zu Heu! In anmutiger Weise, ohne lästig zu fallen und doch ohne seine Verdienste zu vergessen, erzählte Synesios, wie er durch die ausgedehnten Beziehungen seiner Familie in die glückliche Lage gekommen sei, die kleine Aufmerksamkeit erweisen zu können. Da das eine Unternehmen so gut geglückt sei, so wolle er der verehrten Freundin schon heute die vorläufige Mitteilung zu machen wagen, daß bald ein Schiff mit noch köstlicherer Ladung den Indischen Ozean unter dem Schutze der Götter durchfurchen werde, um der großen Meisterin die schülerhaften Versuche eines noch entlegeneren Volkes nach Alexandria zu bringen. Es sei ihm gelungen, selbst in dem fabelhaften Kaiserreiche China einen Reisenden auszukundschaften, der mathematische Kenntnisse genug besitze, um die merkwürdigen Berechnungen der dortigen Sonnenfinsternisse für die Frau zu übersetzen, deren Antlitz auch die tiefste Sonnenfinsternis erhellen müßte. »Sie sind ein guter Junge, mein lieber Synesios.« Und sie legte ihre rechte Hand weich und warm auf die gefalteten Hände des jungen Mannes. Da traten ihm die hellen Tränen in die Augen, und er machte eine schnelle Bewegung, deren Sinn der schönen Philosophin zuerst unverständlich blieb. Wie ein Verbrecher, der ergeben sein Haupt dem Todesstreiche des Henkers darbietet, oder wie ein nubischer Sklave, der der Königin nur in so knechtischer Haltung ihren Becher reichen darf, ließ Synesios beide Knie auf die Erde sinken, hielt sich so kniend einige Sekunden vor ihr und barg endlich sein Gesicht aufschluchzend in ihren Schoß. Tanzend vor Vergnügen umkreiste der Marabu das nie noch gesehene Bild, denn es war damals noch unbekannt, daß junge Leute ihre Neigung durch einen Kniefall ausdrücken konnten. »Was haben Sie, Synesios?« sagte Hypatia gütig und ließ ihre Finger leicht über seinen schwarzen Lockenkopf hingleiten. »Seien Sie nicht unvernünftig. Sprechen Sie sich aus. Sie haben ja die Gabe der Rede. Und so groß kann doch kein Gefühl sein, daß die Worte es nicht ...« Hypatia unterbrach sich, denn sie erinnerte sich plötzlich ihres letzten Gedankens vor dem Eintritt dieses Freiers. Die Sternenwelt war größer als alle Rechenkunst. Sollte das Gefühl nicht auch größer werden können als die Sprache? Schon hob aber Synesios glücklich sein Haupt und zeigte ihr, als ob das auch eine gelungene Schmeichelei wäre, sein tränengebadetes Antlitz. »Erhöre mich, Hypatia! Ich kann ohne dich nicht leben! Wo immer ich gehe und stehe, verfolgen mich deine Augen. Auf der Jagd kann ich keine Gazelle mehr töten, weil die schwarzen Gazellenaugen mich an dich gemahnen, und ich kann kein Buch mehr lesen, wenn ich weiß, daß deine Augen auf dieselben Zeilen geblickt haben. Du hast mir den Schlaf geraubt und das Wachen, du hast mich selig gemacht durch das Glück, daß ich leben durfte auf Erden zur Zeit, da du lebst, und du hast mich unselig gemacht, weil ich nicht mit dir leben kann als dein opfernder Gläubiger, du letzte Göttin unseres sterbenden Volkes. Du willst die Macht der Liebe nicht anerkennen, Herrin, die du alles sonst kennst. Stelle mich auf die Probe! Befiehl mir, und ich will für dein Haus Steine tragen wie der letzte Sklave. Befiehl mir, für dich zu sterben, und ohne Klage will ich unter die Erde sinken und mein letzter Seufzer soll ein Dank sein für deine Gnade!« Langsam zog sich der Marabu mit seitlichen Schritten bis in einen Winkel der Stube zurück und verzog den Schnabel, als müßte etwas wie menschliches Gelächter hervorbrechen. »Stehen Sie auf,« sagte Hypatia, »sonst verlasse ich das Zimmer. Setzen Sie sich und lassen Sie uns vernünftig reden. Aber, mein lieber Synesios, was soll denn das? Sie sind kein Grieche! Lesen Sie, was die kynischen Philosophen über das Gefühl der Liebe geschrieben haben und Sie werden sich Ihrer Tränen schämen.« »So kennen Sie die Liebe nicht, Hypatia?« Mit einem Flügelschlage schwang sich der Marabu an die Seite seiner Herrin. Sie trommelte mit den Fingern auf seinen ungeschlachten Kopf und sagte mit harter Stimme: »Nein! Ich kenne die Naturgeschichte.« »Hypatia,« flehte Synesios, »wenn es ungriechisch ist, daß die Liebessehnsucht mich verzehrt, bis ich sterben werde an meiner Liebe, wie man es erzählt von den Arabern drüben in Yemen, so nennen Sie mich meinetwegen einen Juden oder einen Christen, aber erhören Sie mich. Leben Sie an meiner Seite in Ihrer Herrlichkeit und dulden Sie mich nur neben sich, als Ihren Freund. Folgen Sie mir! Noch hat kein Bischof und kein Beamter die Heimat meiner Beduinen anzurühren gewagt. Als ein kleiner Fürst herrsche ich von den Klippen, wo die ewigen Wellen branden, bis zum Rande der Wüste. Erst wo das Reich des libyschen Löwen beginnt, erst dort endet mein Reich. An die hundert Dörfer mit guten arbeitsamen Menschen sind mein und gehorchen meinem Wink. In der Stadt Kyrene steht mein Schlößchen und dort warten unzählige Diener des Herrn. Das Haus ist Ihrer nicht würdig. Aber als ob ein gütiger Gott uns die Zukunft hätte ahnen lassen, so haben wir dort Schätze der Bildung und der Kunst aufgehäuft, wie Sie sie kaum in dem versteckten afrikanischen Neste vermuten würden. Folgen Sie mir dorthin. Hier sind Sie von offenen und geheimen Feinden umgeben. Kampf ist Ihr Los und niemals blüht Ihnen friedliche Arbeit. Bei mir in Kyrene sollen Sie ungestört denken und unsterbliche Bücher schreiben. Folgen Sie mir, und eine Barke, so glänzend wie die Barke der Kleopatra war, als sie sich herbeiließ, dem Herrn Roms entgegenzusegeln, ein solches Schiff soll Sie nach Kyrene hinüberbringen, und noch nach Jahrhunderten soll man erzählen, was Synesios von Kyrene erfand, um den Neid der Mitwelt zu erwecken, den Neid darüber, daß es ihm gelang, das erste Weib der Welt zu erringen.« Wie im Traum saß Hypatia da; umsonst schlug der Marabu mit seinem Schnabel gegen ihre Knie. Wie im Traum sagte sie: »Ich möchte bleiben, was ich bin, und wenn ich mich entschließen könnte, Ihnen zu folgen, so müßte ich an Ihrer Seite bleiben können, was ich bin. Nie, niemals dürften Sie von mir verlangen, was ...« Synesios sprang auf. »Herrin! Göttin! Fordere, was du willst! Nenne dich meine Gattin und keine Bedingung soll mir zu schwer sein, wenn ich damit deine Nähe erkaufen kann!« Da wachte Hypatia auf. Leise zog durch ihr Herz ein seltsames Gefühl und ebenso leise trat auf ihre Lippen ein seltsames Lächeln. Wie so ganz anders als Wolff war doch dieser Synesios. Wie erkannte er die Rechte des selbständigen Weibes an, wie demütig wollte er sich mit der geistigen Gemeinschaft begnügen. Wie dankbar mußte sie ihm sein. Wenn sie seine Werbung annahm, dann hatte sie neben dem Marabu einen Menschen zum Freund; und einen hübschen, edlen, vornehmen Menschen, einen Genossen. Sie schlug beide Hände vors Gesicht und wußte nicht, warum ihr bei diesen dankbaren Gefühlen die Augen heiß wurden. Da erscholl Lärm auf der Treppe, man hörte die Stimme der Fellachin, dann ihr Schelten und einen Schrei, und plötzlich stand Wolff im Zimmer. »Du kommst wohl vom Frühschoppen?« sagte Synesios heftig. Wolffs Gesicht war gerötet, seine Augen waren dunkel gefärbt; man sah es ihm an, er hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren. Im Gürtel steckten ihm zwei lange Dolche und der schwere Säbel hing ihm an der Seite. »Einerlei, ob ich aus der Kneipe komme oder aus den Grüften. Was ich bringe, ist der Kampf. Spürst du nicht den Blutgeruch, Synesios, du zahmer Jäger? Der Bischof will zum Schlage ausholen gegen uns, die echten Christen, aber auch gegen Sie, Hypatia. Wieder sind zwei von uns zu Tode gefoltert worden. Sie haben nichts verraten. Richtig, das geht Sie ja nichts an, für Sie sind ja alle Christen gleich. Nun, Kyrillos wiederum hält alle Ketzer für gleich, ob sie Griechen oder Christen sind. Und so hat ein alter Blutmensch von Priestern den Auftrag bekommen, die Ketzerin Hypatia in die Gewalt des Erzbischofs zu bringen, vor sein Gericht. Der Mann hat abgelehnt, denn er ist mein guter Freund. Ein zweiter hat heute nacht hier einzudringen versucht. Nun, er wird nicht mehr erzählen können, wer ihn stumm gemacht hat. Ein dritter wird sich vorläufig nicht finden, denn Ihre Leibwache, Hypatia, ist in Kriegsbereitschaft. Blicken Sie hinaus!« Hypatia trat ans Fenster, bleich und verwirrt. Sie lächelte aber doch wieder, als ihre dreißig Wächter bei ihrem Anblick ihr zuriefen. Mit mühsamer Fassung trat sie ins Zimmer zurück und sagte zu Wolff: »Da muß ich Ihnen wohl danken. Aber Ihre Besorgnisse sind übertrieben. Ich fühle mich frei von Schuld und kann mich überdies auf den Schutz des Statthalters verlassen. Orestes wird mich nicht verraten.« »Der Statthalter ist ohnmächtig gegen diesen Bischof. Er hat nicht die Macht, Sie wieder lebendig zu machen. Solche Wunder wirkt nur die Kirche. Und nicht einmal lebendig kann er Sie dem Erzbischof entreißen, wenn der Sie erst einmal vor das Gericht seiner Teufelsbanner gebracht hat. So steht es um uns, Hypatia. Stellen Sie sich in unseren Schutz, in den Schutz der echten Christen. Ich kann Ihnen nicht verbürgen, daß wir siegen. Aber Sie stehen allein, wir sind eine tapfere Schar. Und solange einer von uns am Leben bleibt, solange soll kein Haar auf Ihrem Haupte gekrümmt werden, Hypatia. Wir sind entschlossen, für unseren Heiland zu kämpfen und, wenn es sein muß, zu sterben. Wer uns vertraut, der ist in guter Hut.« Hypatia hatte kaum auf die anderen Mitteilungen Wolffs gehört. Hastig erwiderte sie nur auf eins: »Ich wußte nicht, daß Sie ein so frommer Christ sind, Wolff. Ich habe mir sagen lassen, daß die echten Christen die Dinge dieser Welt verachten, ihre Heimat vergessen, den Weingenuß verschmähen und über Weibesliebe erhaben sind. Ei, ei, Herr Wolff, Sie halten für einen Christen ein wenig zu fest an den Sitten und Gewohnheiten Ihres barbarischen und ganz heidnischen Stammlandes. Sie opfern dem Gott Bacchos, wie man mir sagt, etwas zu häufig. Und wenn ich einem Gerüchte glauben soll, so hängen Sie auch am Weibe, wie ein frommer Christ niemals sollte, denn um des Weibes willen vergessen Sie alles, sogar die Ehrfurcht. Wollen Sie wirklich, Sie Christ, der Sie die Aufhebung aller Sklaverei predigen, die Hälfte der Menschen, uns Weiber, zu Ihren Sklavinnen machen?« Wolff war unter diesen Reden bis an den Schreibtisch Hypatias herangetreten. Er schlug mit geballter Faust auf die Papiere, daß die Feder herunterflog, und rief: »So wahr Gott lebt, ich bin ein Christ, ein deutscher Christ. Was Sie da von Wein, Weib und Heimat sagen, das scheint mir töricht. Froh lebt in meiner Seele der Glaube an meinen Heiland. Er hat mich in die Welt gesetzt, nicht um viehisch zu genießen, aber auch nicht um mönchisch zu jammern und zu faulenzen. Ich bin da auf Erden, ich weiß nicht; nach welchem Ratschluß, um mir mein bißchen Leben als ein ordentlicher Kerl zu erkämpfen. Ich liebe die Berge meiner Heimat und wünsche, daß mein Heiland dort noch einmal lichter thronen möge als hier in eurem sonnverbrannten Ägypterloch. An meine Heimat und an meinen Heiland kann ich froh zusammendenken, und es lacht mir das Herz dabei. Und wenn ich was Ordentliches geschafft habe im Kampfe mit der dummen Erdenwelt und spüle mir den Ärger mit einem Krug Griechenwein hinunter, so danke ich meinem Schöpfer für die Gabe und lache dazu und weiß, daß es nichts Unrechtes ist. Und wenn mein Herr und Heiland mich das Weib hätte erringen lassen, das mir das Liebste auf Erden ist, so hätte ich dessen Küsse eingesogen wie einen Krug Griechenwein und hätte gewußt, auch das war mir auf Erden gegönnt wie ein Kranz dem Kämpfer. Und ich glaube, daß nach meinem Tode mein Herr und Heiland sich meiner erbarmen und mir gnädig sein wird und mich trotz aller meiner Dummheiten aufnehmen wird in sein Himmelreich. Amen! Das heißt: ob's in Wirklichkeit sich so verhält oder nicht, gilt mir gleich; nur werde ich dafür leben und sterben. Hypatia, wenn Sie mich darum einen frommen Christen schelten wollen und mich um meines Glaubens willen auf eine Stufe setzen mit bösen, habgierigen Bischöfen und verrückten Mönchen, so bedaure ich Sie. Aber schützen will ich Sie doch ...« »Das Patenkind des Kaisers Julianos darf nicht den Schutz von Christen begehren. Sie wissen, wie mein hoher Pate über den Zimmermannssohn gedacht hat.« »Lassen Sie den Kaiser aus dem Spiel!« »Christen haben ihn ermordet, Ihre Freunde.« »Und wenn mein Vater ihn ermordet hätte, ich müßte sein Patenkind dennoch lieben und schützen ...« Hypatia atmete schwer. Sie blickte nach der Tür. Wolff aber trat vor, als wollte er sich ihrer mit Gewalt bemächtigen. Synesios, der während des ganzen leidenschaftlichen Gesprächs ein stummer Zuhörer gewesen war, sagte jetzt mit zögernder Stimme: »Wolff, hast du unseren Schwur vergessen?« »Ich gehe,« sagte Wolff nach kurzer Pause. »Aber ich rate Ihnen, mein verehrtes Fräulein, sich anstatt dieses heiligen Vogels – dem ich mit meinem Daumen den verdrehten Schädel einschlage, wenn er mich noch einmal so hämisch von der Seite ansieht –, ja, also schaffen Sie sich doch statt dieses dünnbeinigen Ägypters einen guten gotischen Wächterhund an. Es könnte vielleicht nötig werden. Leben Sie wohl, und wenn Sie vom Kaiser Julianos nichts geerbt haben als seine Weisheit, so gnade Ihnen Gott.« Kaum hatte Wolff die Tür hinter sich geschlossen, als Hypatia mit großen Schritten auf Synesios zuging; der reichte ihr mit seinem kurzen Kraushaar gerade bis zur Stirn. »Ich nehme Ihre Werbung an. Ich will mich Ihnen anverloben. Nicht heute, ich weiß noch nicht, irgendwann. Erst habe ich das Erbe des Kaisers zu verwalten, den Kampf mit diesen Christen. Und ist der Kaiser gerächt, so will ich Ruhe suchen bei Ihnen und Ihren Büchern, zwischen Meer und Wüste, und nicht bei den Mördern des Kaisers Julianos.« »Hypatia, mein Weib!« »Ich bin kein Weib. Ich will kein Weib sein.« 7. Bei den heiligen Männern Im erzbischöflichen Palais von Alexandria herrschte eine böse Stimmung. Es war ein stiller Oktobersonntag, aber Kyrillos war mit einem leichten Kopfschmerz aufgestanden. Der verdammte griechische Wein, der verdammte griechische Statthalter, die verdammte Hypatia! In seiner eleganten Wohnung drückte sich die zahlreiche Dienerschaft scheu herum und konnte es kaum erwarten, daß der hochwürdige Herr das Haus verließ, um den Gottesdienst in der Kathedrale abzuhalten. Aber er kehrte noch verstimmter in das Palais zurück. Sein Privatsekretär Hierax hatte ihm schon kurz in der Sakristei und dann auf dem Heimwege Mitteilungen gemacht, die in ihm sowohl den Seelenhirten als den Menschen kränken mußten. Der Anschlag auf Hypatia war mißlungen. Und nun fand er zum Überflusse auch noch Briefe aus Konstantinopel vor, welche von ihm unbedingte kirchliche Unterwerfung unter die Mehrheitsbeschlüsse des Kirchentags forderten. Kyrillos hatte sich kaum Zeit genommen, den priesterlichen Ornat abzuwerfen, und ging jetzt im Hausrock mit geballten Fäusten in seinem Zimmer auf und nieder. Es war ein weiter, mit hellen Farben bemalter und auch von außen reichlich mit Licht versorgter Raum. Eine stattliche Bibliothek zierte die Wände. Wenn nicht ein Kruzifix von massivem Silber zwischen zwei Wandleuchtern heruntergeblickt hätte, man hätte kaum vermuten können, in der Arbeitsstube eines christlichen Priesters zu sein. Kyrillos machte seinem Ärger zuerst in zornigen Worten über den gelehrten hauptstädtischen Amtsbruder Luft. Der Herr meine wohl, die Bischöfe von Asien und Afrika nur so hudeln zu können, als ob es simple Pfarrer wären. Und das einzig und allein darum, weil der von Konstantinopel das Ohr des Kaisers besaß oder vielmehr das Ohr der Frauenzimmer. Oho! Die Kirche habe glücklicherweise gerade in Asien und Afrika eine große Macht über die Herzen und über die Geldbeutel, und dazu sei die ganze kirchliche Wissenschaft asiatisch und alexandrinisch. Der Herr Amtsbruder von Konstantinopel solle seine Herrschaftsgelüste aufgeben, sonst wäre man in Afrika lieber noch dem Bischof des alten Rom, dem unschädlichen frommen Herrn, gefällig als dem Intriganten von Neurom, dem Kirchenfürsten von der Weiber Gnaden. So tobte Kyrillos eine ganze Weile, mehr zu seiner eigenen Beruhigung, als um Hierax in seine Gedanken einzuweihen. Endlich warf er sich in den Lehnstuhl und winkte seinen Beamten zu sich heran. »Das ist nun einmal nicht von heute auf morgen zu ändern. Es ist mein großer Arger, mit dem ich wohl bei Lebzeiten nicht fertig werde. Aber die kleinen Ärgernisse, die man mir hier bereitet, die schaffe ich aus der Welt, so wahr ich lebe! Also noch einmal, wie waren die Worte dieser Hypatia?« »Erzbischöfliche Gnaden wollen mir verzeihen, daß ich nicht für jede Silbe eintreten kann. Als die Studenten merkten, daß ich mitschrieb, entfernten sie mich aus dem Saal, gründlich.« »Esel! Warum schickten Sie nicht einen Aufpasser hin, den man nicht kannte?« »Erzbischöfliche Gnaden, weil die anderen wirkliche Esel sind.« Kyrillos winkte beruhigend mit der Hand. »Also der Sinn ihrer Worte? Die einzelnen Silben kann man ja mit Hilfe der Tortur erfahren, wenn erst ein Prozeß eingeleitet ist. Und ihre Kritik des Christentums muß ihr den schönen Hals brechen.« »Hypatia sagte also ziemlich genau: Jesus Christus sei gewiß der edelste aller Menschen gewesen, aber die christliche Kirche lehre gar nicht dasselbe wie ihr erster Stifter. Die Bischöfe seien die Geschäftsführer der neuen Partei geworden, seien ohne jede Religion, und die fanatischen Mönche seien unwissende und verrückte Schwärmer, etwa das, was unter der Herrschaft der alten Religion die Zauberer und Quacksalber gewesen wären.« »Hm! Mit dem über uns und die Mönche ist nichts anzufangen. Aber sie hat die Gottheit Christi geleugnet. Sie hat Jesus einen Menschen genannt. Nicht wahr, das Wort ist gewiß? Hm! Sie hat damit ohne Frage das Strafgesetz verletzt, aber ich fürchte, ich fürchte, der Herr Statthalter wird sie schützen wollen, und auch in Konstantinopel würde man es mir übelnehmen. Hm, ich bin ja dort als ein gefälliger Diplomat gut angeschrieben. Jedenfalls legen Sie Ihre Zeugnisse schriftlich nieder und sammeln Sie weitere Äußerungen Hypatias. Kaufen Sie einen armen Studenten. Und nun weiter. Die gestrige Prügelei verlief, wie Sie erzählten? Die Christen zogen den kürzeren?« »Wie ich erzählte, Erzbischöfliche Gnaden!« »Bei einer sogenannten objektiven Untersuchung würde sich also herausstellen, daß unsere Christen angefangen haben? Ist das nicht zu leugnen?« »Nicht zu leugnen, Erzbischöfliche Gnaden. Das Theater war gestern, wie immer am Samstag, sehr stark von Juden besetzt. Die armen Christen haben meistens nur Sonntag Zeit. So hatten denn die Juden die Mehrheit. Und wie zum Schluß der Vorstellung draußen auf den Gängen die ersten Rufe fielen: »Juden 'raus!« und wie sich daraus eine Schlägerei entwickelte, da flogen am Ende unsere Christen hinaus. Die Polizei will nichts gesehen und gehört haben.« »Wie gewöhnlich. Bemerken Sie in Ihrem Bericht, daß die Juden alle guten Plätze einnahmen und durch ihr unbescheidenes Benehmen jeden demütigen Menschen reizen mußten, daß also eigentlich die Juden angefangen haben.« »Der Herr Statthalter...« »Ich weiß. Das genügt nicht für seine Gerichtshöfe. Immerhin sammeln wir einstweilen Materialien. Und noch eins. Der Zulauf zu dieser alten Hexe, zu der Hypatia, ist immer noch so groß?« Hierax schien gerade andächtig das Kruzifix zu betrachten. Ganz amtlich sagte er: »Die große Aula reicht niemals hin. Heute standen über fünfzig Personen vor dem Portal. Zur Kirchenzeit. Und es waren die jungen Leute aus unseren besten Familien.« Kyrillos schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. »Und dagegen ohnmächtig zu sein! Sich immer an diese kaiserlichen Beamten wenden zu müssen, die alle meine Feinde unterstützen! Habe ich denn gar keine Freunde in Alexandria, um mit dieser griechischen Teufelin und mit den Juden kurzen Prozeß zu machen?« »Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, Erzbischöfliche Gnaden? Solche Geschäfte kann straflos nur der Pöbel besorgen. Unser christlicher Pöbel hat vorläufig gar nichts gegen Hypatia. Man hat ihm höhere Löhne auf Erden und im jenseitigen Leben das Himmelreich versprochen. Darauf wartet unser süßer Pöbel. Er wartet geduldig. Rühren wird er sich erst, wenn er glaubt, Hypatia oder die Juden ständen zwischen ihm und den Genüssen des Himmelreichs.« Kyrillos stand auf und ging mit gekreuzten Armen auf und nieder. »Hierax,« sagte er nach einer Weile, »für diesen Gedanken sollen Sie einmal Bischof werden. Aber vorerst müssen Sie Ihren Gedanken verwirklichen helfen. Wir haben keinen fanatischen christlichen Pöbel, meinen Sie? Wir haben ja die Mönche. Die müssen Sie uns hereinbringen.« Hierax küßte den Ärmel des Erzbischofs. »Seiner Erzbischöflichen Gnaden Diener, heute wie als Bischof. Was habe ich zu tun?« Der Erzbischof trat ans Fenster und stand lange mit geschlossenen Augen da, endlich sagte er: »Glauben Sie, daß Sie die Sprache dieser Leute treffen werden? Es sind ungebildete, gläubige Menschen.« »Der allmächtige Gott wird seinem niedrigsten Knechte die Zunge lösen und ihn mit seinen Engelscharen gegen das Gezücht der Wüste schützen und ihm eingeben, was gut ist für die Vernichtung der eitlen Herrlichkeit dieser Welt und was gut ist für die Eroberung des himmlischen Reiches!« Kyrillos nickte lächelnd. »Ich kann Ihnen nur allgemeine Grundzüge für Ihr Verhalten geben. Ich vertraue Ihnen, und ein Bischofssitz kann die Belohnung sein. Schon gut. Ich weiß, daß Sie es um der guten Sache willen tun werden, aber ein Bischofssitz ist auch eine gute Sache. Also hören Sie. Notieren Sie sich, was ich Ihnen sage. In Ihrer Geheimschrift, wenn ich bitten darf.« Kyrillos ging mit großen Schritten auf und nieder. Hierax setzte sich bescheiden an ein kleines Tischchen, zog seine Schreibtafel hervor und horchte aufmerksam. »Sie werden sich auf den Weg machen, sowie Sie die allernötigsten Vorbereitungen getroffen haben. Sie gehen natürlich nach dem nytrischen Gebirge. Sie werden dort drei Arten von Büßern finden, sowie Sie in dem großen Mönchstal langsam von der Talsohle nach dem Gebirge aufsteigen. Unten wohnen Hütte an Hütte und Zelt an Zelt die guten frommen Gärtner, welche sich nach den Worten der Schrift von der Welt zurückgezogen haben, um unter freiwilligen Entbehrungen ein beschauliches Dasein zu führen, und ruhig den Tod und das Eingehen in das Reich Gottes erwarten. Mit diesen Leuten ist ganz und gar nichts anzufangen. Es mögen gute Christen sein nach dem Sinne Jesu Christi und der Apostel, für die Kirche sind sie nicht zu brauchen. Einfältige Menschen! »Weiter oben auf dem ersten Abhang des Gebirges liegen die Klöster. Sie verhandeln dort je nach Umständen mit den Mönchen selbst oder nur mit den Vorstehern. Den Mönchen gegenüber können Sie einfließen lassen, daß der Bischof von Rom sich die Herrschaft auch über die griechische Kirche anmaßen und sämtliche Klöster aufheben will. Der Bischof von Rom...« »Der Antichrist!« »Vortrefflich! Ich sehe, Sie verstehen mich. Das Wichtigste aber ist, daß Sie den Vorstehern der Klöster etwas anbieten können. Sie möchten einige neue Heilige haben. Ich liebe das eigentlich nicht. Die toten Heiligen stellen die lebendigen Bischöfe in den Schatten. Und wenn ich auch hoffen darf, nach meinem Tode gleichfalls heilig gesprochen zu werden, wissen Sie, Hierax, ich glaube nicht, daß die Würmer sich daran kehren werden. Die Würmer sind arge Heiden. Na also immerhin, ich bewillige den Klöstern den heiligen Kyriax und den heiligen Paphnutios. Haben beide eine etwas stürmische Jugend gehabt, wurden aber beide nachher wirklich heilige Männer, und wurden vor allem unbeschreiblich alt. Sie brauchen das nicht zu notieren! Frecher Mensch! Außerdem verpflichte ich mich, die Bücher des Origines verbrennen zu lassen. Was dieser Mann gefordert hat, wollen die Mönche denn doch nicht anerkennen, trotz ihres zweiten Gelübdes. Im übrigen sollen die Vorsteher versichert sein, daß ich mit rücksichtsloser Strenge sie unterstützen werde, so oft sie die Disziplin in ihren Klöstern mit Gewalt aufrechthalten müssen. Das müssen Sie aber wieder den Klosterleuten nicht sagen.« »Das Joch der drei Gelübde ist schwer.« »Da irren Sie, lieber Hierax. Das Gelübde der Armut schafft mir ein jährliches Einkommen von fünfzigtausend Goldkronen. Das Gelübde der Keuschheit sichert mir mein freies Junggesellenleben und läßt doch einige recht ansehnliche Frauen Vertrauen zu mir fassen. Und das Gelübde des Gehorsams hat es so gefügt, daß der kaiserliche Statthalter von Ägypten sich mir noch unterordnen wird und daß das Volk den Saum meines Kleides küßt, wenn meine Sänftenträger mich durch die Straßen leiten. Das brauchen Sie auch nicht zu notieren.« »Und wozu, Erzbischöfliche Gnaden, müssen die Mönche sich verpflichten?« »Zu nichts. Sie sollen recht zahlreich nach Alexandria kommen, hier ihre kleinen Einkäufe besorgen und etwas Geld unter die Leute bringen; wenn sie unchristlichen Wandel wahrnehmen und mit ihren abgehärteten Fäusten dreinschlagen sollten, so würden sie dafür kaum bis in die Wüste verfolgt werden. Dazu gebe ich aber keinen Auftrag.« »Und die dritte Gruppe der Büßer?« »Das sind die Einsiedler, welche hoch oben auf den unfruchtbaren Bergen oder irgendwo in den Seitentälern versteckt, in Tierhöhlen und alten Gräbern hausen. Wenn diese Wilden sich nicht an die Spitze stellen, so helfen die Mönche nichts. Wir müssen die Eremiten und Anachoreten gewinnen. Und die haben wir, wenn wir den frommen Mann Isidoros haben.« »Isidoros.« »Es ist möglich, lieber Hierax, daß dieser heilige Mann Sie mit Steinwürfen oder mit Knüttelschlägen empfängt. Sie schicken vielleicht einen der guten Leute aus dem Tal voraus. Er hat so seine Anfälle. Aber er ist der gelehrteste unter den Eremiten und hat um seiner Anfälle willen ein doppeltes Ansehen. Was Sie mit ihm und seinesgleichen zu reden haben, muß ich ganz Ihrem Gefühl überlassen. Erzählen Sie von den Greueln der Juden, welche letzte Ostern ein Christenkind geschlachtet haben. Erzählen Sie von den Beamten des Kaisers, die sich Christen nennen, aber in ihren üppigen Wohnräumen schöne, nackte Bildsäulen heidnischer Göttinnen stehen haben. Sie dürfen lebhaft werden in der Schilderung der Üppigkeit und der Nacktheit. Das hören die Eremiten in ihrem heiligen Zorn gern. Berichten Sie über die Mahlzeiten dieser verkappten Heiden. Austern, getrüffelte Fasanen, Steinbutten, Rebhühner und Hasen. Nennen Sie die leckersten Fleischspeisen. Gemüse würde keinen Eindruck machen. Schildern Sie die Lotterbetten und Teppiche. Und vergessen Sie nicht das zügellose Leben der Söhne dieser Heiden, die Gelage mit den Tänzerinnen von Alexandria. Sie dürften gut tun, vor Ihrer Abreise ein solches Fest mitzumachen, um anschaulich beschreiben zu können.« »Ist nicht nötig, Erzbischöfliche Gnaden.« »Erzählen Sie vor allem, wie diese griechische Teufelin die lasterhaften jungen Leute des Sonntags von der Kirche lockt und wie sie unseren Herrn Jesus Christus gelästert und ihn einen Menschen genannt hat. Von den Beziehungen zwischen dieser Hypatia und dem Statthalter machen Sie ausgiebigen Gebrauch. Erinnern Sie an die Leibgarde der berühmten Philosophin. Natürlich lauter Liebhaber, Heidengreuel. Sie werden bei den Eremiten vielleicht zu hören bekommen, daß auch die christlichen Bischöfe kein entbehrungsreiches Leben führen. Widersprechen Sie dem, wenn Sie können, und geben Sie selbst ein gutes Beispiel.« Der Erzbischof gab seinem Boten noch ein paar eingehende Belehrungen über einzelne Klosterpröpste und entließ ihn freundlich. Hierax reiste schon vier Tage später ab. Hoch auf dem Rücken eines Dromedars, begleitet nur von zwei Ägyptern, welche auf Eseln ritten und sein Gepäck mit sich führten, verließ er die Stadt mit Sonnenaufgang. Drei Tage und zwei Nächte dauerte die Reise am Saume der Wüste. Die beiden Ägypter, welche kein Wort Griechisch verstanden, unterhielten sich unterwegs, wenn die Sonne nicht gar zu heiß niederbrannte, lebhaft über das und jenes und wunderten sich über den großmächtigen Christen, der so teilnahmlos Sonnenauf- und -untergang, Windesrauschen und Sterngefunkel über sich ergehen ließ, als ob er taub und blind wäre. Als sie zur Nachtzeit tiefer in der Wüste halt machten und sich zum Abendmahl auf die ausgebreiteten Teppiche niederließen, da dankten die Ägypter ihren Göttern für Speise und Trank, und nur der Christ schlang gedankenlos alles hinunter. Wenn sie fromme Sprüche aufsagten, um durch deren Bann die wilden Tiere von ihrem nächtlichen Lager fernzuhalten, so gab der Christ Auftrag, trockenen Mist um das Lager zu sammeln und ihn zum Schutz gegen die Hyänen anzuzünden. Als ob ein Mistfeuer wirksamer wäre als die Hilfe der Götter. Es war klar, so ein Christ hatte keinen Glauben. Gegen den Abend des dritten Tages näherte sich die kleine Karawane einem Taleinschnitt, der den niedrigen Bergzug zur Rechten unterbrach. Noch lag, so weit das Auge reichte, die gelbgraue Wüste wie ein unabsehbares schlechtes Löwenfell vor ihnen ausgebreitet. Doch plötzlich, als sie in das Tal einbogen, glaubte Hierax eine Luftspiegelung vor sich zu sehen. Über eine Stunde weit konnte er kleine Menschenwohnungen wahrnehmen und über jede Hütte und Mauer hinweg ragten hoch empor und zeichneten sich schlank von dem dunkelblauen Himmel ab unzählige Palmbäume, und senkten ihre majestätischen Fächerwedel in anmutigen Linien bald über die kleinen Dächer, bald weit ausladend über die Umzäunungsmauern hinweg. Jedes Gehöft bestand aus einem niederen Lehmhäuschen, das nicht viel anders als ein großer Bienenkorb aussah und auf gleichem Umkreis von kleinen Obst- und Gemüsegärten umgeben war. Überall sah Hierax die Dorfbewohner noch fleißig bei der Arbeit. Die meisten drehten zu zwei oder zu vieren die großen Schöpfräder, mit welchen sie Wasser aus Brunnen und Zisternen holten für sich und den Garten. Anderswo schnitt ein Alter die reifen Gemüse ab, und wieder anderswo hackte ein Jüngerer ein abgeerntetes Beet. Hie und da war einer von den jüngsten Männern zu einem Palmgipfel emporgeklettert, pflückte oben in der luftigen Höhe einige schwellende Dattelkolben ab und blickte verwundert den Reitern nach. Auf den ersten Blick unterschied sich diese kleine Oase von anderen ägyptischen Gärtnerdörfern durch eine peinliche Sauberkeit und durch fast sonntägliche Ruhe, man hörte nicht das Schreien gemarterter Tiere, nicht das Zanken und Toben ungezogener Kinder, nicht das Keifen von Frauen. Nur das leise Knarren der Schöpfräder begleitete die Reiter von Gehöft zu Gehöft, ein ruhiges: »Gelobt sei Jesus Christus!« tönte ihnen freundlich von allen Begegnenden zu, und hie und da erklang aus den Gärten die Melodie eines Psalms. Seit einer halben Stunde trug das Dromedar seinen Reiter mit langsamen, weit ausgreifenden Schritten durch das Dorf. Hierax war unschlüssig, ob er hier sein Nachtlager nehmen oder den Weg bis zum ersten Kloster fortsetzen sollte. Noch hatte ihn niemand angesprochen, noch war ihm kein Obdach angeboten worden. Erst als Hierax an den letzten Gehöften vorüberkam und eben mit den Augen die Entfernung bis zu den Klöstern maß, deren Kalksteinmauern nun beim Scheine der untergehenden Sonne wie rote Kristalle aus den Wüstenfelsen emporzublühen schienen, da trat aus der letzten Hütte ein lächelnder alter Mann hervor, stieß einen kurzen Ruf aus, der die drei Tiere sofort zum Stehen brachte, und sagte zu Hierax: »Gelobt sei Jesus Christus, lieber Herr. Ihr solltet nicht weiter heute abend. Die reine Luft der Wüste täuscht eure Augen. Ihr hättet noch drei Stunden gut zu reiten bis zu den Klöstern, und die Nacht bricht herein. Kein Mondschein. Wenn die Reise also nicht einem Kranken gilt, so wollt freundlichst meine Hütte mit mir teilen.« Hierax nahm die Einladung an und beaufsichtigte selbst, wie die beiden Treiber die Tiere absattelten und fütterten und sich das gewohnte Wüstenlager vor der Hütte bereiteten. Inzwischen hatte der alte Gärtner in seinem Häuschen alles für den Gast bereit gemacht und rief nun ihn und die Treiber zum Mahl. Hierax sprach seine Verwunderung darüber aus, daß ein so guter Christ, wie der Gärtner zu sein schien, gemeinsam mit diesen gemeinen ägyptischen Knechten essen wolle. Das aber verstand der alte Gärtner wieder nicht; alle Menschen seien Kinder Gottes. Aber den Ägyptern war es selbst ungemütlich, so geehrt zu werden, sie nahmen ihren Teil des Weizenbreis und der Datteln aus der Schüssel, schöpften sich einen Topf voll Mich ein und schlichen zu ihren Eseln hinaus. Unter ruhigen Gesprächen über Gemüsebau und den rechten Glauben verging der Abend. Dann streckte sich Hierax, auf einer weichen Strohlage aus, welche ihm sein Wirt über ein Bett von geflochtenen Rippen der Palmblätter aufgeschüttet hatte. Er schlief herrlich bis in den Morgen hinein und brach dann bald auf, nach einem Frühstück von Milch und Brot. Dank wollte der Gärtner nicht annehmen. Und über das Anerbieten von Geld lächelte er. Geld in der Wüste. Spielzeug für Kinder. Hierax ritt mit seinen beiden Begleitern dahin und nahm sich vor, die Macht des Erzbischofs gegen diese hochmütigen Menschen loszulassen, die von den Segnungen der Kirche nichts zu wissen schienen und der bischöflichen Macht durch ihre Ruhe spotteten. Es ging jetzt langsam bergauf, über unwirtliche, gelbbraune Kalkfelsen zog sich ein schlechter Fußsteig im Zickzack hinauf. Es war beinahe Mittag, als Hierax vor der Pforte des ersten Klosters anlangte. Sie war fest verschlossen und wie ein Festungstor bewacht. Der Abgesandte des Erzbischofs mußte lange warten; endlich wurde er von einem groben Kerl mitsamt den Treibern und Tieren zu einer großen Halle geleitet, wo gegen zwanzig Wallfahrer aus der Nilniederung schon versammelt waren, um heute zur Vesperzeit den Segen des Klosterpropstes am Grabe des heiligen Pachomios zu erlangen. Denn weder die Gläubigen noch die Mönche hatten auf die Erlaubnis der Kirchenbehörde gewartet, um die Wunder des Heiligen an Kranken und Krüppeln, an unfruchtbaren Weibern und an Wahnsinnigen ausüben zu lassen. Als nach einer kleinen halben Stunde zwei rüstige Mönche erschienen und ein großes Gefäß mit Linsen vor die Wallfahrer hinsetzten, gab sich ihnen Hierax, als den Boten des Erzbischofs zu erkennen und verlangte, auf der Stelle zum Vorsteher geführt zu werden. Die erschreckten Mönche machten Ausflüchte und wollten ihn, offenbar um Zeit zu gewinnen, zunächst in den Klostergarten führen, wo der Herr Vorsteher ihn aufsuchen würde. Hierax aber ließ die beiden nicht von seiner Seite und betrat mit ihnen gemeinsam den großen Speisesaal. Da saßen und hockten und lehnten an zweihundert Mönche, plaudernd, singend und zankend um einen ungeheuren Tisch, und an der Spitze saß der Vorsteher, vor sich einen großen Krug mit Wein. Der Tisch war mit allerlei guten Speisen beladen, und die Mönche, die jungen und die alten, ließen es sich wohlsein. Jetzt aber stürzten die beiden Begleiter des Hierax, die lange Tafel entlang bis zum Vorsteher, und im Nu herrschte Totenstille im weiten Raum. Der Propst wollte taumelnd auffahren, sank aber schwer in seinen Stuhl zurück; einige Tischgenossen intonierten einen Psalm. Hierax aber trat lächelnd einen Schritt vor und rief: »Gelobt sei Jesus Christus, die Herren! Ich komme nicht, zu stören, und wenn mir eine Einladung zuteil wird, so will ich zeigen, daß Gott meinen Appetit gesegnet hat wie den ihren. Und ein Krug voll Klosterwein wird meiner verstaubten Kehle gleichfalls wohltun.« War das ein Jubel. Der Vorsteher erhob sich nun würdevoll und duldete es nicht anders, als daß Hierax, der nun feierlich sein Beglaubigungsschreiben überreichte, auf dem Ehrensitze Platz nahm. Alle Mönche waren aufgesprungen und drängten sich unter Bücklingen und Schmeichelreden um den Boten des Erzbischofs. Etwa zwanzig der ältesten Mönche wurden ihm persönlich vorgestellt. Dann aber verbat er sich alle Zeremonien, und das Mittagsmahl wurde noch heiterer und lärmender fortgesetzt, als es begonnen hatte. Wohl versuchte der Vorsteher von Zeit zu Zeit das Wohlleben zu entschuldigen: es sei heute Sonntag, und man dürfe doch die liebe Gottesgabe nicht umkommen lassen, welche die Wallfahrer unter so vieler Mühsal herbeibrächten. Hierax winkte aber nur mit der Hand ab, aß, trank und plauderte und ließ nur hie und da eine Bemerkung fallen, als ob die vortreffliche Einrichtung von mächtigen Feinden bedroht wäre. Nach der Mahlzeit begab man sich in den Garten, wo Hierax bald mit den jüngeren Klosterleuten allein blieb; diese fingen sofort an, ihm ihre Klagen über den Propst und über die älteren Herren vorzutragen. Seine Gnaden solle sich nicht durch den trügerischen Schein täuschen lassen. Man habe ja zu leben, aber so wie am Sonntag gehe es doch nicht alle Tage. Man habe doch auch menschliche Bedürfnisse und keine so hündischen Launen wie die Anachoreten oben im Gebirge. Der Herr Propst und die alten Herren seien freilich die reinen Müßiggänger. Die jüngeren Mönche aber müßten wochentags oft arbeiten wie Bauern oder Handwerker. Die Bestellung des Gartens, besonders das Wasserschöpfen, sei in dieser Wüstenei eine mühsame Sache. Und das Bedienen der Wallfahrer, das Kochen, die Gärtnerei sei gar kein leichtes Geschäft. Dazu komme noch, daß die jüngeren Leute jede freie Stunde in der Klosterfabrik beschäftigt würden, in der großen Strohflechterei, wo die heiligen Strohmatten hergestellt würden, auf denen der Heiland einst wandelte. Das Geld dafür fließe stets in die Tasche des Vorstehers. Und wenn dieser auch nicht so strenge sei wie manche andere Pröpste dieser Gegend, so spiele er doch auch gerne den Tyrannen und lasse die Laienbrüder oft wegen einer kleinen Lüge oder wegen des geringsten Ungehorsams auspeitschen. Hierax erwiderte, er wäre ja eben gekommen, um alle diese Dinge zu untersuchen, und die Herren sollten sich nur getrost auf den gerechten Sinn des Herrn Erzbischofs verlassen. »Freilich,« so fuhr er fort, während er sich auf ein Lager von Polstern niederließ und die Mönche ihn dichtgedrängt umstanden: »Freilich kann ich den Herren keine Sicherheit dafür geben, daß das Leben in den Klöstern überhaupt noch lange währen wird. Ei, ei, meine Herren, es scheint ja trotz Ihrer Klagen nicht so schlimm zu sein, da Sie bei dem bloßen Gedanken schon erschrecken. Ja, ja, Sie wissen doch, daß der Bischof von Rom Ansprüche erhebt, die anderen Bischöfe zu seinen Knechten zu machen, sogar die von Konstantinopel und Antiochia und von Alexandria. Gelingt ihm das, so dürften die Herren bald mehr Grund haben zur Klage. Dann dürfte niemals wieder ein Stückchen Fleisch oder ein Tropfen Wein über eine Klosterschwelle kommen. Dann dürften Sie alle ein Leben führen wie die heiligen Männer, die Eremiten. Ja, ja, meine Herren, das kommt davon, daß Sie den Herrn Bischof in seinem Streben nach einer strafferen Organisation und in seinem Kampfe gegen Rom nicht unterstützt haben. Der Herr Erzbischof ist fast geneigt, dem Bischof von Rom die Herrschaft zu überlassen.« Das dürfe nie geschehen, nie! Niemals! Lieber alles andere, als das Leben von Eremiten führen. Lieber den Tod! Alle schrien durcheinander. Sie vergaßen die Würde des Gastes, sie zankten und stritten, und einige riefen, man müßte sofort nach Alexandria aufbrechen, um den guten Erzbischof zum Ausharren zu bewegen oder zu zwingen. Hierax nahm nun wieder das Wort und ließ sich gehen. Was wußten diese unwissenden Mönche vom Weltlauf? Denen konnte er alles einreden. Er erzählte also, daß die römischen Bischöfe sich nur zum Schein Katholiken nannten, im Grunde aber nazarenische Ketzer wären, welche sich überall mit Hilfe der verdammten nazarenischen Sekte der Herrschaft bemächtigten. »Auch in Alexandria gibt es heimlich noch sehr viele Nazarener, die freilich die eigentliche Meinung ihres Stifters über das Wesen Gottes schon wieder verfälscht haben, sich Urchristen nennen und das Urchristentum einführen möchten. Denken Sie nur: das Urchristentum. Welch ein Unsinn. Zwischen Laien und Geistlichen, zwischen Wallfahrern und den Klosterleuten soll kein Unterschied sein. Armut und allgemeine Menschenliebe soll dieses Urchristentum ausmachen! Bischöfe, Pröpste und die letzten Knechte sollen alle gleich und alle Bettler sein. Kein Mensch soll besonderes Eigentum haben. Diese blödsinnigen Verehrer der heiligen Matten draußen sollen das Recht haben, ihren Wein selbst zu trinken, meine Herren, und Ihnen dafür brackiges Wasser vorzusetzen. Lachen Sie nicht, meine Herren. Diese sogenannten Urchristen, welche sich fortwährend auf die Evangelien berufen, könnten eines Tages die Welt erobern, wenn nicht Sie und alle gutgestellten Bürger die Bischöfe im Kampfe gegen solche Irrlehren unterstützen. Glauben Sie mir, diese nazarenischen urchristlichen Ketzer und der Bischof von Rom und die Beamten der Regierung stecken alle unter einer Decke.« Wieder sprachen alle Mönche durcheinander. Da solle doch ein Himmeldonnerwetter dreinschlagen. Warum der Erzbischof diesen gottlosen Greueln nicht ein Ende mache? »Er kann eben nicht. Ihm sind die Hände gebunden, weil ihm der Herr Statthalter auf dem Nacken sitzt und weil die guten Christen von Alexandria schlappe Menschen sind, elende Krämerseelen. Da müßten einmal so ein paar Hundert kräftige Mönche und Einsiedler aus der Wüste nach der Stadt kommen, die würden schon mit den friedfertigen Nazarenern fertig werden. So ein kurzer Besuch in der Stadt könnte ganz lustig werden. Aber ich darf nichts sagen, meine Herren. Ich habe Ihnen nichts zu befehlen. Ich weiß nur, womit Sie dem Herrn Erzbischof eine rechte Herzensfreude bereiten könnten. Eine Sünde wäre es wahrhaftig nicht, bei so einem Kreuzzug auch noch die verdammten heidnischen Philosophen bei ihren hochmütigen Ohren zu ziehen und den verdammten Juden, den Gottesmördern, ihr Gold und Silber fortzunehmen. Davon machen Sie sich keine Vorstellung, meine Herren, wie die Tafel so eines reichen alexandrinischen Juden aussieht. Von goldenen Tellern essen sie, und aus silbernen Krügen gießen sie den Wein in kristallene Becher. Und was für einen Wein. Daß man bei der Erinnerung noch nach Jahr und Tag mit der Zunge schnalzt.« Diese Unterhaltung dauerte noch fort, als der Propst mit seinen Begleitern erschöpft von der Segenserteilung zurückkehrte und sich dem hochgeehrten Gaste wieder zur Verfügung stellte. Über eine Woche blieb Hierax in diesem Bezirke. Er übernachtete jedesmal in einem anderen Kloster und machte tagsüber da und dort Besuche. Als er am letzten Tage eine Versammlung aller Pröpste berief, war der Zweck seiner Reise zur Hälfte schon erreicht. Die günstige Einwirkung des erzbischöflichen Boten auf die Disziplin in den Klöstern wurde allgemein anerkannt, und als Hierax gar die erzbischöfliche Anerkennung von Heiligen auszuwirken versprach, da war unter sämtlichen Klostervorstehern keiner, der nicht jeden Schritt des Erzbischofs mit Gut und Blut des Klosters zu unterstützen bereit gewesen wäre. Hierax wurde so guter Laune, daß er in einer Art von Rausch gar drei Heilige auf einmal versprach, außer den vom Erzbischof bewilligten Kyriaz und Paphnutios auch noch den heiligen Pachomios, dessen Wunderwerke Hierax ja am Tage seiner Ankunft mit eigenen Augen geschaut hatte. Noch eine Nacht verbrachte Hierax in einem der Klöster, dann ging es höher ins Gebirge zu den heiligsten unter den heiligen Männern, zu den Anachoreten. Der Gesandte schloß sich einer Karawane an, welche jetzt gerade wieder wie alle Vierteljahre auszog, um den Einsiedlern ihre Brotrationen für drei Monate zu verteilen. Zwanzig starke Kamele, von heidnischen Arabern geführt, bildeten den Zug, und ein lustiger Mönch, der früher in Alexandria Bäckergeselle gewesen und aus Zorn über seinen Herrn ins Kloster gelaufen war, hatte die Oberleitung und die Brotverteilung unter sich. Er hieß Paulinos und konnte dem Boten des Erzbischofs durch seine Kenntnis der Personen und der Gegend sehr nützlich werden. Paulinos hatte überdies die Funktionen eines Arztes auszuüben; er verstand zwar nichts von der Heilkunde, aber kranke Anachoreten verlangten dennoch seine Hilfe. Hierax hüllte sich anfangs in seine Würde und wollte den kecken Burschen nicht ausfragen. So zogen sie einen langen Tag nebeneinander hin und plauderten von der besten Art Kamele zu satteln, von der Rebhühnerjagd und vom Leben in den Klöstern. Paulinos war mit seinem Schicksal recht zufrieden. Er hatte einen festumrissenen Kreis seiner geistlichen Tätigkeit; er durfte den Getreideeinkauf besorgen, verwaltete die Klostermühle und -bäckerei und mußte außerdem viermal im Jahre die Brotlieferung für diesen Distrikt des Gebirges übernehmen. »Mein Herr Propst ist kein strenger Mann; es setzt nur mitunter einen Katzenkopf, wenn der Wind von Nordwest bläst, das wissen wir schon.« Ob alle Pröpste humane Herren wären? »Human? das verstehe ich nicht. Hart sind einige schon. Da ist einer aus Syrien zu uns versetzt worden, dessen Mönche bilden die reine Strafkompagnie. Einige müssen täglich eine Stunde lang einen alten Kalkfelsen begießen und zusehen, ob da am Ende nicht doch durch ein Wunder ein Palmschößling aus den Steinen kommt. Andere müssen den Wüstensand zentnerweise auf den Buckel laden und tausend Schritt weit davon wieder abwerfen. So sollen sie lernen, daß alle irdische Arbeit fruchtlos sei. So ein Blödsinn! Aber im Vergleich zu den Einsiedlern, zu denen wir kommen, lebt selbst die Strafkompagnie wie der Herrgott auf Kreta.« Ob denn das Büßerleben dieser Anachoreten durchaus echt sei? »Durchaus, lieber Herr,« sagte Paulinos ehrlich. »Ich habe nichts dagegen, daß einer sie wahnsinnig nennt, oder wenigstens verdreht, daß man den Vernünftigen unter ihnen Eitelkeit vorwirft oder Ehrgeiz oder was weiß ich. Aber leben tun sie alle wie die Hunde. Sehen Sie, Herr, die Kirche von Alexandria hat bei uns die Stiftung gemacht, nach welcher wir den Einsiedlern ihr Brot backen und liefern müssen. Na, es ist eine schöne Stiftung. Wir verdienen fünfzig vom Hundert dabei, und Sie können gleich kosten, wie das Brot frisch schmeckt, ungesäuert und hart gebacken. Aber wie das nach einem Vierteljahr schmecken wird ... Das heißt, müssen Sie wissen, gutes Mehl, das ist meine Sache! Kosten Sie nachher einmal. So ein Pfund Brot mit einem bißchen elendem Wasser und hie und da ein verunglücktes Wüstenkraut ist jahraus, jahrein die einzige Nahrung dieser Heiligen. Gräßlich!« Und Paulinos erzählte weiter, wie einzelne unter den Anachoreten darauf bestünden, nur die halbe Ration zu erhalten, um sich noch mehr zu kasteien, wie andere das Brot, bevor sie es äßen, in den Schmutz würfen, um ihren Ekel an jeder Nahrung auszudrücken, und wie es sich überhaupt gar nicht aufzählen ließe, was für Unsinn diese heiligen Männer trieben. Viele würden ja krank und gingen frühe mit dem Tod ab, die meisten aber erreichten ein hohes Alter; kaum einem auf Tausend gelänge es, entweder bei Lebzeiten als Wundertäter angestaunt, oder als Bischof in die Welt zurückgerufen zu werden. Hierax fragte, ob unter den Einsiedlern auch viele gelehrte Männer wären? »Das weiß ich nicht. Ich kann ja selber nicht lesen. Schimpfen tun sie wie die Lastträger im Hafen von Alexandria. Aber das sollen ja die Herren von der Akademie auch können, wenn es sein muß. Bücher gibt es selten im Gebirge. Höchstens die Psalmen und überhaupt die Bibel. Sagen Sie, lieber Herr, das muß ein merkwürdiges Buch sein, die Bibel. Jeder, der lesen kann, sagt, daß was anderes drinnen steht, als ob am Abend in der Wüste ein Eseltreiber riefe: He, da ist ein See! und der andere: He, da ist eine Stadt! und der dritte: He, da ist ein Kamel!« Bei der Mittagsrast kostete Hierax das frische Einsiedlerbrot zu einem guten Trunk. Aber er schüttelte mitleidig den Kopf. Paulinos lachte und erzählte auf der Weiterreise noch viel von dem gottgefälligen Treiben der Mönche und der Torheit der Einsiedler. Gegen vier Uhr nachmittags langten sie im heiligen Bezirk der Anachoreten an. Hierax hatte auf den Rat seines Begleiters beschlossen, zuerst unerkannt mit der Brotkarawane von einer Behausung oder Höhle zur anderen zu ziehen und die Bewohner so gut wie möglich kennen zu lernen, bevor er als Abgesandter mit den zugänglichsten zu sprechen versuchte. Die ersten Einsiedler, die sie antrafen, enttäuschten seine Erwartungen, denn sie lebten fast gemeinsam und trieben nichts von den seltsamen Dingen, von denen Paulinos erzählt hatte. Etwa in Manneshöhe über dem Fußsteig waren zur rechten Seite in den steilen Kalkfelsen alte Mumiengräber eingehauen, die sich im Innern des Berges oft, wie Paulinos wissen wollte, zu vielen einzelnen Grabkammern erweiterten. In diesem, Felsenkloster wohnten ungefähr fünfzig Anachoreten, fast durchaus jüngere Leute, die hier ihr Noviziat durchmachten. Sie waren mit einem Hemde von Kamelhaaren und einem Schafsfell wie mit einer Büßeruniform bekleidet. Die Mehrzahl erschien beim Nahen der Karawane an den Ausgangslöchern; und ein jeder nahm stumm und geschäftig seine hundert Brote entgegen. Nach Empfang der Nahrung stürzten die meisten in das Dunkel der Höhle zurück. Einmal nur ergriff ein junger Einsiedler das erste Brot mit weinender Hast und schrie, während er hineinbiß und den Brotvorteiler mit wütenden Augen ansah: »Seit fünf Tagen! Seit fünf Tagen! Du kommst zu spät, du Hund, du wirst zur Strafe in der Hölle einen ewig glühenden Eisenstab durch den Schlund gezogen kriegen, du Hund! Seit fünf Tagen!« Der letzte in der Reihe wieder warf die Karawane triumphierend mit einigen steinharten Broten, die ihm von seiner letzten Ration übrig geblieben waren; höhnisch aufkreischend schrie er merkwürdige Worte dazu. Hierax, konnte aber nichts verstehen, als immer dasselbe: »Fasten!« Gleichmütig machte Paulinos mit der Karawane nun seine Runde. Etwa tausend Schritt weiter stand ein Einsiedler, dessen weißes Haar fast seine einzige Gewandung war, mit ausgebreiteten Händen an ein Kreuz gelehnt und schrie geifernd der Karawane entgegen: »Schlagt mich tot! Ihr ketzerischen Mörder! Alle Feinde haben sich gegen mich verschworen, mich des Martyriums nicht teilhaftig werden zu lassen! Seit dreißig Jahren stehe ich hier Kreuz und warte auf ihn, der mir die Nägel durch Hände und Füße treibt und mir die Lanze in die Brust stößt. Tut mir die Güte! Ihr Schufte! Ihr Bastarde von Pharaonensöhnen! Ihr Dreckseelen, ihr habt keinen Mut! Ich spucke auf euch!« Als ihm aber Paulinos seinen Brotbeutel zureichte, gab der heilige Mann seine qualvolle Körperhaltung auf, brachte eifrig einen leeren Brotbeutel herbei und verschwand mit dem neuen Vorrat in einer Höhle, deren Zugang durch große Steine verdeckt war. Wieder einige hundert Schritt weiter fanden sie eine ganz hübsche Hütte aus ungebrannten Lehmziegeln, deren Bewohner, ein steinalter Mann, schon von weitem mit dem leeren Brotbeutel winkte. »Na, Makarios,« rief ihm Paulinos zu, »wieviel Teufel hast du dir im letzten Vierteljahr ausgetrieben?« »Hat euch der Kerl am Kreuz wieder was vorgeflunkert?« flüsterte heiser der Alte, den sie Makarios nannten. »Ein elender Schwindler und Gottesbetrüger! Tagelang liegt er auf dem Bauch und schläft wie eine Ratte, wenn er aber die Tritte von Eseln oder Kamelen hört, so steht er Kreuz und wünscht zu sterben. Da kriegt er denn oft was Gutes zu fressen von denen mit den Eseln und Kamelen, der Gottesbetrüger. Sogar Wein, Wein! Tut ihm doch den Gefallen. Schlagt ihn doch ein wenig tot, da werdet ihr sehen, wie er laufen wird, der falsche Heilige!« Paulinos trug den schweren Brotbeutel selbst in die Lehmhütte hinein und sagte: »Schau du nur, wie du mit deinen eigenen Teufeln fertig wirst.« »Das werde ich nie!« rief der Alte traurig. »Fünftausend habe ich euch gestern totgeschlagen, und da seht, da sitzen schon wieder dreihundertundfünfzig an der Schwelle. Wißt ihr was, ich will meine Hütte ganz und gar zumauern und mir nur ein Loch fürs Hinein- und Hinauskriechen offen lassen. Vielleicht erraten das die Teufel nicht. O mein himmlischer Vater, nein« – und der Alte sank in die Knie, »da sind sie wieder und stechen mir mit ihren Rüsseln in den Kopf, weil ich stolz war auf meinen guten Einfall. Hilf mir, mein Herr und Gott, daß ich ihrer Herr werde, zu deiner Ehre und zum Heile meiner Seele.« Während die Karawane weiterzog, schlug der Alte wütend mit beiden Fäusten gegen seinen nackten Schädel und lachte dazu freudig auf und zählte die erschlagenen Teufel; noch aus der Entfernung hörte Hierax ihn schreien: »Hundertsechsundzwanzig – hundertsiebenundzwanzig – das war ein fetter – hundertachtundzwanzig.« »Sind diese Leute nicht gefährlich?« fragte Hierax beklommen. »Es kommt selten etwas vor!« erwiderte Paulinos. »Wenn die Wilden unter ihnen, die Besessenen, daran dächten, sich zu vereinigen, würden sie uns vielleicht totschlagen und uns aufessen, uns und die Kamele und den ganzen Brotvorrat. Aber sie tun es nicht. Und mit dem einzelnen würden wir schon rasch fertig werden, so wütig sie sind.« Hierax gewöhnte sich im Laufe der nächsten Stunden an die Absonderlichkeiten, die sich häufig wiederholten. Dann bestürzte ihn doch wieder ein neuer Anblick. Ein völlig nackter Mann von vielleicht vierzig Jahren stand neben einem Pfahl und hatte den Kopf in einer Art von festem Holzkäfig stecken. Paulinos trat heran und löste den alten Brotbeutel ab, der von der höchsten Spitze des Pfahls bis vor das Gesicht des Büßers hing; er befestigte den frischen Vorrat in ebensolcher Weise. »Der nimmt's ernst,« sagte er, als er zurückkam. »Er hat sich so untergebracht, damit er sich niemals zum Schlafen niederlegen kann. Seit fünf Jahren steht er so da, holt mit den Zähnen allabendlich nach Sonnenuntergang ein Brot aus dem Beutel und trinkt dazu einen Scherben voll Schmutzwasser, das sein Nachbar, der mit den ausgestochenen Augen, ihm herbeischleppt.« Jetzt wurde die Gegend belebter, und die Karawane sammelte sich schon zum Nachtlager, während Paulinos mit Hierax und zwei vollbeladenen Kamelen zur Rechten und zur Linken vom Fußsteig die Büßerwohnungen absuchte. Auf diesem Platze wohnten viel singende Mönche vereinigt, darunter ein zum Skelett abgemagerter junger Mann, der das Gelübde getan hatte, Zeit seines Lebens den Mund zu keinem anderen Wort aufzutun als zum 130. Psalm, diesen aber täglich hundertdreißigmal zu singen, wofür ihm Gott versprochen hätte, ihn dreimal hundertunddreißig Jahre leben zu lassen. Mit der Stimme eines Sterbenden hauchte er die Worte des Psalms, nickte aber den Weitereilenden vergnügt zu. Ein zweiter, ein hübscher junger Mann von kaum dreißig Jahren, von starkem Gliederbau und gefälliger Haltung, schmetterte mit Löwenkraft die Melodie einer Opernarie mit Worten aus der Heiligen Schrift entgegen. Als Hierax mit Paulinos näher herankam, rief der Sänger: »Und mir hört niemand zu, als dieses unmusikalische Gesindel, während ich bloß die weltlichen Worte hinzuzufügen brauchte, um das größte Theater von Alexandria allabendlich zu füllen. Oh, ich kenne die weltlichen Worte sehr gut. Der Teufel lehrt sie mich jede Nacht. Aber ich beiße mir eher die Zunge ab, ehe ich ihm nachgebe und singe: Ich steh' vor deiner Kammertür! Wehe mir! Verloren! Wieder ein Jahr umsonst gebüßt.« Der junge Mann stürzte nieder und faßte mit beiden Fäusten eine Geißel von Nilpferdleder und schmetterte sie, mit dem Kopf gegen den Fels gestemmt, über seine Schultern hinweg auf den Rücken nieder, daß das Blut beim ersten Streich hervorspritzte. »Habt acht auf die Säue!« schrie es von einer anderen Seite. »Es sind Teufel! Fünfmalhunderttausend Säue habe ich eben aus meinem Knie ausgetrieben. Sie laufen euch zwischen die Beine! Achtung! Besonders die alte, gestreifte Sau, die ist bös! Um Gottes willen, ihr treibt sie mir ja zurück, da sind sie wieder!« Und der Sauaustreiber faßte ein längst spiegelglatt geschlagenes Kalkstück und bearbeitete damit sein rechtes Knie wie einen Amboß. Über eine tiefe Talschlucht hinweg führte Paulinos das Kamel jetzt auf einen Hügelrücken, das mit einer spärlichen Schicht von distelartigen Wüstenpflanzen bedeckt war. Hier hielten sich gegen fünfzehn Anachoreten auf, die völlig nackt und ohne Spur einer menschlichen Behausung dalagen oder auf allen Vieren umherkrochen, und beim Anblick des Brotkamels in ein tierisches Geheul ausbrachen und gleichzeitig in die Blätter der graugrünen Kräuter zu beißen begannen. Als aber Paulinos unter ihnen stand und die letzten Beutel vom zweiten Kamel auf eine etwas erhöhte Steinplatte niederwarf, sprangen sie alle auf Händen und Füßen heran und wühlten mit ihren Mäulern einzelne Brote aus den Beuteln heraus. »Schämt ihr euch nicht!« schrie Paulinos, und stieß dem nächsten heftig seinen Fuß in die Flanke. »Der Propst hat über euch an den Herrn Erzbischof berichtet. Und der hat geantwortet, daß ihr kein Brot mehr bekommt, wenn ihr nicht von diesem Viehleben lassen wollt. Gott hat euch wie die anderen Menschen aufrecht erschaffen. Was ihr treibt, ist kein heiliges Leben, wie das der anderen Einsiedler, es ist tierische Abgötterei!« Die nackten Leute schienen nicht zuzuhören. Bloß einer aus dem Haufen wandte, ohne aufzustehen, den wild behaarten grauen Kopf mit einem wölfischen Blick nach Paulinos und sagte mit wohlklingender Stimme und in gebildeter Sprache: »Der die Lilien auf dem Felde kleidet... wer sich erniedrigt... eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr ... Du bist selber so ein Kamel! Er ist ein Kamel! Wau! wau!« Und unter rasendem Gebell dieser heiligen Männer verließ Paulinos mit Hierax und den entlasteten Tieren den Hügelrücken der grasfressenden Anachoreten. Nach einer kleinen Viertelstunde hatten sie die Stelle gefunden, an welcher man für die Nacht Rast machen wollte. Es war eine kurze, tiefe Schlucht, an deren Wänden wieder wie am Eingang des heiligen Bezirks alte Mumiengräber geöffnet waren. Die Treiber mit den Kamelen lagerten kriegsmäßig geordnet und gewaffnet im Grunde. Hierax und Paulinos zogen sich in eines der Gräber zurück, dessen Einsiedler vor kurzem gestorben war, wie Paulinos auf dem Wege erfahren hatte. Sie fanden in der Grabhöhle nichts als einen halbzerschlagenen Wassertopf, einen Haufen trockener Palmblätter und im Winkel ein schwarzgraues Kreuz. Darunter lagen ein paar Fetzen von einem zernagten Buch. Und man konnte nicht erkennen, ob ein Tier oder der Einsiedler in dem Hunger seiner Todesnot diese Bibelblätter zernagt hatte. Paulinos freute sich nun doch, daß Hierax allerlei kalte Speisen und einen Weinschlauch mitgebracht hatte. Man hätte in diesem Bezirk sich nichts Gutes kochen dürfen, ohne von den frommen Männern wie von Hyänen angefallen zu werden. Aber auch mit den kalten Speisen zog sich Paulinos vorsichtig bis in die dritte Höhlenkammer zurück, um durch den Geruch nicht verraten zu werden. Hierax konnte nicht viel essen. Die Anachoreten hatten ihm, für heute wenigstens, die Begier nach seinen Leckerbissen genommen. Er trank aber ein paar Becher Wein und hoffte danach gut zu schlafen und die Schrecknisse der letzten Stunden zu vergessen. »Sie sind ein zu verwöhnter und feiner Herr,« sagte Paulinos lachend. »Wenn man sich darum kümmern wollte! Mein Großvater war Menageriewärter in so einer Arena, wo die Bestien mit lebendigem Christenfleisch gefüttert wurden, und hat sich seinen guten Magen bis zum hundertsten Jahre bewahrt. Ich habe ihn noch gekannt. Er wußte schnackische Dinge zu erzählen.« Paulinos warf sich bald darauf auf die dürren Palmblätter und war nach wenigen Minuten fest eingeschlafen. Dem Boten des Erzbischofs hatte er ganz vorn in dem luftigeren Teil der Höhle aus Polstern und Teppichen ein bequemes Lager bereitet, aber Hierax vermochte nicht zu schlafen. Er lauschte angestrengt auf die erwachenden Stimmen der Wüste. Er fuhr zusammen, wenn er aus der Ferne das heisere Heulen eines Schakals vernahm, denn er wußte nicht, hörte er ein wildes Tier oder einen der Anachoreten. Durch alles Schweigen und durch alle Geräusche der Nacht klangen ihm immer noch ins Ohr die dumpfen Schläge, mit denen der Greis die Teufel auf seinem Schädel tötete. Es war ihm eine Beruhigung, so oft eines der Kamele zu seinen Füßen aus dem Traum aufschrie. Er schlief nicht ein. Es mußte nahe an Mitternacht sein. So weit war der Gürtel des Orion schon gewandert, der nach Sonnenuntergang gerade dem Höhleneingang gegenüber erglänzte. Da tauchte plötzlich vor ihm im hellen Mondschein ein furchtbares Gesicht auf. Ein hochgewachsener Mann von fünfundzwanzig Jahren erhob den Kopf vorsichtig wie ein Dieb über die Schwelle der Grabhöhle. Ein wilder, schwarzer Bart und starrende schwarze Haare ließen nur wenig vom Antlitz erkennen, aus dem tiefliegende große Augen starrten. Langsam und leise kroch der Fremde höher. Um den Hals trug er eine schwere Stachelkette. Eine Stachelkette hing ihm auch über die Brust herunter und verwundete ihn wohl bei jedem Schritt. Er hatte um die Lenden ein Ziegenfell geschlungen, sonst war er nackt. Als der Fremde Anstalten traf, die Höhle zu betreten, machte Hierax eine hastige Bewegung. Da kniete der bärtige Mann am Eingang nieder, faltete die Hände und bat flehentlich: »Schlag mich nicht! Hilf mir! Komm mit in meine Höhle und rate mir, heiliger Mann, wie ich des Teufels Herr werden kann, der zu mir kommt, sobald die Sonne untergeht. Der Alte, der vordem hier gewohnt hat, betete oft die ganze Nacht mit mir, und da blieb der Teufel fern. Komm, bete mit mir und schlag mich nicht. Der Alte, mit dem ich betete, hat mich oft zu sehr geschlagen. Auf den Kopf, das tat weh. Schlag du mich auf den Rücken, wenn du mußt.« Hierax schwankte, ob er nicht lieber Paulinos wecken sollte. Aber sein seltsamer Besuch bat so dringend und bat so inständig, daß Hierax, von Neugier getrieben, aufstand und sich von dem Schwarzen über scharfe Felsstücke hinweg nach der nächsten Höhle führen ließ. Es sah darin ebenso unwirtlich aus wie in der eben verlassenen. Selbst die dürren Palmblätter fehlten. Der Büßer mußte nackt auf dem nackten Gestein liegen. »Du hast hoffentlich schon von dem argen Sünder Helbidios gehört, heiliger Bruder,« sagte der Fremde ängstlich. »Der bin ich. Hier!« Und er langte aus einer dunklen Ecke einen Stab von Eisenholz vor und reichte ihn demütig seinem Gaste. »Schlage mich!« Und Helbidios kniete an einer Stelle nieder, wo, wie er erzählte, die Knie seiner Vorgänger den Stein zu größerer Bequemlichkeit schon ausgehöhlt hätten. Er neigte das Haupt und wiederholte: »Schlag mich!« Als Hierax noch zögerte, rief Helbidios mit plötzlicher Heftigkeit: »Schlag mich, sonst erwürg' ich dich!« Da schlug Hierax zu. Erst schwach, dann, als er das selige Aufleuchten in den Augen des Schwarzen bemerkte, immer stärker und stärker. Froh verzerrte sich das Gesicht des Büßers; unter der Marter fing er zu lachen an und rief plötzlich nach dem zwanzigsten Schlage: »Ich danke dir. Er ist fort, er ist fort! Vor dir hat er Angst. Siehst du, heiliger Bruder, dort dem Kreuze gegenüber, da lag er und hatte die Gestalt eines nackten, weißen, schönen Weibes angenommen. So kommt er am liebsten und peinigt mich trotz meiner Stachelkette, daß ich lieber sterben möchte, als ihn sehen. Sie heißt Eustachion und ist Nonne und ist eine Römerin. Unter ihren roten Haaren dringen zwei Hörner hervor. Ziegenhörner, schön und weich anzufühlen. Daran erkenne ich, daß es der Teufel ist. Ihre Beine endigen wie Löwentatzen. Damit will sie mich zerreißen, wenn ich sie berühre. Darum drücke ich mich auch immer hier an diese Wand. Aber Eustachion lacht dazu und zeigt ihre weißen Mäusezähne und kriecht durch die Luft näher und näher zu mir heran und beugt den Kopf nach rückwärts und drängt die Brust mir entgegen, die Brust, die Brust... Eustachion! Bleib bei mir!« Helbidios warf sich auf den felsigen Boden nieder und bedeckte den Stein mit wahnsinnigen Küssen. »Eustachion komm zu mir! Komm, umschlinge mich! So! Den rechten Arm um meinen Kopf, nicht um meinen Hals! Die Kette! Tu dir nicht weh! Und den linken Arm... Die Stachelkette! Heiliger Bruder, schlag mich! Rette mich vor dem Teufel! Rette mich, er faßt mich an mit seinen Löwentatzen, er öffnet seinen Höllenrachen! Rette mich! Schlag mich!« Von Abscheu erfaßt, schlug Hierax mit voller Kraft auf den Armen los. Da blickte Helbidios wieder dankbar zu ihm auf und sagte: »Ich dank' dir. So, und so und noch einmal! So, jetzt ist er wieder fort!« Darauf setzte sich Helbidios behaglich nieder, rieb sich den Rücken und fuhr fort, von den Anfechtungen des Teufels zu erzählen. Als ein Löwe erschien der Teufel ziemlich häufig am Eingang der Höhle, aber als Löwe traute er sich nicht herein. Den Löwen hätte Helbidios erwürgt. Auch in Gestalt von dreihundert Schakalen und siebenhundert Hyänen kam er oft und sang ihm aus den Rachen der tausend Bestien unzüchtige Lieder vor. Gegen diese Erscheinung half es, wenn Helbidios über eines der ungesäuerten Brote das Zeichen des Kreuzes machte und es einer Hyäne in den offenen Rachen warf. Dann verschwand der Spuk, aber Helbidios mußte dafür einen Tag fasten. Zu anderen Zeiten kam der Teufel in Gestalt von tausend Tänzerinnen, die Helbidios einmal als guter fünfzehnjähriger Knabe im Theater gesehen hatte. Damals war der Teufel zum erstenmal seiner habhaft geworden. Wenn der Teufel in Gestalt der tausend Tänzerinnen kam, so war die Höhle von ihnen so angefüllt, daß Helbidios sich kaum zu bergen vermochte. Darum hatte er sich die Stachelkette angeschafft, die ihm vom Halse bis zu den Knien herunterhing. Die scheuten die üppigen Mädchen doch. Aber von beiden Seiten drängten sie an ihn heran, und er mußte mitunter seine Höhle verlassen und spornstreichs davonlaufen; dann lief der Teufel in Gestalt von tausend Tänzerinnen hinter ihm her und jagte ihn, bis er, blutig geschlagen von der Kette und blutig gerissen von den scharfen Steinen, zusammensank. Er aber hoffte trotzdem noch einmal des Teufels Herr zu werden. Wenn der Teufel nämlich in der Gestalt der Eustachion kam, dann war es vielleicht möglich, ihn zu bekehren. Und wenn dem Helbidios das gelang, Eustachion zu Jesus Christus zu bekehren und den Teufel in ihr, dann hatte er ein größeres Wunder vollbracht als alle Heiligen der Wüste und als die Apostel und Gott selber. Denn den Teufel hätte Gott selber nicht bekehren können. Hierax versuchte einigemal die Höhle wieder zu verlassen, aber Helbidios ließ ihn nicht mehr frei. Noch einmal erschien in dieser Nacht der Teufel in Gestalt der Eustachion, und Hierax mußte schlagen. Einmal kam der Teufel auch in Gestalt der Hyänen und Schakale und wurde durch eines der Brote vertrieben, welches Helbidios gegen einen dunklen Schatten in der Talschlucht warf. In der Gestalt der tausend Tänzerinnen kam der Teufel heute nicht, und Helbidios rieb sich vergnügt den Rücken und freute sich, daß er nicht laufen mußte. Ja, ja, der heilige Bruder war ein ansehnlicher Mann, und da hatten die tausend Tänzerinnen keinen Platz in der Höhle. Als Eustachion zum drittenmal wieder erschien, klammerte sich Helbidios an seinen Gast und hielt ihr dabei unter brünstigen Schmeichelreden Bußpredigten, die sie bekehren sollten. Aber in dieser Nacht gelang die Bekehrung noch nicht. Hierax war zum Tode erschöpft, als der Morgen heraufdämmerte. Beim ersten Schein des Lichtes aber betrachtete Helbidios seinen Gast, sah dessen städtische Kleidung und stieß einen furchtbaren Schrei aus. »Das ist kein heiliger Mann! Das war der Teufel in Gestalt eines Kirchenfürsten, den ich eine Nacht bei mir beherbergt, und den ich gehegt und gepflegt, und den ich mit süßer Kost gelabt habe. Mein Heiland, mache mich stark im Kampf mit diesem Teufel!« Ehe sich Hierax dessen versah, hatte ihn Helbidios mit Büßerkraft gepackt und zur Höhle hinausgeworfen. Hierax war froh, als er ohne Schaden auf einen der Brotsäcke zwischen den Kamelen niederfiel. Dieser Sturz weckte alle Teilnehmer der Brotkarawane. Paulinos lachte herzlich, als er die nächtlichen Abenteuer seines vornehmen Begleiters erfuhr. Hierax hätte ihn einfach rufen sollen. Mit den Anachoreten wußte Paulinos umzugehen. Stockprügel, bevor sie noch verlangt wurden, das war das Richtige. Sie brachen bald auf und setzten ihre Reise in derselben Ordnung fort; die Treiber zogen mit ihren Tieren langsam und oft rastend auf dem Wege weiter, der übers Gebirge hinweg zur Wüste führte, Paulinos und Hierax besuchten zur Rechten und zur Linken, oft über eine Stunde ins Gestein hinein, die zerstreuten Hütten und Wohnungen. Hierax war nach der entsetzlichen Nacht und nach den Aufregungen des gestrigen Tages vollkommen erschöpft, und erst ein reichliches Frühstück, welches er mit Paulinos an einer abgelegenen Stelle zu halten wagte, setzte ihn wieder instand, neue Eindrücke aufzunehmen. Er war seit der letzten Unterredung mit dem Erzbischof eines Bistums gewiß und fühlte sich den frommen Männern dieses Gebirges gegenüber schon als Oberhirt. Wie würde er sich dann diesen Wesen gegenüberstellen? Die ersten Einsiedler, die er kennen gelernt hatte, waren ihm sämtlich als Eigene erschienen. Je weiter er vordrang, desto lebhafter wurde der Eindruck, daß auch hier einer den anderen nachahmte und daß oft über einen Umkreis von ein paar Morgen Landes als eine Sucht herrschte, was beim einzelnen wie überirdische Eingebung oder wie ganz gewöhnliche Verrücktheit erschien. Gleich unter den ersten Anachoreten, die er heute antraf, und die nachbarlich, jeder vom anderen kaum zweihundert Schritt entfernt, in einzelnen offenen Lehmhütten wohnten, herrschte eine ganz gleiche Lebensweise. Jeder Einsiedler saß nach indischer Sitte auf seinen gekreuzten Beinen vor der Hütte wie im festen Schlaf, und blickte dabei unverwandt an der Nasenspitze vorbei zu Boden. Paulinos erhielt keine Antwort, als er dem einen und dem anderen eine Frage stellte, während er das Brot in das Innere der Hütte trug. Als er einen dieser Einsiedler bei der Schulter rüttelte, um ihn zu Ehren des alexandrinischen Boten zu einer Antwort zu zwingen, fiel der fromme Mann wie ein lebloser Ölgötze um; er mußte von Paulinos wieder wie ein geschnitztes Holzbild auf die gekreuzten Beine zurückgestellt werden, wenn er nicht den ganzen langen Tag auf dem Rücken liegen bleiben sollte. »Es sind gute Menschen,« sagte Paulinos, während Hierax weiter zog. »Bei Sonnenaufgang fangen sie an, ihre Nasenspitze zu betrachten und verscheuchen so alle Gedanken an die Welt aufs sicherste. Sie halten Arbeit für die größte Sünde. Denn die Lieblingsgeschöpfe Gottes, die Pflanzen, arbeiten nicht, wie sie meinen. Selbst über das Wesen Gottes nachzudenken erscheint ihnen lasterhaft. Denn die Pflanzen denken nicht, wie sie meinen. Mit Sonnenuntergang wachen sie auf und legen sich schlafen. Manche von ihnen essen nach jedem Sonnenuntergang ein Brot, manche auch erst jeden zweiten oder dritten Tag. Sie tun nichts Böses.« Nicht weit von dieser Stelle, auf einem vorspringenden Fels, war ein weiter Ausblick über einen der Natronseen und über die Wüste; ein scharfes Auge konnte auch noch das Meer und die Küste erblicken. Auf dem Fels stand ein rätselhafter kleiner Holzbau, aus dem schon von fern ein leises Gemurmel herübertönte. Es war ein roh gezimmerter Kasten, keine fünf Schuh hoch und nicht viel breiter als ein kräftiger Mann. Drinnen stand, von wenigen Lumpen bedeckt, ein jüngerer Büßer von langer Gestalt, der sich in jämmerlicher Weise krümmen mußte, um in diesem aufrechten Sarge Platz zu finden. Tränen rannen über seine Wangen, als Paulinos näher trat. »Warum bringst du mir Brot, du Diener des Satans!« wimmerte er leise. »Warum läßt du mich nicht Hungers sterben und mich eingehen ins Himmelreich und mich niedersetzen zur rechten Hand Gottes?« Aber gleichzeitig streckte er die hageren Arme aus seinem Loch, heraus und zerrte gierig ein Brot aus dem Beutel hervor. Sie zogen weiter an fröhlichen Einsiedlern vorüber, die an einer tiefliegenden, von unten her bewässerten Stelle eine kleine Lattichpflanzung angelegt hatten und das Gemüse als Zukost nicht verschmähten. Ihre Brotmenge langte noch für einige Tage. Sie nahten einem Kalkfelsen, hinter dem sie etwas wie ein Röcheln und leises Gebetmurmeln vernahmen. Als sie um die Ecke bogen, glaubten sie Zeugen einer frischen Bluttat zu sein. In der Mitte von sechs graubärtigen Anachoreten, die um ihn herumknieten und leise Sterbegebete murmelten, lag ein Jüngling, über und über mit schweren Ketten belastet. Er hatte die Augen geschlossen, von seiner rechten Schulter und von seiner Stirn troff das Blut nieder. Heftig stieß Paulinos die Nächsten zur Seite und beugte sich über den Verwundeten. »Den habt ihr totgeschlagen!« rief er nach kurzer Untersuchung. »O nein,« erwiderte mit freundlichem Lächeln der älteste der Beter. »Aber der Teufel der Weltlust war in ihm rege. Er sprach davon, in die Welt zurückzukehren und sogar die Tochter eines Landmannes als seine Genossin heimzuführen. Da mußten wir ihm die Ketten anlegen. Als er in letzter Nacht mitsamt dieser Last zu seiner Verdammnis entfliehen wollte, da hielten wir ihn mit Gewalt zurück. Wir wollten nicht sein Verderben. Und jetzt beten wir auch für ihn. Laßt uns unsere Brotbeutel hier, wir tragen sie nachher selbst in unsere Wohnungen, wenn er erst selig geworden ist.« Achselzuckend willfahrte ihnen Paulinos und ging weiter. Beim Ausgang dieser Niederung fanden sie einen halbnackten Anachoreten, der unter jämmerlichem Geschrei auf einem Termitenneste saß und sich von den zornigen Ameisen nach Herzenslust beißen ließ. »Du bist wohl verrückt, Johannes!« schrie ihn Paulinos an. »Ich soll dich wohl nachher mit den teuren Salben reiben, dich am Ende gar ins Klosterhospital schaffen?« »Laß mich, Herr, es ist meine Pflicht. Drangen einige dieser unschuldigen Tiere in meine nahe Hütte, und als eines davon mich am Knie nur leise krabbelte, reizte mich der zornige Teufel, daß ich es erschlug. Ich büße jetzt diesen Mord, und ich büße ihn bei Gott schwer. O mein Gott, es tut so weh!« Unter Scheltreden zwang Paulinos den armen Johannes, seinen furchtbaren Sitz zu verlassen. Er drohte, ihm nur unter dieser Bedingung den Brotbeutel auszuliefern. Mürrisch gehorchte der Büßer, aber als die Fremden weiterzogen, sahen sie ihn in weiten Sprüngen zu dem Termitenhaufen zurückeilen und Anstalten zu weiterer Buße machen. Sie mußten wider Willen lachen. Mühsam kletterten sie über scharfes Gestein, etwa eine Viertelstunde lang aufwärts und gelangten auf eine Stelle, die in weitem Umkreis von etwa fünfzig Hütten umgeben war. Es herrschte Totenstille. »Nehmen Sie sich zusammen, Herr. Hier hausen Besessene,« sagte Paulinos. »Sabinianos!« rief er dann laut. »Sabinianos und Flagianos, kommt heraus! – Das sind die beiden Verständigsten und Kräftigsten hier, ohne sie würde ich mit den Besessenen niemals fertig werden.« Paulinos schwang sich, während er sein Dromedar rasch auf die Vorderknie niederzwang, geschickt über den Hals des Tieres in den Sattel. Schon kamen auch die beiden Gerufenen über ihre Schwellen, aber gleichzeitig ertönte da und dort aus dem Innern der Hütten unzufriedenes Geheul. Und allmählich kamen die Bewohner auf den freien Platz heraus. Entsetzliche Gestalten mit verzerrten Gesichtern, die nackten Oberkörper und die Beine oft mit Wunden und Schwären bedeckt. Von allen Lippen tönte Geheul oder strömten Flüche. Die einen wankten, die anderen liefen. Alle stürmten gegen die Dromedare heran, trotzdem Sabinianos und Flagianos sich alle Mühe gaben, die Wütenden zurückzudrängen, Rasch begann Paulinos die Verteilung des Brotes, indem er die schweren Beutel vom Rücken des Dromedars abzählte und herunterwarf. Nichtswürdige Flüche gegen die unchristlichen Klosterleute und ein dumpfes Gebrüll, das sich langsam steigerte, antwortete ihm. Plötzlich streifte einer der Beutel den Anachoreten, der sich zumeist vorgedrängt hatte. Der Mann stürzte unter Krämpfen zu Boden. Und als ob dies das Zeichen zu einer neuen Art von Gottesdienst gewesen wäre, warfen sich sogleich fünf, zehn, zwanzig andere hin auf den steinigen Boden, schlugen mit den Fäusten um sich, rissen sich blutig und schäumten in Wut. Die anderen fingen an zu springen und zu rasen und setzten wie wilde Tiere gegen die Dromedare an, die unruhig um sich schlugen und kaum mehr den Reitern gehorchen wollten. Die rasenden Anachoreten fletschten die Zähne, die Tiere fingen an, sich zu verteidigen. Flagianos ballte die Fäuste gegen Hierax, Sabinianos, der noch allein besonnen geblieben, schrie ängstlich dazwischen: »An einen sind sie gewöhnt, zwei ist zu viel, zu viel, zu viel! Fort, nur fort!« Dann tanzte Flagianos mit den übrigen, und plötzlich schrie auch Sabinianos auf und machte einen großen Satz, als wollte er Hierax vom Dromedar herunterreißen; sie schlugen nach den Tieren und schlugen gegeneinander, bis einer nach dem anderen erschöpft zu Boden sank, und rings im Kreise Totenstille herrschte. Die Besessenen hatten offenbar ihren Angriffsplan nicht festhalten können und waren von dem ersten Anfall ermüdet. Nur die erschreckten Tiere wollten sich nicht beruhigen. Rasch verließen die Fremden dieses Gebiet des heiligen Gebirges. »Kann ich nicht bald mit Isidoros sprechen?« fragte Hierax heiser. »Wir sind nicht weit von ihm,« erwiderte Paulinos keuchend vor Zorn und Anstrengung. »Er ist jetzt der heiligste unter diesen Männern und nimmt die höchste Stelle im Gebirge ein. Wir können gleich auf seinen Sitz zureiten.« Sie zogen weiter, über eine trostlose menschenleere Einsenkung hinweg einer höheren Fläche zu, von wo sich gegen Süden in langsamem Aufstieg ein mit Felsenstücken übersäter Berg erhob. Auf der Spitze des Berges konnte Hierax schon von hier aus ein seltsames Gerüst wahrnehmen, auf welchem ein lebendes Wesen sich gleichmäßig mit dem Oberkörper auf und nieder bewegte. Paulinos zeigte mit ausgestreckter Hand dorthin und sagte: »Das ist Isidoros. Er arbeitet. In einer halben Stunde sind wir da.« Der Weg führte ein wenig um den Berg herum, wo zur Rechten und zur Linken einige der ältesten und heiligsten Anachoreten ihre Wohnungen hatten. Diese Männer büßten nicht mehr so schwer wie die jüngeren Einsiedler. Es waren unter ihnen einige Neunzigjährige und sogar ein hundertjähriger Mann. Sie bewohnten die verfallenen Reste alter ägyptischer Tempel, und die Schwächsten wurden von einem oder mehreren jüngeren Büßern bedient. Auf diesem Berg, so erklärte Paulinos, würden nur solche Eremiten geduldet, die schon Wunder getan hätten. Hierher zogen auch bereits viele Wallfahrer, sowohl von den Oasen der Wüste als auch vom Niltal und selbst vom Roten Meere herüber. Vor jeder der bewohnten Ruinen lagen denn auch fromme Pilger auf den Knien umher und beteten zu den heiligen Männern. Hierax achtete mißtrauisch auf das Treiben dieser Wundertäter, die ihr Handwerk ohne Erlaubnis des Erzbischofs auszuüben schienen. Er sprach herablassend mit den Wallfahrern, unter denen sich zu seiner Überraschung sowohl Christen als Heiden befanden, und ließ sich von ihnen erzählen, wie sie eine Abgabe für den Besuch des heiligen Gebirges beim Kirchenvogt der Klöster abgeben mußten, den heiligen Männern hier aber nur freiwillig zur Stärkung des Lebens ein Täubchen oder ein Hühnchen oder ein Körbchen hartgekochter Eier oder ein Zicklein oder ein Lamm mitbrachten. Sie erwarteten dafür mit Sicherheit Heilung von ihren Krankheiten. Auferweckung von Toten war schon lange nicht gelungen, aber die alten Leute erzählten einander, daß das früher auch vorgekommen sei. Vor den ersten Einsiedlerwohnungen dieses Berges standen die frommen Männer selbst, nahmen die Gaben entgegen, segneten das Volk und begrüßten auch den Abgesandten des Erzbischofs, als Paulinos ihn nannte, mit der gleichen Güte. Es waren würdevoll blickende, weißgekleidete, steinalte Männer mit langen, schönen, weißen Barten. Einer stimmte mit dünner Stimme einen Psalm an, als Hierax von ihm seinen Namen und Lebenslauf erfahren wollte. Vor der dritten Behausung gab es großen Lärm; der Bewohner, nach Paulinos der heilige Mann Daniel, weigerte sich, zu erscheinen, und warf sogar mit Steinen durch eine Fensterluke, als die Bitten der Pilger dringender wurden. Paulinos erklärte, daß der fromme Daniel aus dieser Tempelruine seit fünfzig Jahren nicht ans Licht der Sonne gekommen sei, und daß man von ihm keine Kunde mehr gehabt hätte, wenn er seine Gegenwart nicht hie und da durch Psalmensingen oder durch einen heftigen und lauten Kampf mit dem Teufel verraten hätte. Seine kleinen Wunder, die besonders den Haustieren zugute kamen, wirkte er durch die verschlossene Tür. »Für Ziegen ist sein Segen gar gut,« rief einer der Pilger, der die Erklärung mit angehört hatte. Sie zogen weiter und kamen auf halber Höhe des Berges zu einer alten Steinkastelle, die auf weite Entfernung einen abscheulichen Gestank verbreitete. In großem Bogen führte Paulinos vorbei. Dort wohne der fromme Zeno, der seine enge Wohnung mit zwölf Hyänen teile, und dessen Wunder darin bestehe, daß er die Wüstenfahrer vor den Angriffen wilder Tiere schütze. »Wissen Sie, werter Herr, eigentlich ist die Hyäne ein feiges Tier, und sie würde keinen Schakal anzugreifen wagen, geschweige denn ein Kamel oder einen Menschen. Aber es ist doch eine Gnade Gottes, daß so wilde Geschöpfe sich auf das Gebot eines frommen Mannes zähmen lassen.« Sie ritten jetzt geradeaus den Berg hinauf. In diesem Bezirk brauchte Paulinos kein Brot zu verteilen. Die Pilger taten jahraus, jahrein ihre Pflicht, und die Wundertäter hätten von ihrem Überfluß austeilen können, wenn sie nicht vorgezogen hätten, von Hyänen und Schakalen fressen zu lassen, was übrigblieb. Auf dem Wege fragte Hierax, worauf denn die große Macht des Isidoros sich gründe, ob er stärkere Wunder vollbringe als die anderen? »O nein, mein lieber Herr,« sagte Paulinos. »Er zehrt von einem einzigen Wunder, das ihm nach langen, langen Jahren der Selbstkasteiung vor Jahr und Tag in Alexandria gelungen ist. Sie müssen ja davon gehört haben. Dort lebte ein böser, aber sehr mächtiger heidnischer Zauberer Namens Theon. Als nun die Zeit gekommen war und der Kaiser und die Bischöfe befahlen, daß die Heidentempel zerstört würden, da verschloß sich Theon mit seinen bösen Geistern in das Serapeum von Alexandria und sprach einen großen Zauber darüber aus, so daß es von keiner christlichen Axt verletzt werden konnte, nicht einmal von einer Axt mit dem Kreuzeszeichen. Umsonst rückten die Soldaten des Kaisers gegen das verzauberte Gebäude an, umsonst bemühten sich sogar die heiligen Männer aus der Wüste. Da streckte der fromme Isidoros bloß seine Hand aus und sprach ein Gebet, und die Mauern stürzten ein und begruben den Zauberer Theon unter ihren Trümmern; zuletzt fiel auch die goldene Bildsäule des Gottes um, das Gold verwandelte sich in Asche, und aus dem Innern der Bildsäule entfloh die Seele des Zauberers Theon in Gestalt einer schwarzen Ratte. Von dem ganzen Geschlecht lebt dort noch eine Tochter des Theon, die ein Vampir ist. Und Isidoros soll geschworen haben, seine Martersäule nicht zu verlassen, bis es ihm vom Himmel verkündet würde, er dürfe den Teufel auch in dieser Teufelin töten.« »Isidoros wird die Säule bald verlassen,« sagte Hierax leise und spöttisch. Da erschrak Paulinos und betrachtete seinen Begleiter mit Staunen. Sie hatten jetzt den Gipfel des Berges erreicht; dort dehnte sich eine ziemlich ebene Fläche von etwa tausend Schritten im Durchmesser aus. Isidoros duldete auf seinem Berggipfel keine Pilger. Er wollte keine Wunder tun, denn er wollte sich in Buße und Gebet auf das Große vorbereiten, das er zu vollbringen hatte. Als darum die beiden Reiter auf dem Hochplateau erschienen, unterbrach er seine seltsamen Bewegungen und winkte ihnen heftig schreiend ab. Paulinos erwiderte mit donnernder Stimme, daß er Brot bringe und daß sein Begleiter vom Erzbischof komme. Isidoros schrie und gestikulierte nur um so heftiger, aber er konnte es nicht hindern, daß sie bis zum Fuße seiner absonderlichen Behausung heranritten. Ungefähr in der Mitte der ebenen Fläche stand noch ein breiter Mauerrest eines alten Tempels und an ihn geschmiegt eine Säule aufrecht, die den Mauersims wohl um zwanzig Fuß überragte. Den Abschluß der Säule bildete ein ungeheurer Knauf von Vogelköpfen, alles aus rötlichem Granit gehauen. Auf dem Knauf, der wohl an die sieben Fuß im Geviert haben mochte, stand allen Unbilden des Wetters preisgegeben, barhaupt und barfuß ein ungeschickter langer Leib, mit einem Gewand von Fellen bekleidet, der fromme Mann Isidoros. Die breite Mauer war entweder durch Zufall oder mit Nachhilfe von Menschenhand gegen ihr linkes Ende zu abgeschrägt, so daß es mit einiger Mühe möglich war, sie zu erklettern. Wie aber der heilige Mann von der Mauer auf die Säule gekommen war, das schien ein Rätsel, und auch Paulinos erklärte, die Engel müßten den Säulenheiligen durch die Luft hinaufgetragen haben. Der fromme Mann Isidoros hatte beim Näherreiten seiner Besucher einigemal sich gebückt, als ob er eines der steinernen Vogelhäupter des Säulenknaufs, die aber zehnmal so groß waren wie seine Hand, abbrechen und auf die Störer hinunterschleudern wollte. Dann wieder stellte er sich zum nicht geringen Entsetzen des Hierax hart an den Rand seiner Wohnstätte, als wollte er sich vor Zorn hinunterstürzen oder aber in die weite Welt davonfliegen. Als Paulinos jedoch sich an all das nicht kehrte, beruhigte sich auch der fromme Mann und begann auf seiner Säule wieder etwas aufzusagen, was man unten nicht verstand, und dabei regelmäßig von Zeit zu Zeit mit einer Beugung des Oberkörpers einen Geißelschlag über Schulter oder Rücken zu führen. Das waren die Bewegungen, die aus der Ferne wie eifrige Leibesübungen ausgesehen hatten. »Er hat heute seinen aufgeregten Tag,« bemerkte Paulinos, während er seinem Begleiter vom Dromedar hinunterhalf. »Sonst steht er wohl wochenlang stumm und unbeweglich da, das Gesicht nach Nordost, nach Alexandria gerichtet. Der wird noch was Großes. Säulenheiliger ist sehr schwer, wer es aber aushält, wird immer auf seine alten Tage Wundertäter oder sogar Bischof.« Nun begannen die beiden Fremden auf der Mauerruine emporzuklettern. Paulinos trug dabei den schweren Brotsack auf dem Rücken, mußte aber trotzdem dem verwöhnten Städter an gefährlichen Stellen hilfreiche Hand leisten. Als sie auf halbem Wege einmal rasteten, sagte Hierax und wischte sich den Schweiß: »Ja, ja, es führen oft seltsame Wege zu einem Bischofssitz.« Dann kletterten sie wieder weiter, bald wie über Stufen gemächlich aufwärts gehend, bald über bröckelnde Ziegel vorsichtig weitertastend, bald einen Spalt überspringend; an einigen Stellen mußten sie sich gar mit ihren Händen in die Fugen einkrallen, um sich auf einen höheren Stein hinaufzuschwingen. »An Schwindel darf man nicht leiden,« sagte Paulinos zum Troste, »und herunter geht's noch schlechter.« Endlich hatten sie die Höhe der Mauer erklommen, die dort etwa zwanzig Schritt lang und unversehrt bis zur Säule hinanlief. Hierax mußte sich niederlegen, seine Knie zitterten. Paulinos aber schritt sicher bis an die Säule heran und machte sich an einem Tau von Dattelbast zu schaffen, das dort vom Knauf herunterfiel und oben über eine eiserne Rolle lief. Isidoros schien sich um seine Gäste gar nicht zu bekümmern und trieb scheinbar ganz hingegeben sein Wesen. Hierax konnte jetzt verstehen, was der fromme Mann sprach. Es war recht eintönig. »Herr, du mein Heiland, erbarme dich meiner und meiner Sünden. Ich bin ein Gnostiker gewesen, ein Zabier, ein Ophite, ein Kainite und ein Perate. Was in diesen Sekten Göttliches war und worin ich dich darin tiefer erkannt habe als meine Brüder, das rechne mir gnädig an nach meinem Tode. Was ich aber Falsches bekannt habe als Gnostiker, als Zabier, als Ophite, als Kainit und als Perate, das laß mich vor deinem Angesicht büßen, büßen, büßen, büßen, büßen!« Und fünfmal schlug sich der heilige Mann mit einer starken fünfschwänzigen Geißel über Schulter und Rücken, zweimal zur Rechten, zweimal zur Linken und zum letztenmal weit ausholend über den Kopf. Und fünfmal neigte er sich tief nach Nordost. »Herr, du mein Heiland, erbarme dich meiner und meiner Sünden. Ich bin ein Valentinianer gewesen, ein Manichäer, ein Monarchianer, ein Subordinatianer und ein Montanist, als welcher ich glaubte, daß du eine zweite Ehe gestattest, da doch schon die erste nichts ist, als ein Bund mit dem Fleisch und dem Teufel. Das laß mich büßen vor deinem Angesicht, büßen, büßen, büßen, büßen, büßen!« Und wieder geißelte und verneigte er sich fünfmal. »Herr, du mein Heiland, erbarme dich meiner und meiner Sünden. Ich bin ein Patripassianer gewesen und dann ein Aloger, das heißt einer, der keinen Verstand hatte, ich bin ein Novitianer, ein Sabellianer und ein Kallistianer gewesen, das heißt ein erbärmlicher Nihilist. Was in diesen Sekten Göttliches war, und worin ich dich darum tiefer erkannt habe als meine Brüder, das rechne mir gnädig an nach meinem Tode, was ich aber Falsches bekannt habe als...« »Hebe dir etwas für später auf, heiliger Mann!« rief Paulinos, der inzwischen den Brotsack an einem Haken des Seils befestigt und das schwere Gewicht bis zum Knauf hinaufgezogen hatte. »Nimm mir jetzt mein Brot ab, schmeiße mir deinen leeren Beutel herunter und höre geneigtest an, was der Gesandte des Erzbischofs von Alexandria dir zu sagen hat.« Ernsthaft und geschäftig legte Isidoros die Geißel nieder, schwang den frischen Brotvorrat mit seinen langen Armen auf seine Plattform, warf einen leeren Beutel verächtlich in die Luft hinaus und sagte dann, ohne einen der beiden Männer auch nur anzublicken: »Ich habe keinen Handel mit dem Erzbischof von Alexandria. Ich brauche ihn nicht, ich brauche niemand auf Erden und im Himmel, nur meinen Herrn und Heiland.« Hierax hatte sich erhoben und stand so weit von der Säule entfernt, daß er den frommen Mann oben deutlich sehen konnte. »Der Erzbischof aber braucht dich, heiliger Mann!« rief er. »Wer weiß, wie lange noch die Kirche dich hier oben auf deiner Martersäule duldet, wer weiß, wie lange sie noch darauf verzichtet, dich zum Oberhirten einer ihrer Provinzen zu machen. Darum bittet die Kirche dich heute, deine Weisheit und deine Macht zu zeigen.« Man sah wohl, daß Isidoros den Schmeichelworten lauschte. Doch unverwandt ins Leere blickend erwiderte er: »Ich bin nicht weise und habe keine Macht. Ich bin ein einfältiger armer Mann, dem der Herr eingegeben hat, seine Missetaten zu büßen an dieser Stelle.« »Du kannst Gutes tun und Übles verhüten,« erwiderte Hierax »wenn du mich anhörst und dich zum Bürgen meiner Worte bei deinen Brüdern machst. Die Kirche von Alexandria wird hart bedrängt durch die Diener des Staates. Hunderte von frommen Klostermönchen haben beschlossen, nach der Hauptstadt aufzubrechen und dem Erzbischof gegen seine Feinde beizustehen. Ich fürchte, ich fürchte, Blut wird vergossen werden, das Blut der Juden, denen habgierige Knechte ihr Silber zu entreißen gedenken, das Blut der Nazarener, welche sich Urchristen nennen und welche nur mit Gewalt zu bekehren sind, und das Blut der Teufelin Hypatia...« »Knie nieder!« kreischte Isidoros von seiner Säule und legte die Arme in Kreuzform übereinander. »Sieh dieses Zeichen und blicke mich an und gestehe, ob du ein Sendbote bist der Kirche oder des Teufels! Kommst du vom Teufel und willst nur das Bild der Eva mit den Schlangenhaaren und den Höllenaugen vor meine sündige Seele heraufbeschwören, um mich zu versuchen, so stürze ich dich mit diesem Zeichen hinunter von deiner Mauer, hinunter von dem heiligen Gebirge und hinunter zehntausend Fuß tief unter die Oberfläche der Wüste, dorthin, wo die ewige Brunft kocht und die Ketzer wohnen. Bist du aber von der wahren Kirche gesandt und hältst du das Zeichen aus, so bist du ein Bote des Himmels und ich grüße dich brüderlich an diesem Orte. Und ich will es dulden, daß du von dieser Mauer herab zu meinen Brüdern sprichst, heute nacht, drei Stunden nach Sonnenuntergang, wenn der Mond am Himmel steht. Denn der Tag ist der Buße geweiht und der frommen Betrachtung. Lade alle Brüder vom heiligen Gebirge hierher und sprich zu ihnen, denn der Herr hat Honig auf deine Lippen gelegt und die Kraft, ein Herz zu bewegen. Gesandter des Erzbischofs, du darfst an meiner Säule reden..., jetzt aber macht euch fort und stört nicht meine Buße, sonst verfallen wir alle in große Sünde, ihr und ich.« Isidoros begann wieder die ketzerischen Sekten aufzuzählen, an die er geglaubt hatte. Hierax war mit seinem Erfolge zufrieden und begleitete den Brotverteiler nur noch so weit, daß er den Ort wieder fand, auf welchem die Treiber mit den Kamelen lagerten. Auf dem Wege sah er noch eine Gruppe von schwarzen Anachoreten, bekehrte Negersklaven, welche durch die Taufe die Freiheit erlangt hatten und die Freiheit zu einem frommen Einsiedlerleben nützten. Sie trugen zur Erinnerung an ihre Rettung schwere Kugeln mit Ketten an das linke Bein gefesselt. In einer Talsenkung traf Hierax auf einen steinernen Wald, zwischen dessen kieselharten Palmstämmen drei Einsiedler lebten, deren Tagesarbeit es war, aus dem nahen roten Salzsee Wasser herbeizuschleppen und das versteinerte Holz mit Salzwasser zu begießen. Es mochte eine heitere Arbeit sein, denn sie verlachten damit die Fruchtlosigkeit des weltlichen Tuns. Hier in der Nähe des roten Sees, nur wenige Stunden von den Niederlassungen der Natronfabriken entfernt, hatte die Karawane Halt gemacht und Hierax zog sich nach einer reichlichen Mahlzeit in das Innere einer aus Natronblöcken zierlich aufgebauten Hütte zurück, um bis zur Stunde der nächtlichen Versammlung zu schlafen. Er glaubte die Ruhe wohl verdient zu haben. Paulinos übernahm es auf seiner weiteren Wanderung, zu der er die letzten beladenen Kamele mitnahm, die Anachoreten für heute nacht, wenn der Mond aufging, zur Säule des Isidoros einzuladen. Es war mehr als zwei Stunden nach Sonnenuntergang, als Paulinos den Gesandten aus dem Schlafe aufrüttelte. »Sie haben wohl geruht, Herr. Nun ist es Zeit.« Hierax, ermunterte sich rasch, trank aber noch mit Paulinos einen großen Becher Wein zur Stärkung vor der Entscheidung. Dann machten sie sich, von einem kundigen Treiber geführt, zu Fuß auf den Weg. Die Nacht war dunkel, wenn auch in heller Pracht das ganze Sternengewölbe über ihr lag. Furchtbar drohend starrte die nächste Umgebung herein. Auf dem roten See zitterten im Nachtwinde kleine, bläulichschwarze Wellen auf. Rings umher erscholl heiseres, hungriges Heulen von Schakalen und zorniges Bellen von Hyänen. Auf dieser Seite des Gebirges wohnten keine Anachoreten; aber dennoch war die Nacht nicht still. Wenigstens glaubte Hierax Stimmengeräusch zu vernehmen, als befände er sich inmitten eines unsichtbaren Heeres, welches zur Schlacht ausrückte. Langsam und vorsichtig schritten sie bergauf. Dann ging es wieder geradeaus durch ein Binsendickicht, das schauerlich im Winde rauschte. Hierax schreckte zusammen, als eine Wildente, aus dem Schlaf aufgestört, mit einem Schrei dicht vor ihm aufflog. Dann wieder bergauf durch einen Hohlweg, dessen Bergmassen auf sein Haupt niederstürzen wollten. Er bat um den Arm des Treibers und ließ sich führen. Unbeweglich glänzte der Himmel. Über den Weg hinweg aber huschten Schatten von Raubtieren oder vielleicht von frommen Brüdern. Als sie höher kamen, sahen sie zur Rechten und zur Linken dunkle Gestalten über die Hügelrücken demselben Ziele zueilen. Der heilige Berg war fast erstiegen, als endlich hinter dem Rücken der Wanderer der Mond in voller Pracht aufging. Und mit einem Male war die ganze Landschaft in ein violettes Licht getaucht. Hierax atmete auf. Noch einige tausend Schritte und er stand auf der Hochebene und sah im hellen Mondlicht weit über tausend Menschengestalten ungeordnet die schimmernde Säule umgeben, auf welcher deutlich sichtbar Isidoros mit ausgestreckten Armen dastand. Hierax schüttelte Paulinos die Hand und ging dann stumm durch die stummen Haufen der Einsiedler langsam auf das Gemäuer los. Niemand schien ihn zu beachten, niemand hielt ihn auf, niemand machte ihm Platz. Endlich hatte er die Ruine erreicht und schritt nun allein empor, schwindelfrei und möglichst festen Fußes bis auf die halbe Höhe, wo eine breite Stufe einen bequemen Standort bot. Allmählich hatten auch die Einsiedler sich nun genähert und umstanden dicht gedrängt Säule und Mauer. Alle blickten sie unverwandt nach Isidoros, der immer noch mit ausgebreiteten Armen dastand und kein Zeichen gab. Da faßte Hierax sich ein Herz und begann plötzlich; er erschrak zuerst über seine eigene Stimme, als er von der Höhe des heiligen Berges in das Schweigen der Nacht hinein sprach. »Heilige Brüder, der heilige Mann Isidoros hat mir mit eigenen Worten gestattet, daß ich zu euch sprechen darf, der ich nur ein armer, der Buße bedürftiger Sünder bin und ohne seinen Segen vielleicht dem ewigen Abgrund verfallen, der ich aber heute als Abgesandter der Kirche vor euch stehe. Denn die Kirche, deren edelste Glieder ihr seid, schreit nach euch wie ein Hirsch nach frischem Wasser. Heilige Brüder, die ihr hier im Bezirk des heiligen Gebirges wunderbare Werke der Frömmigkeit tut, fern sei es von mir, euch hinwegzulocken von euren Marterwohnungen, die in den Augen des Himmels glänzender sind als die Paläste der Großen und selbst als die Kirchen der Städte. Aber diejenigen von euch, welche bereit sind, diese heiligen Orte für kurze Zeit zu verlassen, um die Unterbrechung ihrer Buße nachher mit einem um so frommeren Leben zu sühnen, namentlich die jüngeren von euch, nach der Rechnung der Welt, bitte ich um Gehör. Der Kampf zwischen dem Himmel und der Hölle, zwischen der Kirche und dem römischen Staate neigt seinem Ende zu; nur noch eine kurze Spanne Zeit, und die Hölle und der Staat liegen besiegt zu euren Füßen. Bald werden fromme Leute aus den Klöstern sich erheben und mit den niedrigsten der Knechte Gottes sich vereinen, um von den Beamten des Kaisers Rechenschaft zu fordern für ihre Gewalttat und für jede Lauheit im Glauben. Dann wird sich irdischer Kampf erheben in den Straßen der üppigen Stadt Alexandria, blutige Greuel werden geschehen und werden sich häufen und werden furchtbar vom Himmel gestraft werden, wenn euer Gebet die Greuel nicht abwendet. Denn ihr seid schon auf Erden heilig und gute Fürsprecher. Ich sehe voraus, wie die rächende Kirche Gottes sich in irdischer Leidenschaft über die Häuser der Juden und der verdammten Nazarener ergießt, die wollüstigen Weiber und die Kinder aus den Betten schleppt und die Säuglinge zu Boden schleudert. Ich sehe voraus, wie ein Jammergeschrei der Gottlosen sich erheben und wie die Feiglinge des himmlischen Heeres erbeben werden bei dem Jammergeschrei der Opfer.« Hierax, mußte seine Ansprache unterbrechen, denn allmählich hatte sich bei den letzten Sätzen der Zuhörer eine dumpfe Aufregung bemächtigt. Einzelne von ihnen wiederholten die Schlagwort der Rede, andere schrien auf, und man konnte nicht wissen, ob jauchzend oder in Furcht, ob dem Redner drohend oder zustimmend, und jetzt erhob sich von einer Stelle her und ging weiter und wurde endlich von der Masse aufgenommen der eine Ruf: »Hallelujah!« »Ich danke euch, heilige Brüder. Wenn ihr alle oder einige Hundert von euch das große Bußopfer bringen und am Tage des Kampfes in den Mauern unserer sündhaften Stadt verweilen wollt, so werdet ihr beten für unsere Waffen, und eure starken Hände und eure Ketten und eure Pfähle und eure Steine, eure Felsen, sie werden glänzende Waffen sein gegen unsere Feinde.« Ein einziger Schrei war die Antwort, hundertstimmig. »Und ihr werdet sehen, heilige Brüder, daß in unserer sündigen Stadt Alexandria noch viel zu tun ist, bevor das Tausendjährige Reich hereinbrechen kann. Sünde und Lust geht offen umher auf den Straßen und wohnt öffentlich in den Häusern, wo den heidnischen Göttern immer noch geopfert wird, wo teuflische Mädchen, hold und jung freilich nach den Worten der Welt, die Unglücklichen umstricken, die dem Heidengotte des Weins huldigen. Stürzt euch in diese Häuser! Reißt die Verworfenen auseinander! Aus ihren Betten, von ihren Pfühlen! Die nackten Weiber! Züchtigt die Sünde und predigt den Sünderinnen so lange, bis sie die Lust wie ein giftiges Tier von sich werfen und als fromme Büßerinnen eurem Wandel folgen. Zeigt diesen Sünderinnen an eurem Beispiel, wie man das Fleisch abtöten kann und sich trotz allen Qualen der Seele und des Leibes reinhalten für den Tag des Gerichts. Scheut euch nicht, die bloße Sünde zu sehen, ihr die Kleider vom Leibe zu reißen und das Fleisch von den Knochen. Fürchtet nicht, daß der Anblick dieser Sünderinnen euch mit der Hilfe des Teufels verlocken werde zum Abfall, zur Rückkehr in die Welt. Ihr habt euren Mut nicht gestählt und eure Stärke nicht geprüft, wenn ihr euch nicht dahin begeben habt, wo die Sünde am Kreuzweg sitzt.« »Wir kommen,« kreischte einer, und hundertstimmig wurde es wiederholt. »Wir kommen!« »Da ist besonders eine von den Sünderinnen, das Meisterwerk des Teufels, wie eine der Teufelsgöttinnen des alten Glaubens anzuschauen und gefährlich wie keine. Hypatia ist ihr Name, und sie ist ein Vampir und hat den höchsten Beamten des Kaisers bezaubert, und die Kirche steht nicht fest in Alexandria, solange Hypatia lebt! Mit unzüchtigen Reden und der Schaustellung von Tänzerinnen, mit verwünschten Tränken und mit teuflischen Zeichen zieht sie allsonntäglich die Jünglinge aus der Kirche in ihr Schandenhaus. Wer sich stark fühlt, der erprobe sich dieser Abgöttin gegenüber. Denn sie ist schön wie die Urmutter aller Sünde. Schön wie Eva im Paradiese und schön wie die nächtlichen Gestalten, in denen der Satan dem heiligen Antonios erschienen ist, als er den frommen Mann zum Wanken bringen wollte. Hypatia ist so schön...« Es klang wie ein Schluchzen oder wie ein Lachen von der Säule herunter. Isidoros selbst schrie mit fast übermenschlicher Stimme in die Versammlung herunter: »Der Satan hat sie mir gezeigt. Hundert schwarze Schlangen kriechen aus ihrem Haupte hervor, aber sie ringeln sich unschuldig wie Kinderlocken um ihre Wangen. Und diese Wangen gehören einer Leiche, aber allnächtlich saugt sie den Lebenden das Blut aus, und wie Rosen strömt es durch die Leichenwangen und lockt, daß die Sinne vergehen. Und wie der rote tote See in dunkler Nacht liegen abgrundtief die beiden Augen unter der Stirn. Und die Stirn ist weiß wie der Marmor eines Götzentempels, und aus den giftigen Seen ihrer Augen leuchtet blauschwarzes Licht wie aus frommen Kinderaugen und täuscht und täuscht auch die Besten, auch hier auf der Säule, trotz Hunger und Not und Geißel! Einmal hat mir der Teufel noch mehr gezeigt, Zwillingsrehe unter Rosen, etwas, etwas was schöner ist als die ganze übrige Gottesschöpfung mit ihren Palmen und ihren Menschen und all ihrem Getier, so daß es Gott allein so hold nicht geschaffen haben kann. Der Teufel! Ich will es nicht mehr sehen, es soll vom Angesichte des Himmels verschwinden, vertilgt werden von der Oberfläche der Erde, hinab in die Hölle, damit wir alle wieder atmen können und uns nicht mehr zu geißeln brauchen. Ich, ich selbst will diese Säule verlassen und an eurer Spitze hinausziehen nach der Stadt und lobsingen über den Sturz der Heiden. Hallelujah!« Niemand sah, wie es geschah. Plötzlich verschwand Isidoros von der Säule und schlug auf den obersten Sims der Mauer krachend hin und blieb nicht liegen, flog an der Ruine hinunter, an Hierax vorüber; viele Einsiedler stürzten auf beide Knie und warfen ihr Gesicht zu Boden. Isidoros stimmte einen Psalm an: »O Herr, wer wohnt in deinen Hütten? Und wer auf deinem heil'gen Berg? Wer ohne Wandel geht einher, Wer Gutes tut und recht nur handelt Und Wahrheit redet immerdar!« Mächtig anschwellend stieg der Gesang immer weihevoller und inbrünstiger zum Sternenhimmel empor. Der glänzte in ewiger Ruhe in seinem unendlichen Kreise, die einzelnen Sterne leuchteten, ohne zu zucken und zu flackern, in noch hellerem Lichte als der Mond, und plötzlich, als der Gesang zu so mächtiger Höhe anschwoll, als sähen die Mönche Gott selber, den Sternenführer, an ihrer Spitze, da flammte im Nordosten, gerade in der Richtung, wo die Alexanderstadt lag, nicht hoch über dem Horizont, das Zodiakallicht empor und wuchs und formte sich zu einer unermeßlichen, blaßgelbroten Flammenpyramide. 8. Das Judenviertel Hierax konnte in Alexandria berichten, die jungen Mönche hätten versprochen, truppweise aus der Wüste hereinzukommen und die ägyptische Hauptstadt christlich zu beleben, die Anachoreten aber würden auf ein gegebenes Zeichen unter Führung des Isidoros selbst jede Aufgabe lösen, die man ihnen stellte. Nun begann das Verhältnis zwischen den beiden Gewalten von Alexandria unerträglich zu werden. Alles spitzte sich zum Kampfe zu. Dabei hatte der Erzbischof den Vorteil, sich in jedem Fall mit seinem Gott und mit seinen einflußreichen Amtsbrüdern einig zu wissen, während der Statthalter niemals genau sagen konnte, nicht in der Frage des Judensabbats, nicht bezüglich Hypatias, ob er die Absicht des Hofes getroffen hätte. Orestes bekam auf seine letzten dringlichen Fragen einen amtlichen Brief des Ministers, worin ihm in kühler Weise anheimgegeben wurde, den endgültigen Sieg der rechtgläubigen Kirche überall zu fördern und sich dem Erzbischof mit würdiger Ehrerbietung zur Verfügung zu stellen, »solange dieser verdienstvolle Kirchenfürst die durch das Gesetz und die bekannten Ziele der Regierung gesetzten Schranken nicht überschritte«. Das hätte der Statthalter sich wohl selbst sagen können. Gleichzeitig waren aber zwei einander durchaus entgegengesetzte vertraute Briefe eingetroffen. In dem einen, dessen Schreiber der Person des Kaisers nahestand, wurde der Statthalter an seine militärische Stellung erinnert; es wurde ihm aufgetragen, auch nicht bei der kleinsten Veranlassung einen Übergriff der Kirche, über kirchliche Angelegenheiten hinaus, zu dulden. Die kaiserliche Macht fange an, die Herrschaft der Kirchenfürsten als eine Hemmung zu empfinden. In Konstantinopel selbst sei die Geistlichkeit bei allem Hochmut doch noch botmäßig; in Rom und Alexandria jedoch bereite sich ein Staat im Staate, die macht- und habgierige Kirche könne gerade in diesen Zeitläuften das römische Reich waffenlos den von allen Seiten hereinbrechenden deutschen Barbaren in die Hände spielen. Also in aller Ehrerbietung dem Erzbischof den Daumen aufs Auge. Der andere Privatbrief kam aus dem Weiberpalast, wo man stets der Militärpartei entgegenzuarbeiten suchte. Die alten Formen des Reiches hätten sich als ungenügend bewiesen, das ungeheure Gebiet an seinen Grenzen zu halten, im Innern die bestehende Ordnung zu wahren. Morsch seien die alten Klammern, nur die Kirche könne für den gefährdeten Bau neue Klammern schaffen. Der Altar sei für den Thron notwendig geworden und deshalb müsse der Altar geschützt werden wie der Thron, vor dem Thron. Also bis auf weiteres: Unterordnung des Staates unter die Kirche, Unterordnung der Beamten, auch der höchsten, unter die Bischöfe. So stand der Statthalter Orestes auf dem alten Fleck und eröffnete noch in der am Tage vor Christi Geburt üblichen Ansprache seinen Vertrauten mit seinem guten ironischen Lächeln, daß in dem freundlichen Einvernehmen zum Kirchenfürsten ohne zwingende Gründe keine Änderung eintreten dürfe. Aber schon wenige Tage später, am christlichen Feste Epiphanias, am Tage der heiligen drei Könige, kam es zu einem folgenschweren Ausbruch der Gegnerschaft. Der Statthalter hatte am frühen Morgen eine Truppenparade in den hergebrachten Formen abgenommen. Auf der schmalen Landzunge vor dem Suezer Tor, zwischen den Villen vom Ostend und dem Judenkirchhof, waren die Soldaten an ihrem ersten Befehlshaber vorübermarschiert; der hielt hoch zu Roß vor einer über Nacht aufgeschlagenen Tribüne. Oben hatte dem Herkommen gemäß die erste Gesellschaft der Stadt Platz genommen. Daß das Fräulein Professor Hypatia ebenfalls eingeladen war und in ihrer auffallenden und doch so einfachen weißen Kleidung neben einer jungen Generalin Platz genommen hatte, schien selbstverständlich. Und daß die Tribüne selbst außer mit allerlei Kränzen und Standarten auch noch mit einer Statue der Siegesgöttin, einer marmornen Viktoria, geschmückt war, entsprach so sehr dem alljährlichen Herkommen, daß die Tapezierer eine Statue mittelmäßiger Arbeit zu ähnlichen Veranlassungen stets bereithielten. Seit tausend Jahren hielt die Siegesgöttin ihren Kranz dem römischen Heere entgegen, und seit tausend Jahren hatte sich dieses Heer über die Göttin nicht zu beklagen gehabt. Eigentlich aber dachte niemand viel beim Anblick der alten Statue, weder Statthalter noch Soldaten. Beim Vormittagsgottesdienst aber stellte der Erzbischof in seiner übermäßig langen Predigt die Sache so dar, als ob römische Offiziere, und zwar wahrscheinlich einer bekannten heidnischen Gottesleugnerin zuliebe, christliche Soldaten gezwungen hätten, ihren Glauben zu verleugnen und eine heidnische Göttin anzubeten. Die gebildeten Zuhörer verstanden nicht recht, was der Erzbischof wollte, aber andere Leute verstanden es desto besser. Bon der Kirche hinweg stürmte eine Rotte halbwüchsiger junger Leute durch die Judenstadt hindurch, wo bei Gelegenheit ein paar Verkäufer geprügelt und ein paar Läden geplündert wurden, zum Suezer Tor hinaus, und unter Mitwirkung von heidnischem Pöbel wurde die Tribüne auseinandergerissen, all ihres Schmuckes beraubt und schließlich die Statue der Viktoria, nachdem man die schön gearbeiteten Flügel zerschlagen hatte, ins Meer geworfen. Als das Militär zum Schutze ausrückte, war es zu spät; nur weitere Ausschreitungen in der Judenstadt konnten durch Besetzung der engen Straßen für heute verhindert werden. Orestes geriet bei diesen Nachrichten in den höchsten Zorn, dessen sein ruhiges Temperament überhaupt fähig war. Er wiederholte es einige Male im Kreise seiner ersten Beamten, daß er dieses Mal die Beschimpfung nicht einstecken werde; er hoffe auch im Sinne der Regierung zu handeln, welche doch nicht dulden könne, daß die neuen Gewalthaber selbst die Disziplin der Soldaten angriffen. Aber auch wenn er wüßte, man würde in Konstantinopel ihn und die Armee und damit das Reich preisgeben, so könnte er nicht schweigen. Diesmal sei ein Kompromiß nicht möglich. Aber Orestes handelte nicht im Zorn. Kaltblütig beratschlagte er mit seinen Juristen eine Strafe für die Christen, eine Rache an Kyrillos. Die Christen sollten endlich im Ernste erfahren, daß sie schlechte Geschäfte machten, sobald ihr Bischof gegen die Regierung Front machte. Schon seit Monaten waren die Jünglinge von den Gesellenvereinen gegen die Ladenbesitzer der ägyptischen Rhakotis und die der Judenstadt gehetzt worden, welche ihre Waren wie seit Jahrhunderten so auch jetzt am Sonntag feilhielten und damit den Christen manchen Schaden zufügten. Seitdem es nun in der Stadt von Mönchen wimmelte, welche namentlich des Sonntags an allen Straßenecken predigten und nachher Judentüren einschlugen, war Kyrillos so übermütig geworden, daß er von allen Kanzeln das Verlangen stellen ließ, auch die Juden und Ägypter sollten von der Polizei zur Heilighaltung des christlichen Sonntags gezwungen werden. Nun sollten die Christen erfahren, welche Gewalt die mächtigere war. Es wurde in der Statthalterei ein Erlaß ausgearbeitet, wonach jede Konfession verpflichtet wurde, ihren eigenen Ruhetag einzuhalten, nach welchem es aber den Juden ebenso freistehen sollte, am Sonntag Handel zu treiben, wie den Christen am Sabbat. Vor allem aber sollte der Erzbischof selbst um seiner aufreizenden Predigt willen nun doch zur Verantwortung gezogen werden. Lockerung der militärischen Disziplin hatte man bisher selbst in Neurom niemals vergeben. Das Schicksal Hypatias wäre von diesen kirchlichen und politischen Vorgängen vielleicht nicht so nahe berührt worden, wenn nicht Orestes gerade um diese Zeit ihre Gesellschaft noch häufiger als sonst gesucht hätte. Es war ihm vielleicht darum zu tun, öffentlich zu zeigen, daß der Statthalter des Kaisers sich von einem Erzbischof seinen Verkehr nicht vorschreiben lasse, er wollte das gelehrte Fräulein aber auch vor aller Augen seiner Freundschaft und seines hohen Schutzes versichern. Im Grunde tat es seiner Natur gerade in diesen Kämpfen doppelt wohl, mit der schönen Freundin vornehm und klug über künstlerische und literarische Dinge plaudern zu können. Er lud Hypatia dringender und häufiger als sonst zu kleinen Gesellschaften in sein Haus und bat um ihren Besuch auch an dem verhängnisvollen Abend, da die Feindschaft zwischen den beiden Gewalten zum erstenmal zu einem großen Blutvergießen führen sollte. Es war der dritte Samstag nach dem Epiphaniasfeste, und der schöne städtische Zirkus, der nicht weit vom Wüstentor, dem Westend und den ungezähmten Löwen Libyens zunächst lag, war überfüllt von Zuschauern, welche den Künsten der abgerichteten Tiere mit leidenschaftlicher Neugier zusahen. Als Orestes in die geräumige Statthalterloge trat, wo etwa zwanzig geladene Gäste, unter ihnen auch Hypatia, ihn bereits erwarteten, machte er einen harmlosen Scherz darüber, daß der erste Rang, und fast sämtliche Plätze in seiner Nähe, zur Rechten und zur Linken der Manege, von jüdischen Herrschaften besetzt wären. Theater und Zirkus seien doch die tolerantesten Gebäude, da sie sich jeden Samstag zu Synagogen und jeden Sonntag zu Christenkirchen verwandeln. Orestes war ziemlich spät gekommen. Eben tanzte eine Ziege in zierlichem Schritt über ein gespanntes Seil. Die nächste Nummer brachte einen riesigen indischen Elefanten und vier kleine afrikanische, welche auf bereitgehaltenen ungeheuren Stühlen Platz nahmen und eine Schule darstellten. Unter wachsendem Jubel des Publikums schrieb der große Elefant, der Lehrer, mit der Spitze seines Rüssels griechische Buchstaben in den Sand und die ungeschlachten Schüler mußten die Zeichen, so gut sie konnten, nachbilden. Der kleinste und geschickteste unter den Künstlern stellte sich dumm, spielte den Clown und bekam immer erst ein paar tüchtige Hiebe hinter die Ohren, bevor er sich entschloß, und zwar mit den drolligsten Kopfverrenkungen, den geforderten Buchstaben zu zeichnen. Den Höhepunkt erreichte der Spaß, wenn der Lehrer mit den Trompetentönen seines Rüssels den Buchstaben auch aussprach und die Schüler den Klang einstimmig nachtrompeteten. Die Elefantenschule war seit Wochen das beliebte Zugstück des Zirkus. Als nach dieser Nummer eine nicht mehr junge Reiterin auftrat, welche auf einem Stier ritt und in frecher Kleidung durch Tanz und Mimik die Geschichte der entführten Europa zum besten gab, erlahmte die Aufmerksamkeit ein wenig, und auch in der Loge des Statthalters löste sich die Gesellschaft in einzelne Gruppen auf. Die Gäste nahmen Eislimonade zu sich und Orestes empfing einige Beamte, welche ihn mit ihren dienstlichen Meldungen auch hier aufzusuchen die Pflicht hatten. Er öffnete und las unwichtige Depeschen, ließ sich dann über den Stand der Untersuchung gegen den Erzbischof berichten und winkte endlich den Polizeimeister heran, mit dem er Eiliges zu besprechen hatte. Soeben, während der Statthalter zum Zirkus fuhr, war die Publikation des Erlasses über die Sonntagsfeier erfolgt. Gleichzeitig an allen Straßenecken sollte er zu lesen sein; und morgen schon sollte er in Kraft treten. Die ganze Sache war dem Statthalter nicht recht nach dem Herzen. Er hätte als Staatsbeamter eigentlich einen gemeinsamen Feiertag für alle Konfessionen gewünscht und wäre gar nicht ängstlich gewesen, ein gutes Ziel mit einem kleinen Zusatz von Unrecht zu erreichen. Was tat's, wenn ein paar Juden des Sonntags geprügelt wurden, sobald die Einheit des römischen Staats dadurch gewann? Aber da die Anmaßung der Kirche ihn dazu zwang, sollten morgen schon die christlichen Kaufleute daran glauben. Da nun immerhin Widerstand gegen den Erlaß von den krakeeligen Alexandrinern zu erwarten war, sollte der Polizeimeister für den morgenden Tag seine Vorsichtsmaßregeln treffen. Heute werde sich die Nachricht zu spät verbreiten; für heute sei nichts zu befürchten. Während Orestes so mit seinem Beamten sprach, neigte sich dicht hinter ihm einer der Diener vor, um mit auffallender Beflissenheit den nächsten Gästen wiederholt seine Getränke anzubieten. In diesem Augenblick erhob sich in der Nähe der Loge ein Gemurmel, das bald auch den Statthalter aufmerksam machte. Bevor er noch eine Frage stellen oder auch nur nach der Tänzerin sehen konnte, ob der vielleicht ein Unglück zugestoßen wäre, beugte sich ein alter Jude über die Logenbrüstung, zeigte mit ausgestrecktem Finger nach dem Diener und rief: »Ein Spion, Exzellenz! Ein Spion vom Erzbischof! Ein schrecklicher Rohsche (Judenfeind)! Überall ist er dabei, wo was gegen uns los ist!« Der alte Mann hätte noch weiter geredet, aber der verkleidete Diener hatte, sowie er sich erkannt sah, das Tablett mit der Limonade fallen lassen und war zur Loge hinausgestürzt. Zu seinem Unglück. In der Loge ließ sich der Statthalter lächelnd in seinen Fauteuil nieder und gab nur dem Polizeimeister einen Wink. Draußen aber war der Spion seinen erbitterten Feinden in die Hände gefallen. Er hatte durch die Manege entfliehen wollen, aber gerade da wurde er gefaßt und durchgebleut; schließlich war er, noch bevor die Polizeimannschaft erschien, in den Händen einer herbeigelaufenen Rotte, die ihn, ohne viel zu wissen, um was es sich handelte, halbtot schlug. Der Polizeimeister konnte nur einen ohnmächtigen Mann ins Gefängnis tragen lassen. Der Statthalter blieb, nachdem er auch darüber Meldung entgegengenommen hatte, behaglich in seiner Loge sitzen und wollte den Schluß der Vorstellung abwarten, da er sich von der letzten Nummer, dem Ritt eines nubischen Löwen auf einem Rappen von Dongola, viel Vergnügen versprach. Inzwischen aber hatten sich in der Stadt böse Dinge vorbereitet. Ein unglücklicher Zufall oder vielmehr die Agitation des Erzbischofs, der das Gefahrvolle seiner Lage kannte, hatte gerade auf diesen Abend in den meisten Stadtbezirken christliche Versammlungen einberufen, in denen die geeigneten Mönche, auch schon einige Einsiedler oder nur redegewandte Mitglieder der Gesellenvereine, über das Verhältnis von Staat und Kirche und über derlei unbestimmte Gegenstände sprechen sollten. Als nun die Verordnung des Statthalters bezüglich der Ladenbesitzer bekannt wurde, donnerten die Redner wohl in zwanzig verschiedenen Versammlungen gleichzeitig gegen den gottlosen Beamten, den heimlichen Heiden, den Sklaven der verdammten Hypatia. Überall beteiligten sich die Krämer an den Debatten, und namentlich gegen die Juden entstand eine Erbitterung wie zu Zeiten der heftigsten Verfolgung. Denn in der ägyptischen Rhakotis, dem Heidenviertel, wurden fast nur besondere Erzeugnisse der altägyptischen Industrie feilgeboten, mit denen weder Juden noch Christen Handel trieben. Juden und Christen aber waren Konkurrenten, und die Verordnung des Statthalters drohte wirklich manchen ehrlichen Handelsmann zu schädigen. Mitten in diese Aufregung platzte nun bald nach zehn Uhr eine merkwürdige Nachricht hinein. In dem einen Bezirke wurde erzählt, die Juden hätten im Zirkus mit Erlaubnis des Statthalters einen christlichen Geistlichen den wilden Tieren vorgeworfen, nach einem anderen Bezirke kam die Nachricht, man erschlage im Zirkus alle Christen, und gegen elf Uhr verbreitete man überall, die Juden hätten wieder einmal einige Christenknaben geraubt, öffentlich im Zirkus, um sie nach ihrer Sitte am Karfreitag ans Kreuz zu schlagen. Noch ahnte der Statthalter nichts von dem Aufruhr, der ihm drohte, als schon von allen Seiten bewaffnete Menschenhaufen teils gegen den Zirkus, teils gegen die Judenstadt heranrückten. In dieser selben Stunde schlugen plötzlich aus dem Dache der weithin sichtbaren Alexanderkirche Flammen empor. Die Parteien beschuldigten einander später gegenseitig, den Brand gestiftet zu haben. Jedenfalls aber glaubten die christlichen Haufen, die Juden hätten in ihrem Übermut auch noch diese Schandtat ausgeführt, und die Scharen, welche sich aus ihren Bezirksvereinen gleichzeitig in Bewegung gesetzt hatten, ungewiß noch, ob gegen das Palais oder gegen die Juden, wandten sich jetzt mit doppelter Wut in ihrer Hauptmasse der Brandstätte zu. Fast alle diese ungleich bewaffneten Haufen zogen also unter den Anführern, welche der Augenblick an die Spitze gestellt hatte, dem Alexanderplatze entgegen. Nur einige Hundert Schreier blieben auf dem Wege zum Zirkus, und wenn sie beim Aufbruch »Nieder mit dem Statthalter!« und »Ins Feuer mit der Zauberin!« gerufen hatten, so wurden diese Rufe allmählich leiser, und vor dem Zirkusgebäude blieben sie endlich unruhig, aber unentschlossen als eine krawallsüchtige, führerlose Menge stehen. Trotzdem der Zirkus und die Alexanderkirche kaum eine Viertelstunde voneinander entfernt waren, wußte man hier noch nicht, was sich drüben abspielte. Die Alexanderkirche lag am Ostende der inneren Stadt, an dem Treffpunkte des Korso und der alten Stadtmauer aus der Ptolemäerzeit. Dort war vor kurzem das alte Tor niedergerissen worden, um eine breitere Verbindung zwischen den beiden Stadtteilen zu ermöglichen. Gerade dieser Bresche gegenüber lag eben die Kirche. So kam es, daß die Löschmannschaft der Judenstadt zuerst zur Stelle war und die Eimerkette geschlossen hatte, als die christlichen Haufen eben anrückten. Jetzt schien die Kampfeslust für ein Weilchen vergessen, denn die Bewaffneten glaubten in der ersten Überraschung, als sie die jüdische Löschmannschaft an der Arbeit sahen, die Ungläubigen gewähren lassen zu müssen. Der große Platz füllte sich jedoch immer mehr, jede Bewegung war bald gehindert, und plötzlich nahm die Löschmannschaft wahr, daß sie einer vielhundertfach überlegenen Menge von Feinden gegenüberstand. Unter lautem Geschrei ließen die Juden ihre Geräte zurück und flüchteten durch die Mauerbresche und über das Vorgelände hinweg in ihre engen Gassen. Schon jetzt wurden einige von ihnen verwundet. Die feindlichen Scharen hielten nun auf dem Platze, und ohne sich um die brennende Kirche zu bekümmern, beratschlagten einige der Führer, wie der Handstreich noch in dieser Nacht zu vollführen und wie die für morgen drohende Konkurrenz abzuwenden wäre. Plötzlich gab ein kleiner schwarzer Mönch, den niemand kannte und dem schließlich alle gehorchten, den Rat, den Zugang zur Judenstadt mit tausend zuverlässigen Leuten zu besetzen, so daß für ein paar Stunden keine Nachricht in die griechische Stadt gelangen könnte. Die übrigen Haufen, die man, Gassenjungen, Frauen und Strolche miteingerechnet, wohl auf dreißigtausend schätzen konnte, sollten in die wehrlose Judenstadt einbrechen. Bevor das Werk getan war, sollte unter keinen Umständen auch nur ein einziger zurückkehren dürfen. Niemand fragte mehr, welches Werk gemeint sei. Der Plan wurde ausgeführt, aber die Voraussetzungen waren in einem wichtigen Punkte falsch. Deutlicher als der Statthalter hatten die Juden gefühlt, daß die ihnen so günstige Verordnung den Haß der Christen entfesseln würde. Und seit der Mittagstunde, wo das Gerücht die neuen Maßnahmen an der Getreidebörse vorausgesagt hatte, rüsteten sich die einzelnen Innungen und Untergemeinden zur Abwehr jeder Belästigung. Ernstliche Gefahren hatte man unter dem Schutze eines so wohlwollenden Statthalters allerdings nicht befürchtet. Als nun die Leute von der Löschmannschaft in die Judenstadt flohen, fanden sie ihr Viertel nicht nur wach – der Brand der nahen Kirche war den mißtrauischen, durch mancherlei Verfolgungen klug gemachten Juden wie eine Warnung erschienen –, sondern einzelne besonders tatkräftige Gruppen standen schon unter Waffen. So konnten auf die erste Warnung hundert bewaffnete Männer die engen Gasseneingänge sofort besetzen, während im ganzen Viertel unter endlosem Hallo und Mordio der Widerstand organisiert wurde. Es konnte sich, so glaubte man, doch nur darum handeln, die feindlichen Christen für eine kurze Zeit aufzuhalten; denn vor dem anrückenden Militär stob doch solcher Pöbel gewiß auseinander. Da nun die anrückenden Haufen, als sie den Vorraum überschritten hatten und in die engen Gassen des Viertels einbrechen wollten, so unerwarteten Widerstand fanden, stockte ihr Marsch für einige Minuten, und trotz der großen Menge der Angreifer wäre es vielleicht bei dem Geschehenen verblieben. Da hob einer der Mönche mit der linken Hand ein Holzkreuz empor, schwang mit der Rechten ein kurzes Schwert, rief Gott und die Heiligen an und versuchte so ganz allein in eine der Gassen einzudringen. Das erste Blut floß und die Christenmasse drang vor. Der wilde Anprall warf alle Gruppen der Verteidiger mehrere hundert Schritte weit in ihre Gassen zurück. Durch diesen Erfolg waren schon eine Anzahl Häuser, und zwar die reichsten der Judenstadt, der Plünderung, die Weiber und Kinder jeder Mißhandlung und Gewalt verfallen, und unaufhaltsam rückte nun in dunkler Nacht, allein von dem Lichte der brennenden Kirche beschienen, ein wilder Straßenkampf weiter und weiter. Verzweifelt wehrten sich die Juden, die jeden Augenblick auf Rettung durch das Militär hofften; und wo die Lage der Straßen oder sonst ein Vorteil eine Truppe der Angreifer in eine Überzahl von Juden hineintrieb, da wurden die Christen umzingelt und erbarmungslos massakriert. Suchten die Verteidiger mit äußerster Anstrengung jeden Zollbreit zu verteidigen, um Zeit zu gewinnen, so lag auch den Führern der Angreifer daran, rasche Arbeit zu machen. Selbst in der blutigen Stadtgeschichte Alexandrias war ein solches Gemetzel bisher kaum erhört gewesen. Die Abteilung der zuverlässigen Leute, welche den Zugang zur Judenstadt bewachten und dabei dem Brande der Kirche ruhig zusahen, glaubte trotz des furchtbaren Lärmens anfangs nur, daß drüben im Judenviertel die Läden zerschlagen, vielleicht auch einige wenige geplündert und widerspenstige Geschäftsleute geprügelt würden. Man bedauerte, von diesem Vergnügen ausgeschlossen zu sein, hielt aber das gegebene Wort und ließ keine Seele passieren. Einzelne Juden, welche mit Jammergeschrei herbeieilten, um die innere Stadt zu alarmieren, wurden mit Schlägen zurückgetrieben. Man glaubte ihre Berichte eigentlich nicht. Im Zirkus hatte die Vorstellung inzwischen fast ungestört ihren Fortgang genommen. Die Meldung, daß verdächtiges Gesindel sich vor dem Hauptausgang sammle, hatte der Statthalter mit einem Achselzucken beantwortet, Und die Nachricht, daß die Alexanderkirche brenne, hatte sich erst spät verbreitet. Es brannte zu oft in Alexandria. Erst lange nach elf Uhr, während unten ein großes Wagenrennen in Szene gesetzt wurde – darauf sollte die Schlußnummer folgen, der Löwe zu Pferde –, erschien der Polizeimeister noch einmal in der Statthalterloge, um zu melden, daß der entflohene Diener wirklich ein Spion gewesen, und daß er infolge der gründlichen Lynchjustiz für die nächsten Tage nicht vernehmungsfähig wäre. Der Beamte selbst meldete gleichzeitig, daß die Alexanderkirche brenne, und daß leider nicht einmal von der nahen Judenstadt Löschmannschaft zur Stelle gekommen sei. Das Gebäude sei nicht mehr zu retten, andere Häuser seien nicht gefährdet. Ärgerlich schickte der Statthalter einen Adjutanten ab mit dem Befehl, das nächste Infanterieregiment habe den ganzen Platz zu besetzen und Unordnungen zu unterdrücken, vor allem aber ein Umsichgreifen des Feuers zu verhüten. Im Zirkus zeigte sich nun Bewegung. Die Nachricht von dem Brande hatte das ganze Haus durcheilt, und Hunderte von den Besuchern verließen eilig ihren Platz, weil sie in der Nähe der Brandstätte wohnten, oder weil sie, wie namentlich die Juden, von jeder Brandnacht Ruhestörungen und Gefahren für ihren Besitz fürchten mußten. Ein dunkles Gerücht wollte auch wissen, daß es im Judenviertel schon zu einzelnen Ausschreitungen gekommen sei. Der Statthalter, nun ernstlich verstimmt darüber, daß ihm ein gemütlicher Abend wieder gestört wurde, ließ Erkundigungen einziehen. Gerade als die letzte Nummer begann und das gewaltige schwarze Pferd, das den Löwen tragen sollte, schon schnaubend und nervös um die Arena jagte, kam die Nachricht, die Kirche brenne ohne Gnade nieder, aber im Judenviertel scheine alles still zu sein. Auffallend still sogar. Außer dem Menschenhaufen, der von der Mauerbresche aus dem Flammenschauspiel zusehe, zeige sich zwischen der inneren Stadt und dem Judenviertel nicht eine Seele. Die Juden, welche den Zirkus verlassen hätten, seien unbelästigt oder höchstens durch harmlose Neckereien beleidigt von diesem Haufen durchgelassen worden und man sehe sie hinter den Laternen ihrer Diener über den wüsten Platz des Vorgeländes ihren Häusern zueilen. Was man von drüben her vernommen zu haben glaubte, wäre wohl die gewohnte Lustigkeit einer Sabbatnacht gewesen. Der Statthalter hörte kaum hin. Denn eben war ein schlanker, junger, nubischer Löwe, ein dunkelschwefelgelbes Tier mit prächtiger schwarzer Mähne, mit einem Riesensatz über die Barriere in die Arena gesprungen und hatte laut brüllend in der Mitte des Zirkus seinen Stand genommen. Ein gewöhnlicher Stallmeister, der nur anstatt der üblichen Peitsche einen kurzen Dolch in der Hand hielt, trat hinzu und stellte sich neben den Löwen. Der Rappe war gut abgerichtet und zeigte wenig von seiner Angst. Aber wie ein Pfeil flog er jetzt keuchend im Kreise herum und schlug da und dort donnernd mit den Hufen gegen die Brüstung. Nur leise berührte der Stallmeister mit der Dolchspitze die Flanken des Löwen. Da machte das wilde Tier drei leichte Katzenschritte nach vorwärts, ersah seinen Vorteil, und plötzlich saß er dem Rappen auf seinem breiten Sattel. Das Wiehern des geängsteten Renners und das Brüllen des Reiters übertönte noch das Beifallklatschen der Zuschauer. Noch zweimal wurde dieses Kunststück wiederholt, dann verschwanden nacheinander Pferd und Löwe aus der Arena, und die heutige Vorstellung war zu Ende. Rasch entleerte sich das Haus durch alle Ausgänge. Langsam verließ der Statthalter mit den Gästen seine Loge. Er sagte den Offizieren und Beamten »gute Nacht«, hatte für jede ihrer Frauen noch ein anmutiges Wort und schritt endlich, nur von seinem Adjutanten begleitet, neben Hypatia die Marmortreppe hinunter. Der alte Beamte und das junge Weib lächelten zu gleicher Zeit und nicht unähnlich, da sie auf dem Platze zur Rechten und zur Linken von der Statthaltersänfte die Leibgarde Hypatias aufgestellt fanden. Wolff, Troilos und Alexander natürlich an der Spitze. Orestes wollte einen Scherz darüber machen, daß diese jungen Herren mit ihrer ewigen Gegenwart ihm selbst anfingen, lästig zu werden. Er hatte seinen Satz aber noch nicht vollendet, als er ernster aufblickte. Sie waren ins Freie getreten, und der Schein der Windlichter fiel auf die bekannte Uniform des Statthalters und auf die weithin erkennbare Gestalt Hypatias. Sie hatte Kopf und Schultern in ein zartes schwarzes Tuch gehüllt. Darunter fiel das weiße Gewand schimmernd bis an die Knöchel. Einige hundert Menschen, die auf diesen Augenblick gewartet zu haben schienen, empfingen den Statthalter und seine Freundin mit Geschrei und Gelächter. Ohne auch nur mit einem Schritt zu zögern, gab Orestes seinem Adjutanten Auftrag, unverzüglich einen Zug von der nahen Wache herüberzuholen. In sicherer Haltung und während der Offizier den Auftrag ausführte, bestieg Orestes seine Sänfte. Er würdigte das Gesindel scheinbar nicht eines Blickes. Er wollte den Abschied von Hypatia nur solange hinauszögern, bis die befohlene Mannschaft erschienen war. Er winkte von ihrer Leibgarde Wolff heran, der ihm die beste soldatische Erscheinung zu sein schien, und sagte: »Es werden sogleich einige von meinen Leuten zur Stelle sein, um Fräulein Professor sicher nach Hause zu begleiten. Ich weiß, Sie würden genügen, um Hypatia gegen diese feigen Schreier zu schützen, aber ich bin es mir schuldig, auch meinerseits nichts zu versäumen. Ich fahre noch für ein Weilchen auf die Brandstätte. Es wurden während der Zeit meiner Amtsführung so viele neue Kirchen gebaut, und ich war bei so vielen Grundsteinlegungen zugegen, daß ich das Ende von so einem Baumal sehen muß. Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir von der glücklichen Heimkehr meiner Freundin Nachricht senden wollten. Ich warte dort solange.« Mit einem Scherz wandte er sich an Hypatia. Er wäre jetzt traurig wie Achilleus, dem die jungen Griechen die Freundin entführten. Da entstand eine plötzliche Bewegung in dem krawallierenden Haufen. Mit einem Aufschrei stoben die Leute auseinander, einige flogen wohl auch zu Boden, und mitten durch die Menge kamen in geordnetem Zuge im Laufschritt zwanzig voll bewaffnete Infanteristen herbei und machten vor dem Statthalter Halt. Orestes wies ihren jungen Offizier an, Hypatia zu geleiten und vor der Akademie Wachen aufzustellen. Dann befahl der Statthalter, quer über den Platz nach der Alexanderkirche zu fahren. Die Menge hatte hinter den Soldaten her wieder gejohlt und geschrien. Der Sänfte des Statthalters öffnete sie aber scheu eine Gasse, und Orestes begnügte sich, während er hindurchfuhr, drohend einen Finger zu erheben. Auch Hypatia bemühte sich, völlige Gleichgültigkeit gegen den Pöbel zu äußern. Mit einer leichten Handbewegung ließ sie Alexander und Troilos zu ihrer Rechten und Linken mitgehen. Wenige Schritte hinter ihr gingen die übrigen Herren ihrer Leibgarde unter Führung Wolffs, und in angemessener Entfernung marschierte der kleine Soldatentrupp. Es war der jungen Philosophin doch bänglich zumute, und sie hätte sich am liebsten auf irgendeinen festen Arm gestützt. Nicht weil sie ein Weib war. Bewahre. Aber in der Studierstube verlernt man wohl die natürliche Tapferkeit. Sie blickte sich einigemal um. Gewiß nicht, als ob Wolff gerade den starken Arm besessen hätte. Von dem ehrfurchtlosen Christen wollte sie gar keinen Schutz. Vielleicht war sie nur verwundert darüber, daß ihr Bräutigam Synesios fehlte. Um sich etwas Haltung zu geben, sagte sie zu Troilos: »Die gute Exzellenz ist viel zu vorsichtig. Was könnten mir denn die Leute tun, auch wenn ich allein wäre?« »Allerlei, mein schönes Fräulein Professor. Zum Beispiel könnte man Sie totschlagen; und dann wäre es doch schade um all die Kenntnisse, die Sie angesammelt haben.« Hypatia zuckte zusammen, aber um so eigensinniger bestand sie darauf, in dieser unerfreulichen Lage ein ruhiges, philosophisches Gespräch zu führen. Ohne eigentlich viel dabei zu denken, erörterte sie, wie doch ein gebildeter Mensch über solchem Pöbel stehe, und wie die Ruhe des Weisen durch keine Drohung erschüttert werden könne. In diesem Augenblick ertönte aus dem verfolgenden Haufen ein lauter Pfiff. »Ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein Professor,« rief Alexander, der nun gleichfalls zusammengefahren war; »auf mich können Sie sich wahrhaftig so gut verlassen wie auf den schmutzigsten Soldaten hinter uns, der dafür bezahlt wird, daß er sich totschlagen läßt. Aber wenn ich sagen soll, daß mir ein Spaziergang in Athen jetzt nicht lieber wäre als der Aufenthalt in diesem gottverfluchten Alexandria, so müßte ich lügen. Ich bin kein großer Philosoph, aber nicht zu lügen, das halte ich auch schon für ein Stück Weisheit; menschliche Furcht einzugestehen, ist oft der Anfang der Weisheit.« Stumm schritt die Gesellschaft weiter, und erst im Angesicht des Akademiegebäudes fragte Hypatia mit gepreßter Stimme: »Wo ist denn...?« »Sie wollen wissen, wo Synesios hingeraten ist? Er hat den gemütlichen Tag und den guten Wind benutzt, um heimlich nach Kyrene hinüber zu fahren. Er will dort einen Seitenflügel aufführen lassen. Eine kleine Akademie mit einer kleinen Bibliothek und einen ungeheuer großen Schreibtisch mit ganz neuen Einrichtungen. Aus einem Stückfaß soll da jahraus, jahrein Tinte in ein kleines Näpfchen fließen, damit die schreibenden Gelehrten durch Kleinigkeiten nicht gestört würden. Auch glaube ich, er will dort eine Papierfabrik anlegen lassen. Die Zimmer des alten Hauses, welche vor zwanzig Jahren des Synesios und seiner Geschwister Kinderstuben waren, sollen künftighin zu einem großen physikalischen Laboratorium umgewandelt werden. Kurz, er denkt gewissenhaft an die Zukunft und ist darum augenblicklich nicht da. Er läßt sich schönstens empfehlen und will in etwa vierzehn Tagen, mit Originalhandschriften über die Heldentaten Alexanders des Großen beladen, um Verzeihung bitten.« Mit einem hastigen »Gute Nacht« eilte Hypatia in ihre Wohnung. Der Offizier verteilte einige Wachen, und auch Wolff erklärte, er werde sich den Rest der Nacht in dieser Gegend zu vertreiben suchen. »Ich könnte doch nicht schlafen. Ich glaube, es würde mir gut tun, wenn ich meine Plempe an den Köpfen von ein paar Schreiern versuchen dürfte. Gute Nacht, Troilos, gute Nacht, Sohn Jossephs. Meldet Seiner Exzellenz, wenn ihr Lust dazu habt, daß ich für die Nachtruhe Hypatias hafte. Gute Nacht, alle miteinander.« An dem Pöbelhaufen vorüber, der sich zu zerstreuen begann, und den Studenten nur einige rohe Drohungen nachsandte, gingen die jungen Leute südwärts nach dem Korso und wandten sich dann auf dem nächsten Wege dem Alexanderplatze zu. Fast alle diese jungen Leute hatten ihre möblierten Stuben in dieser Gegend, im quartier latin Alexandrias, gemietet, und so stieg bald da, bald dort einer auf seine Bude; dann kehrten wieder einige in ein heimlich geöffnetes Wirtshaus ein, und so blieben endlich nur Troilos und Alexander übrig, um dem Statthalter die verlangte Meldung zu bringen. Als sie auf dem Platze vor der brennenden Kirche anlangten, hatte das Schauspiel noch immer nicht sein Ende erreicht. Das Dach des Langschiffs war wohl beinahe ausgebrannt und über den geschwärzten Mauern der beiden niedrigen Seitenschiffe war kaum noch ein blaues Flämmchen zu erblicken; aber über der Apsis und dem Chor flammte noch sausend eine Feuergarbe nach der anderen empor. Man erzählte sich, daß dort oben in weiten Bodenkammern verbotene und konfiszierte Schriften christlicher Ketzer, ganze Auflagen der letzten Bücher des Kaisers Julianos angesammelt gewesen wären. Die emporschlagenden Flammen vollführten ein Getöse wie ein Sturmwind. Zwischendurch erscholl unaufhörlich das Rufen und Kommandieren der griechischen Löschmannschaft, das Aufschreien der Leute, die von herabfliegenden brennenden Holzstücken gestreift oder verwundet oder auch nur erschreckt wurden, und endlich das wüste Gekreisch und Geschimpfe der arabischen Wasserträger, die ihre Pflicht nicht tun konnten, ohne einander unaufhörlich durch Schmähungen und Drohungen anzustacheln. Troilos und Alexander fanden auf der Stelle den Statthalter, der ihre Meldung dankend entgegennahm. Sie blieben dann in seiner Nähe stehen und blickten wie die anderen nach dem Kreuzdache der Kirche. Dort schlugen die Flammen noch minutenlang bald höher, bald niedriger empor; plötzlich aber erscholl ein Krachen, das allen anderen Lärm übertönte, und im Nu war der ganze brennende Scheiterhaufen donnernd zwischen den nackten Wänden der Kirche verschwunden. Eine ungeheure schwarze Wolke stieg, nur von leichten, roten Blitzen durchzuckt, zum Himmel empor und aus allen schmalen Fensterhöhlen des Gebäudes heraus. Auf dem Platz war es mit einem Male finster und still geworden. »Es ist zu Ende,« sagte der Statthalter leise zu seiner Umgebung. »Eine Kirche weniger.« In diesem Augenblick erscholl aus dem Haufen, der den Zugang zum Judenviertel sperrte, ein gellender Hilferuf, und gleich darauf vernahm man einzelne Worte, wie: Gott Israels! Mörder! Der Statthalter schritt eilig mit geringem Gefolge der Stelle zu. Bei seinem Nahen jagte der Haufen auseinander. Auf der Erde lag, aus Kopfwunden blutend, ein älterer Jude in seinem Feiertagsgewand, wie er vor kurzem den Zirkus verlassen haben mochte. Alexander erkannte in ihm einen reichen Glasfabrikanten. Er beugte sich nieder und hob den Kopf des Verwundeten auf. Der öffnete die Augen, erkannte den Statthalter und rief: »Gelobt sei Gott! Erbarmen! Viele Tausende ... seit zwei Stunden! Mord und Plünderung! Mein Haus... meine Tochter, meine Mira! Geschändet, ermordet!« Es war stille auf dem Platz. Nur aus dem Innern der Kirche dröhnte es wie aus einem feurigen Hochofen. Von dem Judenviertel her war aus weiter Ferne ein unbestimmbares Geräusch zu vernehmen. Man wollte es jetzt für zusammenklingende Waffen und Hilferufe erklären. Das Regiment, das den Platz umstellt hatte, sollte eben abrücken. Da trat der Statthalter mit schnellen Schritten zum Kommandierenden: »Lassen Sie brennen, was brennt! Im Judenviertel ist Empörung. Sammeln Sie Ihre Mannschaft. Für mich ein Pferd. Wir müssen retten, was zu retten ist. Senden Sie um Verstärkung, Kavallerie. Und vorwärts! Marsch!« In weniger als einer Minute war das Regiment feldmäßig formiert. Der Statthalter ritt neben dem Obersten, und im schnellen Schritt ging es über das alte Vorgelände in das unglückliche Judenviertel hinein. In fünf Minuten hatten die Soldaten den Raum zwischen Stadtmauer und Vorstadt überschritten. Aber sie beschleunigten noch ihren Lauf, als sie erkannten, wie da gehaust worden war. Vor den ersten Häusern lagen mehr als dreißig Tote, Christen und Juden. Und dann kein Haus, wo nicht ein Toter an der Schwelle lag, kein Laden, der nicht geplündert oder dessen Tür nicht eingestoßen war. In Fetzen hingen die Seidenstoffe auf die Straße hinaus, dort lagen Fässer Wein oder Öl geborsten auf der Straße. Fast überall fand man noch Plünderer beim Werke, Marodeure. Doch der Statthalter duldete keinen Aufenthalt. Nur wer von den Dieben zufällig in den Bereich eines Römerschwertes kam, erhielt im Vorbeilaufen seinen Denkzettel. Retten, was noch zu retten ist! Bis jetzt war das Regiment schweigend vorgegangen. Nur das taktmäßige Auftreten war zu hören. Man wollte die Unruhestifter überraschen. Denn der Statthalter hatte sich trotz der Aussage der Verwundeten die Verwüstung nicht so schlimm gedacht. Jetzt befahl er Trompetenfanfaren. Die Mörder sollten zum Angriff blasen hören. Es war besser, daß ihrer viele entkamen, als daß die Metzelei auch nur einen Augenblick länger fortdauerte. Unter Trompetensignalen eilte das Regiment weiter. Marsch! Marsch! Jetzt sah man in der Ferne auf einem freien Platze Menschen auseinander flüchten. Der Oberst teilte seine Mannschaft und ließ zwei Kompagnien durch Seitenstraßen vorrücken. Am Suezer Tor war das Rendezvous. Marsch! Marsch? Endlich waren die Gassen erreicht, bis zu denen der Pöbel und die Mönche nach zweistündigem Kampfe vorgedrungen waren. Aber wo immer das Militär erschien, war die Masse der Mörderhaufen schon entflohen, und nur einzelne Plünderer oder versprengte Gruppen waren inmitten der verzweifelt kämpfenden Juden zurückgeblieben. Es war keine Zeit, zu fragen. Nur da und dort ein Zuruf, aus welchem der Statthalter die Sachlage erkannte. Die Juden selbst riefen ihm zu, er möchte die zurückbleibenden Reste der Verbrecherbande getrost ihnen überlassen und die Hauptmacht verfolgen. Die konnte gar nicht anderswohin ihre Richtung genommen haben als durch das Suezer Tor ins Freie. Und während die Juden ihre blutige Heimzahlung begannen, setzte das Regiment seinen Eilmarsch fort. Am Suezer Tor gelang es, den Nachtrupp der Christenmasse einzuholen. Die letzten wurden niedergemacht. Hunderte wurden gefangen und den rachedurstigen Juden preisgegeben. Und dann hinaus zur Verfolgung. Auf der breiten Wüstenstraße sah man einen schwarzen Menschenknäuel entfliehen. Der Statthalter machte Halt und überließ dem Oberst die Verfolgung. Bebend vor Erregung lenkte er sein Pferd beiseite und suchte zu einem Entschluß zu kommen. Eine kleine Abteilung war zu seiner persönlichen Sicherheit bei ihm geblieben. Schon war er geneigt, auch diese zur Verfolgung fortzuschicken, als er von der Stadt her Pferdegetrappel vernahm. Endlich. In wilder Hast jagten einige Schwadronen Kavallerie heran. Der kommandierende Offizier wollte vor dem Statthalter Halt machen. Der aber wies nur mit der ausgestreckten Hand vorwärts und machte dann mit geballter Faust ein Zeichen. Der Offizier hatte ihn verstanden. Er fuhr mit dem Säbel sausend durch die Luft, und die Schwadronen jagten weiter. Langsam kehrte der Statthalter durch das Suezer Tor zurück. Er hatte sein Schwert nicht gezogen, aber sein Kleid und die Schabracke des Pferdes waren mit Blut bedeckt. Langsam ritt er von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse durch das Judenviertel. Hier war keiner der abgefaßten Angreifer mehr am Leben. Aber unter Jammergeschrei und Anklagen, Dankgebeten und Flüchen umdrängten die Juden ihren Retter. Orestes ließ sich von vielen Hunderten, während er so Schritt vor Schritt weiterritt, die Einzelheiten der Nacht erzählen. Er konnte nicht sprechen. So oft er einige beruhigende Worte zu sagen versuchte, stieg ihm heiß und heißer der Zorn in die Kehle. Aber die Juden verstanden ihn auch so. Bald hob er die Hand wie beruhigend auf, bald ballte er sie zur Faust. Endlich, nicht weit vom Ausgange der Judenstadt, holte ihn eine Zahl der Vorsteher des Viertels ein. Sie berichteten laut weinend, was sie von dem Umfange der Schreckenstaten wußten. Nur ungefähr ließ sich übersehen, wie viele von der jüdischen Mannschaft im Kampfe gefallen, wie viele Judenfamilien in ihren Wohnungen gräßlich ermordet worden waren, wieviel von Handel und Gewerbe vernichtet. »Verlaßt euch auf mich und den Kaiser!« Mehr mochte Orestes nicht hervorzubringen. Dann befahl er seiner Begleitmannschaft, umzukehren und sich dem Regiment wieder anzuschließen. Er selbst ritt allein über den Vorraum und durch die Griechenstadt nach dem Regierungsplatz. Vor der Hauptwache stieg er ab und überließ sein Pferd einem jungen Soldaten. Aber er ging nicht sofort nach seinem Palais hinüber. Nicht einmal vor seinen schwarzen Dienern wollte er sich in dem ohnmächtigen Zorn zeigen, der noch immer von Zeit zu Zeit sein Bewußtsein zu verdunkeln drohte. Jedesmal, wenn es ihn so packte, daß ihm die bleichen, welken Wangen heiß wurden, wünschte er den Mörder Kyrillos pfählen oder ins Wasser werfen zu können. Der Statthalter versuchte seine Aufregung durch einen nächtlichen Spaziergang zu dämpfen. Über das Bollwerk und den Hafenplatz ging er mit festem, militärischem Schritt durch die sternenhelle Nacht. Plötzlich bemerkte er, daß die strenge Vorschrift, nach welcher jedes Schiff am Bug wie am Stern nächtens eine Laterne hinaushängen sollte, fast allgemein mißachtet wurde. Dies ließ ihn darauf merken, wie es sonst mit der Disziplin beschaffen sei; ob die Polizeiwachen ihre Runde regelmäßig machten, ob zu so später Stunde keine Wirtshäuser offen waren und dergleichen mehr. Er faßte unter den Rock, ob seine Waffen zur Hand wären, und wagte sich dann vom westlichen Ausgang des Hafenplatzes aus in das übel berüchtigte Matrosenviertel. Es war zwei Stunden nach Mitternacht und doch standen häufig genug die Kneipen offen, aus denen ein wüstes Gejohle von Matrosen, Hafenarbeitern und betrunkenen Frauenzimmern herausklang. Ein einziges Mal erblickte Orestes auf seinem Wege eine Runde. Ein Unteroffizier stand mit drei Mann vor der Tür einer verdächtigen Wirtschaft und ließ sich lachend einige Maß Bier herausreichen. Wieder in einer anderen Kneipe sah der Statthalter durch die geöffnete Tür eine Menge Uniformen. Das Regiment war kaserniert und ihm besonders der Besuch des Matrosenviertels streng untersagt. Orestes fühlte, wie ein bitteres Gefühl in ihm immer höher stieg. Was war aus dem alten römischen Reich geworden. So sah es mit der Befolgung der Gesetze aus. So mit den militärischen Gewohnheiten. Unbotmäßig, bestechlich oder schwach alle, alle, vom Kaiser bis zum Nachtwächter nahmen sie alle Trinkgelder. Die Minister wie die Statthalter und die Unteroffiziere. Und das verteidigte man noch. Für die Erhaltung dieses Gemeinwesens erhitzte sich noch so ein alter, erfahrener Beamter wie er, anstatt nach der Zirkusvorstellung ruhig seinen Nachttrunk zu nehmen und Judenhetze Judenhetze sein zu lassen. Ohne ein persönliches Abenteuer bestanden zu haben, kam Orestes aus dem Matrosenviertel wieder heraus und kehrte durch die endlos lange Kaiserstraße, den Korso, nach dem Nordosten zurück. Auch diese boulevardartige Straße war noch belebt. Der Statthalter wurde oft von müdegelaufenen Dirnen angeredet und hörte auch wohl aus einzelnen Gruppen reicher junger Müßiggänger Bemerkungen über den Judenmord der heutigen Nacht. Man schien mit dem Ergebnis recht zufrieden zu sein, nannte aber trotzdem den Erzbischof mit recht unheiligen Namen. Langsam erreichte der Statthalter den südlichen Ausgang der Kirchenstraße und wollte nach Hause zurückkehren. Vor dem Palais des Erzbischofs blieb er plötzlich stehen. Die kleinen, wie Schießscharten geformten Straßenfenster waren nicht erleuchtet. Aber es herrschte reges Leben im Gebäude. Fortwährend kamen dunkle Gestalten die Straßen herauf und verschwanden im Seitenportal, andere wieder verließen eilig das Palais. Heftiger noch als bisher regte sich in Orestes der Zorn, und nach kurzer Überlegung überschritt er den Damm, hüllte sich dabei fester in seinen Mantel, trat ungehindert durchs offene Portal und ging ebenso schnell wie ein vorauslaufender Mönch die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Durch ein erstes Vorzimmer, in welchem mehr als zehn Leute darauf warteten, daß sie vorgelassen würden, betrat der Statthalter ein zweites Vorzimmer, in welchem Hierax sich gerade erzählen ließ, wie viele christliche Opfer der Angriff auf die Judenstadt gefordert hätte. Orestes wollte ohne Aufenthalt auch dieses zweite Zimmer durchmessen, da wurde er erkannt. Von Hierax. Der Sekretär vertrat ihm mit einer unterwürfigen Verbeugung den Weg und stammelte etwas von hoher Ehre, und Seine Gnaden seien zu Bett, und der Besuch Seiner Exzellenz würde trotzdem gegen alle Vorschrift sofort gemeldet werden. Orestes aber hatte die Stimme des Erzbischofs aus dem Nebenzimmer wohl vernommen; er winkte den Vertrauten des Kyrillos beiseite, schlug einen schweren persischen Teppich zurück und stand plötzlich im hellerleuchteten Arbeitszimmer des Erzbischofs. Kyrillos ging mit den Händen auf dem Rücken hin und her und diktierte zwei Schreibern gleichzeitig einen Bericht über die Ereignisse der Nacht. Drei oder vier Mönche, einer von ihnen mit Blut besudelt, standen im Hintergrunde. Kyrillos sprach noch die Worte: »...fiel das jüdische Mordgesindel mit Fackeln in der Hand über die frommen Beter der Alexanderkirche...«, dann wandte er den Kopf und sah sich dem Statthalter gegenüber. Sein Schrecken, wenn Kyrillos überhaupt erschrak, dauerte keine Sekunde. Schon nahm sein hartes Gesicht einen rauflustigen, fast humoristischen Zug an. Er reckte seine breitschultrige Gestalt in die Höhe, machte mit geballter Faust eine kurze Verbeugung und sagte mit ruhiger Stimme: »Die Herren sehen, ein wichtiger Besuch. Ich bitte, mich mit Exzellenz allein zu lassen. Wollen die Herren sich bereithalten. Nach einer halben Stunde diktiere ich weiter. Der Erzpriester Hierax soll inzwischen weitere Vernehmungen abhalten lassen. Und ich bitte alle, das nächste Zimmer freizulassen. Seine Exzellenz wünscht gewiß nicht belauscht zu werden.« Die beiden Männer waren allein. Orestes warf heftig Hut und Mantel auf den nächsten Tisch, schritt auf den Erzbischof zu und sagte mit unterdrücktem Tone: »Wissen Sie, daß ich Lust hätte, kurzen Prozeß zu machen und Sie für das Blutbad auf der Stelle hinrichten zu lassen?« »Das kann ich mir wohl denken, Exzellenz. Es wäre aber inkorrekt. Mit demselben Rechte könnte ich meinen Mönchen ein Zeichen geben, und Exzellenz würden dieses Palais nicht lebendig verlassen.« »Ich habe keine Furcht, ich bin Soldat.« »Und ich bin Mönch.« Orestes warf sich wütend in einen Lehnstuhl. Kyrillos schlug die Hände wieder auf dem Rücken zusammen und setzte seinen Spaziergang im Zimmer fort. »Wozu die starken Worte, Exzellenz,« sagte er nach einer Weile. »Wir sind beide zu erfahren, um eine solche Gegnerschaft mit Reden auskämpfen zu wollen. Und in der Sache bin ich doch wohl im Vorteil. Ohne Zweifel hätten Exzellenz mein Palais überfallen und mich töten lassen können. Ich gestehe, ich habe an diese Möglichkeit nicht gedacht. Und ich habe wohl recht gehabt, denn Exzellenz haben es nicht getan. Wenn es aber geschehen wäre, was wäre die Folge gewesen? Eine Revolution der Christen von Alexandria, bei welcher unter anderen auch Seine Exzellenz das Leben verloren hätte. Exzellenz sind beim schlichten Volke nicht beliebt.« »Lassen wir alle Eventualfragen,« sagte Orestes gefaßt. »Der Kaiser kann es nicht ruhig mit ansehen, daß Tausende von seinen ruhigsten Bürgern getötet, daß Hunderte von Häusern geplündert werden. Erzbischöfliche Gnaden aber haben diese Blutnacht auf dem Gewissen.« »Mit demselben Recht, Exzellenz, behaupte ich, daß Alexandria schlecht verwaltet wird, daß die Parteilichkeit der Regierung den Judenhaß erregt und daß sie sodann den Pöbel nicht in Zaum gehalten hat. Ich melde das nach Konstantinopel.« »Es liegen Beweise vor, daß von den Kanzeln gegen die Juden gehetzt wurde.« »Es ist die Pflicht von uns Geistlichen, die Irrtümer der Ungläubigen zu bekämpfen. Zu Mord und Diebstahl hat gewiß keiner von den angeseheneren Geistlichen aufgefordert. Der Pöbel hat uns mißverstanden.« »Das alte Lied.« »Gestatten Exzellenz, daß ich offen bin? Exzellenz sind Soldat, ich ein Geistlicher; eigentlich aber sind wir doch beide Staatsmänner, Politiker, und nicht dumme Schreibersleute. Das vergossene Blut kann den Juden nicht wieder in die Adern zurückgepumpt werden, und auf die paar geplünderten Läden kommt es ja wohl auch nicht an. Geschehen ist geschehen. Und Exzellenz wissen, daß in Konstantinopel die Tatsachen gewöhnlich recht behalten. Man wird die Vorgänge der heutigen Nacht lebhaft bedauern und ein Paar neue Klagen zu den Akten des aufrührerischen Alexandria hinzufügen, aber schließlich wird man Exzellenz und mich wie so oft schon bitten, uns zu versöhnen und unabänderliche Dinge nicht durch Rechthaberei zu verschlimmern. Es kommt den Herren in Konstantinopel wirklich nicht auf ein paar Juden an. Exzellenz wissen das so gut wie ich. Könnten wir nicht im Ernst den Wunsch des Hofes erfüllen und der Seltenheit wegen einmal gemeinsame Sache machen?« Gegenüber der Rücksichtslosigkeit und der Kraft des Erzbischofs fühlte der Statthalter langsam seinen festen Willen und sogar seinen Zorn schwinden. Mit einer vornehmen Handbewegung, die seine Überordnung andeuten sollte, gab er dem Erzbischof die Erlaubnis, weiterzusprechen. Kyrillos schob die langen Falten seines schwarzen Rockes fester um die Knie und setzte sich dem Statthalter gegenüber auf die Tischkante nieder. »Also gemütlich, Exzellenz. Unser ganzer Streit kommt eigentlich nur daher, daß Exzellenz nach altem Recht und Herkommen sich für den gebietenden Herrn der Provinz Ägypten halten und daß ich mir einbilde, daß der Lauf der Dinge mich ein wenig selbständig in diesem heißen Lande gemacht hat. Ich bitte – ich spreche nur von unseren Ansichten über die Sache, nicht von den Tatsachen. Exzellenz sind ganz richtig der Statthalter des Kaisers und haben darum in Ägypten die Rechte Seiner Majestät des Kaisers auszuüben. Das ist klar. Es fragt sich nur, ob der Kaiser heute noch wie einst der Herr des Reiches ist, und das bezweifle ich. Exzellenz wissen so gut wie ich, daß der Kaiser in all seinen Palästen am Goldnen Horn frei schalten und walten kann. Er darf die schönsten Tänzerinnen aus Zirkassien auswählen, er darf sich die besten Köche bezahlen und Titel austeilen nach Herzenslust. Ja, sogar Gesetze kann er erlassen, wenn sein Sinn danach stehen sollte. Wie aber werden diese Gesetze gehalten? In Britannien, in Frankreich, im westlichen Afrika, überall wo die Kirche nicht gebietet, stehen ihm rebellische Gegenkaiser gegenüber, und wenn einmal ein römischer General dort siegreich ist, so schreibt er sofort selbst dem Kaiser Gesetze vor. In Spanien, in Deutschland und in Italien ist der Kaiser nur noch ein leerer Schatten. Deutsche Bärenhäuter trinken dort aus weißen Schädeln oder aus goldenen Tempelgefäßen starken Wein und nennen das ihre neue Religion. Und in der östlichen Reichshälfte, wo wir noch keine Gegenkaiser und wenige deutsche Königlein haben, zeigt sich die Macht Seiner Majestät darin, daß jedermann tun kann, was er will. Sollten Exzellenz mir widersprechen wollen?« Orestes dachte an die Eindrücke seiner heutigen Wanderung und an die Briefe aus Konstantinopel. Er schwieg. Kyrillos fuhr fort: »Exzellenz geben mir recht. Eine der größten Revolutionen der Reichsgeschichte hat sich unmerklich vollzogen. Mit entsetzlichem Trara hat man vor so und so viel Jahren die Könige vertrieben und die neue Staatsform der Republik gegründet. Das war eine neue ewige Form, bis sie einige Jahrhunderte später auf ungeheuren Schlachtfeldern vom Kaisertum begraben wurde. Diese neue Idee hat vierhundert Jahre vorgehalten, trotzdem nicht nur Wahnsinnige, sondern sogar Philosophen mitunter den Thron der Cäsaren bestiegen. Exzellenz scheinen nicht zu wissen, daß das Kaisertum aufgehört hat, aufgehört, sage ich. Eine neue Staatsform regiert jetzt die Welt. Die Welt weiß es nur noch nicht. Die Kirche regiert. Der Kaiser ist nur noch eine Fahne. Und Exzellenz sind der Statthalter Seiner Majestät des Kaisers.« Orestes sprang auf und wollte sprechen. Kyrillos legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter und sagte: »Exzellenz, es hilft nichts, zum Frieden kommen wir allein durch Aufrichtigkeit. Exzellenz wollten mich hinrichten lassen. Ich sage Exzellenz dafür nur die Wahrheit.« »Also ehrlich, Kyrillos!« sagte Orestes endlich. »Es ist viel Wahres an dem, was Sie sagen, und ich weiß, das alte Reich geht vor allem daran zugrunde, daß wir alle nicht mehr daran glauben. Aber es hat schon oft solche Zeiten des Niedergangs gehabt. Ein einziger tatkräftiger Cäsar, ein einziger kühner und großer erster Beamter, und unser altes Reich steht wieder in altem Glänze da.« »Exzellenz sagen das, aber glauben es nicht, wie Exzellenz selber sagen. Nun ja denn – und Kyrillos stand vom Tisch auf und richtete sich stolz empor –, das alte Reich geht verloren, weil die Idee verloren gegangen ist. Die neue Idee ist die Macht der Kirche, und wir werden siegen, weil wir dieser Idee dienen. Man spricht so viel von einem neuen Glauben. Wir glauben eben an unsere Macht.« »Und wenn das alles wahr wäre, Kyrillos, warum sagen Sie es mir, und was wollen Sie von mir?« Behaglich zog Kyrillos jetzt einen Lehnstuhl heran und setzte sich dem Statthalter gegenüber. »Lieber Orestes, ich möchte nicht nur in Frieden mit Ihnen leben, ich möchte Sie verpflichten. Die neue Macht der Kirche hat einen Pakt mit dem Pöbel schließen müssen, um emporzukommen. Oder vielmehr der Pöbel ist emporgekommen, und die Kirche hat sich darum an seine Spitze gestellt. Einerlei, mit diesem Gesindel ist auf die Länge nicht auszukommen. Wir brauchen die alte bewährte Beamtenschaft, wir brauchen Männer wie Sie, Orestes. Sie sind gewöhnt, zu dienen. Sie dienen heute einem weibischen, feigen, tatenlosen Kaiser. Es muß Ihnen mehr Genugtuung gewähren, der Kirche zu dienen. Sie sind doch ernstlich ein Christ?« »Lassen wir die Religion beiseite. Wem soll ich gehorchen? Den Konzilien, auf denen ein Eunuch des Hofes zu befehlen hat, und die sich die Kirche nennen? Oder den Mönchen aus dem nytrischen Gebirge? Oder gerade Ihnen?« Kyrillos lehnte sich in seinen Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. So sagte er: »Dem Einen, der der Herr der Kirche sein wird. Dem Herrn der Welt.« Dann sprang er auf und ging mit heftigen Schritten an das große Fenster, das auf den finsteren Hof hinausführte. Und so, als ob er mit sich selber spräche, fuhr er fort: »Der römische Staat stand fest, solange alle Beamten, vom Kaiser herab, an seine Ewigkeit glaubten, für seine Ewigkeit sorgten, und ein jeder, so menschlich auch sein Tun war, sein Leben doch einsetzte für sein Amt. Das tun jetzt wir, die Männer der Kirche. Ich will Geld, ich will Macht, ich will Rache. Aber darüber hinaus will ich das alles für den erzbischöflichen Stuhl von Alexandria. Lassen Sie mich! Sie sollen mich ganz offen sehen. Die Welt konnte unter zwei und unter mehr Kaisern bestehen. Die Kirche kann nur Einen Mann an der Spitze haben. Der Patriarch von Konstantinopel gönnt es keinem andern, aber der Hofmann von Kaiserinnen ist dazu unfähig. Der Bischof von Rom will die erste Stellung. Aber ich gönne sie ihm nicht. Rom hat lange genug geherrscht, herunter mit Rom! Von uns, von Alexandria, von Ägypten ist das Neue ausgegangen, bei uns soll die Leitung bleiben. Das alte Gesetz der Juden hat Moses sich von unseren Priestern geholt. Nach Ägypten ist die Mutter Gottes mit dem Heiland geflüchtet. In Ägypten ist das Bekenntnis erdacht und in Afrika geformt worden, dem jetzt die Welt sich beugt. In Europa glauben sie schon zu denken, wenn sie sich über ägyptische Geheimnisse den Kopf zerbrechen. stumpfsinnig sind sie, farblos wie ihre Haut, und wie ihr Winterschnee ist ihre Phantasie. Helden haben sie verehrt, bevor wir ihnen einen Gott brachten. In der heißen Sonne ist alles erwachsen, was die Kirche zusammenhält. Augustinus und der große Antonios waren Afrikaner, und der Stifter des katholischen Glaubens, Athanasios, war ein Bischof von Alexandra. Uns gehört die Herrschaft! Mir!« »Sie scheinen viel Vertrauen zu mir zu haben, Kyrillos. Würden Sie das alles vor einem Konzil aussprechen?« »Gewiß, wenn ich der Mehrheit so sicher wäre wie Ihrer.« »Und welche Stellung weisen mir Erzbischöfliche Gnaden in Ihrem neuen Weltgebäude an?« »Die erste, Orestes! Sie sind nur der Soldat und Statthalter des Kaisers, der Herr der Kirche wird der Statthalter Gottes auf Erden sein. Reizt es Sie nicht, der Soldat des Statthalters Gottes zu werden?« »Ein schöner Titel, aber Titel reizen mich nicht. Ich freue mich nur, lieber Kyrillos, daß Sie auf einen Mann, den Sie nach Ihrer Meinung schon besiegt haben, noch so viel Rücksicht nehmen. Bekümmern Sie sich doch nicht weiter um mich.« »Ich habe Eile. Ihr Widerstand hält mich auf. Ich könnte Sie zur Demission zwingen, aber mit Ihrem Nachfolger kann der Tanz von neuem beginnen. Ich bin noch nicht alt. Ich will selbst noch was erreichen. Ich kann mit voller Kraft gegen Rom und Konstantinopel nur kämpfen, wenn ich unumschränkter Herr in Ägypten bin. Sie sollen mich fördern!« »Sie imponieren mir, Kyrillos.« »Sie wissen, Orestes, Ägypten ist die Kornkammer der Welt. Rom mit seinem Bischof verhungert ohne unseren Weizen. Lassen Sie mich die Preise bestimmen, und Sie sollen sehen.« »Die gute Gottesgabe! Macht die Kirche Geschäfte?« »Und dann stören Sie mich nicht in den Kleinigkeiten, die mir Alexandria säubern sollen. Lassen Sie mich mit den Juden machen, was ich will!« »Über die armen Juden ließe sich vielleicht reden. Sie sind es gewohnt, die Kriegskosten der Fürsten zu zahlen.« »Sie willigen also ein? Überlassen Sie mir hier die Juden und – die Akademie!« Orestes erhob sich. »Hypatia?« »Hypatia und die anderen.« Orestes tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er: »Erzbischöfliche Gnaden haben mich zur Besinnung gebracht. Vielleicht haben Erzbischöfliche Gnaden recht und alles wird kommen, wie Sie es sagen, und zu dem Plan, Rom auszuhungern, mein Kompliment; Sie sind ein Staatsmann. Aber eines haben Erzbischöfliche Gnaden vergessen. Sie kämpfen für eine neue Sache, deren Soldaten noch keine alte Fahne, noch keine alte, feste Ehre haben. Vielleicht siegen Sie gerade darum. Revolutionen können mit ehrlosen Soldaten siegen. Mir aber, dem Kommandanten eines verlorenen Postens, bleibt am Ende nur noch die Ehre. Erzbischöfliche Gnaden haben recht: dem Staatsmann kommt es auf eine Handvoll Juden und auf eine hübsche Philosophin nicht an. Ich aber habe meine Ehre zu verteidigen, und darum werde ich den Mord der Juden strafen und Hypatia schützen.« »Exzellenz haben die Juden plötzlich wieder liebgewonnen? Aber für die Juden kommt Ihr Schutz zu spät – und es ist schade um das rosige Blut von Fräulein Hypatia.« Orestes erhob die Faust und sagte: »Hüten Sie sich, Kyrillos. Sie bauen Kirchen auf den Gräbern christlicher Märtyrer. Schaffen Sie uns keine Märtyrerin.« »Exzellenz bekennen sich zu den Heiden?« Orestes griff nach Hut und Mantel. Kyrillos klingelte und rief den herbeieilenden Mönchen zu: »Zwei Diener für Seine Exzellenz! Leuchten Sie Seiner Exzellenz über die Straße!« Im Morgengrauen schritt der Statthalter, von Mönchen geleitet, seinem Palaste zu. 9. Die Pyramide des Cheops In der ersten Aufwallung hätte der Statthalter wohl den Entschluß gefunden, das Gesetz und die Würde des Staates dem Erzbischof gegenüber zur Geltung zu bringen. Er berief aber seine höchsten Räte zusammen, und das Ergebnis einer stundenlangen Besprechung war, daß offene Härte gegen einen Kirchenfürsten nicht angebracht sei, daß man das Übergewicht der Staatsgewalt auf diplomatischem Wege wiedergewinnen müsse. Orestes sah wohl ein, daß er auf diesem vorsichtigen Wege von dem rücksichtslosen Kyrillos jedesmal überholt würde. Er hoffte aber immer auf einen Wechsel in der Stimmung oder gar in der Regierung von Konstantinopel. Seit hundert Jahren kokettierten dort die Kaiser und die Kaiserinnen mit dem Christentum. Aber das schloß nicht aus, daß seit hundert Jahren die Christen bald gestreichelt, bald geprügelt wurden, die Kirche bald erhoben, bald gedemütigt. Freilich hatte das Prügeln und Demütigen, wenigstens im Orient, seit einiger Zeit aufgehört. Aber sollte man deshalb glauben, daß diese ganz merkwürdige Bewegung ernsthaft die Einrichtungen des römischen Reiches ändern würde? Unsinn! Rom und die römischen Damen waren ja nicht pedantisch. Sie waren allen ihren zwölf Göttern nicht gerade treu gewesen, trotzdem der verwandlungsreiche Jupiter und der kennenswerte Herakles sich unter ihnen befanden. Die römischen Damen hatten schon damals ganz gern einmal zu einer geheimnisvollen Gottheit aus dem Osten gebetet. So war einmal der stierköpfige Serapis in die Mode gekommen, und dann der Sonnengott aus Asien und endlich die Gottesmutter, die Kybele. Und jetzt war das Kreuz Mode und eine andere Gottesmutter. Aber das blieb nicht, das ging vorüber. Der Statthalter hatte nur die Pflicht, inzwischen so wenig wie möglich von den Rechten des Staates preiszugeben. Er wollte von Kyrillos lernen und den Kampf mit allen Mitteln führen. Vielleicht konnte er dann auch den Kyrillos selbst unter seine Räder werfen. Wenn nicht er, tat es gewiß ein künftiger Statthalter des Kaisers mit dem künftigen Bischof. Vorläufig wurde der Streit um die Judenstadt lebhaft aufgenommen, und es konnte kein Zweifel darüber sein, daß die Staatsgewalt von Tag zu Tag mehr zurückgedrängt wurde. Der Statthalter ließ Plakate anschlagen, nach denen allen Juden Leben und Eigentum gewährleistet wurde, und der Erzbischof sprach in einem Briefe an den Bischof von Rom seine Mißbilligung über Mord und Plünderung aus. Beides aber verhinderte nicht, daß die wohlhabenderen Juden unmittelbar nach der Mordnacht eiligst die Alexanderstadt verließen und sich irgendwo auf der weiten Welt eine neue Heimat suchten. Ihnen schien der halbe Schutz des Staates und der Brief des Erzbischofs nicht zu genügen. Der Statthalter ließ die Judenstadt militärisch besetzen und befahl sogar, daß Handel und Gewerbe ungestört weiter gehen sollten. Aber Handel und Gewerbe wollten sich nicht wieder erholen. Die Besitzer der geplünderten Läden machten so rasch wie möglich zu Geld, was sie verkaufen konnten, und flohen. In den Gassen, die der Plünderung entgangen waren, schrie Ausverkauf neben Ausverkauf seine Waren aus, und täglich gingen Karawanen nach Osten und Schiffe nach Norden mit Handelsleuten und feineren,, den Transport lohnenden Waren. Militärische Patrouillen sollten namentlich für die nächtliche Sicherheit der Judenstadt sorgen; aber allnächtlich gab es kleine Plünderungen und Mord und Totschlag. Dem Erzbischof ließ sich eine Beteiligung an allen diesen Dingen nicht nachweisen. Es war der gemeine Pöbel, der die Judenstadt für vogelfrei hielt und von dieser Freiheit Gebrauch machte. Wenn ein betrunkener Trupp im Matrosenviertel seine Zeche nicht mehr zahlen konnte, so zog er dorthin und ließ sich in einem leerstehenden Judenhaus nieder, oder er warf wohl auch zunächst die Menschen aus einem bewohnten Hause hinaus. Dann holte man aus dem nächsten Laden die nötigen Möbel und was man zum Essen und Trinken brauchte. Und weil die Ladenbesitzer nicht zur Stelle waren, schlug man eben die Türen ein und hatte zum Bezahlen keine Gelegenheit. Wohl durchstreiften Patrouillen unaufhörlich die Straßen. Aber es war merkwürdig, niemals erhielt die Behörde die Anzeige von einer Unordnung, außer am nächsten Tage von dem Geschädigten; niemals schritt die Wache zu einer Verhaftung. Und die verzweifelten Juden erzählten dem ersten Beamten, daß die Patrouillen zu allen Verwüstungen lachten, daß die Soldaten aus den erbrochenen Läden selbst holten, was ihnen gerade gefiel, und daß die Juden sich bei Nacht nicht mehr auf die Straße trauten, aus Angst vor den Matrosen und vor den Wachen. Orestes wollte immer nur Beweise gegen den Erzbischof und gegen dessen Umgebung sammeln. Aber da war nichts zu finden. Seit der großen Brandnacht, wo die Gesellen der heiligen Brüderschaft und wo Mönche an der Spitze des Pöbels gestanden hatten, waren diese frommen Leute die Vertreter der Ordnung. Sie trieben sich bei Tage viel in der Judenstadt umher und halfen ganz tadellos den verschüchterten Juden ihr Hab und Gut versilbern. Sie trugen zu der Panik sehr wesentlich bei, weil sie täglich zur Eile mahnten und vor den nahen Festzeiten, vor dem Karneval und vor der Osterwoche, warnten. Dann würden die Mönche aus der Thebais und die wilden Einsiedler aus dem Wüstengebirge kommen, das seien lauter arge Judenfeinde, in deren Nähe kein Hebräer seines Lebens sicher sein würde. Diese Gerüchte waren wohl nicht ungefährlich, denn der Pöbel bemächtigte sich ihrer, glaubte an eine nahe bevorstehende letzte und gründliche Judenhetze und beeilte sich gerade darum, den wilden Einsiedlern so wenig wie möglich übrig zu lassen. Aber zu fassen waren die Mönche und die Gesellen der heiligen Brüderschaft doch nicht, denn ihre Warnungen waren vielleicht gut gemeint und gewiß nicht unbegründet. So sah der Statthalter trotz seines hohen Schutzes die Judenstadt schnell veröden. Er wechselte mit den Bataillonen und dann mit den Regimentern, denen er die Wache anvertraute. Es half nichts. Die Offiziere zuckten die Achseln; alle Soldaten schienen die Gefühle der frommen christlichen Männer zu teilen. Ebenso machtlos war der Statthalter gegen die großen Getreidespekulanten, welche jetzt, wo die Juden auch von der Börse verschwanden, plötzlich die Brotfrucht verteuerten und gleichzeitig jede Ausfuhr einstellten. Mit den alten, wohlbekannten Getreidefirmen hatte der Statthalter sonst unterhandeln können. Die Leute, welche jetzt ihre Hand im Spiel hatten, waren nicht zu fassen und nicht zu sprechen. Orestes wußte ja, daß diese Spekulation von Kyrillos geplant war und den Römern und ihrem Bischof Verlegenheiten bereiten sollte. Er ahnte, daß Kyrillos dabei im Einverständnis mit dem Hofe von Konstantinopel handelte. Aber diese großen politischen Schachzüge störten ihn weniger als die Folgen, mit welchen die Teuerung in Alexandria selbst drohte. Prophezeiungen einer nahen Hungersnot gingen von Mund zu Mund. Der Nil würde in diesem Jahr das Land nicht überschwemmen, schreckliche Zeiten, schreckliche Ereignisse stünden bevor. Und so befand sich Volk und Regierung plötzlich vor dem alten ägyptischen Karneval, welchen der Pöbel von jeher nicht nur mit ausgelassenen Aufzügen, sondern auch mit ernsthaften Unruhen zu feiern pflegte. Unmittelbar vor dem Karnevalsfeste erschien zu allem Unglück ein mindestens gefährlicher Hirtenbrief des Erzbischofs. Der Hirtenbrief wurde an alle Kirchentüren Alexandrias angeschlagen, was freilich keine große Wirkung hervorgebracht hätte, er wurde aber auch von allen Kanzeln verlesen. Das bischöfliche Schreiben wandte sich zuerst nach einem Muster, das der Bischof von Rom kürzlich eingeführt hatte, mit Bann und Acht gegen die Ketzer, welche die Glaubensformen der alten Konzilien nicht bis auf das Pünktchen auf dem »i« anerkannten. Buchstäblich bis auf das Pünktchen auf dem »i«. Die versprengten Reste der Arianer, welche nach Meinung des Kyrillos immer noch nicht ausgerottet wären und sich heimlich unter der Parteibezeichnung der Nazarener immer noch, selbst in seiner Provinz, aufhielten, wurden den Bestien der Wüste gleich geachtet und ihre Vertilgung zwar nicht von sterblichen Menschen, aber von bewaffneten Engelscharen erwartet. Dann ging der Hirtenbrief auf die drohende Hungersnot ein, von der wie von einer unausbleiblichen Sache gesprochen wurde. Aus Bibelstellen und aus Träumen frommer Männer war die Prophezeiung geschöpft. Und ohne die Juden zu erwähnen, warf der Bischof doch den Feinden Gottes in durchsichtigen Worten vor, daß sie durch ihre Maßnahmen auch die Feinde der Menschen geworden seien. Endlich aber forderte er jeden guten Christen auf, nicht nur durch Gebet, sondern auch durch irdische Waffen die Geißel des römischen Reiches zu zerreißen. Die Ausdrücke waren allgemein gehalten. In Konstantinopel und in Rom konnte man es so deuten und sollte man es auch wohl so verstehen, als ob der Erzbischof von Alexandria einen Kreuzzug gegen die ketzerischen und barbarischen Deutschen predigte, welche jetzt Italien überfluteten und dem Weltreiche der Cäsaren ein Ende zu machen drohten. Ein patriotischer Hirtenbrief. Aber der Pöbel von Alexandria kümmerte sich nicht um Rom und um die Deutschen und verstand es falsch. Die Geißel aller Provinzen, besonders die Geißel Ägyptens waren die Juden und die letzten griechischen Sophisten, und wer die mit irdischen Waffen bekämpfte, der erwarb sich den Dank der Kirche und einen guten Platz im Himmel. Nicht nur die Juden zitterten vor den Karnevalstagen, auch die gute griechische Gesellschaft der alten Makedonierstadt suchte der bevorstehenden Unruhe aus dem Wege zu gehen. Wer irgendeine Villa in Zephyrion oder an einem entfernteren Strande hatte, der bezog sie schon jetzt. Viele Beamte gingen auf Urlaub, und auch die Akademie machte Ferien. Alexander Jossephsohn, dessen Familie nach Italien geflüchtet war, hatte argwöhnisch zuerst geraten, Hypatia für die Zeit des Karnevals aus der bedrohten Hauptstadt zu entfernen. Synesios hatte natürlich Kyrene oder doch irgendein Seestädtchen seiner Pentapolis als Ausflugsort vorgeschlagen. Er hatte sogar seine hübsche Segelbarke in den Hafen von Alexandria kommen lassen und sie Hypatia und den Freunden zur Verfügung gestellt. Hypatia aber weigerte sich, die Fahrt anzutreten. Die Entfernung sei zu weit, sie müsse unmittelbar nach dem Karneval ihre Vorlesungen wieder aufnehmen. Da rückte nach Erlaß des Hirtenbriefes am Abend vor dem Karnevalsbeginn Troilos mit dem Vorschlage hervor, den lang geplanten Ausflug nach den Pyramiden zu unternehmen. Von Flucht, von einer Gefahr war nicht die Rede. Hypatia willigte ein, als Wolff sagte, er hätte die berühmten Pyramiden noch nie gesehen und würde sie gern in solcher Gesellschaft besuchen. So wurde denn beschlossen, daß man am nächsten Morgen aufbrechen sollte, so früh wie möglich. Außer der Schiffsmannschaft sollte die Barke noch die vier Freunde, Hypatia, deren Fellachin und eine junge Dienerin aufnehmen. Auf sein dringendes Flehen durfte endlich auch ein kleiner brauner Eseljunge mit, der sein Amt erst vor kurzem angetreten hatte und der sich zur Akademie rechnete, seitdem Hypatia sein Tier zu besteigen pflegte. Da das Schiff ohnehin für so auserlesene Gesellschaft gerüstet war, konnte eine Nacht genügen, um die letzten Vorbereitungen zur Nilfahrt zu vollenden und noch all den Komfort unterzubringen, den Troilos für Hypatia oder für sich erforderlich glaubte. Mit Sonnenaufgang sollte die Barke im Binnenhafen an der Einfahrt zum Nilkanal bereitliegen. Es war aber doch schon um die neunte Stunde des Vormittags, als die Gesellschaft mit dem Packen der letzten Reisesäcke fertig war und in zwei Wagen nach dem Ankerplatz aufbrach. Fröhlich schien der Ausflug zu beginnen wie eine richtige Spritzfahrt von Studenten. Wenn Hypatia schon in den Straßen Alexandrias so heiter dreinblickte, wie wird sie erst ihre Wunderaugen leuchten lassen während der Nilfahrt nach den Wunderbauten! Als die Wagen aber den Korso kreuzen wollten, mußten sie Halt machen, denn eben zogen zwei stattliche Gruppen des Fastnachtszuges durch die Mittelallee nach dem Versammlungsplatz. Große Volksmassen hielten die Bürgersteige besetzt und freuten sich, die schönen Veranstaltungen so früh schon zu sehen. Und die Teilnehmer des Zuges waren munter genug, die Späße wie zur Probe auszuführen, welche für den Umzug am Nachmittag geplant waren. Der erste Zug stellte das römische Kaisertum dar. Voran ritt auf einem weißen Reitkamel ein Kuttenträger, der die Kirche bedeutete. Der zerrte an hanfenem Halfter ein Eselein hinter sich her, und auf dem Eselein saß verkehrt eine drollige Figur, die der Kaiser sein sollte. Ein Zwerg, von Kopf bis zu Fuß mit einer glänzenden Rüstung bedeckt, aber den Kopf in einer Schlafmütze. Die linke Hand, die sonst das Szepter trug, hielt eine Rute und war auf den Rücken gebunden. Die rechte Hand hielt den kurzen Kreuzgriff eines Schwertes, aber die eigentliche Schwertklinge hielt der Kuttenträger auf dem Kamel auf einem Purpurpolster vor sich hin. Karikaturen der einzelnen Waffengattungen und Regimenter der römischen Armee folgten. Außer der Spottfigur des Kaisers machte den Zuschauern nichts so viel Spaß, als der Scherz auf ein nordisches deutsches Regiment. Die paar Leute waren vollkommen als Bären verkleidet und stimmten, anstatt zu singen, einen unartikulierten Bärenbrummchor an. Es war ein Hauptspaß. Hinter diesem Zuge wäre für die Wagen freier Raum gewesen, aber Hypatia wünschte selbst noch die zweite Gruppe zu sehen, die eben herankam. Schon aus der Entfernung winkte von einem phantastisch geschmückten Wagen eine hohe Gestalt, weiß vom Kopf bis zu Fuß, und Troilos, der diese Bräuche am besten kannte, vermutete gleich, es sei eine Darstellung der Nilbraut. Jedes Jahr wurde zu diesem Feste aus Werg und schlechten Fetzen eine riesige Puppe in Weibergestalt angefertigt, unter allerlei unflätigem Hohn durch die Straßen geführt und bei Nacht in den Nilkanal gestürzt. Dunkle Legenden erzählten, daß vor Zeiten der Nil seine fruchtbare Überschwemmung versagte, wenn ihm nicht alljährlich eine lebendige schöne Jungfrau geopfert wurde. Wie dem auch war, jetzt schien sich der alte Fluß mit einer Puppe und mit ausgelassenen Redensarten zu begnügen. Alljährlich aber an diesem Tage und in dieser Nacht bemächtigte sich des Pöbels etwas wie die wilde Erinnerung an die alten Blutopfer, und vorsichtige Väter hüteten sich, ihre jungen Töchter in diesen Stunden den Blicken der Menge preiszugeben. Der Festwagen rollte heran, von hundert Tänzerinnen in grünen Flußnymphenkleidern umgeben. Auf dem Wagen schwankte die Nilbraut näher. Ein Dutzend Männer, mit Masken vor dem Gesicht und in der Kleidung alter ägyptischer Opferpriester, umgaben die Gestalt, schwangen blitzende Opfermesser und stießen sie von Zeit zu Zeit in die hohle Puppe. Der Pöbel jauchzte auf. Von den Freunden erkannte Alexander zuerst, was die Veranstalter des Festes gewagt hatten. Das war der Einfall eines Mönchs! Die Nilbraut war eine Karikatur der Philosophin Hypatia. Das weiße Gewand, das ihr faltenlos bis zum Gürtel ging und von da bis an die Knöchel niederfiel, war schon gut nachgeahmt. Noch deutlicher war die Art, wie das schwarze Haar der Puppe auf dem Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschlungen war. So trug das Haupt in ganz Alexandria nur die Philosophin. Die Gesichtsmaske der Puppe war zu schlecht gearbeitet, als daß irgendwelche Ähnlichkeit zu erkennen gewesen wäre. Aber die Künstler des Festzugs hatten dennoch über ihre Absicht keine Zweifel gelassen. Die riesige Puppe hielt in der linken Hand ein großes steifes Blatt, darauf stand zu lesen: Kaiser Julianos. Und in der Rechten schwebte zitternd ein langer Rohrstock, wie ihn die Lehrer in den untersten Schulen führten. Der Einfall fand ungeteilten Beifall. Die Anspielung auf Hypatia weckte überall Heiterkeit. So zog die Gruppe langsam vorüber. Als auch Troilos die Bedeutung der diesjährigen Nilbraut erkannte, stieß er einen Fluch aus. Hypatia fragte, was es gäbe. Schon hatte aber Wolff die Lage erfaßt und fuhr mit gleichgültigen Bemerkungen dazwischen. Hypatia sollte nicht erfahren, womit man sie schmähte und bedrohte. Aber vom anderen Wagen winkte Synesios, der dort den beiden Dienstmädchen alles erklärte, lebhaft herüber und schien durch seine Gesten Hypatia auf die Ehre aufmerksam machen zu wollen, die ihr widerfuhr. Wolff wollte auch diese Winke unschädlich machen, aber Hypatia lächelte und sagte ruhig: »Mögen sie mich doch ertränken, wenn ich nicht dabei bin. Laßt doch den Gecken ihren Spaß.« »Welchen Gecken?« fragte Troilos scharf. Alexander ersparte ihr eine Antwort, da er begeistert ausrief: »Daß doch alle die Philosophin hören könnten! Eine Sokratessa!« »Und damit die Ähnlichkeit vollständig sei, hat sie sich einen Xanthippos ausgesucht,« rief Troilos. Hypatia brauchte auf die arge Neckerei nicht zu hören. Denn eben entstand hinter dem Wagen der Nilbraut eine Lücke, und die Kutscher beeilten sich, über den Korso hinweg in stillere Gassen zu gelangen. Jetzt erst wurde Hypatia vom Pöbel erkannt. Von allen Seiten flogen spöttische und derbe Redensarten herüber. Man werde sie heute nacht schon finden. Aber das alles war nicht gerade bös gemeint, und die Wagen wurden nicht aufgehalten. Erfreulich war das ganze Abenteuer aber nicht, und Hypatia dankte ihren Freunden dafür, daß sie sie zu der Flucht aus Alexandria überredet hatten. Das Schiff stand schon lange segelfertig, und wenige Minuten nach der Ankunft der Wagen ging es langsam, doch bei gutem Winde in den Kanal hinein. Bald lag die Alexanderstadt weit zurück, und schon begann Hypatia, die auf dem Verdeck in einem Langstuhl halb saß, halb lag, den Neuling Wolff gelehrt auf die Pharaonenbauten vorzubereiten, als sich noch ein Teilnehmer meldete. Ein Schrei wie von einem unartigen Kinde, das mitgenommen werden will, gellte aus der Luft nieder, und schneller als der Wind flog mit steilausgestreckten Beinen und mit trotzig vorgeschobenem Schnabel der Marabu hinunter und heran. Alles lachte; der Philosophenvogel ließ sich herabfallen und stellte sich mit einem Beine auf die Spitze des Klüverbaumes. Dort kraute er sich mit dem anderen Fuße den langen Hals, verzog schmollend und tiefgekränkt den Schnabel und steckte endlich den Kopf ärgerlich zwischen die Schultern. Die Kanalfahrt war eintönig und wurde nur durch das muntere, kenntnis- und geistreiche Geplauder der Gesellschaft belebt. Hypatias Dienerschaft hatte genug damit zu tun, in der Kabine des Fräuleins alle bequeme Dinge so zu ordnen, wie sie es wünschte, und die Schiffsküche in Ordnung zu bringen. Die Mannschaft unter dem tüchtigen schwarzen Steuermann war mit unaufhörlichem Geschrei achtsam, auf dem schmalen Wege mit keinem der entgegenkommenden Fahrzeuge zusammenzustoßen. Niemand störte die Unterhaltungen über die Weltanschauung der Pharaonenzeiten. Nur Synesios, der sich als Wirt fühlte, unterbrach das Gespräch von Zeit zu Zeit mit Fragen nach den Wünschen seiner Gäste und mit Anpreisungen des Schiffes und der mitgenommenen Vorräte. Es war gut gemeint und bewies eine erfreuliche Sorge für das Irdische, das die Freunde zu vergessen schienen. Aber diese wurden dennoch ungeduldig, und Hypatia konnte schwer ein Lächeln unterdrücken, als Troilos den verwunderten Synesios mit dem Namen Xanthippos anredete. Als Synesios endlich eine Erklärung erhielt, gegen diese Vergleichung protestierte und sein hübsches Gesicht beinahe so schmollend verzog, wie der schlafende Marabu seinen Schnabel, rief Troilos übermütig aus: »Du irrst, edler Gastfreund, der Name Xanthippos ist für dich höchst ehrenvoll. Wie ein Tempel nicht in die Höhe ragen könnte ohne ein Stück Erde, worauf er steht, wie die Augen eines Menschen nicht leuchten würden ohne die guten Speisen, die sein Magen verdaut, wie der Vogel nicht fliegen könnte ohne die Luft, die er mit seinen Federn verdrängt, und das Boot nicht schwimmen könnte ohne das Wasser, welches die Ruder fortstoßen ... Willst du noch weitere Beispiele hören? Wie der Reiter vom Kamel herunterfliegen würde – nein, Synesios, das Kamel bist du nicht, das Kamel ist die gemeine Welt – du bist bloß der Sattel –, also wie ein Reiter ohne Sattel, wie ein Fisch ohne Gräten – wahrhaftig, er muß Gräten haben –, kurz und gut, da du mich verhinderst, meinen Witz auf einem Kamel ohne Sattel zu Tode zu reiten: wie Ägypten ohne Nilschlamm wäre Sokrates ohne Xanthippe gewesen, und darum meinte wohl auch unsere Sokratessa, sie müßte sich ..., na, wähle dir unter den Vergleichen den aus, der dir am besten gefällt.« Synesios versuchte sich zu verteidigen. Aber unbarmherzig fielen Troilos und Alexander über ihn her und bewiesen ihm schlagfertig, daß er in jeder Beziehung der alten Xanthippe ähnlich sei, am ähnlichsten, wenn er jetzt gar zu zanken anfangen wolle. Hypatia und Wolff saßen stumm daneben. Plötzlich rief die Philosophin: »Laßt den törichten Vergleich! Ich kann mir aber wohl vorstellen, daß Sokrates für seinen hohen Beruf eine Gefährtin wählte, die bescheidener war als Platon –,« und sie blickte auf Alexander –, »bescheidener als Aristippos –,« und sie blickte auf Troilos –, »und Alkibiades!« Und lachend warf sie dem Marabu einen so schelmischen Blick zu, daß der Philosophenvogel darüber aus seinem Brüten auffuhr und versöhnt mitten zwischen die plaudernde Gruppe stelzte. So wurde Eintracht und Heiterkeit wiederhergestellt, und Synesios fuhr fort, die übrigen durch seine gutmütigen Aufmerksamkeiten zu stören. Gegen Abend wurde die Nilschleuse erreicht und nach einem halbstündigen Kampf der Schiffsmannschaft mit unzähligen schwarzen und braunen, nackten und halbnackten Bootsknechten, die dort um die Zufahrt in den Nil und aus dem Nil stritten und kämpften, und wobei es zehnmal zu einem Handgemenge zu kommen schien, glitt endlich die Barke die Schleuse hinab in die braunen Wellen des ewigen Flusses. Ein frischer Nordwind blies, alle Segel wurden gehißt, und herrlich schwimmend flog das gute Schiff stromaufwärts dem Wunderlande zu. Noch zwei Tage und zwei Nächte dauerte die köstliche Fahrt. Ohne Schrecken und ohne Abenteuer. Hypatia blühte auf wie ein junges Mädchen. Tagsüber mit den Freunden zwang sie sich zu maßvoller Heiterkeit. Aber abends hörte man sie mit den Mägden noch lange plaudern, und des Morgens scholl es aus der Kajüte vergnügt wie das Erwachen von Kindern. Die kleinen Ereignisse der Reise fanden die Philosophin immer neugierig und immer glücklich. Das erste Krokodil und das erste Nilpferd wurden begrüßt, als ob es sich um ein hübsches Vögelchen gehandelt hätte. Und als am ersten Nilfahrttage gegen Sonnenuntergang am sumpfigen Ufer eine dichte Schar von Flamingos ihre Purpurfedern blähten und hinter ihnen einige hochbeinige Marabus ihre kahlen Köpfe wiegten, wie wenn sie die schönen Farben der Rosenvögel mißbilligten, als Troilos dieses Schauspiel mit einem gewissen Hörsaal der Akademie verglich, als Hypatias Marabu bei dem Anblick seiner Verwandten zuerst erregt die Flügel hob und dann mit großer Selbstbeherrschung im Innern der Kajüte verschwand, durch die Tür aber noch einen schielenden Blick nach den ungebildeten Vettern hinüberwarf, da gab es Gelächter auf dem Schiff. Kräftig und laut lachten die Männer und beinahe zum letztenmal hörte Wolff das Lachen Hypatias, das wie ein Silberglöckchen dazwischenklang, und sah ihre dunkeln Wunderaugen in Kinderlust sich öffnen. Ohne Zwang kehrte aber das Gespräch immer wieder heiter zu ernsten Dingen zurück, und Wolff und Hypatia trugen fast allein die Kosten solcher Unterredungen. Denn unwillkürlich kam es zu Religionsgesprächen und nur sie beide nahmen an diesen Fragen innerlichen Anteil. Synesios faßte sein Bekenntnis dahin zusammen, er wisse zwar nicht warum, aber Religion müsse einmal sein, wenigstens für die ungelehrte Masse. Alexander meinte, er wieder wisse nicht, warum Religion sein müsse. Und Troilos begnügte sich damit, Religion sei immer gewesen und werde immer sein. So kaltsinnig hatten die drei kaum ein Verständnis für die Sehnsucht der Griechin und des Nazareners, sich selbst zur Klarheit durchzuringen und den anderen zu bekehren. So eng fühlten sich die beiden in ihrem über die Erde hinausfliegenden Streben zueinander gehörig, daß sie selbst auf dem kleinen Raum des Schiffes es verstanden, viel allein zu bleiben. Besonders in den ersten Morgenstunden, wenn die übrigen unter der Leitung des Synesios sich mit einem endlosen Frühstück beschäftigten oder auch wohl in einem kleinen Boote, das mit der Barke durch ein langes Tau verbunden war, sich mit Angeln und Schießen die Zeit vertrieben, besprachen sich Hypatia und Wolff über die Götter, über die Geheimnisse der menschlichen Willensfreiheit und über die Fragen des jenseitigen Lebens. Zu Anfang der Fahrt hatten beide geglaubt, in allen diesen Dingen durchaus Gegner zu sein, und Hypatia sowohl als Wolff hatten ihre Religionsgespräche mit dem heiligen Eifer von Missionaren angefangen. Aber schon in der ersten Viertelstunde überzeugte sich die Lehrerin der Philosophie, daß Wolff kenntnisreicher und freidenkender war, als sie dem blonden deutschen Christen zugetraut hatte, und beinahe ärgerte sie sich jetzt darüber, daß dieser kecke Mund so gewandt mit ihr streiten konnte. Wolff wiederum, der die Philosophin bis jetzt wissenschaftliche Dinge nur vom Katheder aus hatte erörtern hören, staunte über die Anmut, mit welcher das Fräulein Professor ernste Plauderei zu lenken wußte. Da war ja keine Spur von langweiligen Systemen, von gelehrtem Hochmut und von Formelkram. Das war ja köstlich. Der Nazarener und die Griechin waren von vornherein in einem wichtigen Punkte einig. Beide glaubten an die Ewigkeit und Selbstherrlichkeit der Naturgesetze und wußten, daß sie wie alle Menschen ihr Denken und Tun im Banne von ehernen Schienen vollzogen. Beide hatten sie die neuen Schriften des Bischofs Augustinus gelesen, beide staunten über die Tiefe, mit welcher dieser außerordentliche Mann die Seelen durchschaute, und beide lächelten über den kindlichen Sinn, der von dieser Tiefe aus den lieben Gott so ganz genau zu kennen glaubte. Nicht ganz so einig war Hypatia mit Wolff über ihr jenseitiges Leben. Wolff mochte tun, was er wollte, er wurde die Vorstellung seiner Knabenjahre nicht los. Er gestand der gelehrten Freundin ganz offen, daß der Himmel seiner christlichen Brüder gar anders aussehe als der seinige. Er sah den Himmel immer von einem rüstigen, freundlichen Helden beherrscht und sah sich an dessen Tafel gewaffnet unter gewaffneten Königssöhnen den Kampf um das Tausendjährige Reich erwarten. Und weil sich seine eigenen Himmelsvorstellungen von denen seiner Brüder unterschieden, so waren sie ihm kein Bekenntnis, nur ein schöner Traum, und er war nicht geneigt, die Anschauung Hypatias zu bekämpfen. Auch sie mußte zugeben, daß die jenseitige Welt ihr nicht scharf umrissen vor Augen stand. Eines nur war ihr gewiß, daß das Streben nach oben, daß der unauslöschliche Durst nach dem Ideal nicht getäuscht werden könne. Empor! In diesem Worte allein faßte sie ihren Glauben zusammen, irgendwo und irgendwie einmal reiner, göttlicher, geistiger weiterzuschweben, dieses Glaubens bedurfte sie. Alle Trübungen mußten schwinden. Die Trübung durch das Geschlecht hörte dann wohl auf, und Männer und Weiber verloren, was die Freundschaft befleckte. Die Trübung durch das Alter schwand und jugendlich schön flatterten wie Schmetterlinge die Seelen durch die Ewigkeit. Oder auch: die Trübung durch Leidenschaften und die Trübung durch den Geist des Zeitalters löste sich auf und die Seelen schwammen auf rosigen Wolken glücklich dahin, allwissend und darum ohne Drang nach Einzelkenntnis, allliebend und darum liebelos, und nur wo zwei sich fanden, die auf Erden miteinander gerungen hatten, in unerreichter Liebe oder in vermeintlichem Haß, da schwebten ihre Geschwisterseelen wie ein Weißes Taubenpaar von Sphäre zu Sphäre, selig, ewig, eins. Träume! Träume! Hypatia und Wolff lächelten eines über des anderen Traum und blickten einander traumverloren an, bis eines verwirrt die Augen schloß und das andere mit annoch getrübter irdischer Seligkeit dreinschauen konnte und selbst die Augen schloß, wenn das erste aufblickte. Träume! Hypatia sagte es zuerst, wie töricht die Menschen doch seien, sich um solcher Glaubensvorstellungen willen zu bekämpfen. Wie Kinder töricht wären, wenn sie um ihrer verschiedenen Träume willen raufen wollten. Aber die Frage der Götter war ernsthaft. Um der Götter willen wollten sie sich bei den Köpfen kriegen. In den Abendstunden, wenn das Heer der Sterne illuminierend am Himmel aufzog, so hell und so nahe, daß Wolff diesen lustigen Dom immer wieder mit dem Dunst des nordischen Himmels vergleichen mußte, in den dämmerigen Abendstunden, wenn die Genossen beim Nachttrunk verweilten oder einander mit Jagdgeschichten belogen und aufzogen, und nur ab und zu eines der Mädchen heranschlich und kopfschüttelnd ein paar Worte aus den Gesprächen der beiden Sterngucker aufnahm, in den stillen Abendstunden einigten sich Hypatia und Wolff, wie sie glaubten, über Freiheit und Unsterblichkeit. Und es war eine seltsame Wirkung so tiefsinniger Gespräche, daß Hypatia danach mit ihren Mädchen und mit dem Marabu Kinderpossen trieb und daß Wolff die halbe Nacht auf dem Verdeck blieb und den fernen Gestirnen zutrank, weil er doch nicht schlafen konnte. In den hellen, glücklichen, frischen Morgenstunden aber, da balgten sich Wolff und Hypatia um ihre Götter. Doch auch da war die Wirkung des theologischen Gefechts so seltsam, daß Hypatia bei solchen Kontroversen einige Schnadahüpfeln aus den deutschen Alpen lernte. Das aber war nur Beiwerk. Die Hauptsache blieb das gelehrte Rüstzeug. Wolff war eigentlich der Angreifer. Er spottete über die menschlichen und oft noch schlimmeren Neigungen der olympischen Götter und zwang Hypatia, einen Stützpunkt nach dem anderen zu räumen. Natürlich waren für sie die hübschen Legenden von Zeus und Aphrodite und der ganzen übrigen Sippschaft kein Glaubensdogma. Sie verbat sich den Ausdruck Göttergesindel, aber sie gab zu, daß mit diesem Olymp wirklich nicht viel mehr anzufangen war. Sie fühlte sich ein wenig gekränkt, wenn Wolff über die heidnischen Priester lachte, die gedankenlos und stumpfsinnig den alten Götterkultus noch trieben, wo die kaiserlichen Beamten es nicht verhinderten. Dafür sei sie, sagte Hypatia, den christlichen Kaisern dankbar, daß sie den äußerlichen Opferdienst vernichtet und das Griechentum rein auf seine geistige Kraft gestellt hätten. Nun könne man, wenn man nicht ein solcher Unband war wie Wolff, den Griechen mit den olympischen Gassenjungenstreichen nicht mehr kommen und nicht mit einem seelenlosen Dienst. Die alten Griechengötter seien doch nur als Personifikationen unbekannter Naturkräfte zu betrachten, und die Ahnung, daß überall hinter diesen schönen Göttern etwas Festes, unverrückbar Großes stand, sei doch auch den alten Dichtern nicht fremd gewesen. In Athen sei zuerst der Altar des ungekannten und ungenannten höchsten Gottes errichtet worden, das sei der Gott Platons und Hypatias, der wahre Gott. Ob es auch gewiß ein griechischer Gott gewesen sei? Da wurde Hypatia ein wenig zornig, wenigstens schoß ihr das Blut in die Wangen. Und rachsüchtig ging sie zum Angriff über. Was denn Wolff von seinem Gott mehr wisse? Ob der Gott, zu dem er gebetet, nicht auch ein ungenanntes und ungekanntes Wesen sei? Ob der Zimmermannssohn ihm mehr sei als das edelste und reinste Kind dieses ungenannten hohen Wesens, und ob der Nazarener denn den Sohn dem Vater gleichstelle? Wolff wurde kleinlaut, und beide schwiegen, und beide machten böse Gesichter und beide freuten sich, daß sie vielleicht zu dem gleichen ungenannten Wesen aufblickten. Wer böse Gesichter machten sie doch, wenigstens solange die Sonne schien. Bei Sternenlicht nahm das Gesicht eines jeden wieder einen freundlicheren Ausdruck an. Am dritten Morgen der Nilfahrt standen zwei Pyramiden am südwestlichen Horizont. Nun war nicht mehr von der Zukunft die Rede. Die Vergangenheit, die Pharaonenzeit beschäftigte wieder alle Gedanken und die Gegenwart alle Hände. Selbst die Mannschaft freute sich, in dem heiligen Bezirk einige Ruhetage verbringen zu können, und die Ferienreisenden blickten mit frohen Gesichtern ihrem Ziele entgegen. Der Wind hatte sich nach Osten gedreht; aber nach drei Stunden Arbeit und einigem Kreuzen war die Barke an Ort und Stelle. Beinahe hätte es im letzten Augenblick noch ein Unglück gegeben. Beim Ausladen fiel der Eseljunge ins Wasser, und er wäre fast ertrunken, wenn Hypatia nicht die ganze Mannschaft zu seiner Rettung herbeigetrieben hätte. Da der arme Bursche aber endlich doch wieder herausgezogen wurde und wenige Minuten später schon auf dem Kopfe stand, was einen Akt der Dankbarkeit gegen seine Retterin bedeuten sollte, so konnte die kleine Karawane munter ihre Landreise beginnen. Nun zeigte sich Synesios in seiner ganzen Größe. Es war und blieb ein Rätsel, wie er es zustande gebracht hatte, seine Boten der schnellen Barke vorauszuschicken. Er lachte nur selbstbewußt und gab keine Aufklärung. Genug, am Ufer standen Esel und Treiber und Träger und Führer in Menge bereit, als ob es sich um den Empfang einer Fürstin gehandelt hätte. Wirklich mochte der schlaue Synesios den Dienst des Zeichentelegraphen, der sonst nur im Staatsdienst den Stand des Nil zu melden hatte, mißbraucht haben, denn jetzt erschien auch die Ortsbehörde, und Hypatia wurde als Fürstin, ihre Begleiter als gnädigste Herren begrüßt. Später mußte sich Synesios wegen dieser List Vorwürfe machen lassen; aber um den Spaß nicht zu stören, nahm Hypatia alles mit freundlicher Hoheit entgegen. Die Szene dauerte nicht lange. Bald setzte man sich in Marsch, die Herren auf Kamelen, die Mädchen auf Eseln, und Hypatia von ihrem eigenen Eseljungen geführt. Der hatte einen der einheimischen schwarzen Burschen niedergeboxt, als der sein Amt bei Hypatia üben wollte. Doch die Fürsorge des umsichtigen Synesios war noch lange nicht zu Ende. Das Programm war mit Kennerschaft entworfen und wurde fast zu gewissenhaft ausgeführt. Mittags an derselben Stelle, wo die Begleiter ihre Maisfladen an einem Wüstenfeuer buken, stand wie auf einem Tischleindeckdich ein Imbiß für die Herrschaften bereit, und abends fanden sie sich wie zufällig vor einem Doppelzelt mit einem bequemen Gemach für die Weiber und einem Feldlager für die Männer. Auch die angeworbenen Gelehrten und Priester erwiesen sich als sehr nützlich. Synesios, der die Landessprache vollkommen beherrschte, machte den Dolmetsch, und auch Hypatia konnte sich mit einigen Worten in die Unterhaltung mischen. Die Leute verstanden Hieroglyphen zu lesen und gaben die schönsten Geschichten und Legenden zum besten. Am zweiten Nachmittag der Landtour bestieg die ganze Gesellschaft zum Schrecken der abergläubischen Treiber die große Pyramide des Cheops. Auf Wunsch Hypatias sollten alle Erklärer unten bleiben. Dort oben wollte sie ihre Kenntnisse nicht vermehren. Allein mit ihren Freunden kletterte sie mühsam hinauf. Nur Wolff durfte sie unterstützen und sie da und dort über einen hohen Quaderstein heben. Auf dem Gipfel der Pyramide stand sie inmitten ihrer Freunde lange schweigend da. Irgendwo in der Wüste sank die Sonne rötlich zum Horizont herab, als wollte sie fern im Meere untertauchen. Synesios öffnete den Mund und wollte einige Ziffern über die Höhe und Breite der Pyramide zum besten geben. Doch auch er verstummte, da Troilos ihm zuflüsterte: »Blamier' dich meinetwegen, aber stör' uns nicht!« Lange blieben sie so. Dann schritten Alexander und Troilos die kleine Plattform ab und blickten sehr aufmerksam ins Niltal hinab. Troilos brummte etwas vor sich hin, was Alexander nicht verstand. Aber er fragte nicht. Synesios kletterte geschäftig wieder einige Stufen hinab und machte seinen Leuten allerlei Signale. Wolff und Hypatia standen am nördlichen Rande der Plattform dicht nebeneinander. Hypatia lehnte sich schwindelnd an seine Schulter. Dann sank sie in die Knie und weinte eine recht lange Zeit ganz vernehmlich vor sich hin. Endlich stand sie auf und reichte Alexander und Troilos die Hand. Den Christen Wolff blickte sie nicht an. »Nicht wahr, hier oben ... hier oben ist man nicht dumm, ist man nicht unpassend? Mein armer Vater!...« Sie weinte wieder ein bißchen und lächelte dann wieder. Ob man unten gesehen hatte, daß sie sich die Augen trocknete, oder ob man die Bewegung falsch verstand, da sie die Arme sehnsüchtig nach Norden ausstreckte, das ist schwer zu sagen. Genug, plötzlich stürmte der Marabu, welcher mit der Besteigung der Pyramide höchst unzufrieden gewesen war, wie ein ungeschickter, langer Mensch gegen die ersten Stufen heran. Neben ihm sprang und kletterte der Eseljunge empor. Man konnte von oben die winzigen Gestalten kaum unterscheiden. Nur Wolff nahm wahr, daß der Marabu einmal verwundert stehen blieb, sich mit dem rechten Fuß den Kopf kraute und plötzlich auf den Gedanken zu kommen schien, daß er doch fliegen könnte. Aber nicht geradeaus flog er zum Gipfel empor, sondern immer umkreiste er den kletternden Jungen. Und da mußten auch die anderen lachen, als der Eseljunge dem Gipfel nahe war und der Marabu ärgerlich kreischend dem kleinen Nebenbuhler noch einen derben Schnabelhieb den Rücken hinunter versetzte. Die beiden Gesellen wurden freundlich empfangen; der Vogel erhielt ein gutgemeintes Kopfstück und dem Eseljungen erklärte Troilos die Pyramide, indem er Organ und Manier des Synesios nachahmte. Doch inzwischen hatte dieser eine sinnige Überraschung ausgeführt. Auf der Westseite der Pyramide, wo man gegen den Abendwind geschützt war und die Sonne in der Wüste untergehen sehen konnte, auf einer der mittleren Stufen der Pyramide, hatte der Reisemarschall Teppiche ausbreiten und Polster hinlegen und ein kleines Bankett herrichten lassen. Das Pharaonengrab solle nicht durch eine Mahlzeit entweiht werden; aber eine Libation für die Manen des toten Königs könne Gott und Menschen nicht verletzen. Langsam und etwas aus der Stimmung gebracht, suchte Hypatia an Wolffs Hand den Weg nach abwärts, aber der Abstieg war noch schwieriger als der Aufstieg, und so machte man auf halbem Wege wohl oder übel von dem Einfall des Freundes Gebrauch. In die Polster zurückgelehnt lagen die Freunde da. Zwei zur Rechten Hypatias, zwei zur Linken; der Wein hob denn doch die Geister, und der Sonnenuntergang war schön. »Jetzt kann ich wieder sprechen,« sagte Hypatia, die einen kleinen Schluck genommen hatte. »O... es war zu groß. Es ist schauerlich, die Ewigkeit so leibhaftig zu begrüßen. Jetzt muß ich an den Bischof Augustinus denken, der leugnet, daß die Zeit etwas Wirkliches sei.« »Das ist doch ein Unsinn,« bemerkte verwundert Synesios. Alexander aber, dem der Wein rasch zu Kopf gestiegen war, sagte lebhaft: »Hypatia, darf ich Ihnen etwas erzählen, ein Märchen, das ein Urahn von mir gedichtet haben soll und das die Mutter mir oft erzählte, als ich klein war? Es handelt von Zeit und Ewigkeit, wie ich glaube, vielleicht auch nur von törichter Liebe.« Er wartete die Antwort nicht ab; schnell nahm er noch einen großen Schluck und begann: »Es war einmal ein tapferer Knabe, der war hinter die Schule gelaufen, denn er wollte nichts lernen, sondern wollte Schmetterlinge fangen und Pfeile nach den Tieren des Waldes abschießen. Zur Übung nach den großen, zur Jagd nach den kleinen. Da sah er auf einer Wiese einen Vogel, so schön, wie er noch nie vorher einen geschaut hatte. Wie schwarzer Samt glänzte sein Köpfchen, wie weiße Seide schimmerte sein Leib und smaragden war sein Hals. ›Den will ich haben,‹ sagte er sich. ›Den will ich haben, den will ich!‹ Und er jagte den schönen Vogel. Der war nicht scheu und ließ den Knaben nahe herankommen. Dann flatterte er immer nur so weit, daß er dem Knaben nicht aus dem Gesicht kam und daß dessen Wille immer fester wurde. So lief der Knabe hinter dem weißen Vogel mit dem smaragdnen Hals und dem schwarzen Samtköpfchen her, den ganzen Tag. Da kamen sie beide an den Rand eines Waldes, der war über hundert Meilen breit, und man brauchte hundert Jahre, um ihn zu durchmessen. Der Knabe folgte dem schönen Vogel von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch, bis sie beide an das andere Ende des Waldes gelangten. Dort pfiff der schöne Vogel leise auf und hob sich und flog auf einen hohen Baum und setzte sich auf den äußersten Zweig und pfiff und nickte mit dem Samtköpfchen und drehte den smaragdnen Hals und putzte den silbernen Leib. Da wollte der Knabe seinen Willen haben und kletterte hinauf am starken Stamme und den starken Ästen und dann weiter, bis die Zweige immer schwächer wurden. Aber des Knaben Wille war stark, der Zweig brach und von dem Gipfel des Baumes fiel der Knabe herab und schlug sich tot. Und schlug seinen eigensinnigen Kopf mitten entzwei. Der schöne Vogel flog auf. – Und wieder nach hundert Jahren war von dem Knaben nichts übrig als einige schneeweiße Knochen, und etwas seitwärts lag das Rund des Schädels, das sein eigensinniges Gehirn gefaßt hatte, weiß und glänzend wie eine Trinkschale. Und es hatte tags vorher geregnet, und die Trinkschale faßte noch etwas Wasser. Rasch flog der schöne Vogel herbei und drehte den smaragdnen Hals und nickte mit dem Samtköpfchen und kam näher, vorsichtig und klug, und trippelte vor und zurück und hüpfte mit einem Satz auf den Rand der Trinkschale, um von dem Wasser zu trinken. Da mit eins kippte der Schädel und fing den schönen Vogel, der nicht mehr entfliehen konnte. So hatte der tapfere Knabe endlich, was er gewollt.« »Ein wenig spät,« flüsterte Troilos. Dann schwiegen alle wieder, als erwarteten sie ein Wort Hypatias. Die aber blickte weit hinab, dorthin, wo die Sonne verschwunden war und über dem Horizont ein glühender Nebel aufstieg. Still war es, unerhört still. Die Menschen und Tiere, die Karawane am Fuße der Pyramide waren nicht zu hören, und auch die Wüste war still. Da räusperte sich Synesios und sagte: »Der tapfere Judenknabe Alexanders hat die Ironie des Zeitbegriffs an sich erfahren, weil er körperlich wollte, was über Zeit und Raum erhaben ist. Hätte ein hellenischer Philosoph das Märlein ausgedacht und nicht ein jüdischer Rabbi, so hätte es wohl anders geklungen. Leicht begnügte sich ein weiser Schüler Platons damit, das seltene Vöglein geistig zu besitzen, und anstatt es körperlich mit Händen greifen zu wollen, fing er es gleich in der ersten Stunde mit seinem Kopfe ein, und da hauste es von Stund an und war sein, wie Geister einander gehören.« Wolff lachte auf, und auch über Hypatias Lippen flog es licht. Troilos rief: »Prost Mahlzeit, lieber Gastfreund! Du läßt wenigstens den anderen was übrig. Machst du es auf der Jagd ebenso? Du siehst ein Rebhuhn und nimmst es geistig in deinen idealen Ranzen auf; das Rebhuhn selbst kommt einst auf einen anderen Tisch.« »Es ist nur,« sagte Alexander etwas zurückhaltend, »daß ich mich gern belehren lasse. Er hat vielleicht recht. Wenn der Schädel nämlich für den Vogel zu klein ist, so kann er ihm doch nur geistige Herberge geben. Und wenn sich Synesios einen zu großen Vogel wünscht, so ist Platon allerdings der beste Freund, und ich glaube, unser edler Reisewirt hat wirklich an einen Vogel gedacht, der in keinem Verhältnisse steht zu seinem schön geformten Schädel. Er liebt den Marabu!« »Jawohl, den Marabu!« riefen laut Troilos und Wolff. Und schon meldete sich das Tier. Es hatte bisher mit dem Eseljungen allein den Gipfel der Pyramide innegehabt. Jetzt flog der Philosophenstorch schwer und langsam heran, aber er wandte sich sofort um, als unter ihm der Eseljunge die Talfahrt begann. Springend und hopsend, als ob ein Kieselstein einen Bergabhang hinunterstürzte, kam der Junge herab, dann setzte er sich wieder, wo die glatte Wand der Pyramide eine Strecke weit erhalten war, zur Rutschfahrt nieder und flog wie ein Pfeil hinunter. Mit dem Schnabel klappernd, mit den Flügeln schlagend, folgte ihm wütend der Marabu, und so schossen die beiden, wie ein Gassenjunge und sein erzürnter Schullehrer hinter ihm, nicht weit von der nachdenklichen Gesellschaft hinab. Hypatia wollte die Neckereien nicht länger anhören und sagte zu Troilos: »Spotten ist leicht. Wissen Sie nicht auch ein hübsches Märchen von Zeit und Ewigkeit?« »Ich weiß kein Märchen.« »So erfinden Sie eins.« »Märchen erfindet man nicht. Aber erzählen kann ich, was ich sah und was ich sehe, die wahre Geschichte dieser Pyramide: Als Gott, der damals noch keinen Namen hatte, die Welt erschuf, da gab er jedem Menschen und jedem Tier, jeder Pflanze und jedem Sandkorn Freude mit auf den Weg, einem jeden das gleiche Maß von Freude und Genuß. Und er berief vor seinen Thron alle Geschöpfe und forschte zuerst, welches von ihnen das klügste sei und welches das dümmste. Da ergab es sich, daß der Mensch das klügste Geschöpf war, das dümmste aber das Weizenkorn, denn das Weizenkorn wuchs, um Brot zu werden für den Menschen. Als nun das gefunden war, da fragte der Gott, der keinen Namen hatte, ob das kluge Geschöpf mit seinem Maß von Freude länger leben würde oder das dumme. Und der Mensch wettete mit dem Weizenkorn, daß er mit seinem Maß voll Freude länger haushalten, daß er länger leben würde. Am jüngsten Tag nach Billionen von Jahren sollten die Parteien wiederkommen und den Richterspruch Gottes hören. Der Mensch aber war klug und verteilte die Freuden auf ein langes Leben von hundert Jahren. Und er verlachte das Weizenkorn, das in einem Sommer wuchs und starb. Aber der Mensch wußte nicht, daß der Genuß sich vom Leben nährt und das Leben von der Zeit. In der Kammer aber unter unseren Füßen ruht nicht der Leib von Pharaonen, wie ihr glaubt. Da ruht der Mensch und das Weizenkorn. Und der Mensch ist ein junges Weib, das einst im Alter von siebzehn Jahren selig gestorben ist, weil es den zugemessenen Anteil von Lust gierig getrunken hatte und fertig war mit seiner Zeit und mit seinem Leben. Das Weizenkorn aber berührte nicht eine Tauperle Wasser, es durstete, um nicht zu genießen, und schlief neben dem Mädchen scheinbar den gleichen Todesschlaf, denn es kennt das Leben nicht. Einst aber ... Die Pyramide wird dauern, sie hat schon drei Götternamen überdauert, und sie wird stehen, bis Gott, der Ewige, seinen letzten Namen von den Menschen erhält. Dann aber wird der jüngste Tag hereinbrechen, die Pyramide wird bersten, und vor das Totengericht Gottes werden das Mädchen und das Weizenkorn treten. Und das siebzehnjährige Mädchen wird Gott auch durch seine Allmacht nicht zu neuem Leben wecken können, das Weizenkorn aber wird aus eigener Kraft zu leben anfangen nach vieltausendjährigem Schlaf. Ich aber, meine lieben Freunde, bin leider als Mensch geschaffen und nicht als ein Weizenkorn, das schlafen kann unter den Füßen Hypatias.« »Nicht!« Abwehrend sagte das Hypatia und weiter kein Wort. Sie blickte aber in Wolffs Antlitz, und Wolff begann: »Unter uns die Pyramide, und ihr sprecht von Leben und Sterben wie von großen Dingen. Hört. Es war eine Fee, die hieß Fata. Und weil sie sich reiche Weisheit und ein kaltes Herz gewünscht hatte, wurde sie verdammt, unendliche Weisheit zu besitzen und ein eisiges Herz. Sie wurde die Fee des Todes. Ihre Verzauberung aber sollte enden und sie sollte wieder ein Weib werden, wenn ein tapferer Jüngling sie von dem Fluche befreite. Doch niemand wußte, wie das geschehen könnte. Die Fee des Todes nahte mit ihrem unendlichen Wissen und ihrem eisigen Herzen dem tapfersten Jüngling der Griechen, der hieß Achilleus. Und sie sagte zu ihm: ›Ich bringe dir ewigen Ruhm, aber du mußt mir dein Leben dafür geben. So jung schon mußt du sterben.‹ Da flehte Achilleus und wollte noch leben. Sie aber küßte ihn auf die braune Stirn, und er starb. Und nach tausend Jahren trat die Fee des Todes mit ihrem unendlichen Wissen und ihrem eisigen Herzen vor den tapfersten Jüngling der Deutschen, der hieß Siegfried. Und sie sagte zu ihm: ›Ich bringe dir ewigen Ruhm, aber du mußt mir dein Leben dafür geben. So jung schon mußt du sterben.‹ Da lachte Siegfried und wollte gern kämpfen und sterben. Sie aber küßte ihn auf seine braune Stirn, und er starb. Und wieder nach tausend Jahren trat die Fee des Todes vor einen Jüngling, der war Deutscher und Grieche. Sie sagte ihren Spruch. Er aber faßte sie rund um ihren Feenleib und küßte sie auf den roten Mund und rief: ›Mit dir in den Armen ist Leben und Sterben nur eins. Da gibt es keinen Tod.‹ Da war die Fee des Todes aus ihrer Verwünschung erlöst und wurde wieder ein Weib. Und wenn sie nicht mehr leben sollten, so sind wohl beide gestorben.« Lange schwiegen sie alle. Dann schauerte Hypatia zusammen; Synesios warnte vor einer Erkältung und mahnte zum Aufbruch. Am Fuße der Pyramide fanden sie wieder ihr schönes Zelt, und sie plauderten noch bis tief in die Nacht hinein. Noch zwei Tage zogen sie so umher und schauten alles, was an Märchen und Rätseln übriggeblieben war aus der Zeit der Pharaonen. Durch eine Allee von Sphinxen wandelten sie nach einem Tempel und hörten darin das Gebet eines Zeuspriesters. Wieder in einem ägyptischen Tempel, von dessen Mauern alte tierköpfige Götter niederblickten, hörten sie die Predigt eines christlichen Mönches. Und am Ufer des Nils standen braune Fellachen, Christen und Heiden, und verrichteten die gleichen Opfer für ein gesegnetes Jahr. Voll von Eindrücken kehrte die Gesellschaft am Abend des vierten Tages zu ihrer Barke zurück. In der letzten Stunde der Wüstenreise, als die weißen Kamele schon die Hälse ausstreckten nach dem heiligen Wasser, trat einer der Führer an Hypatia heran und bat um ihren Schutz. Er bitte um die Gunst, auf dem Schiff nach der Alexanderstadt mitgenommen zu werden. Er wollte dort wieder Christ werden und sein Wahrsagerhandwerk unter Christen ausüben. Synesios fragte ihn aus und man erfuhr die Geschichte eines wunderlichen Lebenslaufs. Der Ägypter war der Sohn eines Wahrsagers und selbst Wahrsager, Schlangenbeschwörer und Geisterbanner. Er war viel in der Welt umhergekommen. Zur Zeit des Kaisers Julianos war er in Alexandria Serapispriester geworden. Dann hatte er in Konstantinopel die Taufe angenommen, war mit den Mietsoldaten über die Alpen gegangen, hatte den Druiden bei ihren Opfern geholfen und war dann in Rom wieder Heide geworden. Die Gunst des furchtbaren Bischofs von Mailand hatte ihn wieder dem Christentum zugeführt. Dann war er im Gefolge von Alarich in Griechenland Arianer gewesen, und vor den Folgen einer jähzornigen Stunde war er bis hierher geflohen. »Aber die Ägypter sind arme Teufel, sie können ihre Wahrsager nicht mehr ordentlich bezahlen. Ich möchte wieder Christ werden.« Hypatia fragte verwundert, ob er denn sein Gewerbe in allen Religionen auf die gleiche Weise treiben könne. »Gewiß, hohe Fürstin,« sagte der Mann. »Dich kann ich ja doch nicht belügen. Ich habe gefunden, daß dieselben Künste bei allerlei Christen und Heiden und Juden beliebt sind. Ihre Götter haben sie doch nur für die Feiertage. Sonst wollen alle miteinander nichts als sich künftiges Glück prophezeien und von gegenwärtigen Schmerzen befreien lassen. Und das erste wenigstens tue ich redlich.« »Der Kerl paßt in unser philosophisches Boot!« rief Troilos lachend. Und dem Wahrsager wurde seine Bitte erfüllt. Die Einschiffung dauerte nicht lange. Im letzten Augenblick schlich sich der Ägypter mit einem Sack herbei. Die Freunde achteten seiner nicht. Einer der Schiffsleute aber faßte den Sack an und machte Lärm. Es sei etwas Lebendiges darin. Alles lief herbei, der Wahrsager fiel vor Hypatia auf die Knie und bat um Gnade. Der Sack sei angefüllt mit Schlangen, Giftschlangen, aber allen seien die Zähne ausgebrochen, man dürfe ihm sein Handwerkszeug nicht nehmen. Erst sollte er gestehen, wozu er die Schlangen brauchte. »Hohe Fürstin,« sagte er demütig, »kein Wahrsager findet beim Volke Glauben, wenn er nicht ein Schlangenbeschwörer ist. Die gewöhnlichen Schlangen aber glauben nicht an uns und kommen nicht auf unseren Ruf. Nur diese, meine gezähmten Tierchen, kommen auf meinen Pfiff herbei, weil ich ihnen ein paarmal eine Schale mit Milch gegeben habe. Seht nun, hohe Fürstin, wenn ich in Alexandria Schlangen beschwören soll, so muß ich doch erst meine eigenen Tiere in dem Hause verstecken. Mein Verdienst hängt davon ab. Glaubt nur, meine Herrschaften, bei Christen und Heiden und Juden können die Wahrsager nur die Schlangen hervorlocken, die sie selbst versteckt haben.« Da wurde dem Manne und seinen Schlangen die Mitfahrt bewilligt und seine kleinen Künste erheiterten die Gesellschaft mitunter, während die Barke den heiligen Fluß hinunterschwamm. Glücklich und ohne Störung verlief auch die Rückfahrt. Wieder hatten sie sich den Übergang vom Nil in den Kanal in stundenlangem Streit erkämpfen müssen. Jetzt aber zogen sie langsam in dem schmalen Fahrwasser hin und gewöhnten ihre Augen an die Einförmigkeit der Niederung. Noch waren sie eine tüchtige Strecke vom Binnenhafen Alexandrias entfernt, als der Steuermann ärgerlich nach etwas auslugte, was quer und unbeweglich im Kanalbett lag. Auch die Reisenden wurden aufmerksam. Sie beugten sich über Bord, um die schmutzige Masse zu erkennen. Es war die Nilbraut, die Puppe, das Ebenbild Hypatias, das man nach altem Brauch ins Wasser geworfen hatte. 10. Der heilige Ammonios Die Osterzeit rückte endlich heran; der behagliche ägyptische Winter war vorüber, und unerträglich heiß lastete schon an manchem Mittag Sommerglut über der Stadt. Die vierzig Tage der Fasten und der Kasteiung neigten zu ihrem Ende und ungeduldige Einsiedler aus dem Gebirge kamen jeden Tag einzeln oder in Gruppen von zwei, drei oder auch in größeren Trupps nach dem Babel des Nil, nach Alexandria. Sie waren vor der Hauptmacht aufgebrochen und hatten sich ihren Weg durch die Wüste gesucht, wo Kamelskelette und wohl auch menschliche Gebeine ihn wiesen. Halbtot vor Hunger und Erschöpfung, fast besinnungslos vor Durst, kamen die meisten in der Stadt an, und im ägyptischen Viertel konnte man täglich sehen, wie diese frommen Männer am ersten Brunnen niederstürzten, von den gutmütigen armen Heiden gestärkt wurden, und wie sie dann trotz ihrer blutenden Füße und trotz ihrer elenden und schmutzigen Kleidung stolz ihr Haupt erhoben und die menschlichen, aber heidnischen Ägypter verdammten und verfluchten. Der Ton, welchen die frommen Männer dem lebendigen Treiben der Alexanderstadt anfügten, war nicht erfreulich. Wohl waren in der Stadt immer einzelne Mönche zu sehen gewesen, welche die Handelsverbindungen zwischen ihren Klöstern und den Kaufleuten besorgten, wohl waren nach der Sendung des Hierax unaufhörlich Scharen von Kuttenträgern herbeigeströmt, nicht nur aus dem Gebirge, sondern allmählich noch weiter her vom Nil und von der Thebais. Wohl brachten die Alexandriner das Scherzwort auf, es gäbe in Ägypten jetzt mehr Mönche als einst hundsköpfige Götter. Diese Pfaffen waren eigentlich recht beliebt. Sie brachten Geld oder Geldeswert mit, lebten und ließen leben. Wenn viele von ihnen mit bösen Absichten gekommen waren, so schienen sie in der reichen Stadt mehr ihrem Vergnügen und ihrem Geschäft als kirchenpolitischen Plänen zu frönen. Bei dem Blutbade und der Plünderung der Judenstadt hatten sich wohl schwarze Kutten bemerklich gemacht, aber man konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sie diese Beteiligung als ihr Geschäft oder als ihr Vergnügen betrachteten. Weit aussehende Pläne verfolgten sie offenbar nicht. Kaum war es dann in der Stadt wieder ruhig geworden, so waren sie die ersten, von der Ordnung Vorteil zu ziehen. Während die gewöhnlichen Plünderer sich selbst oder doch ihren Raub versteckt hielten, rüsteten die Kuttenträger große Karawanen aus, auf denen ganze Warenlager nach ihren Klöstern geschafft wurden; und während die christlichen Kaufleute dem Frieden noch nicht trauten, stürzten sich die Mönche ganz gesetzlich und mit Hilfe von Notaren auf das Erbe der Juden. Die verlassenen Häuser, deren Besitzer tot oder entflohen waren, wurden einfach auf Grund frommer kaiserlicher Verordnungen im Namen von Kirchen mit Beschlag belegt. Die Grundstücke anderer Juden, die noch etwas Geld für ihre Auswanderung retten wollten, wurden von diesen Mönchen für einen Spottpreis aufgekauft. Man erzählte sich an der Börse, daß eines der Natronklöster für ein Terrain von dreißig kleineren Gebäuden und den dazugehörigen Gärtchen genau dreißig Goldkronen gezahlt hätte. Als endlich die Furcht vor dem Einschreiten des Statthalters und vor einer Wiedereinsetzung der Juden zu schwinden begann, waren die Mönche im rechtlichen Besitz der halben Judenstadt, und die Bürger von Alexandria empfanden einige Achtung vor der Klugheit und Kühnheit der Klosterleute. Man trieb mit ihnen vorteilhaften Handel, und was von alter Feindschaft und von neuem Neid zu Worte kommen wollte, das begnügte sich nach gutem Stadtgebrauch mit Spaßen und Witzen. Ganz anders als die Mönche führten sich die Wüsteneinsiedler auf. Es gab unter ihnen gute und schlimme; solche, die wie losgelassene Sträflinge sich in die Genüsse der Stadt stürzten, und solche, die inmitten des Luxus hungerten, als strenge Bußprediger auftraten und die Sünder, besonders aber die Sünderinnen zu bekehren suchten. Die ersten Ankömmlinge waren von der argen Art gewesen, die späteren waren durchaus heilige Männer. Aber in Alexandria wurde das Treiben der einen wie der anderen lästig empfunden. Im Matrosenviertel namentlich geriet alles aus Rand und Band. Allabendlich kam es zu abscheulichen Händeln und zu blutigen Schlägereien. In den schmutzigen Höhlen des Viertels, wo sonst die Matrosen aller Mittelmeerhäfen sich höchstens roh betranken und mit Dirnen anbandelten, belustigten sich jetzt halb wahnsinnige junge Einsiedler, die abgefallen waren und sich für die furchtbaren Kasteiungen von Monaten und Jahren entschädigen wollten, in unerhörten Orgien. Die Kneipwirte verlangten von ihnen keine Bezahlung, und die Dirnen warfen sich ihnen leidenschaftlich oder in abergläubischer Hoffnung in die Arme. Darüber zog mancher Matrose das Messer. Kamen dann echte Bußprediger etwa um Mitternacht hinzu, gossen die Krüge aus, schlugen ihre abgefallenen Brüder, dann erbaten die Mädchen wohl in Verzückung den Segen der Wüstenheiligen und rutschten vor ihnen auf den Knien. Und christliche Matrosen aus Karthago oder Kleinasien stellten sich zu den Anachoreten, heidnische Schiffsleute aus Spanien und Marseille warfen sich entgegen, und mancher herabgekommene alte Ägypterheide schaute vom Kredenztisch dem Treiben zu, wie ein Grieche in der Arena dem Kampfe wilder Bestien. Nicht nur der Statthalter und die friedliebenden Bürger waren empört über diese Ausschreitungen. Der Erzbischof selbst wurde unruhig, und wenn er auch jeden Geistlichen mit seinem ganzen Ansehen gegen die Staatsgesetze und die Polizeiverordnungen schützte, so sandte er doch Boten über Boten nach dem Gebirge. Wenn Isidoros nicht bald kam und die Führung an sich riß, so konnte im Handumdrehen ein Straßenkampf oder ein energischer Entschluß der Behörden die schrankenlose Herrschaft der Geistlichen brechen. Noch waren kaiserliche Erlasse in Kraft, welche zur Strafe für alte Sünden Mönchen und Einsiedlern den Aufenthalt in der Stadt verboten. Die Stimmung in Alexandria wurde der Staatsbehörde zu günstig; wenn Orestes jetzt fest zugriff und die Gesetze in Anwendung brachte, so kam Isidoros vielleicht zu spät, und die Kirche mußte sich wenigstens für einige Jahre wieder dem Staate beugen. So wie sie in Alexandria lebten, hatten die Einsiedler offenbar vergessen, was sie in der Stadt sollten. Oder vielleicht glaubten sie auch die Arbeit schon getan. Von den Nazarenern und anderen christlichen Ketzern war im öffentlichen Leben nichts zu hören. Im Judenviertel war gründlich aufgeräumt worden, und auch Hypatia begann ja endlich den Zorn der Kirche zu verspüren. Immer häufiger wurden jetzt die Skandalszenen vor der Tür ihres Hörsaales, und viele Studenten ließen sich von den ewigen Balgereien abhalten, die gepriesene Vorlesung weiter zu besuchen. Das war ja für den Anfang ganz nett, aber auch hier in war die Stadt mit dem frommen Eifer nicht zufrieden. Man hatte in Alexandria über die schöne Hypatia natürlich ebenso freche Witze gerissen wie über die Pompejussäule, über die Nadeln der Kleopatra und über andere Sehenswürdigkeiten. Wenn aber ein verrückter Mönch, ein Klostermaler aus Konstantinopel, alles Ernstes vorschlug, mit ungeheuren Maschinen die Nadeln der Kleopatra umzuschmeißen, weil sie Denkmäler heidnischen Pharaonentums wären, so empörte sich dagegen der Lokalpatriotismus der Alexandriner. Und wenn Hunderte von Studenten erklärten, sie würden das nächste Semester nicht mehr in der Pfaffenstadt verbringen, sondern nach einer der neuen und freien Universitäten oder gar nach dem uralten Sitz in Athen auswandern, da wurden nicht nur die Zimmervermieter böse auf die Kutten und Einsiedler, sondern überall in der Stadt verlangte man ein Ende dieser Invasion von Wilden. Es sei eine Schmach, daß eine Welthandelsstadt sich von tausend Mönchen und hundert noch unwissenderen Einsiedlern tyrannisieren lasse. Unter den Hafenarbeitern entstand das verbürgte Gerücht, der Erzbischof habe durch heimlichen Getreidewucher den hohen Preis der Brotfrucht herbeigeführt und wolle ihn bis aufs Doppelte steigern. Kyrillos lasse in allen Kirchen gegen die nächste Nilüberschwemmung beten. Er wünsche eine Hungersnot, um sein Getreide zu unmenschlichen Bedingungen loszuschlagen. Einer Abordnung der Kaufmannschaft gegenüber äußerte Orestes selbst, er fürchte viel für den Handel der Stadt, da die Klosterpröpste für verschiedene Waren ein Fabrik- und Handelsmonopol zu erreichen suchten. Wenn das so fortgehe, werde nach zwanzig Jahren ganz Ägypten der toten Hand gehören. Orestes sprach damit Befürchtungen aus, welche ernste Unterlagen hatten. Kyrillos schritt zielbewußt vor, um das römische Reich in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von Ägypten zu bringen. Am Nachmittag vor dem Palmsonntag fuhr der Statthalter in seinem neuen Galawagen bei der Akademie vor und machte der schönen Hypatia eine Staatsvisite. Er wollte ihr ankündigen, daß er demnächst in Begleitung seiner höchsten Beamten ihre astronomische Vorlesung besuchen würde, um öffentlich zu bekunden, daß der Kaiser und das Reich in ihren Lehren nichts Bedenkliches fänden, vielmehr in ihr eine Zierde der Wissenschaft und eine Stütze der Ordnung verehrten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich vom Haupttor der Akademie her die Nachricht, daß der Statthalter die schöne Philosophin in seinen besonderen Schutz genommen und ihr die Vertreibung der Mönche und die Hinrichtung des Erzbischofs versprochen hätte. Oben im Empfangzimmer Hypatias klang, was der Statthalter sagte, freilich weniger stolz. Wohl versprach er der schönen Freundin, unter ihren Zuhörern zu erscheinen, aber aufrichtig klagte er ihr seine Sorgen und gestand ihr, daß er in seinem Alter sich den Wühlereien des Erzbischofs nicht mehr gewachsen fühle. Beklommen fragte Hypatia, ob ihre Person vielleicht die Schwierigkeiten vermehre. Orestes wollte das nicht zugeben, aber sein Nein war nicht freudig und entschieden. Er fragte scheinbar nebenher, ob Hypatia wirklich daran denke, von ihrem Lehramt zurückzutreten und als Gattin des edlen Synesios im Privatleben aufzugehen. Hypatia war blasser als gewöhnlich; jetzt errötete sie und faßte ihren treuen Marabu beim Kragen. Der Vogel war vor dem Statthalter mißtrauisch zurückgewichen, hatte ihn böse angeschielt und sah jetzt mit eingeknickten Füßen neben ihrem Stuhl. »Sie wollen uns nicht mehr, du altes Tier,« sagte sie und klopfte den Vogel auf seinen Schädel. »Wir sollen ihnen Platz machen, ich den Mönchen und du den Raben und Papageien.« Der Marabu öffnete seinen breiten Schnabel vor Vergnügen und kroch mit dem Kopfe zwischen die Schultern zurück. Meineid und Trug! Treulose Menschen! Feig der Pöbel und falsch die Fürsten! Treulos sind all deine edlen Träume. Echt ist allein, was ich dich lehrte: formales Denken, Mumien deuten, Mathematik und Astronomie und ein hartes, steinernes Storchenherz. Hypatia erhob sich und sagte: »Ich danke Exzellenz für die Absicht, eine meiner Vorlesungen besuchen zu wollen. Ich nehme die Auszeichnung an, nicht für meine Person, aber für unsere gemeinsame Sache.« Orestes schaffte sich noch durch einige hübsche Worte einen guten Abgang; dann verließ er, von der Philosophin auf die Treppe begleitet, ihre Wohnung. Als er allein war, ging es ihm durch den Kopf, was denn seine und Hypatias gemeinsame Sache eigentlich war. Die alten Götter? Hypatia glaubte nicht an sie, und er glaubte an nichts. Der römische Staat? Der lag wohl im Sterben. Orestes wollte nun den guten Bürgern der Stadt das erfreuliche Schauspiel einer Rundfahrt des Gala-Wagens gönnen und befahl, um den Hafendamm herum nach dem Alexanderplatz und von dort den Korso entlang zu fahren. Es war ein halber Feiertag, und geputzte Leute füllten die Hauptstraße. Es wimmelte da von Kutschen und Reitern. Man hatte völlig vergessen, daß vor kurzem erst ein ganzes Stadtviertel ausgeplündert worden war und daß die Verbrecher immer noch ungestraft umhergingen. Kein Kuttenträger war auf dem Korso zu erblicken. Aus Eitelkeit gingen, wie man in Alexandria sagte, die Mönche erst bei Nacht aus. Ab und zu tauchte unter den buntgekleideten Menschen der struppige Kopf eines Einsiedlers auf. Es waren ungewaschene Gesellen, und ihre Schafspelze fielen selbst in dem Gedränge der breiten Bürgersteige auf. Aber es zeigten sich fast durchaus die harmlosesten von den Büßern, neue Ankömmlinge, welche vorerst staunend die hohen Gebäude und die glänzenden Verkaufsläden besichtigten und stumm und geblendet ihren Haß und ihre Begierde nährten. Nur vor einer griechischen Buchhandlung, die auf hölzernen Gestellen Literaturwerke liegen hatte, stand ein predigender Anachoret. Er forderte alle frommen Christen auf, ganz einfach Feuer in die Buchhandlung zu werfen und lieber die ganze Stadt in Flammen aufgehen zu lassen, als länger den Greuel der heidnischen Bücher unter Gottes Sonne zu dulden. Man habe die Bibel und daran sei es genug. Feuer sei die beste Arznei für die ganze sündige Menschheit, Feuer für die verruchte Stadt, Feuer für die Bücher und für die weltberühmte Bibliothek, die doch nichts wäre als eine Erfindung des höllischen Teufels. Orestes mußte ein Stück von dieser Predigt anhören, weil die Pferde im Gedränge nur langsam vorwärts kamen. Das Publikum machte dem Wagen nur zögernd Platz, und der Statthalter sah nicht eben freundliche Gesichter zur Rechten und zur Linken in sein halboffenes Gefährt hineinstarren. Aber er glaubte seine Alexandriner zu kennen. Mit spöttischem Lächeln streckte er den Kopf ein wenig vor und rief laut genug, daß es viele hören konnten: »Der junge Mann hat zu viel Feuer. Man sollte ihn löschen.« Im Nu wurde das Wort lauter und witziger wiederholt, und unter Hochrufen und Beifallklatschen und schallendem Gelächter konnte der Statthalter weiterfahren. Er grüßte freundlich mit der Hand zurück. Je weiter Orestes nach dem Westende der Stadt kam, desto unansehnlicher wurden Gebäude und Läden, und desto bunter und wirrer wurde das Treiben der Bevölkerung. Hier mischten sich steife, ernste Ägypter mit den lebendigen Nachkommen der Makedonier. Und die verschiedenen Trachten und Sprachen des Matrosenviertels reichten bis hier heran. Ehrfurchtsvoll machte man überall dem Statthalter Platz. Er fuhr durch das alte Wüstentor hindurch und wollte mit einer Spazierfahrt um die verlassene Totenstadt die Mühen des heutigen Tages beendigen. Die beiden Spitzenreiter erhielten den Auftrag, durch die lange und schmale Balsamiererstraße schnell voraus zu galoppieren, um unliebsame Begegnungen zu verhindern. Denn wenn dem Galawagen hier eine Kamelkarawane oder auch nur eine Ochsenherde entgegenkam, so hätte eine der beiden Parteien umkehren müssen. Und Orestes wußte aus Erfahrung, daß in einem solchen Fall immer der Klügere nachgab, also natürlich der Statthalter des Kaisers. In gemächlichem Trab folgte seine Kutsche, und Orestes betrachtete wieder einmal mit gelehrtem Interesse die seltsam hingestreuten Lehmhütten, welche heute dicht vor dem Tor der stolzen Handelsstadt noch ebenso gebaut wurden wie zur Zeit der Pharaonen. Die Ägypter hätten es für eine Entheiligung der Götter angesehen, wenn sie in menschenwürdigen lichten Häusern gehaust hätten. Ägyptische Priester lehrten, daß die Wohnungen der Toten besser zu halten seien als die Wohnungen der Lebenden. Orestes brummte etwas von verdammten Pfaffen vor sich hin und glaubte eben, an den Ruinen des Serapeums vorüber, bald ins Freie zu gelangen, als wieder ein Auflauf seinen Pfad hemmte. Vor einer der größeren Lehmhütten hielt ein feister Mönch eine Art Ausverkauf. Orestes ahnte, daß das Warenlager aus der Plünderung der Judenstadt herstammte. Das Innere des Lehmhauses schien dicht gefüllt, und auf der Straße hinter einem rohen Tisch stand und lag die Beute umher. Es waren griechische und ägyptische Götter, wie sie für den Luxus der Reichen und für das Kultusbedürfnis der Ärmsten in dem großen Geschäft von I. Kohen, hinter der Bethlehemskirche, verkäuflich gewesen waren. Marmorkopien der schönsten Statuen von Olympia, rohe faustgroße Tonfiguren mit Hundsköpfen oder Reiherschnäbeln, zierliche Frauengestalten aus bemaltem und vergoldetem Tongut, Votivtafeln, abscheuliche menschliche Gliedmaßen in Gips und Wachs, dazwischen bronzene Dreifüße und andere heidnische Tempelgeräte, Kindermumien, große und kleine Skarabäen, und endlich eine Menge spaßhafter Karikaturen, welche zu Leuchtern, Trinkgefäßen oder auch bloß zum Zierat dienten. Der fromme Erwerber dieser zweifelhaften Kunstschätze wollte sie offenbar schnell und um jeden Preis losschlagen. Das Volk, welches seinen improvisierten Läden umstand, riß ihm namentlich die stierköpfigen Götzen aus den Händen; die wertvolleren griechischen Arbeiten konnten hier nicht so leicht Käufer finden. Orestes ließ seinen Wagen ein Weilchen halten. Die Straße war nun einmal gestopft und er wollte die Gelegenheit doch benutzen, zu sehen, ob er hier vielleicht den schönen Hermes für ein Spottgeld kaufen konnte, für den Kohen vor dem Judenmord eine so unverschämte Summe verlangt hatte. Du lieber Hermes, die Plünderung der Judenstadt war ja ein Verbrechen; wenn man aber für wenig Geld zu einer schönen Statue kommen konnte... Orestes war im Begriff auszusteigen, um dem frommen Verkäufer die Ehre seines Besuches zu geben, als er wieder rasch zurückfuhr und den Befehl gab, vorwärts zu fahren. Aus einer Nebengasse, so schmal, daß gewiß keine drei Menschen nebeneinander gehen konnten, stürzten plötzlich zwei Einsiedler und einige Mönche heraus. Die Mönche gehörten nach ihrer Kleidung einem anderen Kloster an als der Verkäufer. Im Nu hatten sich die heiligen Männer um den Tisch gesammelt und auf den Verkäufer gestürzt. Der eine der Einsiedler faßte ihn bei der Kapuze und begann ihn regelrecht durchzuprügeln, der andere Einsiedler sprang auf den Tisch und hub an zu predigen, die Mönche warfen sich aber auf den Warenvorrat und schlugen kurz und klein, was sie fassen konnten. Der Bußprediger wetterte gegen das Heidentum, die Fleischeslust und die Begier der Mönche. Der Geprügelte schwor unaufhörlich, er wolle Buße tun, er wolle sich dem Erzbischof zu Füßen werfen. Vom Publikum liefen einige mit ihren kleinen Götzen davon, ohne zu bezahlen, andere blieben lachend stehen, und die meisten eilten in das Gebäude hinein, wohl selbst noch unsicher, ob sie plündern oder zerstören sollten. Die Gasse wurde etwas freier, und der Kutscher versuchte weiterzukommen. Da streckte der Prediger beide Arme zum Himmel und schrie, als ob man ihn bis nach der Kathedrale hören sollte: »Da bist auch du, Kain, Brudermörder, Abschaum der Menschheit, du! Abtrünniger Königsdiener, der du mein Volk durch dein ruchloses Beispiel hinabzerren willst in die Hölle!« Der Kutscher traf geschickt beide Rappen mit einem Peitschenschlag. Die Tiere bäumten sich im Geschirr. Die Nächststehenden wichen zur Seite, und schon schien der Weg frei, da sprang der Einsiedler vom Tisch herunter, fiel dem Handpferd in die Zügel, riß es, unbekümmert um die Peitschenhiebe, die ihn trafen, mit fester Faust zurück und fuhr fort, den Statthalter mit Schimpfworten und mit biblischen Vergleichen zu überhäufen. Er allein vollführte einen so großen Lärm, daß von weither Menschen herbeiströmten und schon nach einer Minute die Gasse vorwärts und rückwärts gesperrt war. Im Hause hatten inzwischen Diebstahl und Zerstörung begonnen. Unaufhörlich hörte man es krachen und klirren, und alle Augenblicke flog aus der Tür eine griechische oder ägyptische Gottheit auf das Pflaster hinaus oder es entfloh auch ein Mann mit Göttern unter dem Arm. Das Publikum schien im ganzen nicht bösartig, nur die vierzig oder fünfzig Menschen, welche den Wagen des Statthalters umdrängten, waren Pfaffen oder Fanatiker; sie wiederholten die Schmähungen des Einsiedlers oder drohten mit den Fäusten. Die Weiterabstehenden, welche freilich durch ihre bloße Anwesenheit die Gefahr vermehrten, waren entweder gutmütige, an blinden Gehorsam gewöhnte Ägypter, oder die stillen Christen dieser Gegend, welche die Kirche nicht besuchten und im Verdachte der Ketzerei standen. Die Lage des Statthalters wurde unbehaglicher. Er konnte den Beleidigungen nichts als seine ruhige Würde entgegensetzen, und das schien namentlich den Einsiedler aufzubringen, der die Zügel losgelassen hatte und jetzt dicht am Wagenschlag zur Rechten des Statthalters stand und ihm gemeine Reden entgegenrief. Endlich entschloß sich Orestes, sein Schweigen zu brechen. »Wer bist du, daß du den Statthalter des Kaisers aufzuhalten wagst?« »Wer ich bin? Ich bin Ammonios aus dem heiligen Gebirge. Ich habe seit zwölf Jahren mich nicht satt gegessen und mich nicht satt geschlafen. Ich habe mein Bein mit dem Hals einer Hyäne zusammengekettet und drei Jahre mit ihr allein in einer Höhle gehaust und nachts mit ihr um mein Leben gekämpft. Hier! und hier! Da sind meine Wunden, erworben im Streite für den Gott der Heerscharen. Der bin ich! Wer aber bist du? Du Sohn des Satans, du Feind der Kirche, du Hund von einem Heiden!« »Ich bin ein Christ wie ihr,« sagte Orestes mit feierlicher Betonung; »vor dreißig Jahren hat mich in Konstantinopel der Bischof Attikos selbst getauft.« Wutgebrüll und Gelächter war die Antwort. »Seit dreißig Jahren erst Christ! Der alte Mann! Er ist kein Christ! Ein getaufter Grieche! Sohn von Heiden und selber Heide! Aufgewachsen im Heidengreuel! Er hat den Götzen geopfert! Menschenopfer! Christenkinder!« Und alle Fäuste streckten sich nach dem Statthalter aus. Ammonios trat einen Schritt zurück, stieß den Kauftisch um, bückte sich und hob den losgeschlagenen Arm einer Marmorstatue vom Boden auf. Es war ein Apollon von guter Arbeit gewesen. Eben war der Gott durch die Tür hinausgeflogen und der ausgestreckte Arm war abgebrochen. Ammonios faßte den Marmorarm über dem Handgelenk, schwang ihn empor und schmetterte ihn mit dem Rufe: »Antichrist!« gegen den Kopf des Statthalters. Zum Glück für diesen streifte der Stein das Leder des Kutschendaches, und mit abgeschwächter Wucht fiel der Arm des steinernen Gottes nieder. Dennoch sank Orestes ohnmächtig zurück. Von der Stirn, dicht über dem Auge, floß das Blut nieder. Alle blickten entsetzt drein. Nur Ammonios fuhr fort, den getauften Griechen zu verfluchen und suchte nach einer neuen Waffe. Der Marmorarm war zerschlagen. Da erscholl von rechts wildes Pferdegetrappel. Es waren nur die beiden Spitzenreiter, welche zur Hilfe herbeieilten. Das genügte aber, um die Lage sofort zu ändern. Die Mönche und die anderen Angreifer suchten ins Haus und in die Seitengasse zu entkommen; Ägypter und Ketzer drängten sich schützend um den Wagen. Mit gezogenem Pallasch sprengten die beiden Soldaten heran, hieben sich bis zum Wagen durch und schafften freie Bahn. Unter furchtbarem Geschrei wurde ihnen Ammonios, der immer noch weiter verfluchte, überantwortet. Einige Ägypter banden ihn mit einem ausreichend langen Seile an der Wagendeichsel fest. Da die Pferde nicht umkehren konnten, fuhr der Kutscher langsam bis auf den Platz des Serapeums und von dort so rasch wie möglich ins Palais zurück. Orestes war noch nicht zum Bewußtsein zurückgekommen. Ammonios lief, obgleich ihm die Arme schmerzhaft auf dem Rücken zusammengeschnürt waren, mit hocherhobenem Kopfe und unter Büßpredigten neben dem trabenden Handpferde her. Die Reiter und der Wagen nahmen durch stille Gassen ihren Weg; dennoch hatten sie bald ein mächtiges Gefolge. Der Statthalter sei von den Mönchen ermordet, hieß es. Als der Zug im Palais ankam, drängten sich mehr als tausend Menschen heran. Orestes war aus seiner Ohnmacht erwacht. Er ließ die Wunde untersuchen und verbinden und hörte gleichzeitig die Meldung, daß der Mordgeselle unten im Hofe vom Pöbel gemartert werde. Wenn der Statthalter ein ordentliches Gericht über ihn wünsche, so müßte der Menschenhaufe gewaltsam zerstreut werden. Orestes antwortete nicht. Dumpf tönte in sein Schlafzimmer das Geschrei der Menge, dazwischen der Gesang des Einsiedlers und hier und da ein gräßlicher Schmerzensruf. Noch einmal drang einer der Sekretäre in den Statthalter, eine Entscheidung zu treffen. Der schwieg, und auf einmal wurde es draußen still. Der Statthalter erfuhr eine Minute später mit unbewegtem Gesicht, daß Ammonios die Marter nicht überstanden habe. Was jetzt mit dem Leichnam geschehen solle? Der Pöbel sei im Begriff, ihn vor dem Tor des Palais an einen Laternenpfahl aufzuhängen. Orestes hatte nicht übel Lust, der Lynchjustiz noch weiter freien Lauf zu lassen. Da kam jedoch das Bollwerk herauf schon eine Prozession von Mönchen, der Erzbischof und sein ganzer Stab an der Spitze, und verlangte Einlaß in das Palais. Kyrillos hatte vom Statthalter die Auslieferung des Ammonios verlangen wollen, unter dem Vorwande, daß ein Geistlicher, also auch ein Einsiedler, nur von seinem geistlichen Vorgesetzten gerichtet werden könne. Als die Mönche den Leichnam des Ammonios erblickten, erhoben sie ein Zetergeschrei. Kyrillos aber beruhigte sie mit einer Handbewegung. Ruhig wünschte er von dem Sekretär, der ihm entgegengeeilt war, bei Seiner Exzellenz vorgelassen zu werden. Er wolle dem Statthalter des Kaisers sein Bedauern über die Ausschreitung des Einsiedlers, seine Entrüstung über den Meuchelmord und endlich die dringende Bitte aussprechen, daß ihm der Leichnam sofort ausgeliefert werde. Der Sekretär lief ins Palais zurück. Kyrillos schritt langsam an der Spitze der nachrückenden Mönche in den Hofraum hinein. Scheu machte das Volk ihm Platz, und bald hatten Mönche und Einsiedler den größeren Teil des Raumes erfüllt. Der Leichnam lag in ihrer Mitte. Der Sekretär kam wieder mit dem Bescheid, Seiner Erzbischöflichen Gnaden die Entrüstung des Statthalters über das Attentat und sein Bedauern über die vorschnelle und ungesetzliche, aber nicht unverdiente Züchtigung auszusprechen. Den Leichnam des Mordgesellen könne Erzbischöfliche Gnaden mit fortnehmen. Seine Exzellenz seien schwer verwundet und nicht in der Lage, Besuch zu empfangen. Wieder erhob Kyrillos nur den Zeigefinger der rechten Hand, und die Mönche und Einsiedler schwiegen. Langsam zogen sie sich auf die Straße zurück und ihrer sechs trugen den hageren Körper des Einsiedlers davon, bis sie zweihundert Schritte weiter einen leeren Karren am Bollwerk fanden und den Leichnam dort niederlegten, ungewiß, was Kyrillos befehlen würde. Dicht umdrängten die Kuttenträger und die Einsiedler den Karren. Wohl ihrer vierzig hatten die Hand auf das Gefährt gelegt, um jeden Augenblick zum Weiterzug bereit zu sein. Immer noch wuchs die Volksmenge, welche sie umgab. Auch viele von den Männern, welche den Mordbuben zu Tode gepeinigt hatten, standen jetzt hinter den Geistlichen. Kyrillos war nicht weit von dem Karren und beriet sich leise mit einigen der alten Herren. Plötzlich schritt er wieder voran, und im selben Moment begann auch der Karren mit dem Leichnam hinter ihm herzurollen, ohne daß einer der Mönche sich zu seiner Fortbewegung besonders angestrengt hätte. »Ein Wunder! Ein Wunder!« schrie es aus der Gruppe der Einsiedler, und ohne daß jemand wußte, um was es sich handelte, wiederholte der ganze Volkshaufe stürmisch und jubelnd: »Ein Wunder! Ein Wunder!« Kyrillos warf einen frohen und innigen Blick zum Himmel empor und lieh sich Bericht erstatten. Es war kein Zweifel. So wie der Erzbischof sich in der Richtung nach der Kathedrale in Bewegung setzte, folgte ihm die schlechte Leichenbahre auf ihren Rädern nach. Es genügte, daß die frommen Männer eine Hand auf die Seitenlehnen legten. Kyrillos untersuchte die Erscheinung genau. Von selbst, wenn alle Mönche zurücktraten, bewegte sich der Karren nicht. Sowie aber vierzig bis sechzig Hände der heiligen Männer das Holz berührten, rollte das Gefährt hinter dem Erzbischof drein und folgte ihm genau in der Schnelligkeit, die ihm selber beliebte. »Ein Märtyrer! Ein Wundertäter!« sagte nun Kyrillos laut und faltete die Hände und schritt voran und rief: »Lasset uns Gott für seine Gnade danken!« Rasch eilte der Erzbischof auf seine Kathedrale zu. Im dichtesten Gewühl folgte ebenso rasch der Leichnam, nur hier und da zögernd, wenn andere Mönche die Zunächststehenden ungeduldig beiseite stießen, um auch ihrerseits einer Berührung des Wagens gewürdigt zu werden. So war man schon am Fuße der Kathedralentreppe angelangt, schon öffneten sich weit die Flügeltüren vor dem betenden Erzbischof, und schon war die unwürdige Bahre mit dem Leichnam des Wundertäters über die Stufen hinweggeschritten, getragen oder geflogen, niemand wußte recht zu sagen, wie. Ein wilder Ansturm gegen das Kircheninnere folgte. Nicht nur alle Mönche und Einsiedler wollten dabei sein, wenn der Erzbischof den neuen Märtyrer und seine Wunder öffentlich verkündete, auch das müßige Volk drängte ungestüm hinein. Die Kirchendiener wären ohnmächtig gewesen. Und nur den Püffen und Schlägen der Mönche gelang es, einen kleinen Raum vor dem Altar für die Domgeistlichkeit und den Körper des Ammonios frei zu halten. Namentlich eine Menge Weiber und Dirnen aus dem Matrosenviertel waren leidenschaftlich bemüht, die Hand des Toten zu küssen oder wenigstens so nahe heranzukommen, daß sie seinen Körper sehen konnten. Während unter Stoßen und Drängen, Bitten und Schimpfen einigermaßen eine Art Ordnung hergestellt wurde, hatten Kirchendiener und aufwartende Knaben die Bahre zu schmücken begonnen. Bald umkleidete ein schwarzes Tuch den rohen Karren, und von Blumen umgeben lag Ammonios nun ganz stattlich in seinem Einsiedlerhabit auf dem Katafalk. Aber nicht nur die Weiber waren von der Aufmachung entzückt. Was diese mit lauten Ausrufen bewunderten, das lobten flüsternd die Mönche. Wie schön er da lag! Es war doch eine große Ehre, Märtyrer zu werden. Dicht hinter der Bahre erhob sich der Altar mit einer symbolischen Darstellung des Weltenrichters. Rechts und links vom Bildwerk hatte man eben erst mächtige Palmenwedel befestigt, so dicht, daß das Gemälde, von vielen Wachskerzen beleuchtet, zwischen den Wipfeln eines lebendigen Palmenhains wie ein Wundergnadenbild herunterblickte. Der Erzbischof selbst wollte die Ansprache an die Versammlung halten. Er hatte am Katafalk ein stilles Gebet gesprochen und wandte sich eben der Tribüne zu, als einer der Palmzweige zu seinen Häupten sich löste und langsam niederfiel. Mit einem raschen Griff fing Kyrillos den Zweig im Fluge auf und legte ihn feierlich in die Hand des Toten. Dann bestieg er die Tribüne und begann: »Wunder über Wunder geschehen! Zeichen über Zeichen! Der Herr selbst führt seine Getreuen zum Siege über die Rotte der Gegner! Der Weltrichter selbst hat unserem teuren Toten den Palmzweig des Märtyrers zuerkannt und ihn vom Himmel auf sein Irdisches hinabgeschickt.« In diesem Tone redete Kyrillos wohl eine Stunde lang. Seine schöne Stimme füllte rollend die weite Halle, und da war keiner, der durch den Redner nicht gereizt worden wäre zum Zorn gegen den Statthalter und gegen alle Feinde der Kirche. Das sichtbare Wunder habe Gott zur Belohnung getan, wegen des Eifers in der Judenstadt. Vielleicht kämen noch stärkere Wunder nach, wenn der Eifer sich auch gegen die antichristliche Hexe wandte, gegen die Heidin Hypatia, die noch schlimmer war als die jüdischen Gottesmörder. Über die Räume der Kathedrale hinaus ging die Wirkung. Schnell wie ein Wirbelwind hatte sich von Tor zu Tor, von Schiff zu Schiff die Nachricht verbreitet, der Statthalter habe einen heiligen Mann zum Märtyrer gemacht und die Leiche sei vor aller Augen sichtbarlich von Engelscharen in die Kirche getragen worden, wo der Erzbischof sie segne, damit das Volk gesegnet sei und das Jahr fruchtbar. Von überallher strömte die Menge zusammen. Tausende und Abertausende drängten sich vor der Kathedrale. Hier erfuhren sie, daß der heilige Ammonios fortfuhr, Wunder zu tun, Kranke zu heilen, Tote zu wecken, und daß ihm ein Engel die Palme der Märtyrer vom Himmel gebracht habe. Weit standen die Tore des Gotteshauses offen. Immer lauter und sehnsüchtiger wurde das Geschrei der Draußenstehenden. Auch sie wollten selig werden durch den Anblick des Märtyrers! Auch sie wollten gesund und reich und glücklich werden! Drinnen schloß der Erzbischof seine Ansprache und traf seine Anordnungen. Durch die Sakristei hindurch sollten die Zuhörer langsam und ordentlich die Kirche verlassen, und so immer neuen Scharen Platz gemacht werden. Zwei Reihen von Mönchen sollten die Menge durch gütliches Zureden zum Ausgang lenken. Niemand sollte ausgeschlossen sein. Ganz Alexandria sollte in dieser Nacht des Segens teilhaftig werden, der vom heiligen Ammonios ausging. Der heilige Ammonios müsse Schutzpatron der Stadt werden, die noch bis vor kurzem stierköpfigen Göttern gehuldigt hätte. Die Stunde sei gekommen. Der Himmel warte jetzt auf ein Glaubenszeugnis seiner lieben Alexandriner. Dann sei die letzte Schlacht gegen das Heidentum geschlagen, sei gewonnen, sei erkauft mit dem köstlichen Blute des Wundertäters Ammonios. Ruhig wurden die Befehle des Erzbischofs ausgeführt. Die Menschenwogen schoben sich schwer und langsam, aber ohne Stillstand dem Ausgang zu, und stürmisch und lärmend wie in einer Stromschnelle drängten und stürzten andere Menschenwogen durch das große Tor in die Kirche hinein. Die ersten, welche die Kirche verlassen mußten, hofften, noch einmal durch den Haupteingang Zutritt zu finden, und liefen um die Kirche herum, um auf dem Hafenplatz wieder Aufstellung zu nehmen. Aber da wartete schon die halbe Stadt auf die Gunst, Zutritt zu finden. Die Glücklichen, die den Heiligen geschaut hatten, konnten nur erzählen und wieder erzählen. Eine neue und schöne Legendengeschichte entstand in dieser Nacht auf dem Hafenplatz von Alexandria. In der Kirche strömte das Volk langsam, langsam am Katafalk vorüber. Nach der Ansprache des Erzbischofs war es einige Zeit still geblieben. Nur das Toben und Schreien der Haufen, welche an der Kirchenschwelle um den Eingang kämpften, war zu hören. Der Erzbischof gab einen neuen Befehl und zog sich in seine Loge zurück. Jetzt betrat in kürzeren und längeren Zwischenräumen ein Geistlicher nach dem anderen die Tribüne. Jeder, dem die Gabe des Wortes verliehen war, sollte sie heute gebrauchen. Domgeistliche, Mönche und Einsiedler stellten ihre Redner oder doch ihre Fanatiker. Wenige Minuten sprach der eine, eine Stunde und mehr der andere. Der ermahnte fromm und mild die Gemeinde zur Heiligkeit und zum reinen Glauben, der andere erzählte von den Gesichten der Wüste, von den Versuchungen des Satans und von der Riesenkraft der Gottesstreiter. Der dritte stieß Kriegsrufe aus gegen die letzten Heiden, gegen die gottlosen Beamten und den frivolen, atheistischen Hof in Konstantinopel. Dann kamen – es war tief in der Nacht – plötzlich die Chorknaben in ihren weißen gestickten Hemden und schwangen ihre silbernen Weihrauchfäßchen zu Häupten des heiligen Ammonios. Immer schwerer wurde die Luft der Kirche, immer trüber leuchteten rötlich schimmernd die Wachskerzen, immer tiefer brannten sie herunter. Immer seltener wurden die milden Prediger, immer wilder wurden die Phantasien der Einsiedler und die Hetzrufe der Mönche. In ruhiger Würde saß Kyrillos auf seinem erhöhten Platz. Nervös trommelte er mit den Fingern auf der Brüstung. Einige junge Geistliche standen hinter ihm. Von Zeit zu Zeit sandte er einen fort, bald um einen ungeeigneten Redner von der Tribüne zu entfernen, bald um einen besseren zu beloben. Und dann wieder sandte er Boten nach seinem Palais. Ob immer noch keine Nachricht von Isidoros da wäre? Spätestens am Palmsonntag hätte er eintreffen wollen. Wenn er heute nacht eintraf mit seinen Wilden oder doch morgen in der Frühe, dann wehe dir, Statthalter des Kaisers, dann gnade dir Gott, Patenkind des Abtrünnigen! Die Nacht verging. Niemand war müde. Immer noch traten neue Redner auf, immer noch strömten die Menschenwogen herein, immer noch war der Platz vor der Kirche gefüllt. Durch die Fensterhöhlen schimmerte graues Licht herein. Da erhob sich Kyrillos. Die Verehrung des Leichnams ging ihm zu langsam. Plötzlich, mit einem Schlage sollte sein Ammonios die Stadt gewinnen. Einige wenige Worte sprach er zu seinem Adjutanten, dann setzte er sich wieder nieder. Und bald trat ein neuer Redner auf, Hierax. Anfangs schien es, als sollte die geschulte Beredsamkeit des Mannes abfallen gegen die letzten Mönche und Einsiedler, welche ihre Worte wie Feuerbrände in die Masse geworfen hatten und von denen einer noch aufmerksam angehört wurde, als er mit Schaum vor dem Munde eine unverständliche Sprache redete. Hierax versuchte ruhig die Ergebnisse dieser ganzen Nacht zusammenzufassen. Auf einmal aber starrte er auf den Leichnam und schrie auf und schrie noch einmal auf und verkündete dann mit zitternder Stimme, daß Ammonios, sein seliger Freund, so eben die Hand bewegt habe, zum Zeichen, daß er neue Wunder tun, daß er sich aus eigener Kraft nach einem anderen Orte bewegen wolle. Wie eine langgestreckte Brandungswoge wälzte sich die Menge bei dieser Nachricht auftosend und jubilierend einen Schritt vor. Im Nu war der Katafalk von allen Mönchen dicht umdrängt, und hunderte Stimmen riefen: »Platz, Platz für den Toten! Platz für den Heiligen! Ein Wunder! Platz für ein Wunder!« Wie im Sturm schob sich alles innerhalb der Kirche hin und her. Männer und Frauen schrien auf wie in Todesnot. Ohnmächtige verschwanden unter den Füßen. Aber es gelang. Eine Gasse bahnte sich wie von selbst. Offen wurde der Katafalk zwischen den beiden Menschenmauern hindurchgeschoben. Ihn durch das Tor zu bringen, schien kaum möglich. Doch auch das glückte. Und dann auf den Schultern von so viel Mönchen, als dicht gedrängt unter dem Karren Platz hatten, hinaus, über die Freitreppe hinab und in den wahnsinnig aufbrüllenden Haufen hinein. Dann zeigte der Heilige wieder selbst den Weg. Hierax, schritt jetzt voran. Kyrillos ließ sich nicht mehr sehen. Eine schwarze Masse von Mönchen umdrängte den Katafalk; sie legten Hunderte von Händen auf. Der Katafalk rollte vorwärts und der festgekeilte Menschenhaufe machte Platz. Auch das nur durch ein Wunder. Um die Kirche herum, über das Bollwerk und am Palais des Statthalters vorüber zog das Wunder. Furchtbare Racherufe tönten zum Palais hinauf. Doch Ammonios blieb nicht stehen. Hinter dem Alexanderplatze, wo inmitten eines weiten gartenähnlichen Haines ein grüner Hügel mit einer Kapelle von einziger Pracht sich erhob, hielt der Zug. Die Menge war fieberhaft gespannt auf den Willen des Heiligen. Wollte er einen Triumphzug durch die geplünderte Judenstadt halten? Wollte er einige Tagemärsche weit bis auf den Berg Sinai ziehen und dort in altgeweihtem Boden ruhen? Plötzlich schien Hierax, einem Gebote des Heiligen zu folgen. Er schritt weiter, und der Katafalk folgte. Im strahlenden Tageslicht, im Angesicht der aufgehenden Sonne, zog die Masse über Sträucher und Blumen hinweg, geradeaus auf den Hügel zu und den Hügel hinauf. Wohl genügte die Wunderkraft nicht, um die Bäume umzuwerfen und den Karren aufwärts zu bewegen. Aber jetzt war kein Zweifel und kein Halten mehr. Aufschreiend vor Freude trugen die Mönche das Gefährt zwischen den Platanen empor, und Hunderttausend schrien mit und dankten Gott und waren glücklich; jedermann wußte jetzt, was der Heilige wollte. Auf dem Hügel stand die Kapelle; ihr Dach war getragen von den schönsten Säulen von parischem Marmor. Das Dach war golden und goldene Perlenbänder umgaben die Säulen, dort, wo sie auf dem Boden ruhten und dort, wo sie schlank die stolzen Kapitale trugen. Herrlich war die durchbrochene Bronzetür des Heiligtums, von innen heraus glänzte es von edlem Gestein. In der Mitte stand einsam und groß ein Sarkophag von Gold, und im Sarge ruhte der Gründer der Stadt, Alexander der Große. Alexander der Heide, der Grieche, der Makedonier, der Gotteslästerer, den man nun lange genug als einen Götzen verehrt hatte und dessen Gebeine nicht länger die Nähe einer christlichen Kirche beschmutzen sollten, und das Innere einer Kapelle, die längst verdiente, heiligeren Zwecken zu dienen. Der liebe heilige Ammonios! Wie gut hatte er es getroffen. Welcher Segen für die Stadt, wenn der goldene Sarg die Reliquien eines Märtyrers umschloß. Bleich vor Erregung und unentschlossen stand Hierax vor dem alten Wahrzeichen der Alexanderstadt. Er selbst stammte aus einem alten makedonischen Geschlecht. Aber jetzt konnte er nicht zurück: »Weiter! Werkzeuge!« Heilige Tat braucht keine Werkzeuge. Die Bronzetür flog aus den Angeln und der goldene Deckel des Sarkophags hob sich und was er enthielt, war nach wenigen Minuten verschwunden. Wirklich verschwunden. Der goldgestickte Purpurmantel oder die wenigen Fasern, die nach siebenhundert Jahren noch übrig waren, die Waffen, der Königsring mit dem großen blauen Stein, die seltsame Krone, alles verschwand, und die Vase mit der Asche Alexanders des Großen ging von Hand zu Hand, auch sie verschwand, die Vase und die Asche, Staub zu Staub. Und dann lag der heilige Ammonios im Sarkophag Alexanders des Großen und hunderttausend Beter begrüßten mit einem frommen Gesang den Anbruch des Tages. 11. Die Katakomben Der leuchtende Morgen des Palmsonntags fand den Statthalter von Ägypten und den Erzbischof bei der Arbeit. Beide hatten Meldungen erhalten, daß wieder eine Schar von Einsiedlern gegen die Stadt heranrücke. Diesmal ein großer Haufe von vielen Hundert Mann. Kyrillos wußte, daß Isidoros an ihrer Spitze stand. Der Statthalter, dessen Wunde keine ernste Sorge mehr machte, begnügte sich damit, Briefe zu schreiben und zu diktieren, Briefe an den Kaiser und die Kaiserin, an das Militärkabinett und an den Hofmarschall des Weiberpalais. Der Inhalt war überall der gleiche, nur der Ton wechselte. Die Hetztätigkeit des Erzbischofs habe das Äußerste gewagt, der Statthalter des Kaisers selbst sei angegriffen worden und nur durch ein Wunder dem Tode entgangen. Das sei offenbar Majestätsbeleidigung. Kyrillos habe diesmal endlich Farbe bekannt und es gewagt, die Leiche des Mörders und Majestätsbeleidigers öffentlich auszustellen und den wütenden Ammonios sogar unter die Zahl der Heiligen aufzunehmen. Ammonios sei übrigens nicht ordentlich hingerichtet, sondern vom Volke gelyncht worden, ein Beweis, daß die Sache des Kaisers in Alexandria mächtig sei und daß ein rücksichtsloses Vorgehen gegen den übermütigen Kirchenfürsten auf keinerlei Schwierigkeiten stoßen würde. In diesem Sinne verfaßte Orestes noch einige Privatbriefe und sorgte dafür, daß ein Kurier sie noch heute mit dem Postschiff nach Konstantinopel brachte. Inzwischen handelte Kyrillos. Er sandte Hierax den Einsiedlern unter Isidoros entgegen und hatte gleich darauf eine geheime Unterredung mit dem Oberst des Regiments von Unterägypten. Der Oberst stand vor dem Erzbischof wie vor seinem geistlichen Vorgesetzten. Kyrillos sagte ihm: »Sie werden binnen einer Stunde den Befehl erhalten, mit Ihrem Regiment durch das Wüstentor auszurücken, bis ans Ende der Landenge zu marschieren und dort den heiligen Männern aus dem nitrischen Gebirge den Zugang zu unserer Stadt zu verwehren. Im Namen der Kirche befehle ich Ihnen, diesen Befehl so auszuführen, daß Sie südlich durch das Sonnentor ausmarschieren, sodann längs des Mareutsees nach Osten weitergehen, zwei Meilen von hier lagern und gegen Sonnenuntergang wieder in Ihre Quartiere einrücken.« Der Oberst grüßte militärisch und ging; und Kyrillos lächelte über die Insignien des römischen Reiches, welche der Offizier auf seiner Uniform trug. Eine Stunde später wurde dem Statthalter ein schleuniger Befehl zur Unterschrift vorgelegt. Ein ganzes Regiment sollte auf Vorschlag des Stadtkommandanten den Einsiedlern entgegenrücken; man kannte ja nicht ihre Zahl und ihre Waffen. Der Statthalter zögerte noch und meinte, sein Leibregiment sei vielleicht zuverlässiger. Der Oberst, der vorgeschlagen war, sei mehr Christ als Soldat. Der Stadtkommandant äußerte Gegengründe. Die Ehre, von der Garde zurückgeschlagen zu werden, wäre zu groß für den elenden Haufen. Auch würde es in Konstantinopel einen guten Eindruck machen, wenn die christlichen Fanatiker von christlichen Offizieren im Zaum gehalten würden. Orestes unterschrieb. In den unterirdischen Hallen des Gespensterhauses hatte ein kurzer Frühgottesdienst stattgefunden. Gegen dreihundert Männer und Knaben hatten teilgenommen. Mit einer schwermütigen, stellenweise todestraurigen Ansprache von Biblios schloß die Feier. Der Märtyrer war heute milde, wie nie zuvor. Kurz nach Sonnenaufgang kehrten viele arme Handwerker und unfreie Arbeiter auf dem gewohnten Wege durch die verfallenen Gräber in ihre Wohnungen zurück. Die übrigen blieben in der großen Halle beisammen, um von Biblios zwei Stunden in der christlichen Lehre unterwiesen zu werden und dann mit einem Liebesmahl die festliche Osterwoche zu beginnen. Wolff hatte am Gottesdienste teilgenommen. Während aber die Ordnung sich löste und Biblios unter freundlichem Geplauder darauf wartete, daß der Unterricht beginnen konnte, sagte Wolff dem alten Fähnrich Lebewohl. Ihn beunruhige der Zustand der Stadt und er wolle bei seinen weltlichen Freunden Erkundigungen einziehen. Der alte Fähnrich rief den frommen Biblios zu Hilfe. »Wolff will uns verlassen. Er glaubt, er sei zu gelehrt für unseren Unterricht. Es zieht ihn wieder zu der Heidin, zur Hypatia.« Biblios sagte streng: »Wenn er sich kein Kind mehr fühlt, so ist unsere Lehre nicht mehr für ihn.« Wolff schwieg. Er wollte den greisen Blutzeugen nicht kränken. Endlich sagte er leise: »Wir sind doch keine Pfaffenknechte, daß wir ein Bekenntnis auswendig lernen müßten.« Biblios erwiderte: »Diese Gemeinde besteht nicht aus sinnierenden Deutschen. Ein Gefühl mag jeder für sich hüten. Die Gemeinde will ein Wort, das gemeinsam ist. Willst du dich von der Gemeinde lösen?« »Laßt mir Zeit.« »Geh nur,« sagte Biblios ernst, »denn halten können wir dich doch nicht. Und glaube weiter, daß du noch ein Christ bist, denn du bist es, solange du es glaubst. Und eines Tages, wenn der Stolz auf deine Kenntnisse dich verraten hat oder wenn du müde wirst, mit der Welt um die Welt zu kämpfen, dann weißt du, wo du uns findest. Mich zwar kaum mehr, aber vielleicht die zersprengten Glieder unserer Gemeinde. Bei den Gärtnern im nitrischen Gebirge werden wir Zuflucht finden, namenlos bei den Namenlosen. Über uns für weltliche Augen die Mönche und die Einsiedler. Dort wirst du uns finden, wenn kein Wunsch dich mehr umhertreibt, wenn du Ruhe suchst, weil du Ruhe gefunden hast. Bis dahin lebe wohl, denke an Christus und bleibe gut.« Der alte Fähnrich fuhr dazwischen. »Wolff ist nicht dazu da, um gut zu sein. Tapfer soll er sein und neben uns kämpfen, wenn's nottut!« »Verlaßt euch darauf, Hypatia wird mich nicht zum Feigling machen.« »So sind wir sicher, uns in Walhall zu sehen. Verzeihung, Biblios, ich wollte sagen, im Paradies.« Biblios lächelte. »Ich kannte das Wort nicht und glaubte, es hieße Paradies. Wir wollen doch nicht um Worte streiten. Um Worte fließt Blut seit hundert Jahren.« »Hochwürden, der Unterricht soll beginnen,« erwiderte Wolff lächelnd mit einer tiefen Verbeugung. Biblios drohte mit dem Finger. »Nicht spotten! So ein paar Worte muß doch ein Kind lernen, wenn es Mensch werden soll. Wenigstens Vater sagen.« »Vater!« rief Wolff und ergriff mit beiden Händen den Armstumpf des alten Bischofs und drückte seine Lippen auf die Narben. Dann ging er aufrecht die Stufen empor und geradeaus über die Straße in die Stadt hinein. Biblios konnte sich nicht leicht entschließen, heute die Christenlehre zu beginnen. Kopfschüttelnd ging er lange vor den versammelten Knaben und Männern auf und nieder und dachte an Wolff. Ja, wenn die Christen alle oder gar die Menschen alle wären wie Wolff, brav und gescheit und gesund und jung, dann wäre das Tausendjährige Reich angebrochen. Dann dächte man nicht an den Tod und an die Dinge nach dem Tode. Dann wäre Not und Jammer nicht zu bekämpfen und nicht die Schlechtigkeit der Großen und die Gemeinheit der Kleinen. Dann bliebe auf Erden kein Raum für die Sehnsucht und kein Raum für Religion. Und wieder schüttelte er den Kopf. Wäre denn das schön? War denn die Sehnsucht und der Glaube nicht besser als Bravheit, Klugheit, Jugend und Gesundheit? War denn der alte Biblios plötzlich zum Griechen geworden, weil der Freund der Hypatia mit ihm gesprochen hatte? Da saßen und standen sie vor ihm, die armen, geplagten Menschen und ihre kränklichen, unbelehrten Kinder. Denen half kein griechischer Gott, denen half nur die frohe Botschaft vom Heiland. Biblios lächelte milder, als er sonst wohl tat, und begann den Unterricht. Aber er blieb heute bei einigen Versen der Bergpredigt stehen. Über das Wesen Gottes zu sprechen schämte er sich vor Wolff, der doch fortgegangen war. Und noch bevor die zwei Stunden um waren, schloß er seine Ermahnung mit einem herzlichen Aufruf, sich's wohl sein zu lassen beim Liebesmahl und den Buchstabenglauben nie über das Gefühl der Liebe zu setzen. Das Mahl begann. Einige der wohlhabenderen Gemeindemitglieder hatten so viel beigesteuert, daß ein jeder ein Stückchen vom Osterlamm, ein Honigbrot und einen Becher Wein erhalten konnte. Für manche der Anwesenden war das ein frommer Akt, für einige sogar schon eine Herablassung zu den Armen und Elenden. Für die meisten aber war es ein seltenes Fest, und nach dem ersten Schluck verbreitete sich eine heitere Stimmung in der Halle. Die Männer begannen über öffentliche Angelegenheiten zu plaudern und zu fragen, und die Knaben sangen, ohne daß Biblios einschritt, ein altes ägyptisches Lied, wie es die Straßenjungen von Alexandria seit Jahrhunderten zur Frühlingszeit zu singen liebten, wenn die Störche am Delta Hochzeit machten und über das Meer hinweg nach Norden zogen zu den Eismännern und Schneeweibchen, die keine Kinder hatten, und denen ägyptische Störche darum lebendige Kinder bringen mußten. Plötzlich verstummte alles. Von der eisernen Tür her ertönte das Zeichen. Einer der Wächter schlug mit dem Schwert an die dröhnende Hohlkugel. Totenstille herrschte. Ein Überfall! Mörder! Die Kirche! Die Eisentür flog ins Schloß. Biblios wußte, daß die Wächter in dem engen Raum mit Opferung ihres Lebens Zeit schaffen würden, wenigstens für einige Minuten. Ruhig, traurig traf er seine Anordnungen. Alle Lichter wurden gelöscht. In der Dunkelheit mußte der alte Fähnrich, der die Räume am genauesten kannte, zu dem geheimen Ausgang nach der Gräberstadt dringen, um zu sehen, ob auch der verraten war. Und langsam, die jüngsten voran, sollten die Versammelten sich nach der Begräbnishalle zurückziehen, um von dort womöglich die Freiheit zu gewinnen. Bei den Gärtnern sollte man sich wiedersehen. Das war für den Fall einer Niederlage längst beschlossen. Durch die Eisentür drang dumpfes Geschrei und Schwertgeklirr. In der Halle beteten alle laut oder leise. Plötzlich vernahm man hastige Schritte und schweres Keuchen und die Stimme des Fähnrichs: »Der Ausgang ist frei. Kein Hund und kein Mönch zu sehen. Hochwürdiger Herr, laßt mir jetzt den Befehl. Bin Soldat. So wie jeder dasteht, geht er langsam Schritt für Schritt nach dem Felsenausgang. Keine Übereilung. Wir geben euch eine Stunde Zeit. Eine Stunde lang halten wir die schmalen Gänge, ich und zehn Kameraden.« Der Fähnrich rief zehn Männer beim Namen, von denen er wußte, daß sie wenigstens ein Messer bei sich trugen und keine Furcht kannten. Jeder antwortete beim Aufruf und tastete sich im Finstern dorthin, von wo des Fähnrichs Stimme klang. »Und Biblios?« sagte Biblios selbst, als der Fähnrich keinen Namen mehr nannte. »Ich hoffe, daß ihr mich duldet. Arsenios übernimmt die Führung der Flüchtlinge. Ihr hinaus durch die Gänge. In der Begräbnishalle sammelt euch, dort könnt ihr wieder Licht machen. Und keine Übereilung in der Felsenspalte. Wir schwören, daß ihr eine Stunde unbelästigt bleibt. Solange werden sie mit uns zwölfen nicht fertig. Was, Fähnrich? Lebt wohl! Bei den Gärtnern!« Unter Schluchzen und Lebewohlrufen zog sich die flüchtige Schar in den geheimen Gang hinter der Rednerbühne zurück. Noch waren die letzten nicht verschwunden, als die Eisentür plötzlich einen Pfosten umriß und hereinkrachte. Einer der Wächter rannte blindlings in die Halle und rief mit lauter, unsicherer Stimme: »Die anderen sind tot! Es sind die Einsiedler! Ich kann nicht mehr!« Hinter ihm drein stürzten die Angreifer. Aber in dem vollständig dunklen Räume wußten sich selbst die Wildesten nicht zu raten. Alle schrien nach Licht, nach Feuer. Blutige Drohungen klangen dazwischen. Bevor Licht gemacht wurde, war auch der Gang von Flüchtlingen frei, und die zwölf Verteidiger konnten sich dort festsetzen. Biblios stand an ihrer Spitze. Als die Einsiedler eine Fackel im Mauerring angezündet hatten, warfen sie sich ungestüm vorwärts. Sie gaben dem letzten Wächter den Gnadenstoß und suchten die Ketzer. Sie stimmten ein Wutgeheul an, als sie endlich erkennen mußten, daß der ganze Raum leer war. Überall spähten sie umher. Es dauerte lange, bevor sie den Ausgang erblickten. Hier aber erwarteten sie kampfbereit und in gutgewählter Stellung, dort, wo der Gang sich zuerst verengte, die Gegner. Der Fähnrich hatte gehofft, feige Mönche würden auf eine solche Position gar keinen Stoß wagen. Er hatte die Einsiedler falsch beurteilt. Sie erkannten, da sie mit einer anderen Fackel in den Gang hineinleuchteten, den Bischof Biblios und triumphierten. Unerschrocken stürzten sich ihrer so viele, als Raum hatten, auf die Ketzer. Der erste Stoß wurde zurückgeschlagen, aber beim ersten Anlauf war auch Biblios von einem Messer durchbohrt worden. Er hatte den Feinden nur seinen Armstumpf entgegengestreckt. Die Einsiedler rannten ebenso wild, wie sie den Angriff unternommen hatten, in die Halle zurück, und andere stürzten vor. Nicht so bald gab es auf seiten der Verteidiger wieder einen Toten. Aber Messerstiche, Keulenhiebe gab es genug. Ununterbrochen und mit immer frischen Kräften stürmten die Einsiedler an. Die Verteidiger ermatteten und konnten sich immer nur wieder erholen, wenn es ihnen gelang, dem Fackelträger die Fackel aus der Hand zu schlagen und das Feuer auszutreten. Dann gab es eine Pause, bis wieder Licht herbeigeschafft war. Und im Dunkeln führte wohl der Fähnrich seinen kleinen Trupp bald vor, bald zu einer guten Position zurück, um die Angreifer über die Entfernung zu täuschen. So kämpften sie über eine halbe Stunde. Von den Ketzern war die Hälfte durch Blutverlust erschöpft. Von den Einsiedlern waren über hundert verwundet. Im ganzen waren die Verteidiger zurückgedrängt und standen eben auf einer breiteren Stelle des Ganges, als die Einsiedler nach einer kurzen Beratung in stockfinsterer Nacht einen neuen, furchtbaren Vorstoß unternahmen. Geheul und Fluchen, Schwerthiebe und Todesrufe! Ein grauenhaftes Handgemenge, wo niemand wußte, wen er traf, und wer ihn schlug oder biß. Immer weiter zurück. Schritt für Schritt kämpfte der Fähnrich um den Gang. Anfangs fühlte er, daß neben ihm noch Freunde waren, dicht geschart, eine Mauer. Aber von Minute zu Minute verließ ihn diese Sicherheit. Schon kamen Eisenhiebe von links; von vorn und von rechts schien er noch geschützt. Dann ein furchtbarer Schrei, und dicht vor ihm heulte jemand den Namen Gottes, wie nur ein Einsiedler ihn heulen kann. Rascher wurde er zurückgedrängt. Und plötzlich stand er im hellen Licht der Begräbnishalle. Neben ihm flüchteten noch zwei von seinen Genossen. Und hundert Einsiedler blutgierig auf ihren Fersen. Die letzten Flüchtlinge verschwanden auf der Treppe der engen Felsenspalte. »Nur einen Augenblick Luft!« schrie der Fähnrich seinen beiden Genossen zu. Und beide wandten sich und schafften ihm den Augenblick. Der Fähnrich aber erreichte mit großen Sätzen den Felsenspalt, sprang hinein und wandte Schild und Schwert den Angreifern zu, die über die Leichen der letzten beiden Kämpfer heranliefen. Es war zu spät für sie. Der Fähnrich lachte und verhöhnte sie. »Immer hübsch nur einer heran, und mit einem werde ich fertig. Da! Ihr müßt die Toten an den Beinen zurückziehen, wenn ihr Platz kriegen wollt! Sonst verstopft ihr noch den Spalt mit euren schmutzigen Leichnamen!« Der Fähnrich atmete schwer. Er blutete aus vielen kleinen Wunden und hätte es nicht länger ertragen, wenn nicht wirklich nach jedem einzelnen Angriff eine Pause eingetreten wäre. Denn jeder Angreifer brach vor ihm zusammen und versperrte den Weg. Das konnte ja eine Weile dauern. Da kam wieder einer, ein langer, dürrer Bursche, der eine Hacke schwang. Der Fähnrich fing die Hacke mit dem Schilde auf und stieß dem wilden Manne sein Schwert in die Achselhöhle. In demselben Augenblick aber flog an den Beinen des Angreifers vorüber ein Messer und gerade in das linke Knie des Fähnrichs. Er sank nieder. Aber er erholte sich rasch, während der tödlich Getroffene, der vor ihm zusammengebrochen war, hinausgeschafft wurde. Er zog das Messer aus der Wunde, ließ sich auf das rechte Knie nieder und erwartete so den neuen Angriff. »Ihr Mordhunde,« schrie er, »ihr habt ganz recht! So haben wir es ja gelernt! So ist die Art, euch sicher abzuwehren! Danke bestens, werd's nicht vergessen! Jetzt soll mir einer kommen!« Auf das rechte Knie gestemmt, den großen Schild fest gegen den linken Fuß angezogen, so den ganzen Leib gedeckt, wies der Fähnrich Angriff auf Angriff zurück. Kaum daß ihn einmal ein furchtbarer Keulenhieb zurücktaumeln ließ, daß ihn eine Messerspitze streifte oder daß ihm eine Eisenstange mal etwas am vorgestreckten linken Fuß zerbrach. Doch das Knie schmerzte und schwoll an, und aus seinen Wunden floß ein bißchen viel Blut. Ruhig schützte er weiter den Felsenspalt. Unverändert war seine Stellung, und mit unveränderter Kraft führte er seine Stöße. Einmal umfing ihn eine Schwäche. Glücklicherweise während einer Pause des Kampfes, und der nächste kriegte wieder seinen ordentlichen Schwerthieb. Nicht bis auf die Knochen, aber doch fürs erste genug. Das dauerte wieder, solange es ging. Nach dem zweiten Schwächeanfall überlegte der Fähnrich, was er hier tue. Eine Stunde hatte er versprochen. Na, wenn er den Kampf in den Gängen in Betracht zog und die Menge Blut, die er, selbst ohne eine richtige große Wunde, vergossen hatte, so konnte wohl im ganzen die doppelte Zeit verstrichen sein. Er durfte wohl ausruhen. Dürfen oder nicht, lange währte es nicht mehr. Und wieder einmal hob er mit dem Schwerte aus, da überkam ihn eine tiefe Schwäche, er fiel vornüber auf seinen Schild. Nur noch einige Stiche in seinen Rücken. Und über ihn hinweg sprangen die Angreifer von Stufe zu Stufe und hinaus ins Tageslicht. Und hinüber über die Mauer der Gruft. Sie sahen weit und breit keinen Ketzer mehr. Spät in der Nacht schlichen einige Getreue von den Nazarenern durch die Felsenspalte hinab, um ihre Tapferen zu begraben, die Zwölf von der Nachhut. Der Fähnrich lag nicht mehr auf den Steinstufen. Er mochte noch einmal Lebenskraft gefühlt haben; so war er, einen breiten Blutstreifen nachziehend, bis in die Mitte der Begräbnisstätte gekommen. So fanden sie ihn. Sie suchten bei Fackellicht die Hallen ab und sammelten die Leichen der ihren um den Fähnrich. Das weiße Haupt des Märtyrers Biblios legten sie in den Schoß des alten Soldaten. Da schlug der noch einmal die Augen auf. Lange starrte er. »Tot bin ich nicht. Hab' nur kein Blut mehr. Hab's gern hingegeben, den letzten Tropfen. Begraben. Will nicht... Schakale ... Neben Biblios. Den letzten Tropfen. Wolff... Sagt ihm ...« Ein Lächeln flog über seine Züge. »Wie viele?« Man verstand ihn nicht gleich. Ach ja! Genau dreißig Anachoreten lagen entseelt in den Katakomben. »Sagt Uli, dreißig auf uns zwölf. Da war aber der alte Biblios dabei. Rechnet nicht. Sagt Uli... er soll auch immer brav sein... Neben Biblios.« Als die Getreuen sich dann überzeugt hatten, daß der Fähnrich wirklich nicht mehr lebte, setzten sie die Leichen bei. Der älteste der Männer, ein Bootsführer vom Hafen, sprach das Gebet und fügte noch hinzu: »Lebt wohl, ihr seligen Brüder. Wir ziehen zu den Gärtnern und wollen leben und sterben in unserem Heiland. Die Welt lassen wir den blutigen Feinden. Wenn aber eine neue Sonne einst über ein einiges Christentum scheint, dann wird den Gärtnern die Welt gehören, und an euren Gräbern wird man euer gedenken in Liebe.« 12. Hypatia Während noch unterirdisch gekämpft und gemordet wurde, begann Hypatia ihre letzte Wintervorlesung. Am Palmsonntag. Der noch blutiger enden sollte. Die Hetzpredigten hatten ihre Wirkung getan, und der Aufruhr in der Stadt trug dazu bei, viele Zuhörer wegzulocken. Kaum vierhundert Studenten hatten heute in der großen Aula Platz genommen, und unter diesen waren nicht wenige, die heute zum erstenmal zur Stelle waren, um sich vom Fräulein Professor den Besuch des astronomischen Kollegs testieren zu lassen. Hypatia empfand über dieses Ende einige Kränkung; die Vorlesung hatte so stolz begonnen; aber sie hatte sich gewöhnt, vor allem für die erste Bank zu sprechen; und hier ließ die Wirkung nichts zu wünschen übrig. Synesios und Alexander Jossephsohn schrieben heute so eifrig mit wie in der ersten Stunde; Troilos belohnte sie, öfter vielleicht als schicklich war, durch ein beifälliges Lächeln oder ein Kopfnicken, und Wolff, ja, Wolff verschlang sie nur mit seinen barbarischen blauen Augen. Sie wußte wohl, daß sie sich von Wolffs ehrlichem Glauben hatte beeinflussen lassen und daß von ihm ausgegangen war, was jetzt in ihren Worten so beglückend zu ihm zurückkehrte; aber es war ihr doch eine Freude, daß sie aus der Ferne, wenn es auch nur drei Schritte waren, ganz persönlich zu ihm sprechen konnte. Die zweite Stunde des Kollegs war noch nicht vorbei und Hypatia hatte die Vorlesung beendet. Langsam schloß sie ihre Handschrift und beugte sich in ihren Stuhl zurück. Ein leises Beifallsgetrampel verstummte wieder, man sah es ihr an, sie wollte noch einige Worte hinzufügen. Aus halb geschlossenen Augen warf sie einen ernsten Blick nach Wolff hinüber, der regungslos aufgestemmt dasaß und die festen Finger seiner rechten Hand tief in seine rotblonde Mähne hineingewühlt hatte. Nach einer langen Pause sagte Hypatia: »Es wäre unehrlich von mir, wenn ich zum Schluß der Vorlesung nicht eingestehen wollte, daß mir im Laufe der einzelnen Vorträge neue Gesichtspunkte hinzugekommen sind. Als ich den Entschluß faßte, über unseren Gegenstand vor Ihnen zu sprechen, wollte ich nicht den alten Aberglauben, wohl aber die alte Philosophie gegen den neuen Glauben verteidigen. Ich habe meiner Kritik nichts hinzuzufügen, ich habe keinen meiner Angriffe gegen die Lehren der christlichen Neuplatoniker zurückzunehmen. Doch eines möchte ich Ihnen noch mitgeben, meine Herren; vielleicht sehen wir uns nicht so bald wieder. »Es zittert wirklich etwas durch die Lüfte wie die Fata Morgana einer neuen Religion. Wir fühlen es alle, die wir reinen Herzens sind. Oder vielmehr nicht eine neue Religion ruft uns, sondern die Religion zum ersten Male. Wir ahnen, daß irgend etwas Wert hat im Leben, einen wahren, beständigen Wert; denn wir müßten alle froh sein, zu sterben, wenn nichts auf der Welt einen Wert hätte. Unser alter Götterglaube war in der Tat keine solche Religion. Beim Pöbel, der unsterblicher ist als die Götter, war der alte Glaube ein sinnloser Fetischdienst, voll von Lüge und Dummheit. Und bei den erleuchteten Geistern von Platon bis auf Kaiser Julianos, meine Herren, war der alte Glaube ein künstlerisches Schwelgen in den schönen Formen der Natur. Ein vollendet schönes Menschenantlitz, ein schöner, gesunder, junger Menschenleib waren uns die alten Götter. Aber auch der neue Glaube, der nun seit mehr als hundert Jahren in unseren Gegenden aufgekommen ist, er ist noch keine Religion. Dem unsterblichen Pöbel ist auch er der alte Fetischdienst mit aller Lüge und aller Heuchelei. Ob die armen alten Weiblein Heilung ihrer entzündeten Augen davon erwarten, daß sie die Leber des scharfäugigen Adlers essen, oder davon, daß sie die Gebeine eines ermordeten Christen berühren, das ist wohl einerlei. Aber auch bei den gebildeten Anhängern der neuen Lehre ist sie noch nicht die Religion. Eine Sehnsucht nur ist die neue Lehre, eine Sehnsucht empor aus dem Egoismus zur Liebe, und zugleich eine Sehnsucht hinab von den äußeren schönen Formen der Natur in ihre unbekannte Tiefe, eine Sehnsucht aus dem Leben, das unseren Vätern das einzig Wertvolle schien, zurück in den Tod, der keine Schrecken hat, weil er nur das Geheimnis der Natur verhüllt. Wir haben lange genug den wohlgefügten Leib und das schöne Antlitz der Natur betrachtet, wir wollen in das Herz des Menschen eindringen. Der alte Glaube kannte die Sehnsucht nicht, der neue hat uns nichts Besseres zu schenken gewußt als den süßen Schmerz der Sehnsucht. Der alte Glaube verhärtete das Herz des Menschen, der neue schlägt nach seinem Antlitz. Der alte Glaube war eine Oase, aber ringsum unendliche Wüste. Der neue Glaube zeigt uns eine Fata Morgana. Ein wallender See mit frischem Wasser und dahinter winkende Palmen und freundliche Zelte. Wir wissen, doch es nur eine Fata Morgana ist, und daß die Gläubigen, welche aufjauchzend vor Lust dem trügerischen Bilde nachjagen, mit Verzweiflung erkennen werden, ein Trugbild habe sie gelockt. Aber vielleicht ist der See mit seinen Palmen und seinen Zelten doch mehr als ein Trugbild. Vielleicht ist er eine Luftspiegelung, selbst nicht wahr und wirklich, doch das herüberleuchtende Abbild eines wirklichen Sees und wirklicher Palmen. Wandern wir weiter. Wir, Sie und ich, werden das glückliche Land nicht mehr betreten, die Religion der Zukunft kommt langsam gezogen; der Pöbel steht ihr im Wege. Und der unsterbliche Pöbel zeugt den unsterblichen Haß. Wir aber wollen nicht hassen, vor allem nicht hassen um des Glaubens willen. Und wenn einer unter uns wäre, dem die neue Lehre das Liebste geraubt hätte, den Vater oder die Freude am Wirken, so soll er doch nicht auf Rache sinnen. Dies Eine ist gewiß schön an der schlichten Weisheit des Zimmermannssohnes. Auch die neue Lehre, die sich jetzt siegreich über die alten Stammsitze der Griechen verbreitet, auch die neue Lehre wird einst so arm werden wie heute die olympischen Götter. Es kommt eine Zeit, wo der Christenglaube die alte Religion sein wird, die zu stürzen und zu vernichten aus der Tiefe des Volkes die Knechte sich erheben werden. Es kommt eine Zeit, wo das Christentum, wie heute der Dienst der Götter, nach einem kaiserlichen Beschützer ausblicken wird, damit er es vor dem Untergang rette. Es kommt eine Zeit, wo christliche Priester glauben werden, mit ihnen gehe die Menschheit zugrunde, und die Bestie wolle triumphieren in den neuen Idealen, wie es heute die Priester der Götter glauben. Wenn wir das aber wissen, so beugen wir unser Haupt und sagen: Nicht weil wir mehr wissen als sie, nicht aus Hochmut wollen wir unseren Feinden verzeihen. Nein, weil aller Weisheit Anfang und Ende die Überzeugung ist, daß wir arm sind an Wissen.« Hypatia verstummte und erhob sich langsam. Kein Beifallszeichen ließ sich hören. Die am treuesten bei ihr ausgeharrt hatten, waren die treuesten Anhänger der alten Götter und wußten ihr für ihre letzte Rede nicht Dank. Man nahm es ihr nicht übel, daß sie in so gefährlichen Zeitläuften einlenkte, wie die Studenten das verstanden. Aber hervorragend schön war das nicht von ihr. Etwa zehn Studenten drängten sich jetzt auf das Katheder, um sich testieren zu lassen. Hypatia besorgte das Geschäft teilnahmlos und wartete dann, gegen ihre Gewohnheit, bis die Studenten sich einer nach dem anderen entfernt hätten. Als nur noch ihre vier Getreuen im Saale waren, trat sie langsam die beiden Stufen hinab, reichte einem nach dem anderen freundlich die Hand und sagte ihnen einige Worte des Dankes für ihre tapfere Unterstützung. Und sie bat noch um einen letzten Dienst. Sie wolle zum kranken Statthalter hinübergehen und bitte die Herren um ihre Begleitung. Heute sei vielleicht wirklich einige Gefahr, von einem wütenden Mönche beleidigt zu werden. Die kleine Gruppe legte den Weg bis zum Palais des Statthalters rasch zurück. Auf dem Hafenplatz herrschte sonntägliche Ruhe, und auch an der Kathedrale war niemand mehr zu sehen. Die Stadt schien heute stiller bleiben zu wollen als in den letzten Tagen. Vielleicht hatte der Angriff auf den Statthalter die Stimmung des Volkes geändert. Die Komödie mit dem heiligen Ammonios war wohl nicht ernst zu nehmen. Hypatia mit ihren Freunden umschritt die große Freitreppe der Kirche und hatte dann nur etwa tausend Schritte weit zu gehen, um das Palais zu erreichen. Es war ein prachtvoller, heißer Frühlingstag, und die Sonne lag glühend über den festungsartigen Häusern zur Rechten und gegenüber auf dem spiegelglatten Wasser des Hafens, auf dem gewaltigen Leuchtturm und draußen auf dem Wellengekräusel des Meeres. Mit gierigen Atemzügen sog Hypatia die Luft ein. »Da warnt man mich vor den Gefahren der Straße. Mir ist, als wäre die Gefahr der Studierstube größer.« Synesios machte einige lehrhafte Bemerkungen über das richtige Verhältnis zwischen körperlicher und geistiger Arbeit und hoffte mit seinem vernünftigen Regime, das weder bei der Jagd noch beim Denken eine Überanstrengung zuließ, ein alter Mann zu werden. Als er aber erklären wollte, warum ihm gerade ein langes Leben besonders angenehm wäre, da unterbrach ihn Hypatia fast heftig und sagte: »Nennt einen Tag ein Jahrtausend, und die Eintagsfliege lebt tausend Jahre lang.« Synesios schwieg, und Troilos machte scherzhaft den Versuch, die Ausdehnung der Zeit und des Raumes für Täuschungen des Gesichts und des Gehörs zu erklären und daraus eine ganz absonderliche neue Pflichtenlehre abzuleiten. So kam man ganz munter vor dem Palais an. Über das Befinden des Statthalters gab es gute Nachrichten, und aus Hochachtung für Hypatia wurden die vier Herren mit ihr gemeinsam eingelassen. Orestes lag mit verbundenem Kopfe auf dem weichsten Langstuhl seines Arbeitszimmers und streckte der schönen Freundin lebhaft die Hand entgegen. »Das ist nett, liebste Hypatia, daß Sie nach mir sehen. Und zur Vorsicht mit ihrer Leibgarde. Sie haben recht. Nein, nein, meine jungen Freunde, ich freue mich immer, auch Sie zu sehen, aber Sie werden begreifen, daß ich Sie, wenn Hypatia dabei ist, nicht ganz nach Gebühr würdige.« Er bat seine Besucher, Platz zu nehmen, und Hypatia mußte sich auf einen bequemen Stuhl dicht neben seinem Lager niedersetzen. Er habe seiner Freundin übrigens einen guten Rat zu erteilen, noch lieber einen Befehl, wenn der Rat allein nicht genüge. Heute noch hoffe er für die Ruhe der Stadt bürgen zu können, er habe durch ausreichende Militärmacht die Straße nach den Klöstern verlegen lassen. Der Zuzug der Einsiedler wäre also fürs erste nicht zu befürchten, und die Mönche seien etwas weniger fanatisch und augenblicklich seiner Verwundung wegen in Angst. »Benutzen Sie diese Tage, liebste Hypatia; und ziehen Sie sich womöglich schon heute aufs Land zurück. Als alter Freund darf ich wohl so indiskret sein und von Ihrem offenen Geheimnis sprechen. Sie können keine bessere Zufluchtstätte finden als in der Heimat Ihres Freundes Synesios, der sich glücklich schätzen wird, für Sie noch heute ein bequemes Segelschiff zu heuern und Sie nach Kyrene hinüberzubringen. Es wird wirklich das beste für uns alle sein. Sie kommen auf die einfachste Weise den Leuten hier aus dem Gesicht und können dort ruhig fortfahren, den alten Göttern zu dienen. Die Landschaft von Kyrene ist vom Christentum noch kaum berührt. Die Leute sind arge Heiden und beten zu irgendwelchen einbalsamierten Tieren; dafür haben sie es noch nicht gelernt, andere Menschen um deswillen totzuschlagen, weil sie zu anderen Mumien beten. Ich wäre beruhigt, wenn ich Sie heute abend auf hoher See wüßte.« Hypatia schwieg, und nur Synesios dankte dem Statthalter für den väterlichen Rat und die gute Meinung. Er würde es immerdar für seine Lebensaufgabe halten, die Landschaft von Kyrene so hohen Lobes würdig zu machen, damit die Nachwelt einst, wenn sie von dem Musensitz Hypatias spräche, der Stadt Kyrene mit Wohlwollen gedächte. Es kamen neue Besucher, hohe Beamte und angesehene Kaufleute; Orestes mußte mit jedem reden. Hypatia empfahl sich, und Orestes lächelte, als bei ihrem Aufbruch die vier Freunde wie auf ein Kommandowort sich plötzlich erhoben. »Recht so, recht so, meine jungen Freunde! Aber ich hoffe, es ist das letztemal. Also glückliche Reise, liebste Hypatia, und sans adieu. Ich besuche Sie gewiß einmal in diesem Sommer, und bei ruhigeren Zeiten verbringen Sie den Winter in der Stadt.« Nach wenigen schicklichen Worten entfernte sich Hypatia und hörte noch, wie der Statthalter zu seinen übrigen Gästen gewandt sagte: »Ja, unsere herrliche Hypatia wird unsere Stadt leider nicht mehr dauernd bewohnen. Mein Verlust ist groß, aber ich hoffe ...« Stumm schritt Hypatia voran und winkte auch Synesios, mit den anderen zurückzubleiben,. Über den Straßendamm hinweg eilte sie auf das Bollwerk zu, lehnte sich mit abgewandtem Gesicht auf einen der Pfähle, um welche die draußen verankerten Lastschiffe mit starken Tauen festgebunden waren. Hier war der Regierungshafen, und die strengste Sonntagsruhe war durchgeführt. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Auch auf den Verdecken der Schiffe rührte sich nichts Lebendiges, nur hier und dort verriet ein aufsteigendes Rauchwölkchen, daß im Innenraum Menschen hausten. Wolff, Alexander und Troilos blickten mit verschiedenen Gefühlen auf das schöne Weib, das offenbar ihre Tränen verbergen wollte. Es zuckte in ihrem Körper von den Schultern herab. Synesios, dessen Rechte nun vor aller Welt anerkannt worden waren, trat dicht an die Frau heran, berührte vorsichtig ihren Arm und sagte leise und eindringlich: »Sieh die kleinen Rauchwölkchen, meine liebe Hypatia. Küchenrauch ist ein freundliches Zeichen und war es schon dem heimkehrenden Odysseus. Am Küchenrauch hat er den Weg zur Heimat erkannt. Es ist ja nicht schwer, zwei oder drei Tage auf so einem Schiff auszuhalten. Ich bereite alles vor, und wir segeln noch heute abend ab.« Hypatia antwortete nicht. Sie hatte sich hoch aufgerichtet, wandte den jungen Männern immer noch den Rücken zu, aber sie blickte nicht nach Westen, nach der Gegend von Kyrene, sondern am Palais vorüber nach Osten hin, unverwandt, ruhig geworden, streng und kalt wie eine Bildsäule. »Laß dich von den Freunden nach Hause geleiten, liebste Hypatia, und bleibe in deiner Wohnung, bis ich dich holen komme. Ich verlasse dich jetzt. Ich gehe zum Erzbischof. Ich will ihm sagen, daß du beschlossen hast, mein Weib zu werden und die Alexanderstadt zu meiden. Du wirst sehen, das wird ihn milde stimmen. Ich glaube nicht, daß er eigentlich ein böser Mensch ist. Er wird dir und mir seine Gunst zuwenden, und da er immerhin ein einflußreicher Mann ist, einflußreicher als dein Freund, der Statthalter, so wäre es töricht, ihn nicht klug zu behandeln. Darf ich zu ihm gehen?« »Alles!« sagte Hypatia und wandte sich mit fast heiterem Ausdruck nach Synesios um. »Und wirst du dich nach Hause geleiten lassen und mich zu Hause erwarten?« »Ich gehe nach Hause.« Synesios verpflichtete seine Freunde noch mit starken Worten, seine Braut zu beschützen. Er mache sie für alles verantwortlich. Das Geschäft beim Erzbischof leide keinen Aufschub, denn gerade dessen Einfluß werde die Abreise fördern. »Lebt wohl und schirmt Hypatia! Jeder Blutstropfen in eurem Leibe sei ihr Wächter!« Und mit einem lauten Gruß eilte Synesios in die Kirchenstraße hinein, dem Palais des Erzbischofs zu. Hypatia blickte ihm mit heiterem Gesicht nach. Als er verschwunden war, schüttelte sie sich plötzlich und sagte dann laut: »Nie! Ich reise nicht, ich verlasse Alexandria nicht. Hier stehe ich, und hier bleibe ich, und als sein Weib folge ich ihm nie.« Sie hatte es fast allein zu Wolff gesagt. Der stürzte vor und faßte sie bei beiden Händen. Dann schlug er an sein Schwert. Aber sprechen konnte er nicht. »Komm,« sagte Hypatia. »Führ' mich nach Hause. Ich weiß nicht, mir ist ein Glück widerfahren. Ich möchte jetzt nicht sterben.« »Doch, jetzt!« sagte Wolff leise. Dann ging er neben Hypatia das Bollwerk entlang dem Hafenplatze zu. Troilos und Alexander blieben nur wenige Schritte zurück. Dann folgten sie, und Troilos sagte: »Wir spielen recht dankbare Rollen, was? Du und ich. Der eine geht zum Erzbischof betteln, und der andere führt die Braut heim. Und dafür sollen wir jeden Blutstropfen hergeben.« »Glaubst du ernstlich an Gefahr, Troilos?« »Jawohl,« fagte Troilos lächelnd, »wir werden alle totgeschlagen werden. Weißt du, Alex, ich überlege eben, soll ich lieber nach Hause gehen, mir einen vornehmen Rausch trinken und euch alle zum Henker schicken, oder soll ich mich aus reinem Epikureismus euch anschließen, um mit euch von Kyrillos aufgespießt zu werden? Die Rechnung ist schwer. Mein Ende wäre doch schließlich so etwas wie Selbstmord. Aber für Hypatia jeden Blutstropfen hingeben, wie Synesios das so schön ausgedrückt hat, das ist möglicherweise ein ganz neuartiger Genuß. Ich wäre neugierig darauf, wie einem dabei zumute sein mag.« »Red' doch nicht so.« »Jüdchen, Jüdchen! Ich glaube, du hast Angst!« Alexander blieb stehen und sagte nicht ohne seinen spöttischen Ton, aber doch mit harter Stimme: »Angst? Angst? Was ist das? Wenn es zum Kampfe kommt, so wirst du dabei sein aus Neugier und Blasiertheit, um mal was Neues zu erleben. Wolff wird dreinhauen, weil ihm das Dreinhauen so natürlich ist wie einem Stier das Stoßen oder meinetwegen wie einem Löwen der Mut. Angst! Mir ist kalt geworden bei deinen Reden, und es wäre mir lieber, wenn ich euch und die Hypatia nie kennen gelernt hätte. Ich wüßte dann vielleicht gar nicht, was für Scheusale meine Tanten sind, und würde mir einbilden, irgendwo hinter den Akten ein großer Mann zu werden. Angst! Ich könnte ebensowenig Hypatia in der Gefahr verlassen, als ich auf dem Kopfe gehen könnte. Mutig sein kann jeder Hund. Der Mensch ist eben anständig, oder er ist es nicht. Und ich denke, wir sind anständig.« »Ich will dir was sagen, lieber Alex. Sehr logisch hast du nicht gesprochen. Aber an Tapferkeit erreichst du im Grunde jeden anderen. Dein berühmter Namensvetter Alex der Große wäre mit dir zufrieden.« Inzwischen hatten Wolff und Hypatia das Ende des Bollwerks beinahe erreicht. Sie hatten nicht viel miteinander gesprochen. »Wolff!« hatte Hypatia einmal mit ihrem schönsten Lächeln gesagt, und es klang das deutsche Wort in ihrer Sprache fremd wie »Uli«. Da lächelte er und sagte: »Hypatia«. »Du sprichst den Namen richtig aus, besser als ich den deinen. So feierlich. Mich nennt niemand anders, seitdem Vater tot ist.« »Darf ich dich anders nennen? Darf ich Hypatidion sagen?« »Es steht dir und mir nicht, laß es.« Und jetzt am Ende des Bollwerks blieb er stehen. Von der Ferne klang es wie sonntäglicher Psalmengesang. Sonst war nichts zu hören. »Du hast mich glücklich gemacht, Hypatia. Du folgst ihm nicht? Darf ich...« »Sei still, Uli. Wer seine Gedanken so weit steigen ließ, wie ich...« »Einerlei!« »Ich würde dir kein Weib sein können, wie du es willst. Ich könnte in deinem Arm nicht ruhen, ich könnte dich nicht einmal küssen, ohne zu schaudern vor der Berührung des Mannes. Nicht vor dir. Laß! Das Leben bietet kein großes Glück, nur glückliche Augenblicke, und die glücklichen Augenblicke hat mir mein Denken geraubt für immer! Laß! Wenn sie mich aber töten sollten, und meine arme kleine Seele, wie die alten Bilder das zeigen, über meine Lippen entflieht, so fange du mit deinem Atem meine arme Seele auf, und sie wird dir von mir erzählen.« »Das kann nicht sein, Hypatidion. Denn mit dir werde ich ja auch sterben und könnte nicht lange mehr darauf lauschen, was deine kleine Seele mir erzählt.« »Laß nur, Uli, sie wird nicht viele Worte brauchen.« Sie blickten einander an, und Hypatia fagte, als Wolffs Augen immer glücklicher erglänzten: »Jetzt war mir schon, als ob meine Seele mir entflöge.« Da kamen Troilos und Alexander rasch heran. »Hört ihr nichts? Natürlich, Alex, was werden die denn hören!« »Das Psalmodieren drüben?« »Er hat recht,« sagte Alexander. »Das kommt aus keiner Kirche. Das ist eine Prozession. Das sind Mönche. Kommt schnell!« Troilos und Alexander eilten voran, und ebenso rasch, wenn auch wie weltvergessen, folgten ihnen Wolff und Hypatia. Sie bogen um die Kathedrale und überschritten den großen Hafenplatz, auf welchem nichts Auffälliges zu bemerken war. Nur am westlichen Ende konnte man einige Hafenarbeiter bemerken, welche die Straße hinuntersahen, als ob etwas Merkwürdiges herankäme. Schon war der Platz überschritten und die Ecke der Akademie erreicht, als aus deren Tor Hypatias kleiner Eseljunge hervorstürzte, wie ein Hündchen herbeilief und Hypatia, ohne stehenzubleiben, zuflüsterte: »Zurück! Rettet euch! Man lauert euch auf! Die Mönche!« Sie blieben stehen, und Wolff richtete sich hoch auf. Aus dem Torweg der Akademie vernahmen sie jetzt lautes Geräusch. Man hatte wohl die Absicht des Eseljungen erraten. Der rannte scheinbar unbefangen um den Platz herum und dann die Straße hinunter den Psalmensängern entgegen. Wolff sagte rasch und fest: »Wir müssen zurück. Wenn wir das Palais erreichen, ist Hypatia gerettet. Kommen sie früher, so halten wir sie auf und Hypatia flüchtet in die Kathedrale. Dort ist Asyl.« Sie wollten rasch über den Platz zurückeilen, da brachen aus dem Torweg der Akademie an die hundert Männer vor, junge Leute vom Gesellenverein und Mönche. »Da läuft sie, die Hexe! Nieder mit ihr! Haut sie in Stücke! Und ihre Liebhaber dazu!« Der Haufe rannte gegen Hypatia und ihre Beschützer heran. Die Fliehenden blieben auf einen Zuruf Wolffs sofort stehen. »Jetzt nur nicht laufen. Mit dem Gesindel werden wir fertig oder halten sie doch auf. Hier, Troilos, hier, da habt ihr jeder ein Messer, geht vor. Ihr werdet mich nicht für feig halten, weil ich bei Hypatia bleibe. Ihr müßt sie nur aufhalten, und wenn doch, lebt wohl!« Sie hatten sich den Angreifern zugewandt, und diese waren plötzlich stehen geblieben. Über dreißig Schritte war die Entfernung. Wüstes Schimpfen und Gejohle klang herüber. »Reich mir die Hand, Hypatia!« rief Troilos. »Es ist zwar alles Unsinn. Aber du warst doch meine schönste Illusion. Wetten, daß wir uns nicht wiedersehen? Auch drüben nicht.« Lächelnd reichte ihm Hypatia die Hand. »Nicht wetten! Auf Wiedersehen!« »Gib auch mir die Hand,« sagte Alexander. »Und auch du, Wolff. Ich habe euch beide unglücklich geliebt.« »Leb wohl, mein lieber Freund, mein bester Freund! Aber willst du nicht doch lieber...« »Laß ihn, Hypatia, tu' ihm nicht weh. Er stirbt nicht gern. Aber er ist ein ordentlicher Kerl. Leb wohl, Alex!« Unter dem wilden Geschrei der Feinde schüttelten sie sich rasch die Hände, dann schritten Alexander und Troilos Fuß an Fuß, jeder ein langes Messer in der Faust, auf den Haufen zu. »Das Gesindel weicht,« sagte Wolff schnell. »In die Kathedrale!« Und schnell führte er Hypatia die Treppen hinauf. »So willst du meine Seele nicht?« Ausbrechend rief Wolff: »Ich liebe dich mehr als mein Leben! Aber nicht mehr als das deine. Komm!« Und er sprang die letzten Stufen empor und schlug mit dem blanken Schwert gegen das Eichentor. »Aufgemacht! Asyl!« Indessen hatten Alexander und Troilos sich dem Haufen bis auf drei Schritte genähert. Die Gesellen und Mönche waren bewaffnet, mit Eisenstangen und Messern, mit Keulen und Hacken. Aber niemand hob die Waffe. Nur Schimpfworte drangen auf die beiden Freunde ein. Troilos rief noch stärkere Worte zurück, und der Kampf schien sich in ein gemeines Gezanke zu verlieren. »Schimpf' mit!« flüsterte Troilos. »Das hält sie auf.« Alexander würgte ein wenig und begann dann: »Ihr Hundesöhne! Ihr Kleckse! Ihr Faulenzer und Tagediebe! Ihr Gottesverkäufer und Diebe! Hundert gegen einen wie Schakale! Schakale! Wüstenhunde!« »Galgenvögel!« nahm Troilos das Wort. Und an der Kirchentür schmetterte das Schwert. »Aufgemacht! Asyl! Asyl!« Immer lauter und immer näher tönten die Psalmen von der Straße herauf. Jetzt kam von dort her wie vom Bogen geschnellt der Eseljunge gelaufen und rannte vor den Mönchen vorbei, schnitt ihnen Gesichter und rief den Freunden leise zu: »Die Einsiedler kommen!« »Dann gute Nacht, Alex!« sagte Troilos leise und fuhr fort: »Ihr Aasgeier! Ihr Leichenräuber!« Der Eseljunge rannte im Bogen nach der Kathedrale und brachte Hypatia seine Meldung. Dort schickte ihn Wolff um die Kirche herum, er solle in die Sakristei eindringen und von innen öffnen lassen. »Asyl! Asyl!« Lauter und lauter schwoll der Psalmengesang an, und am Ende des Hafenplatzes rückten in geschlossenen Reihen die furchtbaren Gestalten der Anachoreten heran. Immer mehr, über fünfhundert Mann. Und wenn Wolff sein Auge nicht täuschte, so hatten sie schon blutige Arbeit getan. Rot schimmerten ihre Hacken und Stangen und Eisenketten. Waren die Nazarener... Auch dort mußte man scharfe Augen haben. Denn plötzlich verstummte der Psalmengesang, und ein Wutgebrüll drang herüber. Dann schrie einer, ein Langer, der an der Spitze stand, laut auf, und die Einsiedler begannen heranzulaufen. »Die Einsiedler!« schrie jetzt auch einer von den Mönchen. Und plötzlich rückte auch der Haufe zum Angriff vor. »Nun werde ich's bald erfahren!« schrie Troilos zornig lachend auf und schwang sein Messer und stieß es dem nächsten in den Hals und wollte es wieder hervorziehen. Da traf ihn eine Eisenstange, röchelnd brach er zusammen. Zehn Hacken und Keulen schmetterten auf ihn nieder. Alexander war beim ersten Ansturm drei Schritte zurückgewichen. Da sah er Troilos fallen und rief: »Endlich! Da, nehmt mich, hier und hier!« Und wild stach er um sich, daß die Mönche vor ihm zurückwichen. »Hier und hier!« Blindlings stach er darauf los, berauscht vom Blut, umschwirrt vom Tod, und schrie und stach, bis ihm von der Seite ein Messer ins Herz drang und auch er zusammensank. »Schlagt sie tot, die Hexe!« »Asyl! Asyl!« Schon hatten die Einsiedler die Kirchentreppe vor den Mönchen erreicht. Da blieben sie plötzlich erschreckt stehen, nur ihr Anführer, der lange Isidoros, war die beiden ersten Stufen emporgesprungen. Vom Dach der Akademie herab kam mit breiten Flügelschlägen der Marabu geflogen und flatterte jetzt, ängstlich mit den Fittichen schlagend, über dem Haupte Hypatias; er schlug mit dem harten Schnabel gegen das Kirchentor und kreischte wie ein Mensch. »Der Teufel steht ihr bei!« schrie einer von den Einsiedlern. Und alle ließen die Arme sinken. »Asyl!!!« Fast nur die jüngeren Einsiedler waren gekommen. In Fetzen hing den meisten das härene Hemd und das Schafsfell vom Leibe. Blut klebte an ihren Waffen und an ihren Händen. An ihrer Spitze nur, in der Nähe von Isidoros, standen Greise. Aller Augen glühten. Wolff suchte den Augenblick zu nützen. Bei der Klinge hielt er das Schwert hoch empor, zeigte den Kreuzgriff, trat bis zur obersten Stufe vor und rief mit mächtiger Stimme: »Im Namen von unser aller Heiland beschwöre ich euch, laßt ab von eurem Werke! Schon klebt Blut an euren Händen und doch spricht der Herr: ›Du sollst nicht töten.‹ Ich bin ein gläubiger Christ wie ihr und schwöre euch bei Jesus Christus, daß dieses Weib den Tod nicht verdient hat! Die Rache Gottes würde euch ereilen, wenn ihr freventlich ...« Wieder kam der Eseljunge herangesprungen und unterbrach ihn flüsternd: »Sie sind in der Sakristei. Ich habe sie sprechen gehört. Aber sie wollen nicht öffnen.« »Bist ein braver Junge! Geh zu Hypatia. Ich weiß nichts mehr. Aber ich habe Kraft. Vielleicht! Lauf ins Palais, erzähl' dort, hol' Hilfe!« Der Marabu konnte sich nicht länger in der Luft halten und fiel zu den Füßen Hypatias schwer nieder. Da schrien die Einsiedler wie erlöst auf, und mit Wutgeschrei erhoben sie die Waffen. »Er ist ein Nazarener!« heulte es aus dem Haufen. »Ein Barbar und ein Nazarener!« »Ein Nazarener!« wiederholten brüllend die Einsiedler. Wolff sprang mit zwei Sätzen zu Hypatia zurück. »Leb wohl, meine Seele ist dein.« Hypatia lehnte mit geschlossenen Augen wie ohnmächtig am Eichenholz des Kirchentors. Er hörte noch, wie sie seinen Namen flüsterte, dann sprang er wieder mit zwei Sätzen zur Treppe zurück und hinunter den Einsiedlern entgegen. Er hörte etwas neben sich. Und bevor er noch handgemein werden konnte, hatte ihn der Marabu überholt. Der starke Vogel schien den Kampf zuerst aufnehmen zu wollen. Die Einsiedler wichen zurück, und selbst Isidoros sprang die Stufen wieder herunter. Mit kräftigen Schnabelhieben drang der Vogel vor, aber plötzlich schlug ihm einer der Greise mit seinem Holzknüttel auf den kahlen Schädel. Der Marabu verzog schmerzlich den breiten Schnabel und verschwand unter den Füßen der Anachoreten. »Der Teufel ist besiegt!« schrie Isidoros. »Der Teufel verläßt den Nazarener! Drauf! Im Namen Gottes!« Da jauchzte Wolff auf mit einem Schrei, den noch niemand in Alexandria gehört hatte. »Juchhuh!« klang es, und die Hand hob sich und senkte sich, und Isidoros lag am Boden. Und die Hand hob und senkte sich, und einer der Greise brach zusammen. Und jetzt erst begann der Kampf des Einen gegen Fünfhundert. Von allen umringt, von allen getroffen, wankte Wolff nicht und schuf sich freien Raum. Wer ihm nahe trat nur auf einen Schritt, der fiel, und in das Toben und in das Stöhnen erklang sein Kriegsruf und sein Wettern: »Im Namen Jesu Christi und für Hypatia! Da und da.« Im Fieber des Kampfes hatte er unklar wahrzunehmen geglaubt, daß von hinter her Einsiedler und Mönche Ziegelsteine über die Köpfe der Kämpfenden schleuderten. Er hatte auch gehört, wie sie donnernd gegen das Kirchentor schlugen. Jetzt zuckte er zusammen. »Sie ist getroffen, sie ist gefallen, die Hexe! Triumph! Drauf im Namen Gottes! Nieder mit dem Nazarener! Nieder mit der Hexe!« Zweimal schlug Wolff mit seinem Schwert einen furchtbaren Kreis. Und beim drittenmal hatte er Luft. Er mochte wohl verwundet sein. Jetzt sah er's. Denn das Blut lief ihm von der Stirn. Und die linke Hüfte hatte wohl auch etwas abbekommen. Über mehrere Stufen hinwegsetzen konnte er nicht mehr. Es war wohl was entzwei. Aber Schritt für Schritt stieg er, immer aufs neue bedrängt, die Treppe hinauf und schlug im Rückzug immer noch um sich, von oben herunter in weitem Halbkreis. Jauchzen und sprechen konnte er nicht mehr. Jetzt war er oben. Nach rückwärts gehend, suchte er Hypatia zu erreichen. Umblicken durfte er nicht. Jetzt berührte sein Fuß ihr Kleid und er sah hinab. Sie lag da, eine klaffende Wunde an der Schläfe. Das rote Blut lief über ihr weißes Gewand. Dann schrie er noch einmal auf und stürzte sich zurück mitten in die Einsiedler. Durch ihre Haufen hindurch drang er bis zu einem, den er sich noch ausgesucht hatte, einen mit einem Stein in der Hand. Dem stieß er mit seiner letzten Kraft sein Schwert bis an den Kreuzgriff in die Brust, dann hatte er nichts mehr als seine Fäuste und faßte den nächsten bei der Gurgel, und von allen Seiten gestochen, zerhackt und getroffen sank er nieder. Unbekümmert um die Toten und Verwundeten, drangen die Einsiedler jetzt vor. Nur ihren Führer Isidoros, der dem Tode nahe war, trugen vier jüngere Brüder im Triumphe voran. Die letzten der Truppe stimmten ein heiliges Lied an. So wälzten sich die Mörder wie ein blutiger Strom die Stufen hinauf bis an die Kirchentür. Dort lag Hypatia. Wohl kaum lebte sie noch. Aber einer der frommen Greise stieß ihr, als wäre er ein Schlächter, ein Messer ins Herz. Sie war nach dem Steinwurf in die Knie gesunken und mit dem Oberkörper an die Tür gelehnt geblieben. Nach dem Gnadenstoß fiel sie seitwärts zu Boden, und ihre schwarzen Augen schienen die Feinde unverwandt anzublicken. Stumm standen die heiligen Leute aus der Wüste im Halbkreis um die Leiche. Nur die Fernerstehenden, welche das Opfer nicht sahen, sangen jetzt mit kräftigen Stimmen weiter ihren Psalm. Dazwischen brüllten die Mönche Drohungen gegen den Statthalter, und die Gesellen gröhlten freche Gassenhauer gegen die Person des Kaisers. Wenige Sekunden dauerte der abergläubische Schrecken vor der Leiche Hypatias. Isidoros, dem Wolffs Hieb die linke Schulter zerschmettert hatte und der, vom Blutverlust erschöpft, selbst eine Leiche schien, schlug die Augen auf und begann beim Anblick Hypatias zu röcheln. Er streckte die rechte Hand aus und machte zuckende Bewegungen mit den eingekrallten Fingern. Indessen drängten die Außenstehenden immer mehr nach vorn, und immer dichter schloß sich der Kreis um Hypatia. Die jungen Mönche trugen ihren Führer noch einen Schritt vor. Jetzt konnte Isidoros die Tote berühren, und mit krampfhaftem Jucken faßte er ihr weißes Gewand, wo es am Halse sich über der Brust zusammenschloß. Da war es aus mit der Ruhe der Umstehenden, und wild brach die heilige Wut wieder los. Während die schweren Türflügel sich plötzlich nach innen öffneten und die Kirchendiener verstört oder neugierig auf der Schwelle erschienen, streckten sich zwanzig von Blut und Schmutz starrende Arme nach Hypatia aus, und unter Gelächter und Fluchen wurde ihr das Gewand Stück um Stück vom Leibe gerissen. Triumphierend barg jeder seinen blutigen Fetzen oder machte kreischend seinem Hintermann Platz, der nun vorstürzte und auch seinerseits ein Stück oder eine Faser vom Hemd an sich zu bringen suchte. Wiehernd vor Lust vollendeten die Einsiedler das Werk. Auch die Schuhe wurden der Leiche von den Füßen gerissen. Ein junger Anachoret, der einen der Schuhe erbeutet hatte, drängte sich unter wahnsinnigem Geschrei durch die Brüder, wiegte den Schuh in seinen Armen und stieß gotteslästerliche Reden aus. Das blutige Kleid war fort und in reiner Schönheit lag der Leib der Jungfrau da. In den dunklen Haaren war das schwarze Spitzentuch noch hängen geblieben und verhüllte die klaffende Wunde an der Schläfe. Nur über der rechten Brust rann das Blut immer noch schwer und langsam zu Boden. Isidoros versuchte sich aufzurichten, und scheu machten die frommen Brüder ihm ein wenig Platz. Noch einmal streckte er die rechte Hand aus. »Hypatia!« rief er mit lauter Stimme, dann sank er tot zusammen und fiel mit dem Gesicht auf ihren feinen Knöchel. Wilder noch erhob sich jetzt das Rachegeschrei der heiligen Männer. »Isidoros ist tot! Isidoros ist gemordet! Noch im Tode kann sie hexen! Ein Märtyrer! In die Kirche mit ihm! Auf den Altar des Heiligen! Reißt ihr die Hexenaugen aus! Reißt ihr den Hexenleib in Stücke! Ins Feuer mit ihr!« Sie schrien alle durcheinander, und die nächsten schickten sich an, auszuführen, was die Rufer wollten. Hart am Ufer, dem Akademiegebäude gerade gegenüber, rissen an die vierzig Mönche und Gesellen einen der Bretterhaufen so weit auseinander, daß er einen bequem zugänglichen Holzstoß für die Hexenleiche bieten konnte. Die Alten unter den Anachoreten trugen die Leiche des Isidoros feierlich über die Kirchenschwelle und verschwanden mit ihr im Dunkel des Innern. Draußen aber hatten sich die Einsiedler über den Leib Hypatias geworfen. Schauerlich war das Geschrei der Rasenden. Worte gräßlichen Inhalts, wie sie zu nächtlicher Stunde im heiligen Gebirge aus den Höhlen gellten, wenn die jungen Einsiedler stundenlang mit dem Teufel rangen, klangen aus dem Haufen heraus. Dazwischen beschimpften die Kämpfenden einander. Und wieder psalmodierende Töne und dumpfes Dröhnen von Eisenstangen und Hacken. »So begnüg' dich mit einem Auge! Sie soll nicht mehr hexen! Das andere auch! Rührt die Brust nicht an! Die Brust! Laßt mich, ich will mit dem Teufel kämpfen! Ich will die Brust... Hundert Jahre lang! Schlagt nicht!« Plötzlich schwoll alles Rufen und Kämpfen zu einem tierischen Geheul zusammen, und etwas Grauenhaftes wurde unter Johlen und Singen die Treppe hinuntergezerrt und auf den Bretterhaufen geworfen. Die Mönche und Gesellen hatten inzwischen die Toten nacheinander aufgenommen, um sie in die Kirche zu schaffen, andere wieder führten die Verwundeten in die Akademie, um sie dort verbinden zu lassen. Die Leichen von Troilos und Alexander blieben liegen. Den leblosen Körper Wolffs hoben ein paar lustige Mönche auf ihre Schultern und warfen ihn neben Hypatia auf den Scheiterhaufen. Schon waren einige Späne entzündet und in die Fugen zwischen die Bretter verteilt. Einer der Gesellen schob Stücke Wachs dazwischen. Da lief der lustigste von den Mönchen noch einmal auf den Kampfplatz zurück, schleppte den schweren Marabu über das Pflaster und schleuderte ihn durch den aufsteigenden Rauch hindurch zu den beiden Leichen. »Bravo! Bravo! Der Teufel soll auch brennen! Der Teufel mit der Hexe und dem Nazarener!« In der Kirchentür standen jetzt eine Menge von Kirchenbeamten und reckten die Hälse, um besser zu sehen. Der Torweg der Akademie war von entsetzten Menschen dicht gefüllt. In den Zugängen der Seitenstraßen standen teilnahmslos Leute aus dem ägyptischen Pöbel, sie lachten über den Streit zwischen Griechen und Christen. Psalmen singend umstanden Ansiedler, Mönche und Gesellen den Scheiterhaufen. Langsam leckte die Flamme empor. Da klang vom Bollwerk her ein Trommelwirbel, und wie ein kleiner Windhund flog der Eseljunge heran und rief schon von weitem: »Halt aus! Halt aus, Hypatia! Die Soldaten!« Wirbelnd vor Hast sprang er die Treppe zur Kirche empor und erblickte die dunkle Blutlache. Aufkreischend sah er sich um und suchte Wolff und die anderen. Dann gewahrte er den Scheiterhaufen und verstand; er setzte sich auf die oberste Stufe nieder und weinte. Der Trommelwirbel kam näher, und in gemessenem Schritt bog eine Abteilung Infanterie vom Bollwerk in den Hafenplatz ein. Der Offizier an der Spitze schien unsicher, wohin er sich wenden sollte. Da traten ihm die würdigsten Männer unter den Anachoreten entgegen, und er kommandierte Halt. »Vergreift euch nicht an den heiligen Männern!« rief einer der Einsiedler, ein Greis, dem Blutstropfen in den Enden seines Patriarchenbarts hingen. »Der heilige Isidoros ist zum Märtyrer geworden im letzten Kampfe gegen das Heidentum! Wollt ihr auch uns zu Märtyrern machen, so wollen wir euch danken und Loblieder singend eingehen ins Himmelreich! Ihr aber, und du, der du der Anführer dieser christlichen Soldaten bist, ihr würdet ewige Blutschuld auf euch laden und in ewiger Verdammnis büßen müssen! Ihr müßt Gott mehr gehorchen als dem Kaiser! Gottes Willen haben wir vollstreckt!« Der Offizier salutierte mit seinem Säbel und kommandierte zum Gebet. Da öffneten die Einsiedler ihre Reihen und zeigten den Scheiterhaufen, der, von rötlichen kurzen Flammen umhüllt, eine schwarze Wolke emporsandte. Feierliche Stille herrschte auf dem weiten Platze. Nur von der Kirchentreppe her vernahm man das Schluchzen des kleinen Jungen. Dann stimmten Mönche und Soldaten und Einsiedler mit mächtigen Stimmen einen Psalm an. Der Eseljunge erwachte aus seinem verzweifelten Weinen. Die Tränen liefen weiter über seine dunkelbraunen Wangen, aber er dachte nach. Er hätte Hypatia gern noch etwas Liebes erwiesen. Sie sollte drüben nicht glauben, er hätte es an etwas fehlen lassen. Er war doch wahrhaftig gelaufen, man konnte nicht schneller. Klar war ihm die Lage nicht, in welche Hypatia nach ihrem Tode geriet. Aber daß etwas geschehen müßte, das sah er ein. Er hätte sich ohrfeigen mögen, daß er das Gebet zur Gottesmutter Isis nicht auswendig wußte. Mutter hat es ihn doch so oft lehren wollen. Jetzt hätte er die Verse zur Gottesmutter gesprochen, und Isis hätte sich der guten Hypatia erbarmt und sie aus der schwarzen Unterwelt emporgeführt zum Licht. Das half nun nicht, er konnte das Gebet nicht. Aber etwas mußte geschehen. Er stand auf und drängte sich durch die Kirchendiener in das Innere des Gotteshauses. Niemand hielt ihn auf. Er lief in die Sakristei und stahl dort aus dem silbernen Gefäß eine Hand voll Weihrauch. Und dann aus dem kleinen Seiteneingang hinaus und mit eifrigem Gesicht um die Kirche herum, rannte er mitten durch die blutigen, frommen Männer bis an den Scheiterhaufen und warf den Weihrauch in die Flammen, die wie zur Antwort plötzlich in zwei mächtigen glühenden Säulen zum Himmel emporstiegen. 13. Der Ausgang Mit ehrlichem Abscheu vor den Mördern haben uns fromme Kirchenväter alles berichtet, was sich bei der Ermordung Hypatias auf offener Straße zutrug. Aber nicht alles ist uns bekannt von den unmittelbaren Folgen dieses Ereignisses, wenig von den Schicksalen der übrigen Freunde der Philosophin. Wir wissen nur, daß die Akademie bis zum Beginn des nächsten Wintersemesters in eine christliche Hochschule umgewandelt und unter die Oberaufsicht des Erzbischofs gestellt wurde. Von den griechischen Lehrern meldeten sich zwei, der Mathematiker und der Anatom, zur Taufe. Der Spezialphilologe für homerische Studien nahm eine Berufung nach Konstantinopel an, wo man ihm völlige Religionsfreiheit zusicherte; er wurde aber doch nach kurzer Zeit ebenfalls Christ. Zwei junge Philosophen, Schüler der Hypatia, wurden von den Mönchen am Leben bedroht und wanderten deshalb nach Indien aus. Sie nahmen die Bücher und Schriften Hypatias an sich, und es scheint, als ob diese Griechen dort die Religion des Buddha angenommen und dafür den Indiern in ihrer Sprache einiges von Hypatia erzählt hätten. Jede geistige Beschäftigung mit der alten Literatur und mit den alten Religionsbüchern war in Alexandria vernichtet, und nur unter dem Pöbel erhielt sich neben den Formen des neuen Glaubens hier und da die Andacht zu den ewigen olympischen Göttern. Am reichsten sind unsere Quellen über den Ausgang des Synesios. Als er Hypatia und seine Freunde verlassen hatte, war binnen wenigen Minuten das Palais des Patriarchen erreicht. Synesios beachtete es nicht, daß das ganze Haus von Menschen wimmelte, von Mönchen, Einsiedlern und Soldaten, wie das Haus des Kommandanten einer belagerten Festung. Er mußte in einem der Vorzimmer warten, und niemand schien ihn zu beachten. Da trat der aufmerksame Hierax an ihn heran und fragte nach seinem Anliegen. Synesios nannte seinen Namen, berief sich auf seine Familie und berichtete in wohlgesetzter Rede, daß er Alexandria binnen weniger Stunden zu verlassen gedenke und seine Braut Hypatia mit sich fortzuführen, daß er die Klugheit und Güte des Erzbischofs zugunsten der Philosophin angehen wolle. Hierax blickte den jungen Mann fast erschrocken an und doch wieder etwas spöttisch. Aber Synesios wurde sofort in das Arbeitszimmer des Erzbischofs geführt und blieb dort mit dem mächtigen Manne allein. Der Kirchenfürst saß im Hausanzug mit dem Rücken gegen das große Bogenfenster in einem Fauteuil und ließ den hübschen, schwarzen Burschen freundlich vor sich stehen. »Sie sind ein Jude?« waren seine ersten Worte. Synesios beeilte sich der Wahrheit gemäß und ausführlich zu erzählen, daß er von Arabern abstamme, der Sohn des reichsten Hauses der Pentapolis sei und sich in Athen der Studien beflissen habe. Der Erzbischof stellte immer neue Fragen, und so verging eine starke Viertelstunde, bevor Synesios mit der Vorstellung seiner eigenen Person zu Ende war. Dann entstand eine Pause. Aus der Ferne hörte man den Gesang frommer Mönche hereintönen. Kyrillos lächelte und lauschte wohlwollend. Dann ließ er den Gast niedersitzen und fragte ihn nach der Absicht seines Besuches. Synesios wiederholte mit einigen seinen Schmeicheleien für die Macht der Kirche sein Sprüchlein und bat um den Schutz des hochwürdigen Herrn für die kurze Zeit, die Hypatia noch in der Alexanderstadt verbringen wollte. Kyrillos dankte für das Vertrauen, das ihm auch von Andersgläubigen geschenkt würde. Er hätte selbstverständlich mit den Hetzereien gegen die gelehrte junge Dame nicht das mindeste zu tun, wollte aber trotzdem Befehl erteilen, daß fortan der Name Hypatia von den Kanzeln nicht mehr genannt würde. »Als ob sie tot wäre,« und er zeigte lächelnd seine großen Zähne. Schon dreimal während dieser Audienz waren jüngere Geistliche hereingekommen und hatten dem Erzbischof eine Meldung zugeflüstert oder ein Blatt Papier mit einer Notiz gebracht. Jedesmal hatte Synesios geglaubt daß er entlassen sei. Jetzt trat Hierax rasch herein, so daß Synesios unwillkürlich aufstand.»Es leuchtete etwas in den Augen des Erzbischofs Kyrillos auf. Aber er schien die Mitteilung seines Faktotums gar nicht nötig zu haben. Nicht unfreundlich, aber abbrechend sagte er: »Sie stürzen ja herein, lieber Hierax, als ob Sie einen Bischofssitz sicher hätten. Es ist gut.« Und in seinen Sessel zurückgelehnt, knüpfte der Erzbischof an seine eigenen Worte an und plauderte mit dem jungen Manne wie mit einem alten Freunde und Religionsgenossen über die Sorgen seines Amtes. So ein Emporkömmling wie der kluge Hierax sei in einer hohen Stelle nur für Einsiedler und solche Leute brauchbar. Wo eine gebildete städtische Bevölkerung zu leiten wäre, da hätte man vornehme und studierte Leute nötig, die aber leider noch so selten einsähen, welche Karriere ihnen der Dienst der Kirche eröffnete. Heilige Männer wie Augustinus und schon Tertullianus hätten aber doch jetzt dieselbe Bedeutung für die Geister, wie einst etwa der geniale Platon, den Kyrillos wahrhaft liebte, für die griechische Welt sie gehabt. Der heilige Mann Ambrosius in Mailand sei sogar über die Stufen der Kirche so hoch gestiegen, daß er den Kaiser selbst und damit die Welt beherrschte. Kyrillos wollte natürlich keine Proselyten machen. Es sei aber ein Jammer, daß so hoch geborene, an Körper und Geist so ausgezeichnete Jünglinge, wie Herr Synesios, abseits ständen und ihre Zeit nicht begriffen. Herr Synesios sei durch seine Geburt berufen, der Fürst seiner Landschaft zu werden, dort von der großen Syrte bis zur Wüste uneingeschränkt zu herrschen. Unter den gegenwärtigen Zeitläuften würde er aber nur nach der Pfeife irgendeines diebischen kaiserlichen Beamten tanzen müssen. Ein Anschluß an die allmächtige Kirche erst würde ihn zum wirklichen Herrn der Provinz machen. Der junge Gelehrte stelle sich wie alle seinesgleichen die Kirche falsch vor. Man sei wohl streng, streng in Sitte und Dogma, gegen den Pöbel, aber mit einer geistigen Größe würde man Kompromisse zu schließen wissen. Synesios war von der weltmännischen Art des Kirchenfürsten entzückt. Er glaubte sich jetzt empfehlen zu müssen und sprach seinen innigsten Dank für die Gesinnungen aus, die man an so hoher Stelle hege. »Sie werden wahrscheinlich Ihre Abreise noch mehr beschleunigen, als Sie wollten,« sagte Kyrillos ebenfalls aufstehend. »Ich habe eine traurige Pflicht zu erfüllen. Ich weiß, daß Sie mit einigen anderen jungen Leuten, lauter Gegnern meiner Kirche, in genauer Freundschaft leben. Es wurde mir eben gemeldet, daß diese Herren in einem unserer unseligen Pöbelaufstände verwundet oder gar gemordet worden sind.« Synesios öffnete den Mund, aber er konnte nicht sprechen. Seine Knie zitterten. »Wie ich höre, haben sich diese jungen Leute zu Verteidigern der jungen Gelehrten aufgeworfen, über die wir vorhin gesprochen haben. Auch Ihre Bitte und mein Versprechen sind leider gegenstandslos geworden. Der große Hörsaal Hypatias wird von heute ab leerstehen. Hypatia ist tot.« Immer weiter hatte sich Synesios mit seinem Oberkörper vorgebeugt, jetzt machte er eine unsichere Bewegung mit der rechten Hand und fiel stumm und ohnmächtig auf den weichen Teppich nieder. Nicht so gut sind wir darüber unterrichtet, wie der verwundete Statthalter die blutige Tat der Mönche und Anachoreten aufnahm. Er muß sich wohl zu einer ungewohnten Tatkraft aufgerafft haben. Er ließ sofort einige heilige Männer aufknüpfen und schlug einen kleinen Aufstand mit Hilfe seines Garderegiments blutig nieder. Aber der Widerstand der Christen mag unter Führung der Geistlichen und des Erzbischofs ein zäher gewesen sein, denn fünf Tage nach Hypatias Ermordung bestieg Orestes ein Schiff, um in Eile Konstantinopel zu erreichen und dort persönlich seine Sache zu führen. Wir erfahren, daß wenige Stunden nach der Abfahrt der Statthalterbarke auch schon der Erzbischof seine Jacht segelfertig machen ließ, um dem Beamten zuvorzukommen. Über einen wichtigen Umstand dieser Reise sind wir durch die erhaltenen Briefe eines fliehenden jüdischen Arztes gut unterrichtet, der damals auf der Barke des Orestes als gemeiner Ruderknecht sein Brot verdiente. In der Dardanellenstraße, dort wo sie sich weit nach dem Marmarameer öffnet, wurde die Barke eines Freitagmorgens von der Jacht des Erzbischofs überholt. Der Statthalter wußte, wieviel davon abhing, wer von beiden Gegnern dem Hofe die erste Nachricht aus Alexandria brachte. Er hoffte nichts mehr, wenn Kyrillos einige Stunden Zeit hatte, die einflußreichsten Persönlichkeiten gegen ihn einzunehmen. Glücklicherweise trat im Laufe des Vormittags vollkommene Stille ein, und dann ging der Wind langsam nach Norden über, so daß die Jacht ihren Vorteil nicht ausnutzen konnte. Die Barke des Statthalters war mit neunzig Ruderknechten besetzt, und die arbeiteten, von Drohungen, Schlägen und Geldversprechungen angespornt, so wacker, daß im Laufe des Nachmittags die Jacht wieder erreicht und bald zurückgelassen war. Gegen Abend hoffte der Statthalter in diesem Wettlauf bestimmt Sieger zu bleiben, denn die Jacht hatte nur wenige Ruder, und der schwache Wind blieb nördlich. Da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Der Kapitän der Barke hatte nicht darauf geachtet, daß etwa zwei Drittel der Ruderknechte unter den Juden angeworben waren, die im Laufe der letzten Wochen Heimat und alles verloren hatten und die den gemeinsten Dienst nicht verschmähten, um fliehen und wieder eine geringe Summe zum Leben in die Hand bekommen zu können. Als nun die ersten drei Sterne am Himmel sichtbar wurden, zogen diese Juden plötzlich, und alle auf einmal, die Ruder ein und weigerten sich, an ihrem Sabbat, der von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang währte, irgendeine Arbeit zu tun. Das Gesetz Moses verbiete es ihnen. Umsonst schlug der Kapitän mit der Peitsche unter sie, umsonst lockten sie die Offiziere mit hohen Belohnungen, umsonst hielt endlich der Statthalter selbst eine Ansprache an sie. Gott könne es sicherlich nicht übel nehmen, wenn eines seiner Zeremonialgebote in der Not übertreten werde. Wenn die Juden jetzt zu rudern aufhörten, so würde kein anderer als Kyrillos, der Feind Jehovas und der Mörder so vieler alexandrinischen Juden, den Vorteil davon haben. Das könne Gott nicht wollen. Aber die Juden stimmten ihre Gebete an und ließen sich weder durch Schläge, noch durch Geld, noch durch Reden darin stören. Die Nacht brach herein und die Barke mußte vor Anker gelegt werden. Denn das zur Arbeit übrig gebliebene Häuflein der Ruderknechte war endlich übermüdet und mußte ruhen. Als Orestes am Samstag Nachmittag endlich im Hafen von Konstantinopel eintraf, erfuhr er sofort, daß Kyrillos seit dem Morgen in der Stadt wäre. Man hatte in Konstantinopel kein Ohr für die Beschwerden des ägyptischen Statthalters. Er erfuhr Schreckenskunden und mußte sich selbst sagen, daß der Tod Hypatias, der ihm persönlich ein so schweres Weh zugefügt hatte, die Machthaber kälter lassen mußte, die das tausendjährige römische Reich zusammenstürzen sahen. Die deutschen Barbaren hatten Rom geplündert und der Kaiser in Konstantinopel mußte mit diesen Wilden unterhandeln und schöntun, wenn er in seinem Palaste ungekränkt wohnen wollte. Hier erst fühlte Orestes, wie die Mauern des alten Reichsgebäudes krachten und klafften und wie es zu Ende ging mit der Weltherrschaft Roms. Eine neue Zeit brach herein. In dem Gotteshause, in welchem er als Knabe Bildsäulen schönheitsfroher Götter bewundert hatte, blickte über dem Hochaltar ein finsterer Weltrichter von der goldenen Wand herunter. Der Hof verstand den Beamten nicht, der von Pflichten und vom ewigen Reichsgedanken sprach. Aufschub wollte man, Aufschub für den Zusammenbruch und Aufschub für jeden Entschluß. Niemand schien mehr zuverlässig, kein Soldat und kein Offizier, kein Schreiber und kein Minister. Nur die ungeheure Organisation der Kirche erklärte sich bereit, den Herren und Frauen des Hofes ihren ruhigen Schlaf und ihre Feste zu sichern. Die ungeheure Organisation der Kirche hielt die freigewordenen Völker des Weltreichs allein im Zaume; es war die einzige Macht, die übriggeblieben war. Und da war es ein Glück zu nennen, daß nicht ein Mann allein an der Spitze der Kirche stand, denn ein oberster Bischof hätte den Kaiser vollends zu seinem Knechte gemacht. Noch aber kämpften die Bischöfe um den Vorrang, noch brauchten sie den Schatten des Kaisers, um ihre Vorrechte zu begründen, und so konnte der Hof noch mit ihnen unterhandeln. Auch Kyrillos war heute zu brauchen. Was wollte denn der pedantische Orestes mit seinen langweiligen Klagen um ein ermordetes Frauenzimmer? Sie war die erste nicht. Es sei Hypatia gewesen, das Patenkind des Kaisers Julianos, die große Philosophin? Der Kaiser habe jüngst die schönste Tänzerin von Konstantinopel opfern müssen, abreisen lassen müssen nach Antiochia, einer Bischofsintrige wegen, und da kam man mit der Philosophen von Alexandria, die gewiß mit der Tänzerin keinen Vergleich aushielt. Orestes wollte Rache für Hypatia. Wochenlang blieb er in Konstantinopel und hatte Besprechungen mit den Häuptern der Patrizierhäuser, und es gelang ihm, unter ihnen ein Fünkchen des alten Römerbewußtseins zu schüren. Noch empfand man es da und dort als eine Schmach, daß Weiber und Pfaffen das Reich regierten. Schon hatten sich die angesehensten dieser Männer Zutritt zum Palast verschafft, schon hatte man einen jungen Prinzen gewonnen, der an der Spitze der täglich wachsenden Patriotenpartei die Regierung stürzen und unter dem alten Feldgeschrei »Rom« den Entscheidungskampf mit den Deutschen aufnehmen wollte, da machten neue Schreckensnachrichten der Hoffnung ein Ende. In Frankreich waren die Deutschen siegreich und in Spanien. Ungeheure Scharen von ihnen rüsteten sich zur Wikingerfahrt nach Karthago und zu einem neuen Eroberungszug nach Italien. Rom brach zusammen und die Asche Hypatias war noch nicht bestattet. Da nahm Orestes müde seinen Abschied. Den alten Beamten zu halten, erließ der Hof einige Verordnungen gegen die Willkür des Erzbischofs Kyrillos. Die christlichen Vereine von Alexandria sollten unter polizeiliche Aufsicht gestellt werden. Den Mönchen und Einsiedlern wurde verboten, ihre Klöster und Hütten zu verlassen. Die Regimenter von Alexandria sollten in Asien verwendet und dem Statthalter deutsche, besser disziplinierte Truppen zur Verfügung gestellt werden. Orestes ließ sich nicht mehr verlocken. Er bestand auf seiner Entlassung und kehrte dann für wenige Tage nach seiner Hauptstadt zurück. Ägyptische Diener der Akademie hatten es versucht, die Asche der Märtyrerin zu sammeln. Ein kleines Häuflein nur fand Orestes in einer schlechten Urne. Und niemand konnte wissen, wie viel Asche von dem jungen Deutschen und wie viel von dem tapferen Marabu beigemengt war. Mit trübem Lächeln befahl Orestes, was übrig war, in einer prachtvollen Vase von Jaspis zu bergen. Die Vase nahm er mit auf seine Fahrt. Auf der Insel Zypern verbrachte er seine letzten Jahre. Ungebeugten Hauptes ging er oft in der schönsten und stillsten Anlage seines Parks spazieren. Zwischen hohen Myrtenbäumen und blühenden Rosen standen da, leuchtend im freien Sonnenlicht, die letzten Bildsäulen der alten Götter. Hierher kam kein Barbar und kein Pfaffe, um zu zerstören. Aphrodite, nackt bis zum Gürtel, hielt den goldenen Schild des Ares mit kaltem Stolz als Spiegel vor die Augen, und Apollon, der Fernhintreffende, sandte ewig seinen Pfeil vom Bogen den Feinden der Sonne ins Angesicht. Und zwischen den Statuen in einem niederen Myrtengebüsch, von dichten Lorbeerhecken überragt, stand auf einem Sockel von schwarzem Marmor die Vase von Jaspis. Noch mehr wissen unsere Quellen von Synesios zu erzählen. Er genas erst nach vielen Wochen von einer schweren Krankheit. Er sah blaß und interessant aus, als seine Verwandten ihn zu Beginn der heißesten Jahreszeit nach Kyrene heimbrachten. Alt und jung bemühte sich dort, den trüben Sinn des armen Gelehrten aufzuheitern. Es gelang ihnen nicht. Ein volles Jahr trauerte Synesios um seine tote Braut. Er rührte keines seiner Bücher an und verzichtete auf jeden geistigen Verkehr mit Alexandria und Athen. Nur aus Langeweile trieb er die Jagd und erholte ein wenig seinen Körper. Er schrieb auch ein langes Gedicht über die Freuden der Jagd. Aber in seiner Trauerzeit ließ er es keinen Menschen lesen. Erst nach Ablauf eines Jahres sandte er einige hübsche Abschriften an würdige Universitätsfreunde. Freilich mußte er sich jetzt an christliche Gelehrte und Literaten halten, denn es gab keinen hervorragenden Mann mehr, keinen Schöngeist und keinen einflußreichen Kritiker, der noch zu den alten Göttern des Olymps geschworen hätte. So wurde die Verbindung zwischen Synesios und dem christlichen Alexandria wiederhergestellt, und bald hatte die Briefpost zwischen der Pentapolis und der Alexanderstadt viel zu tun. Kyrillos selbst lobte in schmeichelhaften Schreiben das Jagdgedicht seines jungen Freundes, und die Dozenten der Akademie begannen mit ihm einen philosophischen Briefwechsel über die höhere Auffassung der Lehren des Christentums. Es stellte sich bald heraus, daß die gelehrten Zeitgenossen in ihren Anschauungen gar nicht so weit auseinandergingen, wie die Verschiedenheit des Glaubens fürchten lassen konnte. Man gehörte ja nicht zum Pöbel. Synesios bemühte sich mit großem Eifer und, wie es schien, mit vollem Erfolge, den Nachweis zu führen, daß die neuplatonische Philosophie, insonderheit das System seiner unvergeßlichen Lehrerin und Seelenfreundin Hypatia, dem Dogma des Christentums ganz und gar nicht widerspreche. Als die ersten Andeutungen dieser Art in Alexandria Beifall fanden, versenkte sich Synesios immer tiefer in eine geistreiche Ausgleichung von Heidentum und Christentum. Man nannte ihn, zu seinem großen Stolze, einmal den letzten griechischen Philosophen, der zugleich der erste christliche wäre. Synesios kam im Laufe der Jahre einigemal nach der Alexanderstadt, um seine Ausarbeitungen selbst im Kreise der Akademie vorzulesen. Die Erinnerung an den Schreckenstag umgab ihn als ein süßer melancholischer Reiz. Seine Vorlesungen hatten namentlich von seiten der gebildeten jungen Damen großen Zulauf. Aber er ließ sich in der Hauptstadt nicht halten. Sie machte ihn offenbar unsicher. Ohne Veranlassung begannen ihm oft plötzlich die Knie zu zittern, und er mußte dann jedesmal sofort abreisen, um seine Gesundheit wiederherzustellen. Furcht konnte man das wohl nicht nennen, gewiß nicht bei einem so unermüdlichen Jäger. Als seine Volkstümlichkeit in Alexandria wuchs, half er sich damit, daß er auf seine geistreichen Briefe noch mehr Sorgfalt verwandte als bisher und sie vervielfältigt an Freunde und Verehrer verteilen ließ. Die philosophische Beschäftigung mit Glaubensfragen führte ihn auch innerlich dem Christentum immer näher. Er verfaßte viele psalmartige Gedichte, in welchen sehr witzig der Eigenname der Gottheit vermieden war, so daß diese Kirchenlieder ohne Sünde von frommen Christen gesungen werden konnten, und Synesios doch, wenn er sie vorlas, an Zeus, Kybele, Dionysos und andere olympische Herrscher denken konnte. Seine Duldsamkeit gegen Andersgläubige wurde schließlich so groß, daß er in Kyrene aus eigenen Mitteln eine kleine christliche Kirche baute. Kurz nach dieser Handlung, etwa sieben Jahre nach dem Tode Hypatias, kam er wieder nach Alexandria und hatte da eine lange Unterredung mit dem Patriarchen Kyrillos. Der Kirchenfürst schlug ihm einfach vor, Bischof der Landschaft Pentapolis zu werden. Man sei in Konstantinopel, das nach der Vernichtung Italiens doch das alleinige Haupt der Welt sei, auf den geistreichen Philosophen von Kyrene aufmerksam geworden und wünsche ihm eine glänzende Laufbahn. Natürlich müßte Synesios vorher Christ werden. Aber Kyrillos sei kein alberner Mönch und werde es bei einem so hohen Geiste mit dem Glaubensbekenntnisse nicht gar zu genau nehmen, über das Wesentliche sei man ja einig. Auch müßte die Pentapolis wenigstens für einige Jahre einen reichen und mächtigen, einen einheimischen geistlichen Hirten haben. Kirchen und Kapellen seien zu bauen und die Klöster gegen die Übergriffe der Beamtenwirtschaft zu schützen. Ein anderer als Synesios sei für diesen Posten gar nicht vorhanden. Ein besserer wäre nicht möglich. Was Kyrillos da von den ökonomischen Verhältnissen der Provinz sprach, war alles richtig. Synesios erbat sich Bedenkzeit und ließ sich einige Wochen lang vom Erzbischof und von den Damen der Stadt bestürmen, das Christentum anzunehmen. Endlich willigte er ein und empfing in der Kathedrale von Alexandria das Sakrament der Taufe. An demselben Tage wurde er zum Bischof der Pentapolis geweiht. Synesios stellte einige feierliche Bedingungen. Unter anderem sollte er das Recht haben, frei zu denken, was er wollte, wenn er auch die Verordnungen des Metropoliten blindlings von der Kanzel veröffentlichen mußte. Das freie Denken wurde ihm gegen das Versprechen eines Kirchenbaus in Arsinoe gewährt. So kehrte Synesios als Bischof in die Pentapolis zurück. Von der Bevölkerung wurde das Ereignis mit großer Freude begrüßt, denn Synesios war ein guter und leutseliger Herr. Die Erwartungen, welche man an seine Person knüpfte, wurden freilich nur unvollkommen erfüllt. Er zeigte sich dem Patriarchen gegenüber nicht so unabhängig, wie die Freisinnigkeit seiner offenen Briefe hatte hoffen lassen, und trat gegen die diebische Beamtenschaft nur dann auf, wenn die Verhältnisse es ungefährlich machten und der Erzbischof von Alexandria ihn dazu mahnte. Immerhin hatten es Städte und Klöster leicht unter seinem Stab, und in einem entscheidenden Augenblick gelang es dem Bischof sogar, die Absetzung eines Staatsbeamten durchzusetzen, der gegen schlechte Steuerzahler Zwangsmittel anzuwenden liebte. So schien Synesios für seine Provinz unersetzlich, und von einer Berufung nach der Hauptstadt war am Ende nicht mehr die Rede. Anfangs hatte der Bischof in seiner tastenden Weise ab und zu angefragt, wie es darum stehe. Dann schwieg er gekränkt und ergab sich endlich zufrieden in sein Schicksal. Als er etwa fünfzig Jahre alt war, starb, von der ganzen Kirche betrauert, sein Gönner Kyrillos, und Synesios dachte gar nicht mehr daran, etwas anderes zu werden, als was er war: der vielgeliebte Oberhirte der Pentapolis, zugleich der geistreichste christliche Bischof und der letzte griechische Philosoph. Er führte in Kyrene einen fürstlichen Hausstand, und Freunde aus der Alexanderstadt sorgten durch ihre Besuche dafür, daß er nicht, wie er sich gern ausdrückte, an Geist und Sitten verbauerte. Je älter er wurde, desto höher stieg sein Ansehen, und aus den letzten Jahren seines Amtes wird uns sogar ein Wunder glaubhaft überliefert. In Arsinoe, nur zwei Meilen von Kyrene entfernt, lebte ein wohlhabender Schiffsreeder, Euagrios mit Namen, der dem Bischof Synesios von der athenischen Studienzeit her aufrichtig befreundet war. Aber der Reeder war und blieb ein blinder Heide und zeigte sogar für allerlei abergläubische Gebräuche eine große Leidenschaft. So oft eines seiner Schiffe auslief, brachte er heimlich dem Gott Poseidon seine Opfer und was solcher törichten Dinge mehr waren. Der Bischof Synesios, der sonst in der Propaganda nicht eben der eifrigste war, schien es als seine Lebensaufgabe zu betrachten, den alten Schiffsreeder zu bekehren, sei es, daß er den Jugendfreund so innig liebte, sei es, daß er dessen Spott über seinen eigenen Abfall zu schmerzlich empfand. Euagrios ging auf solche Religionsgespräche bei jeder Zusammenkunft mit großem Vergnügen ein. Aber anstatt still zuzuhören, kam er immer wieder mit denselben lustigen Bedenken, die er leider aus den Schriften des Kaisers Julianos und dessen Patenkindes geschöpft hatte. Eines Tages wurde Synesios aufs freudigste durch die Mitteilung erregt, daß Euagrios, sein Sohn und dessen Kinder Christen werden wollten. Diesen Umschwung hatte freilich nicht der Bischof, sondern der strebsame Sohn des Euagrios zuwege gebracht. Der Reeder blieb auch als Christ ein Spötter und brachte seinen alten Freund oft genug ins Gedränge. Ganz besonders hatte er es auf die Auferstehung aller Menschen abgesehen. Er könne es immer noch nicht glauben, daß die Toten einst mit unverweslichem Fleisch in Ewigkeit leben und drüben ihren Lohn empfangen würden; daß der Reiche, der dem Bettler ein Almosen gebe, damit dem lieben Gott ein Darlehen reichte und es dereinst mit Zins und Zinseszins zurückempfangen würde. Das sei doch gegen alle Wahrscheinlichkeit. Kurz vor seinem Tode nun übergab Euagrios dem Bischof dreitausend Goldstücke für die Armen unter der Bedingung, daß ihm der Bischof etwa folgende Quittung ausstellte: »Ich Endesunterfertigter habe von dem Schiffsreeder Euagrios für meine Armen dreitausend Kronen erhalten, welche man ihm im Jenseits mit Zins und Zinseszins zurückerstatten wird.« Getrosten Herzens ging Synesios schon um seiner Armen willen auf diesen Scherz ein. Als Euagrios wenige Monate darauf den Tod herannahen fühlte, befahl er seinem Sohne, ihn mit der Quittung in der Hand zu begraben; denn der Schiffsreeder war ein launiger Herr und bis in seine letzte Stunde hinein voll Schnurren. Der Sohn gehorchte. In der dritten Nacht nach dem Begräbnis erschien Euagrios aber dem Bischof im Traume und sagte zu ihm: »Laß mein Grab öffnen und nimm deine Quittung wieder; ich habe die Summe im Himmel empfangen und nichts mehr von dir zu fordern.« Synesios soll nicht einmal gewußt haben, daß sein Zettel mit dem Freunde begraben worden war. Unter großer Beteiligung der Geistlichen und der Leute aus dem Volke wurde nun am nächsten Morgen das Grab geöffnet. Man fand in den Fingern des toten Reeders die Handschrift des Bischofs und darunter von der Hand des Euagrios frisch geschrieben: »Ich Endesunterfertigter erkläre dir, mein heiliger Freund und frommer Bischof, daß ich die Summe von dreitausend Goldgulden mit Zins und Zinseszins pünktlich empfing, damit befriedigt bin und keinen Anspruch irgendwelcher Art mehr zu stellen habe. Euagrios.« Seit diesem Tage wurde der gute Bischof Synesios womöglich noch wohltätiger als bisher. Seine Kassen waren für die Armen, für die Kirchen und für die gelehrten Freunde immer offen. Sein Jagdschloß beherbergte täglich Gäste aus der Alexanderstadt; und der ehrwürdige Bischof, dessen silberweißer Bart das hübsche Antlitz vornehm und bedeutend schmückte, konnte sich in ihrer Mitte einer edlen und geistreich belebten Geselligkeit hingeben. Er war nicht weltfremd geworden und lächelte wohl milde, wenn man ihn mit der berühmten Hypatia neckte, die ihn einst unglücklich geliebt hätte. Die Pflichten seines bischöflichen Amtes erfüllte er gewissenhaft. Er feierte das Andenken der christlichen Heiligen und Märtyrer mit erbaulichen Predigten und befolgte streng die neuen kirchlichen Gebräuche. Nur der Palmsonntag wurde in der Diözese der Pentapolis nicht festlich begangen. Am Palmsonntag duldete es den Bischof Synesios in keiner christlichen Kirche. Ende Nachwort zum dritten Bande »Hypatia« erschien zum erstenmal vor bald dreißig Jahren im Feuilleton der »Kölnischen Zeitung«. Der Abdruck hatte eine unerwartete Wirkung: die Zentrumsblätter denunzierten auf Kirchenfeindlichkeit und Gotteslästerung, und bald wurde sogar von den Kanzeln gegen meinen Roman gepredigt. Ich schwieg, denn ich hatte nicht die Neigung, den Lärm zugunsten meines Buches zu benützen. Die »Kölnische Zeitung« wurde ängstlich und ließ das ganze Kapitel ungedruckt, in welchem die tollen Einsiedler, die Mörder der Hypatia, eingeführt werden. Noch eine kleine Folge hatte die Hetze des Zentrums. Als ich einige Jahre später den Kölner Karneval mitmachte und die nicht geringe Ehre erlebte, daß mir in öffentlicher Sitzung der Narrenorden der großen Karnevalsgesellschaft zuerkannt und überreicht wurde – wirklich mein einziger Orden –, da erhob sich bei den katholischen Mitgliedern des Vereins ein heftiges Murren, gegen das der Narrenkönig, oder wie sein Titel war, feierlich einschritt. Ein anderer Umstand wurde damals und später kaum beachtet: mit zwei Anachronismen hatte ich den romantischen Kaiser Julianos den Abtrünnigen zum Paten der letzten griechischen Philosophin gemacht, die sicherlich erst nach seinem Tode geboren wurde, und hatte zum Bilde des Julianos einige Züge geborgt von zwei romantischen Königen aus dem Hause der Hohenzollern, von Friedrich Wilhelm IV., den schon Strauß mit Julianos verglichen hatte, und von Wilhelm II. Der Zorn über die Entlassung Bismarcks hatte mich getrieben; ich werde jetzt darauf aufmerksam gemacht, daß eine der vielen Ansprachen, mit denen der römische Kaiser seinen unseligen Feldzug gegen die Perser in meinem Romane begann, fast wörtlich mit einem schwarzgeflügelten Worte von 1914 übereinstimmte: »Wir wollen auf die Perser losdreschen!« Die erste Fassung, der Zeitungsabdruck, war in der travestierenden Charakterisierung des Kaisers viel kecker gewesen als die spätere Buchausgabe; künstlerische Bedenken haben mich zu der Abschwächung bestimmt, und diese Bedenken gelten heute noch mehr. Theodor Mommsen, der mich durch Darleihung wertvoller Spezialschriften während der Arbeit freundlichst unterstützt hatte, machte nachher ästhetische Einwürfe gegen »die Doppelfarben des Gemäldes«, die »dem Ganzen ebensoviel schaden wie sie im einzelnen erfreuen und erheitern«. Er war ein abgesagter Feind des historischen Romans, des pedantischen wie des unpedantischen. Doch für die Behandlung der Hohenzollern und der Heiligen hatte er mancherlei übrig. In dem schon angeführten Briefe (vom 27. Dezember 1891) schrieb er mir: »Ihre Pfaffenstudien, Kyrillos wie Synesios, treffen dort wie hier ins Schwarze.«