Reisenovellen von Heinrich Laube. Sechster und letzter Band. (Neue Reisenovellen, zweiter Band)     Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1837.     Vor- und Schlußwort. Mit diesem Bande schließe ich die Reisenovellen, weil ich glaube, daß hiermit die Form derselben erschöpft sei: sie wurden in einer Zeit begonnen, wo das Interesse des Publikums so störsam beflügelt war, daß es nur durch lebhafte Abwechselung gefesselt werden konnte. Ich suchte selbst ein Ziel, eine Fassung, der Name dafür war »das Glück«, nach diesem bunten, fabelhaften Vogel setzten sich die ersten Bände in Karriere, die zweite Lieferung verfolgte unsicher aber aufmerksamer VI denselben Weg in einem schüchternen Trabe; diese letzten gehn im stillen Schritte bis auf das letzte Blatt, und wenden eine Ueberzeugung im Herzen hin und her, welche dem Buche einen Schlußstein setzt. Es ist die Ueberzeugung, daß man mit allem Reisen und Suchen jenen roth und goldnen Grenzpfahl des Glückes nicht auffindet, daß sich aber allmählig eine Ruhe und Sicherheit in Herz und Geist einstellt, wenn man für jeden neuen Raum eine eig'ne selbständige Existenz erkennt und gewährt, wenn man das Zusammengehörige in eine gedrängte Form bannt. Läßt sich das Glück nur finden , so läßt sich doch das Passende gewinnen . Vielleicht prägt sich dies am deutlichsten in den letzten Bänden aus, und sie werden somit ein wirklicher Schluß. Uebrigens muß ich ein Geständniß machen: ich habe eigentlich noch nie so geschrieben, wie ich schreiben möchte; und zwar nicht VII darum, weil ich's nicht zu Stande brächte, sondern weil ich fürchten muß, alsdann sehr wenig Leser zu haben. Somit habe ich der Lesesouverainetät geopfert, um selbst eine Macht zu werden. Denn das Publikum gestattet erst dann dem Autor einen eigenen Band, wenn ihm der Autor sechs Publikumbände gegeben hat. Das Publikum ist eine dämonische, willkührliche Macht; schlimmer als Samiel, der von sieben Kugeln sechs Freikugeln gestattet, schenkt es dem Autor nur eine. Diese eine will ich nächstens in Anspruch nehmen. Also nicht weil ich sie für das beste Genre hielt, oder weil ich Heine gelesen hatte, schrieb ich Reisenovellen, sondern weil ich sah, daß man damit das Publikum träfe; ich bin leider durchaus kein heiliger Antonius, der sich damit begnügt, den Fischen zu predigen. Daß man die bunte Jacke der ersten Bände insbesondere für baare Münze nahm, hat mir oft Lachen, oft Betrübniß gebracht – mein Geschmack geht auf eine viel größere VIII Einfachheit. Zuweilen versuchte ich ihn dazwischen in kleinen Büchern, das hieltet Ihr leicht für schwachen Scherz, besonders Gutzkow that dies, der die Reizung für das Schöne und Nothwendige hält. So suche ich denn mit halber Convenienz Posto zu fassen, und auch dies Genre zu vereinfachen, mein Publikum mir selbst näher zu führen. Darüber wird man alt werden und sterben; mit der Welt den eigensten Verbindungspunkt zu finden, ist ja alle Aufgabe des Lebens, alles strebsame Leben selber. Ach, was man eigentlich tief in Sinn und Herzen trägt, das spricht man niemals aus, es paßt nicht, würde mißverstanden, verdorben – so steht man von der Seite zur Welt, die meisten Menschen gehen hinweg, ohne ihr charakteristisch Wort je verlautbart zu haben. Jeder Mensch hat ein eigenes, und wüßten wir alle, so besäßen wir die Summe aller Weisheit – sprich, Leser, welches ist das Deine? Ein IX pensionirter Hauptmann besuchte mich einst mitten in der Nacht, weckte mich, und sprach: »Doktor, Sie müssen mir eine wichtige Frage beantworten, von der Alles abhängt.« – Wie so? – »Ich habe schon dreimal gelesen, und jetzt eben wieder, daß es einst sieben Weltweise gegeben hat, sieben; sagen Sie mich, warum haben wir jetzt in Preußen keine sieben Weltweisen?« Diese Frage ließ den pensionirten Hauptmann nicht schlafen; jeder Mensch hat eine Hauptfrage auf dem Herzen, die Polizei sollte einen Zettelkasten neben dem Briefkasten errichten, wo Jeder anonym die seine los werden könnte, die Zeitung müßte selbige in einer Beilage mittheilen. Es ist der größte Irrthum unsrer Einrichtungen, daß von mehreren dreißig Millionen nur ein paar hundert ihre Gedanken veröffentlichen, und unter diesen beinahe ein paar hundert Mittelmäßige. Wenn es das X Publikum interessirte, so würde ich eingestehen, daß ich eigentlich nie habe schreiben wollen, daß mir das Handeln viel interessanter ist, und daß ich nur schreibe, wenn ich nichts zu thun habe. Da dies nun einmal so ist, so sind wohl noch ein paar Worte angebracht über die Manier dieser Bücher. Es hat wohl hie und da Einer gesagt, welcher die Esche von der Espe, die Birke von der Erle nicht zu unterscheiden weiß, und, um sich auszusprechen, Alles Laubholz nennt, was grüne Blätter hat, es hat wohl ein solcher Recensent gesagt, die Reisenovellen gingen den Heine'schen Reisebildern nach. Das Publikum weiß, wie ich Heine liebe, wie ich ihn für den Demiurgen der jungen romantischen Literatur halte; aber ich glaube nicht, daß die Einwirkung so plump vor sich geht, und so beleidigend nahe liegt, um kein anderes Wort als Nachahmung zu haben. Vielleicht – um historisch XI zu sprechen – wären wir Alle nicht in der Literatur, hätte Heine nicht seine Zauberworte gefunden; aber wir sind deßhalb nicht blos durch Heine da, oder wir sind nicht würdig, da zu sein. Er hat uns in den Krieg gelockt, in den Krieg mit Liebes- und Schmerzesklagen, mit tönenden Pfeilen, die über den Horizont hinausfliegen, in den Krieg der Welt, die singend und trachtend fechten will, nicht damit ihr augenblicklicher Schlachtruf siege, sondern damit das Herz der Menschheit siege. Dies Letztere hat die plumpe Masse nie begriffen, denn sie begreift nur das wirklich Ausgesprochene und Bekannte; jenes Herz ist aber ewig, und nicht in einen einzelnen Namensruf zu fassen, darum hat sie Heine so oft geschmäht, ihm die Konsequenz abgesprochen, ihn des Verraths der Republik geziehen und solchen Zeuges mehr. Lieber Himmel, mit dem Worte Republik ersetzt Ihr XII kein Herz, mit einer politischen Form erschöpft und zwingt Ihr zu Eurem eigenen Heile keinen Dichtergeist, und wenn Ihr das vermögt, so ist jener Herzenskündiger nie mehr gewesen als ein Bürgermeister. Die Masse ist grausam: was ihr einmal gefallen hat, das betrachtet sie wie ihren Söldner; morgen werdet Ihr's preisen, daß sich Heine in Eurer kurzen Konsequenz heute nicht fangen ließ, daß er aus einer schlimmen Schlacht die Fahne des schönen, ewigen Gedankens rettete. Damit will ich sagen: er hat die Spekulation des Weltherzens hervorgezogen aus dem Handgemenge beschränkter Parteien. Die Welt ist von Anbeginne ein Kampf, und die großen Anführer fürchten mordende Siege eben so wie mordende Niederlagen, der himmlische Gedanke des Kampfes ist in beiden gefährdet. Auf diesen Kampfplatz nun hat uns Heine allerdings gelockt; aber in der Schlacht muß XIII sich dann Jeder selbst helfen, und da es, wie oben gesagt, bei einer höheren Kultur nicht auf Tod und Leben, sondern auf Leben abgesehen ist für beide Theile, wenn auch mit Schmerz und Wunden, so übernahm jeder Einzelne, der sich vorwagte, eine ganz besondere Aufgabe: sich und die Schaar seiner Gedanken und Anhänger, die Schaar der neu aus der Erde wachsenden Gedanken und Anhänger auf's beste zu führen. Wir treiben zudem nur den Guerillakrieg, die großen Ereignisse sind die Schlachten – ist es nicht kindisch, da von Nachahmung zu sprechen, wenn der Eine dies, der Andre jenes Terrain nimmt, wo ganz Verschiedenes nöthig ist? Wir hören oft erst nach langen Kampagnen von einander ein Wort, und erfahren, wie der Andere sich postirt, was er erfunden habe. Und nun gar Heine, der die Wohnung im Vaterlande verloren hat, der arme XIV Krösus in der Fremde. Er sieht es nicht mehr seit vielen Jahren, das tausendfache Gewirr deutscher Entwicklungsfäden, er hört in der Ferne nur die Resultate, er ist gar nicht mehr im speciellen Verbande, nur mit seinem Genie wirft er uns zuweilen auf gut Glück treffende Schläge zu; wenn es noch lange dauert, verlieren wir ihn völlig an Frankreich; seit der letzten großen und verlornen Schlacht, welche von 31 bis 34 geschlagen wurde, hat man nur hie und da in einem Oleandergebüsch sein diamantenes Schwert blitzen sehn – eine Nachahmung Heine's wäre seit längerer Zeit völlig altmodisch, wir sind ein ganz andres Deutschland jetzt, als für das Heine Reisebilder in Hamburg schrieb. Warum ich jetzt dies Genre schließe? Warum ich mich zu andern Formen gedrängt fühle und warum ich glaube, daß diese rasch wechselnde Darstellung einfacheren Ansprüchen des Geschmacks weiche? XV Traut Ihr Euch alle ein Herz für die Liebe zu, so darf und muß sich der Autor ein Herz für Erscheinung und Form zutrauen; wie Ihr Sympathie und Antipathie empfindet, so muß er empfinden, in welcher Gestalt das Bewußtsein der Welt sich zum Anblick herausbilden will. Wir sind wie Schiffer, so fortwährend inmitten des Elements, daß wir am eigenen Pulsschlage eine Aenderung der Luft bemerken, die erst später eintreten wird. Der Instinkt des Geschmackes ist unser Kompaß. Wem dieser Instinkt abgeht, den kann nur der Zufall auf hohem Meere erhalten, und wer uns wegwerfend Modeschriftsteller nennen will, der weiß es nicht, daß die Mode sehr viel ist, und daß man sich nur gewöhnt hat, die Ausartung derselben eine Mode zu nennen; der weiß es nicht, daß wir oft selbst guten Bedachtes die Mode vorbereiten und machen. Die Mode ist der jedesmalige XVI historische Gedanke, wie er sich in der Geselligkeit und im Gespräche ausnimmt. Mit der Mode ist es wie mit der Gesundheit: wer ihretwegen ein eigenthümlich Leben opfert, der ist thöricht, wer sie gröblich vernachlässigt, nicht minder. Ist das nicht civil, und, was man sagt, für's Haus brauchbar?   In einem Polizeihause der Lausitz am 18. Juli 1837. L.         Inhalt III. Thüringen.         Durch Weißenfels Eine Jagd bei Weißenfels Ein Liebespaar Die güldene Aue Auerstädt und Osmanstädt Weimar Goethe's Hauswesen Briefe und Gespräche Goethe's IV. Süddeutschland. Bis Frankfurt Der Rhein Die Nibelungen Nell Stuttgart und die Schwaben Schiller in Stuttgart Das Schloß in Franken     III. Thüringen. Motto : Mein Hügel ist sanft und mein Berg ist grün, Mein Kuchen schmeckt süß, meine Linden blüh'n, Die Peitsche knallt Laut durch den Wald. Durch Weißenfels. Es wurde dunkel als wir den Berg nach Weißenfels hinunterfuhren; das Schloß am Berge leuchtete noch matt herüber in seiner stolzen Ruhe, lichtgelb mit blaugrauem Dache, ein stattlich Gebäude, bei dessen Anblick mir immer der dreißigjährige Krieg einfällt, dieser wüste Krieg, der mich oft an die Burschenschaften und Landsmannschaften in Deutschland gemahnt. Die einen schwärmen sich mühsam eine ideal nüchterne Tendenz in Sitten und Wünschen, die andern laufen roh dem herkömmlich materiellen nach, und beiden ist eine wechselnde, wilde Wirthschaft nach Wunsche. Mit solchem wirren 4 Studentenverkehr, wo beim Einzelnen oft kalt fanatischer Ernst zu Grunde liegt, und wo doch eigentlich Alles auf einen nie abreißenden Krieg, auf eine jeweilige Schlacht gestellt ist, hat jener ewige Krieg wirklich Aehnlichkeit. Auf dem Schlosse zu Weißenfels hat Wallenstein in der letzten Nacht vor dem Lützner Schlachttage gewohnt, und die Sterne, welche jetzt über mir aufgingen, sie haben ihm damals Rede und Antwort gebracht auf seine Lebens- und Todesfragen; auf diesem Schlosse lag die Nacht darauf todeswund der wilde katholische Reiterführer Graf Pappenheim, welcher mit seinen Kürassieren noch am Abende der Schlacht von Halle herüber auf den Kampfplatz gallopirt kam, um einen donnernden Angriff zu machen, und den Todesstreich zu empfangen; in dieses Schloß brachte man den Tag darauf Gustav Adolph's Leiche, die mühsam unter dem Haufen Gefallener hervorgezogen, in deren Entstellung kaum der große Schwedenkönig erkannt worden war. 5 Solch eine Warte, ein Sterbehaus, eine Leichenkammer war dies Schloß damals zwischen zwei Sonnenaufgängen. Hier bei Weißenfels fällt die große welthistorische Schlachtebene, die sich zwischen Halle, Merseburg, Leipzig und Lützen ausbreitet, die nur einmal in der Nähe von Schkeuditz ihre einförmige Fläche durch einen Abhang unterbricht, an dessen Fuße sie etwas tiefer, aber eben so gleichmäßig, Meilen weit fortläuft; hier fällt sie in Abhänge und Gründe, die Thüringer Hügel beginnen, und wachsen nach Süden hinauf zu Bergen. Schon von der großen Ungarschlacht an, welche Heinrich der Finkler auf der Ebene von Merseburg schlug, bis zu Napoleons Todestage in Deutschland sammelten sich hier immer die Heerhaufen zur Entscheidungsschlacht. Diese hier beginnende Hügelstraße über Naumburg, Kösen, Eckartsberga nach Thüringen hinein war auch besonders im letzten Kriege das wichtige Defilée, wo die Franzosen mit dem eigentlichen Norddeutschland zuerst in Waffenberührung kamen, wo 6 man sie oft in Gefahr brachte, und wo sie ihr gutes Glück niemals verließ. Einige Meilen weiter auf dieser Straße werden wir auf das Schlachtfeld von Auerstädt kommen, wo Davoust bei glücklicheren Dispositionen vernichtet werden konnte. Ferner: zu Anfangs des Feldzugs 1813, wo Napoleon mit der jungen Armee über Erfurt herunterkam, erhielt hier, am Ausgange dieses Defilées, die französische Avantgarde eine Schlappe, kehrte eiligst um, und floh durch Weißenfels und Naumburg zurück, hastig fragend: où est le chemin pour Paris? Das Hauptkorps drückte indessen die Zersprengten unablässig wieder vor, die Alliirten wehrten nicht mit Nachdruck den Zugang auf die Ebene, Bessières erschien mit den Garden eben auf der Fläche, leitete die Schlacht bei Lützen ein, und fiel. Zu Ende des Feldzugs 13 hatte die bei Leipzig geschlagene große Armee den Rückzug vor sich durch diese Passagen, der von einigen Abtheilungen der Alliirten bedroht wurde. Napoleon, um mehr Raum zu gewinnen, leitete einen Theil des Rückzugs eine nördlichere, 7 kleinere Straße entlang über Freiberg, der Hauptweg blieb aber diese Straße, und hier hindurch hat sich also die letzte französische Armee rückwärts gewälzt, welche auf deutschem Boden gewesen ist. Auffallenderweise ebenfalls weit glücklicher und unangefochtener, als man bei solchem Terrain und einer hinten und seitwärts drängenden Armee erwarten sollte. Dennoch kann ich mich immer des Gedankens nicht erwehren, daß einmal ein Feind unsers Vaterlandes hier seine caudinischen Pässe, eine vernichtende Niederlage finden werde, und ich sehe den Feind besonders in dem großen Naumburger Kessel eingesperrt und erdrückt. Hier bei Weißenfels begegnet man der Saale, diesem schwarzen schwermüthigen Flusse Thüringens, der aus der Frankenscheide über Saalfeld, Rudolstadt, der Leuchtenburg und Jena vorüber herunterkommt. Er durchschlängelt alle die Pässe, welche von hier aus den direkten Zugang zum südlichen Deutschland bilden, und tritt hier hinter Weißenfels 8 in die Ebene hinaus nach Halle und der Elbe zu. Auch er hat, wie alles Sächsische, kein Glück gehabt und seine Passagen nicht vertheidigt gegen die Franzosen, welche 1806 die beschwerliche Saalstraße heraus bis Jena und mit dem Seitenkorps über Zeitz und Naumburg kamen zur Doppelschlacht von Jena und Auerstädt. Dies Mittelstück zwischen Süd- und Norddeutschland, Thüringen, das gehügelte und bergige, beginnt geographisch eigentlich hier. Die alte Grenze ist zwei Meilen weiter, eine halbe Viertelstunde hinter Naumburg: dort auf der großen Heerstraße nach Kösen ist ein kleines Brücklein, genannt die Schweinsbrücke, dies gilt für die alte officielle Grenze Thüringens. Es ist ein lieblich, freundlich Land, was mir stets sonnenbeschienen im Sinne liegt mit grünen Bergen, weichen Hügeln und freundlichen Bewohnern, die täglich Pflaumen- oder Apfelkuchen oder sonst eine Kuchengattung verspeisen. Weil der Kuchen in meiner Heimath etwas Sonn- und Feiertägliches ist, so hat mir Sachsen und Thüringen 9 stets etwas Geputztes: Sachsen leistet in der Kuchenbäckerei nur etwas weniger als Thüringen, wobei ich blos an zwei Vergnügungsorte bei Leipzig erinnern darf, welche ohne weitere Umstände der große und kleine Kuchengarten genannt sind. Die ärmste Frau bäckt mit dem Brode einen Kuchen, die Nationalleidenschaft heißt Kuchen, an der Heerstraße steht an den Gasthausschildern obenauf »Kuchenbäckerei«. Ich hatte eine lange Zeit das Glück, mitten im Schooße dieses nationalen Appetits zu wohnen, und alle Nüancen desselben alle Tage zu beobachten: in Kösen nämlich steht hoch am Wege das berühmte Hämmerlingsche Kuchenhaus, wo der leichtgeschürzte Pilger, der schwere Kärrner, welcher das Saumroß treibt, der muntre Handelsmann und das ernste Edelfräulein anhält, und einen Wink ausgehen läßt mit der respektiven Hand. Darauf erscheint ohne weitere Frage Bertha, die schalkhafte, mit demjenigen Kuchen, welcher eben an der Jahreszeit ist. Zu Fuß, zu Roß, zu Wagen wird er pausirend 10 genossen; das Haus liegt an der Straße nach Paris, der Postillon, welcher den Russen oder Franzosen vorüberfährt, hält still als Thüringer, und erwartet Bertha für sich und für die fremde Herrschaft, die oft mit Verwunderung den ohne Weiteres präsentirten Kuchenteller betrachtet. Wenn das Novellenschreiben träge ging, habe ich oft stundenlang den Reisenden zugeschaut, und ich wußte am Ende den Thüringer wohl zu unterscheiden, welcher mit größerer Sicherheit und vertrauterem Genusse das heimathliche Labsal verzehrte. Manchmal hat mich der frevelhafte Gedanke überrascht, welchen kein Thüringer vergeben wird, ob diese weiche Kuchenleidenschaft schuld sei, daß dieses schöne, so wohl gelegene Land niemals einen herrschenden Moment in der Geschichte errungen habe; die Perser aßen Brod und Brunnenkresse, die Spartaner schwarze Suppe, die Russen lieben das Sauerkraut, und haben mit diesen strengen Nahrungsmitteln große Reiche und große Macht 11 gewonnen; Erfolge des Kuchens kennt die Weltgeschichte nicht, der süßeste Aepfelkuchen hat nichts ausgerichtet. Es ist aber allen Ernstes auffallend, daß dies zur Herrschaft im deutschen Reiche so wohl gelegene Land nie eine derartige Bedeutung errungen hat. Es sieht aus seinem schönen Walde von Eisenach bis Coburg nach Süddeutschland hinab, und die Höhen seiner reizenden güldnen Aue winken lockend nach Norddeutschland hinein: es ist die Mitte unseres Vaterlandes, und außer dem unbedeutenden Pfaffenkönige Raspe, wenn der noch flüchtiger auftauchende Günther von Schwarzburg übergangen wird, hat es nicht einmal einen deutschen Kaiser geboren, noch weniger einen nachdrücklichen, oder gar ein Kaisergeschlecht. Die Beziehung zum alten deutschen Reiche wird aber hier rege, wo man aus der nordöstlichen Ebene an die Berge und Thäler kommt, welche den Uebergang bilden zum alten, sogenannten Reiche. Jenseits, östlich und nordöstlich von diesen 12 Bergen, gab es nur Marken, Grenzländer, und wenn man hier von einer Höhe nach Norden hin die blauen Vorberge des Harzes sieht, da wird man an ein Kaisergeschlecht erinnert, was dort seine Burgen baute, die Bären jagte, die Wälder lichtete. Dies altsächsische Geschlecht hat allerdings viel herübergereicht in's thüringische Land, die Ottonen haben Naumburg, die Nauenburg, geschaffen, und in einer Ecke der güldnen Aue, hinter den Bergen von Bibra, in Memleben, viel verkehrt und gelebt, und sind auch dort gestorben; aber was wir dort Thüringen und Sachsen, oder mit dem gemeinschaftlichen Worte Sächsisch nennen, das hat in unsrer Reichsgeschichte keine herrschende Rolle gespielt. Was die Geschichte Sachsen nennt, und was manchmal heute noch mit dem Worte Niedersachsen bezeichnet wird, das war der Norden, das, was sich eine Zeit lang specieller über den Harz westlich hinüber bis an den Rhein zog. Was später Sachsen hieß, als das deutsche Reich mehr in Staaten überging aus Stämmen, war allerdings 13 ein abgezweigter Theil des alten Sachsen, der aber theils mehr und mehr ein abgesondertes eignes Wesen eines Mittelstaats zwischen Nord- und Süddeutschland erhielt, theils auch aus den Marken sich arrondirte. Seine Hauptstadt zum Beispiele, Dresden, bildete sich in dem Meißnischen Grenzlande, und stützte sich schon auf die mit Slaven vermischteren Lausitztheile. Aus dem allen bildete sich ein vermittelter und vermittelnder Staat, der sich in Sprache und Sitten vom alten Sachsen absonderte, und von Hause aus auf eine andere Existenz angewiesen war, als die ist, welche man eine in sich abgeschlossene und ruhende nennt. Betrachtet man Sachsen von diesem Standpunkte, so findet man leicht die Gründe seines historischen Unglücks auf: Um zu gedeihen mußte es ein schöpferischer Staat werden, dahinaus ging aber nur das Wesen und die Tendenz eines einzigen Regenten dieses Hauses, des zu früh sterbenden Moritz; alle übrigen hatten ihre Existenz auf 14 ein Begnügtsein gestellt. Die Theilung in zwei Linien war ein zweites Unglück, welches die Kraft gebrochen hielt, und diesem prächtigen Lande, was von der schlesischen Grenze durch lauter gesegnete Gegend bis jenseits Langensalza mit entsprechender Breite hinausging, die Zukunft nahm. Die Eroberung von Schlesien, und alles Folgende, was einen mächtigen norddeutschen Staat bildete, wäre Sachsens Bestimmung gewesen, es versäumte und verlor sie, und Preußen, mit viel weniger Ausrüstung, übernahm sie energisch; alle Wechselfälle, welche eintraten, und denen der Sachse die Resultate des jetzigen Zustandes zuschreibt, sind zwar unwesentlich, ihr Ausbleiben hätte den damaligen sächsischen Staat vielleicht noch etwas länger gerettet, aber weiter nichts geholfen; nicht das Ereigniß entscheidet dauernd für einen Staat, sondern die Position, welche er gewinnt oder verliert. Die Position eines neuen Staatslebens, was aus dem verfallenden alten Reiche und in ein noch vielfach vereinzeltes Ländergebiet 15 eingehen sollte, ließ sich Sachsen entgleiten, und so verlor es sich selbst, denn der Staat, welcher nicht gewinnt, geht dem Tode entgegen. Der allgemeine Charakter des Menschenschlages hat nun sicher auch auf das Schicksal des Landes eingewirkt, und ist auch umgekehrt vom Schicksale des Landes gebildet worden, wie beim Staatsleben Alles Gegenseitigkeit wird. Von dem Hauptstamme im Norden war man abgezweigt; und ein starker, ungeschwächter Ursprung konnte nicht fortwirken oder neu erzeugen; mitten im Binnenlande, was die Arbeit freundlich, aber nirgends luxuriös, lohnte, war man eingedrängt, ohne daß eine höhere, bewegende Staatsperspektive irgend welchen Schwung verliehen hätte: so entstand eine betriebsame, artige Nation, welche nirgends zu einer genialen Kraftentwickelung aufgefordert wurde, solchergestalt in eine achtungswerthe Gewöhnlichkeit hineinwuchs, und das Opfer größerer Kombinationen der Geschichte werden mußte. Das Vorgefühl dieses Bedrohtseins machte den von Natur freundlichen und höflichen 16 Sachsen listiger, weshalb man seine Höflichkeit oft für weniger aufrichtig hält, weshalb er auch wirklich zum Diplomatisiren, zu feinen, vorsichtigen Schritten im Welt- und Staatsleben am geeignetsten ist; daneben hat sich übrigens so viel herzliche Güte fortgepflanzt und ausgebildet, das Element des Fleißes und der Betriebsamkeit in Wissenschaft und Industrie hat sich so regsam, so fein und sauber in ihm fortgeschaffen, daß man des behaglichsten, besten Eindrucks gewiß sein kann, sobald man in den Bereich der jetzigen und früheren sächsischen Staaten kommt. Bis in das kleinste Städtchen findet man die heiterste Reinlichkeit, und das Behagliche eines wohlhäbigen Mittelstaates sieht man noch jetzt darin ausgedrückt, daß die Ortschaften gefegt, zierlich und lachend wie große Stuben aussehn; dies und die Nähe des Reichs kündigt sich damit an, daß man links und rechts in geringen Entfernungen eine Menge Städte, Städtchen und Ortschaften antrifft, und die kleine Existenz überall sauber und gerundet ist. 17 Den Sachsen selbst hat es nie an innerem Selbstgefühl und Nachdruck einer nationalen Eigenthümlichkeit gefehlt. Wie stark ihr sächsisches Bewußtsein war, hat sich beim Zusammenschmelzen in der letzten historischen Krisis gezeigt, sie waren so ärgerlich, wie eine Mittelnation nur sein kann, und besonders der Preuße war ihnen völlig verhaßt. Dergleichen ist natürlich bei historischen Kollisionen, und ein kräftiger Mensch hat stets das Bedürfniß, seinen Heimathsstaat groß und stark zu wünschen, widerstrebend in einen neuen Verband überzugehen; das Königreich Sachsen schmolz bekanntlich am ärgsten zusammen, aber es blieb doch eine Kompaktheit, und der Bewohner hatte einen ganzen, leicht faßlichen Gegenstand des Zornes; viel ärgerlicher kam das nationale Bewußtsein bei den kleineren sächsischen Staaten in's Gedränge, eben deßhalb wunderlicher und viel wunderlicher, dem Untergehn näher gerückt. Ich hab' es oft gehört, daß sich Bewohner aus den Herzogthümern für Bewohner des Königreichs 18 ausgaben, um in der Wärme des Nationalstreits mit größerem Nachdrucke Sachsen zu sein. Aber wie vielfach hat man seit dem Wiener Kongresse das Entschlummern solcher Pietätsunterschiede beobachten können! Der Vortheil und die Gewohnheit halten das Alte, und binden eben so das Neue, die Liebe verkohlt und der Haß wird Asche, neues Leben wächst über Wunden. Nur die Alten denken noch manchmal daran in Naumburg, daß ihre Stadt einst sächsisch gewesen; die herrschende Generation fragt schon manchmal: ist denn das wahr? Sie hat schon gar keinen lebendigen Bezug mehr darauf; ich ritt von jenem Orte eine Zeitlang täglich auf den nahen Knabenberg, welcher über Schulpforte liegt, weil dort neben der prächtigen Aussicht auch der einzige Reitplatz war. Er ist mit Bäumen eingefaßt, und man sieht's ihm an, daß er officiell angelegt ist; der erste Referendarius, welchen ich fragte – alle Spaziergänger, denen man dort begegnet, sind nämlich Referendarien – war ein geborner Sachse, er wußte nichts von dem Reitplatze; der zweite 19 Referendarius, ein Pommer, erzählte mir ausführlich, daß die sächsische Kavallerie da oben ihre Reitexercitien vorgenommen habe; ihn hatte es interessirt, weil er von draußen kam, und vielleicht noch ein nationalsächsisches Interesse voraussetzte; für den Sachsen hatte eine solche Erinnerung gar nicht mehr existirt. So steht in Leipzig nach dem Ranstädter Thore hin, unweit der Rosenthal-Brücke, ein verwitterter alter Meilenstein, wo noch die Städte Lützen, Weißenfels, Naumburg \&c. als Landesstädte verzeichnet sind. Mich hat dies historische Denkmal oft beschäftigt, wenn ich im Vorübergehn die Städtenamen las; mancher Leipziger, dem dies Blatt vor die Augen kommt, wird sich besinnen, was das für ein Stein sei, er hat ihn nie bemerkt, oder beim Anblick desselben, selbst bei dem der Ortsnamen ist ihm nie eine politische Beziehung eingefallen – so zieht die Geschichte immer einen dünnen Schleier nach dem anderen über das Vergangene, bis die alten Dinge unleserlich und vergessen sind. 20 In Thüringen überhaupt ist alles Sächsische schon sanfter schattirt, der Accent ist nicht so auffallend sächsisch, der Menschenschlag, zwar auch noch wenig über die kleine Mittelgröße hinausreichend, wie sie in Sachsen vorherrscht, ist schon mannigfaltiger; die glatten, zierlichen Mädchen Sachsens sind seltener, das dralle Leipziger Jäckchen hört auf, und der kurze Kattunmantel beginnt, in welchen sich hier auch die ärmlichste Weibsperson hüllt; das Scheibenschießen, was durch ganz Thüringen allsonntäglich knallt, die Lohnkutscherei, die hier in vollem Flore steht, die Einspänner, die saure Milch treten als Eigenthümlichkeiten auf. Dies muntre, richtige Weißenfels erweckt mir als ein halber Grenzort stets die thüringischen Gedanken, es ist ein kleines Leipzig, und gesellig wie ein Ameisenhäuschen; die sächsische Gesprächigkeit geht nicht unter, so lange die Sonne und der Schnee auf Weißenfels fallen, auf dies fidele, pensionirte Städtchen. Wohlfeil und leicht zugänglich zieht es 21 mit magnetischer Kraft die Pensionirten aller Stände an, man spielt Liebhabers auf Liebhabertheatern, man lies't französische Bücher, man hält Zeitungen, nur die »Allgemeine« nicht; man ist eine luxuriöse kleine Stadt und gar nicht blöde. 22     Ein Jagd bei Weißenfels. Müllner war die Hauptperson dabei, aber glücklicherweise der todte, nicht der lebendige. Wir waren von Naumburg ausgezogen über die rothen Sandwege, welche nach der Schönburg führen, dort hatten wir hinter dem Naumburger Kessel, in welchen man von hier hineinsieht, den Sonnenuntergang genossen, welcher sich roth an dem Steinberge abspiegelte; dann waren wir Hügel auf, Hügel ab, mit der Flinte im Arm durch die Waldwege gekrochen, die öfters Blößen und Lichtungen in dies und jenes kleine Thal bieten, und die Ermüdung stellte sich ein. Wenn ich wir sage, so heißt das: ein alter 23 Justizbeamter und ich. Der Mann war von ächt thüringischer lateinischer Bildung, er wird bis an seinen Tod die Pennalgeschichten von Schulpforta erzählen, und mit citirtem Cicero oder Horaz über Napoleon und den Liberalismus sprechen. Wenn er von der Gegenwart sprach, so sprach er von der Vergangenheit, zuckte die Achseln bis an's Ohr, und sagte: »Ach Du lieber Gott, das waren andere Zeiten!« Er that durchgehends, als ob die Welt seit seiner Jugend ganz erbärmlich geworden wäre. Gewöhnlich deutet dies auf eine Art Mittelmäßigkeit; bedeutende Menschen erheben nicht immer das Vergangene auf Kosten der Gegenwart, sondern bekunden sich auch darin, daß sie mit geschärftem, geistigem Organe die stumpf gewordenen Sinne überbieten, daß sie die Interessen und Genüsse Anderer dem allgemeinen Zustande in Anrechnung bringen – Entäußerung des Egoismus spielt auch hier wie bei aller Bildung die Hauptrolle. Dies Urtheil ist nur zu mildern, wenn der Alte von niederdrückender Krankheit oder von Verlusten betroffen 24 worden ist, die sich nicht mehr ersetzen lassen, z. B. vom Verluste eines Weibes oder Freundes, welche die Ergänzung seiner Lebensgeschichte ausmachten. So etwas ist allerdings unersetzlich, und hierbei ist just die vergangene Zeit das baare Gold, was man verloren hat. Mein alter Jurist aber hatte nichts Bedeutendes verloren, als höchstens Prozesse, und da jeder Mensch zur Ausfüllung seiner Würdigkeit solch eines großen Verlustes zu bedürfen glaubt, damit er eine Folie habe für den unproduktiven Augenblick der Existenz, so bildete sich mein Begleiter ein, die Hauptsache und der Mittelpunkt seines Lebens sei mit Adolph Müllner zu Grabe gegangen. Wir kamen, ohne daß ein Hase unser Gewissen belästigt hätte, an dem Bergeshang auf eine offene Waldblöße, von wo aus man bei klarem Mondscheine das Städtchen Weißenfels im Thale liegen sah. Das breite, stattliche Schloß, welches sich mit dunklem Dache über die Stadt erhebt, und ihr ein gewisses nobles Ansehn verleiht, schimmerte mit seinen langen Fensterreihen im Mondlichte; ich vertiefte 25 mich in den Anblick und die Gedanken, welche eine weiß dämmernde Mondnacht so weich und milde anregt; mein Jurist aber gestattete dieß nicht, er machte ein Feuer an, und rief fortwährend: »Ach die schöne Zeit, wo Müllner noch da drüben lebte!« Aergerlich über diese leere Emphase fragte ich ihn, worin denn eigentlich die Schönheit jener Zeit bestanden habe? denn die Literatur von damals wecke durchaus keine angenehme Erinnerung, und ich müsse ihm offen gestehn, daß mich die Müllnersche Epoche immer wie der Abschnitt eines wüsten Interregnums gemahne, wo die Freibeuter, Wilddiebe, Raubgrafen herrschend umhergestrichen auf der Landstraße unserer Literatur. Es war Unrecht, daß ich mich unter solchen Worten an das gastliche Feuer niederstreckte, was er bereitet, denn man soll der Armuth nicht die dürftige Illusion zerstören, wenn man ihr nicht Ersatz bieten kann. Alles Neue ist grausam; für geschichtliches Interesse gibt es im Alter keinen 26 Ersatz, weil die Schöpfung fehlt, die Schöpfung des Schaffens und des Empfangens. Er bedauerte mich indessen, denn jenes Interesse war absolut fest und nothwendig geworden in seiner Existenz: wie ein Gespenst erhob sich der Alte mir dem ordinair gesunden, rothen Antlitze; seine weißen, zurückgestrichenen Haare flatterten im Winde, aus den leeren, lichtblauen Augen starrte jener lederne Eifer, welcher mit seiner Beschränktheit einen unangenehmen Eindruck macht, und doch eben damit unsre Nachsicht in Anspruch nimmt. Ach, sagte er endlich, alles Uebrige höflich hinunterschluckend, Sie haben Müllner nicht gekannt, den Großen! seinen scharfen Geist, seinen Witz nicht genügend beachtet, er war ein außerordentlicher Mensch. Nachdem er dies gesprochen, sank der alte Jurist wieder auf seine alte Stelle am Feuer. Was führte denn Müllner für eine Lebensordnung? 27 »Ja wohl, Ordnung, Alles war bei ihm Ordnung –« Man erzählt, daß er sich aus der Natur, der schönen Gegend, dem Liede der Vögel, dem glitzernden Sonnenstrahl im Walde nichts gemacht habe, und ich finde das sehr bezeichnend für ihn, der Mann war ein dürres Abstraktum. »O, unterbrach mich mein Nachbar, dies Girren und Flöten der Romantiker war allerdings nicht für ihn, seine Poesie wußte nichts von dem Schwebeln und Faseln, von den empfindsamen Spazirgängen, sie war rein geistig« So? »Was habe ich davon, hinunter in den Mondschein zu blicken? Aber von Gedanken habe ich etwas, der Gedanke ist, nun ja, der Gedanke –« Ist das Absolute, Sie verehren wohl Hegel neben Müllner? »Ach, was Herr, Hegel und Absolutes! Das ist auch solch 'ne neue Mode, ich will absolut nichts davon wissen, das ist mein Absolutes, das bin ich 28 Müllnern schuldig. Ja, dessen Gedanken! Darum arbeitete er auch nur des Nachts, wo ihn kein Eindruck störte, bei verschlossenen Fenstern, im einsamen Zimmer, wirklich nach Mitternacht schrieb er seine Mitternachtzeitung. Erst wenn der Morgen kam, legte er sich schlafen, und stand am späten Nachmittage auf. O, er wußte dabei die Realität der Dinge zu schätzen, man aß und trank vortrefflich bei ihm, er rauchte eine süperbe Pfeife Tabak; wenn er Abends in die Resource kam mit seinem strengen, gebieterischen Angesichte, da war's, als ob ein König aufträte, wehe dem Unglücklichen, der ihm widersprechen wollte, er wurde zermalmt. Müllner war ein praktischer Poet, der seine juristischen Kenntnisse den Buchhändlern gegenüber geltend zu machen wußte; wie verstand er sein Handwerk, die Juristerei! wer ihm seine Gedanken nicht voll bezahlen wollte, der hatte einen Prozeß am Halse, eh' er sich dessen versah.« – Herr Hofrath Müllner verdiente viel Geld? 29 »O ja, die Schriftstellerei brachte ihm doch ab und zu des Jahrs ihre 2–3000 Thaler. Das verdient man nicht mit Mondscheingedichten; davon rieth er auch allen jungen Schriftstellern ab.« Ich habe das selbst erlebt: als ich im Jahre 1826 nach Halle auf die Universität kam, wohnte ich in einem Weingarten an der Saale, dicht in Grün und Laub gehüllt, die Vögel hüpften mir auf die Fenster, und da übereilte mich wohl mitunter ein Sonett, wenn ich aus dem Studententumult wüst heim kam, und an Schlesien dachte; ich schickte ihm zwei davon für sein Journal, und erhielt sie mir dem Bemerken und einem lehrreichen Briefe zurück, daß lyrische Sachen nicht gedruckt würden; er hatte sie sorgfältig mit Randglossen versehen, die einzelnen Metaphern lobend angemerkt, und sie sorgfältig wie ein gutes Schulexercitium behandelt. »Sehen Sie, wie genau und sorgfältig er war! Wegen meiner Jagdliebhaberei, die ich des Unterleibs wegen betreibe« – Ihres Unterleibs wegen? 30 »Ja, deswegen hat er mich oft aufgezogen.« Er ging von Weißenfels aus nie auf die Jagd? »Ein einziges Mal war er mitgewesen, und hatte ein wunderliches Abenteuer dabei bestanden, was er auf die scharmanteste Weise zu erzählen wußte. Zur damaligen Zeit waren die großen Fuchsmützen Mode, von denen ein großer Fuchsschwanz den Rücken hinunter hing; bei Kutschern und Förstern findet man sie zuweilen heute noch. Müllner trug an jenem Tage eine solche, und war unterhalb der kleinen Anhöhe postirt worden, welche Sie hier im Mondlichte sehen können – dort, wo der kleine Baum steht – die Vertiefung des Bodens verbarg ihn von der einen Seite so weit, daß man nur den Fuchsschwanz auf der Mütze wackeln sah. Ein Jäger, der von jener Seite kommt, ist des Glaubens, der Schwanz gehöre einem lebendigen Fuchse, und giebt eine solide Schrotladung darauf – das hat die Mütze ruinirt, und dem Herrn Hofrath alle andern Jagdpartieen abgeschnitten.« 31 Wir lachten. In dem Augenblicke fiel ein Schuß, und die Schroten zischten dicht über uns hin in die Bäume; der Jurist sprang erzürnt auf, um den frevelhaften Schützen zu suchen. Ich stieg beim Monddämmer nach Weißenfels hinab, und die Gedanken über Müllner, die Literatur und Sachsen schaukelten sich mit mir die Hügel hinab. Bezeichnend für Müllner ist es mir immer gewesen, daß er seine Hauptverehrer unter den Juristen hat. Die jetzige Generation weiß es gar nicht deutlich, daß er eine zeitlang mit Redaktion des Morgenblattes ein tumultuarisches Aufsehn machte: er spektakelte und würzte mit ein Paar juristisch-ästhetischen Begriffen und einer harten scharfen Feder ebenso wie jetzt Menzel gethan mit ein Paar andern Begriffen. Sie sind eigentlich zusammen Rinaldo Rinaldini in unsrer Literatur, und wie das Handwerk unter sich stets den heftigsten Haß entwickelt, so ward Rinaldo Müllner von Rinaldini Menzel auf das Intimste gehaßt, und wir bekamen noch vor einiger Zeit im Morgenblatte die Grabschrift zu 32 Gesichte, welche einem literarischen Urtheile so angemessen ist, und einem Schriftbrigand so wohl steht, der den anderen überlebt. Menzel schrieb von Müllner: »Als die Bestie in Weißenfels endlich verreckt war« – ich habe mich in Wahrheit scheu nach einem Galgen umgesehen, als mir nächtlicher Weile dieser Ausdruck einfiel. Heitere Dichtkunst, so wenig wie das schöne, zarte Mädchen bist Du sicher vor roher, gemeiner Hand! Stimmt es wohl auch mit dem Mittelstande der sächsischen Staaten überein, diesem Mittelstande zwischen Nord- und Süddeutschland, zwischen Drang nach selbstständigster Eigenheit und Drang und Nothwendigkeit, sich anzuschließen und zu ergänzen, daß dieser Länderstrich keinen großen Dichter geboren hat? Keinen Kaiser, keinen Dichter! Und doch murmeln die Quellen so lockend herab von den Thüringischen Bergen, doch rauschen die Bäume des hohen Bergwaldes so ahnungsschwanger wie der Schwarzwald und die Alp, welche den Schwaben so freigebig geworden sind mit Kunde und Sage! Seit die 33 Minnesänger bis hier herein gesungen haben in die Thüringischen Thäler, sind große, beherrschende Dichterworte von hier aus nicht mehr ausgegangen. Und doch war just dieses Sachsen lange Zeit der Mittelpunkt deutscher Bildung: die Universitäten Wittenberg, Leipzig, Jena waren das Centrum deutscher Kultur. Gottsched machte in Leipzig einen diktatorischen Versuch mit der schönen Literatur; er mißlang, und die eigentlich schöpferischen Talente erhoben sich im eigentlichen Norddeutschland und im eigentlichen Süddeutschland. Nur Lessing kommt in Frage: er stammt aus einem Grenzbezirke des sächsischen Landes, aus der Lausitz. Bekanntlich sind die Grenzen oft überaus umflußreich, weil auf ihnen Heimisches und Fremderes in Berührung kommt, Kampf und Anregung weckt. Diese Grenzbewegung schien auch das Lebhafteste in Lessing zu sein; er ging nach Berlin und nach Norddeutschland und blieb dort; das märkische, norddeutsche Element war auch durchweg in seiner ganzen Schärfe vorherrschend in ihm, nichts deutet 34 auf den Sachsen, als die Gleichgültigkeit gegen die Natur, welche er mit Müllner gemein hatte; in der Minna von Barnhelm verläugnete er darin sein Vaterland schon, daß er sich dem preußischen Interesse des Soldatenlebens anschloß, von der sächsischen Höflichkeit, und dem gefälligen Triebe, auszugleichen, hatte er keine Faser; an die sächsische Literarmanier, sich an die Schulerinnerungen mit vermischtem Geschmacke anzuschließen, erinnert seine kühne Eigenthümlichkeit in keiner Weise, die nur für die feinsten Gesetze das Griechenthum in Anspruch nahm, sonst aber mit Shakespeare das neu Geschaffene pries und anrieth. Auch darin hat dieser Landstrich sein Unglück gehabt, daß seine größten Talente die Heimath verließen – auch Leibnitz war aus Leipzig – und die daraus sprossenden Keime zertraten, daß seine geringeren Talente, wie Müllner, das Unvortheilhaftere ausbildeten, und lebhafter die Entrüstung in Anspruch nahmen als die Anerkennung. 35     Ein Liebespaar. I. Ein Liebespaar ist das Interesse einer Provinzialstadt; so lange man noch Frische und Sehnsucht hat, so lange entbehrt man die große Welt draußen nicht, so lange bleibt man selbst noch liebenswürdig neben, selbst in den Spießbürgereien, wo die Frau Assessorin sich kühnlicherweise neben die Frau Räthin auf's Sofa gesetzt hat, wo es einen einzigen Frevler giebt, der den Herrn Präsidenten nicht grüßt, wenn dieser mit den langsamen Rappen spazieren fährt. Wenn die Liebe in der Provinz aufhört, dann kommt Whist und L'hombre an die Reihe, 36 oder gar die Flasche; zunächst wird die Zeitung mitgehalten, dann mischt man sich in den politischen Klatsch, dieser hält nicht lange vor, und man umarmt den Stadtklatsch; der Brod- und Stellenneid reckt seine Glieder; an bestimmten Feiertagen wird eine Landpartie unternommen; man fängt an, vor'm Schlafengehn pünktlich aufzuschreiben, was ausgegeben worden ist; man klagt über Immoralität; man schont eine Staatsweste, und läßt für das wochentägliche Gilet Knöpfe bis an den Hals setzen, um Wäsche zu sparen; man nimmt keinen unfrankirten Brief mehr an: man wird ein Philister. Dies Alles gelingt auch in der großen Stadt ohne allzu große Schwierigkeit, aber die geschäftigen Wogen des größeren Verkehrs verbergen es mehr, bespülen die Außenseite mehr, so daß sie nicht völlig vertrocknen kann; in der kleinen Stadt wird man ohne lebhaftes strebsames Herz ein Spießbürger, in der Mittelstadt ein Philister. Es giebt viel unterscheidende Nüancen zwischen dieser und jener Charge: der Spießbürger ist in seiner Beschränktheit naiv, 37 der Philister frech oder dumm; der Spießbürger haut zuweilen über die Schnur, faßt sich ein Herz und giebt einen Groschen über den Etat aus, der Philister nie, er vergiebt sich nichts, seine Redensart heißt: Ich habe mir keine Vorwürfe zu machen. Der Spießbürger schmunzelt bei einer Mesalliance, welche von lebhafter Neigung herbeigeführt ist, doch einen Augenblick, und sagt: 's ist Schade, eigentlich wär's ein hübsches Paar! Der Philister dagegen spricht: der Hunger und der Wurm wird diese Phantasterei bekehren, ich könnte auch mehr Vergnügen haben, wenn ich blos darnach fragte, was gut schmeckt. Der Philister haßt jeden Schnurrbart und fragt: wozu das? Wenn er ein hübsches Mädchen sieht, fragt er zuerst: Wem gehört sie an? Kurz der Spießbürger ist frischer als der Philister. Wenn ich alle Berührungen und kleinen Gespräche zusammen rechne, die ich in dieser oder jener Provinz angeknüpft, so ergiebt sich mir das Resultat, Thüringen gehöre darin zu den besten Provinzen unsers Vaterlandes: sein Spießbürger ist heitrer, 38 frischer, den Spaziergang und das Vogelschießen würdigend, sein Philister ist nachgiebiger als der in manchem andern Lande. Es ist Lebenslust und Frische da; vielleicht hilft es auch, daß man auf vielen Hügeln Reben pflanzt, von denen der Dichter singt: »Gewächs, sieht aus wie Wein;« man strebt aus Dorf und Stadt hinaus nach dem Freien, und während der Weinlese selbst wird in allerlei Formen mehr Pulver verplatzt als in manchem Feldzuge; es ist mir noch nirgends eine solche Liebhaberei für Pulver und dessen mannigfache Explosion begegnet, als im Thüringischen Lande. Man sollte glauben, der Krieg und Soldat wären hier zu Hause, aber ich glaube, es ist den Leuten lieber, wenn's zum Spasse geschieht. Auf den Weinbergen, die wie ein Bachuskranz sich an der Saale hin um Naumburg ziehen, und ihre Abdachung Wärme suchend der Sonnenseite zukehren, blitzt und knallt es an den Herbstabenden, als ob ein feindlich Heer in's Thal herniederstiege. Oft spät am Abende, wenn Alles still geblieben war, sah ich weithin in der Dunkelheit 39 eine Rakete steigen oder eine Leuchtkugel fliegen, silberweiß mit abfallenden Sternen; wie poetisch hat mich das immer angeweht: heitre, frohe Menschen verkünden der einbrechenden Nacht, und jedem Wanderer, der's sehen will, daß sie sich freuen; ein Liebender grüßt die Geliebte, welche unten im Thale seiner gedenkt. Ueberhaupt haben diese Berghügel viel Reizendes: sie trennen steil, und halten doch in der Nähe. In der Nacht, wenn der Mond scheint, und man ihre kalkigen Geröllblößen und ähnliche Kahlheiten nicht sieht, die ihnen stellenweis am Tage ein pauvres Ansehn geben, formiren sie stets ein lockendes Gebiet mit ihren schwarzen Schatten und weißen Mondeskronen, dazwischen durch die schwarze Saale, am Ufer zuweilen weiche Wiesen, durchsichtige, fein schattirte Eschengruppen, weiße Häuschen auf den Bergeserkern, und oben auf dem Gipfel am dunklen Walde das Sommerhaus, wo der Freund wohnt, und alte Kriegsmärsche trommelt, die fern und gedämpft in die friedliche Ebene herunter fallen: 40 Schläft auch die Welt, es wacht mein Herz, Schläft auch das Glück, es wacht mein Schmerz, Wohl dem, der Schmerzen hat! Weh' dem, der lebenssatt! – Trumterum, trumterum, trumterum! Erde geht im Kreis herum, Mancher fällt im Schwindel um, Fließe Mondschein drüber hin, Hüll' in Dämmer wüsten Sinn, Oeden Gleichmuth hüll' in Traum, Der Himmel ist hoch, weit ist der Raum – Trumterum, trumterum! Wann, o Zeit, wann bist du um?! Zur Nachtzeit, bei Mondenschein, aus dem Bergesdunkel hernieder liegt in dem plumpen einfachen Tone der Trommel eine wunderbare Melancholie, die Trompete ruft zur Schlacht, die Trommel zum Tode. Sind Euch die stillen Sommernächte unbekannt, wo Euch Niemand liebt, wo die wohllüstig athmende Erde nur für Eure todte Gleichgültigkeit keinen Reiz bietet, wo Ihr Euch in ein Ende aller Dinge hineinstarrt? die Esche flüstert über Euch, 41 eine Eule flattert vorüber, vom Wege herüber kommt flüchtig das Kichern von Liebesleuten, sonst ist es todtenstill – wenn Ihr dann eine Waffe bei Euch habt, so ist das Leben in Gefahr, auch die Gleichgültigkeit hat ihre wohllüstigen Stunden. Ein Liebespaar: in kleiner Stadt Ist's nöthiger als Brod und Bad. Als ich jetzt bei fast dunklem Abende wieder nach Naumburg hineinfuhr, und die Existenzen desselben mir vergegenwärtigte, da drängte sich mir aus der Dunkelheit eine Erinnerung vor allem heraus. Das Gebäude, an welchem ich eben vorüber eilte, und in welchem jetzt ein einziges Lichtlein brannte, war eines Abends glänzend erleuchtet gewesen; eine geputzte Soirée zog in den Zimmern auf und nieder und stellte sich endlich in einen wirbelnden Ball. Ich war fremd, und hatte wenig Interesse; die Leute, welche ich sprechen mochte, schienen auch alle wenig interessirt zu sein; ein hoher Mann, ganz in Schwarz gekleidet, fiel mir endlich auf, er mochte etwa dreißig 42 Jahre alt sein, aber der Schmerz, welcher um ihn lagerte, sah viel älter aus. Er zog sich zurück, wie ich es that, und so fanden wir uns einmal zusammen. Ein Paar hin und her gehende Worte brachten uns auf ein Urtheil über die Gesellschaft, und er sagte: Es mag hier Gott danken, wer wenigstens ein Leid hat, denn Freude sucht und findet deßhalb Keiner. Unter all diesen jungen Herrn und Damen seh' ich nicht ein einzig Liebespaar; die Welt verliert ihre unbefangenen Gefühle immer mehr, Salomo weiß, was daraus werden soll. Glückt es ihnen einmal, daß sich eine Neigung in's Herz verirrt, so ist ihnen in der indifferenten Schlaffheit, welche jetzt herrscht, der feste Wille entgangen, etwas ganz und entschlossen zu wollen; der akute Zustand des Romanenjammers tritt nicht mehr ein, sondern die klägliche Nebelatmosphäre, daß man verliert, was man halb gewollt, daß man halb glaubt, etwas Großes verloren zu haben, daß man das Recht bezweifelt, verzweifeln zu dürfen, daß man nicht unglücklich ist, aber ohne Glück. 43 Wir haben in einem Winkel des Saales damals lange gesprochen, am andern Morgen wachte ich mit dem Gedanken auf: »es mag hier Gott danken, wer wenigstens ein Leid hat,« setzte mich an den Tisch und schrieb Folgendes: II. Die Sonne neigte sich zum Untergehen an einem rauhen Herbsttage, der Wind blies kalt über die Stoppeln, die Residenz lag in wenig lockender Ansicht vor einem Reisenden, der im zurückgeschlagenen Wagen saß. Es konnte höchstens fünfzehn Jahre her sein, daß der Wagen Mode gewesen war, auch die Pferde waren nicht älter: wer einige Uebung besaß, erkannte leicht die Equipage eines Landedelmanns, der in den ersten Jahren seiner Ehe sich der jungen Frau halber um die Mode gekümmert hatte. Der im Wagen sitzende junge Mann war das einzige Kind dieser Ehe, die Mutter war gestorben, Dietrich kam vom kleinen Landgute seines Vaters, 44 mit welchem er still und einsam, nur von den Ernteleuten berührt, den Sommer zugebracht hatte. Ein ganzer Sommer, in der Stille des Landlebens verbracht, schafft ein Herz wieder jung, weich und empfänglich; das Leichtsinnige der Stadtgewohnheiten flieht schüchtern nach und nach mit all seinen oberflächlichen Eindrücken, mit der prickelnden Sucht nach Abwechselung. Wir lesen wieder Dichter, die uns bereits langweilig geworden waren, und finden es nicht mehr thöricht, wenn die kleinen Aenderungen im einfachen Gemüthe beschrieben werden. Dietrich war von Universitäten und Reisen als ein verwöhntes Weltkind nach Hause gekommen, hatte viel Bedürfnisse mitgebracht, viel unklare und ebenso unbeschränkte Wünsche. Wenn ihn der Vater fragte: Was wünschest Du Dir für eine Existenz, Dietrich? beschreib sie mir – dann hatte ihm der Sohn immer nichts Befriedigendes erwiedert; jedes abgeschlossene Verhältniß der Zukunft, es mochte 45 noch so reich und glänzend sein, erschien ihm eine Beeinträchtigung seiner Hoffnungen. Hierin liegt ein Reiz und Unglückskeim für die moderne Jugend. Dietrich war ein guter Mensch mit mäßigen Anlagen und vieler Fähigkeit, lebhafte Empfindungen aufzunehmen. Sein Herz war keusch, er hatte Passionen und Liaisons gehabt mit Modedamen, aber er hatte nicht geliebt. Wäre er nicht zu wacker gewesen, um an einen großartigen, durchgehenden Welttrug denken zu können, er hätte die überschwenglichen Beschreibungen des Gefühls der Liebe für eine hergebrachte Convenienz ohne innere Wahrheit halten mögen. Sein Vater und sein Herz nur erinnerten ihn zuweilen an die wahrscheinliche Existenz eines Zustandes, den er nicht kenne: sein Herz schwoll in Sehnsucht auf bei stillen Sommerabenden, wenn er durch den Wald schritt, wenn die Vögel schwach und einzeln dem Tage ihren Abschied sangen, wenn die Luft flüsternd um sein Haupt spielte. Er blieb dann wohl stehen, als umschwebe 46 ihn ein wunderbar süßes Geheimniß; im schönen blauen Zimmer zu Hause hing ein großes Bild seiner Mutter, zuweilen sah er den Vater lange davor stehen, einzelne Thränen rollten über die braunen Wangen des festen, bejahrten Mannes, und er drückte dem Sohne heftig die Hand und verließ das Zimmer. Solche Scenen nährten den verdeckten Gedanken des Herzens, es müsse noch eine Welt geben, die ihm nicht nahe getreten sei. Ob sie wohl hinter den hohen Häusern liegen wird? dachte er jetzt eben, als er sich der Stadt näherte. Er wollte den Winter dort zubringen, mit dem Frühjahre nach England reisen. III. Dietrich bewegte sich in den geselligen Kreisen wie eben jeder Andere; er war ein hoch und tüchtig gewachsener Mann mit genügend leichten Bewegungen, er tanzte gut, sprach nicht übel, sang ein wenig, kurz er wurde ganz gern gesehn, ohne sich 47 weiter auszuzeichnen, die Regelmäßigkeit, das Herkommen der Tage trug ihn; manchmal hoffte er auf Frühling. Eines Abends war er zum ersten Male in ein vornehmes Haus gebeten. Es bestand keine einzelne Beziehung zwischen ihm und dem Wirthe, nichts als eine gewöhnliche Ausfüllung des Abends hoffend, ging er hin. Er ward der Tochter des Hauses vorgestellt und tanzte mit ihr. Gewöhnlich ist solch eine erste Unterhaltung, wie sich etwa zwei Bücher mit einander unterhalten würden, wenn sie Mittheilungs- und Auffassungsorgane erhielten, um sich gegenseitig hören und sehen zu können. Es fehlt an unterscheidenden Beziehungen; Dietrich kam sich sehr steril vor, Fräulein Anna schien ihm auch etwas zerstreut, voll allgemeinen Antheils einer Wirthin, die sich überall umsieht und für Höflichkeiten Sorge hat. Zwischen jungen Leuten bringt jene allgemeine, jene Begriffshöflichkeit selten nahe. 48 Ein Bekannter fragte Dietrich nach dem Tanze, wie ihm das Fräulein gefallen habe? O, gut. erwiederte er, ohne etwas mehr sagen zu wollen, als gewöhnliche Redensart. Der Zufall führte ihn noch oft in die Nähe der Dame bei den folgenden Tänzen; er betrachtete sie lange, wie ja dies oft zufällig geschieht, ohne daß man sich eines besondern Gedankens dabei bewußt wäre, er fragte sie, ob sie vielleicht noch einen Tanz für ihn frei habe, und er erhielt die Zusage. Das gab doch einen Bezug, und das Gespräch erhielt ein wenig Färbung, besonders, da ihn die Dame nach seinen Reisen fragte, und sich von Italien erzählen ließ. Sie war vom vielen Tanzen ermüdet, und das ist immer ein Vortheil für den Herrn, der nicht blos tanzen will. Er wollte nicht das völlige Ende der Gesellschaft abwarten und verließ bald nach Mitternacht den Tanzsaal; Anna stand nicht weit von der Thür, und es schien ihm einen Augenblick, als bemerkte 49 sie sein Fortgehen, und als blicke sie nicht ganz zufrieden dazu. Sie ist eine gute Wirthin, fiel ihm ein, aber er war dennoch einen Augenblick Willens, wieder umzukehren, wenigstens noch einmal hineinblicken in den Saal wollte er, ohne selbst zu wissen, was ihn interessire. Wünsche und Interessen, wenn sie sich zu bilden beginnen, geberden sich immer wie die kleinen Kinder; es könnte etwas passirt sein im Saale, meinte Dietrich, obwohl er wußte, daß in einem Tanzsaale nie etwas passire, wenigstens nichts Aeußerliches, was einen neugierigen Zuschauer befriedigen könnte. Anna war noch an derselben Stelle, eine schlanke, jugendlich erfüllte Figur. Sie trug ein einfaches weißes Kleid, das von einem einfachen weißen Gürtel umschlossen wurde. Solche Gleichfarbigkeit des Gürtels hebt den Wuchs ungemein, denn jede abstechende Farbe nöthigt das Auge zur Unterbrechung des Anblicks. Blendende Schultern, blendender Nacken, schlanker Hals, glatt gescheiteltes Haupt, 50 es war eine lockende Ballfigur, wenn man noch den kleinen Fuß mit dem weißen Atlasschuh spielen sah. Das Gesicht war nicht so formell schön, wie der Körper, aber es lag ein lieblicher Ausdruck darin – sie blickte sich eben im Saale um, und es streifte Dietrich ihr suchender Blick – ja, welch ein reiches Vokabelbuch hat die Phantasie für Blicke! »Es ist recht, daß du noch nicht fortgegangen bist,« glaubte er lesen zu können, und über seine Eitelkeit lächelnd, ging er. Aber schon in der Garderobe, als ihm der Bediente den Mantel umhing, war er unschlüssig, ob er nicht lieber noch ein halbes Stündchen bleiben solle. Es war kalte, trockne Nacht draußen, fest in den Mantel gehüllt, schlenderte er durch die Straßen. Es giebt keinen schönern Dämmer im innersten Menschen, als wenn ein Mädchen mit halber Lockung an die Thür unseres Herzens tritt: Alles ist noch so fern, Absicht, Gefühl, Verhältniß, daß die Phantasie ihre buntesten Farben aufziehen kann. Wie oft war es Dietrich begegnet, daß er mit irgend 51 einem Mädchenauge beschäftigt aus der Gesellschaft heim ging, aber es wollte ihm doch bedünken, als pulsire heut größere Wärme in ihm. Indessen schien es nichts Bedeutendes zu sein; ein Lebefreund, wackrer, offner junger Mann, der von demselben Balle kam, holte ihn ein, Dietrich nahm erfreut die Gesellschaft auf. Freilich, es ist noch nicht so ausgemacht, ob nicht die ersten Anfänge der Neigung gern von ihrem Gegenstand sprechen und sprechen hören; sie sind noch nicht entdeckt, haben noch kein Aufziehn zu fürchten, und ein gewisses Vorgefühl mag ihnen rathen, diese erste und einzige Zeit der Neutralität zu unparteiischen Mittheilungen zu benutzen. In so fern unterscheiden sie sich vielleicht von der schamhaften Verschlossenheit aufgeblühter junger Liebe. Das Gespräch kam auf Anna, das Gespräch ist meisthin der Stunden- und Minutenweiser unsers Herzens: sie ist eine schöne Ballfigur, sagte der Freund, aber das Gesicht ist nicht schön zu nennen, hat am Tage wenig Farbe und erscheint immer 52 ein wenig todt – da ist die kleine Bergen, die ihr im Contretanz gegenüberstand, ein ander Mädchen, voll Leben, Feuer und Glanz – Nun gute Nacht, Dietrich! Gute Nacht! IV. Die nächsten Tage brachten Dietrich vielfältige Zerstreuung, das Bild jenes Abends ward immer tiefer in den Hintergrund gedrängt. Dazu kam ein wunderlicher Brief des Vaters, welcher ihn gegen Gewohnheit auf ein Mädchen aufmerksam machte; es war nicht klar ausgesprochen, der Charakter des Vaters war auch ganz so beschaffen, daß es niemals mehr als Wunsch sein konnte, aber es war nicht zu verkennen, daß dem alten würdigen Einsiedler keine größere Freude aufblühen würde, als wenn Dietrich in die nächsten Verhältnisse zu diesem Mädchen treten könnte. Sie war aus der Familie von Dietrichs Mutter, und sollte mannigfache Aehnlichkeit mit dieser haben. 53 Pietätsverpflichtungen sind gewaltiger als alle Befehle und Verbote. Diese eingeleiteten Beziehungen waren Dietrich sehr unangenehm, ja sie waren peinlich für den Sohn, aber er liebte seinen Vater von ganzem Herzen, und war bereit, sich ihnen zu unterwerfen. Fräulein von Bergen hieß die Dame, welche sein Vater protegirte. Dietrich vermuthete, daß es dieselbe sein werde, welche neulich beim Heimgange vom Balle sein Freund Julius so ausgezeichnet hatte. Es war den Abend große Gesellschaft beim Minister, Dietrich sollte sie dort finden, sollte ihr vorgestellt werden. Wie ist es nur möglich, dachte er beim Hingehen, daß sie mir noch nicht aufgefallen ist? sie soll schön und liebenswürdig sein. Das war sie wirklich. Der Thee wurde noch herumgegeben, als Dietrich eintrat; die Gesellschaft stand in großen Partien zusammen, und füllte eine lange Reihe von Zimmern. Er durchstrich sie langsam, nachdem er der Frau vom Hause und dem 54 Gastgeber sein Compliment gemacht hatte; flüchtig, zerstreut begrüßte er hie und da seine Bekanntschaften, sein Antlitz war sorgendüster, und die hohe Gestalt mit dem ernsten Ausdrucke paßte nicht recht zu den schwatzhaften Gruppen, an denen sie vorüberstrich. So kam er bis in's letzte Zimmer. Anna lehnte in einer Fensterbrüstung, einige Damen neben ihr führten das Gespräch, sie selbst schwieg und sah auf Dietrich, der ein großes Bild betrachtete, das an der Wand hing. Ihre Nachbarin fragte umsonst, Anna war in den Anblick des jungen Mannes verloren, er selbst gewahrte sie nicht; ein alter Herr näherte sich ihm und stellte ihn einer jungen, schönen Dame vor, die am Sofa stand und lebhaft mit Julius sprach. Es war das Fräulein von Bergen. Dietrich mußte sich gestehn, daß sie wirklich sehr schön sei; da sie ihn nun sehr freundlich aufnahm, und da durch die Gegenwart des gemeinschaftlichen bekannten Julius das Gespräch schneller, als sonst bei erster Bekanntschaft, Beziehungen und Interessen 55 erhielt, so ward Dietrich bald von seinen Gedanken abgewendet, und die liebenswürdige Gewandtheit, die herzliche Artigkeit der Dame brachten ihm die angenehmsten Eindrücke. Als sie aus der Ferne durch die Musik erfuhren, daß der Ball eröffnet sei, bat er sie um den ersten Tanz, und verließ mit ihr das Zimmer, ohne Anna gesehen zu haben. Diese stand noch auf derselben Stelle, die Farbe ihres Antlitzes war lebhafter als gewöhnlich; als ihr Tänzer erschien, war es, als ob sie sich von einer Gedankenreihe losmache, die wichtiger wäre als der nächste Tanz. Es war bereits länger als eine Stunde getanzt worden, Dietrich war nicht sehr aus der Nähe des Fräuleins von Bergen gewichen; man tanzte eben nicht und er stand wieder bei ihr, das munterste Gespräch flatterte scherzend zwischen ihnen hin und her – da erblickte er beim schnellen Umwenden Anna dicht in seiner Nähe, ihr Blick traf den seinigen, es war ein eigner Blick; – die Bergen ward eben engagirt, er ging zu Fräulein Anna, sie zu 56 begrüßen. Freilich, Julius hatte Recht; es war kein Vergleich mit dem sprudelnden Leben jener; Anna empfing den Herankommenden mit einer wunderbar kühlen Atmosphäre, das Brausen der Worte und Gedanken ward niedergehalten in ihrer Nähe. Und dennoch fühlte man sich in ihrer Nähe zu Gedanken angeregt, die Kühle hatte nichts Kältendes, sondern erfrischte, Maaß und Behagen breitete sich über die Stimmung. Sie pausirte den Tanz, Dietrich stand neben ihr an einer Säule, und es entwickelte sich ein Gespräch, das aus kleinen, wunderbar interessanten Bemerkungen von ihrer Seite zusammengewoben war, und den Theilnehmer zu eifriger Beschäftigung anregte. Worin lag der Zauber von Anna's Augen, welche ihm so überaus wohl thaten? Sie waren allerdings schön und groß, aber die Farbe unbedeutend, wie man sie oft findet bei braunblondem Haare. Eine beglückende Ruhe lag darin, eine wohlthuende Stille und Klarheit, und in tiefster 57 Tiefe mochte man ein reiches, wohlgeordnetes Leben entdecken. Der Vergleich mit einem klaren, tiefen See lag so nahe, daß er auch Dietrich beschäftigte. Anna war zurückhaltend, ohne scheu zu sein, ernst ohne steif zu erscheinen; ihr seltnes Lächeln war ihm deßhalb von außerordentlichem Reize, das ganze Wesen des Mädchens fesselte ihn mit den feinsten Organen, er wäre nicht von ihr gewichen, wenn sie nicht den nächsten Tanz angenommen hätte. Er zog sich nun in eine Ecke des Saales zurück, und verfolgte sie mit den Augen: wie graziös, wie schön waren all ihre Bewegungen! der hohe, stattliche Mädchenleib spielte so leicht und doch so gemessen auf dem glatten Parquet umher. Heute trug sie ein rosenrothes Gewand, nirgends war ein störender Zierrath angebracht, nur ein einfaches Halsband von großen, weißen Perlen umschloß den Hals. Zuweilen fand ihn das stille, schöne Auge in seinem Winkel auf, verweilte einen Moment, ging wieder, kam wieder – wer beschreibt die feenartigen dünnen Fäden dieses Reizes, welchen ein entstehendes 58 Begegnen mit sich bringt! Des Menschen Seele wird weit, alles Edle, was seiner Empfindung, seinem Gedanken jemals nahe getreten ist, wacht wieder auf mit großen Augen, man wird durchwallt von der Bereitwilligkeit, die größten Opfer zu bringen, und erwartet dies Alles in noch größerer Art bei dem Wesen, das unsere Freude und Sehnsucht so mächtig geweckt hat. Man tanzte Kotillon; das Fräulein von Bergen holte Dietrich in den Kreis. Anna schien mehrmals auf dem Wege zu ihm, war es Scheu, zu Viel auszudrücken, war es Gleichgültigkeit, sie wählte ihre Kandidaten immer, ehe sie bis in seine Nähe kam. Nach dem Kotillon verließ sie den Saal, der nun auch für Dietrich eine Wüste mit Menschen war. Sein Heimweg führte ihn an dem Pallaste vorüber, der Anna's Eltern gehörte, ein mattes Licht schimmerte im Seitenflügel – ob Anna dort wohnte? Es war eine klare Mondnacht, und Dietrich stand lange im Häuserschatten; weiche, sehnsüchtige 59 Gedichte schwebten durch sein Herz, eingewiegt in süße Träume, wie ein Vogel in den großen Blumen des Südens schlafen mag, kam er in sein Zimmer. Er hat noch lange gesungen in jener Nacht, und noch am andern Morgen wachte er mit dem letzten Liede auf, das aus der Seele ihm gewachsen: Süß ist doch zu Deinen Füßen Tag um Tag und Jahr um Jahr, Einmal Jahres möcht' ich küssen Dir Dein aufgelös'tes Haar. – Möchte Dir in's Herze schauen Durch Dein Auge still und klar, Und Palläste, Welten bauen Aus dem Blicke wunderbar. Jemals Deinen Mund berühren, Dies zu wünschen wag' ich nicht, Möcht' nur Deine Hand berühren, Wenn mein Aug' im Tode bricht. V. In des Menschen Seele liegt die Farbe für sein Leben. Ohne Muth, resignirt sah Dietrich zu der 60 vornehm gestellten Anna empor, er wagte nichts, nicht einmal eine Hoffnung. Wer nicht zu hoffen wagt, schafft sich Unglück: so zögerte er unschlüssig mit der Visite im Hause von Annens Eltern, und als er endlich hinkam, fand er Niemand zu Hause. – Nun mußte er eine Einladung abwarten, Anna war nirgends in Gesellschaft zu sehen, man sagte, sie sei unwohl. So vergingen mehrere Wochen, endlich kam die Einladung, er sah sie bei Tische, sie war blaß, ihr Auge vergeistigter als je, sein Platz war weit von ihr entfernt, ein mit Orden decorirter Mann saß neben ihr, und bewies sich sehr artig und galant. Als der Champagner kam, erhob sich der Wirth, Anna's Vater, und brachte die Gesundheit des verlobten Paares, Annens und ihres Nachbars aus – ein Schwert ging durch Dietrichs Herz. War sein eignes Auge gebrochen, und nahm es deßhalb die Gegenstande fälschlich auf, oder schwankte dieser unbeschreibliche Blick wirklich durch Anna's Auge? 61 Sturm und Regen flogen durch die Straßen, als Dietrich des Abends durch sie hinschritt, die Worte kamen nicht aus seinem Sinn, wichen nicht von seinen Lippen: Jemals Deinen Mund berühren, Dies zu wünschen wag' ich nicht, Möcht' nur Deine Hand berühren, Wenn mein Aug' im Tode bricht. Zu Hause fand er eine Karte, auf welcher sich Julius und das Fräulein von Bergen als Verlobte empfahlen. Am andern Morgen reis'te er nach England, obwohl noch lange nicht Frühling war. »Armer Vater«, waren die einzigen Worte, die ihm entschlüpften, als er aus dem Thore der Residenz fuhr. VI. Während er bei stürmischem Wetter über das Meer fuhr, gestaltete sich in der Heimath mancherlei zu seinem Besten. Aber er erfuhr nichts davon, denn er hatte alle Verbindungen abgebrochen; nur 62 seinem Vater schrieb er zuweilen, und der konnte ihm nichts von Anna erzählen, denn er kannte sie eben so wenig wie das Verhältniß seines Sohnes zu ihr, was niemals aus der Brust desselben herausgetreten war. Anna, ein starkes Mädchen, mit still, aber fest und gleichmäßig einherziehenden inneren Wogen des Charakters, erklärte ihrem Vater, daß sie den ihr bestimmten Bräutigam nicht heurathen könne. Es gab die gewöhnlichen Kämpfe bei solcher Gelegenheit, ihr fester Entschluß drang indessen durch, das Band, was schon zur Hälfte geschürzt war, wurde gelös't; sie war frei. Aber sie war bei aller dieser Festigkeit eine schüchterne Mädchenseele: in warmer Frühlingsnacht stand sie am Fenster, sah die Wolken ziehn und die Sterne leuchten, und wenn Dietrichs Name über ihre Lippen schlüpfte, so folgte ihm ein Seufzer. Auch sie hatte keinen Muth, ohne weitere Beweise an seine Liebe zu glauben, ihr Herz war zu keusch. 63 Lange nach Dietrichs Abreise hatte sie nicht gewußt, daß er die Residenz verlassen habe; sie faßte sich endlich ein Herz, Julius nach seinem Freunde zu fragen. Auch der konnte nichts Sicheres mittheilen, Dietrich war ohne Abschied von dannen gereis't, wahrscheinlich nach England, wie er früher sich vorgenommen. Daß er schon so lange fort sei, that ihr freilich wohl, konnte ihr ein Liebeszeichen sein: damals, am Verlobungstage, hatte nur er nicht gratulirt, war er verschwunden lange vorher, eh' die Gesellschaft sich trennte. – Anna wiegte sich in stille, verschlossene Mädchenromantik, sie gestand sich selbst nichts klar, sie hoffte nichts klar, sie ließ die Tage kommen. – Ja, wenn Dietrich dies Alles gewußt hätte! bleibt man doch oft in größter Nähe fremd, und hier lag so viel Land und Meer dazwischen! Die Menschen legen den Verhältnissen so viel Trennung zur Last, ja sie trennen viel, die Menschen aber selbst noch mehr. – 64 – Es verging ein Jahr, es verging beinahe ein zweites. Anna hatte nichts von Dietrich gehört, immer eine Verbindung nach der andern hatte sie ausgeschlagen, ihr Vater war alt und schwach geworden, es schmerzte ihn tief die Einsamkeit seiner Tochter. Diesem Schmerz konnte sie nicht widerstehen; an dem Tage, wo Dietrich von England abreiste, um nach der Heimath zu kommen, gab sie ihre Hand am Altare einem Manne. Es war ein alter Held, dem sie sich vermählt hatte, ein wackrer Mann: sie wollte so gern nach dem Norden reisen, wollte das Meer sehen; er konnte sie nicht begleiten, ließ sie aber mit seiner Schwester reisen, wohin sie wollte. Durch den Harz nahmen sie ihre Richtung. Es war ein klarer Abend im Frühherbste, als sie auf dem Brocken ankamen. Die alte Schwägerin war müde und verfügte sich bald in's Haus, Anna blieb allein auf einem jener Felsblöcke sitzen, die da herumliegen, und sah in die untergehende Sonne. Ein klein wenig rechts davon, dachte sie, muß ja 65 England liegen. Ein Reisender, vergoldet von den Sonnenstrahlen, stieg den Berg herauf, blieb öfters stehen, schaute sich um, kam näher. Wenn es Dietrich wäre! dachte Anna, ohne zu denken, denn es gibt Gedanken in uns, für welche wir nicht können, die wie Mückenschwärme im Sonnenschein unseres Herzens spielen. – Der hochgewachsene, gebräunte Mann stand dicht bei ihr, es war Dietrich. Auf der Heimreise ging er über den Brocken. Dietrich! Anna! Sie hoben beide die Arme, aber Anna ließ sie sinken, sie berührten sich nicht. Es wurde dunkel und sie standen noch ebenso neben einander, und erzählten sich in abgebrochenen Sätzen das Unwichtigste, und waren sehr glücklich. Die Schwägerin schickte heraus, Anna möge sich nicht erkälten und in's Zimmer kommen; dabei erfuhr Dietrich, daß sie anders verheirathet sei, als er geglaubt, und erst seit wenigen Wochen. – 66 Hierbei trat eine lange Pause ein, es konnte es keines vom andern sehen, daß jedem helle Thränen über die Wangen rieselten; sie gingen langsam nach dem Hause. Wir sehen uns doch morgen wieder? sagte Anna, als sie in die Kammer zu ihrer Schwägerin ging. Heut' haben Sie die Sonne untergehen sehen, sagte der Brockenwirth dazwischen, morgen werden Sie einen schönen Aufgang haben. Am andern Morgen war der Berg in dichten Nebel gehüllt – Anna stieg hinab nach Clausthal, im Nebel verschwand schnell ihr grüner Schleier, ihr Abschied winkendes Taschentuch – Dietrich ging langsam auf der andern Seite hinab, und reis'te ernst und gefaßt, traurig, aber nicht unglücklich zu seinem Vater. Anna hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Meere, und trat auch ihre Rückreise an, als sie den Fuß des Gebirges erreichte. VII. Als Dietrich einige Jahre darauf mit amtlicher Stellung in eine kleine Stadt versetzt wurde, war 67 er nicht mehr traurig, sondern verdrießlich. Die Verdrießlichkeit ging allmählig in eine graue Indifferenz über; »wenn man hier nicht ein Weib zu lieben findet, so verdirbt man wie ein dorrender Baum. O, hätte mein Herz früher so entschlossenen Muth gehabt, wie ich jetzt einsehe, daß es nöthig ist, um etwas ganz zu ergreifen, um das Blut im Schwunge zu halten! Jetzt ist's zu spät. Verlasse Keiner die Residenz mit ihrer Abwechselung, den Reisewagen, der täglich zu Neuem führt, wenn er nicht noch die Kraft und den Drang in sich empfindet, die erste, beste Liebe fest an's Herz zu drücken. Wenigstens suche er das einfache Landleben, wenn er in die Provinz muß, dort vegetirt er sich vielleicht zu einiger Gesundheit: die Einsamkeit weckt und stärkt, aber die Provinzstadt hat die Oede und Leere im Herzen, und tödtet wie langsames Gift. Interesse, Interesse! nach dir lechze ich wie nach der Gesundheit!« Diese Worte standen am Schlusse seines Tagebuchs. Nach einer mondhellen Nacht ward er auf 68 einem Berge aufgefunden, hinter welchem die Sonne untergeht, wenn sie dies Thal verläßt; er hatte sich erschossen. 69     Die güldene Aue. Es war ein finsterer Morgen des Herbstes, als ich wieder einmal die so oft betretene Straße von Naumburg nach Kösen fuhr, wo dunkelblau im Thale dicht an der steilen grünen Berglehne Schulpforta steht. Weiße Nebel wogten hier in der Pforte von Thüringen umher, wo so viel sächsische Gelehrsamkeit aufgewachsen ist. Die Mönche haben einst von der Saale einen Kanal abgeleitet, welcher die Pforte und deren Föhrenwäldchen bewässert. Hier wohnt der kühle Schatten und die Nachtigall, hier sickert hinter der groben Holzthüre hervor die Klopstocksquelle, an welcher er oft gelegen haben soll, da er 70 noch Knabe war, und die ersten Verse empfand. Hinter dem Berge im mannigfach geschlitzten, bewegteren Thale liegt Kösen mit der dampfenden Saline und den hölzernen, eintönig knarrenden Gradierhäusern. Mein alter Freund, der Chausséeeinnehmer an der Brücke, erkannte mich nicht im dunklen Herbstnebel, so geht das Bekannte oft unbemerkt an uns vorüber. Resignation ist zu jedem Glücke nöthig: Anfangs beunruhigte es mich, als ich hier an der Heerstraße nach Frankreich wohnte, wo die Reisewagen so zahlreich vorüberflogen, es beunruhigte mich besonders zur Nachtzeit, wenn das Posthorn unter meinem Fenster klang und der Wagen vorüberschüttelte – welch ein Freund, welch ein schönes Auge, welch ein vielerfahrener Mann der Reise und der Weltgeschichte konnte da ungesehn vorübereilen! Wie ruhig ist ein stilles Thal tiefer im Gebirge, oder im Lande, wo kein Postwagen hinkommt, wo keine Ansprüche und Möglichkeiten geweckt sind! Dahin sollen wir die Liebe und die Trauer retten, wenn die eine oder die andere noch unser Herz erfüllt; 71 die Landstraße ist unsicher vor allerlei Räubern, die Menschenwelt ist immer feindlich, wer nicht auch in Rüstung schlafen kann, der muß sie verlassen. Hier führt eine alte steinerne Brücke über die Saale, Napoleon ist stets darüber gefahren, wenn er zu den deutschen oder russischen Schlachten eilte anno 6, anno 12, anno 13. Seit er die Kösener Brücke nicht mehr gesehen, hat er auch Deutschland nicht wieder gesehn. Sie war der Wegelagerer-Punkt für die alten Ritter, die auf der Rudelsburg, auf Saaleck, auf den Eckartsbergen, der Freiburg, Burg Scheidungen näher oder ferner haus'ten, und denen der Kaufherr mit den Saumrossen erwünschte Beute war. Ueber den Saalspiegel hinauf, just im Winkel, wo sich die Berge wenden, sieht man jetzt noch dürr, grau und öde den Trümmerrest der Rudelsburg, welche an dieser Brücke ihr Leben verloren hat. Der Kaiser kam, und mißbilligte mit hartem Schwerte das Wegelagern dahier, und zog hinauf und stürmte und schleifte die Festen. 72 Einen Büchsenschuß ab von der links und rechts in's Saalthal schauenden Rudolphsburg liegt tiefer, auf weichem Hügel, Schloß Saaleck, von welchem rund und schlank wie stille Warten zwei Thürme übrig geblieben sind. Das Schloß zwischen ihnen ist rein verschwunden, und der Anblick erinnert an zwei Liebende, die sich täglich sehn und nie umarmen können. In diesem Höhenterrain an der Saale, wenn es auch mitunter kalksteinkahl und ein wenig gefleckt von Farblosigkeit entgegentritt, sind viel verborgene, lockende Thalwinkel und Kessel, die an den mehr und mehr beginnenden Waldungen erquickenden Hintergrund finden. Dieses mitunter störsam Kahle zieht und wechselt noch fort durch Höhen und Gründe über Jena hinaus, wird aber dann südlich und westlich von gesättigten Laubdunkel des Schwarzburgischen und Meiningschen Waldes weich bedeckt. Ich erinnere mich aus den Studentenwanderungen mit sommer-kühlem Behagen des schwarzgrünen Schwarzathals mit seinem plätschernden Bache, mit 73 der erhöhten Schwarzburg, wo in der schweigenden Einsamkeit die Günther gehaus't, von denen Einer deutscher Kaiser war; unten auf einer Waldwiese gingen Hirsche, neben uns wurden die Schnabelschuhe gezeigt, mit welchen die Jungfrau Maria über das Gebirg gewandelt. Dort jene Bergesscheide entlang, welche bis Eisenach hinauszieht, nach Hessen hinüber in die Rhöngebirge ausgeht, und überall südlich hinab nach Franken fällt, dort zieht der eigentliche Thüringer Wald, kurzweg der Wald geheißen, ein Gebirge, was mir stets den romantischen, totalen Eindruck einer vollen, dunkelbelaubten Bergeswelt gemacht und mich geschlossen, klang-, sang- und schattenreich angeweht hat – mehr als der Harz, der mir zerrissener, vereinzelter, und nur an wenig Stellen eben so sanft rauschend und lockend erschienen ist. Hier in diesem Walde, den man einige Meilen zur Linken hat, wenn man die große Straße über Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach fährt, in diesem dunklen Bergwalde haben wir als Studenten glückliche Lieber 74 gejubelt, wenn wir am Kohlenmeiler ein karges Mahl verzehrten, oder der Abhang sich öffnete beim Morgenscheine, und man hinabsah auf das gesegnete Land. Hier findet man die grünen, dampfenden Thäler des Inselberges, Ruhla, das reizende, wo die Meerschaumköpfe geschnitten werden, wo es die hübschesten Mädchen und immer Vogelschießen giebt. Es zittert Sonnenschein durch dicht belaubte Bäume, es steigt blauer Rauch klar durch die Luft, es pfeift ein Waldvogel, es lächelt ein frisches Mädchen verschämt, es klingt ein muntrer Holzschlag durch den Wald, und es knallt eine Büchse durch das Holz, wenn ich an Thüringen's Gebirge denke. Der Busch heißt hier ein Holz. Rechts, also nördlich von dieser Heer- und Städtestraße, welche sich von Leipzig über Weißenfels und Naumburg bis Eisenach durch Thüringen zieht, und links den Wald zum Seitengrunde hat, rechts von dieser Straße erheben sich nach Norden kleine Hügel, und trennen diesen dunkleren Landestheil von dem lichteren und in seiner Art eben so anmuthigen, 75 nämlich von der güldnen Aue. Sie zieht sich wie ein glänzender Garten zwischen diesen Hügeln und den Vorbergen des Harzes hin, welche bis hier herein die Abhänge strecken. Einst, es war ein luftiger Sommermorgen, fuhr ich mit einem Freunde in die Bergschlucht hinein, welche in Kösen die Hohle genannt wird, und wo über Bergebenen und tiefe Thäler der Weg nach dem Bade Bibra, und wenn man direkt nördlich weiter will, nach dem Harze hinauf führt. Wir hatten einen starken Klepper, waren unsre eignen Kutscher, dürsteten nach Luft und fröhlicher Bewegung, waren anspruchslos und gesund – wie lockend tritt da Land und Gegend und Menschheit zu uns! Bibra ist ein Bad, wo gar nicht gebadet wird, und getrunken werden könnte, der Bürgermeister wird immer zu den Badegästen gerechnet, und eine Liste wird nicht geführt, weil sie eine Verlegenheit mehr wäre. Es ist ein verlegener Ort ohne Ansprüche, der seine Verlassenheit auf die leichtsinnig wechselnde Mode schiebt, wie es alte Jungfern zu 76 thun pflegen, die sitzen geblieben sind. Beide haben ganz Recht, dies zu thun, da sie nichts Besseres thun können. Der Wirth, bei welchem wir sehr einfach frühstückten, sagte, das Wasser sei gegen den Unterleib; obgleich ich nun das Wasser vorziehe, welches für den Unterleib ist, so gebe ich doch gern zu, daß die Wirkung des Bibraschen Brunnens sehr stark sein muß, wenn es seinen Badegast von der Melancholie heilt. Die Trinkanstalt ist solchen Verhältnissen angemessen sehr bescheiden, und für die drei Badegäste der belebten Saison ist die Promenade von genügendem Umfange, da man bei einem Badegast, welcher nach Bibra geht, Resignation und Bildung voraussetzt. Eine solche verlangt nicht, immer gemeinschaftlich und in einer Linie zu promeniren. Wie Rom Neapel, so beneidet Bibra Kösen, wirft ihm das Bischen Salzsohle und Saalwasser vor und beruft sich auf seine Alterthümer. Das ist nicht mehr als billig, wir ließen's uns gesagt sein, und fuhren weiter, sandige, breite Berge hinauf, wo weit umher nur eine Schenke tröstet, 77 so viel ich mich erinnere »die Wespe« genannt, welches Namens Ursprung uns undeutlich verblieben. Eine lichtgrüne Holzung auf der Berghöhe nahm uns auf, und als sie jenseits wieder abwärts fiel, öffneten sich uns die ersten Blicke in die güldene Au. In breiten, gesegneten Flächen zwischen sanfter Hügelreihe, die sich mehr und mehr nach Norden und Nordwest erweitert, zieht sie sich hin von Memleben bis Nordhausen, durchströmt von der dunklen, schmalen Unstrut und dem raschen Helmeflüßchen. Die Fläche ist besät mit Ortschaften aller Art, aus den schattigen Hügeln blickt ein Städtchen um das andere; ein güldener, heiterer Mittelpunkt Deutschlands. Unser Klepper wieherte und setzte sich in eiligen Trab die Berglehne hinunter, an deren Fuße Memleben liegt. Dieser von den Ottonen so begünstigte Ort, in welchem die stürmischen Kaiser Heinrich I. und Otto I. ländlich lebten und auch gestorben sind, ist ein breites, stilles Dorf mit den zur Unbedeutendheit verfallenen Ruinen eines Benediktinerklosters aus jener Kaiserzeit. Es soll früher 78 Meinleben genannt worden sein, und einem Lieblingsspruche des einen Kaisers sammt den Städtchen Wiehe und Wolmirstädt, welche südlich aus den Hügeln nicken, seine Benennung verdanken: »Wie – wohl mir steht – mein Leben!« Noch jetzt steht es ihm wohl, die Aue lacht, die Frucht gedeiht, durch blühendes Land, an der Unstrut hin trabte der Klepper, durch Schloß Wendelstein, das hoch auf bröckelndem Felsen mitten in der Ebene steht, durch Roßleben, das Salz bereitende Artern nach dem Fuße des Kyffhäusers, welcher die höchste Spitze und eine scharfe Ecke der südlichen Hügel bildet. Rechts öffnet sich mehrfach der Blick nach den Harzlehnen, aus dem weißbeflockten Himmel lachte die Sonne weithin über ein liebliches Land. Kyffhäuser, rothe Kyffhäuserburg, Wie freut's mich, daß du noch lebst! Ich hatte von Jugend auf die kindische Furcht, daß berühmte Leute und Orte nicht so lange dauern möchten, bis ich sie gesehn hätte. So war mir 79 stets mit einer gewissen Kaisermystik vom Kyffhäuser erzählt worden; Kaiser Rothbart, oder sonst einer, denn die Mythen sind philologisch und haben verschiedene Lesarten, sollte hier verzaubert sitzen, und wenn einmal der Zauber gelös't wäre, dann stiege er hernieder in die güldene Aue, die Jagdhörner der alten Zeit klängen melancholisch und lustig durch alle Thäler, und das deutsche Reich stünde wieder auf im Norden und Süden. Jetzt saß ich wirklich in holder Mittagswärme an seinem Fuße; das Oertchen Tilleda, wo die Dreschflegel überall Takt schlugen, und welches belagert war von mehreren Schweineheerden, hatte mich durch einen Eierkuchen gestärkt, meinethalben konnte es jetzt losgehen mit der zauberhaften Entzauberung des Kyffhäusers. Der Klepper war geschürzt, der Tilledeser, der uns leiten sollte, stieg barfuß voraus, zweifelhaft fuhr ich hinterdrein. Den steilen Berg hinauf zu fahren, hat ein frivoles Ansehn, an Warnungen hatte es nicht gefehlt, und es war doch störsam modern, in einer Naumburger Droschke dem 80 alten Kaiser Rothbart, welcher da oben sein Mittagschläfchen hält, die Aufwartung zu machen. Berge breiten sich immer aus, wenn man näher zu ihnen tritt, wie Menschen, die man nur aus der Ferne betrachtet; die steile Ecke, als welche der Kyffhäuser von Weitem erscheint, wird ein mannigfaltiger, weitläufiger Berg mit Schluchten und Wald, mit rothen Sandsteinbrüchen und grünen Wiesenplätzen, der sich rückwärts an andere Höhen lehnt. Der Fahrweg ist schmal und steil, und kann sehr unangenehm werden, wenn es den Tilledesern just einfällt, zu gleicher Zeit einen Mühlstein von oben herunter zu bringen. Auf einem gehügelten Kamme oben starren trotzig die gewaltigen Mauerstücke, welche von einer sehr weitläufigen Burg noch übrig sind, der weitläufigsten, die ich je gesehen habe. Der Klepper fand Grasung, wir sahen zu großem Genüge die prächtige Aue im milden Sonnenscheine gülden ringsumher, den blauen Harz, Sangerhausen, Nordhausen, das populäre, das schnapserfinderische, den gefürchteten Rival meiner 81 heimathlichen Liqueur-Hauptstadt Breslau, sahen rückwärts gen Süden über die waldigen Hügel hinweg bis in die Mittelebene Thüringens, zur Cyriakswarte von Erfurt. Und Erfurt besonders hat viel im kriegerischen Wechselverhältnisse mit dem Kyffhäuser gestanden. Mein Freund und Begleiter, ein Thüringer natif, und noch obenein ein Langensalzer, störte meine Illusion durch einen Schneidergesellen, welchem er alle Theilnahme zuwendete. Unterwegs nämlich hatte er in einer Buchschatzkammer, deren antiquarischer Werth oft leichtsinnig übersehen wird, in einem einfachen, bescheidnen Käseladen mehrere alte Druckblätter entdeckt, worin ausführliche Meldung geschieht von einem Schneidergesellen aus Langensalza, welcher eine Zeitlang den Kyffhäuser besetzt gehalten, und sich deutscher Kaiser genannt habe. Das deutsche Kaiserreich hatte wirklich so etwas Burschikoses, daß ich die Fortsetzung desselben durch Studenten immer natürlich gefunden habe. Mein Freund war durch den Vorwurf, Thüringen habe keine Kaiser erzeugt, gereizt worden, und spottete 82 nun gegen mich, den schlesischen Barbaren, daß selbst thüringische Schneidergesellen ihr Haupt zur Kaiserwürde aufgereckt hätten. Und Langensalza war obenein lange Zeit eine Hauptstadt von Thüringen; dies Gemisch von Hauptstädten, die alle kein eigentlich Uebergewicht erlangten, hat einer Gesammtkraft und Aeußerung des Landes sicherlich geschadet. Der Freund hatte aber auch Bechsteins Sagenschatz des Thüringer Landes bei sich, und las mir Angesichts dieses blühenden Reiches daraus vor. Bechstein, der mit unermüdlichem Fleiße dafür sammelt, macht sich dadurch sehr verdient; solch häuslich Leben eines Landes, in welchem sich Sitte, Neigung, Anlage, Geschichte charakteristisch abspiegelt, ordnet und bereichert das Bewußtsein einer Nation. Ich erzähle wieder, was ich auf dem Kyffhäuser gelernt habe. Im Mythennebel liegt mit sehr unbestimmten Umrissen ein Königreich Thüringen von der Wetterau bis an die Elbe, vom Harz bis an den Main, wo er jenseits des »Waldes« im Frankenabhange bei 83 Bamberg, Schweinfurt und Würzburg fließet. Odin, Thor und Freia seien da verehrt worden, der Stuffenberg am Harze habe noch vom Gott Stuffo seinen Namen, der Name Thüringen datire vom Gotte Thor, der bei Thornburg , dem heutigen Dornburg, einen heiligen Hain gehabt. Bei Arnstadt nenne man den Donnerstag heute noch »Thurstig«, im thüringischen Henneberg»Thorstag«, in Ruhla »Dornstig.« Dies thut man freilich in Schlesien auch, wo der Bauer Dornst'g oder Durnst'g sagt, und so wie man den Freitag der Göttin Freia (Friga) vindicirt, so gehört der Donnerstag überall dem Gotte des Donners, dem Thor. Die andere Ableitung, von Döringt (thöricht), wie das Volk von den Sachsen genannt worden sei, ist allerdings charakteristischer. Ein schöner blonder Sachsenjüngling nämlich sei mit einer goldnen Kette um den Hals zu einem Ackersmann jenseits des Harzes getreten, und habe ihm die Kette vertauscht für einen Schooß voll Erde. Darauf hätten die Sachsen 84 diese Erde getrocknet, fein gerieben und damit ein groß Stück Land bestreut, sagend: dies ist jetzt unser Land, mit unserm Golde erkauft, Ihr aber seid Döringt! Die Sachsen hätten sich angebaut, und die Döringt über den Harz herunter in die Aue gedrängt. Eine dritte Erklärung läuft auch wieder auf die Thorheit dieses Volks hinaus, nämlich als Alexanders Feldherrn unten im Süden viel Kriegsunheil schafften, wanderte ein Volk auf zwölf Schiffen aus, und kam in die Gegend von Lübeck, wo die Thyrigeten oder Theuern-Gothen wohnten, welchen das Fechten nicht geläufig war. Sie versuchten es aber doch, und da es schlecht gerieth, wurden sie von den Fremden Thürlinge genannt und tief in's Land zurückgeworfen. Aus Thürlingen seien die Thüringer entstanden. Jene Fremden nannten sich Petreoli, zu Deutsch »Kieslinge«, die Thürlinge hätten ihnen die lateinische Benennung Saxen verliehn. Daß sie nicht die klügsten gewesen sind, unsre Thüring'schen Ahnherrn, scheint naiv überall 85 durchzublicken; ihr Spitzname war »Häringsnasen«, was unwahrscheinlicher von physischer besonderer Nasenbildung als von Liebhaberei für Häringe abzuleiten sein dürfte. Die jetzige Redensart »der Mensch ist ein Stockfisch,« könnte die nöthige Analogie bieten. Als erster rhüringischer König wird Chlodowig angeführt; dieser Ahn aller Ludwigs war bekanntlich sehr beliebt, und wie Pharaonen in Aegypten, wenn man die Namen nicht wußte, kurzweg Pharao genannt wurden, wie in der grauen schwedischen Zeit Alles Olaf heißt, so Alles Chlodowig, was mit den alten Franken zusammentrifft, denn eigentlich soll dieser erste thüringische König ein Frankenkönig gewesen sein, der eine neue stolze Burg, Dispargum, im thüringischen Frankenabhange gebaut, wo heute noch der Name Disburg für einen verwitterten Steinwall existirt. Freilich wird dies Dispargum auch am Rhein, am Neckar und in Brabant nachgewiesen; warum nicht? hatten doch die Römer der Augustae wer weiß wie viele; giebt es heute noch der Königsberg, der Frankfurt mehrere. 86 Andere behaupten, da drüben die hohe Burgscheidungen sei die erste Residenz gewesen, dort sei die alte Scheide zwischen Franken und Sachsen. Chlodowigs Frau nun soll einst im Meere gebadet haben und der Umarmung eines Meerwunders begegnet sein, daraus sei Merovich, auch ein beliebter Name, entsprossen, der überaus viel thüringische Städte und Plätze errichtet. Diese sublime Sage sticht vortheilhaft ab von den übrigen beschränkteren. Um jene Zeit sei König Etzel auf der Rückreise von Chalons nach Thüringen gekommen, in Eisenach habe er mit der schönen Chrimhilde, einer Thüringschen Fürstentochter, Hochzeit gehalten, und er sei überhaupt in diesem Lande sehr guter Dinge und kostfrei gewesen. Hier an der Aue habe er oft gejagt und gefischt, und noch heiße ein Ort von ihm der Königsstuhl. Später giebt's Kämpfe mit den Hunnen, man verbindet sich dazu mit den Franken, Irminfried heurathet die schöne und stolze Amalberga, des Ostgothen Theoderich Schwester, welcher die Franken 87 im Zaum hielt, und man war sehr vergnüglich. Er schenkte dem Gothen silberweiße Pferde, die sehr schön gewesen sein sollen; Thüringen hatte damals eine sehr berühmte Pferdezucht, welche vielleicht von den Hunnen, dem Reitervolke herrührte. Aber Amalberga war ehrgeitzig, stachelte den Gemahl zu Unthaten, und bald finden wir ihn zu Burgscheidungen schwer belagert von den südlich heraufkommenden Franken, von den nördlich herabdrängenden Sachsen. Das Resultat war, daß die Sachsen alles Land jenseits der Unstrut mit Burgscheidungen eroberten, die Sachsenburg gründeten, und ihr Feldzeichen mit dem Löwen, Drachen und Adler immer weiter in das Land hineindrang, was Jahrhunderte später von diesen Eroberern den Namen Sachsen erhielt, ohne eigentlich Sitz und Heerd dieses Volks gewesen zu sein. Sachsen ist also ein aufgeprägter Eroberungsname, wie einst die Völker im Süden und Norden Italiens Römer genannt wurden. Das westliche und südliche Thüringen gerieth unter die Franken, welche Irminfried selbst und seinen Stamm tödteten, 88 und von jener Zeit also gehaßt waren, daß man »fränkische Treue« so spottend erwähnte, wie's einst die Römer mit der punischen Treue thaten. Um diese Zeit entstanden viele Burgen und Orte; die Frankenhausen, Frankenstein \&c. erinnern an die fremde Herrschaft; der Kyffhäuser soll noch etwas früher gegründet sein. Später setzte Karl der Große Landgrafen ein, welche zuerst auf der Schauenburg herrschten und dann die Wartburg bauten. Als besonders geachtete alte Hauptstadt wird auch Weißensee genannt, das Herz von Thüringen. Aus dem Allen ergiebt sich, wie es dem Volke an ursprünglicher Herrschaft immer gebrach, und es deshalb von vornherein in die Stellung eines abhängigen Mittelstaates gedrängt wurde, der später leichtlich mit dem gemischten Sachsenlande zu einem größern Mittelstaate vereinigt werben konnte. Güldene, friedliche Aue! Hier sollen neue Poeten ihre naiven Romane spielen lassen; hier ist es still und heimlich, die herrschenden Beziehungen sind 89 noch die ursprünglichen, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Nachbar und Nachbar; die kleine Heimathswelt der Gefühle aus Matthisson und Tiedge, das Veilchen der Menschengesellschaft blüht noch, junges Deutschland ist unbekannt wie das Verständniß einer Räuberbande; Gut und Böse läßt sich noch an den Fingern herzählen – güldene Aue! Polizei ist hier gar nicht nöthig. In Wahrheit, ein friedliches Landleben bedarf einer andern Literatur als die geräuschvolle Residenz, der Markt unserer Tage; die großen Städte brauchen Paris; das Landleben findet Störung genug in der kleinen Stadt – und für Beide soll der Schriftsteller mit denselben Worten schreiben? Mein Freund ist so sanft, so rücksichtsvoll, so fromm-andächtig, ich zog alle Unschuld, alle Schüchternheit, deren ich habhaft werden konnte über den farbendreisten Schlangenleib der Welt, und so traten wir nach Kräften blöde in eine reiche, gebildete Familie dieser Gegend, aßen, tranken, promenirten mit ihr, ließen uns anwehen vom süßen Hauche der Wirthlichkeit und Reinlichkeit des 90 blanken Geschirrs, des schimmernden Leinens, der glänzenden Dielen, der stillen, bescheidenen Domestiken, der sorglichen Aufmerksamkeit unsrer Wirthe, der zurückhaltenden Schaamhaftigkeit ihrer Töchter. Wir fanden da einen jungen Mann aus der Stadt, er liebte die schöne, im schneeweißen Kleide blühende Tochter des Hauses, vielleicht liebte sie ihn wieder; sie hatte im Städtchen tanzen gelernt und etwas Klavierspielen, sie war innig und gut, lächelte auch zuweilen, und die Mutter hatte ihr gestattet, etwas von Schiller und Jean Paul lesen zu dürfen. Goethe wurde bescheiden ein Autor für die große Welt genannt. Der junge Mann war sanft und artig, aber die Eltern faßten kein Vertrauen zu ihm, er war aus der Stadt; eine andere Welt des Gedankens und der Gesinnung lag auf seinem Grunde, und ein harmloser Scherz, der von da heraufschlug, erschien in dieser Welt des Veilchens dreist und unziemlich, er las des Abends im Bett, und der patrouillirende Diener hatte ihn zweimal schon erinnert, um zehn Uhr das Licht auszulöschen, er paßte 91 nicht recht. Die Mädchen, in denen die Jugend auch unter der strengen Erziehung pulsirte, waren trotz der Mutter nachsichtiger und eingänglicher, aber die Mutter sagte im Familienrathe unverholen: er paßt nicht. Ach, es war ein so goldener, glücklicher Morgen, als er, der Liebende, neben uns aus dem reinen, stillen Hofe ritt, die Familie stand am Fenster und sah uns ernsthaft grüßend nach; uns Genossen einer andern Welt, die bei aller Beherrschung nur wie Störenfriede dieser Existenz erschienen waren. Sein Herz war gebrochen, traurig warf er nur einen Seitenblick auf das kleine Eckfenster, wo die Geliebte mit dem weißen Taschentuche stand – das Leben ging nicht in einander, und nur der Seufzer sammt dem Weh waren gewonnen. Traurig ritt er rechts, wir fuhren links; umsonst schien die prächtige Sonne; wo sich die Welten in der Geschichte scheiden, da sieht sie Gerechte und Ungerechte in tausendfacher Schattirung und stillen verborgenen Kampf und lauten und 92 öffentlichen Streit mit allerlei Schmerz und Wunden, die immer prächtige, erquickende Sonne. So ist die Welt beschaffen. Mit dieser Erinnerung schieden wir von der Aue, um aus dem waßigen Hügelrücken nach der Rothenburg zu fahren, die an der Nordhäuser Ecke gelegen ist, und in einen südwestlicheren Winkel dieser Thäler blickt. Sie ist viel erhaltener als der Kyffhäuser, klein und zierlich, und wird meisthin auch mehr belobt. Aber der Sagenodem weht nicht so eindringlich wie um das Kyffhaus, wo die Kaiser fortleben. Es ist hier einzuschalten, daß die Kyffhäuser Sage vom harrenden Kaiser auch vom Untersberge bei Salzburg existirt und dort von mir erzählt worden ist. Unpassender wird der Schatten auch Karl V. genannt, welcher meines Erachtens mit der inneren deutschen Welt nicht so viel zu thun hatte; er redete mit Gott spanisch und nannte den deutschen Ausdruck eine Sprache für die Pferde – möge sein Geist im Eskurial umgehn, aber nicht in unsern 93 Bergen. Bechstein, um die Les'arten geographisch einander näher zu rücken, sagt, es gäbe auch in Thüringen, am »Walde« einen Unterberg, eine Abdachung des Inselberges nach Broterode hin, und die Broteroder hätten noch Fahne, Gehölz und Freiheiten von Karl dem Fünften. Wie dem sei, wir fuhren nun wieder südlich in dem Bergforste, der sich hier eine große Strecke hoch erhält, nach dem sogenannten Rathsfelde, welches ein freier Theil dieser stillen Hochebene ist, und von dort auf der anderen Seite über eine stolze, schöne Chaussée die Berge hinunter, welche das Thüringen der großen Heerstraße von der güldnen Aue trennen. Am Fuße dieser Berge liegt Frankenhausen, in dessen Nähe Thomas Münzer mit seinen Bauern auf's Haupt geschlagen wurde. Von diesem Siege habe ich nichts bemerkt, man raucht jetzt noch im Theater Tabak. Die Gegend wird hier eben; erst weiter hin erheben sich wieder die flachen, beackerten Hügel des mittleren Thüringens. An einem kleinen 94 Berghange, dicht am Wege, liegt altersweiß Die Sachsenburg, welche einst mit Löwe – Drache und Adler-Fahne der alte Ritter Hagk oder Hategast aufrichtete. 95     Auerstädt und Osmanstädt. Jener finstre Morgen, aus welchem heraus sich das vorige Kapitel in Zeit und Raum so weit entfernte, ging erst ein wenig in's Dunkel über, als wir hinter Kösen die lange Bergstraße aufwärts fuhren. Sie ist mit der trefflichsten Chaussée noch beschwerlich genug, und nun ist zu bedenken, daß ehe diese Gegend preußisch wurde, solche Chaussée gar nicht existirte, es war also hier ein sogenannter romantischer Paß, wo Pferd und Wagen mannigfach zerbrachen oder stecken blieben, und Kotzebues Landhaus an der Heerstraße sehr richtig angebracht war. Die große Armee, Sachsens Alliirter, welche so oft hier 96 auf- und abwärts kletterte, hat auch blos darüber geflucht. Im jenseitigen Dorfe aber und unten in Kösen waren die Wegelagerer zu Hause, das heißt diejenigen Leute, welche sich zum Behufe des Vorspanns Pferde hielten. Diese gebornen Feinde aller Chausséen sind heute noch nicht ganz beruhigt, von ihnen und ihrem Bereiche wurden die Kunststraßen eben so schnöde begrüßt, wie es jetzt den Eisenbahnen ergeht, ein Institut, was noch viel mehr natürliche Feinde hat, da noch viel mehr gebräuchliche Interessen, Wirthshäuser und Lohnfuhren allen voraus, dadurch beeinträchtigt werben. Es giebt keinen Fortschritt, der nicht damit anfinge, eine Wunde zu schlagen. Auf der Spitze dieses Berges beginnt ein Plateau, was mit tiefen Unterbrechungen nach Eckartsberge hinläuft, und auf welchem das Schlachtfeld von Auerstädt liegt. Diese Doppelschlacht von Jena und Auerstädt ist neuerdings wieder lebhaft in Besprechung gekommen durch einen Aufsatz des bekannten Gentz 97 darüber, welcher aus England mitgetheilt wurde, und dessen Aechtheit durchaus nicht zu bezweifeln ist. Gentz kam damals, kurz vor Ausbruch dieser unheilvollen Schlacht, zum preußischen Heere, welches in diesen thüringischen Gegenden von Weißenfels bis in das hessische Gebiet vertheilt war, und beschreibt den damaligen Zustand. Gegen alle herkömmliche Schilderung fällt alle Schuld auf die haltlose, unkundige Oberleitung des Krieges von Seiten des Generalissimus, und neben diesem auf den Hauptminister, den Grafen von Haugwitz. Der Erfolg eines Genies wie Napoleon besteht eben auch darin, daß es die Gegner wie mit magischen Kräften verwirre; man kombinirte jede mögliche Art des französischen Angriffs, nur nicht die richtige; man zersplitterte sich, man lös'te eine wirklich bestehende große Macht, wie die preußische Armee damals wirklich war, in machtlose, unpassend situirte Partieen auf; man verzettelte Einsicht und Kraft. Ganz falsch ist die Meinung, daß sich die Armee selbst schlecht geschlagen habe; sie hat, besonders bei 98 Auerstädt, mit äußerster Bravour gekämpft, aber die Führung war von vornherein ohne allen straffen Zusammenhang. So kam das Davoustsche Corps über Zeitz nach Naumburg herauf, und schlug Tags darauf die Schlacht bei Auerstädt von der Seite, nach welcher zu Berlin liegt; so verkehrt ging Alles her, in solcher Verworrenheit ließ man sich überraschen. Und hätte man noch den Augenblick zu fassen gewußt, wie er sich bot: wurde Davoust bei Auerstädt geworfen, so konnte er bis auf's Aeußerste gefährdet sein, denn nicht blos der verhängnißvolle Rückzug den schlimmen Kösener Berg hinab lag dann vor ihm, seine Retirade war durch Terrain und Truppenmassen überall koupirt. Und wie dicht lag dies Geschick an seiner Sohle: die preußischen Truppen standen unerschütterlich, die prachtvoll berittenen Kavallerie-Regimenter machten, von höherer Führung entblößt, selbstständig die glänzendsten Angriffe, Davoust, mitten im Feuer haltend, ließ die Kugel unbeachtet durch seinen Hut schlagen, war blaß und 99 auf's Aeußerste gefaßt. Als die Schlacht zu Ende ging, hatte er noch keinen Sieg, preußische Regimenter blieben auf eigne Faust halten, das Schlachtfeld behauptend, und es ward noch ein Kavallerieangriff versucht, ehe man sich in bester Ordnung nach Eckartsberge zurückzog. Wenn eine Frucht der Geschichte reif ist, so treffen alle Kugeln: die Hauptführer des preußischen Heeres stürzten links und rechts getroffen von den Pferden, und ein wahrscheinlicher Sieg, welcher die gleichzeitige Niederlage bei Jena zwar nicht verhindert, doch in den Folgen aufgehalten hätte, ging verloren. Mit vielen andern, mit Schmettau, einem Hauptführer, war der Generalissimus des Heeres, der Herzog von Braunschweig, eins der ersten Opfer. Er war noch aus des alten Friedrichs Kriegen, und die Franzosen haßten ihn bitter wegen des bekannten Manifestes von Anno 92; in's Auge hinein traf ihn eine auf gut Glück gejagte Flintenkugel. – Niemand wußte seinen Operationsplan, selbst der König nicht, welcher in dieser Schlacht zugegen war, 100 und später bei Sömmerda in vollem Rosseslaufe durch die Feinde sprengen mußte, um aus diesem Gewirr von Feinden, die nun auch von Jena herüberdrangen, sich zu lösen. Kösen ist wie einst Verona in den Streit zweier Familien, der Montecchi und Capuletti gespalten, sie heißen hier auf deutsch Hämmerling, der Kuchenbäcker, und Weber, der Gastwirth »zum muthigen Ritter«. Dieser, das Haupt der Capuletti, war zur Zeit der Schlacht ein junger, sächsischer Postillon in Naumburg, und ihm ward der Auftrag, dem Marschall Davoust den Weg zu zeigen, damit er rekognosciren könne. Er hat mir's reichlich beschrieben, wie dick der Nebel diesen Vormittag am 14. Oktober gewesen sei, wie grimmig Davoust ausgesehen mit dem haarlosen Vorderkopfe, wie er geschrien habe, Hals über Kopf, Soldaten und Kanonen den Berg hinauf zu schaffen, woran schon die ganze Nacht gearbeitet worden war. Hätten sich die Preußen vom 13. auf den 14. zu einem solchen Nachtmarsche entschlossen, wie 101 vorgeschlagen wurde, die Franzosen hätten einen blutigen Tag an diesem unwegsamen Berge erlebt. Das Haupt der Capuletti ist noch heute außer sich darüber; er hat später den Pferdehandel kultivirt, und dafür ein scharfes Auge, er schwört aber, nie eine so prächtige und trefflich berittene Cavallerie wiedergesehn zu haben, als Anno 6 die preußische gewesen. Die Schlacht, welche er neben Davoust hat aushalten müssen, ist ihm besonders der Pferde wegen peinlich gewesen, und er schaudert jetzt noch bei der Erinnerung, wie leichtsinnig die theuersten Thiere todtgeschossen worden sind. Wenn's noch lauter Schimmel gewesen wären, meint er, da ließe man sich's gefallen! Für den schönsten Schimmel hat er nämlich die abschmeckende Redensart: 's ist halt ein weißes Pferd! Das Dorf Auerstädt, durch welches wir mit dem aufgehenden Tage fuhren, ist still wie jedes andre Dorf, und weiß nichts mehr von diesem Lärmen. Hinter dem Städtchen Eckartsberge fällt das Land wieder in tiefere Hügel, und links auf diesen, 102 wo in einer Thaltiefe das Städtchen Apolda schlummert, begegnete der von Auerstädt geschlossen retirirenden Armee statt Hohenlohes der Marschall Bernadotte. Von der gleichzeitigen Schlacht bei Jena nämlich wußte man gar nichts, das Hohenlohische Corps, welches sie vier kleine Meilen von Auerstädt schlug, war ohne Verbindung mit der Hauptarmee. Jetzt that sich's schrecklich kund, was geschehen, und auch dieser bessere Rückzug ward in die Flucht verwirrt. An diesem traurigen 15. October erhielt der König von Preußen, dem eben ein Pferd unter dem Leib erschossen war, einen Brief Napoleons vom 13., worin er Frieden anbot. Diese Verzögerung eines Billets, die Verzögerung um 24 Stunden, hatte vielleicht den Sturz eines Reiches zur Folge, aus welchem später der eigentliche Enthusiasmus gegen Napoleon wuchs, welcher den Riesen stürzte. Dies sind solche Späße der Weltgeschichte, über die sich unnütz schwatzen läßt in müßigen Stunden, so wie man von Cromwell erzählt, daß er, ein 103 ruinirter Bürger, im Begriff gewesen sei, nach Amerika auszuwandern, und durch ein allgemeines Edikt Karls I. daran gehindert worden sei, desselben Karls, den er später zum Schaffot brachte. Meine Gedanken wurden friedlicher, rechts im Thale fließt die Ilm durch schweigende Dörfer, und ich dachte einer anderen Zeit. In diesem klein- und sanfthügeligen Lande mit fruchtbaren Feldern, die sich über die kleinen Berge schlängeln, die mit kleinen Laubgehölzen und den Thalufern der Ilm bekränzt sind, in diesem Weimarischen Ländchen sind ja auch weit- und tiefwirkende Bewegungen unsers Vaterlandes versammelt gewesen, die Geistes-Klassiker haben hier gelebt und geschrieben, ihre Asche ruht hier. Ich kam einmal bei sinkender Sonne von einem Pferdemarkte geritten, es war ganz still in der Natur und ein Dörfchen mit einem Parkbusch hoher Bäume und einigen weißen Häusern lag neben mir, vor mir stolperte ein schwerbäuchiger unsichrer Reiter den Hohlweg hinab. Er that sehr erfreut, einen 104 Begleiter zu finden, war ein alter Kassenbeamter, der seine alte Schecke verkauft hatte, weil sie nach gerade zu sehr gestolpert wäre, und der sich jetzt auf dem neuen Thiere gar nicht zu Hause fühlte. Solch ein alter Diener eines kleinen Staates hat immer viel liebenswürdig Beschränktes, hat immer Aehnlichkeit mit einem alten Kammerdiener, den der Herr nicht mehr verabschieden kann, weil er aus der Dienstjacke in den Familienrock, in's Herz des Hauses hineingealtert ist; ich begegne solch einem Rathe von Anno 1 aus Meiningen oder Hildburghausen gar zu gern. Sie sind treu und gutmüthig und bieder, und der Anstrich von kleinem Hofleben färbt das beschränkte Idyll so artig! Er erzählte mir von den fröhlichen Tagen unter dem Großherzoge Karl August, wo er öfters mit auf die Jagd geritten sei. Sehn Sie – sprach er – hier unten an der Ilm in dem Dorfe, dessen Bäume und weiße Häuser Sie sehen, da schläft unser vortrefflicher, immer lächelnder Wieland – Das ist Osmanstädt? 105 Ja, das ist Osmanstädt. Wie ruhig und still und anspruchslos war das – da ruhte die Asche des alten gesprächigen Herrn, der so verführerische, farbige Geschichten erfunden hatte, die wir im Verborgenen unter dem Schultische verschlangen. Und neben der lustigen, nach Allerlei greifenden Liebe in seinen Büchern war er ein so ordentlicher Ehemann, der so reichlich Kinder zeugte, daß ihm der Großherzog mit den Fingern drohen und sagen mußte: Bis wohin, Catilina, werden Sie's bringen! – Wir klepperten an jenem Abende schwatzend weiter, und stiegen noch einmal in Tiefurt ab, um Roß und Mann mit einem Trunk zu stärken. Dieses Tiefurt war der eigentliche Gartensalon der damaligen Weimar'schen Gesellschaft, hier waren sie am genialsten und unbehindertsten, hier haben sie die Majestät und Robe abgelegt, und wie Karl der Große mit Alcuin, Eginhard und den Uebrigen, als David, Homer, Virgil verkehrt hat, so hat die vortreffliche Großherzogin Amalie hier ein heitres 106 Dichtungsleben geweckt und gestattet. Das sogenannte Journal von Tiefurt, das geschriebene Inventarium aller Einfälle, Witze, Geschichten, die sich hier ereignet und erzeugt, befindet sich noch auf der Bibliothek in Weimar. Ein Hauptmemorial geheimer deutscher Literaturgeschichte. Wie ich erfahren habe, ist die jetzige Herrin, welche große Aufmerksamkeit und Acht auf diesen Theil der Weimar'schen Geschichte wendet, ganz und gar nicht bedenklich, Leuten von Fach und Takt, von denen keine Ungeschicklichkeit zu besorgen ist, die Mittheilung dieses handschriftlichen Schatzes zu gestatten. Dies Tiefurt liegt wirklich in der Tiefe, zwischen dunklen Bäumen zieht sich der Park an der Ilm hin, und jenseits des Flüßchens an einer Berglehne in die Höhe. Es war schon etwas herbstlich, als ich ihn damals bei dunkelndem Tage durchstrich, hier und da sah mir ein weißes Monument geisterhaft entgegen, es gemahnte mich in manchem einzelnen Augenblicke, als sei ich im Königreiche Wales, und durchstriche den ausgestorbenen Park des Königs 107 Arthus – auch die ganze Tafelrunde von Tiefurt ist todt; das Land, das nahe Städtchen Weimar ist eine offne, sonnenbeschienene Gruft unsrer klassischen Literatur. Auch Goethe; – ist es nicht, als hätten wir das erst im letzten Jahre recht empfunden! Ist er jemals so im Munde aller Literaten, so Mittelpunkt aller Literatur gewesen? sogar seiner Feinde, die sich am Sarkophage des alten Dichters die harten Schädel eingerannt haben? 108     Weimar. Die deutschen Städte sind zum Theil so familienmäßig geschlossen und eitel, daß es immer ein Risiko bleibt, über sie zu schreiben; alle kokettiren die Jungfräulichkeit, halten es für unredlich, aus der Schule zu schwatzen, halten sich für beleidigt, wenn sie besprochen, das heißt, wenn sie nicht blos gelobt werden. Es ist dies ein Rest unsrer keuschen Nationalität, dem viel Achtbares zum Grunde liegt, aber er ist heutiges Tages übel dran: wir wollen nicht hoffen, daß mit dem Geheimnisse, was von den Zuständen herabgerissen ist, auch alle Diskretion 109 verloren gehen werde, aber es ist wahr – man braucht heut viel mehr Dreistigkeit, um erträglich und ohne häufigen Aerger zu existiren. So ist Weimar noch immer sehr blöde, obwohl es so lange Zeit der Hof unserer Literatur war. Vielleicht kommt aber just die Blödigkeit daher: von jenen Notabilitäten, die in Weimar wohnten, sprach man nur mit abgezogenem Hute, und ein Theil des Complimentes kam immer an Weimar mit; so ist's an Courtoisie gewöhnt, und der einfache Historiker fällt ihm schon auf. Weimar war aber immer unschuldig, auch unschuldig an unsrer Literatur. Ich bin immer sehr gern dort angekommen: es ist mir stets ein so reinliches, saubres, friedliches, zur süßen Beschaulichkeit aufforderndes Städtchen erschienen, wie nicht leicht ein anderes. Auf der großen Straße von Leipzig her sieht man Weimar nicht eher, als bis man gegenseitig das Weiße im Auge erkennt, auf den Höhen vor der Stadt lagert sich nämlich laubgrünes Gehölze, das sogenannte Webicht. Dieser frische, junge Wald 110 ist von Alleen durchschnitten, durch ihn und an seinem Saume laufen Wege für Karossen, Reiter und Fußgänger, die Heerstraße bildet den äußersten Rand. Die Stadt ist dicht in der Nähe, man vermuthet sie aber nur der Spazirenden wegen; das duftige grüne Waldleben hängt wie ein grüner Schleier vor den kleinen, begierig gesuchten Büchern der Cotta'schen Buchhandlung, dem Don Carlos und Faust, denn unter Weimar denkt man sich zunächst Schiller und Goethe, etwas Anderes nur nebenher. Ich war indeß schon vernünftiger – ein rother Leibhusar reitet am Waldesrande, ein Hofwagen, welchen die renommirten Isabellenpferde ziehn, schaukelt vorüber, man kommt in die Illusion des Arthusschen Hofes, wie sie mir in Tiefurt genaht war, es öffnet sich der Blick nach dem Thale, und dicht vor uns wie ein lieber, blauer Friede liegt die Stadt. Hier kann nur Glück und stille Freude wohnen, denke ich stets bei der Ankunft; solch einen behaglichen Eindruck macht mir immer der blaugedeckte, thüringische Thurm, das Durcheinander der 111 Häuserdecken, das anspruchslose Schloß, von Wasser und hängenden Baumzweigen auf der einen Seite begränzt. An einer klappernden Mühle führt der Weg in die Stadt vorüber, und die klappert so Hermann- und Dorotheisch! Noch reizender, wenn auch nicht eben anders ist der Anblick, wenn man vom Ettersberge herunterkommt, wo Napoleon einst eine große Jagd gehalten. Er liegt nach der güldnen Aue zu, der Ettersberg nämlich, das heißt der Richtung nach in jenes auf- und abwiegende gedeihliche Hügelland, aber nur eine Stunde von Weimar entfernt, einer der kecksten dieser Hügel. Wenn man von dort Weimar im hellen Sonnenscheine liegen sieht, so gesammelt, blau und freundlich, gehoben durch die heitere Berglehne, so findet man wohl, daß sich die Literatur hier in der Mitte von Thüringen zwar nicht pittoresk oder verführerisch, aber doch ganz artig angesiedelt hat. Eine neue Chaussée läuft schnell hinunter, und erhöht den Eindruck bequemer und doch genügend romantischer Lage. 112 Will man sich diese Romantik erhalten, so fahre man gleich wieder auf der andern Seite aus der Stadt, die Allee nach Belvedere entlang, da gibt es Landhäuser von Dichtern, man kann weiterhin Busch und Wald suchen, und braucht nicht wieder umzukehren. Die Ankunft ist die Hauptsache; es wird bald eine kleine Stadt, wo man in's Kasino, auf die Jagd gehen muß, um Abwechselung zu haben, und die Literaturgeschichte ist ihr größter Feind, weil sie Ansprüche weckt, für die Weimar selbst nicht kann, denn Weimar ist Weimar an sich, wie das Ding an sich, ohne Weiteres, ein offner Ort mit 8000 und einigen Einwohnern, worunter jetzt keine Dichter mehr sind, mit einem Gymnasium, mit einem Waisenhause, einem Theater, einem Hospitale, mit krummen Straßen und sonstigem Zubehör. Das is Weimer, wie die Leute sagen. Daß der große Weimaraner Karl August aus Nord und Süd die berühmtesten Deutschen hierher gerufen, daß diese so und so lange hier gewohnt und schöne Sachen 113 geschrieben haben, dafür kann man billigerweise Weimar nicht verantwortlich machen, der Ort selbst ist keine Fabrik berühmter Leute, der sein Geschäft sorglos betriebe. Aber wer kann dem Gedanken und mit ihm der Anforderung und Atmosphäre unsrer letzten Literatur entgehn, wenn er in diesen klassisch gewordnen Ort tritt! Um jede Straßenecke sieht man Schiller und Göthe, Wieland und Herder biegen, Fußtapfen heiligen allerdings einen Ort, wenn das Gras des Ortes auch Gras bleibt. – Mag es auch thöricht und unbillig sein, Weimar's Vergangenheit, die ihm noch dazu geschenkt, nicht selbst erzeugt war, seiner Gegenwart zum Vorwurfe zu machen, wenn sich auch historische Zustände nicht gewaltsam wiederholen lassen, es ist doch eine gerechte historische Forderung, ein verhältnißmäßiges Streben zu verlangen, sobald die Anregung so groß und so herrisch gewesen ist, das Erbe und Gedächtniß des Genies, was sich nicht nachmachen und ersetzen läßt, in angemessenem Schwunge und Stile 114 zu erhalten – dies ist die höchste historische Pietät, aus welcher hervor oft die prächtigste Befruchtung überrascht, und welche jedenfalls einen würdigen, hohen Luftkreis begünstigter Kultur rein und frisch erhält. Weimar sollte nicht seit dem Tode seiner Herren ganz und gar aus der Welt dieser Herren verschwinden: da die Kaiserkronen seiner literarischen Herrn, da alle die Reichs- und Herrschkleinodien unter die große schriftstellernde Zahl vertheilt, und nicht mehr an wenig größte Einzelne vererbt worden sind, so mußte just Weimar den Beruf fühlen, eine literarische Akademie Deutschlands in sich zu gründen, literarische Kongresse in sich zu versammeln. Der Tod geschichtlicher Größe soll keine Leichen machen, sondern Götter, deren Bilder nachwirken. Wo sind Deine Bildsäulen Schiller's und Göthe's, du anspruchvolles Weimar, was mit geehrt sein will um Schiller's und Göthe's willen, wo sind sie? Zeige sie uns! Du hast keine! Die Sonne und der Frühling und der fernher kommende Wanderer, den die Bücher 115 von der Ilm berauscht haben, sie alle finden sie nicht, die Göttergestalten; man muß die Lohndiener fragen, ob man hier recht sei am geheiligten Orte Deutschlands, an der Wohnstätte der Männer, um derentwillen das deutsche Wort gesucht wird von Petersburg bis Philadelphia. Wenn ihr, wie jüngst, auf diesen Vorwurf erwidert, Weimar selbst sei das Denkmal, so ist dies eine hochtrabende Abgeschmacktheit, welche leerer Dünkel und dreister Unsinn geboren hat, und welche wir nicht gern dem Herrn Kanzler von Müller zurechnen möchten, der aus den Brief- und Lebensmittheilungen über Göthe höflicher Convenienz halber schon so viel gestrichen und unterdrückt hat, der einen just interessanten Theil des Knedel'schen Nachlasses kurz vor dessen sonstiger Publikation aufgekauft und den Druck desselben bis jetzt vergessen hat. Höfliche Rücksicht, für die eine Höflichkeit gewonnen wird, ist nicht die Hauptsache und würdigste Beziehung, wenn man über die Verlassenschaft von Heroen zu verfügen hat. 116 Literarische Größen jetzt an einem Orte zu vereinigen, würde allerdings in diesem Augenblicke von der größten Schwierigkeit sein, wo die Literatur so tief und oft so schmerzlich in's Mark der eigentlichen Gesellschaft eingedrungen ist, wo Neutralität nur unter den feinsten Bedingungen zu wünschen, und so überaus schwer zu finden wäre. Daß Aehnliches nirgends versucht worden ist, bleibt übrigens sehr befremdlich bei dem Vorwurfe, die Literatur habe sich allerwärts mehr oder weniger in republikanische Sympathien eingelassen: die Berührung mit einem Hofe, nur ein näheres oder ferneres Verhältniß zu demselben ist ja der Erfahrung nach ein so spezifisches Mittel bei solchem Zustande, und der Hof mit seiner Form, seinem Reize, seiner leichten und geschmückten Fessel ist ja in Spanien und Frankreich ursprünglich dafür erfunden worden, das in irgend einer Weise Wiberstrebende dadurch zu bannen, daß es in die neutralen Interessen eines glänzenden Mittelpunktes zusammengedrängt wird. Die Granden Spaniens und die Seigneur's Frankreichs, 117 welche von vornherein die hartnäckige Opposition der Monarchie waren, sind durch die Höfe von Madrid und Paris beruhigt und besiegt worden. Warum versucht man es nicht, die hartnäckige Literatur durch einen Hof zu geschmeidigen? Wollt Ihr ermessen, was aus dem Genius Göthe's, Schillers, Herders geworden wäre, hätten sie nicht Zugang und Lohn und Reiz und Verpflichtung bei der Macht und Herrschaft und beim Glanze derselben gefunden? Jeder Genius ist von Hause aus revolutionär, weil er erfinderisch und schöpferisch ist; die Aufgabe der Mitwelt ist es eben, diesen Ausdruck in gemessener harmonischer Verbindung mit dem Bestehenden zu erhalten, und dies geschieht eben dadurch, daß man ihn in die Vortheile und Lockungen dessen, was herrscht, hineinzieht, damit er aus ungestörtem Herzen, und somit unstörend das Neue schafft und erfindet. Wessen Geist sich nie hinausgewagt hat, um das bestehende Gesetz, die herrschende Sitte vom isolirten Hügel der ungebundenen Eigenthümlichkeit anzusehen und 118 zu prüfen, die Rechte des Verbotenen mit in die Wagschaale zu werfen, in sich den Versuch einer eigenen Gesetzgebung zu machen, der hat nie einen Genius besessen, und bleibt, bei aller Trefflichkeit, in Bezug auf die große Menschenfrage, bornirt. Diese Wesenheit des Genius niemals feindselig werden zu lassen, das ist die Aufgabe des Herrschenden, und man muß einräumen, daß sie an den Heroen unsrer letzten Literaturepoche vortrefflich gelöst worden ist. Bedenket nur, daß jede noch so dreiste Frage damals im brennenden Frankreich Stoff und Spielraum fand, und daß außer Forster und einigen Geringeren kein großer Genius zur Rücksichtslosigkeit verleitet wurde. Aber die literarische Bildung war neu, war überraschend, trat nur in Wenigen gebieterisch heraus, es war leicht, sie auszuzeichnen und zu ehren; man that es, die stolzen Worte, der »Dichter müsse mit dem König gehen« kamen auf, wurden geglaubt, die untergegangene Macht des Priesterthums ward den poetischen Priestern wenigstens titulariter 119 überreicht, und das an vielen Orten; einzelne Herrscher schrieben an's heilige römisch-deutsche Reich um Ehren und Würden und Adelsdiplome für Dichter und Schriftsteller, ein ausgezeichneter Fürst, eben in Weimar Karl August, verkehrte mit ihnen als mit den Erlauchten der Nation, Einzelne, wie Göthe, genossen seiner intimsten Freundschaft – Das hat jetzt ein ganz anderes Ansehn: man sieht keine literarischen Granden bei Hofe mehr, dafür haben auch die kleineren Geister jetzt Speise und Trank, der Buchhandel ist thätiger geworden, der Buchhändler zahlt mehr, der Schriftsteller ist ein stolzes Mitglied des tiers-parti geworden, während es früher in seiner Klasse nur Seigneurs und Lumpe gab; aber die Schriftstellerei ist nicht mehr vergöttert, sie ist gesucht und gebraucht und gefürchtet und gehaßt, eine Usurpation benannt, und bei Lob und Tadel in ganz anderer Stellung als früher. Man muß ein Mädchen nicht zu lange ignoriren, wenn man ihr Vorwürfe zu machen hat, sie sucht sich einen andern Liebhaber, und man bringt 120 die Verzeihung dann schwer an, und jedenfalls mit Opfern. Aus all dem ist zu erkennen, daß des Fürsten Metternich Idee einer deutschen Akademie sehr gewaltig, und eines solchen Staatmanns vollkommen würdig ist. Vereint die Literatur wieder, so weit es angeht, zu geschlossenem gegenseitigem Glanze, und sie wird Euch weniger zu schaffen machen, denn sie wächs't aus der Quelle, die zwischen Blumen sanft rieselt, und über Gestein und Hinderniß schäumend sprützt und braus't, sie wächs't aus Menschen. Von dem Götheschen Kreise leben jetzt noch in Weimar von Müller, genannt der Kanzler, welcher viel Göthesches erwarten ließ, als der alte Herr starb, was jetzt gerade fünf Jahre her ist, Riemer und Eckermann. Jener hat die Schuld seiner Bekanntschaft durch Herausgabe des Zelterschen Briefwechsels, dieser durch Herausgabe seiner Gespräche mit Göthe abgetragen. So unbedeutend Eckermann's eigene Zugabe dabei ist, die nirgends über den 121 Lehrlingskreis hinausgeht, so dankbar hat das Publikum mit den prächtigen Mittheilungen Göthe's den Namen des kleinen Eckermann aufgenommen, und dies ist ein rührendes Beispiel, wie man als Fährmann einer großen Verlassenschaft auch sein Stückchen Ruhm gewinnen mag. Ich weiß nicht, ob Stephan Schütz, der ebenfalls hier lebt, auch zum Goethe'schen Kreise klassifizirt sein will; die einfache, naiv-thatsächliche Manier, in welcher er vor Kurzem sein anspruchsloses Leben geschrieben hat, streift allerdings an diese Geschmacksrichtung; er ist aber der Einzige von dort, welcher zuweilen kopfschüttelnd in den Journalen sein Haupt erhebt, wenn von den Ueberschwenglichen Goethisches erzählt wird, und welcher immer wieder behauptet, Goethe sei nur ein Mensch gewesen. Ich habe im Theater eine kleine Figur mit dunklem, scharf markirtem Kopfe gesehen, und man sagte mir, das sei Stephan Schütz, der Herausgeber von »Liebe und Freundschaft,« der unermüdliche 122 Beförderer des Heitern und Komischen, und der Erkenntniß desselben in unser Literatur. Auch lebt der bekannte Rationalist Röhr in Weimar als Oberhofprediger, und hält sich und seine Predigten sehr in Aufnahme, obwohl der Rationalismus übrigens sehr in's Hintertreffen gerathen ist, der Rationalismus von Paulus, Wegscheider, Röhr und Aehnlichen, der in den zwanziger Jahren blühte, und jetzt mit reicherer Ausstattung durch Strauß wieder einen Aufschwung erlebt hat. Röhr, mit einer handfesten Gesundheit und einem scharf sondernden Geiste begabt, predigt und schreibt noch rüstig. Zum Belege dessen citire ich eine Betrachtung der Schleiermacher'schen »Reden über die Religion,« welche er vor Kurzem in seiner »Kritischen Prediger-Bibliothek« gegeben hat. Diese, schon in vier Auflagen erschienenen Reden, die viel gelesen und bewundert worden sind, haben merkwürdigerweise nie eine gründliche Prüfung erlebt, obwohl sie schon seit mehr als dreißig Jahren im Publikum sind. Es war, als ob die Geistesgewandtheit, die 123 glänzende Stellung und scharfgewaffnete Kampflust des Verfassers einen schützenden Arm über dieses und sein anderes Jugend-Produkt, die lobpreisenden Briefe über Schlegels Lucinde, ausgebreitet habe. Jene sind bekanntlich neuerer Zeit neu abgedruckt und in den Lärm gedrängt worden, als worüber der Buchhändler, Herr Reimer, bei dem sie früher erschienen sind, sein Gutachten auf der Leipziger Börse abgegeben hat, wornach sich die deutsche Literatur erkundigen mag, wenn von der prächtigen Ausstattung Jean Paul's und Ritter's die Rede ist, welche ein Produkt desselbigen Herrn Reimer ist. Jene »Reden« nun sind hier endlich zu einer Beurtheilung gekommen, die sehr scharf gerathen, und bei der zu bedauern ist, daß sie nicht, des Kritikers Absicht gemäß, zu Lebzeiten Schleiermachers bekannt gemacht worden. Der Recensent will aus Schleiermachers eignen Worten folgern, daß dessen Religionslehre nichts anderes als Epikurischer Naturalismus gewesen sei, ohne persönlichen Gott, ohne Unsterblichkeit, ja ohne 124 Moral. Und das geschieht mit großem Scharfsinn und mit feinster Eindringlichkeit und Dialektik, wie eine Schleiermacher'sche Schrift nur verlangen kann. Und dabei bleibt der Recensent nicht stehen: er geht über das Buch hinaus, und sucht dessen Entstehung und Fortbildung aus der persönlichen Denkart Schleiermachers und aus dessen Geschichte zu erklären. Die Reden über die Religion sind nach ihm, gleich den Briefen über die Lucinde, ein übereiltes Jugendprodukt, bei dem der Autor indeß festgehalten worden, und das zu verwerfen und zu verläugnen er nie Muth und Entschlossenheit gehabt, dem auch vielleicht das dort Ausgesprochene noch in der letzten Zeit das Rechte gewesen sei, dessen Vertretung er nicht mehr habe übernehmen mögen. Mangel an Aufrichtigkeit, an frischem, offnem Sinne, dialektische Künstelei und sophistische Akkommodation sei ihm durchweg in der zweiten Hälfte seines Lebens vorzuwerfen. Dieser Angriff wird damit geschlossen, es sei die Tradition wohl zu glauben, daß Schleiermacher von Niemand eine geringere Meinung 125 gehegt, als von denen, die sich zu seinen Zöglingen zählten. Wer hätte nun eine so aufrührerische Polemik aus dem stillen Weimar erwartet! Ferner lebt der Oberkonsistorialrath Peucer hier, der frei und fröhlich an jeder Regung des literarischen Genius Interesse nimmt, und sich neuerdings wieder durch seinen Antheil an dramatischer Literatur hervorgethan hat. Endlich der rastlose Biedenfeld, welcher von der Bidassoa bis an die Beresina überall gelebt hat, von Napoleon bis zum Commissionsrath Cerf alle Notabilitäten gesprochen, unzählige Stücke und Bücher geschrieben, die Literatur aller Nationen gelesen, jedem Bekannten sich freundlich und gefällig bewiesen hat, ein unverwüstlicher Freund und Mann des Lebens, dessen Biographie ich schreibe, sobald er mir's erlaubt. Er hält sich seit einigen Jahren der Jagd wegen in Weimar auf, und ist auf der Durchreise begriffen. Von Instituten ist das Museum als preiswürdigstes und eins der schönsten in Deutschland zu 126 nennen: die Literaten fehlen; dagegen ist ein Haus für Literatur errichtet; die Geliebte ist todt, begnügt Euch mit der Liebe, die ja noch was Besseres sein soll. Der Frau Großherzogin selbst, von der überhaupt eine sehr thätige und segensreiche Einwirkung ausgeht, verdankt dies Leseinstitut seinen großen Stil und die kostspielige Unterhaltung. Fast wie zu London im großen Lesekabinet, wo man für einen Schilling Entréegeld eine Cigarre und fast alle Journale der Welt bekommt, findet man hier ohne Schilling und Cigarre eine Lektüre, die in alle Länder und Branchen reicht. Daneben sind alle neuen Bücher ausgelegt und die besseren für die Bibliothek gekauft – das hat nun darum seine Schwierigkeit, weil merkwürdig genug in dieser alten Residenz unserer Literatur nur eine Buchhandlung ist, die auf ein ausschließlich Privilegium gestützt, die Bücher an sich kommen läßt, was man sagt: er läßt's an sich kommen. So wie auf unsern Gymnasien früher nur eine oder gar keine Stunde für deutsche Sprache gegeben ward. 127 Wenn man in Weimar neue Bücher kaufen will, so schreibt man nach Jena. So wie man von Merseburg nach Halle fährt, um gutes Merseburger Bier zu trinken; es wird erst gut, wenn es verfahren ist, und die Bücher sind interessanter, wenn sie verschrieben werden. 128     Goethes Hauswesen. Unweit des Theaters bückt sich ein kleines Häuschen, zusammengeknickt und von grünen, ausgeblichnen Jalousieen versperrt wie ein abgegriffenes Taschenkalenderchen – das war Schillers Haus. Fast überall, wo ich Schillers häuslicher Wirksamkeit nachgespürt habe, sind mir kleine, niedrige Räume begegnet; man sollte denken, die hoch auffliegenden Gestalten seiner Poesie hätten sich die Köpfe einstoßen müssen an der niedrigen Decke. Es war aber in seinen Gewohnheiten etwas Bürgerliches, Cynisches, was keine besonderen Ansprüche machte, oder richtiger: der Idealismus, in welchem er webte, nahm 129 keine weitere Rücksicht auf solche Nebendinge. Schiller erkaufte sich mühsam sein kleines Haus mit Gedichten und Tragödien; Goethe, der Glückliche, erhielt es zum Geschenk, er war der näher gerückte, wirkliche Jugendfreund des Großherzogs, der den aus Italien heimkehrenden Goethe mit einem Hausbau überraschte; Schiller war der geschätzte und hochgeachtete Freund in Apollo; Apollo baut aber kleinere Häuser als der Jugendfreund. Stattlicher ist allerdings das Goethesche, aber man muß sich keine Pallastvorstellung machen, wie manche Beschreibung veranlassen könnte: ein artiger Flur, ein Paar Figuren abgerechnet, welche mit kühler Stille empfangen, ist's eben nur ein hübsches Wohnhaus, wie es der Berliner Banquier schöner hat, und nach außen ist es ganz ohne besonderes Antlitz. Trotz der Künste, Studien und Vorbilder, hat die Baukunst in Weimar noch keine besonders glückliche Stunde gehabt; selbst die Privatunternehmungen Berlin's, welche nur auf beschränkte Aeußerungen ausgehn, sind von einem viel schöneren 130 Geschmacke, und die Bilder Schinkels und Klenze's, wenn man sie in verjüngtem Maaßstabe der kleinen Stadt noch so gefällig anpassen wollte, sind gar nicht in Vergleichung zu ziehen. Goethes eigentliche literarische Häuslichkeit nun hat nicht einmal etwas mit diesem artigen Hause zu thun, sie ist in einem kleinen Hinterstübchen zu suchen, was gar nicht in die volle Figur des neuen Hauses zu gehören scheint. Dies Arbeitszimmer ist klein, einfach und schmucklos, und nur diese größte Einfachheit, der Mangel alles modernen Komforts, der Mangel der Gardinen, eines Sophas erinnert an antike Schmucklosigkeit, eine antike Mahnung, die manches andere Dachstübchen mit ihm gemein hat. Dies ist der kleine Raum, in welchem man Engländern, Franzosen, Amerikanern begegnet, die ihre Namen in's Gedenkbuch einschreiben, wie man's auf alten todten Schlössern zu thun pflegt. Die Aussicht des Zimmerchens, das einen kleinen Stock hoch liegt, geht auf das Gärtchen, in welchem er so oft umherschritt; auch dies ist sehr einfach, klein 131 und unscheinbar. Die Meubles und Geräthschaften sind noch auf der Stelle, wie er sie an seinem Todestage verlassen hat: ein großer, einfacher Tisch von länglich viereckiger Form steht in der Mitte; das kleine Kissen liegt noch darauf, wo er seine Arme auflegte, wenn er diktirte; die zerpflückten Läppchen liegen noch im Winkel, die er seinem kleinen, unruhigen Enkelkinde zur Beschäftigung gab, wenn es darauf drang, bei ihm zu bleiben, und ihn doch nicht stören sollte. Briefe stecken noch reichlich in kleinen Fächern am Fensterwinkel, und man darf ruhig einsehn, wie Herr von Varnhagen und dieser und jener an ihn geschrieben hat; wo ich auch immer hineingeblickt habe, überall wurde er wie der gesegnete Padischah angeredet, und man erkennt, welch ein Ruhm, welch eine Ehre, welch eine Achtung aus allen Weltgegenden immer bescheiden in dies Zimmerlein getreten ist zu dem ruhigen, großen Manne, der hier, die Hände auf dem Rücken, umher geschritten ist. In der kleinen Handbibliothek, die ebenfalls unverrückt dageblieben war, fand ich mehrere 132 Encyklopädieen, die letzten Hefte der Minerva, und Mancherlei aus fremden Sprachen. Seine kleine Stube in Frankfurt, wo er den Götz und Werther geschrieben hat, mag ähnlich ausgesehn haben. Eine kleine Kammer mit einem Fenster stößt an das Zimmerchen, da steht noch das simple Bett mit leichter Decke, wie er sie aus Süddeutschland gewohnt war, und immer beibehalten hat, der alte Lehnstuhl, in dem er eingeschlafen ist, zum letzten Schlummer auf dieser Erde, ist auch noch im Zimmer. Die Dame, welche mit mir die Stätte besuchte, fand sich besonders durch die kleine Schlafkammer lebhaft an Ferney erinnert, an Voltaires Schlafgemach. Seine Nachkommen spielten auf dem Saale Klavier, und waren lustig und guter Dinge. Der alte Herr war schon über vier Jahre todt, und wie lange wird's dauern, so wundern sich die Leute, daß wir noch neben ihm gelebt haben, da ist er hoch zurückgetreten in ein dämmerndes Pantheon. 133 Der letzte Sekretair, welcher seine Worte geschrieben hatte, war so freundlich, ausnahmsweise unser Cicerone zu sein, und weil er von den aufgeweckten Erinnerungen lebhaft und schmerzlich berührt wurde, so gewann uns dieser Gedächtnißvormittag etwas tragisch Lebendiges. Aus Goethe's kurzem Krankenlager, was seinem Tode voraus ging, ist eine Scene nicht bekannt, welche mir in der Schilderung einen charakteristischen Eindruck machte: in der Fieberphantasie ist er von seinem Lager aufgestanden, und über die Stubenschwelle schreitend, hat er vor sich hingeredet: Was betastet Ihr meinen Schiller, meinen Geliebten! Lasset ab von ihm, er ist groß und herrlich! Warum liegen seine Briefblätter da zerstreut am Boden umher! Wie Viele mögen oft geglaubt haben, es sei Goethe innerlichst doch wohl niemals so recht Ernst gewesen mit seiner Achtung vor dem Schiller'schen Genius, weil dieser ein so ganz verschiedener von dem seinigen war – ich gestehe von mir selbst, daß ich nicht alle leisen Zweifel besiegen konnte, obwohl 134 die Aeußerungen, welche Eckermann mittheilt, siegreicher als Alles für Goethe's Liebe zu Schiller sprachen. Hier nun ward mir, nach dieser Seite hin ganz unbefangen, referirt, daß seine verborgenste Seele liebevoll mit dem literarischen Siegesgenossen beschäftigt war, und wie gern bat ich das Herz eines Dichters um Verzeihung, was so viel Mißdeutungen ausgesetzt bleibt, Mißdeutungen, weil er den einzelnen Ausdruck und Ausbruch des Gefühls einer ganzen, stets in ihm thätigen, stets in ihm beherrscht sein wollenden Welt unterordnete. Die Franzosen sind mit ihrer bekannten pikanten Manier rasch bei der Hand, wenn sie dies schmucklose Zimmer Goethe's sehen, sie schreiben darüber »Goethe wollte der bemerkenswertheste Gegenstand seiner Wohnung sein.« Wenn es noch so gut bei ihnen gemeint ist, aus ihrer Eitelkeitssphäre können sie nicht heraus, die zuerst und zuletzt auf Repräsentation sieht, und die Repräsentation andichten muß. In dieser Art ist sie Goethe's Sache niemals gewesen. 135 Auf dem Vorsaale vor diesem kleinen Zimmer steht eine alte Wanduhr, sie ist ein fürstliches Geschenk, was Goethe eines Morgens mit ahnungsreicher Ueberraschung aus dem Schlafe geweckt hat. Diese Uhr hatte ihm die Stunden seiner Jugend geschlagen, war später aus dem väterlichen Hause verkauft oder verschenkt, und jetzt hatte sie ein Fürst, ich glaube ein Mecklenburgischer, aufsuchen, kaufen und in der Stille hierher postiren lassen, zu seinem Jubelfeste 1825. Ich bin sonst nicht so pietätssensible; das lederne Kollet Karl's XII. hat mir ein Interesse, aber es beschäftigt mich nicht lange – der alte Großvaterstuhl hier hatte es mir indessen angethan: hier war er leichtem Schlummer hingegeben, der alte Herr, jenem Schlummer, wo die Dichtungsgestalten in den Wolken des Himmels vor uns wandeln, und den Reiz und Glanz doppelt und prächtig anziehn, welcher dem Dichter bei langer Beschäftigung mit demselben Gegenstande so leicht verwischt wird. Die fernen Bilder des zweiten Faust, Bilder aus der 136 Mythenwelt Griechenlands, aus dem Himmel der Christen hatten hier rosenroth um seine Schläfe geschaukelt; auf diesem Stuhle war zum letzten Male die Farbe der Welt zu ihm gekommen, um dann in dunkles Gemisch, in's ewige Schwarz zu versinken, von wannen, Gott weiß wie! neuer Farbenstrahl anhebt; auf diesem Stuhle hatte ihn der Tod ereilt. Als der Todesdrang des Scheidens an sein Herz trat, da rief er just so, wie er einst als Jüngling den sterbenden Götz hatte rufen lassen: »Licht! mehr Licht!« man schob die Gardinen aus einander, er trank noch einmal die Farbe unsrer Welt, und schloß das Auge. Seine Schwiegertochter, die er so überaus lieb hatte, und an welche zu denken ich bei den Wahlverwandschaften stets geneigt bin, glaubte damals, der Tagesschein blende sein Auge, und setzte ihm den grünen Schirm auf, aber er bedurfte keines Schirms mehr gegen unsere Welt, er war todt. Wunderbarer Weise werd' ich jetzt während des Schreibens erst inne, daß der kalte, rauhe Tag, welcher mit verletzendem Winde durch die Straßen 137 Berlin's fegt, just der 22. März ist, just der Todestag Goethe's – das Wunderbare eines Dichterlebens geht über den Tod hinaus weiter; Alles, was großen Beziehungen an's Herz greift, ist mit Wundern umgeben. Dies kleine Lebens- und Sterbezimmer war übrigens nur den vertrauteren Freunden geöffnet, Fremde wurden vorn in den großen Gemächern empfangen, und dieser Empfang bestand meistens darin, daß er sie zu Tische lud. Wenn ihn nicht schönes Wetter zum Spazierenfahren oder Gehn lockte, so war er bis zu der für kleine deutsche Städte etwas späten Tischzeit in diesem Arbeitskämmerchen. Die größeren Poesieen schrieb er gewöhnlich selber, und zwar meist stehend an einem kleinen, unscheinbaren Stehpulte, welches noch jetzt beim Fenster steht, und zwar schrieb er sie selten in der Reihenfolge, wie sie das vollendete Werk bietet, sondern meist partieenweise, wie eben die Stimmung bot, bald vorn, bald hinten, bald in der Mitte. Das darf um so weniger bei ihm verwundern, da der Plan des 138 Ganzen gewöhnlich schon von vornherein detaillirt fertig war, und er mit einem Anfluge von Reichsstädtischer Ordentlichkeit, die ihm stets verblieben ist, und vielen Leuten zur Vorstellung von einem Genie nicht recht passen will, da er mit dieser Gewohnheit seines Vaters, auch den Plan einer Poesie sorgfältig zu Papiere brachte. Beim Diktiren ging er meist umher, oder saß mit aufgelegten Armen am Tische; es ging sehr fließend, rasch und oft viele Stunden lang, so daß der Sekretair ein anstrengendes Geschäft hatte, und seiner Versicherung nach oft die Finger nicht mehr fühlte. Bis zum Mittagessen genoß der alte Herr sehr wenig, bei diesem aber war er rüstig und thätig, wie es der gesunde Leib eines starken Mannes nur fordern mochte. Dazu trank er seine volle Flasche Würzburger, und wohl auch noch eine halbe Flasche Champagner oder anderen Weines; Scherz und Heiterkeit waren ihm dabei sehr genehm, und eine solche muntere Bewegung war vorzugsweise in der Familie herrschend. Von Holtei erzählt, daß er viel mehr 139 mit dieser Anknüpfung der fröhlichen Unterhaltung als mit literarischen Interessen die lange Zeit seines Weimar'schen Aufenthaltes den täglichen Verkehr im Goethe'schen Kreise gepflegt und gewonnen habe. Von den kräftigen Aeußerungen Goethe's, die er im Familienleben oft von sich gab, erzählt Holtei gern Folgendes: Man sprach von dem düstern Hange zur Frömmigkeit, von den Pietisten, die so viel Sünde und Gefährliches in der Welt sehen, und die Freude mit bedenklichem Kopfschütteln aufnehmen, man sprach hin und her, und konnte sich nicht darein finden, da setzte der alte Herr das Glas fest auf den Tisch und sprach in seiner nachdrücklichen Art: »Diese Frommen sind alle verschnitten, wenn sie fromm werden; der Werner und wie sie weiter heißen, dachten nicht daran, so lange sie aus dem Zeuge waren. Da kroch zum Beispiele der Brentano bei'm Hause der Sophie Mereau am Spalier in die Höhe, damit es fein hitzig aussähe mit der Liebe – 's war eitel Komödie, und sah schlimm genug dahinter aus. 140 Die Welt ist ja nicht gemacht, damit sie zugeschlossen werde. Folgt, Kinder, Eurer gesunden Neigung, und sprecht mit dem persischen Dichter: »»Kaiser, Du mußt die Welt mit meinen, nicht mit Deinen Augen ansehen, wenn sie Dir so gefallen soll, wie mir.«« Danken wir Gott, daß wir so glückliche Augen haben, und lassen wir uns nichts vormachen.« Wenn Göthe darauf in der Abendzeit sich wieder in's kleine Gemach zurückzog, dann sah er ganz gern einige specielle Freunde bei sich, mit denen er über dies und jenes sprechen konnte. Sein Geist war wie sein Körper von großer Dauer, und er vermochte sehr lange Zeit hinter einander Gedankliches zu zeugen und zu verbrauchen. Indessen ließ er auch sehr viel reden, und hörte, und schenkte den Freunden die Gläser voll, wenn sie lässig darin waren. Er selbst trank fast nur bei Tische, und genoß bis zum Schlafengehen nichts mehr. Diese Tagesordnung wurde nur etwas anders, wenn er sehr lebhaft bei einer Beschäftigung war, 141 dann ließ er sich nur etwas Essen auf seinen Arbeitstisch serviren, und blieb den ganzen Tag im Kämmerchen, und ging dann zuweilen des Abends zur Familie hinüber. Um elf suchte er gewöhnlich das Bett, und etwa um die sechste Stunde verließ er es wieder. Drüben im Park besaß er noch ein Gartenhaus, und in der schönen Jahreszeit ging er oft schon des Morgens dahin, den Sekretair wie den stets nöthigen, stets Dienst thuenden Kammerherrn neben sich. Dies Opfer bringt der Schriftsteller allein, und Göthe hat es späterer Zeit im reichlichsten Maaße gebracht, daß er seine besten Stunden im Bewußtsein und Drange genießt, wie sie auch den Lesern von ergiebiger Ausbeute sein könnten – wie der Vater Alles in Bezug auf sein Kind leidet und genießt, so der Autor in Bezug auf die Lesenden. Der feinste Egoismus, der stille, einsame Reiz für unser geheimstes innerstes Ich, ihm entsagt der Autor, und der Lohn dafür ist jener süßer Drang, welcher zur andern Natur wird und mit viel 142 feineren Nerven ausgesponnen ist, als selbst das Entzücken des Ruhmes. In diesem Gartenhause hat Göthe früher, in den jungen Mannesjahren, manch heitere Stunde genossen, und das Weib umarmt, welche er später zur Frau Geheimderäthin erhob, und die sonst Fräulein Vulpius hieß. Sie war die Schwester des bekannten Romanciers, welcher Rinaldo Rinaldini und ähnliche tugendhafte Räuber in vielen Bänden und in vielgeliebter Prosa besungen hat. Außerdem, daß er so süperbe Räuber schuf, war er Bibliothekar in Weimar, und zu seinen besondern Vorzügen gehörte die schöne Schwester. Sie stand in schönster Blüthe, da Göthe aus Italien heimkehren wollte, und hatte den schönen Dichter wol früher schon von Weitem gesehen. Göthe nun, der in Italien seine bekannten Elegieen nicht wie ein blöder Gymnasiast aus der Luft gedichtet, sondern ganz reell und standhaft erlebt hatte, schrieb vor seiner Abreise von Rom an die Weimarschen Freunde. Es schien ihm nicht wünschenswerth, nach solcher Zeit der Fluth ganz auf den 143 Sand zu gerathen, wie Carlos im Clavigo dies ähnlich bezeichnet, und da er nicht blöde war, so ging er auf näheres Detail ein, künstlerisch die Requisiten und Qualitäten schildernd, wo die allgemeinen Umrisse und Definitionen der weiblichen Schönheit mit seinem persönlichen Geschmacke zusammenträfen, und mit der Frage schließend, ob denn im Lande Weimar solch ein Spiegelbild der Faustschen Helene in keiner Weise, wenn auch nur in annähernder, zu finden und zu schaffen wäre? Die Theorie des Schönen war damals sehr unbefangen und nachdrucksvoll schöpferisch, die Freunde antworteten sinnig und gerecht: Weimar sei zwar nicht Rom, aber deshalb doch auch nicht von der Schönheit verlassen, er werde sich wundern, was ihm auf der letzten Station begegnen könne. Und auf der letzten Station begegnete ihm Fräulein Vulpius, und sie gefiel ihm sehr. Ueber das Verhältniß mit dieser Dame ist viel gefabelt worden. So kursirt die wunderlichste Sage, wie sie Frau von Göthe geworden sei, was 144 allerdings erst mehrere Jahre nach gemeinschaftlicher näherer Bekanntschaft eingetreten ist. Als Napoleon nach der Schlacht bei Jena Göthe in sein Quartier beschieden habe, um den ersten Deutschen zu sprechen, habe er auch den Wunsch geäußert, des ersten Deutschen Frau sich vorgestellt zu sehen. Um dies in legitimer Form thun zu können, habe Göthe, in seine Behausung kehrend, den Herrn Pastor zu sich geladen, und so sei Frau von Göthe entstanden. Die einfachere und anspruchslosere Tradition ist, daß Göthe seinen Sohn legitim habe besitzen wollen, und da das Verhältniß mit der Dame auch übrigens mehr ein dauerndes geworden, als wohl von Hause aus beabsichtigt gewesen sei, so habe er eine herkömmliche Kopulation für gut erachtet. Daß die Frau Geheimderäthin, welche Göthe immer den »Herrn Geheimderath« zu nennen pflegte, keinen besonders schriftstellerischen Geist besessen, hat den Leuten auch viel zu schaffen gemacht, wie man denn so leicht vergißt, daß eine Dame liebenswürdig und reizend sein kann ohne das Zeug der 145 kouranten Bildung, und wie ein Naturell dem erfahrenen Manne oft von größerem Zauber ist als erworbene Kultur. Wie eine solche Kultur klein und dürftig neben dem großartig schöpferischen Manne, oft sogar für diesen störend und beengend sein kann mit dem stets gleichen unbedeutenderen Maaßstabe, der doch seine Prätensionen macht als Maaßstab, das wird gar zu leicht mit gebräuchlichen Floskeln verschüttet. Aus diesen heraus ist denn auch die beliebte Erzählung eines Vorfalls erwachsen, der übrigens nebenher auch wahr sein kann: Es habe ein berühmter Mann bei Göthe gespeis't, und wie einst die schöne, aber in antiquarischen Studien weniger erfahrene Gefährtin Talleyrands den berühmten Denon mit Robinson Crusoe verwechselt, so habe auch die Frau Geheimderäthin die lebhaftesten Irrthümer an den Tag gelegt. Göthe, mit olympischer Ruhe sich an den Gast wendend, sei in folgenden Worten darüber vernehmlich gewesen: Sollte man nun wohl glauben, daß dies 146 Frauenzimmer bereits einige zwanzig Jahre in meiner Gesellschaft lebte?! Beizufügen ist, daß das Wort »Frauenzimmer« in seinem Munde niemals den säuerlichen Beigeschmack hat, welchen verzärtelte Schüchternheit unsrer Tage diesem Ausdrucke beilegt; Göthe's »Frauenzimmer« ist nichts mehr und nichts weniger, als was der Dandy jetzt »Dame« nennt. Wie frei und harmlos übrigens im Allgemeinen zu Ende des vorigen Jahrhunderts und zu Anfang des jetzigen die Umgangsverhältnisse unter Männern und Frauen waren, das klingt jetzt ganz überraschend; wir wissen es gar nicht, wie sorgfältig die geschlossene Form und geregelte Erscheinung darin wieder Terrain gewonnen hat. Es sei der französischen Zeit gar nicht gedacht, wo man es für lächerlich hielt, auf ein Verhältniß ohne Ehe anzuspielen, will sagen, nicht blos für tacktlos, sondern für so unpassend, als wenn wir jetzt eine Dame damit necken oder aufziehn wollten, daß sie in's Theater gehe, daß sie einen Roman lese. Kurz, 147 das sogenannte »Verhältniß« hatte keinen Gegensatz mehr, die Unordnung war in die Ordnung aufgenommen. Dies bei Seite; bei uns, bei unsern ersten Geistern, bei den Autoren, die jetzt als Muster der Tugend und Sittsamkeit passiren, zum Theil glänzen, war solch »Verhältniß« etwas gar nicht in Frage kommendes. Wenn man alle die Geschichten der Schlegel und ihres Gleichen aufführen wollte, lieber Himmel, welchen Bequemlichkeiten begegnet man da, die dem jetzt urgirten Prinzipe sehr unbequem wären, und man begegnet Namen darunter, bei deren Nennung jetzt die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen würden, deren Nennung für Animosität, für Lust am Skandale gälte. Beides ist mir nie fremder gewesen, es ist eine ganz nüchtern historische Vergleichung, die sich leicht aufdrängt, wenn man einmal links und rechts in das Hauswesen der früheren Literatur blickt; und die Sache muß auch nach ihrer Zeitstimmung beurtheilt werden, das Klatschen darüber bleibt den alten Weibern – die Zeitstimmung war wirklich die, daß 148 um die Wetterscheide des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts die Ehe unter den gebildeten Ständen nur noch ein Name war, dessen man sich nach Umständen bediente oder nicht bediente. Schlegels Lucinde und Schleiermachers Briefe über solch freie Liebe würden dem jetzigen Publikum viel weniger Auffallendes haben, machte man sich zuweilen eine ungeschminkte Vorstellung vom damaligen Lebensverkehre. Viele Aeußerungen jener Leute sind auch nur in solchem Zusammenhange richtig zu verstehn. Als die Freunde Goethe mit der sogenannten Vulpia neckten, und seinen Sieg über sie, als den ersten, welchen sie erlebt, aufhetzend in Zweifel zogen, gab er die merkwürdige Antwort: »Daß sie auch Andern würde gefallen haben, bezweifle ich nicht.« Wie wichtig, großartig und fein ist die Wendung dieser Antwort, die Wendung dieses Interesses auf einen Standpunkt ganz anderer Art. Goethe ist dreißig Jahre mit einer Frau von Stein liirt gewesen und darunter manches Jahr 149 intim; von dieser Bekanntschaft existirt noch eine Correspondenz, welche uns wohl gelegentlich mitgetheilt wird, und worin vielleicht manches Bedeutungsvolle über das gesellschaftliche, moralische und Herzensmoment jenes Verkehrs zwischen den Geschlechtern mitgetheilt wird. Goethe selbst war darüber ganz sorglos: als er zum Beispiele seinen kurzen Besuch in Berlin abstattete, und von den Zirkeln, und was ihn sonst fetirte und in Beschlag nahm, nicht ganz hinreichend gefesselt war, machte er, wie er in Italien gethan, seine Abendpromenade; hier gab es keine Poppäa, aber Madame Schuwitz existirte; die Berliner, welche das ausspionirt hatten, nahmen's ihm übel, ich weiß nicht, ob die Wahl im Einzelnen oder im Allgemeinen, er nahm das Spioniren übel, es gefiel ihm nicht in Berlin und er reis'te ab. Der Tod dieser Madame Schuwitz, und was sich dabei ereignete, ist einer der merkwürdigsten Beiträge zur Erkenntniß des damaligen sittlichen Momentes: an ihrem Grabe hielt ein geistreicher 150 Literat, Friedrich Schulz, eine Rede, die im Archiv der Literatur nicht verloren gehen sollte. Mitten in dieser Zeit, mitten unter diesen Verhältnissen, wo die gegenseitige Begegnung so heidnisch frei gegeben war, als ob das atheniensische Leben aufgeweckt werden sollte, mitten in diesem leichten Verkehre lebte zu Weimar ein schönes Mädchen, freundlich und lockend gegen Alle, geschmeichelt und gefeiert von Allen, und keusch und streng wie eine Muse, die vielleicht unter der stillen Schönheit alles Weh einer Gesellschaft trug, welche keinen größeren Platz für sie hatte als den einer Schauspielerin, Corona Schröter. Es gibt nicht leicht einen interessanteren und ergiebigeren Stoff für eine Novelle, als die merkwürdige Situation dieser Corona, welche einer Iphigenie gleich, die interessanteste Welt von Barbaren um sich hatte, die ihr kein würdiges nahes Verhältniß bieten konnten, von denen sie vielleicht ein Bild tief, fest verschlossen im Busen trug, ohne jemals das leiseste Wort darüber kund zu geben. 151 Sie war aus Leipzig und stand in prächtigster Blüthe ihrer hohen Schönheit zu der ersten Regierungszeit Karl Augusts. Merkwürdig genug war dieser Regent, der sich in genialer Kräftigkeit so sehr hervorgethan, in seiner damaligen jungen Männlichkeit schüchtern, ohne Drang und Kraft, das Weib als Ergänzung des Mannes gar nicht wünschend und suchend. Der damals siebenundzwanzigjährige Goethe unternahm das Kühne, so vieler Verantwortung Ausgesetzte, dem jungen Fürsten in's unternehmende Leben, in die verlangsame Existenz zu helfen, er unternahm mit ihm eine Fußreise durch die Schweiz. Dies ist jene Reise, welche in der Cotta'schen Ausgabe dem Werther angehängt ist, und wo sich die meisterhafte und diskrete Schilderung eines Mädchens findet, das ihm den Anblick einer unverhüllten Venusstatue gewährt. Stark und kräftig kam der Fürst mit ihm nach Weimar zurück, und die schöne Corona erschien ihm jetzt erst schön; aber sie war ein Feuer aus Eis, wie später zu wiederholten Malen versichert worden ist. 152 Kein Mann hat sich einer hingebenden Gunst dieser keuschen Muse gerühmt, und sie steht wie eine schimmernde weiße Marmorstatue in dieser bunten, warmen, genießenden Zeit. 153     Briefe und Gespräche Goethe's. Die Goethe'schen Briefe, welche ich hier mittheile, sind an den berühmten Philologen Friedrich August Wolf gerichtet, und es liegen einige dreißig vor mir, welche den Zeitpunkt von 1795 bis 1815 umfassen. Die leichtsinnigeren Leser dieses Buches mögen getrost sein: das Meiste der Korrespondenz, so weit es nur eben briefliche Wendung enthält, wie sie uns von Goethe hinlänglich bekannt, wird ihnen erlassen, und ich versuche nur eine Blumenlese. Weimar, den 24. Januar 1805. Darf ich einmal wieder, mein würdiger Freund, bei Ihnen anfragen, wie Sie sich befinden, und 154 auch von mir etwas erzählen? Ich bin diesen Winter nicht aus Weimar, und manche Woche nicht aus der Stube gekommen, doch bin ich niemals ganz an irgend einer Thätigkeit gehindert gewesen, und ich hoffe, daß Einiges, was mich unterhalten hat, Sie auch nächstes Frühjahr unterhalten werde. Winkelmanns Briefe und die dazu gehörige Kunstgeschichte sind nun abgedruckt, und ich darf nun auch nicht säumen, den dazu gehörigen Sermon nächstens auszufertigen. Haben Sie denn auch an mich gedacht? Mit einem Dutzend Ihrer Bemerkungen und mit Rücksendung der monumenti inediti würden Sie mich in diesen Tagen sehr glücklich machen. Die schöne Schlittenbahn sollte Sie zu uns auf den Weg locken. Wenn Sie aber auch jetzt, da alle Ihre Arbeiten im Gange sind, sich nicht los machen können, so nehmen Sie uns doch die Hoffnung auf's Frühjahr nicht. Es ist ein kleines Zimmer für Sie eingerichtet und für Minchen auch schon gesorgt. 155 Sagen Sie mir doch auch ein freundliches Wort über unsere jenaische Literaturzeitung! Wollen Sie dazu noch ein tadelndes und ein wünschendes hinzufügen, so soll es mir noch lieber sein. Ist es noch dazu gekommen, daß die drei Evangelisten sich Ihrer Auslegung erfreuen? Lassen Sie mich auch davon etwas erfahren. Weimar, den 2. Mai 1805. Für Ihren lieben Brief, als einen Vorläufer Ihrer baldigen Ankunft, erwidere ich sogleich meinen besten Dank. Wenn ich gleich wegen meiner Gesundheit noch immer in einiger Sorge bin, so wächs't doch immer die Hoffnung, daß ich über die bösen drei- bis vierwöchentlichen Epochen des Rückfalls hinaus kommen werde. Ich reite täglich, um durch die Bewegung den ganzen Körper dergestalt in Kontribution zu setzen, daß er die fehlenden Kapitel der Einnahme übertragen möge. Winkelmann mit allem Zubehör, und auch Ihre gütigen Beiträge, sind in Setzershänden, 156 unde nulla redemtio . Es geht mir dabei wie Ihnen, ich weiß kaum selbst recht mehr, was ich geschrieben habe, und doch mußte ich bei so oftmaliger Unterbrechung die Sache so oft von vorn wieder aufnehmen, daß ich zuletzt fast gar nichts mehr davon gewahr werden konnte. Noch einen anderen Spaß werden Sie finden, der bei uns aus dem Jammer dieses Winters entstanden ist. Rameau's Neffe , ein Dialog von Diderot, aus dem Manuskript übersetzt mit einigen, freilich nur allzuflüchtigen Anmerkungen. Können Sie mir den Montucla auf kurze Zeit borgen, so geschieht mir ein Gefallen. Ich muß zu meiner Beschämung bekennen, daß wir ihn hier nicht besitzen. Sprat ist nach meiner vorläufigen Ansicht ein excellenter Kopf, den man wohl benutzen kann, ohne ihm zu vertrauen. Seine Geschichte der königlichen Societät scheint mir durchaus ein rednerisch zweckmäßiges Produkt, und desto belehrender wird es mir sein, zu vernehmen, was jener an ihm aussetzt. 157 Ich danke recht herzlich, daß Sie sich meiner bei Ihrer ausgebreiteten Lektüre erinnern. Thun Sie es ja, und jagen mir manchmal so einen Braten in die Küche. Augusten hab' ich mit einem Erfurter Kaufmann nach Frankfurt auf die Messe geschickt, damit er sich auch mit solch einem Wesen und Treiben bekannt mache. Er lebt lustig und in Freuden, besonders wird vieler Gastereien erwähnt. Mein ganzes Haus grüßt zum Schönsten, und ich werde mich suchen möglichst auf den Beinen zu halten, um Ihnen recht froh entgegen zu gehn. – – – (Dazu Zettel von Goethes eigener Hand.) An Ihre Entfernung aus unsern Gegenden mag ich gar nicht denken. Es wäre eins der größten Uebel, die mir widerfahren könnten. Sie bald wiederzusehen, war mir in Schmerzen und Schwachheit ein schöner Trost, und ist mir jetzt eine höchst angenehme Hoffnung für die nächste Zeit. Was soll ich von der Zukunft sagen? – 158 Lauchstädt, den 3. August 1805. Dr. Gall ist auch in Weimar sehr wohl aufgenommen worden, und wird wahrscheinlich von der Mitte dieses Monats an daselbst lesen. Auch ist schon ein Ruf aus Bremen an ihn ergangen. Wenn er nicht so geschwind nach Hause eilt, so kann er noch ganz Deutschland erobern. Mit tausendfachem Lebewohl G.     Goethe mündlich über Gall. Von seinem Vortrag ist man im Ganzen wohl zufrieden. Ist er gleich nicht immer streng logisch geordnet, und laufen gleich zuweilen entbehrliche excursus mit unter, so ist er doch immer nicht nur unterhaltend, sondern auch wirklich belehrend. Ich habe den Schlüssel zu manchen von mir gemachten Beobachtungen gefunden. Auch ist mir Gall's Organenlehre, ob wir gleich noch nicht an das Detail gekommen sind, doch schon ziemlich klar, und scheint mir sehr annehmlich. Das den Schädel ein wenig emportreibende kleine Partikelchen Hirn thut's 159 freilich nicht, sondern der gesammte Theil des Nervensystems, der in jenem Partikelchen sich endet. Ich stelle mir es so vor. Wenn wir einen Schädel in den Händen haben, und auf ein an demselben befindliches sogenanntes Organ hinabsehen, so blicken wir aus der Höhe auf einen belaubten Wipfel eines Baumes, dessen Aeste wir aus unserem Standpunkt nicht bemerken, und noch weniger den (hier in Rückenmark eingehüllten) Stamm sehen können. Aber wenn ich aus meinem Fenster meiner obersten Etage auf einen tief darunter stehenden Baum hinabsehe, so unterscheide ich gewiß sehr richtig an der Belaubung des Wipfels, ob der Baum in gesundem starkem Trieb stehe, oder ob er am Stamm den Brand habe, an der Wurzel von Wassermäusen angenagt sei u. dgl. Selbst die einzelnen kränkelnden oder gesunden Aeste erkenne ich so von oben herab sehr sicher an der Beschaffenheit ihrer Belaubung. Nicht als wenn die Kraft des Baumes von dem üppigen Laube abhinge, sondern ich dort oben, der ich nicht hinabsteigen und Stamm und Wurzel 160 untersuchen kann, erkenne nur die kräftige und kränkelnde Vegetation am Laube des Wipfels. – Lauchstädt, den 29. August 1805. Warum ich meinen Geburtstag lieber hier in der Einsamkeit als unter werthen Freunden zu feiern gedachte, war mir selbst ein Räthsel, das sich aber nunmehr genügsam aufgeklärt, da ich in Plotins Leben folgende Stelle gefunden: quippe cum nequaquam decere putaret, natalem ejus sacrificiis conviviisque celebrari Für die im Lateinischen schwachen Leser: Weil er es durchaus nicht für schicklich hielt, seinen Geburtstag mit Opfern und Festen zu feiern. Hat nun der Geist des vortrefflichen Mannes auf den meinen schon durch den Schweinsband hindurch solche Einflüsse ausgeübt, was wird es erst werden, wenn ich das jetzt aufgeschlagene und durchblätterte Werk gründlich studire! Dazu ist mir aber der griechische Text höchst nöthig. Denn obgleich der Uebersetzer seinen Autor 161 im Ganzen und Einzelnen recht wohl verstanden haben mag, so scheinen doch mehrere Stellen dunkel, entweder aus wirklicher Inkongruenz des Lateinischen zum Griechischen, oder daß ich dessen Kongruenz nicht so leicht einzusehen vermag. Darüber würde mich der Text leicht hinausheben. So wie denn auch besonders nöthig ist, die oft wiederkehrende, abstrakte Terminologie in der Ursprache und Urbedeutung vor sich zu haben. Von allen diesen gedenke ich bald nähere Rechenschaft zu geben, wenn Sie die Güte haben wollen, mir das in Händen habende Original auf einige Zeit mitzutheilen. Uebrigens mag es ganz zweckmäßig sein, bis die poetische Stimmung eintritt, sich im Reiche der Ideen aufzuhalten. Wie viel ich Ihnen Dank schuldig bin, daß Sie mich über Chausseen, Bruchdämme und Bergstraßen an so mancherlei Gegenständen vorbeiführen wollen, fühl' ich jetzt recht lebhaft, da ich das Vergangene rekapitulire, und, wie sehr sich meine Zustände verbessern, empfinde. Möge Ihnen im Geiste 162 deutlich werden, was ich weder schriftlich noch mündlich ausdrücken kann. G.     Für den überschickten Plotin danke zum schönsten. Leider fällt seine ideale Einheit, auf die er so sehr dringt, mit der realen Einerleiheit zusammen, an der ich hier gewaltig zu leiden anfange. In Hoffnung, selbst thätig zu sein, habe ich gar keine Bücher mitgenommen, da sich aber der Genius, wie ich merke, erwarten läßt, so bitte ich um einige unterhaltende Bücher, besonders um Reise- und Lebensbeschreibungen. Können Sie mir die neulich erwähnte griechische Grammatik mitschicken, so geschieht mir ein besonderer Gefallen. Je bunter Ihre Sendung ist, desto besser, damit ich nur eine Abwechselung vor mir sehe, denn die sechzehn Stunden des Tages haben eine furchtbare Länge. G.     Lauchstädt, den 5. September 1805. Es ist mir schon mehrmalen so gegangen, daß ich, wenn ich auswärtig zu lange gezögert hatte, 163 endlich auf einmal über Hals und Kopf nach Hause berufen wurde. So geht es auch dießmal. Mein kleiner Hausgeist ist angekommen, und mit solchen Nachrichten und Aufträgen, daß ich wohl eilen muß, morgen Abend zu Hause zu sein. Nimmt mir dieser Schritt die Freude Sie wiederzusehen, so überhebt er mich auch eines Abschiedes, der mir, nach so langer genossener Nähe und Nachbarschaft, noch empfindlicher fallen würde, als er mir jetzt in der Einbildungskraft schon werden muß. Das viele Gute, das Sie mir erzeigt haben, bleibt mir unvergeßlich, und für die Geduld, die Sie mit einem Kranken, einem nothdürftig Genesenden haben können, bleibe ich Ihnen ewig dankbar. Wo fänden sich Beweise der Freundschaft und Neigung, wenn es diese nicht sind! Die übersendeten Bücher habe wohl eingepackt bei Richters gegen dem Schauspielhause niedergelegt, wo sie ja wohl irgend ein Freund abholt. Das Leben Ruhnkens und Wyttenbachs hat mich sehr unterhalten und um so mehr erfreut, als ich meistens 164 von Ihnen zu lesen glaubte. Doch will mir Herr Rink nicht ganz gefallen, er scheint mir dem Geschäft nicht völlig gewachsen. Ferner habe ich mich an Robertsons Meisterschaft, an Veltheims geistreichem Dilettantismus erfreut, bin Cemprieren gern im Geiste nach Marocco gefolgt, indem ich Gott dankte, daß ich dem Leibe nach in Lauchstädt war, wo es mir jedoch nicht am Besten ging. Den Versuch, mich in eine Wüste zu begeben, werde ich nicht wieder wagen. Das Schema zu meiner Arbeit ist recht umständlich ausgedacht, zur Ausführung wollte sich die Quelle nicht eröffnen. Da hab' ich denn gelesen, und dazwischen sehnsüchtig nach Norden und nach Süden geblickt. Das Bad und seine Peitsche greift denn auch an, man weiß nicht, welchem Heiligen man sich widmen soll, besonders da sie nun auch an meiner Wand zu dreschen anfangen, welches ich bei aller meiner Freude über die gute Erndte sehr unbequem finde. Wie sehr habe ich die Tabakraucher beneidet, die auf solche Fälle gerüstet sind! 165 Unter diesen Voraussetzungen ist es für einen Besuch, den ich hatte, nicht einmal sehr schmeichelhaft, wenn ich sage: wär' er doch ein Paar Stunden früher gekommen und hätte länger verweilt! Herr Steffens und sein Freund sahen mich auf einen Augenblick. Der junge Dichter gefällt mir von Ansehn recht wohl. Kommt er nicht nach Weimar? Veranlassen Sie ihn doch dazu, er soll wohl empfangen sein, und mich mit seiner und der dänischen Poesie bekannt machen. Er versprach mir ein Exemplar. Wenn er es nicht selbst bringt, wird es lange todt bei mir liegen. Er ist ja nah, und er findet manches bei uns, dessen er sich dereinst im fernen Norden gern erinnert. Indessen überlegte ich mit meinem kleinen Hausgefährten, ob wir nicht noch schnell zu Ihnen hinüberrutschen sollten. Unsre eignen Kräfte aber, und die Kräfte unsrer Thiere berechnend, standen wir ungern von diesem Vorsatz ab. Wir grüßen beide auf das Lebhafteste, bitten bald um ein schriftliches Wort und lassen nächstens von uns hören. G.     166 Weimar, den 5. Januar 1806. Herr Jagemann hat uns zum Eintritt des Jahres eine gar große Freude gemacht, daß er Sie uns so schon vergegenwärtigte. Bild und Brief sind ihm durch den freundlichen Empfang erwiedert worden. Haben Sie vielen Dank, daß Sie den guten Künstler so liebreich aufgenommen. Meine schönen Lauchstädter Vorsätze sind freilich sehr in's Stocken und Stecken gerathen, woran der musikalische Freund wohl die größte Schuld hat. Ich habe die Glocke hier noch nicht einmal aufgeführt, geschweige jenes besprochen. Vielleicht gelingt es für Lauchstädt: denn es ist wohl billig, das Andenken eines solchen Freundes mehr als einmal zu feiern. Wenn die lieben Preußen uns gleich nicht die willkommensten Gäste sind, weil wir diesen Winter auch ohne sie ein theures Leben gehabt hätten, so muß ich uns doch trösten, wenn wir vernehmen, daß im Königreiche selbst Kirch' und Altar nicht geschont wird. Indessen haben wir alle Ursache, 167 das Regiment Owstien zu loben, das bei uns im Winterquartiere liegt. Man sucht von beiden Seiten, die Unbequemlichkeit so gering als möglich zu machen. G.     Jena, den 31. August 1806. Da es oft so große Pausen der brieflichen Unterhaltung geben kann, so will ich geschwind auf Ihr werthes Schreiben vom 28. August aus meiner Jenaischen Muße einiges erwiedern. Ich würde mich hier noch länger aufhalten, wenn ich nicht in einigen Tagen, um des von Ihnen so sehr verschmähten Theaters willen, nach Weimar müßte. Ein Paar Fahrten hätten Sie wohl, verehrter Freund, zur Aufmunterung dieser guten Leute thun können, welche nun sämmtlich die Flügel hängen, und sich noch für viel moderner halten, als sie vielleicht sind, weil der große Alterthumsforscher mit ihnen nichts zu thun haben will. Von wenig Personen, aber von manchen neuen und wunderlichen Büchern bin ich in meinem 168 hiesigen Malepartus heimgesucht worden, unter andern trat, wie ein Sirius unter den kleinen Gestirnen, Herr Steffens hervor und funkelte mit kometartigen Strahlen. Von seinem Buche habe ich freilich schon früher einige Blätter wehen und rauschen hören, als ich hinter der bewußten Thüre horchend saß. Mag's aber sein, daß der Dreifuß, auf welchem er sich damals niedergelassen hatte, ihm etwas mehr Klarheit einflößte, oder daß man dem persönlichen Individuum seine Individualität eher verzeiht, als wenn sie in ein Buch gekrochen ist, oder daß dergleichen heilige Laute unter der Hand des Setzers gar nicht erstarren sollten; genug das Büchlein hat zwar an seiner Vorrede einen honigsüßen Rand, an seinem Inhalt aber würgen wir andern Laien gewaltig. Gebe nur Gott, daß es hinterdrein wohl bekomme. Vielleicht geht es damit, wie mit den Brunnenkuren, an denen die Nachkur das Beste sein soll. D. h. doch wohl, daß man sich dann erst wieder gesund befindet, wenn man sie völlig aus dem Leibe hat. 169 Sonst wüßte ich von allerlei kleinen Aquisitionen zu erzählen; aber das Steinreich, das man durch's Evangelium der äußern Kennzeichen so glücklich auf der Briefpost mittheilen kann, interessirt Sie nicht, und das Kunstgebilde läßt sich leider nicht wörtlich mittheilen. Eine schöne gleichzeitige Medaille auf Ariost habe ich erhalten. Er zeigt eine sehr schöne, freie und glückliche Bildung. Wie zart, ja man möchte sagen, wie schwach er aber ist, sieht man nicht eher, als bis man ihm einen Tyrannen gegenüber legt. Zufällig fand er sich in meinen Kästchen neben einem Domitian, und die beiden Gesichter besahen sich einander wie über die Kluft von mehreren Jahrhunderten. Für alles Freundliche, was Sie den Meinigen erzeigt haben, danke ich zum Schönsten. Würde die Zeit vor Winters nicht so knapp, so wäre ich gewiß gekommen Sie zu besuchen, aber ich sehe im ganzen September wenig Ruhe vor mir. Es will manches Vergangene nachgebracht und gar Manches eingerichtet sein. Das beste Wohlergehen Ihnen 170 und was Ihnen zunächst wohnt. Mögen doch die militärischen Bewegungen uns durch ihre Andeutung hinreichende Sicherheit geben. Bis jetzt wenigstens scheint es, daß der Norden politisch erstarren und nicht in die südliche Lava mit einschmelzen werde. Ein vielfaches Lebewohl. G.     Weimar, den 3. November 1806. Ihr Brief von Leipzig, mein Werthester, hat uns die größte Freude erregt, und eine fast unerträgliche Sehnsucht gestillt. Bei Ihnen, bei der guten Loder, auf dem Berge und selbst auf Reils Gipfel ist unsre Einbildungskraft gegenwärtig gewesen, immer aber in der peinlichen Lage, sich nichts Bestimmtes ausbilden zu können. Sein Sie daher, nach dieser Ueberschwemmung, auf dem Halbtrocknen gegrüßt, und lassen Sie uns die alten Bande der Freundschaft und Vertraulichkeit nur immer fester zusammenziehen. Wir haben die ersten Stunden und Tage in einem Taumel verlebt, so daß wir die Gefahr selbst beinahe da erst gewahr wurden, als 171 sie fast schon vorübergegangen war. Ich habe erst den General Victor, dann die Marschälle Lannes und Augereau im Hause gehabt, mit Adjutantur und Gefolge. Für vierzig Personen Betten mußten in einer Nacht bereitet sein und unser Tischzeug ward als Leinlacken aufgedeckt. Was daran alles hängt, können Sie sich leicht denken. Indessen ist unser Haus dadurch erhalten worden, und ob wir gleich Manches gespendet und ausgetheilt haben, so können wir wohl von Verlust, aber nicht von Schaden sprechen. So viel für heute mit den besten Grüßen an Minchen und auch an Berger, für dessen Blättchen wir danken. Meine kleine Frau, August und Riemer grüßen schönstens. Ein tausendfach Lebewohl mit Bitte um baldige fernere Nachrichten. (von Goethe eigenhändig.) Wie sieht es in Giebichenstein aus? Ist jemand von der Familie daselbst? 172 Weimar, den 28. November 1806. Warum kann ich nicht sogleich, verehrter Freund, da ich Ihren lieben Brief erhalte, mich wie jene Swedenborgschen Geister, die sich manchmal die Erlaubniß ausbaten, in die Sinneswerkzeuge ihres Meisters hineinzusteigen und durch deren Vermittlung die Welt zu sehen, mich auf kurze Zeit in Ihr Wesen versenken und demselben die beruhigenden Ansichten und Gefühle mittheilen, die mir die Betrachtung Ihrer Natur einflößt? Wie glücklich sind Sie in diesem Augenblick vor Tausenden, da Sie so viel Reichthum in und bei sich selbst finden, nicht nur des Geistes und des Gemüths, sondern auch der großen Vorarbeitung zu so mancherlei Dingen, die Ihnen doch auch ganz eigen angehören! Wäre ich also auf jene magische Weise in Ihr Ich eingedrungen, so würde ich es bewegen, seine Reichthümer zu überschlagen, seine Kraft gewahr zu werden und zu irgend einem literarischen Unternehmen, wäre es auch nur für die erste Zeit, sogleich zu greifen. Sie haben die Leichtigkeit, sich mitzutheilen, 173 es sei mündlich oder schriftlich. Jene erstere Art hatte bisher einen größern Reiz für Sie, und mit Recht. Denn bei der Gegenwirkung des Zuhörers gelangt man eher zu einer geistreichen Stimmung, als in der Gegenwart des geduldigen Papiers. Auch ist die beste Vorlesung oft ein glückliches Impromptü, eben weil der Mund kühner ist, als die Feder. Aber es tritt eine andre Betrachtung ein. Die schriftliche Mittheilung hat das große Verdienst, daß sie weiter und länger wirkt, als die mündliche, und daß der Leser schon mehr Schwierigkeiten findet, das Geschriebene nach seinem Mode umzubilden, als der Zuhörer das Gesagte. Da Ihnen nun jetzt, mein Werthester, die eine Art der Mittheilung, vielleicht nur auf kurze Zeit, versagt ist, warum wollen Sie nicht sogleich die andre ergreifen, zu der Sie ein eben so großes Talent und einen beinahe reichern Stoff haben? Es ist wahr, und ich sehe es wohl ein, daß Sie in Ihrer Weise zu leben und zu wirken eine Veränderung machen müßten, allein was hat sich nicht alles verändert! 174 und glücklich der, der, indem die Welt sich umdreht, sich auch um seine Angel drehen kann. Neue Betrachtungen treten ein, wir leben unter neuen Bedingungen, und also ist es auch wohl natürlich, daß wir uns, wenigstens einigermaßen, nur bedingen lassen. Sie sind bisher nur gewohnt, Werke herauszugeben, und die strengsten Forderungen an dasjenige zu machen, was Sie dem Druck überliefern. Fassen Sie nun den Entschluß, Schriften zu schreiben, und diese werden immer noch werkhafter sein, als manches Andere. Warum wollen Sie nicht gleich Archäologie vornehmen und sie als einen compendarischen Entwurf herausgeben? Behandeln Sie ihn nachher immer wieder als Concept, geben Sie ihn nach ein Paar Jahren umgeschrieben heraus. Indessen hat er gewirkt, und diese Wirkung erleichtert die Nacharbeit. Nehmen Sie, damit es Ihnen an Reiz nicht fehle, mehrere Arbeiten auf einmal vor, und lassen Sie anfangen zu drucken, ehe Sie sich noch recht entschlossen haben. Die Welt und Nachwelt kann sich alsdann Glück wünschen, daß aus 175 dem Unheil ein solches Wohl entstanden ist: denn es hat mich doch mehr als einmal verdrossen, wenn so köstliche Worte an den Wänden des Hörsaals verhallten. Auf diese Weise können Sie den Winter mit sich selbst bleiben, welches das Beste ist was man jetzt thun kann. Denn wo man hinsieht und hintritt, sieht es wild und verworren aus; und das allgemeine Uebel zerspaltet sich doch eigentlich nur in unzählig einzelne Mährchen, davon ewige Wiederholung die Einbildungskraft mit häßlichen und unruhigen Bildern erfüllt, und zuletzt selbst gesetzte Gemüther ergreift. Haben wir ein halbes Jahr hin, so sieht man eher, was sich herstellt, oder was verloren ist, ob man an seiner Stelle bleiben kann, oder ob man wandern muß, und das Letzte sollte man gewiß nur im äußersten Nothfall ergreifen. Denn der Boden schwankt überall, und im Sturm ist es ziemlich gleich, auf welchem Schiff der Flotte man sich befindet. So viel über die wichtige Frage, vielleicht schon zuviel. Ich spreche freilich nur nach meiner 176 Denkweise, die ich Ihnen wohl überliefern, aber nicht mittheilen kann. Indessen handle ich selbst nach dieser Lehre. An dem Farbenwesen wird ziemlich rasch fortgedruckt. Einen Entwurf der Morphologie gedenk' ich auch bald unter die Presse zu bringen, und meine Träume über Bildung und Umbildung organischer Wesen wenigstens einigermaßen in Worten zu fixiren. An den Aushängebogen von Tübingen her sehe ich auch, daß die erste Lieferung meiner ästhetischen Arbeiten bald hervortreten wird, und so muß man denn, in Erwartung besserer Zeiten, die gegenwärtigen nutzen und vertreiben, so gut man kann. Tausend Lebewohl mit lebhaftem Wunsch eines baldigen Wiedersehens und längeren Zusammenseins, als leider das letzte antidiluvianische war. G.     Jena, – – 1807. Wenn Sie, verehrter Freund, selbst Ihrer Arbeit einige Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn Sie 177 sich erinnern, wie sehr wir gerade diese Bemühungen von Ihnen erbeten, wenn Sie sich unsere Zustände und Denkweisen recht vergegenwärtigen: so können Sie sich selbst sagen, wie viel Freude Sie uns durch Ihre Zusendung machten. Wir haben das Heft gelesen und wieder gelesen und werden einzelne Seiten desselben zum Text vielfacher Unterhaltungen legen. Ich sage wir , weil wir grade in Jena uns in Gesellschaft von mehreren theilnehmenden Freunden befinden. Ein beiliegendes Blättchen von Knebel drückt einigermaßen seine dankbaren Gesinnungen aus. Wir stehen alle zusammen mit Staunen und mir Bewunderung vor der weiten Gegend, von der Sie uns den Vorhang wegziehen, und wünschen sie nach und nach an Ihrer Hand zu durchreisen. Mit einer stolzen Demuth habe ich meinen Namen an einem so ehrenvollen Platze gefunden, und mit herzlicher Freude gedankt, daß Sie mich glauben lassen, ich habe durch meine früheren Anregungen und Zudringlichkeiten ein so verdienstliches Werk mit fördern helfen. 178 Ich bin schon über vier Wochen in Jena, und da ich hier immer einsam lebte, so finde ich es nicht einsamer als sonst. Ich hatte mir Manches zu arbeiten vorgesetzt, daraus nichts geworden ist, und Manches gethan, woran ich nicht gedacht hatte, d. h. also ganz eigentlich, das Leben leben. Werner, der Thalsohn, ist bald vierzehn Tage hier. Seine Persönlichkeit hat uns in seine Schriften eingeführt. Durch seinen Vortrag, seine Erklärungen und Erläuterungen ist manches ausgeglichen worden, was uns schwarz auf weiß gar schroff entgegenstand. Es ist in jedem Sinne eine merkwürdige Natur und ein schönes Talent. Uebrigens läßt sich auch bei diesem Falle sehen, daß der Autor, wenn er einigermaßen vom Geiste begünstigt ist, seine Sachen selbst bringen und reproduciren solle. Er wird in diesen Tagen mit mir zurück nach Weimar gehen. Durch seine Unterhaltungen sind wir auf die angenehmste Weise den kürzesten Tagen näher gekommen. 179 Weimar, den 28. September 1811. Was ich treibe, ist immer ein offenbares Geheimniß. Es freut mich, daß meine Farbenlehre als Zankapfel die gute Wirkung thut. Meine Gegner schmatzen daran herum wie Karpfen an einem großen Apfel, den man ihnen in den Teich wirft. Diese Herren mögen sich gebärden, wie sie wollen, so bringen sie dieses Buch wenigstens nicht aus der Geschichte der Physik heraus. Mehr verlang' ich nicht; es mag übrigens jetzt oder künftig wirken, was es kann. Zu Michaelis werden Sie mich auf einem wunderlichen Unternehmen ertappen. Ich sage davon weiter nichts, als daß ich's der Zeit ganz gemäß halte, das Faß, in dem man gewohnt, auf- und abzurollen, damit man nicht müßig zu sein scheine. Der Auszug, welchen ich durch ein ganzes Päckchen Briefe im Galopp zurückgelegt habe, ist hier beendigt. Zürne nicht, blasse Schneidermamsell, 180 welche Du auch Reisenovellen studirest, daß ich Dein Novelleninteresse so lange aufgehalten; wenn Du Goethe nicht liebst, überschlage auch den Rest dieses Kapitels, später reisen wir wieder lustig. – – Es wird Vielen bekannt sein, daß dies prächtige Verhältniß zwischen Goethe und Wolf gestört und zerstört worden ist. Wenn die Tageswelt zwei große Menschen einig sieht, so kuppelt sie eben so gern Feindschaft, wie sie zwischen mittelmäßigem Volke gern Heurathen schürzt. Wolf, diese beispiellose unbefangene Geradheit und Frische in der Philologenwelt, war leicht zu verläumden, in falsches Licht zu stellen; der Schatten warf sich dann auch zwischen diese beiden Männer, und die Correspondenz hörte auf. Ich glaube nicht, daß über das Jahr 1815 hinaus noch Briefe gewechselt worden sind, und Wolf starb erst am 8. August 1824 zu Marseille, wohin er von Berlin gereis't war. Ich gehe nun zu einigen Unterredungen mit Goethe über. Sie stammen aus verschiedener Quelle, am wenigsten aber daher, woraus im Vorhergehenden 181 die mündliche Mittheilung über Gall geflossen ist. Es war auch dabei viel zu sondern. Die Leute erzählen gern eitel Schlagendes, und verändern und übertreiben ohne böse Absicht, sie wollen selbst ein Stückchen dramatischen Dichters dabei vorstellen. Der eigentliche Dichter aber unterhält sich doch nicht mit jedem Besuche dergestalt, daß etwas gedruckt werden könne; er betrachtet sich nicht bei jeder Promenade, auf jeder Poststation wie eine Zeitungsfigur. Darum sind alle nicht officiellen Aeußerungen großer Leute immer mehr werth, sie sind ein wirklicher Theil des Ganzen, sie geben Wahrheit, auch wenn sie scheinbar ganz Unbedeutendes geben; Kernaussprüche, welche der Besuchte von sich giebt, damit der Besuch eine Ausbeute habe, sind sehr bedenklich. Dabei tritt der Sprecher aus der eigenen Haut, und belügt sich zur Hälfte selbst. Aus diesem Grunde verschweige ich größtentheils die Mittheilungen einer lebhaften Dame, welche reich an schlagendem Ausdrucke sind, ich fürchte, 182 die Dame interessirt sich dabei viel weniger für Göthe, als für die Erzählung von ihm. Man hat viel davon gesprochen, daß die Weimar'schen Klassiker keinen Witz gehabt, eine Art humoristischer Laune war allerdings in Göthe, sie gehörte nur nicht in die Form, welche er sich für die Oeffentlichkeit geschaffen hatte; verhauchte sich höchstens einmal in ein kleines Gedicht, in eine Bemerkung. Um so stolzer ist jene Dame, auch einen Götheschen Witz zu kennen: Sie ist ihm einmal in Dresden wieder begegnet, und hat ihn so lange zur Rede gestellt über den schlechten Hut, welchen er trage, bis er verspricht, einen neuen zu kaufen. Als sie ihn wieder spricht, hat er doch wieder den schlechten Hut – aber Herr von Göthe – es ist nicht meine Schuld, gnädiges Fräulein, erwidert er, ich habe herumgesucht, aber es paßte mir keiner, man ist in Dresden nicht auf große Köpfe eingerichtet. Besonders bei Hofe, sagt sie, sei der Herr Geheimderath gewöhnlich sehr maussade gewesen, sehr 183 zugeknöpft. Einmal habe sie eine große Gesellschaft auf ihn zum Abende eingeladen. Er kommt, ist aber sehr schweigsam und unergiebig; sie fragt ihn, er lacht und versichert, so viel gegessen zu haben, daß er zu keiner redenswerthen Unterhaltung was tauge. Aber, mein Gott, die Leute sind auf Sie gebeten, was sollen die in der Ferne erzählen? Sie müssen durchaus reden, 's wird immer gut genug sein. Er lacht wieder und bestellt eine Flasche Wasser beim Bedienten. Die hat er denn genossen, und hat sich dann vortrefflich aufgeführt. Wichtiger ist ein Gespräch über die Wahlverwandschaften: Ich kann dieses Buch durchaus nicht billigen, Herr von Göthe, es ist wirklich unmoralisch, und ich empfehle es keinem Frauenzimmer. Darauf hat Göthe eine Weile ganz ernsthaft geschwiegen, und endlich mit vieler Innigkeit gesagt: Das thut mir leid, es ist doch mein bestes Buch. Glauben Sie nicht, daß es die Grille eines alten 184 Mannes ist, ja, man liebt das Kind am meisten, welches aus der letzten Ehe, aus der spätesten Zeit unserer Zeugungskraft stammt. Aber Sie thun mir und dem Buche Unrecht; das Gesetz in dem Buche ist wahr, das Buch ist nicht unmoralisch, Sie müssen es nur vom größeren Gesichtspunkte betrachten, der gewöhnliche moralische Maaßstab kann bei solchem Verhältnisse sehr unmoralisch auftreten. – – Verlassen wir nun aber die Dame, welche drastisch mittheilt, und halten wir uns an einen Mann, der mehr denn einmal in ausführlichen und intimen Gesprächen mit Göthe verkehrt hatte. Einige Stücke vom Tagebuche desselben liegen zur Mittheilung vor, ich gebe sie wörtlich und ohne Zusatz. Die Gespräche sind nicht immer ausgeführt, oft sind nur die Themata mit einzelnen Worten angedeutet: »Patriotismus – Sinn dafür – Individualität – doch so sehr deutsch – Die Ehe – die drei Weiber im Meister, welche gar nicht dafür taugen. – 185 Göthe: es war nie meine Art, gegen Institute zu eifern, das schien mir stets Ueberhebung, und es mag sein, daß ich zu früh höflich wurde, kurz, es war nicht meine Art, ich habe deshalb immer nur ein entferntes Ende der Stange leise berührt. G. Sie fragen, ob ich mit ausgebildeter Absicht –? ich desavouire mich nicht gerne ganz – mit ausgebildeter Absicht? Nein – ohne sie? Nein. Ich habe nie mehr gewollt, als anregen; wenn der Schriftsteller mehr will, so kommen die Sachen an die Regierungskanzlei, und er verliert nicht nur die Aepfel, sondern den Korb dazu. G. Ob die Wahlverwandschaften wahr sind, ob sie auf Thatsächlichem beruhen? Jede Dichtung, die nicht übertreibt, ist wahr, und Alles, was einen dauernden, tiefen Eindruck macht, ist nicht übertrieben. Uebrigens soll es den Menschen gleichgültig sein, der bloßen Neugierde muß man nicht Rede stehen. Das Benutzen der Erlebnisse ist mir immer Alles gewesen, das Erfinden aus der Luft war nie 186 meine Sache, ich habe die Welt stets für genialer gehalten als mein Genie. G. Die Romantik? Wer sich befähigt und berufen fühlt, der möge das Ungewöhnliche erfinden und ungewöhnlich färben, es wird Manchen herausheben aus seinem gedrückten Zustande. Nur verbinde sich nicht die Prätension mit dieser Willkühr, die freie Kunst darf nie an Andere Prätensionen machen – darin lag das Fehlerhafte der sogenannten Romantiker, besonders Tieck's, der für romantische Possen eine Anstellung bei der Nation haben möchte. Wir sind der Nation gegenüber alle Dilettanten, die kein Entréegeld verlangen dürfen. Dies Unromantische der Romantik hat sie sehr zurückgebracht. – G. In Carlsbad hat einmal Einer von mir gesagt, ich sei ein gesetzter Dichter; er wollte damit ausdrücken, ich bliebe beim Dichten doch nebenher ein bürgerlich vernünftiger Mann – der Eine hielt das für Lob, der Andere für Tadel; ich kann nichts 187 darüber sagen, denn es ist dies eben mein Ich, worüber Andern das Urtheil zusteht. Wenn ich für mich nicht Recht zu haben dächte, so wäre ich anders, wenigstens ein Wenig anders, denn seine Ursprünglichkeit ändert Jedermann sehr wenig. G. Ob ich Viel auf Aenderung ausgegangen sei? Nein, nur auf Bildung. Jede Farbe kann zu einer gefälligen Darstellung gebildet werden; ich bin niemals roth gewesen wie Lord Byron, mein Kolorit von Hause aus war immer sanfterer Art, etwa ein artiges Blau; ich hätte mich zerstört, wäre mir das Bestreben geworden, durchaus roth zu sein. G. Ob ich nicht zu weit gegangen sei mit der Art, mich zurückzuziehn, mit der abweisenden Lebensart, was man in einer Art auch Bildung nennen dürfe? Ob ich nicht eben dadurch Manches verletzt, oder gar zerstört habe? Das kann wohl sein; wo es so viel Unzureichendes giebt, wie in dieser Welt, wird nichts ohne Opfer erreicht, man hat nur die Wahl zwischen großen und kleinen. Ich that nur, wie ich konnte, und da ich immer sah, daß die 188 geringsten Erfolge und die größten Nachtheile da entstanden, wo der Mensch sich selbst überbot und verlor, so drängte ich oft gewaltsam Alles darauf hin, mich selbst vor dem tausendfachen Zudrange der Welt und deren Anmuthung zu retten. Da ich nun einmal zur ganzen Nation sprach, so hoffte ich dadurch im Ganzen mehr zu retten, als wenn ich dem Einzelnen stets zu Willen gewesen wäre. Jede Bildung ist ein Gefängniß, an dessen Eisengitter Vorübergehende Aergerniß nehmen, an dessen Mauern sie sich stoßen können; der sich Bildende, darin Eingesperrte; stößt sich selbst, aber das Resultat ist eine wirklich gewonnene Freiheit. Bei einem gewissenhaften Schriftsteller der Nation leiden die nächsten Umgebungen am meisten, sie leiden für den etwaigen Gewinn der Nation, man opfert auch hier das Kleinere für das Größere. Ich habe oft den Privatmann beneidet, daß er seinen Umgebungen alle Opfer, alle Hingebung widmen kann, daß er seine Bildung stündlich zeigen darf; er sieht den Lohn nahe, er wird immer schnell bezahlt, wenn 189 auch nur durch sich selbst. Ich habe die Größe mit Mühe erlernet, die Größe, in weiten National- oder Epochenkreisen das Genüge für meine Wirksamkeit zu suchen, oft in Symptomen zu erkennen, wo der nächste Freund mir die Zurechnung versagt, sie für Eitelkeit ausgegeben hatte. G. Allerdings gehören meine Briefe in diesen Gedankenkreis. Wolf hat mir's vorgeworfen, Schiller, daß ich sie karg abspeis'te. Wer sich in Briefe hingeben will – der Glückliche – der giebt die Sammlung auf, welche dem Nationalschriftsteller nöthig ist. Das Wort an den Einzelnen mag erleichtern und schön sein, aber der Nachdruck, wenn es still in uns ausgetragen ist wie das Kind der Mutter, die Peripherie desselben, die es am öffentlichen Orte gewinnen kann, geht verloren. G. Sie werfen mir den Schluß des Meister vor, nennen die Einhüllung in den geheimen Bund und das dahin Gehörige wohlfeil und einen Mangel der Lösung im vollen Sonnenscheine. Lieber Freund, erst haben Sie ein Hochwichtiges darin gefunden, 190 daß eitel Mesalliancen zum Vorschein kommen und die mittlere Welt sich in die höhere eindränge, und nun vermissen Sie für ein solches Buch den vollen Sonnenschein. Ein solcher hätte erschreckend beleidigt, die Seele des Buchs aber ist eine höfliche Andeutung, mehr lag nicht in meinem Charakter und in meiner Fähigkeit, und das Zusammengehn dieser beiden macht allein eine wohlthätige Romanerscheinung. Ueberbietet man Eins oder das Andere, so entsteht die Gewaltsamkeit, und der poetische Eindruck wird durch die Entrüstung zerstört, welche dadurch bei einer großen Klasse von Lesern hervorgerufen wird. Darin versehen es diese begabten jungen Franzosen, und es überhebt sich ihrer deshalb sogar unser unschöpferischer Pedant. Wünschen darf man zu einem Buche, aber man muß nicht zum Wegwünschen genöthigt sein, aus welchem Wort das Verwünschen entstanden ist. Der Roman soll erscheinen, wie die Landschaft erscheint, ohne Leidenschaft, auch in jener verbergen sich dunkle Partien. Daß man für jenen geheimnißvollen Bund etwas 191 Leichteres, Gefälligeres, oder, wie Sie sich ausdrückten, Natürlicheres habe erfinden können, glaube ich wohl; es lag eben nichts Solches in meiner schaffenden Kraft zur Hand, es bot sich mir Jenes, und dem Schöpfer einer so breiten Welt muß man zutraun, daß er, alle Rücksichten erwägend, passender wählt, als der besuchende Leser. Freilich sieht der Leser oft glücklicher, er ist frei, betrachtet ein Bild unbefangen; aber Freund, wenn man sich darauf einlassen will, so wird am Ende alle Neigung, aller Muth zum Hervorbringen verleidet. Haben wir eine eigne Welt gemacht, so muß es uns doch auch für's Erste zustehn, die Gesetze darin zu machen; wer so viel Anderes über ein Buch weiß, der sollte sich nicht über dem Buch ausgeben, sondern selbst ein anderes schreiben. Die eigensinnig fordernde Kritik hab' ich mir stets vom Leibe gehalten; wer mich nicht mag, dem kann ich nichts geben, mit dem ist es bald ein klares Verhältniß; wer mich aber durchaus anders will als ich bin, der versucht es, mich unter freundlichen Worten zu erwürgen, der ist mein 192 schlimmster Feind, weil er spricht, als ob er mein Freund wäre. Und diese weichliche Freundesfeindschaft quält manchen armen Autor bei uns zu Tode. Ein ähnliches Verhältniß ward es zwischen mir und den Herren von Schlegel sammt deren Kreuzfahrerheere, sie spannen mich ein mit Lob und Litanei, die mir nicht zukamen, und mit freundlicher Bußauflegung, die mir ebenfalls nicht zukam; sie wollten mich mir selbst entwenden, ich wäre in dieser lobesamen Kritik erstickt, hätte ich nicht plötzlich beide Arme gebraucht. – Endlich aber, um dies Thema zu erledigen, war damals die Zeit der geheimen Bündnisse, Alles war darauf gestellt, so gerieth es Einem denn auch wohl in den Roman, als etwas, was ganz in Herkommen und Ordnung sei.« 193     IV. Süddeutschland. Motto : Farbenfröhlich, mannigfaltig, Erbe von dem deutschen Reich, Erbe freilich zwanzigfaltig, Aber Erbe doch und reich. Bis Frankfurt. Wo ist Süddeutschland, wo fängt es an, wo hört es auf? Die Naturforscher sollten's doch wissen, wozu forschen sie sonst! und sie wissen's auch nicht. Ein Jahr soll'n ihre Versammlungen in Nord- das andre Jahr in Süddeutschland sein, und das macht ihnen alljährlich große Schwierigkeit. So kam man auf die feine Frage: wohin gehört Bonn? der Rhein klingt doch so süddeutsch, und Nassau ist so nahe, und doch liegt's fast mit Weimar, Dresden und Breslau unter einem Breitengrade. 's ist ein schlimmer neutraler Punkt – der Niederrhein sei Norddeutschland; ja, aber an welchem Baume beginnt 196 der Niederrhein? Die Nüancirung als abweichende vom eigentlich südlichen Deutschland ist gar nicht zu verkennen; die alten Sachsenlager, der Hauptstock alles Norddeutschen, ziehen sich am Niederrhein hinauf; jetzt sondert sich ein Dichterkreis, ein Niederrheinischer in scharfer Färbung ab, der nur etwas von dem weicheren süddeutschen Elemente, und sehr viel von der weitgreifenden norddeutschen Entschlossenheit in sich trägt. Gedenken wir der Jugendzeit Heine's in Düsseldorf, welche das Lied in seine Brust gepflanzt hat, so kann er für einen Fürsten dieses Kreises gelten; Freiligrath, der kühn schweifende, ist ein aktueller Heerführer desselben, Reinick, Hub, Schnezler, Landfehrmann, Simrock, Geib \&c. fechten rüstig singend, der wilde Grabbe, Freiligrath's Freund, grenzt hieran, und die aus dem Norden eingewanderten und in Düsseldorf eingebürgerten Immermann und Uechtritz können dem Kreise beigezählt werden, wenn auch ihre Entfaltung weniger lokal und rheinländisch ist, und sie vielmehr wie Grabbe dem Allgemeinen zugewendet sind. Soll 197 die Düsseldorfer Malerschule mit ihren poetischen Talenten auch diesem Landeskreise vindicirt sein, so wächs't eine stattliche Tafelrunde am Niederrheine auf, welche eine vermittelnde Gemeinschaft zwischen Nord- und Süddeutschland ausmacht, von respektabelster Erscheinung. Ein meklenburgischer Edelmann, der mit seinen Frölen Töchtern auf Reisen ging, führte selbige bis an's Thor von Nürnberg, dort steckt ein großer Nagel. – Nun seht, sprach er, hier fängt Süddeutschland an, und laßt mich jetzt mit Fragen in Ruhe. Kurzweg und im engeren Sinne versteht man das alte Franken und Schwaben unter dem Worte Süddeutschland, was man in Schlesien und Sachsen nennt »draußen im Reiche«. Wenn der junge Bäckermeister das Aeußerste einer verwegenen Reise bezeichnen will, so bringt er einen Ulmer Pfeifenkopf hervor, und sagt: den hab ich draußen aus dem Reiche mitgebracht. Diese Hauptunterscheidungen von Franken und Schwaben, von Süden und Norden sind so viel 198 tiefer gehend und schildernder, daß sie von den kleinen Herrschaftsbenennungen, von Nassau oder Hessen bei Rhein nie unterdrückt werden. Nächst dem südlichen Niederrheine ist Schlesien stets in Verlegenheit, ob es zu Ober- oder Niederdeutschland zu zählen sei; sein sogenanntes Oberitalien reicht südlich bis über den Grad hinaus, unter welchem Mainz liegt, seine frühere, alte Vereinigung mit Oesterreich, die ihren Antheil dabei gehabt, daß die Sprache noch eine Schattirung von österreich'scher und oberdeutscher Farbe hat, und die vollen niederdeutschen Vokale und Doppelvokale ihr ganz fremd sind, die oberdeutsche bewegliche Rührigkeit und schnelle Rede unterstützen die Ansprüche auf oberdeutsche Verwandtschaft allerdings. So muß ich hierbei eines wunderlichen Kartenspiels einmal gedenken, was in Schlesien ganz zu Hause, und vielleicht vom Gefolge der spanischen Habsburger eingeführt worden ist, das einzig Spanische dieser Gegend, was in der schlesischen Mundart sich komisch genug ausnimmt. Die Karten nämlich sind noch 199 einmal so groß als die kouranten französischen oder deutschen, und heißen Bastankarten, vielleicht von ihrer Heimath aus dem Bastanthale, oder weil Bastan eine zierliche Knüttelgattung bedeutet, welche das Sinnbild einer der vier Farben ist, und gut oberdeutsch von den Schlesiern Baschtan ausgesprochen wird. Die andere Farbe zeigt blaue Schwerter und heißt Spade, Schpade genannt, die dritte hat das Abbild gelber Pfennige und heißt Denar, die vierte, Kuppe geheißen, spottet all meiner etymologischen Kombinationen. Das Aß wird Eß ausgesprochen, den König – Rey im Spanischen Re klingend, hat man dem nächsten natürlichen Begriffe angeschlossen, da das Jo el Rey unsern Bastanspielern unbekannt ist, und nennt ihn »das Reh«, die Mitte zwischen König und Bube ist ein Reiter, il cavallo , und heißt das Kavall, der Bube selbst, der Infant, heißt »das Fantel«. Diese südlich-spanischen Spielereien, welche noch kein Historiker erklärt hat, bei Seite, wird wohl Schlesien wie der südliche Niederrhein sich dahin 200 bescheiden müssen, ein Uebergangspunkt zu sein, welcher in aller wesentlichen Entwickelung moderner Geschichte dem norddeutschen Verbande eingeordnet ist. Einzelne Ausdrücke und Formen kleiner Völkerschaften erinnern freilich mitunter an kluge Vögel, die eine Redensart im Schnabel weiter tragen über Berg und See wie ein Gerstenkorn: wie anders soll die Erscheinung gedeutet werden, daß sich an dem entferntesten Ostpunkte von Deutschland, in Schlesien, das französische il-y-a als deutsches »es hat« wiederfindet. Der Schlesier sagt nicht: »es gibt dies Jahr viel Aepfel«, sondern »es hat viel Aepfel«. In einer Schrift des bekannten Theologen aus dem Breisgau, des Prälaten Hug, ist mir dasselbe einmal aufgestoßen, und es wäre doch ein wunderlich Spiel, wenn dieser westliche Punkt, dicht an der französischen Grenze, und der östlichste, an der polnischen, das il-y-a aufgenommen hätten. Für denjenigen, der sich um sonstige Unterscheidungen nicht kümmert, sei das ein Merkmal: Süddeutschland fängt da an, wo das Essen und 201 Trinken reichlich wird und die Kreuzer und Gulden wachsen. An dem einen Ende Thüringens, hinter Eisenach, wendet der Postillion den Wagen direkt nach Süden, und zwischen den Hügelzweigen des Rhön- und Vogelgebirges steigt und fällt die Straße nach Fulda hinab. An den wohlgenährten Resten des alten Bisthums, das sonnenfreundlich in der Tiefe liegt, erkennt man, daß es dem Herzen des deutschen Reiches entgegen geht. Hier ist Heinrich König, der bescheidene Romanschreiber, der Verfasser der »hohen Braut« und der »Waldenser« geboren. Dieser letzte Roman, anspruchslos und laubgrün wie das Frankenland, spielt auch hier in »Fuld«, wie's der bequemer werdende, verschluckende südlichere Accent ausspricht. Auf einer kleinen, weichen Höhe vor der Stadt liegt das Kloster, von wo Mergardis entführt wird. Das Land fällt thalwärts ab nach Hanau und Frankfurt hin, in das Gebiet des Frankenflusses, des Mains, der breit und bequem in die Fläche 202 herabzieht. Bis man ihn erreicht, wo die Salmünster und ähnliche Flecken liegen, die vom französischen Worte sale ihre Geburt ableiten, und für welche noch keine rechte Fleckseife erfunden ist, schlottert das Land unsauber wie eine Eckensteherjacke, man reis't des Nachts allda am genußreichsten. Vor Hanau irrt ein dünner, niedriger Wald umher, in welchem Wrede dem Napoleonischen Rückzuge von Leipzig entgegentreten wollte und auf die Seite geworfen wurde. Hanau selbst, in dessen Nähe dies geschah, ist ein kleines Kassel oder Berlin mit geraden hübschen Straßen, still und reinlich wie ein Schachbrett, und es kann alles Mögliche darin wohnen von Geist und Vortrefflichkeit, ich habe blos in die friedliche, zierliche Wohnung Heinrich Königs gesehen, der sich hier niedergelassen hat, und den ich in der beschaulichen Sonntagsstille überraschte. Ein sanfter, bescheidener, lieber Mann saß er am Fenster, die schweigende Straße betrachtend, einem neuen Romane nachsinnend. Frappante Störungen sind in Hanau wohl nicht häufig, und der 203 anmuthige Roman entwickelt sich gefällig, anspruchslos und ungestört. Carlos oder Posa sagen's schon einmal auf dem Theater, daß Philipp an denjenigen Unterthanen die besten verlöre, welche der Religion halber auswanderten. Solche Leute haben einen festen Kern, sei er süß oder sauer, denn sie haben ein starkes Interesse und sind das Opfer fähig – wo sie sich niederlassen, wird es durchgehends Ernst mit einer starken Existenz. Durch solche ist auch Hanau entstanden, der Emigrationstrieb ist in Fabriken übergegangen, welche hier ein einträgliches Dogma schnurren. Hanau versorgt halb Deutschland mit Ringen und Uhrketten, der Glaubensdrang ist in weltliche Bijouterie ausgeschlagen, man wird reich, man speis't von schwer beladenen Tischen, die Dame des Hauses hat Zeit und Lust ästhetisch zu sein und von Emancipation zu sprechen. Auch wachsen große gelbe Rüben in der Nähe. Eine Stadt der Landhäuser erhebt sich von hier aus Frankfurt links und rechts, grüne, gesättigte Wohlhabenheit überall verkündend, Frankfurt, eine 204 geborne Hauptstadt des südwestlichen Deutschlands. Und das ist es nie geworden, ist immer ein Dilettant geblieben, dieser breite, fleischige Punkt des heiteren Frankenlandes, was vom Fichtelgebirge bis über die Ardennen und den Argonnerwald hinaus einst vom großen Frankenstamme bedeckt war, und seinen Namen und seine ursprüngliche Macht an die Franzosen verschenkt hat. Ich glaube, ein reisiger Frankenkönig hat hier einst am Maine eine willkommene Furth für seine Schaaren entdeckt, und davon datirt die alte Frankenfurth, welche später das Krönungshaus der deutschen Kaiser wurde. Jetzt ist sie die wunderlichst gemischte Speise von alten, verdrießlichen, überbauten Gassen und neuweißen Straßen, von bürgerlicher Freiheit und Fürstenmacht, von Kaufmannschaft und Diplomatie. Wie eine silberne Fassung garniren und durchschneiden die »schöne Aussicht«, »die Millionairstraße« und »die Zeil« das aufeinander gehäufte Kupfer der übrigen Stadt, grün und lockend beschattet die mannigfaltige Promenade, das 205 Buschwerk der Landhäuser, der fern winkende blaue Taunuswald, das dürre, rechnende Kaufmannsherz, den prosaischen Spießbürger der Reichsstadt. Siegend über Alles hinaus blühen die Gasthöfe in modernster Lockung; das Wirthshaus zu Frankfurt ist ein entschied'ner, reiner Charakter, Frankfurt ist die Universität der Kellner und der table d'hôte . Sein »Schwan«, sein » Hôtel d'Angleterre , Hôtel de Russie «, sein »Weidenbusch«, seine »Stadt Paris« sind Perlen von reinstem Wasser, man »logirt« hier ganz und gar, und alles Uebrige ist Nebensache. Auch vom Alterthume dahier, vom »Römer«, wo die Kaiser gekrönt wurden, mache man sich keine imponirende, moosgrüne Vorstellung: wie sich im Durchschnitte das Reichsberühmte in den Städten unscheinbar beweis't, wie man, mit Ausnahme des Kirchlichen, all die Reichstagsplätze, welche mitunter einen stolzen Namen in der Geschichte tragen, klein und verschrumpft, namentlich in enge Straßen und Plätze versteckt findet, so geht's auch hier. Man 206 hat von der prächtigen Kaiserkrönung, von leibhaftig ganzem Ochsen gehört, den man auf dem Platze gebraten habe, und von ähnlicher Außerordentlichkeit – für einen ganzen Ochsen und alles Aehnliche ist Platz und Haus und Stil viel zu unbedeutend, und dies alte Rathhaus, der Römer, hat insofern keine Schuld an dem Aufwande seiner Berühmtheit. Es ist mir hier wie in Regensburg und an manchem altdeutschen Orte ergangen: ich weiß immer nicht, wie die langen und breiten Recken zu Platze gekommen sind. Auch mögen wir wohl nicht genügend in Rechnung bringen, daß alle die mittelalterlichen Verhältnisse nirgends zu einer nur entfernt ähnlichen Massenkoncentrirung, wie sie in moderner Zeit herrscht, gekommen sind, daß Alles dünner gerieth, und durch die hundert selbstständigen Einzelnheiten, welche sich geltend machten, alle äußere Erscheinung sehr vereinzelt und geschwächt wurde. Wenn man über die Mainbrücke, drüben durch Sachsenhausen nach einer von den kleinen Höhen geht, welche den Blick über Stadt und Fläche ein 207 wenig erleichtern, wenn auch nirgends ganz gewähren, so sieht man nach dieser und jener Richtung fern an den einschließenden Bergen die alten Thürme, welche einst Wartthürme Frankfurt's gewesen sind, und durch Feuer und sonstige Zeichen den nahenden Freund oder Feind für die Patrizier angekündigt haben. Das erinnert an die politische Stellung, und erinnert daran, daß dieser Raum mit seiner vortrefflichen Situation nie eine solche gefunden hat, wie sie berufen zu sein scheint; es ist ein Bürgerhaus geblieben für und für. Daß die Landstraßen von England und Holland nach Italien und Oesterreich, vom ganzen Norden nach Süddeutschland, der Schweiz, Italien und Frankreich hier sich kreuzen, daß dies Land dahier willkommene Arme nach den verschiedensten und reichsten Gebieten unsers Vaterlandes streckt, wozu ist diese unübertreffliche Situation ausgebeutet worden? Um mit ein Bischen Band, einem Fetzen Zeug vortheilhafter Handel zu treiben, als ein anderer Ort, das ist Alles. 208 Das Erbtheil der Franken, du glückliches Frankenfurth, jener leichtblutigen, spekulativen Franken, deren Hand reichte von der Maas bis an die Tiber, vom Rhonefluß bis an die Saale, nichts als die Elle und ein Stückchen Name hast Du davon behalten! Neid und Aerger und unfruchtbare Krittelei über alles mächtig Heraustretende in staatlichem Wesen unsers Vaterlandes ist genug von jeher in Dir erfunden worden, aber niemals die kleinste, eigene Schöpfung. Dergleichen Vorwürfe sind allerdings an die unbestimmte, blaue Atmosphäre eines Orts, eines Landes gemacht, die jedesmaligen Bewohner können rufen: Was tragen wir für Schuld? Sollen wir jetzt auf die Dächer springen und Spektakel machen, sollen wir vor Rothschild's Hause schreien »Holla, Frankfurt will spekulativ ein groß Interesse verfolgen?« Nein, es soll Euch jetzt zu keiner Thorheit veranlassen: wer vom Vermögen und der Aussicht seiner Ahnen nur noch einige Kreuzer und einen kleinen Kram geerbt hat, der kann seine Karrière nicht mit 209 Extrapostpferden beginnen; aber er soll ein Verhältniß großer Ansprüche suchen, sein Verhältniß. Nirgends ist die Nörgelei gegen die größern Staaten Deutschlands mehr zu Hause als in Frankfurt, nicht aus Prinzipien, nicht aus eigner Spekulation nach Neuem und Großem, nein, aus Nörgelei. Wenn man aber die eigene Aussicht, sei's durch was es wolle, verloren hat, im Vaterlande einen weit greifenden Herrscherplatz einzunehmen, dann suche man die patriotische Bildung eben darin, Allem entgegenzukommen, was mit Kraft und Geschick großen Erfolgen im Vaterlande nachstrebt. Jener Geist der Stadtkliquen, der Ländchenkoterieen, er ist die gefährliche Philisterei unsers Vaterlandes, er hat von früh auf die Macht Deutschland's gebrochen, sie in die Schaar von Ohnmachten zersplittert, er ist, dieser Kleinpatriotismus ist das, um deßwillen mit gutem Rechte bei uns so viel gegen den Patriotismus gesagt worden, gegen den Patriotismus, wie er bei uns kursirt. 210 Dieser patriziale Patriotismus hat Frankfurt zur kleinen freien Reichsstadt eingesperrt, die thun muß, was Andere wollen; dies Frankfurt, was Goethe geboren, Bethmann besessen und so viel andere schöne Bildungsfiguren umschlossen hat und noch umschließt. Es ist, als ob der Scherz mehr wäre als Scherz, daß die schön und üppig gelegenen Städte niemals mächtige Hauptstädte würden, oder daß das Reich verfiele, wenn sie es würden, eben so wie die schönsten Gegenden der Erde niemals die großen Dichter und Helden hervorbrächten. Nicht Neapel, das prächtige, sondern das weniger begünstigte Rom sei Herrscherin Italiens; das kahl gelegene Madrid Spaniens; nicht Lyon, nicht Bordeaux, die einfache Fläche von Paris habe Frankreich verbunden und beherrscht; Berlin, in der unergiebigsten Gegend, sei eine schaffende Hauptstadt; von dem Momente, wo der schönste Punkt Europens, Constantinopel, Hauptstadt geworden, sei das Reich abwärts gegangen, und in den verschiedensten Formen immer wieder gestürzt; die schöne Schweiz habe nie erobert, und 211 weder in Staat noch Literatur ein großes Reich gegründet; aus dem gegen Griechenland unscheinbaren Macedonien, aus den asiatischen Steppen, aus dem sterilen Korsika seien die Eroberer und großen Herrscher gekommen; in dem wenig verführerischen Landstriche von Mecca bis an's todte Meer seien die drei Religionen entstanden, die man in Europa für die besten hält: in der Wüste die jüdische, in der arabischen Einsamkeit der Islam, am Jordan das Christenthum, und man muß leider einräumen, daß das Christenthum noch die beste Gegend gehabt hat. Ich erwähne München auf seiner dürren Hochfläche gar nicht, weil es noch jung ist; verschweige San Marino, was sehr besonders liegt und dennoch eine mächtige Republik geworden ist, und übergehe Treuenbrietzen, Gräfenhaynchen und Schkeuditz, welche in ihrer Lage alle ersinnliche Berechtigung haben, große Hauptstädte zu werden. Die frühen, mächtigen Frankenherrscher scheinen es bestens mit diesem Frankfurt im Sinn gehabt zu haben: aus ihren Sitzen vom jetzt belgischen 212 Gebiete her errichteten sie zahlreiche Domainen um Frankfurt, gleichsam andeutend, wie wichtig ihnen die Position dieser Stadt erscheine, welche Zukunft sie hineinlegten. Sal hieß diesen salischen Franken die Domaine, und von jener grauen Zeit stammt der Salhof dieser Stadt, welcher bei den kaiserlichen Besuchen späterer Zeit so oft seine Rolle spielte. Man hat über dieses Beiwort »salisch« viele Untersuchungen angestellt: die eine Deutung ging dahin, das Wort Sal bedeute Erde, festes Binnenland, und, im Gegensatz zu dem am Meere wohnenden Frankenvolke, habe sich der andere Stamm den salischen genannt. Die neuere Erklärung aber sagt, der Fluß Yssel, an welchem dieser Volksstamm gewohnt, sei damals Sal benannt worden, und der Name rühre daher. Dies ist den Frankfurtern gleichgültig, und auch von der respektirlichen Ansicht über die Weiber, welche den salischen Franken eigen war, ist just nichts Charakteristisches um den Salhof herum übrig geblieben: das salische Gesetz nämlich, welches von den 213 Ahnherrn Frankfurts abstammt, schließt bekannterweise jegliches Weib vom Throne aus; und man schießt und schlägt sich heutiges Tag's in Spanien noch unter dieser Firma todt, in Frankfurt aber ist die Herrschaft der Weiber oder die Weiberherrschaft keineswegs verboten. Vielleicht ist indessen die salische Antipathie anderswie zum Vorschein gekommen, denn was einmal historische Ader geworden ist, das behält für ewige Zeit eine gewisse Existenz, wenn auch in unkennbarer, anderer Gestalt; nicht die kleinste Erfindung, sei's ein Gedanke oder eine Sitte kann wieder gänzlich verschwinden, dies ist der Baum unsrer Welt. Ein denkender Autor hat sich in diesem Sinne lange damit beschäftigt, wo die Stockprügel hingekommen seien, die noch vor kurzer Zeit so viel kultivirt wurden, und eines Abends, als ich in sein Zimmer trat, überraschte er mich mit der Lösung: die Stockprügel sind in die Examina gefahren, der examinirende Gerichtsrath und Konsistorialrath prügelt modern. So ist die salische Antipathie in 214 Frankfurt vielleicht eine jüdische geworden – wie viel die freien Reichsstädte in solchem Privathaß an Zähigkeit und Ausdauer im Allgemeinen leisten, ist hinlänglich bekannt; der kleine Staat, die kleine Stadt, der kleine, unergründliche Groll sind stets in treuer Kompagnie gewesen, und die »Judengasse« in Frankfurt, wo dies unglückliche Volk abgesperrt wurde als verpestet, ist aller Welt so bekannt wie der Galgen vor dem Thore, den noch kein Mensch für ein Belvedere angesehen hat. Die Kaufmannsstädte haben sich in christlichem Judenhasse überall sehr hervorgethan; man wird versucht, an einen frühen Handwerksneid zu denken; sogar in dem zugänglichen, heiteren Leipzig ist noch heute keinem Juden der feste Wohnort gestattet. Im Allgemeinen sei übrigens noch bemerkt, daß man in diesen kaufmännischen Reichsstädten, und überall, wo der Handel ein wohlgepolstert Haus aufgeschlagen, auch in Amerika, wo man in den Sklaven noch bequemere Juden liebt und die Emancipation haßt, daß man in Hamburg, Lübeck, Bremen, Elberfeld, 215 Magdeburg noch am meisten darauf hält, was man Religion nennt. In Bremen ist die Berufung eines Predigers, seine Eigenschaft, seine Manier langer, steter Lebensstoff der Unterhaltung, Stoff der Journalkorrespondenz, und wenn auch nicht zur Unterhaltung für das leider verwöhnte Publikum, doch als sonstig gutes Zeichen den Journalredakteuren bekannt, denen so selten statt des Theaters die Kanzel geboten wird. Ich erinnere mich aus der Redaktionspraxis, daß mich die Briefe aus Bremen immer an's sechzehnte Jahrhundert gemahnten, wo man die Bugenhagen, Jonas, Amsdorf verschrieb, berief, und wo die Pfarrstellen das Hauptinteresse der Städte und Länder waren. Die Frankfurter haben das Unglück gehabt, für dieses religiöse Moment den Juden gegenüber ein glücklich literarisches Talent aufzuziehen, was ihnen die Vaterstadt mit viel Kummer bezahlt hat, den Ludwig Börne, welcher die »Judengasse« öfter genannt und berühmter gemacht hat, als die christliche Bescheidenheit solch eines Etablissements verlangen 216 mochte. Man muß sie in Schutz nehmen, Frankfurt hat nie Institute angelegt und Polizeigesetze verordnet, um den Witz in der Literatur zu befördern, Börne ist niemals in ein Frankfurter Amt eingesellt und dessen entsetzt worden, damit er ein Schriftsteller, oder gar ein berühmter werde. Dies Zusammenwerfen der Frankfurter und Börneschen Politik ist eine Ungerechtigkeit; sie zu erklären muß ich zu den Chlodewigen zurückgehn, um kürzesten Weges auf den Nachfolger derselben, Napoleon, zu kommen, der das alte Augenmerk auf Frankfurt wieder aufnahm, und eine politische Stellung dafür einleitete, welche im großen Trubel jener Geschichtsrücke dem nördlichen und westlichen Publikum leicht entgeht, das nicht zum Reiche Frankfurt gehört hat. Nach dem Lüneviller Frieden, im Anfange von 1801, ward das Rheinthal die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland, die geistlichen Fürsten auf dem linken Ufer wurden säkularisirt; der Wichtigste von diesen, der Mainzer, sah sich auf die 217 Fürstenthümer Regensburg, Aschaffenburg und Wetzlar als Primas von Deutschland verpflanzt. Aber das heilige römisch deutsche Reich erklärte officiell seinen Tod – dies ist derselbe Todesfall, den Görres, Arndt, Jahn, die Burschenschaft und der Oehlmüller Salomon später bezweifelt haben – der Rheinbund ward von Napoleon producirt, und bei dieser Gelegenheit machte er auch einige Jahre später, nämlich 1810, ein Reich Frankfurt, welches ein Großherzogthum genannt, und wozu die Fürstenthümer Hanau und Fulda, Aschaffenburg und Wetzlar geschlagen wurden. Mit welch reicher Zukunft er diesen Ort und seine Situation bedachte, zeigt die Wahl des Nachfolgers, welchen er dem Großherzoge bestimmte; seinen sanften, so geliebten Stiefsohn Eugen Beauharnais traf diese Wahl. Der Großherzog selbst war ein Dalberg, aus dieser ersten Ritterfamilie Süddeutschlands. Bei allen munteren Zechgelagen wird dieser Name noch heute genannt, man ruft: »Ist kein Dalberg da!« und Viele mögen's nicht wissen, daß 218 sie eine alte Reichssitte unsers Vaterlandes in Erinnerung bringen und fortsetzen. Die Dalberg nämlich waren von jeher so tadel- und makellose Reichsritter, daß bei jeder Kaiserkrönung der Herold vortreten und laut rufen mußte: »Ist kein Dalberg da?« Dann trat der anwesende Dalberg vor, und der neue Kaiser ertheilte ihm den ersten Ritterschlag als erstem Reichsritter. Die Dalberg waren unsre Connetables. Napoleon, welcher den Zauber solches Adels, solcher Auszeichnung wohl kannte, nahm den Ritterschlag der Dalberg als ein Recht der französischen Kaiserwürde in Beschlag. Die französische Sitte also aus der letzten Zeit, wo alle Abende beim Zapfenstreiche der erste Grenadier Frankreichs Latour d'Auvergne citirt, und wodurch mancher Soldat zur Tapferkeit begeistert wurde, ist von uns entlehnt. Wie es einst in Frankfurt hieß »Ist kein Dalberg da?« so rief man zwischen die Trommeln des Zapfenstreichs: Latour d'Auvergne, où est il? Il est mort au champ de l'honneur! 219 Frankfurt! Wo bist Du? Auf der Börse bei den Kursen, auf der Mainlust beim Schoppen, im Schwan zur Tafel, auf dem Museum, eine gemischte Vorlesung zu hören, oder gemischte Journale zu lesen. Dies Museum ist ein vortreffliches Institut der unterhaltenden Bildung. Jetzt ist auch die Bildsäulenepidemie in Frankfurt eingebrochen, und man spricht von Modell und antikem oder modernem Kostüm, Gott segne den Geschmack! Jahrzehnde lang haben die Schriftsteller, um einen Vorwurf zu haben, über den man sich ungestraft erhitzen darf, gegen die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit des Publikums gesprochen; es hieß ein Skandal, wie die großen Autoren und Dichter unbekränzt blieben. Das war bereits ein ewiges Thema, wie man zur Sommerszeit über die Hitze, zur Winterszeit über Kälte klagt, kein Mensch dachte an Erfolg. Nun haben wir eins dieser merkwürdigen Beispiele in der Naturgeschichte: so und so viel Schläge und Stöße sind nöthig gewesen auf einen tauben Fleck Erde, jeder Vorübergehende hat 220 in der Zerstreuung mit geschlagen, kein Mensch hat was erwartet, plötzlich ist ein dicker Quellstrom befreit gewesen, jetzt wissen wir kaum, was mit dem unerschöpflichen Denkmalwasser anzufangen sei, das Konversationslexikon wird steinern auf die Alleen gesetzt, die Chausseen werden mit Denkmal-Alleen bepflanzt: bald werden die Schriftsteller, denen der Stoff fehlt, dagegen schreiben. Das ist die Welt, renne, wer rennen kann. Die Börse ist jetzt Weltseele, ich hoffe, die Bildsäulen auch mit der Dividende figuriren zu sehn, da es sich ja doch hierbei immer nur um ein imaginaires Kapital handelt. Wenn mein Freund Gutzkow, welcher Frankfurter geworden ist, auch d'ran kommt, so bitte ich unvorgreiflich in einem Basrelief anzubringen, wie wir einander wiedererkennen an der Fahrgassenecke, wie ein beiderseitiges Gelächter der erste beiderseitige Ausdruck ist. Dieses Basrelief würde somit ein ganzes Stück deutscher Geschichte enthalten: man schwärmt für die Beglückung der Menschen, und 221 trachtet ungeduldig, an welchem Ende es zu fassen, und binnen 24 Stunden millionenfach zu vertheilen sei, man trennt sich, zerdrückt eine Thräne, und sagt »ich werde thun, was möglich ist.« Der nächste Weg führt in's Gefängniß, da hindurch reis't der Eine leider mit der Landkutsche sehr langsam und beschwerlich, der Andere später mit dem Dampfwagen; nun tritt das Schicksal auf, was geraden Wegs von Peter Schlemihl kommt, und bittet sich die Namen Beider aus, um sie tief in die Manteltasche zu vergraben, hier wird gerufen, dort wird gefragt, man kann nicht Antwort geben, man hat keine Namen mehr, man sagt Dies, man sagt Jenes, wer hat's gesagt, wer spricht? tiefes Schweigen, der Name steckt in der Manteltasche. Und dabei geht die Welt im Galopp, Niemand weiß recht wohin, wenigstens sagt es Niemand, man wird fortgerissen, und begegnet sich plötzlich zu Frankfurt in der Fahrgasse. Was thut man zuerst? Man lacht – ist das nicht ein moderner Roman? Noch vor zwanzig Jahren hätte man sich tragisch umarmt 222 und viel Pantomime verschwendet und halbe Ausrufungen. Frankfurt! hast Du diese Aenderung, überhaupt eine Wandelung in der Welt gefördert? einen Fortschritt gezeigt, unterstützt? Ein Reich, eine Stadt, eine Gemeinde sollte sich oft wie einer Person solche Katechismusfrage vorlegen, sich selbst richten, spornen oder zügeln, vor allen Dingen nach einem Beweise suchen, ob man etwas Eigenes, Tüchtiges gethan oder nur gewollt habe. Dahin geht eben die Klage gegen Handelsstädte, daß sie nicht nach einem Dritten, einem außerhalb Liegenden, einem höher Gewonnenen fragen, daß sie sich mit der Frage begnügen: Was haben wir profitirt? 223     Der Rhein. Eine Rheinreise zu schildern ist heutiges Tages so überflüssig, als wenn Einer erzählen wollte, daß er ein Gedicht verfertigt habe – jeder gebildete Mensch macht jetzt Beides. Auch ist das Wort Rhein in Deutschland so bekannt und angesehen wie das Wort Nachtigall, man sieht und hört was Schönes, man ist entzückt, man himmelt bei dem Einen, wie bei dem Anderen, der Rhein heißt so viel als schöne Gegend; wenn die Engländer und Franzosen eine Vergnügungsreise nach Deutschland machen wollen, so verstehen sie unter Deutschland das Rheinland. Nun hat an den Ufern dieses Stroms das deutsche 224 Leben begonnen, als es in die Geschichte herausgetreten ist: die Römer sprachen vom Rhenus, ein Uebergang über den Rhenus war der Marsch in eine neue Welt, Cäsar schrieb vom Rhenus, Tacitus ebenfalls, der Rhein war Germania. Auch in der Folge blieb alle geschichtliche Entwickelung an diese Westseite Deutschlands geknüpft, das, was nächst den Frauen am meisten zu sprechen macht, der Wein kam ebenfalls von dort, der Rhein wurde für Deutschland eine Gottheit. Vielleicht sind einst, ehe die Flüsse sich überall durchgearbeitet haben, in diesen Gegenden große Seen gewesen; waren die Mark und der anliegende Theil Norddeutschlands einst Meer, damit auf dem leichten Sandboden später Teltower Rüben und Kartoffeln wohl gedeihen könnten, so war vielleicht ein Aehnliches bei Hanau beabsichtigt, wo jetzt so große gelbe Rüben wachsen; der große Mainsee kann hier gewogt haben. In dem Becken von Mainz, das Rheingau hinauf, bis hinter Bingen, wo der Rhein sich plötzlich rechts durch Felsenberge wirft, wäre 225 dann die Stelle des Rheinsees. Denn hierbei sind die Geognosten in Wahrheit einfach und natürlich; hinter Bingen versetzt sich die Welt dergestalt mit hartnäckigen Felsen, daß der Rhein wohl Jahrhunderte lang Arbeit gehabt haben kann, um fortzuschreiten. Die Flüsse machen ihre Studien und Fortschritte eben so und eben so langsam, wie die Weltgeschichte und wie die Studenten. Ein lebendes Beispiel ist der Niagara, welcher einmal revolutionär den langsamen Entwickelungsgang verläßt, über den im Wege liegenden Berg mit dem ungeheuren Wasserfalle hinwegspringt, und den Berg nun auch rückwärts auszuhöhlen, zu vernichten trachtet, wie er es im herkömmlichen, gesetzlichen Falle nur vorwärts durch Untergraben und Abspülen thun sollte. Was kann der Gensdarmes und Herr Professor Leo gegen einen Fluß! der Fluß ist eine Brutalität, die nicht leicht überboten wird. Zwischen Frankfurt und dem Rheine liegen noch Höhenzüge, die sich nördlich nach dem Taunus hin strecken; am Fuß dieses Gebirges in einem Thale 226 kleiner Wellenhügel liegt Wiesbaden breit und reich mit gastlich winkenden Landhausfaçaden, ein wohl genährter, üppiger Anblick südlichern Landes. Alles dehnt sich hier gemächlich und fest wohlhabend zu einem ächten, großen Bade, wo man eine Saison verbringt, um die Schwächen des Winters zu repariren, im Freien zu frühstücken, Sommerluft mit offnem Munde zu schlürfen, oder im prächtigen Kursale mit fremden Wesen Tänze zu versuchen, eine rothe Romantäuschung zu wünschen. Der dortige Kellner hält den Saal für den größten in Europa diesseits und jenseits, wie er sich ausdrückte, warum das süße Glück ihm rauben? Kenntniß ist nützlich und gut, aber die Illusion ist ein noch wohlfeileres Glück. Ich kroch auf den Bergen umher, nach Blicken suchend in dies gesegnete Nassau, wo die Gesundheit in allerlei Gestalt aus der Erde quillt und die Kranken herbeilockt. Dies Ländchen ist wie eine Grotte, wo Schatten und Wein und allerlei Nahrung und Heil zu finden ist, Sagen und Nymphen 227 wohnen überall, schützend rauscht drüben an der Grenze der Rheinstrom hin. Die Bekanntschaft dieses Flusses zu machen, drängte es mich, als ob ich die Audienz bei einem großen Kriegshelden zu erwarten hätte; ich hatte den Rhein nur auf englischen Stahlstichen gesehn. Es war Abend, der Mond ging auf, als wir den Hügel von Wiesbaden her hinabfuhren, und der breite Wasserspiegel mir zum ersten Male entgegenschimmerte. Die Mondesstrahlen hüpften darauf umher, alle Wassernixen des Mährchens und Liedes tauchten dazwischen auf, Heines Jugendgeliebte, die Loreley, kämmte ihr goldblondes Haar, und aus den Uferbüschen kuckten die römischen Gesichter, welche einst hier gewesen; auf der Straße sah ich die Burgunder spaziren reiten, dann stiegen sie ab, verschwanden als Nebel; und die alten Ritter des Mittelalters setzten sich auf die Rosse und tummelten sie, bis die Jakobiner mit rothen Mützen aus allen Sträuchen gesprengt kamen, Alles verjagten, ein großes Geschrei erhuben und meine Mondesbilder scheuchten. Die breite 228 Schiffsbrücke von Mainz lag mit ihrer langen Lichterreihe wie ein Juwelenschmuck dicht am Busen des Wassers, Mainz ruhte drüben schwarz mit goldnen Punkten, vor mir die feste Vorstadt Cassel; bald war ich mitten auf dem Rücken des Stroms, und durch diese Schiffbrücke ward die erste Erinnerung eine moderne. Napoleon hat das kolossale Werk vorgehabt, über den hier sehr breiten Rhein eine steinerne Brücke zu bauen; hier in Mainz waren zur Schreckenszeit die wildesten Männer des Convents zu Hause, welche den Brand unter dem Heere schürten und selbst mit in die Schlacht schritten, St. Just besonders hat hier seinen wilden Fanatismus gepredigt, und seinen magern, bleichen puritanischen Jünglingskopf in die Schlacht getragen; hier, wo man jetzt in ausgewaschnem guten Deutsch meinen Paß forderte, begann das französische Kaiserthum. Wer am Thore wohnt, hat mehr Abwechselung, mehr Freude und Leid von außen. Dieses Rheinland von Basel bis Mainz, der Oberrhein, und 229 von Mainz bis Holland, der Niederrhein, einst Hauptgermanien, ist durch die Jahrhunderte und den tieferen Anbau allmählig die belebte und bewegte Vorstadt Deutschlands geworden, wo die Weltgedanken, die Vermittelungen der Völker zuerst vorüberspringen, sobald sie lebendig, sobald sie Fleisch und Blut geworden sind. Dazu kommt, daß hier ein guter Wein wächs't, daß alles Leben leicht zu gewinnen, von schöner Natur lustig aufgemuntert ist, daß der Reisedrang von halb Europa hier zum Vergnügen hindurch schwirrt, schnellen Vortheil und flüchtige Berührung bringt – so ist ein Menschenschlag entstanden, welcher voll Farbe und Blut, voll leichter oberflächlicher Empfänglichkeit einen wirklichen Uebergang zu Frankreich bildet. Die Charakteristik mit wenigen Strichen erklärt es, daß die letzte politische Zeit hier den lebhaftesten Anklang finden konnte, ein näherer Einblick in das Land erklärt es, daß die Geschichte selbst die Rheinstämme bereit gemacht, allerlei neuem Interesse ohne Weiteres sich zuzuwenden, ohne Weiteres, obwohl das 230 deutsche Leben in seiner Tiefe und Mannigfaltigkeit hier am glänzendsten entwickelt gewesen ist. Bekanntlich war das deutsche Reich eigentlich zu Ende, als der erste Habsburg Kaiser ward, die Idee des Reichs, welche zusammenhielt, war begraben, die Idee der kaiserlichen Familie trat an die Stelle, Oesterreich entstand für Deutschland. So wurden die einzelnen Reichsländer wieder Atome, die in sich eine begründete und umschlossene Existenz suchten, und größtentheils Kleinstaaten wurden. Das große Bewußtsein eines großen Staates war dahin, und mit ihm all das, was hieraus erwächs't, das Gegliederte, das Organische, die innere nachhaltige Macht, der langsame, aber weite Blick. Man suchte das Nächste, man griff nach dem Nächsten. Das Rheinland, vielen kleinen Herrn gehörig, durch Gedeihlichkeit mehr als jedes andere zum leichten, unbekümmerten Sinne lockend, ward somit das Hauptbild des flüchtig und beweglich gewordenen deutschen Lebens. Die Wiege Deutschlands hat sich besonders das Schaukeln der Wiege erhalten. In diesem 231 großen Garten vom Bodensee bis Düsseldorf blüht allerlei Gesträuch, ist allerlei Geschmack, ein Garten aber ist es wirklich, und bringen sie's auch nicht zur völlig romantischen Zaunlosigkeit, ist auch bald bequemerer, bald einschränkender Konstitutionalismus, bald reiner Monarchismus das Herrschende, singt auch oben der wärmere Süddeutsche, spricht auch unten der kühlere Norddeutsche – ein besonderes, freieres Rheinleben haben sie sich dennoch erzeugt, ein gemeinschaftliches grüneres, als manche braune Länderchen unsers in die Tiefe gehenden deutschen Reiches. Ich bin nur darüber hingeflogen wie ein Vogel, ich wollte nur in einem langen Blicke den Farbensaum des Rheins genießen. Es regnete fein und durchsichtig, als wir am linken Ufer hinauffuhren, um den Rheingau zu sehn; von Mainz bis Rüdesheim, nämlich auf der deutschen Seite, wenn der Turner diese schnelle Bezeichnung nicht übel nimmt, liegt dies Herzblatt aller Rheingegend, der Rheingau, und man fährt auf der linken Seite, um ihn 232 sonnenbebeckt liegen zu sehn wie das verheißene Land aus der Ferne. Es ist ja der Erde Loos, daß das Beste in der Weite liegt, und nur das Beste bleibt, wenn es weit bleibt. Und Alles hat ein Besser und Schlechter, auch der schöne, grüne Rhein: seine frühe Jugend ist reizend bis an den Bodensee, dann bezieht er die Schule und lernt und ist bleich und unbedeutend bis Mainz, hier geht er auf in Jugendfrische und Schönheit und Duft und Romantik, er erobert, er dichtet, er ist allmächtig bis Coblenz, dann kommt bis Bonn dem stattlichen Manne noch solch eine Zugabe alten Weiber-Sommers, er gewinnt noch hie und da ein leidlich Herz, bis die Kraft sinkt, er schleicht betroffen an Cöln vorüber, ermattet bei Düsseldorf, und sinkt uninteressanter und schwächer mit jedem Schritte zusammen nach Holland hinein, von seiner Geschichte zehrend und lebend wie die deutsche Politik, und sich wie diese tröstend mit der Naturanlage, mit der charakteristischen Bestimmung. Wer nicht schaffen und genießen kann, der tröstet sich, 233 der Trost ist ein Fruchthaus unter Glas, wenn das warme schöpferische Klima fehlt; wer keinen guten Tag gewinnen kann, der lobt seinen Mantel, der Trost ist eine deutsche Erfindung. Wie unter einem Silberschleier lag drüben im Sprühregen das rechte Ufer, der Rheingau mit seinen dichtgesäten Ortschaften und Weinbergen. Rasch fuhr uns der Mainzer Kutscher dahin, all die berühmten Namen nennend, mit der Peitsche auf das vor uns liegende Ingelheim deutend. Dort ist Karl der Große geboren worden, später hat er einen großen Pallast dort erbaut, ein palatium , eine Pfalz. Hier soll sich auch die Geschichte mit Eginhard und Emma zugetragen haben, von welcher heut noch mancher Novellist zehrt, dieser Rheinstrich ist eine Bildergallerie der deutschen Geschichte. Am Fuße der Rochuskapelle, die auf einem sammtgrünen Berge allen guten Christen Absolution winkt, hielten wir still, Rüdesheim liegt gegenüber, die Welle des Rheins leckte an unsern Rädern, wir schifften uns ein; grün wie ein dunkler Smaragd 234 ist dieser Strom, diese prächtige Farbe hat er gemein mit den südlichen Bergflüssen, mit dem glänzend grünen Inn, mit der grünen Etsch, ein Schimmer der grünen Bergmatten seiner Kindheit bleibt ihm treu. Vielleicht darum, weil er in dieser Farbe so rein und lockend aussieht, haben sich so viel Wasserseen auf seinem Grunde angesiedelt, von denen die farblosen, traurigen Flüsse des Nordens nichts wissen. Welche reinliche Fee hätte wohl auch Lust, in den graugelben Elbstrom, in die ausdruckslos bleiche Oder zu steigen! und die blonden Haare der Wassernixen würden sich auch nicht ausnehmen auf dem schmutzigen Gewässer, und die Nixe hat ebenfalls ihren Toilettenschmuck. Der grüne Rhein mit der Leidenschaft seines bewegten, raschen Hinströmens ist das blühende, frische Leben, während die zögernden, zum Theil schwarzbraunen Flüsse des Nordens der Tod sind, Bilder des Styx. Hier auf dem breiten, tiefen Strome bei Rüdesheim erblickt man die große, romantische Wendung des Rheins; abwärts nämlich, hinter Bingen, scheint 235 die Welt mit Bergen verstellt, hier beginnt sein Gang zwischen Felsen hindurch, auf denen die Schlösser hängen, wo die Nebel des Himmels geballt hindurch fegen, und jenen Gebirgsduft spenden, welcher die Rheinbilder so zauberhaft und lockend macht. Rückwärts nach Mainz, den eigentlichen Rheingau hinauf, liegt üppige, schwellende Ebene am Ufer, und die sanfteren Berge treten bescheiden einige Schritte zurück. Trotz des Regens bestiegen wir in Rüdesheim die Esel, um auf den Rössel zu reiten; eins dieser Thiere, welchem der Rhein jetzt schon gleichgültig geworden ist, weil es ihn täglich sieht, führt den sanften Namen »Fritze«, und wird hiermit der Aufmerksamkeit der Rheinreisenden empfohlen. Es hat sich dieser Fritze ein sehr interessantes Verhältniß mit seinem Führer gebildet, welches lebhaft an zwei Eheleute erinnert: Fritze thut gewöhnlich das Gegentheil von dem, was der Führer sagt, und dieser ruft dann gewöhnlich »Himmel und Mantua!« und setzt sich in unverkennbaren Rapport mit Fritzen. 236 Ich habe nicht ergründen können, warum das gerade Mantua sein muß, Franz Horn würde wahrscheinlich muthmaaßen, es sei darum, weil Romeo nach Mantua geflohen sei. Kurz, Fritze und sein sanfterer, weniger pikanter Mitesel trugen uns über die Weinberge in den Wald des Rössel hinauf, wir gelangten an eine Ruine, wo der Berg jäh nach dem Rheine hinunterstürzt, ein Windstoß warf den Nebel aus den Schluchten, der Regen stockte, vor uns lag der schönste Rheinblick, den es geben soll. Dicht unter uns liegt der Mäusethurm mitten im Rheine, dicht am Binger Loche, das seine schlürfenden Wirbel wälzt; Jedermann weiß aus der deutschen Naturgeschichte, daß Bischof Hatto vor den zudringlichen Mäusen hierher flüchtete, daß die Bestien nachschwammen und ihn auffraßen: für jeden, der die Mäuse nicht eben liebt, eine quälende, lehrreiche Geschichte; drüben, etwas rückwärts, fließt die Nahe in den Rhein, und führt ihr Wasser eine Zeit lang bescheiden an der Seite hin, wie die Reverenz eines schüchternen Mannes, welcher 237 den König sprechen will. Bei dieser Mündung am Ausgange des schmalen Thals der Nahe ruht die alte Stadt Bingen, wo Kaiser Heinrich der Vierte einst gefangen ward von seinem Sohne; es war der heilige Weihnachtsabend, an welchem die Eltern ihre Kinder beschenken, die Nacht war kalt und der graubärtige Kaiser schrie umsonst über den Rhein hin: Mein Sohn, mein Sohn! Noch weiter zurück öffnet sich über Rüdesheim hinauf der Rheingarten wie eine gelichtete, freundliche Zeit. Aber rechts, rheinabwärts, wo der Strom die Krümmung durch die Felsen schlägt, da sieht der Blick weit, weit hinaus in das dampfende Schluchtthal des Rheins, Felsenmauern, Ritterschlösser, ein kleiner, schüchterner, dahin geschleuderter Kahn, die ganze Rheinromantik liegt in blauem Dämmer da. – Mit »Himmel und Mantua« kehrten wir zurück, und fuhren mit der schönsten Nachmittagssonne den Rheingau entlang, oder das Rheingau, wie man es an Ort und Stelle benennt. Hinten bleibt das Bergdüster des Bingener Winkels und die weit 238 lockende Rochuskapelle, rechts rauscht zwischen einfachen, blühenden Ufern die grüne Rheinwelle dahin, und mitunter hebt sich aus ihrer Mitte eine bebuschte Insel, links lehnen sich sanfte Hügel braun und gelb rückwärts, sie gehören zu der bekanntesten Geographie, für diese Hügel ist in Deutschland schon das Unglaubliche geschehn: auf ihnen wächs't der beste Rheinwein. Da ist Geisenheim, da ist Hattenheim, da winkt gar goldgelb, etwas aristokratisch abgelegen, der Johannisberg, der ächte Johannisberg, welcher dem Fürsten Metternich gehört, und wo es einen tiefen, kühlen Keller giebt. Das Wort Johannisberg gehört zur deutschen Nationalität, in ihm vereinigen sich alle Parteien. Diese Rheingaustraße von Rüdesheim nach Mainz, dieser Weg von einigen Meilen ist eine fortlaufende Stadt, unsre Residenz des Weines. Die sieben oder acht einzelnen Städtchen, aus welchen sie besteht, haben nur immer ein Viertelstündchen Chaussée zwischen sich, damit man die Zunge wieder auf einen neuen Geschmack vorbereiten kann. 239 Bekanntlich hat dies Zungenvergnügen des Weintrinkens, welches im Norden Europas für ein dogmatisches Vergnügen gilt, das heißt für ein Vergnügen, welches über allen Zweifel erhaben ist, bekanntlich hat es auf den Universitäten einen ausgebildeten Kultus, welcher Komment heißt. Er ist sehr ausgebildet, und man muß sehr viel vertragen können, um sich auszuzeichnen. Drei Priester desselben, im gewöhnlichen Leben Studenten genannt, machten einst eine Reise von Bonn nach Heidelberg. Sie waren sehr gute Fußgänger, und erledigten des Tags mit Leichtigkeit acht Meilen. Ihnen begegnete das Wunderbare, daß sie einen ganzen Sommer lang die scheinbar kleine Strecke bis Mainz nicht zurücklegen konnten; man nennt dies den Bann des Rheingaus; auch ich habe ihn empfunden, obwohl ich nicht vom Wagen gestiegen bin, ich habe nämlich nicht begreifen können, wozu es hier Schuster und Schneider giebt, wo blos Winzer, Bötticher und Kellner nöthig sind. Man schwimmt durch eine einzige große Blume bis nach Biberich, denn erst dort, 240 wo der Herzog von Nassau dicht am Strande des Rheines Hof hält, endigte diese großartige Weinkarte. Auf dieser Karte liegen auch die vielen Landhäuser reicher Kauf- und Edelleute aus Mainz, Frankfurt und der Umgegend, welche so gefällig sind, oft die schönsten Punkte den Engländern zu vermiethen für ein Paar hundert lumpige Guineen. Die Gegend selbst ist nicht berauschend schön, sie ist heiter, lieblich, weich und behagend. Hier liegt auch das Brentano'sche Landhaus, von welchem Bettina spricht in dem Briefwechsel Goethe's mit einem Kinde, und in dessen Nähe die Günderode sich das Leben nahm. Mußte sie sich auch just einen Ort wählen, der sonst so vielen Deutschen das Leben gibt! Die Arme! Die Residenz Biberich, deren Fenster sich im Rheine spiegeln, sieht eben so aus, als erwartete man die alten Ritter und Herrn, um ein Turnier oder einen Minnehof abzuhalten. Von Mainz wissen Manche, daß es eine Bundesfestung ist, aber daß es zu Hessen-Darmstadt 241 gehört, ist Vielen eine Neuigkeit. Wir fuhren des Nachts über den Rhein und in einer Fähre über den Main, um nach Darmstadt selbst zu kommen. Dies Hessen ist nur ein mageres Leinwandfutter gegen Rheinhessen; ein trocknes Waldland, was erst südlich nach dem Neckar hinauf zu in die Bergstraße ergiebig ausschlägt. Seine Verlängerung nach Norden hin, welche durch Frankfurt unterbrochen wird, führt in das ganz dürftige Niederhessen, wo die Vogelsberge streichen, und das kleine Gießen Studenten wünscht. Unter uns gesagt, ich weiß nicht, wie die kleinen Universitäten bei einiger Kraft bleiben und fortbestehn sollen, da alles Bedeutende in den großen Anstalten koncentrirt wird. Diese Centralisation macht sich mehr und mehr bei uns in dieser Weise geltend, und sie hat die Fähigkeit in sich, um so mehr nach der Breite zu wachsen, je mehr sie nach der Höhe wächst, die Studentenzahl lockt den Professor, der Professor die Studentenzahl, und das Ensemble erzeugt von selbst den Aufwand, die Centralisation, eine gefürchtete und 242 getadelte Macht, die durchweg in der heutigen Entwickelung begriffen; es wird umsonst sein, sich gegen sie aufzulehnen, man muß sie leiten. In fünfzig Jahren sind die kleinen Universitäten, dieser Stolz der Mannigfaltigkeit Deutschlands, als solche verschwunden. Stellt Eure Wirthschaft bei Zeiten auf solchen Umzug. In diesem ärmeren Hessen hat es in letzter Zeit die meisten Demagogen gegeben, wenigstens hat man hier die meisten gefunden. Darmstadt selbst liegt in einer Waldgegend. Ich weiß nichts davon zu erzählen, als daß man des Nachts dort ganz ungestört schläft, und daß es auch des Morgens noch ganz stille war. Die Sonne schien, als uns der Postillon durch breite, vornehm ruhige Straßen hinausfuhr, welche neben großen Gärten schlummerten; meine Begleiterin meinte, hier müßten die Kinder recht gut gedeihen, es wäre friedlich und ohne Wagenstörniß, sie könnten spielen nach Herzenslust. Woher Verkehr und Erwerb und befruchtendes Leben in diese Haideeinsamkeit kommt, 243 hat mein flüchtiger Reiseverstand nicht ergründet, was kümmert's mich! ich ließ mich lustig in den Wald hinein rollen, aus welchem ein Trupp schöner und schön berittener Reiter uns entgegen kam. Der befehlende Wachtmeister schwenkte eine hübsche Hetzpeitsche in der Hand; man ist diesen Anblick nicht mehr gewohnt, das Instrument mag aber seine guten Dienste thun, um Kavallerie einzuexerciren. Die Waldberge des alten Melibocus drängten sich neugierig herzu, neben ihnen hin läuft die Bergstraße zwischen Darmstadt und Heidelberg. Diese Bergstraße ist ein sehr hübscher Weg: die Berge, welche man im Osten hat, sind weich und reich belaubt, mit Ruinen geschmückt und in lockender Nähe, man fährt durch fruchtbare Obstgärten hin; nach Westen dehnt sich die Pfalz flach und eben nach Mannheim, nach dem Rhein hinüber; aber diese Bergstraße wäre ein viel hübscherer Weg, wenn sie nicht für so ausgezeichnet gälte, sie ist kleiner als ihr Ruf, es giebt schönere Straßen. Man denkt sich auch unter dem Ausdrucke Bergstraße etwas 244 ganz Anderes, die Berge sehen blos drein, und man fährt in einem meist ebenen Garten dahin; auch mit dem Rheine hat man nichts zu schaffen, wie's nach den Schilderungen oft zu klingen scheint. Zu viel Kourmacher schaden der Hochzeit, zu viel Lobpreiser dem Reize. Aber der eigentliche Süden Deutschlands fällt hier mit tieferen Farben auf uns herab, das Kolorit der Laubberge ist dunkler, sammtner, gesättigter, der Himmel ist blauer, seine Kastanien gedeihen, der Mandelbaum grüßt, Heidelberg liegt hinter dem Berge. Heidelberg! Das klingt wie Minnegesang, wie Walter von der Vogelweide, wie Romantik dunkelblau; wenn man das Wort Heidelberg ausspricht, so heißt das so viel als »Ach ja, dahin, dahin!« Dort wohnt die lyrische Poesie in eigner Person, man sitzt unter dunklem Laube am Bergeshang und schaut in's Paradies hinab, seufzt, schließt die Augen und öffnet sie wieder. Neidisches Schicksal! Dieser Genuß hätte für mich seine Unbequemlichkeit gehabt, denn als ich 245 um die Bergecke fuhr, fing es an zu schneien, der schönste Spätherbst erkältete sich einen Nachmittag lang, und Heidelberg, wo jeder anständige Mensch schöne dunkle Farben voraussetzt und dem Prinzip nach nicht zugiebt, daß es Koth schneien könnte, Heidelberg am Neckarstrom trat mir weiß- und schmutzgesprenkelt entgegen. Dies abgerechnet war es auch unter Anderem ganz anders, als ich mir's gedacht hatte; dafür kann Heidelberg nicht. Es kriecht in eine Schlucht hinein, das Schloß sitzt ihm näher auf Hals und Schulter, der Ort dehnt sich länger und schmäler, als man nach der Beschreibung denken sollte; der Neckar wird dadurch zudringlicher, der weitere, geschmeidigere Blick fehlt. Aber es ist in seiner Art beinahe eben so schön. Das Feenhafte ist nicht da, die alte Ruine liegt nicht frei, unbeschränkt wie ein Mittelalter schlafend, in ein weites, weiches Thal mit schlummerhaftem Auge blinzelnd, nein, das große alte Gebäude kriecht gemsenartig dicht über der Stadt umher, und ist mehr eine Welt in sich mit Schatten und Vorsprung, 246 mit Blick und Fall; die Formen und Winkel des Thals sind schärfer, das Gebirg dahinter, der Königsstuhl und so weiter ist höher, die unklare Ebene nach der Pfalz hinaus ist verdeckter und darum interessanter. Heidelberg ist pittoresker aber weniger zauberhaft, als die gewöhnliche Beschreibung verkündet. Wenn man hier auf einem großartigen Residenzschlosse der Pfalz die Franzosen eine Zeit lang haßt, welche dies blühende Land zum Manövreplatze ihrer Verheerungen gemacht, welche an diesen prächtigen Felsmauern mit dem Schießpulver Versuche angestellt haben, so ist dies eine ganz natürliche Regung. Es gibt Orte, welche geheiligt sind durch den Stempel der Gottheit, ein solcher Ort ist Heidelberg. Sogar Matthisson hat hier sein bestes Gedicht empfangen, sein »Schweigend in der Abenddämm'rung Schleier«, was verlangt Ihr mehr? Am großen Schwetzinger Garten vorüber flacht und vereinfacht sich das badische Land nach Carlsruhe hin mehr als nöthig wäre; westlich drüben 247 geht schmucklos in der Ebene der Rhein, und von seinem jenseitigen Ufer waren es nur der Dom und die Thürme von Speier, welche einen Gedankenanhalt gaben in diesem ganz reizlosen Landstriche. Heidelberg ist hier der äußerste Vorsprung nach Westen, wo das Land in Berg und Thal Schönheit erzeugt. Die Rheinufer sind sehr einfach, selbst bei der freundlichen Pfalzhauptstadt Mannheim, und so den Rhein aufwärts nach Straßburg hinauf. Das heitere Land hat sich hier auf's linke Ufer aufsteigend hingelagert, dort nämlich lacht das warme Rheinbaiern mit seinen freundlichen kleinen Städten, Burgen und Weinbergen, mit seinem Hambach, seinen Hardtbergen, seinen lang aufgeschossenen, dunklen, leicht erregten Bewohnern. Diese Richtung läßt man immer weiter rechts liegen, und durch den einförmigsten, traurigsten Strich Badens nähert man sich dem Laubwalde, in welchem Carlsruhe liegt. In dieser fächerartig gebauten Stadt, wo alle Straßen nach dem Schlosse, dem Griffe dieses Fächers auslaufen, findet man 248 schon die erste französische Färbung, und wenn man sich über Rastadt wieder rechts nach dem berühmten Baden-Baden wendet, so ist man plötzlich in eine romantische Thalschlucht versetzt, wo alle Sprachen Europa's durcheinander spaziren, wo großartiges Gasthof- und Luxustreiben an die Hauptstadt-Existenz erinnert, und wo die schwarzgrünen Waldberge romantische Stimmungen in die Seele drücken. Diese mannigfaltige Eigenschaft, überall im größten Stile ausgeprägt, macht Baden zu demjenigen Bade, was vorzugsweise das Bad genannt wird. 249     Die Nibelungen. Wie oft hört Ihr flüchtigen Leute, die Ihr Reisenovellen les't, von den Nibelungen reden, und Ihr wißt nicht recht, was das bedeute. Ich will's Euch erzählen; ich kenne sie, am Rhein sind sie zu Hause, auf der Ebene bei Worms haben Siegfried und Hagen ihre Rosse getummelt, der Rhein ist für alle deutsche Dichtung der Lebensstrom, hier hat sich auch das größte Epos geschürzt, das Nibelungenlied, das größte Lied nach der Iliade, die germanische Iliade, die mir theuer und werth ist trotz aller altdeutschen Grammatiker. 250 Ich stand im Rösselwalde oberhalb Rüdesheim, Streifregen flogen wie Pfeile über das Land, aber plötzlich barsten die Wolken, und der goldne Sonnenball fiel wie ein Schatz in den Rhein hinab, in's wirbelnde Binger Loch hinein. Dort hat auch der grimme Hagen – nicht Herr von Hagen, der altdeutsche Grammatiker, welcher nicht grimm ist, sondern gelehrt – dort hat er auch den Nibelungenschatz versenkt, und die Wirbel und Strudel des Stroms, die wilden Geister haben ihn bis heute beschützt. Wohl ein Jahrtausend lang heben die deutschen Poeten daran, und heben, aber der Nibelungenhort ist nicht mehr an's Tageslicht gekommen. Der Blick springt gierig über das prächtige Land; da tauchte mir das alte Leben vor der Seele auf, wie die Burgunder hier geherrscht, wie Siegfried herangezogen, wie Alles gekommen sei. Siegfried, der hörnerne oder gehörnte Siegfried, von welchem die Mähr auf allen Jahrmärkten zu haben ist, er reitet und ruht als Mittelpunkt des Nibelungenliedes: der Tag dieses Liedes ist 251 Siegfrieds frisches Heldenleben, sein Tod an der kühlen Quelle; die Nacht des Liedes ist seines Weibes Rache für den herben Tod. Zwischen Cleve und Wesel, nicht weit vom Rheine, was man Niederland nennt, soll eine Stadt gelegen haben, die hieß Xanten. Von da zog Siegfried auf Abenteuer aus, kroch durch die Schluchten und das Dickicht des Rheinwaldes, und kam in's Hardtgebirge, dort bestand er sein Abiturientenexamen und erlegte den Drachen Fafner. Mit dessen Blute und Fette bestrich er seinen Leib, davon bekam er eine Hornhaut, die ihn unverwundbar machte. Ein Fehler wurde damals jedoch übersehn: zwischen den Schultern blieb ein unbestrichener Fleck übrig. Dafür kamen ein Paar Tropfen auf die Zunge, welche in der Geschwindigkeit eine Sprache lehrten, nach welcher die Dichter alle Frühjahre seufzen, und die keine Bonne lehrt, die Sprache der Vögel. Fafner hatte wie jeder ordentliche Drache seinen Schatz, damit rüstete sich Siegfried stattlich aus, ritt hinab nach Worms an's Hoflager des Königs 252 Günther, richtete sich dort ein, erschlug nebenher allerlei Feinde des Burgunderkönigs mit seinem guten Schwerte Balmung und verkehrte in Frieden mit den Burgundischen Recken, mit Hagen, mit Volker, mit Dankwart und wie sie weiter heißen. König Günther hatte eine sehr schöne Schwester, Namens Chriemhilde, die gefiel Siegfried sehr, und Siegfried gefiel ihr ebenfalls; Günther versprach sie ihm zum Weibe, wenn Siegfried ihm erst die schöne gefährliche Brunhild zur Gattin verschafft hätte. Hier treten nun nordische Sagenkreise ein, denn die Mährschaften zogen wie Sommerfäden von einem Lande in's andere und verwirrten sich; wenn die Völker ihren Frühling und Sommer hinter sich haben, dann spinnen sie aus ihrem Kern heraus die langen Liebesfäden. Die Einheit und Aechtheit war damals im Rösselwalde nicht eben mein Kummer. Ich fuhr mit den Burgundern den Rhein hinab, die Reise geht naiverweise gleich bis Island hinauf, was damals noch grün war, und wo die stolze Brunhild herrschte. Sie war ein glänzendes Mannweib, man 253 mußte sie erst im Kampfe besiegen, wenn man sie heurathen wollte. König Günther, der nicht der stärkste war, hielt sich an Siegfried, und Siegfried versprach ihm den besten Beistand. Er hatte beiläufig einen gewaltigen Zwerg zerwürgt, und von diesem ein Zaubermäntelchen errungen, welches die Tarnkappe heißt und die Eigenschaft besaß, unsichtbar zu machen. In dieser Tarnkappe ungesehen stand Siegfried neben Günther und rang für ihn, und rang auf's Beste, Brunhild ward besiegt, und alle Welt meinte, Günther habe das zu Stande gebracht. Nun kommen wir zu den Nibelungen: ihr Stammland ist Norwegen; dorthin schiffte Siegfried, knebelte den Riesen der Nibelungenburg, und eben so den gefährlichen Zwerg Alberich. Dieser letztere war eine sehr wichtige Person; unter seiner direkten Obhut befand sich der Nibelungenschatz, welcher Nibelungenhort genannt wird. Alberich schwor einen entsetzlichen Eid, Land und Schatz dem Siegfried zuzuerkennen, dieser nahm viel Gold mit und tausend 254 wohlgewaffnete Nibelungenritter, damit holte er König Günther und Brunhilden ab, und es ging zur Hochzeit nach Worms. Die seinige mit der schönen Chriemhilde gelang denn auch auf's Beste, und sie waren am andern Morgen sehr vergnügt. Nicht so König Günther: Brunhild trug einen Zaubergürtel und Ring, ließ sich im Ehebett nicht überwältigen, und hing vielmehr ihren schwächeren Gatten einstweilen des Nachts über an einen Nagel. Dies schien Günther denn doch für die Folge nicht wünschenswerth und er vertraute sich Siegfried – es ist durchaus nicht gut, sich in fremden Ehezwist zu mischen; Siegfried aber war ein guter Narr, und sagte: lieber König, ich werde Dir in allen Ehren helfen. Er nahm also seine Tarnkappe, ging neben Günther in's Schlafzimmer, überwältigte Brunhild, nahm ihr Gürtel und Ring, und Günther, welcher bei seiner Gattin für den Sieger galt, konnte sich nun der schönen Brunhild freuen nach Herzenslust. Aber diese Nacht hatte schwere Folgen, wie das Jeder gern glaubt, welcher eheliche Verhältnisse kennt: 255 Siegfried erzählte den Vorfall in der ersten Freude seiner jungen Frau Chriemhild, gab ihr den Gürtel, empfahl ihr natürlich Stillschweigen, wie das überflüssiger Weise jeder Mann thut, und die Sache war gut und schön. Er reis'te mit Chriemhild heim nach den Niederlanden, und lebte da an die zehen Jahre ganz heiter. Brunhild hatte eigentlich doch zweierlei Verdruß gegen ihn auf dem Herzen: zuerst hatte sie ihn eigentlich geliebt, und wenn auch nicht leicht Jemand davon wußte, so vergiebt das eine Frau nicht leicht, umsonst etwas empfunden zu haben. Der abgebrochene Anfang einer Liebe ist der Anfang eines Hasses. Zweitens war sie sehr fürnehm, und sie verlangte, Siegfried und Chriemhilde sollten Dienstleute des burgundischen Hofes sein. Dies schien aber diesen überflüssig, es gab einiges böse Blut. Indessen, Brunhild war klug, und lud sie noch vor der Sonnenwende zum Besuche nach Worms. Sie versprachen zu kommen, und beschenkten die Boten reichlich, so daß diese viel Rühmens machten bei 256 der Heimkehr. Hagen sagte dazu: Wer den Hort der Nibelungen besitzt, der hat gut schenken! – Sie kamen; man küßte sich, man gab Feste, die beiden Frauen standen auf dem Balkone und sahen zu, Chriemhild sagte, Siegfried sei doch der herrlichste, Brunhild erwiderte, eigentlich sei er doch ihr Dienstmann. Man weiß, daß die Frauen nichts auf dem Herzen behalten, sei's noch so süß, oder noch so bitter, sie lieben oder hassen, während die Männer gleichgültig sind, das heißt Keins von Beidem thun, und es kommt am meisten zum Ausbruch, wenn die Frauen zur Kirche, zum Tanze oder zu Bette gehn. Diesmal geschah's vor der Kirche: Jede wollte den Vortritt haben, und es ereignete sich eine Scene, welche Chriemhild damit schloß, daß sie Ring und Gürtel hervorzog, und der Andern bewies, Siegfried, nicht Günther habe sie bezwungen. Brunhild weinte bitterlich und blieb zurück, es kam böse Zeit. Hagen, der Siegfried nicht leiden konnte, weil er ihm überlegen war, sagte zu Brunhild, er wolle ihr helfen. Er verschaffte sich von Chriemhilden, 257 die ihn für den Freund ihres Gemahls hielt, das Geheimniß von Siegfriedens Leibe, und die Offenherzige erzählte ihm ausführlich, wie sie auf sein Gewand zwischen den Schultern, wo die Salbe fehle, ein heilig Zeichen von Seide genäht habe. So kam es denn nun wie folgt: Man hielt eine Jagd im Odenwalde, Siegfried hatte sich einen lebendigen Bären gefangen und sich durstig erhitzt, Hagen aber hatte den Wein fälschlicherweise nach dem Spessart beschieden, so fehlte es am Trunke. Ich weiß eine Quelle in der Näh', sprach Hagen, legen wir unsre Rüstungen ab, und machen wir einen Wettlauf dahin. Es war ein schöner, vom Wald umkränzter Anger, wo sie über den Klee dahin liefen zu einem Lindenbusche, in welchem der Brunnen quoll. Siegfried, der zuerst da war, wartete, bis der König getrunken, dann bückte er sich nach dem Wasser, und Hagen stach ihm den Speer tief zwischen die Schultern hinein. Er sank, hob sich zornig noch einmal und schlug mit der Faust den Uebelthäter zu 258 Boden, dann fiel er sterbend in die tiefen Waldblumen, über welche sein Blut hinrieselte. Siegfried war todt! Solches ist geschehen, wo jetzt das Dorf Edigheim in der Nähe von Frankenthal liegt, und der Rhein selbst war so erschrocken darüber, daß er dem Flecke auswich, und einen neuen Weg einschlug; der Lindenbusch, wo Siegfried fiel, war damals auf der rechten Rheinseite, jetzt kam er auf die linke. Hagen legte den todten Siegfried vor Chriemhildens Thür; am andern Morgen gab es ein schweres Weinen; der gehörnte Leib ward im Münster zu Worms bestattet; Chriemhilde aber weinte nicht blos Zorn, sondern auch Rache. Sie blieb indessen zu Worms, und vergab den Burgundern, nur Hagen nicht, auch den Nibelungenschatz ließ sie holen. Hagen stahl ihr den Schlüssel und raubte den Schatz, aber die Burgunder wollten ihn nicht, und er mußte ihn versenken, da wo der Rhein um die scharfe Ecke wirbelt, welche jetzt der Rösselberg heißt, und dem gegenüber Bingen liegt; er getraute sich zu, ihn 259 allein wiederzufinden. Denn Hagen war ein nüchterner, gewaltiger Mann, welcher mit dem griechischen Odysseus einige Aehnlichkeit hatte, und das Gold zu schätzen wußte, er hielt alle Träume und Mährchen für Fabeln, und war sehr vernünftig. So kam mancher gelbe Sommer, Chriemhilde lebte in traurigem, schwarzem Wittwenstande, konnte Siegfried nicht verwinden und weinte viel. Es verlor aber im Hunnenlande an der Donau, was auf den Landkarten jetzt Ungarn heißt, der König seine Frau, wollte wieder freien und warb um Chriemhild. Dieser König hieß Etzel, und deshalb sagen die Leute, es sei der verschriene, gottlose Attila gewesen, obwohl er sich in dieser Geschichte immer sehr sanftmüthig aufführt. Vielleicht hat man die Könige der Hunnen alle Etzel genannt, wie die im Lande Aegypten alle Pharao hießen. Das mochten die Burgunder wohl besser wissen, und sie riethen Chriemhild zu der Heurath; diese entschloß sich auch, weil König Etzel sehr mächtig war, und weil sie immer noch Gedanken der Rache hatte. Sie ward also an der 260 Donau Königin, und lud die Burgunder ein, sie zu besuchen, ausdrücklich auch Herrn Hagen. Als sie denn auch abreiten wollten, sprach König Günthers Mutter, sie habe einen schlimmen Traum gehabt, daß alle Vögel im Burgunderlande todt von den Bäumen gestürzt wären. Hagen sprach dazu, dies sei dummes Zeug, und man ritt nach der Donau. Chriemhilde gab ihnen dort ein stattliches Gastmahl in zwei großen Sälen, und hatte viele tausend Spielleute bestellt, welche plötzlich eintraten, und mit Spießen und Schwertern grausam aufspielten, es begann eine große Noth. Die Burgunder sprangen von der Tafel auf, und wehrten sich, sie waren eiserne Recken. Der grimme Hagen erschlug sogleich Etzels Söhnlein, die Burgunder machten reine Bahn in ihrem Saale, und blieben Sieger. Aber König Etzel war nun auch unmuthig geworden, er schickte immer neue Tausende zum Kampfe hinauf; hei, sagt das Lied, wie da die blanken Schwerter flogen; Herr Volker, der Spielmann, mit seinem schweren Fiedelbogen fegte gefährlich an der 261 Thür; dieser Burgunde, der auch schön zu singen wußte, hat große Aehnlichkeit mit einem jetzigen Recken, der auch aus jenen Gegenden stammt und Uhland heißt; Herr Dankwart schrie und schlug hinter ihm; Herr Hagen mähte mitten im Saale; viele, viele Mütter hatten Leid von diesem Tage. Nun ließ Chriemhild den Saal anzünden, das war ein schwerer Kummer, sie litten sehr von der Hitze und tranken aus der Blutlache, welche den Boden bedeckte, zu diesem Unglück kam grau und weiß der Morgen herauf. Endlich entbot König Etzel den langen Dietrich von Bern, dieser schickte seinen alten Meister Hildebrand, mit Wolfhart und acht schweren Helden, die machten ein Ende bis auf Günther und Hagen, aber sie fielen auch alle bis auf Hildebrand, der entrann. Nun schnallte Dietrich selbst seine Rüstung um, nahm Hildebrand wieder mit, und begann zuerst den Kampf mit Hagen, wovon die Grundfesten des Hauses bebten, denn Hagen focht mit Balmung, dem Schwerte Siegfrieds. Endlich fiel Hagen, und ward gefesselt, darnach unterlag 262 auch Günther, und Dietrich übergab die Beiden der zornigen Chriemhild, verlangte aber, daß ihnen kein Leid mehr geschähe. Chriemhild hatte noch großen Zorn, sie forderte von Hagen den Nibelungenhort zurück, und da er sich dessen weigerte, wohl wissend, daß es ihm nichts helfen würde, ließ sie ihrem Bruder Günther den Kopf abschlagen, und hielt ihn vor Hagen's Augen, dann dachte sie stark ihres erschlagenen Siegfried, erraffte mit beiden Händen Balmung, sein gutes Schwert, und schlug Hagen zu Tode. Als dies der alte Hildebrand, Dietrichs Waffenmeister sah, sprang er hinzu, und hieb das wilde Weib in Stücke. Etzel und Dietrich, und alle Frauen und Völker weinten; dies war der Nibelungen Noth. Starker Rhein, so starke Leidenschaften, so starke Menschen, so starke Mährschaften sind neben Dir aufgewachsen und gestürzt, und heut' wie zur Nibelungenzeit gehst Du rasch und grün und stolz vorüber, von Neuem weckend, von Neuem stürzend, ein ewiger Strom wie der Ganges. 263     Nell. Der Schwarzwald ist wirklich ein schwarzer Wald; langsam und mählig erheben sich die Berge, links und rechts sieht man in dunkle tiefe Thäler, die umsäumt und umschattet sind von schwarzen Tannenwäldern. Es ist kein riesiges Gebirge, aber es fällt in tausend Gruppen ab, dunkler, frischer Friede liegt darüber, tief aus den einzelnen Schluchten lockt hier ein Thal und dort ein Grund mit grüner Matte und blinkendem Bächlein; wo die Bergwüste sich zu verwirren scheint, spaltet plötzlich ein lichter Abhang wie ein Sonnenstrahl die Wirrniß, und eine Hütte, wo hölzerne Uhren gemacht werden, wo zwei 264 Menschen von einer Kuh leben und von einer Ziege das ganze Jahr hindurch, tritt uns vor's Auge wie die lockende Bescheidenheit. Die alte Weltruhe lagert über den schwarzen Bergforsten der Tannenbüsche, der Raubvogel schwebt hoch hinweg nach der Ebene hin, um Nahrung zu suchen, und die Ebene selbst, welch ein reicher Rahmen ist sie dieses dunklen Waldgebirges! Die Pfalz blüht unten im Sonnenscheine, der Rhein blitzt herauf, der Straßburger Münster kündigt den Anfang des immer kreisenden, immer brausenden Frankreich, die blauen Vogesen schließen den Blick, lichte Farbe, Wechsel, Bewegung ist vor uns ausgebreitet, und das schwarze, schweigende Waldgebirg rings um uns her mahnt ernst und wie die Leidenschaftslosigkeit selber: träume von der stürmischen Welt der Abwechselung, des verzehrenden Wunsches, geh' hin, lasse Dich schleudern, gewinne, vergiß mich, oder kehre wieder, suche Trost in der Sammlung, ich ruhe fest Jahrhundert für Jahrhundert, ich bewahre die heilige Stille, nimm sie, verwirf sie, ich warte nicht, ich erschrecke nicht, ich 265 hoffe nicht, ich zweifle nicht. Wer im Schatten meines Tannenwaldes wohnt, hat wenig, aber er hat ein ruhig Herz, er hat keine überraschende Abwechselung, aber er hat den Frieden. Habt Ihr nie von dem reinen Weine gekostet, welcher Unabhängigkeit benannt wird? Solch ein stilles Waldgebirge ist diese Unabhängigkeit; es ist dürftig, aber es bedarf keines Menschen; des Himmels Sonne und des Himmels Regen, sie mögen sparsam, sie mögen üppig kommen, gewährt so viel, als der schwarze Winterbaum bedarf, als der Grashalm und das Kraut zum Gedeihen erheischt. Und in seiner Dürftigkeit kann er mittheilen dem bescheidenen Wunsche: sein trockener Ast wärmt den Frierenden, sein Gras nährt das Hausthier, ja in der Sommerzeit bietet er den Luxus sogar, nicht blos den kühlen Trunk, auch die frische Waldbeere hat er zum Verschenken. Es ritt einst ein finster aussehender Mann diese Berge herauf, und blickte rückwärts und seitwärts, rückwärts in die schimmernde Ebene, seitwärts in 266 die schwarzen Gründe. Sein Haar war ergraut, Kummer beugte den stolzen Leib, Gram saß auf der Lippe; aber wenn er mühsam einen tief versteckten Grund entdeckte, da trat ein Ausdruck auf sein Antlitz, welcher noch eine entfernte Aehnlichkeit mit der freudigen Ueberraschung unbefangener Menschen hatte. Er hielt sein Thier an, und wartete auf ein zweites, welches sein Diener ritt. Tom, dieser Diener, hatte ein kleines Mädchen von sechs Jahren vor sich auf dem Sattel, das Mädchen schwatzte, und war guter Dinge, und rief dem Vater zu: Papa, laß uns da hinunter reiten, dort gras't eine schöne scheckige Kuh! Das wollen wir, Nell, sprach der Vater, dort unten ist Ruhe. Der Mann glaubte, viel Unglück gehabt zu haben und wollte der Welt entfliehn. Er war reich und vornehm von Hause aus, und hatte seit seiner Mannesjugend ein schönes Mädchen geliebt; das Mädchen war aber niedrigen Standes und die Eltern des jungen Mannes willigten nicht in diese Verbindung. 267 Er war ein guter Sohn, und gehorchte, und da die Eltern lange lebten, so war er beinahe vierzig Jahr alt geworden, eh' er seine Geliebte heurathen konnte. Bis dahin hatte er auf das Glück gewartet, und nichts in der Welt schön gefunden als seine verweigerte Braut; jetzt war das Glück da, aber es fand ihn nicht. Seine Frau war eigensinnig und verdrießlich, und sagte, er sorge nicht genug für Abwechselung und Vergnügen, das Leben sei langweilig. Darunter litt Edward dergestalt, daß er glaubte, es würde eine ganze, steinerne Welt auf seinem Herzen zerschlagen; als seine Frau eines Abends auf den Ball fuhr, nahm er Nell, sein einziges Töchterlein, und Tom seinen treuen Diener, und ging mit diesen in die weite Welt, um einen stillen Platz zu suchen, wo man nicht von Menschen gestört würde. In einem verborgenen Thale des Schwarzwaldes glaubte er ihn zu finden. Er kaufte von den armen Leuten die Hütte, die Kühe, die Ziegen, nahm ihnen das heilige Versprechen ab, niemals von ihrer alten 268 Heimath zu reden, niemals sie wieder aufzusuchen, und begann sein stilles verborgenes Leben. Tom murrte Anfangs gegen das Kühemelken, aber er fand sich. Nell wuchs auf. Edward war nicht so radikal feindlich gegen die Welt, als es für den ersten Anblick scheinen mag; die schwarzen Wasser der Trübsal gingen ihm tief über die Seele, aber er meinte, das Unglück rühre nur von den Verboten der Welt her. Weil Dies und Jenes verboten ist, darum richten wir um so stärker unsere Kraft, unsern Wunsch darauf, solcherweise sind unsre meisten Wünsche nicht mehr ächt, sondern sie sind Kaprice, wir lieben und hassen die Dinge, die Menschen nicht, weil sie schön oder häßlich sind, sondern weil sie in diesem oder jenem Verhältnisse zu uns stehn, weil sie uns erlaubt oder verboten sind. Damit vernichten wir unsre wirkliche Freude; das Erlaubte, weil es uns mit offnen Armen entgegen kommt, wird wenig beachtet, das Verbotene wird überschätzt. 269 Nells Erziehung ward also darauf begründet, daß ihr Alles erlaubt sei – so wird sie, meinte Edward, ein wirklich unbefangenes Wesen, und sie wird rein und lauter erfahren, was ihr wirklich gefällt. Was uns aber wirklich gefällt, das ist auch wirkliches Glück, darin besteht die Harmonie der Weltgesetze. – Es waren zehn Jahre vergangen, Nell war schön und lustig wie ein Waldvogel. Sie fragte jetzt öfter Edward oder Tom, ob die Männer alle weiße Haare hätten und Runzeln, ob man nicht auch deren finden könnte, die schwarze hätten wie sie und eine glatte Haut. Um diese Zeit verirrte sich ein Wanderer in Edwards Thal, und klopfte eines Abends an die Hütte. Man erschrack sehr; es war ein kräftiger Mann, der eine Fußreise durch die Gebirge machte, um eine Hypochondrie zu heilen, die ihn plagte. Er war in den Jahren, welche man die besten nennt, weil man nichts besseres von ihnen zu sagen weiß, übrigens von ganz leidlichem Aussehn und von genügend lebendiger Art, da die 270 Reise gut angeschlagen hatte. Nell sagte, er gefiele ihr, und sie möchte, daß er da bliebe. Das System Edward's schien dieser Verlegenheit nicht zu erliegen, da der Fremde, Herr Walther, auch Edwards Beifall gewann und um die Hand der schönen Nell anhielt. Ich kann nichts dawider haben, sprach Edward, und will noch eine Kuh anschaffen, wenn Sie bei uns bleiben. Er blieb; Edward war religiös, und die Hochzeit mußte vom Priester gesegnet sein. Zu dem Ende begab man sich nach der Ebene, wo die nächste Kirche zu finden war. Nell sah hier lauter Neues, Menschen, Häuser, Wagen, sie fand das hübscher als die Einsamkeit, man mußte bleiben. Walther erzählte seiner jungen Frau von Paris, sie fand die Beschreibung lockend, und sagte: Laß uns nach Paris reisen. Der alte Edward wurde inkonsequent und wollte Nein sagen, Nell begriff nicht, wie er Nein sagen könne, und er mußte sich fügen. 271 In Paris sagte sie Walther gleich in den ersten Tagen, daß ihr Dieser und Jener besser gefalle als er, und da Walther mißmuthig wurde, erklärte sie, daß er ihr gar nicht mehr gefiele, und sie durchaus einen andern Mann haben wolle. Edward war in Verzweiflung; er sah mit Schrecken ein, daß sich das Leben nicht lehren lasse, daß die Welt eine unergründliche Macht sei, vor der man auf Flügeln der Morgenröthe, in's fernste Thal nicht entfliehen könne, er sah mit Schrecken ein, daß nichts den Kampf so gefährlich mache, als wenn man vor ihm fliehe, daß Liebe, Glück und Schicksal eben die ewigen Gedanken der Welt seien, deren kein Mensch sich bemächtigen könne. Ferner: ich habe das Uebel viel ärger gemacht, sagte er, jede Zeit, jede Welt hat gerade da ihren sichersten Schutz, wo sie am meisten braus't und siedet, da sind all ihre schärfsten Gesetze am klarsten ausgedrückt, da rüstet man sich am besten. Das Gedräng von Paris, nicht die Einsamkeit des 272 Schwarzwaldes waffnet gegen die Welt; verkriechen mag sich das schwache furchtsame Alter, das für immer zerbrochne Herz hinter Berge und Felsen; aber was leben will, muß seine Weisheit im Leben suchen, es wird keine Erfahrung gelehrt, sie wird nur gemacht. O Tom, was haben wir angerichtet! Wußtest Du nicht von der Jagd her, daß man dicht an der Büchsenmündung viel sichrer ist, als entfernt davon? da sind nur wenig Punkte, wo sie treffen kann, ein ganz kleiner Kreis, aber je weiter Du gehst, desto größer wird der Umkreis, wo dich die Kugel findet. Unabsehbar schienen in der ersten Zeit die Unschicklichkeiten, deren Nell mit ihrer Erziehung und dem Grundprinzipe ihres Vaters ausgesetzr war, mit dem Prinzipe, zu thun, was ihr gefiele. Die baare Revolution liegt eben darin, die allgemein angenommene Form dem eigenen Geschmack unterzuordnen, die Begriffe, Bildung und Sitte werden dadurch vernichtet, das stets überraschende Geheimniß 273 liegt darin, daß alles Neue zuerst unsittlich erscheinen muß. Wenn sich das aber an einem Mädchen offenbaren will, so nennt man das Skandal. Nell hatte in Gesellschaft nicht Lust, auf dem Stuhle zu sitzen, sie setzte sich an die Erde, sie riß einer Dame die falschen Locken aus, und wischte ihr die Schminke ab; sie sagte dem einen Herrn, er habe ein unausstehlich garstiges Gesicht, dem anderen, er sei sehr schön; sie fing im Theater, wo Alles todtenstill einer Tragödie zuhörte, plötzlich an, mit schmetternder Stimme ein Alpenlied zu singen, weil ihr das besser gefiel, als die Tragödie. Der Vater sagte ihr, sie solle wieder mit nach dem Schwarzwalde zurückkehren, sie erwiederte aber: in meinem Leben nicht, es gefällt mir hier in Paris viel besser. Wenn er sie zwingen wollte, so mußte er selbst auf das grausamste gegen sein eignes Erziehungsprinzip sündigen. Unter all diesen hin und her springenden Neigungen bildete sich diejenige zu einem stattlichen 274 Franzosen, Namens Alfred, bis zur entschlossensten Leidenschaft auf. Alfred nahm auch großes Interesse an Nell, aber er war an die Liaison mit einer älteren Dame gefesselt, und diese Dame verstand es, ihn immer wieder festzuhalten, wenn er im Begriff war, Nell ausschließlich zu wählen. Sie wußte geschickt, Nell's Originalität, welche für den blasirten Pariser so viel Reizendes hatte, in's Lächerliche, Grelle, Unpassende zu kehren; der Franzose war Convenienzmann, er erschrack vor dem Fratzenbilde, was ihm die ältere Freundin ausmalte, sobald sie von der jüngeren sprach, er verließ Nell immer wieder, ward von Neuem durch ihre Schönheit und durch ihr mächtig zudringliches Naturell angezogen, und verließ sie von Neuem. Nell war unter dem Namen Miß Walther bekannt; Walther selbst, durch ihr Betragen abgeschreckt, hatte sich völlig von ihr zurückgezogen, und war sehr bereit, Partei gegen sie zu nehmen, weil seine Rolle nicht ganz ohne Lächerlichkeit war, und weil man in unsrer Gesellschaft lieber Veranlassung 275 giebt, gehaßt, als verspottet zu werden. Er hörte von Alfreds älterer Geliebten, von diesem feindlichen Verhältnisse zu Nell, und machte dieser Dame seinen Besuch. Sie führte den Namen Miß Claren, und nahm ihn sehr freundlich auf. Man kam darin überein, die wilde Nell für verrückt zu erklären, besprach sich, das Gerücht auf die schnellste und geschickteste Weise auszustreun, und hielt es zunächst für angemessen, daß Walther sich achselzuckend dazu verhalte. In der modernen Gesellschaft sind die Gerüchte das geworden, was einst in der italienischen Gesellschaft die Gifte waren, sie wirken oft eben so gut, und man hat den Vortheil, deshalb mit keiner Obrigkeit in Mißverhältnisse zu kommen. Wäre man nicht über die sogenannten Gewissensbisse hinaus, so haben die Gerüchte, welche man zum Nachtheil Anderer erfindet, auch dafür ihr Gegenmittel in sich: sie bekommen nämlich in der Umwälzung durch tausend Zungen und Hände eine so veränderte Gestalt, sie betheiligen die verleumdete Person immer 276 selbst so weit mit der Verleumdung, daß ein Theil des Gerüchtes wirklich wahr wird, kurz, der erste Lügner sieht am Ende Person und Sache so verändert und verwechselt, daß er selbst an seine Lüge glaubt, daß er meint, besser und schärfer gesehen zu haben als andere Leute, nicht gelogen, sondern nur geweckt und erkannt zu haben. Es war eine große Gesellschaft, Nell war da, Miß Claren, Alfred und Walther. Das Gerücht von Nell's gestörtem Geiste war wie Staub schon längst in alle Ritze gedrungen; alle Welt wich ihr aus, ihre bizarren Manieren, die man noch vor acht Tagen interessant, originell, liebenswürdig gefunden hatte, galten jetzt allgemein für eine schreiende Bestätigung; man flüsterte, man zeigte, man ging aus dem Wege, man sprach von der Nothwendigkeit sichrer Vorkehrungen. Nichts macht so leicht verrückt, als wenn man für verrückt gilt – die allgemeine Geltung ist ursprünglich das, was wir Vernunft nennen. Niemand wagt eigentlich den Glauben, oder Niemand 277 erträgt ihn doch, etwas allein zu wissen, etwas allein zu sein. Just eben das gilt uns für Verrücktheit, denn Alles in unsrer Anlage und in unserer Welt ist auf Gemeinschaftlichkeit berechnet. Nell fühlte ihr Herz, ihr Gehirn von einem Schlage bedroht, als sie ihre völlig isolirte Stellung in dieser Gesellschaft inne ward, zitternd stand sie inmitten des Kreises – der Instinkt führte sie nach dem Sitze der Miß Claren hin. Diese aber, als sie dies sah, sprang vom Stuhle auf, und rief Alfred zu: schützen Sie mich, Graf, vor dieser verrückten Person. Mit einem gellenden Schrei stürzte Nell zu Boden, das gefürchtete Wort war wirklich ausgesprochen. Man sollte glauben, die Bedeutung desselben könne für eine Schwarzwälderin, die außer der Gesellschaft und außer den geläufigen Begriffen der Gesellschaft aufgewachsen war, nicht so schlagend gewesen sein, aber man irrt sich darin. Die gegenseitige Anerkennung des gemeinsam menschlichen Verstandes ist unsre Lust des Verkehres, jeder 278 Zweifel, der dahin gerichtet ist, trifft bis in den abgelegensten Winkel, wo Menschen sind. Miß Claren hatte auch wirklich, wie oben bereits angedeutet ist, nicht so viel Schuld, sie hatte Nell nach einiger Zeit zum ersten Male wieder gesehn, und es war doch nicht zu verkennen, daß sie sich wie eine verrückte Person aufführte, und von aller Welt wie eine verrückte Person behandelt wurde. Auch hatte Miß Claren nichts weiter gesagt, als eine gewöhnliche Redensart, die man ja öfters braucht, ohne geradezu eine wirkliche Verrücktheit bezeichnen zu wollen. Die größte Rechtfertigung lag ja aber offenbar darin, daß Nell von diesem flüchtigen Ausdrucke sogleich zu Boden geworfen wurde, der ganze Zunder der Verrücktheit mußte ja also offenbar aufgehäuft sein, Miß Claren hatte wirklich nicht so viel Schuld, es war offenbar in der Wahrheit nicht ganz richtig mit diesem Mädchen. Fürchtet Ihr Euch nicht? Edward lebte auch in Paris, so weit es irgend anging, einsam; man brachte ihm jetzt die 279 bewußtlose Tochter nach Hause, und sagte ihm, sie sei plötzlich wahnsinnig geworden. Wenn er sich näher unterrichten wolle, möge er bei Miß Claren anfragen, diese scharfsichtige Dame habe das Unglück heute in der Gesellschaft am ersten und deutlichsten entdeckt. Edward sah schweigend wie ein Grab der Botschaft und der Tochter in's Antlitz. Als Nell zu sich kam, brach sie in konvulsivisch Weinen aus, streckte bittend die Hände nach Edward aus, und sprach: Bin ich denn wirklich verrückt, Vater? Ach, Vater, fürchte Dich nicht vor mir, ich thu Dir nichts zu Leide, ach Gott, und warum bin ich denn verrückt? Edward suchte sie zu beruhigen. Du siehst, so böse sind die Menschen, warum sind wir nicht im Schwarzwalde geblieben? Ach, Vater, wenn Du mich wieder mitnehmen wolltest, ich möchte noch heute wieder dahin zurück, aber Du wirst nicht mehr mit mir verkehren woll'n, ach, warum Vater ist's so geworden? Mein Kind, welch thörichte Aeußerung! 280 Ja, ja thöricht, siehst Du, Alles ist jetzt bei mir thöricht, ach, warum? Und ist denn thöricht wirklich ganz so viel wie verrückt, Vater, lieber Vater! Kind! Edward machte Alles reisefertig; aber er mußte wissen, was vorgefallen sei, und ging, Miß Claren aufzusuchen. Er kannte sie nicht, nur ihren Namen hatte er zuweilen gehört. Unterwegs begegnete ihm Walther; auf Edwards Befragen zuckte er blos die Achseln, und lobte sehr den Entschluß, wieder nach dem Schwarzwalde zu reisen. Die Frage, ob er mitreisen wolle, fand er sonderbar, die Farce mit dem verrückten Mädchen habe ihm Aerger und Geld genug gekostet. Edward stieß ihn mit der Faust vor die Brust, daß er rückwärts an die Mauer taumelte, und ging weiter. Am Hause der Miß Claren begegnete ihm Alfred – was ist mit meiner Tochter vorgefallen? Alfred wurde roth, und erwiderte, der Vater werde wohl den geistigen Zustand seines Kindes am besten selber kennen. 281 Edward stürmte die Treppe hinauf, Alfred, vielleicht unklar für Miß Claren fürchtend, folgte ihm. Ungemeldet schritt der graue Schwarzwälder bis in's Boudoir der Dame – beide schreien auf, Miß Claren und Edward. Sie ist seine Frau aus England, sie ist die Mutter Nells, sie hat ihre eigene Tochter verrückt gemacht. Alfred weicht bestürzt aus dem Hause, um dessen Schwelle nie wieder zu betreten, Edward bringt sein Kind und seinen Tom eiligst zur Stadt hinaus, und fährt dem Schwarzwalde zu, was die Postpferde laufen können. Sie saßen wieder im Schwarzwalde – auch Edward sah sein Kind jetzt mit mißtrauischen Augen an; die Anklage des Wahnsinns ist wie eine Verpestung der Luft, jeder Atom wird bedenklich, kein Mensch fühlt sich sicher. Er hatte das Mädchen in einer vorgefaßten, eignen Meinung erzogen, die ganze übrige Welt erzieht anders, konnte nicht der 282 Same des Irrthums schon in ihm selber gelegen sein, konnte er ihn nicht selbst im eignen Kinde genährt und gereift haben? Tom war todtenstill geworden, Edward bemerkte, daß der alte Diener ihm und Nell oft aufmerksam nachblickte, daß er nichts recht zu sagen wußte, wenn ihn Edward mit der Frage anging: sage Tom, ist die Welt nicht rasend? Die Majorität ist durchweg die eigentliche Macht, wer sich von ihr absondert, ergiebt sich dem Zweifel, und jeder Zweifel rächt sich in gelegener Stunde. Wer sich feindlich gegen das allgemeine Bewußtsein hinstellt, beginnt einen Kampf mit dem Universum, auch wenn er sich in die tiefste Einsamkeit flüchtet, und wenn auch seine Idee Segen erzeugen kann, er selbst geht rettungslos unter. Dies ist die alte Sage von den Titanen, sie unterlagen den Göttern, denn das allgemeine Bewußtsein einer Zeit ist die Gottheit dieser Zeit. Wird dieser Kampf nur mit halbem Muthe unternommen, so entsteht der Separatismus, die 283 Philisterei, die Pedanterie – ein Beispiel davon ist diejenige Beschränktheit und Abgeschlossenheit, welche man die schwäbische nennt, welche eine kleine Gedankenwelt mit puritanischem Fanatismus versieht, welche das Neue in der Frechheit des Ganzen und Großen nicht anders auffassen kann, denn als eine Störung des mühsam Umzaunten, als eine Feindseligkeit, als eine Immoralität. Der Gesichtskreis ist durch die nahen Hügel eingeengt, das Genie, was stets feindlich auftritt, denn die neue Schöpfung ist ein Feind der alten, wird vom engen Gesichtspunkte aus verketzert; Schiller erschreckte zuerst die Schwaben am meisten, seine Landsleute, mußte fliehn, und ward erst anerkannt von ihnen, als er geläufig worden war; Hegel, der Schwabe, hat in Schwaben keinen Freund und die meisten Feinde; Goethe heißt im Schwäbischen heute noch so viel wie Immoralität; die Ernüchterung der Religion, welche sich vor dreihundert Jahren geltend machte, ist in den schwäbischen Hütten jetzt so weit, daß Bucerus zugestehn müßte, man ist nüchtern genug. Die 284 trocken feindliche Stellung gegen alles fortgreifend Moderne ist bei uns vorzüglich eine schwäbische, das Bischen Politik darf uns darüber nicht täuschen; ein Instinkt hatte Edward in diese Atmosphäre geleitet. Aber sie konnte ihm nichts mehr helfen, im Kampfe gegen Modernes hatte er selbst modern, das heißt mit neuen, eignen Mitteln spekulirt in der Erziehung seines Kindes, und dieser Widerspruch hatte sein Gebäude zertrümmert. Wie bei ihm kann einst in Schwaben eine heftige Katastrophe bevorstehn, um das Gleichgewicht mit der modernen Welt zu gewinnen. Zunächst wirkte die Einsamkeit des Schwarzwaldes mit ihrer stillen, nachhaltigen Macht: die drei Menschen lebten sich in einige Ruhe hinein, Tom glaubte zwar, sein Herr und seines Herrn Tochter hätten ein Splitterchen im Kopfe, aber er wollte sie in der Krankheit nicht verlassen. Edward ist rasch älter geworden, ein wenig tiefsinnig, aber freundlich und sanft, nahe am Sterben. Er hat es aufgegeben, die Welt allein, aus einem einzelnen 285 Gedanken heraus bekämpfen zu wollen, er sagt zu seiner Tochter: Vergieb mir Kind, ich habe dich unglücklich gemacht, es ist nicht richtig mit uns Beiden, weil wir zur Welt nicht passen, und daran bin ich schuld. Nell weint oft in der Waldesstille heiße Thränen, sie sehnt sich, sie sehnt sich und glaubt sich verworfen, ihr Herz wimmert nach Liebe, die schwarzen Tannen rauschen sie aber stets wieder in ein weinendes Friedensgefühl. Der Schwarzwald heilt langsam, aber er heilt. Wenn ein tüchtiger Mann über den Kniebis reis't, und, von Baden heraufkommend, rechts in ein tiefes Thal steigt, den nächsten schwarzen Berg überklettert und wieder hinabsteigt, dann sieht er das weiße Mädchen am kleinen Bache sitzen; er kann ihr die Welt wieder geben. Edward ist gestorben, Tom ist müde, sie wächs't und blüht durch die Einsamkeit immer noch gesund weiter, sie schmachtet nach der großen Weltsonne, aber sie verschmachtet nicht, der Wald läßt sie nicht verschmachten. Er enthülle ihr den Irrthum Edwards, nehme sie an 286 sein Herz, trage sie hinaus in die Ebene, lehre sie die leichtesten Bedingungen, welche die Welt an den Einzelnen macht, sie wird sich finden, sie wird wieder lachen, den Wahnsinn von der flachen Hand blasen, sie wird mit der gesammelten Kraft einer Schwarzwaldseinsamkeit den Retter lieben, sie wird beglücken und beglückt sein. Das eine Wort hat das Unglück gemacht: die Absonderung, die Einsamkeit ist ein Labsal, ist eine Zuflucht, aber die gebärende, treibende Welt hat nicht Unrecht, und diese Welt ist die Macht. Hat keiner von den Lesern den Muth, die Lust und das Zeug, sich aufzumachen, diese verzauberte Prinzessin des Schwarzwaldes zu lösen? Rechts vom Kniebis durch's Thal und über den Berg hinüber! Macht Euch auf! Wenn Ihr Liebe bringt, wird sie empfinden, daß sie nicht verworfen sei, denn Liebe rechtfertigt Alles. Macht Euch auf! 287     Stuttgart und die Schwaben. Offen gestanden, ich weiß eigentlich nicht recht, wie ich zu den Schwaben gekommen bin. Schon jenseits des Schwarzwaldes auf der Pfälzer Seite sind Schwaben – wir kamen Mittags in ein kleines Städtchen am Fuße des Gebirges, es hatte geregnet und die Sonne schien weiß, kirchlich still war's in der schlecht gepflasterten Straße, selten kam ein Handwerker von seiner Arbeit an's Fenster, um nach dem fremden Wagengeräusch zu kucken, eine Post gab's hier gar nicht, in einem alten Wirthshause sollten wir nach Pferden fragen. Das Wirthshaus war todtenstill, mit Mühe fand ich die dicke, etwas 288 schmutzige Wirthin aus den wüsten Winkeln des Gebäudes heraus. Das war eine Schwäbin: gutmüthig, verwundert, unerfahren, vor preußischem Papiergelde erschrack sie ernstlich, dergleichen habe sie niemals g'sehn, und daß ich diese Papierzettel für Geld ausgeben wollte, erschütterte ihren Glauben an meine Solidität völlig. Ich flüchtete mich zum Golde; ja, in der Franzosenzeit hatte sie ein Paar Napoleonsd'or von Weitem erblickt, aber zum Friedrichsd'or schüttelte sie ungläubig das Haupt. Die Lage war schlimm; es ward zum Krämer des Oertchens gesendet, er ließ zurücksagen, das sei wohl Geld, aber hier zu Lande könne man's nit brauche. Der hohe Berg, welchen wir passiren mußten, hieß der Kniebis, und weil dort schon viel Schnee liege, mußten vier Pferde vorgespannt werden. Der Schnee fand sich auch wirklich, wir fielen bis an die Achsen hinein, und es gewährte einen eigenen Kontrast, daß die Sonne noch warm schien, daß grün und lachend tief unten das Land hinüberlief nach Frankreich, und daß nur einzelne melancholische, 289 mit weißen Schneespitzen behängte Fichten uns begrüßten. In diesem Winter wurde es Nacht, es ging bergab und immer bergab, und stundenlang, und der Winter hörte nicht auf, obwohl die Welt noch nichts vom Winter wußte, tiefe Todtenstille lag starr umher, auch Pferde und Wagen glitten geräuschlos, gespenstisch dicht an den Abhängen hin. Plötzlich ging es gar wieder bergan, und das verschneite Städtchen Freudenstadt nahm uns auf. Wieder gutherzige Schwaben, denen preußisch Papiergeld ein Schrecken war. Nach dem Süden hinunter hebt und senkt sich weithin das Gebirge; in diesem Oberlande, dessen »rauhe Alp« Gustav Schwab gepachtet hat zu allerlei Beschreibung, da wohnt der arme Schwabe, welcher hölzerne Uhren macht oder Quirl und Kochlöffel, der pietistisch wird, weil er nicht viel Anderes zu thun und sehr wenig zu essen hat, weil er den Himmel nie anders gesehn als streng und versagend. Im Vordergrunde dieses Oberlandes, an den Hängen der Alp bis zu den Blicken nach der Schweiz 290 hinauf hängt über Schwaben ein regenschwerer, trüber Protestantismus, den nur hie und da die frische Urkraft des Lebens unter diesem kernigen Volke durchbricht wie ein Sonnenblitz. Erst am See, wie man ohne Weiteres den Bodensee nennt, wo das Land weich und ergiebig wird, da hat sich auch ein heitrer Katholizismus erhalten. Der Gegensatz zwischen Schlesien und Schwaben, diesen Grenzlagen Deutschlands ist hierin frappant: in Schlesien ist der düstere, zurückgebliebene Theil katholisch, in Schwaben ist die Düsterheit, der magre, dogmatische Ernst, die Armuth und Strenge beim Protestantismus. Bergauf, bergab ging es in der Nacht weiter das Hügelland entlang, von kleinem Städtchen zu kleinem Städtchen, die hier überall zu finden sind, als ob man einen Sack voll Kreuzer ausgeschüttet hätte. Jeder Posthalter nöthigte uns ein überflüssiges drittes Pferd auf, weil die »Steig« zu hoch sei; Steig nennen sie den Berg; und als der Morgen kam, und die grüne Erde längst wieder gewonnen war, fuhren wir die letzte Steig hinunter. 291 Stuttgart dampfte unten im engen, ringsum geschlossenen Bergkessel, wie das Endsiegel des Oberlandes, die Vermittelung zwischen Ober- und Niederschwaben. Aus dieser Vermittelung, welche einige schwäbische Striche an Baiern und Baden gelassen hat, ist das feste, markige Würtemberg entstanden, das eigentliche Stammland Süddeutschlands. Wenn in Norddeutschland das Wort Schwaben genannt wird, so haben die Leute gar keine feste Vorstellung, was damit gemeint sei; an den schwäbischen Kreis erinnern sich nur noch Wenige, welche vor 1806 in die Schule gegangen sind, und der schwäbische Kreis im deutschen Reiche war selbst noch etwas ganz Anderes als Schwaben. Reis't vom Fichtelgebirge hinüber bis Frankfurt, bis an den Rhein, und Ihr habt das alte Franken durchschritten; was wir auf der Landkarte unterhalb davon nennen, was aber eigentlich nach den Alpen hinauf sich hebt und oberhalb zu nennen wäre, das ist Schwaben bis nach der Schweiz und Tirol hinein. Davon mögt Ihr östlich ein kleines 292 Gebiet der wilden Baiern abziehn, und westlich den Rheinstrom entlang die schöne Rheinpfalz ausnehmen. Mit dieser letzteren Ausnahme ist aber schon große Vorsicht nöthig, der Schwarzwald und Odenwald, welche hier die Grenze bilden, sind keine strenge Trennung gewesen, der schwäbische Sprachton ist oft noch weit darüber hinaus gestiegen. Der Name Schwaben und der Stamm dieses Volkes wird von den Sueven, den schweifenden, abgeleitet. Wenn man nicht in besondere Anrechnung bringt, daß heute noch aus diesen Gegenden Viel nach Amerika auswandert, so ist nicht viel Schweifendes von den Ahnherrn übrig geblieben, das Volk hat sich im Gegentheile sehr festgeklammert an alten Boden und alte Sitte. Man rühmt den Sueven aber auch nach, daß sie großen Respekt vor dem weiblichen Geschlechte im Herzen und Betragen gehegt hätten, und die Freunde der Analogie behaupten, der Schwabe sei deßhalb heute noch sehr blöde, und die Keuschheit würde nicht nur gelehrt, sondern geerbt. Es giebt nichts Keuscheres als die 293 schwäbischen Dichter, sie leben und dichten von der Ahnung eines Kusses, es ist möglich, daß ihr Hauptdichter Uhland niemals geküßt hat, und eben darum ein so guter Dichter geworden ist; denn der Genuß ist bekanntlich für den Menschen sehr angenehm, aber der Dichter gedeiht in der Entbehrung, man besingt viel besser was man wünscht, als was man besitzt. Gustav Schwab wäre viel größer geworden, wenn er nicht dick geworden wäre. Ueber diesen suevischen Grundstamm ergossen sich später die Allemannen; sie sind der eigentliche Lebensstamm Süddeutschlands; der alte Suevenrest, noch heute der Kern von Schwaben, drückte sich fest zwischen dem Schwarzwalde und der rauhen Alp. Das Land im Großen hieß Allemannien und gehörte zum mächtigen Frankenreich. Dann zerspaltete es sich in einzelne Herrschaften, die als Lehen zum deutschen Reiche gehörten, und mit dem Anfange des zwölften Jahrhunderts erst in eine vorzügliche Bedeutung heraustraten. Da nämlich war auf jener Burg, welche am nordöstlichen Winkel der rauhen 294 Alp liegt, ein großes Fest, der Herr von Hohenstaufen war von Kaiser Heinrich zum erblichen Herzoge von Schwaben ernannt, weil er ihm treulich beigestanden hatte gegen den Gegenkönig Rudolph von Schwaben. Es gab harte Kämpfe, Allemannien zerfiel, die Zähringer, welche noch heute in Baden regieren, nahmen für sich die Distrikte nach der Schweiz und nach Burgund hin, Welf sonderte sich Baiern ab, und die Hohenstaufen wurden Herzoge von Schwaben. Hier auf dem Staufenberge begann, wogte, sang und turnirte von nun an das eigentlich blühende deutsche Mittelalter, was jetzt im Kloster Lorch, der Hohenstaufengruft, begraben liegt, die Zeit der Minnesänger, die Zeit der Ghibellinen. Der Mittelpunkt war Schwaben, und die Folgen davon sind noch heute der Mittelpunkt Süddeutschlands. Die Ghibellinen nämlich waren die Blüthe und der Tod des Mittelalters, sie kämpften auf den Tod gegen Adel und Kirche, die Souverainetät war ihr Ziel, deßhalb hoben sie den Bürger, schufen die Schaaren von 295 Reichsstädten, von kleinen Bürgermächten, und an dieser Schaar ist Süddeutschland als große öffentliche Macht zerknickt worden. Hier von der schwäbischen Alp aus wurden die Herrscher versendet, welche heut noch regieren: Welf von Baiern war besiegt, und die Hohenstaufen setzten das Haus Wittelsbach ein, die Grafen von Würtemberg hatten treu zu den Ghibellinen gehalten, sie wurden vergrößert, der Graf von Zollern ward zum Burggrafen von Nürnberg gemacht, Rudolph von Habsburg zum Ritter geschlagen, kurz, die Herrschaften Baiern, Würtemberg, Preußen, Oesterreich wurden vorbereitet; jetzt sind sie mächtig, aber die Stauffenburg liegt in Trümmern, das Geschlecht der Ghibellinen ist vom Erdboden verschwunden, die großartigen schwäbischen Kaiser haben dem Schwabenlande nur ihre großen Anfänge und ihre Gebeine zurückgelassen. Daran hat sich das Land geklammert, statt selbst zu erfinden und zu schaffen, und so ist's gekommen, daß man heute das, was Schwaben heißt, antiquarisch zusammen suchen muß. 296 Ausführlich und gründlich ist dies historisch-politische Moment Süddeutschlands in dem bedeutenden Buche Gustav Schlesiers »deutsche Studien, I.« nachzulesen. Eins bleibt ewig für uns zu beklagen, daß die sangesweiche allemannische Zeit so wenig Spuren in unsrer Sprache zurückgelassen hat. Unverbunden mit uns steht jener Minnekodex in der Bibliothek, Leute, welche selbst nicht singen können, plagen uns mit dem Generalbasse alter, deutscher Poesie, aber von den sammt- und seidnen Liedern des alten Schwabens, das heißt des alten Süddeutschlands, ist leider nur zu wenig in unsre Redeweise gerettet worden. Norddeutschland bemächtigte sich mit der Reformation unseres Ausdrucks, Luther erfand und siegelte das Deutsch, was wir noch heute reden, und solchergestalt ward das sächsische Idiom von den Harzabhängen souverain. Allerdings war der Schwabe Melanchthon neben ihm, aber er war doch fast nur in Bretten geboren, und übrigens in den klassischen Orten der Römer, Griechen und Hebräer erzogen, 297 und er war übrigens zu sanft. Wenn es an's Erobern geht, da bleiben die weichen Hände zurück. Viele Leute wissen es gar nicht, wie wir zum täglichen Brote allemannische Endvokale und Wechselungen brauchen. Das Schicksal hat sie nicht für uns gewollt, Schwaben ist keine überwältigende Macht mehr geworden, die Eberhard, der Erlauchte und der im Barte, Friedrich, der selbst Napoleon trotzte, haben ein Würtemberg, ein Kompendium Schwabens gerettet, aber Süddeutschland war als herrschendes Reich nicht mehr zu retten. All unsere Vorzüge sind dort herrschend geblieben wie unsre Fehler, es ist heute noch eine Taschenausgabe des deutschen Reichs: man ist muthig, gesund, wohl versehen, man ist idealistisch im Großen, materiell im Kleinen, aber man hat keine Brücke zwischen Beidem, jeder Einzelne will herrschen, jeder kleine Stamm was Besseres sein, das Wort deutsches Vaterland ist sehr beliebt für Mittagessen und Trinkgelage, man hat große Worte und gute Herzen, aber die Sympathie, die Existenz, das wirklich lebende 298 Bewußtsein einer Provinz. Weil wir stets Provinzen waren, sind wir das Deutschland einer Landkarte geworden. Süddeutschland, weit reicher, ausgebildeter im Einzelnen, mannigfaltiger, hat uns diese Bestimmung als Siegel aufgedrückt; unsere politische Partikularität, unsere Klique stammt von dort; der Norden ist oberflächlicher aber umfassender, nach dem Weiten hin energischer. Wenn Deutschland nicht eben darin seine Bestimmung hat, die große Gedankenwerkstatt für Europa zu sein, und eben keine handelnde politische Bestimmung zu haben, so geht die eigentliche Macht und Herrschaft sicherlich einmal vom Norden aus. Er mag nicht so saftige, ausgearbeitete, genußfähige, gemüthsreiche Menschen haben als Süddeutschland, das sei zugegeben; dafür hat er schnellere, entschlossenere, und es kann sich einmal zutragen, daß der Süden mit einer Bürgermeisterwahl nicht fertig wird, wenn der Norden die Schlacht bereits schlägt. Betrachtet das Terrain, wo doch durchschnittlich noch von der Leber herunter gesprochen und agirt 299 werden kann, die Dichtkunst in Versen, das, was Gustav Schwab Dichtkunst nennen würde: die Schwaben, gesegnet mit manchem glücklichen Talente, worüber wir uns mit ihnen freun, haben eine Bannmeile um sich gezogen, und Gustav Schwab, weil er blos eine Sylbe weniger ist als ganz Schwaben, hat sich zum Schwabenvogt gemacht gegen Alles, was im Norden den Frühling besingen will. Dieser wohlgenährte Gymnasialprofessor, welcher Uhland, den körnigen, quellfrischen Uhland so geläufig kopirt mit einem hübschen Provinztalente, dieser Herr Schwab ist der pruhstende Repräsentant alles dessen, was schwäbelt. Er verwaltet ganz im Stillen die deutsche Literatur in Stuttgart, und schützt sie vor zudringlichen Geistern; dabei befindet er sich sehr wohl, und trägt seinen Stern unter der Weste; auch die deutsche Literatur befindet sich sehr wohl, sie hat nichts zu thun als den Sonnenuntergang zu beschreiben und wie die Veilchen blühn, und wie Herr Eberhard im Barte über Land geritten sei Es ist die deutsche Literatur im schwäbischen Ausgedingstübchen. 300 Dieser schwäbische Ton ist uns, allen Ernstes gesprochen, lieb und werth, aber es ist ein Ton, eine Melodie; man will doch nicht das ganze Jahr den schönen, grünen Jungfernkranz hören, und die Bescheidenheit, welche durch die schwäbischen Verse in unsrer Dichtkunst dargestellt wird; die Bescheidenheit ist recht gut, aber man ist doch noch nicht besonders viel, wenn man bescheiden ist. Herr Schwab hat vorigen Jahres mit dieser Bescheidenheit dem alten Chamisso erklärt, daß die Schwaben kein einziges Lied zum Musenalmanache geben würden, wenn Heine's Bildniß dahinein käme, und die Bescheidenheit hat Wort gehalten. Wenn der Herr Professor Schwab je erfahren sollten, daß der Dichter Heine außer einigen Maiblümlein an der rauhen Alp noch eine ganze, neue Welt für den kleinen Vers gewonnen und nicht blos mit ein wenig anders taktirten Noten eben so gesungen habe, wie von jeher gesungen worden ist, wenn sie das je erfahren sollten, dann wird die Bescheidenheit seines Liedes noch deutlicher zu sehen sein. 301 Indessen, man muß billig sein, die Armee der schwäbischen Verse, deren Profoß und Quartiermeister Gustav Schwab ist, ward am 4. Oktober 1831 von einem Wetterstrahle betroffen, welcher dem Profoß so unerwartet auf's Haupt gefallen ist, daß man nicht mehr sagen kann, die Aeußerungen desselben seien vom Jahre 1833 an ungestört. 1833 nämlich ward die Goethesche Kabinetsordre an Zelter bekannt, worin er sagte, es werde ihm beim Lesen der schwäbischen Schule armselig zu Muthe, und er enthalte sich solcher Büchlein, um sich vor deprimirenden Unpotenzen streng zu hüten. »Aus jener Region«, sagt er, »möchte wohl nichts Aufregendes, Tüchtiges, das Menschengeschick Bezwingendes hervorgehn. So will ich auch diese Produktion nicht schelten, aber nicht wieder hineinsehn. Wundersam ist es, wie sich die Herrlein einen gewissen sittig-religiös-poetischen Bettlermantel so geschickt umzuschlagen wissen, daß, wenn auch der Ellenbogen heraus guckt, man diesen Mangel für eine poetische Intention halten muß. Ich leg' es 302 bei der nächsten Sendung bei, damit ich es nur aus dem Hause schaffe.« Einzelnes in diesem Worte ist sehr hart, und Goethe würde es wahrscheinlich anders gefaßt haben, wenn er es für die Oeffentlichkeit geschrieben hätte. Der Kampf gilt ja nur der Anmaaßung; dies Dichtungsleben, was eine nicht eben ungewöhnliche Anregung der Natur enthält, eine historisch-romantische Sehnsucht mit glücklichen weichen Worten ausdrückt, hat in diesem kleinen Kreise seinen Werth; Uhland besonders hat in diesem Kreise einzelne Lieder gemacht, so schön wie Goethes Lieder aus guter Zeit; aber haltet auch die Forderung in diesem Kreise. Dies Bergterassenthal Stuttgart, diese kleine Residenz mit ihren einzelnen, reizenden Vorzügen, mit ihren bescheidenen Laubhäusern und Baumgruppen, die mit Euch nach dem spröden, von Euch abgewendeten Neckar dürsten, diese große kleine Stadt, wo sich Alles kennt, wo der Fremde in einer Familie die Neugier und Forschung des ganzen Orts rege macht, diese Berge, welche in Eure Schlafzimmer steigen 303 mit Wald und Käfer, diese Markttage, welche alle Gestalten und Antheile Schwabens zusammenführen – das ist Eure Welt. Sie bringt Ihr uns in Euren Liedern, dies dunkle Schwaben, was aber nicht hinaus will, was allein Schwaben sein will mit der Sphäre des Gedankens, des Empfindens, jeglichen Anspruchs; in diesem Kleide müßt Ihr aber auch nur Geltung verlangen. Die große Welt der Kühnheit, der Entdeckung, sie liegt draußen von Euch, sie liebt Euch, sie achtet Euch, sie hofft auf Euch, auf den tiefen Born Eurer Bestimmung, auf die dichte Kraft Eures Kerns. Aber Ihr wohnt im kleinen Thale, Ihr seht das Nächste fest und schön, aber Ihr seht nicht weit, verlangt nun auch nicht das Unpassende, wollet nicht ein herrschender, tonangebender Leuchtthurm sein! Ihr seid es nicht, Ihr leuchtet romantisch violett-blau im Thale, darin liegt Eure Welt; Gutzkow hat Euch geärgert, aber er hat ganz Recht mit seinem Ausdrucke: es ist Weltschmerz für Euch, vom Spaziergange keine neuen Gleichnisse mitzubringen. 304 Wir wollen indeß nicht übertreiben, der dicke Held der Maikäfer-Klique, Gustav Schwab, hat nicht Alles unter der feisten Hand; Schott, ein sehr würdiger, achtungswerther Repräsentant hält ein Haus von anderen, wichtigeren Formen, und Paul Pfizer, ein feiner, scharfer und thatstarker Geist ragt allein wie König Saul einen Kopf hoch über alles Volk empor. Hier ist eine stolze, allgemeine Bildung, eine große, kühne Spekulation, er ist jetzt der einzige Schwabe, welcher den »Briefwechsel zweier Deutschen« schreiben kann. Es ist sehr zu beklagen, daß sich seine Kultur auf Parteistandpunkten gesammelt hat, und darum bei aller Größe einen sauren Beigeschmack behält, nicht sowohl schaffen als bessern will, und für die freie Goethesche Welt des nach außen geoffenbarten Lebens kein empfangendes, sondern nur ein geistreich mäkelndes Herz besitzt. Der puritanische Dampf schwäbischer Thäler hat auch diese stolze Brust genährt, und den Hauch derselben grau gefärbt; es ist auffallend, daß ganz Schwaben, auch in seinen geistreichsten, frischesten Männern die Freude 305 verfolgt, die Freude, welche rücksichtslos, Athem der Gottheit, rothe Farbe des Lebens ist. Jede wird nach ihrem moralischen Passe gefragt; die Moral in Ehren! aber sie ist die höhere Polizei der Bildung; die Poesie ist uns noch eine Rettung drüber hinaus, wo auch die höchste Polizei aufhört. Wo der Idealismus quält und unpraktisch ist, da habt Ihr ihn, wo er nöthig wäre für unsre kurze Ewigkeit, da verliert Ihr ihn – trauriges Schwabenthum! 306     Schiller in Stuttgart. Bei allen Ausstellungen, die man diesem Volksstamme macht, bei alle dem, daß man den Schwaben harthörig, starr, kleinstaatlich, kleinstädtlich, hausschüchtern, haustrotzig, hausbornirt, philisterhaft nennt, bei alle dem ist er der kernigste, innerlichste, schöpferischste Stamm des ganzen Oberdeutschland ein Stamm, der alle Rinde, allen Reif und alles Mark eines Urstammes besitzt, und nach langem unscheinbaren Hinbrüten immer plötzlich wieder eine volle geharnischte Potenz aus seinen düstern Winkeln wirft. Solche stahlbedeckte Potenzen, für deren Ahnherrn die Hohenstauffen leicht erkannt worden sind, 307 zeigt uns die Geschichte mannigfalt, wie sie aus diesen braunen Hügeln und schwarzen Waldbergen aufsteigen und titanenartig über unser Vaterland hinschreiten. Der Schwabe wird nicht vor vierzig Jahren klug, sagt das Sprichwort, und damit wird allerdings das harte Gestein dieses Menschenschlages hart bezeichnet; aber mit vierzig Jahren wird er klug, dessen kann sich nicht jeder Andere rühmen, und wenn ein Schwabe vor vierzig Jahren klug wird, so ist er sehr klug. Die Bezeichnung ist genauer aus dem speciellen Sinne des Wortes klug zu erklären: ein gewandter Weltverstand, ein geschmeidiges, wendungsreiches Element des Geistes, das ist in Schwaben nicht zu Hause, aber wenn seine Potenz sich offenbart, so geschieht es gewaltiger als in der Klugheit; zur kleinen Schlacht, zum raschen Schleudern der Wurfgeschosse, zu Wendungen und Manövern ist der Schwabe nicht geschickt, aber er schleudert ganze Felsen und Gebirge, wenn sein Geist aufbricht. 308 Darum ist es allerdings ergiebiger und amüsanter, von den Schwaben zu hören, zu lesen und zu lernen, als in ihrer Mitte zu sein, wo der schwere Geist dumpf und für den Augenblick unergiebig kreiset; der Schwabe ist am liebenswürdigsten und größten, wenn man ihn nicht sieht; vielleicht auch, wenn man ihn in nächster Nähe sieht. Das Letztere weiß ich nicht aus eigner Erfahrung, das Erste hab' ich erfahren. Schiller war ein Schwabe; hier in Stuttgart ist seine Poesie zur Welt gekommen, und ein Herr von Scharffenstein hat auf die liebenswürdigste Weise diese Zeit der Wehen und der Geburt erzählt, wie sie nach außen hin sich gezeigt haben. Er war ein Vertrauter Schillers aus der hiesigen Karlsschule, und es ist aus dieser Mittheilung rührend anzusehn, mit welcher schweren Gewalt sich der große Genius losringt und die harte Schwabenschale zu sprengen trachtet. Die Länge des Bergkessels hinauf, in welchem Stuttgart liegt, zieht sich die Hauptstraße der Stadt, 309 die Königsstraße, wo ein Paar Haupthäuser des Ortes liegen, das Haus Cotta, das Haus Seydelmann. Nach der Absenkung zu breitet sich rechts hinein, wenn man von oben kommt, ein breiter flacher Platz, an dessen Enden liegt das Schloß, das Theater und alles Nebengebäude, was in diesen Bereich gehört, darunter auch das, was früher Karlsschule war, und wo Schiller ein Dichter ward. Dahinter breitet sich der Park nach der Thalöffnung hin, wo man, etwa eine halbe Stunde entfernt, dem Neckar bei Kannstadt begegnet. Dieser Weg durch den Park nach Kannstadt ist die bequemste und gesuchteste Spazierfahrt. Die Wagen rollen dabei unbehindert zwischen den Flügeln des Schlosses hindurch, dicht unter den Fenstern des Königs vorüber, der parterre wohnt, und hier ist auch ein stiller, schattiger Platz, der für das Standbild Schiller's vorgeschlagen ist. Das Schloß mit seiner Umgebung sieht von der Königsstraße aus behaglich vornehm aus, ohne weitere Ansprüche zu machen; vorn auf der Façade steht eine Krone, deshalb nennen die 310 mediatisirten Herrn, welche hier zu Hause sind, und denen die moderne Souverainetät sehr kostspielig und darum nicht so ganz liebenswürdig geworden ist, sie nennen diesen Schloßherrn, welcher ihr Souverain, den Kronenwirth. Diese wohlfeile Entschädigung für verlorene Herrschaft wird ihnen Niemand mißgönnen. Wenn die Sonne scheint, sieht der Schattenplatz, wo man Schiller aufstellen will, tröstlich über den Platz herüber, und es sollte mir leid thun, wenn die Statue nicht dahin käme, wie eine dagegen erhobene Opposition möglich zeigt – der Dichter wäre so nahe an der geplagten Wehenzeit, aller Lohn ist doppelt groß, wenn er Angesichts des Ueberstandenen oder Geleisteten genossen wird. Ein Lob in Amerika für die That in Deutschland ist ein verwelktes Blümchen, was fern von mir in mein Stammbuch gelegt wird; ein Lob von Aug' zu Auge, das ist ein frischer Strauß, eine lebendige Liebeserklärung, wo Augen und Lippen wirklich winken, ein Genuß aus erster Hand. Ein Denkmal ist ein Sinnbild des Genius, der Schillersche soll hier den Raum der trocknen 311 Karlsschule neben sich sehen, wo er geschmachtet und gerungen hat, dieser Anblick ist die Grundlage aller Gelingensfreude, hier neben dem Schooße, neben der Wurzel sieht man ganz, und der Genius genießt's in einem Zuge, wie hoch aus kümmerlichem Boden der stolze Baum geschossen sei. Herr von Scharffenstein kann gar nicht genug beschreiben, wie das kein Mensch von Schiller erwartet habe. Der Genius hat so wenig von sich merken lassen, daß der Aufseher just auf den armen Friedrich ein besonders ärgerliches Auge geworfen, ja wegen mangelnder Waschbeflissenheit sich zum Oefteren des auffallenden Wortes »Schweinpelz« bedient hat, was billigerweise jede für Schiller schwärmende Dame sehr irritiren muß und zu den »Göttern Griechenlands« nicht passen will. Außerdem wird die dichterische Jünglingsgestalt durchaus einem Storche ähnlich beschrieben, mit langen magern Armen und ditto Beinen, welche letztere mit weiß angestrichenen, äußerst schmalen Hosen und mit Kamaschen bekleidet gewesen. Selbige Kamaschen hätten 312 das Unglück gehabt, durch untergelegten Filz ein Unterbein zu erzeugen, welches den Schenkel an Umfang und Dicke übertroffen habe; auch der Hals sei lang und mager präsentirt worden; setze man nun die Fäustchentoupees über die Ohren, und den starren, hartnäckigen Zopf an das Hinterhaupt, so erkenne man wohl, was der Genius für Arbeit gefunden habe, stolze Grazie durchzudrängen. Eine weiße Papagaiennase, rothe Augenbrauen, zusammengehend über tiefe, dunkelgraue Augen, haben das Gesicht beherrscht, aber just in dieser Partie habe von früh auf pathetischer Ausdruck gelegen. Die Lippen waren dünn, die untere stand, wie in der habsburgischen Familie, etwas vor, und darin sei beim Sprechen viel Energie ausgedrückt worden. Das Kinn war stark, die Wangen blaß und eingefallen, von Sommerflecken betupft, die Augenlieder waren meist entzündlich geröthet, das Haupthaar sah buschig und roth aus, aber von der dunklen Art. Der ganze Kopf, mehr geistermäßig als männlich, hatte Energie; die Stimme war kreischend und 313 unangenehm, und er beherrschte sie so wenig wie sein Gesicht. Rechnet man hierzu den bedenklichen, schwäbischen Accent, dem er sehr hingegeben war, so erklärt sich wohl, wie die Vorlesung seines Fiesko in Mannheim unglücklich ausfallen konnte. All seine Hoffnung war zunächst auf Annahme und Darstellung dieses Stückes gesetzt, als er von Stuttgart dahin geflohen war; die bedeutendsten Schauspieler hörten zu, und immer einer nach dem andern schlich sich fort, jeder erklärte, an dem Stücke sei gar nichts, und es sehe dem Verfasser der Räuber ganz unähnlich. Wie sauer hat's ihm die Welt gemacht, dem Trefflichen, mit dem, was ihn äußerlich ausrüstete, mit dem, was ihn von außen empfing; wahrlich, er mußte eine eigens erfundene Welt heraufbeschwören, um eines Glückes, einer Begeisterung theilhaftig zu sein. Betrachtet dies äußere Wiegenerbtheil Göthes und Schillers, das glückliche Aeußere, die 314 nachgiebige leise spornende Umgebung des Frankfurter Patriziersohn's, das ungünstige Außenzeug des Karlsschülers, der im unlockenden Getriebe einer Militairschule aufwuchs, und ihr seht mit eigenen Augen, wie die eine Bahn eben und glücklich, die andere stürmisch, nach Aeußerstem, oft nach Unmöglichem greifend werden, wie sie an den Idealismus gewiesen sein mußte. Wenn der Mensch nichts hat, dann schafft er das Kühnste, der Idealismus ist das natürliche Erbtheil irdischer Armuth; darum ist auch das Unglaubliche immer unter den niedrigen Ständen erfunden worden, die höheren bilden mehr, der Plebs zeugt die meisten Kinder. Der Genius pochte, wie zumeist, oppositionell in Schiller; die Welt war ihm erschwert, der Bestand der Gesellschaft, die ihn nicht schaukelnd aufnehmen konnte, war also das Nächste, was er bekämpfte, und aus dem innern Kampfe wuchs die erste That. Schiller begann revolutionär, wie beinahe jedes Genie, seine Bekanntschaft mit der Welt, 315 mit welcher seine Bildung wuchs, hat immer eine Concession nach der andern gemacht, bis sie mit einem Schauspiele schloß, mit dem Wilhelm Tell, was auch den äußeren Schauplatz einer Revolution brachte, und in der Revolution die loyalsten Unterthanen, die bescheidensten Ansprüche verherrlichte, so daß die Urheber des Aufstandes konservativer erscheinen, als die Herren, gegen welche der Aufstand gerichtet ist. Ein sanfter Roman, dem als Titelkupfer eine Schlacht vorgebunden ist, welche ein Durchreisender des Buches nebenher erzählt. So war Schiller am Ende von der Welt besiegt, daß die wirklich historische Revolution unter seinen Händen ein Kuhreigen wurde! Und wie begann er? Wir wollen ein Buch machen, sagte er zu seinem Kameraden, aber ein Buch, das absolut vom Schinder verbrannt werden muß! Ja, die Welt ist tief gefügt, und hat eine überwältigende Kraft. 316 Er verkehrte auf der Karlsschule allerdings intim mit einigen Genossen, aber sein Herz war von frühauf so zart besaitet, daß er durch Unscheinbares tödtlich verletzt wurde, und sich zuweilen ganz und gar zurückzog. Wegen äußerlicher Dinge gescholten, verspottet, von den Freunden falsch angefaßt, kroch er stolz in den Winkel seiner geheimsten Welt, seiner geheimsten Wünsche; diese ideelle Isolirung nährt seine Schwärmerei, leitet sie immer mehr in's Außerordentliche, giebt von vornherein die Richtung, und die Blödigkeit, die Unkenntniß der Gesellschaft setzt sie fort. Zu seiner frühen Lieblingslektüre gehörten Plutarch, Shakespeare und – Göthe. Aber Werther that ihm weniger; dem Leiden sich hinzugeben paßte nicht in seine Natur und sein Verhältniß, ihm mit dem Degen entgegenzutreten, das lag in ihm. Beaumarchais im Clavigo, das war seine Freude, Schubart's Fürstengruft erquickte ihn, und er pilgerte mehrmals auf den Asperg hinauf, wo der unglückliche Dichter gefangen saß, um dessen 317 Bekanntschaft zu suchen. War es das genirte Verhältniß, was einen Herzenserguß nicht leicht zuließ, oder fand er im Dichter nicht, was er im Gedichte fand, es kam zu keiner eigentlichen Annäherung. Merkwürdigerweise war ihm von den übrigen damals wogenden Dichtern Uz, dem die Literaturgeschichte nicht so günstig gewesen ist, lieber als Klopstock. Als er nun aus den vorbereitenden Klassen zu einer Facultät gehen sollte, wäre Schiller am liebsten Theologe geworden, da es nun aber einmal Medizin sein mußte, griff er es mit seinem ganzen Feuer an, und war Anfangs ein ganz ernstlicher Mediziner, der Kraftkuren unternehmen wollte. Diese mißlangen aber, und die Sache wurde ihm leidig. In Ludwigsburg hatte er das erstemal ein Theater gesehen, das war nicht mehr aus seinem Sinn geschwunden, der erste Wurf, die Räuber, geschah darnach, und das Theater blieb immerwährend seine lockend grüne Insel, ein angestellter Theaterdichter Herr eines Zauberreichs. 318 Mit Mühe und Noth hatte er die Räuber auf eigene Kosten zum Druck gebracht; es ward eine Vignette auserwählt, ein aufsteigender zorniger Löwe mit dem Motto: in tyrannos , und so erschien die erste Ausgabe auf förmlichem Fließpapier, wie eine leibhaftige Mordgeschichte aussehend. Das Geschäft wurde sehr schlecht betrieben, es verkaufte sich sehr wenig, und das leere unordentliche Stübchen Schillers war in den Winkeln mit Stößen von Räubern belastet. In diesem unbequemen Gemächlein saß sorgenvoll der Dichter, bis Scharffenstein oder Streicher kam, und man den Entschluß faßte, sich eine Güte zu thun: da wurde Kartoffelsalat bereitet und Knackwurst geholt. Hier ereignete sich's eines Tages, zwar zu großer Satisfaktion, aber auch großer Verlegenheit Schillers, daß ein fremder Herr in großem Wagen vorfährt, und dem Dichter der Räuber seine Aufwartung machen will. Es war Leuchsenring, den Varnhagen beschrieben hat; er tritt in die Parterreboutike, wo der Tabaksgestank schwebt, wo die 319 angestrichnen Hosen hängen, wo die Kartoffelreste und die Räuber im Winkel liegen. Es ist wenig bekannt, daß Schiller nach den Räubern noch eine Anthologie und ein Schwäbisches Repertorium herausgegeben hat, und über die entzückende Laura sind wir immer im Dunklen geblieben. Dies ist jetzt gelüftet – Hinrichs sagt bei der »Entzückung an Laura« »So lange die Liebe bloße Sehnsucht ist, wird sie von der Hoffnung und Furcht erfüllt; denn sie kann Gegenliebe werden und auch nicht.« Ei! »Wenn die Hoffnung in Erfüllung geht, wird die Freude darüber zum Entzücken.« Das ist sehr schön und gewöhnlich, auch hilft es der Laura nichts – sie war eine gutmüthige Hauptmannswitwe, nicht mehr ganz jung, mit der keine Hoffnung in Erfüllung ging, und die nur in Ermangelung einer Anderen besungen wurde. Es war damals Alles Idealismus. Als Schiller nach Mannheim durchgegangen war, galt er selbst für eine Art Räuber, für einen 320 überspannten Menschen, einen Thunichtsguts. Aber bei allem sonstigen Mißlingen wäre er dort beinahe gar zu einer Frau gekommen, er sollte in der Geschwindigkeit eine Tochter des Buchhändlers Herrn Schwan heurathen; der liebte ihn entweder sehr, oder er sah die Cottaschen Ausgaben voraus, was seiner buchhändlerischen Kenntniß alle Ehre machte. Von hier aus fand er das stille Asyl bei Frau von Wolzogen in Bauerbach. Dort am thüringer Walde überkam ihn endlich die lange vergebens ersehnte Stille und Ruhe, und war auch das Leben der Natur nicht das, was rasch, unmittelbar und immer zu seinem Geiste sprach – als er mit Streicher reis'te, ward er von diesem meist aufgeweckt aus seinen Träumereien, um eine schöne Aussicht zu betrachten – war auch der Mensch zunächst das Bewegende und Herrschende seines Wesens, doch gab ihm Bauerbach die ersten glücklichen Stunden ja er hat sie oft später noch die schönsten und glücklichsten seines Lebens genannt. 321 Professor Hinrichs hat zu dem uninteressanten Buche, worin er Schillers Gedichte wie ein Botaniker die Pflanze erklärt, eine interessante Vorrede gegeben, aus welcher hier manches Einzelne aus dem Leben des Dichters, und besonders aus seiner Beziehung zu Göthe entnommen wird. Er erzählt zum Beispiele, daß Göthe auch einmal mit dem Herzoge von Würtemberg durch die Karlsschule geschritten sei, und daß Schiller damals den Dichter zum ersten Male gesehn habe, freilich gefesselt an die obskure Schulbank. Von dieser Begegnung weiß man sonst nichts, sie müßte in jene oben erwähnte Reise gefallen sein, wo Göthe den Großherzog Karl August nach der Schweiz führte. Von Bauerbach ging er wieder nach Mannheim zurück, und wurde Theaterdichter; dies Ziel war also erreicht, aber mit einem so kläglichen Gehalte, daß die Existenz mehr denn kümmerlich war. Da kam die Nachricht, der Herzog von Weimar sei in Darmstadt zum Besuche. Schiller machte sich auf, 322 steckte ein Manuscript in die Tasche, und wollte versuchen, ob er zum Vorlesen, und damit zu sonst was käme. Erinnert das nicht an die Zeit der Meistersänger, wo die Poeten an ein Hoflager wanderten, damit ihnen ein Lob, ein Imbiß, eine Förderung werde? Hinrichs sagt, dies Manuscript sei der Don Carlos gewesen; das ist nicht wahrscheinlich, da er diesen, meines Wissens, erst später, größtentheils in Dresden geschrieben; dem sei, wie ihm wolle, er kam als Weimarscher Rath zurück, er fühlte sich mehr, nahm die Schauspieler schärfer vor, das gab Reibung, das Theater, was sich nicht über Nacht ändern wollte, ward ihm gleichgültiger, er gab die ganze Herrlichkeit auf, und pilgerte nach dem Norden. Als er von seinem Freunde Streicher Abschied nahm, versprachen sie sich, einander nicht eher zu schreiben, als bis der eine Minister, der andere Kapellmeister geworden wäre; der Weimarsche Rath trieb doch wohl etwas Spuk, wenn 323 auch diese dem Schillerschen Wesen fremden weltlichen Dinge bald wieder versanken. Er kam nach Leipzig, und wollte geschwind Jura studiren, er kam nach Dresden, er kam nach Weimar, wo Herder und Wieland ihn begrüßten. Auf einer neuen Fahrt nach Bauerbach traf er in Rudolstadt bei der Familie von Lengenfeldt seine künftige Frau und Herrn Göthe. Merkwürdigerweise ging es nicht über eine laue Begrüßung hinaus, Schiller hatte nicht seinen guten warmen Tag, und Göthe soll damals von schmerzlicher Sehnsucht nach Italien befangen gewesen sein. Hinrichs kommt hier auch darauf, wie verschieden diese beiden Männer aus der Mutter Schooße, aus des Vaters Hause entlassen worden sind, wie Göthe schon als kleiner Junge stolz und behaglich, sein Glück tragend, gravitätisch unter den hüpfenden Spielkammeraden umhergeschritten ist. Die Mutter habe ihm sein steifes Geradgehn vorgehalten, und der siebenjährige kleine Wolf habe erwidert: »Mit diesem mache ich den Anfang, und 324 später werde ich mich noch durch allerlei auszeichnen.« Mit den Sternen habe er sich beschäftigt, und herausgebracht, daß Jupiter und Venus seine Regierer seien. Als nun die Mutter ihn aufgezogen, weil er etwas Appartes wolle, und alle andern Leute ohne Sterne sich behelfen müßten, da habe er gesagt: »Mit dem, was andern Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden.« Auf Tisch und Stuhl hätten ihm später drei Toiletten parat sein müssen, eine ordinäre, eine bessere und eine ganz stattliche, die habe er verbraucht, und nach dem Gebrauch durcheinander geworfen. Wie knapp sah es darin mit Schiller aus! Zum Vater, mit dem er auch nicht die mindeste Aehnlichkeit hatte, gab's gar keine ermunternde Beziehung, nur die Mutter, an welche auch das Gesicht vielfach erinnerte, kam in der Liebe für den Fritz zusammen mit der Frau Rath. Sie sah immer etwas Außerordentliches in ihm, und küßte und streichelte, und wenn er von Stuttgart verhungert zum Besuche kam, da wurde im Stillen für ihn und den Begleiter 325 gebacken und gebraten. Aber sie konnte ihm nicht den starken, abwehrenden Weltgeist vererben, wie die Frau Rath ihrem Wolf; sie war sanft, engelsgut und nach andrer Welt schwärmend, wie manches spätere Gedicht des Sohnes. Und was hatte Schiller zu sagen gehabt, und wie erschrickt man über die Welt, wenn Goethe, der stets Glückliche, im Alter einmal sagt: »Man hat mich als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen, auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten, allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steins, der immer von Neuem gehoben sein wollte. Mein eigentliches Glück war mein poetisches Sinnen und Schaffen. Allein wie sehr war dies durch meine äußere Stellung gestört, beschränkt und gehindert! Hätte ich mich mehr vom öffentlichen und geschäftigen Wirken und Treiben zurückhalten und mehr 326 in der Einsamkeit leben können, ich wäre glücklicher gewesen, und würde als Dichter mehr gemacht haben.« Ja, Goethe, der im Verhältnisse zu Schiller und zu tausend Menschen eine so glückliche Existenz genoß, versichert nachdrücklich, daß er nur in Rom empfunden habe, was ein Mensch sei, im Vergleich mit jenem römischen Zustande sei er eigentlich sonst nie wieder froh gewesen! Dieser Drang, in der nirgends hinderlichen Natur, in einer Natur, welche im Gegentheile die Organe weckt, sich auszustrecken, hinzugeben, dieser wollüstige Drang des körperlich kraftvollen Menschen, ach, ich glaube, Schiller hat ihn nie genossen! Die Arbeit und Unruhe des Gedankens hatte früh seinem Körper die Lebenskrone ausgebrochen, und vielleicht darum, weil ihm die Realität nirgends zu Hilfe kam, hat er ihr oft auch das nöthige Recht versagt und verläugnet. Man sagt, ganz homogen mit jenen Aeußerungen Goethe's, daß er ein ganz anderer Mensch aus Italien heimgekehrt sei: umgänglicher, sanfter, aller 327 freundlichen Regung offener; jetzt fanden sich auch die beiden Dichter, und er verschaffte Schiller bald eine feste Stellung in Jena. Allerdings wurde dieser nicht eben freudig und gern Professor, der den Studenten Geschichte vortragen sollte. Er fürchtete sich vor der Pedanterie, vor dem Zeitraube, die seinen Dichtungen entginge, und obendrein mußte er spaßhaft sagen: am Ende weiß mancher Student schon mehr Geschichte als ich. Bald gab's denn auch Aerger: auf seinen Vorlesungen war er Professor der Geschichte benannt worden, und der Pedell ward beauftragt, den Titel am Buchladen abzureissen, weil Schiller blos Professor der Philosophie sei, und der Professor der Geschichte, Herr Soundso, dadurch beeinträchtigt werde. Das lebhafte Verhältniß zu Goethe, der eifrig schrieb und kam, die enthusiastische Freundschaft Wilhelms von Humboldt, der zu ihm zog, waren sein einzig Labsal. Goethe ward nämlich immer inniger von ihm angezogen, das Dämonische, wie 328 er zu sagen pflegte, und was er im milderen Ausdrucke eine Natur nannte, dasselbe, wofür jetzt die Bezeichnung »eine Potenz« gewöhnlich ist, dies zog ihn zu Schiller. Und in Weimar hatte er wenig ähnliche Fessel, Wieland war ihm eine leichtere, herum naschende Natur, welcher die ursprüngliche innere Gewalt abging, und Herder war sein eigentlicher Gegenpunkt, der alles Wirkliche, alles Existirende oder Existirthabende in den Gedanken der Humanität entkleidete. Auch Kunst und Poesie war ihm nur in Bezug auf Sittlichkeit vorhanden, nur insofern lobenswerth, als diese direkt und zunächst dadurch gefördert würde; das Schöne an sich als Selbstständiges, Eigenes, existirte nicht für ihn. Hinrichs sagt sehr richtig, daß Herder das eigentliche Extrem zu Goethe gewesen sei, nicht Schiller. Dies Verhältniß in Weimar gestaltete sich denn auch so unergiebig, daß das humane Paar, Herder und seine Frau, Goethen eine Wolfsnatur nannte. Auffallend zahlreich haben sich in neuerer Zeit die Stimmen erhoben, welche Herder's Persönlichkeit tadelnd 329 schildern. So ward noch ganz vor Kurzem bekannt gemacht: Der berühmte Wolf in Halle hatte bei seiner neuen Ausgabe des Homer eine Hypothese über die Homeriden aufgestellt, die äußerst scharfsinnig und mit einem großen Aufwande von Gelehrsamkeit unterstützt ist. Herder benutzte diese Abhandlung und lieferte einen Aufsatz in die Horen, worin die ganze Hypothese als seine eigene Ansicht, die er von Jugend auf gehabt habe, dargelegt, und Wolfs auch nicht weiter gedacht wird. Wolf spie Feuer und Flamme und beschwerte sich bitterlich bei Schiller. Herder und Schiller kamen darüber in Verdruß, und Herder gab von dieser Zeit an keinen Aufsatz mehr in die Horen. So gedieh das in der Geschichte so seltne Verhältniß zwischen den zwei größten Dichtern einer Nation, von dem der Briefwechsel ein großartig Zeugniß ist. Der eine, Goethe, dem alles Theoretisiren unbequem war, der sich um die Philosophie nur bekümmerte, wenn er Katarrh hatte, wirkte auf den stets abstrahirenden Schiller, und dieser, 330 der die Natur über dem Gedanken vergaß, und in allen Gestalten das Subjekt Friedrich Schiller reden ließ, wirkte auf den stets objektiven Goethe. Einst kam dieser nach Jena, und fand den Geschichtsprofessor so krank aussehend, daß er glaubte, Schiller werde keine vier Wochen mehr leben, er drang darauf, daß er nicht mehr des Nachts arbeite, daß er öfter nach Weimar komme, und Luft und Leben suche. Die Gespräche, in denen Goethe die Natur, das Besondere vertheidigte, und Schiller die Idee und das Allgemeine, brachten auch innerliches Leben genug, aus welchem die Abhandlung über »naive und sentimentale Poesie« erwuchs, was eben die Goethische und Schillersche Poesie bedeutete, die Poesie der besondern Realität und die Poesie der allgemeinen Empfindung. Sollte dem großen Publikum, was sich so gern mit Formeln trägt, mit zwei Worten eine Hilfe gebracht sein, so wäre es für Goethe das Wort Intuition, der unmittelbare Einblick in die Sachen, für Schiller das Wort Reflexion, die mittelbare 331 Verständigung. Jener Einblick sieht leicht und unscheinbar aus, und findet darum langsamer und nur bei Aufmerksameren und Kundigeren die Würdigung, die Reflexion, der weitere Weg, ist allen Menschen und Kräften zugänglicher, und da ihn Schiller mit seinem Genie schmückte, so lohnte ihn zunächst die große Popularität. Da Schillers Art von einer starken Kraft, einem wirklichen Leben getragen war, wie es seinen Nachahmern abgeht, so machte er auch damit auf Goethe einen starken Eindruck, auf Goethe, der sich übrigens alle Einwirkung des Subjektiven so lange und so kräftig abgehalten hatte, und er konnte sagen: Schiller hat mir eine zweite Jugend gegeben und mich wieder zum Dichter gemacht. Die schönen Balladen Goethe's, die Braut von Corinth, der Gott und die Bajadere stammen aus jener aufblühenden Freundschaft, und das Naturleben im Wilhelm Tell stammt aus den Beschreibungen Goethe's. Denn Schiller war sein Lebtag nicht in der Schweiz gewesen, hatte aber ein so 332 außerordentlich Genie, auch die Natur aus der Erzählung für seinen Zweck aufzufassen. Es ist bekannt, daß Goethe Schiller später nach Weimar selbst lockte, und daß der von Geist und Gedanken erschöpfte Körper dort zusammenbrach. Stuttgart, Stuttgart! Du hast lange warten lassen, den Zopf und den Stock deiner Karlsschule, welche unsern zweiten, einzigen Friedrich den Zweiten und Großen geplagt hat, auszuwetzen mit einer Statue, und daß du hierfür im heil'gen römschen Reiche den Ablaßzettel zur Sammlung des Pfennigs herumgeschickt hast, ist gar verwunderlich. Du kannst zeugen, Schwabenland, aber auch bilden und belohnen? 333     Das Schloß in Franken. Ueber schmale Hügel, durch kleine Thäler gelangt man aus Würtemberg, aus dem niederen Schwaben, in die Hügelebene des mittleren Deutschlands, was vorzugsweise das Frankenland heißt. Der Main rauscht hier durch grüne Gelände, von dem Gebirge herabsteigend, was diesen reichen Landstrich absondert von Norddeutschland; das Fichtelgebirge, der Frankenwald, der Thüringerwald haben sich hier gelagert mitten hin zwischen die große Halbscheid des deutschen Reiches, die Nordwinde abhaltend von dieser heitern, breiten Frankenflur. Hier gedeiht eine fröhliche Rebe, zu Würzburg an dem Stein, zu 334 Klingenberg am Main, zu Bacharach am Rhein, da wächs't der schönste Wein, singt schon der alte topographische Spruch. Der Boden ist feist und ergiebig, der schlanke, frische Baum schießt auf, die Gartenfrucht, das Gemüse bläht sich, und weiter hinauf nach der Donau zu wuchert wenigstens fett und üppig das Getraide; frank und unbesorgt um das Nöthige und das Ermunternde des Lebens wächst der Franke in den heitern Tag hinein, sein Blut ist rasch, sein Sinn ist froh, sein Auge lebhaft, schnell greift er nach dem Interesse, und ist ein hüpfender Sprung vom düstern, nachhaltigen Schwaben hinab zum kargeren Norddeutschen. Die eigentliche Bedeutung des Frankenvolks in der Geschichte ist jedoch nicht ausschließlich hier zu suchen. Von diesem wichtigen deutschen Stamme sind allerdings den Main hinab Hauptreste haften geblieben, und eine Hauptgrundlage unsrer Sprache ist von ihm gelegt worden. Die Franken nämlich bemächtigten sich vom achten bis zum zwölften Jahrhunderte des germanischen Kernes, was wir in der 335 Literargeschichte unsers Vaterlandes Althochdeutsch nennen, was am Main und Mittelrhein vom Norden und besonders vom Süden den Ausdruck an sich riß, dies war die fränkische Macht, welche unter Karl dem Großen europäisch wurde. Der Stamm aber scheint sehr groß gewesen zu sein, er griff unten über Thüringen hinaus in die Sachsen hinein, und streckte seinen geharnischten Arm tief nach Gallien. So gab er eine Grundfarbe dessen, was wir noch heute Frankreich nennen, und von hundert neuen Elementen erfüllt, das Provençalische, das Normannische abwehrend und aufnehmend, bildete er sich zum Franzosen, und seine Hauptkraft schoß in Wurzel und Zweige jener Nation, die jetzt so verschieden von uns erscheint, und doch zum Theil aus unserm Herzblute stammt. Das Südliche, das Römische ist nur stärker gewesen, und so ist der Franke im Franzosen untergegangen. Die Deutschen par excellence gebrauchten Anno Siebzehn das Wort Franke und Fränkisch als eine feindliche Bezeichnung des Fremden, und spuckten dabei 336 aus. Der Vertrag von Verdun, welcher die fränkische Herrschaft in deutsch und fränkische schied, war ihnen unbekannt. Die Frankenübermacht ward von den Schwaben abgelös't, und der Stamm hat keine Gelegenheit mehr gefunden, sich vorherrschend geltend zu machen. Der Rheinstrich vertheilte sich in kleine Herrschaften, von denen nur noch Frankfurt an den alten Namen erinnert; die Geistlichkeit breitete ihren Talar über die besten Striche, der Krummstab segnete über Fulda, Aschaffenburg, Würzburg, Bamberg, und hielt seinerseits eine große weltliche Herrschaft auseinander, die demokratische Bürgermacht der Reichsstädte that andrerseits das ihrige mit der großen Hauptstadt Nürnberg, und so gewann Franken keine eigentliche Auferstehung mehr. Die Nürnberger Reichsbürger haben es noch am lebhaftesten versucht; ihr Albrecht Dürer versuchte es, eine neue Kunst zu malen, die reichsstädtische Züchtigkeit kam zu Hilfe, aber die Schönheit blieb aus, Hans Sachs brachte den Meistergesang in Schwung, aber das Genie eines 337 Schusters war doch nicht hinreichend, das Interesse einer Nation zu erschöpfen und zu überwältigen. Bei alle dem ist dem Frankenreste, welcher in einer Rundung nach dem Wiener Congreß als nördlicher Theil Bayerns zusammengeblieben ist, ein Sammelcharakter der heiteren Lebendigkeit stets gerettet worden. Das verschiedenartige Regiment, der Krummstab am Main, das Markgrafenthum in Ansbach und Baireuth, die Reichsbürgerschaft in Nürnberg hat einen farbigen Wechsel und eine bildsame Mannigfaltigkeit befördert; das Zusammenstoßen Nord- und Süddeutschlands hat allerlei Lichter rechts und links hingestreift, so daß man in eine bewegte, lebhafte Existenz versetzt wird beim Eintritte in dieses Land. Auf einem Hügel, welcher sich nach dem Maine hinabsenkt, liegt ein stolzes Schloß, hoch beschattet von Ulmen und Linden. Eine prächtige Treppe führt hinauf in der Breite des ganzen Hauses, schöne Säulen bilden eine Vorhalle, die mit südlichen Bäumen angefüllt ist, und von wo man einen großen 338 Theil dieses blühenden Landes übersteht. Terassen steigen zum Maine hinab, Gras, Sträucher und Bäume wuchern und flüstern links und rechts, ohne die Aussicht zu stören, der Weinstock kriecht überall umher, selbst an den Säulen der Vorhalle hinauf, den tief gefärbten Epheu überdeckend. Die Sonne ist eben aufgegangen, einen blitzenden Sommertag beginnend, der Thau flimmert, die Lerche jubelt, Landleute mit Sensen ziehn jenseits des Maines in's Feld, auf der obersten Treppenstufe steht ein junger Mann. Er lehnt den Rücken in die Wein- und Epheuranken einer Säule, hat die Arme untergeschlagen und sieht in das glitzernde Land hinab. Dieser Mann heißt Gregor. Wer ihn genau kennt, ist in der größten Verlegenheit, wie er ihn bezeichnen soll: Gregor ist nicht unglücklich, noch weniger ist er glücklich. Im alten Nürnberg, was sich da drüben in der Ebene ausbreitet, ist er in einem Bürgerhause geboren. Angesichts dieser alten Reichsstadt ist er aufgewachsen, im nördlichen 339 Deutschland weiß man gar nicht was das heißt, denn man hat keinen Begriff von Nürnberg. Diese Stadt ist ein Stück Mittelalter, was in Essig konservirt worden ist, das heißt städtisches Mittelalter, was schon in die alten Tage des Mittelalters gehört, in diejenigen Tage, wo der Ritter schon banquerott ist, und der Bürger mit der Plüschhose sich bläht. Nürnberg ist aus der altklugen deutschen Zeit, die Romantik war vorüber, die Minnesänger waren in Meistersänger herabgesunken, Albrecht Dürer malte die reizlose Keuschheit, Hans Sachs machte Fastnachtsspiele, der Patrizier baute sich ein festes steinernes Haus in zusammengedrücktem Stile – diesen bürgerlichen Uebergang aus einer hochgebogenen alten Zeit in eine detaillirtere Epoche stellt Nürnberg dar, heute noch das ächteste Bild einer Reichsstadt, den Gymnasiasten und Liebhabern heute noch ein Lehrexemplar damaliger Bauweise und Einrichtung. Dadurch allein schon macht die Stadt einen ganz eigenthümlichen Eindruck, ein würdiges Alter fordert unser Staunen, unsre Ehrfurcht, und doch ist das 340 Alter nicht großartig und schön genug, um unsre Sehnsucht oder den heiligen Schauer zu wecken. Nur in den alten Kirchen beschleicht uns der heilige Schauer einer hoch strebenden Vergangenheit, darum fand man Gregor öfters in den Gängen von Sanct Sebald. Die Ahnungen, welche er in St. Sebald empfing, das niedrige Mittelalter, was ihn umgab im Bau der Häuser, in den gedrückten altmodischen Stockwerken, die verlassene Fläche rings um die Stadt, welche die Arme zu ringen scheint nach den Frankenhöhen im Norden, der hartnäckige, spröde Bürgersinn im Hause der Eltern, die Mädchengestalten, welche mitunter noch ein wenig in die mitteldeutsche Malerei heimelten – das Alles setzte sich in Gregors reichem, empfänglichen Gemüthe auf eine wunderbare Weise zusammen. Sein Charakter wurde ein Schubladenstück: mit wirklichem Eifer konnte er eine Zeitlang und gewissen Leuten gegenüber das streng bürgerliche Interesse verfechten, zu einer anderen Zeit und bei anderer Umgebung war 341 er ein Ritter, ein Gläubiger mit Hand und Mund und Herz, und vor dem Zeitungsblatte übersah und beherrschte er die breite, industrielle Welt, welche sich gleich einem Goldnetze über unsre Tage geworfen hat. Diese Mannigfaltigkeit wuchs aus dem starken Kerne der größten Anlagen, und jener nordfränkische befruchtende Thau lag darüber, den wir mehrmals in unsrer Geschichte erlebt, einige Male zu unserm Schrecken erlebt haben. Da wo sich das Fichtelgebirge absenkt, ist die süße Schwärmerei Jean Pauls erwachsen und die saure Ludwig Sand's, ja bei den Revolutionsausbrüchen neu'ster Zeit fand sich eine der gewaltigsten Naturen, Bunsen's, der in Frankfurt den Tod fand, ebenfalls aus den fränkischen Thälern. Neben dem muntersten Blute unsres Vaterlandes, was vorherrschend in den Franken rollt, und was in Rückert zur reizendsten Geistes- und Herzenswendung gekommen ist, neben dem heitern Lebensdrange findet sich hier öfters denn anderswo eine wunderbar tief und schwer zeugende Luft. Sie hatte 342 auch Gregor angeweht, hob seine großen Anlagen frühzeitig zu einer ungewöhnlichen Dichtheit und Bedeutung, legte aber auch die Gewitterschwüle eines heißen Frühlingstages über Stirn und Auge. Das machte ihn allerdings sehr interessant, aber wirklich interessante Leute zahlen den theuersten Einsatz selbst für die Fähigkeit, Andre zu reizen; die Höhen und Tiefen, in welchen sie das eigene Herz herumschleudert, sehen für den Beschauer blau und lockend aus, der Geschleuderte selbst aber empfindet an seinem Leibe jedes Felsenriff, über welches er schonungslos hingerissen wird. Man sollte nie vergessen, daß Sophie Müller damals dem Publikum am besten gefiel, als sie den Tod schon im Herzen trug; fast alle große Theilnahme der Welt ist grausam. Dazu hatte Gregor ein wohlgebildetes Aeußere; er flog im Karrière durch die Welt, bemächtigte sich im Fluge alles dessen, was zu gewinnen war; darunter befand sich glücklicherweise auch Geld und Gut, und als er im Jahre 1835 nach Kissingen in's Bad kam, freuten sich alle interessanten Mädchen. 343 Seine Neigungen schwärmten just zur damaligen Zeit in's Ritterliche, es interessirte ihn der Adel und die historische Weihe, er fand sich zu dem schönen und reichen Fräulein Aphanasia, sie fand sich mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem empfänglichen Gemüthe zu ihm, sie verlobten sich, er liebte sie, so viel er lieben konnte, er nahm einen Ring von ihr, und sie sprach dabei halb scherzend, halb ernsthaft: »wenn Du den Ring verlierst, so verlierst Du mich und Dein Leben,« er heurathete sie und machte sie unglücklich. Gewaltige Menschen, die nicht eine große Thatexistenz finden, wo sich all ihre dämonischen Kräfte versuchen und tummeln, sind für die meisten Weiber ein Unglück. Das Ideal der Liebe ist erst in den letzten Jahrhunderten so vorherrschend in der Welt geworden, und es hat die Frauen verführt, allen Bezug davon sich allein zuzueignen; starke Menschen aber sind stets im Verbande mit der ganzen Weltgeschichte, sie streben und steuern nicht blos nach Anleitung der Minnesänger, sie vergessen zuweilen 344 das Weib, wie es den Alten fast durchgängig begegnete, aber die Weiber vergeben das nicht. Und sie haben als Weiber damit ganz recht. Gefüg und umgänglich ohne Anstoß ist durch die ganze Welt nur die Mittelmäßigkeit; gefällig ist nur das Detail. Die Frauen verlangen Detail; die Aufmerksamkeiten, dieser Hofstaat der Liebe, aus welchen sie mehr geben, als auf die Liebe, die Aufmerksamkeiten sind das Detail. Gregor, dessen Blicke in's Große und Weite gingen, übersah sie, und kränkte damit seine Frau. Anfänglich scherzte sie darüber, denn sie war gut und heiter, und schob's auf die vernachlässigte plebejische Erziehung ihres Mannes, dann schmollte sie, dann grollte sie und endlich ward sie still, aber es hatte sich ein Rost um das lichte Gemüth angesetzt, ein Rost der schlimmen Worte »er liebt mich nicht.« Solch ein Glaube hat harte Folgen. Man erwartet im Sommer keine Kälte, man will nicht daran glauben, wenn sie eintritt, man erkältet sich zum Tode, und sagt doch: es ist ja Sommer! 345 Solch ein schlimmer innerlicher Sommer war es, als Gregor auf seinem prächtigen Schlosse stand in der Morgenfrühe, und auf das Frankenland hinabschaute. Glücklicher Gärtner! sprach er vor sich hin, er betrachtet jede kleine Pflanze, ob sie Thau genug hat, um zu gedeihen; wo es fehlt, da gießt er Wasser zu, und morgen früh sieht er mit dem lebhaftesten Antheile nach, ob es gefruchtet habe. So wohlfeil ist die Theilnahme, welche das Leben trägt, und den nächsten Tag wünschen läßt. Gregor war nicht blasirt, er nahm an tausend Dingen das größte Interesse, aber er hatte zu wenig Macht, er war blos ein reicher Gutsbesitzer, er gehörte zu einem kleinen Staate, er fühlte sich berufen, aber die Bahn fehlte. Dies giebt den Schein der Blasirtheit. Weil ein großer Ruhm nicht zu gewinnen war, verhöhnte er den Ruhm selber: was soll mir's, daß ein Paar tausend mittelmäßige Menschen meinen Namen ausposaunen? Diese Menschen 346 sind mir gleichgültig, soll es mir nicht gleichgültig sein, daß sie von mir schwatzen oder nicht? Der Enthusiasmus ist der Herzschlag des Geistes, ich hatte ihn in der Jugend, die Täuschungen hielt ich für einzelne, jetzt kenn' ich die Motive der Welt, und ich habe keinen Enthusiasmus mehr! Wüßt' ich drei Freunde, die eben so hofften und wünschten gleich mir, ich beruhigte mich. Und doch, was ist's für ein Mangel, wenn man nichts thun kann, als sich beruhigen! Ich will leben! Ich kann leben, ich fühl es, nur die Gelegenheit fehlt, und deßhalb werd' ich bei allem Mangel nicht unglücklich, bei allem Besitze nicht glücklich! Es kamen zwei Reiter den Berg herauf, ein Cavalier mit seinem Diener. Jener war ein feiner, zierlicher, muntrer Gutsherr aus der Umgegend, welcher Aphanasien den Hof machte. Gregor begrüßte ihn zerstreut; was kümmerte es ihn, ob seine Frau unterhalten wurde, was fragte er nach diesen Einzelnheiten des Lebens! 347 Herr von Richard ward von der Herrin des Schlosses freundlich aufgenommen, sein heitres, aufmerksames Wesen gefiel ihr sehr wohl, und sie behandelte ihn so zuvorkommend, daß der unparteiische Zuschauer nicht übersehen konnte, es handle sich dabei noch um andere Absichten, als um die der Gastfreundschaft. Aphanasia, raschen Blutes, litt lebhaft dadurch, daß sie sich von Gregor vernachlässigt sah; sie liebte ihn, sie glaubte bereitwillig an den großen Zwiespalt, der seine Existenz quälte, sie verzichtete bescheiden darauf, ihn durch gegenseitige Neigung aufzuheben, aber sie verlangte Mittheilung, das Ausbleiben derselben empfand sie wie ein Zurücksetzen, wie ein Geringachten. Tief unter der leichten Hülle ihres Wesens lag das tief Entschlossene, das Excentrische, dessen der heitere fränkische Charakter fähig ist. Sie trat keck in das gefährlichste Spiel, Gregor durch Eifersucht zu zwingen, sie ermunterte Herrn von Richard, übersah Gregor, und ward immer weiter 348 getrieben, als Gregor von alle dem keine weitere Notiz nahm. Und doch war dieser keineswegs so unbetheiligt dabei: die Sache selbst schien ihm des Herausforderns in eine Besprechung unwürdig, einmal, weil er solch ein häuslich Verhältniß nicht für wichtig genug, zweitens, weil er sich für zu vornehm hielt, die Theilnahme seiner Frau durch ein Dreinsprechen zu erzwingen. Theilnahme muß wie der Thau des Himmels kommen, sprach er, oder sie ist ein reizlos Wesen. So drängten sich Beide stets weiter auseinander; Gregor konnte sich der Eifersucht nicht mehr erwehren, die er vorher noch für ein partikulares, unbedeutendes Gefühl ausgegeben hatte, er fühlte sich geradezu gequält, und dachte auf schleunige Abhilfe. Aphanasia, welche dabei noch mit einer lebendigen Vermittelung, mit Richard zu schaffen hatte, ward in die Folgerungen ihres Entgegenkommens verwickelt, und war auf dem Punkte, sich in Mißmuth, Verzweiflung und Laune dem Zufalle zu überlassen. 349 Der Zufall war eigentlich ein zufälliger Mensch, Herr von Richard, wie das oft geschieht, und dieser Lebemensch war ganz geeignet, dafür die Hand offen zu halten. Ordinaire Lebemenschen sammeln ihren Genuß, ohne daß sie es wissen, meistentheils von den Schnitzeln und Spähnen, welche irgend ein höheres Mißverhältniß abwirft. Um selbst ein höheres Verhältniß zu schaffen, gebricht es ihnen an Fähigkeit, und so leben sie aus zweiter Hand. Gregor trug sich mit dem Entschlusse, von dannen zu gehn. Er gab damit nicht nur das Besitzthum seines Herzens auf, sondern auch sein äußeres: Schloß und Gut gehörte vom Hause aus Aphanasien, und das eigen Erworbene hatte er hinein gebaut, hinein gepflanzt; dies äußere Besitzthum war eine wirkliche Ehe worden, das Beiderseitige war bis zur Untheilbarkeit in einander aufgegangen. Mit diesem Entschlusse ringend schritt er in seinem Zimmer auf und ab; Aphanasiens Gemächer lagen eine halbe Treppe tiefer; er übersah durch ein inneres Fenster den größten Theil ihrer Räume. 350 Die hohe, schöne Frau saß weiß angekleidet auf einem Sopha, und hatte die Stirn nachdenklich auf die Hand gelehnt. Gregor stand still und sah ihr zu. Was trennte sie? Sein Wesen; und nicht einmal dies, nur der Schein desselben. Er durfte hinabgehn, und die Hand ausstrecken, nicht das kleinste Wort war nöthig, sie wäre ihm weinend um den Hals gefallen. Aber was wir Haltung nennen, Stolz, Trotz, und was die eigentlich fremde dämonische Natur in uns ist, das ist der Hauptfeind des Zusammenlebens. Verschiedenes Herkommen hat auch bis zum Tode eine doppelt schwere Ehe, es trägt einen Mutterleib von Mißtrauen bis zum Tode mit sich. Dennoch war Gregor einen Augenblick zweifelhaft, ob er nicht hinabgehn sollte – da erschien Herr von Richard bei seiner Frau; sie lächelte, sie lachte, er warf sich vor ihre Kniee hin, sie reichte ihm die Hand zum Kusse – Gregor ertrug das nicht, und daß er es nicht ertrüge, kam ihm kindisch vor, er rief seinen Diener und ließ seine Sachen packen. 351 Dann machte er einen Gang in's Freie; als mehrere Stunden vorüber waren, kam er zurück – jetzt haben sie wohl genug Zeit gehabt, sprach er, und um ja nicht störend zu sein, soll mich Betty melden. Aphanasia kam ihm entgegen, er sah es nicht, daß sie verweinte Augen hatte – Warum, Gregor, solche Formen? Auch diese sollen Dir nicht mehr lästig werden, ich komme das letzte Mal, und reise in der nächsten Stunde. Gregor! Machen wir keine Scene; wir beglücken einander nicht, ein Hieb ist kürzer als ein langsam Sterben. Aphanasia konnte nicht sprechen, damit er ihr Weinen nicht sähe, denn sie war eben so stolz. Eine schwere Pause herrschte. Nur ein einzig ehrlich Wort, was dem Einen oder dem Andern entschlüpft wäre, hätte hingereicht, sie einander in die Arme zu führen. Das Kammermädchen kam mit einem 352 Kleide dazwischen, und entschied das Geschick – Gregor ging abgewendet davon; Aphanasia wagte den Schmerzensschrei, welcher in ihr aufstieg, vor dem fremden Geschöpfe nicht, einen so tiefen Schmerzensschrei, daß er Gregor unmittelbar belehrt hätte. Es blieb todtenstill; Gregor warf sich auf's Pferd, und sprengte den Hügel hinab, sein Weib, sein Schloß verlassend, verloren gebend, er wußte selbst nicht, warum. Im nächsten Herbste ging es über die Maaßen munter zu auf jenem Schlosse; der Herr war auf Reisen gegangen, und die Strohwittwe Aphanasia gab große Jagden und Feste, alle lustigen Cavaliere sind geladen; die Dame ist schön, nimmt alle Huldigungen an, zwar etwas höhnisch, aber lächelnd, alle Welt sagt, sie führe ein seidnes Leben. An einem jener Herbstabende, als Aphanasia, ermüdet von Bankett und Jagd in ihr Zimmer trat, schrieb sie in ein Tagebuch mit großen, ungleichen 353 Buchstaben: Wo ich Dich finde, Gregor, erdrossele ich Dich! Das arme Weib glaubte jetzt mehr als je, kein Mann sei wie Gregor, kein Mann habe so viel Quellen des Reichthums und Glücks für sie, als Gregor. Just weil er sie in's Unglück geführt, traute sie nur ihm die Macht des größten Glückes zu; Haß und Liebe sind ein Gefühl, sie haben nur entgegengesetzte Farben. Am anderen Tage kam ein einsamer Wanderer an den Fuß des Schloßberges, es war Gregor; am Anblicke dieser Heimath wollte er sich Kraft holen zu neuer Verlassenheit. Er sah Aphanasien mit ihrem Hoftrosse vorübersprengen in die Ebene, tiefer verbarg er sich in die Hecken, welche er einst selbst gepflanzt, und erst als der berittene Zug in der Ferne verschwand, stieg er langsam zum Schlosse hinauf, schlich unbemerkt in seine früheren Zimmer, stieg in Aphanasiens Gemächer hinab, fand das Tagebuch, und sah nur jene Stelle, die Tags vorher erst geschrieben war. 354 Schweigend schlug er das Buch zu, schweigend führte er noch einmal seinen Blick von der Terasse über das lachende Frankenland, und wanderte wieder von dannen. Es ist ein Irrthum, wenn ein Herr des Hauses Herr im Hause zu sein glaubt, es giebt keine völlige Unabhängigkeit auf dieser Welt; ein kleiner Bube, der im Winkel der Treppe mit Bohnen spielt, sieht Dich kommen und gehn, und Du stehst somit in der Abhängigkeit des Buben. Es kann Alles davon abhängen, ob Du gekommen oder gegangen bist, der kleine Bube hat das Loos mit seiner Aussage in den Händen. Gregor war gesehen worden, Aphanasia erfuhr es, ein Nachtwind strich über den Berg, und das schöne Schloß in Franken war verödet; finsteren Blickes suchte die Frau ihren Gatten in der Welt, und es war wenig zu hoffen, aber viel zu fürchten, wenn sie ihn fände. 355 Indessen war das Finden nicht leicht; ein einzelner Mensch verliert sich wie ein Sandkorn auf der Erde, und Aphanasia suchte allein; von dem Augenblicke an, wo sie Gregors Anwesenheit auf dem Schlosse erfahren, hatte sie sämmtlichen Troß von Liebhabern und Begleitern verabschiedet, und war in ein graues Gewand getreten. War es größere Freude, war es größerer Haß, die durch Gregor's neues Dasein erregt wurden? Man muß selbst ein fröhlich fränkisches Gemüth haben mit den Abgründen fanatischer Entschlüsse, um diese Frage zu beantworten. Das Geschick und das Wandern auf Fußsteigen brachte Gregor in ein herrnhutisches Oertchen an der schlesischen Grenze; die Sauberkeit und Ruhe desselben machten ihm einen zauberhaften Eindruck, der Fußtritt eines Mannes, der an den Häusern hinging, hallte durch den ganzen Ort; der Kellner des Gasthofes, der auch von der Gemeinde war, lächelte sanft, ununterbrochen bei jeder Frage, bei jedem Befehle. 356 Zu anderer Zeit hätte sich Gregor's Natur wahrscheinlich aufgelehnt gegen solche Existenz; jetzt war er selbst gebeugt, erschöpft, sie that ihm wohl. Der nächste Morgen war ein Sonntag: die Frauen, alle schneeweiß gekleidet, zogen zur Erde blickend an ihm vorüber nach dem Bethause. Er ging auch dahin, und ward von höflichen Männern beschieden, links zu gehn, rechts saßen die Frauen, ein stilles, weißes Meer. Man unterschied in der Einfarbigkeit kaum noch, was schön, was unschön, was jung, was alt wäre. Nur die Bänder gaben ein bescheidenes Signal: die Wittwen tragen weiße, die Frauen blaue, die Mädchen rothe. Das Haus lag unter dichten Kastanienbäumen, und wo ein offener Blick für die Sommersonne war, da schützten weiße Gardinen. Statt des Altars und der Kanzel stand ein einfacher, mit grünem Tuch behangener Tisch da, hinter demselben saß ein Mann im einfachen Ueberrocke, er intonirte den responsorischen Gesang. Dann kam ein andrer, welcher die Kinder brachte, und diesen eine Rede hielt. Sie 357 sollten das Gute thun, weil es belohnt, und das Böse lassen, weil es bestraft würde, lehrte der Mann. Gregor überhörte es nicht, aber das übrige Weben, das leise und sanfte, streichelte ihn noch wohlthuend. Dann kamen Landleute zu der Predigt, und hörten sie mit der Gemeinde an. Sie hatten auch einen Anstrich von Bescheidenheit und traten leise auf; der protestantische Zorn und Eifer fehlte überall, wohl aber auch die protestantische Energie. Aber was nützt die Energie, sprach Gregor, da sich die Welt nicht zusammen fassen läßt; Ruhe ist mir willkommen. Gregor wollte eintreten in die Gemeinde, um dieser Ruhe theilhaftig zu sein, und ein bürgerlich Unterkommen zu finden; er hatte nichts mehr, sein täglich Brot zu zahlen. Man nahm ihn mit sanfter Miene auf, empfahl ihm Freundlichkeit, und ließ ihn unter Aufsicht einen einzelnen Lehrzweig in der Anstalt vortragen, nachdem er über die dogmatische 358 und industrielle Einrichtung des Ganzen in Kenntniß gesetzt war. Die Herrnhuter geben ihre Lehre für eine rein evangelische aus, welche sich nur in einzelnen Gebräuchen von dieser unterscheide: zu diesen gehört die Feier des Todes, welcher als ein Heimgang zur Freude und Seligkeit nicht in Trauer begangen, und durch keine traurigen Abzeichen kenntlich gemacht wird. Den Punkt des Heurathens rechnen sie nicht zum Dogma, sondern zur Gemeindeverfassung: früher wurden die Eheleute einander durch's Loos zugetheilt, seit dem Jahre 1818 gilt dies aber für abgeschafft; jede Verheurathung bedarf aber noch der Zustimmung der respektiven Gemeinde. Aphanasia fand ihn nicht; je vergeblicher, je länger sie suchte, desto stärker ward ihr Drang, sich zu rächen, seinen Leib zu zerstücken. Herr von Richard, der sie ununterbrochen verfolgte mit Anträgen, und der, wenn sie ihm auch wieder entgangen war, 359 ihren Weg immer von Neuem kreuzte, dieser zudringliche Herr – denn die Alltäglichkeit ist stets zudringlich – entrang am Ende dem Unmuthe wirklich ein Versprechen. Aphanasia sagte zu, am nächsten Johannistage auf ihrem Schlosse einzutreffen, wenn sie bis dahin Gregor nicht habhaft geworden sei; sie betrachte ihn dann wie einen Verschollenen, und sich selbst für berechtigt zu neuer Verbindung. Was aber geschähe, wenn sie ihn träfe, darüber schwieg ihr Mund, denn es lag drohend zusammengeballt in ihrem Herzen. Gregor fand alle die kleinen, täglichen Neigungen und Leidenschaften der Menschen, um derentwillen er aus dem gewöhnlichen Kreise entflohen war, bei den Herrnhutern wieder, und sie hatten ihm dort ein noch viel widerwärtigers Ansehn, denn sie schlichen gebückt, sauer lächelnd, im Dunkeln umher, sie trugen zierliche Mäntelchen. Das Verhältniß machte 360 es nöthig, daß jede Leidenschaft einen Lakai vor sich her schickte, die Gleißnerei. Mitten in den Fasern und Angeln einer Welt von Leidenschaften, wo Ursprung und Ende und Fortbewegung nur ruckweise, ebenfalls in Leidenschaften vor sich geht, da macht Ihr Jahrtausende lang den Versuch, alle Leidenschaft zu unterdrücken. Dieser Versuch selbst ist eine Leidenschaft, Euer ganzes Herz ist eine Leidenschaft. Leiten, veredlen, verschönern sollt Ihr sie, das ist ein Beruf, der allein gelingen mag. Diese süß grinsenden Kabalen, diese sanft erdrückenden Intriguen, diese Verläugnung alles raschen Blutes, wie es doch der Herrgott in die Adern gießt, und durch einen fröhlichen Wind und einen fröhlichen Sonnenschein weckt im Menschen, entrüsteten Gregor immer mehr; dieser niedergebeugte, passive Zustand einer schaffenden und waltenden Natur gegenüber, welche doch des Selbstbewußtseins entbehrt, ward ihm zu schwer; der alte sehnige Mensch richtete sich auf in ihm, er schüttelte den Staub 361 von den Füßen, und zog hinweg. Kleine Zufälle aber fesselten ihn lange in dem Knäul kleiner Ortschaften des Distriktes, und die kleinen, täglichen Verhältnisse lähmten ihm wieder die Schwingen, welchen der aufwachende alte Geist ein einzig Mal seit langer Zeit einen kräftigen Schwung mitgetheilt hatte. Die Misere eines kleinen Lebens ist die Pest alles Schwunghaften; wenn die Seele nicht ein über alle Regeln erhabenes Genie ist, so braucht sie ihren hilfreichen Boden wie der Baum. Der Same großer Thaten hatte ihn aus dem schönsten Kreise hinausgetrieben, er war umher geirrt, hatte nirgends Ort, Zeit und Gelegenheit entdeckt, wo Großes zu thun wäre, denn es liegt nichts einzeln am Wege, Alles entsteht in bestimmten Kreisen, auch das Ungewöhnlichste. Jetzt sah er sich nahe daran; ein gewöhnlicher Vagabund zu werden; die Sehnsucht nach seinem Weibe, welche ihm zuweilen erwacht war, drückte ihn jetzt schon wie Verwegenheit, wie Verlangen nach einer Krone, Anspruch und Zutrauen der eignen Würdigkeit sank immer 362 tiefer, er war dem Aergsten nahe, und bereit, diesem auszuweichen vermittelst des Aergsten. In diesem schlimmen Momente fand er einen Gastwirth, der mit viel Behaglichkeit und leidlichem Verstande das Geschäft in seinem kleinen Städtchen führte. Jede Behäbigkeit, wenn sie nicht bestialisch ist, äußert sich auf den Zuschauer wohlthuend. Der Wirth wußte Gregor zu einer kleinen Mittheilung der letzten Reiseeindrücke zu nöthigen, dieser ertappte sich selbst wieder auf einer harmlosen Betrachtung, und darüber ward ihm wohnlicher in der Welt. Er fragte den Wirth, warum man in Niederschlesien auf eine so barbarische Weise die Gegend dadurch entstelle, daß man von allen Laubholzbäumen die Zweige abhaue, und solchergestalt nichts als fratzenhafte, unschöne Baumgestalten, um Arm und Bein verkürzte Figuren sehen lasse, eine Karrikatur von Landschaft. 363 Der Wirth lächelte: ich hab es auch schon gesagt, sprach er vertraulich, weil ich einmal über die Grenze hinaus gekommen bin und es anders gesehen habe, aber es hilft nichts, sie brauchen die Laubzweige zur Schaffütterung, besonders ist das Lindenlaub den jungen Lämmern gar sehr zuträglich. Aber das sind alte Geschichten, lassen Sie sich eine neue erzählen, die hier passirt ist, und aus der kein Mensch gescheidt wird. Nun erzählte der Wirth Folgendes: Es war ein junger Mensch auch nur auf der Durchreise durch das Städtchen gekommen, er war offenbar anständiger Eltern Kind gewesen, mit Geld und Geschick wohl versehen, aber offenbar überspannt, sehr überspannt. Beim besten Appetite, beim schönsten Burgunder habe er versichert, sehr unglücklich zu sein, er müsse etwas Außerordentliches leisten und werden, es koste was es wolle. Sehen Sie, sagte der Wirth, das sind Flausen, wie man sie in Büchern lies't, und für Dummheiten hält, wenn man's praktische Leben vor Augen hat. Nun, sehen Sie, der junge 364 Mann geht in unsre katholische Kirche und sieht da ein hübsches Mädchen – Sie werden sie auch noch sehn – und verliebt sich auf der Stelle, und fragt wer sie sei. Man weiß nicht recht wer, und ob's aus Spaß geschehen ist, oder aus Versehen, kurz, es sagt ihm Jemand: 's ist des Herrn Kämmerers Tochter, der draußen am Wasser wohnt. Der junge Mensch schreibt an des Kämmerers Tochter sogleich einen Brief, erklärte ihr seine Liebe, und bittet sie um ein Rendezvous den andern Morgen in der katholischen Kirche. Wenn sie das gewähre, so möchte sie gegen Abend ein rothes Band aus ihrem Fenster flattern lassen. – Das Mädchen ist ein muntres Kind, sieht das für einen Scherz an, hat vielleicht auch nichts dawider, einen unbekannten Liebhaber anzufeuern, und bindet einen ganzen Shawl von feuerrother Farbe an's Fensterkreuz. Der junge Mensch war selbigen Abend ganz närrisch vor Vergnügen. Am andern Morgen geht's natürlich in die Kirche, das hübsche Mädchen sitzt wieder da, nimmt aber gar keine Notiz von ihm, und als er zudringlich wird, 365 wird sie grob. Er erkundigt sich von Neuem, und erfährt, daß dies gar nicht des Kämmerers Tochter ist, sondern des Forstmeisters, Kämmerers sei gar nicht katholisch, und man wüßte gar nicht, was die hier wolle, und hinten im Kreuzgange sich die Bilder ansehe. Sehn Sie, kaum weiß er, daß er sich an eine Falsche gewendet und die Sache verkehrt angefangen hat, so kommt er nach Hause, schreibt wieder einen Brief, geht hinten in meinen Garten und schießt sich, so wahr Gott lebt, auf der Stelle todt. In dem Briefe steht, er sei ein sehr unglücklicher Mensch, der seinen außerordentlichen Lebenspunkt nicht habe treffen können – nun, so schlag doch der Teufel drein, den ordentlichen hat er getroffen, er hat nicht mehr gemuckt; aber wenn die große Welt viel solche Hansnarren hat, lieber Herr, da lob ich mir unser kleines vernünftiges Städtchen, nicht wahr? Diese Erzählung hatte wie ein Blitzstrahl in Gregor's Inneres geschlagen, er übersah sein letztes 366 Leben wie die öde Haide eines Irrthums, der im Unsichern und Weiten die That sucht, deren seine Anlage und sein Herz bedarf, und die Kreise thöricht durchbricht, innerhalb welcher sein Dasein eingewebt ist. Die Geschichte des Menschen geht in einem stählernen Gewinde fester Stangen, die aus der innersten Eigenthümlichkeit heraus sich bilden, und nur durch diese sich erweitern und verengern lassen. Wer aus diesem seinem Gehäuse herausspringt, und das ihm Außerordentliche haschen will, der springt in das Chaos, in den Zufall hinein und geht darin unter, wenn er keinen Rückweg findet. Das Draußen ist für des Menschen Gedeihn nur als Gelegenheit da, aller Kern und alle wirkliche Größe wächst nur aus dem innersten Herzen. Jeder Mensch ist seine eigenste Welt, zu der er erobern kann, wenn er mit einem Arme fest an seiner innern Burg hält, die er aber nur zu seinem Untergange ganz verläßt. Hoch aufgerichtet, fest und sicher seines Wesens, wenn auch im leinenen Kittel, gelangte Gregor am Johannisabende zum Fuße des Berges, auf welchem 367 das stolze Schloß, einst sein Schloß, thronte. Die Terassen waren verwildert, der Hase und der Fuchs sprangen aus dem wirren Weingeranke. Auf dem ersten Absatze hielt zu Pferde Herr von Richard, nur wenige Stunden waren noch übrig, dann verfiel ihm die schöne Frau. Man fühlt sich ein ganzes Jahr sicher, aber die letzte Viertelstunde fürchtet man Alles. Und hier traf es ein, der einzig gefährliche Prätendent stand vor ihm. Dies Wunder des Romans, daß der Rechte im letzten Momente eintritt, ist ein stets wiederkehrendes Wunder der Weltgeschichte: die Dinge reifen in bestimmten Zeiträumen, und wenn die Frucht plötzlich abfällt, so verwundert es nur den, welcher Zeit und Gesetze nicht kennt. Richard wehrte ihm den Zugang, Gregor aber, der in seine innere, volle Existenz wieder fest gerüttelt war, riß ihn vom Pferde und warf ihn in die Weinranken, das Roß galloppirte in die Fläche hinab. Geh hinauf, Bandit, rief der Niedergeworfene, hole dir den Tod, dein früheres Weib hat dir Rache 368 geschworen, ihre Söldner erwarten dich, während sie selbst in Nürnberg schwelgt. Gregor fürchtete sich nicht; aber sein Weib, das lebendige Herz seines früheren Besitzes, war doch die Seele, welche ihn zog, er wendete sich um und stieg die Straße nach Nürnberg hinab. Richard sah ihm vergnügt nach und eilte den Schloßberg hinauf, sobald Gregor hinter den Bäumen verschwunden war. Schweigend in ihrem weißen Gewande saß Aphanasia oben im Saale, eine Uhr stand auf dem Tische, ein Dolch lag daneben. Richard's Hereinstürmen wies sie blos mit einer unwilligen Handbewegung ab, und mit kaltem Tone sprach sie blos: »Um zwölf!« Auf keine Rede, auf kein Gespräch ging sie ein, wie ein Marmorbild saß sie da, Richard mußte zu einem Buche flüchten. Es ward todtenstill, der Zeiger rannte, die dunkle Nacht fiel mit goldnen Sternen herab, die Feuerwürmchen spielten hin und her außerhalb der Fenster; es schlug eilf Uhr auf dem Schloßthurme, Richard lächelte, Aphanasia 369 lächelte auch, aber es zuckte ein Todesschimmer in diesem Lächeln. Es verging wieder eine halbe Stunde, Alles blieb still. Da hörte man hastige Schritte auf dem Flure, die Thür ward aufgerissen, Gregor im leinenen Kittel stand athemlos auf der Schwelle, Aphanasia sprang auf, ergriff den Dolch, rief mit wunderbar harter Stimme »Gregor!« und schritt ihm entgegen. Aphanasia! schrie dieser, und der Ton kam schmerzhaft dringend aus einem verborgensten Winkel der Seele – sie stand still – er fuhr fort: Nach Nürnberg ward ich geschickt, dort solltest Du sein, aber als der Abend sank, wandte das gepeinigte Herz meine Füße hierher, hier mußtest Du sein – Zeig Deine Hand, sprach sie mit schwacher Stimme, Deine rechte Hand, Gregor! Großer Gott, der Ring ist noch an Deinem Finger, und Du liebst mich? – – der Dolch entglitt ihr – Bis zu peinigenden Schmerzen lieb ich Dich! Damit stürzte er ihr in die Arme, sie brach 370 zusammen, sie verging, bis ein Thränenstrom, wild wie ein Gebirgswasser, aus ihren Augen brach. Nun umfaßte, nun drückte und liebkos'te sie ihn, als ob sie ihn damit tödten wollte – ich habe nicht geweint – Gregor – seit Du fort bist – der Dolch war für Dich, wenn Du ohne Ring, ohne Liebe kamst – vergieb – für mich, wenn Du ausbliebst. Als sie ausgeweint hatten und den Frieden fühlten, schritten sie hinaus auf die Terasse – Herr von Richard war verschwunden – und sahen Arm in Arm, Wange an Wange, in das golden flimmernde Land hinab. Nun ist der goldne Reichthum des schönen Landes wieder auferstanden auch für uns, mein Weib, jetzt tritt er in unser Bewußtsein, wie Alles erst unser wird, wenn wir's einmal verloren haben. Mein Weib, mein Land, jetzt bin ich Euer!   ══════════════