Prosper Mérimée Die Bartholomäusnacht Originaltitel: Chronique du règne de Charles IX Inhalt Vorwort Die deutschen Reiter Am Tag nach dem Feste Die jungen Höflinge Der Abtrünnige Die Predigt Ein Parteiführer Ein Parteiführer Gespräch zwischen dem Leser und dem Verfasser Der Handschuh Die Jagd Der Raffiné und das Pré-aux-Clercs Weiße Magie Die Verleumdung Das Rendezvous Die Dunkelheit Das Geständnis Die Privataudienz Der Katechumene Der Franziskaner Die Chevau-légers Der letzte Versuch Der 24. August Die beiden Mönche Die Belagerung von La Rochelle La Noue Der Ausfall Das Hospital Vorwort Ich hatte eine ziemliche Anzahl von Memoiren und Flugschriften gelesen, die sich auf das Ende des 16. Jahrhunderts bezogen, und wollte mir einen Auszug aus meiner Lektüre machen. Dieser Auszug liegt nun hier vor. Aus der Geschichte liebe ich nur die Anekdoten, und unter den Anekdoten habe ich eine besondere Neigung für diejenigen, in denen ich ein wahrheitsgetreues Sitten- und Charaktergemälde der betreffenden Epoche zu finden glaube. Dieser Geschmack ist nicht sehr edel, aber zu meiner Schande sei es gesagt, daß ich gern den Thukydides für authentische Memoiren einer Aspasia oder eines Sklaven des Perikles darangeben würde; denn allein Memoiren, die ja nichts anderes als vertrauliche Plaudereien des Verfassers mit seinem Leser sind, bieten jenes Charakterbild des Menschen, so wie es mich unterhält und interessiert. Nicht Mézeray, sondern Montluc, Brantôme, d'Aubigné, Tavannes, La Noue und andere geben eine Vorstellung von den Franzosen des sechzehnten Jahrhunderts. Diese zeitgenössischen Schriftsteller sind durch ihren Stil ebenso lehrreich wie durch ihre Erzählungen. Ich lese zum Beispiel in L'Estoile folgende kurze Bemerkung: ›Mademoiselle de Châteauneuf, eine der Geliebten des Königs, bevor dieser nach Polen ging, hatte den Florentiner Antinotti, den Rudermeister der Galeeren von Marseille, in der Verliebtheit geheiratet. Als sie ihn im Liebesgenuß mit einer andern betraf, tötete sie ihn mannhaft mit eigener Hand.‹ Durch diese und so viele andere Anekdoten, deren Brantôme voll ist, lasse ich vor meinem Geiste einen Charakter neu erstehen und erwecke eine Dame vom Hof Heinrichs III. wieder zum Leben. Mir scheint es interessant, jene Sitten mit den unsern zu vergleichen und in den letzteren den Verfall kraftvoller Leidenschaften zugunsten der Ruhe und vielleicht des Glückes zu beobachten. Ob wir besser sind als unsere Vorfahren, bleibt fraglich, und es ist nicht so leicht, darüber zu entscheiden; denn die Begriffe über die gleiche Handlung haben sich je nach den Zeiten sehr verändert. So flößten ein Mord oder eine Vergiftung um 1500 nicht den gleichen Abscheu ein, den sie heute erregen. Ein Edelmann tötete seinen Feind durch Verrat; er bat um Begnadigung, erhielt sie und erschien wieder in der Gesellschaft, ohne daß jemand daran dachte, ihn darob schief anzusehen. Manchmal sogar, wenn der Mord aus einer gerechten Rache geschah, sprach man von dem Mörder, so wie man heutzutage von einem Ehrenmann sprechen würde, der, von einem Schurken schwer beleidigt, diesen im Duell tötete. Es scheint mir also auf der Hand zu liegen, daß menschliche Handlungen aus dem 16. Jahrhundert nicht nach unsern Begriffen des 19. beurteilt werden dürfen. Was auf einer vervollkommneten Kulturstufe als ein Verbrechen erscheint, ist nur ein verwegener Streich auf einer weniger entwickelten und vielleicht eine lobenswerte Handlung in einer barbarischen Zeit. Man wird zugeben müssen, daß das Urteil, welches man über die gleiche Handlung fällen will, auch je nach dem Lande verschieden sein muß; denn zwischen dem einen Volk und einem anderen ist ein ebenso großer Unterschied wie zwischen dem einen Jahrhundert und dem anderen. Läßt sich diese Regel nicht auch auf die Einzelwesen ausdehnen? Und ist der Sohn eines Diebes, der auch stiehlt, ebenso schuldig wie ein gebildeter Mensch, der einen betrügerischen Bankrott macht? Mehemed Ali, dem die Mamelucken-Beys die Herrschaft in Ägypten streitig machten, lädt eines Tages die obersten Führer dieser Herrschaft zu einem Fest ein, das innerhalb seines Schlosses stattfindet. Kaum sind sie eingetreten, so schließen sich die Tore. Albaner in Deckung auf den Terrassen beginnen zu schießen, und von nun an ist Mehemed Ali Alleinherrscher in Ägypten. Gleichwohl unterhandeln wir mit Mehemed Ali; er wird von den Europäern sogar geschätzt und in allen Zeitungen als großer Mann gefeiert: man nennt ihn den Wohltäter Ägyptens. Und doch, was könnte man sich Schrecklicheres denken als die Ermordung wehrloser Menschen? Tatsächlich wird aber diese Art von Hinterhältigkeit durch die Landessitten und durch die Unmöglichkeit, sich auf andere Weise aus der Sache zu ziehen, gerechtfertigt. Hier ist Gelegenheit, Figaros Spruch anzuwenden: ›Ma, per Dio, l`utilità!‹ Wenn ein Minister, den ich nicht nennen will, Albaner gefunden hätte, bereit, auf seinen Befehl zu schießen, und er hätte bei einem Festessen die hervorragendsten Vertreter der Linken ins bessere Jenseits befördern lassen, so wäre seine Handlung als Tat die gleiche gewesen wie die des ägyptischen Paschas, vom Sittlichkeitsstandpunkt aus aber hundertmal strafbarer. Der Mord liegt nicht mehr in unsern Gepflogenheiten. Jener Minister entließ viele kleine Staatsbeamte, die liberale Wähler waren; er versetzte dadurch die andern in Schrecken und erzielte auf diese Weise Wahlen nach seinem Geschmack. Wäre Mehemed Ali französischer Minister gewesen, so hätte er nicht anders gehandelt; und zweifellos wäre der französische Minister in Ägypten gezwungen gewesen, zum Schießen seine Zuflucht zu nehmen, da Entlassung keine genügende Wirkung auf die Gesinnung der Mamelucken ausgeübt hätte. Dieses Nachwort ist im Jahre 1829 geschrieben worden. Die Bartholomäusnacht war auch für ihre Zeit ein großes Verbrechen; ich wiederhole aber, daß ein Blutbad im sechzehnten Jahrhundert nicht das gleiche Verbrechen ist wie im neunzehnten. Wir müssen noch hinzufügen, daß der größte Teil des Volkes handelnd oder doch wenigstens zustimmend daran teilgenommen hat: es bewaffnete sich, um über die Hugenotten herzufallen, die es als Fremde und Feinde betrachtete. Die Bartholomäusnacht war eine Art nationalen Aufstandes, ähnlich dem spanischen von 1809; und die Bürger von Paris, welche die Häretiker ermordeten, waren überzeugt, der Stimme des Himmels zu gehorchen. Einem Geschichtenerzähler wie mir steht es nicht zu, in diesem Band eine genaue Schilderung der historischen Ereignisse von 1572 zu geben; da ich aber nun von der Bartholomäusnacht gesprochen habe, kann ich nicht umhin, einige der Gedanken darzulegen, die mir beim Lesen dieser blutigen Seite unserer Geschichte in den Sinn gekommen sind. Hat man die Ursachen, die jenes Blutbad herbeigeführt haben, richtig erfaßt? War es lange vorher erwogen oder nicht vielmehr das Ergebnis eines plötzlichen, vielleicht sogar zufälligen Entschlusses? Auf alle diese Fragen gibt mir kein Geschichtsschreiber eine befriedigende Antwort. Sie führen als Beweise Stadtgerüchte und angebliche Unterredungen an, die nur wenig Gewicht haben, wenn es sich darum handelt, eine geschichtliche Frage zu entscheiden. Die einen machen aus Karl IX. ein Ungeheuer von Verstellung; die andern schildern ihn als einen launenhaften, ungeduldigen und mürrischen Menschen. Bricht er lange vor dem 24. August in Drohungen gegen die Protestanten aus, so erblickt man darin den Beweis, daß er ihren Untergang von langer Hand erwog. Schmeichelt er ihnen, so beweist es seine Verstellung. Ich will nur eine gewisse Geschichte anführen, die überall erzählt wird und aus der sich ergibt, mit welcher Leichtfertigkeit man auch die unwahrscheinlichsten Gerüchte gelten läßt. Ein Jahr ungefähr vor der Bartholomäusnacht hatte man, wie behauptet wird, schon einen Plan für das Blutbad entworfen. Der Plan war folgender: Im Pré-aux-Clercs sollte ein Holzturm gebaut werden; der Herzog von Guise sollte ihn mit Edelleuten und katholischen Soldaten besetzen und der Admiral mit den Protestanten einen Angriff markieren, um dem König das Schauspiel einer Belagerung zu bieten. Wäre diese Art von Turnier einmal im Gange gewesen, so sollten die Katholiken auf ein verabredetes Zeichen ihre Waffen laden und ihre Feinde töten, die in der Überraschung nicht Zeit gefunden hätten, sich zur Wehr zu setzen. Zur Ausschmückung dieser Geschichte fügt man noch hinzu, daß ein Günstling Karls IX., namens Lignerolles, indiskreterweise die ganze Machenschaft aufgedeckt habe, indem er zum König, als dieser vornehme protestantische Herren mit Worten mißhandelte, sagte: »Ach, Sire, warten Sie noch. Wir haben ein Fort, das uns an allen Irrgläubigen rächen wird.« Man beachte, daß noch nicht ein Brett von dem Fort stand. Der König ließ es sich daraufhin angelegen sein, den Schwätzer ermorden zu lassen. Der Plan soll die Erfindung des Kanzlers Birague gewesen sein, dem man andernteils die Bemerkung zuschreibt, die ganz andere Absichten verraten würde: daß er nur einiger Köche bedürfe, um den König von seinen Feinden zu befreien. Dieses letztere Mittel war viel leichter durchführbar als das andere, das in seiner Überspanntheit fast unmöglich war. Und es wäre in der Tat undenkbar, daß der Verdacht der Protestanten durch die Vorbereitungen zu diesem Kleinkrieg nicht erweckt worden wäre, in welchem die beiden vor kurzem noch feindlichen Parteien so aufeinandergehetzt werden sollten. Ferner wäre es ein schlechtes Mittel gewesen, um mit den Hugenotten fertig zu werden, sie sich zusammenscharen und bewaffnen lassen. Es liegt auf der Hand, daß es besser gewesen wäre, falls man sich schon damals zu ihrem Untergang verschworen hatte, sie einzeln und unbewaffnet zu überfallen. Ich persönlich bin vollkommen davon überzeugt, daß das Blutbad keine vorgefaßte Absicht war, und es ist mir unbegreiflich, wie Schriftsteller eine gegenteilige Meinung vertreten können, die zugleich darin einig sind, Katharina zwar als ein böses Weib, aber auch als einen der politischsten Köpfe ihres Jahrhunderts hinzustellen. Wir wollen die Moral einen Augenblick beiseite lassen und den angeblichen Plan vom Gesichtspunkt der Nützlichkeit aus betrachten. Da behaupte ich denn, daß er dem Hofe keinen Nutzen brachte und daß er außerdem mit soviel Ungeschicklichkeit ausgeführt worden ist, daß man annehmen müßte, seine Urheber seien die überspanntesten Menschen gewesen. Man überlege, ob die Autorität des Königs durch diese Vollstreckung gewinnen oder verlieren konnte und ob es in seinem Interesse lag, sie zuzulassen. Frankreich war damals in drei große Parteien geteilt: die der Protestanten, deren Oberhaupt seit dem Tode des Prinzen von Condé der Admiral war; diejenige des Königs, die schwächste; und die der Guisen und Ultraroyalisten der Zeit. Es ist klar, daß der König, der gleichermaßen die Guisen und die Protestanten zu fürchten hatte, seine Autorität dadurch zu wahren versuchen mußte, daß er die beiden Parteien aufeinanderhetzte. Die eine davon vernichten wollen, hieß sich der andern auf Gnade oder Ungnade ausliefern. Das Schaukelsystem war damals schon genügend bekannt und angewandt. Ludwig XI. war es, der gesagt hat: ›Zerteilen, um zu herrschen.‹ Wir wollen nun untersuchen, ob Karl IX. fromm war; denn eine übertriebene Frömmigkeit hätte ihm möglicherweise eine seinen Interessen zuwiderlaufende Maßregel eingeben können. Alles deutet aber im Gegenteil darauf hin, daß er, wenn auch kein Freigeist, so doch jedenfalls kein Fanatiker war. Übrigens hätte seine Mutter, die ihn leitete, niemals gezögert, religiöse Bedenken, falls sie solche gehabt hätte, ihrer Machtliebe zu opfern. Als Beweis tiefster Verstellung hat man ein Wort Karls IX. angeführt, das mir im Gegenteil nur ein grober Ausfall eines in religiösen Dingen sehr gleichgültigen Menschen zu sein scheint. Der Papst machte Schwierigkeiten wegen der zu erteilenden notwendigen Dispense für die Heirat Margaretes von Valois, der Schwester Karls IX., mit Heinrich IV., der damals Protestant war: »Wenn der Heilige Vater sich weigert«, sagte der König, »so nehme ich meine Schwester Margoton unter den Arm und verheirate sie mitten im protestantischen Bethaus.« Nehmen wir aber an, Karl oder seine Mutter, oder, wenn man will, die Regierung hätte gegen alle Gesetze der Politik die Vernichtung der Protestanten in Frankreich beschlossen, so ist es wahrscheinlich, daß, wenn der Beschluß einmal gefaßt gewesen wäre, sie die geeignetsten Mittel zur Sicherung des Erfolges reiflichst überlegt hätten. Als sicherste Maßregel drängt sich einem aber zuerst auf, daß das Blutbad in allen Städten des Königreichs zu gleicher Zeit stattfinden müsse, damit die Reformierten, überall von überlegenen Kräften angegriffen, Die Bevölkerung Frankreichs war annähernd zwanzig Millionen stark. Man nimmt an, daß die Zahl der Protestanten nach dem zweiten Bürgerkriege sich nicht höher als auf eine Million fünfhunderttausend belief; im Verhältnis verfügten sie aber über größere Reichtümer, über mehr Soldaten und Generäle. sich nirgends verteidigen könnten. Ein einziger Tag hätte genügt, um sie zu vernichten. So hatte Assuerus sich die Niedermetzelung der Juden gedacht. Nun lesen wir aber, daß die ersten Befehle des Königs, die Protestanten zu töten, vom 28. August datiert waren, das heißt vier Tage nach der Bartholomäusnacht, zu einer Zeit, wo die Berichte über den Massenmord den Depeschen des Königs vorausgeeilt sein und alle Glaubensgenossen alarmiert haben mußten. Vor allem wäre es notwendig gewesen, sich der sicheren Plätze der Protestanten zu bemächtigen. Solange diese in ihrer Gewalt waren, war die königliche Autorität nicht gewährleistet. Nehmen wir also eine Verschwörung der Katholiken an, so wäre es offenbar eine der wichtigsten Vorsichtsmaßregeln gewesen, sich am 24. August La Rochelles zu bemächtigen und zugleich im Süden Frankreichs eine Armee zu haben, um jede Zusammenrottung der Reformierten zu verhindern. In den zweiten Bürgerkriegen nahmen die Protestanten am gleichen Tage und durch Überrumpelung mehr als die Hälfte der befestigten Plätze Frankreichs; die Katholiken hätten das gleiche tun können. Nichts von alledem geschah. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die gleichen Menschen ein Verbrechen mit so schwerwiegenden Folgen ersonnen haben sollten, und es so schlecht ausführten. In der Tat waren die Maßregeln so schlecht getroffen, daß wenige Monate nach der Bartholomäusnacht der Bürgerkrieg von neuem ausbrach und die Reformierten ganz gewiß den vollen Ruhm und sogar noch Vorteile daraus zogen. Und widerlegt nicht die Ermordung Colignys, die zwei Tage vor der Bartholomäusnacht erfolgte, vollends die Annahme einer Verschwörung? Warum hätte man den Führer vor Ausbruch der allgemeinen Metzelei töten lassen? Wäre das nicht ein Mittel gewesen, die Hugenotten zu erschrecken und sie zu Vorsichtsmaßregeln zu zwingen? Ich weiß, daß einige Geschichtschreiber dem Herzog von Guise allein das Attentat zuschreiben, das an der Person des Admirals verübt worden ist. Abgesehen aber davon, daß die öffentliche Meinung den König dieses Verbrechens Maurevel erhielt den Beinamen Tueur de roi. Siehe Brantôme. bezichtigte und der Mörder vom König belohnt worden ist, entnehme ich diesem Ereignis noch einen Beweis gegen die Hypothese einer Verschwörung. Hätte diese wirklich existiert, so hätte der Herzog von Guise notwendigerweise daran teilnehmen müssen. Und warum hätte er dann seine Familienrache nicht um zwei Tage hinausgeschoben, um ihrer desto sicherer zu sein? Warum sollte er das Gelingen der ganzen Unternehmung auf diese Weise in Frage stellen, lediglich in der Hoffnung, den Tod seines Feindes um zwei Tage vorzurücken. So scheint mir denn alles zu beweisen, daß dieses ungeheure Blutbad nicht die Folge einer Verschwörung eines Königs gegen einen Teil seines Volkes war. Die Bartholomäusnacht scheint mir das Ergebnis eines Volksaufstandes, der nicht vorausgesehen werden konnte, sondern der improvisiert war. In aller Bescheidenheit will ich darlegen, wie ich mir des Rätsels Lösung denke. Coligny hatte dreimal mit seinem Herrscher wie mit seinesgleichen verhandelt, Grund genug, um von diesem gehaßt zu werden. Da nach dem Tode der Jeanne D'Albret die beiden jugendlichen Prinzen, der König von Navarra und der Prinz von Condé, zu jung waren, um einen Einfluß auszuüben, so war Coligny tatsächlich das einzige Haupt der reformierten Partei. Nach seinem Tode befanden sich die beiden Prinzen inmitten eines feindlichen Lagers und sozusagen als Gefangene ganz in den Händen des Königs. So war der Tod Colignys, und zwar Colignys allein, wichtig zur Befestigung von Karls Herrschaft, der vielleicht ein Wort des Herzogs von Alba nicht vergessen hatte: daß der Kopf eines Lachses mehr wert sei als zehntausend Frösche. Entledigte sich aber der König mit einem Schlage gleichzeitig des Admirals und des Herzogs von Guise, so wurde er unfehlbar zum unumschränkten Herrscher. Er mußte also folgenden Entschluß fassen: nämlich den Admiral ermorden zu lassen oder, wenn man so will, diesen Mord geschickt dem Herzog von Guise unterzuschieben, und dann diesen Fürsten als Mörder verfolgen und verkündigen, daß er ihn der Rache der Hugenotten preisgebe. Bekanntermaßen verließ der Herzog von Guise, ob er nun der Tat Maurevels mitschuldig war oder nicht, Paris in aller Eile, und die Reformierten, vom König zum Schein geschützt, ergingen sich in Drohungen gegen die Prinzen des Hauses Lothringen. Die Bevölkerung von Paris war zu damaliger Zeit außerordentlich fanatisch. Die Bürger waren militärisch organisiert und bildeten eine Art von Nationalgarde, die beim ersten Schlage der Sturmglocken zu den Waffen greifen konnte. Im gleichen Mäße, wie der Herzog von Guise im Andenken an seinen Vater und um seiner eigenen Verdienste willen bei den Parisern beliebt war, waren die Hugenotten, von denen sie zweimal belagert worden waren, ihnen verhaßt. Die Art von Gunst, die letztere am Hofe genossen, im Augenblick, wo eine Schwester des Königs einen Prinzen ihrer Religion heiratete, verdoppelte deren Anmaßung und den Haß ihrer Feinde. Kurz, es genügte, daß ein Führer sich an die Spitze dieser Fanatiker stellte und ihnen zurief: ›Schlagt zu!‹, so stürzten sie sich auf ihre andersgläubigen Volksgenossen und erwürgten sie. Der Herzog, der vom Hofe verbannt und vom König und von den Protestanten bedroht war, mußte am Volk einen Rückhalt suchen. Er versammelt die Führer der Garde, berichtet ihnen von einer Verschwörung der Häretiker, fordert sie auf, letztere auszurotten, ehe diese ausbrechen kann, und erst dann wird das Blutbad geplant. Aus der Tatsache, daß zwischen dem Beschluß und der Ausführung nur wenige Stunden liegen, ist die Heimlichkeit, welche die Verschwörung umgab, und auch die Wahrung des Geheimnisses durch so viele Menschen leicht zu erklären, Dinge, die sonst außergewöhnlich erscheinen müßten. Denn vertrauliche Mitteilungen machen in Paris große Schritte. Ausspruch Napoleons. Es ist schwer, den Anteil des Königs an dem Massenmord festzulegen; stimmte er auch nicht zu, so ist es doch sicher, daß er ihn zuließ. Nach zwei Tagen des Mordens und der Gewalttätigkeit mißbilligte er alles und wollte dem Gemetzel Einhalt tun. Er schrieb die Ermordung Colignys und das Blutbad dem Herzog von Guise und den Prinzen des Hauses Lothringen zu. Die Wut des Volkes war aber entfesselt, und sie ließ sich nicht durch ein wenig Blut stillen. Sie forderte mehr als sechzigtausend Opfer. Der Monarch sah sich gezwungenermaßen von dem Strom mit fortgerissen, der sich stärker erwies als er. Er widerrief seihe Begnadigungsbefehle und erließ bald andere, durch die er das Morden auf ganz Frankreich ausdehnte. Das ist meine Meinung von der Bartholomäusnacht, und ich möchte mit Lord Byron darüber sagen: I only say, suppose this supposition. D.Juan, cant. l, st.LXXXV. 1829 P.M. Die deutschen Reiter The black bands came over     The Alps and their snow, With Bourbon the rover     They passed the broad Po. Lord Byron, The deformed transformed Nicht weit von Étampes, auf dem Wege gegen Paris zu, kann man noch heute ein großes viereckiges Gebäude mit gotischen Fenstern sehen, die mit einigen groben Skulpturen verziert sind. Über der Tür befindet sich eine Nische, die ehedem eine Gottesmutter aus Stein enthielt; in der Revolutionszeit hatte diese aber das Schicksal so vieler anderer Heiligen und wurde durch den protestantischen Revolutionsklub von Larcy in aller Förmlichkeit zertrümmert. Seitdem hat man an ihre Stelle wieder eine andere Heilige Jungfrau gestellt, die zwar nur aus Gips ist, mit Hilfe einiger Seidenlappen und Glasperlen sich aber doch noch ziemlich gut ausnimmt und dem Wirtshaus von Claude Giraut einen ehrwürdigen Anstrich verleiht. Vor mehr als zwei Jahrhunderten, im Jahre 1572 nämlich, war dieses Gebäude so wie jetzt dazu bestimmt, durstige Reisende aufzunehmen, doch hatte es damals ein ganz anderes Aussehen. Die Mauern waren mit Inschriften bedeckt, die von den verschiedenen Wechselfällen eines Bürgerkrieges Zeugnis ablegten. Neben den Worten: ›Es lebe der Prinz!‹ stand zu lesen: ›Es lebe der Herzog von Guise! Tod den Hugenotten!‹ Etwas weiter hatte ein Soldat mit Kohle einen Galgen und einen Gehenkten gezeichnet und, um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, die Inschrift daruntergesetzt: ›Gaspard de Châtillon‹. Doch schienen die Protestanten später in dieser Gegend die Oberhand gehabt zu haben, denn der Name ihres Führers war ausgestrichen und durch den des Herzogs von Guise ersetzt worden. Andere halbverwischte, schwer leserliche und noch schwerer in anständiger Form wiederzugebende Inschriften bewiesen, daß der König und seine Mutter ebensowenig respektiert worden waren wie die Parteiführer. Die arme Gottesmutter hatte aber anscheinend am meisten unter den bürgerlichen und religiösen Wutausbrüchen zu leiden gehabt. Die Statue, an zwanzig Stellen durch Kugeln abgesplittert, gab Zeugnis von dem Eifer der hugenottischen Soldaten im Zerstören dessen, was sie ›heidnische Bildnisse‹ nannten. Während der fromme Katholik im Vorübergehen an der Statue ehrfurchtsvoll seine Mütze abnahm, hielt sich der protestantische Reiter für verpflichtet, ihr einen Büchsenschuß zu verabfolgen; und hatte er sie getroffen, so stieg seine Meinung von sich ebensosehr, als wenn er das apokalyptische Tier erschlagen oder die Abgötterei ausgerottet hätte. Seit mehreren Monaten war der Friede zwischen den beiden gegnerischen Sekten hergestellt; er war aber nur mit den Lippen und nicht aus dem Herzen beschworen worden; die Feindschaft zwischen den beiden Parteien bestand noch ebenso unversöhnlich fort. Alles erinnerte daran, daß der Krieg eben zu Ende gegangen war; alles kündigte an, daß der Friede nicht von langer Dauer sein könne. Das Wirtshaus ›Zum Goldenen Löwen‹ war voll von Soldaten. An ihrem fremdländischen Akzent, ihrer sonderbaren Kleidung erkannte man die deutschen Reiter, die der protestantischen Partei ihre Dienste anbieten wollten, besonders wenn diese gut zu bezahlen imstande war. Wenn die Gewandtheit, mit der diese Fremden ihre Pferde ritten, und ihre Geschicklichkeit im Gebrauch der Feuerwaffen sie am Tage der Schlacht zu furchtbaren Gegnern machten, so standen sie andernteils in dem vielleicht noch begründeteren Rufe abgefeimter Plünderer und unerbittlicher Sieger. Die Truppe, die sich in dem Wirtshause niedergelassen hatte, war fünfzig Mann stark: sie hatten am Tage vorher Paris verlassen und begaben sich nach Orléans ins Standquartier. Während die einen ihre Pferde striegelten, die sie an der Mauer angebunden hatten, schürten andere das Feuer, drehten ihre Bratspieße und machten sich in der Küche zu schaffen. Der unglückliche Wirt betrachtete, die Mütze in der Hand und Tränen im Auge, das Bild von Verwirrung, deren Schauplatz seine Küche war. Er sah den Hühnerhof zerstört, den Keller der Plünderung preisgegeben, sah, wie man den Flaschen die Hälse abschlug, ohne sie des Entkorkens zu würdigen; und das schlimmste war, daß er sehr wohl wußte, er habe trotz der strengen Vorschriften des Königs, die Manneszucht der Kriegsleute betreffend, von jenen keine Entschädigung zu erwarten, die ihn als Feind behandelten. Es galt in dieser unglückseligen Zeit als allgemein anerkannte Tatsache, daß eine bewaffnete Schar in Krieg und Frieden überall, wohin sie kam, auf Kosten der Einwohner lebte. Vor einem eichenen, von Fett und Rauch geschwärzten Tisch saß der Hauptmann der deutschen Reiter. Er war ein großer, beleibter Mensch von ungefähr fünfzig Jahren, mit einer Adlernase, von stark geröteter Gesichtsfarbe, mit ergrauendem und spärlichem Haar, das eine breite Narbe nur schlecht verbarg, die vom linken Ohre ausging und sich in dem dichten Schnurrbart verlor. Er hatte Panzer und Helm abgelegt und nur ein ungarisches Lederwams anbehalten, das von der Reibung der Waffen schwarz geworden und an verschiedenen Stellen sorgfältig geflickt war. Sein Säbel und seine Pistolen lagen auf der Bank in erreichbarer Nähe; nur den breiten Dolch trug er bei sich, eine Waffe, die ein vorsichtiger Mann nur ablegte, wenn er sich zu Bette begab. Zu seiner Linken saß ein junger Mann mit sehr gerötetem Gesicht, groß und gut gewachsen. Sein Wams war bestickt, und in seiner ganzen Kleidung bemerkte man etwas mehr Sorgfalt als in der seines Gefährten. Er war jedoch nur der Kornett des Hauptmanns. Zwei junge Frauenspersonen von zwanzig und fünfundzwanzig Jahren saßen am gleichen Tisch und leisteten ihnen Gesellschaft. In ihrer Kleidung, die nicht für sie gemacht war und die das Kriegsglück ihnen in die Hände gespielt zu haben schien, war eine Mischung von Armseligkeit und Luxus zu bemerken. Die eine trug eine Art von Mieder aus goldbrokatenem, jedoch ganz trübe gewordenem Damast über einem einfachen Leinenkleide; die andere hatte ein violettes Samtkleid an und dazu einen Männerhut aus grauem Filz, den eine Hahnenfeder schmückte. Beide waren hübsch; ihre herausfordernden Blicke und die Ungebundenheit ihrer Rede verrieten jedoch ihre Gewohnheit, mit Soldaten zusammenzuleben. Sie hatten Deutschland ohne bestimmte Beschäftigung verlassen. Die im Samtkleide war Zigeunerin; sie konnte Karten legen und Mandoline spielen. Die andere hatte einige chirurgische Kenntnisse und schien in der Achtung des Kornetts eine bevorzugte Stellung einzunehmen. Diese vier Menschen, jeder vor einer großen Flasche und einem Glase, plauderten und tranken miteinander, während sie auf das Essen warteten. Die Unterhaltung war ins Stocken geraten, wie bei Leuten, die sehr hungrig sind, als ein junger Mann von hohem Wuchs und in ziemlich eleganter Kleidung, der einen schönen Fuchs ritt, vor der Tür des Wirtshauses haltmachte. Der Trompeter der Reiter erhob sich von der Bank, auf der er gesessen hatte, näherte sich dem Fremden und nahm die Zügel des Pferdes. Der Fremde wollte sich eben für den vermeintlichen Höflichkeitsdienst bedanken; er wurde aber alsbald eines Besseren belehrt, denn der Trompeter öffnete dem Pferd das Maul und untersuchte mit Kennermiene dessen Zähne. Dann trat er einige Schritte zurück, besah Beine und Hinterteil des edlen Tieres und nickte mit befriedigter Miene. – »Ein schönes Pferd, Musjöh, das Ihr da reitet!« sagte er in seinem schlechten Französisch; und er fügte ein paar deutsche Worte hinzu, die seine Gefährten zum Lachen brachten, unter denen er sich wieder niederließ. Diese so formlose Untersuchung war nicht nach des Reisenden Geschmack; er begnügte sich jedoch damit, dem Trompeter einen verächtlichen Blick zuzuwerfen, und stieg ohne jegliche Hilfe ab. Der Wirt, der nun aus dem Hause trat, nahm ihm ehrfurchtsvoll die Zügel aus der Hand und sagte ihm so leise ins Ohr, daß es die Reiter nicht hören konnten: »Gott helfe Euch, mein junger Edelmann! Ihr kommt zu schlechter Stunde; denn diese Bande von Spitzköpfen, denen der heilige Christoph den Hals umdrehen möge, ist keine angenehme Gesellschaft für gute Christen wie Ihr und ich.« Der junge Mann lächelte abweisend. »Sind diese Herren protestantische Reiter?« fragte er. »Und deutsche Reitersleute noch dazu«, antwortete der Wirt. »Unsere Liebe Frau vernichte sie! Seit einer halben Stunde sind sie hier, und schon haben sie die Hälfte meiner Möbel zertrümmert. Unerbittliche Plünderer sind sie alle miteinander, wie ihr Führer, Monsieur de Châtillon, dieser schöne Satansadmiral.« »Für einen Graubart wie Ihr«, antwortete der junge Mann, »beweist Ihr recht wenig Klugheit. Wenn Ihr nun zufällig mit einem Protestanten sprächet, könnte ein derber Puff leicht die Antwort sein.« Und bei diesen Worten schlug er mit der Gerte, die er beim Reiten gebrauchte, gegen seinen weißen Lederstiefel. »Wie! Was! Ihr ein Hugenotte! ... Protestant wollte ich sagen«, rief der verdutzte Wirt. Er wich einen Schritt zurück und betrachtete den Fremden vom Kopf bis zu den Füßen, als wollte er in seiner Kleidung irgendein Zeichen entdecken, an dem er erraten könne, welcher Religion er angehöre. Diese Prüfung und der offene und lächelnde Gesichtsausdruck des jungen Mannes beruhigten ihn nach und nach, und er fuhr leiser fort: »Ein Protestant in einem grünen Samtgewand! Ein Hugenotte mit einer spanischen Halskrause! Oh, das ist unmöglich! Ach, junger Herr, solche Kleiderpracht findet man bei den Irrgläubigen nicht. Heilige Maria! Ein Wams aus feinem Samt, das wäre zu schön für diese Schmutzfinken da!« Im selben Augenblick pfiff die Reitgerte, traf den armen Wirt auf die Backe und diente ihm so als das Glaubensbekenntnis des Angeredeten. »Unverschämter Schwätzer! Das soll dich lehren, deine Zunge im Zaume zu halten. Marsch, führe mein Pferd in den Stall, und daß es ihm an nichts fehle!« Der Wirt ließ betrübt den Kopf hängen, führte das Pferd in eine Art von Schuppen und murmelte dabei leise tausend Verwünschungen gegen die deutschen und die französischen Glaubensfeinde vor sich hin; und wäre ihm der junge Mann nicht gefolgt, um zu sehen, wie sein Pferd verpflegt würde, so wäre das arme Tier in seiner Eigenschaft als Häretiker sicherlich um seine Abendmahlzeit gekommen. Der Fremde betrat dann die Küche und lüftete zum Gruß der dort versammelten Gäste mit Anstand den Rand seines großen, von einer gelb und schwarzen Feder überschatteten Hutes. Der Hauptmann erwiderte den Gruß, und nun betrachteten sich beide eine Zeitlang, ohne zu sprechen. »Hauptmann«, sagte der junge Fremde, »ich bin ein protestantischer Edelmann und freue mich, hier einige von meinen Glaubensgenossen anzutreffen. Ist es Euch genehm, so wollen wir miteinander zu Abend speisen.« Der Hauptmann, den die vornehme Haltung des Fremden und seine gewählte Kleidung zu dessen Gunsten einnahmen, antwortete, daß er es sich zur Ehre rechne. Sofort machte Mademoiselle Mila, die junge Zigeunerin, von der wir gesprochen haben, neben sich auf der Bank Platz; und da sie von Natur sehr dienstbeflissen war, gab sie dem Fremden sogar ihr Glas, das der Hauptmann alsbald füllte. »Ich heiße Dietrich Hornstein«, sagte der Hauptmann und stieß mit dem jungen Manne an. »Sicherlich habt Ihr schon vom Hauptmann Dietrich Hornstein reden hören? Ich habe die Todesfreiwilligen in der Schlacht von Dreux geführt und später in der von Arnay-le-Duc.« Der Fremde verstand die Umschreibung, mit der jener ihn um seinen Namen fragen wollte; er antwortete: »Leider kann ich Euch keinen ebenso berühmten Namen nennen wie den Euren, Hauptmann; ich spreche von dem meinigen, denn der meines Vaters ist in unsern Bürgerkriegen wohlbekannt. Ich heiße Bernard de Mergy.« »Wem sagt Ihr diesen Namen!« rief der Hauptmann aus und füllte sein Glas bis an den Rand. »Ich habe Euren Vater gekannt, Monsieur Bernard de Mergy; von den ersten Kriegen an habe ich ihn gekannt, wie man einen nahen Freund kennt. Auf seine Gesundheit, Monsieur Bernard.« Der Hauptmann hielt ihm sein Glas entgegen und sagte auf deutsch etwas zu seinen Soldaten. Sowie der Wein seine Lippen berührte, warfen alle Reiter mit Hurrageschrei ihre Hüte in die Luft. Der Wirt hielt das für ein Zeichen der Metzelei und warf sich auf die Knie. Auch Bernard war etwas überrascht über diese außergewöhnliche Ehrung; er glaubte sich jedoch verpflichtet, diese germanische Höflichkeitsbezeigung dadurch beantworten zu müssen, daß er auf des Hauptmanns Gesundheit trank. Die Flaschen, die schon vor seiner Ankunft tüchtig in Angriff genommen worden waren, genügten nicht mehr für den neuen Trinkspruch. »Steh auf, Heuchler!« sagte der Hauptmann und wandte sich zu dem noch immer knienden Wirt; »steh auf und hole uns Wein. Siehst du nicht, daß die Flaschen leer sind?« Und um es zu beweisen, warf ihm der Kornett eine Flasche an den Kopf. Der Wirt rannte in den Keller. »Dieser Mensch ist ein Erzschuft«, sagte Mergy. »Ihr hättet ihm aber doch weher tun können, als es Eure Absicht war, wenn die Flasche ihn getroffen hätte.« »Ach was«, sagte der Kornett mit lautem Lachen. »Der Kopf eines Papisten«, bemerkte Mila, »ist härter als diese Flasche, wenn auch noch leerer.« Der Kornett lachte noch lauter, und alle Anwesenden folgten seinem Beispiel, selbst Mergy, der freilich mehr dem schönen Munde der Zigeunerin zulächelte als dem grausamen Scherz. Es wurde Wein gebracht, das Essen folgte bald, und nach einigem Schweigen fing der Hauptmann mit vollem Munde wieder an: »Und ob ich Monsieur de Mergy gekannt habe! Er war Oberst beim Fußvolk in der ersten Unternehmung des Prinzen. Zwei Monate haben wir im gleichen Quartier gelegen während der Belagerung von Orléans. Und wie geht es ihm jetzt?« »Ziemlich gut für sein hohes Alter, Gott sei's gedankt! Oft hat er mir von den deutschen Reitern erzählt und von den schönen Angriffen, die sie in der Schlacht von Dreux gemacht haben.« »Auch seinen ältesten Sohn ... Euren Bruder, den Hauptmann George, habe ich gekannt, das heißt vor ....« Mergy schien verlegen. »Das war ein tüchtiger Raufbold«, fuhr der Hauptmann fort; »aber ein Hitzkopf, alle Wetter! Es tut mir leid für Euren Vater, seine Abschwörung hat ihm wohl Kummer gemacht.« Mergy errötete bis über die Ohren; er stotterte einige Worte, um seinen Bruder zu entschuldigen; es war aber nicht schwer zu sehen, daß er ihn noch strenger verurteilte als der deutsche Reiterhauptmann. »Oh, ich sehe, daß es Euch Kummer macht«, sagte der Hauptmann. »Wir wollen nicht mehr davon reden. Es ist ein Verlust für die Religion und ein großer Gewinn für den König, der ihn, wie man sagt, sehr ehrenvoll behandelt.« »Ihr kommt von Paris?« unterbrach Mergy, um das Gespräch abzulenken, »ist der Admiral angekommen? Ihr habt ihn sicherlich gesehen? Wie geht es ihm jetzt?« »Er kam mit dem Hofe von Blois, als wir wegritten. Es geht ihm ausgezeichnet, er ist frisch und munter. Noch zwanzig Bürgerkriege hat er im Leibe, der liebe Mensch! Seine Majestät behandelt ihn mit so großer Auszeichnung, daß alle Papisten vor Ärger platzen.« »Wirklich? Der König wird ja seine Verdienste nie genug würdigen können.« »Gestern übrigens habe ich gesehen, wie der König auf der Treppe des Louvre dem Admiral die Hand drückte. Der Herzog von Guise, der hinter ihm ging, sah erbärmlich aus, wie ein verprügelter Dachshund, und ich, wißt Ihr, was ich dachte? Es kam mir vor, als ob ich den Mann sähe, der auf dem Jahrmarkt den Löwen zeigt; er läßt ihn die Pfote geben wie einen Hund, aber wenn Gilles auch gute Miene zum bösen Spiel macht, so vergißt er doch nicht, daß die Tatze, die er hält, fürchterliche Krallen hat. Ja, bei meinem Bart, man hätte meinen können, der König fühle die Krallen des Admirals.« »Des Admirals Arm reicht weit«, sagte der Kornett. – Dies war eine sprichwörtliche Redensart in der protestantischen Armee. »Er ist noch ein sehr schöner Mann für sein Alter«, bemerkte Mademoiselle Mila. »Mir wäre er als Geliebter lieber als irgendein junger Papist«, setzte Mademoiselle Trudchen, die Freundin des Kornetts, hinzu. »Er ist die Stütze der Religion«, sagte Mergy, um auch sein Teil zu den Lobeserhebungen beizutragen. »Ja, aber für die Disziplin ist er verteufelt streng«, sagte der Hauptmann kopfschüttelnd. Sein Kornett zwinkerte bedeutungsvoll mit den Augen und verzog sein dickes Gesicht zu einer Grimasse, die ein Lächeln sein sollte. »Das hätte ich von Euch nicht erwartet, Hauptmann«, sagte Mergy, »von Euch, einem alten Soldaten, daß Ihr dem Admiral die strenge Manneszucht vorwerft, auf die er in seiner Armee hält.« »Ja, gewiß ist Zucht vonnöten, man muß aber dem Soldaten auch Rechnung tragen für alle Mühen, die er erduldet, und darf ihm nicht verbieten, es sich wohl sein zu lassen, wenn er zufällig Gelegenheit dazu findet. Aber was, jeder Mensch hat seine Fehler; und obwohl er mich hat aufhängen lassen, wollen wir doch auf die Gesundheit des Admirals trinken.« »Der Admiral hat Euch aufhängen lassen?« rief Mergy aus. »Für einen Gehenkten seid Ihr ja recht munter.« »Ja, Sakrament! Er hat mich aufhängen lassen; aber ich bin nicht nachtragend, trinken wir auf seine Gesundheit.« Ehe Mergy seine Fragen erneuern konnte, hatte der Hauptmann alle Gläser gefüllt, seinen Hut abgenommen und seinen Reitern befohlen, ein dreifaches Hurra auszubringen. Nachdem die Gläser geleert waren und der Lärm sich gelegt hatte, fing Mergy wieder an: »Warum seid Ihr denn gehenkt worden, Hauptmann?« »Einer Kleinigkeit wegen: ein elendes Kloster in Saintonge haben wir geplündert, und nachher ist es zufällig abgebrannt.« »Ja, aber es waren nicht alle Mönche heraus«, unterbrach der Kornett und lachte aus vollem Halse über seinen Scherz. »Ach, was liegt dran, ob diese Canaille etwas früher oder etwas später brennt? Der Admiral aber, könnt Ihr es glauben, Monsieur de Mergy, der Admiral wurde allen Ernstes böse; er ließ mich festnehmen, und ohne viel Umstände hatte mich der Generalprofos in den Klauen. Alle Edelleute und alle vornehmen Herren, die um ihn waren, bis zu Monsieur de La Noue, von dem man weiß, daß er mit den Soldaten nicht sanft verfährt – denn La Noue knüpft auf, und er knüpft nicht los – , Im Französischen ein Wortspiel: La Noue noue et ne denoue pas und alle Hauptleute baten ihn, mir zu vergeben; er schlug es glatt ab. Beim Wolfsbauch, wie war er zornig! Er zerbiß seinen Zahnstocher vor Wut; und Ihr kennt das Sprichwort: Gott behüte uns vor den Vaterunsern des Monsieur de Montmorency und vor dem Zahnstocher des Monsieur Admiral! – ›Gott verzeih mir!‹ sagte er. ›Die Marodiererei muß umgebracht werden, solange sie noch ein kleines Mädchen ist, läßt man sie zu einer Dame heranwachsen, dann bringt sie uns um.‹ Daraufhin kommt der Geistliche mit seinem Gebetbuch unterm Arm; wir werden beide unter eine gewisse Eiche geführt... Mir scheint, ich sehe sie noch, mit einem vorgestreckten Ast, der eigens dazu gewachsen schien; man legt mir den Strick um den Hals ... sooft ich an diesen Strick denke, wird mir die Kehle trocken wie Zunder.« »Hier habt Ihr etwas zum Anfeuchten«, sagte Mila und füllte das Glas des Erzählers bis zum Rand. Der Hauptmann leerte es auf einen Zug und fuhr folgendermaßen fort: »Ich kam mir nur mehr wie eine Eichel vor; da fiel mir ein, zum Admiral zu sagen: ›Ach Monseigneur, hängt man so einen Mann, der das Todesbataillon bei Dreux geführt hat?‹ Ich sehe, wie er seinen Zahnstocher ausspuckt und einen andern nimmt. Da sagte ich mir: Schön, das ist ein gutes Zeichen. Er rief den Hauptmann Cormier heran und sprach leise mit ihm; dann sagte er zum Profos:›Vorwärts, man ziehe den Mann in die Höhe!‹ – Und darauf dreht er sich auf dem Absatz um und geht davon. Man zieht mich also wirklich in die Höhe, aber der wackere Cormier reißt den Degen heraus und haut alsogleich den Strick durch, so daß ich von meinem Ast herunterfalle, rot wie ein gesottener Krebs.« »Ich wünsche Euch Glück«, sagte Mergy, »daß Ihr so leichten Kaufes davongekommen seid.« Er betrachtete den Hauptmann aufmerksam und schien etwas bedrückt, sich in Gesellschaft eines Menschen zu befinden, der gerechterweise den Galgen verdient hatte; in diesen unglückseligen Zeiten waren aber Verbrechen so häufig, daß man sie nicht mit der gleichen Strenge beurteilen konnte, wie man es heutzutage tut. Die Grausamkeiten der einen Partei rechtfertigten einigermaßen die Repressalien der andern, und der religiöse Haß erstickte beinahe jedes Gefühl nationaler Zugehörigkeit. Übrigens begannen, um die Wahrheit zu sagen, die heimlichen Lockungen von Mademoiselle Mila, die ihm immer hübscher erschien, und die Betäubung des Weines auf sein jugendliches Gehirn erfolgreicher zu wirken als auf die harten Schädel der deutschen Reiter, und dieses alles gab ihm eine außergewöhnliche Nachsicht für seine Tischgenossen. »Ich habe den Hauptmann acht Tage lang in einem gedeckten Wagen versteckt«, sagte Mila, »und ließ ihn nur nachts heraus.« »Und ich«, fügte Trudchen hinzu, »brachte ihm zu essen und zu trinken: er kann es bezeugen.« »Der Admiral stellte sich sehr aufgebracht gegen Cormier; aber das war alles ein abgekartetes Possenspiel der beiden. Was mich betrifft, so blieb ich lange bei der Nachhut der Armee und wagte es niemals, mich vor dem Admiral zu zeigen. Endlich bei der Belagerung von Longnac entdeckte er mich im Laufgraben und sagte zu mir: ›Dietrich, lieber Freund, da du nicht aufgehängt worden bist, so laß dich erschießen.‹ Und er zeigte mir die Bresche; ich verstand, was er meinte, lief tapfer Sturm und stellte mich am nächsten Tage auf der Hauptstraße vor, meinen Hut in der Hand, der von einem Büchsenschuß durchlöchert war. – ›Monseigneur‹, sagte ich, ›ich bin erschossen worden, wie ich gehenkt worden bin.‹ Er lächelte und gab mir seine Börse mit den Worten: ›Da hast du etwas, um dir einen neuen Hut zu kaufen.‹ – Seit diesem Tage sind wir immer gute Freunde gewesen. – Ach, wie schön war die Plünderung der Stadt Longnac! Das Wasser läuft mir im Munde zusammen, wenn ich daran denke!« »Ach, die schönen Seidenkleider!« rief Mademoiselle Mila. »Und was für eine Menge schöner Wäsche«, rief Mademoiselle Trudchen. »Wie haben wir's uns wohl sein lassen bei den Nonnen des großen Klosters!« sagte der Kornett. »Zweihundert berittene Scharfschützen im Quartier bei hundert Klosterfrauen!...« »Mehr als zwanzig haben dem Papismus abgeschworen«, sagte Mila, »so sehr fanden sie die Hugenotten nach ihrem Geschmack.« »Das war damals schön«, rief der Hauptmann aus, »unsere berittenen Bogenschützen in den Meßgewändern der Priester zur Schwemme reiten zu sehen; unsere Pferde fraßen den Hafer vom Altar, und wir tranken den guten Wein der Geistlichen aus ihren silbernen Kelchen.« Er wandte den Kopf, um zu trinken zu verlangen, und erblickte den Wirt, der mit gefalteten Händen seine Augen mit einem Ausdruck unaussprechlichen Abscheus zum Himmel erhob. »Dummkopf!« sagte achselzuckend der tapfere Dietrich Hornstein. »Wie kann ein Mensch dumm genug sein, um an die Albernheiten der papistischen Geistlichen zu glauben! – Stellen Sie sich vor, Monsieur de Mergy, in der Schlacht von Montcontour habe ich mit einem Schuß einen Edelmann des Herzogs von Anjou getötet, und wie ich ihm sein Wams abnehme, was glauben Sie, was ich auf seinem Leib sah? Ein großes Stück Seide, ganz mit Namen von Heiligen bedeckt. Er glaubte sich dadurch gegen Kugeln gefeit. Zum Donner, ich habe es ihm beigebracht, daß kein Skapulier einer protestantischen Kugel widersteht.« »Ja, Skapuliere!« unterbrach der Kornett; »aber in meiner Heimat verkauft man Pergamente, die gegen Blei und Eisen feien.« »Mir wäre ein gutgeschmiedeter Panzer aus edlem Stahl lieber«, sagte Mergy, »einer von denen, wie sie Jakob Leschot macht in den Niederlanden.« »Hört aber«, begann der Hauptmann wieder, »man kann nicht leugnen, daß man unverwundbar machen kann; ich selber, so wie ich mit Euch rede, habe in Dreux einen Edelmann gesehen, der von einem Büchsenschuß mitten in die Brust getroffen worden war; er kannte das Rezept der Salbe, die unverwundbar macht, und hatte sich unter seinem Büffelwams damit eingerieben; nun, und nicht einmal der schwarzrote Fleck war zu sehen, den sonst eine Prellung zurückläßt.« »Und glaubt Ihr nicht, daß vielmehr das Büffelleder, von dem Ihr sprecht, genügte, den Schuß abzuschwächen?« »Ach, ihr Franzosen wollt an gar nichts glauben! Was würdet Ihr aber sagen, wenn Ihr wie ich einen schlesischen Polizeisoldaten gesehen hättet, der seine Hand auf den Tisch legte, und niemand konnte sie verwunden, auch mit den stärksten Messerstichen nicht? – Aber Ihr lacht und glaubt nicht, daß es möglich sei? Fragt Mila! Seht Euch dies Mädchen an! Sie stammt aus einer Gegend, in welcher die Zauberer so alltäglich sind wie in diesem Lande die Mönche; die könnte Euch schreckliche Geschichten erzählen! Manchmal, wenn wir an langen Herbstabenden im Freien um das Feuer sitzen, stehen mir die Haare zu Berge von den Geschichten, die sie erzählt.« »Ich wäre entzückt, wenn ich eine davon zu hören bekäme«, sagte Mergy, »schöne Mila, macht mir dies Vergnügen.« »Ja, Mila«, drängte der Hauptmann, »erzähle uns irgendeine Geschichte, während wir unsere Flaschen austrinken.« »Also hört zu«, sagte Mila, »und Ihr, junger Edelmann, der Ihr nichts glauben wollt, behaltet, wenn ich bitten darf, Eure Zweifel für Euch.« »Wie könnt Ihr sagen, daß ich an nichts glaube?« antwortete Mergy leise; »meiner Treu, ich glaube, daß Ihr mich verhext habt, denn ich bin schon ganz verliebt in Euch.« Mila stieß ihn sanft zurück, denn Mergys Mund berührte fast ihre Wange; und nachdem sie rasche Blicke nach rechts und links geworfen hatte, um sich zu vergewissern, daß alle zuhörten, begann sie folgendermaßen: »Hauptmann, Ihr seid sicherlich in Hameln gewesen?« »Nein, niemals.« »Und Ihr, Kornett?« »Ich auch nicht.« »Wie, ist denn keiner hier, der in Hameln gewesen wäre?« »Ich habe ein Jahr dort verbracht«, sagte einer der Reiter und trat vor. »Nun also, Fritz, hast du die Kirche von Hameln gesehen?« »Mehr als hundertmal.« »Und die gemalten Fenster?« »Gewiß.« »Und was war auf den Fensterscheiben gemalt?« »Auf den Scheiben?... Auf dem linken Fenster war, glaube ich, ein schwarzer Mann, der Flöte spielt, und kleine Kinder laufen ihm nach.« »Richtig, die Geschichte von diesem schwarzen Mann und diesen Kindern will ich Euch erzählen. Vor vielen Jahren wurden die Bewohner von Hameln von einer unzähligen Menge von Ratten gequält, die in so dichten Scharen von Norden kamen, daß der Boden davon ganz schwarz war und daß ein Fuhrmann es nicht gewagt hätte, seine Pferde über einen Weg zu führen, auf dem diese Tiere gerade vorüberzogen. Im Handumdrehen war alles vertilgt; und diesen Ratten war es leichter, eine Tonne Getreide in einer Scheune aufzufressen, als uns, ein Glas von diesem guten Wein zu trinken.« Sie trank, wischte sich den Mund und fuhr fort: »Mausefallen, Rattenfallen, Schlingen, Gift, alles war vergeblich. Aus Bremen hatte man ein Schiff mit elfhundert Katzen kommen lassen; aber nichts half. Wenn man tausend umbrachte, kamen zehntausend wieder, die noch hungriger waren als die ersten. Mit einem Wort, wenn man gegen diese Landplage keine Abhilfe gefunden hätte, so wäre kein einziges Getreidekorn übriggeblieben, und alle Einwohner wären Hungers gestorben. Da stellte sich an einem gewissen Freitag dem Bürgermeister der Stadt ein großer Mann vor, sonnenverbrannt, hager, mit großen Augen, einem Mund bis zu den Ohren, in ein rotes Wams gekleidet, mit einem spitzen Hut, weiten bebänderten Hosen und grauen Strümpfen und in Schuhen, die mit feuerfarbigen Rosetten verziert waren. An der Seite hatte er eine kleine Tasche hängen. Mir ist, ich sehe ihn noch.« Aller Augen wandten sich unwillkürlich nach der Wand, auf die Mila ihre Blicke heftete. »Habt Ihr ihn denn gesehen?« fragte Mergy. »Ich nicht, aber meine Großmutter; und sie erinnerte sich so gut an sein Gesicht, daß sie sein Bild hätte malen können.« »Und was sagte er zum Bürgermeister?« »Er bot ihm an, für hundert Dukaten die Stadt von der Plage zu befreien, die sie verheerte. Ihr könnt Euch denken, daß der Bürgermeister und die Bürger einschlugen. Sogleich zog der Fremde eine bronzene Flöte aus der Tasche, stellte sich auf den Marktplatz vor die Kirche, der er aber, beachtet das wohl, den Rücken zuwandte, und fing an, eine sonderbare Weise zu spielen, wie ein deutscher Flötenspieler sie niemals gespielt hat. Und wie sie nun die Weise hören, laufen aus allen Speichern, aus allen Mauerlöchern, unter allen Dachsparren und Dachziegeln hervor Ratten und Mäuse zu Hunderten, zu Tausenden auf ihn zu. Der Fremde bewegte sich, immer auf der Flöte spielend, gegen die Weser zu; da zog er seine Schuhe aus, ging ins Wasser, und alle Ratten von Hameln folgten ihm und ertranken sogleich. Nur eine einzige blieb in der Stadt zurück, und gleich sollt Ihr sehen, warum. Der Zauberer fragte einen Nachzügler, der noch nicht in die Weser gegangen war, warum Klauß, die weiße Ratte, noch nicht gekommen sei. ›Herr‹, antwortete die Ratte, ›sie ist so alt, daß sie nicht mehr gehen kann.‹ ›Dann hole du sie selbst‹, antwortete der Zauberer. – Und sofort machte die Ratte kehrt gegen die Stadt zu und kam bald darauf mit einer dicken, alten, weißen Ratte zurück, die so alt war, so alt, daß sie sich kaum mehr schleppen konnte. Die jüngere von den beiden Ratten zog die alte am Schwanz, und so gingen beide in die Weser und ertranken wie ihre Gefährten. So wurde die Stadt von ihnen gesäubert. Als aber der Fremde sich im Rathaus einfand, um die versprochene Belohnung in Empfang zu nehmen, dachten der Bürgermeister und die Bürger, sie hätten nun nichts mehr von den Ratten zu befürchten, und glaubten, sie könnten mit einem schutzlosen Menschen leicht fertig werden, und so schämten sie sich nicht, ihm statt der versprochenen hundert Dukaten nur zehn anzubieten. Der Fremde erhob Einspruch: man schickte ihn zum Teufel. Er drohte, sich teuer bezahlt zu machen, wenn sie den Handel nicht wörtlich einhielten. Die Bürger lachten aus vollem Halse bei dieser Drohung, setzten ihn vor die Tür des Rathauses und nannten ihn den schönen Rattenfänger! Eine Beschimpfung, die die Kinder der Stadt wiederholten, indem sie ihm bis zum Neuen Tor nachliefen. Am nächsten Freitag, um die Mittagsstunde, erschien der Fremde wieder auf dem Marktplatz, diesmal trug er aber einen purpurroten Hut, der auf sonderbare Weise aufgestülpt war. Er zog eine Flöte aus seiner Tasche, die ganz anders war als die erste, und kaum hatte er angefangen, darauf zu spielen, so folgten ihm alle Knaben von sechs bis fünfzehn Jahren und gingen mit ihm aus der Stadt.« »Und ließen die Bewohner von Hameln sie wegführen?« fragten gleichzeitig Mergy und der Hauptmann. »Sie folgten ihnen bis zum Koppenberg zu einer Höhle, die jetzt zugeschüttet ist. Der Flötenspieler betrat die Höhle, und alle mit ihm. Einige Zeit hörte man noch den Ton der Flöte; allmählich verlor er sich, und endlich hörte man nichts mehr. Die Kinder waren verschwunden, und seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört.« Die Zigeunerin hielt inne, um auf den Gesichtern ihrer Zuhörer den Eindruck zu beobachten, den ihre Erzählung gemacht hatte. Der Reiter, der in Hameln gewesen war, nahm das Wort und sagte: »Diese Geschichte ist so wahr, daß man in Hameln von irgendeinem außergewöhnlichen Ereignis sagt: es hat sich zwanzig Jahre, zehn Jahre nach dem Auszug der Kinder begeben ... der Herr von Falkenstein plünderte unsere Stadt sechzig Jahre nach dem Auszug unserer Kinder.« »Das merkwürdigste aber ist«, sagte Mila, »daß zu gleicher Zeit sehr weit von dort, in Transsylvanien, Kinder auftauchten, die gut Deutsch sprachen und die nicht sagen konnten, woher sie kamen. Sie verheirateten sich im Lande, lehrten ihren Kindern ihre Sprache, und davon kommt es, daß bis heute in Transsylvanien Deutsch gesprochen wird.« »Und das sind die Kinder von Hameln, die der Teufel dorthin entführt hat?« fragte Mergy lächelnd. »Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß es wahr ist«, rief der Hauptmann aus, »denn ich bin in Transsylvanien gewesen, und ich weiß, daß man dort Deutsch spricht, während ringsum ein höllisches Kauderwelsch geredet wird.« Die Bestätigung des Hauptmanns war immerhin soviel wert wie manch anderer Beweis, deren es so viele gibt. »Soll ich Euch wahrsagen?« wandte sich Mila an Mergy. »Gern«, antwortete dieser und schlang seinen linken Arm um die Taille der Zigeunerin, während er die offene Rechte hinhielt. Mila betrachtete sie nahezu fünf Minuten, ohne zu sprechen, und schüttelte von Zeit zu Zeit nachdenklich den Kopf. »Nun, schönes Kind, werde ich die Frau, die ich liebe, zur Geliebten haben?« Mila gab ihm einen Klaps auf die Hand. – »Heil und Unheil«, sagte sie; »blaue Augen bringen Gutes und Böses. Das schlimmste ist, daß du dein eigenes Blut vergießen wirst.« Der Hauptmann und der Kornett schwiegen und schienen gleichermaßen von dem unheimlichen Schluß der Prophezeiung angetan. Der Wirt schlug abseits große Kreuzzeichen. »Ich will glauben, daß du wirklich eine Zauberin bist, wenn du mir sagen kannst, was ich nachher tun werde.« »Du wirst mich umarmen«, murmelte die Zigeunerin ihm ins Ohr. »Sie ist eine Hexe!« rief Mergy aus und umarmte sie. Er fuhr fort, sich leise mit der schönen Wahrsagerin zu unterhalten, und ihr gutes Einvernehmen schien mit jedem Augenblick zu wachsen. Trudchen nahm eine Art von Mandoline, die annähernd alle Saiten hatte, und präludierte einen deutschen Marsch. Dann, als sie einen Kreis von den Soldaten um sich sah, sang sie in ihrer Sprache ein Kriegslied, in dessen Kehrreim die deutschen Reiter aus vollem Halse einstimmten. Der Hauptmann, durch ihr Beispiel angeregt, fing mit einer Stimme, daß alle Gläser zu zerspringen drohten, ein altes hugenottisches Lied zu singen an, dessen Melodie zum mindesten ebenso barbarisch war wie der Text: »Den Prinzen von Condé, Den hat getötet man, Jedoch den Admiral Zu Pferd man sehen kann. La Rochfoucauld es ist, Der jagt jeden Papist, Papist, Papist, Papist.« Alle Reiter, vom Weine erhitzt, fingen an, ein jeder ein anderes Lied zu singen; Platten und Flaschen bedeckten mit ihren Scherben den Fußboden; die Küche widerhallte von Flüchen, Lachen und Trinkliedern. Bald jedoch machte der Schlaf im Verein mit der Wirkung des Weines seine Macht über die meisten der Teilnehmer an diesem wüsten Gelage geltend; der Kornett schleppte sich wankend in sein Zimmer, nachdem er zwei Posten an seine Tür gestellt hatte; der Hauptmann, der das Gefühl für die gerade Linie noch wahrte, ging ohne Zickzackbewegung die Treppe hinan zu dem Zimmer des Wirtes, das er sich als das beste im ganzen Wirtshaus ausgesucht hatte. Und Mergy und die Zigeunerin? – Noch vor dem Liede des Hauptmanns waren sie beide verschwunden. Am Tag nach dem Feste Je dis que je veux avoir de l'argent tout à l'heure. Molière, Les Précieuses ridicules Es war längst heller Tag, als Mergy erwachte, den Kopf noch etwas wirr von den Erinnerungen des vorhergehenden Abends. Seine Kleider waren in buntem Durcheinander im Zimmer verstreut, und sein Mantelsack lag offen auf dem Fußboden. Er setzte sich auf, betrachtete eine Zeitlang dieses Bild der Zerstörung und rieb sich den Kopf, wie um sich zu besinnen. Seine Züge verrieten gleichzeitig Müdigkeit, Erstaunen und Unruhe. Ein schwerer Schritt ließ sich auf der steinernen Treppe, die zu seinem Zimmer führte, vernehmen. Die Tür öffnete sich, ohne daß man es für nötig befunden hätte anzuklopfen, und der Wirt trat ein, mit einem noch verdrießlicheren Gesicht als am Abend vorher; es fiel aber nicht schwer, in seinen Blicken an Stelle des Ausdrucks von Angst einen solchen von Unverschämtheit zu lesen. Er warf einen raschen Blick auf das Zimmer und bekreuzigte sich, wie von Entsetzen erfaßt, beim Anblick solcher Unordnung. »Oho, junger Edelmann, noch im Bett?« rief er aus. »Vorwärts, jetzt heißt es aufstehen, denn wir haben noch unsere Rechnung zu machen.« Mergy gähnte auf erschreckliche Weise und streckte ein Bein aus dem Bett. »Woher diese Unordnung? Warum ist mein Mantelsack offen?« fragte er in einem Tone, der mindestens ebenso unzufrieden war wie der des Wirtes. »Warum, warum?« antwortete dieser. »Was weiß ich? ich kümmere mich doch nicht um Euren Mantelsack. Ihr habt mein Haus in eine noch viel größere Unordnung gebracht. Aber beim heiligen Eustachius, meinem guten Namenspatron, Ihr werdet mir's bezahlen.« Während er sprach, zog Mergy seine scharlachroten Kniehosen an, und durch die Bewegung, die er machte, fiel seine Börse aus der Tasche. Der Ton, den sie von sich gab, muß wohl anders gewesen sein, als er erwartete, denn er hob sie sofort beunruhigt auf und öffnete sie. »Ich bin bestohlen worden!« rief er und wandte sich zu dem Wirt. An Stelle der zwanzig Goldtaler, die seine Börse enthalten hatte, fand er deren nur zwei. Meister Eustache zuckte die Achseln und lächelte verächtlich. »Ich bin bestohlen worden!« wiederholte Mergy und band in aller Eile seinen Gürtel fest. »Ich hatte zwanzig Goldtaler in dieser Börse, und ich verlange sie zurück: in Eurem Hause sind sie mir weggenommen worden.« »Bei meinem Bart, das freut mich sehr!« sagte der Wirt unverschämt; »das wird Euch lehren, mit Hexen und Dirnen zu buhlen. Aber«, fügte er etwas leiser hinzu, »gleich und gleich gesellt sich gern. Alle diese feinen Galgenvögel, Irrgläubigen, Zauberer und Diebe gesellen sich und passen zueinander.« »Was sagst du da, Halunke!« schrie Mergy, der in um so heftigeren Zorn geriet, als er innerlich die Berechtigung des Vorwurfs fühlte; und wie jeder Mensch, wenn er unrecht hat, ergriff er die Gelegenheit zu einem Streit beim Schöpf. »Ich sage«, erwiderte der Wirt mit erhobener Stimme und stemmte die Faust in die Seite, »ich sage, daß Ihr in meinem Hause alles zerbrochen habt, und ich verlange, daß Ihr mir alles bis zum letzten Heller bezahlt.« »Ich werde meine Zeche bezahlen, und keinen Deut mehr. Wo ist der Hauptmann Corn ... Hornstein?« »Man hat mir zweihundert Flaschen«, fuhr der Wirt immer lauter schreiend fort, »man hat mir mehr als zweihundert Flaschen guten alten Weines ausgetrunken, aber Ihr seid mir dafür verantwortlich.« Mergy war unterdessen mit dem Anziehen fertig geworden. »Wo ist der Hauptmann?« schrie er mit dröhnender Stimme. »Er ist vor mehr als zwei Stunden abgezogen, und möge er zum Teufel gehen samt allen Hugenotten, bis wir sie alle verbrennen!« Eine kräftige Ohrfeige war die einzige Antwort, die Mergy in diesem Augenblicke fand. Die Überraschung und die Wucht des Schlages ließen den Wirt zwei Schritte zurücktaumeln. Der Horngriff eines langen Messers kam aus seiner Hosentasche zum Vorschein; er griff danach. Sicherlich wäre ein großes Unglück geschehen, wenn er der ersten Regung seines Zornes gefolgt wäre. Die Klugheit mäßigte jedoch die Wirkungen seines Ingrimms, da er bemerkte, wie Mergy die Hand nach dem Kopfende des Bettes ausstreckte, wo ein langer Degen hing. Sofort verzichtete er auf einen ungleichen Kampf und stürzte eiligst die Treppe hinunter, aus Leibeskräften schreiend: »Mörder! Feuer!« Herr des Schlachtfelds, aber sehr beunruhigt über die Folgen seines Sieges, schnallte Mergy seinen Gürtel um, steckte die Pistolen ein, machte seinen Mantelsack zu, nahm ihn in die Hand und beschloß, beim nächsten Richter Klage zu führen. Er öffnete die Tür und setzte den Fuß auf den ersten Treppenabsatz, als eine feindliche Schar ihm unvermutet entgegentrat. Voran ging der Wirt, eine alte Hellebarde in der Hand; drei Küchenjungen, mit Bratspießen und Stöcken bewaffnet, folgten ihm auf dem Fuße; ein Nachbar mit einer verrosteten Büchse bildete die Nachhut. Von keiner Seite hatte man ein so plötzliches Zusammentreffen erwartet, nur sechs oder sieben Stufen trennten die beiden feindlichen Parteien. Mergy ließ seinen Mantelsack fallen und ergriff eine seiner beiden Pistolen. Diese feindselige Bewegung ließ in Meister Eustache und seinen Helfershelfern die Erkenntnis ihrer mangelhaften Schlachtordnung aufdämmern. Gleich den Persern in der Schlacht bei Salamis hatten sie verabsäumt, eine Stellung zu wählen, in der ihre Zahl sich vorteilhaft hätte entfalten können. Der einzige aus der Schar, der eine Feuerwaffe trug, konnte sich dieser nicht bedienen, ohne seine Vordermänner zu verwunden, während der Hugenotte mit seinen Pistolen die ganze Treppenlänge bestreichen konnte und alle mit einem einzigen Schuß über den Haufen zu werfen drohte. Das leichte Knacken des Hahns, als Mergy die Pistole lud, schallte in ihren Ohren und erschien ihnen beinahe so erschreckend wie das Losgehen der Waffe selbst. In spontaner Bewegung machte die Kolonne kehrt und suchte in der Küche ein weitläufigeres und vorteilhafteres Schlachtfeld. In der Verwirrung, die bei einem überstürzten Rückzug unausbleiblich ist, geriet dem Wirt, der seine Hellebarde drehen wollte, diese zwischen die Beine, und er fiel hin. Als großmütiger Gegner verzichtete Mergy darauf, von seinen Waffen Gebrauch zu machen, und begnügte sich damit, den Fliehenden seinen Mantelsack nachzuwerfen, der wie ein Felsblock auf sie niederfiel und, sein Tempo bei jeder Stufe beschleunigend, noch vollends die wildeste Flucht hervorrief. Die Treppe war vom Feinde gesäubert, und die zerbrochene Hellebarde blieb als Trophäe zurück. Mergy stieg rasch zur Küche hinab, wo der Feind sich in einer Linie neu formiert hatte. Der Büchsenträger hielt die Waffe hoch und blies auf die angezündete Lunte. Blutbedeckt hielt sich der Wirt, dessen Nase beim Fallen auf das heftigste verletzt worden war, hinter seinen Freunden, gleich dem verwundeten Menelaos hinter den Schlachtreihen der Griechen. Statt Machaon und Podaleirios wischte seine Frau mit wirrem Haar und aufgeknüpfter Haube ihm das Gesicht mit einem schmutzigen Handtuch ab. Ohne Zögern ergriff Mergy seine Maßregeln. Er ging geradenwegs auf den zu, der die Büchse hielt, und richtete den Pistolenlauf auf seine Brust. »Wirf die Lunte weg, oder du bist des Todes!« schrie er ihn an. Die Lunte fiel zu Boden, und Mergy setzte den Stiefel auf die brennende Zündschnur und löschte sie aus. Sofort legten sämtliche Verbündeten gleichzeitig die Waffen nieder. »So«, sagte Mergy, sich an den Wirt wendend, »Euch wird die kleine Züchtigung, die Ihr von mir erhalten habt, zweifellos lehren, künftig Fremde mit etwas mehr Höflichkeit zu behandeln. Wenn ich wollte, könnte ich Euch vom Landvogt des Ortes Euer Aushängeschild entziehen lassen; aber ich bin nicht bösartig. Wieviel bin ich für meine Zeche schuldig?« Als Meister Eustache merkte, daß Mergy seine fürchterlichen Pistolen entladen und während des Sprechens wieder in seinen Gürtel gesteckt hatte, faßte er wieder etwas Mut, und während er fortfuhr, sich abzuwischen, murmelte er betrübt: »Die Platten zerschlagen, die Leute prügeln, guten Christen die Nase brechen... einen Teufelslärm vollführen... ich wüßte wirklich nicht, wie man nach alledem einen ehrlichen Mann entschädigen könnte.« »Also gut«, sagte Mergy lachend, »für Eure zerschundene Nase bezahle ich Euch, was sie nach meiner Meinung wert ist. Für Eure zerbrochenen Platten müßt Ihr Euch an die Reiter wenden, das ist ihre Sache. Fragt sich nur noch, was ich für mein gestriges Abendessen schuldig bin.« Der Wirt sah seine Frau, seine Küchenjungen und seinen Nachbarn an, als wollte er zugleich um Rat und um Schutz bitten. »Die Reiter, die Reiter!« sagte er, »von denen Geld zu sehen, ist nicht so einfach; ihr Hauptmann hat mir drei Livres gegeben und der Kornett einen Fußtritt.« Mergy nahm einen der Goldtaler, die ihm noch verblieben waren. »Nun«, sagte er, »wir wollen als gute Freunde auseinandergehen«, und er warf ihn Meister Eustache zu, der, anstatt die Hand hinzuhalten, ihn verächtlich auf den Boden fallen ließ. »Einen Taler«, schrie er, »einen Taler... und hundert Flaschen zerschlagen; einen Taler und ein Haus zerstört; einen Taler und die Leute verprügelt!« »Einen Taler, nur einen Taler«, fing die Frau in ebenso jämmerlichem Tone an. »Es kommen katholische Edelleute hierher, die auch manchmal ein bißchen lärmen, aber sie kennen wenigstens den Wert der Sachen.« Wäre Mergy besser bei Kasse gewesen, so hätte er sicherlich den Ruf der Freigebigkeit seiner Partei verteidigt. »Das mag wohl sein«, antwortete er trocken, »diese katholischen Herren sind aber auch nicht bestohlen worden. Entscheidet Euch«, fügte er hinzu; »nehmt diesen Taler, oder Ihr bekommt gar nichts.« Und er trat einen Schritt vorwärts, als wollte er ihn wieder an sich nehmen. Die Wirtin hob ihn unverzüglich auf. »Vorwärts, führt mir mein Pferd vor; und du, laß deinen Bratspieß fahren und trage meinen Mantelsack.« »Euer Pferd, edler Herr?« sagte einer der Diener des Meisters Eustache und verzog sein Gesicht. Der Wirt hob trotz seines Kummers den Kopf, und seine Augen blitzten einen Augenblick in boshafter Freude. »Ich will es Euch selber vorführen, guter Herr; ich will Euch Euer gutes Pferd vorführen.« Und er ging hinaus, das Handtuch immer noch an seine Nase haltend. Mergy folgte ihm. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er statt seines schönen Fuchses, der ihn hergetragen hatte, ein kleines, altes, schwarz und weiß geschecktes Pferd sah, das sich beim Fallen die Knie verletzt hatte und außerdem noch durch eine breite Narbe am Kopfe entstellt war; statt seines Sattels aus feinem flandrischem Samt sah er einen solchen aus eisenbeschlagenem Leder, wie ihn die Soldaten gebrauchten. »Was hat das zu bedeuten? Wo ist mein Pferd?« »Eure Herrlichkeit mag sich die Mühe nehmen und die Herren protestantischen Reiter fragen«, antwortete der Wirt mit geheuchelter Unterwürfigkeit; »diese würdigen Fremden haben es mit sich fortgeführt: sie müssen sich wohl geirrt haben wegen der Ähnlichkeit.« »Ein schönes Pferd!« sagte einer der Küchenjungen. »Ich möchte wetten, daß es nicht mehr als zwanzig Jahre alt ist.« »Man kann nicht leugnen, daß es ein Schlachtroß ist«, sagte ein anderer; »seht doch den Säbelhieb, den es auf die Stirn bekommen hat!« »Was für ein herrliches Fell«, fügte ein Dritter hinzu; »wie das Gewand eines Ministers, weiß und schwarz.« Mergy ging in den Stall und fand ihn leer. »Und warum habt Ihr zugegeben, daß man mein Pferd fortführt?« schrie er wütend. »Was wollt Ihr, edler Herr«, sagte der Knecht, der den Stall beaufsichtigte. »Der Trompeter hat es mitgenommen; er hat mir gesagt, es sei ein zwischen Euch abgemachter Tauschhandel.« Der Zorn erstickte Mergy, und er wußte nicht, wen er für sein Mißgeschick verantwortlich machen sollte. »Ich werde den Hauptmann aufsuchen«, murmelte er zwischen den Zähnen, »und er wird den Schurken, der mich bestohlen hat, nach Gebühr bestrafen.« »Ja freilich«, sagte der Wirt, »Eure Herrlichkeit wird gut daran tun; denn dieser Hauptmann... wie hieß er doch noch?... sah nach einem sehr rechtschaffenen Manne aus.« Und Mergy hatte schon im stillen überlegt, daß der Hauptmann den Diebstahl, wenn auch nicht befohlen, so doch gutgeheißen hatte. »Ihr könnt bei der gleichen Gelegenheit«, fuhr der Wirt fort, »Eure Goldtaler von der jungen Mademoiselle zurückverlangen; sie hat sich sicherlich geirrt, wie sie bei Tagesanbruch ihr Bündel schnürte.« »Wünschen Eure Herrlichkeit, daß ich den Mantelsack Eurer Herrlichkeit auf das Pferd binde?« fragte der Stallknecht im ehrfurchtsvollsten Tone, der zur Verzweiflung bringen konnte. Mergy begriff, daß er, je länger er blieb, um so mehr von den Spöttereien dieser Canaille zu leiden haben werde. Sobald der Mantelsack befestigt war, schwang er sich in den schlechten Sattel; sowie aber das Pferd den neuen Herren spürte, kam ihm der boshafte Wunsch, dessen Reitkünste auf die Probe zu stellen. Doch es währte nicht lange, so merkte es, daß es mit einem ausgezeichneten Reiter zu tun habe, der weniger denn je in der Stimmung war, seine Neckereien zu dulden; und nach einigem Ausschlagen, durch ein paar Stöße mit den recht spitzigen Sporen kräftig vergolten, sah es ein, daß es gescheiter wäre, zu gehorchen, und so schlug es einen guten Reisetrab an. Es hatte jedoch einen Teil seiner Kräfte im Kampfe mit seinem Reiter erschöpft, und so geschah, was in solchen Fällen Schindmähren immer passiert: es stürzte und streckte, wie man zu sagen pflegt, alle viere in die Luft. Unser Held erhob sich schnell, etwas zerschlagen, aber noch viel wütender über das Hohngelächter, das sich alsbald erhob. Einen Augenblick schwankte er sogar, ob er nicht mit ein paar kräftigen Hieben mit der flachen Klinge Rache nehmen sollte; er überlegte jedoch, daß es besser wäre, so zu tun, als höre er die Beschimpfungen nicht, die man ihm von weitem nachrief, und in gemäßigterem Tempo nahm er die Reise nach Orléans wieder auf, verfolgt von einer Schar Kinder, von denen die größeren das Lied von Jehan Petaquin sangen, während die kleineren aus Leibeskräften schrien: »Hugenotten! Hugenotten! Ketzer!« Nachdem er ziemlich betrübten Herzens ungefähr eine halbe Meile geritten war, überlegte er, daß er an diesem Tage die Reiter wahrscheinlich nicht mehr einholen könne, daß sein Pferd sicherlich schon verkauft und daß es auf jeden Fall mehr als zweifelhaft sei, diese Herren zur Einwilligung in dessen Rückerstattung zu veranlassen. Nach und nach gewöhnte er sich an den Gedanken, daß sein Pferd rettungslos verloren sei; und da er unter dieser Voraussetzung auf dem Wege nach Orléans nichts mehr zu suchen hatte, so nahm er die Straße nach Paris oder vielmehr einen Querweg, um das unglückselige Wirtshaus, das Zeuge seines Mißgeschicks gewesen war, zu vermeiden. Von früh auf gewöhnt, allen Ereignissen des Daseins die gute Seite abzugewinnen, kam er unvermerkt dazu, sich nach allem noch glücklich zu schätzen, so leichten Kaufes davongekommen zu sein; er hätte ja auch ganz ausgeraubt, sogar ermordet werden können, während ihm doch noch ein Goldtaler, fast alle seine Kleidungsstücke und ein Pferd verblieben, das zwar häßlich war, ihn immerhin aber tragen konnte. Und um nichts zu verschweigen: die Erinnerung an die schöne Mila entlockte ihm mehr denn einmal ein Lächeln. Kurz, nach einigen Wegstunden und einem guten Frühstück war er fast gerührt von der zarten Aufmerksamkeit des wackeren Mädchens, das nur achtzehn Taler aus seiner Börse genommen hatte, die deren zwanzig enthielt. Mehr Mühe kostete es ihn, sich mit dem Verlust seines schönen Fuchses auszusöhnen, doch mußte er zugeben, daß ein hartgesottenerer Dieb als der Trompeter sein Pferd mitgenommen hätte, ohne ein anderes an dessen Stelle zurückzulassen. Am Abend kurz vor Torschluß erreichte er Paris und mietete sich in einem Gasthof in der Rue Saint-Jacques ein. Die jungen Höflinge Jachimo: The ring is won. Posthumus:   The stone's too hard to come by. Jachimo:                                                   Not a whit, Your lady being so easy. Shakespeare, Cymbeline Mergy kam nach Paris in der Hoffnung, dem Admiral Coligny nachdrücklich empfohlen zu werden und in der Armee Dienste nehmen zu können, die, wie man sagte, unter dem Befehl des großen Heerführers in Flandern kämpfen sollte. Er schmeichelte sich mit der Hoffnung, durch Freunde seines Vaters, für welche er Briefe mitbrachte, in seinen Schritten unterstützt und am Hofe Karls sowie beim Admiral eingeführt zu werden, der ebenfalls eine Art von Hof hielt. Mergy wußte, daß sein Bruder einigen Einfluß besaß, doch war er noch unentschlossen, ob er ihn aufsuchen sollte oder nicht. Die Abschwörung Georges de Mergy hatte diesen fast gänzlich von der Familie losgetrennt, für die er nicht viel mehr als ein Fremder war. Dies war nicht der einzige Fall einer durch Verschiedenheit der religiösen Meinungen entzweiten Familie. Seit langem hatte Georges Vater verboten, den Namen des Apostaten in seiner Gegenwart zu erwähnen, und er hatte seine Strenge mit der Stelle aus dem Evangelium gerechtfertigt: ›Wenn dich dein rechtes Auge ärgert, so reiße es heraus.‹ Hatte der junge Bernard diese Unerbittlichkeit bei weitem nicht geteilt, so schien ihm doch die Gesinnungsänderung seines Bruders ein Schandfleck auf der Familienehre, und die Gefühle brüderlicher Zuneigung hatten naturgemäß unter dieser Anschauung gelitten. Ehe er einen Beschluß faßte, wie er sich ihm gegenüber benehmen wolle, überlegte er, daß er, noch bevor er seine Empfehlungsbriefe abgab, auf Mittel bedacht sein müsse, seine leere Börse wieder zu füllen, und in dieser Absicht verließ er den Gasthof, um sich zu einem Goldschmied an der Brücke Saint-Michel zu begeben, der seiner Familie eine Summe schuldete, welche einzufordern er beauftragt war. Am Zugang zur Brücke begegneten ihm einige sehr elegant gekleidete junge Leute, die Arm in Arm fast ganz den engen Durchgang sperrten, den die große Anzahl von Krämerläden und Buden freiließ, die sich wie zwei Parallelmauern hinzogen und den Passanten den Ausblick auf die Ufer vollständig verbargen. Hinter diesen Herren gingen ihre Lakaien, von denen jeder einen jener langen zweischneidigen Degen in der Scheide trug, die man Duelle nannte, und einen Dolch, dessen Stichblatt so breit war, daß es im Notfall als Schild dienen konnte. Anscheinend fanden diese jungen Edelleute das Gewicht ihrer Waffen zu schwer, oder vielleicht machte es ihnen Vergnügen, jedermann zeigen zu können, daß sie reichgekleidete Diener hatten. Sie schienen guter Laune, wenigstens nach dem ununterbrochenen schallenden Gelächter zu urteilen. Ging eine gutgekleidete Frau an ihnen vorüber, so grüßten sie mit einer Mischung von Höflichkeit und Unverschämtheit, während mehrere von diesen Leichtfertigen sich ein Vergnügen daraus machten, mit den Ellenbogen ernste Bürger in schwarzen Mänteln grob anzustoßen, die sich, leise tausend Verwünschungen gegen die Frechheit der Hofleute murmelnd, zurückzogen. Nur einer aus der Schar ging mit gesenktem Kopfe und schien an ihren Belustigungen nicht teilzunehmen. »Gott verdamm mich, George«, rief einer der jungen Leute und schlug ihm auf die Schulter, »du wirst gewaltig verdrießlich. Seit einer guten Viertelstunde hast du den Mund nicht aufgemacht. Hast du denn die Absicht, Kartäuser zu werden?« Der Name George ließ Mergy zusammenfahren, er konnte aber die Antwort der Person, die man mit diesem Namen angeredet hatte, nicht hören. »Ich wette hundert Pistolen«, fing der junge Mann wieder an, »daß er in irgendeinen Ausbund von Tugend verliebt ist. Armer Freund, du tust mir leid; das nennt man Pech haben, in Paris auf eine Grausame zu verfallen.« »Geh zum Hexenmeister Rudbeck«, sagte ein anderer, »der gibt dir einen Zaubertrank, damit du wiedergeliebt wirst.« »Vielleicht«, sagte ein dritter, »ist unser Freund, der Hauptmann, in eine Nonne verliebt. Diese verfluchten Hugenotten, bekehrt oder nicht, haben es immer auf die Bräute des lieben Gottes abgesehen.« Eine Stimme, die Mergy sofort erkannte, antwortete traurig: »Bei Gott, ich wäre weniger betrübt, wenn es sich um Liebesgeschichten handelte; aber de Pons«, fügte er leiser hinzu, »dem ich einen Brief für meinen Vater mitgegeben hatte, ist zurückgekommen und hat mir berichtet, er beharre darauf, von mir nichts mehr hören zu wollen.« »Dein Vater ist von altem Schrot und Korn«, sagte einer der jungen Leute; »er ist einer von jenen alten Hugenotten, die Amboise einnehmen wollten.« In diesem Augenblick wandte Hauptmann George zufällig den Kopf und bemerkte Mergy. Mit einem Schrei des Erstaunens stürzte er mit offenen Armen auf ihn zu. Mergy zögerte keinen Augenblick, er streckte ihm die Arme entgegen und drückte ihn an die Brust. Wäre die Begegnung weniger unvermutet gewesen, so hätte er vielleicht versucht, sich mit Gleichgültigkeit zu wappnen; die Überraschung setzte jedoch die Natur in alle ihre Rechte. Von nun an betrachteten sie sich als Freunde, die sich nach langer Reise wiederfinden. Nach den ersten Umarmungen und Fragen wandte Hauptmann George sich zu seinen Freunden, deren einige stehengeblieben waren, um diese Szene zu betrachten. »Meine Herren«, sagte er, »ihr seht, wie unerwartet diese Begegnung ist. Verzeiht mir, wenn ich euch verlasse, um mich meinem Bruder zu widmen, den ich mehr als sieben Jahre nicht gesehen habe.« »Bei meiner Ehre, wir geben nicht zu, daß du uns verläßt. Das Essen ist bestellt, du mußt daran teilnehmen.« Der so sprach, ergriff ihn gleichzeitig beim Mantel. »Béville hat recht«, sagte ein anderer, »und wir werden dich nicht loslassen.« »Zum Kuckuck, dein Bruder soll mit uns zu Mittag speisen«, erwiderte Béville. »Statt eines guten Kameraden haben wir nun deren zwei.« »Entschuldigt mich«, sagte nun Mergy, »ich habe heute noch mehrere Angelegenheiten zu erledigen. Ich habe Briefe abzugeben ...« »Ihr könnt sie morgen abgeben.« »Sie müssen heute überreicht werden ... und ...«, fügte Mergy lächelnd und etwas beschämt hinzu, »ich muß gestehen, daß ich ohne Geld bin und daß ich mir welches beschaffen muß.« »Ah, in der Tat, die Ausrede ist gut!« riefen alle gleichzeitig. »Wir werden es nicht zugeben, daß Ihr das Mittagsmahl ehrlicher Christen wie wir ablehnt, um bei Juden Geld zu leihen.« »Seht her, lieber Freund«, sagte Béville und schüttelte affektiert eine lange Seidenbörse, die durch seinen Gürtel geschlungen war, »verfügt über mich wie über Euren Schatzmeister. Das Würfelspiel ist mir seit vierzehn Tagen gewogen. »Vorwärts, vorwärts, halten wir uns nicht auf und gehen wir in den ›Mohren‹ zum Essen«, begannen alle jungen Leute wieder. Der Hauptmann sah seinen Bruder an, der noch unentschlossen war. »Ach was, du hast noch Zeit genug, um deine Briefe abzugeben. Und Geld habe ich genug; komm also mit, du sollst mit dem Pariser Leben Bekanntschaft machen.« Mergy ließ sich mit fortreißen. Sein Bruder stellte ihn seinen Freunden einem nach dem anderen vor: Baron de Vaudreuil, Chevalier de Rheincy, Vicomte de Béville und so fort. Sie überschütteten den Ankömmling, der einen nach dem andern umarmen mußte, mit Zärtlichkeiten. Béville umarmte ihn zuletzt. »Oho«, rief er aus, »Gott verdamm mich, Kamerad, ich spüre Häretikergeruch. Ich wette meine goldene Kette gegen eine Pistole, daß Ihr Kalvinist seid.« »Das ist wahr, Monsieur, aber ein so guter Gläubiger, wie ich sein sollte, bin ich nicht.« »Da seht Ihr, ob ich nicht einen Hugenotten unter Tausenden herausfinde! Zum Teufel! Was für eine ernsthafte Miene die Herren Spitzköpfe annehmen, wenn sie von ihrer Religion sprechen.« »Mir scheint, man sollte von einem solchen Gegenstand niemals im Scherz sprechen.« »Monsieur de Mergy hat recht«, sagte der Baron Vaudreuil; »und Euch, Béville, wird noch Unheil zustoßen für Eure schlechten Witze über heilige Dinge.« »Seht mir diese Scheinheiligkeit«, sagte Béville zu Mergy; »er ist der Ausschweifendste von uns allen, und doch fällt es ihm manchmal ein, uns eine Predigt zu halten.« »Laßt mich so, wie ich bin, Béville«, sagte Vaudreuil, »bin ich ungezügelt, so ist es, weil ich das Fleisch nicht meistern kann; aber ich achte, was achtenswert ist.« »Und ich achte ... meine Mutter; sie ist die einzige tugendhafte Frau, die ich gekannt habe. Übrigens, mein Bester, Katholiken, Hugenotten, Papisten, Juden oder Türken, das ist mir einerlei. Ihre Streitereien kümmern mich nicht mehr als ein zerbrochener Sporn.« »Gottloser!« murmelte Vaudreuil. Und er machte das Kreuzzeichen auf den Mund, suchte aber, so gut es ging, es mit seinem Taschentuch zu verbergen. »Du mußt wissen«, sagte Hauptmann George, »daß du unter uns wohl kaum Wortkämpfer findest wie unseren gelehrten Meister Theobald Wolfsteinius. Wir legen wenig Wert auf theologische Unterhaltungen und nützen, Gott sei's gedankt, unsere Zeit besser.« »Vielleicht«, antwortete Mergy mit einiger Bitterkeit, »vielleicht wäre es besser für dich gewesen, du hättest die gelehrten Diskussionen des würdigen Predigers, den du eben genannt hast, aufmerksamer angehört.« »Nichts mehr von diesen Dingen, Brüderchen; später werde ich vielleicht wieder einmal mit dir davon sprechen; ich weiß, daß du von mir eine Meinung hast ... aber was tut's ... wir sind nicht hier, um von solchen Dingen zu reden ... Ich glaube, ich bin ein ehrlicher Mensch, und du wirst sicherlich eines Tages noch einsehen ... Lassen wir es nun sein, denken wir jetzt nur ans Amüsieren.« Er strich mit der Hand über die Stirn, als wollte er einen schmerzlichen Gedanken verscheuchen. »Lieber Bruder«, sagte Mergy ganz leise und drückte ihm die Hand. George erwiderte den Händedruck, und beide eilten ihren Genossen nach, die einige Schritte vorausgegangen waren. Als sie am Louvre vorbeigingen, aus dem viele reichgekleidete Menschen kamen, grüßten oder umarmten der Hauptmann und seine Freunde fast alle Herren, denen sie begegneten. Gleichzeitig stellten sie den jungen Mergy vor, der auf diese Weise in wenigen Augenblicken die Bekanntschaft einer großen Anzahl berühmter Zeitgenossen machte. Zugleich erfuhr er ihre Spitznamen – denn damals hatte jeder einigermaßen hervortretende Mann den seinen – und die Skandalgeschichten, die über sie in Umlauf waren. »Seht Ihr diesen Ratsherrn, der so bleich und gelb ist«, sagte man zu ihm. »Das ist der Messire Petrus de finibus, auf französisch Pierre Séguir, der in allem, was er unternimmt, sich so lange und so heftig abmüht, daß er sein Ziel schließlich immer erreicht. Dies hier ist der kleine Hauptmann Brûle-bancs, Thoré de Montmorency; dieser ist der Erzbischof de Bouteilles, der sich auf seinem Maultier noch ziemlich gerade hält, vorausgesetzt, daß er noch nicht zu Mittag gespeist hat. – Hier kommt einer der Helden unserer Partei, der tapfere Graf La Rochefoucauld, mit dem Beinamen ›Feind der Krautköpfe‹. Im letzten Krieg hat er ein unglückseliges Kohlfeld mit Schüssen übersäen lassen, das er in seiner Kurzsichtigkeit für eine Schar Landsknechte hielt.« In weniger als einer Viertelstunde wußte Mergy die Namen der Liebhaber fast aller Hofdamen und die Anzahl von Zweikämpfen, zu denen ihre Schönheit Anlaß gewesen war. Er sah, daß die Berühmtheit einer Frau im Verhältnis zu der Anzahl derer stand, deren Tod sie verursacht hatte; so war das Ansehen der Madame de Courtavel, deren anerkannter Liebhaber zwei seiner Rivalen getötet hatte, viel größer als das der armen Gräfin Pomerande, die nur zu einem kleinen Duell und einer leichten Verwundung Anlaß gegeben hatte. Eine Frau von stattlichem Wuchs, die ein weißes, von einem Knappen geführtes Maultier ritt, dem zwei Diener folgten, zog Mergys Aufmerksamkeit auf sich; ihre Kleidung war nach der neuesten Mode und ganz steif von den vielen Stickereien. Soviel man beurteilen konnte, mußte sie hübsch sein. Bekanntermaßen gingen damals die Damen nur mit einer Maske vor dem Gesichte aus. Die ihre war von schwarzem Samt: an dem wenigen, was durch die Öffnungen für die Augen durchschimmerte, konnte man sehen oder wenigstens erraten, daß ihre Haut von blendender Weiße und ihre Augen von dunklem Blau sein mußten. Sie verlangsamte den Schritt ihres Maultieres, als sie an den jungen Leuten vorüberritt, und sie schien Mergy, dessen Gesicht ihr unbekannt war, mit einiger Aufmerksamkeit zu betrachten. Man sah alle Federn der Hüte die Erde fegen, als sie vorüberritt, und sie neigte mit Anmut das Haupt, um die zahlreichen Grüße zu erwidern, die aus dem Spalier von Bewunderern, das sie durchschritt, an sie gerichtet wurden. Während sie sich entfernte, hob ein leichter Windstoß den Saum ihres langen Atlaskleides und ließ blitzartig einen kleinen weißen Samtschuh und einige Zoll eines rosa Seidenstrumpfes sehen. »Wer ist diese Dame, die jeder grüßt?« fragte Mergy neugierig. »Schon verliebt?« rief Beville aus. »So geht es übrigens immer; Hugenotten und Papisten, alle sind in die Gräfin Diana de Turgis verliebt.« »Sie ist eine der Schönheiten des Hofes«, fügte George hinzu, »eine der gefährlichsten Circen für unsere jungen Galane. Aber, zum Teufel, leicht ist diese Festung nicht zu nehmen.« »Wie viele Zweikämpfe zählt sie?« fragte lachend Mergy. »Oh, sie rechnet nur dutzendweise«, antwortete der Baron de Vaudreuil; »aber was das beste ist: sie wollte selber duellieren; sie hat in aller Form einer Hofdame eine Herausforderung geschickt, die den Vortritt nahm.« »Was für ein Märchen!« rief Mergy. »Sie wäre nicht die erste, die sich in unserer Zeit geschlagen hat«, sagte George; »sie hat der Sainte-Foix eine Herausforderung nach allen Regeln der Kunst geschickt und sie zum Zweikampf auf Leben und Tod, auf Degen und auf Dolch und im Hemde aufgerufen, wie ein Raffiné es tun würde.« »Ich wäre gern ein Sekundant einer dieser Damen gewesen, um sie beide im Hemd zu sehen«, sagte der Chevalier de Rheincy. »Und hat das Duell stattgefunden?« fragte Mergy. »Nein«, antwortete George, »man hat sie versöhnt.« »Er war es, der sie ausgesöhnt hat«, sagte Vaudreuil; »er war damals der Geliebte der Sainte-Foix.« »Pfui, schäme dich; nicht mehr als du«, sagte George in abweisendem Tone. »Die Turgis ist wie Vaudreuil«, sagte Béville. »Sie macht ein Ragout aus Religion und Zeitsitten: sie will sich im Zweikampf schlagen, was, wie ich glaube, eine Todsünde ist, und hört zwei Messen täglich.« »Laßt mich doch mit meiner Messe in Ruhe!« rief Vaudreuil. »Ja, sie geht in die Messe«, bemerkte Rheincy, »aber nur, um sich unmaskiert zu zeigen.« »Ich glaube, deshalb gehen so viele Frauen zur Messe«, ließ sich Mergy hören, der entzückt war, eine Gelegenheit zu finden, um über die Religion zu spotten, der er nicht angehörte. »Und Eure Predigt?« sagte Béville. »Wenn die Predigt zu Ende ist, löscht man die Lichter aus, und da gehen schöne Dinge vor. Tod und Teufel! Das gibt mir gewaltige Lust, Lutheraner zu werden.« »Und Ihr glaubt diese unsinnigen Geschichten?« warf Mergy in verächtlichem Tone ein. »Und ob ich sie glaube! Der kleine Ferrand, den wir alle kennen, ging ins protestantische Bethaus in Orléans, um die Frau eines Notars zu sehen – auf Ehre, eine prachtvolle Frau! Mir lief das Wasser im Munde zusammen, wenn ich nur von ihr reden hörte. Er konnte sie nur dort sehen; glücklicherweise hatte einer seiner Freunde, ein Hugenotte, ihm das Losungswort gegeben; er ging ins Bethaus, und ihr könnt euch denken, wie unser Freund in der Dunkelheit seine Zeit verbrachte.« »Das ist unmöglich«, sagte Mergy. »Unmöglich? Und warum?« »Weil niemals ein Protestant die Gemeinheit begehen würde, einen Papisten in ein Bethaus einzuführen.« Dieser Antwort folgte ein lautes Gelächter. »Ach, Ihr glaubt, weil ein Mensch Hugenotte ist«, sagte der Baron von Vaudreuil, »kann er weder Dieb noch Verräter, noch Zwischenträger von Liebeshändeln sein?« »Er fällt aus den Wolken!« rief Rheincy. »Und ich«, sagte Béville, »wenn ich einer Hugenottin einen Liebesbrief zu schicken hätte, würde ich mich an ihren Prediger wenden.« »Ihr seid es anscheinend gewöhnt«, antwortete Mergy, »Euren Geistlichen solche Aufträge zu geben.« »Unsere Geistlichen ...«, sagte Vaudreuil und wurde rot vor Zorn. »Hört mit diesen langweiligen Streitereien auf«, unterbrach George, der die beleidigende Schärfe jeder Entgegnung bemerkte; »laßt die Heuchler aller Konfessionen. Ich schlage vor, daß der erste, der das Wort Hugenotte, Papist, Protestant oder Katholik ausspricht, Strafe zahlen soll.« »Abgemacht!« rief Béville; »er soll uns in dem Gasthaus, in dem wir speisen wollen, mit gutem Wein aus Cahors bewirten.« Einen Augenblick trat Schweigen ein. »Seit dem Tode des armen Lannoy, der vor Orléans gefallen ist, hat die Turgis, soviel man weiß, keinen Liebhaber«, sagte George, der es vermeiden wollte, daß seine Freunde bei theologischen Auseinandersetzungen verweilten. »Wer möchte behaupten, daß eine Pariserin keinen Liebhaber hätte?« rief Béville. »Sicher ist, daß Comminges ihr hart zusetzt.« »Deshalb hat der kleine Navarette die Beute fahrenlassen«, sagte Vaudreuil, »er fürchtete einen so schrecklichen Rivalen.« »Spielt denn Comminges den Eifersüchtigen?« fragte der Hauptmann. »Er ist eifersüchtig wie ein Tiger«, antwortete Béville, »und er droht jeden zu töten, der die schöne Gräfin zu lieben wagt; so ist sie, um nicht ganz ohne Liebhaber zu sein, gezwungen, Comminges zu nehmen.« »Wer ist denn dieser gefürchtete Mann?« fragte Mergy, der für alles, was von fern und nah die Gräfin Turgis betraf, eine lebhafte Neugier empfand, von der er sich keine Rechenschaft geben konnte. »Er ist einer unserer berühmtesten Raffinés«, antwortete Rheincy; »und da Ihr aus der Provinz kommt, will ich Euch gern die elegante Redeweise erklären: Ein Raffiné ist ein vollendeter Ehrenmann, ein Mann, der sich schlägt, wenn der Mantel eines andern den seinen streift, wenn jemand vier Fuß von ihm entfernt ausspuckt, oder aus irgendeinem anderen ebenso berechtigten Grunde.« »Comminges führte eines Tages einen Mann ins Pré-aux-Clercs, Der damalige klassische Ort für Zweikämpfe. Das Pré-aux-Clercs dehnt sich dem Louvre gegenüber aus, auf der Strecke zwischen der Rue Petits-Augustins und der Rue du Bac sie legen ihre Wämser ab und ziehen den Degen. – ›Du bist doch Berny de Auvergne?‹ fragte Comminges. – ›Durchaus nicht‹, erwidert der andere; ›ich heiße Villequier und bin aus der Normandie.‹ – ›Um so schlimmer für dich‹, gibt Comminges zurück, ›ich habe dich für einen andern gehalten; da ich dich aber gefordert habe, müssen wir uns auch schlagen.‹ Und er tötete ihn mannhaft.« Jeder berichtete einen Zug von der Geschicklichkeit und der Streitsucht Comminges'. Der Gegenstand war unerschöpflich, und das Gespräch begleitete sie bis zur Stadt hinaus, bis zu dem Gasthaus ›Zum Mohren‹, das inmitten eines Gartens nahe bei der Stelle lag, wo das Tuilerienschloß, das im Jahre 1564 begonnen worden war, gebaut wurde. Dort trafen sie mehrere Edelleute aus Georges und seiner Freunde Bekanntschaft, und man setzte sich in zahlreicher Gesellschaft zu Tisch. Mergy, der an der Seite des Barons de Vaudreuil saß, bemerkte, daß dieser, ehe er sich zu Tisch setzte, das Zeichen des Kreuzes machte und leise und mit geschlossenen Augen das sonderbare Gebet sprach: Laus Deo, pax vivis, salutem defunctis, et beata viscera virginis Mariae quae portaverunt Aeterni Patris Filium! Lob sei Gott, Friede den Menschen, Heil den Toten, selig sei der Leib der Jungfrau Maria, der den Sohn des Ewigen Vaters trug. »Könnt Ihr Latein, Herr Baron?« fragte Mergy. »Ihr habt mein Gebet gehört?« »Ja, aber ich gestehe, daß ich es nicht verstanden habe.« »Um die Wahrheit zu sagen, ich kann nicht lateinisch und verstehe nicht allzu genau, was dieses Gebet bedeutet; ich habe es aber von einer meiner Tanten, die sich immer wohl dabei befunden hat, und seit ich mich dessen bediene, habe ich nur gute Wirkungen davon gesehen.« »Ich vermute, daß es Kirchenlatein ist, und deshalb können wir Hugenotten es nicht verstehen.« »Strafe bezahlen! Strafe bezahlen!« riefen gleichzeitig Béville und Hauptmann George. Mergy machte gute Miene zum bösen Spiel, auf dem Tisch erschienen neue Flaschen, und alsbald war die Gesellschaft in bester Laune. Das Gespräch wurde bald lauter, und Mergy machte sich den Lärm zunutze, um sich mit seinem Bruder zu unterhalten, ohne darauf zu achten, was rings um sie vorging. Am Ende des zweiten Ganges wurden sie in ihrem Gespräch durch den Lärm eines heftigen Streites aufgestört, der sich eben zwischen zweien der Gäste erhoben hatte. »Das ist falsch!« schrie der Chevalier de Rheincy. »Falsch!« erwiderte Vaudreuil, und sein ohnehin bleiches Gesicht nahm eine Leichenfarbe an. »Sie ist die tugendhafteste, die keuscheste aller Frauen«, fuhr der Chevalier fort. Vaudreuil lächelte spöttisch und zuckte die Achseln. Alle Augen waren auf die Spieler in dieser Szene gerichtet, und jeder schien in schweigender Neutralität das Ergebnis des Streites abwarten zu wollen. »Um was handelt es sich, meine Herren, und wozu dieser Lärm?« fragte der Hauptmann, nach seiner Gewohnheit bereit, sich jedem Friedensbruch entgegenzustellen. »Unser Freund, der Chevalier, sagt«, antwortete Béville ruhig, »daß die Sillery, seine Geliebte, keusch sei, während unser Freund Vaudreuil behauptet, sie sei es nicht und er könne Geschichten davon erzählen.« Ein allgemeines Gelächter erhob sich, was Rheincy noch mehr in Raserei versetzte, und mit vor Wut funkelnden Augen sah er Vaudreuil und Béville an. »Ich könnte Briefe von ihr zeigen«, sagte Vaudreuil. »Das sollst du mir bleiben lassen!« schrie der Chevalier. »Wohlan«, sagte Vaudreuil mit einem bösen, höhnischen Lächeln, »ich werde einen dieser Briefe diesen Herren vorlesen. Vielleicht kennen sie ihre Schrift ebensogut wie ich, da ich nicht den Anspruch erhebe, allein mit ihren Liebesbriefen und mit ihrer Gunst bedacht zu werden. Hier ist ein Billett, das ich erst heute erhalten habe.« Und er tat, als durchsuche er seine Tasche, um einen Brief daraus hervorzuziehen. »Das lügst du in deinen Hals hinein!« Der Tisch war zu breit, als daß die Hand des Barons seinen Gegner, der ihm gegenübersaß, hätte erreichen können. »Ich werde dich Lügen strafen, und du magst sie in dich hineinfressen, bis du daran erstickst!« rief er aus. Und er begleitete diese Rede damit, daß er ihm eine Flasche an den Kopf warf. Rheincy wich dem Wurf aus, stieß in der Hast seinen Stuhl um und stürzte nach der Wand, um seinen Degen, der dort hing, herunterzureißen. Alle erhoben sich, einige, um sich ins Mittel zu legen, die meisten aber, um eine allzu große Nähe zu vermeiden. »Haltet ein, ihr Wahnsinnigen!« schrie George und stellte sich vor den Baron, der ihm am nächsten stand. »Sollen zwei Freunde sich schlagen wegen eines elenden Frauenzimmers?« »Eine Flasche, die man an den Kopf wirft, kommt einer Ohrfeige gleich«, sagte Béville kalt. »Vorwärts, Chevalier, lieber Freund, zieh vom Leder.« »Bahn frei! Bahn frei! Macht Platz!« schrien fast alle Gäste. »Hallo, Jeannet, schließ die Tür«, sagte gemächlich der Wirt des ›Mohren‹, der es gewohnt war, solche Auftritte zu erleben; »wenn die Bogenschützen vorbeigingen, könnte das die edlen Herren unterbrechen und meinem Hause schaden.« »Wollt ihr euch in einem Speisesaal schlagen wie betrunkene Landsknechte?« nahm George, der Zeit gewinnen wollte, das Wort wieder auf; »wartet doch bis morgen.« »Auf morgen, gut«, sagte Rheincy. Und er machte eine Bewegung, als wolle er seinen Degen wieder in die Scheide stecken. »Unser kleiner Chevalier hat Angst«, sagte Vaudreuil. Sofort stürzte sich Rheincy, alle, die ihm im Wege standen, beiseite schiebend, auf seinen Feind. Beide griffen wütend an; Vaudreuil hatte jedoch Zeit gefunden, eine zusammengerollte Serviette um seinen linken Arm zu binden, und bediente sich ihrer, um die Hiebe zu parieren, während Rheincy, der eine solche Vorsichtsmaßregel versäumt hatte, gleich nach den ersten Ausfällen eine Wunde an der linken Hand davontrug. Er ließ jedoch nicht nach, trotzdem mutig weiter zu kämpfen, rief seinen Diener herbei und verlangte seinen Dolch. Béville hielt den Diener zurück und behauptete, da Vaudreuil keinen Dolch bei sich führe, dürfe auch sein Gegner keinen haben. Einige von des Chevaliers Freunden widersprachen, scharfe Worte gingen hin und her, und sicher wäre der Zweikampf in ein allgemeines Handgemenge ausgeartet, wenn Vaudreuil nicht ein Ende gemacht und seinen Gegner mit einem gefährlichen Stich in die Brust hingestreckt hätte. Rasch stellte er den Fuß auf den Degen Rheincys, um diesen zu verhindern, ihn aufzunehmen, und hob den seinigen, um ihm den Gnadenstoß zu versetzen. Die Gesetze des Zweikampfes erlaubten diese Ungeheuerlichkeiten. »Ein entwaffneter Gegner!« rief George, und entriß ihm den Degen. Die Verwundung des Chevaliers war nicht tödlich, er verlor aber viel Blut. Man verband ihn, so gut es ging, mit Servietten, während er mit einem gezwungenen Lachen zwischen den Zähnen hervorpreßte, daß die Sache nicht zu Ende sei. Bald erschienen ein Mönch und ein Chirurg und stritten sich eine Zeitlang um den Verwundeten. Der Chirurg erhielt jedoch den Vorzug, und er ließ seinen Patienten an das Seineufer bringen, um ihn in einem Boot bis zu seiner Wohnung zu geleiten. Während ein Teil der Diener die blutigen Tücher entfernte und die vom Blut geröteten Steinfliesen abwusch, stellten andere neue Flaschen auf den Tisch. Vaudreuil aber wischte sorgfältig seinen Degen ab, machte das Kreuzzeichen darüber und zog mit unbeirrbarer Kaltblütigkeit einen Brief aus seiner Tasche, bat um Schweigen und las die erste Zeile, die großes Gelächter erregte: »Mein Liebster, dieser langweilige Chevalier, der mir auf dem Halse liegt ...« »Gehen wir fort von hier«, sagte Mergy mit einem Ausdruck des Ekels zu seinem Bruder. Der Hauptmann folgte ihm. Der Brief nahm die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch, und ihre Abwesenheit wurde nicht bemerkt. Der Abtrünnige Don Juan: Quoi! tu prends pour de bon argent ce que je viens te dire, et tu crois que me bouche était d'accord avec mon coeur? Molière, Le Festin de Pierre. Hauptmann George kehrte mit seinem Bruder in die Stadt zurück und führte ihn zu seiner Wohnung. Unterwegs wechselten sie nur wenige Worte; das Schauspiel, dessen Zeuge sie eben gewesen waren, hatte ihnen einen schmerzlichen Eindruck hinterlassen, der sie unwillkürlich schweigsam machte. Der Streit und der regellose Kampf, der darauf folgte, waren zu damaliger Zeit nichts Außergewöhnliches. Von einem bis zum anderen Ende Frankreichs gab die kitzlige Überempfindlichkeit des Adels Anlaß zu den verhängnisvollsten Vorkommnissen; so daß, bei mäßiger Schätzung, unter der Regierung Heinrichs III. und Heinrichs IV. die Duellwut einer größeren Anzahl von Edelleuten das Leben kostete als zehn Bürgerkriege. Die Wohnung des Hauptmanns war elegant eingerichtet. Geblümte Seidenvorhänge und Teppiche in leuchtenden Farben zogen Mergys Blicke zuerst auf sich, der an größere Einfachheit gewöhnt war. Er betrat ein Kabinett, das sein Bruder sein Oratorium nannte, denn das Wort Boudoir war noch nicht erfunden. Ein eichener, schön geschnitzter Betstuhl, eine von einem italienischen Künstler gemalte Madonna und ein Weihwasserkesselchen mit einem großen Buchszweige schienen die fromme Bestimmung dieses Zimmers zu rechtfertigen, während ein mit schwarzem Damast bezogenes Ruhebett, ein venezianischer Spiegel, Waffen und Musikinstrumente einigermaßen mondäne Gewohnheiten des Eigentümers verrieten. Mergy warf einen verächtlichen Blick auf das Weihwasserkesselchen und den Buchszweig, die ihn an den Abfall des Bruders traurig gemahnten. Ein kleiner Diener brachte eingemachte Früchte, verzuckerte Mandeln und Weißwein. Tee und Kaffee waren noch nicht gebräuchlich, und der Wein ersetzte unseren bescheidenen Vorvätern alle diese eleganten Getränke. Mergy, das Glas in der Hand, ließ immer wieder seine Blicke von der Madonna zum Weihwassergefäß und vom Weihwassergefäß zum Betstuhl wandern. Er seufzte tief, und seinen Bruder anblickend, der nachlässig auf dem Ruhebett ausgestreckt lag, fing er an: »So bist du nun ganz und gar Papist. Was würde unsere Mutter sagen, wenn sie hier wäre?« Dieser Gedanke schien den Hauptmann schmerzlich zu berühren. Er runzelte seine dichten Brauen und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er seinen Bruder bitten, dieses Thema nicht anzuschneiden; dieser aber fuhr unerbittlich fort: »Ist es denn möglich, daß du dem Glauben unserer Familie mit dem Herzen abgeschworen hast, wie du es mit den Lippen getan?« »Der Glaube unserer Familie! ... Es war niemals der meine ... Wie? ... Ich ... ich sollte an die heuchlerischen Predigten eurer näselnden Geistlichen glauben! ... Ich ...« »Zweifellos! – Oder ist es wohl besser, an das Fegefeuer, an die Beichte, an die Unfehlbarkeit des Papstes zu glauben? Es ist besser, vor den staubigen Sandalen eines Kapuziners niederzuknien! Es wird noch die Zeit kommen, wo du glauben wirst, nicht zu Mittag essen zu können, ohne daß du das Gebet des Barons Vaudreuil hersagst.« »Höre, Bernard, ich hasse Zänkereien, besonders wenn es sich um Religion handelt; aber früher oder später werde ich mich wohl mit dir auseinandersetzen müssen, und da wir nun einmal dabei sind, so laß uns damit zu Ende kommen. Ich will ganz offen mit dir reden.« »Du glaubst also nicht an all diese unsinnigen Erfindungen der Papisten?« Der Hauptmann zuckte die Achseln und ließ den Absatz seines Stiefels auf den Fußboden niederfallen, daß einer seiner breiten Sporen erklang. »Papisten, Hugenotten!« rief er aus, »Aberglaube auf beiden Seiten. Ich kann nicht glauben, was meine Vernunft mir als unsinnig erweist. Unsere Litaneien und eure Psalmen, alle diese Albernheiten sind einander würdig. Nur«, setzte er lächelnd hinzu, »gibt es in unsern Kirchen manchmal gute Musik, während gegen eure zarten Ohren Krieg auf Leben und Tod geführt wird.« »Schöne Überlegenheit deiner Religion, und Grund genug, Proseliten zu machen!« »Nenne es nicht meine Religion, denn ich glaube nicht mehr an sie als an die deine. Seit ich selbständig denken konnte, seit meine Vernunft mir gehört ...« »Aber ...« »Ach was, genug des Predigens. Ich weiß alles auswendig, was du mir sagen wirst. Auch ich habe meine Hoffnungen, meine Ängste gehabt. Glaubst du, daß ich nicht gewaltige Anstrengungen gemacht habe, um mir den glücklichen Aberglauben meiner Kindheit zu bewahren? Ich habe unsere Kirchenväter gelesen, um bei ihnen Trost in meinen Zweifeln zu finden, und sie sind davon nur größer geworden. Mit einem Wort, ich konnte nicht und ich kann nicht glauben... Der Glaube ist eine kostbare Gabe, die mir versagt ist, aber um nichts in der Welt würde ich versuchen, andere dessen zu berauben.« »Ich beklage dich.« »Das lasse ich gelten! Und du hast recht. Als Protestant glaubte ich nicht an die Predigt; als Katholik glaube ich ebensowenig an die Messe. Und, zum Henker! sollten die Scheußlichkeiten unserer Bürgerkriege nicht genügen, um auch den stärksten Glauben mit der Wurzel auszureißen?« »Diese Scheußlichkeiten sind allein das Werk von Menschen, die das Wort Gottes entstellt haben.« »Diese Antwort stammt nicht von dir; aber du wirst es begreifen, daß ich noch nicht überzeugt bin. Euren Gott verstehe ich nicht und kann ihn nicht verstehen ... Und wenn ich glaubte, so würde ich, wie unser Freund Jodelle sagt, »unter Vorbehalt nachträglicher Prüfung der Beweise« glauben.« »Da dir beide Religionen gleichgültig sind, wozu dann diese Abschwörung, die deiner Familie und deinen Freunden so viel Kummer gemacht hat?« »Ich habe unserm Vater zwanzigmal geschrieben, um ihm meine Gründe zu erklären und mich zu rechtfertigen; er hat jedoch meine Briefe, ohne sie zu öffnen, ins Feuer geworfen, und er hat mich schlechter behandelt, als wenn ich ein großes Verbrechen begangen hätte.« »Mutter und ich haben diese übertriebene Strenge mißbilligt; und ohne die Befehle ...« »Ich weiß nicht, was man von mir gedacht hat, mir liegt wenig daran. Was mich zu dem unbesonnenen Streiche getrieben hat, den ich sicherlich nicht wieder begehen würde, wenn er noch mal zu tun wäre ...« »Ach! Ich habe immer gedacht, daß du es bereust!« »Es bereuen? Nein, denn ich glaube nicht, eine schlechte Handlung begangen zu haben. Als du noch in der Schule warst und Latein und Griechisch lerntest, hatte ich schon den Panzer angelegt, die weiße Schärpe umgebunden und kämpfte schon in unsern ersten Bürgerkriegen. Euer kleiner Prinz von Condé, der eure Partei so viele Mißgriffe begehen ließ, euer Prinz von Condé besorgte eure Geschäfte, wenn seine Liebesgeschichten ihm dazu Zeit ließen. Ich wurde von einer Frau geliebt; der Prinz verlangte sie von mir; ich verweigerte sie ihm, er wurde mein Todfeind. Von da an suchte er mich auf jede Weise zu demütigen. »Dieser hübsche kleine Prinz, Der immer seine Geliebte küßt«, stellte mich den Fanatikern der Partei als ein Ungeheuer von Ausschweifung und Irreligiosität hin. Ich hatte nur eine Maitresse, und mir lag an ihr. Was die Irreligiosität anbelangt ... ich ließ die andern in Frieden: warum mir also den Krieg erklären?« »Ich hätte den Prinzen niemals so schwarzer Gesinnung für fähig gehalten.« »Er ist tot, und ihr habt einen Helden aus ihm gemacht. So geht es in der Welt. Gewiß, er hatte Qualitäten: er ist als ein tapferer Mann gestorben, und ich habe ihm verziehen. Aber damals war er mächtig, und ein armer Edelmann wie ich, der sich ihm zu widersetzen wagte, schien ihm ein Verbrecher.« Der Hauptmann ging eine Zeitlang im Zimmer auf und ab und fuhr mit einer Stimme, die eine immer mehr wachsende Erregung verriet, zu sprechen fort: »Bald wurden alle Prediger, alle Mucker der Armee auf mich losgelassen. Ich machte mir ebensowenig aus ihrem Gebelfer wie aus ihren Predigten. Ein Edelmann des Prinzen nannte mich vor allen unseren Hauptleuten einen Lüstling, um sich bei ihm beliebt zu machen. Es hat ihm eine Ohrfeige eingetragen, und ich tötete ihn. In unserer Armee gab es wohl an ein Dutzend Zweikämpfe jeden Tag, und unsere Generäle taten stets, als merkten sie es nicht. Bei uns machte man eine Ausnahme, und der Prinz hatte mich dazu ausersehen, um für die ganze Armee ein Exempel zu statuieren. Auf die Fürbitte aller Herren und, wie ich gestehen muß, auch des Admirals wurde mir Begnadigung gewährt. Dem Haß des Prinzen war aber nicht genuggetan. In der Schlacht bei Jazeneuil kommandierte ich eine Abteilung Pistolenschützen; ich war unter den ersten beim Treffen: mein Panzer war von zwei Büchsenschüssen verbeult, mein linker Arm von einem Lanzenstich durchbohrt: das bewies, daß ich mich nicht geschont hatte. Ich hatte nicht mehr als zwanzig Mann um mich, und ein Bataillon von Schweizern des Königs marschierte gegen uns. Der Prinz befiehlt mir anzugreifen, ... ich verlange zwei Abteilungen deutscher Reiter ..., und ... er nennt mich einen Feigling!« Mergy erhob sich und ergriff die Hand seines Bruders. Der Hauptmann redete weiter, und seine Augen funkelten vor Zorn, während er unablässig auf und ab ging. »Er nannte mich einen Feigling vor allen diesen Edelleuten in ihren vergoldeten Rüstungen, die ihn wenige Monate später bei Jarnac im Stich ließen und ihn dem Tode preisgaben. Ich glaubte sterben zu müssen; ich stürzte mich auf die Schweizer und schwor, daß ich, falls ich das Glück haben sollte zu entrinnen, meinen Degen nie wieder für einen so ungerechten Fürsten ziehen wolle. Schwerverwundet wurde ich vom Pferd geschleudert und war nahe daran, getötet zu werden, als einer der Edelleute des Herzogs von Anjou, Béville, der Tollkopf, mit dem wir heute zu Mittag gespeist haben, mir das Leben rettete und mich dem Herzog vorstellte. Ich wurde gut aufgenommen. Ich dürstete nach Rache. Man schmeichelte mir, man drängte mich, bei meinem Wohltäter, dem Herzog von Anjou, Dienste zu nehmen; man zitierte mir den Vers: Omne solum forti patria est ut piscibus aequor. Mit Entrüstung sah ich, wie die Protestanten Fremde in unsere Partei beriefen ... aber warum soll ich dir nicht den einzigen Grund sagen, der mich zu dem Entschluß bestimmte: ich wollte Rache nehmen, und ich wurde Katholik in der Hoffnung, dem Prinzen von Condé auf dem Schlachtfelde zu begegnen und ihn zu töten. Ein Feigling hat es auf sich genommen, meine Schuld heimzuzahlen ... Die Art, auf die er getötet worden ist, ließ mich meine Rache fast vergessen ... ich sah ihn blutüberströmt, eine Zielscheibe schmachvoller Beschimpfungen für die Soldaten; ich entriß den Leichnam ihren Händen und bedeckte ihn mit meinem Mantel. – Ich hatte mich den Katholiken verpflichtet; ich befehligte eine Eskadron ihrer Reiterei, und ich konnte sie nicht mehr verlassen. Glücklicherweise glaube ich meiner alten Partei einige Dienste erwiesen zu haben; ich versuchte, soviel es mir möglich war, die Greuel eines Religionskrieges zu mildern, und ich hatte das Glück, mehreren meiner alten Freunde das Leben retten zu können.« »Olivier de Basseville verkündigt überall, daß er dir das Leben verdanke.« »So bin ich nun Katholik«, sagte George mit etwas ruhigerer Stimme. »Diese Religion ist wohl die andere wert; es ist ja so leicht, sich ihren Frömmeleien anzupassen. Sieh dir diese hübsche Madonna an: es ist das Porträt einer italienischen Kurtisane; die Mucker bewundern meine Frömmigkeit und bekreuzigen sich vor der angeblichen Heiligen Jungfrau. Du kannst mir glauben, ich werde viel leichter mit ihnen fertig als mit unsern Predigern. Ich kann leben, wie es mir paßt, und brauche der Meinung der Canaille nur sehr geringe Opfer zu bringen. Wohl muß man zur Messe gehen; ich gehe von Zeit zu Zeit hin, um hübsche Frauen zu sehen. Man braucht einen Beichtvater: meiner Treu! ich habe einen braven Franziskanermönch, einen früheren berittenen Büchsenschützen, der mir für einen Taler meinen Beichtzettel gibt und es überdies noch auf sich nimmt, seinen schönen Büßerinnen meine Liebesbriefe zu überreichen. Tod und Teufel! Es lebe die Messe!« Mergy konnte sich des Lächelns nicht enthalten. »Sieh, hier ist mein Meßbuch«, fuhr der Hauptmann fort. Und er warf ihm ein Buch zu, in reichem Einband, in einem Samtfutteral und mit silbernen Beschlägen. »Dieses Stundenbuch wiegt unsere Gebetbücher wohl auf.« Mergy las auf dem Buchrücken: »Stundenbuch des Hofes«. »Der Einband ist schön«, sagte er verächtlich und gab ihm das Buch zurück. Der Hauptmann öffnete es und reichte es ihm lächelnd wieder. Mergy las nun auf der ersten Seite: ›Das sehr hochgeschätzte Leben des großen Gargantua, des Vaters von Pantagruel, verfaßt vom Herrn Aleofribas, Abstrakteur der Quintessenz‹. »Dieses Buch lasse ich mir gefallen!« rief der Hauptmann lachend; »ich schätze es mehr als alle Theologiebände der Genfer Bibliothek.« »Der Verfasser dieses Buches soll reich an Wissen sein, sagt man, er habe aber keinen guten Gebrauch davon gemacht.« George zuckte die Achseln. »Lies diesen Band, Bernard, und dann sprich wieder davon.« Mergy nahm das Buch und sagte nach einem Augenblick des Schweigens: »Es tut mir leid, daß ein Ärger, der seinerzeit zweifellos berechtigt war, dich zu einer Handlung verleitet hat, die du sicherlich eines Tages bereuen wirst.« Der Hauptmann senkte den Kopf, und sein Blick richtete sich auf den Teppich, der zu seinen Füßen ausgebreitet lag, und schien dessen Muster neugierig zu betrachten. »Was geschehen ist, ist geschehen«, sagte er endlich mit einem unterdrückten Seufzer. »Vielleicht komme ich eines Tages zum Protestantismus zurück«, setzte er heiterer hinzu. »Aber lassen wir es nun auf sich beruhen, und versprich mir, nicht mehr von diesen langweiligen Dingen zu reden.« »Ich hoffe, daß deine eigene Überlegung mehr tut als meine Reden und meine Ratschläge.« »Mag sein! Nun wollen wir von deinen Angelegenheiten sprechen. In welcher Absicht bist du an den Hof gekommen?« »Ich hoffe dem Herrn Admiral genügend gut empfohlen zu sein, um von ihm in die Zahl seiner Edelleute aufgenommen zu werden für den Feldzug, den er in den Niederlanden zu unternehmen beabsichtigt.« »Das ist kein guter Plan. Ein Edelmann, der Mut in sich fühlt und einen Degen an der Seite hat, soll nicht leichten Herzens die Rolle eines Lakaien übernehmen. Tritt als Freiwilliger in die Garde des Königs ein; in meine Chevau-légers-Abteilung, wenn du willst. Du wirst den Feldzug, so wie wir alle, unter dem Oberbefehl des Admirals machen, aber wenigstens wirst du keines Menschen Bedienter sein.« »Ich habe gar keine Lust, in die Garde des Königs einzutreten; ich habe sogar eine Abneigung dagegen. Sehr gern wäre ich Soldat in deiner Kompanie, der Vater wünscht jedoch, daß ich meinen ersten Feldzug unter dem unmittelbaren Befehl des Admirals mache.« »Daran erkenne ich euch wohl, ihr Herren Hugenotten. Ihr predigt die Einigkeit und seid viel mehr als wir von eurem alten Groll besessen.« »Wieso?« »Ja, der König ist in euren Augen ein Tyrann, ein Ahab, wie eure Prediger ihn nennen. Was sage ich? Er ist nicht einmal König, ein Usurpator ist er, und seit dem Tode Ludwigs XIII. Die Katholiken klagten den Prinzen Louis von Condé, der bei Jarnac getötet wurde, an, nach der Krone zu trachten ist Gaspard I. Der Admiral von Coligny hieß Gaspard König von Frankreich.« »Was für ein schlechter Witz!« »Übrigens kannst du ebensogut in Diensten des alten Gaspard sein als in denen des Herzogs von Guise; Monsieur de Châtillon ist ein bedeutender Heerführer, und unter ihm kannst du das Kriegshandwerk wohl lernen.« »Sogar seine Feinde achten ihn.« »Ein gewisser Pistolenschuß hat ihm allerdings geschadet.« »Er hat seine Unschuld bewiesen, und übrigens widerlegt sein ganzes Leben Poltrots feige Mordtat.« »Kennst du den lateinischen Spruch: Fecit cui profuit? Ohne diesen Pistolenschuß wäre Orléans genommen worden.« »Genau betrachtet war nur ein Mann weniger in der katholischen Armee.« »Ja, aber was für ein Mann! Hast du denn niemals die zwei boshaften Verse gehört: So viele Guisen getötet sind, So viele Mérés in Frankreich man findt.« Poltrot de Méré, der den großen François, Herzog von Guise, bei der Belagerung von Orleans ermordet hat, im Augenblick, wo die Stadt sich nicht mehr halten konnte. Coligny rechtfertigte sich nur ungenügend wegen des Mordes, den er befohlen oder doch wenigstens nicht verhindert haben soll »Kindische Drohungen und weiter nichts! Es gäbe eine lange Litanei, wenn ich alle Verbrechen der Guisen aufzählen wollte. Um den Frieden in Frankreich herzustellen, würde ich, wenn ich König wäre, es so machen: ich ließe die Guisen und die Châtillons in einen guten, fest vernähten Ledersack stecken, und dann ließe ich sie ins Wasser werfen, mit hunderttausend Pfund Eisen, damit mir keiner entkäme. Noch ein paar Leute möchte ich in meinen Sack stecken.« »Welch ein Glück, daß du nicht König von Frankreich bist!« Die Unterhaltung nahm nun eine heitere Wendung: man gab Politik und Theologie auf, und die beiden Brüder erzählten sich die kleinen Abenteuer, die ihnen zugestoßen waren, seit sie sich getrennt hatten. Mergy war offenherzig genug, seine Geschichte vom Wirtshaus ›Zum Goldenen Löwen‹ zum besten zu geben: sein Bruder lachte herzlich darüber und neckte ihn sehr mit dem Verlust seiner achtzehn Taler und seines guten Fuchses. Das Glockengeläute einer benachbarten Kirche ließ sich vernehmen. »Meiner Treu!« rief der Hauptmann, »wir gehen heute abend in die Predigt; ich bin überzeugt, daß du dich amüsieren wirst.« »Ich danke sehr, aber ich verspüre keine Lust, mich bekehren zu lassen.« »Komm, mein Lieber, Bruder Lubin soll heute predigen. Er ist ein Franziskaner, der die Religion so vergnüglich macht, daß man sich drängt, um ihn zu hören. Überdies soll der ganze Hof heute nach Saint-Jacques kommen; das ist ein sehenswertes Schauspiel.« »Wird die Gräfin in Turgis dasein? Und wird sie ihre Maske abnehmen?« »Was ich schon sagen wollte: sie wird selbstverständlich anwesend sein. Wenn du in die Schranken treten willst, dann vergiß nicht, dich beim Herausgehen aus der Predigt an die Kirchentüre zu stellen und ihr Weihwasser anzubieten. Das ist auch einer von den hübschen Gebräuchen der katholischen Kirche. Mein Gott! Wie viele schöne Hände habe ich gedrückt, wie viele Liebesbriefchen beim Anbieten von Weihwasser überreicht!« »Ich weiß nicht, aber dieses Weihwasser erregt in mir solchen Ekel, daß ich glaube, ich werde um nichts in der Welt den Finger eintauchen können.« Das Gelächter des Hauptmanns unterbrach ihn. Beide nahmen ihre Mäntel und begaben sich in die Kirche von Saint-Jacques, in welcher sich schon eine gute und zahlreiche Gesellschaft versammelt hatte. Die Predigt »Bien fendu de gueule, beau despêcheur d'Heures, beau desbrideur de messes, beau descrotteur de vigiles; pour tout dire sommairement: vrai moine si oncques en fut, depuis que le monde moinant moina de moinerie.« Rabelais Während Hauptmann George und sein Bruder durch die Kirche gingen, um sich einen bequemen Platz nahe beim Prediger zu suchen, wurde ihre Aufmerksamkeit durch ein Gelächter erregt, das aus der Sakristei kam. Sie traten ein und sahen einen beleibten Mann von heiter behäbigem, etwas weinseligem Aussehen im Gewände des heiligen Franziskus im eifrigsten Gespräch mit einem halben Dutzend reichgekleideter junger Leute. »Vorwärts, Kinder, beeilt euch«, sagte er; »die Damen werden ungeduldig; gebt mir meinen Text.« »Erzählt uns von den bösen Streichen, welche die Damen ihren Gatten spielen«, sagte einer der jungen Leute, in welchem George alsbald den Vicomte de Béville erkannte. »Der Gegenstand ist unerschöpflich, das gebe ich zu, mein Junge; was aber könnte ich sagen, was der Rede des Predigers von Pontoise gleichkäme, der ausrief: »Ich werfe mein Barett derjenigen unter euch an den Kopf, die ihrem Mann am öftesten Hörner aufgesetzt hat«, worauf keine einzige Frau in der Kirche war, die nicht den Kopf mit dem Arm oder dem Mantel deckte, wie um den Wurf zu parieren.« »Oh, Pater Lubin«, sagte ein anderer, »nur Euretwegen bin ich in die Predigt gekommen: erzählt uns heute etwas Kurzweiliges: sprecht uns ein wenig von der Sünde der Liebe, die heutzutage so sehr in Mode ist.« »In Mode! Jawohl, bei euch in Mode, meine Herren, die ihr erst fünfundzwanzig Jahre alt seid; aber ich habe wohlgezählte fünfzig; in meinem Alter kann man nicht mehr von Liebe reden. Ich habe schon vergessen, was das für eine Sünde ist.« »Stellt Euch doch nicht so, Pater Lubin, Ihr könnt jetzt so gut wie je eine Rede darüber halten: ich kenne Euch schon.« »Ja, predigt über Wollust«, fügte Béville hinzu, »dann werden alle Damen sagen, daß Ihr voll von Eurem Gegenstande seid.« Der Franziskaner beantwortete diesen Scherz mit einem pfiffigen Augenzwinkern, aus welchem der Stolz und die Freude hervorleuchteten, die er empfand, da er sich des Lasters eines jungen Mannes zeihen hörte. »Nein, darüber will ich nicht predigen, weil unsere Hofschönen nicht mehr bei mir beichten möchten, wenn ich mich in diesem Punkte gar zu strenge zeigte; und spräche ich nach Wissen und Gewissen davon, so müßte ich beweisen, wie man auf ewig verdammt wird... wofür?... nun dafür, daß man es sich einen Augenblick hat wohl sein lassen.« »Also gut... Ah, da ist ja der Hauptmann! Vorwärts, George, gib uns einen Predigertext. Pater Lubin hat sich verpflichtet, über irgendein Thema zu sprechen, das wir ihm vorschlagen.« »Ja«, sagte der Mönch, »aber beeilt euch! Tod und Teufel, ich sollte doch schon auf der Kanzel sein.« »Alle Wetter, Pater Lubin, Ihr könnt das Fluchen so gut wie der König!« rief der Hauptmann aus. »Ich wette, daß er in seiner Predigt nicht fluchen wird«, sagte Béville. »Warum denn nicht, wenn ich Lust dazu verspürte?« antwortete Pater Lubin kühn. »Ich wette zehn Pistolen, daß Ihr es nicht wagt.« »Zehn Pistolen? Top!« »Béville«, fiel der Hauptmann ein, »ich halte die Wette mit dir zur Hälfte.« »Nein, nein, ich will ganz allein das Geld des braven Paters gewinnen; und flucht er, so wird mir, bei meiner Ehre, um meine zehn Pistolen nicht leid sein; Predigerflüche sind wohl zehn Pistolen wert.« »Und ich kündige Euch jetzt schon an, daß ich gewonnen habe«, sagte Pater Lubin; »ich fange meine Predigt mit drei Flüchen an. Ach, ihr Herren Edelleute, ihr glaubt, weil ihr ein Rapier an der Seite und eine Feder auf dem Hute habt, hättet ihr allein das Talent zum Fluchen? Das wollen wir sehen!« Und während er so sprach, verließ er die Sakristei, und im nächsten Augenblick war er auf der Kanzel. Alsbald herrschte in der Versammlung das tiefste Schweigen. Der Prediger ließ die Augen über die Menge schweifen, die sich um die Kanzel drängte, als suche er den, der die Wette hielt; und als er ihn entdeckt hatte, wie er, an einen Pfeiler gelehnt, gerade ihm gegenüberstand, runzelte er die Brauen, stemmte die Faust in die Seite und begann im Ton eines erzürnten Menschen. »Geliebte Brüder! Sakrament! Kruzifix! Gott's Tod!« Ein erstauntes und entrüstetes Gemurmel unterbrach den Redner oder vielmehr erfüllte die Pause, die er absichtlich machte. »... sind die Mittel des Heiles«, fuhr der Franziskaner in frömmelndem und näselndem Tone fort, »durch die wir erlöst und von der Hölle errettet worden sind.« Ein allgemeines Gelächter unterbrach ihn zum zweiten Male. Béville zog die Börse aus seinem Gürtel und schüttelte sie mit Nachdruck vor dem Prediger, als Zugeständnis, daß er die Wette verlorengebe. »Nun, also, meine Brüder«, fuhr der unerschütterliche Pater Lubin fort, »da seid ihr nun sehr froh, nicht wahr? Wir sind erlöst und von der Hölle errettet. Das sind schöne Worte, denkt ihr euch; wir brauchen jetzt nur die Hände in den Schoß zu legen und uns zu freuen. Diese abscheuliche Hölle sind wir nun los. Was das Fegefeuer anbetrifft, das ist ja nur wie das Brennen mit einer Kerze, das man mit der Salbe von einem Dutzend Messen heilt. Folglich, laßt uns essen und trinken und Dirnen besuchen. Ach, ihr hartgesottenen Sünder, die ihr seid! Darauf verlaßt ihr euch! Aber hört zu, Pater Lubin sagt es euch: Ihr habt die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Ihr glaubt wohl, meine Herren Irrgläubigen, ihr hugenottisierenden Hugenotten, ihr glaubt wohl, daß sich unser Heiland herbeigelassen hat, sich ans Kreuz schlagen zu lassen, damit ihr von der Hölle erlöst werdet? So dumm bin ich nicht! Ach, ach, ja wahrhaftig! Für eine solche Canaille wird er wohl sein kostbares Blut vergossen haben! Das hieße, mit Respekt zu sagen, die Perlen vor die Säue werfen, und gerade im Gegenteil, unser Herr hat die Säue vor die Perlen geworfen: Denn die Perlen sind im Meer, und unser Herr warf zweitausend Schweine ins Meer. Et ecce impetu abiit totus grex praeceps in mare. Glückliche Reise, ihr Herren Schweine, und mögen alle Glaubensfeinde den gleichen Weg nehmen!« Hier hustete der Redner und hielt einen Augenblick inne, um die Versammlung zu betrachten und sich der Wirkung zu erfreuen, die seine Beredsamkeit auf die Gläubigen ausübte. Dann fuhr er fort: »Also, meine Herren Hugenotten, bekehrt euch, und zwar schnell! sonst... pfui über euch... werdet ihr weder erlöst noch von der Hölle errettet: also kehrt der protestantischen Predigt den Rücken, und... es lebe die Messe! Und ihr, meine lieben katholischen Brüder, ihr reibt euch die Hände und leckt euch die Finger ab und glaubt, ihr wäret schön im Vorhof des Paradieses. Aufrichtig gesagt, meine lieben Brüder, es ist weiter vom Hof, an dem ihr lebt, bis zum Paradies, sogar wenn man den Weg abschneidet, als von Saint-Lazare bis zum Tor Saint-Denis. Das Sakrament, das Kruzifix, Gottes Tod haben uns erlöst und von der Hölle errettet... Ja, zugegeben, daß ihr dadurch von den Erbsünden befreit worden seid; aber gnade euch Gott, wenn euch der Satan wieder erwischt! Und ich sage euch: Circuit quaerens quem devoret Oh, meine geliebten Brüder! Der Teufel ist ein Fechter, der sein Handwerk besser versteht als die Großen und die Kleinen und die Prahlhänse, und in Wahrheit sage ich euch: harte Sturmangriffe liefert er uns! Denn kaum ziehen wir das Kinderröckchen aus und Kniehosen an, will sagen, kaum sind wir im Alter, um eine Todsünde zu begehen, schon fordert uns der Messire Satan ins Pré-aux-Clercs des Lebens. Die Waffen, die wir mitbringen, sind die heiligen Sakramente; er aber bringt ein ganzes Arsenal mit: unsere Sünden nämlich, Angriffs- und Verteidigungswaffen zugleich. Ich sehe ihn vor mir, wie er den Kampfplatz betritt; die Völlerei auf dem Bauch, die ist sein Panzer; die Faulheit dient ihm als Sporn; im Gürtel trägt er die Wollust, die ist ein gefährlicher Stoßdegen. Der Neid ist sein Dolch; den Stolz trägt er auf dem Kopfe wie ein Polizeisoldat seinen Helm; den Geiz behält er in der Tasche, um sich zur rechten Zeit seiner zu bedienen; und was den Zorn anbelangt, mit den Beschimpfungen und allem, was daraus entsteht, den hält er im Munde: woran ihr seht, daß er bis an die Zähne bewaffnet ist. Wenn Gott das Zeichen gegeben hat, so sagt der Teufel nicht, wie es ritterliche Duellanten tun: ›Aufgepaßt, Edelmann‹, sondern er stürzt sich blindlings auf den Christen, ohne vorherige Warnung. Wenn der Christ merkt, daß er einen Stoß mitten in den Bauch kriegen soll, pariert er mit Fasten.« Hier nahm der Prediger zum bessern Verständnis ein Kruzifix vom Haken und fing damit zu fechten an, machte Vorstöße und parierte wie ein Fechtmeister mit seinem Florett, der einen besonders schwierigen Stoß demonstrieren will. »Beim Zurückziehen versetzt ihm der Satan schnell noch einen Zorneshieb auf den Kopf, dann macht er ihm eine Finte der Heuchelei, stößt ihm eine Quart mit der Hoffart. Zuerst deckt sich der Christ mit der Geduld, dann führt er gegen die Hoffart einen Gegenangriff mit einem Demutsstoß. Der Teufel, voller Ärger, haut mit dem Stoßdegen der Wollust; aber wie er sieht, daß eine Parade von Abtötungen seinen Angriff wirkungslos gemacht hat, wirft er sich mit Ungestüm auf seinen Gegner, stellt ihm gleichzeitig ein Bein mit der Faulheit und versetzt ihm einen Dolchstich mit dem Neid, während er versucht, ihm den Geiz ins Herz zu bohren. Da heißt es fest auf den Füßen stehen und einen sicheren Blick haben. Durch Arbeit überwindet man das Beinstellen der Faulheit, den Dolch des Neides durch die Liebe zum Nächsten (eine schwierige Parade, meine lieben Brüder); und was den Stoß des Geizes anbelangt, den kann nur die Liebe ablenken. Aber, meine lieben Brüder, wie viele sind unter euch, die, in der Terz und in der Quart angegriffen, gegen alle Hiebe des Feindes zur Deckung bereit sind? Mehr als einen Kämpen habe ich schon zu Boden gestreckt gesehen, und wenn er dann nicht rasch zur Reue seine Zuflucht nimmt, ist er verloren; und dieses letzte Mittel sollte man eher zu früh als zu spät anwenden. Ihr Höflinge glaubt, es brauche nicht lange, ein ›peccavi‹ zu sagen; aber ach! Brüder, wie viele arme Sterbende möchten ›peccavi‹ sagen, denen die Stimme beim ›pec‹ schon ausgeht – und krach! hat der Teufel die Seele schon geholt; such sie, wer mag!« Bruder Lubin ließ seiner Beredsamkeit noch eine Zeitlang die Zügel schießen; und als er die Kanzel verließ, konstatierte ein Freund der schönen Rede, daß seine Predigt, die nur eine Stunde gedauert hatte, siebenunddreißig witzige Einfälle und ungezählte Geistesblitze enthalten habe, gleich denen, die ich eben anführte. Katholiken und Protestanten hatten gleicherweise dem Prediger Beifall geklatscht, der sich noch lange am Fuße der Kanzel aufhielt, umgeben von einer dienstbeflissenen Menge, die aus allen Teilen der Kirche zusammenströmte, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Während der Predigt hatte Mergy mehrmals gefragt, wo die Gräfin Turgis sei; sein Bruder hatte sie vergeblich mit den Augen gesucht. Entweder war die schöne Gräfin nicht in der Kirche, oder sie verbarg sich vor ihren Bewunderern in irgendeiner Ecke. »Ich wünschte nur«, sagte Mergy beim Herausgehen, »ich wünschte nur, daß alle Leute, die dieser abgeschmackten Predigt beigewohnt haben, auf der Stelle die einfachen Ermahnungen unserer Geistlichen hören könnten...« »Da kommt die Gräfin Turgis«, sagte leise der Hauptmann und preßte ihm den Arm. Mergy wandte den Kopf und sah blitzschnell unter dem dunklen Kirchenportal eine reichgekleidete Frau vorübereilen, die von einem blonden jungen Manne an der Hand geführt wurde, der schmal und schmächtig, von weibischem Aussehen und in einer Kleidung war, deren Vernachlässigung gewollt schien. Die Menge teilte sich vor ihnen mit einer Beflissenheit, in die sich Entsetzen mischte. Der Kavalier war der schreckliche Comminges. Mergy hatte kaum einen Blick auf die Gräfin werfen können. Er konnte sich von ihren Zügen keine Rechenschaft geben, und doch hatten sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Comminges jedoch hatte ihm aufs äußerste mißfallen, ohne daß er sich den Grund erklären konnte. Er entrüstete sich darüber, daß ein scheinbar so schwächlicher Mensch schon im Besitz so großer Berühmtheit sein solle. »Wäre in dieser Menge zufällig einer, der die Gräfin liebte«, dachte er, »so würde dieser verhaßte Comminges ihn töten. Er hat geschworen, jeden zu töten, der sie lieben wird.« Und unwillkürlich legte er die Hand auf das Stichblatt seines Degens; sogleich aber schämte er sich dieser leidenschaftlichen Bewegung. – »Was geht es mich übrigens an? Ich beneide ihn nicht um seine Eroberung, die ich ja kaum gesehen habe.« Dieser Gedanke hatte ihm jedoch einen peinlichen Eindruck hinterlassen, und er schwieg auf dem ganzen Wege von der Kirche bis zum Hause des Hauptmanns. Sie fanden das Abendessen bereit. Mergy aß wenig; und kaum war die Tafel aufgehoben, so wollte er in sein Gasthaus zurückkehren. Der Hauptmann willigte ein, ihn zu entlassen, er mußte jedoch versprechen, am nächsten Tag sich endgültig in seinem Hause einzurichten. Es erübrigt sich, zu sagen, daß Mergy bei seinem Bruder Geld, ein Pferd und sonstiges vorfand und ihm außerdem noch die Bekanntschaft des Hofschneiders und des einzigen Kaufmanns vermittelt wurde, wo ein Edelmann, der Wert darauf legte, bei Frauen gern gesehen zu sein, seine Handschuhe, seine Konfusionskrausen, seine Cric- und Zugbrückenschuhe kaufen konnte. Endlich kehrte er, als es schon finstere Nacht war, in sein Gasthaus zurück, geleitet von zwei Lakaien seines Bruders, die mit Pistolen und Degen bewaffnet waren; denn die Straßen von Paris waren damals nach acht Uhr abends gefährlicher, als es die Landstraße von Sevilla nach Granada noch heute ist. Ein Parteiführer Jocky of Norfolk be not too bold, For Dickon thy master is bought and sold. Shakespeare, König Richard III. Als Bernard de Mergy in sein bescheidenes Wirtshaus zurückgekehrt war, warf er einen traurigen Blick auf die abgenutzte und unsaubere Einrichtung. Wie er nun in Gedanken die Wände seines Zimmers, die ehemals weiß getüncht, jetzt aber verräuchert und geschwärzt waren, mit den glänzenden seidenen Wandbehängen der Wohnung verglich, die er eben verlassen hatte; als er sich die hübsche gemalte Madonna vorstellte und an der Wand vor sich nur ein altes Heiligenbild erblickte, da beschlich seine Seele ein niedriger Gedanke. Diese Üppigkeit, diese Eleganz, die Gunst der Frauen, die Gnade des Königs, kurz, so viele wünschenswerte Dinge hatten George nur ein einziges Wort gekostet, ein einziges, so leicht auszusprechendes Wort, denn es genügte, daß die Lippen es sprachen, und niemand befragte des Herzens Grund. Alsbald tauchten in seiner Erinnerung die Namen mehrerer Protestanten auf, die sich durch Abfall von ihrer Religion zu den höchsten Ehren erhoben hatten; und wie der Teufel sich aus allem eine Waffe schmiedet, fiel ihm die Parabel vom verlorenen Sohn ein, jedoch mit der merkwürdigen Nutzanwendung, daß man einen bekehrten Hugenotten mehr feiern würde als einen beharrlichen Katholiken. Diese Gedanken, die sich in allen Formen und ganz ungewollt ihm aufdrängten, verfolgten ihn, und gleichzeitig flößten sie ihm Widerwillen ein. Er griff nach der Genfer Bibel, die seiner Mutter gehört hatte, und las eine Zeitlang darin. Nachdem er etwas ruhiger geworden war, legte er das Buch weg, und ehe er die Augen schloß, schwor er bei sich selbst, im Glauben seiner Väter zu leben und zu sterben. Trotz seiner Lektüre und seines Schwures nahmen seine Träume das Gepräge der Abenteuer des Tages an. Er träumte von purpurnen Seidenvorhängen, von goldenem Geschirr; dann waren die Tische umgestürzt, Degen blitzten, und Blut floß mit dem Weine. Dann belebte sich die gemalte Madonna; sie trat aus ihrem Rahmen und tanzte vor ihm. Er versuchte in seiner Erinnerung ihre Züge festzuhalten und bemerkte nun erst, daß sie eine schwarze Maske trug. Aber diese Augen von dunklem Blau und jene beiden Streifen weißer Haut, die durch die Öffnungen der Maske schimmerten! ... Die Schnüre der Maske fielen, ein himmlisches Antlitz erschien, doch ohne bestimmte Umrisse; es war wie das Bildnis einer Nymphe in einem getrübten Wasser. Unwillkürlich senkte er die Augen, rasch erhob er sie wieder und sah nur mehr den schrecklichen Comminges mit einem blutigen Degen in der Hand. Er erhob sich frühzeitig, ließ sein leichtes Gepäck zu seinem Bruder bringen und begab sich, nachdem er es abgelehnt hatte, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu besichtigen, allein nach dem Châtillonpalast, um dem Admiral den Brief zu übergeben, mit dem sein Vater ihn beauftragt hatte. Er fand den Hof des Palastes von Dienern und Pferden versperrt, durch die er nur mit Mühe sich einen Weg bis zu dem weiten Vorzimmer bahnen konnte, das voll von Knappen und Pagen war, die, obwohl sie keine anderen Waffen als ihren Degen trugen, nichtsdestoweniger eine imposante Wache um den Admiral bildeten. Ein Türhüter in schwarzem Gewände machte, nachdem er einen Blick auf Mergys Spitzenkragen und auf eine von seinem Bruder entliehene goldene Kette geworfen hatte, keine Schwierigkeit, ihn sogleich in die Galerie einzulassen, in der sein Herr sich aufhielt. Herren, Edelleute, Prediger des Evangeliums, im ganzen mehr als vierzig Personen, alle stehend, mit entblößtem Haupte und in ehrfurchtsvoller Haltung, umringten den Admiral. Er war sehr einfach und ganz schwarz gekleidet. Er war groß von Wuchs, doch etwas gebeugt, und auf seiner kahlen Stirn hatten die Anstrengungen des Krieges mehr Furchen gezogen als die Jahre. Ein langer weißer Bart fiel auf seine Brust. Seine von Natur hohlen Wangen erschienen noch ausgehöhlter durch eine Verwundung, deren tief eingeschnittene Narbe von dem langen Schnurrbart nur schlecht verdeckt war; in der Schlacht bei Montcontour hatte ein Pistolenschuß ihm die Backe durchbohrt und mehrere Zähne ausgebrochen. Der Ausdruck seines Gesichts war eher traurig als streng, und man erzählte, daß ihn seit dem Tode des tapferen Dandelot niemand mehr hatte lächeln sehen. Er stand, die Hand auf einen Tisch gestützt, der mit Karten und Plänen bedeckt war, in deren Mitte sich eine riesige Quartbibel erhob. Über Karten und Papiere verstreute Zahnstocher gemahnten an eine Gewohnheit, derentwegen man ihn oft verspottete. Ein Sekretär saß am Ende des Tisches und schien eifrigst mit dem Schreiben von Briefen beschäftigt, die er dann dem Admiral zur Unterschrift gab. Beim Anblick dieses berühmten Mannes, der für seine Glaubensgenossen mehr als ein König war, denn in seiner Person vereinigten sich der Held und der Heilige, wurde Mergy von so großer Ehrfurcht ergriffen, daß er, sich ihm nähernd, unwillkürlich das Knie beugte. Der Admiral, erstaunt und ärgerlich über diese außergewöhnliche Ehrenbezeigung, winkte ihm aufzustehen und nahm etwas verstimmt den Brief entgegen, den der junge Enthusiast ihm überreichte. Er warf einen Blick auf das Wappen des Siegels. »Das ist von meinem alten Kameraden, dem Baron de Mergy«, sagte er, »und Ihr seid ihm so ähnlich, junger Mann, daß Ihr wohl sein Sohn sein müßt.« »Monsieur, mein Vater hätte gewünscht, sein hohes Alter möchte es ihm noch gestatten, selbst seine Aufwartung zu machen.« »Messieurs«, sagte Coligny, nachdem er den Brief gelesen hatte, indem er sich an die ihn umgebenden Personen wandte, »ich stelle euch den Sohn des Barons de Mergy vor, der mehr als zweihundert Meilen zurückgelegt hat, um sich uns anzuschließen. Es scheint, daß es uns an Freiwilligen für Flandern nicht fehlen wird. Messieurs, ich bitte euch um eure Freundschaft für diesen jungen Mann; ihr habt alle die größte Hochachtung vor seinem Vater.« Mergy empfing gleichzeitig zwanzig Umarmungen und ebenso viele Dienstanerbietungen. »Habt Ihr schon einen Krieg mitgemacht, Bernard, lieber Freund?« fragte der Admiral. »Habt Ihr schon jemals den Lärm von Büchsenschüssen gehört?« Mergy erwiderte errötend, daß er noch nicht das Glück gehabt habe, für die Religion zu kämpfen. »Beglückwünscht Euch vielmehr, junger Mann, daß Ihr noch nicht gezwungen wart, das Blut Eurer Mitbürger zu vergießen«, sagte Coligny in ernstem Ton; »Gott sei's gedankt«, fügte er mit einem Seufzer hinzu, »der Bürgerkrieg ist geendet. Die Religion atmet auf, und glücklicher als wir, werdet Ihr Euren Degen nur gegen die Feinde Eures Königs und Eures Vaterlandes ziehen.« Er legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes und fuhr dann fort: »Ich bin überzeugt, daß Ihr das Blut, dem Ihr entstammt, nicht verleugnen werdet. Wie es die Meinung Eures Vaters ist, sollt Ihr zuerst mit meinen Edelleuten dienen; und wenn wir dann die Spanier treffen, so nehmt ihnen eine Standarte, und Ihr sollt sofort die Stellung eines Kornetts in meinem Regiment erhalten.« »Ich schwöre Euch«, rief Mergy in entschlossenem Ton aus, »daß ich beim ersten Treffen Kornett sein werde, oder mein Vater soll keinen Sohn mehr haben!« »Gut, mein tapferer Junge, du sprichst, wie dein Vater sprach.« Dann rief er seinen Verwalter. »Dieser ist mein Verwalter, Meister Samuel; und wenn du Geld brauchst für deine Ausrüstung, so wende dich an ihn.« Der Verwalter verbeugte sich vor Mergy, der sich beeilte zu danken, jedoch abzulehnen. »Mein Vater und mein Bruder«, sagte er, »sorgen reichlich für meinen Unterhalt.« »Euer Bruder? ... Ist es der Hauptmann George Mergy, der nach den ersten Bürgerkriegen seiner Religion abgeschworen hat?« Mergy senkte traurig das Haupt; seine Lippen bewegten sich, doch hörte man seine Antwort nicht. »Er ist ein tapferer Soldat«, fuhr der Admiral fort; »doch was ist Tapferkeit ohne Gottesfurcht? Junger Mann, Ihr habt in Eurer Familie ein Vorbild, das Ihr nachahmen, und ein Beispiel, das Ihr meiden sollt.« »Ich werde mich bemühen, meines Bruders ruhmreiche Taten, nicht aber seinen Religionswechsel nachzuahmen.« »Wohlan, Bernard, besucht mich oft und verfügt über mich wie über einen Freund. Ihr seid hier nicht an allzu guter Stelle, was die Sitten betrifft, doch hoffe ich Euch bald von hier fort und dahin zu führen, wo Ruhm zu gewinnen ist.« Mergy verbeugte sich ehrfurchtsvoll und zog sich in den Kreis zurück, der den Admiral umgab. »Messieurs«, sagte Coligny und nahm das Gespräch wieder auf, das die Ankunft Mergys unterbrochen hatte, »von allen Seiten erhalte ich gute Nachrichten. Die Mörder von Rouen sind bestraft worden ...« »Diejenigen von Toulouse sind es nicht«, sagte ein alter Prediger von düsterem und fanatischem Gesichtsausdruck. »Ihr irrt, Monsieur. Die Nachricht hat mich eben erreicht. Im übrigen ist der Halbpartgerichtshof Durch den Vertrag, der den dritten Bürgerkrieg abschloß, hatte man an verschiedenen Provinzgerichten Gerichtshöfe eingesetzt, deren Räte zur Hälfte der kalvinistischen Religion angehörten. Sie mußten in den Streitfällen zwischen Katholiken und Protestanten Recht sprechen in Toulouse schon eingesetzt. Täglich beweist uns Seine Majestät, daß die Gerechtigkeit für alle die gleiche ist.« Der alte Prediger schüttelte ungläubig den Kopf. Ein weißbärtiger Greis, in schwarzen Samt gekleidet, rief aus: »Seine Gerechtigkeit ist die gleiche, ja! Karl und seine würdige Mutter möchten die Châtillons, die Montmorencys und die Guisen samt und sonders mit einem Schlage niedermachen.« »Sprecht vom König mit mehr Ehrfurcht, Monsieur de Bonissan«, sagte Coligny in strengem Ton. »Laßt uns doch endlich den alten Groll begraben. Man soll nicht sagen, daß die Katholiken das Gebot Gottes, Beleidigungen zu vergessen, besser befolgen als wir.« »Bei den Gebeinen meines Vaters! Das fällt ihnen leichter als uns«, murmelte Bonissan. »Dreiundzwanzig von meinen nächsten Verwandten, die den Märtyrertod erlitten, lassen sich nicht so leicht aus dem Gedächtnis streichen.« So sprach er mit Bitterkeit, als ein gebrechlicher Greis von abstoßendem Aussehen und in einen abgeschabten grauen Mantel gehüllt die Galerie betrat, sich durch das Gedränge Bahn brach und Coligny ein versiegeltes Papier überreichte. »Wer seid Ihr?« fragte dieser, ohne das Siegel zu erbrechen. »Einer Eurer Freunde«, antwortete der Greis mit heiserer Stimme. Und er ging sogleich wieder hinaus. »Ich habe diesen Menschen heute morgen den Palast Guise verlassen sehen«, sagte ein Edelmann. »Er ist ein Zauberer«, sagte ein anderer. »Ein Giftmischer«, sagte ein dritter. »Der Herzog von Guise schickt ihn, um den Monsieur Admiral zu vergiften.« »Mich zu vergiften«, sagte der Admiral und zuckte die Achseln, »mich mit einem Briefe vergiften.« »Erinnert Euch der Handschuhe der Königin von Navarra!« Der Tod wurde durch Gift verursacht, sagt d'Aubigné (Weltgeschichte, Bd. 1, 2. Kap.), das wohlriechende Handschuhe dem Gehirn übertragen nach Art des Florentiners Messer René, der seitdem selbst den Feinden dieser Prinzessin verabscheuungswürdig war rief Bonissan aus. »Ich glaube ebensowenig an das Gift der Handschuhe wie an das Gift des Briefes; aber ich glaube, daß der Herzog von Guise keine Feigheit begehen kann.« Er wollte den Brief öffnen, als Bonissan sich auf ihn warf und seine Hand ergriff, indem er ausrief: »Entsiegelt ihn nicht, sonst werdet Ihr ein tödliches Gift einatmen!« Alle Anwesenden drängten sich um den Admiral, der einige Anstrengungen machte, um sich Bonissans zu erwehren. »Ich sehe einen schwarzen Rauch aus dem Brief aufsteigen«, rief eine Stimme. »Werft ihn fort!« war der allgemeine Schrei. »Laßt mich, ihr Wahnsinnigen«, sagte der Admiral, der sich loszumachen suchte. In der Art von Kampf, den er zu führen hatte, fiel das Papier zu Boden. »Samuel, lieber Freund«, rief Bonissan, »beweist, daß Ihr ein guter Diener seid! Öffnet dieses Paket und übergebt es Euren Herrn erst, wenn Ihr Euch vergewissert habt, daß es nichts Verdächtiges enthält.« Dieser Auftrag war nicht nach des Verwalters Geschmack. Ohne sich zu besinnen, hob Mergy den Brief auf und erbrach das Siegel. Alsbald sah er sich unbehindert innerhalb eines leeren Kreises, denn alle waren zurückgewichen, als ob inmitten des Gemaches eine Mine explodieren sollte. Es entwich jedoch kein bösartiger Dampf, nicht einmal niesen mußte jemand. Ein ziemlich schmutziges Papier, mit einigen Zeilen beschrieben, das war alles, was der gefürchtete Umschlag enthielt. Die gleichen Leute, die als erste zurückgewichen waren, waren auch die ersten, die sich lachend wieder näherten, sobald jeder Schein von Gefahr geschwunden war. »Was hat diese Unverschämtheit zu bedeuten?« schrie Coligny zornig, dem es endlich gelungen war, sich von der Umklammerung Bonissans loszumachen: »Einen Brief zu öffnen, der an mich gerichtet ist.« »Monsieur Admiral, hätte dieses Papier zufällig ein so feines Gift enthalten, daß es Euch durch Einatmen getötet hätte, so wäre es besser, daß ein junger Mensch wie ich dessen Opfer geworden wäre als Ihr, dessen Dasein für die Religion so kostbar ist.« Ein Murmeln der Bewunderung erhob sich rings um ihn. Coligny drückte ihm gerührt die Hand, und nach einem kurzen Schweigen sagte er gütig: »Da du nun schon einmal diesen Brief entsiegelt hast, so lies uns vor, was er enthält.« Mergy las sogleich folgendes: »›Der Himmel ist im Osten von blutigem Schein erleuchtet. Sterne sind am Firmament verschwunden, und flammende Schwerter sind in den Lüften gesehen worden. Mit Blindheit muß geschlagen sein, wer nicht begreifen will, was diese Zeichen künden. Gaspard! Gürte Deinen Degen um, lege die Sporen an, sonst werden in wenigen Tagen die Häher sich von Deinem Fleische nähren.‹« »Er bezeichnet die Guisen mit diesen Hähern«, sagte Bonissan, »der Name eines Vogels ist hier an Stelle des gleichlautenden Anfangsbuchstabens gesetzt.« Der Admiral zuckte verächtlich die Achseln, und alle schwiegen; es war aber augenscheinlich, daß die Prophezeiung einen gewissen Eindruck auf die Versammlung gemacht hatte. »Wie viele Leute sind doch in Paris, die sich mit Albernheiten abgeben!« sagte Coligny kalt. »Sagt man nicht, daß es ungefähr zehntausend Schelme in Paris gibt, die keinen anderen Beruf haben, als die Zukunft vorherzusagen?« »Den Rat, so wie er ist, sollte man nicht verachten«, sagte ein Infanteriehauptmann, »der Herzog von Guise hat es offenkundig genug ausgesprochen, daß er nicht ruhig schlafen würde, bis er Euch nicht den Todesstoß versetzt habe.« »Es ist so leicht für einen Mörder, bis zu Euch vorzudringen!« fügte Bonissan hinzu; »an Eurer Stelle würde ich nur gepanzert in den Louvre gehen.« »Laßt doch, Kamerad«, antwortete der Admiral, »an alte Soldaten wie wir wenden Mörder sich nicht. Sie fürchten uns mehr als wir sie.« Er unterhielt sich sodann noch einige Zeit über den Feldzug von Flandern und über Religionsangelegenheiten. Verschiedene Personen gaben ihm Bittschriften, damit er sie dem König überreiche; er nahm sie alle gütig entgegen und richtete an jeden der Bittsteller liebenswürdige Worte. Es war zehn Uhr, als er Hut und Handschuhe verlangte, um sich in den Louvre zu begeben. Einige der Anwesenden verabschiedeten sich nun von ihm: eine große Anzahl aber schloß sich ihm an, um ihm zugleich als Gefolge und als Wache zu dienen. Ein Parteiführer Fortsetzung Als der Hauptmann seinen Bruder erblickte, rief er ihm schon von weitem zu: »Nun, hast du Gaspard I. gesehen? Wie hat er dich empfangen?« »Mit einer Güte, die ich niemals vergessen werde.« »Das freut mich sehr.« »O George, was für ein Mensch!« »Was für ein Mensch! Nun, ein Mensch mit etwas mehr Ehrgeiz und etwas mehr Geduld als mein Kammerdiener, um von dem Unterschiede der Abstammung zu schweigen. Die Geburt hat viel für Monsieur de Châtillon getan.« »War es seine Geburt, die ihm die Kriegskunst gezeigt und aus ihm den ersten Heerführer seiner Zeit gemacht hat?« »Zweifellos nein, aber sein Verdienst hat ihn nicht verhindert, immer geschlagen zu werden. – Ach was, lassen wir das. Heute hast du den Admiral gesehen, und das ist gut; Ehre, wem Ehre gebührt, und du mußtest damit beginnen, Monsieur de Châtillon deine Aufwartung zu machen. Willst du morgen mit auf die Jagd gehen? Da werde ich dich jemandem vorstellen, der immerhin auch wert ist, gesehen zu werden: Karl, König von Frankreich, nämlich.« »Ich sollte auf die Jagd des Königs gehen?« »Gewiß, und du wirst dort die schönsten Frauen und Pferde des Hofes sehen. Der Sammelpunkt ist im Madrider Schloß, und wir müssen morgen zeitig dort sein. Ich werde dir meinen Apfelschimmel geben, und ich wette, daß du, ohne ihn anzuspornen, doch immer den Hunden auf der Fährte sein wirst.« Ein Diener übergab Mergy einen Brief, den ein Page des Königs gebracht hatte. Mergy öffnete ihn, und seine Überraschung war ebensogroß wie die seines Bruders, als sie ein Kornettdiplom darin fanden. Das Siegel des Königs war dem Schriftstück angefügt, das im übrigen in aller Förmlichkeit abgefaßt war. »Alle Wetter«, rief George, »das nennt man eine plötzliche Gnade! Aber wie zum Teufel kann Karl IX., der nicht einmal weiß, daß du auf der Welt bist, dir ein Kornettdiplom schicken?« »Ich glaube dem Admiral dafür verpflichtet zu sein«, sagte Mergy, und er erzählte sodann seinem Bruder die Geschichte von dem geheimnisvollen Brief, den er so mutig entsiegelt hatte. Der Hauptmann lachte herzlich über den Ausgang des Abenteuers und neckte ihn erbarmungslos damit. Gespräch zwischen dem Leser und dem Verfasser »Ach, werter Verfasser, was haben Sie da für eine schöne Gelegenheit, Charakterbilder zu entwerfen! Und was für Charakterbilder! Sie führen uns ins Madrider Schloß, mitten an den Hof. Und was für einen Hof! Sie wollen uns ihn zeigen, diesen franko-italienischen Hof! Machen Sie uns nach und nach mit allen Persönlichkeiten, die sich dort auszeichneten, bekannt? Was werden wir alles erfahren! Und wie interessant muß ein Tag sein, den man unter so vielen bedeutenden Menschen verbringt!« »Ach, lieber Leser, was verlangen Sie da von mir. Wohl möchte ich das Talent haben, eine Geschichte von Frankreich zu schreiben; ich würde keine Märchen erzählen. Aber sagen Sie mir, wozu wollen Sie, daß ich Sie mit Leuten bekannt mache, die in meinem Roman gar keine Rolle spielen sollen?« »Aber Sie haben sehr unrecht, sie keine Rolle spielen zu lassen. Wie? Sie versetzen mich in das Jahr 1572, und nun beabsichtigen Sie, die Charakterbilder so vieler hervorragender Männer einfach zu unterschlagen. Vorwärts, da gibt es kein Zaudern! Fangen Sie an: ich will Ihnen den ersten Satz sagen: Die Tür des Salons öffnete sich, und es erschien ...« »Aber, lieber Leser, es gab gar keinen Salon im Madrider Schloß; die Salons ...« »Nun meinetwegen, der große Saal war von einer Menge erfüllt usw. ..., in welcher man ... unterscheiden konnte ...« »Was wollen Sie dort unterscheiden?« »Selbstverständlich primo Karl IX. ...« »Secundo?« »Halt, beschreiben Sie zuerst seine Kleidung, dann entwerfen Sie mir das Bild seines Äußeren, und dann schildern Sie seinen Charakter: Das ist heute die breite Landstraße für jeden Romanschreiber.« »Seine Kleidung? – Er war als Jäger gekleidet, mit einem großen Jagdhorn um den Hals.« »Sie machen es kurz.« »Und was seine äußere Erscheinung betrifft – warten Sie – , Sie täten gut daran, sich seine Büste im Museum Angoulême anzusehen. Sie steht im zweiten Saal, Nummer 98.« »Aber, werter Verfasser, ich lebe in der Provinz; soll ich denn eigens nach Paris reisen, um die Büste von Karl IX. anzuschauen?« »Gut denn! Stellen Sie sich also einen ziemlich gut gebauten jungen Mann vor, dessen Kopf etwas zwischen den Schultern sitzt; er reckt den Hals und streckt die Stirn linkisch vor; die Nase ist ein wenig dick; er hat schmale lange Lippen, und die obere tritt stark hervor; seine Gesichtsfarbe ist fahl, und seine hervorstehenden grünlichen Augen sehen niemals den Menschen an, mit dem er sich unterhält. Übrigens steht in seinen Augen nicht geschrieben: Bartholomäusnacht oder dergleichen. Durchaus nicht – sein Ausdruck ist eher dumm und beunruhigt als hart und grausam. Sie können ihn sich ziemlich genau vorstellen, wenn Sie an einen jungen Engländer denken, der allein einen großen Salon betritt, in welchem alle Leute sitzen. Er schreitet zwischen einer Hecke von geschmückten Frauen hindurch, die bei seinem Vorübergehen schweigen. Er bleibt an dem Kleid der einen hängen, stößt an den Stuhl einer anderen und gelangt mit vieler Mühe bis zur Herrin des Hauses; und nun erst bemerkt er, daß beim Aussteigen aus dem Wagen der Ärmel seines Rockes das Rad gestreift und sich mit Schmutz bedeckt hat. – Es ist nicht anzunehmen, daß Sie einen solchen Ausdruck von Bestürzung nicht schon gesehen haben sollten; vielleicht haben Sie selbst in den Spiegel geschaut, ehe die Gewohnheit, in Gesellschaft zu verkehren, Sie über Ihr Auftreten vollkommen beruhigt hatte.« »Und Katharina von Medici?« »Katharina von Medici? – Teufel noch einmal, an sie habe ich gar nicht gedacht. Ich denke, es ist zum letzten Male, daß ich ihren Namen schreibe: sie ist eine beleibte, noch frisch aussehende Frau und, wie man sagt, wohl konserviert für ihr Alter, mit einer dicken Nase und zusammengekniffenen Lippen, wie jemand, der die ersten Anzeichen von Seekrankheit verspürt. Sie hat halbgeschlossene Augen; sie gähnt alle Augenblicke; ihre Stimme ist eintönig, und im gleichen Tonfall sagt sie: ›Ach, wer wird mich von dieser verhaßten Béarnerin befreien?‹ und: ›Madelaine, gib meinem neapolitanischen Hund gezuckerte Milch.‹« »Gut! Aber lassen Sie sie einige etwas bedeutsamere Worte sprechen. Sie hat vor kurzem Jeanne d'Albret vergiften lassen, wenigstens ist das Gerücht gegangen, und das muß man ihr anmerken.« »Durchaus nicht, denn wenn es sich verriete, wo bliebe da die so berühmte Verstellung? Ich bin übrigens gut unterrichtet, daß sie an diesem Tage von nichts anderem sprach als vom Wetter.« »Und Heinrich IV.? und Margarete von Navarra? Zeigen Sie uns den tapferen, den edlen und besonders den guten Heinrich; und Margarete, wie sie ein Liebesbriefchen in die Hand eines Pagen gleiten läßt, während Heinrich seinerseits zart die Hand einer der Hofdamen Katharinas drückt ...« »Was Heinrich IV. betrifft, so würde niemand in dem leichtsinnigen kleinen Jungen den Helden und künftigen König von Frankreich erraten. Schon hat er seine Mutter vergessen, die erst vor vierzehn Tagen gestorben ist. Er spricht nur mit einem Jagdgehilfen, mit dem er in eine endlose Abhandlung über die Losung des Hirsches, den man treiben wird, verwickelt ist ... Ich will Sie damit verschonen, zudem Sie, wie ich hoffe, kein Jäger sind.« »Und Margarete?« »Sie ist etwas unwohl und hütet das Zimmer.« »Eine einfache Art, sich ihrer zu entledigen. Und der Herzog von Anjou? Und der Prinz von Condé? Und der Herzog von Guise? Und Tavannes, Retz, La Rochefoucauld, Téligny, und Thoré, und Méru und so viele andere?« »Meiner Treu! Sie kennen sie besser als ich. Ich will Ihnen nun von meinem Freund Mergy erzählen.« »Ach, ich merke, daß ich in Ihrem Roman nicht finden werde, was ich suche.« »Das fürchte ich auch.« Der Handschuh Cayó se un escarpin de la derecha Mano, que de la izquierda importa poco, A la seora Blanca, y amor loco A dos fidalgos disparó la flecha. Lope de Vega, Elguante de Dona Blanca Der Hof befand sich im Madrider Schloß. Die Königinmutter, umgeben von ihren Damen, erwartete in ihrem Gemach den König, der mit ihr frühstücken sollte, bevor sie zu Pferde stiegen; und der König, von den Prinzen gefolgt, durchschritt langsam eine Galerie, in welcher alle Männer sich aufhielten, die ihn auf die Jagd begleiten sollten. Zerstreut hörte er auf die Reden, welche die Höflinge an ihn richteten, und antwortete oft mit Schroffheit. Als er an den beiden Brüdern vorüberschritt, beugte der Hauptmann das Knie und stellte den neuen Kornett vor. Mergy, der sich tief verneigte, dankte Seiner Majestät für die Ehre, die er von ihm empfangen habe, noch ehe er sie verdiente. »Ah, Ihr seid es, von dem mein Vater, der Admiral, gesprochen hat? Ihr seid der Bruder des Hauptmanns George?« »Ja, Sire.« »Seid Ihr Katholik oder Hugenotte?« »Sire, ich bin Protestant.« »Was ich da frage, ist nur aus Neugier; denn der Teufel soll mich holen, wenn ich mich um die Religion derer kümmere, die mir treu dienen.« Nach diesen denkwürdigen Worten trat der König bei der Königin ein. Einen Augenblick später ergoß sich ein Schwarm von Frauen in die Galerie, die gesandt schienen, damit die Kavaliere sich gedulden sollten. Nur von einer einzigen der Schönheiten des Hofes, der so fruchtbar an Schönheiten war, will ich sprechen: von der Gräfin Turgis nämlich, die eine große Rolle in dieser Geschichte spielt. Die Reitkleidung, die sie trug, war etwas leichtfertig und galant, auch hatte sie ihre Maske noch nicht vorgenommen. Ihre Hautfarbe von blendender Weiße, aber gleichmäßig bleich, wurde von ihrem pechschwarzen Haar noch besonders hervorgehoben; ihre wohlgeschwungenen Brauen, die sich an den Enden leicht berührten, gaben ihrem Gesicht einen Ausdruck von Härte oder vielmehr von Stolz, ohne der Grazie in der Gesamtheit ihrer Züge Abbruch zu tun. Zuerst unterschied man in ihren Augen nur einen Ausdruck verächtlichen Hochmuts; in angeregtem Gespräch jedoch sah man bald die Pupillen sich vergrößern und sich weiten wie bei einer Katze; ihre Blicke wurden feurig, und es war schwer, selbst für einen blasierten Gecken, längere Zeit deren magischer Wirkung standzuhalten. »Die Gräfin Turgis! Wie schön sie heute ist!« murmelten die Höflinge; und alle drängten, um sie besser zu sehen. Mergy, der an einer Stelle stand, wo sie vorüberschreiten mußte, war so ergriffen von ihrer Schönheit, daß er unbeweglich stehenblieb und erst daran dachte, ihr Platz zu machen, als die langen seidenen Ärmel der Gräfin sein Wams streiften. Sie bemerkte seine Erregung, vielleicht mit Vergnügen, und ließ sich herbei, einen Augenblick ihre schönen Augen auf diejenigen Mergys zu richten, der die seinen sofort senkte, während seine Wangen sich mit einem lebhaften Rot überzogen. Die Gräfin lächelte und ließ im Vorübergehen einen ihrer Handschuhe vor unserem Helden zu Boden fallen, der, immer noch regungslos und außer sich, nicht daran dachte, ihn aufzuheben. Sofort stieß ihn ein blonder junger Mann, kein anderer als Comminges, der hinter Mergy stand, heftig zur Seite, um sich an ihm vorbeizudrängen, hob den Handschuh auf und übergab ihn Madame de Turgis, nachdem er ihn ehrfurchtsvoll geküßt hatte. Diese wandte sich, ohne jenem zu danken, Mergy zu, sah ihn einige Zeit mit einem Ausdruck von vernichtender Verachtung an und sagte dann sehr laut, als sie den Hauptmann George neben ihm bemerkte: »Sagt mir, Hauptmann, woher kommt uns dieser große Tölpel? Sicherlich ein Hugenotte, nach seiner Höflichkeit zu schließen?« Ein allgemeines Gelächter brachte den Unglücklichen, der dessen Gegenstand war, noch vollends aus der Fassung. »Er ist mein Bruder, Madame«, antwortete George etwas weniger laut. »Seit drei Tagen ist er in Paris, und bei meiner Ehre, er ist nicht linkischer als Lannoy es war, bevor Ihr es Euch angelegen sein ließt, ihn heranzubilden.« Die Gräfin errötete leicht. »Hauptmann, das ist ein übler Scherz. Sprecht nicht schlecht von den Toten. Wartet, gebt mir die Hand; ich habe Euch von einer Dame etwas zu bestellen, die nicht allzusehr zufrieden mit Euch ist.« Der Hauptmann ergriff ehrfurchtsvoll ihre Hand und führte sie in eine entfernte Fensternische; im Gehen aber wandte sie sich noch einmal, um Mergy anzublicken. Dieser war noch wie geblendet von der Erscheinung der schönen Gräfin, und er brannte vor Verlangen, sie anzusehen, ohne jedoch zu wagen, die Augen zu ihr zu erheben; da fühlte er, wie jemand ihn leicht auf die Schulter schlug. Er wandte sich um und sah den Baron Vaudreuil, der ihn bei der Hand nahm und abseits führte, um, wie er sagte, mit ihm sprechen zu können, ohne eine Unterbrechung befürchten zu müssen. »Lieber Freund, Ihr seid noch neu in diesem Lande«, sagte der Baron, »und wißt vielleicht noch nicht, wie Ihr Euch hier zu benehmen habt.« Mergy sah ihn erstaunt an. »Euer Bruder ist beschäftigt und kann Euch keine Ratschläge geben; wenn Ihr erlaubt, will ich seine Stelle einnehmen.« »Ich weiß nicht, Monsieur, was ...« »Ihr seid schwer beleidigt worden, und da ich Euch in dieser nachdenklichen Haltung sehe, so zweifle ich nicht, daß Ihr über die Mittel nachsinnt, Euch zu rächen?« »Mich rächen? Und an wem?« fragte Mergy. Und er wurde rot bis ins Weiße der Augen. »Seid Ihr nicht von dem kleinen Comminges vorhin heftig angestoßen worden? Der ganze Hof hat die Sache gesehen und erwartet, daß Ihr sie sehr zu Herzen nehmt.« »Aber«, sagte Mergy, »in einem Saal, in dem so viele Menschen sind, ist es nichts Außergewöhnliches, daß mich jemand ohne Absicht stößt.« »Monsieur de Mergy, ich habe nicht die Ehre, Euch nahe bekannt zu sein; mit Eurem Bruder aber bin ich sehr befreundet, und er kann Euch sagen, daß ich, soweit es möglich ist, das göttliche Gebot, Beleidigungen zu verzeihen, befolge. Ich möchte Euch nicht in einen schlimmen Streit verwickeln, aber gleichzeitig halte ich es für meine Pflicht, Euch zu sagen, daß Comminges Euch nicht aus Versehen gestoßen hat. Er hat Euch gestoßen, weil er Euch eine Beschimpfung zufügen wollte; und hätte er Euch auch nicht gestoßen, so hätte er Euch trotzdem beleidigt; denn dadurch, daß er den Handschuh der Turgis aufhob, hat er sich ein Recht angemaßt, das Euch zukam. Der Handschuh lag zu Euren Füßen, folglich hattet Ihr allein das Recht, ihn aufzuheben ... Halt, übrigens dreht Euch um; am Ende der Galerie werdet Ihr Comminges sehen, der mit den Fingern auf Euch deutet und über Euch spottet.« Mergy hatte sich umgewandt und bemerkte Comminges, von fünf oder sechs jungen Leuten umgeben, denen er lachend etwas erzählte, was sie mit großer Neugier anzuhören schienen. Nichts deutete darauf hin, daß in der Gruppe von ihm die Rede war; aber auf das Wort seines wohlmeinenden Ratgebers fühlte Mergy in seinem Herzen einen heftigen Zorn aufsteigen. »Ich werde ihn nach der Jagd aufsuchen«, sagte er, »und werde von ihm erfahren ...« »Oh, verschiebt niemals einen guten Vorsatz wie diesen; außerdem beleidigt Ihr Gott viel weniger, wenn Ihr Euren Gegner sogleich nach der Beleidigung fordert, als wenn Ihr es tut, nachdem Ihr zur Überlegung Zeit gehabt habt. In einem Augenblick der Erregung, der doch nur eine läßliche Sünde ist, verabredet Ihr Euch zum Zweikampf; und schlagt Ihr Euch dann, so geschieht es nur, um nicht eine noch größere Sünde zu begehen, die nämlich, Euer Wort zu brechen. Ich vergesse aber, daß ich mit einem Protestanten spreche. Wie dem auch sei, verabredet sofort Euer Zusammentreffen mit ihm; ich werde sogleich die Unterredung vermitteln.« »Ich hoffe, er wird sich nicht weigern, Abbitte zu leisten, wie er es mir schuldig ist.« »Nein, Kamerad, diesen Irrtum könnt Ihr aufgeben; Comminges hat niemals gesagt: Ich habe unrecht gehabt. Übrigens ist er ein sehr tapferer Mann und wird Euch jegliche Genugtuung geben.« Mergy machte eine Anstrengung, um seine Erregung niederzuzwingen und eine gleichgültige Miene anzunehmen. »Wenn ich beleidigt worden bin«, sagte er, »so brauche ich Genugtuung. Wie immer sie sei, ich werde sie zu fordern wissen.« »Ausgezeichnet, mein Tapferer; es ist mir lieb, Eure Kühnheit zu sehen, denn Ihr wißt, daß Comminges einen der besten Degen führt. Bei meiner Ehre! er ist ein Edelmann, der die Waffen fest in der Hand hält. Er hat in Rom bei Brambilla Unterricht genommen, und Petit-Jean will nicht mehr mit ihm fechten.« Während er so sprach, betrachtete er aufmerksam das etwas blasse Gesicht Mergys, der jedoch mehr über die Beleidigung erregt als über deren Folgen erschreckt zu sein schien. »Ich möchte Euch gern als Sekundant dienen in dieser Angelegenheit; aber abgesehen davon, daß ich morgen zur Kommunion gehe, bin ich auch noch mit Monsieur de Rheincy festgelegt, und ich darf gegen keinen andern als ihn den Degen ziehen.« Es gehörte zu den Grundsätzen eines Raffinés, sich in keinen Kampf einzulassen, solange noch ein anderer auszutragen war »Ich danke Euch, Monsieur, sollte es zum Äußersten kommen, so wird mein Bruder mir als Sekundant dienen.« »Der Hauptmann versteht sich ausgezeichnet auf diese Art von Angelegenheiten. Einstweilen werde ich Euch Comminges zuführen, damit Ihr Euch mit ihm auseinandersetzt.« Mergy verbeugte sich, drehte sich gegen die Wand und versuchte, die Bedingungen der Herausforderung zu überdenken und Haltung zu gewinnen. Es gibt eine gewisse Grazie in der Herausforderung zum Zweikampf, die man sich, wie so vieles andere, durch Gewohnheit aneignet. Unser Held war bei seinem ersten Ehrenhandel, empfand also einige Verlegenheit; doch fürchtete er in diesem Augenblick weniger, einen Degenstich zu erhalten, als etwas zu äußern, was einem Edelmann nicht zustand. Kaum war es ihm gelungen, sich in Gedanken einen entschlossenen und höflichen Satz zurechtzulegen, als der Baron Vaudreuil ihn beim Arme ergriff, worauf er seinen Satz sofort wieder vergaß. Comminges, den Hut in der Hand, verbeugte sich mit einer höchst unverschämten Höflichkeit und sagte mit honigsüßer Stimme: »Ihr wünscht mich zu sprechen, Monsieur?« Mergy stieg vor Zorn das Blut in den Kopf; er antwortete unverzüglich und mit einer festeren Stimme, als er es zu hoffen gewagt: »Ihr habt Euch unverschämt gegen mich benommen, und ich fordere Genugtuung von Euch.« Vaudreuil nickte beifällig mit dem Kopf; Comminges richtete sich auf, stemmte die Faust in die Seite, eine Stellung, die damals in einem solchen Falle unerläßlich war, und sagte mit großer Gewichtigkeit: »Ihr tretet als Kläger auf, Monsieur, und ich habe die Wahl der Waffen in meiner Eigenschaft als Verklagter.« »Nennt die, welche Euch zusagen.« Comminges schien sich einen Augenblick zu besinnen. »Der Stoßdegen«, sagte er, »ist eine gute Waffe, aber die Verwundungen können entstellen, und in unserem Alter«, fügte er lächelnd hinzu, »liegt einem nicht gerade daran, seiner Maitresse eine Narbe mitten im Gesichte zu zeigen. Das Rapier macht nur ein kleines Loch, doch genügt es«, und wieder lächelte er. »Ich wähle also Rapier und Dolch.« »Sehr wohl«, sagte Mergy, und er tat einen Schritt, um sich zu entfernen. »Einen Augenblick!« rief Vaudreuil, »Ihr vergeßt ein Zusammentreffen zu verabreden.« »Der ganze Hof«, sagte Comminges, »trifft sich im Pré-aux-Clercs, und wenn Monsieur nicht eine ganz besondere Vorliebe für einen andern Ort hat? ...« »Also im Pré-aux-Clercs, abgemacht.« »Was die Stunde betrifft ... Ich stehe nicht vor acht Uhr auf aus mir bekannten Gründen ... Sie verstehen ... ich übernachte heute nicht in meinem Hause, und ich werde mich erst gegen neun Uhr im Pré einfinden können.« »Also um neun Uhr.« Als Mergy den Blick zur Seite wandte, sah er in seiner Nähe die Gräfin Turgis stehen, die den Hauptmann eben verlassen hatte, der nun in einem Gespräch mit einer anderen Dame begriffen war. Es versteht sich, daß unser Held beim Anblick der schönen Urheberin des unerquicklichen Handels seine Gesichtszüge mit vermehrter Gewichtigkeit und erheuchelter Sorglosigkeit wappnete. »Seit einiger Zeit ist es Mode«, sagte Vaudreuil, »sich in roten Unterhosen zu schlagen; solltet Ihr keine vorrätig haben, so werde ich Euch welche bringen lassen. Man sieht das Blut nicht, und es ist reinlicher.« »Das scheint mir eine Kinderei«, antwortete Comminges. Mergys Lächeln war ziemlich gezwungen. »Also, liebe Freunde«, sagte sodann der Baron, der sich in seinem Element zu fühlen schien, »es handelt sich nunmehr darum, Sekundanten und Terzanten Oft waren die Zeugen nicht nur einfache Zuschauer, sondern sie schlugen sich untereinander. Man nannte das jemandem sekundieren oder terzieren für Euren Zweikampf zu vereinbaren.« »Monsieur ist neu am Hofe«, sagte Comminges, »und es würde ihm vielleicht schwerfallen, einen Terzanten zu finden, so werde ich aus Gefälligkeit für ihn mich mit einem Sekundanten begnügen.« Mergy verzog mit einiger Anstrengung seine Lippen, um ein Lächeln zu markieren. »Man hätte nicht höflicher sein können«, sagte der Baron. »Es ist in der Tat eine Freude, mit einem Edelmann zu tun zu haben, der so zuvorkommend ist wie Monsieur de Comminges.« »Da Ihr ein Rapier von gleicher Länge braucht wie das meinige«, nahm Comminges das Gespräch wieder auf, »so empfehle ich Euch Laurent, ›Zur Goldenen Sonne‹, in der Rue de la Ferronnerie; er ist der beste Waffenschmied der Stadt. Sagt ihm, daß ich Euch geschickt habe, und er wird Euch gut bedienen.« Nach diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz und begab sich mit großer Ruhe in den Kreis junger Leute zurück, den er eben verlassen hatte. »Ich wünsche Euch Glück, Monsieur Bernard«, sagte Vaudreuil, »Ihr habt Euch mit der Forderung gut aus der Affäre gezogen. Teufel noch einmal, das ist ja ausgezeichnet! Comminges ist nicht gewöhnt, so mit sich sprechen zu lassen. Man fürchtet ihn wie das Feuer, besonders seit er den berühmten Canillac getötet hat; denn bei Saint-Michel, den er vor zwei Monaten niederstreckte, hat er nicht besondere Ehre erworben. Saint-Michel war keiner von den geschicktesten, während Canillac schon fünf oder sechs Edelleute getötet hatte, ohne auch nur eine Schramme davonzutragen. Er hatte in Neapel unter Borelli gelernt, und man erzählte, daß Lansac im Sterben ihm den geheimen Stich übermacht hat, mit dem er soviel Unheil anrichtete. Tatsächlich hat Canillac«, fuhr er wie im Selbstgespräch fort, »die Kirche von Auxerre geplündert und hat geweihte Hostien zu Boden geworfen; es ist kein Wunder, daß er dafür bestraft worden ist.« Mergy, den diese Einzelheiten nichts weniger als zu erheitern schienen, glaubte sich jedoch verpflichtet, die Unterhaltung fortzusetzen, damit Vaudreuil nicht etwa ein beleidigender Verdacht in bezug auf seinen Mut in den Sinn käme. »Glücklicherweise«, sagte er, »habe ich weder eine Kirche geplündert noch in meinem Leben die Hand an eine geweihte Hostie gelegt; so bin ich denn einer Gefahr weniger ausgesetzt.« »Ich muß Euch noch einen Rat geben. Wenn Ihr das Eisen mit Comminges kreuzt, nehmt Euch vor einer seiner Finten in acht, die dem Hauptmann Tomaso das Leben gekostet hat. Er rief, die Spitze seines Degens sei abgebrochen. Daraufhin hielt Tomaso seinen Degen über den Kopf, in der Erwartung eines Kopfhiebes. Comminges' Degen muß aber wohl ganz gewesen sein, denn er fuhr Tomaso, der auf einen Spitzenstoß nicht gefaßt war und sich nicht gedeckt hatte, bis auf einen Fuß vom Stichblatt in die Brust ... Aber Ihr benützt Rapiere, und das ist weniger gefährlich.« »Ich werde mein Bestes tun.« »Und, hört noch eines, wählt einen Dolch mit einem stärken Stichblatt; das ist sehr nützlich zum Parieren. Seht Ihr diese Narbe an meiner linken Hand? Sie stammt daher, daß ich eines Tages ohne Dolch ausgegangen war. Der junge Tallard und ich gerieten in Streit, und mangels eines Dolches hätte ich beinahe die linke Hand verloren.« »Und wurde er verwundet?« fragte Mergy zerstreut. »Ich habe ihn getötet, dank einem Gelübde, das ich meinem gnädigen Herrn, dem heiligen Mauritius, meinem Namenspatron, gemacht hatte. Nehmt auch Wäsche und Scharpie mit, das kann nicht schaden. Man wird ja nicht immer stocksteif getötet. Ihr würdet auch gut daran tun, Euren Degen während der Messe auf den Altar legen zu lassen ... Aber Ihr seid ja Protestant ... Noch auf ein Wort: macht Euch keine Ehrensache daraus, nicht zurückzuweichen; im Gegenteil, bringt ihn in Bewegung; er ist kurzatmig, bringt ihn außer Atem, und wenn Ihr Eure Gelegenheit wahrnehmt; ein guter Degenstoß in die Brust, und Euer Mann ist erledigt.« Er hätte noch lange fortgefahren, solche guten Ratschläge zu erteilen, wenn nicht ein lauter Jagdhornruf verkündet hätte, daß der König zu Pferde stieg. Die Türen zu den Gemächern der Königin öffneten sich, und die Majestäten in Jagdkleidung schritten gegen die Freitreppe zu. Hauptmann George, der seine Dame eben verlassen hatte, kam zu seinem Bruder zurück und sagte mit heiterer Miene, indem er ihm auf die Schulter klopfte: »Bei der Messe, du bist ein Glückspilz! Sieh einer dies Muttersöhnchen mit seinem Katzenschnurrbart! Braucht sich nur zu zeigen, und schon sind alle Frauen vernarrt in ihn. Weißt du, daß die schöne Gräfin eben eine Viertelstunde lang mit mir von dir gesprochen hat? Vorwärts, nur Mut! Galoppiere während der Jagd nur immer neben ihr und sei so galant, als es dir möglich ist. Aber was zum Teufel hast du denn? Man könnte meinen, du seist krank; du machst ein längeres Gesicht als ein Prediger, der verbrannt werden soll. Alle Wetter, vorwärts, sei lustig!« »Ich habe keine große Lust zur Jagd zu gehen, und ich möchte ...« »Wenn Ihr der Jagd nicht folgt«, sagte ganz leise der Baron Vaudreuil, »so wird Comminges glauben, Ihr hättet Angst vor dem Treffen.« »Also gehen wir«, sagte Mergy und strich mit der Hand über seine brennende Stirn. Er fand es für besser, das Ende der Jagd abzuwarten, um seinem Bruder sein Abenteuer anzuvertrauen. ›Welche Schande‹, dachte er, ›wenn Madame de Turgis glaubte, ich hätte Angst ... wenn sie dächte, daß der Gedanke an ein bevorstehendes Duell mich hindert, an der Jagd Freude zu finden!‹ Die Jagd The very butcher of a silk button, a duellist, a duellist, a gentleman of the very first house, – of the first and second cause: Ah, the immortal passado! the punto riverso . Shakespeare, Romeo and Juliet Im Schloßhof bewegten sich in buntem Durcheinander zahlreiche Damen und Herren in reicher Kleidung und auf herrlichen Pferden. Der Schall der Jagdhörner, das Bellen der Hunde, die lärmenden Scherzreden der Kavaliere bildeten ein dem Ohr des Jägers zwar köstliches, jedem anderen Ohr jedoch abscheuliches Getöse. Mergy folgte mechanisch seinem Bruder durch den Hof und befand sich, ohne zu wissen wie, neben der schönen Gräfin, die schon ihre Maske vorgenommen und einen feurigen Andalusier bestiegen hatte, der mit den Hufen die Erde schlug und ungeduldig am Zaum kaute. Auf diesem Pferd jedoch, das eines mittelmäßigen Reiters Aufmerksamkeit vollauf in Anspruch genommen hätte, schien sie sich ebenso wohl zu fühlen, als säße sie in einem der Lehnstühle ihres Gemaches. Der Hauptmann näherte sich ihr unter dem Vorwand, die Kinnkette des Andalusiers fester zu ziehen. »Da ist mein Bruder«, sagte er halblaut zu der Reiterin, laut genug jedoch, um von Mergy gehört zu werden. »Behandelt den armen Jungen milde; er läßt die Flügel hängen seit einem gewissen Tag, wo er Euch im Louvre gesehen hat.« »Ich habe seinen Namen schon vergessen«, antwortete sie schroff. »Wie heißt er?« »Bernard. Habt Ihr bemerkt, Madame, daß seine Schärpe von der gleichen Farbe ist wie Eure Bänder?« »Kann er reiten?« »Ihr sollt selbst urteilen.« Er grüßte und begab sich zu einem der Hoffräulein der Königin, der er seit einiger Zeit Aufmerksamkeit erwies. Halb über den Sattelbogen gebeugt, hielt er die Hand auf dem Zügel des Pferdes seiner Dame, und bald vergaß er seinen Bruder und dessen stolze Gefährtin. »Kennt Ihr denn Comminges, Monsieur de Mergy?« fragte Madame de Turgis. »Ich, Madame ... nur flüchtig«, antwortete er stotternd. »Ihr habt aber vorhin mit ihm gesprochen?« »Es geschah zum ersten Male.« »Ich glaube zu erraten, was Ihr ihm gesagt habt.« Und unter der Maske schienen ihre Augen im tiefsten Grunde von Mergys Seele lesen zu wollen. Eine Dame sprach die Gräfin an und unterbrach so zu Mergys größter Befriedigung die Unterredung, die ihn in die heftigste Verlegenheit versetzt hatte. Er ließ jedoch nicht ab, der Gräfin zu folgen, ohne recht zu wissen, warum; vielleicht hoffte er auf diese Weise Comminges, der ihn von weitem beobachtete, einigermaßen zu ärgern. Man verließ das Schloß. Ein Hirsch wurde aufgetrieben und verlor sich in den Wäldern; die ganze Jagd folgte, und Mergy bemerkte nicht ohne Staunen, mit welcher Geschicklichkeit Madame de Turgis ihr Pferd ritt und mit welcher Unerschrockenheit sie über alle Hindernisse hinwegsetzte, die ihr in den Weg kamen. Der Güte des Berbers, den Mergy ritt, hatte er es zu verdanken, daß er sich nicht von ihr trennen mußte; doch kränkte es ihn, daß auch der Graf de Comminges, der ein ebenso gutes Pferd ritt wie er, sie begleitete und daß weder die Schnelligkeit des ungestümen Galopps noch die ganz besondere Aufmerksamkeit, die er der Jagd zuwandte, ihn daran hinderten, sich des öfteren mit der Gräfin zu unterhalten, während Mergy ihn im stillen um seine Leichtigkeit, seine Sorglosigkeit und besonders um die Gabe beneidete, angenehme Nichtigkeiten zu sagen, die, an dem Mißvergnügen gemessen, die sie ihm verursachten, die Gräfin wohl amüsieren mußten. Die beiden, von edlem Wetteifer beseelten Rivalen fanden übrigens keine Planke zu hoch, keinen Graben zu breit, der sie hätte aufhalten können, und zwanzigmal liefen sie Gefahr, sich den Hals zu brechen. Plötzlich trennte sich die Gräfin von der Jagdgesellschaft und bog in eine Allee des Gehölzes ein, die rechtwinklig von dem Weg abging, den der König und sein Gefolge eingeschlagen hatten. »Was macht Ihr?« rief Comminges; »Ihr verliert die Fährte; hört Ihr nicht von jener Seite die Jagdhörner und die Hunde?« »Wohlan, nehmt die andere Allee; wer hält Euch?« Comminges antwortete nichts und folgte ihr. Mergy tat desgleichen; als sie ungefähr hundert Schritt in der Allee geritten waren, verlangsamte die Gräfin den Gang ihres Pferdes. Comminges zu ihrer Rechten und Mergy zu ihrer Linken folgten sogleich ihrem Beispiel. »Ihr habt da ein schönes Kampfroß, Monsieur de Mergy«, sagte Comminges; »nicht ein Schweißtropfen ist an ihm zu sehen.« »Es ist ein Berberhengst, den ein Spanier meinem Bruder verkauft hat. Hier ist die Narbe von einem Degenstich, den er bei Moncontour erhalten hat.« »Seid Ihr im Kriege gewesen?« wandte sich die Gräfin an Mergy. »Nein, Madame.« »Ihr habt also noch keinen Schuß erhalten?« »Nein, Madame.« »Und auch keinen Degenstich?« »Auch nicht.« Mergy glaubte zu bemerken, daß sie lächelte. Comminges drehte mit spöttischer Miene seinen Schnurrbart in die Höhe. »Nichts steht einem jungen Edelmann besser an als eine schöne Verwundung«, bemerkte er; »was sagt Ihr dazu, Madame?« »Ja, wenn sie auf die rechte Weise erworben ist.« »Was versteht Ihr unter recht erworben?« »Ja, eine Verwundung ist ruhmvoll, wenn sie auf dem Schlachtfelde geholt worden ist; in einem Zweikampfe ist dem aber nicht so; ich wüßte nichts Verächtlicheres.« »Ich vermute, Monsieur de Mergy hat mit Euch gesprochen, ehe er zu Pferde stieg?« »Nein«, antwortete die Gräfin schroff. Mergy lenkte sein Pferd neben Comminges. »Monsieur«, sagte er ganz leise, »sobald wir die Jagd eingeholt haben, können wir ein Dickicht aufsuchen, und ich hoffe, Euch da zu beweisen, daß ich nichts unternehmen würde, um ein Zusammentreffen mit Euch zu vermeiden.« Comminges sah ihn mit einem Ausdruck an, in dem sich Mitleid und Wohlgefallen mischten. »Das lasse ich mir gefallen! Ich will Euch wohl glauben«, antwortete er; »aber den Vorschlag, den Ihr mir macht, kann ich nicht annehmen ... Wir sind keine Troßknechte, die allein fechten; und unsere Freunde, die zum Feste geladen sind, würden es uns nicht verzeihen, wenn wir nicht auf sie warteten.« »Wie es Euch beliebt, Monsieur«, sagte Mergy. Und er kehrte an Madame de Turgis' Seite zurück, deren Pferd dem seinigen einige Schritte voraus war. Die Gräfin ritt, den Kopf auf die Brust gesenkt, und schien ganz in Gedanken verloren. Schweigend kamen alle drei an einen Kreuzweg, auf welchen die Allee, die sie verfolgt hatten, mündete. »Ist das nicht das Jagdhorn, was wir hören?« fragte Comminges. »Der Ton scheint mir aus dem Dickicht zu unserer Linken zu kommen«, antwortete Mergy. »Ja, freilich ist es das Jagdhorn, ich bin dessen jetzt gewiß, und zwar ist es ein Bologneser Horn. Gott verfluch mich, wenn es nicht das Jagdhorn meines Freundes Pompignan ist; Ihr mögt es kaum glauben, Monsieur de Mergy, was für ein Unterschied zwischen einem Bologneser Horn ist und einem, wie es unsere armseligen Pariser Handwerker fabrizieren.« »Diese hört man weithin.« »Und was für ein Ton! Wie voll er ist! Wenn die Hunde ihn hören, vergessen sie, daß sie schon zehn Meilen gejagt haben. Um übrigens die Wahrheit zu sagen, nur in Italien und in Flandern wird Gutes gemacht. Wie findet Ihr diesen wallonischen Kragen? Er paßt zur Jagdkleidung; ich habe Kragen und Konfusionskrausen, um auf Bälle zu gehen; diesen Kragen aber, so einfach er ist, glaubt Ihr, daß man ihn in Paris sticken könnte? Nicht im mindesten. Ich bezog ihn aus Breda. Wenn Ihr wollt, lasse ich Euch einen kommen durch einen meiner Freunde, der in Flandern ist ... Aber ...« Er brach mit einem lauten Lachen ab. Die Gräfin hielt ihr Pferd an. »Comminges, die Jagd liegt vor Euch, und nach dem Hornsignal zu schließen, muß der Hirsch zur Strecke gebracht sein.« »Ich denke, Ihr habt recht, schöne Frau.« »Und wollt Ihr dem Halali nicht beiwohnen?« »Selbstverständlich, sonst wäre unser Ruf als Jäger und als Reiter verloren.« »Nun also, Ihr müßt Euch beeilen.« »Ja, unsere Pferde haben jetzt Atem geschöpft. Wohlan denn, gebt uns das Zeichen.« »Ich, ich bin müde, ich bleibe hier. Monsieur de Mergy wird mir Gesellschaft leisten. Geht nur!« »Aber ...« »Muß man es Euch zweimal sagen? Sputet Euch!« Comminges rührte sich nicht; die Röte stieg ihm ins Gesicht, und er sah mit wütenden Blicken abwechselnd Mergy und die Gräfin an. »Madame de Turgis bedarf eines Tête-à-tête«, sagte er mit bitterem Lächeln. Die Gräfin deutete mit der Hand nach dem Dickicht, aus welchem sich der Schall des Jagdhorns vernehmen ließ, und machte mit den Fingerspitzen eine sehr bezeichnende Bewegung; Comminges schien jedoch noch nicht geneigt, das Feld seinem Nebenbuhler zu überlassen. »Man muß sich, wie mir scheint, deutlich mit Euch auseinandersetzen. Verlaßt uns, Monsieur de Comminges. Eure Gegenwart ist mir lästig! Versteht Ihr mich jetzt?« »Vollkommen, Madame!« antwortete er wutentbrannt. Und er fügte leiser hinzu: »Der hübsche Alkovenliebste freilich ... er wird nicht lange Zeit finden, Euch zu unterhalten. Lebt wohl, Monsieur de Mergy, auf Wiedersehen!« Er sprach diese letzten Worte mit besonderem Nachdruck und ritt dann, dem Pferd beide Sporen gebend, im Galopp davon. Die Gräfin hielt ihr Pferd zurück, das seinem Gefährten nacheifern wollte, setzte es in Schritt und verfolgte zuerst schweigend ihren Weg, indem sie nur von Zeit zu Zeit den Kopf hob und Mergy ansah, als wolle sie sprechen; dann wandte sie wieder die Augen ab, beschämt, keinen Satz finden zu können, um zur Sache zu kommen. Mergy glaubte sich verpflichtet, das Gespräch zu eröffnen. »Ich bin sehr stolz auf den Vorzug, Madame, den Ihr mir gewährt habt.« »Monsieur Bernard, könnt Ihr fechten?« »Ja, Madame«, antwortete er erstaunt. »Aber, ich meine gut ... sehr gut?« »Ziemlich gut für einen Edelmann, und zweifellos schlecht für einen Fechtmeister.« »In dem Lande aber, in dem wir leben, sind die Edelleute im Waffenhandwerk erfahrener als die Fechtmeister von Beruf.« »Ich habe in der Tat sagen hören, daß viele von ihnen in den Fechtsälen eine Zeit verlieren, die sie auf andere Weise besser anwenden könnten.« »Besser?« »Ja, gewiß. Ist es nicht besser, mit schönen Frauen zu plaudern«, erwiderte er lächelnd, »als sich schweißtriefend in einem Fechtsaal herumzuschlagen?« »Sagt, habt Ihr Euch oft geschlagen?« »Niemals, Gott sei es gedankt. Aber wozu diese Fragen, Madame?« »Es diene Euch zur Richtschnur, daß man eine Frau niemals fragen darf, warum sie dieses oder jenes tut; wenigstens ist das Brauch bei wohlerzogenen Edelleuten.« »Ich werde mich danach richten«, sagte Mergy lächelnd und neigte sich über den Hals seines Pferdes. »Was wollt Ihr also morgen tun?« »Morgen ...« »Ja, tut nicht so erstaunt.« »Madame ...« »Antwortet mir, ich weiß alles; antwortet!« rief sie und streckte mit der Geste einer Königin die Hand gegen ihn aus. Die Spitze ihres Fingers berührte leicht Mergys Ärmel und ließ ihn erbeben. »Ich werde mein Bestes tun«, sagte er endlich. »Eure Antwort gefällt mir; sie ist weder die eines Feiglings noch die eines Raufbolds. Ihr wißt, daß Ihr es gleich zum Beginn mit einem sehr gefürchteten Menschen zu tun habt.« »Was ist zu machen? Wahrscheinlich werde ich mich in ebenso großer Verlegenheit befinden wie jetzt; ich habe bisher nur Bauern gesehen«, fügte er lächelnd hinzu, »und bei meinem ersten Auftreten am Hofe befinde ich mich unter vier Augen mit der schönsten Frau an Frankreichs Hof.« »Laßt uns ernsthaft sprechen. Comminges führt den besten Degen an diesem Hofe, der so reich an Raufbolden ist. Er ist der König unter den Raffinés.« »Man sagt es.« »Nun und ... seid Ihr nicht beunruhigt?« »Ich wiederhole, ich werde mein Bestes tun. Mit einem guten Degen soll man niemals verzweifeln, besonders, wenn man auf Gottes Hilfe vertraut.« »Gottes Hilfe!« unterbrach sie ihn verächtlich, »seid Ihr nicht Hugenotte, Monsieur de Mergy?« »Ja, Madame«, antwortete er ernst, wie es bei einer solchen Frage seine Gewohnheit war. »Ihr setzt Euch also einer noch größeren Gefahr aus als ein anderer.« »Und weshalb?« »Sein Leben aufs Spiel setzen, ist nichts; Ihr aber setzt mehr aufs Spiel als Euer Leben – – Eure Seele.« »Ihr urteilt nach den Ideen Eurer Religion; die meinen sind beruhigender.« »Ihr spielt ein böses Spiel. Eine Ewigkeit der Leiden auf einen Wurf, und alle sechs Augen sind gegen Euch.« »Es wäre in jedem Fall das gleiche, denn stürbe ich morgen als Katholik, so geschähe es im Zustand der Todsünde.« »Dagegen ließe sich vieles sagen, und der Unterschied ist groß«, rief sie aus, gereizt, daß Mergy ihr ein Argument entgegenhielt, das ihrem eigenen Glauben entnommen war. »Unsere Lehrer werden Euch erklären ...« »O gewiß, denn sie erklären alles, Madame; sie nehmen sich die Freiheit, das Evangelium nach ihrem Gutdünken zu verändern. Zum Beispiel ...« »Lassen wir das. Man kann sich nicht einen Augenblick mit einem Hugenotten unterhalten, ohne daß er bei jeder Gelegenheit die Heiligen Schriften anführt.« »Wir lesen sie eben, während sogar Eure Priester sie nicht kennen. Aber sprechen wir von etwas anderem. Glaubt Ihr, daß zur Stunde der Hirsch zur Strecke gebracht ist?« »Ihr hängt also sehr an Eurem Glauben?« »Ihr seid es, die wieder davon anfängt, Madame.« »Ihr haltet ihn für gut?« »Viel mehr als das, ich halte ihn für den besten, den einzig guten; sonst würde ich ihn wechseln.« »Euer Bruder hat ihn aber abgelegt ...« »Er hatte Gründe, um Katholik zu werden; ich habe die meinen, um Protestant zu bleiben.« »Sie sind alle eigensinnig und taub gegen die Stimme der Vernunft!« rief sie zornig aus. »Morgen wird es regnen«, sagte Mergy und sah nach dem Himmel. »Monsieur de Mergy, die Freundschaft, die ich für Euren Bruder hege, und die Gefahr, der Ihr Euch aussetzt, flößen mir Interesse für Euch ein ...« Er verneigte sich ehrfurchtsvoll. »Ihr Ketzer, ihr setzt nicht einmal Vertrauen in Reliquien.« Er lächelte. »Und Ihr würdet Euch für beschmutzt halten, wenn Ihr sie berührtet?« fuhr sie fort. »Ihr würdet Euch weigern, eine zu tragen, wie wir römischen Katholiken zu tun pflegen?« »Diese Gepflogenheit scheint uns zum mindesten überflüssig.« »Hört. Einer meiner Vettern band einmal eine Reliquie um den Hals eines Jagdhundes, dann schoß er auf zwölf Schritt Entfernung aus einer mit Rehschrot geladenen Büchse auf ihn.« »Und der Hund wurde getötet?« »Nicht ein Schrot traf ihn.« »Das ist freilich erstaunlich! Ich möchte wohl eine solche Reliquie besitzen.« »Wirklich! ... Und würdet Ihr sie tragen?« »Gewiß; da die Reliquie einen Hund schützte, wieviel mehr ... aber ... einen Augenblick ... ist es sicher, daß ein Ketzer soviel wert ist wie der Hund ... eines Katholiken, versteht sich?« Ohne auf ihn zu hören, knöpfte sie rasch den oberen Teil ihres Mieders auf und zog eine kleine, ganz flache Goldkapsel an einem schwarzen Bande aus ihrem Busen. »Nehmt«, sagte sie, »Ihr habt mir versprochen, sie zu tragen. Ihr könnt sie mir eines Tages zurückgeben.« »Gewiß, wenn ich es kann.« »Doch hört, werdet Ihr sie mit Sorgfalt behandeln? ... Kein Sakrileg! Ihr wollt die größte Sorgfalt darauf verwenden?« »Sie kommt von Euch, Madame!« Sie übergab ihm die Reliquie, die er entgegennahm und um seinen Hals hängte. »Ein Katholik hätte der Hand gedankt, die ihm diesen heiligen Talisman spendete.« Mergy ergriff die Hand und wollte sie an seine Lippen führen. »Nein, nein, es ist zu spät.« »Bedenkt wohl, vielleicht werde ich nie wieder dieses Glück haben.« »Streift meinen Handschuh ab«, sagte sie und reichte ihm die Hand. Während er den Handschuh abzog, glaubte er einen leichten Druck zu verspüren. Er drückte einen feurigen Kuß auf die schöne weiße Hand. »Monsieur Bernard«, sagte die Gräfin mit bewegter Stimme, »wollt Ihr bis zuletzt eigensinnig sein, und gibt es kein Mittel, Euch zu rühren? Wollt Ihr Euch nicht endlich mir zuliebe bekehren?« »Nun, ich weiß nicht ...«, antwortete er lächelnd. »Bittet mich recht inständig und recht lange. Das eine ist gewiß, daß kein anderer als Ihr mich bekehren könnte.« »Sagt mir offen ... wenn eine Frau ... nun ... die es verstanden hätte ...« Sie hielt inne. »Die es verstanden hätte ...?« »Ja, könnte ... die Liebe zum Beispiel? Aber seid offen; sprecht ernsthaft ...« »Ernsthaft?« Und er versuchte wieder ihre Hand zu ergreifen. »Ja, könnte die Liebe, die Ihr für eine Frau von einer anderen Religion als der Euren empfindet ..., könnte eine solche Liebe Euch zu einem Religionswechsel veranlassen? ... Gott bedient sich aller Arten von Mitteln.« »Und Ihr wünscht, daß ich Euch offen und ernsthaft antworte?« »Ich fordere es.« Mergy senkte den Kopf und zögerte mit der Antwort. Tatsächlich suchte er nach einer ausweichenden Erwiderung. Madame de Turgis zeigte ein Entgegenkommen, das er nicht abzuweisen gewillt war; da er sich aber erst seit wenigen Stunden am Hofe befand, war andernteils sein Provinzgewissen noch überaus empfindlich. »Ich höre das Halali!« rief plötzlich die Gräfin, ohne die so schwierige Antwort abzuwarten. Sie gab ihrem Pferd einen Schlag mit der Reitgerte, und es stürmte alsbald im Galopp davon. Mergy folgte, ohne von ihr noch einen Blick, ein Wort erhaschen zu können. In wenigen Augenblicken hatten sie die Jagd eingeholt. Der Hirsch hatte sich zuerst mitten in einen Teich gestürzt, aus welchem er nur mit Mühe zu vertreiben gewesen war. Mehrere Kavaliere waren abgestiegen und hatten, mit langen Stangen bewaffnet, das arme Tier gezwungen, seinen Lauf wieder aufzunehmen ... Die Kälte des Wassers hatte aber den Rest seiner Kräfte erschöpft. Keuchend kam es aus dem Teich, ließ die Zunge hängen und lief in unregelmäßigen Sprüngen. Die Hunde schienen im Gegenteil ihren Eifer zu verdoppeln. Nicht weit von dem Teich entfernt schien der Hirsch, der die Unmöglichkeit, sich durch die Flucht zu entziehen, fühlte, eine letzte Anstrengung machen zu wollen, und sich gegen eine große Eiche drängend, bot er den Hunden tapfer die Stirn. Die ersten, die ihn angriffen, wurden mit aufgeschlitztem Bauch in die Luft geschleudert. Ein Pferd und seinen Reiter warf er heftig über den Haufen. Menschen, Pferde und Hunde, vorsichtig geworden, bildeten einen weiten Kreis um den Hirsch, und keiner wagte es, in den Bereich seines drohenden Geweihes zu kommen. Der König stieg behende vom Pferd, bog geschickt mit dem Jagdmesser in der Hand um die Eiche und durchschnitt von hinten die Kniekehle des Hirsches. Der Hirsch stieß eine Art klagenden Pfeifens hervor und brach zusammen. Im Augenblick warfen sich zwanzig Hunde auf ihn. Gleichzeitig an der Kehle, an der Schnauze, an der Zunge gepackt, wurde er unbeweglich festgehalten. Dicke Tränen liefen aus seinen Augen. »Laßt die Damen näher treten!« rief der König. Die Damen näherten sich; fast alle waren vom Pferd gestiegen. »Wart, du Spitzkopf!« rief der König und senkte sein Jagdmesser in die Seite des Hirsches, und er drehte die Klinge in der Wunde, um sie zu vergrößern. Das Blut spritzte gewaltsam hervor und bedeckte Gesicht, Hände und Kleidung des Königs. ›Spitzkopf‹ war eine verächtliche Bezeichnung, welche die Katholiken oftmals auf die Kalvinisten anwandten. Dieses Wort und die Art, wie es gebraucht wurde, mißfiel manchen, während andere es mit Beifallsklatschen aufnahmen. »Der König sieht wie ein Metzger aus«, sagte der Schwiegersohn des Admirals, der junge Téligny, ziemlich laut und mit einem Ausdruck von Ekel. Wohlwollende Seelen, wie es deren besonders bei Hofe gibt, ermangelten nicht, die Bemerkung dem Könige zu hinterbringen, der sie nicht vergaß. Nachdem der Hof das angenehme Schauspiel genossen hatte, wie die Hunde die Eingeweide des Hirsches verschlangen, wandte man sich wieder auf den Weg gegen Paris zurück. Unterwegs erzählte Mergy seinem Bruder von der Beleidigung, die ihm widerfahren, und von der Herausforderung, die deren Folge gewesen war. Ratschläge und Ermahnungen waren zwecklos; so versprach der Hauptmann, ihn am nächsten Morgen zu begleiten. Der Raffiné und das Pré-aux-Clercs For one of us must yield his breath, Ere from the field on foot we flee. The Duel of Stuart and Wherton Trotz der Ermüdung von der Jagd verbrachte Mergy einen großen Teil der Nacht schlaflos. In glühendem Fieber warf er sich auf seinem Bett hin und her, und seine Einbildungskraft setzte ihn in Verzweiflung. Tausenderlei nebensächliche oder mit dem bevorstehenden Ereignis in keinem Zusammenhang stehende Gedanken stürmten auf ihn ein und verwirrten sein Gehirn; mehr als einmal bildete er sich ein, die Fieberwelle, die ihn durchglühte, sei das Vorspiel zu einer schweren Krankheit, die in wenigen Stunden ausbrechen und ihn auf seinem Lager festnageln würde. Was sollte dann aus seiner Ehre werden? Was würde die Welt sagen? Was würden insonderheit Madame de Turgis und Comminges sagen? Viel hätte er darum gegeben, wenn der für den Kampf festgesetzte Zeitpunkt schon herangerückt wäre. Glücklicherweise fühlte er bei Sonnenaufgang sein Blut ruhiger werden, und mit geringerer Aufregung gedachte er des Kampfes, der nun bald stattfinden sollte. Ruhig zog er sich an und verwendete sogar einige Sorgfalt auf seine Toilette. Er malte sich aus, wie die schöne Gräfin auf den Kampfplatz eilen und ihn leicht verwundet finden würde; sie verband ihn mit eigner Hand und machte kein Hehl mehr aus ihrer Liebe. Die Turmuhr des Louvre schlug acht und entriß ihn seinen Gedanken, und fast im gleichen Augenblick trat sein Bruder ins Zimmer. Eine tiefe Traurigkeit lag auf seinen Zügen, und es war deutlich zu sehen, daß er die Nacht nicht besser verbracht hatte; doch zwang er sich zu einem Ausdruck von Gutgelauntheit und zu einem Lächeln, während er seinem Bruder die Hand drückte. »Hier ist ein Rapier«, sagte er zu ihm, »und ein Dolch mit Stichblatt, beides von Luno aus Toledo; sieh, ob das Gewicht des Degens dir zusagt.« Und er warf einen langen Degen und einen Dolch auf Mergys Bett. Mergy zog den Degen, bog ihn ab, besah die Spitze und schien befriedigt. Dann wandte er dem Dolch seine Aufmerksamkeit zu: das Stichblatt war von einer Unmenge kleiner Löcher durchbrochen, die dazu bestimmt waren, die Spitze des feindlichen Degens aufzufangen und so festzuklemmen, daß sie nicht leicht wieder zurückgezogen werden konnte. »Mit so guten Waffen«, sagte er, »glaube ich mich verteidigen zu können.« Dann zeigte er die Reliquie, die Madame de Turgis ihm gegeben und die er auf seiner Brust verborgen gehalten hatte, und bemerkte lächelnd: »Hier ist außerdem noch ein Talisman, der besser gegen Degenstiche schützt als ein Panzerhemd.« »Woher hast du dieses Spielzeug?« »Rate einmal.« Und die Eitelkeit, als Günstling der Frauen zu erscheinen, ließ ihn einen Augenblick Comminges und den Kampfdegen vergessen, der entblößt vor ihm lag. »Ich wette, es ist diese tolle Gräfin, die es dir gegeben hat! Der Teufel hole sie, sie und ihre Kapsel!« »Weißt du, daß es ein Talisman ist, den sie mir ausdrücklich gab, damit ich mich heute seiner bediene?« »Sie hätte besser getan, in Handschuhen zu bleiben, statt ihre schöne weiße Hand spielen zu lassen!« »Gott bewahre«, sagte Mergy und errötete heftig, »daß ich an solche papistischen Reliquien glaube; wenn ich aber heute unterliege, so soll sie immerhin wissen, daß ich dieses Pfand auf meiner Brust getragen habe, als ich fiel.« »Was für ein Dünkel!« rief der Hauptmann und zuckte die Achseln. »Hier ist ein Brief an die Mutter«, sagte Mergy mit etwas zitternder Stimme. George nahm ihn wortlos entgegen, und um sich Haltung zu geben; näherte er sich einem Tische, öffnete eine kleine Bibel und las darin, während sein Bruder mit Anziehen fortfuhr und damit beschäftigt war, die Unzahl von Schnürbändern zu binden, die man damals an der Kleidung trug. Auf der ersten Seite, die sich seinem Blicke bot, las George, von der Hand seiner Mutter geschrieben, die Worte: ›Am 1. Mai 1547 ist mein Sohn Bernard geboren. Herr, führe ihn auf Deinen Wegen! Herr, behüte ihn vor allem Bösen!‹ Er biß sich heftig auf die Lippen und warf das Buch auf den Tisch zurück. Mergy, der seine Bewegung bemerkte, glaubte, ein gottloser Gedanke sei ihm in den Sinn gekommen; er nahm die Bibel mit ernster Miene auf, legte sie in ihren bestickten Behälter zurück und verschloß sie mit allen Zeichen tiefster Ehrfurcht in einem Schranke. »Es ist die Bibel meiner Mutter«, sagte er. Ohne zu antworten, ging der Hauptmann im Zimmer auf und ab. »Ist es nicht Zeit zu gehen?« fragte Mergy und hakte das Gehenk seines Degens zu. »Noch nicht, wir haben noch Zeit zu frühstücken.« Beide setzten sich an einen Tisch, der mit verschiedenartigen Kuchen bedeckt war, denen sich ein großer, silberner, mit Wein gefüllter Topf gesellte; Während sie aßen, erörterten sie des langen und breiten mit einem Anschein von Interessiertheit die Vorzüge dieses Weines im Gegensatz zu anderen aus des Hauptmanns Keller. Jeder war bemüht, durch die oberflächliche Unterhaltung dem andern die wahren Gefühle seiner Seele zu verbergen. Der Hauptmann erhob sich zuerst. »Gehen wir«, sagte er mit heiserer Stimme. Er drückte den Hut in die Augen und ging eilig die Treppe hinab. Sie betraten ein Boot und fuhren über die Seine. Der Schiffer, der an ihrem Gesichtsausdruck erriet, welcher Anlaß sie ins Pré-aux-Clercs führte, bemühte sich eifrigst um sie, und während er kräftig ruderte, erzählte er ihnen mit allen Einzelheiten, wie im vergangenen Monat zwei Edelleute, von denen der eine Graf de Comminges geheißen habe, ihm die Ehre angetan hätten, sein Boot zu mieten, um sich darin nach Herzenslust schlagen zu können, ohne eine Unterbrechung befürchten zu müssen. Der Gegner des Monsieur de Comminges, dessen Namen er zu seinem Bedauern nicht erfahren habe, sei von vorn nach hinten durchbohrt worden und zudem noch kopfüber in den Fluß gestürzt; ihm, dem Schiffer, sei es nicht gelungen, ihn herauszuziehen. Im Augenblick, als sie anlegten, bemerkten sie ein anderes Boot, das zwei Männer trug und das den Fluß ungefähr hundert Fuß weiter unten durchquerte. »Das sind unsere Leute«, sagte der Hauptmann; »bleib hier«, und er lief auf das Boot zu, das Comminges und den Vicomte de Béville trug. »Ah, da bist du ja«, rief letzterer. »Bist du es oder dein Bruder« den Comminges zu töten beabsichtigt?« Bei diesen Worten umarmte er ihn lachend. Der Hauptmann und Comminges grüßten sich gemessen. »Monsieur«, sagte der Hauptmann zu Comminges, sobald er sich aus der Umarmung Bévilles losgemacht hatte, »ich halte es für meine Pflicht, nochmals den Versuch zu machen, die verhängnisvollen Folgen eines Streites zu verhindern, der nicht auf Ursachen beruht, welche die Ehre betreffen, ich bin überzeugt, daß mein Freund«, er wies auf Béville, »seine Bemühungen mit den meinigen vereinigen wird ...« Béville schnitt eine verneinende Grimasse. »Mein Bruder ist sehr jung«, fuhr George fort, »ohne Namen und unerfahren im Fechten und demnach gezwungen, sich empfindlicher zu zeigen als ein anderer. Ihr, Monsieur, habt hingegen einen wohlbegründeten Ruf, und Eure Ehre hätte nur zu gewinnen, wenn Ihr vor Monsieur de Béville und mir zugeben wolltet, daß Ihr aus Versehen ...« Ein lautes Gelächter Comminges' unterbrach ihn. »Scherzt Ihr, mein lieber Hauptmann, und meint Ihr, ich sei der Mann, der das Bett seiner Geliebten zu so früher Stunde verläßt, um über die Seine zu fahren, und das alles, um sich bei einem Grünschnabel zu entschuldigen?« »Ihr vergeßt, daß derjenige, von dem Ihr sprecht, mein Bruder ist, und somit beschimpft Ihr ...« »Und wenn er Euer Vater wäre, was läge mir daran? Was schert mich die ganze Familie?« »Gut, Monsieur, so sollt Ihr, mit Verlaub, auch mit der ganzen Familie zu tun haben. Und da ich der Ältere bin, so werdet Ihr mit mir beginnen, wenn es Euch gefällig ist.« »Verzeiht, Hauptmann, ich bin nach den Regeln des Zweikampfes verpflichtet, mich zuerst mit dem zu schlagen, der mich zuerst gefordert hat. Euer Bruder hat unverjährbare Prioritätsrechte, wie man im Justizpalast sagt; wenn ich mit ihm fertig bin, so stehe ich gern zu Eurer Verfügung.« »Das ist durchaus richtig«, rief Béville, »und ich für meinen Teil werde nicht zugeben, daß es anders geschieht.« Mergy, der sich über die lange Dauer der Unterredung wunderte, hatte sich inzwischen langsamen Schrittes genähert. Er kam gerade recht, um zu hören, wie sein Bruder Comminges mit Beschimpfungen überhäufte, ihn sogar einen Feigling nannte, während dieser mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit erwiderte: »Nach Eurem Bruder stehe ich zu Diensten.« Mergy ergriff seinen Bruder beim Arm: »George«, sagte er, »dienst du mir so, und würdest du es wünschen, daß ich für dich täte, was du für mich zu tun vorhast?« »Monsieur«, wandte er sich an Comminges, »ich bin zu Eurer Verfügung; wir können beginnen, wann Ihr wollt.« »Sogleich«, antwortete dieser. »Das ist bewundernswert, mein Lieber«, sagte Béville und drückte Mergy die Hand. »Sollte es mir heute erspart bleiben, dich hier begraben zu müssen, so kannst du es weit bringen, mein Junge.« Comminges legte sein Wams ab und löste die Bänder an seinen Schuhen, um dadurch anzudeuten, daß er nicht gewillt sei, auch nur einen Schritt zu weichen. Das war so Brauch bei den Duellanten von Beruf. Mergy und Béville taten desgleichen; nur der Hauptmann hatte nicht einmal seinen Mantel abgeworfen. »Was tust du denn, George, lieber Freund?« sagte Béville; »weißt du denn nicht, daß du gegen mich vom Leder ziehen mußt? Wir gehören doch nicht zu jenen Sekundanten, die die Hände in den Schoß legen, wenn ihre Freunde sich schlagen, und wir pflegen andalusischen Brauchs.« Der Hauptmann zuckte die Achseln. »Glaubst du denn, ich scherze? Ich schwöre dir bei meiner Ehre, daß du dich mit mir schlagen mußt. Der Teufel soll mich holen, wenn du dich nicht schlägst.« »Du bist ein Narr und ein Dummkopf!« sagte der Hauptmann kalt. »Alle Wetter, für diese beiden Worte wirst du mir Rechenschaft geben, oder du zwingst mich zu einer ...« Er hob seinen Degen, der noch in der Scheide steckte, als wolle er George schlagen. »Du willst es«, sagte der Hauptmann, »so sei es denn.« Und einen Augenblick später war er in Hemdsärmeln. Comminges schüttelte mit einer ganz eigenartigen Grazie seinen Degen in der Luft und schleuderte mit einem einzigen Ruck die Scheide zwanzig Schritt von sich. Béville wollte es ihm nachtun, doch blieb die Scheide auf der Hälfte der Klinge stecken, was zugleich als Ungeschicklichkeit und als böses Omen galt. Die beiden Brüder zogen ihre Degen mit weniger Wichtigtuerei, warfen aber ebenfalls die Scheiden von sich, die sie hätten behindern können. Jeder stellte sich vor seinem Gegner auf, den entblößten Degen in der rechten und den Dolch in der linken Hand. Die vier Eisen kreuzten sich zu gleicher Zeit. Durch einen Handgriff, den die italienischen Fechtmeister damaliger Zeit liscio di spada è cavare alla vita Die Klinge binden und rasch losbindend nach der Brust des Gegners ausfallen. Alle Fechtausdrücke waren zu damaliger Zeit dem Italienischen entnommen nannten und der darin besteht, daß man den unteren Teil der Klinge der Spitze des gegnerischen Degens entgegenhält, so daß man die Waffe des Gegners ablenkt und niederschlägt, hieb George Béville den Degen aus der Hand und setzte ihm die Spitze des seinigen auf die Brust; statt ihn aber zu durchbohren, senkte er kaltblütig die Waffe. »Du bist mir nicht gewachsen«, sagte er, »hören wir auf. Warte nicht, bis ich in Zorn gerate.« Béville war blaß geworden, als er Georges Degen so nahe an seiner Brust sah. Etwas beschämt streckte er ihm die Hand entgegen, und nachdem beide ihre Degen in die Erde gestoßen hatten, dachten sie nur mehr daran, den beiden Hauptspielern der Szene zuzusehen. Mergy war tapfer und besaß Kaltblütigkeit. Er verstand sich ziemlich gut aufs Fechten, und seine Körperkraft war der Comminges' weit überlegen, der im übrigen die Nachwirkungen von den Ermüdungen der vergangenen Nacht noch zu spüren schien. Eine Zeitlang ließ er es dabei bewenden, mit äußerster Vorsicht zu parieren, zurückzuweichen, wenn Comminges zu weit vordrang, und ihm die Spitze seines Rapiers immer gegen das Gesicht zu halten, während er mit seinem Dolche die Brust deckte. Dieser unerwartete Widerstand reizte Comminges. Man sah, wie er blaß wurde. Bei einem so tapferen Menschen verriet Blässe nur einen außergewöhnlichen Zorn. Wütend verdoppelte er seine Angriffe. Bei einem Ausfall nahm er Mergys Degen mit großer Geschicklichkeit auf, und ungestüm anspringend, hätte er ihn unfehlbar ganz durchbohrt, wenn der Degen nicht durch einen Umstand, der fast wie ein Wunder schien, abgelenkt worden wäre. Die Spitze des Rapiers traf nämlich auf die Reliquienkapsel aus poliertem Golde und wurde durch diese in etwas schräger Richtung zum Abgleiten gebracht, und anstatt in die Brust einzudringen, durchstach der Degen nur leicht die Haut und kam, mit der fünften Rippe parallel laufend, in einer Entfernung von zwei Zoll von der Einstichstelle wieder heraus. Ehe Comminges seine Waffe zurückziehen konnte, traf ihn Mergy mit seinem Dolche mit solcher Wucht am Kopf, daß er selbst darüber das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Comminges stürzte gleichzeitig mit ihm, so daß die Sekundanten beide für tot hielten. Mergy war bald wieder auf den Beinen; seine erste Bewegung war, den Degen aufzuheben, der ihm beim Fallen entglitten war. Comminges rührte sich nicht. Béville hob ihn auf. Nachdem er das blutüberströmte Gesicht mit seinem Taschentuch abgewischt hatte, sah er, daß der Dolch ins Auge gegangen war und seinen Freund sofort getötet hatte; das Eisen war zweifellos bis zum Gehirn vorgedrungen. Mergy sah verstörten Blickes auf den Leichnam. »Du bist verwundet, Bernard«, sagte der Hauptmann und lief auf ihn zu. »Verwundet?« murmelte Mergy, der erst jetzt bemerkte, daß sein Hemd ganz blutig war. »Es hat nichts zu bedeuten«, sagte der Hauptmann. »Der Stoß ist abgeglitten.« Er stillte das Blut mit seinem Taschentuche und bat Béville um das seine, um ihn vollständig verbinden zu können. Béville ließ den Körper, den er noch hielt, auf das Gras zurückgleiten und reichte ihm sogleich sein Taschentuch sowie das Comminges', das er aus dessen Wams nahm. »Gerechter Himmel, Freund! was für ein Dolchstich! Was werden die Herren Raffinés von Paris sagen, wenn aus der Provinz verwegene Burschen von dieser Sorte daherkommen! Sagt mir um Himmels willen, wie viele Zweikämpfe habt Ihr schon gehabt?« »Ach, es ist der erste«, antwortete Mergy, »aber um Gottes willen, helft Eurem Freunde!« »Zum Teufel, so wie Ihr ihn zugerichtet habt, braucht er keine Hilfe mehr; der Dolch ist ins Gehirn gedrungen, und der Stoß war so gut und so kräftig geführt, daß ... seht, wie das Stichblatt des Dolches sich auf seiner Braue und auf seiner Backe abgedrückt hat, wie ein Siegel auf Wachs.« Mergy fing an allen Gliedern zu zittern an, und dicke Tränen liefen eine nach der andern über seine Wangen. Béville hob den Dolch auf und betrachtete aufmerksam das Blut, das die Kannelierung füllte. »Das ist ein Werkzeug, dem Comminges' jüngerer Bruder eine tüchtige Kerze schuldet. Dieser wackere Dolch da macht ihn zum Erben eines gewaltigen Vermögens.« »Gehen wir ... führe mich fort von hier ...«, sagte Mergy mit erlöschender Stimme und griff nach dem Arm seines Bruders. »Sei nicht traurig«, sagte George, indem er ihm in sein Wams half. »Schließlich ist es der Mensch, der getötet wurde, nicht wert, daß man ihn allzusehr betraure.« »Armer Comminges!« rief Béville, »und sagen zu müssen, daß du von einem jungen Menschen getötet worden bist, der sich zum ersten Male schlägt, du, der du an die hundertmal dich geschlagen hast! Armer Comminges!« Das war das Ende seines Totengebetes. Und Béville, mit einem letzten Blick auf seinen Freund, bemerkte die Uhr, die um den Hals des Toten hing, so wie es damals Mode war. »Wahrhaftig, du brauchst nun nicht mehr zu wissen, wieviel Uhr es ist.« Er machte die Uhr los und steckte sie in seine Tasche mit der Bemerkung, der Bruder Comminges' würde nun ohnehin reich genug sein, und er wolle ein Andenken an seinen Freund bewahren. »Wartet auf mich«, rief er den beiden Brüdern zu, als diese sich entfernen wollten, und zog in aller Eile sein Wams an. »Halt, Monsieur de Mergy, Ihr vergeßt Euren Dolch! Verliert ihn nicht noch zu guter Letzt.« Er wischte die Klinge am Hemde des Toten ab und lief, um den jungen Duellanten einzuholen. »Tröstet Euch«, sagte er, während er sein Boot bestieg. »Macht nicht ein so jämmerliches Gesicht. Glaubt mir, anstatt wehzuklagen, besucht heute Eure Geliebte, gleich jetzt auf der Stelle, und tut Euer Bestes, damit Ihr in neun Monaten dem Staate einen Bürger schenkt, an Stelle dessen, den Ihr ihm heute entzogen habt. Auf diese Weise wird die Welt nichts verloren haben. Vorwärts, Schiffer, rudere, als ob du eine Pistole verdienen wolltest. Da kommen Leute mit Hellebarden auf uns zu. Das sind die Herren Sergeanten, die aus dem Turm von Nesle kommen, und wir wollen nichts mit ihnen zu schaffen haben.« Weiße Magie Cette nuit j'ai songé de poisson mort et d'oeufs cassés, et j'ai appris du seigneur Anaxarque que les oeufs cassés et le poisson mort signifient malencontre. Molière, Les Amants magnifiques Die mit Hellebarden Bewaffneten waren Wachsoldaten, deren sich immer eine Abteilung in der Nähe des Pré-aux-Clercs aufhielt, um stets bei der Hand zu sein und in die Streitigkeiten eingreifen zu können, die gewöhnlich auf diesem klassischen Boden der Zweikämpfe ausgetragen wurden. Nach ihrer Gewohnheit waren sie nur langsam vorgedrungen, um sich erst einzufinden, wenn alles zu Ende war. Und in der Tat wurden ihre Versuche, den Frieden herzustellen, meist sehr ungnädig aufgenommen, und mehr als einmal war es vorgekommen, daß erbitterte Feinde ihren Kampf auf Leben und Tod unterbrochen hatten, um gemeinsam die Soldaten anzugreifen, die sie zu trennen versuchten. So beschränkten sich die Obliegenheiten dieser Wache meist darauf, den Verwundeten Hilfe zu leisten oder die Toten wegzuschaffen. Diesmal hatten die Bogenschützen nur diese letztere Pflicht zu erfüllen, und sie entledigten sich derselben nach ihrer Gewohnheit, indem sie nämlich zunächst die Taschen des unglücklichen Comminges sorgfältig leerten und dann seine Kleider unter sich verteilten. »Mein lieber Freund«, wandte sich Béville an Mergy, »der Rat, den ich Euch zu geben habe, ist der, daß Ihr Euch so geheim als möglich zu Meister Ambroise Paré bringen laßt, ein Mensch, bewundernswert im Flicken einer Wunde und im Ausbessern eines gebrochenen Gliedes. Obwohl irrgläubig wie Kalvin selber, steht doch sein Wissen in so hohem Rufe, daß sogar die eifrigsten Katholiken ihre Zuflucht zu ihm nehmen. Bis jetzt hat nur die Marquise de Boissières es vorgezogen, lieber zu sterben, als ihr Leben einem Hugenotten zu verdanken. Ich wette aber auch zehn Pistolen, daß sie im Paradiese ist.« »Die Verwundung hat nichts zu bedeuten«, sagte George, »in drei Tagen wird sie geschlossen sein. Aber Comminges hat Verwandte in Paris, und ich fürchte, daß sie seinen Tod sich allzusehr zu Herzen nehmen.« »Ach ja, er hat ja wohl eine Mutter, die sich anstandshalber für verpflichtet halten wird, unsern Freund verfolgen zu lassen. Aber was! Laßt Monsieur de Châtillon seine Begnadigung erbitten, der König wird sie alsbald gewähren: der König ist weiches Wachs unter den Fingern des Admirals.« »Ich möchte, wenn es möglich wäre«, sagte Mergy mit schwacher Stimme, »ich möchte, daß der Admiral nichts von dem erführe, was eben geschehen ist.« »Warum? Glaubt Ihr, der alte Graubart ärgert sich, wenn er hört, auf welch verwegene Art ein Protestant einen Katholiken ins Jenseits befördert hat?« Mergy antwortete nur mit einem tiefen Seufzer. »Comminges war am Hofe genügend bekannt, daß sein Tod Aufsehen erregt«, sagte der Hauptmann. »Aber du hast deine Pflicht als Edelmann getan, und in all dem liegt nur Ehrenvolles für dich. Seit langem habe ich dem alten Châtillon keinen Besuch mehr abgestattet, dies ist eine Gelegenheit, um die Bekanntschaft mit ihm zu erneuern.« »Da es immerhin unangenehm ist, einige Stunden hinter den Riegeln der Gerechtigkeit zu verbringen«, nahm Béville wieder das Wort, »so will ich deinen Bruder in ein Haus führen, in welchem ihn zu suchen man sich nicht wird einfallen lassen. Er kann dort vollkommen ruhig sein, bis seine Angelegenheit geordnet ist; denn ich weiß nicht, ob er in seiner Eigenschaft als Ketzer in einem Kloster Aufnahme finden könnte.« »Ich danke Euch für Euer Anerbieten, Monsieur«, sagte Mergy; »ich kann es aber nicht annehmen. Ich könnte Euch, wenn ich es tue, in Ungelegenheiten bringen.« »Durchaus nicht, mein Lieber. Und dann, muß man nicht für seine Freunde etwas tun? Das Haus, in dem ich Euch einquartiere, gehört einem meiner Vettern, der zur Zeit nicht in Paris ist. Es steht zu meiner Verfügung. Es ist sogar jemand dort, dem ich erlaubt habe, da zu wohnen, und der Euch pflegen kann: eine Alte, die jungen Leuten sehr nützlich und mir sehr ergeben ist. Sie versteht sich auf Heilkunst, Magie und Astronomie. Was verstünde sie nicht! Ihr bestes Talent ist aber das einer Kupplerin. Der Blitz soll mich treffen, wenn sie nicht sogar der Königin einen Liebesbrief überbrächte, falls ich sie darum bäte.« »Gut«, sagte der Hauptmann, »wir führen ihn in dieses Haus, sobald Meister Ambroise seinen ersten Verband angelegt hat.« Unter diesen Reden waren sie am rechten Ufer angekommen. Nachdem sie Mergy nicht ohne Mühe auf sein Pferd gehoben hatten, führten sie ihn zu dem berühmten Chirurgen und von da in ein einzelnstehendes Haus im Faubourg Saint-Antoine, und erst am Abend verließen sie ihn, der auf ein gutes Lager gebettet und der Fürsorge der Alten anvertraut war. Hat einer einen Menschen getötet und dieser Mensch ist der erste, den er ums Leben gebracht, so wird die Erinnerung an die letzten Zuckungen, die dem Tode vorhergingen, und die Vorstellung davon ihn eine Zeitlang und besonders bei Einbruch der Nacht quälen. Der Geist ist dann so von schwarzen Gedanken erfüllt, daß man nur mit der größten Mühe auch an der einfachsten Unterhaltung teilnehmen kann; sie ermüdet und langweilt; anderseits fürchtet man sich vor der Einsamkeit, weil sie den bedrückenden Gedanken noch mehr Nachdruck verleiht. Trotz der häufigen Besuche Bévilles und des Hauptmanns verbrachte Mergy die ersten Tage, die dem Duell folgten, in einer furchtbaren Traurigkeit ... Ein ziemlich heftiges Fieber, durch die Verwundung verursacht, raubte ihm den Schlaf während der Nächte, in denen er sich am unglücklichsten fühlte. Der Gedanke, daß Madame de Turgis an ihn denke und seinen Mut bewundert habe, tröstete ihn zwar, konnte ihn aber doch nicht beruhigen. Eines Nachts wollte er bei drückender Hitze, es war im Monat Juli, sein Zimmer verlassen, um sich in dem mit Bäumen bepflanzten Garten, in dessen Mitte das Haus lag, etwas zu ergehen und frische Luft zu schöpfen. Er legte einen Mantel um die Schultern und wollte hinausgehen, fand jedoch die Tür seines Zimmers von außen abgesperrt. Er glaubte an ein Versehen der Alten, die ihn bediente; und da sie sehr entfernt von ihm schlief und zu dieser Stunde wohl im tiefsten Schlummer lag, hielt er es für nutzlos, nach ihr zu rufen. Sein Fenster war übrigens nicht hoch; unten war der Boden weich, da er erst kürzlich umgegraben worden war. Der Himmel war bedeckt, nicht ein Stern zeigte seine Nasenspitze, und von Zeit zu Zeit durchfuhren einzelne Windstöße die heiße, schwere Luft, als ob es sie Mühe kostete. Es war ungefähr zwei Uhr früh, und tiefstes Schweigen herrschte ringsum. Mergy erging sich eine Zeitlang in seinen Träumereien, bis er durch ein Klopfen am Tor, das zur Straße führte, unterbrochen wurde. Es war ein schwacher und geheimnisvoller Schlag mit dem Hammer, und der Klopfende schien damit zu rechnen, daß jemand lausche, um ihm zu öffnen. Ein Besuch in einem abgelegenen Hause zu solcher Stunde war immerhin erstaunlich. Mergy hielt sich unbeweglich an einer dunklen Stelle des Gartens, von der aus er beobachten konnte, ohne gesehen zu werden. Eine Frau, die niemand anders als die Alte sein konnte, kam alsbald mit einer Blendlaterne in der Hand aus dem Hause. Sie öffnete, und es trat jemand ein, in einen großen schwarzen Mantel, mit einer Kapuze versehen, gehüllt. Bernards Neugier war aufs äußerste erregt. Der Wuchs und, soviel er beurteilen konnte, auch die Kleidung des Ankömmlings ließen auf eine Frau schließen. Die Alte begrüßte sie mit allen Zeichen größter Ehrfurcht, während die Frau im Mantel sie kaum eines Kopfnickens würdigte. Darauf drückte sie ihr etwas in die Hand, das die Alte mit großer Freude in Empfang zu nehmen schien. Ein heller, metallischer Klang ließ sich hören, und die Eilfertigkeit, mit der die Alte sich bückte und am Boden suchte, ließ Mergy darauf schließen, daß sie Geld erhalten hatte. Die beiden Frauen wandten sich dem Garten zu, die Alte ging voraus und verdeckte ihre Laterne. In einem entlegenen Teil des Gartens war eine Art von Laube aus kreisförmig gepflanzten Linden gebildet, welche durch eine dichte Weißbuchenhecke verbunden waren, die einigermaßen als Ersatz für eine Mauer gelten konnte. Zwei Eingänge oder zwei Tore führten in das Boskett, in dessen Mitte sich ein kleiner steinerner Tisch befand. Hier traten die Alte und die verschleierte Dame ein. Mergy schlich ihnen, den Atem anhaltend, leise nach und stellte sich so hinter die Hecke, daß er gut hören und immerhin soviel sehen konnte, als das wenige Licht, das die Szene beleuchtete, ihm erlaubte. Die Alte begann damit, in einem in der Mitte des Tisches stehenden Kohlenbecken etwas anzuzünden, was sofort Feuer fing und ein fahles und bläuliches Licht verbreitete, gleich dem von Weingeist, der mit Salz vermischt ist. Sie löschte oder verbarg sodann ihre Laterne, so daß Mergy bei dem zitternden Schein, der aus dem Kohlenbecken aufstieg, nur schwer die Züge der Fremden hätte unterscheiden können, auch wenn sie nicht unter Schleier und Kapuze verborgen gewesen wären. Nach Wuchs und Bewegung die Alte zu erkennen fiel ihm nicht schwer; nur bemerkte er, daß ihr Gesicht mit einer dunklen Farbe beschmiert war, die sie unter ihrer weißen Haube wie eine Bronzestatue erscheinen ließ. Der Tisch war mit sonderbaren Dingen bedeckt, die er kaum unterscheiden konnte. Sie schienen in einer bestimmten, wunderlichen Reihenfolge geordnet, und er glaubte Früchte, Knochen und Teile von blutbefleckter Wäsche unterscheiden zu können. Eine kleine Figur, einen Mann darstellend und höchstens einen Fuß hoch, scheinbar aus Wachs geformt, stand über dem ekelerregenden Leinenfetzen. »Nun, liebe Camille«, sagte die verschleierte Dame mit leiser Stimme, »es geht ihm besser, sagst du?« Mergy erbebte bei dieser Stimme. »Etwas besser, Madame«, antwortete die Alte, »dank unserer Kunst. Mit diesem Fetzen und dem wenigen Blut, das sich auf seinen Verbänden findet, war es mir schwer, etwas Ordentliches zuwege zu bringen.« »Und was sagt Meister Ambroise Paré?« »Der – dieser Ignorant! Was liegt daran, was er sagt. Ich versichere Euch, daß die Wunde tief, gefährlich, schrecklich ist und daß sie nur nach den Regeln magischer Sympathie geheilt werden kann; aber man muß den Geistern der Erde und der Luft opfern ... und um zu opfern ...« Die Dame begriff sofort: »Wenn er gesund wird, erhältst du das Doppelte von dem, was ich dir eben gegeben habe.« »Hofft das Beste und zählt auf mich.« »Ach, Camille, wenn er stürbe!« »Beruhigt Euch, die Geister sind gnädig, die Gestirne beschirmen uns, und das letzte Opfer des schwarzen Widders hat den andern günstig gestimmt.« »Ich bringe dir, was ich nur mit vieler Mühe beschaffen konnte. Ich habe es einem der Bogenschützen abkaufen lassen, die den Leichnam beraubt haben.« Sie zog etwas unter ihrem Mantel hervor, und Mergy sah eine Degenklinge blitzen. Die Alte nahm sie und näherte sie der Flamme, um sie zu untersuchen. »Dem Himmel sei Dank, die Klinge ist blutig und verrostet! Ja, sein Blut ist wie das des Basilisken von Cathay, es hinterläßt eine Spur auf dem Stahl, die durch nichts ausgelöscht werden kann.« Sie betrachtete die Klinge, und es war nicht zu verkennen, daß die verschleierte Dame sich in einer außergewöhnlichen Erregung befand. »Sieh doch, Camille, wie nah am Griff das Blut ist. Der Stich ist vielleicht tödlich.« »Dieses Blut ist nicht aus dem Herzen; er wird gesund werden!« »Er wird gesund?« »Ja, aber nur, um von einer unheilbaren Krankheit befallen zu werden.« »Was für einer Krankheit?« »Der Liebe!« »Ach, Camille, sprichst du die Wahrheit?« »Nun, wann hätte ich anderes als die Wahrheit gesagt? Wann sind meine Prophezeiungen falsch gewesen? Hatte ich Euch nicht vorhergesagt, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgehen würde? Hatte ich Euch nicht verkündet, daß die Geister für ihn kämpfen würden? Und habe ich nicht eine schwarze Henne und einen von einem Priester geweihten Degen an der Stelle vergraben, auf der er sich schlagen sollte?« »Das ist wahr.« »Und habt Ihr nicht selbst das Herz seines Gegners durchbohrt, um so die Stöße des Menschen zu lenken, für den ich mein Wissen eingesetzt habe?« »Ja, Camille, ich habe dem Bildnis Comminges' das Herz durchbohrt; er soll aber an einer Kopfwunde gefallen sein.« »Gewiß, das Eisen hat den Kopf getroffen; wenn er aber starb, geschah es denn nicht, weil das Herzblut gerann?« Die verschleierte Dame schien überwältigt von dieser Beweiskraft. Sie schwieg. Die Alte begoß die Degenklinge mit Öl und Balsam und umwickelte sie auf das sorgfältigste mit Leinenstreifen. »Seht, Madame, dieses Skorpionenöl, mit dem ich den Degen einreibe, wird durch magische Kraft in die Wunde des jungen Mannes übertragen. Er empfindet die Wirkung dieses afrikanischen Balsams, als ob ich ihn auf eine Wunde gösse. Und bekäme ich plötzlich Lust, die Degenspitze im Feuer rotglühend zu machen, so würde der arme Kranke ebenso große Schmerzen erleiden, als wenn er bei lebendigem Leibe verbrannt würde.« »Oh, hütet Euch wohl, das zu tun!« »Eines Abends saß ich am Feuer und war sehr eifrig dabei, einen Degen mit Balsam einzureiben, um einen jungen Edelmann zu heilen, dem dieser Degen zwei schreckliche Wunden am Kopf beigebracht hatte. Ich schlief über meiner Arbeit ein. Plötzlich klopft der Diener an meiner Tür. Er berichtet mir, sein Herr leide Tod und Hölle und habe wie auf glühenden Kohlen gelegen, als er ihn verließ. – Wißt Ihr, was geschehen war? Der Degen war mir aus Versehen entglitten und lag auf den Kohlen. Ich zog ihn eiligst zurück und sagte dem Diener, sein Herr würde sich bei seiner Rückkehr ganz wohl fühlen. Und in der Tat, ich steckte die Klinge sogleich in eiskaltes Wasser, das ich mit verschiedenen Arzneimitteln vermischt hatte, und begab mich sodann zu dem Kranken. Als ich eintrat, rief er mir entgegen: ›Ach, meine gute Camille, wie wohl fühle ich mich in diesem Augenblicke! Mir ist, als befände ich mich in einem kühlen Wasserbad, während ich noch vor kurzem wie der heilige Laurentius auf dem Rost war.‹« Sie beendigte das Verbinden des Degens und sagte mit befriedigter Miene: »So ist es recht. Jetzt bin ich seiner Heilung gewiß. Von nun an könnt Ihr die letzte Zeremonie in Angriff nehmen.« Sie warf einige Fingerspitzen von einem wohlriechenden Pulver auf die Flamme und sprach unverständliche Worte, während sie ununterbrochen das Zeichen des Kreuzes machte. Dann nahm die Dame das Wachsfigürchen mit zitternder Hand, hielt es über das Kohlenbecken und sprach mit erregter Stimme die Worte: »So wie dieses Wachs weich wird und an der Flamme dieses Kohlenbeckens verbrennt, so möge dein Herz, o Bernard de Mergy, sich erweichen und in Liebe zu mir erbrennen!« »Gut so. Hier ist nun eine grüne Kerze, die um Mitternacht gegossen worden ist, nach allen Regeln des Feuerherds. Entzündet sie morgen vor dem Altar der Heiligen Jungfrau.« »Ich will es tun; aber trotz aller deiner Versprechungen bin ich sehr beunruhigt. Mir hat gestern geträumt, er sei gestorben.« »Lagt Ihr auf der rechten oder auf der linken Seite?« »Auf welcher ... auf welcher Seite hat man Wahrträume?« »Sagt mir zuerst, auf welcher Seite Ihr zu schlafen pflegt? Ich sehe wohl, Ihr möchtet Euch selbst betrügen, Euch Falsches vorspiegeln.« »Ich schlafe immer auf der rechten Seite.« »Beruhigt Euch, Euer Traum kündigt nur Glückbringendes.« »Wollte Gott ... er ist mir aber ganz bleich und blutig erschienen und in ein Leichentuch gehüllt ...« Während sie so sprach, wandte sie den Kopf und sah Mergy an einem der Eingänge des Bosketts stehen. Sie stieß vor Überraschung einen so gellenden Schrei aus, daß selbst Mergy davon bestürzt war. Sei es aus Absicht oder aus Versehen, stieß die Alte das Feuerbecken um, und im gleichen Augenblicke erhob sich eine leuchtende Flamme bis zum Gipfel der Linden, so daß Mergy während einiger Minuten ganz geblendet war. Die beiden Frauen waren alsbald durch den andern Ausgang des Bosketts entkommen. Sobald Mergy die Öffnung in der Hecke unterscheiden konnte, machte er sich an ihre Verfolgung; beinahe wäre er dabei zu Falle gekommen, da ihm ein Ding zwischen die Beine geriet, in welchem er den Degen erkannte, dem er seine Heilung zu verdanken hatte. Er verlor etwas Zeit damit, sich loszumachen und den rechten Weg zu suchen; in dem Augenblicke aber, als er in eine breite und gerade Allee gelangte und der Meinung war, nichts könne ihn mehr hindern, die Fliehenden einzuholen, hörte er das Tor, das zur Straße führte, zufallen – sie waren also nicht mehr zu erreichen. Einigermaßen gekränkt, daß er eine so schöne Beute habe entweichen lassen, tappte er im Finstern zu seinem Zimmer zurück und warf sich auf sein Bett. Alle düsteren Gedanken waren von ihm gewichen, und die Gewissensbisse, falls er solche gehabt, oder die Besorgnis, die ihm seine Lage verursacht hatte, waren wie durch Zauberschlag verschwunden. Er gedachte nur mehr des Glückes, die schönste Frau von Paris zu lieben und von ihr geliebt zu werden; denn es war kein Zweifel mehr: die verschleierte Dame war Madame de Turgis. Kurz nach Sonnenaufgang entschlummerte er und erwachte erst, als es seit mehreren Stunden schon heller Tag war. Auf seinem Kopfkissen fand er ein versiegeltes Billett, das, er wußte nicht wie, dort niedergelegt worden war. Er öffnete es und las die Worte: ›Kavalier, die Ehre einer Dame hängt von Eurer Verschwiegenheit ab.‹ Einige Augenblicke später trat die Alte ein und brachte ihm etwas Fleischbrühe. Sie trug an diesem Tage gegen ihre Gewohnheit einen Rosenkranz aus dicken Perlen, der von ihrem Gürtel hing. Ihre Haut war sorgfältig gereinigt und sah nicht mehr wie Bronze, wohl aber wie verräuchertes Pergament aus. Sie ging langsamen Schrittes und mit niedergeschlagenen Augen, wie einer, der fürchtet, der Anblick irdischer Dinge könne ihn in seinen gottseligen Betrachtungen stören. Mergy glaubte sich vor allem gründlich über das unterrichten zu müssen, was er vor aller Welt verschweigen sollte, um so die Tugend verdienstvoller üben zu können, welche das geheimnisvolle Billett ihm empfahl. Während er die Tasse mit Fleischbrühe in der Hand hielt und ehe die alte Marthe noch Zeit fand, die Tür zu erreichen, sagte er: »Ihr hattet mir nicht gesagt, daß Ihr Camille heißt ...« »Camille? ... Ich heiße Marthe, guter Herr ... Marthe Micheli«, sagte die Alte und tat sehr erstaunt über die Frage. »Nun meinetwegen, Ihr laßt Euch von den Menschen Marthe nennen, und die Geister kennen Euch unter dem Namen Camille.« »Die Geister ... Süßer Jesus, was wollt Ihr damit sagen?« Sie schlug ein Kreuz. »Ach was, keine Verstellung vor mir! Ich werde niemandem etwas sagen, und alles bleibt unter uns. Wer ist die Dame, die so großen Anteil an meiner Gesundheit nimmt?« »Die Dame, die ...« »Vorwärts, wiederholt nicht alles, was ich sage, und sprecht offen. Bei meiner Ehre als Edelmann, ich werde Euch nicht verraten.« »Wahrhaftig, Monsieur, ich weiß nicht, was Ihr da redet.« Mergy konnte sich des Lachens nicht enthalten, als er sah, was für ein erstauntes Gesicht sie machte und wie sie die Hand aufs Herz legte. Er zog ein Goldstück aus seiner Börse, die am Kopfende des Bettes hing, und reichte es der Alten hin. »Hier, gute Camille, Ihr pflegt mich so gut und gebt Euch so viele Mühe, Degen mit Skorpionenbalsam einzureiben, und das alles, um mich wieder gesund zu machen, daß ich Euch schon längst etwas hätte schenken müssen.« »Ach, Monsieur, wahrhaftig, wahrhaftig, ich verstehe kein Wort von dem, was Ihr sagt.« »Zum Kuckuck, Marthe oder Camille, bringt mich nicht in Zorn und antwortet! Wer ist die Dame, für welche Ihr die ganze schöne Hexerei in der vergangenen Nacht veranstaltet habt?« »Ach, mein süßer Erlöser, er wird zornig. Sollte er Delirium haben?« Mergy verlor die Geduld, griff nach seinem Kopfkissen und warf es ihr an den Kopf. Die Alte legte es unterwürfig wieder auf das Bett zurück, hob den Goldtaler auf, der zu Boden gefallen war, und da in diesem Augenblick der Hauptmann eintrat, so war sie einem Verhör enthoben, das unangenehm für sie hätte enden können. Die Verleumdung K. Henry IV.: Thou dost belie him, Percy, thou dost belie him. Shakespeare, K. Henry IV. George hatte sich noch an demselben Morgen zum Admiral begeben, um ihm von seinem Bruder zu sprechen. In zwei Worten hatte er ihm über das Abenteuer berichtet. Der Admiral zerkaute beim Zuhören einen seiner Zahnstocher, den er im Munde hielt: dies war bei ihm ein Zeichen von Ungeduld. »Ich weiß bereits von der Sache«, sagte er, »und es wundert mich, daß Ihr mir davon sprecht; öffentlich genug ist sie ja schon.« »Wenn ich Euch störe, so geschieht es, weil ich das Interesse kenne, das Ihr unserer Familie entgegenzubringen geruht, und ich wage zu hoffen, daß Ihr zugunsten meines Bruders beim König Fürsprache einlegt. Euer Einfluß bei Seiner Majestät ...« »Mein Einfluß, falls ich welchen besitze«, unterbrach ihn der Admiral lebhaft, »mein Einfluß kommt daher, daß ich niemals andere als gerechte Bitten Seiner Majestät unterbreite.« Bei diesen Worten entblößte er sein Haupt ehrfurchtsvoll. »Das Vorkommnis, das meinen Bruder zwingt, zu Eurer Güte seine Zuflucht zu nehmen, ist unglücklicherweise heutzutage nur allzu häufig. Der König hat im vorigen Jahre mehr als hundert Gnadengesuche unterzeichnet, und Bernards Gegner selbst hat oftmals sich des Schutzes vor gerichtlicher Strafe erfreut.« »Euer Bruder ist der Angreifer gewesen. Vielleicht hat er, und ich wünschte, dem wäre so, nur verwerflichen Ratschlägen Gehör gegeben.« Er blickte den Hauptmann fest an, während er so sprach. »Ich habe einige Versuche gemacht, die verhängnisvollen Folgen des Streites abzuwenden, Ihr wißt aber, daß Monsieur de Comminges nicht in der Laune war, jemals eine andere Genugtuung zuzulassen als diejenige, welche man mit der Degenspitze gewährt. Die Ehre des Edelmanns und die Meinung der Frauen hat ...« »Das also ist die Sprache, die Ihr vor diesem jungen Menschen führt! Sicherlich strebt Ihr darnach, einen Raffiné aus ihm zu machen? Oh, wie würde Euer Vater wehklagen, wenn er hörte, welche Verachtung sein Sohn für seine Ratschläge hat! – Guter Gott! Zwei Jahre sind kaum verflossen, daß die Bürgerkriege geendet sind, und schon gedenken sie nicht mehr der Ströme von Blut, die sie vergossen haben. Noch immer sind sie nicht zufrieden; Franzosen erwürgen täglich Franzosen.« »Hätte ich gewußt, daß meine Bitte Euch unangenehm ist ...« »Hört, Monsieur de Mergy, ich könnte meinen Gefühlen als Christ Zwang auferlegen und die Forderung Eures Bruders entschuldigen; aber seine Haltung in dem Zweikampf, der darauf folgte, war nach dem Gerücht, das in der Öffentlichkeit umläuft, nicht ...« »Was wollt Ihr damit sagen, Monsieur Admiral?« »Daß der Kampf nicht auf loyale Weise stattgefunden hat und so, wie es unter französischen Edelleuten Sitte ist.« »Und wer wagt es, eine so niederträchtige Verleumdung zu verbreiten?« rief George aus, und seine Augen funkelten vor Zorn. »Beruhigt Euch, Ihr werdet keine Forderung zu versenden haben, denn noch schlägt man sich nicht mit Frauen ... Die Mutter Comminges' hat dem König Einzelheiten gegeben, die Eurem Bruder nicht zur Ehre gereichen. Sie sollten erklären, wie ein so gefürchteter Kämpfer so leicht unter den Angriffen eines Kindes, das seine Dienstzeit als Page kaum beendet hat, unterliegen konnte.« »Der Schmerz einer Mutter ist so groß und so gerecht! Ist es zu verwundern, daß sie die Wahrheit nicht erkennen kann, solange ihre Augen noch in Tränen gebadet sind? Ich schmeichle mir, Monsieur Admiral, daß Ihr meinen Bruder nicht nach Madame de Comminges' Berichte beurteilen werdet.« Coligny schien erschüttert, und seine Stimme verlor etwas von ihrer bitteren Ironie. »Ihr könnt aber doch nicht leugnen, daß Béville, Comminges' Sekundant, ein intimer Freund von Euch ist.« »Ich kenne ihn seit langem und habe sogar Verpflichtungen gegen ihn. Comminges war aber ebenso vertraut mit ihm. Übrigens hat Comminges selbst ihn zum Sekundanten erwählt. Und schließlich schützen Bévilles Tapferkeit und Ehre ihn gegen jeden Verdacht der Unehrenhaftigkeit.« Der Admiral verzog den Mund mit einem Ausdruck tiefster Verachtung. »Die Ehre Bévilles!« wiederholte er achselzuckend; »eines Atheisten, eines Menschen, der sich in Ausschweifungen verliert!« »Doch, Béville ist ein Ehrenmann«, rief der Hauptmann mit Nachdruck. »Warum aber so viele Reden? Bin nicht auch ich bei diesem Zweikampfe zugegen gewesen? Ist es an Euch, Monsieur Admiral, unsere Ehre in Frage zu stellen und uns des Mordes zu bezichtigen?« In seinem Tone lag etwas Drohendes. Coligny verstand nicht oder verachtete die Andeutung auf die Ermordung des Herzogs François von Guise, die der Haß der Katholiken ihm zur Last legte. Seine Züge nahmen sogar wieder ihre ruhige Unbeweglichkeit an. »Monsieur de Mergy«, sagte er in kaltem und geringschätzigem Ton, »ein Mann, der seine Religion verleugnet, hat nicht das Recht, von seiner Ehre zu sprechen, da keiner an sie glauben würde.« Des Hauptmanns Gesicht überzog purpurne Röte und gleich darauf tödliche Blässe. Er wich zwei Schritte zurück, als wolle er der Versuchung, einen Greis zu schlagen, nicht unterliegen. »Monsieur Admiral«, rief er, »Euer Alter und Euer Rang erlauben Euch, ungestraft einen armen Edelmann in dem Kostbarsten zu beschimpfen, das er besitzt. Ich beschwöre Euch aber, befehlt einem oder mehreren Eurer Edelleute, die Worte aufrechtzuerhalten, die Ihr gesprochen habt. Ich schwöre bei Gott, daß ich sie zwingen werde, sie in sich zu fressen, bis sie daran ersticken.« »Das ist wohl so Brauch bei den Herren Raffinés? Ich übe deren Gepflogenheiten nicht und jage meine Edelleute fort, die sie nachmachen.« Nach diesen Worten wandte er ihm den Rücken. Der Hauptmann verließ wuterfüllten Herzens den Châtillonpalast, sprang auf sein Pferd, und wie um seinen rasenden Zorn zu entladen, setzte er das arme Tier, dessen Flanken er mit den Sporen bearbeitete, in maßlosen Galopp. In seinem ungestümen Ritt war er mehrmals nahe daran, friedliche Passanten niederzureiten, und glücklicherweise kam ihm kein einziger Raffiné in den Weg; denn in der Gemütsverfassung, in welcher er sich befand, hätte er sicherlich jede Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um vom Leder zu ziehen. Als er Vincennes erreicht hatte, begann die Erregung seines Blutes etwas nachzulassen; er kehrte um und lenkte sein blutendes und schweißbedecktes Pferd gegen Paris zurück. »Armer Freund«, sagte er, »dich trifft die Strafe für die Beschimpfungen, die mir angetan wurden.« Er klopfte seinem unschuldigen Opfer den Hals und gelangte endlich im Schritt bei seinem Bruder an. Diesem sagte er einfach, der Admiral habe sich geweigert, für ihn einzutreten, und unterdrückte alle Einzelheiten ihrer Unterredung. Einige Augenblicke später trat jedoch Béville ein, der Mergy gleich um den Hals fiel und ihm zurief: »Ich wünsche Euch Glück, mein Lieber, da ist Eure Begnadigung; sie ist auf die dringenden Bitten der Königin gewährt worden.« Mergy verriet weniger Verwunderung als sein Bruder. Im stillen schrieb er die Gunstbezeigung der verschleierten Dame zu, der Gräfin Turgis nämlich. Das Rendezvous Madame va venir dans cette salle basse, Et d'un mot d'entretien vous demande la grâce. Molière, Tartuffe Mergy kehrte aufs neue in die Wohnung seines Bruders zurück; er stattete der Königinmutter seinen Dank ab und erschien wieder bei Hofe. Als er den Louvre betrat, merkte er, daß er gewissermaßen der Erbe des Ansehens geworden war, das Comminges genossen hatte. Menschen, die er nur vom Sehen kannte, grüßten ihn untertänig und vertraulich. Wenn Männer mit ihm sprachen, verbargen sie unter der äußeren Form höflicher Beflissenheit nur schlecht ihren Neid; die Frauen betrachteten ihn durch ihre Lorgnetten und ließen ihre Lockungen spielen, denn der Ruhm eines Duellanten war damals ein sicheres Mittel, ihre Herzen zu rühren. Hatte man drei oder vier Gegner im Einzelkampfe getötet, so ersetzte das Schönheit, Reichtum und Geist. Kurz, als unser Held in der Galerie des Louvre erschien, merkte er, wie sich ein Gemurmel rings um ihn erhob. »Das ist der junge Mergy, der Comminges getötet hat. – Wie jung er ist! Welch anmutige Haltung! – Wie gut er aussieht! – Wie tapfer er den Schnurrbart aufgedreht trägt! – Weiß man, wer seine Geliebte ist?« – Mergy suchte vergebens in der Menge nach Madame de Turgis' blauen Augen und schwarzen Brauen. Er machte sogar Besuch bei ihr, erfuhr aber, daß sie bald nach dem Tode Comminges' auf eine ihrer Besitzungen gereist sei, die zwanzig Meilen von Paris entfernt war. Wollte man den bösen Zungen Glauben schenken, so hatte der Schmerz um den Tod des Mannes, der ihr seine Aufmerksamkeit erwiesen hatte, sie gezwungen, einen Zufluchtsort zu suchen, wo sie in Frieden sich ihrem Kummer hingeben konnte. Eines Morgens, während der Hauptmann in Erwartung des Frühstücks auf seinem Ruhebett ausgestreckt, das Leben des hochgeschätzten Pantagruel las und sein Bruder unter der Leitung des Signor Uberto Vinibella Unterricht auf der Gitarre nahm, brachte ein Diener Bernard die Meldung, eine sehr sauber gekleidete alte Frau warte im unteren Saal auf ihn und verlange mit geheimnisvoller Miene, ihn zu sprechen. Sogleich begab er sich hinunter und nahm aus den wie mit Lohe gegerbten Händen einer alten Frau, die weder Marthe noch Camille war, einen Brief entgegen, der einen süßen Duft ausströmte. Er war mit einem goldenen Faden und mit einem umfangreichen Siegel aus grünem Wachs verschlossen, auf welchem an Stelle des Wappens ein Amor zu sehen war, der den Finger auf den Mund legt, und darunter die kastilische Inschrift: › Callad ‹. Er öffnete und fand nur eine einzige Zeile in spanischer Sprache, die er nur mit Mühe verstand: › Esta Noche, una dama espera à V. M. ‹ »Wer hat Euch diesen Brief gegeben?« fragte er die Alte. »Eine Dame.« »Ihr Name?« »Ich weiß es nicht. Sie ist Spanierin, wie sie sagt.« »Woher kennt sie mich?« Die Alte zuckte die Achseln. »Euer Ruhm und Eure Galanterie haben Euch diese schlimme Sache zugezogen«, spottete sie. »Doch gebt mir Antwort, werdet Ihr kommen?« »Wohin soll ich gehen?« »Seid heute abend um halb neun Uhr in der Kirche Saint-Germain-l'Auxerrois, auf der linken Seite des Schiffes.« »Und soll ich die Dame in der Kirche sehen?« »Nein, es wird Euch jemand abholen, um Euch zu ihr zu führen. Seid aber verschwiegen und kommt allein.« »Ja.« »Versprecht Ihr es?« »Ich gebe Euch mein Wort.« »Also lebt wohl, und vor allem folgt mir nicht.« Sie machte eine tiefe Verbeugung und ging sogleich hinaus. »Nun, was wollte die edle Kupplerin von dir«, fragte der Hauptmann, als sein Bruder zurückgekommen und der Gitarrelehrer fortgegangen war. »Oh, nichts«, antwortete Mergy mit gleichgültiger Miene und betrachtete mit großer Aufmerksamkeit die Madonna, von der wir schon gesprochen haben. »Ach was, vor mir brauchst du keine Geheimnisse zu haben. Soll ich dich zu einem Rendezvous begleiten, die Straße bewachen und die Eifersüchtigen mit der flachen Klinge empfangen?« »Es ist nichts, sage ich dir.« »Ganz nach Belieben, behalte dein Geheimnis für dich, wenn du willst. Aber weißt du, ich wette, du hättest mindestens ebenso große Lust, es mir zu erzählen, als ich, es zu erfahren.« Mergy zupfte zerstreut an den Saiten seiner Gitarre. »Übrigens, George, ich kann heute nicht bei Monsieur de Vaudreuil zu Abend essen.« »Aha, es ist also für heute abend? Ist sie hübsch? Ist es eine Dame vom Hofe? Eine Bürgerliche? Eine Kaufmannsfrau?« »Wahrhaftig, ich weiß es nicht. Ich soll einer Dame vorgestellt werden, die nicht aus diesem Lande ist ... Aber wem? ... das weiß ich nicht.« »Weißt du aber wenigstens, wo du sie treffen sollst?« Bernard zeigte das Briefchen und wiederholte, was die Alte ihm eben gesagt hatte. »Die Schrift ist verstellt«, sagte der Hauptmann, »und ich weiß nicht, was ich von all diesen Vorsichtsmaßregeln denken soll.« »Es muß irgendeine vornehme Dame sein, George.« »So sind unsere jungen Leute; beim geringsten Anlaß bilden sie sich ein, daß die vornehmsten Damen sich ihnen an den Hals werfen.« »Riech doch den Duft, den das Billett ausströmt!« »Was beweist das?« Die Stirn des Hauptmanns verdüsterte sich plötzlich, und ein unheilvoller Gedanke kam ihm in den Sinn. »Die Comminges sind nachtragend«, sagte er, »und vielleicht ist dieser Brief nur eine Vorspiegelung, um dich in einen Schlupfwinkel zu locken, an einen entlegenen Ort, wo du den Dolchstich teuer bezahlen sollst, der sie zu Erben gemacht hat.« »Ach, was für eine Idee!« »Es wäre nicht zum ersten Mal, daß man die Liebe in den Dienst der Rache stellt. Du hast die Bibel gelesen; denke an Samson, den Delila verraten hat.« »Ich müßte ein rechter Hasenfuß sein, wenn mich eine so unwahrscheinliche Vermutung veranlassen sollte, ein Rendezvous zu versäumen, das vielleicht köstlich sein wird! Eine Spanierin!« »Geh wenigstens gut bewaffnet hin. Wenn du willst, lasse ich dich von meinen zwei Dienern begleiten.« »Pfui, soll ich die Stadt zum Zeugen meiner Liebesabenteuer machen?« »Das geschieht häufig heutzutage. Wie oft habe ich d'Ardelay, einen guten Freund von mir, auf dem Weg zu seiner Geliebten getroffen, das Panzerhemd auf dem Leib und zwei Pistolen im Gürtel! ... Und hinter ihm gingen vier Soldaten aus seiner Kompanie, jeder mit einem geladenen Bruststutzen. Du kennst Paris noch nicht, Kamerad; und glaube mir, zuviel Vorsicht schadet nie. Bestenfalls legt man eben sein Panzerhemd ab, wenn es einem im Wege ist.« »Ich hege keinerlei Befürchtungen. Hätten Comminges' Verwandte es auf mich abgesehen, so hätten sie mich leicht des Nachts in der Straße angreifen können.« »Auf jeden Fall lasse ich dich nur unter der Bedingung ausgehen, daß du deine Pistolen mitnimmst.« »Das lasse ich gelten. Man wird mich freilich auslachen.« »Aber das ist nicht alles. Du mußt noch tüchtig zu Mittag essen, mußt zwei Rebhühner und eine Unmenge Hahnenkämme in Pastete verspeisen, um die Ehre der Familie Mergy heute abend hochzuhalten.« Bernard zog sich in sein Zimmer zurück, wo er zum mindesten vier Stunden damit verbrachte, seine Haare zu kämmen und zu locken, sich zu parfümieren und schließlich die beredten Worte einzuüben, die er an die schöne Unbekannte zu richten gedachte. Urteilt selbst, ob er sich wohl pünktlich beim Rendezvous einfand. Seit mehr als einer halben Stunde ging er in der Kirche auf und ab. Schon dreimal hatte er die Kerzen, die Säulen und die ex voto gezählt, als endlich eine alte Frau, sorgfältig in einen Kapuzenmantel gehüllt, ihn bei der Hand faßte und, ohne ein Wort zu sagen, auf die Straße führte ... Immer mit dem gleichen Schweigen geleitete sie ihn nach einigen Umwegen in ein sehr enges und scheinbar unbewohntes Gäßchen. Ganz am Ende desselben blieb sie vor einer sehr niedrigen gotischen Tür stehen und öffnete diese mit einem Schlüssel, den sie ihrer Tasche entnahm. Sie trat zuerst ein, und Mergy, der sie wegen der Dunkelheit immer noch am Mantel hielt, folgte ihr. Nachdem sie eingetreten waren, hörte er, wie hinter ihm mächtige Riegel vorgeschoben wurden. Seine Führerin machte ihn sodann leise darauf aufmerksam, daß sie sich am Fuße einer Treppe befänden. Die Treppe war sehr eng, und die ungleichen und ausgetretenen Stufen brachten ihn mehr denn einmal beinahe zu Fall. Nach der siebenundzwanzigsten Stufe endlich, die auf einen kleinen Vorplatz mündete, tat die Alte eine Türe auf, und einen Augenblick wurden Mergys Augen von einem grellen Licht geblendet. Er betrat nun ein Zimmer, das viel eleganter ausgestattet war, als der äußere Anschein des Hauses vermuten ließ. Die Wände waren mit einer geblümten Tapete bespannt, die zwar etwas verblaßt, doch immerhin noch ganz sauber war. Inmitten des Zimmers sah er einen Tisch, von rosa Wachskerzen in zwei hohen Leuchtern beleuchtet, auf welchem sich allerlei Früchte und Kuchen befanden sowie Gläser und Kristallkaraffen, die, wie es schien, verschiedene Weine enthielten. Zwei große Lehnstühle standen an den beiden Enden des Tisches und schienen der Gäste zu harren. In einem Alkoven, der durch Seidenvorhänge halb geschlossen war, befand sich ein reichgeschnitztes Bett, das mit karmesinrotem Atlas bedeckt war. Mehrere Räucherpfännchen verbreiteten einen wollüstigen Duft in dem Gemach. Die Alte legte ihre Kapuze ab und Mergy seinen Mantel. Alsbald erkannte er die Botin, welche ihm den Brief überbracht hatte. »Heilige Maria!« rief die Alte, als sie die Pistolen und den Degen sah, »glaubt Ihr denn, Ihr müßt hier Riesen in Stücke hauen? Hier handelt es sich nicht darum, tüchtige Degenhiebe auszuteilen, schöner Ritter.« »Ich will es gern glauben; es könnten jedoch Brüder oder ein verdrießlicher Gatte es sich einfallen lassen, unsere Unterredung zu stören, und damit kann ich ihnen Sand in die Augen streuen.« »Ihr habt hier solches nicht zu befürchten. Aber sagt, wie findet Ihr dieses Zimmer?« »Sehr schön, gewiß; ich würde mich aber langweilen, wenn ich allein hier bleiben müßte.« »Es wird jemand kommen, um Euch Gesellschaft zu leisten. Vor allem aber sollt Ihr mir ein Versprechen geben.« »Und welches?« »Wenn Ihr Katholik seid, so streckt die Hand auf dieses Kruzifix aus« – sie zog eines aus einem Schranke hervor – »seid Ihr aber Hugenotte, so schwört bei Kalvin, bei Luther, kurz bei allen Euren Göttern ...« »Und was soll ich schwören?« unterbrach er lachend. »Ihr sollt schwören, daß Ihr keinen Versuch machen wollt, die Dame zu erkennen, die hierherkommen wird.« »Das ist eine harte Bedingung.« »Seht zu, entweder Ihr schwört, oder ich führe Euch auf die Straße zurück.« »Nun also, ich gebe Euch mein Wort. Das ist wohl soviel wert wie die lächerlichen Schwüre, die Ihr mir vorschlagt.« »So ist es recht. Wartet nun in Geduld; eßt, trinkt, wenn Ihr Lust habt, in Bälde wird die spanische Dame kommen.« Sie nahm ihren Mantel, ging hinaus, und den Schlüssel zweimal umdrehend, verschloß sie die Tür. Mergy warf sich in einen der Fauteuils. Sein Herz schlug heftig; er war von einer Erregung erfaßt, die ebensogroß und beinahe von der gleichen Art war wie die, welche er wenige Tage vorher im Pré-aux-Clercs im Augenblick des Zusammentreffens mit seinem Feind empfunden hatte. Das tiefste Schweigen herrschte im ganzen Hause, und eine tödliche Viertelstunde verlief, während der seine Phantasie ihm in wechselnden Bildern bald Venus vorspiegelte, wie sie aus der Tapete trat und sich ihm in die Arme warf, dann die Gräfin Turgis in Jagdkleidung, eine Prinzessin aus königlichem Geblüt, eine Mörderhand und zuletzt die abscheuerregende Vorstellung einer alten Frau, die sich in ihn verliebt hatte. Plötzlich drehte sich der Schlüssel im Schloß, ohne daß das leiseste Geräusch angekündigt hätte, daß jemand das Haus betreten habe; die Tür ging auf, und kaum hatte eine Dame mit einer Maske vor dem Gesicht das Zimmer betreten, so schloß sie sich wieder wie von selbst. Sie war groß und gut gewachsen. Ein Kleid mit enganliegender Taille betonte die Vornehmheit ihrer Erscheinung; doch ließ sich das Alter der Unbekannten weder aus einem zierlichen Fuß – der ihre steckte in einem Überschuh aus weißem Samt – noch aus einer kleinen Hand – die ihre war unglücklicherweise mit einem gestickten Handschuh bedeckt – auch nur annähernd erraten. Ein gewisses Etwas aber, sei es nun eine magnetische Strömung oder, wenn man so will, eine Ahnung ließen sie auf nicht viel mehr als fünfundzwanzig Jahre schätzen ... Ihre Kleidung war reich, zugleich herausfordernd und einfach. Mergy erhob sich sofort und ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder. Die Dame trat einen Schritt auf ihn zu und sagte mit süßer Stimme: » Dios os guarde, caballero. Sea V.M. el bien venido.« Mergy machte eine Bewegung der Überraschung. » Habla V.M. Español? « Mergy sprach nicht Spanisch und verstand es kaum. Die Dame schien verstimmt. Sie ließ sich zu einem der Lehnstühle geleiten, in welchem sie sich niederließ, und machte Mergy ein Zeichen, den anderen einzunehmen. Dann nahm sie die Unterhaltung in französischer Sprache wieder auf, mit einem fremdländischen Akzent jedoch, der manchmal sehr stark und sogar übertrieben war, zuzeiten aber vollkommen verschwand. »Eure große Tapferkeit ließ mich die unserem Geschlechte eigene Zurückhaltung vergessen; ich wollte einen vollendeten Kavalier sehen, und ich finde ihn so, wie sein Ruf ihn verkündet.« Mergy errötete und verneigte sich. »Wollt Ihr denn so grausam sein, Eure Maske vorzubehalten, die wie eine neidische Wolke mir die Sonnenstrahlen verbirgt?« – Diesen Satz hatte er in einem aus dem Spanischen übersetzten Buch gelesen. »Sollte ich mit Eurer Verschwiegenheit zufrieden sein, edler Ritter, so werdet Ihr mich mehr als einmal mit unverhülltem Antlitz sehen; heute aber begnügt Euch mit der Freude, Euch mit mir unterhalten zu können.« »Ach, Madame, diese Freude, so groß sie auch sei, läßt mich nur um so heftiger wünschen, Euch auch zu sehen.« » Poco a poco , Herr Franzose; Ihr seid zu rasch. Setzt Euch, oder ich verlasse Euch noch in diesem Augenblick. Wüßtet Ihr, wer ich bin und was ich wage, um Euch sehen zu können, so würdet Ihr Euch mit der Ehre allein zufriedengeben, die ich Euch durch mein Kommen antue.« »Wahrhaftig, Eure Stimme scheint mir bekannt.« »Und doch hört Ihr sie zum ersten Male. Sagt mir, wärt Ihr imstande, mit Beharrlichkeit eine Frau zu lieben, die Euch liebte?« »Schon fühle ich in Eurer Nähe ...« »Ihr habt mich noch nie gesehen, so könnt Ihr mich doch nicht lieben. Wißt Ihr denn, ob ich schön oder häßlich bin?« »Ich zweifle nicht, daß Ihr entzückend seid.« Die Unbekannte zog die Hand zurück, deren er sich bemächtigt hatte, und hob sie zu der Maske, als wolle sie diese abnehmen. »Was würdet Ihr tun, wenn sich Euch eine fünfzigjährige Frau von erschreckender Häßlichkeit zeigte?« »Das ist unmöglich.« »Mit fünfzig Jahren liebt man noch.« Sie seufzte, und der junge Mann erschauerte. »Diese vornehme Erscheinung, diese Hand, die Ihr vergebens mir zu entziehen sucht, alles das beweist mir Eure Jugend.« Mehr Galanterie als Überzeugung lag in diesem Satz. »Ach!« Mergy begann einigermaßen beunruhigt zu sein. »Euch Männern genügt die Liebe nicht. Ihr wollt noch Schönheit.« Und wieder seufzte sie. »Laßt mich um Himmels willen diese Maske abnehmen ...« »Nein, nein«, und sie stieß ihn lebhaft zurück, »Gedenkt Eures Versprechens!« Dann fügte sie in heiterem Ton hinzu: »Ich setze zuviel aufs Spiel, wenn ich die Maske abnehme. Es macht mir Freude, Euch zu meinen Füßen zu sehen, und wäre ich zufällig weder jung noch schön ... wenigstens nach Eurem Dafürhalten, so ließet Ihr mich am Ende allein hier.« »Zeigt mir nur diese kleine Hand.« Sie zog ihren duftenden Handschuh ab und reichte ihm eine schneeweiße Hand. »Diese Hand kenne ich«, rief er aus, »es gibt in Paris nur eine, die so schön wäre.« »Wirklich! Und wessen Hand ist es?« »Einer Gräfin.« »Welcher Gräfin?« »Der Gräfin Turgis.« »Ach ... ich weiß, was Ihr sagen wollt. Ja, die Turgis hat schöne Hände, die sie der Mandelcreme ihres Parfümeriehändlers verdankt. Ich aber rühme mich, daß meine Hände weicher sind als die ihren.« Alles dieses war in ganz natürlichem Ton vorgebracht, und Mergy, der die Stimme der schönen Gräfin erkannt zu haben glaubte, geriet wieder in Zweifel und war nahe daran, diesen Glauben aufzugeben. ›Zwei, statt einer‹, dachte er; ›mich scheinen die Feen zu beschützen.‹ Er suchte auf dieser schönen Hand den Abdruck eines Ringes zu erkennen, den er an der Turgis bemerkt hatte; aber diese runden und bis zur Vollkommenheit ausgebildeten Finger trugen nicht die leiseste Spur eines Druckes oder der kleinsten Entstellung. »Die Turgis!« rief die Unbekannte lachend aus. »Ich bin Euch wahrhaftig dankbar, daß Ihr mich für die Turgis haltet. Gott sei Dank, ich glaube doch etwas mehr wert zu sein.« »Bei meiner Ehre, die Gräfin ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe.« »Ihr seid also verliebt in sie?« fragte sie lebhaft. »Vielleicht ... Aber um Himmels willen, nehmt Eure Maske ab und zeigt mir die Frau, die noch schöner ist als die Turgis.« »Wenn ich sicher sein werde, daß Ihr mich liebt ... dann sollt Ihr mich unverhüllt sehen.« »Euch lieben ... Mein Gott, wie sollte ich es, ohne Euch gesehen zu haben?« »Diese Hand ist schön, stellt Euch vor, daß mein Gesicht mit ihr übereinstimmt.« »Nun weiß ich, daß Ihr reizend seid, denn eben habt Ihr Euch verraten, da Ihr Eure Stimme nicht verstelltet. Ich habe sie erkannt, ich bin dessen gewiß.« »Und es war die Stimme der Turgis?« sagte sie lachend und mit ausgesprochen spanischem Akzent. »Ganz richtig.« »Falsch, falsch, Señor Bernardo; ich heiße Doña Maria ... Doña Maria de ... später werde ich meinen anderen Namen sagen. Ich bin eine Dame aus Barcelona; mein Vater, der mich sehr streng bewacht, ist seit einiger Zeit auf Reisen, und ich nütze seine Abwesenheit, um mich zu amüsieren und den Pariser Hof kennenzulernen. Aber ich bitte Euch, hört auf, mir von der Turgis zu sprechen; ihr Name ist mir verhaßt; sie ist die boshafteste Frau am Hofe. Übrigens wißt Ihr doch, auf welche Weise sie Witwe geworden ist?« »Man hat es mir erzählt.« »Nun und ... sprecht ... was hat man Euch erzählt?« »Sie soll ihren Gatten im zärtlichen Zwiegespräch mit ihrer Kammerjungfer überrascht, soll einen Dolch ergriffen und ihn ein wenig hart getroffen haben. Der gute Mann soll einen Monat später daran gestorben sein.« »Diese Tat scheint Euch ... entsetzlich?« »Ich gestehe, daß ich sie entschuldige. Sie liebte ihren Gatten, sagt man, und ich schätze Eifersucht.« »Ihr sprecht so, weil Ihr in Gegenwart der Turgis zu sein glaubt; ich weiß aber, daß Ihr sie im Grunde verachtet.« Es lag etwas wie Trauer und Melancholie in dieser Stimme, doch war es nicht die Stimme der Turgis. Mergy wußte nicht mehr, was denken. »Wie«, sagte er, »Ihr seid Spanierin und schätzt Eifersucht nicht?« »Lassen wir das. Was ist das für eine schwarze Schnur, die Ihr um den Hals hängen habt?« »Es ist eine Reliquie.« »Ich dachte, Ihr wäret Protestant.« »Das ist richtig. Diese Reliquie aber ist mir von einer Dame gegeben worden, und ich trage sie zum Andenken an sie.« »Hört, wollt Ihr mir gefallen, so dürft Ihr nicht mehr an Frauen denken; ich will Euch alle Frauen ersetzen. Wer hat Euch diese Reliquienkapsel gegeben? Wieder die Turgis?« »Nein, wahrhaftig.« »Ihr lügt.« »Seid Ihr denn Madame de Turgis?« »Ihr habt Euch verraten, Señor Bernardo!« »Wieso?« »Wenn ich die Turgis sehe, werde ich sie fragen, warum sie das Sakrileg begeht, einem Ketzer eine heilige Sache zu geben.« Mergys Unsicherheit nahm mit jedem Augenblick zu. »Ich möchte diese Reliquienkapsel haben, gebt sie mir.« »Nein, ich kann sie Euch nicht geben.« »Ich will es; wagt Ihr, es mir abzuschlagen?« »Ich habe versprochen, sie zurückzugeben.« »Ach was, Kinderei, dieses Versprechen! Ein Versprechen, das man einer falschen Frau macht, verpflichtet zu nichts. Übrigens seht Euch vor, vielleicht ist es ein Zaubermittel, ein gefährlicher Talisman, den Ihr da tragt. Man sagt, die Turgis sei eine große Hexenmeisterin.« »Ich glaube nicht an Zauberei.« »Auch nicht an Zauberer?« »Ein wenig glaube ich an Zauberinnen.« – Er betonte das letzte Wort. – »Hört, gebt mir diese Reliquienkapsel, so will ich meine Maske abnehmen.« »Diesmal ist es aber wirklich Madame de Turgis' Stimme.« »Zum letzten Male, wollt Ihr mir die Reliquie geben?« »Ich werde sie Euch zurückgeben, wenn Ihr Eure Maske abnehmen wollt.« »Ach, Ihr langweilt mich mit Eurer Turgis, liebt sie, soviel Ihr wollt, was liegt mir daran!« Sie drehte sich in ihrem Lehnstuhl zur Seite, als schmolle sie. Der Atlas, der ihren Hals bedeckte, hob sich und senkte sich rasch wieder. Während einiger Minuten schwieg sie, dann wandte sie sich plötzlich um und sagte in spöttischem Ton: » Vala me Dios! V.M. no es caballero, es un monge .« Mit einem Faustschlag warf sie die beiden Leuchter um, die auf dem Tisch brannten, und die Hälfte der Flaschen und Schüsseln. Augenblicklich erloschen die Kerzen, und gleichzeitig riß sie die Maske vom Gesicht. In der vollkommenen Finsternis fühlte Mergy, wie ein brennender Mund den seinen suchte und wie zwei Arme ihn mit Kraft umschlangen. Die Dunkelheit Bei Nacht sind alle Katzen grau. Die Turmuhr einer benachbarten Kirche schlug vier Schläge. »Jesus! Vier Uhr! Ich werde kaum Zeit haben, vor Tagesanbruch nach Hause zurückzukehren.« »Wie, du Böse! So bald willst du mich verlassen?« »Es muß sein, aber bald werden wir uns wiedersehen.« »Wir werden uns wiedersehen! Bedenkt doch, geliebte Gräfin, daß ich Euch nicht gesehen habe.« »Laß doch deine Gräfin sein, du Kindskopf! Ich bin Doña Maria, und wenn wir Licht gemacht haben, wirst du ja sehen, daß ich nicht die bin, für die du mich hältst.« »Nach welcher Seite ist die Tür? Ich werde rufen.« »Laßt mich hinuntergehen, ich kenne dieses Zimmer und weiß, wo ein Feuerzeug zu finden ist.« »Gebt acht, daß Ihr nicht auf Scherben tretet; Ihr habt gestern mehrere Gläser zerschlagen.« »Laßt mich nur machen!« »Findet Ihr ...« »Ach ja, da ist mein Mieder. Heilige Jungfrau! Was soll ich tun? Ich habe gestern alle Schnüre mit Eurem Dolch durchschnitten.« »Man muß von der Alten welche verlangen.« »Rührt Euch nicht, laßt mich nur machen. Adios, querido Bernardo.« Die Tür wurde geöffnet und schloß sich sogleich wieder. Ein anhaltendes Gelächter ließ sich draußen hören. Mergy begriff, daß seine Eroberung ihm entkommen war. Er versuchte sie zu verfolgen; in der Dunkelheit stieß er aber gegen die Möbel, verwickelte sich in Kleidungsstücke und Vorhänge und konnte die Tür nicht finden. Plötzlich öffnete sich diese, und es trat jemand ein, der eine Blendlaterne trug. Mergy umschlang alsbald die Trägerin mit beiden Armen. »Nun halte ich dich und lasse dich nicht mehr entwischen!« rief er aus und umarmte sie zärtlich. »Laßt mich doch, Monsieur de Mergy«, sagte eine ruhige Stimme. »Ist das eine Art, Leute so zu quetschen!« Er erkannte die Alte. »Hol Euch der Teufel!« rief er. Schweigend zog er sich an, griff nach seinen Waffen und seinem Mantel und verließ dieses Haus in der Gemütsverfassung eines Menschen, der einen vorzüglichen Malaga getrunken hat und nun ein Glas hinunterstürzt, das der bedienende Lakai in der Zerstreutheit aus einer Flasche mit Antiskorbutsirup füllte, der seit langen Jahren vergessen im Keller lag. Mergy war vor seinem Bruder ziemlich zurückhaltend; er erzählte nur von einer spanischen Dame von größter Schönheit, soweit er ohne Licht hatte bemerken können, erwähnte aber kein Wort von dem Verdacht, den er gegen ihr Inkognito hegte. Das Geständnis Amphitryon: Ah! de grâce, cessons, Alcmène, je vous prie, et parlons sérieusement. Molière, Amphitryon Zwei Tage vergingen ohne Botschaft von der angeblichen Spanierin. Am dritten erfuhren die beiden Brüder, daß Madame de Turgis tags zuvor in Paris eingetroffen sei und voraussichtlich der Königinmutter im Laufe des Tages ihre Aufwartung machen würde. Sofort begaben sie sich in den Louvre und trafen sie in einer Galerie mitten in einer Gruppe von Damen, mit denen sie sich unterhielt. Der Anblick Mergys schien ihr nicht die geringste Erregung zu verursachen. Nicht die leiseste Röte färbte ihre stets bleichen Wangen. Sobald sie ihn bemerkte, nickte sie ihm zu, wie einem alten Bekannten, und nachdem die ersten Redensarten ausgetauscht waren, neigte sie sich zu seinem Ohr und sagte: »Jetzt, hoffe ich, ist der hugenottische Eigensinn etwas erschüttert! Es waren Wunder vonnöten, um Euch zu bekehren.« »Wieso?« »Wie! Habt Ihr denn nicht an Euch selber die überraschende Wirkung der Kraft empfunden, die Reliquien innewohnt?« Mergy lächelte ungläubig. »Die Erinnerung an die schöne Hand, die mir die Kapsel gegeben, und die Liebe, die sie mir eingeflößt hat, haben meine Kräfte und meine Geschicklichkeit verdoppelt.« Lachend drohte sie ihm mit dem Finger. »Ihr werdet unverschämt, Monsieur Kornett, wißt Ihr denn auch, gegen wen Ihr diese Sprache führt?« Während sie sprach, nahm sie den Handschuh ab, um die Haare zu ordnen; Mergy sah unverwandt ihre Hand an und ließ die Blicke von der Hand zu den Augen der schönen Gräfin schweifen, die so lebhaft und fast böse blickten. Sie lachte laut auf über das erstaunte Gesicht des jungen Mannes. »Was habt Ihr zu lachen?« »Und Ihr, was habt Ihr mich so erstaunt anzusehen?« »Verzeiht, aber seit einigen Tagen finde ich nur Anlaß zum Staunen.« »Wirklich? Das muß interessant sein. Erzählt uns doch schnell einiges von diesen überraschenden Dingen, die Euch fortwährend begegnen.« »In diesem Augenblick und an diesem Ort kann ich Euch nicht davon erzählen. Übrigens habe ich mir einen gewissen spanischen Wahlspruch gemerkt, den man mich vor drei Tagen gelehrt hat.« »Und welchen Wahlspruch?« »Ein einziges Wort: Callad.« »Was heißt das?« »Wie, Ihr könnt nicht Spanisch?« sagte er und beobachtete sie mit der größten Aufmerksamkeit. Sie ertrug seinen prüfenden Blick, ohne zu verraten, daß sie in seinen Worten einen geheimen Sinn entdecke; und die Augen des jungen Mannes, die sich zuerst auf die ihren geheftet hatten, mußten sich sogar senken, gezwungen, die überlegene Macht des Blickes anzuerkennen, dem er standhalten zu wollen gewagt hatte. »In meiner Kindheit«, antwortete sie im Tone vollkommenster Gleichgültigkeit, »kannte ich einige spanische Worte, ich glaube, ich habe sie aber jetzt vergessen. Sprecht also französisch mit mir, wenn ich Euch verstehen soll. Laßt hören, was predigt Euer Wahlspruch?« »Er rät Verschwiegenheit, Madame.« »Meiner Treu, unsere Höflinge sollten sich diesen Wahlspruch zulegen, besonders wenn es ihnen gelänge, ihn durch ihr Verhalten zu rechtfertigen. Ihr seid ja sehr gelehrt, Monsieur de Mergy. Wer hat Euch denn das Spanische beigebracht? Ich wette, es war eine Frau.« Mergy sah sie zärtlich lächelnd an. »Ich kann nur wenige Worte Spanisch«, sagte er leise, »und die Liebe ist es, die sie in mein Gedächtnis gegraben hat.« »Die Liebe!« wiederholte die Gräfin in spöttischem Ton. Da sie ziemlich laut sprach, wandten mehrere der Damen bei diesem Wort den Kopf, als wollten sie fragen, worum es sich handle. Mergy, etwas verletzt durch ihren Spott und ungehalten, sich so behandelt zu sehen, zog aus seiner Tasche den spanischen Brief, den ihm die Alte übergeben hatte, und überreichte ihn der Gräfin: »Ich zweifle nicht«, sagte er, »daß Ihr nicht ebenso gelehrt seid wie ich, und dieses Spanisch werdet Ihr mühelos verstehen.« Diana de Turgis ergriff das Billett und las es oder tat wenigstens dergleichen, und aus vollem Halse lachend, reichte sie es der Dame, die ihr am nächsten stand. »Nehmt, Madame de Châteauvieux, und lest dieses Liebesbriefchen, das Monsieur de Mergy eben von seiner Geliebten erhalten hat und das er mir opfern will, wie er sagt. Das beste an der Geschichte ist, daß ich die Hand erkenne, die das geschrieben hat.« »Ich zweifle nicht«, sagte Mergy ärgerlich, doch mit leiser Stimme. Madame de Châteauvieux las das Billett, lachte und reichte es einem Edelmann, der es weitergab, und nach wenigen Augenblicken war keiner in der Galerie, der nicht um das wohlwollende Entgegenkommen gewußt hätte, das eine spanische Dame Mergy angedeihen ließ. Als das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fragte die Gräfin Mergy mit spöttischer Miene, ob er die Frau, die ihm dieses Briefchen geschrieben habe, auch hübsch finde. »Auf Ehre, Madame, ich finde sie nicht weniger hübsch als Euch.« »Himmel! Was sagt Ihr da? Jesus! Ihr müßt sie wohl bei Nacht gesehen haben; denn ich kenne sie wohl, und ... meiner Treu! ich mache Euch mein Kompliment zu Eurem Erfolg.« Und sie lachte noch lauter. »Ach, Schönste«, sagte die Châteauvieux, »nennt uns doch die spanische Dame, die so glücklich ist, das Herz Monsieur de Mergys zu besitzen.« »Ehe ich sie nenne, bitte ich Euch, Monsieur de Mergy, vor diesen Damen zu sagen, ob Ihr Eure Geliebte bei Tage gesehen habt?« Mergy war es in der Tat unbehaglich zumute; seine Unruhe und sein Mißmut malten sich in komischer Weise auf seinem Gesichte. Er antwortete nichts. »Keine Geheimtuerei mehr!« rief die Gräfin. »Dieses Billett ist von der Señora Doña Maria Rodriguez; ich kenne ihre Schrift wie die meines Vaters.« »Maria Rodriguez!« riefen alle Damen lachend aus. Maria Rodriguez war eine Dame von mehr als fünfzig Jahren, welche Duenna in Madrid gewesen war. Ich weiß nicht, wie sie nach Paris kam und aus welchem Grunde Margarete von Valois sie in ihr Haus aufgenommen hatte; vielleicht hielt sie sich diese Art von Ungeheuer, um ihre eigenen Reize durch den Vergleich um so mehr hervorzuheben, so wie die Künstler auf die gleiche Leinewand das Bildnis einer Schönheit der Zeit und daneben die Karikatur eines Zwerges malten. Wenn die Rodriguez im Louvre erschien, erheiterte sie alle Hofdamen durch ihr geschraubtes Wesen und ihre altmodische Kleidung. Mergy erschauderte. Er hatte die Duenna gesehen und erinnerte sich mit Entsetzen, daß die maskierte Dame sich den Namen Doña Maria beigelegt hatte: seine Gedanken verwirrten sich. Er war ganz aus der Fassung gebracht, und das Gelächter verdoppelte sich. »Sie ist eine sehr verschwiegene Dame«, sagte die Gräfin Turgis, »und Ihr hättet keine bessere wählen können. Sie sieht wirklich gut aus, wenn sie ihre falschen Zähne und ihre schwarze Perücke abgelegt hat. Übrigens ist sie sicherlich nicht mehr als sechzig.« »Sie wird ihn behext haben«, rief die Châteauvieux. »Ihr schwärmt wohl für Altertümer?« fragte eine andere Dame. »Wie schade«, sagte ganz leise und seufzend ein Ehrenfräulein der Königin, »wie schade, daß die Männer so lächerliche Launen haben!« Mergy verteidigte sich, so gut es ging. Es regnete spöttische Komplimente auf ihn, und er spielte eine recht alberne Rolle, als plötzlich der König am Ende der Galerie erschien und im Augenblick Lachen und Neckerei verstummen ließ. Jeder war bemüht, sich da aufzustellen, wo er vorüberschritt, und tiefstes Schweigen folgte auf den Lärm. Der König geleitete den Admiral zurück, mit welchem er in seinem Kabinett eine lange Unterredung gepflogen hatte. Vertraulich stützte er die Hand auf die Schulter Colignys, dessen grauer Bart und schwarzes Gewand zu dem jugendlichen Aussehen und der von Stickereien flimmernden Kleidung Karls im Gegensatz standen. Wenn man beide so sah, hätte man glauben sollen, der junge König habe mit einer auf dem Thron seltenen Unterscheidungsgabe den tugendhaftesten und weisesten seiner Untertanen zum Günstling erwählt. Während sie die Galerie durchschritten und aller Augen auf sie gerichtet waren, vernahm Mergy an seinem Ohr die Stimme der Gräfin, die ganz leise flüsterte: »Keinen Groll! Nehmt und seht es erst an, wenn Ihr draußen seid.« Gleichzeitig fiel etwas in seinen Hut, den er in der Hand hielt. Es war ein versiegeltes Papier, das etwas Hartes umhüllte. Er steckte es in seine Tasche, und eine Viertelstunde später, sobald er sich außerhalb des Louvre befand, erbrach er es und fand einen kleinen Schlüssel nebst den Worten: ›Dieser Schlüssel öffnet das Tor zu meinem Garten. Auf heute nacht, um zehn Uhr. Ich liebe dich. Von nun an werde ich für dich keine Maske mehr tragen, und endlich sollst du Doña Maria sehen und ›Diana‹.‹ Der König begleitete den Admiral bis zum Ende der Galerie. »Lebt wohl, mein Vater«, sagte er und drückte ihm die Hand. »Ihr wißt, wie ich Euch liebe, und ich weiß, daß Ihr mir mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren ergeben seid.« Er begleitete diesen Satz mit einem lauten Lachen. Dann blieb er auf dem Rückweg nach seinem Kabinett vor dem Hauptmann George stehen und sagte: »Morgen nach der Messe kommt in mein Kabinett, ich habe mit Euch zu reden.« Er wandte sich um und warf einen beinahe ängstlichen Blick nach der Tür, durch welche Coligny eben gegangen war, dann verließ er die Galerie, um sich mit dem Marschall von Retz einzuschließen. Die Privataudienz Macbeth:                                   Do you find Your patience so predominant in your nature That you can let this go? Shakespeare Zur bestimmten Stunde begab Hauptmann George sich in den Louvre. Kaum hatte er seinen Namen genannt, so hob der Türhüter auch schon die gestickte Portiere, um ihn in das Gemach des Königs einzulassen. Der Fürst, der an einem kleinen Tisch saß und sich eben zum Schreiben anschickte, machte ihm ein Zeichen mit der Hand, sich ruhig zu verhalten, als fürchte er, beim Sprechen den Faden der Gedanken zu verlieren, die ihn eben beschäftigten. Der Hauptmann blieb in ehrfurchtsvoller Haltung sechs Schritt vom Tisch entfernt stehen und fand genügend Zeit, seine Blicke im Gemach umherschweifen zu lassen und die Einzelheiten von dessen Ausschmückung betrachten zu können. Diese war sehr einfach, da sie fast ausschließlich aus Jagdgerätschaften bestand, die unordentlich an der Wand hingen. Ein ziemlich gutes Gemälde, die Heilige Jungfrau darstellend, mit einem großen Buchszweige darüber hing zwischen einer langen Büchse und einem Jagdhorn. Der Tisch, an welchem der Monarch schrieb, war mit Papieren und Büchern bedeckt. Auf dem Fußboden lagen ein Rosenkranz und ein Stundenbuch, Fischnetze und Falkenschellen bunt durcheinander. Ein großer Windhund schlief nahe dabei auf einem Kissen. Plötzlich warf der König mit einer wütenden Gebärde und einen groben Fluch zwischen den Zähnen murmelnd die Feder auf den Boden. Mit gesenktem Kopf durchlief er zwei- oder dreimal mit unregelmäßigen Schritten das Kabinett in seiner ganzen Länge; dann blieb er plötzlich vor dem Hauptmann stehen und warf einen verstörten Blick auf ihn, als sähe er ihn zum ersten Male. »Ach, Ihr seid es!« sagte er und wich einen Schritt zurück. Der Hauptmann verneigte sich bis zum Boden. »Ich freue mich sehr, Euch zu sehen. Ich wollte mit Euch sprechen ... aber ...« Er hielt inne. Mit halbgeöffnetem Mund, den Hals vorgestreckt, den linken Fuß sechs Zoll vor den rechten gestellt, mit einem Wort: in einer Haltung, die, wie mir scheint, ein Maler einer Darstellung der Aufmerksamkeit geben würde, so stand George und erwartete den Schluß des begonnenen Satzes. Der König aber hatte den Kopf wieder auf die Brust sinken lassen und schien in Gedanken verloren, die tausend Meilen von jenen entfernt waren, die er auszusprechen im Begriff gewesen war. Mehrere Minuten herrschte Schweigen. Der König setzte sich und strich mit der Hand über die Stirn wie jemand, der ermüdet ist. »Der Teufel hole den Reim!« rief er und stampfte mit dem Fuß, so daß die langen Sporen klirrten, die an seinen Stiefeln befestigt waren. Der große Windhund fuhr aus dem Schlaf auf und hielt dieses Stampfen für eine an ihn gerichtete Aufforderung: er stand auf, näherte sich dem Lehnstuhl des Königs, legte die beiden Vorderpfoten auf dessen Knie, hob den schmalen Kopf, der um ein gutes Stück den Karls überragte, riß seinen Rachen weit auf und gähnte ganz ohne Umstände, woraus man ersieht, wie schwierig es ist, einem Hund höfische Manieren beizubringen. Der König jagte den Hund weg, der sich seufzend wieder an seinen Platz legte. Und als seine Blicke wieder wie zufällig auf den Hauptmann fielen, sagte er zu ihm: »Verzeiht, George, ein ... Dem Leser mag es überlassen bleiben, das fehlende Beiwort zu ergänzen. Karl IX. gebrauchte oft Schimpfworte, die in der Tat sehr kräftig und außerdem wenig geschmackvoll waren Reim ist es, über den ich Blut und Wasser schwitze.« »Vielleicht störe ich Eure Majestät«, bemerkte der Hauptmann mit einer tiefen Verbeugung. »Durchaus nicht, durchaus nicht!« sagte der König. Er erhob sich und legte vertraulich die Hand auf des Hauptmanns Schulter. Gleichzeitig lächelte er, sein Lächeln lag aber nur auf den Lippen, und sein zerfahrener Blick hatte keinen Teil daran. »Seid Ihr noch müde von der letzten Jagd?« fragte der König, der augenscheinlich in Verlegenheit war, wie er zur Sache kommen sollte. »Der Hirsch hat sich lange treiben lassen.« »Sire, ich wäre nicht wert, eine Kompanie von Eurer Majestät Chevau-légers zu befehligen, wenn ein Ritt wie der von vorgestern mich ermüdete. Zur Zeit des letzten Krieges hat Monsieur de Guise, der mich immer im Sattel sah, mir den Beinamen ›der Albaner‹ gegeben.« »Ja, in der Tat, man hat mir gesagt, du seist ein guter Reiter. Sage mir aber, kannst du auch mit der Büchse gut umgehen?« »Wohl, Sire, ich bediene mich ihrer ziemlich gut; doch bin ich weit entfernt, die Geschicklichkeit Eurer Majestät zu erreichen. Aber solches ist nicht jedem gegeben.« »Warte, du siehst diese Büchse da, lade sie mit zwölf Rehschroten. Verdammt soll ich sein, wenn auf sechzig Schritt auch nur eines nicht in die Brust des Heiden trifft, den du aufs Korn nimmst.« »Sechzig Schritt, das ist eine ziemliche Entfernung; aber ich hätte wenig Lust, von einem Schützen wie Eure Majestät die Probe an mir machen zu lassen.« »Und auf zweihundert Schritt würde sie eine Kugel in den Leib eines Menschen schicken, vorausgesetzt, daß die Kugel von gutem Kaliber ist.« Der König legte die Büchse dem Hauptmann in die Hand. »Sie scheint ebenso gut wie kostbar zu sein«, sagte George, nachdem er sie sorgfältig untersucht und den Abzug probiert hatte. »Ich sehe, daß du dich auf Waffen verstehst, mein Wackerer. Lege an, damit ich sehe, wie du dich anstellst.« Der Hauptmann gehorchte. »Es ist eine schöne Sache um eine Büchse«, fuhr Karl, ganz langsam sprechend, fort. »Auf hundert Schritt Entfernung und mit einer Fingerbewegung wie dieser kann man sich mit Sicherheit eines Feindes entledigen, und weder Maschenhemd noch Panzer halten einer guten Kugel stand.« Wie ich schon erwähnt habe, blickte Karl IX., sei es nun aus Gewohnheit von der Kinderzeit her oder aus natürlicher Schüchternheit, niemals denjenigen an, mit dem er sprach. Diesmal jedoch sah er den Hauptmann mit einem seltsamen Ausdruck unverwandt an. George schlug unwillkürlich die Augen nieder, und der König tat fast unmittelbar darauf desgleichen. Wieder entstand ein Augenblick des Schweigens; George brach es zuerst. »Wie groß auch die Geschicklichkeit im Gebrauch von Feuerwaffen sein mag, so sind Degen und Lanze doch sicherer ...« »Ja, aber die Büchse ...« Karl lächelte sonderbar. Gleich fuhr er jedoch fort: »Man sagt, George, der Admiral habe dich schwer beleidigt?« »Sire ...« »Ich weiß es, ich bin dessen gewiß ... doch wäre es mir lieb ... ich wünsche, daß du mir selbst die Geschichte erzählst.« »Es ist wahr, Sire, ich habe ihm von einer unglückseligen Angelegenheit gesprochen, die für mich von größtem Interesse war ...« »Der Zweikampf deines Bruders ... Alle Wetter, das ist ein netter Junge, der sich nicht übel darauf versteht, seinen Mann auf den Degen zu spießen! Ich schätze ihn. Comminges war ein Geck, es ist ihm nur zuteil geworden, was er verdiente. Aber Tod und Teufel, wie hat denn der alte Graubart dabei Anlaß finden können, mit dir in Streit zu geraten?« »Ich fürchte, die unglücklichen Glaubensverschiedenheiten und meine Bekehrung, die ich vergessen glaubte ...» »Vergessen?« »Da Eure Majestät das Beispiel des Vergessens aller Religionszwistigkeiten gegeben haben und Euer Majestät seltene und unparteiische Gerechtigkeit ...« »Dann wisse, Kamerad, daß der Admiral nichts vergißt.« »Ich habe es erfahren, Sire.« Und Georges Gesicht verfinsterte sich. »Sage mir, George, was hast du zu tun vor?« »Ich, Sire?« »Ja, sprich offen.« »Sire, ich bin ein viel zu armer Edelmann, und der Admiral ist zu alt, um gefordert zu werden, und im übrigen, Sire«, fügte er, sich tief verneigend, hinzu, als wolle er durch eine höfische Redensart den Eindruck verwischen, den seine vermeintliche Kühnheit auf den König gemacht haben konnte, »wenn ich es auch könnte, so müßte ich doch befürchten, durch solches Tun die Gnade Eurer Majestät zu verscherzen.« »Ach was!« rief der König, und er legte die rechte Hand auf Georges Schulter. »Glücklicherweise«, fuhr George fort, »liegt meine Ehre nicht in den Händen des Admirals; und wenn einer von gleichem Rang wie ich Zweifel an meiner Ehre zu erheben wagte, so würde ich Eure Majestät bitten, mir zu gestatten ...« »So daß du dich also an dem Admiral nicht rächen willst? Dieser ... wird allgemach rasend unverschämt!« George riß vor Staunen die Augen auf. »Immerhin«, fuhr der König fort, »hat er dich beleidigt. Hol mich der Teufel! er hat dich schwer beleidigt, wie man mir sagt ... Ein Edelmann ist kein Lakai, es gibt Dinge, die man nicht hinnehmen kann, auch nicht von einem Fürsten.« »Wie sollte ich mich an ihm rächen? Er fände es unter der Würde seiner Abstammung, sich mit mir zu schlagen.« »Vielleicht. Aber ...« Der König nahm die Büchse und legte sie in Anschlag. »Verstehst du mich?« Der Hauptmann wich zwei Schritt zurück. Die Geste des Königs war klar genug gewesen, und der teuflische Ausdruck seines Gesichts erklärte sie nur zu deutlich. »Wie, Sire, Ihr wolltet mir raten ...« Der König stieß den Büchsenkolben heftig auf den Boden und rief, den Hauptmann mit wütenden Blicken messend: »Dir raten! Verdammt! Nichts rate ich dir!« Der Hauptmann wußte nicht, was er antworten sollte. Er tat, was viele an seiner Stelle getan haben würden, er verneigte sich und schlug die Augen nieder. Bald fing Karl in etwas gemäßigterem Ton wieder an: »Nicht daß ich, falls du, um deine Ehre zu retten, ihm einen wohlgezielten Schuß verabfolgtest ... das wäre mir höchst gleichgültig. Bei den Eingeweiden des Papstes! Ein Edelmann hat kein kostbareres Gut als seine Ehre, und um sie wiederherzustellen, gibt es nichts, was er nicht tun könnte. Und dann sind diese Châtillons stolz und unverschämt wie Henkersknechte; die Schurken möchten mir gern den Hals umdrehen, das weiß ich, und sich an meine Stelle setzen ... Wenn ich den Admiral sehe, bekomme ich manchmal Lust, ihm alle Haare aus seinem Bart zu reißen.« Der Hauptmann erwiderte nichts auf diesen Schwall von Worten aus dem Munde eines Menschen, der gewöhnlich nicht verschwenderisch damit war. »Nun also, beim Blute und beim Haupte Gottes! Was gedenkst du zu tun? Halt, an deiner Stelle würde ich ihn beim Herausgehen aus seinem ... Bethaus erwarten und ihm aus irgendeinem Fenster einen guten Schuß in die Flanke feuern! Alle Wetter, mein Vetter Guise würde es dir hoch anrechnen, und du hättest viel für den Frieden des Reiches getan. Weißt du, daß dieser Spitzkopf mehr König ist in Frankreich als ich selber? Das wird mir endlich zu bunt ... Ich sage dir ganz offen, was ich denke; diesem ... da muß man es beibringen, daß er in die Ehre eines Edelmanns keinen Riß machen darf. Ein Riß in der Ehre, ein Riß in der Haut – wie die Arbeit, so der Lohn.« »Die Ehre eines Edelmanns zerreißt durch Mord, wird aber nicht geflickt dadurch.« Diese Antwort traf den Fürsten wie ein Blitz. Unbeweglich, die Hände gegen den Hauptmann vorgestreckt, hielt er noch die Büchse, die er ihm als Werkzeug seiner Rache darzubieten schien. Sein Mund war bleich und halbgeöffnet, und man hätte glauben können, daß seine verstörten Blicke, die sich in Georges Augen festklammerten, eine grauenhafte Faszination auf diese ausübten und zugleich von ihnen empfingen ... Endlich entglitt die Büchse den zitternden Händen des Königs, und der Fußboden erdröhnte von ihrem Fall. Der Hauptmann stürzte augenblicklich vor, um sie aufzuheben, und der König setzte sich mit düsterer Miene wieder in seinen Lehnstuhl. Das aufgeregte Zucken seines Mundes und seiner Brauen ließen den Kampf erkennen, der sich in seinem Innern abspielte. »Hauptmann«, sagte er nach langem Schweigen, »wo ist deine Chevau-légers-Abteilung?« »In Meaux, Sire.« »In den nächsten Tagen wirst du dich zu ihr verfügen und wirst sie selbst nach Paris führen. In ... einigen Tagen wird dir der Befehl zugestellt. Leb wohl.« In seiner Stimme lag ein harter und zorniger Klang. Der Hauptmann verneigte sich tief, und Karl wies mit der Hand nach der Tür des Gemachs und bedeutete ihm so, daß die Audienz zu Ende sei. Unter den gebräuchlichen Verbeugungen bewegte sich der Hauptmann rückwärts zum Ausgang, als der König sich ungestüm erhob und ihn am Arm ergriff. »Wenigstens reinen Mund gehalten! Hörst du!« George verneigte sich und legte die Hand auf die Brust. Als er das Gemach verlassen hatte, hörte er, wie der König mit harter Stimme seinen Windhund rief und seine Jagdpeitsche knallen ließ, als gelüste es ihn, seine Mißstimmung an dem unschuldigen Tier auszulassen. Als George nach Hause zurückgekehrt war, schrieb er das folgende Billett, das er dem Admiral zustellen ließ: ›Jemand, der Euch nicht liebt, der aber die Ehre liebt, fordert Euch auf, dem Herzog von Guise zu mißtrauen, und sogar vielleicht einem anderen, der noch mächtiger ist. Euer Leben ist in Gefahr.‹ Dieser Brief machte keinen Eindruck auf Colignys unerschrockene Seele. Es ist bekannt, daß er kurz nachher, am 22. August 1572, durch einen Büchsenschuß verwundet wurde, von einem Schurken mit Namen Maurevel, der aus diesem Anlaß den Beinamen ›königlicher Totschläger‹ erhielt. Der Katechumene Tis pleasing to be school'd in a strange tongue By female lips and eyes. Lord Byron, Don Juan, canto II. Sind zwei Liebende verschwiegen, so mögen manchmal wohl mehr als acht Tage vergehen, ehe die Öffentlichkeit ins Vertrauen gezogen ist. Nach diesem Zeitpunkt läßt die Umsicht nach, man findet die Vorsichtsmaßregeln lächerlich, ein ausgetauschter Blick wird leicht beobachtet und noch leichter ausgelegt, und man weiß alles. So waren auch die Beziehungen der Gräfin Turgis und des jungen Mergy bald kein Geheimnis mehr an Katharinas Hofe. Eine Unzahl unwiderleglicher Beweise hätte auch Blinden die Augen öffnen müssen. So trug Madame de Turgis gewöhnlich violette Bänder, und das Stichblatt von Bernards Degen sowie der untere Rand seines Wamses und seine Schuhe waren mit violetten Bandrosetten verziert. Die Gräfin hatte offenkundig genug ihren Abscheu vor einem Kinnbart ausgesprochen und schwärmte für einen galant aufgedrehten Schnurrbart; seit kurzem war Mergys Kinn stets sorgfältig rasiert und sein Schnurrbart, verzweifelt gekräuselt, pomadisiert und mit einem Bleikamme gekämmt, bildete einen Halbmond, dessen Spitzen noch merklich über die Nase hinausragten. Man behauptete sogar, ein gewisser Edelmann, der am frühen Morgen ausgegangen war, habe, als er durch die Assisenstraße ging, gesehen, wie die Tür zum Garten der Gräfin sich auftat und ein junger Mann herauskam, der, obwohl bis zur Nasenspitze sorgfältigst in seinen Mantel gehüllt, unschwer als Monsieur de Mergy zu erkennen war. Was aber am überzeugendsten schien und jedermann in Erstaunen setzte, war die Tatsache, daß der junge Hugenotte, dieser unerbittliche Spötter über alle Gebräuche des katholischen Kultus, nunmehr eifrigst die Kirche besuchte, bei keiner Prozession fehlte und seine Finger sogar in Weihwasser tauchte, was er noch wenige Tage vorher als ein entsetzliches Sakrilegium betrachtet hätte. Man flüsterte es sich ins Ohr, daß Diana eine Seele für Gott gewonnen habe, und die jungen Edelleute reformierten Glaubens erklärten, sie würden vielleicht auch an eine Bekehrung denken, wenn man ihnen statt Kapuzinern und Franziskanern so junge und schöne fromme Frauen, wie die Gräfin Turgis, zum Predigen schickte. Es fehlte aber noch viel an Bernards Bekehrung. Allerdings begleitete er die Gräfin in die Kirche; er stellte sich aber an ihre Seite, und solange die Messe dauerte, flüsterte er ihr, zum großen Ärgernis der Andächtigen, unentwegt ins Ohr. So hörte nicht nur er selbst nicht auf den Gottesdienst, sondern er hinderte auch noch die Gläubigen an der gebührenden Aufmerksamkeit. Daß eine Prozession in damaliger Zeit ebenso unterhaltend war wie ein Maskenzug, ist bekannt. Und schließlich machte Mergy sich auch keine Gewissensbisse mehr daraus, seine Finger in Weihwasser zu tauchen, da ihm dies das Recht verlieh, in aller Öffentlichkeit eine schöne Hand zu drücken, die jedesmal erbebte, wenn sie die seine berührte. Im übrigen hatte er einen harten Kampf zu bestehen, um seinem Glauben treu zu bleiben, und Diana war mit ihren Beweisen gegen ihn um so mehr im Vorteil, als sie ihre theologischen Wortgefechte meist in Augenblicken eröffnete, in denen es Mergy besonders schwerfiel, ihr etwas abzuschlagen. »Lieber Bernard«, sprach sie eines Abends zu ihm, indem sie ihren Kopf an die Schulter des Geliebten lehnte und seinen Hals mit den langen Flechten ihrer schwarzen Haare umschlang: »Lieber Bernard, du bist heute mit mir in der Predigt gewesen: Nun, haben so viele schöne Worte keine Wirkung auf dein Herz ausgeübt? Willst du immer noch unempfindlich bleiben?« »Ach, liebste Freundin, wie sollte die näselnde Stimme eines Kapuziners zuwege bringen, was deine so süße Stimme und deine frommen Beweise nicht bewirken können, die von deinen verliebten Blicken, meine geliebte Diana, so vorteilhaft unterstützt werden.« »Du Böser, ich werde dich erdrosseln.« Und einen ihrer Haarzöpfe fester schlingend, zog sie ihn noch näher an sich. »Weißt du, womit ich meine Zeit während der Predigt verbracht habe? – In deinen Haaren alle Perlen zu zählen. Sieh doch, wie du sie im Zimmer verstreut hast.« »Ich wußte es ja, du hast der Predigt nicht zugehört; immer die gleiche Geschichte! Geh nur«, sagte sie ein wenig traurig, »ich sehe wohl, daß du mich nicht liebst, wie ich dich liebe; wäre dem so, du müßtest längst bekehrt sein.« »Ach, meine Diana, wozu diese ewigen Erörterungen? Überlassen wir sie doch den Gelehrten der Sorbonne und unseren Geistlichen; wir aber wollen unsere Zeit besser anwenden.« »Laß mich! ... Wie glücklich wäre ich, wenn ich dich retten könnte! Sieh, Bernard, um dich zu retten, wäre ich bereit, die doppelte Anzahl von Jahren im Fegefeuer zu bleiben, die ich dort verbringen muß.« Lächelnd umschlang er sie mit seinen Armen, sie aber stieß ihn mit einem Ausdruck unsagbarer Trauer zurück. »Du, Bernard, würdest das nicht für mich tun; dich kümmert es nicht, welcher Gefahr ich meine Seele aussetze, indem ich mich so dir hingebe.« Und Tränen flossen aus ihren schönen Augen. »Geliebte Freundin, weißt du nicht, daß die Liebe vieles entschuldigt, und ...« »Ja, das weiß ich wohl; wenn ich aber deine Seele retten könnte, wären mir alle Sünden vergeben; alle, die wir zusammen begangen haben, und alle, die wir noch begehen können ... diese alle wären uns erlassen. Was sage ich! Unsere Sünden wären das Werkzeug zu unserem Heil gewesen!« Während sie so sprach, preßte sie ihn mit aller Kraft in ihre Arme, und das Ungestüm ihrer Begeisterung hatte in ihrer Lage etwas so Komisches, daß Mergy nur mit Mühe an sich hielt, um bei dieser sonderbaren Art des Predigens sich des Lachens zu erwehren. »Wir wollen noch etwas warten mit der Bekehrung, meine Diana! Wenn wir beide alt sind ... und wir zu alt sein werden zum Lieben.« »Du machst mir Kummer, du Böser! Warum dieses teuflische Lächeln auf deinen Lippen? Glaubst du, ich hätte jetzt Verlangen, sie zu küssen?« »Du siehst, ich lache nicht mehr.« »Ach, sei ruhig. Sage mir, querido Bernardo, hast du das Buch gelesen, das ich dir gegeben habe?« »Ja, ich habe es gestern beendet.« »Nun, und wie findest du es? Das sind Beweise! Davor müssen die Ungläubigen verstummen.« »Dein Buch, meine liebe Diana, ist nichts als ein Gewebe von Lügen und Unverschämtheiten. Es ist das Dümmste, was bis heutigentags aus einer Papistenpresse hervorgegangen ist. Wetten wir, daß du es nicht gelesen hast, du, die mit solcher Überzeugung davon spricht.« »Nein, ich habe es noch nicht gelesen«, antwortete sie und wurde ein wenig rot, »ich bin aber gewiß, daß es voll Weisheit und Wahrheit ist. Ich brauche keinen anderen Beweis dafür als die Erbitterung, mit der die Hugenotten es schlechtmachen.« »Soll ich dir zum Zeitvertreib an Hand der Bibel zeigen ...« »Oh, Gott bewahre, Bernard! Dafür bedanke ich mich! Ich lese die Heiligen Schriften nicht wie ihr Ketzer. Ich will nicht, daß du mir meinen Glauben untergräbst. Übrigens würdest du deine Zeit verlieren. Ihr Hugenotten seid immer mit einer Wissenschaft gewappnet, die einen zur Verzweiflung bringt. Die werft ihr uns bei jeder Streitfrage an den Kopf, und die armen Katholiken, die nicht wie ihr Aristoteles und die Bibel gelesen haben, wissen nicht, was sie antworten sollen.« »Jawohl, ihr Katholiken wollt eben glauben um jeden Preis, ohne euch die Mühe zu geben, auch zu prüfen, ob es vernünftig ist oder nicht. Wir studieren wenigstens unsere Religion, ehe wir sie verteidigen, und besonders, ehe wir sie ausbreiten wollen.« »Oh, hätte ich doch die Beredsamkeit des ehrwürdigen Franziskanerpaters Giron!« »Der ist ein Dummkopf und ein Großsprecher. Vor sechs Jahren bei einem öffentlichen Vortrag mochte er schreien, soviel er wollte; unser Prediger Houdart hat ihn zum Schweigen gebracht.« »Lügen! Nichts als Ketzerlügen!« »Wie, weißt du nicht, daß man im Verlauf der Diskussion von der Stirn des guten Paters dicke Schweißtropfen auf den Chrysostomus fallen sah, den er in der Hand hielt? Worauf ein Spaßvogel folgende Verse machte ...« »Ich will sie nicht hören. Vergifte meine Ohren nicht mit deinen Ketzereien. Bernard, mein lieber Bernard, ich beschwöre dich, höre nicht auf alle diese Helfershelfer des Teufels, die dich betrügen und in die Hölle stürzen! Ich flehe dich an, rette deine Seele und kehre in unsere Kirche zurück.« Und als sie trotz ihrer inständigen Bitten auf den Lippen ihres Geliebten ein ungläubiges Lächeln sah, rief sie aus: »Wenn du mich liebst, so entsage um meinetwillen, aus Liebe zu mir entsage deinen verdammenswerten Meinungen.« »Es wäre mir viel leichter, meine liebe Diana, um deinetwillen auf das Leben zu verzichten als auf das, was meine Vernunft mir als wahr gezeigt hat. Wie sollte die Liebe mich daran hindern können, zu glauben, daß zwei und zwei vier ist?« »Grausamer!« Mergy hatte ein unfehlbares Mittel, um Streitigkeiten wie diese zu beenden, und er wandte es an. – »Ach, lieber Bernardo«, sagte die Gräfin mit schmachtender Stimme, als der anbrechende Tag Mergy zwang, sie zu verlassen; »ich ließe mich für dich zu ewiger Verdammnis verurteilen, aber ich sehe wohl, daß mir nicht der Trost zuteil wird, dich retten zu können.« »Laß doch, mein Engel! Pater Giron wird uns eine ordentliche Absolution in articulo mortis erteilen.« Der Franziskaner Monachus in claustra Non valet ova duo; Sed quando est extra, Bene valet triginto. Am Tag nach der Hochzeit Margaretes mit dem König von Navarra verließ Hauptmann George auf Befehl des Hofes Paris, um sich an die Spitze seiner Chevau-légers-Kompanie zu stellen, die in Meaux in Garnison lag. Sein Bruder sagte ihm heiter Lebewohl, und in der Erwartung, ihn vor Beendigung der Festlichkeiten wiederzusehen, ergab er sich bereitwillig darein, ein paar Tage allein zu wohnen. Madame de Turgis beschäftigte ihn so hinreichend, daß einige Augenblicke der Einsamkeit nichts allzu Erschreckendes für ihn hatten. Bei Nacht war er niemals zu Hause, und tagsüber schlief er. Am Freitag, dem 22. August 1572, wurde der Admiral durch einen Büchsenschuß von einem Übeltäter, Maurevel mit Namen, schwer verwundet. Da die öffentliche Meinung die feige Mordtat dem Herzog von Guise zuschrieb, verließ dieser am darauffolgenden Tage Paris; als wolle er sich der Klageführung und den Drohungen der Reformierten entziehen. Anfänglich schien ihn der König mit äußerster Strenge verfolgen zu wollen, doch widersetzte er sich seiner Rückkehr nicht, die durch das furchtbare Blutbad vom 24. berüchtigt werden sollte. Eine größere Anzahl junger, wohlberittener protestantischer Edelleute verteilte sich, nachdem sie den Admiral besucht hatten, in den Straßen, in der Absicht, den Herzog von Guise oder seine Freunde aufzusuchen und mit ihnen Streit anzufangen, falls sie sie träfen. Trotzdem lief zunächst alles friedlich ab. Das Volk, von ihrer Zahl erschreckt, hielt sich vielleicht für eine andere Gelegenheit zurück, bewahrte Schweigen, als sie vorüberritten, und schien unentwegt ihren Ruf zu hören: ›Tod den Mördern des Admirals! Nieder mit den Guisen!‹ An einer Straßenbiegung stellten sich unvermutet ein Dutzend junger katholischer Edelleute, und unter diesen einige Diener des Hauses Guise, der protestantischen Schar in den Weg. Man erwartete einen ernsten Streit, doch nichts geschah. Die Katholiken antworteten, sei es aus Vorsicht oder weil sie nach bestimmten Befehlen handelten, nicht auf die beleidigenden Rufe der Protestanten, und ein junger Mann von vornehmem Aussehen, der an ihrer Spitze ritt, näherte sich Mergy und sagte, nachdem er ihn höflich begrüßt hatte, in vertraulichem und freundschaftlichem Ton zu ihm: »Guten Tag, Monsieur de Mergy, Ihr habt gewiß Monsieur de Châtillon gesehen? Ist der Mörder festgenommen?« Die beiden Gruppen machten halt. Mergy erkannte den Baron Vaudreuil, erwiderte seinen Gruß und antwortete auf seine Fragen. Mehrere Einzelgespräche entspannen sich, und da sie nur von kurzer Dauer waren, trennte man sich ohne Streit. Die Katholiken gaben den Bürgersteig frei, und jeder setzte seinen Weg fort. Baron Vaudreuil hatte Mergy einige Augenblicke zurückgehalten, so daß dieser etwas hinter seinen Gefährten zurückgeblieben war. Vaudreuil warf einen prüfenden Blick auf den Sattel seines Pferdes und sagte, ehe er ihn verließ: »Gebt acht! Ich müßte mich sehr täuschen, wenn der Sattelgurt Eures Stutzpferdes nicht schlecht angezogen wäre. Paßt auf!« Mergy stieg vom Pferd und zog den Gurt fester. Kaum war er wieder aufgestiegen, so hörte er jemanden im scharfen Galopp hinter sich herkommen. Er wandte den Kopf und sah einen jungen Mann, dessen Gesicht ihm unbekannt war, der aber zu der Truppe gehört hatte, welcher sie eben begegnet waren. »Gott verdamm mich!« wandte sich dieser an ihn. »Ich wäre entzückt, einen von denen, die vorhin ›Nieder mit den Guisen‹ gerufen haben, allein zu treffen.« »Ihr braucht nicht weit zu gehen, um einen solchen zu finden«, antwortete Mergy. »Was steht Euch zu Diensten?« »Solltet Ihr zufällig aus der Zahl dieser Schurken sein?« Mergy zog augenblicklich vom Leder und schlug den Fremden mit der flachen Klinge ins Gesicht. Dieser griff sogleich nach seiner Sattelpistole und schoß aus unmittelbarer Nähe auf Mergy. Glücklicherweise entzündete sich nur die Lunte. Dianens Geliebter antwortete mit einem kräftigen Degenhieb auf den Kopf seines Feindes, und dieser stürzte blutüberströmt vom Pferde. Das Volk, das sich bis dahin als gleichgültiger Zuschauer verhalten hatte, nahm augenblicklich für den Verwundenen Partei. Der junge Hugenotte wurde mit Steinwürfen und Stockschlägen angegriffen, und da jeder Widerstand gegen die Überzahl vergebens gewesen wäre, so zog er vor, dem Pferd beide Sporen zu geben und zu versuchen, im Galopp zu entkommen. An einer Straßenbiegung, die er zu scharf nahm, stürzte sein Pferd und warf ihn ab, wobei er zwar nicht verwundet wurde, jedoch sich nicht rasch genug erheben konnte, um zu verhindern, daß die wütende Menge ihn umringte. So lehnte er sich denn gegen eine Mauer und stieß eine Zeitlang jeden zurück, der in den Bereich seines Degens kam. Als aber die Klinge unter einem kräftigen Stockhieb abbrach, wurde er zu Boden geschlagen und wäre in Stücke zerrissen worden, wenn nicht ein Franziskanermönch sich zwischen ihn und die Leute, die auf ihn eindrangen, gestürzt und ihn mit seinem Leibe gedeckt hätte. »Was macht ihr da, Kinder!« rief er. »Laßt den Mann los, er ist unschuldig.« »Er ist ein Hugenotte«, brüllten hundert wütende Stimmen. »Nun, laßt ihm doch Zeit zu bereuen. Noch kann er es.« Die Hände, die Mergy festhielten, ließen alsbald von ihm ab. Er erhob sich, nahm seinen Degenstumpf und schickte sich an, sein Leben teuer zu verkaufen, falls er einen neuen Angriff auszuhalten habe. »Laßt diesen Menschen am Leben«, fuhr der Mönch fort, »und faßt euch in Geduld. In Bälde werden die Hugenotten in die Messe gehen.« »Geduld! Geduld!« wiederholten mehrere Stimmen verdrießlich; »schon lange rät man uns, Geduld zu haben, und unterdessen geben sie allen ehrlichen Christenmenschen jeden Sonntag Ärgernis mit ihrer Singerei in ihrem Bethaus.« »Nun, kennt ihr nicht das Sprichwort«, erwiderte der Mönch in scherzhaftem Ton: »Die Eule singt so lange, bis sie heiser wird. Laßt sie noch eine Zeitlang plärren; bald sollt ihr sie durch die Gnade Unserer Lieben Frau vom Erntemonat die Messe auf lateinisch singen hören. Was diesen jungen Spitzkopf da betrifft, so überlaßt ihn mir, ich will einen guten Christen aus ihm machen. Geht und laßt den Braten nicht verbrennen, nur um ihn schneller essen zu können.« Murrend zerstreute sich die Menge, ohne Mergy weiter zu beschimpfen. Man gab ihm sogar sein Pferd zurück. »Zum ersten Male in meinem Leben«, sagte er, »sehe ich Eure Kutte mit Vergnügen, Vater. Seid meiner Dankbarkeit versichert und nehmt, ich bitte Euch, diese Börse von mir an.« »Wenn Ihr sie den Armen bestimmt, mein Junge, so nehme ich sie. Wisset, daß ich mich für Euch interessiere. Ich kenne Euren Bruder und will Euch wohl. Bekehrt Euch gleich heute; kommt mit mir, und bald ist die Geschichte in Ordnung.« »Was das anbelangt, ehrwürdiger Vater, so danke ich Euch. Ich habe durchaus keine Lust, mich zu bekehren. Wie kennt Ihr mich aber? Wie ist Euer Name?« »Man nennt mich Bruder Lubin ... und ... kleiner Schäker, ich sehe Euch recht häufig um ein Haus herumstreichen ... doch still! Sagt mir, Monsieur de Mergy, glaubt Ihr jetzt, daß ein Mönch auch Gutes tun kann?« »Ich werde Euren Edelmut überall ausposaunen, Pater Lubin.« »Wollt Ihr nicht die Predigt für die Messe eintauschen?« »Nochmals, nein. Ich gehe nur in die Kirche, um Eure Predigten zu hören.« »Mir scheint, Ihr seid ein Mann von Geschmack.« »Und Euer aufrichtiger Bewunderer.« »Meiner Treu, es tut mir leid um Euch, daß Ihr im Irrglauben verharren wollt. Ich habe Euch gewarnt, ich habe getan, was ich konnte; komme, was wolle: Ich für meinen Teil wasche meine Hände in Unschuld. Lebt wohl, mein Junge.« »Lebt wohl, ehrwürdiger Vater.« Mergy bestieg sein Pferd wieder und erreichte seine Wohnung, zwar etwas zerschlagen, aber doch befriedigt, sich so leichten Kaufes aus dem schlimmen Handel gezogen zu haben. Die Chevau-légers Jaffier:                                 He amongst us That spares his father, brother, or his friend Is damned. Otway, Venice preserved Am Abend des 24. August ritt eine Kompanie Chevau-légers durch das Tor Saint-Antoine in Paris ein. Stiefel und Kleidung der Reiter waren mit Staub bedeckt und bewiesen, daß sie eben eine weite Strecke zurückgelegt hatten. Die letzten Strahlen eines erlöschenden Tages beleuchteten die gebräunten Gesichter der Soldaten, in denen jene unbestimmte Unruhe geschrieben stand, die sich beim Nahen eines Ereignisses fühlbar macht, das man zwar noch nicht kennt, dessen verhängnisvollen Charakter man jedoch ahnt. Die Truppe wandte sich im Schritt einem großen Platz zu, auf welchem keine Häuser standen und der nahe vom alten Palais des Tournelles war. Dort befahl der Hauptmann haltzumachen; dann schickte er ein Dutzend seiner Leute unter Befehl seines Kornetts auf Erkundigungen aus und postierte am Eingang der benachbarten Straßen Wachen, denen er die Lunte anzuzünden befahl, als wären sie in Gegenwart des Feindes. Nach diesen außergewöhnlichen Maßnahmen kehrte er vor die Front seiner Kompanie zurück. »Sergeant!« rief er in härterem und gebieterischerem Ton, als es seine Gewohnheit war. Ein alter Reiter, dessen Hut mit einer goldenen Tresse verziert war und der eine gestickte Schärpe trug, näherte sich ehrfürchtig seinem Vorgesetzten. »Sind alle unsere Leute mit Zündschnur versehen?« »Ja, Hauptmann.« »Sind die Pulverhörner gefüllt? Sind Kugeln in genügender Menge vorhanden?« »Ja, Hauptmann.« »Gut.« Er ließ seine Stute im Schritt die Front seiner kleinen Truppe entlanggehen. Der Sergeant folgte ihm auf Pferdelänge. Er hatte die Verstimmung seines Hauptmanns wohl bemerkt und zögerte, ihn anzusprechen. Endlich faßte er Mut. »Hauptmann, darf ich den Reitern erlauben, ihre Pferde zu füttern? Ihr wißt, daß sie seit heute morgen nichts gefressen haben.« »Nein.« »Nur eine Handvoll Hafer? Es wäre schnell geschehen.« »Daß kein Pferd abgezäumt wird.« »Es wäre nur, wenn sie heute nacht arbeiten müßten ... wie man sagt ... daß vielleicht...« Der Offizier machte eine ungeduldige Bewegung. »Kehrt auf Euren Posten zurück«, sagte er trocken. Und er fuhr fort, auf und ab zu reiten. Der Sergeant begab sich zu seinen Soldaten. »Nun, Sergeant, ist es wahr? Was soll geschehen? Was gibt es? – Was hat der Hauptmann gesagt?« Zwanzig Fragen wurden gleichzeitig an ihn gerichtet von alten Soldaten, deren Dienste und langjährige Gewöhnung sie zu dieser Vertraulichkeit gegen ihren Vorgesetzten berechtigten. »Wir werden schöne Sachen erleben«, sagte der Sergeant im selbstgefälligen Tone eines Menschen, der mehr weiß, als er sagt. »Wie? Wieso?« »Es darf nicht abgezäumt werden, auch nicht für eine Minute ... denn wer weiß. Von einem Augenblick zum andern braucht man uns vielleicht.« »Ach, soll gekämpft werden?« fragte der Trompeter. »Und gegen wen, wenn ich bitten darf?« »Gegen wen?« sagte der Sergeant, der die Frage wiederholte, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. »Zum Kuckuck! eine schöne Frage! Gegen wen soll man denn kämpfen, wenn nicht gegen die Feinde des Königs.« »Ja, aber wer sind denn diese Feinde des Königs?« fuhr der eigensinnige Frager fort. »Die Feinde des Königs! Er weiß nicht, wer die Feinde des Königs sind!« Und er zuckte mitleidig die Achseln. »Der Spanier ist der Feind des Königs; aber der wäre nicht so im geheimen gekommen, ohne daß man etwas davon gemerkt hätte«, warf einer der Reiter ein. »Ach was«, versetzte ein anderer; »ich kenne viele Feinde des Königs, die keine Spanier sind.« »Bertrand hat recht«, sagte der Sergeant; »und ich weiß wohl, wen er meint.« »Und wen denn zu guter Letzt?« »Die Hugenotten«, sagte Bertrand. »Man braucht kein Hexenmeister zu sein, um das zu merken. Jeder weiß, daß die Hugenotten ihre Religion aus Deutschland übernommen haben; und dessen bin ich ganz gewiß, daß die Deutschen unsere Feinde sind, und oft genug bin ich aus den Reihen getreten und habe sie gefordert, besonders bei Saint-Quentin, wo sie sich wie die Teufel geschlagen haben.« »Das ist alles schön und gut«, sagte der Trompeter, »aber man hat mit ihnen Frieden geschlossen, und genug Fanfaren sind bei dieser Gelegenheit geblasen worden, wie ich mich erinnere.« »Ein Beweis, daß sie nicht unsere Feinde sind«, sagte ein junger Reiter, der besser gekleidet war als die anderen, »ist, daß der Graf La Rochefoucauld die Chevau-légers in dem Feldzug, den wir gegen Flandern unternehmen wollen, befehligen soll; und jedes Kind weiß, daß La Rochefoucauld Kalvinist ist. Hol mich der Teufel, wenn er nicht vom Kopf bis zu den Füßen einer ist. Er hat Sporen à la Condé und einen Hut auf Hugenottenart.« »Möge er an der Pest krepieren!« rief der Sergeant; »davon weißt du nichts, Merlin, du warst noch nicht bei uns: La Rochefoucauld befehligte damals, als wir im Hinterhalt bei La Robraye in Poitou bei einem Haar alle niedergemacht worden wären. Das ist ein Kerl, der steckt voll von Bosheit.« »Und er hat gesagt«, fügte Bertrand hinzu, »daß eine Kompanie deutscher Reiter mehr wert sei als eine Eskadron Chevau-légers. Ich weiß das so gewiß, als dieses Pferd gescheckt ist. Ich habe es von einem Pagen der Königin.« Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Zuhörerschaft; bald aber gewann die Neugier wieder die Oberhand, zu erfahren, gegen wen die Kriegsvorbereitungen und außergewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln gerichtet waren, die getroffen wurden. »Ist es wahr, Sergeant«, fragte der Trompeter, »daß man gestern den König hat umbringen wollen?« »Ich wette, das waren diese ... von Ketzern.« »Der Wirt vom ›Croix-de-Saint-André‹, bei dem wir gefrühstückt haben«, sagte Bertrand; »hat uns erzählt, sie wollten die Messe abschaffen.« »Dann können wir jeden Tag Fleisch essen«, bemerkte Merlin gelassen. »Ein Stück geräucherten Specks statt einer Schüssel voll Bohnen! Das ist kein Grund zum Trauern.« »Ja, aber wenn die Hugenotten das Heft in der Hand haben, werden sie als erstes die Chevau-légers wie Glas in Stücke hauen und ihre deutschen Reiterhunde an unsere Stelle setzen.« »Wenn dem so ist, will ich ihnen wohl am Zeuge flicken. Tod und Leben; das macht mich zum guten Katholiken. Sagt doch, Bertrand, Ihr habt ja bei den Protestanten gedient – ist es wahr, daß der Admiral seinen Leuten nur acht Sous gegeben hat?« »Nicht einen Heller mehr, der schmutzige alte Geizhals. Ich habe ihn aber auch gleich nach dem Feldzug verlassen.« »Wie der Hauptmann heute schlechter Laune ist«, sagte der Trompeter. »Er ist doch sonst so ein guter Teufel und redet gern mit der Mannschaft, und heute hat er auf dem ganzen Weg die Zähne nicht auseinandergebracht.« »Es sind eben die Nachrichten, die ihm Kummer machen«, antwortete der Sergeant. »Was für Nachrichten?« »Ja, anscheinend das, was die Hugenotten tun wollen.« »Der Bürgerkrieg wird wieder anfangen«, sagte Bertrand. »Um so besser für uns«, bemerkte Merlin, der immer in allen die gute Seite sah; »da kann man Hiebe austeilen, Dörfer verbrennen und Hugenotten zerzausen.« »Es hat den Anschein, als wollten sie ihre alte Geschichte von Amboise wieder aufwärmen; deswegen hat man uns kommen lassen. Wir werden schon Ordnung schaffen.« In diesem Augenblick kam der Kornett mit seiner Korporalschaft zurück; er näherte sich dem Hauptmann und sprach leise mit ihm, während sich die Soldaten, die ihn begleitet hatten, unter ihre Kameraden mischten. »Bei meinem Barte!« sagte einer von denen, die auf Erkundigungen ausgezogen waren, »ich weiß nicht, was heute in Paris vorgeht. Nicht eine Katze ist heute auf den Straßen zu sehen; dafür aber ist die Bastille voller Truppen; ich habe es im Hofe von Schweizerlanzen wimmeln sehen, wie die Kornähren...« »Nicht weniger als fünfhundert sind es gewesen«, bemerkte ein anderer. »Eines ist gewiß«, fing der erste wieder an, »daß die Hugenotten den König haben ermorden wollen und daß der große Herzog von Guise den Admiral in dem Getümmel mit eigener Hand verwundet hat.« »Ah, der Räuber! Das geschieht ihm recht!« schrie der Sergeant. »Wie dem auch sei«, fuhr der Reiter fort, »die Schweizer haben in ihrem verteufelten Kauderwelsch gesagt, man hätte die Ketzer schon zu lange in Frankreich geduldet.« »Wahr ist, daß sie sich seit einiger Zeit recht breit machen«, sagte Merlin. »Sollte man nicht meinen, sie hätten uns bei Jarnac und bei Montcontour geschlagen; so prahlen sie und spielen sich als Eisenfresser auf.« »Sie möchten gern die Hammelkeule essen«, sagte der Trompeter, »und uns die Knochen geben.« »Es ist höchste Zeit, daß die guten Katholiken ihnen aufs Dach steigen.« »Jedenfalls«, meinte der Sergeant, »wenn mir der König sagte, bring mir diese Schufte um, so will ich mein Säbelkoppel verlieren, wenn ich es mir zweimal sagen ließe.« »Belle-Rose, erzähle doch ein wenig, was unser Kornett getan hat«, fragte Merlin. »Er hat mit so einer Art von Schweizer Offizier geredet, ich habe aber nicht verstehen können, was er sagte. Immerhin muß es etwas Sonderbares gewesen sein, denn er rief alle Augenblicke: ›Ach mein Gott! Ach mein Gott!‹« »Seht, da kommen Reiter im Galopp auf uns zu; gewiß bringen sie uns einen Befehl.« »Es sind nur zwei, wie mir scheint; und der Hauptmann und der Kornett reiten ihnen entgegen.« Zwei Reiter näherten sich rasch der Chevau-légers-Abteilung. Der eine, der auf einem Schlachtroß saß, war reich gekleidet und trug einen mit Federn geschmückten Hut und eine grüne Schärpe. Sein Gefährte war ein beleibter Mensch, kurzbeinig und untersetzt; er war mit einem schwarzen Gewand angetan und trug ein großes, hölzernes Kruzifix. »Man wird sich schlagen, soviel ist gewiß«, sagte der Sergeant; »da kommt ein Feldgeistlicher, den man uns schickt, um den Verwundeten die Beichte abzunehmen.« »Angenehm ist es gerade nicht, zu kämpfen, ohne Mittag gegessen zu haben«, murmelte Merlin leise vor sich hin. Die beiden Reiter verlangsamten den Schritt ihrer Pferde, so daß sie sie ohne Schwierigkeit anhalten konnten, als sie mit dem Hauptmann zusammentrafen. »Ich küsse Monsieur de Mergy die Hand«, sagte der Mann mit der grünen Schärpe. »Erkennt er seinen gehorsamen Diener, Thomas de Maurevel?« Der Hauptmann wußte noch nichts von Maurevels neuerlichem Verbrechen, er kannte ihn nur als den Mörder des tapferen Mouy. Trocken antwortete er: »Ich kenne Monsieur de Maurevel nicht... Ich nehme an, Ihr seid gekommen, uns mitzuteilen, wozu wir hier sind.« »Es handelt sich darum, unsern König und unsere heilige Religion aus der Gefahr zu retten, die sie bedroht.« »Welches ist denn diese Gefahr?« fragte George in verächtlichem Ton. »Die Hugenotten haben sich gegen Seine Majestät verschworen; aber Gott sei es gedankt, ihre sträflichen Anschläge sind rechtzeitig entdeckt worden, und alle guten Christen müssen sich zusammentun, um sie diese Nacht während des Schlafes auszurotten.« »Wie die Midianiter durch den starken Gideon ausgerottet worden sind«, sprach der Mann im schwarzen Gewande. »Was muß ich hören!« rief Mergy, vor Entsetzen schaudernd. »Die Bürger sind bewaffnet«, fuhr Maurevel fort, »die französischen Garden und dreitausend Schweizer sind in der Stadt. Wir haben beinahe sechzigtausend Mann, die für uns sind; um elf Uhr wird das Zeichen gegeben, und der Tanz kann beginnen.« »Elender Halsabschneider, was für eine infame Betrügerei bringst du da vor! Der König befiehlt keine Morde... höchstens bezahlt er sie.« Während George so sprach, fiel ihm die sonderbare Unterredung ein, die er einige Tage vorher mit dem König gehabt hatte. »Keine Aufregung, Hauptmann; wenn nicht der Dienst des Königs meine ganze Aufmerksamkeit erforderte, würde ich auf Eure Beschimpfungen antworten. Hört zu: Ich komme im Auftrag Seiner Majestät, Euch aufzufordern, mich mit Eurer Truppe zu begleiten. Die Rue Saint-Antoine und das benachbarte Viertel sind unser Bezirk. Ich bringe Euch eine genaue Liste der Personen, die wir ins bessere Jenseits befördern sollen. Der ehrwürdige Pater Malebouche soll Eure Leute ermahnen und weiße Kreuze unter sie verteilen, wie alle Katholiken sie tragen, damit man nicht in der Dunkelheit die Gläubigen für Ketzer halte.« »Und ich sollte einwilligen, meine Hand zur Ermordung schlafender Menschen zu leihen?« »Seid Ihr Katholik und erkennt Ihr Karl IX. als Euren König an? Kennt Ihr die Unterschrift des Marschalls von Retz, dem Ihr Gehorsam schuldet?« Und er überreichte ihm ein Papier, das er im Gürtel trug. Mergy befahl einem der Reiter, näher zu kommen; und beim Schein einer Strohfackel, die an der Zündschnur einer Büchse in Brand gesteckt worden war, las er den formellen Befehl, der im Namen des Königs dem Hauptmann zur Pflicht machte, der Bürgergarde hilfreiche Hand und Monsieur de Maurevel Gehorsam zu leisten zu einem Dienst, den der Besagte ihm zu erklären habe. Diesem Befehl war eine Liste von Namen unter dem Titel beigefügt: ›Liste der Ketzer, die im Quartier Saint-Antoine ums Leben gebracht werden sollen. ‹ Der Schein der Fackel, die in der Hand des Reiters brannte, zeigte den Chevau-légers die tiefe Erregung, in welche der ihm bisher unbekannte Befehl ihren Führer versetzte. »Niemals werden meine Reiter Mörderhandwerk tun wollen«, sagte George und warf das Papier Maurevel ins Gesicht. »Es ist nicht die Rede von Mord«, sagte der Geistliche kalt; »es handelt sich um Ketzer, und man übt Gerechtigkeit an ihnen.« »Wackere Leute!« rief Maurevel mit erhobener Stimme, indem er sich an die Chevau-légers wandte, »die Hugenotten wollen den König und die Katholiken ermorden; wir müssen ihnen zuvorkommen: diese Nacht wollen wir sie alle töten, während sie schlafen; und der König gewährt Euch die Plünderung ihrer Häuser.« Ein Schrei wilder Freude ertönte aus allen Reihen. »Es lebe der König! Tod den Hugenotten!« »Ruhe in den Reihen!« schrie der Hauptmann mit Donnerstimme. »Hier habe ich allein das Recht, den Reitern zu befehlen. Kameraden, was dieser Elende sagt, kann nicht wahr sein, und hätte es auch der König befohlen, so würden meine Chevau-légers niemals Menschen morden, die sich nicht verteidigen.« Die Soldaten schwiegen. »Es lebe der König! Tod den Hugenotten!« schrien gleichzeitig Maurevel und sein Gefährte. Und einen Augenblick später wiederholten die Reiter mit ihnen: »Es lebe der König! Tod den Hugenotten!« »Nun, Hauptmann, wollt Ihr gehorchen?« fragte Maurevel. »Ich bin nicht mehr Hauptmann«, rief George. Und er riß sich den Ringkragen und die Schärpe, die Abzeichen seiner Würde, ab. »Ergreift den Verräter!« schrie Maurevel und zog den Degen. »Tod dem Rebellen, der seinem König sich widersetzt.« Nicht einer der Soldaten wagte jedoch die Hand gegen seinen Vorgesetzten zu erheben ... George schlug Maurevel den Degen aus der Hand; statt ihn aber mit dem seinigen zu durchbohren, begnügte er sich damit, ihn mit dem Degenknopf so heftig ins Gesicht zu schlagen, daß Maurevel vom Pferd fiel. »Lebt wohl, ihr Feiglinge!« rief er seiner Truppe zu; »ich glaubte Soldaten zu führen, und es waren Mörder.« Dann wandte er sich zu seinem Kornett und sagte: »Alphonse, wenn du Hauptmann werden willst, hast du jetzt eine gute Gelegenheit dazu. Stell dich an die Spitze dieser Räuberbande.« Nach diesen Worten gab er seinem Pferd die Sporen und entfernte sich im Galopp, indem er sich der innern Stadt zuwandte ... Der Kornett tat ein paar Schritte, als wolle er ihm folgen; bald aber verlangsamte er den Gang seines Pferdes, setzte es in Schritt, hielt endlich an, kehrte um und kam zu seiner Kompanie zurück, denn er fand, der Rat seines Hauptmanns, wenngleich im Zorn gegeben, sei darum zweifellos nicht weniger gut. Maurevel, noch etwas betäubt von dem Schlag, den er erhalten hatte, stieg fluchend wieder auf sein Pferd; der Mönch hob sein Kruzifix in die Höhe und ermahnte die Soldaten, keinem einzigen Hugenotten Pardon zu geben und die Ketzerei in Strömen von Blut zu ersäufen. Die Soldaten waren durch die Vorwürfe ihres Hauptmanns einen Augenblick zurückgehalten worden; da sie nun aber von seiner Gegenwart sich befreit und die Aussicht auf eine schöne Plünderung vor sich sahen, schwangen sie die Säbel über ihren Köpfen und schworen, alles auszuführen, was Maurevel ihnen befehlen würde. Der letzte Versuch Soothsayer: Beware the Ides of March! Shakespeare, Julius Caesar Am gleichen Abend zur gewohnten Stunde verließ Mergy, sorgfältig in einen mauerfarbenen Mantel gehüllt, den Hut in die Augen gedrückt, mit gebührender Heimlichkeit sein Haus, um sich zu dem der Gräfin zu begeben. Kaum hatte er einige Schritte getan, so begegnete ihm der Wundarzt Ambroise Paré, den er von der Pflege her kannte, die dieser ihm hatte angedeihen lassen, als er verwundet war. Paré kam augenscheinlich aus dem Palast der Châtillons, und nachdem Mergy sich zu erkennen gegeben hatte, erkundigte er sich nach dem Befinden des Admirals. »Es geht im besser«, sagte der Wundarzt. »Die Wunde ist schön, und der Kranke ist unverdorben. Mit Gottes Hilfe wird er wieder gesund. Ich hoffe, das Tränklein, das ich für heute abend verschrieben habe, ist ihm heilsam und verschafft ihm eine gute Nacht.« Ein Mann aus dem Volke, der an ihnen vorüberging, hatte gehört, daß sie vom Admiral sprachen. Als er weit genug entfernt war, um eine Unverschämtheit riskieren zu können, ohne eine Züchtigung gewärtigen zu müssen, schrie er: »Der wird bald um den Galgen tanzen, euer Teufelsadmiral!« Und er lief davon, so schnell ihn die Beine tragen wollten. »Elende Canaille!« sagte Mergy. »Es tut mir leid, daß unser großer Admiral gezwungen ist, in einer Stadt zu leben, in der so viele ihm feindlich sind.« »Sein Haus ist glücklicherweise gut bewacht«, antwortete der Wundarzt. »Als ich ihn verließ, waren die Treppen mit Soldaten gefüllt, die schon ihre Lunten anzündeten. Ach, Monsieur de Mergy, die Leute in dieser Stadt sind Euch nicht hold... aber es ist schon spät, und ich muß zum Louvre zurückkehren.« Sie trennten sich, nachdem sie sich gute Nacht gewünscht hatten, und Mergy setzte seinen Weg fort, indem er sich seinen rosenfarbenen Träumereien hingab, die ihn bald den Admiral und den Haß der Katholiken vergessen ließen. Doch konnte ihm eine außergewöhnliche Bewegung in den sonst bei Nacht so wenig belebten Straßen von Paris nicht verborgen bleiben. Bald traf er auf Lastträger, die auf ihren Schultern sonderbar geformte Bürden schleppten, die er in der Dunkelheit für Speerbündel zu halten geneigt war; bald begegnete er einer Abteilung Soldaten, die schweigend mit erhobenen Waffen und brennender Lunte dahingingen; irgendwo wurden hastig Fenster geöffnet, Gestalten mit Lichtern erschienen einen Augenblick und verschwanden sofort wieder. »Holla!« rief er einen Lastträger an, »guter Mann, wohin tragt Ihr dieses Waffenzeug?« »Zum Louvre, edler Herr, zur Belustigung für heute nacht.« »Kamerad«, fragte Mergy einen Sergeanten, der eine Patrouille führte, »wohin geht Ihr denn so in Waffen?« »Zum Louvre, edler Herr, zur Belustigung für heute nacht.« »Holla, Page, gehörst du nicht dem König? Wohin gehst du denn mit deinen Gefährten, und wohin führt ihr eure kriegerisch geschirrten Pferde?« »Zum Louvre, edler Herr, zur Belustigung für heute nacht.« ›Die Belustigung von heute nacht!‹ sagte sich Mergy, ›da scheint mir jedermann ins Vertrauen gezogen, mit Ausnahme von mir. Doch was liegt mir daran; der König mag sich ohne mich amüsieren, ich bin nicht sehr neugierig auf seine Lustbarkeiten.‹ Etwas weiter bemerkte er einen schlechtgekleideten Menschen, der vor einigen Häusern stille stand und die Türen kennzeichnete, indem er mit Kreide ein weißes Kreuz darauf machte. »Guter Mann, seid Ihr denn Quartiermacher, daß Ihr die Wohnungen so bezeichnet?« Der Unbekannte verschwand, ohne zu antworten. Als Mergy an einer Ecke in die Straße einbog, in welcher die Gräfin wohnte, rannte er beinahe gegen einen Mann, der wie er in einen großen Mantel gehüllt war und die gleiche Straßenbiegung nahm, nur in umgekehrter Richtung. Trotz der Dunkelheit und der Sorgfalt, mit der beide sich voreinander verbergen zu wollen schienen, erkannten sie sich doch sofort. »Ah, guten Abend, Monsieur de Béville«, sagte Mergy und streckte ihm die Hand entgegen. Béville machte eine sonderbare Bewegung unter seinem Mantel, ehe er ihm die Rechte bot; er schob einen ziemlich schweren Gegenstand, den er trug, aus der rechten in die linke Hand. Der Mantel schlug etwas auseinander. »Heil, tapferer Kämpe, von schönen Frauen Geliebter!« rief Béville, »ich wette, daß mein edler Freund stehenden Fußes seinen Liebesabenteuern nachgeht.« »Und Ihr, Monsieur? ... Mir scheint, die Ehemänner in Eurem Revier sind verdrießlicher Gemütsart; denn ich müßte mich sehr täuschen, wenn das, was ich auf Eurem Leibe sehe, kein Panzerhemd ist, und was Ihr unter dem Mantel verbergt, sieht verteufelt nach Pistolen aus.« »Man muß vorsichtig sein, Monsieur Bernard, sehr vorsichtig«, erwiderte Béville. Während er sprach, schob er seinen Mantel wieder so zurecht, daß die Waffen, die er trug, sorgfältig verborgen waren. »Es tut mir unendlich leid, daß ich Euch heute abend nicht meine Dienste und meinen Degen anbieten kann, um die Straße zu bewachen und an der Tür Eurer Geliebten Posten zu stehen. Heute ist es mir unmöglich, verfügt aber über mich bei anderer Gelegenheit.« »Heute abend könnt Ihr nicht mit mir gehen, Monsieur de Mergy.« Ein sonderbares Lächeln begleitete diese Worte. »Nun denn, viel Glück! Lebt wohl.« »Auch Euch wünsche ich viel Glück!« Er sprach diesen Abschiedsgruß mit gewichtiger Betonung. Sie trennten sich, und Mergy war schon einige Schritte weit gegangen, als er sich von Béville rufen hörte. Er wandte sich um und sah diesen auf sich zukommen. »Ist Euer Bruder in Paris?« »Nein, ich erwarte ihn aber jeden Tag. – Aber sagt mir, seid Ihr bei der Festlichkeit von heute nacht?« »Der Festlichkeit?« »Ja, man sagt überall, es soll heute abend eine große Lustbarkeit am Hofe stattfinden.« Béville murmelte ganz leise ein paar Worte zwischen den Zähnen. »Noch einmal, lebt wohl«, sagte Mergy, »ich bin in Eile, und Ihr versteht, was ich sagen will.« »Hört, hört, noch auf ein Wort! Ich kann Euch nicht gehen lassen, ohne Euch als aufrichtiger Freund einen Rat zu geben.« »Welchen Rat?« »Geht nicht zu ihr heute abend. Glaubt mir, Ihr werdet mir morgen dafür danken.« »Ist das Euer Rat? – Aber ich verstehe nicht... zu wem? zu ihr?« »Ach was, wir verstehen uns wohl! Wenn Ihr klug seid, so setzt noch heute abend über die Seine.« »Steckt hinter all diesem ein Scherz?« »Durchaus nicht. Niemals habe ich ernsthafter gesprochen. Setzt über die Seine, sage ich Euch. Wenn Euch der Teufel zu sehr auf den Fersen ist, dann geht zum Jakobinerkloster in der Rue de Saint-Jacques. Zwei Türen vor den ›Guten Vätern‹ werdet Ihr ein hölzernes Kruzifix an ein etwas ärmlich aussehendes Haus genagelt sehen. Ein sonderbares Aushängeschild, doch das ist einerlei! Klopft an, und Ihr werdet eine willfährige Alte finden, die Euch um meinetwillen gut aufnehmen wird... Tobt Eure Liebeswut am andern Seineufer aus! Mutter Brûlard hat hübsche und entgegenkommende Nichten ... Ihr begreift.« »Ihr seid zu gütig. Ich küsse Euch die Hand.« »Nein, befolgt den Rat, den ich Euch gebe. Bei meiner Ehre als Edelmann! Ihr werdet Euch gut dabei befinden.« »Tausend Dank, ein andermal will ich ihn mir zunutze machen. Heute werde ich erwartet.« Und Mergy tat einen Schritt vorwärts. »Fahrt über die Seine, mein Wackerer; es ist mein letztes Wort. Sollte Euch ein Unglück zustoßen, weil Ihr nicht auf mich hören wolltet, so wasche ich meine Hände in Unschuld.« In Bévilles Stimme lag ein außergewöhnlicher Ernst, der Mergy auffiel. Béville hatte schon den Rücken gewandt, als Mergy ihn nun seinerseits zurückhielt. »Was, zum Teufel, wollt Ihr sagen? Erklärt Euch, Monsieur de Béville, und sprecht nicht mehr in Rätseln.« »Mein Lieber, ich sollte vielleicht nicht so deutlich sprechen, aber setzt über das Wasser, ehe es Mitternacht ist, und lebt wohl.« »Aber ...« Béville war schon fern. Mergy folgte ihm einen Augenblick; beschämt jedoch, eine Zeit zu verlieren, die er besser anwenden konnte, kehrte er bald um und näherte sich dem Garten, in den er sich begeben sollte. Eine Zeitlang mußte er auf und ab gehen, bis einige Passanten sich entfernt hatten. Er fürchtete, sie würden sehr erstaunt sein, ihn zu dieser Stunde durch ein Gartentor eintreten zu sehen. Die Nacht war schön, ein sanfter Wind hatte die Hitze gemildert; der Mond erschien und verschwand wieder zwischen den leichten weißen Wolken; eine Nacht, wie zur Liebe geschaffen. Während eines Augenblicks war die Straße einsam: schnell öffnete er das Gartentor und schloß es geräuschlos wieder. Sein Herz schlug heftig; doch nur der Freuden gedachte er, die ihn bei seiner Diana erwarteten, und die unheilvollen Gedanken, die Bévilles sonderbare Reden in seiner Phantasie heraufbeschworen hatten, lagen jetzt weit hinter ihm. Auf Zehenspitzen näherte er sich dem Hause. Eine Lampe leuchtete hinter einem roten Vorhang an einem halbgeöffneten Fenster; es war das verabredete Zeichen. Einen Augenblick später befand er sich im Oratorium seiner Geliebten. Sie lag halb ausgestreckt auf einem ganz niederen, mit dunkelblauem Damast überzogenen Ruhebett. Ihre langen schwarzen Haare waren aufgelöst und flossen über das Kissen, gegen das sie ihren Kopf lehnte. Ihre Augen waren geschlossen, und sie schien sie nur mit Anstrengung niederzuhalten. Eine einzige silberne Lampe, die von der Decke hing, erleuchtete das Gemach und warf ihr Licht voll auf das bleiche Gesicht und die Feuerlippen Diana de Turgis'. Sie schlief nicht; wer sie aber sah, hätte glauben können, sie werde von einem quälenden Alp bedrückt. Beim ersten Knarren von Mergys Stiefeln auf dem Teppich des Oratoriums hob sie den Kopf, öffnete Augen und Mund, zuckte zusammen und hielt nur mit Mühe einen Schrei des Entsetzens zurück. »Habe ich dich erschreckt, mein Engel«, fragte Mergy, der sich vor ihr auf die Knie niederließ und sich über das Kissen beugte, auf welches die schöne Gräfin ihren Kopf hatte zurücksinken lassen. »Da bist du endlich! Gott sei gelobt!« »Habe ich auf mich warten lassen? Es ist noch weit vor Mitternacht.« »Ach, laß mich ... Bernard ... Hat niemand dich eintreten sehen?« »Niemand ... doch was hast du, mein Liebling? Warum fliehen denn diese süßen, schönen Lippen die meinen?« »Ach Bernard, wenn du wüßtest ... oh, quäle mich nicht, ich beschwöre dich. Ich leide entsetzlich, ich habe eine furchtbare Migräne ... mein armer Kopf ist ganz in Feuer.« »Arme Freundin!« »Setze dich neben mich ... und frage mich um Himmels willen nichts ... ich bin sehr krank.« Sie vergrub ihr hübsches Gesicht in eines der Kissen, die auf dem Ruhebett lagen, und es entrang sich ihr ein schmerzliches Stöhnen. Dann richtete sie sich plötzlich auf dem Ellbogen auf, schüttelte ihr dichtes Haar, das über ihr Gesicht fiel, ergriff Mergys Hand und legte sie an ihre Schläfen. Er fühlte, wie stark die Ader pulsierte. »Deine Hand ist kühl, sie tut mir wohl«, sagte sie. »Meine gute Diana, wie gern hätte ich die Migräne statt deiner«, sagte er und küßte ihre brennende Stirn. »Ach ja ... und ich möchte ... lege deine Fingerspitzen auf meine Lider, das bringt mir Erleichterung ... Mir scheint, wenn ich weinen könnte, würde ich weniger leiden; aber ich kann nicht weinen.« Es entstand ein langes Schweigen, das nur der Gräfin unregelmäßiges und beklommenes Atmen unterbrach. Mergy, der neben dem Bett kniete, küßte von Zeit zu Zeit die gesenkten Lider seiner schönen Diana und strich leise über sie hin. Seine linke Hand stützte sich gegen das Kissen, und die Finger seiner Geliebten, die in die seinen verschlungen waren, drückten diese immer wieder wie in einer krampfhaften Bewegung. Dianens Atem, süß und brennend zugleich, kitzelte wollüstig Mergys Lippen. »Geliebte Freundin«, sagte er endlich, »dich scheint mehr zu quälen als nur eine Migräne. Hast du irgendeinen Grund zu Kummer? ... Und warum sagst du es mir nicht, mir? Weißt du denn nicht, daß wir, da wir uns lieben, unsere Leiden so gut wie unsere Freuden teilen sollen?« Die Gräfin schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. Ihre Lippen bewegten sich, doch brachte sie keinen verständlichen Laut hervor; dann ließ sie wie erschöpft von der Anstrengung ihr Haupt auf Mergys Schulter sinken. In diesem Augenblick schlug die Turmuhr halb zwölf. Diana erschauderte und richtete sich zitternd auf. »Wahrhaftig, du erschreckst mich, schönste Freundin!« »Es ist nichts, nichts ...«, sagte sie mit dumpfer Stimme. »Der Klang dieser Turmuhr ist furchtbar. Bei jedem Schlag ist mir, als ginge ein glühendes Eisen durch meinen Kopf.« Mergy fand kein besseres Mittel und keine bessere Antwort, als die Stirn zu küssen, die sich zu ihm neigte. Plötzlich streckte sie die Hand aus, legte sie auf die Schulter ihres Geliebten und richtete ihre heftig funkelnden Blicke auf ihn, als wolle sie ihn durchbohren. »Bernard«, sagte sie, »wann wirst du dich bekehren?« »Mein geliebter Engel, laß uns heute nicht davon sprechen, es würde dich noch kränker machen.« »Dein Eigensinn macht mich krank ... doch was liegt dir daran? Aber die Zeit drängt, und wäre ich sterbend, so wollte ich meinen letzten Atemzug aufwenden, um dich zu ermahnen ...« Mergy wollte ihr den Mund mit einem Kuß schließen. Dieses Argument ist gut und dient als Antwort auf alle Fragen, die ein Liebender von der Geliebten zu hören bekommt. Diana, die ihm sonst auf halbem Wege entgegenkam, stieß ihn diesmal heftig und fast entrüstet zurück. »Hört, Monsieur de Mergy, täglich vergieße ich blutige Tränen, wenn ich an Euch und Euren Irrglauben denke. Ihr wißt, wie ich Euch liebe. Urteilt selbst, wie groß die Leiden sein müssen, die ich erdulde, wenn ich bedenke, daß derjenige, der mir teurer ist als mein Leben, im nächsten Augenblick vielleicht mit Leib und Seele zugrunde gehen kann.« »Diana, Ihr wißt, daß wir übereingekommen waren, nicht mehr von diesen Dingen zu sprechen.« »Es muß sein, Unglückseliger! Wer sagt dir, daß dir auch nur eine Stunde verbleibt, um zu bereuen?« Der außergewöhnliche Tonfall ihrer Stimme und ihre sonderbaren Reden erinnerten Mergy unwillkürlich an den seltsamen Rat, den er vor kurzem von Béville erhalten hatte. Er konnte sich einer gewissen Erregung nicht erwehren, hielt jedoch an sich. Den vermehrten Bekehrungseifer der Gräfin schrieb er ihrer Frömmigkeit zu. »Was wollt Ihr damit sagen, schöne Freundin? Glaubt Ihr, daß die Decke einem Hugenotten eigens auf den Kopf fällt, so wie Euer Betthimmel in der vergangenen Nacht, um ihn zu erschlagen? Glücklicherweise sind wir mit ein wenig Staub davongekommen.« »Deine Halsstarrigkeit bringt mich zur Verzweiflung. Höre, mir hat geträumt, daß deine Feinde sich bereiteten, dich zu töten ... Und ich habe gesehen, wie du blutüberströmt und von ihren Händen zerrissen deine Seele aufgabst, noch ehe ich meinen Beichtvater dir zuführen konnte.« »Meine Feinde? Ich glaubte keine zu haben.« »Wahnsinniger! Hast du nicht alle zu Feinden, die deine Ketzerei verabscheuen? Ist das nicht ganz Frankreich? Ja, alle Franzosen müssen deine Feinde sein, solange du selbst Gott und der Kirche feind bist.« »Lassen wir das, meine Königin. Wendet Euch an die alte Camille, um Euch Euren Traum deuten zu lassen; ich verstehe mich nicht darauf. Aber laßt uns von etwas anderem sprechen. – Mir scheint, Ihr seid heute bei Hofe gewesen; davon habt Ihr, wie ich denke, diese Migräne, an der Ihr leidet und die mich zur Verzweiflung bringt.« »Ja, ich komme vom Hofe, Bernard. Ich habe die Königin gesehen, und ich habe sie verlassen... mit dem Entschluß, einen letzten Versuch zu machen, um dich zum Übertritt zu veranlassen... Es muß sein, es muß durchaus sein!...« »Mir scheint«, unterbrach Bernard, »mir scheint, daß wir, falls es dir beliebt, unsere Zeit besser anwenden können, da du nun trotz deiner Krankheit doch mit solchem Ungestüm zu predigen die Kraft hast.« Sie nahm seinen Spott mit einem Blick voll Verachtung auf, in den sich Zorn mischte. »Verworfener!« sagte sie leise, und als spräche sie zu sich selbst, »warum muß ich so schwach gegen dich sein?« – Dann fuhr sie etwas lauter fort: »Ich sehe es jetzt deutlich, daß Ihr mich nicht liebt und mich nicht höher achtet als ein Pferd. Was liegt Euch daran, daß ich tausend Schmerzen dulde, wenn ich nur Eurem Vergnügen diene... Nur um Euretwillen, um Euretwillen allein habe ich eingewilligt, die Qualen meines Gewissens zu ertragen, neben denen alle Martern nichts sind, die menschliche Raserei ersinnen kann. Ein einziges Wort aus Eurem Munde würde mir den Frieden der Seele wiedergeben. Ihr aber wollt niemals dieses Wort sprechen! Ihr würdet mir auch nicht ein einziges von Euren Vorurteilen opfern.« »Liebe Diana, welche Verfolgung muß ich erdulden! Seid gerecht und laßt Euch durch Euren Eifer für Eure Religion nicht verblenden. Antwortet: könntet Ihr einen ergebeneren Sklaven finden als mich, für alles, was Arm und Geist zu leisten vermögen? Muß ich es denn nochmals wiederholen, daß ich für Euch zu sterben, nicht aber an bestimmte Dinge zu glauben vermag.« Sie hörte ihm achselzuckend zu und sah ihn mit einem Blick an, der sich bis zum Haß steigerte. »Ich könnte um Euretwillen«, fuhr er fort, »nicht meine braunen Haare in blonde verwandeln. Ich könnte Euch zu Gefallen nicht die Form meiner Lider verändern. Die Religion ist eines meiner Glieder, liebste Freundin, und zwar ein Glied, das man mir nur zugleich mit dem Leben entreißen kann. Niemals könnte ich glauben, und wenn man mir zwanzig Jahre predigte, daß ein Stück ungesäuerten Brotes ...« »Schweigt!« unterbrach sie in befehlendem Tone; »keine Gotteslästerung. Ich habe alles versucht, nichts hat gefruchtet. Ihr alle, die ihr vom Gift der Irrlehren verseucht seid, seid ein halsstarriges Volk und verschließt Augen und Ohren vor der Wahrheit: Ihr habt Angst, zu sehen und zu hören. Nun gut, die Zeit ist da, wo ihr weder sehen noch hören werdet ... Nur ein Mittel gibt es, um diese Wunde an der Kirche auszumerzen, und dieses Mittel soll nun angewandt werden.« Sie tat erregt einige Schritte im Zimmer und fuhr dann fort: »In weniger als einer Stunde wird man dem Drachen der Irrlehre die sieben Köpfe abschlagen. Die Degen sind geschliffen, und die Gläubigen sind bereit. Die Gottlosen werden vom Angesicht der Erde verschwinden.« Dann streckte sie den Finger gegen die Uhr, die in einer Ecke des Zimmers stand, und sagte: »Sieh, du hast noch eine Viertelstunde, um zu bereuen. Hat der Zeiger diesen Punkt erreicht, so ist dein Schicksal entschieden.« Während sie noch sprach, ließ sich, zuerst noch undeutlich, ein dumpfes Getöse vernehmen, dem Brausen einer Volksmenge ähnlich, die um eine große Feuersbrunst wogt; dann schien es rasch anzuschwellen, und einige Minuten später unterschied man schon in der Ferne das Geläute der Glocken und das Knattern der Feuerwaffen. »Was für Greuel verkündet Ihr mir?« schrie Mergy. Die Gräfin war an das Fenster gestürzt, das sie geöffnet hatte. Nun drang der Lärm, von den Scheiben und Vorhängen nicht mehr gedämpft, deutlicher herein. Es schien, als unterscheide man Schmerzensschreie und Freudengeheul. Ein rötlicher Dampf stieg zum Himmel auf und erhob sich aus allen Teilen der Stadt, so weit der Blick reichen konnte. Man hätte es für eine ungeheure Feuersbrunst halten können, wenn nicht ein harziger Geruch, der nur von Tausenden brennender Fackeln herrühren konnte, alsbald das ganze Zimmer erfüllt hätte. Gleichzeitig erleuchtete der Schein eines Büchsenschusses, der, wie es schien, in der Straße abgefeuert worden war, auf einen Augenblick die Scheiben des benachbarten Hauses. »Das Morden hat begonnen!« rief die Gräfin und rang voll Entsetzen die Hände. »Welches Morden? Was wollt Ihr sagen?« »Diese Nacht werden alle Hugenotten erwürgt; der König hat es befohlen. Alle Katholiken haben zu den Waffen gegriffen, und nicht ein einziger Ketzer wird verschont werden. Die Kirche und Frankreich sind gerettet; du aber bist verloren, wenn du deinen falschen Glauben nicht abschwörst.« Mergy fühlte, wie kalter Schweiß sich über seine Glieder zog. Mit verstörtem Blick betrachtete er Diana de Turgis, deren Züge eine merkwürdige Mischung von Angst und Triumph ausdrückten. Das entsetzliche Getöse, das an seine Ohren drang und das die ganze Stadt erfüllte, bewies nur zu sehr die Wahrheit der schaudervollen Nachricht, die sie ihm eben erst mitgeteilt hatte. Während einiger Augenblicke blieb die Gräfin unbeweglich stehen und heftete, ohne zu sprechen, die Augen starr auf ihn; nur ihr gegen das Fenster ausgestreckter Finger schien Mergys Phantasie aufzufordern, sich die blutigen Szenen auszumalen, welche der Feuerschein und das Geschrei der Kannibalen erraten ließen. Allmählich ließ die Spannung in ihren Zügen nach; die wilde Freude schwand, und nur das Entsetzen blieb zurück. Endlich sank sie auf die Knie und rief mit flehender Stimme: »Bernard, ich beschwöre dich, rette dein Leben, bekehre dich, rette dein Leben; rette das meine, das von dem deinen abhängt!« Mergy warf ihr einen wilden Blick zu, während sie, auf den Knien rutschend, die Arme nach ihm ausgestreckt, ihm durch das Zimmer folgte. Ohne ein Wort zu erwidern, lief er in den hinteren Teil des Gemaches und griff nach seinem Degen, den er beim Eintreten auf einen der Lehnstühle gelegt hatte. »Unglückseliger! Was willst du tun?« rief die Gräfin und stürzte auf ihn zu. »Mich verteidigen! Man soll mich nicht wie ein Schaf abschlachten.« »Tausend Degen könnten dich nicht retten, Wahnsinniger, du! Die ganze Stadt ist in Waffen. Die Garde des Königs, die Schweizer, die Bürger, das Volk, alle nehmen am Gemetzel teil; es gibt keinen Hugenotten, gegen dessen Brust in diesem Augenblick nicht zehn Dolche gezückt wären. Nur ein einziges Mittel gibt es, dich dem Tode zu entreißen: werde Katholik!« Mergy war tapfer; als er aber der Gefahren gedachte, die diese Nacht zu bergen schien, fühlte er, wie einen Augenblick lang eine feige Furcht sich in sein Herz schlich, und blitzartig tauchte der Gedanke in ihm auf, sich durch Abschwören seiner Religion zu retten. »Ich bürge für dein Leben, wenn du katholisch wirst«, sagte Diana, die Hände faltend. »Wenn ich abtrünnig würde, müßte ich mein Leben lang mich selbst verachten.« Dieser Gedanke genügte, um ihm seinen Mut wiederzugeben, den die Scham, auch nur für einen Augenblick schwach geworden zu sein, noch verdoppelte. Er drückte den Hut tief auf den Kopf, gürtete den Degen um und trat entschlossen zur Tür, nachdem er noch seinen Mantel statt eines Schildes um den linken Arm gewunden hatte. »Wohin gehst du, Unglücklicher?« »Auf die Straße ... Ich will Euch nicht den Schmerz bereiten, mich in Eurem Hause und unter Euren Augen ermordet zu sehen.« In seiner Stimme lag eine solche Verachtung, daß die Gräfin davon wie vernichtet war. Sie hatte sich ihm in den Weg geworfen. Er stieß sie hart zurück. Sie aber ergriff einen Zipfel seines Wamses und schleppte sich auf den Knien hinter ihm her. »Laßt mich!« rief er. »Wollt Ihr selbst mich den Dolchen der Mörder ausliefern? Die Mätresse eines Hugenotten kann sich von ihren Sünden loskaufen, wenn sie das Blut ihres Geliebten Gott darbringt.« »Halt ein, Bernard, ich flehe dich an! Ich will nur dein Heil. Lebe für mich, geliebter Engel! Rette dich, im Namen unserer Liebe. Willige ein, nur ein einziges Wort zu sprechen, und ich schwöre dir, daß du gerettet bist.« »Wie? ich ... ich sollte die Religion von Mördern und Banditen annehmen? Ihr heiligen Märtyrer des Evangeliums, euch will ich nachfolgen!« Und er riß sich so ungestüm von der Gräfin los, daß diese hart auf den Boden aufschlug. Eben wollte er die Tür öffnen, um hinauszutreten, als Diana mit der Behendigkeit einer jungen Tigerin sich auf ihn stürzte und ihn mit einer Umklammerung, stärker als die eines Mannes, in ihre Arme preßte. »Bernard!« schrie sie außer sich und mit Tränen in den Augen, »so liebe ich dich mehr, als wenn du katholisch würdest.« Und ihn zu dem Ruhebette ziehend, ließ sie sich mit ihm darauf niedersinken und bedeckte ihn mit Küssen und Tränen. »Bleibe hier, mein einzig Geliebter! Bleibe bei mir, mein tapferer Bernard!« sagte sie, ihn an sich drückend, und wand ihren Körper um ihn wie eine Schlange, die sich um ihre Beute ringelt. »Sie werden dich hier, in meinen Armen, nicht suchen; und sie müßten mich töten, ehe sie zu deiner Brust gelangten. Verzeih, teurer Geliebter! ich konnte dich nicht früher vor der Gefahr warnen, die dich bedrohte. Ich war durch einen furchtbaren Eid gebunden. Jetzt aber will ich dich retten oder mit dir zugrunde gehen.« In diesem Augenblick wurde laut an das Tor gepocht, das zur Straße führte. Die Gräfin stieß einen durchdringenden Schrei aus, und Mergy, der sich aus ihrer Umklammerung befreit hatte und den zusammengerollten Mantel noch um den Arm trug, fühlte sich nun so stark und so entschlossen, daß er nicht gezögert hätte, sich kopfüber mitten unter Hunderte von Mördern zu stürzen, wenn diese ihm entgegengetreten wären. Fast an allen Pariser Häusern befand sich in der Eingangstür eine kleine viereckige Öffnung, die durch ein dichtes Eisengitter abgeschlossen war, so daß die Bewohner des Hauses von innen feststellen konnten, ob ihre Sicherheit nicht gefährdet sei, wenn sie öffneten. Aber selbst die mit schweren eisernen Nägeln und Schienen versehenen massiven Eichentore genügten nicht immer, um die Hausbewohner zu beruhigen, die auf ihrer Hut und erst nach einer regelrechten Belagerung sich zu ergeben gesonnen waren. Zu beiden Seiten des Tores waren daher noch Schießscharten angebracht, aus denen man, ohne gesehen zu werden, nach Belieben auf die Angreifer feuern konnte. Ein alter vertrauter Knappe der Gräfin, der den Ankömmling durch ein solches Gitter einer Prüfung und einem angemessenen Verhör unterzogen hatte, meldete seiner Herrin, der Hauptmann George de Mergy bitte inständig, eingelassen zu werden. Die Furcht schwand, und das Tor tat sich auf. Der 24. August »Saignez! Saignez!« Ausspruch des Marschalls von Tavannes Nachdem Hauptmann George seine Kompanie verlassen hatte, war er nach Hause gerannt, in der Hoffnung, seinen Bruder anzutreffen; dieser aber war schon weggegangen und hatte den Dienern hinterlassen, daß er die ganze Nacht abwesend sein würde. George konnte unschwer daraus schließen, daß er bei der Gräfin sei, und hatte sich eiligst auf den Weg gemacht, ihn dort zu suchen. Das Blutbad hatte schon seinen Anfang genommen; bei jedem Schritt wurde er durch das lärmende Getümmel und das Gedränge der Mordbuben sowie durch die quer über die Straßen gespannten Ketten aufgehalten. Er war gezwungen, am Louvre vorbeizugehen, wo der Fanatismus seine ganzen Schrecknisse entfaltete. Eine große Anzahl von Protestanten bewohnte dieses Viertel, das nun von katholischen Bürgern und Gardesoldaten überflutet war, die mit Feuer und Schwert wüteten. ›Das Blut floß hier von allen Seiten und suchte den Fluß zu gewinnen‹, wie der bezeichnende Ausdruck eines Schriftstellers D'Aubigné, Universalgeschichte damaliger Zeit lautet, und man konnte die Straßen nicht überschreiten, ohne jeden Augenblick Gefahr zu laufen, von Leichen erschlagen zu werden, die aus den Fenstern geworfen wurden. Mit teuflischer Voraussicht hatte man den größten Teil der Boote, die gewöhnlich längs des Louvre vor Anker lagen, an das andere Ufer gebracht, so daß viele der Fliehenden, die in der Hoffnung, die Boote erreichen und sich dem Todesstoß ihrer Feinde entziehen zu können, zum Seineufer gestürzt waren, sich nun vor der furchtbaren Notwendigkeit sahen, zwischen den Fluten und den Hellebarden der sie verfolgenden Soldaten wählen zu müssen. An einem der Fenster seines Palastes konnte man aber, wie berichtet wird, Karl IX. sehen, wie er, mit einer langen Büchse bewaffnet, auf die Vorübergehenden pirschte. Ebenda Der Hauptmann setzte seinen Weg fort; er mußte über Leichen springen, das Blut spritzte an ihm empor, und bei jedem Schritt lief er Gefahr, einem der Mordbrenner aus Versehen zum Opfer zu fallen. Er hatte bemerkt, daß alle Soldaten und bewaffneten Bürger eine weiße Schärpe um den Arm und ein weißes Kreuz auf dem Hut trugen. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, dieses Abzeichen anzulegen; der Abscheu jedoch, den die Missetäter ihm einflößten, erstreckte sich auch auf die Merkmale, die ihnen dazu dienten, sich gegenseitig zu erkennen. Am Flußufer, nahe beim Châtelet, hörte er sich rufen. Er drehte sich um und sah einen Mann, bis an die Zähne bewaffnet und mit dem weißen Kreuze auf dem Hute, der mit ganz unbefangener Miene ein Stück Papier zwischen den Fingern rollte. Es war Béville. Kaltblütig sah er auf die Toten und die Lebendigen, welche über die Meunierbrücke in die Seine geworfen wurden. »Was zum Teufel tust du hier, George? Gibt dir ein Wunder oder die Gnade diesen schönen Eifer; denn du scheinst mir auf die Hugenottenjagd zu gehen?« »Und du, was tust du unter diesen Schuften?« »Ich? Meiner Treu, ich sehe zu! Das ist ein Schauspiel! Und weißt du, was ich eben für einen guten Streich gespielt habe? Du kennst doch den alten Michel Cornabon, den hugenottischen Wucherer, der mich so gebrandschatzt hat?« »Hast du ihn umgebracht, Unglückseliger?« »Ich? Pfui! Ich mische mich nicht in Religionsgeschichten. Getötet habe ich ihn nicht, weit gefehlt; aber in meinen Keller habe ich ihn gesteckt, und er hat mir eine Quittung ausgestellt über alles, was ich ihm schulde ... so habe ich eine gute Tat vollbracht und bin dafür belohnt worden. Freilich habe ich, um ihm die Unterschrift der Quittung zu erleichtern, ihm zweimal die Pistole an den Kopf gesetzt, aber der Teufel hole mich, wenn ich die Absicht gehabt habe, loszudrücken ... Halt, sieh doch diese Frau, die mit den Röcken an einem Balken der Brücke festhängt. Sie wird hinunterfallen ... nein, sie fällt nicht. Potztausend! Das ist interessant, und es verlohnt sich der Mühe, näher zuzusehen.« George verließ ihn und sagte sich, indem er sich vor die Stirne schlug: ›Das ist nun einer der ehrenhaftesten Edelleute, den ich in dieser Stadt kenne.‹ Er bog in die Rue Saint-Josse ein, die verödet und unerleuchtet vor ihm lag. Hier wohnte allem Anschein nach kein einziger Reformierter. Der Lärm aus den umliegenden Straßen war jedoch deutlich zu vernehmen. Plötzlich leuchteten die weißen Mauern in rotem Fackelschein auf. Er hörte durchdringende Schreie und sah eine halbnackte Frau mit gelöstem Haar, die ein Kind in den Armen hielt. Sie floh mit einer ans Übernatürliche grenzenden Geschwindigkeit. Zwei Männer, die sich gegenseitig mit wildem Geschrei anfeuerten, verfolgten sie, wie Jäger ein wildes Tier jagen. Die Frau wollte sich in einen offenen Hausgang werfen, als einer der Verfolger aus der Büchse, mit der er bewaffnet war, Feuer gab. Der Schuß traf sie im Rücken und warf sie nieder. Sogleich raffte sie sich wieder auf, tat einen Schritt auf George zu und brach aufs neue in die Knie; dann hob sie mit einer letzten Anstrengung das Kind dem Hauptmann entgegen, als wolle sie es seinem Edelmut anvertrauen, und verschied, ohne einen Laut von sich zu geben. »Wieder so eine Ketzerhündin weniger!« rief der Mann, der den Büchsenschuß abgegeben hatte. »Ich werde erst ruhen, wenn ich deren zwölf hinüberbefördert habe.« »Elender!« schrie der Hauptmann und schoß auf Armeslänge seine Pistole auf ihn ab. Der Kopf des Unholds schlug an die gegenüberliegende Mauer. Er riß auf erschreckliche Weise die Augen auf, und stocksteif auf den Fersen gleitend, wie ein Brett, das schlecht angelehnt ist, fiel er tot zu Boden. »Wie, einen Katholiken morden!« rief sein Genosse, der in der einen Hand eine brennende Fackel und in der andern einen bluttriefenden Degen hielt. »Wer seid Ihr denn? – Beim heiligen Meßopfer! Ihr seid ja einer von den Chevau-légers des Königs! Gottes Tod! Das ist ein Versehen, Herr Offizier.« Der Hauptmann nahm die zweite Pistole aus seinem Gürtel und lud sie. Die Bewegung und das leichte Knacken des Hahnes waren durchaus nicht mißzuverstehen. Der Mordbrenner warf seine Fackel hin und ergriff die Flucht, so schnell ihn seine Beine tragen wollten. George würdigte ihn nicht einmal eines Schusses. Er beugte sich nieder, untersuchte die auf dem Boden liegende Frau und sah, daß sie tot war. Die Kugel war durch und durch gegangen; ihr Kind, das die Arme um ihren Hals geschlungen hatte, schrie und weinte. Es war mit Blut bedeckt, wie durch ein Wunder aber unversehrt geblieben. Der Hauptmann hatte einige Mühe, es von der Mutter loszulösen, an die es sich mit aller Kraft klammerte, und hüllte es dann in seinen Mantel. Durch das eben Erlebte nun zur Vorsicht gemahnt, hob er den Hut des Toten auf, löste das weiße Kreuz ab und befestigte es auf seinem Hut. So gelangte er, ohne angehalten zu werden, bis zum Hause der Gräfin. Die beiden Brüder fielen sich in die Arme und hielten sich einige Minuten eng umschlungen, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Endlich berichtete der Hauptmann mit wenigen Worten, in welchem Zustand sich die Stadt befinde. Bernard verfluchte den König, die Guisen und die Geistlichkeit; er wollte das Haus verlassen, um sich mit seinen Brüdern zu vereinigen, falls diese an irgendeiner Stelle versuchen sollten, Widerstand zu leisten. Die Gräfin weinte und hielt ihn zurück, und das Kind schrie und verlangte nach seiner Mutter. Schon war mit Schreien, Weinen und Seufzen viel kostbare Zeit verloren worden, und nun mußte endlich ein Entschluß gefaßt werden. Was das Kind betraf, so nahm es der Knappe der Gräfin auf sich, eine Frau ausfindig zu machen, die es in Pflege nehmen sollte. Mergy konnte in diesem Augenblick nicht fliehen. Wohin sollte er sich auch wenden? Wußte man denn, ob das Blutbad sich nicht von einem Ende Frankreichs zum andern ausdehnen würde? Zahlreiche Abteilungen der Garde hielten die Brücken besetzt, über welche die Reformierten sich zum Faubourg Saint-Germain hätten begeben können, von wo aus sie leichter aus der Stadt entkommen und die südlichen Provinzen erreichen konnten, die von jeher ihrer Sache ergeben waren. Anderseits schien es untunlich und sogar unklug, die Gnade des Königs anrufen zu wollen zu einer Zeit, wo dieser, selbst von dem Massenmord überhitzt, an immer neue Opfer dachte. Das Haus der Gräfin, das im Rufe großer Frömmigkeit stand, war einer eingehenden Untersuchung von seiten der Mörder nicht ausgesetzt, und Diana glaubte ihrer Dienstleute sicher zu sein. Daher hätte Mergy nirgends einen Zufluchtsort gefunden, an welchem er weniger Gefahr lief. So beschloß man denn, daß er sich dort verbergen und den Gang der Ereignisse abwarten solle. Als es Tag wurde, hörten die Mordtaten nicht auf sondern schienen im Gegenteil noch zuzunehmen und sich nach bestimmter Ordnung zu vollziehen. Da war kein Katholik, der nicht aus Angst, der Ketzerei verdächtigt zu werden, das weiße Kreuz getragen und sich bewaffnet oder Hugenotten angezeigt hätte, die noch am Leben waren. Der König aber, in seinen Palast eingeschlossen, war unzugänglich für jeden außer für die Anführer der Mörder. Der Pöbel, von der Hoffnung auf Plünderung angezogen, hatte sich mit der Bürgergarde und den Soldaten vereinigt, und in den Kirchen wurden die Gläubigen von den Geistlichen zu verdoppelter Grausamkeit aufgefordert. »Laßt uns mit einem Male«, so sprachen sie, »die Köpfe der Hydra zermalmen und für immer den Bürgerkriegen ein Ende bereiten.« Und um diesem Volke, das nach Blut und Wundern gierig war, zu beweisen, daß der Himmel seine Raserei billige und sie durch ein schlagendes Wunder ermutigen wolle, riefen sie: »Geht hinaus auf den Friedhof der Unschuldigen Kinder, seht den Weißdorn an, der wieder in Blüte steht, als wäre er verjüngt und neu gekräftigt, da er mit Ketzerblut begossen worden.« Zahlreiche Prozessionen der bewaffneten Meuchelmörder zogen mit aller Prachtentfaltung hinaus, um den heiligen Dornbusch zu verehren, und verließen den Friedhof, erfüllt von neuem Eifer, jene aufzuspüren und dem Tode zu überliefern, die der Himmel so augenscheinlich verurteilte. Ein Wort Katharinas war in aller Munde. Man wiederholte es, während man Kinder und Frauen erwürgte: Che pietà lor ser crudele, ehe crudeltà lor ser pietoso – Menschlichkeit ist es, heute grausam zu sein, und Grausamkeit, menschlich zu sein. Und sonderbar! Unter allen diesen Protestanten waren nur wenige, die nicht im Krieg gewesen wären und an erbitterten Schlachten teilgenommen hätten, in denen sie, oft mit Erfolg, versucht hatten, die Überlegenheit der Zahl durch ihren Mut auszugleichen. Und nun fanden sich nur zwei, die ihren Mördern während dieser Metzelei Widerstand leisteten, und nur einer von diesen beiden war im Krieg gewesen. Vielleicht hatte die Gewohnheit, in Scharen und nach bestimmter Ordnung zu kämpfen, sie jener persönlichen Energie beraubt, die jeden Protestanten hätte antreiben müssen, sich in seinem Hause wie in einer Festung zu verteidigen. Man sah alte Krieger wie ergebene Opfertiere ihre Kehle den Missetätern preisgeben, die noch am Tag vorher vor ihnen gezittert hätten. Ihre Entsagung hielten sie für Mut und zogen Märtyrerruhm dem Soldatenruhm vor. Als der erste Blutdurst gestillt war, gewahrte man, wie die milder Gesinnten unter den Mordenden ihren Opfern anboten, um den Preis der Abschwörung ihnen das Leben zu schenken. Nur eine ganz geringe Anzahl unter den Kalvinisten machte von diesem Angebot Gebrauch und willigte ein, durch eine vielleicht verzeihliche Lüge sich vom Tode und oft von Folterqualen loszukaufen. Frauen und Kinder sprachen ihr Glaubensbekenntnis unter den über ihren Köpfen erhobenen Degen und starben ohne ein Wort der Klage. Nach zwei Tagen versuchte der König, dem Gemetzel Einhalt zu tun; sind die Leidenschaften der Masse aber einmal entfesselt, so ist es unmöglich, sie wieder einzudämmen. Man ließ nicht nur nicht nach, die Dolche zu zücken, sondern zwang den König, den man eines gottlosen Mitleids bezichtigte, seine Gnade gewährenden Worte zurückzunehmen und seine Bosheit, die ohnehin einer der Grundzüge seines Charakters war, aufs Äußerste zu treiben. Während der ersten Tage, die der Bartholomäusnacht folgten, erhielt Mergy in seinem Zufluchtsort regelmäßig den Besuch seines Bruders, der ihm immer neue Berichte über die grauenvollen Szenen brachte, deren Zeuge er war. »Wann endlich werde ich dieses Land des Mordes und der Verbrechen verlassen können«, rief George. »Ich zöge es vor, mitten unter wilden Tieren zu leben, statt unter Franzosen.« »Komm mit mir nach La Rochelle«, sagte Mergy. »Hoffentlich haben die Mordbrenner es noch nicht genommen; geh mit mir, um dort zu sterben und deinen Abfall vergessen zu lassen, indem du das letzte Bollwerk unserer Religion verteidigst.« »Ach, und was soll aus mir werden?« sagte Diana. »Laß uns lieber nach Deutschland oder England gehen«, antwortete George. »Da werden wir wenigstens nicht gemordet und brauchen nicht zu morden.« Alle diese Pläne wurden nicht ausgeführt. George wurde gefangengesetzt, weil er den Befehlen des Königs nicht gehorcht hatte; und die Gräfin, die davor zitterte, ihr Geliebter könne entdeckt werden, dachte nur daran, wie sie ihn aus Paris entfernen könne. Die beiden Mönche Lui mettant un capuchon, Ils en firent un moine. Chanson populaire In einer Schenke an den Ufern der Loire, nicht weit von Orléans gegen Beaugency zu, saß ein junger Mönch in der braunen Kutte und einer großen Kapuze, die er halb heruntergelassen hatte, vor einem Tisch und hielt die Augen mit einer Aufmerksamkeit auf sein Brevier gesenkt, die höchst erbaulich wirkte, obwohl die Ecke, die er sich zum Lesen ausgesucht hatte, etwas dunkel war. An seinem Gürtel hing ein Rosenkranz, dessen Perlen größer als Taubeneier waren, und ein reichlicher Vorrat an Medaillen verschiedener Heiliger war an der gleichen Schnur befestigt und klirrte bei jeder Bewegung, die er machte. Wenn er den Kopf hob, um nach der Tür zu blicken, wurde ein schöngeformter Mund sichtbar, mit einem Schnurrbart verziert, der in Form eines Türkenbogens aufgedreht und so unternehmend war, daß er einem Gendarmeriehauptmann Ehre gemacht hätte. Seine Hände waren recht weiß, die Nägel lang und sehr sorgfältig geschnitten, und nichts verriet, daß er nach Brauch seines Ordens jemals Schaufel und Rechen geführt habe. Eine pausbäckige junge Bäuerin, die das Amt einer Dienstmagd und Köchin in dieser Schenke versah, deren Eigentümerin sie außerdem noch war, näherte sich dem jungen Mönch, und nachdem sie ihm eine linkische Verbeugung gemacht hatte, sagte sie: »Nun, Vater, wollt Ihr nichts zu Mittag bestellen? Wißt Ihr, daß es schon nach zwölf Uhr ist?« »Wird das Schiff von Beaugency noch lange ausbleiben?« »Wer kann es wissen! Das Wasser ist niedrig, und man kann nicht fahren, wie man will. Und wenn auch, so ist es doch noch nicht an der Zeit. Hört, an Eurer Stelle würde ich hier zu Mittag speisen.« »Nun gut, so will ich hier essen. Aber habt Ihr keinen anderen Raum als diesen, wo ich speisen könnte? Ich merke hier einen Geruch, der mir nicht angenehm ist.« »Ihr seid recht zimperlich, Vater; ich rieche hier gar nichts.« »Werden in der Nähe des Wirtshauses Schweine gesengt?« »Schweine? Ach, das ist komisch! Schweine! Ja, oder so was Ähnliches. Freilich sind es Schweine, denn zu ihren Lebzeiten sind sie borstig genug gewesen, wie man sagt. Aber zum Essen sind diese Schweine nicht. Hugenotten sind es, mit Verlaub, Vater, die man am Flußufer verbrennt, hundert Schritt von hier, und ihren Duft riecht man.« »Hugenotten?« »Ja, Hugenotten. Macht Euch das etwas? Das braucht Euch den Appetit nicht zu verderben. Aber einen andern Raum zum Speisen besitze ich leider nicht, ich habe nur diesen einen; so müßt Ihr Euch schon damit zufriedengeben. Ach was! Ein Hugenotte riecht gar nicht so übel. Übrigens, wenn man sie nicht verbrennte, würden sie vielleicht noch mehr stinken. Heute früh lag ein ganzer Haufen auf dem Sand, ein Haufe, so hoch wie – was denn nur? – nun, so hoch wie der Kamin da.« »Und Ihr schaut Euch diese Leichen an?« »Ach, Ihr meint, weil sie nackt waren? Aber Tote, ehrwürdiger Vater, die zählen nicht; die haben mir nicht mehr Eindruck gemacht, als wenn ich einen Haufen toter Frösche gesehen hätte. Es scheint, daß sie in Orléans gestern tüchtig gearbeitet haben; denn die Loire hat uns eine gewaltige Menge von diesen Ketzerfischen mitgebracht, und da das Wasser niedrig ist, findet man jeden Tag ein paar, die auf dem Trockenen bleiben. Gestern hat sogar der Müllerbursche, als er in seinem Netz nach Schleien sah, eine tote Frau darin gefunden, die einen gehörigen Hellebardenstich im Leibe hatte. Seht her, hier ist er hineingegangen und zwischen den Schultern wieder heraus. Freilich hätte er lieber einen Karpfen gefunden. Aber was habt Ihr denn, Ehrwürden? Wollt Ihr in Ohnmacht fallen? Soll ich Euch, bis das Essen fertig ist, einen Schluck Beaugencer Wein geben, der wird Euch das Herz im Leibe wieder zurechtrücken?« »Nein, danke.« »Nun, was wollt Ihr denn essen?« »Das erste beste – es ist mir einerlei.« »Was, schon wieder? Hört, ich habe eine wohlgefüllte Speisekammer.« »Nun, dann gebt mir ein Huhn und laßt mich mein Brevier lesen.« »Ein Huhn, ein Huhn, Euer Ehrwürden! Nun, das ist nicht schlecht! Ihr laßt auf Euren Zähnen keine Spinnweben wachsen an einem Fasttage. Habt Ihr denn Dispens vom Papst, daß Ihr an einem Freitag ein Huhn essen wollt?« »Ach, wie zerstreut ich bin!... Ja natürlich, heute ist Freitag ... am Freitage sollst du kein Fleisch essen. So gebt mir Eier. Ich danke Euch für Eure Warnung, durch die ich eine so schwere Sünde vermeiden konnte.« »Da sieht man's«, sagte die Wirtin halblaut, »wenn man diese Herren nicht aufmerksam machte, würden sie an einem Fasttage Hühner essen, und wenn sie in der Suppe einer armen Frau auch nur ein armseliges Stückchen Speck finden, so machen sie ein Aufhebens davon, daß sich einem das Blut umkehrt.« Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich der Zubereitung der Eier zu, und der Mönch fing wieder an, in seinem Brevier zu lesen. »Ave Maria, Schwester«, sagte ein anderer Mönch, der in dem Augenblicke die Schenke betrat, als Jungfer Marguerite den Pfannenstiel ergriffen hatte und sich eben anschickte, einen umfangreichen Eierkuchen umzuschwenken. Der neu Angekommene war ein schöner Greis mit grauem Bart, groß, kräftig und feist; sein Gesicht war stark gerötet; was aber zuerst den Blick auf sich zog, war ein riesiges Pflaster, das ein Auge und die Hälfte der Backe verdeckte. Er sprach geläufig Französisch, aus seiner Aussprache war jedoch ein leicht fremdländischer Klang herauszuhören. Sowie er eintrat, zog der junge Mönch seine Kapuze noch tiefer über das Gesicht, so daß man ihn nicht erkennen konnte; und was Jungfer Marguerite noch mehr in Staunen setzte, war, daß der eben angekommene Mönch, der wegen der Hitze seine Kapuze zurückgeschlagen hatte, sie eiligst herunterließ, als er seinen Mitbruder gewahrte. »Wahrhaftig, Vater«, sagte die Wirtin, »Ihr kommt gerade recht zum Essen; Ihr braucht nicht zu warten und seid unter guten Bekannten.« Dann wandte sie sich zu dem jungen Mönch und sagte: »Nicht wahr, Euer Ehrwürden, Ihr seid entzückt, mit Seiner Ehrwürden zu Mittag zu speisen? Der Duft meiner Omelette hat ihn angezogen. Freilich spare ich auch nicht an Butter.« Der junge Mönch antwortete schüchtern und stotternd: »Ich fürchte, den Herrn zu stören.« Der alte Mönch senkte den Kopf tief und sprach seinerseits: »Ich bin ein armer elsässischer Mönch ... ich spreche schlecht Französisch ... und ich fürchte, meine Gesellschaft wird meinem Mitbruder nicht angenehm sein.« »Warum nicht gar!« rief Jungfer Marguerite. »Ihr werdet doch unter Mönchen keine Umstände machen, und noch dazu unter Mönchen vom gleichen Orden soll nur ein Tisch und ein Bett sein.« Und sie ergriff einen Schemel und schob ihn an den Tisch, gerade dem jungen Mönch gegenüber. Der Alte ließ sich, etwas zur Seite gewandt, darauf nieder und befand sich allem Anschein nach in größter Verlegenheit; sein Wunsch, zu Mittag zu essen, und eine gewisse Abneigung, sich einem Ordensbruder gegenüber zu sehen, schienen im heftigsten Widerstreit zu liegen. Die Omelette wurde aufgetragen. »Nun vorwärts, ehrwürdige Väter, sprecht schnell Euer Tischgebet, und dann sagt mir, ob mehr Eierkuchen nicht gut ist.« Bei dem Worte Tischgebet schienen die beiden noch mehr in Verlegenheit zu geraten. Der Jüngere sagte zum Älteren: »An Euch ist es, vorzubeten. Ihr seid der Ältere, und Euch steht diese Ehre zu.« »Nein, durchaus nicht, Ihr wart vor mir hier, Ihr müßt es sprechen.« »Nein, ich bitte Euch.« »Ich werde es bestimmt nicht tun.« »Ihr müßt es unbedingt.« »Ihr sollt sehen«, sagte Jungfer Marguerite, »sie lassen meinen schönen Eierkuchen noch kalt werden. Hat man jemals zwei Franziskaner gesehen, die so viele Umstände machen? Der Alte soll das Tischgebet und der Jüngere das Dankgebet sprechen.« »Ich kann das Tischgebet nur in meiner Sprache«, sagte der alte Mönch. Der Jüngere schien überrascht und warf einen verstohlenen Blick auf seinen Gefährten. Der letztere faltete jedoch ganz fromm die Hände und fing an, unter seiner Kapuze einige Worte zu murmeln, die niemand verstand. Dann setzte er sich wieder hin, und im Handumdrehen, ohne ein Wort zu sagen, hatte er drei Viertel der Omelette verschlungen und die Flasche geleert, die vor ihm stand. Sein Gefährte, die Nase im Teller, machte den Mund nur auf, um zu essen. Nachdem sie mit der Omelette fertig waren, stand er auf, faltete die Hände und sprach undeutlich und schnell ein paar lateinische Worte, deren letzte lauteten: »Et beata viscera virginis Mariae.« Es waren die einzigen, die Marguerite hörte. »Was für ein sonderbares Dankgebet, mit Verlaub zu sagen, sprecht Ihr da, Vater? Mir scheint es nicht das gleiche, das unser Pfarrer betet.« »Es ist das Dankgebet unseres Klosters«, erwiderte der junge Franziskaner. »Wird das Boot bald kommen?« fragte der andere Mönch. »Nur Geduld! Das hat noch gute Weile«, antwortete Jungfer Marguerite. Das schien dem jungen Bruder unangenehm, wenigstens nach einer Kopfbewegung zu urteilen, die er machte. Er wagte jedoch nicht die leiseste Einwendung, nahm sein Brevier zur Hand und fing mit verdoppelter Aufmerksamkeit wieder zu lesen an. Der Elsässer seinerseits drehte seinem Gefährten den Rücken zu und ließ die Perlen seines Rosenkranzes durch Zeigefinger und Daumen gleiten, während er die Lippen bewegte, ohne daß der geringste Laut daraus hervordrang. ›Das sind die sonderbarsten Mönche, die ich jemals gesehen habe, und auch die schweigsamstem‹, dachte Jungfer Marguerite und ließ sich an ihrem Spinnrad nieder, das sie alsbald in Bewegung setzte. Seit einer Viertelstunde war das Schweigen nur durch das Schnurren des Spinnrads unterbrochen worden, als vier bewaffnete Männer von sehr verdächtigem Aussehen die Schenke betraten. Als sie die Mönche erblickten, berührten sie leicht den Hutrand, und einer von ihnen, der Marguerite mit dem vertraulichen Namen ›kleine Margot‹ begrüßte, verlangte zunächst Wein und dann recht rasch etwas zu essen, denn, wie er sagte, »mir wächst Moos in der Kehle; so lange habe ich meine Kinnbacken nicht mehr gerührt.« »Wein! Wein!« murmelte Jungfer Marguerite. »Das ist leicht gesagt, Herr Bois-Dauphin. Aber werdet Ihr die Zeche auch bezahlen? Ihr wißt, Hans Pump ist tot; und übrigens seid Ihr mir für Wein und für Mittag- und Abendessen mehr als sechs Taler schuldig, so wahr ich eine anständige Frau bin.« »Das eine ist so wahr wie das andere«, antwortete Bois-Dauphin lachend, »das heißt, ich schulde Euch zwei Taler, Mutter Margot, und nicht einen Heller mehr.« Und er gebrauchte einen recht kräftigen Ausdruck. »Ach, Jesus! Maria! Hat man so etwas gehört?...« »Nun, nun, plärre nicht, Alte. Also sechs Taler, sei's drum. Ich zahle sie dir, Margot, und das obendrein, was wir noch verzehren; ich bin bei Kasse heute, obwohl ich bei dem Handwerk, das wir treiben, nicht viel verdiene. Ich weiß nicht, was diese Tröpfe mit ihrem Gelde tun.« »Wohl möglich, daß sie es verschlucken, wie es die Deutschen machen«, sagte einer der Kameraden. »Alle Wetter!« rief Bois-Dauphin, »da muß man genauer zusehen. Gute Goldstücke in einem Ketzergerippe, das ist ein Füllsel, das man nicht den Hunden vorwerfen soll.« »Wie heute früh die Tochter des Predigers geschrien hat!« sagte der Dritte. »Und der dicke Prediger«, fügte der letzte hinzu; »was habe ich gelacht! Er war so dick, daß er im Wasser nicht untergehen konnte.« »Ihr habt also tüchtig gearbeitet, heute morgen?« fragte Marguerite, die mit vollen Flaschen aus dem Keller zurückkam. »Soso, lala«, antwortete Bois-Dauphin, »Männer, Frauen und kleine Kinder zusammengerechnet, waren es zwölf, die wir ins Wasser oder ins Feuer geworfen haben. Aber das Unglück ist, Margot, daß sie keinen Heller bei sich trugen; außer der Frau, die ein paar Lappalien hatte, ist dieses ganze Wild keinen Schuß Pulver wert. Ja, Vater«, fuhr er fort und wandte sich zu dem jüngeren der Mönche, »wir haben uns heute morgen wohl ein paar Ablässe dafür verdient, daß wir diese Ketzerhunde, Eure Feinde, umgebracht haben.« Der Mönch sah ihn einen Augenblick an und fuhr dann zu lesen fort; das Brevier zitterte merklich in seiner linken Hand, und er krampfte die rechte zusammen wie ein Mensch, der von einer heftigen Erregung befallen ist. »Wißt ihr, was die Ablässe betrifft«, sagte Bois-Dauphin und wandte sich wieder zu seinen Genossen, »da hätte ich gerne einen, um heute Fleisch essen zu dürfen. Ich sehe in Jungfer Marguerites Hühnerhof Hühner, die mich gehörig in Versuchung führen.« »Ach was«, sagte einer der Bösewichter, »essen wir welche, deswegen werden wir nicht verdammt. Wir gehen morgen zum Beichten, und damit basta.« »Hört, Gevattern«, sagte ein anderer, »mir kommt ein Gedanke. Fragen wir diese fetten Kuttenträger da um die Erlaubnis, Fleisch zu essen.« »Ja, als ob sie die geben könnten!« antwortete sein Kamerad. »Bei den Eingeweiden Unserer Lieben Frau!« schrie Bois-Dauphin, »ich weiß ein besseres Mittel als alles dieses; ich will es euch ins Ohr sagen.« Die vier Spitzbuben steckten sogleich die Köpfe zusammen, und Bois-Dauphin erklärte ganz leise seinen Plan, der mit großem Gelächter aufgenommen wurde. Nur einer der Banditen zeigte einige Bedenken. »Das ist ein schlechter Gedanke, den du da hast, Bois-Dauphin, und das kann uns Unglück bringen; ich tue nicht mit.« »Schweig doch, Cuillemain; als ob es eine Todsünde wäre, einem die Dolchklinge unter die Nase zu halten!« »Ja, aber einem Geschorenen ...« Sie tuschelten leise miteinander, und die beiden Mönche versuchten aus den wenigen Worten, die sie aus dem Gespräch auffangen konnten, ihre Absichten zu erraten. »Ach was, das macht keinen Unterschied«, erwiderte Bois-Dauphin etwas lauter; »und dann ist es so, er wird die Todsünde begehen und nicht ich.« »Ja, ja, Bois-Dauphin hat recht«, schrien die beiden anderen. Alsbald erhob sich Bois-Dauphin und verließ den Saal. Einen Augenblick später vernahm man ein jämmerliches Gegacker, und bald erschien der Unhold wieder und hielt in jeder Hand ein totes Huhn. »Ach, du Verfluchter!« schrie Jungfer Marguerite. »Meine Hühner umbringen! Und noch dazu an einem Freitag! Was willst du damit tun, du Räuber?« »Still, Jungfer Marguerite, und schreit mir nicht die Ohren voll; Ihr wißt, daß ich ein schlimmer Bursche bin. Richtet Euren Bratspieß her und laßt mich nur machen.« Dann näherte er sich dem Elsässer Bruder und sagte: »Ehrwürdiger Vater, Ihr seht wohl diese beiden Tiere da? Nun also, ich möchte, daß Ihr mir die Gnade erweiset, sie zu taufen.« Der Mönch prallte vor Überraschung zurück; der andere schlug sein Buch zu, und Jungfer Marguerite begann Bois-Dauphin mit Beschimpfungen zu überhäufen. »Ich sollte taufen?« fragte der Mönch. »Ja, Vater, ich werde der Taufpate sein, und Margot, die Ihr hier seht, ist Taufpatin. Und da sind die Namen, die ich meinen Patenkindern gebe: dieses da soll Karpf heißen und dieses hier Barsch. Das sind zwei hübsche Namen.« »Hühner taufen!« rief der Mönch lachend. »Ei freilich, zum Henker; vorwärts, Vater, schnell an die Arbeit!« »Du Taugenichts«, rief Marguerite, »glaubst du, daß ich in meinem Hause einen solchen Unfug zulasse? Glaubst du bei Juden oder beim Sabbat zu sein, daß du Tiere taufen willst?« »Schafft mir doch die Plärrerin vom Hals!« sagte Bois-Dauphin zu seinen Genossen. »Und Ihr, Vater, solltet Ihr den Namen des Messerschmieds, der diese Klinge gemacht hat, nicht lesen können?« Und während er so sprach, hielt er dem alten Mönch seinen entblößten Dolch unter die Nase. Der jüngere Mönch erhob sich von seiner Bank; fast im gleichen Augenblick setzte er sich aber wieder hin, als habe das Resultat einer vorsichtigen Erwägung ihn veranlaßt, sich in Geduld zu fassen. »Wie soll ich denn Geflügel taufen, liebe Kinder?« »Zum Teufel! Das ist ganz leicht; so wie Ihr uns tauft, uns Kinder, von Weibern geboren. Gießt ihnen ein wenig Wasser auf den Kopf und sprecht: ›Baptizo te Carpam et Percam. ‹ Nur sagt das in Eurem Kauderwelsch. Vorwärts, Petit-Jean, bring uns dieses Glas Wasser, und ihr alle, Hut ab und andächtig sein, beim heiligen Gott!« Zur allgemeinen Überraschung nahm der alte Franziskaner etwas Wasser, goß es den Hühnern auf den Kopf und sprach sehr rasch und undeutlich etwas, das nach einem Gebete aussah. Dann schloß er mit den Worten: »Baptizo te Carpam et Percam.« Hierauf setzte er sich wieder und nahm mit großer Gemütsruhe abermals seinen Rosenkranz auf, als ob er etwas ganz Alltägliches getan habe. Jungfer Marguerite war vor Staunen stumm geblieben; Bois-Dauphin triumphierte. »Vorwärts, Margot«, sagte er und warf ihr die Hühner hin, »richte Karpf und Barsch jetzt zu; sie sind ein vortreffliches Fastenessen.« Marguerite weigerte sich aber noch immer, sie trotz ihrer Taufe für ein Christenessen anzusehen. Sie entschloß sich erst, die improvisierten Fische am Spieße zu braten, als die Banditen sie mit Mißhandlung bedrohten. Unterdessen tranken Bois-Dauphin und seine Genossen ausgiebig; sie brachten Gesundheiten aus und vollführten einen Heidenlärm. »Hört!« schrie Bois-Dauphin und schlug mit der Faust kräftig auf den Tisch, um sich Gehör zu verschaffen. »Ich schlage vor, daß wir auf die Gesundheit unseres Heiligen Vaters, des Papstes, trinken und auf den Tod aller Hugenotten; und unsere zwei Kuttenträger und Jungfer Margot müssen uns Bescheid tun.« Der Vorschlag wurde von seinen drei Genossen mit Beifallsgeschrei aufgenommen. Etwas torkelnd erhob er sich, denn er war schon mehr als halb betrunken, und füllte das Glas des jungen Mönches aus einer Flasche, die er in der Hand trug. »Wohlan, guter Vater«, sagte er, »auf die Heiligkeit seiner Gesundheit! ... ich habe mich versprochen ... auf die Gesundheit Seiner Heiligkeit! Und auf den Tod...« »Ich trinke niemals zwischen den Mahlzeiten«, antwortete der junge Mann abweisend. »Oho, Ihr sollt trinken, oder der Teufel soll mich holen, wenn Ihr mir nicht sagt, warum.« Bei diesen Worten stellte er die Flasche auf den Tisch, nahm das Glas und näherte es den Lippen des Mönches, der mit scheinbar großer Ruhe sich über sein Brevier beugte. Ein paar Tropfen Weines fielen auf das Buch. Der Mönch erhob sich augenblicklich, ergriff das Glas und warf, anstatt es auszutrinken, dessen Inhalt Bois-Dauphin ins Gesicht. Alle fingen zu lachen an. Mit verschränkten Armen lehnte der Bruder sich gegen die Wand und sah den Schurken unverwandt an. »Wißt Ihr wohl, Väterchen, daß mir dieser Scherz da gar nicht gefällt? Heiliger Tag Gottes! Wäret Ihr nicht ein Kuttenträger, ich wollte Euch wohl ohne Umschweife lehren, mit wem Ihr es zu tun habt.« Und während er so sprach, streckte er die Hand bis zum Gesicht des jungen Mannes vor und berührte mit den Fingerspitzen dessen Schnurrbart. Eine purpurne Röte überzog das Gesicht des Mönches. Mit einer Hand packte er den frechen Schurken am Kragen, und sich aus der Flasche eine Waffe machend, ergriff er diese mit der anderen Hand und zerschlug sie so heftig auf Bois-Dauphins Kopf, daß dieser, zugleich in Blut und Wein gebadet, bewußtlos auf den Steinboden fiel. »Vortrefflich, mein Wackerer«, rief der alte Mönch, »für einen Pfaffen wütet Ihr nicht übel.« »Bois-Dauphin ist tot«, schrien die drei Räuber, als sie sahen, daß ihr Genosse sich nicht mehr rührte. »Du Schuft! Dich wollen wir gehörig verprügeln.« Sie griffen nach ihren Degen; der junge Mönch stülpte aber mit staunenswerter Behendigkeit die langen Ärmel seines Gewandes auf, bemächtigte sich des Degens von Bois-Dauphin und machte auf die entschlossenste Art von der Welt einen Ausfall. Gleichzeitig zog sein Mitbruder einen Dolch unter der Kutte hervor, dessen Klinge wohl an die achtzehn Zoll lang war, und stellte sich mit ebenso kriegerischer Miene an seine Seite. »Ah, Canaille!« schrie er, »euch wollen wir Lebensart beibringen und euch euer Handwerk lehren!« Im Handumdrehen sahen sich die drei Bösewichter gezwungen, teils verwundet, teils entwaffnet, aus dem Fenster zu springen. »Jesus! Maria!« rief Jungfer Marguerite, »was seid Ihr für Kämpen, gute Väter! Ihr macht dem heiligen Glauben Ehre. Bei alledem liegt aber hier ein Toter, und das ist eine unangenehme Sache für den Ruf meiner Schenke.« »Ach was, er ist nicht tot«, sagte der alte Mönch, »ich sehe, er krabbelt noch, aber ich will ihm gleich die Letzte Ölung geben.« Und er näherte sich dem Verwundeten, packte ihn bei den Haaren, und ihm den Dolch an die Kehle setzend, schickte er sich an, ihm den Kopf abzuschneiden, wenn nicht Jungfer Marguerite und sein Gefährte ihn davon abgehalten hätten. »Was macht Ihr, gütiger Himmel!« rief Marguerite, »einen Menschen umbringen, und noch dazu einen Menschen, der für einen guten Katholiken gilt, wenn dem auch nicht so ist, wie wir zur Genüge gesehen haben.« »Ich nehme an«, sagte der junge Mönch zu seinem Mitbruder, »daß Euch so wie mich dringende Angelegenheiten nach Beaugency rufen. Da kommt das Boot. Beeilen wir uns.« »Ihr habt recht, und ich folge Euch.« Er wischte seinen Dolch ab und steckte ihn wieder unter das Gewand. Hierauf machten sich die beiden tapferen Mönche, nachdem sie ihre Zeche beglichen hatten, gemeinsam auf den Weg zur Loire und ließen Bois-Dauphin in den Händen Marguerites, die vor allem seine Taschen durchsuchte, um sich im voraus bezahlt zu machen. Dann fing sie an, die Glasscherben, mit denen sein Gesicht gespickt war, herauszuziehen und ihn nach allen Regeln der Kunst zu verbinden, wie es in solchen Fällen unter Gevatterinnen Brauch war. »Ich sollte mich sehr täuschen, wenn ich Euch nicht schon irgendwo gesehen hätte«, sagte der junge Mann zu dem alten Franziskaner. »Und mich hol der Teufel, wenn Euer Gesicht mir nicht bekannt ist. Aber...« »Als ich Euch das erstemal sah, trugt Ihr dieses Gewand nicht, wie mir scheint.« »Und Ihr?« »Ihr seid der Hauptmann ...« »Dietrich Hornstein, Euch zu dienen; und Ihr seid der junge Edelmann, mit dem ich bei Étampes zu Mittag gespeist habe.« »Der bin ich.« »Und Ihr heißt Mergy?« »Ja, aber jetzt ist das nicht mein Name. Ich bin Bruder Ambroise.« »Und ich Bruder Antoine d'Alsace.« »Gut. Und Ihr geht ...?« »Nach La Rochelle, wenn es mir gelingt.« »Und ich ebenfalls.« »Ich bin entzückt, Euch getroffen zu haben ... aber Teufel! Ihr habt mich gehörig in Verlegenheit gebracht mit Eurem Tischgebet. Ich kann nämlich kein Wort davon; und ich habe Euch zuerst für einen richtigen Mönch gehalten.« »Ich Euch ebenfalls.« »Und von wo seid Ihr entkommen?« »Aus Paris. Und Ihr?« »Aus Orléans. Ich mußte mich über acht Tage verbergen. Meine armen Reiter ... mein Kornett... sind in der Loire.« »Und Mila?« »Sie ist katholisch geworden.« »Und mein Pferd, Hauptmann?« »Ach, Euer Pferd? Den Wicht von Trompeter, der es Euch gestohlen hat, habe ich Spießruten laufen lassen... Da ich aber nicht wußte, wo Ihr Euch aufhieltet, konnte ich es Euch nicht zurückgeben ... und ich habe es in Verwahrung genommen, bis ich wieder die Ehre haben würde, Euch zu treffen. Jetzt gehört es sicherlich einem dieser Papistenschufte.« »Pst! Sprecht doch dieses Wort nicht so laut. Nun, Hauptmann, wollen wir unsere Geschicke zusammenlegen und uns gegenseitig helfen, wie wir es eben getan haben.« »Das will ich gern; und solange Dietrich Hornstein einen Tropfen Blutes in den Adern hat, wird er immer bereit sein, an Eurer Seite den Degen zu ziehen.« Frohgemut schüttelten sie sich die Hände. »Nun sagt mir doch, was haben die uns für eine Teufelsgeschichte erzählt mit ihren Hühnern und ihrem Carpam und Percam? Ich muß gestehen, diese Papisten sind von der dümmsten Sorte.« »Pst, noch einmal. Da ist das Boot.« Und vertraulich so miteinander plaudernd, erreichten sie das Boot, mit dem sie sich einschifften. Ohne weitere Zwischenfälle, außer daß sie auf einige Leichen ihrer Glaubensbrüder stießen, die auf der Loire schwammen, gelangten sie nach Beaugency. Einer der Schiffer bemerkte, daß die meisten Leichen auf dem Rücken lagen. »Sie rufen um Rache zum Himmel«, sagte Mergy leise zu dem Reiterhauptmann. Dietrich drückte ihm schweigend die Hand. Die Belagerung von La Rochelle Still hope and suffer all who can. Moore, Fudge family La Rochelle, dessen Bewohner sich fast durchweg zur reformierten Religion bekannten, war damals sozusagen die Hauptstadt der südlichen Provinzen und das festeste Bollwerk der protestantischen Partei. Ein ausgedehnter Handel mit England und Spanien hatte dort beträchtlichen Reichtum aufgehäuft, aus dem sich jener Geist der Unabhängigkeit entwickelt hatte, den dieser erzeugt und unterhält. Die Bürger, teils Fischer, teils Matrosen, oftmals auch Seeräuber, waren von früh auf mit den Gefahren eines Abenteurerlebens vertraut, und die Energie, die sie besaßen, ersetzte ihnen Disziplin und die Gewohnheit des Kriegführens. Die Bewohner von La Rochelle, weit entfernt, sich der dumpfen Gleichgültigkeit hinzugeben, die sich der Mehrzahl der Protestanten bemächtigt hatte und die sie an ihrer Sache verzweifeln ließ, fühlten sich denn auch bei der Nachricht von dem Gemetzel des 24. August von jenem tatkräftigen und schreckenverbreitenden Mute beseelt, den die Verzweiflung manchmal gibt. Einstimmig beschlossen sie, lieber das Äußerste zu erdulden, als ihre Tore einem Feind zu öffnen, der eben einen so schlagenden Beweis seiner Treulosigkeit und Grausamkeit gegeben hatte. Während die Geistlichen durch ihre fanatischen Reden diesen Eifer anfeuerten, arbeiteten Frauen, Kinder und Greise um die Wette an der Ausbesserung der alten und an der Errichtung neuer Befestigungen. Lebensmittel und Waffen wurden zusammengetragen, Barken und Schiffe ausgerüstet, mit einem Wort, kein Augenblick wurde verloren, um alle Verteidigungsmittel, welche die Stadt aufbringen konnte, zu ordnen und instand zu setzen. Mehrere Edelleute, die dem Blutbad entgangen waren, vereinigten sich mit den Einwohnern von La Rochelle und flößten durch die Schilderung, die sie von den Verbrechen der Bartholomäusnacht gaben, auch den Feigsten Mut ein. Männern, die eben dem Tode entronnen waren, der ihnen schon gewiß schien, war der Krieg mit seinen Wechselfällen nichts anderes, als Matrosen, die eben einem Sturm entgangen sind, ein leichter Wind ist. Mergy und sein Gefährte waren in der Zahl dieser Flüchtlinge, welche die Reihen der Verteidiger von La Rochelle verstärkten. Der Pariser Hof, von diesen Vorbereitungen erschreckt, bereute, ihnen nicht zuvorgekommen zu sein. Marschall Biron näherte sich La Rochelle als Träger von Vergleichsvorschlägen. Der König hatte zu der Annahme Ursache, daß die Wahl Birons den Rochellern angenehm sei, denn der Marschall hatte nicht nur an den Mordtaten der Bartholomäusnacht nicht teilgenommen, sondern hatte mehrere hervorragende Protestanten gerettet und sogar die Geschütze des Arsenals, die er befehligte, auf Mörder richten lassen, die königliche Abzeichen trugen. Er verlangte nur in die Stadt eingelassen zu werden, um sie als Stellvertreter des Königs zu verwalten, wobei er das Versprechen gab, alle Vorrechte und Freiheiten der Einwohner zu respektieren und ihnen die ungehinderte Ausübung ihrer Religion zu bewilligen. Konnte man aber den Versprechungen Karls IX. nach der Ermordung von sechzigtausend Protestanten noch Glauben schenken? Überdies nahmen die Mordtaten während des Verlaufs der Verhandlungen ihren Fortgang, und die Soldaten Birons plünderten das Gebiet von La Rochelle, während eine königliche Flottille die Handelsschiffe anhielt und den Hafen blockierte. Die Einwohner von La Rochelle weigerten sich, Biron aufzunehmen, und gaben zur Antwort, sie könnten mit dem König nicht verhandeln, solange dieser der Gefangene der Guisen wäre, sei es, daß sie diese letzteren als die alleinigen Urheber aller Übel ansahen, unter denen der Kalvinismus zu leiden hatte, sei es, daß sie diese Fiktion aufrechterhielten, die seither oftmals wiederholt worden ist, um das Gewissen derer zu beschwichtigen, welche die Treue gegen ihren König über die Interessen ihrer Religion stellen zu müssen glaubten. Von nun an war es nicht mehr möglich, sich zu verständigen. Der König sann auf einen anderen Unterhändler und schickte La Noue. La Noue, mit dem Beinamen der ›Eisenarm‹, wegen eines falschen Arms, da er seinen eigenen in der Schlacht verloren hatte, war ein eifriger Kalvinist, der während der letzten Bürgerkriege große Tapferkeit und militärische Begabung bewiesen hatte. Der Admiral, dessen Freund er war, hatte keinen geschickteren und ergebeneren Stellvertreter gehabt. Zur Zeit der Bartholomäusnacht war er in den Niederlanden und befehligte dort die zuchtlosen flämischen Banden, die sich im Aufruhr gegen die spanische Macht befanden. Vom Glück verlassen, war er gezwungen gewesen, sich dem Herzog von Alba zu ergeben, der ihn mit Rücksicht behandelte. Seither hatte Karl IX., in welchem die Ströme vergossenen Blutes einige Gewissensbisse erweckt hatten, ihn zurückgefordert und hatte ihn wider alles Erwarten mit der größten Zuvorkommenheit empfangen. Dieser Fürst, der in allem maßlos war, überhäufte einen Protestanten mit Gunstbezeigungen und hatte deren zehntausend eben ermorden lassen. Eine Art von Verhängnis schien über La Noues Schicksal zu walten. Schon im dritten Bürgerkrieg war er gefangengenommen worden, zuerst bei Jarnac, später bei Moncontour, und beide Male war er vom Bruder des Königs ohne Lösegeld und trotz der warnenden Vorstellungen eines Teils seiner Hauptleute freigegeben worden, die in ihn drangen, einen Mann zu opfern, der zu gefährlich sei, um geschont, und zu rechtschaffen, um bestochen zu werden. Karl glaubte, La Noue werde seiner Gnadenbeweise eingedenk sein, und beauftragte ihn, die Rocheller zur Unterwerfung aufzufordern. La Noue nahm an, unter der Bedingung, daß der König nichts fordere, was mit seiner Ehre unvereinbar sei. Er reiste mit einem italienischen Geistlichen, der ihn überwachen sollte. Zunächst erfuhr er die Kränkung, daß man ihm mit Mißtrauen entgegenkam. Man wollte ihn nicht in La Rochelle einlassen, sondern bedeutete ihm ein kleines Dorf in der Umgebung als Ort für die Zusammenkunft. In Tadon traf er die Abgesandten von La Rochelle. Er kannte alle, wie man alte Waffengefährten kennt; bei seinem Erscheinen reichte ihm jedoch nicht einer die Freundeshand, nicht einer schien ihn zu erkennen; er mußte seinen Namen nennen und trug sodann die Vorschläge des Königs vor. Seine Rede läßt sich in folgendem zusammenfassen: »Vertraut auf die Versprechungen des Königs; der Bürgerkrieg ist das schlimmste aller Übel.« Der Bürgermeister von La Rochelle antwortete mit bitterem Lächeln: »Wir sehen hier wohl einen Mann, der La Noue ähnlich ist; La Noue aber würde seinen Brüdern nicht vorschlagen, sich Mördern zu unterwerfen. La Noue liebte den verstorbenen Admiral und hätte vielmehr gewünscht ihn zu rächen, als mit seinen Mördern zu unterhandeln. Nein, Ihr seid nicht La Noue.« Der unglückliche Gesandte, dem diese Vorwürfe tief ins Herz schnitten, erinnerte an die Dienste, die er der Sache der Kalvinisten geleistet hatte, zeigte seinen verstümmelten Arm und beteuerte seine Ergebenheit für den Protestantismus. Nach und nach schwand das Mißtrauen der Rocheller; ihre Tore öffneten sich vor La Noue; sie zeigten ihm, über welche Hilfsquellen sie verfügten, und drangen sogar in ihn, sich an ihre Spitze zu stellen. Das Angebot war verlockend für einen alten Soldaten. Er hatte Karl den Schwur unter einer Bedingung geleistet; die man je nach seinem Gewissen auslegen konnte. La Noue hoffte, eher die Möglichkeit zu haben, die Rocheller zu friedlichen Gesinnungen zurückzuführen, wenn er sich an ihre Spitze stellte; er glaubte, die Treue, die er Seinem König geschworen, mit der Treue, die er seinem Glauben schuldig war, in Einklang bringen zu können. Das war ein Irrtum. Eine königliche Armee griff La Rochelle an. La Noue befehligte alle Ausfälle, tötete eine große Anzahl Katholiken; und in die Stadt zurückgekehrt, ermahnte er die Einwohner, Frieden zu schließen. Und was geschah? – Die Katholiken schrien, er habe dem König das Wort gebrochen, die Protestanten klagten ihn an, er übe Verrat an ihnen. In dieser Lage und vom Ekel geschüttelt, suchte er den Tod, indem er sich jeden Tag zwanzigmal der Gefahr aussetzte. La Noue Foeneste: Cap de you! cet homme ne se mouche pas du talon. D'Aubigné, Le baron de Foeneste Die Belagerten hatten eben einen glücklichen Ausfall gegen die vorgeschobenen Werke der katholischen Armee gemacht. Sie hatten einige Klafter Laufgräben zugeschüttet, Schanzkörbe über den Haufen geworfen und an hundert Soldaten getötet. Die Abteilung, die diese Vorteile errungen hatte, kehrte durch das Tor von Tadon in die Stadt zurück. An der Spitze marschierte Hauptmann Dietrich mit einer Kompanie Bogenschützen, alle mit erhitzten Gesichtern und keuchend nach einem Trunke verlangend, ein sicheres Zeichen, daß sie sich nicht geschont hatten. Nach ihnen kam eine starke Abteilung von Bürgern, unter welchen man auch einige Frauen bemerken konnte, die anscheinend am Kampf teilgenommen hatten. Hierauf folgten ungefähr vierzig Gefangene, die meisten mit Wunden bedeckt, zwischen zwei Reihen Soldaten marschierend, die sie nur mit großer Mühe gegen die Wut des Volkes, das sich auf dem Wege angesammelt hatte, verteidigen konnten. Ungefähr zwanzig Reiter bildeten die Nachhut. La Noue, dem Mergy als Flügeladjutant diente, kam zuletzt. Sein Panzer war von einer Kugel verbeult und sein Pferd an zwei Stellen verwundet. In der linken Hand hielt er noch eine abgefeuerte Pistole, und mittels eines Hakens, der an der Stelle der Hand aus seiner rechten Armschiene ragte, lenkte er den Zügel seines Pferdes. »Laßt die Gefangenen durch, Freunde!« rief er alle Augenblicke. »Seid menschlich, meine guten Rocheller. Sie sind verwundet, sie können sich nicht mehr verteidigen, sie sind keine Feinde mehr.« Der Pöbel aber antwortete mit wildem Geschrei: »An den Galgen mit den Papisten! An den Galgen! Es lebe La Noue.« Mergy und seine Reiter unterstützten die Wirkung der großmütigen Mahnungen ihres Anführers, indem sie mit dem Schaft ihrer Lanzen bei passender Gelegenheit Stöße austeilten. Endlich hatte man die Gefangenen zum Stadtgefängnis und an einem Ort in sicheren Gewahrsam gebracht, wo sie von der Wut der Volksmenge nichts zu befürchten hatten. Die Abteilung zerstreute sich, und La Noue, gefolgt von einigen wenigen Edelleuten, stieg in dem Augenblick vor dem Rathause ab, als der Bürgermeister in Begleitung mehrerer Bürger und eines alten Predigers, Laplace mit Namen, heraustrat. »Nun, wackerer La Noue«, sagte der Bürgermeister und streckte ihm die Hand entgegen, »Ihr habt diesen Mordbrennern eben bewiesen, daß mit dem Admiral nicht alle tapferen Männer zugrunde gegangen sind.« »Die Sache ist ziemlich glücklich abgelaufen, Monsieur«, antwortete La Noue bescheiden. »Wir haben nur fünf Tote und wenige Verwundete gehabt.« »Da Ihr den Ausfall befehligtet, Monsieur de La Noue«, erwiderte der Bürgermeister, »so waren wir im voraus des Erfolges sicher.« »Ach, was täte La Noue ohne Gottes Hilfe?« rief der alte Prediger böse dazwischen. »Der starke Gott hat heute für uns gekämpft; er hat unser Gebet erhört.« »Gott gibt und nimmt den Sieg nach seinem Gefallen«, antwortete La Noue ruhig, »und ihm allein müssen wir für die Erfolge des Krieges danken.« Dann wandte er sich zu dem Bürgermeister und sagte: »Nun, Monsieur, hat der Rat zu den neuen Vorschlägen Seiner Majestät Stellung genommen?« »Ja«, antwortete der Bürgermeister, »soeben haben wir den Trompeter zu Monsieur zurückgeschickt und ihn ersucht, sich die Mühe zu sparen, neue Aufforderungen an uns ergehen zu lassen. Von nun an werden wir nur noch mit Büchsenschüssen antworten.« »Ihr hättet den Trompeter aufhängen lassen sollen«, bemerkte der Geistliche; »denn steht nicht geschrieben: ›Einige Übeltäter sind aus Deiner Mitte hervorgegangen, welche die Bewohner ihrer Stadt verführen wollten ... Du aber wirst nicht zaudern, sie sterben zu lassen: Deine Hand wird als erste auf ihnen sein, und dann die Hand des ganzen Volkes.‹« La Noue seufzte und hob die Augen zum Himmel, ohne zu antworten. »Wie? Uns ergeben?« fuhr der Bürgermeister fort, »uns ergeben, solange unsere Mauern noch stehen, solange der Feind es nicht einmal wagt, sie aus der Nähe anzugreifen, während wir jeden Tag ihnen Schimpf antun in ihren Laufgräben? Glaubt mir, Monsieur de La Noue, gäbe es in La Rochelle keine Soldaten, so genügten die Frauen allein, um diese Pariser Schinder zu schlagen.« »Monsieur, wenn man der Stärkere ist, soll man mit Mäßigung von seinem Feinde sprechen; ist man aber der Schwächere ...« »Oho, wer sagt Euch, daß wir die Schwächeren sind?« unterbrach Laplace. »Streitet nicht Gott für uns? Und war Gideon mit seinen dreihundert Israeliten nicht stärker als das ganze Heer der Midianiter?« »Ihr wißt besser als irgendeiner, Herr Bürgermeister, wie ungenügend die Vorräte sind. Das Pulver ist spärlich, und ich bin gezwungen gewesen, den Scharfschützen zu verbieten, aus der Ferne zu feuern.« »Montgomery wird uns aus England welches schicken«, erwiderte der Bürgermeister. »Das Feuer des Himmels wird auf die Papisten fallen«, sagte der Prediger. »Das Brot wird jeden Tag teurer, Herr Bürgermeister.« »Von Tag zu Tag können wir hoffen, die englische Flotte erscheinen zu sehen, und dann wird in der Stadt wieder Überfluß herrschen.« »Gott wird Manna regnen lassen, wenn es not tut«, rief Laplace heftig aus. »Für die Hilfe, von der Ihr sprecht«, erwiderte La Noue, »genügt ein Südwind von wenigen Tagen, daß sie nicht in unsern Hafen gelangen kann. Auch kann sie abgefaßt werden.« »Der Wind wird von Norden blasen! Ich prophezeie es dir, du Kleingläubiger«, sagte der Geistliche. »Du hast deinen rechten Arm verloren und deinen Mut mit ihm.« La Noue schien entschlossen, keine Antwort zu geben. Er wandte sich ausschließlich an den Bürgermeister und fuhr fort: »Für uns ist es schlimmer, einen Mann, als für den Feind, deren zehn zu verlieren. Ich fürchte, wenn die Katholiken die Belagerung energisch betreiben, so werden wir gezwungen sein, härtere Bedingungen anzunehmen, als die sind, die Ihr jetzt mit Verachtung von Euch weist. Wenn, wie ich hoffe, es dem König genügt, seine Autorität in dieser Stadt anerkannt zu sehen, ohne von ihr Opfer zu verlangen, die sie nicht bringen kann, so halte ich es für unsere Pflicht, ihm unsere Tore zu öffnen; denn schließlich ist er doch unser Herr.« »Wir haben keinen anderen Herrn als Christus! Und nur ein Gottloser kann Karl seinen Herrn nennen, diesen grausamen Ahab, der das Blut der Propheten trinkt! ...« Und die Wut des Predigers verdoppelte sich, da er La Noues unerschütterliche Ruhe sah. »Und ich«; sagte der Bürgermeister, »erinnere mich wohl, wie der Admiral, als er das letztemal durch unsere Stadt kam, zu uns sagte: ›Der König hat mir sein Wort gegeben, daß seine protestantischen und seine katholischen Untertanen gleich behandelt werden sollen.‹ Sechs Monate später hat dieser König, der sein Wort gegeben hatte, ihn ermorden lassen. Wenn wir unsere Tore öffnen, wird bei uns die Bartholomäusnacht stattfinden, ebenso wie in Paris.« »Der König ist von den Guisen getäuscht worden, er bereut es und möchte das vergossene Blut sühnen. Wenn Ihr durch Eure Halsstarrigkeit, nicht verhandeln zu wollen, die Katholiken reizt, werden alle Streitkräfte Frankreichs über Euch herfallen, und die einzige Zuflucht der reformierten Religion wird zerstört werden. Frieden! Frieden! glaubt mir, Herr Bürgermeister!« »Feigling!« schrie der Geistliche, »du willst den Frieden, weil du für dein Leben fürchtest.« »Oh, Monsieur Laplace ...«, rief der Bürgermeister. »Kurz, mein letztes Wort ist«, fuhr La Noue kaltblütig fort, »daß wir dem König unsere Schlüssel überbringen und ihn unserer Unterwerfung versichern müssen, falls er einwilligt, keine Besatzung nach La Rochelle zu legen und dem Protestantismus Freiheit zu gewähren.« »Du bist ein Verräter!« schrie Laplace, »und bist von den Tyrannen gekauft.« »Gütiger Himmel! Was sagt Ihr da, Monsieur Laplace!« rief der Bürgermeister. La Noue lächelte leichthin und mit verächtlicher Miene. »Ihr seht, Herr Bürgermeister, wir leben in einer sonderbaren Zeit: die Kriegsleute sprechen von Frieden, die Geistlichen predigen Krieg.« »Lieber Herr«, fuhr er fort und wandte sich endlich an Laplace, »mir scheint, es ist Zeit zum Mittagessen, und sicherlich erwartet Euch Eure Frau zu Hause.« Diese letzteren Worte brachten den Prediger noch vollends in Wut. Es wollte ihm keine Beschimpfung einfallen, und da eine Ohrfeige einer vernünftigen Antwort enthebt, schlug er den alten Heerführer auf die Backe. »Heiliger Tag Gottes! Was tut Ihr?« rief der Bürgermeister. »Monsieur de La Noue zu schlagen, den besten Bürger und den tapfersten Soldaten von La Rochelle.« Mergy, der anwesend war, schickte sich an, Laplace eine Züchtigung zu erteilen, deren er sich erinnert hätte. La Noue aber hielt ihn zurück. Als die Hand des alten Narren seinen grauen Bart berührte, schossen einen Augenblick, nicht länger als die Schnelligkeit eines Gedankens, Blitze der Entrüstung und des Zornes aus seinen Augen. Sogleich aber nahm sein Gesicht wieder einen unbewegten Ausdruck an: man hätte glauben können, der Prediger habe die Marmorstatue eines römischen Senators geschlagen oder La Noue sei durch einen unbelebten Gegenstand getroffen worden, den nur ein Zufall in Bewegung gesetzt habe. »Führt diesen Greis zu seiner Frau«, sprach er zu einem der Bürger, die den alten Prediger zurückrissen. »Sagt ihr, sie möge ihn pflegen, sicher fühlt er sich heute nicht wohl. – Herr Bürgermeister, ich bitte Euch, mir aus den Einwohnern hundertfünfzig Freiwillige zu verschaffen, denn ich will morgen bei Tagesanbruch einen Ausfall machen, zu einer Zeit, wo die Soldaten, welche die Nacht im Laufgraben zugebracht haben, noch ganz von der Kälte erstarrt sind, wie die Bären, die man bei Einsetzen des Tauwetters angreift. Ich habe beobachtet, daß Leute, die unter einem guten Dache geschlafen haben, am Morgen leicht mit solchen fertig werden, die ihre Nacht im Freien zubrachten. Monsieur de Mergy, wollt Ihr, falls Ihr es mit dem Mittagessen nicht gar zu eilig habt, mit mir einen Rundgang auf die Evangeliumsbastei machen? Ich möchte sehen, wie weit die Arbeiten der Feinde gediehen sind.« Er grüßte den Bürgermeister und begab sich mit dem jungen Mann, auf dessen Schulter er sich stützte, auf den Weg zur Bastei. Sie betraten diese im Augenblick, als ein Kanonenschuß zwei Mann eben tödlich verwundet hatte. Die Steine waren ganz mit Blut bespritzt, und einer der Unglücklichen schrie seinen Kameraden zu, ihm den Rest zu geben. La Noue stützte sich mit dem Ellenbogen auf die Brustwehr und sah eine Zeitlang schweigend auf die Arbeiten der Belagerer; dann wandte er sich zu Mergy und sagte: »Es ist eine furchtbare Sache um den Krieg, ein Bürgerkrieg aber ... Diese Kugel ist in eine französische Kanone geladen worden; ein Franzose hat die Kanone gerichtet und in Brand gesteckt, und zwei Franzosen sind von dieser Kugel getötet worden. Und es ist noch nichts, auf Entfernung einer halben Meile den Tod zu geben; ist man aber gezwungen, Monsieur de Mergy, seinen Degen in den Leib eines Menschen zu stoßen, der in der eigenen Sprache um Gnade schreit... Und doch haben wir noch heute morgen das getan.« »Ach, Monsieur, hättet Ihr die Metzeleien des 24. August gesehen, wäret Ihr über die Seine gefahren, als sie rot war von Blut und mehr Leichen mit sich führte, als sie Eisblöcke treibt beim Eisgang, Ihr würdet weniger Mitleid spüren für die Männer, gegen die wir kämpfen. Jeder Papist ist für mich ein Mörder.« »Verleumdet Euer Land nicht. In diesem Heer, das uns belagert, sind nur wenige von den Ungeheuern, von denen Ihr sprecht. Die Soldaten sind französische Bauern, die ihren Pflug verlassen haben, um für des Königs Sold zu dienen; und Edelleute und Hauptleute kämpfen, weil sie dem König den Treueid geleistet haben. Vielleicht sind sie im Recht, und wir ... sind die Rebellen.« »Rebellen! Unsere Sache ist gerecht! Wir kämpfen für unsern Glauben und unser Leben.« »Ich sehe, Ihr habt wenig Bedenken; Ihr seid glücklich, Monsieur de Mergy.« Und der alte Krieger seufzte tief auf. »Alle Wetter!« sagte ein Soldat, der eben seine Büchse losgedrückt hatte, »dieser Teufel da muß wohl ein Zaubermittel haben! Seit drei Tagen ziele ich auf ihn, und es gelingt mir nicht, ihn zu treffen.« »Wen denn?« fragte Mergy. »Dort, seht Ihr diesen Burschen im weißen Wams, mit einer roten Schärpe und einer roten Feder? Jeden Tag spaziert er uns vor der Nase herum, als wollte er uns zum besten haben. Das ist auch einer von den vergoldeten Hofdegen, die mit Monsieur gekommen sind.« »Die Entfernung ist groß, doch was tut's, gebt mir eine Büchse.« Ein Soldat reichte ihm seine Waffe. Mergy stützte das Ende des Laufes auf die Brustwehr und zielte mit großer Aufmerksamkeit. »Wenn es einer Eurer Freunde wäre?« sagte La Noue. »Wozu wollt Ihr das Handwerk eines Schützen tun?« Mergy hatte sich eben angeschickt, das Gewehr abzudrücken; nun hielt er den Finger zurück. »Ich habe keine Freunde unter den Katholiken, mit Ausnahme eines einzigen ... und der ist nicht unter unsern Belagerern, dessen bin ich gewiß.« »Wenn es Euer Bruder wäre, der Monsieur begleitet hat? ...« Die Büchse ging los, aber Mergys Hand hatte gezittert, und der Staub, den die Kugel aufwirbelte, war ziemlich weit entfernt von dem Spaziergänger zu beobachten. Mergy glaubte nicht, daß sein Bruder sich in der katholischen Armee befände, dennoch war er froh, zu sehen, daß sein Schuß fehlgegangen war. Derjenige, auf welchen er gezielt hatte, setzte langsamen Schrittes seinen Weg fort und verschwand sodann hinter den frisch aufgeworfenen Erdhaufen, die sich überall rings um die Stadt erhoben. Der Ausfall Hamlet: Dead, for a ducat! dead. Shakespeare Ein feiner, kalter Regen war während der ganzen Nacht gefallen und hatte erst aufgehört, als der grauende Tag sich am Himmel durch ein fahles Licht im Osten ankündigte. Nur mit Mühe drang es durch den schweren, auf der Erde lastenden Nebel, den der Wind da und dort verschob, breite Lücken in ihn reißend; die grauen Nebelfetzen schlugen aber schnell wieder zusammen, wie Wellen, die ein Schiff zerteilt, wieder in die Furche zurückfallen, die es zog, und diese aufs neue füllen. Von dem dichten Dunst bedeckt, aus welchem nur die Gipfel der Bäume ragten, sah das Land wie ein weites Überschwemmungsgebiet aus. In der Stadt leuchtete das unbestimmte morgendliche Licht, das mit dem Schein der Fackeln sich verband, auf eine ziemlich zahlreiche Schar von Soldaten und Freiwilligen, die sich in der zur Evangeliumsbastei führenden Straße versammelt hatten. Sie stampften mit den Füßen auf dem Pflaster und bewegten sich an Ort und Stelle unruhig hin und her, wie Leute, die von jener feuchten und schneidenden Kälte durchdrungen sind, wie sie den Sonnenaufgang im Winter zu begleiten pflegt. Sie sparten nicht mit kräftigen Flüchen und Verwünschungen gegen den, der sie gezwungen hatte, so früh am Morgen die Waffen zu ergreifen. Trotz ihres Schimpfens konnte man aber aus ihren Reden die gute Laune und die Hoffnungsfreudigkeit heraushören, die Soldaten erfüllt, wenn sie sich von einem geschätzten Führer befehligt wissen. In einem Ton, der halb scherzhaft, halb zornig klang, sagten sie: »Dieser verfluchte Eisenarm, dieser Hans-ohne-Schlaf mag nicht frühstücken, ehe er den Mördern unserer kleinen Kinder nicht den Morgenmarsch geblasen hat. Das Fieber soll ihn packen! Der Teufelsmensch! Nie ist man bei ihm sicher, ob man eine gute Nacht hat. – Beim Barte des verstorbenen Monsieur Admiral! Wenn ich nicht bald die Büchsen knattern höre, schlafe ich ein, als läge ich noch in meinem Bette. – Ah, hurra! da ist der Branntwein; der rückt uns das Herz auf den rechten Fleck und verhütet einen Schnupfen, den man bei diesem verfluchten Nebel wohl erwischen könnte.« Während man an die Soldaten Branntwein verteilte, hörten die Offiziere, die La Noue umgaben, mit Aufmerksamkeit zu, wie er, unter dem Schutzdach eines Ladens stehend, den Angriffsplan darlegte, den er gegen die belagernde Armee durchzuführen gedachte. Ein Trommelwirbel ließ sich vernehmen; jeder begab sich an seinen Posten, ein Geistlicher trat vor, segnete die Soldaten, ermahnte sie, ihr Bestes zu tun, und versprach ihnen das ewige Leben, falls sie aus naheliegenden Gründen nicht mehr in die Stadt zurückkehren und die Belohnungen und den Dank ihrer Mitbürger in Empfang nehmen sollten. Die Predigt war kurz, aber La Noue fand sie schon zu lang. Er war nicht mehr der gleiche, der am Abend vorher jeden Tropfen französischen Blutes beklagt hatte, der in diesem Kriege vergossen wurde; er war nur mehr Soldat und schien es eilig zu haben, das Schauspiel des Blutvergießens wieder um sich zu sehen. Kaum hatte der Geistliche seine Rede beendet und die Soldaten ihr Amen gesprochen, so rief er mit fester und harter Stimme: »Der Mann hat wahr gesprochen, wir wollen uns Gott und Unserer Lieben Frau zur starken Hand empfehlen! Den ersten, der schießt, ehe der Pfropfen seiner Büchse einem Papisten in den Leib fährt, werde ich töten, wenn ich davonkomme.« »Monsieur«, sagte Mergy ganz leise zu ihm, »das ist eine andere Rede als die von gestern.« »Versteht Ihr Latein?«« fragte La Noue in rauhem Ton. »Ja, Monsieur.« »Nun, so gedenkt des schönen Spruchs: Age quod agis.« Er gab das Zeichen; ein Kanonenschuß wurde gelöst, und die ganze Schar wandte sich mit großen Schritten gegen das offene Land. Gleichzeitig verließen kleinere Rotten von Soldaten durch verschiedene Tore die Stadt, um an mehreren Punkten der feindlichen Linien Lärm zu schlagen, damit die Katholiken glauben sollten, man greife sie von allen Seiten an, und es nicht wagen würden, dem Hauptangriff Hilfe zu bringen, aus Furcht, eine Stelle ihrer allseitig bedrohten Verschanzungen zu entblößen. Die Evangeliumsbastei, auf welche die Festungsbaumeister der katholischen Armee ihr Hauptaugenmerk gerichtet hatten, litt vornehmlich unter einer Batterie von fünf Kanonen, die auf einer kleinen Anhöhe aufgestellt war, wo auch ein verfallenes Gebäude stand, das vor der Belagerung eine Mühle gewesen war. Ein Graben mit einer Brustwehr aus Erde schützte gegen eine Annäherung von der Stadt her, und vor dem Graben waren mehrere Schützen als Wachtposten aufgestellt worden. Wie es aber der protestantische Feldherr vorausgesehen hatte, waren ihre Gewehre, die während mehrerer Stunden der Feuchtigkeit ausgesetzt gewesen waren, nahezu völlig unbrauchbar, und die Angreifer, mit allem versehen und auf den Angriff vorbereitet, waren sehr im Vorteil gegen die unversehens Überfallenen, die von der Nachtwache ermüdet, vom Regen durchnäßt und von Kälte erstarrt waren. Schon sind die ersten Wachtposten niedergemacht. Einige wie durch ein Wunder losgegangene Büchsenschüsse wecken die Bewachung der Batterie gerade zur rechten Zeit, um den Feind schon als Herrn der Brustwehr zu sehen, im Begriffe, den Mühlenhügel hinaufzuklettern. Einige versuchen Widerstand zu leisten, die Waffen entgleiten ihren vor Kälte erstarrten Händen; fast alle Gewehre versagen, während nicht ein Schuß der Angreifer verlorengeht. Der Sieg ist nicht mehr zweifelhaft, und schon sind die Protestanten Herren der Batterie und stoßen den wilden Ruf aus: »Kein Pardon! Gedenkt des 24. August!« In dem Turm der Mühle waren ungefähr fünfzig Soldaten mit ihrem Hauptmann untergebracht; der Hauptmann in der Schlafmütze und in Unterhosen, in der einen Hand ein Kopfkissen und in der anderen seinen Degen haltend, öffnet die Tür und fragt, woher der Lärm komme. Weit entfernt, an einen Überfall des Feindes zu denken, ist er der Meinung, der Tumult rühre von einem Streit zwischen seinen eigenen Soldaten her. Er wurde grausam enttäuscht; ein Hellebardenstoß ließ ihn blutüberströmt niedersinken. Die Soldaten fanden Zeit, die Tür des Turmes zu verbarrikadieren und verteidigten sich eine Zeitlang erfolgreich, indem sie aus den Fenstern schossen; gleich neben dem Gebäude lag ein Haufen Stroh und Heu sowie Reisig, das zum Schanzenbau dienen sollte. Die Protestanten legten Feuer an, das im Nu den ganzen Turm einhüllte und bis zum Giebel aufschlug. Bald ertönten jämmerliche Schreie von innen. Das Dach stand in Flammen und drohte den Unglücklichen, die es beschützt hatte, auf den Kopf zu fallen. Die Tür brannte, und die Barrikaden, die sie errichtet hatten, hinderten sie, den Ausgang zu finden. Versuchten sie aus dem Fenster zu springen, so fielen sie in die Flammen oder wurden von den Spitzen der Lanzen aufgespießt. Da bot sich ein entsetzliches Schauspiel: ein Fähnrich in vollständiger Rüstung versuchte wie die anderen durch ein enges Fenster zu springen. Sein Panzer ging nach der damals ziemlich allgemeinen Mode in eine Art von eisernen Rock über, der Schenkel und Bauch bedeckte und sich nach unten trichterförmig erweiterte, damit man beim Gehen nicht behindert sei. Ähnliche Rüstungen sind im Artilleriemuseum zu sehen. Eine sehr schöne Skizze von Rubens, die ein Turnier darstellt, erklärt, wie man mit diesem Eisenrock doch zu Pferde sitzen konnte. Die Sättel waren mit einer Art kleinen Schemels versehen, der sich unter den Rock einfügte und den Reiter so hoch hob, daß seine Knie sich fast in Kopfhöhe des Pferdes befanden. – Über den Mann, der bei lebendigem Leibe in seiner Rüstung verbrannt ist, siehe Universalgeschichte von, d'Aubigné Das Fenster war nicht breit genug, um diesen Teil seiner Rüstung durchzulassen, und der Fähnrich hatte sich in seiner Aufregung mit solcher Wucht dagegen geworfen, daß sich der größte Teil seines Körpers außerhalb befand und er, wie in einem Schraubstock festgeklemmt, sich nicht rühren konnte. Die Flammen schlugen bis zu ihm hinauf und erhitzten seine Rüstung; so verbrannte er langsam wie in einem Schmelzofen oder wie in dem berühmten eisernen Stier, den Phalaris erfunden hat. Der Unglückliche stieß grauenvolle Schreie aus und bewegte vergebens die Arme, als wolle er um Hilfe flehen. Unter den Belagerern trat einen Augenblick Schweigen ein; dann brachen alle zusammen und wie auf Verabredung in ein Kriegsgeheul aus, um sich zu betäuben und das Gestöhne der Verbrennenden nicht hören zu müssen. In einem Wirbel von Rauch und Flammen verschwand er, und mitten unter den Trümmern des Turmes sah man einen rotglühenden und rauchenden Helm fallen. Gefühle des Entsetzens oder der Traurigkeit sind während eines Kampfes nur von kurzer Dauer; zu laut spricht der Instinkt der Selbsterhaltung in der Seele des Soldaten, als daß er den Jammer der anderen lange mitempfinden könnte. Während ein Teil der Rocheller die Fliehenden verfolgte, vernagelten andere die Kanonen, zerschlugen die Räder und warfen die Schanzkörbe der Batterie und die Leichen ihrer Verteidiger in den Graben. Mergy, der als einer der ersten den Graben und die Schulterwehr bestiegen hatte, holte einen Augenblick Atem und ritzte dann mit der Spitze seines Dolches Dianens Namen in eines der Geschütze der Batterie; dann half er den übrigen, die Arbeiten der Belagerer zu zerstören. Ein Soldat hatte den Anführer der Katholiken, der kein Lebenszeichen mehr gab, beim Kopfe gepackt; ein anderer hielt ihn an den Füßen, und ihn so im Takt hin und her schwingend, schickten sie sich eben an, ihn in den Graben zu schleudern. Da öffnete der vermeintliche Tote plötzlich die Augen, erkannte Mergy und rief: »Monsieur de Mergy, Gnade! Ich bin Gefangener, rettet mich! Kennt Ihr Euren Freund Béville nicht?« Das Gesicht des Unglücklichen war mit Blut bedeckt, und Mergy hatte Mühe, in dem Sterbenden den jungen Höfling zu erkennen, den er voll Leben und Heiterkeit verlassen hatte. Er ließ ihn vorsichtig auf das Gras niederlegen, verband selbst seine Wunde und gab Befehl, ihn, nachdem er ihn quer über ein Pferd gelegt hatte, behutsam in die Stadt zu bringen. Als er sich von ihm verabschiedete, bemerkte er, während er dabei behilflich war, das Pferd aus dem Bereich der Batterie zu führen, in einer Lichtung einen Haufen Reiter, die zwischen der Stadt und der Mühle im Trab vorrückten. Allem Anschein nach war es eine Abteilung des katholischen Heeres, die ihnen den Rückzug abschneiden wollte. Mergy lief, um La Noue zu benachrichtigen. »Wenn Ihr mir nur vierzig Scharfschützen anvertrauen wollt«, sagte er, »will ich mich hinter die Hecke werfen, die den Hohlweg einfaßt, den sie durchreiten müssen, und ich will mich hängen lassen, wenn sie nicht schleunigst die Flucht ergreifen werden.« »Vortrefflich, mein Junge, du wirst eines Tages ein tüchtiger Heerführer. Auf, ihr andern, folgt diesem Edelmann und tut, was er euch befiehlt.« Im Handumdrehen hatte Mergy seine Schützen längs der Hecke aufgestellt; er befahl ihnen, sich auf die Knie niederzulassen und ihre Waffen bereitzuhalten, vor allem aber verbot er zu schießen, ehe er Befehl gab. Die feindlichen Reiter rückten rasch vor, schon war das Traben ihrer Pferde in dem weichen Kot des Hohlweges deutlich zu hören. »Ihr Anführer«, sagte Mergy mit leiser Stimme, »ist der Schelm mit der roten Feder, den wir gestern nicht getroffen haben. Verfehlen wir ihn heute nicht wieder!« Der Schütze, der rechts von ihm stand, nickte mit dem Kopf, als wolle er sagen, er möge das nur seine Sorge sein lassen. Die Reiter waren nur mehr zwanzig Schritt entfernt; ihr Hauptmann hatte sich zu seinen Leuten gewandt und schien im Begriff, ihnen einen Befehl zu erteilen, als Mergy plötzlich aufsprang und rief: »Feuer!« Der Hauptmann mit der roten Feder drehte sich um, und Mergy erkannte seinen Bruder. Er streckte die Hand nach der Büchse seines Nebenmannes aus, um sie abzulenken; aber ehe er sie erreicht hatte, war der Schuß losgegangen. Die Reiter, überrascht von der unvorhergesehenen Salve, zerstreuten sich fliehend in der Ebene; Hauptmann George fiel, von zwei Kugeln durchbohrt. Das Hospital Father: Why are you so obstinate? Pierre: Why you so troublesome, that a poor wretch Can't die in peace? – But you, like ravens, will be croaking round him. Otway, Venice preserved Ein altes Mönchskloster, das der Rat der Stadt La Rochelle schon vorher beschlagnahmt hatte, war während der Belagerung in ein Lazarett für die Verwundeten umgewandelt worden. Das Pflaster der Kapelle, aus welcher man die Bänke entfernt hatte, sowie der Altar und aller Kirchenschmuck waren mit Stroh und Heu bedeckt. Hierher wurden die einfachen Soldaten gebracht. Der Speisesaal war für die Offiziere und die Edelleute bestimmt. Es war ein ziemlich geräumiger, mit altem Eichenholz schön getäfelter Saal mit breiten gotischen Fenstern, die genügend Licht einließen für die wundärztlichen Hantierungen, welche fortwährend dort vorgenommen wurden. Hier lag Hauptmann George auf einer Matratze, die von seinem und dem Blute vieler anderer Unglücklicher durchtränkt war, die ihm an diesem Ort der Schmerzen vorangegangen waren. Ein Strohbündel diente ihm als Kopfkissen. Eben hatte man ihm den Panzer abgenommen und Wams und Hemd aufgerissen. Er war bis zum Gürtel entblößt, nur sein rechter Arm war noch mit Armschiene und Panzerhandschuh gewappnet. Ein Soldat stillte das Blut, das aus seinen Wunden floß, deren eine sich im Bauch, gerade unter dem Panzer, die andere, leichtere am linken Arm befand. Mergy war so von Schmerz überwältigt, daß er zu wirksamer Hilfeleistung unfähig war. Bald lag er weinend vor ihm auf den Knien, bald wälzte er sich, vor Verzweiflung schreiend, auf dem Boden und ließ nicht ab, sich anzuklagen, daß er den zärtlichsten Bruder und besten Freund getötet habe. Der Hauptmann hingegen hielt sich still und versuchte, die Ausbrüche seines Bruders zu mäßigen. Zwei Fuß von seiner Matratze entfernt lag der arme Béville in ebenso bedauernswertem Zustand. In seinen Zügen lag nicht die ruhige Ergebung, die in denen des Hauptmanns zu lesen stand. Von Zeit zu Zeit ließ er ein dumpfes Stöhnen hören und wandte die Augen seinem Nachbarn zu, als wolle er ein wenig von dessen Mut und Standhaftigkeit erbitten. Ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, trocken, mager, kahl und sehr verrunzelt, betrat den Saal und näherte sich dem Hauptmann George, eine grüne Tasche in der Hand, aus welcher jenes gewisse Geklirre zu vernehmen war, das die armen Kranken in so großen Schrecken versetzt. Es war Meister Brisart, ein für damalige Zeit recht geschickter Wundarzt, Schüler und Freund des berühmten Ambroise Paré. Er schien eben eine Operation vorgenommen zu haben, denn seine Arme waren bis zum Ellenbogen entblößt, und noch hatte er eine große, ganz blutige Schürze vorgebunden. »Was wollt Ihr von mir, und wer seid Ihr?« fragte George. »Ich bin der Wundarzt, Edelmann, und sollte Euch der Name Brisart unbekannt sein, so seid Ihr in vielen Dingen unwissend. Nur zu, Schafherz! wie der Teufel sagt. Ich verstehe mich, Gott sei Dank, auf Schußwunden, und ich wollte, ich hätte so viele Säcke voll tausend Pfund, als ich Leuten schon Kugeln aus dem Leibe gezogen habe, denen es heute so gut geht wie mir.« »Nun, so sagt mir die Wahrheit, Doktor. Der Schuß ist tödlich, wenn ich mich recht darauf verstehe?« Der Wundarzt untersuchte zuerst den linken Arm und sagte: »Kleinigkeit!« Sodann fing er an, die andere Wunde zu sondieren, eine Manipulation, die den Verwundeten zu den schrecklichsten Gesichtsverzerrungen veranlaßte. Mit dem rechten Arm stieß er denn auch die Hand des Wundarztes heftig zurück. »Zum Donner! Geht nicht tiefer, Ihr Teufelsdoktor!« rief er, »ich sehe es Eurem Gesicht an, daß ich dran glauben muß.« »Seht, Monseigneur, ich fürchte sehr, daß die Kugel zuerst den kleinen Schrägmuskel des Unterleibes durchschlagen und sich dann, nach oben gehend, in die Wirbelsäule, auf griechisch rhachis , eingebohrt hat. Was mir zu dieser Vermutung Anlaß gibt, ist, daß Eure Beine bewegungslos und schon kalt sind. Dieses pathognomonische Anzeichen trügt niemals; in diesem Falle ...« »Ein Schuß aus nächster Nähe und eine Kugel im Rückgrat! Zum Henker, Doktor! das ist mehr als nötig, um einen armen Teufel ad patres zu schicken. Quält mich also nicht länger und laßt mich in Ruhe sterben!« »Nein, er wird leben, er muß leben!« rief Mergy, und er warf irre Blicke auf den Wundarzt, den er heftig am Arm packte. »Ja, noch eine Stunde, vielleicht auch zwei«, sagte kaltblütig Meister Brisart, »denn er ist ein kräftiger Mensch.« Mergy fiel wieder auf die Knie, ergriff des Hauptmanns rechte Hand und badete den Panzerhandschuh mit einem Strom von Tränen. »Zwei Stunden«, bemerkte George, »um so besser; ich fürchtete, ich würde länger zu leiden haben.« »Nein, es ist unmöglich«, rief Mergy schluchzend, »George, du darfst nicht sterben. Ein Bruder kann nicht von der Hand seines Bruders sterben.« »Ach, halte dich doch ruhig und schüttle mich nicht. Jede deiner Bewegungen spüre ich hier. ›Ich leide nicht zu sehr, wenn nur dies andauert ...‹, sprach Zany, als er vom Kirchturm fiel.« Mergy setzte sich neben die Matratze und stützte den Kopf, den er in seinen Händen verbarg; nur von Zeit zu Zeit bebte sein ganzer Körper in konvulsivischen Zuckungen, wie von Fieber geschüttelt, und ein Stöhnen, das nichts mit menschlicher Stimme gemein hatte, entrang sich qualvoll seiner Brust. Der Wundarzt hatte einen leichten Verband angelegt, nur um das Blut zu stillen, und wischte nun mit größter Kaltblütigkeit seine Sonde ab. »Ich rate Euch sehr, Eure Vorbereitungen zu treffen«, sagte er; »wünscht Ihr einen Prediger, so fehlt es daran hier nicht. Ist Euch ein katholischer Geistlicher lieber, so sollt Ihr einen haben. Ich habe vorhin einen Mönch gesehen, den unsere Leute gefangengenommen haben. Seht, da unten nimmt er eben jenem papistischen Offizier die Beichte ab, der bald sterben wird.« »Gebt mir zu trinken«, sagte der Hauptmann. »Hütet Euch, Ihr werdet eine Stunde früher sterben!« »Ein Glas Wein ist mehr wert als eine Stunde Leben. Nun lebt wohl, Doktor; da liegt hier einer neben mir, der Euch mit Ungeduld erwartet.« »Soll ich Euch den Prediger schicken oder den Mönch?« »Keinen von beiden.« »Wie?« »Laßt mich in Frieden.« Der Wundarzt zuckte die Achseln und näherte sich Béville. »Bei meinem Barte!« rief er aus, »das ist eine schöne Verwundung. Diese Teufel von Freiwilligen schlagen zu ohne Gnade und Barmherzigkeit.« »Nicht wahr, ich werde wieder gesund?« fragte der Verwundete mit schwacher Stimme. »Holt etwas Atem«, sagte Meister Brisart. Eine Art schwachen Pfeifens ließ sich vernehmen, durch die Luft aus Bévilles Brust hervorgebracht, die gleichzeitig aus dem Munde und aus der Wunde ausströmte, aus welcher das Blut wie roter Schaum floß. Der Wundarzt pfiff, als ahme er das sonderbare Geräusch nach, dann legte er in aller Eile einen Verband an, und ohne ein Wort zu sagen, nahm er seine Instrumente auf und schickte sich zum Weggehen an. Bévilles Augen, die wie zwei Fackeln brannten, folgten jeder seiner Bewegungen. »Nun, Doktor?« fragte er mit zitternder Stimme. »Schnürt Euer Bündel«, antwortete der Wundarzt kalt und entfernte sich. »Ach, so jung sterben!‹ rief der unglückliche Béville und ließ seinen Kopf auf das Strohbündel zurücksinken, das ihm als Kopfkissen diente. Hauptmann George verlangte zu trinken: aber niemand wollte ihm ein Glas Wasser geben, aus Furcht, sein Ende zu beschleunigen. Sonderbare Menschlichkeit, die nur dazu dient, das Leiden zu verlängern! In diesem Augenblick betraten La Noue und Hauptmann Dietrich sowie einige andere Offiziere den Saal, um nach den Verwundeten zu sehen. Alle blieben vor Georges Matratze stehen, und La Noue, auf den Degenknauf gestützt, sah abwechselnd die beiden Brüder an; in seinen Blicken spiegelte sich die ganze Ergriffenheit, die er angesichts dieses traurigen Schauspiels empfand. Ein Flaschenkürbis, den der deutsche Hauptmann an der Seite trug, zog Georges Aufmerksamkeit an sich. »Hauptmann«, sagte er zu ihm, »Ihr seid ein alter Soldat?« »Ja, ein alter Soldat. Der Bart ergraut vom Pulverdampf schneller als von den Jahren. Ich heiße Hauptmann Dietrich Hornstein.« »Sagt, was würdet Ihr tun, wenn Ihr verwundet wäret wie ich?« Hauptmann Dietrich sah einen Augenblick die Verwundung an, wie einer, der in solchen Dingen Erfahrung hat und deren Schwere beurteilen kann. »Ich brächte mein Gewissen in Ordnung«, antwortete er, »und verlangte ein gutes Glas Rheinwein, wenn eine Flasche in der Nähe aufzutreiben wäre.« »Nun seht, ich verlange nur ein wenig von ihrem schlechten Rocheller Wein, und die Dummköpfe wollen ihn mir nicht geben.« Dietrich machte seinen Flaschenkürbis los, der einen beträchtlichen Umfang hatte, und schickte sich an, ihn dem Verwundeten zu reichen. »Was tut Ihr, Hauptmann?« rief ein Schütze, »der Arzt sagt, er muß sterben, sobald er trinkt.« »Was liegt daran? Wenigstens hat er vor seinem Tode noch eine kleine Freude gehabt. Nimm, du Tapferer, es tut mir leid, daß ich dir keinen besseren Wein anbieten kann.« »Ihr seid ein wackerer Mann, Hauptmann Dietrich«, sagte George, nachdem er getrunken hatte. Dann reichte er die Flasche seinem Nachbarn: »Und du, mein armer Béville, willst du mir Bescheid tun?« Doch Béville schüttelte den Kopf, ohne zu antworten. »Ach, ach, wieder eine neue Quälerei!« sagte George. »Kann man mich denn nicht in Frieden sterben lassen?« Er sah einen Prediger auf sich zukommen, der eine Bibel unter dem Arme trug. »Mein Sohn«, sagte der Prediger, »da ihr hinübergeht ...« »Genug, genug! Ich weiß, was Ihr mir sagen wollt; es ist verlorene Liebesmüh. Ich bin katholisch.« »Katholisch? Bist du denn kein Atheist mehr?« rief Béville. »Vorher seid Ihr aber in der reformierten Kirche aufgewachsen«, fuhr der Prediger fort; »und in diesem feierlichen und schrecklichen Augenblick, da Ihr im Begriffe steht, vor dem höchsten Richter über alle Taten und alle Gewissen zu erscheinen ...« »Ich bin Katholik! Beim Teufelshorn! Laßt mich in Ruhe.« »Aber...« »Hauptmann Dietrich, habt Ihr nicht Mitleid mit mir? Ihr habt mir schon einen so großen Dienst erwiesen; nun verlange ich noch einen anderen: sorgt dafür, daß ich ohne Ermahnungen und Jeremiaden sterben kann.« »Entfernt Euch«, sagte der Hauptmann zum Prediger, »Ihr seht doch, daß er nicht in der Laune ist, Euch anzuhören.« La Noue machte dem Mönch ein Zeichen, der sofort herbeieilte. »Hier ist ein Geistlicher Eures Glaubens«, sagte er zum Hauptmann George; »wir haben nicht die Absicht, dem Gewissen Zwang anzutun.« »Mönch oder Prediget, beide mögen zum Teufel gehen!« antwortete der Verwundete. Der Mönch und der Prediger standen zu beiden Seiten des Lagers und schienen bereit, sich den Sterbenden streitig zu machen. »Dieser Edelmann ist katholisch«, sagte der Mönch. »Er ist aber als Protestant geboren«, sagte der Prediger, »er gehört mir.« »Er hat sich aber bekehrt.« »Aber er will im Glauben seiner Väter sterben.« »Beichtet, mein Sohn.« »Sprecht Euer Glaubensbekenntnis, mein Sohn.« »Nicht wahr, Ihr wollt als guter Katholik sterben?« »Entfernt diesen Sendling des Antichrist«, schrie der Prediger, der sich von der Mehrzahl der Anwesenden unterstützt fühlte. Sogleich packte ein Soldat, ein eifriger Hugenotte, den Mönch bei der Schnur seiner Kutte und stieß ihn zurück, indem er rief: »Hinaus, du Geschorener! Du Galgenvogel! In La Rochelle singt man schon lange keine Messe mehr.« »Haltet ein«, sagte La Noue, »wenn dieser Edelmann beichten will, so schwöre ich auf mein Wort, daß keiner ihn daran hindern soll.« »Tausend Dank, Monsieur de La Noue...«, sagte der Sterbende mit schwacher Stimme. »Ihr seid alle Zeugen«, unterbrach der Mönch, »er will beichten.« »Nein, hol mich der Teufel!« »Er kehrt zum Glauben seiner Vorfahren zurück!« rief der Prediger. »Nein, tausend Donnerschläge! Laßt mich in Ruhe. Bin ich denn schon tot, daß die Raben sich um mein Gerippe streiten? Ich brauche weder Eure Messen noch Eure Psalmen.« »Er lästert Gott!« riefen die beiden Vertreter der feindlichen Glaubensrichtungen gleichzeitig aus! »An irgend etwas muß man wohl glauben«, sagte der Hauptmann Dietrich mit unerschütterlichem Phlegma. »Ich glaube, daß Ihr ein wackerer Mann seid, der mich von diesen Harpyien befreien wird. Ja, hebt Euch hinweg und laßt mich wie einen Hund sterben.« »So stirb wie ein Hund!« sagte der Prediger und wollte sich voller Entrüstung entfernen. Der Mönch machte das Kreuzzeichen und näherte sich Bévilles Bett. La Noue und Mergy hielten den Prediger zurück. »Noch einen letzten Versuch«, sagte Mergy, »habt Mitleid mit ihm und mit mir.« »Monsieur«, wandte La Noue sich an den Sterbenden, »glaubt einem alten Soldaten; die Ermahnungen eines Menschen, der sich Gott geweiht hat, können die letzten Stunden eines Sterbenden wohl erleichtern. Hört nicht auf die Einflüsterungen einer sündhaften Eitelkeit und setzt nicht aus Prahlerei Eure Seele dem Verderben aus.« »Monsieur«, antwortete der Hauptmann, »ich denke nicht erst heute an den Tod. Ich bedarf keines menschlichen Zuspruchs, um mich darauf vorzubereiten. Prahlerisches Wesen habe ich nie geliebt, und liebe es in diesem Augenblick weniger denn je. Aber, in Teufels Namen! Ich kann mit ihren Albernheiten nichts anfangen.« Der Prediger zuckte die Achseln, La Noue seufzte, und beide entfernten sich langsamen Schrittes und mit gesenktem Haupte. »Kamerad«, sagte Dietrich, »Ihr müßt schon verfluchte Schmerzen haben, um zu sagen, was Ihr sagt.« »Ja, Hauptmann, ich leide fürchterlich.« »Dann will ich hoffen, daß der liebe Gott sich von Euren Reden nicht beleidigt fühlt, die verdammt nach Gotteslästerung aussehen. Aber wenn man einen Schuß quer durch den Bauch hat ... alle Wetter, dann ist es wohl erlaubt, zum Trost ein wenig zu fluchen.« George lächelte und griff wieder nach dem Flaschenkürbis. »Auf Eure Gesundheit, Hauptmann! Ihr seid der beste Krankenpfleger, den ein verwundeter Soldat haben kann.« So sprechend, streckte er ihm die Hand hin. Hauptmann Dietrich drückte sie mit allen Zeichen der Rührung. »Teufel!« murmelte er ganz leise, »wenn nun mein Bruder Hennig katholisch wäre und ich hätte ihm einen Schuß in den Leib gefeuert ... das also ist die Erklärung von Milas Prophezeiung.« »George, Kamerad«, sagte Béville mit kläglicher Stimme, »sag mir doch eines: wir werden sterben, es ist ein furchtbarer Augenblick, ... denkst du jetzt noch ebenso, wie du gedacht hast, als du mich zum Atheismus bekehrtest?« »Gewiß, nur Mut, in wenigen Augenblicken werden wir nicht mehr leiden.« »Dieser Mönch aber spricht mir von Feuer... von Teufeln... was weiß ich noch... das alles scheint mir nicht beruhigend.« »Abgeschmacktes Zeug!« »Aber wenn es nun wahr wäre?« »Hauptmann, ich vermache Euch meinen Panzer und meinen Degen; ich wollte, ich hätte Besseres für den guten Wein, den Ihr mir so edelmütig geboten habt.« »George, Freund«, fuhr Béville fort; »es wäre entsetzlich, wenn es wahr wäre ... die Ewigkeit!« »Du Hasenfuß!« »Ja, Hasenfuß ... das ist leicht gesagt; man darf aber feige sein, wenn es sich darum handelt, eine Ewigkeit zu leiden.« »Nun, dann beichte.« »Ich beschwöre dich, sage mir, bist du sicher, daß es keine Hölle gibt?« »Ach was!« »Nein, antworte mir, weißt du es ganz gewiß? Gib mir dein Wort, daß es keine Hölle gibt.« »Nichts weiß ich gewiß. Wenn es einen Teufel gibt, werden wir ja sehen, ob er recht schwarz ist.« »Wie, du bist dessen nicht sicher?« »Beichte, sage ich dir.« »Aber du wirst mich auslachen.« Der Hauptmann konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, dann sagte er in ernstem Ton: »An deiner Stelle würde ich beichten; es ist immerhin das sicherste, und hat man gebeichtet und die Ölung empfangen, dann ist man für alle Fälle gerüstet.« »Nun gut, ich werde tun, was du tust. Beichte du zuerst.« »Nein.« »Bei meiner Ehre! Du magst sagen, was du willst... aber ich will als guter Katholik sterben. Wohlan, Vater, laßt mich das Confiteor sprechen, aber helft mir ein, ich habe es ein wenig vergessen.« Während er beichtete, trank Hauptmann George noch einen Schluck Wein, dann legte er den Kopf auf seinem harten Kopfkissen zurecht und schloß die Augen. So lag er eine Viertelstunde ganz still. Dann preßte er die Lippen aufeinander; zuckte zusammen und stieß ein langes Stöhnen aus, das der Schmerz ihm entriß. Mergy glaubte, es gehe zu Ende, schrie laut auf und hob ihm ein wenig den Kopf. Der Hauptmann öffnete sogleich die Augen. »Wieder!« sagte er und stieß ihn sanft von sich. »Ich bitte dich, beruhige dich.« »George, George, und durch meine Hand stirbst du!« »Was willst du? Ich bin nicht der erste Franzose, den sein Bruder getötet hat ... und ich glaube nicht der letzte zu sein. Nur mich selbst muß ich anklagen. Als Monsieur mich aus dem Gefängnis befreite und mit sich nahm, hatte ich bei mir geschworen, nicht den Degen zu ziehen ... Als ich erfuhr, daß Béville, der arme Teufel, getroffen sei, und als ich das Schießen hörte, wollte ich mir die Sache zu sehr aus der Nähe ansehen.« Wieder schloß er die Augen, aber bald öffnete er sie aufs neue und sagte zu Mergy: »Madame de Turgis hat mir aufgetragen, dir zu sagen, daß sie dich noch immer liebe.« Er lächelte milde. Das waren seine letzten Worte. Er starb nach Verlauf einer Viertelstunde, ohne daß er noch sehr zu leiden schien. Einige Augenblicke später gab auch Béville in den Armen des Mönches seinen Geist auf, der später versicherte, er habe in den Lüften deutlich den Freudenschrei der Engel gehört, welche die Seele des Reuigen aufnahmen, während unter der Erde das Triumphgeheul der Teufel antwortete, die Hauptmann Georges Seele mit sich rissen. – Aus der Geschichte Frankreichs jener Zeit läßt sich ersehen, wie La Noue La Rochelle verließ, vom Ekel am Bürgerkriege erfaßt und in seinem Gewissen gequält vom Vorwurfe, gegen seinen König zu kämpfen; wie die katholische Armee gezwungen wurde, die Belagerung aufzuheben, und wie der Vierte Friede zustande kam, auf welchen kurz nachher Karls Tod folgte. Ob Mergy sich getröstet hat? Ob Diana einen andern Liebhaber nahm? Das mag der Leser entscheiden, der auf diese Weise die Geschichte auf jeden Fall nach seinem Geschmack zum Abschluß bringen wird.