George Meredith Chloes Geschichte Novelle 1923 Müller \& Co. Verlag Potsdam An Robert Musil Vor fast zwanzig Jahren habe ich die Übertragung dieses vollkommensten Beispieles einer modernen Novelle begonnen und liegen lassen, teils wohl der Schwierigkeiten wegen, denen ich damals nicht gewachsen war, teils aber auch wohl, weil es keine irgendwie adäquate Atmosphäre in dem deutschen Schrifttum gab, in welcher stehend eine Übertragung der Tale of Chloe des großen Meisters die paradigmatische Figur gemacht hätte, die zu sein sie beansprucht. Inzwischen sind die sich als geistige Atmosphäre wähnenden Schwaden zwar noch nicht verzogen, aber im Abziehen, und da und dort gibts eine reine Luft. In ihr stehen die Gebilde Ihrer Kunst, lieber und verehrter Freund. Und ich erinnerte mich lebhafter dieser großen Novelle des Engländers und übersetzte sie, mit besserem Auge, sicherer Hand, als beides ich vor zwanzig Jahren besaß, Ihnen zum Dank und zur Freude. Ihr Franz Blei. Mai 1922. Erstes Kapitel Die Ballade hat damals den Herzog von Ochsenschlepp besungen. Und ein zärtliches Interesse für den Adel wird immer voll Hochachtung jenem vornehmen Herrn mit dem Balladentitel eines Herzogs von Ochsenschlepp begegnen, der von Cupidos Pfeilen so in Brand geschossen war, daß er jenes Land- oder Milchmädchen heiratete. Und es war auch nicht der kleinsten Dienste einer, den ihm Herr Beamish, der Beau, damit erwies, daß er gleich am ersten Tage ihrer Ankunft auf den Wells Ihrer ländlichen Durchlaucht, der jungen Herzogin, den Spitznamen gab. Diese glückliche Inspiration eines nie versagenden und nie fehlgehenden Witzes bewahrte eines unserer fürstlichen Häuser vor den Angriffen des Pöbels, der ja immer nur allzu freudig bereit ist, ein glänzendes Wappen zu beschmutzen und zu verunstalten. So aber spricht die Ballade, der wir die Erzählung von der ersten Begegnung und Heirat des Herzoglichen Paares verdanken, von Ochsenschlepp durchaus wohlwollend »Der neunte Herzog von Ochsenschlepp bin ich, Susie, mein Lieb!« und ist darin nicht die Spur einer Absicht, sich lustig zu machen. Der Historiker in seinen malerischen Beschreibungen der Gesellschaft jener Zeit ist sehr amüsiert über die »Alliancen derer von Ochsenschlepp«. Er hat wohl die Ballade gelesen, aber die Memoiren des Beau Beamish ignoriert. Anspruchsvolle Schriftsteller scheinen eine Abneigung gegen Individuen von der Art des Herrn Beamish zu haben. Da schreiben sie über die Sitten und Bräuche von Wegelagerern, zitieren obskure Flugblätter und Gassenlieder, um ihrer Geschichte Farbe zu geben, lehnen es aber ab, mehr als eine flüchtige Bemerkung unsern privaten Königinnen zu gönnen. – vielleicht weil sie keinen vererblichen Titel haben. Die Ballade »Vom Herzog und dem Milchmädchen«, die nach einer bestreitbaren Quelle Herr Beamish selber in lustiger Laune verfaßt haben soll, war einst so populär, daß sie den Moralisten zu kritischem Tadel gegen eine Gattung von Gedicht provozierte, das »jede dralle Bauernmagd in Versuchung bringe, ein Auge in der Bausbacke zu verdrehen« in Erwartung einer Adelskrone für ihre Schmerzen und einer Schütte Stroh oder einem Straßengraben als Resultat. Wir möchten solche unheilvolle Wirkung unserer Ballade bezweifeln. Aber daß sie unserem den Adel liebenden Volke und eben der Beliebtheit unseres Adels beim Volke Schaden getan hat, ist sicher, und dies aus dem sonderbaren Grunde, daß sich der Held der Ballade so durchaus anständig benommen hat. Das reine Anbetungsverhältnis, das unserm Volke gegenüber dem Adel eignet, trübt sich merklich, wenn es ein Kind des Volkes sieht, ein junges Mädchen, das da plötzlich durch nichts weiter als hübsche Augen zu den gähnenden Höhen des Luxus und der Eleganz entrückt wird. Man bedenke, daß gemeiniglich die ganz gleichen Eigenschaften eines jungen Mädchens aus dem Volke zu ganz entgegengesetzten Folgen führen, und man wird verstehen, daß das andere dem instinktiven Respekt Schaden tut. Sonst ist die Ballade unschuldig, sicher unschuldig beabsichtigt. Ein frischeres Nationallied wurde nie aus einem hübschen Zwischenfall unseres Landlebens gewonnen. Die Gefühle sind natürlich, die Bilder passend und voll Erdgeruch und die Musik der Verse klingt an das trägste Ohr. Es riecht nicht nach Lampenruß, hat nichts Fremdes und Hergeholtes und ist was es sein will, das Lied eines heimatlichen Vogels. Ein paar Strophen sollen das zeigen, denn das Ganze ist viel zu lang, um gegeben zu werden. Süß Susie trippelt durchs mailiche Feld, Eine Lerche blank über sprießender Saat, Da erblickt sie am Haag, erstaunt und erschreckt. Einen Edelmann strahlend in goldenem Staat. Gold sind die Hosen und Gold ist sein Rock. Sein Hemd eine Note von fünfzig Pfund, Bestrahlt von Brillant und Saphir und Rubin, Und roter Rubin ist sein lachender Mund. »Hab Angst nicht, Schönste, und gib mir die Hand, Ich helfe dir springen über den Haag.« Sie knixte, und sprang an der Hand so gut. Daß der Pfeil nicht mehr aus dem Herzen mag. Er behielt ihre Hand in der seinen fest. Und wie sperrte sie groß ihre Augen auf. Als der Feinste von allen den adligen Herrn Hinkniete vor ihr – Mit einer Rhapsodie über ihre Schönheit informiert er sie nun über seinen Rang, als einem Vorspiel zu dem Vorschlag ehrenhafter und sofortiger Heirat. Er könne nicht warten. Dies sei die schicksalshafte Beschaffenheit seiner Liebe, anscheinend charakteristisch für verliebte Herzöge, wie wir solches wenigstens aus den sichtbaren Zeichen lesen, denn die Gedanken dieser erlauchten und so zurückgezogenen Personen sind noch nicht erforscht worden, ihr Geist ist allzuferne. Wie sie da auf ihren luftigen Höhen stehen sind sie so lesbar dem Haufen unten wie eine Linie Keilschrift in einem alten Schreibvorlagenbuch. Wir kennen sie an ihren Taten, wie die heidnischen Völker ihre Götter. Und es ist wiederholt berichtet, daß sie im Momente des Feuerfangens heiraten müssen, wenn auch den Finger der Dame passender und besser ein Ring vom Bettvorhang umschlösse. Vergebens sagt ihm blauäugige Susanne, wie es sich schickt für ein gewöhnliches Bauernmädchen, daß sie nur ein armes Stallmensch sei. Er jedoch hat das Frauenzimmer bei Hof studiert, in welchem Schmelzofen das Geschlecht bekanntlich eine äußerste Durchsichtigkeit bekommt, und er zählt ihr im einzelnen den Katalog materieller Vorteile auf, die er zu bieten habe. Endlich, nach seinen Versicherungen, daß sie vom Pfarrer getraut würde, wirklich vom Pfarrer und von einem wirklichen Pfarrer, da holt sich Schön Susie der Eltern Zustimmung, die erst lange nicht verstehen, und verläßt sie noch an selben Tages glücklichem Abend, um zu leuchten, eine Blume hängend vom Dorn ... Abgesehen von ihrem historischen Wert könnte die Ballade Beispiel für die Dichter unserer Tage abgeben, die ins mythologische Griechenland oder ein phantastisches und morbides Mittelalter oder – Gott steh uns bei – zu abstrakten Ideen als Themen für ihre Gedichte flüchten, statt unser englisches Leben damit interessant zu machen, daß sie die Schätze beachten, die am Wege liegen. Ein lebendiger geborener Herzog ist den Engländern fünfzig Phoibos Apollos wert, und ein lustiges Bauernmädel, das von zwei Milcheimern zu Rang und Würden einer Herzogin emporsteigt, ist ein weit romantischerer Gegenstand als ganze Scharen von Isolden und Ginevren. Zweites Kapitel Einige Zeit nach der Hochzeit kam Seine Durchlaucht der Herzog nach den Wells und gab sich die Ehre, bei Herrn Beamish vorzusprechen, den er seit langem kannte, und teilte ihm den Grund seines Besuches mit. »Bester Herr und Freund,« sagte er, »zunächst möchte ich Euch bitten, die Strenge Eures Blickes zu mildern. Denn wenn ich mit meinem Hiersein auch Euer Verbot breche, so werde Ich mich ihm doch unterwerfen, wenn ich wieder abreise. Ich könnte ja wirklich den Verlust meiner Spielwut beklagen, von der Ihr mich tatsächlich kuriert habt. Ich war aber damals gegen eine mächtige Leidenschaft in Waffen, die für keinen Augenblick einem Manne gestattet, sein Gelöbnis wieder an sich zu nehmen.« »Die Krankheit, die im ganzen nur Krisis ist, ich verstehe,« bemerkte Herr Beamish. »Und die, erfaßt sie trocknes Holz, es bis auf den letzten Splitter verbrennt, ja. Es ist nun« – der Herzog tut einen zärtlichen Seufzer – »drei Jahre her, daß mich die Laune ankam, ein Kind zu heiraten, das mein Enkelkind sein könnte.« »Von Adam,« sagte Beamish lustig. »Gabs da kein legitimes Hindernis für die Verbindung?« »Leider nein. Aber Ihr dürft nicht glauben, daß ich es bedaure. Ein ganz wundervolles Geschöpf, lieber Beamish, ein wahrhaftes Himmelswesen! Und je besser ich sie kenne, um so mehr bete ich sie an. Und das ist das Unglück. In meinen Jahren, wenn die kleineren und größeren Organe sich verschwören, mir zu sagen, daß ich sterblich bin, muß die Leidenschaft der Liebe als eine Kalamität hingenommen werden, wenngleich man davon nicht frei sein möchte selbst um die Wiederkehr der Jugend. Ihr versteht: mit einem ganz leise wachsenden Geschmack am Vergnügen bleibt sie der unschuldvollste Engel. Bisher haben wir ein Leben geführt, das ... Für sie war es eine neue Welt, die sich auftat. Aber sie fängt an, diese Welt eng zu finden. Ich bin ihr nicht mehr genug. Nein, nein, sie ist nicht etwa meiner Gesellschaft müde. Weit davon entfernt. Aber wie Dinge jetzt liegen, hat sie eine Neigung für solche Gesellschaften, wie Ihr sie hier zum Beispiel habt, – das faßt uns so wie etwa das Verlangen, spazieren zu gehen. Und die gesunde Lebensweise einer Herzogin kann sich an das Eingeschlossensein nicht gewöhnen. Und schließlich kommt dann eine Zeit, wo der Enthusiasmus, den ganzen Tag der Spielkamerad seiner Frau zu sein, um runde Tische zu haschen und hinter einem geknoteten Taschentuch durch Korridore zu fliegen, mächtig nachgelassen hat. Gleichwohl hat mich die Scheu vor einer Trennung von ihr all diese Zeit über ganz beträchtlich und über meinen Geschmack daran beschäftigt. Nicht als ob ich Müdigkeit verspürte. Aber ich habe, kommt mir vor, eine Neigung für das Nachdenkliche. Und habe gerade jetzt solche Lust am Lesen und zu meditieren, was ohne Ruhe nicht gut geht. Ich mache mirs also bequem. – bums bekomme ich einen Zwirnknäul ins Gesicht, und man erwartet, daß ich zurückwerfe. Ich bin höflich und werfe, und der Salon bietet den Anblick einer Kinderstube in Revolution. Aber ich ziehe das dem beklagenswerten Schauspiel einer gähnenden Frau vor.« »Erdbeben und Pulver behandeln uns weniger schrecklich als solcher Anblick,« bemerkte Herr Beamish. »Kurz, sie hat mir das Versprechen abgenommen, für diesen Sommer für einen Monat nach den Wells gehen zu dürfen, und ich fürchte, ich kann mein verpfändetes Wort nicht brechen ... ich fürchte, ich kann nicht.« »Und ich würde es an Ihrer Stelle auch nicht brechen, Durchlaucht.« sagte Herr Beamish. Der Herzog tat einen Seufzer. »Es sind Gründe da, Familiengründe, derentwegen ich ihr hier meine Gesellschaft und meinen Schutz versagen muß. Ich habe keinen Wunsch ... ich möchte nicht ... meine Reputation, für den Augenblick... Es handelt sich darum, daß die Herzogin ihren Aplomb finde. Und man erreicht dieses Gleichgewicht nicht ohne zu zahlen. Ah, mein lieber Beamish, ein Bild gehört uns, wenn wir es gekauft und aufgehängt haben, aber wer sichert uns den Besitz eines schönen Werkes der Natur? Ich habe mich in letzter Zeit auf vieles und ernsthaftes Nachdenken verlegt, und bin versucht, es mit der Meinung gelesener Theologen zu halten: das Fleisch ist die Wohnung eines widerspenstigen Teufels.« »Den wir zu spüren bekommen, wenn wir von ihm befreit sind,« stimmte der Beau ein. »Aber diese Manie der jungen Leute für das Vergnügen, ewiges Vergnügen, das ist mir ein Wunder. Es macht sie nie übersättigt. Sie sind einfach nicht satt zu kriegen.« »Kommt vor, daß man am Rande eines Abgrundes hinrollt, aber man kann sich zuweilen halten. Wir sind unter Potentaten, Herzog. Solange Sie auf meinem Grund und Boden sind, natürlich. Auf meinem Weg zur Kirche kam ich einmal an einem Puritaner vorbei, der jammerte über einen Schmetterling, weil er zierlich seinen Weg flatterte in völliger Entheiligung des Ruhetages. Freund, sagte ich zu ihm, Ihr beweist mir nur, daß Ihr kein Schmetterling seid. Statt jeder Antwort gab mir der Sauersüße einen Blick geladen mit Anathemen.« »Lieber Cousin Beamish, meine betrübte Klage über diese jungen Leute ist, daß sie ihr Vergnügen verfehlen, indem sie ihm nachjagen. Ich habe meine Herzogin durch einen Vortrag belehrt ...« »Oh!« »Absurd, ich geb es zu,« sagte der Herzog, »aber angenommen nun, Ihr hättet Euren Schmetterling gefangen und Ihr könnt ihn nun weder loslassen, noch zustimmen, allen seinen Flattereien zu folgen. Da säßet Ihr schön in der Verlegenheit.« »In diesem meinem armen Reiche, das ich beherrsche, habe ich Gelegenheit, so junge wie alte Leute zu beobachten. Ich finde, sie ähneln sich außerordentlich in ihrer Liebe für das Vergnügen und unterscheiden sich nur darin, daß die einen mehr, die andern weniger fähig sind, dieser Liebe zu genügen. Ich bin nicht der erste, der das beobachtet. Die Jungen haben Ecken und Schärfen, die abzustumpfen sind, die Alten das Gegenteil. Der Schrei der Jungen um Lust und Vergnügen ist eigentlich – ich habe ihre Sprache studiert – ein Schrei nach Lasten und Bürden, und die Alten stöhnen unter der Last auf ihren Schultern, was nicht erstaunlich ist. Und miteinander machen sie ein Konzert gar melodiös für die Ohren des Weisen und geeignet, die Schritte des Philosophen zu leiten, dessen Weisheit es ist, beider Wege zu meiden.« »Sehr gut. Aber ich habe Euch um einen praktischen Rat gefragt. Cousin, und Ihr gebt mir eine Abhandlung.« »Und solches, Herzog, weil Sie einen Fall vorbringen, der einen an das Hängen denken läßt. Sie bringen da zwei Dinge vor, die unmöglich unter eins zu bekommen sind. Es bleibt nur die Alternative: Strumpfband oder Bettpfosten. Wenn wir an einen Kreuzweg kommen und uns nicht entschließen können, nach rechts oder nach links zu gehen, weder vorwärts noch zurück, da zeigt die Hand des Wegweisers auf sich selber und sagt emphatisch: Galgen.« »Aber was tun, Beamish! Was tun? Schlage ich ihr die Reise ab, so sehe ich Auseinandersetzungen voraus und Tränen und Ballspielen und närrisches Zeug und hab keinen ruhigen Tag für mich. Ich verstehe vollständig Euren Puritaner, ja ganz vollständig versteh ich ihn. Gestatte ich die Reise, dann wird so ein unschuldiges Wesen, das sie ist, in der Atmosphäre dieses Badeortes sicherlich etwas verdorben werden. Ihr dürftet wissen, daß der gesellschaftliche Rang, aus dem ich sie hob ... ihre soziale Stellung war bescheiden. Ich pflückte eine güldene Knospe auf dem Felde. Sie hat verschiedentliche Lehrer gehabt. Sie tanzt ... tanzt hübsch, sie tanzt bezaubernd, möchte ich sagen. Und so ist sie nun dafür, ihre Kenntnisse an die Luft zu bringen. Frauen sind so.« »Haben Sie von Chloe sprechen hören?« fragte Herr Beamish. »Gibt das Beispiel einer jungen Dame, die von Wells nicht verdorben wurde, von welchem Orte ich nur bemerken möchte, daß es das beste ist, ihn nicht zu besuchen, besser aber, ihn zu versuchen, als sich nach ihm zu sehnen.« »Chloe? Eine Dame, die ihr Vermögen verschleuderte, um ein übles Subjekt wieder flottzumachen, ja, ich erinnere mich, von ihr gehört zu haben. Ist sie noch hier? Und ruiniert natürlich.« »Im Portemonnaie, ja.« »Und die Reputation ging mit dem Gelde.« »Chloes Beschützer gibt zu, daß sie allen Gefahren der Unklugheit ausgesetzt ist. Um so heller strahlt ihre angeborene Reinheit, ihre Herzensgüte, ihre Treue. Das ist eine Frau, deren große Seele in der Erniedrigung zu leuchten beginnt.« »Ich glaube wohl, daß sie ihre Schönheit bewahrt hat,« bemerkte der Herzog mit einem Lächeln. »Ja, bis auf die Rosen, die gingen, weil sie nicht ihres Herzens Geduld hatten. Nun blüht die Lilie. So soll Chloe der Herzogin Gesellschaft sein während ihres Aufenthaltes, und wenn nicht der Teufel selber dazwischen kommt, verbürge ich mich Ihrer Durchlaucht gegen jeden schlimmeren Schaden als Erfahrung. Und diese,« fügte der Beau hinzu, als der Herzog bei dem gefürchteten Wort Erfahrung die Arme in die Höhe hob. »und diese soll von der milden Art sein. Sie will natürlich spielen, das ist sicher. Setzen Euer Durchlaucht mit tausend Pfund eine Grenze. Wir entwerfen ihr eine Folge erlaubbarer Dummheiten, und sie spielt dann peu à peu die Tausend herunter, und ihr eheliches Gewissen wird sich so wohl befinden als nur möglich.« »Tausend Pfund,« sagte der Herzog, »das ist ja nicht viel. Mir fällt nun eine Beschreibung dieser schönen Chloe ein, die mir ein Enthusiast gab. Eine Brünette, nicht? Mit eleganten Manieren, aus guter Familie und reicher. Hat es aber mit alldem für besser gehalten. Ihren Namen zu verschweigen ... und das wird unsere Schwierigkeit sein, mein lieber Cousin Beamish.« »Damals, als ich hier noch regierte, nannte sie sich Mademoiselle Martinsward.« sagte der Beau. »Sie kam her als ganz junges Mädchen, und mit einem Schlag waren ihre Kavaliere Legion. Wie Frauen sind, wählte sie den unwürdigsten unter ihnen, und diesem Sieur Caseldy opferte sie das Vermögen, das sie von einem Onkel mütterlicherseits geerbt hatte. Alle seine Schulden zahlte sie, um ihn aus dem Schuldgefängnis loszubekommen, ein ganzer Berg von Rechnungen mit dem Advokaten oben drauf, – Pelion auf Ossa, wenn ich unsere Dichter zitieren darf. Mit einer Seele, ganz aufgeweicht in generösen Gefühlen, hat sie tatsächlich die Ungerechtigkeit begangen, sich selbst auszuplündern unter Verachtung aller Anstandsgesetze des Eigentums. Das passierte, als sie majorenn wurde und machte allen Beziehungen zu ihrer Familie ein radikales Ende. Seitdem lebt sie hier in Wells, verarmt und respektiert selbst von den lüderlichsten Subjekten. Ich habe sie Chloe getauft, und jeder und jede, die ihr nicht höflich begegnet, packt seine Koffer. Ein Opfer ihrer Anwandlung zu sein, davor konnte ich sie nicht bewahren, aber gegen die Geschosse der Bosheit und Unart kann ich sie schützen.« »Sie hat keine Leidenschaft für das Spiel?« »Sie nährt eine Leidenschaft für den Mann, um den sie geblutet hat, und die schließt alles andre aus. Sie lebt, und ich möchte sagen, es ist ihr Motiv, jeden Tag aufzustehn und sich anzukleiden, in Erwartung, daß er kommt.« »Vielleicht ist er tot.« »Nein, das Vieh lebt. Und soll nicht aufgehört haben, der hübsche Caseldy zu sein. Unter uns, Herzog, da ist etwas, das ihr das Herz brechen könnte, dieser Frau. Er war der Graf Caseldy der kontinentalen Spieltische und ist seit kurzem Sir Martin Caseldy, im Vollbesitz des väterlichen Erbes an Geld und Gut, das sie ihm frei und intakt gemacht hat.« »Eine triste Personnage.« »Mit einem schwärzeren Mal jeden Morgen, an dem er über sein Besitztum schaut und sie dahinschwinden läßt. Sie bekommt noch Heiratsanträge, ich bin glücklich, das zur Ehrenrettung unseres Geschlechts sagen zu können. Die unvergleichliche Anziehung ihrer Person übt die natürliche Herrschaft der Schönheit aus. Aber sie schlägt alle aus. Ich nenne sie den schönen Selbstmord. Sie ist für Liebe gestorben und ist nur mehr ein Geist, ein guter Geist, ein lieblicher, aber doch nur ein Geist. Eine Kerze auf einem Altar.« Der Herzog zeigte sich hier beunruhigt. Ob Chloes Konversation nicht etwas melancholisch sei, fragte er. Und ob der Gegenstand Ihrer Unterhaltung nicht auf Liebe und Liebhaber beschränkt sei, glückliche oder unglückliche. Er wünschte, sagte er, seine Herzogin über lustigere Dinge unterhalten, und Liebe sei ein Thema, das er sich reservieren möchte. »Dieser Monat,« machte er mit Emphase und jammernd, als ob er ihn prophezeien sollte, »wäre nur dieser Monat schon vorbei und daß wir von ihm gerechtfertigt und geklärt wären!« Beau Beamish beruhigte Ihn. Der Witz und die Lebhaftigkeit Chloens wären so berühmt, daß mans schon wie ein Medikament ansehe. Sie sei gesucht für ihre Gesellschaft. Sie komponiere und sänge improvisierte Verse, und Harfe spiele sie und Harpsychord und die Guitarre auch, und tanze, tanze wie der silbrige Mond auf den Wassern des Mühlteiches. Und sagte zum Schluß noch, sie sei beides, menschlich und verständig, einfach und amüsant, tugendhaft, aber nicht säuerlich, mutig, doch kein Hitzkopf, mit einem Wort die beste Gesellschaft, die ideale für Ihre Durchlaucht, die junge Herzogin. Überdies nehme er sich die Freiheit, vorzuschlagen, daß die Herzogin während ihres Aufenthalts in den Wells ein Pseudonym nehme, einen andern Namen, der sie wie eine Maske verbergen solle. Man würde ihr selbstverständlich trotzdem alle Ehren erweisen. »Ihr kommt meinen Wünschen zuvor.« sagte der Herzog, »ja, alle Ehren und den vordersten Platz und mein Zorn auf jeden, der ihn ihr streitig machen sollte.« »Bitte, Herzog: mein Zorn,« sagte der Beau. »Vielmals um Entschuldigung, Cousin ... natürlich, in keine sichereren Hände wüßte ich es zu legen als in Eure und bin Euch sehr verbunden, sehr. Chloe also. Übrigens, sie hat doch einen dezenten Respekt vor dem Alter?« »Sie ist respektvoll aus Instinkt.« »Ganz recht, aber nicht das. Ich wollte fragen, ob sie nicht so eine Schwätzerin ist, die von den Vorzügen und Annehmlichkeiten der Jugend schwärmt?« »Sie hat einen jungen Anbeter, den ich den Chevalier Alonzo benannte, sie bemerkt kaum seine Anwesenheit.« »Sehr gut, sehr gut das. Alonzo ... hm. Ein treuer Schäfer?« »Das Leben ist der Baum, in dessen Rinde er unermüdlich die Initialen seiner Schönen schneidet.« »Sie soll nicht zu grausam sein. Ich erinnere mich meiner früheren Tage, ich war ... Wenn junge Leute von einer Frau lange geringschätzig behandelt werden, so übertragen sie gerne ihre Affektionen und glühen stärker für ihre zweite Flamme als für ihre erste. Seid auf der Hut, Cousin. Er ist viel um sie, sagtet Ihr? Dies verliebte Geschmachte und Getue in der Nähe einer ganz unschuldigen Frau übt seinen Einfluß.« »Um so früher werden Ihre Durchlaucht den Weg zum heimatlichen Herd wieder nehmen.« »Oder weg davon, möge sie mir verzeihen. Ich komme mir vor wie einer von König Johanns Juden, der gezwungen wird, seinen Goldschatz ohne Sicherstellung auszuleihen. Was für eine Welt heutzutage! Nichts, Beamish, nicht das geringste Annehmliche besitzen wir, das nicht ein Gegenstand der Begierde wird! Gewinnt einen saftigen Einsatz und schon seid Ihr mit Euresgleichen auf dem Kriegsfuß und müßt von dem Moment ab Euch defendieren. Freudliches Besitzen, so was gibts auf dieser Welt nicht. Und erst gar, wenn es eine schöne, junge Frau ist, ah ...« »Der Championringer fordert jeden Gegner heraus, der sich auf seinen Boden begibt,« meinte der Beau stärkend. Der Herzog stimmte gedrückt diesen kraftvollen Worten zu. »Gewiß, oder er wird herausgefordert, nicht? Gibt es nicht irgendeine Geschichte, die diesen Alonzo bei Chloe, der wir sie erzählen, unmöglich macht? Ihr könntet ihn eigentlich für den Monat wegschicken, mein lieber Beamish.« »Ich begehe keine Ungerechtigkeit ohne einen zureichenden Grund. Er ist ein schätzenswerter Junge, wie seine Ergebenheit gegenüber einer ganz einzigartigen Frau zeigt. Ihr seinen Namen und sein Vermögen zu schenken, sind alle seine Gedanken.« »Ich sehe, ich sehe, ein ganz vortrefflicher, junger Mann. Ich fange an, diesen Alonzo gern zu haben. Ihr dürft meiner Herzogin nicht erlauben, sich über ihn zu mokieren. Enkuragiert sie vielmehr, daß sie seine Absicht auf Chloe begünstige. Die Einfalt eines jungen Mannes sollte ihr kein übler Anblick sein. Also Chloe. Gut. Ihr habt mich völlig beruhigt in diesem Punkte, Beamish. Und es ist nur noch eine Verbindlichkeit zu dem Berge der andern. Ich spreche nur deshalb nicht von Bezahlung, weil ich weiß, daß Ihr nicht meinen Bankrott wollt.« Was der Herzog und Beau Beamish sonst sprachen, betraf das Datum von Ihrer Durchlaucht Ankunft in den Wells, wo sie wohnen sollte und andere kleine Arrangements für Dero Wohlbefinden, wobei der Herzog fortwährend bemerkte: »Aber ich überlasse alles völlig Euch,« nachdem er darin ganz genaue Instruktionen gegeben hatte, die sich bis auf die Kaufläden und den Apotheker, den Modenhändler und den Juwelier erstreckten, bei denen sie ihre Einkäufe machen sollte. Er erinnerte sich aus seinen frühern Tagen in den Wells, daß sich da mancher Baron seiner Bekanntschaft für einen Tag in einen Kaufmann verwandelt und auf diese Weise eine Dame, schön wie Venus und eifersüchtig überwacht, gewonnen hatte. »Ich hätte ja mit der Göttin abgeräumt, wenn sie meine Frau gewesen wäre,« schrie er und fiel so von der Höhe seines Enthusiasmus herunter, wie jene windgeblähten Schweinchen Ihren allzu kurzen Ton mit einem Klagegekrächz schließen. »Aber ich verlasse mich da ganz auf Euch, Beamish.« Allso wie ein großer Feldherr, der alles zum Siege getan hat, was peinlichste Voraussicht ihm eingibt, sich der göttlichen Providenz ganz anheimstellt, in der Hoffnung, sich das unentzifferbare und geheimnisvolle »vielleicht« günstig zu stimmen. Drittes Kapitel Eine glänzende Karosse mit sechs Pferden und Livree in Scharlach und Grün fuhr an einem sonnigen Tag Herrn Beamish fünf Meilen die Chaussee lang, da er die junge Herzogin an der Grenze seines Reiches treffen und feierlich nach den Wells bringen sollte. Chloe saß neben ihm und empfing Ratschläge hinsichtlich ihrer bevorstehenden Pflichten. Er war an diesem Tage der vollendete Beau, leutselig, aber königlich, und seine Art zu sprechen war majestätisch wie seine Haltung. »Spähen Sie den Horizont ab und setzen Sie mich in Kenntnis, falls Sie irgendwo einen Wagen wahrnehmen,« sagte er, als sie auf die Höhe eines langhin abfallenden Hügels gekommen waren, wo die staubige Landstraße mit den braunen Hecken zur Seite sich in Kornäcker senkte, in Kleefeldern verschwand, um in der Entfernung einer Meile etwa wieder ansteigend sichtbar zu werden. Chloe schaute aus, während der Beau, sich abzukühlen, den Hut lüftete, und mit einem Blick auf das schwüle Land, über dem die Sonne kochte, bemerkte: »Die Augen schwitzen einem.« Da sagte Chloe: »Ein Wölkchen Staub. Es kommt dort was ... Jetzt erkenn ich Pferde – ein Fuhrwerk – eine Kutsche.« Man hieß die Spitzenreiter die Hörner blasen. Aber beide, Chloe und der Beau, schnitten ein Gesicht bei dem höchst ordnungslosen Getön der dreifachen Hörner, deren Geschmetter Säure in die Luft spritzte statt Süßigkeit. »Man möchte sagen Hofhunde, die den Mond anbellen,« erklärte der Beau, sich windend. »Und da habe ich, wie Sie wissen, selber die Kerle einexerziert! Vier Stunden hatte ich sie auf einer Wiese draußen, hab sie gebraten und eingeweicht in Sonne und Regen, damit sie ihre angeborene Kakophonie los werden. Aber sie lieben sie, wie sie Schinken mit Bohnen lieben. Der musikalische Stand des Volkes bei uns ist noch in der Phase des primitiven Appetites für Lärm, und davon kann es auch nie genug bekommen.« »Vielleicht klingt es von fern ganz angenehm,« meinte Chloe. »Nja, und ist entfernter desto angenehmer. Kommt man näher?« »Man hält. Am linken Wagenfenster ist ein Reiter. Nun zieht er den Hut.« »Mit großer grüßender Geste?« Chloe beschrieb den Halbkreis eines großen Grußes in der Luft. Der Beau zog die Augenbrauen in die Höhe. »Himmlische Mächte! Kaum ist sie von einer Hand der andern übergeben, kommt mittenwegs ein Kavalier dazwischen. Wir haben nicht auf die Habichte gerechnet. Also wir habens mit einem Kavalier zu tun! Dies bedeutet, meine liebe Chloe, daß ich sofort die Leidenschaft des Nebenbuhlers affektieren muß, wenn ich mit dem Menschen fertig werden will. Nichts weniger.« »Er ist im Galopp fortgeritten,« sagte Chloe. »Wem sie nach mir begegnet, das geht mich nichts an,« erklärte der Beau mit einer verachtenden Geste. »Aber es hat ein Intervall gegeben, das gefährlich war für eine unschuldige Dame wie Eva. Kommt sie näher?« »Die Kalesche kommt den Hügel im Trab herunter. Der Reiter ist den Weg zurückgeritten. Sie hat keine Diener zu Pferd bei sich.« »Die sind auf meinen Befehl zehn Meilen von hier fortgeschickt worden: zum großen Vorteil für die Herren Ritter möchte es scheinen. Frauen gegenüber, Chloe, ist das Blinken des Augenlids eine Versäumnis gegen die Wachsamkeit.« »Ein Axiom, das man im Harem des Großtürken aufschreiben sollte.« »Der Großtürke könnte uns nützliche Unterweisungen geben für unsern Handel mit dem Frauenzimmer.« »Mißtraut uns, und der Krieg ist erklärt.« »Euch trauen, und der Stöpsel ist dem Riechfläschchen verlorengegangen.« »Wir sind Frauen, Herr Beamish, aber wir haben Seelen.« »Ein schöner Schutz! Der Butz im Apfel, schützt er seine roten Backen davor, daß der von ihnen verlockte kleine Tommy den Garten plündert?« »Sie gehen davon aus, daß die Männer unsere Feinde sind.« »Ich behaupte nur, daß sie es sind, die das Banner der Tugend schwingen.« »Oh, Beamish, ich gebe mich auf!« »Ich verbiete Ihnen das für meine Lebenszeit, Chloe, denn ich wünsche im Glauben an eine Frau zu sterben.« »Bitte keine Schmeichelei für mich auf Kosten meiner Schwestern.« »Dann gehen Sie in ein Kloster, Chloe. Denn jede Schmeichelei ist auf jemandes Kosten, Kind. Die Schmeichelei ist eine Essenz, ein Extrakt der Menschlichkeit. Nach ihr zu leben, wie es manche Leute tun, ist schlecht, ja, es ist geradezu kannibalisch, aber es ist gestattet, unser Taschentuch mit ihr zu besprengen und wir sollen, wenn wir Lust haben, unsern Nasen mit einem Geruche wohltun. Gesellschaft, Chloe, das ist Wildheit auf einer höhern Stufe, und wir müssen unsere Opfer haben. Was sagen Sie zum Beispiel von mir neben unsern gestiefelten und gespornten Bauerntölpeln, die da reiten und tuten?« »Hundert davon sind Sie wert, Beamish.« »Das nenn ich ein Holokaust von Ehrenmännern, kondensiert um des Extraktes meines Leibes willen, und dazu haben Sie die Halunken nicht einmal zwischen die gigantischen Urweltsknochen gepreßt nach druidischem Brauche. Seien Sie philosophisch und nehmen Sie Ihr Ihnen Zukommendes hin. Und lassen Sie uns das unsere. Ich bin fest entschlossen, diese junge Herzogin zu bewahren, und ich weiß voraus, mein Unterfangen ist schwierig. Ich trage die erwähnte Standarte, das versichere ich Ihnen, und in aller Demut. Es ist ein Irrtum des Pöbels, daß alles Drache sei in den Kinnbacken des Drachen.« »Die Männer sind seine Klauen und seine Fangzähne.« »Gewiß, aber die Leidenschaft für seinen brennenden Atem ist bei der Frau. Sie nimmt sich ihren Elan und springt. So ist es, war es und wird es immer sein. Und in dem Augenblick, wo sie versucht und verängstigt vorgeht und zurückweicht gleichzeitig, da sperrt der Drache sein Maul auf und zieht die Luft ein: die Sonne ist verschlungen. Unsere Rolle ist, zu verhindern, daß es bei der Herzogin Goldknospe zu dem kritischen Augenblick komme. Kommt sie übrigens?« »Ich seh sie,« sagte Chloe. Beau Beamish verlangte eine Beschreibung und Chloe begann: »Sie ist bezaubernd.« Er gab diesen Kommentar: »Jede Frau ist bezaubernd in vierzig Schritten Entfernung, bezaubernder noch, wenn in der Phantasie gesehen.« »Schönes Haar, Kastanienfarbe, herrlichen Teint, weiß und rosa, ein blauer Hut.« »Die Augen?« »Von zartem Blau.« »Die richtige englische Hexe!« rief der Beau und der abwesende Herr und Meister dieser Hexe flößte ihm einen mitleidvollen Gedanken ein. Chloes Sehkräfte waren nicht länger mehr in Anspruch genommen, in der schönen Herzogin Linienspiel einzudringen, denn schon lagen die Seiten der beiden Wagen nebeneinander. Der des Beau war offen. Beamish erhob sich, und seine besonderen Rechte nützend fixierte er die Herzogin Susanne, bis sie errötete. Da sagte er: »Ah, Madame, ich bin nicht der erste.« »Aber wer sind Sie denn, mein Herr?« Der Beau zog langsam den Hut und verbeugte sich. »Der, Madame, von dessen Annäherung Sie jener Herr informierte, der da drüben auf der Höhe sich von Ihnen verabschiedete.« Sie blickte ganz arglos über ihre Schulter und auf den Beau, der aus seinem Wagen gestiegen war. »Ein Herr?« »Zu Pferde.« Die Herzogin fuhr mit dem Kopf zum Wagenfenster heraus: sie mußte die Entfernung zwischen den beiden Anhöhen messen. »Niemals!« rief sie. »Wie, Madame? Brachte er keine Botschaft, die mich ankündigte?« log der Beau. »Himmlische Güte! Da müssen Sie Sir Beamish sein.« rief sie. Indem er seinen Hut an sein Herz drückte, lud er sie ein, ihren Wagen zu verlassen und in dem seinen Platz zu nehmen. Sie stellte eine Bedingung: »Nur wenn Sie mich überzeugen, daß Sie Herr Beamish sind.« Er zog die Stirne in Falten und warf den Kopf zurück, um sie zu überzeugen, aber sie ließ sich davon nicht beeindrucken. Da rief er Chloe, daß sie seine Identität feststelle. Wie die Herzogin den Namen Chloe hörte, rief sie: »Ja, jetzt glaub ichs. Chloe ist hier meine Jungfer, und ich weiß, sie ist eine Dame, richtige Dame ... wir werden Freundinnen werden. Lassen Sie mich zu Chloe. Also Sie sind Chloe?« sagte sie und machte einen beherzten Schritt vom Trittbrett ihres Wagens auf das des andern. »Und machen sich nichts daraus, meine Jungfer zu sein? Sie sehen gut und lieb aus. Und ich sehe, Sie sind eine Wohlgeborene, Ich sehe so was immer sofort. Sie sind schwarz, ich blond, wir werden uns gut verstehen. Und sagen Sie mir ... Gott, was für schreckliche Augen der hat und weit damit schaut! Ich muß Sie gleich fragen, was Sie von mir denken. Ich war nie zuvor auf den Wells. Herrgott! Die Kalesche ist weg! Sie müssen mir sagen, an welcher Wegstelle man die Glocken hört, die mich einläuten. Ich weiß, daß ich Glockengeläute bekomme. Herr Beamish, Herr Beamish, ich muß meinen Plausch mit einer Frau haben, und Sie machen mir angst, Sie erschrecken mich mit Ihren Augen. Ich brauche im Palais meines Herzogs nur den kleinen Finger zu heben, um Männer zu sehen, dutzendweise. Es ist ja wahr, es sind lauter alte Männer. Aber eine Frau, die eine Dame ist und so liebenswürdig, meine Jungfer zu sein, das begegnet mir zum erstenmal, seit ich eine Krone trage. Ich will also Chloe bei der Hand halten. Da! Und Sie müssen mir immer gleich sagen, Chloe, wenn ich nicht nach Ihrem Geschmack angezogen bin, nicht wahr? Und was mein vieles Reden betrifft, bei mir ist das ein Beweis, daß ich die Leute gern hab. Ich weiß oft nicht, was reden mit meinem Herzog. Ich denk oft nach und finde es so komisch, einen Herzog statt einen Gatten zu haben. Na, jetzt staunen Sie!« Und die Herzogin lachte, als sie Chloe lachen sah. Die sich dafür entschuldigte, aber von ihrer Herrin die Belehrung bekam, das sei es gerade, was sie liebe. »In den ersten zwei Jahren konnte ich kaum ein Wort reden. Ich stotterte, wurde rot, blieb auf meinem Zimmer, kämmte und bürstete mein Haar und war immer daran, vor jedem einen tiefen Knix zu machen. Jetzt fühl ich mich ja schon ganz sicher, denn ich habe mächtig Courage – außer vor dem Tod. Ich komme schlechter mit dem Gedanken des Sterbens aus als damals, wo ich noch ein armes Mädchen war, mit dem Herrjeses einer dummen Trine in den runden Augen und einem Mund grad nur gut zum Vollstopfen. Ich möchte wissen, warum das so ist. Ist das Sterben nicht eine schreckliche Sache? Und die Skelette!« Die Herzogin schüttelte es. »Das kommt auf das Skelett an,« meinte Beau Beamish. »Dem Ihren, Madame, möchte ich nicht begegnen, denn es würde mich zu klagevollem Bedauern über den Verlust des Fleisches veranlassen ... Aber ich bin einmal meinem eigenen Skelett begegnet und kann sagen, ich bin ganz zufrieden mit der Entrevue.« »Ihrem eigenen Skelett?« fragte zweifelnd die Herzogin und wurde blaß. »Dem meinen, ganz unirrtümlich. Und ich will Sie zu Zeugen aufrufen, indem ich es beschreibe.« Die Herzogin machte große Augen und rief erst: .Nein, nein!« Aber sagte dann: »Es ist ja heller Tag und ich hab jemanden bei mir schlafen, wenns Nacht wird,« und sie lächelte zu Chloe. Diese gab die Versicherung, daß zu Angst gar kein Anlaß sei. »Ich begegnete dem Herrn, als ich mich in mein Schlafgemach begab. Durch einen engen Korridor, wo einer dem andern ausweichen mußte. Ich muß bekennen, nur die Knochen in Betracht gezogen, ähnelten wir uns auf so erstaunliche Weise, daß ich ihn bat mich vorbeizulassen. Denn dieses Individuum war durchaus ein Hindernis auf meinem Weg, und war mir beim ersten Anblick widerwärtig. Ich hielt es für das Skelett irgendeines, für das übliche Emblem des Todes mit Schädelgrimasse, zählbaren Rippen und den fächerartig verbreiteten Fußzehen, kurz für den wenig erfreulichen und anmutigen Polischinell, über den der Mensch gebaut ist, und den er heimsucht in den schwachen Stunden. Offen gesagt, kam ich von einem Souper, dem ein Ball gefolgt war mit schönen Frauen und witzigen Herrn. Hatte also ein gutes Rezept, Geister zu beschwören. Nun, mein Junge, sieh zu, daß du weiterkommst, und ohne zu grüßen ging ich weiter. Ich gebe Ihnen mein Wort, Madame, er betrug sich genau so, wie ich mich unter gleichen Umständen betragen hätte. Er weicht mit eingezogenen Gliedern einen Schritt zurück, verbeugt sich und beehrt mich mit einem Gruße, der bedeutete Gehorsamer Diener! Was auch gleichzeitig würdiges Selbstgefühl ausdrückte. Ich gehe weiter, er macht wieder einen Schritt zurück, grüßt wieder, und das alles auf die natürlichste und vornehmste Weise, gar nicht leichenbitterhaft. Das sind, dachte ich, in der Tat gar königliche Manieren. Ich war geneigt, ihn für den Monarchen der Unterwelt zu nehmen, ohne seinen Mantel. Ich gestehe, ich wurde vor Verlegenheit rot.« »Und das ist alles?« fragte die Herzogin und tat einen erleichterten Seufzer. »Aber merken Sie nicht, Madame, daß bloß mein eigenes Skelett sich so vornehm und mit solcher Grazie gegenüber der Insulte seines allernächsten Verwandten benehmen konnte? Als es mir vorausgehend die Türe öffnete, was ich diesmal durchaus billigte, da erkannte ich es, und ich verstand den Vorwurf, den es mir mit seiner Absicht machte. Vielleicht hätte ich mich mit dem Souper, den Weinen und dem Ball entschuldigen sollen. Ich muß gestehen, daß dieses letzte sichtbare Zeugnis einer feinen Erziehung, dieses Türöffnen und Vorangehen, für mich die schönste Eloge war, die je ein Mann bekommen hat. Es war mir die Sicherheit, daß ich einst, wenn dieses sterbliche Fleisch von mir gegangen, nicht weniger bemerklich sein würde durch meine Urbanität und meine Eleganz; und ich werde es in der Ewigkeit noch weit mehr sein als hier unten, da ich dort nicht solche Ekarts begehen werde, deren ich mich schuldig machte, als ich noch ein Weinschlauch war.« Die Herzogin schlug den Fächer, um sich die Verdauung der Anekdote zu erleichtern. »Alles in allem ist Ihre Anekdote nicht so böse wie Ihre Augen vorhin, und ich sehe, Sie sind der Beau Beamish.« Er fragte sie, ob ihr seine Ankunft von dem Herrn zu Pferd signalisiert worden sei, da drüben auf dem Hügel. »Was will er nur mit seinem Herrn zu Pferd?« und sie wandte sich zu Chloe. »Mein Herzog hat mir gesagt, daß Sie mir entgegenkämen, Herr Beamish. Und daß Sie für meinen Schutz zu sorgen hätten. Wenn mir etwas passiert, sind Sie verantwortlich.« »Ich allein,« sagte der Beau. »Aber ich will mir doch auch eine Wachgarde schaffen.« »Die mir aber nicht die Freiheit nehmen darf. Gott! Ich war doch so lang eingesperrt! Sehen Sie, Chloe, ich komme mir vor wie ein Sonntagskleid, das man ausführt und das ein bißchen Angst hat, sich zu beschmutzen. Ich bin ein richtiges Kind, mehr noch als damals, als der Herzog mich geheiratet hat. Als man mich zu dem Rang erzog, den ich nun einnehme, da kam es mir vor, als würde ich wieder ganz klein und sei im Wachsen. Ich hab keinen Menschen, dem ich davon erzählen könnte. Ist das nicht traurig? Man kann zu alten Herrn doch nichts von dem erzählen, was einem im Herzen vorgeht.« »Und den jungen Herrn?« fragte der Beau. »Die erraten es.« »Nicht ohne daß man sie dabei führt.« Die Herzogin Susanne ließ leicht ihre Wimpern und ihre Unterlippe hängen. In ihrem gleichzeitig schalkhaften und unschuldigen Blick lag ein Gedanke eines Naturkindes, ein Gedanke, der sich in ihr zum Licht gebracht hatte und sich nun heimlich vor die weite Welt aufrichtete. »Wer weiß, ob Sie recht haben?« Und es war in ihrem Ton die gleiche Malice wie in ihrem Blick. »Hüten Sie sich«, sagte er, »vor den Männern in mittleren Jahren.« Sie wandte sich an Chloe: »Sind sie nicht die angenehmsten?« Chloe gab es zu. Die Herzogin, ein Wesen, rasch alles zu packen bereit, wonach sie lüstern, umfaßte ihre beiden Fahrtgenossen mit einem Blick. Sie hätte das liebenswürdige Thema der Unterhaltung weiter verfolgt, wären nicht die Türme und Dächer von Wells in ihr Gesicht gekommen. Glänzend in der Sonne, verschlummert in der Atmosphäre eines Sommertages zur Stunde der Siesta. Sie strich über ihr Seidenkleid, rührte mit der Hand an das Kunstgebilde ihrer Coiffüre und sagte halblaut zu Chloe: »Ich vertrage den Staub gar nicht ... Sie werden mich durch einen Reifen hüpfen sehen. Ich kann das sehr sein. Ich machte das immer zu einer langsamen Musik, mein Herzog klatschte in die Hände. Wissen Sie, ich bin nichts, wenn ich sitze, verglichen damit, wenn ich in Bewegung bin. Das ist, weil ich noch nicht das seine Parlieren gelernt habe. Aber das kommt schon noch, scheint erst zum Schluß. Also das da ist Wells. Wo ist der Ort, wo man sich trifft, die Promenade der großen Welt?« »Dort, Madame, wo die großen Bäume stehen,« sagte Chloe. »Und wo nehmen die Damen Kuchen mit Konfitüre und geschlagener Sahne darauf, während die vor ihnen stehenden Herrn ihre Nettigkeiten sagen?« Chloe erklärte, daß dieses sich in einer Konfiserie vollzöge, die neben dem Quellensaal läge. Der Blick der Herzogin ging über die Dächer hin und fuhr zurück vor den staubigen Hecken und Wiesen. »Gott! Dieser Staub!« rief sie. »Ich kanns nicht ausstehen, außer der Mode zu sein und komisch auszusehen. Aber ich liebe meine Haare. Ich hab eine ganze Menge. Ich hab ihre Farbe so gern, und mein Herzog auch. Erlauben Sie nur nicht, daß man sich mich mit dem Finger zeigt! Fange ich einmal an, vor den Leuten rot zu werden, so verläßt mich all mein Mut, das Lied in mir hört auf und erstickt. Denn ich hab wirklich eine Lerche in mir, die in mir den ganzen Tag steigt, ob schön, ob Regen ... und singt immer von Lust und Liebe.« Chloe lächelte. Die Herzogin plauderte weiter. »Es muß ein Vogel sein, denn was mich betrifft, ich weiß nicht, was das ist, Lust und Liebe.« Sie sah auf Chloe, als ob sie von ihr eine Erklärung erwartete. In diesem Augenblicke tauchte ein Trupp Berittener am Wagen auf, der haltmachte. Beamish erhob sich und gab Befehl, daß die Glocken geläutet würden und daß sich die Fanfare an die Spitze des Zuges begeben möge, man würde durch die Hauptstraße fahren »zu Ehren der Ankunft Ihrer Durchlaucht der Herzogin von Ochsenschlepp«. Seine Stimme war lauter Befehl. Und er schoß dabei einen so glänzenden Blick auf die Herzogin, daß diese für einen Moment ganz betäubt war und ihre Gedanken gar nicht auf die Worte richtete, die sie vernahm. Aber bald zeigte sie einige Unruhe, und war schließlich völlig verwirrt, biß sich in die Unterlippe und ein bißchen ohne Atem: »Bin es ich, von der Sie sprechen, Herr Beamish?« »Von Ihnen, Madame. Sie sind es, die zu ehren wir entzückt sind.« »Herzogin von was?« Und ihre Züge verkrampften sich ein wenig in Erwartung der Antwort. »Herzogin von Ochsenschlepp.« »Aber das ist doch gar nicht mein Titel, mein Herr!« »Es ist Ihr Titel auf diesem Boden, Madame.« Sie machte das hübsche Naschen und die Oberlippe völlig häßlich mit der verächtlichen Grimasse, die sie schnitt. »Ochsen ... in diese Stadt einziehen und vor allen den Leuten unter dem Namen Herzogin von ...? O nein! Ich mag nicht. Ich mag ganz einfach nicht. Rufen Sie diese Dorreiter zurück, Herr Beamish! Sie beleidigen mich, mein Herr! Ich denke nicht daran, ein Gegenstand des Lächelns zu werden! Und Sie beleidigen den Herzog! Er würde lieber sterben, als wissen, daß man mich in meinen Gefühlen verletzt. Da ist mir nun meine ganze Freude verdorben. Ich will nicht in diese Stadt, ich werde nicht in diese Stadt treten mit dem stupiden Namen! Also rufen Sie schon die Leute zurück, sofort rufen Sie die Leute zurück. Ich weiß, wer ich bin und was man mir schuldet. Ich weiß es sehr gut.« »Genau wie ich,« sagte Beau Beamish. »Chloe ist hier, die Ihnen sagen wird, daß ich hier der Herr bin.« »Dann will ich zurück nach Hause, verstehen Sie? Ich will hier nicht lächerlich gemacht werden als eine komische Grande Dame. Ich bin eine wirkliche Dame von Rang, und unter diesem Titel will ich in die Stadt. Was ist das, eine Herzogin von Ochsenschlepp? Sagen Sie doch gleich Herzogin von Kuhschwanz oder von Mopsschweiferl! Ich will nicht! Ich will nicht, daß man sich über mich lustig macht! Was die Leute sagen werden und was für Gesichter schneiden! Rufen Sie Ihre Reiter zurück, ich will nach Hause.« »Die Kalesche Ihrer Durchlaucht ist hinter uns,« sagte der Beau. Sein kaltes Blut und seine despotische Sicherheit riefen eine Tränenkrise hervor, wobei sie immer wieder zwischen Schluchzen »Ochsenschleppl Ochsenschlepp!« rief, ihr Gesicht in den Händen vergrub und es sie schüttelte. »Sie sind so stolz auf Ihren Namen, Madame?« »Ja, das bin ich, natürlich!« Und sie tat die Hände vom Gesicht, um ihm das mit allem Stolz zu sagen. »Ja, das bin ich weiß Gott,« und tat alles, in diese Worte den energischsten Nachdruck zu legen. »Dann bitte ich, mich anzuhören,« sagte er mit Autorität. »Ihr Herzog, Madame, ist mein Freund und Sie sind hier unter meinem wachsamen Schutz. Ja, ich bin Ihr Beschützer, Sie sind meine Schutzbefohlene. Ohne sich mir zu unterwerfen, kommen und können Sie nicht in diese gute Stadt Wells. Hören Sie mich also an, Madame. Kein Mensch kann Ihnen Ihren wahren Namen und Titel nehmen, kein Mensch außer Sie selber. Aber Sie stehen auf dem Punkte, einen Ort zu betreten, wo sich Ihnen tausend Versuchungen bieten, Ihren Namen zu trüben oder vielleicht sogar die Rechte zu verlieren, ihn zu tragen. Sie sind gewarnt: handeln Sie danach.« »Also werde ich meinen wahren Namen führen?« »Während Ihres Aufenthaltes hier sind Sie die Herzogin von Ochsenschlepp.« »Das werde ich ganz bestimmt nicht sein.« »Sie werden es sein.« »Niemals!« »Ich befehle es.« Sie warf sich mit einem Aufseufzen Chloe an die Brust. »Können Sie denn nicht zu meinen Gunsten was tun?« sagte sie, Tränen in der Stimme. »Es ist unmöglich, Herrn Beamish zu erschüttern,« gab Chloe Antwort. Es entstand eine Pause, da war nur Stöhnen und Seufzen, und dann kam es aus einer zerbrochenen Stimme: » Also... also... ich war sicher lieber seinem Skelett begegnet. – Das offenherzige Wort war soviel wie Esprit. Und Beau Beamish brach in lautes Lachen aus. In einem Elan von Gewogenheit, hervorgerufen von unwiderstehbarer Bewunderung, zwang er sich die Freiheit auf, die Fingerspitzen der Herzogin zu fassen und zu küssen. Sie sah darin eine gute Gelegenheit, ihren Fall zu gewinnen, aber beim ersten Wort, das sie sprach, hatte er schon wieder seine strenge Art. Inzwischen durchlöcherten die lustigen Klänge der Fanfare die Luft, und die Glocken brummten festlich. Eine Mahnung, daß es notwendig sei, seinen Kummer zu verbergen, seinen Rang zu halten und vor der Menge zu repräsentieren. Die Aufregung durch das umgebende Neue, die Musik und das Glockenläuten taten auf Herzogin Susanne ihre Wirkung. Die bittere Empfindung über ihre Neubenamung verwich vor ihrem Geiste. Sie hielt sich aufrecht und ihr Gesicht drückte nichts sonst aus als die Erwartung ungewöhnlicher zauberhafter Dinge. Fähig, die geringsten Eindrücke zu reflektieren, glich dieses Gesicht der Oberfläche eines schönblauen Sees, welche launische Lüftchen streicheln und kräuseln, da und dort, der Sonne zum Trotz, die sich über den Spiegel gießt. Viertes Kapitel Sir Beamish, dieser, alles in allem, der Reflexion zugeneigte Gentleman und unser erster, wenn nicht unser einziger Beau mit philosophischem Geiste, Sir Beamish, sage ich, tat dieses Axiom, daß der Engländer Im gesellschaftlichen Leben einer tyrannischen Regierung bedürfe, ebenso wie er im politischen Leben ohne eine solche auskomme. Die Erklärung dieser Tatsache gründete er auf den Charakter der Rasse. Deren Repräsentanten, sagte er, besitzen eine eminente Tugend, die darin bestünde, sich als Individuum zu bestätigen. Auch verstünden sie überall dort, wo sich eine größere Menge von ihnen versammle, sich Platz zu schaffen, hinreichend, daß jeder seine Ellenbogenfreiheit habe. Aber das gesellige Leben ist nicht erträglich, wenn beständige Reibungen das Annehmliche der Beziehungen stören. So wird eine Qualität, durchaus lobenswert beim unabhängigen Bürger, bedauerlich dann, wenn sich ein etwas brüderlicher Cercle bilde. Und die gleichen Menschen, welche ein viel zu eklatantes Beispiel der Zivilisation gegeben haben, als daß man ihnen deren Mangel vorwerfen könnte, kann man oft dabei überraschen, daß sie mit Fäusten an den rauhen Grenzen der Barbarei aufeinander losgehen. Darum muß es sein, daß sie in der geselligen Sphäre Gesetze hinnehmen, die sie nicht gemacht haben und die von äußerster Strenge sind. Aber hier belauert sie eine neue Gefahr, und der Beau antizipierte sie aus der schmerzlichen Erfahrung einer kommenden Epoche. Werden sie nicht, diesen Gesetzen einmal unterworfen, völlig die schöne Lebendigkeit verlieren, die sie im Zustande der Unabhängigkeit auszeichnet? Hat je die Vernunft Macht über ihre Wildheit bekommen, werden sie in ihren freiesten Reunions diese turbulente Blutader behalten, die auf dem Dorfplatz nicht auffällt und hingehört? Unser »lustiges England« wird das England langer Gesichter werden, ein England armer »erschreckter Teufel, Schweinsköpfe mit einer Zitrone im Maul. Gutes Essen vielleicht, aber triste Gesellschaft. Man möchte sagen, Beamish habe hier Gefahren vorausgesehen, anhaftend einer Umänderung, deren Etappen er nur verfolgen konnte, solange er lebte. »Ich empfehle mich,« sagte er, wie ich gekommen bin, in einem Blitz.« Er hatte in der Tat weder Ahnen noch Nachkommen. Er war ein Genie und wußte sich aus diesem Umstände einzelhaft, trotzdem er sich sehr mühte, sich Ähnliche, Gleichende zu schaffen. Im Umkreis seines Territoriums war sein Tun effektiv. Uns Heutigen kommt es vor, als würde uns das eher gestört als gedient haben. Aber das darf uns nicht hindern, in ihm einen Fürsten unserer domestikalen Zivilisation zu bewundern. Das Natürliche verjagen geht nicht ohne einiges Risiko. Kommt die Natur im Galopp zurück, wie das Sprichwort sagt, so im Sturm. Gemeiniglich aber flüchtet sie im Galopp und verschwindet. Wir behalten dann keine Basis, darauf unsere andere Hoffnung zu gründen als unser Hirn, daß es uns Wärme und Belebung gebe. Wir sind darauf eingeschränkt, von unserm Intellekt zu leben, der gewöhnlich weniger fruchtbar ist als Felder und auch kein Artikel mit Wechselwirtschaft. Ob er nun recht oder unrecht hatte, die Meinungen gehen darüber auseinander. Beau Beamish unterwarf das natürliche Chthonische der Regel und bediente sich dazu eiserner Ruten. Bauernlümmel und Magd hatten keine Ruhe, bevor sie nicht Herr und Dame machen konnten. Und was Herrn und Dame betraf, so erlaubte er auch ihnen nicht, ihre, wie er sagte. »Fahnen flattern zu lassen wie der Wind wolle«. Die verliebte Leidenschaft fand ihn nicht erbarmungslos: aber er bediente sich dieses selben Wortes, seine Schläge wem immer zu versetzen, der vorgab, ohne Skrupel galanter Abenteurer nachzugehen. Eines Tages einer Dame begegnend, die auf einem gewissen Punkte stand und den Eindruck eines steuerlos rollenden Schiffes machte, sprach er sie mit diesen Worten an, die berühmt geblieben sind: »Ich höre, daß Sie in den ehrwürdigen Orden der Buhlweiber eintreten wollen.« Dieses freche Wort trug ihm einen Handel mit dem Gatten ein und mit diesem »Spitzbuben von Diener«, wie den Dritten in der Partie zu bezeichnen ihm gefiel: aber das Wort brachte, sagt man, die Dame wieder auf den rechten Weg. Fügen wir noch hinzu, daß er ganz offen vulgäre Manieren bei Personen vom Stande rügte. Als sich einmal eine elegante Dame eine Bewegung der Verachtung erlaubte, die sie nicht schöner machte, sagte er zu ihr: »Ist das wirklich Ihr Gesicht? Ich wäre glücklich, dessen Versicherung zu erhalten.« Eine Frau fragte ihn, weshalb gerade die Frauen das Objekt seiner Angriffe seien. »Weil ich«, sagte er, »für euch kämpfe und euch in den Reihen des Feindes sehe.« Er ging mit ihnen um wie mit Überläufern und Verrätern. Im übrigen sekundierten sie ihm gut. Die Frauen verachten ihre Schutzherren, wenn sie unter einem gewissen Alter sind, haben sie dies aber erreicht, lassen sie ihnen aus vollem Herzen Gerechtigkeit widerfahren. Dank einer Phalanx von großen Damen war der Beau in der öffentlichen Meinung mit dem olympischen Blitz investiert worden. Widerspenstige gab es nur bei den wagemutigen oder wilden Temperamenten oder den jenseits der erlaubten Grenzen Konfinierten. Er lenkte Blitz und Dekret glatt ans Ziel. Projektile gegen ihn geworfen fielen über ihn weg. Man fragte sich, ob das Land seinen Dorteil fände in der Tätigkeit dieses Menschen, der den kulturlosen Eingebornen und dessen Progenitur zivilisiere, indem er ihnen die naive Begeisterung, die Fröhlichkeit, die Kunst sich auszudrücken nehme, kurz, sie versteinere. Der Erfolg der Tracheotomie hängt von der Schnelligkeit und Geschicklichkeit des Operateurs in dem Momente ab, wo er sein Instrument in die Kehle des Patienten einführt. Vielleicht sind unsere unglücklichen Landsleute nicht mit der ganzen Kunst behandelt worden, oder es ist ihr Organismus widerspenstig gegen alles Artifizielle und es bleibt ihnen, ist die Natur vertrieben, nichts. Sei es wie immer, wir vermögen den Fall nicht weiter aufzuklären. Die junge und schöne Herzogin von Ochsenschlepp bewahrte ihre Airs der Hirtin ihren gesellschaftlichen Talenten zum Trotz. Sie verführte unwiderstehlich. Der rote Apfel nah greifbar am Baumast versucht so den Vorübergänger, wenn der Gärtner nicht da ist. Sie sehen lassen, bewundern lassen, verlangen, daß ihr mit höchstem Respekt begegnet werde, trotz des Pseudonyms, das man ihr gegeben: solches hieß ein gefährliches Abenteuer wagen, solches bedeutete die Grenzen der Kühnheit überschreiten. Beau Beamish hätte das nicht riskiert, wäre er nicht sicher gewesen, von seiner Phalanx von Damen unterstützt zu werden. Nachdem diese in das Geheimnis eingeweiht worden waren, hatten sie beschlossen, selber die Inspektion der metamorphosierten Melkerin zu übernehmen. Das Examen fiel für die Herzogin Susanne nicht ungünstig aus. Sie ging daraus als weiser als ihr Herzog hervor. Sie blieb stumm und ihre wohlerworbene Haltung wie auch ihre süperbe Geste taten das ihre, die Kritik dieser Damen milder zu stimmen. Sie lobten ihre im Errötenkönnen etwas zu prompte Unschuldigkeit mit einer Reserve, in dieser Bemerkung enthalten: »Sehr hübsches Spielzeug, die zweite Kindheit eines Herzogs zu erfreuen. Er hätte es in seinem Spiel- und Kinderzimmer eingeschlossen halten sollen.« Man billigte die Hüte. Alle Welt wußte um die große Kennerschaft des Herzogs im Kapitel der weiblichen Reize. Es kam ihm sehr natürlich die Oberaufsicht darüber zu, daß die Herzogin von den geschicktesten Haarkräuslern nach dem besten Geschmacke coiffürt würde, von den besten Modistinnen bedient. Man fand ihren Blick süß und ihr Lächeln gewinnend. Sie könnte ganz gut ausschlagen, vorausgesetzt, daß man sie in der ersten Zeit im Auge behielte. Die Art der Herzogin, ihr Charakter las sich durch ihren Namen hindurch wie beim Schein eines lebhaften Lichtstrahls; aber Ihre Richter vermochten sie nicht mit aller Rechtlichkeit zu schätzen. Man empfahl ihr im Chore Puder auf Haar und Wangen, erklärend, dies sei das einzige Mittel, ihr ländliche« Parfüm zu exorzisieren. Sie würde ja rot, daß es schon beinah indezent sei. Aber die Richter des feindlichen Geschlechtes betrugen sich, wie gesagt werden muß, danach, daß der Herzogin die Farbe Ins Gesicht steigen mußte. Und die Farbe strömte immerzu. So ergötzt sich der Trupp kleiner rosenfarbener Amoretten um Cythere inmitten der Wellen: steigend oder sich stürzen lassend, ein fliegender Gürtel, voltigieren sie in der Luft, schweben, hängen in ihr, den Blumenblättern gleich, die ein Sommerlüftchen hinaufbläst, und fädeln das Netz, das sie über die Welt werfen. Die Herzogin Susanne konnte zu ihrer Verteidigung anführen, daß sie nicht Herrin dieser Blutstöße sei, daß dessen Ursache die frechen Augen seien, nicht ihr ungepudertes Gesicht. Kein Zweifel, aber das Natürliche muß, handelt es sich darum, den Mann zu beherrschen, versteckt, bis zu einem gewissen Grade ausgelöscht, ja bei Gelegenheit ganz unterdrückt werden. Jedesmal, wenn die natürliche Frau ihren Fuß auf die Erde stellt, ruft sie mit dem Schlag auf den Boden die schreckliche Erscheinung des natürlichen Mannes hervor, – und der natürliche Mann sieht ihr gar nicht ähnlich, ist ein Wilder, ein Kannibale. Um das Licht seines Weges zu sein, muß sie es verstehen, sich in der durchsichtigen luftigen Draperie einer Vorstellung zu verhüllen, um im Geiste des Mannes wie eine Idee zu sein, sehr süß, sehr mächtig, aber auch sehr mysteriös und unfaßbar. Man richtete zu diesem Punkte sehr kluge Reden an die Herzogin: sie verstand ein kleines Teil davon und machte ohne Einwände gegen den unverstandenen Rest gutes Echo, nichts wünschend als sich in allen Punkten gelehrig zu zeigen, soweit wenigstens ihre Intelligenz zustimmte, geweckt zu werden. Sie durchschritt eine Phase, die alle jungen hübschen Frauen passieren müssen, welche in ihrer Kindheit nicht abgerichtet wurden, und man sieht sie das Entzücken an sich selber mit einer raffinierten und leicht gemilderten Unschuld kultivieren. Es kommt ihnen wie eine Beschmutzung vor, sich anders zu zeigen als so, wie sie die gute Mutter Natur gemacht hak. Mutter Natur, die sie schön gemacht hat, und dafür, wie man doch zugeben müsse, verdiene, angebetet zu werden. Weder die Vorstellungen der Damen von Welt, noch die Ratschläge Chloes vermochten sie zu überzeugen, daß sie die Puderquaste gebrauchen müsse. Vielleicht auch fand sie, Ängstlichkeit aufgebend, ein Vergnügen darin, gegen ihre Umgebung abzustechen. Aber diese erstaunliche Herzogin von Ochsenschlepp mit ihrem Teint und ihrem Haar des Landmädchens konnte ernsthafte Unruhen erzeugen. Die Vor- und Voraussichten eines Beamish konnten vereitelt werden. Sehr wohl ihre anziehende Kraft erratend, hatte er nicht mit dem harmonischen Ensemble ihrer besondern und sehr englischen Reize gerechnet. Eine Schöne in Rot, Weiß und Blau, das ist unsere insulare Göttin Venus, die in ihrer Hand den Apfel des Paris hält. Die Herzogin brauchte nur zweimal im Kursaal und einmal auf der Promenade beim Rathaus zu erscheinen, und schon waren alle Bewohner von Wells hinsichtlich ihrer in zwei Lager gespalten. Sie waren Männer und Frauen durch die Meinung, ganz so wie sie Männer und Frauen durch die Natur ihres Geschlechtes waren. Die Männer wiesen es von sich, im Schweigen zu verschwinden. Ihre Augen hatten ihre Lieblingsgottheit geschaut. Es war an den Frauen, diese Attitüde des Schweigens einzunehmen, hinter der sich so viel Sturm und Gefahr verbirgt. Einfache und Edelleute, Militärs und Herren vom Lande gaben allseits ihre Funktionen auf, um sich dem Dienst der robusten Schönheit vor Ihnen da zu weihen. Sie taten das jeder auf seine Weise mit entzückten Ausrufen, mit Sapperlot! mit Holla! und Drauf los! Es passiert in Britannien nicht häufig, daß die Schönheit die Feinheit des Geruchssinnes erregt, wie bei der Fuchsjagd. Da tat nun die Herzogin Susanne ganz Ungewöhnliches: sie verwandelte alle ihre Nachsteiger in Jagdhunde: ganz närrisch waren sie. Paar Tage nach ihrer Ankunft wurden schon tolle Wetten auf sie gemacht, gab sie Anlaß zu Verfeindungen, rief mehr oder weniger delikate Propos über sich hervor, Auseinandersetzungen gab es über sie, ja, eines schönen Tages stürzte einer auf die Erde infolge eines ihm in aller Öffentlichkeit versetzten Faustschlages, – genau so, als ob die zivilisatorische Hand des Beau Beamish niemals über das Land gestrichen wäre. Der Faustschlag stürzte ihn in tiefe Ratlosigkeit. So stark er auch das Duell mißbilligte, der Degen wäre immerhin erträglicher als die grobe Faust. Und wer hätte unter allen Männern gerade den jungen Alonzo, den stillen und bescheidenen Anbeter Chloes in Verdacht gehabt! Und er war der Schuldige! Der Fall wurde Herrn Beamish unterbreitet. Seine Pflicht war, ein unparteiisches Urteil zu fällen. Während der Dauer der Verhöre litt er wahrhaft königliche Qualen eines Potentaten. Er selber ist es, der uns dessen in seinen Erinnerungen versichert. Mit dem Richterschwerte gerade jene treffen zu müssen, die ihn am meisten schätzten, dies ist der Könige allergrößter Schmerz. Der Beau erlitt ihn: er verdiente zu herrschen. Zum Glücke dienten die Aussagen zu Lasten des Opfers, des Herrn Ralph Shipster, als Entschuldigung für Herrn Augustus Camwell, genannt Alonzo, als Entschuldigung für die Energie, mit der er jenem den Mund geschlossen hatte. Der genannte Shipster, ein junger schlechtpolierter Krautjunker, der, wie Beau Beamish schreibt, »ein Parfüm halb Land- halb Stadtluft ausstrahlte«, hatte in seinen familiären Bemerkungen über die Herzogin von Ochsenschlepp Chloe einbezogen. Aus Respekt für Chloe billigte Herr Beamish mit erhobener Stimme ihren Verteidiger Alonzo, so gut, daß er bei Verkündigung seines Urteils die Passion des jungen Mannes hervorhob, um damit sowohl das Desinteressement des Angreifers, als auch den judiziarischen Charakter seines Spruches zu beweisen: Herr Ralph Shipster wurde zur Strafe der Verbannung aus Wells verurteilt, aber ihm das Recht, Genugtuung zu verlangen, zugesprochen. Dieser letzte Teil des Urteiles erleichterte die Ausführung des ersten Satzes. Die kalte Klinge aus Stahl sagte einem Shipster gar nichts. Er erklärte, alle Duellanten seien Mörder, und hörte zu dieser Aufstellung nicht auf, sich in Betrachtungen über die natürliche Logik zu erschöpfen. Weil es einem Manne beliebte, mir einen Schlag zu geben, der mich zu Boden wirft, soll Ich von ihm noch einen weiteren fordern müssen, der mich durchbohrt? Und mit dem Kopfe machte er eine Geste, die sagen sollte: »Ich bin nicht so idiotisch.« Geschwätzig und fruchtbar an Bildern, wie bloß die Kinder der Natur sind, die in deren Namen und nach deren Weisheit sprechen, bot er dem Urteil Trotz und schlug sich selber die erlaubte Satisfaktion aus. Aber sehr bald wurde er auf die merkwürdigste Weise von Flügen weißer Federn überfallen. Wurde der Gegenstand von tausend Verfolgungen, die die Freundschaft seiner Freunde auf eine allzu harte Probe stellten. Er ergriff die Flucht, nicht ohne nochmals seine Geschichte zu erzählen und weiterzugeben: er habe, versicherte er, die »Herzogin von Beamish« in Begleitung Chloes zu einem Rendezvous ins Südliche Boskett gehen sehen, und hier hätte sich den abenteuernden Damen ein in den Wells unbekannter Herr angeschlossen und wäre mit ihnen promeniert... und vollendete seine Geschichte mit erläuterndem Augenzwinkern. Mit der Verbannung Shipsters errang die Gerechtigkeit einen jener Siege, zu denen man die Menschheit beglückwünschen möchte, dächte man nicht an die Folgen. Hat ein Schuljunge vor seinen Kameraden die Rute bekommen, so packt alle die Furcht. So. genau so ist es auf dem ganzen Globus. Dient eine summarische Bestrafung nicht zu einer radikalen Reinigung, so kann sie leicht jene verderben, die sie verschont hat. Die großen Gesetzgeber, Lykurg. Drakon, Solon, Beamish, erkannten mit Betrübnis, daß sie zu den infernalischen Mächten Zuflucht nehmen mußten, nachdem sie die Gesellschaft durch Aufmunterung eines Schuldigen gereinigt hatten. Die Ärzte machen dasselbe Geständnis, indem sie von ihren Medikamenten sprechen. Das vertreibende Agens, die subtile, auf die Geister wirkende Kraft, muß nun seinerseits vertrieben werden. Der Weihrauch, den die Herzogin durch ein Opfer erhalten hatte, erhöhte Ihre Reize, indem er sie nicht nur, was sie schon waren, begehrenswert, sondern auch gefährlich machte. Sie gewissenhaft zu überwachen, wurde eine ermüdende Sorge. Beau Beamish ließ Chloe zu sich kommen, und sie beeilte sich. Ihr Blick war seltsam, und Beamish studierte ihn, während man plauderte. Man hätte sagen können, sie betrachtete den sichern Flug eines Pfeiles oder die glücklichen Verwicklungen einer Intrige. »Mein Kind.« sagte er, »ich bin kein Inquisitor.« Hierauf fing er wie ganz zufällig eine kleine Enquete über Chloes Herrin an. Gestand, daß der falsche Name der Herzogin Susanne das Hauptmotiv all der Unzukömmlichkeiten sei, die sich in bezug auf die Durchlaucht ereignet hätten. Er bedauerte sehr, ihr den Namen gegeben zu haben. »Sie ist nicht enturiert wie eine Zitadelle, über der die Fahne weht, sondern wie eine Herberge, wo man Sitz und Mahl verlangt. Das sind so unsere Sitten. Aber ich muß zugeben, daß ihr Name hinreicht, die Neugierigen zu intrigieren. Mein allzu ausschließliches Verlangen, den Herzog aus dem Spiel zu lassen, findet sich von den Beunruhigungen aufgewogen, welche die die Herzogin umgebenden Gefahren hervorrufen. Sie ist nicht, was ich glaubte. Ich nehme an, sie ist brav und honett, aber sie präsentiert zu viel Lockungen, und wir können auf Fallbrücken, Gräben und andere gebräuchliche Verteidigungsmittel nicht verzichten.« Zur Antwort auf Fragen des Beau gab Chloe mit Eifer der Unschuld und dem guten Naturell der Herzogin Zeugnis. Es beruhigte ihn. »Und Sie, Chloe?« sagte er. Sie lächelte und sagte nichts. Dieses Lächeln war nicht ihr übliches Lächeln. Es war dessen leidenschaftliche Übertreibung. Während er es betrachtete, bewegten sich seine Lippen wie fragend. Ein solches Lächeln bittet uns, zu erraten, und wir erraten durch es, es macht uns aufmerksam, daß man brenne, und dank seiner brennen wir. Einem Engel gleich, der uns auf eine Gipfelhöhe führt, wo man die himmlische Freude genießt, also hebt uns solches Lächeln aus uns selbst heraus und läßt uns im All Farben sehen, die der Mund nicht aussprechen kann außer durch ein erloschenes Wort. Es ist des Herzens wahrhafte Sprache. Beau Beamish blieb wartend: er wagte es nicht, seinen Gedanken auszusprechen. Aber Chloe machte ein zustimmendes Zeichen. »Sie haben ihn gesehen. Chloe?« Ihr Lächeln zerging, ihr Züge wurden starr, drückten Ergriffenheit nahe dem Schmerz aus. »Er ist gekommen, ist hier. Er ist treu, hat mich nicht vergessen. Ich wußte es. Ich behielt recht.« »Also Caseldy ist hier?« »Er ist hier. Fragen Sie mich nichts weiter. Er ist hier, Herr Beamish! Hier!« »Endlich.« »Sie sind grausam.« »Gut, Caseldy ist zurückgekommen, liebe Freundin. Sie müssen wissen, daß dieser Mensch ...« Sie legte die Hände an die Ohren, und Beamish bemerkte eine dicke Strähne Seidenfäden, die an einer ihrer Hände hing. Deren eines Ende war zu einem Zopf geflochten, das andere hatte einen Knoten. Als hätte sie eine Geißel zu flechten angefangen, so sah es aus, und begann nun mit dem Ding zu spielen, legte es sich auf die Hände, um Ihre Arbeit zu prüfen. Es gab keinen Anlaß ab zu einem Kompliment: er ließ das kleine Seil ohne ein Wort. Man hätte auf den beiden Gesichtern lesen können, daß sie nichts gegen Caseldy hören wollte und daß er zustimmte, nichts zu sagen. Das Glück Chloes war zu ungeheuer. Es sah aus, als ob sie sich ausbreiten wollte, es an ihre Brust pressen wie eine erschöpfte junge Mutter, die ihr Neugebornes aus den Armen der Amme empfängt. Fünftes Kapitel Beamish bog sich in die Wünsche Chloes mit der ihr immer erzeugten Ehrerbietung. Er verbot es sich, einen Schatten auf die Freude zu werfen, die er in ihr aufblühen sah, mehr noch, zu zweifeln daran, daß diese Freude ein solides Fundament habe. Die Rückkehr Caseldys nach Wells konnte für einen Lohn von Chloes Standhaftigkeit genommen werden, denn Wells war von ihnen beiden als der Treffpunkt bei ihrem letzten Zusammensein bezeichnet worden. So unerklärbar auch seine so lange Abwesenheit schien, die Sache endigte vielleicht doch mit einem Arrangement. Chloe antwortete auf alle Fragen nur mit einem glücklichen Schauer. Beau Beamish dachte auch, Caseldy würde ein wertvoller Bundesgenosse hinsichtlich des Ihrer Durchlaucht der Herzogin zu erweisenden Respektes sein. So begab er sich sehr aufgeräumt und liebenswürdig disponiert zu Caseldy, um ihn zu begrüßen. Er traf auf dem Wege Herrn Augustin Camwell und wechselte mit ihm einige Worte. Der Beau empfand für diesen jungen Liebhaber eine lebhafte Bewunderung, der, seine intimeren Empfindungen für sich behaltend, sehr nett von Chloe und den ihrem Geschick günstigeren Umständen sprach. Camwell schien es übrigens eilig zu haben. Caseldy war nicht zu Hause. Der Beau begab sich zur Herzogin. Auch sie traf er nicht an, aber Chloe, die sie auch schon vergeblich gesucht hatte. Man beriet. Chloe nannte die Confiserie. Denn die Herzogin naschte gerne, und der Patissier verstand sich auf eine gewisse Sorte Törtchen, die sie sogar seinen noch berühmteren Hammelpasteten vorzog. Herr Beamish erfuhr, daß Ihre Durchlaucht dagewesen sei, zu früherer Stunde als sonst von ihr üblich, und in Begleitung eines Herrn, der wie ein Fremder aussah und einen ganz kleinen Schnurrbart hatte. Der Patissier sagte auch noch, daß Ihre Durchlaucht mehrere Törtchen gegessen habe, ebenso ihr Kavalier, der ihm zu seinen Torten gratuliert hätte, die besser seien, als man derart auf dem Kontinent bekomme. Der Beau blickte zu Chloe. Er suchte weiter im Springbrunnensaal, während Chloe durch das Café des Dames ging. Sie trafen sich wieder und gingen zusammen zurück ins Quartier der Herzogin. Auf der Straße vordem Hause spielte eine Truppe von fünf Leuten ein Musikstück, auf Befehl Ihrer Durchlaucht: was diese selber beträfe, sie sei am frühen Morgen fort, wohin wisse man nicht. »Mit welchen Worten würden Sie eine Definition von Madame Susanne Ochsenschlepp geben, nun, wo Sie sie einigermaßen kennen?« sagte der Beau zu Chloe, als sie auf der Hausschwelle standen, wie um zu gehen. Chloe blieb ein Weilchen in Gedanken, dann: »Ich würde immer das Wort ›gute‹ hinzufügen zu den böswilligsten Vergleichen, die Sie finden würden.« »Aber doch nicht ohne zuzugeben, daß diese Vergleiche gerecht sind,« sagte wie abschließend der Beau. Dann machte er die Bemerkung, es würde schließlich alles so kommen, wie es die Natur von der Herzogin Susanne fordere. Er schätzte, daß sie einen guten und glücklichen Charakter habe, aber daß sie sich eben dadurch um so mehr den Versuchen ausgesetzt befände, wie sie das Menschengeschlecht in dessen Frühling anfallen. So fügte er das von Chloe gewählte Adjektiv zu den zahlreichen Epitheten hinzu, die nach den landläufigen Meinungen ebenso an die Natur wie an die Frauen gebracht werden können. »Der Graf ... bei sich zu Hause nennt man Ihren Caseldy Graf ... der Graf ist, wie man mir sagte, spazierengegangen. Wenn er Sie mitnimmt von hier, so sorgen Sie dafür, daß er den Grafen wieder verliert.« »Sprechen Sie nicht von der Zukunft über diesen Monat hinaus,« sagte Chloe mit raschem Atem und so drängend, daß Beamish ihr einen fragenden Blick zuwarf. Sie antwortete: »Einen Monat Freude und Glück, ist das nicht alles, was man verlangen darf?« Der Beau legte seine Ellenbogen an die Seiten als ein Zeichen philosophischer Zustimmung. Nachmittags begegneten sie Herrn Camwell auf dem Hauptplatz. Die Damen promenierten, aufgetakelt und von ihren Hofmachern begleitet, langsam nach Vorschrift des Arztes und mit Überzeugung, um sich Appetit zu machen. Da Herr Camwell über die Abwesenheit der Herzogin schwieg, machte der Beau eine Anspielung und erfuhr, daß sie sich seit einigen Stunden in den Wiesen erginge, »nicht ohne Schutz«, wurde hinzugefügt. »Ich sehe,« sagte Beamish zu seinem jungen Freund, »wir haben einen Argus.« Und da die Herzogin nicht auf der Anhöhe erschien und Wolken sich vor die Sonne schoben, ging Herr Camwell die Wiese hinunter. Chloe schloß sich mit Beamish an: sie verbarg nicht Verachtung, drückte sie im Gesichte aus und sprach kein Wort zu dem andern Begleiter, während sie die Hand des Beau nahm, als sie den Gattersteg überkletterte. Herr Camwell erriet ihre Gedanken, verstand es aber trotzdem, das Aussehen eines Soldaten zu bewahren, der zu seiner Pflicht resigniert. Er trug den Kopf wie ein Mensch, der nicht im entferntesten daran dachte, daß er die peinliche Rolle eines Spions hätte spielen können. Chloe hielt sich weg von ihm aus Widerwillen. Sie sahen bald die Herzogin Susanne, die ihnen hoch im Gras gehend über eine Wiese entgegenkam, mit einer singenden Lerche über ihr um die Wette singend, und Caseldy an ihrer Seite. Als sie die drei sah, blieb sie mitten im Schritt stehen und sagte etwas zu ihrem Kavalier: dann ging sie weiter und rief in einem naiven Ton: »Ists nicht genau das, was Sie wünschten, daß ich tun solle, Herr Beamish?« »Nein, Madame. Sie haben von mir Instruktionen in einem ganz entgegengesetzten Sinne erhalten.« »Wieso? Ich dachte, ich sollte von Zeit zu Zeit durch die Felder gehen, um meine Einfachheit zu konservieren. Mir ist doch so, als hätte mir jemand diesen Auftrag gegeben, wer ist denn dieser Jemand?« Caseldy wurde Herrn Beamish vorgestellt, der sich mit liebenswürdiger Beeiltheit verbeugte und die Hand reichte. Er drückte solcherart das Verlangen aus, alte Beziehungen zu erneuern. »Madame,« sagte er lachend zur Herzogin, »Sie machen mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit denken. Einer meiner Spielgenossen zartesten Alters, Tommy Plumston, genoß das Privilegium, zum intimen Freund einen Jungen, namens Jimmy Clungeon, zu haben; die beiden waren ein Herz und eine Seele. Eines schönen Tages zog er mit diesem abenteuernden Vagabunden los zu einer Tour in der Umgebung trotz der Verbote seiner Mutter, das Haus in ihrer Abwesenheit auch nur für eine Minute zu verlassen. Etwa dreiviertel Meilen weit weg vom Hause bemerkte er, vielleicht eben wegen dieser weiten Entfernung, seine liebe Mama. Er sah sie zu gut, um zu zweifeln, daß auch er von ihr gesehen worden war. Tommy und Jimmy verständigten sich, darauf schoß Tommy los zu seiner Mama, die sich ein strenges Gesicht zurechtlegte. Ich wiederhole Ihnen seine Worte wie er sie gesagt hat, damit Sie die herzhafte Grazie des unschuldigen Bengels schätzen: ›Ich dlaube, daß ich dlaubte, du hast mich derufen, Mama, und Jimmy Clungeon, der dlaubte auch, daß er dlaube, du hast.‹ Auf solche Weise kamen sich beide höchst klug vor, wie Sie merken, wenn Sie acht haben auf die feine Unterscheidung im Gebrauch der Tempi. Der eine glaubt, wo der andere glaubte, und das schien ihnen hinreichend, ihrer Erklärung das Aussehen voller Ehrlichkeit zu geben.« »Die Wahrhaftigkeit eines Jungen, der einen Freund namens Clungeon hat, kann nicht bestritten werden.« sagte Caseldy. Die Herzogin Susanne machte ganz große Augen. »Vier Meilen weit vom Hause? Und was tat seine Mutter mit ihm?« »Die Mama von Tommy?« Und Beau Beamish erzählte ohne Umschweife, was Tommys Mama machte, denn damals herrschte eine köstliche Freiheit, welche erlaubte, in passablen Ausdrücken mit der Natur zu bleiben. – die des Dekorums wegen ausgestoßenen Fidonc genügten, alles in Ordnung zu bringen. »Mir ist, als hätte ich vor einer Stunde Ihre Silhouette dort drüben auf dem Hügel gesehen,« sagte Caseldy zu Herrn Camwell. »Wie Sie aus dem Wald herauskamen? In dem Fall haben Sie recht gesehen,« sagte der junge Mann. »Sie sind weitsichtig.« »Es scheint so.« »Ich bins auch,« sagte Chloe. »Unsere Chloe würde Sie sicher auf eine Meile Entfernung erkennen, es ist ihr sogar schon passiert,« bemerkte der Beau. »Man strengt sich eben so sehr an, was zu sehen, daß man am Schluß immer was sieht.« sagte Chloe. »hat man sich getäuscht, wirds vergessen, hat man richtig gesehen, nennt mans ein Wunder.« Und ihre Stimme ging, um von was andrem zu reden, in ein kleines Lied über. Aber Beamish gab das Gespräch nicht auf. »Sie verbergen also einen Verdacht, Sie Spitzbübin, der Ihnen damals kam, als wir das Vergnügen hatten, die Herzogin von weitem zuerst zu sehen?« Die Herzogin kam dazwischen: »Unterbrechen Sie doch nicht ein so hübsches Lied!« Caseldy nahm summend die Melodie auf. »Ja, ja,« rief sie, »singt zusammen! Ich hab doch Singen mitten auf dem Lande so gern! Ein himmlisches Vergnügen! Das Orchester für die Stadt, fürs Feld die Stimme, so lieb ichs. Wenn Sie doch mit Chloe singen wollten, Graf, hier auf der Wiese, wo kein Mensch ist und wo es so still ist! Herrlich! Kaum spricht man von Musik, macht auch mein Herz schon tik-tak. Singen Sie, Herr Alonzo?« »Schlecht,« sagte der junge Mann. »Aber der Graf, der kann, und Chloe ist wie ein Engel, wenn sie singt.« Und sie bat ihre süße Chloe, vor der Caseldy mit einer schönen Handbewegung eine Reverenz machte, die aussah wie ein Präludium. Chloes Stimme schwang sich nun frei auf, die männlich timbrierte Caseldys sekundierte vollendet. Es war ein fröhliches Lied, das sie sangen. Nach einer fremden Sitte schlug er zuweilen die Finger wie Kastagnetten aneinander. Breit und voll kamen die Töne aus seiner gutgewölbten Brust. Er sang mit Gefühl, den feinsten Modulationen seiner liebwerten Genossin zu folgen, immer geschickt. Während alldem entging ihm das Entzücken der Herzogin nicht. Beamish und Camwell applaudierten. »Ich weiß nie was sagen, wenn mich meine Gefühle überwältigen,« und die Herzogin entließ von ihren Lippen einen Seufzer. »Stellen Sie sich vor, Beamish, er kann Flöte blasen. Er hat mir versprochen, bei einer unserer köstlichen Abendmusiken ins Orchester zu gehn und ein klein bißchen mitzuspielen. Das wird reizend werden!« »Er hat Ihnen das versprochen, Madame? Hat er Ihnen das auf Ihrem Wege nach den Wells versprochen?« »Auf dem Wege hierher?« rief sie mit ihrer süßesten Stimme. »Aber wie kann er mir denn das versprechen, bevor er mich sieht? Sie stellen drollige Fragen, mein Lieber. Nein, heute, auf unserm Spaziergang hat er mirs versprochen. Er bewundert seine Chloe ... oh, und wie er sie bewundert! Aber das ist nicht überraschend schließlich. Sie kann stricken, nähen, singen, tanzen – und wie sie zu sprechen versteht! Nie fehlen ihr die Worte. Sie läßt vor einem Szenen passieren voll tausend Sachen, ich sag ihr immer, mich erinnere es an Gemäldegalerien. Und immer vergnügt! Nie auch nur eine Minute lang verstimmt! Wo ich manchmal wie eine alte Milchschüssel bin, gerade gut, der Katz zu geben. Man geht hier so spät schlafen, daß ich jemand brauche, der mich morgens auf den Train bringt. Chloe singt mir eins ihrer Lieder und ich sage mir: da schau, da kommt mein Singvögelchen.« »Und Sie erinnern sich, daß sie ein Herz hat,« fügte Beamish hinzu. »Natürlich hat sie eins.« »Sie hat ein Herz, Madame.« »Ja, und?« »Ja, und – das ist alles.« Sie mochte wollen oder nicht, das Gesicht des Beau sagte nicht mehr. Er schien von diesem herzoglich gekrönten Naturkinde in Verwirrung gesetzt und erschien es noch mehr bei dieser ihrer Bemerkung: »Sie wissen ja, wie es um ihr Herz steht. Herr Beamish.« Er gab es mit einem Blick zu, kannte er doch dieses Herzens unverrückbare Ergebenheit für Caseldy. Aber was bedeutete die Malice, welche die Herzogin in den Ton ihrer Bemerkung gelegt hatte? Gewiß, man konnte kaum erwarten, daß eine Frau, erzogen wie diese, es immer genau trifft, ihrem Wort den Akzent, den Tonfall zu geben, den sie ihm zu geben wünscht. Und das auszuproben und sie auszukundschaften, begann er von Caseldy zu sprechen, bewunderte die gleichmäßige Schönheit seiner Züge, die Grazie seines Profils. »Genau das habe ich auch Chloe gesagt.« bemerkte die Herzogin, und er war über diese Antwort glücklich. »Wir können sie bereits als ein Paar betrachten, sie sind ein Herz und eine Seele.« »Das habe ich vorhin Caseldy gesagt,« antwortete die Herzogin, »sie wird sich immer ganz vortrefflich Ihren Wünschen fügen.« Der Beau wiederholte entzückt diese Worte, bei sich der Überzeugung ihrer gutgemeinten Absurdität. Bergère von Seele wie Geburt, Mädchen vom Lande, war es bei ihr nötig, daß man die Wache und gutbewaffnet aufziehen lasse um ihre von ihrer Einfachheit nur schlecht geschützten Reize. So beurteilte er den Fall. Beim ersten Blick hatte er diese Meinung gefaßt und die unschuldigen Augenaufschläge und Blicke der Herzogin ließen ihn immer auf diese erste Hoffnung zurückkommen, trotz aller seiner höchst subtilen Theorien über Mann und Frau. Manchmal verwirrte ihn etwas die Erinnerung an jenen Herrn zu Pferd, den Chloe dank ihrer guten Augen von weitem an der Equipage der Herzogin gesehen hatte. Für Fundament die Dummheit einer Person halten ist das sicherste Mittel, sich manchmal anführen zu lassen. Er wäre der erste gewesen, der einem einzuführenden Neophiten das gesagt hätte. Aber es verlangt die Klugheit der Theoretiker die Sekundierung durch einen immer wachen mißtrauischen und scharfsichtigen Geist, – ohne das wird die Weisheit sich nicht zu messen verstehen mit unschuldigen Blicken und unserer Überzeugung von ihrer Unschuldigkeit. »Sie haben von Chloe mit ihm gesprochen?« sagte er. »Aber natürlich! Er liebt sie. Und wie er sie liebt! Es war mir ein Vergnügen, ihn davon sprechen zu hören. Das ist einer von den Männern, mit denen zusammen ich mich nicht furchtsam fühle.« Er hielt ihr eine kurze Mahnrede über die Vorzüge solcher Furchtsamkeit, indem solche das schwache Geschlecht schütze und bewahre. Hierauf und bedenkend, daß das Sentiment nicht im Spiele sei bei einer nicht eingeschüchterten Frau, trat er seinen Platz an Herrn Camwell ab und ging zu Caseldy, um nun diesen auf den Zahn zu fühlen. Dieser junge Mann war von einer mitteilsamen Aufrichtigkeit. Chloe war von ihm weg in die Wiese geschritten, und er erzählte, wie er, nach England zurückgerufen und hier damit beschäftigt, eine Sache mit Prozeßfolge zu regeln, sehr zu seinem Bedauern verhindert sich gesehen habe, die Saison in Wells zu verbringen. Das Spiel hätte ihn nicht geschreckt, denn er habe diese Schwäche, der er einmal nachgegeben, überwunden. Aber, nicht wahr, Chloe konnte es von ihm verlangen und erwarten, daß er sich ihr nahe mit entwölkter Stirne. Auch habe er zuvor beträchtlicher Verdrießlichkeiten Herr werden wollen, mit denen sie sich herumgeschlagen hätten. Einige Gründe derselben Art gab er dafür, nicht geschrieben zu haben. Es habe ihn zu sehr danach verlangt, sich an der Überraschung zu delektieren. »Und ich bin dafür belohnt worden,« sagte er, als ob er das allerunglücklichste Opfer seiner Abwesenheit gewesen wäre. »Ich fand ihre Augen, ich kann es Ihnen ja sagen, Herr Beamish, ich fand ihre Augen ganz angefüllt von Liebe. Von göttlicher Natur ist sie solches unter den Unsterblichen ebenso durch ihre Dehors wie durch ihre Beständigkeit.« Sie kamen auf die Herzogin zu sprechen. Caseldy anerkannte, wenn auch ungern, daß man sie ohne gegen schuldige Rücksicht zu fehlen nicht der Dienste und der Gesellschaft Chloens berauben könne für die kurze Zeit, die sie noch in Wells bliebe. Er habe auch deshalb nichts gesagt. Die Herzogin sei ja ein Kind, ein harmloses unschuldiges Kind, töricht durchaus nicht, aber man müsse einsehen, daß der Umstand ihrer Verpflanzung aus obskurer Situation in Rang sie in gewissen Hinsichten weniger gut ausgerüstet gelassen habe als andere Frauen. Der Beau sprach von den Schwierigkeiten seiner Wächterrolle, erwähnte den unbekannten Herrn zu Pferd, den Chloes gute Augen bemerkt hätten. Caseldy lächelte. »Wenns wirklich einen solchen Herrn zu Pferd gab«, sagte er, »und Chloe sieht weit, so können wir doch wohl kaum von der Herzogin erwarten, daß sie ihn zugibt.« »Und warum nicht, Herr Caseldy, wenn sie so unschuldig ist, wie Sie sagen?« bemerkte Herr Beamish ziemlich treffend. »Sie hat Angst vor Ihnen. Sie haben es dahin gebracht, ihr eine ganz ungewöhnliche Angst einzuflößen.« »Glauben Sie das?« sagte der Beau. Er hatte im ganzen genommen es darauf abgesehen gehabt, eine solche Wirkung hervorzurufen und war ein bißchen stolz darauf, nicht etwa fortgerissen von unserer natürlichen Eingebildetheit, sondern weil ihn der Gedanke erleichterte, daß er ein Mittel der Kontrolle über das seiner Sorge anvertraute zerbrechliche Objekt besitze. Immerhin würde man nur mit einiger Kühnheit behaupten, er sei von genannter Eingebildetheit ganz frei gewesen. Er war ein sehr männischer Mann und hatte, wie wir gesehen haben, so seine besonderen Gedanken über die Wirkung, welche Angst auf weibliche Herzen ausübt. Wie auch immer, – es passierte etwas, das ihn jenen Herrn zu Pferd vergessen ließ. Lebhafte Unterhaltung zwischen Chloe und Camwell veranlaßte sie, zu den dreien zu treten. Und die Herzogin gab ihnen in ihrer abrupten Art Erklärungen. »Sie will, daß er nach Haus geht und er ist unter der Bedingung einverstanden, daß sie ihm diese doppelte Seidenkordel gibt, mit der sie spielt, und sie sagt, das täte sie nicht und wenn er noch so darum bäte. Da sagt er, er will dann nicht gehen, und ich finde, er hat doch recht, und Chloe sagt, er soll dann bleiben, aber ihr Kollier bekäme er doch nicht, wie sie den Strick da nennt. Und da zieht Camwell an dem Ding, und Chloe wird wild. Was kann das Mädchen wilde Augen machen! Großer Gott!« Caseldy trat für Herrn Camwell ein. Den Mund am Ohre Chloes: »Geben Sie ihm das Zeug, so hat der arme Kerl eine Erinnerung von Ihnen und wir sind ihn los.« »Ich höre was Sie sagen«, rief die Herzogin, »es ist wirklich nett von Ihnen.« »Sie können ihm«, sagte der Beau, »dies Klein-Mädchen-Kollier geben, und er braucht deswegen nicht fortgehen. Ich kann Alonzo nicht verlieren.« »Nein, Madame«, sagte sie mit einer verweigernden Geste zur Herzogin. »Sie denken doch nicht etwa, so was um den Hals zu tragen?« begann Caseldy wieder leise zu Chloe. »Pardon,« sagte Chloe, »ich denke wirklich daran.« »Ist das hier Mode?« »Noch nicht.« »Ich kann mir nicht vorstellen, was für ein Medaillon man an einem solchen gedrehten Seidenstrang tragen kann.« »Mein Gott, ein Säckchen mit Asche ist kein sehr wertvolles Anhängsel.« »Also ein Memento mori?« Und er mokierte sich über ihren Aberglauben. »Teuerste, die Befreiung von der Pest eines unzeitgemäßen Eifersüchtigen ist mit diesem Geschenk billig erkauft. Geben Sie ihm damit erst ein paar auf die Hände und dann lassen Sie ihn damit laufen.« »Ist Ihnen seine Gegenwart denn unangenehm?« »Ich versichere Ihnen, es ist kein Vergnügen, ständig verfolgt und bespitzelt zu werden vom trübsinnigen Blick dieses Individuums. Er überwacht uns in diesem Augenblick, weil meine Lippen ganz nah bei ihrem Gesicht sind. Er soll weg, er ist hier zuviel. Expedieren Sie ihn und geben Sie ihm das Souvenir, das er verlangt, mit auf die Reise.« »Ich brauch es für eine Reise, die ich selber mache, vielleicht.« »Mit mir?« »Ja, Sie folgen mir. Sie können nicht anders als mir folgen, Caseldy.« Er suchte auf ihrer Stirn ihren Gedanken zu lesen. Chloe lächelte zärtlich. »Sind Sie glücklich, Chloe?« »Nie habe ich Glück wie dieses empfunden.« Der Glanz ihrer Augen bestätigte ihre Worte. Er warf einen Blick auf die Herzogin Susanne, die unter dem strahlenden Licht aussah wie eine Sonnenblume. Und sein Blick blieb für einen Augenblick auf ihr. Die üppige und glänzende Jugend dieser Frau übte auf das Auge eines Caseldy einen faszinierenden Zauber aus. »Wir werden also bis zum Ende des Monats im Glücke schwimmen. Und nachher? Aber befreien Sie uns von Monsieur le Jeune, schenken Sie ihm diese Bagatelle, ich trete sie ihm ab. Er wird selig davon, und kostet uns nichts weiter als ein Bündelchen Seidenfaden. Wenn wir ihn hierbehalten, um ihn von seiner Passion zu kurieren, geht das nicht – Kinder wie dieses drehen sich wie der Wind in England und wechseln von einem Gegenstand zum andern – geht das nicht auf Kosten dieser schönen harmlosen Frau, die Ihrer Obhut vertraut ist? Einfache Suggestion. Wechselseitiger Einfluß, leicht zu bemerken. Sie spricht von ihm. Aber wie Sie wollen. Unbegreiflich, eine Bagatelle wie das da, wo es sich darum handelt, von einem mißgünstigen Auge befreit zu werden.« »Es liegt Ihnen soviel daran, daß er abreist?« sagte Chloe. Er zog die Schultern. »Dieses Wesen geniert uns doch in jeder Bewegung.« »Sie glauben, seine Anwesenheit bedeute eine Gefahr für meine unschuldige Herrin?« »Das glaube ich in der Tat.« Sie hielt den halbgeflochtenen Seidenstrang in den Händen als ob sie dessen Stärke proben wollte, schlug einen zweiten Knoten hinein und steckte ihn in ihren Beutel. Das getan, bekam sie allsofort wieder den Ausdruck lustiger Festgenossin, und niemand erreichte darin ihren Zauber. Denn sie machte sich zum Kameraden der Männer, ohne vom fraulichen Rang herabzusteigen. Wie ein wohlerzogener, manierlicher und geistsprühender Junge war sie, dem die Älteren das Stichwort für seinen Witz gaben, und dieses Jungenhafte, diese entzückende Drolerie ihres Geistes temperierten liebliche weibliche Nuancen. Wie eine Botin ihres Geschlechtes war sie, beauftragt, dem gröberen Geschlechte zu zeigen, wo und wie es das andere begegnen könnte; sie schlug sozusagen eine Brücke über den Wildbach, der die Geschlechter trennt, damit sie ihr Bestes in heiterem Tausche geben könnten. Sie entbrannte nicht, der Anblick der Flamme versuchte sie nicht, und doch hatte sie in sich alle Elemente, das Feuer zu entzünden und Herzen in Brand zu setzen. »Glücklicher Mann, der sich dieses Viaticums bemächtigen wird,« sagte der Beau zu Susanne. Es wurde ihr nicht leicht, einen metaphorischen Ausdruck zu verstehen, aber sie las sehr rasch aus der Physiognomie. Als sie den Enthusiasmus auf des Beau Gesichte mit dem verlegenen, erschreckten und zurechtgemachten Ausdruck Caseldys verglich, faßte sie Mitleid für den Liebhaber, der fühlte, daß seine Geliebte ihm nicht den größeren Teil ihrer Neigung gebe. Caseldy blickte auf die Herzogin, und diese Frau mit dem mitempfindenden Herzen war nah am Weinen, so empfindlich zeigte sich Caseldy darüber, daß Chloe den andern vorzöge. Sechstes Kapitel An diesem Abend verlor die Herzogin Susanne im Pharao achthundert Pfund aus Verzweiflung darüber, daß sie zwanzig verloren hatte. Erst veranlaßte Caseldy sie, weiter zu spielen: bei achthundert hieß er sie Schluß machen. Er begleitete sie, als sie an der Tür des Spielsaales von zwei jungen Leuten der Art Shipsters angesprochen wurde. Sie hatten getrunken und waren unternehmend. Drückten über ihren Spielverlust ihr Beileid aus mit starken Gesten und Redensarten, womit sie in grotesker Karikatur höfliche vom Kontinent importierte Manieren nachahmten. Gefielen sich darin, immer wieder und in süßesten Tönen ihren Taufnamen und all dessen populäre Varianten auszusprechen, ohne den Übernamen zu vergessen. »Meine reizende Ochsenschlepp, meine scharmante, entzückende Ochsenschlepp!« Die soeben gemachte Erfahrung über die Zirkulation des Geldes machte sie gleichweise blöde und aufgeregt. »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte sie. »Aber ja!« riefen die zweie und schlugen sich aus die Brust, als ob die eine Laute wäre, auf der sie spielten, »aber natürlich weiß sie es l Und wie gut sie es weiß! Die schöne Susi weiß was wir wollen!« Und begleiteten das mit süß affektierten Ohs! und Ahs! Offenkundige Verhöhnung der fremden Bräuche, die zu imitieren ihnen Spaß machte. Lümmel bedienen sich gern solcher Verfahren, um sich damit zu trösten. Caseldy war etwas zurückgeblieben. Nun trat er hinzu und mit einer kleinen Verbeugung: »Wollen die Herren mir sagen, was sie wünschen?« Er sprach mit einem Ton, in dem der Degen klang. Die beiden Herren kühlten ab. Caseldy führte die Herzogin zu Beamish, der in diesem Augenblick mit Chloe eintrat. Daraufhin zogen sich die beiden gefälschten Elegants zurück, wohl um ihrem tapferen Blute neue Kräfte zuzuführen. Der Beau ersah, daß sich Caseldy einiges Recht auf seine Erkenntlichkeit erworben hatte. »Sie hat verloren?« fragte er. Und schien zufrieden, als er die Höhe der verlorenen Summe erfuhr. Er beauftragte Caseldy, die beiden Damen bis zu ihrem Hause zu bringen. »Adieu, Graf,« sagte er, als er sich verabschiedete. »Wenn Sie einmal zwei drei Scharmützel gehabt haben werden, werden Sie darauf kommen, daß mein seltsamer Grafentitel seine Vorteile hat,« bekam der Beau zur Antwort. »Vermeiden Sie die Scharmützel, wenn auch ich wohl begreife, daß das Prestige Ihres Titels unsere Krautjunker mit einer heilsamen Unruhe erfüllen kann. Sie sind sicher alle bereit, Sie mit Faustschlägen zu traktieren, aber an der kalten und perfiden Waffe finden sie keinen Geschmack.« Der Beau verabschiedete die Herzogin mit einem hoheitsvollen Gruß. Sie nahm die Hand Caseldys, um in die Sänfte zu steigen. Er packte die Gelegenheit und sagte: »Wir wollen die Wahrsagerin fragen, wann wir einen guten Tag haben, und Revanche nehmen.« »Sprechen Sie mir nicht mehr vom Spiel! Meine Börse ist fast leer. Ich war nie an einem Ort, wo man so schlecht ist wie hier. Ich fühle, daß ich in einen Abgrund gestürzt bin. Und dieser Herr Beamish, der mich von oben herunter grüßt I Sie lassen Chloe warten, Graf.« »Wo war sie, während wir spielten?« »Mit Herrn Beamish natürlich.« Er tat einen schmerzlichen Seufzer. »Unsere arme Freundin ist untröstlich über ihren Geldverlust«, sagte er zu Chloe, als er sich zu ihr wandte. »Soll sie ein Stück weinen. Und dann servieren Sie ihr einige moralische Maximen.« »Das soll geschehn. – Lieben Sie mich, Caseldy?« »Ob ich Sie liebe? Zweifeln Sie an mir, der ich ganz Ihnen gehöre? Was wünschen Sie für einen Beweis?« »Keinen, lieber Freund.« Das ist eine Frau, die sich leicht imponieren läßt, nicht wahr? Ein leichter Erfolg beruhigt gewissen Herzen die Gewissensbisse einer perfiden Handlung. Sieht der Verräter das süße Vertrauen, das er einflößt, so beginnt er wieder, wenigstens für ephemere Rückkehr, die Reize der schönen Seele zu betrachten, die zu verlassen er im Begriffe ist. Aber es gibt auch wohlgepanzerte Kavaliere, die gegenteilig mit jetzt um so lebhafterem Eifer die Vorteile des Verrates berechnen. Man bemerke auch noch, daß ihre Gefühle hinsichtlich ihrer Beute voll Wärme sind, und das Urteil, das sie über ihr Opfer fällen, verspürt diese Wärme. Sind sie nicht Gegenstand irgendeines Verdachtes? Es ist eine Probe auf ihre Kaltblütigkeit, von der beleidigt, skandalisiert zu sein ihnen gefiele. Die Eifersucht vermag sie zurückzuhalten, und es passiert, daß Kniffe und Neckereien sie reizen, neue Gelöbnisse auszusprechen. Aber auch die Gleichgültigkeit hat mehr Macht über sie, als irgend dummes blindes Vertrauen. Deren auferlegte Last verachten sie. Der Anblick des von Blindheit geschlagenen Geschöpfes ist geradesoviel rührend, daß sie die Last spüren. Sie verachten die Frau deswegen und verzeihen ihr nicht die ungeheure Anmaßung, in der sie sich befindet, indem sie sie ewig an ein so schwaches Wesen wie das ihre gebunden glauben. Sie schreitet vorwärts geschlossenen Auges, ohne darauf gefaßt zu sein, zu straucheln. Ist es meine Schuld, wenn sie strauchelt? Dies ist die Frage, welche der beleidigte Mann sich im Laufe seines Räsonnements stellt. Die Vorzüge seines Opfers kommen wieder in seine Erinnerung, aber erregen höchstens sein Mitgefühl. Und sein Mitgefühl erstarrt bei dem Gedanken, dieses selbe Opfer könne sich vielleicht über seinen Weg legen und ihn verstellen. Sein Gedanke wendet sich dann auf den Gegenstand seines Verlangens, in der Angst ihn zu verlieren. Und sobald eine Frau ein Hindernis ist, erscheint die andere ebenso begehrenswert wie das Leben nach dem Tode. Er muß sie haben. Er sieht diese in den Farben seines Begehrens, jene in den Farben seines Widerwillens. Die Grausamkeit ist nichts als die Anstrengung des Menschen, einen begehrten Gegenstand zu erringen. Die verblendete Frau täte besser, sich nicht als eine vermuten zu lassen, die aufsteht und den Weg verstellt. Besser wäre es und in ihrem eigenen Interesse, sie ginge aus dem Wege oder erklärte ihm, den Kampf um ihn aufzunehmen. Aber eine stolze und durch eine lange Treue erhärtete Liebe kann sich nicht immer klug bei der Probe zeigen. Caseldy schritt langsam hinter den beiden Sänften her. Er sah von weitem, was kommen würde. Die beiden jungen Leute hatten sich am Haustor der Herzogin aufgepflanzt, und er bekam einen Schlag, als er der Herzogin die Passage frei machen wollte. Sie griff lebhaft seine Hand. »Sind Sie verwundet?« »Wenn Sie an diesem Abend an mich denken, sagen Sie sich, daß ich Ihnen danke. Ihnen und dem Himmel, für den Schlag, den ich bekommen habe.« Und mit einem Druck der Hand beleuchtete er den flüchtigen Augenblick und umarmte er die kommenden Stunden. Chloe war gestützt von einem der Träger aus ihrer Sänfte gesprungen. Ihr gestreckter Finger wies auf einen der störenden Eindringlinge und sie rief: .Es ist Blut an Ihnen, kommen Sie mir nicht zu nah!« Das sublimste Zureden wäre nicht so geschickt gewesen in seiner Wirkung auf den Verstand der beiden, die im blassen Mondlicht nun einer den andern anschauten. Auf welchem war Blut? Begegnungen mit blutigem Anhang, das war nicht ihre Absicht gewesen, bloß so einen Spaß wie sie ihn verstanden und um sich andern Tags darüber erzählend klatschend auf den Schenkel zu schlagen. Sie gefielen sich darin, zu gestikulieren wie man es in der ersten Tanzstunde lernt, um die galanten Kavaliere zu markieren, und waren aus ihrem Weg geschleudert worden, als sich Caseldy seiner Herrin zur Verfügung stellte. »Tun Sie, als sähen Sie sie nicht, Lieber.« sagte Chloe. »Was denn?« Er hatte die Stimme ganz rauh und packte ihren Arm mit einer brüsken Lebhaftigkeit. Sie fühlte sich schwach werden wie beim Nahen des Todes. Oben umarmte und küßte die Herzogin Chloe mit starker Geste. Beide zitterten sie, was die Herzogin auf die Rechnung dieser beiden schlimmen Männer stellte. »Warum hatten sie es nur auf mich abgesehen?« Und Chloe antwortete: »Weil Sie schön sind.« »Bin ich?« »Ja, Sie sind schön.« »Ich bin schön!« »Sie sind sehr schön. Sie sind jung und schön. Ihre Schönheit ist im Erblühen. Sie werden es lernen, so zwei Männer zu entschuldigen. Madame.« »Trotzdem. Chloe ...« Die Herzogin unterbrach sich mit schwärmerischer Träumerei und seufzte. Dann: »Ich denke schon, daß ich schön sein muß. Mein Herzog, – aber sprechen wir nicht von ihm. Der liebe Mensch! Er ist zu Bett, schläft schon lang. Ich frage mich, wie er mich hat hierher lassen können. Ich ahne ja, daß ich ihn gequält und gelangweilt habe. Bin ich sehr schön, Chloe, so schön, daß die Männer meiner Schönheit nicht widerstehen können?« »Sie sind sehr schön, Madame.« »Also gute Nacht dann. Ich sehne mich nach dem Bett, und ich kann Ihnen keinen Kuß geben, weil Sie dabei bleiben, Madame zu mir zu sagen. Das friert mich wie ein Eiszapfen. Aber ich hab Sie lieb, Chloe.« »Ich bin überzeugt.« »Ich weiß ganz genau, ich hab Sie lieb. Ich weiß, ich hab nie die Absicht, schlecht zu handeln. Aber dann, was tun? Wie sollen wir uns denn benehmen, wir andern Frauen? O, ich bin unglücklich! Nein, wie bin ich unglücklich!« »Sie müßten dem Spiel entsagen.« »Ja, das ist es! Ich habe mein Geld verloren, ganz vergessen hab ich das. Und ich muß es meinem Herzog beichten, wo er mich doch gewarnt hat. Die alten Herren heben so ihren Finger in die Höh, einen einzigen Finger, und nie vergißt man den oben eingebogenen Finger, sieht aus wie der Henkel von einem Krug, und er kann sich nicht auf einen richten, während man die Lektion gelesen bekommt. Und die Haut am Finger sieht aus wie ein zu weiter Mantel, den man einem guten Alten über die Schultern gelegt hat; oder wenn man in den Fingerwinkel schaut wie eine zerknitterte Decke über einem Toten, die nur das Gesicht sehen läßt. Ja, Chloe, ganz genau so sieht es aus. Heut abend hab ich nicht die geringste Abneigung, von Toten zu sprechen. Ich habe mein Geld verloren, und liegt mir wenig genug daran. Ich bin wieder ein ungebildetes junges Mädchen, schöner noch als damals, wo dieser ... er ist ein alter Edelmann, gut und freundlich. Ich mag ihn sehr mit seinem komischen alten Finger und seinem Susann! Susann! Ich bin nicht schlechter als die andern. Alle Welt spielt hier, alle Welt. Sie haben auch gespielt, Chloe.« »Niemals.« »Ich hab Sie sagen hören, daß Sie nur einmal, nur ein einziges Mal gespielt hätten und mit dem allergrößten Einsatz, der je gemacht wurde.« »Das war nicht Geld.« »Was denn?« »Mein Leben.« »Himmlische Güte! Ja, ich verstehe. Ich verstehe alles, diesen Abend, auch die zwei Männer. Das also haben Sie getan, Chloe? Schließlich sind sie nicht so abscheulich schlecht, alles in allem. Ich kann nicht sehen, was es Schlechtes in der menschlichen Natur geben soll, ich meine natürlich, wenn wir mit Maß ... Sich von Zeit zu Zeit einen Bal champêtre erlauben, ein bißchen Jeux – und dann schön heimgehen, ins Bett liegen, träumen: ich muß zugeben, daß ich darin nichts Schlimmes sehe ... Und deshalb ists wohl auch, daß Sie hier geblieben sind, Chloe, in den Wells. Gefällt es Ihnen da?« »Ich bin schon daran gewöhnt.« »Aber wenn Sie den Grafen Caseldy geheiratet haben, dann gehen Sie doch wo anders hin?« »Dann ja.« Sie sprach diese Worte ohne irgend Freude aus. Die Herzogin Susanne darauf mit einem Akzent stärkster Zuneigung: »Sie sind nicht gezwungen, ihn zu heiraten, liebste Chloe.« »Und auch er ist nicht gezwungen, mich zu heiraten, Madame.« Ganz impulsiv eilte die Herzogin auf sie zu, um sie zu küssen: daß sie sich ohne Hilfe deshabilieren wolle, sagte sie, da sie allein sein wollte. Von diesem Abend ab stand die Herzogin Susanne in Flammen. Siebentes Kapitel Die beiden Helden, die als die letzten an der Verschwörung gegen die Herzogin teilgenommen hatten, waren verschwunden. Beau Beamish gewann eine hohe Meinung von den Diensten, die Caseldy ihm erweisen konnte. Jene zwei blieben verschwunden, auch sprechen hörte man nicht von ihnen. Statt jeder Reflexion über diesen Gegenstand bemerkte Caseldy, daß er das beste Mittel angewandt habe, solche Sorte Herren zu expedieren. Hatte auch Ihr Geist den Ort verlassen, wie Ihr Leibliches? Man wußte nichts darüber. Was die Herzogin betraf, so beschäftigte sie sich damit, unter dem Schutze Caseldys Promenaden zu machen, während der Beau die Tage bis zu ihrer Abreise zählte mit der Ungeduld eines Mannes, der Gründe hat, auf die Uhr zu schauen. Die Herzogin Susanne war jetzt in der Tat nicht mehr trätabel. Sie hatte Anfälle von Revolte und erklärte geradezu, sie habe für die kurze Zeit, die ihr noch für Wells bleibe, die Absicht, ganz nach ihrem eigenen Kopfe zu leben, hinzugehen wo es ihr singe, zu spielen, wenn es ihr gefiele und überhaupt wie eine unabhängige Frau zu leben, bevor sie wieder in ein Schloß gesperrt werde, das nichts weiter sei als eine Sänfte von großer Ausdehnung. Caseldy erklärte sich ebenso unfähig wie der Beau. Er beschrieb auf sehr belustigende Weise die undankbare Aufgabe, beständig hinter Ihro Durchlaucht Absätzen herzulaufen in allen Windrichtungen; er äußerte den Gedanken, daß sie das Land wohl deshalb ablaufe, um ihren »unbekannten Kavalier« zu finden. Sie habe, sagte er, einige Anspielungen auf so einen Kavalier gemacht, der ihrem Reisewagen einen halben Tag lang gefolgt sei. Er klagte, daß er nie eine Stunde allein mit seiner Chloe verbringen könne. »Und ich, der ich mit ihr zu konferieren gewohnt bin, ich sehe sie wieder zu wenig,« sagte Beamish. »Bald werde Ich sie überhaupt nicht mehr sehen und schon merke ich, daß ich sie verliere.« Er trug seinen Fall der Herzogin Susanne vor, machte sie darauf aufmerksam, daß sie immer gerade fortgefahren wäre, wenn er käme, daß sie ihm Chloe entführe, wenn er, von seinen Beschäftigungen zurückgehalten, sie nicht begleiten könne, und daß er außerordentlich die allzuhäufige Abwesenheit jener empfinde, die er bald völlig verlieren würde. Die Herzogin gab ihm darauf rätselhafte Antworten. »Sie können das alles sehr gut einrichten, Herr Beamish, wenn Sie wollen, und Sie wissen das genau. Natürlich können Sie alles einrichten. Aber Sie lieben es, herumzuflirten. Ganz glücklich sind Sie, wenn Sie die Damen ihre schönen Farben verlieren machen, und haben es gern, sie um Ihre Person festzuhalten und zu sehen, wie sie für Sie verblühen. Ich danke schön. Ich bin zu stolz dafür. Ich hab, wenn es sein muß, meinen Kummer, aber nie würde ich mich so erniedrigen, grünlich und melancholisch zu werden aus Liebe zu einem Mann.« Und sie reckte sich, schaute sich im Spiegel, der ihr nicht eine Linie bleicher Farbe zurückwarf. Nach einigem Überlegen hielt es Herr Beamish für geraten, offen mit Caseldy von der Herzogin zu sprechen, aus Angst, sie könnte aus Laune den Sinn dieses Liebhabers verwirren. »Seien Sie, was mich betrifft, außer Sorge, lieber Beamish,« sagte Caseldy, »ich glaube die Insinuationen Ihrer zärtlichen Durchlaucht etwas anders und ebenso richtig auslegen zu können. Was mich betrifft, ziehe ich blassen Teint dem lebhaften vor, und ich verbürge die Treue Chloes auf das, was ich kostbarstes besitze. Was Schlimmes immer ich die wahnsinnige Grausamkeit, oder besser gesagt das Mißgeschick hatte, dieser Frau mit dem himmlischen Herzen zuzufügen im Verlaufe unseres Daseins, kein Mensch wird je sagen können, daß ich auch nur für einen Augenblick die Gemeinheit beging, ihre Reinheit und Beständigkeit zu bezweifeln. Ich füge bei, daß es mir genügte, mich Ihrer Ehre zu überantworten.« Der Beau verbeugte sich. »Sie lassen mir damit nur Gerechtigkeit widerfahren. Und Ihre Deutung?« »Ihre Durchlaucht hat damit angefangen. Angst vor Ihnen zu haben.« Beamish riß die Augen auf bei diesen Worten. »Sie bildet sich nun ein, daß Sie sie vernachlässigen. Und vielleicht unterhält sie diesen echt weiblichen Verdacht, daß Sie mit dieser Vernachlässigung die Absicht haben, sie auf die Probe zu stellen.« Der Beau zählte mit Feuer seine vielfachen Beschäftigungen auf. »Wie soll ichs denn anstellen, ihr in jedem Augenblick den Hof zu machen? Und abscheulich wäre das!« Er streichelte zärtlich seine Ärmelspitzen. »Und doch, käme es zum Kampf, so könnte ich, im Interesse meines alten Freundes, ihres Herrn, den zu schätzen ich Gründe habe, könnte ich, sage ich, einen Einfluß dazwischenstellen, der die Ausübung meiner Autorität sehr angenehm machte. Sie hat ein, zweimal den Oberst Poltermore so gewiß angesehn und umgekehrt. Diese Frau ist eine Junirose, mein Herr Caseldy, und ich verzeihe es der ganzen Welt, sie anzusehen, ja sogar anzuseufzen. Aber ich habe nichts Ernsthaftes gesehen.« »Der Oberst ist morgen beim Ausflug zum Signal dabei,« sagte Caseldy. »Sie selber hat darauf bestanden, und ich gewinne dabei eine Stunde Urlaub.« »Tun Sie mir den Gefallen, gehen Sie mit und erzählen Sie mir dann, was los war,« sagte der Beau. Auf solche Weise drängte er Caseldy dazu, ihm Märchen zu erzählen und brachte sich selber instand, diese gläubig zu schlucken. Da war der Oberst da, der Oberst dort, und Poltermore und nochmals Poltermore. – derart, daß Herr Beamish damit endete, den ermüdenden Bourdon Camwells nicht mehr hören zu können mit seinem einzigen Thema: Caseldys Doppelspiel. Er trat mit seiner Meinung über den jungen Mann auf Chloes Seite und bezeigte ihm von da ab fast dieselbe Kälte wie sie. Nach kurzer Zeit war er soweit, höchst verschlagen zu schließen, daß jener fremde Kavalier niemand anderes gewesen sein konnte als eben der Oberst Poltermore. Caseldy hatte ihm das mit Andeutungen suggeriert, und dem sagte er nun: »Ich habe ihn schon entdeckt,« woran er diese Betrachtung schloß, die völlige Zufriedenheit mit sich selber verriet: »Mit all dem, was Sie im Ausland gelernt haben, lieber Freund, erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß wir andern Engländer nicht so arg weit hinter Ihnen zurück sind in der Kunst, im Dunklen den Knoten einer Intrige zu lösen.« Worauf Caseldy antwortete, Herr Beamish hätte wirklich wenig von der Gesellschaft auf dem Kontinent zu lernen. Der arme Oberst Poltermore, wie man ihn bald nannte, war sichtlich das Opfer von der Herzogin plötzlichen Gunstbezeugungen. Die Umwandlung eines steifen und korrekten Offiziers in einen graziösen kleinen Puck, eifrigen Boten und fröhlichen Pagen konnte nicht unbemerkt bleiben. Die Nachgiebigkeit der Herzogin, ihn auszuzeichnen, zögerte nicht, auf diesen Unglücklichen eine erste Wirkung hervorzurufen. Er versicherte überall, daß, was das Savoir-vivre betreffe, die Herzogin die gerechtfertigsten Ansprüche erheben könne. Und dieses Savoir-vivre besäße sie instinktiv und sie sei, wollte man dem Oberst glauben, große Dame von Natur aus. Solches müsse die Gesellschaft, in der er verkehre, doch erkennen, nämlich den großen Unterschied, der zu machen sei zwischen dieser Herzogin und irgendeiner in den Hochadel geheirateten Bürgersfrau, die immer vulgär bleibe, was jene niemals sei. Aber die Gesellschaft setzte doch einige Zweifel in die vollendete Einfachheit einer jungen Frau, welche die Männer in einer Weise verwandle, daß einer der berühmten Eroberer des Tages ihr demutsvoller und unsicherer Diener werde. Denn auf dieses Niveau war der Oberst durch einen rapiden Sturz gefallen. War er nicht an ihrer Seite, so durchlief er entschlossenen Schrittes suchend und eilig Säle, Alleen, Boskets, bis er sie gefunden und sich an ihre Kleiderfalten geheftet hatte. Merkwürdigerweise war Gegenstand seiner Eifersucht der treue Alonzo! Der Beau hatte was zu lachen, als er das erfuhr. Inzwischen bewiesen die Erregtheit der Herzogin und ihre leichtsinnigen Gesten nur zu gut Poltermores Erfolg. Da mußte ohne Verzug vorgegangen werden. Man sprach von dem lebhaft ausgedrückten Wunsch der Herzogin, einen berühmten Wahrsager zu besuchen, der landeinwärts in einer Einsiedelei hauste. Der Beau legte sein Veto dagegen ein. Sie hatte sich seit einiger Zeit darin folgsam gezeigt, daß sie nicht mehr spielte, so erwartete er als bestimmt, daß sie sein Verbot respektierte. Jener Wahrsager war übrigens ein Schwindler, eine Art Astrolog, und gut bekannt durch gewisse Prophezeihungen, die er gewissen Frauen mit sensiblem Herzen machte. Diese verlangten nichts lebhafter, als daß der Lauf der Planeten durch den Zodiakus ihnen ungewöhnliche Aufschlüsse gebe und sie sündigen lasse nach dem Beispiele der himmlischen Konjunktionen. Solches fand der Beau so gottlos wie ungeregelt, und er trug seine solide fundierten Gründe vor, diesen Wahrsager nicht zu besuchen. Trotzdem gab die Herzogin ihrem Verlangen nach. Zu früher Stunde begab sie sich im Wagen dahin, begleitet von Chloe, dem Oberst und Caseldy. Nachher frühstückten sie in einer Schenke, wo man, gabs Gelegenheit, den seinen Herrschaften Fuhrmannsessen vorsetzte, was man apart fand. Man war in Wells zurück, als die Stadt erwachte. Zu ihrer großen Überraschung kam Herr Beamish inmitten einer Menge Bekannter auf sie zu und fragte sie, ob sie Grund hätten, mit ihrem Schicksal zufrieden zu sein, und zeigte sich außerdem wohlvertraut mit eines jeden privatem Orakel. »Ihnen, Oberst Poltermore, folgt das Glück bis zur zehnten Etappe, dann wirft Ihr Wagen um und Sie bleiben gelähmt Ihr Leben lang.« Der Wahrsager hatte dem Oberst viel besseres prophezeit, der lustig sagte: »Ich bin nicht so schlecht wie Sie im Hause sagen.« »Und Sie, Graf Caseldy, das Glück wird zu Ihrem Befehl sein, nachdem Sie einen Mord begangen haben. Und Ihre einzige Strafe dafür wird sein, daß Sie jeden Abend den Besuch des Kadavers zu erdulden haben.« »Als Gespenst,« sagte Caseldy mit einem Lächeln auf den Lippen. Was Chloe betreffe, so hätte sie nicht gewollt, daß man ihr die Zukunft sage, da sie sie bereits kenne. Der Beau gab ihr einen väterlichen Blick und wandte seine Augen auf die Herzogin: »Sie, Madame, Sie haben das Urteil bekommen, daß die Devise Liebe, Alles um Liebe Sie zu Fall bringt, so wie sie Sie erhöht hat, und dem Raben ausliefert, was Rechtens dem königlichen Adler zukommt. Ists so?« »Niemals! Ich glaube nicht an solche Geschichten!« rief die Herzogin, das Gesicht ganz im Feuer. »Sie leugnen, Madame?« »Ja, ich leugne. Ich schwöre, es war nicht von Adler noch Rabe die Rede.« »Sie leugnen, daß von ›Alles um Liebe‹ die Rede war, Madame?« »Albernheiten solcher Zauberer,« tat sie wegwerfend. »Als ob ich achtgegeben hätte auf den Unsinn!« »Wagt es die Herzogin von Ochsenschlepp, mir ein Dementi zu geben?« »Ich heiße nicht so, wie Sie gut wissen,« begehrte sie auf. »Was ist das?« pfiff der Beau und seine Rede wurde anmaßend. »Was tragen Sie denn da für ein Gewebe?« Und er legte die Hand auf ein Spitzentuch, das sie über ihrem Morgenkleid geschlagen trug, riß es in Fetzen und schwenkte ein Stück davon: und während die Herzogin den Atem verlor und bebte über diese Beleidigung, die ihr die Sympathien aller Damen ebenso eintrug wie sie aus jedem der Herren einen Schützer machte, warf der Beau die Spitze auf den Boden, stellte den Fuß darauf und ließ seine starke Stimme über den allgemeinen Tumult tönen: »Hören Sie mich an! Es ist ein Verbrechen! Sie trägt das vom Steifen vergilbte Zeug der Betty Worcester als antike Spitze! Alle, die es tragen, mögen derlei von ihren Kleidern entfernen, bevor die Stadt proklamiert, das wir entehrt sind. Ich erkläre Ihnen, daß Betty Worcester gestern in Tyburn wegen Mordes gehenkt worden ist.« Einige Damen schrien auf. Die Ansammlung um den Beau zerschmolz alsbald, und er stand allein mitten im Saal, einem Fahnenschafte gleich, um den sich Banner entfalteten. Es war ein Pêle-Mêle von Roben, die sich beeilten, bewegten, rauschten: man konnte an Blätter im Herbst denken, die ein Novemberwind aufwirbelt. Die Damen waren verschwunden, um sich von den imitierten Spitzen zu befreien, die sie in irgendeiner Weise verbunden zeigten mit dieser blutdürstigen Elisabeth Worcester, gestern ihre Wohltäterin, heute gehenkt und am Galgen baumelnd. Und die keine solchen Spitzen trugen diesen Morgen, nahmen es dem Beau übel, daß er nur auf die andern die allgemeine Aufmerksamkeit gezogen hatte. Die Herren waren etwas verblüfft über des Beau kühne Machtschau. Zwei von ihnen empfanden die Brutalität gegen die Herzogin besonders stark. Sie begleiteten sie, ebenso wie Chloe. »Das ist eine Frau, die nichts verliert, wenn sie mich fürchtet,« sagte der Beau zu sich. Achtes Kapitel Herr Camwell war in der Antichambre, als Chloe hinter den beiden empörten Partisanen die Herzogin verließ. »Ich bin heute abend bei den Fichten auf dem Hügel, um acht Uhr,« sagte sie. »Ich werde da sein.« »Bringen Sie Herrn Beamish aufs Land, damit die Herren hier Zelt finden, sich zu beruhigen.« Er versprach es ihr. Um die versprochene Zeit war er unter den Fichten, schaute in die letzte Sonne, die hinter den westlichen Hügeln hinabging. Chloe kam. Er sprach von der schönen Landschaft und dann mit nachlassender Stimme: »Und doch scheint es, als ob nichts beredter Adieu sagte.« »Wir können uns Adieu sagen und doch Freunde bleiben.« »Sie wollen sagen, Chloe, warten wir länger, so könnten Sie mir vielleicht nicht verzeihen?« »Aufrichtig, Sie machen mir das Verzeihen schwer, Camwell.« »Ich bin nicht zu meinem Vergnügen hier geblieben. Sondern um zu wachen.« »Herr Beamish schützt und bewacht die Herzogin vortrefflich.« »Vortrefflich. Und man hat ihm geschickt beigebracht, was für große Angst sie vor ihm habe. Beleidigt sie ihn, so zeigt er ihr die furchtbaren Reserven seines Olympiertums. Die damit auf eine Frau von Charakter erzielte Wirkung haben Sie gesehen, und andere haben sie vorausgesehen, – sie ist zum Äußersten getrieben und wagt alles. Machen Sie einen Knoten in Ihre Seidensträhne, Chloe.« Sie wandte den Blick in die Landschaft, als sie darauf sagte: »Sind nicht Sie der Schuldige? Es gab eine Kollision zwischen Ihnen und dem Wahrsager, der ihr diesen Morgen das gute Abenteuer prophezeit hat. Ich sehe das von weitem, in der Finsternis wie am hellen Tage.« »Aber Sie sehen nicht durch einen Vorhang. Ich war selber bei jenem Wahrsager.« »Das ist eine widerliche Spionage, Herr Camwell. Wie können Sie es über Ihr Gewissen bringen, eine so gemeine Rolle zu spielen?« »Ich habe nichts getan als meine Pflicht erfüllt, Madame.« »Sie behaupten aus Ergebenheit gegen mich so zu handeln? Ich könnte davon geschmeichelt sein, sähe ich nicht eine verächtliche Personnage zu meinen Diensten. Es bleiben mir nur mehr vier Tage von meinem glücklichen Monat, und ich habe eine inständige Bitte an Sie: lassen Sie mich diese vier Tage mein Vergnügen genießen. Ich beschwöre Sie, reisen Sie ab. Ganz ernsthaft und inständig bitte ich Sie, zu gehen. Gönnen Sie mir das und bleiben Sie nicht hier, mir die Lust dieser letzten Tage zu vergiften. Verlassen Sie uns morgen früh. Ich will gern zugeben, Ihre Absichten waren gut. Ich reiche Ihnen die Hand in einem Gefühl der Dankbarkeit. Adieu, Herr Camwell.« Er nahm ihre Hand. »Adieu. Die Trennung steht nah bevor, diese liebe Hand gehört mir, solange ich sie in der meinen halte. Adieu. Man wiederholt und wiederholt das Wort immer wieder, wenn man sich so trennt. Man kann das Licht dieses Wortes nicht mit einem Hauch auslöschen, man läßt es nach und nach verglimmen, wie die Farben da drunten.« »Wenn Sie so sprechen... Ich höre Sie gern so sprechen.« »Ach, Chloe! Sein Leben hingeben ... sein Leben! Und Ihr Glück habe ich gesucht, mehr Ihr Glück als Ihre Gunst.« »Ich glaube es. Aber Sie gebrauchen Mittel, die mir nicht gefallen. Sie verlassen uns morgen?« »Es ist mir, als ob dies der fixierte Tag wäre.« Chloes Gesicht dunkelte. »Das ist ein recht beiläufiges Versprechen.« »Sie denken, einen Monat Glückes vor sich zu haben und meinen darunter einen Monat der Illusion. Sie ist heute abend zu Ende. Morgen früh wachen Sie auf, um dieses Ende zu sehen. Sie haben nie über diesen Monat hinaus gesehen, seit dem Tage seiner Ankunft.« »Bitte sprechen Sie nicht den Namen aus, ich bitte Sie darum.« »Also sind Sie damit einverstanden, daß eine andere geopfert werde, nur damit Sie noch eine Stunde länger die betrügerische Illusion genießen können, in der Sie leben?« »Ich mache mir keine Illusion, Herr Camwell. Ich will Frieden, Ruhe, fordere sie mit Inbrunst und will nichts anderes, nichts.« »Und Sie opfern zu solchem Ende zur Sühne jene, die zu schützen Sie versprochen haben. Ihre Augen haben doch sicher genau so gut gesehen wie die meinen. Knoten um Knoten habe ich Sie beobachtet. Sie haben sie ja in dieser Seidensträhne markiert, – was haben Sie übrigens damit gemacht? Ja, jeden dieser Momente haben Sie einen Knoten geschlungen, wo Ihre gerechtfertigten Verdachte auf entmutigende Weise bestätigt wurden.« »Ja, das hab ich getan und bin trotzdem fröhlich dabei geblieben.« Ihr verächtlicher Tonfall wurde weicher, und unwillentlich tat sie einen Ausruf, als ob Grauen sie überliefe. »Sie haben die Rolle des leichten unbekümmerten Herzens gespielt, Madame, und zu gut, um mich zu hindern, hier klar zu sehen. Und während all der Zeit lassen Sie alles Böse sich vollenden, nur um nach Ihrem Belieben einen sinnlosen Traum zu wiegen.« »Sie sind sehr kühn, Herr Camwell.« »Ich bin entschuldigt, denn ich tue recht, – ich weiß, was die kommende Stunde bringt. Sie und ich, meine teuerste und einzige Liebe auf dieser Erde, wir stehen zwischen dem Leben und dem Tode.« »Das tun wir immer, zu jeder Stunde.« »Hören Sie noch den Prediger an: der Tod und das Leben liegen da vor uns, ganz nah vor uns: wem von ihnen beiden werden wir morgen gehören? Das ist die Frage, die aufsteht. Sie sind der Meinung, ruhig zu schlafen. Nein, nein, sage ich Ihnen, dieses schwere Unrecht, dieser zwiefache Verrat soll sich nicht unter dem Vorwand vollziehen, daß Sie schlummern wollen gewiegt wie ein Kind. Hören Sie mich an bis zum Ende. Die Drogue, die Sie geschluckt haben, um sich selber zu täuschen, sie wird nichts vermögen gegen den Schlag, der Sie morgen früh treffen wird, bei Sonnenaufgang. Hören Sie die Vögel singen. Wenn ihr Gesang wieder tönt, dann werden Sie erwacht sein. Die Anbetung und die Verehrung, die ich Ihnen ... Das ist der phantastische Sonnenuntergang eines Tages, der nie mehr wieder sich erheben soll ... Sie werden erwachen, und was werden Sie schauen? Sie werden sich von einer ungeheuerlichen Infamie wegwenden, um eine arme Verlassene zu erblicken, die sich die Augen verbunden hat, indem sie Knoten in ein kleines Seil schlug. Zählen Sie dann Ihre Knoten, und was antworten Sie dem Himmel? Ich verlange es von Ihnen, dieses Seil, um Ihnen die Gewissensbisse zu ersparen, die schrecklich sein werden.« »Ach nein ...« »Schrecklich, sage ich Ihnen.« »Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber das Seil tröstet mich. Es ist mein Rosenkranz.« »Seltsam, wie ein zu langer Aufenthalt an diesem Orte, in dieser Gegend hier die reinste unserer Seelen heidnisch machen konnte. Wenn nur ... aber dieser Tag dürfte mir nicht neues Licht bringen. Anbetungswürdiger noch Im Irrtum als andere in der Tugend haben Sie durch ein Übermaß jener Vorzüge gesündigt, welchen die Menschen ihr Lob geben. Sie sind von einer Generosität ohne Maß und leider von gleich großem Stolz. Das ist Ihr Fehler, das ist die Ursache Ihres Unglückes. Zu generös! Zu stolz! Sie haben Ihr Vertrauen geschenkt, Sie nehmen es nicht zurück. Sie haben sich selber gegenüber die Verbindlichkeit zu lieben auf sich genommen, niemals einen Vorwurf Wort zu geben, niemals den Eindruck des Zweifels zu machen, und dieses Gelübde ist Religion für Sie, ist es zu sehr. Gewiß, der Fall ist wahrhaft selten. Aber denken Sie gar nicht an dieses gute unerfahrene und völlig dumme Geschöpf, die in ihren Verlust hineinläuft als ob ein Sturm sie triebe? Ist sie nicht ihr Opfer? Morgen werden sie das laut aussprechen. Heute, jetzt hören Sie es, dieses Wort Opfer, in der Tiefe Ihres Innern.« »Mein lieber, mein wirklicher Freund.« sagte Chloe und in ihrer Stimme tönten die tiefen melodischen Töne der seinen wider, »seien Sie ohne Unruhe über die Herzogin und das Morgen. Sie ist in Sicherheit, dafür steh ich mit meinem Leben. Sie wird niemandes Opfer sein. Erlebt sie ein Schlimmstes, so ist dies höchstens eine nützliche Erfahrung, mehr nicht als das ist das schlimmste, das ihr passieren kann, seien Sie beruhigt. Und nun adieu. Der westliche Himmel neigt sich wie ein Blumengewinde, dem das Wasser fehlt, von der Herrin vergessen, die es geschmückt hat. Erinnern Sie sich an das, erinnern Sie sich, daß wir uns hier trennen, und daß Chloe Ihnen das Glück wünscht, daß sie Ihnen nicht geben konnte, weil sie einer andern Welt angehörte und weil sie ihre Geschichte geschrieben besaß bis zum letzten Satze lange bevor Sie sie kannten. Adieu, und diesmal aus gutem Herzen adieu.« Camwell trat ihr in den Weg. »Gut, seien Sie blind. Aber Sie sollen nicht taub für die Worte sein, die Ich Ihnen noch sagen muß. Ich verzichte auf die geringe Beachtung, die Sie mir schenken und die ich wie einen Schatz bewahrt habe. Hassen Sie mich. Besser von Ihnen gehaßt werden als mich von meiner Pflicht abbringen! Morgen früh ist Ihre Herzogin weit weg. Ich weiß genau was ich behaupte, weiß genau, es ist wie ich sage. Sie können Sie zudem selber fragen.« Allen Widerwillen, den das heftige Schlagen ihres Herzens zu bezeugen ihr erlaubte, legte Chloe in ihre unsichere Stimme, als sie sagte: »Sagen Sie mir bitte, wie Sie diese Gewißheit bekamen, auf deren Besitz Sie sich soviel einbilden.« »Ich habe sie, und das möge Ihnen genügen. Ich will Ihnen sogar Einzelnes geben. Der Wagen der Herzogin ist zu der Stunde befohlen, die ich Ihnen sagte. Die Zofe der Herzogin ist bereits fort und erwartet sie an einem Ort, den sie auf ihrer Flucht passieren wird.« »Also die Domestiken in Ihrem Sold?« »Mittel, einen Anschlag auszuspüren. Eine Lunte zu löschen. Man muß durch Dreck waten, um Betrügern zuvorzukommen. Sie, Madame, haben es vorgezogen, sich einer exzessiven Delikatesse zu bedienen, und haben mich damit gezwungen, vulgäre Mittel zu brauchen, odiose, wenn Sie wollen, – um Ihr gutes Recht zu verteidigen. Es ist noch nicht zu spät, noch können Sie die Herzogin retten und sie an das Ehrgefühl erinnern.« »Ich kann schwer glauben, daß es Oberst Poltermore hinsichtlich der Ehre an etwas fehlen lassen könnte.« »Der arme Oberst! Seine Rolle ist ausgespielt. Schämen Sie sich nicht, Chloe?« »Ich habe nur allzulange zugehört,« sagte sie als Antwort. »So gehen Sie doch, wenn das Ihnen Vergnügen macht.« Er trat zur Seite: sie ging an ihm vorbei, machte ein paar rasche Schritte in die dämmrige Halbnacht. Dann blieb sie stehen, preßte die Hände an ihr schlagendes Herz und wandte sich um, ganz in Schmerz gebrochen. Streckte die Arme nach ihm, ließ sich umarmen und küssen. Als er mitten in seiner Hingerissenheit, während der Küsse um Verzeihung bat aus langer Übung eines nie versagenden Respektes vor ihr, sagte Chloe: »Sie bestehlen niemand.« »Wird treue Liebe doch belohnt? Bin ich noch derselbe Mensch wie vorhin? Sie sind da, ich halte Sie in meinen Armen, und ich zweifle, ob ich es bin. Oder sind Sie Chloes Geist?« »Sie ist gestorben und kommt Sie besuchen.« »Wird sie wiederkommen?« Ganz zu Boden gedrückt von schmachtender Ermattung vermochte Chloe kein Wort. Die Stärke des Glücksgefühles, das sie gab und dabei doch blieb wie sie stand und ohne zu sprechen sogar, entzückte ihre Sinne. Raufrost war lang auf ihnen gelegen, nun wachten sie auf in der Erwärmung und sie verträumte sich ... Der süße Geschmack dieser der Treue erwiesenen Belohnung und der seltsame Geschmack aus der Untreue gegen ihre innersten Gefühle, sie spürte dieses beide gleichzeitig und es trat in ihr Denken. Daß sie sich sagte, wie kalt sie sein müsse, um in solchem Augenblicke, da ein starker Arm sie hielt und ein heißer Mund sie küßte, darüber zu reflektieren. Und sagte sich, daß ihre Sinne vielleicht wirklich erstorben seien und sie ein abgeschiedener Geist, der den guten jungen Mann besuche, um ihn zu trösten. Das sind ja wohl die Gefühle der Geister, dachte sie. Und was wir das Glück der Liebe nennen ist Vereinigung von Extase und Gefälligkeit. Ein anderer Gedanke schnitt ihr tödlich durch das Herz: für mich und jenen, für uns beide ist es nicht so. Für uns beide wäre es Extase vereint mit Extase. Jeder gäbe und empfänge das Glück in gleichen, gleichartigen Teilen. Ein Schauder von Eifersucht ging ihr durch den Leib. Sie nützte die scharfe Heftigkeit dieses Gefühles dazu, den jungen Mann noch einmal mit Leidenschaft an ihre Brust zu drücken. Als sie sich dann zart und zärtlich von ihm löste, sagte sie: »Sie nehmen keinem Menschen sein Gut weg. Und jetzt, lieber Freund, versprechen Sie mir, ihn nicht bei Herrn Beamish zu verraten.« »Wollten Sie mich kaufen, Chloe?« »Ich verlange nur, daß man ihm damit keine Ungelegenheiten mache.« »Ich sagte Ihnen doch, die Herzogin ...« »Ich weiß, aber Chloe gibt Ihnen ihr Wort, über die Herzogin zu wachen und für sie zu sterben, um sie zu retten. Es ist das ein Eid. Sie haben von gewissen Vorbereitungen gehört, die jene getroffen haben. Ich sage Ihnen, diese Dispositionen werden zu nichts führen, – das wird nicht eintreten. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich aufgewacht bin, lieber Freund, und so klar sehe wie Sie. Betreffs dieser ... Schließlich, nach dem, was mir geschehen ist, können Sie glauben, daß ich ein Bedauern spüre? Mitleid? Aber ich mag sie gern und bin verantwortlich für sie: läuft sie eine Gefahr, so gibts doch keine Katastrophe, verlassen Sie sich auf mich. Ich schwöre es, und jetzt leben Sie wohl. Es ist ein Souper heut abend. Man wird Chloe zu singen bitten, und ich muß ein paar Minuten erst für mich selber singen, um die Inspiration zu heben. Trennen wir uns also, und vermeiden Sie sie, ihretwegen. Kommen Sie nicht zum Souper, auch nicht in die Salons, nirgendhin, wo Sie sie treffen könnten. Nein, Sie bestehlen keinen Menschen,« sagte sie noch einmal und das leichte Zittern ihrer Stimme gab ihren Sinnen ein köstliches Gefühl. »Dann denk ich auch, daß mich Erinnerung erröten läßt, und es ist mir lieber, Sie bleiben fort. Adieu. Daß Sie mir über diesen Abend hinaus gehorchen, das verlange ich nicht. Ihr Wort?« Hingerissen gab er es und sie eilte fort. Neuntes Kapitel Es dunkelte, als Chloe durch den Ginster ging. Sie zog aus dem Ausschnitt ihres Kleides die Seidensträhne und ließ sie durch die Finger gleiten. »Ich habe kein Recht zu leben,« sagte sie laut. An sieben Stellen war die Strähne geknotet. Sieben Jahre hatte sie die Rückkehr ihres Verlobten erwartet, sie machte die Rechnung ihrer Jahre mit der Ziffer sieben. Fatalismus hatte sie während der Abwesenheit des Geliebten aufrecht erhalten, und Fatalismus besaß sie völlig in dieser Stunde. Er war es, der sie zum Sprechen brachte, wenn sie sagte: er wird kommen. »Er ist gekommen,« flüsterte sie, die Hand um den ersten Knoten schließend. Sie hatte die Kraft nicht, Ihre Finger von ihm zu lösen. Das Ereignis, das dieser Knoten bedeutete, hatte sich in ihr Hirn mit düsterroten Buchstaben gebrannt. Nicht mit den Augen, nicht mit der Vernunft waren sie lesbar. Aber sie ließ diese Stunde aufleben, deren Erinnerung sie in den Knoten geschlagen. Sie erlebte die Stunde aufs neue. Genau die gleichen Eindrücke kamen ihr wieder mit aller Deutlichkeit und Schärfe dessen, was, bis auf das Tageslicht, dieser Welt angehört. Sie spürte die doppelte Sensation, nicht heller zu sehen und doch deutlicher als früher. Alles sagte ihr, daß sie hier besser sähe als die andern. Sie sah auch, in welchem Augenblick es wünschenswert wäre, daß sie zu leben aufhöre. Welch unglückliches Los! Denn sie besaß die Gabe poetischer Imagination, und ihr Herz erzitterte bei allen weiblichen Empfindungen, die jene verdrängt hatten, – sie fühlte selber die Faszination, welche die andere von seiten des Ungetreuen erfahren hatte. Vom ersten Augenblicke an, da sie die beiden zusammensah, hatte sie es gewußt, daß sie sich kannten. Sie bedauerte sie, falsche Worte sagen zu müssen, verstellte, und als sie das Versprechen gab, den Lauf des Verhängnisses aufzuhalten, geschah es ohne irgendein Gefühl von Rivalität zu dem bloßen Zwecke, ein Geschöpf zu retten, Frau und jünger als sie. Immer bezeugte sie in ihren Beziehungen zu den beiden einen stolzen Edelmut, der weit über den feinen Takt hinausging. Alles was ihre Seele an Eigennutz enthielt, verbrauchte sich, beschäftigte sich in der Lust an ihrem einzigen Monat lebhaft gewollter Illusion. Niemanden hatte sie verletzt damit, daß sie sich Camwells Küssen hingab, nicht einmal ihren eigenen Körper, der alle seine Reinheit bewahrte. Denn von dem Tage ab, an dem dieser erste Knoten geschlungen wurde, lieferte sie sich ihrem endlichen Schicksal aus, – von da ab war sie Staub in einer Hülle geworden, Asche in einem Sack. Die andern Knoten markierten Tatsachen, die sich bestätigten: aber der erste erinnerte einen Verdacht. Deshalb war er der wertvollste, jener, der die vollkommenste Gewißheit gab. Was er erzählte, kam aus der dunklen jenseitigen Welt, in der alle Dinge gekannt sind. Davon war sie überzeugt. Und ihr Zustand seit jenem Augenblick war ihr ein Beweis mehr. Sie fühlte sich von Dunkelheiten umgeben und verbrauchte ihre letzten lebendigen Kräfte in der Anstrengung, ein kindliches Glück zu heucheln. Sie ließ es währen, damit es werde, dieses Gefühl, heftig werde, süß und bitter gleichzeitig, aus dieser Minute, wo sie, ihren Geliebten endlich wiedersehend, seine Perifidie fühlte gegen eine Seele, die sich ihm vertraute, begriff, daß sie gelebt hatte und daß Zuflucht, die sich ihr bot, das liebenswerte Reich der Unempfindlichkeit sei. Was sie erlebte, gleicht vielleicht der Freude, welche den Verdammten gestattet ist. Mit einer tragischen Demut war sie erkenntlich für die Verwundung, an der sie starb. Ohne das hätte ich ihn nicht wiedergesehen, sagte sie sich: der, den sie liebte, wäre zu ihr nicht zurückgekommen, hätte er nicht ein andere gesucht. Sie verzieh es ihm, dem Reiz dieser schönen Wiesenblume erlegen zu sein, und sie verzieh der Frau. »Als ich ihn das erstemal sah, kam er mir so schön vor wie ihr. Ich hätte es vielleicht ebenso gemacht wie sie.« Ganz fern, in einem beleuchteten Saal des Westens machten die Ihren ihr Zeichen des Vorwurfs. Sie erschienen ihr wie Gegenstände, verkleinerte Silhouetten, geschnitten in Stahl. Sie konnte kein recht warmes Gefühl für sie aufbringen, sie waren zu weit unten, und ein Ozean, der sie versenkt hatte, hölte einen Abgrund zwischen ihr und ihnen. Von der Seite her gab ihr ein gewisser weißer ›Rhaiadr‹ warme Empfindungen, ein Rhaiadr, der aus zusammengefallner Wolke sich bäumend sprang und über die astbedeckten Felsen hüpfte. Da war es, wo sie als Kind herumgeklettert und geträumt hatte. Von kommenden Tagen, von leuchtenden Farben. Heute war ihre Seele noch kindlicher. Sie sah das Flußwasser sich wie ein Tischtuch breiten: sie roch den Geschmack des Schaumes: saß am Wasserfall und füllte sich mit der Vision der Landschaft, wie das Lamm von keinerlei Hoffnung verwirrt, war sie vom Kinde nur darin verschieden, daß sie wußte, die Last des Lebens hingelegt zu haben, sich auf dem Weg Ihrer Heimat zu befinden und ganz nah der Rast. Sie hörte die Ihren plaudern, ohne Ende schwatzten sie im Wasserfall. Die Wahrheit war bei ihnen zu Haus, die Klugheit auch. Warum denn sollte sie Anspruch machen auf irgendein Recht zu leben? Schon besaß sie keinen Namen mehr, weniger lebendig als ein Leichenstein. Denn wer war Chloe? Chloes Eltern könnten an ihrem Grabe vorbeigehen, ohne Tränen zu vergießen, ohne moralische Bemerkungen zu machen. Sie haben ja ihr Verderben vorausgesagt. Sie hörte ihre im Sington gesprochenen Voraussagungen im Lärm des Wassers: sie sah, wie sie übers Feld liefen, der Welt diese ihre Offenbarung zu bringen. Indem sie an jene dachte, fand sie es leicht, das von niemandem noch Gewußte zu vollbringen. Den Hügel unten machten die Lichter der Stadt eine Linie aus Punkten, da gedrängter, dort weiter auseinander. Sie riefen Chloe zu ihrer Pflicht: einmal noch mußte man sich als die heiterste unter denen zeigen, die heute atmen und deren Herzen morgen weiterschlagen. Zehntes Kapitel Die große Soiree mit Diner, bestimmt die Wiederversöhnung des Beau und der Herzogin Susanne zu feiern, ging gegen Mitternacht zu Ende. Draußen war die Luft weich, der Himmel sternhell, und die Damen zwitscherten in einem silbernen Plaudern ihr Vergnügen und umarmten, küßten Chloe in einem Anfall von Dankbarkeit. Und ihre Kavaliere, natürlich, gaben sich in Versicherungen aus, daß Chloe die Glücklichste unter den Sterblichsten sei. Die Herzogin wollte zu Fuß nach Hause. Sie schien erregt und ihre Sprache zeigte Nachwehen ihrer Herkunft: aber sie strahlte im Glanze ihrer vollen fleischlichen Schönheit. »Ich ersticke in der Sänfte, das ist gut für das Vieh, sich im Stall einsperren zu lassen.« Dabei schlug sie ihren Fächer, und die Schleppe ihres Kleides lag pomphaft um sie gerundet. Sie hatte den Oberst Poltermore zur Seite, besiegt und gefangen. Dieses Individuum gefiel sich darin, geschickte Worte anzubringen, die jeweils als Pulver, jeweils als Zündhölzchen dienten, die Herzogin in Brand zu setzen. »Bin ichs denn noch?« hörte man sie ausrufen. Und ganz ungewöhnlich tiefe Seufzer entrangen sich ihrer Brust, Seufzer einer Koketten, die große Gefühle spielt. In einem anderen Augenblicke lancierte sie die Worte: »Glauben Sie denn, daß ich möchte?« Die Blinklichter, die sie mit ihren Antworten auf die Taktik des Obersten warf, amüsierten höchlich die Gesellschaft, die hinter ihr ging: zwei Damen sehr hohen Ranges, von Caseldy, Beau Beamish, ein Lord und Chloe. »Halt, mein Herr!« rief eine Stimme, die der Herzogin. »Was hör ich? Ich verweigere Ihnen mein Ohr. Ich kann nicht. Genug! Ich soll nicht.« So sprach sie, aber ihr Köpfchen neigte sich wie ein Schiff nach einer Seite. Sie lieh, wenn auch unwillig, ihr keusches Ohr und überließ sich dem Zauber verführender leiser Worte. Der Lord schlug ein Gelächter. Man hatte eine Menge getrunken. Und unsere Naturschwärmer um Mitternacht mußten schon wohl alles entschuldigen, was aus der Natur kam. Die beiden hochadeligen Damen bestanden, vom lauten Lachen des Lord aufmerksam gemacht, darauf, daß Herr Beamish sie begleite, um von Chloe und der Herzogin sich zu verabschieden. Wie es bei solcher Gelegenheit leicht geschieht, vermischten sich die Paare im Augenblick des Adieusagens. Und die Herzogin konnte Caseldy die Worte zuflüstern: »Hab ich mich geschickt herausgezogen?« Er lobte ihr vollendetes Spiel und fügte bei: »Erinnern Sie sich, um drei Uhr bin ich an Ihrer Tür.« »Mir springt das Herz in den Hals,« sagte sie ganz rasch. Der Oberst Poltermore hatte noch den Vorzug, mit ihr die wenigen Schritte bis vor ihr Hotel zu machen. Caseldy ging neben Chloe. Erst schweigend, begann er: »Ich habe noch nicht davon gesprochen ...« »Ist es das Geld? Dann nicht heute abend davon,« sagte sie rasch. »Alles was ich sagen könnte, ist, daß meine Sachwalter meine Instruktionen bekommen haben. Aber es kommt nicht ihnen zu, Ihnen zu danken. So streng Sie mich auch wegen meiner Fehler ins Examen nehmen, halten Sie mich nie für undankbar. Sie standen in meiner Wertschätzung immer über allen andern Frauen. Und diese meine Meinung wird sich nicht ändern. Sie stehen zu hoch über mir. Ich fürchte, eine Zusammensetzung recht übler Eigenschaften zu sein. Meine Reputation ist auf dem Kontinent nicht einwandfrei. Ich fange an, mich kennenzulernen und mich mit Ihnen vergleichend, liebe Catherin ...« »Sie sprechen mit Chloe,« unterbrach sie. »Catherin ist begraben. Es hat sie nicht viel gekostet, zu sterben. Sie ist heute Staub und Asche.« Der Begleiter tat einen kleinen Seufzer. »Die Frauen machen sich keine Vorstellung von den Versuchungen, denen wir ausgesetzt sind.« »Ich absolviere Sie von allen Ihren Irrtümern, Caseldy. Erinnern Sie sich immer daran.« Er tat einen stärkeren Seufzer: »Sie haben das Herz einer Christin.« »Ich bin im Gegenteil zu dem Schluß gekommen, daß ich ein heidnisches Herz habe.« »Was mich betrifft, ich bin Fatalist. Während meines ganzen Lebens sah ich mein Schicksal sich erfüllen. Es kommt das, was kommen muß. Wir können daran nichts ändern.« »Ich hörte einmal von einem Menschen erzählen, der an einer von ihm vorausgesehenen, ja sogar angezeigten Indigestion gestorben ist, während er dieser seiner Überzeugtheit noch einen letzten Bissen gönnte.« »Er wurde dazu getrieben.« »Ja, von einer inneren Kraft.« Caseldy gab seine Zustimmung. Seine Fähigkeiten seien verdunkelt gewesen. Er hätte durchaus Zeichen und Seufzer gebildet, die ein noch viel derberes und groteskeres Bild gestützt hätten. »Ja, es ist so, fremde Hände sind es, die uns stoßen und treiben.« »Man sagt sich das gern. Sagen Sie sich das morgen, an mich denkend, wollen Sie?« fragte Chloe. Er versprach es ihr mit schönem Eifer, denn er verlangte selber, nach diesem Grundsatze beurteilt zu werden. Nichts Besonderes war in den Worten, mit denen sie sich Gute Nacht sagten. Die hübschen bräuchlichen Formalitäten liefen vor dem Tore ab, und die beiden Herrn entfernten sich. »Es ist noch völlig Nacht,« sagte die Herzogin zum Himmel blickend. Sie stieg die Treppe hinauf und sank in einen Fauteuil im Schlafzimmer Chloes, das vor ihren Appartements lag. Sie klagte, sich nicht mehr aufrecht halten zu können vor Müdigkeit. Dann fragte sie nach der Uhr und tat unfreiwillig einen unterdrückten Seufzer. Das Herz schlug ihr immer stärker. Sie erhob sich mit einem Ruck und begab sich rasch in ihr Zimmer, ihre Müdigkeit käme wohl davon, daß sie so sehr Schlaf habe. Das Schlafzimmer hatte, wie auch das Chloes, eine Tür in das Boudoir, und man kam von diesem aus, das die Länge der beiden Schlafzimmer hatte, auf den Korridor und die Treppe. Die Herzogin öffnete weit ein Fenster, um es gleich wieder zu schließen, öffnete und schloß die Tür, trat in ihr Zimmer zurück und rief Chloe, bat sie, Ihr etwas vorzulesen. Chloe schlug einiges Beruhigende, wie Gedichte vor. Die Herzogin wählte erst Predigten, dann warf sie das Buch beiseite. »Wir sind alle so große Sünder,« sagte sie. »Man soll sich nicht noch Kummer darüber machen, gar des Nachts um die Zeit.« Chloe schlug Gedichte vor. »Die versteh ich nicht, außer wo sie von Lerchen handeln, von Butterblumen, Feld und Wiesen. Und alles das ist nichts für eine Frau, die sich wie Feuer fühlt.« »Haben Sie Fieber, Madame?« fragte Chloe. »Ja, Madame, ich hab Fieber,« sagte die Herzogin lebhaft. Dann, sich wieder zurücknehmend, ruhiger, weicher: »Nein. Chloe, ich hab kein Fieber. Nur die Luft, die man hier atmet, ist so aufregend, wie auch der Arzt sagt. Und ich mußte Wein trinken und ich habe vor dem Souper gespielt. – Ach, mein Geld! Ich sagte mir immer, ich werde mir anderes verschaffen müssen, und jetzt ...« Sie seufzte auf. »Übrigens gibts was Besseres auf der Welt als das Geld. Du weißt es gut, Liebling, nicht wahr, du weißt es? Sag mirs. Ich wünsche Ihr Glück, Chloe. Sie sollen einsehn, daß ich es wünsche. Ich wollte, alle Welt könnte glücklich sein.« Sie begann zu weinen und meinte, etwas Musik würde sie beruhigen. Chloe streckte die Hand nach der Laute. Die Herzogin hörte einige Takte an, dann rief sie, ihr Herz würde davon zu traurig. »Alles was wir sehr lieben ist mit einer Planke umgeben mit einem Geschreibe drauf, Eintritt verboten. Und dann gibts auch so viele Leute auf der Welt ... Nicht mehr spielen, Liebling. Legen Sie das Ding bitte hin. Sie sind ungeheuer begabt. Alle sagen es. Ich wollte ich wärs ... Die hübschen Frauen bemächtigen sich der Männer, und die Frauen mit Talent, die behalten sie. Ich hab das hier in dem verfluchten Nest sagen hören. Da hab ich arme blöde Person ja schöne Aussichten! Ja, ja, ich weiß genau, daß ich blöd bin.« »Der Herzog betet Sie an, Madame.« »Der arme Herzog! Lassen Sie ihn in Ruh. Was hat er doch für ein unglücksgeschlagenes Aussehen, wenn er schläft mit dem Mund so – und mit seinem Kinn wie ein Bébé. Er schaut aus als ob er von einem Groschenpfeiferl träumte. Er hätt mich nicht hierherkommen lassen sollen. Sprechen wir von Beamish. Sie gehn ihm sehr ab, Chloe!« »Ich weiß,« sagte Chloe traurig. »Wenn Sie zu ihm gingen. Liebstes!« »Ich will.« »Warum verließen Sie ihn denn, Chloe?« »Es mußte sein.« »Und der Gedanke macht Sie unglücklich! Das ists.« »Ja.« »Sicher sind Sie nicht verpflichtet, ihn zu verlassen.« Chloe sah sie an. Die Herzogin wandte den Kopf weg. »Warum sind Sie nicht heiter wie beim Souper, Chloe? Mit dem Beau, da gehn Sie auf wie eine Blume, wenn die Sonne über dem Hügel hervorkommt. Da sind Sie leicht wie eine Lerche am frischen Morgen, oder wie ich, wenn ich an nichts denke. Gott – da dämmerts schon – und ich hab so Schlaf! Ganz trottelhaft komm ich mir in meinen schönen Kleidern vor um die Stunde, die Vögel werden gleich zu singen anfangen und ich bin müd zum Umfallen! Zeit, daß ich mich ausziehe.« Sie umarmte Chloe, küßte sie hastig, sagte, sie stürbe vor Müdigkeit und führte sie zur Tür. »Nicht nötig, daß Sie mir helfen. Ich werd ganz allein fertig. Susanne Barley wußte gut, sich auszuziehen. Sie können die Tür schließen, ich hab heute keine Furcht. Ich bin zu müd dazu.« »Einen Kuß noch.« sagte Chloe sehr zart. »Ja, noch einen.« und die Herzogin hielt ihr die Wange hin. »aber ich bin so müd, daß ich nicht weiß, was ich tu.« »Ihr Gewissen wird nicht das Gewicht Ihres Tuns tragen,« sagte Chloe und küßte sie mit Wärme. Sie verließ das Schlafzimmer. Die Herzogin schloß die Tür und schob eilig den Riegel vor. »Ich bin zu müd, um zu wissen, was ich tu,« sagte sie sich, während sie mit geschlossenen Augen stand und sich bestimmten Gedanken überließ. Ihre Brust hob sich mit dem lebhaften Atem. Ihre Blicke gingen vom Bett zur Pendüle. Sie könnte sich noch ein bißchen im Bett strecken und ruhig in den Morgen träumen, jetzt, wo jede Klippe umschifft sei. Sich mit den Träumen aufs Bett zu legen schien ihr süß und lockend, nur für eine Minute. Aber gleich wieder kam es ihr vor, solches hieße ein ältliches Leben wählen, ohne Neuheit, ein Leben von Ende Herbst, kältend und ohne Ziel und nur gut für ein zahnloses und gleichzeitig ausgehungertes Geschöpf. Das Bett, das einen unschuldigen Schlaf anbot, stieß sie ab und sie wandte sich zur Pendüle. Erschreckend war diese Pendüle: die Hand, welche die Stunden zeigte, der Finger, der dem eilenden Lauf der Minuten folgte, befahlen ihr, sich nun werktätig vorzubereiten, und sie bekam von solchem Befehl Gedanken über die süße Ruhe in ihrem Bette. Nachdem sie die Lampe nah zur Uhr gestellt hatte, um gut die Zeit zu sehen, legte sie sich aufs Bett, ganz angezogen, um sich glauben zu machen, daß sie schlafen gegangen wäre. Sie dachte noch, daß man sie im Zimmer Chloes gehen hören müsse, als ob sie sich auszöge, und sie stand wieder vom Bett auf und ging zur Pendüle, schaute auf die Ellbogen gestützt auf die verbrecherische Uhr. Kein Irrtum: nur mehr eine Stunde und zwanzig Minuten! Kaum Zeit genug für ihre verschiedenen Vorbereitungen, wenn auch die Kammerzofe das Wichtigste besorgt und in dem Koffer mitgenommen hatte. Aber ein anderes Kleid müsse sie anziehen, andere Schuhe, und dann Versteckspielen mit all diesem Hin und Her ihrer Gedanken, ein Verfahren bei Frauen ihres Temperamentes in Brauch statt eines niederschlagenden Trankes vor einem fatalen Schritt. Kraft des Zögerns verbrauchen sie alle ihre Skrupel und das Blut nimmt seinen normalen Gang. Die Herzogin dachte, daß zu dieser der verabredeten Zeit so nahen Stunde ihr Los entschieden sei. Glücklich zu einem Schluß gekommen zu sein, warf sie sich ganz Erregung aufs Bett und streckte sich, ihren Herzog neben sich. Wirklich begann ihr Kopf alsofort zu arbeiten. Sie untersuchte ihn streng, detaillierte aufs genauste alle seine schwachen Seiten, wie ein zur Nachsicht geneigter Moralist es gegenüber dem weiblichen Geschlecht gemacht hätte. Mit einem Satz war sie wieder aus dem Bett, um ihren Eheherrn zu fliehen, nachdem sie ihn beschworen hatte: halb und halb stellte sie sich vor, er sei wirklich da und läge im Bett. – darum legte sie sich nicht mehr hin. Ein ruhig ablaufendes Leben schien ihr noch viel bedeutungsloser als ein schöngebundenes Buch ohne Text und Bilder drin. Die Vision, die sie davon hatte, sehr verschieden von jener, welche ihr das Tiktak der Uhr suggerierte, entfesselte einen Sturm in ihr; sie brannte danach, davonzulaufen. Gleich. Aber sie hatte doch Sorge, ein Kissen zu zerknittern, die Bettdecke zu verwühlen, um aller Welt zu zeigen, daß sie da in dem Bett ganz brav geschlafen und nie vorher daran gedacht habe, davonzugehen. Dann zog sie ihr Kleid aus. Noch ist es Zelt, nicht wegzugehn ... noch ists Zeit, sagte sie ganz leise, noch ists Zeit, während sie Stück um Stück ihrer Toilette ablegte. Und sie machte aus Anlaß Ihres seltsamen Schicksals moralische Betrachtungen, die sie einem Zuschauer in den Mund legte: »Mit einem Schlage wurde sie zu höchstem Rang erhoben, und mit einem Schlage stieg sie auf den letzten der letzten.« »Aber die Liebe führte sie,« flüsterte Susann. Ganz benommen von den rosafarbnen Visionen der Liebe vollendete sie ihre Vorbereitungen mit einer Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die wohl die Ruhe eines völlig zufriednen und heiteren Gemütes wert sind. Und jetzt blieb ihr nichts weiter zu tun als sich hinzusetzen und zu warten, ganz auf sich zusammengezogen, das Gesicht in den Händen und die Pendelschläge zu zählen, die sagten: Ja – nein, tus – tus nicht, flieh – bleib, flieh – flieh! Es war ihr, als bewegte sich was ... Was Erstaunliches, nach dem, was sie sich einbildete: ihr Herz wars, das so schrecklich laut schlug. Wie friedlich Chloe schlafen müsse! Wie sie sie beneidete! Aber es war ihr noch vergönnt, ebenso glücklich zu sein wie sie. Warum auch nicht? Aber was für ein Glück hat die denn? Und sie verglich es mit dem eines Toten in seinem Grabe, und es schauderte sie vor Ekel. Susann begab sich vor den Spiegel, um die Ursache all dieser Wirrungen und Missetaten zu betrachten. Sie streckte die Arme und gähnte wollüstig und nicht ohne Grazie, und ein Schauer von Ekstase durchlief sie, als sie sich zwei liebende Arme vorstellte, die sich um ihre Brust schließen und sie nehmen, während sie ohne Verteidigung. Denn so kommt es sicher, dachte sie. Sie holte aus ihrer Börse einen Diamantring, den er ihr gegeben hatte, gab ihm einen Kuß, steckte ihn an den Finger, zog ihn wieder ab, tat ihn wieder über den Finger und ließ ihn da. Kann sie ihn denn nicht tragen von jetzt ab, ohne unangenehme Fragen zu fürchten und tugendstrenge Blicke? Jetzt ... o köstliches Jetzt! Und sie rief die Stunden zur Eile und sah sich schon dahingetragen beim Galopp der Pferde. Die furchtbare und ernste Stunde schlug. Mit zögerndem Gedanken erhob sie sich entschlossen. Für einen Augenblick wollten die Füße nicht weiter. Nein, sagte sie fest entschlossen. Aber die Pendüle war ihr Herr, war ihr Geliebter und Herr. Und folgsam glückte es ihr, ins Boudoir zu kommen, gab sich den Vorwand, daß sie nur durchs vordere Fenster schauen wolle, was der Tag mache. Ah, das fahle Leuchten, das die niedersinkende Welle des Dunkels scheuchte, wie sie das gut kannte! Die Häuser zeichneten sich drüben scharf ab mit all ihrer Wirklichkeit von gestern. Es kam ihr merkwürdig vor, Häuser zu sehen statt des gewohnten Blickes auf friedliche Felder, braune Heide und die Silhouetten der Bäume. Als wären sie noch nicht aufgewacht, möchte man sagen. Man sah nur ihre Form aufrichten, und die Klarheit des wachsenden Tages gab, sich über die Dinge ergießend, den Eindruck einer großen Leere. Geschickt war Susannes Herz, den Herzog zu beschuldigen, während sie die weiten freien Räume und die unschuldsvollen Felder heraufbeschwor an Stelle des so ganz andren Bildes, das sich vor ihren Augen versuchte. Ja, das sei die Morgendämmerung eines schlechten schlimmen Ortes, den zu bewohnen man Ihr niemals hätte erlauben sollen. Aber was macht er denn nur, der, dessen Kommen sie erwarte? Da ist er ... Ein Mann, den Mantel vors Gesicht geschlagen, tauchte an der Ecke eines Hauses auf. Er war es! Sie fühlte ihr Herz erstarren, aufhören, aber alle Glieder ihres Leibes waren gespannt unter der Gewalt eines einzigen Gedankens: das Haus verlassen, an die Luft gehen, atmen, und dann – sie sah es schon – vergehen in den schützenden Armen. Glaube man seinen Sinnen, stehe das Haus in Flammen und schreie ihr zu, zu fliehen. Sie ging entschlossen, sichern Schritts im Dunkel, tastete die Wand entlang, vermied ein Tischchen umzuwerfen und war bei der Tür. Da war doch die Tür, aber sie mochte mit der Hand tasten, wie sie wollte, die Hand ertastete die Tür nicht. Da war sie nun ganz nah am Ausgang und war vor ihr ein Hindernis, das nicht von Holz sein konnte, und es schien, die Tür sei weder geschlossen noch offen. Sie vermochte weder Klinke noch Schlüssel zu finden, irgendwas deckte beides. Sie überlegte, es möchte ein Kleidungsstück sein, ein Hauskleid vielleicht. Seide spürte sie mit ihren Fingern, sie unterschied etwas wie eine lange aufgehängte Masse und begann ganz mechanisch mit großer Vorsicht genau das abzutasten, damit nur kein Lärm entstünde, wenn sie da vorbeikomme. »Besonders Chloe möchte ich nicht aufwecken,« sagte sie sich. Da stockte sie mit ihrer Unruhe, als die tastende Hand zu zittern anhub, ihre Augen sich aufrissen und ihre Kehle sich zusammenzog, daß sie zu ersticken meinte. Die Anstrengung, wieder zu Atem zu kommen, hinderte sie was Klares zu denken, obwohl sie aufhörte zu tasten und den Gegenstand zwickte, zerrte, zu lachen bereit, zu schreien bereit. Sie hob den Kopf, sah, ganz auf eine Seite geneigt, hoch oben an dem mysteriösen Gegenstand einen weißen ovalen Fleck. Ist es wirklich eine Hand, welche sie mit der ihren umfaßt hat? Ein Arm! Es hat einen Arm! Sie griff ihn und glaubte, daß er sich anklammere. Sie zog an ihm, um sich von seinem Druck zu befreien, ganz verzweifelt zog sie und ein Bündel schlug auf den Boden nieder. In einem Fieber ihrer übererregten Nerven wurde ihr mit einem Male bewußt, daß ein toter menschlicher Leib auf sie gefallen sei. Ein viertel vor vier Uhr an einem Sommermorgen, wie es Herr Beamish, vom letzenmal erzählend, wo er in Chloes Geschichte eine Rolle gespielt hat, um ein viertel vor vier, berichtet Herr Beamish, stieß die Stimme einer Frau hintereinander drei Schreie aus, durchdringend, grauenvoll. Er vernahm sie, als er gerade die Schwelle seines Hauses überschritt. Zehn Minuten vorher hatte ihn der junge Camwell durch seinen Lakaien dringendst bitten lassen. Als er in die Gasse kam, in der die Herzogin Susann wohnte, bemerkte Herr Beamish an den Fenstern der Häuser eine Menge Köpfe in Nachthauben. Das Haus der Herzogin war offen, aber man sah keinen Menschen am Fenster. Er bemerkte davor zwei Herren mit entblößtem Degen und in einer Attitüde nichts weniger als wohlwollend. Er nahm an, diese beiden hätten die Herzogin damit erschreckt, daß sie sich so lärmend unterhielten, sie oder ihre Zofe. Jedenfalls war unter allen Frauen die unfähigste, diese weiblichen Waffen in einem Moment des Schreckens oder der Gefahr zu ergreifen, Chloe: von ihr kamen diese Schreie sicher nicht. Der Beau ging auf die beiden Gegner zu, Herrn Camwell und den Grafen Caseldy. Als Herr Camwell ihn sah, versorgte er seinen Degen und sagte, was ihn betreffe, sei seine Arbeit getan. Caseldy war von Wut in einer Weise geschüttelt, daß es mit einiger Gefahr verbunden war, ihm in den Arm zu fallen. Nicht zufrieden damit, einige Stöße empfangen und ausgeteilt zu haben, brüllte er, er wollte seines Feindes Blut. Der Nachtwächter war unauffindbar. Aber bald kamen die Boutikiers und deren Kommis Herrn Beamish zu Hilfe, um die Ordnung wiederherzustellen, trotz der Wut Caseldys und der Provokationen, die ihm der junge Camwell zurief und »denen«, wie der Chronist bemerkt, »nicht leicht zu widerstehen war«. »Ich wußte, die Partie würde ungleich sein, und deshalb ließ ich Sie rufen,« sagte Herr Camwell zu Herrn Beamish. Dieser war über diese Worte um so erstaunter, als er die Kraft und den Mut des jungen Mannes kannte. Er glaubte, der Streit der beiden jungen Leute wäre die Ursache des schrecklichen Schreies, und daß die Reize Chloes einige Rivalität zwischen den beiden erregt hätten. Er begann Mahnungen und Vorwürfe in gleichen Dosen zu verteilen, als die Haustür vor ihnen aufflog. Die Besitzerin des Hotels bat mit Armen und Händen, hinaufzukommen zu dieser armen, armen Dame. »Sie ist tot, tot, tot!« Caseldy stürzte weg und hinauf ins Haus. »Tot? Was wollen Sie sagen, gute Frau?« fragte der Beau, sehr ungläubig und mit einem leichten Lächeln. Und mitten im Jammern die Frau: »Tot, aufgehängt – an der Tür!« Der junge Camwell drückte sich die Handflächen an die Schläfen: »Herrgott im Himmel!« Sie kamen oben an der Treppe an, als Caseldy aus dem Boudoir trat. »Welche?« sagte Camwell und fragte den Ausdruck des Gesichts. »Sie.« »Die Herzogin?« schrie Herr Beamish. Camwell stürzte ins Zimmer. Er brauchte nach dieser Antwort nichts mehr zu wissen. Der Leichnam lag auf dem Boden ausgestreckt, eine Decke über ihm. Der junge Mann fiel hin und legte seinen Kopf neben das Gesicht der Toten, das der Erde zugewandt war. Bis zum heutigen Tage, nach fünfzehn verfloßnen Jahren, läßt das Fieber jener tragischen Stunde mir das Blut in meinen Venen rascher laufen, erzählt der Beau Beamish. Ich seh immer unter dem Laken die verschleierte Form der Frau, bewundert unter allen, der das Herz gebrochen wurde von einem Manne ohne Glauben, und die ihr ruiniertes Leben dem weihte, eine Seele, schwächer noch als ihre, auf der Bahn des Verderbens aufzuhalten. Sie hatte vom Himmel erbeten, daß sie durch ihren Tod das Ziel erreiche, das sie sterbend verfolgt hatte. Ihre Bitte wurde reichlich erhört. Um zu retten ist sie gestorben. Man fand auf ihrem Toilettetisch einen Brief an mich gerichtet und der nicht von den nächstbeteiligten Personen gelesen werden solle. Sie schrieb darin, es voraussehend, das ganze Geständnis der unglücklichen Herzogin nieder. Sie schreibt: »Die Herzogin wird Ihnen ganz ehrlich und aufrichtig gestehen, daß sie die Liebe von ganz nah gesehen habe.« Es ist genau das, was mir die arme Frau jeden Tag sagte bis zur Ankunft ihres Lord. Er kam, um die Beisetzung zu leiten und über die derangierte Gesundheit der Herzogin so lange zu wachen, als ihr Zustand die Abreise unmöglich machte. Immer wieder sagte sie, wenigstens wenn sie mit mir sprach: »Nichts mehr von Liebe.« Und nach der Art zu urteilen, wie sie sich gegen ihren Herzog benimmt, waren ihre Worte echt. Sie fühle sich, sagte sie, jedesmal vom Blicke Chloes durchbohrt, wenn sie sich ihre Worte zurückrufe. Der Tot Chloes machte auch auf den Untreuen seine Wirkung. Er ging im Leichenzug. Und redete zu keinem ein Wort. Ein kleines Schriftstück mit der Überschrift: »Meine Gründe zu sterben« enthält einen Vers, aus dem man sieht, daß sie um der Sicherheit Camwells willen wachen wollte. Ich sterbe, weil mein Herz gestorben. Eine Seele zu retten, die anders verdorben Und dafür auch, daß Blut nicht fließe ... In ihrer klugen Voraussicht fürchtete sie. Camwell würde sich hinter den Flüchtigen hermachen, sie stellen und dem Ungetreuen die Weiterreise verbieten, das wollte Camwell, obwohl er wußte, daß er gegen einen auf dem Kontinent gelernten Fechter wie Caseldy sehr im Nachteil wäre. Sich erinnernd, daß Camwell die geknüpfte Strähne von ihr verlangt habe, bat sie uns in dem Briefe, dieses seidene Seil von ihrem Hals zu nehmen und es ihm zu geben. Der Beau Beamish leistete sich noch die Genugtuung, Verse für das Grabmal Chloes zu verfassen. Sie sind von einer Art, jedes Gefühl erkalten zu lassen. Aber man möge bedenken, daß ein im allgemeinen für das Lächerliche und die Apropos der Dinge sehr empfindlicher Mann, zeigt er sich indifferent gegenüber der Meinung, doch in dem, was ihn aus der Reserve heraus und dazu treibt sich natürlich zu zeigen, durchaus echt ist. Das poetische Gestottere dieses Sterblichen mag immer einige Akzente eines Dichters haben, auch wenn wir zuzugeben verpflichtet sind, daß man mit einer Zitierung dieser Grabsteinverse unsere Bewegtheit zerstörte.