Guy de Maupassant Die kleine Roque Novellen frei übertragen von Georg Freiherrn von Ompteda Inhalt Die kleine Roque Das Wrack Der Einsiedler Fräulein Perle Rosalie Prudent Frau Parisse Julie Romain Der alte Amable Die kleine Roque Der Landbriefträger Médéric Rompel, den die Leute in der Gegend kurz ›Médéric‹ nannten, verließ zur gewöhnlichen Stunde das Postamt Rounle -Tors. Nachdem er das kleine Städtchen mit dem kräftigen Tritt des ehemaligen Soldaten durchschritten hatte, ging er quer über die Wiesen von Villaumes, um an die Brindille zu gelangen, deren Wasserlauf er bis zum Dorf Carvelin verfolgte, wo seine Tour begann. Er ging schnell hin an dem schmalen Bach, der schäumend, plätschernd, gurgelnd in Gras-eingefaßtem Bett unter hängenden Weiden hinschoß. Um die großen Steine, die den Bachlauf aufhielten, strudelte es und bildete etwas, wie den Knoten eines Halstuches aus Schaum. Hier und da fiel das Wasser einen Fuß hoch herab, manchmal unsichtbar unter dem Grün, und verursachte dann unter dem grünen Dach von Blättern und Schlinggewächsen ein heftiges Getöse. Weiterhin wurden die Uferränder breiter, und man kam zu einem kleinen, stillen See, in dem zwischen all dem grünen Gewächs, das sich auf dem Boden ruhiger Gewässer hin und her wiegt, Forellen schwammen. Médéric ging seines Weges, ohne irgend etwas zu sehen, und dachte nur immer: – Der erste Brief ist für Poivron, dann habe ich einen für Herrn Renardet, – ich muß also durch den Hochwald gehen. Seine blaue Bluse, durch einen schwarzledernen Gürtel an der Taille zusammengehalten, huschte schnell und in gleichmäßigem Tempo über der grünen Hecke von Weiden hin, und sein Stock aus kräftigem Rohr machte an seiner Seite die Bewegung der Beine mit. Er überschritt also die Brindille auf einer Brücke, die durch einen einzigen Baumstamm gebildet war, den man von einem Ufer zum anderen geworfen hatte und dessen Geländer aus einem, durch zwei Pfähle an beiden Ufern gehaltenen Strick bestand. Der Hochwald, Herrn Renardet, dem Bürgermeister von Carvelin, gehörig, dem größten Grundbesitzer in der Gegend, bestand aus gewaltigen, alten Bäumen, gerade wie Säulen, und erstreckte sich eine halbe Meile auf dem linken Ufer des Baches, der die eine Grenze des riesigen Blätterdaches bildete. Längs des Wassers wuchsen hohe Büsche in der Sonnenwärme, aber im Hochwald selbst gab es nur Moos, dickes, weiches, schwellendes Moos, das in der bewegungslosen Luft einen leichten Geruch von Moder und abgestorbenen Zweigen verbreitete. Médéric verlangsamte seinen Schritt, nahm die schwarze, mit rotem Streifen geschmückte Mütze ab, wischte sich die Stirn, denn es war schon warm auf den Wiesen, obgleich es noch nicht acht Uhr morgens war. Er hatte eben die Mütze wieder aufgesetzt und wollte seinen schnellen Schritt wieder aufnehmen, als er zu Füßen eines Baumes ein Messer sah, ein kleines Kindermesser. Als er es aufhob, fand er noch einen Fingerhut und zwei Schritte weiter eine Nadelbüchse. Er nahm die Gegenstände an sich und dachte: »Ich werde sie dem Herrn Bürgermeister geben.« Dann setzte er seinen Weg fort. Aber jetzt war er aufmerksam geworden, und er hoffte noch mehr zu finden. Plötzlich blieb er stehen, als wäre er an einen Holzzaun gestoßen, denn zehn Schritt vor ihm lag auf dem Rücken ein Kind, ganz nackt auf dem Moos. Es war ein kleines Mädchen, etwa zwölf Jahr, hatte die Arme ausgestreckt, die Beine auseinandergespreizt und ein Taschentuch auf dem Gesicht. Seine Schenkel waren ein wenig blutbefleckt. Médéric näherte sich auf den Fußspitzen, als fürchte er, Lärm zu machen, als ahnte er irgend eine Gefahr, und riß die Augen auf. Was war denn das? Sie schlief wahrscheinlich? Dann überlegte er sich, daß man um halb acht Uhr früh unter kühlen Bäumen nicht so unbekleidet schläft. Sie war also tot, und es handelte sich um ein Verbrechen. Bei diesem Gedanken lief es ihm kalt über den Rücken, obgleich er Soldat gewesen. Und dann war ein Mord in der Gegend etwas so Seltenes und noch dazu an einem Kinde, daß er seinen Augen nicht traute. Aber er sah keine Wunde, nur das geronnene Blut auf dem Bein. Wie hatte man sie denn getötet? Er blieb dicht bei ihr stehen, blickte sie an, auf den Stock gestützt. Er kannte sie unbedingt, denn er kannte doch alle Leute in der Gegend. Aber da er ihr Gesicht nicht sehen konnte, erriet er ihren Namen nicht. Er beugte sich nieder, um das Taschentuch vom Gesicht fortzunehmen, hielt aber nach kurzer Überlegung die ausgestreckte Hand zurück. Hatte er das Recht, irgend etwas am Zustand der Leiche zu ändern, ehe das Gericht dagewesen war? Ihm erschien das Gericht wie so eine Art General, dem nichts entgeht und für den ein verlorener Knopf ebenso wichtig ist, wie ein Messerstich in den Leib. Unter dem Taschentuch fand man vielleicht ein wichtiges Beweismittel, das möglicherweise seinen Wert verlieren konnte, wenn eine ungeschickte Hand daran rührte. Er erhob sich also, um zum Bürgermeister zu laufen. Aber ein anderer Gedanke hielt ihn wieder zurück: wenn das kleine Mädchen etwa noch lebte, so konnte er sie doch nicht so liegen lassen. Und ganz vorsichtig, ein Stück von ihr entfernt, kniete er nieder und streckte die Hand nach ihrem Fuß aus. Er war kalt, eisig, von jener fürchterlichen Kälte, die das tote Fleisch so schrecklich macht und keinen Zweifel mehr erlaubt. Bei dieser Berührung drehte sich dem Briefträger das Herz im Leibe um, wie er später sagte, und sein Gaumen wurde ganz trocken. Er stand schnell auf und rannte durch den Wald zum Haus des Herrn Renardet. Den Stock unter dem Arm, die Fäuste geballt, den Kopf vorgestreckt, lief er im Laufschritt dahin, und in gleichmäßigem Tempo schlug die Ledertasche voll Briefe und Zeitungen ihm auf die Hüften. Das Haus des Bürgermeisters lag am anderen Ende des Waldes, der ihm als Park diente, und spiegelte eine Seite seiner Mauern in einem kleinen Teich, den dort die Brindille bildete. Es war ein viereckiges, sehr altes Haus aus grauem Stein, das früher Belagerungen ausgehalten hatte und auf dem sich, etwa zwanzig Meter hoch, ein riesiger Turm, der in's Wasser hineingebaut war, erhob. Von der Spitze dieses Wachtturms aus hatte man über die Gegend Umschau gehalten. Er hieß der Fuchsturm, ohne daß man recht wußten warum, und daher war auch wahrscheinlich der Name Renardet (Fuchser) gekommen, den die Besitzer dieses Lehns trugen, das sich, wie man sagte, in derselben Familie seit über zweihundert Jahren befand. Denn die Renardet gehörten zu jenem beinahe feudalen Bürgertum, wie es in Frankreich vor der Revolution in der Provinz vielfach vorkam. Der Briefträger rannte sofort in die Küche, in der die Dienerschaft frühstückte, und rief: – Ist der Herr Bürgermeister auf? Ich muß ihn gleich sprechen. Man kannte Médéric als gesetzten, gewichtigen Mann und begriff sofort, daß etwas Außerordentliches geschehen sein mußte. Herr Renardet wurde benachrichtigt und befahl, den Briefträger vorzulassen. Der Briefträger trat bleich, außer Atem, die Mütze in der Hand, ein und fand den Bürgermeister vor einem langen Tisch, der mit zerstreuten Papieren bedeckt war. Er war ein dicker, großer Mann, schwer, rot, stark wie ein Ochse und in der Gegend sehr beliebt, obgleich überaus heftig. Er war etwa vierzig Jahr alt und seit einem halben Jahr Witwer. Er lebte wie ein Landedelmann auf seinem Gut. Sein aufbrausendes Temperament hatte ihm oft Unannehmlichkeiten bereitet, aus denen die Magistratsbeamten von Roun-le-Tors ihm als duldsame, diskrete Freunde herauszuhelfen pflegten. Hatte er nicht eines Tages den Postillon vom Bock heruntergeschmissen, weil er seinen Jagdhund Mic-Mac beinah totgefahren hätte! Hatte er nicht den Jagdhüter, der ihn zur Rede stellte, weil er, das Gewehr unter dem Arm, über ein Stück Jagdgebiet des Nachbars ging, die Rippen eingeschlagen! Hatte er nicht sogar den Unterpräfekten, der sich im Ort auf einer Dienstreise aufgehalten hatte, die Herr Renardet aber für eine Wahlagitation ansah, beim Wickel genommen! Denn aus Familientradition machte er der Regierung Opposition. Der Bürgermeister fragte: – Was giebt's, Médéric? – Ich habe ein kleines Mädchen tot in Ihrem Hochwald gefunden. Renardet fuhr auf und wurde ziegelrot: – Was sagen Sie? Ein kleines Mädchen? – Ja, Herr Bürgermeister, ein kleines Mädchen, ganz nackig, auf dem Rücken, blutig, tot, – ganz tot. Der Bürgermeister fluchte: – Gott verdamm mich, ich will doch wetten, daß das die kleine Roque ist. Man hat mir nämlich eben gemeldet, daß sie gestern abend nicht zu ihrer Mutter nach Haus gekommen ist. Wo Haben Sie sie denn gefunden? Der Briefträger erklärte die Stelle, erzählte noch ein paar Einzelheiten und erbot sich, den Bürgermeister hinzubringen. Aber Renardet wurde grob: – Nein, ich brauche Sie nicht. Schicken Sie mir sofort den Jagdhüter, den Ratsschreiber und den Arzt. Und setzen Sie Ihren Dienstweg fort. Aber schnell, schnell! Und sagen Sie ihnen, wir wollen uns im Hochwald treffen. Der Briefträger gehorchte, zog sich zurück, wütend und verzweifelt, der Untersuchung nicht beiwohnen zu können. Der Bürgermeister nahm nun seinen Hut, einen großen, weichen, grauen Filzhut mit sehr breiten Rändern und blieb ein paar Augenblicke in der Hausthür stehen. Vor ihm dehnte sich der Rasen aus, auf dem drei große Flecken, rot, blau und weiß, drei ausgedehnte Blumenbeete mit voll erblühten Blumen standen, eins dem Haus gegenüber, eins links und eins rechts. Weiter draußen streckten die ersten Bäume des Hochwaldes ihre Kronen in den Himmel, während man links, über der zum Teich geweiteten Brindille, ausgedehnte Wiesen sah, ein ebenes, grünes Land, von Bewässerungsgräben durchzogen und von Weidenhecken durchschnitten, die großen Ungetümen, untersetzten Zwergen, ähnlich sahen: Stämme ohne Äste, die auf einem gewaltigen Stumpf einen kurzen, im Winde zitternden Wedel von dünnen Zweigen trugen. Rechts hinter den Ställen, Remisen und den Wirtschaftsgebäuden begann das Dorf, ein reicher, von lauter Viehzüchtern bewohnter Ort. Renardet ging langsam die Stufen hinab, wendete sich nach links zum Wasser, dem er mit langsamen Schritten, die Hände auf dem Rücken, folgte. Er senkte die Stirn, und von Zeit zu Zeit blickte er um sich, ob die Leute noch nicht kämen, nach denen er geschickt. Als er unter das Laubdach kam, blieb er stehen, nahm den Hut ab und wischte sich, wie es Médéric gethan, die Stirn, denn die glühende Junisonne sendete einen Feuerregen zur Erde herab. Dann setzte sich der Bürgermeister wieder in Gang, blieb noch einmal stehen, kehrte zurück, beugte sich plötzlich nieder und tauchte sein Taschentuch in den Bach, der zu seinen Füßen murmelte. Dann legte er sich das Tuch unter dem Hut auf den Kopf. Wassertropfen rannen ihm die Schläfe herab auf seine violetten Ohren, auf seinen gewaltigen, roten Hals und flossen, einer nach dem anderen, unter den weißen Kragen seines Hemdes. Da immer noch niemand erschien, stieß er mit dem Fuß auf und rief: – Holla! holla! – Eine Stimme rechts antwortete: – Holla! Und der Arzt tauchte unter den Bäumen auf. Es war ein kleiner, magerer Mann, ein ehemaliger Militärarzt, den man in der Gegend für sehr ausgezeichnet hielt. Er hinkte, da er im Dienst verwundet worden, und bediente sich eines Stockes zum Gehen. Dann gewahrte man den Jagdhüter und den Ratsschreiber, die, zu gleicher Zeit benachrichtigt, zu gleicher Zeit ankamen. Sie sahen ganz verstört aus, kamen keuchend gelaufen, gingen und trabten abwechselnd, um -schneller hinzukommen, und warfen dabei so die Arme, als wären die nötiger zum Gehen als die Beine. Renardet sagte zum Arzt: – Wissen Sie, um was es sich handelt? – Ja. Médéric hat ein totes Kind im Walde gefunden. – Gut, also los. Und Seite an Seite gingen sie dahin, von den beiden Männern gefolgt. Ihre Schritte machten auf dem Moos nicht das geringste Geräusch, die Augen hatten sie suchend vor sich hingerichtet. Doktor Labarbe streckte plötzlich den Arm aus: – Da liegt sie. Noch weit entfernt sah man unter den Bäumen etwas Helles. Wenn sie es nicht gewußt hätten, was es war, hätten sie es nicht erraten. Es leuchtete so weiß, daß man hätte glauben können, dort läge Wäsche, denn ein Sonnenstrahl fiel durch die Zweige und warf einen hellen Schein, über den Leib. Als sie näher kamen, unterschieden, sie allmählich die Gestalt, den verhüllten Kopf, der zum Wasser gewendet war und die beiden Arme, rechts und links ausgestreckt, wie bei einer Gekreuzigten. – Es ist verflucht heiß, – sagte der Bürgermeister. Und indem er sich wieder zur Brindille bückte, tauchte er von neuem sein Taschentuch ein, das er wieder auf den Kopf legte. Der Arzt schritt eiliger, die Entdeckung interessierte ihn. Sobald er neben dem Mädchen stand, beugte er sich nieder, ohne sie anzurühren. Er hatte seinen Kneifer aufgesetzt, wie man wohl einen besonderes merkwürdigen Gegenstand betrachtet, und ging langsam um die Leiche herum. Ohne sich aufzurichten, sagte er: – Notzucht und Mord. Wir werden das nachher feststellen. Das Mädchen ist übrigens, schon fast erwachsen, sehen Sie die Brust. – Die beiden, schon ziemlich entwickelten Brüste waren etwas eingesunken, durch den eingetretenen Tod weich geworden. Der Arzt lüftete leicht das Taschentuch, das das Gesicht bedeckte. Es war schwarz, fürchterlich, mit heraushängender Zunge und herausquellenden. Augen. Er sagte: – Mein Gott, man hat sie erwürgt nach der That. Er faßte den Hals an: – Mit den Händen erwürgt, ohne übrigens irgend ein besonderes Merkmal zu hinterlassen. Kein Nagelriß noch Fingereindruck. Ja ja, es ist die kleine Roque, allerdings. Er legte vorsichtig das Taschentuch wieder darauf: – Ich kann nichts Weiter thun, sie ist mindestens schon zwölf Stunden tot. Das Gericht muß benachrichtigt werden. Renardet stand, die Hände auf dem Rücken, da und betrachtete mit starren Augen den kleinen, auf dem Grase liegenden Körper. Er murmelte: – So ein Schuft! Wir müßten mal die Kleider suchen. Der Arzt betastete die Hände, die Arme, die Beine und sagte: – Sie muß gerade gebadet haben, sie werden wohl am Wasser liegen. Der Bürgermeister befahl: – Du, Principe, (das war der Ratsschreiber) suchst die Kleider am Bach. Du, Maxime, (das war der Jagdhüter) läufst nach Rouy-le-Tors und holst den Untersuchungsrichter und den Gendarm. Binnen einer Stunde müssen sie hier sein, hörst Du? Die beiden Leute eilten schnell davon. Und Renardet sagte zum Arzt: – Welcher Lump mag denn das nur hier in unserer Gegend gethan haben? Der Arzt brummte: – Wer weiß, dazu ist jeder fähig. Jeder im besonderen und niemand im allgemeinen. Na, jedenfalls wird es wohl irgend ein Landstreicher gewesen sein, ein Arbeitsloser! Seitdem wir die Republik haben, wimmeln alle Straßen davon. Sie waren beide Bonapartisten. Der Bürgermeister fuhr fort: – Ja, es wird wohl irgend ein Fremder, ein Bummler, ein Landstreicher gewesen sein ohne Behausung und Unterkommen. Der Arzt fügte mit halbem Lächeln hinzu: – Und ohne Frau. Da er nichts zu essen und kein Bett hatte, hat er sich wenigstens das verschafft. Man glaubt garnicht, wie viel Menschen es auf der Erde giebt, die in einem gewissen Augenblick zum Verbrechen fähig sind. Wußten Sie denn, daß die Kleine verschwunden war? Und mit der Spitze seines Stockes berührte er die starren Finger der Toten, einen nach dem anderen, und drückte darauf wie auf Tasten eines Klaviers. – Ja. Die Mutter ist gestern abend um neun bei mir gewesen, weil das Kind um sieben zum Abendessen nicht nach Haus gekommen war. Bis Mitternacht haben wir es auf der Straße gesucht, aber an den Wald haben wir nicht gedacht. Übrigens mußte es ja erst Tag sein, daß die Nachforschungen einen Zweck hätten. – Rauchen Sie eine Cigarre? – sagte der Arzt. – Danke, ich habe keine Lust zu rauchen. Ich kann so was nicht sehen. Sie blieben beide neben dem zarten, halbwüchsigen Körper stehen, der so bleich sich von dem dunklen Moos abhob. Eine große, blaue Fliege, die auf dem Schenkel hinlief, machte auf den Blutflecken Halt, lief wieder fort, kletterte wieder hinauf, lief über den ganzen Leib, schnell und gleichmäßig, erklomm die eine Brust, stieg wieder hinunter, um die andere in Augenschein zu nehmen und suchte etwas zu saugen an dieser Toten. Die beiden Männer blickten auf den hin- und herirrenden schwarzen Punkt. Der Arzt sagte: – Wie das hübsch ist, so eine Fliege auf der Haut. Die Damen im vorigen Jahrhundert wußten sehr wohl, warum sie sich das aufs Gesicht klebten. Warum man's nur nicht mehr macht, möchte ich wissen. Der Bürgermeister war ganz in Gedanken versunken und schien nicht zu hören. Aber plötzlich wendete er sich um, ein Geräusch hatte ihn überrascht. Eine Frau in Mütze, eine blaue Schürze umgebunden, stürzte unter den Bäumen herbei. Es war die Mutter, die alte Roque. Sobald Sie Renardet sah, begann sie zu heulen: – Meine Kleene, meine Kleene, wo ist meine Kleene? – Sie war so verzweifelt, daß sie garnicht auf den Boden blickte. Mit einem Male entdeckte sie die Tote, blieb kurz stehen, schlug die Hände zusammen, hob beide Arme und stieß einen scharfen, herzzerreißenden Schrei aus, wie ein verwundetes Tier. Dann sank sie über dem Körper in die Kniee und riß mit einem Ruck das Taschentuch vom Gesicht. Als sie dieses fürchterliche, schwarze verzerrte Antlitz sah, fuhr sie wieder auf, warf sich dann mit dem Gesicht zu Boden, indem sie unausgesetzt in das dichte Moos schrie. Ihr großer, magerer Körper, an dem die Kleider hingen, zuckte in Krämpfen. Man sah ihre hageren Knöchel und ihre vertrockneten, in groben blauen Strümpfen steckenden Waden fürchterlich zucken. Mit den gebogenen Fingern riß sie den Boden auf, als wollte sie ein Loch machen, sich darin zu verstecken. Der Arzt wurde weich und flüsterte: – Arme Alte. – Renardet gab ein eigentümliches Geräusch von sich, er stieß es heraus wie ein Niesen, zugleich durch Nase und Mund, zog ein Taschentuch, hustete, schluchzte, heulte hinein und schnaubte sich mit großem Getöse. Er stammelte: – Gott! Gott! Gott verdamm mich, wer ist das Schwein. Ich möchte sehen, wie man ihm den Kopf abschneidet. Aber Principe erschien wieder, verzweifelt, brachte nichts und rief: – Ich finde nichts, Herr Bürgermeister, nichts. Nirgends. Der andere antwortete mit trockener, erstickter Stimme, ganz verstört: – Was findest Du nicht? – Die Kleider von der Kleinen. – Na, na, na, da such doch, such doch! Du mußt sie finden oder Du sollst's mit mir zu thun kriegen. Der Mann, der wußte, daß man dem Bürgermeister nicht widersprechen durfte, lief wieder in Verzweiflung davon und warf noch auf den Leichnam einen kurzen, ängstlichen Blick. Unter den Bäumen klangen in der Ferne Stimmen, das ungewisse Summen einer nahenden Menschenmenge, denn Médéric hatte beim Briefeaustragen die Nachricht von Thür zu Thür verbreitet. Die Leute waren zuerst entsetzt gewesen, hatten auf der Straße davon gesprochen, von einem Haus zum anderen sie verbreitend, und waren dann zusammengeströmt, hatten geschwatzt, diskutiert, ein paar Minuten das Ereignis besprochen, und nun kamen sie, um zu sehen. Gruppenweis, etwas zögernd, unruhig durch die Furcht vor der ersten Aufregung, näherten sie sich. Als sie den Leichnam sahen, blieben sie stehen, wagten nicht, näher zu kommen, und sprachen leise. Dann faßten sie Mut, traten ein paar Schritte heran und bildeten um die Tote, die Mutter, den Arzt und Renardet, erregt, lärmend, einen dichten Kreis, der immer enger wurde durch das Herandrängen der zuletzt Gekommenen. Bald standen sie dicht an der Leiche, ein paar bückten sich nieder, sie anzufassen. Der Arzt trieb sie aber davon. Doch der Bürgermeister ward plötzlich wütend, nahm den Stock des Doktors Labarbe, warf sich auf die Leute und rief: – Macht, daß ihr weiterkommt! Macht, daß ihr weiterkommt! Macht, daß ihr weiterkommt, ihr Lumpengesindel!– Und in ein paar Augenblicken hatte sich der Kreis der Neugierigen um zweihundert Meter erweitert. Die alte Roque hatte sich aufgerichtet, herumgedreht, saß nun da und weinte, die Hände vor das Gesicht geschlagen. In der Menschenmenge wurde der Fall besprochen, und gierige Knabenaugen betrachteten den entblößten Leib. Renardet bemerkte es, zog plötzlich seinen Leinenrock aus und warf ihn über das Mädchen, das unter dem großen Kleidungsstück ganz verschwand. Langsam kamen die Neugierigen näher. Der Wald war voller Menschen, ein unausgesetztes Stimmengewirr stieg zu den Blätterkronen der Bäume empor. Der Bürgermeister blieb in Hemdärmeln stehen, den Stock in der Hand, in Kämpferstellung. Er schien über die Neugierde der Bevölkerung verzweifelt zu sein und rief unausgesetzt: – Wenn einer 'rankommt, schlage ich ihn nieder wie einen tollen Hund. Die Bauern hatten große Angst vor ihm und hielten sich entfernt. Doktor Labarbe rauchte und setzte sich neben die alte Roque und sprach ihr zu, indem er ihre Gedanken abzulenken suchte. Sofort nahm die alte Frau die Hände vom Gesicht und antwortete mit thränenseliger Redeflut, indem sie ihren Schmerz in unendlichem Wortschwall ausströmen ließ. Sie erzählte ihr ganzes Leben, ihre Hochzeit, den Tod ihres Mannes, der Ochsenhirt gewesen und durch einen Hörnerstoß getötet worden, die Kindheit ihres Mädchens, ihr kümmerliches Witwendasein, ohne Verdienst mit der Kleinen. Sie hatte nur die kleine Luise gehabt. Und man hatte sie getötet, hier in dem Wald getötet. Plötzlich wollte sie sie noch einmal sehen, schleifte sich auf den Knieen bis an den Leichnam, hob einen Zipfel des Gewandes, das sie bedeckte, auf, ließ es wieder fallen und begann von neuem zu heulen. Die Menge schwieg und betrachtete aufmerksam alle Bewegungen der Mutter. Aber plötzlich kam eine große Aufregung unter die Leute, und man rief: »Die Gendarmen! Die Gendarmen!« Zwei Landgendarmen erschienen von weitem, kamen im Trab gelaufen mit ihrem Gendarmerieoffizier und einem kleinen Herrn mit rotem Backenbart, der auf einer hohen Schimmelstute wie ein Affe herumtanzte. Der Jagdhüter hatte Herrn Putoin, den Untersuchungsrichter, gerade getroffen in dem Augenblick, als er zu Pferde stieg, um seinen täglichen Spazierritt zu machen, denn er hielt sich zur großen Freude der Offiziere für einen gewaltigen Reitersmann. Er stieg mit dem Offizier zusammen ab, drückte dem Bürgermeister und dem Doktor die Hand und warf einen flüchtigen Blick auf den Leinenrock, den der darunterliegende Körper blähte. Als er alles genau erfahren hatte, ließ er zuerst das Publikum zurücktreten; die Gendarmen jagten es aus dem Wald, aber die Leute erschienen bald wieder auf der Wiese und bildeten da eine dichte Mauer von erregten Köpfen, längs der Brindille, auf der anderen Seite des Baches. Nun gab der Arzt seine Auseinandersetzung zu Protokoll, die Renardet in sein Taschenbuch mit Bleistift eintrug. Alles wurde einzeln festgestellt, aufgeschrieben und besprochen, ohne zu irgend einer Entdeckung zu führen. Auch Maxime war zurückgekehrt, ohne eine Spur von den, Kleidern gefunden zu haben. Das erstaunte alle, niemand konnte es anders erklären, als durch Diebstahl. Und da die Lumpen des Mädchens nicht zwanzig Sous wert waren, so konnte man einen Diebstahl kaum annehmen. – Der Untersuchungsrichter, der Bürgermeister, der Gendarmerieoffizier und der Arzt hatten zu zwei und zwei sich daran gemacht, zu suchen, und hoben die kleinsten Zweige längs des Baches auf. Renardet sagte zum Untersuchungsrichter: – Wie kommt es, daß der Elende die Lumpen versteckt oder mitgenommen und den Körper so vor aller Augen öffentlich liegen gelassen hat? Der andere antwortete listig und alles voraussehend: – He, he, vielleicht nur eine List. Das Verbrechen ist durch einen Lumpen ausgeführt worden oder durch einen gerissenen Schuft. Wir werden ihn jedenfalls schon finden. Von weitem klang das Rollen eines Wagens, und sie wendeten den Kopf. Es war der Staatsanwaltssubstitut, der Gerichtsarzt und der Gerichtsschreiber, die nun ihrerseits ankamen. Man unterhielt sich über die Sache und begann von neuem nachzusuchen. Renardet sagte plötzlich: – Meine Herren, darf ich Sie zum Frühstück bitten. Lächelnd nahmen sie alle an, und der Untersuchungsrichter, der fand, daß sie sich für heute genug mit der kleinen Roque beschäftigt hätten, wendete sich zum Bürgermeister: – Ich kann wohl den Leichnam zu Ihnen bringen lassen, nicht wahr? Sie haben vielleicht irgend einen Raum, um ihn bis heute abend zu behalten. Der andere wurde verlegen und stammelte: – Jawohl ... Nein, nein, – offen gestanden, wäre mir's lieber nicht, wegen, wegen meiner Dienstboten. Die reden schon von Gespenstern in meinem Turm, im Fuchsturm, wissen Sie, und dann behalte ich nicht einen einzigen mehr. Nein, lieber wäre mir's, sie käme nicht zu mir. Der Beamte lächelte: – Gut. Ich werde die Tote sofort nach Rouy zur gerichtsärztlichen Feststellung bringen lassen. – Er wendete sich zum Substituten und sagte: – Kann ich Ihren Wagen dazu nehmen? – Ja, selbstverständlich. Sie kehrten alle zur Leiche zurück. Die alte Roque saß jetzt neben ihrer Tochter, hielt ihre Hände und starrte unbestimmt, wie geistesgestört, vor sich hin. Die beiden Ärzte versuchten, sie fortzubringen, damit sie nicht sehen sollte, wie die Kleine fortgebracht wurde. Aber sie begriff sofort, was geschehen sollte, warf sich über den Leib, umarmte ihn, blieb darüber liegen und rief: – Sie sollen ihn nicht haben, er gehört mir, jetzt gehört er noch mir. Man hat sie mir totgeschlagen, ich will sie behalten, ich gebe sie nicht her. Die Männer blieben unentschlossen, verwirrt, um sie herum stehen. Renardet kniete nieder, um mit ihr zu sprechen: – Seien Sie doch vernünftig, Frau Roque. Es muß sein, um herauszukriegen, wer sie getötet hat. Sonst erfährt man es nicht. Man muß ihn doch suchen, um ihn zu bestrafen. Sie bekommen Ihre Tochter wieder, wenn man ihn gefunden hat, das verspreche ich Ihnen. Dieser Grund machte die Frau unsicher, und aus ihrem verzweifelten Blick leuchtete etwas wie Haß. – Man wird ihn also fassen? – Ja, das verspreche ich Ihnen. Sie erhob sich, entschlossen, die Leute thun zu lassen, was sie wollten. Aber als der Offizier sagte: »Es ist doch sonderbar, daß man ihre Kleider nicht gefunden hat,« – kam ihrem Bauernverstand plötzlich ein Gedanke, und sie fragte: – Wo sind denn ihre Lumpen? Die gehören, mir. Ich will sie haben. Wo hat man sie denn, hingethan? Man erklärte ihr, daß sie nicht gefunden seien. Da verlangte sie, sie zu haben, mit verzweifelter Beharrlichkeit, heulte und stöhnte: – Mir gehören sie, ich will sie haben. Mein sind sie, ich will sie haben. Je mehr man versuchte, sie zu beruhigen, desto mehr schluchzte sie und wehrte sich. Sie wollte nicht mehr den Körper behalten, sie wollte die Kleider haben, die Kleider ihrer Tochter, vielleicht ebensowohl aus Habgier eines armen Weibes, für das jedes winzige Stück ein Vermögen bedeutet, als aus mütterlicher Zärtlichkeit, Und als der kleine Leib in Decken gewickelt, die man von Renardet geholt, im Wagen verschwunden war, rief die Alte, die unter den Bäumen stehen blieb und vom Bürgermeister und vom Offizier gehalten wurde: – Ich habe nischt mehr, nischt mehr! Ich habe nischt mehr auf der Welt. Nischt mehr, nicht mal ihre kleene Mütze, ihre kleene Mütze. Ich habe nischt mehr, nicht mal ihre kleene Mütze! Der Pfarrer war eben angekommen, ein junger, schon sehr wohlbeleibter Priester. Er übernahm es, die Roque fortzubringen, und sie gingen zusammen zum Dorf. Unter den süßen Worten des Geistlichen beruhigte sich der Schmerz der Mutter, denn er versprach ihr tausend andere Dinge. Aber sie sagte unausgesetzt: – Wenn ich nur ihre kleene Mütze hätte! – und blieb an dem Gedanken hängen, der alle anderen zurückgedrängt hatte. Renardet rief von weitem: – Sie kommen doch zum Frühstück, Herr Pfarrer. In einer Stunde. Der Priester wendete sich um und antwortete: – Sehr gern, Herr Bürgermeister. Um zwölf bin ich bei Ihnen. Und alles strömte zum Haus, dessen graue Wände und dessen gewaltigen, an der Brindille aufgeführten Turm man durch die Zweige sah. Die Mahlzeit dauerte lange. Man sprach vom Verbrechen. Alle waren derselben Ansicht, es müßte durch irgend einen, zufällig in die Gegend gekommenen Landstreicher ausgeführt worden sein, wahrend die Kleine gebadet hatte. Dann kehrten die Herren nach Rouy zurück, nachdem sie angekündigt, daß sie am nächsten Tag frühzeitig wieder da sein würden. Der Arzt und der Pfarrer gingen nach Haus, während Renardet, nachdem er einen langen Spaziergang durch die Wiesen unternommen, wieder in den Hochwald ging, in dem er, bis es dunkel wurde, langsamen Schrittes, die Hände auf dem Rücken gefaltet, auf und ab lief. Er ging zeitig zu Bett, und als der Untersuchungsrichter am anderen Morgen in sein Zimmer trat, schlief er noch. Der rieb sich die Hände, er schien zufrieden zu sein, und sagte: – Ach, Sie schlafen noch. Nun, mein Lieber, wir haben etwas gefunden heute früh. Der Bürgermeister setzte sich im Bett auf: – Was denn? – Nun, etwas sehr Sonderbares. Sie erinnern sich doch, wie die Mutter durchaus die Kleidungsstücke haben wollte, ein Andenken an ihre Tochter vor allen Dingen die kleine Mütze. Nun, als sie heute früh ihre Thür öffnete, hat sie auf der Schwelle die beiden kleinen Holzschuhe des Kindes gefunden. Das beweist, daß das Verbrechen von jemand aus der Gegend begangen worden ist, der Mitleid mit ihr gehabt hat. Und außerdem hat mir der Briefträger Médéric den Fingerhut, das Messer und die Nadelbüchse der Toten gebracht. Der Mörder hat also, wie er die Kleider mitnahm, um sie zu verstecken, die Gegenstände, die in der Tasche waren, herausfallen lassen. Mir erscheinen am wichtigsten die Holzschuhe, die bei dem Mörder ein gewisses moralisches Gefühl und eine Art Weichheit verraten lassen. Wenn es Ihnen also recht ist, wollen wir doch mal im großen Ganzen die Einwohner aus der Gegend durchsprechen. Der Bürgermeister war aufgestanden, klingelte nach warmem Wasser zum Rasieren und sagte: – Sehr gern, aber das wird sehr lange dauern. Wir können ja gleich anfangen. Herr Putoin hatte sich rittlings auf einen Stuhl gesetzt, indem er seiner Reitpassion auch im Zimmer fröhnte. Renardet seifte sich jetzt ein und blickte sich in den Spiegel. Dann zog er das Rasiermesser auf dem Leder ab und sagte: – Der wichtigste Einwohner von Carvelin heißt Josef Renardet, Bürgermeister, reicher Grundbesitzer, ein Mann, der Kutscher und Feldhüter prügelt. Der Untersuchungsrichter begann zu lachen: – Genug! Der nächste. – Der nächst-wichtigste ist Herr Belledent, Viehzüchter, gleichfalls reicher Grundbesitzer, großer Pfiffikus, sehr gerissen, in allen Geldangelegenheiten gewiegt, aber meiner Ansicht nach unfähig, ein solches Verbrechen zu begehen. Herr Putoin sagte: – Weiter. Da setzte Renardet, während er sich rasierte und wusch, die Durchmusterung sämtlicher Einwohner von Carvelin fort, und nachdem sie zwei Stunden geredet, hatten sie drei Menschen als ziemlich Verdächtig ausgelesen: einen Wilddieb, Cavalle genannt, einen Forellen- und Lachsfischer, Paquet geheißen, und einen Viehhirten, dessen Name Clovis lautete. II Die Nachforschungen dauerten den ganzen Sommer über. Man fand den Verbrecher nicht. Die Leute, die man in Verdacht hatte und festnahm, konnten leicht ihre Unschuld beweisen, und das Gericht mußte auf die Verfolgung des Schuldigen verzichten. Aber dieser Mord schien die ganze Gegend in ganz ungewöhnlicher Weise erregt zu haben. Es war in den Seelen der Bewohner eine Unruhe und unbestimmte Angst, ein geheimnisvolles Entsetzen zurückgeblieben, das nicht nur daher kam, weil man keine Fährte entdecken konnte, sondern vor allem weil man seltsamerweise die Holzschuhe am anderen Morgen vor der Thür der Roque gefunden hatte. Die Gewißheit, daß der Mörder der Bergung der Leiche beigewohnt haben mußte, daß er ohne Zweifel noch im Ort lebte, beschäftigte die Geister, quälte sie unausgesetzt und schien wie ein Alp auf der Gegend zu liegen. Der Hochwald war seitdem ein gemiedener, gefürchteter Ort geworden, den man wie für verhext hielt. Früher gingen die Dorfbewohner Sonntag nachmittags dort spazieren, setzten sich zu Füßen der riesigen Bäume auf das Moos oder liefen am Wasser hin und beobachteten die Forellen, die unter den Wassergräsern hinhuschten. Die Knaben spielten Ball, Kegel oder mit Kugeln an bestimmten Stellen, die eben waren und wo die Erde festgetreten, und die Mädchen gingen, zu vier oder fünf untergehakt, spazieren, gröhlten mit ihren schrillen Stimmen Lieder, die den Ohren wehthaten und deren falsche Töne die ruhige Luft erfüllten und Zahnschmerzen verursachten wie scharfer Essig. Jetzt ging niemand mehr unter der hohen, dichten Wölbung spazieren, als hätte man gefürchtet, überall eine Leiche zu finden. Der Herbst kam, die Blätter fielen, fielen Tag und Nacht, kamen flatternd, rund und leicht, längs der großen Bäume herab, und man konnte schon durch die Zweige ein Stück Himmel sehen. Ab und zu, wenn ein Windstoß die Kronen traf, verstärkte sich der langsame, ununterbrochene Blätterfall plötzlich und wurde ein wahrer rauschender Regen, der das Moos mit einem gelben Teppich bedeckte, der unter den Schritten raschelte. Und das fast unhörbare unausgesetzte Rauschen dieses Blätterfalls, süß und traurig, war wie eine Klage, und die Blätter sanken unablässig, wie Thränen, große Thränen, vergossen von den gewaltigen, traurigen Bäume, die da Tag und Nacht das Ende des Jahres beweinten, das Ende warmer Sommermorgen, süßer Abenddämmerungen, das Aufhören der warmen Winde, des klaren Sonnenscheines, die da vielleicht auch weinten über das Verbrechen, das sie in ihrem Schatten hatten begehen sehen, weinten über das vergewaltigte, zu ihren Füßen getötete Kind. Sie weinten in der Stille des kleinen verlassenen Waldes, des gemiedenen und gefürchteten Gehölzes, in dem die Seele, die kleine Seele der kleinen Toten allein umherirren müßte. Die Brindille, durch Regengüsse angeschwollen, lief schneller dahin, gelb und heftig, zwischen den vertrockneten Uferrändern, zwischen zwei Hecken von mageren, kahlen Weiden. Da kam Renardet plötzlich wieder in den Wald, sich dort zu ergehen. Täglich, wenn es Abend wurde, verließ er sein Haus, ging mit langsamen Schritten die Treppe hinab und, nachdenklich die Hände in den Taschen, unter die großen Bäume. Er lief lange Zeit auf dem feuchten, weichen Moos hin, während eine ganze Legion von Raben, die aus der Nachbarschaft herbeigeeilt waren, um in den großen Wipfelkronen zu übernachten, zum Himmel aufflogen, wie ein riesiger Trauerschleier, der im Winde flattert, und laut und unheimlich krächzten. Manchmal ließen sie sich nieder und besäten die sich vom roten Himmel, vom blutigen Himmel des Herbstsonnenunterganges abhebenden Zweige mit schwarzen Flecken. Dann flogen sie plötzlich wieder fort und krächzten fürchterlich, indem sie wieder über den Wald sich in langer, trauriger, dunkler Kette ausbreiteten. Endlich ließen sie sich auf den höchsten Gipfeln nieder, und allmählich erstarb ihr Lärm, während die sinkende Nacht ihr schwarzes Gefieder im Dunkel des Himmels verschwimmen ließ. Renardet irrte noch immer langsam zwischen den Bäumen umher. Wenn dann die tiefe Dunkelheit ihm nicht mehr erlaubte, spazieren zu gehen, kehrte er heim, fiel wie erschlagen in seinen Lehnstuhl vor dem lodernden Kamin und streckte seine feuchten Füße gegen das Feuer, daß die Sohlen lange an der Flamme dampften. Da verbreitete sich eines Tages eine große Neuigkeit im Land: der Bürgermeister ließ den Hochwald schlagen. Zwanzig Waldarbeiter arbeiteten schon. Sie hatten an der Ecke begonnen, die seinem Haus am nächsten lag und kamen unter Aufsicht des Herrn schnell vorwärts. Zuerst kletterten Leute am Stamm hinauf, um die Äste abzuschlagen. Durch einen Strick waren sie an den Baum gebunden, umschlangen ihn mit den Armen, hoben dann ein Bein und schlugen, eine Eisenspitze an der Sohle, kräftig hinein. Die Spitze bohrte sich ins Holz, blieb darin, und dann erhob sich der Mann wie auf einer Treppenstufe, mit dem anderen Fuß die andere Spitze einzuhauen, auf der er wieder stehen blieb, um die nächste Stufe mit dem anderen Fuß zu erklimmen. Und bei jedem Schritt schiebt er die Seilschlinge, die ihn an dem Baum hält, höher. An der Hüfte hängt und blitzt das Beil. Er klettert langsam wie ein Schmarotzer, der einen Riesen angreift, er klettert schwer an der riesigen Säule hinauf, sie umschlingend und ihr die Sporn gebend um ihr den Kopf abzuschlagen. Sobald er an die ersten Zweige kommt, bleibt er halten, nimmt von der Seite das scharfe Beil und schlägt, schlägt langsam, methodisch, indem er ganz nahe am Stamm den Ast einkerbt. Und plötzlich kracht dieser, beugt sich, bricht zusammen, reißt sich los, fällt hin, indem er in seinem Sturz die Nachbarbäume streift, dann mit dem Lärm niederbrechenden Holzes fällt er zur Erde, und alle kleinen Ästchen zittern noch lange nach. Der Boden bedeckte sich mit Ästen, die andere Männer nun zerstückelten, in Bündel zusammenbanden, aufhäuften, während die noch stehen gebliebenen Bäume aussahen wie Riesensäulen, gewaltige Amputierte, durch das schneidende Messer abrasierte Pfähle. Und wenn der Mann, der die Zweige abschlug, fertig war, ließ er an der geraden schmalen Spitze die Seilschlinge, die er mit hinaufgebracht, stieg dann mit Sporenschlägen längs des entkronten Stammes wieder hinab, den die Baumfäller dann an der Wurzel angriffen, indem sie mit lauten Schlägen arbeiteten, die in den noch stehenden Bäumen ihr Echo fanden. Wenn der Einschnitt am Fuß tief genug zu sein schien, begannen ein paar Leute, unter taktmäßigem Anruf, an dem großen Seil, das in der Krone befestigt war, zu ziehen, plötzlich krachte der gewaltige Mast, fiel zu Boden mit dumpfem Getöse und der Erschütterung eines fernen Kanonenschusses. Und der Wald nahm täglich ab, verlor die gefällten Bäume, wie eine Armee die Soldaten verliert. Renardet wich nicht mehr von der Stelle. Vom Morgen bis zum Abend blieb er unbeweglich, die Hände auf dem Rücken gefaltet, stehen und betrachtete das langsame Sterben seines Waldes. Wenn ein Baum gefallen war, setzte er den Fuß darauf wie auf eine Leiche. Dann hob er die Augen zum nächsten mit einer Art geheimer Ungeduld, unruhig, als hätte er am Schluß dieses Mordens irgend etwas erwartet. Nun kamen sie der Stelle nahe, wo man die kleine Roque gefunden hatte, und endlich, als die Dämmerung hereingebrochen war, gelangten sie bis dorthin. Da es dunkel war und Wolken am Himmel standen, wollten die Arbeiter aufhören, um am nächsten Morgen eine gewaltige Buche zu fällen. Aber der Herr mochte davon nichts wissen und verlangte, daß man den Koloß, der das Verbrechen beschattet hatte, sofort entholzte und fällte. Als der Mann, der die Zweige abschlug, den Stamm kahl gemacht, ihn so in die Tracht des zum Tode Verurteilten gekleidet und die Baumfäller unten den Stamm eingekerbt hatten, begannen fünf Mann an dem Seil, das am Wipfel hing, zu ziehen. Der Baum widerstand. Sein mächtiger Stamm, obgleich er bis zur Mitte eingeschnitten war, schien fest wie Eisen. Die Arbeiter spannten immer zugleich in regelmäßigem Anziehen das Seil, indem sie sich beinah zu Boden warfen und einen halbunterdrückten Schrei ausstießen, der ihre Anstrengung zeigte und regulierte. Zwei Baumfäller standen neben dem Riesen, die Axt in der Hand wie zwei Henkersknechte, bereit noch zuzuschlagen, und Renardet wartete unbeweglich, die Hand auf der Rinde, mit nervöser Unruhe auf den Sturz. Einer der Leute sagte: – Sie stehen zu nah, Herr Bürgermeister.. Wenn er fällt, könnte er Sie treffen. Er antwortete nicht und wich nicht vom Platz, als wollte er selbst die Buche mit den Armen umfassen, um sie nieder zu kämpfen wie ein Ringer. Plötzlich klang im Fuße der hohen Holzsäule etwas wie ein Reißen, das kurz bis zum Gipfel lief gleich einem schmerzlichen Stöhnen, der Baum neigte sich ein wenig, zum Sturz bereit, aber widerstand noch. Die Männer spannten alle Kräfte an und zogen noch einmal stärker. Und als der Baum zusammenbrach, that Renardet plötzlich einen Schritt vorwärts, blieb dann stehen mit erhobenen Schultern, um den unwiderstehlichen Schlag zu empfangen, den tötlichen Schlag, der ihn zu Boden schmettern sollte. Aber die Buche war etwas aus der Richtung gekommen und streifte ihn nur ein wenig, indem sie ihn fünf Meter weit aufs Gesicht fortschleuderte. Die Arbeiter eilten hinzu, um ihn aufzuheben. Er hatte sich schon selbst aufgerichtet, kniete, blickte verzweifelt um sich, wischte sich über die Stirn, als ob er aus einem Anfall von Tollheit erwacht. Als er wieder stand, befragten ihn die erstaunten Leute. Sie begriffen nicht, was er gethan. Er antwortete stammelnd, er wäre einen Augenblick nicht bei Sinnen gewesen, er hätte einen Moment einen kindischen Einfall gehabt und geglaubt, es wäre noch Zeit, unter dem Baum vorbei zu kommen, wie die Jungen manchmal vor einem daherbrausenden Wagen noch vorüberlaufen. Er habe mit der Gefahr gespielt. Seit acht Tagen schon fühle er die Lust in sich immer größer werden und frage sich jedesmal, wenn ein Baum krache um zu stürzen, ob er nicht noch darunter durchlaufen könne, ohne getroffen zu werden. Es war Unsinn, das gab er zu, aber jeder Mensch habe seine verrückten Augenblicke und seine kindischen Einfälle. Er sprach langsam, nach den Worten suchend, mit dumpfer Stimme. Dann ging er fort und sagte: – Auf Wiedersehen, lieben Freunde, morgen. Sobald er in sein Zimmer zurückgekehrt war, setzte er sich an den Tisch, den die Lampe, mit dem Schirm darauf, hell erleuchtete, stützte die Stirn in die Hand und begann zu weinen. Er weinte lange, dann wischte er sich die Augen, hob den Kopf, blickte auf zur Uhr. Es war noch nicht sechs. Er dachte: »Ich habe noch Zeit vor dem Essen.« Er ging zur Thür, schloß sie ab, dann setzte er sich wieder vor den Schreibtisch, zog das Mittelfach auf, nahm einen Revolver heraus und legte ihn in den Lichtschein der Lampe auf seine Papiere. Der Stahl der Waffe leuchtete und glitzerte wie Feuer. Renardet betrachtete ihn einige Zeit mit dem unbestimmten Blick eines Trunkenen. Dann erhob er sich und begann auf und ab zu schreiten. Er ging von einem Ende des Zimmers bis zum anderen, ab und zu blieb er stehen, dann setzte er den Spaziergang fort. Plötzlich öffnete er die Thür des Toilettenzimmers, tauchte ein Handtuch in den Wasserkrug, und netzte sich die Stirn, wie er es am Morgen des Verbrechens gethan. Darauf begann er wieder hin und her zu laufen, und jedesmal, wenn er am Schreibtisch vorüberkam, zog die blitzende Waffe seinen Blick auf sich, daß ihm die Hand danach zuckte. Aber er spähte zur Uhr und dachte: »Ich habe noch Zeit.« Es schlug halb sieben Uhr. Da nahm er den Revolver, öffnete groß den Mund mit furchtbarer Fratze, steckte die Mündung hinein, als wollte er sie verschlucken, blieb so unbeweglich ein paar Sekunden, den Finger auf dem Abzuge, – dann spuckte er plötzlich, von Entsetzen übermannt, die Waffe auf den Boden. Und er fiel wieder schluchzend in seinen Stuhl zurück. – »Ich kann nicht, ich wage es nicht. Mein Gott, mein Gott, was soll ich nur anfangen, daß ich Mut habe, mich zu töten.« Man klopfte an der Thür. Erschrocken fuhr er auf. Der Diener rief: – Es ist angerichtet. – Er antwortete: – Schön, ich komme. Dann hob er die Waffe auf, schloß sie wieder in das Fach ein und betrachtete sich dann im Spiegel des Kamins, um zu sehen, ob sein Gesicht nicht zu verstört wäre. Er war rot wie immer, vielleicht etwas röter als sonst. Sonst sah man ihm nichts an. Er ging hinab und setzte sich zu Tisch. Er aß langsam, wie jemand, der die Mahlzeit möglichst verlängern und nicht allein mit sich bleiben will. Dann rauchte er mehrere Pfeifen, während man abdeckte und ging wieder in sein Zimmer hinauf. Sobald er sich eingeschlossen hatte, blickte er unter sein Bett, öffnete alle Schränke, durchsuchte alle Ecken, alle Möbel, steckte dann die Lichter auf seinem Kamin an, drehte sich ein paar Mal herum, durchforschte mit den Augen die ganze Wohnung, mit der Qual des Entsetzens, die ihm die Züge verzerrte. Denn er wußte wohl, daß er sie erblicken würde, wie jede Nacht, die kleine Roque, das kleine Mädchen, das er genotzüchtigt und dann erwürgt hatte. Jede Nacht begann die furchtbare Vision von neuem. Zuerst tönte ihm in den Ohren etwas wie ein Schnarchen oder wie das entfernte Rauschen eines Zuges über eine Brücke. Da kam er außer Atem, rang nach Luft und mußte seinen Hemdkragen öffnen und den Hosenriegel. Er ging hin und her, um das Blut wieder in Bewegung zu bringen und versuchte zu lesen, er versuchte zu singen, alles vergebens. Gegen seinen Willen kehrten seine Gedanken immer zu dem Tage des Mordes zurück und bis auf die kleinsten Einzelheiten ließen sie ihn denselben mit allen heftigen Gemütsbewegungen, von der ersten Minute bis zur letzten, von neuem durchleben. Er hatte am Morgen des furchtbaren Tages den Kopf etwas benommen gefühlt, Kopfschmerzen die er der Hitze zuschrieb, so daß er bis zum Frühstück auf seinem Zimmer geblieben war. Nach dem Essen hatte er geschlafen, dann war er am Spätnachmittag ausgegangen, um frische kühlende Luft unter den Bäumen seines Waldes zu atmen. Aber sobald er draußen war, bedrückte ihn die schwere brennende Luft der Ebene noch mehr. Die Sonne stand noch hoch am Himmel und warf auf die vertrocknete, durstende Erde glühende Lichtstrahlen herab. Kein Windhauch regte sich in dem Blättern, alle Tiere, die Vögel, die Heuschrecken sogar, schwiegen. Renardet trat unter die hohen Bäume, ging auf dem Moos hin, auf das die Brindille ein wenig Frische unter dem gewaltigen Blätterbach ausströmte. Aber ihm war nicht wohl zu Mute, als drückte ihm eine unbekannte, unsichtbare Hand den Hals zu. Er dachte fast an nichts, wie er gewöhnlich nicht viel Ideen im Kopf hatte. Nur ein unbestimmter Gedanke quälte ihn seit drei Monaten, der, wieder zu heiraten. Er litt darunter, allein zu sein, moralisch und physisch. Er war seit zehn Jahren daran gewöhnt, eine Frau bei sich zu fühlen, sie immer da zu haben, gewöhnt an ihre tägliche Nähe, und er hatte ein unbestimmtes, dringendes Bedürfnis, immer mit ihr zusammen zu sein, ein Bedürfnis nach der regelmäßigen Befriedigung seiner Sinne. Seit dem Tode seiner Frau litt er ununterbrochen, ohne recht zu wissen warum. Er litt darunter, daß er nicht mehr ihr Kleid an seiner Seite rauschen fühlte, und vor allen Dingen, daß er sich nicht mehr beruhigen, befriedigen konnte in ihren Armen. Seit kaum einem halben Jahr war er Witwer und suchte doch schon in der Umgebung, welches junge Mädchen oder welche Witwe er heiraten könnte, wenn seine Trauer zu Ende wäre. Er besaß eine keusche Seele, die aber in einem gewaltigen, herkulischen Körper wohnte, und sinnliche Träume begannen ihn Tag und Nacht zu quälen. Er suchte sie zu verjagen, sie kehrten wieder, und er flüsterte, über sich selbst lächelnd, ab und zu: »Mir geht´s wie dem heiligen Antonius.« An jenem Morgen hatte er mehrere jener quälenden Gedanken gehabt, und plötzlich kam ihm der Wunsch, in der Brindille zu baden, um sich zu erfrischen und sein Blut zu beruhigen. Er kannte ein Stück weiter hinauf eine tiefe breite Stelle, wo die Leute der Gegend manchmal im Sommer badeten. Dorthin ging er. Die dichten Weiden versteckten dieses helle Bassin, in dem der Bach langsamer lief und etwas auszuruhen schien, ehe er weiter eilte. Als Renardet nahe kam, glaubte er ein leichtes Geräusch zu hören, ein Plätschern, das nicht vom Anschlagen des Wassers an die Ufer kam. Er schob vorsichtig die Blätter auseinander und blickte hin. Mit beiden Händen klatschte ein kleines Mädchen, ganz nackt, ganz weiß, im durchsichtigen Wasser die Wellen, sie sprang umher und drehte sich mit niedlichen Bewegungen im Kreise. Es war kein Kind mehr und noch keine Frau. Sie war voll und ausgebildet und hatte doch etwas Kindliches, schnell gewachsen, fast reif. Ganz erstaunt blieb er regungslos stehen, eine seltsame Erregung schnitt ihm den Atem ab. Mit klopfendem Herzen, als ob einer seiner sinnlichen Träume Wahrheit geworden wäre, blieb er stehen, als ob eine unreine Fee vor ihm dieses verführerische und zu junge Wesen hätte erscheinen lassen, diese kleine bäuerliche Venus geboren aus den Wirbeln des Baches, wie die andere große Schaumgeborene aus den Fluten des Meeres. Plötzlich stieg das Kind aus dem Bade, und ging, ohne ihn zu bemerken, auf ihn zu, um ihre Kleider zu holen und sich wieder anzuziehen. Wie sie mit kleinen zögernden Schritten sich ihm näherte, ängstlich wegen der spitzen Steine, fühlte er sich in unwiderstehlicher Gewalt zu ihr hingezogen, durch ein viehisches Gelüst, das seinen ganzen Leib durchbebte, seine Seele in Fesseln schlug und ihn erzittern ließ vom Fuß bis zum Kopf. Sie blieb ein paar Sekunden hinter der Weide, die ihn verbarg, stehen. Da verlor er alle Vernunft, schlug die Zweige zurück, warf sich auf sie, packte sie mit den Armen, sie fiel, war zu erschrocken um zu widerstehen, zu entsetzt, um zu schreien, und er besaß sie, ohne zu begreifen, was er that. Er erwachte aus seinem Verbrechen, wie aus einem schweren Traum. Das Kind begann zu weinen. Er sagte: – Schweige doch, schweige doch. Ich werde dir Geld geben. Aber sie hörte nicht und schluchzte. Er wiederholte: – So schweige doch, schweige doch, schweige doch! Sei doch ruhig. Sie heulte und wand sich, ihm zu entfliehen. Da sah er plötzlich ein, daß er verloren war. Er packte sie beim Hals, um in ihrer Kehle ihre herzzerreißenden, furchtbaren Klagen zu ersticken. Wie sie sich mit der Verzweiflung eines Wesens, das dem Tode entgehen will, wehrte, schloß er seine gewaltigen Hände um ihren kleinen, vom Schreien geblähten Hals und hatte sie nach ein paar Augenblicken erwürgt, so schnürte er die Finger zusammen, garnicht in der Absicht, sie zu töten, nur ruhig sollte sie sein. Dann erhob er sich in Entsetzen. Sie lag vor ihm, blutig, mit schwarzem Gesicht. Er wollte davon laufen, als in seiner verstörten Seele der unbestimmte Instinkt aufstieg, der alle Wesen leitet, die sich in Gefahr befinden. Er wollte den Körper ins Wasser werfen, aber eine andere Regung trieb ihn dazu, zuerst die Kleider zu verstecken, die er in ein winziges Packet zusammenwickelte. Da er Bindfaden in der Tasche hatte, band er es zusammen und versteckte es in einem tiefen Loch des Baches unter einem Baumstamm, dessen Fuß die Brindille bespülte. Dann ging er mit langen Schritten hin auf die Wiesen, machte einen riesigen Umweg, um sich den Bauern zu zeigen, die weit entfernt auf der anderen Seite wohnten und kehrte zur gewöhnlichen Stunde zum Essen heim, indem er seinen Leuten von dem großen Spaziergang erzählte, den er gemacht. Die Nacht schlief er, schlief wie ein Vieh, wie wohl die zum Tode Verurteilten manchmal schlafen mögen. Er schlug die Augen erst beim ersten Tagesdämmern auf und wartete, in der Furcht vor der Entdeckung des Verbrechens, seine gewöhnliche Aufstehstunde ab. Dann mußte er all den Untersuchungen beiwohnen. Er that es, wie ein Schlafwandler, in einer geistigen Abwesenheit, die ihm Dinge und Menschen wie im Traum zeigte, in einer Wolke von Trunkenheit, in jenem Zustand der Unbewußtheit, der die Menschen angesichts großer Katastrophen überkommt. Nur der durchdringende Schrei der alten Roque schnitt ihm ins Herz. In diesem Augenblick hätte er sich der alten Frau zu Füßen werfen mögen und rufen: »Ich bin es gewesen.« Aber er beherrschte sich, ging jedoch während der Nacht hinaus, um die Holzschuhe der Toten heraus zu fischen und sie der Mutter auf die Schwelle zu legen. Während der Untersuchung, während er das Gericht leiten und irreleiten mußte, war er gefaßt, Herr seiner selbst, gerissen, lächelnd. Ganz ruhig besprach er mit dem Beamten alle Möglichkeiten, die ihnen durch den Kopf schossen, bekämpfte ihre Überlegungen und stieß ihre Schlüsse um. Es machte ihm sogar ein gewisses bitteres und schmerzliches Vergnügen, sie in Verwirrung zu setzen und die Unschuld derer, die sie in Verdacht hatten, zu beweisen. Aber vom Tage ab, wo die Untersuchung eingestellt war, wurde er allmählich nervös, erregbarer noch als früher, obgleich er seinen Jähzorn möglichst dämpfte. Ein unerwartetes Geräusch ließ ihn vor Angst zusammenfahren, er zitterte bei der geringsten Veranlassung, schauerte manchmal von Kopf bis zu Fuß zusammen, wenn sich nur eine Fliege auf seine Stirn setzte. Da überkam ihn ein unwiderstehliches Bedürfnis sich Bewegung zu machen, es zwang ihn zu abenteuerlichen Gängen, hielt ihn die ganze Nacht hindurch wach, und ließ ihn im Zimmer auf und ab laufen. Es waren nicht Gewissensbisse, die ihn quälten, seine brutale Natur überkam keine Gefühlsregung oder moralische Furcht. Er war ein Mann der That, sogar ein Gewaltmensch, eigentlich zum Krieg geboren, um eroberte Länder zu verwüsten und die Besiegten zu töten, voll wilder Jäger- und Kämpferinstinkte. Und so zählte ein Menschenleben für ihn nicht viel; obgleich er aus Schlauheit vor der Kirche seinen Kratzfuß machte, glaubte er weder an Gott noch an den Teufel und erwartete infolgedessen in einem anderen Leben weder Strafe noch Belohnung für das, was er in diesem Dasein gethan. Statt alles Glaubens, hatte er sich eine Art unbestimmter Philosophie zurechtgelegt, Ideen der Encyklopädisten des vorigen Jahrhunderts zusammengetragen, und er betrachtete die Religion als moralische Sanktion des Gesetzes, beide von den Menschen erfunden, um den Verkehr unter ihnen zu regeln. Jemand im Duell, im Krieg, bei einem Streit, einem Unglücksfall, aus Rache oder sogar Prahlerei zu töten, erschien ihm ganz spaßhaft und schneidig, und es würde in seinem Geist keinen tieferen Eindruck hinterlassen haben, als ob er einen Hasen geschossen hätte. Aber der Mord an diesem Kind hatte ihn tief gepackt. Erstens hatte er ihn in der Verrücktheit einer unwiderstehlichen Trunkenheit begangen, in einem Ansturm der Sinne, der ihm den Verstand genommen. Und dann hatte er in seinem Herzen, in seinem Fleisch, auf den Lippen, sogar bis in seine mörderischen Finger, etwas wie einen viehischen Liebestrieb bewahrt für dieses kleine Mädchen, das er überrascht und feig getötet hatte. Gleichzeitig aber ein fürchterliches Entsetzen. Alle Augenblicke stand die Scene wieder vor seinen Augen, und obgleich er sich zwang, das Bild zu verjagen, obgleich er es mit Grauen, mit Ekel aus seinem Geist zu entfernen suchte, fühlte er es in seinem Hirn, fühlte er es um sich herum, jeden Augenblick bereit wieder aufzutauchen. Nun begann er vor den Abenden Angst zu haben, vor der Dunkelheit um sich herum. Er wußte noch nicht, warum die Dunkelheit ihm so schrecklich erschien, aber aus Instinkt fürchtete er sich davor, er fühlte, daß sie erfüllt war mit Schreckgespenstern. Der helle Tag hat nichts so Schreckhaftes; man sieht die Dinge und die Wesen, man begegnet nur natürlichen Dingen und Wesen, die sich bei Tageslicht zeigen können. Aber die Nacht, die unendliche Nacht, dichter als Mauern, ist leer, die unendliche Nacht so schwarz, so weit, daß ihm fürchterliche Dinge darin begegnen können. Die Nacht, in der man etwas umherirren, ein wundersames Entsetzen auf und ab gehen fühlt, die Nacht schien ihm eine unbekannte Gefahr zu bergen, nahe und drohend. Aber welche? Er erfuhr es bald. Als er, es war schon sehr spät, eines Abends nicht schlafen konnte und in seinem Lehnstuhl saß, meinte er plötzlich zu sehen, wie der Vorhang am Fenster sich bewegte. Er wartete mit klopfendem Herzen, der Vorhang rührte sich nicht mehr. Aber plötzlich bewegte er sich wieder, wenigstens dachte er, daß er sich bewege. Er wagte nicht aufzustehen, er wagte nicht zu atmen, und doch war er mutig, hatte sich oft geschlagen, und es hätte ihm Spaß gemacht, Einbrecher bei sich abzufassen. Bewegte sich der Vorhang wirklich? Er fragte es sich, in der Furcht, vor einer Augentäuschung zu stehen; außerdem war es so wenig, ein leises Rauschen des Stoffes, eine Art Zittern in den Falten, kaum eine Wellenbewegung, wie sie der Wind verursacht. Renardet starrte hin, streckte den Hals aus, plötzlich sprang er auf, er schämte sich vor seiner Furcht. Er machte vier Schritte, packte den Vorhang mit beiden Händen und zog ihn auseinander. Zuerst sah er nichts, als die schwarzen Fensterscheiben, schwarz wie der glänzende Spiegel auf der Tinte. Dahinter lag die Nacht, die tiefe, undurchdringliche Nacht und dehnte sich bis zum undurchdringlichen Horizont aus. Er blieb vor der unendlichen Dunkelheit stehen, und plötzlich, sah er einen Schein, ein Licht, das sich hin und her zu bewegen schien, in weiter Ferne. Da legte er die Stirn an die Fensterscheibe. Er dachte, ein Krebsfischer wildert wahrscheinlich in der Brindille. Denn es war Mitternacht vorüber, und der Schein lief im Wald am Wasser hin. Da er noch nichts unterscheiden konnte, legte Renardet beide Hände rechts und links an die Augen. Plötzlich wurde dieser Schein zur großen Helle, und er sah die kleine Roque nackt und blutig, auf dem Moos liegen. Starr vor Schrecken wich er zurück, stieß an den Stuhl und fiel hintenüber. Ein paar Minuten blieb er verzweifelt liegen, dann setzte er sich und begann nachzudenken. Er hatte eine Sinnestäuschung gehabt, mehr nicht. Eine Täuschung, die daher gekommen war, daß ein Fischdieb mit seiner Laterne am Wasser hinlief. Und was war Sonderbares daran, wenn die Erinnerung an sein Verbrechen ihm ab und zu das Bild der Toten zeigte? Nachdem er sich erhoben hatte, trank er ein Glas Wasser und setzte sich hin. Er dachte: »Was soll ich thun, wenn es wieder anfängt?« Und er fühlte es, er war dessen gewiß, es würde wieder beginnen. Schon zog das Fenster seinen Blick an, rief ihn und lockte ihn. Um es nicht mehr zu sehen, drehte er den Stuhl herum, nahm ein Buch und versuchte, zu lesen. Aber es war, als hörte er etwas sich hinter ihm bewegen, und blitzschnell drehte er seinen Lehnstuhl herum. Der Vorhang bewegte sich wieder, ganz bestimmt, diesmal hatte er sich bewegt, er konnte nicht daran zweifeln. Er stürzte hinzu und packte ihn so heftig, daß er ihn mit der Stange zu Boden warf. Dann preßte er gierig die Stirn gegen die Scheiben. Er sah nichts, alles war draußen dunkel. Und er atmete auf, glücklich wie ein Mann, dem man das Leben gerettet hat. Er kehrte also zurück und setzte sich wieder hin. Aber beinah augenblicklich packte ihn wieder die Lust, zum Fenster hinzusehen. Seitdem der Vorhang herabgefallen war, sah es aus, wie ein dunkles Loch, das seinen Blick mit furchtbarer Gewalt hinaus in die dunkle Weite zog. Um dieser gefährlichen Verlockung nicht zu folgen, zog er sich aus, löschte das Licht, legte sich zu Bett und schloß die Augen. Er lag unbeweglich auf dem Rücken, seine Haut war warm und feucht, und er wartete auf den Schlaf. Plötzlich sah er hinter den Lidern ein helles Licht. Er öffnete die Augen, er meinte, es brenne. Alles war dunkel, und er stemmte sich auf den Ellbogen und versuchte nach dem Fenster zu blicken, das ihn unwiderstehlich anzog. Wie er die Augen anstrengte, sah er ein paar Sterne. Er erhob sich, ging auf den Fußspitzen durch das Zimmer, tastete an die Fensterscheibe mit ausgestreckten Händen und legte die Stirn daran. Da drüben unter den Bäumen leuchtete der Körper des Mädchens wie Phosphor und erhellte die Dunkelheit ringsum. Renardet stieß einen Schrei aus, rannte zum Bett zurück und blieb dort, den Kopf unter die Kissen versteckt, bis zum Morgen liegen. Von diesem Augenblick ab wurde sein Dasein unerträglich. Seine Tage brachte er hin in der Furcht vor den Nächten, und jede Nacht begann die Vision von neuem. Kaum hatte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen, so kämpfte er dagegen, doch vergeblich. Eine unwiderstehliche Kraft trieb ihn an die Fensterscheibe, als wollte er das Gespenst herbeirufen, und sofort sah er es, zuerst am Ort des Verbrechens liegen mit geöffneten Armen, auseinander gespreizten Beinen, wie man die Leiche gefunden. Dann stand die Tote auf, kam mit langsamen Schritten auf ihn zu, wie es das Kind gethan, als es das Wasser verlassen. Sie kam langsam, gerade über den Rasen heran, über das Beet, auf dem die Blumen vertrockneten, dann erhob sie sich in die Luft und näherte sich dem Fenster, an dem Renardet stand. Sie kam zu, ihm, wie sie am Tage des Verbrechens dem Mörder entgegengelaufen war. Und der Mann wich, vor der Erscheinung zurück, zurück bis zum Bett, sank darauf nieder; er wußte genau, die Kleine war hereingekommen, stand nun hinter dem Vorhang, der sich bewegen würde. Und bis Tagesanbruch blickte er mit starren Augen auf den Vorhang, unausgesetzt erwartend, daß sein Opfer hervortreten würde. Aber sie zeigte sich nicht mehr, sie blieb da unter dem Stoff, der ab und zu zitterte. Und Renardet preßte die zusammengekrampften Finger in die Bettücher, wie er damals die Gurgel der kleinen Roque zusammengedrückt. Er hörte die Stunden schlagen, hörte in dem großen Schweigen den Pendel der Uhr gehen und hörte das Klopfen seines Herzens. Und der Elende litt mehr, denn je ein Mensch gelitten. Sobald dann an der Decke der erste helle Schein erschien, den Tag ankündigend, fühlte er sich befreit, endlich allein, allein in seinem Zimmer. Und er legte sich hin, schlief ein paar Stunden fieberhaft und unruhig, und oft erschien in seinem Traum die Vision seiner wachen Stunden wieder. Wenn er dann später mittags zum Frühstück hinunterging, fühlte er sich zerschlagen wie nach gewaltiger Anstrengung. Er aß kaum, immer quälte ihn die Furcht vor ihr, die er in der kommenden Nacht wiedersehen würde. Und er wußte doch genau, daß es keine Erscheinung war, denn die Toten kommen nicht wieder, sondern daß seine kranke Seele, seine von dem einen Gedanken, von der einen unvergeßlichen Erinnerung gepeinigte Seele die einzige Ursache seiner Qual war, die einzige Erweckerin der Toten, die sie gerufen und vor seine Augen gezaubert, vor denen das Bild unauslöschlich stand. Aber er wußte auch, daß er nicht davon gesunden würde, daß er niemals der furchtbaren Qual, der Erinnerung entgehen konnte. Und er beschloß, lieber zu sterben, als das noch länger zu ertragen. Da suchte er ein Mittel, sich zu töten. Er wollte es auf einfache, natürliche Weise thun, so daß der Gedanke an einen Selbstmord nicht aufkam. Denn er hielt auf den Namen, den ihm sein Vater hinterlassen, und wenn man den Grund seines Todes ahnte, würde man warscheinlich an das unaufgeklärte Verbrechen denken, an den nicht gefundenen Mörder, und ihn anklagen. Ein seltsamer Gedanke war ihm gekommen, der: sich von dem Baum erschlagen zu lassen, an dessen Fuß er die kleine Roque getötet. Er entschloß sich also, den Hochwald fällen zu lassen, und zu thun, als wäre ein Unglück geschehen. Aber die Buche wollte ihn nicht zerschmettern. Als er heimgekehrt war in tiefster Verzweiflung, hatte er seinen Revolver genommen, aber dann, nicht gewagt zu schießen. Es war Essenszeit, er hatte gegessen, war. wieder hinauf gegangen und wußte nicht, was er thun sollte. Er fühlte sich jetzt feig, wo er einmal dem Tod entschlüpft war. Vorhin war er ganz bereit, stark, entschlossen, Herr seines Willens und Mutes gewesen; jetzt war er schwach, hatte Furcht vor dem Tode, ebenso wie vor der Toten. Er stammelte: »Ich wage es nicht mehr, ich wage es nicht mehr!« – Und sah mit Entsetzen bald auf die Waffe auf dem Tisch, bald auf den Vorhang, der das Fenster verhüllte. Und es war ihm, als ob etwas Furchtbares eintreten würde, wenn sein Leben aufhörte. Etwas, – was? Vielleicht ihre Erscheinung? Sie spähte nach ihm, sie wartete auf ihn, sie rief ihn, um nun ihn vorzunehmen, um ihn in den Bereich ihrer Rache zu bringen, um ihn zum Selbstmord zu zwingen, deswegen hatte sie sich jeden Abend gezeigt. Er begann zu weinen wie ein Kind und sagte vor sich hin: »Ich wage es nicht mehr, ich wage es nicht mehr.« Dann fiel er auf die Kniee und stammelte: Mein Gott! Mein Gott!« obgleich er an Gott nicht glaubte. Und er wagte in der That nicht mehr zum Fenster zu blicken, wo er die Erscheinung versteckt wußte, noch nach dem Tisch, von dem sein Revolver leuchtete. Als er aufgestanden war, sagte er laut: "So geht das nicht weiter, ich muß ein Ende machen.« Der Ton seiner Stimme, der in dem schweigenden Zimmer klang, ließ ihm einen Schauer über die Glieder laufen. Aber da er zu keinem Entschluß kam, da er fühlte, daß der Finger seiner Hand sich immer weigern würde, den Abzug der Waffe zu berühren, kehrte er zum Bett zurück, versteckte den Kopf unter die Decken und dachte nach. Er mußte etwas finden, das ihn zwang, zu sterben, irgend eine List ersinnen gegen sich selbst, daß er nicht mehr zögern konnte, daß es keinen Aufschub, kein Bedauern mehr gab. Er beneidete die zum Tode Verurteilten, die man durch die Reihen der Soldaten zum Schaffot führt. Wenn er doch jemand bitten könnte, ihn zu erschießen, wenn er seinen Seelenzustand beichten könnte einem sicheren Freund beichten, der ihn nie verriet, damit der ihn töte! Aber wen sollte er um diesen furchtbaren Liebesdienst bitten? Wen? Er suchte unter seinen Bekannten. Den Arzt? Nein, er würde es später gewiß erzählen. Und plötzlich durchschoß ein seltsamer Gedanke sein Hirn: er wollte dem Untersuchungsrichter, den er genau kannte, schreiben und sich selbst verraten. Er würde ihm in dem Brief alles auseinandersetzen, das ganze Verbrechen, die Qualen, die er litt, seinen Wunsch zu sterben, sein Zögern und das Mittel, das er benutzt, um seinen Mut aufzustacheln. Er würde ihn im Namen ihrer alten Freundschaft bitten, den Brief zu verbrennen, sobald er erfahren, daß der Schuldige sich selbst getötet. Renardet wußte, auf die Diskretion dieses Beamten konnte er rechnen, der war sogar irgend eines andeutenden Wortes nicht fähig. Er war einer jener Menschen, die ein unbeugsames Gewissen besitzen, die nur ihrer Vernunft folgen. Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als ihn ein seltsamer Frieden überkam. Er war jetzt ganz ruhig, er wollte seinen Brief schreiben, langsam, und ihn dann, wenn es Tag wurde, in den Briefkasten stecken, der an der Wand der Bürgermeisterei hing. Dann wollte er auf den Turm steigen, abwarten, bis der Briefträger kam, und wenn der Mann in der blauen Bluse fortging, würde er sich, den Kopf voran, hinunterstürzen auf die Felsen, auf denen das Gemäuer stand. Er wollte es so einrichten, daß er von den Arbeitern die das Holz fällten, gesehen wurde. Er konnte auf den Vorsprung klettern, der den Fahnenmast trug, an dem an Festtagen geflaggt wurde; durch einen Stoß konnte er den Mast zerbrechen und mit hinunterstürzen. Wie sollte man etwas anderes vermuten, als einen Unglücksfall. Und er würde sofort tot sein bei seinem Gewicht und in Anbetracht der Höhe des Turmes. Er stieg aus dem Bett, ging an den Tisch und begann zu schreiben. Er vergaß nichts, keine Einzelheit des Verbrechens, keine Einzelheit seines qualvollen Daseins, keine Einzelheit der Leiden, die sein Herz litt, und schloß, indem er sagte, er habe sich selbst verurteilt, er würde den Verbrecher richten, und er bat seinen ehemaligen Freund darüber zu wachen, daß kein Makel auf sein Gedächtnis fiele. Als er den Brief schloß, bemerkte er, daß es Tag geworden war. Er siegelte, schrieb die Adresse, ging dann mit leichten Schritten hinunter, lief bis zu dem weißen, kleinen Kasten an der Ecke der Gutsmauer, und nachdem er das Papier, das in seiner Hand zitterte, hineingeworfen, kehrte er schnell zurück, schloß die Riegel der großen Thür, und stieg hinauf in seinen Turm, um das Vorübergehen des Briefträgers abzuwarten, der sein Todesurteil mitnehmen sollte. Jetzt fühlte er sich ruhig, gerettet, erleichtert. Ein kalter, trockener Wind, ein eisiger Wind traf sein Gesicht. Er sog gierig mit offenem Mund diese kühle Labung ein. Der Himmel war rot, von glühendem Rot wie im Winter, und die ganze, weiße Frost-überzogene Ebene glitzerte in den ersten Sonnenstrahlen, als wäre sie mit gestoßenem Glas übersät. Renardet stand barhaupt oben, schaute über die breite Ebene hin, links die Wiesen, rechts das Dorf, dessen rauchende Schornsteine die Stunde des ersten Frühstücks anzeigten. Zu seinen Füßen sah er die Brindille sich winden durch die Felsen, auf denen er sich nachher zerschmettern würde. Er fühlte sich wieder jung werden an diesem eisigen Morgen, fühlte seine Kraft und seinen Lebensmut wiederkehren. Das Licht badete ihn, umflutete ihn, drang in ihn wie eine Hoffnung, tausend Erinnerungen bedrängten ihn an ähnliche Morgenstunden, an schnellen Lauf über die hartgefrorene Erde, die unter den Tritten klang, an glückliche Jagdtage bei den Sümpfen, in denen die Wildenten schlafen; alles, was er einst geliebt, alles, was er Köstliches im Leben genossen, kam ihm wieder zur Erinnerung, gab ihm neue Wünsche ein, erweckte alle Lebensgeister seines kräftigen riesigen Körpers. Und er wollte sterben. Warum? Er wollte sich blödsinnigerweise töten, weil er sich fürchtete vor einem Schatten. Sich fürchtete vor nichts. Er war reich und noch in den besten Jahren. So eine Verrücktheit! Er brauchte ja nur irgend eine Zerstreuung, einmal eine Reise, um alles zu vergessen. Diese Nacht hatte er das Kind nicht mehr gesehen, weil seine Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt waren. Vielleicht sah er sie nie wieder, und wenn sie ihn noch in diesem Haus quälte, würde sie ihm gewiß wo andershin nicht folgen. Die Erde war groß, die Zukunft weit. Warum sterben? Sein Blick irrte über die Wiesen, und er sah auf dem Wege längs der Brindille einen blauen Fleck. Es war Médéric, der kam, die Stadtbriefe zu bringen und die vom Dorfe mitzunehmen. Renardet sprang auf. Ein Schmerz durchfuhr ihn, und er lief zur Wendeltreppe, um seinen Brief wieder zu holen, dem Briefträger abzunehmen. Es war gleich, ob er jetzt gesehen wurde. Er lief durch das Gras, das vom morgendlichen, eisigen Tau genetzt war, und kam an dem Briefkasten an der Ecke des Hofes gerade mit dem Briefträger zugleich an. Der Mann hatte die kleine Holzklappe geöffnet und nahm die darin befindlichen Briefe heraus. Renardet sagte zu ihm: – Guten Morgen, Médéric. – Guten Morgen, Herr Bürgermeister. – Sagen Sie mal, Médéric, ich habe im Briefkasten einen Brief, den ich brauche, geben Sie ihn mir mal zurück. – Gut, Herr Bürgermeister, ich werde ihn Ihnen wiedergeben. Und der Briefträger blickte auf. Er war ganz erschrocken, als er Renardets Gesicht sah. Der hatte violette Wangen, die Augen irrten verstört mit dunklen Rändern, tief in den Höhlen liegend, sein Haar war wirr wie der Bart, die Kravatte war aufgegangen, man sah, daß er nicht zu Bett gewesen. Der Mann fragte: – Sie sind wohl krank, Herr Bürgermeister? Der andere begriff plötzlich, daß sein Aussehen auffallen mußte, verlor die Fassung und stammelte: – Nein, nein, ich bin nur eben aus dem Bett gesprungen, um mir den Brief geben zu lassen. Ich schlief, wissen Sie. Dem alten Soldaten kam ein unbestimmter Verdacht. Er rief: – Welchen Brief denn? – Den Sie mir wiedergeben sollen. Nun zögerte Médéric. Das Benehmen des Bürgermeisters erschien ihm sonderbar; vielleicht steckte da ein Geheimnis dahinter, etwas Politisches. Er wußte, daß Renardet nicht Republikaner war, und er kannte alle Schliche und Ränke bei den Wahlen. Er fragte: – An wen ist denn der Brief adressiert? – An den Untersuchungsrichter Herrn Putoin, wissen Sie, an meinen Freund Putoin. Der Briefträger suchte, fand den Brief, betrachtete ihn, wendete ihn hin und her in den Fingern, verstört und befangen, in der Furcht, entweder etwas Unrechtes zu thun oder sich den Bürgermeister zum Feind zu machen. Renardet sah sein Zögern und machte eine Bewegung, um ihm den Brief zu entreißen. Diese plötzliche Bewegung brachte Médéric zur Überzeugung, daß es sich um ein wichtiges Geheimnis handelte, und er entschloß sich, koste was es wolle, seine Pflicht zu thun. Er warf also seinen Brief in den Sack, schloß ihn und sagte: – Nein, Herr Bürgermeister, das kann ich nicht. Da der Brief ans Gericht ist, kann ich's nicht. Eine fürchterliche Angst schnürte Renardets Herz Zusammen. Er stotterte: – Aber Sie kennen mich doch. Sie kennen doch meine Handschrift. Ich sage doch, ich brauche den Brief. – Nein, das darf ich nicht. – Na, Médéric, hören Sie doch, ich betrüge Sie doch nicht. Ich sage Ihnen, ich brauche den Brief. – Nein, das darf ich nicht. Die Wut packte Renardets jähzornige Seele. – Gott verdamm mich, nehmen Sie sich in Acht! Sie wissen, ich spaße nicht, und das kann Ihnen Ihre Stelle kosten und zwar sofort. Und dann bin ich hier Bürgermeister, und ich befehle Ihnen jetzt, mir meinen Brief zu geben. Der Briefträgen antwortete bestimmt: – Nee, das kann ich nicht, Herr Bürgermeister. Da verlor Renardet die Besinnung und packte den Briefträger beim Arm, um ihm die Tasche zu entreißen. Aber der Mann machte sich mit einem Stoß frei, wich zurück und hob seinen, Knotenstock. Ganz ruhig sagte er: – Rühren Sie mich nicht an, Herr Bürgermeister oder ich haue zu. Nehmen Sie sich in Acht, ich thue meine Pflicht. Renardet fühlte sich verloren, wurde plötzlich weich und bat stehend wie ein weinendes Kind: – Ach, mein lieber Freund, geben Sie mir doch den Brief, ich werde Sie auch belohnen. Ich werde Ihnen Geld geben. Ich gebe Ihnen zehn, ich gebe Ihnen hundert Franken, hören Sie, hundert Franken. Der Mann wendete sich um und ging fort. Renardet folgte ihm außer Atem und stammelte: – Médéric, Médéric, hören Sie doch, ich gebe Ihnen tausend Franken, hören Sie, tausend Franken. – Der andere lief, ohne zu antworten, weiter. Renardet flehte: – Ich mache Ihr Glück, hören Sie, ich gebe Ihnen, was Sie wollen. Fünfzigtausend Franken, fünfzigtausend Franken für den Brief. – Was thut Ihnen denn das? – Wollen Sie nicht? – Nun also hunderttausend Franken, hören Sie hunderttausend Franken, verstehen Sie, hunderttausend Franken. – Hunderttausend Franken. Der Briefträger drehte sich mit ernstem Blick und starrem Gesicht um: – Nun seien Sie still, oder ich werde vor Gericht alles sagen, was Sie mir eben angeboten haben. Renardet stockte. Es war aus, es gab keine Hoffnung mehr. Er wendete sich um und lief zum Haus, wie ein verfolgtes Tier. Nun blieb Médéric stehen und sah seinerseits ganz starr dieser Flucht zu. Er sah, wie der Bürgermeister in sein Haus lief, und er wartete noch, als ob etwas Überraschendes eintreten müsse. Und bald erschien in der That Renardets hohe Gestalt oben auf dem Fuchsturm. Er lief um die Plattform wie ein Verrückter, dann packte er die Fahnenstange, schüttelte sie wütend, ohne sie zerbrechen zu können, und plötzlich stürzte er sich mit einem Kopfsturz, wie ein Schwimmer beide Hände vorgestreckt, in die Luft hinaus. Médéric lief fort, um Hilfe zu holen. Als er durch den Park kam, traf er die Baumfäller, die zur Arbeit gingen. Er rief sie an, teilte ihnen das Unglück mit, und sie fanden zu Füßen der Mauer einen blutigen Körper, dessen Kopf auf den Felsen zerschmettert war. Die Brindille umfloß den Felsen, und auf dem hier breiten, klar und ruhig rinnenden Wasser sah man lange, rote Streifen von mit Blut vermischtem Gehirn hinziehen. Das Wrack Gestern war Sylvester. Ich hatte eben mit meinem alten Freund Georg Garin gefrühstückt, als ihm der Diener einen mehrfach gesiegelten Brief brachte, mit fremdländischen Briefmarken darauf. Georg fragte mich: – Erlaubst Du? – Natürlich. Und er begann, acht Seiten einer großen englischen Handschrift zu lesen, die kreuz und quer nach allen Himmelsrichtungen geschrieben war. Er las langsam mit ernster Aufmerksamkeit, mit jenem Interesse, das man an Dingen nimmt, die unser Herz berühren. Dann legte er den Brief auf die Kaminecke und sagte: – Hör mal, das ist nämlich eine komische Geschichte. Ich habe sie Dir noch nie erzählt, und doch ist sie ganz packend. Das war damals ein sonderbarer Neujahrstag, es ist zwanzig Jahr her, denn ich war dreißig Jahr alt, und jetzt bin ich fünfzig. Ich war damals Inspektor der See-Versicherungs-Gesellschaft, deren Direktor ich jetzt bin. Ich wollte den Neujahrstag in Paris verleben, da man nun mal den Tag zum Festtag gemacht hat, als ich einen Brief vom Direktor bekam mit der Weisung, mich sofort nach der Insel Ré zu begeben, wo eben ein Dreimaster aus Saint- Nazaire gescheitert, der bei uns versichert war. Es war acht Uhr morgens. Ich ging um zehn Uhr auf das Bureau der Gesellschaft, um meine Instruktionen zu holen, und noch am Abend fuhr ich mit dem Schnellzug davon, der mich am nächsten Tag, dem Sylvester, nach La Rochelle brachte. Ich hatte noch zwei Stunden Zeit, ehe ich den Jean-Guiton, das Schiff, das mich nach Ré bringen sollte, bestieg. Ich machte also einen Spaziergang durch die Stadt; La Rochelle ist wirklich eine eigentümliche Stadt von großer Eigenart, mit den labyrinthisch durcheinandergehenden Straßen, deren Bürgersteige unter endlosen Galerien hinlaufen, arkadenartig wie in der Rue de Rivoli, aber niedrig. Diese Galerien und Arkaden, gedrückt und geheimnisvoll, scheinen wie gemacht für Schleichwege, wie für die früheren Kämpfe die heldenmütigen, blutigen Religionskriege. Es ist die richtige alte Hugenottenstadt, ernst, still, ohne großartige Bauwerke, ohne irgend eines jener wunderbaren Denkmäler, die Rouen so schön machen. Aber es ist bemerkenswert durch seine strenge Physiognomie, die auch etwas Heimtückisches hat, eine Stadt hartköpfiger Streiter, wo der Fanatismus lodern muß, die Stadt, wo die Calvinisten einst eiferten. Nachdem ich einige Zeit durch die eigentümlichen Straßen geirrt war, bestieg ich ein kleines, schwarzes, bauchiges Dampfschiff, das mich zur Insel Ré bringen sollte. Stöhnend, fauchend, wie wutschnaubend, lief es aus zwischen zwei antiken Türmen, die den Hafen bewachen, über die Rhede, dann den riesigen Damm entlang, den Richelieu gebaut hat und dessen gewaltiges Mauerwerk die Stadt wie ein Bollwerk umschließt; dann bogen wir rechts ab. Es war einer jener traurigen Tage, die auf uns lasten, die Gedanken lähmen, das Herz zusammenkrampfen machen und uns alle Kraft und Energie nehmen, ein grauer, eisiger Tag mit schwerem Nebel, feucht wie Regen, kalt wie Eis, unangenehm einzuatmen wie der Gestank der Kloaken. Unter dieser niedrigen, traurigen Nebeldecke lag das gelbe, untiefe, sandige Meer dieser unendlichen, gestreckten Küste ohne Bewegung, ganz glatt da, ohne Leben wie ein fettiges, stagnierendes Gewässer. Der Jean-Guiton durchzog es ein wenig rollend, wie immer, durchschnitt dieses ebene, dunkle Tuch, ließ hinter sich einige Wellen, es brandete, ein paar Ringe zogen hinaus und beruhigten sich sehr bald wieder. Ich begann mit dem Kapitän zu sprechen, einem kleinen Mann, rund wie ein Schiff, der fast keine Hände zu haben schien. Ich wollte ein paar Einzelheiten hören über den Schiffbruch, dessentwegen ich hier war. Ein großer Dreimaster von Saint-Nazaire, der Marie-Josef, war in einer Sturmnacht an den Dünen der Insel Ré gescheitert. Der Sturm hatte das Schiff, wie der Rheder schrieb, so weit herangeschleudert, daß es unmöglich war, es wieder flott zu machen und daß man schleunigst alles hatte bergen müssen, was nicht niet- und nagelfest war. Ich mußte also die Lage des Wracks feststellen, abschätzen, in welchem Zustand es vor dem Schiffbruch gewesen sein konnte, und mein Urteil darüber abgeben, ob wirklich alles versucht worden war, es wieder flott zu machen. Ich kam als Beamter der Gesellschaft, um, wenn es nötig wurde, in dem etwaigen Prozeß mein Zeugnis abzugeben. Der Direktor mußte, nachdem er meinen Rapport bekommen, alle Maßregeln ergreifen, die er für notwendig hielt, um unsere Interessen zu wahren. Der Kapitän der Jean-Guiton wußte genau, wie die Geschichte sich zugetragen hatte, da er mit seinem Schiff herbeigerufen worden, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen. Er erzählte es mir. Das Unglück war übrigens einfach von Statten gegangen. Der Marie-Josef war, von einem fürchterlichen Sturm erfaßt, in der Nacht auf dem Schaummeer, einer wahren Milchsuppe, wie der Kapitän sich ausdrückte, steuerlos hin und her geschleudert worden und so auf den unendlichen Sandbänken gescheitert, die die Küste in dieser Gegend bei Ebbe zu einer gewaltigen Sahara machen. Wahrend wir sprachen, blickte ich um mich und vor mich. Zwischen dem Ozean und dem lastenden Himmel war ein freier Raum, wo das Auge in die Weite schweifen konnte. Wir fuhren an einem Landstreifen hin. Ich fragte: – Ist das die Insel Ré? – Jawohl. Und plötzlich zeigte mir der Kapitän, indem er die rechte Hand ausstreckte, in der See etwas kaum zu Unterscheidendes und sagte: – Sehen Sie, da liegt das Schiff. – Der Marie-Josef? – Ja, ja. Ich war ganz erstaunt. Dieser schwarze Punkt, den man kaum entdecken konnte und den ich für eine Sandbank gehalten hätte, schien mir mindestens drei Kilometer von der Küste entfernt zu liegen. Ich sagte: – Aber Kapitän, an dem Punkt, den Sie mir zeigen, muß das Wasser doch mindestens hundert Klafter tief sein. Er begann zu lachen: – Hundert Klafter, lieber Freund, nicht zwei Klafter, sage ich Ihnen. Er war aus Bordeaux. Nun fuhr er fort: – Jetzt neun Uhr vierzig Minuten ist Flut. Gehen Sie mal nach dem Frühstück im Hotel du Dauphin über den Strand, und ich verspreche Ihnen, daß Sie um zwei Uhr fünfzig oder drei Uhr spätestens trockenen Fußes am Wrack stehen, lieber Freund. Eindreiviertel bis zwei Stunden können Sie darauf bleiben, länger auf keinen Fall, sonst könnte Sie die Flut erreichen. Je weiter die Ebbe zurückweicht, desto schneller kehrt die Flut wieder. Die Küste hier ist platt wie eine Wanze. Brechen Sie um vier Uhr fünfzig auf, glauben Sie mir's, dann sind Sie um sieben einhalb Uhr wieder an Bord des Jean-Guiton, der Sie am selben Abend noch in den Hafen von La Rochelle bringt. Ich dankte dem Kapitän und setzte mich auf das Vorderdeck, um nach der kleinen Stadt Saint-Martin auszulugen, der wir uns schnell näherten. Ich gewahrte einen kleinen Hafen, der den Knotenpunkt für die kleinen, längs der Küste hingestreckten Inselchen bildet. Es war ein großes Fischerdorf, halb in die See hinausgebaut, halb auf dem Festland, das von Fischen und Geflügel lebte, von Gemüse und Muscheln, von Radieschen und Miesmuscheln. Die Insel ist sehr niedrig, wenig bebaut und sieht doch stark bewohnt aus. Aber ich ging nicht in das Innere. Nachdem ich gefrühstückt hatte, überschritt ich den kleinen Wall vor dem Wasser und ging dann, da die Ebbe schnell eintrat, durch den Sand auf eine Art schwarzen Felsen los, den ich von weitem ganz fern, fern im Wasser sah. Ich eilte schnell über diese gelbe Ebene, die elastisch war wie Fleisch und unter meinem Fuß zu schwitzen schien. Vor kurzem hatte noch das Seewasser da gestanden, jetzt gewahrte ich es weit entfernt, wie es in die Ferne zurückwich, und ich konnte die Linie, die den Sand vom Ozean schied, schon nicht mehr erkennen. Mir war, als wohnte ich einem gewaltigen, übernatürlichen Theaterschauspiel bei. Der Atlantische Ozean hatte vorhin noch vor mir gelegen, war dann am Strand verschwunden, wie die Dekorationen in der Versenkung, und jetzt schritt ich mitten durch eine Wüste, nur noch das Gefühl, ein Hauch von Salzwasser blieb in mir zurück. Ich roch den Seetang, den Duft der Wellen, die kräftige, gesunde Küstenluft. Ich eilte schnell hin, mir war gar nicht mehr kalt, und ich blickte auf das Wrack, das immer größer ward, je näher ich kam und jetzt aussah wie ein riesiger, gestrandeter Walfisch. Es schien aus dem Boden heraus zu wachsen und nahm auf dieser gelben, unendlichen Ebene gewaltige Umrisse an. Endlich erreichte ich es, nachdem ich eine Stunde gegangen. Es lag auf einer Seite, war geplatzt, geborsten und zeigte, wie die Rippen eines Tieres, die gebrochenen Knochen, feine Holzglieder, die von mächtigen Nägeln durchbohrt waren. Der Sand hatte sich schon darüber hergemacht, war durch alle Ritzen eingedrungen, hatte davon Besitz ergriffen und würde das Wrack nie wieder hergeben. Es schien, als hätte es schon im Sande Wurzel geschlagen. Der Vordersteven war tief in diesen weichen, niederträchtigen Sand eingesunken, während das Achterdeck zum Himmel, wie einen verzweifelten Hilferuf, die beiden weißen Worte, die auf dem schwarzen Leib geschrieben standen, emporzurufen schien: Marie-Josef. Ich erkletterte den Leichnam des Schiffes an der niedrigen Seite, gelangte auf das Deck und stieg in das Innere hinab. Durch die eingestoßenen Luken und durch die Ritzen an den Seiten fiel das Licht herein und beleuchtete nun traurig jene Art langen, dunklen Keller, der voll zerborstener Holzteile lag. Es war nichts mehr darin als Sand, der diesem unterirdischen Brettergewölbe zum Boden diente. Ich machte mir einige Notizen über den Zustand des Schiffes. Ich hatte mich dazu auf ein leeres zerbrochenes Fäßchen gesetzt und schrieb beim Lichtschein, der durch den breiten Riß einfiel, durch den ich die unendliche, grenzenlose Küste übersah. Ein eigentümlich kalter Windhauch und das Gefühl der Einsamkeit lief mir immer ab und zu über die Haut, und dann hörte ich auf zu schreiben, um auf die unbestimmten, seltsamen Geräusche des Wracks zu achten: den Lärm der Krabben, die mit ihren spitzen Füßen am Bordrand hinkrochen, das Geräusch von tausend kleinen Seetieren, die sich in dem Leichnam bereits eingenistet hatten und auch den regelmäßigen, dumpfen Ton des Bohrwurmes, der unausgesetzt mit seinem bohrenden Knirschen alle alten Holzteile anfrißt, höhlt und verzehrt. Aber plötzlich hörte ich ganz in der Nähe menschliche Stimmen. Ich fuhr auf, als wäre mir eine Erscheinung geworden, ich glaubte wirklich eine Sekunde hindurch, daß im Dunkel des düsteren Raumes zwei Ertrunkene erschienen, die mir nun von ihrem Ende erzählen wollten. Ich brauchte jedenfalls nicht lange Zeit, um auf das Deck hinauf zu klettern, indem ich rechts und links die Hände anstemmte. Und nun sah ich vorn auf dem Schiff einen großen Herren stehn mit drei jungen Mädchen, oder viel mehr einen großen Engländer mit drei Misses. Sie waren offenbar noch mehr erschrocken als ich, als sie auf dem verlassenen Dreimaster ein menschliches Wesen auftauchen sahen. Das jüngste der Mädchen lief davon, die beiden andern packten ihren Vater bei den Armen, er aber blieb mit offenem Munde stehen, der einzige Ausdruck seines Schreckens. Dann begann er nach ein paar Augenblicken zu sprechen: – Aoh, sein Sie der Eigentümer von diese Schiff? – Jawohl. – Können uir es mal ansehen? – Bitte schön. Er machte eine lange englische Redensart, von der mir nur das Wort » gracious «, das er mehrmals wiederholte, hängen blieb. Da er eine Stelle suchte, um hinauf zu klettern, zeigte ich ihm die beste. Er stieg hinauf, dann halfen wir den drei, jetzt wieder beruhigten jungen Mädchen. Sie waren reizend, besonders die älteste, eine Blondine von achtzehn Jahren, frisch wie eine Blume und so fein und zart. Wirklich hübsche Engländerinnen sehen wie köstliche Früchte der See aus. Es war, als müßten diese Mädchen eben aus dem Sande empor gestiegen sein und als hätten ihre Haare noch die Farbe davon behalten. Man schaute sie gern an mit ihrer wunderbaren Frische, mit ihren zarten Farben wie rosa Muscheln und wie die seltenen, geheimnisvollen Perlen, die in den unbekannten Tiefen der Meere blühen. Sie beherrschte unsere Sprache etwas besser, als der Vater, und half nun die Unterhaltung führen. Ich mußte mit allen Einzelheiten den Schiffbruch erzählen, den ich erfand, als ob ich dabei gewesen wäre. Dann stieg die ganze Familie in das Innere des Wracks hinunter. Sobald sie in den dunklen Raum getreten waren, in den kaum ein Lichtstrahl fiel, stießen sie Rufe des Erstaunens und der Bewunderung aus. Und plötzlich hatten Vater wie Töchter Skizzenbücher in der Hand, die sie offenbar in ihren weiten Kleidern versteckt gehabt, und begannen zu gleicher Zeit vier Bleistiftskizzen dieses selsamen, traurigen Raumes. Sie saßen nebeneinander auf einem in der Schwebe hängen gebliebenen Balken, und die vier Skizzenbücher auf den acht Knieen bedeckten sich mit denselben schwarzen Linien, die den halb geöffneten Leib des Marie-Josef darstellen sollten. Das älteste Mädchen sprach, während es arbeitete, mit mir, und ich setzte die Untersuchung des Schiffes fort. Ich erfuhr, daß sie den Winter in Biarritz zubrächten und eigens nach der Insel Ré gekommen waren, um den gescheiterten Dreimaster zu sehen. Diese Leute hatten nichts an sich von englischer Steifheit, es waren einfache Menschen, Mitglieder jener umherirrenden Wanderkolonie, mit der England die ganze Welt bevölkert. Der Vater war groß, hager, sein rotes Gesicht war von einem weißen Barte umrahmt, die Mädchen gleichfalls groß, langbeinig, wie auf Stelzen, die noch wachsen sollen, auch mager, bis auf die älteste, und alle drei sehr nett, besonders aber die große. Sie hatte eine so seltsame Manier zu sprechen, zu erzählen, zu lachen, etwas zu verstehen oder nicht zu verstehen, die Augen aufzuschlagen um mich zu fragen, blaue Augen, tief wie das Wasser, mit Zeichnen aufzuhören, um zu erraten, was ich sagen wollte, sich wieder an die Arbeit zu machen » Yes »« oder » No « zu sagen, daß ich immerfort sie anblicken und ihr zuhören mußte. Plötzlich sagte sie: – Ich habe gehört eine kleine Lärm auf die Schiff. Ich lauschte und unterschied sofort ein leises, Ununterbrochenes, ganz eigenes Geräusch. Was war es? Ich erhob mich, um durch den Spalt hinaus zu blicken und stieß einen lauten Schrei aus. Das Meer hatte uns erreicht, es war im Begriff uns zu umfluten. Wir kletterten sofort auf Deck. Es war schon zu spät, das Wasser rann schon um uns herum, eilte der Küste zu mit unglaublicher Schnelligkeit, es lief nicht, es glitt, kletterte, streckte sich aus wie ein Riesenfluß, der weiterfrißt. Kaum einige Zentimeter Wasser bedeckten den Sand, aber man sah schon die Linie des forteilenden Wasserstandes nicht mehr. Der Engländer wollte hinunterspringen, ich hielt ihn zurück. Eine Flucht war unmöglich wegen der tiefen Tümpel, die wir hatten umgehen müssen, als wir hergekommen waren, und in die wir auf der Rückkehr unzweifelhaft gefallen wären. Einen Augenblick waren wir entsetzt, dann begann die kleine Engländerin zu lachen und flüsterte: – Jetzt sind wir die Schiffbrüchigen. Ich wollte lachen, aber die Furcht hinderte mich, eine entsetzliche, feige, niedrige Furcht. Alle Gefahren, die uns bevorstanden, wurden mir klar in einem Augenblick. Ich hätte um Hilfe schreien mögen. Aber zu wem? Die beiden kleinen Engländerinnen hatten sich an ihren Vater geschmiegt, der erschrocken die gewaltige Flut um uns herum betrachtete. Und es ward so schnell Nacht, wie das Wasser stieg, eine schwere, dumpfe, eisige, feuchte Nacht. Ich sagte: – Uns bleibt nichts weiter übrig, als auf dem Schiff zu bleiben. Der Engländer antwortete: – Oh, yes. Und wir blieben eine Viertelstunde, eine halbe, ich weiß wirklich nicht wie lange, stehen, blickten in die Runde auf das gelbe Wasser, das immer gewaltiger wurde, um uns herum wirbelte und kochte und auf dem gewaltigen, jetzt wieder eingenommenem Strand zu spielen schien. Eins der kleinen Mädchen fror, und der Gedanke kam uns, wieder hinunter zu steigen, um uns vor der leichten Brise zu schützen, die eisig daherkam und auf der Haut stach, wenn sie uns traf. Ich beugte mich über die Luke. Das Schiff war voll Wasser. Wir mußten uns nun an den Bord des Achterdeck schmiegen, der uns etwas Schutz bot. Jetzt umgab uns die Finsternis, und wir blieben dort, einer an den anderen gepreßt, stehen, von Dämmerung und Wasser umgeben. Ich fühlte die Schulter der kleinen Engländerin an meiner Schulter zittern, ihre Zähne schlugen ab und zu aufeinander, aber ich fühlte auch die süße Wärme ihres Leibes durch den Stoff ihres Kleides hindurch, und dies Wärmegefühl erschien mir köstlich wie ein Kuß. Wir sprachen nichts mehr, wir blieben unbeweglich stehen, wie Tiere in einem Loch aneinandergeschmiegt, wenn der Orkan dahergebraust kommt. Und trotz allem, trotz der sinkenden Nacht, trotz der immer steigenden Gefahr ringsum begann ich mich glücklich zu fühlen, glücklich hier zu sein, glücklich über die Kälte und die Gefahr, glücklich über die langen Stunden der Dunkelheit und Angst, die uns auf diesem Schiffsrumpf bevorstanden, glücklich in der Nähe dieses hübschen, reizenden Mädchens. Ich fragte mich, warum dieses seltsame Gefühl von Wohlsein und Glück mich durchströme. Warum? Weiß man es? Weil sie da war? Wer, sie? Eine kleine Engländerin, die ich nicht kannte? Ich liebte sie nicht, ich kannte sie nicht, und ich fühlte mich trotzdem ganz weich, ergriffen und in Fesseln geschlagen. Ich hätte sie retten, mich für sie opfern, tausend thörichte Streiche thun mögen. Seltsam, woher kommt es, daß die Gegenwart einer Frau uns so packt. Ist es die Gewalt ihres Liebreizes, die uns fesselt, ist es die Zauberkraft ihrer Schönheit und Jugend, die uns berauscht wie Wein? Ist es nicht vielmehr etwas wie ein Hauch der Liebe, der geheimnisvollen Liebe, die unausgesetzt die Wesen zu einen sucht, die ihre Macht beginnt, sowie Mann und Frau einander gegenüber stehen, und die eine Bewegung über sie bringt, eine seltsame, geheime, tiefe Bewegung, wie man die Erde begießt, damit die Blumen sprießen. Aber das Schweigen der Finsternis wurde entsetzlich, das Schweigen des Himmels, denn wir hörten unter uns nur unbestimmt ein leises, unausgesetztes Geräusch, das dumpfe Brüllen des Meeres, das stieg und stieg, und das immer gleichmäßige Anschlagen der Flut gegen das Schiff. Plötzlich vernahm ich Schluchzen. Die kleinste der Engländerinnen weinte. Da wollte ihr Vater sie trösten, und sie begannen in ihrer Sprache zu reden, die ich nicht verstand. Ich erriet, daß er ihr Mut zusprach und daß sie sich immer fürchtete. Ich fragte meine Nachbarin: – Frieren Sie auch nicht zu sehr, Miß? – Oh ja, ich habe einen sehr großen kalt. Ich wollte ihr meinen Überzieher geben, aber sie lehnte es ab. Doch ich hatte ihn schon ausgezogen und bedeckte sie damit trotz ihres Sträubens. Bei dem kurzen Streit berührte ich ihre Hand, und es überlief mich. Seit ein paar Minuten wurde es kälter und das Branden der Fluten gegen die Schiffsränder stärker. Ich richtete mich auf, ein gewaltiger Windstoß blies mir ins Gesicht. Der Sturm kam. Der Engländer bemerkte es im selben Augenblick wie ich und sagte einfach: – Das sein sehr schlecht for uns. Gewiß, das war sehr schlecht. Es war der gewisse Tod, wenn Sturzwellen, sogar nur schwache Sturzwellen das Schiff rüttelten und trafen, das Schiff, das schon so auseinander geborsten war, und das die erste hohe, etwas starke Welle ganz in Trümmer legen konnte. Da wuchs unsere Angst von Augenblick zu Augenblick mit dem stärkeren Daherbrausen des Sturmes. Es war jetzt wenig Brandung, und ich sah in der Dunkelheit weiße Linien kommen und verschwinden, diese weißen Schaumköpfe, während die Wellen den Leib des Marie-Josef trafen und erschütterten, mit einem kurzen Schlag, der uns durch und durch ging. Die Engländerin bebte. Ich fühlte sie an meiner Seite zittern, und eine wahnsinnige Lust überkam mich, sie in die Arme zu schließen. Drüben in der Ferne vor uns, links und rechts, hinter uns leuchteten an den Küsten die Leuchttürme auf, weiße, gelbe, rote drehende Lichter, gewaltige Augen, wie die Augen eines Riesen, der nach uns blickte und spähte, gierig wartend, bis wir verschwunden wären. Nach einem der Lichter mußte ich vor allem immer sehen. Es erlosch alle dreißig Sekunden, um sofort wieder aufzublitzen; das mußte ein Auge sein, ein Auge, das mit seinem Lid sich unter dem Feuerblick unausgesetzt schloß. Ab und zu strich der Engländer ein Streichholz an, um nach der Uhr zu sehen, dann steckte er die Uhr wieder in die Tasche. Plötzlich sagte er mir über den Köpfen seiner Töchter mit großartigem Ernst: – Darf ich Ihnen eine glückliche neue Jahr wünschen. Es war Mitternacht. Ich streckte ihm die Hand entgegen, die er drückte. Darauf sagte er etwas auf englisch, und plötzlich begannen die Töchter mit ihm: » God save the Queen « zu singen. Das stieg in der stummen dunklen Luft auf und verflog im weiten Raum. Mir kam zuerst das Lachen, dann aber fühlte ich mich seltsam, mächtig bewegt. Es war etwas wunderbar Trauriges und zugleich Stolzes in diesem Sang der Schiffbrüchigen, der zum Tode Verdammten, etwas wie ein Gebet, auch noch etwas Größeres, dem wundervollen Gladiatorenruf der Alten vergleichbar: Ave Caesar, moirituri te salutant . Als sie fertig waren, bat ich meine Nachbarin, allein eine Ballade, eine Legende oder was sie wollte zu singen, damit wir über unsere Angst hinwegkämen. Sie willigte ein, und ihre klare junge Stimme tönte in die Nacht hinaus. Sie sang wahrscheinlich ein trauriges Lied, denn sie hielt die Töne lang an, die langsam ihrem Mund entqollen und wie verwundete Vögel über die Wellen hinflatterten. Das Meer wuchs und peitschte jetzt unser Wrack. Aber ich dachte nur noch an die Stimme, und ich dachte auch an die Sirenen. Wenn jetzt ein Schiff nahe an uns vorüber gekommen wäre, was hätten die Matrosen wohl gedacht? Mein gequälter Geist begann zu träumen. Eine Sirene! War sie nicht in der That eine Sirene, diese Tochter der See, die mich an dieses Schiff gefesselt hatte und die mit mir zugleich versinken würde in den Fluten? Aber plötzlich fielen wir alle fünf heftig auf Deck, denn die Marie-Josef war auf die rechte Seite gekippt. Die Engländerin war auf mich gefallen, ich hatte sie in die Arme genommen und, ohne zu wissen oder zu verstehn, was ich that, in der Meinung das letzte Stündlein sei nahe, küßte ich mit verzehrendem Mund ihre Wangen, ihre Schläfen, ihr Haar. Das Schiff bewegte sich nicht mehr, auch wir rührten uns nicht. Der Vater sagte: – Kate! – Die ich in den Armen hielt, antwortete: – Yes! – und machte eine Bewegung, um loszukommen. In diesem Augenblicke hätte ich gewünscht, das Schiff wäre auseinander geborsten, um mit ihr im Wasser zu versinken. Der Engländer fuhr fort: – Eine kleine Sturz, das uar garnix. Meine drei Töchter sein lebendig. Da er die Älteste nicht sah, hatte er sie zuerst für verloren gehalten. Ich erhob mich langsam, und plötzlich erblickte ich ein Licht auf dem Meer, ganz nahe bei uns. Ich rief, man antwortete. Es war ein Boot, das uns suchte. Der Wirt des Hotels hatte unsere Unvorsichtigkeit kommen sehen. Wir waren gerettet. Ich war verzweifelt darüber. Man nahm uns an Bord und brachte uns nach Saint Martin. Jetzt rieb sich der Engländer die Hände und brummte: – Nun ein schönes Supper, ein schönes Supper. Und wir aßen in der That. Ich war traurig, ich sehnte mich zurück nach dem Marie-Josef. Am nächsten Tage mußten wir uns trennen, nachdem wir uns umarmt und versprochen, uns zu schreiben. Sie fuhren nach Biarritz zurück, und ich wäre ihnen beinahe gefolgt. Ich war ganz von Sinnen, ich wollte um das Mädchen anhalten. Wenn wir acht Tage zusammen zugebracht hätten, hätte ich sie wirklich geheiratet. Wie unbegreiflich, wie schwach ist oft der Mensch! Zwei Jahre verstrichen, ohne daß ich von ihnen wieder etwas hörte. Dann bekam ich einen Brief aus New-York. Sie hatte sich verheiratet und teilte es mir mit, und seitdem schreiben wir uns alljährlich am Neujahrstage. Sie erzählt mir, wie es ihr ergangen, spricht von ihren Kindern, ihren Schwestern, aber niemals von ihrem Mann. Warum? Warum nur? Und ich spreche nur vom Marie-Josef. Sie ist vielleicht die einzige Frau, die ich je geliebt habe, nein, die ich je geliebt haben würde. Ja, weiß man es schließlich? Die Ereignisse tragen uns, und dann? Und dann geht alles vorbei. Jetzt wird sie wohl alt sein, ich werde sie nie wiedersehen. Aber die von damals, das Mädchen vom Wrack, ach, die war schön, wunderschön. Sie schreibt mir, daß ihr Haar ganz weiß geworden ist. Das kommt einen so bitter an, – ihr blondes Haar. Nein, die, die ich einst träumte, ist nicht mehr. Wie traurig ist doch alles das! Der Einsiedler Wir hatten mit ein paar Freunden den alten Eremiten besucht, der auf einem einstigen Gradhügel, der jetzt mit Bäumen bewachsen war, wohnte, mitten auf der weiten Ebene, die sich von Cannes bis La Napoule erstreckt. Als wir zurückkamen, war die Rede von den einsamen Büßern, wie es deren früher viel gegeben, die aber jetzt von der Erde verschwinden. Wir suchten ihre sittlichen Gründe zu verstehen und besprachen, welch Leid ihnen wohl widerfahren sein müsse, daß es sie in die Einsamkeit hinaus getrieben. Da sagte einer von uns: – Ich habe zwei Einsiedler gekannt, einen Mann und eine Frau. Die Frau muß noch am Leben sein. Vor fünf Jahren hauste sie in einer Ruine auf dem Gipfel eines ganz verlassenen Berges an der Küste von Corsica, fünfzehn oder zwanzig Kilometer von jeder menschlichen Wohnung entfernt. Sie lebte dort mit einer Dienerin. Ich habe sie dort aufgesucht, sie muß unbedingt eine Frau aus der guten Gesellschaft gewesen sein. Sie empfing mich mit aller Artigkeit, sogar sehr liebenswürdig. Aber ich weiß nichts von ihrer Vergangenheit und erriet auch nichts. Aber des Mannes dunkles Schicksal will ich Ihnen erzählen. Wenden Sie sich einmal um. Sehen Sie dort den spitzen bewaldeten Berg, der sich hinter La Napoule erhebt, ganz allein den Bergen von Esterel vorgelagert; er heißt in der ganzen Gegend hier der Schlangenberg. Dort lebte mein Einsiedler in einem kleinen antiken Tempel etwa vor zwölf Jahren. Ich hatte von ihm gehört und wollte ihn kennen lernen. Und so ritt ich denn von Cannes eines Märzmorgens hin. Ich ließ mein Tier im Wirtshaus von La Napoule zurück und stieg zu Fuß den seltsamen Berg hinauf, der etwa hundertfünfzig bis zweihundert Meter hoch sein mag, und mit allerlei aromatischen Pflanzen bewachsen ist, vor allem mit Cysten, deren starker, penetranter Geruch betäubt und krank macht. Der Boden ist steinig, und oft sieht man unter den Steinen lange Ringelnattern im Gras verschwinden. Daher kommt der wohlverdiente Name des Schlangenberges. An gewissen Tagen ist es, als ob die Tiere, wenn man an dem sonnenbeschienenen Hang hinaufsteigt, unter den Füßen aus dem Boden wüchsen. Sie sind so zahlreich, daß man nicht mehr vorwärts zu gehen wagt und eine Art beengendes Gefühl empfindet, nicht gerade Angst, denn diese Tiere sind ungefährlich, aber eine Art seltsamen Schauders. Ich habe öfters das eigentümliche Bewußtsein gehabt, einen heiligen Berg des Altertums zu ersteigen, einen duftenden Wunderberg, Cystenbedeckt, Schlangenbewohnt und Tempelgekrönt. Dieser Tempel steht noch heute. Man hat mir wenigstens gesagt, daß es ein Tempel wäre. Denn ich habe nicht versucht, näheres darüber in Erfahrung zu bringen, um mir die Illusion nicht zu zerstören. An einem Märzmorgen stieg ich also hinauf unter dem Vorwand, die Aussicht zu genießen. Als ich auf dem Gipfel ankam, sah ich wirklich Mauern, und dort sah auf einem Stein ein Mann. Er mochte kaum mehr als fünfundvierzig Jahre zählen, obgleich sein Haar ganz weiß war, aber sein Bart war fast schwarz geblieben. Er streichelte eine Katze, die auf seinen Knieen zusammengerollt lag und schien nicht weiter auf mich zu achten. Ich ging um die Ruinen herum, in deren einem Teil, der mit Zweigen, Stroh, Gräsern, Steinen bedeckt und verstopft war, er wohnte, und kehrte dann wieder auf die Seite zurück, an der er saß. Der Blick von da ist prachtvoll. Rechts sieht man die Esterelkette mit ihren spitzen Gipfeln seltsam gezackt, dann das unendliche Meer, das sich bis zu den fernen Küsten Italiens mit seinen vielen Kaps hinzieht, und Cannes gegenüber die Inseln von Lérins, grün und niedrig, die zu schwimmen scheinen und deren letzte an der Breitseite ein hohes, altes, festungartiges Schloß, das in die Flut selbst hineingebaut ist, trägt, mit Zinnen und gekrönten Mauern. Dann längs der grünen Küste sieht man einen langgestreckten Kranz von Landhäusern wie Eier, die an den Strand gelegt sind, weiße Villen, unter Bäumen versteckt, und über ihnen erheben sich die Alpen, auf deren Gipfeln noch der Schnee lastet. Ich sagte vor mich hin: – Mein Gott, ist das schön! Der Mann blickte auf und antwortete: – Ja, aber wenn man das täglich sieht, wird es langweilig. Also mein Einsiedler sprach, er schwatzte, und er langweilte sich. Nun hatte ich ihn gefangen. Ich blieb an dem Tage nicht lange da und suchte nur den Grad seiner Menschenfeindlichkeit zu ergründen. Er machte mir hauptsächlich den Eindruck eines Mannes, der seiner Nebenmenschen müde ist, müde von allem, unheilbar angeekelt von sich selbst, wie von allem anderen. Nachdem wir uns eine halbe Stunde unterhalten hatten, ging ich fort. Aber acht Tage später kehrte ich wieder und in der folgenden Woche noch einmal, darauf allwöchentlich, so daß wir nach zwei Wochen Freunde geworden waren. Und da hielt ich eines Abends gegen Ende Mai den Augenblick für gekommen und brachte Vorräte mit hinauf, um auf dem Schlangenberg mit ihm zu essen. Es war einer jener Abende des Südens, die so süß duften, in diesem Lande wo man Blumen pflanzt wie im Norden Getreide, in diesem Lande, wo beinah alle Wohlgerüche bereitet werden, mit denen die Damen ihren Körper und ihre Kleider parfümieren. Es war einer jener Abende, wo der Duft der ungezählten Orangenbäume, die in den Gärten in allen Thälern stehen, einen förmlich berauschen und wo dann die alten, Leute von ihrer Jugendliebe träumen. Mein Einsiedler empfing mich sichtlich erfreut und war ganz einverstanden damit, an meinem Mahle teilzunehmen. Ich gab ihm etwas Wein zu trinken, den er garnicht mehr gewöhnt war, er ward angeregt und begann, von seinem verflossenen Leben zu sprechen. Er hatte immer in Paris gewohnt, wie es schien, als lustiger Junggeselle. Und ich sagte plötzlich: – Das ist doch aber eine komische Idee, sich hier auf den Gipfel allein hinzusetzen. Er antwortete sofort: – Ja, weil mir das Fürchterlichste widerfahren ist, das einem Mann widerfahren kann. Warum soll ich Ihnen das Unglück verbergen. Sie werden vielleicht Mitleid mit mir haben, – und dann, ich habe es noch nie jemand erzählt, niemals, und ich möchte wissen, einmal nur, was ein anderer Mensch wohl darüber denkt und wie er es beurteilt. In Paris geboren und erzogen, wurde ich in dieser Stadt groß und lebte dort. Meine Eltern hatten mir ein paar tausend Franken Rente hinterlassen, und ich erhielt durch Protektion einen bescheidenen, ruhigen Posten, der mich, für einen Junggesellen wenigstens, reich machte. Von meiner Jünglingszeit ab hatte ich ein Junggesellenleben geführt. Sie wissen, was das bedeutet. Frei, ohne Familie, fest entschlossen, nicht zu heiraten, brachte ich bald ein halbes Jahr mit dieser, bald ein halbes Jahr mit jener zu, dann hatte ich einmal ein Jahr lang niemand und nahm ab und zu irgend ein käufliches oder sonst zu habendes Mädchen. Dieses mittelmäßige Dasein, banal, wenn Sie so wollen, paßte mir, genügte meiner natürlichen Anlage nach Zerstreuung und Unterhaltung. Ich lebte auf den Boulevards, in den Theatern, in den Cafés, immer außerhalb des Hauses, beinah ohne Behausung, obgleich ich eine nette Wohnung besaß. Ich war eines jener tausend Wesen, die sich treiben lassen wie ein Kork auf der Flut des Lebens, für die die Mauern von Paris das Ende der Welt bedeuten, die sich um nichts kümmern, die für nichts eine besondere Leidenschaft empfinden. Ich war, was man so einen guten Kerl nennt, ohne besonders gute oder schlechte Eigenschaften. So war ich und ich beurteile mich ganz richtig. Vom zwanzigsten bis vierzigsten Jahr lief mein Leben also langsam oder schnell dahin, ohne daß irgend etwas besonderes passiert wäre, wie die eintönigen Jahre in Paris schnell dahinstreichen, ohne irgend eine Erinnerung, die haften bleibt, diese langen, flüchtigen, banalen und doch heiteren Jahre, in denen man ißt, trinkt, lacht, man weiß nicht warum, in denen man die Lippen spitzt nach allem, was gut schmeckt und sich küssen läßt, ohne doch irgend etwas zu begehren. Ich war jung, aber man ist alt, wenn man nichts von dem thut, was Andere schaffen, wenn man keine Interessen, keine Leidenschaft, keinen Anhang, fast keine Freunde und weder Eltern, noch Frau und Kinder hat. Ich wurde also, langsam aber sicher, vierzig, und um den Tag zu feiern, leistete ich mir ganz allein in einem großen Restaurant ein gutes Diner. Ich stand ganz allein auf der Welt, so meinte ich, sei es auch das richtige, diesen Tag allein zu feiern. Nach Tisch wußte ich nicht recht, was ich machen sollte. Ich wollte in ein Theater gehen, aber dann kam mir der Gedanke, einmal nach dem Quartier latin zu pilgern, wo ich einst die Rechte studiert hatte. Ich durchbummelte also Paris und trat dort ohne weitere Überlegung in eine jener Kneipen mit Damenbedienung. Die meinen Tisch zu bedienen hatte, war ein junges, lächelndes, hübsches Ding. Ich bot ihr zu trinken an, sie nahm sofort an, setzte sich mir gegenüber und betrachtete mich forschend mit ihren geübten Augen, ohne recht zu wissen, mit was für eine Art Mannsbild sie es zu thun habe. Sie war blond oder vielmehr ein Blondchen, ein gar frisches Ding, deren rosige Fülle man unter dem straffen Stoff des Kleides erraten konnte. Ich sagte ihr ein paar dumme verliebte Redensarten, wie man das diesen Wesen gegenüber immer thut. Und da sie wirklich sehr nett war, kam mir plötzlich der Gedanke, sie mitzunehmen, immer noch, um meinen vierzigsten Geburtstag zu feiern. Das war weder schwierig, noch langwierig. Seit vierzehn Tagen, sagte sie, habe sie kein Verhältnis, und sie nahm an, nachdem ihr Dienst beendet sei, mit mir soupieren zu gehen. Da ich fürchtete, daß sie mich versetzen könne, – man weiß ja nie, was geschehen, noch wer in so eine Kneipe kommen kann, noch welcher Wind in so einem Mädchenhirn bläst – blieb ich den ganzen Abend sitzen, um auf sie zu warten. Ich war gleichfalls frei, vielleicht seit ein oder zwei Monaten, und fragte mich, als ich diese niedliche Anfängerin in der Liebe von einem Tisch zum anderen gehen sah, ob ich nicht mit ihr auf einige Zeit einen Kontrakt abschließen sollte. Ich erzähle Ihnen da eine jener gewöhnlichen Begegnungen des täglichen Lebens eines jungen Mannes in Paris. Entschuldigen Sie diese etwas groben Einzelheiten. Wer nicht ideal geliebt hat, nimmt und wählt sich ein Mädchen, wie man beim Fleischer eine Kotelette kauft, und kümmert sich nur um die Güte des Fleisches. Ich ging also mit zu ihr – denn ich achte mein Heim. Es war eine kleine Arbeiterwohnung im fünften Stock, reinlich und ärmlich. Ich brachte dort zwei nette Stunden zu, die Kleine hatte einen seltenen Liebreiz und nettes Benehmen. Ehe ich fortging, trat ich an den Kamin, um dort das übliche Geschenk niederzulegen, nachdem ich ein zweites Stelldichein mit dem Mädchen verabredet hatte. Sie lag noch im Bett, und ich weiß noch, daß ich unter einer Glasglocke eine Kaminuhr sah, dann zwei Blumenvasen und zwei Photographien, deren eine, eine alte, ein Daguerreotyp war. Zufällig beugte ich mich zu dem Bild nieder und fuhr erschrocken zurück. Ich war so erstaunt, daß ich es zuerst garnicht recht fassen konnte. Es war mein Bild, das erste Bild, das von mir gemacht worden, das ich hatte anfertigen lassen, als ich damals im Quartier latin studierte. Ich nahm es hastig in die Hand, um es näher zu betrachten. Ich irrte mich nicht. Ich hatte Lust, laut aufzulachen, so unerwartet und komisch schien es mir. Ich fragte: – Wer ist denn dieser Herr? Sie antwortete: – Das ist mein Vater. Ich habe ihn nicht gekannt, Mama hat mir das Bild gelassen und gesagt, ich solle es aufheben, es könnte mir vielleicht mal nützlich sein. Sie zögerte, begann zu lachen und sagte: – Ich weiß allerdings nicht, was es mir helfen soll, er wird doch nicht gerade kommen, um mich anzuerkennen. Mein Herz klopfte mit der Geschwindigkeit eines durchgehenden Pferdes. Ich legte das Bild auf den Kamin und darauf, ohne recht zu wissen, was ich eigentlich that, zwei Banknoten von hundert Franken, die ich gerade in der Tasche hatte. Dann lief ich davon und rief: – Auf Wiedersehen, mein Herz! Auf Wiedersehen. Ich hörte, das sie antwortete: »Dienstag«, ich stand auf der dunklen Treppe und tastete mich hinab. Als ich auf die Straße trat, gewahrte ich, daß es regnete, und mit eiligem Schritt rannte ich durch irgend eine Gasse davon. Ich lief und lief, verzweifelt, außer mir, und suchte mich zu entsinnen. War es möglich? Jawohl! Plötzlich entsann ich mich eines Mädchens, das mir etwa einen Monat nach unserem Bruch geschrieben hatte, daß sie von mir in anderen Umständen wäre. Ich hatte den Brief zerrissen und verbrannt und die Geschichte vergessen. Ich hätte die Photographie der Frau auf dem Kamin bei der Kleinen ansehen sollen. Aber hätte ich sie wohl wiedererkannt? Mir war eine dunkle Erinnerung, als wäre es eine alte Frau gewesen. Ich kam an den Quai, sah eine Bank stehen und setzte mich. Es regnete, ab und zu gingen Leute mit Regenschirmen vorüber. Das Leben erschien mir ekelhaft, empörend, voller Unglück, Schmach, unbewußter und bewußter Niedrigkeit. Meine Tochter! Vielleicht hatte ich bei meiner Tochter geschlafen. Und Paris, das dunkle, traurige, schmutzige, trübselige, düstere Paris, mit all den geschlossenen Häusern steckte voll solcher Dinge, Ehebruch, Blutschande, Notzucht. Ich hatte, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, schlimmer gehandelt, als irgend eines jener niedrigen Wesen. Ich hatte bei meiner Tochter geschlafen. Ich wollte mich ins Wasser stürzen, ich war verrückt, ich irrte bis Tagesanbruch umher, dann kehrte ich heim, um nachzudenken. Und da that ich, was mir das Vernünftigste schien, ich bat einen Notar, das Mädchen zu sich kommen zu lassen und zu fragen, unter welchen Umständen ihr die Mutter das Bild dessen hinterlassen hätte, der, wie sie meinte, ihr Vater sein sollte. Ich sagte dem Notar, ich thäte das im Namen eines Freundes. Der Notar kam meinem Auftrage nach. Auf dem Totenbette hatte die Frau ihrer Tochter den Vater genannt und im Beisein eines Priesters, dessen Namen man mir auch sagte. Da ließ ich wiederum im Namen des unbekannten Freundes dem Kinde die Hälfte meines Vermögens zustellen, gegen vierzigtausend Franken, wovon sie aber nur die Zinsen erheben kann. Darauf quittierte ich den Dienst, und hier bin ich. Als ich an dieser Küste umherirrte, fand ich diesen Berg, da bin ich geblieben. Auf wie lange, weiß ich nicht. Was denken Sie von mir und von dem, was ich gethan habe? Ich antwortete, indem ich ihm die Hand drückte: – Sie haben gethan, was Sie thun mußten. Mancher andere hätte diesem fürchterlichen Zufall weniger Wichtigkeit beigemessen. Er antwortete: – Das weiß ich wohl, aber ich hätte darüber verrückt werden können. Es scheint, daß ich eine empfindsame Seele besaß, ohne daß ich es selber geahnt. Und nun fürchte ich mich vor Paris, wie der Gläubige sich wohl vor der Hölle fürchten mag. Ich habe einen Schlag auf den Kopf bekommen, wie wenn einem auf der Straße plötzlich ein Dachziegel auf den Kopf fällt. Seit einiger Zeit fühle ich mich leichter. Ich verließ den Einsiedler, tief bewegt über seine Erzählung. Zwei Mal habe ich ihn noch wieder gesehen, dann reiste ich ab, denn nach Ende Mai bleibe ich nicht mehr im Süden. Als ich das folgende Jahr wiederkehrte, befand sich der Mann nicht mehr am Schlangenberg, und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Das ist die Geschichte meines Einsiedlers. Fräulein Perle I Es war eine komische Idee von mir, an dem Abend Fräulein Perle zur Königin zu bitten. Ich verbringe alljährlich den Dreikönigstag bei meinem alten Freund Chantal. Als ich Kind war nahm mich immer mein Vater, dessen intimster Kamerad er war, dorthin mit, und ich werde dorthin gehen, so lange ich lebe und so lange es einen Chantal auf der Welt giebt. Übrigens haben die Chantal eine ganz eigene Art zu leben: sie leben in Paris so, als ob sie etwa in Grasse, Yvetot oder Pont-à-Mousson wohnten. Sie besitzen in der Nähe des Observatoriums ein Haus in einem kleinen Garten, und dort verbringen sie ihr Dasein wie in der Provinz, vom wirklichen Paris kennen und ahnen sie nichts; sie sind weit, weit fort. Und doch unternehmen sie manchmal dorthin eine lange Reise. Frau Chantal geht große Einkäufe machen, wie sie es in der Familie nennen. Dies »Einkäufe machen« findet folgendermaßen statt: Fräulein Perle, die die Küchenschrankschlüssel führt, (denn der Wäscheschrank untersteht der Herrin des Hauses selbst) Fräulein Perle meldet, daß der Zucker zu Ende geht, daß die Konserven bald alle sind und daß in der Kaffeebüchse nicht mehr viel ist. Nachdem Frau Chantal so vor kommender Hungersnot gewarnt worden ist, beaugenscheinigt sie, was noch da ist und notiert sich das in einem Notizbuch. Wenn sie dann eine Menge Zahlen aneinandergereiht hat, kommen zuerst lange Berechnungen und dann lange Besprechungen mit Fräulein Perle. Jedoch endlich einigen sie sich, und es wird festgestellt, wie viel man anschaffen muß, damit es drei Monate reicht, nämlich: Zucker, Reis, Pflaumen, Kaffee, Eingemachtes, Schoten, Bohnen, Hummer, geräucherten oder gesalzenen Fisch alles in Büchsen, und so weiter und so weiter. Dann wird der Tag für die Einkäufe festgestellt, und in einer Gepäckdroschke fahren die beiden zu einer großen Kolonialwarenhandlung jenseits der Seine in das neue Stadtviertel. Frau Chantal und Fräulein Perle machen geheimnisvoll diese Reise miteinander und kommen zur Essenszeit totmüde, obgleich noch ganz aufgeregt, zurück, zusammengerüttelt von der Droschke, deren Verdeck mit Paketen und Säcken beladen ist, wie ein Umzugswagen, Für die Chantal bedeutete alles, was auf der anderen Seite der Seine liegt, Neuland, Stadtviertel, von ganz sonderbaren wenig anständigen, lärmenden Leuten bewohnt, die den Tag über nichts thun, die Nacht sich amüsieren und das Geld zum Fenster hinauswerfen. Dennoch wurden ab und zu die jungen Mädchen ins Theater geführt, in die komische Oper oder auch in das Theatre Français, wenn das Stück von der Zeitung, die Herr Chantal liest, empfohlen ward. Die jungen Mädchen sind heute siebzehn und neunzehn Jahr alt zwei schöne, große frische Mädchen, gut erzogen, zu gut erzogen, so gut, daß man sie, wie zwei Puppen, niemals bemerkt. Mir würde nie der Gedanke kommen, auf die Fräulein Chantal aufmerksam zu werden oder ihnen den Hof zu machen. Man wagt kaum, mit ihnen zu reden, so unnahbar fühlt man sie, man fürchtet beinah, etwas Unrechtes zu thun, wenn man sie nur begrüßt. Der Vater aber ist ein reizender Mann, sehr unterrichtet, offen, herzlich, der aber vor allem Ruhe liebt, Stille, und der viel dazu beigetragen hat, seine Familie zu mumificieren, um nach seinem Geschmack in vollkommener Ruhe leben zu können. Er liest viel, spricht gern und ist leicht gerührt. Weil er mit niemand in Berührung kommt, mit niemand aneinandergerät und nie kämpfen muß, ist er sehr empfindlich und zart geworden. Die geringste Kleinigkeit empört ihn, stört ihn und bereitet ihm Schmerzen. Die Chantal haben jedoch Verkehr, wenn auch nur sehr beschränkten, sehr vorsichtig in der Nachbarschaft ausgewählten. Zwei oder drei Mal im Jahr wechseln sie auch wohl mit Verwandten, die entfernt wohnen, Besuche. Ich lade mich bei ihnen zum Essen ein jeden fünfzehnten August und am Dreikönigstage. Das ist mir Pflicht geworden, wie die Osterbeichte den Katholiken. Am fünfzehnten August werden ein paar Freunde eingeladen, aber am Königstag bin ich der einzige Fremde. II Ich bin also dieses Jahr wie jedes Jahr zu den Chantal zum Essen gegangen, um Epiphanias zu feiern. Wie immer, umarmte ich Herrn Chantal, Frau Chantal und Fräulein Perle und machte Fräulein Louise und Pauline eine tiefe Verbeugung. Man befragte mich über tausend Dinge, was in der Stadt los ist oder in der Politik, was man über Tonkin dächte und über unseren Gesandten dort. Frau Chantal, eine dicke Dame, deren Ideen mir alle einen eckigen Eindruck machten, hatte sich angewöhnt, jede politische Unterhaltung mit den Worten zu schließen: »Das wird sich noch später rächen.« Warum habe ich mir nur immer eingebildet, daß alle Gedankengänge der Frau Chantal viereckig sein müssen? Ich weiß nicht recht, aber in meiner Vorstellung nimmt alles, was sie sagt, die Gestalt eines Quadrats an mit vier rechten Winkeln. Die Ideen anderer Menschen erscheinen mir immer rund oder rollend wie Reifen. Sobald sie einen Satz begonnen haben, rollt es weiter, geht von selbst, zehn, zwanzig, fünfzig runde Ideen, groß und klein hintereinander, die eine der anderen nachlaufen bis ans Ende des Horizontes. Wieder andere Menschen haben auch spitze Ideen, ... na, sei es wie es sei. Wie immer, setzten wir uns zu Tisch, und das Essen ging zu Ende, ohne daß etwas von Bedeutung gesagt worden wäre. Beim Dessert wurde der Königskuchen gebracht. Übrigens war Herr Chantal alljährlich König. War es Zufall oder Familienüberlieferung, das weiß ich nicht, aber immer er fand die Bohne in seinem Kuchenstück und ernannte Frau Chantal zur Königin. So war ich denn sehr erstaunt, als ich in meinem Bissen etwas so Hartes entdeckte, daß ich mir beinah einen Zahn ausgebissen hätte. Ich zog den Gegenstand vorsichtig aus dem Munde, gewahrte eine kleine Porzellanpuppe, nicht größer, denn eine Bohne, und rief erstaunt: »Ach!« Alle blickten mich an, und Chantal rief, indem er in die Hände klatschte: »Gaston hat sie, Gaston hat sie! Es lebe der König!« Alle wiederholten im Chor: »Es lebe der König!« Und ich errötete bis an die Ohren, wie man oft errötet in thörichten Situationen. Ich blieb mit niedergeschlagenen Augen sitzen, hielt zwischen zwei Fingern das Porzellanstück, bemühte mich zu lachen und wußte nicht, was ich thun und sagen sollte, als Chantal rief: – Nun heißt es, eine Königin suchen. Jetzt wußte ich nicht, was thun. In einer Sekunde kamen mir tausend Gedanken und Überlegungen. Wollte man etwa, daß ich eine der Fräulein Chantal bezeichnen sollte? War das vielleicht ein Mittel, um mich zum Geständnis zu bringen, welche mir besser gefiele? War es vielleicht ein leichter unmerklicher Vorstoß der Eltern zu etwaiger Heirat. Der Gedanke an eine Heirat irrt fortwährend in den Häusern umher, in denen es erwachsene Töchter giebt, und nimmt alle Formen an, alle Mittel und Verhüllungen. Eine entsetzliche Furcht, mich zu kompromittieren, überkam mich und auch eine große Befangenheit angesichts der so tadellosen, verschlossenen Haltung von Louise und Pauline. Die eine unter Vernachlässigung der anderen wählen, erschien mir ebenso schwierig, wie zwischen zwei Wassertropfen eine Wahl zn treffen. Und dann überfiel mich mit Entsetzen der Gedanke, daß ich etwa da in eine Geschichte hineingeraten könnte, die mich gegen meinen Willen ganz allmählich doch zur Ehe geführt hätte, durch ganz geheime, unauffällige und ebenso diskrete Vorgänge, wie diese unbedeutende Königsschaft war, die ich eben angetreten. Aber plötzlich kam mir ein Gedanke, und ich hielt Fräulein Perle die symbolische Puppe entgegen. Zuerst war alle Welt erstaunt, dann lobte man ohne Zweifel mein Zartgefühl und meine Diskretion, denn sie klatschten alle eifrig Beifall und riefen: »Es lebe die Königin! Es lebe die Königin!« Sie aber, das arme, alte Mädchen, hatte alle Haltung verloren, zitterte verstört und stammelte: – Aber nein, ich nicht! Bitte, ich nicht, ich nicht! Da blickte ich zum ersten Mal Fräulein Perle an und fragte mich, was eigentlich hinter ihr stecke. Ich war gewohnt, sie in diesem Haus zu sehen, wie etwa einen alten Stuhl, auf den man sich seit seiner Kindheit gesetzt hat, ohne auf ihn zu achten. Eines Tages, man weiß nicht warum, wenn ein Sonnenstrahl auf den Sitz fällt, sagt man sich plötzlich: »Herr Gott, das Möbel ist ja eigentlich sehr interessant!« Und man entdeckt, daß das Holz von einem Künstler geschnitzt worden und daß der Stoff prachtvoll ist. Ich hatte nie auf Fräulein Perle geachtet. Sie gehörte zur Familie Chantal, mehr wußte ich nicht. Aber in welcher Eigenschaft? Es war ein großes, mageres Geschöpf, das sich bemühte, unbemerkt zu bleiben, aber doch nicht unbedeutend war. Man behandelte sie freundschaftlich, besser als eine Bedienstete und doch weniger gut wie eine Verwandte. Und plötzlich fielen mir eine Menge Kleinigkeiten auf, die ich bisher garnicht beachtet. Frau Chantal sagte: »Perle«, die jungen Mädchen: »Fräulein Perle« und Chantal nannte sie nur etwas steifer vielleicht: »Fräulein«. Ich betrachtete sie. Wie alt mochte sie sein? Vierzig Jahr? Ja, vierzig. Sie war nicht alt, dieses Mädchen, aber sie machte sich alt. Und plötzlich war ich ganz erstaunt über diese Entdeckung. Sie frisierte und zog sich lächerlich an, trotzdem hatte sie nichts Lächerliches, sondern besaß eine natürliche, einfache, versteckte, absichtlich verborgene Anmut. Wirklich ein seltsames Geschöpf. Wie kam es nur, daß ich sie nie genauer beobachtet hatte? Sie frisierte sich ganz sonderbar mit kleinen, alten, verrückten Löckchen, und unter dieser altjüngferlichen Haartracht sah man eine große, ruhige Stirn, durch zwei tiefe Runzeln, Runzeln, die langer Kummer gezogen, geteilt, dann zwei blaue Augen groß, milde blickend, verlegen, ängstlich, demütig zwei schöne Augen, naive, erstaunte Kinderaugen in denen man von Empfindungen junger Jahre und von vergangenem Leid las, das sie nur weich gemacht, aber nicht ihre Seele verhärtet. Das feine, zarte Gesicht zeigte jene Züge, die erloschen sind, ehe sie verbraucht wurden, oder verwelkt durch Müdigkeit oder starke Leidenschaften. Dazu hatte sie einen hübschen Mund, reizende Zähne, aber es war, als wagte sie nicht zu lachen. Und plötzlich verglich ich sie mit Frau Chantal. Gewiß war Fräulein Perle hübscher, hundert Mal hübscher, feiner, vornehmer, stolzer. Ich war ganz erstaunt über meine Beobachtungen. Der Champagner wurde eingegossen. Ich streckte mein Glas der Königin entgegen und trank in wohlgesetzter Rede auf ihre Gesundheit. Sie hätte am liebsten, das bemerkte ich, ihr Gesicht in der Serviette versteckt. Als sie dann ihre Lippen mit dem klaren Trank netzte, riefen alle: »Die Königin trinkt! Die Königin trinkt!« Nun wurde sie ganz rot und verschluckte sich. Man lachte, aber ich merkte wohl, daß man sie im ganzen Haus gern hatte. III Sobald wir gegessen hatten, nahm mich Chantal beim Arm. Es war die heilige Stunde seiner Cigarre. Wenn er allein war, ging er auf die Straße, um zu rauchen, wenn er jemand eingeladen hatte, begab man sich in das Billardzimmer hinauf, und dort spielte er und rauchte dazu. An diesem Abend hatte man sogar im Billardzimmer Feuer gemacht wegen des Dreikönigstages, und mein alter Freund nahm sein Queue, ein sehr dünnes Queue, und rieb die Spitze mit Kreide ein. Dann sagte er: – Du bist dran, mein Junge. Denn er nannte mich »Du«, obgleich ich fünfundzwanzig Jahr alt war. Aber er kannte mich ja von Kindheit an. Ich begann also zu spielen, machte ein paar Carambolagen, dann einige Fehlstöße. Aber da ich immerfort an Fräulein Perle dachte, fragte ich plötzlich: – Sagen Sie doch einmal, Herr Chantal, sind Sie eigentlich mit Fräulein Perle verwandt? Er hielt inne im Spiel und sah mich erstaunt an: – Was denn? Kennst Du denn nicht Fräulein Perles Geschichte? – Nein. – Ja, hat sie Dir denn Dein Vater nicht erzählt? – Nein. – Na hör' mal, das ist aber komisch, das ist aber komisch, denn das ist ja eine ganze Geschichte. Er schwieg. Dann fuhr er fort: – Und wenn Du wüßtest, wie sonderbar das ist, daß Du mich gerade heute das fragst am Dreikönigstag. – Warum? – Ja, hör mal zu. Heute ist's gerade einundvierzig Jahr her, heute am Dreikönigstag. Wir wohnten damals in Rouy-le-Tors. Aber ich muß Dir erst erzählen, wie das Haus beschaffen war, damit Du die Geschichte verstehst. Rouy liegt auf einem Höhenzug oder vielmehr auf einem Hügel, der das Wiesenland überragt. Wir besaßen dort ein Haus mit einem hängenden Garten, der auf den alten Verteidigungsmauern angelegt war. Das Haus lag also in der Stadt auf der Straße, während der Garten die Ebene überragte. Der Garten hatte auch eine Pforte ins freie Feld hinaus am Fuß einer geheimen Treppe, die in der Mauerdicke hinunter führte, ganz romantisch. Eine Straße ging an dieser mit einer Klingel versehenen Thür vorbei, denn die Bauern brachten durch diese ihre Vorräte, um den Umweg zu vermeiden. Du siehst die Örtlichkeit vor Dir, nichtwahr? Kurz, in diesem Jahr am Dreikönigstag schneite es schon seit Wochen. Es war, als sollte die Welt untergehen. Als wir auf den Wall hinaufkletterten, um in die Ebene hinaus zu sehen, wehte uns förmlich ein eisiger Hauch durch die Seele, beim Anblick dieser riesigen, schneeweißen, eisigen Landschaft, die glänzte wie lackiert. Unsere Familie war damals zahlreich: mein Vater, meine Mutter, mein Onkel und meine Tante, meine beiden Brüder, meine vier Cousinen. Hübsche Mädchen, – ich habe die jüngste geheiratet. Von all den Menschen leben nur noch drei, meine Frau, ich und meine Schwägerin, die in Marseille wohnt. Herr Gott nochmal, wie so eine Familie allmählich abbröckelt! Ich zittere förmlich, wenn ich daran denke. Ich war damals fünfzehn Jahr alt, ... ja denn ich bin jetzt sechsundfünfzig. Wir wollten also das Dreikönigsfest feiern und waren lustig, sehr lustig. Wir warteten eben im Salon auf das Essen, da sagte mein ältester Bruder Jacques: – Seit zehn Minuten heult ein Hund draußen auf der Ebene. Der arme Kerl wird sich verlaufen haben. Er hatte kaum gesprochen, als die Glocke am Garten klang. Sie tönte dumpf, wie eine Kirchenglocke, die einem den Gedanken an ein Begräbnis naheführt. Alle zuckten zusammen. Mein Vater rief den Diener und sagte ihm, er solle nachsehen, wer da wäre. Wir schwiegen und warteten, wir dachten an den Schnee, der die ganze Erde bedeckte. Als der Mann wiederkam, sagte er, er habe nichts gesehen. Der Hund heulte noch immer, ununterbrochen und zwar immer an der gleichen Stelle. Man setzte sich zu Tisch, aber wir waren etwas erregt, vor allem die jungen Leute. Das blieb so bis zum Braten, da begann es wieder zu läuten, drei Mal hintereinander, drei Mal, lange und laut, daß es uns durch und durch ging bis in die Fingerspitzen, wir den Atem anhielten, uns anblickten, mit dem Bissen zum Munde innehaltend, plötzlich von einer Art fast übernatürlicher Furcht gepackt. Endlich sagte meine Mutter: – Es ist merkwürdig, daß man so lange gewartet hat, um wieder zu klingeln. Gehen Sie nicht allein nachsehen, Baptiste, einer der Herren geht mit. Mein Onkel Franz stand auf, eine Art Herkules, der sehr stolz auf seine Kraft war und sich vor nichts aus der Welt fürchtete. Mein Vater sagte zu ihm: – Nimm doch ein Gewehr mit, man weiß nie, was passieren kann. Aber mein Onkel nahm nur einen Stock in die Hand und ging sofort mit den Diener hinaus. Wir andern blieben, zitternd vor Schreck und Beklemmung, sitzen, ohne zu sprechen, ohne zu essen. Mein Vater suchte uns zu beruhigen: – Ihr werdet sehen, es ist irgend ein Bettler, der sich im Schneetreiben verirrt hat. Er hat zuerst geklingelt, dann ist nicht gleich geöffnet worden, und er hat versucht, den Weg weiter zu finden. Das ist ihm nicht geglückt, und er hat abermals an unserer Thür geklingelt. Es war uns, als bliebe der Onkel mindestens eine Stunde fort. Endlich kam er wütend und fluchend wieder: – Gott verdamm' mich, nichts ist zu sehen. Es hält uns einer zum besten! Nur der verfluchte Hund heult hundert Schritt von der Mauer. Wenn ich ein Gewehr mitgehabt hätte, hätte ich ihn totgeschossen, daß man Ruhe kriegte. Wir setzten uns wieder zum Essen. Aber alle behielten etwas Ängstliches, denn wir fühlten, daß es noch nicht zu Ende war, daß noch irgend etwas geschehen, daß die Glocke abermals läuten würde. Und sie begann zu läuten, gerade in dem Augenblick, als man den Königskuchen anschnitt. Alle Herren erhoben sich zu gleicher Zeit. Mein Onkel Franz, der ein paar Glas Champagner getrunken, hatte, schwor so wütend, er würde »ihn« totschlagen, daß Mutter und Tante ihm entgegentraten, ihn daran zu hindern. Und auch mein Vater erklärte, obgleich er sehr ruhiger Natur und, da er sich bei einem Sturz mit dem Pferde ein Bein gebrochen hatte und seitdem lahmte, auch körperlich behindert war, daß er auf jeden Fall wissen wollte, was los wäre und mitgehen würde. Meine Brüder, zwanzig und achtzehn Jahr alt, holten ihre Gewehre, und da niemand auf mich achtete, nahm ich ein Teschin, um mich auch der Expedition anzuschließen. Sie brach sofort auf; mein Vater und mein Onkel voraus mit Baptiste, der eine Laterne trug, meine Brüder Jacques und Paul folgten, ich schloß den Zug, trotz der Bitten meiner Mutter, die mit meiner Schwester und meinen Cousinen auf der Schwelle des Hauses blieb. Seit einer Stunde schneite es wieder, und die Bäume waren mit Schnee belastet. Die Tannen, wie weiße Pyramiden oder riesige Zuckerhüte, beugten sich unter dem hellen schweren Kleid, und man gewahrte kaum durch den dichten Schneeschleier die kleinen Gebüsche mitten in der Dunkelheit. Der Schnee fiel so dicht, daß man nicht zehn Schritt weit sehen konnte, aber die Laterne warf einen hellen Schein vor uns. Als wir die Treppe in der Mauer hinunter stiegen, hatte ich wirklich Angst. Es war mir, als ginge jemand hinter mir, als packte man mich bei den Schultern und schleppte mich fort, und ich wollte umkehren; aber da ich allein durch den großen Garten gemußt hätte, wagte ich es nicht. Ich hörte, daß man die Thür, die auf die Ebene hinausführte, öffnete. Dann fluchte mein Onkel: – Gott verdamm' mich, er ist fort! Wenn ich nur seinen Schatten sehe, schone ich ihn nicht, das Man sah die Dunkelheit der Ebene vor sich, oder vielmehr man fühlte sie, denn man sah nichts. Man gewahrte nur einen endlosen Schneeschleier oben, unten, geradeaus, rechts, links, überall. Mein Onkel begann von neuem: – Da ist ja der verfluchte Hund, der so heult. Ich werde ihm mal zeigen, daß ich schießen kann; dann haben wir wenigstens etwas erreicht. Aber mein Vater war gutmütig und sagte: – Wir wollen das arme Tier, das vor Hunger heult, lieber mitnehmen. Das arme Vieh bellt um Hilfe, wie ein Mensch ruft, der in Not ist. Komm! Und durch den dichten Vorhang von Schnee, durch das ewige Flockengeriesel, durch diesen Schaum, der die Nacht und die Luft erfüllte, der sich hin und her bewegte, fiel und schmelzend die Haut kältete, kältete, als würde sie verbrannt, ein thatsächlicher, heftiger Schmerz bei jeder Berührung der kleinen, weißen Flocken. Wir sanken bis zu den Knieen in diese kalte, leichte Decke ein und mußten die Beine hoch heben, um vorwärts zu kommen. Je weiter wir kamen, desto stärker und deutlicher wurde das Gebell Mein Onkel rief: – Da ist er! Und wir blieben stehen, wie um einen Feind, dem man in der Nacht begegnet, zu bespähen. Ich sah nichts, folgte den anderen und bemerkte den Hund. Er war gräßlich und phantastisch anzusehen: ein großer, schwarzer Hund, ein Schäferhund mit langem Fell und einem Wolfskopf; Er stand auf allen Vieren am Ende des langen Lichtscheins, den die Laterne auf den Schnee warf. Er rührte sich nicht, und blickte uns stumm an. Mein Onkel sagte: – Sonderbar, er geht weder vorwärts noch zurück. Ich möchte ihm doch mal eine Ladung auf den Pelz brennen. Mein Vater antwortete bestimmt: – Nein, wir müssen ihn mitnehmen. Da sagte mein Bruder Jacques: – Aber er ist nicht allein, da liegt etwas neben ihm. In der That befand sich etwas Graues, das man nicht unterscheiden konnte, hinter ihm. Und vorsichtig näherten wir uns. Als der Hund uns nahen sah, setzte er sich. Er sah gar nicht böse aus, schien sich vielmehr zu freuen, daß es ihm geglückt war, Menschen herbei zu rufen. Mein Vater ging gerade auf ihn zu und streichelte ihn. Der Hund leckte ihm die Hand,, und wir sahen, daß er an einen kleinen Wagen angebunden war, wie ein Puppengefährt, das ganz und gar in Wolldecken eingehüllt war. Wir nahmen sie vorsichtig ab, und als Baptiste seine Laterne der Öffnung des Wägelchens näherte, sahen wir darin ein kleines schlafendes Kind. Wir waren so erstaunt, daß keiner ein Wort sagen konnte. Mein Vater fand zuerst die Sprache wieder, und da er großherzig war, vielleicht etwas leicht begeistert, legte er die Hand auf das Dach des Wagens und sagte: – Armes verlassenes Wurm, du sollst zu uns gehören. – Und er befahl meinem Bruder, den Fund vor sich her zu schieben. Mein Vater sagte, in dem er seine Gedanken laut aussprach: – Gewiß, ein uneheliches Kind, dessen Mutter in dieser Dreikönigsnacht, in Erinnerung an den Gottessohn, an unsere Thür geklopft hat. Er blieb wieder stehen und rief vier Mal, so laut er konnte, nach allen vier Himmelsrichtungen in die Nacht hinaus: – Wir haben es gefunden! Dann legte er die Hand seinem Bruder auf die Schulter und sagte: – Siehst Du, Franz, wenn Du nun auf den Hund geschossen hättest.... Mein Onkel antwortete nicht, schlug aber ein Kreuz in der Dunkelheit, denn er war trotz allem, was er so redete, sehr religiös. Wir hatten den Hund losgebunden, der uns folgte. Unsere Rückkehr ins Haus war sehr nett. Wir gaben uns riesige Mühe, den Wagen die Treppe im Festungswall hinauf zu ziehen. Es gelang, und wir rollten ihn bis in den Flur des Hauses. Mama war zu komisch, glücklich und verstört zugleich, und meine kleinen Cousinen (die jüngste war sechs Jahr alt) sahen aus, wie vier Hühner um ein Nest. Endlich nahmen wir das Kind, das immer noch schlief, aus dem Wagen. Es war ein Mädchen von etwa sechs Wochen. In den Windeln fanden wir zehntausend Franken in Gold. Jawohl, zehntausend Franken, die Papa, um der Kleinen einmal eine Mitgift geben zu können, anlegte. Es war also kein Kind armer Leute, sondern vielleicht das Kind irgend eines Mannes der guten Gesellschaft und eines kleinen Bürgermädchens aus der Stadt, oder .... ach Gott, wir haben uns tausend Dinge überlegt und nie die Wahrheit erfahren, niemals. Den Hund erkannte kein Mensch als den seinen an, er war fremd in der Gegend. Jedenfalls mußte die oder der, der drei Mal an unserer Thür geklingelt hatte, unsere Eltern sehr genau kennen, um gerade sie ausgewählt zu haben. So trat Fräulein Perle denn im Alter von sechs Wochen in das Haus Chantal. Fräulein Perle wurde sie übrigens erst später genannt, zuerst wurde sie getauft: Marie Simonne Clara. Clara sollte ihr Familienname sein. Ich sage Dir, es war zu komisch, wie wir ins Eßzimmer kamen mit dem eben anfgewachten Wurm, das um sich blickte, Leute und Lichter anstarrend mit seinen unbestimmten, verwirrten, blauen Augen. Wir setzten uns wieder zu Tisch, der Kuchen ward verteilt. Ich wurde König und wählte zur Königin Fräulein Perle, wie Du vorhin. Sie wird wohl kaum an dem Tag von der Ehre, die man ihr anthat, etwas empfunden haben. Die Kleine wurde also adoptiert und in der Familie aufgezogen. Sie ward groß, Jahre vergingen. Sie war nett, artig, gehorsam, alle hatten sie gern, und hätte es meine Mutter nicht verhindert, wir hatten sie alle verzogen. Meine Mutter liebte Ordnung und führte das Regiment im Hause. Sie willigte zwar ein, die kleine Clara wie ein eigenes Kind zu halten, aber wollte doch, daß ein gewisser Unterschied gemacht würde, um den Abstand zu markieren. Sobald das Kind groß genug dazu war, wurde ihm seine Geschichte erzählt, ihm ganz langsam beigebracht und der Kleinen auseinandergesetzt, daß sie für die Chantal zwar ein Adoptivkind, aber schließlich doch eine Fremde sei. Clara begriff ihre Lage mit seltener Intelligenz, und erstaunlichem Instinkt und wußte die ihr angewiesene Stellung mit so großem Takt, auf so nette Weise zu behaupten, daß es meinen Vater rührte bis zu Thränen. Und auch meine Mutter rührte die leidenschaftliche Dankbarkeit und die etwas ängstliche Ergebung, der kleinen zärtlichen Kreatur so sehr, daß sie sie bald »meine Tochter« nannte. Manchmal, wenn die Kleine etwas Gutes, Nettes gemacht hatte, rückte meine Mutter ihre Brillengläser auf die Stirn, was bei ihr immer das Zeichen war, daß sie sich bewegt fühlte, und sagte: – Aber das Kind ist eine Perle, eine wahre Perle! – Dieser Name blieb der kleinen Clara, die für uns Fräulein Perle ward und blieb. IV Herr Chantal schwieg. Er saß auf dem Billard, baumelte mit den Beinen, die linke Hand spielte mit einer Kugel, während die rechte ein Stück Leinwand drückte, das gebraucht wurde, um auf der Schiefertafel die Zahlen auszuwischen und das wir das Kreidetuch nannten. Seine Wangen hatten sich gerötet, und er sprach mit dumpfer Stimme vor sich hin, ganz in Erinnerungen versunken, erzählte von vergangenen Dingen, versunkenen Ereignissen, die in seinem Gedächtnis aufstiegen, wie wenn man in einem alten Familiengarten, in dem man aufgewachsen ist, wieder einmal spazieren geht, und jeder Baum, jeder Weg, jede Pflanze, die spitzen Stechpalmen, die duftenden Lorbeerbäume, die Eiben, deren rötliche, dicke Beeren zwischen den Fingern zergehen, bei jedem Schritt in uns irgend ein Ereignis aus der Vergangenheit auftauchen lassen, eines jener kleinen Geschehnisse, die den Untergrund des ganzen Lebens bilden. Ich blieb ihm gegenüber stehen, lehnte mich an die Wand und stützte die Hand auf mein unnütz gewordenes Billardqueue. Nach einer Minute begann er von neuem: – Gott, wie hübsch war sie, mit achtzehn Jahren reizend und so riesig nett. O, das hübsche, hübsche und gute und brave und famose Mädchen! Sie hatte Augen, blaue Augen, durchsichtig, klar, wie ich niemals welche gesehen habe, nie. Er schwieg von neuem, und ich fragte: – Warum hat sie sich nicht verheiratet? Er antwortete, nicht mir, sondern wie auf das Wort »verheiratet.« – Warum? Warum? Ja, sie hat nicht gewollt. Und sie besaß doch dreißigtausend Franken und hatte mehrere Anträge. Sie hat nie gewollt. Sie hatte etwas Trauriges damals. Es war etwa, als ich meine Cousine, die kleine Charlotte, meine Frau, heiratete, mit der ich sechs Jahr verlobt war. Ich blickte Herrn Chantal an, und es war mir, als durchdränge ich seine Gedanken, als hätte ich plötzlich einen Blick gethan in eines jener einfachen und doch grausamen Dramen braver Menschen, ehrlicher Seelen, tadelloser Herzen, in eines jener unentdeckten, uneingestandenen Herzensgeheimnisse, die niemand geahnt hat, nicht einmal, deren stumme, ergebene Opfer selbst. Und plötzlich überkam mich die Neugierde: – Hätten Sie sie denn nicht heiraten mögen, Herr Chantal? Er zuckte zusammen, blickte mich an und sagte: – Ich? Wen heiraten? – Fräulein Perle. – Warum denn? – Sie liebten sie doch mehr, wie Ihre Cousine. Er blickte mich mit seltsamen, runden, verstörten Augen an. Dann stammelte er: – Ich habe sie geliebt? Ich? Wieso? Wer hat Dir denn das gesagt? – Na, das sieht man doch, und ihretwegen haben Sie doch so lange gewartet, ehe Sie Ihre Cousine heirateten, mit der Sie sechs Jahre verlobt waren. Er ließ die Kugel fahren, die er mit der linken Hand gehalten, packte das Kreidetuch mit beiden Händen, hielt es vor das Gesicht und begann zu schluchzen. Er weinte verzweifelt und lächerlich, gleich einem Schwamm, den man ausdrückt, aus Augen, Nase und Mund gleichzeitig, und er hustete, spuckte, schnaubte in das Kreidetuch, wischte sich die Augen, nieste, und aus allen Öffnungen seines Gesichtes begann es zu laufen, und es rasselte ihm in der Kehle, als gurgelte er. Ich war ganz erschrocken, beschämt und wollte davon laufen. Ich wußte nicht, was ich sagen, was versuchen, was thun sollte, und plötzlich klang Frau Chantals Stimme auf der Treppe: – Seid ihr bald fertig mit rauchen? Ich öffnete die Thür und rief: – Jawohl, gnädige Frau, wir kommen. Dann stürzte ich mich auf ihren Mann, nahm ihn beim Arm: – Herr Chantal, mein Freund Chantal, hören Sie doch, Ihre Frau ruft Sie. Fassen Sie sich, fassen Sie sich! Sie müssen hinuntergehen. Er stammelte: – Ja, ja, ich komme. Armes Mädchen! Sagen Sie ihr nur, ich komme. Und sorgfältig begann er sich das Gesicht abzuwischen mit dem Tuch, das seit zwei oder drei Jahren alle Striche auf der Schiefertafel weglöschte. Hann erschien er halb weiß, halb rot, Stirn, Nase, Wangen und Kinn voll Kreide geschmiert, mit geschwollenen Augen, in denen noch die Thränen standen. Ich nahm ihn bei der Hand und zog ihn in sein Zimmer, mit den Worten: – Ich bitte um Verzeihung, ich bitte vielmals um Verzeihung, das hat Ihnen weh gethan, aber ich wußte es doch nicht. Verstehen Sie? Er drückte meine Hand: – Ja, ja, es giebt böse Augenblicke. Dann steckte er das Gesicht in die Waschschale. Als er aber daraus auftauchte, schien er mir immer noch nicht gesellschaftsfähig und ich kam auf eine kleine List. Da er sich ängstigte, als er in den Spiegel blickte, sagte ich: – Sie brauchen ja bloß zu erzählen, es wäre Ihnen was ins Auge geflogen, und können dann vor aller Welt weinen, so viel Sie wollen. Er ging in der That hinunter und rieb sich, die Augen mit dem Taschentuch. Man wurde ängstlich, jeder wollte den Staub, der ihm ins Auge geflogen, sehen, aber man fand nichts. Und nun wurden ähnliche Fälle erzählt, wo man sogar den Arzt hatte holen müssen. Ich war zu Fräulein Perle gegangen, blickte sie mit quälender Neugierde an, einer Neugierde, die fast schmerzhaft wurde. Sie mußte in der That sehr hübsch gewesen sein mit den großen, ruhigen Augen, so groß, als schlösse sie sie nie, wie andere Menschen. Ihr Anzug war etwas lächerlich, gleich dem einer alten Jungfer, er machte sie nicht gerade ungeschickt, aber kleidete sie nicht. Und es war mir, als blicke ich in ihre Seele, wie ich vorhin in die Seele des Herrn Chantal geschaut. Und ich sah von Anfang bis zu Ende dies einfache, demütige, gottergebene Dasein vor mir. Der Wunsch kam mir auf die Lippen, ein quälender Wunsch, sie zu fragen, zu wissen, ob auch sie ihn geliebt hätte, ob sie, wie er, heimlich lange gelitten in jener Art, die man nicht sieht, von der man nichts weiß, die man nicht errät, aber die sich nachts in der Dunkelheit des einsamen Zimmers löst. Ich blickte sie an, ich sah unter dem Einsatz ihres Kleides ihr Herz klopfen. Und ich fragte mich, ob dieses ruhige Gesicht jeden Abend gestöhnt, in das weiche dicke Kopfkissen geschluchzt, und ihr Leib fieberhaft in der Hitze des Bettes gezuckt hatte. Und ich sagte ihr ganz leise, wie ein Kind, das ein Spielzeug zerbricht, um hinein zu gucken: – Wenn Sie vorhin Herrn Chantal hätten weinen sehen, hätten Sie Mitleid gehabt. Sie zuckte zusammen: – Was, er hat geweint? – Ja, ja, er weinte. – Und warum denn? Sie schien sehr bewegt. Ich sagte: – Ihretwegen! – Meinetwegen? – Ja. Er hat mir erzählt, wie er Sie früher geliebt hat, und wie schwer es ihm geworden ist, statt Ihrer seine Frau zu heiraten. Ihr bleiches Gesicht schien etwas länger zu werden, die immer offenen Augen, diese ruhigen Augen schlossen sich plötzlich, so schnell, als wären sie für immer zu. Sie glitt vom Stuhl zu Boden und sank langsam, wie eine Schärpe, die heruntergefallen, in sich zusammen. Ich rief: – Hilfe, Hilfe! Fräulein Perle ist unwohl. Frau Chantal und ihre Töchter liefen herbei, und wie man Wasser holte, eine Serviette und Essig, nahm ich meinen Hut und rannte spornstreichs davon. Ich eilte davon mit großen Schritten, mit klopfendem Herzen, voller Gewissensbisse und Bedauern. Und doch war ich wieder zufrieden, es war mir, als hätte ich etwas Notwendiges und Gutes gethan. Ich fragte mich: Hatte ich unrecht, hatte ich recht? Sie hatten das beide in der Seele, wie man eine Kugel in einer geschlossenen Wunde stecken hat; werden sie jetzt nicht glücklicher sein? Jetzt war es zu spät, als daß ihre Qual von neuem begonnen hätte und früh genug, um milde ihrer zu gedenken. Und vielleicht werden sie eines Abends im kommenden Lenz, durch einen Mondstrahl innerlich bewegt, der zu ihren Füßen durch die Zweige auf das Gras fällt, sich bei den Händen nehmen, sie sich drücken in Erinnerung all dieser erstickten, grausamen Leiden. Und vielleicht wird auch dieser kurze Druck in ihre Adern ein wenig von jenem Schauer gießen, den sie nie kennen gelernt haben, und wird ihnen in einer Sekunde das jähe, göttliche Gefühl der Trunkenheit eingeben, jenes Rausches, der den Liebenden in einem Zittern mehr Glück bereitet, als andere Menschen ihr ganzes Leben hindurch genießen. Rosalie Prudent Es war wirklich etwas Geheimnisvolles dabei, das weder die Geschworenen, noch der Präsident, noch selbst der Staatsanwalt begreifen konnten. Die unverehelichte Rosalie Prudent, Dienstmädchen bei dem Ehepaar Varambot in Mantes, die schwanger geworden war, ohne daß ihre Herrschaft etwas davon wußte, hatte während der Nacht in ihrem Mansardenzimmer ein Kind zur Welt gebracht, dasselbe dann getötet und im Garten verscharrt. Es war die gewöhnliche Geschichte wie bei allen Kindesmorden durch Dienstmädchen. Aber eins war dabei nicht zu erklären. Die Durchsuchung des Zimmers der Rosalie Prudent hatte zur Entdeckung einer ganzen Baby-Ausstattung geführt, die das Mädchen selbst hergestellt, indem es drei Monate hindurch nachts zugeschnitten und genäht. Der Kaufmann, bei dem sie zu ihrer nächtlichen Arbeit Kerzen gekauft hatte von ihrem Monatslohn, war als Zeuge aufgetreten. Und dann war es Thatsache, daß die Hebamme durch das Mädchen von ihrem Zustand in Kenntnis gesetzt worden und ihr praktische Ratschläge und Verhaltungsmaßregeln gegeben, für den Fall, daß das Ereignis sich zutrüge in einem Augenblick, wo sie nicht beistehen konnte. Außerdem hatte die Prudent, die ihre Dienstentlassung voraussah, weil das Ehepaar Varambot in so etwas keinen Spaß verstand, sich schon in Poissy eine andere Stelle gesucht. Da standen nun vor Gericht Mann und Frau, kleine Rentner aus der Provinz, wütend gegen diese Person, die ihr Haus beschmutzt. Am liebsten hätten sie es gesehen, wenn man ihr sofort ohne Richterspruch den Kopf abgeschlagen hätte. Sie bestürmten sie mit gehässigen Aussagen, die in ihrem Mund zur Anklage wurden. Die Schuldige, ein großes, schönes Mädchen aus der Nieder-Normandie, die für ihren Stand ziemlich gebildet war, weinte unausgesetzt und antwortete nicht. Es blieb nur die Möglichkeit, daß sie die grauenvolle That in einem Augenblick von Verzweiflung und Geistesstörung vollbracht, weil alles darauf deutete, daß sie gehofft hatte, ihren Sohn am Leben zu erhalten und groß zu ziehen. Der Präsident versuchte noch einmal, sie zum Sprechen, zum Geständnis zu bringen. Nachdem er ihr mit großer Weichheit zugeredet, erklärte er endlich, daß alle diese Männer, die hier versammelt waren, um sie abzuurteilen, ihren Tod nicht im Entferntesten wollten und sogar Mitleid mit ihr hätten. Da entschloß sie sich zu reden. Er fragte: – Nun sagen Sie uns mal, wer der Vater des Kindes ist – Bis dahin hatte sie es beharrlich verborgen. Sie antwortete plötzlich und blickte ihre Herrschaft an, die sie eben wütend verdächtigt: – Es ist der junge Herr Josef, der Neffe des Herrn Varambot. Die beiden Gatten fuhren auf und riefen wie aus einem Munde: – Das ist nicht wahr, das ist gelogen! Das ist eine Unverschämtheit! Der Präsident wies sie zur Ruhe und sagte: – Fahren Sie ruhig fort und erzählen Sie uns, wie das gekommen ist. Da begann sie plötzlich mit unendlicher Redeflut zu sprechen, indem sie ihr bis dahin verrammeltes, einsames, gebrochenes Herz erleichterte, ihre ganze Qual ausschüttete vor diesen ernsten, Männern, die sie bis dahin für ihre Feinde und unbeugsamen Richter gehalten: – Ja, Herr Josef Varambot ist's gewesen. Bei seinem letzten Urlaub vergangenes Jahr. – Was ist denn Herr Josef Varambot? – Unteroffizier bei der Artillerie, Herr Präsident. Er blieb zwei Monate im Haus, zwei Sommermonate. Ich dachte weiter nichts, wenn er mich anguckte und mir schöne Sachen sagte, und dann hat er mich den ganzen Tag über verfolgt, und ich habe mich bethören lassen, Herr Präsident. Er sagte, ich wäre ein schönes Mädchen, und ich wäre nett... Ich gefiele ihm... und mir gefiel er allerdings... Ja, was kann man dafür? Man hört so was an, wenn man ganz allein ist, ganz allein wie ich. Ich stehe ganz, allein auf der Welt, Herr Präsident, ich habe niemand, mit dem ich reden, niemand, dem ich meine Bedrängnisse mitteilen könnte. Ich habe keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester, keinen Menschen. Das war so etwa, wie ein Bruder, der wiedergekommen war, wenn er so mit mir sprach. Und dann hat er mir eines Abends gesagt, wir wollten doch einmal an den Fluß hinuntergehen, um uns zu unterhalten, daß man es nicht hören sollte. Na, und da bin ich mitgegangen. Ja, und ich weiß nicht, ich weiß nicht, da hat er mich umfaßt.... Ich wollte gewiß nicht, nee, nee, sicher nicht. Ich konnte nicht... Ich hatte Lust, zu weinen, es war so schwül.... und Mondschein.... Ich konnte nicht, nee, ich schwör's Ihnen, ich konnte nicht. Da hat er gethan, was er wollte..... Das dauerte drei Wochen, so lang er da war..... Ich wäre ihm bis ans Ende der Welt nachgelaufen ... er ist fortgemacht.. Ich wußte nicht, daß ich ein Kind hatte... das merkte ich erst einen Monat darauf. Sie begann so zu weinen, daß man ihr Zeit lassen mußte, sich erst wieder zu erholen. Dann sagte der Präsident, mild wie der Geistliche im Beichtstuhl: – Nun fassen Sie sich, erzählen Sie weiter. Und sie fuhr fort: – Als ich merkte, daß ich ein Kind hatte, habe ich Frau Boudin, die Hebamme, gefragt, die doch dafür da ist, habe gefragt, was ich machen soll, wenn es kommt und sie wäre nicht da. Und dann habe ich Nacht um Nacht bis ein Uhr morgens die Ausstattung gemacht. Dann habe ich eine andere Stelle gesucht, denn ich wußte ja, daß sie mich fortschicken würden. Aber ich wollte bis zuletzt im Haus bleiben, um das Geld noch mitzunehmen, denn ich habe doch nischt und ich brauchte doch welches für das Kleene. – Sie wollten es also nicht töten? – Aber nee, Herr Präsident. – Ja, warum haben Sie es denn getötet? – Ja, das ist doch gerade so. Das ist früher losgegangen, als ich dachte. Als ich in der Küche Geschirr aufwusch, da ging's los. Herr und Frau Varambot schliefen schon. Ich gehe also hinauf, schwer wurde mir's, zog mich am Geländer und legte mich auf die Erde, um mein Bett zu schonen. Es hat vielleicht eine Stunde gedauert, vielleicht zwei, vielleicht drei, das weiß ich nicht, so weh hat's mir gethan. Dann habe ich alle Kraft zusammengenommen und fühlte, es war da und hab's aufgenommen. Ach, ich war doch so glücklich, sicher! Ich habe alles gethan, was Frau Boudin gesagt hat, dann habe ich's auf mein Bett gelegt. Und da kriegte ich wieder Schmerzen, aber daß ich gleich dachte, ich sollte sterben. Wenn ihr das wüßtet, wie das ist, ihr würdet euch schon in Acht nehmen. Ich bin auf die Kniee gesunken, dann auf den Rücken auf die Erde gefallen, und da packte mich's wieder eine Stunde, vielleicht zwei. Und ich ganz allein. Und dann hatte ich noch eins, ein anderes Kleenes, – zwei, ja zwei. Dann habe ich's genommen, wie's erste und hab sie beide nebeneinander auf's Bett gelegt. Nun sagen Sie mal, ist das bloß möglich, zwei Kinder. Ich mit zwanzig Franken monatlich. Nun sagen Sie mal, ist denn das möglich? Eins, ja das geht noch, wenn man sein Geld zusammenkratzt, – aber zwei, das hat mich verrückt gemacht, ich weiß, nicht wie. Nun sagen Sie, konnte ich denn da wählen? Ich weiß nicht, wie das war, ich dachte, mit mir ist's aus. Da habe ich's Kopfkissen draufgelegt, ohne es zu wissen, dann habe ich mich darauf gelegt, habe mich hin und hergewälzt im Bett und habe geweint, bis ich's durchs Fenster sah, daß es hell wurde. Sie waren unterm Kopfkissen gestorben, ganz sicher. Da habe ich sie unter den Arm genommen, bin die Treppe 'runter in den Gemüsegarten. Dann habe ich die Hacke vom Gärtner genommen und habe sie eingescharrt, so tief ich nur konnte; einen hier, einen da, nicht zusammen, damit sie nicht über ihre Mutter reden, wenn die kleenen Toten sprechen, ich weiß es nicht. Na und dann ist mirs in meinem Bett so schlecht geworden, daß ich nicht mehr aufstehen konnte. Da haben sie den Arzt gerufen, der hat alles gesehen. Das ist die Wahrheit, Herr Präsident. Thun Sie, was Sie wollen, mir ist alles eins. Die Hälfte der Geschworenen schnaubte sich unausgesetzt, um nicht zu weinen. Frauen im Zuschauerraum schluchzten. Der Präsident fragte: – Wo haben Sie denn das andere Kind verscharrt? Sie fragte: – Ja, welches haben Sie denn gefunden? – Nun, das in den Artischocken. – Na, das andere liegt in den Erdbeeren am Brunnen. Und sie begann, so laut zu schluchzen und zu stöhnen, daß es einem durchs Herz schnitt. Die Rosalie Prudent wurde freigesprochen. Frau Parisse I Ich saß auf der Mole des kleinen Hafens Obernon bei der Ortschaft La Salis, um hinter Antibes die Sonne untergehen zu sehen. Etwas so Wunderbares und Schönes hatte ich noch nie erblickt. Das kleine, von dicken, einst von Vauban erbauten Feftungsmauern umschlossene Städtchen sprang in das Meer vor, mitten im riesigen Golf von Nizza; die hohen Flutwellen brachen sich zu seinen Füßen und umzogen es mit einem Saum weißen Schaumes. Über den Wällen sah man die Häuser übereinander aufgestapelt bis hinauf zu den beiden Türmen, die sich wie die Spitzen eines antiken Helmes in die Luft streckten. Und die beiden Türme hoben sich auf der milchigen Weiße der Alpenkette von der riesigen, fernen Schneemauer, die den ganzen Horizont umgab, ab. Zwischen dem weißen Gischt zu Füßen der Mauern und dem weißen Schnee am Himmelssaum bot das kleine Örtchen, hell sich abzeichnend vom blauen Hintergrund der ersten Berge, der untergehenden Sonne eine Pyramide von Häusern mit roten Dächern, deren Fassaden gleichfalls weiß waren, aber von so verschiedener Färbung, daß alle Spielarten vertreten zu sein schienen. Und auch der Himmel über den Alpen war von einem fast weißen Blau, als ob der Schnee auf ihm abgefärbt hätte. Ein paar silberne Wölkchen schwammen um die bleichen Gipfel. Und auf der anderen Seite des Golfes lag Nizza, am Wasser hingestreckt, wie ein weißer Faden zwischen Meer und Gebirge. Zwei große lateinische Segel, von starker Brise geschwellt, schienen auf der Flut hinzulaufen. Mit glückseligen Augen starrte ich das an. Das war eines jener köstlichen seltsamen Schauspiele, so reizend zu sehen, daß sie unvergeßlich wie die Erinnerung an ein Glück in uns haften bleiben. Man lebt, man denkt, man leidet, man ist bewegt, man liebt mit dem Blick. Wer mit dem Auge zu fühlen versteht, empfindet, wenn er die Dinge und Wesen betrachtet, denselben tiefen und durchdringenden Genuß, der den Menschen mit sein ausgebildetem Gehör das Herz erbeben macht, wenn er Musik vernimmt. Ich sagte meinem Begleiter, Herrn Martini, einem richtigen Südländer: – Das ist doch einer der schönsten Blicke, die mir ie vergönnt waren zu bewundern. Ich habe den Mont Saint Michel, dieses gewaltige, granitene Kleinod, aus dem Sand wachsen sehen bei anbrechendem Tag; ich habe den fünfzig Kilometer langen Saharasee Raiane-chergui gesehen bei einem Mondschein, der strahlte wie bei uns die Sonne, und ich sah weiße Dunstschleier daraus emporsteigen wie milchigen Dampf. Ich habe auf den Liparischen Inseln den phantastischen Schwefelkrater des San-Angelo gesehen, eine gigantische Blume, die raucht und brennt, eine riesige gelbe Blume, die auf hoher See aufsteigt und deren Stengel ein Vulkan ist. Etwas Prachtvolleres, wie Antibes bei untergehender Sonne mit der Alpenkette im Hintergrund, habe ich nie erblickt. Und ich weiß nicht, warum die Erinnerung an die Antike mir kommt. Homerische Verse summen mir im Ohr. Das ist eine Stadt wie im Altertum, eine Stadt aus der Odyssee, es ist Troja, obgleich Troja weit vom Meere ab lag. Herr Martini zog seinen Reiseführer aus der Tasche und las: »Diese Stadt, ursprünglich eine Kolonie der Marseiller Phoceer, wurde gegen 340 vor Christi Geburt gegründet. Sie erhielt den griechischen Namen Antipolis d.h. Gegenstadt, Stadt einer anderen gegenüber, weil sie sich in der That Nizza, auch einer Marseiller Kolonie, gegenüber befindet. Nach der Niederwerfung der Gallier machten die Römer aus Antipolis eine Municipalstadt, und die Bewohner erhielten die Rechte römischer Bürger. Wir wissen durch ein Epigramm von Martial daß zu seiner Zeit –« Die Fortsetzung unterbrach ich: – Ach, mir ist's ganz gleich, was sie gewesen ist. Ich sage Ihnen, mir kommt sie wie eine Stadt aus der Odyssee vor. An der asiatischen oder europäischen Küste, sie ähneln sich überall. Und auf der anderen Seite des mittelländischen Meeres giebt es keine, die so in mir die Erinnerung an die Zeiten des Altertums erweckt wie diese, die Erinnerung an die Zeiten der klassischen Helden. Ich hörte Schritte und wendete den Kopf. Eine Frau, eine große, braune Frau kam den Weg entlang, der am Meer hin nach dem Kap führt. Herr Martini brummte mit Betonung der Endsilben: – Sie wissen doch, das ist Frau Parisse. Aber ich antwortete: – Frau Parisse? Wer ist das? Er schien erstaunt, daß ich von ihr nichts wüßte. Ich versicherte, ich wüßte in der That nichts, und blickte der Frau nach, die, ohne uns zu sehen, träumend mit ernsten, langsamen Schritten dahinging, wie gewiß einst die Damen des Altertums. Sie mochte etwa fünfunddreißig Jahr alt sein und war schön geblieben, sehr schön, wenn auch etwas stark geworden. Und Herr Martini erzählte mir folgendes: II Frau Parisse, eine geborene Combelombe, hatte ein Jahr vor dem Krieg 1870 Herrn Parisse, einen Regierungsbeamten, geheiratet. Damals war sie ein schönes, junges Mädchen, so schlank und lustig, wie sie heute stark und traurig ist. Sie hatte sich nur widerwillig mit Herrn Parisse verheiratet, einem jener kleinen Männer mit Wanst und kurzen Beinen, die immer in einer zu weiten Hose hintrotten. Nach dem Kriege bekam Antibes als Garnison ein einziges Linien-Bataillon, das Johann de Carmelin befehligte, ein junger Offizier, der im Feldzuge einen Orden bekommen hatte und eben erst zum Bataillonskommandeur befördert worden war. Da er sich in der Festung furchtbar langweilte, in dieser erstickenden Maulwurfsfalle, eingeschlossen zwischen zwei Reihen gewaltiger Mauern, ging der Major öfters auf dem Kap spazieren, einer Art Park oder Wald, dessen Pinien durch die Stürme vom Meer gebeugt waren. Dort traf er Frau Parisse, die sich an Sommerabenden, um unter den Bäumen frische Luft zu schöpfen, auch dort erging. Wie sie dazu kamen, sich zu lieben? Ja, wer soll das wissen. Sie trafen sich, sie sahen sich, und wenn sie sich nicht mehr sahen, dachten sie aneinander, ohne Zweifel. Und vor dem jungen Offizier stand immer das Bild der jungen Frau mit ihren braunen Augen, schwarzen Haaren, dem dunklen Teint, das Bild der schönen frischen Südländerin, die lächelnd ihre Zähne zeigte. Und während er so an sie dachte, ging der Offizier auf und ab und kaute an seiner Cigarre, statt zu rauchen. Und das Bild des Majors in seiner engen Uniform mit den roten Hosen, der goldenen Stickerei, dem blonden Schnurrbart auf der Lippe, erschien wohl abends vor den Augen der Frau Parisse, wenn ihr Herr Gemahl unrasiert, ruppig angezogen, mit seinen kurzen Beinchen und dem dicken Wanst zum Abendessen heimkehrte. Sie mochten wohl, weil sie sich so oft trafen, lächeln, wenn sie sich sahen, und weil sie sich immer sahen, bildeten sie sich ein, daß sie sich kennten. Dann hat er sie wohl gegrüßt, sie war erstaunt, dankte ganz wenig, nur so wenig, wie sie vielleicht mußte, um nicht unhöflich zu erscheinen. Aber nach vierzehn Tagen erwiderte sie seinen Gruß schon von fern, ehe sie noch Seite an Seite waren. Er sprach mit ihr. Von was? Wahrscheinlich vom Sonnenuntergang. Und sie bewunderten ihn zusammen und blickten häufiger einander in die Augen, als in die Weite. Und der Sonnenuntergang gab zwei Wochen lang den banalen, ewig wiederkehrenden Gesprächsstoff zu einer Unterhaltung von ein paar Minuten. Dann wagten sie, zusammen ein Stück zu gehen, von allem Möglichen zu sprechen. Aber ihre Augen erzählten sich schon tausend intime Dinge, jene geheimen, reizenden Worte, deren Widerschein im weichen, bewegten Blick liegt, die das Herz schlagen machen, denn sie sprechen mehr als ein Geständnis. Dann hatte er wohl ihre Hand genommen und jene Worte gesprochen, die die Frau errät, obgleich sie sie nicht zu hören scheint. Und sie waren sich klar geworden, daß sie sich liebten, ohne daß sie es sich mit etwas Sinnlichem oder Rohem bewiesen hätten. Auf diesem Standpunkt der Zärtlichkeit wäre sie wohl stehen geblieben. Aber er wollte mehr, und täglich bestürmte er sie, seinen glühenden Wünschen nachzugeben. Sie widerstand, wollte nicht und schien entschlossen zu sein, nicht schwach zu werden. Und doch sagte sie ihm eines Abends zufällig: – Mein Mann ist eben nach Marseille gefahren und wird vier Tage fortbleiben. Johann de Carmelin warf sich ihr zu Füßen, bat sie, am Abend gegen elf Uhr die Thür offen zu lassen. Aber sie hörte ihn nicht an und kehrte erzürnt heim. Der Major war den ganzen Abend schlechter Laune. Und am anderen Tag bei Morgengrauen lief er wütend auf den Festungswerken herum, von den Trommlern zu den Schützen, und es regnete Strafen auf Offiziere und Leute, wie ein Steinhagel auf eine Menschenmenge niederprasselt. Aber als er zum Frühstück heimkehrte, fand er in einem Umschlag unter der Serviette nur die vier Worte: »Heute abend zehn Uhr.« Ohne Grund gab er dem Kellner fünf Franken Trinkgeld. Der Tag erschien ihm fürchterlich lang, und er verbrachte ihn damit, sich zu parfümieren und zu putzen. Im Augenblick als er sich zum Essen an den Tisch setzte, bekam er einen zweiten Brief und fand folgendes Telegramm: »Liebes Kind, Geschäft erledigt, komme heute abend neun Uhr. Parisse.« Der Kommandant fluchte so laut, daß der Kellner die Suppenschüssel zu Boden fallen ließ. Was sollte er anfangen? Er wollte sie heute abend sehen, mochte es kosten, was es wollte. Und er würde sie sehen. Er war entschlossen, alle Mittel anzuwenden, und wenn er den Mann festnehmen und einstecken sollte. Da kam ihm plötzlich eine wahnsinnige Idee. Er ließ sich Papier geben und schrieb: Gnädige Frau! Ich schwöre Ihnen, er kehrt heute abend nicht zurück, und ich werde um zehn Uhr dort sein, wo Sie mich erwarten. Fürchten Sie nichts, ich stehe für alles, auf mein Wort als Offizier. Johann de Carmelin. Und nachdem er diesen Brief hatte zu ihr bringen lassen, speiste er ganz ruhig. Gegen acht Uhr ließ er Hauptmann Gribois, seinen nächsten Untergebenen, kommen und sagte zu ihm, indem er die zusammengeknitterte Depesche des Herrn Parisse zwischen seinen Fingern hin und herrollte. – Herr Hauptmann, ich habe eben ein sehr merkwürdiges Telegramm bekommen, dessen Inhalt ich Ihnen nicht einmal mitteilen kann. Sie werden sofort die Thore der Stadt schließen und bewachen lassen und zwar so, daß kein Mensch, hören Sie, kein Mensch, vor morgen früh sechs Uhr weder heraus noch hereinkommt. Dann lassen Sie Patrouillen durch die Straßen gehen und die Einwohner zwingen, um neun Uhr zu Haus zu sein. Wer nach dieser Stunde noch draußen getroffen wird, wird durch die Patrouillen zwangsweise nach Haus geschafft. Wenn die Mannschaften mir diese Nacht begegnen, dürfen sie mich nicht erkennen und sollen die Passage frei geben. Haben Sie wohl verstanden? – Jawohl, Herr Major. – Ich mache Sie verantwortlich für die Ausführung meiner Befehle, mein lieber Hauptmann. – Jawohl, Herr Major. – Darf ich Ihnen eine Chartreuse anbieten? – Sehr gern, Herr Major. Sie tranken zusammen den gelben Likör, und Hauptmann Gribois ging davon. III Punkt neun Uhr lief der Zug von Marseille in den Bahnhof ein. Zwei Reisende stiegen aus, und der Zug fuhr weiter nach Nizza. Der eine war groß und mager, Herr Saribe, ein Ölhändler; der andere dick und klein, Herr Parisse. Seite an Seite gingen sie ihren Weg, die Reisetasche in der Hand, um die, einen Kilometer entfernte Stadt zu erreichen. Aber als sie an das Thor am Hafen kamen, streckten ihnen die Posten das aufgepflanzte Seitengewehr entgegen und forderten sie auf, umzukehren. Sie waren ganz verstört und erstaunt, gingen ein Stück zurück und berieten. Nachdem sie dann einer des anderen Ansicht vernommen, traten sie vorsichtig wieder näher, um zu unterhandeln und ihre Namen zu nennen. Aber die Soldaten mußten strengen Befehl haben, denn sie drohten zu schießen, und die beiden Reisenden flohen entsetzt im Laufschritt davon, ihre schweren Reisetaschen im Stich lassend. Sie gingen nun um die Festung herum und wollten zum Thore, das nach der Straße von Cannes liegt, herein. Es war gleichfalls geschlossen und auch durch einen drohenden Posten bewacht. Die Herren Saribe und Parisse waren vorsichtige Leute, machten nun keinen Versuch weiter und kehrten wieder zum Bahnhof zurück, um ein Unterkommen zu finden, denn die Umgebung der Befestigungswerke war nach Dunkelwerden nicht sicher. Der dienstthuende Beamte war ganz erstaunt, und schläfrig erlaubte er ihnen, bis zum Tagesanbruch im Wartesaal zu verweilen. Im Dunkeln hockten sie auf den grünen Samtsofas, Seite an Seite, viel zu erschrocken, um an Schlaf zu denken. Die Nacht wurde ihnen lang. Gegen halb sieben Uhr erfuhren sie, daß die Thore wieder geöffnet waren und man endlich nach Antibes konnte. Sie gingen hin, fanden aber auf der Straße ihre im Stich gelassenen Reisetaschen nicht wieder. Als sie noch etwas ängstlich durch das Thor die Stadt betraten, kam ihnen Major de Carmelin, listig lächelnd, den Schnurrbart aufgedreht, selbst entgegen, um sie zu befragen. Er grüßte höflich und bedauerte, daß sie eine so böse Nacht gehabt hätten, aber er hätte seinem Befehl nachkommen müssen. In Antibes war alles außer sich. Die einen wollten von einem Überfall wissen, den die Italiener beabsichtigt hätten, die anderen von der Landung eines kaiserlichen Prinzen, andere glaubten an eine orleanistische Verschwörung. Erst später erriet man die Wahrheit, als man erfuhr, daß das Bataillon des Kommandanten in eine entfernte Garnison versetzt, und daß der Major de Carmelin streng bestraft worden sei. IV Herr Martini war mit seiner Erzählung fertig. Frau Parisse kehrte zurück, ihr Spaziergang war beendet. Mit ernster Miene ging sie an mir vorüber, den Blick nach den Alpen hinüber, deren Gipfel jetzt rosa im letzten Sonnenschein glänzten. Ich hatte Lust, die arme, traurige Frau zu grüßen, die wohl jetzt immer an diese schon so ferne Liebesnacht dachte und an den verwegenen Mann, der es gewagt hatte, um einen Kuß von ihr eine ganze Stadt in Belagerungszustand zu, versetzen und seine ganze Laufbahn zu gefährden. Heute hatte er sie wahrscheinlich längst vergessen, wenn er nicht vielleicht beim Glase Wein, diesen gewagten zärtlichen Ulkstreich erzählte. Hatte er sie wiedergesen? Liebte er sie noch? Und ich dachte: »Das ist wieder ein Zug moderner Liebe, komisch und doch eigentlich heroisch. Der Homer, der diese Helena besänge mit dem Abenteuer ihres Menelaus, müßte die Seele Paul de Kocks haben. Und doch ist der Held dieser Verlassenen tapfer, schön, stark wie Achilles und gerissener, denn Odysseus der Vielgewandte!« Julie Romain Vor zwei Jahren ging ich einmal zur Frühlingszeit zu Fuß am Mittelländischen Meere hin. Giebt es Köstlicheres als auf der Landstraße hinzuschreiten und zu sinnen und zu sinnen? Auf solcher Straße geht es sich köstlich in voller Lichtflut, der Wind kost einem um die Stirn, man wandert zwischen Bergen und Meeresstrand und träumt. Wie viel Erinnerungen vergangener Liebeshuld und Abenteuer ziehen in zwei Stunden Weges vor einer Seele vorüber, die sich in Träumen ergeht. Allerlei köstliche unbestimmte Sehnsucht strömt in einen hinein mit der milden leichten Luft, weht uns an aus dem Windhauch, zaubert uns ins Herz einen Hunger nach Glück, der wächst mit dem körperlichen Hunger, den das Gehen weckt. Die reizenden blitzschnell kommenden Ideen huschen hin und her, zwitschernd wie Vöglein. Ich folgte dem langen Wege, der von Saint Raphael nach Italien führt oder vielmehr diesem langen köstlichen, immer wechselnden Zugang, der eigens gemacht scheint, alle Liebesträume der Erde zu versinnbildlichen. Und ich überlegte mir, daß, von Cannes, wo man sich zeigt und den Hof macht, bis nach Monaco, wo man spielt, man kaum aus anderem Grunde in dieses Land kommt, als um allerlei Dummheiten anzustellen oder an Geld zu denken und unter diesem köstlichen Himmel, in diesem Garten von Rosen und Orangen die gemeinste Eitelkeit, die albernsten Prätentionen, geheimste Lüste zu befriedigen, um so recht zu beweisen wie der Mensch ist: gemein, dumm, anmaßend und geldgierig. Plötzlich entdeckte ich in einer jener reizenden Buchten, die bei jeder Wegkrümmung vor den Blick auftauchen, einige Villen. Nur vier oder fünf dem Meer gegenüber am Fuß der Berge vor einem Gehölz von wilden Tannen, das sich hinter ihnen in zwei großen Thalern hinaufzog, vielleicht pfadlos und als Sackgasse endend. Eines jener Landhäuser war so hübsch, daß ich an seiner Thür stehen blieb. Es war ein weißes Haus mit braunem Holzwerk, bis an's Dach von Kletterrosen überrankt. Und der Garten ein einziges Blumenbeet in allen Farben, allen Größen in absichtlichem, kokettem Durcheinander. Der ganze Rasen war damit übersäht, auf jeder Stufe der Terrasse standen welche, rechts und links aus den Fenstern hingen über die Wände blaue oder gelbe Dolden, und die mit einer Steinbalustrade eingefaßte Terrasse, die sich um das reizende Häuschen zog, war überwachsen von riesigen roten Glocken wie lauter Tupfen von Blut. Hinten sah man eine lange blühende Orangenallee sich hinanziehen bis an den Fuß der Berge. An der Thür stand in kleinen goldenen Buchstaben: Villa d'Antan. Villa d'Antan – »Villa Einstmals«? Ich fragte mich, welcher Dichter oder welche Fee hier wohnen könne, welch glücklicher Einsiedler diesen Ort gefunden und dieses Märchen-Haus gebaut, das emporgeblüht zu sein schien wie in einem Blumenstrauß. Ein Straßenarbeiter klopfte ein Stück davon entfernt an der Straße Steine. Ich fragte ihn, wem dieses Kleinod gehöre. Er antwortete: – Es gehört Frau Julie Romain. Julie Romain! In meiner Jugend hatte ich einst von ihr gehört, von der großen Schauspielerin, der Rivalin der Rachel. Keine Frau war jemals mehr gefeiert und geliebt worden, vor allem mehr geliebt. Wie viel Duelle, wie viel Selbstmorde hatten um sie stattgefunden und welche Abenteuer und Geschichten! Wie alt mochte diese verführerische Zauberin jetzt sein? Sechzig – siebzig – fünfundsiebzig? Julie Romain hier in diesem Hause! Die Frau, die einst der größte Tonkünstler und der wunderbarste Dichter Frankreichs geliebt. Und ich dachte noch an das Aufsehen, das es damals im ganzen Lande gemacht (ich war damals etwa zwölf Jahr alt), als sie mit dem einen nach Sicilien floh, nach dem Bruche mit dem anderen. Eines Abends war sie nach einer Erstaufführung, nach der man sie eine Stunde lang, wohl tausend Mal hintereinander herausgerufen, auf und davon. Sie war mit dem Dichter entflohen, mit Extrapost, wie man es damals that. Sie waren über das Meer gefahren, um auf der antiken Insel, der einstigen Tochter Griechenlands, im Schatten des gewaltigen Orangenhaines, der Palermo umgiebt, ihrer Liebe zu leben. Man hatte von einer Aetna-Besteigung gehört und wie sie, sich umschlungen haltend, sich über den riesigen Krater gebeugt, als wollten sie sich in den glühenden Schlund hinabstürzen. Er war gestorben, er, der Mann, der so wunderbare Versen schrieb, so wunderbar, daß sie eine ganze Generation in Begeisterung versetzt, so fein, so seltsam, daß sie den neuen Dichtern neue Bahnen erschlossen. Auch der andere, der Verlassene, war nun tot, der für sie Melodieen gefunden, die noch in aller Ohren klangen, Triumph- und Verzweiflungslieder, begeisternd und herzzerreißend. Nur sie lebte noch, hier in diesem Blumen-bedeckten Haus. Ich zögerte nicht und klingelte. Ein kleiner Diener öffnete, ein linkischer Bursche von achtzehn Jahren, der nicht wußte, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Ich schrieb auf meine Karte ein paar liebenswürdige Worte für die alte Schauspielerin mit der dringenden Bitte, mich zu empfangen. Vielleicht kannte sie meinen Namen und nahm mich an. Der junge Diener entfernte sich, kam dann zurück und bat mich, ihm zu folgen. Er ließ mich in einen korrekten, gutgehaltenen Salon im Stil Louis Philipps treten mit steifen schweren Möbeln, von denen eine kleine sechzehnjährige Dienerin mit schlanker Figur, doch wenig hübsch mir zu Ehren die Überzüge nahm. Dann blieb ich allein. An der Wand hingen drei Bilder: das der Schauspielerin in einer ihrer Rollen, das des Dichters im langen, in der Taille zusammengeschnürten Gehrock mit hohem Kragen, das Jabot, wie es damals Sitte war, in Spitzen heraushängend. Dann das Bild des Komponisten am Klavier. Sie war blond, reizend, etwas geziert nach der Sitte der damaligen Zeit und lächelte den Beschauer mit liebreizenden Lippen und braunen Augen an. Die Malerei schien fein, elegant, trocken hingesetzt. Es war, als blickten die Bilder schon auf das nächste Geschlecht herab. Alles atmete die Erinnerung versunkener Zeiten und dahingegangener Menschen. Eine Thür öffnete sich. Eine kleine Dame trat ein, alt, sehr alt, sehr winzig, mit weißen Löckchen, weißen Augenbrauen, wie eine kleine, weiße, huschende Maus. Sie streckte mir die Hand entgegen und sagte mit einer Stimme, die klang- und ausdrucksvoll geblieben war: – Ich danke Ihnen für Ihren Besuch. Es ist doch hübsch von den Herren von heute, daß sie sich der Damen von einst erinnern. Bitte nehmen Sie Platz. Und ich erzählte ihr, wie mich ihr Haus berückt, wie ich hatte wissen wollen, wem es gehörte und wie ich bei ihrem Namen nicht hatte wiederstehen können, an ihrer Thür zu klingeln. Sie antwortete: – Das macht mir um so mehr Vergnügen, als mir so etwas zum ersten Mal widerfährt. Als man mir Ihre Karte gab mit den liebenswürdigen Worten darauf, bin ich zusammengefahren, als hätte man mir einen alten Freund gemeldet, den ich zwanzig Jahre nicht gesehen habe. Ich bin wie eine Tote, wirklich wie eine schon Abgeschiedene, deren sich keiner erinnert, an die niemand denkt, bis ich eines Tages sterbe. Dann werden alle Zeitungen drei Tage lang von mir reden, von Julie Romain, Anekdoten erzählen, Intimitäten aus ihrem Leben, Erinnerungen und begeisterte Lobsprüche. Und dann schweigt wieder alles über mich. Auch sie schwieg. Nach einem Augenblick fuhr sie fort: – Und lange wird's nicht mehr dauern. In ein paar Monaten, in ein paar Tagen wird von dieser kleinen, heute noch lebenden Frau nichts mehr übrig sein, als ein Skelett. Sie blickte zu ihrem Bilde auf, das sie anschaute, dieser Alten eutgegenlächelte, dieser Karrikatur ihrer selbst. Dann sah sie die beiden Männer an, den weltverachtenden Dichter, den begeisterten Komponisten, die zu sagen schienen: was geht uns diese Ruine an. Eine unerklärliche, unwiderstehliche, entsetzliche Traurigkeit schnürte mir das Herz zusammen, der Gedanke an ein schon abgeschlossenes Leben, das noch mit Erinnerungen kämpft, wie man in tiefen Wassern vor dem Ertrinken ringt. Von meinem Sitze aus sah ich auf der Straße schnelle elegante Wagen vorüberfahren, die von Nizza nach Monaco eilten. Darin saßen junge, reiche, glückliche Frauen, zufrieden lächelnde Männer. Sie folgte meinem Blick, erriet meine Gedanken und flüsterte mit dem Lächeln der Ergebung: – Man kann nicht gleichzeitig leben und gelebt haben. Ich sprach zu ihr: – Wie das Leben für Sie schön gewesen sein muß. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus: – Schön und köstlich. Deswegen bedauere ich so sehr, daß es vorüber ist. Ich sah, daß sie in der Stimmung war, von sich selbst zu erzählen und langsam, mit taktvoller Vorsicht, wie man an eine schmerzende Wunde rührt, begann ich zu fragen. Sie erzählte von ihren Erfolgen, von rauschenden Triumphen, von ihren Freunden, von ihrer erfolgreichen Laufbahn. Ich fragte: – Verdanken Sie das größte Glück, das echte, dem Theater? Sie antwortete lebhaft: – O nein. Ich lächelte. Und sie fuhr fort, indem sie traurig die Augen zu den beiden Bildern aufschlug: – Denen da. Ich konnte mich nicht enthalten, zu fragen: – Welchem? – Beiden. Jetzt in meinem Alter verwechsle ich sie sogar ein wenig. Und dann habe ich gegen den einen heute, gegen den anderen morgen Gewissensbisse. – Nun, gnädige Frau, dann gilt also Ihre Dankbarkeit nicht ihnen, sondern der Liebe selbst. Sie sind nur ihre Interpreten gewesen. – Das ist möglich, aber was für Interpreten! – Sind Sie gewiß, daß Sie einer, der kein großer Mann gewesen wäre, nicht ebenso geliebt hätte? Ein Mann, der Ihnen sein ganzes Leben angeboten hätte, sein ganzes Herz, all sein Denken und Fühlen, seine ganze Zeit, während diese beiden zwei gefährliche Nebenbuhler mitbrachten: Musik und Dichtkunst. Sie rief laut mit jener jung gebliebenen Stimme, die etwas in der Seele nachzittern ließ: – Nein, oh nein! Ein anderer hätte mich vielleicht mehr, aber nicht wie diese geliebt. Denn die haben mir die Liebe gesungen, wie niemand sie hätte singen können. Wie hatten sie mich in Banden geschlagen! Wie sollte ein anderer Mann, irgend ein beliebiger, die Töne, die Worte finden, die sie mir fanden? Genügt die Liebe allein, wenn man nicht alle Poesie, alle Musik Himmels und der Erden hineinlegen kann? Und die, die verstanden es, eine Frau zu bezaubern durch Gesang und Gedicht. Ja in unserer Leidenschaft lag vielleicht mehr Ideal als Wirklichkeit. Aber dieses Ideale trägt einen hinauf in die Wolken, während die Wirklichkeit einen immer am Boden läßt. Und wenn andere mich auch mehr geliebt haben, so habe ich doch bei diesen allein erst begriffen und gefühlt, was Liebe bedeutet. Und plötzlich begann sie zu weinen. Sie weinte lautlose Thränen der Verzweiflung. Ich that, als merkte ich es nicht und blickte in die Ferne hinaus. Und sie fuhr nach ein paar Minuten fort: – Sehen Sie, bei beinah allen Wesen altert das Herz mit dem Leibe. Mir ist das nicht widerfahren, mein armer Leib ist neunundsechzig Jahre alt und mein armes Herz nur zwanzig. Darum lebe ich hier allein in Blumen und Träumen. Eine lange Pause entstand. Sie war ruhig geworden und fuhr nun lächelnd fort: – Wenn Sie wüßten, wie ich meine Abende verbringe, wenn es schön ist, Sie würden sich über mich lustig machen. Es ist eigentlich lächerlich, und traurig zugleich. Ich bat und bat, doch sie wollte mir nicht sagen, was sie trieb. Da erhob ich mich, um zu gehen. Sie rief: – Schon? Und als ich sagte, ich wollte in Monte Carlo essen, fragte sie schüchtern: – Wollen Sie nicht bei mir essen, das würde mir wirklich Vergnügen machen. Ich nahm sofort an. Sie klingelte glückselig und, nachdem sie ihrem Mädchen ein paar Befehle gegeben, zeigte sie mir ihr Haus. An das Eßzimmer schloß eine überglaste Veranda voll Blumen und Gewächse. Von dort aus konnte man von einem Ende zum anderen die lange Allee von Orangenbäumen übersehen, die bis an den Berg hinan ging. Ein niedriger Sitz unter Pflanzen versteckt verriet, daß die alte Schauspielerin hier oft saß. Dann gingen wir in den Garten, um die Blumen zu betrachten. Langsam kam der Abend, einer jener ruhigen lauen Abende, die alle Düfte aus der Erde zu zaubern scheinen. Als wir uns zu Tisch setzten, war es fast dunkel geworden. Das Diner war gut und lang. Wir wurden intime Freunde, sie und ich, als sie begriff, welche tiefe Sympathie für sie in meinem Herzen erwachte. Sie hatte zwei Fingerhüte voll Wein getrunken, wie man einst zu sagen pflegte, und wurde nun zutraulicher und gesprächiger. Sehen Sie mal den Mond, – sagte sie. – Ich liebe den guten Mond, er ist Zeuge meines größten Glückes gewesen. Mir ist es, als lägen in seinem Schein alle meine Erinnerungen, und ich brauche ihn nur zu betrachen, so kehren sie mir zurück. Sogar manchmal abends führe ich mir ein kleines Schauspiel vor, ein sehr, sehr hübsches. Ach, wenn Sie wüßten, was. Aber nein, Sie würden mich zu sehr auslachen. Ich kann nicht, – ich wage nicht, .. Nein, nein, wirklich nicht. – Oh bitte sagen Sie mir doch, was. Ich verspreche Ihnen auch, nicht zu lachen. Ich schwöre es Ihnen, bitte. Sie zögerte. Ich nahm ihre Hände, die armen, mageren, kalten Hände, küßte sie, eine nach der anderen, mehrmals, wie man es einst gethan. Sie war sehr bewegt und sagte zögernd: – Aber Sie versprechen mir, nicht zu lachen. – Ja, ich schwöre es. – Nun, kommen Sie mit. Sie stand auf, und als der kleine, ungeschickte Diener, der in einer grünen Livree steckte, hinter ihr den Stuhl zurückzog, flüsterte sie ihm ein paar Worte ins Ohr, ganz leise, schnell. Und er antwortete: – Sehr wohl, gnädige Frau, sofort. Sie nahm meinen Arm und führte mich auf die Veranda. Der Blick auf die Orangenallee war wirklich wunderbar. Der Mond war schon aufgegangen, der Vollmond, und warf einen schmalen silbernen Schein herab auf die Mitte der Allee, eine lange helle Linie, die auf den gelben Sand fiel, zwischen den runden Gipfeln der dunklen Bäume. Da diese Bäume blühten, erfüllte ihr starker süßer Geruch die Nacht. Und in ihrem dunklen Geäst sah man tausende von Johanniswürmchen schwirren, jene Feuerkäfer, die einer Sternensaat gleichen. Ich rief: – Das wäre ja ein wunderbarer Schauplatz für eine Liebesscene! Sie lächelte: – Nichtwahr? Nichtwahr? Nun passen Sie mal auf. Ich mußte mich neben sie setzen, und sie flüsterte: – So etwas läßt einen das verrauschte Leben bedauern. Ihr Männer von heute denkt an solche Dinge nicht mehr, ihr seid Börsianer, Kaufleute, praktische Menschen geworden. Ihr wißt ja garnicht mehr mit Damen zu reden. Wenn ich sage: ihr, meine ich damit die Jugend. Aus der Liebe sind Verhältnisse geworden, deren Anfang oft eine uneingestandene Schneiderrechnung ist. Wenn ihr meint, die Rechnung sei höher, denn der Wert des Mädchens, so verschwindet ihr; wenn ihr die Frau höher einschätzt als die Rechnung, zahlt ihr. Das sind nette Sitten, eine nette Zärtlichkeit! Sie nahm mich bei der Hand: – Da, sehen Sie hin. Ich war erstaunt und beglückt. Dort am Ende der Allee auf dem mondbeglänzten Pfade gingen zwei junge Menschenkinder hin, sich eng umschlungen haltend. Reizend, mit kleinen Schritten kamen sie über die mondbeschienenen Stellen, die Licht auf sie warfen, bis sie wieder in den Schatten traten. Er trug einen Rock aus weißem Satin wie im vergangenen Jahrhundert und einen Straußenfederhut, sie ein Schäfergewand mit der hohen gepuderten Frisur der schönen Damen aus der Regentschaftszeit. Hundert Schritt vor uns blieben sie stehen mitten in der Allee, küßten sich und hielten sich umschlungen. Und plötzlich entdeckte ich, daß es die beiden kleinen Dienstboten waren. Da packte mich einer jener fürchterlichen Lachanfälle, die Eingeweide zerreißen, und ich wand mich auf meinem Sitz. Aber ich lachte nicht laut, ich widerstand in Krämpfen, sterbenskrank, der lauten Heiterkeit, wie ein Mann, dem man ein Bein abnimmt, ankämpft gegen das Bedürfnis laut zu brüllen, das ihn doch Kehle und Mund aufzureißen zwingt. Aber die beiden Kleinen schritten die Allee zurück, und nun sahen sie wieder reizend aus. Sie entfernten sich immer weiter und verschwanden, wie ein Traum vergeht. Man sah sie nicht mehr, die leere Allee lag traurig da. Und auch ich ging fort, ging, um all das nicht mehr vor Augen zu haben. Denn ich begriff, daß dieses Schauspiel noch lange dauern würde, dieses Schauspiel, das die ganze Vergangenheit in mir erweckt, jene Liebesgeschichte, jenes träumerisch -fesselnde Schauspiel, falsch und doch reizend, das noch heute das Herz der alten Komödiantin und einstigen Liebesgöttin laut schlagen ließ. Der alte Amable I Der graue feuchte Himmel schien auf der weiten traurigen Ebene zu lasten. Der Herbstduft, der Dunst der kahlen Erde, der welkenden Blätter, des toten Grases machte die bewegungslose Abendluft dick und schwer. Die Bauern arbeiteten noch hier und da auf den Feldern, das Vespergeläut abwartend, das sie auf die Gutshöfe rufen sollte, deren Dächer man hier und da durch die Zweige der entblätterten Bäume sah, durch Apfelbaumreihen, die sie vor dem Winde schützten. Am Wegesrand saß auf einem Kleiderbündel ein ganz kleines Kindchen. Es hatte die Beine auseinandergespreizt, spielte mit einer Kartoffel, die es ab und zu in den Schoß fallen ließ, während fünf Frauen auf dem Nebenfeld gebückt Raps pflanzten. Mit langsamer regelmäßiger Bewegung gingen sie in der Ackerfurche hin, die der Pflug eben ausgehoben und bohrten ein spitzes Holz in die Erde, um dann in das Loch das schon etwas welke Pflänzchen, das den Kopf hängen ließ, zu stecken. Darauf deckten sie die Wurzel zu und gingen ein Stück weiter. Ein Mann schritt vorüber, die Peitsche in der Hand, Holzschuhe an den Füßen, blieb bei dem Kind stehen, nahm es auf und küßte es. Da erhob sich eine der Frauen und näherte sich ihm, ein großes rotwangiges Mädchen, breitschultrig und untersetzt, eine starke, normannische Dirne mit gelbblondem Haar und hellem Teint. Sie sagte sehr sicher: – Na Cäsar, da bist de ja nu. Der Mann, ein großer hagerer Bursche mit traurigem Gesicht brummte: – Nu ´s is noch nischt, ´s is egal dasselbe. – Er will nich? – Er will nich. – Was wirschte denn nu machen? – Das wees ich noch nich. – Geh doch zum Pfarrer. – Nu, mir soll´s recht sein. – Aber Du machst sofort hin. – Nu ja. Nnd sie blickten sich an. Er hielt immer das Kind im Arm, küßte es wieder und setzte es auf die Kleidungsstücke zurück. Am Horizont sah man zwischen zwei Bauernhöfen einen Pflug kommen, den ein Pferd zog und ein Mann schob. Ganz langsam kam das Tier, dann die Pflugschaar und der Pflüger über den farbigen Abendhimmel gezogen. Das Mädchen fragte: – Was hat denn der Vater gesagt? – Er meent, da giebt´s nischt. – Nu, was hat er denn? Der Bursche deutete mit einer Handbewegung auf das Kind, das er eben zu Boden gesetzt, dann mit dem Blick auf den Mann, der drüben pflügte und sagte: – Nu, weil Dei Kind von dem da is. Das Mädchen zuckte die Achseln und meinte wütend: – Nu, Gott verdamm mich, das wees doch jeder, daß es Victorn seiner is. Nu un was is denn da dabei? Ich habe eben ´ne Dummheit gemacht. Ich bin doch nich die eenzige. Die Mutter hat ooch ne Dummheet gemacht, ehe se mich geboren hat, un Deine ooch, ehe se Deinen Vater geheuert hat. 's giebt doch gar keene im Lande, die das nich gemacht hat. Ich hab's eben mit Victorn gemacht, weil er mich in der Scheune überfallen hat, als ich schlief, das is richt'g, nu un denn ging's weiter, wie ich nich mehr schlief. Ich hätte ihn sicher geheuert, wenn er nich Knecht gewesen wäre. Bin ich deswegen schlechter? Der Mann antwortete einfach: – Nu, ich will Dich ja ooch wie De bist mit oder ohne Kind, 's is doch nur der Alte, der nich will. Mer wern schon die Sache deichseln. Sie meinte: – Geh mal gleich zum Herrn Pfarrer. – Nu ja, ich mache hin. Und er setzte sich mit schwerem Bauernschritt in Gang, während das Mädchen die Hand auf die Hüften stemmte und wieder Raps pflanzen ging. In der That wollte der Mann, der da fortlieft Cäsar Houlbreque, der Sohn des alten Amable Houlbreque, gegen den Wunsch seines Vaters Cölestine Levesque heiraten, die ein Kind hatte von Victor Lecoq, einem gewöhnlichen Knecht, der bisher auf dem Bauernhof ihrer Eltern gedient hatte und nun deswegen hinausgeschmissen worden war. Auf dem Lande giebt es übrigens kein Kastenwesen, und wenn der Knecht sparsam ist, wird er, sobald er einen Bauernhof übernimmt, dasselbe wie sein früherer Herr. Cäsar Houlbreque ging also seines Weges, die Peitsche unter dem Arm, über seinen Ideen brütend, indem er die schweren Holzschuhe, an denen Erdballen klebten einen nach dem anderen aufhob. Gewiß wollte er Cölestine heiraten mit dem Kind, weil sie die Frau war, die er brauchte. Er hätte nicht sagen können, warum, aber er wußte, daß es so war und war seiner Sache sicher. Er brauchte sie nur anzublicken, dann fühlte er sich ganz eigen, ganz dumm vor Befriedigung. Es machte ihm sogar Spaß, das Kind zu küssen, Victors Kind, nur weil es von ihr kam. Und ohne Haß im Herzen sah er in der Ferne die Gestalt des Mannes sich vom Himmel abzeichnen, der dort hinter dem Pfluge ging. Aber der alte Amable wollte von der Heirat nichts wissen. Er widersetzte sich ihr eigensinnig, wie eben ein stocktauber Mann, geradezu wütend. Cäsar konnte ihm, so viel er wollte, in das Ohr, das noch etwas hörte, brüllen: – Mir werden Dich gut pflegen, Papa. Ich sage Dir, 's is e famoses Mädel und sparsam und arbeitsam, huje! Wer Alte antwortete: – So lange ich lebe wird nischt da draus. Und nichts konnte ihn überzeugen, nichts konnte seinen Nacken beugen. Für Cäsar gab es nur noch eine einzige Hoffnung. Der alte Amable hatte, da er den Tod nahen fühlte, Angst vor dem Pfarrer. Er fürchtete sich weiter nicht, weder vor Gott noch Teufel noch Hölle noch Fegefeuer von denen er keine rechte Vorstellung hatte, aber er fürchtete den Pfarrer, der für ihn das Begräbnis darstellte, so wie man sich vor dem Arzt fürchten könnte, aus Angst vor Krankheit. Seit acht Tagen quälte Cölestine, die des Alten Schwäche kannte, Cäsar, zum Pfarrer zu gehen. Aber Cäsar zögerte immer, weil er die Leute in den langen schwarzen Röcken auch nicht mochte, da sie für ihn immer die mit dem Klingelbeutel ausgestreckte Hand oder das Sakrament bedeuteten. Aber er hatte sich dennoch entschlossen und ging zum Pfarrhof, immer überlegend, wie er am besten die Sache machen könne, Der Abbé Raffin, ein kleiner, beweglicher, hagerer, niemals rasierter Priester wartete auf das Essen, indem er am Küchenfeuer saß und sich die Füße wärmte. Sobald er den Bauer eintreten sah, fragte er und wendete dazu nur den Kopf: – Nun Cäsar, was giebt's denn? – Ich möchte mal mit Sie reden, Herr Pfarrer. Verschüchtert blieb der Mann stehen, die Mütze in der einen, die Peitsche in der anderen Hand. – Na, da sprich doch. Cäsar warf einen Blick auf die Köchin, ein altes Weib, das schlürfend den Tisch in einer Ecke am Fenster für ihren Herrn deckte, und stammelte: – Nu, 's is nämlich so ne Art Beichte. Da musterte Raffin genau den Bauer, er sah ihm die Verlegenheit an, die umherwandernden Augen, und befahl: – Marie, geh mal fünf Minuten auf Dein Zimmer, ich muß mit Cäsar sprechen. Die Köchin warf einen wütenden Blick auf den Mann und ging brummend davon. Der Priester sagte: – Na, nu bete mal Deinen Rosenkranz. Der Bursche zögerte noch immer, blickte auf seine Holzschuhe, drehte die Daumen, dann entschied er sich plötzlich: – Nu, ich möchte nämlich die Cölestine Levesque heuern. – Lieber Freund, was hindert Dich denn? – Der Vater will nich. – Dein Vater? – Ja, mei Vater. – Was hat denn Dein Vater dagegen? – Er meent, sie hat schon ee Kind gehabt. – Nun, sie ist ja die erste nicht, der das passiert, seit unserer Stammutter Eva. – Ja, aber ee Kind von Victorn, Victor Lecoq, dem Anthime Loisel sei Knecht. – Ach so. Also er will nicht? – Nee, er will nich. – Er will wirklich nicht? – Nee, er is stätsch wie 'n Esel, wenn Sie erloben. – Was hast Du ihm denn gesagt, daß er's erlauben soll? – Na, ich habe gesagt, 's is ee gutes Mädel, fleißig un sparsam. – Und das nützt nichts? Du willst wohl, daß ich mit ihm reden soll? – Das 's richtig! – Ja, und was soll ich denn Deinem Vater sagen? – Nu, alles was Sie in der Kirche sagen, daß was in den Klingelbeitel kommt. Für den Bauer bestand der ganze Witz der Religion dann, dem Geldbeutel etwas zu entlocken, die Taschen der Menschen zu leeren, um die himmlischen Kästen zu füllen. Die Sache kam ihm vor wie ein riesiges Handelshaus, in dem die Pfarrer die Kommis waren, gerissene listige Kerls die zum Schaden der Landleute Gottes Geschäfte besorgten. Er wußte sehr wohl, daß die Priester Dienste leisteten, große Dienste an Armen, Kranken oder Sterbenden, daß sie kamen, trösteten, zuredeten, rieten, aber doch alles aus Geschäftsrücksichten, gegen blinkende Silberstücke, schönes glitzerndes Geld, mit dem man Sakrament und Messe bezahlen mußte, Ratschläge und Schutz, Sündenvergebung und Duldung, Fegefeuer und Paradies, je nach Vermögen und Freigebigkeit des Sünders. Pfarrer Raffin, der seinen Mann kannte und nie ärgerlich wurde, begann zu lachen: – Nun, da werde ich Deinem Vater mal so ne kleine Geschichte erzählen. Aber Du, mein Junge, wirst hübsch zur Messe kommen. Houlbreque hielt die Hand hin, um es zu bekräftigen: – So wahr ich hier stehe, wenn Sie das thun, mei Wort. – Nun 's is gut. Wann soll ich denn zu Deinem Vater gehen? – Nu, so schnell als meglich, gleich, wenn Se können. – Also nach dem Abendessen, in einer halben Stunde? – In 'ner halben Stunde. – Also auf Wiedersehn, mein Junge. – Gehorsamster Diener, Herr Pfarrer. Ich danke ooch scheen. – Ist nicht der Mühe wert. Und Cäsar Houlbreque kehrte heim. Ihm war eine große Last vom Herzen gefallen. Sie hatten einen kleinen Hof gepachtet, sehr klein, denn weder er noch der Vater waren reich, und sie schlugen sich mit einer Magd und einem Mädchen von fünfzehn Jahren, das ihnen die Suppe kochte, für die Hühner sorgte, die Kühe molk, Butter machte, notdürftig durch, obgleich Cäsar ein guter Landwirt war. Aber sie besaßen weder genug Land noch genug Vieh, um mehr als das Notdürftigste zu erschwingen. Der alte Mann arbeitete nicht mehr. Er war traurig, wie alle Tauben, krumm gezogen lief er hin auf seinen Stock gestützt und sah mit bösen Blicken Tiere und Menschen an. Manchmal setzte er sich an einen Grabenrand und blieb da bewegungslos stundenlang sitzen, dachte an all das, was ihn sein Leben hindurch beschäftigt, an den Preis der Eier und des Getreides, an Sonne und Regen, die den Ernten schaden oder sie wachsen lassen. Und seine alten Glieder, die vom Rheumatismus geplagt wurden, sogen die Feuchtigkeit des Bodens ein, wie sie seit siebzig Jahren den Mauerdunst des niedrigen Hauses eingesaugt, das mit feuchtem Stroh gedeckt war. Wenn es dunkel wurde, kehrte er heim, nahm seinen Platz ein am Ende des Tisches in der Küche, und wenn man den irdenen Topf vor ihn gestellt, der die Suppe enthielt, umschloß er ihn mit den Fingern, die die runde Form des Gefäßes beibehalten zu haben schienen und wärmte sich die Hände Winter wie Sommer, ehe er zu essen begann, daß ihm nichts abginge, weder ein wenig Wärme vom teuren Feuer, noch ein Tropfen Suppe, in der Fett und Salz, noch eine Brotkrume, die aus ihrem Getreide gewonnen. Dann kletterte er über eine Leiter auf den Boden, wo sein Strohsack lag, während der Sohn unten schlief in einer Art Nische am Herd und die Magd sich in einem Kellerloch einschloß, das früher dazu gedient hatte, die Kartoffeln aufzubewahren. Cäsar und sein Vater sprachen fast nie etwas. Nur ab und zu, wenn die Ernte verkauft werden sollte oder ein Kalb erhandelt, fragte der Junge den Alten um Rat, bildete mit den Händen ein Sprachrohr und brüllte ihm seine Ansicht ins Ohr. Und der alte Amable billigte sie oder bekämpfte sie mit langsamer hohler Stimme, die aus den Tiefen seines Leibes zu kommen schien. So hatte sich ihm Cäsar eines Abends genähert, und als hätte es sich um einen Pferde- oder Kuhkauf gehandelt, hatte er ihm mit voller Lungenkraft seinen Entschluß ins Ohr gebrüllt, Cölestine Levesque zu heiraten. Da war der Vater wütend geworden. Weshalb? Aus Sittlichkeit? Nein, gewiß nicht, die Tugend eines Mädchens hat auf dem Lande kaum Wert. Aber sein Geiz, der wütende Sparsamkeitsteufel, der in ihm saß, empörte sich beim Gedanken, daß sein Sohn ein Kind aufziehen wollte, das nicht seines war. Im selben Augenblick hatte er an die viele Suppe gedacht, die das kleine Kind bekommen müßte, ehe es sich erst auf dem Hofe nützlich machen konnte. Er hatte jedes Pfund Brot berechnet, jeden Liter Apfelwein, die es verzehren und trinken würde bis zu seinem vierzehnten Jahr. Und eine Wut packte ihn gegen Cäsar, der sich alles das garnicht überlegte. Und er hatte mit ungewohntem Stimmaufwand geantwortet: – Du bist wohl besoffen. Da hatte Cäsar alle Gründe aufgezählt, alle guten Eigenschaften Cölestines, um zu beweisen, daß sie hundert Mal mehr einbringen würde als das Kind kostete. Aber der Alte zweifelte an ihren Vorzügen, während er an dem Vorhandensein des Kindes nicht zweifeln konnte. Und er antwortete Schlag auf Schlag, ohne darauf einzugehen: – Ich will nich, ich will nich. So lange ich lebe, wird nischt draus. Drei Monate lang war es dabei geblieben. Einmal wöchentlich mindestens wurde das Thema wieder aufgenommen mit denselben Gründen, denselben Worten, denselben Bewegungen, derselben Erfolglosigkeit. Und nun hatte Cölestine Cäsar geraten, den Pfarrer zu Hilfe zu rufen. Als der Bauer heimkehrte, fand er seinen Vater schon am Tisch sitzen, denn er war wegen des Besuches beim Pfarrer zu spät gekommen. Sie aßen schweigend einander gegenüber, schmierten nach der Suppe etwas Butter auf ihr Brot und tranken ein Glas Apfelwein. Dann blieben sie unbeweglich auf den Stühlen sitzen in dem Zimmer, das kaum erleuchtet ward durch ein Licht, das das Mädchen mitgenommen hatte, um die Löffel zu waschen, die Gläser auszuwischen und die Butterbemmen zum Frühstück am anderen Morgen im voraus zu schmieren. Es klopfte an der Thür, und sie öffneten. Der Pfarrer erschien. Der Alte blickte ihn verdächtig, beunruhigt an. Er sah ein Unglück kommen und wollte schon auf seine Leiter klettern, als Pfarrer Raffin ihm die Hand auf die Schultern legte und ihm ins Ohr brüllte: – Ich muß mit Ihnen reden, Vater Amable. Cäsar hatte sich durch die offene Thür gedrückt. Er wollte nicht zuhören, so sehr hatte er Angst. Er wollte nicht, daß bei jeder verzweifelten Abwehr seines Vaters seine Hoffnung in Trümmer sank. Er wollte lieber die Wahrheit auf einmal erfahren sei sie gut oder böse. Und er ging in die Nacht hinaus. Es war eine dunkle Nacht ohne Mondschein, ohne Sterne, einer jener nebligen Abende, an denen die Luft mit Wasserdunst gesättigt erscheint. Ein unbestimmter Duft von Äpfeln zog um die Höfe, denn es war die Zeit der Obsternte. Die Ställe strömten, wenn Cäsar an ihnen hinging durch die winzigen Fenster den warmen Geruch der Tiere aus, die auf dem Mist schliefen. Er hörte das Hin- und Hertreten der stehen gebliebenen Pferde und das Geräusch, das sie machten, wenn sie aus den Krippen Heu zogen und fraßen. Er ging seines Weges und dachte an Cölestine. In seinem einfachen Verstand, in dem die Gedanken nur Bilder waren, geradenwegs von den Gegenständen ausgestrahlt, bestand sein Begriff von Liebe nur darin, daß ein großes, rotbäckiges Mädchen vor ihm in einem Hohlweg stand und lachend die Hände in die Seite stemmte. So hatte er sie an dem Tage, als er sie zuerst begehrt, gesehen und doch kannte er sie von Kindheit auf; aber er hatte sie nie wie an diesem Morgen beachtet. Sie hatten ein paar Minuten geschwatzt, dann war er fortgegangen, und während er ging, sagte er sich: »Gott vertanneboom, das is ee scheenes Mädchen. 's is doch schade, daß se mit dem Victor Dummheeten gemacht hat.« Und bis an den Abend dachte er an sie und auch noch den folgenden Tag. Als er sie wiedersah, fühlte er einen Kitzel in der Kehle, als ob man ihm eine Feder in den Hals gesteckt hätte. Und von nun ab wunderte er sich jedesmal über dieses merkwürdige nervöse Krabbeln, das immer anfing, wenn er vor ihr stand. Nach drei Wochen war er entschlossen, sie zu heiraten, so gefiel sie ihm. Er hätte nicht sagen können, woher die Gewalt, die sie auf ihn übte, kam, aber er bezeichnete sie mit den Worten: »Sie hat mich verhext.« Als wäre die Gier nach diesem Mädchen in ihm so mächtig gewesen, wie eine Gewalt der Hölle. Er kümmerte sich weiter nicht um ihren Fehltritt, das war ja ganz gleich, das schadete ihr nichts, und er war Victor Lecoq nicht böse. Aber wenn es nun dem Pfarrer nicht glückte, was sollte dann geschehen? Er wagte nicht daran zu denken, so quälte ihn die Unruhe. Er war bis an den Pfarrhof gegangen und hatte sich an den kleinen Holzzaun gesetzt, um die Rückkehr des Priesters abzuwarten. Dort saß er etwa eine Stunde, da hörte er Schritte kommen und unterschied bald, obgleich es sehr dunkel war, den dunklen Schatten des Priestergewandes. Er stand auf mit zitternden Knieen, wagte nicht zu sprechen, aus Furcht, das Ergebnis zu erfahren. Der Geistliche sah ihn und sagte heiter: – Nun, mein Junge, das wäre im reinen. Cäsar stotterte: – Im reinen? Is doch garnich meglich. – Ja, mein Junge. Aber leicht war es nicht, dein Vater ist ein stätscher alter Esel. Der Bauer wiederholte: – 's is nich möglich. – Ja, doch, doch. Komm mal morgen mittag zu mir, wegen des Aufgebotes. Der Mann hatte die Hand seines Pfarrers ergriffen, er drückte sie, schüttelte sie, preßte sie und stotterte: – Wirklich wahr? Wirklich wahr, Herr Pfarrer? Mei Wort druf, nächsten Sonntag geh' ich zur Messe! II Die Hochzeit fand gegen Mitte Dezember statt. Sie war einfach, da das Paar kein Geld hatte. Cäsar trug einen neuen Anzug und erschien um acht Uhr morgens, um die Braut abzuholen und sie zum Ortsvorstand zu führen. Aber weil es noch zu zeitig war, setzte er sich an den Küchentisch und wartete, bis die Familie und die Freunde kämen, die ihn abholen sollten. Es schneite seit acht Tagen, und die braune Erde war unter dem weißen Eistuch eingeschlafen. Es war kalt in den, mit der weißen Haube gekrönten, Bauernhäusern, und die runden Apfelbäume auf den Höfen sahen aus, als ob sie blühten, mit Puder bestäubt, wie in der schönen Jahreszeit. An diesem Tag waren die dicken Winterwolken, die grauen, die den Schnee mit sich tragen, verschwunden, und der blaue Himmel spannte sich über die weiße Erde, auf welche die aufgehende Sonne Silberblitze warf. Cäsar starrte vor sich hin durchs Fenster, gedankenlos, glücklich. Die Thür ging auf, zwei Frauen traten ein, Bäuerinnen im Sonntagsstaat, eine Tante und eine Cousine des Bräutigams, dann drei Männer, seine Vettern, und eine Nachbarin. Sie setzten sich auf Stühle und blieben unbeweglich und schweigend sitzen, die Frauen auf der einen Seite der Küche, die Männer auf der anderen, plötzlich verlegen, in jener peinlichen Traurigkeit, die Leute ergreift, die sich zu einer Feierlichkeit versammeln. Einer der Vettern fragte: – Ist's noch nicht bald Zeit? Cäsar antwortete: – Ich glaube ja. – Na, da wollen wir doch gehen, – sagte der andere. Sie erhoben sich, und dann kletterte Cäsar, etwas beunruhigt, die Leiter zum Boden hinauf, um zu sehen, ob der Vater fertig wäre. Der Alte, der sonst immer zeitig aufstand, war heute noch garnicht erschienen. Sein Sohn fand ihn auf dem Strohsack liegen, in die Decke eingewickelt, mit offenen Augen und bösem Blick. Er rief ihm ins Ohr: – Na, Vater, steh uf, die Hochzeit geht los. Der Taube brummte lässig: – Ich kann nich, ich habe so ne Kälte in' Rücken gekriegt, daß 'ch ganz steif bin. Ich kann mich nich bewegen. Der junge Mann blickte ihn entsetzt an, er erriet seine Niederträchtigkeit. – Nu, Vater gebt Euch mal nen Stoß. – Ich kann nich. – Weeßte, ich werde mal helfen. Und er beugte sich nieder zu dem Greise, zog ihm die Decke fort, nahm ihn in die Arme und hob ihn auf. Aber der alte Amable begann zu stöhnen: – Au! au! au! O jesses nochmal, ich kann nich. Mei Rücken is ganz kaput. Das is der Wind, der durch das verfluchte Dach 'rein bläst. Cäsar sah ein, daß es nichts helfen würde und, zum ersten Mal wütend gegen seinen Vater, brüllte er ihn an: – Gut, da kriegst du nischt zu fressen, denn wir machen die Hochzeit im Wirtshaus bei Polyten. Das kommt davon, wenn man seinen Kopp ufsetzt. Und er kletterte die Leiter hinab und ging seines Wegs, von den Verwandten und Eingeladenen gefolgt. Die Männer hatten die Hosen aufgekrempelt, um sie in dem Schnee nicht naß werden zu lassen, die Frauen hoben die Kleider hoch, daß man ihre mageren Knöchel sah, die grauwollenen Strümpfe, die knochigen Besenstiel-gleichen Beine, und die ganze Gesellschaft ging in wiegendem Gang hintereinander hin, ohne ein Wort zu reden, ganz langsam, vorsichtig, um nicht vom Wege abzuweichen, der unter der gleichmäßigen, ununterbrochenen Schneedecke verborgen lag. Als sie sich den ersten Bauernhöfen näherten, sahen sie schon ein oder zwei Personen stehen, die auf sie warteten, um sich ihnen anzuschließen, und die Prozession wurde unausgesetzt länger, schlängelte sich hin, den unsichtbaren Biegungen des Weges folgend, wie ein lebendiger Rosenkranz mit schwarzen Perlen, der in Wellenlinien auf der weißen Fläche lag. Vor der Thür der Braut stand eine große Menschenmenge und trat, den Bräutigam erwartend, hin und her. Man rief ihn an, als er erschien, und bald kam Cölestine aus dem Zimmer in einem blauen Kleid, einen kleinen roten Shawl über den Schultern und den Orangenkranz im Haar. Aber alle fragten Cäsar: – Wo ist denn dein Alter? Der antwortete verlegen: – Er kann sich nich bewegen, weil er Schmerzen hat. Und die Bauern schüttelten ungläubig mit listigem Ausdruck den Kopf. Es ging zum Ortsvorstand. Hinter dem Brautpaar her trug eine Bäuerin Victors Kind, als hätte es sich um eine Taufe gehandelt. Und die Bauern gingen nun, zu zweien untergehakt, durch den Schnee hin, schwankend wie ein Schiff auf der See. Nachdem der Ortsvorstand die Brautleute in dem kleinen Gebäude des Standesamtes zusammengegeben, that sie nun seinerseits der Pfarrer in dem bescheidenen Haus des lieben Gottes zusammen. Er segnete ihren Bund, verhieß ihnen Fruchtbarkeit, dann setzte er ihnen die ehelichen Pflichten auseinander, endlich die einfachen gesunden Tugenden des Landes: Arbeit, Eintracht, Treue, während das frierende Kind hinter dem Rücken der Braut wimmerte. Sobald das Paar wieder auf der Kirchenschwelle erschien, ward im Kirchhofgraben geschossen; man sah nur die Gewehrläufe, aus denen Dampfwolken stiegen. Dann kam ein Kopf zum Vorschein und blickte dem Brautzuge nach. Es war Victor Lecoq, der die Hochzeit seiner Geliebten feierte, ihr Glück wünschte, indem er seinen Gefühlen durch Pulverdetonationen den rechten Ausdruck gab. Er hatte seine Freunde, fünf oder sechs Knechte, zu dieser Schießerei aufgefordert, und man fand, daß er sich sehr passend benähme. Die Mahlzeit fand im Wirtshans des Polyte Cacheprune statt. Im großen Saal, in dem an Markttagen gegessen wurde, waren zwanzig Couverts aufgelegt und der Duft des riesigen Hammels, der sich am Spieße drehte, des Geflügels, das in seinem Saft briet, der Fleischwurst, die auf dem hellen offenen Feuer stand, erfüllte das Haus mit dichten Rauchwolken, dem Geruch derber schwerer Landkost. Um zwölf Uhr setzte man sich zu Tisch, und sofort floß die Suppe in die Teller, die Gesichter erheiterten sich, die Münder gingen auf, man rief, man machte Witze, die Augen glänzten listig. Verflucht nochmal! Heute wollte man sich aber mal amüsieren. Die Thür sprang auf, und der alte Amable erschien. Er sah böse und wütend aus, schleppte sich an seinem Stock hin und stöhnte bei jedem Schritt, um sein Leiden bemerklich zu machen. Als er kam, schwieg alles. Aber plötzlich legte der alte Malivoire, sein Nachbar, ein Witzbold, der alle Schwächen der Leute kannte, einem Sprachrohr gleich, wie Cäsar zu thun pflegte, die Hände an den Mund und brüllte: – Na, alter Krüppel, Du mußt aber eine Nase haben, daß Du das Essen bis zu Dir rüber gerochen hast. Brüllendes Gelächter ertönte. Malivoire, den der Beifall freute, fuhr fort: – Wenn eener Schmerzen hat, giebt´s nischt Besseres, als so nen Wurschtumschlag, der hält den Bauch warm, und dazu ein paar hinter die Binde. Die Leute brüllten, schlugen mit der Faust auf den Tisch, knickten zusammen, lachten und erhoben sich wieder, als hätten sie eine große Feuerspritze in Gang bringen wollen. Die Frauen schauten wie Hennen drein, die bedienenden Mägde wanden sich nur so, an der Mauer lehnend. Nur der alte Amable lachte nicht und wartete, ohne ein Wort zu sagen, daß man ihm Platz machen sollte. Man setzte ihn mitten an den Tisch, der Schwiegertochter gegenüber, und sobald er saß, begann er zu essen. Sein Sohn bezahlte, da mußte er jedenfalls sein Teil verzehren. Mit jedem Löffel Suppe, der ihm in den Magen lief, bei jedem Bissen Brot oder Fleisch, den er kaute, bei jedem Glas Apfel- oder Rotwein, der ihm durch die Kehle rann, meinte er einen Teil seines Besitzes zurück zu verdienen, ein wenig von dem Gelde wieder zusammen zu kratzen, das diese Schweinebande hier versoff, kurz, von seinem Gelde, und wäre es noch so wenig, etwas zu ersparen. Und schweigend, mit der Beharrlichkeit eines Geizigen, der sein Geld vergräbt, mit der Zähigkeit, mit der er früher gearbeitet hatte, aß er jetzt. Aber plötzlich erblickte er am Ende des Tisches Cölestinens Kind auf den Knieen einer Frau, und nun wendete er kein Auge mehr davon ab. Er fuhr fort zu essen, immer den Blick auf den Kleinen gerichtet, dem seine Wärterin manchmal etwas zum Knabbern in den Mund steckte. Und der Alte litt unter den paar Bissen, die das Wurm zu sich nahm, mehr, wie unter allem, was die übrige Gesellschaft aß. Die Mahlzeit dauerte bis an den Abend, dann ging man nach Haus. Cäsar half dem alten Amable aufstehen. – Na, Vater, wir müssen heem! Er gab ihm seine beiden Stöcke in die Hände, Cölestine nahm ihr Kind auf den Arm, und sie gingen langsam davon in der fahlen, schnee-erleuchteten Nacht. Der alte Taube war dreiviertel betrunken und ward durch die Trunkenheit noch bösartiger. Er wollte durchaus nicht vorwärts gehen, ein paar Mal setzte er sich sogar hin, in der Hoffnung, seine Schwiegertochter könnte sich vielleicht dabei erkälten, und er stöhnte, ohne ein Wort dabei zu sprechen, und stieß lange schmerzliche Klagelaute aus. Sobald sie nach Haus gekommen waren, kletterte er auf den Boden hinauf, während Cäsar für das Kind ein Bett machte neben der tiefen Nische, in die er sich mit der Frau legen wollte. Aber da die Jung-verheirateten nicht gleich einschliefen, hörten sie lange Zeit den Alten sich oben auf dem Stroh bewegen. Er sprach sogar ein paar Mal laut, sei es, daß er träumte, sei es, daß ihm, ohne daß er es wollte, die Gedanken entschlüpften, immer in seiner fixen Idee befangen. Als er am nächsten Morgen die Leiter herabstieg, sah er die Schwiegertochter im Haus wirtschaften. Sie rief ihm ins Ohr: – Nu aber schnell Vater, hier is scheene Suppe! Und sie stellte einen runden irdenen Topf mit der dampfenden Flüssigkeit an das Ende des Tisches. Er setzte sich, ohne etwas zu sagen, nahm das heiße Gefäß in die Hand und wärmte sich wie gewöhnlich daran die Hände. Da es sehr kalt war, preßte er es sogar an die Brust, um seinem alten, von der Winterkälte erstarrten Leib etwas von der lebendigen Hitze des kochenden Wassers mitzuteilen. Dann suchte er seine Stöcke und ging bis Mittag, bis zur Essensstunde in die eisige Luft hinaus, denn er hatte in einer großen Seifenkiste Cölestines Kind gesehen, das noch schlief. Er kümmerte sich nicht darum, er lebte wie früher im Hause hin. Aber es war, als ob er garnicht mehr vorhanden wäre, er nahm an nichts teil, und er betrachtete die anderen, den Sohn, die Frau und das Kind, als Fremde, die er nicht kannte, mit denen er nicht sprach. Der Winter ging hin, er war lang und hart. Dann kam der Frühling in's Land, es begann zu grünen, und die Bauern brachten wieder, gleich fleißigen Ameisen, ihre Tage draußen auf den Feldern zu, arbeiteten von früh bis abends, in Wind und Regen, in den Furchen der braunen Erde, die der Menschen Brot gebiert. Das Jahr schien sich für das junge Paar günstig anzulassen, die Ernte gedieh reichlich und gut. Es gab keine Spätfröste, und die blühenden Apfelbäume ließen ihren rosa und weißen Schnee ins Gras niederstäuben, der für den Herbst reiche Ernte versprach. Cäsar arbeitete wie ein Pferd, stand früh auf, kehrte spät heim, um das Geld für einen Knecht zu sparen. Seine Frau sagte manchmal zu ihm: – Du wirst Dir noch 'nen Schaden thun. Er antwortete: – Nee, das bin ich mal gewehnt. Und doch kehrte er eines Abends so müde zurück, daß er sich legen mußte, ohne gegessen zu haben. Zur gewöhnlichen Stunde stand er am anderen Morgen auf, aber er konnte nichts zu sich nehmen, trotz seines Fastens am Abend vorher, und nachmittags mußte er heimkehren, um sich wieder auszuruhen. Nachts fing er an zu husten, warf sich fiebernd, mit glühender Stirn und trockener Zunge, durstgequält auf seinem Stroh hin und her. Aber er ging doch im Morgengrauen bis an die Felder. Indes mußte am nächsten Tag der Arzt geholt werden, der ihn sehr krank fand und eine Lungenentzündung feststellte. Jetzt verließ er das dunkle Loch nicht mehr, das ihm als Lager diente, und man hörte ihn aus der Tiefe der Nische keuchen, husten und sich bewegen. Um ihn zu sehen, um ihm Arzenei zu geben, mußte man mit einem Licht hineinleuchten. Dann gewahrte man einen eingefallenen Kopf, durch den langgewachsenen Bart verändert, unter dichtem Schleier von Spinnennetzen, die herabhingen und sich im Lufthauch hin und her bewegten. Die Hände des Kranken sahen wie erstorben aus auf der grauen Decke. Cölestine pflegte ihn mit unruhiger Geschäftigkeit, gab ihm Arzeneien ein, ging und kam im Haus, wahrend der alte Amable am Bodenrand sitzen blieb und in das dunkele Loch hinüberspähte, in dem sein Sohn im Sterben lag. Er näherte sich ihm nicht, aus Haß gegen die Frau, denn er schmollte wie ein eifersüchtiger Hund. Wieder gingen sechs Tage vorüber, da sah eines Morgens Cölestine, die jetzt auf der Erde auf zwei Schütten Stroh schlief, nach, ob es ihrem Mann nicht besser ginge, und hörte plötzlich seinen kurzen Atem nicht mehr aus der Tiefe des Lagers. Erschrocken fragte sie: – Nu, Cäsar, wie geht's Dir denn heite? Er antwortete nicht. Sie streckte die Hand aus, ihn zu betasten und traf das eisige Fleisch seines Gesichtes. Sie stieß einen langen Entsetzensschrei aus. Er war tot. Bei diesem Schrei erschien der alte Taube oben an seiner Leiter, und als er sah, daß Cölestine hinaus rannte, um Hilfe zu suchen, kletterte er schnell hinab, befühlte seinerseits das Gesicht seines Sohnes, begriff plötzlich, was geschehen, schloß die Thür von innen, um die Frau zu hindern, hereinzukommen, weil er Besitz von seiner Wohnung ergreifen wollte, da doch sein Sohn tot war. Dann setzte er sich in einen Stuhl neben den Toten. Nachbarn kamen, riefen, klopften, er hörte nicht. Einer zerbrach eine Fensterscheibe, stieg ins Zimmer, andere folgten, die Thür öffnete sich wieder, Cölestine erschien, weinte heiße Thränen, die ihr über die geröteten Wangen herabliefen. Da fühlte sich der alte Amable überwunden und kletterte, ohne ein Wort zu sagen, wieder auf seinen Boden hinauf. Das Begräbnis fand am anderen Morgen statt, dann waren nach der Feier Schwiegervater und Schwiegertochter mit dem Kind wieder allein im Haus. Es war die gewöhnliche Essensstunde. Cölestine steckte Feuer an, bereitete die Suppe, stellte die Teller auf den Tisch, während der Alte, auf einem Stuhl wartend, garnicht that, als ob er sie sähe. Als die Mahlzeit fertig war, brüllte sie ihm ins Ohr: – Nu, Vater, essen, essen! Er erhob sich, setzte sich quervor an den Tisch, leerte seinen Topf, kaute seine Butterstulle, trank seine zwei Gläser Apfelwein, dann ging er fort. Es war einer jener lauen köstlichen Tage, an denen es anfängt, sich in der Natur zu regen, wo es beginnt zu keimen, und alles blüht und sproßt auf der ganzen Erde. Der alte Amable ging einen Fußweg durch die Felder. Er besah das junge Getreide, den jungen Hafer, und dachte daran, daß sein Kleiner jetzt unter der Erde lag, sein armer Kleiner. Er ging mit seinem humpelnden Schritt hin und zog das Bein nach. Und da er ganz allein auf der weiten Ebene war, allein unter dem blauen Himmel, mitten zwischen den reifenden Ernten, allein mit den Lerchen, die er über seinem Kopf in der Höhe stehen sah, ohne ihr Schmettern zu hören, begann er, während er so hinschritt, zu weinen. Dann setzte er sich an einen kleinen Tümpel und sah bis zum Abend den kleinen Vögeln zu, die trinken kamen. Als es dann Nacht wurde, kehrte er heim, aß, ohne ein Wort zu sagen, die Suppe und kletterte auf seinen Boden. Und sein Leben ging fort, wie es früher gewesen, nichts hatte sich geändert, nur daß sein Sohn Cäsar auf dem Kirchhof schlief. Was wäre aus dem Alten geworden? Er konnte nicht mehr arbeiten, er konnte nur noch Suppe essen, die ihm die Schwiegertochter machte, und er aß sie in aller Ruhe, morgens und abends, und betrachtete mit wütenden Blicken das kleine Kind, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches aß wie er. Dann ging er aus, strich durchs Land wie ein Vagabund, versteckte sich hinter den Scheunen, um ein oder zwei Stündchen zu schlafen, als ob er fürchtete, gesehen zu werden, und wenn es Abend wurde, kehrt er heim. Und sein Leben ging fort, wie es früher gewesen, nichts hatte sich geändert, nur daß sein Sohn Cäsar auf dem Kirchhof schlief. Was wäre aus dem Alten geworden? Er konnte nicht mehr arbeiten, er konnte nur noch Suppe essen, die ihm seine Schwiegertochter machte, und er aß sie in aller Ruhe, morgens und abends, und betrachtete mit wütenden Blicken das kleine Kind, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches aß wie er. Dann ging er aus, strich durchs Land wie ein Vagabund, versteckte sich hinter den Scheunen, um ein oder zwei Stündchen zu schlafen, als ob er fürchtete, gesehen zu werden, und wenn es Abend wurde, kehrte er heim. Aber in Cölestines Geist tauchten Pläne auf. Zur Feldarbeit war durchaus ein Mann nötig, der überwachte und mitarbeitete. Es mußte immer jemand auf dem Felde sein, nicht ein Knecht, sondern der Herr, der etwas davon verstand, sich um die Landwirtschaft kümmerte und Interesse daran besaß. Eine Frau allein konnte die Feldarbeit nicht besorgen, sich nach dem Preise des Getreides erkundigen, die Verkäufe leiten und Vieh kaufen. Da kamen ihr alle möglichen Gedanken, einfache, praktische Gedanken, und die Nacht hindurch überlegte sie hin und her. Vor einem Jahr konnte sie sich nicht wieder verheiraten, und es mußten doch alle möglichen dringenden Dinge erledigt werden. Da konnte nur ein einziger Mensch helfen: Victor Lecoq, der Vater ihres Kindes. Er war fleißig und wohlbewandert im Feldbau, er hätte mit etwas Geld in der Tasche einen ausgezeichneten Bauern abgegeben. Sie wußte es genau, denn sie hatte ihn ja bei ihren Eltern arbeiten sehen. Als sie ihm also eines Morgens auf der Straße begegnete mit einem Mistwagen, den er fuhr, näherte sie sich ihm, um mit ihm zu reden. Als er sie sah, hielt er die Pferde an, und sie sagte, als ob sie sich erst am Tage vorher gesehen: – Guten Tag, Victor. Geht's gut? Er antwortete: – Mir geht's gut. Und wie geht Sie's? – Na, bei mir ging's so, wenn ich nich ganz alleene im Hause wäre, und das is ne verfluchte Geschichte wegen die Felder. Da schwatzten sie lange Zeit, an die Räder des schweren Wagens gelehnt. Der Mann kraute sich ab und zu das Haar unter der Mütze, dachte nach, während sie mit roten Wangen lebhaft auf ihn einsprach, ihre Gründe auseinandersetzte, ihre Gedanken und Zukunftspläne. Und endlich brummte er: – Ja, das kennte schon sein. Sie hielt ihm die offene Hand hin, wie ein Bauer, wenn er einen Handel abschließt, und fragte: – Sein mir einig? Er schlug ein: – Mir sein einig. – Also nächsten Sonntag, nich wahr? – Gut, nächsten Sonntag. – Na, da adjee, Victor. – Adjee, Frau Houlbrèque. III An diesem Sonntag war das Dorffest, das jährliche Fest des Schutzheiligen, eine Art Kirmeß, die man in der Normandie zu feiern pflegt. Seit acht Tagen schon sah man auf allen Straßen mächtige Wagen kommen, von Apfelschimmeln oder Braunen gezogen, in denen die Zugvogelfamilien der Jahrmarktsleute wohnen, Inhaber von Schießbuden, Karrussells, Menagerien und allerlei Monstrositäten und Merkwürdigkeiten. Auf dem großen Platz vorm Hause des Ortsvorstandes hatten die schmutzigen Wagen mit den wehenden Vorhängen, die ein trauriger Hund, der mit gesenktem Kopf zwischen den Rädern lauerte, bewachte, Station gemacht. Dann war vor jedem der rollenden Häuser ein Zelt errichtet, und in diesem Zelt sah man durch die Löcher der Leinwand Dinge glänzen, die die Neugierde und Lust der Dorfjugend erregten. Schon am Morgen des Festtages waren alle Buden geöffnet worden, und man gewahrte ihre Schätze an Glas und Porzellan. Die Bauern, die in die Kirche gingen, betrachteten die bescheidenen Buden mit zufriedenen, neugierigen Blicken, obgleich sie doch jedes Jahr wieder dasselbe sahen. Schon im Beginn des Nachmittags sammelte sich eine große Menschenmenge auf dem Platz. Aus allen Nachbardörfern kamen die Bauern an, mit Frau und Kindern durchgerüttelt in den zweirädrigen Karren, deren Eisenteile klapperten, wenn die Räder sich drehten. Bei Freunden wurde ausgespannt, und die Höfe standen voll seltsamer grauer, hoher, krummer Rollwagen, die aussahen, wie merkwürdige Seetiere mit langen Flossen. Und die einzelnen Familien kamen nun, die Kinder voran, die Erwachsenen hinterdrein langsam zum Jahrmarkt, lächelnden Gesichts, die Hände ausgestreckt, große, rote, knochige Hände, arbeitsgewöhnt, mit denen sie jetzt nichts anzufangen wußten. Ein Kunstreiter blies auf der Trompete, die Drehorgel am Karrussell sandte ihre jämmerlich heulenden Töne hinaus, das Glücksrad rasselte wie Stoff, den man zerreißt, Schüsse klangen von Sekunde zu Sekunde, und die Menge bummelte langsamen Schrittes vor den Buden hin, wie ein bewegter Teich, zurückflutend gleich einer Herde, ungeschickt wie große, ungeschlachte Tiere, die zufällig die Freiheit erlangt haben. Die Mädchen hatten sich in Ketten zu sechs oder acht untergehakt, und gröhlten Lieder, die Burschen folgten ihnen lachend, die Mütze schief auf dem Kopf, in den frisch gesteiften blauen Blusen, die aufgebläht waren wie Luftballons. Die ganze Gegend war gekommen, Herr, Knecht, Magd. Sogar der alte Amable hatte seinen alten grünlichen verschossenen Rock angezogen und wollte den Jahrmarkt mitmachen, denn er fehlte niemals dabei. Er sah das Glücksrad schwingen, stand bei der Schießbude, um zu beobachten, was sie trafen, interessierte sich für das einfache Spiel, das darin besteht, eine große Holzkugel in den offenen Mund einer Figur zu werfen, die auf einem weißen Brett gemalt ist. Plötzlich klopfte ihm jemand auf die Schulter, und der alte Malivoire brüllte ihn an: – Nu, Alter, kommen Se, ich stoße Sie uf 'nen Schnaps. Und sie setzten sich an einen Kneiptisch unter freien Himmel. Sie tranken einen Schnaps, dann einen zweiten, einen dritten. Und der alte Amable begann dann wieder auf dem Jahrmarkt hin und her zu rennen, die Gedanken verwirrten sich ihm, und er lächelte vor sich hin, lächelte angesichts des Glücksrades, lächelte vor dem Karrussell und dann beim Schießen. Und lange stand er da und fühlte sich glückselig, wenn einer den Gendarm oder den Pfarrer niederknallte, zwei Gewalten, vor denen er sich aus Instinkt fürchtete. Dann setzte er sich wieder in die Kneipe und trank ein Glas Apfelwein, um sich zu erfrischen. Es war spät, die Nacht kam, ein Nachbar sagte zu ihm: – Na, Alter, nu gehen Se aber heem! Und er ging zum Hofe. Langsam sank süße Dämmerung, das warme Dunkel eines Frühlingsabends auf die Erde nieder. Als er an seine Thür gekommen war, meinte er durch das erleuchtete Fenster im Haus zwei Leute zu erblicken. Er blieb erstaunt stehen, trat dann ein und gewahrte Victor Lecoq, der am Tisch saß vor einer Schüssel mit Kartoffeln, und zwar gerade dort, wo sein Sohn immer zu sitzen pflegte. Da plötzlich drehte er wieder um, als wollte er fortlaufen. Die Nacht war jetzt ganz schwarz. Cölestine hatte sich erhoben und rief ihn an: – Kommen Se schnell, Vater, 's giebt schenes Jahrmarktsragout. Er gehorchte, setzte sich, blickte abwechselnd den Mann, dann die Frau und das Kind an, und begann langsam zu essen, wie alle Tage. Es war, als fühle sich Victor Lecoq ganz zu Haus, er sprach ab und zu mit Cölestine, nahm das Kind auf die Kniee, küßte es, und Cölestine gab ihm immer wieder etwas zu essen, schenkte ihm ein und schien glücklich zu sein, mit ihm zu sprechen. Der alte Amable folgte ihnen mit starren Blicken, ohne zu hören, was sie sagten. Als er mit essen fertig war, und es war ihm so elend zu Mute, daß er kaum gegessen hatte, öffnete er, statt auf den Boden hinauf zu klettern wie jeden Abend, die Thür und ging hinaus. Nachdem er fort war, fragte Cölestine etwas beunruhigt: – Was macht er denn? Victor antwortete gleichgiltig: – Ach, kümmre Dich doch nich drum, der wird schon wieder 'reinkommen, wenn er müde ist. – Da versorgte sie ihre Wirtschaft, wusch Teller, wischte den Tisch ab, während der Mann sich ruhig auszog. Dann legte er sich in das dunkle tiefe Loch, wo sie einst mit Cäsar geschlafen hatte. Die Hofthür öffnete sich, der alte Amable erschien. Sobald er im Zimmer stand, blickte er sich nach allen Seiten um, wie ein alter Hund, der etwas wittert. Er suchte Victor Lecoq. Da er ihn nicht sah, nahm er das Licht vom Tisch, näherte sich der dunklen Nische, in der sein Sohn gestorben war. In der Tiefe sah er unter der Bettdecke einen Mann liegen, der schon schlief. Da wendete sich der Taube langsam um, setzte das Licht wieder auf den Tisch und ging nochmals auf den Hof hinaus. Cölestine war mit ihrer Arbeit fertig geworden, hatte ihren Sohn zu Bett gebracht, alles an seine Stelle gelegt und wartete nun, um sich ihrerseits neben Victor zu betten, bis ihr Schwiegervater wiedergekommen wäre. Sie blieb auf einem Stuhl sitzen; die Hände im Schoß, starrte sie vor sich ihn. Da er aber nicht heimkehrte, brummte sie ärgerlich: – Der alte Nichtsthuer kostet uns bloß noch vier Pfen'ge Licht. Victor antwortete aus der Tiefe des Bettes: – Jetzt is er schon eene Stunde fort. Du solltest doch mal nachsehen, ob er nich auf der Bank vor der Thür eingeschlafen is. Sie sagte: – Ich gehe schon! – erhob sich, nahm das Licht und ging hinaus, um in der Dunkelheit sehen zu können, indem sie die Hand vor die Augen hielt gegen die Blendung. Vor der Thür sah sie nichts, weder auf der Bank, noch auf dem Mist, wohin sich der Alte manchmal, um es warm zu haben, setzte. Aber wie sie wieder ins Haus gehen wollte, blickte sie zufällig zum großen Apfelbaum auf, der seine Äste über die Thür ausstreckte und gewahrte mit einen Mal zwei Füße, zwei Männerfüße, die etwa so hoch hingen wie ihr Gesicht. Sie brüllte fürchterlich: – Victor! Victor! Victor! Im Hemd lief er herbei, sie konnte nicht mehr reden, wandte den Kopf ab, um es nicht zu sehen, und deutete nur mit ausgestrecktem Arm nach dem Baum. Er begriff nicht, was los war, nahm das Licht, um genauer hinzusehen, und entdeckte unter dem von unten erleuchteten Blätterwerk den alten Amable, der sich hoch am Baum mit einer Stallhalfter erhängt hatte. Eine Leiter lehnte noch am Stamm des Apfelbaumes. Victor lief davon, um eine Sichel zu holen, kletterte auf den Baum und schnitt den Strick ab. Aber der Alte war schon kalt und streckte entsetzlich, mit fürchterlichem Grinsen, die Zunge heraus.