Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus – Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang Erzählt von Wilhelm Langewiesche Die Linien des Lebens sind verschieden wie Wege sind und wie der Berge Grenzen. Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden. Man schrieb das Jahr 1844. Während – ein Wallfahrtsziel für Millionen frommer Katholiken – in Trier einer der wundertätigen ungenützten Röcke Jesu Christi ausgestellt und in der Stadt der reinen Vernunft das dreihundertjährige Jubiläum der protestantischen Albertina durch die Grundsteinlegung zu einem neuen Universitätsgebäude gefeiert ward, fand in Berlin eine große Kunst- und Industrieausstellung statt, auf der Heinrich ten Bompels Cassinet die Silberne Medaille davontrug. Aber seine Freude darüber ward gedämpft, wenn er der unendlichen bürokratischen Vorschriften, Bedingungen und Beanstandungen sich erinnerte, an denen diese ganze Gewerbeausstellung beinahe gescheitert wäre, die zum erstenmal das gesamte Gebiet des Deutschen Zollvereins umfassen sollte. Und dann hatte es ihn auch verdrossen, daß in der Nachbarschaft seines Cassinets, bei einem ganz wundervollen Leinengewebe eine Büchse aufgestellt war, um Almosen für die Schulen aufzunehmen, worin Kinder das Handspinnen erlernten. Inzwischen forderte der Siegeslauf der Dampfkraft andere Opfer, als die Regierung zu Düsseldorf sie von dem Schwungrad der Firma J. P. Wolf und Sohn befürchtet hatte. Aus den dichtbevölkerten Gebirgstälern Schlesiens schrie das Elend der Hausweber zum Himmel, die, durch Generationen leiblich und seelisch verkümmert und in Abhängigkeit geraten, von den wenigen großen Häusern ihrer Arbeitgeber ausgesogen wurden. Diese wiederum klagten, ihres stetig wachsenden Wohlstandes ungeachtet, beweglich über die Konkurrenz, die die neue englische Dampfmaschine dem alten deutschen Webstuhl mache, und über die Ungunst der handelswirtschaftlichen Zeitverhältnisse im allgemeinen. Der Himmel blieb stumm, und wie man in Breslau und Berlin sich auch die zuständigen Stirnen rieb, am Ende machte man's doch wie jener Arzt, der seinen Patienten verprügelte, weil er ihm zu helfen nicht vermochte. Und die Weisheit einer hohen Staatsregierung wußte keine bessere Antwort auf jenen Schrei, als eine Salve aus Soldatengewehren, die unter der erregten Menge in Oberlangenbielau vor der demolierten Dierigschen Fabrik ein billiges und grauenhaftes Blutbad anrichtete. Ach, es war nicht, weil der Geist des vierten Friedrich Wilhelm zu jener Zeit schon umnachtet gewesen wäre, oder weil es seinem landesväterlichen Herzen an Liebe gefehlt hätte – es war nur, weil eine fern aufdämmernde Wahrheit Märtyrer brauchte. Beides, der Schrei des Elends und die königlich preußischen Flintenschüsse widerhallten in sechsunddreißig deutschen Vaterländern, und aus Paris warf Heinrich Heine das Echo zurück: Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, wir weben emsig Tag und Nacht – Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch, wir weben und weben ... Auch in dem werdenden Industriestädtchen zwischen Niederrhein und Maas steckte man die Köpfe zusammen, und in der »Gesellschaft« gewannen die Namen der schlesischen Fabrikanten rasch einen vertrauten Klang. Den Pastor Kranevoß aber kam ein Gruseln an, als es hieß, man hätte seinen Amtsbruder Seiffert zu Oberlangenbielau ins Wasser geworfen. Der sollte seinem reichen Schwiegervater Dierig geraten haben, eine den Hungerleidenden zugedachte Geldspende einzusparen, weil ja das Militär schon da sei ... Aber ernstlich war man nicht allzu besorgt. Hier lagen die Verhältnisse doch ganz anders, hier hätte nur Unvernunft oder Gehässigkeit von »aussaugen« sprechen können. Darum ward auch der Vorschlag des Herrn Latschert verworfen, man solle nach dem Beispiel anderer Industriestädte alsbald einen »Lokalverein für das Wohl der arbeitenden Klassen« gründen. Gab es hier denn andere als »arbeitende« Klassen? Freilich – in der Verwendung kleiner Kinder ging man in den Fabriken etwas weiter als das Gesetz es erlaubte, aber schließlich kam deren Arbeit doch in erster Linie den Eltern zugute. Außerdem waren hier die Weber, wenigstens ihr alter Stamm und Kern, durchweg Pietisten, verständige Männer, die wußten, daß Gott der Herr es gewesen war, der beide gemacht hatte: Reiche und Arme! – Und Herr Latschert selber mußte schließlich zugeben, daß hier die Gegensätze nicht annähernd so schroff waren, wie etwa in Elberfeld, wo es seiner, wie gewöhnlich stark übertreibenden Behauptung nach nur noch einerseits »kaufmännische Großhänse mit Schmeerbäuchen und ausgearbeiteten Freßwerkzeugen«, andererseits »elendes Lumpengesindel« gab. Auch Fritz Harkort, der bergisch-märkische Industrielle, der neben allen seinen Unternehmungen noch Zeit zum Bücherschreiben fand und soeben »Bemerkungen über die Hindernisse der Zivilisation und Emanzipation der untern Klassen« veröffentlicht hatte, erblickte ja die Gefahr hauptsächlich darin, daß die großen Industriestädte so viele Arbeiter anzögen, die heute vergeudeten und morgen darbten. Hier aber vergeudete keiner und darbte keiner. – Immerhin, schaden konnte es nicht, wenn der Kommerzienrat Wolf seine Beziehungen zum Stundenhalter Schlüpjes benutzte, um durch ihn auf die Weber vorbeugend einzuwirken. Denn Schlüpjes besaß Einfluß. Seine Reputation hatte durch das Ausbleiben des Tausendjährigen Reiches nicht ernstlich Schaden genommen. Gott werde schon wissen, hatte man sich gesagt, warum er der sündigen Menschheit noch einigen Aufschub gewähre. Und dann: daß diese orientalische Frage ein Vorbote der letzten Dinge war, stand doch fest. Denn die konnten nicht beginnen, bevor die Türken aus Europa vertrieben waren. Die abendlichen Gebetsversammlungen des frommen Webers blühten nun schon seit fast zwanzig Jahren, und Pastor Kranevoß hatte sich damit abgefunden, daß sie weit zahlreicher besucht wurden als das von ihm vor einem halben Jahrzehnt begonnene Konkurrenzunternehmen. – Aber der alte Schlüpjes wußte auch viele von den Stillen im Lande ringsum zu erreichen, die wegen zu weiter Entfernung an diesen Gebetsversammlungen nicht teilnehmen konnten. Er hatte sich gesagt, können sie nicht zu mir kommen, so kann ich doch zu ihnen kommen. Darum gab er seit Jahren eine Art Zeitschrift heraus: »Einfältige Briefe über die Wahrheit, von einem Freunde derselben«, um deren Vervielfältigung alle schreibkundigen Hände seines häuslichen Kreises sich bemühen mußten und die seine Frau weit im Lande umher bis ins Holländische hinein verbreitete ... Und zwar mußte, wem sie einen neuen Brief brachte, den alten zurückgeben, der alsdann von ihr wieder einem neuen Leser zugestellt ward. Es war unglaublich, welche Entfernungen die mehr als fünfzigjährige kleine Frau hierbei zurücklegte, aber sie hatte dafür die einfache Erklärung, daß ihr das Laufen ja im Blut läge. – In der Tat hatte ihr Vater Jakob Vits, den alle Welt Vits Köpke nannte, um die Jahrhundertwende in seinem Lehmhäuschen an der Hauptstraße, aller Thurn- und Taxisschen Privilegien ungeachtet, eine »Privatkourierpost« eingerichtet, deren alleiniger Inhaber und einziges Verkehrsmittel seine eigene kleine Person war. Er machte sich nichts daraus, daß später, zur preußischen Zeit, der Königliche Reitende Postillon in farbenfroher Montur mit Schleppsäbel und geladenem Karabiner, wenn er gegen Mittag von Crefeld eintraf, sich nicht ohne Bosheit angewöhnte, gerade vor seinem, Vits Köpkes, Haus mit Blasen zu beginnen. Nein, Vits Köpke wußte, daß er schweigend und laufend doch weiter kam als jener, und daß er dabei obendrein noch sein eigener Herr blieb. Er nahm auf Schusters Rappen an manchen Tagen hundert und mehr Kilometer und trabte, trabte, wie's »dat Jeschäff« mit sich brachte, bald nach Köln und zurück, bald nach Aachen oder Düsseldorf und zurück, ja es kam vor, daß er über Köln oder Düsseldorf hinaus noch nach Bonn oder Elberfeld lief – wobei er freilich streckenweise sich bietende Fahrgelegenheit nicht verschmähen mochte – und doch am späten Abend die müden Beinchen in seinem eignen Bett ausstrecken konnte. Denen hatte nun sein Schwiegersohn Schlüpjes längst die endgültige Ruhestatt bereitet, aber Vits Köpkes einzige Leidenschaft lebte in seiner einzigen Tochter weiter, und Schlüpjes war glücklich, sie in den Dienst der Wahrheit stellen zu können. Für ihn und seine Sache lief die kleine Frau gerne, aber daß sie in ehelichen Krisen » vor ihm nich loopen jing«, das hätte sie nicht so oft ausdrücklich zu versichern brauchen, weil es jeder wußte, am besten ihr Mann und ihre hübschen Töchter, die daraufhin, und besonders in Liebessachen, dem Vater gelegentlich ein wenig Opposition zu machen pflegten. Als nun der Kommerzienrat mit Schlüpjes sprach, fand er bei ihm alsbald ein überraschendes Verständnis, sintemal dem frommen Mann jetzt plötzlich der Sinn der dunklen Worte aufging, die der Versucher diese Nacht ihm zugeraunt. Warum hatte er aber auch bis lange nach Zwölf in dem »Evangelium eines armen Sünders« gelesen, das einer von den Freunden mit oder ohne Absicht bei ihm hatte liegen lassen?! Nun war's ihm ergangen, wie geschrieben steht in der Offenbarung Sankt Johannis am Zehnten: »Und ich nahm das Büchlein und verschlang's, und da ich's gegessen hatte, grimmete mich's im Bauche.« Ja, seine Frau hatte wohl recht gehabt, als sie ihm, über die Verschwendung ärgerlich, endlich das Licht ausgepustet. Gut, daß sie nichts von seinem Bauchgrimmen wußte! Denn es war ein gotteslästerliches Buch, und dieser Schneider Weitling in der Schweiz, der's geschrieben, hätte sich besser einen argen Sünder genannt als einen armen Sünder, sintemal der Kerl sich anmaßte, in Gottes Menschenwelt alle und jede Ordnung einfach auf den Kopf zu stellen. Nein, solche schändliche, boshafte Narretei sollte hier nie und nimmer um sich greifen und die Herzen verwirren. Dagegen wollte auch er nach seiner schwachen Kraft gerne helfen. So schwang dann in seinen Ansprachen hinfort oft ein etwas weltlicher Unterton von den Pflichten gegen die hohe Obrigkeit mit, und die »Einfältigen Briefe über die Wahrheit, von einem Freunde derselben« enthielten jetzt zuweilen tiefsinnige Warnungen vor Untertanen-Überheblichkeit mit Belegen sowohl aus dem Alten wie aus dem Neuen Testament. Und wirklich blieb alles ruhig, nicht nur 1844, sondern auch die folgenden Jahre hindurch, während derer die Nation, in zwei Heerlager ohne jede Verständigungsmöglichkeit gespalten, einer »deutschen Einheit« genoß, die lediglich aus Einbildung und Schwäche, Unzufriedenheit und Mißtrauen bestand: Auf der einen Seite die »Wohlgesinnten«: die Fürsten, der Adel, die Offiziere, die großen und kleinen Grundbesitzer, dazu die Mehrzahl der Geistlichen und Beamten, auch die Vielen und die Vielzuvielen aus den eigentlich bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kreisen. Auf der andern Seite die »Demagogen und Demokraten«: viele Professoren – denn der Einbruch der Göttinger Sieben in die Politik hatte Schule gemacht – Studenten, Dichter und Schriftsteller, Ärzte und Advokaten, dazu besonders in den großen Städten viele Kaufleute und Handwerker und die Intelligenz der halben Million deutscher Fabrikarbeiter, von denen übrigens die meisten nicht in, sondern für Fabriken arbeiteten. – Nur als im Juli 1846 Christian VIII. seinen »Offenen Brief« in die Welt hinausgehen ließ, dänische Ansprüche auf die deutschen Elbherzogtümer zu verfechten, da war, wie 1840 gegen Frankreich, ganz Deutschland einmütig entrüstet und auch die kleine Fabrikstadt zwischen Niederrhein und Maas widerhallte von dem Lied »Schleswig-Holstein, meerumschlungen«. Im übrigen: die Demokraten ballten die Faust im Sack, und das mochten sie immerhin tun, als aber einer von ihnen, Elias van der Straaten junior, wagte, im erkerartig vorspringenden Schaufenster seines Kurzwarenlädchens ein schwarz-rot-goldenes Fähnlein aufzuhängen, also daß die gefährlichen Farben die ganze Gasse hinauf und hinab beunruhigen mußten, da ward er weidlich verprügelt. Sogar der Märzwind, der 1848 in Berlin so bös durch die Straßen gestürmt war und unterwegs in Iserlohn und Elberfeld allerlei Unfug und tragikomische Verwirrung der Geister angerichtet hatte, wandelte sich überm Rhein in ein Frühlingslüftchen, das zwar in Herrn Latscherts Demokratenbusen die Blütenträume lind umspielte, im übrigen aber nur den »langen Laban« berauschte, so zwar, daß D. G. Huyskens ihn aufreizender Reden halber durch den Polizeidiener Effertz aus der Fabrik entfernen lassen mußte. Das Räuschchen, das den Langen dann am nächsten Sonntagvormittag, gerade als die Kirche sich entleerte, auf den »Blumenpott« hatte klettern machen, mochte freilich substantiellere Gründe haben. Augenscheinlich wollte er von dieser Kanzel aus ein Flugblatt verlesen. Aber er sollte nicht über den Anfang hinauskommen: »Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Ko-Kommunismus« stotterte er noch, als Effertz mit gewichtiger Miene ihm das Blatt abverlangte und dem Ärgernis ein Ende bereitete. Es war das Manifest, das Friedrich Engels und Karl Marx von London hatten ausgehen lassen und das nun, seinem Zweck entgegen, vom Bürgermeister abends in der »Gesellschaft« verlesen ward, nicht ohne daß den einen oder andern der wohlgesinnten Fabrikanten ein leichtes Gruseln ankam. Aber der Amtsrichter, der zu seinem Leidwesen noch immer in dem »Baumwollnest saß«, meinte, indem er das corpus delicti an sich nahm, diesmal habe den Marx, der doch an Hegel geschult sei, die große Kunst rasend gemacht, so daß er aller Logik vergessen habe. Sonst hätte er's wohl nicht fertiggebracht, in diesem Manifest die Bourgeoisie so dithyrambisch zu feiern wie ein Oberbürgermeister, der eine Festrede hält, um sie alsbald ganz unvermittelt der Trägheit zu zeihen und ihr die Existenzberechtigung abzusprechen: »Die Bourgeoisie erst hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderung und Kreuzzüge ... Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen, als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze, aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten ...« Was aber den Schluß des Manifestes betreffe, der bedrohlich genug klinge: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« so sei das nicht tragisch zu nehmen. Wenn es schon schwierig, ja vielleicht unmöglich sei, auch nur in einem Lande die Angehörigen eines Standes oder einer Klasse unter Einen Hut zu bringen (erst recht, wenn es sich etwa um Deutsche handle), so sei ein internationaler Zusammenschluß des Proletariats schlechterdings undenkbar, sintemal die Zustände und damit die Wünsche überall verschieden wären und bleiben würden, solcher Zusammenschluß aber niemals auf Grund theoretischer Einsicht, sondern nur unter dem Druck praktischer Notstände erfolgen könne. Dazu komme, wenigstens was den englischen und französischen Proletarier betreffe, daß er doch, wenn's drauf ankomme, immer zuerst Engländer und Franzose bleiben werde. Die Verfasser dieses Manifestes nun wirkten für und stützten sich auf die deutschen Arbeiter im Ausland, die im »Bund der Gerechten« mit dem Sitz in London sich organisiert hätten. Preußen aber sei wesentlich Agrarstaat und werde auch kaum je ein eigentlicher Industriestaat werden. Auch vollziehe sich in Preußen dank der allgemeinen Wehrpflicht, der Gleichheit aller vor dem Gesetz und nicht zuletzt dank der jeden einzelnen Untertan von der Wiege bis zum Sarge betreuenden Fürsorge einer zahlreichen und unbestechlichen Beamtenschaft immerfort ein sozialer Ausgleich. Und gemäß dem preußischen Wahlspruch Suum cuique würden die Königlichen Behörden schon zur rechten Zeit dafür zu sorgen wissen, daß weder den Industriellen noch den Proletariern die Bäume in den Himmel wüchsen, wozu nichts erforderlich sei, als eine allmählich durchzuführende, restlose Paragraphierung aller Beziehungen zwischen Fabrikherren und Fabrikarbeitern. – Bei welcher Aussicht manchen der Herren ein neues Gruseln ankam. Schon vor zehn Jahren hatte der Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Wolf dem Komitee fünfundzwanzig Taler überwiesen, das in Bonn sich gebildet, um dem größten Sohne dieser Stadt ein Denkmal zu setzen. Aber die Beiträge waren spärlich eingelaufen und die Ausführung des Planes immer wieder verschoben worden. Bis 1839 Franz Liszt, der zeitlebens jenseits von Soll und Haben stand, von Italien aus dem Komitee angeboten hatte, er wolle auf eigene Kosten dem großen Beethoven in Bonn durch den italienischen Bildhauer Bartolini ein Standbild aus karrarischem Marmor errichten lassen. Da war Leben in die Sache gekommen. Zwar das Anerbieten hatte man mit Dank abgelehnt: des Klimas wegen ziehe man Bronze und aus vaterländischen Gründen einen deutschen Bildhauer vor. Aber die zehntausend Franken, die Liszt daraufhin gezeichnet, hatte man gern angenommen und als einen Ansporn, die Angelegenheit hinfort mit vermehrten Kräften zu fördern. – Jetzt, im Sommer 1845, war das Kunstwerk fertig, von Hähnel in Dresden modelliert, von Burgschmiet in Nürnberg gegossen, und mit der Enthüllung gedachte man ein dreitägiges Musikfest zu verbinden, auf dem eine ganze Reihe Beethovenscher Werke von den besten Kräften dargeboten werden, übrigens auch die am Rhein immer wachen Gelüste nach den materielleren Genüssen des Lebens nicht zu kurz kommen sollten. Der Kommerzienrat meinte, er müsse doch »sein« Denkmal enthüllen helfen und seine Frau dürfe ihn bei einer so schwierigen Unternehmung nicht allein lassen. Und was die Kölnische Zeitung von den Vorbereitungen wie von den einlaufenden Anmeldungen fremder Musiker und hoher Ehrengäste zu berichten hatte, versprach des Vergnüglichen und Interessanten genug. – Schon hatte man in Bonn eine Reitbahn zur Festhalle hergerichtet, als Liszt, der jetzt in Köln wohnte, dazwischenfuhr: das gehe denn doch nicht! Er wolle auf seine Kosten dem Fest eine würdige Stätte bereiten. Er wandte sich an den Dombaumeister Zwirner und zehn Tage später – wozu hatte man die vielen Flöße auf dem Rhein? – war eine schöne hölzerne Halle von zweihundert Fuß Länge und fünfundsiebzig Fuß Breite fertig, die am 8. August bei der großen Probe eine wundervolle Akustik ergab. Inzwischen hatte Herr Josef Schmitz, der kluge Wirt und Besitzer des Gasthofs Zum goldenen Stern am Markt, sich gesagt, daß ungeachtet des angenehmen Stroms von Ladies und Gentlemen, die auf der obligaten Rheinreise jahraus jahrein durch sein Haus fluteten, ihm doch, wenn es einmal Brei regne, der Löffel nicht zu fehlen brauche. Er kaufte die Nachbarhäuser an, baute Säle, Zimmer und Zimmerchen ein, aus und um, also daß er nicht nur fünfhundert Menschen gleichzeitig zu speisen und, was wichtiger war, zu tränken, sondern auch an die zweihundert zu herbergen vermochte. Als aber am späten Nachmittag des 9. August Wolfs am »Goldnen Stern« vorfuhren, um das vorausbestellte Zimmer zu beziehen, komplimentierte Herr Schmitz gerade eine schwarz und beinah ärmlich gewandete, dunkeläugige Dame hinaus, da tatsächlich alles besetzt und überbesetzt sei. Denn von Aloys, dem trefflichsten aller Oberkellner, hatte jene sich nicht abweisen lassen, immer wieder darauf pochend, sie sei » seconde soubrette au Grand Opéra à Paris « und » invitée par monsieur Liszt «. Prachtvoll war am ersten Festtag die Aufführung der Missa solemnis und der Neunten Symphonie unter Spohrs sicherer Leitung. Besonders der Bassist Staudigl vom Theater an der Wien, von dem es hieß, daß er ursprünglich Medizin studiert habe, im Grunde aber zum Maler geboren sei, bezauberte alles durch Stimme und Vortrag. Man konnte gewiß nicht sagen, daß der Liebling der Berliner, der Tenorist Mantius vom Opernhaus, enttäuscht hätte, aber ganz ebenbürtig war er jenem doch nicht. – Unter den Zuhörern fiel Frau Anna ein feiner Gelehrtenkopf auf. In einer Pause fragte sie ihren Nachbar zur Rechten, einen freundlichen alten Herrn, der dann durch eine längere Aufklärung als zur Zunft gehörig sich verriet: Das sei Hector Berlioz aus Paris, dessen » Symphonie phantastique « gleichsam eine Vorgängerin der Neunten sei, wie er denn auch als Erster in Frankreich dem klassischen Ideal das romantische entgegengestellt und, die Form zerbrechend, für den neuen Inhalt einen neuen Ausdruck gesucht habe. Und dann zeigte der Alte ihr Meyerbeer und bedauerte, daß noch recht viele fehlten, die eigentlich nicht fehlen sollten: Spontini, Schumann und Marschner und leider auch Auber und Halévy, die er so gern einmal wiedergesehen hätte. Und als Frau Anna nach Mendelssohn fragte, dem niedlichen Kerlchen, das ihr von der Uraufführung seines Paulus auf dem Düsseldorfer Musikfest von 1836 noch in guter Erinnerung geblieben sei, meinte er, der sei gewiß durch die Hofkonzerte ferngehalten, die er im benachbarten Schloß Brühl zu leiten habe. Denn Friedrich Wilhelm IV. weilte seit Ende Juli in den Rheinlanden und auf seinen ausdrücklichen Wunsch mußte die Enthüllung des Denkmals vom zweiten auf den dritten Festtag, den 12. August, verschoben werden, weil er am Abend des 11. die junge Königin Viktoria von England und ihren Prinzgemahl Albert, den Koburger, in Köln in Empfang zu nehmen und die Absicht hatte, durch solche hohen Gäste die Enthüllungsfeierlichkeit noch zu erhöhen. Da aber das Programm des dritten Tages sich nicht auf den zweiten verlegen ließ, mußte man diesen zu einem musikalischen Ruhetag machen, wohlverstanden ohne daß er dadurch etwa an Pläsierlichkeit verlieren durfte. So schlug dann Herr Merkens, der Präsident der Kölnischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, ein improvisiertes Tauffest vor: ein soeben fertiggewordenes Schiff solle in Bonn den Namen »Beethoven« erhalten und alsdann, Küche und Keller bewährend, die Festgäste in fröhlicher Lustfahrt nach Nonnenwerth und zurück führen. – Fräulein von Bethmann-Hollweg, die Tochter des Universitäts-Kurators, vollzog den Taufakt mit Bravour, und da weder an Kränzen, Fahnen, bunten Wimpeln und Böllerschüssen gespart ward, noch an festlich gewandeten Frauen und hübschen Mädchen, an gepflegten Weinen, witzigen oder gefühlvollen Reden und munteren Liedern Mangel war, auch der Himmel dieses alles und dazu den Rhein und die Sieben Berge mit Sommersonnenglanz vergoldete, geriet die Unternehmung zum besten, also, daß am späten Abend niemand mit jenem römischen Kaiser einen verlorenen Tag zu beseufzen brauchte. Es sei denn der König von Preußen. Zwar der Ostender Zug war ganz pünktlich auf dem Aachener Bahnhof in Köln eingelaufen, aber die in ostentativ einfacher Reisekleidung ihm entsteigende junge Königin begrüßte den in Gala und mit großem Gefolge ihrer Harrenden nichts weniger als herzlich. Und als eine Stunde später beim Empfang im Schloß zu Brühl der dort als Gast anwesende Erzherzog Friedrich von Österreich dem Hofzeremoniell gemäß vor ihrem Prinzgemahl den Vortritt zu nehmen hatte, vermehrte sich ihre schlechte Laune dermaßen, daß sie nach zehn Minuten mit ihrem Gefolge sich zurückzog, das festliche Souper und den ihr zugedachten preußischen Zapfenstreich ablehnend. So herrschte dann an der königlichen Abendtafel eine einigermaßen gedrückte Stimmung, und auch der Toast, den zu halten Seine Redelustigkeit Friedrich Wilhelm IV. sich nicht versagen konnte, blieb ohne Echo und rechte Wirkung: »Wie einst bei Waterloo, Hurra Viktoria!« Es ließ sich nicht leugnen, daß das Komitee seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Einmal hatte es versäumt, den musikalischen Berühmtheiten Plätze in der Münsterkirche zu reservieren, wo am 12. August nach Beendigung des großartigen Festzuges die C-Dur-Messe unter Breidensteins Leitung meisterhaft aufgeführt ward. Wolfs hatten, bevor der Festzug hineinströmte, unter der die Kirche füllenden Bürgerschaft sich niedergelassen, und ganz in ihrer Nähe saß mit ruhelosen Augen die seconde soubrette au Grand Opéra à Paris . Aber von den eingeladenen Gästen mußte mancher draußen bleiben. – Und dann hatte das Komitee leider auch nicht bedacht, daß es wohl artig gewesen wäre, für die erwarteten Majestäten und deren Gefolge auf dem Münsterplatz in Front des zwischen bekränzten Flaggenmasten der Enthüllung harrenden Denkmals bequeme Sitze herzurichten. Ein Glück, daß das gräflich Fürstenbergische Palais auf den Münsterplatz hinaus einen Balkon hatte, der in letzter Stunde noch mit Teppichen, Kränzen und Topfblumen sich schmücken ließ. Solchergestalt sahen die hohen Herrschaften dann doch noch ganz würdig sich untergebracht, ohne zu ahnen, daß es sich um einen Notbehelf handle. Die Türen der Kirche sprangen auf, die herausströmende Menge füllte den Münsterplatz, Breidensteins Festkantate und seine gutgemeinte Festrede verwehte der Wind. Dann sank die Hülle, und Beethovens Standbild glitzerte in der Sonne, begrüßt von tausendstimmigen Jubelrufen, Böllerschüssen, Trompetenfanfaren und Gewehrsalben. Aber die englischen Hofdamen auf dem gräflich Fürstenbergischen Balkon kicherten, ihrer hochnäsigen Gebieterin Antlitz erstarrte völlig, und Friedrich Wilhelm IV. bemerkte tiefsinnig: »Der dreht uns ja den Rücken zu!« Was sich nun freilich nicht leugnen ließ. Und auch Alexanders von Humboldt Entschuldigung: daß der Beethoven in seinem Leben immer ein grober Kerl gewesen und man füglich nach seinem Tode von ihm keine Höflichkeit erwarten dürfe, konnte die Verstimmung nicht beseitigen, in der die Majestäten aufbrachen, um mit dem Dampfschiff nach Köln zu fahren, neuen Festlichkeiten entgegen. – Franz Liszt aber trat als erster freudestrahlend nahe an das Denkmal heran und betrachtete lange die leidvollen Züge des Meisters. Am Abend dieses denkwürdigen Tages, während in Köln die bunte Beleuchtung des Domes und der Rheinufer der für ihre sechsundzwanzig Jahre reichlich blasierten englischen Königin eine kühle Anerkennung abnötigte, füllte die hölzerne Festhalle zu Bonn sich aufs neue mit Wohllaut: Franz Liszt dirigierte die C-Moll-Symphonie, und zwar genau nach dem Original, mit den zwölf Kontrabässen in den Achtelfiguren des Scherzo, was als eine unerhörte Leistung angesprochen ward. Er dirigierte auch das Finale aus Fidelio und spielte selber das C-Dur-Konzert. Auch Sänger und Sängerinnen ließen sich vernehmen. Was aber diesem Abend eine sonderliche Weihe verlieh, war die Anwesenheit zweier Jugendfreunde Beethovens: des Geheimen Medizinalrates Wegeler aus Koblenz und des neunzigjährigen ehemaligen kurfürstlichen Hofkapellmeisters Franz Ries, dessen berühmter Sohn Ferdinand, einst Beethovens einziger Schüler, dem Meister schon vor acht Jahren in den Tod gefolgt war. Um neun Uhr am Vormittag des 13. August sollte das Schlußkonzert beginnen, darin Liszt seine Festkantate dirigieren und die verschiedenen Solisten mit Bravourstücken sich verabschieden wollten. Auch hierzu hatte Friedrich Wilhelm IV. sein und seiner Gäste Erscheinen verheißen, solches abzuwarten aber freundlich verboten, vermutlich im Blick auf die unberechenbaren Möglichkeiten der königlich englischen Laune. Natürlich wartete man doch. Dichtgedrängt saßen die Musikfreunde und übten sich in der Geduld. Um sie bei Stimmung zu halten, bearbeitete einstweilen Camilla Pleyel mit ihren wunderschönen Armen und Händen den wunderschönen Erardschen Flügel. Aber der Lückenbüßer, das Webersche Klavierkonzert, nahm ein Ende und schließlich auch die Geduld des Publikums. Friedlich Wilhelm Wolf war keineswegs der einzige, der immer wieder die Gattin zum Aufbruch drängte. Endlich, gegen halb zwölf, entschloß sich Liszt, mit der Festkantate zu beginnen. Alsbald aber zeigte sich leider, daß die lange Warterei sowohl dem Chor wie dem Orchester alle Stimmung verdorben hatte. Matt schleppte die Aufführung sich hin. Bis dann bei den letzten Takten eine allgemeine Unruhe entstand, eine Spannung sich löste: Die Hofloge füllte sich. In raschem Entschluß klopft Liszt aufs Pult und ruft: » Da capo « Und nun – war es die Genugtuung, daß die landeselterlichen Ohren lauschten, wollte man das kühle Herz der englischen Königin erwärmen oder das dem Kunstwerk zugefügte Unrecht wieder gutmachen? – die Festkantate ward mit einer Begeisterung und Hingabe wiederholt, die allen Zuhörern sich mitteilten und Liszts Künstlerruhm retteten. An dem sich anschließenden internationalen Festessen im »Stern« teilzunehmen, fühlte der Kommerzienrat Wolf sowohl durch einen vortrefflichen Appetit wie durch die vorausbezahlten Platzkarten sich berufen. Unerschrocken stürzte er sich in das Kampfgewühl am Saaleingang, wo unter denen, die nur Hunger, aber keine Karte hatten, auch das schwarze Fräulein mit Augen, Ellenbogen und der von Zeit zu Zeit erneuten Versicherung »invitée par monsieur Liszt« sich durchzusetzen versuchte. Während die ritterlichen Gefühle des kommerzienrätlichen Busens, durch diesen Anblick nur flüchtig beirrt, auf Frau Anna beschränkt blieben, die ihrerseits Mühe hatte, sich nicht von ihrem natürlichen Beschützer und Verfolger abdrängen zu lassen, erbarmte sich ein jovial aussehender Herr, von Aloys, dem befrackten Cerberus mit vertraulicher Ergebenheit begrüßt, der kleinen Hexe, indem er sie kurz entschlossen als seine Tischdame legitimierte. Von ihren endlich erreichten Plätzen fanden Wolfs den einen durch einen stupid blickenden englischen Geistlichen – den Bischof von Gloucester, wie sie später erfuhren, – besetzt, der erst durch den energischen Wirt selber schließlich zur Räumung und Übersiedlung in den Nebensaal sich bewegen ließ, indessen Wolfs schräg gegenüber der joviale Ritter für seine dunkle Schöne und sich auf ähnliche Weise zwei Plätze erstritt. Aber Küche und Keller des Goldnen Sterns bewahrheiteten ihren guten Ruf auch heute wieder so eindringlich, daß dergleichen kleine Verdrießlichkeiten allerseits rasch verwunden wurden und im Saal wie im Nebensaal das babylonische Sprachgewirr bald im Zeichen der behaglichsten Festfreude stand. Toast folgte auf Toast, begleitet von ganzen Salven der Champagnerpfropfen, Gläserklingen und Gelächter. – Schon begannen die Zigarren sich zu entzünden – für die englischen Damen das Zeichen zu chokiertem Aufbruch – als Liszt sich erhebt und ans Glas schlägt. Da – hat den Gewandten sein guter Stern verlassen, hat der Champagner ihm den klugen Kopf verwirrt, oder ist es, weil der internationale Ungar seine Vertrautheit mit der deutschen Sprache überschätzte? – Franz Liszt, der gefeierte Held des Tages, verliert mitten in seiner Rede auf die fremden Gäste den Faden. Vergeblich wirft er ein paarmal energisch die Mähne zurück. Sein prachtvoll geschnittenes Antlitz nimmt den ihm sonst so fremden Ausdruck vollkommener Hilflosigkeit an, seine Augen haben ihre faszinierende Macht verloren und irren umher, seine Wörter stolpern durcheinander und verwirren sich. Jäh bricht er ab: »Alle sollen leben, Engländer, Holländer und Österreicher, die hierher gewallfahrtet sind!...« » Vous avez oublié les Français !« schreit ein zornroter kleiner Herr mit weißem Knebelbart ihn an. Und dann steht ein anderer Franzose auf und tadelt, verbindlich lächelnd, in wohlgesetzten spitzigen Worten, daß man nicht auch Louis Philippes gedacht, da man doch die Königin Viktoria habe leben lassen. Warum nicht auch den Kaiser von China? meint ein Engländer grob, denn der habe doch genau so gut durch Abwesenheit sich um das Fest verdient gemacht wie le Roi Citoyen ... Protest und Gelächter ... Vergeblich sucht Liszt sein Versehen auszubessern, die Franzosen zu besänftigen. In seiner Erregtheit findet er das rechte Wort nicht, auch dringt seine Stimme nicht durch. Sein Verehrer, Professor Wolf aus Jena, will ihm zu Hilfe kommen, sieht aber rasch ein, daß gegen diesen chaotischen Lärm auch seine helle Stimme nichts vermag. Achselzuckend und mit einer verzweifelnden Handbewegung gibt er sein Vorhaben auf und ist eben im Begriff, sich wieder zu setzen, als – was ist das? – etwas Schwarzes auf den Tisch fliegt. Ein Kleidchen rauscht und flattert, zwei zierlich beschuhte Damenfüße wirbeln zwischen Flaschen und Gläsern über das Tischtuch hin. »Hinaus!« ... »Bravo!« ... »Pfui!« ... » Da capo !« ... » Shocking !« ... ruft's durcheinander, aber ein Grüppchen Kölner Herren läßt sich, karnevalistisch angeheimelt, auf dieses Intermezzo hin noch ein paar Flaschen Champagner kommen. Indessen steht die » seconde soubrette au Grand Opéra à Paris «, mit Händen und Füßen gestikulierend, vor dem Jenenser Professor auf dem Tisch: » Parlez donc, monsieur Wolf, parlez donc, je vous en prie !« Unerhört verhallt ihr Flehen, aber auf einmal weiß jeder, wer sie ist. Der Tenorist Mantius hat sie wiedererkannt: Lola Montez, die spanische Tänzerin, die in Berlin kürzlich sich unmöglich gemacht hat und nun auf der Suche nach einem neuen Wirkungskreis ist. – Das war das Ende des Beethovenfestes. – Der englische Musikschriftsteller Henry Charley aber verbuchte, bevor er als einer der Letzten den Saal verließ, mit gewissenhaftester Sachlichkeit in seinem Reisenotizbuch die erstaunliche Leistung des Wirtes: daß trotz der endlosen Fülle der Gerichte und der vielen hinderlichen Toaste jeder einzelne Gang des zweieinhalbstündigen Diners vollkommen warm serviert worden sei. Inzwischen hatte die englische Viktoria, bevor sie mit ihren königlichen Gastgebern von Brühl nach Stolzenfels übersiedelte, in Köln dem Dombaukomitee fünfhundert Pfund gespendet, welcher Betrag die Kölner in Anbetracht dessen, was sie sich Empfang und Illumination hatten kosten lassen, allzu bescheiden däuchte. Franz Raveaux, der Demokrat, beschloß, die Knauserige zu bestrafen. Er berief eine Volksversammlung, die, als die Polizei sie auflöste, schon den rasch bekannt werdenden Beschluß gefaßt hatte, die Stadt Köln möge der Königin als Gegengabe dreitausendfünfhundert Taler »für die armen Irländer« überreichen lassen. Als Fräulein Antoinette Jeanbon ihr Haus Duynberg der Stadt anbot, ahnte sie nicht, daß sie dadurch die Bürgerschaft in drei einander heftig bekämpfende Lager spalten sollte. Die einen, unter Führung des Bürgermeisters, wollten ein Armenhaus daraus machen, denn es däuchte sie vorteilhafter, das Viertelhundert altersschwacher oder blöder Männlein und Weiblein gemeinsam zu versorgen, als, wie bisher, für jeden Einzelnen Kostgeld an den Mindestfordernden zu zahlen, auch würde man alsdann die vereinigten Restchen Arbeitskraft nutzbringend sich betätigen lassen und ihren Fleiß bequem überwachen können. Die andern, von Pastor Kranevoß beraten, erhitzten sich für ein Waisenhaus, aus dem nach der Pastorin Meinung fort und fort saubere, willige und anspruchslose Dienstmädchen hervorgehen würden. Doktor Latschelt und einige wenige mit ihm hielten ein Krankenhaus für das wünschenswerteste. Diese drei Gruppen, die einander verächtlich die Armenhäusler, die Waisenhäusler und die Krankenhäusler nannten, fochten sowohl in der »Gesellschaft« wie auch an den kleinbürgerlichen Biertischen, ja gelegentlich sogar im Wochenblättchen manchen Strauß miteinander aus, und Zuckerbäcker Stümges, der Friedensrichter, hatte genug zu tun, dem Herrn Amtsrichter Injurienprozesse fernzuhalten. Aber die Frauen der drei Gruppen waren darin einig, daß die Kommerzienrätin, die natürlich wieder ihre besondere Ansicht haben mußte und daraus kein Hehl machte, dem Leben, wie es wirklich war, doch allzu fremd gegenüberstehe, Frau Anna meinte nämlich, daß im allgemeinen jeder mit Bewußtsein lebende Mensch, der irgendwelcher Aufsicht, Pflege oder Erziehung bedürfe, in den durchschnittlichen Verhältnissen eines Familienkreises sich freier und wohler fühle und besser gedeihe, als in einem großen gleichartigen Anstaltskreise. Auch hielt sie dafür, daß der Pflegling seinerseits für jenen kleinen Kreis erzieherisch wertvoller sei als für diesen größeren. Sie bedauerte auch, daß die menschliche Gesellschaft allzuviel Kraft vertue, naturgemäß beginnendes Sterben hinzuzögern, und allzu wenig sich angelegen sein lasse, beginnendes Leben zu fördern. Daß jenseits der Genesungsmöglichkeiten oder der biblischen Lebensgrenze der Tod seines Amtes walte, das wollte ihr als ganz in der Ordnung erscheinen, daß aber von allen Kindern, die geboren wurden, noch nicht ein Drittel am Leben blieb, erschien ihr im höchsten Grade widernatürlich und unwürdig. So versuchte sie den Vorschlag, man möge aus Haus Duynberg ein Asyl für Wöchnerinnen und ganz kleine Kinder machen, darin nicht nur verheiratete Fabrikarbeiterinnen in Ordnung und Ruhe ihrer natürlichen Pflicht obliegen, sondern auch die vielen jungen und ganz jungen unverheirateten ihr schuldloses Kindlein gebären und in freundliche Hände legen dürften, statt daß diese jetzt unter Angst und Schelten auf allerlei gefährliche und verbrecherische Weise in Heimlichkeit sich zu helfen versuchten und schließlich gar eine Kopskiste in der Fabrik zu ihrem raschen Wochenbett machten. Die armen Würmlein selber aber möge man die ersten Jahre in solchem Asyl behalten, bis man sie dann, sobald sie aus dem Gröbsten heraus wären, als Kostkinder in braven Familien unterbringen könne. – Jedoch nicht einmal den eigenen Mann vermochte Frau Anna für diesen Gedanken zu gewinnen. Er blieb dabei: solches hieße den Teufel durch Beelzebub austreiben und der Unsittlichkeit Vorschub leisten. Schließlich und endlich siegten die Armenhäusler unter dem Bürgermeister, denen auch der Kommerzienrat sich angeschlossen hatte, und am Samstag vor Palmarum 1841 hielt ein seltsames Völklein seinen Einzug in Haus Duynberg: menschliche Ruinen, die man in dem alten Gemäuer noch eine Zeitlang vor dem völligen Verfall bewahren wollte, die aber keineswegs aussahen, als ob sie darin – nach Pastor Kranevossens verheißungsvoller Eröffnungsrede – eine Art fröhlicher Auferstehung halten würden. Da war, zum »Armenvater« bestellt, Gustav Freundgen, der verlorne Sohn, um den der Hauptlehrer mit Herzeleid in die Grube gefahren. Der war aus dem Lande der Freiheit heimgekehrt, von bösen Fiebern zerrüttet, dumpf und stumpf, keiner Arbeit und keines Strebens mehr fähig, aber gutwillig und harmlos, nur daß er das Wort Freiheit nicht hören konnte. Dann wurde er wild und schlug auf den Tisch und schrie, es gebe keine Freiheit! Von seinem lebhaften Geist und dem vielen, vielen Wissen, das sein Vater mit schweren Entbehrungen und jahrelang drückenden Schulden bezahlt, hatte er nur Trümmer heimgebracht, mit denen schlechterdings nichts anzufangen war. Und seine Tatkraft, die er einst so freudig in den Dienst der deutschen Freiheit gestellt, war ihm ganz abhanden gekommen – sie hatte zuletzt nicht einmal mehr ausgereicht, seinem verfehlten Leben ein Ende zu bereiten. Das viele Gold aber, das er drüben gegraben, und das einmal mehr gewogen hatte als er selber, das hatten ihm schlechte Kameraden in einer Nacht weggenommen und ihn noch halbtot geschlagen, als er sie des Diebstahls zieh. So hatte er als blinder Passagier die Überfahrt nach Europa angetreten und nur dank der Gutmütigkeit des Kapitäns und der Reisenden erster Kajüte als Zwischendeckler unangefochten die Heimat erreicht. Da war Emil Deißen, ein Koloß, der seit einem halben Jahrhundert unter der Herrschaft des Schnapses vertierte, und Hermann Krohwinkel, ein kleiner behender Siebziger, der voller Torheit und Späße steckte und deshalb »dat jecke Hermännche« genannt ward, und Christian Möller, der das rechte Bein in Rußland gelassen hatte und beständig zitterte, und Peter Hendricks, »dä vosse Pitter«, denn seine weißen Haare waren ehemals rot gewesen. Auch die Wittib Entepuhl stellte sich ein, mit ihrem Wackelkopf, der schon wackelte, als sie für ihren inzwischen in Amerika verschollenen Enkel von Frau Maria Magdalena des kleinen Johannes abgelegte Anzüge erbettelt hatte. – Eigentlich hätte an erster Stelle entweder Götz Dystel genannt werden müssen, denn der wurde sehr, zornig, wenn man ihm nicht glauben wollte, daß er der Kaiser Napoleon sei, oder Pitter Bell, denn vor dem hatten doch alle die meiste Angst. Er war vor achtundvierzig Jahren eines mit sonderlicher Grausamkeit ausgeführten Mordes wegen zu lebenslänglichem Zuchthaus »begnadigt«, beim vorjährigen Thronwechsel aber für seine gute Führung durch Entlassung bestraft worden. Und nun fügte es sich, daß das Mädchen, um das er jene Bluttat begangen hatte, den Lebensabend mit ihm unter dem gleichen Dach verbringen sollte. Aber Elisabeth Degrootes Schönheit war freilich dahin, auch hatte Gott ihr den Verstand getrübt. So war es denn wirklich gut, daß »de dolle Lisbeth« jetzt leichter als bisher der Straße ferngehalten werden konnte, wo sie immer ein Kindertrüpplein hinter sich hergezogen und im Fratzenschneiden unterrichtet hatte. – Auch ewige Ehepaare, wovon eines Mitte Mai die goldene Hochzeit feiern sollte, und ein anderes, das nur durch eine Unachtsamkeit des seligen Maire das Heimatrecht erworben hatte und darum nicht für voll angesehen ward, befanden sich in der Gesellschaft, die nun Haus Duynberg bevölkerte. Ja, Pastor Kranevoß sagte bei der kleinen Feier, die das goldene Jubelpaar ohne Gold und ohne Jubel am 13. Mai 1841 über sich ergehen ließ, daß das Haus dadurch, daß so bewährte und gesegnete Ehebündnisse in ihm der Ewigkeit entgegenreiften, erst die rechte Weihe erhalte und in einer gott- und sittenlosen Zeit zum Hort und Vorbild evangelischen Familienlebens werde. Erbaulich hatte er die alten Leutchen, die er einander das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue erneuen ließ, auf ihres Gottes gnadenreiche Führung hingewiesen: Im Lenz des Lebens wären sie Untertanen des kunstsinnigen aber katholischen und im Lande nie sich zeigenden Kurfürsten von Bayern gewesen, im Sommer des Lebens Untertanen der ruchlosen französischen Republik und danach Untertanen des Kaisers Napoleon, dieser Gottesgeißel. Aber im Herbst des Lebens hätte Gott sie zu Untertanen des hochseligen Königs Friedrich Wilhelms des Dritten gemacht, und nun im Winter des Lebens dürften sie sich sogar beglückte Untertanen Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelms des Vierten nennen, dieses frömmsten aller Landesväter, der, das wisse er, täglich auch für ihr Wohlergehen bete. Und ob nicht auch das eine freundliche Führung Gottes wäre, daß die liebe Heimat, die sie nie verlassen hätten, nun auch sie nicht verließe, sondern ihnen für den Lebensabend ein so schönes Heim böte? Aber nicht nur über ihrem bürgerlichen Lebensweg hätte des Höchsten Gnade so sichtbarlich gewaltet. Gott wäre auch nicht müde geworden, immer wieder seine Sonne über ihnen auf- und untergehen zu lassen – sie sollten einmal ausrechnen: wie oft! Kindersegen hätte er ihnen ja freilich versagt, gewiß aber auch aus väterlicher Liebe, damit sie in ihren alten Tagen nicht etwa um einen verlorenen Sohn oder eine mißratene Tochter zu weinen brauchten. Auch vor den Versuchungen und Stricken des Reichtums hätte Gott sie bewahrt und sie im Stande der Niedrigkeit und Armut erhalten, der ihm von allen der liebste sei. Und ohne zu merken, daß er sich damit einer bedenklichen Verdrehung des göttlichen Wortes schuldig mache, schloß der Pastor mit der Versicherung, daß ihr Leben köstlich gewesen sei, weil es Mühe und Arbeit gewesen. Am Nachmittag, als die beiden Alten sich still und müde im Hof ein wenig sonnten, war »dat jecke Hermännche« an sie herangetreten und hatte gemeint, sie rechneten wohl gerade aus, wie oft der liebe Gott die Sonne über ihnen hätte aufgehen lassen. Sie sollten sich nur nicht überanstrengen, er wollte es ihnen sagen: es wären in den fünfzig Jahren rund achtzehntausendzweihundertfünfzig Sonnenaufgänge und achtzehntausendzweihundertfünfzig Sonnenuntergänge gewesen, ohne die Schalttage, womit er nicht recht zustandegekommen wäre. Als der goldene Hochzeiter in der Frühe des andern Tages erwachte, saß seine goldene Hochzeiterin in ihrem Bett und weinte und schluchzte ganz erbärmlich. Er nahm sie in seine alten Arme, und in einer Anwandlung längst verlernter Zärtlichkeit streichelte er ihr Wangen und Hände. Da gestand sie endlich, daß sie einen schrecklichen Traum gehabt habe: eine Stimme vom Himmel her habe dreimal ihren Namen gerufen und ihr alsdann verkündet, Gott habe in seiner Gnade und unerforschlichen Weisheit beschlossen, sie solle wieder zum kleinen Kinde werden und ihr langes Leben von vorn an noch einmal leben, Jahr für Jahr und Tag für Tag. Davon habe sie einen solchen Schrecken gekriegt, daß sie habe heulen müssen, und davon sei sie wach geworden – aber die Angst liege ihr noch in den Knochen. Der Alte tröstete sie so gut er konnte: Träume kämen aus dem Magen und hätten nichts zu bedeuten. Er hätte auch nicht ordentlich geschlafen. Gewiß hätten sie beide gestern zu gut gegessen. Aber sie sollte nur ruhig sein: heutzutage geschähen keine Wunder mehr und sicherlich würden sie beide bald sterben dürfen. Vorläufig aber dürften sie heute ja länger liegen bleiben, und darum wollten sie sich jetzt auf die andere Seite drehen und ein Morgenschläfchen versuchen. – Um einen verlorenen Sohn und eine mißratene Tochter zu weinen hatte ein anderes der alten Ehepaare Grund, und wenn auch die traurigen Begebenheiten schon weit zurücklagen und die Tränen versiegt waren: die beiden alten Herzen hielten eines im andern den Haß gegen den Verderber ihrer Kinder wach, und was sie an Strenge gegen diese in den entscheidenden Jahren aufzubringen nicht vermocht hatten, das hatte die drei Jahrzehnte hindurch als Schmerz und Wut und Verzweiflung und Bitterkeit diesen Haß genährt, der ihnen Willen und Kraft zum Leben aufrecht erhielt. – Der Mann stammte aus dem Neuwiedischen, übern Rhein herüber, aus Koblenz hatte er sich die Frau geholt, eine Französin, die dort in einer Emigrantenfamilie bedienstet und arm wie eine Kirchenmaus war. Sie waren kaum verheiratet, als das kleine Fabrikwesen zugrunde ging, in dem seine paar tausend Taler steckten. Da fing er in der nämlichen Ware, die er bis dahin selber hergestellt hatte, einen fliegenden Handel an. So waren sie um 1800 mit ihrem blauen und grauen Steingut am Niederrhein umhergefahren und gerade zur Herbstkirmes in dem Städtchen eingetroffen, dem J. P. Wolf als Maire vorstand. Da war ihr alter Gaul zu Schaden gekommen. Geld für einen neuen hatten sie nicht, aber für ihren Wagen, der zugleich ihre und ihrer beiden Kleinen Wohnung war, hatte sich unter dem Marktvolk ein Liebhaber gefunden. So hatten sie denn kurz entschlossen den Handel perfekt gemacht und ein Lädchen mit Stube und Kammer gemietet, mit ihren Kindern und dem Steingutkrämchen darin seßhaft zu werden. Aber das Geschäft wollte nicht gedeihen, der Erlös reichte kaum zur Lebensführung und die wenigen Male, da sie kleine Nachbezüge wagten, ging allzuviel unterwegs in die Brüche. Nur daß die Kinder jetzt doch zur Schule gehen konnten, war gut. – Dann kam der schreckliche Sonntagabend, an dem ein Betrunkener in ihr Lädchen geriet und mit dem Mann Händel suchte. Da blieben nicht viele Krüglein heil und sie gaben die Sache auf. Der Maire, der übersehen hatte, sie rechtzeitig in ihre Heimat abzuschieben, verschaffte dem Mann Arbeit, wie die Gelegenheit sie darbot, und Fräulein Antoinette Jeanbon empfahl die Landsmännin zum Bügeln und Wäscheausbessern und legte Ehre mit ihr ein. Da es bei den zwei Kindern geblieben war, die sie mitgebracht hatten, konnten sie sich ganz leidlich über Wasser halten, und wenn sie hier ein paar Taler alte Schulden bezahlten, mochten sie dort, wenn es not tat, leicht einen Taler schuldig bleiben, denn jedermann hatte sie gern. Da begab es sich, daß ihr Adolf, den der Maire auf der Wiegekammer beschäftigte und als Faktotum sich heranzuziehen gedachte, in die allzu nahe Freundschaft mit einem nur wenig älteren Taugenichts geriet, der beim Küfermeister Matthias in der Lehre war und Rheinwein von Moselwein zu unterscheiden wußte, aber Muskateller und Burgunder vorzog. Solche Wissenschaft und Liebhaberei übertrug sich, und als die Wanderschaft des »schwarzen Anton«, der ein kleiner und zierlicher, aber verwegener Bursche, dazu ein Liebhaber und Verzug der Mädchen war, die freundschaftlichen Beziehungen unterbrach, befand Adolf sich schon auf Wegen, zu denen die Eltern den Kopf schüttelten, ohne die Kraft zu finden, ihn auf bessere zu bringen. Nach wenigen Jahren kehrte der schwarze Anton, durch ein keckes Schnurrbärtchen vermännlicht, heim, vom alten Matthias seiner Anstelligkeit wegen gern wieder in Dienst genommen. Und nun begannen die beiden Burschen, die in ihrer Arbeit untadelig sich hielten, abends und an den Sonntagen ein wüstes Leben, darin Bacchus und Venus den Katechismus ersetzten. An jeder Schlägerei draußen auf den Dörfern waren sie beteiligt und ihre griffesten Messer versprachen nichts Gutes, doch wußten sie zwischen sich und den langmütigen Polizeidienern stets den gewünschten Abstand zu halten. Daß zu den Mädchen, die dem schwarzen Anton nichts versagten, bald auch die junge Schwester des Freundes gehörte, war nicht weiter verwunderlich. Bis dann eines Montagmorgens die beiden Burschen verschwunden waren, nicht ohne einen Brief zu hinterlassen, daß sie in Amerika ihr Glück machen würden, und nicht ohne daß der Maire auf seinem Verlustkonto eine dreistellige Zahl verbuchte. Und noch im gleichen Jahr bewies die blasse Jeanette, vom Vater ob ihrer nicht länger zu verheimlichenden Schande in jähem Zorn des Hauses verwiesen, daß das langsam der Maas zustrebende Flüßchen, an dessen Korrektur noch kein Regierungsrat Ohnegroll dachte, für sechzehnjährige Mädchen tief genug zum Ertrinken war. – Die beiden Amerikafahrer blieben verschollen. Jahre und Jahrzehnte vergingen. Adolf und Jeannette lebten als Kinder und kleine Heilige in den Herzen ihrer Eltern weiter. Diese sprachen nicht mehr von ihrer heimlichen Hoffnung, daß ihr Junge noch eines Tages als gemachter Mann zurückkehren und ihnen ein sorgenloses Alter verschaffen werde. Aber daß der liebe Gott den schwarzen Anton hier zeitlich und dort ewiglich strafen werde, davon sprachen sie oft. Und es war ihr größter Wunsch, nicht sterben zu müssen, bevor sie gehört oder gesehen hätten, daß und wie jenen das Verderben ereilt habe. Darüber waren sie gichtisch und hinfällig, alt und zitterig geworden, so daß sie endlich ganz gern ins Armenhaus gingen. Der schwarze Anton lebte schon lange wieder in Deutschland. Aber nicht als gemachter Mann war er aus Amerika zurückgekehrt, sondern ärmer als er einst hinübergefahren. Sein unsteter Sinn und eine gewisse Sentimentalität hatten sich mit der Erfahrung verbunden, daß man in Amerika doch allzu hart arbeiten müsse und daß sich's alles in allem in Deutschland doch leichter lebe. So hatte er sich von andern Enttäuschten zur Rückkehr bestimmen lassen. Erst einige Male für kürzere Zeit, dann auf lange Jahre hatte das Vaterland willig ihm Brot und Obdach gewährt, zuletzt in der Strafanstalt zu Werden an der Ruhr, Von hier aus hatte man ihn in die Heimatgemeinde abgeschoben, einen kränklichen kleinen Mann von stumpfem und bösartigem Gesichtsausdruck, der an Lähmungen litt und nur durch seine Papiere glaubhaft machen konnte, daß er noch nicht sechzig Jahre alt war. So hatte er, ohne sonderliche Teilnahme zu erwecken oder zu bekunden, im Vorfrühling 1845 seinen Einzug in Haus Duynberg gehalten. Daß er darin allerlei Bekannte traf, schien ihn nicht weiter anzufechten, aber das alte Ehepaar geriet durch seine Ankunft in eine zitternde Erregung. Und alsbald kam es zu einem Auftritt, der den Hausvater zum Einschreiten nötigte, als auf die Frage der alten Frau, wo er ihren Jungen gelassen, der schwarze Anton die freche Antwort gab: der sei in Saint Louis am gelben Fieber eingegangen und ihm dreiundeinenhalben Taler schuldig geblieben, ob sie ihm die zurückzahlen wolle. Da hatte der alte Vater die alte Mutter gewaltsam festhalten müssen, daß sie sich nicht auf den Verderber ihrer Kinder stürzte. Aber darin mußte er ihr doch recht geben: Gottes strafender Arm war allzu lässig gewesen. Gewiß hatte er ihnen nicht vorgreifen wollen – wozu gab es denn auch auf Erden eine Obrigkeit, die in seinem Namen das Schwert trug und Recht und Gerechtigkeit schuf. Gleich am nächsten Vormittag gingen sie zum Bürgermeister. Der ließ sie kaum ausreden. Das wären alte, verjährte Geschichten, ihre Kinder selber würden auch wohl nicht ohne Schuld gewesen sein, sie sollten sich vertragen und ihn mit ihren Zänkereien verschonen. Er glaube aber auch nicht, daß es im Gesetz einen Paragraphen gäbe, auf Grund dessen der Herr Amtsrichter eine Strafverfolgung einleiten könne. Solche wäre ihm, dem Bürgermeister, sonst ja ganz recht, denn der Stadt könne es nur angenehm sein, wenn sie der Versorgung des schwarzen Anton enthoben und er wieder in Werden untergebracht würde. – Darauf gingen sie zum Amtsrichter. Der fragte nach diesem und jenem und erklärte dann: nein, da wäre gar nichts zu machen und sogar der Griff in die Kasse des seligen Maire längst verjährt. Entrüstet und empört erkannten sie, daß hier wie die göttliche, so auch die menschliche Gerechtigkeit versage. So war es denn ihre Aufgabe, die Bestrafung des Elenden selber in die Hand zu nehmen. Aber die Lebenskraft der alten Mutter war diesen Aufregungen nicht gewachsen. Sie mußte sich zu Bett legen und Doktor Latschert sagte dem Hausvater, daß sie nicht wieder aufstehen würde. Eines Abends mußte Pastor Kranevoß gerufen werden: Es gehe zu Ende. Sie schüttete ihm ihr Herz aus, er sprach lange mit ihr, und als er sie verließ, schien sie ruhiger geworden zu sein. Aber es war nur die Stille vor dem Sturm. Was vermöchte auch die Milde einer frommen Stunde gegen einen Haß, den Jahrzehnte genährt hatten. Lange tappte die arme alte Seele, zwischen den Finsternissen des Vergangenen und den Finsternissen des Kommenden hin und her geängstigt, auf verworrenen Wegen. Bis dann plötzlich die große Erleuchtung kam: Sie habe dem Pastor in die Hand versprochen, dem schwarzen Anton zu vergeben und sie habe ihm auch gewiß und wahrhaftig vergeben und dabei solle es bleiben. Aber er, ihr Mann, habe nichts versprochen und brauche nichts zu vergeben. Ihm wolle sie als heiliges Vermächtnis die Aufgabe hinterlassen, in Stellvertretung der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit den Elenden zu bestrafen, der ihrer beider Leben und das ihrer Kinder zugrunde gerichtet. Er solle an die ersten Jahre denken, in denen sie bei aller Armut so glücklich gewesen, und an alle die Jahre des Gedeihens der Kinder und wie ohne den schwarzen Anton alles anders gekommen sein würde und sie nicht im Armenhaus zu sterben brauchten. Sie habe, seit sie seine Frau geworden, durch ihn und mit ihm so viel Schweres erlitten und getragen. Jetzt wolle sie sehen, ob er ihr das Letzte schwer oder leicht machen würde, denn nur, wenn er ihr fest und heilig verspreche, den schwarzen Anton kaput zu machen, könne sie ruhig sterben. – Er versprach es und sie starb. Der Alte dachte immerzu an sein Versprechen und wie er es erfüllen könnte, aber er wußte sich keinen Rat. Er wußte nur, daß er sich beeilen müsse, denn auch mit ihm würde es nun bald zu Ende gehen und der schwarze Anton, der immer schwächer auf den Beinen ward, verfiel zusehends. Unterdessen kam die dreitägige Frühsommerkirmes heran, das große Volksfest, an dem sich alles beteiligte. Gleich am ersten Nachmittag zogen die Armenhäusler, sonntäglich gewandet, einzeln oder in Trüpplein, wie gemeinsame Interessen sie zusammenfügten, in die Budenstadt, die, ein rasch vergängliches Heereslager der Welt, rings um die alte Kirche bunt sich aufgebaut hatte: es galt, die fünf Silbergroschen Kirmesgeld zu vertun, die der Kommerzienrat Wolf jedem hatte spendieren lassen. Die einen verfuhren den ganzen Betrag auf dem Karussell, andere legten ihn in möglichst vielerlei Kleinkram an, aber die meisten befriedigten Neugier und Wissensdurst damit, nicht ohne die lockenden Schaubuden zuerst von außen einer gründlichen Untersuchung und Kritik zu unterziehen. Da war das Raritätenkabinett und das Anatomische Museum und der Starke Tobias, ein Kerl, dessen Gesicht eine große Narbe entstellte, der mit einer Riesenleiter und Zentnerstücken hantierte und jedem, der stärker war als er, einen Taler zahlte. Dann die Camera obscura und die Lebendige Seejungfrau und Monsieur Dumoulin le Grand, der größte Mann der Welt. In einem Diorama sollte man sehen können, wie die Brigg Frau Margaretha von Glückstadt auf dem Robbenfang in Grönland am 21. April 1821 vom Eise zerdrückt worden war, aber dabei, so hieß es bald, käme man nicht auf die Kosten, denn die Brigg Frau wäre keine wirkliche Frau, sondern ein Schiff. Vieles war auch ganz umsonst zu sehen oder nach eigener Einschätzung zu honorieren. So die Meerschweinchen, die, wie ein Schild aussagte, die Gnade des Königs dem Mann, der sie zeigte, zum Broterwerb geschenkt hatte, weil er in der großen Völkerschlacht bei Leipzig das Augenlicht eingebüßt. Und die Seiltänzerfamilie in ihren bunten Höschen und Röckchen, von der jedes Jahr aufs neue behauptet ward, daß sie kleine Kinder stehle, und der in Felle gekleidete Russe, der mit Händen und Füßen, Kops und Ellenbogen insgesamt sieben Musikinstrumente gleichzeitig spielte und dabei erbärmlich schwitzte. Aber die Weißhaarigen unter den Kirmeßbesuchern versicherten einander, daß in der guten alten Zeit alles doch viel schöner gewesen sei. Insbesondere die Bänkelsänger hätten früher ihre Sache besser gemacht, und daß die Regierung die Hahnenkämpfe verboten, sei arg. Obwohl augenscheinlich ein schweres Gewitter im Anzug war, das erste des Jahres, waren doch nur wenige im Armenhaus zurückgeblieben: »de dolle Lisbeth«, weil man sie an den Kirmestagen unter Verschluß hielt, der ungeschlachte Emil Deißen, weil seine heimliche Schnapsflasche noch leidlich voll war, so daß er die fünf Silbergroschen sich lieber verwahren wollte, die Wittib Entepuhl, weil sie in ihrem Wackelkopf beschlossen hatte, das Geldchen am Sonntag nach dem Gottesdienst dem Pastor in die Sakristei zu bringen – für die Mission in der Heidenwelt –, der schwarze Anton, weil er sein Bett nicht mehr verlassen konnte, endlich der alte Witwer, weil er heute sein Versprechen einzulösen gedachte. Seit ein paar Tagen schon ließ ihn die Erinnerung an ein Bild in der alten Bibel nicht mehr los, die seiner Mutter vor fast einem Jahrhundert ihr Patenohm vermacht hatte. Der war in jüngeren Jahren fürstlicher Leibkutscher und Vorsteher einer der zahlreichen Sekten in Neuwied gewesen und hatte den, wie er dachte langen, Feierabend seines Lebens benutzen wollen, um die vielen Bilder der Bibel in Wasserfarben fein säuberlich zu kolorieren, war aber nur bis zu Isaaks Opferung gekommen. Auf diesem Bilde nun hielt der Vater Abraham, während er den armen Isaak fesselte, das große Messer, womit er ihn schlachten wollte, im Mund, indessen im Hintergrund beruhigend schon der Widder sich zeigte, durch einen überaus freundlichen Gesichtsausdruck seine Geneigtheit zum stellvertretenden Sterben andeutend. Dieses Bild sah der Alte jetzt immer vor sich, es verband sich mit dem, was unablässig seine Gedanken bewegte, und unversehens war's ihm zur natürlichsten Sache von der Welt geworden, daß er auf solche, gleichsam von Gott verordnete Weise sein Versprechen erfüllen und den schwarzen Anton kaput machen müsse. In der menschenleeren Küche fand er ohne sonderliche Mühe ein Messer, das nach Form und Größe dem jenes Bildes entsprach. Er schob's in den Rockärmel und kletterte auf den Speicher. Während er dort sich von der Wäscheleine ein paar Stricke abschnitt, wie sie ihm für die Fesselung des schwarzen Anton geeignet erschienen, jagten ihm die ersten schweren Regentropfen, die dröhnend aufs Dach trommelten, keinen kleinen Schrecken ein, besonders, da alsbald ein erster kräftiger Donner die Luft erzittern machte. Ein paar Minuten später stand der Alte vor der Kammertür des schwarzen Anton. Er nahm das Messer in den Mund, die Stricke in die Hand, gab seinem Herzen einen Ruck und trat ohne anzuklopfen energischen Schrittes ein. Der schwarze Anton wollte aufspringen, sank aber sofort kraftlos zurück und hielt unter einem erbärmlichen Gewimmer beide Hände dem Eintretenden entgegen, der ihm langsam nahte... Da war plötzlich die kleine Kammer voll gelber Glut und ein fürchterlicher Donnerschlag krachte und knallte, greller und näher als der Alte je einen erlebt hatte. Er taumelte zurück und das Messer entfiel ihm, den ein flüchtiger Gedanke an den Widder durchzuckte, indessen der schwarze Anton wortlos unter der Bettdecke verschwand. An der Tür vorbei klapperten eilige Holzschuhe, vom Hof her wurde gerufen. »Dä het einjeschlagen! Jang ens kieke, wo et brennt!« klang es dumpf unter der Bettdecke hervor. Der Alte war ganz verwirrt, mit dem Messer war ihm auch der Zweck seines Krankenbesuches völlig entfallen. »Nu jang doch, jang doch!« drängte der unsichtbare schwarze Anton. Da ging er dann wirklich. Vor der Tür stieß er mit dem ungeschlachten Emil Deißen zusammen, der leicht betrunken war und immerfort »Et brennt! Et brennt! Et brennt!« vor sich hin sagte. Aber wo es brenne, war nicht aus ihm herauszubekommen. Da fing die kleine Glocke im Dachreiter ein aufgeregtes Gebimmel an, und der Hof ward voll Lärm und Geschrei. Dem Alten dämmerte die Erleuchtung, daß auch er gut tun werde, dorthin zu gehen. Als er an das Ende des langen Ganges kam, umschwammen ihn in der Luft leichte Schichten bläulichen Rauches, und als er um die Ecke bog, begegnete ihm händeringend und laut betend die Wittib Entepuhl, wackelnden Hauptes und verglasten Blickes: Der Blitz sei in den Turm eingeschlagen und die Treppe brenne lichterloh, es sei keine Möglichkeit, hinabzugehen. Als das Feuerkorps mit der Gemeindespritze, geführt vom Brandoffizier Herrn Latschert, dem Baumwollagenten, der mit einem mächtigen Säbel hantierte, in den Hof einrückte, standen dort schon verschiedene Gruppen sonntäglich gekleideter Männer in lebhafter Erwägung, was geschehen müsse und werde, wenn das Feuer auf den Hauptbau übergriffe. Denn die lebendige Doppelkette, die sich vom Brunnen zum Turm hinzog, und an der volle und leere Wassereimer hinliefen, war nur kurz, so daß die meisten sich auf ein untätiges Zuschauen angewiesen sahen. Von den Armenhäuslern selber brachten einige Ängstliche ihre Habseligkeiten in Sicherheit. Pitter Bell kniete auf dem Pflaster und betete den Rosenkranz ab, »dat jecke Hermännche« erkundigte sich bei Götz Dystel nach den Einzelheiten des Brandes von Moskau, nicht ohne ihn so oft wie möglich mit Sire anzureden, und »de dolle Lisbeth« lag, ihre fürchterlichsten Fratzen schneidend, im Küchenfenster. Das Sträßchen, das am Friedhof und Herrn Schlüpjes blaugetünchtem Weberhäuschen vorüber zur Stadt führte, war, obwohl der Regen längst aufgehört hatte, schwarz von Schirmen, darunter die einen aus der Stadt heranzogen, die anderen, denen die mit kleinen Lanzen bewaffnete Ordnungskompagnie des Feuerkorps den Eintritt in den Hof verwehrt hatte, zur Kirmes zurückkehrten. Unter den Heranziehenden bildete der starke Tobias in seinem roten Trikot mit seiner Riesenleiter und einem staunenden Kindertrüpplein eine Gruppe für sich, denn der Brandoffizier hatte ihn durch die berittene Staffette auffordern lassen, sich am Rettungswerke zu beteiligen, weil die Brandleiter zu kurz sei. Inzwischen hatte das Feuer den Weg zum oberen großen Speicher gefunden. Heimlich begann es zu verzehren, was die Jahrhunderte dort an Kram und Gerümpel hinterlassen hatten, auch das trockene Balken- und Sparrenwerk zu belecken, und gerade als der Brunnen sein letztes Wasser hergegeben hatte und die Spritze nur noch ein paar klagende Laute ausstieß, züngelten überall die ersten kleinen Flammen aus dem Dach. Da wußte der Brandoffizier, daß Haus Duynberg verloren war und daß es nur noch galt, Bewohner und Hausrat in Sicherheit zu bringen. Jetzt begannen auch die wenigen Armenhäusler, die durch den Brand der Treppe zu Gefangenen geworden waren, sich für ernstlich gefährdet zu halten und aufgeregt nach Rettung auszuschauen. Alle Augenblicke erschienen, bald einzeln, bald zusammen, die Wittib Entepuhl und Emil Deißen, der jetzt ganz nüchtern war, und der alte Witwer bald an diesem, bald an jenem Fenster, um immer aufs neue die Entfernung bis zum Pflaster oder bis zur obersten Sprosse der Brandleiter abzuschätzen, und der schwarze Anton war aus Bett und Kammer herausgekrochen und lag winselnd vor seiner Tür. Herr Latschert, der Brandoffizier, vertröstete die Ängstlichen: der starke Tobias mit seiner Riesenleiter müsse jeden Augenblick eintreffen. Aber es däuchte sie eine Ewigkeit, bis er endlich erschien. Er gestattete aber niemand, die Riesenleiter zu benutzen, vielmehr gedachte er, durch eine außerordentliche Vorstellung weithin Ruhm zu erwerben und solchergestalt seine Muskelunternehmung einträglicher zu machen. Obwohl er nun sehr ergiebig in die Hände spuckte, bevor er rasch wie ein Wiesel die Leiter hinauflief, und ungeachtet seines roten Trikots und seiner nicht weniger roten Narbe, fühlte die Witwe Entepuhl sich geneigt, ihn für einen leibhaftigen Engel zu halten. Als aber der Engel sie als erste ergreifen wollte, um mit ihr in die Tiefe zu fahren, fand sie diese Sache doch allzu genierlich: er solle mit Emil Deißen den Anfang machen, indessen sie sich mit einem der Stricke, die der alte Witwer noch immer in der Hand hielt, die Röcke zusammenbinden wolle. So verschnürte denn der starke Tobias zunächst den Koloß, brachte auf seinem Rücken einen festen Handgriff an und stieg, ihn mit der ausgestreckten Rechten frei in Gottes Luft und mit der Linken sich selber an der Leiter haltend, unter atemloser Spannung der Zuschauer leichtfüßig in die Tiefe. Das viel geringere Gewicht der Wittib Entepuhl verführte ihn dann unterwegs zu einigen Armbeugen, die seinem Bizeps die sachverständige Anerkennung der Mitglieder des Turnvereins »Vater Jahn« einbrachte. Aber er konnte sich doch nicht verhehlen, daß diese Nummer in ihrer Gesamtwirkung hinter der ersten zurückblieb. Deswegen beschloß er, den alten Witwer und den schwarzen Anton, zu einem Bündel zusammengeschnürt, auf einmal hinabzubefördern und überredete sie hierzu, indem er versicherte, der Gelähmte müsse unterwegs von liebevollen Armen und Beinen sich umschlungen fühlen, wenn anders er nicht allzu große Schmerzen erleiden und am Ende gar sterben solle, auch scheute er sich nicht, zu drohen, daß sie entweder so oder auf seiner Leiter und mit seiner Hilfe überhaupt nicht hinunter gelangen würden. So ward die dritte Nummer dann doch noch das Glanzstück, und der starke Tobias gewann einen neuen Ruhm am ganzen Niederrhein und bis weit ins Westfälische hinein. Die Wittib Entepuhl aber, kaum daß sie den festen Boden erreicht und Röcken und Beinen die Freiheit zurückgegeben hatte, begann feierlichen Schrittes ihren alten Wackelkopf dreimal rings um das ganze Gebäude zu tragen mit dumpfer und eintöniger Stimme unablässig das Element beschwörend: Bis willkommen, Feuergast, Friß nicht mehr als was du hast! Bei dem dreimal heil'gen Blut: Leg dich, Flamme, leg dich, Glut! Fiat. Fiat. Fiat. Aber der alte Feuersegen versagte – am andern Abend standen von Haus Duynberg nur noch die Außenmauern und auch von denen drohten einige umzufallen. Die Väter der Stadt beschlossen, das Geld, das die Feuerversicherungsbank zu Gotha alsbald auszahlte, auf Zinsen zu geben und zu gelegener Zeit, wann etwa einmal eine Stiftung hinzuträte, im Orte selber ein neues Armenhaus – ein Waisenhaus dachte die Pastorin, ein Krankenhaus sagte Doktor Latschert – zu erbauen. Einstweilen freute man sich, in den Besitz eines öffentlichen Gartens mit einer richtigen Ruine gelangt zu sein. Auf Anregung des Bürgermeisters bildete sich alsbald ein Verschönerungsverein, den der Apotheker Weynandts im Wochenblättchen mit den folgenden Strophen begrüßte und ermunterte: Glückauf, du jugendlicher Verschönerungsverein! Was du erschaffst, wird sicher geschätzt von groß und klein. Bald wandeln wir vergnüglich durch Duynbergs Kanaan, dann nimmst du unverzüglich der Stadt selbst auch dich an. Alleenhaft umschmiege ein grüner Gürtel sie, denn so gebührt's der Wiege der Baumwollindustrie. Und willst du dir verbinden das Presbyterium, so pflanz auch ein paar Linden ums Gotteshaus herum. Bald rankten Efeu und wilder Wein an Duynbergs Mauern empor. Und hoch oben im Turm, da, wo einst der sterbende kleine Elias seine Geige gespielt hatte, strich der Wind durch eine Äolsharfe ... Im Frühjahr 1851 aber, als die Firma J. P. Wolf und Sohn ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag feierte, konnte an der Bachstraße ein neues, großes und freundliches Haus eröffnet werden, in dessen verschiedenen Geschossen und Flügeln Kranke, Arme, Waisen, Wöchnerinnen und kleine Kinder zu ihrem Recht kamen, und doch auch wieder so gut es anging, eine große Hausgemeinde bildeten. Denn der Kommerzienrat hatte der Stadt hierfür fünfzigtausend Taler zur Verfügung gestellt und seine Frau sorgte, daß gute Geister in dem Hause walteten, über dessen Tür heute in kleinen Goldbuchstaben steht: »Wolfsche Stiftung.« In dankbarer Erinnerung an den »Herzog von Nassau« unternahm der Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Wolf alljährlich mit seiner Frau eine Rheinfahrt, die, wohin sie auch führen mochte, immer in Köln begann und immer in Köln endete. Frau Anna empfand eine besondere Freude an solchen Dampferfahrten, und einmal hatte sie den Gatten sogar zu einer richtigen kleinen Wasserorgie, wie sie sagte, verführt. Das war im Sommer 1846 gewesen, kurz nachdem Haus Duynberg abgebrannt war. Da waren sie, aus der Schweiz heimreisend, den ersten Tag auf dem »Adler« von Basel nach Mainz, den zweiten auf der »Königin Viktoria« von Mainz nach Köln geschwommen. In Köln hatte Frau Anna festgestellt, daß, wenn sie, kurz entschlossen, bei einbrechender Dunkelheit dem »John Cockerill« rheinabwärts sich anvertrauten, sie übermorgen früh auf ihrem »Herzog von Nassau« die Rückfahrt von Rotterdam nach Köln antreten konnten. – Friedrich Wilhelm erschrak nicht wenig bei solchem Vorschlag, aber das schöne Wetter und der zu erwartende Vollmond verbanden sich den Bitten der Frau, so daß er schließlich auf das Abenteuer einer solchen Mondscheinfahrt und unnützen Reise nach Holland sich einließ, obschon es eigentlich ein rechter Unsinn und Luxus sei. Was Frau Anna nicht bestritt, doch müsse man, versicherte sie, zuweilen auch mal Unsinn machen, das erhalte das Herz jung ... Als Friedrich Wilhelm ihr aber in Rotterdam den »Bataver« zeigte, der gerade nach London abfahren wollte, und fragte, ob sie etwa auch dorthin noch ein Gelüstchen verspüre, meinte sie: nein! wenn es einem am besten schmecke, müsse man aufhören, und jetzt verlange sie heim. Die Rheinreise im Frühherbst 1847 hatte in Heidelberg ihren Höhepunkt erreicht, wo Frau Anna ihrem Fritz auf der Schloßterrasse von Goethe und seiner Marianne erzählte, die vor einigen dreißig Jahren unter denselben Bäumen der schönen Aussicht sich gefreut und liebevoller Stunden beglückt und weise genossen hätten. Als sie dann unter dem Ginkgo biloba -Baum standen, brach sie ein Blatt ab und reichte es ihm mit Goethes Frage: Dieses Baums Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut, gibt geheimen Sinn zu kosten, wie's den Wissenden erbaut. Ist es ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, daß man sie als eines kennt? Der Kommerzienrat ließ sich zwar seine botanischen und literaturgeschichtlichen Kenntnisse solchergestalt ganz gern ein wenig erweitern, dachte aber in seinem Herzen, seine verständige Anna sei ihm doch lieber als jenes geistsprühende, dunkellockige Frauenzimmerchen, wie er denn auch seinerseits mit Goethe nicht tauschen möchte und mit Herrn von Willemer noch weniger. Und in der Freude seines Herzens stahl er sich zu dem Maler, dem einzigen Bewohner der ungeheuren Schloßruine, für seine liebe Anna heimlich ein Andenken an Heidelberg zu erstehen, womit er sie Weihnachten überraschen könnte. Hier nun sollte er schon wieder auf Goethes Spuren stoßen. Denn jener zeigte ihm unter anderm die sehr bewegte Darstellung einer Verhaftung, ein großes Gemälde, darauf ein hemdärmeliger Herr mit lebhaften Gebärden und verdutztem Gesichtsausdruck auf sonniger Bergeshöhe, zu der die Türme Altheidelbergs freundlich heraufgrüßen, von drei Polizeidienern sich überfallen sieht. Und der Maler erklärte, das sei der Philosoph Fortlage, der vor etlichen Jahren zu eigner Erbauung auf dem Riesenstein mit einem solchen Aufwand von Lungenkraft, Pathos und Gesten sich die ihm teuersten Stellen aus Bettinens »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« hergesagt, daß man ihn als einen vermutlich dem Tollhaus Entsprungenen in Haft genommen und, seiner Versicherung: er heiße Magister, heiße Doktor gar, ungeachtet, gefesselt in die Stadt geführt hätte ... Der Kommerzienrat wählte ein Herbstbildchen von ziemlich gedämpfter Farbenfreudigkeit, darauf ein wenig efeuumsponnenes Gemäuer und unter Bäumen hindurch ein Teil der alten Stadt, ein Stückchen Neckar und der buntbewaldete Hang des jenseitigen Ufers zu sehen waren, und es gelang ihm auch, solch wertvolle Erwerbung heimlich dem Reisegepäck einzuverleiben. Ob sein sachverständiger Freund, der knabenhaft kleine Maler Preyer, mit der viel derberen Malweise dieses Heidelberger Ruinenmieters einverstanden sein werde, erschien ihm freilich zweifelhaft. Preyer malte allerdings ganz anders. Wolf hatte neulich ein Blumenstück von ihm gekauft, darauf im Glas einer Vase das Antlitz des Malers klein aber durchaus erkennbar sich spiegelte. Nun war man auf der Rückreise. In Koblenz ging ein großer, hagerer, schwarzbebarteter Herr zugleich mit ihnen aufs Dampfboot – sie hatten dort einen Tag gewartet, um wieder den »Herzog von Nassau« benutzen zu können – dem sie schon am Abend vorher im »Riesen« auf den ersten Blick den Demokraten angesehen hatten. Er war auch jetzt ohne Begleitung und hielt sich auffallend viel in ihrer Nähe auf, ja dem Kommerzienrat wollte es scheinen, daß die feurigen dunkeln Augen des Unbekannten unter der breiten Hutkrempe weg öfter und länger als nötig auf Frau Anna blickten. Aber er mußte sich doch wohl getäuscht haben, denn als sie auf dem ziemlich menschenleeren Schiff mit jenem bald in ein Gespräch kamen, erwies er sich als einen wohlerzogenen und unterrichteten Mann, der ein wenig heiser sprach, ein wenig schwindsüchtig aussah und sich mehr als für Frauenschönheit und Liebesabenteuer für Politik und Handel und Wandel zu interessieren schien, wenn er auch den breiten Strom und die seltener werdenden Rebenhügel keineswegs nur auf Handelsverkehr und Weinernte hin betrachtete. Ein Floß, das der »Herzog von Nassau« überholte, hatte ihn zu der Frage veranlaßt, ob sie die früheren Riesenflöße auf dem Rhein noch gekannt hätten. Und dann hatte er von der zehntägigen Rheinfahrt erzählt, die er in jungen Jahren einmal als Gast des Floßherrn auf einem solchen Floß unternommen, das bei einem Tiefgang von sieben Fuß an siebenhundert lang und an siebzig breit gewesen und von über siebenhundert Ruderknechten bedient worden sei. Jenes Floß nun wäre bei Namedy aus kleineren, wie sie aus Murg, Neckar, Main, Saar und Mosel sich eingefunden, zusammengesetzt und in Dordrecht aufgelöst, von wo aus dann das Holz nach Spanien verschifft worden. Nicht weniger als fünfzehn Hütten wären auf dem Floß gewesen und die des Floßherrn hätte alle Bequemlichkeiten und sogar eine hübsche Veranda gehabt, also, daß er auf jener Fahrt sich gewünscht, seine Hochzeitsreise einmal so machen zu können. – Dabei ergab sich dann, daß der Herr von Wolfs annahm, sie befänden sich auf solcher, eine Annahme, die zunächst ihre Reisefreude noch steigerte. Jedoch würde Frau Anna es als eine Art Verrat an ihren Kindern empfunden haben, wenn sie im Laufe des Gespräches dieser nicht wenigstens Erwähnung getan hätte. – Bei der Länge der Fahrt und besonders, nachdem hinter Bonn die Ufer flach geworden waren, so daß ein Horizont von befreiender Weite sich auftat, darin nichts Buntes und Kleines, nichts Lustiges oder Lärmendes die Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, das Wenige aber Form und Größe gewann, – da ward die Unterhaltung immer lebhafter, und der Fremde, der höchstens vierzig Jahre alt sein konnte, erzählte so viel aus seinem anscheinend über die Maßen bewegten Leben, daß die beiden ganz neugierig wurden, wer er wohl sein möchte. Daß er ein Demokrat war, bestätigte eine Bemerkung, die er an den Namen des Schiffes anknüpfend gemacht hatte, als das Gespräch zum erstenmal die Politik streifte. Selbst die besseren unter den deutschen Fürsten, hatte er gemeint, schädigten durch ihre bloße Existenz schon die Entwicklung Deutschlands, weil an ihren Höfen und Höfchen naturgemäß Eitelkeit, Streberei und Knechtseligkeit gezüchtet würden. England und Frankreich, die derartige fossile Überreste der guten alten Zeit nicht kennten, wären darum in jedem Betracht viel weiter. Da hatte Frau Anna die Fürsten in Schutz genommen: die wohl auch in Deutschland nicht anders seien, als das Volk sie verdiene: »Der Großen Hochmut wird sich geben, wenn unsre Kriecherei sich gibt.« Aus der aufrechten deutschen Treue – so wolle ihr scheinen – sei nachgerade eine hündische Ergebenheit allem Höhergestellten gegenüber geworden und sie besorge, wenn man heute die Fürsten verjagte, würde man sie morgen zurückholen müssen, lediglich um das Bedürfnis nach organisierter Ergebenheitsbetätigung befriedigen zu können. – Übrigens möge in der dünnen Luft, die um die Throne wehe, gewiß schwer zu atmen sein, und wenn man bedenke, wie die Fürsten durch ihre Umgebung verwöhnt und vergottet werden, müsse man sich wundern, daß die meisten von ihnen sich noch soviel Menschlichkeit bewahrt hätten. Jedenfalls habe Schlosser recht, wenn er den Ausschluß der Bürgerlichen von den Höfen billige, weil dort zu verkehren keinem verständigen Menschen angenehm sein könne, auch der Charakter dabei leicht verdorben werde. – Das sei freilich richtig, hatte jener erwidert, das Volk sei an seinen Fürsten und die Fürsten an ihrem Volk entartet, und er könne es Luthern nie vergeben, daß dieser durch seine Untreue gegen die aufständischen Bauern deren gute Sache zum Scheitern gebracht habe. Denn der Bauernkrieg sei das große, nun freilich fehlgeschlagene Radikalmittel gewesen, von jener Entartung wieder zu gesunden. – Gegenwärtig aber sei es wohl so, daß sich die Umgebung der Fürsten, die als Krankheitsherd ja auch die gnädige Frau anerkenne, nicht anders als mit diesen selber abschaffen lasse. Zunächst aber müsse mit der Begriffsverwirrung aufgeräumt werden, daran heute noch alle krankten: die Fürsten und ihre Umgebung, die Presse und das Volk. Wie oft könne man z. B. noch hören und lesen, daß das Volk vom Fürsten keinerlei Rechte zu fordern, sondern nur Gnade zu erbitten habe. Seinem Empfinden nach sei es menschenunwürdig, ja geradezu gotteslästerlich, von einem »gnädigen« Fürsten zu sprechen, denn in den Beziehungen zwischen Mensch und Mensch sei schlechterdings kein Platz für den Begriff Gnade. – Der Kommerzienrat meinte lächelnd, dann habe der Herr allerdings heute schon mehrfacher Gotteslästerung sich schuldig gemacht, weil er folgerichtig doch auch nicht »gnädige Frau« oder gar »Gnädigste« sagen dürfe. Jener widersprach: das sei eine konventionelle, aber doch auch hübsche und sinnige Artigkeit und eine harmlose captatio benevolentiae dazu. Denn indem ein Mann sich dieser Anrede bediene, bekenne er seinen Glauben, daß das weibliche Geschlecht das schönere, gütigere und – überlegene sei. Beim Fürsten dagegen spiele solche Wendung letzten Endes doch auf das Begnadigungsrecht an, das kein Recht sei, sondern Anmaßung, Willkür und Unfug, und also durchaus abgeschafft werden müsse. – Er komme gerade aus Würzburg, wo er einen Gesinnungsgenossen, den Doktor Eisenmann, besucht habe, von dessen Schicksal die Blätter ja jetzt wieder berichtet hätten. Es sei freilich nur einer von Vielen! Er aber könne wohl sagen, daß ihn angesichts dieses siechen, nach fünfzehn- oder eigentlich siebzehnjähriger Freiheitsberaubung jetzt endlich »begnadigten« Mannes der Menschheit ganzer Jammer angefaßt habe. – Frau Anna bat, mehr davon hören zu dürfen, und jener erzählte: Doktor Eisenmann ist der Sohn eines armen Handwerkers in Würzburg. Er hat zunächst die Rechte studiert, dann die Befreiungskämpfe mitgemacht und danach dem Studium der Medizin obgelegen. Von der allgemeinen Begeisterung für den Wiederaufbau eines einigen und freien deutschen Reiches gepackt, hat er in Würzburg an der Stiftung der Burschenschaft sich beteiligt. Als Mitglied des sogenannten Bundes der Jungen ist er um die Mitte der zwanziger Jahre verhaftet und des Hochverrats angeklagt worden. Man hat zwei Jahre nötig gehabt, um ihn freizusprechen, doch durfte er vorerst seine Würzburger Praxis nicht wieder aufnehmen, sondern mußte in irgendeinem fränkischen Nest eine neue sich suchen. Endlich in die Vaterstadt heimgekehrt, hat Doktor Eisenmann das Bayerische Volksblatt gegründet, das er im konstitutionell-monarchischen und deutschpatriotischen Sinn und so vortrefflich redigierte, daß dieses Oppositionsblatt sogar den Beifall König Ludwigs fand. Ja, dieser temperamentvolle und teutschgesinnte Wittelsbacher ließ sich von Eisenmann den Plan zu einer bayerischen Staatszeitung ausarbeiten und bot ihm deren Leitung an. Aber der wollte seine Freiheit nicht verkaufen und lehnte ab. Auch allerlei Versprechungen, die ihm der König für den Fall machen ließ, daß er sein Volksblatt auf einen etwas sanfteren Ton stimme, wies er zurück. Da, im Herbst 1832, wird Eisenmann, schwer krank, plötzlich verhaftet. Länger als vier Jahre hält man ihn in München im Untersuchungsgefängnis. Dann wird er verurteilt. Weswegen? Weil er einen Aufsatz, der in einer andern Zeitung die Zensur passiert, in sein Volksblatt aufgenommen hatte und weil der Würzburger Stadtkommissär Wiesend in Eisenmanns Zimmer »eine Art Fürstenrock« gesehen haben wollte. Und wozu? Mittelalterlicherweise zur öffentlichen Abbitte vor dem Bildnis des Königs und teuflischerweise zu Zuchthaus auf unbestimmte Zeit. – Das sei ja fürchterlich und unglaublich, meinte Frau Anna. Aber wortwörtlich wahr, versetzte jener. Übrigens wäre der Doktor Eisenmann wahrscheinlich schon viel früher »begnadigt« worden, wenn er nicht so steife Kniee gehabt hätte, denn der König Ludwig sei ja auf seine Weise ein ganz humaner Herr, wenn man ihn zu nehmen wisse. Das Mittelalter rumore freilich noch gehörig, sowohl in ihm wie in seinem schönen Lande, behütet und gepflegt von den Pfaffen, wie ja auch in Bayern noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein dreizehnjähriges Hexlein verbrannt worden und noch am Anfang dieses Jahrhunderts die Folter zulässig gewesen sei. Und vielleicht sei's kein Zufall, daß der neue Justizminister Maurer, der jetzt die Begnadigung Eisenmanns durchgesetzt, der erste Protestant sei, der's in Bayern zum Minister gebracht habe. Der Kommerzienrat bestritt, daß der protestantische Norden in diesen Dingen über den katholischen Süden sich erhaben dünken dürfe. So erinnere er sich noch gut des Abends während der Befreiungskriege, da sein Vater mit Entsetzen der Mutter einen Zeitungsbericht vorgelesen, wonach man im aufgeklärten Berlin von Rechts wegen und im Namen des Königs einen Brandstifter und seine Genossin mit dem Feuertode bestraft hatte. Die Tatsache ferner, daß man im protestantischen Hannover noch anno achtzehnhundertsechsundzwanzig gegen einen vermeintlichen Pferdedieb Daumschrauben und Spanische Jungfrau angewendet, lasse sich auch nicht aus der Welt schaffen. Und es sei noch gar nicht lange her, daß ein guter Bekannter von ihm – Herr van Overaad, schaltete er an seine Frau sich wendend ein – daheim in der »Gesellschaft« erzählt, er hätte auf der Reise im Sächsischen Gelegenheit gehabt, gegen acht Groschen Eintrittsgeld zuzusehen, wie ein paar Raubmördern, die am nächsten Tage hingerichtet werden sollten, in der Kirche das heilige Abendmahl gereicht wurde. »Stopp!« unterbrach hier ein Kommando des Steuermanns das Gespräch und dann lief ein Matrose an die Schiffsglocke und läutete. Unter den wenigen Reisenden entstand eine Bewegung. »Langsam vorwärts!« rief jener in sein Sprachrohr, und mit halbem Dampf fuhr der »Herzog von Nassau« behutsam an einem großen Kahn oder Marktschiff vorüber, das, voll von Menschen, sänftlich stromab glitt. »Het Vaderland« entzifferte der Kommerzienrat den Namen, der in gelben Buchstaben auf blauem Grunde am Heck stand, und seine Frau meinte, das seien gewiß Wallfahrer, die zur Mutter Gottes nach Kevelaer wollten. Aber der unbekannte Reisegefährte belehrte sie: nein, dafür sehe ihm das Völkchen zu bunt aus, habe auch zuviel Gepäck, darunter, wenn ihn sein Auge nicht täusche, mancherlei Hausrat an Bord. Er halte dafür, daß es sich um oberdeutsche Auswanderer handele, die in Rotterdam nach Amerika eingeschifft werden wollten, die Tracht der Mädchen aber lasse ihn auf Schwaben schließen. Und wie zur Bestätigung erscholl es jetzt vielstimmig von jenem Schiff herüber: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus, Städtele naus, und du, mein Schatz, bleibst hier ...« Indessen der zurückbleibende Gesang im Rauschen der nun wieder rascher sich drehenden Schaufelräder des Dampfers allgemach verloren ging, war unter den drei Reisegefährten eine ganze Weile die Rede von der deutschen Auswanderung: daß diese dem Vaterlande doch allzu viele arbeitfrohe Herzen und Hände entziehe, daß seit den Befreiungskriegen allein nach Nordamerika schon an zwei Millionen ausgewandert, daß rein gar nichts geschehe, um diese mit dem Mutterlande in Verbindung zu halten, daß jeder Auswanderer ein Stück Nationalvermögen bedeute, daß das wirtschaftlich erstarkende Vaterland doch Raum, Nahrung und Arbeit für alle seine Kinder habe und von einer Übervölkerung ernstlich noch lange keine Rede sein könne und was dergleichen Betrachtungen mehr waren. Als aber die Kommerzienrätin beklagte, daß so viele Auswanderer von gewissenlosen Agenten belogen, betrogen und ins Elend gebracht würden und daß die deutschen Regierungen hiergegen nicht energisch genug vorgingen, da zog »der Demokrat« gewaltig vom Leder: diese verdammten bürokratischen Regierungen hielten es ja gerade für den Gipfel aller volkswirtschaftlichen Weisheit, »die ärmeren Klassen loszuwerden«. Und viel schlimmer als jene Agenten sei die von deutschen Fürsten, Grafen und Herren gegründete und betriebene Auswanderer-Unternehmung, die sich euphemistisch »Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas« nenne, und deren Vorsitzender eben der Herzog von Nassau sei, nach dem der Dampfer heiße. Dieser Verein, der, ganz unzulänglich finanziert, die deutsche Auswanderung nach Texas leite, obwohl er wisse, daß gerade dort die politischen Verhältnisse, die Zuspitzung der Sklavenfrage und die noch keineswegs ausgerotteten Indianer – ganz abgesehen von dem schwierigen Klima – jede Einwanderung aufs äußerste erschwerten, dieser feudale Verein habe weit mehr Auswandererelend auf seinem Gewissen als alle Agenten zusammen. Mit solchen gemeinsame Sache zu machen habe übrigens diese hocharistokratische Gesellschaft gelegentlich durchaus nicht verschmäht, wodurch sie dann des öftern zum betrogenen Betrüger geworden. Wie auch insbesondere die »Landschenkungen«, die der Verein sich drüben habe verschreiben lassen und aus denen er den Auswanderern fruchtbare Acker verheiße, der reine Schwindel seien. Durch einen nahen Freund, der selber in Texas gewesen, sei er über alle diese Dinge genauer unterrichtet und so wisse er, daß leider auch der tüchtige Freiherr von Meusebach, den der Verein an Stelle des zurückgekehrten und wieder in den österreichischen Militärdienst eingetretenen Prinzen Solms-Braunfels vor zwei Jahren hinausgesandt habe, weder dem Unternehmen als solchem, noch den armen Auswanderern helfen könne, von denen inzwischen mehr als anderthalb Tausend eines jämmerlichen Todes verblichen seien. – Der einzige Arzt jener unglücklichen Kolonisten heiße Köster und »Kösters Plantage« sei die einzige, die gedeihe, nämlich der Friedhof. Aber prächtig gedeihe in Texas der deutsche Bürokratismus und die deutsche Bedientenhaftigkeit, wie denn jener Freund ihm versichert, mit eigenen Ohren gehört zu haben, daß solch ein armer, genasführter Auswanderer einem Assessor, der ihn nach seinem Köter gefragt, geantwortet habe: »Euer Hochwohlgeboren Hund sind vorhin um die Ecke dort gelaufen.« Ja, sagte Frau Anna, sie habe kürzlich bei Emerson gelesen, die Deutschen und die Iren wären für Amerika nur dazu da, den Boden zu düngen. Sie kämen herüber, bestellten ein Stückchen Prärie und legten sich dann hin, um selber ein Stückchen grünen Rasens zu werden. – Seitdem schaudere ihr zuweilen vor dem Gedanken, daß ähnliches am Ende in jedem Betracht die deutsche Aufgabe in der Welt sein könne. Mit der Zeit kam »der Demokrat« auf seine persönlichen Schicksale zu sprechen, und was hatte er da nicht alles zu erzählen! Bald von der Düsseldorfer Malerakademie, auf der in jungen Jahren er strebend sich bemüht, bald von der belgischen Revolution, in der er mitgekämpft hätte. Dann von seinen Abenteuern in Spanien, wo er gegen die Karlisten zu Felde gelegen, auch nach schlimmer Kriegsgefangenschaft und gefahrvoller Flucht zum Hauptmann befördert sein wollte, dann wieder von einem Eifelnest, in dem ein geschäftliches Unternehmen ihm mißglückt wäre, weil er die Machenschaften einer Bürgermeisterwahl allzu rücksichtslos enthüllt hatte. Als er aber endlich auf die Verhältnisse seiner Vaterstadt Köln zu sprechen kam, in der er jetzt längst wieder hause, und unter anderm das frische Leben im »Verein der Dombaufreunde« erwähnte, und daß dieser ja nun wohl Aussicht hätte, das gewaltige Werk, an dem sich die Kraft so manches Jahrhunderts erschöpft, zu vollenden – da ging dem Kommerzienrat ein Licht auf. Und er täuschte sich nicht. Es war wirklich Franz Raveaux, der ihnen alsbald gern und unbefangen seinen Namen nannte. Wolf wußte, daß jener, nachdem er im Verein der Dombaufreunde den Klüngel, wie man in Köln sagt, die Macht der wenigen untereinander verwandten reichen Familien, gebrochen hatte, nicht nur in diesem Verein, sondern im gesamten öffentlichen Leben seiner Vaterstadt einen großen und glücklichen Einfluß besaß, und daß man ihn dazu wohl noch den volkstümlichsten Mann von Köln nennen konnte, auch daß er mit weiten Plänen und Verbindungen mitten in der demokratischen Bewegung stand, wegen seiner Ehrenhaftigkeit, Tatkraft, Umsicht und Besonnenheit auch von den Gegnern geachtet. So brachte der Kommerzienrat die Rede alsbald auf den »Neuen Kuhberg«, einen karnevalistischen Verein, den Raveaux gegründet hatte, wie es hieß, um unter dem Schutz der Schellenkappe demokratische Gesinnung zu pflegen. Der aber meinte nur, man hätte oft die besten und weisesten Menschen, auch wenn sie sich allem Mummenschanz, ehrlichem wie unehrlichem, geflissentlich ferngehalten, Narren gescholten, und er hoffe von sich und seinen närrischen Freunden, daß sie noch einmal sehr ernsthafte Arbeit miteinander leisten würden. Daß die Zeit für solche Arbeit nahe sei, bewiesen die jüngsten Ereignisse in Frankreich, die dort ganz sicher zur Revolution führen würden. Da sei es doch vielleicht besser, in Preußen solchen Grad der Fäulnis gar nicht erst abzuwarten, denn daß ein Staat den Nachbarstaat anstecke, sei doch selbstverständlich, zumal die Deutschen sich gerade von den Franzosen immer so gern anstecken ließen. Was dieses Jahr Paris an Korruptionsprozessen erlebt habe, das könne nächstes Jahr auch in Berlin möglich werden. – Der Kommerzienrat bestritt das: man müsse doch den Unterschieden im Volkscharakter Rechnung tragen und dürfe auch auf die gute Tradition im preußischen Beamtentum vertrauen. Er halte für ganz ausgeschlossen, daß in Preußen ein Mensch es bis zum Minister bringe, der fähig sei, sich wie Monsieur Teste durch Geld bestechen zu lassen. Übrigens könne er doch nicht glauben, daß die Pairskammer dem Herzog Choiseul das Gift selber in die Hände gespielt, damit er sich der Strafe entziehe. – Ja, meinte Raveaux, das sei eine dunkle Geschichte. Er seinerseits habe sogar Grund zu der Annahme, daß dieser angebliche Selbstmord des Herzogs glatt erfunden sei, daß es sich bei seiner angeblichen Beerdigung um einen groben Betrug handle, und daß jener augenblicklich als Besitzer eines schönen Landsitzes unangefochten in Schottland lebe. Aber wenn die vergangenen andern Prozesse die Regierung nicht um alles Ansehen und Vertrauen gebracht hätten, würde das Publikum gewiß nicht auf den Verdacht gekommen sein, die Pairskammer hätte dem hochgebornen Mörder ermöglicht, sich durch Gift oder gar durch die Flucht der Strafe zu entziehen. Die sogenannte glänzende Rede des Kanzlers Pasquier sei doch im Grunde nur ein oratorisches Kunststück gewesen. Das Schlimmste und auf die Dauer ganz unhaltbar sei, daß nicht nur die Regierung des Bürgerkönigs sich ganz ausschließlich auf die Besitzenden stütze, sondern daß auch die gesamte Verfassung den Kleinbürgern, Bauern und Arbeitern in keiner Weise gerecht werde. Guizot habe durchaus recht: über dem ganzen Zeitalter Louis Philipps stehe das schamlose Motto » Enrichissez vous! « Und wenn das Bestreben des Menschen, seine materielle Existenz zu verbessern, auch gewiß nicht zu verurteilen, sondern im Gegenteil die Ursache alles Fortschritts sei, so sei doch nichts Gutes von einer und für eine Generation zu erwarten, die alles und alles lediglich als geschäftliche »Konjunktur« betrachte. Er wolle nur hoffen, daß, wenn hier eine baldige Revolution Wandel schaffe, der Wind der Freiheit auch kräftig genug über den Rhein blasen möge ... Um aber auf den Prozeß Praslin-Choiseul zurückzukommen: das Dunkelste dieser ganzen rätselhaften Affäre sei doch das Motiv der Bluttat selber – wenn umgekehrt die Herzogin den Herzog ermordet hätte, würde ihm das viel verständlicher sein. – Frau Anna sagte, daß sie sich der Einzelheiten nicht mehr genau erinnere, worauf Raveaux diese solchergestalt zusammenfaßte: Der einundzwanzigjährige Herzog von Praslin-Choiseul und die achtzehnjährige einzige Tochter des Marschalls Sebastiani heiraten einander aus Liebe. Sie bekommen zehn Kinder. Erziehungsfragen führen zu Zerwürfnissen, die dank der Sanftmut der ein wenig beschränkten Frau Herzogin immer wieder leidlich beigelegt werden. Da kommt eine Erzieherin ins Haus, eine kluge und gewandte Person, deren Erziehungsgrundsätze dem Herzog imponieren, so daß er den Einfluß seiner Frau auf die Kinder nach jeder Möglichkeit einschränkt, ihrer natürlichsten Pflichten und Mutterrechte nicht achtend. Die Herzogin vermutet, daß zwischen ihrem Mann und der Erzieherin eine Liebschaft bestehe. Lange erträgt sie diese doppelte Kränkung in der Hoffnung, ihn durch Sanftheit und Demut zurückzugewinnen. Endlich, als schon die Skandalpresse sich zu ihrem Sachwalter aufwirft, setzt sie mit Hilfe ihres Vaters durch, daß Fräulein Deluzy entlassen wird, zwischen der und ihr übrigens äußerlich immer ein ganz leidliches Verhältnis bestanden, wie sie denn auch, während das Fräulein bei einer in Turin verheirateten Tochter der Herzogin zu Besuch war, freundliche, ja herzliche Briefe miteinander gewechselt haben. Aber die Entlassung beendet die Rolle dieser Dame keineswegs. Der Herzog und seine Kinder besuchen sie des öftern in dem Institut, darin sie nun sich betätigt, so daß dessen Leiterin, um den guten Ruf ihres Hauses besorgt, eine schriftliche Erklärung der Frau Herzogin beansprucht, daß diese mit solchen Besuchen einverstanden sei. – Inzwischen nimmt die herzogliche Familie einen Sommeraufenthalt auf ihrem Schloß in der Provinz, den der Herzog einmal unterbricht, um mit einer Tochter nach Paris zu fahren und Fräulein Deluzy zu besuchen. Einige Wochen später beendet man jene ländliche Sommerfrische, um nach Dieppe ins Seebad zu gehen. Auf der Durchreise will man zwei Nächte in Paris bleiben. Und in der ersten Nacht gegen Morgen ermordet der Herzog, der trotz der späten Abendstunde auf der Fahrt vom Bahnhof in Begleitung seiner Tochter der einstigen Erzieherin wieder einen Besuch abgestattet, seine Frau in ihrem Schlafzimmer auf eine so entsetzliche Weise, daß sein Kammerdiener, ein alter Soldat, beim Anblick der Leiche ohnmächtig wird. Der Herzog, der allein die Bluttat begangen haben kann, wird alsbald verhaftet. Er gesteht nichts, er leugnet nichts, er erklärt nichts. Er erkrankt und stirbt nach wenigen Tagen an einer Vergiftung, von der die Ärzte zunächst nicht wissen, ob sie auf Morphium oder Arsenik zurückzuführen ist. Fräulein Deluzy aber überzeugt die Richter, daß zwischen ihr und dem Herzog eine Liebschaft nicht bestanden habe. Der Kommerzienrat meinte, daß es wohl nichts gebe, wovon eine hübsche und kluge Dame einen französischen Richter nicht überzeugen könne. Er sei der Ansicht, daß der Herzog von Fräulein Deluzy völlig behext, auch unmittelbar zu der Mordtat angestiftet worden sei, Frau Anna hielt dies für unwahrscheinlich, einmal, weil die zum Teil schon erwachsenen Kinder kein so gutes Verhältnis zu der Erzieherin gehabt haben könnten, wenn sie diese für die Mätresse ihres Vaters gehalten hätten, dann aber auch, weil eine Heirat zwischen dem Herzog und der Erzieherin auch nach dem Tode der Herzogin unmöglich gewesen sein würde, während andererseits jener doch auch bei Lebzeiten seiner Frau unerlaubte Beziehungen zu Fräulein Deluzy ohne Schwierigkeiten hätte weiterpflegen können. Auch würde der Herzog den Mord, sofern er ihn vorher überlegt und beschlossen hätte, mit viel größerer eigener Sicherheit etwa auf jenem Schloß und durch Gift haben ausführen können. Sie erinnere sich, gelesen zu haben, daß der Herzog persona grata am Hofe Louis Philippes gewesen, dessenungeachtet aber mit lasterhaften Menschen der untersten Klasse verkehrt habe. So halte sie denn dafür, daß er, von jeher ein Schwächling und Lump, durch ein liederliches Leben außerhalb des Hauses von Stufe zu Stufe gesunken sei. Er habe sich eingeredet, die Schuld daran treffe seine beschränkte Frau, und so sei er in jener Nacht in deren Schlafzimmer gedrungen, getrieben nicht von Fräulein Deluzy, sondern von der Nichtigkeit, Verworrenheit und Verworfenheit seines eigenen Wesens und Lebens. Möglicherweise habe er dann, lediglich um sie und sich zu reizen, von seiner Frau jene Erklärung verlangt, vielleicht aber habe der instinktive Haß des Bösen gegen das Gute, der in ihm übermächtig geworden, solches äußeren Anlasses gar nicht bedurft: jedenfalls habe er in seiner fünften Frau den Zeugen seines einstigen besseren Selbst, die verlorenen Werte des eigenen Lebens und die Erinnerung daran zerfleischen und gänzlich vernichten wollen. Seine ins Krankhafte entarteten Sinne hätten Blut begehrt, hätten gerade dieses Herz bluten sehen wollen, das einst beglückt und beglückend an seinem Heizen geruht und auch in den elenden Jahren unbegreiflicherweise nie ganz aufgehört habe, für ihn zu schlagen. Er habe, was seine an der Mordstätte zurückgelassenen geladenen Pistolen bewiesen, die Absicht gehabt, nach der Tat sich selber zu erschießen, aber die Kraft dazu natürlich nicht aufbringen können ... Für ihr Empfinden sei das Unerhörteste, daß es schließlich doch ein Großelternpaar war, das auf so scheußliche Weise kurz vor der silbernen Hochzeit aus dem Leben geschieden. Und sie wisse nicht, wer ihr mehr leid tue: die Kinder, die solche Erinnerung ein ganzes Leben lang zu tragen hätten, oder der hochbetagte Marschall Sebastiani, der in der ermordeten Herzogin sein einziges Kind begraben habe ... Auf eine so grausliche Geschichte müßten sie aber nun noch eine Flasche Winkler Hasensprung trinken, schlug der Kommerzienrat vor, und als die gefüllten Gläser vor ihnen standen: jetzt wollten sie auf die bürgerliche Freiheit und ihre verständigsten Vorkämpfer vom linken Niederrhein anstoßen. Es sei doch ganz merkwürdig, wie viele tüchtige Politiker diesem kleinen Bezirk der rheinischen Heimat entstammten. Und dann sprachen sie von den Dreien, die Raveaux genauer kannte und mit denen auch Wolf persönlich sich schon berührt hatte. Das war Hermann von Beckerath aus Crefeld, der feingebildete Bankier, dessen kluge politische Ansichten, wo und wie er sie äußere, stets ein Schimmer von Poesie verkläre, und sein nüchterner Freund Gustav Mevissen aus Dülken, auf dessen Wiege wohl kein Schatten der berühmten Narrenakademie gefallen sei, und der, wie im vereinigten Landtag, so auch im freundschaftlichen politischen Gespräch nie einen Schritt weiter gehe als der feste Boden unter ihm reiche, und der kühlbesonnene Ludolf Camphausen aus Hülshoven, dieser allen »grauen Theorien« und »absoluten Wahrheiten« abgeneigte »Zweckmäßigkeitsmensch«, in dem ein Minister stecke. Wieviel verdankten allein die Eisenbahnen der Weisheit und Tatkraft dieser tüchtigen Männer! Denn es war doch so, daß die Regierung nicht nur auf Staatskosten Eisenbahnen zu erbauen sich weigerte, sondern daß es ihr auch im Grunde nur darauf ankam, den Unternehmern möglichst viele Schwierigkeiten aufzuhalsen. Ohne Camphausen hätte neulich die Rheinische Eisenbahngesellschaft sich sogar verpflichten müssen, nach einigen Jahren einem etwaigen Konkurrenzunternehmen die Mitbenutzung ihrer Schienen zu gestatten. Dann erzählte Herr Raveaux noch von zwei Politikern, deren Ansichten allerdings wesentlich radikaler seien, die man aber gleichwohl als tüchtige niederrheinische Landsleute anerkennen müsse: von Jakob Venedey aus Köln, der noch immer in Paris lebe, wohin er, als Burschenschafter und durch die Teilnahme am Hambacher Fest kompromittiert, vor fünfzehn Jahren geflohen, und von Karl Heinzen aus Grevenbroich, der, nachdem er vor einigen Jahren durch sein böses Buch über die preußische Bürokratie sich unmöglich gemacht, nun von der Schweiz aus als politischer Schriftsteller wirke, mit seinen Grobheiten und Majestätsbeleidigungen mehr noch als seine Leser sich selber erquickend. – Und der Kommerzienrat meinte, das sei das Schöne und Verheißungsvolle am jungen deutschen Liberalismus, daß sich in ihm die guten Mächte der Vergangenheit, möchten sie nun in Wittenberg oder in Weimar, in Jena oder in Sanssouci und Berlin ihre Quelle haben, mit den besten Köpfen des Handels und der Industrie zu der Einheit eines neuen deutschen Bürgertums zusammenschlössen, das, großzügig, weitblickend und tätig, berechtigt sei, die Bezeichnung »Bourgeoisie« abzulehnen. – Auch des neuen Papstes gedachten die Herren, der seine Zeit verstehe und, wenigstens in den weltlichen Fragen, ihren liberalen Ideen zugänglich sei. Was ja freilich auch nicht weiter verwunderlich sei, wenn man bedenke, daß er in jungen Jahren als Kavallerieleutnant in der Welt sich umgetan habe. – Seine alte Mutter zwar, sagte der Kommerzienrat, mißtraue diesem Pio Rono und sei überzeugt, daß das Sammetpfötchen zu gelegener Zeit seiner Krallen sich wohl erinnern und bedienen werde. Aber die habe nun einmal eine unüberwindliche Idiosynkrasie gegen alles Katholische. Er seinerseits sehe nicht ein, warum nicht auch Rom mit der Zeit fortschreitend durch den Liberalismus sich verjüngen lassen solle ... Unter solchen Gesprächen näherten sich die Reisenden dem heiligen Köln. Ein kühler Wind hatte sich aufgemacht und der Dom stand mit Chor, Turmstumpf und Kran im Feuermeer der untergehenden Sonne. »Wie gut, zu wissen, daß sie morgen wiederkommen wird,« sagte Raveaux, als sie sich trennten, um sich zum Verlassen des Schiffes vorzubereiten, »und einmal wird sie durch ein edles Steingerank in die höchsten Türme der Welt scheinen. Möchte sie dann auch über einem einigen und wahrhaft freien Volk stehn!« – Das beides tat die liebe Sonne am andern Morgen freilich noch nicht, aber hell und freundlich schien sie von Deich her über den breiten Strom in das Zimmer, das Wolfs im Hof von Holland bewohnten. Und sie stand schon hoch am Himmel, als diese endlich den Gasthof verließen. Denn da beide zu Hause Frühaufsteher waren, wie es das Gebot des Fleißes vorschrieb, so überließen sie sich auf Reisen um so zwangloser dem Genuß eines behaglichen Morgenschlummers. Ihr erstes Ziel wäre auch ohne das gestrige Gespräch wie immer der Dom gewesen. Und wie immer waren sie ergriffen von der Erhabenheit dessen, was Menschen hier entstehen ließen, und wie immer wunderten sie sich über das scheinbar langsame Fortschreiten der Bauarbeiten, die doch von so vielen Händen gefördert wurden. Waren doch nun schon wieder fünf volle Jahre vergangen, seit auf jenem unvergeßlichen Dombaufest der König vor den zahlreich versammelten Fürsten und Führern der Nation durch eine – abgesehen von dem unverfälschten Berlinisch und der ein wenig piepsigen Stimme des hohen Herrn – prachtvolle Rede über die Einigkeit der Deutschen und die gewaltige, unblutig den Frieden der Welt erzwingende Macht Deutschlands den Grundstein für Weiterbau und Vollendung des Domes geweiht hatte, schließend mit dem tausendjährigen Lob der Stadt: »Alaaf Köln!« Durch jene Rede, von der es hieß, daß sie sogar den anwesenden Kanzler des deutschen Bundes, den alten Metternich, ergriffen hätte. Der doch taub und für den Deutschland doch nur ein geographischer Begriff war. Und der, die allgemeine Begeisterung und Rührung wahrnehmend, auf französisch zu bemerken sich erlaubt hatte, daß derartige Gefühle höchst gefährlich seien, am meisten für den, der sie hervorgerufen. – Wie wenig scheinbar war in dieser langen Zeit das Werk, das vielen als Symbol der nahenden Verschmelzung beider christlichen Bekenntnisse galt, fortgeschritten. Es sei fast wie bei der Natur, bemerkte Anna, wo man auch nie das Wachsen selber, sondern immer nur das Gewachsene sehe. – Mittags im Holländischen Hof erfuhren sie an der table d'hôte aus dem Gespräch anderer Gäste, daß heute abend im Saal der Singakademie der berühmte – oder wie einer verbesserte: der berüchtigte – Enthaltsamkeitsapostel Baron Seld aus Berlin gegen den Genuß geistiger Getränke sprechen würde. Lebhaft ward das Für und Wider solcher Bestrebung erörtert. Ein weißhaariger Alter erklärte, indem er sein Weinglas wieder füllte, wohlwollend, er habe diesen sonderbaren Heiligen vor ein paar Abenden im Kaisersaal gehört und müsse schon sagen, reden könne er, und es sei ihm offenbar auch heiliger Ernst mit seiner Sache. Ein Andrer meinte, Seld sei ein Mucker und Reaktionär, der für die Preußische Regierung allerlei ausspioniere. Wenn er wirklich für die Enthaltsamkeit eintreten wolle, dann solle er doch vor allem in die Fabrikstädte gehen und den Branntwein bekämpfen, womit die Brennereien seiner frommen Standesgenossen die Fabrikarbeiter vergifteten. Gegen eine Flasche Wein aber sei doch nun wahrhaftig nichts einzuwenden, zum mindesten gegen eine gute nicht, und nun erst hier am Rhein! Was solle denn aus den Weinbergen und den armen Winzern werden, für deren ohnehin so schwierige Existenz übrigens gerade hier in Köln der bekannte Demokrat Raveaux erfolgreich kämpfe, und was aus den Dichtern und der rheinischen Fröhlichkeit? Nein, Rhein und Wein, das gehöre zusammen und was Gott zusammengefügt, solle der Mensch nicht scheiden. Es sei ohnehin traurig genug, daß der Weinbau sogar in den Rheinlanden immer mehr zurückgehe, wie es denn in der Stadt Köln selber heutzutage nur noch ganz wenige Weingärten gebe, wahrend noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren der Kölner Bürger sein Schöppchen »Bleichert« mit Vorliebe selber sich gezogen und gekeltert habe. Wolfs hatten ursprünglich heute Abend den Freischütz hören wollen, aber der war soeben abgesagt worden, weil das Annchen heiser sei. Nun beantragte Frau Anna als Ersatz den Besuch des Seldschen Vortrags und der Kommerzienrat war einverstanden unter der Bedingung, daß sie, was auch immer der Mann gegen den Wein sagen würde, nach dem Vortrag in der »Ewigen Lampe« ein Fläschchen mitsammen tränken. Der Saal der Singakademie war bald überfüllt, die Flügeltür blieb offen, damit auch die Vielen auf Vorplatz und Treppe zuhören könnten. Der vornehm und ein wenig engbrüstig aussehende Redner begann. Er sprach mit einer angenehmen Stimme sachlich und eindringlich, und man fühlte, daß ihm die Worte von Herzen kamen. Da hielt er plötzlich inne und sah scharf nach der Tür, vor der ein Herr ganz laut zu sprechen angefangen hatte. Jetzt schwieg der Störenfried, kaum aber fuhr Baron Seld fort, als auch jener wieder begann. Da wendete Seld sich an die Versammlung und sagte ruhig: »Der Herr da draußen hat gewiß etwas sehr Nötiges zu sagen, ich bitte daher um die Erlaubnis, so lange zu schweigen, bis er ausgesprochen hat.« Wenn der Baron aber erwartet hatte, jener werde nun ruhig sein, so irrte er sich. Im Gegenteil, der also Aufgeforderte, in dem Wolfs mit Überraschung ihren gestrigen Reisegenossen Franz Raveaux erkannten, erhob die Stimme um so lauter. Ja, sagte er, er müsse reden, im Namen von ganz Köln müsse er reden. Der Herr Baron träte hier auf, als ob die Kölner Branntweinsäufer wären, aber Kölns Bürger wären ordentliche, einsichtsvolle Männer, die selbst wüßten, was sie zu tun und zu lassen hätten, da brauchte kein Fremder zu kommen, um ihnen zu predigen. Der Herr Baron solle nach den Fabrikstädten gehen, wo der Branntwein die Leute vielleicht unglücklich mache, in Köln sei sein Reden ganz unnötig, ja eine Beleidigung für die Kölner, und ein Schimpf sei es für die Kölner Damen, daß in den Zeitungen gestanden, sie hätten ihm die Hand darauf gegeben, daß sie keinen Branntwein trinken wollten. Kölns Damen seien keine Säuferinnen und er müsse im Namen aller Kölner Damen dagegen protestieren, daß sie so an den Pranger gestellt würden. Als er ausgeredet hatte, riefen einige Bravo! – Da wandte Seid sich an die Versammlung und sagte: »Ehe ich weiterspreche, muß ich wissen, ob Sie überhaupt wünschen, daß ich weiterreden soll?« Und als von allen Seiten stürmisch »Ja! Ja!« gerufen wurde, sagte er, daß er das gern, doch nur unter einer Bedingung tun wolle, nämlich wenn man verspräche, daß er ohne Unterbrechung bis zu Ende reden dürfe. Da ging ein gewaltiger Lärm los gegen den Störenfried von vorhin: »Der Kerl macht Skandal! Der macht sich überall mausig! Schmeißt den Kerl die Treppe hinunter!« Aber Seld rief: »Sie tun dem Herrn Unrecht! Ich selbst habe ihn aufgefordert zu sprechen. Sie aber bitte ich um die Erlaubnis, daß ich ihm zunächst auf seine Einwürfe antworten darf. Ich kenne ihn nicht, aber daß er kein Kölner ist, davon bin ich überzeugt. Wäre er ein Kölner, so wüßte er, wie es in seiner Vaterstadt steht, so wüßte er, daß in den Gefängnissen, die vor zwölf Jahren fünfhundert Verbrecher enthielten, jetzt dreizehnhundert sitzen, und daß die Mehrzahl nach der Aussage der Kriminalbehörden und Aufsichtsbeamten nur durch den Branntwein ins Gefängnis gekommen ist, so wüßte er, daß der Vater der Armen, der würdige Präsident Wittgenstein, in seinem Bericht von der erschreckenden Zunahme der Verarmung, von der Überflutung der Kranken- und Waisenhäuser spricht und dies alles dem zunehmenden Branntweingenuß zuschreibt. Darum steht's nicht gut in Köln, darum tut es not, ja in Köln ganz besonders not, zu warnen zu bitten, zu beschwören, daß dies Elend gemildert werde ...« Und dann nahm er den Faden seines Vortrags wieder auf. Das Fläschchen in der »Ewigen Lampe« ward nach dem Vortrag und trotz dem Vortrag getrunken, und auch daheim blieben Wolfs der edlen Gottesgabe wie bisher mit Maßen zugetan. Der Weinkeller, den der selige Maire mit soviel Verständnis angelegt hatte, und in dem auch aus seiner Zeit noch mancher gute Jahrgang – vor allen der Elfer – lagerte, sollte nicht in Verfall noch Unehre geraten. Aber Eine Wirkung, die den enthaltsamen Baron erfreut haben würde, zeitigte sein Vortrag doch: in der Fabrik ward den Arbeitern, die des Schnapses sich zu enthalten gelobten, zweimal täglich Kaffee dargeboten und bald fanden die meisten, daß solches Getränk um so mehr den Vorzug verdiene, als sie es nicht zu bezahlen brauchten. Zunächst aber erwartete die Heimkehrenden eine sehr unangenehme Überraschung. Herr Walter Götze, der Bevollmächtigte des Hauses J. P. Wolf und Sohn, hatte, durch Machenschaften der Londoner Börse verführt, weit über den laufenden Bedarf der Fabrik hinaus mit Herrn Latschert Baumwollkäufe abgeschlossen, weil der Preis zu steigen schien. Tatsächlich aber war der Preis alsbald beträchtlich gefallen und er fiel noch immer. Der Kommerzienrat war außer sich, hatte er doch Herrn Götze des öftern auseinandergesetzt, daß es gegen seine Grundsätze gehe, solchergestalt das Glück zu versuchen. Nun waren an zehntausend Taler verloren. Da blieb nur übrig, den ungerechten Haushalter zu entlassen, so vortrefflich dieser auch bis dahin sich bewährt hatte. – Frau Anna ließ ihren Fritz sich austoben und meinte dann, sie wolle jenen gewiß nicht entschuldigen, aber gerade einen ungerechten Haushalter könne man ihn doch wohl nicht nennen, denn wenn schon auf das Gleichnis im Evangelium angespielt werden solle, so habe Herr Götze doch eigentlich ganz in dessen Sinne gehandelt, sintemal er ja doch nicht zu seinem eigenen Vorteil mit dem anvertrauten Pfunde gewuchert habe. Immerhin möge der Kommerzienrat doch ja tun, was ihm recht und richtig erscheine, sie wolle gewiß nicht in diese geschäftlichen Dinge sich einmischen, von denen sie nichts verstehe. Nur darum bitte sie und das dürfe sie vielleicht erwarten, daß ihr lieber Mann, wenn er sich zu so harter Bestrafung entschließe, ihr sein Wort darauf gebe, daß er jenen auch dann fortschicken würde, wenn die Baumwolle nach dem Abschluß des Geschäfts mit Herrn Latschert um ebensoviel gestiegen, wie sie jetzt leider gefallen sei. Am Vormittag des Ostersonntags 1849, während Pastor Kranevoß an einer langwierigen und schmerzhaften Krankheit zu Bett lag, war die alte Kirche überfüllt und auf ihrer Kanzel stand ein dunkellockiger und sehr blasser Kandidat. Es war Wilhelm Ritter, der zwischen dem ersten und zweiten Examen in Vertretung des einstigen Lehrers seit vier Wochen die Heimatgemeinde betreute. Seine Vorliebe für große Worte hatte sich in Halle, wo er vier Semester zu des frommen und geistvollen Tholuck Füßen gesessen, keineswegs verloren, aber sie hatte Kultur bekommen, und dann war seine Stimme außerordentlich angenehm. Aber die unter seinen Zuhörern feinere Ohren hatten, würden Tholuck zugestimmt haben, wenn sie gewußt hätten, was dieser seinem begabten Schüler zum Abschied gesagt hatte: daß es schön und löblich sei, den geistlichen Beruf ergriffen zu haben, daß es aber doch noch viel mehr darauf ankomme, sich von ihm ergreifen zu lassen. Und solches Ergriffenwerden bald zu erleben, das wolle er ihm herzlich wünschen. Das war mit andern Worten dasselbe, was der alte Großvater Schlüpjes alle diese langen Jahre hindurch, in denen der Enkel auf Frau Maria Magdalenas und des Kommerzienrats Kosten dem Studium der Gottesgelahrtheit oblag, so oft gedacht und auch ausgesprochen hatte und was noch erleben zu dürfen er täglich von Gott erflehte. Von diesem Letzten und Größten abgesehen, hatte Willemken, seinen Jünglingsweg unsträflich wandelnd, ihm nur Freude gemacht. Und was Wolfs betraf – wenn Frau Anna auch mehr von seinem einfachen Bruder Michel hielt, der in der Fabrik Herrn Götzes rechte Hand geworden war, so war es Frau Maria Magdalena doch eine wirkliche und tiefe Freude, daß sie Willemken das hatte werden lassen dürfen, was zu werden ihr Johannes leider immer abgelehnt hatte. Daß »Reginens Lebensretter« etwa Absichten auf ein verwandtschaftliches Verhältnis zum Hause Wolf haben könnte, der Gedanke blieb ihr fern, aber Frau Anna erwog ihn zuweilen. Sie vertraute ohne weiteres, daß Pinchens nüchterner Blick sich von dem Kopf des Heiligen Johannes, den die Großmutter auf Willemkens ein wenig zu schrägen Schultern zu sehen versicherte, nicht würde betören lassen, und sie freute sich, als sie merkte, daß das Herz der zarten Regine schon einen andern, guten und verständigen Weg eingeschlagen. Denn auch Frau Anna hatte das Fehlen jenes Letzten und Größten längst empfunden, ohne welches nach ihrer Ansicht kein Beruf so gefährlich war, wie der geistliche. Gefährlich für den, der ihn ausübte und mehr vielleicht noch für die, die jenem im Leben menschlich am nächsten zu stehen hatte. Heute, als am ersten Ostertag, saßen sie alle andächtig unter Willemkens Kanzel und freuten sich der klugen und eindringlichen Predigt. Nur der alte Großvater Schlüpjes schüttelte bisweilen mißbilligend den Kopf, und als der junge Prediger gar, einen Tholuckschen Lieblingsgedanken ausführend, darlegte, daß und warum es auch im Jenseits noch eine Vergebung der Sünden geben müsse, also daß auch jene keineswegs unbedingt dem ewigen Tode zu verfallen brauchten, vielmehr einer Auferstehung zum Leben gewärtig sein dürften, die hier auf Erden nicht zur Buße und Wiedergeburt gelangt wären, – da war's mit der Geduld des alten Totengräbers und Stundenhalters vorbei. Solcher Irrlehre, die sein und aller wahren Christen schweres und langwieriges Kämpfen um die Gewißheit der Gnade gleichsam als überflüssig oder doch als nicht durchaus erforderlich hinstellte, zu widersprechen, war ihm heilige Pflicht. Selbstverständlich durfte angesichts der Würde des Orts und des Amtes, das der betörte Jüngling versah, solcher Widerspruch nicht in Worten oder überheblichem Gebaren sich äußern. Und der Alte tat, was er auch in Kranevossens und des seligen Piepers Predigten, von seinem Gewissen getrieben, etliche Male getan hatte: er nahm seinen Hut, hielt ihn vors Gesicht und bewegte unhörbar die schmalen Lippen, betend, daß Gott den Irrenden erleuchten und in den Herzen der Hörer den Irrtum unwirksam machen wolle. Dann erhob er sich und verließ leisen und langsamen Schrittes, aber aufrechten Ganges das Gotteshaus. Und wie immer, gab er damit denjenigen Freunden der Wahrheit, denen die Gnade der Freimütigkeit geschenkt war, das Zeichen, ihm zu folgen. Frau Maria Magdalena aber blieb sitzen. – Nach dem Gottesdienst erschien der Kandidat als Tischgast im kommerzienrätlichen Hause und angesichts der edlen Gottesgaben schwand seine Verstimmung über die unpassende Kritik des Großvaters wie Schnee vor der Sonne. Man müsse solche Taktlosigkeit dem Bildungsniveau des Alten zugute halten, meinte er. Und als er nach Tisch mit den beiden Gespielinnen seiner Kindheit und ihren jüngeren Geschwistern im großen Garten Ostereier suchte, taute er vollends auf. – Was war es nur, das ihn dann später von neuem bedrückte, während er, nachdem man im Gartensaal den Kaffee genommen, mit Pinchen und Regine plaudernd den breiten Mittelweg auf und ab wandelte? Er erzählte ihnen von seinen Erlebnissen im vorigen Jahr, von seinen kriegerischen Abenteuern im Frühling, wie er als Feldgeistlicher bei den Truppen Dienst getan, die der Deutsche Bund unter Wrangel gegen die Dänen marschieren ließ, und mehr noch von den Herbsttagen in Berlin, wie schlau und schneidig derselbe Wrangel die Berliner wieder an den Anblick des Militärs gewöhnt, wie er den sogenannten Volksvertretern im Sitzungssaal des Königlichen Schauspielhauses mitgespielt, die Bürgerwehr aufgehoben hätte und binnen wenigen Stunden und ohne alles Blutvergießen Herr von Berlin, nach einigen Wochen aber dort die volkstümlichste Persönlichkeit gewesen wäre. Ganz österlich hatten ihn, Willemken, jene Herbsttage angemutet, in denen in Berlin und in ganz Preußen Zucht und Treue wieder auferstanden und die Sonne des königlichen Gottesgnadentums mit erneutem Glanz die letzten Schatten jener unseligen Märztage Vertrieben. – Die Hauptschuld an der ganzen sogenannten Revolution, die im Grunde doch nur eine freche Revolte gewesen, trügen diese gottverlassenen, halbgebildeten und Halbbildung verbreitenden Volksschullehrer, die die Schule von der kirchlichen Aufsicht befreit und wohl gar, wie einer ihrer Führer, Diesterweg mit Namen, nur noch konfessionslosen Unterricht gestattet wissen wollten. Für den guten Dr. Zahn in Mörs täte es ihm ja freilich leid, denn der wäre nicht so, aber davon abgesehen hätte es ihn herzlich gefreut, daß der fromme König den in Berlin beratenden Seminardirektoren neulich einmal gründlich den Kopf gewaschen. Er, der Kandidat, bedauerte nur, nicht dabei gewesen zu sein, aber er hätte sich die wahrhaft königlichen Worte gut gemerkt, die der zornige Monarch persönlich den überraschten Schulmännern ins Gesicht geschleudert: »All das Elend, das im verflossenen Jahre über Preußen hereingebrochen, ist Ihre, einzig Ihre Schuld, die Schuld der Afterbildung, der irreligiösen Massenweisheit, die Sie als echte Weisheit verbreiten, mit der Sie den Glauben und die Treue in den Gemütern meiner Untertanen ausgerottet und deren Herzen von mir abgewandt haben.« Willemken hatte diese Worte mit einigem Aufwand stimmlicher Mittel zitiert, doch ließ sich eine besondere Wirkung nicht feststellen. – Ein Hallenser Kommilitone, fuhr er fort, hätte ihm kürzlich seine Doktordissertation geschickt, die den Nagel auf den Kopf treffe. Schade, daß sie sie nicht verstehen könnten, sonst würde er sie ihnen gern einmal leihen. Sie sei betitelt: »De morbo democratico« , zu deutsch »Über den Demokratenwahnsinn«, und weise das Pathologische dieser ganzen Verirrung überzeugend nach. – Wenn die Regierung doch nur der »Neuen Rheinischen Zeitung« das Handwerk legen wollte, die noch viel schlimmer sei als die alte. Denn der Redakteur, ein gewisser Marx aus Trier, sei schon gar nicht mehr Demokrat, sondern Kommunist. So nenne man die bösen Menschen, die alle gottgewollten Unterschiede aus der Welt schaffen und den Begüterten ihre Häuser und Fabriken und ihr Geld abnehmen und alles unter allen teilen wollten. Und dazu sei dieser Marx auch noch Jude. – In jenen Berliner Märztagen hätte übrigens auch der Herr Franz Raveaux aus Köln eine anmaßliche und unrühmliche Rolle gespielt. Ob die Eltern wohl seitdem von diesem Herrn wieder etwas gehört hätten, mit dem sie doch vor ein paar Jahren aus einer Rheinfahrt persönlich gut bekannt geworden wären? Ja, sagte Pina, als der Vater Ende Dezember sie nach Düsseldorf mitgenommen, um ihr einen Weihnachtswunsch zu erfüllen und sie ein paar gute Theatervorstellungen sehen zu lassen, da hatten sie dort ganz zufällig auf der Straße den Herrn Raveaux getroffen und dann auch mit ihm zu Mittag gegessen. Wobei er viel vom vorigen Jahr erzählt: wie die Nachricht vom Ausbruch der Pariser Revolution mitten in die Kölner Karnevalsfreuden hineingeplatzt sei und alsbald zu Unruhen und zu einer Formulierung der Forderungen des Volkes geführt habe. Und daß seine Reise mit der Deputation sehr kurz und über die Maßen anstrengend gewesen: am 17. März wären die Herren in Köln abgefahren, am 18. in Berlin vom König empfangen worden und am 19. schon wieder in Köln eingetroffen. – Und daß am Abend des 29. die Kölner eine riesige schwarz-rot-goldene Fahne auf dem höheren der beiden Domturmstümpfe aufgepflanzt, die aber schon in der ersten Nacht leider durch den Sturm in Fetzen gerissen worden sei. Sie wisse nicht mehr alles, was Herr Raveaux erzählt, denn sie sei mit ihren Gedanken immer wieder bei der Maria Stuart gewesen. Aber der Vater habe gesagt, schwarz-rot-gold sei, von der Textilindustrie aus betrachtet, keine glückliche Trikolore, weil Gold keine Farbe sei. Man müsse da also in der Praxis immer Kompromisse machen, und das eine Mal werde das sogenannte Gold orangefarben sein und das andere Mal gelb. Kompromisse aber seien immer bedenklich, am meisten für einen Staat. Außerdem sei Deutschland wirklich nicht so reich, daß es Wert darauf legen müsse, gerade Gold in seiner Trikolore zu haben. Man solle lieber dafür sorgen, daß es Gold in den Staatssäckel bekomme. Aber Herr Raveaux hätte das nicht Wort haben wollen: das ganze Menschenleben sei ein Kompromiß und das politische Leben erst recht. – Und dann hätte er ihnen noch von der Nationalversammlung erzählt, deren Mitglied er sei, und von dem Dombaufest im August, durch das man das sechshundertjährige Jubiläum der Grundsteinlegung gefeiert habe, und zu dem die Nationalversammlung mit dem Erzherzog Johann an der Spitze, auf reichgeschmückten Dampfschiffen den Rhein herab nach Köln gefahren sei. Und daß dort der König, der eigens von Berlin gekommen, den Herren gesagt hätte, sie sollten ihn nicht vergessen. Nein, verbesserte der Kandidat, solch einen wahrhaft königlichen Ausspruch müsse man sich wörtlich merken. Der König habe gesagt: »Vergessen Sie nicht, daß es noch Fürsten in Deutschland gibt, und daß Ich einer von ihnen bin!« Auf den König, fuhr Pina fort, sei der Herr Raveaux auch sonst nicht gut zu sprechen gewesen; so habe er gesagt, der König freue sich, wenn das Volk sich für den gotischen Baustil begeistere – den man übrigens ebenso gut einen französischen wie einen deutschen Stil nennen könne – weil er hoffe, es gewinne dadurch auch andern mittelalterlichen Institutionen Geschmack ab, wie er sie gerne wieder einführen wolle. – Des weiteren habe Herr Raveaux darüber sich aufgehalten, daß beim gemeinsamen Festmahl im Gürzenich die einen für einen Taler kalt, die andern für fünf Taler warm gespeist hätten. Solche Betonung der Unterschiede des Geldbeutels bei einer gemeinschaftlichen, der ersehnten deutschen Einheit und Freiheit gewidmeten Unternehmung wäre eine echt deutsche Geschmacklosigkeit. Geschmeckt aber hätte es deßungeachtet den einen wie den andern. – Was ihr aber am meisten Eindruck gemacht, sei, daß die Nationalversammlung einen großen Goldpokal aus Frankfurt mitgebracht, woraus zuletzt Kaiser Karl VII. bei seiner Krönung getrunken habe, und daß der König diesen Pokal beim Festschmaus mehrere Male auf Einen Zug geleert habe. Ob sie sich etwa wundere, fragte Willemken, daß der König so viel vertragen könne. – Ja, das auch, gestand Pina, aber die Hauptsache sei doch die Erinnerung an den Kaiser Karl mit seinen melancholischen Augen ... Na, sie tue ja gerade, als ob sie selber zu tief in diese Augen hineingesehen hätte ... Nein, das freilich nicht, aber ob Willemken denn die schöne Geschichte nicht kenne, die Bettina von Arnim erzähle: wie bei jener Krönung Goethes Mutter als Backfisch sich ganz leidenschaftlich in diesen Kaiser und seine Augen verliebt habe. Wenn man nun bedenke, daß Goethe selber als Fünfundsiebzigjähriger sich ebenso leidenschaftlich und ebenso aussichtslos in die siebzehnjährige Ulrike von Levetzow verliebt habe, und daß es sich in beiden Fällen, bei der Mutter wie beim Sohn, um die größte, leidenschaftlichste Liebe des ganzen Lebens gehandelt, müsse man schon sagen, daß dies ein seltsames Spiel des Zufalls sei. – Oder ein gleich zuchtloses Spiel der Herzen, verbesserte der Kandidat. Bei dieser ganzen Unterhaltung konnte Willemken aber das dumme Gefühl nicht los werden, als ob er sich im vorigen Frühsommer da oben in Jütland an ein rotblondes Mädchen gebunden hätte, die Tochter eines kinderreichen Pfarrhauses, in dem er ein paar Wochen einquartiert gewesen ... Wenn er sich auch in seinen Briefen seitdem immer mehr einer herzlichen Zurückhaltung befleißigte, so zeigten die ihrigen doch um so deutlicher, daß sie auf ihn wartete. Nun, eine Verlobung, erst recht eine heimliche und gar mit einem Mädchen in so entlegenem Ausland, war ja noch kein unzerreißbares Band. Denn im Grunde – warum sollte man in die Ferne schweifen, wenn das Gute, vielleicht das Bessere, so nahe lag. Gewiß, die rotblonde kleine Inge war ein süßes Gottesgeschöpfchen und die jütländischen Pfarrherren zumeist ganz vermögliche Leute. Aber schließlich – Pinchen und Regine hatten sich auch recht erfreulich entwickelt und alles in allem wußte man hier doch genauer, was man hatte. Und da Willemken von den Ratschlägen der großväterlichen Pappschachtel nicht viel hielt, andererseits aber deutliche Winke Gottes in seinem Herzen noch nicht zu verspüren pflegte, beschloß er, wie so oft, auf äußerliche Weise eine Art »Gottesurteil« herbeizuführen. Würde es im weiteren Verlauf seines hiesigen Aufenthalts etwa sich zeigen, daß eines der beiden jungen Mädchen stark auf ihn reagierte, so sollte ihm das ein Beweis dafür sein, daß jener andre Liebeshandel da oben in Jütland nichts als eine lässige, mit der Eintönigkeit des Quartierlebens in rauher Kriegszeit wohl entschuldbare Verirrung des Herzens gewesen. Schließlich würde sich ja vielleicht mit Frau Maria Magdalenas Hilfe für die kleine Inge der Eintritt in Pastor Fliedners Diakonissenhaus ermöglichen lassen, wo sie ebensogut wie als Pfarrfrau eine Mitarbeiterin im Weinberge des Herrn sein könnte. So reizvoll, wie er sich die Herbeiführung solches Gottesurteils vorgestellt, ließ sie sich nun freilich nicht an– schon nach einigen Wochen konnte er sich nicht verhehlen, daß er weder bei dem energischen Pinchen noch bei der zarten Regine irgendwelche Aussichten hatte. Mochte nun hier die Kommerzienrätin die Hand im Spiel haben oder nicht – er begann die beiden Schwestern als nichtssagende Gänschen zu empfinden und sich um so näher an ihre Großmutter anzuschließen, die ihn besser verstand. Besonders gern ließ Frau Maria Magdalena sich von Willemken wiedererzählen, was Tholuck von dem vor einigen Jahren heimgegangenen »Abraham der Berliner Gläubigen«, dem Baron von Kottwitz, erzählt hatte, dem er selber seine Wiedergeburt verdanke. Wie in diesem Manne das Eigentliche des Christentums Gestalt gewonnen, so daß mit der Selbstverständlichkeit und Wahllosigkeit einer Naturkraft Ströme des Lebens von ihm ausgegangen. Denn nicht das sei das Größte, daß der fromme Baron, wie nichts und niemand, den armen Spinnern und Webern seiner schlesischen Heimat geholfen, oder daß er in Berlin jahrzehntelang mit einem ganzen Volk von Armen und Elenden »in Not und Liebe« in einer ehemaligen Kaserne gehaust hätte. Auch nicht, daß er in den verschiedensten Kreisen Berlins und auf ausgedehnten Reisen charitative Liebe und Hilfsbereitschaft geweckt und gefördert und besonders der gebildeten Jugend den Sinn auch für jene innere Mission erschlossen hätte, die sich außerhalb aller Vereine und Anstalten im täglichen Leben betätige. Das Größte sei nicht, was Kottwitz geleistet, sondern was er gewesen: ein lebendiger und vollkommener Beweis für die Wahrheit des Christentums. Aber freilich: wie die Kirche die sichtbare Gemeinschaft der Gläubigen sei, so müsse sie als solche auch sichtbare und geordnete Werke der inneren Mission betreiben. Schon voriges Jahr, als Willemken nach dem von England und Rußland diktierten Abschluß des Waffenstillstandes von Malmö zu seinen Büchern heimkehrte, hatte er auf Frau Maria Magdalenas Wunsch einen Umweg gemacht, um am Wittenberger Kirchentag teilzunehmen. Die improvisierte kraftvolle Rede, die Johann Heinrich Wichern aus Hamburg dort über die wenigen schon erkannten, die vielen und großen noch zu lösenden Aufgaben der inneren Mission gehalten, war nicht ohne Eindruck an ihm vorübergerauscht. Jetzt las er mit seiner alten Freundin Wicherns »Denkschrift an die Deutsche Nation« über dasselbe Thema und dann saßen sie stundenlang zusammen und ergingen sich in weiten und kühnen Plänen, wie sie miteinander den unterschiedlichen menschlichen Nöten und Lastern beikommen könnten. Ganz so klein, wie Wichern angefangen hatte, als er vor fünfzehn Jahren mit Mutter und Schwester und drei verwilderten Hamburger Knaben die strohgedeckte Hütte draußen vor den Toren bezogen, aus der in dieser kurzen Zeit das blühende »Rauhe Haus« mit seinen vielen Gebäuden und Gärten und Menschen geworden war – ganz so klein brauchten sie ja vielleicht nicht anzufangen. Und Willemken spielte nicht ungern mit dem Gedanken, in jungen Jahren schon die höchste Spitze einer großen und vielseitigen charitativen Unternehmung darzustellen und mit Fliedner und Wichern in einem Atem genannt zu werden. Einem Ruf als Hofprediger nach seiner Vaterstadt Berlin, von dem er seit seinem ersten Semester träumte, konnte er später immer noch folgen, ja wahrscheinlich würde solcher Ruf dann um so früher an ihn ergehen. Denn auf die Dauer brauchte er großstädtische, gebildete Zuhörer und eine große Kirche. Dafür, daß diese dann allsonntäglich bis auf den letzten Platz sich fülle, dafür würde er schon sorgen, wenn anders es richtig war, was ihm schon so mancher gesagt hatte, daß seine Art an den seligen Schleiermacher erinnere. Der war doch nur ein bucklicht Männlein gewesen und doch waren besonders die vornehmen Damen ihm nur so zugeströmt. Selbstverständlich würde er, Willemken, dann ebenso bescheiden bleiben wie jener, der, als man ihm einmal von der Anziehungskraft seiner Predigten sprach, gemeint hatte: »Ja, es sind hauptsächlich Studenten, junge Damen und Offiziere, die zu mir kommen. Die Studenten kommen, weil ich der Prüfungskommission angehöre; die jungen Damen kommen wegen der Studenten, und die Offiziere wegen der jungen Damen.« So fand Frau Maria Magdalena ihn durchaus geneigt, ihrem Vorschlag gemäß, statt für die Zeit der Vorbereitung aufs zweite Examen eine Hauslehrerstelle anzunehmen, als Wicherns Gehilfe ins Rauhe Haus einzutreten, zumal sie andeutete, ihm nicht nur für Wicherns Unternehmung einen Beitrag, sondern auch ihm selber einen guten Zehrpfennig mitzugeben. Er zweifelte nicht, daß ihm als jungem Theologen in Hamburg manche begüterte Familie der christlichen Kreise sich erschließen würde. Mit welchem Erfolg, das mußte abgewartet werden, aber in jedem Fall konnte er dort aus bequemer Nähe die Geschichte da oben in Jütland so oder so zu Ende führen. Gleichwohl unterließ er nicht, als er sich von den beiden nichtssagenden Gänschen verabschiedete, noch ein letztes »Gottesurteil« herbeizuführen, indem er zuerst Pinas und dann Reginens Rechte sehr lange in seiner warmen und weichen Hand behielt. Aber so scharf er auch aufpaßte, er verspürte doch bei keiner irgendein Fluidum. Und als er ernsten und entschlossenen Angesichts die hohe Treppe hinabschritt, warf die knabensäugende römische Wölfin dem schwarzgewandeten und dachschultrigen Kandidaten Ritter einen hohnvollen Blick nach. Im Frühjahr 1852 sah der Kommerzienrat Wolf eines Abends sich vom katholischen Pfarrer besucht, der augenscheinlich erregt war. Pastor Hupperts weidete, jetzt von zwei Kaplänen unterstützt, seine rasch wachsende Herde seit fast vier Jahrzehnten, mit den Evangelischen im allgemeinen und Kranevoß im besonderen bei reichlichem Abstand guten Frieden haltend. Der kleine, lebhafte und ein wenig umständliche Herr, den man in jüngeren Jahren damit geneckt hatte, daß er durch sein Äußeres der Hinneigung zur Burschenschaft verdächtig erscheine, sintemal er in Kleidung, Antlitz und Haar deren Farben trage, begann, nachdem er unter dem Bilde des seligen Maire Platz genommen: Er habe in der vergangenen Nacht ein seltsames und aufregendes Erlebnis gehabt, worüber er heute mit sich zu Rate gegangen und dabei zu dem Entschluß gekommen sei, als Erstem dem Herrn Kommerzienrat diese höchst alterierende Sache mitzuteilen. Denn das Ganze als Beichtgeheimnis zu betrachten und es stillschweigend dem vielen hinzuzufügen, was er an fremder Schuld, Jammer und Elend schon im fürbittenden priesterlichen Herzen trage, sei nicht angängig, vielmehr habe er dem armen Sünder nach getaner Beichte ausdrücklich versprechen und geloben müssen, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Es handle sich, kurz gesagt, um den Mörder der beiden Franzosen: des Kapitäns Jeanbon und des Andern, dessen Name ihm entfallen sei. »Monsieur Besnard de Vivie« half der Kommerzienrat nach, und der Pastor fuhr fort: Er sei gestern abend zu nachtschlafender Zeit ins Krankenhaus gerufen worden (das die Stadt ja der Munifizenz des Herrn Kommerzienrats verdanke), weil dort ein Sterbender der Absolution und letzten Ölung dringlichst begehrt hatte. Herr Freundgen, der übrigens als Hausvater und Verwalter sein Metier zu verstehen scheine, habe ihm eröffnet, der Sterbende sei ein alter und auffallend großer Mann, der erst vor einigen Tagen sichtlich entkräftet aus dem Holländischen zugewandert, sich als Schmied und als Witwer legitimiert, auch einige Mittel bei sich gehabt und solche der Stadt als Äquivalent für die Aufnahme zugedacht habe. Die letzte Entscheidung dem Herrn Bürgermeister reservierend, habe er, Freundgen, den Mann vorläufig aufgenommen, der sich alsbald zu Bett gelegt, und nach Herrn Doktor Latscherts Prognose auch wohl kaum wieder aufstehen werde. Nach solchen Prämilinarien habe Freundgen ihn, den Pfarrer, in das Gemach geleitet, darin ein Nachtlämpchen gebrannt und alles aufs beste hergerichtet gewesen sei. Der Alte habe mühsam sich ein wenig aufgerichtet, ihn aus einem Gewirr von strähnigem grauen Haupt- und Barthaar mit großen brennenden Augen angeblickt und alsbald hastig und ängstlich gefragt, ob er vor der Beichte und zu deren Erleichterung noch etwas sagen dürfe. Er habe diese Frage selbstverständlich bejaht und dann in der Tat etwas höchst Merkwürdiges zu hören bekommen. – Der Pfarrer hielt inne und strich sich einige Male mit der noch ganz rundlichen Hand über das straffe und dichte Haar, dessen Gold die Jahrzehnte in Silber verwandelt hatten, – wie wenn er die Gedanken beruhigen und ordnen wolle. »Ja, etwas höchst Merkwürdiges,« fuhr er dann fort, der Alte habe ihm nämlich erzählt, und in solchen Momenten schwindle der gemeine Mann nicht leicht, daß ihm vor Jahr und Tag im Traum die heilige Jungfrau erschienen sei, die ihn zum Beichten ermahnt und ihm offenbart habe, er werde einen Beichtvater finden, der durch ein und dasselbe Sprüchlein gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Sprachen ihr Lob zu verkündigen wisse. – Da nun sei ihm, dem Pfarrer, sofort der Zweizeiler eingefallen, den er in jungen Jahren auf seiner Romfahrt am Hafenturm eines alten Nestes an der genuesischen Küste gefunden und sich abgeschrieben, und so habe er dem Alten gesagt, er solle getrost sein und sich freuen, denn den Beichtvater habe er in ihm gefunden und das Sprüchlein laute: In mare irato, in subita procella, Invoco Te, nostra benigna stella. Das sei zugleich Lateinisch, wie es einst die heidnischen alten Römer gesprochen und wie es gegenwärtig nur noch die heilige Kirche und die deutschen Gelehrten sprächen, und Italienisch, wie es heute auf seinen lauten Gassen und Märkten das Volk in Italien spreche, das sonst durchaus kein Latein könne. Denn Lateinisch und Italienisch seien zwei, wenn auch verwandte, so doch völlig getrennte und selbständige Sprachen, aus denen ein heiliger Zufall hier eine Anzahl gleicher Wörter zu gemeinsamem Lobe der Himmelskönigin zusammengefügt habe. Auf Deutsch aber laute das Sprüchlein, das ein rechter Trostspruch für Schiffer und Schiffbrüchige sei, etwa: Auf wildem Meer, im Sturmgewüte, Dich ruf ich an, du Stern der Güte. Da habe ihm der Alte ganz beglückt zugelächelt und alsbald zu beichten begonnen: Er heiße Paulus Kradenpoel, sei aber kein Holländer, sondern in der Jülicher Gegend beheimatet, allerdings schon in jungen Jahren, nachdem er das Schmiedehandwerk erlernt, ins Holländische verschlagen und alldort seßhaft geworden. Nach dem Tode seines Meisters, der zuletzt auch sein Schwiegervater gewesen, sei dessen ländliche Schmiede nebst Ökonomie ihm und seiner Frau zugefallen und sie hätten nicht anders gedacht, als daß sie auf ihrem Erbe ihr Leben in Gesundheit und leidlichem Wohlstand zu Ende führen würden. Ihr Anwesen habe Waterbroich geheißen und heiße wohl auch heute noch so und sei einen Büchsenschuß von der kleinen Ortschaft Uykelhoven unweit der preußischen Grenze und der aus dem Preußischen ins Holländische führenden Landstraße gelegen. Sie hätten nur ein Kind gehabt, einen Jungen, der Jan geheißen und wegen seiner Leibeslänge schon früh verlange Jan genannt worden sei. Der habe gleichfalls das Schmiedehandwerk erlernt, alsdann ein paar Jahre in der Welt sich umgetan und endlich ihm bei der Arbeit geholfen. Jan sei ein braver Bursche gewesen, habe aber leider das Wildern nicht lassen können, wozu ja die Versuchung dort in den menschenarmen Niederungen freilich auch groß genug gewesen sei. Dieserhalb wären sie, Vater und Sohn, bisweilen hart aneinander geraten; davon abgesehen hätten sie aber alle drei stets im besten Einvernehmen gelebt, nur daß seine Frau mehr als recht gewesen dem Jan die Stange gehalten und ihm wohl des öftern einen erwilderten Hasen oder Rebhuhn heimlich angerichtet habe. Der Jan nun sei mit einem gewissen Aloys Butzheynen befreundet gewesen, einem Bauernsohn aus der Nachbarschaft, und mit der Zeit hätten die beiden angefangen, an demselben Mädchen Gefallen zu finden, an der blonden Trina, deren Mutter in Uykelhoven die Schankwirtschaft betrieben und manchen harten Gulden auf die hohe Kante gelegt habe. Doch habe solche gemeinsame Verliebtheit der Freundschaft der beiden Burschen keinen Abbruch getan, wie ja auch alle drei noch viel zu jung zum Heiraten gewesen. – Eines Tags, Anno fünfzehn im September, seien die beiden Burschen miteinander in einem Nachbardorf auf der Kirmes gewesen. Da sei der Aloys dann am Abend gegen zehn Uhr ganz blaß und schrecklich aufgeregt und atemlos zu ihm gekommen: Jan, der ein wenig früher von der Kirmes aufgebrochen, weil er noch ein kleines Jagdvergnügen vorgehabt, liege am Faldernbosch in seinem Blut, und es sei der reine Zufall, daß er, Aloys, auf dem Heimwege von der Kirmes in der Nähe vorbeigekommen und ihn stöhnen gehört habe. Er habe ihm auch, so gut er gekonnt, die Wunde verbunden und Jan, der sehr schwach gewesen, habe ihm gesagt, daß der Franzos, der die Jagd gepachtet und mit dem er ja schon öfters Händel gehabt, ihn angeschossen, daß er ihm aber dann doch noch entkommen sei und sich bis dahin geschleppt habe. Aber nun könne er nicht mehr weiter. – Er, Aloys, habe versucht, ihn auf den Buckel zu nehmen, was aber ganz unmöglich gewesen sei. – Während solcher Erzählung habe er, der Vater, schon angespannt gehabt, und dann seien sie, die Frau mit, zu dritt in die Nacht hinausgefahren, aber ihr Jan sei schon tot gewesen, als sie ihn gefunden. – Dann hätten die holländischen und preußischen Gerichte hin und her verhandelt, der Franzos aber, der gewiß hohe Gönner gehabt, hätte glaubhaft gemacht, daß er an jenem Septembertage sein Haus Duynberg gar nicht verlassen – kurz die Sache sei so im Sand verlaufen. Er habe sich gesagt, daß die Obrigkeit wegen eines geringen Burschen, der noch dazu im Ruf eines Wilderers gestanden, sich wohl den Kopf nicht zerbrechen und daß schließlich Holland wegen des Franzosen ja auch mit Preußen keinen Krieg anfangen könne. Seine Frau aber, die sehr an dem Jungen gehangen und ihm immerfort nachgetrauert, sei darüber hingestorben und er habe mit Wirtschafterinnen viel Not ausgestanden, bis er sich endlich eine verwitwete Schwester ins Haus getan. Und als die blonde Trina sich nach Maastricht an einen alten Gastwirt verheiratet, da hätten die einen gesagt, das sei, weil der Aloys in die Ostindische Kompagnie eingetreten, die andern aber, umgekehrt sei's richtig. Er wisse das nicht, und es gehe ihn auch nichts an. Derweilen sei die Zeit so hingegangen und das Jahr 1834 herangekommen und der September und die Kirmes. Seine Schwester sei frühmorgens mit der Magd in die Stadt gefahren, um allerhand einzukaufen, und er habe verdrießlich und in bittern Gedanken über sein verarmtes und zweckloses Leben in seiner Schmiede gearbeitet, als auf einmal ein Wagen mit zwei Schimmeln vorgefahren sei. Zwei Herren seien abgestiegen, die miteinander französisch gesprochen hätten. Der eine habe ihn ersucht, einem der Gäule ein Hufeisen wieder anzuschlagen und auch die andern gleich nachzusehen, auch sei an einem Rad etwas nicht in Ordnung. Der andre aber habe erklärt, dann wolle er inzwischen ins Dorf gehen, er sei noch nie in Holland gewesen und es gelüste ihn, den berühmten Schiedam zu kosten. Inzwischen habe er, der Schmied, sich an die Arbeit gemacht, während welcher er mit dem Zurückgebliebenen in ein Gespräch sich eingelassen. Als sich dabei dann herausgestellt, daß der Herr niemand anders als Monsieur Jeanbon von Haus Duynberg sei, dem in der Nachbarschaft die Jagd gehöre, da sei es ihm heiß über den Rücken gelaufen und er habe die Rede auf die Wilderer gebracht und gefragt, ob das wahr sei, daß der Herr vor langen Jahren einmal einen solchen erschossen. Jener habe hierauf nicht Ja und nicht Nein geantwortet, aber eine hochfahrende und harte Bemerkung gemacht, des Inhaltes, es solle ihm gegebenen Falls auf ein halbes Dutzend solcher Lumpenhunde nicht ankommen. Als der kleine alte Herr solchergestalt sich schuldig bekannt und dabei so wohlgepflegt und satt und vergnüglich vor ihm gestanden, recht wie einer, dem alles im Leben nach Wunsch gediehen und der nach Gott und dem Teufel nicht zu fragen braucht, da habe ihn plötzlich eine wahnsinnige Wut gepackt und er habe das garstige eitle Männlein mit seinem Schmiedehammer auf den Kopf geschlagen, daß es ohne einen Laut zusammengebrochen und auch richtig mausetot gewesen sei. Er sei wohl zuerst sehr erschrocken über seine rasche Tat, habe sich aber sofort gesagt, daß er nun den andern auch kalt machen müsse, was er dann nach dessen Rückkehr auch unverzüglich besorgt habe, und zwar auf dieselbe Weise. Und alsbald habe er die Leichen in die Schmiede getragen, das Gepäck ebenfalls, sodann die Tür verschlossen und das Fuhrwerk auf einen entlegenen Platz im Faldernbosch gelenkt und die Gäule dort angebunden. Später habe er etwa zwanzig Schritt vor der Schmiede an einem kleinen Buschwerk den Rasen abgehoben, eine tiefe Grube gegraben, die Toten und ihr Gepäck hineingetan, die Stelle sauber wieder hergerichtet, auch eine umherstehende Fuhre Holz davor aufgeschichtet und die übrige Erde im Gemüsegarten verteilt. Währenddessen sei es Abend geworden und die Schwester mit der Magd zurückgekehrt, und da habe sie ihn gescholten, daß er über der Arbeit das Essen versäumt und nun ganz krank aussehe, sie sehe wohl, daß sie ihn nicht allein lassen dürfe. Nach dem Abendbrot, als die Schwester und die Magd schon zu Bett gegangen, habe ei sich sacht davon gemacht, und das Fuhrwerk in der Dunkelheit eine gute Meile weit auf den Heimweg kutschiert, alsdann es seinem Schicksal überlassen. Von dieser Zeit an aber sei es mit ihm immer mehr bergab gegangen. Gleich das nächste Jahr habe die schlimmste Mißernte gebracht, was er nicht nur in der kleinen eignen Ökonomie, sondern auch in der Schmiede verspürt, indem die Bauern mit neuen Arbeiten zurückgehalten, ihn auch langsam und schlecht bezahlt hätten. Als ihm dann Anno 44 auch noch die Schwester gestorben, da habe er sein Anwesen verkauft und sei zuerst nach Venlo, später nach Roermonde gezogen, aber Ruhe und Frieden habe er nirgends gefunden. Und vollends, nachdem ihm vor Jahr und Tag im Traum die heilige Jungfrau erschienen, habe sein Gewissen ihn umgetrieben ... Schließlich habe er sich auf den Weg gemacht, sein altes Anwesen und Uykelhoven, auch seine alte Heimat im Jülichschen noch einmal wiederzusehen, und dort habe es ihn gedrängt, das Haus Duynberg aufzusuchen, denn daß dieses inzwischen abgebrannt, habe er nicht gewußt. Auch habe er gehofft, bei der Mutter Gottes in Kevelaer den rechten Beichtvater zu finden. Auf selbiger Wanderschaft sei er krank geworden und nun könne er nicht mehr und sein letztes Stündlein sei da... Der Pfarrer hielt inne, und der Kommerzienrat meinte, er begreife vollkommen, daß solche Beichte den Herrn Pastor alteriert habe, aber ob der Kradenpoel, oder wie er heiße, auch wohl wirklich die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit bekannt habe. Ja, versicherte der Pfarrer lebhaft, davon sei er fest überzeugt. Dann müsse er seinerseits befürchten, entgegnete Wolf, daß dieser schreckliche Schmied mit seiner Blutrache fehlgegangen sei. Ihn wenigstens wolle es das wahrscheinlichere dünken, daß es nicht der Franzose, sondern der Aloys gewesen, der den langen Jan ums Leben gebracht. Freilich habe es von Monsieur Jeanbon des öfteren schon geheißen, daß er einen Wilderer erschossen. Aber ernstlich habe das doch niemand geglaubt und jetzt zeige es sich ja, wer jenes Gerücht aufgebracht habe. – Der Pfarrer schlug sich mit der rundlichen Hand strafend an die Stirn: An diese Möglichkeit habe er allerdings nicht gedacht. – Übrigens habe er, fuhr er in seiner Erzählung fort, an dem Schmied getan, was seines heiligen Amtes gewesen und er vertraue, daß die befreite Seele jetzt vor einem milden Richter stehe, denn der ganz erschöpfte Alte sei noch angesichts des Sanktissimum entschlafen. Die beiden Herren verabredeten, der Staatsanwaltschaft zu Düsseldorf Anzeige zu erstatten. Nach langen und umständlichen Verhandlungen zwischen den preußischen und holländischen Behörden – zunächst mußten die verschiedensten, sowohl die beiden Franzosen, wie den Schmied betreffenden Papiere mühsam beigebracht werden – fuhren an einem heitern Spätherbstmorgen eine preußische und eine holländische Kommission auf verschiedenen Wegen durch Herrn Jeanbons Jagdgründe demselben Ziel zu. Das Anwesen Waterbroich, das inzwischen des öftern wieder den Besitzer gewechselt, fand sich leicht, aber welche der unterschiedlichen Gehölzgruppen die richtige sei, darüber war man sehr verschiedener Meinung und die an fünf Stellen vorgenommenen Grabungen würden nur Erde und Steine zutage gefördert haben, wenn nicht der Königlich Preußische Kreisphysikus Doktor Pützchen, der in seinen Mußestunden frühgeschichtlichen Studien oblag, ein hartes, schwarzes Wurzelstöcklein als keltisches Alräunchen angesprochen und mitgenommen hätte. Eine fröhlichere Reisegesellschaft, als sie am 23. Juli 1853 abends im »Schwan« tafelte, hatte der alte Gasthof zu Frankfurt am Main noch nicht erlebt. Es war die ganze Familie Wolf, die gestern eingetroffen war und morgen weiterreisen wollte. Heute hatte man den Dom und die Städelsche Bildersammlung besichtigt und die Erwachsenen hatten in Herrn von Bethmanns Antikensaal bewundernd vor Danneckers Ariadne gestanden, deren marmornen Formen ein farbiges Oberlichtfenster den Schein des blühenden Lebens verlieh. Mit schmerzlichen Gefühlen hatte man das Grab der schönsten vaterländischen Hoffnung, die runde Paulskirche, umschritten, darin vor wenig Jahren die Deutsche Konstituierende Nationalversammlung getagt. Vielleicht in Deutschland nicht und nicht in irgendeinem andern Lande würde jemals wieder eine Volksvertretung so die Fülle der besten Köpfe und der stärksten Herzen in sich vereinen, wie dieses erste deutsche Parlament, das so rasch vergehen mußte, weil die Zeit noch nicht reif war. Frau Maria Magdalena hatte an den kleinen Achatschleifer und seinen Trübsinn erinnert, daß es nie eine Lust sein werde zu leben und daß die Hand des Menschen verflucht sei. Sie hatte auch an das schönere Vaterland erinnert, das den Christen erwarte. Aber Frau Anna hatte gemeint, man müsse auch für das irdische Vaterland an jeder Hoffnung in Treue festhalten, »damit das Gute wachse, wirke, fromme, damit der Tag dem Edlen endlich komme!« Und Hans und Fritz, den siebzehnjährigen Zwillingen, hatte die Ergriffenheit der Alten sich mitgeteilt und war in ihren jungen Herzen zu einem wortlosen Gelöbnis geworden. Man war am Römer und an Goethes Elternhaus vorbei- und über die alte Mainbrücke gegangen und später hatte der Kommerzienrat allein an der Ecke der Großen Gallusstraße eine geschlagene halbe Stunde diesem merkwürdigen Herrn von Bismarck aufgelauert, den er so gern einmal von Angesicht gesehen hätte. Freilich war dieser Bismarck ein schlimmer Reaktionär, und daß er um die russische Freundschaft warb, war unzeitgemäß und verdächtig. Aber daß er einmal eine Landtagsrede mit einem Weinkrampf beendet hatte, ließ auf eine Leidenschaftlichkeit und innerlichste Anteilnahme schließen, die nicht alltäglich waren. Und dann: wie viele Geschichten gingen von ihm um! Erst gestern abend hatte der Wirt, Herr Schott, einige ganz neue erzählt. – Als der Kommerzienrat aber in Erfahrung brachte, daß Herr von Bismarck gerade heute dem alten Metternich auf dem Johannisberge einen Besuch abstatte, hatte ihm solcher Mißerfolg die Laune nicht verdorben. Vielmehr erheiterte ihn der Gedanke, daß der ausrangierte österreichische Fuchs diesen Preußen, auch wenn er ihm den besten aller Rheinweine vorsetze, nicht über den Löffel barbieren werde. Aber vielleicht werde der kluge Fürst ja von vornherein auf jeden Versuch dieser Art verzichten und beim Johannisberger mit seinem Gast sich statt über Politik lieber über die bildenden Künste unterhalten, wovon er doch auch viel verstehen solle; wenn er nicht am Ende gar ihm sein Steckenpferd vorreite und Heinrich Heines sämtliche Gedichte rezitiere. Sodann hatte Wolf vor der Auslage einer Buchhandlung ein Titel gereizt: »Taten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneten zur constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main«, und er war der Versuchung erlegen, den anscheinenden Ladenhüter, das von dem Advokaten J. H. Detmold verfaßte, von Adolph Schrödter mit witzigen Federzeichnungen geschmückte Büchlein, zu erwerben, das, indem es das Urbild des »gesinnungstüchtigen«, aber eiteln, beschränkten und feigen Politikers boshaft genug widerspiegelte, im ersten deutschen Parlament einen gewissen erzieherischen Einfluß gehabt hatte. Denn gar mancher Abgeordnete hatte lieber dem Hohn und Haß der Linken sich ausgesetzt, als dem vom Nachbar geflüsterten Vorwurf der »Piepmeierei«. Und in dieser heitern Stimmung hatte Wolf dann der »Gesellschaft« daheim durch den Draht einen Gruß entboten. Denn es war ihm Bedürfnis gewesen, in der freien Reichsstadt, die für Deutschlands Geschicke so bedeutsam geworden war, sich zu seinem rheinischen Landsmann, dem um alle Verkehrsentwicklung unablässig bemühten Minister von der Heydt zu bekennen, der vor wenigen Jahren den umständlichen optischen Telegraphen durch den elektrischen ersetzt hatte. Und dies um so mehr, als der Minister voriges Jahr an dem Festessen teilgenommen, womit die »Gesellschaft« die Eröffnung der Eisenbahn gefeiert hatte. Dabei war ihm auch eingefallen, daß er die zierliche Menukarte noch in der Brieftasche haben müsse. Richtig. Und in den Schwanen zurückgekehrt, hatte er Herrn Schott, den Wirt, indem er ein einfaches Abendbrot mit ihm verabredete, gebeten, ihm statt des wirklichen eine Abschrift dieses Menüs hinstellen zu lassen. Die hatte er dann, sobald er und die Seinen mit gutem Appetit Platz genommen, ganz harmlos vorgelesen, den vier Damen keinen geringen Schrecken einjagend: »Austern / Krammetsvögelsuppe /Caviar / Schellfisch mit Kartoffeln / Filet de Boeuf / Mainzer Sauerkraut und Westfälischer Schinken / Erbsen-Purée und Pommersche Gänsebrust / Salpicon von Hühnern und Champignons / Waldschnepfen-Salmi / Rehbraten mit Compotes / Puddings / Galatine von welschen Hahnen und Perlhühnern / Gestürzter Crême / Punsch-Gelee / Gefrornes / Torten / Dessert / Obst.« – Nach beendeter Lektüre hatte sein Jüngster, der achtjährige Walter, dem gewiß die meisten dieser guten Dinge ganz unbekannt waren, treuherzig versichert, ihm wäre was Nasses in den Mund gekommen, aber die Damen hatten erleichtert aufgeatmet, als sie dahinter kamen, daß es sich nur um einen Scherz handele. Daß dieser so gut gelungen war, veranlaßte Herrn Schott, der persönlich die Bedienung im Speisesaal überwachte, ein paar Minuten am Tisch der heitern Gäste vom Niederrhein zu verweilen. Dabei erzählte er ihnen, unentwegt sein Kellnertrüpplein wortlos mit den Augen leitend, rasch einiges aus der langen Geschichte seines Hauses: Ursprünglich sei an dessen Stelle ein städtisches Spielhaus gestanden, das sich keines schlechten Besuches erfreut haben müsse, denn um 1409 habe der Rat viertausend Würfel auf einmal angeschafft. – Später, bis die Postgerechtsamkeit an das Haus Thurn und Taxis übergegangen, seien im Hof die kaiserlichen Posten abgefertigt worden. – Im Jahr 1792 habe die junge Prinzessin Luise von Mecklenburg, bei Goethes Mutter hausend, im Schwanen mit dem preußischen Kronprinzen sich verlobt. – Auch Napoleon sei einmal im Schwanen abgestiegen und 1815 habe Blücher längere Zeit hier gewohnt und abends mit seinen Frankfurter Freunden Gontard und Bethmann manches Spielchen gemacht. Bei dem Bankier Gontard sei übrigens der unglückliche Dichter Hölderlin Hauslehrer gewesen und dessen Diotima sei niemand anders als die Madame Gontard, in die jener sich sterblich verliebt habe. – Und noch gut erinnere er, der Wirt, sich des Abends, da er als Junge unter der sich drängenden Menge vor dem Schwanen gestanden, indessen der greise Feldmarschall, in der Dunkelheit unsichtbar, vom Balkon herab eine seltsame Rede gehalten. Zuerst habe er von der deutschen Tapferkeit und von dem Glück der Befreiung des Vaterlandes gesprochen, dann aber sei er auf seine zerrüttete Gesundheit gekommen und habe den überraschenden Wunsch geäußert, hier in Frankfurt begraben zu werden, in dieser guten deutschen Stadt, deren Bürger er besonders lieb habe. Und dann sei es ihm, dem Knaben, ganz kalt über den Rücken gelaufen, als der Unsichtbare plötzlich mit erhobener Stimme in das atemlos lauschende Dunkel gerufen: »Ich bin am Abend meines Lebens und fürchte die Nacht nicht!« – Als der Wirt sich verabschiedet, besprachen Wolfs noch lange behaglich die Eindrücke der letzten Tage und die Pläne für die nächsten, und selbst der Frau Maria Magdalena Stimme klang heute ganz heiter und fast weltlich. Die Dreiundsiebzigjährige war ganz reiselustig geworden, seitdem im vorigen Jahr ihre erste Eisenbahnfahrt so wider Erwarten pläsierlich verlaufen war. Zu der hatte sie sich recht schwer entschlossen. Es stehe geschrieben: »Wer sich unnütz in Gefahr begibt, der kommt darin um«, hatte sie gemeint, wenn solche Reise ihre Pflicht wäre, würde sie sie in Gottes Namen wagen, sonst aber hieße es: Gott versuchen. Schließlich war's aber dem Kommerzienrat doch gelungen, sie zu überreden, daß es tatsächlich ihre als seiner Mutter Pflicht sei, die Einladung anzunehmen und die Probefahrt auf der Bahnstrecke mitzumachen, deren Bewilligung und Erbauung durchzusetzen ihm als Vorsitzendem des Eisenbahnkomitees so unendliche Mühe gekostet hatte. Zu ihrer Beruhigung könne sie ja statt ihrer Taschenapotheke ihre Hausapotheke mitnehmen und gerne wolle er sie ihr tragen, aber was würden die Leute denken, wenn sie durch ihr Fernbleiben seine Arbeit verleugnete? – So hatte sie denn ihm zu Liebe ihre Ängstlichkeit überwunden und ihren Groll, denn es hatte sich nicht vermeiden lassen, daß die Eisenbahn den großen Garten in zwei Teile zerriß: sie durchquerte ihn ziemlich in der Mitte in einem tiefen Einschnitt. Allerdings hatte man über diese künstliche Schlucht eine zierliche und bequeme eiserne Brücke gebaut, auf der zu stehn und von oben die Züge zu sehn, nicht nur den Kindern vergnüglich erschien. Aber daß der Garten nicht gelitten hätte, konnte doch nur Anna behaupten, die das Brücklein geradezu für einen Aussichtspunkt erklärte, weil man nach beiden Seiten durch die Schlucht schöne Fernblicke weit in die Ebene hinaus gewonnen hätte. – Nun saß Frau Maria Magdalena zu Häupten der kleinen Tafel, eine würdige Urgroßmutter, denn die zarte Regine hatte vor einigen Jahren ihren Vetter Fritz ten Bompel geheiratet. – Morgen früh wollte man sich trennen. Ten Bompels gedachten morgen schon mittags in Soden einzutreffen, wo sie die Kur gebrauchen wollten. Die andern waren nach München unterwegs, beabsichtigten aber dieses Reiseziel erst in etwa vier Wochen und auf ganz verschiedenen Wegen zu erreichen. Frau Anna wollte mit Pina und den fünf Jungen – Hans und Fritz, die siebzehnjährigen Zwillinge waren so stattlich, daß man sie kaum noch so nennen konnte – mit dem Maindampfer nach Würzburg fahren, wobei in dem alten badisch-bayerischen Grenzstädtchen Wertheim, das ein zweites Heidelberg sein sollte, übernachtet werden mußte. Von Würzburg sollte die Reise dann über Bamberg, Nürnberg und Augsburg gehen und überall wollte man sich Zeit lassen, alles Sehenswerte zu betrachten und starke und wenn möglich fruchtbringende Eindrücke von der bürgerlichen Größe und Tüchtigkeit der vergangenen Jahrhunderte aufzunehmen. Eine besondere Wirkung versprach man sich von den alten Handelsstädten Nürnberg und Augsburg. Denn weder Anna noch Friedrich Wilhelm waren mit den Zukunftsplänen der Zwillinge einverstanden, die schon vor zwei Jahren heimlich an den Seezeugmeister Commodore Brommy geschrieben und ihn um Rat gebeten hatten, wie sie Seeoffiziere werden könnten. Auch Johannes hatte von solcher Laufbahn entschieden abgeraten, weil er nicht an den Bestand dieser deutschen Flotte glaube. Freiwillige Beiträge könnten keine dauernde Grundlage bilden, und solange kein einiges Deutschland hinter der Flotte stände, würde sich von den andern Nationen die versagte Anerkennung der neuen Kriegsflagge nicht erzwingen lassen. Mochte diese auch den Dänen einigen Respekt eingeflößt haben – Lord Palmerston hatte nach jenem Seetreffen sich nicht entblödet zu erklären: England würde unter Umständen farbenblind sein und keinen Unterschied zwischen diesem Schwarzrotgold und dem Rot der Piratenflagge sehen, bei etwaigen Begegnungen also ein Kriegsschiff des Deutschen Bundes genau so behandeln wie ein Korsarenschiff... Rasch genug hatten die Ereignisse Johannes Recht gegeben: Der Bundesrat hatte die junge Flotte aufgelöst, Admiral Brommy saß in Bremerhaven und schrieb seine Memoiren, und der 1848 aus Birkenfeld verjagte oldenburgische Regierungspräsident Hannibal Fischer, als Bundeskommissär mit der Versteigerung der Schiffe betraut, hatte aus den siebenundzwanzig Kanonenbooten vier Prozent, aus der Segelfregatte Deutschland siebzehn Prozent und aus den sechs Dampfkorvetten gar vierzig Prozent des Taxwertes erzielt, das erbeutete Siegeszeichen: die Ankerkette eines dänischen Linienschiffes aber als altes Eisen dreingegeben. Nun hatte zwar Preußen die Fregatten »Gefion« und »Barbarossa« ersteigert, aber bis daraus eine richtige Kriegsflotte wurde, konnte viel Wasser den Rhein hinabfließen. England würde schon aufpassen. Die Jungen hatten zwar anfangs gemeint, sie könnten doch auch in der österreichischen Kriegsmarine ihr Glück versuchen, aber daran war doch erst recht nicht zu denken, und das hatten sie schließlich auch eingesehen. Die Mutter würde sich gefreut haben, wenn ihrer Söhne Wunsch nach Abenteuern statt mit dem Seemännischen und Militärischen etwa mit Naturwissenschaft und Geographie sich verbunden hätte, so daß jene den großen Alexander von Humboldt zum Helden und Führer sich erwählt oder auf Livingstones Spuren Afrika zu erforschen sich berufen gefühlt hätten. Doch das war nun leider nicht an dem. Sie hörten ihr zwar gerne zu, so oft sie aus Humboldts Kosmos ihnen vorlas, dessen erste beiden Bände ihr Mann ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, aus diesem nach ihrer Ansicht schönsten aller deutschen Bücher, darin sie die Natur als das Leben Gottes empfand. Aber es war und blieb doch lediglich das Meer und der Marineoffizier, wofür sie schwärmten. Und erst kürzlich, als der Vater, erfreut, daß nun auch Deutsche um die Aufhellung des dunklen Erdteils sich bemühten, aus der Kölnischen Zeitung einiges über Eduard Vogels und Heinrich Barths gegenwärtige Reise vorgelesen und man im Stielerschen Handatlas deren Weg vergeblich gesucht hatte, da hatte Fritz weise bemerkt, daß jene, wie tief sie auch ins Innere eindringen möchten, doch gewiß nichts anderes finden würden als Neger, und daß seinetwegen das viele Weiß auf der Karte noch lange so leer bleiben dürfte. Unterdessen – während Frau Anna mit der Jugend durch Franken zog – würde der Kommerzienrat seine Mutter neckaraufwärts nach Weinsberg und von da über Stuttgart nach Bad Boll geleiten. In Weinsberg wollte man den alten Dichter, Arzt und Geisterbanner Justinus Kerner, und in Boll den wundertätigen Pfarrer Blumhardt besuchen, ja in der gesegneten Nähe dieses Mannes wenn möglich ein paar Wochen sich aufhalten. Denn wenn die Gedankengänge ihres jungen Bruders und das seltsame Gesicht, das ihr Vater unmittelbar vor seinem Tode gehabt, auch lange nur auf Frau Maria Magdalenas Unterbewußtsein gewirkt hatten – mit der Zeit und besonders seitdem Hauser, der Hund, ihr begegnet, waren ihr die Fragen der unsichtbaren Welt doch immer dringender geworden. So hatte sie längst angefangen, auch außerhalb der Offenbarung Johannis jenen Geheimnissen nachzuforschen, wozu freilich Schlüpjes und Pastor Kranevoß in seltener Einmütigkeit den Kopf schüttelten. – Als ihr Kerners Buch über die »Seherin von Prevorst« in die Hände gefallen war, hatte sie es gelesen und wieder gelesen und daraufhin jahrelang sich seine Zeitschrift »Magikon, Archiv für Beobachtungen aus dem Gebiet der Geisterkunde und des magnetischen Lebens« gehalten. Sie war überzeugt, daß auch Kerner auf seine Weise ein gottesfürchtiger Mann sei, als sie aber von Johann Christoph Blumhardt, dem jungen Pfarrer zu Möttlingen, vernahm, meinte sie, ihr Herz gehöre doch diesem, Kerner müsse mit ihrem Kopf vorlieb nehmen. Denn es war ihr nicht zweifelhaft, daß Gott dem, der nur auf ihn, nicht zugleich auch auf menschliches Wissen sich stütze, die größere Machtvollkommenheit verleihen werde. Wohl ging ja auch, was in Weinsberg geschah, oft über menschliches Verstehen hinaus, aber daß mancher von jahrelanger Krankheit genas, wenn er nur nach Möttlingen reiste und am Sonntag als einer unter vielen Zuhörern unter Blumhardts Kanzel saß, das war doch eine Offenbarung Gottes, wie sie die Menschheit seit Christi Tagen nicht erlebt hatte. Selbst die merkwürdigen Heilungen, die Blumhardt durch Handauflegen, Gebet und Fasten bewirkte, traten dagegen zurück. Es war ihr schmerzlich, daß sogar innerhalb der entschieden christlichen Kreise viele diesen Tatsachen zweifelnd und ablehnend gegenüberstanden. Christus hatte doch solche göttlichen Gaben den Seinen mit ganz klaren Worten versprochen, daß sie gleichwohl so selten waren, schien zu beweisen, daß auch die frommen und frommsten Menschen in Wahrheit ihm und seiner Lebenskraft noch allzu fern standen. Gerade hierüber hätte sie gerne Blumhardts Ansicht gehört, im voraus davon überzeugt, daß er keine Gottesnähe für sich in Anspruch nehmen würde, er hätte sie denn tief erlebt. – Von Kerner wußte Maria Magdalena, daß er schon als Student um Erkenntnisse und Erfahrungen auf seinem geheimnisvollen Gebiet sich bemüht hatte, der Pfarrer von Möttlingen aber hatte in aller Einfalt und Treue seines geistlichen Amtes gewaltet wie andre auch. Er hatte die Geister nicht gerufen, die im Haus der armen Gottliebe Dittus jede Nacht mit Gepolter und Geschlürf ihr Wesen hatten, die der Kranken mit feurigen Händen an den Hals griffen, so daß in Gegenwart des Arztes plötzlich die fürchterlichsten Brandwunden entstanden. Nein, zögernd, mit Furcht und Zittern vor dem unerhörten Beginnen, das er als seine seelsorgerliche Pflicht erkannte, aber auch mit einem kindlich festen Vertrauen auf seines Gottes Hilfe war er in den Kampf gegen die finstern Mächte eingetreten und Gott war es und nur Gott konnte es sein, der ihm endlich Sieg auf Sieg schenkte. Auch daß Blumhardt so gar nichts aus sich und seiner Gabe machte, bestätigte ihn in Frau Maria Magdalenas Augen als Gottes Bevollmächtigten. Und wenn sie ja auch hoffte, durch die persönliche Berührung mit ihm über manches, was ihr Herz bewegte, Aufschluß zu erhalten – was sie am meisten zu ihm hinzog, war doch der Wunsch, diese Erde nicht zu verlassen, ohne schon auf ihr einmal die besondere Nähe Gottes verspürt zu haben und dann um so getroster das finstere Tal durchwandeln zu können. – Nun hatte sie voriges Jahr gehört, daß der württembergische König, ärgerlich über das lasterhafte Leben der Gäste und die schlechte Rentabilität, sein Königliches Bad Boll kurzerhand geschlossen und das einsame Gebäude dem Pfarrer von Möttlingen angeboten hatte, damit er dort die vielen Kranken und Trostbedürftigen aufnähme, die ihm von nah und fern zuströmten. Da war es wie eine Erleuchtung vom Himmel her über sie gekommen und sie hatte Gott gebeten, Leben und Gesundheit ihr noch so lange zu erhalten, bis sie in Boll den frommen Pfarrer und danach in München das reiche häusliche Glück ihres Lieblings Johannes gesehen hätte. – Auf solcher Reise dann auch im gastlichen Kernerhaus zu Weinsberg Rast zu halten, konnte kein Unrecht sein, denn schließlich waren doch auch dort Kräfte des Guten und nicht des Bösen lebendig, wie geschrieben steht: »Es sind mancherlei Gaben, aber es ist Ein Geist.« Freilich weht er nicht überall in gleicher Reinheit und Kraft: Mit ganz so harten Worten wie vor einem Vierteljahrhundert würde sie jetzt Clemens Brentanos »Gottselige Betrachtung der stigmatisierten Jungfrau Catharina Emmerich zu Dülmen« vielleicht nicht abgelehnt haben, aber abgelehnt hätte sie sie doch auch jetzt noch. Auf dem kleinen Neckardampfer zwischen Heidelberg und Heilbronn machte der Kommerzienrat, während seine Mutter in der Kajüte einem Mittagsschläfchen sich hingab, die Bekanntschaft eines sehr blonden Herrn, der im Laufe der Unterhaltung erwähnte, daß er aus Berlin und daß er Hochschullehrer sei, übrigens aber vermied, aus seiner Anonymität herauszutreten. Das Gespräch kam auf die gegensätzlichen Bedürfnisse der menschlichen Seele, und der Professor meinte, daß solche Widersprüche und Ungereimtheiten vielleicht nirgends reiner in die Erscheinung träten als in Berlin, dieser Stadt einerseits des kühlen und gern überheblichen Intellekts, andererseits des kritiklosesten Aberglaubens. Ein typisches Beispiel für solche Doppelnatur des gebildeten Berliners sei der alte Nicolai gewesen, der Aufgeklärte und Aufklärer, der dann vor seinem Tode durch die abgeschmacktesten »Visionen« geängstigt worden sei. Ein ebenso typisches Beispiel anderer Art sei der Fall der »Gräfin mit dem Totenkopf« aus der Dorotheenstraße, die er vor sieben oder acht Jahren bei seinem allzu früh verstorbenen Freunde, dem Chirurgen Dieffenbach, persönlich kennen gelernt, eine feine, liebens- und bedauernswerte Dame, die durchaus nichts Unheimliches an sich gehabe habe. Aber weil sie nur dicht verbundenen Hauptes sich gezeigt, habe die Phantasie des Berliners ihr alsbald einen Schädel ohne Fleisch und Haut, einen richtigen Totenkopf, angedichtet, und, so Unmögliches durch noch Unmöglicheres glaubhaft zu machen, hierfür folgende Erklärung gehabt: Ihr Vater habe einen Freund ihrer Mutter aus grundloser Eifersucht ermordet, der zu Tode Getroffene aber schleunigst das Kind noch verflucht, das die junge Frau unterm Herzen getragen: es solle statt mit einem Kopf mit einem Totenschädel zur Welt kommen. – Unglaublich, aber wahr sei, daß sonst ganz gescheite und gebildete Leute ernstlich an dieses alberne Märchen geglaubt, ja daß sogar Gelehrte über die Entstehens- und Lebensfähigkeit eines so beschaffenen Menschen tiefsinnig disputiert hätten. – Die Wahrheit sei, daß Dieffenbachs Kunst das durch eine Hasenscharte entstellte, dazu noch durch eine fressende Flechte verwüstete Antlitz der Gräfin in schwierigen Operationen und jahrelanger Behandlung ausgebessert, also daß die Dame, wenn auch nicht, wie der Berliner behauptet, als »holdes Engelsbild«, so doch leidlich unauffälligen Angesichts entschleiert in ihre polnische Heimat hätte zurückkehren können. Da nun fragte der Kommerzienrat nach dem »Wundermädchen aus der Schifferstraße«, das, wie er unlängst in der Zeitung gelesen, als gemeine Schwindlerin zu Gefängnis verurteilt worden sei, nachdem es doch vor Jahren durch sein Gebet tatsächlich Lahme gehen und Blinde sehen gemacht und viele Krankheiten aller Art geheilt habe: ob der Herr Professor über diese Sache vielleicht des näheren unterrichtet sei... Ja, freilich, erwiderte der Andere, das sei nun auch solch ein für den Berliner typischer Fall, und er habe ihn nicht nur von Anfang an mit besonderem Interesse verfolgt und sogar die persönliche Bekanntschaft des unternehmenden kleinen Fräuleins und seiner braven Eltern gemacht, sondern auch den Gerichtsverhandlungen beigewohnt. Ausgerechnet im Jahre des Heils 1848, da doch das Volk von Berlin mehr als je geneigt gewesen, das Christentum als Aberglauben endgültig abzutun, hätte dasselbe Volk von Berlin durch die damals erst zwölfjährige Scheinheilige sich gänzlich betören lassen. Zu Wagen, zu Roß und zu Fuß wären monatelang die Heilsuchenden zahllos in die kleine Schifferstraße gewallfahrtet. Nur wenige freilich hätten des Glückes sich erfreut, die junge Wundertäterin von Angesicht zu sehen, weitaus die meisten sich begnügen müssen, ihr Anliegen schriftlich dem an der Haustür postierten Polizisten anzuvertrauen, der dann die Stöße solcher Briefschaften auf dem engen Hausflur fein säuberlich aufgeschichtet. Fast alle aber hätten alsbald, wenn nicht völlige Heilung, so doch die wohltätigste Linderung ihrer Leiden verspürt. Nur ganz wenige, darunter leider den blinden Kronprinzen von Hannover, der die kleine Luise Braun zu sich entboten, hätte sie durch ihre Spezialengel Jonathurn und Gerod dem lieben Gott vergeblich zur Heilung vorgeschlagen. – Der großen Wirkung ungeachtet, hätte aber in jener aufgeregten Zeit die Gebetsunternehmung schon nach einem guten halben Jahr beträchtlich an Zugkraft verloren, auch Witz und Kritik hineinzureden begonnen, zumal nachdem der vielversprochene Theologieprofessor und Herausgeber der Evangelischen Kirchenzeitung Dr. Hengstenberg in der unmittelbaren Nachbarschaft der Beterin sich häuslich niedergelassen, auch einer der vielen Geheilten ganz treuherzig bezeugt hätte, daß der verschluckte harte Taler, der ihm so böse Beschwerden verursacht, lediglich infolge des Gebetes der Luise Braun auf dem natürlichsten Wege ihn verlassen hätte, und zwar – Wunder über Wunder! – in Form von dreißig Silbergroschen ... Und endlich wäre die Gesundbeterin ganz in Vergessenheit geraten. – Bis dann voriges Jahr die immer dringenderen Bittschriften des Feldwebels Neuenfeldt, der König möge ihn doch nun endlich seinem Versprechen gemäß an den Hof berufen und zum Kammerherrn ernennen, den Staatsanwalt veranlaßt hätten, die Luise Braun vor Gericht und somit wieder in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stellen. Denn leider hätte es sich ergeben, daß die durchtriebene Sechzehnjährige jenen dreimal so alten Schwachkopf mit frommen Gaukeleien und verliebtem Getue völlig verwirrt und, indem sie ihm in Jesu Namen zeitliche und ewige Belohnungen verheißen, seine Ersparnisse und kleine Erbschaft an sich zu bringen gewußt hatte. Ihr Verteidiger hätte zwar eingewendet, Dummheit sei ein Geschenk der Vorsehung, und die damit Bedachten hätten, wenn es ihnen schlecht ergehe, den himmlischen und nicht den irdischen Richter in Anspruch zu nehmen, aber die Briefe der Angeklagten, die Neuenfeldt beigebracht, mit ihren »von durchstoßener Jesushand« geschriebenen Randglossen, mit ihren »Jesus, dein Seligmacher« unterzeichneten Nachschriften, die hätten sich alles in allem als so schamlos betrügerische und so erfolgreiche Erpressungen erwiesen, daß übergroße Milde wohl wirklich nicht am Platze gewesen wäre. Immerhin sei das hübsche, zierlich gewandete und leichtfertige Persönchen, das seinen braven Eltern gegenüber morgens seelsorgerische Krankenbesuche vorzuschützen pflegte, wenn es die Nacht durchtanzt hatte, selber von der Geringfügigkeit der Strafe – fünf Monate Gefängnis – sichtlich überrascht worden. Inzwischen hatte Frau Maria Magdalena ihr Schläfchen beendet. Erfrischt und munter gesellte sie sich zu den Herren, und ihr Sohn befürchtete schon, der Berliner möchte, wenn er etwa des weiteren über die Leichtgläubigkeit der Menschen sich verbreitete, etwa auch die wunderbaren Krankenheilungen des Kardinals Hohenlohe, des Schäfers Michel, oder gar die des der Mutter so teuren Pfarrers Blumhardt in den Kreis seiner kritischen Betrachtungen einbeziehen. Erfreulicherweise beschränkte jener sich jedoch, nachdem er das Reiseziel der beiden erfahren, auf Kerner, den er als Dichter gelten lasse, dessen einziges Verdienst als Forscher aber darin bestehe, daß ohne ihn Karl Immermann in seinem »Münchhausen« das köstliche Buch von den Poltergeistern in und um Weinsberg nicht hätte schreiben können. Den prinzlichen Kardinal streifte er nur, indem er zuverlässig zu wissen versicherte, daß Kerner, unbeschadet seines protestantischen Bekenntnisses, für jenen manche Predigt verfaßt habe. Von Kerner kam man auf die andern lebenden Dichter und der Professor vertrat die Ansicht, daß sie im Grunde doch alle Epigonen, und daß die großen Zeiten der deutschen Dichtung auf immer dahin und mit Goethe begraben seien. Wie ja auch der Musenhof zu Weimar, von Kalliope und Melpomene verlassen, nur durch Euterpe noch vor völliger Verödung bewahrt werde. Kürzlich sei er in Berlin in der bekannten Stehelyschen Konditorei mit Franz Liszt, dem ehemaligen »Wunderkind aus Ungarn« bekannt geworden, den der Großherzog Karl Friedrich ja vor etlichen Jahren als Hofkapellmeister nach Weimar berufen. Herr Liszt, in dessen Begleitung sich seine fünfzehnjährige, auf den seltsamen Namen Cosima getaufte Tochter und deren Verlobter, ein noch sehr junger Herr von Bülow, gleichfalls Musikant, befunden, habe unter anderm viel von einer neuen Art Oper oder vielmehr »Musikdrama« gesprochen, die ein revolutionärer Umtriebe halber nach Zürich geflohener Sachse namens Wagner sich ausgedacht habe, und der er, Herr Liszt, von Weimar aus die deutschen Bühnen erschließen wolle. Obwohl er, der Professor, nichts weniger als musikalisch sei, hätten ihn diese Ausführungen doch sehr interessiert. Es scheine in der Tat da etwas ganz Neues sich vorzubereiten, nur besorge er, daß des alten Herrn von Goethe Exzellenz im Elysium beträchtlich sich erzürnen werde, wenn sie dahinterkomme, daß ausgerechnet das Weimarer Theater sich berufen fühle, diesem Neuen den Weg zu bereiten, das anscheinend ganz nach den Rezepten teils des Direktors, teils der lustigen Person in Goethes Faust gearbeitet sei oder werden solle. Andern Tags habe er die Drei, den Hofkapellmeister nebst Tochter und Schwiegersohn, in Gropiussens Diorama wiedergetroffen, was ihn um so mehr interessiert, als er inzwischen bei einem neuen Besuch jener Konditorei erfahren, daß Herr Liszt mit der Mutter der Cosima, einer französischen Gräfin, gar nicht richtig verheiratet gewesen sei und eben jetzt, da er die Tochter verlobe, selber sich mit einer russischen Gräfin Wittgenstein in Weimar zu verbinden trachte, die aber vorläufig noch anderweitig verheiratet sei. Dabei sehe der Mann aus wie ein römischer Cölibatär, was er auch früher einmal hätte werden wollen. Ob die Herrschaften übrigens das Gropiussche Diorama kennten? – Eine Frage, die Mutter und Sohn leider verneinen mußten, doch versicherte der Kommerzienrat, unlängst in Köln ein ganz ausgezeichnetes Diorama gesehen zu haben. Nun, mit dem Gropiusschen könne keines in der Provinz sich vergleichen, meinte der Professor. Wie die Stimmung der Landschaft sich ändere, die zuerst im hellen Sonnenschein daliege, bis dann die Dämmerung hereinbreche und endlich der Mond aufgehe, das sei ganz fabelhaft, und er selber habe einmal erlebt, daß eine Dame, als auf dem Bilde ein Gewitter heranzog und die ersten Tropfen in den gemalten Teich fielen, den Regenschirm aufspannte. Von hier aus fand er sich dann wieder auf die Leichtgläubigkeit der Berliner zurück, und nachdem er noch über das Tischrücken sich ausgelassen, bemerkte er abschließend, daß selbst diese Modetorheit ihren Gläubigen nicht so viel zumute, wie die Wilhelmine Krautz ihrem verliebten Schneiderlein mit denkbar bestem Erfolg zu glauben zugemutet habe, welcher jüngste Fall ja noch in jedermanns Gedächtnis sei. Allein weder der Kommerzienrat noch seine Mutter konnten der näheren Umstände sich erinnern, wenn sie auch glaubten, davon gelesen zu haben, und so erzählte der Professor: Im Januar dieses Jahres gelingt es dem Damenkleidermacher Naumann, »in ganz persönlicher Angelegenheit« vom Ministerpräsidenten Herrn von Manteuffel in Audienz empfangen zu werden. Mit einer krampfhaften Entschlossenheit tritt das kleine, dürre, blasse Männlein vor den hohen Herrn: »Ik unterstehe mir, Euer Exzellenz nur zwei Fragen zu tun, um deren gnädigste Beantwortung ik gehorsamst gebeten haben möchte.« Ein huldvolles Kopfnicken und der Kleine fragt: »Waren Eure Exzellenz in Neustadt-Eberswalde, um mich die Herrschaft verschreiben zu lassen, welche Seine Majestät der König mich schenken wollen?« – »Nein!« – »Wissen Eure Exzellenz, daß Seine Majestät es gerne sehen würden, wenn ik den Namen Graf von Hohenzollern annähme?« – »Nein!« – »Dann bin ik der unglücklichste Mensch von der Welt. Die Wilhelmine hat mir betrogen.« Damit will das Schneiderlein unter ersterbenden Bücklingen den Rückzug antreten. Jetzt aber läßt der Ministerpräsident diese seltsamen Fragen des näheren sich erklären, wobei er nicht immer den ihm sonst eigenen Ernst bewahrt haben soll. Und die Folge ist, daß die Deputierten des Städtischen Kriminalgerichts mobil gemacht werden – nicht nur gegen die Wilhelmine Krautz, weil sie ihn betrogen hat, sondern auch gegen den Friedrich Wilhelm Baumann, weil er sich hat betrügen lassen. Aber das Narrenhaus bleibt ihm erspart: er wird trotz seiner grotesken Leichtgläubigkeit für vollkommen zurechnungs- und dispositionsfähig erklärt. – Mit der Betrügerin aber hat es solche Bewandtnis: Im Sommer vorigen Jahres trat die sechzehnjährige Nähterin Wilhelmine Krautz in das Geschäft des vierzigjährigen Damenkleidermachers ein. Zwischen den beiden kleinen blassen Menschenkindern knüpften sich rasch zarte Bande, gleichwohl ward der Meister nicht eifersüchtig, als Wilhelmine ihm im Dezember gestand, daß sie ihre Abende bei einem russischen Grafen namens Briloff zubringe. Denn weit entfernt, mit diesem zu kosen, helfe sie ihm nur – Geld zählen. Graf Briloff sei nämlich der reichste Mann der Welt: Fünftalerscheine benutze er als Fidibusse, um sich die Pfeife anzuzünden, und bis spät in die Nacht müsse sie sich plagen, um alle die großen Säcke mit Geld anzufüllen und zuzubinden – es sei einfach unmöglich, daß der Graf ohne sie damit zustande käme. Natürlich denke sie bei solcher Arbeit immerfort an ihren geliebten Meister und wie sie ihm helfen könne, denn der Graf sei von einer fabelhaftigen Freigebigkeit, die nur einiger Leitung benötige. – Es dauert dann auch nicht lange, bis die dürftigen Verhältnisse des Damenkleidermachers, wie Wilhelmine sie ihm beweglich genug schildert, dem edlen Russen nahe gehen, und großzügig, wie er ist, läßt er Baumann anbieten, an seinem Überfluß zu partizipieren: Er, Baumann, brauche nur der Wilhelmine täglich zehn Silbergroschen zu geben. Diese ihre gemeinsame Freundin solle dann abends in jeden fertigwerdenden Geldsack einen solcher Baumannschen Silbergroschen mit einpacken, durch welches einfache Verfahren dem teuren Meister die volle Teilhaberschaft an dem gesamten Inhalt dieser Säcke gesichert sein solle. Mit Freuden gibt das Schneiderlein täglich die zehn Groschen. Aber Graf Briloff fühlt sich gedrängt, noch mehr zu tun. Er besitzt in Berlin vierunddreißig Häuser, und Wilhelmine überredet ihn mit leichter Mühe, sechs davon dem armen Baumann zu schenken. Beim gräflichen Häuseradministrator in der Lindenstraße hört sie dann freilich, daß wegen der Umschreibung für jedes einzelne Haus eine besondere Eingabe ans Kammergericht erforderlich sei und daß der hierfür unerläßliche Stempelbogen jedesmal bare fünfzehn Silbergroschen koste. Diese Ausgabe dem Grafen auch noch zuzumuten, erscheint ihr unbillig. Das meint Baumann auch, und mit Vergnügen trägt er diese Kosten. Er bedauert nur, daß er die Häuser, es werden nach und nach sechzehn, vorläufig noch nicht sehen darf. Aber das ist leider unmöglich. Um Weihnachten bereitet seine Kleine ihm eine neue Überraschung: Sie ist mit Briloff auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. Der hat dort eine packende Rede über allgemeine Menschenliebe gehalten. Der Prinz von Preußen, im Begriff vorbeizufahren, hat anhalten lassen und zugehört, ist entzückt gewesen und hat darauf bestanden, daß der Graf und Wilhelmine zu ihm in den Wagen steigen. In seinem Palais Unter den Linden hat er ihr einen kostbaren Brillantring geschenkt, allerdings unter der ein wenig grausamen Bedingung, daß sie ihn nie versetzen, ja vorläufig leider auch, außer natürlich Briloff, niemand zeigen dürfe. Aber wer kann wissen, wozu eine solche hohe Beziehung gut ist, und jedenfalls wird Wilhelmine dann nicht versäumen, auch an Baumann zu denken. – Inzwischen wird der Graf immer gütiger. Er hat so viele Besitzungen und versteht so gar nichts von der Landwirtschaft, da ist es ihm eine wahre Erleichterung, daß das findige Mädchen ihm vorschlägt, zunächst doch wenigstens seine große Herrschaft bei Neustadt-Eberswalde an Baumann abzutreten. Der ist freudig einverstanden und unterschreibt mit den besten Vorsätzen eine Verpflichtung, »sich stets Seiner Majestät zu unterwerfen und seinen Untertanen treu und gerecht zu sein.« Aber trotzdem gibt es Schwierigkeiten: Zwei Staatsräte und das ganze Stadtgericht müssen in Bewegung gesetzt werden, um beträchtliche Hindernisse fideikommissarischer Natur zu überwinden, täglich fliegen zwischen Berlin und Neustadt telegraphische Depeschen hin und her, und schließlich muß der Ministerpräsident in eigener Person nach Neustadt reisen. Alles das bringt natürlich viele Kosten mit sich, aber Baumann hat gute Freunde, die ihm das Geld vorschießen ... Im Januar erreicht Wilhelminens und damit Baumanns Glück seinen Gipfel: Prinz Wilhelm hat seinem Bruder von ihr erzählt und so wird sie mit dem Grafen Briloff an die königliche Tafel geladen. Und es sind unerhörte Dinge, die die Majestät ihr vertraulich erzählt. Sie darf darüber selbstverständlich nichts verlauten lassen, nur das Eine darf sie sagen, daß der König die siebenhundertundzehn Häuser, die er in Berlin erb- und eigentümlich besitzt, abzutreten wünscht und sich ihrer Ansicht anschließt, solchen Besitz nicht leicht in würdigere Hände geben zu können, als in die des Damenkleidermachers Baumann. Allerdings müsse dieser einverstanden sein, in Zukunft entweder »von Rothenburg« oder »von Lindenau« oder »von Hohenzollern« sich zu nennen. »Baumann jeht nich« hat Seine Majestät gesagt, und da gegenwärtig gerade elf Personen den Namen Hohenzollern trügen, würde es am besten sein, wenn jener sich zum Grafen von Hohenzollern ernennen ließe, dann würde das Dutzend voll. ... Leider werden nun die Kosten immer höher, und obwohl der König nach Kräften beisteuert – Wilhelmine trifft ihn eines Tages auf dem Stadtgericht, als er gerade hundertfünfzig Taler für Stempelbogen einzahlt – zuletzt ist Baumann doch völlig erschöpft und seine Geldgeber wollen nichts mehr herausrücken ... Aber das hübscheste an der ganzen Geschichte sei doch die Antwort, die der Damenkleidermacher den Deputierten des Kriminalgerichts gegeben auf ihre Frage: wie er sich denn nur hätte einbilden können, daß und aus welchen Gründen Wohl der König seiner geringen Person solche Ehrungen und Schenkungen zugedacht haben könnte? – Nun, man solle nur einmal gründlich nachsehen, habe Baumann erwidert, man solle ja alle Listen nachschlagen: er habe in dem bösen Jahr 1848 keinem Verein angehört, nicht Einem, nicht einmal der Bürgerwehr, sondern die ganze hochgefährliche Zeit hindurch die strikteste und loyalste Neutralität beobachtet. Da habe er jetzt doch wohl annehmen dürfen, daß solche Untertanentreue einer besonderen königlichen Geneigtheit und Belohnung vielleicht nicht unwert sei. ... »Ja, ja, die Berliner Schneider sind helle!« meinte der Professor, das habe schon beim »Schneideraufstand«, lange vor der Revolution, ein Kollege des Herrn Baumann bewiesen. Da seien die Schneider, ärgerlich darüber, daß immer mehr weibliche Arbeitskräfte in ihren friedlichen Beruf sich eindrängten, und solchen gegenüber keineswegs wie Herr Baumann zu holden Gefühlen erbötig, unter fürchterlichen Drohungen Abhilfe heischend vors Königliche Schloß gezogen. Wo dann einer von ihnen so zornig geworden sei, daß er immerfort geschrien habe: »Wir brauchen keinen König! Wir brauchen keinen König!« Als man den Schreier aber endlich verhaftet, habe er ganz treuherzig versichert: »Na ja, wir brauchen doch ooch keenen, wir haben ja 'n juten!« Die Sonne eines blauen Sommertages neigte sich langsam, als von Heilbronn die Extrapost in das Weinsberger Tal einbog und bald vor dem Kernerhaus am Fuße des das alte Nest schirmenden Schloßberges hielt. Mit Herzklopfen überschritt Frau Maria Magdalena die Schwelle, aber wie alte Freunde wurden sie begrüßt und aufgenommen. Der Dichter, der fast blind und nur wenige Jahre jünger als sie selber war, hatte so gar nichts von einem Geisterbeschwörer an sich und sein Rickele erwies sich als eine verständige und liebenswürdige Hausfrau, die jedem einzelnen der vielen Gäste, wie sie jahraus jahrein unter diesem Dach einkehrten, mit bescheidener Zurückhaltung und doch so zu begegnen wußte, als sei er der einzige. Denn sie besaß die schöne Gabe, sich der Forderung des gegenwärtigen Augenblicks ganz hinzugeben, ohne mit ihren Gedanken noch beim vorigen oder schon beim nächsten zu sein. – Und wie köstlich das Schwäbisch des alten Ehepaars klang! Immer wieder mußte Frau Maria Magdalena sich wundern, daß, wie sie aus manchen der in Kerners Zeitschrift »Magikon« mitgeteilten Fälle wußte, hierzulande auch die Dämonen sich dieser behaglich-derben Mundart bedienten, wie ja auch in Möttlingen die Quälgeister der armen Gottliebe Dittus – wenn sie nicht gerade »in Zungen redeten«, die kein Mensch verstand, – dem sie bedrohenden Pfarrer Blumhardt ihre Grobheiten auf gut Schwäbisch an den Kopf geworfen hatten. Aber hatten nicht auch die durchaus liebevollen Bemerkungen, die das Ehepaar Kerner austauschte, zuweilen einen ganz drohenden Klang? Es mußte wohl an der Sprache liegen ... In der Tat: Ein merkwürdiges Land, dieses Württemberg, und höchst merkwürdige Leute, diese Württemberger! ... Eigentlich war's doch unglaublich, daß Kerner als Protestant für den Kardinal Prinzen Hohenlohe Predigten gemacht hatte. Freilich heilte der auch Kranke – aber trotzdem: wenn Kerner nicht Schwabe wäre, würde sie denken, das gehe denn doch zu weit ... Dabei fiel ihr »Der Proselyt« wieder ein, jener Roman in Briefen, den sie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren gelesen hatte. Darin hatten ein Katholik und ein Protestant einander zum Konfessionswechsel überredet, und was das seltsamste war: ein junger evangelischer Theologe hatte das Buch geschrieben – wie hieß er doch nur? Gewiß war das auch ein Schwabe. Und sie nahm sich vor, diese Sache gelegentlich aufs Tapet zu bringen ... Beim Abendbrot kam die Rede auf Kerners neuestes Gedichtbuch »Der letzte Strauß«, das Frau Maria Magdalena sich in Frankfurt gekauft hatte. Freundlich meinte sie, sie hoffe, daß es noch nicht der allerletzte sei, und der Kommerzienrat versagte sich die scherzhafte Frage nicht, ob Kerner wohl auch mit den Geistern seinen letzten Strauß schon ausgefochten habe. Aber der Dichter ging hierauf nicht ein. Er erwähnte nur, daß er soeben eine Schrift über das Tischrücken beende, und erzählte bei diesem Anlaß von einem kleinen Mädchen, dem er nach allerhand merkwürdigen Versuchen aufgetragen, den Tisch nun auch einmal zu fragen, wer es denn sei, der in ihm klopfe. Da habe die Kleine als Antwort des Tisches gesagt: »Dactius, Patriarch in Bonn im elften Jahrhundert.« Und auf die weitere Frage: »Hast du dort noch einen Verwandten?« habe die Antwort gelautet: »Ja, Arras, Justizbrigadier.« Dann ihrer Bemerkung über seinen »Letzten Strauß« sich erinnernd, fragte Kerner Frau Maria Magdalena, ob sie viel Gedichte lese und unter den lebenden Dichtern sich auskenne, was beides sie lächelnd verneinte. Ob sie schon von Eduard Mörike gehört habe, examinierte er weiter. Ja, der Name sei ihr wohl schon begegnet, aber an ein Mehreres könne sie augenblicklich sich nicht erinnern. Dann solle sie doch ja, riet er lebhaft, bei guter Gelegenheit Mörikes Gedichte sich kaufen oder schenken lassen, die vor sechs Jahren bei Cotta in zweiter Auflage erschienen seien. Sie werde es gewiß nicht bereuen. Dieser Mörike sei nämlich in der Tat ein ganz erstaunliches Ingenium, »natürlich auch ein Schwab«. Er kenne ihn persönlich, einmal weil alle Schwaben sich persönlich kennten, und dann weil jener bis vor zehn Jahren Pfarrer im nahen Cleversulzbach gewesen, wo für seine Verhältnisse recht lange er's ausgehalten habe. Denn im Grunde sei er von Anfang an zum Pfarrer verdorben gewesen und lediglich zum Dichter geboren worden. Gegenwärtig sei er Professor an einer Töchterschule zu Stuttgart, aber das werde auch eine letzte Station noch nicht sein. Und heuer habe ihm die philosophische Fakultät der Tübinger Universität den Ehrendoktor verliehen. Übrigens ein schwaches Männle, dieser Mörike, immer kränkelnd, reizbar, von Kopfschmerzen übel geplagt, allerdings leider auch arg sich verzärtelnd. Aber dichten, ja, das könne er nun wie kein zweiter. Nicht nur, daß er ganz prachtvolle Verse mache, als ein rechter Poet von Gottes Gnaden habe er auch ein wunderfeines Ohr für die Natur: er höre das Gras wachsen, verstehe was die Vögel singen und die Quellen rauschen, und die Menschenseele habe kein Geheimnis vor ihm. Und endlich: die übersinnliche Welt, deren Ergründung ihn auch wissenschaftlich beschäftige, offenbare ihm als Dichter gar manches, worum andere mit heißem Bemühen vergeblich sich plagten. Schade nur, daß Mörike von einer magnetischen Behandlung seiner ewig kränkelnden Leiblichkeit nichts wissen wolle. Aber solches habe ihm sein Amtsbruder und Studienfreund Blumhardt ausgeredet, der ihn dann vor vier oder fünf Jahren auch selber einmal auf seine Weise durch Handauflegen und Gebet behandelt habe, freilich leider ohne dauernde Wirkung. – Da sie gerade von Stiftlern, Expfarrern und Poeten sprächen, wolle er gleich noch einen Witz von dem Tübinger Philosophieprofessor Vischer zum besten geben, denn der sei auch einer und ein Schalk dazu, wenn er sich auch seit sechs Jahren leider in die Politik verrannt habe. Als besagter Vischer ihn das letztemal besucht, wären kurz zuvor böse Buben in die Kapelle auf dem Rothenberg eingebrochen und hätten sie ihres wertvollen Schmuckes beraubt. Und da hätte doch nun dieser Vischer von solcher Untat gesagt, das sei aber mal gescheit und tue ihn saumäßig freuen. Und als er, Kerner, ihn darob verwundert angeschaut, hätte er noch aufgetrumpft: Ja, gescheit sei's – er und seine politischen Freunde kämpften doch seit Jahren für die Trennung des »Staates« von der Kirche ... Hier nun fragte Frau Maria Magdalena nach dem »Proselyten«, ob Kerner sich dieses Buches noch erinnere. Der Name des Verfassers sei ihr gänzlich abhanden gekommen, aber wenn sie sich nicht irre, sei auch er Pfarrer und ein Schwabe. Kerner lachte. Das stimme leider nicht ganz, sagte er, Karl Hase sei ein Sachse. Allerdings habe er zu jener Zeit als junger Privatdozent der Theologie in Tübingen gelebt, auch, nachdem sich die berüchtigte Zentraluntersuchungskommission zu Mainz für ihn interessiert, wegen früherer burschenschaftlicher Betätigung ein Jährlein auf dem Hohenasperg zugebracht. So möge er denn immerhin ein wenig angeschwäbelt gewesen sein. Gegenwärtig sei Hase, der übrigens immer als einen wackeren Bekämpfer des Rationalismus sich erwiesen, längst eine Zierde der theologischen Fakultät zu Jena. Übrigens habe er, Kerner, mit mehr Freude als jenen »Proselyten« ein anderes, sehr köstliches Jugendbuch von ihm gelesen: »Italien in Briefen an die zukünftige Geliebte.« Im weiteren Verlauf der Unterhaltung erwähnte der Kommerzienrat, daß nichts von dem, was seine Mutter ihm aus Kerners Buch über die Seherin von Prevorst mitgeteilt, ihm merkwürdiger gewesen sei, als daß die Frau Hauffe einst in ihrem magnetischen Schlaf ganz richtig angegeben, wo in einem Raum, den sie nie betreten, und unter Aktenstößen, die sie nie gesehen, ein für einen Prozeß wichtiges und überall vergeblich gesuchtes Blatt mit Zahlen, das sie gleichfalls nie gesehen haben könne, zu finden sei. Da möchte er dann wohl wünschen, daß solche Gabe, durch die ja schließlich nicht nur Betrug, sondern auch Irrtum und Fahrlässigkeit aufgedeckt und mancher Verlust verhütet werden könne, immer mehr Leuten verliehen werde. Und wenn es zutreffe, daß Frauen hierfür geeigneter seien als Männer, so möchte er beinahe bedauern, daß seine eigene Frau neben ihren vielen vortrefflichen nicht auch noch diese Gabe besitze, zumal im wachen Zustande ihr sonst so klarer Blick gerade Zahlen gegenüber so leicht versage. Kerner meinte, die arme Frau Hauffe sei allerdings in ihrem Schlaf durch den von Gewissensbissen umgetriebenen Geist jenes verstorbenen ungetreuen Buchhalters selber über den Verbleib des Blattes unterrichtet und unter viel Angst und Not zu ihrer Offenbarung gedrängt worden, damit seine Witwe keinen falschen Eid schwöre. – Aber er, Kerner, habe einen schwäbischen Amtsrichter gekannt, der ohne solche Beunruhigung, sobald es ihm nur gelungen sei, während der Verhandlung ein wenig einzunicken, im Schlaf die seltsamsten Aufklärungen gewonnen und insbesondere die verstocktesten Diebe dadurch zum Geständnis gebracht habe, daß er, erwachend, ihnen Art und Menge, Wert und Verbleib des Gestohlenen zuweilen auf den Kopf zugesagt. Er nehme aber an, daß die Seele dieses Richters, indem sie den Schlafenden verlassen, auf Wegen, die dem juristischen Verstande ungangbar seien, der Diebesseele nachgegangen wäre. Übrigens hätten weder die Behörde in Stuttgart noch die Parteien für das Schlafbedürfnis dieses Richters das rechte Verständnis gehabt, vielmehr solches mit seiner Vorliebe für einen ausgedehnten Abendtrunk in Zusammenhang gebracht. Das Gespräch lenkte sich dann auf die Träume, deren Kerner von Kindheit an gar seltsame gehabt haben wollte, und zwar nie mehr als in den Zeiten der ersten Liebe zu seinem Rickele. Er sei aber ganz davon abgekommen, in jedem Traum einen geheimnisvollen Sinn oder besondre Bedeutung zu suchen, halte vielmehr dafür, daß die Seele während des Schlafes oft nur an bunten Spielen sich ergötze, für die der Tag ihr keine Zeit gelassen. Als Frau Maria Magdalena, von der langen Fahrt ermüdet, frühzeitig zu Bett zu gehen wünschte, ließ die Kernerin sich's nicht nehmen, sie selber in ihr Schlafzimmer zu geleiten, um sich zu überzeugen, ob auch alles Erwünschte vorhanden sei, denn auf die Mädele sei ja leider kein Verlaß heutzutage. Von irgendwelchen Geischt beunruhigt zu werden, brauche ein Gascht des Kernerhauses übrigens nicht zu befürchten, versicherte sie treuherzig, als sie sich mit einem herzlichen »Geruhsame Nacht« verabschiedete. Und in der Tat wurde Frau Maria Magdalenas Nachtruhe durch keinerlei Spuk gestört. Wenn ihr auch ein seltsamer Traum ein wenig zu schaffen machte, den sie andern Tags in ihre »Memorabilien der Reise« eintrug: Sie sei in einem Grabgewölbe gewesen, darin zwei steinerne Särge gestanden. Aus den Inschriften sei hervorgegangen, daß hier zwei junge Brüder schliefen, die für ihr ringsum bedrohtes Vaterland freudig den Heldentod gestorben wären. Beim Entziffern der Jahreszahl hätte sie ihren Augen nicht getraut, denn auf das MD wären vier C gefolgt, also daß doch weder ein vergangenes, noch das gegenwärtige Jahrhundert gemeint sein könne, sondern nur das kommende. Hierdurch sei sie dermaßen verwirrt worden, daß ihr die letzten Stellen der Zahl wohl gar nicht mehr zum Bewußtsein gekommen wären, wenigstens könne sie sich ihrer nicht erinnern. – Plötzlich sei ein Streifen Sonnenschein und ein sehr starker Posaunenton in das Gewölbe geflutet. Da hätten sich die Särge geöffnet und die beiden Jünglinge wären auferstanden und leuchtenden Angesichts und einander bei den Händen haltend in ihren langen Gewändern ins Freie geschritten. Ihr aber sei gewesen, wie wenn sie auf Flügeln jenen nachgetragen würde, die durch ein sonniges und gänzlich menschenleeres Land dem Posaunentone nachzogen. Und alsbald wären sie an einen weiten Platz gelangt, darauf ein ganzes Volk um irgend etwas Unerkennbares einen wüsten Reigen tanzte. Alte hätten ihrer weißen Haare, Lahme ihrer Krücken, Mönche ihrer Kutten und junge Mädchen aller Zucht vergessen, mit Sprüngen und häßlichem Geschrei an der allgemeinen Verruchtheit sich beteiligend. Und ein übergroßer und tiermäuliger Kerl hätte grinsend zugesehen und den Posaunenton hervorgebracht, indem er mit einer gewaltigen Gänsefeder unermüdlich auf seinem riesigen Zopf gefiedelt, dessen Ende er wie den Griff einer Geige in den Krallen der linken Hand gehalten hätte. Ringsum aber wäre, nicht völlig übertönbar, ein drohendes Rollen in der Luft gewesen, wie von zahllosen fernen Kanonenschüssen ... Die beiden Jünglinge wären stehen geblieben und hätten sich nicht gerührt, und sie selber sei wie erstarrt gewesen. Als aber dann ein schamlos gewandetes großes Mädchen, verwüstete Schönheit im Antlitz, aus dem Reigen sich lösend auf die Brüder zugesprungen sei und dem einen mit frechem Lachen eine entblätterte Rose dargeboten habe, da hätten jene sich stracks umgewendet und finster und starren Blicks den Rückweg angetreten. Und wieder sei sie ihnen wie von Flügeln nachgetragen worden ... Im Grabgewölbe vor den verschlossenen Särgen habe sie gemeint, daß alles wohl nur ein Traum gewesen. Aber da habe unter einem der Sargdeckel ein Stücklein weiße Leinwand hervorgeschaut und dann habe sie auch gemerkt, daß an den Grabschriften etwas geändert worden sei. Und gerade, als sie des näheren habe feststellen wollen, da sei sie wirklich erwacht. – Auch dem Kommerzienrat widerfuhr nichts Böses, obwohl sein Schlafgemach im alten Wartturm lag, darin einst die Bauern den Grafen Helfenstein gefangen hielten, bevor sie ihn hinrichteten, und der nun zu Kerners Besitztum gehörte. Allerdings hatten die beiden Männer, während sie noch ein Stündchen beim Wein zusammengeblieben waren, das Geisterreich kaum noch gestreift, sondern von den Zeitläuften und der Politik sich unterhalten, von der, wie Kerner meinte, im Grunde die am wenigsten verständen, die sich am lautesten damit befaßten. Er sei der Ansicht, daß das ewige Politisieren des Bürgers, sobald es aus der harmlosen Kannegießerei am abendlichen Stammtisch hinausstrebe und sich im Staatswesen betätigen wolle, dem Vaterlande zum Verderben gereiche und gleichzeitig das menschliche Leben um seine köstlichsten Blüten bringe, indem nämlich der bürgerliche Fleiß, die gegenseitige Achtung und Hilfsbereitschaft und das häusliche Behagen untergraben würden. Er seinerseits halte es mit der guten alten Zeit und sei zufrieden, von der neuen nicht mehr allzuviel erleben zu müssen. Denn er werde nun wohl bald Feierabend machen dürfen. Was dann von ihm übrig bleibe, sei nicht allzuviel. Aber Eines tröste ihn – und er zitierte sich selber: Flüchtig leb ich durchs Gedicht, durch des Arztes Kunst nur flüchtig, nur wenn man von Geistern spricht, denkt man mein noch und schimpft tüchtig. Übrigens hätten die jüngstverflossenen aufgeregten Jahre ihm doch manchen seltsamen Gast zugeführt. So hätte im zeitigen Frühjahr 1848 der ihm überaus gnädig gesinnte König Ludwig von Bayern seine zur Gräfin Landsfeld erhobene Geliebte, die Lola Montez, ihm zugeschickt, damit er, wie jener geschrieben, ihr die Teufel austreibe, von denen sie besessen sei. Und gewiß hätte die angeblich spanische Tänzerin auch den Teufel im Leibe gehabt, aber keinen, dem er hätte beikommen können. Immerhin: die Eselsmilch- und Hungerkur, die er ihr verordnet, und die des öfteren wiederholte Magnetisierung durch seinen Sohn Theobald, der jetzt in Kannstatt eine eigene galvano-magnetische Heilunternehmung betreibe, wären der verwöhnten Dame gewiß ganz wohltätig gewesen. Daß es aber erst einer richtigen kleinen Revolution bedurft hätte, um den guten König den Wünschen der tugendhaften Münchner Bürger und Studenten geneigt zu machen und ihn zu bewegen, diesem höchst anmutigen und klugen Frauenzimmerchen den Laufpaß zu geben, das könne er, Kerner, ganz gut verstehen. Ein Paar Augen habe die Lola gehabt, die sicher dem Teufel selber gefährlich werden könnten. Der alte Staatskanzler Metternich wenigstens, der auf der Flucht von Wien nach England in eben den Tagen gleichfalls sein Gast gewesen, hätte die größte Angst vor ihr gehabt und wäre ihr auf jede Weise aus dem Wege gegangen. Ein ganz fataler Kerl übrigens, dieser Metternich, ohne Saft und Kraft! Und dabei hätte der Unehrliche sich ihm gegenüber als Liberaler gebärdet und ihn alles Ernstes glauben machen wollen: nur damit das deutsche Volk im beständigen Widerstand gegen die Regierung innerlich stark und hart und reif für die Republik werde und diese dann endlich mit Gewalt herbeiführe, nur deswegen hätte er als Staatsmann das illiberale System gehalten und auf jede Weise gefördert. Wenn jetzt die Freiheit siege, so sei das sein Werk und immer sein heimliches Ziel gewesen. Der Metternich hätte auch nicht eher Ruhe gegeben, bis er, Kerner, auf dem alten Turm eine rote Fahne gehißt, denn jener hätte dasselbe Gemach innegehabt, in welchem jetzt der Kommerzienrat nächtigen werde. Nebenbei wäre der Metternich recht musikalisch. Im Turm sei noch eine alte Geige von Nikolaus Lenau, die hätte jener sich ausgebeten und viel darauf gespielt. Einige Male wäre er spät abends im Mondschein ruhelos auf und ab gegangen und hätte dazu die Marseillaise gegeigt und gepfiffen – das wäre nun ganz unwirklich und beinahe wie aus einer Geschichte vom alten Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gewesen. Sein gutes Rickele aber hätte ganz erleichtert aufgeatmet, als diese beiden unheimlichen Gäste endlich abgezogen. – Von Stuttgart aus besuchte Frau Maria Magdalena den alten Pastor Ebel, in dessen Königsberger Pfarrhaus einst ihr Bruder Johannes den Propheten Schönherr kennen gelernt hatte, und der nun, ohne Amt, der theosophischen Forschung hingegeben und von frommen Jüngerinnen betreut, in Ludwigsburg hauste. Es war ihr eine wehmütige Freude, wie lebendig der alte Herr, den das Martyrium nicht verbittert zu haben schien, des früh vollendeten jungen Freundes sich erinnerte. Aber ein völliger Kontakt wollte sich trotzdem zwischen ihr und ihm nicht herstellen und sie dachte, daß es vielleicht doch der Schatten ihres Bruders sei, der zwischen ihnen stehe. Für die Weiterreise nach Bad Boll konnte bis Göppingen die neue Eisenbahn benutzt werden. Kurz, vor diesem Städtchen, das ein halbes Jahrhundert später durch das glückhafte Unglück des Grafen Zeppelin berühmt ward, gab's einen unerwarteten Aufenthalt auf freiem Felde: ein sich entladendes Gewitter mußte abgewartet werden, denn die rasche Bewegung des Zuges und die Reibung von Eisen auf Eisen zog, wie eine hohe Regierung fürsorglich festgestellt hatte, den Blitz an. Endlich hielt der Zug vor dem kleinen Bahnhofsgebäude und die wenigen Reisenden kletterten behutsam aus den Wagen, nicht ohne daß der eine oder andere auf gut Schwäbisch ein wenig über die Ungeschicklichkeit des Bahnbaumeisters geschimpft hätte, der hier die Entfernung zwischen dem untersten Trittbrett und der Fläche des Bahnsteigs für Riesenbeine bemessen hatte. Frau Maria Magdalena aber gewann mit Hilfe des Sohnes unbeschädigt den sichern Boden, über dem nach vielen Jahren, der Pfarrer Blumhardt dieses Wunder erlebte: Er kam von einer Reise zurück und vergaß in der Freude der Heimkehr, vielleicht auch durch Dämmerung oder Kurzsichtigkeit behindert, der gebotenen Vorsicht. Aber er stürzte nicht. Vielmehr glaubte er Gott für den raschen Engel danken zu dürfen, dessen Hand – er hatte sie deutlich gefühlt – ihm den einen Fuß so lange in der Luft festgehalten bis der andre auf dem Boden stand ... Vergnüglich und in der gereinigten Luft erquicklich war die zweistündige Wagenfahrt durch eine Hügellandschaft, der die schöne Linie des Hohenstaufen Größe gab. Hätten nicht die Stoppelfelder unter den fruchtbeladenen Bäumen von einer schon eingeheimsten andern Ernte erzählt, so würde man gemeint haben, durch einen einzigen, überreich gesegneten Obstgarten von ungeheurer Ausdehnung zu fahren. Und der alte Kutscher, dem das Erstaunen der beiden Fremden über die Schönheit und den Reichtum seiner Heimat wohltat, berichtete, während er bei einer längeren Steigung des Weges neben dem Wagen dahinschritt, umständlich, daß und wie es der Vater des Dichters Friedrich Schiller sei, dem Württemberg die vielen Obstbäume verdanke. »Sieh, eine Hütte Gottes bei den Menschen,« dachte Frau Maria Magdalena seligen Herzens, als bei der letzten Biegung des Weges das mit seinen hellen Mauern behaglich ins Grün geschmiegte einstige Schloß und spätere Bad Boll sichtbar ward. Ihrem Sohn aber waren, als sie näher kamen, die Buchstaben W P an der Front des Hauses merkwürdig. Daß sie auf die königlichen Vorbesitzer des Bades, Wilhelm und Pauline von Württemberg, zurückwiesen, darauf kam er nicht, und mit der ihm aufsteigenden Deutung »Wunder-Pfarrer« wollte er seine Mutter nicht betrüben. Gottliebe Dittus empfing die Aussteigenden am Wagen: ein dunkelgekleidetes, helläugiges Frauenwesen, dessen ernsthaft lächelndes Gesicht unter dem weißen Häubchen von zahllosen Narben bedeckt war. Das waren die Spuren des nun längst überwundenen bösen Feindes, der ihr vor zehn Jahren so hart zugesetzt hatte. Da mochte sie wohl mit dem Psalmisten sprechen: »Die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert und ihre Furchen langgezogen ...« Jede Narbe erzählte von einer Nadel oder einem Eisensplitter, die, auf eine geheimnisvolle Weise in den armen Körper gelangt, durch Fleisch und Haut den schmerzenreichen Weg gesucht und gefunden hatten. Aber der fromme Pfarrer hatte erkannt, daß ihr Bedränger von der Art war, die mitnichten ausfährt, denn durch Fasten und Beten. So hatte er den Kampf aufgenommen, nicht als ein Experiment, sondern von seinem Gewissen getrieben, und Gott hatte ihm den Sieg geschenkt. – Jetzt genoß die befreite Seele, mit einer unendlichen Dankbarkeit ihrem Erretter verbunden, längst des seligsten Friedens. Die Gottliebin hauste als Tochter und Stütze bei den Pfarrersleuten, und den vielen Leidenden und Bedrängten, die in Boll Heil und Hilfe suchten, war sie schon durch ihre bloße Existenz als lebendiger Beweis des Glaubens wohltätig. Als vor der gemeinsamen Abendmahlzeit der Pfarrer Blumhardt, ein kleiner rundlicher Mann von noch nicht ganz fünfzig Jahren, die neuangekommenen Gäste begrüßte, da war's der Frau Maria Magdalena, wie wenn aus seiner Hand, die weich aber keineswegs kraftlos war, etwas Warmes und Lebendiges auf sie überströme. Eine Friedenskraft, wie geschrieben steht: »Was ihr auf Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel los sein.« ... Und dieser Eindruck, daß eine Lebenskraft von ihm ausgehe, erneute sich ihr täglich die vier Wochen hindurch, die sie in Boll blieben. Also daß ihr Herz fröhlicher, ihr Gang leichter und ihre Stimme herzhafter ward. Ja, sie verjüngte sich zusehends, und ihr Sohn, der seinerseits solche Wirkung nicht verspürte, meinte, wenn sie ein Jahr in Boll verweilten, würden sie in München, wenn nicht für Vater und Tochter, dann doch gewiß für Mann und Frau gehalten werden. Als er aber diese seine Beobachtung dem Pfarrer einmal aussprach, erwiderte der lächelnd, es sei eben doch wohl etwas ganz Besonderes in der Boller Luft, nur daß es nicht auf jeden gleich wirke. Mochte die Wirkung nun in der Tat verschieden sein: ungünstig war sie nie. Denn wie ungleich die nahezu siebzig Gäste nach Herkunft und Alter, Stand und Bildung auch sein mochten – der ganze große Kreis fühlte doch durch Vertrauen und Freundlichkeit gleichsam zu einer Familie sich verbunden. Tiefer noch durch die Persönlichkeit Blumhardts, die jeder einzelnen Seele mit suchender Liebe nachging, niemals zudringlich, oft ganz ohne Worte, nur mit der eigenen Seele. In seiner großartigen und liebenswürdigen Nonchalance nannte er jeden ohne Unterschied Du – nicht aus Pose oder plumper Vertraulichkeit, sondern gleichsam unwillkürlich, einfach weil er ihn so empfand. Denn wer immer seine Schwelle überschritt, für den trat Blumhardt im Herzen priesterlich vor Gott. Vom beständigen »andächteln« aber hielt er garnichts. Darauf ließ er sich nicht ein. »Der Mensch muß sich zweimal bekehren,« äußerte er gelegentlich, »einmal vom natürlichen zum geistlichen Menschen und dann wieder vom geistlichen zum natürlichen.«... Und wenn nach dem Abendbrot der Pfarrer ein Kapitel aus dem Neuen Testament vorlas, dann ein Lied strophenweise vorsagte, das alle gemeinschaftlich sangen, und endlich mit kindlicher Innigkeit ein Nachtgebet sprach, dann mochten auch die vereinzelt anwesenden Weltkinder ihres Vaters im Himmel einen Hauch verspüren. Denn es war keine finstere und enge Frömmigkeit, die hier herrschte: auch der Lebensfreude ward ihr heiteres Recht, Ja, wenn man bedachte, wie viele Leidende und Bekümmerte unter den Gästen waren, mußte man der sonnigen Luft sich wundern, die Haus und Park erfüllte und in der die menschlichen Werte ganz zwanglos sich umwerteten. Und immer wieder ging der Frau Maria Magdalena die Stelle aus den »Letzten Dingen« von jenem Düsseldorfer Musikfest durch den Sinn, das nun auch schon wieder ein Vierteljahrhundert zurücklag: Sieh, eine Hütte Gottes bei den Menschen. Er wird bei ihnen wohnen, sie werden Sein Volk sein ... Gegen Ende August trafen im Abstand weniger Tage zwei sehr verschiedene Briefe aus der Heimat in Boll ein. In dem einen erzählte Regine von ihrem nun glücklich beendeten Aufenthalt in Soden und von der seltsamen und amüsanten Verlobung der beiden jüngsten Töchter des Apothekers Weynandts, die bisher mit dem gemeinsamen Namen »Friedemath« sich beholfen und nun jede doch ihren eigenen Mann und Namen kriegen sollten. In dem andern meldete Herr Götze die Verlobung seines Neffen Michel Ritter mit Fräulein Friederike Weynandts und den Heimgang seines Schwiegervaters, des alten frommen Webers, Totengräbers und Stundenhalters Schlüpjes. Endlich reisten Mutter und Sohn ab. Kaum hatten die Pferde sich in Trab gesetzt, als sie hinter sich rufen hörten. Es war Gottliebe Dittus, die winkend ihnen nachrannte, daß Kleid und Haubenbänder flogen: Der Herr Pfarrer ließe sagen, der Herr Kommerzienrat hätte die Bezahlung zu reichlich bemessen, soviel Geld nähme er nicht und hier brächte sie das übrige. Und wenn's der Herr Kommerzienrat nicht behalten wollte, so würde er in München genug arme Leute finden, denen er's schenken könnte. Apotheker Weynandts, dessen Tenor und verschnürte Pekesche vor etlichen zwanzig Jahren in dem niederrheinischen Baumwollstädtchen die deutsche Begeisterung für die Polen so mächtig gefördert, hatte inzwischen sowohl als Mädchenpapa wie als Gelegenheitsdichter die schönsten Erfolge erzielt. Sechs Jahre hintereinander hatte er jeden Sommer einer Tochter Aussteuer und Hochzeit gegeben, insgesamt einundzwanzig Enkelkinder hatte er taufen helfen. Jetzt laborierten sein Beutel wie sein Pegasus an chronischen Erschöpfungszuständen, und der Adler über der Tür der Apotheke wartete jahraus jahrein vergeblich auf die so nötige neue Vergoldung. Denn der Gesundheitszustand in Stadt und Land war von einer unerschütterlichen Güte, und daß 1831 die Cholera dem Städtchen ferngeblieben, war wirklich ein böses Omen gewesen: nicht die kleinste Epidemie war seitdem aufgetreten. Auch Danneckers Ariadne in getöntem Gips, die Weynandts aus Frankfurt bezogen und dem Sanitätsrat Latschert zum fünfundzwanzigjährigen Doktorjubiläum verehrt hatte, war ohne die erhoffte Wirkung auf Zahl und Ergiebigkeit der Rezepte geblieben, obwohl das Kunstwerk die vollste Anerkennung des Beschenkten und den vom Geber ins Auge gefaßten Platz gefunden hatte: Der mit so viel Frauenschönheit belastete Tiger stand auf einer Marmorkonsole vor einem Spiegel zwischen den beiden Fenstern im ärztlichen Sprechzimmer, also daß man an jeder Seite der Plastik sich erfreuen konnte, die allerdings während der Sprechstunden den vierfach gefalteten Brautschleier der Sanitätsrätin sich gefallen lassen mußte. Denn solches hatte diese ihrer Freundin, der über die Wirkung der Gruppe sich beunruhigenden Pastorin nicht abschlagen zu können vermeint. Ja, der Apotheker Weynandts hatte wohl Grund, von schlechten Zeiten zu sprechen, zumal Sally Seligmanns Erben, Lumpen en gros , auf keine Weise zu bewegen waren, den Zinsfuß der zweiten Hypothek zu ermäßigen. Ein wahres Glück nur, daß von den sechs Töchtern keine auf väterliche Zuschüsse angewiesen war, wenn man ja leider auch keineswegs behaupten konnte, daß etwa die eine oder andere eine brillante Partie gemacht hätte. Die beiden jüngsten waren noch zu Hause, Friederike und Mathilde, kleine rötliche Blondinen, Zwillinge, die an Munterkeit und Sommersprossen wetteiferten und sich so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, also, daß außer ihrer Mutter kein Mensch sie auseinanderhalten konnte. Um den dadurch hervorgerufenen Weitläufigkeiten ein für allemal ein Ende zu machen, hatte Papa Weynandts schon als sie noch ganz klein waren, für beide den gemeinsamen Namen »Friedemath« geprägt und eingeführt, Frau und Töchtern überlassend, wie sie einen so adressierten väterlichen Wunsch oder Tadel bestellen möchten. Auch später hatte er gegen die Absicht seiner Frau, behufs leichterer Unterscheidung eines der beiden Mädchen Ohrringe tragen zu lassen, sein entschiedenes Veto eingelegt: die kräftig entwickelten Ohrläppchen aller seiner Töchter seien als Bestätigung guter Rasse sein besonderer väterlicher Stolz, und er könne unter gar keinen Umständen erlauben, daß zwei dieser schön geschwungenen Häutchen durchbohrt und also für immer verstümmelt würden. ... Um so weniger, als der Zweck, wenigstens, was ihn betreffe, dadurch doch nicht erreicht werden könne, denn er wisse im voraus, daß er im gegebenen Fall stets unsicher sein werde, ob es Mathilde oder ob es Friederike sei, die jenen kannibalischen Schmuck trage. Zuerst hatten die Mitschülerinnen, dann die Lehrer und Lehrerinnen solche Vereinfachung sich zu eigen gemacht, denn selbst dem Basiliskenauge des Rektors Dr. Stups war hier jedes Unterscheidungsvermögen versagt geblieben. Und einmal, als er über die unerschöpfliche Gestaltungskraft der Natur sich ausließ, die sich niemals wiederhole, also daß man an keinem Baum zwei einander völlig gleiche Blätter zu finden vermöge, da war, vernehmlich genug, ein protestierendes Geflüster durchs Klassenzimmer gegangen: »Friedemath!« – was jener aber zu überhören für richtig fand. Mit der Zeit hatte die ganze Stadt sich die Bequemlichkeit solches gemeinsamen Namens zunutze gemacht. Nur die Pastorin Kranevoß behauptete noch zuweilen, sie könne die beiden Albinos, wie sie die hübschen und gewandten Mädchen nicht eben liebevoll nannte, recht gut unterscheiden: auf Friederikens Nase bildeten drei besonders dunkle Sommersprossen ein kleines Sternbild, wahrend Mathildens Nase mit ganz gewöhnlichen Sommersprossen von milchstraßenartiger Lichte und Dichte übersät wäre. Und wie der altere Cato jede seiner Senatsreden mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Zerstörung Karthagos schloß, so pflegte die Frau Pastorin, so oft sie mit irgend jemand das Thema »Friedemath« behandelt hatte, zu versichern, sie könne und könne sich nicht genug wundern, daß weder Friedrike noch Mathilde eine Stelle annähme, denn die Frau Apothekerin könnte doch mit einer Tochter recht gut auskommen. Und daß sie die beiden Albinos den ganzen Sommer hindurch weiße Pikeekleidchen tragen ließe, wäre eine unsinnige Verschwendung, aber freilich – diese Adlerapotheke müsse ja wohl die reine Goldgrube sein. Das mit den weißen Pikeekleidchen war nun freilich wahr und vielleicht eine kleine mütterliche Schwäche. Aber es galt nur für die Straße, denn daheim gingen die Töchter der Mutter tüchtig zur Hand, und man kam ohne Dienstmädchen aus, trotzdem das Haus groß, der Vater, wie die meisten Apotheker »eigen«, und auch der ältliche Herr Provisor keineswegs ohne Ansprüche war. Augenscheinlich steckten in »Friedemath« als Erbteil und Einfluß der Mutter zwei Hausfrauen von jener Vortrefflichkeit, wie man sie am Niederrhein gewohnt ist und trotzdem zu schätzen weiß. Und da die Zwillinge jetzt die Zwanzig überschritten hatten, sah Papa Weynandts mit neuen, seinen früheren gerade entgegengesetzten Sorgen in die Zukunft, die ihm bald genug wieder große Ausgaben auferlegen konnte, denn selbstverständlich durften die beiden Jüngsten nicht zu kurz kommen. Und daß »Friedemath« zwei Verehrer hatte, war nicht nur dem Vater, sondern männiglich bekannt. Diese beiden Verehrer sahen sich zwar, ohne das astronomische Unterscheidungsvermögen der Frau Pastorin zu besitzen, vielmehr nur auf die verwirrenden Eindrücke seltener Ballabende in der »Gesellschaft«, gelegentlicher Landpartien und Kirmesbesuche angewiesen, vorläufig noch ganz und gar nicht in der Lage, ihre Gefühle irgendwie zu individualisieren, und mochten wohl infolgedessen zu einer Werbung sich noch Zeit lassen. Doch das konnte der Zufall jeden Tag ändern und »Friedemath« selber den Unsicheren zur rechten Zeit die rechten Ziele verraten. Denn Friederike und Mathilde ihrerseits wußten gut, sehr gut, wem von den beiden jungen Männern ihr Herz schlug, und auf dem Umweg über die Mutter hatte es auch der Vater erfahren und gebilligt. Nämlich das der Friederike gehörte dem Michel Ritter, Willemkens Bruder und Herrn Schlüpjes Enkel, der bei J. P. Wolf und Sohn eine so gesicherte und auskömmliche Lebensstellung innehatte, daß er jederzeit sich einen Hausstand gründen konnte. Und das der Mathilde war von Heinrich Krönlein erfüllt, den Herr Latschert sich zum Prokuristen und einstigen Nachfolger in der Agentur herangezogen hatte, die nun wirklich das war, was die Pastorin von der Adlerapotheke annahm: eine Goldgrube. Innig, wie die beiden Zwillingsschwestern durch den gemeinsamen Namen »Friedemath«, waren Michel Ritter und Heinrich Krönlein durch eine vieljährige Freundschaft und die eifrige Betätigung im Turnverein »Vater Jahn«, im Feuerkorps und im Männergesangverein »Concordia« miteinander verbunden. Aber solche Verbundenheit ging bei ihnen doch niemals bis zu einem Opfer der Individualität, wie es die Schwestern einander zu bringen von jeher gewohnt waren, und ließ sich wenigstens in »Friedemaths« vier Augen nicht einmal künstlich so steigern. Denn als beim Jahresfest des Turnvereins lebende Bilder gestellt wurden und in deren erstem, der Wiedergabe des preußischen Wappens, die Freunde unbeweglich auf der Bühne standen, da waren trotz der gleichmäßigen Gewandung oder vielmehr anscheinenden Nichtgewandung und den vorgebundenen mächtigen Barten weder Friederikens noch Mathildens Augen im geringsten darüber im Zweifel, auf welchem der beiden wilden Männer sie liebevoll zu ruhen berechtigt waren. Ja, »Friedemath« hatte gewählt und geteilt und wäre völlig beruhigt gewesen, wenn die beiden Erwählten nicht von einer allzu hilflosen Unsicherheit gewesen wären. An dem einzigen Sonntag im vorigen Winter, an dem es nach dem Gottesdienst geheißen hatte, das Eis draußen auf dem Mühlenbroicher Teich trage, war nachmittags die halbe Stadt hinausgeströmt, um Schlittschuh zu laufen oder den Laufenden zuzusehen. Da hatte Michel mit Friedenken und Heinrich mit Mathilden in kunstreichen Figuren hinschwebend sich verlustiert, bis sie, als in der frühen Dämmerung die überlastete Eisdecke zu krachen und zu brechen begann, plötzlich sich unter den letzen Herren sahen, die durchs Wasser stampfend ihre erschrockenen Damen auf starken Armen dem Ufer zutrugen. Dank den erkalteten Füßen pulsierte das Blut aber nur um so kräftiger in den männlichen Herzen, und so ward man auf dunkelndem Heimweg ganz zutunlich miteinander. Und horch: an die Stelle von zwei »Fräulein Weynandts« wagten sich zwei scherzende »Fräulein Friedemath«, und nachdem jede der beiden kleinen Blondinen den sie betreuenden Herrn über ihren Anteil an dem gemeinsamen Namen aufgeklärt, hieß es beim Abschied sogar ganz vertraulich: »Fräulein Friederike«, »Fräulein Mathilde«. Als aber einige Stunden später die Zwillingsschwestern nach ausgepustetem Licht nicht wie sonst alsbald einzuschlafen vermochten und jede die andere noch zuweilen leise seufzen hörte, da gestanden sie sich endlich, daß »er« doch »reizend« und »eigentlich schon ziemlich weit gegangen« sei. Einige Wochen danach freilich, als bei dem kleinen Maskenball, den die »Gesellschaft« am Fastnachtsdienstag veranstaltete, nach erfolgter Demaskierung Heinrichs Herz, Augen und Worte bei Friederiken da anzuknüpfen versuchten, wo sie an jenem Sonntagabend bei Mathilden aufgehört, und Michel bei Mathilden ein ähnliches unternahm, da gab es einige Verwirrung, weil jedes der beiden hübschen Kinder sich hinter dem Namen »Friedemath« verschanzte, um weder eine der andern den Erwählten abspenstig zu machen, noch den Irrenden in allzu große Verlegenheit zu bringen. So sahen dann Heinrich Krönlein und Michel Ritter zunächst wieder für unbestimmte Zeit auf eine gemeinsame Verehrung »Friedemaths« sich angewiesen. Jetzt war es Mitte August, an einem Samstag nach dem Abendbrot, als Papa Weynandts einen Familienspaziergang durch den Stadtpark vorschlug, wo morgen nachmittag das Sommerfest der »Concordia« stattfinden würde. »Friedemath« sollte schon vorgehen, er selber wollte mit der Mutter nachkommen, sobald er in der Apotheke noch nach dem Rechten gesehen. Inzwischen könnten die Töchter ja, aber ohne die leider so beliebte waghalsige Kletterei, in der Duynberger Ruine sich umsehen, die er morgen Abend; das Fest abschließend, bengalisch beleuchten wollte, ob sie ihm dafür irgendetwas Neues, noch nicht Dagewesenes vorschlagen könnten, denn der Herr Provisor hätte auch gemeint, es müsse mindestens einmal eine neue Nuance hineinkommen. – Eine halbe Stunde später geisterten »Friedemaths« weiße Pikeekleidchen durch das efeuumsponnene alte Gemäuer, ohne zu ahnen, daß ihre Unschuldsfarbe auf zwei graue Augen höchst aufreizend wirkte. Denn im Stadtpark wandelten, der Kühle des Abends genießend und die morgige Predigt besprechend, die Pastorin Kranevoß mit ihrem Eheherrn, und beider Stimmung war ohnehin nicht rosig. Einmal im Blick auf das morgige Sommerfest, das, wenn ja auch das Bravourstück der »Concordia«: »Dies ist der Tag des Herrn«, selbstverständlich nicht fehlen würde, doch der Vergnügungssucht Vorschub leisten und gewiß teils in einem angeblich improvisierten Tänzchen in der »Gesellschaft«, teils in einem überreichlichen Genuß alkoholischer Getränke in allen Wirtschaften der Gemeinde seinen Abschluß finden würde. Sodann, weil dem Pastor wie seiner Frau unterwegs die vielen dem blaugetünchten Weberhäuschen des Stundenhalters Schlüpjes zuströmenden Pietisten ärgerlich gewesen waren – daß Gottes Gnade ihnen diesen Stein des Anstoßes sobald schon und für immer aus dem Wege räumen würde, ahnten sie ja nicht. Endlich, weil das Ringen des geistlichen Herrn um Erleuchtung auf dem Wachstuchsofa dank der Schwäche des Fleisches in ein allzu langes Schläfchen ausgeartet war, so daß nun erst in dieser Abendstunde nach den starken, von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten strafender und warnender Liebe für die morgige Predigt gesucht werden mußte, in welchem Suchen ihrerseits die Pastorin durch die weißen Pikeekleidchen der beiden »Albinos« sich beirrt fühlte. Sie erklärte also ihrem Pastor, sie wolle ihn jetzt ein Viertelstündchen seinen eigenen Gedanken überlassen, um inzwischen mit »Friedemath« noch einmal ein ernstes Wort zu reden. Wenn denn schon an einem Samstagabend weiße Pikeekleidchen getragen werden müßten, so gehörten solche doch auf keinen Fall in diese staubige und rußige Ruine. Und vor ein paar Tagen erst hätte ihre Freundin, die Kreisgerichtsrätin Säuberlich in Bielefeld, ihr geschrieben, sie benötige so dringend einer Stütze und könne gar nichts passendes finden. Vielleicht, daß »Friedemath« doch diesmal zugreife. Denn sie meine immer noch, eine von diesen Weynandtstöchtern solle doch endlich eine Stelle annehmen und die Apothekerin könne recht gut mit der andern allein auskommen. Und indessen der Pastor gemächlich in einen lauschigen Seitenpfad einlenkte, der ihm jede Störung fernzuhalten versprach, strebte die Pastorin mit kleinen raschen Schritten resolut der Ruine zu. Aber während ihm jede sonderliche Erleuchtung versagt blieb, weil er selber nicht recht an die Wirkung seiner Predigt glaubte, ward ihr unterwegs klar, daß es doch besser sei, die Unterredung auf Friederike zu beschränken, die sie für nicht ganz so unreif hielt wie Mathilde. – Willig ließ das erschrockene junge Mädchen von der gefürchteten Dame sich herausrufen und in eine etwas entlegene Ahornallee entführen, geduldig ihre Auseinandersetzungen anhörend, die ein wenig an Schärfe verlieren mochten, weil das Weiß des Pikeekleidchens in der Tat weder Wochenschluß noch Ruine verriet. So sah Mathilde sich nun in dem dämmernden Gemäuer allein. Aber sie gab weder seinem melancholischem Zauber, noch den sehnsüchtigen Gedanken ihres Herzens sich hin, vielmehr ließ sie sich ernstlich angelegen sein, wie sie den Vater mit dem Vorschlag der gewünschten neuen Nuance empfangen könnte. Lange vermochte sie keine Möglichkeit noch nicht dagewesener Beleuchtungseffekte zu erkennen. Da fiel ihr Blick auf den romanischen Doppelbogen des Turmfensters, durch das Frau van Bornevelde einst, den Tod erwartend, des Friedens der weiten Landschaft und der Beruhigung des gestirnten Himmels teilhaftig geworden war. Und sie bedachte: wenn dieser schöne Bogen da oben durch ein besonders gefärbtes Licht von innen heraus beleuchtet würde, so möchte das am Ende wohl die gewünschte neue Nuance abgeben. Und erreichen ließ sich das Fenster. Wie oft hatte sie mit ihren Gespielinnen da oben gesessen, obwohl oder weil der Herr Rektor den Schülern und erst recht den Schülerinnen das Klettern in der Ruine strengstens verboten und der Bürgermeister den Polizeidiener Effertz angewiesen hatte, dergleichen Unfug zur Anzeige zu bringen. Unwillkürlich suchten jetzt zuerst die Augen und dann die Füße sich den Weg zur Höhe, und nach fünf Minuten flatterte das weiße Pikeekleidchen lustig im Turmfenster. Aber als Mathilde, der schönen Aussicht ersättigt, zum Abstieg sich anschickte, da wollte und wollte der nächste Mauervorsprung, von dem aus sie doch so leicht den letzten Schritt heraufgetan, sich auf keine Weise von ihrem Fuß erreichen lassen, auch der Hand kein Halt sich darbieten. Ihr ward ganz ängstlich zumute, und sie verspürte ein unbekanntes und höchst ungemütliches Gefühl am Herzen und in den Knieen. Sie trat in den Fensterbogen zurück und umklammerte die steinerne Mittelsäule, deren Festigkeit sie beruhigte. – Aber was tun? Sie konnte sich doch vom Vater nicht hier oben finden lassen, der dann nicht wenig schelten und am Ende gar die Feuerwehr mit der neuen großen Brandleiter requirieren würde. Wenn doch wenigstens Friederike wiederkäme! – »Nur ei-ne, ei-ne Morgenglo-ckenur ...« klang ein frischer Tenor zu ihr herauf und nochmals: »Nur ei-ne, ei-ne Morgenglo-cke nur ...«, und sie erkannte den Sänger, der soeben aus einem Gehölz trat und nun auf dem Wiesenweg gerade auf ihren Turm zuschlenderte. Es war Michel Ritter, der augen- oder vielmehr ohrenscheinlich für morgen noch ein wenig übte. »Schade, Friederiken ihrer!« war ihr erster Gedanke, daß er ganz sicher sie aus ihrer fatalen Lage befreien würde, ihr zweiter, und daß sie jetzt für eine Viertelstunde Friederike spielen müsse, ihr dritter. Und bei dem verweilte sie. Es sollte ja gewiß und wahrhaftig keine Untreue sein, weder gegen die Schwester, noch gegen ihren eigenen guten Heimich Krönlein, Aber auf keinen einzigen Fall durfte Herr Ritter jetzt wieder wie neulich unsicher gemacht werden, auf gar keinen Fall! Vor und während und nach ihrer Lebensrettung – was auch immer er sagen und fragen und tun würde, sie würde als Friederike ihn anhören und als Friederike ihm antworten, als Friederike auch, wenn es denn sein mußte, je nachdem dulden oder handeln. Und sehnlicher noch als sie vorhin die Schwester herbeigewünscht hatte, wünschte sie jetzt, daß jene fernbleiben möge. Inzwischen hatte Michel das Pikeekleidchen gesehen und »Friedemath« erkannt, mehr zu erkennen würde hier auch der Pastorin astronomisches Unterscheidungsvermögen nicht imstande gewesen sein. Höflich zog er den Hut: »Nabend, Fräulein Weynandts!« – »Nabend, Herr Ritter!« – »Sie bewundern wohl den Sonnenuntergang?« – »Ja.« – »Allein?« – »Ja.« – »Fräulein Mathilde oder Fräulein Friederike?« – »Leider Friederike.« – »Wieso leider?« – »Das war freilich nicht sehr schwesterlich gedacht. Ich kann nämlich nicht wieder hinunter.« – Und sie erklärte ihm die Situation. Er trat in die Ruine ein und stellte fest, daß er wohl leicht zu ihr hinauf, auch ohne sie allenfalls wieder heruntergelangen könnte, aber nicht mit ihr. Auch sah sich die Tiefe im Innern angesichts des klaffenden Kellers entschieden gefährlicher an als von außen, wo sie durch eine natürliche Erdwelle beträchtlich gemildert war. Man beriet hin und her. Schließlich stellte Herr Ritter die vermeintliche Geliebte seines Herzens vor die Alternative: entweder sie springe einfach herunter, wobei sie zuversichtlich vertrauen dürfe, daß er sie kunstgerecht auffange, denn dergleichen habe er ja im Feuerkorps oft genug geübt, oder er hole die Brandleiter, womit freilich Zeit vertan, auch einige Öffentlichkeit sich nicht vermeiden lassen werde. – Sie schloß die Augen ... das Pikeekleidchen raschelte ... und dann lag oder hing sie in seinen starken Armen, die etwas inniger als nötig gewesen wäre sie umschlangen. Alsbald aber stellte Herr Ritter die ihm zugeflogene Schöne neben sich ins Gras und bat ritterlich, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Noch bevor sie den Park verließen, hatte er ihr Jawort, und ein langer Kuß, der ihr gar nicht so peinlich war, wie sie erwartet hatte, besiegelte das stellvertretende heimliche Glück. Inzwischen hätte, durch den Laubengang stürmend, der Polizeidiener Effertz, zu dessen abendlichen Obliegenheiten es gehörte, Liebende mit Strenge auf den Wegen des Parkes und der Tugend zu halten, den meditierenden Geistlichen beinahe überrannt, »Um Jotteswillen, Herr Pastohr, et is en Malheur passiert!« Und er berichtete, jenen mit fortreißend, daß er vor zwei Minuten von weitem gesehen hätte, wie eine Frauensperson, unverkennbar in selbstmörderischer Absicht, sich aus dem Turmfenster in die Tiefe gestürzt habe. Der geistliche Herr lief mit, daß seine schwarzen Rockschöße nur so flogen: wie würde er mit solchem Erlebnis morgen der Gemeinde ans Herz greifen können! Als die beiden den Turm erreichten, fanden sie niemand und nichts. – »Dann is et en Jeschpens jewesen, Herr Pastohr!« – »Pfui, Effertz, solch' sündhaft heidnischen Aberglauben hätt' ich Euch aber wirklich nicht zugetraut!« – »Ja, dann war et en Engel, Herr Pastohr, aber jesehen han ich jet, dat lass' ich mich net nähme.« Als Mathilde und ein wenig später auch Friederike daheim anlangten, fanden sie die Eltern in der vergnüglichsten Stimmung, und der Vater erzählte schmunzelnd, als er mit der Mutter eben im Begriffe gewesen, den Töchtern in den Stadtpark zu folgen, sei von der Jagd heimkehrend, der Fürst Salm-Reifferscheidt-Dyck an der Apotheke vorgefahren und habe erklärt: die kürzlich entnommenen Alkoholika seien von so hervorragender Güte und Preiswürdigkeit, daß er, was an Kognak, Tokayer, Bordeaux und Samos irgend entbehrlich sei, sofort mitnehmen wolle. Zugleich habe der hohe Herr eine Bestellung auf insgesamt zweitausendzweihundertfünfundzwanzig Flaschen zurückgelassen und das sehr gütige Versprechen, bei der nächsten Gelegenheit Seine Majestät den König, der ja persönlich ein hervorragender Kenner und Liebhaber sei und natürlich einen sehr großen Bedarf habe, auf die Leistungsfähigkeit der Adlerapotheke aufmerksam zu machen. Ein Stündchen später, als in »Friedemaths« Stube das Licht ausgelöscht war und die Schwestern in der Dunkelheit unter Gekicher und Schluchzen einander vom Bett aus die verschiedensten Geständnisse und Versprechungen gemacht und somit alles ins reine gebracht hatten, klopfte Mathilde mit ihrem Pantöffelchen dreimal sanft auf den Fußboden: für die darunter im Wohnzimmer sitzende Mutter das verabredete Zeichen, daß sie sich behufs Beichte und versprochener Generalabsolution heraufzubemühen habe. Wenn nun die gute Apothekerin bei »Friedemath« ja auch auf manches gefaßt war: die Art, wie Mathilde Herrn Michel Ritter Friederiken geradezu an den Hals geworfen, wie sie ihm der Schwester Jawort gegeben und besiegelt hatte, wollte ihr denn doch nicht in den Sinn. »Du lieber Gott, nein, was würde meine selige Mutter zu solcher Beichte gesagt haben?« meinte sie nachdenklich ... »Ja,« antwortete Mathilde unerwartet, »Großmutter hat aber auch nicht, wie du, wider den heiligen Geist der Natur gesündigt!« – »Wieso, du Gänschen?« – »Na, weil du doch, was die Natur in ihrer unerschöpflichen Gestaltungskraft bekanntlich niemals tut, zweimal genau dasselbe hervorgebracht hast.« – »Wenn er nur um Gottes willen nichts merkt!« sorgte sich die Mutter, aber die Mädchen lachten: das solle sie nur ihre Sorge sein lassen. Am andern Vormittag während der Predigt zerbrachen nicht wenige Andächtige sich den Kopf, warum wohl Herr Michel Ritter heute, bevor er sich niedersetzte, statt seines gewöhnlichen Sonntagshutes seinen Zylinder betend vors Gesicht gehalten habe. Als aber nach dem Gottesdienst eben dieser Zylinder, glänzend und stattlich genug, auf die Adlerapotheke zu sich in Bewegung setzte, da wußten es alle: »Friedemath«. Und in der »Gesellschaft« wagte Herr Oskar Windemann, der unter den wenigen sonntäglichen Frühschöpplern niemals fehlende, eine Flasche »Fünfzehner« auf Mathilde zu setzen, die er nun freilich verlor. Denn erst acht Tage später hielt Herr Heinrich Krönlein um Mathilde an. Die verschwägerten Freunde aber beschlossen, des schwiegerväterlichen Protestes ungeachtet, daß von den beiden Bräuten eine hinfort Ohrringe tragen müsse. Und da beide hierzu mit der allergrößten Freude bereit zu sein versicherten, vorausgesetzt, daß die Ohrringe an sich hübsch wären, mußte das Los entscheiden: Es fiel auf Mathilde. Das war »Friedemaths« Tod. Wenn auch zugegeben werden muß, daß der Erste, der in Deutschland für das eintrat, was wir heute großzügige Verkehrspolitik nennen, Friedrich List, ein Württemberger war, so darf doch Bayern die Heimat des deutschen Eisenbahnwesens genannt werden. Zum ersten weil, wie jederman weiß, die erste deutsche Eisenbahn 1835 zwischen Nürnberg und seinem Ghetto Fürth in Betrieb gesetzt wurde. Diese Unternehmung begann mit elf lebendigen Pferden und einem Dampfroß, das auf den Namen »Adler« getauft war. Und der tüchtige Lokomotivführer, der diesen deutschen Adler das Fliegen lehrte, hieß Wilson und sprach nur englisch und verstand nur englisch. – Zum andern weil schon 1807 der Direktor des bayerischen Bergbaues, Joseph von Baader in München, vorgeschlagen hat, die bedeutendsten Städte Bayerns durch Schienenwege miteinander zu verbinden. König Ludwig der Erste, jenes – nach Goethe, den er an leidenschaftlicher Liebe zu Italien und an Zahl der diesem Lande gewidmeten Distichen weit übertrifft, wie er denn auch nicht weniger als zweiundfünfzigmal nach Rom gereist ist – »merkwürdige und vielbewegliche Individuum auf dem Throne«, dessen Verdienste um den Handels- und Zollverein und damit um den wirtschaftlichen Aufschwung der Nation unvergessen sein sollen, hat achtzehn Jahre später Baadern ermöglicht, mit seinen Ideen im Nymphenburger Schloßpark zu experimentieren, wobei überraschte, welche gewaltigen Lasten ein einziges Pferd mittels einer Bergwinde auf solchem Schienenweg ohne sonderliche Anstrengung auch steiles Gelände hinaufzubewegen vermochte. – Und hat nicht auch jener unglückliche Große, Friedrich List, bevor er enttäuscht und verbittert freiwillig darauf verzichtete, den Sieg seiner Verkehrs- und handelspolitischen Gedanken abzuwarten – hat er nicht gerade ein bayerisches Eisenbahnnetz und dessen Verbindung mit den norddeutschen Seestädten ausgearbeitet? König Ludwig der Erste, der Kunstwütige, der aber doch durchaus mehr war, als der Schöpfer guter Bauten und schlechter Verse, hat dann auch die Warnung seiner Kammer in den Wind geschlagen, daß, wer Eisenbahnen erbaue, Drachenzähne säe, die eine Revolution erzeugen würden. Klug und weiten Blickes hat er, in dessen seltsam konstruierter Seele neben der Bewunderung Goethes und dem entschiedensten Katholizismus noch so vieles lebte, in seinem Lande das neue Verkehrsmittel vielmehr auf jede Weise gefördert, und zwar ohne die Reisenden durch zwei die Schienen begleitende Bretterzäune des Genusses der Landschaft zu berauben, die in Bayern überall sich sehen lassen kann. Denn solche Einzäunung aller Bahnstrecken hatte die Weisheit eines ärztlichen Büreaukratenkollegiums in Bayern den Eisenbahnerbauern gesetzlich vorschreiben wollen, auf daß die von ihr vorausgesehene Gehirnerkrankung – delirium furiosum – auf die Reisenden beschränkt bleiben und nicht auch noch harmlose Untertanen befallen sollte, wenn sie etwa unversehens des Anblicks eines dahinbrausenden Zuges teilhaftig würden. Ein Revolutiönchen war freilich gekommen. Und es hatte den guten König sogar veranlaßt, sich, zunächst ein wenig scheltend, zu Ruhe zu setzen, wobei der Redliche sich noch beeilte, als Privatmann dem bayerischen Staat die anderthalb Millionen Gulden zurückzuerstatten, mit denen er als König den griechischen Thron seines Sohnes Otto ausgebessert hatte ... Aber an diesem Revolutiönchen waren doch vielleicht mehr die Augen der spanischen Tänzerin Lola Montez schuld, die ihm die Münchner mißgönnten, als die von den Eisenbahnbaumeistern ausgesäten Drachenzähne. (»Hieße sie Loyola Montez, so wäre alles still geblieben,« meinte der König.) Und jedenfalls rollten schon viele Züge auf manchen bayerischen Strecken, als der Staat im Jahre der Abdankung des Königs, 1848, die gesamte »Nordsüdbahn« Hof-Kaufbeuren in Betrieb nahm. So fand die blonde Kommerzienrätin vom Niederrhein, nachdem sie mit ihrem Trüpplein auf dem Maindampfer nach Würzburg geschwommen war, manche bequeme Gelegenheit zur Weiterreise wovon sie freilich sich nicht abgängig machte, vielmehr eines alten Nestes wegen bisweilen ganz gern der Postkutsche sich bediente. Auch durch die Erbauung eines Wasserweges vom Main zur Donau hatte der tüchtige König seinem Lande nützen wollen, und es war gewiß nicht seine Schuld, wenn der Kanal – der ihn noch wichtiger däuchte als alle bayerischen Eisenbahnen zusammen – infolge allzu bescheidener Maße von Anfang an seinem Zweck nicht ganz entsprechen konnte. Hans und Fritz Wolf, die alles interessierte, was mit Schiffahrt zusammenhing, hielten im Blick auf die Landkarte diesen Kanal für ein Weltwunder. So hatten sie in Bamberg ihrer Mutter keine Ruhe gelassen: Man mußte die vor wenigen Jahren fertiggestellten Anlagen durchaus mehrmals sehr eingehend besichtigen. Dafür hatten sie ihrerseits dann auch ganz brav alles mitbewundert, was das deutsche Venedig an mittelalterlicher Baukunst bot, wobei sich im Dom einmal eine unerwartete und heitere Begegnung ergeben hatte ... Man war beim Betrachten der Bildwerke des Innern an die Sibylle gekommen, die einige für die heilige Mutter Anna halten, als der kleine Walter plötzlich ausgerufen hatte: »Herr Schlüpjes! Herr Schlüpjes!« Ganz erschrocken hatte die Mutter sich umgewandt, aber da war niemand. Und mit einemmal hatten sie alle gewußt, was er meinte: das Gesicht der Sibylle glich, von der beschädigten Nase abgesehen, überraschend dem des frommen Webers, Totengräbers und Stundenhalters. Daß sie den Alten nicht wiedersehen sollten, hatten sie freilich nicht gedacht. Nun war man seit vierzehn Tagen in Nürnberg und Frau Anna konnte sich nicht losreißen. Wie in einem lieblichen Märchen wandelte sie durch die alten Straßen. Nie hatte eine Stadt solchen Eindruck auf sie gemacht, nie hatte sie so sich als Deutsche, nie sich mit der Vergangenheit so verbunden gefühlt. Wie gehörte hier alles dem Boden an, auf dem es stand, und wie stark und wie einheitlich war dies alles. Sogar, daß das deutsche Florenz der alten Zeiten jetzt von Leuten bewohnt war, die Männerchen schnitzten oder laufende Mäuse fabrizierten, war gewiß nur folgerichtig. Mit großmütterlichen Augen hatte Frau Anna in den Magazinen der Herren Roth und Rau die Erzeugnisse der gegenwärtigen Nürnberger Industrie besichtigt, diese Puppen, die man für Kinder halten konnte, diese zierlichen, genau und mit ersichtlicher Freude der Wirklichkeit nachgebildeten Schweizerhäuschen und die Elfenbeinschnitzereien. War solche liebevolle Beherrschung des Stoffes nicht auch ein Erbe von Veit Stoß und Adam Kraft, von Pankraz Laubenwolf und Peter Vischer? Es waren keineswegs die Werke der großen Meister allein, zu denen sie sich immer wieder hingezogen fühlte: jede Straßenecke hatte es ihr angetan und wollte zu den verschiedensten Tageszeiten immer wieder aufgesucht werden. Und fast mehr noch als die herrlichen Kirchen und die zutunlich thronende Burg wirkten die bürgerlichen Bauten auf sie: Haus für Haus hätte sie von außen und innen betrachten mögen. Die Gotik des Kölner Domes, den sie so oft bewundert hatte, verblaßte in ihrer Erinnerung zur bloßen Idee. Die Gotik, die hier sie umgab, war lebendigste Wirklichkeit. Sie war wie berauscht und mußte doch zuweilen lachen, wenn sie daran dachte, was ihr Fritz zu den überschwänglichen Eintragungen sagen würde, die ihr Reisetagebuch allabendlich aufzunehmen hatte. Ihre große Begeisterung öffnete auch ihren Kindern die Augen, und sie freute sich, als Pina, die sonst so nüchterne, in einem ausführlichen Brief an den Vater das Sakramentshäusl mit einer Wunderblume verglich, die zierliche Blüten treibend immer höher und höher gewachsen sei. Als sie aber das Deckengewölbe erreicht und eingesehen habe, daß sie weder hindurch, noch daran vorbeiwachsen könne, habe sie in Ehrfurcht vor dem Unerreichbaren das Haupt geneigt. Da habe Gott das liebliche und demütige Blumenwunder zu Stein und also unsterblich werden lassen ... Ein zweites Wunder noch barg Sankt Lorenz, ein Wunder nicht aus Stein, sondern aus Glas und Licht und Farbenglut. Gewiß konnte man von achten der Chorfenster sagen, daß eines immer noch schöner sei als das andere. Aber das neunte, das Jakobsfenster, war von einer überirdischen und unvergleichlichen Herrlichkeit. O wie himmlischer Schönheit voll könnte doch das Diesseits sein, wenn das dahinterstehende Jenseits immer so warm und hell durch die bunten Bilder des Lebens schiene! Und dann Peter Vischers Sebaldus-Grab in Sankt Sebald. Frau Anna hatte gelesen, daß es »überladen« sei. Nun fand sie, daß der so geurteilt, wohl recht habe, aber in einem andern Sinn als er's gemeint. Das Grabmal sei in der Tat »überladen«, überladen mit Schönheit wie der alte Rosenstock im großen Garten daheim, wenn seine bis auf den Boden hangenden Zweige alle die tausend weißen Knospen und Blüten trugen. Es gab ja freilich auch Leute, die angesichts so freudenreicher Herrlichkeit von der schönen »Trauerrose« sprechen konnten. Der Straußenwirt beobachtete als Geschäftsmann wie als guter Nürnberger mit schmunzelnder Freude seine begeisterten Gäste vom Niederrhein. Und als die Kommerzienrätin einmal bedauerte, daß in Nürnberg nicht mehr von Dürer zu sehen sei, hinterbrachte er solche Klage flugs dem Professor an der Polytechnischen Schule, Heideloff, dem Architekten, der seit Jahrzehnten um die Erhaltung und Wiederherstellung der Nürnberger Baudenkmale mit – oft nur allzu großem – Eifer und Erfolg sich mühte. Dieser liebenswürdige alte Herr beeilte sich, der Kommerzienrätin in ihrem Gasthof einen Besuch zu machen. Er schlug ihr vor, mit ihren Kindern ihn gelegentlich in seinem Arbeitszimmer aufzusuchen, wo er ihnen die wenigen Blätter von Dürer die er selber besitze, zeigen und alsdann sie gern zum alten Baron Holzschuher geleiten wolle, damit sie eines der schönsten Gemälde des Meisters zu sehen bekämen, das Bildnis des Hieronymus Holzschuher, das der Nachkomme hüte. Als sie der Einladung folgten, fanden sie Heideloff, trotz der Jahreszeit im Pelz, in einem Raum, dessen Wände von oben bis unten mit Ansichten und Plänen der von ihm wiederhergestellten Bauwerke bedeckt waren. Auch der Bamberger Dom war darunter. Nachdem er ihnen ein paar Arbeiten Dürers vorgelegt, begleitete er sie zu Holzschuher, seinem Antagonisten, wie er sagte. Denn der alte Baron, der ein Philosoph und übrigens ein namhafter Rechtsgelehrter sei, habe unlängst die Aufforderung, einem neugegründeten Adelsklub beizutreten, mit der Erklärung abgelehnt: »An einem baufälligen Hause baue ich nicht mehr mit,« während es seine, Heideloffs, Lebensaufgabe sei, gerade an baufälligen Häusern mitzubauen. In seiner altertümlichen und ein wenig kahlen Behausung wurden sie von Holzschuher aufs freundlichste empfangen, und bald standen sie ehrfürchtig vor Albrecht Dürers Meisterwerk, im Herzen staunend, wie sehr der lebende Holzschuher dem gemalten gleiche, in dessen Antlitz sich die Tüchtigkeit des vornehmen Bürgertums jener Zeit so lebendig widerspiegelte. – Als der alte Baron sie aber darauf aufmerksam machte, daß auf der Hornhaut des gemalten Auges das winzige Spiegelbild eines Fensterkreuzes zu sehen sei, mußte Frau Anna an das Stilleben des kleinen Preyer denken, das ihr Fritz ihr geschenkt hatte. Und sie ahnte, daß es sich bei derartig subtilen Genauigkeiten doch vielleicht um mehr als bloße technische Bravourstückchen handeln möge. Und im weitern Verlauf des Besuches verabredeten die beiden Antagonisten, daß, wer von ihnen zuerst in die »Bauhütte« komme – so heiße ein von Heideloff im Interesse der Erhaltung der alten Bauwerke gegründeter Verein – dem Baron Aufseß von dem Dürerhunger der Kommerzienrätin erzählen solle, den dieser vielleicht besser als sie beide zu stillen vermöchte. Aufseß habe soeben mit seiner eignen bedeutenden Sammlung von Altertümern ein Unternehmen begründet, das »Germanisches Museum« heißen und etwas ganz Einzigartiges werden solle. Da merkte Frau Anna, daß sie die Weiterreise wohl noch hinausschieben müsse. Und das hatte sie nicht zu bereuen. Die Dürerschen Kupferstiche und Holzschnitte, in Nürnberg genossen, wurden ihr zu einer Offenbarung deutscher Art und Kunst, an der sie zeitlebens zu zehren hatte. Mit dem Vermittler solcher Offenbarung, dem liebenswürdigen und bürgerlich schlichten Baron Aufseß, hatte sie freilich nur einmal ein längeres Gespräch, denn er war von der ersten Ausgestaltung seines Germanischen Museums über die Maßen in Anspruch genommen. Da hatte er ihr seine Überraschung ausgesprochen: Bisher hätte er immer den Eindruck gehabt, daß den Frauen das rechte Verständnis für Dürer versagt wäre, daß sie seine Art mehr als Widerspruch, denn als Ergänzung ihres eignen Wesens empfänden – jetzt sähe er ein, daß Dürer die Frauen und ihr Verständnis für ihn doch richtiger eingeschätzt hätte, wenn er des öftern ausgesprochen: sofern es im Himmel etwa keine Frauen gäbe, möchte er auch nicht hinein. – Dann hatte sich die Unterhaltung dem Germanischen Museum zugewendet und Frau Anna unerschrocken die Befürchtungen ausgesprochen, die die sehr weitgehenden Zukunftspläne des Barons ihr wachriefen und den Wunsch: daß doch an eigentlichen Kunstwerken nur wirklich heimatlos Gewordenes in jenes Museum aufgenommen werden möge, das andernfalls leicht eine Art Friedhof werden könne. Sie selber habe gerade in Nürnberg erfahren, wie lebendig das Kunstwerk an dem Ort bleibe, für den es geschaffen, und sie würde das wertvollste Bildwerk viel lieber an seinem Platz lassen, selbst wenn es dort nur von wenigen genossen würde, als daß sie es auch dem bestgeordneten Museum einverleibte, wo es schließlich doch nur eine Nummer und für das Volk begraben und verloren sei. Der freundliche Baron lieh Frau Anna auch seinen Rat, als sie von den Dürerschen Blättern einige in guten Abzügen zu erwerben wünschte. Und während sie eines davon, es war die »Melancholie« abends mit ihren Kindern eingehend betrachtete und besprach, damit sie lernten, daß die Liebe des Schaffenden, der auch das Kleinste nicht unwichtig gewesen, der gleichen Liebe des Genießenden wert sei, da bestätigte sich aus mancher Antwort wie aus mancher Frage der fröhliche Eindruck, daß auch den Kindern der Aufenthalt in Nürnberg guttue. Als aber dann die Zwillinge, denen die Großmutter daheim gelegentlich das Amulett des kleinen Achatschleifers gezeigt hatte, Dürers magisches Quadrat entdeckten und nachdem sie festgestellt, daß die Summe hier 34 laute, in arithmetische Versuche sich verlieren wollten, bemerkte der kleine Walther ganz weise, sie sollten das lieber unterlassen, sonst würden sie am Ende noch selber melancholisch. – Zuletzt warf die Mutter die Frage auf, was denn wohl das fröhlichste und tröstlichste auf dem schwermütigen Bilde sei. Und alle rieten lange hin und her, bis endlich Pina den Nagel auf den Kopf traf, indem sie sagte: das sei, daß aus dem Kränzlein der Grüblerin, indessen sie zu verzagen scheine, das Leben selber junge Triebe sprießen lasse. Endlich mußten sie aber doch weiterreisen. Für Ansbach und Augsburg blieb ohnehin nicht mehr viel Zeit, wenn sie leidlich pünktlich in München eintreffen wollten. Nein, überschlagen durften sie Ansbach schon Hausers, des Hundes, wegen nicht. Zwar war dessen Patenoheim, der rätselhafte und bedauernswerte Nürnberger Findling Kaspar Hauser schon seit zwanzig Jahren tot, gemordet, ob von eigner oder fremder Hand, das wußte man wohl nicht. Aber das erst vor kurzem veröffentlichte »Geheime Memoire«, darin der inzwischen verstorbene große Rechtsgelehrte Anselm Feuerbach kurz vor Hausers Tode der Königin Karoline von Bayern nachzuweisen versucht hatte, daß der Unglückliche in Wahrheit der badische Erbprinz sei – das hatte das Interesse für jenes arme Menschenrätsel allenthalben neu belebt, und hier und da wagte schon einer die Ansicht, daß der Hauser ein durchtriebener Strick gewesen und schließlich durch das Sensationsbedürfnis und die Leichtgläubigkeit müßiger Leute zum betrogenen Betrüger geworden sei. Übrigens fühlte Frau Anna mehr als von Hausers Grab von der Architektur der alten Markgrafenstadt sich angezogen, von der der freundliche Professor Heideloff ihr gesagt hatte, daß sie gerade zwischen Nürnberg und München besonders sehenswert sei. Auch daß er selber vor zwanzig Jahren in der dortigen Orangerie als Freskomaler sich versucht, hatte sie neugierig gemacht.– Als sie nach zwei Tagen im Torweg des Gasthofs zum Stern zu Ansbach vom Wirt sich verabschiedeten, um nach Augsburg weiterzureisen, betrat, von fünf Hunden begleitet, eine alte Dame eben diesen Torweg. Und der Wirt, bevor er sich zum Empfang der neuen Gäste anschickte, raunte ihnen noch zu, das sei die Gräfin Platen, die Mutter des Dichters, die in einem nahen Landstädtchen hause. Etwas länger hielten die Reisenden in Augsburg sich auf, aber wenn Frau Anna später an diese Tage zurückdachte, fand sie, daß ihre Erinnerung daran verblaßt war wie die alten Malereien an den Augsburger Häusern. Nur wenige Eindrücke waren ihr geblieben: das Kontor der Welser – welch ein Unterschied zwischen dem Reichtum dieser Kaufleute und dem der niederrheinischen Industriellen! – ein spätabendlicher Spaziergang durch die alten Gassen bei Mondenschein und Brunnenrauschen, die Kastellanin im Rathaus, die vierzehn Kinder hatte und von Elias Holls Prachtsaal aus auf ein Kloster zeigend, gar nicht verstehen zu können versicherte, warum hübsche junge Mädchen freiwillig Nonnen würden, die grünen Kupferdächer und auf dem großen Brunnen der bronzene Kaiser Augustus, der, vielleicht weil sich sein Unterbau ein wenig verschoben hatte, nicht mehr gerade stand, sondern auf den Rücken zu fallen drohte und also mit seinem ausgestreckten Arm das äußerste Erstaunen darzustellen schien. Dann der Perlachturm mit seinem altrömischen Unterbau, von dem aus ihre Gedanken zur Wölfin über der eigenen Haustür gewandert waren, und am Dom die ehernen Türflügel Kaiser Heinrichs des Heiligen. Auch an den hellen und heißen kleinen Platz dachte sie noch oft, darauf sie mit ihren Kindern in der glühenden Mittagssonne gestanden und ihnen erzählt hatte, wie einst hier unter den offenen Saalfenstern die evangelischen Reiter gehalten und, auf den Sattel gebückt, die Hauptpunkte des Bekenntnisses aufgeschrieben hätten, das drinnen im Saal der sächsische Kanzler Brück verlas, indessen Karl der Fünfte ein wenig einnickte ... Der stärkste Eindruck aber blieb ihr doch die Fuggerei, dieses Städtchen neben der Stadt, an dessen stillen Straßen die Wand an Wand gebauten gelben Häuschen nun schon seit drei Jahrhunderten gegen ganz geringe Miete vielen Tausenden von Familien ein Heim geboten hatten. Und sie dachte noch oft, daß doch keinem Kaiser je ein schöneres Denkmal errichtet worden sei, als es Jakob Fugger, der Reiche, sich selber gesetzt hatte, in diesem freundlichen Asyl der Armut, das so gar nicht armenhausmäßig wirkte. Als aber ihr Fritz nach zehn Jahren anfing, für seine Fabrikarbeiter kleine Einfamilienhäuser zu bauen, kam es ihr nicht zum Bewußtsein, daß dies eine mittelbare Wirkung jenes Eindrucks war. Am letzten Augsburger Abend erzählte ihnen ihr Wirt von dem berühmtesten Gast der »Drei Mohren«, dem ersten Napoleon, den nach den Tagen von Ulm das alte Fuggerhaus beherbergt. Der hätte den Magistrat der freien Reichsstadt ziemlich ungnädig begrüßt: »Ihr habt ja ein heilloses Pflaster. Es ist Zeit, daß ich euch einen Monarchen gebe, der für ein besseres sorge.« Und alsbald wäre Augsburg dem Königreich Bayern einverleibt worden. Gut zwanzig Jahre später aber hätte der Neffe des Korsen, der gegenwärtige Kaiser der Franzosen, als Schüler des altehrwürdigen Sankt-Anna-Gymnasiums in Augsburg deutsche Bildung sich geholt. Zwischen Augsburg und München sah Frau Anna an den hohlwangigen Torfgräberkindern, die an den kleinen Stationen aus hungrigen Augen auf den Zug starrten, daß es in Deutschland auch außerhalb der Fabriken Kinderelend gab. Der alte Weber, Totengräber und Stundenhalter, dessen Tod sein Schwiegersohn Götze nach Boll gemeldet hatte, war nicht lange krank, aber sein Sterben war schwer gewesen. Der so vielen die letzte Wohnung bereitet, hatte keine Angst vor dem Tode, aber vor dem Sterben hatte er Angst. Gewiß, schon in gesunden Tagen pflegte er, und vollkommen ehrlich, mit dem Apostel zu seufzen, er hätte Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre. Aber wie sicher er auch der Treue seines Erlösers, der Gnade seines Gottes und der ewigen Seligkeit war – es gab doch so manches, was ihm das Sterben erschwerte, lange bevor der kurze letzte Kampf einsetzte. Da war zuerst ein Erlebnis, von dem nur Doktor Latschert noch wußte, und hier konnte auch nur der ihm helfen. Es lag viele Jahre zurück und war am Spätnachmittag eines Dienstags nach Pfingsten gewesen, daß man die zwanzigjährige Lisbeth Aldendrop begraben hatte, die seit ihrer Kindheit vom Veitstanz übel geplagt, wenn sie nicht gar, was manche annahmen, eine richtige Besessene gewesen war. Denn daß ihre Großmutter Karten gelegt, das Vieh besprochen und auch noch andere Werke der Finsternis getrieben, das war doch männiglich bekannt. – Als nun die wenigen Leidtragenden ihr Schäufelchen Erde auf den Sarg geworfen und den Friedhof verlassen hatten, war Herr Schlüpjes seiner Pflicht gemäß an die Grube getreten, um sie vollends mit Erde zu füllen und den Hügel aufzuführen. Da hatte er von da unten her etwas gehört, er konnte nicht sagen was, aber getäuscht haben konnte er sich auch nicht, denn es hatte sich ein paarmal wiederholt ... Spornstreichs war er zum Doktor Latschert gelaufen und dann hatten beide den seligen Jonathan Jansen, den Schreinermeister abgeholt, und in der ersten Dämmerung des Frühsommerabends zu dritt den Sarg geöffnet. Sie hatten die Tote auch wirklich und unzweifelhaft tot befunden, aber die Hände waren ihr nicht über der Brust gefaltet, sondern die Rechte lag auf dem Antlitz und die Linke unterhalb des Halses. Doktor Latschert hatte gemeint, daß solche Unordnung wohl beim Hinablassen oder Wiederheraufziehen des Sarges entstanden sein könnte, aber er, Schlüpjes, war andrer Ansicht gewesen. Die Wahrheit war, wie so oft im Leben, Gottes Geheimnis geblieben. – Und dann hatten die drei Männer einander versprochen und gelobt, niemand von der Sache zu sagen, damit kein Geschwätz und Beunruhigung entstehe, auch untereinander wollten sie nicht mehr davon sprechen. Hierzu nun hatte Herr Schlüpjes sich jetzt doch entschließen müssen. Der freundliche Doktor hatte ihn dann auch beruhigt: die arme Lisbeth Aldendrop wäre ganz sicher nicht scheintot gewesen, und was ihn, Schlüpjes, beträfe, so verspräche er ihm und gäbe ihm die Hand darauf, daß, sofern er wirklich sterben müßte, alle ärztliche Kunst und Wissenschaft aufgeboten werden sollte, um ihn vor lebendiger Einsargung zu bewahren. Und dann hatten sie die Einzelheiten besprochen und vereinbart, so daß Herr Schlüpjes hierüber zuletzt ganz ruhig geworden war. Schwerer war dem Zweiten beizukommen gewesen, was ihm Angst machte. Das war Satanas, der Erzfeind, der ihm in seinem langen Leben so oft und hart zugesetzt hatte. Wohl war an vielen der mehr als dreitausend Gräber, die er gegraben, das Lied von den »Liljen jener Freuden« gesungen worden mit den tröstlichen Worten »Du kannst durch die Todestüren träumend führen«, aber zwischen dem Können und dem Tun hatte Gott doch in jedem einzelnen Fall die freie und unerforschliche Wahl. Wohl würde Sein Stecken und Stab ihn trösten, sobald er wandelte im finstern Tal. Aber vor dem Eingang dieses Tales konnte recht gut der alte böse Feind sitzen und ihm auflauern zu einem letzten, entsetzlichen Kampf ... Und so oft Herr Schlüpjes die Augen zumachte, sah er ihn wirklich dasitzen. Nicht deutlich zwar, aber doch erkennbar – wer hätte es auch sonst sein können! Solange er noch beten konnte, brauchte er jenen ja nicht zu fürchten, aber was sollte dann werden? »Es kann mir nichts geschehen, als was Er hat ersehen,« sagte er sich dann wohl vor – aber trotzdem – so gerade auf der Schwelle konnte ihn jener doch vielleicht noch ganz greulich erschrecken ... Immer wieder mußte er an den langen Todeskampf seines Schwiegervaters, des alten Vits Köpke, denken, der zugleich Pferd und Wagen und Postillion seiner »Privatcourierpost« gewesen war. Das war so schrecklich anzusehen gewesen, wie der gute Alte, statt in Fried und Freud dahinzufahren oder unsichtbaren Schrittes gemächlich dem himmlischen Jerusalem zuzustreben, stundenlang keuchte und strampelte und von Aachen und Elberfeld, Köln und Düsseldorf als seinen Reisezielen phantasierte. Und wie hatten ihn dabei noch die Schrecken der Landstraße geängstigt, Gewitter und vorzeitige Dunkelheit, Beinbrüche und Strolche und Irrlichter ... Wie weit lag auch das schon wieder zurück! Wie rasch war er selber ein alter Mann geworden, der sich zum Sterben rüstete. Würde auch er in seinen letzten Stunden so geängstigt werden? Gewiß würde Willemken ihm dann helfen können, der ja kommen wollte, und dem Gottes Gnade ja inzwischen auch das Letzte und Größte noch geschenkt. Ach, unter viel Angst und Reue, Kampf und Demütigung, beides, für Willemken selbst und für die, die ihn liebhatten. Das war auch solch ein dunkles Tal gewesen, durch das der arme Junge hatte gehen müssen, begleitet freilich von den unablässigen Gebeten seines Großvaters. Jedesmal wenn die Gedanken des Sterbenden soweit gekommen waren, vergaß er der eigenen Angst und seine schmalen Lippen lächelten sieghaft in der Erinnerung daran, wie hart er damals mit Gott gerungen hatte. – Das, was er Willemkens Wiedergeburt nannte, war aber solchergestalt zugegangen. Im März vorigen Jahres war eines Tages gegen Abend ein fremdes Mädchen zagen Schrittes die hohe Treppe zum Wolfschen Hause hinaufgestiegen und hatte, ohne daß die verweinten Augen die römische Wölfin beachtet hätten, die Glocke gezogen. Es war die rotblonde Inge, die Pastorentochter aus Jütland, die einen Brief von Willemken überbrachte. Darin stand mit vielen und großen Worten ein demütiges Schuldbekenntnis, aber zwischen den Zeilen auch mancherlei Hoffart und Selbstsucht und Unvernunft, und am Schluß hieß es, daß er jetzt nach Amerika wolle, wo leicht eine Pfarre zu finden und ein neues Leben zu beginnen sein werde. Dann wolle er Inge und das Kindlein nachkommen lassen. Bis dahin aber möchte Frau Maria Magdalena um Gottes willen für seine arme Braut sorgen, die ihr Elternhaus nicht wieder betreten dürfe und, wie vor Zeiten die Mutter des Herrn, nicht wisse, wo sie ihr Kindlein gebären solle. Gewiß würde Fliedner in Kaiserswerth mit sich reden lassen, wo sich für Inge, die er übrigens nicht von jeder Mitschuld freisprechen könne, leicht auch eine vorläufige Arbeit finden werde ... Der Brief hatte ziemlich viel Aufregung verursacht und in Frau Maria Magdalenas Herzen war ein Altärchen zusammengebrochen. Aber in allen den Beratungen, bei Wolfs sowohl wie im blaugetünchten Weberhäuschen draußen am Friedhof, hatte doch niemand etwas Besseres zu tun oder vorzuschlagen gewußt, als Frau Anna, die Kommerzienrätin. Man müsse der Reise nach Amerika durch Versagen jeglicher Beihilfe ein Riegelchen vorschieben, den Brief unverzüglich an Wichern schicken, der ja vielleicht noch seines Gehilfen Helfer werden könne, und die kleine Inge hier behalten. Und so war man dann auch verfahren. Frau Anna hatte eine längere Aussprache mit ihrer energischen Stieftochter Pina, woraufhin diese sich mit der kleinen Inge im Gartenhaus ansiedelte. Daß dort schon einmal ein fremdes Fräulein gehaust, wußten beide nicht. Was Wichern und Willemken miteinander verhandelt und wie jeder zum Herzen des andern den Weg gefunden, war nicht bekannt geworden. Aber Willemken hatte noch vor Weihnachten seine rotblonde Inge und ihr Töchterchen zu sich ins Rauhe Haus geholt, nachdem Pastor Kranevoß im blaugetünchten Weberhäuschen, das er zum ersten- und letztenmal betrat, an einem und demselben Nachmittag vor wenigen Zeugen zwei heilige Handlungen vollzogen hatte, zwischen denen meist mehrere Jahreszeiten wechseln. Von Amerika war so wenig mehr die Rede gewesen wie von der Gründung und Leitung eigener charitativer Unternehmungen oder einer Hofpredigerstelle. Einmal hatte Wichern in einem seiner wenigen und kurzen Briefe an Frau Maria Magdalena geschrieben, sein Gehilfe scheine jetzt keine Wünsche für die Zukunft mehr zu haben, als den einen, ein Christ zu werden, und das erhabenste Geheimnis Gottes, die Wiedergeburt, sei in ihm am Werke ... Das war mit etwas andern Worten derselbe Eindruck, den auch Frau Anna von einer Reise nach Hamburg mitbrachte. Nur das Wort von der Mitschuld der kleinen Inge konnte sie Willemken noch nicht ganz vergeben. – Der Großvater aber hatte Gott auf den Knieen gedankt, daß Tholucks Abschiedswunsch und seine eigenen Gebete erhört worden waren. – Leider hatte der letzte Wunsch des Sterbenden unerfüllt bleiben sollen: Wichern war erkrankt und Willemken konnte nicht kommen. Der Alte hatte alsbald angefangen, sich zu trösten: gewiß wolle Gott ihm zeigen, daß um Jesu Willen auch die engsten irdischen Bande gelöst werden müßten und daß er sich nicht zu guter Letzt noch auf Menschen verlassen solle. Gewiß würde Er nun auch um so herrlicher ihm helfen. – Aber da es jetzt auf nichts mehr zu warten hatte, war das Restchen Lebenskraft rasch in sich zusammengefallen. Nach ein paar Tagen war das Ende gekommen – wie er sich's immer gewünscht hatte: Mittags und so, daß ihm die liebe Sonne aufs Bett schien. Nur seine Frau und die hübsche Billa waren zugegen gewesen ... Nebenan in Willemkens und Michels einstiger Kammer hatten die ihm Nächststehenden von den Freunden der Wahrheit leise für ihn gebetet, in den beiden untern Zimmern viele von den andern. Der Kampf war ganz kurz gewesen. Er hatte – anscheinend ohne Bewußtsein – ziemlich viel gesprochen, aber sie hatten nur einzelne Wörter verstanden. Einmal hatte es wie Lisbeth Alden geklungen, aber da mußten sie sich wohl verhört haben, denn es gab keine Lisbeth Alden und Lisbeth Aldendrop war schon an die zwanzig Jahre oder länger tot und hatte seinem Kreis ganz fern gestanden. Dann hatte er aufgeschrieen: »Satanas! Satanas!« und den Arm mit der geballten Faust emporgereckt, daß die hübsche Billa ganz blaß geworden war und laut zu weinen angefangen hatte. Aber alsbald war ein Leuchten auf seinem Angesicht erschienen und die schmalen Lippen hatten ganz sieghaft gelächelt... Die Sonne war weitergegangen, das Leuchten aber und das Lächeln, die waren stehen geblieben ... Dann hatte Doktor Latschert an ihm getan, wie er versprochen. Später hatten sie ihn aufgebahrt in der Stube, darin er den Freunden so oft den Weg der Wahrheit gewiesen, und seine Frau hatte den Spiegel umgedreht und auf die halbrunde Pappschachtel mit den Bibelsprüchen ein Räucherkerzchen gestellt. Und dann war ein Kommen und Gehen gewesen von den Stillen im Lande ringsum, die alle von dem teuren Mann einen letzten Abschied hatten nehmen wollen. – Die Kommerzienrätin und ihre Kinder aber, wenn sie ihn hätten sehen können, mit dem entspannten Antlitz und den durch das Leinentuch sich abzeichnenden Umrissen des zusammengeschrumpften Körpers – sie hätten ihn nicht mit der großen und strengen Sibylle des Bamberger Domes verglichen, sondern mit einem jener holzgeschnitzten Apostelchen in den fränkischen Dorfkirchen. – Und nach drei Tagen hatte man ihn den Weg getragen, den niemand so oft gegangen war wie er. Das war dem Minister des Innern Karl von Abel an seiner protestantischen Wiege im Schatten des Reichskammergerichts zu Wetzlar 1788 nicht gesungen worden, daß er einst in Bayern mit Konvertiteneifer die Evangelischen bis zur Kniebeuge vor der Fronleichnamsprozession drangsalieren und endlich und plötzlich mit einer hübschen Tänzerin aus dem Glanz der Allmächtigkeit in den Schatten des Ruhestandes fliegen werde. Denn wenn Ludwig der Erste als König sich auch die liberalen Ansichten seiner jungen Jahre auf politischem Gebiet ohne sonderliche Mühe abgewöhnen ließ: wie den eignen Versen, so hielt er auch der holden Weiblichkeit die liberalste Treue und insbesondere in seine Beziehungen zur Lola Montez durfte ihm weder der freundwillige Vetter und Schwager zu Berlin, noch der bewährteste seiner Minister hineinreden. Und nicht nur seines Herzens, auch seiner Muse hatte diese »Tochter Babels« (wie die ultramontane Presse sie nannte) sich bemächtigt und der königliche Dichter reimte: Heitern Sinnes, froh und helle, lebend in der Anmut hin, schlank und zart wie die Gazelle bist du, Andalusierin. Mochte es sich nun bei diesen beiden Beheimatungen der Dame auch um weitgehende dichterische Freiheiten handeln – helle war die Lola gewiß, die als Tochter eines englischen Offiziers in Schottland das Licht der Welt erblickt, als Offiziersfrau in einer indischen Garnison beträchtlich über die Stränge geschlagen und endlich durch Spanien und Frankreich über Berlin nach München sich durchgetanzt. Daß er der Vielgeliebten schon so bald ein Gleiches antun werde, ahnte der König wohl nicht, als er dem Gesamtministerium, das unter Abels Führung ihretwegen in einer plumpen und anmaßenden Denkschrift ihn abkanzelte, 1847 den Laufpaß gab, und noch weniger, daß in weiterer Wirkung seiner Verliebtheit er selber sich bald emeritieren werde, mit der nicht nur im Blick auf seinen Sohn ein wenig unhöflichen Versicherung: er sei nun der letzte König gewesen. Der Königlich Preußische Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Wolf aber, als er mit den Seinen im Spätsommer 1853 im Bayerischen Hof am Promenadeplatz zu München sich einquartierte, fühlte sich geneigt, dem Exkönig und dem Exminister zu danken, daß sie, in verständiger Würdigung der Bedürfnisse einer Königlichen Haupt- und Residenzstadt, noch selbander aus den frommen Meßgeldern von Altötting einen so guten Gasthof erbaut hatten. Mit Interesse hatte der Kommerzienrat sich dem Studium der Vorschriften einer hohen Polizeidirektion hingegeben, die in seinem Zimmer hingen, und ihre Aufforderung, innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden nach seinem Eintreffen die Aufenthaltsbewilligung einzuholen, gewissenhaft beherzigt. Dabei hatte er dann freilich erfahren, daß auch im gemütlichen München mit der Polizei nicht zu spaßen ist. Denn während der dicke und schwitzende Beamte, die Pfeife im Munde und Maßkrug und Schnupftabaksdose in bequemer Nähe, ihn schreibend inquirierte, indessen er seinerseits erwog, ob es technisch möglich sei, daß jener den Waffenrock gänzlich zuknöpfe, ließ der Kommerzienrat durch das heitere Behagen des Augenblicks sich zu der Bitte verführen, jener möge ihm doch auch die erforderlichen »Polizeizeichen« alsbald mit aushändigen. Der Dicke sah ihn über den Rand der Hornbrille hinweg fragend an: wie viele Hunde der Herr denn mitgebracht habe? – »Keine.« – Ja, dann brauche er doch auch keine Polizeizeichen. Aber der Kommerzienrat bestand darauf: die polizeiliche Vorschrift, die im Bayerischen Hof hange, laute klipp und klar: »Hunde ohne Polizeizeichen dürfen nicht frei herumlaufen. Auch der Fremde muß ein solches lösen. « Darüber könne er sich nicht so ohne weiteres hinwegsetzen, sintemal er von Jugend auf gewohnt sei, einer hohen Obrigkeit zu gehorsamen ... Da ward der Dicke wild, und der Kommerzienrat, indem er sich mit der Miene gekränkter Unschuld zurückzog, hörte hier zum erstenmal aus Autochthonenmund das Wort »frozzeln«, das sein Bruder längst in seinen Sprachschatz aufgenommen hatte. Wie Frau Maria Magdalena so hatte auch ihr Liebling Johannes entschieden sich verjüngt, und wenn er auch behauptete, die frische Gesichtsfarbe sei nur eine rasch vergehende Wirkung der sechs Sommerwochen, die er mit den Seinen soeben in Tegernsee verlebt, so wußte seine Mutter doch, wem nächst Gott am meisten sie für sein Wohlbefinden zu danken habe. Und sie begegnete ihrer jungen Schwiegertochter mit einer so großen Herzlichkeit, wie Frau Anna sie nie erfahren oder auch nur für möglich gehalten hatte. Sie schien sogar ganz zu übersehen, daß Mirl dem Ideal einer niederrheinischen Hausfrau keineswegs nahe war, ja anscheinend ihm nicht einmal nachstrebte, sondern Wohnung und Hauswesen, wenn auch ohne grobe Nachlässigkeit, so doch reichlich genial behandelte. Freilich war sie dafür ihren vier Kindern eine um so herzlichere Mutter, wie sie auch für Mann und Gäste immer Zeit zu haben schien. Johannes betrieb seit einigen Jahren eine kleine chemische Fabrik, die hauptsächlich, wenn auch nicht künstliches Brot, so doch künstliche Brotvermehrung: Kunstdünger, herstellte. Der Entschluß, von einer wissenschaftlichen Tätigkeit zu einer praktischen überzugehen, war ihm nicht leicht gefallen. Vielleicht hatte ihm der Traum dabei ein wenig geholfen, den er, obwohl er sonst von Träumen selten sich behelligt und noch seltener sich versucht fühlte, ihnen irgendwelche Bedeutung zuzumessen, doch seiner Mutter geschrieben hatte: ihm habe geträumt, er sei, sehr gegen seine Gewohnheit, eines Abends allein auf einen Keller gegangen – so nenne man in München die großen und vielbesuchten Biergärten –, habe sich »seine Maß« bestellt, vor lauter Erwägen und Sorgen aber den köstlichen Trank kaum berührt. Plötzlich habe er ganz laut seinen Namen rufen hören. Er habe sich umgesehen, an allen Tischen aber nur unbekannte und gleichgültig-fröhliche Gesichter erblickt. Das habe sich noch zweimal wiederholt. Als er aber nach dem dritten Male sich ein Herz gefaßt und ganz laut geantwortet habe: »Hier bin ich!« – da habe eine ihm fremde freundliche Stimme gerufen: »Johannes Wolf, laß dir dein Bier schmecken!« – Die Mutter hatte geantwortet: Gewiß habe ihm Gott bedeuten wollen, alle seine Sorgen auf Ihn zu werfen und Ihm auch die Entscheidung anheimzustellen. – Aber schließlich waren es doch wohl sehr irdische Gedanken über die Zukunft seiner Kinder gewesen, die sich mit dem gefunden, vom Vater ererbten Erwerbssinn verbanden, und ganz sachliche Erwägungen, die den Ausschlag gegeben hatten. Durch Liebig, dem er schon in Gießen freundschaftlich nahegestanden, hatte Johannes einige gesellschaftliche Beziehungen zu »Neumünchen«, dem Kreis der aus Norddeutschland berufenen Gelehrten und Künstler gewonnen, während seine Frau ihn mit etlichen einheimischen Familien verband. Freilich weilten die meisten seiner Freunde und Bekannten noch auf dem Land, aber wenn Pina, wie es vorgesehen war, ein volles Jahr bei ihnen bliebe, sollte sie im Winter manchen anziehenden und wertvollen Menschen kennen lernen. Allerdings: auf eine rheinisch-behagliche Geselligkeit und rheinisch-warme Gastlichkeit dürfe sie sich keine Hoffnung machen, denn der Münchner sei ganz und gar ungastlich und beschränke seine geselligen Verpflichtungen und Vergnügungen nach Möglichkeit auf Keller und Kaffeehaus. Sehe er aber ja einmal Gäste bei sich, so stelle er diesen sein Dienstmädchen und allenfalls seine Beratung zur Verfügung, damit sie sich auf ihre Kosten aus der nächsten Wirtschaft eine Maß und etwa noch Kalbshaxen oder Knödel holen lassen könnten. Und die »Berufenen« seien, von wenigen Ausnahmen abgesehen, schon aus finanziellen Gründen ziemlich exklusiv. Aber Theater und Konzerte sollte Pina nach Herzenslust besuchen dürfen und dann würden auch im nächsten Winter während der Fastenzeit in Liebigs Hörsaal wieder eine Reihe allgemein interessierender Abendvorträge gehalten werden, sowohl von den »Berufenen«, wie von einheimischen Gelehrten. Davon wollten sie wenn möglich keinen versäumen und hoffen, daß die gütige Frau von Liebig nach den Vorträgen dann auch sie zu einer Tasse Tee miteinladen würde. Denn bei Liebigs herrsche eine schrankenlose Gastlichkeit, die oft genug auch Nichteingeladene, ja dem Hausherrn und der Hausfrau völlig Unbekannte ganz naiv mitgenössen, sogar wenn es sich keineswegs um eine Tasse Tee, sondern ein opulentes Mittag- oder Abendmahl handle. – Vorläufig bot ja die Stadt als solche schon genug, diese vielwinkelige alte deutsche Mönchs- und Herzogsstadt, in der die Bauformen der Spätrenaissance behaglich mit den bäuerlichen und bürgerlichen der Alpennester sich verbunden hatten, und die nun sich anschickte, mit langen, geraden Straßenzügen die vielen italienischen und griechischen Bauten an sich heranzuziehen, die plötzlich jenseits der städtischen Wiesen aus dem kiesigen Boden hervorgewachsen waren. Und dann wollte man auch noch eine Fahrt in die Berge unternehmen. Denn die hatten schon von weitem unerhörte Wunder verheißen, als man am zweiten Tag gegen Abend über eine der Isarbrücken ging, deren Eichenbalken schwarz vor Alter waren. An einem der nächsten Vormittage, als man die alte Pinakothek besichtigt, wobei der Kommerzienrat seiner Tochter weiszumachen versuchte, sie verdanke ihren Namen diesem schönen Bauwerk, zu dem am Tage ihrer Geburt der Grundstein gelegt worden, konnte Johannes, während man sich bei Tambosi unter den Arkaden des Hofgartens durch eine Tasse Schokolade stärkte, seinen Gästen die beiden Könige zeigen. Frau Anna hatte sich gerade dafür eingesetzt, daß die soeben bewunderten Bilder doch eigentlich wieder nach Düsseldorf zurückgegeben werden müßten, da die Franzosen, vor denen man sie hatte flüchten wollen ja längst verjagt wären, als Johannes sie bat, so gefährliche Reden zu unterlassen, denn die beiden alten Herren, die da soeben in eifrigem Gespräch schräg durch den Hofgarten schritten, wären der König Ludwig und sein genialer Hofbauintendant von Klenze, der Schöpfer der Alten Pinakothek, der herrlichen, in ionischem Stil gehaltenen Glypthothek, die man morgen besuchen wolle – übrigens der ersten, dem Publikum zugänglichen Kunstsammlung in Deutschland – und mancher andern schönen Bauten. Wenn der König wirklich, wie es heiße, persönlich nichts von Kunst verstehe, so müsse man ihm, dessen Wesenskern eine ja auch auf andern Gebieten betätigte Begeisterung sei, doch lassen, daß er für die Kunst außerordentlich viel getan habe. – Es scheine also doch wahr zu sein, daß Klenze die Gunst des Königs wiedergewonnen, der inzwischen manches Bauwerk durch andere Architekten habe herstellen lassen: so das schöne korinthische Kunstausstellungsgebäude am Königsplatz durch Ziebland, den Schöpfer der Bonifaziuskirche, die sie noch sehen würden, und die soeben fertig gewordene, aber leider noch nicht eröffnete Neue Pinakothek, durch Voit, den begabten Schüler Gärtners. Von Gärtner selber sei übrigens die wundervolle Hof- und Staatsbibliothek, die sie einmal gegen Sonnenuntergang aufsuchen wollten. Dann glühe das rötliche Gestein, hinter dem, nebenbei bemerkt, Schätze vereint seien, wie sie nicht viele Büchersammlungen aufzuweisen hätten, von einem warmen innern Leben, was dem ernsten, vornehmen Bau etwas unbeschreiblich Liebenswürdiges, ja er möchte wohl sagen: etwas Gütiges und Tröstliches und Überirdisches verleihe. Um aber auf den König und Klenze zurückzukommen, so sprächen die beiden jetzt gewiß über den geplanten strengen Abschluß des Königsplatzes. Dort solle nämlich eine Art Triumphbogen dorischen Stils erbaut werden, der nach der Vorhalle, die in Athen den Eingang zur Akropolis bilde, »die Propyläen« heißen werde. Gelange dieser Plan zur Ausführung, so werde der Königsplatz an edler Schönheit nicht zu übertreffen sein. Frau Anna erlaubte sich die Frage, wann und wo denn die bayerische Armee so gewaltige Triumphe davongetragen, daß das prachtvolle Siegestor von Gärtner, das sie vorhin durchschritten, allein zu ihrer Verherrlichung nicht ausreiche. Sie müsse gestehen: seit sie gestern auf dem Obelisken die Inschrift gelesen, daß auch die dreißigtausend Bayern, die Napoleon in Rußland gelassen, für ihres Vaterlandes Befreiung gestorben wären, was ihrer Ansicht nach trotz der schönen Erzbuchstaben eine Erzlüge sei – seitdem sei sie ein wenig skeptisch gegen monumentale königlich bayerische Geschichtschreibung, womit sie übrigens keineswegs gesagt haben wolle, daß in Berlin alles Gold sei, was glänze. Um so mehr aber wolle sie hoffen, daß die Bayern im nächsten Krieg sich den Siegeskranz der neuen ehernen Bavaria verdienen möchten, durch deren Augenlöcher sie gestern über die Theresienwiese auf die Stadt geblickt und von der sie in Foersters Reisehandbuch gelesen, daß die Menschheit seit dem Koloß von Rhodos ein so gewaltiges Werk dieser Art nicht hervorgebracht hätte. Sie denke aber, daß Bandels Hermannsdenkmal im Teutoburger Walde eine noch stärkere und besonders eine viel weitere Wirkung haben werde. Bei dem vorhin geäußerten Wunsch setze sie natürlich voraus, daß jener nächste Krieg nicht etwa gegen Preußen gehe, denn dann gönne sie den Bayern den Siegeskranz freilich nicht. Da nun mußte Johannes seine Schwägerin schon wieder lächelnd zu einiger Vorsicht ermahnen, denn die beiden Herren, die dort anscheinend dem Englischen Garten zustrebten, wären der regierende König Maximilian II. und sein leitender Staatsmann, der Minister von der Pfordten. Was aber das Hermannsdenkmal betreffe, so glaube er an dessen Vollendung nicht mehr, die finanziellen Schwierigkeiten seien zu groß, zumal Herrn von Bandel in Hannover, der übrigens Bayer sei, kein König zur Seite stehe. Allerdings seien die acht Jahre, die Miller an der Bavaria gearbeitet, auch nicht gerade arm an Schwierigkeiten gewesen, und nach dem Thronverzicht des Königs solle er sein eigenes Vermögen gewagt haben, um die Arbeit nicht unterbrechen zu müssen. Es sei übrigens ganz erstaunlich, wie diese Münchner Erzgießerei da draußen in den Neuhauser Feldern sich entwickelt, seit Stiglmayer Anno zweiundzwanzig als erstes Stück im Auftrag der Königin Karoline das Relief für das Grabmal der beiden Wilden gegossen. Pina wollte wissen, was das für »Wilde« gewesen wären, und prompt erklärte der Oheim: »Isabella vom Stamme der Maranhas und Johannes vom Stamme der Juris«, zwei Kinder, die Martius von seiner wissenschaftlichen Reise durch Brasilien mitgebracht, die aber das Münchner Klima nicht lange ausgehalten. Leider sei der treffliche Stiglmayer früh hoffnungslos erkrankt und vor neun Jahren gestorben, wenige Minuten nach Eintreffen der Freudenbotschaft, daß seinem Neffen und erklärten Nachfolger Miller der erste selbständige Guß – das Standbild Goethes, das sie ja in Frankfurt bewundert hätten, – aufs beste gelungen sei. Seitdem habe Miller neben der Bavaria noch manches schöne Werk geschaffen, auch vor zwei Jahren in London für einen der Löwen des Viergespanns auf dem Siegestor den ersten Preis erhalten. Besagter Löwe sei übrigens auf der Heimreise nach München zwischen Düsseldorf und Köln im Eis stecken geblieben, wie denn überhaupt die Beförderung solcher ehernen Kolosse zuweilen ganz abenteuerliche Schwierigkeiten mache. Er, Johannes habe die von sechzehn gewaltigen Hengsten auf eigens erbautem Wagen gezogene Kiste gesehen, die ein für Amerika bestimmtes Reiterstandbild George Washingtons enthalten habe. Die sei wie ein kleines Haus und zwischen München und dem Main manches Stadttor ihr zu eng gewesen, also daß zuweilen eine Stadt auf rasch erbauter besonderer Straße habe umfahren werden müssen. – Ob König Max beliebt sei, fragte der Kommerzienrat. Ja, meinte Johannes, das könne man doch wohl sagen, wenn auch nicht in dem Maße, wie sein Großvater Max Joseph. Dem habe gleich 1799, als er in Nachfolge des, man könne zwar nicht behaupten: kinderlosen, aber doch erbfähiger Kinder entratenden Kurfürsten Karl Theodor festlich in München eingezogen, der riesige Kalteneggerbräu vom Karmelitergassl die derbe Rechte in die Staatskarosse gestreckt und freudetrunken gerufen: »No, Maxl, weilst nur do bist!« Und dieser erste Gruß des oberbayerischen Volkes an die neue Zweibrücken-Birkenfelder Linie des alten Hauses Wittelsbach sei offenbar von guter Vorbedeutung gewesen. Unter den Altbayern verdenke dem gegenwärtigen König zwar mancher, daß er so viele Preußen nach München ziehe, aber im großen ganzen gehöre ihm die Liebe seines Volkes und er verdiene sie auch. Es sei nur zu wünschen, daß sein ehrliches Bekenntnis: »Wir wollen Deutsche sein und Bayern bleiben« Gemeingut werde, was aber noch gute Wege habe. – Daß der König wie sein Vater sich angelegen sein lasse, womit schon sein Großvater begonnen: hervorragende Männer anderer deutscher Stämme zahlreich nach München zu ziehen, dafür würden die Bayern und besonders die Münchener noch einmal danken lernen, wenn sie jetzt auch zuweilen murrten. Denn es sei nun doch so, daß ohne diese Wittelsbacher und die von ihnen ins Land gerufenen Fremden München heute noch das dumpfe, stumpfe Nest wäre, das es um 1800 gewesen sein müsse. Wenn König Max nun ja auf die Rechte seines Landes und auf die Rechte seiner Krone mit einiger Empfindlichkeit bedacht sei, so solle er doch persönlich von großer Bescheidenheit, aller Schmeichelei ganz unzugänglich und dazu ein wirklich guter Mensch sein. »Das ist viel für einen König!« warf Frau Anna ein – »übrigens sieht dieser aus wie ein Lord« – und Johannes fuhr fort: Maximilian II., dessen Vorbild Mark Aurel sei, verdanke seinem Berliner Lehrer Ranke ein starkes Interesse für Geschichte. Auch kennzeichne ihn ein lebhaftes Suchen nach Wahrheit. So habe er eine Vorliebe für geistliche Zwiegespräche und pflege solche sowohl mit seinen Professoren der katholischen Theologie Döllinger und Haneberg, wie auch mit dem protestantischen Seelsorger der Königin, dem Konsistorialrat Burger. Nebenbei bemerkt müsse dieser Döllinger ein über alle Begriffe gelehrter Herr sein, ein Kirchenhistoriker, aber auch ein Kirchenpolitiker ersten Ranges, der den Einfluß der Kurie beschränkt wissen wolle und anläßlich des Streites über die gemischten Ehen die Einführung der Ziviltrauung empfohlen habe. Leider sei er nicht nur jesuiten-, sondern auch protestentenfeindlich, wenn auch keineswegs im Sinn persönlicher Gehässigkeit oder auch nur Unfreundlichkeit. Ganz andersgeartet sei Haneberg: als Gelehrter in erster Linie Orientalist, als Geistlicher von einer warmen, überströmenden Frömmigkeit des Herzens, die jedem Eindruck mache, auch dem der Kirche Entfremdeten. – König Max habe sich vorgenommen, für die Wissenschaft in Bayern zu werden, was Ludwig I. für die Kunst gewesen, wie er denn auch selber von einem ungeheuren Lerntrieb besessen sei. Denn daß sein Herr Vater, von immer neuen Bauplänen erfüllt, ihn selbst für einen Prinzen allzuwenig habe lernen lassen, bedrücke ihn und er suche nachzuholen, was nur irgend sich nachholen lasse. Wobei ihm freilich sehr hinderlich sein möge, daß er fast beständig an Kopfschmerzen leide. Ob dieser königliche Lerntrieb auf die Münchner Bürgerschaft abfärbe oder etwa gar in den gutsituierten Kreisen Mode werde, erkundigte sich Frau Anna. Nein, ganz und gar nicht, sagte Johannes, erst kürzlich hätte ein Großbrauer, dessen Sohn vor Eintritt in das väterliche Gewerbe gern ein wenig zur Universität gegangen wäre, den klassischen Ausspruch getan: »Ach was! Studieren hält auf!« Übrigens sei das Gewerbe eines Großbrauers durchaus nicht ungefährlich, wovon der Herr Pschorr ein Lied zu singen wisse. Denn das Volk von München sei keineswegs gesonnen, sich sein Bier verschlechtern oder verteuern zu lassen, vielmehr solchen Versuchen gegenüber stets zu rascher und resoluter Selbsthilfe geneigt. Vor fünf Jahren, als der Preis für die Maß von vier Kreuzern auf fünf erhöht werden sollte, hätte die hierüber aufs äußerste erboste Menge kurzerhand die Großbrauereien gestürmt, und wenn Herr Pschorr, den man mit Recht oder Unrecht für den Vater jener Absicht gehalten, nicht rechtzeitig sich und seine Familie in Sicherheit gebracht hätte, möchte es ihm wohl ans Leben gegangen sein. So hätte man sich freilich begnügen müssen, ein paar seiner Leute zu mißhandeln, seinen Hausrat zu demolieren und sein Bier auslaufen zu lassen. – Ein hübscheres Geschichtchen werde vom ersten »Bierkrawall« Anno vierundvierzig erzählt: Zur Vermählung der Prinzessin Hildegard mit dem Erzherzog Albrecht kommt auch dessen Vetter, Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern, nach München. Am ersten Morgen zeigt König Ludwig ihm die Residenz, wobei er ihm die zwei bronzenen Löwen am Hauptportal als »Symbol der bayrischen Treue« vorstellt. Am selben Abend hören die hohen Herrschaften draußen ein seltsames Trommeln, dessen Bedeutung sie sich auf keine Weise erklären können, von dem aber der Erzherzog Karl behauptet, daß es der bayerische Generalmarsch sei. Sie eilen in die nach der Straße zu gelegenen Gemächer und treten an die Fenster. Da ist die ganze Residenzstraße von einem tobenden Volkshaufen erfüllt. Der König, dem die Situation sehr peinlich ist, hat hierfür keine Erklärung, aber der Erzherzog bemerkt ganz gelassen: »Nun, die bayerische Treue brüllt eben.« Frau Anna fragte, ob die Treue zu den spezifisch bayerischen Tugenden gehöre, was Johannes verneinte. Mit den Italienern verglichen, sagte er, deren Empfinden ja der Begriff der Treue gänzlich fremd sein solle, möchten freilich wohl alle deutschen Stämme treu genannt werden dürfen, unter den deutschen Stämmen aber sei nach seinen Eindrücken keiner so treu wie der Westfale. Die Treue des Bayern, er meine natürlich des Altbayern, stehe auf etwas wackligen Beinen. Nicht als ob er behaupten wolle, der Bayer sei falsch, aber er neige zur Untreue aus Indolenz. Er sei sich selber nicht unbedingt treu, darum könne auch kein andrer auf seine Treue bauen. Er, Johannes, habe des öfteren beobachtet, daß ein Bayer auf einem Sitz, im Verlauf eines Gesprächs, Ansicht und Urteil mehrere Male ins Gegenteil geändert, also daß aus Weiß Schwarz und wieder Weiß und wieder Schwarz geworden. Und z. B. sein altes Fabrikfaktotum Rattenhuber, ein typischer Münchner Kleinbürger, pflege in solchen Fällen sich nacheinander für die Richtigkeit der jeweiligen Farbe mit einer momentan durchaus ehrlichen Leidenschaft so entschieden einzusetzen, daß sogar der Gamsbart auf seinem Hütl vor Erregung zittere. – Jahrhundertelang von Rom gegängelt und allem selbständigen Denken ferngehalten, sei der Altbayer, ungeachtet seines rauhen Wesens, außerordentlich leicht umzustimmen, und gerade der Berliner, den er doch mit Vorliebe einen Saupreußen schelte, könne bei einiger Gerissenheit auf der bajuvarischen Volksseele spielen, was ihm beliebe ... Dann kamen die beiden Brüder auf die Politik zu sprechen: Ob das Mönchsgezänk von Bethlehem wohl wirklich zum Krieg führen, und ob dieser auf Rußland und die Türkei beschränkt bleiben oder ob Frankreich sich einmischen und welche Folgen das haben werde. Johannes meinte, die Franzosen litten darunter, seit Waterloo »die Besiegten Europas« zu sein, außerdem wären sie verärgert, weil der Zar ihren vom Volk erwählten Kaiser nur zögernd anerkannt, ihn auch nicht, wie üblich, »Bruder« oder »Vetter«, sondern »guter Freund« angeredet habe. Dagegen sei er überzeugt, daß Preußen die russenfeindliche Politik Österreichs nicht mitmachen, sondern neutral bleiben werde. – Wie man in München über die deutsche Zukunft denke? warf der Kommerzienrat ein. Ja, das sei schwer zu sagen, antwortete Johannes, die Ansichten gingen sehr auseinander. Im allgemeinen empfände man ja natürlich für Österreich weit mehr Sympathien als für Preußen. Der König aber, von der fixen Idee beherrscht, daß Preußen Bayern »verschlingen« wolle, und von der Pfordten und der sehr einflußreiche Legationsrat Dönniges – ein Pommer übrigens, angeblich mit Wikingerblut in den Adern –, die erstrebten ein einiges Deutschland unter gemeinsamer Führung von Österreich, Preußen und Bayern, worin Österreich für Zölle und Handel, Preußen für Politik und Militär und Bayern für Kunst und Wissenschaft maßgebend sein sollten. Der eigentliche Vater dieser sogenannten Trias sei der alte Baron von Wangenheim, weiland Württembergs Gesandter am Bundestag zu Frankfurt. Der sei auf philosophischen Gedankengängen zu der Einheit in der Dreiheit als dem Gesetz alles Lebens gelangt und habe solche Erkenntnis dann aufs Politische angewendet ... Eine etwas verworrene Idee, die ihm nicht einleuchte und gegen die ja auch viel eingewendet werde. Er glaube natürlich immer noch und trotz allem an Preußens Führerberuf, und diesen Glauben teilten auch in München viele. Zunächst freilich werde Preußen selber noch viel stärker werden, auch seinen isolierten Westen fester an sich heranziehen müssen. Von Friedrich Wilhelm IV., der von der krankhaften Unruhe einer ewig Pläne schmiedenden Planlosigkeit besessen sei, allzu gerne sich reden höre und es mit niemand verderben wolle, von dem sei freilich kaum viel zu erwarten, und so werde man wohl noch ein wenig sich gedulden müssen. Inzwischen würden aber immer mehr Deutsche mit Heine singen: »O Bund, du Hund, du bist nicht gesund!« wie denn ja alle Therapie mit einer guten Diagnose beginnen müsse. – Aber allzu lange werde die Entscheidung der Machtfrage zwischen Österreich und Preußen nun wohl nicht mehr sich hinausschieben lassen und damit werde man dann, wie er vertraue, der Einigung Deutschlands einen guten Schritt näher kommen. Einstweilen freue ihn, daß Preußen in den Fragen der Zollpolitik Österreich gegenüber standhaft geblieben sei. – Nun, die Scharte von Olmütz sei dadurch doch noch nicht ausgewetzt, meinte der Bruder, und daß die Reaktion schwerer als je auf dem Lande laste und dabei auf die russische Freundschaft sich stütze, verspreche ihm für die nächste Zukunft nichts Gutes. – Gewiß, so könne man die Dinge ansehen, bestätigte Johannes, aber er betrachte sie optimistischer und halte dafür, daß alles, was ins Groteske sich auswachse, seinem Ende nahe sei. So z. B. jetzt die Zensur. Denn wenn der Polizeirat Doleschal in Köln als Zensor eine buchhändlerische Anzeige von Dantes Göttlicher Komödie unterdrücke, weil mit göttlichen Dingen nicht Komödie gespielt werden dürfe, so sei das nicht ein ärgerliches, sondern ein erfreuliches Zeichen der Zeit. – Im Grunde fehle den Deutschen, darauf laufe schließlich jedes derartige Gespräch hinaus, nur Eines: ein Mann. Tüchtige Leute hätten sie genug, aber der eine Mann sei noch nicht da. Vielleicht sei er noch nicht geboren, vielleicht habe er schon eine Glatze. Aber daß er kommen werde, sobald die Zeit reif sei, daran sei nicht zu zweifeln. Übrigens habe er dieser Tage ein naturwissenschaftliches Buch gelesen, das wie eine Satire auf Preußen anmute: »Untersuchungen über Tierstaaten«. Es behandle hauptsächlich die Röhrenquallen, und sein Verfasser heiße Karl Vogt. Er glaube diesen jetzt in der Schweiz lebenden Forscher als ganz jungen Studenten in Gießen flüchtig kennen gelernt zu haben. – Pina fragte, ob in diesem Buch auch die Rede von den Staaten der Ameisen und der Bienen sei, und der Oheim erwiderte, ja, auch die würden berührt, so erinnere er sich, daß Vogt von dem dummen Konstitutionalismus der Bienen spreche, die trotz ihren ewigen Revolutionen doch nie zu einer höheren Staatsform gelangten, einfach weil sie immer die gleiche Nahrung zu sich nähmen, während der sozialdemokratische Ameisenstaat die individuelle Anarchie und den hohen Verstand seiner Bürger lediglich der beständig wechselnden Nahrung verdankte, die diese Tierchen sich suchten. – Um aber auf die Triasidee zurückzukommen, so habe ihm Liebig neulich ein hübsches Geschichtchen erzählt, das sich an einem jour fixe bei Dönniges ereignet habe und auch den Damen Vergnügen machen werde. Da habe Dönniges den mit seiner jungen Frau, einer Tochter Liebigs, bei ihm eintretenden Ästhetiker und Philosophen Professor Moritz Carrière mit den Worten begrüßt: »Nicht wahr, zu zweien philosophiert es sich besser?« und jener schlagfertig erwidert: »Jedenfalls ist der Dualismus leichter durchzuführen als die Trias!« Als sie Tambosi und die Arkaden verlassen hatten, meinte Pina fragend, München würde wohl sehr viel von Franzosen besucht. Johannes wußte sofort, wohin sie zielte und sagte nein, die Franzosen reisten überhaupt nur wenig, aber die bayerischen Aristokraten und solche, die dafür gehalten werden wollten, sprachen außerhalb ihrer vier Wände ein oft ziemlich mäßiges Französisch, dafür aber daheim ein um so echteres Bajuvarisch. Er hätte sogar neulich gehört, daß auch für den dienstlichen Verkehr einzelner Zweige der Regierung die französische Sprache vorgeschrieben sei, und wolle nur hoffen, daß von diesen das Französische nicht so verschandelt würde, wie von andern das Deutsche. Denn amtlich spreche man vom »diesseitigen Bayern« oder gar vom »diesrheinischen Bayern«, was beides soviel heißen solle wie »Bayern diesseits des Rheins«, aber doch kein Deutsch sei. So wenig wie »Der reitende Gendarm zu Fuß«, der nächtens das Münchner Postamt bewache. Frau Anna bemerkte, es sei ihr immer schon auffallend gewesen, daß die Bayern soviel sie sehe, noch nicht einen einzigen Dichter von Bedeutung hervorgebracht hätten, denn die Familie von Platen sei ja doch aus Rügen eingewandert. Er wisse allerdings auch keinen, antwortete ihr Schwager, aber das werde schon noch kommen, denn das Volk habe viel Phantasie und Formgefühl und Musik. Vielleicht sei es nicht nur auf diesem Gebiet so, daß, wenn einst die andern Stämme erlahmten, Bayern mit seiner aufgespeicherten Kraft die deutschen Schatzkammern füllen werde. Wenn nun aber auch der große Dichter aus Bayern noch fehle, eine ganze Reihe liebenswürdiger bayerischer Dichter gebe es immerhin in München, und wenn sie in diesen Wochen des trefflichen Mineralogen Kobell »Schnadahüpfler und Geschichtln« lese, auch etwa in seinen hochdeutschen »Gedichten« und in des Grafen Pocci »Dichtungen« blättere, so werde sie's nicht bereuen. Noch mehr Freude werde sie aber vielleicht an Aurbachers »Volksbüchlein« haben oder an seinen »Lalenbürgern«, die die »Fliegenden Blätter« kurz nach seinem Tode veröffentlicht. Und ob denn wohl in irgendeinem deutschen Lande eine so rein erfreuliche Zeitschrift existiere wie diese »Fliegenden Blätter« von Braun und Schneider? – Immer wieder mußte Frau Maria Magdalena über die vielen Bettler in München sich wundern: an jeder Kirchentür und an nicht wenigen Straßenecken lungerten solche, meist alte Weiberchen, zuweilen aber auch ganz rüstige Männer. Und sie fühlte sich gedrungen in alle diese Hüte und Hände je einen Groschen zu legen, was ihr peinlich genug war. Denn was hatten diese Ärmsten davon, und ihnen wirklich zu helfen hätte sie ja doch nicht vermocht, um so weniger, als sie nie ein Wort von dem verstand, was jene auf ihre teilnehmenden und hilfsbereiten Fragen antworteten. Gab es denn in diesem München keine Innere Mission, solchem Elend zu steuern? – Johannes lachte: Der Bettlerstand, ja man könne fast sagen der Bettlerberuf, sei in München eine recht auskömmliche Sinekure, und alle diese Leutlein ließen sich wenigstens sechsmal am Tage auch ohne Stimme von oben »ihre Maß« schmecken, dazu in Ergänzung der häuslichen Mahlzeiten auch unterschiedliche Weißwürscht und Radis. Und manche von ihnen wären geradezu Autoritäten in der Frage, die für jeden richtigen Münchner von der Wiege bis zur Bahre alljährlich akut werde: welches Bräu heuer den Vorzug verdiene. – Übrigens aber könne das berühmte »goldene Münchner Herz« solches augenfälligen Anreizes zur Wohltätigkeit schlechterdings nicht entraten, die hierzulande weder im Geber noch im Empfänger irgendwelche peinlichen Gefühle auslöse – im Gegenteil ... Hier nun trat Mirl lebhaft für ihre Vaterstadt ein. Das Münchner Herz sei wirklich golden, wovon ihr lieber Mann doch hoffentlich ein Lied zu singen wisse, und auch in München gebe es die verschiedensten Hilfsvereine und Wohltätigkeitsanstalten, sowohl weltliche wie geistliche. Und auch eines der Gebiete, auf denen man in Bayern weiter sei als in Preußen, gehöre hierhin, nämlich das Zuchthaus- und Gefängniswesen. Denn während man in Preußen dieses entsetzliche amerikanische Zellensystem einzuführen beabsichtige, das die Sträflinge um den Beistand und damit um den letzten Rest von Menschenwürde bringe, trete der Direktor Obermaier vom Strafhaus in der Au in Wort und Tat für eine menschliche Behandlung der Gefangenen ein, weil die Strafe nicht nur sühnen, sondern auch bessern solle. Obermaier sei ein Studienfreund von ihrem Vater selig gewesen und habe in schwerer Zeit auch ihrer Mutter sich freundlich angenommen, aus welchen alten Beziehungen sie ihn und seine Familie persönlich kenne. Als sie nun das letzte Mal seine Frau besucht, da habe er sie gefragt, ob sie einmal etwas Hübsches sehen wolle. Und dann habe er sie an ein Zimmer geleitet, daraus ein schöner zweistimmiger Gesang erschollen. Der sei nun freilich beim Eintritt des Direktors verstummt, habe aber auf den Gesichtern der zwölf bis fünfzehn Mädeln in sauberen Waschkleidern, die um einen Tisch gesessen und Weißzeug genäht hätten, seinen friedlichen und freudigen Glanz zurückgelassen. Nachher habe Obermaier sie gefragt, was sie wohl glaube, daß diese netten Mädeln verbrochen hätten. Sie habe auf kleine Veruntreuungen geraten, aber jener sie berichtigt: »Sämtlich Kindsmörderinnen, doch keine wird's wieder tun.« – So human gehe man in Bayern sogar mit Kindsmörderinnen um, während, wie Herr Obermaier ihr erzählt habe, in dem sächsischen Zuchthaus zu Waldheim, wo viele Achtundvierziger säßen, voriges Jahr an die fünfundzwanzigtausend Rutenstriche und Stockschläge verabfolgt worden seien. Eines Mittags, als man im Bayerischen Hof vergnüglich tafelte, berichtete Johannes, der heute die vormittägliche Führung Mirl überlassen hatte, er habe soeben auf dem Wege von der Fabrik einen jungen Maler namens Piloty getroffen, dessen Bekanntschaft er unlängst gemacht habe. Der habe ihn aufs freundlichste zu einem Besuch seines Ateliers eingeladen, und in der Annahme, daß es ihnen allen gewiß höchst erwünscht sei, einmal sozusagen einen Blick hinter die Kulissen der Kunst zu tun, habe er mit jenem verabredet, daß sie alle zusammen heute nachmittag um halb fünf sich bei ihm einfinden würden. – Frau Maria Magdalena schien bedenklich und zum mindesten geneigt, sich und das junge Volk auszuschließen, sintemal in einem Maleratelier gewiß allerlei Unpassendes mit in Kauf genommen werden müsse. Sie wolle unterdessen mit der Jugend nochmals in die Ludwigskirche gehen, denn sie finde, etwas Erhabeneres und Schöneres als dieses Jüngste Gericht von Cornelius könne man nicht leicht sehen, und ein solches Bild möge auf ein junges Menschenleben von wohltätiger, ja entscheidender Wirkung sein. – Johannes fragte, ob die Mutter auch wisse, daß manche behaupteten, Cornelius habe in dem »Schlemmer« Goethe und in dem »Heuchler« Luther porträtiert. Aber da geriet die alte Dame in Rage: eine derartige Behauptung sei die abscheulichste und unsinnigste Verleumdung, denn ein solches Bild könne nur ein Maler von außergewöhnlicher, ja fast übermenschlicher Größe der Seele schaffen, der so kleinlicher Niedertracht schlechterdings unfähig sein müsse. – Übrigens gelang es ihrem Liebling Johannes, jenes Bedenken gegen den Atelierbesuch zu zerstreuen, und zu der verabredeten Stunde standen sie alle in Ergriffenheit vor dem großen Gemälde, das Piloty in diesen Tagen erst vollendet hatte. Der junge Künstler, der solcher Wirkung sich freute, sagte, daß er die Anregung zu diesem Bilde seiner Schwester verdanke, die ihm erzählt, daß ihre Amme von einem Ausgang ganz verstört heimgekommen sei, weil sie ihr eigenes Kind bei seiner Ziehmutter im Sterben angetroffen habe. – Auf dem Pilotyschen Bilde nun kniete die junge Amme, das wohlgenährte, in Spitzen gehüllte fremde Kindlein im Arm, vor dem Bettchen, darin das eigene Kind matt und blaß die Händchen nach ihr ausstreckte. Und einen weitern Gegensatz bildeten in dem ärmlichen und verwahrlosten Gemach des einen Säuglings zierlich gewandetes Brüderchen mit Strohhut und Spazierstöckchen und des andern Säuglings teilnahmlose alte Ziehmutter. Der Dank, mit dem die Besucher sich verabschiedeten, kam von Herzen, und Frau Maria Magdalena leistete im stillen Abbitte. Frau Anna aber sagte später zu ihrem Mann, daß dieses Bild für sie doch bis jetzt innerlich der stärkste Eindruck sei, daß es ihr aber auch als Gemälde ganz außerordentlich gut gefallen habe, mit der verhaltenen Kraft seiner Farbe, die sie an Murillo und Velasquez erinnere. Dagegen mute sie das Jüngste Gericht des Cornelius jetzt erst recht schemenhaft und abstrakt an, was aber kein Werturteil sein solle, denn sie verstehe ja nichts von diesen Dingen. Das Reis'chen in die Berge mitzumachen konnte Frau Maria Magdalena, ihrer Verjüngung ungeachtet, sich nicht entschließen. Sie vermöge alle diese Schönheit Himmels und der Erden vielleicht noch schöner sich auszumalen und dann stehe sie ja auch an der Schwelle eines Landes, von dessen Herrlichkeit jene nur ein schwacher Abglanz sei. Und sie finde die Luft in München selber kräftig genug und besonders abends, wenn der Wind die Stadt mit dem Odem der Berge und Wälder tränke, von so köstlicher Würze, daß sie nichts Besseres wünsche. Sie wolle also nur mit ihren Gedanken die andern in jenes gewiß doch recht unwirtliche Gebirge begleiten, aber gerne für diese Tage aus dem Gasthof in Johannes Wohnung übersiedeln und dort, von Mirls braver Pepi betreut, der kleineren Kinder großmütterlich sich erfreuen. Aus dem Gebirge blies ein harscher Wind den Reisenden entgegen, die, früh um sechs Uhr am Stachusgarten vor dem Karlstor in den Stellwagen verpackt, Starnberg zufuhren. Bald durchschnitten sie dunkle Ausläufer unermeßlicher Wälder, bald die besonnten grünen Wellen freundlicher Täler und Mulden, in denen hie und da ein Dörfchen träumte oder eine kleine weiße Kapelle beschaulich einsamte. Von einem fernragenden Zwiebelturm erzählte Johannes, daß er zur katholischen Schloßkirche eines jüdischen Bankiers gehöre, der einen alten Herrensitz an sich gebracht habe, um desto leichter der innig ersehnten Nobilitierung teilhaftig werden zu können. Als ihm gleichwohl die Sache zu lange gedauert, habe er – so werde erzählt – ganz unverfroren um solche Erhöhung ein Gesuch eingereicht und gebeten, die Majestät wolle ihn zum Freiherrn von Andechs machen, welches alte Geschlecht ja ohnehin längst ausgestorben und gänzlich erloschen sei. Der König aber habe diese Bitte mit der eigenhändigen Randbemerkung abgelehnt: »Nein, Andechs nicht, aber Podex recht gerne!« – Und dann sahen sie in der Tiefe über einem fernen Waldstreifen das altersschwarze Dach der Reismühle, in der die Sage Karl den Großen geboren sein läßt, der jetzt im Untersberg der Wiederaufrichtung seines Reiches harrt. – Gegen zehn Uhr fuhren sie an den ansehnlichen Resten eines römischen Meilensteines vorüber und eine Viertelstunde später lag der See vor ihnen. In langer, schöner Fahrt trug das Dampfschiff sie über die blaue Flut, von der Mirl versicherte, daß sie keinen Ertrunkenen wieder herausgebe, sondern sie alle, aufrecht stehend, auf dem lehmigen Grunde festhalte. Und gar manchem Schiffer sei in seinem Einbaum ein Grausen angekommen, wenn er diese Garde des Todes da unten erblickt habe. Als sie an Leoni vorbeifuhren, wies Mirl auf ein freundliches Häuschen: das gehöre dem Romanschreiber Hackländer, aber für die letzten Sommer habe es ihm der Maler Kaulbach abgemietet, der die großen Bilder im Treppenhaus des neuen Museums zu Berlin gemalt, und in dessen Familie die schwedische Nachtigall, die Jenny Lind gewohnt habe, als sie vor sechs Jahren in München gesungen. In Seeshaupt nisteten Wolfs sich in der »Post« ein, um am nächsten Morgen mit frischen Kräften die vierstündige Wanderung zum Kochelsee anzutreten. Doch ließen sie sich gerne vom Posthalter bereden, am Nachmittag noch einen Spaziergang zur Lauterbachmühle am Ostersee zu unternehmen. Und das hatten sie nicht zu bereuen. Ja, Frau Anna, so oft sie später die Einzelheiten der ganzen langen Reise sich vergegenwärtigte, fand stets, daß dieses doch für sie landschaftlich der stärkste Eindruck gewesen war: die uralte, einsame Mühle an dem schöngebuchteten, stillen, blauen See, den der zarte Rhythmus waldiger Höhen einrahmte, dahinter im Schein und Widerschein der sich neigenden Sonne die hohen Berge leuchteten. Der überirdische Friede, die tiefe, tiefe Stille dieser zugleich traumhaft fremden und heimelig vertrauten Landschaft sollte ihnen bald gestört werden: ein Trüpplein hemdärmeliger junger Männer, breitkrempige schwarze Hüte in Händen – Demokratenhüte, wie sie der Münchner Polizei ein Dorn im Auge waren – und weißgewandeter junger Mädchen mit Blumensträußen, trat aus dem nahen Wald, zog mit Lachen und ausgelassenem Singsang über die Wiese der Mühle zu und ließ sich, ungeduldig nach Bier begehrend, in ihrer Nähe nieder. Es waren Münchner Künstler mit ihren Mädchen, die einander jetzt die erbeuteten seltenen, ja zum Teil nur hier noch vorkommenden Orchideen zeigten, und nachdem Wolfs eine kleine Viertelstunde ihrer Gegenwart genossen hatten, erklärte Johannes, daß er nun im Bilde sei und von den Herren einige dem Namen nach kenne. Unter den Mädchen waren einzelne bildhübsch, vor allen fiel ein zierliches dunkles Geschöpf auf, dessen Antlitz, wie Johannes sagte gerade auf der Linie sich befand, an der Schönheit und Häßlichkeit zuweilen ganz unvermittelt aneinander grenzen. Als aber das Fräulein eben jetzt laut und ein wenig gezwungen lachte und mit einer gemachten Gebärde ausrief: »Schicksal – sagt meine Tante,« da meinte er, daß jene Grenze wohl bald mit Entschiedenheit überschritten sein werde. Und aus den Zurufen der andern bestätigte sich seine Vermutung, daß es die »schöne Odinda« und daß ihr flachsblonder langer Freund, den sie Cunctator nannten, der Maler Bormann sei. Der habe, erzählte Johannes, die schöne Odinda als »Rätsel« gemalt und im Frühjahr ein großes Aufsehen mit dem Bilde erregt, das alsbald ein Amerikaner gekauft habe. Übrigens solle jener Cunctator nicht der einzige sein, der sich der Gunst dieses seltsamen Wesens erfreue, das, wie es heiße, aus Indien nach München verschlagen sei. – In eben dem Augenblick erhob sich die Odinda, mit einer wegweisenden Handbewegung schon wieder ausrufend: »Schicksal – sagt meine Tante!« Sie verließ den Cunctator und setzte sich neben ein Mädchen, durch dessen Blondhaar sich ein Kranz aus lilafarbenen wilden Malven schlang. Mit einer etwas gesuchten Vertraulichkeit schmiegte sie sich an die erstaunt Aufblickende, jenen aus dunkelglänzenden Augen mal verächtlich, mal verheißungsvoll anblitzend. Aber den Langen schien solches Gebaren nicht anzufechten. Er lehnte sich, die Daumen in die Ärmellöcher der Weste eingesteckt und den Kopf hin und her wiegend, zurück und sang mit mehr kräftiger als reiner Stimme: Z Lauterbach hab i mein Strumpf verlorn, ohne Strumpf gehn i nöt hoam, ja hoam, jetzt gehn i halt wieder auf Lauterbach, hol mir an Strumpf zu dem oan. Z Lauterbach hab i mein Herz verlorn, ohne Herz kann i net lebn. Da muß i halt wieder auf Lauterbach, s' Deandl solls seini mir gebn. Mei Diandl hat schwarzbraune Äugle, nett wie a Täuberl schauts her, wann i beim Fenster oan Schnagger tu, kommt sie ganz freundli daher. Auf dem Rückweg nach Seeshaupt erzählte Frau Anna bewegten Herzens ihrem Schwager von den Sorgen, die Frau van Bornevelde um die kleine Odinda sich gemacht hatte. Und als sie später, unmittelbar vor dem Schlafengehen, auf die Altane hinaustrat, gerade als eine Sternschnuppe über den halben Himmel fuhr, um fern in der uferlosen Dunkelheit des Sees zu verschwinden, da bedachte sie die Kleinheit der Erde und die geheimnisvolle Größe des Alls, und daß nichts und niemand aus der Welt fallen und ganz verloren gehen könne. Gleichwohl warf diese Begegnung mit der Odinda am andern Morgen einen leichten Schatten auf Frau Annas Weg und Wanderfreude, bis die hohen, in einem ersten Schnee leuchtenden Berge, die ihnen immer näher wurden, den Sieg behielten. Wie bestätigte ihr diese Wanderung wieder den Eindruck, den sie schon in und um München gehabt: daß in diesem gesegneten Oberbayern alles von einer ungleich stärkern Leuchtkraft und Tiefe war, als daheim am Niederrhein: das Blau des Himmels, die Farben der Blumen und die nächtliche Glut der Sterne. In einem plumpen, kiellosen Nachen ruderte ein dunkeläugiger Bursche, dessen grundsätzliche Geneigtheit zum Raufen die Spielhahnfeder seines Lodenhuts andeutete, die Reisenden über den Kochelsee, und trotzdem sein kräftig geschnittenes Gesicht alles Vertrauen erweckte, wollte ihnen kaum glaubhaft erscheinen, daß dieses liebliche Gewässer zuweilen bei Windstille und ganz heiterm Himmel wie von Dämonen aufgewühlt brausen und brodeln sollte. An den Fällen vorüber ging's auf der steilen Kesselbergstraße hinauf zum Walchensee, der, wie Johannes erzählte, nach einer uralten Prophezeiung mit seinen ausbrechenden Fluten einst München zerstören und wegschwemmen werde. Es sei noch nicht allzu lange her, daß in der Gruftkapelle zu München täglich eine Messe gelesen und alljährlich ein geweihter goldner Ring in den See geworfen worden sei, solchem Unheil vorzubeugen. In Urfeld sollte übernachtet und ein Tag gerastet werden. Der ward mit einer heitern Ruderfahrt nach dem Dorfe Walchensee und einem Spaziergang auf Goethes Spuren angenehm vertan. Denn Frau Anna, indem sie ihren Fritz an die Literaturstunden auf der Heidelberger Schloßterrasse erinnerte, die er ihr so glänzend honoriert habe, erzählte von Goethes artigem Abenteuer mit dem kleinen Harfnermädchen am Walchensee, und wie ihm hier ein Ahornbaum nicht weniger merkwürdig gewesen als jener Gingko biloba -Baum über dem Neckar. Und sie freute sich, als Pina die gutgemeinte Inschrift einer verwitterten hölzernen Tafel, wonach Goethe hier zum erstenmal die Alpen gesehen hätte, anfocht, sintemal der Dichter, lange bevor die Flucht nach Italien ihn dieses Weges geführt, schon zweimal in der Schweiz gewesen sei. Johannes aber berichtete im Anschluß hieran, Mirls Bitte, er solle doch »stad« sein, nicht achtend, daß er im vorigen Sommer auf der Insel Herrenchiemsee einen Grabstein entdeckt habe mit dem Nachruf: »Er lebte zwanzig Jahre lang als Ehemann, dann noch fünf Jahre lang als Mensch.« Den folgenden Tag nahm die lange Wanderung durch die Jachenau in Anspruch, wobei Johannes mancherlei von dem reichen und stolzen Bauernadel erzählte, der, gegen die Welt sich abschließend, diese wenigen Ansiedlungen bewohne und mit Strenge an den alten Überlieferungen festhalte. Kurz vor dem Dorf Lenggries führte die Straße dicht an einem behäbigen Bauernhaus vorüber. Ein blondes Dirndl hantierte ohne Rock in blauen Hosen vor der Stalltür und sah von der Arbeit auf und den Wanderern entgegen. Als diese herangekommen waren, strahlte es übers ganze Gesicht und rief treuherzig: »Grüß Eahna Gott, Frau Wolf!« Da erkannte Mirl die Schwester ihrer Pepi. »Grüß Gott, Cenzi!« antwortete sie und ließ sich mit dem Dirndl in ein Gespräch ein, von dem die andern nicht eben viel verstanden. Als sie weitergingen, gab Mirl zum besten, was jene ihr erzählt hatte: sie wolle doch auch lieber in München einen Dienst sich suchen, denn seitdem die Bäuerin um ihren einzigen Sohn in die Klag gekommen (das bedeute in Trauer), sei's mit ihr nimmer zum aushalten, nichts könne sie ihr recht machen, von der Früh bis in die Nacht stehe sie hinter ihr und sie könne schier nicht genug arbeiten. Sie, Mirl, habe gemeint, es werde wohl nicht so schlimm sein, denn sie schaue doch recht gesund aus, und wenn ihre Furcht vor der Bäuerin so gar groß war, nachher würd sie sich jetzt doch wohl nicht die Zeit zum Plaudern nehmen, oder ob die Gestrenge vielleicht zufällig nicht zuhaus war. Da habe die Cenzi verschmitzt gelächelt und gesagt: zuhaus sei die Bäuerin freilich, aber heut sei sie sicher vor ihr. Der Bauer könne nämlich seit ein paar Tagen nicht mehr ordentlich schlucken, was ja freilich ängstlich genug sei, da man bei solchem Leiden doch Hungers zu sterben riskiere. Der Wundertoni von Königsdorf sei denn auch heut in der Früh schon dagewesen und hab eine tüchtige Schwitzkur verordnet. Seitdem liege der Bauer im Bett und die Bäuerin habe ihren ganzen Besitz an Federbetten auf ihn gepackt, sogar aus der Menscherkammer (so heiße das Schlafgemach der Mägde über der Küche, erläuterte Mirl) habe sie alles herbeischleppen müssen. Dann sei die Bäuerin auf den Federberg gestiegen und habe zu weiterer Förderung der Schwitzkur sich noch selber oben darauf gelegt, so daß sie das Auge Gottes am Betthimmel ganz dicht über sich habe. Welche nahe Nachbarschaft nach Ansicht und Hoffnung der Cenzi der Bäuerin dann wohl ins Gewissen reden möge, dieweil der Bauer zeitlebens unter ihr sich hart genug getan. Es sei halt ein Kreuz mit so einer grantigen Frau! Habe die Bäuerin ihr doch selber erzählt, daß sie, als der Herr Pfarrer sie beim Brautexamen und später bei der Trauung vermahnt, ihrem Eheliebsten in allen Stücken zu gehorsamen, heimlich habe lachen müssen. Schließlich habe sie, Mirl, die Cenzi gefragt, ob sie denn nicht selber ans Heiraten denke, die Pepi hab ihr einmal dergleichen gesagt. Worauf jene erwidert, ja, daran denken, das tue sie schon und wenn sie nur gewollt hätt, könnt sie längst als Bäuerin auf einem schönen Gütl sitzen. Aber so oft sie sich hab die Karte schlagen lassen, stets sei ein Weinblatt beim Heiratsblatt gelegen, und bis das nicht anders werde, wolle sie doch lieber Dirndl bleiben. Es war schon ganz dunkel, als die Wanderer ihr Tagesziel, Tölz, erreichten. Sie waren so müde geworden, daß sie beschlossen, hier, unmittelbar vor der Heimfahrt, zu der sie ein Floß zu benutzen gedachten, einen Ruhetag einzuschieben, um gemächlich ausschlafen zu können. Als der Kommerzienrat, der mit seinem Bruder noch ein spätes Abendtrünklein eingenommen, sein Schlafgemach aufsuchte, wunderte er sich der drei Buchstaben C. M. B. , die in weißer Kreide zwischen zwei Kreuzen über der Zimmertür standen. Und Johannes erklärte, das seien die Initialen der heiligen drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar, der berühmtesten und ausdauerndsten Reisenden der Christenheit, und in ihrer Obhut werde er ohne Zweifel eines besonders guten Schlafes sich erfreuen. Alljährlich am Dreikönigstag aber werde jene Aufschrift erneuert, wobei dann ein geistlicher Herr, mit Wedel und Weihwasser hantierend, Schutz und Segen für Wirt und Gäste erflehe. Am andern Tag gegen Abend, nachdem sie sich das alte Nest mit seinen fromm bemalten Häusern angesehen, auch vom Kalvarienberg der schönen Aussicht ins weit offene Isartal genossen hatten, begegneten sie dem Tölzer Landrichter und seiner Frau, die Mirl aus der Jugendzeit befreundet war. Und man verabredete, nach dem Abendbrot ein Stündchen oder zwei in der »Post« miteinander zu verplaudern. Da nun erfuhren Wolfs unter anderm, daß in der Jachenau, die sie gestern durchwandert, lange fünfundzwanzig Jahre hindurch keinerlei Verbrechen vorgekommen, noch ein Rechtsstreit zu gerichtlichem Austrag gelangt sei, wobei sie freilich den Eindruck hatten, daß der Landrichter zu jenen vortrefflichsten aller Juristen gehöre, die ihren Ruhm nicht in spitzfindiger Paragraphendeutung, sondern im Verhüten von Prozessen suchen. Wie er denn auch sonst als einen tüchtigen und aufrechten Mann sich erwies, der unbeschadet seiner königs- und kirchentreuen Gesinnung der Weite und Freiheit staatsbürgerlichen Blickes und Urteils sich nicht begeben hatte. So war er von der Baulust des Königs Ludwig gar nicht erbaut, dessen Kunstwütigkeit München zu einer architektonischen Musterkarte gemacht und für alte und neue Bilder und Plastiken unverantwortlich viel Geld vertan habe. An diesem König zeige sich wieder, wie sehr der heilige Hieronymus, dieser gelehrteste aller Kirchenväter, Recht habe, wenn er vor einer überschwänglichen Liebe zur Schönheit warne: sie mache den Menschen einseitig und verdreht, möge er noch so hochgeadelt sein. Übrigens hätten auch die heidnischen Philosophen Aristoteles und Seneca ähnlich geurteilt. Er hoffe nur, daß der König Max der Versuchung, jene Musterkarte zu vervollständigen, widerstehen und lieber die Straßen und Flußläufe des Landes verbessern werde. Aber leider habe er gehört, daß der König nicht nur ein Preisausschreiben für eine neue deutsche Nationaltracht von Stapel gelassen, sondern auch ernstlich mit dem Gedanken sich trage, auf ähnliche Weise einen neuen deutschen Nationalbaustil zuwege zu bringen, der dann natürlich in München seine Feuertaufe erhalten werde. Im Laufe des Gesprächs hatte Frau Anna die Bemerkung gemacht, daß in Bayern die Flüsse ersichtlich größere Eile hätten als die Menschen, und der Landrichter hierauf erwidert, daß es gleichwohl aber doch ausgerechnet ein Münchner gewesen sei, der die zeitsparende Stenographie erfunden, und daß doch auch unter allen deutschen Staaten zuerst Bayern eine Repräsentativverfassung erhalten hatte. Damit lenkte die Unterhaltung sich auf die Politik im allgemeinen und die Frage der deutschen Einheit im besonderen und man erwog, was von den jetzt regierenden Fürsten für sie zu erwarten sei, wobei dann freilich die Aussichten betrüblich genug erschienen, also daß man bald auf Erfreulicheres, Ungefährlicheres und Reifemäßigeres zu sprechen kam: auf oberbayerische Volkssitten und -unsitten. Und Frau Anna fragte, ob der Herr Landrichter ihnen vielleicht über das berühmte oder berüchtigte Haberfeldtreiben einige Auskunft geben könne. Er hause hier freilich, erklärte dieser, ziemlich an der Grenze der Landschaft, darin solche uralte Volksjustiz noch gang und gäbe sei, denn auf dem linken Isarufer, etwa bis an den Würmsee hin, würde kaum noch »getrieben«. Aber er habe doch im Lauf der Jahre des öftern auch von Amts wegen sich mit diesen Dingen zu befassen gehabt in deren Behandlung freilich, wie er wohl wisse, eine hohe Obrigkeit und wer sie vertrete keine besonders gute Figur mache. Es sei nämlich gar nicht zu sagen, wie machtlos letzten Endes die Behörde den Haberfeldmeistern gegenüberstehe, die, in uralter Erbfolge solcher Würde, das Bergland unter sich geteilt hätten. Das nun müsse er seinen nächtlich amtierenden Kollegen nachrühmen, daß sie stramme Zucht hielten, Zucht und Maß. Denn die Haberer, bewaffnet, vermummt und durch die Nacht geschützt, nützten die Macht der Stunde nie völlig aus, nie werde der Betroffene an Leib, Leben oder Eigentum geschädigt, lediglich seine sündige Seele solle gestraft werden. Und noch niemals habe ein zur Verantwortung gezogener Haberfeldtreiber einen Mitschuldigen verraten oder irgend etwas gestanden, was nicht ohnehin bekannt gewesen sei: man müsse annehmen, daß ein schwerer Eid jedem die Zunge binde, den brechen wahrscheinlich das Leben verwirken heiße. Johannes meinte, gehört zu haben, daß das Haberfeldtreiben irgendwie mit Karl dem Großen in Verbindung gebracht werde, ob dem so sei. Ja, sagte der Landrichter, der Kaiser Karl von Untersberg spiele freilich eine große Rolle dabei. Wie denn auch die Kulturhistoriker annähmen, daß das Ganze eine bäuerliche Fortsetzung der Inquisito oder des Rügegerichts sei, das jener Kaiser mittels geistlicher oder weltlicher Sendboten in den einzelnen Grafschaften abgehalten habe. Als dann nach dem gänzlichen Zerfall des alten deutschen Rechts der Bauer durch das römische Schreiberwesen sich aus der Rechtspflege verdrängt gesehen, habe er auf seine Weise jenes Rügerecht wiederhergestellt, das zu Zeiten, wie etwa während des Dreißigjährigen Krieges, hierzulande wohl die einzige Justiz gewesen sein möge. Danach aber habe man den alten Brauch beibehalten für solche Verschuldungen, die das Landgericht nicht, oder nach bäuerlichem Empfinden nicht durchgreifend genug ahnde, als da seien Wucher, Ehebruch, liederliches Leben und dergleichen mehr. Und auch das müsse man dieser Volksjustiz nachrühmen: sie kenne kein Ansehen der Person, Der reiche Bauer sei vor ihr nicht sicherer als der arme, und einen ärgerniserregenden Pfarrer, Landrichter oder Bezirksamtmann schütze seine Würde so wenig vor ihr, wie den gräflichen Schloßherrn seine hohe Geburt. Gerne wolle er ihnen jetzt mal den Verlauf eines Haberfeldtreibens schildern so gut er könne, denn freilich – dabeigewesen sei er noch nicht, obgleich beim nächtlichen Appell der Haberer auch »der Landrichter von Tölz« immer mit aufgerufen werde. – Die Sache nun begebe sich etwa folgendermaßen: Eines schönen Tages verbreite sich das Gerücht, ein Haberfeldtreiben solle abgehalten werden. Oder eigentlich sei es nicht einmal ein Gerücht, es liege so in der Luft. Die ganze Gegend spreche davon, ohne daß irgend jemand Näheres wisse. Nur der, dem das Treiben zugedacht sei, der werde zu nachtschlafender Zeit durch einen vermummten Boten vorbereitet: er solle sein Haberfeld leeren. Das heiße: er solle dafür sorgen, daß die Haberer genug Platz hätten, auch sein Vieh in den Ställen gut anbinden, damit es, durch den Lärm erschreckt, nicht zu Schaden komme, und endlich, aus Haus und Nachbarschaft Kranke und Wöchnerinnen beizeiten fortschaffen lassen. Meist versuche man wohl noch eine Weile, durch allerlei falsche Gerüchte die allgemeine Aufmerksamkeit und besonders die der Behörden abzulenken und einzuschläfern. Bis dann unversehens, mitten im Frieden der Nacht – meist vor einem Sonn- oder Feiertag – allenthalben einzelne Trommeln und Trompeten anhüben: das Zeichen, daß die Haberei anzutreten hätten. Die schlichen alsdann, phantastisch vermummt, und mit angeschwärzten Gesichtern, von überall her auf allen Straßen und Sträßlein lautlos, aber mit oft grotesken Lärm- und Musikinstrumenten ausgerüstet, zumeist auch mit Flinten bewaffnet, dem Haberfeld des armen Sünders zu. Dort würden zunächst die angenommenen Namen der Erschienenen verlesen, an erster Stelle der des großen Frankenkaisers, und darauf die von vielen bekannten Persönlichkeiten der Landschaft, die ebensowenig anwesend sein könnten. Dabei begebe es sich dann wohl, daß bei einem Namen außer dem, der ihn führen solle, noch ein zweiter mitantworte, für den auf der Liste kein Name übrigbleibe. Das sei dann der Gottseibeiuns in eigener Person, und wem der solchergestalt den zugedachten Namen streitig mache, der müsse noch im selben Jahr eines gewaltsamen Todes sterben. – Sobald die Vollzähligkeit festgestellt sei, würden Posten ausgesetzt, Neugierige und Störenfriede, nötigenfalls mit Waffengewalt, fernzuhalten. Dann erst werde der Sünder geweckt und ihm anbefohlen, barhaupt am offnen Fenster oder in der Haustür den Spruch zu erwarten. Und alsbald trete, von Laternenträgern begleitet, einer der Haberer vor, in witzigen, an unglaublichen Derbheiten überreichen Knittelversen das oft recht lange Sündenregister zu verlesen. Punkt für Punkt frage er die Versammlung, ob er recht habe, und hinter die stereotype Antwort: »Recht hast!« setze dann jedesmal ein Tusch aus den Lärm- und Musikinstrumenten das kräftigste Ausrufungszeichen. Mit etlichen Seitensprüngen pflege das Sündenregister auch zu streifen, was etwa in der Nachbarschaft Ärgerliches geschehen, und am Ende der Verlesung heiße es stets: Kaiser Karl muß noch kommen und 's Protokoll unterschreiben, daß wir das nächstemal (da und da) haberfeldtreiben. Worauf dann zum Beschluß des Ganzen eine Katzenmusik anhebe, ein Höllenlärm, der stundenweit hörbar sei: Kesseln und Pfannen, Trommeln und Trompeten, Ratschen und Knarren, was nur irgend Lärm hergebe, werde in Bewegung gesetzt, dazu aus Leibeskräften geheult und gejauchzt, gepfiffen und gekreischt und aus ein paar hundert Flinten geschossen – er glaube nicht, daß auf diesem Planeten ein schlimmeres Getös möglich sei. – Und nachdem sie etwa noch einen Wagen zerlegt und auf dem Hausdach des Sünders wieder zusammengesetzt und mit Mist beladen, oder durch ähnliche harmlose Scherze dafür gesorgt hätten, daß jener am Morgen ihren Besuch nicht etwa bloß für einen bösen Traum halte, verschwänden die Haberer, lautlos wie sie gekommen. Frau Anna meinte, daß solche Justiz doch vielleicht nicht ohne gute Wirkung bleiben und deswegen als wertvolle Ergänzung der staatlichen geduldet werden solle. Denn diese treffe schließlich doch nur die einzelne Entgleisung, während jene die Gesinnung brandmarke und so das verletzte Rechtsgefühl des Volkes wieder herstelle. Der Landrichter zuckte die Achseln: Ludwig der Erste hätte ähnlich gedacht, aber er halte dafür, daß in einem neuzeitlichen Staate für solche Volksjustiz kein Raum sei. Allerdings verspreche er sich mehr von der fortschreitenden Zivilisation als vom Eingreifen der Behörden, obwohl auch dieses, so schwierig und undankbar es sei, nicht gänzlich unterlassen werden dürfe. Als die Reisenden in Tölz frühmorgens einem Floß sich anvertrauten, das sie in acht Stunden die Isar hinab nach München zurücktragen sollte, bedauerte der Kommerzienrat in seinem Herzen anfangs, daß dieses grüne Gewässer Balken habe. Denn in Unkenntnis der Beschaffenheit des Landsträßchens wollte ihn eine Wagenfahrt bequemer und sicherer bedünken. Auch dachte er mit einem milden Heimweh an den »Herzog von Nassau« und dessen gute Weine eigenen Wachstums der Kölnischen Dampfschiffahrtsgesellschaft. Es dauerte aber nicht allzu lange, bis ihm die Reize solcher Wasserfahrt aufgingen. Denn das grüne Tal, durch dessen Tiefe das bald breite und von flachen Kiesinseln durchsetzte, bald schmale und von dichtem Wald beuferte Flußbett sich wand, war von so herber und unberührter Schönheit, von so ruhevoller Menschenferne, daß er seinem Bruder zugeben mußte, derartiges im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts nicht für möglich gehalten zu haben. Immer wieder boten neue Bilder sich dar, sei es, daß eine steile Wand aus gelbem Sand oder ein schroffer Nagelfluhfels den Wald unterbrach, oder eine schwarze Holzbrücke den Fluß überspannte oder ein stilles weißes Kloster vor dem grünen Höhenzug lag, der in sanften Linien den Fluß begleitete. Und wie vergnüglich war's, mit Mirl als Dolmetsch, dem ältern der wettergebräunten Flößer zuzuhören, der von der guten alten Zeit auf der Isar erzählte, da die Flöße nicht nur für solche Gelegenheitsgäste gut genug waren, sondern als richtige Verkehrsmittel für Waren und Menschen eine große Bedeutung hatten. An die zwanzigmal, versicherte er, sei er in jungen Jahren mit dem Ordinarifloß gefahren, das um wenige Gulden die Reisenden von München nach Wien gebracht, sie auch durch eine Hütte mit Ofen gegen die Unbilden der Witterung geschützt habe. Und dann erzählte er umständlich, wie er auf solcher Fahrt einmal auf der Donau die Passagiere einer »Ulmer Schachtel« gerettet und dafür vom »Kini« (König) die Rettungsmedaille erhalten hätte. Einmal, da rein gar nichts zu sehen war als Wasser, Wald und Himmel, bemerkte Pina, nun fehle, um ganz auf Coopers Spuren sich zu glauben, nur noch der letzte Mohikaner. Aber alsbald grüßte die deutsche Romantik von der Höhe hernieder: das gotische Fischerschlößl, darin Ludwig der Erste Ainmillers Entwürfe für die Glasmalerei der Ludwigskirche hatte entstehen sehen, und in der Nachbarschaft das Röschenauer Schlößchen, da hinein er seine zur Gräfin Landsfeld gemachte Lola geflüchtet, bevor er sie, ihrer Seele vom Teufel zu helfen, Justinus Kerners Hungerkur überantwortet hatte. Denn sie hatte wirklich den Teufel oder er sie. Mit der Reitpeitsche hatte sie in ihrer Münchner Wohnung einer hohen Polizei die Tür gewiesen, den tugendhaften Studenten, die ihr ein Pereat brachten, hatte sie lächelnd Champagner zugetrunken und die unter ihren Fenstern drohende Menge mit Bonbons beworfen. Und die kochende Volksseele der getreuen Königlichen Haupt- und Residenzstadt hatte wieder einmal Recht gehabt: »Wenn's noch lang so fortgeht – nachher geht's nimmer lang so fort!« Und dann glitt man unter der trutzigen alten Grünwalder Burg dahin, hoffend, daß sie, zum Pulvermagazin degradiert, nicht eben jetzt in die Luft fliegen werde, oder man sah zu Schwanthalers Ritterburg auf, die der berühmte Bildhauer genau an der Stelle und so sich erbaut, wie er als Knabe so oft sich's erträumt hatte. Bis dann bei Großhesselohe das Floß die Pfeiler der werdenden Eisenbahnbrücke passierte und, von den Frauentürmen beherrscht, die Silhouette der Stadt auftauchte. Als Wolfs nach reichlichem Trinkgeld an der Lände beim Wirtshaus zum Grünen Baum das Floß verließen, versagte sich der Kommerzienrat nicht, den Flößer ganz treuherzig zu fragen, wann das Floß nach Tölz zurückfahre, wobei sein Wunsch, auf solche Weise das schöne Wort »frozzeln« wiederzuhören, in Erfüllung ging ... Unter Frau Maria Magdalenas weißen Haaren aber ward, als sie von dieser Floßfahrt hörte, die Erinnerung an ein anderes Floß wach, das vor etlichen Jahrzehnten oft und beunruhigend genug durch ihre Träume geschwommen war. Und sie erzählte vom Floß der »Medusa«: Wie die französische Regierung Anno sechzehn eine Flotte von vier Schiffen ausgerüstet, den Senegalstrom in Besitz zu nehmen, wie die führende Fregatte »Medusa«, dank der Unfähigkeit des eigensinnigen Oberkommandos, in der fürchterlichen Brandung vor der nordwestafrikanischen Küste Schiffbruch erlitten, hundertfünfzig Mann der Besatzung auf ein rasch erbautes Floß sich gerettet, das, von den Booten treulos verlassen, vierzehn Tage lang auf dem Meer dahingetrieben. Wie Verzweiflung und Hunger und Durst und Mordlust auf dem Fahrzeug gewütet, darauf unmenschliche Dinge geschehen, bis endlich ein Schiff die überlebenden fünfzehn Menschenfresser aufgenommen. Sie wolle doch zu Hause gleich nachsehen, ob sie den Holzschnitt noch besitze, der den Augenblick veranschauliche, in dem jenen die Rettung nahte. Johannes sagte, daß er sich dieses Holzschnittes noch gut erinnere, später aber im Louvre auch das ergreifende Original selber gesehen habe, ein großes Gemälde von Gericault, das in der Kunstgeschichte eine neue Epoche eröffnet habe. Denn als der junge Künstler zuerst es ausgestellt, habe die Kritik gemeint, es beweise nur, daß er die Gesetze der Schönheit nicht begriffen. Erst ganz allmählich habe man vor diesem leidenschaftlich bewegten Bilde gelernt, daß Wahrheit wichtiger ist als Klassizismus, und eine starke künstlerische Persönlichkeit wichtiger als das bewährteste Kunstgesetz. Acht Tage später traten Wolfs die Reise in die niederrheinische Heimat an. Nur Pina blieb, voll Erwartung den Freuden des Münchner Winters entgegensehend. Wenn Pina später daheim der alten Großmutter von den geselligen Winterfreuden erzählte, die der Oheim in München ihr geboten hatte, so waren es besonders zwei Abende, von denen Frau Maria Magdalena immer wieder gern hörte. Den einen hatte Pina im Haus des alten Hofrats Martins, des Direktors vom Botanischen Garten, verlebt, der in jungen Jahren eine Forschungsreise durch das brasilianische Palmenland unternommen hatte und nun, nach langen Jahrzehnten, immer noch um deren nicht nur wissenschaftliche Verarbeitung, sondern auch dichterische Verklärung sich mühte. Aber nicht die sanft einlullenden Oktaven seiner »Suitramsfahrten«, die der alte Herr mit den tiefliegenden, klugen Augen, der mächtigen Adlernase und dem seltsam energischen Mund seinen Gästen zum besten gab, hatten ihr den Abend unvergeßbar gemacht, sondern was ein noch älterer Herr über – Adams Sündenfall und seine Folgen vortrug. Das war der berühmte Professor Johannes Nepomuk von Ringseis, mit einem Gesicht wie aus Holz geschnitzt, mit Augen, aus denen Funken sprühten. Der hatte als junger Arzt den nachmaligen König Ludwig des öftern nach Italien begleitet und in Rom ihm einst die fruchtbringende Bekanntschaft mit Cornelius vermittelt. Als dann, besonders auf sein Betreiben, die Universität von Landshut nach München verlegt worden – unter andern verdankte auch Martins ihm seine Berufung –, da war der vielbeschäftigte Arzt und Professor, der in seinen Vorlesungen ausschließlich der lateinischen Sprache sich bediente, hoch zu Roß aus der Praxis ins Kolleg und aus dem Kolleg in die Praxis gesprengt. Und als man ihn 1833 zum Rector magnificus gewählt, da hatte er in seiner Antrittsrede »Über den revolutionären Geist der deutschen Universitäten« unerschrocken den Regierungen vorgeworfen, daß sie durch die Revolution von oben die Revolution von unten vorbereiteten, und Ludwig I., vor dessen Bildnis wenige Jahre später der unglückliche Dr. Eisenmann wegen seiner freiheitlichen Bestrebungen Abbitte leisten mußte, hatte seinem »Ritter ohne Furcht und Tadel« nicht die königliche Ungnade, sondern den persönlichen Adel zugewendet. Wodurch der aufrechte Mann sich den Blick für die politischen Mißgriffe seines königlichen Freundes keineswegs trüben ließ, wie er diesen auch – leider vergeblich – gewarnt hatte, dem jungen König Otto »den ganzen Berg von Gesetzen und Beiordnungen, die schon in Bayern nichts taugen«, nach Griechenland mitzugeben, »wo sie geradezu ungeheuerlich wirken würden«. Heute hatte Ringseis zuerst vom alten Heim in Berlin erzählt, dessen Assistent er einst gewesen. Wie der alte Herr an seinem Braunen gehangen, der ihn so viele Jahre durch die ausgedehnte Praxis getragen und gezogen, und an seinem Kutscher Lumpe, der ihn doch, wo und wie er nur konnte, übervorteilt und dann auch noch dem Trunk sich ergeben hatte. Nach dem Tode dieses Lumpen aber habe der alte Heim in seiner herzlichen Betrübtheit geäußert, wenn er annehmen könnte, daß es dem Leichnam noch angenehm spürbar sein würde, möchte er ihn wohl mit Branntwein abwaschen lassen. Ganz erstaunlich sei Heims Leistungsfähigkeit gewesen. Schon frühmorgens beim Ankleiden und dann wieder am späten Abend habe er, immer von mehreren Assistenten unterstützt, Sprechstunde gehalten, den Tag hindurch aber zuweilen an die achtzig Krankenbesuche gemacht. Im Dienst seiner Kranken sei er vor nichts zurückgeschreckt, z. B. habe er die Untersuchung auf Zucker auf die natürlichste Weise von der Welt, mittels Fingerspitze und Zunge, angestellt. – Er sei wirklich der geborene Arzt gewesen, wie denn auch sein Vater, ein Pfarrer, schon früh einmal zu ihm gesagt habe: »Junge, zu einem Quacksalber schickst du dich am besten, du kannst den Leuten alles weismachen, was du willst ...« Da nun falle ihm, Ringseis, noch ein schier unglaubliches Stücklein ein, das wohl noch ganz unbekannt sei. Er verdanke es dem Fürsten Wittgenstein, der es selber erlebt habe: Diesen besucht in Berlin eines Tages der sogenannte Siebenschläfer, der berüchtigte Landgraf von Hessen, der seine Landeskinder als Soldaten ins Ausland zu verkaufen pflegte. Der Fürst, bedenkend, daß Heim regelmäßig um diese Stunde ärztlich bei ihm vorspricht, gibt seinen Leuten Befehl, dem Herrn Geheimrat zu sagen, daß und warum er ihn heute nicht empfangen könne. Heim, an dergleichen Abweisung nicht gewöhnt, dringt gleichwohl in das Zimmer des Fürsten ein, und dieser, die Situation zu retten, macht die beiden miteinander bekannt. »Ah,« sagt Heim, »sind Sie der Landgraf mit dem Zopf. Drehn Sie sich doch mal um! So! Sagen Sie mal, können Sie mir nicht auch ein paar Untertanen überlassen. Ich möchte allerlei medizinische Versuche damit anstellen.« ... Wortwörtlich so habe Fürst Wittgenstein ihm die Geschichte erzählt... Später war Ringseis in längeren Ausführungen auf Sündenfall und Erbsünde als die Quelle aller gesundheitlichen Gebresten der Menschheit zu sprechen gekommen, und was er sagte, hatte Pina zuweilen an den guten Herrn Schlüpfes erinnert, aber wie er es sagte, das war freilich ganz anders gewesen. Und die Großmutter, wenn Pina ihr davon berichtete, freute sich, daß Gott einen katholischen Arzt mit soviel Weisheit und Frömmigkeit begnadet hatte. Auch daß der von ihrem seligen Vater so herzlich verehrte, sprachgewaltige Görres durch solche Auffassung mit Ringseis verbunden gewesen sei und in München am Abend seines Erdenlebens übersinnlichen Fragen sich zugewendet habe, hörte sie gerne. Daß er aber aus einem Sprecher der Deutschen gegen Franzosentum und Reaktion mit ähnlich starker Wirkung zu einem Sprecher der deutschen Katholiken geworden sei und ihnen das Machtbewußtsein gestärkt habe, das wollte ihr weniger gefallen, wenn er ja auch noch zuletzt eindringlich zum konfessionellen Frieden gemahnt hatte. Fast mehr noch interessierte Frau Maria Magdalena jedoch, was Pina von einem Abend im Liebigschen Hause erzählte. Nicht, daß dort ein Dr. Gemminger plötzlich eine gezähmte Fledermaus aus der Rocktasche gezogen und zum Entsetzen der Damen im Zimmer hatte umherfliegen lassen. Sondern daß und was die Herren über das Reichenbachsche »Od« verhandelt, jene geheimnisvolle Kraft, die sensitiven Personen zuweilen eigen sei: einen Pendel in Bewegung zu setzen, ohne ihn anzustoßen, oder unterirdische Wasseradern und Erzgänge zu fühlen. Ein junger Chemiker, Dr. Edelmann, versicherte, selber das Od über Herrn von Reichenbachs Fingerspitzen in der Dämmerung als eine zarte, aufwärts strebende Lohe gesehen zu haben. Aber Liebig meinte, er rechne es Reichenbach höher an, daß er das Paraffin und das Kreosot aus dem Holzteer entdeckt habe, wie er jenen denn durchaus nicht nur als Großindustriellen, sondern auch als Forscher schätze. Sein Od aber halte er für eine Verirrung. Auch sonst wolle ihn bedünken, daß für alle diese sogenannten »geheimnisvollen Kräfte« – richtiger »Schwächen« – möchten sie als Tischrücken, Geisterklopfen oder wie sonst immer sich betätigen, ausschließlich Herr Solbrig, – der Direktor des Irrenhauses – zuständig sei. Übrigens habe der Reichenbach schon als sechzehnjähriger Junge – als Sie, Herr Wolf, und ich noch in den Windeln lagen, schob er lächelnd ein – für eine andre, ebenso seltsame Idee zahlreiche Anhänger gefunden und zu einem Geheimbund zusammengeschlossen. Er habe nämlich auf den Südsee-Inseln ein deutsches Reich gründen wollen, wegen welcher unternehmenden Absichten die napoleonische Polizei ihn aber alsbald für einige Monate auf den Hohenasperg geschickt. Frau Maria Magdalena nun, wenn Pina ihr von diesem Abend erzählte, mußte immer an die Hand des Pfarrers Blumhardt denken, doch wußte sie, daß deren »Od« nicht eine Naturkraft dieser Welt war. Daß aber, als die Gesellschaft hatte aufbrechen wollen, Liebig, der leidenschaftlich gern Whist spielte, ihren Johannes aufgefordert hatte: »Jetzt dreschen wir noch ein Stündchen, Herr Wolf!« und daß dieser dadurch sich hatte zum Bleiben verführen lassen, das erfüllte sie mit einer leisen Sorge: Der liebe Junge würde doch hoffentlich auf seine alten Tage kein Spieler werden. Aber Mirl schrieb, daß er nur kein Spielverderber hätte werden wollen. So gern und dankbar Pina solcher Geselligkeit sich erfreute und so lebhaft sie deren Unterschied gegen das, was die Vaterstadt in dieser Richtung ihr zu bieten vermochte, empfand – den ausgelassenen Münchner Fasching mitzumachen, fühlte sie um so weniger Verlangen, als auch Johannes und Mirl sich ihm fernhielten. Und wenn sie später an diese Münchner Zeit zurückdachte, so fand sie, daß doch nichts ihrem innern Menschen wohltätiger gewesen war, als der vertraute Umgang mit einer seinen und leidgesegneten Frau, der in schwersten Stunden sie ein wenig hatte tragen helfen dürfen. – Dieses nun hat sich solchergestalt begeben: Im zweiten Stock des Hauses an der Neuen Amalienstraße, dessen ersten Johannes Wolf bewohnte, hauste eine dänische Etatsrätin mit ihrem Sohn, der Maler und ihr ein und alles war. Sie war nicht mehr ganz jung gewesen, als sie sich verheiratet. Schon auf der Hochzeitsreise hatte sie ihren Mann verloren. Das war 1832 und zu Paris geschehen. Zusammen hatten sie das Kostümfest in der Großen Oper besucht, auf dem plötzlich und mit solcher Heftigkeit die Cholera ausbrach, daß man ihre ersten Opfer, dreizehn an der Zahl, in derselben Nacht noch, und ohne sie der heiteren Festgewänder zu entkleiden, bestattete. Die Seuche aber ließ sich trotz solcher Raschheit nicht mitbestatten, und zu den zehntausend, die ihr erlagen, gehörte alsbald der dänische Etatsrat, indessen seine junge Frau und Witwe verschont blieb. Sein Kindlein unterm Herzen und durch die entsetzlichen Eindrücke gealtert, kehrte sie in ihr Vaterland zurück, das sie nicht wieder zu verlassen gedachte. Als aber ihr Sohn erwachsen war, den eine außerordentliche Begabung zum Maler hatte werden lassen, entschloß sie sich in Rücksicht auf seine überaus zarten Nerven und die Hemmungen und Störungen, an denen er laborierte, auf den Rat der Ärzte, für einige Jahre mit ihm in kräftiger Luft den Wohnsitz zu nehmen, und die Wahl fiel auf München. Sie hatte diesen Entschluß auch nicht zu bereuen, denn ihr Jens gedieh hier zusehends, und wenn auch immer wieder Zeiten kamen, in denen seine Fähigkeit zur Arbeit wie gelähmt erschien – die täglichen Störungen hatten sich doch ganz verloren. So durfte die Etatsrätin hoffen, in nicht allzu ferner Zeit mit ihm nach Kopenhagen zurückkehren zu können, und diese Hoffnung beseligte sie. Denn wenn ihr Junge auch den ersten Platz in ihrem Herzen einnahm, der zweite gehörte ihrem Vaterland und ihrem Volk, der dänischen Landschaft und der dänischen Kultur und diesem stillen und vornehmen Kopenhagen, mit dem sie sich durch so viele verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen, durch Erinnerungen und auch durch eine schöne mütterliche, Hoffnung verbunden fühlte. Zwischen Wolfs und ihren dänischen Hausgenossen bestand längst ein freundnachbarlicher Verkehr. So hatte denn auch Mirl mit Frau Anna und Pina der Etatsrätin einen Besuch gemacht, als diese einige Tage, bevor der Kommerzienrat mit den Seinen die Heimreise antrat, aus der Sommerfrische nach München zurückgekehrt war. Und da die Etatsrätin diesen Winter hindurch allein sein würde, denn ihr Jens hatte mit einem Freunde und Kunstgenossen eine Romfahrt angetreten, ward ihr die junge Rheinländerin eine erwünschte und beinahe tägliche Gesellschaft. Und Pina wiederum fühlte sich durch die Freundschaft der so viel älteren Dame beglückt und gefördert und genoß dankbar der vielen Anregungen. Sie freute sich auch, gerade über dänisches Wesen und Leben manches zu hören, wofür aus der Zeit, die sie mit der rotblonden Inge daheim im Gartenhaus verlebt hatte, ein besonderes Interesse in ihr wachgeblieben war. Voll mütterlichen Stolzes zeigte die Etatsrätin der jungen Freundin das fast fertige große Gemälde, womit sie und ihr Sohn übers Jahr nach Kopenhagen zurückzukehren gedächten und das dort seinen Ruf als Maler begründen solle. Daran sei nach dem, wie Kaulbach über das Bild geurteilt, wohl nicht zu zweifeln, und sie hoffe, daß die Süße des ersten Ruhms und das Bewußtsein, daß sein Volk Großes von ihm erwarte, ihren armen Jungen von den Hemmungen befreien würden, die ihm gerade jetzt wieder die letzte Vollendung der Arbeit versagt hätten. Das Bild, das sie »Heimkehr« nannte, stellte einen ungefügen altertümlichen Wagen dar, der, von zwei Apfelschimmeln gezogen, durch eine weite, von Wasser und Buchenwald belebte Ebene einem fernen Feuerschein zustrebte. Eine aufrecht sitzende, schwarzgewandete Frau, Entschlossenheit und verhaltenen Schmerz im Antlitz – sie glich der Etatsrätin – führte die Zügel, und neben ihr ruhte auf einem Lager von Buchenzweigen, Haupt und Oberkörper ein wenig erhöht und die Stirn verbunden, die Leiche eines jungen Kriegers von weicher, fast mädchenhafter Schönheit. Eine riesige Dogge schritt, zum Toten aufschauend, neben dem Gefährt dahin, über dem gleitenden Fluges zwei große schwarze Vögel schwebten. Die Etatsrätin meinte, das Bild spiele auf eine in Dänemark volkstümliche Ballade an, aus der bösen Zeit im siebzehnten Jahrhundert, da der zehnte Karl von Schweden alle Schrecken des Krieges über das unglückliche Land gebracht habe, und werde schon seines Gegenstandes wegen allgemein beachtet werden. Dieser Ansicht sei auch Andersen, der Märchendichter, der sie immer besuche, so oft er nach München komme. – Unbeschadet ihres sehr ausgeprägten Sinnes für die Wirklichkeit hegte Pina eine stille Liebe zum Theater, eine Liebe, die bisher nur selten sich hatte betätigen können, die aber durch das, was ihre zweite Mutter ihr zuweilen von Immermanns allzu rasch gescheiterten Düsseldorfer Theaterbestrebungen erzählt hatte, vertieft war. Daß auch in München ein Dichter die Bühne leitete, hatte sie mit frohen Erwartungen erfüllt, aber leider sollte gerade jetzt das Hoftheater Gasbeleuchtung erhalten. Auch sonst sollte manches in ihm verbessert und verschönt werden, und diese Arbeiten zogen sich länger hin als man gedacht hatte. Endlich, unmittelbar vor Weihnachten, öffneten sich seine Pforten und unter den mehr als zweitausend festlich gewandeten Menschen, die den im neuen Licht strahlenden Zuschauerraum füllten, um einander und Goethes Faust zu sehen, waren auch Johannes, Mirl und Pina, denen die Etatsrätin sich angeschlossen hatte. Sehr frühzeitig hatten sie ihre Balkonplätze aufgesucht, damit Pina Gelegenheit habe, die Einzelheiten der Ausstattung genauer zu betrachten, und man ihr auch in Muße die eine oder andere Berühmtheit unter den Zuschauern zeigen könne. Denn in den Pausen würde bei der durch die neue Beleuchtung voraussichtlich sehr gesteigerten Hitze alles unverzüglich hinausstreben, um Luft zu schnappen. – Als seine Frau mit einem entzückten Bericht über die Jenny Lind fertig war, die vor sechs Jahren hier das Annchen im Freischütz gesungen (wobei sie das Malheur gehabt habe, einen Schuh zu verlieren ), machte Johannes seine Nichte auf einen kleinen, weißhaarigen und hochgestirnten Herrn aufmerksam, der nicht allzuweit von ihnen saß, blitzenden Auges und ausdrucksvoll beweglichen Mundes der Unterhaltung mit seiner Nachbarin sich hingebend. Das sei der Nestor der »Nordlichter«, der treffliche Professor Friedrich Thiersch, ein Thüringer, der nun schon unter dem dritten König seinem Adoptivvaterlande Bayern die wertvollsten Dienste leiste. Übrigens heiße er, seit der König Max vor vier Wochen den Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft gestiftet habe, von Thiersch, sintemal mit solchem Orden der persönliche Adel verbunden sei. Ihr vielgeliebter Ludwig Uhland habe, nebenbei bemerkt, diese Auszeichnung zurückgewiesen, ebenso wie früher schon die preußische » Pour le mérite «. Pina wollte wissen, in welcher Richtung die Verdienste dieses Herrn von Thiersch lägen, und Johannes erzählte, daß jener, der ursprünglich Theologie studiert habe, schon in jungen Jahren, nachdem ihm unter Jerome die Hoffnung auf eine Professur in Göttingen unerfüllt geblieben, als Gymnasiallehrer nach München gegangen sei. Hier, in der reinkatholischen Stadt, habe im Schutz der protestantischen Königin Karoline und des freigeistigen Ministers Montgelas eine kleine protestantische Fremdenkolonie ihr Wesen gehabt und ziemlichen Einfluß gewonnen, sehr zum Ärger der Altbayern, die nichts unterlassen hätten, den Ketzern und Preußen das Leben schwer zu machen. Ja, Herr von Thiersch könne heute noch im Nacken die Narbe des Dolchstoßes aufweisen, den ihm eines späten Winterabends vor seiner Haustür ein Unbekannter, ganz ohne Zweifel von den Römlingen zu solchem Mordversuch verführt, hinterrücks beigebracht ... Er habe sich aber nicht verwirren, noch entmutigen lassen. Nebenamtlich habe Thiersch lange Jahre die schon erwachsenen, außerordentlich lernbegierigen königlichen Prinzessinnen in den Wissenschaften gefördert, und als dann der einst so heiß ersehnte Ruf nach Göttingen an ihn ergangen sei, da habe Max Joseph, dem die fünf Töchter ob der Aussicht solches Verlustes täglich, nach seinem eignen Wort, die Ohren vollgeheult, ihn mit leichter Mühe zu halten vermocht. Nachdem gleich zu Anfang der Regierung König Ludwigs die Universität von Landshut nach München verlegt worden, habe Thiersch seine Tätigkeit auch auf diese ausgedehnt, und heute verdanke Bayern vor allen andern ihm den Ausbau und die glückliche Entwicklung seines Mittel- und Hochschulwesens und dessen Erlösung vom Jesuitismus. Aber auch um die Befreiung Griechenlands und um den Griechenkönig Otto, der ja ein Sohn Ludwigs des Ersten sei, habe Thiersch große Verdienste, wie es denn Leute gebe, die behaupteten, jener habe seinen Beruf verfehlt, denn der » Praeceptor Bavariae « sei eigentlich zum Staatsmann geboren. Wahrscheinlich deswegen habe auch der Minister Abel dunklen Angedenkens, als Thiersch vor fünfzehn Jahren die erste Versammlung der klassischen Philologen Deutschlands nach Nürnberg berief, ihn persönlich dafür verantwortlich gemacht, daß dort kein Wort über Politik falle. Während Pina noch mit unauffälligem Interesse den Praeceptor Bavariae betrachtete, fragte ihr Oheim, ob sie nach den Bildnissen, die sie gewiß schon gesehen, den Herrn mit Knebelbart erkenne, der eben jetzt, nicht ohne Selbstbewußtsein nach verschiedenen Seiten leicht sich verneigend, auf dem Balkon gegenüber seinen Platz suchte. Sie verneinte, und als Johannes sagte, das sei der Dichter Emanuel Geibel, war sie überrascht: den hätte sie sich anders vorgestellt. – Gewiß als einen lorbeerbekränzten Lockenkopf mit großen, zugleich traurigen und feurigen, schwarzen Augen in einem blassen Gesicht, meinte der Oheim lächelnd, und Pina widersprach nicht. Übrigens halte er dafür, daß Geibel eines vollen Lorbeerkranzes nicht nur wert sei, sondern ihn auch zu tragen verstehe. Im guten wie im weniger guten Sinne solle dieser Dichter überaus empfindlich sein und in der etwas derben Münchener Luft nicht immer ganz behaglich sich fühlen. Aus Anlaß seiner Übersiedelung von Lübeck nach München sei im Bayerischen Hof ein »Dichterfest« mit sehr feierlicher und ehrenvoller Begrüßung Geibels veranstaltet worden. Darüber habe dann Herr Altenhöfer, der geistreiche Redakteur der Beilage zur Allgemeinen Zeitung, alsbald eine lustige kleine Satire geschrieben und obwohl er solche nicht habe drucken lassen, sei sie doch sehr rasch bekannt geworden. Während nun alle übrigen Dichter, die darin ein wenig verspottet werden, gute Miene zum bösen Spiel gemacht, habe Geibel diesen Scherz sehr übel genommen, und als Herr von Dönniges, »der die Glutidee der Trias zündend in die Welt geschmettert«, an einem seiner Montagabende in übermütiger Stimmung ein paar Verse aus jener Satire in Geibels Gegenwart rezitiert, sei es um ein Haar zu einem ernstlichen Bruch zwischen diesen beiden norddeutschen Duzfreunden gekommen. – Er, Johannes, wolle versuchen, ob er trotz seinem schlechten Gedächtnis jene Verse noch leidlich zusammenbringe. Also: »Geibel, kein Poet im öden Sinn der Heiden, kein Gestalter, nur die zartesten, modernsten Fühlsamkeiten tönt dein Psalter, patriotisch und .. erbaulich, allzeit fromm und tugendhaft, ohne .. ohne .. ohne .. ohne .., ohne blinde Leidenschaft. Deine Minne .. Minne .. Minne .., wie ein lichtentstammter Engel, statt der glühend roten Rose trägt sie Josefs Lilienstengel. Ach das duftet, ach das säuselt, und kein Weiblein geht dir fehl, Tugendsamer Rattenfänger, Gott mit uns, Emanuel!« Geibel gehöre, fuhr Johannes fort, zu dem engeren Kreise der »Berufenen«, den der König allwöchentlich einmal um sich versammle. Da werde dann nach dem Abendessen, bei einer Zigarre, die der König lediglich deshalb sich anzünde, um seinen Gästen den Genuß des Rauchens zu ermöglichen, stets eine wissenschaftliche oder künstlerische Frage ernsthaft verhandelt. Diesen zwanglosen Herrengesellschaften habe man den etwas anspruchsvollen, dem griechischen Altertum entlehnten Namen »die Symposien« beigelegt. Als Pina fragte, ob denn die Königin für diese Dinge sich nicht interessiere, antwortete der Oheim zögernd: doch, zuweilen werde wohl auch in ihrem Salon einmal vorgelesen, wobei sie nicht selten sich einen strengen Blick von seiten des Herrn Gemahls zuziehen solle. Dann nämlich, wenn die hohe Frau mit hohenzollernscher Unbefangenheit sich die Freiheit nehme, während des Vorlesens ein leises Geplauder mit ihrer Hofdame anzufangen. Es werde erzählt, daß besonders Geibel für solche königliche Unart gar kein Verständnis habe, sondern alsbald stirnrunzelnd mit Lesen innehalte, während Dingelstedt ... Hier wurde Johannes durch den herantretenden Obermedizinalrat Pfeufer, seinen Hausarzt, unterbrochen, der sich freundlich nach dem Befinden seiner Mutter erkundigte – er wisse nicht, ob er hinsichtlich ihrer Frische sagen solle: dank der Homöopathie oder trotz der Homöopathie – und alsdann den ausdrucksvollen Kopf mit den kurzen schwarzen Haaren verbindlich neigend die Etatsrätin fragte, ob sie gute Nachrichten aus Rom habe. Als jener sich verabschiedet, nahm Johannes den Faden wieder auf: Ja, Dingelstedt, der solle in solchem Fall seine Stimme erst recht erheben, um die Störung zu übertönen. Er werde aber nur selten zu Königs befohlen, da er ja nicht als Dichter, sondern lediglich als Intendant nach München berufen worden, also Beamter sei. Übrigens habe er soeben seine Loge betreten. Die jüngere der beiden Damen sei seine Frau, Jenny mit Namen, die ältere kenne er nicht. – Der Herr mit dem Napoleonskopf, der jetzt bei Dingelstedts eintrete, sei der berühmte Generalmusikdirektor Lachner. – Die Frau Jenny habe, nebenbei bemerkt, eine so wundervolle Stimme, daß Geibel einmal, ganz hingerissen, zum Dank für ein Schubertsches Lied kniend ihr die Hand geküßt. – Der Herr Intendant scheine ja heute recht aufgeräumt. Seine Stellung und Aufgabe sei äußerst schwierig: ein so vielköpfiges Bühnenvolk zu regieren, sei schon an sich keine Kleinigkeit. Dazu komme, daß es den Münchnern höchst ärgerlich sei, gerade das Theater von nichtbayerischen Händen geleitet zu sehen. Neben dem Legationsrat Dönniges, der wohl von allen »Nordlichtern« den größten Einfluß auf den König habe, sei darum Dingelstedt ihnen am widerwärtigsten, wie es denn ein lateinisches Verschen gebe: A duobus D / et ab uno T / Liber nos, Domine. Das T sei der Flügeladjutant des Königs, der treffliche Oberst von der Tann. – Um aber auf Dingelstedt, der seiner Geburt nach Kurhesse sei, zurückzukommen: dem habe, als er vor einigen Jahren zum Intendanten berufen worden sei, der Polizeidirektor Graf Reigersberg alsbald eröffnet, daß gleich bei der ersten Vorstellung gegen ihn demonstriert werden solle. Er habe ihm sogar ein ausführliches Schriftstück unterbreitet, mit der saubern Aufschrift: »Betreff: Auspfeifen des neuen Intendanten.« Es sei aber dann doch nicht so schlimm geworden, die Polizei habe wohl mal wieder zu schwarz gesehen. Dieser Graf Reigersberg leide übrigens, ganz nebenbei bemerkt, an einer Idiosynkrasie gegen jede Art von Herrenhüten, mit Ausnahme des Zylinders, den er für die einzig würdige Kopfbedeckung wohlgesinnter Männer halte. Insbesondere veranstalte er von Zeit zu Zeit eine richtige Razzia auf breitkrempige weiche Hüte, worunter er stets Demokraten wittere, obwohl er doch eigentlich wissen könnte, daß viele politisch ganz indifferente Künstler mit Vorliebe solcher Hüte sich bedienen. Der Münchner Frühling des Jahres 1854 war naß und kalt gewesen. Noch Mitte Mai hatte man heizen müssen. Nun war's Ende Juni und sehr heiß geworden. Die Etatsrätin sorgte sich um ihren Sohn. Vor wenigen Wochen aus Rom zurückgekehrt, hatte Jens mit angesammelter Spannkraft und Schaffensfreude seinem Bilde die letzte Vollendung gegeben. Dann aber hatte ihn ein Fieber gepackt. Pfeufer versuchte die Mutter zu beruhigen: Das Wechselfieber trete heuer so häufig auf, daß man wohl von einer kleinen Epidemie sprechen könne, verlaufe aber durchweg gutartig. Aller Voraussicht nach würden sie im August reisen können. Die neue Luftveränderung werde dann die letzte Genesung vollenden. – Er schien Recht zu behalten: Mitte Juli schon fing Jens an, seine akademischen Freunde und Bekannten aufzusuchen, um ihre Arbeiten zu besehen, ihnen von Rom zu erzählen und Abschied zu nehmen. Beim Cunctator traf er die Odinda, deren dunkle Schönheit Eindruck auf ihn machte, auch tue sie ihm leid, sagte er, weil jener sie augenscheinlich schlecht behandele und ihrer nicht wert sei. Eines Nachmittags schloß Jens mit der Mutter sich Wolfs zu einem Besuch der Gewerbeausstellung an, für die der König durch Voit und die Nürnberger Maschinenfabrik von Kramer und Klett ein Gebäude ganz aus Eisen und Glas hatte errichten lassen. Daß dieses merkwürdige Bauwerk, zu dem der Exkönig den Kopf schüttelte, und an dem Klenze nie ohne auszuspucken vorüberging, ausgerechnet in den Botanischen Garten hatte kommen müssen, veranlaßte den alten Hofrat Martins, sein Abschiedsgesuch einzureichen. Auch Johannes meinte, man hätte wohl einen andern Platz finden können. Im übrigen scheine ihm das Gebäude zweckmäßig, und wenn man sich etwa noch entschließe, große Wandflächen mit Drahtgeflecht zu überziehen und allerhand Rankengewächs anzupflanzen, so werde dieser Glaspalast, wenn auch nicht gerade palastmäßig, so doch mit der Zeit vielleicht ganz erfreulich wirken. Schlimmer fand er, daß die Ausstellung neben manchem Guten so fürchterlich viel Kram enthalte, oder ob man Dinge wie Schuhe, auf deren Sohlen in bunten Stiften bayerische Gebirgslandschaften dargestellt seien, anders bezeichnen könne. – Nein, da hätte man doch von den Engländern lernen sollen! Übrigens habe er dieser Tage in der Zeitung gelesen, daß der Herr Krupp in Essen seit der Londoner Ausstellung ganz bedeutende Geschäfte mache. Sogar die preußische Regierung, die vor fünf Jahren noch ein von ihm nach Berlin gesandtes Kanonenrohr kaum beachtet hätte, fange jetzt an, seinem Gußstahl ein Interesse zuzuwenden. Und wenn es sich bewahrheite, daß der Kruppsche Küraß kugelfest sei, möge damit wohl eine neue Epoche der Weltgeschichte beginnen. Inzwischen aber werde Preußen hoffentlich bald dem Beispiel Ägyptens folgen, das als erster von allen Staaten dem Hause Alfred Krupp in Essen Gußstahlkanonen in Auftrag gegeben habe. Es war nicht diese Gewerbeausstellung, weswegen Wolfs ihre Sommerfrische und Pina ihre Abreise in die Heimat noch hinausgeschoben hatten: man wollte das Gesamtgastspiel der namhaftesten deutschen Bühnenkünstler, das Dingelstedt vor einigen Tagen mit der »Braut von Messina« eröffnet hatte, noch genießen: insgesamt zwölf Vorstellungen. Pina war hochbeglückt, davon würde sie ihr ganzes Leben zu zehren haben. Da, in so freudenreicher Zeit, traf ein unerwarteter Gast in München ein, der vielen die Freude verdarb. Hatte er sich anmelden wollen, als vorige Woche aus Mexiko die Trauerkunde von dem plötzlichen Tod der wunderschönen Gräfin Rossi eintraf? Der Gräfin Rossi – nein, der entzückenden Henriette Sontag, der blonden, ewig jungen Sängerin mit den sanften blauen Augen, der Henriette Sontag, deren Anmut und überirdisch süße Stimme schon vor einem Vierteljahrhundert Tausende und Abertausende in einen Freudenrausch versetzt, seit sie 1823 in Wien als Erste Webers Euryanthe gesungen hatte. Nun war sie für immer verstummt, die rheinische Nachtigall, die Holtei mit so amüsanter List für Berlin eingefangen. Fünftausendsechshundert Taler waren gewiß eine schöne Gage für das zweiundzwanzigjährige Theaterkind, das am 3. August 1825 die Isabella in Rossinis »Italienerin« sang, nachdem seine noch jugendlich schöne Mutter den von Holtei verfaßten Prolog gesprochen hatte, denn es war an Königs Geburtstag. Und dem die Berliner schmerzlich und zuerst sogar ein wenig ärgerlich nachtrauerten, als es allzu rasch dem Ruf der Großen Oper nach Paris folgte. Gewiß, auch andere Sängerinnen hatte man mit Huldigungen überschüttet, die Schröder, die Schechner, die Catalani und dann später die Jenny Lind, aber zu Henriette Sontag hatte man doch ein ganz eigenes und unvergleichliches Verhältnis gehabt. Und wie war diese holde Unnahbare von den Männern umschwärmt worden, bis sie 1828 mit dem Grafen Rossi, dem Attaché bei der sardinischen Gesandtschaft zu Berlin, sich vermählte, und Friedrich Wilhelm III., sie hoffähig zu machen, ihrem hübschen Mädchennamen die stolze Bezeichnung »von Lauenstein« anhing. Leider mußte die Frau Gesandtin der Bühne entsagen, nur in Konzerten noch ließ sie, selten genug, sich hören. Aber die Lebensführung der ansehnlich sich vermehrenden Gesandtenfamilie war kostspielig, in Berlin, in Frankfurt beim Bundestag und am meisten in Petersburg: nach zwanzig Jahren zeigte sich leider, daß das ererbte Vermögen des Grafen und das ersungene der Gräfin beträchtlich zusammengeschmolzen war, so daß die Kinder dereinst das Nachsehen haben würden ... Da bot mitten in derlei Betrachtungen hinein der Theaterunternehmer Lennley von London der Gräfin sechsundfünfzigtausend Taler für die Saison, dazu freie Wohnung und freie Equipage. Der Graf hing den Gesandten an den Nagel, man reiste nach London, und 1849 betrat die Sechsundvierzigjährige, über deren Schönheit und Stimme die Zeit keine Macht hatte, wieder die Bühne. Die ganze Aristokratie erhob sich bei ihrem Erscheinen von den Sitzen, die Mutter zu ehren, die für ihre Kinder sang, und der alte Herzog Wellington war der Erste, der in der Pause ihr die Hand küßte. Rasch reihte allerorten Triumph sich an Triumph. In München ward die Unvergleichliche mit einem huldigenden Lied empfangen, das König Max gedichtet und Lachner vertont hatte. »Die Begeisterung, die sie überall entzündete, glich dem ›griechischen Feuer‹, das unlöschbar ist.« Dann kam die Gastspielreise durch Amerika, die als Vollendung und Abschluß ihrer zweiten Bühnenlaufbahn gedacht war, und auf der nun der Tod in seiner gräßlichsten Gestalt die vielgeliebte schöne Sängerin ereilt hatte. War es nicht, seitdem diese Trauerbotschaft den Münchnern ans Herz gegriffen, wie wenn etwas in der Luft liege, ein Verhängnis sich vorbereite? Eines Mittags erzählte Johannes bei Tisch, sein altes Fabrikfaktotum, Erasmus Rattenhuber, habe ihm ganz erregt berichtet: die Dohlen von den Frauentürmen hatten die Stadt verlassen! Das bedeute Unheil! Und andern Tags verbreitete sich das Gerücht, im Lorenziarmenhaus am Anger sei Einer an Cholera gestorben. Bald wußte man, daß das kein bloßes Gerücht war. Da hatte der Polizeidirektor dann täglich an tausend Reisepässe zu behandeln, die keineswegs nur von den heim fliehenden Fremden begehrt wurden. Johannes bat den Obermedizinalrat Pfeufer um Verhaltungsmaßregeln, denn Erasmus Rattenhubers Rat, man müsse ein Kupferplättchen auf dem Nabel tragen und »vuil Kamüllentee« trinken, wollte ihm nicht ohne weiteres einleuchten. Mit Pina sprach er: ob sie nicht unverzüglich nach Hause reisen wolle. Aber sie versicherte, sich sehr wohl zu fühlen, keine Spur von Angst zu haben und, sofern sie dürfe, lieber bleiben zu wollen. Das Hoftheater führe sein Gesamtgastspiel ja auch zu Ende und im übrigen glaube sie, auf der langen Reise und in den anfangs wenigstens mit ängstlichen und also schon halbkranken Menschen überfüllten Eisenbahnwagen mindestens so gefährdet zu sein, wie wenn sie ruhig wie bisher weiterlebe. Auch sei es ja nicht ausgeschlossen, daß, wenn die Seuche wirklich überhand nehme, Pflegerinnen gesucht würden. In gleichem Sinne schrieb sie nach Hause und mit der Zustimmung der Eltern traf von der Großmutter ein Päckchen Hahnemannscher Pülverchen und Kügelchen ein und die Bitte, solches doch ja einzunehmen: abwechselnd den einen Tag ein Pülverchen und den andern Tag ein Kügelchen, was sie dann auch gewissenhaft tat, da es ja doch nichts schaden könne. Die Etatsrätin hatte mit ihrem Sohn sofort abreisen wollen, aber Jens fühlte sich dazu nicht wohl genug, und dann wollte und wollte auch die Kiste für die »Heimkehr« gar nicht fertig werden, und der Schreinermeister gestand endlich, er müsse Tag und Nacht für das Sargmagazin im Fingergassl arbeiten. Denn die Cholera hatte inzwischen mit furchtbarer Wut um sich gegriffen und den ganzen Tag durchfuhren die schwarzen Wagen die Stadt, über der die Luft gelb wie von Schwefel lag. Seltsamerweise waren es anfangs gerade die Straßen der Vornehmen und Reichen, in deren saubern Häusern die, allen ärztlichen Theorien zum Trotz, ihre Opfer sich suchte. Aber der sechsundreißigjährige Max Pettenkofer, der chemischer Assistent an der Königlichen Münze gewesen war, bis ihm voriges Jahr der neue Lehrstuhl für medizinische Chemie an der Universität überwiesen ward, der wandte seine Aufmerksamkeit den Dingen und Zuständen nicht in den Häusern, sondern unter den Häusern zu. Er begann zu untersuchen, welchen Einfluß der Erdboden, das Grundwasser, die Grundluft auf Entstehung und Verbreitung der Cholera haben könnten. Mühevolle und langwierige Untersuchungen, deren Wirkung dann auch der Bekämpfung der chronischen Münchner Lokalkrankheit: des Typhus, zugute kam und mit der Zeit zu einer völligen Entseuchung der Stadt führte. Anfang August ward der Hof nach Nymphenburg verlegt. Das Gesamtgastspiel war zu Ende, aber das Hoftheater spielte auf königlichen Befehl weiter, und den Intendanten, der seine Familie in die Berge geschickt hatte, konnte man jeden Vormittag bei Carolina Tambosi unter den Arkaden seine Tasse Schokolade trinken sehen. Gerade wie wenn er nicht wisse oder es ihn nicht angehe, daß Gottes Zorn die Königliche Haupt- und Residenzstadt mit diesem großen Sterben heimgesucht, um ihrer zunehmenden Verketzerung und Verpreußung zu steuern. War's nicht unerhört, daß er in solcher Zeit das Preußenstück, die Minna von Barnhelm, und die Judenoper, den Propheten, auf den Spielplan zu setzen wagte? Wann endlich würden dem guten König Max die Augen über diese Nordlichter aufgehen? Pina nahm in diesen Wochen der Etatsrätin manche häusliche Arbeit ab, damit diese sich um so mehr ihrem Sohn widmen könne, dem es gar nicht gut ging. Er lag zu Bett und hörte ohne sonderliche Teilnahme der Mutter zu, die ihm ausmalte, wie sie in Kopenhagen ihr Leben sich einrichten wollten. Die »Heimkehr« hatte er in sein Schlafzimmer bringen lassen, so daß er das Bild vom Bett aus sehen konnte. Noch war kein Nachlassen der Seuche zu bemerken, aber die anfängliche Kopflosigkeit war einer organisierten Bekämpfung und Hilfe gewichen. In erster Linie war es der Obermedizinalrat Pfeufer, der die Behörden vortrefflich beriet, und man erzählte sich, daß er unter anderm empfohlen habe, in dieser Zeit ausnahmsweise auch die kleinen Diebe laufen zu lassen, damit nicht etwa das Untersuchungsgefängnis ein Herd der Krankheit werde. – Auch entwöhnten sich viele, jedes vom Durchschnittlichen abweichende Befinden für beginnende Cholera zu halten. Ja, im Hofbräuhaus, auf den Kellern und in den Weinstuben herrschte eine vermehrte Ausgelassenheit, und auch sonst genossen nicht wenige das Leben in volleren Zügen, seine ganze Süße gegen die Bitterkeit des Todes aufbietend. – Von den Ärzten empfahl einer ein Universalmittel einfachster Art, das fast nie versage: Er ließ den Kranken tüchtig schwitzen, wenn auch nicht so gewalttätig dabei verfahren zu werden brauchte, wie es die Cenzi von ihrer Herrschaft erzählt hatte. Als aber auf sein Betreiben eine Kommission von Ärzten seine Patienten besuchte, um sich von der Vortrefflichkeit seiner Behandlung zu überzeugen, da ergab sich erfreulicherweise, daß von den brav Schwitzenden keiner die Cholera hatte. Doch auch, wo es sich unzweifelhaft um Cholera handelte, genas bei früh genug einsetzender ärztlicher Behandlung etwa die Hälfte. – Da eines Mittags erschien der Obermedizinalrat Pfeufer bei Johannes Wolf, er müsse ihm sagen, daß der junge Maler droben die Cholera habe. Das Vorläuferstadium habe etwas langer gedauert, jetzt jedoch seien alle Symptome vorhanden: Durst, Kälte, Schweiß, Erbrechen, bläuliche Haut, Krämpfe. Aber man dürfe noch hoffen. – Nun richtete Pina sich ein, ganz bei der Etatsrätin zu bleiben, deren Fassung sie bewunderte, denn der Kranke schrie zuweilen vor Schmerz so laut, daß Wolfs ihn hörten, und schlimmer noch als die Schmerzen quälte ihn die Angst, nicht vor dem Sterben, aber vor den Krämpfen. Dazwischen verlangte er so oft und so anhaltend nach der schönen Odinda, daß die Etatsrätin sich endlich schweren Herzens aufmachte, den Cunctator zu bitten, ob er nicht mit jener ihren Sohn besuchen möchte. Sie kam aber unverrichteter Dinge zurück: die beiden seien vor ein Paar Tagen abgereist. Daß diese Reise zum Friedhof geführt hatte, verschwieg sie. – Dann schien eine Besserung einzutreten, aber Pfeufer sagte, er traue dem Frieden nicht und sprach von Harnstoffvergiftung ... »da feuern wir Ärzte nur noch mit Platzpatronen gegen einen übermächtigen Feind«. Und wieder behielt er Recht: der junge Maler starb, den Namen der toten Malaiin auf den Lippen. Die Etatsrätin erkrankte nicht. Sie brach auch nicht zusammen. Und Pina half ihr stark sein. In diesem Haus ward niemand mehr von der Cholera befallen, die viele andere um alle Bewohner brachte. So sollte die allerdings nur kurze Perusastraße bis auf einen alten Herrn gänzlich entvölkert sein. Nachdem die Seuche dann noch als eines der letzten von über zweitausend das gute Herz der Exkönigin Therese stillstehn geheißen, das mit dem leichtentzündbaren ihres Ludwigs so viele, durch holperige Verse anerkannte Nachsicht gehabt hatte, ward, als die Blätter von den Bäumen fielen, die Cholera amtlich für erloschen erklärt. Ein paar Tage vorher aber hatte Erasmus Rattenhuber seinem Herrn gemeldet, daß die Dohlen zu den Frauentürmen heimgekehrt seien. Da rüstete auch Pina sich zur Heimreise. Als sie sich von Pfeufer verabschiedete, der an ihrer tapferen Sachlichkeit seine Freude gehabe hatte, erzählte er ihr, daß von den zweihundert Ärzten nur einer, von den vielen Geistlichen und barmherzigen Schwestern und den Hunderten, die mit den Leichen zu tun gehabt hatten, niemand an der Cholera gestorben sei. Pastor Kranevoß war nicht wieder völlig genesen. Er hatte noch einige Jahre mit vielen Unterbrechungen seines Amtes gewaltet, dann war der Tod seiner Emeritierung zuvorgekommen. Unter den Wenigen, die um die verwaiste Kanzel warben, wählte die Gemeinde fast einstimmig einen jungen Pfarrer vom Oberrhein, Thomas Wackerblüh, den der Kommerzienrat Wolf und seine Frau auf einem Rheindampfer kennen gelernt und aufgefordert hatten, sich zu bewerben. Diesmal war's nicht der »Herzog von Nassau« gewesen, sondern die »Königin Elise«, die früh um fünf rheinaufwärts dampfend Koblenz verlassen und schon im Bopparder Bogen durch den dichten Nebel zu vierstündigem Stilliegen sich gezwungen gesehen hatte. Da waren Wolfs, als sie fröstelnd ihre Promenade auf das Vorderschiff ausdehnten, mit dem von einer Synodalkonferenz Heimreisenden in ein Gespräch gekommen, das rasch mehr als bloße Unterhaltung geworden war. Der Pfarrer, ein hochgewachsener junger Mann mit dunkellockigem Haupt und großen und lebhaften braunen Augen, dessen kräftig geschnittene Züge kein Bart verhüllte, hatte bedauert, daß der Steuermann eines Rheindampfers sich ausschließlich auf das, was er sehe, verlassen dürfe und also, wenn er, wie jetzt, gar nichts sehe, stillhalten müsse, indessen ein Ozeandampfer nach dem Kompaß auch durch Nacht und Nebel den Weg zu finden wisse, woraus sich ihm dann zwanglos und gleichsam unwillkürlich die fröhliche Bemerkung ergeben hatte: wie gut es doch sei, daß der Christ auf seiner Lebensfahrt solchen untrüglichen Kompaß an Bord habe. Da hatte der Kommerzienrat von der Pappschachtel des seligen Herrn Schlüpjes erzählt, der dieser in schwierigen Fragen wahllos ein Bibelsprüchlein entnommen habe und dabei wohl auch immer gut beraten worden sei. So seltsam ihn, den Kommerzienrat, nun auch solches Orakel stets berührt habe, so müsse er doch gestehen, daß er sich dazu geneigter fühlen würde, als zu einer unmittelbaren Befragung der Heiligen Schrift – übrigens besitze er in seiner lieben Frau einen ausgezeichneten Kompaß. Der Pfarrer hatte zwar lächelnd erwidert, er habe mit jenem Kompaß eigentlich weniger das gedruckte Bibelbuch oder einzelne Stellen daraus gemeint, als vielmehr die Stimme Gottes im eigenen Herzen – aber nun war man zunächst bei der Bibel geblieben und Frau Anna hatte bekannt, daß sie neulich das berüchtigte Buch von Wislicenus gelesen »Die Bibel im Lichte der Bildung unserer Zeit.« Es habe sie außerordentlich interessiert und ihr im einzelnen manche Anregung gegeben. Im großen ganzen aber sei ihr nicht zweifelhaft, daß der Verfasser auf einem Irrwege sich befinde, darauf er wohl an ein Ende, aber nicht an ein Ziel gelangen könne, wenn sie auch nicht verstehe und noch weniger gutheiße, daß man ihn dieses Buches wegen zu Gefängnis verurteilt habe. Es möge ja wohl individuell verschieden sein, aber ihr sei es nie besonders wichtig gewesen, ob die Sonne zu Gideon wirklich stillgestanden, oder der Esel Bileams tatsächlich geredet habe, und sie habe nie begriffen, inwiefern die innere Wahrheit der Bibel dadurch im geringsten berührt werden könne, daß ihre Erzähler hinsichtlich der äußeren Wirklichkeit in den Anschauungen ihrer Zeit befangen gewesen wären. – Freilich, sagte der Pfarrer, hätten die Männer, die, von Gott erleuchtet, die einzelnen Bücher niedergeschrieben, nicht im entferntesten die Aufgabe oder auch nur die Möglichkeit gehabt, ihrer Zeit in den menschlichen Geisteswissenschaften vorauszueilen, wie es ja auch bis auf diesen Tag niemals Gottes Brauch gewesen wäre, den Menschen durch Offenbarung zu schenken, was sie durch geistige Arbeit suchen und finden könnten. Übrigens habe er selber jenes Wislicenussche Buch lediglich aus persönlichem Interesse für den Verfasser gelesen, der einst ein glücklicherer Leidensgefährte seines seligen Vaters gewesen sei. Aber bevor er hiervon erzähle, möge der Herr Kommerzienrat doch aussprechen, was ihm anscheinend auf der Zunge schwebe. – Der meinte, redende Esel habe es wohl immer und überall gegeben, und mit dem Alten Testament wolle er nicht rechten. Aber auch im Neuen sei doch vieles, worüber er nicht hinwegkomme. Und wenn er auch, besonders seit er mit seiner alten Mutter in Boll beim Pfarrer Blumhardt gewesen, durchaus davon überzeugt sei, daß von der Persönlichkeit Jesu Christi Lebensströme ausgegangen wären, die Lahme gehen und Blinde sehen gemacht hätten, so könne und könne er doch nicht glauben, was im siebzehnten Kapitel des Matthäus-Evangeliums erzählt werde: daß der Herr Jesus, als seine und des Apostels Petrus Steuern fällig und Geld dafür nicht vorhanden gewesen wäre, einen Fisch habe anbeißen lassen, der den erforderlichen Betrag in Form einer Goldmünze im Maul gehabt hätte. Daß man aber das eine Wunder annehme und das andere ablehne, sei doch auch wohl nicht zulässig ... Aber der junge Pfarrer Wackerblüh war der Ansicht, daß dies durchaus zulässig, richtig und natürlich sei, sintemal der menschliche Wille die Hand hierbei gar nicht im Spiel habe, sondern lediglich Gott selber es sei, der den Einzelnen schrittweise, nach Maßgabe seines geistlichen Reifens, die Wahrheit, ja Notwendigkeit auch solcher äußerlichen Wunder erleben lasse, nicht durch selbstquälerisches Grübeln, sondern allein aus freier göttlicher Gnade auf die schlichte Bitte hin: »Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!« – Dem Expfarrer Wislicenus freilich habe sein gewiß ehrliches, aber einseitig vernunftgemäßes und von Strauß verführtes Forschen von der Gesamtpersönlichkeit und dem ganzen Erdenleben Jesu nur das seelenlose Knochengerüst übriggelassen. Und da müsse er, Wackerblüh, nun freilich sagen, für ihn enthalte die ganze Heilige Schrift kein so unglaubliches Wunder, wie es vorliegen würde, wenn die Worte, die das Neue Testament von Jesus belichtet – und die ja schließlich doch so wenig von selber einer schreibenden Feder entflossen sein, wie sie nachträglich wieder aus der Welt geschafft werden konnten – wenn diese Worte wirklich von einem gesprochen worden wären, der gar nichts weiter gewesen als – ein Mensch ... Inzwischen hatten die roten Schaufelräder des Dampfschiffs ihr Spiel mit der grünen Flut sacht wieder aufgenommen, die sie in weißen Wellenschaum verwandelten. Und Wackerblüh meinte lächelnd, nun seien sie im Nebel miteinander vertrauter geworden als wenn sie im Sonnenschein der rasch wechselnden Uferbilder gemeinsam sich erfreut hätten. Aber ihm wenigstens wolle immer scheinen, das Leben sei viel zu kurz, als daß Menschen untereinander nur Konversation machen dürften ... was nun die Freundschaft und Schicksalsverwandtschaft seines seligen Vaters mit Wislicenus betreffe, der übrigens der Strafe für sein Antibibelbuch durch eine rasche Flucht nach Amerika sich entzogen, so habe das solche Bewandtnis: Im Jahre 1824 unmittelbar nach seiner Habilitierung und Verheiratung sei in Halle sein Vater und der Student der Theologie Wislicenus, beide eifrige Mitglieder der Burschenschaft, gleichzeitig wegen der Teilnahme an einer verbotenen, angeblich das »Verbrechen des Hochverrats vorbereitenden« Verbindung verhaftet und zu zwölfjährigem Festungsarrest verurteilt worden. Dieses Urteil – er selber habe vor einigen Jahren die Akten eingesehen – verdiene wie so viele, viele ähnliche weit eher ein Verbrechen genannt zu werden als alles, was seitens der deutschen Burschenschaft je vorbereitet worden sei. Nun: Das Band ist zerschnitten, war schwarz, rot und gold, und Gott hat es gelitten, wer weiß, was er gewollt. Wislicenus sei nach fünf Jahren im Blick auf seine aufrichtige Reue begnadigt worden, seinem Vater aber, der verbittert und hartnäckig an den alten Idealen festgehalten, habe man die Strafe auf jede Weise verschärft. Als er dann nach ihrer völligen Verbüßung endlich in Freiheit gesetzt worden, habe er, gänzlich zerrüttet, dem Trunk sich ergeben und nach wenigen Jahren sein Leben mit eigener Hand geendet. »Nach wenigen Jahren,« ja, aber wie diese wenigen Jahre gewesen, und was die Eltern darin durchlitten, das könne er nicht sagen und wolle es auch nicht ... Die Mutter habe den Vater nur um ein Geringes überlebt. Und was ihn selber betreffe: wenn er als junger Bursche nicht zum Königsmörder geworden sei, so verdanke er das nur einem unmittelbaren Eingreifen Gottes in sein Leben, einem Eingreifen, das in seiner Folge ihn auch zur Theologie geführt habe. Hierüber könne und möge er gleichfalls nicht sprechen. – Aber jetzt wolle er den toten König und den toten Vater ruhen lassen, denen Gottes Gerechtigkeit und Gnade Schuld und Sühne zumessen werde. Gott werde auch wissen, weshalb er ihm, dem er in Weib und Kind das höchste Erdenglück beschert, diesen Pfahl ins Fleisch gesenkt, diese sündhaft hadernden Gedanken, die immer wiederkämen, deren er nie ganz Herr würde. Freilich hätte er ihm ja auch eine Waffe oder Asyl gegeben: so oft solche Anfechtung über ihn komme, flüchte er sich an die Orgel, und zu Johann Sebastian Bach, wo sie ihm dann nichts mehr anhaben könne ... Der junge Pfarrer hielt inne, und Frau Anna, die an seiner leidenschaftlichen und offnen Art ihre herzliche Freude hatte, bemerkte, sie begreife ja ganz gut, daß die Polizei die Burschenschaft verfolgt habe, was sie aber nicht begreife, sei, daß ein deutscher Richter ihre Bestrebungen für Hochverrat habe erklären können, ob man hierunter denn nicht den Verrat des eignen Vaterlandes an eine fremde Macht verstehe? – Ja, entgegnete Wackerblüh, aber es gebe wohl nichts, das ein deutscher Richter, sofern er persönlich es verwerfe und wisse, daß seine Vorgesetzten es auch verwürfen, nicht so aufzufassen verstehe, daß sich aus den Tausenden Paragraphen der gefährlichste darauf anwenden lasse. So habe denn auch das Urteil, das seinen Vater vernichtet, mit philosophischer Tiefe und juristischem Scharfsinn den Hochverrat für gegeben erachtet, weil durch die Gründung eines einigen Deutschland die Selbständigkeit der deutschen Einzelstaaten aufgehoben und diese einem neu zu gründenden, mithin »fremden« Staate einverleibt werden würden ... Frau Anna meinte, daß solcher Spitzfindigkeit doch nur ein Jesuit oder ein Schurke fähig sein könne, aber der Pfarrer widersprach: wenn er jenes Urteil ein Verbrechen genannt habe, so sei er doch weit entfernt, den Richter, der es gefällt, einen Verbrecher zu schelten, vielmehr möge jener persönlich ein vollkommener Ehrenmann gewesen sein. Die Schuld liege am System. Unser geschriebenes Recht sei nun einmal kein Volksrecht. Ein solches würde die Gesinnung des Täters schärfer ins Auge fassen als die Tat selber, würde auf weniger Paragraphen aber mehr Menschenkenntnis sich aufbauen. Dieses Juristenrecht aber sei und bleibe dem deutschen Wesen durchaus fremd. – Dazu komme die Umständlichkeit und Langsamkeit des Verfahrens, das unendliche Schreibwerk und der viele Formelkram. Daher auch die tiefe Scheu aller anständigen Menschen, mit dieser sogenannten Rechtspflege in Berührung zu kommen ... Wer könne denn in solchem Paragraphengewirr sich zurechtfinden? Oft genug doch nicht einmal die gelehrtesten Juristen selber. Ja, man könne fast sagen, diese ganze deutsche Gesetzgebung sei ein Instrument des Unrechts für eigentümlich veranlagte und geschulte Virtuosen. Übrigens wolle ihm scheinen, daß zu solchem Virtuosentum das semitische Gehirn begabter und leichter dafür zu schulen sei als das germanische, und er sehe voraus, daß, sofern dies alles sich so weiter entwickle, nachdem die Juden jetzt zu jedem Studium und Amt zugelassen würden, nach einem halben Jahrhundert in einem geeinten und nach außen mächtigen Deutschland nur noch jüdische Rechtsgelehrte die Gesetze entwürfen und kommentierten, nach denen dann in kniffligen Verhandlungen zwischen jüdischen Richtern und jüdischen Advokaten dem deutschen Michel sein Recht gesprochen werde ... Auch in dieser Hinsicht sei überaus bezeichnend, daß kleine Vergehen gegen das Eigentum härter bestraft würden, als etwa die niederträchtigsten Ehrabschneidungen. Solche Einschätzung entspreche völlig dem romanischen und semitischen, aber ganz und gar nicht dem germanischen Empfinden, wie man denn summa summarum den Vätern und Hütern der deutschen Gesetzgebung gewiß nichts Härteres, leider aber auch nichts Treffenderes ins Stammbuch schreiben könne als Goethes Vers: »Ihr laßt den Armen schuldig werden.« Der Kommerzienrat warf ein, ihm erscheine die Entwicklung des deutschen Rechtswesens ganz folgerichtig, und man dürfe den tatsächlichen Beruf der alten Römer zum Ordnen und Formen so wenig verkennen, wie man ihr Erbe einfach aufgeben, und etwa an ein uraltes deutsches Bauernrecht anknüpfend gleichsam aus dem Nichts etwas ganz Neues schaffen könne. Das könne man freilich nicht, erwiderte Thomas Wackerblüh und er selber schätze die Form in allen menschlichen Dingen und Beziehungen außerordentlich, sogar im Gottesdienst. Aber die Form dürfe nicht zur Formel werden. Der Geist sei es, der lebendig mache, und er vertraue, daß auch für die deutsche Rechtspflege einmal ein Luther aufstehe und tun werde, was der Doktor Martinus für die deutsche Glaubenspflege getan habe: das Jüdische und das Römische dem Deutschen unterordnen. Wofür freilich Voraussetzung sei, daß der deutsche Michel jene Fremdherrschaft als solche nicht nur dunkel empfinde, sondern klar erkenne. Sobald dies geschehe würden die Befreiungskämpfe einer Reformation beginnen oder doch ihre Sturmvögel voraussenden. – Übrigens sei er persönlich weder den Romanen noch den Semiten gram, halte vielmehr dafür, daß beide den Germanen einfach unentbehrlich seien, nur dominieren dürfe ihre Art nicht, im deutschen Recht so wenig wie im deutschen Glauben. – Um aber ja nicht der häßlichen Unduldsamkeit gegen die Juden sich verdächtig zu machen, wolle er ausdrücklich anerkennen, daß es ein Jude gewesen Ludwig Börne, der, ihm aus der Seele, gesagt habe: »Hätte die Natur so viele Gesetze wie der Staat, Gott selber könnte sie nicht regieren.« Der Kommerzienrat meinte, die Judenfrage sei ein dunkles Kapitel und als etwas unlösbar gewordenes, streng genommen, heute überhaupt keine Frage mehr, sondern ein Tatsachenkomplex, mit dem man sich abfinden müsse. Er würde ja wohl kaum je Gelegenheit dazu haben, glaube aber, daß er instinktiv sich ohne Ausnahme jedem Juden fernhalten würde, nicht weniger als etwa jedem deutschredenden und in Deutschland etablierten Chinesen. Gleichwohl halte er die Annahme, der Durchschnittsjude habe summa summarum mehr üble Eigenschaften als der Durchschnittsdeutsche, für absurd. Wenn in diesem Betracht so oder so wirklich ein wesentlicher Qualitätsunterschied existieren sollte, so müsse man, solchen zu taxieren, doch dem germanischen Urteil ebenso sehr die Unbefangenheit absprechen wie dem semitischen. Übrigens entsinne er sich aus seiner Jugendzeit mancher derartigen unfruchtbaren Polemik zwischen seinem Vater und seinem Großvater, dem Pastor, der die Emanzipation der Juden für ein nationales Unglück gehalten habe. Wackerblüh entgegnete, bei der Einschätzung der deutschen Juden müsse man wohl zwischen Westjuden und Ostjuden unterscheiden. Diese, deren unerschöpfliche Quelle Rußland sei, ständen geistig und sittlich wesentlich tiefer als jene, die aus Portugal über Holland nach Hamburg gekommen seien und deren Stamm als edelste Blüte den Philosophen Spinoza hervorgebracht habe. Von Spinoza kenne er nun freilich nicht mehr als den Namen, gestand der Kommerzienrat, aber einen sehr temperamentvollen jungen, freilich Wohl ostjüdischen Philosophen, der anscheinend dazu noch über jenes vom Herrn Pfarrer erwähnte juristisch veranlagte Gehirn verfüge, habe er einmal aus nächster Nähe auf sich wirken lassen können. Er spreche von Ferdinand Lassalle und dessen Auftreten vor den Assisen zu Düsseldorf am 3. und 4, Mai 1849. Er, Wolf, sei damals gerade Geschworener gewesen und müsse gestehen, dieser Jüngling habe ihm Eindruck gemacht. Lassalle habe ja schon 1846 in Köln eine rasch berühmt gewordene Verteidigungsrede gehalten, als man ihn der Mitwissenschaft um den Kassettendiebstahl geziehen, der in dem Ehescheidungsprozeß seiner Freundin, der Gräfin Hatzfeld eine Rolle gespielt habe. Aber diese Düsseldorfer Rede solle doch ein noch größeres Meisterstück gewesen sein. Auch habe es sich hier ja nicht um eine private, sondern um eine öffentliche Angelegenheit gehandelt, denn Gegenstand der Anklage sei gewesen, daß Lassalle im November 1848, als die preußische Regierung die Frankfurter Nationalversammlung aufgelöst, das Volk zum bewaffneten Widerstand aufgefordert habe, während doch der Präsident der Nationalversammlung selber, Herr von Unruh, der Ansicht gewesen sei, daß nichts als passiver Widerstand übrig bliebe. – Dem habe der Angeklagte entgegengehalten, der passive Widerstand sei wie Lichtenbergs Messer ohne Stiel, dem die Klinge fehle, der passive Widerstand sei das Produkt folgender Faktoren: Die klarerkannte Schuldigkeit, pflichtgemäß widerstehen zu müssen, und die persönliche Feigheit, nicht widerstehen zu wollen ... Das Amüsanteste an dieser Rede sei aber, daß – einer weitverbreiteten Annahme entgegen – Lassalle sie gar nicht gehalten habe, und das sei so gekommen. Lassalle habe die Rede, so wie er sie zu halten beabsichtigt, drucken lassen, und obschon diese Druckschrift noch nicht habe ausgegeben werden sollen, sei sie doch dem Gerichtshof schon zugegangen. Daraufhin habe der Vorsitzende, Appellationsgerichtsrat von Druffel, den zweiten Verhandlungstag damit eröffnet, daß er einen geheimen Beschluß des Gerichtshofes verlesen, wonach, eine Gefährdung der öffentlichen Ruhe zu verhüten, die Öffentlichkeit auszuschließen sei. Sofort und sehr energisch habe der Angeklagte gegen solche unwürdige Gewalt und Verkümmerung des Rechtes der Öffentlichkeit protestiert. Aber natürlich vergebens: der Gerichtshof habe sich eiligst zurückgezogen, und der Präsident die Polizei mit der Räumung des Saales beauftragt. Nach Wiedererscheinen des Gerichtshofes habe Lassalle seinen Protest erneuert und dann, in Haltung, Gebärden und Stimmfall reichlich theatralisch, den Geschworenen geklagt, daß man ihn nach sechsmonatiger Kerkerhaft jetzt auch noch des Rechtes beraube, die Anklage öffentlich zu brandmarken und die Abscheulichkeiten, die Infamien zu enthüllen, die unter der Toga des Richters verübt werden. Als nach solchem Ausfall der Vorsitzende dem maßlos Erregten mit der Entziehung des Wortes gedroht, habe die Szene ihren dramatischen Höhepunkt erreicht, indem der schlanke, dunkelhaarige Jüngling den guten Herrn von Druffel mit »Großinquisitor« tituliert und den Beweis angeboten habe, daß selbst die spanische Inquisition glimpflicher mit den Angeklagten und ihrem angeborenen Menschenrecht der freien Verteidigung umgegangen sei. Dann wieder an die Geschworenen sich wendend habe Lassalle verlangt, daß sie keinerlei Verdikt, kein Schuldig, kein Nichtschuldig, aussprechen sollten bis er seine Verteidigungsrede gehalten, die er aber erst halten werde, wenn die Öffentlichkeit wiederhergestellt sei. Die Geschworenen jedoch hatten sich hiernach nicht gerichtet, sondern ihn freigesprochen. – Wenige Tage später aber sei die Rede für sieben und einen halben Silbergroschen in allen Buchhandlungen zu haben gewesen. Soviel er gehört, sagte Wackerblüh, habe Lassalle, der in der Tat aus Breslau stamme und ursprünglich Lasal heiße, inzwischen Beziehungen zur Arbeiterschaft angeknüpft, um sie vor seinen Ehrgeiz zu spannen. Jedenfalls wolle er, Wackerblüh, hoffen, daß, wenn in Marx und Lassalle die Semiten nun auch der Sozialen Frage sich bemächtigten, daß dann Gott bald den germanischen Genius erwecke, der in die Tiefe dieser Frage dringe. Denn die Lösung erfordere positive Kräfte, wenn anders nicht das höchste Glück der Erdenkinder, die Persönlichkeit, durch den ödesten Staatsdespotismus vernichtet werden solle. Auch werde man sonst, witzelte der Kommerzienrat, am Ende gar nicht mehr von Prolet-Ariern reden können ... Während die drei Reisenden so miteinander sprachen, hatten sie, zuweilen ein wenig auf und ab wandelnd, mehrere Male an dem weit offenstehenden Fensterschacht sich aufgehalten, durch den man die blanke Dampfmaschine arbeiten und den rußigen Heizer sie bedienen sah. Eben jetzt standen sie wieder davor, und der Kommerzienrat hatte gerade die Bemerkung gemacht, daß eine solche Maschine doch ein herzerfreuender Anblick und ihr Rhythmus ein Hohes Lied des menschlichen Fortschrittes sei, als der Heizer einige Stufen auf der eisernen Leiter emporstieg, um ein paar Atemzüge frische Luft zu nehmen. Das blaue Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln klaffte über der behaarten schweißbedeckten Brust, und während er mit der geschwärzten Rechten sich durchs dunkle Haupthaar fuhr, blickte er gleichmütig an ihnen vorbei. Und doch schien eine Drohung in seinen seltsam aus dem kohlenstaubbeschmutzten Antlitz leuchtenden Augen zu liegen. Als er wieder verschwunden war, sagte Frau Anna, daß sie die Schönheit und den Nutzen der Dampfmaschine gewiß nicht verkenne, daß diese aber doch die sozialen Gegensätze unendlich verschärft habe oder solche wenigstens ungleich mehr als früher in die Erscheinung treten lasse. Das empfinde sie auf einem Rheindampfer angesichts der herrlichen Landschaft einerseits und des in Staub und Hitze sich plagenden Heizers andererseits stets noch viel stärker als daheim in der Fabrik. – Thomas Wackerblüh stimmte ihr zu und erinnerte an das Freiligrathsche Gedicht, darin der Maschinist eine »kurze Sklavenrast« sich gönnend aus seiner Falltür zu dem der schönen Rheinfahrt genießenden Preußenkönig hinsieht: ... Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, o König, ein Titan! Beherrsch' ich nicht, auf dem du gehst, den allzeit kochenden Vulkan? Es liegt an mir – ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist und siehe – das Gebäude stürzt, von welchem du die Spitze bist! Der Boden birst, ausschlägt die Glut und sprengt dich krachend in die Luft! Wir aber steigen feuerfest aufwärts ans Licht aus unsrer Gruft! Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte, morsche Ding, den – Staat, die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat ... Das Gespräch bewegte sich nun zunächst um Freiligrath und berührte einige seiner revolutionären Gedichte, seine Verhaftung wegen Majestätsbeleidigung, seine Freisprechung durch die Düsseldorfer Geschworenen Anno achtundvierzig und daß er gegenwärtig in London doch wieder »das zähe Beefsteak des Exils« esse. Dann ging es zu Georg Herwegh über, handelte von dessen Triumphzug durch halb Deutschland im Jahre zweiundvierzig, seiner Aufnahme am Berliner Hofe, wo der König ihm versichert, eine gesinnungstüchtige Opposition zu lieben, und von seinem kläglichen Freischärlereinfall in Baden sechs Jahre später, aus welcher gescheiterten Unternehmung er sich, unter dem Spritzleder des Wagens versteckt, von seiner Frau wieder nach Frankreich habe kutschieren lassen, allwo er gegenwärtig in seiner eleganten Wohnung zu Paris ganz behaglich auf »die Tage der Freiheit für das geknechtete deutsche Volk« warte. Damit nahm man dann die soziale Frage wieder auf. Diese sei im Grunde, meinte der Pfarrer, so alt wie die Menschheit und ihre letzte Lösung sei das Anbrechen des Reiches Gottes im letzten Menschenherzen. Bis dahin müsse jede Zeit ihre besondere Antwort auf jene immer wieder neu sich gestaltende Frage suchen. Die gegenwärtige Aufgabe scheine ihm die Überwindung des Bourgeois durch den Bürger, des Proletariers durch den Arbeiter zu sein. Der Kommerzienrat sagte, soviel er sehe, verbände sich im Gegenteil der Arbeiter mit dem Proletarier gegen den gemeinsamen bürgerlichen Feind, im Blick auf welchen jene keinen Unterschied zwischen Bürger und Bourgeois anerkennten, und Frau Anna setzte hinzu, daß es ihr bei allem Mitleid und aller Hilfsbereitschaft doch oft schwer falle, durch schmerzliche Erfahrungen der Verständnislosigkeit und des Undankes in ihrem sozialen Empfinden und Bemühen sich nicht lähmen zu lassen. Und sie erzählte von einem Arbeiter daheim, den sie den langen Laban nennten, den wegen seiner Trunksucht und seiner aufreizenden Reden ein Fabrikant nach dem andern entlassen. Ihr zu Liebe habe schließlich ihr Mann ungern genug jenen eingestellt, sie persönlich habe des Verkommenen nach jeder Möglichkeit sich angenommen und schon geglaubt, über den Berg mit ihm zu sein, als leider an den Tag gekommen, daß er ganz systematisch die Autorität der Fabrikleitung untergrabe, seine Kameraden, wo und wie immer er könne, aufsässig mache und dem Schnapsteufel nicht nur selber wieder huldige, sondern auch andere zuführe. So habe man ihn dann Knall und Fall vor die Tür setzen müssen. – Thomas Wackerblüh meinte, solche verlorene Liebesmüh, wie ja auch er in seiner seelsorgerischen Arbeit sie immer wieder erlebe, sei freilich schmerzlich genug, doch glaube er sich nicht zu täuschen, wenn er annehme, daß des langen Laban freundliche Helferin keineswegs geneigt sei, ihn fortan dauernd seinem Schicksal zu überlassen, vielmehr nun erst recht auf Mittel sinnen werde, ihm trotz allem noch beizukommen. Freilich wünsche sie solches, erklärte Frau Anna, wenn sie sich aber das durch den Schnaps vertierte Antlitz des langen Laban vergegenwärtige, habe sie wenig Hoffnung. Überhaupt müsse sie gestehen, daß sie durch den bösen, ja verbrecherischen Gesichtsausdruck einzelner Arbeiter in ihren menschenfreundlichen Absichten oft genug entmutigt werde. Dagegen habe auch er sich zu wehren, bestätigte der junge Pfarrer. Aber ob sie nicht glaube, daß Gott, wenn er ein solches verwüstetes Antlitz sähe, darin alles Gute gänzlich erstorben scheine, daß Gott dann sie und ihn als die vom Leben Bevorzugten zur Verantwortung ziehen werde: »Wo ist dein Bruder Abel?« Übrigens gebe es doch auch in den sogenannten höheren Schichten eine Menge Gesichter, die bei genauerer Betrachtung eher wie des Teufels als wie Gottes Ebenbild aussähen. Nein, die trennende Linie, die ihm überhaupt problematisch sei, verlaufe doch wohl anders, und in Gottes Augen bestehe möglicherweise gar kein wesentlicher Unterschied zwischen ihm, dem unbescholtenen Pfarrer, und irgendeinem Zuchthäusler. Was aber die soziale Frage betreffe, so wolle ihn bedünken, daß diese durch Mitleid und Hilfsbereitschaft niemals gelöst oder auch nur der Lösung näher gebracht werden könne, sondern allein durch Einsicht und Gerechtigkeit. Und so schön und notwendig es sei, daß jeder, den sein Herz treibe, die Symptome und Auswüchse der sozialen Krankheit zu mildem suche, die Hauptsache sei doch, daß Einsicht die Ursache aufdecke und Gerechtigkeit sie beseitige. Solange das nicht geschehe, seien alle Wohltätigkeits- und Fürsorge-Bestrebungen, gleichviel von wem sie ausgingen und unbeschadet ihrer relativen Verdienstlichkeit, doch nur wie Tropfen auf einem heißen Stein. – Der Kommerzienrat wendete ein, es stehe doch geschrieben: »Reiche und Arme müssen untereinander sein,« und er habe immer geglaubt, daß es sich bei solchem Unterschied um göttliche Erziehungsabsichten handle, wobei der Reiche gewiß nicht im Vorteil sei, er wolle nur an das Wort von Kamel und Nadelöhr erinnern. – Wackerblüh erwiderte, daß kein menschlicher Lösungsversuch der sozialen Frage jenen Unterschied aus der Welt schaffen werde, der nun einmal sowohl in der menschlichen Natur wie in der göttlichen Weltordnung begründet zu sein scheine. Es könne sich deshalb niemals darum handeln, ihn gewaltsam zu beseitigen, denn er würde sich ja doch sofort wieder einstellen, sondern nur darum: einmal ihm das Ausschlaggebende zu nehmen, und zum andern, die jetzt ihm innewohnende Tendenz zur Verschärfung durch eine Tendenz zur Milderung zu ersetzen. – Der Kommerzienrat wollte wissen, wie der Herr Pfarrer solches, auf das Verhältnis zwischen einem Fabrikherrn und seinen Arbeitern angewendet, sich vorstelle, und Wackerblüh sagte: auf die kürzeste Formel gebracht etwa so, daß alles, was die Fabrik über eine gute Verzinsung des Anlagekapitals und eine gute Honorierung der geistigen Leitung hinaus einbringe, unter allen in ihr arbeitenden Menschen verteilt werde, und zwar nach Maßgabe der Bedeutung des Einzelnen für das Ganze. Dann, aber auch nur dann habe der Arbeiter, was ihm zukomme und sei der verbleibende Unterschied zwischen Arm und Reich als der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit gemäß anzuerkennen. – Der Kommerzienrat fragte, was dann aber in schlechten Jahren geschehen solle, wenn die Fabrik vielleicht nicht einmal das Anlagekapital verzinse? Ein Bekannter von ihm in Essen – Herr Alfred Krupp, setzte er für seine Frau hinzu – habe Anno achtundvierzig sein häusliches Silberzeug und dergleichen verkauft, um keine Arbeiter entlassen zu müssen. Ob der Herr Pfarrer glaube, daß umgekehrt auch die Arbeiter sich einschränken würden, um ihren Fabrikherrn in schwerer Zeit über Wasser zu halten? – »Warum denn nicht?« meinte der Pfarrer, »zumal wenn sie Silber haben , dessen sie vorübergehend sich entäußern können.« Übrigens, wenn er auch nichts von den kaufmännischen Dingen verstehe, halte er doch dafür, daß man in den fetten Jahren Rücklagen für solche mageren bilden könne, deren Zinsen allein möglicherweise ausreichen dürften, um beiden Teilen über schwierige Zeiten hinwegzuhelfen. Doch wie dem auch sei – keinesfalls bilde er sich ein, daß durch solche Neuverteilung des Geschäftsgewinnes, gleichviel ob sie von menschenfreundlichen Fabrikanten oder gewaltsam von den Arbeitern inszeniert würde, die soziale Frage gelöst werden könne. Denn diese sei nun einmal nicht ausschließlich eine Frage der materiellen Gerechtigkeit, der auf die gedachte Weise man freilich wohl näher kommen dürfte, sondern vielleicht noch mehr eine Frage der ideellen Gerechtigkeit, und als solche von der allgemeinen großen Frage des Menschen untrennbar, deren Lösung mit dem Anbruch des inwendigen Reiches Gottes gleichen Schritt halte ... Wackerblüh verstummte und alle drei wendeten ihre Aufmerksamkeit einem kleinen Nachen zu, der, anscheinend von leichtfertiger oder unkundiger Hand gesteuert, auf den Wellen ihres Dampfers schaukelte. Als er außer Gefahr war, nahm der Pfarrer das Gespräch wieder auf: er habe vor einigen Wochen ein höchst seltsames Buch gelesen: »Der Einzige und sein Eigentum« von Max Stirner. Darin, wie ja im Anarchismus überhaupt, leuchte zuweilen, aber in verzerrter Ähnlichkeit, etwas von der wahren Freiheit der Kinder Gottes auf, aber leider werde ein Grundgesetz aller menschlichen Gerechtigkeit dabei völlig verkannt. Denn es könne kein Recht des Einzelnen geben, das nicht übereinstimme mit der Gewissenspflicht gegenüber der Gesamtheit. Aber interessant sei das Buch, wie, wenigstens für ihn, jede Beschäftigung mit solchen Problemen. Gewiß sei ein starkes derartiges Interesse nicht ungefährlich, aber er vertraue, daß die Gefahr erkennen sie vermeiden heiße. Und zum mindesten sei es reizvoll, ein Utopien sich auszudenken, in dessen Anarchie jeder nach dem Recht, das mit ihm geboren, sich ausleben kann, weil er selber streng und reinlich sich seine Grenzen zu ziehen weiß. Ein Utopien, in dem der fröhlichste Kommunismus herrscht, nicht ein unsittlich von denen erzwungener, die dadurch mühelos reicher zu werden gedenken, sondern ein aus überquellender Liebe von denen eingeführter, die nicht daran denken, daß sie selber dadurch »ärmer« werden könnten. Ja, wenn die Menschen es sich nur nicht so schwer machten, einander zu lieben, meinte Frau Anna, aber der Pfarrer ging hierauf nicht ein: Von allen Büchern der Art am meisten gepackt habe ihn das des Engländers William Godwin, das vor fünfzig oder sechzig Jahren erschienen und »Politische Gerechtigkeit« betitelt sei. Eine neuere deutsche Übersetzung davon habe er ganz zufällig vor Jahr und Tag in Frankfurt bei einem Antiquar angetroffen und um ein paar Groschen erworben. Zwischen Godwin, diesem »Vater der Anarchisten«, und ihm müsse wohl eine innere Verwandtschaft bestehen, so viele eigene Gedanken und Ahnungen habe jener ihm bestätigt, z. B., daß jede organisierte Bekämpfung gesetzlicher oder gesellschaftlicher Einrichtungen, jede Parteibildung vom Übel und daß letzten Endes der seelenlose Obrigkeitsstaat die Hauptursache aller Laster und Leiden sei. Und daß die sittliche Entwicklung des Einzelnen die allmähliche Beseitigung aller äußeren Bindungen ermöglichen würde, wie denn auch Wahrheit und Tugend keines obrigkeitlichen Schutzes bedürften und selber ihre Schlachten schlagen könnten. Zu solcher Ablehnung des Obrigkeitsstaates sei ja auch Proudhon gekommen, der auf die Frage: »Was ist das Eigentum?« die berühmte Antwort: »Diebstahl« gegeben habe, über deren Oberflächlichkeit ihre blendende Kürze hinwegtäuschen wolle. Jedenfalls aber werde der Kommunismus, wie Proudhon ihn verstehe, nur eine kurze Episode im Leben der Menschheit sein können. Es sei übrigens doch merkwürdig, wie oft der Anarchismus und die Lehre Christi sich berührten, schließlich aber sei ja auch Christus in der Tat gekommen, um das Gesetz zwar nicht aufzulösen, sondern zu erfüllen, aber doch, um es durch solche Erfüllung überflüssig zu machen. – Es war im Jahr 1856 an einem Vorfrühlingstag gegen Abend. Frau Maria Magdalena hatte einen einsamen Gang zum Friedhof unternommen und sich durch die warme Sonne verführen lassen, nach dem Besuch der ihr teuren Grabstätten noch ein Stündlein zwischen den fremden Gräberreihen umherzuwandeln und die verwitterten Inschriften zu lesen. Und als da so mancher Tote, an den sie Jahre oder Jahrzehnte nicht gedacht, ihr wieder lebendig ward, fühlte sie, daß lange leben viele überleben heißt. Auch Herr Schlüpjes fehlte ihr doch sehr! Nun, wenn sie ihn dereinst wiedersehen würde, dann brauchte sie sich keinerlei Zurückhaltung mehr aufzuerlegen, weil er ein armer Weber und Totengräber und sie eine geborene Pieper und die Mutter eines Kommerzienrats war. Ganz herzlich wollte sie ihm dann noch für alles danken, was sie hier an ihm gehabt hatte. Wo der höhere Mittelweg, an dem seit Jahr und Tag auch Pastor Kranevoß ruhte, zu einem kleinen runden, von zwölf Pappeln, den zwölf Aposteln, umstandenen Platz sich erweiterte, sah sie über der niedrigen Friedhofsmauer die langgestreckten roten Streifen des Abendhimmels, vor denen ein Zug, der soeben den Bahnhof verlassen hatte, langsam nach Süden rollte, eine dunkle, von der durchscheinenden Glut seltsam gegliederte Schlange. – Wie furchtbar weit war's doch bis zu diesem München! Wenn sie an die vielen, vielen Felder und Wälder, Berge und Städte dachte, die zwischen ihr und ihrem Liebling Johannes lagen, empfand sie diese große Entfernung als einen körperlichen Schmerz, der nur in dem Bewußtsein zu ertragen war, daß der liebe Junge, dessen rotes Haar nun auch schon ganz grau geworden war, da unten ein so reiches Glück gefunden hatte. Vielleicht ließ dieser selbe Sonnenuntergang ihm die Frauentürme rot erglühen – es war doch gut, daß sie die weite Reise gewagt hatte und sich nun zu seinen Briefen manches so viel besser vorstellen konnte – ein zweites Mal, das fühlte sie deutlich, würde sie die Fahrt nicht unternehmen. Aber sie fühlte auch, daß sie nicht sterben würde, ohne ihn, dem Gott diese schreckliche Cholera so gnädig ferngehalten, noch einmal gesehen zu haben. Denn sie stand ja nun gewiß schon ganz dicht vor der Grenze des Landes, darin der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei. – Wie grauenvoll war doch, was da in »Onkel Toms Hütte« von dem Elend der armen Negersklaven erzählt ward! Eine mutige Frau, diese Amerikanerin – wie hieß sie doch gleich? Ach, ihr Gedächtnis war so schlecht geworden! – und gewiß würde Gott ihr Buch segnen, daß es den Christen drüben keine Ruhe lasse, bis diese schändliche Sklaverei gänzlich abgeschafft sei. – Und wieviel Entsetzliches hatte die Kölnische Zeitung von den Schrecken berichtet, die dieser Winter über das belagerte Sebastopol gebracht und über die Engländer und Franzosen, die es belagerten. Unbegreiflich, daß sie den Türken halfen, die nach der Offenbarung Johannis doch aus Europa vertrieben werden mußten. Und ganz seltsam, daß der Zar vor ein paar Tagen so plötzlich gestorben war ... Dieser merkwürdige Nikolaus, der so märchenhaft reich war und doch achtundzwanzig Jahre hindurch dasselbe Paar Pantoffeln getragen hatte. – Wie gut, daß Preußen an diesem schrecklichen Krieg sich nicht beteiligte, die Zwillinge hätten sonst sicher mitgemußt. – Ja, der fromme König durfte sich wohl mit Recht einen Friedensherold nennen, mochte er immerhin, wie Johannes einmal geschrieben, mehr Gemüt haben als für den Staat gut war. Es war nach sechs und dämmerte schon, als der Heimweg Frau Maria Magdalena an der alten Kirche vorbeiführte, darin Pastor Wackerblüh, Kranevossens Nachfolger, gerade auf der Orgel spielte, und obwohl sie sich sagte, daß sie eigentlich keine Zeit mehr hätte, beschloß sie doch, ihm ein wenig zuzuhören. Leise öffnete sie die Tür und trat ein. An der Orgel flackerte eine Gasflamme und in den grauen Fenstern lag das letzte Restchen Tageslicht. Unhörbar entriegelte sie ein Banktürchen und müde ließ sie sich nieder, der Bachschen Fuge zu lauschen, die stark und rein das Gotteshaus erfüllte. Wie vertraut war ihr hier seit frühen Kindertagen jede Einzelheit und doch erschien das Ganze in dieser Abendstunde ihr so seltsam fremd – es mochte die Leere sein und das Orgelspiel, vielleicht auch die ungewohnte Beleuchtung. – Sie war doch recht müde geworden! ... Plötzlich wehte sie von der Tür her ein kalter Luftzug an und Herr Freundgen, der Hauptlehrer, schritt an ihr vorüber. Er nahm in seinem Gestühl unmittelbar unter der Kanzel Platz und seine goldene Brille blitzte sie an. Und da – auf der Pastoratsbank, da saß ja ihre Mutter und ihr Bruder Johannes neben Pastor Kranevoß. Immer mehr Bänke füllten sich. Dort saß die Wittib Entepuhl und wackelte mit dem Kopf, und dort warf das scharfe Profil des alten Zuckerbäckers und Friedensrichters Stümges seinen Schatten auf die gekälkte Pfeilerwand. Im Wolfschen Gestühl sah sie ihren Mann, den seligen Maire, und die zarte Gabriele, und im ten Bompelschen den alten Herrn Henricus und Gabrielens Mutter und Großeltern. Auch Herr Schlüpjes fehlte nicht und neben ihm saß sein Schwiegervater Vits Köpke. Wie voll Menschen war die Kirche, und wie viele waren da, an die sie Jahre und Jahrzehnte nicht gedacht hatte. Und dann die Vielen, die sie gar nicht kannte, ganz fremde Gesichter ... Und siehe, da stand ihr lieber Vater auf der Kanzel, freundlich umherblickend, wie er zu tun pflegte, wenn er auf das Verstummen der Orgel ein wenig warten mußte. Aber er war so klein! Gewiß hatte man ihm sein Fußbänkchen nicht wieder hingestellt, dessen Kranevoß und Wackerblüh ja nicht bedurften. – Nun waren fast alle Bänke besetzt und manche hatten auf keiner mehr ein Plätzchen gefunden und standen in den Gängen. Jetzt drängte sich noch jemand durch – du lieber Gott! war das nicht Fritz ten Bompel, der sich da neben Gabrielens Mutter niederließ? Wie kam Reginens Mann in diese Totenkirche? Er war doch auf seiner Geschäftsreise in Ostfriesland und gestern noch war Regine bei ihr gewesen und hatte geklagt, daß er diesmal wenigstens fünf Wochen ausbleiben werde ... Da hub eine Stimme im Dunkeln zu klagen an: »Wehe! wehe! wehe! Seine Kirche hat den Lebendigen getötet! Wehe! wehe! wehe! Seine Kirche hat den Auferstandenen begraben! ...« Dann stand Pastor Wackerblüh neben ihr, ein Laternchen in der Hand. Er hätte ihr Kommen gar nicht bemerkt, sagte er, nun hätte sie bei seinem Orgelspiel ein Schläfchen gehalten und er sie geweckt, aber es wäre doch gut, daß er sie noch gesehen hätte, ob er sie nach Hause begleiten dürfte. – Erschrocken und ganz verwirrt stand sie auf und schweigend trat sie durch die Tür, die er ehrerbietig öffnete, in den dunklen Abend hinaus. Da schlug es über ihnen halb sieben. Auf dem kurzen Weg kam keine Unterhaltung zustande und der Pastor dachte, daß die liebe alte Dame doch anfange, ein wenig stumpf zu werden. Zu Hause war ihr ganz wunderlich, und ihr altes Mädchen mußte sie daran erinnern, daß sie ja ihre Enkelinnen zum Tee eingeladen habe. Pina erschien pünktlich wie immer, aber Regine verspätete sich ein wenig und war in Unruhe, – ihre kleine Anna sei nicht recht wohl. Beide brachen infolgedessen früher als sonst auf, und als Pina die Schwester nach Hause geleitete, um sich noch selber zu überzeugen, daß ihre kleine Nichte doch nicht etwa ernstlich krank sein werde, meinte sie, die Großmutter sei heute auffallend still und zerstreut gewesen, ja zuweilen wie geistesabwesend. Auch wundere sie sich, daß sie ihnen kein homöopathisches Mittelchen für die kleine Anna mitgegeben ... Frau Maria Magdalena aber stand unterdessen am Fenster und über ihr standen die Sterne und sprachen von Gottes Allmacht und Güte ... Und plötzlich war es ihr, wie wenn eine liebe Hand sich vertraulich auf ihre Schulter lege, als sie sich aber umsah, war sie allein. Da verstand sie, warum der Mensch aus dem Leben abgerufen werde, wenn er eben es begriffen und zu leben gelernt habe. – Sie ging zu Bett, und als ihr Blick die Hahnemannsche Hausapotheke streifte, kam sie ein Lächeln an. Und unwillkürlich winkte sie ihr zu und bedachte in ihrem Herzen, mit solchen Empfindungen möchte ein Wandrer wohl den zuverlässigen Führer entlassen, der ihn wohlbehalten durch ein unwirtliches Gebirge gebracht. – Als Frau Anna am andern Morgen zu ungewohnt früher Stunde ihre Schwiegermutter besuchte, die noch zu Bett lag, überraschte diese die Eintretende durch die ängstliche Frage: »Was ist's mit Fritz ten Bompel?« Und jene berichtete, daß in der Nacht ein Telegramm aus Emden gekommen, Fritz läge dort im Krankenhaus an einer schweren Lungenentzündung, und daß ihr Mann und Regine heute früh dorthin abgereist wären, und daß sie die kleine Anna, die nach Doktor Latscherts Ansicht die Masern bekäme, zu sich geholt hätte. Da schrieb Frau Maria Magdalena im Bett ihren letzten Brief, der noch in derselben Stunde die weite Reise nach München antrat. Sie erzählte Johannes ihren Traum »oder was es sonst gewesen sei« und bat ihn, sobald wie irgendmöglich zu kommen. Einige Tage später saß er an ihrem Bett und wartete mit ihr auf die Todesnachricht aus Emden. Und immer wieder mußte er ihr versprechen, daß sie ihn im Himmel nicht vergeblich suchen werde. Oder sie gaben dem schweigenden Einanderverstehen der Herzen sich hin, das ihnen beiden ein halbes Jahrhundert hindurch so wohltätig gewesen war. Denn dieses war das Sichere und Bleibende, darauf der wechselnde Rhythmus der Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen, die ja bei ihnen so verschiedenartig gewesen waren, gespielt hatte, wie die Meereswogen über der Tiefe schwellend und zerfließend, einander suchend und fliehend ihr vergängliches und ewiges Spiel treiben. Johannes begriff, daß er jetzt mit der Mutter die Heimat verlieren werde, aber er wußte auch, daß beide unverlierbar sein blieben. – Wie freundlich und freigebig in der Fremde das Leben dem oft Verkannten und Zurückgesetzten sich erwiesen hatte, er war durch das eine nicht verwöhnt und durch das andere nicht verbittert worden. Von Erfolg begleitet, von Liebe umgeben, hatte er doch längst das allgemeine Menschenschicksal erkannt: im Innersten einsam zu sein und bleiben zu müssen. Mit Bewußtsein hatte er dieses Schicksal auf sich genommen und in Lebenskraft gewandelt, indem er von der eigenen Vergangenheit nichts sich verloren gehen ließ, aus ihr sich verstand und bejahte, seine tägliche Existenz auf sie gründete und in einer treuen und vertrauten Kameradschaft mit dem eignen Herzen lebte. Woraus dann auch das andere allgemeine Menschenschicksal für ihn seine Schrecken verlor: das Sterbenmüssen. Es ward ihm zu einem Sterbendürfen, wenn alle Kräfte sich entfaltet und die letzten Linien des Lebens und Wesens zur Einheit sich gerundet hatten. So glaubte er, die kraftlos gewordene liebe Hand in der seinen, der Mutter versprechen zu dürfen, daß sie ihn im Himmel nicht vergeblich suchen werde. Aber daß sie ihn suchen werde, das glaubte er nicht. Dann kam das zweite Telegramm. – Als am Morgen danach die alte Dienerin in Frau Maria Magdalenas Schlafzimmer eintrat, erwachte die Schlummernde nicht mehr. Heute nun ist Frau Maria Magdalenas Sandsteinplatte auf dem Friedhof, der längst nicht mehr draußen vor dem Städtchen, sondern ruhevoll feiernd inmitten der lauten Stadt liegt, ebenso verwittert wie die des seligen Maire neben ihr, die doch ein Vierteljahrhundert älter ist. Aber wenn einer Zeit und Mühe sich nicht gereuen läßt, mag er wohl die Grabschrift noch entziffern, die die fromme alte Dame selber sich verordnet hat. Nicht nur den Namen und die Daten und darunter das zuversichtliche Wort des Hiob: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!«, sondern auch die kunstvoll verschlungenen Wörter in dem Ährenkranz, der als ein zierliches Relief und Symbol des Lebens die ganze Fläche des Grabsteins einrahmt. Jahrelang haben die Leute gedacht, es handle sich da gewiß um eine entlegene Stelle der Heiligen Schrift, auf die man in Anbetracht ihrer Seltsamkeit wohl des näheren hätte hinweisen dürfen. Und im Herbst 1878, als der Geheime Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Wolf seiner langen Wanderung mit dem Jahrhundert plötzlich müde geworden war, als ein Trauerzug, wie die Stadt noch keinen gesehen, dem Ehrenbürger das letzte Geleit gab, und der Pastor Wackerblüh am Schluß seiner Rede der mütterlichen Grabschrift gedachte, da mochten dieser wohl nur wenige sich erinnern, und daß sie einst in Büchners Handkonkordanz vergeblich nach ihr gefahndet hatten. Sein ganzes langes Leben hindurch, so hatte Wackerblüh gesagt, hätte Gottes Vatertreue über dem nun Heimgegangenen gewaltet und dabei in besonderer Weise weiblicher Herzen und Hände sich bedient. Am augenfälligsten jetzt vor acht Jahren, als der Siebzigjährige mutigen Herzens seinen Wagen mitten durch die feindlichen Vorposten gelenkt, um in Feindesland die beiden als vermißt gemeldeten Söhne zu suchen. Daß, ihm unbewußt, in seiner Brieftasche noch die Skizze der Ringofenziegelei sich befunden, die der rastlos Tätige zu jener Zeit gerade erbaut, das wäre beinahe sein Verhängnis geworden, sintemal die Franzosen solche Zeichnung für die eines Forts gehalten. Aber da, in der höchsten Not, hätte Gott einer alten Französin die Augen geöffnet, daß sie in dem weißhaarigen deutschen Kriegsgefangenen einen Freund ihrer Jugend wiedererkannt hätte. Die Fürsprache und unermüdlichen Bemühungen dieser um das französische Lazarettwesen hochverdienten Dame hätten den Geheimrat vor dem Standrecht bewahrt und nach einigem gemeinsamen Suchen ihn auch glücklich den vermißten Söhnen zugeführt, ja alsbald ihm sogar die Erlaubnis erwirkt, die beiden Verwundeten in die Heimat mitzunehmen. – Von Antoinette Jeanbon, die dem nun Entschlafenen das Leben gerettet, war Wackerblühs Rede auf die gekommen, deren beglückenden Liebe es ihm über die Maßen reich und schön gemacht hatte: seine beiden Frauen, seine Töchter und seine Schwiegertöchter, um dann bei Der zu enden, die einst es ihm geschenkt, und die, nachdem sie fünftehalb Jahrzehnte hindurch ihn begleitet, vor einem Vierteljahrhundert in ein höheres Leben ihm vorangegangen wäre. – Auf die ewigen Fragen des Menschenherzens, so hatte der Pastor geschlossen, Fragen, die angesichts eines entstehenden oder vergehenden Lebens immer von besonderer Dringlichkeit wären, gäbe es keine schönere Antwort als die auf dem Grabstein dieser gesegneten Mutter: die persönliche Gewißheit des Hiob, die Gnade sei, im Rahmen der vertrauenden Zuversicht aller Kreatur, wofür Gott vor sechshundert Jahren einem frommen Dominikaner, Meister Eckhardt, dem Mystiker, dieses Wort geschenkt habe, das ihn alles Lobgesangs und aller Predigt Krone dünke. Und das zugleich die größte wissenschaftliche Leistung unseres Jahrhunderts, den Entwicklungsgedanken, vorweggenommen und bestätigt habe, also, daß das jetzt beliebte Streiten darüber müßig sei: Alles Kornes innerste Natur meinet Weizen, alles Metall meinet Gold, alle Geburt meinet den Menschen.