Alessandro Manzoni Die Verlobten Eine Mailänder Geschichte aus dem Siebzehnten Jahrhundert Einleitung Quel cielo di Lombardia, così bello quand' è bello, così splendido, così in pace. (Dieser lombardische Himmel, so schön, wenn er freundlich ist, so glanz-geschmückt, so friedlich-sanft.) Manzoni, Die Verlobten, T. I, Kap. 17. Wem es jemals vergönnt war, die Sonne des also gefeierten lombardischen Himmels zu fühlen, wer je die Wunder der oberitalienischen Seen, das Wunder des Mailänder Domes erlebt hat, wird die Landschaft, in der die mailändische Geschichte von den »Verlobten« spielt, niemals wieder vergessen. Sie bleibt die ewige Sehnsucht des Nordländers, der nach einem reineren Himmel, nach hellerer Klarheit und wärmerer Sonne verlangt; sie war aber in gleicher Weise das Land, das auch der Südländer von jeher mit besonderer Liebe umfing. Aus sehnsüchtiger Erinnerung heraus fragte Plinius d. J. in einem Briefe an Caninius Rufus: »Was macht Como, deine und meine Wonne? Was das reizende Landhaus? Was die Säulenhalle mit dem ewigen Frühling? Was der schattige Platanenhain? Was die grüne, kristallklare Flut? Was das sonnenbestrahlte Bad?« Dieses Bild könnte auch heute noch ein moderner Italienfahrer im Gedächtnis haben, wenn er an Como und seinen See denkt: das ist ganz das Abbild des einen, südwestlichen Armes des dreizipfligen Sees mit seiner Perlenschnur von weißen Villen, die am Ufer entlang in das dunkle Grün der Gärten eingebettet liegen. Manzonis Werk nimmt seinen Ausgang aber vom Winkel des südöstlichen Armes, in dem die Seidenspinnerstadt Lecco liegt und die Adda aus dem See austritt. Dieser Teil, einsamer und weniger besucht von Fremden, aber darum nicht minder reich an landschaftlichen Schönheiten, trägt ein anderes Gepräge. Wer aus dem Comoarm kommend das Paradies von Bellaggio umfahren hat und in den See von Lecco kommt, ist überrascht von der Grelle dieser Gegensätze: eben noch anmutige Hügel, immergrünende Gärten in lieblicher Landschaft, jetzt eine ragende Bergwelt mit schroffen und kahlen Felswänden, die romantische Gebirgsszenerie einer Dolomitenkette, die nur schlichte Dörfer und Weiler am schmalen Seeufer duldet. Die künstliche Welt der Villen und Parks hat aufgehört, eine herbere, einfachere, aber in der Großartigkeit der Bergeinfassung um so eindrucksvollere beginnt. Dort, wo am Südende bei Lecco und Malgrate die Berge mehr zurücktreten und größeren Raum für die Olivenhaine und Weingärten der Dörfer lassen, lebt die Lieblichkeit des westlichen Armes noch einmal auf, aber sozusagen unvermischt, ohne die künstliche Zugabe prunkvoller Villen und Zierparks, in ihrer ganzen natürlichen Schönheit. Dort, in jener »lieblichen Mannigfaltigkeit«, die von der schroffen, sägenartig gezackten Felswand des Monte Resegone durch grünende Fluren an das helle Ufer des Leccosees, der Adda, des Sees von Pescarenico führt, dort sind die Gestalten Manzonis zu Hause. Dort ist auch des Dichters Familie beheimatet: Sie stammt aus der Valslássina und hatte sich im Gebiet von Lecco bei Pescarenico niedergelassen. Der Graf Alessandro Manzoni selbst wurde am 7. März 1785 in Mailand geboren und ist am 22. Mai 1873 dort gestorben. Seine Jugend verbrachte er in jenem Seengebiet, in Merate, Lugano und Mailand. Das Leben Manzonis entbehrt größerer äußerer Begebenheiten. 1805 bis 1807 weilte er in Paris und geriet dort ganz ins klassizistische Fahrwasser. Die Jahre 1809/12 sind von entscheidender Bedeutung für Manzonis inneres Leben. Nach seiner Rückkehr aus Paris heiratete er die kalvinistische Schweizerin Henriette Blondel nach protestantischem Ritus; beide aber traten im Mai 1810 wieder zum katholischen Glauben über. In dieselbe Zeit fällt auch die Bekehrung Manzonis zur Romantik. Er schrieb die Inni sacri (Heilige Hymnen, 1812 begonnen, Gesamtausgabe 1823), die zu den herrlichsten Liedschöpfungen zum Preise des Katholizismus gehören, dazu gleichsam die erste lyrische Manifestation der Romantik in Italien sind; er verfaßte die ersten romantischen Dramen (1816/22), die sich über die klassischen Einheiten hinwegsetzen, aber heute, weil in ihnen die Geschichte die Poesie überwuchert, vergessen sind. Sein berühmtestes, noch heute lesenswertes Gedicht ist »Der fünfte Mai« (1821), eine Ode auf den Tod Napoleons, die von Goethe mit Recht gerühmt wird. Sein Haupt- und Lebenswerk ist jedoch I promessi sposi , »Die Verlobten«, an dem er immer wieder arbeitete und verbesserte. Die erste Ausgabe in drei Bänden 1825/27 ist stark mit Lombardismen durchsetzt; nach einem Aufenthalt in Florenz machte er sich an die Ausmerzung derselben (1840) und schenkte damit seinem Volke ein Beispiel für reine Prosa, die von der Akademie der Crusca für vorbildlich erklärt wurde. Den Rest seines Lebens verbrachte Manzoni, hochgeehrt von seinen Landsleuten, zum Teil in seinem vornehmen Hause in Mailand, zum Teil auf seinem Landgut Brusuglio in der Brianza. Wir hielten es für notwendig, die Leser umständlicher in die Landschaft des Romans einzuführen. Denn diese Landschaft ist der belebende Atem, der durch das ganze Werk weht. Klarheit, Lieblichkeit und einfache Größe, sie geben seinem Geschehen und seinen Personen das Gepräge. Daher ist das Werk echte Heimatkunst im besten Sinne des Wortes. Selten vielleicht stehen Landschaft und Dichtung in so engem Zusammenhange wie hier. Sie bedingen einander so sehr, daß sogar nachträglich Landschaft und Örtlichkeit nach dem Roman gedeutet wurden. Die eigentliche Handlung nämlich, die Geschichte der Verlobten Renzo und Lucia, deren Vereinigung ein gewalttätiger Machthaber Don Rodrigo zu hindern sucht, ist vom Dichter frei erfunden, aber das lesende Volk, das seine Welt in dem Werke wiederfindet, seine Örtlichkeiten und sein Denken und Fühlen mit solcher Meisterschaft und Naturwahrheit geschildert sieht, glaubt an die wirkliche Existenz der erfundenen Personen. Hier mußte Don Rodrigo in seinem Raubneste gehaust haben, dort standen die Hütten der unglücklichen Liebenden, hier mußten die Bravi dem furchtsamen Don Abbondio aufgelauert haben, dort mußten die flüchtigen Verlobten über die Adda gesetzt sein: So wird noch jetzt dem wissensdurstigen Reisenden berichtet. Aber Manzonis Werk ist nicht nur Heimatkunst, es ist mehr als das. Echte Dichtung kann vielleicht nur in dem fruchtbaren Boden des – in weitestem Sinne – heimischen Volkstums keimen, aber sie muß darüber hinaus in allgemein menschliche Bezirke wachsen. Viele lieben mit uns diese so trefflich geschilderte Landschaft, übervölkische Bedeutung jedoch als ein Roman der Weltliteratur erhält es erst durch die Wahrheit der Empfindung und die Tiefe des Gefühls, die jeden Empfänglichen ergreifen, und durch die künstlerische Vollkommenheit, mit der sie in Sprache und Charakterschilderung zur Darstellung gebracht werden. Daß diese Eigenschaften in schönster Harmonie unseren Roman schmücken, wird nicht nur durch seine Volkstümlichkeit in ganz Italien bewiesen, wo er eine Art Weltbibel, geistiger Besitz von fast jedermann ist, sondern vor allem durch die Wertschätzung, deren er sich in ganz Europa erfreut. Er ist sehr oft und in alle Kultursprachen übersetzt worden, er wird von vielen für ein schlechthin vollkommenes Buch gehalten, das den übrigen Romanen der Weltliteratur in nichts nachsteht und viele übertrifft. Als Kronzeugen für die Weltgeltung des Werkes müssen wir zunächst Goethe anführen. Er erhielt den Roman gleich nach Erscheinen im Jahre 1827 mit einer eigenhändigen Widmung vom Verfasser zugesandt. Seine Begeisterung nach der ersten Lektüre gibt Eckermann in seinen »Gesprächen mit Goethe« unter dem 18. Juli 1827 wieder: »Ich habe Ihnen zu verkündigen, war heute Goethes erstes Wort bei Tisch, daß Manzonis Roman alles überflügelt, was wir in dieser Art kennen. Ich brauche Ihnen nichts weiter zu sagen, als daß das Innere, alles, was aus der Seele des Dichters kommt, durchaus vollkommen ist, und daß das Äußere, alle Zeichnung von Lokalitäten und dergleichen gegen die großen inneren Eigenschaften um nichts zurücksteht. Das will etwas heißen. Der Eindruck beim Lesen ist derart, daß man immer von der Rührung in die Bewunderung fällt und von der Bewunderung in die Rührung, so daß man aus einer von diesen beiden großen Wirkungen gar nicht herauskommt.« Etwas später, nach Beendigung der Lektüre, schwächt Goethe sein Lob in etwas ab. Er meint, daß die allzu breite und allzu genaue Darstellung der historischen Ereignisse der poetischen Wirkung Schaden tue; darüber berichtet Eckermann unter dem 23. Juli 1827: »Ich sagte neulich, daß unserem Dichter in diesem Roman der Historiker zugute käme, jetzt aber im dritten Bande finde ich, daß der Historiker dem Poeten einen bösen Streich spielt, indem Herr Manzoni mit einemmal den Rock des Poeten auszieht und eine ganze Weile als nackter Historiker dasteht. Und zwar geschieht dieses bei einer Beschreibung vom Krieg, Hungersnot und Pestilenz, welche Dinge schon an sich widerwärtiger Art sind und die nun durch das umständliche Detail einer trockenen chronikenhaften Schilderung unerträglich werden ... Hätte Manzoni einen ratgebenden Freund zur Seite gehabt, er hätte diesen Fehler sehr leicht vermeiden können. Aber er hatte als Historiker zu großen Respekt vor der Realität ... Doch sobald die Personen des Romans wieder auftreten, steht der Poet in voller Glorie wieder da und nötigt uns wieder zu der gewohnten Bewunderung.« Ohne Zweifel liegt in diesem Tadel, abgesehen natürlich von der Abneigung des Klassikers Goethe gegen die Darstellung des Häßlichen, eine gewisse Berechtigung. Die Verbindung der romanhaften Teile mit der Schilderung der historischen Ereignisse namentlich in unserem zweiten Teile ist oft recht lose. Dieser Fehler in der Komposition ist indessen fast Allgemeingut des romantischen historischen Romans. Über dessen Entstehung und Sinngebung ist bereits in dieser Reihe von Werken der Weltliteratur anläßlich von Victor Hugos »Notre-Dame von Paris« gehandelt worden, und dort wurde auch Manzonis Werk bereits in die historische Entwicklung eingefügt; es sei dafür also auf jene Ausführungen verwiesen. Jedenfalls zeigt Manzonis Roman eine ähnliche Kompositionsart wie der Victor Hugos: Eine frei erfundene romanhafte Handlung wird in einen historischen Hintergrund gestellt. Unser Roman führt den Untertitel »Eine Mailänder Geschichte aus dem siebzehnten Jahrhundert«. Italien stand in jener Zeit zum größten Teil unter spanischer Herrschaft. Karl der V., deutscher Kaiser und König von Spanien, hatte seinen Nebenbuhler um die Weltherrschaft, König Franz I. von Frankreich, 1525 bei Pavia geschlagen, gefangen genommen und zum Verzicht auf seine Ansprüche in Italien gezwungen. 1527 sprengte er durch die denkwürdige Erstürmung Roms die »Heilige Liga« zur Vertreibung der Fremden aus Italien und befestigte so seine Herrschaft in Neapel, Sizilien und Mailand, die er seinem Sohne, dem düsteren Philipp II., überließ. Fremdes Recht, fremde Soldaten, fremde Sprache herrschten fortan in diesem größten Teil von Italien und lasteten auf der Bevölkerung. Die kulturelle Entwicklung, im sechzehnten Jahrhundert zur höchsten Blüte gebracht, sank unter dem Drucke der spanischen Fremdherrschaft und der orthodoxen Hierarchie der Kirche immer tiefer und zehrte im siebzehnten Jahrhundert nur von dem geistigen Kapital der Vergangenheit. Dazu ließen dauernde kriegerische Verwicklungen das Land nicht zur Ruhe kommen und minderten den materiellen Wohlstand. Der alte Widersacher der spanischen Macht, Frankreich, schürte öffentlich und heimlich vor allem in Norditalien gegen den Madrider Hof. Manzoni greift aus dieser Zeit die Jahre 1628-1631 heraus und schildert die wachsende Teuerung, die drohende und ausbrechende Hungersnot, die Volksrevolution in Mailand und als Folge des allgemeinen Elends die Pest. Gewiß geht Manzoni bei der Erzählung dieser historischen Umwelt, vor allem in der Schilderung der Pest, allzusehr in die Breite; aber andererseits birgt dieser Teil der Erzählung für Liebhaber historischer Darstellung große Reize und ist mit vollendeter Kunst gestaltet worden. In prächtiger Steigerung erweitert sich die kleine Welt des Dorfes bei Lecco zum Staatsgeschehen, die Dorfgeschichte wird zur Weltgeschichte, und die kleinen Bedrängnisse der uns lieb gewordenen Personen münden in dem großen Leiden jenes entsetzlichen Sterbens, das einen ganzen Staat heimgesucht hat. »Alles einzelne ist mit einer solchen Genauigkeit und mit so plastischer Geisteskraft gezeichnet, daß wir uns in ferner Zeit und in dem fremden Lande mit einemmal heimisch fühlen und an den Leiden und Freuden dieser Menschen einen so lebhaften Anteil nehmen, als ob das Erzählte sich vor unsern Augen zutrüge.« Wenn Manzoni uns Fremden so ans Herz greift und unser Mitleid weckt, wie mußte er erst an die Seele seiner eigenen Landsleute rühren! Und das beabsichtigte er vielleicht nicht ohne Grund. Indem er ihnen die Heimat unter dem Joche spanischer Fremdherrschaft seufzend zeichnete, mußten sie notgedrungen an ihre eigene Zeit denken, die wieder ein anderes fremdes Land, Österreich, über die Lombardei und Venezien herrschen sah. Manzoni war ein guter, aber auch ein bedächtiger Patriot; er forderte seine Landsleute mit diesem Werke nicht zu gewalttätiger Erhebung auf, sondern ermahnte sie, indem er ihnen ein Beispiel der Geduld und Ergebung gab, das politische Elend zu ertragen im Vertrauen auf den endlichen Sieg der gerechten und guten Sache. Fanatischen Freiheitskämpfern von damals war das freilich nicht genug; sie sahen in solcher Ergebung mehr den Verzicht auf politische Freiheit als die Hoffnung auf zukünftige Besserung. Settembrini meint z. B., ein solcher Ratschlag in solcher Zeit bedeute die Unterwerfung in die Knechtschaft und die Preisgabe des geeinten Italiens. Offenbar wird diese Auslegung der Absicht Manzonis nicht gerecht. Dem Dichter geht es hier allerdings nicht um aktuelle politische Ziele, aber um etwas anderes, das vielleicht damals wichtiger war: den Geist zu bereiten, das Volk mit wahrem Gefühl und echter Vaterlandsliebe zu erfüllen und so seinen Teil an der Zukunft des Volkes zu wirken. Von den Einzelpersonen des Romans sind nur wenige wirklich geschichtlich. Zu ihnen gehört der Kardinal Federigo Borromeo, diese wunderbare Mischung aus Heiligem und Weltmann, der neben feinstem Herzenstakt und eindringender Menschenkenntnis die überzeugende Kraft des reinen und guten Kirchenfürsten besitzt. Der Chronist Ripamonti, aus dem der Dichter viele Züge geschöpft hat, berichtet von dem großen »Ungenannten«, einem Visconti, der von dem Kardinal bewogen wurde, sein bisheriges Räuberleben aufzugeben. In derselben Quelle fand Manzoni auch die Gestalt Gertrudens, der »Dame von Monza«, einer gewissen Marianna de Leyva aus gräflicher Familie, die als Nonne im Margaritenkloster zu Monza mit einem lasterhaften Schurken in Beziehungen trat. Fra Cristoforo endlich, jener ideale Held der Nächstenliebe, der dennoch voll männlichen Mutes ist, eine der schönsten Gestalten des Romans, ist scheinbar nach einem Bruder Christophorus aus Cremona geformt, von dem berichtet wird, daß er auf die Kunde von der Pest nach Mailand eilte und dort als Krankenpfleger im Dienste seiner Nächsten starb. Manzoni ist der größte Charakterdarsteller in der italienischen Literatur. So reich diese auch an Werken mit fruchtbarer Erfindung ist, so arm ist sie an psychologisch wahr gezeichneten, eindringlich beobachteten Gestalten. Hier erstand ihr zum ersten Male ein Dichter, der seine Personen von innen heraus entwickelte und sie mit einfachem Griffel, aber sicher und natürlich zeichnete. Gerade die Reihe seiner frei erfundenen Personen stellt diese Gabe ins hellste Licht. Lucia ist vielleicht der liebenswerteste, aber auch der am wenigsten lebenswahre Charakter von ihnen. Sanft und schamhaft, rein und offen, aber zugleich von einer kaum glaublichen Passivität, ist sie eine Heldin des Leidens. Sie ist mit zu großer typischer Erhabenheit umkleidet, die sie uns fernhält wie eine Madonna, sie hat zuviel von einer Heiligen und zu wenig von der Art eines wirklichen, lebendigen Weibes an sich, die uns eine Julia oder ein Gretchen lieben lassen (De Sanctis). Ihrem Madonnenwesen steht der frische, volkstümliche Charakter ihres Verlobten Renzo gegenüber; seine impulsive Natur drängt zum Handeln und führt ihn gerade dadurch in die schlimmsten Lagen. Man erlasse es uns, auf alle diese Gestalten im einzelnen hinzuweisen; sie sprechen für sich; sie stehen da, bewegen sich und fühlen wie wirkliche Menschen – und das ist vielleicht das Größte, was ein Dichter erreichen kann. Dabei zeichnet Manzoni sie nur mit wenigen Strichen und hält sich nicht mit überflüssigen Einzelheiten auf. Seine Gestalten an Höhepunkten des Romans sind unvergeßlich: Die Begegnung Fra Cristoforos mit Don Rodrigo, Don Rodrigo auf dem Krankenbett, Ferrer in der empörten Menschenmenge Mailands, Renzo an der Adda, der Kardinal Borromeo und der Ungenannte im Gespräch, der Wagen, der die an der Pest Verstorbenen wegträgt, jene Mutter, die ihr totes Töchterchen selbst auf den Wagen legt und den Monatti sagt, sie möchten am Abend kommen, sie ebenfalls mit ihrer anderen Tochter zu holen – das sind Schöpfungen einer wunderbaren Kunst. Und hinter diesen seinen Schöpfungen taucht zuweilen der Dichter auf, der sie wie ein Vater kennt, sie liebt, sie leitet, sie handeln läßt – und väterlich lächelt über diese seine kleine Welt. »Dieses Lächeln ist echt italienisch, ist Einsicht und Vernunft, ist Güte und innerer Frieden der Seele, ist das Lächeln christlicher Erbarmung.« Aus ihm ist die Figur des Don Abbondio geboren, jenes hasenfüßigen Pfarrers, der wohl die populärste Figur der italienischen Literatur ist und eine der besten humoristischen Gestalten der Weltliteratur überhaupt, würdig, dem Don Quijote an die Seite gestellt zu werden. Gegenüber Don Rodrigo, dem Vertreter der Gewalt, ist er die Verkörperung der Furcht. Er wäre vielleicht sogar ein braver Mensch, ein Egoist vielleicht, aber ein Egoist friedsamer Ruhe, wenn ihm nicht immer die Angst im Nacken säße und ihm den ersehnten Frieden störte. Die Pflicht gebietet ihm zu handeln, die Angst verbietet es ihm: dieser Widerstreit ist eine Quelle unaufhörlichen Lachens. Durch die ganze Handlung des Romans, durch die Schilderungen von Natur, geschichtlichen Ereignissen und sozialen Zuständen, durch die Zeichnung der Charaktere und durch den eigentümlichen Humor Manzonis zieht sich, verbindend und erhöhend, jenes echte, mitschwingende Gefühl hindurch, das dem Werke die warme Tönung gibt. Verstand und Phantasie verbinden sich mit Liebe zu den Menschen und ihrer Welt. Jene Liebe, sich offenbarend in Mitgefühl und Mitleid, mündet bei Manzoni ganz in der religiösen Sphäre, genauer und bestimmter gesagt: in der christlich-katholischen Religion. Aber sein Glaube ist nicht einseitig und orthodox, sondern, auf dem Grunde des Katholizismus fußend, allgemein und menschlich weit, so daß er über seine örtlichen und zeitlichen Bindungen zu höherer Geltung emporwächst. Er ist solcher Art, daß jeder Mensch, gleich von welchem Glaubensbekenntnis er sei, davon ergriffen werden muß, wenn er nur irgendein religiöses Gefühl besitzt. Als Quintessenz des Romans soll die Erfahrung der beiden Verlobten gelten, die sie am Schluß aussprechen und die wohl aus Manzonis eigenem Glauben geboren ist: »Das Unglück stellt sich oft ein, weil der Mensch ihm die Gelegenheit gibt; aber auch das vorsichtigste und unschuldigste Benehmen genügt nicht immer, es fernzuhalten; die Leiden mögen indessen mit oder ohne Schuld uns treffen, das Vertrauen in Gott mildert sie und macht sie für ein besseres Leben nutzbringend. Diese Folgerung, wenn auch nur von ungebildeten Leuten gefunden, dünkte uns so passend, daß wir sogleich bedacht waren, sie als den Kern unserer ganzen Geschichte hierherzusetzen.« Das Vorbild des Italieners Manzoni waren die historischen Romane Walter Scotts. Es schwebte ihm vor, für seine Heimat das zu schaffen, was der große Schotte für sein nordisches Land erstrebt hat: die Verherrlichung der heimatlichen Geschichte (und Sage) im volkstümlichen Roman. Manzoni hat sein Vorbild erreicht, das ist sicher; er hat in mancher Beziehung, weil er langsam und gründlich arbeitete, sogar den Vielschreiber Walter Scott übertroffen. Bei solcher Gleichartigkeit der Ziele und Gleichwertigkeit des dichterischen Gehalts im ganzen ist es reizvoll und aufschlußreich zugleich, zu fragen, inwiefern sich beide Dichter unterscheiden. Die Antwort liegt in den Verschiedenheiten der Landschaft und des Volkes begründet. Der italienische Literaturhistoriker Luigi Settembrini findet dafür einen treffenden, wundervollen Vergleich. Er sieht, wenn er an Manzonis Roman denkt, im Geiste ein Dorfkirchlein von reiner italienischer Bauart vor sich, neu, sauber und leuchtend im blendenden Weiß, mit Kirchengerät von feinster Arbeit, mit den zwei prächtigen Gemälden von der Hungersnot und von der Pest darin; rüstige Fratres walten in dem Kirchlein ihres Amtes, singen und predigen und veranstalten Prozessionen, und bedeuten alles im Ort, und die Dorfbewohner verehren sie; und wer ihnen bei der Messe behilflich sein darf, dünkt sich Wunder was zu sein; auch ein paar Edelherren lassen sich dort sehen, aber nur Sonntags, um ihre Andacht zu halten. Die Romane Walter Scotts dagegen erinnern an den großen gotischen Tempel von Westminster, wo die Gräber der Könige und Königinnen sind und viele andere Nationalheiligtümer, mit den langen Fenstern, geschmückt mit Glasmalerei, und den vielen zwar nicht schönen, aber alten, reichen und ehrfürchtig aufbewahrten Geräten; Bauern und Fremde kommen dahin und sehen die ganze Geschichte eines großen Volkes. Der Italiener hat religiöses Gefühl und schafft ein Werk in reinsten Ausmaßen, der Schotte hat Nationalgefühl und schafft ein vielseitiges Werk, das wohl in manchem ein wenig seltsam, aber immer bewunderungswürdig ist. Der Italiener hat mehr Verstand, der Schotte mehr Phantasie; der Italiener lächelt, der Schotte bricht bisweilen in ein grobes Lachen aus; der Italiener kennt besser das Menschenherz, der Schotte kennt besser die Welt: Beide sind wahre Künstler, jeder groß in seiner Art, und wer sagen wollte, der eine sei größer als der andere, würde gänzlich falsch urteilen, denn sie sind nicht vergleichbar, und die Kunst hat nicht nur eine Seite, zeigt nicht immer das gleiche Gesicht. Wer empfänglich ist für eine Dichtung voll echten, einfachen, natürlichen Gefühls, wer noch nicht durch die Lektüre moderner, psychologisch verworrener Werke voreingenommen ist, der lese also dieses Buch: es gibt Erquickung und Labsal, wie die Sonne des Südens sie gibt. Ein Ausspruch Goethes über den Roman enthält vielleicht alles, was über ihn zu sagen ist und gesagt werden kann: »Eine durchaus reife Frucht; und eine Klarheit in der Behandlung und Darstellung des einzelnen wie der italienische Himmel selber.« Mit diesem Worte übergeben wir diese Neuausgabe der alten Übersetzung (vgl. dazu das Nachwort des Herausgebers) dem Leser. Möge das Werk in dieser Gestalt sich viele neue Freunde werben. Hamburg , im Januar 1929. Dr. Hermann Tiemann. Erstes Kapitel. Der See von Como erstreckt sich mit dem einen seiner Zweige gegen Süden zwischen zwei Ketten von ununterbrochenen Bergen und bildet an ihrem Fuße eine Menge von Buchten und Busen. Nachdem diese vielfach hervorgetreten und sich wiederum zurückgezogen, verengt er sich plötzlich und nimmt zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einem weiten Gestade zur Linken den Lauf und die Gestalt eines Flusses an. Die Brücke, welche beide Ufer daselbst verbindet, scheint dem Auge diese Umgestaltung des Gewässers noch merkbarer zu machen und die Stelle zu bezeichnen, wo der See endet und die Adda beginnt. Weiterhin aber entfernen sich die beiden Ufer aufs neue voneinander, der Wasserspiegel wird wieder geräumiger und verläuft sich in neue Buchten und Busen; der Fluß ist wieder zum See geworden. Das Gestade, durch die Anschlemmung dreier großer Wassermassen gebildet, senkt sich allmählich und lehnt sich an zwei zusammenhängende Berge, von welchen der eine San Martino , der andere wegen seiner vielen, reihenweis emporragenden Hügelchen, die ihm wirklich Ähnlichkeit mit einer Säge geben, in lombardischer Mundart der Resegone , die große Säge, genannt wird; wer ihn daher unter einem rechten Winkel, wie etwa von Mailands Basteien aus, die gerade im Norden desselben liegen, erblickt, unterscheidet ihn in jener langen und weiten Gebirgsflur angeblich an diesem einfachen Kennzeichen von allen übrigen Bergen, deren Name weniger bekannt, deren Gestalt weniger ausgezeichnet ist. Eine lange Strecke hindurch erhebt sich das Gestade in langsamer und gleichförmiger Neigung; dann aber steigt es in Hügeln und Tälern, in Anhöhen und Ebenen an, je nachdem die Felsenmasse der beiden Berge oder die Wirkung der Gewässer darauf Einfluß haben. Der äußerste Rand, von den Buchten des Gewässers durchschnitten, besteht fast gänzlich aus Kieselsand und großen Steinen; weiter hinaus erblickt man Felder und Weinfluren, mit Landgütern, Wohnhäusern und Dörfern bedeckt; hin und wieder auch Gebüsche, die sich ziemlich weit bis durchs Gebirge hinauf erstrecken. Lecco, die vorzüglichste Stadt in jener Gegend, welcher sie auch den Namen gibt, liegt am Ufer des Sees, wenig von der Brücke entfernt; bei hochgestiegenem Gewässer befindet sich der Ort sogar zum Teil im See selbst; in unseren Tagen ein ansehnlicher Flecken, welcher sich wahrscheinlich bald zur Stadt vergrößert haben wird. In den Zeiten dagegen, als die Begebenheiten, welche wir zu erzählen unternommen, sich ereigneten, war der ansehnliche Flecken zugleich eine Feste, genoß die Ehre, der Aufenthalt eines Befehlshabers zu sein, und hatte den Vorzug, eine stehende Besatzung von spanischen Soldaten zu beherbergen. Von einem Acker zum andern, von den Anhöhen zum Gestade, von Hügel zu Hügel liefen und laufen noch heute Wege und Fußsteige, bald steil und abschüssig, bald eben und tief, zwischen zwei Mauern verborgen, wo der erhobene Blick nur einen schmalen Streifen der Himmelsdecke oder irgendeine Bergspitze entdeckt; zuweilen ziehen sie sich über offene Hochebenen hin, und von hier aus streift das Auge durch mehr oder weniger umfangreiche Landschaften, die aber, immer mannigfaltig, immer eine neue Aussicht gewähren, je nachdem die verschiedenen Gesichtspunkte einen größeren oder kleineren Teil der Gegend umfassen; je nachdem dieser oder jener Bezirk wechselweise hervortritt oder sich verbirgt, sich eröffnet oder schließt. Überall der lieblichste Wechsel der Mannigfaltigkeit. Hier erscheint der weite farbenschillernde Spiegel des Wassers in langer Ausdehnung; dort schließt sich der See in blauer Ferne oder verliert sich vielmehr in einer Winkelkluft des Gebirges, in einem tiefen Irrgange der Höhen; allmählich aber gewinnt er wieder Raum zwischen andern Bergen, die sich einer nach dem andern den Blicken entfalten und in umgekehrtem Bilde mit den kleinen Dorfschaften des Gestades vom Wasser abgespiegelt werden; auf jener Seite zeigt sich ein Arm des Flusses, dann ein See, dann aufs neue ein Fluß, in leuchtender Schlangenwindung sich zwischen den Felsen verlierend, welche ihn begleiten und, stufenweis sich senkend, gleichfalls im Nebeldunste des Horizontes sich verlieren. Der Standpunkt, von welchem aus der Wanderer diese mannigfaltigen Schauspiele betrachtet, gewährt selbst auf jeder Seite neue Ausblicke; der Berg, an dessen Abhang man soeben hingewandelt, wechselt bei jedem Schritte mit seinen Gipfeln und Schlünden; was vor wenigen Augenblicken ein einfacher Bergrücken schien, wendet sich unvermutet und spaltet sich in gesonderte Ketten; was kurz zuvor sich an der Seite der Anhöhe darstellte, überrascht plötzlich auf ihrem Gipfel. Dabei mildert das liebliche wirtliche Gepräge dieser Abhänge auf gar anmutige Weise den Ausdruck des Wilden und schmückt um so herrlicher die Pracht der übrigen Aussichten. Auf einem dieser schmalen Fußwege kehrte am 7. November des Jahres 1628 Don Abbondio , Pfarrer in einer der oben bezeichneten Ortschaften, langsamen Schrittes von seinem Spaziergange am Abend nach Hause; indessen findet sich weder hier noch weiterhin so wenig der Name der Ortschaft wie der Geschlechtsname des Mannes in unserer Handschrift. Er betete ruhig das Brevier und schloß bisweilen zwischen einem Psalm und dem andern das Gebetbuch, indem er als Merkzeichen den Zeigefinger der rechten Hand dazwischenlegte; dann aber hielt er beide Hände auf dem Rücken ineinander, setzte seinen Weg fort, blickte zur Erde und entfernte die Steine, die im Wege als ein Hindernis lagen, mit dem Fuße gegen die Mauer hin. Bald erhob er das Gesicht, ließ die Blicke gemächlich umherschweifen und heftete sie endlich auf den Rücken eines Gebirges, woselbst das Licht der schon verschwundenen Sonne, durch die Spalten des gegenüberliegenden Berges hindurchschießend, in weiten mannigfachen Purpurstreifen sich auf den hervortretenden Massen malerisch lagerte. Nachdem er von neuem das Brevier geöffnet und ein anderes Stück hergebetet, kam er an eine Wendung des Pfades, bei welcher er jedesmal die Augen vom Buche emporzuheben und vor sich hin zu schauen pflegte. So tat er auch diesmal. Nach jener Wendung lief die Straße etwa sechzig Schritte in gerader Richtung fort und teilte sich dann, nach Art eines Ypsilons, in zwei schmale Gassen. Die Gasse zur Rechten zog sich gegen den Berg hinauf und war der Weg, der zur Pfarrei führte; links ging es ins Tal hinab bis zu einem wilden Bache, und hier reichten die Mauern nur bis an die Hüften des Wanderers. Die inneren Mauern der beiden Pfade liefen nicht in einen Winkel zusammen, sondern endigten mit einer kleinen Kapelle, an welcher verschiedene lange, geschlängelte, spitz auslaufende Figuren gemalt erschienen. Der Pfarrer drehte sich seitwärts und wandte, wie er gewöhnlich tat, den Blick nach der Kapelle; da sah er etwas, das er nicht erwartet hatte, etwas, das er nicht hätte sehen mögen. Zwei Männer standen beim Zusammenfluß der beiden Fußpfade, wenn ich so sagen darf, einander gegenüber; der eine saß, als wär' er zu Pferde, auf der niedrigen Mauer, während das Bein nach außen hin in der Luft schwebte und der andere Fuß auf dem Boden des Weges ruhte; sein Gefährte stand aufrecht, an die Mauer gelehnt, die Arme vor der Brust übereinander geschlagen. Die Kleidung, die Gestalt, und was sich sonst von der Stelle aus, wo der Pfarrer stehen blieb, in ihrem Äußern erkennen ließ, verbannte jeden Zweifel über ihren Stand. Beide trugen um den Kopf ein grünes Netz, welches vorn an der Stirne einen gewaltigen Haarbüschel hervorquellen ließ und auf die linke Schulter, in eine große Quaste endigend, herabhing; zwei lange Schnauzbärte, bis zur äußersten Spitze gekräuselt; der Saum des Wamses durch einen Gurt von glänzendem Leder geschlossen, und zwei Pistolen an Haken daran hängend; ein kleines volles Pulverhorn, gleich einem Halsbande vor der Brust schwebend; rechts an den weiten bauschigen Beinkleidern eine Tasche, aus welcher der Griff eines großen Messers hervorblickte; zur Linken ein Degen, dessen großes Gefäß mit glatten und leuchtenden Messingblättchen, zu einem Namenszuge aneinander gefügt, durchbrochen war; – beim ersten Blick ließ sich ein Paar von der Zunft der Bravi erkennen. Diese Zunft, jetzt gänzlich verschwunden, erfreute sich damals in der Lombardei ihrer glänzendsten Blüte und stammte aus alten Zeiten her. Wer keinen Begriff von ihr hat, dem mögen einige authentische Mitteilungen über ihre vorzüglichsten Kennzeichen, über die Anstrengungen, welche bei ihrer Unterdrückung erforderlich waren, und über ihre widerstrebende üppige Lebenskraft hinreichende Auskunft geben. Schon am 8. April des Jahres 1583 hatte der erlauchte Don Carlos von Aragonien, Großadmiral und Konnetabel von Sizilien, Statthalter von Mailand und Generalkapitän Seiner katholischen Majestät in Italien, »vollkommen von dem unerträglichen Elend überzeugt, in welchem die Stadt Mailand wegen der Bravi und der Vagabunden gelebt hat und lebt,« eine öffentliche Achterklärung gegen sie erlassen. »Er bestimmt und erklärt, daß in dieser Achterklärung begriffen, als Bravi und Vagabunden angehalten werden sollen alle diejenigen, welche, Ausländer oder Einheimische, kein Gewerbe haben oder, wenn sie eins haben, es nicht treiben; welche kein Gehalt beziehen oder mittelst desselben sich an einen Ritter angeschlossen, an einen Edelmann, einen Beamten oder Kaufmann, dem sie ihre Dienste leisten, oder für welchen sie wirklich, wie es sich vermuten läßt, andern nach dem Leben stellen.« Allen diesen gebot er, binnen sechs Tagen das Land zu räumen, drohte den Widerspenstigen mit der Galeere und erlaubte allen Dienern der Gerechtigkeit, zur Vollziehung seines Befehles, außerordentlich umfassende und unbegrenzte Gewaltmittel. Aber im folgenden Jahre gewahrte er, »daß die Stadt dessenungeachtet voll von Bravi, welche, ohne ihre Weise geändert oder an Zahl abgenommen zu haben, ganz auf dieselbe Art leben, wie sie früher zu leben gewohnt waren,« und so erließ er am 12. April ein zweites Gebot, nachdrücklicher und bestimmter als das erste, worin unter den übrigen Befehlen verordnet ward: »Daß jedweder, Bürger oder Fremder, von welchem es durch zwei Zeugen erwiesen, daß er als ein Bravo besoldet wird und allgemein dafür gilt, auch wenn er keines bereits begangenen Verbrechens überführt worden ist, vermöge dieses bloßen Rufs eines Bravo, ohne weitere Anzeigen, von jedem der bestallten Richter nach eingereichtem Bericht des Prozesses zum Marterseil und zur Folter bestimmt werden könne; daß er ohne Geständnis eines Verbrechens, bloß weil er ein Bravo heißt und dafür gilt, auf drei Jahre zum Galeerendienste geschickt werde.« Alles dies und manches andere, das hier weggelassen wird, »weil Seine Herrlichkeit in jedem Falle von jedem Gehorsam fordert«. Beim Widerhall dieser entschlossenen und nachdrucksvollen Worte, von einem so mächtigen Herrn gesprochen und durch solche Drohungen verstärkt, wären alle Bravi, sollte man glauben, für immer verschwunden. Doch das Zeugnis eines nicht weniger glaubwürdigen Herrn von berühmtem Namen überzeugt uns vom Gegenteil. Juan Fernandez de Velasco, Statthalter des mailändischen Staates, ebenso hinlänglich unterrichtet, »welch ein Verderben und Unheil die Bravi und Vagabunden sind, wie diese Gattung von Menschen so höchst nachteilig dem allgemeinen Wohl zuwider wirkt und die Gerechtigkeit hintergeht«, gebot ihnen am 5. Juni des Jahres 1593 unter Wiederholung derselben Befehle und Drohungen gleichfalls, binnen sechs Tagen das Landesgebiet zu räumen. Aber am 23. Mai des Jahres 1598 sah er sich genötigt, wie bei hartnäckigen Krankheiten, die Heilmittel zu schärfen, und »da man bei Tage und bei Nacht von den Bravi nichts weiter höre als vorsätzliche Verwundungen, Raub, Mord und Missetaten aller Art«, sollten die furchtbarsten Hilfsquellen einer strengen Gerechtigkeitsliebe in Tätigkeit gesetzt werden. Aber die verderbliche Brut der Bravi gedieh und vermehrte sich trotzdem ununterdrückt von Jahr zu Jahr. An ihre Ausrottung dachte endlich Don Juan de Mendoza, gleichfalls Statthalter von Mailand, in vollem Ernste. In dieser Absicht schickte er den königlichen Druckern Pandolfo und Marco Tullio Malatesti die herkömmliche Verordnung, verbessert und erweitert, zu, damit sie dieselbe zur Vertilgung der Bravi öffentlich bekannt machten. Dessenungeachtet lebten diese Bösewichter unausrottbar fort, um im Jahre 1618 das herbere Drohwort des Herzogs von Feria, Don Gomez Suarez de Figueroa , zu hören. Da sie jedoch dadurch ebensowenig wie durch alle früheren Vorkehrungen in ihrem Gewerbe sich hindern ließen, sah sich Don Gonzalo Fernandez de Cordova , unter dessen Regiment jene Heimkehr des Don Abbondio sich ereignete, bewogen, den gewöhnlichen Aufruf gegen die Bravi noch einmal ergehen zu lassen. Dieser erschien am 5. Oktober des Jahres 1627, also etwa dreizehn Monate vor dem Ereignis, dessen Merkwürdigkeit dem Leser bald sich entfalten soll. Daß die beiden Männer, welche wir oben beschrieben haben, in Erwartung eines Menschen dort standen, begriff sich auf der Stelle; was aber unsrem Don Abbondio gar sehr mißfiel, war, daß verschiedene Gebärden ihm zu verstehen gaben, der Erwartete sei er selbst. Denn bei seinem Erscheinen hatten beide einander angesehen und den Kopf mit einer Bewegung erhoben, aus welcher sich schließen ließ, daß beide zugleich: Er ist es! gesagt hatten. Der eine, der rittlings auf der Mauer saß, hatte sich erhoben und das Bein nach der Straße hingezogen; währenddessen hatte der andere sich von der Mauer entfernt, und beide gingen auf ihn zu. Der Pfarrer hielt das Gebetbuch immer offen vor sich, als wenn er läse, blickte aber dessenungeachtet verstohlen in die Höhe, um die Bewegungen der beiden Kerle zu beobachten, und da er sie geradeswegs auf sich loskommen sah, ergriffen ihn plötzlich tausend verschiedene Gedanken. In aller Eile fragte er sich selbst, ob sich zwischen ihm und den Bravi die Straße zur Rechten oder zur Linken durch einen Ausweg öffne; aber ebenso schnell fiel ihm ein, daß ein solcher nicht vorhanden war. Zugleich stellte er eine schnelle Untersuchung an, ob er vielleicht gegen irgendeinen Gewaltigen, gegen irgendeinen rachsüchtigen Menschen sich ein Vergehen habe zuschulden kommen lassen; bei diesem ängstlichen Nachsinnen beruhigte ihn jedoch das tröstliche Zeugnis seines Gewissens. Die Bravi aber kamen immer näher auf ihn zu und ließen ihn nicht aus den Augen. Don Abbondio legte Zeige- und Mittelfinger der linken Hand in den Kragen seines geistlichen Gewandes, als wollte er ihn wieder in Ordnung setzen; und indem er beide Finger um den Hals herum bewegte, wandte er das Gesicht zurück und sah mit verstohlen blickendem Auge, so weit er konnte, ob von hinten her vielleicht jemand des Weges käme; aber keiner war zu sehen. Er blickte über die niedrige Mauer hinweg, in die Felder – keiner zu finden; und auch auf dem Fußpfade, der vor ihm lag, war außer den Bravi kein menschliches Wesen anzutreffen. Was sollte er tun? Umkehren, dazu war keine Zeit, und sich auf die Beine machen, hieß geradezu die beiden Kerle zum Nachsetzen auffordern. Da er also der Gefahr nicht aus dem Wege gehen konnte, lief er ihr entgegen; die Augenblicke der Ungewißheit hatten so viel Peinliches für ihn, daß er jetzt nichts sehnlicher wünschte, als sie abzukürzen. Er verdoppelte seine Schritte, sagte einen Vers mit lauterer Stimme her, suchte, soviel er konnte, seinem Gesichte den Anstrich der Ruhe und der Fröhlichkeit zu geben, und strengte sich an, ein trauliches Lächeln auf seinen Wangen erscheinen zu lassen. Als er sich darauf dem stattlichen Paare gegenüber befand, sagte er in Gedanken: Da sind wir, und blieb stehen. »Herr Pfarrer!« sagte einer der beiden, indem er ihm mit starrem Blick ins Gesicht sah. »Wer will etwas von mir?« fragte Don Abbondio schnell, hob die Augen vom Buche empor und hielt es geöffnet mit beiden Händen vor sich. »Sie gehen damit um,« begann der andere, mit dem drohenden und entrüsteten Ausdruck eines Mannes, der seinen Untergebenen auf einer Schurkerei ertappt; »Sie gehen damit um, Renzo Tramaglino und Lucia Mondella morgen zu vermählen!« »So ist's,« antwortete Don Abbondio mit zitternder Stimme, »so ist's.« »Gut,« antwortete der Bravo mit gedämpfter Stimme, aber im Ton eines Befehles; »diese Vermählung darf nicht vor sich gehen, weder morgen noch jemals sonst.« »Aber, meine Herren,« nahm Don Abbondio das Wort, mit der sanften und höflichen Stimme eines Menschen, welcher einen Ungeduldigen zu überreden sich bemüht, »belieben Sie sich nur einmal an meine Stelle zu setzen. Wenn die Sache von mir abhinge ... Sie sehen wohl, daß mir nichts daran liegt.« »Ei was,« unterbrach ihn der Bravo, »wenn die Sache durch Wortgekram ausgemacht werden müßte, so würden Sie uns bald in Grund und Boden schwatzen. Wir wissen nichts davon und wollen auch nichts davon wissen. Ein Mensch, dem man einen Fingerzeig gegeben hat – Sie verstehen uns.« »Aber die Herren sind viel zu gerecht, viel zu vernünftig –« »Genug,« fiel ihm hier der andere Gefährte, der bisher kaum eine Silbe gesprochen hatte, ins Wort; »genug, die Vermählung geschieht nicht, oder« – hier stieg ein tüchtiger Fluch in die Höhe – »oder wer sie betreibt, soll sie eben nicht bereuen, weil er keine Zeit dazu haben wird, und« – ein zweiter Fluch – »Ruhig, ruhig!« rief der erste Redner, »der Herr Pfarrer weiß, wie es in der Welt zugeht; wir aber sind Leute von Ehre, die ihm nichts Böses antun wollen, sobald er sich wie ein vernünftiger Mann benimmt. Herr Pfarrer, Don Rodrigo, unser erlauchter Herr, hält Sie gar hoch in Ehren.« Der Name wirkte in Don Abbondios Seele wie mitten in einem nächtlichen Sturmgewitter ein Blitzstrahl, welcher plötzlich mit zuckender Helle die Gegenstände beleuchtet und den Schrecken erhöht. Unwillkürlich machte er eine tiefe Verneigung und sagte: »Wenn Sie mir an die Hand zu geben wüßten –« »Ihnen an die Hand geben, einem Manne, der Latein versteht!« unterbrach ihn der Bravo mit einem Lächeln, in welchem Grobheit und Wildheit sich paarten. »Auf Sie kommt's an. Vor allem aber lassen Sie sich über den Wink, den wir Ihnen zu Ihrem eigenen Besten gegeben haben, nicht einen einzigen Laut entschlüpfen; sonst – es wär' ebenso schlimm, wie die Vermählung vollziehen. Nun, was sollen wir in Ihrem Namen dem erlauchten Herrn Don Rodrigo melden?« »Meine Achtung.« »Man erkläre sich, Herr Pfarrer!« »Jederzeit – werde ihm jederzeit gehorsam sein!« Und indem er diese Worte aussprach, wußte er eigentlich selbst nicht, ob er ein Versprechen von sich gab oder bloß eine alltägliche Redensart der Höflichkeit hinwarf. Die Bravi nahmen sie in einem ernsteren Sinne, oder zeigten ihm wenigstens, daß sie sie so nahmen. »Sehr schön,« sagte der eine, indem er mit seinem Gefährten sich auf den Weg machte; »gute Nacht, Herr Pfarrer!« Don Abbondio, welcher wenige Minuten vorher ein Auge seines Kopfes drum gegeben hätte, ihnen aus dem Wurf zu kommen, würde jetzt das Gespräch und die Unterhandlung gar gern weiter fortgesetzt haben. – »Meine Herren!« rief er, indem er das Gebetbuch mit beiden Händen schloß – das Paar aber hörte nicht weiter auf ihn, es nahm die Straße, daher er gekommen war, und entfernte sich, indem es ein Lied sang, das wir eben nicht mitteilen möchten. Der arme Pfarrer blieb einen Augenblick wie bezaubert mit offenem Munde stehen, dann machte auch er sich auf den Weg und schlug die Straße ein, die nach seinem Hause führte. Als wären seine Füße vom Krampfe gelähmt, zog er den einen mit Anstrengung dem andern nach; in welcher Gemütsstimmung er sich aber befand, wird der Leser leichter einsehen, sobald er von der Sinnesart des Mannes und von den Zeitumständen, darin er lebte, ein Näheres erfahren hat. Don Abbondio – der Leser wird es wohl selbst bereits gemerkt haben – hatte keineswegs das Herz eines Löwen mit auf die Welt gebracht. Seit seinen frühesten Jahren aber mußte es ihm einleuchten, daß in jenen Zeiten ein Geschöpf ohne Krallen und Hauer, welches bei alledem keine Neigung, sich verschlingen zu lassen, verspürte, sich in der verfänglichsten Lage befand. Einen ruhigen harmlosen Menschen, der andern Furcht einzujagen sonst keine Mittel hatte, schirmte die Kraft der Gesetze in keiner Hinsicht. Es fehlte nicht eben gegen gewalttätige Schritte einzelner Bürger an Gesetzen und Strafen, haufenweise vielmehr wurden die Verordnungen erlassen; die Verbrechen waren aufgezählt und mit der kleinlichsten Weitschweifigkeit voneinander gesondert; die töricht übertriebenen Strafen konnten bei jedem einzelnen Falle nach Gutbefinden des Gesetzgebers und seiner hundert Vollstrecker geschärft werden; um das gerichtliche Verfahren bekümmerte man sich nur insofern, als es den Richter beim Ausspruch eines verdammenden Urteils von jedem Hindernis befreite; die Probestellen, welche wir von den Verordnungen gegen die Bravi mitgeteilt haben, liefern ein kleines, aber treues Beispiel. Nichtsdestoweniger, und zum Teil gerade aus dieser Ursache, hatten jene wiederholten und verstärkten Verordnungen der verschiedenen Statthalter keinen andern Nutzen, als die Ohnmacht der Befehlshaber in ihrer traurigsten Blöße zu enthüllen. Die Straflosigkeit hatte sich vollkommen ausgebildet; die Wurzeln ihres Wachstums berührte kein Befehl, konnte kein Befehl ausrotten. Wer, bevor er eine Missetat beging, seine Maßregeln getroffen hatte, um zur rechten Zeit sich in ein Kloster, in einen Palast zu flüchten, wohin kein Häscher jemals den Fuß zu setzen gewagt hätte; wer, ohne alle weiteren Schutzmittel, eine Livree trug, um derentwillen die Eitelkeit und der Vorteil einer mächtigen Familie, eines ganzen Geschlechtes seine Verteidigung auf sich nehmen zu müssen glaubten, der war bei allen seinen Handlungen frei und durfte über das Geschrei der öffentlichen Verordnungen sich lustig machen. Von denjenigen, welche sich erlaubten, solche Schandtaten verüben zu lassen, gehörten einige durch ihre Geburt zu den bevorrechteten Ständen, andere hingen durch Schutzverhältnis mit ihnen zusammen; diese wie jene hielten durch Erziehung, Eigennutz, Gewohnheit und Nachahmung die einmal angenommenen Grundsätze fest und hüteten sich gar sehr, sie eines Stück Papieres wegen, das an den Straßenecken angeheftet hing, zu verletzen. Wenn nun auch die Menschen, welche die unmittelbare Ausführung auf sich nahmen, unternehmend wie Helden, gehorsam wie Mönche und ergeben wie Märtyrer gewesen wären, so hätten sie dennoch eigentlich nichts durchsetzen können; sie waren der Zahl, mit welcher sie ihren Kampf begannen, nicht gewachsen und mußten oft gewärtig sein, von den eigenen Herren, die ihnen ihre Schritte vorgeschrieben, verlassen und selbst aufgeopfert zu werden. Wer zu beleidigen gedenkt oder jeden Augenblick beleidigt zu werden fürchtet, beide sehen sich begreiflicherweise nach Verbündeten und Gehilfen um. Daher in jenen Zeiten das Bestreben der einzelnen, in Ständen sich verbrüdert zu halten, aufs höchste gestiegen war; man trat zu neuen Verbrüderungen zusammen, und derjenigen, welcher er angehörte, suchte jeder die ausgedehnteste Macht zu verschaffen. Mit wachsamer Sorgfalt verteidigte und erweiterte die Geistlichkeit ihre Steuerfreiheit, der Adel seine Vorrechte, der Kriegerstand die Ausnahmen, die ihm in der allgemeinen Pflichtleistung gestattet waren. Kaufleute und Handwerker waren in Zünfte und Brüderschaften eingeschrieben, die Rechtsgelehrten bildeten einen Bund, selbst die Ärzte hielten sich in eigener Gesellschaft zusammen. Jede dieser kleinen Oligarchien besaß ihre besonderen Kräfte; in einer jeden fand der einzelne seinen Vorteil darin, nach Verhältnis seines Ansehens und seiner Gewandtheit die Kräfte vieler zu seinem Besten in Tätigkeit zu setzen. Die Redlichen bedienten sich dieses Vorteils zu ihrer Verteidigung; die Schlauen und Ruchlosen benutzten ihn zur Vollführung schurkenhafter Streiche, zu welchen ihre persönlichen Mittel allein nicht hingereicht hätten, und stellten sich zugleich gegen jede Bestrafung sicher. Indessen fand in den Kräften dieser verschiedenen Genossenschaften eine bedeutende Ungleichheit statt; auf dem offenen Lande besonders umgab sich der reiche und gewaltsüchtige Edelmann mit einer Schar von Bravi, mit Landleuten, welche durch verjährte Herkömmlichkeit, durch Eigennutz oder Zwang sich als die Untergebenen und die Streiter des Herrn betrachteten; und so übte er eine Gewalt, welcher keine jener andern Brüderschaften so leicht Widerstand zu leisten vermochte. Unser Abbondio, weder adlig noch reich oder mutig, kam sich also, bei seinem Austritt aus den Kinderjahren schon, unter jenem Menschengeschlechte wie ein Gefäß von gebrannter Erde vor, welches mit vielen andern eisernen Gefäßen gleichen Schritt halten soll. Daher hatte er sich seinen Eltern, die ihn zum Priester machen wollten, recht gern gehorsam erwiesen. Die Wahrheit zu gestehen, hatte er über die Pflichten und die edlen Zwecke des Amtes, welchem er sich widmete, nicht eben allzu reiflich nachgedacht; sich ein ziemlich behagliches Leben zu sichern, in einen ehrwürdigen und begründeten Stand sich zu erheben, das waren ein paar Gründe, welche in seinen Augen solch eine Wahl mehr als hinlänglich rechtfertigten. Aber jeder Stand sorgt für den einzelnen und sichert ihn bis zu einem gewissen Punkte nur; keiner überhebt ihn des Geschäftes, sich seinen eigenen Lebensplan zu entwerfen. Don Abbondio, fortwährend nur mit dem Gedanken an die Sicherstellung seines Daseins beschäftigt, kümmerte sich wenig um jene Vorteile, deren Erlangung es nötig macht, daß der Mensch sich rüstig anstrenge oder ein wenig zu Gelde zu kommen suche. Allen Zwist zu vermeiden und, wenn er ihn nicht vermeiden konnte, bescheiden nachzugeben, darin bestand vorzüglich das System des Pfarrers. In allen Kämpfen, die um ihn her losbrachen, suchte er eine unbewaffnete Neutralität zu behaupten; es mochten Feindseligkeiten sein, wie sie damals zwischen der Geistlichkeit und den weltlichen Gewalten gar häufig stattfanden, es mochten Fehden der Beamten mit dem Adel, des Adels mit der Obrigkeit, der Bravi mit den Soldaten oder Händel zweier Bauern sich ereignen, durch ein Wort entstanden, durch die Faust oder das Messer entschieden. Mußte er notwendigerweise zwischen zwei Widersachern Partei ergreifen, so hielt er sich auf der Seite des Stärkeren, wiewohl jedesmal im Hintertreffen, und gab sich Mühe, dem andern begreiflich zu machen, daß er keineswegs aus freien Stücken sein Gegner sei; es war, als wenn er ihm sagte: Aber warum habt Ihr es nicht verstanden, der Stärkere zu sein? Ich stände unfehlbar auf Eurer Seite jetzt. – Von den Übermächtigen hielt er sich weit entfernt; er schien die Beleidigungen ihrer vorübergehenden Launen nicht zu bemerken, nahm diejenigen, die ihm mit ernster besonnener Absicht angetan wurden, mit Unterwürfigkeit auf, nötigte durch Bücklinge und gefällige Ehrfurcht selbst den zornsüchtigen Gesellen und den Murrköpfen, wenn sie ihm unterwegs begegneten, ein Lächeln ab; und so war der arme Mensch, ohne gewaltsame Stürme, glücklich über die Sechzig hinausgeschifft. Zwar hatte auch er sein Teil Galle an der Leber hängen; diese beständige Übung im Dulden, diese Selbstverleugnung, mit welcher er andern jederzeit recht gab, so viele bittere hinuntergeschluckte Bissen, ohne sich zu äußern, hatten selbst sein sanftes Gemüt zur Heftigkeit gereizt, und seine Gesundheit würde gewiß darunter gelitten haben, wenn er nicht hin und wieder eine Gelegenheit, seinem Herzen Luft zu machen, festgehalten hätte. Gab es doch auf Erden und in seiner eigenen Umgebung Leute, von deren Unfähigkeit, Böses zu stiften, er überzeugt war; gegen diese durfte er bisweilen der bösen, lange angehäuften Laune eine Ergießung gestatten, durfte seinerseits auch einmal den Grillenfänger spielen und ohne Ursache schreien. Dabei war er ein strenger Tadler der Leute, die nicht nach seinen Ansichten lebten; doch mußte sich der Tadel ohne die entfernteste Gefahr aussprechen lassen. Wer Schläge bekommen, war in seinen Augen wenigstens ein Unkluger; und ein Gemordeter hatte sich im Leben immer als ein unruhiger Tollkopf benommen. Jedem, welcher sein Recht gegen einen Mächtigen behauptete und mit wundem Kopf aus dem Handel gekommen war, wußte Don Abbondio beständig ein Unrecht zu finden; und das war nicht schwer, denn Recht und Unrecht sind nie durch einen so glatten Schnitt gesondert, daß jeder Teil sich durchaus nur im Besitz des einen befände. Vorzüglich aber predigte er gegen diejenigen unter seinen Amtsbrüdern, welche mit eigener Gefahr einen schwachen Unterdrückten wider einen mächtigen Bedränger in Schutz zu nehmen suchten. Das heißt, pflegte er zu sagen, für bares Geld sich Händel kaufen und den Dachshunden die Beine gerade drehen wollen; ja er behauptete ernstlich, das sei eine Teilnahme an weltlichen Dingen, worunter die Würde des heiligen Amtes leide. Mögen sich demnach meine paar Leser einmal vorstellen, welchen Eindruck das Ereignis, das eben erzählt worden, auf das Gemüt des armen Mannes machen mußte. Das Schreckliche, das aus jenen unheimlichen Gesichtern, aus jenen grausenvollen Worten sprach, die Drohung eines Herrn, der nicht vergebens zu drohen pflegte, das System eines ruhigen Lebens, welches so viele Jahre hindurch mit Fleiß und Geduld erkauft worden, in einem Augenblick zerrüttet; ein enger Weg, durch welchen nur mit gefährlicher Beschwerde zu kommen war, ein Weg, dessen Ende das Auge nicht sah, alle diese Gedanken trieben sich summend in Don Abbondios gesenktem Kopfe umher. – »Wenn Renzo sich durch ein glattes Nein ruhig abspeisen ließe, gut; aber er wird Gründe wissen wollen, und was, um Himmels willen, kann ich ihm antworten? Ei, auch der hat einen Kopf; ein Lamm, wenn keiner ihn anpackt, aber wenn einer ihm zu widersprechen meint... Und dann, und dann in diese Lucia vergafft, verliebt wie... Junge Burschen, die sich verlieben, weil sie nicht wissen, was sie sonst anzufangen haben; wollen sich verheiraten und denken an nichts weiter, scheren sich wenig um die Not, die sie einem armen ehrlichen Manne auf die Schultern packen...« Hier aber ward er inne, daß solche Gedanken keine Spur einer frommen Gesinnung an sich trügen, und so wandte er seine ganze Entrüstung gegen jenen andern, welcher ihn soeben um seinen Frieden gebracht hatte. Nur dem Ansehen und dem Namen nach kannte er Don Rodrigo; noch hatte er nie etwas mit ihm zu schaffen gehabt, als daß er die wenigen Male, da er ihm auf der Straße begegnet war, das Kinn mit der Brust und die Spitze seines Hutes mit der Erde sich berühren ließ. Bei mehr als einer Gelegenheit hatte er gegen verschiedene Leute, die mit leiser Stimme, seufzend und die Augen zum Himmel erhoben, irgendeine Handlung jenes Herrn verwünschten, seinen Ehrenruf verteidigt und ihn wohl hundertmal einen achtungswerten Edelmann genannt. Jetzt aber gab er ihm im Herzen alle jene Titel, welche er aus dem Munde der andern niemals hatte hören können, ohne mit einem hastigen: Warum nicht gar! dazwischenzufahren. Nachdem er im Gewirre dieser Gedanken an die Türe seines Hauses gekommen war, welches am Ende des Dörfchens stand, steckte er den Schlüssel, den er schon in der Hand hatte, eilig ins Schloß, öffnete, trat hinein und schloß sorgsam wieder hinter sich zu. Voller Sehnsucht, eine treue Seele um sich zu wissen, rief er augenblicklich: » Perpetua! Perpetua! « und begab sich nach dem kleinen Saale, wo sie unfehlbar sich eben aufhalten mußte, um den Tisch fürs Abendessen zu decken. Perpetua war, wie jeder merkt, die Haushälterin unseres Pfarrers, eine treue anhängliche Dienerin, welche je nach den Umständen zu gehorchen und zu befehlen verstand, die Murrköpfigkeit und die Grillenfängerei ihres Herrn zur rechten Zeit ertrug und ihn dahin gebracht hatte, daß er seinerseits auch ihre Launen sich gefallen ließ. Diese nahmen allerdings von Tag zu Tag an Zahl zu; denn sie hatte das hochmündige Alter von vierzig Jahren durchlebt und sich dabei in ehelosem Stande gehalten, weil sie alle Vorschläge, die ihr gemacht worden, wie sie behauptete, zurückgewiesen, oder weil kein Hund, wie ihre Freundinnen sagten, auf den Einfall geraten, sich um ihre Hand zu bewerben. »Ich komme!« sagte Perpetua, indem sie Don Abbondios kleine geliebte Weinflasche auf den Tisch an ihren herkömmlichen Platz stellte und sich langsam in Bewegung setzte. Sie hatte aber die Schwelle des kleinen Saales noch nicht berührt, als er schon mit so wildem Schritte hineintrat, mit einem so finsteren Blicke und einem so verwirrten Gesichte, daß es nicht einmal der geprüften Augen seiner Perpetua bedurfte, um beim ersten Zusammentreffen schon die Entdeckung zu machen, ihm sei etwas ganz Außerordentliches begegnet. »Barmherziger Himmel! Was fehlt Ihnen, lieber Herr?« »Nichts, gar nichts,« erwiderte Don Abbondio und warf sich, schwer Atem holend, in seinen großen Lehnstuhl. »Wie, nichts? Und das wollen Sie mir einreden? Was das für eine Unfreundlichkeit ist! Irgendein großes Ereignis ist vorgefallen.« »Um Himmels willen! Wenn ich sage, nichts, so ist es nichts, oder etwas, das ich nicht sagen kann!« »Das Sie auch mir nicht einmal sagen können?« fragte Perpetua. »Wer wird sich denn sonst um Ihr Bestes kümmern? Wer soll Ihnen einen guten Rat geben?« »Weh mir! Schweig und mache mir nichts weiter zurecht; nur einen Becher von meinem Wein gib mir.« »Und Sie wollen mir einreden, daß Ihnen nichts fehlt!« sagte Perpetua, füllte den Becher und hielt ihn dann in der Hand, als sollte er der Lohn der vertraulichen Eröffnung sein, die sie so sehnlich erwartete. »Gib her, gib her!« rief Don Abbondio, nahm den Becher mit halbzitternder Hand und leerte ihn rasch. »Sie wollen mich also wirklich so weit bringen,« nahm die Haushälterin das Wort, »daß ich hier und dort herumfragen muß, was für ein Zufall meinem Herrn in den Weg gekommen sei?« »Um Himmels willen,« rief der Pfarrer, »mach mir kein Geklatsch, mach mir kein Geschrei; es steht ... es steht das Leben auf dem Spiel.« »Das Leben?« »Das Leben,« antwortete Don Abbondio. »Sie wissen recht gut,« meinte die Dienerin, »sooft Sie mir noch etwas aufrichtig im Vertrauen mitgeteilt haben, ist's nimmermehr« – »Ei freilich,« unterbrach sie ihr Herr; »zum Beispiel als« – Perpetua fühlte, daß sie eine falsche Saite angeschlagen hatte. Sie änderte also rasch den Ton und sagte mit einer bewegten Stimme, die zugleich bewegen sollte: »Herr Pfarrer, ich bin Ihnen seit Menschengedenken von Herzen ergeben gewesen, und wenn ich jetzt gern etwas erfahren möchte, so geschieht's aus Eifer, weil ich Ihnen zu Hilfe kommen, Ihnen einen guten Rat geben, Ihren Mut wieder aufrichten will.« Gewiß ist's, daß Don Abbondio fast ebenso große Neigung verspürte, sich seines plagenden Geheimnisses zu entledigen, wie Perpetua, es in Empfang zu nehmen; nachdem er also immer schwächer ihre neuen gesteigerten Angriffe zurückgeschlagen, nachdem er sie mehr als einmal hatte schwören lassen, daß sie nicht einen Laut davon in die Welt flüstern würde, erzählte er ihr endlich das traurige Ereignis. Jeden Augenblick gab es eine Unterbrechung, war ein »Weh mir!« zu hören. Als man darauf beim schrecklichen Namen des Herrn stand, welcher den Auftrag gegeben, mußte sich Perpetua durch einen neuen, weit feierlicheren Eid zur Verschwiegenheit verpflichten, und da er den Namen ausgesprochen, wandte sich Don Abbondio nach der Lehne seines Sessels zurück, hob die Hände, als gelte es zugleich einen Befehl und eine Bitte, und rief: »Um des Himmels willen, Perpetua!«« »Jesus Maria!« rief diese. »O, was für ein Schurke! Was für ein listiger Betrüger! Ein Mensch ohne alle Gottesfurcht!« »Willst du dein Maul halten,« fiel ihr der Pfarrer in die Rede, »oder willst du mich ganz und gar zugrunde richten?« »Ei, wir sind hier allein, keine Seele hört uns. Aber wie werden Sie es nun mit der Sache halten, armer guter Herr?« »O, da seh' einer,« sagte Don Abbondio mit einer Stimme, die ziemlich nach Grimm klang, »da seh' einer den schönen Rat, den mir die Person zu geben weiß! Sie fragt mich, was ich tun werde, was ich tun werde; gerade als steckte sie in der Klemme, und ich hätte es auf mich genommen, sie wieder herauszuarbeiten.« »Aber,« bemerkte Perpetua, »ich hätte wohl auch meinen geringen Rat Ihnen an die Hand zu geben, aber dann –« »Aber dann? Laß hören.« »Mein Rat wäre,« lautete Perpetuas Eröffnung, »sintemal alle Leute sagen, daß unser Erzbischof ein heiliger Mann ist und ein Herr, der das Herz an der rechten Stelle hat und der sich vor greulichen Gesichtern nicht fürchtet, so wird's ihm auch eine Freude machen, wenn er einen Pfarrer gegen solche Unheilbringer unter seine Flügel nehmen kann; mein Rat wäre also. Sie schrieben ihm einen hübschen Brief und setzten ihm darin auseinander, wie –« »Wirst du schweigen? Wirst du schweigen? Ist das ein Rat, den man einem armen Manne gibt? Wenn ich eine Flintenkugel in das Rückgrat bekäme, Gott steh' mir bei, würde sie mir der Erzbischof wieder herausschaffen?« »Eh, die Flintenkugeln werden nicht mir nichts, dir nichts verschenkt wie gebrannte Mandeln, und weh der Welt, wenn diese Hunde sooft bissen, wie sie bellten! Ich habe immer gesehen, daß ein Mensch, der die Zähne zu weisen versteht, sich in Achtung setzt. Und gerade weil Sie nie Ihre Gründe angeben mögen, ist es so weit mit uns gekommen, daß alle uns auf den Hals laufen, mit einer Keckheit –« »Willst du schweigen?« »Den Augenblick. So viel aber ist gewiß, daß, wenn die Welt einen sieht, der immer und bei jedem Zusammentreffen sich duckt und die Segel –« »Willst du schweigen?« rief Don Abbondio. »Es ist gerade jetzt Zeit zu solchen Lumpereien!« »Genug, Sie werden die Nacht darüber nachdenken. Unterdessen aber tun Sie sich nicht selber weh und bringen Sie sich nicht um die Gesundheit. Essen Sie einen Bissen.« »Ich werde darüber nachdenken,« entgegnete der Pfarrer mürrisch, »ich werde darüber nachdenken, ich habe darüber nachzudenken. – Ich genieße nichts,« sagte er, indem er aufstand, »nichts; der Kopf steht mir nicht danach. Ich weiß selbst, daß ich darüber nachzudenken habe. Aber mir, mir mußte das passieren!« »Nehmen Sie wenigstens hier das Schlückchen noch,« sagte Perpetua und kredenzte ihm ein zweites Glas. »Sie wissen, das bringt Ihnen immer den Magen wieder in Ordnung.« »Ei, ich brauch' ein anderes Pflaster, ein ganz anderes Pflaster!« Bei diesen Worten nahm er das Licht und brummte fortwährend vor sich hin. »Eine lumpige Kleinigkeit! Einem ehrlichen Manne wie mir! Und wie wird's morgen gehen?« Unter diesen und ähnlichen Klagen zog er sich in seine Schlafkammer zurück. An der Schwelle stand er einen Augenblick still, wandte sich nach der Haushälterin um, legte den Zeigefinger an die Lippe und sagte mit langsamer, feierlicher Stimme: »Um Himmels willen, Perpetua!« So ging er schlafen. Zweites Kapitel. Der Prinz von Condé ruhte, wie erzählt wird, während der Nacht, welche dem Tage von Rocroy vorherging, in tiefem Schlafe; indessen war er teils durch Anstrengungen sehr ermüdet, teils hatte er bereits alle nötigen Vorkehrungen getroffen und ausführlich angegeben, was am nächsten Morgen geschehen sollte. Unser Don Abbondio dagegen wußte für jetzt noch nichts weiter, als daß morgen ein Tag der Schlacht sein werde, und so war's kein Wunder, wenn ein großer Teil der Nacht in ängstlichen Beratschlagungen zugebracht wurde. Sich weder um die schurkenhafte Zumutung noch um die Drohungen zu kümmern und die Vermählung zu vollziehen, war ein Ausweg, welchen er nicht einmal in Erwägung ziehen mochte. Das Ereignis dem Renzo vertrauen und mit ihm vereinigt nach irgendeinem Mittel sich umsehen – der Himmel steh' uns bei! »Lassen Sie sich keine Silbe entschlüpfen, sonst –!« hatte der eine der beiden Bravi gesagt, und während dem guten Don Abbondio dieses schauerliche Sonst im Kopfe nachsummte, scheute er nicht bloß, solch eine Vorschrift zu überschreiten, sondern bereute auch schon, mit Perpetua nur davon geplaudert zu haben. Fliehen? Wohin? Und hernach? Wie viele Verwicklungen! Wieviel Rechenschaft zu geben! Bei jedem Ausweg, den er verwarf, wendete sich der arme Mann auf die andere Seite. Endlich schien es ihm am rätlichsten, den Renzo durch halbe Versprechungen hinzuhalten. Auch fiel ihm höchst gelegen ein, daß an der gesetzmäßigen Zeit zur Vermählung noch einige Tage fehlten – »und kann ich nur diese wenigen Tage noch den jungen Menschen hinhalten, habe ich gleich zwei Monate für mich gewonnen, und in zwei Monaten können sich große Dinge ereignen.« – Nun ging's an eine Herzählung der Vorwände, die er ins Feld stellen wollte. Freilich kamen sie ihm selbst ein wenig fadenscheinig vor; indessen suchte er sich durch den Gedanken zu beruhigen, daß sein Ansehen ihnen einigen Nachdruck verleihen und seine vieljährige Erfahrung ihm über einen jungen unwissenden Menschen hinlängliches Übergewicht verschaffen werde. – Indem sich sein Gemüt bei dieser Erwägung ein wenig beruhigt hatte, konnte er endlich das Auge schließen. Aber welch ein Schlaf! Was für Träume! Bravi, Don Rodrigo, Renzo, enge Gassen, Felsen, Flucht, Verfolgung, Geschrei, Flintenschüsse – – Nach einem Unfalle und in bedrängter Lage ist das erste Erwachen ein gar bitterer Augenblick. Kaum zu sich selbst gekommen, wendet sich der Geist den gewohnten Gedanken des vorigen ruhigen Lebens zu; schnell aber tritt ihm die Vorstellung vom neuen Stande der Dinge unfreundlich entgegen, und diese augenblickliche Vergleichung erhöht den Unmut. Don Abbondio, welcher diesen Moment in seiner ganzen Schmerzlichkeit empfunden, ging alle seine nächtlichen Pläne noch einmal durch, hielt sich sorgsam bei jedem einzelnen auf, ordnete sie passender, erhob sich und erwartete Renzo mit Furcht und Ungeduld zugleich. Lorenzo – oder, wie jedermann ihn nannte, Renzo – ließ nicht lange auf sich warten. Kaum schien es ihm Zeit, sich ohne Unbescheidenheit beim Pfarrer einfinden zu können, so begab er sich nach dem Hause desselben mit der fröhlichen Eile eines zwanzigjährigen jungen Mannes, welcher sich an dem nämlichen Tage mit der Geliebten seines Herzens zu vermählen gedenkt. Seit seinen Jünglingsjahren stand Renzo ohne Eltern da und gewann seinen Unterhalt durch die Seidenspinnerei, die in seiner Familie sozusagen erblich war; in vergangenen Zeiten ein sehr einträgliches Geschäft, heutzutage im Verfall, doch nicht in dem Grade, daß ein geschickter Arbeiter sich nicht noch immer sein anständiges Brot damit hätte erwerben können. Die Arbeit nahm allerdings von Tag zu Tag immer bedenklicher ab; doch die fortwährende Auswanderung der Arbeiter, die durch Versprechungen, durch Vorrechte und reichen Tagelohn sich nach den benachbarten Staaten locken ließen, war die Ursache, daß es auch denen, welche im Lande blieben, keineswegs daran fehlte. Überdies besaß Renzo ein kleines Landgut, welches er bearbeiten ließ oder zur Zeit, da die Seidenspinnerei ihm Muße gestattete, selbst zu bearbeiten pflegte, so daß man ihn bei seinem Stande wohlhabend nennen konnte. Obgleich nun dieses Jahr noch dürftiger als die vorhergehenden ausgefallen und sich schon eine eigentliche Teuerung bemerkbar machte, war Renzo dennoch hinlänglich mit Vorrat versehen; seit er die Augen auf Lucien geworfen, hatte er wie ein sorgfältiger Hausherr gewirtschaftet und brauchte sich um sein tägliches Brot nicht bange sein zu lassen. Er erschien vor Don Abbondio in hohem Staat: eine buntfarbige Feder schmückte seinen Hut, ein Dolch mit schönem Griffe steckte in der Seitentasche der Beinkleider; seine Miene hatte etwas Festliches, zu gleicher Zeit aber auch etwas Keckes an sich, wie man es damals selbst an den ruhigsten Menschen bemerkte. Mit dem fröhlichen und zuversichtlichen Benehmen des jungen Mannes stand der unsichere und geheimnisvolle Empfang auf Don Abbondios Seite in einem seltsamen Widerspruche. Daß dem Pfarrer sich irgendein Gedanke im Kopfe eingesponnen, begriff Renzo im stillen sehr bald. – »Herr Pfarrer,« sagte er darauf, »ich bin gekommen, um nach der Stunde zu fragen, wo wir uns, nach Ihrer Bequemlichkeit, in der Kirche einfinden sollen.« – »Welchen Tag meint Ihr?« fragte Don Abbondio. »Wie, welchen Tag? Erinnern Sie sich nicht, daß eben heute der festgesetzte Tag ist?« »Heute?« antwortete Don Abbondio, als wenn er zum erstenmal von der Sache sprechen hörte. »Heute, heute – Ihr müßt Geduld haben, aber heute kann ich nicht, heute nicht, heute nicht!« »Heute können Sie nicht! Was hat sich denn ereignet?« »Erstlich und hauptsächlich befinde ich mich nicht wohl, Ihr seht's.« »Das tut mir leid,« entgegnete der junge Mann. »Aber was Sie dabei zu tun haben, ist so schnell abgemacht und strengt so wenig an –« »Und dann, ferner –« »Ferner, was ferner, Herr Pfarrer?« »Und ferner ist die Geschichte ein verwickelter Handel.« »Ein verwickelter Handel?« fragte Renzo. »Wo kann in aller Welt die Verwicklung da stecken?« »Ihr müßtet Euch an meiner Stelle befinden, um einzusehen, wie viele Verdrießlichkeiten es in dergleichen Dingen gibt, und was unsereiner alles zu verantworten hat. Ich bin zu milden Herzens, ich denke nur daran, die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, alles leicht zu machen, die Sachen nach dem Belieben anderer Leute einzurichten: dabei übersehe ich meine Pflicht, und dann setzt es Vorwürfe oder wohl noch was Schlimmeres.« »Aber in des Heilands Namen,« rief Renzo, »spannen Sie mich nicht so auf die Folter, Herr Pfarrer, und sagen Sie mir endlich einmal rund heraus, wie es damit steht.« »Wißt Ihr, wie viele und mancherlei Formalitäten nötig sind, um eine Ehe nach der Vorschrift zu vollziehen?« »Ich muß wohl nachgerade etwas davon wissen,« sagte Renzo, indem er ein wenig in Heftigkeit geriet, »nachdem Sie mir die Tage her hinlänglich den Kopf damit warm gemacht haben. Und jetzt ist irgend etwas zu beschleunigen unterlassen worden? Ist nicht alles geschehen, was geschehen mußte?« »Alles, möchtet Ihr meinen,« sagte Don Abbondio. »Habt Geduld; der Dummkopf bin ich, der ich meine Pflichten vernachlässige, um die Leute nicht zappeln zu lassen. Jetzt aber – genug, ich weiß, was ich sage. Wir armen Pfarrer liegen zwischen Hammer und Amboß. Ihr seid ungeduldig; ich bedaure Euch, armer Junge. Die Vorgesetzten aber – genug, es läßt sich nicht alles sagen. Ich bin's, der am übelsten dabei wegkommt.« »Aber erklären Sie sich nur,« bat Renzo, »was für eine andere Formalität noch, wie Sie sagen, beobachtet werden muß, und sie soll auf der Stelle abgetan sein.« »Habt Ihr einen Begriff davon, welches die Hindernisse sind, die eine Ehe ungültig machen?« »Was soll ich von den Hindernissen wissen?« Don Abbondio begann, an den Fingern abzählend: »Error, conditio, votum, cognatio, crimen, Cultus disparitas, vis, ordo, ligamen, bonestas, Si sis affinis...« Lat.: Irrtum, Stand, Gelübde, Verwandtschaft, Ehebruch, Verschiedenheit der Religion, Gewalt, geistlicher Beruf, andere eheliche Verbindung, sittliche Integrität, wenn man verschwägert ist... »Machen Sie sich einen Spaß mit mir, Herr Pfarrer?« unterbrach ihn Renzo. »Was soll ich mit Ihrem latinorum da anfangen?« »Also, wenn Ihr von diesen Dingen keine Vorstellung habt, so ergebt Euch in Geduld und überlaßt Euch dem, der sie versteht.« »Nun also?« »Sachte, lieber Renzo, nur nicht gleich aufgebraust. Ich bin bereit, alles zu tun – alles, was von mir abhängt. Ich, ich wollte Euch gern zufrieden sehen, ich meine es gut mit Euch. Ei, wenn ich denke, wie Euch so wohl war. Was ging Euch ab? Und mit einemmal kommt Euch die Grille an, zu heiraten!« »Was sind das für Reden, Herr?« brach Renzo los, indem Staunen und Entrüstung ihm auf dem Gesichte lagen. »Ich will Euch nur sagen, habt Geduld, will ich sagen, habt Geduld. Ich möchte Euch herzlich gern zufrieden sehen.« »Kurz –« »Kurz, lieber Junge, ich habe keine Schuld: Ich habe das Gesetz nicht gemacht; ehe wir aber ein Paar miteinander verbinden, ist's unsre Schuldigkeit, viele Untersuchungen anzustellen, um gewiß zu sein, daß auch ja keine Hindernisse vorhanden sind.« »Sagen Sie mir aber endlich einmal, was für ein Hindernis dazu gekommen ist, Herr Pfarrer!« »Habt Geduld, das sind nicht Dinge, die sich so in einem Zug abfertigen lassen. Es wird sich nichts finden, hoffe ich; aber dem sei, wie ihm wolle, eine Untersuchung müssen wir anstellen. Der Text ist klar und deutlich: antequam matrimonium denunciet  ...« »Ich habe Ihnen gesagt, ich will kein Latein!« »Ich muß Euch doch aber erklären ...« »Haben Sie denn diese Untersuchungen noch nicht vorgenommen?« »Noch nicht alle, wie ich sollte, sag' ich Euch.« »Warum haben Sie sich nicht beizeiten daran gemacht? Warum sagten Sie mir, daß alles fertig sei? Warum warteten Sie?« »Sieh da! Wirft mir mein Übermaß an Güte vor! Ich hab' alles erleichtert, um Euch desto schneller zu dienen; aber – jetzt sind mir einige – genug, ich weiß es.« »Was soll ich also tun?« fragte der Jüngling. »Noch einige Tage Geduld haben. Einige Tage, guter Junge, sind keine Ewigkeit; habt Geduld!« »Wie lange?« Da stehen wir am Graben, dachte Don Abbondio bei sich selbst, und mit einer zierlicheren Gebärde, als sonst ihm eigen war, sagte er: »Ei nun, in vierzehn Tagen werde ich's zu machen suchen.« »In vierzehn Tagen? Das nenn' ich wirklich eine Neuigkeit! Was Sie nur gewollt haben, ist geschehen, der Tag ist bestimmt, er kommt, und nun sagen Sie mir, ich solle vierzehn Tage warten. Vierzehn Tage!« wiederholte er mit einer höheren und entrüsteteren Stimme. Dabei streckte er den Arm aus und hielt die geballte Faust in der Luft; wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn Don Abbondio ihn nicht unterbrochen und ihn mit furchtsamer geschäftiger Freundlichkeit bei der andern Hand gefaßt hätte. »Still, still!« rief er ihm zu; »um des Himmels willen, geratet nicht außer Euch. Ich werde sehen, ich will versuchen, ob in einer Woche –« »Und was hab' ich Lucien zu sagen?« fragte Renzo. »Daß ich mich dabei versehen habe.« »Und das Gerede der Leute?« »Sagt nur, daß ich einen Bock geschossen habe, aus zu großer Eilfertigkeit, aus zu gutem Herzen; werft nur die ganze Schuld auf mich. Kann ich besser mit Euch sprechen? Geht, in einer Woche –« »Und dann sollen sich keine andern Hindernisse mehr finden?« »Wenn ich Euch sage –« »Nun gut. Ich will es ruhig eine ganze Woche hindurch anstehen lassen. Aber das sag' ich Ihnen, wenn die Woche vorüber ist, so lasse ich mich durch kein Gerede mehr abspeisen. Indessen meinen Respekt!« Er ging, verneigte sich jedoch vor Don Abbondio nicht so tief wie gewöhnlich und warf ihm einen mehr bedeutenden als ehrfurchtsvollen Blick zu. Nachdem er aber auf die Straße gelangte und wider Willen sich nach dem Hause seiner Verlobten begab, kam er im Geiste, mitten in der Entrüstung, auf das Gespräch mit dem Pfarrer zurück und fand es immer seltsamer. Don Abbondios kalte und verlegene Aufnahme, die Anstrengung und Ungeduld, die sich in seinen gesuchten Reden verrieten, die beiden grauen Augen, welche, während er sprach, nach allen Seiten umherstreiften, als hätten sie Furcht, sich mit den Worten, die aus dem Munde kamen, zu treffen; die Unkunde, welche er über eine ausdrücklich verabredete Vermählung sich beilegte, vorzüglich aber das beständige Andeuten irgendeiner wichtigen Sache, worüber er sich jedoch mit keiner einzigen Silbe klar ausdrückte, alle diese Umstände, zusammengehalten, brachten Renzo auf den Gedanken, daß dahinter ein ganz anderes Geheimnis stecke, als Don Abbondio ihn verstehen zu lassen sich bemühte. Der Jüngling stand einen Augenblick im Zweifel da, ob er umkehren und dem Pfarrer zu Leibe gehen sollte, bis er sich deutlicher erklärt hätte; indem er sich aber umsah, bemerkte er Perpetuen, die vor ihm herging und wenige Schritte vom Hause in einen kleinen Küchengarten trat. Er rief ihr zu, sie möchte das Einlaßtürchen öffnen, verdoppelte seine Schritte, holte sie ein, hielt sie beim Pförtchen zurück und blieb stehen, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Denn es war sein Vorsatz, durchaus etwas Bestimmtes herauszubringen. »Guten Tag, Perpetua,« begann er; »ich hoffte, wir würden heute beisammen sein.« »Was Gott beschlossen hat, mein armer Renzo.« »Tut mir einen Gefallen, Perpetua; der Herr Pfarrer hat mich mit Gründen abgefunden, die ich nicht recht habe begreifen können; erklärt Ihr mir's besser, warum er heute uns nicht trauen kann oder will.« »Ei,« erwiderte die Haushälterin, »meint Ihr, Renzo, ich wisse die Geheimnisse meines Herrn?« Ich hab's gesagt, es steckt ein Geheimnis dahinter, dachte Renzo, und um dieses ans Licht zu fördern, fuhr er fort: »Frisch, Perpetua, wir sind Freunde; sagt mir, was Ihr wißt, steht einem armen Jungen bei!« »Eine schlimme Sache, arm in die Welt zu treten, mein lieber Renzo!« »Habt recht,« entgegnete der Jüngling, der sich in seinem Verdacht immer mehr befestigte und immer eifriger hinter der Nachfrage her war; »aber kommt es den Priestern zu, mit armen Leuten übel umzugehen?« : »Hört, Renzo,« versicherte Perpetua, »ich kann nichts sagen, weil – ich nichts weiß; was ich Euch aber versichern kann, besteht darin, daß mein Herr keinem Unrecht tun will, weder Euch noch sonst jemandem. Er hat nicht schuld.« »Wer hat denn also schuld?« fragte Renzo mit scheinbarer Unaufmerksamkeit, aber mit erwartungsvollem Herzen und gespitzten Ohren. »Wenn ich Euch sage, daß ich nichts weiß – zur Verteidigung meines Herrn kann ich reden; denn hören zu müssen, daß ihm schuld gegeben wird, er wolle irgendwem etwas Unangenehmes zufügen, das geht mir nah. Armer Mann! Wenn er fehlt, ist's seine allzu große Güte. Freilich gibt's in dieser Welt Schurken, gewalttätige Menschen, ohne Gottesfurcht –« Gewalttätige Menschen! Schurken! dachte Renzo; das sind doch die Vorgesetzten nicht. – »Geht,« sagte er darauf, seine steigende Bewegung mit Mühe verbergend, »geht, sagt mir, was es gibt.« »Ei, Ihr möchtet mir das Wort aus dem Munde spielen, und ich kann nicht reden, weil ich nichts weiß; wenn ich nichts weiß, ist's geradeso gut, als wenn ich geschworen hätte zu schweigen. Ihr könntet mich auf die Folter spannen und würdet kein Wort aus mir herausbringen. Lebt wohl, wir verlieren beide unsre Zeit umsonst.« Mit diesem Bescheid trat sie eilig in den Garten und schloß das Türchen hinter sich zu. Renzo erwiderte ihren Gruß, und kehrte leise zurück, damit sie durch das Geräusch seiner Schritte nicht merken sollte, welchen Weg er nahm. Sobald er aber nicht mehr von ihr gehört werden konnte, ging er rasch zu; in einem Augenblick stand er an Don Abbondios Türe, trat hinein, lief geradewegs nach dem Saal, wo er ihn verlassen hatte, fand ihn dort und schritt mit kühner Gebärde, mit den rollenden Blicken der Entrüstung auf ihn zu. »Nun, was gibt es denn schon wieder?« sagte Don Abbondio. »Wer ist der gewalttätige Mensch?« fragte Renzo mit der Stimme eines Gastes, welcher entschlossen ist, sich eine entschiedene Antwort zu holen, »wer ist der gewalttätige Mensch, der nicht will, daß ich Lucien heirate?« »Wie? Was?« stotterte der arme Pfarrer überrascht, und zugleich ward sein Gesicht weiß und schlaff wie ein Stück Zeug, das eben aus der Wäsche kommt. Während er aber stotterte, sprang er vom Lehnstuhl auf und wollte seinen Eilmarsch nach der Türe hin nehmen. Renzo dagegen, welcher die Bewegung hatte erwarten müssen und daher auf der Lauer stand, kam vor ihm bei der Türe an, verschloß sie und steckte den Schlüssel in die Tasche. »Werden Sie jetzt sprechen, Herr Pfarrer?« fragte er. »Alle wissen, wie es um mich steht, nur ich nicht. Zum Wetter, ich will es auch wissen! Wie heißt der Mensch?« »Renzo!« rief Don Abbondio, »beim Heiland, seht, was Ihr tut; denkt an Eure Seele!« »Ich denke bloß, daß ich es sogleich wissen will, auf der Stelle!« Während er das sagte, legte er, vielleicht ohne daran zu denken, die Hand an den Griff des Messers, das ihm aus der Tasche sah. »Barmherzigkeit!« schrie Don Abbondio mit matter Stimme. »Ich will es wissen!« »Wer hat Euch gesagt –?« »Nichts, nichts, keinen Firlefanz mehr! Rund heraus und auf der Stelle!« »Wollt Ihr meinen Tod?« »Ich will wissen, was ich ein Recht habe zu wissen!« »Aber wenn ich rede, ist's mein Tod. Muß mir mein Leben nicht zur Last sein, Renzo ...?« »Drum reden Sie!« Dieses Drum war mit einem solchen Nachdruck ausgesprochen, Renzos Gesicht nahm einen so drohenden Ausdruck an, daß Don Abbondio nicht einmal an die Möglichkeit, ihm Gehorsam zu verweigern, denken konnte. »Versprecht mir,« sagte er, »schwört mir, mit niemandem davon zu sprechen, niemals zu sagen –« »Ich verspreche Ihnen, daß ich einen wilden Streich begehe, wenn Sie mir nicht auf der Stelle seinen Namen sagen.« Bei dieser neuen drängenden Beschwörung zog Don Abbondio ein Gesicht, als hätte er die Zange des Zahnbrechers im Munde; »Don –« stammelte er. »Don?« wiederholte Renzo, als wollte er dem Schmerzenssohn das übrige hervorbringen helfen; er stand geneigt da, hielt das Ohr nach dem Munde des Pfarrers hin und schien mit Armen und Fäusten schlagfertig. »Don Rodrigo!« sprach der Geängstigte eilig. »Der Hund!« brüllte Renzo. »Und wie hat er es gemacht? Was hat er Ihnen gesagt, um –« »Wie er es gemacht hat?« entgegnete Don Abbondio mit fast unwilliger Stimme; denn nach einem so großen Opfer dünkte er sich gewissermaßen der Gläubiger geworden zu sein. »Wie er es gemacht hat? Ich wollte, Ihr hättet so wenig Lust gehabt, Euch in die Geschichte zu mischen, wie ich; so wären Euch wahrhaftig nicht so viele Grillen im Kopfe sitzen geblieben.« Und nun malte er die unheimliche Begegnung mit schrecklichen Farben. Während er erzählte, empfand er immer deutlicher den Zorn, der bis dahin in seiner Furcht verborgen und gleichsam eingewickelt gelegen; zugleich bemerkte er, wie Renzo, zwischen Entrüstung und Verwirrung, mit gesenktem Kopfe unbeweglich vor ihm stand. Daher nahm seine Rede einen mutigeren Schwung. »Ihr habt einen hübschen Streich gemacht! Habt mir einen schönen Dienst erwiesen! Auf einen anständigen Mann, auf Euren Pfarrer, in seinem eigenen Hause so loszugehen! Wahrhaftig, da habt Ihr eine schöne Geschichte angestellt! Mir mit Gewalt mein Unglück, Euer Unglück, aus dem Munde zu reißen, was ich aus Klugheit, zu Eurem eigenen Frommen, verschwiegen hielt! Und jetzt, da Ihr es wisset? Ich möchte doch sehen, was Ihr mir noch – Um Himmels willen! Es ist kein Spaß. Es handelt sich nicht um Recht und Unrecht; um Gewalt handelt es sich. Als ich Euch diesen Morgen eine gutgemeinte Vorstellung machte ... eh, den Augenblick in Wut! Ich ging wie ein Mann von Vernunft zu Werke, für Euch und für mich. Aber was ist zu tun? Öffnet wenigstens; gebt mir den Schlüssel!« »Ich kann unrecht getan haben,« sagte Renzo mit gedämpfter Stimme, in welcher jedoch der Grimm gegen den entdeckten Feind sich verriet, »ich kann unrecht getan haben; aber greifen Sie in Ihre eigene Brust, und denken Sie sich an meine Stelle.« Mit diesen Worten hatte er den Schlüssel aus der Tasche gezogen und ging, die Türe zu öffnen. Don Abbondio folgte ihm auf den Fuß, und während jener den Schlüssel im Schlosse herumdrehte, stellte er sich ihm zur Seite, hielt ihm mit ernstem, ängstlichem Gesichte die drei ersten Finger der rechten Hand vor die Augen und sagte: »Schwöret wenigstens –« »Ich kann unrecht getan haben, und Sie müssen mich entschuldigen,« antwortete der Jüngling, indem er die Türe in die Hand nahm und sich auf den Weg machen wollte. »Schwöret!« wiederholte Don Abbondio und faßte ihn mit zitternder Hand beim Arm. »Ich kann unrecht getan haben,« rief Renzo und machte sich von ihm los. Wie ein Pfeil schoß er hinaus und brach auf diese Weise die Unterhaltung ab. »Perpetua! Perpetua!« schrie Don Abbondio, nachdem er den Davoneilenden vergebens zurückgerufen hatte. Perpetua antwortete nicht. Don Abbondio wußte nicht mehr, wo er war. Es ist wohl öfters Personen von weit höherem Stande als Don Abbondio begegnet, in so peinlichen Bedrängnissen, in einer solchen Ungewißheit der notwendigen Schritte sich zu befinden, daß sie es für die beste Zuflucht hielten, sich mit Fieber zu Bett zu legen. Diese Zuflucht brauchte Don Abbondio nicht zu suchen, sie kam ihm von selbst entgegen. Die Furcht vom vorigen Tage, die peinlichbange Schlaflosigkeit der Nacht, die Angst vor der Zukunft, die eben hinzugekommenen Schrecken äußerten vollkommen ihre Wirkung. Bekümmert und verwirrt warf er sich in seinen Lehnstuhl, er empfand einen kalten Schauer in allen Gliedern, besah sich seufzend die Nägel und rief von Zeit zu Zeit: »Perpetua!« mit zitternder und heftiger Stimme. Sie kam endlich mit einem mächtigen Kohlkopf unter dem Arm, geschäftiger Miene, als wenn nichts vorgefallen wäre. Die Wehklagen und die Mitleidsbezeugungen, die nun erfolgten, die Anklagen und die Verteidigungen, während es auf der einen Seite: »Du allein hast sprechen können,« auf der andern: »Ich habe nicht gesprochen,« hieß, kurz, das ganze Gewirre dieses Gespräches soll dem Leser hier verschwiegen werden. Genug, Don Abbondio befahl seiner Dienerin, die Haustüre gut zu verschließen und keinen Fuß hinauszusetzen; wenn jemand klopfen würde, sollte sie aus dem Fenster zur Antwort geben, der Pfarrer habe sich mit Fieber niedergelegt. Sodann ging er langsam die Treppe hinauf, sagte bei jeder dritten Stufe: »Ich hab mein Teil,« und legte sich wirklich zu Bette, in welchem wir ihn einstweilen liegen lassen. Renzo ging indessen mit raschen Schritten nach Hause, ohne mit sich im reinen zu sein, was er zu tun hätte; doch kochte die Wut in ihm, etwas Außerordentliches und Schreckliches zu begehen. Renzo war ein friedfertiger, offenherziger Jüngling, ein Feind jeder Nachstellung, von blutigen Handlungen weit entfernt; in jenen Augenblicken aber schlug sein Herz nur für den Mord, war seine Seele nur mit dem Ersinnen eines heimtückischen Streiches beschäftigt. Er hätte auf der Stelle nach dem Hause des Don Rodrigo laufen mögen, den Schurken bei der Gurgel fassen und – er besann sich aber, daß dieses Haus eine wahre Festung sei, von Bravi innen verteidigt und außen bewacht, daß die Hausfreunde nur und die wohlbekannten Diener freien Eintritt daselbst hätten. Darauf dachte er sich, er könnte sein Gewehr nehmen, sich hinter eine Hecke stellen und abwarten, ob sein Mann vielleicht allein vorüberginge; indem er mit rachgieriger Lust diesem Gemälde der Einbildungskraft nachhing, glaubte er schon die Tritte zu hören, Don Rodrigos Tritte, hob leise den Kopf in die Höhe, erkannte den Bösewicht, legte das Gewehr an, nahm das Korn, brannte los, sah ihn fallen und im Todeskrampfe zucken, donnerte ihm noch einen Fluch zu und machte sich eiligst auf den Weg nach der Grenze, um sich in Sicherheit zu bringen. – Und Lucia? Kaum hatte dieses Wort durch das Gewühl der gewalttätigen Vorstellungen getönt, so kehrten die besseren Gedanken, an welche des Jünglings Sinn gewöhnt war, zurück. Mit Schrecken erwachte er aus dem blutigen Traume, mit Gewissensbissen, zugleich aber auch mit einer Art von Freude, daß er das Entsetzliche nur gedacht, nicht begangen. Aber der Gedanke an Lucia, wie manchen andern Gedanken rief er hervor! So viele Hoffnungen, so viele Versprechen, ein Tag, nach welchem man so geseufzt, eine Zukunft, die man so liebeselig herbeigewünscht und so zuverlässig erwartet hatte! Und wie, mit welchen Worten sollte er ihr eine solche Neuigkeit verkünden? Zu welchem Mittel seine Zuflucht nehmen? Auf welche Weise zu ihrem Besitz gelangen, ohne der Gewalt des mächtigen Widersachers zu erliegen? Von diesen Gedanken erfüllt, ging er an seinem Hause, das mitten im Dorfe lag, vorüber und begab sich nach Luciens Wohnung am andern Ende. Das Häuschen hatte einen kleinen Vorhof, welcher es von der Straße schied und mit einer leichten Mauer umgeben war. Renzo trat in den Hof und hörte ein verworrenes fortwährendes Schreien, welches aus einer der oberen Stuben herabtönte. Er bildete sich ein, das seien Freundinnen und Gevatterinnen, die gekommen wären, um sich Lucien zur Brautbegleitung anzubieten; er fühlte, wie seine böse Nachricht ihm in den Gliedern zitterte und auf dem Gesichte geschrieben stand, und so hatte er keine Lust, sich auf dem Weibermarkte da oben sehen zu lassen. Ein kleines Mädchen aber, welches auf dem Hofe spielte, lief ihm entgegen und rief: »Der Bräutigam! der Bräutigam!« »Still, Bettina, still!« rief Renzo. »Geh hinauf zu Lucia, nimm sie beiseite und sag ihr ins Ohr, aber daß keine es hört! Es, darf niemand etwas davon gewahr werden – sag ihr, hörst du? sag ihr, daß ich sie sprechen will und sie dort in der Stube unten erwarte. Sie soll den Augenblick kommen.« – Die Kleine lief eilig zur Treppe hinauf, fröhlich und stolz, mit einem heimlichen Auftrag beehrt worden zu sein. Lucia kam eben vollständig geputzt aus den Händen der Mutter. Die Freundinnen rissen sich um die Braut, jede wollte mit Gewalt sie beschauen. Das Mädchen wehrte sich mit der etwas derben Sittsamkeit der Bäuerinnen, bedeckte das Gesicht mit den Ellenbogen wie mit einem Schilde, senkte die Stirn und runzelte ein wenig die langen schwarzen Augenbrauen, während jedoch der Mund sich zum Lächeln öffnete. Das schwarze jugendliche Haar, über der Stirn durch einen zarten weißen Scheitel geschieden, schlang sich am Hinterkopfe in vielfachen Lockenwindungen und war, wie es noch jetzt die Art der mailändischen Bäuerinnen ist, mit einer Menge von langen Silbernadeln geheftet, die rings in einem Kreise, wie die Strahlen eines Heiligenscheines gestellt, sich reihten. Um den Hals trug sie eine Schnur von Granaten, die mit goldenen Knöpfchen von Drahtarbeit abwechselten; gewirkte Blumen schmückten das Schnürleibchen, während die offenen Nähte der Ärmel durch schöne Bänder zusammengehalten wurden; ein kurzes Röckchen von gesponnener Seide mit dichten und kleinen Falten, karmesinfarbene Strümpfe, Pantöffelchen von gestickter Seide vervollständigten den Aufputz. Was aber die Braut am Hochzeitstage ganz besonders schmückte, war der Zauber, den alltäglichen Reiz einer bescheidenen Schönheit durch die verschiedenen Gemütsbewegungen, welche sich auf ihrem Gesichte malten, gesteigert und verklärt zu sehen; die Freude des Herzens durch eine leichte Bestürzung gedämpft, jener sanfte Kummer, der sich in der Miene einer Braut verrät und, ohne die Schönheit zu entstellen, ihr einen ganz eigentümlichen Ausdruck gibt. – Die kleine Bettina schlich sich unter die Menge, trat zu Lucia hin, gab ihr schlau zu verstehen, daß sie ihr etwas zu vertrauen habe, und raunte ihr darauf ihr Wörtchen ins Ohr. »Ich gehe auf eine Minute hinaus, bin aber gleich wieder hier,« sagte Lucia zu den Frauen und stieg eilig hinab. Sie sah Renzos verwandeltes Gesicht, seine unruhige Haltung und sagte nicht ohne Vorgefühl des Schreckens: »Was geht vor?« »Lucia,« antwortete Renzo, »heut ist nichts anzufangen, und Gott weiß, wann wir Mann und Weib werden können.« »Wie?« sagte das Mädchen ganz außer Fassung. Renzo erzählte ihr in aller Geschwindigkeit, was diesen Morgen vorgefallen; sie hörte ihm mit Beklemmung zu, und als sie den Namen Don Rodrigo vernahm, rief sie zitternd und errötend: »Himmel, bis so weit!« »Du wußtest also ...« sagte Renzo. »Nur zu gut,« antwortete Lucia; »aber so weit!« »Was wußtest, du?« »Laß mich jetzt nicht reden, laß mich nicht weinen. Ich will geschwind die Mutter rufen und die Frauen wieder nach Hause schicken. Wir müssen allein sein.« »Du hast mir nie etwas gesagt,« murmelte Renzo, während sie sich auf den Weg machte. »Ach Renzo!« rief das Mädchen, indem es sich umwandte, doch ohne still zu stehen. Renzo begriff sehr wohl, daß sein Name, in solch einem Augenblicke, mit solch einem Tone ausgesprochen, in Luciens Munde sagen wollte: Kannst du zweifeln, daß ich bloß geschwiegen, weil ich meine gerechten und tadellosen Ursachen dazu hatte? Die gute Agnese indessen, so hieß Luciens Mutter, hatte das Ohrenflüstern des kleinen Mädchens mit dem plötzlichen Verschwinden der Tochter verglichen; es wandelten sie Verdacht und Neugier an, sie kam herab und wollte mit eigenen Augen sehen, was da unten vorging. Die Tochter ließ sie neben Renzo zurück, eilte zu den versammelten Weibern, gab ihrer Miene und ihrer Stimme, soviel sie vermochte, den Anschein der Gleichgültigkeit und sagte: »Der Herr Pfarrer ist krank, es kann also heut nichts vorgenommen werden.« – Mit diesem Bescheide stattete sie allen eiligst den Abschiedsgruß ab und ging wieder hinunter. Die Weiber gingen auseinander und zerstreuten sich. Sie erzählten den Vorfall und suchten sich zu überzeugen, ob Don Abbondio wirklich krank sei. Die Wahrheit der Sache hob mit einem Streich alle Vermutungen auf, die schon in ihren Köpfen zu gären anfingen und sich in ihren geheimnisvollen abgebrochenen Reden verkündigten. Drittes Kapitel Lucia trat ins untere Zimmer, wo Renzo ängstlich Agnese Auskunft gab und diese ebenso ängstlich ihm zuhörte. Beide wandten sich dem Mädchen zu, welches mehr als sie wußte; von ihr erwarteten sie eine Aufklärung, die freilich nur peinlich ausfallen konnte. Beide ließen mitten durch den Schmerz, bei der verschiedenen Liebe, die jedes für Lucia empfand, einen verschiedenen Verdruß blicken, daß sie ihnen etwas, und gerade so etwas, verschwiegen hatte. Wie sehnsuchtsvoll also auch Agnese das erste Wort aus dem Munde der Tochter erwartete, so konnte sie's doch nicht übers Herz bringen, ihr die Sache ganz ohne Vorwurf hingehen zu lassen. »Deiner Mutter von einer solchen Geschichte nichts zu sagen!« rief sie. »Ich will Euch jetzt alles sagen,« antwortete Lucia, sich die Augen mit der Schürze trocknend. »So rede, rede nur!« drängten Mutter und Bräutigam, zugleich. »Heilige Jungfrau!« rief Lucia; »wer hätte je sich einfallen lassen, daß die Sache so weit kommen würde?« Und nun erzählte sie, von hervorquellenden Tränen oft unterbrochen, wie wenige Tage zuvor, da sie aus der Spinnstube heimkehrte und hinter ihren Gefährtinnen zurückgeblieben war, Don Rodrigo in Begleitung eines andern Herrn an ihr vorbeigegangen sei; wie jener mit Gesprächen und gar nicht hübschen Plaudereien sie aufzuhalten gesucht habe; sie aber hätte, ohne nach ihm hinzuhören, die Füße in die Hand genommen und die Gefährtinnen eingeholt; unterdessen habe sie jenen andern Herrn laut lachen hören, Don Rodrigo aber sagte: »Wetten wir!« Den Tag nachher hatten sich die beiden eben wieder auf der Straße eingefunden, aber Lucia ging mit niedergeschlagenen Blicken mitten unter ihren Gefährtinnen; der andre Herr schlug dasselbe Gelächter auf, und Don Rodrigo sagte: »Wir werden sehen, wir werden sehen.« – »Beim gerechten Gott,« fuhr Lucia fort, »das war der letzte Tag, daß ich in die Spinnstube gegangen bin. Ich erzählte es auf der Stelle –« »Wem hast du es erzählt?« fragte die Mutter und ging, nicht ohne einen kleinen Ausbruch von Unwillen, auf sie zu, um den Namen des vorgezogenen Vertrauten desto eher zu vernehmen. »Dem Vater Cristoforo, Frau Mutter, in der Beichte,« antwortete Lucia im sanften Tone der Entschuldigung. Bei dem verehrten Namen des Vater Cristoforo besänftigte sich alsobald Agnesens Unwille. – »Hast recht getan,« sagte sie; »aber warum hast du nicht das alles auch deiner Mutter erzählt?« Lucia hatte indessen zwei gute Gründe dazu gehabt. Einerseits mochte sie die gute Frau durch ein Ereignis, für welches sie doch kein Mittel hätte ausfindig machen können, weder betrüben noch in Schrecken setzen; dann aber wagte sie nicht, eine Geschichte, um deren Verheimlichung es ihr ernstlich zu tun war, in vieler Leute Mund zu bringen, zumal da sie hoffte, ihre Hochzeit würde, gleich im Beginnen, jener abscheulichen Nachstellung ein Ende machen. Von diesen beiden Ursachen führte sie indessen hier wohlweislich nur die erste an. »Und mit dir,« sagte sie darauf, indem sie sich mit jenem Tone, welcher einen Freund von seinem Unrecht überzeugen soll, zu Renzo wandte, »sollte ich mit dir davon sprechen? Leider weißt du nur allzuviel schon davon!« »Und was hat dir Vater Cristoforo gesagt?« fragte die Mutter. »Er sagte mir, ich sollte soviel wie möglich die Hochzeit beschleunigen und unterdessen mich verborgen halten; ich sollte fleißig zum lieben Gott beten; er hoffe, wenn mich der böse Herr nicht wieder zu Gesicht bekomme, so würde er sich auch weiter nicht um mich bekümmern. Da eben tat ich mir Gewalt an,« fuhr sie fort, indem sie sich aufs neue an Renzo wandte und, ohne ihm ins Gesicht zu sehen, über und über rot ward, »da war's, wo ich die Scham beiseitesetzte und dich bat, du solltest rasch machen und unsre Hochzeit noch vor dem festgesetzten Tag betreiben. Wer weiß, was du von mir gedacht haben magst! Aber ich tat's aus ehrlicher Ursache und folgte dem Rat und glaubte gewiß – und diesen Morgen kam's mir so wenig in den Sinn ...« Hier ward des Mädchens Rede plötzlich durch einen Tränenstrom erstickt. »Ah, der Schurke!« schrie Renzo, »der verdammte Schurke! der Räuber!« Er lief im Zimmer auf und ab und faßte zu wiederholten Malen den Griff seines Messers. Plötzlich blieb er vor dem weinenden Mädchen stehen. Er sah ihr mit einer Zärtlichkeit, in welcher Betrübnis und Wut sich mischten, ins Gesicht und sagte: »Das ist der letzte Streich, den der Räuber begangen hat.« »Nein, Renzo, um Himmels willen, nein!« schrie Lucia. »Nein, um Himmels willen! Gott steht auch den Armen bei, und wie soll er uns helfen, wenn wir Übles tun?« »Um Himmels willen, nein!« wiederholte Agnese. »Renzo,« sagte Lucia mit der Miene der Hoffnung und der ruhigen Entschlossenheit, »du hast ein Handwerk, und ich kann arbeiten; wir wollen weit weggehen, wo der böse Mann nicht mehr von uns reden hört!« »Ach Lucia! Und dann! Wir sind noch nicht Mann und Weib! Wird der Pfarrer uns frei geben? Ja, wenn wir verheiratet wären, o dann ...« Lucien übermannten die Tränen aufs neue. Alle drei versanken in Stillschweigen und standen bewegungslos in einer Niedergeschlagenheit da, welche mit der festlichen Pracht ihres Anzugs einen traurigen Widerspruch bildete. »Hört, Kinder, und folgt mir,« sagte Agnese nach einigen Augenblicken. »Ich war früher denn ihr in der Welt und kenne sie ein wenig. Es muß einer auch sich nicht gar zu sehr in Schrecken jagen lassen; der Teufel ist so häßlich nicht, wie er gemalt wird. Uns armen Leuten kommt die Strähne immer weit verwickelter vor, als sie ist, weil wir das Fadenende nicht zu finden wissen; aber ein Rat, ein Wort von einem Manne, der studiert hat ... ich weiß, was ich sagen will. Tut einmal nach meinem Kopf, Renzo; geht nach Lecco, sucht den Doktor Knotenhauer auf, erzählt ihm – aber um Himmels willen, nennt ihn nicht so; es ist bloß so'n Spitzname. Ihr müßt dem Herrn Doktor sagen ... wie heißt er doch? Na, ich weiß den eigentlichen Namen nicht, wir wollen ihn einmal so nennen ... genug, fragt nur nach dem hohen Doktor, mager und kahlköpfig, mit einer roten Nase und einem Himbeerenmal auf der Backe.« »Kenn' ihn von Ansehen,« sagte Renzo. »Gut,« fuhr Agnese fort, »das ist ein Mann! Ich hab' wohl öfter einen gesehen, der garstig in der Klemme steckte, wie ein Hühnchen im Werg; wußte nicht, gegen welche Wand er mit dem Kopf laufen sollte, und wenn er eine Stunde mit dem Doktor Knotenhauer gesprochen hatte, – aber beileibe nennt ihn nicht so! – lachend, sag' ich Euch, hab' ich ihn wieder weggehen sehen. Nehmt da die vier Kapphähne, arme Tiere! ich hab' sie heut abschlachten wollen, zum Schmaus am Abend; die bringt ihm. Denn zu solchen Herren darf einer nie mit leeren Händen kommen. Erzählt ihm alles, was vorgefallen; Ihr werdet sehen, er sagt Euch in einem Nu, was uns nicht in den Kopf gekommen wäre, und wenn wir ein ganzes Jahr darüber nachgedacht hätten.« Renzo nahm diesen Vorschlag sehr gern an, und Lucien gefiel er. Agnese, stolz, ihn getan zu haben, holte die armen Tiere nacheinander aus dem Hühnerstalle, faßte ihre acht Füße, als wenn sie einen Blumenstrauß machen wollte, zusammen, umwickelte und band sie mit einem Bindfaden und überlieferte sie sodann in Renzos Hand. Nachdem dieser Worte der Hoffnung gegeben und empfangen, ging er zu einem Gartentürchen hinaus, wo ihn die Jungen, welche ihm sonst unfehlbar: »Der Bräutigam! der Bräutigam!« nachgerufen hätten, nicht bemerken konnten. Indem er so quer durch die Felder, oder wie sie dort sagen, durch die Landschaft seinen Weg nahm, ging er durch enge Gassen, murmelte vor sich hin, dachte über sein Unglück nach und wiederholte sich laut das Gespräch, das er mit dem Doktor Knotenhauer zu führen gedachte. Als er in den Flecken gelangt war, fragte er nach der Wohnung des Doktors. Sie ward ihm gezeigt, und so ging er hin. Beim Eintritt fühlte er sich von jener Furcht befangen, wie arme ungebildete Leute sie in der Nähe eines vornehmen Herrn oder gar eines Gelehrten zu empfinden pflegen. Er vergaß alle Redensarten, auf welche er sich vorbereitet hatte; doch machte ihm ein Blick auf die Kapphähne bald wieder Mut. Als er in die Küche getreten war, fragte er die Magd, ob er den Herrn Doktor sprechen könne. Die Magd sah die Tiere, und wahrscheinlich an dergleichen Geschenke gewöhnt, streckte sie die Hände darnach aus, obgleich Renzo rückwärts damit zog; denn der Doktor sollte die Tiere selbst sehen und wissen, daß der Gast bei seinem Besuche zugleich etwas ins Haus schaffe. Während aber die Magd sagte: »Gebt her und tretet dort ins Studierzimmer,« kam der Hausherr herbei. Renzo machte eine tiefe Verneigung; er ward mit einem freundlichen: »Kommt her, mein Sohn!« empfangen und aufgefordert, mit ins Studierzimmer zu kommen. »Tragt mir Eure Angelegenheit vor, mein Sohn,« sagte er, indem er die Türe schloß und dem Jüngling Mut machte. »Ich habe Ihnen ein Wort im Vertrauen zu sagen,« stotterte Renzo. »Ich bin hier,« antwortete der Doktor. »Redet!« – Und so setzte er sich in einen Lehnstuhl. Renzo, der gerade vorm Tische stand und mit der Rechten den Hut in der andern Hand herumdrehte, nahm wieder das Wort: »Ich wollte von Eurer Gnaden, die studiert haben, erfahren ...« »Trägt mir Eure Angelegenheit vor, wie sie steht,« unterbrach ihn der Doktor. »Der Herr Doktor werden mich entschuldigen; wir armen Landleute wissen uns nicht am besten auszudrücken. Ich wollte also wissen ...« »Verteufeltes Volk! So seid ihr alle. Statt den Fall zu erzählen, wollt ihr immer nur fragen, weil ihr euer Plänchen schon im Kopfe habt.« »Der Herr Doktor müssen mich entschuldigen. Ich möchte gern wissen, wenn einer einem Pfarrer droht, daß er ein Brautpaar nicht miteinander verbinden soll, ob da Strafe darauf steht?« Versteh, dachte der Doktor bei sich, während er in der Tat nichts verstanden hatte; versteh. – »Ein ernsthafter Fall, mein Sohn; ein erwogener Fall. Es war gescheit, daß Ihr zu mir kamt. Die Sache ist klar, in hundert Verordnungen erwogen, und ... halt, in einer Verordnung von vorigem Jahr eben, von gegenwärtigem Herrn Statthalter. Ich will's Euch sogleich zeigen; will's Euch mit eigenen Händen greifen lassen.« Dabei stand er vom Stuhl auf, fuhr mit der Hand in ein Gewühl von Papieren und kehrte das Oberste zu unterst, wie wenn man Getreide in einem Scheffel umwühlt. »Wo steckt sie? Weiter, weiter! Unsereins muß so viele tausend Dinge bei der Hand haben. Aber sie muß auf jeden Fall hier sein; 's ist eine Verordnung von Wichtigkeit. Ah, da ist sie, da ist sie!« Er nahm sie, entfaltete sie, sah nach dem Datum, nahm eine noch weit ernstere Miene an und rief: »15. Oktober 1627. Richtig, vom vergangenen Jahre. Eine frische Verordnung, so eine setzt am meisten in Furcht. Könnt Ihr lesen, mein Sohn?« »Ein bißchen, Herr Doktor.« »Gut, seht her, und Ihr werdet's finden.« Er hielt die Verordnung hoch in der Luft, fing an zu lesen, murmelte einige Stellen her und hielt sich bei andern, je nachdem es notwendig schien, mit nachdrücklicher Stimme länger auf: »›Obgleich mittelst der öffentlichen Verordnung des Herzogs von Feria vom 14. Dezember 1620, welche vom erlauchten Herrn Gonzalo Fernandez von Cordova usw. bestätigt, den Unterdrückungen, Plackereien und andern Gewalttätigkeiten, die sich verschiedene gegen die treuen Vasallen Sr. Majestät hier erlauben, durch außerordentliche und strenge Mittel vorgebeugt worden, ist dessenungeachtet die Zahl der Missetaten, die Bosheit usw. so gestiegen, daß Ihro Exzellenz sich genötigt sehen usw. Es wird demnach, mit Zuziehung des Senates und des Gerichtshofes gegenwärtige Verordnung erlassen. – Und um bei den Gewalttätigkeiten anzufangen, so lehrt die Erfahrung, daß viele sowohl in der Stadt, als in den Dörfern‹« – »hört Ihr wohl?« –- »›sich grausame Plackereien zuschulden kommen lassen und die hilflosen Leute vielfältig unterdrücken, wie ihnen gewaltsame Kaufverträge aufdringen, Verpachtungen usw.‹« – »Wo bin ich? Aha, hier. Hört –« »›den Ehen nachgehen oder nicht‹« - »He?« »Da kommt meine Angelegenheit,« sagte Renzo. »Hört zu, hört zu, es gibt noch andere Dinge, und dann werden wir die Strafe sehen.« – »›Es möge bezeugt werden oder nicht, daß einer von dem Orte, wo er wohnt, sich wegbegibt usw., daß jener eine Schuld bezahlt, der andere ihn in Frieden lasse, daß jener nach seiner Mühle geht usw.‹« – »Das hat alles nichts mit uns zu schaffen. Ah, da ist's: ›daß ein Priester die Pflichten seines Amtes nicht erfüllt, oder Dinge tut, die sich nicht für ihn geziemen.‹ He?« »Es scheint, daß sie die Verordnung ausdrücklich für mich gemacht haben.« »Nicht wahr? Hört zu! ›Die als Lehnsleute in Diensten stehen, sie seien von welchem Stande sie wollen.‹ Es entwischt keiner, hier sind sie alle; es ist wie das Tal Josaphat. Nun hört die Strafe. – ›Alle diese und ähnliche Vergehungen, obschon sie verboten worden, sollen dennoch, sintemal eine größere Strenge vonnöten, ohne jedoch usw. ... befiehlt und gebietet Seine Exzellenz, daß gegen alle diejenigen, welche oben angegebenen Artikeln zuwiderhandeln, von den gesetzmäßigen Richtern dieses Staates mit Geld- oder Leibesstrafe verfahren werde, mit Verbannung, mit der Galeere und unter Umständen selbst mit dem Tode.‹ – Eine unbedeutende Kleinigkeit! – »Nach der näheren Bestimmung Seiner Exzellenz oder des Senates und nach Verschiedenheit der Fälle, Personen oder Umstände. Und das unnachläßlich und mit aller Strenge usw.‹ – Da stecken wir drin, nicht wahr? Da, seht hier die Unterschrift: ›Gonzalo Fernandez de Cordova,‹ und weiter unten: ›Platonus,‹ und hier › vidit Ferrer .‹ – Es fehlt nichts.« Während der Doktor las, folgte ihm Renzo langsam mit den Augen, suchte so mit der Wortfolge besser im klaren zu bleiben und wollte mit eigenen Augen die höchstheiligen Worte sehen, in welchen ihm seine Hilfe und Rettung zu liegen schien. Der Doktor, der seinen neuen Klienten eigentlich mehr aufmerksam als niedergeschlagen sah, wunderte sich ein wenig. Der soll Nahrungssteuer zahlen müssen, sagte er für sich. – »Aha,« nahm er darauf das Wort, »Ihr habt Euch deswegen den Haarbüschel wegscheren lassen. Gescheit getan; da Ihr Euch indessen in meine Hand geben wolltet, war's nicht nötig. Der Fall ist ernsthaft; aber Ihr wißt nicht, was ich alles zu unternehmen Mut habe, wenn's sein muß.« Um diesen unerwarteten Einfall des Doktors zu verstehen, muß man wissen oder sich erinnern, daß damals die Bravi vom Handwerk und die gewalttätigen Übelstifter aller Art einen langen Haarbüschel zu tragen pflegten, den sie beim Angriff auf jemanden nach Art eines Visiers übers Gesicht zogen; in Fällen, wo sie es nötig fanden, sich zu verlarven und das Unternehmen zu gleicher Zeit Kraft und Klugheit verlangte, war dieser Kunstgriff gewöhnlich. Der Haarbüschel war also ein Teil der Rüstung, ein Kennzeichen der Raufer und Zügellosen; daher dergleichen Menschen gewöhnlich Haarbüschel genannt wurden. Dieser Ausdruck ist geblieben und lebt, bei gemilderter Bedeutung, noch heutigestags im Dialekte. »Wahrhaftig, Herr,« versicherte Renzo, »ich habe, seit ich ein armer kleiner Junge gewesen, niemals einen Haarbüschel getragen.« »So rücken wir nicht näher,« antwortete der Doktor, indem er den Kopf schüttelte und halb boshaft, halb ungeduldig lächelte. »Wenn Ihr kein Vertrauen zu mir habt, so stehen wir umsonst nebeneinander. Wer dem Doktor eine Lüge vorsagt, das ist ein Narr, der dem Richter die Wahrheit sagen wird. Dem Anwalt muß man seine Sache klar erzählen; unser Geschäft ist's hernach, sie in gehörige Verwicklung zu bringen. Wollt Ihr Hilfe von mir, so ist's nötig, daß Ihr mir alles von A bis Z vertraut, mit der Hand auf dem Herzen, wie dem Beichtvater. Ihr müßt mir die Person nennen, von welcher Ihr den Auftrag bekommen habt; es wird natürlich eine Person von Bedeutung sein, und in dem Fall werd' ich mich zu dem Herrn hinbegeben und die schuldige Vorkehrung bei ihm treffen. Ich werd' ihm nicht sagen, seht Ihr, daß ich von Euch über seinen Auftrag Wind bekommen habe; verlaßt Euch darauf. Ich werd' ihm sagen, daß ich für einen armen angeschwärzten jungen Menschen ihn um seinen großmütigen Schutz zu bitten gekommen bin. Dieserweise werde ich die passenden Maßregeln mit ihm nehmen, um die Sache lobenswert zu Ende zu führen. Indem er sich rettet, versteht mich wohl, wird er auch Euch retten. Und wenn der arge Streich ganz und gar auf Eure Rechnung geschrieben wird, gut, ich ziehe mich nicht zurück; ich hab' wohl andere schon aus schlimmeren Verwicklungen gerissen. Wofern ihr nur keine Person von Bedeutung beleidigt habt, darüber müssen wir uns verständigen, so verpflichte ich mich, Euch aus der Klemme zu ziehen – mit ein wenig Kosten, verstehen wir uns. Ihr müßt mir angeben, wer der Beleidigte ist, wie es sich gehört; nach dem Stande, den Eigenschaften und dem Charakter des Freundes läßt sich dann sehen, ob es besser sei, ihn durch Verwendungen bei hohen Personen ins Bockshorn zu jagen, oder ihm irgendein Verbrechen auf den Hals zu ziehen und ihm einen Floh ins Ohr zu setzen; denn, seht Ihr, wenn einer nur mit den Verordnungen gut zu wirtschaften versteht, so ist keiner schuldig und keiner unschuldig. Was den Pfarrer betrifft, so wird er, falls er ein Mensch von Vernunft ist, aus dem Spiele bleiben; und hat er einen eigensinnigen Kopf zwischen den Schultern sitzen, so ist auch für dergleichen gesorgt.« Während der Doktor diese Redereien in die Welt setzte, stand Renzo und betrachtete ihn mit staunender Aufmerksamkeit, ungefähr wie ein einfältiger Junge auf dem Markte dem Gaukler ins Gesicht guckt, der sich Werg auf Werg in den Mund stopft und dann Band auf Band herauszieht und mit dem neuen Wunderprodukte nimmermehr enden zu wollen scheint. Nachdem er aber hinlänglich eingesehen, was der Doktor sagen wollte und welche verfängliche Wendung er genommen, schnitt er ihm das Band im Munde geradewegs durch und sagte: »Ei, Herr Doktor, wie haben Sie mich verstanden? Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. Ich habe niemandem gedroht, ich treibe so ein Handwerk nicht: fragen Sie nur in meiner ganzen Gemeinde nach, so werden Sie hören, daß ich nie mit der Gerechtigkeit was zu tun gehabt habe. Die Schurkerei ist eben gegen mich begangen worden: von Ihnen wollte ich erfahren, was ich zu tun habe, um Gerechtigkeit zu erhalten, und bin sehr zufrieden, daß ich die Verordnung da gesehen habe.« »Zum Teufel,« schrie der Doktor und riß die Augen mächtig weit auf. »Was kaut Ihr mir da für einen verwirrten Mischmasch vor? Aber so ist's, seid alle über einen Leisten geschlagen. Vielleicht könnt Ihr mir die Sache nicht klar mitteilen?« »Aber, Herr Doktor, entschuldigen Sie mich; Sie haben mir keine Zeit gelassen; jetzt will ich Ihnen erzählen, wie die Sache steht. Wissen Sie also, daß ich heute Hochzeit machen sollte« – und hier klang Renzos Stimme bewegt – »und heute, wie ich Ihnen sage, ist der Tag, den wir mit dem Herrn Pfarrer verabredet hatten, und es war alles schon ins Geleise gebracht. Mit einem Mal kommt der Herr Pfarrer mit Entschuldigungen angestiegen – genug, um Ihnen keine Langeweile zu machen, ich hab' ihn sprechen gelehrt, wie's billig war. Da hat er mir denn gestanden, es sei ihm bei Lebensstrafe verboten worden, diese Trauung zu vollziehen. Der gewalttätige Mensch, der Don Rodrigo« ... »Ei, geht,« unterbrach ihn auf der Stelle der Doktor, zog die Augenbrauen zusammen, rümpfte die rote Nase und verzerrte den Mund; »geht! Was kommt Ihr her, mir den Kopf mit solchen einfältigen Märchen warm zu machen? Dergleichen Zeug könnt Ihr unter Euch reden, weil Ihr Eure Worte nicht abzuwägen versteht; kommt aber nicht damit zu einem Mann von Stande, der da weiß, was sie auf sich haben. Geht, geht, Ihr wißt nicht, was Ihr sagt; ich lasse mich nicht mit Knaben ein; ich mag keine solchen Reden hören, solche aus der Luft gegriffenen Faseleien –« »Ich schwöre« ... wollte Renzo beginnen. »Geht, sag' ich Euch. Was soll ich mit Eurem Schwur anfangen? Ich kümmere mich nicht darum; ich wasche mir die Hände.« – Und hier rieb er die eine mit der andern, als wenn er sie sich wirklich waschen möchte. »Lernt reden; man kommt einem Mann von Stande nicht so auf den Hals geschlichen.« »Aber hören Sie, hören Sie mich!« rief Renzo vergeblich. Der Doktor, in einem fort scheltend, schob ihn mit den Händen nach der Türe, und als er ihn bis dorthin gebracht, riß er sie auf und rief die Magd: »Gebt augenblicklich dem Menschen wieder, was er gebracht hat; ich nehme nichts an, nichts nehm' ich an.« Jene Dame mochte wohl nie, solange sie im Hause des Doktors sich befand, ein solches Gebot zu vollziehen gehabt haben; es war aber mit so entschlossenem Nachdruck erlassen worden, daß sie nicht zögerte, ihm Folge zu leisten. Sie nahm die vier armen Tiere und gab sie dem Renzo zurück; die Auslieferung begleitete eine Gebärde des verächtlichen Mitleidens, welche zu sagen schien: »Der Bock, den du geschossen hast, muß sehr groß gewesen sein.« Renzo wollte Umstände machen; dem Doktor war aber nicht beizukommen, und der arme erstaunte Junge, kopfhängend und ärgerlicher als je, mußte die verschmähte Opferspende zurücknehmen und sich damit auf den Heimweg nach dem Dorfe machen, wo er den Frauen vom glänzenden Erfolg seiner Reise zu erzählen hatte. Diese hatten während seiner Abwesenheit die hochzeitlichen Kleider mit dem bescheidenen Alltagsanzug vertauscht und hielten aufs neue Rat. Lucia schluchzte, Agnese seufzte. Als die Mutter über die großen Wirkungen, welche vom Rat des Doktors zu erwarten standen, sattsam gesprochen hatte, sagte Lucia, man müsse sich auf jede Weise zu helfen suchen; der Vater Cristoforo sei ein Mann, der nicht bloß guten Rat erteile, er biete auch, wo es darauf ankomme, armen Leuten zu helfen, die Hände, und gar schön wäre es, wenn man ihn könnte wissen lassen, was vorgefallen. – »Wohl wahr,« sagte Agnese, und nun sannen beide nach, wie sich's ausführen ließe. Denn nach dem Kloster, das wohl zwei Meilen vom Dorf entfernt lag, in eigener Person zu gehen, war eine Unternehmung, die sie an jenem Tage nicht hätten wagen dürfen, und kein vernünftiger Mensch würde ihnen seine Zustimmung gegeben haben. Während aber die verschiedenen Beschlüsse gegeneinander abgewogen wurden, hörte man an die Türe pochen, und zugleich ließ sich ein kleinlautes, aber deutliches Deo gratias hören. Lucia, die schnell sich dachte, wer es sein konnte, lief und öffnete; herein trat mit tiefer Verneigung ein Kapuziner, ein wandernder Laienbruder, welcher seinen Bettelsack über die linke Schulter geworfen hatte und das zusammengewundene Oberende mit beiden Händen fest vor der Brust hielt. – »Ei, Bruder Galdino!« riefen beide Frauenzimmer. – »Der Herr sei mit Euch!« sagte der Mönch; »ich komme Oliven einsammeln.« »Geh und hole Oliven für die ehrwürdigen Väter her,« sagte Agnese. Lucia machte sich auf und ging nach dem andern Zimmer; ehe sie aber dort hineintrat, stand sie hinter dem Bruder Galdino, der in seiner ersten Stellung verharrte, einen Augenblick still, legte den Zeigefinger auf den Mund und empfahl der Mutter mit einem Blick, worin Zärtlichkeit und bittende Demut, zugleich aber auch eine gewisse Autorität lag, Stillschweigen. Der Bettelmönch blinzelte Agnese mit halbgeschlossenen Augen von weitem an und sagte: »Und die Hochzeit? Sie sollte ja heute stattfinden. Ich habe im Dorfe eine Art von Verwirrung gesehen, die eine Neuigkeit vermuten läßt. Was ist vorgefallen?« »Der Herr Pfarrer ist krank, und es muß also verschoben werden,« antwortete die Hausfrau schnell. Hätte ihr Lucia nicht jenen Wink gegeben, so wäre die Antwort aller Wahrscheinlichkeit nach anders ausgefallen. – »Und wie geht's mit dem Einsammeln?« fragte sie darauf, um ein anderes Gespräch anzuknüpfen. »Nicht zum besten, gute Frau, nicht zum besten. Das hier ist alles.« – Er nahm den Sack von der Schulter und wog ihn zwischen beiden Händen. – »Das ist alles, und um den schweren Schatz zusammenzubringen, hab' ich wohl an zehn Türen klopfen müssen.« »Es ist ein karges Jahr, Bruder Galdino, und wenn man ums liebe Brot zu ringen hat, so wird freilich jeder Bissen so sparsam wie möglich zugeschnitten.« »Um aber die gute Zeit wieder herbeizurufen, was gibt's da für ein Mittel, liebe Frau? – Almosen.« Hier kehrte Lucia zurück und hatte die Schürze so voll von Oliven, daß sie kaum mit ihr zurecht kam und angestrengt mit beiden ausgestreckten Armen an den zwei Enden sie festhielt. Bruder Galdino nahm den Sack von der Schulter, setzte ihn nieder und drehte ihn oben auf, um die reichliche Spende hineinzutun. Er ergoß sich in Lobeserhebungen, prophezeite alles Gute, dankte und ging, nachdem er den Sack wieder auf die Schulter genommen, seine Wege. Doch Lucia rief ihn zurück und sagte: »Ich wünschte einen kleinen Dienst von Euch, lieber Pater; seid so gut, sagt dem Vater Cristoforo, ich möchte ihn gar zu gern sprechen; er soll mir die Liebe erzeigen, hierher zu uns armen Leuten zu kommen, aber bald, recht bald; denn ich kann nicht zur Kirche hingehen.« »Begehrt Ihr nichts weiter? Keine Stunde soll vorüber sein, so weiß Vater Cristoforo Euren Wunsch.« »Ich verlasse mich drauf,« sagte Lucia. »Zweifelt nicht!« – Mit diesen Worten verließ er die beiden Frauenzimmer, ein wenig gebeugter, aber auch zufriedener, als er gekommen. Wenn ein junges Landmädchen den Pater Cristoforo mit solcher Vertraulichkeit zu sich bescheiden läßt und der Bettelmönch den Auftrag ohne Befremden und Schwierigkeit annimmt, so denke darum keiner, Cristoforo sei ein alltäglicher Mönch, ein verächtlicher Klosterbruder gewesen. Vielmehr war er ein Mann, welcher bei den Seinigen und in der ganzen Umgegend eines hohen Ansehens genoß; die Verhältnisse der Kapuziner aber waren von der Art, daß ihnen nichts zu niedrig und nichts zu hoch schien. Den Geringsten dienen und von Mächtigen sich den Hof machen lassen, Paläste und Hütten mit derselben Haltung von Demut und Sicherheit betreten, in dem nämlichen Hause bisweilen ein Gegenstand der Kurzweil und ein Gast sein, ohne welchen nichts entschieden ward, mitleidige Spenden überall einsammeln und sie jedem wieder zukommen lassen, der im Kloster darum bat – an alles war ein Kapuziner gewöhnt. Wenn er ausging, konnte er ebensowohl einem Fürsten begegnen, der ihm ehrfurchtsvoll das Ende seines Strickes küßte, wie einem Haufen von Gassenjungen, welche, als wären sie untereinander handgemein, ihm den Bart mit Kot bewarfen. Das Wort Bruder wurde damals mit größerer Verehrung und mit bittrerer Verachtung ausgesprochen; die Kapuziner wurden, mehr vielleicht als irgendein anderer Orden, der Gegenstand zweier entgegengesetzten Empfindungen und erfuhren daher ein doppeltes, widersprechendes Schicksal; denn indem ihre Tracht sich von der gewöhnlichen weit auffallender unterschied, indem sie das Bekenntnis der Erniedrigung weit offener zur Schau trugen, setzten sie sich weit näher der Ehrfurcht und der Verachtung aus, welche solch ein Benehmen von der verschiedenen Denkungsart und den verschiedenen Launen der Menschen zu gewärtigen hat. – Kaum war Bruder Galdino fort, trat Renzo ins Zimmer; und zwar mit einem Gesichte voll Zorn zugleich und Scham, und warf die Kapphähne auf den Tisch. Dies war das letzte traurige Abenteuer, welches die armen Tiere für diesen Tag zu erleben hatten. »Einen schönen Rat habt Ihr mir da gegeben!« sagte er zu Agnese. »Habt mich zu einem vortrefflichen Ehrenmann geschickt, zu einem, der wahrlich armen Leuten hilft.« – Und nun erzählte er schnell seinen Besuch beim Doktor. Die gute Frau, erstaunt über einen so traurigen Ausgang, wollte sich eben an den Beweis machen, daß der Rat dennoch gut gewesen, Renzo aber es nicht verstanden haben müsse, seine Sache gehörig einzurichten, als Lucia der Untersuchung ein Ende machte und ihre Hoffnung, eine bessere Hilfe gefunden zu haben, ankündigte. Renzo, wie Menschen überhaupt, die sich im Drange des Unglücks befinden, griff sehnsuchtsvoll auch nach dieser Hoffnung. – »Wenn aber der Pater,« sagte er, »keine Rettung für uns ausfindig macht, werd' ich sie auf eine oder die andere Art finden.« Die Frauenzimmer rieten zum Frieden, zu Klugheit und Geduld. »Morgen,« meinte Lucia, »kommt Vater Cristoforo sicherlich, und ihr werdet sehen, er gerät auf ein Mittel, wovon wir armes Volk auch nicht einmal eine Ahnung haben können.« »Ich hoffe es,« erwiderte Renzo; »aber in jedem Fall werd' ich mir Recht verschaffen oder es mir verschaffen lassen. Es gibt endlich noch Gerechtigkeit in dieser Welt.« Unter so schmerzlichen Gesprächen, unter Gehen und Kommen, wovon berichtet worden, war der Tag vorübergezogen, und die Abenddämmerung brach herein. »Guten Abend,« sagte Lucia traurig zu Renzo, der sich nicht entschließen konnte, sie zu verlassen. »Guten Abend,« antwortete er noch trauriger. »Irgendein Heiliger wird uns beistehen,« tröstete sie. »Sei vorsichtig und gib dich zufrieden.« – Die Mutter ging mit ähnlichem Rate zur Hand, und der Bräutigam machte sich mit Sturm im Herzen auf den Weg, indem er beständig sich die seltsamen Worte wiederholte: »Es gibt endlich noch Gerechtigkeit in dieser Welt!« – So wahr ist es, daß ein Mensch, von großen Schmerzen übermannt, nicht mehr weiß, was er sagen soll. Viertes Kapitel. Noch war die Sonne am Horizonte nicht ganz hervorgetreten, als Pater Cristoforo schon aus seinem Kloster zu Pescarenico trat und nach dem Häuschen, wo er erwartet wurde, seinen Weg nahm. Pescarenico ist ein kleines Flurgebiet auf dem linken Ufer der Adda oder eigentlich des Sees, wenige Schritte unterhalb der Brücke; ein spärlicher Haufe von Häusern, wo ringsumher, da Fischer ihn bewohnen, Netze zum Trocknen an Pfählen aufgespannt hängen. Das Kloster, dessen Mauerwerk noch jetzt dasteht, lag außerhalb, dem Eingang des Dorfes gegenüber, ziemlich auf halbem Wege von Lecco nach Bergamo. Der Himmel war heiter und wolkenlos. Während die Sonne hinter dem Berge emporstieg, schien ihr Licht, von den Gipfeln der gegenüberliegenden Gebirge herniedersteigend, über Abhänge und Täler sich gleich einer Flut zu ergießen; ein leichter Herbstwind streifte die welken Blätter von den Zweigen des Maulbeerbaumes und wehte sie einige Schritte von seinen Wurzeln zur Erde. Zur Rechten und Linken funkelten an den schlanken Reben die Blätter, die in mannigfachem Rot spielten; die frischgepflügten Raine traten dunkelfarbig hervor, sich von den weißen Stoppelfeldern unterscheidend, welche im feuchten Nebel schimmerten. Das Schauspiel des Morgens lachte dem Wanderer in die Seele; jede menschliche Gestalt aber, die sich bewegte, trübte den Blick und die Gedanken. Jeden Augenblick begegnete man abgezehrten Bettlern in zerlumpten Kleidern, teils grau geworden in ihrem Handwerke, teils von der Not eben erst dahin gebracht, die Hände auszustrecken. Sie schritten ruhig an Pater Cristoforo vorbei, betrachteten ihn mit frommen Blicken, und obgleich sie von ihm nichts zu hoffen hatten, da ein Kapuziner niemals Geld bei sich trug, machten sie ihm dennoch für die Almosen, die sie bekommen hatten oder im Kloster sich holen wollten, eine tiefe Verneigung der Dankbarkeit. Der Anblick der Arbeiter, welche auf den Feldern zerstreut waren, wirkte gewissermaßen noch schmerzlicher. Einige streuten spärlich und mißmutig die Saat aus, als wagten sie einen drohenden Verlust dabei; andere führten den Spaten mit Anstrengung oder kehrten die Schollen gleichsam wider Willen um. Ein bleiches kränkliches Mädchen führte am Stricke ihre abgemagerte kraftlose Kuh zur Weide; es gab aufmerksam acht und bückte sich eilig zur Erde, um dem Tiere zur Nahrung für die Familie ein Kraut wegzustehlen; denn der Hunger hatte die Menschen gelehrt, ihr Leben damit zu fristen. Dem Mönche, welcher schon mit dem traurigen Vorgefühl im Herzen, er gehe, irgendein Unglück zu hören, seines Weges schlich, mußten Erscheinungen dieser Art den Trübsinn noch erhöhen. Warum aber zeigte er für Lucien einen solchen Eifer? Warum hatte er sich bei der ersten Nachricht gleich so bekümmert auf den Weg gemacht, als hätte ihn der Pater Provinzial zu sich beschieden? Und wer war dieser Bruder Cristoforo? – Wir werden allen diesen Fragen Genüge zu leisten suchen müssen. Pater Cristoforo von *** war ein Mann, näher an sechzig als an fünfzig. Sein geschorenes Haupt, dessen Mitte nur ein schmaler Streif von Haaren, nach der Sitte der Kapuziner, wie eine Krone umgab, erhob sich von Zeit zu Zeit mit einer Bewegung, in welcher sich etwas Stolzes und Unruhiges zugleich verkündigte; bald aber senkte es sich wieder zu demütigen Betrachtungen. Der graue lange Bart, der Wangen und Kinn bedeckte, ließ die sprechenden Züge der oberen Gesichtshälfte noch lebhafter hervortreten; diesen Zügen hatte eine schon zur Gewohnheit gewordene Enthaltsamkeit weit mehr Würde gegeben als Ausdruck genommen. Das hohle Augenpaar war meistens zur Erde gerichtet, blitzte aber bisweilen in plötzlicher Lebhaftigkeit auf, wie etwa zwei übermütige Rosse, von einem Kutscher gezügelt, mit welchem sie aus Erfahrung es nicht aufzunehmen wagen, dennoch hin und wieder einen wilden Sprung tun und ihn augenblicklich mit einem blutigen Peitschenhieb bezahlen müssen. Pater Cristoforo war nicht immer so gewesen, noch hatte er von jeher Cristoforo geheißen; sein Taufname war Ludovico. Er war der Sohn eines Kaufmannes zu *** – diese Sternchen rühren von der Bedächtigkeit meines Anonymus her –, der gegen das Ende seines Lebens, da er sich ziemlich wohlhabend fühlte und nur diesen einzigen Sohn besaß, seinen Geschäften entsagt und als vornehmer Herr zu leben angefangen hatte. Seinen Sohn ließ er, nach der Sitte der Zeiten, soviel Gesetze und Herkommen ihm gestatteten, anständig erziehen; er hielt ihm Lehrer in den Wissenschaften und ritterlichen Übungen und hinterließ ihn, da er starb, als einen reichen jungen Mann. Ludovico hatte sich ein vornehmes Benehmen angeeignet, und die Schmeichler, unter denen er aufgewachsen, hatten ihn daran gewöhnt, sich mit aufmerksamer Achtung behandeln zu lassen. Sooft er sich aber zu den Edelleuten der Stadt gesellen wollte, fand er die Umstände gar sehr verändert; um, wie er es wünschte, in ihrer Gesellschaft zu leben, war's nötig, sah er ein, eine neue Schule von Geduld und Unterwürfigkeit durchzumachen, sich beständig im Hintergrunde zu halten und jeden Augenblick sich etwas gefallen zu lassen. Solche Lebensweise stimmte so wenig mit seiner Erziehung wie mit seinem Charakter überein. Erbittert entfernte er sich von ihnen. Aber nur ungern hielt er sich zurückgezogen; es schien ihm, daß diese Herren von Rechts wegen eigentlich seine Gefährten sein müßten, nur hätte er sie umgänglicher gewünscht. Indem er also, zwischen Neigung und Haß schwankend, nicht vertraulich mit ihnen verkehren konnte und doch auf irgendeine Weise mit ihnen zu schaffen haben wollte, fing er an, in Aufwand und Pracht mit ihnen zu wetteifern, und kaufte sich so für sein bares Geld Feindschaft, Neid und Spott. Seine tugendhafte, aber heftige Denkungsart verwickelte ihn mit der Zeit in einen weit ernsteren Wettkampf. Er empfand gegen Bedrückungen und Unrecht einen angeborenen und aufrichtigen Abscheu; dieser Abscheu steigerte sich bei Erwägung der Personen, welche sich täglich dergleichen zuschulden kommen ließen; denn es waren gerade dieselben, die er haßte. Um alle diese Leidenschaften mit einem Streich zu beschwichtigen oder zu unterhalten, nahm er gern für einen hilflosen Unterdrückten Partei, verpflichtete sich, einen Betrüger zur Rechenschaft zu zwingen, ließ sich in einen Zwist ein und zog sich auch einen anderen schon auf den Hals; allmählich stand er als ein Beschützer der Unterdrückten, als ein Rächer des Unrechts da. Das Amt hatte seine Schwierigkeiten; daß es dem guten Ludovico an Feinden, an Begegnissen und Bedenklichkeiten nicht fehlte, bedarf keiner Erwähnung. Außer diesem, Kampfe nach außen sah er sich zugleich unaufhörlich auch von inneren Widersprüchen geplagt; denn um eine Verbindlichkeit durchzusetzen – ohne von denjenigen zu sprechen; mit welchen er nicht zustande kam –, mußte er sich zu vielfachen Umtrieben und gewaltsamen Schritten bequemen, die hernach seine Gewissenhaftigkeit nicht billigen konnte. Er mußte sich eine ziemliche Anzahl Bravi halten, mußte sowohl um seiner Sicherheit als eines kräftigeren Beistandes willen die waghalsigsten, also die schurkenhaftigsten wählen und aus Liebe zur Gerechtigkeit mit Schelmen leben. Entmutigt nach einem traurigen Erfolge oder durch eine drohende Gefahr beunruhigt, überdrüssig, beständig auf seiner Hut sein zu müssen, und besorgt über eine dürftige Zukunft, da seine Mittel durch gute Werke und ritterliche Handlungen von Tag zu Tag sich immer mehr zersplitterten, hatte er mehr als einmal schon den Gedanken gehabt, Mönch zu werden, damals der gewöhnliche Weg, um sich aus verwickelten Umständen zu retten. Was aber wahrscheinlich sein ganzes Leben hindurch nur eine Grille geblieben wäre, wurde durch ein Ereignis, das ernsthafteste und schrecklichste, das ihm noch je begegnet, ein Entschluß. Er ging eines Tages durch eine Straße der Stadt, von einem alten Ladendiener begleitet, den sein Vater in einen Haushofmeister verwandelt hatte. Zwei Bravi folgten. Der Haushofmeister, welcher Cristoforo hieß, ein Mensch von etwa fünfzig Jahren, war von Jugend auf dem Herrn, den er auf die Welt kommen gesehen, durch dessen Mittel und Freigebigkeit er selbst lebte und eine Frau mit acht Kindern am Leben erhielt, von ganzem Herzen ergeben. Ludovico sah von weitem so einen Herrn herkommen, einen anerkannt frechen Leuteplager; er hatte niemals mit ihm gesprochen, war ihm aber von ganzer Seele feind und hielt ihm gern das Gegengewicht; denn es gehört zu den Vorteilen dieser Welt, zu hassen und gehaßt zu werden, ohne daß man einander kennt. Jener hatte vier Bravi hinter sich, kam mit stolzem Schritte gerade daher, trug den Kopf hoch und ließ um den Mund Übermut und Verachtung spielen. Beide streiften dieselbe Mauer, doch Ludovico, wohl gemerkt, mit der rechten Schulter, und dies gab ihm, dem Gebrauch gemäß, das Recht – wohin treibt man doch das Recht! – sich von der Mauer nicht entfernen zu dürfen, um den andern, wer er auch sei, vorbeizulassen. Das war damals eine Sache von großer Wichtigkeit. Der andere behauptete dagegen, dieses Recht komme ihm, als einem Edelmanne, zu und Ludovico müsse weichen. Die beiden jungen Männer gingen einander entgegen, beide sich dicht an die Mauer haltend. Nachdem sie darauf Stirn gegen Stirn einander gegenüberstanden, maß der hochmütige Edelmann seinen Gegner mit gebieterischem Blicke und sprach in einem Tone, der zum Blicke stimmte: »Geht aus dem Wege hier!« »Geht Ihr aus dem Wege,« entgegnete Ludovico. »Der Weg ist mein.« »Mit Euresgleichen gehört der Weg jedesmal mir.« »O ja, wenn die Keckheit von Euresgleichen auch immer ein Gesetz für meinesgleichen wäre.« Das Gefolge war auf beiden Seiten, jedes hinter seinem Oberhaupte, stehen geblieben und sah, die Hände am Dolch, zum Kampfe bereit, wie grimmige Hunde einander an. Was gerade durch die Straße ging, zog sich zurück und stand in einiger Entfernung still, um den Handel mit anzusehen. Aber eben die Gegenwart dieser Zuschauer reizte den Ehrgeiz der beiden Kämpfer nur um so mehr. »Fort mit dir, niedriger Handwerker, oder ich werde dich einmal die Höflichkeit lehren, die du einem Edelmanne schuldig bist.« »Ihr lügt, ich bin kein niedriger Mensch.« »Du lügst, wenn du mir eine Lüge vorwirfst –« und das war allerdings eine pragmatische Antwort. – »Wenn du ein Edelmann wärst wie ich,« fuhr er fort, »so würde ich dir mit Schwert und Mantel zeigen, daß du der Lügner bist.« »Ein schöner Vorwand, wo Ihr die Unverschämtheit Eurer Worte nicht gerne durch die Tat behaupten mögt.« »Werft den Schurken in den Kot!« rief jener, sich nach den Seinigen zurückwendend. »Wir wollen sehen!« sagte Ludovico, trat plötzlich einen Schritt zurück und legte die Hand ans Schwert. »Verwegener!« schrie der Edelmann, indem auch er das Schwert zog, »ich werde den Stahl hier zerschmettern, sobald er mit deinem gemeinen Blute befleckt sein wird.« So ging einer auf den andern los. Die Diener stürzten von beiden Seiten zur Verteidigung ihrer Herren herbei. Das Treffen war durch die Zahl der Streitenden ungleich; auch suchte Ludovico mehr die Hiebe zu vermeiden und den Feind zu entwaffnen, als ihn zu töten, während dieser auf alle Weise seinen Tod wollte. Ludovico hatte mit dem linken Arme schon den Dolchstoß eines Bravo aufgefangen und eine leichte Streifwunde auf der Wange erhalten; der Hauptfeind stürzte sich auf ihn, um ihm den Rest zu geben, als Cristoforo, seinen Herrn in der äußersten Gefahr sehend, mit dem Dolch auf den Edelmann losging. Dieser wandte seine ganze Wut nun gegen ihn und durchrannte ihn mit dem Schwerte. Bei diesem Anblick stieß Ludovico, wie außer sich, das seinige dem Edelmann in den Leib; er fiel sterbend, in demselben Augenblick mit dem armen Cristoforo, zu Boden. Das Mordgesindel des Edelmanns ergriff, da es seinen Herrn hingestreckt am Boden liegen sah, übel zugerichtet die Flucht; Ludovicos Leute machten sich, geängstigt und verunstaltet, wie sie waren, auf der andern Seite davon; denn Gegner waren nicht mehr vorhanden, und mit dem herbeiströmenden Volke zusammenzugeraten, war mißlich. So sah sich Ludovico, die beiden traurigen Todesgenossen zu seinen Füßen, mitten im Haufen allein. »Wie ist's abgelaufen? – 's ist einer. – Zwei sind's. – Wer hat dem den Bauch durchgerannt? – Wer ist umgebracht worden? – Der übermütige Bube da – heilige Maria, was für Mord und Totschlag! – Wer sucht, findet. – Ein Augenblick hat ihm alles bezahlt. – Auch mit dem ist's zu Ende. – Was für'n Hieb! – Das wird eine ernste Geschichte – Und der andre Unglückliche! – Himmlische Barmherzigkeit, was für ein Anblick! – Rettet ihn, rettet ihn! – Der ist auch gut daran! – Seht nur, wie er aussieht! ganz blutig. – Macht Euch davon, armer Mensch, macht Euch davon! Laßt Euch nicht greifen!« Diese Worte, welche vor allen übrigen sich im verwirrten Lärm des Gedränges hören ließen, drückten den allgemeinen Wunsch aus; mit dem Rat kam auch die Hilfe. Das Ereignis hatte sich in der Nähe einer Kapuzinerkirche zugetragen; solch ein Gotteshaus war damals, wie jedem bekannt, ein Zufluchtsort, unzugänglich für die Häscher und für alles, was zur öffentlichen Gerechtigkeit gehörte. Hierhin wurde der verwundete Mörder, fast besinnungslos, von der Menge geführt oder getragen; die Mönche empfingen ihn aus den Händen des Volkes, welches ihn empfahl. »Es ist ein rechtlicher Mensch der einen hochmütigen Schurken kalt gemacht hat,« hieß es; »er hat's zu seiner Verteidigung getan, bei den Haaren ist er herangezogen worden.« Ludovico hatte bis zu jener Stunde niemals Blut vergossen, und obgleich der Mord damals etwas Alltägliches war, so machte dennoch der Anblick des Menschen, der für ihn, und des andern, der durch ihn gestorben, einen neuen und unbeschreiblichen Eindruck auf ihn; unbekannte Gefühle rangen sich in seinem Busen los. Das Hinstürzen seines Feindes, der jähe Übergang von der Drohung und der Wut zur Bewegungslosigkeit und feierlichen Ruhe des Todes waren Erscheinungen, welche mit einem Streich das Gemüt des Mörders verwandelten. Nach dem Kloster geschleppt, wußte er kaum, wo er war noch was mit ihm vorging; als er zu sich selbst gekommen, fand er sich in einem Bette des Krankenzimmers, unter den Händen des Bruder Wundarztes – die Kapuziner hatten gewöhnlich einen in jedem Kloster –, welcher die beiden Wunden, die er bei der Begegnung empfangen hatte, mit Scharpie und Leinwandstreifen verband. Kaum war Ludovico wieder imstande, seine Gedanken zu sammeln, so ließ er einen Bruder Beichtvater kommen und bat ihn, sich nach der Witwe des Cristoforo zu erkundigen; er möchte sie in seinem Namen um Verzeihung bitten, daß er, wenn auch wider Willen, die Ursache dieses Jammers geworden, zugleich aber auch ihr die Versicherung geben, daß er die Sorge für die Familie gänzlich auf sich nähme. Indem er darauf seine eigenen Umstände überlegte, fühlte er den Gedanken, Mönch zu werden, der ihm wohl sonst schon durch den Kopf geflogen, lebhafter und ernster wieder aufkeimen; es deuchte ihm, als hätte ihn Gott selbst auf den Weg gebracht und ihm durch diesen Eintritt in das Kloster unter solchen Umständen ein Zeichen seines Willens gegeben. So ward der Entschluß gefaßt. Er ließ den Guardian zu sich kommen und teilte ihm seinen Plan mit. Die Antwort war, man müsse sich vor übereilten Entschlüssen in acht nehmen; wenn er indessen dabei beharrte, so würde man's ihm nicht abschlagen. Darauf ließ Ludovico einen Notar holen und schenkte gerichtlich alles, was ihm geblieben – noch immer ein stattliches Erbteil –, der Familie des Cristoforo; eine Summe der Witwe, als würde ihr ein eheliches Gegenvermächtnis festgesetzt, und das übrige den Kindern. Den Brüdern des Klosters, welche seinetwegen sich in ziemlicher Verlegenheit befanden, kam sein Entschluß sehr zustatten. Ihn aus dem Kloster zurückzuschicken, ihn also der Gerechtigkeit, das heißt, der Rache seiner Feinde preisgeben, daran durfte nicht einmal gedacht werden; es hieß den eigenen Vorrechten entsagen, das Kloster bei allem Volk um sein Ansehen bringen, die Rüge aller Kapuziner auf Erden sich zuziehen, weil man das Recht aller verletzt, und sich auflehnen gegen alle geistlichen Gewalten, welche sich damals als Schützerinnen dieses Rechtes betrachteten. Auf der andern Seite hatte die Familie des Getöteten, mächtig wie sie war und durch Anhang verstärkt, sich Rache zu fordern bereitet und jeden, welcher hierin ihr Hindernisse in den Weg legen würde, als ihren Feind erklärt. Die Geschichte sagt nicht, ob es ihr eigentlich um den Getöteten sehr leid tat, noch ob in der ganzen Verwandtschaft eine Träne um ihn vergossen worden; sie erzählt bloß, daß alle vor Begierde brannten, den Mörder lebend oder tot in Händen zu haben. Indem dieser nun das Kapuzinerkleid anlegte, glich er alles wieder aus; er betätigte gewissermaßen eine Buße, legte sich eine Strafe auf, bekannte sich, ohne es ausdrücklich zu sagen, für den Schuldigen und zog sich von jedem ferneren Wettkampf zurück; mit einem Worte, er ward ein Feind, welcher die Waffen niedergelegt hat. Auch konnten dann die Verwandten des Toten glauben und nach Gefallen damit öffentlich prahlen, er sei aus Verzweiflung, aus Schrecken vor ihrem Grimme Mönch geworden. Der Pater Guardian erschien vor dem Bruder des Toten mit ungekünstelter Demut und beteuerte tausendmal die Achtung, die er gegen das erlauchte Haus hegte, wie den Wunsch, demselben in allen möglichen Stücken gefällig zu sein; dann sprach er von Ludovicos Reue und seinem Entschlusse, ließ höflich merken, daß das Haus damit zufrieden sein könne, und erklärte endlich mit noch artigerer Schlauheit, daß es nun einmal nicht anders geschehen könne, es möge ihren Beifall haben oder nicht. Der Bruder brach in tobenden Zorn aus, welchen der Kapuziner verrauchen ließ, indem er von Zeit zu Zeit bemerkte, der Schmerz sei nur allzu gerecht. Jener erklärte, seine Familie würde in jedem Falle sich eine Genugtuung zu verschaffen gewußt haben, wozu der Kapuziner, was man auch davon denken mochte, nicht nein sagte. Endlich ward verlangt und als eine Bedingung aufgestellt, der Mörder müßte wenigstens auf der Stelle die Stadt verlassen. Der Kapuziner, bei welchem das bereits feststand, versprach, es solle geschehen, und ließ den andern, nach Belieben, einen Schritt des Gehorsams darin erkennen. So ward alles verabredet, und alle waren zufrieden. Einen Augenblick betrübte Ludovico der Verdacht, daß sein Entschluß der Furcht zugeschrieben würde; bald aber tröstete er sich mit dem Gedanken, daß dieses ungerechte Urteil ihm gleichfalls zur Kasteiung, zum Sühnmittel dienen könnte. So hüllte er sich zu dreißig Jahren in das Bußkleid, und da er nach dem Gebrauch seinem Namen entsagen und einen andern annehmen mußte, wählte er denjenigen, welcher ihn an die Tat, die er abzubüßen hatte, beständig erinnern sollte, und nannte sich Bruder Cristoforo. Nachdem die Zeremonie der Einkleidung vorüber, kündigte ihm der Guardian an, er werde sein Noviziat in ***, sechzig Miglien weit, machen und müsse am nächsten Tage abreisen. Der neue Mönch verneigte sich tief und bat um eine Gunst.  – »Erlaubt mir, Pater,« sagte er, »bevor ich von dieser Stadt abreise, wo ich das Blut eines Menschen vergossen, wo ich eine entsetzlich beleidigte Familie zurücklasse, ihre Schmach wenigstens zu mildern; ich möchte zeigen, wie schmerzlich es mir zu Herzen geht, den Schaden nicht wieder gutmachen zu können; ich möchte den Bruder des Getöteten um Verzeihung bitten und ihm, so Gott will, den Groll aus der Seele nehmen.« – Dieser Schritt hatte nicht bloß, als eine an sich gute Handlung, den Beifall des Guardians; durch ihn ließ sich auch die Familie noch inniger mit dem Kloster versöhnen. Und so begab sich der Guardian geradeswegs zu jenem Bruder und trug ihm die Bitte des Bruder Cristoforo vor. Bei einem so unerwarteten Vorschlag empfand der Mann, mit der Verwunderung, augenblicklich auch ein Wiederemporsteigen des Zornes, den jedoch gefälliges Wohlwollen bald entwaffnete. Nachdem er einen Augenblick nachgesonnen, sagte er, er möge morgen kommen, und bestimmte die Stunde. Der Guardian kehrte zurück und brachte dem neuen Mönche die gewünschte Erlaubnis. Je feierlicher und lärmender diese Unterwerfung geschähe, desto bedeutender, besann sich der Edelmann, würde sein Ansehen bei der ganzen Verwandtschaft und beim Volke steigen; es würde, um es mit einer Redensart heutiger Zierlichkeit auszudrücken, ein glänzendes Blatt in der Familiengeschichte werden. Eiligst flog die Nachricht zu allen Verwandten: sie möchten morgen, gegen Mittag, die Gefälligkeit haben, sich bei ihm einzufinden, woselbst sie eine gemeinschaftliche Genugtuung erhalten würden. Mittags darauf wimmelte der Palast von Herrschaften jeden Alters und Geschlechtes. Bruder Cristoforo sah diese Zurüstung; er erriet ihren Beweggrund und empfand eine leichte Aufwallung; eine Sekunde darauf aber sprach er zu sich selbst: Es ist recht so; ich habe ihn öffentlich ums Leben gebracht, in Gegenwart so vieler seiner Feinde; jenes war das Ärgernis, dies die Wiedergutmachung. – So ging er, den Blick zur Erde gesenkt und einen begleitenden Bruder zur Seite, durch die Türe des Hauses, schritt über den Vorhof durch einen Haufen, der ihn nicht eben mit bescheidener Neugier maß, und stieg die Treppe hinauf durch einen zweiten vornehmen Haufen, welcher bei seinem Durchgange zu beiden Seiten sich reihte. Endlich gelangte er, von hundert Augen verfolgt, in die Nähe des Hausherrn, welcher, von den nächsten Verwandten umgeben, mitten im Saale stand; obgleich sein Blick erdwärts geneigt war, hielt er das Kinn dennoch emporgehoben, umfaßte mit der Linken das Heft des Schwertes und rückte mit der Rechten den Halskragen des Mantels auf die Brust. Es liegt bisweilen in der Miene und der Gebärde eines Menschen ein so unmittelbarer Ausdruck, ein solcher Erguß seines inneren Gemütszustandes, möchte man sagen, daß selbst bei einer Menge von Zuschauern das Urteil über seine Gesinnung gleichlautend ausfallen wird. Die Miene und die Gebärden des Bruder Cristoforo verkündeten allen Anwesenden, daß er nicht aus menschlicher Furcht ein Mönch geworden noch aus menschlicher Furcht zu dieser Erniedrigung sich einstellte, und dies versöhnte ihm bald alle Herzen. Als er den Beleidigten erblickte, beschleunigte er seinen Schritt, beugte das Knie, kreuzte die Hände auf der Brust und senkte sein geschorenes Haupt mit den Worten: »Ich bin der Mörder Ihres Bruders. Gott weiß, ob ich ihn auf Kosten meines eigenen Blutes Ihnen wiedergeben möchte; da mir aber nichts als wirkungslose und späte Entschuldigungen bleiben, so bitte ich Sie beim ewigen Richter, sie anzunehmen.« – Alles umher war Ohr, aller Augen unbeweglich auf den neuen Mönch und auf den Herrn gerichtet, zu welchem er sprach. Als Bruder Cristoforo schwieg, verkündigten sich durch den ganzen Saal leise Worte des Mitleids und der Achtung. Der Edelmann, der in gezwungener Herablassung und unterdrücktem Zorne dastand, ward durch diese Worte bewegt; er neigte sich gegen den Knieenden und sagte mit leidenschaftlichem Tone: »Stehet auf! Freilich die Tat... die Beleidigung... aber das Gewand, das Ihr tragt... nicht das nur, sondern auch um Euch... Steht auf, Pater! Mein Bruder, ich kann es nicht leugnen, er war ein Edelmann, ein Mann... ein wenig ungestüm, ein wenig lebhaft. Es geschah aber alles nach Gottes Verhängnis. Kein Wort weiter. Aber nicht länger in dieser Stellung, Pater!« – Er nahm ihn beim Arm und hob ihn auf. Aufrecht stehend, aber mit gesenktem Haupte, fragte Bruder Cristoforo: »Ich darf also hoffen, daß Sie mir Ihre Verzeihung bewilligen? Und habe ich sie von Ihnen erhalten, von wem dürfte ich sie nicht hoffen? O könnte ich aus Ihrem Munde das Wort Verzeihung hören!« »Verzeihung?« fragte der Edelmann. »Sie bedürfen ihrer nicht mehr. Doch da Sie es wünschen, gewiß, gewiß, ich verzeihe Ihnen von Herzen, und alle ...« »Alle, alle!« riefen mit einer Stimme die Umherstehenden. Das Gesicht des Mönches erschloß sich einer dankbaren Freude; doch blickte noch immer ein demütiges zerknirschendes Martergefühl der Missetat hindurch, welche keine menschliche Verzeihung wieder gutmachen konnte. Von diesem Anblick überwältigt und fortgerissen von der allgemeinen Rührung, schlang der Edelmann seine Arme dem Bruder Cristoforo um den Hals und gab und empfing den Friedenskuß. – »Schön! Vortrefflich!« hallte es von allen Seiten des Saales her; alles geriet in Bewegung und drängte sich um den Mönch. Währenddessen kamen Diener mit Erfrischungen herbei. Der Edelmann trat zu unserem Cristoforo, der eben Miene machte, sich beurlauben zu wollen, und sagte: »Nehmen Sie eine Kleinigkeit an; geben Sie mir diesen Beweis Ihrer Freundschaft.« – Mit diesen Worten bot er ihm früher als allen andern etwas an. Bruder Cristoforo trat mit einer Art von freundschaftlichem Widerstreben zurück. – »Dergleichen ist nicht mehr für mich,« sagte er; »aber verhüte der Himmel, daß ich Ihre Geschenke verschmähe. Geruhen Sie, mir ein Brot bringen zu lassen, auf daß ich sagen kann, ich habe mich Ihrer Liebe erfreut, Ihr Brot gegessen und ein Zeichen Ihrer Verzeihung in Händen gehabt.« Der gerührte Edelmann befahl, daß also geschähe. Augenblicklich erschien der Haushofmeister in vollem Prachtstaat, brachte in einem silbernen Becken ein Brot und reichte es dem Mönche hin. Dieser nahm es, dankte und tat es in seinen Korb. Darauf bat er um Entlassung, umarmte noch einmal den Hausherrn und alle diejenigen, die, ihm näher stehend, sich seiner einen Augenblick bemächtigen konnten, und entriß sich ihnen mit Mühe. Selbst im Vorzimmer ward es ihm schwer, sich von den Dienern und sogar von den Bravi, welche ihm den Saum des Kleides, Strick und Kapuze küßten, loszuwinden; er sah sich auf der Straße wie im Triumph getragen, ward von einem zahlreichen Volkshaufen bis zum Tore der Stadt, durch welches er gehen mußte, begleitet und trat dann zu Fuß den Weg zum Orte seines ersten Klosterdienstes an. Der Bruder des Gemordeten und die ganze Verwandtschaft hatten an diesem Tage die traurige Freude des Stolzes zu genießen gemeint; statt dessen sahen sie sich von der heiteren Freude der Verzeihung und des Wohlwollens erfüllt. Die Gesellschaft blieb noch einige Zeit beisammen; es herrschte eine glückliche Laune und eine ungewohnte Herzlichkeit; es wurden Gespräche geführt, auf welche keiner, da er gekommen, vorbereitet gewesen. Nachdem die Gesellschaft sich zerstreut, wiederholte sich der Hausherr, noch ganz bewegt, mit Verwunderung, was er gehört und was er selbst gesagt hatte. – »Ein Teufel von Mönch!« murmelte er zwischen den Zähnen – wir müssen indessen seine eigentlichen Worte hier ein wenig anders wiedergeben –: »ein Teufel von Mönch! Wenn er noch drei Minuten so auf den Knien dalag, so hätte ich ihn am Ende um Verzeihung gebeten, daß er mir meinen Bruder kaltgemacht!« – Unsere Geschichte bemerkt ausdrücklich, daß der Mann seit jenem Tage etwas weniger stürmisch und dagegen etwas leutseliger gewesen sei. Pater Cristoforo wanderte indessen mit einem Trostgefühle, welches er seit jenem schrecklichen Tage, für dessen Sühne sein ganzes Leben bestimmt sein sollte, noch nie empfunden hatte, und langte in seinem Kloster an. – Es ist unsre Absicht nicht, eine Geschichte seines Klosterlebens zu entwerfen; wir bemerken nur, daß er jederzeit die Geschäfte, welche ihm gewöhnlich angewiesen wurden, die Predigt und den Beistand am Sterbebette, mit Willigkeit und Sorgfalt verwaltete, vorzüglich aber niemals eine Gelegenheit vorübergehen ließ, um zwei andre Pflichten zu üben, die er sich selbst vorgeschrieben hatte: die Beilegung der Zwistigkeiten und die Beschirmung der Unterdrückten. Zu diesem Hange gesellte sich, ohne daß er selbst es gewahr ward, zum Teil seine alte Gewohnheit und ein Überbleibsel des kriegerischen Mutes, den weder die Erniedrigungen noch die Anstrengungen gänzlich zu ersticken vermocht hatten. Seine Sprache war durch Angewöhnung sanft und demütig geworden; sobald es sich aber um Gerechtigkeit oder um bekämpfte Wahrheit handelte, beseelte sich plötzlich die alte Heftigkeit; da nun diese durch einen feierlichen Nachdruck, welche ihm durch das Amt der Predigt geworden, ihre dämpfende Mäßigung erhielt, so gab sie seinen Worten einen ganz eigentümlichen Charakter. Das ganze Betragen wie der Anblick des Mannes verkündigten einen langen Kampf zwischen einem heftigen leidenschaftlichen Naturell und einer entgegenstrebenden Willenskraft, welche, durch Gewohnheit siegreich, immer auf der Hut, durch höhere Beweggründe und Einflüsse gelenkt wurde. Wenn also irgendein armes unbekanntes Mädchen in Luciens traurigem Falle um die Hilfe des Pater Cristoforo gebeten hätte, so würde er augenblicklich herbeigeeilt sein. Was aber Lucia betraf, so kam er mit um so größerer Bekümmernis, da er ihre Unschuld kannte und bewunderte, ihrer Gefahren wegen schon gezittert hatte und die schnöde Verfolgung, deren Gegenstand sie geworden, mit lebhaftem Unwillen betrachtete. Da er ihr nun selbst als das beste geraten, nichts lautbar werden zu lassen und sich ruhig zu verhalten, fürchtete er jetzt, der Rat könne irgendeine traurige Wirkung erzeugt haben; zur bekümmerten Barmherzigkeit, die ihm wie angeboren war, gesellte sich also hier jene ängstliche Gewissenhaftigkeit, welche oft die Guten martert. Während wir aber die Schicksale des Pater Cristoforo erzählten, ist er angekommen und zeigt sich an der Türe; die Frauen lassen den Griff der Haspel, die sie rauschend herumschwangen, los, stehen auf und rufen zugleich: »Ah, Vater Cristoforo! Gottes Segen mit Ihnen!« Fünftes Kapitel. Pater Cristoforo stand an der Schwelle still und hatte kaum einen Blick auf die Frauenzimmer geworfen, so mußte er wohl die Bemerkung machen, daß seine Ahnung ihn nicht getäuscht hatte. Er erhob den Bart mit einer leichten Bewegung des Kopfes nach rückwärts und sagte in jenem Frageton, mit welchem man einer traurigen Antwort entgegengeht: »Nun?« – Lucia antwortete mit hervorstürzenden Tränen. Die Mutter wollte sich auf Entschuldigungen einlassen, daß sie es gewagt habe – der Gast aber schritt vorwärts, setzte sich auf einen kleinen dreifüßigen Stuhl und verrannte allen Entschuldigungen den Weg, indem er zu Lucien sagte: »Beruhigt Euch, armes Mädchen. Und Ihr,« wandte er sich an Agnese, »erzählt mir, was es gibt.« Während die gute Frau ihre Erzählung aufs beste zurichtete, wechselte der Mönch vielfach die Farbe, hob bisweilen die Augen gen Himmel und stampfte mit den Füßen. Nachdem der Bericht zu Ende, bedeckte er das Gesicht mit beiden Händen und rief: »Großer Gott! wie weit ...« Doch ohne zu endigen, wandte er sich wiederum zu den Frauen und sprach: »Arme Leute! Gott hat Euch heimgesucht! Arme Lucia!« »Werden Sie uns nicht verlassen, Vater?« fragte Lucia schluchzend. »Euch verlassen!« war seine Antwort. »Mit welchem Gesichte sollte ich Gott um eine Gnade für mich bitten, wenn ich Euch verlassen hätte? Euch in diesem Zustande, Euch, die er mir anvertraut! Verliert den Mut nicht; er wird Euch beistehen. Er kann sich auch eines unbedeutenden Menschen wie meiner bedienen, um die Pläne zu zerstören, die ein ... Wir wollen sehen, wir wollen überlegen, was sich tun läßt.« Er stützte den linken Ellenbogen aufs Knie, legte die Stirn in die flache Hand und strich mit der Rechten Kinn und Bart, um gleichsam alle Seelenkräfte gesammelt und ungestört beieinander zu halten. Aber die angestrengteste Überlegung ließ ihn nur desto deutlicher erkennen, wie drängend und verwickelt der Fall, wie spärlich, wie unsicher und gefahrvoll die Hilfsmittel. Nachdem er das Für und das Wider der verschiedenen Entschlüsse gegeneinander abgewogen, schien es ihm endlich am rätlichsten, dem Don Rodrigo selbst entgegenzutreten und ihn durch Bitten, durch die Schrecken des andern und allenfalls auch dieses Lebens von seinem schändlichen Vorsatze abzubringen. Im schlimmsten Falle ließe sich auf diesem Wege wenigstens deutlicher erkennen, wie weit in seinem schmutzigen Vorhaben seine Hartnäckigkeit gehe, es ließ sich etwas mehr von seinen Absichten entdecken, und danach könnte man dann weiter verfahren. Während der Mönch also im Nachsinnen dasaß, erschien Renzo an der Türe. Sobald er den nachsinnenden Pater gewahr geworden und die Frauen ihm zugewinkt hatten, keine Störung zu verursachen, blieb er schweigend an der Schwelle stehen. Der Mönch erhob das Gesicht, um den Frauen seinen Plan mitzuteilen; er bemerkte den Angekommenen und grüßte ihn auf eine Weise, in welcher sich eine gewohnte Zuneigung, durch Mitleid gesteigert, aussprach. »Haben sie Ihnen gesagt, Vater?« sprach Renzo mit bewegter Stimme. »Nur allzu wohl. Und darum bin ich hier.« »Was sagen Sie von dem Schurken ... ?« »Was soll ich von ihm sagen?« Er ist nicht hier; wozu dienten meine Worte? Dich aber, mein guter Renzo, fordere ich auf, Vertrauen in Gott zu haben; denn Gott wird dich nicht verlassen.« : »Der Himmel segne Ihre Worte!« rief der Jüngling. »Sie sind keiner von denen, die uns armen Leuten immer unrecht geben. Der Herr Pfarrer aber und der Herr Doktor da ...« »Laß gut sein und suche nicht wieder hervor, was nur dazu dient, unnützerweise dich zu quälen. Ich bin ein armer Mönch; aber ich wiederhole dir, was ich den Frauen hier gesagt habe: soviel in meinen dürftigen Kräften steht, werd' ich euch nicht verlassen. – Hört, Kinder,« fuhr er gleich darauf fort, »ich geh' noch heute, mit jenem Menschen ein Wort zu reden. Wenn der Herr ihm das Herz rührt und meinen Worten Kraft verleiht, gut; wenn nicht, so wird er uns ein andres Mittel finden lassen. Ihr indessen verhaltet euch ruhig, bleibt im Hause, vermeidet alles Geplauder, laßt euch nicht sehen. Diesen Abend oder spätestens morgen früh seht ihr mich wieder.« – Mit diesen Worten verließ er, ohne auf Danksagungen und Segensworte zu hören, das Haus. Er ging nach dem Kloster, kam noch zur rechten Zeit an, um auf dem Chore Psalmen zu singen, frühstückte und machte sich dann schnell auf den Weg zur Höhle des Raubtieres, welches er zu zähmen unternommen hatte. Don Rodrigos Palast erhob sich einsam, gleich einem Wartturme, auf dem Gipfel eines der Vorgebirge, in welchen jenes Ufer hier und dort emporsteigt. Hieraus ermißt sich von selbst, daß der Landsitz – der Erzähler hätte gescheiter getan, immerhin den Namen niederzuschreiben – höher als das Dorf unserer Verlobten lag, etwa drei Miglien davon entfernt und vier vom Kloster. Am Fuße des Vorgebirges, nach der Seeseite zu, lag ein Haufe von Hütten, darin Don Rodrigos Bauern wohnten; und dies war gleichsam die kleine Hauptstadt seines kleinen Reiches. Man durfte nur hindurchgehen, um von den Umständen und der Art des Landgutes einen Begriff zu erhalten. Warf man, wo eine Türe offen stand, einen Blick in die unteren Zimmer, so sah man Feuergewehre, Karste, Rechen, Strohhüte, Netze und Pulverbeutel bunt durcheinander an den Wänden hängen. Die Leute, denen man begegnete, waren breitschultrige mürrische Knechte mit einem großen Haarbüschel, der, über den Kopf zurückgelegt, von einem Netze umschlossen wurde; alte Kerle, welche beständig, nachdem sie gleichsam die fürchterlichen Hauer verloren, bereit schienen, sobald ihnen nur einer zu nahe kam, das Zahnfleisch fletschend zu zeigen; Frauen mit männlichen Gesichtern und nervigen Armen, bei der ersten besten Gelegenheit eine fertige Zungenhilfe; selbst in der Gestalt und den Gebärden der Kinder, die auf der Straße spielten, verkündete sich ein waghalsiger, kampflustiger Sinn. Bruder Cristoforo wanderte durch das Dorf, stieg einen kleinen gewundenen Pfad hinauf und gelangte sodann auf einen Platz vor dem Palaste. Die Pforte war geschlossen, ein Zeichen, daß der Hausherr speiste und nicht gestört sein wollte. Lockere, durch die Jahre fast zertrümmerte Läden schlossen die wenigen kleinen Fenster, die nach der Straße gingen; indessen waren sie durch dicke Eisenstangen geschützt und im unteren Stockwerke so hoch, daß ein Mensch, auch wenn er sich auf die Schultern eines anderen stellte, kaum hinanreichte. Ringsumher schwieg eine tiefe Stille; ein Vorübergehender hätte ein verlassenes Haus vermutet, wenn vier Geschöpfe, zwei lebende und zwei leblose, an der Vorderseite in Ebenmaß aufgepflanzt, nicht ein Anzeichen von Bewohnung gegeben hätten. Zwei mächtige Geier mit ausgebreiteten Flügeln und schwebenden Köpfen, der eine von der Zeit entfiedert und halb verzehrt, der andre noch wohlerhalten und beschwingt, waren jeder an einen Flügel der Pforte festgenagelt; zwei Bravi, zur Rechten und zur Linken auf eine Bank hingestreckt, hielten Wache und erwarteten den Ruf, um die Überbleibsel von der Tafel ihres Herrn in Empfang zu nehmen. Der Mönch blieb stehen, als wollte er warten, aber einer der beiden Bravi stand auf und sagte: »Kommen Sie nur näher, Pater; hier läßt man einen Kapuziner nicht warten; wir sind Freunde des Klosters, und ich bin unter Umständen drin gewesen, wo die Luft draußen mir nicht eben heilsam war; wenn sie mir die Türe dort verschlossen hätten, wär' es mir übel ergangen.« – Indem er so sprach, tat er zwei Schläge mit dem Hammer. Auf diesen Schall ließ sich innen augenblicklich das Heulen und Winseln von großen und kleinen Hunden hören, und wenige Sekunden darauf trat brummend ein alter Diener hervor. Sobald dieser aber den Pater ansichtig geworden, machte er ihm eine ehrerbietige Verneigung, beschwichtigte die Tiere mit Händen und Stimme, führte den Gast in einen engen Hof und schloß die Türe wieder zu. Nachdem er ihn darauf in einen Saal geleitet und ihn mit verwunderter, ehrfurchtsvoller Gebärde betrachtet hatte, fragte er: »Sind Sie nicht Pater Cristoforo von Pescarenico?« »Der bin ich!« »Sie hier?« »Wie Ihr seht, guter Mann.« »Es wird um eines guten Zweckes willen sein,« fuhr der Alte zwischen den Zähnen murmelnd fort und machte sich weiter auf den Weg; »Gutes läßt sich allerorten tun.« Sie gingen durch zwei oder drei dunkle Gemächer und gelangten dann zur Türe des Speisesaals. Hier vernahm man ein verworrenes Geräusch von Gabeln, Messern, Bechern, zinnernen Schüsseln und vorzüglich von mannigfaltigen Stimmen, die wechselweise einander zu überschreien suchten. Der Mönch wollte sich zurückziehen und unterhandelte an der Schwelle mit dem Alten, um in irgendeinem Winkel des Hauses verweilen zu dürfen, bis die Mahlzeit vorüber wäre. Da öffnete sich die Türe. Ein Graf Attilio, welcher gegenüber saß – er war ein Vetter des Hausherrn, und ohne ihn zu nennen, haben wir seiner bereits Erwähnung getan –, erblickte ein geschorenes Haupt und eine Mönchskutte; er erkannte die bescheidene Absicht des guten Bruders und rief ihm zu: »He, he, gehen Sie uns nicht weg, ehrwürdiger Herr; vorwärts, vorwärts!« – Don Rodrigo, ohne gerade den Zweck des Besuches zu erraten, aber von einem dunklen Vorgefühl überrascht, hätte seinem Vetter die Einladung gern erlassen. Da der unachtsame Attilio indessen mit lauter Stimme gerufen, so konnte er nicht gut sich zurückziehen, und so sagte er denn auch: »Kommen Sie, Pater, kommen Sie!« – Dieser trat näher, verneigte sich vor dem Hausherrn und erwiderte nach beiden Seiten hin die Begrüßungen der Tischgenossen. Gewöhnlich, wir wollen nicht sagen immer , denkt man sich den redlichen Mann einem Taugenichts gegenüber mit erhobener Stirn, mit sicherem Blicke, freier Brust und gelöster Zunge; um aber eine solche Stellung zu behaupten, bedarf es in der Tat vieler Umstände, die sich nur selten beieinander finden. Man wundre sich also nicht, wenn Bruder Cristoforo trotz des guten Zeugnisses seines Gewissens, des unerschütterlichen Gefühles der gerechten Sache, welche zu verteidigen er gekommen, bei der Mischung von Abscheu und Mitleid mit Don Rodrigo, dennoch schüchtern und untertänig sich eben diesem Don Rodrigo näherte, der dort im Polsterstuhle saß, in seinem Hause, in seinem Reiche, umgeben von Freunden, von Huldigungen und allen Zeichen seiner Gewalt. Zu seiner Rechten saß jener Graf Attilio, sein Vetter und, wir müssen es sagen, der Gefährte seiner Wüstlingschaft und seiner Missetaten; er war aus Mailand hergekommen, um einige Tage auf dem Lande mit ihm zu verleben; zur Linken, an der andern Seite des Tisches, in großer Ehrfurcht, doch nicht ohne Zuversicht und eingebildeten Dünkel, der Stadtvogt, eben der Mann, dessen Geschäft es laut der Verordnungen gewesen wäre, unsrem Renzo Tramaglino Gerechtigkeit zu verschaffen und Don Rodrigo nach Vorschrift in Strafe zu ziehen; ihm gegenüber, mit dem Ausdruck der reinsten und herzlichsten Ehrerbietung, unser Doktor Knotenhauer, in schwarzem Mantel, mit einer Nase, deren Purpur stattlicher noch als sonst schimmerte; dann zwei unbedeutende Gäste, von denen unsre Geschichte nichts weiter erwähnt, als daß sie aßen, mit den Köpfen nickten und allem, was ein Tischgenosse sagte, sobald kein zweiter etwas dagegen hatte, beifällig zulächelten. »Laßt den Pater sitzen,« sagte Don Rodrigo. Ein Diener reichte ihm einen Sessel; Bruder Cristoforo nahm Platz, indem er sich beim Hausherrn entschuldigte, so zur ungelegenen Stunde gekommen zu sein. – »Ich wünschte, um einer wichtigen Angelegenheit willen allein mit Ihnen sprechen zu können,« flüsterte er sodann mit noch untertänigerer Stimme dem hohen Wirte zu. »Gut, gut, wir werden sprechen,« war die Antwort; »indessen schaffe man einen Trunk für den Pater herbei.« Der Mönch wollte sich weigern, Don Rodrigo aber erhob mitten im Lärmen, das wieder begonnen hatte, seine Stimme und rief: »Nein, beim Himmel, Sie werden mir das nicht zuleide tun; es soll nie geschehen, daß ein Kapuziner aus meinem Hause geht, ohne meinen Wein, oder ein unverschämter Gläubiger, ohne das Holz meiner Waldungen gekostet zu haben.« Diese Worte erregten ein allgemeines Gelächter und unterbrachen für einen Augenblick den Gegenstand, über welchen es unter den Tischgenossen hitzig herging. Ein Diener brachte auf einem Becken eine Weinflasche und einen hohen kelchähnlichen Becher, welchen er dem Gaste darreichte. Dieser mochte der dringenden Einladung eines Mannes, um dessen Gewogenheit es ihm gerade so sehr zu tun war, nicht länger sich widersetzen, schenkte alsbald sich ein und schlürfte langsam das Getränk. Die Unterhaltung, die nur ganz kurz unterbrochen war, bewegte sich in der Erörterung politischer Ereignisse. »Mir fällt ein, ihr Herren,« begann Don Rodrigo wieder, »ich habe sagen hören, man spreche in Mailand von einem Vergleich.« Der Leser weiß, daß in jenem Jahre um die Nachfolge in der mantuanischen Herzogswürde gestritten ward; nach dem Tode des Vincenzo Gonzaga, welcher ohne männliche Erben verschieden, hatte sich der Herzog von Nevers, sein nächster Verwandter, in ihren Besitz gesetzt. Ludwig der Dreizehnte oder Kardinal Richelieu suchte ihn als seinen Ergebenen und naturalisierten Franzosen in derselben zu schirmen; Philipp der Vierte oder der Graf Olivarez, gewöhnlich der Graf Herzog genannt, mochte ihn aus eben den Gründen dort nicht haben und hatte einen Krieg gegen ihn erregt. Da nun das Herzogtum ein Reichslehn war, so bemühten sich beide Parteien durch Staatskünste, Gesuche und Drohungen bei Kaiser Ferdinand dem Zweiten; jene, damit er dem neuen Herzoge die Belehnung bewilligte, diese, damit er sie ihm versagte und selbst seine Hilfe dazu hergäbe, ihn aus dem Herzogtum zu vertreiben. »Ich möchte beinah glauben,« sagte Graf Attilio, »daß die Sache sich friedlich ausgleichen läßt. Ich habe gewisse Argumente ...« »Glauben Sie's nicht, Herr Graf, glauben Sie's nicht,« unterbrach ihn der Stadtvogt. »Ich kann hierzulande von dergleichen wissen; denn der spanische Herr Kastellan, welcher aus Herablassung mir ein wenig gewogen und, da sein Vater ein Günstling des Grafen Herzogs, von allem unterrichtet ist ...« »Ich sage Ihnen, daß ich in Mailand täglich mit ganz andern Personen spreche, und weiß aus guter Quelle, daß der heilige Vater, der über alles Frieden wünscht, Anträge gemacht hat ...« »So sollte es sein, die Sache ist in der Ordnung, Seine Heiligkeit tut ihre Pflicht; ein Papst soll zwischen christlichen Fürsten immer Gutes stiften, der Graf Herzog aber hat seine Staatsgründe, und ...« »Mag sein,« entgegnete der Graf; »wissen Sie denn aber, wie der Kaiser in diesem Augenblicke denkt? Glauben Sie, daß Mantua allein in der Welt vorhanden ist? Es gibt viele Dinge, Herr, für die gesorgt sein will. Wissen Sie zum Beispiel, wie weit sich in diesem Augenblick der Kaiser auf seinen Fürsten Valdistano oder Vallistai, wie sie ihn nennen, verlassen darf, und ob ...« »Vagliensteino ist der wahre Name in deutscher Sprache,« unterbrach der Vogt wiederum, »so hab' ich ihn mehr als einmal von unserm spanischen Herrn Kastellan aussprechen hören. Deshalb aber lasse man sich nicht bange sein, denn ...« »Wollen Sie mich lehren?« sprach der Graf mit Heftigkeit dagegen; doch der Hausherr erinnerte ihn mit dem Knie, er möchte aus Liebe zu ihm nicht weiter widersprechen. Er schwieg, und so setzte der Vogt, wie ein Schiff, welches soeben von einer Sandbank losgekommen, mit geschwellten Segeln den Lauf seiner Beredsamkeit fort. – »Vagliensteino bekümmert mich wenig; denn der Graf Herzog hat ein Auge für jedwedes Ding und jedweden Ort, und wenn dieser Vagliensteino auf den Einfall geriete, sich nach seiner Laune den Zügel schießen zu lassen, so wird er ihn schon, entweder mit Gutem oder mit Bösem, ins rechte Geleise wieder eintreten lehren. Er hat ein Auge für jedwedes Ding, sag' ich, und lange Arme, und wenn er den Nagel mit gehöriger Entschlossenheit eingeschlagen hat, wie er ihn wirklich hat, so läßt sich's von einem so großen Staatsmann wie ihm erwarten, daß der Herr Herzog von Nevers in Mantua keine Wurzeln schlägt; der Herzog von Nevers wird keine Wurzeln dort schlagen, und der Herr Kardinal von Riciliu soll ein Loch ins Wasser gestochen haben.« Weiß der Himmel, wann der Segler ans Land gestoßen wäre; Don Rodrigo aber, durch die unwilligen Grimassen seines Vetters bewogen, winkte einem Diener, eine gewisse Flasche zu bringen. »Herr Stadtvogt,« sagte er, »und Sie, meine Herren, einen Toast dem Grafen Herzog, und dann sollen Sie mir sagen, ob des Herrn der Wein würdig.« – Der Vogt antwortete mit einer Verneigung, in welcher sich eine besondere Erkenntlichkeit zu verstehen gab; denn alles, was zu Ehren des Grafen Herzogs getan oder gesprochen ward, eignete er zum Teil, als gälte es ihm, sich selbst zu. »Lange lebe Don Gasparo Guzman, Graf von Olivarez, Herzog von San-Lucar, der große Günstling König Philipps des Großen, unseres Herrn!« rief er und hielt den Becher hoch. »Er lebe lange!« antworteten alle. »Schenkt dem Pater ein,« sagte Don Rodrigo. »Um Verzeihung,« erwiderte dieser, »ich habe schon zuviel getan und könnte nicht ...« »Wie?« sagte Don Rodrigo. »Es handelt sich um eine Gesundheit für den Grafen Herzog. Sollen wir glauben, Sie halten's mit den Navarresern?« So nannte man die Freunde der Franzosen; das Wort war wahrscheinlich um die Zeit entstanden, da man dem König von Navarra, Heinrich dem Vierten, die Nachfolge auf dem französischen Throne streitig machte; auch hieß er selbst bei seinen Widersachern gewöhnlich der Navarrese. Nach einer solchen Beschwörung mußte getrunken werden. Die Tischgenossen brachen alle in ein lautes Lob des Weines aus; nur unser Doktor Knotenhauer nicht. Denn der schwang sein Haupt in die Höhe, sah mit starren Blicken nach dem Becher, hielt die Lippen geschlossen und drückte sich durch solch ein Stillschweigen beredter als jeder andere aus. »Was meint Ihr zu dem, Doktor?« fragte Don Rodrigo. Indem er aus dem Becher mit einer Nase hervortauchte, welche es an Scharlach und Schimmer siegreich mit dem Weine selbst aufnahm, entgegnete der Doktor, auf jede Silbe einen kräftigen Drucker setzend: »Ich sage, tue kund und urteile, daß dies der Olivarez unter den Weinen ist; censui et in eam ivi sententiam , daß ein ähnliches Getränk in sämtlichen zweiundzwanzig Reichen des Königs, unsers Herrn, den Gott erhalten wolle, nicht zu finden; ich behaupte und erkläre, daß die Mittagstafel des erlauchten Herrn Don Rodrigo die Festschmäuse des Heliogabalus beschämt; daß Not und Teuerung von diesem Palaste, in welchem die Herrlichkeit thront und herrscht, auf ewige Zeiten verwiesen und verbannt sind.« »Gut gesagt! gut erklärt!« schrie die ganze Tischgesellschaft. Die Worte Not und Teuerung aber, die er zufällig hingeworfen, wandten den Sinn aller mit einemmal diesem traurigen Gegenstande zu, und alle sprachen von der Teuerung. Hier war man, in der Hauptsache wenigstens, einig; der Lärm jedoch war vielleicht noch größer, als wenn die Meinungen verschieden gewesen wären. Alles sprach zugleich. »Es ist gar keine Teuerung vorhanden,« meinte einer; »die Aufkäufer sind's, die ...« »Und die Bäcker,« half ihm ein anderer ein, »welche das Getreide unter Schloß halten. An den Galgen mit ihnen!« »Ganz recht, an den Galgen, ohne Gnad' und Barmherzigkeit!« »Gutes gerichtliches Verfahren!« schrie der Stadtvogt dazwischen. »Ei, was gerichtliches Verfahren!« überschrie ihn der Graf. »Summarische Gerechtigkeit! Man packt drei oder vier oder fünf oder sechs, welche der öffentlichen Meinung nach als die reichsten und ärgsten Hunde bekannt sind, und läßt sie baumeln.« »Ein Beispiel muß gegeben werden, ein Beispiel! Ohne Beispiel richtet man nichts aus.« »An den Galgen, an den Galgen mit ihnen, und von allen Seiten wird's Getreide regnen.« Wer durch einen Jahrmarkt hinwandernd, sich jemals an der Harmonie ergötzt hat, welche ein Trupp von Bänkelsängern gewährt, wenn zwischen einem und dem andern Liede ein jeder sein Instrument stimmt und es aus allen Kräften gellen läßt, um mitten unter dem Lärmgeklimpel der andern die eigenen Töne deutlich herauszuhören, der möge versichert sein, daß ähnlicherweise das Zusammenbrausen dieser Gespräche, wenn man sie so nennen kann, sich machte. Währenddessen füllte man die Gläser mit dem neuen Wein immer wieder; das Lob des Rebensaftes klang natürlich mit den Aussprüchen einer staatswirtschaftlichen Gerechtigkeitspflege zusammen, und so waren die beiden Worte, die sich am tönendsten und häufigsten vernehmen ließen: Nektar und Aufhängen . Don Rodrigo schielte indessen von Zeit zu Zeit nach dem Mönch. Er sah ihn in einem fort ruhig dasitzen, ohne ein Zeichen von Ungeduld oder Eile sich entwischen zu lassen, ohne eine Bewegung, die etwa daran erinnern sollte, daß er in Erwartung sich dort befand; zugleich aber sagte seine Miene auch, er sei gesonnen, sich nicht eher von der Stelle zu entfernen, als bis er Gehör erhalten. Gar gern hätte ihm der Hausherr den Paß unterschrieben und sich des unwillkommenen Gesprächs überhoben gesehen; einen Kapuziner aber verabschieden, ohne ihm Gehör bewilligt zu haben, das lief den Gesetzen seiner Lebensklugheit zuwider. Da sich also das lästige Geschäft nicht vermeiden ließ, faßte er den Entschluß, ihm augenblicklich lieber entgegenzugehen und auf diese Weise sobald als möglich es hinter sich zu haben. Er stand vom Tische auf und mit ihm die ganze weinglühende Schar, ohne ihren Unterhaltungslärm zu unterbrechen. Don Rodrigo bat die Gäste um Entschuldigung, näherte sich in gemessener Haltung dem Klosterbruder, der mit den andern zugleich aufgestanden, und sagte: »Zu Ihrem Befehl, Pater!« – Mit diesen Worten führte er ihn in ein anderes Zimmer. Sechstes Kapitel. »Womit kann ich Ihnen dienen?« sagte Don Rodrigo und nahm seine Stellung mitten im Zimmer. So hörten sich die Worte an; die Art und Weise aber, wie sie vorgebracht worden, gaben deutlich zu verstehen: Siehe wohl zu, vor wem du stehst; lege deine Worte auf die Wagschale und fasse dich kurz. Um unserm Bruder Cristoforo Mut einzuflößen, gab es kein sichereres und rascheres Mittel, als mit hochmütiger Gebärde ihn anzureden. Er, der schwankend dastand, nach Worten umhersuchte und die Kügelchen des Rosenkranzes, welchen er nach Art eines Gürtels trug, zwischen den Fingern laufen ließ, als wenn er auf einem derselben den Anfangsbuchstaben seiner Rede zu finden hoffte, fühlte plötzlich bei diesem Benehmen des Don Rodrigo eine größere Fülle von Worten, als es bedurfte, auf den Lippen. Zu gleicher Zeit aber besann er sich, wieviel darauf ankäme, seine Angelegenheit oder, was weit mehr sagen will, die Angelegenheit andrer nicht zu verderben; daher mäßigte und verbesserte er die Redensarten, welche seinem Geiste sich dargeboten, und sagte mit behutsamer Ergebenheit: »Ich komme, Ihnen eine Handlung der Gerechtigkeit vorzutragen, Sie um erbarmensvollen Beistand zu bitten. Gewisse schlimmgeartete Leute haben sich Ihres erlauchten Namens bedient, um einen armen Pfarrer in Furcht zu setzen und ihn von der Erfüllung seiner Pflicht zurückzuschrecken. Und das, um ein unschuldiges Paar zu unterdrücken. Sie können, verehrter Herr, mit einem einzigen Worte diese Menschen zuschanden machen, können alles damit wieder in Ordnung bringen und den Armen, denen so großes Unrecht geschehen, wieder aufhelfen. Sie können es, und da Sie es können ... das Gewissen, die Ehre ...« »Sie werden von meinem Gewissen mit mir sprechen, sobald ich es für gut finden werde, Sie deshalb um Rat zu fragen. Was meine Ehre betrifft, so mögen Sie wissen, daß ich, und ich allein, ihr Wächter bin; wer sich mir aufzudringen wagt, um diese Sorge mit mir zu teilen, den betrachte ich als einen verwegenen Beleidiger.« Bruder Cristoforo entnahm aus dieser Rede, daß Don Rodrigo seinen Worten eine arge Bedeutung anzudichten, das Gespräch in einen Wortstreit zu verwandeln suchte und auf diese Weise ihm die Gelegenheit, zur Hauptsache zu kommen, verrennen wollte; er nahm daher seine Zuflucht zur duldenden Gelassenheit, beschloß, sich ruhig alles gefallen zu lassen, was sein Mann auch immer sagen würde, und antwortete alsobald in ehrfurchtsvollem Tone: »Wenn ich etwas Mißfälliges gesagt habe, so ist es wahrlich ganz und gar gegen meine Absicht geschehen. Weisen Sie mich zurecht, lassen Sie mich Ihren Tadel fühlen, wenn ich nicht zu sprechen verstehe, wie sich's gebührt; aber geruhen Sie, mich anzuhören. Beim ewigen Himmel, bei jenem Richter der Welt, vor dessen Augen wir alle erscheinen müssen« – und während er so sprach, hielt er seinem finsterblickenden Zuhörer den kleinen hölzernen Totenkopf, den er am Rosenkranze hängen hatte, vor die Augen – »Sie werden nicht hartnäckig eine so leichte Handlung der Gerechtigkeit, die man armen Unglücklichen so sehr schuldig, verweigern. Bedenken Sie, daß Gottes Augen stündlich auf diese Armen gerichtet, daß auch ihr Flehen dort oben vernommen wird. Mächtig ist die Unschuld in ihrem ...« »Ei, Pater,« unterbrach ihn Don Rodrigo mit Heftigkeit, »die Achtung, die ich vor Ihrem Kleide habe, ist groß; wenn mich aber etwas dahin bringen könnte, sie zu vergessen, so wär's, Sie mit einem zu verwechseln, der in mein Haus mir zu schleichen wagt, um hier den Kundschafter zu spielen.« Eine plötzliche Glut stieg in den Wangen des Mönchs empor; mit der Miene eines Menschen aber, welcher ein bitteres Arzneimittel nimmt, entgegnete er: »Sie glauben selbst nicht, daß solch ein Titel mir gebühre. In Ihrem Herzen empfinden Sie, daß mein Geschäft hier weder niedrig noch verächtlich. Hören Sie mich, Don Rodrigo, und wolle der Himmel nicht, daß dereinst ein Tag erscheine, wo es Sie reut, mich nicht angehört zu haben. Setzen Sie Ihren Ruhm nicht ... welchen Ruhm, Don Rodrigo! Welchen Ruhm bei den Menschen! Und welchen vor Gott! Sie vermögen hier auf Erden viel, aber ...« »Wissen Sie,« fiel ihm jener ärgerlich, doch nicht ohne eine Anwandlung von Schauer ins Wort, »wissen Sie, daß ich recht gut wie jeder andre meinen Weg zur Kirche zu finden verstehe, wenn mir einmal die Grille ankommt, eine Predigt zu hören? Aber in meinem eigenen Hause – o,« fuhr er mit erzwungenem Lächeln des Hohnes fort, »Sie nehmen mich für etwas Höheres, als ich bin. Den Prediger im Hause! Das haben nur Fürsten.« »Der Gott, welcher den Fürsten Rechenschaft abfordert und in ihrer Hofburg seine Stimme sie verstehen lehrt, der Gott, welcher in diesem Augenblicke eben seine Barmherzigkeit verkündigt, indem er seinen unwürdigen elenden Diener, aber doch immer seinen Diener hersendet, für eine Unschuldige zu bitten ...« »Kurz, Pater,« sagte Don Rodrigo, indem er Miene machte, sich wegzubegeben; »ich weiß nicht, was Sie sagen wollen; nur so viel leuchtet mir ein, daß Ihnen irgendeine Dirne gar sehr am Herzen liegen muß. Schenken Sie Ihr Vertrauen, wem Sie wollen; nehmen Sie sich's aber nicht heraus, einem Edelmann länger damit beschwerlich zu fallen.« Während Don Rodrigo sich auf den Weg machen wollte, hatte sich auch Bruder Cristoforo in Bewegung gesetzt, trat ihm ehrfurchtsvoll in den Weg, erhob die Hände, um ihn anzuflehen und zugleich ihn zurückzuhalten, und nahm wieder das Wort: »Sie liegt mir am Herzen, es ist wahr, aber nicht mehr als Sie; zwei Seelen sind's, um welche beide ich besorgter bin als um mein Leben. Don Rodrigo! Ich kann nichts für Sie tun, als zu Gott flehen; aber ich tu's von Herzen. Antworten Sie mir nicht mit Nein; lassen Sie ein armes unschuldiges Mädchen nicht länger in Angst und Schrecken schweben. Ein Wort aus Ihrem Munde vermag alles.« »Nun gut,« sagte Don Rodrigo, »da Sie der Meinung sind, daß ich für die Person viel tun kann, da diese Person Ihnen so sehr am Herzen liegt ...« »Nun?« fragte in ängstlicher Erwartung Bruder Cristoforo; denn Don Rodrigos Blick und Gebärde erlaubten ihm nicht, der Hoffnung, welche diese Worte zu verkündigen schienen, sich ganz zu überlassen. »Gut, so raten Sie ihr, sie möge kommen und sich in meinen Schutz begeben. Es soll ihr nichts abgehen, und keiner wird sich unterstehen, sie zu beunruhigen, oder ich bin kein ritterlicher Edelmann!« Bei einem solchen Vorschlag brach der Unwille des Mönchs, bisher mit Gewalt unterdrückt, ungestüm durch. Alle die schönen Vorsätze von Klugheit und Geduld verschwanden; der ehemalige Mann floß mit dem gegenwärtigen zusammen, und in solchen Fällen galt Bruder Cristoforo wahrlich für zwei. »Euer Schutz!« rief er, trat zwei Schritte zurück, stützte sich stolz auf den einen Fuß, legte die rechte Hand an die Hüfte, erhob die linke mit ausgestrecktem Zeigefinger gegen Don Rodrigo und sah ihm mit zwei flammenden Augen schreckend ins Gesicht: »Euer Schutz! Gut, daß Ihr so gesprochen, daß Ihr mir einen solchen Vorschlag gemacht. Ihr habt das Maß bis an den Rand gefüllt, ich fürchte Euch nicht mehr!« »Wie sprichst du, Mönch?« »Ich spreche, wie man mit denen spricht, die von Gott verlassen sind und niemanden mehr in Furcht setzen können. Euer Schutz! Ich wußte wohl, daß die Unschuldige unter Gottes Schutz steht; Ihr aber, Ihr lasset mich's jetzt mit solch einer Gewißheit empfinden, daß ich keiner Rücksicht weiter bedarf, um mit Euch davon zu reden. Lucia, sag' ich; Ihr seht, wie ich diesen Namen mit erhobener Stirn und schwankenlosen Blicken ausspreche –« »Wie? In diesem Hause!« »Ich bedaure dieses Haus, der Fluch schwebt über seinen Zinnen. Seht zu, ob die göttliche Gerechtigkeit vor vier Flintenläufen und vier Mordknechten Achtung hat. Meint Ihr, Gott habe ein Geschöpf nach seinem Ebenbilde in die Welt gesetzt, um Euch die Lust zu verschaffen, es zu quälen? Meint Ihr, Gott wisse das Mädchen nicht zu verteidigen? Ihr habt seinen Rat verächtlich von Euch gewiesen, Ihr habt Euch selbst gerichtet. Das Herz des Pharao war verstockt wie das Eure, und Gott wußte es zu zerschmettern. Lucia ist vor Euch sicher; ich armer Mönch sag' es Euch, und was Euch betrifft, hört wohl, was ich Euch verspreche. Es wird ein Tag kommen ...« Don Rodrigo hatte bisher zwischen Wut und staunender Verwunderung geschwebt und keine Worte gefunden; sobald er aber die ersten Töne einer Prophezeiung vernahm, gesellte sich zur Entrüstung ein ferner geheimnisvoller Schrecken. Er griff hastig durch die Luft nach jener drohenden Hand, erhob die Stimme, um den Mund des unheilverkündenden Propheten augenblicklich zum Schweigen zu bringen, und schrie: »Aus meinen Augen, verwegener Schurke, jämmerlicher Taugenichts in der Kapuze!« So entschiedene Worte brachten auf einen Augenblick unsern Cristoforo zur Ruhe. Mit der Vorstellung von Schmach und Beschimpfung war die Vorstellung von Dulden und Schweigen so innig und seit so langer Zeit in seinem Geiste verschwistert, daß aller Zorn und alle Heftigkeit bei dieser Höflichkeitsbezeugung ihm entschwanden und kein andrer Entschluß ihm blieb, als ruhig mit anzuhören, was dem Gegner noch weiter hinzuzufügen belieben würde. Nachdem er daher seine Hand aus den Klauen des Edelmannes sanft zurückgezogen, senkte er das Haupt und blieb unbeweglich stehen, wie beim Nachlassen des Windes, mitten in einem Sturmwetter, eine alte Eiche ihre Zweige wieder in natürliche Stellung legt und dann die Schloßen empfängt, wie der Himmel sie herabschickt. »Ausgemachter Grobian,« fuhr Don Rodrigo fort, »tust, als wenn du vor deinesgleichen stündest. Aber dank' es der Kutte, die dir die breiten Halunkenschultern deckt, sonst solltest du die Liebkosungen kosten, womit man Leute von deinem Gelichter reden lehrt. Mach' dich für diesmal mit geraden Beinen fort, und dann werden wir sehen.« Indem er so sprach, deutete er mit höhnendem Gebot nach einer Türe, der Seite, wo sie hereingetreten, gegenüber. Bruder Cristoforo verneigte sich und ging; Don Rodrigo blieb und durchmaß mit heftigen Schritten das Schlachtfeld. Nachdem der Mönch die Türe hinter sich geschlossen, sah er im andern Zimmer, in welches er eben getreten, einen Menschen behutsam längs der Wand hinschlüpfen, als wollte er vom Zimmer des Gespräches aus nicht gesehen werden. Es war der alte Diener, der ihn an der Straßenpforte empfangen hatte. Der befand sich im Hause seit vierzig Jahren, seit Don Rodrigos frühester Jugend nämlich; um diese Zeit war er in die Dienste des Vaters getreten, welcher ein ganz anderer Mann gewesen. Nachdem dieser gestorben, verabschiedete der neue Herr die sämtlichen Diener und schaffte sich eine neue Schar an; den einzigen Alten behielt er, teils seiner Jahre wegen, teils weil er, obgleich von durchaus verschiedener Sitte und Gesinnung mit dem jungen Gebieter, diesen Übelstand vollkommen durch zwei Eigenschaften ersetzte; fürs erste hatte er einen angeborenen hohen Begriff von der Würde des Hauses, dann besaß er eine außerordentliche Erfahrung in den festlichen Staatsgebräuchen, und keiner kannte die ältesten Überlieferungen, die geringfügigsten einzelnen Punkte besser als er. Bruder Cristoforo sah ihn im Vorbeigehen, grüßte ihn und setzte seinen Weg fort. Der Alte aber trat geheimnisvoll zu ihm hin, legte den Zeigefinger auf den Mund und gab ihm dann mit demselben Finger einen einladenden Wink, mit ihm nach einem dunklen Gang zu kommen. Sobald er ihn dort hingeführt, sagte er ihm mit leiser Stimme: »Ehrwürdiger Vater, ich habe alles gehört und muß Ihnen ein Wort vertrauen.« »Sagt geschwind, lieber Mann.« »Hier nicht,« flüsterte der Alte. »Weh mir, wenn der Herr es merkt! Ich werde aber noch manches erfahren können und zusehen, ob es mir möglich ist, morgen nach dem Kloster zu kommen.« »Gibt's irgendeinen Plan?« »Es schwebt so was, das ist gewiß; ich hab's schon merken können. Jetzt aber werde ich aufpassen und gedenke, alles herauszukriegen. Lassen Sie mich nur machen. Ich bekomme Dinge zu sehen und zu hören, greuliche Dinge! Ich bin in einem Hause – meine Seele aber möcht' ich bewahren.« »Der Himmel schenke Euch seinen Segen!« – Der Mönch sprach diese Worte mit frommer Ehrfurcht aus und legte seine Hand auf den Scheitel des Dieners, welcher, obschon älter als er, in der Stellung eines Sohnes gesenkt vor ihm stand. – »Der Herr wird's Euch lohnen,« fuhr Bruder Cristoforo fort; »vergeßt nicht, morgen zu kommen.« »Ich werde kommen,« antwortete der Alte; »Sie aber, Herr, gehen Sie schnell und, um Himmels willen, verraten Sie mich nicht!« Indem er so bat und rings umherschaute, trat er am andern Ende des Ganges hinaus in einen Saal, dessen Türe sich nach dem Hof öffnete. Hier überzeugte er sich, daß kein Zeuge zu fürchten, und rief den guten Mönch heraus, dessen Gesicht die letzte Bitte deutlicher beantwortete, als irgendeine Beteuerung gekonnt hätte. Der Alte zeigte ihm den Ausgang, und ohne weiter ein Wort zu sprechen, entfernte er sich. Nachdem er auf die Straße gekommen und der Tigerhöhle den Rücken zugewandt hatte, atmete Bruder Cristoforo freier auf und stieg mit eiligen Schritten die Anhöhe hinab. Noch glühte sein Gesicht über und über; was er gehört und gesagt hatte, erhielt ihn, wie jedermann leicht denken kann, eine ganze Zeit hindurch noch in Bewegung und stürmte in seinem Busen nach. Die unerwartete Mitteilung des alten Dieners aber war eine mächtige Herzstärkung für ihn; der Himmel schien ihm ein sichtbares Zeichen seiner schirmenden Vorsicht gegeben zu haben. – Währenddessen waren in Agnesens Häuschen Pläne ersonnen und in Erwägung gebracht worden, von welchen wir den Leser unterrichten müssen. Nach der Abreise des Bruders Cristoforo hatten alle drei eine Zeitlang schweigend nebeneinander gestanden; Lucia bereitete traurigen Herzens das Mittagessen; Renzo setzte sich jeden Augenblick in Bewegung, um dem Anblick der bekümmerten Geliebten zu entgehen, und konnte sich dessenungeachtet nicht losreißen; Agnese war aufmerksam mit der Haspel beschäftigt, welche sie fleißig schwingen ließ. In der Tat aber brütete sie über einen Gedanken, und als er ihr endlich reif schien, brach sie das Stillschweigen. »Hört, Kinder,« sagte sie, »wenn ihr beherzt und klug sein wollt, wie's nötig tut; wenn ihr Vertrauen zu eurer Mutter habt« – bei diesem eurer bebte Lucia das Herz in entzückter Aufwallung – »so verpflichte ich mich, euch aus der Bedrängnis zu ziehen, besser und schneller vielleicht als Pater Cristoforo, obgleich er der Mann ist, der er ist.« Lucia stand still und sah sie mit einer Miene an, welche eher Verwunderung als Vertrauen zu einem so prächtigen Versprechen meldete. Renzo aber sagte schnell: »Beherzt? klug? Erklärt, erklärt, was geschehen kann!« »Ist es nicht wahr,« fuhr Agnese fort, »wenn ihr verheiratet wärt, so wäre damit immer ein gar schönes Stück gewonnen? Und für alles übrige tät sich dann weit leichter ein Ausweg finden.« »Wer zweifelt daran?« war Renzos Antwort. »Wenn wir vorm Altar gestanden hätten ... es läßt sich überall auf Erden wohnen, und ein paar Schritte von hier, um Bergamo herum, wer in Seide arbeitet, wird dort mit offenen Armen aufgenommen. Ihr wißt, wie oft mein Vetter Bortolo mich hat auffordern lassen, hinzukommen und dort mit ihm zu leben; ich würde mein Glück machen, wie er's gemacht hat, und wenn ich niemals darauf hingehört habe, so war's ... was hilft's? – weil ich mein Herz hier hatte. Wenn wir ein eheliches Paar sind, so gehen wir alle zusammen, schlagen dort unsre Hütte auf und leben in heiligem Frieden, vor den Klauen des Schurken da sicher und weit weg von der Versuchung, einen heillosen Streich zu begehen. Ist's nicht so, Lucia?« »Jawohl,« sagte Lucia; »aber wie ...« : »Wie ich gesagt habe,« nahm Agnese das Wort; »beherzt und flink, so ist die Sache leicht, Kinder.« »Leicht?« fragte das Paar zugleich, welchem die Sache so außerordentlich, so schmerzlich schwer geworden. »Leicht, wenn man weiß, wie man's anzufangen hat,« versicherte die Hausfrau. »Hört mir wohl zu, ich will sehen, daß ich's euch begreiflich machen kann: Ich habe von Leuten, die Bescheid wissen, sagen hören, auch selber einmal so einen Fall gesehen, daß, um eine Ehe zu vollziehen, der Pfarrer wohl nötig ist; es ist aber nicht nötig; daß er eben seine Zustimmung gibt; genug, daß er da ist.« »Wie wäre das zu verstehen?« fragte Renzo. »Hört zu, so werdet ihr's begreifen. Es kommt auf zwei geschickte Zeugen an, die miteinander eines Sinnes sind: wenn man die hat, geht man zum Pfarrer; die Hauptsache ist, daß man ihn unversehens erwischt und ihm keine Zeit bleibt, sich davonzumachen. Der Mann sagt: ›Herr Pfarrer, die hier ist mein Weib‹, das Mädchen sagt: ›Das ist mein Ehemann, Herr Pfarrer‹. Der Pfarrer muß es hören, die Zeugen müssen's hören, und die Ehe ist geschlossen, so heilig und unverletzlich, als wenn der Papst selber das Paar zusammengegeben hätte. Sobald diese Worte gesagt sind, so mag der Pfarrer schreien, Lärm schlagen, Gift speien wie ein Teufel; hilft alles nichts, ihr seid Mann und Weib!« Die Sache verhielt sich wirklich so, wie Agnese sie vorgestellt hatte; Ehen, auf solche Weise vollzogen, wurden damals als vollkommen gültig betrachtet und galten selbst bis zu unsern Tagen dafür. Da indessen zu einer solchen Aushilfe niemand anders seine Zuflucht nahm, als wer auf dem gewöhnlichen Wege Hindernisse gefunden oder keine Einwilligung zu erlangen vermocht hatte, so standen die Pfarrer sorgfältig auf ihrer Hut, um solch eine erzwungene Mitwirkung zu vermeiden; und war einer unter ihnen von solch einem Paare, welches sich von Zeugen begleiten ließ, dessenungeachtet überrascht worden, so gab er sich alle mögliche Mühe, um aus dem Handel zu kommen, wie Proteus aus den Händen derer, die ihn mit Gewalt zum Prophezeien bewegen wollten. »Wenn das wahr wäre, Lucia!« sagte Renzo und blickte ihr mit dem Ausdruck bittender Erwartung ins Gesicht. »Was, wenn's wahr wäre?« fragte Agnese. »Glaubt ihr, daß ich euch Märchen auftische? Ich martre mich ab um euretwillen, und dann glaubt man mir nicht; gut, gut; zieht euch selbst aus der Schlinge, wie ihr könnt; ich wasche mir die Hände.« »Nein, verlaßt uns nicht!« rief Renzo. »Ich hab nur so gesprochen, weil mir die Sache gar zu schön vorkam. Ich hab mich Euren Händen übergeben und seh Euch so an, als wäret Ihr meine wirkliche Mutter.« Vor solch einer Versicherung löste sich Agnesens augenblicklicher Verdruß bald auf; sie vergaß einen Vorsatz, der wirklich nur in Worten bestanden hatte. »Warum also, Mutter,« fragte Lucia im Ton ihrer gewöhnlichen Bescheidenheit, »wie geht es zu, daß der Einfall nicht dem Vater Cristoforo in den Sinn gekommen ist?« »In den Sinn gekommen?« erwiderte Agnese. »In den Sinn wird er ihm schon gekommen sein, er hat ihn aber nicht heraussagen mögen.« »Weshalb nicht?« fragte das Paar zugleich. »I nun, weil ... wenn ihr es wissen wollt, weil die Geistlichen behaupten, es stehe mit der Sache nicht ganz richtig.« »Es steht nicht ganz richtig mit der Sache,« sagte Renzo, »und doch ist sie ganz gut abgemacht, sobald sie einmal abgemacht ist? Wie reimt sich das!« »Was soll ich euch sagen?« war Agnesens Antwort. »Das Gesetz haben andre Leute gemacht, wie sie's für gut gehalten haben; wir armen Leute aber können nicht jedwedes begreifen. Und dann, wie viele Dinge ... Seht, es ist gerade, als wenn ihr einem Christenmenschen einen Schlag mit der Faust gebt. Es ist freilich kein gutes Geschenk; aber habt ihr ihm einmal einen versetzt, so kann ihm selber der Papst ihn nicht wieder abnehmen.« »Wenn's etwas ist, womit es nicht ganz richtig steht,« sagte Lucia, »so muß es unterbleiben.« »Wie?« fragte Agnese. »Werde ich dir etwa einen Rat gegeben haben, der sich mit der Gottesfurcht nicht verträgt? Wenn's gegen den Willen deiner Eltern geschähe, um einen Hals über Kopf an den Arm zu kriegen; so aber bin ich ja damit zufrieden, und es geschieht, um dich mit dem jungen Mann hier zu verheiraten; der die ganze Verwirrung angestellt hat, ist ein Schurke, und der Herr Pfarrer ...« »'s ist klar wie die Sonne,« sagte Renzo. »Man muß aber mit dem Pater Cristoforo nicht davon reden, ehe die Sache vor sich geht,« fuhr Agnese fort. »Ist sie aber geschehen und gut ausgefallen, wie meinst du wohl, wird dann der Pater zu dir sprechen? – ›Ei, Mädchen,‹ wird er sagen, ›das war eine starke Übereilung; indessen ihr habt sie einmal begangen.‹ – Die Geistlichen müssen so reden. Glaub mir aber, im Herzen wird er auch damit zufrieden sein.« Lucia fand zwar keine eigentlichen Gründe, um sie diesen Vernunftschlüssen der Mutter entgegenzusetzen, indessen wollte ihr die Sache doch nicht recht zusagen; Renzo dagegen sagte vollkommen ermutigt: »Wenn's so ist, so ist die Sache so gut wie getan.« »Langsam!« rief ihm Agnese zu. »Und die Zeugen? Und die Art, wie man den Pfarrer faßt, der sich schon ganze zwei Tage im Hause verkrochen hält? Und ihn dahin zu bringen, daß er standhält? Denn ist er schon schwerfällig von Natur, so sag ich euch, wenn er euch in der nämlichen Absicht mitsammen ankommen sieht, wird er geschmeidig wie eine Katze werden und euch unter den Händen entwischen, wie der Teufel aus gebenedeitem Wasser.« »Ich hab's gefunden, wie sich's machen läßt, ich hab's gefunden,« sagte Renzo. Dabei schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß das Küchengeschirr, welches zum Mittagessen fertig dastand, klingend in die Höhe sprang. Sodann setzte er seinen Plan auseinander und fand bei Agnese vollständigen Beifall. »Das sind verwickelte Dinge,« sagte Lucia, »nicht glatte und klare Schritte. Bisher sind wir immer aufrichtig zu Werke gegangen; wir wollen auch weiterhin im Glauben wandeln, und Gott wird uns helfen; Vater Cristoforo hat's gesagt. Wir wollen seine Meinung hören.« »Laß dich von dem leiten, der's versteht,« sagte Agnese mit ernster Miene. »Was brauchen wir erst um Meinung zu fragen? Gott sagt: ›Hilf dir, so werde ich dir auch helfen.‹ Dem Pater erzählen wir alles, wenn's vorbei ist.« »Lucia,« sagte Renzo, »willst du jetzt mich verlassen? Haben wir nicht alles Unsrige, wie gute Christen, getan? Müßten wir nicht jetzt schon von Rechts wegen Mann und Weib sein? Hatte uns nicht der Pfarrer selber Tag und Stunde angegeben? Und wessen Schuld ist's, wenn wir uns jetzt mit einem bißchen List müssen zu helfen suchen? Nein, verlaß mich nicht. Ich gehe und kehre mit der Antwort zurück.« – Er begrüßte Lucia in bittender Stellung, die Mutter aber mit der Miene des Einverständnisses und entfernte sich. Peinliche Lagen, heißt es, machen klug. Renzo, welcher bisher auf dem geraden und ebenen Wege seines Lebens sich niemals in dem Falle befunden, seinen Verstand bedeutend anzustrengen, hatte hier ein Mittel ersonnen, das wirklich selbst einem Rechtsgelehrten Ehre gemacht hätte. Er ging geradeswegs, dem entworfenen Plane gemäß, nach dem benachbarten Hause eines gewissen Tonio und fand ihn in der Küche, wo er, mit einem Knie auf die Schwelle des Feuerherdes sich stützend und den Rand eines Topfes, der über heißer Asche stand, mit der Rechten haltend, einen grauen Brei aus türkischem Weizen mit einem gebogenen Teigholze umrührte. Die Mutter, ein Bruder und die Frau des Tonio saßen am Tische; drei oder vier Kinder standen umher, hatten die Augen aufmerksam auf den Topf gerichtet und erwarteten den Augenblick, wo er umgestürzt werden sollte. Doch war nichts von jener Fröhlichkeit zu bemerken, welche der Anblick der Mahlzeit in denjenigen, die sie durch Anstrengung verdient haben, zu erwecken pflegt. Die Masse des Breies war nach dem Gebote der kärglichen Zeit, nicht nach der Zahl und der gesunden Eßlust der Tischgenossen eingerichtet; jeder von diesen betrachtete mit dem scheelen Blicke des gierigen Verlangens die gemeinschaftliche Speise und schien den Hunger zu berechnen, mit welchem er nach der Mahlzeit noch zu kämpfen haben würde. Während Renzo die Familie begrüßte, stürzte Tonio den Topf über das hölzerne Schneidebrett um, welches bereit lag, den Brei aufzunehmen; es war ein kleiner Mond in einem großen Dunstkreise. Dennoch sagten die Frauen höflich zum Gaste: »Wollt Ihr nicht teilnehmen?« eine Artigkeit, welche der lombardische Bauer, sooft ihn jemand bei der Mahlzeit besucht, niemals unterläßt, wenn der Fremde auch ein reicher Prasser, soeben von der Tafel aufgestanden, wäre und er selbst schon beim letzten Bissen stände. »Ich danke,« sagte Renzo. »Bin lediglich gekommen, um ein Wörtchen mit Tonio zu reden, und wenn du willst, Tonio, so können wir, um deine Frauen hier nicht zu stören, nach dem Gasthofe essen gehen und dort miteinander sprechen.« Der Vorschlag kam dem Tonio um so gelegener, je weniger er erwartet worden war. Die Frauen sahen es gar nicht ungern, daß ein Mitbewerber um den Weizenbrei, und zwar der furchtbarste, sich zurückziehen sollte. Der Eingeladene fragte weiter nicht und ging mit Renzo fort. Sie langten im Wirtshause des Dorfes an und saßen, ohne mit jemandem anders das Zimmer zu teilen, in aller Gemächlichkeit da. Denn das Elend hatte alle Gäste, die sonst sich hier zu erlustigen pflegten, dem Hause entwöhnt. Nachdem beide sich das wenige, was sich vorfand, hatten geben lassen und einen Becher Wein miteinander geleert hatten, begann Renzo mit geheimnisvoller Miene: »Wenn du mir einen kleinen Dienst leisten willst, so will ich dir dafür einen großen leisten, Tonio.« »Rede, rede,« antwortete dieser und schenkte sich ein, »du hast bloß zu befehlen. Heute könnte ich ins Feuer für dich laufen.« »Du bist dem Herrn Pfarrer fünfundzwanzig Lire Pacht schuldig für das Feld, das du vergangenes Jahr bebaut hast.« »O Renzo, Renzo, du machst mir deine Wohltat zu Wasser. Was bringst du hier auf einmal die Geschichte aufs Tapet?. Du hast mir meinen guten Willen stracks vertrieben.« »Wenn ich von deiner Schuld mit dir rede,« sagte Renzo, »so geschieht's bloß, weil ich die Absicht habe, wenn du willst, dir das Mittel zur Zahlung an die Hand zu geben.« »Sprichst du im Ernst, Renzo?« »Im Ernst. Nun, Tonio? Wärst du's zufrieden?« »Zufrieden? Alle Hagel, ob ich zufrieden wäre! Wenn's auch nichts weiter wäre, schon um die verdammten Gesichter nicht mehr zu sehen und das garstige Kopfdrehen, womit mich der Herr Pfarrer bedenkt, sooft wir einander in den Weg geraten. Und in einem fort heißt's hernach: ›Erinnert Euch, Tonio! Tonio, wann sehen wir uns, um unser Geschäft abzumachen?‹« »Also – wenn du mir ein kleines Dienstchen leisten willst, so liegen die fünfundzwanzig Lire da!« »Sag frisch!« »Aber ...« sagte Renzo, indem er den Zeigefinger quer über die Lippen legte. »Braucht's das erst? Du kennst mich, mein' ich, Renzo.« »Der Herr Pfarrer kommt mit etlichen abgeschmackten Gründen angeschlichen, um meine Verheiratung in die Länge zu ziehen. Ich aber will herauszukommen suchen. Sie haben mir für gewiß gesagt, wenn wir Brautleute vor ihn mit einem Paar Zeugen hintreten und ich spreche: ›Das ist mein Weib,‹ und Lucia: ›Das ist mein Mann,‹ so ist die Vermählung vollständig abgemacht. Hast du mich verstanden, Tonio?« »Du willst, daß ich als Zeuge mit dir gehe?« »Das will ich.« »Und willst die fünfundzwanzig Lire für mich zahlen?« »Das ist meine Absicht.« »Ein Schurke, wer dich im Stich läßt, Renzo!« »Wir müssen aber noch einen andern Zeugen auftreiben, Freund.« »Ich hab ihn schon. Mein Bruder Gervaso da, der arme Schlucker, der tut, was ich ihm sage. Wird's dir dabei auf eine Lumperei zu einem Glas Wein für ihn ankommen, Renzo?« »Er soll auch zu essen haben,« antwortete dieser. »Wir führen ihn hierher, er soll sich hier gütlich mit uns tun. Wird er aber Bescheid wissen?« »Ich werd's ihm schon stechen,« versicherte Tonio. »Du weißt wohl, ich habe seinen Teil Gehirn mit in den Schädel bekommen.« »Morgen ...« »Gut.« »Gegen Abend ...« »Ganz gut.« »Aber ...« sagte Renzo und legte den Zeigefinger noch einmal an die Lippen. »Pah!« antwortete Tonio, neigte den Kopf nach der rechten Schulter hin und hielt die linke Hand in die Höhe, als sagte er: Ihr tut mir unrecht. »Also morgen früh,« sagte Renzo, »wollen wir's noch klarer miteinander verabreden, um die Sache fein artig in den Gang zu bringen.« Somit verließen sie das Wirtshaus, Tonio begab sich nach Hause und sann auf ein Märchen, welches er den Frauen aufbinden wollte; Renzo eilte, von der vorgenommenen Verabredung Bericht abzustatten. Währenddessen hatte sich's Agnese vergebens sauer werden lassen, die Tochter zu bereden. Diese setzte jedem Verteidigungsgrunde das eine oder das andre Glied ihres Dilemma entgegen: entweder ist die Sache schlecht, und so muß sie unterbleiben, oder sie ist's nicht, und warum soll sie da dem Pater Cristoforo nicht mitgeteilt werden? Renzo trat mit siegreicher Miene herein, stattete seinen Bericht ab und schloß mit einem »Ahn?«, einem mailändischen Ausruf, welcher etwa sagen will: Bin ich ein Kerl oder nicht? Läßt sich was Besseres finden? Wäre das euch eingefallen? Lucia schüttelte leise den Kopf; die beiden aber, für ihren Plan lebhaft eingenommen, fragten wenig nach ihr, ungefähr wie man mit einem Kinde verfährt, wenn man daran verzweifelt, ihm den Beweggrund einer Sache begreiflich zu machen, und es dann mit Bitten und durch Autorität zum beabsichtigten Schritte zu bringen sucht. »Gut,« sagte Agnese, »so geht's ganz gut; aber ... Ihr habt doch noch nicht an alles gedacht, Renzo.« »Woran fehlt's denn noch?« fragte der Jüngling. »Und Perpetua? Perpetua ist Euch nicht eingefallen. Die wird allenfalls den Tonio und seinen Bruder über die Schwelle lassen; aber Euch! Euch beide! Bedenkt! Wird sie nicht den Befehl haben, Euch vom Hause noch weiter weg zu halten als einen Jungen von einem Birnbaum mit reifen Früchten?« »Was stellen wir nun da an?« sagte Renzo und ward nachdenklich. »Seht Ihr? Ich habe daran gedacht, ich. Ich werde mit Euch gehen; dann hab ich ein Geheimnis, um sie beiseite zu locken; ist das geschehen, so bezaubere ich sie dermaßen, daß sie Euch gar nicht gewahr wird, und so könnt Ihr hineingehen. Ich werde sie rufen und will sie auf eine Fährte bringen ... Ihr werdet sehen.« »Prachtvolle Frau!« rief Renzo. »Ich hab's immer gesagt, daß Ihr in allen Stücken unsere Hilfe seid.« »Das kann aber alles nichts helfen,« sagte Agnese, »wenn wir der da den Kopf nicht zurechtsetzen. Sie besteht darauf, daß wir eine Sünde begehen.« Nun trat auch Renzo mit seiner Beredsamkeit ins Feld; Lucia indessen ließ sich nicht irremachen. »Was ich auf eure Gründe da antworten soll, weiß ich nicht,« sagte sie; »so viel aber sehe ich, um die Sache so auszuführen, wie ihr da sagt, muß man ganz heillos seine Zuflucht zu heimlicher List, zu Lügen und Erdichtungen nehmen. Ach Renzo! So haben wir nicht angefangen. Ich wünsche, dein Weib zu sein« – und sie konnte das Wort nicht hervorbringen, ihren Wunsch nicht mitteilen, ohne über und über mit glühenden Wangen dazustehen – »ich will dein Weib sein, aber auf geradem Wege, wie die Furcht vor Gott gebietet, vorm Altare. Lassen wir den oben handeln. Weiß er etwa nicht, den Knoten zu lösen, wenn er uns helfen will, zehnmal besser, als wir's mit all diesen Schelmenstreichen imstande sind? Und warum wollen wir dem Vater Cristoforo ein Geheimnis daraus machen?« Der Streit dauerte fort und schien kein Ende zu finden, als ein eilfertiger Sandalentritt und das Geräusch eines auf- und zuschlagenden Mantels, ungefähr wie wenn die Stöße des Windes ein schlaffes Segel treffen, den Pater Cristoforo verkündigten. Man schwieg, und Agnese hatte kaum die Zeit, Lucien ins Ohr zu raunen: »Hüte dich wohl, ihm etwas zu sagen.« Siebentes Kapitel. Pater Cristoforo langte in der Stellung eines tüchtigen Feldherrn an, welcher ohne ein Vergehen von seiner Seite eine bedeutende Schlacht verloren hat und nun, betrübt, aber nicht entmutigt, gedankenvoll, aber immer seine Fassung behauptend, in eiligem Marsch, aber keineswegs in Flucht, sich nach derjenigen Gegend hinbegibt, wohin die Not ihn ruft, um die bedrohten Punkte zu sichern, seine Scharen wieder in schlagfertigen Stand zu setzen und neue Befehle zu einem neuen Feldzuge zu geben. »Gottes Friede sei mit euch!« sagte er, indem er eintrat. »Von dem Menschen läßt sich nichts hoffen; um so mehr müssen wir unser Zutrauen in Gott setzen, und ich meine, schon ein Pfand seines himmlischen Schutzes zu haben.« Allerdings hatte keiner unter den dreien sich vom Versuche des Bruders Cristoforo eben viel versprochen; denn einen Mächtigen von einer übermütigen Gewalthandlung zurückschreiten zu sehen, wo keine höhere Gewalt ihn überflügelt, aus bloßer Herablassung gegen waffenlose Bitten, war eine mehr unerhörte als seltene Sache. Nichtsdestoweniger war die traurige Gewißheit ein Schlag für alle. Die Frauen ließen mutlos die Köpfe hängen; in Renzos Seele aber trug der Zorn über die Niedergeschlagenheit den Sieg davon. Diese Botschaft fand ihn bereits durch eine Reihe von schmerzlichen Überraschungen, von fehlgeschlagenen Versuchen und getäuschten Hoffnungen erbittert und ergrimmt; was ihn aber in diesem Augenblicke besonders aufgebracht hatte, war Luciens Weigerung. »Ich möchte wissen,« rief er, mit den Zähnen knirschend und die Stimme gewaltsamer erhebend, als er jemals in Gegenwart des verehrten Klosterbruders getan, »ich möchte wissen, was für Ursachen der Hund angegeben hat, um zu behaupten ... um zu behaupten, daß meine Braut nicht meine Braut sein soll.« »Armer Renzo!« sagte der Pater im Tone des Mitleids, mit einem Blicke, welcher liebevoll zur Beruhigung aufforderte, »wenn der Mächtige, sooft er eine Ungerechtigkeit begehen will, immer auch gezwungen wäre, seine Gründe anzugeben, so würde es auf Erden anders zugehen, als wir's erleben.« »Hat er denn also gesagt, der Hund, daß er nicht will, bloß weil er nicht will?« »Auch nicht einmal das hat er gesagt, armer Renzo. Es läge selbst noch ein tröstlicher Vorteil darin, wenn sie, um die Unbilligkeit zu begehen, sie offen bekennen, müßten.« »Aber etwas hat er doch müssen verlauten lassen,« entgegnete Renzo; »was hat er denn nun gesagt, der höllische Sündenvogel?« »Seine Worte,« sagte Bruder Cristoforo, »verstanden habe ich sie, aber ich möchte sie dir nicht wiederholen. Frage nicht weiter. Weder den Namen dieser Unschuldigen noch den deinigen hat er über die Lippen gebracht; er hat nicht einmal merken lassen, daß er euch kenne, hat von irgendeiner Behauptung nicht eine Silbe erwähnt; aber, aber nur zu deutlich habe ich begreifen müssen, daß er unbeweglich ist. Dennoch, Vertrauen in Gott! Ihr, arme Leute, verliert den Mut nicht, und du, Renzo ... o glaube nur, ich weiß mich an deine Stelle zu setzen, ich fühl's, was in deinem Herzen vorgeht. Aber Geduld! Und wisse, wisset alle, daß ich schon einen Faden in Händen habe, um euch zu helfen. Für jetzt kann ich euch nicht mehr sagen. Morgen komme ich nicht her; ich muß den ganzen Tag im Kloster bleiben, und das euretwegen. Du, Renzo, sieh hinzukommen; oder wenn du durch ein unvermutetes Hindernis nicht kannst, so schickt mir einen treuen Menschen, einen vernünftigen Burschen, durch den ich euch kann wissen lassen, was vorgehen wird. Es wird Nacht; ich muß mich schleunigst nach dem Kloster aufmachen. Glauben, Mut und gute Nacht!« Mit diesen Worten nahm er eilfertig Abschied und lief den gewundenen steinigen Fußpfad hinab, um nicht zu spät im Kloster anzukommen und entweder einen starken Verweis oder, was ihm noch schwerer angekommen wäre, eine Buße zu wagen, die ihn am andern Tage um die Geschäftslosigkeit, welche die Sorgfalt für seine Schützlinge forderte, gebracht hätte. »Habt ihr gehört, was der hochwürdige Vater da von einem ... ich weiß nicht ... von einem Faden sagte, den er in Händen hält, um uns zu helfen?« sagte Lucia. »Ihm müssen wir vertrauensvoll uns überlassen; er ist ein Mann, der, wenn er zehn verspricht ...« »Wenn's bloß darauf hinausläuft,« unterbrach sie Agnese, »so hätte er sich deutlicher ausdrücken müssen, oder hätte mich wenigstens beiseite ziehen sollen und mir sagen, wie es sich ungefähr damit verhält.« »Eitles Geschwätz!« rief Renzo, »ich werde der Sache ein Ende machen, ich werde ihr ein Ende machen!« – Dabei ging er außer sich vor Wut im Zimmer auf und nieder, während Stimme und Gesicht über die Bedeutung seiner Worte keinen Zweifel ließen. »O Renzo!« schrie Lucia. : »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Agnese ängstlich. »Was braucht's erst lange gesagt zu werden? Ich werde der Sache ein Ende machen, ich. Er mag hundert, er mag tausend Teufel in der Seele nisten haben – er ist endlich auch von Fleisch und Bein.« »Nein, nein, um des Himmels willen!« bat Lucia; doch Tränen erstickten die Worte des unglücklichen Mädchens. »Derlei Reden, Renzo, sollen auch nicht einmal im Spaß geführt werden,« bemerkte Agnese mit ernstem Unwillen. »Im Spaß?« schrie Renzo, indem er sich vor die sitzende Frau gerade hinstellte und ihr mit wild verdrehten Augen ins Gesicht starrte. »Im Spaß? Ihr werdet sehen, ob es Spaß ist.« »Ach Renzo!« sagte Lucia, welche mit Anstrengung und schluchzend sprach, »so habe ich dich all meine Tage noch nicht gesehen!« »Um Gottes willen, nehmt nicht dergleichen Dinge in den Mund,« bat Agnese eilig mit gedämpfter Stimme, »Denkt Ihr denn gar nicht daran, wie viele Arme ihm zu Gebote stehen und daß es, Gott stehe uns bei, gegen die Armen jederzeit Gerechtigkeit gibt?« »Ich werde die Gerechtigkeit vollstrecken, ich. Es ist endlich Zeit. Die Sache ist nicht leicht; das weiß ich auch. Der räuberische Hund wehrt sich gar behutsam seiner Haut; er weiß recht gut, wie's um ihn steht. Aber macht nichts aus! Geduld, Entschlossenheit, und der Augenblick kommt. Ja, ich werde die Gerechtigkeit vollstrecken, ich werde das Land endlich befreien. Das Volk hier wird mir seinen Segen nachrufen, und dann in vier Sprüngen ...« Der Schrecken, welcher Lucien bei diesen deutlicheren Worten überfiel, hemmte ihre Tränen schnell und gab ihr neuen Mut zum Sprechen. Sie nahm die Hände vom tränenvollen Gesicht und sagte mit bekümmerter, aber entschlossener Stimme: »Es liegt dir also nichts mehr daran, Renzo, mich zum Weibe zu haben! Ich hatte mich einem Jüngling versprochen, der, Gottesfurcht im Herzen hegt; aber einem Menschen, der einen ... Wär' er auch vor aller Gerechtigkeit und aller Strafe sicher, wär er der Sohn des Königs ...« »Nun gut,« antwortete Renzo mit einer Verzerrung des Gesichtes, wie sie niemals sonst an ihm bemerkt worden; »ich werde dich nicht haben; aber er soll dich auch nicht haben. Ich hier auf Erden ohne dich, und er im Hause des ...« »Himmlische Barmherzigkeit, nein, rede nicht so, mache nicht solche Augen; nein, ich kann dich so nicht sehen!« rief Lucia, weinte, beschwor ihn und faltete die Hände. Die Mutter aber rief zu verschiedenen Malen den Jüngling beim Namen und legte ihm, um ihn zu besänftigen, die Hand auf die Schultern, auf den Arm, an die Wangen. Unbeweglich stand er da, gedankenvoll, von seinen Entschlüssen auf einen Augenblick abgelenkt, indem er Luciens flehendes Gesicht betrachtete; mit einem Male aber sah er sie finster an, trat zurück, streckte Arm und Zeigefinger nach ihr aus und sagte: »Diese! Wenn er diese will, muß er sterben.« »Und ich, was habe ich dir zuleide getan, daß du auch mir den Tod geben willst?« sagte Lucia und warf sich auf die Knie vor ihm hin. »Du?« sagte er mit einer Stimme, welche eine ganz andere Art des Zornes, aber doch immer einen Zorn ausdrückte. »Du? Was willst du mir denn Gutes? Welchen Beweis hast du mir gegeben? Habe ich dich nicht gebeten, gebeten und gebeten? Habe ich wohl so viel erlangen können ...« »Ja, ja, Renzo,« antwortete Lucia hastig, »ich will zum Pfarrer morgen gehen, jetzt, wenn du's verlangst, ich will gehen. Nur das nimm zurück! Ich will gehen.« »Versprichst du mir das?« fragte Renzo, nachdem Stimme und Gebärde plötzlich menschlicher an ihm geworden waren. »Ich verspreche es dir.« »Du hast es mir versprochen!« »Ach Gott, ich danke euch!« rief Agnese doppelt zufrieden. – Renzo hätte das Gespräch wohl noch fortgesetzt und für das Geschäft des folgenden Tages die Rollen verteilt; aber schon war es finster, und die Frauen sagten ihm gute Nacht; sie fanden es nicht schicklich, daß er um diese Stunde länger im Hause verweilte. Die Nacht verging allen dreien, wie eine Nacht vergehen kann, die auf einen Tag voller Bewegung und Leiden folgt, um einem Tage zu weichen, der für eine wichtige Unternehmung von ungewissem Ausgange bestimmt ist. Renzo ließ sich am frühen Morgen schon wieder sehen und überdachte mit den Frauen, oder eigentlich mit Agnese, das große Geschäft des Abends; beide setzten und lösten wechselweise Schwierigkeiten, sahen widerwärtige Begegnisse voraus, überlegten, wie man ihnen zu begegnen habe, und fingen, bald der eine, bald die andere, das Gemälde der Unternehmung wieder von neuem an, als wenn man eine bereits geschehene Sache erzählte. Lucia hörte zu; sie billigte mit keinem Worte, was sie im Herzen nicht zu billigen vermochte, versprach aber, sich so gut, wie sie nur immer könnte, dabei zu benehmen. »Werdet Ihr hinab nach dem Kloster gehen,« fragte die Hausfrau den Jüngling, »um Vater Cristoforo zu sprechen, wie er Euch gestern abend gesagt hat?« »Hat sich was!« antwortete dieser. »Ihr wißt, was der Pater für ein Paar Teufelsaugen im Kopfe sitzen hat; er täte mir's vom Gesichte wie von einem Buch ablesen, daß eine verfängliche Geschichte in der Luft schwebt, und käme es ihm dann in den Kopf, mir auf den Zahn zu fühlen, so zöge ich mich schlecht aus der Schlinge wieder heraus. Auch ist's notwendig, daß ich hier bleibe, um auf alles achtzuhaben. Es ist also besser, Ihr schickt irgend wen.« »Ich will Menico schicken.« »Gut,« sagte Renzo, und so ging er ab, um, wie er sich ausgedrückt hatte, auf alles achtzuhaben. Agnese ging ins nächste Haus, um nach Menico zu fragen. Das war ein Bursche von etwa zwölf Jahren, ein ziemlich geweckter Kopf; durch Vettern und Verwandte galt er gewissermaßen für Agnesens Neffe. Sie bat die Eltern um ihn und nahm ihn, wie ein Darlehn, um ihr einen gewissen Dienst zu leisten – sagte sie – auf den ganzen Tag in Beschlag. Als sie ihn hatte, führte sie ihn in ihre Küche, gab ihm zu frühstücken und trug ihm dann auf, nach Pescarenico zu gehen und sich dem Pater Cristoforo zu zeigen, der ihn, wenn es Zeit sein würde, mit einer Antwort zurückschicken sollte. Den übrigen langen Morgen hindurch ergaben sich verschiedene neue Erscheinungen, welche das schon beunruhigte Gemüt der beiden Frauenzimmer nicht wenig mit Argwohn bestürmten. Ein Bettler, dessen Anblick keinen Hunger verriet, dessen Kleidung nicht, wie es sonst bei Leuten seines Handwerks der Fall, aus Lumpen bestand, trat ins Haus, bat um Gottes willen, man möchte ihm eine Gabe reichen, und warf dabei, wie ein Kundschafter, die Augen nach allen Seiten umher. Man holte ihm ein Stück Brot, welches er hinnahm und mit schlecht verhehlter Gleichgültigkeit zu sich steckte. Er blieb darauf noch stehen, sprach mit einer gewissen Unverschämtheit, wobei sich zugleich ein unschlüssiges Wesen entdeckte, und tat mancherlei Nachfragen, auf welche Agnese schnell immer das Gegenteil von dem, was wirklich der Fall war, antwortete. Nachdem er sich endlich in Bewegung gesetzt, als wollte er fortgehen, tat er, als verfehlte er die Türe, ging durch eine andere, die nach der Treppe führte, und sah sich dort, so gut er in der Eile konnte, um. Die Hausfrau rief hinter ihm her: »He, he! wohin geht Ihr, guter Mann? Dort durch!« – Auf diesen Ruf kehrte er um, ging durch die Türe, die ihm angewiesen worden, und entschuldigte sich mit einer Ergebenheit, mit einer erzwungenen Demut, welche mit den furchtbaren und gefühllosen Zügen seines Gesichtes schwer zu vereinigen war. Nach diesem ließen sich von Zeit zu Zeit verschiedene andere seltsame Gestalten hintereinander sehen. Zu was für einer Bande von Kerlen sie gehörten, war nicht leicht zu entdecken; aber ebensowenig konnte man glauben, daß sie die ehrlichen Wanderer, welche sie scheinen wollten, in der Tat waren. Gegen Mittag erst hörte endlich das lästige Gefolge auf, das indessen den beiden Frauen, die allein waren, einige Beunruhigung eingeflößt hatte. Daher geziemt sich's, daß der Leser über jene geheimnisvollen Umhertreiber etwas Genaueres erfahre; um ihn der Ordnung nach zu belehren, müssen wir einen Schritt zurücktun und Don Rodrigo aufsuchen, welchen wir gestern nach der Mittagstafel, da Bruder Cristoforo von ihm fortgegangen, allein in einem Saale seines Palastes gelassen haben. Don Rodrigo maß, wie wir berichtet, mit großen Schritten hin und her den Saal, an dessen Wänden Familienbildnisse aus verschiedenen Zeitaltern hingen. Als er sich mit dem Gesichte einer Wand gegenüber befand und sich dann umwandte, sah er einem seiner kriegerischen Ahnen ins Gesicht, welcher der Schrecken der Feinde wie seiner Soldaten gewesen. Don Rodrigo sah ihn an, und nachdem er unter ihn zu stehen gekommen und sich aufs neue gewandt hatte, bekam er einen andern Vorfahren ins Auge, ein Mitglied der Obrigkeit, den Schrecken der Hadernden; dieser saß auf einem hohen Richterstuhle von rotem Sammet, in einen weiten schwarzen Mantel gehüllt; sein Gesicht war bleich, die Augenbrauen gerunzelt; in der Hand hielt er eine Bittschrift, und es war, als sagte er: Wir werden sehen. Hier hing eine bejahrte Frau, der Schrecken ihrer Mädchen, dort ein Abt, der Schrecken der Mönche; sämtlich Leute, die Schrecken eingeflößt und ihn selbst in ihren Bildnissen noch atmeten. Im Angesichte solcher Erinnerungen geriet Don Rodrigo noch heftiger in Entrüstung; er schämte sich, er konnte sich nicht zufrieden geben, daß ein Mönch es gewagt hatte, ihn mit der strafenden Anrede des Nathan zu überlaufen. Er faßte einen Racheplan und gab ihn wieder auf; er sann nach, wie er zu gleicher Zeit seine Leidenschaft und das, was er Ehre nannte, befriedigen könnte; und dennoch, man sehe! sooft ihm der Anfang jener Prophezeiung in den Ohren gellte, empfand er augenblicklich einen unheimlichen Schauder und stand im Begriff, dem doppelten Gedanken der Befriedigung zu entsagen. Um endlich etwas zu tun, rief er einen Diener und gab ihm den Auftrag, ihn bei der Gesellschaft zu entschuldigen; es sei ein dringendes Geschäft, sollte er sagen, das ihn zurückhalte. Als der Diener zurückkehrte und die Nachricht brachte, die Herren hätten sich bereits wegbegeben und ließen sich ergebenst empfehlen, fragte er, immer noch im Zimmer auf und nieder schreitend: »Und Graf Attilio?« »Ist mit den andern Herren gegangen, edler Herr.« »Gut,« sagte Don Rodrigo. »Ein Gefolge von sechs Leuten zum Spaziergang, rasch! Schwert, Mantel und Hut, geschwind!« Der Diener antwortete mit einer Verneigung und ging. Bald darauf kehrte er mit dem reichen Schwerte zurück, welches der Herr sich umgürtete, brachte den Mantel, den er um die Schultern warf, den Hut mit großen Federn, den er sich aufsetzte und mit einem Schlage der flachen Hand stolz auf den Kopf feststellte – ein Zeichen, daß das Meer mit mächtigen Wellen ging. Er setzte sich in Bewegung und fand an der Schwelle die sechs feilen Knechte, welche, vollkommen bewaffnet, ehrfurchtsvoll zu beiden Seiten sich aufstellten, eine Verneigung machten und sodann ihm folgten. Mürrischer, hochmütiger, finsterer blickend als gewöhnlich schritt er hinaus und wandte sich lustwandelnd nach Lecco hin. Sobald Bauern und Handwerker ihn daherkommen sahen, schlichen sie zurückgewichen an der Mauer hin, nahmen dort den Hut ab und verneigten sich tief, worauf er indessen nichts erwiderte. Ja, als Geringere verneigten sich ihm Männer, welche von jenen Herren genannt wurden; denn in der ganzen Gegend umher gab es keinen, der in Betracht des Namens, der Reichtümer und der Anhänger auch nur von fern sich mit ihm messen konnte; keinen, der sich dieser Vorzüge mit so hochmütigem Streben wie er bediente, um über die andern alle emporzuragen. Um die widerwärtige Laune ein wenig zu verscheuchen und dem Bilde des Mönchs, welches seine Einbildungskraft noch immer gleichsam belagerte, durchaus verschiedene Gesichter und Gebärden entgegenzusetzen, trat Don Rodrigo an jenem Tage in ein Haus, woselbst sich eine Gesellschaft versammelt hatte. Er ward mit jener geschäftigen und ehrerbietigen Freundlichkeit empfangen, welche den Männern zuteil wird, die in hohem Grade sich beliebt und gefürchtet machen. Als es endlich Nacht geworden, kehrte er nach seinem Palaste zurück. In dem nämlichen Augenblick war auch Graf Attilio heimgekommen; die Abendmahlzeit ward aufgetischt; Don Rodrigo aber saß gedankenvoll bei Tische und sprach wenig. Kaum war der Tisch wieder weggestellt worden und die Diener hinausgegangen, so sagte der Graf mit boshaft spöttelnder Miene: »Vetter, wie ist's, wann zahlt Ihr die Wette?« »Sankt Martin ist noch nicht vorüber,« erwiderte Don Rodrigo. »Ihr tut am besten, sie lieber gleich zu zahlen; denn alle Heiligen des Kalenders werden vorübergehen, ehe ...« »Das, sollte ich meinen, müßte erst abgewartet werden.« »Vetter, Ihr wollt den Schlaukopf spielen; ich habe Euch aber in die Karten gesehen und bin so sicher, die Wette gewonnen zu haben, daß ich mich erbiete, eine andere mit Euch einzugehen.« »Welche?« fragte Don Rodrigo. »Daß der Pater ... der Pater ... was weiß ich? Genug, daß der Bruder Kapuziner Euch bekehrt hat.« »Das ist ein Gedanke, der Euch ähnlich sieht.« »Bekehrt, Vetter, bekehrt, sage ich Euch. Ich meinerseits habe meine Lust daran. Es wird ein herrliches Schauspiel abgeben, müßt Ihr wissen, Euch von ganzer Seele zerknirscht und mit niedergeschlagenen Augen einherschleichen zu sehen. Und was für ein Ruhm für den Pater! Wie wird er sich in die Brust geworfen haben, da er nach Hause gekommen! Ei, das sind keine Fische, die alle Tage gefangen werden oder in jedwedes Netz laufen ...« »Genug, genug!« unterbrach ihn Don Rodrigo halb lächelnd, halb ärgerlich aus Überdruß. »Wenn Ihr Lust habt, die Wette zu verdoppeln, so bin ich auf der Stelle auch dabei.« »Teufel!« rief der Graf. »So habt Ihr wohl den Pater bekehrt!« »Kein Wort mehr von dem, Vetter, und was unsre Wette betrifft, so wird Sankt Martin sie entscheiden.« – Die Neugier des Grafen war rege gemacht; er sparte keine Erkundigungen, Don Rodrigo aber wußte ihm jedesmal auszuweichen, stellte die Sache beständig dem Tage der Entscheidung anheim und hatte nicht Lust, seinerseits Pläne mitzuteilen, welche für jetzt weder eingeleitet noch eigentlich beschlossen waren. Am nächsten Morgen erwachte Don Rodrigo als Don Rodrigo. Die leise Bestürzung, in welche die angefangene Prophezeiung: »Es wird ein Tag kommen« ihn versetzt hatte, war mit den Träumen verschwunden; der Ärger allein blieb, geschärft durch die Reue über die vorübergehende Schwäche. Kaum war er aufgestanden, so ließ er den Grauen rufen. – Da sind starke Dinge unterwegs, dachte sich der Diener, welcher den Befehl erhalten; denn der Mensch, der diesen Zunamen führte, war nichts weniger als das Haupt der Bravi im Hause, derjenige, welchem die gefährlichsten und unverschämtesten Streiche aufgetragen wurden; der treueste Knecht seines Herrn, aus Dankbarkeit und Eigennutz ihm bis aufs äußerste ergeben. »Grauer!« sagte Don Rodrigo, »bei dieser Gelegenheit wollen wir einmal sehen, was du für ein Kerl bist. Vor morgen noch muß das Mädchen da, die Lucia, sich in diesem Palaste befinden.« »Kein Mensch in der Welt soll sagen können, daß der Graue sich bei einem Gebot seines erlauchten Herrn je zurückgezogen hat.« »Nimm so viele Leute, wie du etwa meinst nötig zu haben; mache deinen Plan und richte es ein, wie dir's am besten deucht – nur daß die Sache glücklich ausfällt! Vor allem aber sieh zu, daß ihr kein Leid geschieht.« »Herr, ein bißchen Schreck, damit sie sich nicht allzu laut gebärde – ohne das geht es nicht leicht ab.« »Schreck! Ich verstehe, der läßt sich nicht vermeiden. Aber nicht ein Haar darf ihr gekrümmt werden, und dann hauptsächlich, daß ihr in jeder Hinsicht mit Achtung begegnet werde! Verstanden?« »Herr, es kann keiner eine Blume vom Stengel reißen und sie Eurer Gnaden bringen, ohne durchaus sie hart anzugreifen. Doch nur so viel, wie nötig ist.« »Bei deiner eigenen Sicherheit! Und wie wirst du's anstellen?« »Ich sinne eben darüber nach, Herr. Es ist unser Glück, daß das Haus am Ende des Dorfes steht. Wir brauchen einen Ort, wo wir uns aufhalten können, und da ist gerade nicht weit davon mitten auf dem Felde ein halb eingefallenes Haus, es wohnt keine Seele darin; das Haus – Euer Gnaden wissen nichts von der Geschichte – ist vor etlichen Jahren abgebrannt, und die Leute haben das Geld nicht dazu gehabt, um es wieder auszubauen; sie haben's liegen lassen, und jetzt treiben die Hexen ihr Wesen darin; es ist aber heute nicht Sonnabend, und so lache ich dazu. Die Bauern hier herum, die voll dummen Aberglaubens stecken, täten in keiner Nacht der Woche sich darin aufhalten, und so können wir dort ganz ruhig unsre Anstalten treffen, es kommt uns keine Seele ins Gehege.« »Gut, und dann?« Nun teilte der Graue seine Vorschläge mit, und Don Rodrigo zog sie in Erwägung, bis sie sich über die Art und Weise der Ausführung hinlänglich miteinander verständigt hatten. Es sollte durchaus keine Spur der Urheber zurückbleiben; man ersann Mittel, durch falsche Anzeichen den Verdacht nach einer andern Seite hinzulenken, die arme Agnese zum Stillschweigen zu bewegen und dem Bräutigam einen solchen Schrecken einzujagen, daß er seinen Schmerz vergäße, daß er den Gedanken, zur Gerechtigkeit seine Zuflucht zu nehmen, und selbst die Lust, sich zu beklagen, fahren ließe; alle übrigen Schurkereien, welche zum Gelingen der Hauptschurkerei erforderlich, waren verabredet. Diese Verabredungen indessen zu berichten, unterlassen wir; auch sind sie, wie der Leser sehen wird, zum Verständnis der Geschichte nicht notwendig; es tut uns leid genug, ihn und uns noch länger mit der Unterredung der beiden lästigen Bösewichter aufhalten zu müssen. Der Morgen ward mit Kundschafterei verbracht. Der falsche Bettler, der sich bei Agnese ins Haus geschlichen, war kein andrer als der Graue, der gekommen war, um mit eigenem Auge den Grundriß zu entwerfen; die falschen Reisenden waren seine Gesellen, für welche, um nach seinen Geboten zu verfahren, eine leichtere Kenntnis des Ortes hinreichte. Nachdem sie ihr Spähergeschäft abgemacht, ließen sie sich weiter nicht sehen, um nicht unnötigen Verdacht zu erwecken. Sobald alle zum Palaste zurückgekehrt waren, legte der Graue Rechenschaft ab, setzte entscheidend den Plan der Unternehmung fest, verteilte die Rollen und gab die weiteren Befehle. Es war indessen nicht möglich, daß alles dies geschehen konnte, ohne daß der alte Diener, der mit offenen Augen und gespitzten Ohren dabei stand, nicht gemerkt hätte, es werde etwas Großes betrieben. Er horchte auf, er fragte, erhaschte hier einen halben Wink, einen halben dort, begleitete in der Stille ein dunkel gesprochenes Wort mit seinen eigenen Anmerkungen, erklärte sich jede geheimnisvolle Bewegung und kam dadurch endlich so weit, daß ihm alles, was diese Nacht ausgeführt werden sollte, ziemlich klar vor den Augen stand. Als er aber ins reine damit gekommen, war die Nacht nicht mehr entfernt, und ein kleiner Vortrab von bewaffneten Kerlen hatte sich bereits hinaus ins Feld gemacht, um sich in jenem zerstörten Hause in Hinterhalt zu legen. Der arme Alte fühlte sehr wohl, was für ein gefährliches Spiel er spielte, und fürchtete überdies, mit zu später Hilfe anzukommen; dennoch wollte er es an sich nicht fehlen lassen. Er gab vor, sich am schönen Abend ein wenig ergehen zu wollen, ging hinaus und nahm in höchster Eile seinen Weg nach dem Kloster, um dem Pater Cristoforo den versprochenen Bericht abzustatten. Kurz darauf setzten sich die übrigen Bewaffneten in Bewegung und gingen, zu einem oder zu zweien in einiger Entfernung voneinander, um nicht als eine vollständige Bande zu erscheinen, ins Tal hinab; der Graue folgte, und zurück blieb für jetzt nur eine Reisesänfte, die bei vorgerücktem Abend erst nach dem einsamen Hause gebracht wurde. Als sie sich hier beisammen sahen, schickte der Graue drei von ihnen nach dem Wirtshause des Dorfes ab; einer sollte sich an die Türe stellen, um die Bewegungen auf der Straße zu beobachten und den Augenblick wahrzunehmen, wo sich die Einwohner sämtlich würden zurückgezogen haben; die andern beiden sollten drinnen spielen und trinken, wie Leute, die zu ihrem Vergnügen dasäßen; dabei aber hatten sie den Auftrag, sich auf Kundschaft zu legen, wenn irgend etwas dort Kundschaft nötig machte. Der Graue blieb mit der Hauptmasse der Bande zurück und lauerte im Hinterhalte. Die Sonne sank, als Renzo bei den Frauen eintrat und ihnen sagte: »Tonio und Gervaso stehen draußen, ich gehe mit ihnen nach dem Wirtshaus und esse drüben; sobald's zum Ave Maria läutet, kommen wir und holen euch. Mut, lustig, Lucia! Alles hängt von einem Augenblicke ab.« – Lucia seufzte und antwortete: »Wohl, Mut!« – Ihre Stimme aber strafte ihre Worte Lügen. Als Renzo und seine beiden Gefährten nach dem Wirtshause kamen, trafen sie den einen der Waffenbuben, der schon als Schildwacht an der Tür stand. Nachdem sie hineingetreten, erblickten sie die beiden andern Raufer, welche, an einem kleinen Tische sitzend, Mora spielten Das beliebte Spiel des gemeinen Volkes in Italien, wobei einige Finger eingeschlagen, andere ausgestreckt werden. Jeder ruft die Zahl aus, welche, wie er glaubt, die beiderseits ausgestreckten Finger betragen. , zu gleicher Zeit gewaltsam schrien und abwechselnd sich aus einer großen Flasche, die zwischen ihnen stand, zu trinken einschenkten. Diese faßten die Hereingetretenen ins Auge; der eine besonders, welcher soeben die rechte Hand mit drei dicken gespreizten Fingern in die Höhe hielt und die Lippen mit einem schallenden »Sechs!«, das in dem nämlichen Augenblicke hervorstürmte, voneinander riß, musterte unseren Renzo mit Aufmerksamkeit und warf dann seinem Nachbar, darauf dem dritten an der Türe einen Blick zu, den dieser mit leisem Kopfnicken beantwortete. Renzo, welchen alsobald ein Argwohn anwandelte, sah ungewiß seine beiden Gäste an, als suchte er in ihrem Angesichte eine Erklärung jener unheimlichen Gebärden zu lesen; ihr Angesicht aber verkündigte einstweilen nichts weiter als eine derbe Eßlust. Der Schenkwirt stand vor ihm da und erwartete seine Befehle; Renzo nahm ihn mit sich ins nächste Zimmer und forderte ein Abendessen. Als der Wirt mit einem groben Tischtuch unterm Arm und einer Flasche in der Hand zurückkehrte, fragte ihn Renzo leise, wer denn die Fremden seien. »Ich kenne sie nicht,« entgegnete jener und breitete das Tischtuch aus. »Was? Auch nicht einmal einen davon?« »Ihr wißt wohl,« bedeutete ihn der Wirt, indem er mit beiden Händen die Decke über den Tisch glatt zog, »die erste Regel unseres Handwerks ist, sich nicht um anderer Leute Angelegenheiten zu kümmern; das geht sogar bis auf unsere Frauenzimmer, auch die sind nicht einmal neugierig. Es wäre auch sonst nicht auszuhalten, bei so vielen Leuten, die da kommen und gehen; Tag für Tag wie ein Hafen am Meere, versteht sich, wenn die Jahre leidlich sich machen. Für uns ist's genug, wenn die Gäste, die bei uns einsprechen, Leute von Stande sind; wer sie hernach sind oder wer sie nicht sind, das hat nichts zu sagen. Jetzt aber bringe ich Euch eine Schüssel mit Fleischklößen, wie Ihr sie in Eurem ganzen Leben noch nicht gegessen habt.« »Wie wollt Ihr wissen ...?« nahm Renzo das Wort; aber der Wirt war schon auf dem Wege nach der Küche und ließ sich nicht stören. Während er dort die Hand an den Tiegel mit den Fleischklößen legte, stellte sich ihm der Raufer, der unsern Jüngling so sorgfältig gemustert hatte, leise an die Seite und flüsterte ihm die Frage zu, wer die angekommenen Menschen wären? »Rechtschaffene Leute hier aus dem Dorf,« antwortete der Wirt, während er die Klöße auf die Schüssel tat. »Gut, aber wie heißen sie? Wer sind sie?« wiederholte der andere mit etwas nachdrucksvollerer Stimme. »Der eine heißt Renzo,« war die leise Erwiderung des Wirtes, »ein guter Junge, führt eine ordentliche Wirtschaft, ein Seidenspinner, der sein Handwerk gut versteht. Der andere ist ein Bauer und heißt Tonio, ein behaglicher Kumpan und ein lustiger Vogel; nur leider schade, daß er nicht eben viel in der Tasche hat, würde sonst alles unter meinem Dache draufgehen lassen. Der dritte, das ist ein lederner Tölpel und frißt gar gern, was die andern ihm geben. Mit Verlaub!« Mit einem Sprung entwischte er zwischen dem Bratofen und dem Fragenden aus der Küche und trug die Schüssel, wohin sie gehörte. »Wie wollt Ihr wissen,« fing Renzo wieder an, »daß das Leute von Stande sind, wenn Ihr sie nicht kennt?« »Das Benehmen, mein Lieber; den Mann erkennt man am Benehmen. Die Leute, die ihr Glas Wein trinken, ohne darüber zu schimpfen, die mit königlichem Gesichte auf der Bank sitzen und nicht schwatzen mögen, die mit den andern hereintretenden Gästen nicht den Augenblick anbinden, und wenn sie einem einen Messerstich zu versetzen haben, ihn draußen ein Stück Weges von der Schenke fort erwarten, damit der arme Wirt nicht schlimm dabei wegkommt, das sind Leute von Stande. Aber was Henker kommt Euch mit einemmal an, dergleichen wissen zu wollen, da Ihr Bräutigam seid und ganz andere Dinge im Kopf haben solltet? Und noch dazu bei solchen Fleischklößen in der Schüssel, womit sich ein Toter auferwecken ließe?« – Mit diesen Worten ging er wieder zurück in die Küche. Beim Abendessen ging's nicht sehr lustig her. Die beiden Eingeladenen hätten sich die Tischlust gar gern recht gemächlich schmecken lassen; Renzo aber, der Einlader, beschäftigt mit den Dingen, von welchen der Leser weiß, und mit Eßlust wenig gesegnet, auch über das seltsame Benehmen der Unbekannten ein wenig unruhig, konnte die Stunde nicht erwarten, da man aufbrechen würde. Mit Rücksicht auf die andern flüsterte man sich heimlich zu, und was man flüsterte, waren abgebrochene unlustige Worte. Die Unterhaltung zog sich matt bis ans Ende hin. Renzo, welcher seinerseits eine strenge Nüchternheit beobachtete, schenkte den beiden Zeugen mäßig ein, um sie etwas mutig zu machen, ohne ihnen das Gehirn zu erhitzen. Nachdem abgeräumt worden war und derjenige, der sich am wenigsten gütlich getan, die Zeche bezahlt hatte, mußten alle drei aufs neue vor jenen Gesichtern vorüber, die sich, wie zuvor, nach Renzo hinwandten. Sobald er einige Schritte zum Gasthofe hinaus getan, sah er zurück und bemerkte, wie die beiden, die er sitzend in der Küche verlassen hatte, ihm folgten. Er blieb mit seinen Gefährten stehen, als sagte er: Wir wollen doch einmal sehen, was die von mir wollen? Kaum aber sahen sich die beiden beobachtet, so blieben auch sie stehen, sprachen heimlich miteinander und kehrten wieder um, scheinbar, um keinen weiteren Verdacht zu erregen. Denn es kamen Leute von allen Seiten; das Gewimmel, das Gesumse setzte ein, das mit eintretender Dämmerung in den Dörfern sich bemerken läßt und nach wenigen Augenblicken der feierlichen Ruhe der Nacht weicht. Die Weiber kamen vom Felde, trugen die kleinen Kinder auf dem Nacken und führten die herangewachsenen an der Hand, während sie ihnen das Abendgebet zum Nachsprechen vorsagten; die Männer kehrten mit Spaten und Hacke auf den Schultern zurück. Wenn die Haustüren aufgingen, sah man hier und dort die Flammen lodern, welche für das kärgliche Abendessen angezündet worden; auf der Straße hörte man gegebene und erwiderte Grüße, kurze und traurige Gespräche über die Dürftigkeit der Ernte und über das Elend des Jahres; durch die Worte hindurch waren die abgemessenen und tönenden Schläge der Glocke zu vernehmen, welche das Erlöschen des Tages verkündigte. Als Renzo die beiden frechen Kerle sich zurückziehen sah, setzte er seinen Weg in der wachsenden Dämmerung fort und gab mit leiser Stimme bald dem einen, bald dem andern Bruder einen erinnernden Wink. Es war vollkommen Nacht, als sie in Luciens Wohnung ankamen. Zwischen dem ersten Auffassen einer schrecklichen Unternehmung und ihrer Ausführung, hat ein Barbar gesagt, dem es an Genie nicht fehlt Gemeint ist Shakespeare; vgl. Julius Cäsar: Between the acting of a dreadful thing And the first motion, all the interim is Like a phantasma or a hideous dream . , stellt sich ein traumgleicher Zustand voller Furcht und Schreckensbilder ein. Lucia schwebte seit mehreren Stunden in der Pein eines solchen Traumes; Agnese, die Entwerferin des Planes, Agnese selbst stand gedankenvoll und trieb mit Mühe Worte auf, um der Tochter Mut einzuflößen. Im Augenblick des Erwachens aber, da die Hand ans Werk gelegt werden soll, fühlt sich der Geist durchaus verwandelt. Dem Schrecken und dem Mute, welche bisher in ihm miteinander rangen, folgt ein anderer Schrecken, ein anderer Mut; das Unternehmen stellt sich dem Geiste wie eine neue Erscheinung dar; was anfangs am meisten gefürchtet wurde, scheint plötzlich leicht geworden; dagegen steigt das Hindernis, welches man vorher kaum bemerkt, riesengroß empor; die Einbildungskraft schaudert entmutigt zurück, die Glieder versagen ihren Dienst, und das Herz hält den Versprechungen, die es mit der größten Sicherheit getan, nicht Wort. Bei Renzos kleinlautem Pochen überfiel Lucien eine solche Seelenangst, daß sie in dem Augenblick lieber alles zu leiden beschloß, lieber auf ewig von ihm getrennt sein wollte, als den gefaßten Entschluß ausführen; nachdem er sich aber gezeigt und gesagt hatte: »Hier bin ich, wir wollen gehen!« – nachdem alle, wie bei einem festgesetzten unwiderruflichen Beginnen, sich bereit erwiesen, ohne Zögerung aufzubrechen, hatte sie weder Zeit noch Herz, Schwierigkeiten zu machen; sie faßte zitternd einen Arm der Mutter, einen Arm des Bräutigams und setzte sich mit der abenteuerlichen Gesellschaft in Bewegung. Ohne einen Laut von sich zu geben, traten sie im Dunkeln mit abgemessenem Schritt aus der Türe und nahmen die Straße zum Dorfe hinaus. Das kürzeste wäre gewesen, gerade durchs Dorf zu gehen, um zum andern Ende zu gelangen, wo Don Abbondios Haus stand; um aber nicht gesehen zu werden, wählten sie jenen andern Weg. Auf schmalen Fußpfaden zwischen Gärten und Feldern langten sie beim Hause an und teilten sich dort. Hinter einer Ecke desselben hielten sich die beiden Verlobten versteckt; Agnese neben ihnen, aber ein wenig weiter vorwärts, um zur rechten Zeit herbeieilend Perpetuen zu begegnen und sie in Beschlag zu nehmen; Tonio mit seinem unbehilflichen Bruder, der nichts von selbst anzufangen wußte, während sich doch auch ohne ihn nichts anfangen ließ, trat dreist an die Türe und setzte den Hammer in Bewegung. »Wer ist da, zu dieser Stunde?« rief eine Stimme am Fenster, welches zugleich sich öffnete. Es war Perpetuas Stimme. – »Kranke gibt's nicht, soviel ich weiß. Ist vielleicht ein Unglück vorgefallen?« »Ich bin's,« antwortete Tonio, »mit meinem Bruder; wir müssen den Herrn Pfarrer sprechen.« »Ist das eine christliche Stunde?« fragte Perpetua. »Was ist das für eine Manier? Kommt morgen wieder.« »Hört, Perpetua,« sagte Tonio; »ich weiß nicht, ob ich gerade wiederkomme. Ich habe Geld eingekriegt und wollte eben die kleine Schuld abzahlen, Ihr wißt wohl; trage hier fünfundzwanzig schöne neue Silberstücke bei mir; wenn's aber nicht angeht, Geduld! Die hier weiß ich schon an den Mann zu bringen, und wenn ich einmal wieder so viele beieinander habe, so komme ich zurück.« »Wartet, wartet; ich gehe und komme. Warum aber um diese Stunde?« »Wenn Ihr eine bessere wißt, habe ich nichts dagegen; ich für mein Teil bin hier, und mögt Ihr mich nicht, so gehe ich wieder.« »Nein, nein, wartet einen Augenblick; ich komme mit der Antwort zurück.« Bei diesen Worten machte sie das Fenster zu. Zugleich verließ Agnese das Paar und sagte kleinlaut zu Lucien: »Mut, es ist ein Augenblick, gerade als wenn sich einer einen Zahn ausziehen läßt.« – Dann trat sie zu den beiden Brüdern an die Türe und fing mit Tonio zu plaudern an, so daß Perpetua, wenn sie wiederkam und sie sah, glauben mußte, daß sie gerade des Weges kam und Tonio sie einen Augenblick aufgehalten habe. Achtes Kapitel. »Karneades! Wer war das?« fragte sich Don Abbondio auf seinem Lehnstuhl in einem der oberen Zimmer, mit einem kleinen aufgeschlagenen Buche vor sich, als Perpetua hereintrat, um ihm die Botschaft zu bringen. – »Karneades! Es ist mir wohl, als wenn ich den Namen schon einmal gehört oder gelesen habe. Es muß ein Mann von Gelehrsamkeit gewesen sein, ein großer Schriftsteller aus alten Zeiten; der Name klingt so; aber wer zum Teufel war es?« Der griechische Philosoph Karneades sprach als Gesandter in Rom für und gegen dieselbe Sache. So weit war der arme Mann von der Ahnung des Sturmes entfernt, welcher sich über seinem Haupte zusammenzog. Man muß wissen, daß Don Abbondio sich damit unterhielt, täglich ein paar Zeilen zu lesen; ein benachbarter Pfarrer, welcher ein Stück von einer Büchersammlung besaß, lieh ihm ein Buch nach dem andern, immer das erste beste, das ihm gerade in die Hand kam. Bei dieser Lektüre war er gerade, als Perpetua Tonios Besuch meldete. »Jetzt?« fragte, wie natürlich, auch Don Abbondio. »Was wollen Sie? Es ist freilich unbescheiden, wenn man ihn aber nicht im Fluge faßt ...« »Freilich, wenn ich ihn jetzt nicht fasse, so ist's eine Frage, wann er sich wieder fassen läßt. Laß ihn kommen. He, bist du aber auch sicher, daß er es ist, Tonio?« »Teufel auch!« antwortete die Haushälterin, stieg hinunter, öffnete die Türe und sagte: »Wo seid Ihr?« – Tonio stellte sich ihr dar. Zugleich aber zeigte sich auch Agnese und grüßte Perpetuen mit Namen. »Guten Abend, Agnese!« erwiderte diese. »Woher zu dieser Stunde?« »Ich komme von ...,« sie nannte ein benachbartes kleines Dorf. – »Und wenn Ihr wüßtet,« fuhr sie fort, »ich habe mich just Euretwegen so lange dort aufgehalten.« »Wieso?« fragte Perpetua und wandte sich nach den beiden Brüdern mit den Worten zurück: »Tretet nur hinein, ich komme auch gleich.« »Ei,« erklärte Agnese, »so ein Weibstück, das nichts weiß und doch reden will, Ihr werdet's nicht glauben, die setzte sich's in den Kopf, zu behaupten, Ihr hättet Euch mit Joseph Suolavecchia und mit Anselm Lunghigna bloß darum nicht verheiratet, weil sie Euch nicht mochten. Ich aber behauptete dagegen, daß Ihr sie zurückgewiesen habt, den einen wie den andern.« »Ganz gewiß. Die Lügnerin! die grobe Lügnerin! Wer war's denn?« »Fragt mich nicht, ich mag kein Unheil stiften.« »Sagt mir's, Ihr müßt mir's sagen. Die verdammte Lügnerin!« »Genug, Ihr könnt aber gar nicht glauben, wie leid es mir tat, die ganze Geschichte nicht von Grunde aus zu wissen, um der schändlichen Person gehörig das Maul zu stopfen.« »'s ist 'ne ausgemachte Lügenhexe,« rief Perpetua, »die niedrigste, die es auf Erden gibt. Der Joseph, alle wissen's und alle haben's sehen können ... He, Tonio, legt die Türe an und geht nur hinauf, ich komme nach.« Tonio antwortete von innen, und die Haushälterin setzte ihre leidenschaftliche Erzählung fort. Don Abbondios Türe gegenüber öffnete sich zwischen zwei Hütten eine kleine Gasse, welche bald aufhörte und in Feldern endigte. Dorthin bewegte sich Agnese, als wenn sie sich, um freier reden zu können, ein wenig seitwärts zurückziehen wollte. Die Haushälterin folgte ihr. Als sie um die Ecke waren und nicht mehr sehen konnten, was vor dem Hause des Pfarrers vorging, hustete Agnese laut. Es war das Zeichen. Renzo verstand es und machte Lucien durch einen Händedruck Mut; beide wandten sich dann auch um ihre Ecke, schlichen geduckt die Mauer entlang, kamen an die Türe und öffneten sie behutsam. Nach einer Sekunde standen sie, ruhig und niedergebückt, in dem Hausflur, woselbst die beiden Brüder sie erwarteten. Renzo drückte leise die Klinke unter den Haken, und so stiegen alle vier die Treppe hinauf, ohne mehr Geräusch als zwei zu machen. Als sie oben angekommen, traten die beiden Brüder zur Türe des Zimmers, welches seitwärts von der Treppe lag; die Verlobten drückten sich an die Wand. »Deo gratias,« sagte Tonio mit deutlicher Stimme. »Tonio, ja? Herein!« antwortete die Stimme drinnen. Der Hereingerufene öffnete den Türflügel kaum so weit, um mit seinem Bruder zugleich hineinzutreten. Tonio machte die Türe hinter sich zu; das Brautpaar blieb bewegungslos im Finstern stehen, horchte und hielt den Atem an sich; das stärkste Geräusch verursachten die Herzschläge der armen Lucia. Don Abbondio steckte beim schwachen Schimmer einer kleinen Lampe, wie wir gesagt, in einem altfränkischen Lehnstuhl, gehüllt in einen abgetragenen Tuchmantel, den Kopf mit einer alten Kamelottmütze bedeckt, die sich wie ein Gesimse rings um das Gesicht zog. »Ah, ah!« war sein Gruß, indem er sich die Brille abnahm und sie auf das kleine Buch legte. »Der Herr Pfarrer werden sagen, ich sei spät gekommen,« begann Tonio und verneigte sich, was auch, nur plumper, sein Bruder tat. »Freilich ist's spät, spät in jeder Hinsicht. Wißt Ihr, daß ich krank bin?« »Tut mir leid.« »Ihr werdet's haben sagen hören, ich bin krank und weiß nicht, wann ich mich vor Leuten werde können sehen lassen. Aber warum habt Ihr denn den, den jungen Menschen da, hinter Euch herlaufen?« »I nun, zur Gesellschaft, Herr Pfarrer.« »Gut, wir wollen sehen.« »Da sind fünfundzwanzig neue Silberstücke, solche mit dem heiligen Ambrosius zu Pferde,« sagte Tonio und zog ein Päckchen aus der Tasche. »Wir wollen sehen,« antwortete Don Abbondio, griff nach dem Päckchen und setzte die Brille wieder auf die Nase. Dann wickelte er es auf, nahm die Silberstücke, kehrte sie um, kehrte sie wieder um, zählte sie und fand nichts dagegen einzuwenden. »Nun,« sagte Tonio, »bitte ich um etwas Schwarz auf Weiß.« »Auch das,« sagte Don Abbondio. »Alle Welt weiß es. Ei, wie die Leute doch jetzt voller Verdacht stecken! Habt Ihr kein Zutrauen zu mir?« »Wie, Herr Pfarrer, ob ich Zutrauen habe? Sie tun mir unrecht. Aber sintemal mein Name im Buche steht, auf der Schuldseite ...« »Gut, gut!« unterbrach ihn Don Abbondio. Dabei zog er ein Kästchen vom Tische nach sich hin, nahm Papier, Feder und Tintenfaß heraus, fing an zu schreiben und wiederholte sich mit lauter Stimme jedes Wort, wie es ihm aus der Feder floß. Darauf stellte sich Tonio und, auf seinen Wink, auch Gervaso gerade vor den Tisch, so daß sie dem Schreibenden die Aussicht auf die Türe benahmen, und schurrten, als geschähe es aus Ungeduld, mit den Füßen am Boden, dem Paare draußen das Zeichen des Eintritts zu geben und zugleich das Geräusch ihrer Fußtritte unhörbar zu machen. Don Abbondio sah, in sein Schreiben vertieft, auf nichts anderes. Beim Eintreten faßte Renzo einen Arm seiner Lucia, preßte ihn an sich, um ihr Mut zu machen, und schritt vorwärts, indem er sie nach sich zog; denn allein war das zitternde Mädchen kaum imstande zu gehen. Leise auf den Zehenspitzen traten sie herein, hielten den Atem an sich und stellten sich hinter die beiden Brüder. Indem war Don Abbondio mit seinem Schreiben fertig, er las die Worte noch einmal aufmerksam durch, ohne die Augen vom Papier zu erheben, faltete es und sagte: »Seid Ihr nun zufrieden?« – Zugleich nahm er sich mit der einen Hand die Brille von der Nase, reichte mit der andern das Blatt dem Tonio hin und hob das Gesicht in die Höhe. Tonio streckte die Rechte aus, um das Papier hinzunehmen, trat dann nach der einen Seite zurück, Gervaso, auf seinen Wink, nach der andern, und wie wenn der Hintergrund einer Schaubühne sich öffnet, standen Renzo und Lucia in der Mitte da. Don Abbondio blickte hin, sah sie, erschrak, staunte, wollte wütend auffahren, sann nach und faßte einen Entschluß; alles das, während Renzo zu sprechen sich anschickte. – »Herr Pfarrer,« sprach der Jüngling, »in Gegenwart der beiden Zeugen, diese ist mein Weib!« – Seine Lippen hatten sich noch nicht geschlossen, als Don Abbondio schon den Zahlbrief fallen ließ, nach der Lampe griff, mit der andern Hand die Tischdecke faßte, sie gewaltsam an sich zog, Buch, Papier, Tintenfaß und Sandbüchse zu Boden warf, zwischen Sessel und Tisch sprang und auf Lucien losging. Die Arme hatte mit ihrer sanften zitternden Stimme kaum die beiden Worte hervorbringen können: »Und dieser ...« – als der Pfarrer ihr gewaltsam die Tischdecke an den Kopf und übers Gesicht warf und es ihr unmöglich machte, die Formel ganz auszusprechen. Augenblicklich ließ er dann die Lampe, die er in der andern Hand hielt, fallen und rief nun auch diese zu Hilfe, um das Gesicht des Mädchens, welches er fast erstickte, ganz und gar mit der Decke zu verhüllen; zu gleicher Zeit schrie er mörderlich wie ein verwundeter Stier: »Perpetua! Perpetua! Verrat! Hilfe!« – Das ersterbende Licht auf dem Boden warf einen matten schwankenden Schein auf Lucien, welche völlig verwirrt nicht einmal sich loszuwickeln suchte und sich mit einer modellierten Tonstatue vergleichen ließ, um welche der Künstler ein nasses Tuch geschlagen. Nachdem der letzte Schimmer des Lichtes erloschen, ließ Don Abbondio von dem armen Mädchen ab, suchte tappend die Tür, die nach einem andern inneren Zimmer führte, fand sie, trat hinein, schloß hinter sich zu und schrie in einem fort: »Perpetua! Verrat! Hilfe! Hier, in diesem Hause!« – Im andern Zimmer war indessen alles in Verwirrung; Renzo suchte den Pfarrer zu packen und strich mit den Händen umher, als spielte man Blindekuh; so erreichte er die Türe, klopfte und schrie: »öffnen Sie, öffnen Sie, machen Sie kein Geschrei!« – Lucia rief ihren Renzo mit matter Stimme und sagte flehend: »Laß uns gehen, laß uns gehen, um Gottes willen!« – Tonio fegte auf allen Vieren mit den Händen den Fußboden, um seinen Zahlbrief zu erwischen. Gervaso schrie und sprang wie besessen umher und suchte die Treppentür, um hinauszuschlüpfen und seine Haut zu sichern. Da der Belagerte sah, daß der Feind keine Miene zum Weichen machte, öffnete er ein Fenster, das nach dem Kirchhofe hinausging, und rief auch hier: »Hilfe! Hilfe!« – In seinem schönsten Glänze stand der Mond am Himmel; der Schatten der Kirche und weiter hinaus der lange spitze Schatten des Glockenturms streckte sich in seinen deutlichen Umrissen braun und unbeweglich über die grasige beleuchtete Fläche des Kirchhofes hin; jeder Gegenstand ließ sich wie am Tage unterscheiden. Wohin aber der Blick auch fiel, es erschien kein Zeichen eines lebendigen Menschen. Mit der Seitenmauer der Kirche indessen zusammenhängend und gerade auf der Seite nach dem Pfarrhause hin, stand eine winzige Wohnung, ein Schlupfwinkel, in welchem der Küster schlief. Aufgestört durch das ungeheure Geschrei, sprang dieser im Bette empor, stieg eiligst hinaus, öffnete einen papiernen Fensterflügel, steckte, während seine Augenlider sich noch immer nicht recht voneinander gelöst hatten, den Kopf durch und fragte: »Was gibt's?« »Lauft, Ambrogio! Hilfe! Leute im Haus!« schrie ihm Don Abbondio zu. – »Ich bin im Augenblick da,« antwortete der Küster, zog den Kopf zurück und machte das Fenster wieder zu. Obgleich er aber noch halb schlaftrunken und mehr als halb außer sich vor Schrecken war, fiel ihm dennoch alsobald ein Mittel ein, wie er weit mehr Hilfe leisten könnte, als von ihm verlangt worden war. Er griff nach den Beinkleidern, die er auf dem Bette liegen hatte, nahm sie in aller Geschwindigkeit unter den Arm wie einen Staatshut, und so ging's im Sprung eine hölzerne Treppe hinab; dann lief er nach dem Turm, faßte den Strick der größeren unter den beiden Glocken, die droben hingen, und läutete Sturm. Ton, ton, ton, ton – die Bauern setzen sich plötzlich im Bette aufrecht, die Knechte, die auf den Heuböden hingestreckt schlafen, horchen auf und springen empor. Ehe sie sich aber noch zurecht gemacht hatten, ja, ehe sie noch recht aufgewacht waren, war der Lärm zu den Ohren anderer Leute gelangt, welche angekleidet nicht weit davon auf den Beinen waren; zu den Ohren der Bravi auf der einen, zu Agnesens und Perpetuens Ohren auf der andern Seite. Wir erzählen ganz kurz, was jene seit dem Augenblick, da wir sie verlassen, teils in dem verfallenen Hause, teils in der Dorfschenke getan. Als die drei alle Pforten geschlossen und die Straße menschenleer sahen, gingen sie fort, taten, als wenn sie sich weit weg machten und zogen in aller Stille durchs Dorf, um sich zu überzeugen, ob alles zur Ruhe gegangen; wirklich begegneten sie keiner lebenden Seele mehr und vernahmen nicht das kleinste Geräusch. Auch gingen sie, und zwar noch leiser, vor dem Häuschen unserer Unglücklichen vorüber; das ruhigste Haus unter allen, da niemand mehr drin war. Dann nahmen sie geradeswegs ihren Weg nach dem verfallenen Gebäude und statteten daselbst dem Grauen Bericht ab. Alsbald setzte sich dieser einen großen schlechten Hut auf, warf einen Pilgermantel von Wachsleinen, mit Muscheln besetzt, um die Schultern, nahm einen Wanderstab in die Hand und sagte: »Vorwärts, wie beherzte Kerle; aber still und aufmerksam aufs Wort!« – Er ging voran, die andern folgten. Durch eine Straße, derjenigen entgegengesetzt, durch welche unsere kleine Schar, da sie gleichfalls ins Feld rückte, sich entfernt hatte, langten sie bald beim Häuschen an. Der Graue ließ den Trupp einige Schritte davon halten, ging allein voran und klopfte an die Hoftüre. Doch niemand antwortet; er klopft ein wenig stärker – nicht ein Laut. Darauf ruft er einen seiner Bravi zu sich, läßt ihn in den Hof hinübersteigen und heißt ihn inwendig die Nägel aus dem Riegel reißen, um Eintritt und Rückzug frei zu haben. Alles geschieht mit großer Vorsicht und glücklichem Erfolg. Nun ruft der Anführer die andern, befiehlt ihnen, mit hineinzukommen und sich bei dem ersten in einem Winkel zu verstecken; er legt behutsam die Türe der Pforte wieder an, stellt von innen zwei Schildwachen hin und geht gerade zur Türe des unteren Stockwerks. Er klopft auch hier; er wartet – und konnte lange warten. Auch aus dieser Türe werden leise die Nägel herausgerissen, aber keiner ruft ihm von innen ein: Wer da? zu; keiner läßt sich hören, besser kann's nicht gehen. Vorwärts also. Er zündet eine kleine Laterne an und durchsucht das untere Stockwerk, um sich zu überzeugen, ob niemand da sei. Niemand. Er kehrt zurück, geht nach dem Ausgang an der Treppe, schaut umher, spitzt die Ohren – Einsamkeit und Schweigen. Nun stellt er zwei andere Schildwachen im unteren Stockwerk auf, steigt mit seinen übrigen Kerlen leise hinauf und verflucht im Herzen jede Stufe, die unter ihm knarrt, und jeden Fußtritt seines Gefolges, der Geräusch macht. Endlich ist er oben. Hier muß der Hase liegen. Er stößt sanft an die Türe, die zum ersten Zimmer führt, sie gibt nach, und es entsteht eine Öffnung; er hält das Auge hin, es ist finster; er horcht, um zu vernehmen, ob inwendig einer schnarcht, atmet oder sich regt; nichts zu hören. Also vorwärts. Er nimmt die Laterne vor das Gesicht, um zu sehen, ohne gesehen zu werden, macht die Türe auf, wird ein Bett gewahr und tritt hin: das Bett ist gemacht, vollkommen in Ordnung, und die Decke liegt ruhig auf dem Kopfkissen. Er zuckt die Achseln, dreht sich nach den Gefährten um und bedeutet ihnen, er gehe nun, im andern Zimmer nachzusuchen, sie möchten ihm leise folgen. Er tritt auch dort hinein, nimmt dieselben Gänge vor und macht die nämliche Entdeckung. – »Was zum Teufel ist das?« sagte er nun laut, »hat irgendein Hund von Verräter den Spion gemacht?« Darauf spähen alle, schon mit weniger Behutsamkeit, umher, durchtasten jeden Winkel und drehen das ganze Haus um. Während diese hiermit beschäftigt waren, hören die beiden vordersten Schildwachen durch die Pforte jemanden zum Dorf hereinkommen; es nähert sich, und dicht aufeinanderfolgende Tritte verraten kleine Füße. Die beiden glauben, es werde geradeswegs vorüberziehen; sie stehen ruhig, lassen es aber auf alle Fälle an Aufmerksamkeit nicht fehlen. Plötzlich bleibt's gerade vor der Pforte stehen. Es war Menico, der hastig ankam und vom Pater Cristoforo die Frauen benachrichtigen sollte, sie möchten um des Himmels willen sich augenblicklich aus dem Hause fortmachen und sich ins Kloster flüchten, denn ... wir wissen, warum. Er faßt den Griff des Riegels, um zu pochen, und fühlt ihn in der Hand schwanken, losgerissen und zerbrochen. Was ist das? denkt er und drückt erschrocken gegen die Türe; diese gibt nach, er tut in bangem Argwohn einen Schritt hinein und fühlt sich an beiden Armen zugleich ergriffen. Zur Rechten und Linken sagen ihm zwei leise Stimmen in drohendem Tone: »St! Schweig, oder du bist des Todes!« Der Knabe dagegen erhebt ein Geschrei; einer der beiden Raufer schlägt ihm mit der ungeheuren Faust auf den Mund, der andere greift nach dem Messer, um ihm Furcht einzujagen. Der arme Junge zittert wie Espenlaub und versucht kein Geschrei mehr; dagegen bricht plötzlich und in ganz anderm Tone der erste Schlag der Glocke los und dahinter ein Sturm von ununterbrochen wiederholten Schlägen. Wer in der Sünde steckt, trägt die Angst im Herzen, sagt ein mailändisches Sprichwort; die Schurken lassen die Arme des Knaben los, ziehen ihre eigenen hastig zurück, stehen mit offenem Munde da, starren einander an und laufen nach dem Hause, wo sich die Hauptschar der Bande befand. Menico springt hinaus und läuft, was er kann, nach dem Glockenturme zu, wo er auf jeden Fall einem Menschen zu begegnen hofft. Auf die andern Schurken, die durchs ganze Haus herumstöberten, machten die furchtbaren Glockentöne denselben Eindruck; sie geraten in Verwirrung, verlieren alle Fassung und stoßen sich wechselseitig: ein jeder sucht den kürzesten Weg, um sich nach der Türe zu drängen. Sie waren freilich geprüfte Kerle, gewohnt, jedem Abenteuer das Gesicht zu weisen; eine unerklärte Gefahr aber, welche vor dem Erscheinen sich durch kein Zeichen verraten, wagten sie nicht zu erwarten. Es war das ganze Ansehen des Grauen erforderlich, um sie beisammenzuhalten, damit man sich zurückzöge, aber nicht fliehe. – »Halt! halt! Die Pistolen in die Hand, die Messer stoßfertig; alle beisammen, und dann machen wir uns auf den Weg; so geht man. Wer will uns was anhaben, wenn wir uns gut beisammenhalten, Einfaltspinsel? Lassen wir uns aber einzeln erwischen, so können es auch die Bauern mit uns aufnehmen. Schämt euch! Hinter mir und einer neben dem andern!« – Nach dieser kurzen Anrede stellte er sich an die Spitze und trat zuerst hinaus. Das Haus stand, wie schon gesagt worden, am Ende des Dorfes; der Graue schlug die Straße ein, die daneben hinausführte, und alle hielten sich in guter Ordnung hinter ihm her. Wir kümmern uns für jetzt nicht weiter um sie und kehren zu den beiden Frauen zurück, welche wir auf der andern Seite in dem kurzen Winkelgäßchen gelassen. Agnese hatte dafür gesorgt, Perpetuen so weit wie möglich vom Pfarrhause wegzuführen, und bis auf einen gewissen Punkt war ihr die List sehr wohl gelungen. Mit einemmal aber erinnerte sich die Haushälterin, daß die Türe offen geblieben, und wollte wieder zurück. Es ließ sich nichts dagegen sagen. Agnese mußte also, um keinen Verdacht in ihr entstehen zu lassen, mit ihr umkehren und ihr folgen; sooft sie indessen merkte, daß sie bei dem Bericht über die verunglückten Heiraten in Hitze geraten, blieb sie stehen und hielt die Erzählerin auf. Indem so bald stillgestanden, bald eine kleine Strecke weitergegangen ward, standen die beiden Alten nicht mehr weit von Don Abbondios Hause, sahen es aber der erwähnten Ecke wegen noch nicht; Perpetua hielt bei einem wichtigen Punkte ihrer Erzählung und hatte sich, ohne an«Widerstand zu denken, ja ohne es selbst zu merken, aufhalten lassen, als plötzlich durch den stillen Luftraum, durch das weit verbreitete Schweigen der Nacht jenes erste gewaltsame Zetergeschrei des Pfarrers: »Hilfe! Hilfe!« sich laut hallend hören ließ. »Himmlische Barmherzigkeit! Was ist geschehen?« schrie Perpetua und wollte davonlaufen. »Was gibt's? Was gibt's?« fragte Agnese und hielt sie am Kleide zurück. »Himmlische Barmherzigkeit!« sagte die andere, sich losreißend. »Habt Ihr denn nicht gehört?« »Was gibt's denn? Was gibt's denn?« wiederholte Agnese und hielt sie beim Arme fest. »Steckt der Teufel in Euch, Weib?« schrie die Haushälterin, stieß sie zurück, setzte sich in Freiheit und lief nach der Türe. In demselben Augenblick ließ sich, entfernter, undeutlicher und schneller, Menicos Geschrei vernehmen. »Himmlische Barmherzigkeit!« schrie nun auch Agnese, und pfeilschnell sprang sie der Haushälterin nach. Sie hatten beide kaum die Füße erhoben, als die Glocke zu dröhnen begann; ein Schlag, ein zweiter, ein dritter, dann in einem fort; es wären ebenso viele Sporen gewesen, wenn die Frauen derselben bedurft hätten. Perpetua langte um zwei Schritte früher an; während sie aber die Hand an die Türe legt und sie aufstoßen will, wird sie gewaltsam schon von innen aufgerissen, und der Haushälterin entgegen stürzen auf der Schwelle Tonio, Gervaso, Renzo und Lucia. Sie hatten die Treppe gefunden, waren Hals über Kopf heruntergerannt, hörten dann das schreckliche Glockengeläute und liefen nun atemlos, um sich in Sicherheit zu bringen. »Was ist denn? Was ist denn?« fragte Perpetua keuchend die beiden Brüder; aber diese antworteten ihr mit einem hastigen Stoße und schössen vorbei. – »Und ihr? Wie? Was macht ihr hier?« fragte sie darauf das andre Paar, nachdem sie es erkannt hatte. Aber auch diese schlichen, ohne ihr Rede zu stehen, fort. Die Haushälterin suchte dahin zu kommen, wo es am meisten not tat; sie fragte nicht weiter, stürzte wie außer sich in den Hausflur und eilte dann tappend der Treppe zu. Die beiden Brautleute, auch jetzt, wie vorher, bloß ein verlobtes Paar, trafen sich mit Agnese, welche angstvoll und bekümmert herbeikam. – »Ach, ihr seid hier!« sagte sie, kaum imstande, das Wort hervorzustottern. »Wie ist's gegangen? Was will denn die Glocke? Es ist mir, als wenn ich gehört hätte ...« »Nach Hause, nach Hause, ehe Leute kommen!« sagte Renzo. So machten sie sich auf den Weg. Ihnen entgegen kam gerade Menico gelaufen; er erkannte sie, trat vor sie hin und sagte, an allen Gliedern zitternd, mit halberstickter Stimme: »Wo wollt ihr hin? Zurück, zurück; dorthin, nach dem Kloster! Der Teufel steckt dort im Hause; ich habe sie gesehen, sie haben mich umbringen wollen. Pater Cristoforo hat's gesagt. Und Ihr auch, Renzo, sollt gleich mitkommen, hat er gesagt. Ich habe sie mit meinen Augen gesehen; 's ist Gottes Schickung, daß ich euch hier alle treffe; will euch schön mehr sagen, wenn wir erst draußen sind.« Renzo, welcher am meisten Fassung behalten, sah ein, daß man nach einer oder der andern Seite sich auf der Stelle wenden mußte, bevor die Leute herbeiliefen. Er hielt es also fürs sicherste, dem Rate des Knaben zu folgen. Unterwegs, außerhalb des Getümmels und der Gefahr, ließ sich eine deutlichere Erklärung von dem Knaben herausbringen. – »Geh« voran,« rief er. – »Wir gehen mit ihm,« sagte er zu den Frauen. Sie wandten sich, eilten dem Gotteshause zu, liefen quer über den Kirchhof, wo glücklicherweise noch keine lebende Seele anzutreffen war und traten in ein Gäßchen zwischen der Kirche und dem Pfarrhause. Darauf ging's zur ersten Zaunöffnung, die sie fanden, hinein, und fort durch die Felder. Sie konnten kaum fünfzig Schritte hinter sich haben, als die Leute nach dem Kirchhofe strömten und der Haufe sich dort mit jedem Augenblick vermehrte. Einer sah den andern an; jeder hatte eine Frage, keiner wußte Antwort zu geben. Die zuerst Gekommenen eilten nach der Kirchentüre; sie war verschlossen. Sie liefen also hinaus nach dem Glockenturm, und einer unter ihnen hielt den Mund an eine Öffnung, an eine Art von Schußloch in der Mauer, und schrie laut hinein: »Zum Henker, was gibt's denn?« – Der Küster hörte eine bekannte Stimme und ließ den Strick fahren. Nun zog er eilig die Rüstung an, welche er bisher unterm Arm gehalten, lief inwendig durch zur Kirchentüre und öffnete sie. »Was soll denn all der Lärm bedeuten? – Was gibt's denn? – Wo denn? – Wer denn?« »Was? Wer's ist?« fragte Ambrogio, während er mit der einen Hand einen Türflügel, mit der andern das Kleidungsstück hielt, in welches er allzu eilig hineingeschlüpft. – »Was? Ihr wißt es nicht? Leute im Hause des Herrn Pfarrers! Hinauf, Kinder! Helft!« – Den Augenblick wenden sich alle nach dem Hause hin, sehen sich um, drängen sich daselbst scharweise zusammen, sehen noch einmal hinauf, halten das Ohr hin – alles still. Andre laufen vorn nach der Haustüre, sie ist verschlossen und verriegelt; auch sie sehen hinauf – kein Fenster ist offen, nicht ein Laut ist zu hören. »Wer ist denn da drinnen? – Heh! – Herr Pfarrer! – Herr Pfarrer!« Don Abbondio war kaum die Flucht seiner Angreifer gewahr geworden, so hatte er sich vom Fenster zurückgezogen und es wieder zugemacht. Jetzt machte er mit halblauter Stimme die Haushälterin herunter, daß sie ihn in diesem Schreckensgewirr allein gelassen. Als er aber von der Menge sich laut gerufen hörte, mußte er von neuem ans Fenster treten; er sah die zahlreiche Hilfe und bereute, sie herbeigerufen zu haben. »Was ist vorgefallen? – Was hat man Ihnen getan? – Wer sind sie? – Wo stecken sie?« – So schrien fünfzig Stimmen zugleich. »'s ist keiner mehr hier; ich danke euch; geht nur nach Hause.« »Aber wer ist's denn gewesen? – Wohin sind sie gegangen? – Was hat sich denn eigentlich begeben?« »Schlechtes Gesindel, Kerle, die nachts herumstreichen. Sie haben sich aber wieder davongemacht, geht nach Hause; 's ist vorbei. Ein andermal, Kinder; ich dank' euch für euren guten Willen.« – Mit diesen Worten trat er zurück und schloß das Fenster wieder. Da kam plötzlich einer atemlos hergelaufen und war der Sprache nicht mächtig. Dieser Mann wohnte unsern Frauen gegenüber; er hatte bei dem Lärmen sich ans Fenster gestellt und im Hofe drüben das Getümmel der Bravi bemerkt, als der Graue sie gerade mit Mühe zusammenbrachte. Er war kaum wieder zu Atem gekommen, so schrie er: »Was macht ihr hier, Kinder? Hier wimmelt die Hölle nicht, aber dort unten im Dorf, am Hause der Agnese Mondella; bewaffnete Kerle, sie stecken drin; ich glaube, sie wollen einen Pilger abschlachten.« »Was? – Wie?« – Und nun begann eine stürmische Beratschlagung. – »Man muß gehen. – Wir müssen sehen. – Wieviel sind ihrer? – Wie stark sind wir denn? –- Wer sind sie? – – Der Schulze! Der Schulze!« »Hier bin ich,« antwortete der Schulze schon mitten im Haufen. – »Hier bin ich; ihr müßt mir aber auch beistehen, müßt mir gehorchen. Geschwind! Wo ist der Küster? Nach der Glocke, nach der Glocke hin! Rasch! Einer nach Lecco, um Hilfe zu holen – kommt alle her!« Man läuft herbei, man gleitet zwischen dem Gedränge hin, man schlägt sich durch; das Getümmel war groß, als ein anderer anlangte, welcher die bewaffnete Räuberbande in Eile hatte abziehen sehen. –- »Lauft, Kinder!« rief er, »'s sind Räuber, Mordgesellen, die mit 'nem Pilger davonjagen; sind schon außerm Dorf; nach! nach!« – Bei dieser Nachricht warten die Bauern den Befehl ihres Oberhauptes nicht ab, sie machen sich in Masse auf den Weg und strömen die Straße hinab; endlich langt der ordnungslose Schwarm bei der angezeigten Stätte an. Die Spuren des Einbruchs waren neu und deutlich; die Türe offen, der Riegel losgerissen, die Mordbande aber verschwunden. Man tritt in den Hof, man geht nach der Türe des untern Stockwerks; man öffnet, auch sie ist gewaltsam erbrochen; man fragt, man ruft: »Agnese! Lucia! Agnese! Lucia!« – Niemand antwortet. – »Sie haben sie mit fortgeschleppt, mit fortgeschleppt!« – Einige erhoben nun die Stimme und waren der Meinung, man müsse den Räubern nachsetzen; die Niederträchtigkeit sei unerhört, und eine Schande würde es für das Dorf sein, wenn jeder Schurke unbestraft hereinschleichen dürfte, um Frauen wegzuschleppen, wie der Weih die jungen Hühner aus einer unbewohnten Scheune. Eine neue, noch stürmischere Ratsversammlung; einer aber – man hat nie recht erfahren, wer es gewesen – schrie mit einemmal in den Haufen hinein, Agnese und Lucia hätten sich in ein Haus hineingerettet. Das Wort flog schnell von Mund zu Mund und fand Glauben; man sprach nicht weiter davon, den Flüchtlingen nachzusetzen; die Menge zerstreute sich, und jeder begab sich nach Hause, wo noch lange bis spät in die Nacht von dem Erlebnis gesprochen wurde. Weiter geschah nichts. Am andern Morgen aber stand der Dorfschulze auf seinem Felde, hatte das Kinn auf beide Hände gestützt, die Hände auf dem Griff des halbeingesenkten Spatens und einen Fuß auf dem Tritt desselben; er sann den geheimnisvollen Ereignissen der vergangenen Nacht nach, überlegte, was man von ihm erwarte und was er zu tun habe, und sah plötzlich zwei Männer von rüstigem Ansehen auf sich zukommen, beide mit langen Haaren, wie zwei fränkische Könige aus dem ersten Geschlechte, übrigens genau dem Paare ähnlich, welches fünf Tage vorher auf Don Abbondio gelauert, wofern es nicht etwa die nämlichen waren. Ohne viele Umstände zu machen, banden sie ihm aufs Gewissen, dem Stadtvogt über das Vorgefallene durchaus nicht die geringste Meldung zu tun; wenn er in der Hoffnung lebe, durch eine Krankheit dereinst seinen Tod zu finden, so solle er die Wahrheit verschweigen, falls er gefragt würde; solle sich vor allem Plaudern in acht nehmen und dem Geschwätz der Bauern nicht etwa noch Vorschub leisten. – Ohne ein Wort zu sprechen, wanderten unsere Flüchtlinge eine Strecke rasch vorwärts. Bald wandte sich der eine, bald der andere um und sah, ob ihnen nicht etwa jemand folgte; alle niedergeschlagen durch die Mühseligkeit der Flucht, durch die heftigen Gemütsbewegungen, die sie erduldet, durch den Verdruß über den schlechten Erfolg ihres Beginnens, wie durch die ahnungsvolle Furcht vor neuer, noch unentwickelter Gefahr. Die Wanderer sahen sich auf einem unbewohnten Felde, wurden weit und breit keinen menschlichen Laut gewahr und fingen an, langsamer fortzuschreiten. Agnese schöpfte zuerst wieder Atem, brach das Stillschweigen und fragte Renzo, wie es gegangen sei, fragte Menico, was für ein Teufel im Hause gesteckt habe. Renzo gab von seiner traurigen Geschichte einen kurzen Bericht, und so wandten sich alle drei zum Knaben, welcher nun umständlicher den Bescheid des Paters mitteilte und seinen entsetzlichen Strauß mit den beiden Räubern erzählte. Eben dieser bestätigte den Bescheid des guten Mönchs nur allzusehr; die Zuhörer begriffen mehr, als Menico zu sagen wußte. Bei dieser Entdeckung aber durchrieselte sie ein neuer Schauder; sie standen alle drei einen Augenblick mitten auf dem Felde still, sahen einander mit den Blicken des Schreckens an und liebkosten zu gleicher Zeit, als wäre es verabredet worden, den Knaben, indem der eine ihm die Hand auf den Kopf, der andere auf die Schulter legte. Sie schienen ihm schweigend zu danken, daß er ihr Rettungsengel gewesen, sie bezeugten ihm das Mitleid, welches sie empfanden, und baten ihn gleichsam um Verzeihung, da er für ihr Heil so viele Angst erduldet und in so großer Gefahr geschwebt hatte. – »Jetzt geh' nach Hause zurück, mein lieber Menico,« sagte Agnese, »damit deine Eltern sich nicht länger um dich abängstigen. Bete zu Gott, daß wir uns bald wiedersehen mögen, und dann ...« – Renzo aber gab ihm ein neues glänzendes Silberstück und schärfte ihm ein, beileibe niemandem etwas von dem Auftrage des Paters zu erzählen; Lucia liebkoste ihn von neuem und grüßte ihn mit gerührter Stimme; der Knabe erwiderte wehmütig den Gruß und kehrte zurück. Nun setzten sie gedankenvoll ihren Weg fort, die Frauen voran und dicht hinter ihnen, wie eine Schutzbegleitung, Renzo. Endlich langten sie auf einem Platze vor der Kirche des Klosters an. Renzo trat zur Kirchentüre hin und klopfte. Sie öffnete sich wirklich, und das Mondlicht, welches durch die Öffnung fiel, beleuchtete das bleiche Gesicht und den Silberbart des Bruders Cristoforo, der harrend dastand. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß keiner fehlte, spendete er ihnen seinen frommen Gruß und hieß sie hereintreten. »Kinder,« sagte er, »danket dem Herrn, daß er euch aus einer großen Gefahr gezogen. In diesem Augenblick vielleicht ...« Und nun erzählte er ausführlich, was er durch den kleinen Boten nur anzudeuten vermocht hatte; denn er konnte sich nicht denken, daß sie bereits mehr als er davon wußten, und setzte voraus, Menico habe sie, noch ehe die Raufbolde angekommen, friedlich in ihrem Hause getroffen. Keiner mochte ihm seinen Irrtum nehmen, nicht einmal Lucia, wiewohl sie solch eine Verstellung gegen solch einen Mann mit heimlichem Widerwillen verwünschte; es war aber einmal eine Nacht der Verwirrung und der Verstellung. »Demnach seht ihr wohl ein, Kinder,« fuhr er fort, »daß jetzt das Dorf für euch nicht geheuer ist. Es ist euer Wohnort, ihr seid darin geboren, ihr habt euch gegen niemanden versündigt; aber Gott will es so. Es ist eine Prüfung, Kinder; ertragt sie mit Geduld, mit Vertrauen, ohne heimlichen Groll, und ihr werdet sehen, es kommt eine Zeit, wo es euch um all das erlittene Drangsal gar nicht leid tun wird. Ich bin darauf bedacht gewesen, euch einen Zufluchtsort für die ersten paar Stunden zu suchen. Ich hoffe, ihr werdet bald ohne Gefahr nach eurem Hause zurückkehren können; in jedem Fall wird Gott für euer Bestes Sorge tragen, und da er mich zu seinem Diener erwählt hat, um euch guten gequälten Leuten behilflich zu sein, so werde ich mich gewiß bemühen, seine Gnade mit menschlichen Kräften zu unterstützen. Ihr,« fuhr er fort, sich zu den beiden Frauenzimmern wendend, »könnt euch in Monza aufhalten. Dort seid ihr hinlänglich außer aller Gefahr und zugleich von eurem Hause nicht allzu weit entfernt. Fragt dort nach unserem Kloster, lasset euch den Pater Guardian herausrufen und übergebt ihm das Schreiben hier; er wird euch ein zweiter Bruder Cristoforo sein. Und du, mein Sohn, du mußt dich jetzt vor anderer Leute Wut und vor deiner eigenen in Sicherheit bringen. Nimm diesen Brief nach unserem Kloster beim Tore gegen Morgen in Mailand und händige ihn dem Pater Bonaventura aus Lodi ein. Er wird dich wie seinen Sohn halten, wird dich leiten und Arbeit für dich finden, bis du heimkehren kannst, um hier ruhig wieder zu leben. Geht nach dem Seeufer, dicht an die Mündung des Bione« – eines Sturzbaches nicht weit vom Kloster – »dort werdet ihr einen stillstehenden Kahn finden; rufet nur: Barke! Und fragt man euch: Für wen? so antwortet: San Francesco. Die Barke wird euch aufnehmen und nach dem andern Ufer hinüberführen, von wo euch ein Karren geradeswegs nach Monza bringt.« Man könnte fragen, wie Bruder Cristoforo so schnell diese Beförderungsmittel zu Wasser und zu Lande für seine Zwecke in Bereitschaft gesetzt; dann hat man aber von der Macht eines Kapuziners, welcher im Ansehen eines Heiligen stand, keine Vorstellung. Es blieb also bloß noch übrig, für die Sicherheit der Häuser Vorkehrungen zu treffen. Der Pater nahm die Schlüssel derselben zu sich und verpflichtete sich, sie denjenigen zu übergeben, welche Renzo und Agnese ihm nennen würden. Diese seufzte, indem sie den Schlüssel hinreichte, aus tiefer Brust; es fiel ihr ein, daß in diesem Augenblick das Haus offen stand, daß der Teufel drin gehaust und wohl schwerlich etwas zu bewachen übriggelassen habe. »Ehe ihr euch aufmacht,« sagte Bruder Cristoforo, »wollen wir miteinander zum Herrn beten, daß er auf diesem Wege und immer mit euch sei; daß er vor allem euch Kraft verleihe, euch Gottesfurcht einhauche, um das zu wollen, was er beschlossen.« – Bei diesen Worten kniete er mitten in der Kirche nieder; die übrigen alle taten desgleichen. Nachdem sie einige Sekunden schweigend gebetet hatten, stand Bruder Cristoforo auf und sagte: »Geht, Kinder; wir dürfen keine Zeit weiter verlieren; Gott schirme euch, sein Engel begleite euch; geht!« – Und während sie sich in jener Gemütsbewegung, die keine Worte findet und ohne sie sich offenbart, auf den Weg machten, setzte der Mönch mit gerührter Stimme hinzu: »Mir sagt's das Herz, wir werden uns bald wiedersehen!« Gewiß, wer auf sein Herz hört, dem hat es immer etwas über die Zukunft zu sagen. Aber was weiß das Herz? Kaum ein wenig von dem, was schon geschehen ist. Ohne Antwort zu erwarten zog sich Bruder Cristoforo mit raschen Schritten zurück; die Reisenden begaben sich fort und machten sich unverdrossen nach dem angezeigten Ufer; sie sahen den Kahn, gaben und empfingen das Merkwort und stiegen hinein. Der Fährmann drückte mit dem Ruder gegen das Ufer und stieß ab; dann nahm er ein zweites, ruderte mit beiden Armen und steuerte über den offenen Spiegel des Sees dem gegenüberliegenden Gestade zu. Nicht ein Lufthauch wehte; glatt und eben lag der weite See vor dem Auge da und hätte bewegungslos geschienen, wenn das Lichtbild der Mondesscheibe, welche vom hohen Himmel herab sich darin spiegelte, auf der Oberfläche nicht gezittert und in leichten Kräuselwellen geflimmert hätte. Nichts war zu vernehmen als die tote träge Welle, wie sie an den Kieseln des Ufers sich brach, das entferntere Getöse des Wassers, welches zwischen den Pfeilern der Brücke hindurchschäumte, und das gleichförmige Schlagen der beiden Ruder, welche, die dunkelblaue Ebene des Sees durchschneidend, zu gleicher Zeit triefend hervorkamen und wieder untertauchten. Während die Welle vom Kahn geteilt ward und am Heck wieder zusammenfloß, bezeichnete ein gekräuselter Streif, der vom Ufer sich immer weiter entfernte, den zurückgelegten Weg. Die schweigenden Pilger hatten das Gesicht zurückgewandt und blickten nach den Gebirgen und der umherliegenden Ebene, wo das mondhelle Nachtstück hier und dort in weiten Schatten dunkelte. Sie erkannten die Dörfer, die Häuser, die Hütten; sie erkannten Don Rodrigos Palast mit seinem flachen Turme, sich über die Häuserhaufen am Abhange des Vorgebirges erhebend, gleich einem Wilden, der auf ein Verbrechen sinnend über einer Schar von liegenden Schläfern in der Dämmerung aufrecht dasteht. Lucia sah ihn und schauderte; sie ließ ihr Auge über den Abhang hin nach ihrem Dorfe schweifen, blickte angestrengt bis zum äußersten Ende, sah ihr Häuschen, sah das dichte Laub des Feigenbaumes, der über die Mauer des Hofes emporragte, sah das Fenster ihres Zimmers, und wie sie auf dem Boden des Fahrzeugs da saß, legte sie den Ellenbogen auf den Bord, senkte die Stirne darauf, als wollte sie schlafen, und weinte heimlich. So lebt denn wohl, ihr Berge, die ihr emporsteiget über das Gewässer und zum Himmel euch erhebt; ihr wechselnden Gipfel, dem Sohne des Landes, der unter euch aufgewachsen, bekannt und seinem Geiste eingeprägt wie die Gestalten seiner vertrautesten Lieben; ihr Wildbäche, deren Wogenhall er unterscheidet wie den Klang der Stimmen im Vaterhause; ihr schimmernden Landhäuser, auf den Abhängen der Felsen zerstreut wie Herden des weidenden Viehes, lebt wohl! Wie traurig ist der Schritt eures Pflegekindes, wenn es von euch sich entfernt! – Leb wohl, väterliches Haus, wo ich, in stillen Gedanken sitzend, in geheimnisvollem Bangen harrend, unter den Fußtritten der Menge den Fußtritt des Geliebten unterschied. Und auch du lebe wohl, bis jetzt mir noch ein fremdes Haus, nach welchem ich so oft, wenn ich vorüberging, nicht ohne Erröten flüchtig geblickt, in welchem ich so gern mir ein ruhiges ewiges Paradies der Ehe malte. Leb wohl, du Kirche, wo die Andacht so oft mich mit heiterm Seelenfrieden erfüllte, wenn ich das Lob des Herrn sang; wo ich meinem Lieben versprochen und der ewige Bund vorbereitet ward; leb wohl! Er, welcher mir euch mit so freundlichem Zauber geschmückt, ist allerorten, und wenn er die Freude seiner Kinder trübt, so gedenkt er ihnen eine größere und sicherere zu bereiten. Von dieser Art, wenn auch nicht genau dieselben, waren Luciens Gedanken; wenig verschieden die Gedanken der anderen beiden Pilger. Währenddessen näherte sich das Fahrzeug dem rechten Ufer der Adda. Neuntes Kapitel Die Erschütterung, mit welcher der Kahn gegen das Ufer stieß, weckte Lucien. Sie hatte heimlich ihre Tränen getrocknet und erhob sich wie vom Schlafe. Renzo stieg zuerst hinaus und reichte Agnesen die Hand, welche diesen Dienst der Tochter erwies; dann dankten alle drei dem Fährmann mit trauriger Miene. – »Hat nichts zu sagen,« erwiderte der Mann; »wir sind hier unten, um einer dem andern zu helfen.« – Der Karren stand bereits reisefertig da; der Führer begrüßte die drei Erwarteten, ließ sie einsteigen, rief seinem Tiere zu, gab ihm einen Hieb mit der Peitsche, und so ging's fort. Unsere Reisenden kamen in Monza wenige Minuten nach Sonnenaufgang an; der Fuhrmann kehrte in einen Gasthof ein, schien des Ortes kundig und mit dem Schenkwirt bekannt zu sein, denn er ließ ihnen ein Zimmer anweisen. Nach einem Abend, wie wir ihn beschrieben, und einer Nacht, wie jeder sie leicht sich denken kann, deuchte es unsern Pilgern gar sehr behaglich, sich in einem Zimmer, so gering auch seine Bequemlichkeit sein mochte, auf eine kleine feststehende Bank niederlassen zu können. Hier frühstückten sie ein wenig, wie die Dürftigkeit der Zeiten es gestattete; die Eßlust war gering, die Mittel im Verhältnis zu den Bedürfnissen einer ungewissen Zukunft kärglich abgemessen. Renzo hätte gern diesen ganzen Tag hindurch wenigstens dort bleiben wollen, er wünschte die Frauen untergebracht zu sehen und ihnen die ersten Dienste im Orte leisten zu können; Bruder Cristoforo aber hatte den Frauen geraten, ihn bald seines Weges wandern zu lassen. Sie führten daher diesen Befehl und hundert andere Gründe an; die Leute würden davon reden; je länger man die Trennung verschiebe, um desto schmerzlicher würde sie sein; er könnte ja bald wiederkehren, um neue Nachrichten zu geben und zu empfangen. So entschloß sich der Jüngling endlich zum Aufbruch. Nun verabredete man genauer, wie man sich verhalten wollte; Lucia verbarg ihre Tränen nicht; Renzo hielt die seinen mit Anstrengung zurück, drückte Agnesen ungestüm die Hand, sagte: »Auf baldiges Wiedersehen!« und ging. Indessen hätten sich die beiden Frauen gar bald in Verlegenheit gesehen, wenn der Fuhrmann sich nicht bei ihnen eingefunden hätte. Diesem war geboten worden, sie nach dem Kloster zu führen und ihnen mit der Anleitung, mit der Hilfe beizustehen, die etwa erforderlich sein würde. Unter seiner Begleitung machten sie sich also auf den Weg nach dem Kloster, welches, wie jedermann weiß, eine kleine Strecke außerhalb der Stadt lag. Nachdem sie an die Pforte gekommen, zog der Führer die Klingel und ließ den Pater Guardian herausrufen. Er kam und nahm den Brief in Empfang. »O, Bruder Cristoforo!« sagte er, indem er die Schrift erkannte. Der Ton der Stimme, wie die Bewegungen im Gesicht verrieten deutlich, daß er den Namen eines großen Freundes aussprach. Wir müssen bemerken, daß unser wackerer Cristoforo die Frauen in seinem Schreiben mit hoher Wärme empfohlen hatte; ihr Unglück war mit vielem Gefühl erzählt, denn der Guardian gab hin und wieder Zeichen des Erstaunens und des Unwillens zu erkennen, erhob die Augen von dem Blatte und betrachtete das harrende Paar mit dem Ausdruck des Mitleids und der Teilnahme. Nachdem er zu Ende gelesen, stand er einige Sekunden gedankenvoll da und sagte dann für sich: »Es bleibt uns hier niemand anders als die Edelnonne übrig; wenn die würdige Dame die Verbindlichkeit auf sich nehmen will...« Alsdann nahm er Agnesen auf einige Schritte nach dem Platze vor dem Kloster mit sich, tat verschiedene Fragen an sie, welche befriedigend beantwortet wurden, wandte sich dann auch an Lucien und sagte zu beiden: »Ich will versuchen, gute Frauen, und hoffe, einen Zufluchtsort, der mehr als sicher, mehr als ehrenvoll ist, für euch ausfindig zu machen, bis Gott auf eine bessere Weise für euch gesorgt hat. Wollt ihr mit mir kommen?« Die Frauen bejahten seine Frage mit ehrfurchtsvoller Verbeugung. Dann ging er voraus, und die andern drei folgten. Die beiden Frauen wandten sich unterwegs an den Fuhrmann mit einer Frage, die sie an den Pater Guardian nicht gewagt hätten, wer nämlich die edle Dame wäre. »Sie ist eine Nonne,« lautete seine Auskunft; »aber nicht eine Nonne wie die andern. Ebensowenig ist sie Äbtissin oder Priorin; sie soll sogar, wie ich mir habe sagen lassen, eine von den Jüngsten sein. Sie ist aber aus uraltem Adel, aus Adams Rippe selber, und die Ihrigen sind in alter Zeit gar vornehme Leute gewesen, aus Spanien hergekommen, wo die Herrschaften alle her sind, die jetzt hier im Lande zu befehlen haben. Und darum nennen sie alle die Edelnonne; das soll heißen, sie ist eine sehr vornehme geistliche Dame. Alles Volk ringsumher hält sie gar hoch in Ehren, und wenn sie sich einer Sache annimmt, so setzt sie's durch. Wenn's also der gute Geistliche da so weit bringt, daß er euch in ihre Hände gibt und sie nichts dawider hat, so kann ich euch sagen, ihr seid so sicher wie auf dem heiligen Altar in der Kirche selber.« Man kam endlich ans Tor des Fleckens, an dessen Seite damals ein alter Turm stand; daneben ein verfallenes Schloß, dessen sich vielleicht noch einige unserer Leser in seinem unbeschädigten Zustande erinnern. Der Guardian stand still und sah zurück, ob sein Gefolge auch nachkäme; dann trat er hinein und begab sich nach dem Kloster. Hier hielt er zum zweitenmal auf der Schwelle an und erwartete die kleine Schar. Den Führer bat er, später nach dem Kloster zu kommen und sich die Antwort abzuholen; dieser versprach's und verabschiedete sich von den Frauen, welche ihm nochmals dankten und Aufträge an Pater Cristoforo mitgaben. Der Guardian ließ Mutter und Tochter in den ersten Hof des Klosters treten, führte sie in die Kammer der Schwester Wirtschafterin und empfahl sie derselben; dann machte er sich allein auf, um sein Gesuch anzubringen. Nach wenigen Augenblicken kehrte er fröhlich zurück und sagte ihnen, sie möchten nur mit ihm kommen. Er kam zur rechten Zeit, denn Mutter und Tochter wußten kaum mehr, wie sie sich den zudringlichen Fragen der Wirtschafterin entwinden sollten. Während es sodann durch den zweiten Hof ging, gab der Guardian den Frauen einige Unterweisung, wie sie sich gegen die hohe Nonne zu benehmen hätten. »Sie ist vortrefflich für euch gestimmt,« sagte er, »und kann viel Gutes für euch tun. Seid bescheiden und ehrfurchtsvoll, antwortet mit Aufrichtigkeit auf alle Fragen, die 's ihr etwa an euch zu richten belieben wird, und wo ihr nicht gefragt werdet, überlasset die Sache nur mir.« Man kam in ein unteres Gemach, aus welchem es ins Sprechzimmer ging. Lucia, welche niemals ein Kloster gesehen, blickte nach dem Eintritt ins Sprechzimmer umher, wo die edle Nonne, welcher sie ihre Verbeugung machen wollte, sich befände, und da sie niemanden bemerkte, stand sie wie in verlegener Einfalt da; als aber der Mönch nach einem Winkel ging und Agnese ihm folgte, sah sie hin und gewahrte eine viereckige Öffnung, etwa einer Fensterhälfte ähnlich, durch zwei große und feste Eisengitter versperrt, welche eine Handbreit voneinander entfernt waren; dahinter stand eine Nonne. Ihr Anblick, welcher auf ein Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren schließen ließ, gewährte im ersten Moment die Wirkung der Schönheit, aber einer matten, verblühten und, ich möchte sagen, zerstörten Schönheit. Ein schwarzer Schleier, wagerecht über den Kopf hingezogen, fiel sodann zur Rechten und Linken, vom Gesicht etwas abstehend, hernieder; unter dem Schleier kränzte eine blendend weiße Linnenbinde fast bis zur Mitte die Stirn, die von einer andern, aber nicht geringeren Weiße glänzte; eine zweite umgab gefaltet das Gesicht und endigte unter dem Kinn als ein Halstuch, welches sich ein wenig zur Brust herabsenkte und den oberen Saum des schwarzen Gewandes deckte. Doch die Stirn zog sich, wie durch eine schmerzliche Empfindung, jeden Augenblick in Runzeln zusammen, und in schneller Bewegung näherten sich dann die beiden schwarzen Augenbrauen. Zwei ebenso schwarze Augen hafteten bisweilen mit musterndem Stolze am Angesicht eines andern und senkten sich dann schnell wieder, als suchten sie sich zu verbergen; manchmal würde ein aufmerksamer Beobachter geschlossen haben, sie spähten nach Zuneigung, nach Mitteilung und Liebe umher; dann hätte er wieder plötzlich einen alten, unterdrückten Haß, eine wilde Sinnesart wahrzunehmen geglaubt; sooft sie aber ohne Aufmerksamkeit unbeweglich starrten, hätte dieser eine hochmütige Verdrossenheit darin erkannt, jener das Wühlen eines verborgenen Gedankens, die Unterdrückung einer Sorge geargwöhnt, welche das Gemüt erfüllt und mächtiger als die umherstehenden Gegenstände es beschäftigt. Die bleichen Wangen stellten sich in zarten Umrissen dar, schienen aber eingefallen in blutloser Mattigkeit zu kränkeln. Nur der leise Anflug eines lebendigen Rotes verkündigte sich auf den blassen Lippen; ihre Bewegungen waren, wie die Bewegungen der Augen, schnell, lebhaft, voller Ausdruck und geheimnisvoll. Der schöne Wuchs ihrer Gestalt verschwand durch die angenommene Gesenktheit der Haltung oder erschien durch gewisse plötzliche, unregelmäßige Bewegungen entstellt, welche für eine Dame, um so mehr für eine Nonne, zu entschieden waren. Selbst in ihrer Kleidung lag hier und da etwas Gesuchtes, eine Nachlässigkeit, in welcher sich eine seltsame Braut des Heilands verkündigte; die Mitte des Leibes war mit einer Art von weltlicher Sorgfalt gegürtet, und zur Binde trat an der einen Schläfe eine schwarze Locke hervor, als vergäße oder verachtete sie die Regel, welche den Nonnen vorschrieb, das Haar, wie es bei der Zeremonie des Bekenntnisses geschnitten worden, versteckt zu tragen. Sie stand in diesem Augenblick, wie wir gesagt, aufrecht hinter dem Gitter und lehnte sich nachlässig mit der einen Hand daran, indem sie die zarten weißen Finger in die Öffnungen legte. Ihr Angesicht war ein wenig zur Seite geneigt, und in dieser Stellung beobachtete sie die Herankommenden. – »Verehrte Schwester und erlauchte Gebieterin,« sagte der Guardian mit gesenkter Stirn, die rechte Hand über die Brust gebreitet, »das ist das arme Mädchen, für welches Sie mich Ihren wirksamen Schutz haben hoffen lassen, und dies ist die Mutter.« Die beiden Vorgestellten bückten sich, so tief sie nur konnten, zur Erde; die Nonne gab ihnen ein Zeichen mit der Hand, es sei genug, und sagte dann, zum Pater gewendet: »Ich betrachte es als eine erfreuliche Fügung, daß ich unsern guten Freunden, den Vätern Kapuzinern, eine Gefälligkeit erweisen kann. Aber,« fuhr sie fort, »machen Sie mich doch mit der Lage des jungen Mädchens ein wenig genauer bekannt, damit ich um so besser überlegen könne, was sich für sie tun läßt.« »Sie müssen wissen, verehrte Mutter ...« fing Agnese an; der Guardian aber unterdrückte ihr durch einen Seitenblick das Wort im Munde. – »Das Mädchen hier,« sagte er, »erlauchte Schwester, ist mir soeben, wie schon gesagt, von einem Mitbruder empfohlen worden. Um sich einer dringenden Gefahr zu entziehen, hat sie sich verstohlen aus ihrem Dorfe entfernen müssen. Jetzt bedarf sie auf einige Zeit einer Schirmstätte, wo sie, ohne gekannt zu sein, leben mag und keiner sie zu beunruhigen wagen darf, selbst wenn ...« »Was für Gefahren?« fragte die Nonne. »Bitte, Pater Guardian, geben Sie mir die Sache nicht so in Rätseln zu verstehen. Sie wissen, daß wir Nonnen nun einmal uns jede Geschichte gern recht ausführlich erzählen lassen.« »Es sind Gefahren,« antwortete der Guardian, »welche den keuschen Ohren der verehrten Schwester auch nicht von fern einmal angedeutet werden wollen.« »O gewiß,« sagte die Nonne schnell, nicht ohne ein wenig zu erröten. War es Scham? Wer den raschen Ausdruck eines unwilligen Hohnes, der diese Röte begleitete, beobachtete, hätte daran zweifeln können, und würde sie um so überraschter mit dem Purpur verglichen haben, welcher sich von Zeit zu Zeit über Luciens Wangen ergoß. »Genug, wenn ich sage,« fuhr der Guardian fort, »daß ein gewalttätiger Edelmann – nicht alle Großen dieser Welt bedienen sich der himmlischen Geschenke, wie meine erlauchte Schwester, zum Ruhme Gottes und zum Vorteil des Nächsten; ein gewalttätiger Edelmann hat lange Zeit hindurch das arme Geschöpf mit unwürdigen Anträgen verfolgt, und wie er endlich gesehen, daß alles nichts fruchtete, hatte er das Herz, sie mit offener Gewalt zu verfolgen. So hat das arme Kind am Ende aus dem Vaterhause fliehen müssen.« »Kommt her da, Mädchen!« sagte die Nonne zu Lucien und winkte ihr mit dem Finger. »Ich weiß, daß der Mund des Paters Guardian eine Quelle der Wahrheit ist; aber keiner kann besser als Ihr selbst über die Sache berichtet sein.« – Was das Herantreten betraf, gehorchte Lucia auf der Stelle; mit dem Antworten aber war's ein anderes. Wenn eine Nachfrage über diesen Gegenstand auch von einer Person ihres Standes gekommen wäre, sie würde dennoch in Verwirrung geraten sein; aus dem Munde einer solchen Dame aber, begleitet von einer spöttischen Zweifellust, benahm sie ihr allen Mut zum Redestehen. – »Edle Frau ... Mutter ... verehrte ...« stammelte sie, und es war, als hätte sie weiter nichts vorzubringen. Nun glaubte sich die Mutter, die nächst ihr allerdings am besten unterrichtet war, vollkommen befugt, ihr zur Hilfe zu eilen. »Erlauchte Schwester,« sagte sie, »ich kann das reinste Zeugnis ablegen, daß diese meine Tochter vor dem Edelmann wie der Teufel vor gebenedeitem Wasser Scheu hatte; der Teufel, will ich nämlich sagen, war er; Sie werden mir aber verzeihen, wenn's mir schlecht vom Munde geht; wir sind nun einmal Leute nach Gottes Willen. So viel ist sicher, das arme Mädchen war mit einem jungen Menschen von unserem Stande versprochen, ein Mensch voll Gottesfurcht und rechtlichen Wandels, und wenn der Herr Pfarrer ein bißchen mehr Mann gewesen wäre ... was wollt' ich doch sagen? – ich weiß, daß ich von einem Geistlichen rede, aber der Pater Cristoforo, ein Freund vom Pater Guardian hier, ist auch ein Geistlicher; das nenn' ich aber einen Mann, der ein mitleidiges Herz hat, und wenn er hier stände, könnt' er mir's bezeugen ...« »Ihr seid stark vorwärts mit der Zunge, Frau, ohne daß man Euch gefragt hat,« fiel ihr die Nonne ins Wort, wobei eine stolze unwillige Miene sie fast häßlich erscheinen ließ. »Ich weiß recht gut, daß die Eltern im Namen ihrer Kinder immer eine Antwort in Bereitschaft haben.« Agnese schwieg gekränkt und warf einen Blick auf Lucien, der sagen wollte: Du siehst, wie schlimm es mir bekommt, daß du für dich nicht selbst sprechen kannst. – Der Guardian winkte dem Mädchen bloß mit dem Auge und nickte ihr mit dem Kopf zu; denn dies war der Augenblick, rasch bei der Hand zu sein und das arme Kind nicht im Stich zu lassen. »Verehrte Schwester,« sagte Lucia, »was meine Mutter Ihnen gesagt hat, ist die reine Wahrheit. Der junge Mensch, der um mich warb,« und hier ward sie über und über Purpur, »den nahm ich aus freiem Willen. Sie verzeihen, wenn ich so frei spreche; ich möchte aber von meiner Mutter nicht gern Übles denken lassen. Und was den andern Herrn betrifft – Gott verzeih' ihm seine Sünden – so wollt' ich lieber sterben, als ihm in die Hände fallen. Und wenn Sie die Barmherzigkeit haben, uns unter Ihrem Schutze sicher zu wahren – da wir doch nun einmal dahin gebracht sind, um ein Unterkommen zu bitten und edlen Menschen zur Last zu fallen – aber der Wille des Herrn geschehe! – so seien Sie überzeugt, verehrte Schwester, daß keiner auf Erden inbrünstiger zum Himmel für Sie beten kann als wir armen Frauen.« »Euch glaub' ich,« sagte die Nonne mit sanfterer Stimme. »Aber es wird mir lieb sein, Euch unter vier Augen sprechen zu hören. Es braucht weiter keiner andern Erklärung noch anderer Beweggründe, um den Bemühungen des Paters Guardian entgegenzukommen,« fügte sie schnell hinzu, indem sie sich mit gesuchter Höflichkeit nach ihm hinwandte. »Ja, ich hab' es schon überlegt, und sieh da, mir ist schon das Beste, was sich tun lassen kann, eingefallen. Die Schwester Wirtschafterin hat vor einigen Tagen ihre jüngste Tochter untergebracht. Die beiden Frauen können in dem Zimmer sich aufhalten, wo das Mädchen gewohnt hat und allenfalls ihre Geschäfte im Kloster versehen. Wahrhaftig« – hier winkte sie dem Guardian, näher ans Gitter zu treten, und raunte ihm dann ins Ohr: »Wahrhaftig, wegen der teuren Zeit hatte man nicht daran gedacht, ein anderes Mädchen anzustellen, ich werde aber mit der Mutter Äbtissin sprechen, und auf ein Wort von mir, um dem Verlangen des Paters Guardian sich willig zu zeigen ... genug, ich melde Ihnen die Sache als geschehen.« Der Guardian wollte seine Dankrede beginnen, als die Nonne ihn unterbrach: »Keine Umstände! Auch ich würde, in Fällen, wo es nötig wäre, auf der Stelle meine Zuflucht zu den Vätern Kapuzinern nehmen. Und am Ende,« fuhr sie mit einem Lächeln fort, durch welches ein Zug von Spott und Bitterkeit schimmerte, »sind wir nicht am Ende Brüder und Schwestern?« Nachdem sie so gesprochen, rief sie eine Laienschwester – zwei derselben waren als eine seltene Auszeichnung zu ihrer besonderen Bedienung angewiesen – und trug ihr auf, die Äbtissin davon zu benachrichtigen. Dann ließ sie die Schwester Wirtschafterin kommen und nahm mit ihr und Agnesen die nötigen Maßregeln. Diese letztere entließ sie, empfahl sich dem Guardian und behielt Lucien zurück. Der Guardian begleitete Agnesen zur Türe, gab ihr unterwegs neue Winke und begab sich weg, um für seinen Freund Cristoforo einen Bericht aufzusetzen. Die Edelnonne, deren Gebärden und Worte in Gegenwart eines bejahrten Kapuziners einen künstlichen Stempel der Klugheit trugen, sah sich nun einem jungen unerfahrenen Landmädchen ohne Zeugen gegenüber und hielt es nicht mehr für notwendig, sich länger in so beschränkendem Zügel zu halten; ihre Gespräche hörten sich allmählich so seltsam an, daß wir, anstatt sie mitzuteilen, es für passender erachten, die vorhergehende Lebensgeschichte dieser Unglücklichen in gedrängtem Berichte zu erzählen. Indessen verspreche sich der Leser nur so viel, als hinreicht, um das Ungewöhnliche und Geheimnisvolle, welches wir an ihr bemerkt haben, zu erklären und die Beweggründe ihres Benehmens in den Ereignissen, die wir mitteilen, begreiflich zu machen. Sie war die jüngste Tochter des Fürsten von ***. Dieser, ein bedeutender mailändischer Edelmann, durfte sich zwar zu den reichsten in der Stadt zählen; doch der unbeschränkte Hoheitsbegriff, welchen er von seinem fürstlichen Namen hatte, mißleitete ihn dergestalt, daß ihm seine Mittel kaum hinreichend, ja um in seiner Würde sich mit Ehren zu erhalten, viel zu kärglich schienen. Daher seine ganze Sorgfalt dahin ging, sie wenigstens, wie sie waren, zu behaupten und sie für ewige Zeiten, soweit er es vermochte, beisammenzuhalten. Wie viele Söhne er gehabt, erhellt aus der Erzählung nicht deutlich; nur so viel läßt sich ersehen, daß er die jüngeren vom einen wie vom andern Geschlechte sämtlich dem Kloster bestimmt hatte und die unberührte Masse des Vermögens dem Erstgeborenen zugedachte. Dieser sollte für die Fortdauer der Familie Sorge tragen und sich quälen, indem er seine Kinder auf dieselbe Weise quälen würde. Unsere Unglückliche hatte das Licht der Welt noch nicht erblickt, als ihr Los schon unwiderruflich festgesetzt worden. Nur mußte noch abgewartet werden, ob es ein Mönch oder eine Nonne sein würde; zu dieser Entscheidung bedurfte es nicht der Einwilligung des Kindes, nur seiner Gegenwart. Als ihre Geburt dem Fürsten, ihrem Vater, gemeldet worden, sann er auf einen Namen, welcher unmittelbar den Gedanken an das Kloster wecken möchte und zugleich von irgendeiner Heiligen adeligen Geschlechtes geführt worden sei. Er nannte sie also Gertrude . Puppen, nach Nonnenart gekleidet, waren das erste Spielzeug, welches man ihr in die Hände gab; dann erhielt sie Nonnenbilder, und jedesmal begleitete das Geschenk die Ermahnung, sie als kostbare Dinge wohl in acht zu nehmen. »Nicht wahr, das ist schön?« war die gewöhnliche Frage dabei, in welcher auch schon die bejahende Antwort lag. Wollten Vater und Mutter, oder der kleine Fürst, der allein von den Söhnen im Hause erzogen ward, die glückliche Gestalt des kleinen Mädchens loben, so schienen sie, um ihre Gedanken auszudrücken, keine passenderen Worte zu finden als: »Was für eine Mutter Äbtissin!« Alle Reden dieser Art setzten mit der Zeit im Geiste des jungen Mädchens den unausgesprochenen Gedanken fest, daß sie eine Braut des Heilands werden müsse; mehr als alle übrigen aber wirkten die Winke, die aus dem Munde des Vaters kamen. In der ganzen Art und Weise des Fürsten verriet sich, durch Gewohnheit ein strenger Herr seines Hauses; wenn aber vom künftigen Stande seiner Kinder die Rede war, so bezeugten jede Miene seines Gesichtes und jedes Wort seines Mundes eine Unbeweglichkeit der Beschlüsse, eine finstere Eifersucht des Herrschbestrebens, welche im Gemüte der übrigen die Empfindung einer vom Schicksal bestimmten Notwendigkeit entstehen ließen. Mit sechs Jahren ward Gertrude zur Erziehung oder eigentlich, um für die auferlegte Bestimmung vorbereitet zu werden, nach dem Kloster gebracht, woselbst wir sie gesehen haben. Die Wahl des Ortes war nicht absichtslos. Der Fürst war nämlich ein Lehnsträger in jener Stadt, er genoß dort ein ganz außerordentliches Ansehen; daher war er der Meinung, hier werde ohne Zweifel, besser als irgendwo anders, seine Tochter mit jener Auszeichnung und Feinheit behandelt werden, welche ihr die Lust einflößen könnten, dieses Kloster zu ihrem ewigen Aufenthalt zu wählen. Er täuschte sich nicht. Die damalige Äbtissin und einige andere geschäftige Nonnen, welche den Löffel, wie man zu sagen pflegt, beständig in Händen führten, sahen sich in manchen Wettstreit mit andern Klöstern oder mit umherwohnenden Familien verwickelt; sie waren also sehr erfreut, eine solche Stütze zu erwerben, sie nahmen die Ehre, die ihnen dadurch erzeigt ward, mit lebhafter Erkenntlichkeit auf und entsprachen vollkommen allen Absichten, welche der Fürst, da er ihnen seine Tochter für lange Zeit übergab, hatte durchblicken lassen. Auch stimmten diese Absichten sehr passend mit ihrem Vorteil. Kaum war Gertrude ins Kloster eingetreten, ward sie, mit Übergehung ihres Eigennamens, die kleine Edeldame genannt; am Tisch, im Schlafzimmer hatte sie ihre besondere Stelle; ihr Betragen ward den andern Mädchen als Muster vorgehalten; dazu kamen tagtägliche süße Worte und Liebkosungen, mit jener ehrfurchtsvollen Vertraulichkeit gewürzt, wodurch Kinder so schnell gewonnen werden, wenn sie sie an Personen bemerken, welche sie die übrigen Kinder mit dem herkömmlichen Ernste der Hoheit behandeln sehen. Unter Gertrudens Gespielinnen im Hause der Erziehung aber gab es einige, die wohl wußten, sie seien für einen Gemahl bestimmt. Die kleine Gertrude, mit den Begriffen von ihrem höheren Stande genährt, sprach mit prächtigen Worten davon, wie sie dereinst die Äbtissin, die Fürstin des Klosters sein werde; sie wollte auf jede Weise ein Gegenstand des Neides für die andern sein; doch sah sie mit Verwunderung und verachtendem Stolze, daß einige derselben ihr diese hohe Bestimmung durchaus nicht beneiden mochten. Den erhabenen, aber beschränkten und kalten Bildern, welche die Herrschaft in einem Kloster gewähren kann, pflegten diese Mädchen die mannigfaltigen, schimmernden Bilder des ehelichen Lebens entgegenzusetzen, und sprachen von Gastmählern und Abendgesellschaften, von Landhäusern und ritterlichen Festen, von verehrenden Begleitern, stattlichen Kleidern und prächtigen Wagen. Gespräche dieser Art brachten in Gertrudens Seele jene Bewegung, jenes gärende Gewühl hervor, welches ein Korb mit frisch gepflückten Blumen, vor einen Bienenstock hingestellt, hervorbringen würde. Eltern und Erzieherinnen hatten die natürliche Eitelkeit in ihr genährt und zur Reife gebracht, damit sie am Klosterleben Gefallen fände; als aber diese Leidenschaft durch Vorstellungen, die ihr verwandter waren, in einem andern Sinne angefacht ward, überließ sie sich ihnen freiwillig mit weit lebhafterer Glut. Um nun hinter ihren Gefährtinnen nicht zurückzubleiben und zugleich ihrer neuen Geistesrichtung Genüge zu leisten, gab sie zur Antwort, es könne, wenn die Rechnung endlich gezogen werden solle, ohne ihre Einwilligung keiner den Schleier ihr übers Haupt werfen, auch sie dürfe einen Gemahl wählen, einen Palast bewohnen, der Welt sich erfreuen, und das glänzender als die übrigen alle; sie könne es, sobald sie nur wolle; sie würde es wollen, sie wolle es – und sie wollte es in der Tat. Der Gedanke, daß ihre Einwilligung notwendig sei, ein Gedanke, welcher bis dahin unbeachtet und gleichsam in einem Winkel ihres Geistes verborgen gelegen, fing jetzt sich zu entwickeln an und stellte sich in seiner ganzen Gewichtigkeit dar. Hinter diesem Gedanken fand sich jedoch unfehlbar immer auch ein zweiter ein: diese Einwilligung mußte dem fürstlichen Vater, der sie bereits als gegeben annahm oder anzunehmen schien, verweigert werden, und hier fußte die Hoffnung der Tochter bei weitem so zuverlässig nicht, wie ihre Worte es zeigten. Dann verglich sie sich mit ihren Gefährtinnen, welche solchen Aussichten weit sicherer sich überlassen durften, und so empfand sie in schmerzlicher Verzweiflung den Neid, den sie anfangs in ihnen zu erregen geglaubt hatte. Indem sie sie beneidete, haßte sie sie; dieser Haß brach bisweilen in Verachtung, in unhöflicher Begegnung, in stichelnden Spottreden hervor, wiewohl manchmal die Gleichförmigkeit der Neigungen und Wünsche ihn einschläferte und eine scheinbare, vorübergehende Vertraulichkeit entstehen ließ. Um indessen sich schon eines wirklichen, eines gegenwärtigen Genusses zu erfreuen, gefiel sie sich hin und wieder in dem Vorzuge, der ihr bewilligt ward, und ließ alle übrigen diese höhere Stellung empfinden; sooft sie aber die Einsamkeit ihrer Furcht und ihrer Sehnsucht nicht zu ertragen vermochte, suchte sie, sich erniedrigend, die andern wieder auf, als wollte sie sie um Wohlwollen, um Rat und Ermutigung bitten. Unter diesen bejammernswerten Kämpfen mit sich und andern war ihre Kindheit vorübergegangen. Sie näherte sich nun jenem entscheidenden Alter, mit welchem in die Seele eine geheimnisvolle Macht zu treten scheint, um alle Neigungen und alle Gedanken zu erheben, zu schmücken und zu stärken, sie umzugestalten und ihnen eine unerwartete Richtung zu erteilen. Was Gertruden bisher in diesen Träumen der Zukunft am entschiedensten geschmeichelt hatte, waren äußerer Glanz und Staatsprunk; das Weiche und Gefühlvolle, welches anfangs durch ihr Gemüt flüchtig ergossen gewesen und gleich einem Nebel die deutlicheren Gestalten eingehüllt hatte, fing nun an, in ihren Traumgebilden sich zu entwickeln und das vorherrschende Element zu werden. Sie hatte sich aus dem entlegensten Teile ihres Geistes gleichsam eine glänzende Zurückgezogenheit geschaffen; hierher flüchtete sie sich aus der umgebenden Gegenwart, hier fand sie sich mit einer Gesellschaft, aus den verworrenen Erinnerungen ihrer Kindheit seltsam gestaltet, glücklich zusammen; das wenige, welches sie von der äußeren Welt gesehen, was sie in den Gesprächen mit ihren Gefährtinnen gelernt hatte, mußte das Gebäude vollenden. Mit dieser Gesellschaft unterhielt sie sich, sprach mit ihr und antwortete sich in ihrem Namen; hier gab sie Befehle und empfing Huldigungen aller Art. Von Zeit zu Zeit trübte diese glänzenden, ermüdenden Feste der Gedanke an die Religion. Aber die Religion, wie sie unserm armen Mädchen gelehrt und von ihr empfangen worden, verbannte den Stolz nicht; sie heiligte ihn vielmehr und stellte ihn als ein Mittel auf, um einer irdischen Glückseligkeit habhaft zu werden. Ihres wesentlichen Charakters also beraubt, war es nicht mehr die Religion, es war eine Maske wie jede andere. In den Stunden, da diese Maske in Gertrudens Einbildungskraft den Vordergrund behauptete und wachsend sich erhob, erlag die Unglückliche einem Gewühl von verworrenen Schrecken und ward von einem undeutlichen Bewußtsein der Pflichten ergriffen; dann bildete sie sich ein, es sei ein sträfliches Beginnen, dem Kloster entsagen zu wollen und dem Gebote der Eltern in der Wahl des Standes sich zu widersetzen; dies sträfliche Beginnen zu büßen, ward auf einige Zeit ihr ernstlicher Vorsatz, und freiwillig wolle sie sich im Kloster verschließen. Es war Vorschrift, daß ein junges Mädchen nicht als Nonne aufgenommen werden konnte, wenn ein Geistlicher, welcher der Vikar der Nonnen hieß, oder sonst jemand, dem das Amt aufgetragen worden, sie nicht vorher geprüft hatte; man wollte sich dadurch von ihrer freien Wahl überzeugen. Erst ein Jahr darauf, nachdem sie ihren Wunsch durch eine schriftliche Vorstellung dem Vikar eröffnet hatte, durfte diese Prüfung stattfinden. Die Nonnen, welche das traurige Geschäft übernommen, Gertruden zur unauflöslichen Verpflichtung zu bewegen, während sie von dem, was dieser Schritt bedeutete, eine so geringe Kenntnis wie möglich haben sollte, ergriffen eine jener trüben Stunden, ließen sie eine solche Bittschrift abschreiben und brachten sie so weit, daß sie ihren Namen darunter setzte. Und um sie desto leichter zu diesem Schritte zu verleiten, ermangelten sie nicht, ihr wiederholt zu sagen, daß eine solche Schrift, wie es auch wirklich der Fall, am Ende eine bloße Formalität sei und nur durch andere spätere Handlungen, die ja doch gänzlich von ihrem Willen abhingen, ihre Wirksamkeit erhalten müßte. Dessenungeachtet wäre die Bittschrift vielleicht noch nicht zu ihrer Bestimmung gelangt; denn schon bereute Gertrude, sie geschrieben zu haben. Bald darauf bereute sie diese Reue, und so verbrachte sie Tage und Monate in einem beständigen Wechsel von Wollen und Nichtwollen. Ein anderes Gesetz befahl, kein junges Mädchen solle zu jener Prüfung ihres Berufes zugelassen werden, ohne vorher einen Monat wenigstens außerhalb des Klosters, in welchem sie erzogen worden, sich aufgehalten zu haben. Seit Absendung der Bittschrift war ein Jahr beinahe verflossen; Gertrude erhielt die Weisung, sie würde nächstens aus dem Kloster geholt und nach dem väterlichen Hause gebracht werden, um einen Monat daselbst zu verweilen und alle die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, welche die Vollendung des begonnenen Werkes erforderte. Der Fürst und die übrigen Mitglieder der Familie zweifelten nicht und betrachteten alles als bereits geschehen; die Ansichten des jungen Mädchens aber hatten sich bedeutend geändert. Statt die übrigen Schritte zu tun, dachte Gertrude nur an ein Mittel, den ersten zurückzunehmen. In dieser ängstlichen Verlegenheit beschloß sie, sich einer ihrer Gefährtinnen zu eröffnen, der offenherzigsten, welche ihr jederzeit mit dem wirksamsten Rat entgegengekommen. Diese flüsterte ihr zu, sie möchte von ihrer verwandelten Gesinnung dem Pater Vikar schriftliche Nachricht geben; denn ihren Verwandten zurzeit ein entschlossenes: Ich will nicht! entgegenzurufen, dazu gebrach es ihr dennoch an Mut. Der Brief ward unter drei oder vier Vertrauten entworfen, heimlich geschrieben und durch listig ersonnene Mittel an seine Behörde befördert. In ängstlicher Spannung erwartete Gertrude eine Antwort. Sie kam nicht. Einige Tage später aber zog die Äbtissin sie beiseite, ließ in ihrem Benehmen Zurückhaltung, Unwillen und Mitleid merken, erwähnte ein dunkles Wort, das dem Fürsten im heftigen Zorne entfallen, und sprach von einer Übereilung, die Gertrude begangen haben müsse; indessen gab sie ihr zu verstehen, wie sie durch ein willfähriges Betragen gar wohl hoffen dürfe, den raschen Schritt in Vergessenheit zu bringen. Das junge Mädchen verstand den Wink und wagte nicht, weiter zu fragen. Endlich erschien der Tag, der so gefürchtet und so gewünscht worden. Gertrude wußte wohl, daß es zu einem Kampfe ging; doch das Kloster auf einige Wochen verlassen zu können, die Mauern, in denen sie acht Jahre hindurch eingeschlossen gewesen, hinter sich zu haben, durchs offene Feld in der Kutsche hinzurollen, die Stadt, den Palast wiederzusehen – es waren Empfindungen, welche sie mit stürmischer Freude erfüllten. Was den Kampf betraf, so hatte sie unter der Leitung jener Vertrauten bereits ihre Maßregeln genommen und war mit ihrem Plan im reinen. – Entweder versuchen sie es mit Gewalt, dachte sie; dann ertrag' ich alles, bin demütig und ehrfurchtsvoll, bleibe aber bei meiner Weigerung; es kommt bloß darauf an, kein zweites Ja auszusprechen, und das werde ich nicht aussprechen – oder sie schlagen milde Wege ein; dann werde ich mich noch milder als sie zeigen, werde weinen, bitten, sie zum Mitleiden bewegen; endlich werde ich bloß verlangen, nicht aufgeopfert zu werden. – Wie es aber oft mit solchen Vorbereitungen geht, traf hier weder die eine noch die andere Annahme ein. Die Tage verflossen; der Vater so wenig wie sonst jemand ließ ein Wort über die Bittschrift oder das Zurücktreten fallen; weder mit Schmeicheleien noch mit Drohungen ward ihr ein Vorschlag gemacht. Die Eltern waren ernst, mißmutig und zeigten ihr nur ein mürrisches Angesicht; doch keine Silbe deutete die Ursache an. Nur ließ sich bemerken, daß sie die Tochter als eine Schuldige, als eine Unwürdige betrachteten; ein geheimnisvolles Verdammungsurteil schien über ihr zu schweben und sie von der Familie zu trennen. So ward sie selten, und in gewissen festgesetzten Stunden nur, zur Gesellschaft der Eltern und des erstgeborenen Bruders zugelassen. Eine so feindselige Gegenwart traf mit den lachenden Bildern, welche Gertrudens Einsamkeit so lange beseelt und noch immer in der Stille sie beschäftigten, schmerzlich zusammen. Im glänzenden und menschenreichen Hause des Vaters hatte sie wenigstens eine wirkliche Probe der geträumten Bilderwelt zu erleben gehofft; sie fand sich aber durchaus getäuscht. Streng und ununterbrochen blieb sie zu Hause wie im Kloster eingeschlossen; von einem Lustgange ins Freie war nicht einmal die Rede, und eine Halle, welche vom Hause nach einer daranstoßenden Kirche führte, benahm auch die einzige Gelegenheit, um den Fuß auf die Straße setzen zu müssen. Die Gesellschaft war trauriger, spärlicher und weniger mannigfaltig als im Kloster. Sooft ein Besuch sich melden ließ, mußte Gertrude hinauf in ihr Zimmer gehen und sich dort mit einigen alten Dienerinnen einschließen; hier mußte sie auch jedesmal, wenn es ein Gastmahl gab, ihre Tafel halten. Die Dienerschaft richtete sich im Betragen und Gespräch nach dem Beispiel und den Absichten der Herrschaft; Gertrude hätte sie aus Neigung gern mit der ungezwungenen Freundlichkeit einer Gebieterin behandelt, hätte es in dem Verhältnisse, worin sie sich befand, gern gesehen, daß sie gleichfalls mit einigen Beweisen von Wohlwollen ihr entgegenkämen, und ließ sich selbst so weit herab, darum zu betteln; dann aber stand sie erniedrigt da und erkannte mit Betrübnis, wie selbst der Geringste offenbar sie übersah. Für diese Kränkung konnte sie der oberflächliche Gehorsam, welchen der Anstand gebot, nicht entschädigen. Um so weniger konnte es ihr entgehen, daß ein Page, von allen übrigen sich unterscheidend, ihr eine ganz besondere Achtung bezeigte, ein ganz besonderes Mitleid mit ihr fühlen ließ. Das Benehmen dieses jungen Menschen hatte unter allem, was Gertrude bisher gesehen, mit den lockenden Vorstellungen ihrer Einbildungskraft die meiste Ähnlichkeit; er schien sich den Geschöpfen ihrer stillen Traumwelt verwandt zu nähern. Bald entdeckte man im Betragen des Mädchens etwas ungewöhnlich Neues; eine Ruhe und eine Unruhe, wie sie bisher niemals an ihr bemerkt worden; es war, als hätte sie etwas gefunden, wonach sie lange sich gesehnt, als suchte sie beständig es zu bewahren und fremden Blicken zu verbergen. Mehr als je ward sie beobachtet. Da überraschte sie eines Morgens eine Kammerfrau, wie sie ein Blatt, worauf sie besser getan hätte nichts zu schreiben, in aller Eile zusammenfaltete. Die Lauscherin wußte sie zu überlisten; das Blatt kam in ihre Hand und kurz darauf in die Hand des Fürsten. Gertrudens Schrecken, als sie den Tritt seiner Füße vernahm, läßt sich weder beschreiben noch denken; es war der Vater, der erzürnte Vater, und sie fühlte sich schuldig. Als sie ihn aber mit jenen finsteren Augenbrauen, das Blatt in der Hand, herantreten sah, hätte sie hundert Klafter tief unter der Erde vergraben liegen mögen; ein Kloster dünkte sie in dem Augenblick ein Paradies. Des Fürsten Worte waren wenige, aber schrecklich; als Strafe ward ihr einstweilen nur auferlegt, unter der Hut der Kammerfrau, welche die Entdeckung gemacht, in ihrem Zimmer verschlossen zu bleiben; doch sollte dies nur eine Probe, eine augenblickliche Vorkehrung sein; man verhieß und ließ in rätselhaften Drohungen eine andere unbestimmte und daher um so furchtbarere Züchtigung merken. Sie blieb also mit ihrer Niedergeschlagenheit, mit der Scham, der Kränkung und dem Schrecken vor der Zukunft allein; ihre einzige Gesellschaft jenes Frauenzimmer, welches sie als das Zeugnis ihrer Schuld und als die Ursache ihres Unglücks hassen mußte. Aber auch diese empfand einen ähnlichen Haß gegen Gertrude; denn ohne zu wissen, auf wie lange, sah sie sich zum langweiligen Leben einer Kerkermeisterin verurteilt und für ewige Zeiten die Wächterin eines gefährlichen Geheimnisses geworden. Indessen beruhigte sich der erste verwirrte Tumult dieser Empfindungen allmählich; bald aber kehrte eine jede der Reihe nach ins Gemüt zurück, breitete sich wachsend aus und befestigte sich darin, um es noch leichter und entschiedener zu quälen. Worin konnte jene dunkel gedrohte Züchtigung bestehen? Der glühenden Phantasie des unerfahrenen Mädchens stellte sich eine ganze Hölle von wechselnden und seltsamen Strafen dar. Am wahrscheinlichsten dünkte es sie, nach dem Kloster von Monza zurückgeführt zu werden, nicht mehr als das edle Fräulein, sondern als eine Schuldige daselbst auftreten zu müssen, und wer weiß bis zu welchem Tage, wer weiß mit welcher Behandlung in verschlossener Zelle zu schmachten. Was diese Lage, schon an sich schmerzensvoll, ihr noch schmerzlicher machte, war das zagende Gefühl der Schande. Die Zeilen, die Worte, die Buchstaben jenes unseligen Blattes zogen noch einmal in ihrer Erinnerung hin und her vorüber; sie dachte sich, wie der Leser, auf welchen sie am wenigsten gerechnet, ein Leser, so ganz verschieden von demjenigen, für den sie zur Antwort bestimmt waren, sie betrachtet und gleichsam gewogen habe; sie bildete sich ein, das Blatt habe auch unter die Augen der Mutter, des Bruders und wer weiß wie vieler andern geraten können; damit verglichen, schien ihr alles übrige Ungemach eine bedeutungslose Geringfügigkeit. Aber auch das Bild des jungen Menschen, welcher die erste Ursache des Ärgernisses gewesen, fand sich gleichfalls nicht selten in den Gramgedanken der armen Gefangenen ein; was dieses Bild unter den übrigen ernsten, kalten und drohenden Gestalten für eine seltsame Erscheinung machte, läßt sich kaum ausdrücken. Aber gerade, weil sie sich von diesen nicht losmachen konnte und zu jenen vorübereilenden Glücksbildern keinen Augenblick zurückkehrte, ohne zugleich die gegenwärtigen Leiden, welche die Folgen derselben waren, desto schneidender zu empfinden, fing sie allmählich an, seltener zu ihnen zurückzukehren, stieß die Erinnerung daran von sich und suchte sich von ihnen zu entwöhnen. Schon war es ihr unmöglich, in der fröhlichen, glänzenden Schöpfung ihrer ehemaligen Träume lange zu weilen; sie stand der Wirklichkeit wie der wahrscheinlichen Zukunft in zu feindseligem Widerspruche gegenüber. Die einzige Stätte also, woselbst sich Gertrude einen ruhigen und ehrenvollen Zufluchtsort denken konnte, das einzige Schloß, welches kein Feenschloß, war das Kloster, sobald sie den Entschluß faßte, für immer darin einzutreten. Solch ein Entschluß, daran konnte sie nicht zweifeln, mußte alles wieder in Ordnung bringen, mußte jede Schuld zahlen und in einer Stunde ihre Lage verwandeln. Freilich erhoben sich gegen diesen Vorsatz die Gedanken eines ganzen Alters, einer Reihe von durchgekämpften Jahren; doch die Zeiten hatten sich geändert, und in dem grauenhaften Abgrunde, darin sie hilflos lag, schien ihr im Vergleich mit dem, was sie in gewissen Augenblicken zu fürchten hatte, die Lage einer gefeierten Nonne, welcher die übrigen gehorchen und huldigen, eine tröstliche Zuflucht. Ihren alten Widerwillen spülten hin und wieder zwei ganz verschiedene Empfindungen hinweg: bald das plagende Bewußtsein ihres Vergehens und eine phantastische Stimmung der Andacht; bald der Stolz, welcher beleidigt gegen die Begegnung der Kerkermeisterin sich empörte. Denn diese, von Gertruden, um die Wahrheit zu sagen, oft dazu aufgefordert, rächte sich, indem sie ihr vor der gedrohten Strafe Furcht einflößte oder sie die Schmach ihres Vergehens empfinden ließ. Und wollte sie sich ein anderes Mal wieder wohlwollend zeigen, so nahm sie einen Ton der Vormundschaft an, der allerdings noch gehässiger als Beleidigungen war. Unter diesen entgegengesetzten Umständen bildete sich Gertrudens Wunsch, aus den Händen der Kammerfrau zu kommen und in eine Lage zu gelangen, wo sie über den Zorn und über das Mitleid derselben erhaben wäre, immer vollständiger aus; der Wunsch ward ihr zur Gewohnheit, ward lebhaft und spornend genug, um allem, was zu seiner Befriedigung führen konnte, einen erträglichen Anstrich zu geben. Nach vier oder fünf langen Tagen der Gefangenschaft fühlte sich Gertrude eines Morgens heftiger als je über die Behandlung ihrer Wächterin erbittert, und gleich einem Gifte kochte es ihr im Herzen. Sie floh nach einem Winkel ihres Zimmers, verbarg das Gesicht mit beiden Händen und stand so einige Zeit, um ihren Grimm zu überwinden. Da empfand sie das dringende Bedürfnis, andere Gesichter zu sehen, andere Rede zu hören und eine andere Begegnung zu erfahren. Sie gedachte ihres Vaters, ihrer Verwandten; bei dem Gedanken schauderte sie erschrocken zurück. Doch fiel es ihr ein, es hänge von ihr ab, Freunde in ihnen zu finden, und eine plötzliche Freude beseelte ihr verarmtes Herz. Darauf folgte eine Bestürzung, eine ungewöhnliche Reue über ihr Vergehen und eine ebenso heftige Sehnsucht, es zu büßen. Nicht daß ihr Wille sich in diesem Vorsatze schon gänzlich befestigt hätte, nie aber hatte er sich demselben so weit genähert. Sie stand auf, ging nach einem Tische, nahm jene unselige Feder wieder zur Hand und schrieb dem Vater einen Brief voller Begeisterung und Niedergeschlagenheit, voller Betrübnis und Hoffnung; sie flehte um seine Verzeihung und zeigte sich auf unbestimmte Weise zu allem bereit, was dem Verzeihenden belieben würde. Zehntes Kapitel. Es gibt Augenblicke, wo das Gemüt, zumal das jugendliche, in solcher Stimmung sich befindet, daß jede geringe Bitte hinreicht, um alles, was den Anschein des Guten und der Aufopferung hat, von ihm zu erlangen. Es gleicht dann einer eben erschlossenen Blume, welche, leicht auf ihrem gebrechlichen Stengel schwebend, ihre Düfte dem ersten Hauche des spielenden Windes zu überlassen bereit ist. Diese Augenblicke gerade, welche die übrigen mit scheuer Achtung bewundern und heilig halten sollten, erspäht mit Aufmerksamkeit die eigennützige Verschmitztheit und hascht sie im Fluge, um einen unbewachten Willen zu fesseln. Als der Fürst den Brief gelesen, sah er für seine alten, unwandelbaren Ansichten im Augenblick das Tor geöffnet. Er schickte zu Gertruden und ließ sie kommen; während er sie erwartete, machte er sich bereit, das Eisen in seiner Glut zu schmieden. Die Tochter erschien. Sie hatte den Mut nicht, das Auge zum Angesichte des Vaters zu erheben, sie warf sich ihm zu Füßen, und »Verzeihung!« war alles, was sie hervorzubringen vermochte. Der Fürst gab ihr einen Wink, sie möchte aufstehen; mit einer Stimme aber, die sich wenig zur Ermutigung eignete, erklärte er ihr, der Wunsch und die Bitte um Verzeihung seien nicht hinreichend; dergleichen fände leicht und natürlich sich ein, wenn man sich schuldig fühle und die Strafe fürchte; verdient müsse die Verzeihung werden. Unterwürfig und zitternd fragte Gertrude, was sie zu tun habe. Darauf antwortete der Fürst – wir haben das Herz nicht, ihn in diesem Augenblicke mit dem Namen eines Vaters zu bezeichnen – nicht geradehin; er fing an, sich mit großen Worten über Gertrudens Vergehen zu verbreiten, und wie wenn eine rauhe Hand über eine Wunde hinstreicht, durchrieselte bei seiner Rede die Seele des unglücklichen Mädchens ein eiskalter Schauer. – Sogar wenn er vorher jemals, fuhr er fort, die Absicht gehabt hätte, ein weltliches Unterkommen für sie zu suchen, so habe sie jetzt selbst dieser Absicht ein unübersteigliches Hindernis in den Weg gestellt; ein Edelmann von Ehre wie er könne nimmermehr das Herz haben, einem Manne von Stande ein Fräulein anzutragen, das solch eine Probe seiner Sittsamkeit gegeben. – Wie vernichtet stand die bejammernswerte Zuhörerin da. Darauf lieh der Fürst allmählich seiner Stimme und seinem Gespräch einen sanfteren Ausdruck und bemerkte, für jedes Vergehen gäbe es Heilmittel und Erbarmen in der Welt; das ihrige sei von der Art, für welche das Heilmittel so bestimmt wie möglich angegeben; sie habe dieses traurige Ereignis als einen Fingerzeig zu erkennen, daß das weltliche Leben für sie zu voll von Gefahren sei. »Ja, mein Vater!« rief Gertrude. Denn die Furcht hatte sie erschüttert, die Scham sie vorbereitet und eine aufwallende Zärtlichkeit in diesem Augenblick sie gerührt. »Du siehst es endlich selbst ein,« fuhr der Fürst unmittelbar fort. »Gut, so soll vom Vergangenen nicht weiter gesprochen werden; alles ist vergessen. Du hast den einzigen ehrenvollen und geziemenden Entschluß ergriffen, der noch vorhanden; da du ihn aber mit gutem Willen und Anstande ergriffen, so ist's meine Schuldigkeit, dafür zu sorgen, daß er in seinen Folgen so erfreulich wie denkbar für sich werde; meine Schuldigkeit ist's, dir alle Vorteile desselben zukommen zu lassen, sein Verdienst gänzlich auf deine Rechnung zu setzen. Ich werde die Sorge auf mich nehmen.« Der vermeintliche Entschluß, Gertruden in solcher Weise abgepreßt, wurde sogleich der herbeigerufenen Familie, d. h. Mutter und Bruder, bekanntgemacht. Auch benutzte man ihre Willfährigkeit, die Abreise nach dem Kloster in Monza gleich auf den morgigen Tag festzusetzen. Dazu sorgte man dafür, daß Gertrude diesen gleichen Tag über nicht zwei Minuten Ruhe hatte. Gern hätte sie ihr Gemüt von so vielen Erschütterungen zu erholen gesucht, hätte ihre wühlenden Gedanken, wenn ich mich so ausdrücken darf, gern sich setzen lassen und von dem, was sie getan, wie von dem, was sie zu tun hatte, sich Rechenschaft abgelegt. Von ihrem eigenen Wollen wünschte sie sich zu überzeugen und dem Triebrade, welches, kaum in Bewegung gesetzt, so furchtbar reißend sich umwälzte, auf einen Augenblick in die Speichen zu fallen. Es war aber unmöglich. Ununterbrochen folgten einander die Beschäftigungen, die eine griff in die andere ein. Anputz, feierliche Ausfahrt, von der man erst mit dämmerndem Abend zurückkehrte, Besuche und Abendmahl nahmen Tag und Abend in Anspruch. Kaum zu Bette, trugen daher Jugend und Ermüdung über den nagenden Gram den Sieg davon. Der Schlaf war ängstlich, unruhig, voll peinlicher Traumbilder, doch unterbrach ihn erst der Weckruf der neu bestellten Kammerfrau, welche am frühen Morgen sie rüttelte, damit sie sich für die Fahrt nach Monza bereite. Als gemeldet ward, die Kutsche stehe fertig da, zog der Fürst die Tochter beiseite. – »Wohlan, Gertrude,« sagte er, »gestern hast du dir selbst Ehre gemacht, heute mußt du dich übertreffen. Es kommt darauf an, in dem Kloster und in der Stadt, wo du die erste Rolle zu spielen bestimmt bist, aufzutreten. Sie erwarten dich.« – Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß der Fürst am Tage vorher der Äbtissin Nachricht zugesandt hatte. – »Sie erwarten dich, und aller Augen werden auf dich gerichtet sein. Würde und ungezwungener Anstand! Die Äbtissin wird dich fragen, was du willst; das ist einmal so die leere Form der Gewohnheit. Du kannst antworten: Du suchst die Erlaubnis, in dem Kloster, worin du so liebevoll erzogen worden, wo du eine so zarte Begegnung erfahren hast, wie es in der Tat nicht anders ist, das heilige Gewand anlegen zu dürfen. Sprich die wenigen Worte mit zwangloser Offenheit, damit es nicht etwa heiße, man habe sie dir in den Mund gelegt und du verständest nicht, für dich selbst zu sprechen. Von dem, was vorgefallen, wissen die guten Mütter dort nichts; das ist ein Heiligtum, welches begraben in der Familie bleiben muß. Mache aber auch kein trübseliges, unsicheres Gesicht; das könnte Verdacht erwecken. Laß sehen, aus welchem Blute du entsprossen; sei artig und bescheiden; zugleich aber erinnere dich, daß an jenem Orte, mit Ausnahme der Familie, kein Höherer als du sich befindet.« Ohne Antwort zu erwarten, setzte sich der Fürst in Bewegung; Gertrude mit Mutter und Bruder folgten ihm, gingen die Treppe hinab und stiegen in den Wagen. Während der Fahrt waren die Drangsale und die Verdrießlichkeiten dieser Welt, mit dem seligen Leben im Kloster verglichen, vorzüglich für junge Leute von hochadligem Blute, der Hauptgegenstand der Unterhaltung. Gegen das Ende des Weges erneuerte der Fürst die gegebene Anweisung und wiederholte ihr mehr als einmal die Formel, wie sie zu antworten habe. Beim Eintritt in die Stadt fühlte Gertrude, wie es ihr gewaltsam durchs Herz zuckte; aber noch weit ungestümer schlug es, als der Wagen vor jenen Mauern, vor jener Pforte des Klosters hielt. Zwischen zwei Scharen von Volk, welche die Diener zurücktreten ließen, stieg man aus. Alle die Augen, die an die Unglückliche sich hängten, zwangen sie unaufhörlich, auf ihr Benehmen aufmerksam zu sein; mehr aber als sie alle zusammen hielten sie in Unterwürfigkeit die beiden Augen des Vaters, welchen sie vielfach, so unheimlich sie sich auch vor ihnen fürchtete, die ihrigen wie notgedrungen zuwandte. Und wie durch einen unsichtbaren Befehl lenkte dies Augenpaar alle ihre Bewegungen, alle Schritte ihres Auftretens. Man ging über den ersten Hof und betrat den zweiten; hier erschien die Pforte des inneren Klosters, weit geöffnet und von Nonnen zahlreich besetzt. In der ersten Reihe die Äbtissin, von den ältesten Schwestern umgeben; dann andere Nonnen, dichtgedrängt, einige auf den Zehenspitzen; zuletzt die Laienschwestern, auf Schemeln stehend. Aus diesem Gedränge schollen Begrüßungen hervor; viele Arme sah man wie zum Empfang und zur Freudenbezeugung ausgebreitet. Man kam ans Tor, und Gertrude fand sich der Mutter Äbtissin gegenüber. Nach den ersten Verneigungen, wobei diese ein feierliches, aber heiteres Wesen annahm, legte sie ihr die Frage vor: Was sie an diesem Orte, wo niemand ihr etwas verweigern würde, wolle? »Ich bin hier ...,« fing Gertrude an; doch im Begriff, die Worte hervorzubringen, die ihr Schicksal unwiderruflich entscheiden sollten, zauderte sie einen Augenblick und ließ die Augen unbeweglich auf dem Haufen weilen, welcher vor ihr stand. In diesem Momente bemerkte sie eine bekannte Gespielin, welche mit boshaftem Mitleid sie betrachtete, als wollte sie sagen: Ei, hat sich die Heldin doch fangen lassen! – Dieser Anblick weckte in ihrem Gemüte alle die alten Empfindungen lebhaft wieder, gab ihr aber zugleich auch ein wenig von dem alten Mute zurück, und schon suchte sie nach einer Antwort, welche von der gebotenen sich ziemlich auffallend unterscheiden sollte. Indem sie aber, gleichsam um ihre Kraft zu versuchen, ihren Blick zum Angesichte des Vaters erhob, bemerkte sie auf diesem eine so finstere Unruhe, eine so drohende Ungeduld, daß sie, vor Furcht entschlossen, mit derselben Schnelligkeit, womit sie vor einem Gegenstande des Entsetzens die Flucht ergriffen hätte, in ihrer Antwort fortfuhr. – »Ich suche hier die Erlaubnis, in diesem Kloster, worin ich so liebevoll erzogen worden, das heilige Gewand anlegen zu dürfen.« – Die Äbtissin antwortete auf der Stelle, sie bedaure, daß die Gesetze ihr verböten, augenblicklich ihre Einwilligung zu geben; diese könne erst nach der gemeinschaftlichen Zustimmung der Schwestern erfolgen, und die Erlaubnis der Obern müsse vorangehen; Gertrude aber wisse hinlänglich, was man an diesem Orte für sie empfinde, und könne daher wohl voraussehen, wie die Antwort ausfallen würde; bis dahin aber hindere kein Gesetz Äbtissin und Schwestern, die Freude, welche sie über dieses Gesuch empfänden, alle Welt sehen zu lassen. Da erhob sich ein verworrener Lärm von Glückwünschen und Beifallstimmen. Die Äbtissin ließ den Fürsten bitten, nach dem Gitter des Sprechzimmers zu kommen, woselbst sie ihn erwarten würde. Sie war von zwei älteren Schwestern begleitet und sagte, als sie ihn erscheinen sah: »Um den Regeln zu gehorchen, um einem Gebrauche, der sich nicht umgehen läßt, Genüge zu leisten, wiewohl in diesem Fall ... dennoch muß ich es sagen ... sooft ein junges Mädchen zur Einkleidung zugelassen zu werden wünscht, so ist die Vorgesetzte, die ich unwürdigerweise bin, verpflichtet, die Eltern zu benachrichtigen, daß, falls etwa ... wenn sie etwa dem Willen der Tochter Gewalt angetan, sie den Kirchenbann zu fürchten haben.« »Sehr wohl, sehr wohl, verehrte Mutter,« erwiderte der Fürst. »Ich lobe Ihre Gewissenhaftigkeit; es ist nur allzu gerecht. Aber Sie dürfen nicht zweifeln.« »O, bedenken Sie, Herr Fürst, ich habe nach ausdrücklicher Verpflichtung gesprochen; übrigens ...« »Gewiß, gewiß, Mutter Äbtissin.« Nachdem man diese wenigen Worte miteinander gewechselt und von beiden Seiten der Vorschrift hinlänglich nachgelebt zu haben meinte, verneigten sich gegenseitig die beiden Sprechenden und trennten sich, als fiele es beiden schwer, die unerfreuliche Unterhaltung fortzusetzen. Jeder begab sich zu seiner Gesellschaft, die Äbtissin innerhalb, der Fürst außerhalb der heiligen Klosterschwelle. – »Nun, wohlan,« sagte der Fürst; »Gertrude wird bald vollkommene Gelegenheit haben, nach ihrem Gefallen sich der Gesellschaft dieser guten Mütter zu erfreuen. Für jetzt ist es Zeit, daß wir sie ihres ängstlichen Ungemachs wieder ein wenig entheben.« Er verneigte sich und gab das Zeichen zum Aufbruch; die Familie setzte sich in Bewegung, die höflichen Redensarten umschwirrten den Wagen aufs neue, und so fuhr man zurück. Auf diesem Rückwege hatte Gertrude nicht viel Lust zum Sprechen. Erschreckt durch den Schritt, welchen sie getan, über ihre unbehilfliche Zaghaftigkeit beschämt, gegen die andern wie gegen sich selbst aufgebracht, rechnete sie die Gelegenheiten, welche ihr noch zum Neinsagen übrigblieben, traurig zusammen und leistete sich selbst ebenso schwach wie verwirrt das Versprechen, sie wolle bei dieser oder bei der andern oder auch bei der dritten weit gewandter und herzhafter gegen ihr Schreckenslos sich wehren. Aber den finsteren Zornblick des Vaters und seine schreckende Nachwirkung konnten diese Gedanken alle nicht mildern; als sie sodann durch einen Blick, den sie in verstohlener Eile auf sein Gesicht warf, sich überzeugen konnte, daß keine Spur des Zornes mehr darin vorhanden, als sie bemerkte, daß er sich ganz außerordentlich zufrieden mit ihr bewies, dünkte es sie daher ein Glück, und so war sie für einen Augenblick vollkommen ruhig. Nach der Ankunft gab's eine lange Putzstunde, dann die Mittagstafel, dann einige Besuche, den Spaziergang, die gesellschaftliche Unterhaltung und endlich die Abendmahlzeit. Am andern Morgen ward Gertrude durch den Gedanken geweckt, daß heute der Vikar der Nonnen kommen würde, um eine letzte Prüfung mit ihr vorzunehmen. Während sie nachsinnend dastand, wie sie diese so entscheidende Gelegenheit zum Rückschritt benutzen könnte, ließ der Fürst sie rufen. – »Wohlan, Tochter,« hieß es, »bis jetzt hast du dich vortrefflich benommen; heute handelt sich's darum, dem Werk die Krone aufzusetzen. Alles, was bisher geschehen ist, geschah mit deiner Einwilligung. Wenn dir währenddessen ein kleiner Zweifel angekommen sein sollte, ein Schatten von Reue, jugendliche Grillen, so hättest du dich darüber erklären müssen; da aber die Sache so weit einmal gediehen, so ist's zu dergleichen Kinderpossen keine Zeit mehr. Der gute Mann, der heute vormittag kommen soll, wird dir hundert Fragen über deinen Beruf vorlegen; ob du dich aus freiem Willen dazu entschlossen, warum, auf welche Weise, und was weiß ich? Nach all den öffentlichen Erklärungen, die bereits geschehen, würde das geringste Schwanken, welches an dir bemerkt wird, meine Ehre in Gefahr bringen, würde die Leute glauben lassen, daß ich einen Gedanken, den du etwa flüchtig hingeworfen, für einen festen Entschluß genommen habe, daß ich mit Gewalt auf dich eingestürmt und wohl gar ... was weiß ich? In diesem Fall würde ich notgedrungen zwischen zwei höchst unangenehmen Auswegen wählen müssen; entweder müßte ich zugeben, daß die Welt sich von meinen häuslichen Verhältnissen einen sehr widerwärtigen Begriff macht – ein Ausweg, welcher sich durchaus mit dem, was ich mir selbst schuldig bin, nicht verträgt – oder ich müßte den wahren Beweggrund deines Entschlusses vor aller Leute Augen enthüllen, und ...« Hier aber ward er gewahr, daß Gertrudens Gesicht von flammender Scham glühte; ihre Augen traten schwellend hervor, und das Gesicht zog sich gleichsam zusammen, wie die Blätter einer Blume während der schwülen Hitze, welche dem Sturme vorhergeht. Er brach das Gespräch ab und nahm eine freundliche Miene an. »Laß gut sein,« fuhr er fort, »laß gut sein, es hängt alles von dir, von deinem richtigen Urteil ab. Ich weiß, du bist vernünftig, bist kein kindisches Mädchen, um eine gut eingeleitete Sache am Ende zu verderben; ich mußte aber vorsichtig auf jeden Fall denken. Wir wollen weiter nicht davon reden; genug, wir sind beide darin übereingekommen, daß du mit ungezwungener Offenheit reden wirst, damit im Kopfe des guten Mannes keine Zweifel aufsteigen. Auf diese Weise kommst du auch weit schneller aus dem Handel.« Darauf gab er ihr einige Antworten, mit welchen sie den mutmaßlichen Fragen zu begegnen habe, an die Hand, ließ sich in die gewöhnliche Abhandlung über die süßen Freuden und die Genüsse ein, welche im Kloster für die vornehme Nonne bereit wären, und hielt sie damit hin, bis ein Diener die Ankunft des Vikars meldete. Der Fürst rief ihr die wichtigsten Fingerzeige noch einmal ins Gedächtnis zurück und ließ dann die Tochter, wie die Vorschrift es gebot, mit dem Manne allein. Der gute Herr kam ein wenig mit schon vorgefaßter Meinung, daß Gertrude einen außerordentlichen Beruf zum Kloster habe; denn so hatte ihm der Fürst, da er ihn einlud, gesagt. Freilich wußte der brave Priester sehr wohl, daß Mißtrauen bei seinem Amte gerade eine der vorzüglichsten Tugenden war, und hatte den Grundsatz angenommen, dergleichen Versicherungen nur mit zögernder Behutsamkeit zu glauben, gegen jede vorgefaßte Meinung sehr wachsam auf seiner Hut zu sein. Doch die Behauptungen, welche eine Person von bedeutendem Ansehen mit sicherem Tone ausspricht, pflegen meist der Gesinnung des Zuhörers ein wenig von ihrer Farbe mitzuteilen. Nach den gewöhnlichen Ausdrücken der Höflichkeit begann er: »Ich komme, mein fürstliches Fräulein, die Rolle des Teufels zu spielen; was Sie in Ihrer Bittschrift als gewiß vorgetragen, komme ich in Zweifel zu ziehen, komme, Ihnen die Schwierigkeiten alle vor Augen zu halten und mich zu überzeugen, ob Sie dieselben auch hinlänglich in Erwägung gezogen. Erlauben Sie also, daß ich Ihnen einige Fragen vorlege.« »Sprechen Sie nur,« erwiderte Gertrude. Somit begann der gute Priester, sie in der vorgeschriebenen Form der Verordnungen zu befragen. – »Fühlen Sie in Ihrem Herzen einen freien, zwanglosen Entschluß, Nonne zu werden? Sind keine Drohungen oder Schmeicheleien dabei ins Werk gesetzt worden? Hat man sich keines schreckenden Ansehens bedient, um Sie zu diesem Schritte zu verleiten? Reden Sie mit Offenherzigkeit, ohne Rückhalt; Sie stehen vor einem Manne, dessen Pflicht es ist, Ihren wahren Willen zu erfahren; er soll verhindern, daß ihrem freien Entschlüsse auf irgendeine Weise Gewalt angetan werde.« Die wahre Antwort, welche eine solche Frage verlangte, stellte sich Gertrudens Geiste augenblicklich in schrecklicher Klarheit dar. Aber um sie zu geben, mußte man sich in eine Erklärung einlassen, von den erhaltenen Drohungen Bericht erstatten und eine vollständige Geschichte erzählen. Die Unglückliche floh erschrocken vor diesem Gedanken zurück und suchte eiligst eine Antwort, welche am besten und schnellsten aus dieser peinlichen Verlegenheit sie retten konnte. »Ich werde Nonne,« sagte sie, ihre Bestürzung verbergend, »aus eigener Neigung werde ich Nonne, freiwillig.« »«Wie lange ist's her, daß Sie diesen Gedanken gefaßt?« fragte jener. »Ich habe ihn jederzeit gehabt,« war die Antwort. Denn nach dem ersten Schritte ward Gertrude mutiger und freier, um gegen sich selbst zur Lügnerin zu werden. »Welches aber ist der Beweggrund, der Sie zur Wahl des heiligen Schleiers geleitet hat?« Der gute Priester wußte nicht, welche furchtbare Saite er angeschlagen hatte. Gertrude tat sich mit Anstrengung Gewalt an, um in ihrem Gesichte die Wirkung, die seine Worte in ihrem Gemüte hervorgebracht, sich nicht verraten zu lassen. –- »Der Beweggrund,« sagte sie, »ist, eine Dienerin Gottes zu werden und den Gefahren dieser Welt zu entfliehen.« »Hatte irgendeine Kränkung Ihnen diese Welt verleidet? Sollte es vielleicht auch nur, Sie entschuldigen mich, ein trauriger Entschluß des Augenblicks sein? Eine plötzliche Ursache kann bisweilen einen Eindruck machen, welcher auf ewig in der Seele haften zu wollen scheint; hört aber nachher die Ursache auf, nimmt der Geist eine andere Wendung, und dann ...« »Nein, nein,« antwortete hastig Gertrude; »die Ursache ist keine andere, als die ich Ihnen angegeben.« Um indessen seiner Schuldigkeit in allen Punkten Genüge zu leisten, fuhr der Vikar noch eine ganze Zeit hindurch in seiner Prüfung fort; Gertrude aber hatte sich bereits vorgenommen, ihn in allen Stücken zu hintergehen. Der Gedanke, den würdigen und wackeren Priester, welcher so weit entfernt schien, etwas Ähnliches in ihr zu argwöhnen, mit ihrer Schwäche bekanntzumachen, erfüllte sie mit unausstehlichem Widerwillen. Er konnte sie freilich von der Notwendigkeit, den Schleier nehmen zu müssen, befreien; damit hatte aber auch die Wirkung seines Ansehens und sein Schutz ein Ende. Hätte sie dieses Mittel ergriffen, so stand sie dem Fürsten allein gegenüber. Von all den Qualen, welche sie nachher im Hause auszustehen haben würde, wußte der gute Priester nichts, und hätte er es auch gewußt, so konnte er doch bei all seinen wohlwollenden Absichten nichts weiter, als sie beklagen. So ward endlich der Prüfende eher müde zu fragen, als die Unglückliche, die Wahrheit zu verheimlichen; er überzeugte sich, daß die Antworten fortwährend gleichförmig lauteten, und glaubte keine Befugnis zu haben, in ihre Aufrichtigkeit einen Zweifel zu setzen. Daher änderte er endlich die Sprache und sagte ihr, was er am meisten geeignet hielt, sie in ihrem guten Vorsatze zu befestigen. Nachdem er sodann sich ihrer frommen Entschlüsse mit ihr gefreut, nahm er seinen Abschied. Indem er beim Weggehen durch die Zimmer des Palastes schritt, stieß er auf den Fürsten, der zufällig daselbst vorüberzugehen schien, und stattete ihm über die glückliche Stimmung, worin er die Tochter gefunden, seine Glückwünsche ab. Der Fürst hatte bis dahin in unangenehmer Zuversichtslosigkeit geschwebt; bei dieser Nachricht aber atmete er wieder auf, setzte die gewohnte Würde seines Betragens aus den Augen, lief spornstreichs zu Gertruden, überhäufte sie mit Lobsprüchen, mit freigebigen Verheißungen und Liebkosungen; der Jubel seiner Freude war herzlich, seine Zärtlichkeit um ein großes Teil aufrichtig. Von solcher Art ist die verworrene Natur des menschlichen Herzens. Wir wollen Gertruden durch das fortwährende Gefolge von Schauspielen und Ergötzlichkeiten, mit welchen sie jetzt wie übertäubt ward, nicht folgen. Ebensowenig mögen wir der Reihe nach die verschiedenen Empfindungen ihres Busens während dieser Zeit beschreiben; es wäre eine Darstellung von Schmerzen und schwankenden Entschlüssen, welche zu eintönig herauskäme und dem bereits Gesagten allzu ähnlich sein dürfte. Die Anmut der Gegend umher, der Wechsel der Gegenstände, die Freude, in freier Luft umherschwärmen zu können, machten ihr den Gedanken an den Ort, wohin sie am Ende für alle künftigen Zeiten den letzten Gang tun mußte, noch verhaßter. Verwundender noch wirkten die Eindrücke, welche sie in den Gesellschaften und bei den festlichen Lustbarkeiten der Stadt erhielt. Die Gegenwart der Bräute, welchen man diesen Namen in weit gewöhnlicherem und natürlicherem Sinne gab, erfüllte sie mit Neid und unerträglich nagendem Grame; bei andern Gelegenheiten glaubte sie aus dem Anblick eines solchen Mädchens schließen zu müssen, daß mit diesem Namen der Gipfel aller irdischen Glückseligkeit verbunden sei. Bisweilen versetzten sie der reiche Prunk der Paläste, der Glanz der Geschmeide, das Gewimmel und der festliche Lärm geselliger Unterhaltungen in eine so schwindelnde Trunkenheit, flößten ihr einen so glühenden Hang zum fröhlichen Weltleben ein, daß sie augenblicklich sich selbst das Versprechen gab, ihre Einwilligung zurückzunehmen und lieber alles geduldig zu ertragen, als wieder hinzuschleichen in den kalten und finstern Schatten des Klosters. Überlegte sie aber in ruhiger Stimmung die Schwierigkeiten, heftete sie ihr Auge auf das Gesicht des Fürsten, so verdampften bald auch diese Vorsätze alle wieder. Der Gedanke, solchen Genüssen für immer entsagen zu müssen, machte ihr manchmal die kurze Probe derselben, welche man ihr soeben gestattete, widerwärtig und peinlich, wie ungefähr ein durstgequälter Kranker den Löffel Wassers, den ihm der Arzt mit Mühe gestattet, voll bitteren Grolls betrachtet und von sich stoßen möchte. Indessen hatte der Vikar der Nonnen das nötige Zeugnis gegeben, und die Erlaubnis, zu Gertrudens Aufnahme das Kapitel zu versammeln, langte an. Die Versammlung fand statt; die Wahlstimmen sprachen, wie sich's erwarten ließ, zugunsten der jungen Braut des Herrn, und Gertrude ward aufgenommen. Sie selbst bat am Ende, der langen Plage müde, sobald wie möglich ins Kloster eintreten zu dürfen. Einem solchen Eifer widersetzte sich niemand. Ihr Wille geschah demnach, und in stattlichem Aufzuge nach dem Kloster geleitet, legte sie das heilige Gewand an. Zwölf Monate des klösterlichen Probedienstes vergingen unter Reue und Gegenreue; dann erschien der Tag des Bekenntnisses, der Tag, an welchem entweder das seltsamste, unerwartetste, ärgerlichste Nein ausgesprochen oder das Ja, welches sie so oft schon gesagt, wiederholt werden mußte. Sie wiederholte es und ward Nonne, Nonne für immer. Es ist eine von den besonderen und unmitteilbaren Kräften der christlichen Religion, daß sie jedem, der seine Zuflucht, es sei in welcher Lage, unter welcher Bedingung es wolle, zu ihr nimmt, auf die rechte Bahn verhilft und ihm Ruhe gewährt. Aber die unglückliche Gertrude rang beständig unter dem Joche ihres Nonnentums und empfand um so drückender die Last und die Zerknirschung. Die unaufhörliche Reue über die aufgeopferte Freiheit, der schaudernde Abscheu vor ihrer gegenwärtigen Lage, ein abmattendes Schweifen hinter Wünschen, welche niemals befriedigt werden konnten, das waren die vorzüglichsten Beschäftigungen ihres rastlosen Geistes. Sie ging die bittere Vergangenheit immer wieder durch, rief sich ins Gedächtnis alle die Umstände zurück, unter denen sie an den Ort gelangt, wo sie sich befand, und zerstörte, was sie durch einen wirklichen Schritt getan, tausendmal fruchtlos durch den Gedanken. Sie klagte sich der Zaghaftigkeit, andere der Tyrannei und der Treulosigkeit an und marterte sich bis zur Erschöpfung ab. Sie vergötterte und beweinte zugleich ihre Schönheit, bejammerte eine Jugend, welche bestimmt sei, im langsamen Märtyrertume hinzusterben, und beneidete in gewissen Stunden jedes Mädchen, das frei, in welcher Lage, mit welchem Gewissen es auch sei, die Güter dieser Welt genießen durfte. Der Anblick der Nonnen, welche bei ihrem Eintritt ins Kloster mitgewirkt, war ihr verhaßt. Einigen Trost schien sie bisweilen im Befehlen zu finden; sie sah sich im Kloster mit Ergebung verehrt, von auswärts oft mit schmeichelnder Hochachtung besucht, nahm manche Verbindlichkeit mit glücklichem Erfolge auf sich, ließ ihren Schutz glänzen und hörte sich mit dem Tone der Unterwerfung »edle Schwester« genannt. Was für ein Trost aber! Das Gemüt empfand seine Unzulänglichkeit und hätte hin und wieder gern den Trost der Religion ihm zugesellt, um an diesem sich kräftiger zu erlaben. Solch ein Trost aber wird nur denjenigen zuteil, die jenes ersten sich begeben, wie der Schiffbrüchige, wenn er das Brett, welches ihn sicher nach dem Ufer tragen kann, erfassen will, die geschlossene Faust auftun muß, um Schilf und Zweige, die er im Drange der Lebensangst umklammert hatte, fahren zu lassen. So hatte sie einige Jahre verlebt, ohne daß eine günstige Gelegenheit, etwas Weiteres zu beginnen, sich einstellte, als plötzlich ihr Unstern solche Umstände herbeiführte. Unter die übrigen Freiheiten und Auszeichnungen, welche ihr bewilligt worden, um sie einstweilen für die Äbtissinwürde zu entschädigen, gehörte auch die, daß sie in einem besonderen Teile des Klosters wohnte. Diese Seite des Gebäudes stieß an ein Haus, in welchem ein junger Mann, ein Bösewicht von Beruf, hauste; einer von den vielen, die um jene Zeit mit ihrem bewaffneten Gesinde oder in Verbindung mit andern ihres Gelichters bis zu einem gewissen Punkte sich über die öffentliche Gewalt und die Gesetze lustig machen durften. Unsere Handschrift nennt ihn Egidio, erwähnt aber weiter nichts. Aus einem seiner Fenster ließ sich in den kleinen Hof jener Klosterseite hinuntersehen. So hatte er verschiedentlich Gertruden aus Langeweile auf- und niedergehen oder umherschwärmen bemerkt. Von der Gefahr und der Heillosigkeit des Beginnens eher angelockt als zurückgeschreckt, wagte er es einst, sie anzusprechen, und die Unglückliche gab ihm Antwort. Die ersten Augenblicke gewährten ihr, wenn auch nicht eine ungetrübte, doch eine lebhafte Befriedigung. Die träge Leere ihres Gemütes war durch eine kräftige, fortwährende Geschäftigkeit wie durch ein triebreiches Leben beseelt worden; doch diese Befriedigung glich dem erquickenden Getränke, welches die erfinderische Grausamkeit der alten Völker dem Verurteilten kredenzte, damit er zur Ertragung seines Märtyrertunis desto kräftiger wäre. Es verriet sich um dieselbe Zeit ein neues Wesen in allen ihren Bewegungen; sie wurde plötzlich ordnungsliebender und ruhiger, verhöhnte die übrigen nicht mehr, hörte auf zu wehklagen und benahm sich selbst höflich und liebkosend. Die Schwestern freuten sich der glücklichen Verwandlung; keine einzige ahnte den wahren Beweggrund oder begriff, daß diese neue Tugend nichts weiter war als Heuchelei, zu ihren alten Gebrechen hinzugekommen. Diese scheinbare Holdseligkeit aber, dieses Fortschaffen aller äußeren Flecken, wofern der Ausdruck gestattet wird, währte gleichfalls nicht lange, wenigstens behauptete sich auch hier keine Beharrlichkeit und Gleichmäßigkeit; bald meldete sich der gewohnte verdrießliche Trotz, die gewohnte Grillensucht wieder, die Verspottung und Verwünschung des klösterlichen Gefängnisses ließen sich wieder hören und wurden nicht selten in einer Sprache ausgedrückt, wie man sie an solchem Orte, aus solchem Munde niemals vernommen. Jedem Ausbruch indessen folgte eine Reue, und Gefälligkeit sollte mit aller Gewalt ihn wieder in Vergessenheit bringen. All diesen Wechsel der Unbeständigkeit ertrugen die Schwestern, so gut sich's tun ließ; die wandelbare und wunderliche Gemütsstimmung der Edelnonne deuchte ihnen die einzige Ursache zu sein. Einige Zeit hindurch schien keine von den Nonnen an etwas Weiteres zu denken. Einst aber geriet Gertrude mit einer Laienschwester um einer winzigen Kleinigkeit willen in Wortwechsel und machte sie über alle Maßen, ohne ein Ende zu finden, herunter. Die Laienschwester ließ es sich anfangs gefallen und biß knirschend in den Zaum, endlich aber gab sie der Geduld den Abschied und warf ein Wort hin, sie wisse etwas und würde zu ihrer Zeit zu sprechen verstehen. Von diesem Augenblick an hatte die Edelnonne keinen Frieden mehr. Nicht lange nachher ward die Laienschwester eines Morgens vergeblich in ihren gewöhnlichen Amtsgeschäften erwartet; man sucht sie in ihrer Zelle und trifft sie daselbst nicht an; man ruft sie mit lauter Stimme, sie antwortet nicht; man späht umher und kehrt vom Keller bis zum Dachboden alle Winkel um, sie ist nirgends zu finden. Und wer weiß, auf welche Vermutungen man geraten wäre, wenn sich nicht eben beim Nachsuchen in der Gartenmauer eine große Öffnung gefunden hätte; so waren nun alle der Meinung, sie habe sich auf diesem Wege davongemacht. Nun schickte man augenblicklich nach allen Seiten hin Eilboten, um ihr auf dem Fuß zu folgen und sie einzuholen; auch wurden außerhalb fleißige Nachsuchungen angestellt, und doch erhielt man über die Vermißte niemals nur die geringste Kunde. Vielleicht hätte man mehr erfahren können, wenn, statt in der Ferne zu suchen, die Nähe durchmustert worden wäre. Nach vielen Verwunderungen, da niemand ihr einen solchen Schritt hatte zutrauen mögen, nach vielen Verhandlungen kam man überein, daß sie weit fort, sehr weit fort ihre Flucht genommen. Und weil eine der Schwestern sich einmal geäußert hatte, sie habe sich gewiß nach Holland geflüchtet, nahm man endlich im Kloster als ausgemacht an, sie sei wirklich nach Holland entlaufen. Die Edelnonne scheint aber dieses Glaubens nicht gewesen zu sein. Sie ließ zwar keine andere Meinung blicken, noch bestritt sie die allgemeine Annahme mit besondern Gründen; wenn sie dergleichen hatte, so wurden sie niemals meisterhafter verstellt; auch vermied sie nichts sorgfältiger, als jene Geschichte wieder ins Gespräch zu bringen, und darum bekümmerte man sich weniger, als man jenem Geheimnis auf den Grund zu kommen wünschte. Je weniger Gertrude aber davon sprach, desto anhaltender beschäftigte es ihre Gedanken. Wie oft stellte sich den Tag hindurch das Bild jener Schwester unversehens ihrem Geiste dar und schien sich nicht von der Stelle bewegen zu wollen! Wie oft würde sie gewünscht haben, sie lieber wirklich, lebendig vor den Augen zu sehen, als sie unaufhörlich in ihrer Einbildungskraft festgewurzelt zu fühlen und Tag für Tag sich in der Gesellschaft der leeren, schrecklichen, leidenlosen Schattengestalt befinden zu müssen! Wie weit lieber hätte sie die wirkliche Stimme der Laienschwester vernommen, ihr Geschwätz, welches sie durch Drohungen zum Schweigen bringen konnte, sich gefallen lassen, als daß sie im Ohre des inneren Geistes beständig das wesenlose Gesumme derselben Stimme wahrnahm und ihrem Munde Worte entschallen hörte, auf die sie nicht zu antworten vermochte, Worte, mit Beharrlichkeit, mit unnachläßlicher Unermüdlichkeit ausgesprochen, wie es an einem lebenden Menschen nimmer der Fall sein konnte! Ein Jahr war seit diesem Ereignis verflossen, als Lucia der Edelnonne vorgestellt wurde und die Unterredung mit ihr hatte, bei welcher wir in unserer Erzählung stehen geblieben. Don Rodrigos Verfolgung war der Gegenstand, um den sich die Fragen der Nonne vielfach drehten; sie ging dabei auf die einzelnen Umstände mit einer Scheulosigkeit ein, die für Lucien nicht bloß etwas Neues, sondern auch eine gehässige Neuigkeit war; das unerfahrene Mädchen hatte nie gedacht, daß die Neugier der Nonnen sich an solche Dinge mit solcher Teilnahme hängen könnte. Die Urteile, welche sie sodann unter Fragen mischte oder gleichsam durchschimmern ließ, waren nicht weniger seltsam. Es schien fast, als lachte sie über den gewaltsamen Schrecken, den Lucia beständig vor jenem Herrn empfunden; sie fragte, ob er denn gar so häßlich wäre, um ein Mädchen so sehr in Furcht zu setzen, und fand den Widerwillen der Verfolgten fast närrisch und unvernünftig, wenn sie nicht aus guten Gründen ihrem Renzo den Vorzug gegeben hätte. Und auch über diesen ließ sie sich in Fragen aus, worüber die Befragte erstaunte und errötete. Indessen bemerkte sie bald, sie habe, dem fluchsüchtigen Schwunge der Einbildungskraft folgend, ihrer Zunge zu unbesonnen den Lauf gelassen; sie suchte ihr Geschwätz wieder gutzumachen und ihm eine bessere Absicht unterzulegen, konnte aber doch nicht verhindern, daß bei Lucien eine unerfreuliche Verwunderung, ein verworrener Schrecken zurückblieb. Der Wunsch, sich dem Pater Guardian zu verpflichten, das schmeichelhafte Bewußtsein, eine mächtige Beschützerin zu heißen, der Gedanke, daß ein so fromm gewährter Schirm auf ihren Ruf den günstigsten Einfluß haben müsse, eine gewisse Zuneigung zu Lucien, vielleicht auch ein stärkender Trost, indem sie einem unschuldigen Geschöpf Gutes erwies und unterdrückten Armen mit Rat und Tat zur Hilfe eilte, alles dies hatte die Edelnonne wirklich bewogen, sich das Schicksal der beiden armen Flüchtlinge zu Herzen zu nehmen. Aus Achtung vor den Befehlen, welche sie gab, und vor dem Eifer, den sie zeigte, wurden beide, dicht am Kloster selbst, in der Wohnung der Wirtschafterin untergebracht und behandelt, als gehörten sie zu den Dienerinnen des Hauses. Mutter und Tochter freuten sich miteinander, so schnell einen sicheren und ehrenvollen Zufluchtsort gefunden zu haben. Gern wären sie auch von jedermann unbemerkt geblieben; in einem Kloster aber war das keine leichte Sache. Überdies befand sich ein Mensch daselbst, der nur allzu entschlossen war, um sich über eine von ihnen Auskunft zu verschaffen, ein Mensch, in dessen Gemüt sich mit der Leidenschaft und dem schon gereizten Eigensinn der Ärger verband, daß man ihm zuvorgekommen und ihn getäuscht hatte. Doch wir lassen die beiden Frauen an ihrer Zufluchtsstätte und kehren nach dem Palast des Mannes zurück, welcher dem Erfolg seines lasterhaften Beginnens ungeduldig entgegensah. Elftes Kapitel. Wie eine Koppel Spürhunde, welche vergebens einem Hasen nachgesetzt hat und mit gesenkter Schnauze und niederhängendem Schwanze mutlos zum Herrn zurückschleicht, so kehrten in jener verwirrten Nacht die Bravi nach Don Rodrigos Palast zurück. Er indessen schritt im Dunkeln durch ein großes unbewohntes Zimmer des oberen Stockwerkes, von dessen Fenstern sich hinunter in die Ebene sehen ließ, auf und nieder. Jeden Augenblick stand er still, horchte auf und blickte durch die Spalten der verfallenen Fensterläden. Ihn erfüllte die Ungeduld, und seine Ängstlichkeit konnte er sich selbst nicht verhehlen; denn nicht die Ungewißheit des Erfolges bloß, auch die möglichen Folgen gaben zur Bedenklichkeit Anlaß; das Unternehmen war in der Tat das gewaltsamste und gewagteste, an welches der wackere Mann sich bisher gemacht hatte. Indessen hatte man alle Vorsicht angewendet, um kein verratendes Zeichen der Tat zu hinterlassen, und dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig. Da hört er ein Getrappel, geht ans Fenster, öffnet ein wenig, lauscht hinaus – »Sie sind's! – Und die Sänfte? Teufel! Wo ist die Sänfte? – Drei, fünf, acht, alle beisammen; da ist auch der Graue – und von der Sänfte nichts zu sehen! Hölle und Teufel! Der Graue soll mir's entgelten, er soll mir's entgelten!« Nachdem sie unten in die Pforte getreten, stellte der Graue in einen Winkel des unteren Zimmers seinen Knittel hin, legte Hut und Pilgermantel ab und ging, wie es sein Amt, welches in diesem Augenblick keiner ihm beneidete, mit sich brachte, die Treppe hinauf, um seinem Herrn Bericht zu erstatten. Dieser erwartete ihn an der obersten Stufe; er sah ihn mit der albernen und flegelhaften Miene eines getäuschten Schurken erscheinen und rief ihm zu: »Nun, Herr Eisenfresser, Herr Hauptmann Großmaul, Herr Lassen-Sie-mich-machen?« »'s ist hart,« antwortete der Graue, indem er mit einem Fuße auf der ersten Stufe stehen blieb, »es ist hart, sich Vorwürfe zu holen, nachdem man sich redlich abgearbeitet hat, nachdem man vollkommen seine Schuldigkeit getan und sich mit seiner Haut ins Feuer gewagt hat.« »Wie ist's abgelaufen? Wir wollen doch hören, wir wollen doch hören!« sagte Don Rodrigo und ging nach seinem Zimmer, wohin der Graue ihm folgte. Dieser erzählte nun alles, was er angeordnet und getan, gesehen und nicht gesehen, was er begriffen, gefürchtet und wieder gutzumachen gesucht hatte; er stattete seinen Bericht mit der Ordnung und der Verwirrung, mit dem Schwanken und der Betäubung ab, die notwendigerweise sich in seinen Vorstellungen nebeneinander finden mußten. »Wenn es so ist,« begann sein Herr, »so trägst du keine Schuld und hast getan, was sich tun ließ, aber . . . aber, wenn unter dem Dache hier sich ein Spürhund aufhält! Wenn einer hier ist, wenn ich ihn erwische – und ich erwische ihn gewiß, wenn er hier ist –, so will ich ihn zurechtmachen; ich sage dir, Grauer, ich will ihn für all sein Lebelang zurichten!« »Mir ist auch so ein Argwohn durch den Kopf gelaufen, Herr,« äußerte der Graue. »Wenn ich aber alles zusammenhalte, so muß noch irgendein anderer verwickelter Handel darunter stecken, womit sich's für jetzt noch nicht ins reine kommen läßt. Morgen, Herr, morgen, denk' ich, werden wir klares Wasser haben.« »Hat euch wenigstens keiner erkannt?« Der Graue versicherte, er hoffe, nicht; und so endigte das Gespräch damit, daß Don Rodrigo ihm für den nächsten Morgen drei Dinge auftrug, auf welche er recht gut auch von selbst verfallen wäre. Er sollte so zeitig wie möglich zwei Menschen abschicken, um dem Dorfschulzen die Weisung zu geben, deren Ausführung wir erzählt haben; zwei andere sollten um das eingefallene Haus umherschwärmen, um jedem, der etwa geschäftslos dort herumstrich, die Nähe des Gemäuers zu verleiden und bis zur nächsten Nacht die Sänfte vor fremden Blicken verborgen zu halten; dann könnte man sie holen lassen, für jetzt aber dürfte, um jeden Verdacht zu vermeiden, keine weitere Bewegung vorgenommen werden; endlich sollte der Graue selbst auf Entdeckung ausgehen und einige andere schicken, auf deren Gewandtheit und Klugheit man sich verlassen könne, um über die Ursachen und den Erfolg des nächtlichen Wirrwarrs etwas zu erfahren. Nachdem er diese Befehle gegeben, ging Don Rodrigo schlafen und ließ auch den Grauen zu Bett gehen; die Lobeserhebungen, mit welchen er ihn verabschiedete, verrieten augenscheinlich die Absicht, ihm wieder guten Mut einzuflößen und sich gewissermaßen wegen des übereilten Auffahrens, womit er ihn empfangen, bei ihm zu entschuldigen. Am nächsten Morgen war der Graue schon außerhalb des Schlosses, um die Aufträge auszuführen, als Don Rodrigo aufstand. Augenblicklich suchte dieser den Grafen auf, der ihn kaum hereintreten sah, als er in Gesicht und Gebärden einen ergötzlichen Hohn spielen ließ und ihm zurief: »Sankt Martin, Vetter!« »Ich weiß eben nicht, was ich darauf antworten soll,« sagte Don Rodrigo, indem er zu ihm hintrat;' »ich werde die Wette zahlen; das aber ist die Wunde nicht, die mich am brennendsten schmerzt. Ich hatte Euch früher nichts gesagt; denn, ich gestehe es, ich hatte mir Rechnung gemacht, diesen Morgen mit einer ganz andern, siegestrunkenen Miene vor Euch hinzutreten und Euch in staunende Überraschung zu setzen. Aber – genug, ich will Euch jetzt alles sagen.« »Da hat auf jeden Fall der Mönch eine Hand im Spiele,« sagte der Graf, nachdem er alles in gespannter Erwartung verwundert angehört hatte; ja, er nahm ein ernsteres Wesen dabei an, als sich von einem so eigensinnigen Kopfe hätte vermuten lassen. – »Der Mönch da,« fuhr er fort, »mit seiner Karnevalsmaske, mit seinen verdrehten Einfällen, ich sage Euch, ich halte ihn für einen abgefeimten Schurken, für einen Fuchs, der's faustdick hinter den Ohren hat. Ihr habt mir Euer Zutrauen nicht schenken mögen, habt mir nicht klaren Wein einschenken wollen, was für ein lügenhaftes Gespinst er Euch neulich bei seinem Besuch hier um den Kopf geschlungen hat.« Don Rodrigo stattete von seinem Gespräch mit Pater Cristoforo Bericht ab. »Und das alles habt Ihr geduldet?« schrie der Graf. »Und Ihr habt ihn wieder weggehen lassen, wie er gekommen?« »Ei was, hätte ich mir etwa alle Kapuziner in Italien auf den Hals ziehen sollen?« »Ich weiß nicht,« bemerkte der Graf, »ob mir in dem Augenblick eingefallen wäre, daß es außer dem verwegenen Halunken noch andere Kapuziner in der Welt gibt. Aber gut, die Vorschriften der Klugheit mögen berücksichtigt sein wollen – fehlt es denn etwa an Mitteln, auch von einem Kapuziner vorsichtig sich Genugtuung zu verschaffen? Man verdoppelt zur rechten Zeit die Höflichkeit gegen den ganzen Orden, und dann kann man ungestraft den Stock in die Hand nehmen, um ein einzelnes Mitglied vernünftigere Sitte zu lehren. Genug, er ist der Strafe entgangen, die besser für ihn gepaßt hätte; ich aber gedenke ihn unter meine Flügel zu nehmen, und ein erbaulicher Trost soll es mir sein, ihm beizubringen, wie man mit unsersgleichen redet.« »Macht die Sache nicht noch schlimmer,« widerriet ihm Don Rodrigo. »Verlaßt Euch einmal darauf, daß ich Euch als Freund und Verwandter dienen werde.« »Was denkt Ihr zu tun?« »Noch weiß ich's nicht; den Mönch aber will ich in jedem Fall zurechtsetzen. Ich will's überlegen, und . . . der Graf Oheim vom Geheimen Rat ist der Mann, welcher den Dienst mir leisten soll. Übermorgen bin ich in Mailand, und auf eine oder die andere Art soll der Pfaffe sein Fett bekommen, verlaßt Euch darauf.« Das Frühstück, welches währenddessen erschien, unterbrach ein Gespräch von so wichtigem Gehalte nicht. Der Graf ergoß sich mit voller Seele über den Gegenstand; obgleich er indessen so lebhaft daran teilnahm, wie die Freundschaft für seinen Vetter und die Ehre des gemeinschaftlichen Namens, nach den Vorstellungen, die er von Freundschaft und Ehre hatte, erforderten, so konnte er hin und wieder sich doch nicht enthalten, über das üble Glück seines verwandten Freundes zu lachen. Don Rodrigo aber, welcher in seiner eigenen Sache sprach und im Begriff, heimlich einen großen Streich zu tun, ihn mit Lärmen verfehlt hatte, war von heftigerer Leidenschaft bewegt und von unerfreulicheren Gedanken beunruhigt. Nach dem Frühstück ging der Graf hinaus auf die«Jagd, und Don Rodrigo wartete mit Ängstlichkeit die Rückkehr des Grauen ab. Dieser kam endlich um die Stunde des Mittagessens und brachte Kunde. Der Wirrwarr der Nacht war so geräuschvoll gewesen, das Verschwinden dreier Menschen aus einem Dorfe ein so außerordentliches Ereignis, daß natürlich, aus Teilnahme sowohl wie aus Neugier, vielfache, lebhafte und fortwährende Untersuchungen angestellt wurden. Auf der andern Seite war die Zahl derer, die darum wußten, zu groß, als daß sie alle wie einstimmig von allem geschwiegen hätten. Perpetua konnte den Fuß nicht über die Schwelle setzen, ohne daß der eine oder der andere über sie herfiel, um sich sagen zu lassen, wer eigentlich ihren Herrn so über alle Maßen in Furcht gesetzt habe; lief aber die Haushälterin alle Umstände des Vorgefallenen durch und ging ihr ein Licht auf, wie Agnese ihr so listig einen blauen Dunst vorgemacht, so empfand sie über diese Falschheit einen solchen Ärger, daß sie durchaus das Bedürfnis fühlte, ihrem gekränkten Herzen ein wenig Luft zu machen. Don Abbondio mochte immerhin entschlossen ihr befehlen oder herzlich sie bitten, sich nichts verlauten zu lassen; sie mochte ihm immerhin wiederholen, es sei überflüssig, ihr eine so klare und natürliche Vorsicht eintrichtern zu wollen; bei dem allen befand sich ein so großes Geheimnis im Herzen der guten Frau, wie in einem alten schlechtgebänderten Fasse ein jung abgelagerter Wein, welcher sprudelnd und wallend kocht und allmählich, wenn man den Spund nicht lockert, nach allen Seiten hin so ungestüm wirtschaftet, daß er in Schaum hervortritt, zwischen Daube und Daube durchsickert und bald hier, bald dort herauströpfelt, bis man davon trinken und ungefähr sagen kann, was für Wein es ist. Gervaso, welchem es gar nicht wahrscheinlich vorkam, einmal mehr unterrichtet zu sein als jeder andere, rechnete sich's zu keinem kleinen Ruhm an, in gewaltiger Furcht geschwebt zu haben; indem er die Hand bei einer unerlaubten Sache im Spiele gehabt, glaubte er ein Mensch wie die übrigen geworden zu sein, und so platzte er fast vor Begierde, sich seiner Heldentat zu rühmen. Tonio, sein Bruder, der ernstlich an Untersuchungen, an mögliche Prozesse und Rechenschaft dachte, gab ihm allerdings mit der Faust vorm Gesicht nachdrückliche Vorschriften; dennoch war es unmöglich, ihm jedes Wort im Munde zu ersticken. Übrigens war auch Tonio in jener Nacht zu ungewöhnlicher Stunde vom Hause abwesend, war mit ungewöhnlichem Schritt und Ansehen nach Hause gekommen, die Gemütsbewegung hatte ihn zur Mitteilung gestimmt, und nicht gänzlich konnte er seinem Weibe das Geschehene verschweigen; sein Weib aber war nicht stumm. Wer am wenigsten sprach, war Menico; denn kaum hatte er seinen Eltern die Geschichte und den Gegenstand seiner Sendung erzählt, so schien es diesen eine fürchterliche Sache, daß ihr Sohn ein Vorhaben Don Rodrigos hintertreiben geholfen, und kaum ließen sie den Knaben mit seiner Erzählung zu Ende kommen. Darauf geboten sie und drohten ihm so nachdrücklich wie möglich, er solle sich auch nicht den leisesten Wink entschlüpfen lassen; am folgenden Morgen dünkten sie sich auch dadurch nicht einmal hinlänglich gesichert und nahmen sich vor, ihn den Tag über und allenfalls auch noch die folgenden Tage im Hause eingeschlossen zu halten. Und dennoch, als sie nachher mit den Leuten des Dorfes sich Neuigkeiten erzählten und wider Willen merken ließen, daß sie mehr als andere davon wußten, als man auf den unerklärlichen Punkt, auf die Flucht unserer drei Unglücklichen zu reden kam und das Wie? das Warum? das Wo? zu besprechen angefangen hatte, gaben sie endlich selbst, als eine bekannte Sache, zu verstehen, sie hätten sich nach Pescarenico geflüchtet. So gelangte auch dieser Umstand ins allgemeine Gespräch. Indem alle diese einzelnen Fingerzeige, wie es zu geschehen pflegt, zu einem vollständigen Ganzen zusammengesetzt und bei diesem Flicken natürlich mit den gehörigen Fransen ausgeschmückt wurden, kam am Ende eine Geschichte heraus, welche sicherer und klarer als sonst eine sich machte und selbst einen zweifelsüchtigen Kritiker zu befriedigen imstande war. Nur der Einbruch der Bravi, allerdings ein zu wichtiger und zu lärmvoller Zufall, um ausgelassen zu werden, ein Ereignis, von welchem keiner auch nur die geringste bestimmte Kenntnis hatte, machte die Geschichte dunkel und verwirrt. Man murmelte sich den Namen Don Rodrigo zu, und in diesem Punkte waren alle derselben Meinung; im übrigen gab es nichts als Dunkelheit und Verschiedenheit der Ansichten. Man sprach viel von den beiden Raufern, die man gegen Abend auf der Straße gesehen, und ebenso von dem dritten, welcher an der Tür des Wirtshauses gestanden; was ließ sich aber aus einem so dürftigen Umstände für Licht erlangen? Man mochte sich beim Schenkwirt immerhin erkundigen, wer am vergangenen Abend bei ihm gewesen; der Mann erinnerte sich kaum, ob er den Abend Leute zu sehen bekommen habe, und schloß immer mit dem Satze, ein Gasthaus sei ein Hafen am Meere. Was indessen die Köpfe am meisten verwirrte und alle Vermutungen zuschanden machte, war der Pilger, welchen einige gesehen, der Pilger, den die räuberischen Unholde töten wollten, der dann mit ihnen ging oder von ihnen mit fortgeschleppt wurde. Wozu war der gekommen? Dieser Umstand, für die anderen der verwirrendste, war für den Grauen selbst, wie der Leser weiß, gerade der klarste; indessen bediente er sich dieses Umstandes als eines Schlüssels, um die übrigen Nachrichten, die er selbst oder seine untergeordneten Kundschafter gesammelt, zu erklären, und so war er endlich imstande, für Don Rodrigo einen ziemlich deutlichen Bericht daraus zusammenzusetzen. Er schloß sich alsobald mit ihm ein und sprach von dem Streich, welchen die beiden Verlobten beim Pfarrer versucht hatten; dies erklärte auf sehr natürliche Weise, warum man das Haus leer gefunden und was das Glockengeläut zu sagen gehabt habe, ohne daß man im Palast Verräter anzunehmen nötig hatte. Er sprach von der Flucht, und auch für diese ließ sich mehr als eine Ursache finden; die Furcht des Brautpaars, da es bei der sträflichen Handlung überrascht worden, eine Nachricht vom Einbruch, die ihnen, sobald sie entdeckt war, vielleicht gegeben worden; ebenso der Aufstand des ganzen Dorfes – nichts begreiflicher, als daß sie sich eiligst davonmachten. Zuletzt berichtete er, daß sie nach Pescarenico ihre Zuflucht genommen hätten; weiter aber ging seine Kunde nicht. Don Rodrigo war wenigstens mit der Entdeckung zufrieden, daß kein Verrat dabei im Spiele gewesen und keine Spur seiner Mitwirkung vorhanden; doch gewährte dies nur eine oberflächliche und vorübergehende Beruhigung. – »Mitsammen die Flucht genommen,« schrie er, »mitsammen! Und dieser Schurke von Mönch! Dieser Mönch –« das Wort kam heiser aus der Kehle. »Büßen soll's dieser Pfaffe! Grauer, ich bin nicht, der ich bin, wenn . . . ich will wissen, ich will's erfahren . . . diesen Abend! Ich will wissen, woran ich bin. Ich hab' keine Ruhe. Nach Pescarenico, geschwind, zu wissen, zu sehen, zu erfahren . . . Vier Skudi auf der Stelle, und meinen Schutz für immer. Diesen Abend will ich's wissen. Und der Schurke, der Mönch . . .« So sehen wir den Grauen wiederum auf den Beinen. Am Abend desselben Tages noch konnte er seinem würdigen Schutzherrn die gewünschte Auskunft geben. Wie es geschehen, werde kurz berichtet. Unser Autor hat sich nicht mit Gewißheit überzeugen können, durch wie viele Teilnehmer das Geheimnis, welches der Graue zu erkundschaften Befehl hatte, gelaufen sei; so viel aber ist ausgemacht, daß der gute Mann, von welchem die beiden Frauen nach Monza begleitet worden, als er mit seinem Karren um die Vesperstunde nach Pescarenico zurückkehrte, ehe er noch die Schwelle seines Hauses berührte, einen treuen Freund traf und diesem in leiser Vertraulichkeit das gute Werk, das er ausgeführt, wie die folgenden Ereignisse mitteilte; ebenso ausgemacht, daß der Graue zwei Stunden später nach dem Palast zurücklaufen und seinem Herrn berichten konnte, Mutter und Tochter hätten ihre Zuflucht in einem Kloster zu Monza gefunden; der Bräutigam dagegen habe seinen Weg nach Mailand fortgesetzt. Don Rodrigo verriet über diese Trennung eine frevelhafte Fröhlichkeit; von der boshaften Hoffnung, zu seinem Zwecke zu gelangen, fühlte er wieder einen leisen Schimmer erwachen. Über die nunmehr nötigen Schritte sann er einen großen Teil der Nacht hindurch nach und stand ziemlich früh mit zwei Plänen auf, von denen der eine vollständig beschlossen, der andere nur unvollkommen erst entworfen war. Jener bestand darin, den Grauen nach Monza abzufertigen, um über Lucien nähere Kunde zu erhalten und zu wissen, ob und was sich versuchen ließe. Sein Getreuer mußte also den Augenblick erscheinen, bekam die vier Skudi in die Hand gedrückt, ward über die Geschicklichkeit, mit welcher er sie verdient, freundlich gelobt und erhielt sodann den vorher überlegten Auftrag, zu dessen Ausführung er sich sogleich mit zwei Gefährten auf den Weg machte. Don Rodrigos zweite Ratspflege betraf Luciens Verlobten. Er hatte sich einstweilen von ihr fortbegeben; wie ließ es sich machen, daß er nie mehr in ihre Nähe käme und keinen Fuß wieder ins Dorf setzte? Don Rodrigo faßte den Vorsatz, Nachrichten von Drohungen und Verfolgungen unter die Leute gelangen zu lassen; durch irgendeinen Freund würde Renzo sie zu hören bekommen und sich die Lust, in diese Gegend wieder zurückzukehren, vergehen lassen. Der sicherste Weg aber, dachte er, wäre, wenn man ein Mittel ausfindig machte, um ihn zur Flucht über die Grenzen des Staates zu bringen. Um indessen damit zustande zu kommen, sah er ein, konnte ihm die Gerechtigkeit weit nachdrücklicher als die Gewalt dienen: man könnte, zum Beispiel, dem Versuch im Pfarrhause eine andere Farbe geben, könnte ihn als einen Angriff, als eine aufrührerische Handlung darstellen und mit Hilfe des Doktors dem Stadtvogt beibringen, das sei ein Fall, welcher gegen Renzo einen tüchtigen Verhaftungsbefehl nötig mache. Zu gleicher Zeit aber empfand der planvolle Mann, es komme nicht ihm selbst zu, in diesem unsauberen Geschäfte eine persönliche Rolle zu spielen; ohne sich also weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, ward er mit sich einig, er wolle dem Doktor Knotenhauer, soviel als nötig, um ihm seinen Wunsch begreiflich zu machen, sich eröffnen. Aber – welchen Lauf doch manchmal die Dinge dieser Welt nehmen! – während er an den Doktor, als an den fähigsten Mann, um ihm hier zu dienen, dachte, arbeitete bereits ein Mensch, der keinem einfiel, Renzo selbst arbeitete aus allen Kräften daran, ihm sicherer und fördernder zu dienen, als der Doktor mit allen seinen Papieren auf dem Tisch vermocht hätte. – Nach der schmerzlichen Trennung, von welcher wir Bericht erstattet, wanderte der Jüngling nach Mailand zu. Wie ihm zumute war, kann jeder leicht ermessen. Von seinem Hause, und was mehr sagen will, von seinem väterlichen Dorfe, was aber am meisten sagen will, von Lucien sich entfernen; auf einer fremden Straße sich befinden, ohne zu wissen, wohin man das Haupt zur Ruhe niederlegen darf, und alles das um eines einzigen Schurken willen! Wenn dieser Gedanke sich in Renzos Einbildungskraft gewaltsam aufrichtete, verfiel er wie außer sich in Wut, und ihn überwältigte die Sehnsucht nach Rache; bald aber gedachte er des Gebetes, welches er in der Kirche von Pescarenico zum Himmel erhoben, und so besann er sich eines besseren. Bald darauf flammte die Entrüstung wieder empor; ein Schattenbild aber, das über die Mauer hinzuschweben schien, weckte ihn, er rückte den Hut ins Gesicht und stand einen Augenblick still, um von neuem zu beten; so hatte er auf dieser Reise wenigstens zwanzigmal seinen Schmerzensengel Don Rodrigo getötet und vom Tode wieder auferweckt. Die Straße lief eben dahin, zwischen zwei hohen Seitenwänden versteckt, voll von Kot und Steinen, von tiefem Rädergeleise durchschnitten, welches nach einem starken Regen voller Wasser stand; wo es nicht geräumig genug war, um dem Wasser zum Bette zu dienen, lag die ganze Breite der Straße überschwemmt, in eine Pfütze verwandelt und fast ungangbar. Ein kleiner ungebahnter Fußsteig, welcher sich treppenartig über die eine Wand hinzog, zeigte, daß andere Wanderer ihren Weg durch die Felder genommen hatten. Renzo stieg mittelst eines solchen Pfades auf die Anhöhe zur Seite, sah vor sich hin und gewahrte das riesenhafte Gebäude des Domes, einsam aus der Ebene emporsteigend, nicht als wenn es mitten in einer Stadt stände, sondern aus einer wüsten Flur sich erhöbe. Seine Leiden alle vergessend, stand der Jüngling still und wollte auch aus der Ferne dies achte Wunder betrachten, von welchem er seit seiner Kindheit so viel sprechen gehört. Indem er aber nach einigen Minuten sich umwandte, sah er im Horizonte jene durchschnittene Gebirgskette, sah deutlich über die andern emporragend seinen Resegone, fühlte das Blut stürmisch durch alle Adern wallen, stand eine Zeitlang still, traurig bald vorwärts, bald rückwärts blickend, und setzte dann seinen Weg fort. Allmählich entdeckte er Glockentürme, Kirchenspitzen, Kuppeln und Häuser; dann stieg er in die Straße wieder hinab, wanderte eine Strecke fort, und als er sich ziemlich in der Nähe der Stadt sah, trat er zu einem Reisenden, verneigte sich vor ihm so höflich, wie er konnte, und bat um Erlaubnis, fragen zu dürfen. »Was wollt Ihr, wackerer junger Mann?« »Könnten Sie mir wohl die kürzeste Straße angeben, um zum Kapuzinerkloster zu kommen, wo Pater Bonaventura sich aufhält?« »Lieber Freund, es gibt der Klöster in Mailand mehr als eins; Ihr müßtet mir genauer angeben können, welches Ihr eigentlich sucht.« Renzo zog also aus dem Busen den Brief des Paters Cristoforo hervor und zeigte ihn dem Manne. Dieser las die Aufschrift: »Am Tor gegen Morgen,« gab ihn zurück und sagte: »Das Kloster, das Ihr sucht, ist nicht eben weit von hier. Nehmt den kleinen Weg da zur Linken; es ist ein Querweg durchs Feld; nach einiger Zeit werdet Ihr seitwärts auf ein langes niedriges Gebäude stoßen, das ist das Krankenhaus. Haltet Euch frischweg an den Graben, der sich herumzieht, so kommt Ihr an das Tor gegen Morgen. Da tretet Ihr hinein, und nach drei- oder vierhundert Schritten tut sich Euch ein Platz mit hübschen Ulmen auf; dort ist das Kloster; verfehlen läßt sich's da nicht. Gott mit Euch, guter Junge!« – Er begleitete die letzten Worte mit einer freundlichen Bewegung der Hand und entfernte sich. Renzo stand über die feine Art der Städter erstaunt und erbaut da; er wußte nicht, daß es ein ungewöhnlicher Tag war, ein Tag, an welchem die Mäntel sich vor den Jacken erniedrigten. So schlug er denn den angezeigten Weg ein und gelangte an das Tor gegen Morgen. Indessen muß sich der Leser bei diesem Namen nicht die Bilder, die jetzt damit verbunden, in den Kopf kommen lassen. Das Tor bestand aus zwei Pfeilern, über welchen ein Wetterdach war, um die Flügel zu schirmen; auf der einen Seite ein ärmliches Haus für die Zolleinnehmer. Der Aufgang zu den Basteien erhob sich in unregelmäßiger Anhöhe, und die Dachung war eine rauhe, unebene Fläche voll von Schutt und Scherben, die zufällig hingeworfen waren. Die Straße der Vorstadt, welche vor den Augen des Hineintretenden sich öffnete, ließe sich sehr wohl mit derjenigen vergleichen, in die man heute durch das Tosator tritt. Ein kleiner Graben durchlief sie in der Mitte bis auf wenige Schritte vom Tore und teilte sie solcherweise in zwei gewundene Gassen, die, nach der Jahreszeit, voll von Staub oder Kot waren. Da, wo noch jetzt die Gasse mündet, welche di Borghetto heißt, ergoß sich der kleine Bach in eine Wassergrube und floß dann in einen andern Graben, der längs der Mauer lief. Hier stand eine Säule mit einem Kreuze darauf, die Säule des heiligen Dionysius genannt; zu beiden Seiten gab es umzäunte Gärten, hin und wieder Hütten, größtenteils von Bleichern bewohnt. Renzo trat ins Tor und ging durch; keiner von den Zolleinnehmern rührte sich. Das kam ihm als etwas ganz Außerordentliches vor; denn von den wenigen aus seinem Dorfe, welche sich rühmen konnten, in Mailand gewesen zu sein, hatte er Wunders viel erzählen gehört, wie jeder, der von auswärts in die Stadt käme, mit Fragen und Untersuchungen geplagt würde; dabei war die Straße menschenleer, und hätte er nicht ein fernes Getümmel gehört, welches eine große Bewegung verkündigte, so würde er in eine verlassene Stadt zu treten gemeint haben. Er schritt vorwärts und wußte nicht, was er davon zu denken hatte; da ward er auf dem Pflaster weiße Streifen gewahr, als war's Schnee; aber Schnee konnte es nicht sein, denn der fällt nicht in Streifen, fällt auch in der Regel nicht um diese Jahreszeit. Er bückte sich, sah genauer hin, untersuchte mit den Händen und überzeugte sich, daß es Mehl war. – »'s muß hier in Mailand,« dachte er, »ein entsetzlicher Überfluß vorhanden sein, wenn sie Gottes Gabe sich so auf offener Straße herumtreiben lassen. Und dann wollen sie uns weismachen, daß die Teuerung überall zu Hause ist. Das ist aber ihr Pfiff, um die armen Leute auf dem Lande ruhig zu erhalten.« Er war kaum einige Schritte weiter gegangen, so kam er an eine zweite Säule, an deren Fuße er etwas noch weit Seltsameres erblickte; auf den Stufen des Untergestelles sah er Dinge umherliegen, die wahrlich keine Steine waren, und hätten sie auf dem Brett eines Bäckerladens gelegen, so würde kein Mensch sich einen Augenblick besonnen haben, sie Brote zu nennen. Renzo aber wollte so schnell seinen Augen nicht trauen; denn zum Wetter! das war kein Ort für Brote. – »Wir wollen doch einmal sehen, was das für eine Geschichte ist!« sagte er für sich und trat zur Säule hin; er bückte sich, nahm eins – es war wahrhaftig ein rundes weißes Brot, wie es unser Wanderer nicht einmal an Festtagen zu essen gewohnt war. – »'s ist, meiner Seele, Brot,« sagte er laut; so groß war sein Erstaunen – »so streut man's hierzulande herum? In diesem Jahre? Und es rückt sich auch nicht einmal einer, um es aufzufangen, wenn es fällt! Das ist ja wahrhaftig das Schlaraffenland, wo der Himmel voller Geigen hängt!« – Nach einem Wege von zehn Meilen, bei frischer Morgenluft, machte das Brot, sobald er nur mit der Verwunderung fertig war, seine Eßlust ziemlich rege. – »Nehm' ich's?« überlegte er. »Pah! Sie haben's hier für die Hunde liegen lassen, so wird sich doch wohl auch ein christlicher Mensch daran satt essen dürfen! Im schlimmsten Fall kommt der Eigentümer dazu, und dann bezahle ich's ihm.« Indem er so dachte, steckte er das Brot, welches er schon in Händen hatte, in die Tasche, machte es mit einem zweiten und einem dritten ebenso und setzte seinen Weg fort, unkundiger als je und von ganzer Seele begierig, über die Sache sich eine Aufklärung zu verschaffen. Bald sah er Leute aus dem Innern der Stadt daherkommen und betrachtete diejenigen, welche zuerst sich sehen ließen, mit Aufmerksamkeit. Es war ein Mann, eine Frau und einige Schritte dahinter ein Knabe, alle drei mit einer Last auf dem Rücken, die ihre Kräfte zu übersteigen schien, alle drei in einem seltsamen Aufzuge. Die Kleider, oder eigentlich die Fetzen, mit Mehl bedeckt, mit Mehl bedeckt die Gesichter, und über alle Maßen verzerrt und entflammt; dabei ein Gang, der nicht bloß mühsam durch die Last, sondern schwer sich fortschleppend, als wären die Glieder zerquetscht und gebrochen. Der Mann trug mit Mühe einen mächtigen Mehlsack auf der Schulter; dieser hatte hin und wieder Löcher und ließ bei jedem Anstoß, bei jedem Schwanken des Gleichgewichtes eine Handvoll herausgleiten. Noch übler aber machte sich die Gestalt der Frau; ein unverhältnismäßig dicker Leib, zwei ausgebreitete Arme, die ihn nur mit Anstrengung zu unterstützen schienen und zwei gebogenen Eimerhenkeln glichen; unten zeigten sich zwei Füße, bis zum Knie entblößt, welche taumelnd sich vorwärts bewegten. Renzo sah genauer hin und erkannte in dem unförmlichen Leibe den Rock, welchen die Frau nach oben umgeschlagen hielt; er war mit Mehl gefüllt, soviel er nur fassen konnte, und wohl noch ein wenig darüber; daher hin und wieder etwas davon wie ein weißer Staub fortflog. Der Knabe trug auf dem Kopfe mit beiden Händen einen Flechtkorb voll von Broten; da er aber in der Länge der Füße gegen seine Eltern zu kurz kam, blieb er allmählich hinter ihnen zurück, und wenn er dann zu laufen anfing, um sie wieder einzuholen, geriet der Korb aus seiner Lage, und einige Brote fielen zur Erde. »Wenn du noch eins fallen läßt, unnützer Schlingel!« sagte die Mutter und knirschte mit den Zähnen. »Ich lasse sie nicht fallen; sie fallen von selbst,« antwortete der Junge. »Wie soll ich's anfangen?« »Dein Glück, daß ich die Hände nicht frei habe,« sagte die Frau, indem sie mit den Fäusten eine Bewegung machte, als versetzte sie dem armen Schelm einen Hieb; bei dieser Bewegung aber entstäubte ihr eine neue Mehlwolke, welche wohl mehr betragen mochte als die beiden Brote, die der Knabe hatte fallen lassen. Währenddessen kamen Leute von draußen dazu; einer von ihnen trat zur Frau hin und fragte, wo man sich Brot zu holen habe. – »Vorwärts, vorwärts!« antwortete sie, und als sie etwa zehn Schritte weit entfernt waren, sagte sie mürrisch: »Diese Schlingel vom Lande kommen, alle Backöfen und alle Vorratskammern leer zu fegen, und für uns bleibt nichts übrig.« »Immer noch ein bißchen für den Mann, Plauderliese,« sagte der Kerl an ihrer Seite. »Die Hülle und Fülle!« Aus diesem und ähnlichem, was er sah und hörte, fing Renzo an zu begreifen, er habe eine empörte Stadt betreten, und dies sei ein Tag der Eroberung, wo jeder nach Wollen und Können sich nahm und mit Schlägen bezahlte. So sehr wir auch wünschen, unsern armen Gebirgsmann eine gute Rolle spielen zu lassen, so nötigt uns doch die historische Treue die Bemerkung ab, daß das Schauspiel sich im ersten Augenblick seines Beifalls erfreute. Er hatte so wenig Ursache, mit dem gewöhnlichen Laufe der Dinge zufrieden zu sein, daß er geneigt war, jede Veränderung zu billigen. Da er überdies kein Mann war, welcher sich über sein Jahrhundert erhob, lebte auch er in der allgemeinen Meinung, die Teuerung des Brotes rühre von den Aufkäufern und von den Bäckern her; folglich hielt er sehr gern jeden Weg für recht, um die Nahrungsmittel, welche sie, jener Meinung nach, dem Hunger eines ganzen Volkes grausam verweigerten, ihren Händen zu entreißen. Indessen beschloß er, sich vom Tumulte fernzuhalten, und war froh, auf dem Wege zu einem Kapuziner zu sein, der ihm Unterkommen und gute Weisung geben würde. Indem er so dachte und die neuen Eroberer, welche mit Beute beladen erschienen, betrachtete, legte er die kurze Straße zurück, die ihm noch blieb, um das Kloster zu erreichen. Wo jetzt der schöne Palast mit der hohen Altane sich erhebt, war damals und war vor wenigen Jahren noch ein kleiner Platz, in dessen Hintergrunde die Kirche und das Kloster der Kapuziner stand, mit vier großen Ulmbäumen davor. Renzo schritt gerade zur Türe des Klosters, versteckte das halbe Brot, welches ihm blieb, in den Busen, nahm den Brief hervor, hielt ihn zeigefertig in der Hand und zog die Klingel. Es öffnete sich ein Einlaßtürchen mit einem Gitter und erschien das Gesicht des Bruder Pförtners, welcher fragte, wer da sei. »Einer von außerhalb,« sagte Renzo, »der vom Pater Cristoforo dem Pater Bonaventura einen dringenden Brief bringt.« »Gebt her,« antwortete der Pförtner und steckte die Hand durchs Gitter. »Nein, nein,« sagte Renzo, »ich soll ihn in seine eigenen Hände geben.« »Er ist nicht im Kloster.« »Laßt mich hineintreten, so will ich ihn erwarten.« »Tut, wie ich Euch sage,« sprach der Mönch; »erwartet ihn in der Kirche, könnt dort indessen ein wenig beten. Ins Kloster wird für jetzo keiner hereingelassen.« Mit diesen Worten schloß er das Türchen zu. Renzo blieb wie albern mit seinem Brief in der Hand stehen. Er tat zehn Schritte nach der Kirchentüre zu, um dem Rat des Pförtners zu folgen; dann aber fiel ihm ein, vorher doch noch einmal nach dem Auflauf hinzusehen. Er ging über den Platz, trat an den Rand der Straße und stand mit verschränkten Armen da, links nach dem Innern der Stadt hinschauend, wo das Gewühl am gedrängtesten und am geräuschvollsten war. Der Strudel zog den Zuschauer an. Wir wollen doch einmal hinsehen! dachte er, nahm das Brot wieder hervor und machte sich, indem er einen Bissen nach dem andern davon abbrach, nach jener Seite hin auf den Weg. Zwölftes Kapitel. Es war der zweite Sommer, daß die Felder so kümmerlich lohnten. Was von den früheren Jahren in den Speichern übriggeblieben, hatte im vorhergehenden den Mangel leidlich ersetzt; die Menschen konnten nicht zur Genüge sich sättigen, litten aber auch keinen Hunger. Bei der Ernte des Jahres 1628 hingegen, wo wir uns soeben mit unserer Erzählung befinden, sah sich jeder seines Vorrates durchaus beraubt. Die verheerenden Wirkungen des Krieges stiegen bald zu solcher Höhe, daß in den nächsten Umgebungen viele Strecken Ackers weniger als gewöhnlich den Pflug empfanden und von den Bauern verlassen dalagen; denn statt durch Arbeit sich und den übrigen Brot zu verschaffen, sahen sich die Unglücklichen genötigt, es um Gottes willen zu erbetteln. Eine Ernte, sie mochte ausfallen wie sie wollte, war kaum beendigt, so rissen die Versorgung des Heeres und die unachtsame Vergeudung, welche gewöhnlich damit verbunden, in den Vorrat der Scheunen so gewaltsame Lücken, daß man den Mangel augenblicklich wieder verspürte, und mit dem Mangel seine schmerzliche, aber ebenso heilsame wie unausweichliche Wirkung, die Teuerung sich einstellte. Sobald aber die Teuerung bis zu einem gewissen Punkte gestiegen, bildet sich immer in vielen Köpfen die Meinung aus, sie sei nicht durch die Dürftigkeit der Zeiten entstanden. Man vergißt, daß man sie gefürchtet, daß man sie vorhergesagt hatte; man hält mit einemmal die Annahme fest, es sei hinreichend Getreide vorhanden, und die Not schreibe sich bloß von den gewinnsüchtigen Wucherern her, die es nicht zum Bedarf hinlänglich verkaufen mögen. Die Aufkäufer des Getreides, sie mochten es in der Tat sein oder nur dafür gelten, die Gutsbesitzer, die es nicht ganz und gar an einem Tage losschlugen, die Bäcker, die es kauften, jedweder, welcher Getreide liegen hatte oder im Rufe stand, Getreide liegen zu haben, wurde als der böse Geist des Mangels und der Teuerung hingestellt, war der Gegenstand der allgemeinen Beschwerden, der Abscheu der Begüterten wie der armseligen Menge. Man vertraute einander als ausgemacht an, wo sich Kornböden und Vorratsspeicher befänden, mit Getreide so vollgepfropft, daß sie von allen Seiten gestützt werden müßten; man verlangte von der Obrigkeit die Anstalten, welche dem Volke immer so billig, so einfach und zweckmäßig scheinen, um das versteckte, zwischen Wände gepreßte und begrabene Getreide, wie man sich ausdrückte, ans Licht hervorzuziehen und den Überfluß wieder herbeizuführen. Die Obrigkeit entschloß sich zu den gewöhnlichen Vorkehrungen: sie stellte den höchsten Preis verschiedener Lebensmittel fest, drohte jedem, der zu verkaufen sich weigerte, mit öffentlicher Strafe und verfuhr, wie bei solchen Umständen verfahren zu werden pflegt. So kräftig aber auch alle menschlichen Vorkehrungen getroffen werden mögen, sie können den Mangel an Lebensmitteln nicht entfernen, können die Erzeugnisse der Jahreszeiten nicht nach dem Drange der Umstände hervorrufen; hier insbesondere vermochte man aus keiner Gegend, die etwa mit Überfluß gesegnet worden, das Fehlende herbeizuschaffen, und so währte das Übel fort, so wuchs die Not von Tag zu Tage. Die Menge schrieb diese Wirkung der Schwäche, der Kargheit der Gegenmittel zu und forderte mit lautem Geschrei eine entscheidendere Hilfe. Zum Unglück fand sie den Mann nach ihrem Sinne. In der Abwesenheit des Statthalters Don Gonzalo Fernandez de Cordova, welcher im Lager bei Casale del Monferrato stand, verwaltete sein Amt in Mailand der Großkanzler Antonio Ferrer , ein Spanier. Dieser sah, daß der mäßige Preis des Brotes an und für sich eine sehr wünschenswerte Sache sei; er dachte also – und das war der Schnitzer –, ein Befehl von ihm sei hinreichend, um solchen Preis entstehen zu lassen. Auf seine Verordnung ward demnach für das Brot ein solcher Preis festgestellt, als wenn der Malter Getreide dreiunddreißig Lire kostete; er ward indessen bis zu achtzig verkauft. Der Großkanzler ging dabei wie eine ältere Dame zu Werke, welche, das Datum ihres Taufscheines ändernd, sich selbst zu verjüngen wähnt. Weniger unsinnige und weniger ungerechte Befehle waren mehr als einmal, weil die Umstände selbst Widerstand leisteten, unbefolgt geblieben; über die Ausführung dieser Verordnung hingegen wachte die Menge; sie sah ihren Wunsch endlich in ein Gesetz verwandelt und wollte diese Fügung nicht zum Scherz eingetreten wissen. Sie strömte zu den Bäckereien, forderte Brot zum anbefohlenen Preise und forderte es mit dem Blick der Entschlossenheit und der Drohung, welchen Leidenschaft, Gewalt und Befugnis zugleich unterstützen. Ob die Bäcker ein Zetergeschrei erhoben, bedarf keiner Frage. Die Ärmel beständig zur Arbeit aufstreifen, mit eiligem Eifer den Teig kneten, in den Ofen hineinschieben und wieder herausnehmen, wie ein Tagelöhner sich's sauer werden lassen und bis zur Erschöpfung sich abarbeiten, um am Ende Schaden davonzutragen –- jeder sagt sich leicht von selbst, welch eine Miene die Bäcker dazu machen mußten. Fortwährend beklagten sie sich daher über die Unbilligkeit, über die Unerträglichkeit der Last, welche ihnen auferlegt worden, und schworen, den Brotschieber in den Ofen werfen und sich davonmachen zu wollen; indessen leisteten sie der drängenden Not, so gut sie konnten, Genüge und hofften von Stunde zu Stunde, der Großkanzler würde endlich einmal sich eines Bessern besinnen. Antonio Ferrer aber, ein Herr, welchen man heutigentags einen Mann von Charakter nennen würde, rückte nach langem Schweigen mit der Antwort heraus: die Bäcker hätten in früheren Zeiten gar trefflich ihr Schäfchen geschoren und würden in künftigen besseren Jahren gleichfalls wieder ihren Schnitt machen; auch würde man zusehen und vielleicht darauf denken, wie sich ihnen auf Kosten des Staates ein Schadenersatz leisten lasse; einstweilen aber mochten sie nur im Backen und Verkaufen wie bisher fortfahren; kurz, er ging von seinen Verordnungen nicht ein Haarbreit ab. Endlich statteten die Dekurionen, eine städtische, aus Edelleuten bestehende Obrigkeit, dem Statthalter von der Lage der Dinge schriftlichen Bericht ab; er möchte, hieß es, ein Milderungsmittel ausfindig machen, um die alte Ordnung womöglich wiederherzustellen. Don Gonzalo, in die Angelegenheiten des Krieges über und über verwickelt, ernannte einen öffentlichen Gerichtshof und übertrug ihm das Recht, einen gangbaren Preis des Brotes festzusetzen; beiden Teilen sollte auf diese Weise Recht und Billigkeit erwiesen werden. Die Stadtverordneten versammelten sich; man stattete einander tausend Verneigungen ab, sagte sich Höflichkeiten, hielt einleitende Vorträge, beseufzte die traurigen Zeiten, schwieg gedankenvoll, trat mit unhaltbaren Vorschlägen auf, suchte zögernd Zeit zu gewinnen, sah sich durch eine allgemein empfundene Notwendigkeit zur Beratschlagung gezwungen und empfand die gefährliche Wichtigkeit der Zusammenkunft, war aber überzeugt, es lasse sich nichts anderes tun, als den Preis des Brotes erhöhen. Die Bäcker atmeten auf, das Volk ergrimmte. Am Vorabend des Tages, da Renzo nach Mailand gekommen war, wimmelten Straßen und Plätze von Menschen; von grollendem Unwillen erbittert und beherrscht von einem gemeinsamen Gedanken, hatten sich Bekannte und Fremde, ohne vorher deshalb übereingekommen zu sein, ohne es selbst gewahr zu werden, wie Tropfen, die einander auf demselben abschüssigen Dache sich begegnen, in Kreisen, in einzelnen Haufen zusammengerottet. Jedes Gespräch steigerte die Überzeugung und die Leidenschaftlichkeit der Zuhörer wie des Redners. Unter so vielen Hitzköpfen gab es indessen auch einige von kälterem Blute; diese standen mit innigem Vergnügen von fern, gaben acht, wie das Wasser sich trüben würde, versuchten, durch Gespräche und Neuigkeiten, welche die Schelme zu erdichten wissen und die bewegten Gemüter jederzeit bereitwillig glauben, die Wogen immer stürmischer zu trüben, und nahmen sich vor, das Wasser nicht zur Ruhe kommen zu lassen, ohne ihr Netz mit einem guten Fang herausgezogen zu haben. Tausende von Menschen gingen mit dem unbestimmten Bewußtsein zu Bette, daß etwas geschehen müsse, daß etwas geschehen werde. Die Zusammenrottungen kamen der Morgenröte zuvor; Kinder, Frauen, Männer, Greise, Handwerker und Bettler traten aufs Geratewohl zusammen; hier brauste ein verworrenes Geflüster von unzähligen Stimmen; dort hielt ein Redner eine Ansprache, und die andern jubelten ihm Beifall zu; überall Klagen, Drohungen, Verwunderung. Nur ein Anfangspunkt fehlte, eine zufällige Gelegenheit, ein spornender Stoß, so wurden die Worte zu Handlungen. Es währte nicht lange. Mit Tagesanbruch traten aus den Bäckerläden die jungen Burschen, die in hölzernen Butten das Brot nach den Häusern der gewöhnlichen Kunden zu tragen pflegten. Kaum kam einer dieser unglücklichen Boten einem Haufen Volkes ins Gesicht, so war's, als wäre ein angezündeter Schwärmer in eine Pulverkammer gefallen. – »Da gibt's ja Brot!« schrien hundert Stimmen zugleich. – »Freilich,« rief einer, »aber das ist für die Tyrannen, die im Überflusse waten und uns gern vor Hunger möchten sterben sehen!« Mit diesen Worten geht er auf den Burschen los, legt die Hand oben an den Rand der Butte, tut einen Ruck und sagt: »Laß sehen! Herunter mit der Butte!« Man greift mit vielen Händen danach, und schon steht sie auf der Erde; das Handtuch, welches sie bedeckt, wird weggeschleudert, ein warmer Duft steigt auf und verbreitet sich umher. – »Wir sind auch Christen,« sagt derselbe Kerl, »wollen auch Brot zu essen haben.« Er nimmt eins, hält es in die Höhe, zeigt es dem Haufen und fährt mit den Zähnen hinein; die Hände gleiten wühlend in die Butte, die Brote fliegen durch die Luft; ehe man sich versieht, ist keins mehr vorhanden. Wer nichts erbeutet hat, läßt sich durch den Anblick des fremden Gewinnes reizen; die Leichtigkeit des Unternehmens erfüllt selbst den Feigen mit Mut; man macht sich in Schwärmen auf und sucht anderen Buttenträgern zu begegnen; so viele man trifft, so viele werden ausgeplündert. Einen Angriff auf die Träger zu machen, war dabei nicht einmal nötig; die Burschen, welche sich unglücklicherweise unterwegs befanden, merkten bald, welch ein Ungewitter daherzog, setzten ihre Last freiwillig nieder und machten sich auf die Flucht. Dessenungeachtet waren diejenigen, welche mit nüchternem Gaumen abziehen mußten, immer noch bei weitem die Mehrzahl; die Beutemacher selbst fühlten sich durch einen so unbedeutenden Fund keineswegs befriedigt; zu diesen und jenen sich gesellend, standen die Schelme, welche auf eine besser begründete Ordnungslosigkeit ihren Plan gebaut hatten. Und so erscholl denn plötzlich das Geschrei: »Zu den Öfen! zu den Öfen!« In der Straße Corsia de' Servi war eine Bäckerei, die noch heutigentags vorhanden ist und denselben Namen, nämlich »Der Krückenofen«, noch führt. Hierher strömte der Schwarm. Die Gesellen im Laden fragten eben den Knaben aus, welcher ohne seine Butte heimgekommen; mit bestürztem Angesichte und verwilderten Haaren stattete dieser von seinem kläglichen Abenteuer stotternden Bericht ab, als das Geräusch einer wühlenden Volksmenge sich hören ließ. Das Lärmen stieg und näherte sich; die Vorläufer des Haufens erschienen. Die Not war groß, der Drang gebot Eile. Der eine läuft, um bei dem »Hauptmann der Gerechtigkeit« Hilfe zu suchen; die andern schließen in aller Geschwindigkeit den Laden, legen von innen die Querstangen vor die Türflügel und klammern die Halteisen ein. Die Menge fängt an, sich draußen dicht zusammenzurotten, und »Brot! Brot!« wird gerufen, »macht auf! macht auf!« In demselben Augenblick langt mit einer Schar von Hellebardieren der Hauptmann der Gerechtigkeit an. »Platz, Platz, Kinder!« rufen er und seine Leute, »geht nach Hause, nach Hause; Achtung vorm Hauptmann!« – Das Volk, sich noch nicht hinlänglich bei Kräften fühlend, weicht ein wenig nach beiden Seiten zurück; so konnten der Hauptmann und die Seinen näherkommen und vor der geschlossenen Türe des Ladens sich aufstellen. – »Aber, Kinder,« sprach von hier aus der Hauptmann, »was macht ihr hier? Geht nach Hause. Wo bleibt eure Gottesfurcht? Was wird der König, unser Herr, sagen? Es soll euch kein Leid geschehen, aber geht nach Hause. Geht als brave Leute nach Hause!« – Doch nur die vordersten sahen das Gesicht des Sprechers und vernahmen seine Worte; hätten sie also auch seinem Rate gehorchen wollen, so wären sie dennoch nicht imstande gewesen; denn von denen, die hinter ihnen standen, wurden sie vorgeschoben. Der Hauptmann fing an, die Ängstlichkeit seiner Lage zu empfinden. – »Heißt sie seitwärts weichen, damit ich zu Atem kommen kann,« gebot er den Hellebardieren, »tut aber keinem etwas zuleide. Wir wollen suchen, in den Laden hineinzukommen; klopft an und laßt indes das Volk zurücktreten.« »Zurück, zurück!« riefen die Hellebardiere, indem sie sämtlich auf die vordersten losgingen und sie mit dem Schafte ihrer Waffen nach der Straße hintrieben. Diese schreien, treten zurück, wie sie können; es entsteht ein Gedränge, ein Stoßen und Pressen, daß diejenigen, welche sich in der Mitte befanden, etwas darum gegeben hätten, wenn ein Zaubergespann sie anderswohin versetzt hätte. Indessen bildete sich dicht an der Türe etwas leerer Raum, und den Soldaten gelingt es, in den Laden zu gelangen. Der Hauptmann steigt einige Stufen hinan und tritt an ein Fenster. Himmel, welch ein brausendes Gewühl! »Kinder!« ruft er, und viele sehen hinauf. »Kinder, geht nach Hause. Durchgängige Verzeihung jedem, der auf der Stelle sich heimmacht.« »Brot, Brot! Aufgemacht, aufgemacht!« – Diese«Worte ließen sich in dem unermeßlichen Geschrei, womit die Menge antwortete, deutlicher als die übrigen unterscheiden. »Vernünftig, Kinder! Seht euch wohl vor, noch ist's Zeit. Geschwind, geht, kehrt nach Hause zurück. Ihr sollt Brot haben; aber das ist keine Art. Heh! Heh! was macht ihr da unten? Was, gegen die Türe? Wartet, wartet, ich seh' es! Vernünftig! Seht euch vor! Ein gewaltiges Vergehen! Ich komme hinunter, auf der Stelle. Heda! Weg mit dem Eisen, weg mit den Händen! Was ist da? Ah, die Schurken!« Dieses plötzliche Umschlagen des Tons war die Wirkung eines Steines, welcher die Stirn des Redners getroffen hatte. – »Schurken! Schurken!« fuhr er fort zu schreien, warf mit rascher Heftigkeit das Fenster zu und zog sich zurück. Was er aber vorhin gesehen hatte, war ein Arbeiten gegen Türe und Fenster mit Steinen und Eisen, die man in der Schnelligkeit unterwegs sich verschafft hatte, um die Türflügel zu sprengen und das Eisenwerk daran gewaltsam loszubrechen; auch war die Arbeit bereits sehr weit gediehen. Die Herren und Gesellen des Ladens waren währenddessen an die Fenster der oberen Zimmer getreten. Sie hatten den Hof entpflastert, waren mit einem ziemlichen Vorrat von Steinen versehen, erhoben ein Geschrei und fingen, nachdem Drohungen fruchtlos geblieben waren, wirklich an, ihre Geschosse zu schleudern. Nicht ein einziger Stein flog vergebens gegen den Feind; das Gedränge war so groß, daß kein Hirsekorn zur Erde fallen konnte. »Die Schufte! die niederträchtigen Seelen! Ist das das Brot, welches ihr armen Leuten gebt? – Weh! Weh mir! – Ach! – Jetzt, jetzt! Jetzt geht's auf uns!« So schrie es von unten hinauf.- Mehr als einer ward übel zugerichtet; zwei Knaben blieben auf der Stelle tot liegen. Mit der aufflammenden Wut wuchs die Stärke der Menge; die Türflügel, die eisernen Gebälke wurden niedergeschmettert, und tobend stürzte der Strom zu allen Öffnungen hinein. Die Leute im Hause sahen ihr Unheil vor Augen und flüchteten sich eiligst nach dem Söller hinauf. Hier hielten sich der Hauptmann, die Hellebardiere und einige Mitglieder des Hauses unter den Ziegeln versteckt; andere krochen zu den Bodenfenstern heraus und schlichen wie Katzen auf dem Dache umher. Der Anblick der Beute unterdrückte bei den Siegern den Vorsatz, eine blutige Rache zu nehmen. Sie fallen über die Kasten her, das Brot geht reißend ab. Andere dagegen stürzen auf die Kasse zu, brechen das Schloß auf, packen die Geldschwingen, nehmen eine Hand voll nach der andern heraus, füllen sich die Taschen und kommen, mit kleiner Münze beladen, zurück, um nun gleichfalls Brot zu erraffen, wenn noch etwas vorhanden. Darauf ergießt sich der Strom in die inneren Vorratskammern. Säcke werden betastet und ergriffen; dieser schleppt einen aus seinem Winkel her, zerrt ihn rasch auf und schüttet, um die Last für seine Schultern tragbar zu machen, einen Teil des Mehles auf die Erde; jener schreit: »Warte! warte!« und bückt sich darunter, um mit Tüchern und Kleidern den niederstäubenden Segen aufzufangen; ein anderer macht sich an einen Backtrog und läuft mit einem Klumpen Teig davon, welcher sich in die Länge zieht und ihm nach allen Seiten hin entgleitet; ein vierter hat einen Mehlbeutel erwischt und trägt ihn hoch in die Luft emporgehoben; ein Teil kommt, ein Teil geht oder steht bei der Arbeit; Männer, Frauen und Kinder drängen und werden gedrängt; verworrenes Geschrei erfüllt das Haus, und eine weiße Staubwolke hüllt jeden Menschen und jeden Gegenstand wie ein weitverbreiteter Nebel ein. Während dieser Bäckerladen auf solche Weise geplündert wurde, war auch kein anderer in der Stadt ruhig und ohne Gefahr. Nirgends aber drängte sich das Volk in so vielköpfiger Zahl zusammen, um sich alles unterstehen zu können; in einigen hatten die Herren etwas Hilfsmannschaft zusammengebracht und standen schlagfertig da; anderwärts, wo sie an Armen sich weniger zahlreich fühlten oder von der Furcht mehr eingeschüchtert waren, kam man von beiden Seiten in Verträgen überein; unter der Bedingung, sich alsbald zu entfernen, erhielten die Empörer, die sich bereits vor dem Eingang des Ladens aufgestellt hatten, Brot. So vermehrte sich das Gewirre und das Zusammenlaufen beständig vor jener unseligen Bäckerei; denn wem die Hände juckten und das Herz nach einer schönen Heldentat verlangte, der nahm dort seinen Weg hin; die Freunde waren daselbst in stärkerer Zahl, und die Straflosigkeit gewiß. So standen die Dinge, als Renzo, der eben, wie wir erzählt, sein Brot verzehrt hatte, durch die Vorstadt des Tores gegen Morgen daherkam und, ohne es zu wissen, gerade nach dem Mittelpunkte des Aufruhrs seinen Weg nahm. Während er ging, ward er von dem Gewühl bald vorwärts geschoben, bald aufgehalten; zugleich merkte er im Gehen mit angestrengten Augen und Ohren auf, um aus dem verworrenen Gesumme der Gespräche vom Stande der Dinge eine deutlichere Kenntnis zu erhaschen. Die Reden, die er zur Rechten und Linken vernahm, mußten ihm bald den letzten Schleier lüften. »Jetzt ist doch endlich einmal,« schrie der eine, »die Gaunerlist der Hundsfötter entdeckt, die da immer sagten, es sei kein Brot, kein Mehl, kein Getreide vorhanden. Jetzt liegt die Sache klar vor aller Welt Augen da, und sie sollen sich nicht mehr unterstehen, uns die Lüge aufbinden zu wollen. Segne uns Gott den Überfluß!« »Platz, Platz, Leute! Seid gebeten! Laßt einen armen Hausvater durch, der seinen fünf Kindern zu essen heimträgt.« So sprach einer, der unter einem mächtig großen Mehlsack schwankend daherkeuchte, und jeder wich bereitwillig zurück, um ihm den Durchweg zu öffnen. »Ich?« gab ein anderer unter der Hand seinem Gefährten zu verstehen, »ich schlage mich nach Hause durch. Ich kenne die Welt und weiß aus Erfahrung, was dergleichen Geschichten für 'ne Wendung zu nehmen pflegen. Alle die Schlingel, die jetzt so einen wütenden Lärm machen, hocken morgen oder übermorgen in ihren Häusern versteckt und wissen sich vor Furcht nicht zu lassen. Ich habe schon so etliche Gesichter erkannt, etliche Edelleute, die herumziehen und aufpassen und sich merken, wer da ist oder nicht da ist; wenn hernach alles vorbei ist, so wird Musterung gehalten, und wen's dann trifft, der hat sein Schmerzenslied zu pfeifen.« »Derjenige, welcher die Bäcker unter seine Flügel nimmt,« schrie eine klanghelle Stimme, die Renzos Aufmerksamkeit besonders fesselte, »das ist der Amtsvogt bei den öffentlichen Speichern.« »Sie sind alle Schurken, alle,« sagte ein anderer neben ihm. »Freilich,« entgegnete jener, »der aber ist der Erzschuft, der Leithammel.« Der Amtsvogt, jährlich vom Statthalter aus sechs Edelleuten, welche einen Ausschuß der Dekurionen bildeten, erwählt, hatte im Gerichtshofe der öffentlichen Speicher den Vorsitz. Diesem Gerichtshof, welcher aus zwölf Edelleuten bestand, war der Ankauf und die Auflagerung des öffentlichen Getreides übertragen. Ein Mann in solchem Amte mußte in einer stürmischen Zeit, wo Hunger und Unwissenheit das Wort führten, notwendigerweise für den Urheber des Elends gelten. Überdies hatte er den Schritt, welchen Ferrer getan, nicht zu tun gewagt; denn wenn er selbst damit umgegangen wäre, so hätte es doch nimmermehr in seinen Kräften gestanden. »Brot?« sagte einer, der eilig vorwärts zu kommen suchte. »Brot? Ei freilich, pfundschwere Steine an den Kopf. Stücke von der Größe, wie Hagel kamen sie herunter gewettert. Und was für zerquetschte Rippen hat's da gegeben! Ich sehe die Stunde nicht, wo ich nach Hause komme.« Durch solche Gespräche umlärmt, die allerdings ihn weniger von den Ereignissen des Tages belehrten, als in sprachloses Staunen versetzten, langte Renzo endlich, von kräftigen Ellenbogen weidlich gestoßen, bei jenem Bäckerladen an. Das Volk hatte sich daselbst bereits ziemlich verlaufen, und so konnte er sich von der traurigen, frischen Verwüstung hinlänglich überzeugen. Von den Mauern hatten Steine und Ziegel die Bekleidung abgesprengt, und überall gab es Löcher und Risse; die Fenster standen aufgerissen, die Haustüre eingeschlagen. Das ist denn doch wahrhaftig nicht hübsch, dachte Renzo; wenn sie alle Öfen so zurichten, wo wollen sie denn Brot backen? In den Brunnen etwa? Von Zeit zu Zeit kam einer aus dem Hause hervor und hatte ein Stück von einer Kiste, einem Backtrog oder einem Mehlkasten in der Hand, die Stange einer Flachsbreche, eine Bank, einen Flechtkorb, auch wohl ein Kontobuch, eine Papierschachtel, kurz irgend etwas aus der unglücklichen Bäckerei; er rief: »Platz! Platz!« und schritt durch die Leute. Alle diese wandten sich sodann nach derselben Seite, nach einem verabredeten Orte, wie man bald begreifen mußte. Renzo wollte auch sehen, was es hier gäbe; er folgte einem Manne, welcher aus gespaltenen Brettern und Scheiten sich ein Bündel gemacht und es auf die Schultern genommen hatte, hielt sich hinter ihm und ging wie die andern die Gasse entlang, welche sich an der Nordseite des Domes hinzieht. Um die Ecke gekommen, warf er einen Blick auf die Vorderseite des Domes, damals großenteils noch roh und von der Vollendung weit entfernt; dabei aber folgte er seinem Manne immer auf den Fuß, und dieser nahm seine Richtung nach der Mitte des Platzes. Je weiter man vorwärts schritt, desto dichter standen hier die Leute nebeneinander; da der Mann aber zu tragen hatte, so machte man ihm Platz. So durchschnitt er die Welle des Volkes, und Renzo, gleich hinterher in die leere Stelle hineinschlüpfend, gelangte mit ihm zum Mittelpunkte des Haufens. Hier öffnete sich ein freier Raum, und mitten auf diesem sah er ein schnell aufloderndes Feuer, einen Haufen von glühenden Kohlen und die Bruchstücke der obengenannten Werkzeuge darauf. Ringsumher ein schallendes Händeklatschen, ein Stampfen mit den Füßen, ein gellendes Getöse von Freudengeschrei und Flüchen. Der Mann mit dem Bündel stürzt seine Last auf die Kohlen; ein anderer hat den halbverbrannten Stumpf einer Schaufel in der Hand, schürt die Glut und stört die Kohlen von unten und von den Seiten auf; der Rauch wächst und wird zur dichten Wolke, die Flamme lodert wieder empor, und mit ihr zugleich erhebt sich ein noch stärkeres Geschrei. – »Gott gesegne uns den Überfluß! Den Aushungerern den Tod! Den Tod der Teuerung! Verrecken sollen die Vorratsmänner, verrecken der Gerichtshof! Das Brot, das Brot soll leben!« Schon hatte sich die Flamme wiederum gesenkt; man sah niemanden weiter mit brennbaren Stoffen herbeikommen, und der Schwarm fing an sich zu langweilen. Da kam plötzlich das Gerücht auf, am Cordusio, einem kleinen Platze in der Nähe, wo mehrere Straßen sich kreuzen, habe man eben angefangen, eine Bäckerei zu stürmen. Bei solchen Gelegenheiten gibt das Verkünden eines Ereignisses ihm erst die Entstehung. Die Nachricht war kaum laut geworden, so verbreitete sich in der Menge die Lust, hinzulaufen. – »Ich gehe. Gehst du? Ich komme, laß uns gehen,« hörte man von allen Seiten; die Schar gerät in Bewegung, sie bricht wimmelnd auf und macht sich auf den Weg. Renzo blieb zurück und bewegte sich bloß, insofern er vom Strome mit fortgerissen ward; währenddessen überlegte er, ob er sich aus dem Gedränge hinauswinden und nach dem Kloster zurückkehren sollte, um den Pater Bonaventura aufzusuchen, oder ob er auch diese neue Geschichte mit ansähe. Auch hier siegte die Neugier. Indessen nahm er sich vor, in das Getümmel des Haufens selbst sich nicht hineinziehen zu lassen; er hatte nicht Lust, das Schauspiel mit zerstoßenen Gliedern zu bezahlen oder wohl noch etwas Schlimmeres zu wagen. Wo sich im Seitenwinkel des Platzes die Straße öffnet, war das lärmende Heer bereits in die kurze und enge alte Fischergasse eingedrungen und zog von dort aus, unter dem schrägen Schwibbogen weg, auf den Budenmarkt. Von hier drängte sich der ungestüme Schwarm in das Raschmachergäßchen und zerstreute sich sodann auf den Cordusio. Sobald er den Fuß auf den Platz gesetzt, wandte sich jeder nach dem Bäckerladen hin, welchen das Gerücht angegeben. Sie hatten einen Schwarm von Freunden erwartet, die sie bereits in voller Arbeit zu finden hofften; was sie aber antrafen, waren einige wenige, welche müßig dastanden und in ziemlicher Entfernung vom Laden unschlüssig hin und her gingen. Der Laden war geschlossen, und an den Fenstern standen bewaffnete Leute, welche es deutlich merken ließen, daß sie sich im Fall der Not verteidigen würden. Man blieb stehen oder wandte sich; man erkundigte sich bei den Hinzugekommenen, was für Schritte sie wohl zu wagen gedächten; verschiedene machten kehrt und hielten sich von fern. Man geht aufeinander zu und hält einander auf; der eine fragt, der andere gibt Aufklärung; ein allgemeines Stehenbleiben, ein schwankendes Zögern, ein verworrenes Gesumse rathaltender Freibeuter. Mit einem Male aber läßt sich mitten im Haufen eine unheilvolle Stimme hören: »Hier dicht an ist das Haus des Speichervogts; laßt uns gehen und uns Gerechtigkeit verschaffen, wir wollen es plündern.« – Es war, als erinnerte man sich plötzlich einer festgesetzten Verabredung, nicht als nähme man einen bloßen Vorsatz an. – »Zum Speichervogt! zum Speichervogt!« Das war der einzige Ruf, der sich unterscheiden ließ. Und so setzte sich der Haufen mit einstimmiger Wut gegen die Straße in Bewegung, wo das Haus stand, dessen in so unglücklichem Augenblicke Erwähnung geschehen war. Dreizehntes Kapitel. Der unglückliche Amtsvogt der öffentlichen Speicher hatte eben ein unerbauliches Mahl gehalten und verdaute das altbackene Brot, welches er unlustig zu sich genommen; er erwartete in reger Spannung, welch ein Ende dieser Wettersturm nehmen würde, war aber weit entfernt, sich den Argwohn ankommen zu lassen, daß er mit so entsetzlicher Wut ihm auf das eigene Haupt niederstürzen könne. Der eine oder andere Hausfreund lief dem Schwarm spornstreichs voraus und meldete die Gefahr, die sich nah und näher wälzte. Die Diener, von dem Lärmen vor die Türe gelockt, schauten verzagt die Straße entlang nach der Gegend, aus welcher das Getümmel näher rückte. Während sie Nachrichten anhören, sehen sie den Vortrab schon erscheinen; in ängstlichster Eile wird die Kunde dem Hausherrn überbracht, und während dieser auf die Flucht, auf die Art der Flucht denkt, überläuft ihn schon ein zweiter und meldet ihm, es sei zum Fliehen zu spät. Kaum haben die Diener noch Zeit, die Türe zu schließen. Sie schieben die Balken vor, senken die Stützeisen ein und stürzen fort, um auch die Fenster wohl zu verwahren, wie wenn man ein schwarzes Ungewitter herbeiziehen sieht und von einem Augenblick zum andern den herabstürmenden Hagel erwartet. Das steigende Geheul, wie ein Donner durch die Lüfte brausend, schallt im leeren Hofe erschütternd wieder, jeder Schlupfwinkel im Hause dröhnt davon, und mitten im weitverbreiteten, vielstimmigen Lärm hört man die Steinwürfe gegen die Türe immer heftiger krachen, immer dichter aufeinander folgen. »Der Speichervogt! Der Tyrann! Der Aushungerer! Den wollen wir, lebendig oder tot!« Dieser arme Unglückliche lief derweilen in atemloser Beängstigung halbtot von Zimmer zu Zimmer irrend umher, faltete ungestüm die Hände, empfahl dem Himmel sein Heil und bat seine Diener, sich wacker zu halten und ein Mittel, wie er entwischen könne, ausfindig zu machen. Aber wie und auf welchem Wege? Keiner sah einen Ausweg; und in kalter Todesangst zog er sich in einen entlegenen Schlupfwinkel seines Hauses zurück. Renzo befand sich diesmal in der eigentlichen Masse der Empörung; nicht von der wogenden Menge hineingetragen, mit gutem Vorbedacht hatte er sich zu der Meute gesellt. Bei der ersten Forderung des Blutdurstes fühlte er, wie sein eigenes Blut in den Adern erstarrte. Was die Plünderung betraf, war er allerdings nicht ganz mit sich einig, ob sie in diesem Falle erlaubt oder sündlich wäre; der Gedanke aber, daß von Abschlachtung eines Menschen die Rede war, erfüllte ihn unmittelbar mit dem eigentlichen Schauder des Abscheus. Leidenschaftliche Gemüter besitzen eine unheilbringende Gelehrigkeit; was die andern in Leidenschaftlichkeit ihnen vorreden, glauben sie augenblicklich, und so war auch Renzo vollkommen überzeugt, daß der Speichervogt die erste Ursache der Hungersnot, der große Schuldige sei. Die Ermordung des Schuldigen aber war ihm ein Greuel; da er nun beim ersten Aufbrechen des Schwarmes zufällig einige Worte gehört hatte, die einen Fingerzeig enthielten, es seien einige willens, um den Mann zu retten, sich keine Aufregung verdrießen zu lassen, so hatte er plötzlich den Entschluß gefaßt, zu einem so löblichen Werke das Seinige gleichfalls beizutragen; in dieser Absicht drängte er sich nah an die Türe mit vor, gegen welche auf hundertfache Weise gewaltsam verfahren ward. Der eine schlug mit Steinen gegen die Nägel des Schlosses, um es zu zertrümmern; der andere lief mit Brecheisen, mit Meißel und Hammer herbei und suchte das Werk kunstgerechter zu betreiben; andere schabten mit scharfen Kieseln, mit abgebrochenen Messern, mit alten Hufeisen, mit Nägeln und selbst mit ihren eigenen Fingern, wenn sonst nichts da war, die Mauer ab, fuhren die Ritzen zwischen den Steinen entlang und versuchten diese nach und nach herauszuheben, um eine Bresche zu machen. Die obrigkeitlichen Personen, die zuerst eine Nachricht vom Lärm erhielten, schickten sogleich zum Befehlshaber der Festung und forderten eine Unterstützung an Kriegsleuten. Der sandte ihnen eine Fahne zu. Während aber die Nachricht ankam, der Befehl erschien, die Schar sich versammelte, sich auf den Weg machte und das Haus erreichte, befand sich dieses von zahllosen Angreifern schon belagert; ziemlich weit davon, am äußersten Rande des Gedränges, machten die Kriegsleute halt. Der Offizier, der sie befehligte, wußte nicht, welchen Weg er einzuschlagen habe. Dort war im Grunde nichts weiter als ein zusammengelaufenes Volk, an Alter und Geschlecht verschieden, müßig und waffenlos. Sobald man ihnen andeutete, sie sollten auseinandergehen und Platz machen, antworteten sie mit einem dumpfen, weithin hallenden Gemurre; keiner bewegte sich von der Stelle. Auf die Masse Feuer zu geben, schien dem Offizier nicht nur eine grausame, sondern auch eine gefahrvolle Sache; es beleidigte die weniger Schrecklichen und würde die Gewalttätigen erst reizen; übrigens hatte er auch dazu durchaus keine Anweisung. Die Unentschlossenheit des Anführers und die Unbeweglichkeit der Kriegsmänner hatte, mit Recht oder Unrecht, das Ansehen von Furcht. Indessen begnügte sich das Gesindel, welches sich dicht neben ihnen befand, mit einer Miene, als wenn die Mailänder zu sagen pflegen: »Wo du bist, da lach' ich!« ihnen ins Gesicht zu sehen; die ein wenig weiter fort standen, konnten sich nicht enthalten, sie mit hämischen Grimassen und mit verspottendem Zuruf zu necken; noch weiter hin wußte man nicht oder kümmerte sich wenig darum, wer da wäre; die Zerstörer fuhren fort, auf die Mauer loszugehen, und hatten nichts anderes im Sinne, als so bald wie möglich mit ihrer Arbeit ins reine zu kommen; die Zuschauer ließen nicht ab, sie durch ihr Geschrei zu ermuntern. Unter diesen trat, selbst ein Schauspiel, ein Greis von widrigem Ansehen hervor, riß die beiden hohlen flammenden Augen weit auf, verzerrte seine Unholdszüge zum Schmunzeln einer teuflischen Freundlichkeit, hielt über sein spärlich behaartes graues Haupt die Hände empor, schwang in der Luft einen Hammer, einen Strang und vier große Nägel und sagte, er wolle damit den Speichervogt, sobald er seine Höllenseele ausgeächzt habe, an die Pfosten seiner eigenen Türe nageln. »Herr Gott, schämt Euch!« brach Renzo los, den bei diesen Worten ein Schauder durchrann. »Schämt Euch!« fuhr er fort. »Wollen wir vom Schinder das Handwerk borgen? Einen Christenmenschen ums Leben bringen! Wie wollt ihr, daß Gott uns Brot schenke, wenn wir derlei Missetaten begehen? So wird er uns seine Blitze herabschicken, nicht Brot.« »Du Hund! Du Verräter deines Vaterlandes!« schrie ihm mit gespensterartigem Wutgesicht, rasch sich nach ihm umdrehend, einer von denen zu, welche durch den Lärm hindurch die kindlich frommen Worte, die er gesprochen, hatten vernehmen können. – »Warte, warte! 's ist einer von des Speichervogts Leuten, als ein Ausländer verkappt, ein Spion! Los auf ihn! Gebt ihm sein Teil!« – Hundert Stimmen schallen ringsum empor: »Wer ist's? Wo steckt er? Was ist's für ein Halunke? – Ein Bedienter des Speichervogts. – Ein Spion. – Der Speichervogt, als Ausländer vermummt, er ist's selbst, sucht sich wegzuschleichen. – Wo ist er? Wo? Auf ihn los! Auf ihn los!« Renzo verstummt, kriecht kleinlaut zusammen und möchte gern sich davonmachen; einige von den nächsten um ihn leihen ihm ihren Beistand, sich zu verstecken; durch lautes und anderartiges Geschrei suchen sie jene feindseligen Mordstimmen zu verwirren. Was aber mehr als alles andere zu seinem Entkommen beitrug, war ein »Platz! Platz!«, welches ganz nahe sich hören ließ: »Platz! Die Hilfe ist da, Platz, he!« Was war es? Eine hölzerne Leiter, die einige herbeitrugen, um sie an das Haus anzulegen und so in ein Fenster zu steigen. Was aber die Sache leicht gemacht hätte, war glücklicherweise selbst nicht leicht auszuführen. Die Träger sowohl am einen und am andern Ende, als zu beiden Seiten die Leiter entlang wurden vom Gedränge gestoßen, in Unordnung gebracht und gerieten ins Schwanken; der eine, der mit dem Kopf zwischen zwei Stufen steckte und auf den Schultern die Seitenleisten liegen hatte, sah sich wie unter einem hin- und hergeschleuderten Joche erdrückt und brüllte vor Angst; der andere wurde durch einen Stoß von seiner Last weggetrieben; die verlassene Leiter fiel auf Köpfe, Schultern und Arme nieder, und nun denke man sich, was die Besitzer dieser getroffenen Teile sagten. Der Bedrohte machte sich die Verwirrung zunutze, duckte sich anfangs darunter fort, arbeitete dann mit den Ellenbogen, so rüstig er konnte, und entfernte sich von dem Punkte, wo die Luft für ihn so gefährlich war, mit der Absicht, sobald wie möglich sich überhaupt aus dem Getümmel fortzumachen und den Pater Bonaventura aufzusuchen oder zu erwarten. Da pflanzt sich unversehens eine neue Bewegung durch die Menge hindurch, ein neues Gerücht verbreitet sich, läuft zischelnd von Munde zu Munde, von Haufen zu Haufen. – » Ferrer! Ferrer! « heißt es. Wo immer der Name sich hören läßt, erstaunt dieser, freut sich jener, macht ein anderer eine verächtliche Miene, jubelt ein vierter, verrät ein fünfter seinen Unwillen. Der eine schreit die Kunde nach, der andere will sie unterdrücken; dieser behauptet es, jener will nichts davon wissen; hier wird dem Himmel gedankt, dort geflucht. »Ferrer ist hier! – Nicht wahr, 's ist 'ne Lüge! – Ja, ja. Ferrer lebe! Ferrer, der uns wohlfeiles Brot verschafft. – Nein, nein! – Da ist er, da ist er in der Kutsche! – Was will der? Was hat der hier zu schaffen? Wir brauchen keinen. – Ferrer! Ferrer lebe! Der armen Leute Freund! Er kommt, den Speichervogt gefangenzunehmen. – Weg damit, wollen uns selber Gerechtigkeit verschaffen; zurück mit ihm, zurück! – Ja, ja, Ferrer, Ferrer soll kommen; ins Gefängnis mit dem Speichervogt!« Alle zugleich stellen sich auf die Zehen und recken die Hälse in die Höhe, um dem unerwarteten Ankömmling entgegenzusehen. Während alle sich erhoben, bekam ein jeder nicht mehr und nicht weniger zu sehen, als wenn sie mit den Fersen ruhig an der Erde geblieben wären; nichtsdestoweniger aber fuhren alle mit den Köpfen empor. Wirklich kam am Ende des Haufens, der Seite gegenüber, wo sich die Soldaten aufgestellt hatten, Antonio Ferrer, der Großkanzler, in seiner Kutsche dahergefahren; es war ihm wahrscheinlich aufs Gewissen gefallen, daß er durch seine verkehrten Befehle und durch sein ratverachtendes Benehmen zu dieser Empörung die Ursache oder wenigstens die Gelegenheit gegeben hatte, und so erschien er in der Absicht, die Besänftigung derselben zu versuchen oder die schrecklichsten Wirkungen, welche sich nicht wieder gutmachen lassen, vorbeugend abzuleiten. Bei Volksaufständen findet sich immer eine gewisse Zahl von Menschen, welche aus erhitzter Leidenschaft oder wildverblendeter Überzeugung, aus frevelhaftem Vorsatze oder aus heillosem Wohlgefallen an der Verwüstung das Übel aus allen Kräften bis zum schrecklichsten Punkte zu treiben suchen; sooft die Flamme einen Augenblick matter zu lodern beginnt, fachen sie geschäftig sie wieder empor; die Welle des Verderbens steigt ihnen niemals hoch genug. Ihnen aber wirkt jederzeit auch eine gewisse Zahl von andern Menschen entgegen, denen es, vielleicht mit der nämlichen Hitze und der nämlichen Unbeständigkeit, um die entgegengesetzte Wirkung zu tun ist. Antonio Ferrer war der Menge genehm; seine Erfindung war der Brotpreis gewesen, dessen sich die Käufer freuten, und mit heldenmäßigem Starrsinn hatte er allen Vernunftgründen, welche zum Gegenteile rieten, das Gehör versagt. Waren ihm die Gemüter schon vorher zugetan, so bezauberte sie jetzt das mutige Vertrauen des alten Mannes, der ohne Leibwache, ohne alle Anstalt zur Verteidigung eine so grimmschnaubende, eine so stürmisch empörte Menge aufzusuchen kam. Überdies hieß es, er komme, den Speichervogt ins Gefängnis zu werfen, und dies Gerücht war von wunderbarer Wirkung. Daher atmeten die Freunde der Ruhe auf und suchten dem Kanzler auf jede Weise Beistand zu leisten; die Nächsten um ihn strengten sich an, durch ihren grüßenden Zuruf das Beifallsgeschrei der Menge zu wecken, und drängten, so gelinde es sich tun ließ, das Volk zurück, um einen Durchweg für die Kutsche zu öffnen; die übrigen brachten ihm ihr Lebehoch dar, wiederholten seine Worte und ließen sie umherwandern, oder riefen ihren Nachbarn zu, was er allenfalls gesagt haben könnte; sie suchten mit ihrer Stimme die wuterfüllten Starrköpfe zu übertönen und die neue Gemütsbewegung der schwankenden Versammlung gegen sie zu lenken. »Wo gibt's hier einen, der gegen den Ruf: ›Ferrer lebe hoch!‹ etwas einzuwenden hat? Was, du willst etwa nicht, daß wir das Brot um wohlfeilen Preis kaufen? Schurken sind sie, die von christlicher Gerechtigkeit nichts wissen mögen, und es stecken hier welche drunter, die lauter als die anderen kreischen, um den Speichervogt entwischen zu lassen. Ins Gefängnis mit dem Vogt! Ferrer lebe! Laßt Ferrer durch!« Je lauter sich diese Gesinnung durch wiederholtes Geschrei kundtat, desto kleinmütiger neigte sich die Kühnheit der entgegengesetzten Partei. So ließen es dann jene beim Verweise nicht bewenden; sie gingen auf die Eigensinnigen, die in der Zerstörung des Hauses noch immer fortfuhren, gebieterisch los, stießen sie zurück und rissen ihnen die Werkzeuge aus den Klauen. Nach kurzem Handgemenge waren die Stürmer zurückgetrieben; die andern bemächtigten sich der Türe, verteidigten sie gegen jeden neuen Angriff und suchten für den Kanzler den Eintritt möglich zu machen; einige derselben riefen durch die Öffnungen, an denen es schon nicht mehr fehlte, ins Haus hinein, gaben den Bewohnern von der angelangten Hilfe Nachricht und rieten, der Speichervogt möchte sich fertig halten, »auf der Stelle ins Gefängnis zu wandern.« »Ist denn das der Ferrer, der die Verordnungen ausfertigen hilft?« fragte unser Renzo einen Mann, welcher neben ihm stand; denn alsobald war ihm jenes vidit Ferrer eingefallen, welches ihm der Doktor Knotenhauer unter dem Regierungsbefehl gezeigt und ihm ins Ohr geschrien hatte. »Freilich, der Großkanzler,« ward ihm geantwortet. »'s ist ein wackerer Mann, nicht wahr?« »Ei, weit mehr noch als bloß ein wackerer Mann! Er eben hat uns das Brot zu wohlfeilem Preise verschafft; das stand ihnen aber nicht an, und nun kommt er her, um den Speichervogt ins rechte Loch zu schmeißen, weil er sich sündlich benommen hat.« Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß unser Fremdling augenblicklich für Ferrer eingenommen war. Er wollte sogleich ihm entgegengehen, aber das war nicht leicht; indem er es jedoch als ein rüstiger Bergbewohner an Stößen mit Schultern und Ellenbogen nicht fehlen ließ, machte er sich glücklich Platz und kam in die erste Reihe zu stehen, der Kutsche dicht zur Seite. Diese war bereits ein wenig ins Gedränge vorgerückt und stand eben still, durch ein Hindernis, wie es unter solchen Umständen unvermeidlich und gewöhnlich, aufgehalten. Der alte Ferrer ließ bald durch das eine, bald durch das andere Fenster des Kutschenschlages ein leutseliges Gesicht voller Liebe und herablassender Freundlichkeit blicken. Er sprach, aber das Geschrei und das Gesumse so vieler Stimmen, die Jubelgrüße selbst, die man ihm entgegengellte, ließen nur leise und wenigen nur seine Worte zu Ohren kommen. So half er sich denn durch Gebärden; bald legte er die Fingerspitzen an die Lippen und drückte ihnen einen Kuß auf, welchen die Hände, schnell sich lösend, nach allen Seiten hin als Beteuerung seines Dankes für das öffentliche Wohlwollen verteilten; bald streckte er die Arme durch die Fenster und machte eine leichte Bewegung damit, um sich Platz zu erbitten, bald senkte er sie höflich und drückte so sein Gesuch um Stillschweigen aus. Sobald sich das Getöse auf einen Augenblick gelegt hatte, vernahmen die Nächsten umher seine Worte und sprachen sie nach. – »Brot, Überfluß. Ich komme, um euch Gerechtigkeit zu verschaffen; nur ein wenig Platz, bitt' ich.« – Überschrien und durch das Getöne so zahlloser Stimmen wie erstickt, zog er sich beim Anblick so vieler gedrängter Gesichter, so vieler beobachtender Augen einige Minuten zurück, blies die Backen auf, ächzte, seine Beklemmung zu erleichtern, und sagte: » Por mi vida, qué de gente! « »Ferrer lebe! Keine Furcht, Herr Staatskanzler! Der Herr Staatskanzler sind ein wackerer Mann. Brot! Brot!« »Ja, Brot, Brot!« erwiderte Ferrer, »im Überfluß; ich verspreche es euch.« Dabei legte er die rechte Hand aufs Herz. »Ein wenig Platz,« rief er darauf mit der ganzen Gewalt der Stimme, deren er fähig war, »ich komme, ihn ins Gefängnis zu setzen, die verdiente Strafe über ihn zu verhängen ... si es culpable ,« fügte er leise hinzu. Darauf neigte er sich nach vorn zum Kutscher hin und rief ihm hastig zu: » Adelante, Pedro, si puedes .« Währenddessen bemühten sich die tätigeren Gönner, den Wunsch nach Platz, welcher so höflich geäußert worden, zu befriedigen; einige brachten durch gute Worte – »Zurück, zurück, ein bißchen Platz, ihr Herren!« – die Leute vor den Pferden zum Weichen, legten ihnen die flachen Hände auf die Brust und drückten sie sanft seitwärts; andere taten zu beiden Seiten der Kutsche dasselbe, damit sie weder mit den Rädern über Zehen hinrollte noch Schnauzbärte außer Fassung brachte; denn das hätte nicht bloß zu Klagen Anlaß gegeben, sondern auch den Lichtglanz, welcher den Kanzler umfloß, um viele Strahlen gebracht. So rollte die Kutsche vorwärts, bald rascher, bald langsamer, nicht ohne wiederholt aufgehalten zu werden. Endlich langte sie vor dem Hause des Speichervogtes an. Renzo, welcher bald vorn freien Durchweg machte, bald seitwärts als Begleitung ging, war mit der Kutsche zugleich vor der Türe angekommen; so konnte er in die Vorderreihe der gutmeinenden Freunde treten und, mit ihnen neben der Kutsche sich aufstellend, gegen die beiden andrängenden Wogen des Volkes ein Bollwerk machen helfen. Und während seine beiden taktfesten Schultern ihm treffliche Dienste dabei leisteten, stand er zugleich an bequemem Platze, um alles gehörig mit ansehen zu können. Indem Ferrer den Platz und die noch verschlossene Türe frei sah, atmete er tief auf. Eine verschlossene Türe heißt hier so viel wie eine noch nicht erbrochene; denn die eisernen Angelbänder waren so ziemlich aus den Seitenpfosten schon herausgebrochen; die übelbehandelten Türflügel ließen, zersplittert, abgerissen und voneinander gesprengt, durch eine weite Öffnung das Stück einer Kette sehen, welche, verdreht, gebogen und fast zerrissen, sie notdürftig noch zusammenhielt. An diese Öffnung trat einer der Gutgesinnten hin und rief hinein, man möchte aufmachen; ein anderer lief und riß den Kutschenschlag auf; der alte Herr steckte den Kopf hinaus, stand auf, faßte den Arm des hilfreichen Gönners, stieg hervor und setzte den Fuß auf den Tritt. Von beiden Seiten hielt das Gewimmel die Köpfe in die Höhe gereckt, um nichts vom Schauspiel zu verlieren; tausend Gesichter, tausend emporgehobene Bärte; allgemeine Neugier und Aufmerksamkeit erzeugten einen Augenblick allgemeinen Stillschweigens. Der Großkanzler blieb ein wenig auf dem Tritte stehen, lenkte den Blick umher und begrüßte die Menge, wie von einem Rednerstuhl herab, mit einer Verneigung; dann legte er die linke Hand auf die Brust und rief: »Brot und Gerechtigkeit!« – In aufrechter Haltung, unbefangen und mit der ganzen Würde seines Ranges stieg er alsdann unter dem Beifallrufen, das gellend zu den Wolken emporschmetterte, zur Erde. Die Leute im Hause hatten währenddessen die Türe geöffnet oder vielmehr die Kette mitsamt den locker wankenden Fugringen vollends losgerissen. Dem so sehnlich erwarteten Gaste tat das Haus sich auf; zugleich aber war man vorsichtig darauf bedacht, keine größere Öffnung entstehen zu lassen, als er allein, um hereinzutreten, bedurfte. Nachdem die Türflügel wieder angedrückt und, so gut es ging, zur Schließung benutzt worden, stützte man sie einstweilen von innen durch Stangen. Währenddessen arbeiteten draußen alle diejenigen, welche sich dem Kanzler zu seinem Schutze angeboten, mit Armen, Schultern und Kehle, um den Platz frei zu halten, beteten aber im Herzen zum lieben Herrgott, daß Ferrers Geschäft drinnen bald abgetan sein möchte. »Rasch, rasch,« sagte auch er unter der Halle drinnen zu den Dienern, welche sich keuchend um ihn gesammelt hatten und mit allen möglichen Titeln einer freudigen Ehrfurcht ihm zusetzten. »Rasch, rasch,« wiederholte Ferrer; »wo ist der gute Mann?« Der Vogt kam zur Treppe herab, weiß wie gebleichte Leinwand, halb von seinen Leuten geschleppt und getragen. Als er seine Hilfe erblickte, machte er sich in einem tiefen Seufzer Luft, der Puls kehrte in seine Adern zurück, das Gefühl des Lebens rann ihm in den Beinen, und die Wangen beseelten sich mit einem Anflug von Farbe wieder. Hastig schritt er auf den Großkanzler zu und sagte: »Ich bin in den Händen Gottes und Eurer Exzellenz. Aber wie hier hinauskommen? Von allen Seiten Volk, das mir ans Leben will!« » Venga usted conmigo ,« sprach der Kanzler, »und sein Sie guten Mutes; draußen steht mein Wagen, rasch, rasch!« – Dabei nahm er ihn an der Hand, führte ihn nach der Türe zu und suchte ihn immer noch zu ermutigen; im Herzen aber dachte er: » Aqui está el busilis, Dios nos valga! « Die Türe geht auf, zuerst tritt der Großkanzler hinaus, hinter ihm zusammengeduckt der andere, sich anhängend und den rettenden Mantel umklammernd, wie ein Kind das Kleid der Mutter. Die Geschäftigen, die währenddessen den Platz frei halten, strecken Hände und Hüte in die Höhe und bilden so gleichsam ein Netz, eine Wolke, um dem gefährlichen Blick der Menge den Speichervogt zu entziehen; dieser steigt eilig in die Kutsche voran und drückt sich in einem Winkel derselben fest zusammen. Ferrer folgt ihm, der Schlag fliegt zu. Die Menge blickt hin und wieder durch, sie erklärt sich's, errät, was geschehen, und läßt ein verworrenes Getöse von Beifall und Flüchen zum Himmel emporsteigen. Kaum saß Ferrer, so neigte er sich zum Vogt hin, ermahnte ihn, sich wohlbedächtig im Hintergrunde verborgen zu halten und um Himmels willen sich ja nicht sehen zu lassen; die Warnung war ziemlich überflüssig. Er hingegen mußte sich zeigen, mußte die sämtliche Aufmerksamkeit des Volkes beschäftigen und auf sich lenken. Und während der ganzen Fahrt hielt er, wie bei der ersten, an die wechselnde Versammlung von Zuhörern eine Rede, von so ununterbrochenem und zugleich so wenig zusammenhängendem Sinne, wie jemals auf Erden gehalten worden. Hin und wieder schob er jedoch ein spanisches Wörtchen mit hinein, welches er in aller Geschwindigkeit seinem zusammengekauerten Reisegefährten ins Ohr raunte. – »Ja, meine Herren; Brot und Gerechtigkeit! Ins Kastell, ins Gefängnis, ich will ihn bewachen. Dank, Dank, tausend Dank. Nein, nein, er entwischt nicht – por ablandarlos . 's ist nur allzu billig; wir werden's untersuchen, werden sehen. Auch ich will euch wohl, ihr Herren. Eine strenge Strafe – esto lo digo por su bien . Ein gerechter Brotpreis, ein anständiger Preis und Strafe für die Aushungerer. Zur Seite ein wenig, bitte! Ja, ja, ich bin ein Mann von Wort und ein Freund des Volkes. Soll bestraft werden; 's ist wahr, er ist ein Schurke, ein freventlicher Unhold – perdone usted . Es soll ihm übel bekommen, übel bekommen ... si es culpable Ja, ja, wir wollen die Bäcker ehrlich zu Werke gehen lehren. Es lebe der König und die guten Mailänder, seine allergetreuesten Untertanen! Es geht gut, geht gut. Animo, estamos ya quasi fuera .« Wirklich hatten sie das größte Gedränge schon durchmessen und waren im Begriff, gänzlich freies Feld zu betreten. Während der Kanzler hier seiner Lunge ein wenig Ruhe zu gestatten anfing, erblickte er die nachhinkende Hilfe, die spanischen Soldaten, die indessen zuletzt nicht ganz untätig gewesen; denn von verschiedenen Bürgern unterstützt und geleitet, hatten sie ihre Hilfe geleistet, einen ziemlichen Teil der Menge nach Hause zu schicken und den Durchweg zur letzten Seitenstraße hin frei zu halten. Da die Kutsche ankam, reihten sie sich seitwärts auf und erwiesen dem Großkanzler ihre Ehrenbezeugungen mit den Waffen. Dieser verneigte sich auch hier zur Rechten und Linken, und als der Offizier näher herantrat, um ihm seinen Gruß abzustatten, sagte er, die Worte mit einem Wink der rechten Hand begleitend: »Beso a usted las manos«; das hieß so viel als: Ihr habt mir da eine schöne Hilfe geleistet – und der Offizier nahm es auch sogleich in diesem Sinne. Zur Antwort stattete er einen zweiten Gruß ab und zuckte die Achseln. Während es durch die beiden Reihen von Söldnern, durch diese ehrfurchtsvoll erhobenen Flintenläufe ging, fühlte auch der Kutscher das alte Herz in der Brust wieder. Seine Verblüffung löste sich auf, er erinnerte sich, wer er war und wen er im Wagen hatte, er rief sein »Heda!«, ohne weitere Umstände zu machen, sah, daß der Schwarm schon dürftig genug war, um sich geduldig solch eine Behandlung gefallen zu lassen, gab seinen Pferden die Peitsche zu kosten und ließ sie trabend den Weg zum Kastell nehmen. » Levántese, levántese; estamos ya fuera ,« sagte Ferrer zum Speichervogte. Dieser, durch das Aufhören des Geschreies, durch das rasche Fortrollen des Wagens und seines Nachbars Worte von der Sicherheit überzeugt, blickte umher, wickelte sich aus seiner zusammengefalteten Lage empor und stand auf. Bald war er zu sich selbst gekommen und überschüttete sodann seinen Befreier mit einer ganzen Sammlung von Danksprüchen. Dieser gab ihm zu erkennen, wie ängstlich nahe ihm seine Gefahr gegangen und wie er sich nun seiner Rettung freue. – »Ach!« rief er, indem er die flache Hand über die nackte Glatze hingleiten ließ, » qué dirá de esto su excelencia? Hat über das verdammte Casale, das sich nicht ergeben will, ohnehin so viele schlimmgelaunte Stunden! Qué dirá el Conde Duque , der unwirsch die Stirn faltet, wenn ein Blatt stärker als gewöhnlich rauscht? Qué dirá el Rey, nuestro señor? denn etwas kriegt er auf jeden Fall von einem so ärgerlichen Lärm zu hören. Und wird es damit schon sein Ende haben? Dios lo sabe .« »Eh, was mich betrifft,« meinte der Vogt, »ich habe nicht Lust, mich weiter dreinzumengen; ich wasche mir die Hände, überlasse mein Amt der Weisheit Euer Gnaden und gehe, in irgendeiner Höhle zu leben, im Gebirge, will wie ein Einsiedler ruhig in Frieden wohnen, weit, weit weg von diesem mörderischen Menschengeschlechte.« »Usted werden tun, mein Herr, was sich geziemt por el servicio de su magestad ,« antwortete der Großkanzler mit vollständiger Amtswürde. »Seine Majestät werden nicht meinen Tod wollen,« erwiderte der Speichervogt, – »in einer Höhle, in einer Höhle, fern von denen hier!« Was aus seinem Vorsatz hernach geworden war, sagt unser Autor nicht; er begleitet den armen Mann bis zum Kastell und kümmert sich um sein ferneres Leben nicht weiter. Vierzehntes Kapitel. Die zurückgebliebene Menge fing an, sich zu zerstreuen, zur Rechten und Linken durch alle Straßen hin verlief sich die Flut. Dieser begab sich nach Hause, um auch endlich einmal nach seinen Geschäften zu sehen, jener machte sich davon, weil ihn danach verlangte, nach so vielen Stunden des Gepresses im Freien ein wenig zu verschnaufen; ein anderer suchte Bekannte auf, um über die großen Ereignisse des Tages sich gehörig auszuschwatzen. Unser Renzo hatte das Vorwärtskommen der Kutsche, solange Hilfe nötig gewesen, unterstützt; er war hinter ihr zwischen den Soldatenreihen, wie im Siegeszuge, mit durchgeschritten und freute sich, als er sie außer Gefahr ungehindert hinrollen sah; darauf wanderte er einige Schritte mit der Menge und trat zur ersten Seitengasse hinaus, um gleichfalls ein wenig freie Luft zu schöpfen. Mitten im Drange so vieler Erscheinungen, so vielfacher Gemütsbewegungen, so vieler frischer, verworrener Eindrücke empfand er nach wenigen Minuten schon das Bedürfnis, seinen Hunger zu stillen und dann zur Ruhe zu gehen; er sah also zu beiden Seiten überall an die Häuser hinauf, ob sich kein Schild eines Gasthofes blicken ließe; denn zum Kapuzinerkloster zu gehen, war's schon zu spät. Indem er so mit erhobenem Kopfe hinschritt, stieß er auf einen der Haufen, die noch hier und da versammelt standen, um über den heutigen Tag zu disputieren; er stand still und hörte, wie von Vermutungen, von Entwürfen und Vorsätzen für den folgenden Tag gesprochen ward. Nachdem er einen Augenblick gehorcht hatte, konnte er sich nicht enthalten, auch seine Meinung zu sagen; er hielt dafür, daß ein Mensch, welcher sich's so sauer hatte werden lassen, ohne Unbescheidenheit sein Wörtchen drein sprechen dürfe. Was er den Tag über gesehen, hatte ihn mit der Überzeugung erfüllt, man dürfe, um etwas zu bewirken, den ersten besten, die über die Straße liefen, die Sache nur richtig vortragen. – »Meine Herren,« rief er daher mit einem Tone, als wollte er eine Predigt beginnen, »darf ich auch wohl meine dürftige Meinung sagen? Meine dürftige Meinung ist aber diese, daß die Ungerechtigkeiten keineswegs bloß in Angelegenheit des Brotes geschehen; nun hat man heute gesehen, daß sich jedwedes erlangen läßt, was recht ist, sobald man sich nur hören läßt; man muß also geradeswegs in der Manier fortfahren, bis für alle die übrigen Schurkereien ein Gegenmittel gefunden ist und es in der Welt endlich einmal ein bißchen christenmäßiger zugeht. Ist's nicht wahr, meine Herren, daß eine Hand voll Tyrannen vorhanden ist, welche die zehn Gebote ganz und gar umkehren, welche hinter den ruhigen Leuten, die nicht an sie denken, übermütig her sind, um ihnen allerlei Leid anzutun, und nachher immer Recht haben? Ja, wenn sie einmal einen recht erzboshaften Streich ausgeführt haben, dann tragen sie erst den Kopf weit höher, als ihn der Himmel ihnen auf die Schultern gesetzt hat. Auch hier in Mailand brüten gewiß solche Vögel.« »Nur zu viele!« antwortete eine Stimme. »Das sag' ich,« fuhr Renzo fort; »es gibt bei uns Geschichten genug davon zu erzählen. Und dann spricht auch die Sache von selbst. Wir wollen einmal annehmen, so einer lebt ein paar Tage in Mailand, ein paar Tage draußen; wenn er dort den Teufel macht, wird er hier, mein' ich, schwerlich den Engel spielen. Jetzt aber sagen Sie mir einmal, meine Herren, ob Sie so einen schon einmal hinter Kerkergittern gesehen haben? Und was das Schlimmste ist – ich kann's mit Recht versichern –, es sind gedruckte Verordnungen vorhanden, um sie zur Strafe zu ziehen, und das vortrefflich gesetzte Verordnungen, recht vernünftig, daß wir selber nichts Besseres ersinnen könnten; die Schurkereien deutlich aufgezählt, gerade wie sie aufeinander folgen, und für jedwede eine tüchtige Strafe. Und, es sei wer's sei, heißt es darin, schlichte Leute oder Vornehme. Nun geh' einer aber einmal hin zu den Doktoren, zu den Schriftgelehrten und Pharisäern, und verlange, daß sie ihm zur Gerechtigkeit verhelfen, wie's in der Verordnung geschrieben steht; sie geben ihm Gehör, wie der heilige Vater in Rom den Spitzbuben, daß ein ordentlicher Mensch auf der Stelle die Türklinke in die Hand nimmt. Man sieht also ganz klar, der König und die Leute, die an der Regierung stehen, die wollen, daß die Schurken bestraft werden; 's geschieht aber nichts, dieweil sie unter einer Decke stecken. Man muß sie also auseinanderjagen; man muß morgen früh zu Ferrer gehen, das ist ein Ehrenmann, ein Herr mit hilfreicher Hand; 's war ja heute zu sehen, wie's ihm Freude machte, sich unter den armen Leuten zu befinden, wie er sich die Gründe, die ihm vorgehalten wurden, aufmerksam sagen ließ und mit mildherziger Herablassung seine Antwort darauf gab. Zu Ferrer also muß gegangen werden, man muß ihm sagen, wie die Sachen stehen; und ich meinesteils, ich kann ihm schöne Geschichten erzählen; mit meinen eigenen Augen hab' ich 'ne gar scharf gespickte Verordnung gesehen, war von ihrer dreien ausgestellt, die's Wort im Lande führen; hatte jedeiner seinen Namen groß und breit drunter gesetzt, und Ferrer war eben einer davon, hab's mit meinen eigenen Augen gelesen; die Verordnung aber sprach ausdrücklich für mich, wie ein Vormund, und so ein Doktor, den ich um Beistand zur Gerechtigkeit ansprach, wie's die Meinung der drei Herren war – und Ferrer stand drunter –, der saubere Herr Doktor hatte mir die Verordnung selber gezeigt, das war's Schönste, schnitt aber ein Gesicht, als wenn ich aus dem Tollhause hergelaufen wäre. Ich bin gewiß, wenn der liebe alte Herr diese hübschen Geschichten hört – denn er kann nicht alles wissen, zumal was draußen geschieht – mein Wort darauf, er wird nicht wollen, daß es in der Welt länger so zugehe, und wird uns ein tüchtiges Mittel an die Hand geben. Und wollen die Übermütigen nicht klein nachgeben und spielen den tauben Trotzkopf, eh, so sind wir hier, um ihm unsere Arme zu leihen, wie's heute geschehen ist. Ich sag' nicht, daß er in der Kutsche herumfahren soll, um alle die Schurken, alle die Übermütigen und Tyrannen beim Kragen zu fassen: ei, da wär' eine Arche Noah vonnöten; er soll nur den rechten Leuten seine Befehle geben, und das nicht bloß in Mailand, sondern allerorten; sie sollen rein nach den Worten der Verordnungen verfahren, sollen allen, die sich einer Ungerechtigkeit schuldig gemacht haben, mit den Waffen der Gerechtigkeit zu Leibe gehen, und wo's heißt: Gefängnis – gut, Gefängnis; wo's heißt: Galeere – gut, Galeere; die Stadtvögte sollen ihre Schuldigkeit tun; wo nicht, läßt man sie laufen und setzt bessere an ihre Stelle – und dann, wie ich sage, sind wir ja auch in der Welt, um mit Hand anzulegen; den Doktoren muß befohlen werden, sie sollen die armen Leute anhören und ihre Feder fürs Recht einsetzen. Hab' ich recht, ihr Herren?« Renzo hatte mit so vollem Herzen gesprochen, daß vom ersten Worte an ein großer Teil der Versammelten jedes andere Gespräch liegen ließ und sich hinwandte, um ihm zuzuhören; am Ende standen alle als seine Zuhörer da. Man rief ihm mit vielstimmigem Lärm Beifall zu und »Bravo; gewiß; er hat recht; 's ist nur allzu wahr« – scholl es beim Schluß seiner Rede. Indessen fehlte es auch an Tadlern nicht. »Ei ja,« sagte einer, »hört nur auf die Leutchen aus dem Gebirge; sind alle geborene Sachwalter.« Mit diesen Worten schlich er davon. – »Heutzutage,« brummte ein anderer, »will jeder Lumpenjunge seinen Senf dazugeben, und weil sie den Rinderbraten größer als den Ochsen haben wollen, bringen sie uns noch ums wohlfeile Brot; deswegen aber haben wir unsere Häuser nicht verlassen.« – Renzo vernahm nur die Artigkeiten; denn der eine faßte ihn bei dieser, der andere bei jener Hand: »Auf«Wiedersehen, morgen – Wo? – Auf dem Domplatz – Gut – Dabei bleibt's – Etwas wird geschehen – Etwas geschieht in jedem Fall.« »Wer von den lieben Herren zeigt mir denn wohl einen Gasthof,« fragte Renzo, »wo ich einen Bissen zu mir nehmen und als armer Bursche schlafen kann?« »Ich kann Euch damit aufwarten, braver junger Mann,« sagte einer, der aufmerksam die Predigt mit angehört und bisher nicht ein einziges Wort drein gesprochen hatte. »Ich kenne gerade einen Gasthof, wie Ihr ihn braucht; werd' Euch dem Wirt empfehlen, er ist mein Freund und ein Ehrenmann.« »Hier dicht bei?« erkundigte sich Renzo. »Nicht eben weit,« erwiderte jener. Die Versammlung ging auseinander, und unserem Jüngling drückten viele, die er nie gesehen, freundschaftlich die Hand. Er ging mit seinem Führer, indem er ihm für seine Gefälligkeit dankte. Während sie weiterschritten, tat jener gesprächsweise bald diese, bald jene Frage. »Nicht aus Neugier, um mich in Eure Angelegenheiten zu mischen; aber Ihr scheint mir müde. Woher kommt Ihr?« »Ich komme von Lecco her,« war Renzos Antwort. »Von Lecco? Aus Lecco seid Ihr?« »Aus Lecco, aus der Gegend da herum nämlich.« »Armer Junge! Soviel ich aus Euren Reden gemerkt habe, haben sie Euch arg mitgespielt.« »Ei, lieber Herr,« sagte Renzo, »ich hab' mit meinen Worten ein bißchen schlau haushalten müssen, um meine Angelegenheiten nicht vor aller Welt Augen bloßzustellen; aber ... genug, einmal soll alles ans Tageslicht kommen, und dann ... Aber da ist ja der Gasthof, und, meiner Treu, ich hab' nicht Lust, die Füße viel weiter noch aufzuheben.« So trat er in eine Türe, über welcher der volle Mond als Gastzeichen hing. »Gut,« sagte der Unbekannte, »ich will Euch hineinbringen.« Und so folgte er ihm. »Nein, bemüht Euch nicht weiter,« bat Renzo. »Wollt Ihr aber,« setzte er hinzu, »so tut mir die Ehre, einen Becher mit mir zu leeren.« »Ich nehm' die Gefälligkeit an,« erwiderte jener. Mit dem Hause bekannter, schritt er über einen kleinen Hof voran, ging an eine Türe mit Glasscheiben, drückte auf die Klinke, öffnete und trat mit seinem Gefährten in die Küche. Dort brannten zwei Laternen, an zwei Stangen befestigt, die vom Querbalken der Decke herabhingen. Diesseits und jenseits eines schmalen Tisches, welcher die eine Seite des Zimmers fast gänzlich einnahm, saßen viele Leute in emsiger Geschäftigkeit auf Bänken; hier stand ein Gedeck und ein aufgetragenes Gericht; dort wurden Karten ausgespielt und eingezogen, weiterhin Würfel ergriffen und geworfen; Flaschen und Becher überall. Auch rollten Silberstücke, spanische Realen und Dreier über den Tisch hin; hätten sie sprechen können, würden sie vermutlich gesagt haben: Wir steckten heut morgen in der Schublade eines Bäckers oder in der Tasche eines Zuschauers beim Tumult. Ein junger Bursche lief in hastiger Eilfertigkeit hin und her, er hatte Esser und Spieler zu bedienen; unter dem Vordach des Kamins saß auf einer niedrigen Bank der Wirt und schien gedankenlos in der weichen Asche Linien zu zeichnen und wieder zu verschütten; indessen die Wahrheit zu sagen, war er auf alles, was um ihn her vorging, mit gespitzten Ohren aufmerksam. Beim Schall der Türklinke stand er auf und trat den Hereinkommenden entgegen. Nachdem er den Führer ins Auge gefaßt hatte, dachte er: Hol' dich der Geier, mußt du mir denn immer in den Wurf kommen, wo mich's am wenigsten nach dir gelüstet! – Darauf warf er einen flüchtigen Blick auf Renzo. Dich kenne ich nicht, sprach er zu sich selbst, da du aber mit so einem Jäger kommst, so wirst du wohl entweder ein Hund oder ein Hase sein. – Von diesem Selbstgespräche blitzte jedoch nicht der leiseste Schimmer auf dem Gesichte des Wirtes durch; es blieb unbeweglich wie ein gemaltes Bildnis; ein etwas feistes, glänzendes Gesicht, mit einem dichten rötlichen Bärtchen und zwei kleinen, aber hellen und starren Augen. »Was ist den Herren gefällig?« fragte er. »Vor allem eine gute Flasche Wein,« sagte Renzo, »und dann einen Bissen zur Abendmahlzeit.« Bei diesen Worten setzte er sich am Ende des Tisches auf eine Bank nieder und ließ ein lauttönendes »Ah!« hören; in dieser Silbe sprach sich die erquickende Empfindung aus, wenn man nach vielstündigem Umherlaufen endlich zum Sitzen kommt. Und doch fiel ihm zu gleicher Zeit der Tisch und die Bank ein, wo er zum letztenmale neben Lucien und Agnesen gesessen, und das plötzliche Herzweh lüftete sich in einem Seufzer. Er schüttelte jedoch bald den Kopf und suchte sich den Gedanken aus dem Sinne zu schlagen; währenddessen sah er den Wirt mit dem Wein kommen. Sein Begleiter hatte sich ihm gegenübergesetzt. Renzo schenkte ihm sogleich zu trinken ein und sagte: »Um die Lippen ein bißchen anzufeuchten.« – Darauf füllte er einen zweiten Becher und stürzte ihn in einem Zuge hinunter. »Was gedenkt Ihr mir zum Essen vorzusetzen?« fragte er den Wirt. »Wie wär's mit einem guten Stückchen Schmorfleisch?« sagte dieser. »Gut, Herr, ein Stück Schmorfleisch.« »Soll den Augenblick auf dem Tische stehen,« versicherte der Hausherr. »Aber Brot, Brot hab' ich heut nicht.« »Für Brot hat der Himmel gesorgt,« sagte Renzo laut und lachte dazu. Dabei nahm er das dritte und letzte von den Broten heraus, die er unter der Kreuzsäule des heiligen Dionysius aufgelesen, hielt es in die Höhe und rief: »Hier ist das Brot vom Himmel!« Bei diesem Ruf wandten sich viele nach ihm hin. Sie sahen die Siegesbeute in der Luft, und einer schrie: »Das wohlfeile Brot soll leben!« »Wohlfeiles Brot?« fragte Renzo. »Nicht einen Heller kostet's, die reine Menschenliebe hat's an den Weg gelegt.« »Desto besser, desto besser!« Darauf brach Renzo zwei oder drei Bissen vom Brote ab, verzehrte sie, schickte einen zweiten Becher Wein nach und meinte: »Für sich allein will das Brot hier nicht recht rutschen. In meinem Leben hab' ich keinen so trockenen Gaumen gehabt. Daran ist das verdammte Schreien schuld!« »Macht ein gutes Bett für den wackeren jungen Mann hier zurecht,« sagte der Begleiter; »er will hier schlafen.« »Hier schlafen?« fragte der Wirt und trat zum Tisch hin. »Versteht sich,« war Renzos Antwort. »Ein ordentliches Bett. Wenn's nur mit frischgewaschenem Linnen überzogen ist, so hat's weiter keine Not. Bin armer Leute Kind; Reinlichkeit aber bin ich gewöhnt.« »O, was das betrifft,« sagte der Wirt; zugleich ging er nach einer Bank, die im Winkel der Küche stand, und kam zurück, in der einen Hand ein Tintenfaß und ein Stückchen unbeschriebenes Papier, in der andern eine Feder haltend. »Was soll das heißen?« fragte Renzo, der eben ein Stück vom aufgetischten Schmorfleisch seinen Zähnen übergab, und lächelte dabei verwundert. »Ist das etwa eins von den frischgewaschenen Bettüchern?« Der Wirt antwortete nicht, legte das Blatt auf den Tisch und setzte das Tintenfaß daneben. Dann bückte er sich, stützte auf denselben Tisch den linken Arm und die Spitze des rechten Ellenbogens, ließ die Feder in der Luft schweben, erhob das Gesicht gegen Renzo und sagte: »Seid so gut, mir Euren Namen, Zunamen und Geburtsort anzugeben.« »Wie ist das gemeint?« fragte Renzo. »Was haben die Geschichten mit dem Bett zu schaffen?« »Ich tue meine Schuldigkeit,« sagte der Gastwirt und sah dem Begleiter des Jünglings ins Gesicht; »wir Wirte sind verpflichtet, von jedem Gast, der eine Nacht unter unserm Dache zubringt, genauen Bericht zu erstatten; ›Name und Zuname, von welcher Nation, was für ein Geschäft ihn herführt, ob er Waffen bei sich trägt, wie lange er sich hier in Mailand aufzuhalten hat ...‹ So lautet die Verordnung.« Ehe er antwortete, leerte Renzo einen andern Becher; das war der dritte, und nun haben wir Furcht, sie weiter nicht mehr zählen zu können. – »Ah, Ihr habt eine Verordnung,« sagte er dann. »Nun will ich einmal annehmen, ich bin ein Doktor der Rechte, so weiß ich den Augenblick, wie man mit den Verordnungen umzuspringen hat.« »Ich red' im Ernste,« sagte der Wirt und blickte noch immer auf Renzos schweigenden Führer hin. Darauf ging er wiederum nach der Bank im Winkel, zog einen großen Bogen, ein vollständiges Exemplar der Verordnung, hervor und wickelte es vor Renzos Augen auseinander. »Ah, da sieh!« schrie dieser, hob mit der einen Hand den neuerdings gefüllten Becher und streckte, sobald er ihn geleert hatte, die andere Hand nach der entfalteten Verordnung aus; »da ist das allerliebste Blatt aus dem Meßbuch! Hab' gar große Freude daran. Ich kenn' das Wappen, ich weiß, was das Gottesleugnergesicht, mit der Schlinge um den Hals, zu sagen hat. Über den öffentlichen Verordnungen pflegte damals das Wappen des jedesmaligen Statthalters zu prangen; im Wappen des Don Gonzalo Fernandez de Cordova war vorzüglich ein Mohrenkönig, mit einer Sklavenkette um den Hals, bemerkbar. Es gibt zu verstehen: wer kann, befiehlt, und wer da will, gehorcht. Wenn das Gesicht einmal einen gewissen Herrn Don ... auf die Galeere geschickt haben wird, wie's auf einem andern Meßblatt, dem hier ganz ähnlich, lautet; wenn das Gesicht einmal dafür gesorgt haben wird, daß ein junger ehrlicher Bursche ein junges ehrliches Mädchen, das seine Frau werden will, heiraten kann: dann werd' ich dem Gesicht meinen Namen sagen und will ihm noch obendrein einen Kuß auf die aufgeworfenen Lippen geben. Ich kann sehr gute Gründe haben, ihn nicht zu sagen, meinen Namen. – O vortrefflich! Wenn nun so ein vornehmer Spitzbube, der 'ne Schar von andern Spitzbuben zu seinem Befehl hat – denn wenn er allein wäre« – der Satz ward mit einer Gebärde vollendet – »wenn so ein garstiger Spitzbube wissen wollte, woher ich bin, um mir 'nen garstigen Streich zu spielen, wird sich das Gesicht hier, frag' ich, von der Stelle rücken, um mir Beistand zu leisten?« Der Hausherr schwieg und sah wiederum auf den Führer, welcher noch immer nicht Miene zum Weggehen machte. Renzo – es tut uns weh, es sagen zu müssen – schlürfte einen andern Becher und fuhr fort: »Ich will dir 'ne Ursache angeben, mein lieber Schenkwirt, die dir den Kopf zurechtsetzen soll. Wenn die Verordnungen, die so vernünftig sprechen zugunsten guter Christen, nichts fruchten, so läßt sich mit solchen, die einfältig abgefaßt sind, noch weniger ausrichten. Nimm also den ganzen Bänkelkram da weg und reich' dafür 'ne andere Flasche her; denn die hier ist zerbrochen.« –- Er schlug, indem er so sprach, mit den Knöcheln der Hand leicht dagegen und fragte: »Hörst du, wie sie nach Spalten klingt?« Renzos Reden hatten auch diesmal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft gefesselt; als er geendet, ließ sich das Murmeln eines allgemeinen Beifalls vernehmen. »Was hab' ich da zu tun?« sagte der Wirt und blickte dabei auf den Unbekannten, welcher für ihn indessen kein Unbekannter schien. Dieser warf dem Gastwirt einen Blick zu und sagte: »Laßt ihn einmal nach seiner Weise gehen, stellt kein Ärgernis an und gebt Euch zufrieden.« »Ich hab' meine Schuldigkeit getan,« sagte der Gastwirt mit lauter Stimme; im stillen dacht' er: nun bin ich gesichert und hab' 'ne Wand hinterm Rücken. – Er trug Schreibzeug und Verordnung wieder zurück und nahm die leere Flasche, um sie dem Burschen hinzugeben. »Die nämliche Sorte,« sagte Renzo, »'s ist ein vortrefflicher Gesell, Euer Wein, und wir wollen ihn, wie den andern, zur Ruhe bringen, ohne ihn weiter um Namen und Zunamen zu fragen, oder was er hier zu schaffen hat, und wie lange er sich in der Stadt aufzuhalten gedenkt.« »Von demselben!« befahl der Wirt dem Burschen, reichte ihm die Flasche hin und setzte sich wieder unter das Vordach des Kamins. – Freilich ein Hase! dachte er hier, während er wiederum die Asche mit seinen Zeichnungen schmückte – und in was für Hände bist du gefallen! Der einfältige Esel! Wenn du ersticken willst, so ersticke; der Wirt zum vollen Mond aber wird sich hüten, um deiner Narrheit wegen seine Haut dabei zu wagen. Renzo dankte seinem Führer sowie allen übrigen, welche ihm recht gegeben hatten. – »Wackere Freunde!« sagte er, »jetzt seh' ich recht eigentlich, daß rechtschaffene Leute einander die Hände reichen und sich unterstützen.« – Darauf streckte er die Rechte hoch über den Tisch aus, nahm von neuem eine Rednerstellung an und rief: »Daß die Leute, die am Ruder sitzen, doch bei allen Gelegenheiten mit Papier, Tinte und Feder angestiegen kommen! Immer den Gänsekiel strichfertig! Haben ein großes Gelüst, mit der Feder auf dem Papier herumzufahren!« »Ei, mein fremder junger Herr,« sagte lachend einer von den Spielern, welcher soeben im Gewinnen war, »wollt Ihr die Ursache wissen?« »Laßt hören!« antwortete Renzo. »Die Ursache ist,« erklärte jener, »die hohen Herrschaften essen alle Gänse weg, und da haben sie denn so viele Federn, so viele Federn liegen, daß sie doch etwas damit anfangen müssen.« Alle, bis auf den verlierenden Nachbar gegenüber, lachten. »Aber die wahre Ursache will ich Euch sagen,« fuhr Renzo fort. »Sie sind's, welche die Feder in der Hand führen; was sie also selbst reden, das verfliegt und ist bald verdunstet; die Worte dagegen, die ein armer Mensch in den Mund nimmt, aufmerksam stehen sie dabei, spießen sie mit solcher Feder den Augenblick auf und nageln sie aufs Papier fest, um zur gehörigen Zeit Gebrauch davon zu machen. Und dann haben sie noch eine Bosheit an sich: wenn sie gern in schlimme Händel einen armen Burschen verwickeln möchten, der keinen Buchstaben kennt, aber sein bißchen Verstand hat – und wenn sie merken, daß er von dem Schurkengespinst Wind hat, paff, schmeißen sie sogleich ein paar lateinische Brocken ins Gespräch, dadurch soll er den Faden verlieren und den Degen aus der Hand fallen lassen, soll den Kopf vor Wirrwarr nicht mehr zu tragen wissen. Genug, derlei Mißbräuche verdienen abgeschafft zu werden. Heut ist alles recht glücklich abgemacht worden, und der Gemeinste hat's begreifen können, wie's zugegangen, ohne Papier, ohne Feder und Tintenfaß; und morgen, wofern die Leute wissen, wie sie sich zu benehmen haben, wird's noch besser hergehen, ohne aber einem auch nur ein Haar zu krümmen, alles auf dem Wege der Gerechtigkeit.« Währenddessen hatten einige der Gäste ihr Spiel wieder fortzusetzen begonnen, andere ließen sich's schmecken, viele schrien durcheinander; verschiedene gingen weg, manche kamen dazu; der Wirt hörte bald nach diesem, bald nach jenem hin; lauter Dinge, die mit unserer Geschichte nichts weiter zu schaffen haben. Wann Renzos unbekannter Begleiter weggehen würde, ließ sich nicht absehen; er hatte, wie es wenigstens schien, in dem Hause nichts zu tun, und dennoch mochte er sich nicht empfehlen, ohne mit seinem Gefährten noch einmal unter vier Augen ein wenig geplaudert zu haben. Er wandte sich zu ihm, knüpfte das Gespräch vom Brot wieder an, und nach verschiedenen Redensarten, welche seit einiger Zeit gang und gäbe geworden, rückte er mit seiner eigenen Meinung heraus. »Wenn ich zu befehlen hätte,« sagte er, »so würde ich das Mittel schon finden, um alles wieder in der gehörigen Ordnung gehen zu lassen.« »Was wolltet Ihr vornehmen?« fragte Renzo, sah ihm dabei mit einem etwas allzu glänzenden Augenpaar ins Gesicht und zog den Mund ein wenig seitwärts, gleichsam um sich so aufmerksam wie möglich darzustellen. »Was ich vornehmen wollte?« entgegnete der andere. »Es müßte Brot für alle vorhanden sein, fürs arme Volk so gut wie für die Reichen.« »Ah, so läßt sich's hören,« meinte Renzo. »Hört an, wie ich's machen würde. Ein rechtschaffener Preis, wobei jedweder bestehen kann. Und dann das Brot nach Verhältnis der Esser verteilt. Wie das anstellen? Ich denke so: Jede Familie kriegt, nach Verhältnis der Köpfe, einen Zettel und kann damit hingehen, sich vom Bäcker Brot zu holen. Mir zum Beispiel müßten sie einen Zettel ausfertigen, der etwa so lautete: Ambrogio Fusella, Schwertfeger von Handwerk, mit seinem Weib und vier Kindern, sämtlich schon herangewachsen, um Brot essen zu können – paßt wohl auf – erhält soundsoviele Brote, wofür er soundsoviele Groschen zu zahlen hat, 's muß aber allezeit gerecht dabei zugehen, immer nach Anzahl der Köpfe. Bei Euch, wollen wir einmal annehmen, müßten sie einen Zettel ausstellen für ... wie ist doch Euer Name?« »Lorenzo Tramaglino,« sagte der Jüngling. Denn ganz und gar von dem neuen Plane bezaubert, bemerkte er nicht, daß er gleichfalls auf Papier, Feder und Tintenfaß gegründet war, daß, um ihn ins Werk zu setzen, vor allen Dingen die Namen der Personen aufgenommen werden mußten. »Ganz gut,« sagte der Unbekannte; »aber habt Ihr Frau und Kinder?« »Ich sollte eigentlich ... Kinder, nein – 's wär' zu zeitig; aber 'ne Frau – wenn's in der Welt zuginge, wie's sollte ...« »Ah, Ihr seid unverheiratet! Also Geduld; kriegt demnach eine kleinere Portion.« 's ist billig,« sagte Renzo. »Aber wenn nun bald, wie ich hoffe, und mit göttlicher Hilfe ... Genug, wenn ich nun mich verheiraten täte?« »Wird der Zettel gewechselt und die Portion steigt,« antwortete der Unbekannte und erhob sich von der Bank. »Wie ich gesagt habe: immer nach Verhältnis der Köpfe.« »So laß ich's gelten,« rief Renzo, indem er wiederholt mit der Faust auf den Tisch schlug. »Und warum machen sie nicht ein Gesetz nach dieser Manier?« »Was soll ich Euch für 'nen Bescheid darauf geben?« fragte jener. »Indessen sag' ich Euch gute Nacht und mache mich auf; ich denk' mir, mein Weib und meine Kinder lauern schon eine ganze Zeit auf mich.« »Noch 'nen kleinen Schluck, 'nen kleinen Schluck noch!« schrie Renzo und füllte ihm geschwind den Becher. Dabei sprang er auf, faßte ihn bei einer Bauchfalte des Wamses und zog ihn mit Gewalt zum Sitzen zurück. – »Noch einen kleinen Schluck, tut mir das nicht zuleide!« Der Freund aber machte eine rasche Wendung und entschlüpfte. Auf alle Bitten und Vorwürfe, in welche Renzo sich ergoß, antwortete er bloß noch einmal gute Nacht und ging. Als er schon auf dem Wege war, hielt ihm Renzo sein Unrecht noch vor und warf sich sodann auf die Bank. Er sah mit starren Blicken den Becher an, der voll vor ihm stand, und sagte mit langsamer, feierlicher Stimme, daß sich die Worte ganz eigen anhören ließen: »Hier, 's war für den braven Mann eingeschenkt, voll, von einem Rand zum andern, wie man's einem Freund anbietet; er hat's aber nicht gewollt. Die Leute haben manchmal wunderliche Grillen unterm Schädel sitzen. Ich hab' getan, was ich konnte; meinen guten Herzenswillen hat er sehen können. Jetzt also, da die Sache einmal geschehen ist, muß einer Gottes Gabe nicht zugrunde gehen lassen.« – Nachdem er so gesprochen, nahm er den Becher und trank ihn auf einen Zug aus. Hier will's die ganze Liebe, welche wir zur Wahrheit hegen, um mit umständlicher Treue fortzufahren, wo die Erzählung für eine so wichtige Person wie Renzo, für das wichtigste Glied unserer Geschichte, ließ sich beinahe sagen, so wenig ehrenvoll zu werden anfängt. Eine unwiderstehliche Lust zum Sprechen wandelte plötzlich unsern Helden an; an Zuhörern oder an umhersitzenden Menschen wenigstens, die er dafür nehmen konnte, fehlte es nicht; hin und wieder waren ihm auch recht passende Worte in den Mund gekommen und hatten sich in ziemlicher Ordnung aneinanderreihen lassen. Allmählich aber zeigten sich bei dem Geschäfte, die angefangenen Sätze faßlich durchzuführen, mächtige Schwierigkeiten. Und in solcher Verlegenheit verführte ihn ein falscher Trieb, wie er gar oft die Menschen dem Verderben zuleitet, seine Zuflucht gerade zu der unglücklichen Flasche zu nehmen. Was für Hilfe ihm aber unter solchen Umständen die Flasche gewähren konnte, sagt sich jeder, der seinen gesunden Verstand hat, selbst. »He, Wirt, Wirt!« fing Renzo wieder an, indem er mit den Augen um den Tisch umherwanderte und dann unter das Vordach des Kamins hinblickte; bisweilen richtete er auch den Blick starr dahin, wo gerade der Kamin nicht war, und sprach in einem fort mitten im Lärmen der Gesellschaft: »Du bist ein schöner Wirt! Ich krieg ihn nicht klein, deinen Streich da mit Namen, Zunamen und Geschäft. Einem Menschen wie mir! Hast dich nicht gut aufgeführt. Was find'st du denn für 'ne Freude, was für 'nen Vorteil, für 'nen Geschmack dran, einen armen jungen Kerl zu Papier zu bringen? Hab' ich recht, Ihr Herren? Gerade an die braven jungen Kerle sollten sich die Schenkwirte halten. – Ferrer und der Pater Crrr ... das sind ein Paar Ehrenmänner, ich weiß es. Die Alten taugen weit weniger als die Jungen, und die Jungen ... die sind noch schlimmer als die Alten. Ich bin aber doch zufrieden, daß es kein Menschenleben gekostet hat; eh, das sind Unmenschlichkeiten, die für den Schinder gehören. Brot, das ja. Ich hab' tüchtige Stöße bekommen; aber – ich hab' auch welche ausgeteilt. Frisch auf! Überfluß! Vivat! Aber auch der Ferrer – alle Augenblick ein lateinisches Mummelwort ... Sies baraos trapolorum . Verdammt sei die Bosheit! Die Gerechtigkeit soll hochleben! Und das Brot! Ha, das sind die rechten Worte! Das wollen die Herren hier auch ... Wie das verdammte ton ton ton mit einemmal losbrach, und dann wieder ton ton ton ... 's macht sich einer nicht umsonst auf die Beine. Ich sollt' ihn nur hier haben, den Herrn Pfarrer ... eh, ich weiß recht gut, was ich im Sinne habe.« Bei diesen Worten senkte er den Kopf und stand einige Zeit wie im Anschauen eines plötzlich aufgestiegenen Bildes verloren; dann seufzte er tief auf, im emporgehobenen Gesicht waren zwei tränende Kinderaugen zu sehen, eine seltsame, fremdartige Bekümmernis sprach sich in seinen Zügen aus, und gut war's, daß diejenige, welche der Gegenstand derselben war, sie nicht zu sehen bekam. Die nichtswürdigen Kerle aber, welche schon angefangen hatten, mit Renzos leidenschaftlicher, verworrener Beredsamkeit ihren Spaß zu treiben, machten sich nun über sein kummervolles Aussehen noch lustiger. Bald war er das Spottziel der liederlichen Gesellschaft. Freilich waren auch sie nicht alle bei ganz nüchternem Verstande; indessen hatte keiner so arg wie unser armer Renzo über die Schnur gehauen, und überdies war er ein Fremdling. So machten sie sich daran, ihn der Reihe nach mit einfältigen, plumpen Fragen, mit spottlustigen Gebärden aufzuziehen. Renzo verriet bald seinen Unwillen darüber, bald nahm er den Spaß auf die lustige Seite, bald ließ er sich das ganze Gerede nichts anfechten und sprach von ganz andern Dingen; manchmal antwortete er, manchmal fragte er, immer aber sprungweise, ohne Zusammenhang. Fünfzehntes Kapitel. Indessen sah der Wirt, daß der Spaß am Ende zu weit ging und sich allzu sehr in die Länge zog. Er trat zu Renzo hin, bat die andern höflich, ihn in Frieden zu lassen, schüttelte ihn beim Arm und wollte ihm zu verstehen geben, es sei Zeit, schlafen zu gehen. Es gelang aber erst nach längerem Zureden, Renzo zum Aufstehen zu bewegen. Er brachte ihn mit vieler Mühe zur Türe hinaus, zog ihn mit noch größerer Mühe die schmale hölzerne Treppe empor und brachte ihn in das Zimmer, das er ihm bestimmt hatte. Beim Anblick des Bettes, das ihn erwartete, freute sich Renzo und sah liebevoll den Wirt mit einem Augenpaar an, welches bald ungewöhnlich blitzte, bald, wie ein Paar Johanniswürmchen, sich verdunkelte; dabei suchte er sich im Gleichgewichte zu erhalten und streckte die Hand nach der Wange des Gastwirtes aus, um sie, zum Zeichen der Freundschaft und der Erkenntlichkeit, zwischen Zeige- und Mittelfinger zu fassen; es ging aber nicht. – »Wackerer Schenkwirt,« brachte er endlich denn doch hervor; »ich sehe, daß du ein rechtschaffener Mann bist; 's ist christlich gehandelt, einem guten Jungen ein Bett zu verschaffen; aber die Fuchsfalle da von Namen und Zunamen, die war nicht nach rechtschaffener Leute Art. Zum Glück versteh ich meinerseits mich auch auf 'nen Pfiff ...« »Jetzt bei der Hand! Zieht Euch aus, geschwind!« sagte der Wirt und unterstützte seinen Rat durch tätigen Beistand. Es tat not. Als Renzo sich das Wams ausgezogen hatte, nahm der Wirt es und fuhr sogleich mit den Händen in die Taschen, um zu sehen, ob auch wohl das Zechgeld drin steckte. Er fand Geld; da er aber der Meinung war, der Gast würde am andern Morgen ganz andre Dinge zu tun haben, als an Bezahlung zu denken, und das Geld dürfte wahrscheinlich in Hände fallen, aus welchen ein Gastwirt es nicht mehr herausbekäme, so überlegte er, was er zu tun hätte, und wollte einen andern Versuch wagen. »Ihr seid ein guter junger Mensch, ein Ehrenmann,« sagte er, »nicht wahr?« »'n guter Mensch, ein Ehrenmann,« antwortete Renzo, indem er mit den Fingern noch immer an den Knöpfen zu tun hatte, die aus ihren Löchern nicht heraus wollten. »Gut,« antwortete jener, »macht also jetzt die kleine Rechnung richtig; denn morgen muß ich beizeiten Geschäfte halber aus dem Hause gehen ...« »'s ist billig,« äußerte Renzo. »Bin ein pfiffiger Schelm, doch ein ehrlicher Kerl. Aber das Geld! Eh geschwind, wir wollen das Geld suchen!« »Ich bin dabei,« sagte der Wirt. Indem er darauf seine ganze listige Gewandtheit, seine ganze Geduld, seine ganze Schlauheit in Bewegung setzte, kam er endlich damit zustande und steckte die Zeche ein. »Hilf mir ein bißchen mich ganz ausziehen, Wirt,« sagte Renzo. »Ich fühl's selber, daß mir ein mächtiger Schlaf in den Gliedern steckt.« Der Wirt leistete ihm den verlangten Dienst, legte ihm noch überdies die Kissen unter dem Kopfe zurecht und warf ihm ein oberflächliches Gutenacht hin; denn schon lag Renzo schnarchend da. Es beherrscht aber den Menschen eine unerklärliche Anziehungskraft, welche ihm für einen Gegenstand des Ärgers dieselbe Aufmerksamkeit wie für einen Gegenstand der Liebe abnötigt und vielleicht nichts andres ist als das Bestreben, was gewaltsam auf unser Gemüt wirkt, näher kennenzulernen. Daher auch der Wirt einen Augenblick stillstand, den Gast, so zuwider er ihm auch war, zu betrachten; er hielt ihm die Laterne vors Gesicht und breitete die Hand über die Flamme, um sie desto heller hinleuchten zu lassen; es war ungefähr dieselbe Stellung, in welcher Psyche gemalt wird, wenn sie verstohlen die Züge des unbekannten Gatten belauscht. – »Närrischer Märchenvogel!« sagte er halblaut zu dem armen Schläfer, »du bist gerade darauf losgegangen, dir dein Unglück auf den Hals zu ziehen. Morgen wirst du mir wohl schon sagen können, wie's schmeckt. Ungeschliffene Bauernkerle, wollt in der Welt umherziehen und wißt nicht einmal, wo die Sonne aufgeht, stürzt euch und euren Mitmenschen in Wirrwarr!« So gesprochen oder gedacht, zog er die Lampe zurück, setzte sich in Bewegung, ging zum Zimmer hinaus und verschloß von draußen die Türe mit dem Schlüssel. Auf dem Absatz der Treppe rief er die Wirtin, befahl ihr, die Kinder einem Dienstmädchen zu übergeben und so lange in der Küche an seiner Statt ein wachsames Auge zu haben. – »Ich muß ausgehen,« sagte er, »um eines Fremden willen, der mir da zu meinem Unglück ins Haus geraten ist.« Und nun teilte er ihr im Auszuge das unangenehme Ereignis mit. Darauf trat er mit ihr in die Küche, warf einen Blick umher, um sich zu überzeugen, ob nichts Neues von Bedeutung vorgefallen, nahm von einem Pflock Hut und Mantel herunter, holte aus einem Winkel einen Knüttel und machte sich auf den Weg. Aber schon während dieser Vorkehrungen hatte er den Faden der Anrede, welche er an Renzos Bett gehalten, in der Stille wieder aufgefaßt und verfolgte ihn, indem er durch die Straße wanderte. »Was für 'nen starrsinnigen Kopf der Bursch aus dem Gebirge auf dem Rumpfe trägt!« – Denn so emsig auch Renzo seine Heimat zu verschweigen suchte, so verriet sich doch das Gebirgsland in Worten, Aussprache, Anblick und Handlungen von selbst. – »Mit meiner Klugheit, mit meiner guten Vernunft hab ich heiler Haut den gefährlichen Tag überstanden, und nun kommst du mir am Abend noch auf den Hals, mir die Eier im Korb zu zerquetschen. Fehlt's denn in Mailand an Gasthöfen, daß du gerade über meine Schwelle hereinstolpern mußtest? Wärst du noch wenigstens allein gekommen, so hätt ich für den Abend ein Auge zugedrückt und's morgen früh dir zu verstehen gegeben. Aber nein, Herr, kommst in Gesellschaft, und in Gesellschaft eines Häscherhauptmanns, um den Kohl noch fetter zu machen.« Bei jedem Schritte begegnete der Gastwirt auf seinem Wege einsamen Wandrern, auch wohl zweien oder vieren, welche murmelnd umherzogen. Als er in seiner stummen Rede gerade bei obigem Punkte stand, sah er eine Runde von Soldaten daherkommen; er schlich sich seitwärts, schielte, da sie vorüberschritten, nach ihnen hin und dachte weiter: »Da sind die Narrenruten. Und du, Esel, du, weil du einen Haufen Leute hast Lärm machen hören, setzest dir in den Kopf, daß die Welt umgekehrt werden müsse. Willst durch die Welt reisen und dein großes Maul mit herumtragen, und weißt nicht einmal, daß einer vor allen Dingen nicht öffentlich davon sprechen muß, wenn er die Welt nach seinem; Kopfe drehen und die Verordnungen in den Sack stecken will. Und wenn ein armer Gastwirt sich nach dir bequemte und seine Gäste nicht nach ihrem Namen fragte, weißt du denn, Dummkopf, was für 'ne Schüssel man ihm da vorsetzen täte? ›Jedem der oben genannten Gastgeber und Schenkwirte bei Strafe von dreihundert Scudi geboten.‹ Wie sauer muß sich einer dreihundert Scudi werden lassen! und um sie so hübsch dann an den Mann zu bringen! ›Davon zwei Drittel für die Königliche Kammer zurückzulegen, und das übrige für den Kläger oder Angeber.‹ Ein schönes Puppenspiel! ›Und wenn er nicht zahlen kann, fünf Jahre auf die Galeere, oder eine größere Strafe, an Eigentum oder Leibe, nach dem Gutachten seiner Exzellenz.‹ Schönen Dank, Eurer Gnaden gar sehr verbunden!« Bei diesen Worten betrat der Gastwirt die Schwelle des Palastes, in welchem der Hauptmann der Gerechtigkeit wohnte. Wie in allen andern Kanzleien herrschte auch hier eine außerordentliche Geschäftigkeit; überall erteilte man emsig die zweckmäßigsten Befehle, um dem folgenden Tage zuvorzukommen, den Gemütern, die zu neuer Empörung neigten, den Vorwand und die Kühnheit zu nehmen und die Gewalt in den Händen, welche sie auszuüben hatten, sicherzustellen. Man sann auch darauf, hin und wieder einem Aufruhrstifter zu Leibe zu gehen, und diese Rolle wurde vorzüglich dem Hauptmann der Gerechtigkeit zuerkannt. Seine Spürhunde waren vom ersten Augenblick des Tumultes an auf den Beinen gewesen, und jener Ambrogio Fusella, wie er sich nannte, war, nach dem Zeugnis des Wirtes, ein verkappter Häscherhauptmann, herumgeschickt, um eben diesen oder jenen auf der Tat zu ertappen, damit man ihn hernach wiedererkennen, beim Flügel fassen und festsetzen konnte; in der Stille der Nacht oder am folgenden Tage wollte man diese Strafopfer überraschen. Nachdem dieser Fusella die ersten paar Worte von Renzos Predigt gehört, hatte er ihn auf der Stelle als einen Sündenbüßer aufgezeichnet; er schien ihm ein willkommener Verbrecher und der Fall geeignet. Wie wir gesehen haben, konnte er die sichere Kunde über seinen Namen und sein Vaterland nebst hundert andern schönen Vermutungen nach Hause bringen; als daher der Gastwirt ankam, um zu melden, was er von Renzo wußte, wußten sie hier schon mehr als er. Er trat in das gewöhnliche Zimmer und machte seine Anzeige, wie ein Fremder bei ihm eingekehrt sei, der durchaus nicht mit seinem Namen habe herauswollen. »Habt Eure Schuldigkeit getan, uns davon Nachricht zu geben,« sagte ein Kriminalnotar, indem er die Feder niederlegte, »wir wußten aber schon davon.« Ein schöner Wirrwarr, dachte der Wirt, hier will's große Pfiffigkeit. »Und den hochverehrten Namen wissen wir auch,« fuhr der Notar fort. Teufel! brach der Gastwirt bei sich selbst los, den Namen! Wie müssen sie das angestellt haben? »Ihr aber,« nahm der andre mit ernster Miene das Wort, »Ihr sprecht nicht ganz aufrichtig mit uns.« »Was hätt ich denn mehr zu sagen?« »Ah, wir wissen ganz wohl, daß der Mensch in Euer Gasthaus eine Menge von gestohlenem Brot mitgeführt hat, bei der Plünderung mittels Diebstahls und Aufruhrs an sich gebracht.« »Tritt einer mit 'nem Brot im Sack herein,« antwortete der Wirt, »so kann ich's doch nicht raten, wo er's hergekriegt hat! Denn wenn's auch auf Tod und Leben dabei ankäme, kann ich dennoch sagen, ich hab nur ein einziges Brot in seiner Hand gesehen.« »Ihr könnt aber doch nicht leugnen,« äußerte der Notar, »daß Euer Gast da die Verwegenheit gehabt hat, gegen die Verordnungen beleidigende Reden zu führen und sich gegen das Wappen Seiner Exzellenz mit frevelhafter Ungebührlichkeit zu benehmen.« »Um Verzeihung, gnädiger Herr, wie kann er nur mein Gast sein, wenn ich ihn zum erstenmal vor Augen sehe? 's ist der Teufel, mit Verlaub zu sagen, der ihn mir ins Haus geschickt hat, und wenn ich ihn kennte, so sehen Eure Gnaden wohl, hätt ich nicht nötig gehabt, ihn nach seinem Namen zu fragen.« »Was macht Euer Gast jetzt?« fragte der Notar weiter. »Läßt er noch immer nicht ab, zu lärmen, die Leute aufzuwiegeln und Empörung anzuzetteln?« »Der Fremde, meinen Eure Gnaden? Der ist schlafen gegangen.« »Habt also viel Volk bei Euch? Genug, gebt acht, daß er sich nicht unversehens wegmacht.« Soll ich den Häscher spielen? dachte der Wirt; indessen antwortete er darauf weder mit Ja noch mit Nein. »Genug. Eure Anzeige wollen wir einstweilen beiseitelegen; wenn hernach die Sache zur Sprache kommt, so werdet Ihr in den Stücken, um welche man Euch etwa befragen wird, der Gerechtigkeit umständlichere Auskunft geben.« »Was weitere Auskunft hab ich zu geben?« fragte der Wirt. »Ich weiß nichts, hab kaum den Kopf, nach meinen eigenen Angelegenheiten zu sehen.« »Gebt nur acht, ihn nicht weggehen zu lassen.« »Der erlauchte Herr Hauptmann werden sich, hoff' ich, erinnern, daß ich auf der Stelle mich hier eingefunden habe, um meine Schuldigkeit zu tun. Ich küsse Eurer Gnaden die Hände.« – Mit dem Anbruch des Tages schlief Renzo schon seit sieben Stunden und hatte die Augen noch immer dicht geschlossen, als man ihn zweimal gewaltsam bei den Armen schüttelte und eine Stimme, die von der Fußseite des Bettes her »Lorenzo Tramaglino!« rief, ihn gleichsam ins Leben zurück erweckte. Er ermunterte sich, bewegte die Arme und öffnete mit Mühe die Augen. Da erblickte er gerade vor sich einen schwarzgekleideten Mann und zu beiden Seiten des Kopfkissens einen Bewaffneten. Die Überraschung, die Schlaftrunkenheit, die Schwere des Kopfes nach dem Rausch traten zusammen, und so lag er mehrere Sekunden wie bezaubert da; er glaubte zu träumen, und da ihm der Traum nicht gefiel, so rüttelte er sich gleichsam, um sich zu wecken. »Habt Ihr endlich einmal verstanden, Lorenzo Tramaglino? « fragte der Mann im schwarzen Mantel, derselbe Notar vom vorigen Abend. »Auf, geschwind, steht auf und kommt mit uns!« »Lorenzo Tramaglino?« sagte Renzo. »Was soll das heißen? Was wollt Ihr von mir? Wer hat Euch meinen Namen gesagt?« »Kein Geschwätz und aufgestanden!« sagte einer der Häscher, die ihm zur Seite standen, und faßte ihn von neuem beim Arm. »Ha, was ist das für'n Gewaltstreich?« schrie Renzo und zog den Arm zurück. »He, Wirt!« »Wollen wir ihn im Hemde wegschaffen?« fragte einer der Häscher, sich zum Notar wendend. »Habt Ihr verstanden?« fragte dieser den Jüngling. »Das geschieht mit Euch, wofern Ihr nicht augenblicklich aufsteht, um mit uns zu kommen.« »Und warum denn das?« fragte Renzo. »Warum? Das sollt Ihr beim Herrn Hauptmann der Gerechtigkeit zu hören bekommen,« erwiderte jener. »Ich? Ich bin ein ehrlicher Mensch, hab nichts getan und muß mich wundern ...« »Desto besser, desto besser für Euch; so kommt Ihr nach ein paar Worten davon und könnt Euren Geschäften nachgehen.» »Lassen Sie mich aber jetzt in Frieden,« sagte Renzo, »ich hab mit der Gerechtigkeit nichts zu schaffen.« »Rasch, dem Ding ein Ende gemacht!« sagte einer der Häscher. »Tut Eure Schuldigkeit,« gebot der Notar den Häschern, und diese legten sogleich Hand an, um Renzo aus dem Bett zu nehmen. »Eh, geht einem rechtschaffenen Menschen nicht zu Leibe! Ich versteh selbst, mich anzuziehen.« »Also zieht Euch an und steht gleich auf!« befahl der Notar. »Ich bin dabei,« antwortete Renzo. Somit griff er nach den Kleidern, die hier und dort auf dem Bette, wie die Trümmer eines gescheiterten Schiffes am Strande, umherlagen. Während er sie anzulegen begann, fuhr er im Reden fort: »Zum Hauptmann der Gerechtigkeit will ich aber nicht gehen. Ich hab nichts mit ihm zu tun. Da mir aber doch ungerechterweise so ein Schimpf einmal angetan wird, so will ich zu Ferrer gebracht werden. Den kenn ich, ich weiß, daß er ein redlicher Mann ist, und er hat mir manches zu verdanken.« »Ja, ja, junger Mensch, Ihr sollt zu Ferrer geführt werden,« entgegnete der Notar. Unter andern Umständen würde er über eine solche Forderung von Herzen gelacht haben; es war aber zum Lachen keine Zeit. Schon als er gekommen war, hatte er in den Straßen verschiedene Bewegungen bemerkt und nicht recht unterscheiden können, ob sie die Überbleibsel der gestrigen, nicht vollständig unterdrückten Empörung waren, oder ob eine neue sich damit anließ; Bürger strömten hervor, man gesellte sich zusammen, lief in Eile hin und her oder stand in kleinen Haufen nebeneinander. Auf dem Zimmer horchte er, ohne sich's merken zu lassen, nach der Straße hin und glaubte das Gewühl lauter werden zu hören. Es war ihm also darum zu tun, bald fertig zu werden; indessen wollte er den Sträfling gern auf friedlichem Wege fortschaffen; denn mußte man gewalttätig mit ihm zu Werke gehen, so konnte man nicht wissen, ob man auf der Straße nicht mit dreien statt mit einem zu schaffen haben würde. Mit einem Blick bedeutete er also den Häschern, sie müßten Geduld haben und den jungen Menschen nicht aufbringen; er für sein Teil gab sich Mühe, ihn mit guten Worten zu besänftigen. Renzo dagegen faßte, während er sich ankleidete, die verworrenen Erinnerungen vom vorigen Tage ziemlich wieder auf und erklärte sich ungefähr, daß die Verordnungen und die Geschichte mit seinem Namen die Ursache des ganzen unangenehmen Abenteuers sein müßten; aber woher in aller Welt wußte der Schwarzmantel seinen Namen? Dann ward er gleichfalls den steigenden Lärm auf der Straße gewahr. Er sah dem Notar ins Gesicht und bemerkte gar bald das unsichere Schwanken, welches zu verbergen der Mann sich vergebens bemühte. Der Lärm draußen wurde so laut, daß der Notar sich bewogen fühlte, das Vorsatzfenster wegzunehmen und einen Blick hinauszuwerfen. Da sah er einen Haufen von Bürgern, welche auf den Befehl, sich zu zerstreuen, der Soldatenrunde anfangs mit bösen Ausdrücken geantwortet hatten und endlich murrend auseinandergingen; daß aber die Soldaten mit sehr gesitteter Höflichkeit vorwärtszogen, das dünkte den Notar ein tödliches Zeichen. Er setzte das Fenster wieder hin und stand einen Augenblick zweifelhaft da, ob er sein Geschäft im Zimmer rasch ausführen oder den jungen Menschen in den Händen der beiden Häscher lassen sollte, um selbst zum Hauptmann der Gerechtigkeit zu laufen und dort von dem Ereignis Bericht abzustatten. – Aber, fiel ihm bald ein, er wird mir vorhalten, ich sei ein unnützer Hase, ein Schuft; ich hätte dem Befehl Genüge leisten müssen. Wir stecken einmal im Tanz, und so müssen wir springen. Hol der Satan das Handwerk! Renzo war auf den Beinen, neben ihm standen die beiden Trabanten. Der Notar gab ihnen einen Wink, sie möchten nicht zu hart mit ihm umgehen, und sagte dann: »Benehmt Euch ordentlich, junger Mann; kommt!« Darauf winkte der Notar einem der Häscher, welcher zur Treppe hinab vorangehen sollte; hinter ihm her führte er den Gefangenen, dann kam der andre Freund, und endlich setzte er selbst sich in Bewegung. Als sie in der Küche unten waren, sagte Renzo: »Und wo hat sich denn der verwetterte Schenkwirt verkrochen?« Indessen winkte der Notar den Häschern zum zweitenmal; diese faßten darauf den Jüngling jeder bei einer Hand und banden ihn eiligst mit gewissen Werkzeugen, welche eine heuchlerische Redekunst, um sich glimpflich auszudrücken, Handkrausen zu nennen pflegt. Renzo wehrte sich dagegen und rief: »Was ist das für 'ne Verräterei? Einem rechtlichen Menschen ...!« Der Notar aber, der für jeden traurigen Umstand seine guten Worte bei sich führte, sagte: »Habt Geduld, sie tun ihre Schuldigkeit. Was wollt Ihr? 's sind alles Formalitäten; wir können auch die Leute nicht immer so behandeln, wie's uns unser Herz sagt. Wo wir nicht tun wollten, wie uns befohlen wird, tät's uns übel ergehen, übler als Euch. Habt Geduld!« Während er sprach, drehten die beiden Helfershelfer die Handkrausen einmal herum. Renzo gab sich zufrieden, wie ein störrisches Pferd, welches die Lippen ins Gebiß eingeklemmt fühlt, und schrie: »Geduld!« »Wackerer junger Mann!« sagte der Notar, »das ist die rechte Manier, um gut davonzukommen. Was wollt Ihr? 's ist 'ne Plackerei? Das seh ich auch. Aber benehmt Ihr Euch gut dabei, so seid Ihr's in 'nem Augenblick los. Und da ich sehe, daß Ihr gut aufgelegt seid, so hab ich auch Lust, Euch Beistand zu leisten, und will Euch einen Rat, zu Eurem eigenen Besten, an die Hand geben. Glaubt mir, ich weiß in solchen Dingen Bescheid; geht geraden Schrittes fort, ohne umherzusehen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen; so sieht keiner nach Euch hin, keiner merkt, was vorgeht, und Eure Ehre nimmt keinen Schaden. Binnen einer Stunde seid Ihr in Freiheit; 's gibt so viel zu tun, daß sie von selbst sich fördern, Euch loszuwerden, und dann werd ich reden. Der Gang geschieht in Eurer eigenen Angelegenheit, und keiner soll's erfahren, daß Ihr in den Händen der Gerechtigkeit gewesen seid.« Dessenungeachtet glaubte Renzo von all den schönen Worten nicht ein einziges; weder daß der Notar es besser als die Häscher mit ihm meinte, noch daß er sich seiner Ehre so eifrig annahm oder die Absicht, ihm Beistand zu leisten, wirklich hatte; nicht das geringste. Er begriff ganz wohl, wie der gute Mann aus Furcht, es könnte sich unterwegs eine passende Gelegenheit zu seinem Entwischen einstellen, mit den schönen Beweggründen hervorgerückt war, um ihn von der Wahrnehmung und Benutzung seines Vorteils abzulenken. So bestimmten die sämtlichen Ermahnungen unsren Jüngling nur um so nachdrücklicher, nicht darauf zu hören und, was er sich schon halb und halb vorgenommen hatte, gerade das Gegenteil zu tun. Sie waren demnach kaum auf der Straße, so fing Renzo an, die Augen nach allen Seiten umherzuwerfen; er drehte und sperrte sich, streckte den Kopf vorwärts und spitzte die Ohren. Es fand indes kein besonderes Zusammenlaufen statt; auf manchem Gesicht ließ sich wohl ein leichter Anflug von empörungssüchtigem Bestreben lesen; doch ging jeder geradeswegs seine Straße, und einen eigentlichen Aufruhr gab's nicht. »Hübsch klug, hübsch klug!« murmelte der Notar hinten. »Eure Ehre, die Ehre, mein Sohn!« – Als aber Renzo, auf drei Leute hinhorchend, die mit glutroten Gesichtern daherkamen, von einer Bäckerei, von verstecktem Mehl und Gerechtigkeit reden hörte, fing er an, mit dem Gesicht ihnen Zeichen zuzuwinken, und hustete ganz anders, als man nach einer Erkältung pflegt. Die Bürger sahen aufmerksamer auf das Geleite hin und blieben stehen; mit ihnen standen andre still, welche dazukamen; noch andre, die schon vorübergegangen, wandten sich nach dem Gezischel um, kehrten zurück und folgten dem Zuge auf den Fuß. »Habt acht auf euch!« flüsterte der Notar. »Vernünftig, junger Mann! Es macht sich immer schlimmer für Euch, seht Ihr; verderbt Eure Sache nicht selbst; Eure Ehre, Euer guter Ruf!« – Die Häscher hielten durch Augenwinke miteinander Rat; sie glaubten – wir Menschen sind alle einem Fehltritt ausgesetzt – glaubten, die Sache recht gut zu machen, und zogen die Handkrause an. »Au! au!« schrie der Gepeinigte. Auf das Geschrei sammelte sich das Volk dichter umher, von allen Seiten der Straße lief es zusammen, das Geleite sah sich gehemmt. »'s ist ein liederlicher Mensch,« flüsterte der Notar den Nächsten um ihn zu, »ein Räuber, der auf frischer Tat ertappt worden ist. Zurück, bitt' ich, Platz für die Gerechtigkeit!« Renzo aber ward die günstigen Umstände gewahr, sah die Häscher blaß werden, sah sie wenigstens außer Fassung und dachte: Wenn ich mir jetzt nicht helfe, ist's mein Schaden. Er erhob also auf der Stelle die Stimme: »Kinder, sie schleppen mich fort, weil ich gestern Brot und Gerechtigkeit gerufen habe. Ich hab nichts verbrochen, bin ein ehrlicher Mensch; steht mir bei, verlaßt mich nicht, Kinder!« Ein beifälliges Gemurmel, dann ein deutlicheres Geschrei zu seinen Gunsten war die Antwort. Die Häscher befehlen anfangs, dann raten sie, endlich bitten sie die Nächsten, wegzugehen und sie durchzulassen; die Menge aber dringt statt dessen immer enger auf sie ein. Jene sehen die schlimmen Anstalten, lassen die Handkrausen fahren und haben nichts Besseres zu tun, als, unter dem Haufen sich verlierend, unbemerkt davonzuschleichen. Der Notar wünschte sehnlich dasselbe; mit dem schwarzen Mantel aber kam sich's so leicht nicht weg. Der arme Mann, mit bleichem Gesicht und zerknirschtem Herzen, suchte geduckt zusammenzuschrumpfen und schleifte sich gewunden seitwärts, um aus dem Gedränge hinauszuschlüpfen; er konnte aber die Augen nicht emporrichten, ohne sich zwanzig auf dem Halse zu sehen. Er gab also sich alle mögliche Mühe, für einen Ausländer genommen zu werden, welcher, zufällig dort vorübergehend, mit einemmal, wie ein Strohhalm im Eise, in dem Gedränge sich eingeklemmt sah; so kam er Gesicht gegen Gesicht einem Menschen gegenüberzustehen, der ihn mit böserer Miene als die übrigen scharf ansah; er suchte daher im Gesicht ein Lächeln aufzutreiben und fragte mit einer eigentümlich tölpelhaften Miene, was denn das für ein Tumult sei? »Du verwünschter Rabe!« antwortete dieser. »Verwünschter Rabe!« scholl es umher. »Verwünschter Rabe!« Mit dem Geschrei verdoppelten sich die Stöße; währenddessen gelang ihm teils mittels der eigenen Beine, teils mittels fremder Ellenbogen, was ihm für den Augenblick am meisten am Herzen lag, aus dem Gedränge herauszukommen. Sechzehntes Kapitel. »Fort, fort, junger Mann! Macht Euch aus dem Staub; hier ist ein Kloster, dort ist 'ne Kirche; hierhin, dorthin!« So ward unsrem Renzo von allen Seiten her zugeschrien. Was das Entwischen betraf, so bedurfte es wohl der Ermahnung weiter nicht. Sobald nur eine Hoffnung, aus diesen Klauen zu entkommen, in seinem Geiste aufgeblitzt war, hatte er seine Rechnung zu machen begonnen und war willens, wenn ihm die Flucht geglückt wäre, ohne Stillstand fortzuwandern, bis er nicht bloß aus der Stadt, sondern außerhalb des Herzogtums sich befände. – Denn, dachte er, meinen Namen, welcher Teufel ihn auch den Schelmen zugeblasen hat, den haben sie einmal in ihren Büchern, und mit Namen und Zunamen fallen sie über mich her, wann sie wollen. – In einen heiligen Zufluchtsort würde er sich nur im äußersten Falle geworfen haben. – Denn wenn ich ein Vogel im Walde sein kann, war seine Gesinnung, so habe ich nicht Lust, im Käfig zu sitzen. – Es war daher sein Plan, als Ziel und Zuflucht jenen Ort im Gebiete von Bergamo zu wählen, woselbst sein Vetter Bortolo wohnte und ihn, wie der Leser sich erinnert, gleichfalls angesiedelt zu sehen wünschte. Es kam aber darauf an, die Straße zu finden. Plötzlich sich in der unbekannten Gegend einer unbekannten Stadt befindend, wußte Renzo nicht einmal, zu welchem Tore man hinauszugehen habe, um nach Bergamo zu kommen, und wenn er es auch gewußt hätte, so kannte er selbst den Weg zum Tore nicht. Er stand einen Augenblick überlegend da, ob er seine Befreier um Nachweis bitten sollte; doch schon während der kurzen Zeit, die ihm geblieben, um über seine neue Lage nachzudenken, waren ihm über den höflichen Schwertfeger, den Vater von vier Kindern, seltsame Gedanken durch den Kopf gefahren; er wollte also seine Entschlüsse einem großen Haufen, in welchem ein zweiter von demselben Gelichter stecken konnte, nicht aufs Geratewohl preisgeben. Deshalb beschloß er, sich schnell von dort zu entfernen; nach dem Wege konnte er hernach an einer Stelle fragen, wo keiner wußte, wer er war oder weshalb er danach fragte. Darauf sprach er kurz zu seinen Befreiern: »Dank, Dank, Kinder, Gottes Segen mit euch!«, schritt durch den leeren Zwischenraum, welchen man ihm augenblicklich geöffnet hatte, nahm die Füße in die Hand und machte sich fort. So ging's in ein Gäßchen hinein und dann durch eine kleine Straße; ohne zu wissen wohin, lief er eine ganze Strecke fort. Er gelangte auch glücklich aus Mailand heraus und machte sich, hier und dort mit aller Vorsicht fragend, nach der Grenze des mailändischen Staates auf den Weg. Die Furcht im Rücken, wanderte er den ganzen Tag hindurch und kam abends in Gorgonzola an, das auf der Straße nach Bergamo liegt, hart an der Grenze, aber immer noch im Mailändischen, welches der Lauf der Adda von dem venezianischen Gebiete scheidet. Schon unterwegs war's sein Entschluß, hier einen Stillstand zu machen und eine ausführlichere Mahlzeit zu sich zu nehmen. Der ermüdete Körper hätte sich gar gern auch ein Bette gefallen lassen; ehe er aber sich diese Befriedigung gewährte, wäre unser Wanderer lieber erschöpft auf der Landstraße niedergefallen. Indessen wollte er sich im Wirtshause über die Entfernung der Adda erkundigen, wollte sich sagen lassen, wie man über den Fluß hinübergelangte, und dann, gleich nach der Mahlzeit, sich auf den angegebenen Weg machen. Für den Augenblick dünkte es ihn das wichtigste, das jenseitige Ufer und damit fremdes Gebiet und Sicherheit zu erreichen. Wenn sich das an dem nämlichen Tage nicht mehr durchsetzen ließ, so war's sein Vorsatz weiterzuwandern, solange Nacht und Atem ihm gestatteten, und dann auf irgendeinem einsamen Anger, wo es Gott gefiele, die nächste Morgenröte zu erwarten. Er hatte in Gorgonzola gerade einige Schritte getan, so fiel ihm das Schild eines Gasthauses ins Auge. Er trat hinein und forderte vom Wirt, der ihm entgegenkam, eine Abendmahlzeit und ein Nößel Wein. – »Ich bitt' Euch um Eile,« fügte er hinzu, »ich muß mich den Augenblick wieder auf den Weg machen.« Der Wirt versprach es, und Renzo saß währenddessen dort, wo Verzagte gewöhnlich zu sitzen pflegen, am Ende des Tisches, dicht an der Türe. Im Zimmer befanden sich einige müßige Leute aus dem Dorfe. Sie hatten über die großen Neuigkeiten aus Mailand vom vorigen Tage gesprochen, gestritten und ihre Bemerkungen zum besten gegeben; es lag ihnen am Herzen, zu wissen, wie es mit der Sache wohl auch an diesem Tage gegangen sein möchte; die Begierde war um so größer, je lebhafter die ersten Nachrichten die Neugier geweckt und gereizt hatten; eine Empörung, die weder unterdrückt noch siegreich, durch die Nacht mehr ausgesetzt als beendigt worden; eine verstümmelte Geschichte, eher das Ende eines Aufzuges als eines Schauspiels. Einer unter diesen Leuten trat aus der Gesellschaft hervor, machte sich an unsern Flüchtling und fragte ihn, ob er von Mailand käme. »Ich?« sagte Renzo überrascht, um Zeit zur Antwort zu gewinnen. »Ja, Ihr, wenn's erlaubt ist, zu fragen.« Renzo schüttelte den Kopf, zuckte mit den Lippen und ließ einige undeutliche Worte hören. – »Mailand,« sagte er, »soviel ich höre, so ungefähr zu sagen ... das ist kein Ort, wo einer gegenwärtig hingehen sollte, wofern ihn nicht die größte Not dazu zwingt.« »Dauert also auch heute der Lärm noch fort?« fragte der Neugierige und ward immer zudringlicher. »Man müßte dort sein, um es zu wissen,« sagte Renzo. »Aber Ihr, kommt Ihr denn nicht von Mailand?« »Ich komme von Liscate,« antwortete der Jüngling, der indessen seine Antwort überlegt hatte, gerade heraus. Er sagte keine Lüge; er war durch das Dorf gekommen, und ein Reisender, welcher ihm den Weg nach Gorgonzola angab, hatte ihm den Namen gesagt. »O!« rief der gute Mann, als wenn er sagen wollte: 's wär' gescheiter, du kämst von Mailand; aber Geduld. – »Und in Liscate wußte man nichts aus Mailand?« fügte er hinzu. »'s ist sehr leicht möglich, daß einer da was wußte,« antwortete unser Jüngling aus dem Gebirge; »ich aber hab' nichts gehört.« – Er hatte in diese Worte einen gewissen Ausdruck gelegt, als wollte er damit andeuten: Nun hab' ich's satt. Der Neugierige ging zu seiner Gesellschaft zurück; einen Augenblick später kam der Wirt und tischte auf. »Wie weit ist's denn wohl von hier bis zur Adda?« fragte Renzo mit halber Stimme. Dabei nahm er eine schläfrige Gleichgültigkeit an. »Bis zur Adda, um hinüberzukommen?« fragte der Wirt. »Ja, ja, das mein' ich ... zur Adda.« »Wollt Ihr über die Brücke von Cassano, oder meint Ihr die Fähre von Canonica?« fragte jener. »Wo es ist, gleichviel. Ich frag' so ... aus Neugier.« »Eh, ich sag's nicht umsonst. Das sind so die Stellen, wo die ordentlichen Leute hinübergehen, die Rechnung von sich ablegen können.« »Gut. Wie weit ist's also?« »Wohlerwogen wird's nach dem einen wie nach dem andern Punkt sechs Miglien sein.« »Sechs Miglien! Das wußt' ich nicht,« sagte Renzo. Er nahm eine auffallende Miene des Überdrusses an, daß sie ihm fast unnatürlich stand, und fragte weiter: »Und wenn's einem nun drum zu tun wäre, einen Richtweg zu nehmen, kommt er da wohl durch andere Ortschaften durch?« »'s finden sich sicherlich welche,« antwortete der Wirt und sah ihm mit dem Blick boshafter Neugier scharf ins Gesicht. Und der Blick war scharf genug, um die übrigen Fragen, welche der Jüngling in Bereitschaft hatte, ihm auf der Zunge zurückzudrängen. Er zog die Schüssel an sich heran, betrachtete den Nößel, welchen der Wirt auf den Tisch gestellt hatte, und fragte, ob der Wein auch unverfälscht wäre. »Wie Gold,« versicherte der Wirt. »Fragt alle Leute im Dorfe und in der Gegend herum, so könnt Ihr's hören. Und dann werdet Ihr ihn ja selber kosten.« – Mit diesen Worten trat er zur Gesellschaft hin. Verdammte Wirte, hätte Renzo gern laut gesagt, je mehr ich deren kennen lerne, desto nichtswürdiger finde ich sie. – Indessen ließ er sich's tüchtig schmecken, hielt aber beständig, ohne danach auszusehen, das Ohr hin, um sich von seiner Lage zu überzeugen und zu erfahren, wie über die große Begebenheit, an welcher er selbst nicht unbedeutenden Teil genommen, die Leute hier dachten; zugleich wollte er auskundschaften, ob unter den Sprechern da sich vielleicht ein rechtschaffener Mann befände, welchen ein armer junger Mensch, ohne Furcht, in die Enge getrieben oder zum Schwatzen über sich selbst gezwungen zu werden, vertrauensvoll nach dem Wege fragen dürfte. »Aber,« begann der eine, »diesmal scheint's doch gerade, als wenn die Mailänder einmal was Gutes hätten anstellen wollen. Genug, morgen spätestens werden wir etwas zu hören bekommen.« »'s tut mir in der Seele leid, daß ich nicht diesen Morgen nach Mailand gegangen bin,« sagte ein andrer. »Wenn du morgen gehst, gehe ich mit,« sprach ein dritter, ebenso ein vierter und ein fünfter. In dem Augenblick ließ sich der Hufschlag eines nahenden Pferdes hören. Alle laufen nach der Türe, und kaum haben sie den Daherkommenden erkannt, eilen sie ihm sämtlich entgegen. Es war ein Kaufmann aus Mailand, welcher jährlich einigemal in Geschäften die Reise nach Bergamo machte und die Nacht in diesem Wirtshause zuzubringen pflegte; da er nun fast immer dieselbe Gesellschaft darin antraf, war er der Bekannte eines jeden geworden. So drängten sie sich denn um ihn her: der eine faßte die Zügel, der andre den Steigbügel. – »Willkommen!« »Gott zum Gruß!« rief der Kaufmann ihnen als Antwort zu. »Ist die Reise gut gegangen?« »Vortrefflich. Und ihr hier, wie geht's euch?« »Gut, gut. Was Neues aus Mailand?« »Eh, da sind gleich die Neuigkeitskrämer bei der Hand!« sagte der Kaufmann, stieg ab und ließ sein Pferd in den Händen des Hausknechts. – »Und übrigens,« fuhr er fort, indem er mit der Gesellschaft zur Türe hineintrat, »und übrigens wißt ihr's um diese Stunde vielleicht schon besser als ich.« »Nein, im Ernst, wir wissen ganz und gar nichts,« sagte mehr als einer und legte die Hand auf die Brust. »Wie täte das zugehen?« fragte der Kaufmann. »Ihr sollt also gar schöne oder gar häßliche Geschichten zu hören bekommen. He, Wirt, steht mein gewöhnliches Bette leer für mich da? – Gut, einen Becher Wein und mein gewöhnliches Abendessen; geschwind, ich will mich beizeiten niederlegen und morgen in aller Frühe mich wieder auf die Beine machen, um gegen Mittag in Bergamo hineinreiten zu können. Und ihr, Leutchen,« fuhr er fort, indem er sich ans andre Ende des Tisches setzte und von Renzo mit schweigender Aufmerksamkeit beobachtet ward, »von allen verteufelten Geschichten, die gestern vorgefallen, wißt ihr nichts?« »Von gestern haben wir wohl sprechen hören.« »Da seht ihr nun, ob ihr die Neuigkeiten wißt,« entgegnete der Kaufmann. »Ich hab's gleich sagen wollen, ihr steht hier immer auf Wache und mustert einen jeden, der durchkommt ...« »Aber heute! Wie ist's denn heute gegangen?« »Ah, heute; von heute wißt ihr nichts?« »Nicht das Geringste,« war die Antwort; »'s ist noch niemand durchgekommen.« »Laßt mich also die Lippen erst ein wenig anfeuchten, und dann wollen wir ein Wörtchen von heute sprechen. Ihr sollt zu hören kriegen.« – Darauf füllte er den Becher, nahm ihn in die rechte Hand, hob mit den beiden Fingern der andern den Schnauzbart in die Höhe, strich mit der Fläche den Bart am Kinn nieder, trank und nahm wieder das Wort: »Heute, liebe Freunde, hat wenig gefehlt, so wär' der Tag ebenso stürmisch wie gestern oder noch schlimmer abgelaufen. Und es kommt mir gar nicht wahrscheinlich vor, daß ich hier sitze und euch davon erzähle; denn ich hatte alle Gedanken an die Reise schon beiseite gesetzt, wollte zu Hause bleiben und auf meinen armen Kram achthaben.« »Was hat's denn gegeben?« fragte einer der Zuhörer. »Was es gegeben hat? Ihr werdet's hören!« Indem er darauf das Fleisch, das ihm vorgesetzt worden war, schnitt und sich's schmecken ließ, fuhr er in seiner Erzählung fort. Die Gesellschaft, zur Rechten und Linken des Tisches auf den Beinen, hörte ihm mit offenem Munde zu; Renzo, welcher am andern Ende eben den letzten Bissen zu sich nahm, schien am wenigsten teilzunehmen und saß doch in der gespanntesten Aufmerksamkeit da. »Die Schurken, die gestern so einen entsetzlichen Lärm gemacht hatten, fanden sich heute früh auf ihren verabredeten Posten ein; sie verstanden sich untereinander, 's war alles vorbereitet. Und so kamen sie denn zusammen und fingen dieselbe saubere Geschichte wieder an, zogen von Straße zu Straße und machten ein lautes Geschrei, um Volk zusammenzurufen. Ihr wißt, 's ist gerade, mit Verlaub zu sagen, als wenn das Haus ausgefegt wird; der zusammengekehrte Müllhaufe wird immer größer, je weiter der Besen vorrückt. Wie sie nun glaubten, es seien Leute genug da, machten sie sich auf den Weg nach dem Hause des Herrn Speichervogts; als wenn's an den Unmenschlichkeiten, die sie gestern mit ihm vorgenommen, noch nicht genug wäre, mit 'nem Herrn von solchem Range! Die Schurken die! Und was sie für Nichtswürdigkeiten gegen ihn ausstießen! Lauter Erfindungen; ein rechtschaffener, pünktlicher Herr! Ich kann's sagen, bin sein alles in allem und verkauf' ihm das Tuch zur Livree für seine ganze Dienerschaft. Sie strömten also nach dem Hause, in der hübschen Absicht, eine Plünderung vorzunehmen; aber ...« Hier hob der Redner die linke Hand in die Höhe und setzte die Spitze des Daumens an die Nasenspitze. »Aber?« riefen beinahe sämtliche Zuhörer. »Aber,« fuhr der Kaufmann fort, »sie fanden die Straße mit Balken und Karren verrammelt und hinter der Wagenburg eine hübsche Reihe von Soldaten; hatten die Flintenhähne gespannt und die Kolben dicht an den Schnauzbart angelegt. Wie sie sich mit dem Gruß empfangen sahen ... Was hättet ihr in dem Fall getan?« »Zurückgegangen.« »Sehr vernünftig, und so machten sie's auch. Seht aber einmal, ob's nicht der leibhaftige Teufel war, der sie regierte. Sie stehen auf dem Cordusio, sie sehen die Bäckerei vor sich, die sie schon gestern hatten auskramen wollen – und was geschah eben in dem Laden? Man teilte den Kunden das Brot aus; 's standen Edelleute da, der wahre Kern des Adels, und hatten acht, daß alles in guter Ordnung zuginge – und die Kerle ... sie hatten den Teufel im Leibe, sag' ich euch, und dann mußt' es ihnen einer ins Ohr flüstern – in den Laden hinein, wie wütende Stiere; nimm du, ich nehm' auch; in einem Augenblick Edelleute, Bäcker, Kunden, Brote, Kasse, Bänke, Backtröge, Kisten, Säcke, Mehlbeutel, Kleie, Mehl, Teig, alles von unterst zu oberst!« »Und die Soldaten?« »Die Soldaten, die hatten das Haus des Speichervogts zu bewachen; 's kann einer nicht singen und zu gleicher Zeit das Kreuz tragen. In einem Augenblick, sag' ich euch; sie raffen und raffen zusammen; was sich nur packen läßt, wird fortgeschleppt. Und darauf rückt der schöne Zug von gestern wieder ins Feld, um die Trümmer auf den Platz zu tragen und sein Freudenfeuer wieder anzuzünden. Und die Halunken fingen schon an, Sachen herauszuschleppen; und einer unter ihnen, ein Haupthalunke, was meint ihr wohl, mit was für 'nem saubern Vorschlag er sich hören ließ?« »Mit was für einem?« »Mit was für einem? Aus allem, was in der Bude zu finden, einen Haufen zu machen, Feuer darunter zu legen und so den Haufen mitsamt dem Hause anzustecken. Gesagt, getan ...« »Haben sie's angesteckt?« »Geduld. Nebenbei stand ein rechtschaffener Mann, dem gab der Himmel einen prächtigen Gedanken ein. Er lief hinauf in die Zimmer oben, suchte nach einem Kruzifix, fand es, hängte es an den Querbogen eines Fensters, nahm über einem Bette zwei geweihte Lichter fort, steckte sie an und stellte sie zur Rechten und Linken vom Kruzifix auf die Brüstung. Das Volk guckt hinauf. In einem Mailand, das muß man sagen, ist noch immer Gottesfurcht vorhanden – sie gingen also in sich. Der größte Teil, will ich sagen; 's standen freilich Höllenkerle da, die um des Raubes willen selbst das Paradies in Brand gesteckt hätten; wie sie aber sahen, daß das Volk anders dachte, mußten sie wieder zurück und sich ruhig verhalten. Nun ratet einmal, wer dazukam! Alle geistlichen Herren vom Dom, in Prozession, mit aufgerichtetem Kreuze, in Chorkleidern; Seine Ehrwürden der Erzbischof fing von der einen Seite zu predigen an, Seine Ehrwürden der Oberbeichtvater von der andern, und dann wieder andre, hier und dort: ›Aber gutes Volk! Aber was habt ihr vor? Ist das das Beispiel, das ihr euren Kindern geben wollt? Geht nach Hause, ihr sollt wohlfeiles Brot haben; geht hin und seht, der feste Preis ist an die Ecken angeschlagen.‹« »War's wahr?« fragten die Zuhörer. »Wie? Ob's wahr war? Meint ihr etwa, die geistlichen Herren vom Dom wären in vollem Staatskleid hergekommen, um den Bürgern mit Märchen aufzuwarten?« »Und die Leute? Was taten die?« »Nach und nach gingen sie weg; sie liefen an die Straßenecken, und wer nur lesen konnte, der fand richtig die Taxe angeschlagen. Denkt euch mal, das Groschenbrot zu acht Unzen an Gewicht!« »Das heißt ein Stich!« »Der Gewinst ist schön; es kommt nur darauf an, ob er lange dauern wird. Wißt ihr, wieviel Mehl sie von gestern und heute früh verschleppt haben? Auf zwei Monate könnte man das ganze Herzogtum damit versehen.« »Und für uns hier draußen ist kein gutes Gesetz gemacht worden?« »Was für Mailand geschehen ist, das ist alles auf Kosten der Stadt geschehen. Ich kann euch weiter nichts sagen; für euch wird geschehen, was Gott will. Einstweilen hat's mit dem Lärm glücklich sein Ende; denn ich hab' euch noch nicht alles gesagt; jetzt kommt erst das Gute.« »Was hat sich denn noch weiter begeben?« »Gestern abend oder heute früh sind viele von den Rädelsführern festgenommen worden, und auf der Stelle hat man gewußt, daß viere an den Galgen kommen. Kaum lief das Gerücht herum, so machten sich die übrigen alle auf dem kürzesten Wege nach Hause, um nicht Numero fünf zu sein. Wie ich zum Tor herausritt, sah euch ganz Mailand gerade wie ein Mönchskloster aus.« »Und werden sie sie wirklich aufhängen?« »Gar kein Zweifel, und das bald,« antwortete der Kaufmann, »'s sind Kerle, die 's verdient haben, 's ist Gottes Schickung, seht ihr; 's war 'ne notwendige Sache. Hatten schon mit 'ner wahren Jubellust angefangen, in die Läden einzubrechen und sich zu nehmen, was da war, ohne mit der Hand in den Geldbeutel zu greifen; hätt' man ihnen den Zügel schießen lassen, so wär' nach dem Brot der Wein an die Reihe gekommen, und so eins nach dem andern ...; könnt also selbst denken, ob die Bösewichter eine so vorteilhafte Manier aus freiem Willen beiseitesetzen wollten, und ich kann euch versichern, für einen rechtschaffenen Mann, der seinen Laden offen stehen hat, roch der Spuk nicht nach Rosen.« »Eh, sicher,« sagte einer der Zuhörer. – »Sicher, sicher,« wiederholten die übrigen in der Runde. »Und die Sache war seit langer Zeit angelegt,« fuhr der Kaufmann fort, sich den Bart mit dem Tischtuch abwischend, »'s war 'ne Verbrüderung, wißt ihr?« »Eine Verbrüderung?« »Eine Verbrüderung, ja. Lauter Kabalen, die von den Navarrinern ausgingen, von dem Kardinal dort in Frankreich, der 'nen halb türkischen Namen hat und tagtäglich eine neue List zusammenspinnt, um der Krone von Spanien eins auszuwischen.« »Der Tausend!« »Wollt ihr den Beweis sehen? Die das meiste Gepolter getrieben haben, das waren Fremde; es schlichen Gesichter herum, die man nimmermehr in Mailand gesehen hatte. Da hab' ich eben euch eine Geschichte zu erzählen vergessen, welche mir als ganz sicher mitgeteilt wurde. Die Gerechtigkeit hatte einen in einem Wirtshause ertappt ...« Renzo, welcher kein Jota von dem ganzen Gespräche verloren, wurde beim Berühren dieser Saite von einem Schauder überrieselt und zuckte auf, ehe er daran dachte, sich ruhig in Schranken zu halten. Indessen ward es keiner gewahr, und der Redner sprach, ohne seine Erzählung einen Augenblick zu unterbrechen, weiter. – »Man weiß noch nicht eigentlich, aus welcher Gegend er hergekommen, von wem er geschickt worden oder was für 'ne Art Kerl es gewesen; aber auf jeden Fall war er eins von den Häuptern. Schon gestern hatte er, mitten im Getümmel, den Teufel gespielt, und damit nicht zufrieden, hatte er zu predigen angefangen und so eine lustige Artigkeit in Vorschlag gebracht: den hohen Herren nämlich sollte allen der Hals abgeschnitten werden. Der Spitzbube! Wer täte den armen Leuten zu leben verschaffen, wenn die hohen Herren umgebracht würden? Die Gerechtigkeit war hinter ihm her und packte ihn beim Kragen; ein ganzes Paket von Briefen fanden sie bei ihm, und so zogen sie ins Gefängnis mit ihm ab. Aber was geschah? Seine Spießgesellen, die um den Gasthof als Wache standen, kamen in großer Masse an und setzten ihn in Freiheit, den Halunken.« »Und was ist aus ihm geworden?« »Man weiß nicht,« erklärte der Kaufmann. »Er wird sich aus dem Staub gemacht haben oder in Mailand versteckt sitzen, 's sind Kerle, die weder Dach noch Fach haben, und finden allerorten ein Unterkommen, um sich zu verkriechen; aber nur solange der Teufel kann und ihnen beistehen mag; wenn sie's nachher am wenigsten sich vermuten, fallen sie ins Netz; denn wenn der Apfel reif ist, so fällt er an die Erde. Für jetzt weiß man gewiß, daß die Briefe in den Händen der Gerechtigkeit zurückgeblieben und die ganze Kabale darin auseinandergesetzt ist: man sagt, es werden viele Menschen daran müssen. Geschieht ihnen recht, haben halb Mailand umgewälzt und führten noch was Schlimmeres im Schilde.« Unserm Flüchtling war das schmale Abendbrot in giftige Pillen verwandelt. Tausend Jahre deuchten es ihm, ehe er aus dem Gasthofe, aus dem Dorfe hinauskam und sich erst weit davon befand; mehr als zehnmal hatte er zu sich selbst: Laß uns gehen, laß uns gehen! gesagt. Aber die Besorgnis, Anlaß zum Verdachte zu geben, welche soeben über alle Maßen gestiegen und die Tyrannin aller seiner übrigen Gedanken geworden war, hielt ihn immer noch wie an die Bank festgenagelt zurück. In dieser Verlegenheit dachte er, der Schwätzer würde damit endigen, von sich selbst zu sprechen; sobald er also merken würde, daß ein andres Gespräch angeknüpft wurde, wollte er augenblicklich sich aufmachen. »Ich,« sagte einer aus dem Haufen, »der ich weiß, was für 'ne Wendung dergleichen Geschichten nehmen und wie übel es um rechtschaffene Leute beim Aufruhr steht, ich hab' mich nicht von der Neugier übermannen lassen und bin hübsch ruhig in meinen vier Pfählen geblieben.« »Und hab' ich mich denn gerückt?« fragte ein anderer. »Ich,« fügte ein Dritter hinzu, »wenn ich mich zufällig in Mailand befunden hätte, hätte jedes Geschäft halbabgetan liegen lassen und mich schnell hierher nach Gorgonzola aufgemacht. Hab' Weib und Kinder, und dann, die Wahrheit zu sagen, so ein Getümmel kann mir nicht behagen.« Hier ging der Wirt, der ebenfalls ein fleißiger Zuhörer gewesen, nach der andern Seite des Tisches, um nach dem Fremden zu sehen. Renzo benutzte die Gelegenheit, winkte ihn herbei, fragte nach seiner Rechnung und zahlte, ohne Umstände zu machen. Er sprach kein Wort weiter, ging in gerader Richtung dem Ende der Straße zu, sah sich wohl vor, nicht dorthin, woher er gekommen, wieder zurückzukehren, und hielt sich, die Vorsehung zur Führerin wählend, nach der entgegengesetzten Seite. Siebzehntes Kapitel. Eine einzige Neigung hat bisweilen über das Gemüt des Menschen Macht genug, um seiner Lage jeden erfreulichen Trost zu nehmen; man denke nun, wenn zwei ihn beherrschen und die eine mit der andern im Kampfe liegt. Der arme Renzo war soeben das Schlachtfeld zweier solcher Neigungen; er wollte vorwärts eilen und zugleich sich niemandem verraten. Die unglücklichen Worte des Kaufmanns hatten zur Steigerung beider Wünsche über alle Maßen beigetragen. Sein Abenteuer hatte also Lärm gemacht, man bemühte sich, ihn zu erhaschen; wer weiß, wie viele Häscher auf den Beinen waren, um ihn zu hetzen? Was waren für Befehle ergangen, in den Dörfern, in den Schenken, an den Landstraßen, ihm aufzupassen? Freilich kannten ihn nur zwei Häscher, fiel ihm ein, und den Namen trug er nicht auf der Stirn geschrieben; es kamen ihm aber zugleich hundert alte Geschichten von Flüchtlingen in den Kopf, die auf seltsame Weise entdeckt und ertappt worden, am Gange, an der verdächtigen Miene, an andern unvermuteten Zeichen erkannt, und so erfüllte ihn alles mit Grauen. Als er Gorgonzola verließ, läuteten die Glocken zum Ave Maria, und die steigende Dämmerung milderte diese Gefahren immer wohltätiger; dennoch blieb er nur sehr ungern auf der Hauptstraße und nahm sich vor, den ersten Seitenweg einzuschlagen, der eine passende Richtung nehmen würde. Die wenigen Wanderer, welche er anfangs noch traf, ließ er unbefragt vorübergehen; seine ängstliche Einbildung band ihm die Zunge. – Sechs Miglien hat der gesagt, dachte er; wenn ich durch Querwege und Fußsteige vorwärtszukommen suche, werden also noch acht oder zehn herauskommen; die Füße, welche die andern gemacht haben, werden diese auch noch machen. Nach Mailand geh' ich nicht, soviel ist gewiß; also muß ich mich doch der Adda nähern. Früh oder spät, anlangen muß ich dort. Die Adda spricht allein; bin ich nicht mehr weit davon, brauch ich sie mir von keinem zeigen zu lassen. Ist eine Barke zur Überfahrt da, gleich hinüber; wo nicht, bring' ich die Nacht auf 'nem Felde zu oder auf 'nem Baum, wie die Sperlinge; besser auf 'nem Baume als im Gefängnis. Bald öffnete sich eine kleine Straße zur Linken, und er wählte sie. Hätte er jetzt jemanden angetroffen, würde er kein Bedenken mehr getragen haben, ihn zu fragen; aber kein Fußtritt eines lebendigen Menschen ließ sich vernehmen. Der schmale Weg blieb also sein Führer, und so ging er nachdenklich vorwärts. Ich den Teufel spielen! Ich alle die Herren ums Leben bringen! Ein Paket Briefe bei mir, ich! Und Gesellen, die um mich her Wache gehalten! Ich tät was drum geben, wenn ich mich mit dem Kaufmann, Gesicht gegen Gesicht, jenseits der Adda träfe – ach, wann werd' ich sie hinter mir haben, die gesegnete Adda! – ich wollt' ihn einmal ausführlich fragen, wo er denn all diese sauberen Nachrichten aufgefischt hat ... Bald aber mußten diese und ähnliche Gedanken weichen; die gegenwärtigen Umstände beschäftigten alle Seelenkräfte des armen Pilgers. Die Furcht vor Verfolgung oder Entdeckung, welche die Reise am Tage ihm so peinlich verbittert hatte, hielt ihn nun nicht mehr in Beklemmung; aber wie viele andre Dinge bestürmten ihn jetzt um so gewaltsamer! Die Finsternis, die Einsamkeit, die steigende, fast schon schmerzliche Ermüdung; ein stiller, gleichförmiger, aber scharfer Nachtwind, dabei noch dieselben Kleider, in welchen er zur Vermählung gehen und dann sogleich, wenige Schritte weit, im Triumph nach Hause zurückkehren wollte; was aber alles noch trübseliger machte, war das Fortwandern aufs Geratewohl, das spurlose Umhersuchen nach einem Orte der Ruhe und der Sicherheit. So ging's vorwärts und vorwärts, bis er in eine Gegend gelangte, wo die angebaute Flur sich in eine Heide von Farrenkraut und Binsen verlor. Nach und nach geriet er zwischen höheres Gesträuch von Dornbüschen, Schlehen und jungen Eichen. Dennoch, wanderte er mehr in Ungeduld als mit lebhafter Munterkeit eilig fort, sah hin und wieder einen einzelnen Baum sich erheben und bemerkte endlich, daß er in einen Wald trat. Er empfand einen unheimlichen Schauder, hineinzugehen; doch überwand er ihn und schritt gleichsam wider Willen vorwärts. Je weiter er kam, desto unerfreulicher wuchsen Widerwille und Schauder. Die Bäume, welche er von weitem starren Blickes ansah, standen wie seltsame, unförmliche Wundergestalten da; mit grauenhaften Gefühlen erfüllte ihn der Schatten der leicht bewegten Wipfel, der auf dem mondbeleuchteten Fußpfade zitterte; das Rauschen der trockenen Blätter, der Nachhall seiner eigenen Fußtritte traf schmerzlich sein verzagtes Gemüt. Ein Drang zur Eile, eine beflügelte Sehnsucht verkündigte sich in seinen Füßen, und doch vermochten sie kaum mehr ihn zu tragen. Kalt und feindselig fühlte er die Nachtluft gegen Stirn und Wange hauchen, sie drang ihm zwischen die Kleider durch und schien in den ermatteten Gliedern die letzte Lebenskraft zu verzehren. Der beklemmende Unmut, der unerklärliche Schauder, mit welchem seine Seele schon lange kämpfte, drohte bisweilen, sie plötzlich übermannen zu wollen. Oft glaubte er sich schon verloren; aber über seinen Schrecken mehr als über sonst etwas entsetzt, suchte er den alten Mut ins Herz wieder zurückzurufen. Indem er so sich einen Augenblick aufs neue erstarkt fühlte, stand er still und sann nach; er beschloß, auf dem Wege, den er zurückgelegt, sogleich aus der Wildnis wieder hinauszueilen, zu Menschen zurückzukehren und dort, wär's auch in einem Wirtshause, ein Unterkommen zu suchen. Während er aber so dastand, während das Geräusch seiner Füße im Laubwerk am Boden schwieg und dicht um ihn her kein Laut sich vernehmen ließ, schallt ihm ein fernes Brausen ins Ohr, ein Gemurmel, ein Gemurmel von strömendem Wasser. Er lauscht, er wird seiner Sache gewiß, und »Die Adda ist's!« ruft er mit freudigem Herzens Jubel – ein Freund war gefunden, ein Bruder, ein Retter. Verschwunden ist die Erschöpfung, das Blut strömt wieder in den Adern, frei und warm wallt ihm das Leben wieder durch die Glieder, das Vertrauen richtet sich in der Seele wieder empor, die Finsternis und die Ängstlichkeit seiner Lage sind gehoben, und keinen Augenblick besann er sich, dem heilbringenden Geräusche der Wellen folgend, weiter hinein in den Wald zu wandern. Bald gelangte er an das äußerste Ende der Ebene, zum Rande eines tiefen Ufers, blickte durch die Gebüsche, welche es weit umher bekleideten, und sah in der Tiefe das rinnende Wasser glänzen. Darauf erhob er das Auge und unterschied die weite Ebene des andern Ufers, mit vielen Dörfern besetzt, darüber hinaus Anhöhen, und auf einer derselben eine ausgedehnte weiße Stelle, in welcher er eine Stadt, Bergamo gewiß, zu erkennen glaubte. Er trat an den Abgrund, drückte das Gesträuch seitwärts, blickte hinunter, ob irgendeine Barke vielleicht sich auf dem Flusse bewegte, und lauschte, ob Ruderschläge sich vernehmen ließen; nichts zu sehen noch zu hören. Wär's ein kleineres Wasser gewesen, so hätte Renzo alsobald sich hinabgemacht, um einen Durchgang zu Fuß zu versuchen; bei der Adda aber, wußte er wohl, ließ sich ein solcher Versuch mit keiner Sicherheit wagen. Indessen ging er, um vieles ruhiger, mit sich selbst zu Rate, was er nun zu beginnen hätte. Auf einen Baum klettern und dort die Morgenröte erwarten, welche sechs Stunden vielleicht noch ausblieb, hieß bei dieser Nachtluft, bei dem Morgenreif, in solcher Kleidung, mehr als nötig sich dem Erstarren vor Kälte aussetzen. Da fiel ihm zur rechten Zeit ein, daß er auf einem Felde, nicht weit von der wüsten Heide, ein Cascinotto gesehen hatte. So nennen die Bauern um Mailand gewisse Hütten, mit Stroh gedeckt, aus Stämmen und Zweigen gebaut, welche mit Lehm verbunden und überzogen sind; dort legen sie im Sommer die Ernte des benachbarten Feldes nieder und halten sich des Nachts, um ihr Gut zu bewachen, darin auf; in den übrigen Jahreszeiten stehen sie verlassen da. Renzo bestimmte die Hütte sogleich zu seiner Nachtwohnung, ging zurück und fand sie richtig wieder. Ein wurmstichiger, zertrümmerter Türflügel lag ohne Schlüssel und Riegel an die Pfosten angelehnt; Renzo zog ihn nach sich und trat hinein. Drinnen sah er ein Weidengeflecht auf Zweigen liegen und auf dem Boden etwas Stroh; so sollte auch hier, dachte er, ein recht behaglicher Schlaf ihm zuteil werden. Kaum aber hatte er sein gewöhnliches Abendgebet gesprochen und war ins Stroh geschlüpft, da wimmelte es in seiner Einbildungskraft von kommenden und gehenden Menschen, eine so gedrängte, so unerschöpfliche Menge, daß ihm der Gedanke an den Schlaf bald gänzlich verging. Der Kaufmann, der Notar, die Häscher, der Schwertfeger, der Gastwirt, Ferrer, der Speichervogt, die Gesellschaft im Wirtshause, all das Getümmel auf den Straßen, dann Don Abbondio, Don Rodrigo, alle Gestalten, mit deren Erinnerung ein Schmerzensgefühl oder ein bitterer Groll verbunden war, stiegen gespenstisch vor ihm auf. Unter solchen Gedanken am Schlaf verzweifelnd, fühlte er die Schauer der kalten Nacht immer empfindlicher, so daß er bisweilen zitterte und mit den Zähnen klapperte. Er seufzte dem kommenden Morgen entgegen und maß mit Ungeduld den trägen Schleichgang der Stunden; er maß ihn, indem er mit jeder halben Stunde, bei der lautlosen Stille, die Schläge einer Turmuhr vernahm. Endlich ließ sich die Glocke in elf Schlägen vernehmen. Fünf Uhr morgens, weil die italienischen Turmuhren von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang vierundzwanzig durch schlugen. Um diese Stunde hatte Renzo sich zu erheben beschlossen; er richtete sich halberstarrt auf, kniete, sagte mit heißerer Inbrunst als sonst sein Morgengebet her, dehnte und regte die Glieder, als wollte er das Leben wieder in ihnen anfachen, hauchte in die Hände, rieb sie und öffnete die Hütte. Darauf spähte er umher, ob vielleicht auch jemand sich in der Nähe befände, und da niemand zu bemerken war, suchte er den Fußsteig von gestern wieder auf. Er erkannte ihn bald und machte sich auf den Weg. Der Himmel verkündigte einen schönen Tag; von der einen Seite blickte der bleiche strahlenlose Mond aus gräulichem Himmelblau, welches unten gegen den Horizont hin in gelblichem Rosenrot leicht zu verdampfen schien, auf das weite Feld herab. Darunter zogen sich in langen ungleichen Streifen einige Gewölke, mehr bläulich als braun; die tiefsten mit einem feurigen Saume gerandet, der allmählich lebhafter und lichtheller wurde; im Mittag schwammen gedrängt andre Wolken, leicht und locker, mit unzähligen Farben schimmernd; es war der lombardische Himmel, so schön, wenn er freundlich ist, so glanzgeschmückt, so friedlichsanft. Hätte sich Renzo zum Vergnügen hier eingefunden, er würde hinaufgeblickt und das Dämmern des Tages bewundert haben, wie es in ganz andrem Schauspiele als zwischen seinen Bergen sich darstellte; aber er sah zur Erde und schritt eifrig fort, sowohl um sich zu erwärmen, als um weiterzugelangen. So erreichte er wieder den Rand des Ufers und blickte hinab. Zwischen den Hecken hindurch unterschied er einen Fischerkahn, der langsam stromaufwärts schwamm und sich dicht an dem Rand des Ufers hielt. Augenblicklich ruft er leise dem Fischer zu und bittet ihn um die Überfahrt. Dieser willfährt ihm und lenkt sein Fahrzeug, gegen die reißende Strömung der Adda kreuzend, dem andern Ufer zu. Als die Adda so gut wie überschritten war, fühlte Renzo eine plötzliche Unruhe, weil er nicht wußte, ob er wirklich drüben die Grenze des Staates hinter sich habe oder nach Erreichung dieses Zieles noch etwas anderes zu überwinden bleibe. Er rief also dem Fischer zu und deutete mit dem Kopfe nach jener weißen Stelle, welche sich in der Nacht schon hatte unterscheiden lassen und jetzt weit deutlicher erschien. – »Ist das Bergamo, der Ort da?« fragte er. »Die Stadt Bergamo,« war des Fischers Bescheid. »Und das Ufer da ist bergamaskisch?« »Venezianisch Land, San Marco der Patron.« »Vivat San Marco!« rief Renzo. Der Fischer sagte nichts dazu. Endlich stoßen sie ans Ufer, Renzo springt hinaus und dankt Gott im Herzen, dann dem Fischer mit Worten. Doch griff er auch in die Tasche, nahm ein Silberstück heraus und gab es dem guten Mann hin – in Erwägung seiner Umstände keine kleine Ausgabe! Der Fischer sah noch einmal nach dem mailändischen Ufer hinüber, sah stromauf- wie stromabwärts, nahm die Gabe, steckte sie ein, legte den Zeigefinger quer über die Lippen und sagte mit verstärktem Ausdruck der Miene: »Glückliche Reise!« Mit diesem Wunsche kehrte er um. Unser Flüchtling stand einen Augenblick auf dem Ufer still und betrachtete die Anhöhe gegenüber, das Land, welches kurz vorher unter seinen Füßen so gebrannt. – Ja, ich bin wirklich heraus! war sein erster Gedanke. Bleib dort liegen, verwünschtes Land! war der zweite, der Abschied von der Vaterflur. Der dritte aber ergriff die Lieben, die er in diesem verwünschten Lande zurückließ. Er kreuzte die Arme, seufzte, senkte die Augen auf das Wasser hinab, welches vor seinen Füßen dahinrann, und dachte: Unter der Brücke da ist es durchgeflossen! Böse Welt! Doch genug, wie es dem lieben Gott gefallen wird. Er wandte den traurigen Gegenständen den Rücken, machte sich auf den Weg und nahm zum Gesichtspunkte die weiße Stelle auf dem Abhange des Berges, bis er einem sicheren Zeichen des Weges begegnen würde. Schon aber stand's ganz anders mit ihm. Unbefangen trat er zu den Wanderern hin, zögerte nicht mehr, verwickelte sich in keine hervorgestotterte Frage und sprach den Namen des Dorfes, wo sein Vetter wohnte, um seinen Weg dahin nehmen zu können, sicher und deutlich aus. Von dem ersten, der ihm Bescheid erteilte, erfuhr er zugleich, daß ihm noch neun Miglien Weges zurückzulegen blieben. Indessen stieg seine Eßlust, seit einiger Zeit schon erwacht, mit dem Wege. Nun konnte er freilich, wenn es darauf ankam, da ihm nur noch ein paar Miglien übrigblieben, sich ohne Einkehr behelfen; er dachte aber, es würde nicht gut aussehen, wenn er gleich einem verhungerten Bettler bei seinem Vetter einspräche und zum ersten Gruße etwas zu essen forderte. Er zog also alle seine Schätze aus der Tasche hervor, ließ sie durch die Finger auf die flache Hand laufen und hielt Musterung. Eine große Rechenkunst war eben nicht dabei erforderlich; indessen war doch immer noch genug da, um sich ein Frühstück auftischen zu lassen. Er trat also in eine Schenke, tat sich gütlich und behielt allerdings nach der Bezahlung nur wenige Groschen noch übrig. Beim Heraustreten sah er dicht vor der Türe, am Wege liegend, daß er fast bei weniger Behutsamkeit mit dem Fuße darauf getreten hätte, zwei Frauen, die eine bejahrt, die andre jünger; diese hatte ein kleines Kind in den Armen, welches vergebens zu saugen versuchte und nun jämmerlich schrie. Alle drei bleich wie der Tod; neben ihnen ein Mann, in dessen Gesicht und Gliedern sich die Zeichen früherer Rüstigkeit, jetzt durch das lange Elend fast gänzlich zerstört, unterscheiden ließen. Da Renzo mit offener, ermutigter Miene heraustrat, streckten sie die Hände nach ihm aus. Keiner sprach ein Wort; was konnten aber Worte mehr sagen? »Die Vorsehung sorgt!« sagte Renzo, griff augenblicklich in die Tasche, nahm die wenigen Groschen heraus, legte sie in die nächste Hand und machte sich auf den Weg. Die Erquickung und die Wohltat – denn wir bestehen aus Seele und Körper – hatten seine Gedanken wieder mit Mut und Heiterkeit aufgerichtet. Wahrlich, indem er auf solche Weise seine letzten Groschen weggegeben, gewann er mehr Vertrauen zur Zukunft, als wenn er zehn gefunden hätte. Denn hatte die Vorsehung zur Unterstützung der Unglücklichen auf der Landstraße die letzten Pfennige eines fremden Flüchtlings bestimmt, welcher fern von seiner Heimat um sein eigenes Auskommen in Ungewißheit schwebte, wie sollte sie ihn verlassen, dessen sie sich zu dem frommen Werke bedient, dem sie ein so lebhaftes, so wirksames und überschwengliches Gefühl ihrer Sorgfalt in die Brust gepflanzt? Das ungefähr war der Gedanke des Jünglings; doch nicht so deutlich, wie wir ihn mit Worten gezeichnet. Indem er während des übrigen Weges die Umstände und Ereignisse überdachte, die ihm so hoffnungslos und unüberwindlich geschienen, ward ihm alles leicht. Teuerung und Elend mußten doch endlich ein Ende nehmen; jedes Jahr gibt's eine Ernte; indessen hatte er seinen Vetter Bortolo und sein Handwerk; zur ersten Aushilfe besaß er daheim einen kleinen Geldvorrat, den er sogleich sich wollte nachschicken lassen. Damit konnte er im schlimmsten Falle, wenn er bis zur guten Zeit sparsam haushielt, von einem Tage zum andern leben. – Tritt dann endlich die gute Zeit wieder ein, dachte er weiter, so geht das Leben der Arbeit auch wieder an; die Herren geben um die Wette sich Mühe, mailändische Arbeiter anzuschaffen, denn die verstehen das Handwerk doch immer am besten; wer geschickte Leute haben will, muß sie bezahlen; es gibt Lohn, und damit wird sparsam umgegangen; ich richte mir ein kleines Häuschen ein und schreibe dann den Frauen, sie sollen nachkommen ... Eigentlich, warum will ich so lange warten? Hätten wir nicht drüben mit dem kleinen Geldvorrat schon den Winter über auskommen können? So werden wir auch hier damit auskommen. Pfarrer gibt's aller Orten. Kommen die beiden lieben Weiber herüber, so wird 'ne Wirtschaft angelegt. Auf dem nämlichen Wege hier miteinander spazieren zu gehen, was für 'ne Lust! Bis zur Adda fahren wir im Wagen und halten dicht am Ufer Mahlzeit; dann zeig' ich ihnen die Stelle, wo ich in den Kahn gesprungen bin, den Dornbusch, durch den ich heruntergestiegen, den Ort, wo ich gelauscht habe, ob sich ein Kahn sehen läßt. – So kam er zum Wohnort seines Vetters. Schon ehe er noch hineingetreten, unterschied er ein hohes Haus von mehreren Stockwerken, deren zahlreiche Fenster durch einen geringeren Zwischenraum voneinander geschieden waren, als es sonst gewöhnlich der Fall ist. Er erkennt eine Spinnerei, geht hinein und fragt unter dem Rauschen des niederströmenden Wassers und der Räder, ob Bortolo Castagneri hier wohne. »Herr Bortolo? Da steht er.« Herr! Ein gutes Zeichen – dachte Renzo. Er sieht seinen Vetter und läuft auf ihn zu. Dieser dreht sieh um, erkennt den Jüngling und ruft: »Hier bin ich, hier bin ich!« – Beide erheben die Arme und umschlingen sich. Nach dem ersten Erstaunen zieht Bortolo unsern Jüngling weit vom Geräusch der Maschinen wie aus den Blicken der Neugierigen fort und tritt in ein anderes Zimmer mit ihm. – »Ich sehe dich gern,« sagte er, »bist aber ein verdammter Junge. Hab' dich so oft eingeladen und wolltest nicht kommen; jetzt kommst du nicht beim blauesten Himmel.« »Was soll ich dir sagen?« antwortete Renzo; »es ist nicht mit freiem Willen geschehen, daß ich komme.« – Und nun erzählte er ihm in möglichster Kürze, doch nicht ohne heftige Bewegung die ganze schmerzliche Geschichte. »Da sind noch zwei andre Arme,« sagte Bortolo. »Armer Renzo! Du hast aber auf mich gerechnet, und ich werde dich nicht verlassen. Freilich, nach Arbeitern ist jetzt eben keine Nachfrage; mit knapper Not behält ein jeder die seinigen, um sie nicht zu verlieren und dem Geschäft keine schlimme Richtung zu geben; der Herr aber hält was auf mich, und Vorrat hat er. Und wenn ich's dir sagen soll, ich will mich nicht loben, er hat mir's aber großenteils zu verdanken; er das Vermögen und ich die Kunst. Ich bin der erste Arbeiter, weißt du! Und wenn ich's dir sagen soll, bin ich das Faktotum. Die arme Lucia Mondella! Steht mir leibhaftig vor Augen, als hätt' ich sie gestern erst gesehen; ein gutes Kind! Immer die Andächtigste in der Kirche, und wenn sie da von ihrem Hause herkam ... Ich seh's noch, das Haus, am Ende des Dorfes, mit 'nem hübschen Feigenbaum, der über die Mauer reichte ...« »Nein, nein, sprich nicht davon!« bat Renzo. »Ich meine, wenn sie von ihrem Häuschen herkam, war immer die Haspel zu hören, die ging und ging und ging. Und der Don Rodrigo, der trieb's schon zu meiner Zeit so; jetzt aber ist der Teufel fertig, wie ich sehe, solange ihm Gott den Zügel schießen läßt. Wie ich dir also sagte, der Hunger läßt sich hier auch ein bißchen verspüren ... Aber vor allen Dingen, wie steht's, hast du Hunger?« »Ich hab' nicht lang' erst gegessen, unterwegs.« »Und mit dem Geld, wie sieht's da aus?« Renzo breitete eine Hand aus, strich mit der Fläche vor dem Munde vorüber und ließ einen leichten Hauch darüber hinwehen. »Hat nichts zu sagen,« meinte Bortolo, »hast du keins, hab' ich welches. Sei guten Mutes; mit göttlicher Hilfe kriegt die Welt bald wieder ein andres Ansehen; dann zahlst du mir's zurück und wirst noch was für dich übrig behalten.« »Ich hab' zu Hause ein bißchen Vorrat in barem Gelde, den will ich mir kommen lassen.« »Gut; indessen bau' auf mich. Gott hat mir Segen verliehen, und so kann ich ihn weiter spenden. Wenn ich Verwandten und Freunden nicht Gutes erweise, wem will ich's denn erweisen?« »Ich hab's von der Vorsehung erwartet!« rief Renzo und drückte seinem guten Vetter mit leidenschaftlicher Freude die Hände. Nachdem sie das Nötigste besprochen, gingen sie zu Bortolos Herrn. Wirklich ging alles gut, und Bortolos Versprechungen hatten einen so vollständigen Erfolg, daß wir eines ausführlichen Berichtes überhoben sind. Es war in der Tat das Werk der Vorsehung; denn wie wenig Renzo auf den Geldvorrat, welchen er in seinem Hause hinterlassen, rechnen durfte, werden wir bald erfahren. Achtzehntes Kapitel. An demselben Tage, dem 13. November, langte ein außerordentlicher Bote beim Stadtvogt von Lecco an und zeigte eine Schrift vom Hauptmann der Gerechtigkeit vor, worin geboten ward, alles mögliche anzuwenden, um durch zweckmäßige Untersuchung herauszubringen, ob ein junger Mensch namens Lorenzo Tramaglino, ein Seidenspinner, der aus dem Machtbereich praedicti egregii domini Capitanei entwischt; in sein Dorf palam vel clam zurückgekehrt wäre; ignotum , was für ein Dorf dies eigentlich sei, verum in territorio Leuci . Quod si compertum fuerit sic esse , soll genannter Herr Stadtvogt suchen, quanta maxima diligentia fieri poterit , ihn in seine Hände zu bekommen, soll ihn gehörig gebunden, videlizet mit tüchtigen Handfesseln, maßen die Unzulänglichkeit der Handkrausen bei besagtem Subjekte erwiesen, ins Gefängnis setzen und dort unter sicherer Wache behalten, um ihn demjenigen zu überliefern, der ihn zu holen wird abgeschickt werden. Es möge nun dieses sich ausführen lassen oder nicht, accedatis ad domum praedicti Laurentii Tramaliini: et facta debita diligentia, quidquid ad rem repertum fuerit auferatis; et informationes de illius prava qualitate, vita, et complicibus sumatis , Geht nach dem Hause des besagten Lorenzo Tramaglino; und mit gehöriger Sorgfalt nehmt mit, was als zur Sache gehörig gefunden wird; und zieht Erkundigungen ein über die schlechten Eigenschaften des Mannes, sein Leben und seine Mithelfer; und über alles Gesagte und Getane, über alles, was gefunden und was nicht gefunden worden, was er mitgenommen und hinterlassen hat, diligenter referatis . Sobald der Stadtvogt nach menschlichem Vermögen sich versichert hatte, daß der Verlangte in sein Dorf nicht heimgekehrt, ließ er den Schulzen zu sich kommen und begab sich unter der Führung desselben nach dem angezeigten Hause; ein Notar und viele Häscher folgten ihm. Das Haus war verschlossen; niemand ließ sich sehen, der den Schlüssel dazu hatte. Die Schlösser wurden also erbrochen, und mit dem gebotenen Fleiße ging man zu Werke; das heißt, man verfuhr wie in einer Stadt, welche man im Sturm eingenommen hat. – Indessen verbreitet sich das Gerücht dieses Besuches augenblicklich durch die ganze Umgegend und gelangt auch zu den Ohren des Paters Cristoforo; dieser fragt, ebenso erstaunt wie betrübt, einen dritten und vierten, um über die Ursache eines so unerwarteten Vorfalles einiges Licht zu erhalten; er erlangt aber nichts anderes als luftige Vermutungen und widersprechende Nachrichten. Auf der Stelle schreibt er also dem Pater Bonaventura und hofft, von diesem etwa genauere Kunde zu bekommen. – Renzos Verwandte und Freunde erscheinen indessen, vorgeladen, um alles, was sie über seine schlechten Eigenschaften wissen, anzugeben; Tramaglino zu heißen, gilt ein Unglück, eine Schande, ein Verbrechen; das Dorf ist in größter Unruhe. Allmählich erfährt man, Renzo sei mitten in Mailand der Gerechtigkeit entwischt und dann verschwunden; man flüstert einander zu, er habe einen schweren Streich begangen; dieser aber läßt sich nicht angeben oder wird auf hundert verschiedene Weisen erzählt. Je schwerer er klingt, desto weniger glaubt man ihn im Dorfe, wo Renzo als ein rechtlicher junger Mann bekannt; die meisten vermuten und raunen sich's ins Ohr, es sei nichts weiter als eine Kabale des gewalttätigen Don Rodrigo, um seinen armen Nebenbuhler ins Verderben zu stürzen. So tun die Leute, nach der Erfahrung schließend und mit dem Geschehenen unbekannt, bisweilen selbst den Schurken gar sehr unrecht. Wir aber, die wir Bescheid wissen, können versichern, daß Don Rodrigo an Renzos Unglück diesmal durchaus keinen Teil hatte; indessen freute er sich darüber, als wäre es sein eigenes Werk, und brüstete sich gegen seine Vertrauten, vorzüglich gegen den Grafen Attilio, mit der Macht seines Einflusses. Der Graf hätte, seinem Plan zufolge, sich jetzt schon in Mailand befinden müssen; sobald er aber von dem Sturmgetümmel, das sich daselbst erhoben, und vom Benehmen der Menge, welche nichts weniger als Stockschläge sich gefallen lassen wollte, nur den ersten Wink erhalten, hatte er für gut befunden, bis auf bessere Nachrichten auf dem Lande zu verweilen. Er hatte manchen beleidigt und fürchtete mit Grund, es könnte einer von den vielen, die bisher nur aus Ohnmacht sich ruhig verhielten, die Gelegenheit beherzt sich zunutze machen und für alle übrigen den günstigen Augenblick der Rache ergreifen. Dieser schwankende Zustand währte indessen nicht lange; schon der Befehl aus Mailand zu Renzos Verhaftung ließ merken, daß alles dort wieder den gewöhnlichen Gang genommen; die bestimmten Nachrichten, welche kurz darauf eintrafen, gewährten die Gewißheit. Graf Attilio ermunterte seinen Vetter, in seiner Unternehmung nicht stehenzubleiben und die Verpflichtung, welche er selbst auf sich genommen, zu fördern; er versprach von seiner Seite, ihm den Mönch so bald wie möglich vom Halse zu schaffen, und reiste unmittelbar darauf ab; das glückliche Ereignis mit dem lumpigen Nebenbuhler sollte eine wunderbare Hilfe dabei leisten. Kurz nach seiner Abreise kam der Graue heiler Haut von Monza zurück und berichtete seinem Herrn, was zu erspüren ihm möglich gewesen: Lucia habe in dem und dem Kloster, unter dem Schutze der und der Dame ihr Unterkommen gefunden; sie sei da eingenistet, als wenn sie selbst eine Nonne wäre, setze keinen Fuß zur Türe hinaus und wohne den kirchlichen Versammlungen hinter einem Gitterfenster bei; das mißfalle indessen vielen, welche von ihren Abenteuern sprechen gehört und, da sie von ihrer Schönheit große Dinge vernommen, sie gar gern einmal ungehindert sehen möchten. Dieser Bericht weckte in Don Rodrigos Seele eine ganze Hölle. So viele seinem Plan so günstige Umstände entflammten immer mehr seine Leidenschaft, entflammten die Mischung von verkehrtem Ehrgefühl, von Wut und schändlichem Hange, aus welchen diese Leidenschaft bestand: Renzo abwesend, landesflüchtig, verbannt; alles war gegen ihn erlaubt, seine Verlobte selbst konnte als der Besitz eines Empörers betrachtet werden; der einzige Mensch auf Erden, der sich für sie verwenden konnte und mit dem Geschrei seiner Freundesangst weit umher und hoch hinauf reichte, der wütende Mönch, sollte binnen kurzem vermutlich gleichfalls außerstande sein, zu schaden. Da muß plötzlich ein neues Hindernis alle diese günstigen Winke des Schicksals um ihre Wirkung bringen! Ein Kloster zu Monza, wäre auch keine Fürstin darin gewesen, war dennoch für die Zähne eines Don Rodrigo eine zu harte Nuß; er mochte, wie er wollte, mit seiner Einbildungskraft um den Zufluchtsort schwärmen, er sah dennoch weder Gewalt noch List, um seine Beute zu erobern. Schon wehte ihn der Gedanke an, die Unternehmung ganz und gar fahren zu lassen; schon wollte er nach Mailand gehen und einen Umweg nehmen, Um Monza nicht zu berühren, wollte dort sich in die Zirkel seiner Freunde und in rauschende Vergnügungen stürzen, um durch fröhliche Gedanken diesen einen qualvollen Gedanken zu ersticken. Aber die Freunde – langsam ein wenig mit diesen Freunden. Anstatt abgelenkt zu werden, mußte er sich darauf gefaßt machen, in ihrer Gesellschaft seinen Schmerz unaufhörlich erneuert und wieder aufgestachelt zu sehen, denn Attilo hatte wahrscheinlich schon die Posaune ergriffen und alle in Erwartung gesetzt. Von jeder Seite würde man ihn um das Mädchen aus dem Gebirge befragen, und er müßte Rechenschaft ablegen. Er hatte gewollt, hatte versucht; was hatte er erhalten? Eine Verpflichtung auf sich genommen; freilich nicht eben die ehrsamste; wer ist aber immer Herr seiner Launen? Die Hauptsache blieb immer, sie zu befriedigen, und wie ließ sich da mit dieser Verpflichtung fertig werden? Wie? Von einem groben Bauer und einem Mönche so schmachvoll behandelt? Das gute Glück hatte nun unerwartet den einen, ein geschickter Freund den andern aus dem Wege geräumt, und der Gimpel, ohne dessen Bemühung beides geschehen, wußte die treffliche Fügung nicht zu benutzen und zog sich jämmerlich aus dem Handel? So konnte man das Gesicht nie mehr unter Leuten von Stande emporheben oder mußte darauf rechnen, die Hand jeden Augenblick an den Degen zu legen. Don Rodrigo wollte seine Pläne nicht fahren lassen, nicht zurückschreiten noch stehenbleiben, und vorwärts gehen konnte er von selbst nicht; indessen fiel ihm ein Mittel ein, durch welches die Sache vielleicht ausführbar würde; Gesellschaft und Hilfe sollte ein Mensch ihm leisten, dessen Hände oft so weit reichten, wie kaum die Blicke der andern trugen; ein Mensch oder ein Teufel vielmehr, für welchen die Schwierigkeit eines Unternehmens ein Sporn war, sich damit zu befassen. Aber auch hier gab es Widerwärtigkeiten und Gefahren, welche sich nicht berechnen ließen; denn hatte er einmal mit diesem Menschen dasselbe Schiff bestiegen, mit einem mächtigen Gehilfen, zugleich aber auch mit einem unlenksamen und gefährlichen Führer, so konnte niemand bestimmen, bis wie weit der Handel gehen würde. Diese Gedanken erhielten Don Rodrigo mehrere Tage hindurch im Schwanken zwischen Ja und Nein. Indessen langte ein Brief vom Grafen an und enthielt die Nachricht, daß der Anschlag bereits glücklich ins Werk gesetzt sei. Schnell hinter dem Blitze erfolgte der Donnerschlag; man hörte eines Morgens, Pater Cristoforo habe sich aus dem Kloster von Pescarenico entfernt. Während bei diesem so vollständigen und schnellen Erfolg der Brief des Grafen zum Mut ermunterte und mit reichlichem Spotte drohte, neigte sich Don Rodrigo immer mehr zum gefährlichen Entschlusse; den letzten Sporn gab ihm die unerwartete Nachricht, daß Agnese nach Hause zurückgekehrt sei; ein Hindernis weniger bei Lucien. Wir geben von beiden Ereignissen Bericht und fangen bei dem letzteren an. Die beiden armen Frauen hatten in ihrem Zufluchtsorte kaum die erste Ruhe empfunden, so verbreitete sich durch Monza, und folglich auch im Kloster, die Zeitung von dem stürmischen Tumulte in Mailand. Renzo mußte gerade an dem verhängnisvollen Tage in Mailand angekommen sein; die Nachricht setzte also die Frauen, und vorzüglich Lucien, schon in einige Unruhe. Endlich aber kam die Wirtschafterin herbei und erzählte ihnen: »Man hat einige der Aufrührer ins Gefängnis geworfen; einer aus der Umgegend von Lecco hat sich davongemacht, um nicht aufgehängt zu werden; er ist aus eurem Dorfe selbst, ein Seidenspinner, Tramaglino mit Namen. Nun, kennt ihr ihn?« Lucien, welche eben dasaß und ein Tuch säumte, fiel die Arbeit aus der Hand; sie wurde blaß, und ihr Gesicht verwandelte sich; die Wirtschafterin hätte es gewiß bemerkt, wenn sie ihr näher gewesen wäre. Sie stand aber eben mit Agnesen an der Türe; diese, wohl bestürzt, doch nicht so gewaltsam ergriffen, vermochte ihre Miene zu beherrschen und zwang sich die Antwort ab, daß man allerdings in einem kleinen Dorfe mit jedem bekannt sei; sie kenne ihn, glaube aber nicht, daß so etwas ihm begegnet sei; denn es sei ein friedlicher junger Mann. Darauf erkundigte sie sich, ob er gewiß davongekommen und wohin er geflohen sei. »Davongekommen, das sagen alle; wohin, weiß keiner. Vielleicht erwischen sie ihn noch, vielleicht ist er auch schon geborgen. Fällt er ihnen aber in die Hände, so wird euer friedlicher junger Mann ...« Hier wurde glücklicherweise die Wirtschafterin gerufen und ging hinaus; man denke sich, in welcher Stimmung Mutter und Tochter zurückblieben. Mehr als einen Tag mußten die arme Frau und das verlassene Mädchen in dieser zweifelvollen Ungewißheit schweben; sie schufen sich in der Einbildung die Ursachen, die Weise, die Folgen eines so schmerzlichen Ereignisses und begleiteten jede für sich oder leise miteinander, wann- sie konnten, die schreckliche Nachricht mit ihren Vermutungen. An einem Donnerstag endlich kam ein Mann nach dem Kloster und verlangte Agnesen zu sprechen. Es war ein Fischhändler aus Pescarenico, welcher wie gewöhnlich nach Mailand ging, um seine Ware dort abzusetzen; der gute Pater Cristoforo hatte ihn gebeten, wenn er durch Monza käme, im Kloster einzusprechen, die Frauen in seinem Namen zu grüßen und ihnen zu erzählen, was er von Renzos traurigem Lose wußte. Er sollte sie zur Geduld und zum Vertrauen in Gott ermutigen und ihnen die Versicherung geben, der arme Pater Cristoforo würde sie gewißlich nicht vergessen, würde jede Gelegenheit, ihnen Hilfe zu leisten, wachsam ergreifen und währenddessen nicht ermangeln, jede Woche auf die eine oder die andere Weise ihnen seine Nachrichten zukommen zu lassen. Was Renzo betraf, wußte der Bote keine weitere Kunde anzugeben, als daß die Gerichtsdiener sein Haus geöffnet und seiner habhaft zu werden suchten; es sei aber bisher auch alles vergebens gewesen, und man wisse so ziemlich, daß der junge Mensch sich im Gebiete von Bergamo vor aller Gefahr sicher befände. Diese Gewißheit war ein Balsam für Luciens Schmerz; sie empfand einen kräftigeren Trost in den heimlichen Herzenseröffnungen gegen ihre Mutter, und sooft sie zum Himmel betete, trat ihr auch ein brünstiger Dank für die Rettung des Geliebten auf die Lippen. Am nächsten Donnerstage kehrte ein Bote wieder, brachte vom Pater Cristoforo Grüße und ermutigenden Zuspruch und bestätigte zugleich, daß Renzo in vollkommener Sicherheit geborgen sei. Bestimmtere Nachrichten über sein unglückliches Ereignis nicht eine einzige; denn, wir haben es dem Leser schon gesagt, der Kapuziner hatte sie von seinem Mitbruder in Mailand gehofft, und dieser antwortete, so wenig von einem Briefe wie von einem Überbringer etwas zu wissen; ein Fremder habe allerdings im Kloster eingesprochen und nach ihm gefragt; da er ihn aber nicht zu Hause getroffen, sei er wieder weggegangen und habe sich weiter nicht sehen lassen. Am dritten Donnerstage kein Bote. So vermißten die Frauen nicht nur den gewünschten und gehofften Trost, sie gerieten auch, wie es in sorgenvoll betrübter Lage bei dem kleinsten Ereignis der Fall ist, in Unruhe und überließen sich hundertfältigem ängstlichen Argwohn. Schon vorher war Agnese damit umgegangen, eine Reise nach ihrem Dorfe zu machen; das Ausbleiben des verheißenen Boten befestigte sie in ihrem Plan. Das teure Angesicht der Mutter mehrere Tage hindurch nicht zu erblicken, war für Lucien ein peinlicher Gedanke; doch die drängende Sehnsucht, etwas Weiteres zu erfahren, die Sicherheit, um welche ihr in einem so bewachten und heiligen Zufluchtsorte nicht bange sein durfte, entkräfteten bald ihren Widerspruch. So wurde beschlossen, Agnese sollte am nächsten Tage den Fischhändler, welcher auf seiner Rückreise von Mailand durchkommen mußte, an der Landstraße erwarten und ihn um ein Plätzchen auf seinem Karren ersuchen, um nach dem heimatlichen Gebirge gelangen zu können. Sie traf ihn wirklich und fragte ihn, ob Pater Cristoforo ihm keinen Auftrag an sie mitgegeben; der Mann aber war den ganzen Tag hindurch vor seiner Abreise mit Fischen beschäftigt gewesen und führte weder eine Sendung noch eine Nachricht vom Mönche mit sich. Agnese bat ihn um einen Platz und brauchte ihn nicht erst lange zu ersuchen; sie nahm, nicht ohne Tränen, von der Edelnonne und der Tochter Abschied, versprach, recht bald Nachricht zu geben oder zurückzukehren, und reiste ab. Auf der Reise fiel nichts von Bedeutung vor. Sie brachten einen Teil der Nacht, wie gewöhnlich, in einem Wirtshause an der Landstraße zu, machten sich vor Tagesanbruch wieder auf den Weg und kamen bei guter Zeit in Pescarenico an. Agnese stieg auf dem Platz vor dem Kloster ab, entließ ihren Führer mit vielen Dankesbezeugungen, und da sie doch einmal hier war, wollte sie, ehe sie nach ihrem Dorfe zurückkehrte, den guten Mönch, ihren Wohltäter, sehen. Sie zog die Klingel, und wer ihr öffnete, war Bruder Galdino, der Olivensammler. »Ei, gute Frau, was für'n glücklicher Wind führt Euch her?« »Ich möchte den Pater Cristoforo gern sprechen.« »Pater Cristoforo? Der ist nicht hier.« »Ah, dauert's wohl lange, bis er wiederkommt?« fragte Agnese. »Aber ...« sagte der Mönch, hob die Schultern in die Höhe und senkte das geschorene Haupt in die Kapuze. »Wohin ist er gegangen?« »Nach Rimini.« »Nach ...?« »Nach Rimini,« wiederholte Bruder Galdino. »Wo liegt der Ort?« »Eh!« erwiderte jener, mit ausgestrecktem Arm die Luft von oben nach unten durchschneidend, um eine große Entfernung zu bezeichnen. »Ich arme Frau! Aber warum hat er sich mit einemmal auf eine so weite Reise gemacht?« »Der Pater Provinzial hat's so haben wollen.« »Und warum haben sie gerade ihn weggeschickt, der so viel Gutes hier tat? Ich Unglückselige!« »Wenn die Vorgesetzten,« sagte der Mönch, »von ihren Befehlen Rechnung ablegen müßten, wo bliebe denn da der Gehorsam, gute Frau?« »Freilich,« meinte Agnese. »Aber das richtet mich zugrunde.« »Wißt Ihr, was es sein wird? Sie werden in Rimini einen tüchtigen Pater Prediger gebraucht haben; es gibt ihrer freilich überall, manchmal aber tut einer not, der gerade dazu gemacht ist; der Pater Provinzial dort wird unserm hier geschrieben haben, ob er so einen hat; da hat unser Pater Provinzial gedacht: Hier heißt's Bruder Cristoforo. Wie's denn auch wirklich sich jetzt zeigt.« »Weh uns armen Leuten! Wann ist er abgereist?« »Vorgestern.« »Seh' einer an! Wenn ich nur meiner eigenen Eingebung gefolgt und ein paar Tage früher hergekommen wäre! Und läßt sich nicht bestimmen, wann er wiederkehrt? Auch nicht einmal ungefähr?« »Ei, liebe Frau, das weiß der Pater Provinzial, wofern er's auch einmal weiß.« »Barmherziger Himmel!« rief Agnese von neuem und weinte fast. »Was soll ich ohne den Mann anfangen? Er hat wie ein Vater für uns gesorgt! 's ist rein unser Verderben!« »Es tut mir leid um Euch, gute Frau,« erwiderte Bruder Galdino. »Und seid Ihr willens, einen von unsern Vätern hier um Rat zu fragen, das Kloster ist hier und rückt sich nicht von der Stelle. Und übrigens werd' ich auch mich wieder sehen lassen, wenn ich Oliven einsammeln gehe.« »Lebt wohl,« sagte Agnese. Und hiermit machte sie sich auf den Weg nach ihrem Dörfchen, verlassen, ohne Fassung und Hoffnung, dem armen Blinden gleich, der seinen Stab verloren hat. Ein wenig besser als Bruder Galdino unterrichtet, dürfen wir jetzt Auskunft geben, wie die Sache eigentlich zugegangen. Attilio war kaum in Mailand angelangt, so begab er sich, wie er seinem Vetter versprochen, auf den Weg, ihrem gemeinschaftlichen Oheim, einem Mitgliede des Geheimen Rates, seinen Besuch abzustatten. Dieser Geheime Rat bestand aus dreizehn Männern vom Bürger- wie vom Kriegerstande; der Statthalter fragte sie bisweilen um ihre Meinung, und starb er oder kam ein anderer an seine Stelle, so führten sie währenddessen das Regiment. Der Graf Oheim, ein Herr vom Zivilstande und einer der ältesten im Rate, genoß ein gewisses Ansehen in demselben; keiner machte wie er es geltend, keiner ließ es wie er nach außen hin wirken. Zweideutige Ausdrücke, ein bedeutungsvolles Schweigen, ein Unterdrücken begonnener Worte, vielsagende Augensprache, Schmeicheleien ohne Versprechungen, höfliche Drohungen, alles war zu dem Ende berechnet, und alles erreichte mehr oder weniger seinen Zweck. Das Ansehen des Grafen Oheim, welches seit geraumer Zeit in sehr langsamen Schritten zugenommen, hatte kürzlich bei einer außerordentlichen Gelegenheit in einem riesenhaften Schwung sich erhoben – eine Reise nach Madrid, eine Sendung an den Hof; welche Aufnahme ihm dort geworden, mußte man ihn selbst erzählen hören. Genug, der Graf Herzog hatte ihn mit einer besonderen Herablassung behandelt und ihn seines Vertrauens so huldgnädigst gewürdigt, daß er ihm einmal in Gegenwart des halben Hofes die Frage vorgelegt, wie ihm Madrid gefiele; ja in demselben Fenster mit ihm liegend, hatte er ihm ein andermal unter vier Augen gestanden, daß in sämtlichen Reichen des Königs der Dom zu Mailand der größte Tempel Gottes sei. Zu diesem einflußreichen Manne begab sich also Graf Attilio und wußte ihm die Angelegenheit ihres Verwandten Don Rodrigo in solchem Lichte darzustellen; daß der Graf Oheim es als seine Familienpflicht betrachtete, gegen den Pater Cristoforo vorzugehen. Nachdem der Graf Oheim die Sache seines Neffen Don Rodrigo übernommen hatte, sann er auf ein Mittel, wie er am besten gegen den widerspenstigen und lästigen Mönch verfahren könnte. Es schien ihm das rätlichste zu sein, den Pater Cristoforo zu entfernen zu versuchen; und dazu mußte der Pater Provinzial des Ordens, dem dieser angehörte, das Werkzeug abgeben; denn von dessen Willen hingen Gegenwart und Abwesenheit des Mönches ab. Nun war zwischen dem Pater Provinzial und dem Grafen Oheim eine alte Bekanntschaft; sie sahen sich selten, aber jedesmal mit wortreichen Freundschaftsbezeugungen und stelzfüßigen Versicherungen der Dienstfertigkeit. Es fiel dem Grafen Oheim daher nicht allzu schwer, kraft seines Ansehens und unter Hinweis auf den Anhang seiner einflußreichen Familie den Provinzial davon zu überzeugen, daß es im Interesse des Ordens läge, einen Mönch, der mit einer so mächtigen Familie einen Streit vom Zaune gebrochen habe, fürs erste außer Landes zu schicken; um den Frieden zu wahren, den die Väter benötigten, um Gutes zu tun, sei es das beste, die Zwistigkeiten durch Versetzung des unbesonnenen Urhebers einzuschläfern und allmählich vergessen zu machen. So sprach eines Abends zu Pescarenico ein Kapuziner aus Mailand ein und hatte ein Paket Briefe für den Pater Guardian bei sich; darin lag der Befehl für den Bruder Cristoforo, sich nach Rimini zu begeben und dort die Fastenpredigten zu halten. Der Brief an den Guardian gebot, dem besagten Mönche einzuschärfen, er möchte alle Unternehmungen, welche er in der Gegend um Pescarenico angesponnen, fahren lassen und durchaus in keinen Briefwechsel treten; der Bruder Briefträger sollte der Reisegefährte sein. Der Guardian ließ sich am Abend nichts anmerken; des Morgens läßt er den Bruder Cristoforo rufen, zeigt ihm die Vorschrift, heißt ihn Korb, Wanderstab, Schweißtuch und Gürtel zur Hand nehmen und befiehlt ihm, mit dem Gefährten, welchen er ihm vorstellt, sich alsobald auf die Reise zu begeben. Ein Donnerschlag für unsern Mönch. Renzo, Lucia, Agnese, sie traten ihm augenblicklich vor die Augen, und – o Gott! rief er im Herzen, was wird aus den armen Unglückskindern werden, wenn ich nicht mehr hier bin? – Bald aber hob er die Augen gen Himmel und klagte sich an, daß er einen Augenblick im Vertrauen gewankt und sich dabei für notwendig gehalten. Er kreuzte zum Zeichen des Gehorsams die Arme über die Brust und neigte gegen den Pater Guardian das Haupt. Dieser zog ihn beiseite und teilte ihm, mit den Ausdrücken eines ratenden Freundes, sich auf den Befehl berufend, die andre Weisung mit. Bruder Cristoforo begab sich nach seiner Zelle, nahm den Korb und tat sein Gebetbuch, seine Fastenpredigten und das Brot der Verzeihung hinein. Dann schlug er um die Hüften einen ledernen Gürtel, verabschiedete sich von den Mitbrüdern im Kloster, ging noch einmal zum Guardian, um seinen Segen sich zu holen, und machte sich mit dem Gefährten auf den vorgeschriebenen Weg. Ende des ersten Teiles. Band II: Zweiter Teil. Erstes Kapitel. Daß Don Rodrigo, begieriger als je, mit seiner Unternehmung zu Ende zu kommen, entschlossen war, die Hilfe eines furchtbaren Menschen nachzusuchen, haben wir berichtet. Von diesem Unbekannten Vgl. dazu die Einleitung S. 10 können wir weder Tauf- noch Familiennamen, noch einen Titel oder eine Vermutung darüber angeben; freilich höchst seltsam, da wir in mehr als einem Buche aus jener Zeit – und wir reden von gedruckten Büchern – ihn erwähnt finden. Daß dieser Mensch in all den Büchern ein und derselbe, bestätigt die Identität des Erzählten; überall aber verrät sich eine große Bemühung, den Namen, als würde er die Feder, die Hand des Schreibers versengt haben, zu vermeiden. Francesco Rivola , da er, in seinem Leben des Kardinals Federigo Borromeo, von diesem Menschen sprechen muß, nennt ihn »einen Herrn, ebenso mächtig durch seine Reichtümer wie vornehm durch seine Geburt.« Weiter kein Wort. Giuseppe Ripamonti, welcher in der fünften Dekade seiner vaterländischen Geschichte ihn umständlicher erwähnt, setzt statt seines Namens verschiedene Behelfswörter. – »Ich will das Ereignis eines Mannes erzählen,« sagt er in seinem schönen Latein, das wir, so gut wir können, übersetzen, »welcher unter den Großen der Stadt einer der ersten war und eine Villa zu seinem Wohnsitze bestimmt hatte; er setzte sich dort gewaltsam durch Verbrechen fest und kümmerte sich um Gerechtigkeit, um Richter, um Obrigkeit und Landesherrn nicht im entferntesten. An der äußersten Grenze des Staates wohnend, führte er ein unabhängiges Leben und nahm, nachdem er selbst ein Verbannter gewesen, dann aber zur Sicherheit gelangt war, Verbannte auf.« – Dieser Schriftsteller soll uns künftighin noch manchen andern Fingerzeig liefern, wenn wir im Verfolg unseres Anonymus unsere Erzählung zu bestätigen oder zu erläutern haben. Tun, was durch öffentliche Verbote untersagt oder durch irgendeine Gewalt verhindert war; nur aus Herrschlust den Schiedsrichter oder Gebieter in fremden Angelegenheiten spielen; von allen gefürchtet werden und Leute, welche gewohnt waren, andre in Diensten zu haben, in seinem Dienste halten: das waren jederzeit die vorzüglichsten Leidenschaften dieses Menschen. Seit den Jünglingsjahren empfand er beim Anblick und dem Lärmen so vielfacher Gewaltsucht, so vieler Erschütterungen und Kämpfe, bei diesem Heer von Tyrannen ein Gefühl, welches aus Unwillen und rastlosem Neide bestand. In der Stadt unterließ er als Jüngling keine Gelegenheit, den Berüchtigsten in diesem Handwerk sich zu zeigen, ihnen in den Weg zu treten, sich mit ihnen zu messen oder ihre Freundschaft zu suchen. Dem größten Teil an Reichtümern und Anhängern, an Kühnheit und Tapferkeit vielleicht allen überlegen, verleidete er vielen jede Nebenbuhlerschaft mit ihm, richtete den einen übel zu und machte sich den andern zum Freunde. In Wirklichkeit wurde auch er am Ende der Verwalter, das Werkzeug aller andern; auch sie ermangelten nicht, die Tätigkeit eines solchen Verbündeten in Anspruch zu nehmen, und bei solchem Rufe hielt er jede Weigerung für eine Verdunkelung seines Ruhmes, als könnte er die angenommene Stellung nicht behaupten. Auf diese Weise stellte er sowohl für sich als für andre so sträfliche Dinge an, daß weder Namen noch Verwandtschaft, weder die Freunde noch seine eigene Kühnheit ihn vor der öffentlichen Verbannung schirmen konnten; so vielfachem mächtigen Hasse mußte er am Ende weichen und sich aus dem Staat entfernen. Hierauf, glaube ich, bezieht sich eine merkwürdige Stelle in unserm Ripamonti. »Als er einmal das Land räumen mußte, war die Heimlichkeit, mit welcher er zu Werke ging, die Achtung und Furchtsamkeit höchst seltsam; er zog zu Pferde, mit einem Gefolge von Hunden, unter Trompetenschall durch die Stadt, und als er vor dem königlichen Palaste vorüberkam, hinterließ er der Wache einen übermütig-beleidigenden Auftrag für den Statthalter.« In der Entfernung brach er seine Umtriebe nicht ab; er blieb mit seinen Freunden im Briefwechsel, und diese hingen, um Ripamontis Ausdruck wörtlich zu übersetzen, »in heimlichem Bunde verwegener Anschläge und heilloser Unternehmungen« fortwährend mit ihm zusammen. Ja, er scheint um diese Zeit, an höherem Orte, mit neuen entsetzlichen Absichten umgegangen zu sein; der erwähnte Geschichtschreiber gleitet mit geheimnisvoller Kürze darüber hinweg. »Auch einige auswärtige Fürsten bedienten sich mehrmals bei wichtigen Gelegenheiten seines bösen Herzens und schickten ihm oft aus weiter Entfernung Verstärkung an Mannschaft, die unter seinem Befehle dienen sollte.« Endlich – nach wie langem Zwischenraume weiß man nicht – ward entweder durch Vermittlung eines Mächtigen der Bannspruch widerrufen, oder die Kühnheit des Menschen errang ihm die Freiheit. Er beschloß, nach Hause zurückzukehren, und führte es wirklich aus; doch begab er sich nicht nach Mailand, sondern auf das Schloß einer seiner Lehnsleute an der Grenze des bergamaskischen Gebietes, wo damals, wie jedermann weiß, Venedig die Herrschaft führte. Hier wollte er von nun an wohnen. »Dieses Haus,« erklärt Ripamonti, »war gleichsam eine Werkstatt blutiger Aufträge; Erzbanditen und Mörder seine Diener; der Koch wie der Küchenjunge mußten sich auf Dolchstöße verstehen; Knaben hatten blutdampfende Hände.« Außer diesem musterhaften Hausgefolge hatte er ein ähnliches, seines Winkes gewärtig, umher zerstreut; in den verschiedenen Punkten der beiden Staaten, an deren Grenze er lebte, gleichsam auf Posten stehend. Alle Gewalttätigen weit umher hatten, der eine bei dieser, der andre bei jener Gelegenheit, zwischen der Freundschaft und der Feindschaft dieses außerordentlichen Tyrannen wählen müssen. Die ersten, welche einen Versuch zum Widerstände gemacht, kamen so übel dabei weg, daß keiner weiter einen solchen Versuch sich in den Kopf kommen ließ. Wollte man unabhängig von ihm bleiben, so reichte es nicht hin, auf seine eigenen Angelegenheiten wachsam zu sehen oder auf sich achtzuhaben. Es langte ein Abgesandter von ihm an und befahl, man solle von dieser Unternehmung abstehen oder jenen Schuldner zu drängen aufhören; so mußte man entweder Ja oder Nein antworten. Hatte ein Teil mit lehnsmännlicher Ergebenheit irgendein Geschäft seinem schiedsrichterlichen Ausspruche überlassen, so sah der andre sich zu der schwierigen Wahl gezwungen, auf seine Entscheidung es ankommen zu lassen oder sich als seinen Feind zu erklären; das war ebenso gut, wie man damals sagte, als vom Großvater die Schwindsucht geerbt zu haben. Wer unrecht hatte, nahm zu ihm seine Zuflucht, um bei der Entscheidung recht zu haben; viele hatten das Recht auf ihrer Seite, suchten aber einen so mächtigen Schutzherrn zu gewinnen und ihrem Widersacher den Vortritt bei ihm abzulaufen; diese wie jene wurden vorzüglich von ihm abhängig. Bisweilen traf es sich, daß ein ohnmächtiger Unterdrückter, von einem Übermächtigen gepeinigt und gedrängt, sich an ihn wandte; dann ergriff er seine Partei und zwang den Gegner, von der Beleidigung abzustehen, sein Unrecht zu vergüten, sich zu Entschuldigungen herabzulassen, oder zermalmte ihn, wenn er Widerstand leistete, trieb ihn, die Gegend, wo sein Übermut sich gespreizt, zu verlassen, und ließ ihn auch wohl eine noch schnellere, schrecklichere Strafe zahlen. In solchen Fällen ward der gefürchtete, verabscheute Name einen Augenblick gesegnet; denn wie die Zeiten damals waren, hätte man dieses Heilmittel, um nicht Gerechtigkeit zu sagen, diese Vergeltung von keiner andern Gewalt, selbst von der öffentlichen nicht, erwarten können. Öfter aber und gewöhnlich war die seinige eine Dienerin ungerechter Lüste, gewaltsamer Eigenmächtigkeiten, beleidigender Launen. Doch der verschiedene Gebrauch dieser Gewalt brachte am Ende dieselbe Wirkung hervor; es beherrschte die Gemüter eine hohe Vorstellung von demjenigen, was er gegen Billigkeit und Unbilligkeit durchzusetzen vermochte, während beide allen andern Menschen so viele Hindernisse in den Weg legen und sie oft wieder zum Rückschritt bewegen. Der Name der gewöhnlichen Tyrannen beschränkte sich meistens auf den kleinen Landstrich, in welchem ihre drückende Gegenwart sich empfinden ließ; jedes Gebiet hatte die seinigen; sie waren einander so ähnlich, daß die Leute um diejenigen, deren Gewicht oder Feindseligkeit sie nicht seufzen machte, sich wenig bekümmerten. Dieser aber war seit langer Zeit in jedem Winkel des Herzogtums bekannt; überall machte sein Leben einen Gegenstand der Erzählungen unter dem Volke aus; mit seinem Namen war der Begriff von übermäßiger Macht, war etwas Dunkles und Fabelhaftes verbunden. Der Verdacht, daß er überall Verbündete und Mordgesellen besolde, erhielt die Erinnerung an ihn überall lebendig. Freilich nur ein Verdacht; denn wer möchte sich offen zu solch einer Söldnerschaft bekannt haben? Aber jeder Unterdrücker konnte sein Bundesgenosse, jeder Schurke sein Helfershelfer sein; die Ungewißheit selbst eröffnete also dem Glauben ein weiteres Feld und gab dem Schrecken eine finstrere Farbe. Sooft sich irgendwo unbekannte Waffenträger, Leute von scheußlicherem Aussehen als gewöhnlich blicken ließen, sooft man den Urheber einer ungeheuren Tat nicht anzugeben oder zu erraten wußte, raunte man sich seinen Namen zu, welchen wir, dank der Vorsicht unsrer Schriftsteller, nicht mitteilen können und durch die Bezeichnung »der Ungenannte« ersetzen müssen. Von der Burg dieses Menschen bis zu Don Rodrigos Palast waren nur sieben Miglien. Kaum sein eigener Herr und ein Unterdrücker geworden, mußte dieser einsehen, daß bei der geringen Entfernung von solch einem Gewaltmann das Handwerk sich nicht treiben ließ, ohne mit demselben aneinanderzugeraten oder sich mit ihm zu verständigen. Er hatte sich daher ihm angeboten und war, im Geiste aller übrigen, sein Freund geworden; er hatte – mehr gibt die Handschrift nicht zu verstehen – ihm verschiedentlich Dienste geleistet und dadurch jedesmal das Versprechen von Vergeltung und Beistand unter allen Umständen erhalten. Indessen war es ihm sehr darum zu tun, mit einer solchen Freundschaft nicht an das Licht der Welt zu treten; wenigstens sollte niemand erfahren, wie innig sie wäre und worauf sie fußte. Don Rodrigo wollte wohl auch den Unterdrücker, aber nicht den zügellosen Unterdrücker spielen; das Handwerk war in seinen Augen Mittel, nicht Ziel; es kam ihm darauf an, in der Stadt frei zu verweilen, die Bequemlichkeiten, die Lustfahrten, die Ehrenbezeugungen eines gesitteten Lebens zu genießen, und so mußte er gewisse Rücksichten nehmen, seine Verwandten bedenken, die Freundschaft würdevoller Männer zu behaupten suchen und in der Wagschale der Gerechtigkeit immer eine Hand haben, um sie, wo es nötig, auf seine Seite zu neigen, sie seitwärts zu drücken oder denjenigen zu Boden zu werfen, welcher auf solche Weise leichter als durch eigene Gewalt ihm beikommen zu können meinte. Hierin würde ihm die innige Verbindung mit einem Berüchtigten dieser Art, mit einem unverhohlenen Feind der öffentlichen Gewalt unstreitig üble Dienste geleistet haben und ihm vorzüglich bei dem Grafen Oheim schlimm bekommen sein; die Freundschaft indessen, die sich nicht verbergen ließ, konnte für eine unerläßliche Bequemung gegen einen Menschen gelten, dessen Feindschaft allzu gefährlich war, und durfte mit der Notwendigkeit entschuldigt werden. Eines Morgens ritt Don Rodrigo aus und hatte einen Jagdzug, auch eine kleine Begleitung von Bewaffneten zu Fuße bei sich; der Graue dicht neben ihm, vier andre nachfolgend. So nahm er nach dem Schlosse des Ungenannten seinen Weg. Zweites Kapitel. Das Schloß des Ungenannten lag, hoch über ein enges, finsterschattiges Tal emporragend, auf dem Gipfel eines Hügels, welcher aus einer rauhen Gebirgskette einsam hervorsprang und mit derselben durch einen Haufen von Dornfelsen und einzelnen Sandsteinen, durch einen Irrgang von Höhlen und Abgründen ebensowohl zusammenhing, wie von ihr getrennt ward. Nur von der Seite des Tales aus ließ sich hinaufkommen; da war ein steiler, aber gleichförmig sich erhebender Abhang, dessen Höhe mit Weiden, dessen tiefere Senkung mit Ackerrainen, hier und dort auch wohl mit Hütten besetzt war. Unten floß durch ein Kieselbett ein wasserarmer oder, je nach der Jahreszeit, ein hochgeschwollener Wildbach, welcher damals sich als die Grenze zweier Besitztümer hinzog. Die gegenüberliegenden Bergrücken, die gleichsam die andre Wand des Tales bildeten, zeigten einen leise sich senkenden bebauten Abhang; doch erstreckte sich derselbe nicht weit; das übrige bestand in hartem Gestein oder schlackenartigen Bruchstücken, in steilen Erhöhungen, weglos und nackt, wo sich nicht etwa hier und dort in den Spalten oder auf der emporgeworfenen Erde eine bewachsene Scholle wahrnehmen ließ. Von der Höhe der Felsenburg überblickte der wilde Herr, wie der Adler von seinem blutigen Neste, die Gegend rings- umher, wo nur ein Wanderer den Fuß hinsetzen konnte, während er über seinem Haupte kein lebendes Wesen mehr sich regen hörte. Mit einer einzigen Wendung der Augen durchlief er die ganze Felsenenge, die abschüssigen Senkungen, die Tiefe und die gangbaren Wege darin. Der Pfad, welcher in Winkeln und Krümmungen zur schauerlichen Wohnung hinaufführte, enthüllte sich dem Späher, der von oben herabblickte, wie ein geschlängeltes Band; von den Fenstern, von den Schußlöchern der Mauer aus konnte der Besitzer die Schritte eines Heraufsteigenden gemächlich zählen und ihn, sooft er wollte, aufs Korn nehmen. Und selbst wenn ein zahlreicher Haufe von Angreifern heranrückte, konnte er mit der Bedeckung von Bravi, welche er oben hielt, ehe noch ein einziger zur Anhöhe gelangt, viele auf den Fußpfad hinstrecken oder in den Abgrund hinunterstürzen. Doch wer mit dem Herrn des Schlosses auf keinem freundschaftlichen Fuße stand, der wagte sich zum Felsen nicht hinan, wagte den Fuß nicht einmal ins Tal zu setzen oder auch nur flüchtig hindurchzugehen. Ein Häscher aber, der sich dort hätte sehen lassen, wäre wie ein feindlicher Kundschafter in einem Lager behandelt worden. Von denjenigen, welche zuletzt solch ein Unternehmen versucht, erzählte man sich traurige Geschichten; doch klangen sie aus längst vergangenen Zeiten herüber; keiner der jungen Talbewohner erinnerte sich, einen Menschen dieses Handwerks lebendig oder tot dort gesehen zu haben. So lautet die Schilderung, welche unser Anonymus von dem Wohnsitz entwirft; über den Besitzer entgleitet ihm auch nicht ein einziges Wörtchen; ja, um uns jeden Fingerzeig zur Entdeckung zu nehmen, spricht er von Don Rodrigos Reise durchaus nicht, sondern versetzt ihn, wie durch ein Zaubergespann, sogleich mitten ins Tal, an den Fuß der Anhöhe, wo zwischen rauhen Hügeln der Fußpfad sich durchwand. Dort stand eine Schenke, die man füglich ebensogut ein Wachthaus nennen konnte. Ein altes Gastschild über der Türe zeigte von beiden Seiten eine gemalte Strahlensonne; die öffentliche Stimme dagegen bezeichnete die Schenke gewöhnlich mit dem Namen »Zur bösen Nacht«. Bei dem Geräusch eines nahenden Reiterhaufens erschien an der Schenktür ein junger Kerl, mit Messer und Pistolen wohlbewehrt; nachdem er hingeblickt, ging er wieder hinein und zeigte es drei Bewaffneten an, welche an einem Tische saßen und mit schmutzigen, wie Ziegel umgebogenen Karten spielten. Der eine, wie es schien der Hauptmann, stand auf, begab sich nach der Pforte, erkannte einen Freund seines Herrn und verneigte sich vor ihm. Don Rodrigo erwiderte mit vieler Höflichkeit den Gruß und fragte, ob der Herr sich im Schlosse befände; nachdem jener ihm geantwortet, er glaube wohl, stieg er vom Pferde und warf dem Geradetriff, einem Bravo seines Gefolges, den Zügel zu. Darauf nahm er sich die Flinte ab und übergab sie dem Bergmann, einem andern Bravo, um sich dem Anschein nach von einer unnützen Last zu erleichtern und behender hinaufgehen zu können; in der Tat aber, weil er wohl wußte, daß es niemandem erlaubt war, die Anhöhe mit einem Schießgewehr zu betreten. Darauf holte er einige Silberstücke aus der Tasche und gab sie dem Höhlenloch, einem dritten Bravo, mit den Worten: »Bleibt hier und erwartet mich; könnt Euch indessen mit den wackern Leuten da ein wenig lustig machen.« – Endlich zog er einige Goldscudi hervor, legte sie jenem Anführer der Bewaffneten in die Hand und hieß ihn die eine Hälfte für sich behalten, die andre Hälfte aber unter seine Leute verteilen. Zuletzt begab er sich mit dem Grauen, welcher gleichfalls seine Flinte abgelegt hatte, auf den Weg zur Anhöhe. Währenddessen blieben die drei genannten Bravi mit dem vierten, dem Wirrwarrling, mit den dreien des Ungenannten und dem jungen Kerl, der gleichfalls für den Galgen heranwuchs, zurück, spielten, zechten und erzählten einander ihre Heldenzüge. Ein andrer Raufer des Ungenannten, welcher hinaufstieg, holte kurz darauf den vornehmen Gast ein; er betrachtete ihn, erkannte ihn und bot sich ihm zur Begleitung an. So war Don Rodrigo der Unannehmlichkeit überhoben, seinen Namen sagen und einem jeden, welchem er begegnen würde, Auskunft über sich geben zu müssen. Zum Schlosse gelangt und hineingelassen, während der Graue jedoch an der Türe zurückblieb, ward er durch einen wahren Irrweg von dunklen Hallengängen geführt und kam durch verschiedene Säle, deren Wänden mit Flinten, Säbeln und Partisanen behängt waren. In einem jeden stand ein Bravo als Wache da. Nachdem er darauf ein wenig hatte warten müssen, ließ man ihn endlich in das Zimmer treten, darin der Ungenannte sich befand. Dieser ging ihm, seinen Gruß erwidernd, entgegen. Dabei warf er einen flüchtigen Blick auf Hände und Gesicht des Eintretenden; es war seine Gewohnheit, und selbst wenn alte, geprüfte Freunde ihn besuchten, verfuhr er bereits, ohne es zu wollen, auf dieselbe Weise. Er war von hoher Gestalt, kahl und von der Sonne wie verbrannt; das kahle Haupt, das Grau der wenigen Haare, die ihm geblieben, und die Runzeln des Gesichtes ließen beim ersten Anblick auf ein Alter weit über die Sechzig hinaus schließen; doch hatte er sie eben erst zurückgelegt; die Haltung aber und die Bewegungen, die zurückgebliebene Stärke der Gesichtszüge und ein dunkles Feuer, welches seinen Augen entsprühte, verkündeten einen rüstigen Körper, eine kraftvolle Seele, die auch an einem jungen Manne etwas Außerordentliches gewesen wären. Don Rodrigo sagte, er komme, um Rat und Hilfe sich zu holen; er stehe bei einem schwierigen Unternehmen, wo seine Ehre ihm keinen Rückschritt erlaube; er habe daher sich die Versprechungen eines Mannes ins Gedächtnis zurückgerufen, welcher nie zuviel und niemals vergebens verspreche, und so setzte er den verwickelten Handel, in den seine Lasterhaftigkeit ihn hineingezogen, auseinander. Der Ungenannte, welcher schon etwas davon, aber nicht deutlich wußte, hörte die Erzählung aufmerksam mit an; teils weil er an dergleichen Geschichten ein Wohlgefallen hatte, vorzüglich aber, weil ein Name darin vorkam, der ihm ebenso verhaßt wie bekannt war, der Name des Bruders Cristoforo, des erklärten Tyrannenfeindes mit Worten und, wo er konnte, mit Taten. Der Erzähler gab sich Mühe, die Schwierigkeiten der Unternehmung übertrieben darzustellen; die Entfernung des Ortes, ein Kloster, eine Nonne von so hoher Geburt – bei diesem Worte fiel ihm der Ungenannte, als wenn im Herzen ein verborgener Dämon des Verderbens es ihm gebot, plötzlich in die Rede und rief: er würde das Beginnen auf sich nehmen. Er merkte sich den Namen unsrer armen Lucia und entließ seinen Gast mit dem Bescheide: »Binnen kurzem sollt Ihr Nachricht von mir erhalten, was Ihr zu tun habt.« Wenn sich der Leser jenes unseligen Egidio erinnert, welcher dicht am Nonnenkloster zu Monza wohnte, so wisse er jetzt, daß er einer der innigsten und vertrautesten Frevelgenossen des Ungenannten war; aus dieser Ursache hatte dieser so schnell und entschlossen sein Wort zu geben vermocht. Dessenungeachtet sah er sich kaum allein, als er auch schon, wir wollen nicht sagen, es bereute, doch aber einen Ärger empfand, daß er es gegeben. Schon seit einiger Zeit war er seines frevelhaften Wandels überdrüssig, wofern es nicht die leise Verkündung von Gewissensbissen war. Die zahllose Menge von Untaten, welche sich freilich mehr in seinem Gedächtnisse, als in seinem Gewissen angehäuft hatte, richtete sich bei einer jeden, die er von neuem beging, wieder frischfarbig empor und zeigte sich seinem Geiste in widriger Gestalt, in zu gedrängter Zahl; es war, als wenn ein schon lästiges Gewicht unaufhörlich an Druck zunähme. Jene Anwandlung des Widerwillens, welchen er bei seinen ersten Verbrechen empfunden und nachher als ein besiegtes Gefühl fast gänzlich verlernt hatte, kehrte jetzt wieder zurück und machte sich bemerkbar. Aber in jenen ersten Zeiten hatte das Bild einer langen, unbegrenzten Zukunft, die Empfindung einer rüstigen Lebenskraft sein Gemüt mit kummerlosem Vertrauen erfüllt; jetzt ganz anders: gerade die Gedanken an die Zukunft benahmen dem durchmessenen Leben auch den letzten Reiz. – Alt werden! Sterben! Und dann? – Wenn das Bild des Todes, welches bei einer nahen Gefahr, einem Feinde gegenüber, die Lebensgeister dieses Menschen zu verdoppeln pflegte und ihn mit mutatmendem Grimm beseelte, plötzlich im Schweigen der lautlosen Nacht, im sicheren Bezirk seiner Felsenburg vor seinen Augen emporstieg, so schlug es ihn – eine bemerkenswerte Erscheinung – mit gewaltsamer Bestürzung zu Boden. Hier drohte kein Feind, der selbst sterblich war, mit dem Tode; hier konnte dieser Feind nicht mit stärkeren Waffen, mit gewandterem Arme zurückgetrieben werden; er kam allein, entstand gleichsam im Zimmer selbst; er war vielleicht noch fern, rückte aber mit jedem Augenblick einen Schritt näher und schlich herbei, während die Seele sich schmerzlich anstrengte, jeden Gedanken an ihn zu entfernen. In früheren Zeiten hatte das vielfache Beispiel, das beständige Schauspiel der Gewalttätigkeit, der Rache und des Mordes mit wilder Nacheiferungssucht ihn begeistert, ihm zugleich als eine Art von höherem Gegengewicht zur Bekämpfung des Gewissens gedient; jetzt entwickelte sich allmählich in seinem Geiste der verworrene, aber schreckliche Gedanke an ein Gericht, das jedes einzelnen harrt, an eine Rechenschaft, vom Beispiel unabhängig; daß er also aus dem gewöhnlichen Haufen der Frevler hervorgetreten, alle überragte, überraschte ihn bisweilen mit dem Bewußtsein einer entsetzlichen Einsamkeit. Nur sprechen hatte er von Gott gehört; gewohnt zu leben, als wenn es keinen gäbe, mochte er seit langer Zeit ihn weder leugnen noch erkennen; jetzt aber schien ihm in gewissen Augenblicken einer grundlosen Niedergeschlagenheit, eines gefahrlosen Schreckens dieser Gott in seinem eigenen Busen zuzurufen: Ich bin dennoch! In der ersten Glut der Leidenschaften war das Gesetz, welches er im Namen dieses Gottes ankündigen gehört, ihm nur verhaßt erschienen; wenn es jetzt sich unversehens seinem Geiste darstellte, betrachtete er es wider Willen als eine Sache, die ihre Erfüllung erhalten. Niemals aber ließ er von dem allen etwas durchschimmern, weder durch Worte noch durch Handlungen verriet er die neue Unruhe; er bedeckte sie aufmerksam und verlarvte sie mit dem Trugschein einer finsteren, begründeten Wildheit; damit suchte er sie zugleich sich selbst zu verbergen oder zu ersticken. Die Tage, da er seine Verbrechen ohne Gewissensbisse zu verüben gewohnt war und der Erfolg allein ihn bekümmerte, konnte er weder vernichten noch vergessen; aber er beneidete seine Vergangenheit um sie, er bemühte sich auf alle Weise, sie zurückzurufen, wollte den alten vollen Willen in seiner sorgenfreien Kühnheit wieder herbeiziehen und sich so überzeugen, daß er noch derselbe Mensch sei. Daher hatte er auch bei dieser Gelegenheit, um jedem bedenklichen Schwanken zuvorzukommen, dem Gaste im Augenblick sein Wort verpfändet. Kaum aber war dieser fortgegangen, so fühlte er den Entschluß, den er sich selbst anbefohlen hatte, wieder matt werden; allmählich tauchten in seinem Geiste Gedanken auf, welche ihn in Versuchung führten, das gegebene Wort fahren zu lassen und vor einem Freunde, vor einem untergeordneten Mitverbrecher sich kleinmütig zurückzuziehen. Um diesen peinlichen Kampf mit einem einzigen Streich zum Schweigen zu bringen, ließ er den Geier rufen, einen der gewandtesten und waghalsigsten Diener seiner Ausschweifungen, durch welchen er gewöhnlich sein Verständnis mit jenem Egidio unterhielt. Mit entschlossener Miene gebot er ihm, sogleich ein Pferd zu besteigen, geradeswegs nach Monza zu reiten, dem Freunde die Verpflichtung, die er übernommen hatte, kundzutun und ihn um Hilfe und Anweisung zu bitten. Schneller, als sein Herr ihn erwartete, kehrte der abgesandte Schurke mit Egidios Antwort zurück; das Unternehmen sei leicht und sicher; der Ungenannte möchte nur sogleich eine Kutsche schicken, die man nicht kenne, mit ihr sollten zwei oder drei wohlvermummte Bravi kommen; in Hinsicht alles übrigen nehme Egidio die Sorge auf sich und würde die Sache leiten. – Wie es auch im Herzen sich ihm regte, gab der Ungenannte dennoch dem Geier eiligst den Auftrag, dem Anerbieten gemäß alles vorzubereiten und mit zwei anderen, die er ihm bezeichnete, sich zur Ausführung auf den Weg zu machen. Hätte Egidio zur Ausführung des entsetzlichen Dienstes, welcher von ihm verlangt wurde, nur auf seine gewöhnlichen Hilfsmittel rechnen dürfen, so würde er gewißlich sich nicht so schnell zu einem so entschiedenen Versprechen verstanden haben. Aber in jenem Zufluchtsorte selbst, wo alles ein Hindernis zu sein schien, hatte der zügellose Jüngling ein Werkzeug, ihm nur allein bekannt, und was für andere die größte Schwierigkeit gewesen wäre, mußte ihm gerade den Weg bahnen. Wir haben erzählt, wie die unglückliche Tochter des Fürsten einst seinen Worten Gehör gegeben, und der Leser wird von selbst geschlossen haben, daß dies damals nicht zum letzten Male geschehen; es war nur der erste Schritt auf einem blutigen Wege der Abscheulichkeit. Dieselbe Stimme, welche bereits eine Gebieterin geworden war und mit mächtigem Gewichte zum Verbrechen aufforderte, verlangte jetzt von der bedauernswerten Verbrecherin die Aufopferung der Unschuldigen, welche man ihrer sorgsamen Hut anvertraut hatte. Gertruden setzte der Antrag in Schrecken. Schon durch einen unerwarteten Zufall, ohne Schuld, Lucien zu verlieren, hätte ihr ein Unglück, eine empfindliche Strafe geschienen, denn sie hatte das Mädchen liebgewonnen. Jetzt mutete man ihr zu, sich des Mädchens mit einer frevelhaften Treulosigkeit zu berauben, das Mittel zur Sühnung in eine neue Gewissensqual zu verwandeln. Die Unglückliche versuchte alle Wege, um sich dem entsetzlichen Gebote zu entziehen, nur den einzigen nicht, welcher unfehlbar geglückt hätte und ihrer Wahl freistand. Das Verbrechen ist ein strenger, unbeugsamer Herr, und mit Erfolg widersteht ihm nur derjenige, welcher aus allen Kräften sich dagegen waffnet. Dazu mochte Gertrude sich nicht entschließen und gehorchte. Der Tag war festgesetzt, die verabredete Stunde nahte; Gertrude hatte sich mit Lucien in ihr besonderes Sprechzimmer zurückgezogen und überhäufte sie zärtlicher als gewöhnlich mit Liebkosungen. Lucia empfing sie freudig und vergalt sie mit steigender Zärtlichkeit, wie ein Lamm, welches unter der Hand des Schäfers, der es freundlich streichelt, unkundig zittert und eben diese Hand gedankenlos leckt; es weiß nicht, daß der Fleischer, welchem der Schäfer vor wenigen Minuten es verkauft hat, vor dem Schafstalle wartend dasteht. »Ich bedarf einer großen Gefälligkeit,« begann Gertrude, »und du allein kannst sie mir erzeigen. So viele Diener stehen da, mir Gehorsam zu leisten; keine Seele aber, der ich mich anvertrauen dürfte. Es liegt mir ein höchst wichtiges Geschäft am Herzen – ich will's dir nachher erzählen; deshalb muß ich auf der Stelle den Pater Guardian der Kapuziner sprechen, denselben, der dich, meine arme Lucia, hier bei mir eingeführt hat; keiner auf Erden aber darf erfahren, daß ich nach ihm geschickt habe. Ich weiß niemanden als dich, um heimlich den dringenden Auftrag zu übernehmen.« Lucia schauderte vor einer solchen Zumutung zurück. Mit ihrer angeborenen Schamhaftigkeit, doch nicht ohne einen starken Ausdruck der Verwunderung führte sie augenblicklich, um sich von dem Auftrag zu befreien, die Gegengründe an, welche die Nonne notwendig billigen mußte und ohne Zweifel selbst vorhergesehen hatte; ohne die Mutter, ohne Begleitung, auf einem einsamen Wege, in einer unbekannten Gegend ... Gertrude aber war in einer höllischen Schule zur Meisterin erzogen worden. In einem Mädchen, welchem sie so vielfache Wohltaten erzeigt hatte, eine solche Widerspenstigkeit zu finden, schien sie in eine weit größere Verwunderung zu setzen; sie ließ den verdrießlichsten Unwillen blicken und bewies, wie grundlos Luciens Entschuldigungen seien. Am hellen Tage, ein kurzer Spaziergang, ein Weg, den Lucia wenige Tage vorher gemacht hatte, den auch ein Mensch, ohne ihn je berührt zu haben, nach der bloßen Angabe schon unmöglich verfehlen konnte. Sie verstand zu reden, und das arme Mädchen, zu gleicher Zeit von Dankbarkeit und Scham bewogen, ließ sich die Worte entschlüpfen: »Nun wohl, was hab' ich dort zu tun?« »Geh zum Kloster der Kapuziner« – sie beschrieb ihr den Weg noch einmal – »laß dir den Pater Guardian herausrufen und sag ihm, er möchte auf der Stelle zu mir kommen; es darf dir aber keiner anmerken, daß ich dir den Auftrag dazu gegeben habe.« »Was soll ich aber der Schwester Wirtschafterin sagen? Sie sah mich noch niemals hinausgehen und wird also fragen, wohin ich will!« »Du mußt durchzukommen suchen, ohne daß einer dich sieht. Läßt sich das aber nicht tun, so sag' ihr, du gehst nach der und der Kirche, habest versprochen, dein Gebet dort zu verrichten.« Lügen – eine neue Schwierigkeit für Lucien. Die Edelnonne zeigte sich jedoch abermals gegen jeden Widerspruch so empört, stellte Weigerung und Dankbarkeit so unverträglich nebeneinander, daß die Arme, mehr betäubt als überzeugt, unfähig, ihren Widerstand länger zu verteidigen, zur Antwort gab: »Nun gut denn, ich gehe. Gott stehe mir bei!« – Und so machte sie sich auf. Gertrude folgte ihr vom Gitter aus mit starrem, finsterem Blicke. Sie sah sie den Fuß auf die Schwelle setzen, fühlte sich von einer unwiderstehlichen Empfindung übermannt, bewegte unwillkürlich die Lippen und rief: »Höre, Lucia!« Diese wandte sich um und kehrte nach dem Gitter zurück. Schon aber hatte ein andrer, ein vorherrschender Gedanke in Gertrudens unseligem Geiste das Übergewicht gewonnen. Sie tat, als wäre sie mit der gegebenen Anweisung nicht zufrieden, erklärte sich noch einmal über Weg und Auftrag und entließ sie dann mit den Worten: »Tu alles, was ich dir gesagt habe, und kehre recht bald zurück.« – Lucia ging. Ohne bemerkt zu werden, trat sie zum Tore des Klosters hinaus, ging, sich dicht an die Mauer haltend, mit gesenktem Blicke auf der gebotenen Straße fort und fand sich ohne Schwierigkeit zum Flecken hinaus. Darauf wanderte sie schüchtern und zitternd die Hauptstraße entlang und erkannte bald den Seitenweg, der nach dem Kloster hinführte. Dieser Weg lag und liegt noch jetzt, wie das Bett eines Flusses, in der Tiefe zwischen zwei Seitenwänden, welche mit Bäumen besetzt sind; beide Baumreihen wölben sich gleich einer Decke darüber hin. Lucia trat hinein, fand sie durchaus einsam und menschenleer, fühlte ihr Grauen steigen und beflügelte die Schritte; nach einer kleinen Strecke indessen richtete sich ihr Mut wieder ein wenig empor, sie bemerkte eine stillhaltende Reisekutsche und daneben, vor dem geöffneten Schlage, zwei Reisende, welche nach allen Seiten, wie des Weges unkundig, umherblickten. Näher gekommen, hörte sie den einen sagen: »Da läßt sich ja ein braves Mädchen sehen, die wird uns die Straße zeigen.« – Und wirklich, sobald sie sich dicht bei der Kutsche befand, wandte sich derselbe Mann höflicher, als sein Aussehen es erwarten ließ, ihr zu und sagte: »Liebes Mädchen, könntet Ihr uns wohl auf die Straße nach Monza zurechtweisen?« »Sie haben sich ganz nach der unrechten Seite hingewandt,« antwortete die Arme. »Monza liegt dort.« – Indem sie sich zurückwandte, mit dem Finger danach zu deuten, umschlang sie der andre Gefährte – es war der Geier – plötzlich mitten um den Leib und hob sie von der Erde auf. Lucia drehte den Kopf erschrocken zurück und erhob ein Geschrei; der Schandsöldner schwang sie in die Kutsche; ein Mensch, der drinnen saß, ergriff sie und zwang sie, während sie vergebens sich loszuwinden suchte, ihm gegenüber zu sitzen; ein anderer drückte ihr ein zusammengewundenes Tuch in den Mund und erstickte ihr den Angstruf in der Kehle. Währenddessen warf sich der Geier gleichfalls hastig in den Wagen; der Schlag wurde zugeworfen, und in vollem Laufe rollte die Kutsche davon. Der dritte, welcher die verräterische Frage getan, blieb auf dem Wege zurück und sah sich in ängstlicher Eilfertigkeit um; niemand ließ sich blicken. Sodann sprang er zu der einen Seitenwand hinauf, faßte einen Stamm des Heckenstrauches, der oben wuchs, schlüpfte hindurch und trat in ein niedriges Eichengebüsch, welches längs der Straße eine Strecke hinlief. Dort versteckte er sich, um von den Leuten, die auf das Geschrei vielleicht herbeieilen konnten, nicht bemerkt zu werden. Es war einer von Egidios Bewaffneten; er hatte bei der Pforte des Klosters aufgepaßt, hatte Lucien herauskommen sehen und Kleid und Gestalt sich gemerkt; nachher war er auf einem Richtpfade vorausgerannt, um sie an der verabredeten Stelle zu erwarten. Wer könnte Luciens Schrecken, wer ihre Angst schildern oder ausdrücken, was in ihrer Seele vorging? In ängstlicher Bemühung, sich von ihrer entsetzlichen Lage zu überzeugen, öffnete sie die scheuen Augen und schloß sie, beim Anblick dieser Gesichter zusammenschaudernd, sogleich wieder; sie wollte sich loswinden, ward aber von allen Seiten festgehalten; sie bot ihre äußersten Kräfte auf und suchte gewaltsam sich nach dem Kutschenschlage hinzudrängen, aber zwei nervige Arme hielten sie an den Hintersitz des Wagens gefesselt, vier andre riesenhafte Hände leisteten ihre unwiderstehliche Hilfe dabei. Sooft ihre Angst sich in einem Geschrei zu lüften versuchte, erstickte das Knebeltuch es ihr in der Kehle. Währenddessen wiederholten ihr drei teuflische Gestalten, mit einer menschlicheren Stimme, als ihrem Munde beschieden zu sein schien, sie möchte keine Furcht haben, es sollte ihr kein Haar gekrümmt werden. Nach einigen Minuten eines so qualvollen Kampfes schien sie sich zu beruhigen; sie strengte die Arme nicht mehr an, ließ den Kopf zurücksinken, hob mit Mühe die Augenlider und sah mit bewegungslosem Blicke vor sich hin; die scheußlichen Gesichter, von welchen sie umgeben war, schienen ihr in unnatürlicher Mischung zusammenzufließen und schwammen, wie ein einziges Nebelbild des Entsetzens, vor ihren Augen; aus ihrem Antlitz floh die Farbe, ein kalter Schweiß bedeckte es; das Leben verließ sie, sie sank in Ohnmacht. – Mit ungewöhnlicher Bekümmernis, in gespannter Rastlosigkeit stand der Ungenannte auf seiner Felsenburg harrend da. Seltsam! Der Mann, welcher mit ungerührtem Herzen über so manches Leben entschieden, welcher die ängstliche Pein, womit er andre marterte, bei so vielen Handlungen seiner Frevelwut für nichts achtete und nur eine unmenschliche Rachelust sich darin ergötzen ließ, der empfand jetzt bei den Leiden, die er über diese Lucia, eine Unbekannte, eine armselige Bäuerin verhängte, die Anwandlungen eines Schauders, einer Reue, ja fast eines Schreckens. Von einem hohen Fenster seiner Felsenburg aus spähte er schon lange nach einer Öffnung des Tales hin; da zeigte sich die Kutsche und rollte langsam daher; denn der erste Lauf bei schießenden Zügeln hatte den Mut der Pferde gedämpft und ihre Kräfte geschwächt. Wird sie darin sitzen? fragte er sich sogleich. – Was verursacht mir die Dirne für Unannehmlichkeiten! Ich will sie mir vom Halse schaffen. Er war im Begriff, einen Bewaffneten zu rufen und dem Geier sagen zu lassen, er solle umkehren und das Mädchen nach Don Rodrigos Palast bringen; aber ein gebieterisches Nein, welches plötzlich im Innern seines Geistes ertönte, verscheuchte diesen Vorsatz schnell wieder. Da ihn jedoch das Bedürfnis, irgendeinen Befehl zu geben, gleichsam quälte und es ihm unerträglich dünkte, die langsam daherschleichende Kutsche müßig zu erwarten, ließ er eine alte Frau, die sich im Schlosse befand, rufen. Diese war die Tochter eines alten Schloßwächters, auf dem Felsen geboren, welchen sie ihr ganzes Leben hindurch nicht verlassen hatte. Was sie seit ihren Kinderjahren dort gesehen und gehört, hatte ihrem Geiste einen unendlich hohen und schrecklichen Begriff von der Macht ihrer Herren eingeprägt; der vorzüglichste Grundsatz aber, welchen sie aus Lehre und Beispiel für immer sich gemerkt, bestand darin, daß sie den Gebietern, da sie unendlich viel Böses und unendlich viel Gutes zu tun vermochten, in allen Stücken Gehorsam leisten müsse. »Du siehst da unten die Kutsche!« sagte der Herr zu ihr. »Ich sehe sie,« antwortete die Alte, indem sie das spitze Kinn vorstreckte, und strengte die hohlen Augen an. »Richte augenblicklich eine Sänfte ein; setz' dich hinein und laß dich hinab ›Zur bösen Nacht‹ tragen. Geschwind, geschwind, damit du da bist, ehe die Kutsche noch hinkommt. In der Kutsche ist ... muß ein junges Mädchen sein. Ist sie drin, so laß ich dem Geier sagen, er soll sie in die Sänfte setzen und sogleich zu mir heraufkommen. Dann kannst du neben dem jungen Mädchen in der Sänfte sitzen, und seid ihr hier oben, führst du sie in dein Zimmer. Wenn sie dich fragt, wohin du sie bringst, wessen das Schloß ist, so nimm dich ja in acht ...« »O!« sagte die Alte. »Sprich ihr aber Mut zu,« gebot der Herr. »«Was soll ich ihr sagen?« »Was du ihr sagen sollst? Mut sollst du ihr zusprechen. Bist du so alt geworden und weißt nicht, wie man einem Mut zuspricht, wenn's sein muß? Ist dir niemals bange ums Herz gewesen? Hast du niemals Furcht gehabt? So wirst du wohl wissen, was für Worte in solchen Augenblicken am besten wirken. Sag ihr solche Worte, ersinne welche, wenn dir dein Leben lieb ist. Und nun geschwind!« Sobald sie hinausgegangen war, blieb er noch einige Zeit am Fenster stehen und heftete die Augen fortwährend auf die Kutsche, welche schon in bedeutender Größe sich darstellte. Die Sonne sank in dem Augenblick hinter das Gebirge hinab, und die braunen Wolken am Himmel füllten sich schnell mit flammendem Purpur. Der Ungenannte blickte zur Sonne hin und hinauf in die Wolken, schloß das Fenster, zog sich zurück und schritt in seinem Zimmer mit der Schnelligkeit eines eilfertigen Wanderers auf und nieder. Drittes Kapitel. Die Alte lief davon, um zu gehorchen oder mittels der Gewalt des Namens, dessen Klang im Schlosse dort alles in Bewegung setzte, ihre Befehle zu erteilen. Alles setzte der Name in Bewegung; denn keiner konnte sich denken, daß jemand ihn fälschlich zu gebrauchen sich unterfangen sollte. Sie langte in der »Bösen Nacht« wirklich ein wenig früher an, als die Kutsche sich dort sehen ließ; sobald sie diese kommen sah, stieg sie aus der Sänfte, gab dem Kutscher ein Zeichen stillzuhalten, trat zum Schlage und flüsterte dem Geier, welcher den Kopf heraussteckte, den Willen des Herrn zu. Bei dem Stillstehen des Fuhrwerkes rüttelte sich Lucia auf und kam aus einer Art von starrem Todesschlafe zurück. Ein neues Entsetzen überschlich sie mit kaltem Grauen, sie riß Mund und Augen auf und spähte um sich her. Der Geier hatte sich zurückgezogen; die Alte reckte das Kinn gegen den Kutschenschlag empor, betrachtete Lucien und sagte: »Kommt, armes junges Mädchen, kommt; kommt mit mir, ich hab Befehl, Euch gut zu behandeln und Euch Mut einzuflößen.« Beim Ton einer weiblichen Stimme gab sich im Herzen unsrer Unschuldigen ein Trost, eine augenblickliche Ermutigung zu erkennen; bald aber fiel sie in ein finstereres Erschrecken zurück. – »Wer seid Ihr?« fragte sie mit zitternder Stimme und heftete den erstaunten Blick fest auf das Gesicht der Alten. »Kommt, kommt, armes Kind!« wiederholte diese. Der Geier und seine beiden Genossen schlossen aus der ungewöhnlichen Sanftmut in Stimme und Worten des Weibes, welches die Absichten des Herrn wären, und trugen das ihrige dazu bei, die Entführte mit milder Überredung zum Gehorsam zu bewegen. Lucia aber spähte noch immer nach draußen; der wilde, unbekannte Ort und die Sicherheit seiner Wächter zerstörten jede Hoffnung auf rettende Hilfe; dennoch trat ihr, wie von selbst, das Angstgeschrei wieder zur Kehle herauf. Zugleich aber drohte auch das grimmige Auge des Geiers mit dem Knebeltuche; sie schwieg, erbebte, drehte sich weg, ward herausgenommen und in die Sänfte gesetzt. Nach ihr stieg die Alte hinein; der Geier indessen beauftragte die beiden andern Mordgesellen, als Begleitung hinterherzugehen, und eilte zum Schlosse voran, um auf den Ruf seines Herrn sich zu stellen. Währenddessen war der Ungenannte zur Pforte des Schlosses getreten und schaute hinab; wie vorher die Kutsche, kam auch jetzt die Sänfte langsam, langsam herauf; näher aber, sich immer weiter von ihr entfernend, eilte der Geier daher. Als dieser den Gipfel erreicht hatte, gebot ihm sein Herr, herbeizutreten, und ging ihm in ein Gemach der Felsenburg voran. »Nun, wie sieht's aus?« sagte er endlich und stand still. »Alles auf ein Haar,« antwortete der Geier mit tiefem Bückling, »die Nachricht wie das Mädchen auf die Minute, keine Seele ringsherum, ein einziger Mund zum Schreien, kein Störer, der Fuhrmann rasch, die Pferde tüchtig, niemand, der uns begegnet wäre; aber ...« »Was für ein Aber?« »Aber, die Wahrheit gestanden, Herr, ich hätte zehnmal lieber gewollt, es wär' mir befohlen worden, ihr eine Kugel ins Kreuz zu jagen, ohne sie sprechen zu hören, ohne ihr ins Gesicht zu sehen.« »Was heißt das? Was soll damit gesagt sein?« »Ich meine, die ganze Zeit über ... 's hat mich beinahe wie ein Mitleid angewandelt.« »Mitleid! Was weißt du von Mitleid? Was ist das für ein Ding, das Mitleid?« »Ich hab's all mein Lebelang nicht so merklich begriffen wie diesmal; das Mitleid, Herr, ist ein Nachbar, der hart neben der Furcht wohnt, und wenn sich's einer über den Kopf wachsen läßt, so ist er kein Mann mehr.« Ich mag sie hier im Hause nicht – dachte währenddessen der Ungenannte. Zur unglückseligen Stunde hab' ich die Verpflichtung auf mich genommen; ich hab's aber einmal versprochen. Wenn sie erst wieder weg sein wird ... Er erhob das Gesicht mit gebieterischer Miene gegen den Bravo und sagte: »Gib dem Mitleid jetzt den Laufpaß, setz dich zu Pferde, nimm einen Begleiter, zwei, wenn du willst, und reite flink drauf los, bis du vor Don Rodrigos Schloß stehst. Sag' ihm, er soll sogleich herschicken, aber sogleich; denn sonst ...« Doch ein zweites Nein, welches gebieterischer als das erste in seinem Busen sich hören ließ, erstickte ihm den Befehl im Munde. – »Nein,« sagte er mit entschiedener Stimme, als wollte er das Gebot dieses geheimen Rufes sich deutlicher wiederholen, »nein, geh und ruhe aus. Morgen ... wirst du tun, wie ich dir befehlen werde.« Die Dirne hat einen Dämon in ihrem Dienste, sprach er darauf, als er sich allein sah. Er stand aufrecht, kreuzte die Arme vor der Brust und sah mit unbewegtem Blicke auf das Pflaster hin, wo der Schimmer des Mondes, durch ein hohes Fenster hereinfließend, ein Viereck mit seinem bleichen Glanze bedeckte, während die Eisenstäbe und die Scheiben des Fensters es gleich einem Schachbrett in kleine Felder teilten. – Einen Dämon oder ... einen schützenden Engel! Der Geier und Mitleid! Aber morgen, morgen beizeiten, fort mit ihr, wohin sie gehört, und nun kein Wort mehr über die Dirne verloren! – Er befahl sich gleichsam, wie man einem ungelehrigen Knaben befiehlt, obschon man im voraus weiß, daß er keinen Gehorsam leisten wird: mit keinem Gedanken weiter ihrer erwähnt! Der Don Rodrigo, der lüsterne Tölpel, soll mir nicht erst herkommen, mir den Kopf mit seinen Danksagungen heiß zu machen; ich will von der Dirne nicht ferner reden hören. Ich hab' ihm den Dienst geleistet, weil ich's ihm versprochen habe; versprochen hab' ich's ihm, weil ... weil's einmal meine Bestimmung ist. Er soll ihn mir aber gehörig bezahlen, diesen Dienst. Wir wollen einmal sehen ... Und so jagte er allerlei seltsame Grillen auf, um für Don Rodrigo zur Vergeltung und fast zur Strafe eine schwierige Aufgabe zu ersinnen; aber immer fuhren ihm von neuem die Worte: Der Geier und Mitleid! unterbrechend durch die Gedanken. – Wie muß sie das angefangen haben? fragte er sich, von diesem Gedanken hingerissen. – Ich will sie sehen. – Nein. – Ja, ich will sie sehen! Er eilte durch mehrere Gemächer, kam an eine kleine Treppe, stieg tappend hinauf und ging nach dem Zimmer des alten Weibes hin, wo er mit dem Fuß gegen das Türblatt stieß. »Wer ist da?« »Mach auf!« Bei dieser Stimme eilte die Alte in wenigen Sprüngen herbei; klirrend glitt der Riegel durch die Ringe, und die Türe ging auf. Von der Schwelle aus warf der Ungenannte einen Blick ins Zimmer und sah beim Schein einer Lampe, die auf einem dreieckigen Tischchen stand, im hintersten Winkel der Stube Lucien niedergekauert auf der Erde sitzen. »Wer hat dir denn befohlen, Verdammte,« sprach er mit zürnender Miene, »sie wie einen Sack voll Lumpen an der Erde liegen zu lassen?« »Es war ihr eigener Wille, sich dort hinzusetzen,« antwortete die Alte demütig; ich hab' mein möglichstes getan, um ihr Mut zu machen; sie muß es selber sagen; es schlägt aber nichts an.« »Steht auf!« sagte er zu Lucien und trat näher. Lucia aber, deren zagendes Gemüt die Fußtritte, das Pochen, die Stimme wie das Öffnen der Türe mit neuem, geheimnisvollerem Zagen erfüllt hatten, saß furchtsamer als je zusammengeduckt im Winkel da und bedeckte das Gesicht mit beiden Handflächen. Ihre einzige Bewegung bestand im Zittern. »Steht auf,« wiederholte der Herr. »Es soll Euch kein Leid geschehen, ich kann Euch Gutes erzeigen. Steht auf!« donnerte darauf dieselbe Stimme, erzürnt, zweimal vergebens befohlen zu haben. Wie von ihrem Schrecken wieder zu Kräften gekommen, richtete sich augenblicklich das unglückliche Mädchen auf die Knie empor; sie faltete die Hände, als läge sie vor einem heiligen Bilde betend da, erhob die Augen zu dem Manne empor, welcher vor ihr dastand, senkte sie sogleich wieder und sagte: »Hier bin ich, töten Sie mich.« »Ich habe gesagt, ich will Euch nichts Böses tun,« erwiderte der Ungenannte mit gemilderter Stimme und betrachtete die Züge dieses Gesichts, in welchem Kummer und Schrecken mit verwüstender Gewalt zu wetteifern schienen. »Mut, Mut!« rief die Alte, »wenn er selber Euch sagt, daß er Euch nichts Böses tun will ...« »Und warum,« begann Lucia mit einer Stimme, in welcher durch das Beben des Schreckens hindurch sich gewissermaßen die Entschiedenheit eines verzweifelten Unwillens vernehmen ließ, »warum lassen Sie mich solche Höllenleiden ausstehen? Was hab' ich Ihnen getan?« »Haben sie Euch etwa schlimm behandelt? Redet!« »Schlimm behandelt? Sie haben mich verräterischerweise ergriffen, mit Gewalt! Warum? Warum haben sie mich ergriffen? Warum bin ich hier? Und wo bin ich? Ein armes Geschöpf! Was hab' ich Ihnen getan? Im Namen des ewigen Gottes ...« »Gott, Gott,« unterbrach sie der Ungenannte, »und immer Gott; wer sich nicht selbst verteidigen kann und keine Macht bei der Hand hat, der stellt alle Augenblicke diesen Gott ins Feld, als wenn er ihn gesprochen hätte. Was meint Ihr mit dem Wort da zu sagen? Mich etwa ...« er redete nicht aus. »O Herr! Was ich damit meine? Was will ich Arme anders damit, als Sie um Ihr Erbarmen flehen? Für einen einzigen Schritt des Erbarmens verzeiht Gott so viele Dinge! Lassen Sie mich hinaus, ich beschwöre Sie, lassen Sie mich hinaus! Wer selbst einmal sterben muß, der sollte ein armes Geschöpf nicht so leiden lassen. Ach, Sie können befehlen; befehlen Sie, daß man mich gehen lasse. Mit Gewalt haben sie mich hierher geschleppt. Lassen Sie mich noch einmal neben dieser Frau sitzen und mich nach *** bringen, wo meine Mutter ist. Heilige Jungfrau! Meine Mutter! Meine Mutter, Erbarmen, meine Mutter! Vielleicht ist sie nicht weit von hier ... ich habe meine Berge gesehen. Warum lassen Sie mich leiden? Lassen Sie mich in eine Kirche bringen; für Sie beten will ich, mein ganzes Leben hindurch. Was kostet es Sie, ein einziges Wort zu sagen? Ach, sehen Sie! Das Mitleid regt sich in Ihnen; ein einziges Wort, sprechen Sie es aus! Für ein Werk des Erbarmens verzeiht Gott so viele Dinge!« Warum ist es nicht die Tochter eines von den Niederträchtigen, die mich aus dem Lande getrieben haben! dachte der Ungenannte, eines von den Schurken, die mich so gern als Leiche möchten daliegen sehen! Ich wollte mich jetzt an ihrem Gejammer laben, und statt ... »Nein, weisen Sie die gute Eingebung nicht von sich!« fuhr Lucia lebhaft fort. Das Schwanken, welches sie in Miene und Gebärde ihres Tyrannen gewahrte, gab ihrem Mute wieder neues Leben. »Wenn Sie kein Erbarmen mit mir haben, so wird der Herr droben es mit mir haben. Er wird mich sterben lassen, und meine Leiden haben dann ein Ende. Sie aber ... Vielleicht werden auch Sie einmal ... Aber nein, nein; ich will jederzeit zum Herrn flehen, daß er Sie schirmen möge vor allem Unglück. Was kostet es Sie, ein einziges Wort auszusprechen? Wenn Sie diese Pein empfänden ...« »Genug, seid guten Mutes,« fiel ihr der Ungenannte in die Rede und sprach die Worte mit einer Sanftmut aus, daß die Alte vor Verwunderung darüber nicht zu sich selbst kommen konnte. »Bin ich schlimm mit Euch umgegangen? Hab' ich Euch eine Drohung zu hören gegeben?« »Nein, ich sehe, Sie haben ein gutes Herz, Sie fühlen Mitleid mit einem armen verlassenen Wesen. Wär's Ihr Wille, Sie könnten mich mehr als die andern alle in Furcht setzen, könnten mich sterben lassen; statt dessen haben Sie mir das Herz ein wenig erleichtert. Gott wird es Ihnen vergelten. Vollenden Sie das Werk des Erbarmens; geben Sie mir meine Freiheit, meine Freiheit wieder.« »Morgen früh ...« »O, schenken Sie mir jetzt, jetzt die Freiheit!« »Morgen früh, sag' ich, sehen wir uns wieder. Indessen frischen Mut. Ruhet aus. Ihr müßt Hunger haben; sie sollen Euch zu essen bringen.« »Nein, nein, ich vergehe, wenn einer hier hereintritt, ich vergehe. Bringen Sie mich nach einer Kirche ... Gott wird die Schritte zählen und sie Ihnen belohnen.« »So soll Euch ein Frauenzimmer zu essen bringen,« erwiderte der Ungenannte. Er hatte es kaum ausgesprochen, so staunte er über sich selbst, wie ihm solch ein Schonungsmittel in den Sinn gekommen und wie er es ersonnen hatte, um ein unbedeutendes Mädchen zu beruhigen. »Und du,« nahm er darauf, zur Alten gewendet, schnell das Wort, »rede ihr zum Essen zu und lasse sie in dem Bett da schlafen. Will sie dich zur Gesellschaft, gut; wo nicht, kannst du auch wohl einmal eine Nacht auf der Erde zubringen. Sprich ihr fleißig Mut zu, erhalte sie bei Laune. Und daß sie sich nicht etwa über dich zu beklagen hat!« Mit diesen Worten wandte er sich rasch der Türe zu. Lucia sprang auf, stürzte ihm nach, um ihn zurückzuhalten, und wollte ihr Flehen erneuern; er war aber bereits verschwunden. »Ich Arme! – Schließt zu, schließt geschwind zu!« Nachdem sie die Türflügel zusammenschlagen und den Riegel klirren gehört hatte, kauerte sie in ihrem Winkel wieder schüchtern nieder. – »Ich Arme!« rief sie schluchzend von neuem. »Zu wem soll ich nun flehen? Wo bin ich? Sagt Ihr es mir, sagt mir aus Erbarmen, wer ist der Herr, der Herr, welcher mit mir gesprochen hat?« »Wer er ist, he? Wer er ist? Ich soll's Euch sagen, wollt Ihr. Wart, ich will's dir sagen. Weil er Euch in Schutz nimmt, kommt Euch schon der Hochmut an; wollt Eure Neugier satt speisen und mich in des Teufels Klauen bringen. Fragt ihn selber. Wollt ich Euch auch darin zu Willen sein, so dürft ich auf so gute Worte nicht rechnen, wie Ihr sie zu hören bekommen habt. – Ich bin ein altes Weib,« fuhr sie zwischen den Zähnen murmelnd fort. »Verdammtes junges Volk, mag lachen oder weinen, 's hat doch immer recht.« – Da sie aber Lucien schluchzen hörte, gedachte sie schnell des drohenden Befehles; sie neigte sich zu ihr hin und sagte mit milderer Stimme: »Laßt gut sein, ich hab Euch nichts Schlimmes gesagt; seid lustig. Fragt mich nicht nach Dingen, die ich Euch nicht sagen kann, und im übrigen habt guten Mut. O, wenn Ihr wüßtet! Wie viele Leute wären herzlich froh, wenn sie ihn so hätten sprechen gehört, wie Ihr ihn gehört habt! Seid lustig, das Abendessen muß gleich da sein, und ich, ich weiß hier Bescheid ... wie er mit Euch gesprochen hat, steht Euch was Gutes bevor. Hernach werdet Ihr Euch niederlegen – und mich auch in einem Winkelchen ruhig schlafen lassen,« setzte sie im Tone des unterdrückten Grolles hinzu. »Ich will nicht essen,« rief Lucia, »ich will nicht schlafen. Laßt mich hier sitzen, drängt Euch nicht an mich, geht aber auch nicht hinaus.« »Nein, nein,« sagte die Alte, trat weg und setzte sich in einen alten Lehnstuhl, von wo aus sie die Unglückliche mit ängstlichen und zugleich gehässigen Blicken anschaute. Dann sah sie auf ihr Bett und verzehrte sich vor Ärger, daß sie die ganze Nacht darauf Verzicht leisten mußte und vergebens gegen die Kälte murrte. Doch labte sie sich wieder mit dem Gedanken an das Abendessen, mit der Hoffnung, daß auch für ihren Hunger etwas dabei sein würde. Lucia empfand von der Kälte nichts, fühlte keinen Hunger und hatte, wie von ihrem Schicksal in einen Starrkrampf versetzt, selbst von ihren Schmerzen und Schrecken nur ein verworrenes Gefühl, den Traumbildern eines Fiebernden ähnlich. Da hörte sie pochen und starrte empor. Sie wandte das erschrockene Gesicht nach der Türe und rief: »Wer ist da? Wer ist da? Es soll keiner hereinkommen!« »Nichts, nichts,« sagte die Alte. »Ein guter Gast; 's ist Martha, die zu essen bringt.« »Schließt wieder zu, schließt wieder zu!« schrie Lucia. »Ja, ja; gleich, gleich!« antwortete die Alte. Sie nahm aus den Händen der Botin einen Korb, schickte sie schnell wieder fort, schloß zu und setzte das Gebrachte auf einen Tisch mitten im Zimmer. Nun forderte sie Lucien wiederholt auf, sie möchte sich die Gerichte schmecken lassen. Um ihre Eßlust zu wecken, machte sie, nach ihrer Meinung, von den wirksamsten Redensarten Gebrauch, ergoß sich in Ausrufen über die Köstlichkeit der Speisen, »der prächtigen Bissen, womit sich gewöhnliche Leute nur die Zähne zu salben brauchen, um eine ganze Zeit hindurch sich daran zu erinnern. Wein, wie ihn der Herr mit seinen Freunden trinkt, wenn einer von den Vornehmen einspricht und sie lustig sein wollen! Hah!« – Da sie aber alle diese Zaubermittel wirkungslos fand, sagte sie: »Ihr wollt nicht. Sagt ihm also morgen nicht, daß ich Euch nicht Lust gemacht habe. Ich esse; für Euch bleibt noch immer mehr als genug übrig, wenn Ihr vernünftig sein und Euch bequemen wollt.« – So sprach sie und machte sich gierig über die Speisen her. Sobald sie ihren Hunger gestillt hatte, stand sie auf, ging nach dem Winkel, bückte sich zu Lucien nieder und ließ eine zweite Einladung ergehen, zu essen und dann sich zu Bett zu begeben. »Nein, nein, ich will nichts,« entgegnete diese mit schwacher, fast schon schläfriger Stimme. Dann fragte sie, sich zusammennehmend: »Ist die Türe verschlossen? Gut verschlossen?« – Darauf blickte sie umher, stand auf und ging mit vorgestreckten Händen und argwöhnischem Schritte dahin. Die Alte kam ihr rasch zuvor, legte die Hand ans Schloß, faßte die Klinke und rüttelte sie, rüttelte den Riegel und ließ ihn in seinen Ringen klirren. – »Seht Ihr? Hört Ihr? 's ist gut verschlossen. Seid Ihr nun zufrieden?« »Zufrieden! ich hier zufrieden!« rief Lucia und eilte wieder ihrem Winkel zu. – »Aber der Ewige weiß, daß ich hier bin.« »Kommt schlafen; was wollt Ihr da wie ein Hund zusammengekrochen liegen? Hat man je gesehen, daß ein Mensch die schönste Bequemlichkeit zurückweist, wenn sie ihm angeboten wird?« »Nein, nein,« blieb Luciens Antwort, »laßt mich hier.« »Ihr wollt's so. Ich lasse Euch die gute Stelle, lege mich hier ganz an den Rand und erleide Euretwegen die Unbequemlichkeit. Wenn Ihr zu Bett gehen wollt, so wißt Ihr, was Ihr zu tun habt. Erinnert Euch aber, daß ich Euch mehr denn einmal darum gebeten habe.« – Mit diesen Worten kroch sie unausgekleidet unter die Decke, und alles schwieg. Lucia saß unbeweglich im Winkel zusammengekauert, das Knie der Mitte des Leibes genähert, die Arme auf den Knien und das Gesicht in den Flächen der Hände. Sie schlief nicht, sie wachte nicht; in rascher Folge ein stürmischer Wechsel von Gedanken, von quälenden Bildern und gewaltsamen Herzschlägen. Bald sich ihrer selbst deutlicher bewußt, der gesehenen und erduldeten Schrecken des Tages sich lebhafter erinnernd, überließ sie sich schmerzenvoll der finsteren, furchtbaren Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfange, in ihrer ganzen grauenvollen Verwicklung; bald kämpfte der Geist, in eine noch schauderhaftere Tiefe hinuntergerissen, gegen die quälenden Schattenbilder, die Geburten der Ungewißheit und des Entsetzens. In diesem ängstlichen Drange verharrte sie eine lange Zeit, welche unsere Erzählung rasch überfliegt; endlich aber ließen die erschöpften Glieder nach, sie sank ermattet zu Boden und lag mehrere Minuten in schlafähnlichem Zustande da. Doch plötzlich war's ihr, als riefe sie eine innere Stimme. Sie lauschte nach einem Geräusch; es war das langsame, heisere Schnarchen der Alten. Sie riß die Augen auf und gewahrte einen matten Schimmer, der abwechselnd aufblitzte und erlosch; es war das Flämmchen der Lampe, welche, dem Erlöschen nahe, mit zitterndem Lichte blinkte und schnell es gleichsam wieder zurückzog, dem Gehen und Kommen der Welle am Ufer ähnlich; indem aber dieses zuckende Licht von den Gegenständen floh, noch ehe es ihnen deutlich Gestalt und Farbe verliehen, stellte es dem Blicke nur einen Wechsel verworrener Erscheinungen dar. Die letzten Eindrücke jedoch, die in der Seele sich bald wieder belebten, halfen ihr zu unterscheiden, was vor den Sinnen zusammenfließend schwankte. Erwachend erkannte die Unglückliche ihr Gefängnis; alle Erinnerungen des vorübergegangenen schreckenreichen Tages, alles Grauen vor der Zukunft ergriff sie mit einem einzigen Schauder; selbst die neue Stille nach so lauten Stürmen, diese scheinbare Ruhe, die Einsamkeit, in welcher sie sich befand, erfüllten sie mit neuem Entsetzen; der Kummer übermannte sie so riesenmächtig, daß sie zu sterben wünschte. Nur das Gebet blieb ihr; doch mit diesem Gedanken lebte eine tröstliche Hoffnung in ihrem Busen auf. Sie nahm ihren Rosenkranz wieder hervor und fing an, ihn durchzubeten; wie das Gebet über die zitternde Lippe floß, fühlte das Herz ein unbestimmtes Vertrauen emporwachsen. Unerwartet überraschte sie ein anderer Gedanke; ihr Gebet würde gnädiger angenommen und gewißlich erhört werden, wenn sie in ihrer verlassenen Einsamkeit dem Himmel ein Opfer brächte. Sie sann dem Teuersten nach, das sie besaß oder besessen hatte; denn in diesem Augenblicke konnte ihre Seele keine andre Regung als die Furcht empfinden, keinen andern Wunsch als ihre Befreiung hegen; in solcher Stimmung erinnerte sie sich des teuersten Gutes, das sie besaß, und beschloß, ihm augenblicklich zu entsagen. So erhob sie sich auf die Knie, hielt die Hände, aus denen der Rosenkranz herabhing, zusammengefaltet vor der Brust, wandte Gesicht und Augen zum Himmel und sprach: »Heilige Jungfrau, der ich so oft mich empfohlen, so oft den labendsten Trost verdanke; die du so viele Schmerzen erduldetest und jetzt, in solcher Herrlichkeit prangend, für die armen Gequälten so viele Wunder getan hast, leihe mir deine Hilfe, führe mich aus dieser Gefahr, laß mich, Mutter des Herrn, gerettet zu meiner Mutter zurückkehren und empfange dafür das Gelübde, daß ich Jungfrau bleiben will, daß ich, meinem armen Jüngling für immer entsagend, mein ganzes Leben hindurch die Deinige sein will.« Nachdem sie diese Worte gesprochen, senkte sie das Haupt und hängte sich den Rosenkranz um den Hals, gleich einem Zeichen der Weihe und der himmlischen Schutzwacht, gleich einer Waffe der neuen Heiligenschar, welcher sie nunmehr angehörte. Sie setzte sich auf den Boden nieder und empfand im Gemüt eine gewisse Ruhe, ein weiter reichendes Vertrauen. Selbst das »Morgen früh«, welches der unbekannte Mächtige zweimal ausgesprochen, schreckte sie nicht mehr; sie nahm es als ein Versprechen der Rettung. Und in dieser Besänftigung des inneren Sturmes schläferten sich die erschöpften Sinne allmählich ein; der Tag war nicht mehr weit, als das unglückliche Mädchen, mit dem Namen ihrer Beschützerin auf den Lippen, einschlief und einen vollkommenen, dauernden Schlummer genoß. Aber einen andern gab es in demselben Schlosse, der auf solche Weise gleichfalls gern sich dem Schlaf übergeben hätte und nicht konnte. Der Ungenannte hatte Lucien verlassen oder, richtiger, sich von ihr weggeschlichen, hatte Befehl zu ihrem Abendessen gegeben und dann, seiner Gewohnheit gemäß, verschiedene Punkte der Burg besucht. Das Bild des Mädchens begleitete ihn, in seinem Ohre hallten ihre Worte nach. Darauf ging er in sein Schlaf gemach, schloß sich mit ungestümer Heftigkeit ein, als hätte er sich gegen eine Schar von Feinden zu verschanzen gehabt, zog sich rasch aus und legte sich nieder. Es war aber, als wenn dasselbe Bild, lebhafter denn je vor ihm dastehend, ihm sagte: Du wirst nicht schlafen! – Was für eine tölpelhafte Neugierde, dachte er, hat mich angewandelt, daß ich hingegangen bin, um eine Dirne zu sehen! Der Sündenvogel, der Geier, hat recht; man ist kein Mann mehr, wahr, man ist kein Mann mehr! – Ich? Ich wäre kein Mann mehr? Was ist vorgefallen? Welch ein Teufel macht sich ein Fest mit mir? Was hat sich Neues mit mir begeben? Hab ich's etwa nicht vorher schon gewußt, daß Frauenzimmer winseln? Auch die Männer winseln manchmal, wenn sie sich nicht widersetzen können. Was Teufel! Hab ich denn niemals Weiber mit tränenden Augen jammern und heulen gehört? Ohne sein Gedächtnis anzustrengen, kam es von selbst ihm entgegen und rief ihm mehr als einen Fall zurück, wo ihn weder Bitten noch Klagen in der Ausführung seiner Beschlüsse aufzuhalten vermocht hatten. Aber die Erinnerung solcher Fälle gab ihm die Kühnheit, welche zur Vollendung dieses Beginnens ihm fehlte, nicht zurück, erstickte in seinem Busen das lästige Mitleid nicht und weckte darin vielmehr ein schreckenähnliches Grauen, eine wutatmende Reue. So dünkte es ihn endlich eine Erleichterung, zu jenem ersten Bilde des Mädchens, gegen welches er seinen Mut zu bewaffnen gesucht hatte, zurückzukehren. – Sie lebt ja, sagte er, sie ist hier; ich bin bei der Hand. Ich kann sagen: Geht, seid wieder fröhlich! – Ich kann dabeistehen, wenn dieses Gesicht sich verwandelt, ich kann sie bitten: Verzeiht mir! ... Verzeiht mir! – Ich um Verzeihung bitten? Ein Frauenzimmer, ich? Ah, und dennoch! Wenn ein Wort, wenn solch ein einziges Wort mir Linderung brächte, mir auf ein paar Stunden nur diese teuflische Unruhe vom Halse schaffte, ich würde es sagen – ich fühl's, daß ich es sagen würde. – Weg! rief er darauf und warf sich gewaltsam auf die andere Seite, während das Lager unter ihm immer härter und die Decke immer schwerer wurde – weg! Das sind Kinderpossen, die mir wohl schon ein andermal durch den Kopf geflogen sind. Auch die hier wird vorüberziehen. Und um ihr Vorüberziehen zu beschleunigen, suchte er im Geiste nach irgendeinem wichtigen Gegenstande, der ihn lebhaft zu beschäftigen pflegte, und wollte diesem mit voller Seele sich hingeben; er fand aber keinen. Alles schien ihm verwandelt; was sonst seine Wünsche am gewaltsamsten aufjagte, trug jetzt keine Spur von Wünschenswürdigkeit mehr an sich; wie ein Pferd, welches, plötzlich vor einem Schatten scheuend, nicht von der Stelle will, ließ die Leidenschaft sich nicht vorwärts spornen. Er dachte der begonnenen und nicht vollendeten Unternehmungen; aber statt sich zur Ausführung zu ermutigen, statt über die Hindernisse in Zorn zu geraten – auch der Zorn würde ihm in diesem Augenblicke willkommen gewesen sein – stellte sich nur eine leere Traurigkeit ein, eine Verzagtheit über die schon getanen Schritte. Ohne Wünsche, ohne Vorsätze und Handlungen, leer und hohl, nur von unerträglichen Erinnerungen bevölkert, dämmerte die einsame Zeit um ihn her, und alle Stunden schienen der einen zu gleichen, die soeben langsam und schwer über ihn hinzog. Er bewaffnete in der Einbildung alle seine Söldlinge und fand keine Ursache, um die es sich verlohnte, einem von ihnen einen Auftrag zu geben; ja, der Gedanke, sich unter ihnen zu sehen, den Gebieter des Frevels unter den Vollziehern, lag wie eine neue Last auf ihm; sich anstrengend suchte er ihn wieder loszuwerden. Und sooft er für den morgenden Tag nach einer Beschäftigung, nach einem tunlichen Werke suchte, kam er immer wieder auf die Vorstellung zurück, daß er morgen dem unglücklichen Mädchen die Freiheit schenken wolle. Ich will sie in Freiheit setzen, ja. Kaum soll der Tag dämmern, so will ich zu ihr eilen und ihr sagen: Geht, geht! Ich will sie begleiten lassen ... Und das Versprechen? Die Verpflichtung? Don Rodrigo? ... Wer ist Don Rodrigo? Wie ein Mensch, welcher durch die unerwartete, schwierige Frage eines Obern in Verlegenheit gesetzt ist, dachte der Ungenannte sogleich darauf, die Frage zu beantworten, die er sich selbst aufgeworfen hatte. Er suchte daher nach den Gründen, weshalb er, fast noch ehe er darum gebeten worden, sich zu der Verpflichtung entschließen konnte, ohne Haß und Furcht eine fremde Unglückliche, um dem Lüstling zu dienen, so großen Jammer erdulden zu lassen; es gelang ihm aber nicht, Ursachen aufzufinden, durch welche sich die Übereilung entschuldigen ließ; kaum begriff er, wie er dazu verleitet worden war. Der unüberlegte Wille war eine augenblickliche Bewegung des Geistes gewesen, der den alten angewöhnten Empfindungen gehorchte, eine Folge von tausend vorhergegangenen Handlungen; und so sah sich der gequälte Selbstprüfer, um sich von einer einzigen Tat Rechenschaft zu geben, in eine Untersuchung seines ganzen Lebens hineingezogen; rückwärts und rückwärts, von Jahr zu Jahr, von Bluttat zu Bluttat, von Verbrechen zu Verbrechen; jedes stand neu da, von den begleitenden Wünschen getrennt, stand in einer Entsetzlichkeit da, welche damals diese Wünsche ihm verborgen hatten. Alle sein Werk, seine Schuld – er schauerte; die Bilder, die an allen diesen Taten hingen, belebten sich wieder, und erbleichend fühlte er sich der Verzweiflung preisgegeben. Hastig setzte er sich im Bett aufrecht, umklammerte mit den Händen die Seitenbretter, griff nach einer Pistole, wollte sie losbrennen, und ... Im Augenblicke, da er ein unerträgliches Leben enden wollte, ergriff sein erschrockener Geist die Zeit, welche auch nach seinem irdischen Ende nimmer versiegend hinrinnen würde. Schaudernd dachte er sich seinen entstellten, unbeweglichen Leichnam, der Willkür des Gemeinsten preisgegeben, der ihn überlebte; das Erstaunen, das Gewühl morgen im Schlosse, alles in Verwirrung und er ohne Kraft, ohne Stimme, hingeworfen wer weiß wo. Er dachte sich das Gerücht, das darüber umherlaufen, die Vermutungen, welche die Menschen nah und fern äußern würden, die Freude seiner Feinde. Dann die Finsternis, das öde Schweigen, sie malten ihm den Tod noch trauriger und furchtbarer; am hellen Tage, schien es ihm, draußen, vor aller Leute Augen, würde er mit der Pistole nicht gezaudert haben; dort wollte er sich in ein Wasser stürzen und verschwinden. Von so entsetzlichen Gedanken gleichsam hin- und hergeschleudert, zuckte er mit dem Daumen am Hahn der Waffe – da fiel ihm ein neuer Gedanke ein. Wenn dieses andre Leben, wovon sie mir so viel gesprochen, als ich ein Knabe war, wovon sie noch immer sprechen, als wenn's eine feststehende Sache wäre, wenn dieses Leben nichts ist, eine bloße Gaukelerfindung der Priester, was mache ich? Warum will ich sterben? Was kümmern mich dann vergangene Taten? Eine Narrheit ist meine ... Und wenn es dieses andre Leben doch gibt ...?! Bei diesem gefahrvollen Zweifel wandelte ihn eine noch schwärzere, schwerere Verzweiflung an, welcher sich nicht einmal mit dem Tode entfliehen ließ. Er ließ die Waffe fallen, lag sich mit den Nägeln in den Haaren, klapperte mit den Zähnen und zitterte an allen Gliedern. Da fielen ihm plötzlich Worte auf die Seele, die er wenige Stunden früher gehört hatte: Für ein Werk des Mitleids verzeiht Gott so viele Dinge! Und nicht in jenem Tone demütiger Bitte, womit sie gesprochen worden, kehrten sie ihm wieder, sie klangen gleich einem entscheidenden Ausspruch und gaben einer fernen Hoffnung das Leben. So stellte sich eine, Sekunde der Erleichterung ein; er nahm die Hände von den Schläfen und betrachtete ruhiger das Bild des Mädchens, welches diese Worte gesprochen; da stand sie vor ihm nicht wie seine flehende Gefangene, wie ein Engel der Gnade blickte sie ihn an, der Trost und Verzeihung mit sich führt. Er sehnte sich nach dem Tage, um die Befreiung ihr zu verkünden und aus ihrem Munde andre Worte der Erquickung und des Lebens zu vernehmen; er dachte sich, wie er selbst sie zur Mutter führen würde. – Und dann? Was werde ich den übrigen Tag hindurch tun? Was nachher? Und die Nacht? Die Nacht, die in zwölf Stunden wiederkehrt! Ha, die Nacht! In die öde Zukunft sich wieder verlierend, suchte er fruchtlos nach einer Benutzung der Zeit, wie Tage und Nächte sich lohnender verleben ließen. Das Schloß verlassen und in entfernte Länder gehen, wo er keine Lippe seinen Namen aussprechen hörte – ein zweckloser Entschluß; er würde dennoch immer, fühlte er, der gleiche bleiben; eine dunkle Hoffnung, die alten Wünsche, den alten Mut wiederzuerlangen, wehte ihn von fern wieder an und zeigte ihm die gegenwärtige Stunde als einen vorübergehenden Wahnsinn. Bald fürchtete er den Tag, als würde er ihn den Seinigen in dieser jämmerlichen Verwandlung zeigen; bald verlangte er nach ihm, als müßte er auch seine finstere Gedankenwelt mit einer Morgenröte erfreuen. Die Dämmerung war wirklich im Beginnen und Lucia kaum eingeschlafen; er saß im Bette bewegungslos aufrecht und hörte die Woge eines undeutlichen Getönes nahen, in welchem etwas Feierliches sich zu verkünden schien. Er horchte und erkannte ein fernes festliches Glockengeläute; der Widerhall der Berge tönte es nach und floß mit den wirklichen Klängen zusammen. – Was gibt's für eine Freude heute? Woran erbauen sie sich schon wieder? Was für eine gute Zeit? – Er sprang von seinem Dornenlager auf, kleidete eiligst sich halb an, öffnete ein Fenster und sah hinaus. Eine weite Nebeldecke lastete auf den verhüllten Gebirgen, und der ganze Himmel war ein einziges graues Gewölk; beim erwachenden Lichtglanze der Morgenröte aber ließen sich im tiefen Talwege unten Leute erkennen, die geschäftig zuwanderten; andre traten aus den Türen und machten sich auf den Weg, alle nach derselben Seite, zur Rechten der Burg, der Öffnung der Schlucht zu; dabei war an Kleidung und Haltung der Wandernden ein festlicher Tag nicht zu verkennen. Was Teufel haben die? Was gibt's denn für eine Lust in dem verdammten Dorfe? Wohin geht all das Gesindel? – Ein Ruf weckte den vertrauten Bravo, der im Nebenzimmer schlief. Auf die Frage, welches die Ursache der frühen Bewegung da unten sei, gestand er, sie ebensowenig zu wissen, sagte aber, er wolle sogleich sich Auskunft verschaffen. Währenddessen blieb der Herr an das Fenster gelehnt stehen und betrachtete aufmerksam das bewegliche Schauspiel. Männer ließen sich sehen, Frauen, Kinder, in Haufen, paarweise oder einzeln; der eine holte einen andern ein und ging dann neben ihm; ein zweiter trat eben aus dem Hause und schloß sich dem Bekannten an, den er zuerst auf der Straße traf; wie Freunde wanderten sie auf einer verabredeten Reise. In ihren Gebärden lagen offenbar Eile und gemeinschaftliche Freude; dies Geläute so vieler Glocken, welche nah und fern, mehr oder weniger deutlich, zwar nicht harmonisch miteinander stimmten, aber denselben Ruf zu verkünden schienen, war gleichsam der gemeinschaftliche hörbare Ausdruck dieser Bewegungen, die Erklärung der Worte, die sich auf dem Felsen oben nicht vernehmen ließen. Er stand betrachtend da; mehr als bloße Neugier war's, wenn ihn nach der Ursache der allgemeinen Freudigkeit verlangte; eine Sehnsucht wandelte ihn an, die Empfindungen so vieler verschiedener Menschen zu teilen. Viertes Kapitel. Bald kam der Bravo mit der Nachricht zurück, daß am vorhergehenden Tage der Kardinal Federigo Borromeo, Erzbischof von Mailand, in *** eingetroffen sei und bis zum nächsten Abend sich daselbst aufhalten werde; die Kunde davon habe sich noch gestern weit umher verbreitet, alles Volk sei auf den Beinen, begierig, diesen Mann zu sehen; und die Glocken, die seine Ankunft meldeten, verkündigten zugleich einen festlichen Tag. Der Ungenannte blieb allein und blickte gedankenvoller noch ins Tal hinab. – Um eines Menschen willen! Alles in Eifer, in freudiger Geschäftigkeit, um einen Menschen zu sehen! Und doch hat jeder unter ihnen gewiß seinen Teufel, der ihm zusetzt – aber keiner, keiner einen wie ich, keiner hat eine Nacht wie ich hier zugebracht! – Was ist besonderes an dem Mann, so viele Leute in Fröhlichkeit zu versetzen? Wenn er auch einige Groschen aufs Geratewohl verteilt ... aber die gehen doch nicht alle auf Almosen aus. Also einige Zeichen durch die Luft, einige Worte – ach, wenn er zu meinem Tröste welche hätte! Wenn ... Warum gehe ich nicht auch? Warum nicht? Ich will gehen; was habe ich Besseres zu tun? Ich will gehen, mit ihm sprechen, will unter vier Augen mit ihm sprechen. – Was soll ich ihm sagen? Gut, er, der ... Ich will doch hören, was er sagen wird, der Mann! Nachdem er diesen unbestimmten Entschluß gefaßt hatte, zog er sich vollständig an und warf über die gewöhnliche Kleidung ein gefüttertes Wams von kriegerischem Schnitte; dann nahm er die Pistole, die auf dem Bette liegen geblieben, und hängte sie auf der einen Seite an den Gurt; auf der andern eine zweite, welche er von einem Nagel an der Wand herabnahm; ein Dolch kam gleichfalls in den Gurt zu sitzen, und ein Feuerrohr, fast ebenso berüchtigt wie er, ward quer über die Schulter gehängt. Sodann setzte er den Hut auf, trat zum Zimmer hinaus und begab sich vor allem nach der Kammer, wo er Lucien verlassen hatte. Ehe er hineinging, stellte er das Feuerrohr in einen Winkel neben der Türe, klopfte an und ließ zugleich seine Stimme hören. Die Alte sprang vom Bette und lief, um zu öffnen. Der Herr trat ein, ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern und sah Lucien in ihrem Winkel ruhig zusammengekauert sitzen. »Schläft sie?« fragte er leise die Alte. »Dort schläft sie? Hab' ich's so befohlen, Verdammte?« »Ich hab' mein möglichstes getan,« versicherte jene, »sie hat aber weder essen noch sich ins Bett legen wollen.« »Laß sie ruhig schlafen, störe sie ja nicht, und sobald sie erwacht ... Martha soll hier ins Zimmer nebenan gehen; du kannst sie nach allem schicken, was das Mädchen etwa verlangen wird. Sobald sie erwacht ist, sag' ihr, daß ich, daß der Herr auf kurze Zeit ausgegangen sei, er werde zurückkommen und ... und alles tun, was sie wolle.« Die Alte blieb versteinert stehen. – Das muß eine Fürstin sein! dachte sie. Der Ungenannte ging hinaus, nahm sein Schießgewehr, hieß Martha im Nebenzimmer warten und gab dem ersten Bravo, dem er begegnete, den Auftrag, Wache zu stehen und niemand als die Aufwärterin in das Zimmer zu lassen. Darauf verließ er sein Schloß und stieg mit schnellen Schritten ins Tal hinab. Wie weit es von der Felsenburg bis zum Dorfe war, wo der Kardinal sich aufhielt, gibt unsre Handschrift nicht an; indessen konnte die Entfernung höchstens einen guten Spaziergang betragen. Die Söldlinge, welchen der Herr auf dem Bergpfade begegnete, blieben ehrfurchtsvoll stehen, erwarteten seine Befehle oder machten sich auf einen Wink zur Begleitung gefaßt; alle aber erstaunten über die Miene, mit welcher er ihre Verneigungen erwiderte. Als er unten sich auf offener Straße befand, war's ganz anders. Die ersten Wanderer, die ihn erblickten, flüsterten einander zu, sahen ihm voller Argwohn entgegen und wichen ihm nach allen Seiten aus. Auf dem ganzen Wege machte er nicht zwei Schritte einem andern Wanderer zur Seite; wer ihn herankommen sah, blickte scheu, verneigte sich und schritt langsamer, um hinter ihm zurückzubleiben. Er trat ins Dorf, es wimmelte von Menschen; bei seinem Erscheinen lief sein Name von Mund zu Mund, und das Gedränge teilte sich. Er ging auf einen dieser Vorsichtigen zu und fragte ihn, wo der Kardinal sich aufhalte. – »Im Hause des Pfarrers,« antwortete der Mann ehrfurchtsvoll und zeigte es ihm. Der Ungenannte ging hin und betrat einen kleinen Vorhof, wo viele versammelte Priester ihn mit verwunderter, argwöhnischer Aufmerksamkeit betrachteten. Er bemerkte geradeüber eine weit geöffnete Türe; diese führte ihn in einen kleinen Vorsaal, und auch hier standen viele Geistliche beieinander. Nun nahm er sein Schießgewehr von der Schulter und stellte es in einen Winkel des Hofes; so trat er in den Saal und traf auch hier neugierige Blicke und Flüstern; nur ein einziger Name wiederholte sich in der Versammlung, sonst sprach niemand ein Wort. Er aber wandte sich an einen der Männer und fragte ihn, wo der Kardinal sei; denn er wolle ihn sprechen. – »Ich bin ein Fremder,« antwortete der Gefragte, sah sich aber um und rief den kreuztragenden Kapellan, welcher in einem Winkel des Saales stand und soeben heimlich zu einem Nachbar sagte: »Der? Der berüchtigte Mensch? Was hat der hier zu schaffen? Weit weg von ihm!« – Bei der allgemeinen Stille aber klang der Ruf zu laut, und so konnte der Kapellan nicht anders als sich stellen. Er verneigte sich, vernahm die Frage, hob die Augen mit unruhiger Neugier zu diesem Gesicht empor, senkte sie aber schnell wieder zur Erde, stand einige Sekunden schwankend da und sagte dann oder stotterte vielmehr: »Ich weiß nicht, ob der erlauchte Herr Kardinal in diesem Augenblick sich in ... ob er jetzt ... ich will aber gehen und mich erkundigen.« Und als brächte er eine traurige Nachricht, begab er sich in ein benachbartes Zimmer, woselbst der Kardinal sich befand. Wie es seine Gewohnheit war, jede Minute der geschäftslosen Zeit zu benutzen, beschäftigte sich dieser, bis der Augenblick des feierlichen Gottesdienstes erschien, mit Studien. Da trat der kreuztragende Kapellan ins Zimmer zu ihm, und das Gesicht verriet eine ängstliche Unruhe. »Ein seltsamer Besuch, erlauchter Monsignore,« begann er, »wirklich höchst seltsam!« »Wer?« fragte der Kardinal. »Kein geringerer als der Herr ...« Er legte auf die Silben einen bedeutungsvollen Ton und sprach den Namen aus, den wir leider unsren Lesern nicht mitteilen können. »Er ist hier draußen,« fuhr er fort, »in eigener Person, und verlangt nichts weniger, als zu Eurer erlauchten Gnaden hereingeführt zu werden.« »Der!« rief der Kardinal mit lebhaftem Blicke, indem er das Buch schloß und sich von seinem Sessel erhob. »Er komme! komme sogleich!« »Aber ...« entgegnete der Kapellan, ohne sich zu rücken, »Eure erlauchte Gnaden müssen wissen, wer dieser Mensch ist; der Landesverwiesene, der berüchtigte ...« »Und soll sich ein Bischof nicht glücklich preisen, daß solch ein Mensch auf den Gedanken gerät, ihm einen Besuch abzustatten?« »Aber,« blieb der Kapellan bei seiner Behauptung, »wir dürfen über gewisse Dinge uns niemals auslassen, denn Monsignore sind der Meinung, es seien läppische Reden; dennoch, wenn der Fall wirklich eingetreten, so glaub' ich, ist's meine Pflicht ... Der Eifer macht Feinde, Monsignore, und wir wissen bestimmt, daß mehr als ein Schurke sich zu rühmen gewagt hat, er werde, es geschehe, wann es wolle ...« »Und was haben denn diese Leute bis jetzt ausgeführt?« unterbrach ihn der Kardinal. »Ich sage, dieser Mensch hat das Recht zu Missetaten ordentlich gepachtet, 's ist ein Verzweifelter, der mit noch verzweifelteren Wüterichen in Verbindung steht. Er kann hergeschickt sein ...« »O, was ist das für eine Mannszucht,« sagte der Bischof lächelnd, »wenn die Soldaten den Feldherrn zur Feigherzigkeit auffordern?« Dann aber ward er ernst und nachdenkend. »San Carlo, mein Vetter,« bemerkte er, »hätte keine Sekunde sich besonnen, ob er einen solchen Menschen aufnehmen soll, er würde ihm entgegengegangen sein. Laß ihn augenblicklich eintreten; zu lange hat er schon gewartet.« Der Kapellan setzte sich in Bewegung und dachte im Herzen: 's gibt kein Mittel; diese Heiligen sind alle eigensinnig. Er öffnete die Türe und trat in das Vorzimmer, wo der Ungenannte und die Versammlung sich befanden. Diese hatte sich nach einer Seite hingezogen, wo man einander zuflüsterte und den Gast, welcher in einem Winkel allein stand, mit scheuen Blicken betrachtete. Der Kapellan ging auf ihn zu, maß ihn prüfend von oben bis unten, fragte sich, welch eine Hölle von Waffen wohl unter diesem Wamse stecken könnte, und dachte, ob er ihm nicht wirklich, ehe er ihn hineinführte, den Vorschlag machen sollte ... seine Furcht aber ließ ihn zu keinem Entschlüsse kommen. – »Monsignore erwartet Eure Gnaden,« sagte er schüchtern. »Kommen Sie gefälligst mit mir.« – So schritt er ihm durch die Versammlung voran; man machte ihnen Platz und sah bedenklich einem solchen Besuche nach; es war, als fragte man: Was wollt Ihr? Wißt Ihr es nicht etwa auch, daß er beständig seinen Grundsätzen treu bleibt? Das Paar trat ins Haus, der Kapellan öffnete die Türe und ließ den Ungenannten eintreten. Mit eifervoller, heiterer Miene und ausgestreckten Händen kam ihm der Bischof, wie einem Erwarteten, entgegen und gab sogleich dem Kapellan einen Wink, er möchte sich entfernen. Dieser gehorchte und verließ sie. Die beiden Männer standen eine Zeitlang schweigend, in verschiedener Spannung, einander gegenüber. Der Ungenannte, durch eine geheime Gewalt, durch einen unerklärlich treibenden Hang hergezogen, nicht durch eine bestimmte Absicht geleitet, fühlte sich wie an den Boden gefesselt, von zwei entgegengesetzten Empfindungen bewegt; während ihn die sehnsuchtsvolle Hoffnung erfüllte, für seine inneren Qualen ein Linderungsmittel zu finden, peinigten ihn Ärger und Scham, daß er wie ein Kind der Reue, wie ein untertäniger, jämmerlicher Sünder dastand, um zur Schuld sich zu bekennen und einen Menschen anzuflehen; so fand er keine Worte und suchte sie auch eigentlich kaum. Indem er aber die Augen zum Antlitz des seltenen Mannes erhob, fühlte er sich mehr und mehr von einer gebieterischen und doch sanften Empfindung der Ehrfurcht überschlichen; das Vertrauen wuchs, der Ingrimm besänftigte sich, und ohne den Stolz zu beleidigen, veranlaßte ihn die Hoheit des frommen Kirchenhirten, nachzugeben und zu schweigen. Der Anblick des Bischofs verkündigte in der Tat ein geistiges Übergewicht und erwarb ihm dennoch die Liebe der Menschen. Sein angeboren ruhiges Benehmen, die Majestät seiner Gestalt, welche, von den Jahren weder geschwächt noch gekrümmt, wider seinen Willen auf alle Herzen wirkte, das ernste, lebhafte Auge, die freie, aber gedankenvolle Stirn, die jugendlich blühende Lebenskraft, die selbst im Grau des Haares, in der Blässe, in den Spuren der Enthaltsamkeit, des Nachdenkens und der Mühseligkeiten sich erkennen ließ, alle Züge des Angesichtes sprachen eine ehemals vollkommene Schönheit aus; jetzt hatten es die Übung feierlicher, wohlwollender Gedanken, der innere Seelenfriede eines langen Lebens, die Liebe zu den Menschen und die beständige Freude einer unaussprechlichen Hoffnung mit einer Greisenschönheit geschmückt, welche in der fürstlichen Einfachheit des Purpurs sich noch herrlicher darstellte. Aber auch er stand einen Augenblick im Anschauen des Ungenannten da. Sein durchdringendes, geübtes Auge hatte seit langer Zeit die Fertigkeit gewonnen, aus den Zügen der Menschen auf ihre Gesinnungen zu schließen, und so glaubte er immer mehr, unter diesem finsteren, verstörten Angesichte etwas vermuten zu dürfen, welches die Hoffnung, die er gleich anfangs bei der Meldung eines solchen Besuches gehegt, bestätigen möchte. Heiteren Mutes begann er daher: »Ei, welch ein erfreulicher Besuch! Ich muß Ihnen für einen so holdseligen Entschluß meinen Dank abstatten, obgleich Sie mir vielleicht einen kleinen Vorwurf zugedacht haben.« »Einen Vorwurf!« rief der verwunderte Gast; aber schon die Worte und die Gebärde, die sie begleitete, stimmten ihn zu sanfter Milde; er war froh, daß der Kardinal das Eis gebrochen und ein Gespräch in Gang gebracht hatte. »Allerdings hab' ich auf einen Vorwurf zu rechnen,« fuhr dieser, fort, »daß ich mir von Ihnen den Vorsprung hab' abgewinnen lassen; da ich seit so langer Zeit, bei so vielen Gelegenheiten zu Ihnen hätte kommen können, hätte kommen sollen.« »Zu mir, Sie? Wissen Sie, wer ich bin? Hat man Ihnen meinen Namen gesagt?« »Die tröstliche Befriedigung, die ich empfinde, die mir gewiß deutlich auf der Stirn geschrieben steht, glauben Sie, ich würde sie bei der Anmeldung, bei dem Besuch eines Unbekannten empfinden? Sie sind's, der sie mir gewährt; Sie, sag' ich, den ich hätte aufsuchen sollen; Sie, den ich so sehr geliebt und beweint, für dessen Heil ich so oft gebetet; Sie, unter meinen Kindern, die ich alle von Herzen liebe, derjenige, welchen ich am meisten zu empfangen und zu umarmen gewünscht, wenn ich geglaubt hätte, es hoffen zu dürfen. Aber der Herr des Himmels allein weiß Wunder zu wirken und unterstützt die Schwäche, die Langsamkeit seiner armen Diener.« Bei diesem lebhaften Ausbruch stand der Ungenannte staunend da. Die Worte entsprachen genau den Gedanken, die er selbst noch unausgesprochen gelassen hatte, auch nicht entschlossen gewesen war, auszusprechen. Bewegt, aber überrascht schwieg er. »Wie also?« nahm der Kardinal noch herzlicher das Wort, »Sie haben mir eine gute Nachricht mitzuteilen und lassen mich so lange darauf warten?« »Eine gute Nachricht! Ich? Ich trage die Hölle im Herzen und soll Ihnen eine gute Nachricht mitteilen? Sagen Sie mir, wenn Sie es wissen, wie lautet eine gute Nachricht, welche von meinesgleichen sich erwarten läßt?« »Daß Gott Ihnen das Herz gerührt hat und gnädig Sie zu dem Seinen machen will,« antwortete sanftsinnig der Kardinal. »Gott! Gott! Gott! Wenn ich ihn sähe! Wenn ich ihn hörte! Wo ist dieser Gott?« »Sie fragen mich danach? Sie? Wem ist er näher als Ihnen? Fühlen Sie ihn nicht in diesem Herzen, welches er erdrückt, bewegt und nicht ruhen läßt, während er zu gleicher Zeit es anzieht und die Hoffnung der Ruhe, des Trostes leise darin wachsen läßt? O, dieser Trost wird unversieglich, wird unermeßlich Sie laben, sobald Sie den Herrn erkennen, seine Weltherrschaft gestehen und um seine Gnade ihn bitten!« »Ha, wahrlich, etwas ist da, das mich erwürgt, das mich zernagt! Aber Gott! Wenn dieser Gott vorhanden ist, wenn er derjenige ist, den man predigt, was soll er mit mir anfangen?« Der Ausdruck der Verzweiflung begleitete diese Worte. Der Kardinal aber entgegnete mit feierlichem Tone, wie von sanftem Himmelshauche begeistert: »Was Gott mit Ihnen anfangen soll? Sie sollen ein Zeichen seiner Macht wie seiner Güte sein, sollen einen Ruhm ihm gewähren, den kein zweiter so leicht ihm gewähren könnte. Wenn die Welt seit so vielen Jahren über Sie schreit, wenn tausend und abertausend Stimmen Ihre Taten verfluchen« – der Ungenannte schauderte und stand einen Augenblick erstaunt, da er eine so ungewohnte Sprache vernahm, noch erstaunter aber über sich selbst, daß er keinen Unwillen, sondern vielmehr eine Erleichterung darin empfand – »welch ein Ruhm für den Ewigen im Himmel!« fuhr der Bischof fort. »Der Schrecken verkündigt sich in diesen Reden der Menschen, der Eigennutz, vielleicht auch die Gerechtigkeit. Einige, vielleicht nur allzu viele, beneiden Ihnen Ihre unglückselige Macht, beneiden diese bis heute so bejammernswürdige Sicherheit des Gemütes. Wenn Sie aber selbst sich erheben, um Ihr Leben zu verdammen, um sich selbst anzuklagen, dann, dann wird Gott verherrlicht werden! Und Sie fragen, was er mit Ihnen beginnen kann? Wer bin ich armer Mensch, um Ihnen jetzt schon sagen zu wollen, zu welch einem nutzenreichen Zwecke solch ein König Sie bestimmt? Was er aus diesem ungestümen Willen, aus dieser unerschütterlichen Beharrlichkeit zu machen gedenkt, sobald er sie mit Liebe, mit Hoffnung und Reue beseelt und entflammt hat? Und wer sind Sie, armer Mensch, daß Sie in Gottes Welt ein größeres Übel zu verursachen glaubten, als er durch Sie selbst zum Guten verwandeln kann? – Und Ihnen verzeihen? Ihr besseres Selbst retten, das Werk der Erlösung in Ihnen vollenden, sind das nicht hochherrliche Dinge, eines solchen Gottes würdig? O bedenken Sie, wenn ich unbedeutender Mensch, ein elender Wurm der Erde, und dennoch von mir selbst so erfüllt, wenn ich mich so eifervoll um Ihr Heil bemühe, daß ich mit Freuden – Er droben ist mein Zeuge! – die wenigen Tage, die mir hienieden noch bleiben, dafür hingeben würde, bedenken Sie, wie unbeschreiblich die Menschenliebe desjenigen sein muß, der mich mit so unvollkommener, aber doch so lebhafter Begeisterung erfüllt; wie liebt er Sie, wie wohl will er Ihnen, der mir eine so hinreißende Neigung zu Ihnen in die Brust pflanzt!« Während diese Worte den ehrwürdigen Lippen entrannen, bekräftigte jeder Zug, jeder Blick, jede Bewegung ihren Sinn. Die krampfhaften Züge des Zuhörers lösten sich anfangs bloß zur Verwunderung und zur Aufmerksamkeit; dann aber verbreitete sich eine tiefere, weniger ängstliche Rührung über sie; die Augen, seit der Kindheit mit keiner Träne mehr gesegnet, glänzten wie von feuchtem Anhauch, und als die Rede geschlossen, bedeckte er sich mit den Händen das Gesicht, schluchzte, schwankte und brach plötzlich in ein heftiges Weinen aus – die letzte und unumwundendste Antwort. »Großer, guter Gott!« rief der Bischof, indem er Augen und Hände zum Himmel emporhob, »welche Verdienste hab' ich, ich unnützer Knecht, ich träumerischer Hirt deiner Herde, daß du mich zu diesem Feste der Gnade berufen, mich würdig erachtest, zu einem so freudigen Wunder meinen Beistand zu leihen!« – Bei diesen Worten streckte er die Hand aus und suchte die Hand des Ungenannten zu fassen. »Nein!« rief dieser und trat zurück; »nein, fort, fort von mir! Besudeln Sie diese schuldlose, wohltatspendende Hand nicht. Diese hier, die Sie drücken wollen, Sie wissen nicht, was sie alles getan hat!« »Laßt,« sagte Borromeo und ergriff sie mit liebevoller Heftigkeit, »laßt sie mich drücken – eine teure Hand! Sie wird so viele schlimme Taten wieder gutmachen, so vielen Segen spenden, so viele Betrübte emporrichten, so vielen Feinden entwaffnet, friedensuchend, herablassend sich hinstrecken.« »Zuviel!« rief schluchzend der Ungenannte. »Lassen Sie mich! Ein zahlreich versammeltes Volk erwartet Sie, so viele gute Seelen, so viele Unschuldige, so weit hergekommen, Sie einmal zu sehen und zu hören, und Sie halten sich indes auf – bei wem?« »Lassen wir die neunundneunzig Schafe,« antwortete der Kardinal, »sie weiden sicher auf dem Berge; der Blick der Sorgfalt ruht auf dem einen verirrten.« Während er so sprach, legte er die Arme um den Hals des Ungenannten. Dieser versuchte, sich der Umarmung zu entziehen, widerstand einen Augenblick, gab aber endlich, vom Ungestüm einer solchen Liebe besiegt, nach, umschlang gleichfalls den Kardinal und drückte sein zitterndes verwandeltes Gesicht an den Busen seines erhabenen Überwinders. Seine heißen Tränen rollten auf den unbefleckten Purpur des Kirchenhirten herab, während das unschuldige Händepaar leidenschaftlich den großen Verbrecher umfing und zärtlich die Arme berührte, die bisher nur die Waffen der Gewalttätigkeit und des Verrates getragen. Indessen riß sich der Ungenannte sanft aus der Umarmung, bedeckte sich die Augen von neuem mit den Händen, erhob das Gesicht und rief: »Wahrhaft großer, wahrhaft guter Gott! Jetzt kenn' ich mich, jetzt begreif' ich, wer ich bin; vor den Augen stehen mir meine Missetaten, mir ekelt vor mir selbst, und dennoch empfinde ich eine Labe, eine Freude, ja eine Freude, wie ich sie niemals mein ganzes grauenvolles Leben hindurch empfunden habe!« »Sie ist ein Zeichen,« sagte Federigo, »das der Herr Ihnen sendet, um Sie an seinen Dienst zu fesseln; mit entschlossenem Fuße sollen Sie in das Gefilde eines neuen Lebens treten, wo Sie so viel zu vergüten, zu vergessen und zu beweinen haben.« »Ich Unseliger!« schrie der andre. »Wieviel, wie viele Dinge, die ich nur zu beweinen vermag! Aber Gott sei Dank, es gibt auch Unternehmungen, begonnene Handlungen, die ich wenigstens augenblicklich abbrechen kann – eine gibt's, die ich heute noch fahren lassen und wieder gutmachen will.« Der Kardinal ward aufmerksam. Jener erzählte mit gedrängten Worten, aber mit herberen Verwünschungen, als sie uns vielleicht bei dem Berichte entwischt sind, sein Abenteuer mit Lucien, die Leiden, die Schrecken des armen Mädchens, wie sie um sein Erbarmen ihn beschworen, wie diese Beschwörung ihn in rasende Verzweiflung gestürzt, und wie sie noch jetzt im Schlosse sich befinde. »So wollen wir keine Zeit verlieren,« rief der Kardinal ängstlich aus Mitleid und Bekümmernis. »Die Seligkeit wird Ihr Teil! Dies Mädchen ist das Pfand zur Verzeihung des Herrn! Werden Sie sobald wie möglich das Werkzeug zur Rettung eines menschlichen Wesens, dessen Verderben Sie sein wollten. Gott segne Sie! Gott hat Sie gesegnet. Wissen Sie, wo die Heimat der armen Geängstigten ist?« Der Ungenannte gab Luciens Dorf an. »Das ist nicht weit von hier,« sagte der Kardinal. »Gelobt sei der Ewige! Und wahrscheinlich ...« Bei diesen Worten lief er nach einem Tisch und klingelte. Voller Besorgnis stürzte der kreuztragende Kapellan herein und warf sein Auge vor allem auf den Ungenannten. Nachdem er dieses verwandelte Gesicht, diese Augen rot von Zähren bemerkt hatte, blickte er nach dem Kardinal; da er nun durch den unerschütterlichen Gleichmut des Mannes hindurch eine mühsam behauptete Ruhe, eine außerordentliche Bekümmernis gewahrte, wäre er wie außer sich mit offenem Munde angewurzelt stehengeblieben, wenn ihn der Kardinal nicht aus diesem starren Anschauen geweckt hätte, indem er ihn fragte, ob unter den versammelten Geistlichen auch der Pfarrer aus *** draußen stehe. »Der ist da, erlauchter Monsignore,« war des Kapellans Antwort. »Laßt ihn sogleich eintreten und mit ihm den hiesigen Pfarrer.« Der Kapellan ging hinaus und trat unter die versammelten Priester; alle Augen wandten sich neugierig nach ihm hin. Mit noch immer offenem Munde, mit einem Gesichte, auf welchem noch immer die starrende Betäubung lag, erhob er die Hände, bewegte sie durch die Luft und rief: »Meine Herren! haec mutatio dexterae Excelsi ,« – So stand er einige Sekunden, ohne ein anderes Wort hervorzubringen. Dann aber nahm er den Ausdruck und die Stimme seines Amtes wieder an und fügte hinzu: »Der erlauchte Herr Kardinal verlangen den Pfarrer hiesiger Kirche und desgleichen den Pfarrer von ***.« Der zuerst Genannte stellte sich sogleich; in demselben Augenblick aber scholl mitten aus dem Gedränge, mit dem Tone der Verwunderung, ein langgedehntes »Ich?« hervor. »Sind Sie nicht der Herr Pfarrer von ***?« fragte der Kapellan. »Der bin ich allerdings; aber ...« »Der erlauchte Herr Kardinal will Sie sprechen.« »Mich?« fragte dieselbe Stimme und bezeichnete durch die einsilbige Frage noch deutlicher die Verwunderung. »Wie gehöre ich in das Zimmer da hinein?« – Diesmal indessen kam zugleich mit der Stimme der Mann hervor, Don Abbondio, wie er leibte und lebte; er schien seinen Füßen Gewalt antun zu müssen, und in seinem Gesichte vermählten sich Staunen und schüchterner Widerwille. Der Kapellan winkte ihm und gab ihm sein Befremden über die Unwillfährigkeit zu erkennen; dann wanderte er beiden Pfarrern voran und führte sie zum Bischof. Dieser ließ die Hand des Ungenannten los, mit welchem er währenddessen sich beraten, wie man zu verfahren hätte; er entfernte sich einige Schritte von ihm und winkte den Pfarrer des Dorfes zu sich. In wenigen Worten erklärte er ihm, worum sich's handelte, und erkundigte sich, ob er sogleich eine rechtschaffene Frau wüßte, die nach dem Schlosse in einer Sänfte sich tragen ließe und dort Lucien abholte; eine Frau von Herz und Kopf, welche bei einem so neuen Auftrage sich zu benehmen verstände; sie müsse reden, die arme Unglückliche ermutigen und beruhigen können; denn diese würde nach so vielfacher Angst selbst vor ihrer Befreiung zittern. Der Pfarrer sann ein wenig nach, sagte hierauf, er habe schon eine solche Botin gefunden und ging hinaus. Sodann erhielt der Kapellan den Befehl, sogleich eine Sänfte einzurichten, Träger zu bestellen und zwei reitbare Maultiere schirren zu lassen. Nachdem auch dieser sich entfernt hatte, kam an Don Abbondio die Reihe. Don Abbondio stand dicht neben dem Bischof, weil er sich von dem andern Herrn so entfernt wie möglich zu halten suchte; dabei sah er bald den einen, bald den andern an, berechnete mit Aufbietung seines ganzen Scharfsinns, worin eigentlich der seltsame Handel bestehen könnte, tat einen Schritt vorwärts, verneigte sich in Demut und sagte: »Man hat mir zu verstehen gegeben, daß Eure erlauchte Gnaden mich zu verlangen geruhten; ich glaube aber, es war ein Irrtum.« »Keineswegs ein Irrtum,« war Borromeos Antwort; »ich hab' eine fröhliche Nachricht für Euch, und zugleich ein tröstliches, höchst erbauliches Geschäft. Eins Eurer Pfarrkinder, welches Ihr als verloren beweint habt, Lucia Mondella, ist wieder aufgefunden, ist nicht weit von hier, im Hause dieses meines Freundes. Mit ihm und mit einer Frau, welche der hiesige Herr Pfarrer soeben aufsucht, werdet Ihr sogleich gehen, das arme Mädchen holen und sie hierher begleiten.« Don Abbondio tat sein möglichstes, um den Widerwillen und die bittere Bekümmernis, womit ihn dieser Befehl überraschte, schicklichermaßen zu verbergen; da er aber die unerbauliche Miene seines Angesichtes so schnell nicht fortschaffen konnte, suchte er sie durch eine tiefe Verneigung zu verbergen und bezeugte so seinen ergebensten Gehorsam. Wenn er sich wieder erhob, geschah es fast bloß, um dieselbe Unterwürfigkeit gegen den Ungenannten in Tätigkeit zu setzen; er sah ihn mit frommen Lammaugen an, als spräche er: Ich bin in Euren Händen, habt Erbarmen: parcere subjectis . Darauf fragte ihn der Kardinal, was Lucia für Verwandte habe. »Nahe, mit welchen sie zusammen lebt, nur eine Mutter,« antwortete Don Abbondio. »Ist sie zu Hause?« »Ja, Monsignore.« »Da also das arme Mädchen nicht so schnell wieder nach ihrer Heimat gebracht werden kann, so wird es ihr ein großer Trost sein, so bald wie möglich ihre Mutter zu sehen; kommt daher der Pfarrer hier nicht früher zurück, als ich zur Kirche gehe, so bitt' ich Euch, sagt ihm, er soll einen Karren oder ein paar Reitpferde anschaffen und einen klugen Menschen zur Mutter schicken, damit er sie hierherführe.« »Und wenn ich mich auf diesen Weg machte?« sagte Don Abbondio. »Nein, Ihr nicht; Ihr habt schon einen andern Auftrag.« Der Kardinal war über Don Abbondios Vorschlag erstaunt; daher erhob er den Blick, sah ihm ins Gesicht und entdeckte mit geringer Mühe die Furcht vor der Reise darin, das Grauen, auch nur auf wenige Augenblicke der Gast dieses entsetzlichen Menschen zu sein. Er suchte daher dies Gewölk der bangenden Feigherzigkeit zu zerstreuen; da er es aber nicht für rätlich erachtete, den Pfarrer beiseitezuziehen und, während sein neuer Freund sich in demselben Zimmer befand, heimlich mit jenem zu sprechen, hielt er's für das zweckmäßigste Mittel, sich an den Ungenannten selbst zu wenden und mit diesem, was er auch ohne solchen Beweggrund getan hätte, ein neues Gespräch anzuknüpfen; aus seinen Antworten könnte dann der zaghafte Pfarrer sich überzeugen, daß der Mann aufgehört habe, ein furchteinflößendes Gespenst zu sein. Mit der freimütigen Traulichkeit, welche bei einer neuen lebhaften Neigung sich ebenso ausdrucksvoll wie in einem alten Herzensbunde hervorzudrängen pflegt, trat er daher auf ihn zu. »Glauben Sie nicht,« sagte er, »daß ich mich mit dem heutigen Besuche hier befriedigen lasse; nicht wahr, Sie kommen in Gesellschaft dieses wackeren Geistlichen wieder zurück?« »Ob ich zurückkehren werde?« fragte der Ungenannte. »Wenn Sie mich aufzunehmen verschmähten, Herr, würde ich wie ein Bettler eigensinnig und unbeweglich vor Ihrer Türe liegen bleiben. Es drängt mich, mit Ihnen zu reden; Sie zu hören und zu sehen, ist mein Bedürfnis; Sie fehlen mir; schon ist's, als könnte ich nicht ohne Sie leben.« Borromeo faßte seine Hand, drückte sie und sprach: »Sie werden also dem Pfarrer des Dorfes hier und mir die Gefälligkeit erweisen, heute mittag unser Gast bei Tische zu sein. Ich erwarte Sie. Indessen gehe ich, das Gebet zu verrichten und, zu den Stimmen des Volkes die meinige gesellend, dem Himmel schuldigen Dank zu zollen; Sie ernten die ersten Früchte der Erbarmung.« Wir erinnern uns eines furchtsamen Knaben, welcher dabei stand, als einst ein Fremder den großen struppigen Haushund mit roten Augen, einen Kläffer, dessen Bösartigkeit und Beißsucht weit umher berüchtigt war, ohne alle Besorgnis streichelte und zum Besitzer sagte, sein Hund sei ein frommes, ruhiges Tier; der Knabe sah den Besitzer an, und dieser sprach weder Ja noch Nein dazu; er sah den Hund an, wagte aber nicht hinzutreten, aus Furcht, das gute fromme Tier könnte ihm, wenn auch nur aus Gewohnheit, die Zähne zeigen; doch hatte er auch kein Herz sich zu entfernen, um nicht als unnützer Hase zu erscheinen, und heimlich zu sich selbst nur sagte er: Ach, wär' ich doch zu Hause! – Geradeso stand Don Abbondio da, und so sprach er zu sich selbst. Der Kardinal hatte sich in Bewegung gesetzt, hielt noch immer die Hand des Ungenannten und zog ihn mit sich. Der arme Pfarrer blieb zurück und sah ihnen in alberner Fassungslosigkeit nach. Borromeo glaubte, die Niedergeschlagenheit des Mannes habe vielleicht ihren Grund auch darin, daß er sich unbeachtet glaubte und, zumal in Gegenwart eines so gütig aufgenommenen Frevlers, seitwärts im Winkel vergessen stehen mußte; er wandte sich daher beim Vorübergehen zu ihm hin, stand einen Augenblick still und sagte mit gefälligem Lächeln: »Herr Pfarrer, Ihr seid von jeher mit mir zusammen im Hause unsers guten Vaters gewesen, dieser hingegen, dieser perierat et inventus est .« »O, wie herzlich freue ich mich darüber!« sagte Don Abbondio und verbeugte sich tief. Der Erzbischof schritt voran, und von außen öffneten zwei Aufwärter die Türflügel. So stellte sich das wunderbare Paar den begierigen Blicken der versammelten Geistlichkeit dar. Auf dem Angesicht beider malte sich eine verschiedene, aber gleich tiefe Bewegung; eine erkenntliche Zärtlichkeit, eine demütige Freude in Borromeos ehrwürdigen Zügen, in der Miene seines Begleiters eine Verwirrung, durch beruhigenden Trost gemildert, eine neue Scham, eine Zerknirschung des Gemütes, durch welche jedoch die Kraft der abgelegten, ungestümen Natur leise nachwirkend hindurchschimmerte. Nachher erfuhr man, daß in diesem Augenblicke mehr als einem unter den Zuschauern jener Vers des Propheten eingefallen: Kühe und Bären werden an der Weide gehen, daß ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Luthers Übersetzung Jesaias II, 7. Hinterher kam Don Abbondio, und auf ihn fiel nicht ein einziger Blick. Als sie die Mitte des Vorzimmers erreicht hatten, trat von der andern Seite der Kammerdiener des Kardinals herein und meldete, er habe den Aufträgen, welche ihm vom Kapellan gegeben worden, Genüge geleistet; die Sänfte wie die beiden Maultiere ständen bereit, und man warte nur noch auf die Frau, die der Pfarrer herbeiführen würde. Der Kardinal befahl, er solle diesem, sobald er käme, die Weisung geben, mit Don Abbondio zu sprechen; alsdann sollte alles geschehen, wie dieser und der Ungenannte es anordnen würden. Letzterem drückte er von neuem die Hand, nahm Abschied von ihm und sagte, daß er ihn erwarte; darauf bedachte er auch unsern Don Abbondio mit einem Gruße und begab sich auf den Weg zur Kirche. Die Geistlichkeit folgte ihm, halb als ein geordneter feierlicher Zug, halb in verwirrtem Gedränge; die beiden Reisegefährten blieben im Vorzimmer allein. Der Ungenannte stand gedankenvoll, in sich selbst gänzlich versunken da; er schien sich ungeduldig nach dem Augenblick zu sehnen, wo seine Lucia von Pein und Gefängnis erlöst werden sollte. Mit seinem Angesicht, wie es am vorhergehenden Tage gewesen, ließ sich das heutige kaum vergleichen; die gedrängte Bewegung aber, welche sich darin verkündigte, gab Don Abbondios furchtsamem Auge leicht Anlaß, etwas Schlimmeres dahinter zu vermuten. Er schielte nach ihm hin, beobachtete ihn mit Grauen und sah sich ängstlich nach dem Anfangsworte eines freundschaftlichen Gespräches um. – Aber was hab' ich ihm zu sagen? dachte er. Noch einmal: Ich freue mich herzlich darüber? Worüber? Etwa: Sie sind bis dato ein Höllenhund gewesen und haben sich endlich entschlossen, ein ordentlicher Mensch wie die übrigen zu werden? Eine saubere Artigkeit! Was für Worte ich auch immer auftreiben mag, es schwämme beständig der Gedanke darin herum: ich freue mich herzlich darüber! Und sollte es denn am Ende wahr sein, daß er sich in einen ordentlichen Menschen gewandelt hat? So mir nichts, dir nichts, in einer Stunde? Mündliche Versicherungen gibt's in dieser Welt zu ganzen Scheffeln, und die Ursachen lassen sich kaum berechnen. Und dabei muß es mich gerade treffen, mit ihm zu gehen! Nach dem Felsennest hin! Eine verzweifelte Geschichte! Wer hätte mir das diesen Morgen gesagt? Komm ich mit heiler Haut aus dieser Klemme, so soll's die Dame Perpetua zu empfinden kriegen – hat mich mit Gewalt, und doch war gar keine Notwendigkeit vorhanden, aus meinem Kirchsprengel hierher getrieben; alle Pfarrer ringsherum, schwatzte sie mir vor, auch aus weit entfernteren Dörfern, liefen herbei, man müßte nicht zurückbleiben, und dies und jenes, und damit hat sie mich in den verdammten Handel hier hineingebracht. Ich armer Mensch! Einmal aber muß ich doch den Mund aufmachen! Es traten ihm die Worte auf die Zunge: Ich hätte nimmermehr das Glück erwartet, mich in so achtungsvoller Gesellschaft zu sehen. Er öffnete auch schon den Mund, als der Kammerdiener mit dem Dorfpfarrer hereintrat. Dieser meldete, daß die Frau bereits in der Sänfte säße; dann wandte er sich an Don Abbondio, um sich von ihm den andern Auftrag des Kardinals mitteilen zu lassen. Don Abbondio entledigte sich desselben, so gut er in dieser verwirrten Geistesverfassung konnte; darauf trat er aber auch sogleich zum Kammerdiener hin und sagte: »Geben Sie mir wenigstens ein ruhiges Tier unter den Leib; denn die Wahrheit zu gestehen, ich bin ein sehr stümperhafter Reiter.« »Hat keine Not,« antwortete der Kammerdiener und mußte lächeln; »es ist das Maultier des Schreibers, und das ist ein Gelehrter; denken Sie sich also –« »Gut,« sagte Don Abbondio und bat zum Himmel, es möge glücklich ablaufen. Der Ungenannte war bei der Nachricht sogleich ungeduldig vorangeschritten; erst als er die Schwelle schon betreten hatte, erinnerte er sich des zurückgebliebenen Pfarrers. Er stand also still, ihn zu erwarten, und als dieser, eilfertig herbeilaufend, um Verzeihung bitten zu wollen schien, verneigte er sich vor ihm und ließ ihn mit höflich herablassender Gebärde voranschreiten. Diese Artigkeit setzte den armen Geängstigten wieder ein wenig zurecht. Kaum aber hatte er mit einem Fuße den Vorhof berührt, so überraschte ihn eine andre Neuigkeit, welche ihm plötzlich das bißchen Trost wieder zu Wasser machte; er sah den Ungenannten nach dem Winkel hingehen, sah ihn das Schießgewehr, welches seine Einbildungskraft im nämlichen Augenblicke zum riesenhaftesten Belagerungsgeschütz vergrößerte, mit der einen Hand beim Rohr, mit der andern beim Riemen fassen und mit rascher Bewegung, als geschähe es zur Übung, sich über die Schulter werfen. «Weh mir! dachte der geplagte Pfarrer; was hat der mit dem verteufelten Handwerkszeug im Sinn? Das nenn' ich mir ein härenes Bußgewand, das nenn' ich mir 'ne Kirchenzucht für einen Bekehrten! Und wenn ihm nun unterwegs mit einemmal eine mörderische Grille in den Kopf steigt? Weh über diese Sendung! Wenn der Ungenannte nur im entferntesten geahnt hätte, was für ein jämmerlicher Gedankenzug seinem Begleiter durch die Seele strich, so wissen wir nicht, was er getan hätte, um ihn zu beruhigen; er war aber himmelweit von solch einem Argwohn entfernt, und Don Abbondio hütete sich wohl, durch irgendeine Gebärde seine Angst zu verraten. So kamen sie an die Pforte, welche zur Straße führte, und fanden alles zur Reise bereit. Der Ungenannte bestieg das Tier, das ihm von einem Stallknechte vorgeführt ward. »Hat es auch keine Untugenden?« fragte Don Abbondio den Kammerdiener, indem er mit dem einen Fuße schon im Steigbügel schwebte, mit dem andern aber noch auf der Erde stand. »Steigen Sie getrost hinauf,« antwortete dieser, »'s ist fromm wie ein Lamm.« – So hielt sich Don Abbondio, vom Kammerdiener unterstützt, an dem Sattel fest und schwang sich in wiederholten Ansätzen hinauf. Die Sänfte, von zwei Maultieren getragen, hielt einige Schritte vorwärts; auf einen Ruf des Sänftenführers setzte sie sich in Bewegung, und so zog das Geleite hinaus. Vor dem Gotteshause, das mit Menschen vollgepfropft war, mußte man über einen Platz, wo gleichfalls Bauern und andre herbeigeeilte Leute, da die Kirche sie nicht mehr fassen konnte, wimmelnd sich drängten. Schon hatte sich die große Nachricht verbreitet, und so erhob sich beim Erscheinen des Geleites, beim Erscheinen dieses Mannes, der wenige Stunden vorher ein Gegenstand des Schreckens und der Verwünschung gewesen war, jetzt aber die fröhlichste Bewunderung weckte, ein Gemurmel des Beifalls unter der Menge; man machte Platz, drängte sich aber zugleich auch herbei, um ihn in der Nähe zu sehen. Langsam ging es hindurch. Vor der weit geöffneten Kirchentüre nahm der Ungenannte den Hut vom Kopfe und senkte die bisher so gefürchtete Stirn fast bis zur Mähne des Maultiers herab. Währenddessen brausten hundert Stimmen dröhnend zusammen, und alles rief: »Gott segne ihn!« Don Abbondio zog gleichfalls seinen Hut und empfahl sich dem lieben Himmel mit brünstiger Ängstlichkeit. So verließ man das Dorf und zog zur Felsenburg hinauf. Fünftes Kapitel. Es war noch nicht lange her, daß Lucia wieder zu sich gekommen war. Die ersten Augenblicke hatte sie schmerzlich sich angestrengt, dem Schlaf sich gänzlich zu entreißen und die schauerlichen Luftgestalten dieses Schlafes von den Erinnerungen und den Bildern einer Wirklichkeit zu scheiden, welche den traurigen Eingebungen eines Fieberkranken nur allzu ähnlich sah. Aber bald ging die Alte auf sie zu und sprach sie mit erzwungener Freundlichkeit an. »Ah,« rief sie, »habt Ihr geschlafen? Ihr hättet im Bette schlafen können; ich hab' Euch gestern abend so oft dazu aufgefordert.« Da sie jedoch keine Antwort erhielt, fuhr sie im Tone einer ärgerlichen Bitte fort: »Eßt doch einmal, nehmt doch Vernunft an. Himmel, was seid Ihr garstig! Und wenn er hernach nach Hause kommt, muß ich's ausbaden.« »Nein, nein,« rief Lucia und sprang auf, »ich will hinaus, ich will zu meiner Mutter gehen. Der Herr hat's mir versprochen, hat gesagt: ›Morgen früh.‹ Wo ist der Herr?« »Außer Hause. Er hat aber hinterlassen, daß er bald wieder zurückkommen wird, und dann will er tun, was Ihr wollt.« »Hat er so gesagt?« fragte Lucia, von freudigem Schrecken ergriffen, »hat er wirklich so gesagt? Nun gut, so will ich zu meiner Mutter gehen; gleich, gleich!« In dem Augenblicke läßt sich im Nebenzimmer ein Geräusch von Fußtritten hören; darauf pocht es an die Türe. Die Alte läuft herbei und fragt: »Wer ist's?« »Mach« auf!« antwortete milde die bekannte Stimme. Die Alte zieht den Riegel hinweg, der Ungenannte drückt leicht gegen die Türe, öffnet ein wenig, befiehlt der Alten, herauszukommen, und läßt sogleich Don Abbondio mit der guten Frau hineintreten. Dann legte er die Türe wieder an, blieb nicht weit davon stehen und hieß die Alte sich nach einem entfernten Flügel des Schlosses davonmachen; auch hatte er die andre Aufwärterin, die draußen als Wache stand, gleichfalls schon fortgeschickt. Diese ganze Bewegung, die Augenblicke der Erwartung, das erste Erscheinen neuer Personen erregten in Lucien einen neuen Anfall heftiger Gemütsbewegung; denn war ihre gegenwärtige Lage unerträglich, so mußte mit jeder Verwandlung sich eine Steigerung des Schreckens einstellen. Sie blickte hin, sah einen Priester, eine Frau – das richtete ihren Mut ein wenig auf; sie sieht genauer hin – ist er es oder nicht? Sie erkennt Don Abbondio und bleibt wie bezaubert mit bewegungslosen Blicken sitzen. Bald aber trat die Frau auf sie zu, neigte sich zu ihr nieder, sah sie mitleidig an und ergriff ihre beiden Hände, sowohl um sie zu liebkosen als um ihr aufzuhelfen. »Armes Mädchen,« sprach sie, »kommt mit uns.« »Wer seid Ihr?« fragte Lucia. Ohne indessen eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich zu Don Abbondio, welcher zwei Schritte davon, nicht weniger von Mitleid ergriffen, schweigend dastand: sie betrachtete ihn von neuem und rief: »Sie? Sie sind's? Der Herr Pfarrer? Wo sind wir? – – Weh mir Armen! Meine Besinnung ist dahin!« »Nein, nein,« erwiderte Don Abbondio, »ich bin's wirklich. Seid guten Mutes. Seht Ihr? Wir sind hier, um Euch mit uns zu nehmen. Ich bin's in der Tat, Euer Pfarrer, ausdrücklich hierhergekommen, bin hergeritten ...« Als erhielt sie mit einemmal alle ihre verlorenen Kräfte wieder, schwang sich Lucia mit ungestümer Heftigkeit empor und stand aufrecht. Dann heftete sie noch einmal die Augen auf beide Gesichter und sprach: »So ist's denn die heilige Jungfrau, die Euch geschickt hat!« »Wahrhaftig, ich glaub« es selbst!« sagte die gute Frau. »Aber können wir hinausgehen, können wir wirklich hinausgehen?« fragte Lucia, indem ihre Stimme wieder sank und eine argwöhnische Furcht in ihren Gebärden zagte. – »Und alle diese Leute« – Schreien und Angst zogen ihr die bebenden Lippen zusammen – »und der Herr hier, der Mann ... er hatte mir wohl versprochen ...« »Auch er ist mit uns gekommen,« war des Pfarrers Antwort, »in eigner Person; er wartet vor der Türe. Wir wollen auf der Stelle gehen; einen Herrn wie ihn muß man nicht warten lassen.« Jetzt aber stieß derjenige, von welchem die Rede war, die Türe auf, zeigte sich und trat näher. Lucia, die kurz zuvor ihn zu sehen verlangt und einzig und allein auf ihn ihre Hoffnung gesetzt hatte, schreckte vor ihm zurück. Nachdem sie so freundliche Gesichter und Stimmen erblickt und gehört hatte, mußte seine Erscheinung sie mit einem jähen Schauder durchrieseln; sie sprang zurück, hielt den Atem an, klammerte sich fest an die gute Frau und verbarg das Gesicht an ihrem Busen. Bei dem Anblick des Mädchens, welches er schon am Abend vorher nicht mit unverwandtem Blicke zu betrachten vermocht hatte, bei dem Anblick der Unglücklichen, die jetzt durch die Verlängerung ihrer Leiden und durch die Entbehrung noch jammervoller, gramgebeugter und gebrochen vor ihm dastand, blieb er mitten im Heranschreiten stehen; und als er diese Gebärde des neuen Schreckens bemerkte, senkte er die Blicke und stand lange Zeit bewegungslos und stumm da, ehe er ein Wort hervorbrachte. Endlich antwortete er auf Worte, welche das arme Mädchen nicht gesprochen: »Es ist wahr,« rief er, »verzeiht mir!« »Er kommt, um Euch zu befreien,« flüsterte ihr die Frau ins Ohr. »Er ist nicht mehr der nämliche, er ist ein guter Mann geworden. Hört Ihr, wie er Euch um Verzeihung bittet?« »Kann man sich deutlicher erklären?« sprach Don Abbondio. »Auf, Lucia, empor mit dem Gesicht, seid kein Kind! Wir können uns gleich auf den Weg machen.« – Lucia erhob das Haupt, blickte auf den Ungenannten, sah diese gesenkte Stirn, dieses verwirrte, Zerknirschung verkündende Auge und empfand ein gemischtes Gefühl von Trost, Dankbarkeit und Mitleid. »O mein Herr!« rief sie. »Gott der Herr vergelte Ihnen diese gnädige Erbarmung!« »Und Euch tausend und tausendmal den Balsam, der in diesen Euren Worten für mich liegt!« Nachdem er so gesprochen hatte, wandte er sich, ging nach der Tür und trat zuerst hinaus. Freudig wieder beseelt, folgte ihm Lucia am Arm der Frau; Don Abbondio setzte sich zuletzt in Bewegung. Sie stiegen die Treppe hinab und machten sich, nachdem die Frauen im Hofe in die Sänfte und der Ungenannte und Don Abbondio auf ihre Reittiere gestiegen waren, auf den Rückweg nach dem Dorfe. In der Sänfte ließ die gute Frau sogleich die Vorhänge nieder, faßte Luciens Hände mit geschäftiger Zärtlichkeit und bemühte sich, durch Worte des Mitleids, der glückwünschenden Teilnahme und der freudigen Innigkeit ihren niedergebeugten Geist wieder aufzurichten. Sie sah, wie außer der Anstrengung, welche die heftigen Gemütsbewegungen ihr gekostet hatten, die Verwirrung und die Dunkelheit der Ereignisse schuld waren, daß die Unglückliche dem seligen Gefühl der Befreiung nicht in seinem ganzen Umfange sich überlassen konnte; sie sagte ihr also, was sie für das Zweckmäßigste hielt, um dem Gedächtnis des Mädchens zu Hilfe zu kommen und ihre Gedanken zu entwirren. So nannte sie ihr das Dorf, aus welchem sie war und wohin man soeben seinen Weg nahm. »Wirklich?« rief Lucia, welche wußte, daß dieses Dorf von dem ihrigen wenig entfernt war. – »O heilige Jungfrau, wie dank' ich dir! Meine Mutter! Meine Mutter!« »Nach Eurer Mutter soll sogleich geschickt werden,« versicherte die Frau, die wohl wußte, daß es bereits geschehen war. »Geschickt werden?« fragte Lucia freudig. »Der Vater im Himmel wird Euch seinen Segen dafür spenden! Ihr aber, liebe Frau, wer seid Ihr? Woher seid Ihr gekommen?« »Unser Pfarrer hat mir den Auftrag gegeben; denn der Herr hier – der allmächtige Gott hat ihm wunderbar das Herz gerührt, ihm sei Preis und Ehre dafür! – der ist nach unserm Dorf gekommen, um mit dem Herrn Kardinal Erzbischof zu sprechen, der uns eben, der liebe, fromme Herr, einen Besuch abstattet; und da hat er seine entsetzlichen Sünden bereut und sich vorgenommen, ein anderes Leben zu beginnen. Dem Kardinal aber erzählte er, er habe ein armes unschuldiges Mädchen wegführen lassen, Euch nämlich, nachdem er die Schandtat mit einem andern gottlosen Mann verabredet hatte. Wer indessen dieser sei, hat mir unser Pfarrer weiter nicht angegeben.« Lucia hob die Augen, von einer gewaltsamen Empfindung durchdrungen, zum Himmel empor. »So wißt Ihr es selbst vielleicht,« fuhr die Frau fort. »Genug also. Der Herr Kardinal war der Meinung, da sich's um ein junges Mädchen handelte, wär' es gut, wenn eine Frau ihr Gesellschaft leistete. Darum hat er dem Pfarrer den Auftrag gegeben, sich nach einer umzusehen, und der Pfarrer, ein guter Herr, ist sogleich zu mir gekommen ...« »Wahrhaftig, der Herr im Himmel mög' Euch Euer Mitleid belohnen!« »Denkt Euch also, armes junges Mädchen! Der Herr Pfarrer hat mir gesagt, ich soll Euch Mut einflößen, soll Euch sogleich wieder aufzurichten suchen und Euch begreiflich machen, wie Gott Euch so wunderbar gerettet hat.« »Ach ja, wahrlich wunderbar; die Mutter des Heilands hat sich am Throne Gottes für mich verwendet.« »Seid darum guten Mutes. Und am besten tut Ihr, wenn Ihr dem Mann, der übel mit Euch umgegangen, Eure Verzeihung schenkt und zufrieden seid, daß Gott ihn seiner Erbarmung gewürdigt. Betet Ihr für ihn, wird es nicht Euer Schade sein; Ihr erwerbt Euch ein Verdienst und werdet's selbst empfinden, wie das Herz Euch weit dabei wird.« Lucia antwortete mit einem Blicke, welcher ihre Einwilligung so deutlich wie Worte ausdrückte, und mit einer sanften Rührung, die durch Worte sich nicht bezeichnen ließ. »Gutes Mädchen!« rief die Frau. »Und da auch Euer Pfarrer sich in unserm Dorf befand – denn es sind ihrer so viele, so viele da, aus der ganzen Umgegend, es ließen sich vier Kirchenversammlungen daraus berufen –, so hat der Herr Kardinal für gut befunden, auch den zur Gesellschaft mitzuschicken. Er hat freilich wenig bei der Sache genützt; ich hatte auch schon sagen hören, es sei überhaupt nicht viel mit ihm anzufangen, und bei dieser Gelegenheit hab' ich gesehen, daß er wirklich, wie ein Hühnchen im Werg, vor verlegener Unbehilflichkeit nicht von der Stelle kann.« »Und dieser,« fragte Lucia, »dieser, der gut geworden ist, wer ist er?« »Wie? das wißt Ihr nicht?« – Sie nannte ihn. »Gottes Barmherzigkeit!« schrie Lucia. Wie oft hatte sie diesen Namen in mehr als einer Geschichte mit Abscheu wiederholen hören und die schauderhafte Rolle des Höllenfürsten darin spielen sehen! Jetzt also, da der Gedanke ihr aufs Herz fiel, wie sie in den Händen eines so unmenschlichen Wüterichs gewesen und bald durch seine fromme Schutzwacht sich gesichert sah, da die ergreifenden Bilder einer bodenlosen Gefahr und einer unbegreiflich plötzlichen Erlösung vor ihren Augen sich darstellten, da sie das furchtbare Wesen des Mannes überdachte, dessen Angesicht ihr anfangs so finster grollend, dann so bewegt, so herablassend geschienen, saß sie wie vom Schlage des Erstaunens getroffen regungslos da, und – »Barmherzigkeit!« war das einzige Wort, welches sie von Zeit zu Zeit hören ließ. »In Wahrheit, eine mächtige Barmherzigkeit hat dabei ihre Wirkung getan,« sagte die Begleiterin. »Es muß eine große Erleichterung für die halbe Welt sein, für alle Ortschaften weit und breit umher. Wenn man bedenkt, wie viele Leute er in Ängsten hielt, und jetzt, wie mir unser Pfarrer gesagt hat ... und dann, man darf ihm nur ins Gesicht sehen, er ist ein Heiliger geworden, und die Werke seiner Verwandlung zeigen sich sogleich.« Wenn wir behaupten wollten, die gute Frau habe nicht eine ansehnliche Neugier empfunden über das große Abenteuer, worin sie soeben eine Rolle spielte, etwas umständlichere Auskunft zu erhalten, so gingen wir mit der Wahrheit nicht am gewissenhaftesten um. Da indessen ein achtungsvolles Mitleid mit Lucien sie beschäftigte, da sie gewissermaßen die Bedeutung und die Würde des aufgetragenen Amtes empfand, so müssen wir's ihr zum Ruhme nachsagen, daß es ihr auch nicht ein einziges Mal in den Kopf kam, mit einer unbescheidenen oder müßigen Frage näherzurücken; was sie auf der Reise sprach, waren Worte des Trostes, die von ihrem teilnehmenden Eifer Zeugnis ablegten. »Ihr mögt Gott weiß wie lange nicht gegessen haben,« sprach sie. »Ich erinnere mich nicht mehr. Eine Zeitlang ...« »Armes Kind! Ihr müßt wieder zu Kräften zu kommen suchen.« »Freilich,« erwiderte Lucia mit schwacher Stimme. »In meinem Hause, Gott sei Dank, werden wir auf der Stelle was finden. Nehmt Euch mutig zusammen, wir haben nicht gar weit mehr.« Lucia gab ihrer Mattigkeit nach und legte sich, wie nach Schlaf verlangend, in den Hintergrund der Sänfte zurück. Die Begleiterin schwieg und störte ihre Ruhe nicht. Für Don Abbondio war diese Rückkehr nicht so angstvoll wie der Herweg, und sein Hasenherz fühlte sich etwas geräumiger in der Brust; indessen ließ es sich doch eben nicht eine Lustreise nennen. Sobald die erste gewaltsame Furcht ein wenig nachgelassen, fühlte er sich all seiner drückenden Last enthoben; aber bald fing ein andrer Widerwille an, in hundert verschiedenen Empfindungen hervorzubrechen, wie an der Stelle, wo ein großer Baum ausgerissen worden, eine Zeit hindurch die nackte Erde daliegt, bald aber wieder sich ganz und gar mit Unkraut überzieht. Seine Empfindlichkeit hatte sich währenddessen für alles übrige gesteigert, und er mochte die Gegenwart oder die Zukunft überdenken, so gebrach es ihm keineswegs an Stoff, sich weidlich abzumartern. Mehr als bei dem Hinweg empfand er jetzt, wie diese Art zu reisen, an welche er nicht sehr gewöhnt war, abscheulich unbequem war, und als man vom Felsenschlosse ins tiefe Tal hinabstieg, war's vorzüglich kaum auszuhalten. Der Sänftenträger ließ auf einen Wink des Ungenannten, der, in seine Reue versunken, eine finstere Miene angenommen hatte, seine Tiere rasch ausschreiten; die beiden Reiter hinten folgten ihm auf den Fuß. Daher geschah es, daß der arme Don Abbondio an mancher unebenen Stelle, als wenn ihn rückwärts jemand in die Höhe schleuderte, nach vorn überkippte und, um sich im Gleichgewicht zu erhalten, den Sattelknopf wie ein hilfesuchender Verzweifelter mit beiden Händen umklammert halten mußte. So ließ er sich denn wie gewöhnlich, von Ärger und Furcht zugleich beherrscht, nach fremdem Belieben leiten. Indessen erreichte man endlich den Fuß der Anhöhe und trat bald zum Tal hinaus. Die Stirn des Ungenannten erheiterte sich. So griff denn auch Don Abbondio zu einem natürlicheren Gesicht, reckte den Kopf etwas zwangloser über die Schultern hinaus, setzte Arme und Beine in Freiheit und nahm im Sattel eine bequemere Lage an, daß er ganz wie ein anderer Mensch aussah. Dann seufzte er einigemal tief auf und ließ sich's nun bei unbefangenerem Gemüte angelegen sein, den Blick der Besorgnis auf andere entfernte Gefahren zu richten. – Was wird der Unhold, der Don Rodrigo sagen? So lumpig angeführt, mit einer so langen Nase abziehen, den Schaden haben und den Spott noch dazu nehmen, denke sich einer einmal, ob ihm die Pille bitter schmecken wird! Jetzt wird er erst den vollkommenen Teufel spielen. Es steht zu erwarten, daß er auch mit mir anbindet, weil ich bei dem Spuk hier meinen Senf dazu gegeben habe. Wenn er schon vorher so niederträchtig war, die beiden Mordkerle abzuschicken, daß sie mir mitten auf der Straße über den Hals kamen, so mag der Himmel wissen, was er jetzt anstellen wird. Mit Ihrer erlauchten Gnaden kann er es nicht aufnehmen, das ist ein viel zu großer Bissen für ihn; da muß er in den Zügel knirschen und stumm sein. Das Gift aber hat er einmal im Leibe, und so wird er's an einem auslassen wollen. Wie laufen nun dergleichen Geschichten ab? Die Schläge fallen unausbleiblich nieder, und die Fetzen fliegen durch die Luft. Die Lucia, die werden der Herr Kardinal schon in Sicherheit zu bringen wissen; der andre, der arme Junge, der sich so schlimm aufgeführt hat, ist weit vom Schuß und hat auch sein Teil schon zu schmecken bekommen – wer also den bittersten Bissen niederzuschlucken hat, das bin ich. Und doch wär's 'ne unerhörte Grausamkeit, wenn ich nach so entsetzlichen Beschwerlichkeiten, nach so einem angstvollen Umhertreiben, ohne das Geringste verbrochen zu haben, das böse Wetter ausbaden müßte! Und wenn dem Herrn Kardinal nun noch die Neugier ankommt, die ganze Geschichte wissen zu wollen, und ich Rechenschaft über die Trauungssache ablegen muß! Weiter fehlte nichts. Und wenn er in meinem Kirchsprengel auch einen Besuch macht? Mag's werden, wie's will, ich mag mich nicht weiter abängstigen, hab' leider genug auf dem Halse. Einstweilen schließ' ich mich in meine vier Wände ein. Solange Monsignore hier herum haust, wird Don Rodrigo nicht so toll sein, dumme Streiche zu machen. Und hernach? ... Weh mir! Mir steht in meinen letzten Lebensjahren wenig Gutes bevor! – Der Zug kam im Dorfe an, als der Gottesdienst noch nicht zu Ende war. Man schritt durch dieselbe Menge, welche nicht weniger als vorher verwundert dastand und dann sich teilte. Die beiden Reiter lenkten seitwärts nach einem Platze, in dessen Hintergrunde das Haus des Pfarrers stand; die Sänfte indessen bewegte sich nach der Wohnung der guten Frau. Don Abbondio blieb dem Worte, welches er sich selbst gegeben, ritterlich treu. Kaum war er von seinem Tiere herabgestiegen, sagte er dem Ungenannten die allerergebensten Höflichkeiten und bat, ihn gnädigst bei Monsignore zu entschuldigen; er müsse stehenden Fußes in dringenden Geschäften nach seiner Pfarrei zurückkehren. Darauf eilte er hinweg, sich nach seinem Gaul umzusehen; mit diesem Staatsnamen beehrte er einen Stock, welchen er in einem Winkel des Vorzimmers gelassen hatte; er fand ihn und machte sich damit auf die Heimkehr. Der Ungenannte indessen harrte, bis der Kardinal aus der Kirche kam. Die wackere Frau ließ Lucien im vornehmsten Winkel ihrer Küche auf ihren besten Stuhl niedersitzen, beeilte sich, etwas Erquickendes für sie zurechtzumachen, und lehnte mit einer Art von herzlicher Derbheit jeden Dank und jede Bitte um Entschuldigung ab. Lucia erhielt allmählich ihren früheren Mut wieder und machte sich aus Gewohnheit oder vermöge eines natürlichen Triebes zu reinlicher Ordnung und Schamhaftigkeit daran, ihrer Kleidung wieder den schicklichen Anstand zu geben; sie band die gelockerten, in Verwirrung geratenen Flechten auf dem Kopfe zusammen und gab dem Busentuche die erforderliche Lage. Während dieser Arbeit gerieten ihre Finger an den Rosenkranz, welcher am Halse hing; ihr Blick fiel darauf, und plötzlich ergriff ihre Seele eine heftige Bewegung – die Erinnerung an das Gelübde, bis jetzt von so vielen drängenden Empfindungen zurückgetrieben und erstickt, lebte unversehens wieder auf und stellte klar und deutlich sich ein. Alle Kräfte ihrer Seele, die kaum sich wieder verjüngt hatten, drohten in einem neuen Sturme unterzugehen, und wäre ihr Gemüt nicht durch ein Leben der Unschuld, der Ergebung und des Vertrauens so vorbereitet gewesen, so hätte die Bestürzung, welche sie in dem Augenblicke empfand, sich schnell zur Verzweiflung gesteigert. Nach einem Tumult von Gedanken, mit welchem Worte nicht gleichen Schritt halten können, waren die ersten, die sie wieder fand: Ich Unglückliche, was hab' ich getan! Kaum aber hatte sie im Geiste sie ausgesprochen, erschrak sie vor ihnen. Alle begleitenden Umstände dieses Gelübdes kehrten ihr zurück, die unerträgliche Beklemmung, das Verzweifeln an jeder menschlichen Hilfe, die Inbrunst des Gebetes, die Fülle der Empfindung, mit welcher das Versprechen geschehen. Und nachdem sie nun der erflehten Gnade teilhaftig geworden, das Versprechen bereuen – darin erkannte sie eine himmelschreiende Undankbarkeit, einen Treubruch gegen Gott und die Jungfrau; es war ihr, als müßte solch eine Treulosigkeit ein neues schrecklicheres Mißgeschick ihr zuziehen, in dessen Drange sie nicht einmal zum Gebete mehr ihre Zuflucht würde nehmen können. Und so beeilte sie sich, der augenblicklichen Reue zu entsagen. Ehrfurchtsvoll nahm sie den Rosenkranz vom Halse, hielt ihn in zitternder Hand empor, bestätigte und erneuerte das Gelübde und bat zu gleicher Zeit mit gerührtem Flehen, es möge die Kraft, es zu erfüllen, ihr verliehen werden. Renzos Entfernung, bei welcher keine Wahrscheinlichkeit zur Rückkehr vorhanden, die Entfernung, die sie bisher mit so bitterer Sehnsucht empfunden, schien ihr jetzt eine Veranstaltung der Allmacht, welche beide Ereignisse zu einem einzigen Zwecke hatte geschehen lassen, und so bemühte sie sich, in dem einen Trost für das andre zu finden. Darauf glaubte sie hoffen zu müssen, dieselbe Allmacht würde, um das Werk zu vollenden, auch die Mittel zu finden wissen, um Renzo gleichfalls zur Entsagung zu leiten, auch er würde nicht mehr daran denken ... Kaum aber hatte diese Vorstellung in ihre Seele Eingang gefunden, so geriet sie in die stürmischste Unruhe. Die Arme empfand, daß ihr Herz von neuem sich zur Reue neigte; sie kehrte zum Gebet zurück, zur Selbstbestärkung, zum Gegenkampfe, und erhob sich aus diesem, wie der müde, wundenschwache Sieger über einen geschlagenen Feind. Indessen ließen sich nahende Fußtritte und festliche Stimmen hören. Es war die kleine Familie, die aus der Kirche zurückkehrte. Zwei kleine Mädchen und ein Knabe traten hüpfend herein; sie standen einen Augenblick still und sahen Lucien neugierig an; dann liefen sie zur Mutter und drängten sich um sie her. Die eine fragte nach dem Namen der unbekannten Fremden, wie und warum; die andre wollte die gesehenen Wunderdinge erzählen, während die beschäftigte Hausfrau auf alles mit: »Stille, stille!« antwortete. Sodann trat mit einem ruhigeren Schritte, aber mit fröhlichem Eifer auf dem Gesicht der Herr des Hauses herein. Er war, wenn wir es nicht schon gesagt haben, der Meister Schneider, welcher mit seiner Nadel für das Dorf und die Gegend umher sorgte; ein Mann, der lesen konnte und auch wirklich mehr als einmal die Legendensammlung der Heiligen und das Geschlechtsregister der Könige von Frankreich durchgelesen hatte. Bei den Bauern des Dorfes galt er für einen Mann von Talent und Wissenschaft, pflegte jedoch dieses Lob bescheiden abzulehnen und sagte bloß, er habe seine Bestimmung verfehlt; denn wenn er, statt so vieler andern, aufs Studieren geraten wäre ... Dabei war er die beste Seele auf der Welt. Er hatte daneben gestanden, als der Pfarrer sein Weib um die wohltätige Reise ersuchte; er gab seine Einwilligung dazu und würde sich's, wenn es nötig gewesen wäre, auch eine Ermahnung haben kosten lassen. Jetzt, da der Gottesdienst, die feierlichen Aufzüge, das Zusammenströmen der Menschen, vorzüglich aber die Predigt des Erzbischofs alle seine frommen Empfindungen aufs höchste gespannt hatten, kehrte er voller Erwartung nach Hause zurück und war ängstlich begierig zu erfahren, wie die Sache abgelaufen war, und die arme gerettete Unschuld unter seinem Dache zu finden. »Sieh nur einmal,« sagte bei seinem Eintritt die Hausfrau und deutete auf Lucien hin. Diese ward rot, stand auf und brachte stammelnd eine Entschuldigung vor. Er aber ging auf sie zu, unterbrach sie durch liebkosende Gebärden und rief: »Willkommen, willkommen in meinem Hause! Ihr seid hier ein Segen des Himmels. Wie froh bin ich, Euch zu finden! Ich rechnete wohl darauf, daß Ihr in sicherem Hafen angekommen wäret; denn ich hab' nie gefunden, daß der Herr ein Wunder begonnen hätte, ohne es erbaulich zu enden; dennoch bin ich gar sehr zufrieden, Euch unter meinem Dache zu sehen. Armes Mädchen! 's ist aber bei dem allen eine große Sache, ein Wunder erlebt zu haben!« Die Hausfrau machte sodann eilig den Tisch zurecht und wies Lucien ihren Platz an; ein Flügel eines Kapauns kam auf ihren Teller zu liegen. Darauf setzte sich das Ehepaar, und beide ermahnten die niedergeschlagene, verschämte Fremde, alle Scheu beiseitezusetzen und rüstig zuzuessen. Der Schneider fing schon bei den ersten Bissen an, mit großer Begeisterung sich vernehmen zu lassen; die Kinder, die, um den Tisch stehend, ihr Mittagbrot verzehrten, sprachen freilich nicht ohne zudringliche Unterbrechung dazwischen; sie hatten wirklich zu viele und zu außerordentliche Dinge gesehen, um eine Stunde hindurch bloß ruhige Zuhörer abzugeben. Der Mann beschrieb die feierlichen Kirchengebräuche und sprang darauf zu einer Abhandlung von der wundersamen Bekehrung über. Dabei trat der Pfarrer des Dorfes herein und sagte, der Kardinal schicke ihn, um nach Lucien sich zu erkundigen; zugleich solle er ihr melden, daß Monsignore sie noch heute sehen wolle. Im Namen desselben dankte er auch den Eheleuten auf das freundschaftlichste. Gerührt und ergriffen fanden alle drei keine Worte, um die Leutseligkeit eines solchen Herrn zu erwidern. »Und Eure Mutter ist noch nicht angekommen?« fragte der Pfarrer. »Meine Mutter!« rief Lucia. Darauf erfuhr sie von ihm, daß er auf Befehl des Erzbischofs nach Agnesen geschickt habe. Das Mädchen bedeckte die Augen mit dem Taschentuche und weinte aus vollem Herzen; der Pfarrer war bereits wieder hinausgegangen, als ihre Tränen noch eine ganze Zeit hindurch flossen. Nachdem endlich die stürmischen Bewegungen, welche diese Nachricht erregt hatte, ruhigeren Vorstellungen zu weichen angefangen, erinnerte sich die Arme, daß diese jetzt so nahe Befriedigung, ihre Mutter wiederzusehen, eine Befriedigung, zu welcher wenige Stunden vorher die Hoffnung sich nicht erheben durfte, in den Augenblicken der Angst gleichfalls ein Punkt ihres Gebetes, gleichfalls eine Bedingung bei dem Gelübde gewesen. Laß mich gerettet zu meiner Mutter wiederkehren, hatte sie gesagt, und diese Worte klangen ihr in der Erinnerung jetzt deutlich wieder. So befestigte sie sich denn mehr als je in dem Vorsatze, ihrem Versprechen getreu zu bleiben, und warf sich von neuem und bitterer noch die Reue vor, der sie einen Augenblick Raum gestattet hatte. Agnese war wirklich, da man hier von ihr sprach, nur eine kleine Strecke Weges noch entfernt; und bald langte der Karren an und hielt vor dem Hause des Schneiders. Lucia sprang stürmisch auf, Agnese stieg ab und stürzte hastig ins Zimmer; Mutter und Tochter lagen einander in den Armen. Nach dem ersten Sturm der Umarmungen und des Geschluchzes wollte Agnese die Schicksale ihrer Tochter wissen, und diese mußte an die schmerzenvolle Erzählung gehen. Aber, wie der Leser weiß, war es eine Geschichte, die keiner in allen ihren einzelnen Teilen kannte, und so gab es auch für Lucien dunkle, durchaus unerklärbare Punkte. Hauptsächlich das verhängnisvolle Zusammentreffen, daß die entsetzliche Kutsche an der Straße dort gerade in dem Augenblicke stand, als Lucia in einem so ungewöhnlichen Falle vorüberging. Mutter und Tochter verloren sich darüber in Vermutungen, gerieten aber immer weit von der Wahrheit ab, ohne sich im geringsten ihr zu nähern. Was dagegen den Haupturheber des schändlichen Umtriebes betraf, über ihn waren beide keine Sekunde in Verlegenheit; die eine wie die andre dachte nur an Don Rodrigo. Der Schauder, welchen Lucia empfand, zu so neuen und verhaßten Erinnerungen zurückzukehren, ließ sie mehr als einmal mitten im Erzählen stocken; mehr als einmal gestand sie, sie habe den Mut nicht fortzufahren, und kam nach vielen Tränen erst mit Mühe wieder zu Worten. Bei einer gewissen Stelle des Berichtes aber band ihr eine ganz andre Empfindung die Zunge; es war das Gelübde . Die Furcht, von der Mutter als eine unbedächtige Leichtsinnige getadelt zu werden, der Gedanke, daß die gute Frau, wie sie es bei der Vermählung gemacht, mit irgendeinem Gesetze ihrer lockeren Gewissenhaftigkeit zum Vorschein kommen und darauf bestehen könnte, beides fiel der Erzählerin mächtig aufs Herz. Wenn nun Agnese, bloß um Licht und Rat sich zu verschaffen, irgendeinem andern die Sache im Vertrauen zuflüsterte und ihre Tochter am Ende in aller Leute Mund brächte! Schon die Vorstellung einer solchen Öffentlichkeit marterte das Mädchen mit einem unerträglichen Schamgefühl. Dazu kam eine schon gegenwärtige Scham, ein unerklärlicher Widerwille, über einen Gegenstand dieser Art sich zu äußern, und so verschwieg sie diesen wichtigen Umstand ganz und gar, nahm sich indessen vor, mit dem Pater Cristoforo zuerst darüber zu sprechen. Wie fuhr sie aber vor Schrecken zusammen, als sie nach ihm fragte und zur Antwort erhielt, er sei nicht mehr im Kloster, sei nach einem entfernten, sehr entfernten Orte, der Gott weiß wie heiße, geschickt worden! »Und Renzo?« fragte Agnese. »Der ist in Sicherheit, nicht wahr?« entgegnete Lucia hastig. »Das ist gewiß, denn alle sagen's. Es kam Nachricht an, daß er hinüber ins bergamaskische Land gekommen sei. Den Ort selber aber, wo er sich eigentlich aufhält, weiß keiner zu nennen, und bis zu dieser Stunde hat er noch nichts von sich hören lassen. Ich denk' mir, es hat sich bis jetzt noch kein Mittel dazu gefunden.« »O, wenn er nur geborgen ist, so sei dem Herrn dafür gedankt!« sprach Lucia und griff nach einem andern Gespräche. Dieses aber ward von einer unvermuteten Neuigkeit unterbrochen – der Erscheinung des Kardinal Erzbischofs. Agnese und Lucia hörten ein steigendes Getümmel in der Straße, und während sie noch darüber nachdachten, was es sein könnte, sahen sie die Türe aufgehen und den Herrn im Purpur mit dem Pfarrer ins Zimmer treten. »Ist's diese?« fragte der Kardinal, und da der Pfarrer es bejahte, schritt er auf Lucien zu, welche mit der Mutter vor Überraschung und Scham ebenso sprachlos wie unbeweglich dastand. »Armes junges Mädchen!« begann der Erzbischof, »Gott hat zugegeben, daß Ihr eine mächtige Prüfung erlittet; zugleich aber hat er Euch auch gezeigt, daß er keineswegs sein Auge von Euch weggewandt noch Euch vergessen hat. Er ist Euer Retter geworden; zu einem großen Werke hat er sich Eurer bedient, hat durch Euch an einem verlorenen Sünder seine Erbarmung kundgetan und dadurch zugleich so viele andere aus ihrer Not erlöst.« »Alle Priester auf Erden müßten wie Eure Gnaden sein,« sagte Agnese, »müßten es ein wenig mit den armen Leuten halten, nicht aber sie in schlimme Händel noch weiter hineinstoßen helfen, um sich selber aus allem Ungemach zu ziehen.« Das herablassende liebreiche Benehmen des Bischofs hatte ihr Mut eingeflößt, so daß sie der Entrüstung, die sie noch immer gegen Don Abbondio hegte, einmal auch vor höherem Orte Luft machen mußte. »Sagt nur alles, was Ihr denkt,« ermunterte sie der Kardinal, »redet frei heraus, furchtlos und unverhohlen.« »Ich wollte eigentlich sagen, wenn unser Herr Pfarrer gehörigermaßen seine Schuldigkeit getan, so hätte die Sache ganz und gar einen andern Gang genommen.« Da indessen der Kardinal aufs neue in sie drang, sich deutlicher auszusprechen, sah sie sich in Verwicklung geraten, weil sie nun eine Geschichte erzählen sollte, in welcher sie selbst eine Rolle gespielt hatte, wie sie nicht leicht, zumal einem solchen Manne, mitgeteilt werden konnte. Gelegenerweise fand sie denn doch eine kleine Aushilfe; sie berichtete die verabredete Trauung, die Weigerung des Pfarrers, verschwieg den Vorwand von den Obern, mit welchem er sich geholfen hatte, keineswegs, sprang sodann zu Don Rodrigos Angriffen über und erklärte, wie sie, davon unterrichtet, die Flucht hatten ergreifen können. – »Aber, Herr,« fuhr sie fort, »das war Fliehen, um von neuem in die Schlinge zu geraten. Wenn dagegen der Herr Pfarrer aufrichtig mit uns zu Werke gegangen wäre und meine armen Kinder auf der Stelle getraut hätte, so hätten wir uns alsobald mitsammen auf die Reise gemacht und wären heimlich weit weggegangen, daß auch nicht eine einzige Seele davon Wind gehabt hätte. So aber haben wir unsre Zeit verloren, und es ist daraus geworden, was daraus geworden ist.« »Der Herr Pfarrer soll mir darüber Rechenschaft geben,« sagte Borromeo. »Ach nein, Herr!« rief Agnese, »deswegen hab' ich's nicht gesagt; schreien Sie ihn nicht an; denn was geschehen ist, das ist einmal geschehen, und es täte auch nichts helfen, 's ist einmal ein Mann von solcher Beschaffenheit, und wenn sich's wieder so träfe, würde er's eben nicht anders machen.« Lucia aber, mit der Erzählung ihrer Mutter wenig zufrieden, setzte hinzu: »Auch wir haben unrecht gehandelt; man sieht, es war nicht der Wille des Herrn, daß die Sache glücklich vonstatten gehen sollte.« »Was habt Ihr unrecht handeln können, armes Mädchen?« fragte der Bischof. Obgleich ihr die Mutter, mit flüchtigen Seitenblicken den Weg vertreten wollte, erzählte Lucia dennoch vom Versuche, welcher auf Don Abbondio in seinem eigenen Hause vorgenommen war. »Wir haben unrecht gehandelt,« schloß sie, »und Gott hat uns dafür gezüchtigt.« »Nehmt von seinen Händen die Leiden, die Ihr erduldet habt,« erwiderte der Kardinal, »und seid jetzt guten Mutes; denn wer hat Ursache zur Freude und zur Hoffnung als derjenige, der gelitten hat und nicht Bedenken trägt, sich selbst seiner Schuld anzuklagen?« Darauf sagte er, er gedenke in wenigen Tagen sich nach ihrem Dorfe zu begeben; dann könnte Lucia unbesorgt mit hinreisen; indessen würde er auf ein sicheres Unterkommen für sie denken, bis alles wieder, so gut wie möglich, in Ordnung gebracht worden sei. Darauf wandte er sich zu den Hausleuten, und diese traten sogleich näher. Er wiederholte den Dank, welchen er ihnen bereits durch den Pfarrer hatte sagen lassen, und fragte sie, ob sie geneigt wären, die Gäste, die ihnen der Himmel zugesandt, auf die wenigen Tage unter ihrem Dache zu beherbergen. »Von Herzen gern, Herr,« antwortete die Frau. Ihre Stimme und ihre Miene gaben der trockenen, von der Scham gehemmten Antwort den lebhafteren Ausdruck. Der Schneider aber, von der Gegenwart eines solchen Mannes aufs höchste begeistert und begierig, bei einer so wichtigen Gelegenheit Ehre einzulegen, sann mit ängstlicher Emsigkeit auf eine schönere Antwort. Er runzelte die Stirn, drehte die Augen, zuckte mit dem Munde, strengte seinen Scharfsinn nach Kräften an, suchte, stöberte in den Gehirnkammern umher und ward in ihnen ein Gewühl von verstümmelten Gedanken und halben Worten gewahr; aber die Zeit drängte, der Kardinal zeigte durch einen Wink, daß solch ein Stillschweigen keiner weiteren Auslegung bedürfe, und so öffnete der arme Mann bloß zu den einzigen Worten: »Denken Sie sich's!« den Mund. Etwas anderes wollte ihm für jetzt durchaus nicht einfallen. Über seine wortkarge Redekunst aber ärgerte er sich nicht bloß für den Augenblick; die unerfreuliche Erinnerung daran verdarb ihm auch späterhin seinen Jubel über die erlebte Ehre. Sooft er darauf zu sprechen kam und sich in dieselbe Lage wieder versetzte, fielen ihm, als geschehe es zu seinem Hohne, unzählige Worte ein, die alle zehnmal passender als das ungesalzene »Denken Sie sich's« gewesen wären. Geistesgegenwart aber ist eine seltene Sache, und der Verstand der Klugen kommt spät. »Der Segen des Herrn ruhe auf diesem Hause!« sagte der treffliche Bischof und entfernte sich. Indessen dürfen wir die Geschichte dieses Tages nicht beschließen, ohne in aller Kürze zu berichten, wie der Ungenannte ihn endigte. Diesmal war ihm das Gerücht von seiner Bekehrung im Tale zuvorgekommen; schnell hatte es sich daselbst verbreitet und alles in Erstaunen, in Ängstlichkeit, in heimlich flüsternde Pein versetzt. Den Söldlingen, welchen er begegnete, gab er ein Zeichen, sie möchten ihm folgen; der Befehl ging von Mann zu Mann. Mit der gewohnten Unterwürfigkeit, aber mit ungewöhnlichem Schwanken gingen alle hinter ihm her, und so kam er, während seine Begleitung von Minute zu Minute zahlreicher wurde, im Schlosse an. Auch die Wächter am Tore mußten mit hineinkommen; er trat in den ersten Hof, ging nach der Mitte hin, und noch immer auf dem Maultier sitzend, ließ er einen donnernden Ruf ertönen; es war das gewöhnliche Zeichen, und wer es vernahm, pflegte eilig herbeizulaufen. Was durch den weiten Umfang des Gebäudes zerstreut sich befand, folgte dem Rufe, verneigte sich mit den bereits Versammelten und blickte erwartungsvoll auf den Herrn. »Erwartet mich im großen Saale,« sagte dieser und sah ihnen vom Sattel herab nach. Dann stieg er schnell ab, führte das Tier mit eigener Hand in den Stall und begab sich dorthin, wo man ihn erwartete. Bei seinem Erscheinen verstummte sogleich das Geflüster, womit sich die Neugier daselbst unterhielt; alle zogen sich nach der Seite zurück und ließen einen großen Raum im Saale für ihn leer. Der Ungenannte streckte die Hand aus, als wollte er das Stillschweigen, welches seine Gegenwart bereits herbeigeführt hatte, noch nachdrücklicher gebieten, erhob das Haupt, das über den ganzen Haufen hervorragte, und sprach: »Merkt alle auf, und keiner rede, wenn ich ihn nicht frage. Kinder! Die Straße, auf welcher wir bis jetzt gewandelt, führt in den Abgrund der Hölle. Ich will euch damit keinen Vorwurf machen; voran bin ich euch gegangen, bin selbst unter allen der Schlimmste gewesen. Hört aber, was ich euch zu sagen habe. Der barmherzige Gott hat mir zugerufen, mein Leben zu ändern; ich werde es ändern, ich hab' es schon geändert; er mache es ebenso mit euch allen. Wisset also und seid überzeugt, daß ich entschlossen bin, lieber zu sterben, als den kleinsten Schritt fürder gegen sein heiliges Gesetz zu tun. Der frevelhaften Gebote, die euch an meinen Dienst fesseln, seid ihr hiermit sämtlich entbunden; ihr versteht mich; ja, ich gebiete euch, von allem, was ich euch früher befohlen, nicht das Geringste zu tun. Seid ebenso überzeugt, daß keiner unter euch von nun an in meinem Dienste, unter meinem Schutze, eine Missetat zu begehen sich unterfangen darf. Wer unter diesen Bedingungen hier bleiben will, soll wie ein Sohn behandelt werden, und ich will zufrieden sein, am Abend eines Tages, an welchem ich selbst nichts genossen, den letzten unter euch mit dem letzten Bissen Brot zu sättigen, der mir im Hause bleibt. Wer nicht zu bleiben sich entschließen kann, der soll seinen rückständigen Sold erhalten und noch dazu ein Geschenk auf den Weg bekommen; er kann gehen, nimmer aber setze er den Fuß wieder über diese Schwelle, es sei denn, daß er sein Leben zu ändern trachtet – in diesem Falle soll er sich jederzeit mit offenen Armen von mir empfangen sehen. Überlegt das diese Nacht, morgen werde ich euch einen nach dem andern um eure Antwort fragen, und dann sollt ihr neue Befehle erhalten. Für jetzt gehe jeder auf seinen Posten zurück. Gott der Herr, der an mir sein Erbarmen so gnädiglich kundgetan, bedenke auch euch mit einem tugendhaften Entschlusse.« Hier schwieg er, und kein Laut ließ sich vernehmen. Wie verschieden und stürmisch auch die Gedanken sein mochten, welche in diesen wilden Köpfen gärten, sie verrieten sich durch kein äußeres Zeichen. Sie hatten sich daran gewöhnt, die Stimme ihres Gebieters als die Erklärung eines Willens zu betrachten, gegen welchen kein Mensch auf Erden, mit Widersprüchen streiten durfte; die Stimme verkündigte zwar, daß dieser Wille eine andre Richtung genommen, daß er aber seine alte Kraft verloren, verkündigte sie nicht. Keinem von ihnen kam es in den Sinn, daß man gegen einen Mann, dessen Bekehrung auf Demut schließen ließ, mutig auftreten und ihm wie andern erwidern dürfe. Sie sahen einen Heiligen in ihm, aber einen von denjenigen Heiligen, die mit emporgehobenem Haupte und mit dem Schwert in der Faust gemalt zu werden pflegen. Als Untertänige empfanden sie außer der Furcht auch eine ergebene Zuneigung; dies fand besonders bei solchen statt, welche unter seiner Schutzherrschaft geboren waren, und deren gab es nicht wenige. Keiner vermochte sich der wohlwollenden Bewunderung zu erwehren, und so fühlten sie sich in seiner Gegenwart von jener Scham überrascht, welche auch die rohesten und mutwilligsten Gemüter bei einem schon erkannten Übergewichte zu erfahren pflegen. So standen sie sprachlos da, einer über den andern und jeder über sich selbst ungewiß. Dieser gab sich einem verzehrenden Ärger hin, jener machte Pläne, wo er nun hinzugehen habe, um Dienst und Unterkommen zu suchen; ein dritter prüfte sich, ob er wohl zum Entschlusse, ein ordentlicher Mensch zu werden, taugen möchte; mancher spürte, von der Rede gerührt, eine gewisse Neigung dazu; andere beschlossen nichts, nahmen sich vor, es aufs Geratewohl ankommen zu lassen, wollten bei der teuren Zeit das Brot, welches ihnen mit so gutem Willen angeboten wurde, sich schmecken lassen und, im Schlosse bleibend, fürs erste wenigstens Zeit gewinnen; keiner aber gab einen Laut von sich. Nachdem nun der Ungenannte bei dem Schlusse seiner Rede von neuem die gebietende Hand emporgehoben und ihnen das Zeichen zum Abtreten gegeben hatte, nahmen sie, gleich einer Herde Schafe hinwegschleichend, alle den nämlichen Weg zur Pforte des Schlosses hin; er ging ihnen sodann nach und beobachtete in der Dämmerung, wie sie sich nach allen angewiesenen Stellen verteilten. Darauf nahm er eine Laterne, ging durch die Höfe, durch die Hallen und die Säle, untersuchte alle Zugänge, überzeugte sich, daß alles ruhig war, und ging schlafen – wirklich schlafen, der Segen des Schlafes gab sich im voraus schon zu erkennen. In wie viele Händel er sich auch sein ganzes Leben hindurch eingelassen hatte, so umlagerten ihn doch niemals so viele verwickelte und dabei so dringende Angelegenheiten wie eben jetzt, und dennoch fand er Schlaf. Die Gewissensbisse, die in der vorhergehenden Nacht seine Augen offen gehalten hatten, waren noch nicht beschwichtigt, gaben sich noch fortwährend mit lauten und strengen Stimmen zu erkennen, und dennoch fand er Schlaf. Die Regierung, welche er so sorgfältig in seiner Felsenburg eingeführt, hatte er jetzt selbst mit wenigen Worten aufgehoben, der sklavische Gehorsam seiner Söldlinge, auf welche er bisher sich verlassen und wodurch er furchtlos ruhte, war entfesselt, seine Mittel, seine ganze Lage gerieten durch seinen neuen Entschluß in bedenkliche Verhältnisse, und dennoch fand er Schlaf. Nachdem er sich in sein Zimmer begeben hatte, trat er an dasselbe Bett, in welchem er die Nacht vorher so viele Qualen empfunden, und kniete zum Gebete nieder. Und siehe, die Gebete, welche man den Knaben gelehrt hatte, kehrten dem Manne, der so viele Jahre sich nie zum Himmel gewandt, jetzt plötzlich wieder, eins nach dem andern stellte sich ein, und über die Lippen rannen fromme brünstige Worte. Da überschlichen ihn unbeschreibliche Empfindungen; eine süße Wonne – er kehrte zur Sitte der kindlichen Unschuld zurück; ein stechender Schmerz – er hatte zwischen sich und dieser Unschuld eine so unermeßlich gähnende Kluft geöffnet; eine glühende Sehnsucht – Buße und Gewissenhaftigkeit sollten ihn dieser Unschuld, die nicht mehr zurückkehrte, so nah wie möglich bringen; ein dankbares Vertrauen – die unbegrenzte Barmherzigkeit Gottes, welche so glänzend sich an ihm verherrlicht, konnten ihn vielleicht auch zurück zum Friedensgarten der Unschuld führen. Empor zum Sternenhimmel stieg das Gebet; dann erhob sich der reuige Sünder, legte sich nieder, und augenblicklich sank ein süßer Schlaf auf seine Augen. So endigte dieser Tag, von welchem noch zur Zeit, da unser Autor schrieb, vielfach gesprochen wurde. Jetzt wüßte ohne ihn niemand etwas davon; denn Ripamonti und Rivola, unsere beiden Gewährsmänner, sagen bloß, daß dieser Ausbund aller Unholde, nachdem er mit dem Erzbischofe Federigo Borromeo gesprochen, wundersamerweise sein Leben für immer geändert habe. Wie viele aber gibt es, welche die Schriften dieser beiden Männer gelesen? Fast noch weniger als solche, die unser Buch lesen werden. Und wer weiß, ob im Tale selbst, auch wenn man mit Eifer und Gewandtheit Untersuchungen anstellte, ein verworrener Nachhall des Ereignisses sich mag erhalten haben? Es hat sich seit jener Zeit so manches andre begeben! Sechstes Kapitel. Am folgenden Tage sprach man in Luciens Dorfe wie in der ganzen Gegend um Lecco von nichts anderem als von dem Mädchen, dem Ungenannten und dem Erzbischof. Indessen unterhielt man sich auch noch von einem Vierten, der sonst recht gern sich im Munde der Menschen wußte, unter diesen Umständen dagegen weit lieber übergangen worden wäre, von Don Rodrigo nämlich. Man hatte freilich schon vorher von seinen Streichen geredet, es geschah jedoch bloß in einzelnen, heimlichen Gesprächen; zwei Menschen mußten schon auf sehr vertraulichem Fuße miteinander stehen, wenn sie in diesem Kapitel mit gegenseitiger Offenherzigkeit sich verständigten. Wer hätte sich aber jetzt enthalten können, über ein so geräuschvolles Ereignis, in welchem die Hand des Himmels sichtbar gewaltet und zwei solche Menschen eine so glänzende Rolle gespielt, Fragen zu tun und Urteile zu fällen? Man ging bei dieser Gelegenheit die übrigen Feldzüge des Helden durch, und da der einzelne mit allen sich der nämlichen Meinung sah, sprach man furchtlos aus, was man dachte. Man flüsterte einander zu und stand in gesprächigen Haufen beisammen, hielt sich aber noch immer weit vom Schuß; denn um den Mann stand nach wie vor eine Menge von bewaffneten Bravi. Ein großer Teil dieses öffentlichen Tadels fiel auf seine Freunde und Schmeichler. Der Herr Stadtvogt, der bei den Handlungen dieses Tyrannen sich stets taub, blind und stumm verhalten hatte, erhielt seinen Text gelesen; aber auch hier wagte man sich nicht ganz offen heraus: der Herr Stadtvogt hatte seine Häscher. Mit dem Doktor Knotenhauer, welchem bloß Geschwätz und Kabalen zu Gebote standen, wie mit den übrigen Schmeichelwürmchen dieser Art ging man so glimpflich nicht um; man wies mit Fingern auf sie hin und warf ihnen scheele Blicke zu; das geschah so nachdrücklich, daß sie es fürs klügste hielten, dem Lichte der Welt eine Zeit hindurch ihre werten Personen zu entziehen. Zu Boden geschmettert von einer so ungeahnten Nachricht, nachdem er von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick eine ganz andere erwartet hatte, blieb Don Rodrigo zwei Tage hindurch, mit seinen Söldlingen allein, im Palaste verborgen und kaute am giftigen Brocken; mit dem dritten Tage reiste er nach Mailand ab. Hätte es sich bloß um das Gemurmel der Leute gehandelt, so wäre er vielleicht, da die Dinge doch einmal so weit gekommen waren, trotzend dort geblieben und hätte nach einer Gelegenheit gesucht, an einem der Kecksten für die übrigen alle ein Beispiel seines strafenden Grimmes aufzustellen; was ihn aber hinwegtrieb, war die Kunde, daß der Kardinal auch nach jener Gegend sich schon auf den Weg gemacht habe. In der Tat bereiste der Kardinal das Gebiet von Lecco und besuchte täglich einen Kirchsprengel. An dem Tage, da er nach Luciens Dorfe kommen sollte, hatte sich ein großer Teil der Einwohner an die Straße gestellt und sah ihm erwartungsvoll entgegen. Gegen Abend, zur Stunde, da Borromeo gewöhnlich anzulangen pflegte, machten sich auch die Greise, die Frauen und vorzüglich die Kinder, welche bisher zu Hause geblieben, auf den Weg und zogen teils in Reihen, teils in Haufen hin. An ihrer Spitze schritt Don Abbondio, die einzige Schattengestalt in diesem festlichen Getümmel; denn teils setzte ihn das Gelärm außer Fassung, teils umwimmelte ihn das Volk hinten und vorn und überflorte ihm, wie er zu sich selbst sagte, die Augen; teils marterte ihn auch heimlich der Gedanke, die Frauen könnten geplaudert haben und er werde über die Vermählung Rechenschaft ablegen müssen. Da erschien der Kardinal oder richtiger der Schwarm, unter welchem er in der Sänfte, von seinem Gefolge begleitet, sich befand; denn von dem ganzen Reisezuge war nichts weiter als ein Zeichen in der Luft zu sehen, hoch über all den Köpfen ein Teil des Kreuzes, welches der Kapellan, auf einem Maultiere sitzend, in der Hand trug. Die Menge, die mit Don Abbondio ging, eilte stürmisch daher, mit dieser zweiten sich zu verbinden. Drei oder viermal sagte der gedrängte Pfarrer: »Langsam, hübsch in der Reihe! Was macht ihr?« – wandte sich dann aufgebracht und rief, das sei eine babylonische Verwirrung, begab sich in die Kirche, während sie noch menschenleer war, und wartete dort die Ankunft des Erzbischofs ab. Der Kardinal näherte sich, teilte mit der Hand seinen Segen aus und empfing ihn aus dem Munde des Volkes, welches seine Begleiter nur mit Mühe entfernt halten konnten, zurück. Denn als Dorfgenossen des geretteten Mädchens hätten sich die Bauern gar gern mit außerordentlichen Ehrenbezeugungen gegen den Erzbischof sehen lassen; das hielt aber schwer; überall, wo er hinkam, strengten alle nach altem Gebrauche ihre Kräfte so viel wie möglich an. Zunächst begab er sich in die Kirche und trat an den Altar, verrichtete ein kurzes Gebet und sprach nach seiner Gewohnheit einige Worte mit den Umherstehenden, wie er sie liebe, wie ihr Wohlsein ihm am Herzen liege und welche Vorbereitungen sie für den morgenden Gottesdienst zu treffen hätten. Sodann begab er sich in das Haus des Pfarrers, teilte ihm Verschiedenes mit und erkundigte sich unter anderem nach Renzos Charakter und Betragen. Don Abbondio nannte diesen einen etwas lebhaften Kopf, welcher an Eigensinn und Galle nicht eben zu kurz gekommen. Als aber die Fragen bestimmter klangen und mehr ins Besondere gingen, mußte er bekennen, es sei ein wackerer Jüngling und er wisse sich's gar nicht zu erklären, wie er in Mailand zu den verteufelten Abenteuern, von denen man erzähle, gekommen sei. »Was aber das Mädchen betrifft,« sagte der Kardinal, »meint Ihr, daß sie sich jetzt ohne Bedenken wieder in ihr Haus begeben kann?« »Für jetzt,« antwortete Don Abbondio, »kann sie kommen und bleiben, für jetzt sag' ich, wie sie will; aber« – fügte er mit einem Seufzer hinzu – »dann müßten auch Eure erlauchte Gnaden immer in unserm Dorfe hier oder wenigstens in der Nachbarschaft sich aufhalten.« »Der Herr ist allerorten nah,« sagte der Kardinal, »übrigens werde ich darauf denken, sie in Sicherheit zu bringen.« – Sodann gab er sogleich Befehl, daß morgen früh beizeiten die Sänfte mit einer Begleitung hingeschickt würde, um beide Frauen abzuholen. Don Abbondio ging sehr zufrieden fort, daß der Kardinal von dem Paare mit ihm geredet hatte, ohne ihn mit der Frage, warum er sie nicht habe trauen wollen, in die Enge zu treiben. – Er weiß also nichts, sagte er zu sich selbst, Agnese hat reinen Mund gehalten, ein wahres Wunder! Man muß es freilich noch erst abwarten; ich will ihr aber noch eine Anweisung geben. – Der arme Mann ließ sich's nicht träumen, daß Borromeo sich in diese Materie bloß darum nicht eingelassen hatte, weil er bei freierer Zeit umständlich mit ihm darüber zu sprechen gedachte und, ehe er ihm den verdienten Lohn gab, auch seinen Gründen ein Ohr leihen wollte. Aber die Entwürfe des redlichen Kirchenfürsten, um Lucien unterzubringen, waren bereits unnötig geworden; nachdem er sie verlassen, hatten sich Dinge ereignet, die unsre nächsten Blätter berichten sollen. Wenige Miglien von dem Dörfchen, in dem Agnese und Lucia unter dem gastfreundlichen Dache des Schneiders wohnten, lebte ein Paar von hohem Stande auf einem Landgute, Don Ferrante und Dame Prassede , – der Familienname ist auch hier, wie gewöhnlich, in der Feder unsres Anonymus stecken geblieben. Dame Prassede war eine bejahrte Edelfrau, welche einen ziemlichen Hang zum Wohltun hatte. Nachdem sie Luciens großes Ereignis erfahren und sich alles hatte sagen lassen, was man bei dieser Gelegenheit von dem jungen Mädchen einander erzählte, kam ihr die Neugier an, sie zu sehen; eine Kutsche langte an, um Mutter und Tochter abzuholen. Lucia fand kein Behagen daran und bat den Schneider, welcher die Nachricht brachte, auf eine Entschuldigung zu sinnen. Solange nur unbedeutende Leute sich eingefunden hatten, um die Bekanntschaft des Wundermädchens zu machen, hatte der Schneider ihr jedesmal mit willigem Herzen diesen Dienst erzeigt; in diesem Falle aber kam ihm eine Weigerung wie eine Art von Empörung vor. Er machte so viele Verwunderungsgesichter, erhob ein so nachdrückliches Geschrei, brachte so viele Gegengründe vor – man benehme sich nicht so; es sei eine hohe Familie; vornehme Herren speise man nicht mit Nein ab; es könnte ihr Glück sein; die Dame Prassede sei, alles andre beiseite gelassen, auch eine Heilige – kurz, er setzte so viele Hebel in Bewegung, daß Lucia sich endlich ergeben mußte; auch ließ es Agnese bei all diesen Gründen an nachhelfenden Versicherungen nicht fehlen. Bei der Dame angelangt, wurden sie mit freundlichen Grüßen und Glückwünschen überhäuft. Sie fragte, sie erteilte ihren Rat; alles mit einem gewissen angeborenen Übergewicht, welches aber von so leutseligen Ausdrücken gemildert, von so lebhaftem Eifer annehmlicher gemacht und von einem so geistlich frommen Wesen gewürzt wurde, daß Agnese auf der Stelle, Lucia allmählich sich von ihrer ängstlichen Ehrfurcht erholten und die adlige Gegenwart gefaßter zu ertragen anfingen; ja, sie fühlten bald zu der hohen Wirtin sich hingezogen. Die Dame vernahm, daß der Kardinal es übernommen hatte, für Lucien einen Zufluchtsort zu finden; es regte sich der Wunsch in ihr, eine so edle Absicht zu unterstützen und ihr zuvorzukommen; sie erbot sich, das Mädchen in ihr Haus aufzunehmen, woselbst ihre ganze Beschäftigung nur im Nähen, Plätten oder Spinnen bestehen sollte. Dem Erzbischof würde sie Nachricht davon geben. Mutter und Tochter sahen sich an. Die schmerzliche Notwendigkeit, voneinander zu scheiden, stand ihnen vor den Augen; so schien denn beiden der Vorschlag höchst annehmlich, zumal wenn sie die geringe Entfernung des Landgutes von ihrem Dorfe bedachten; sie konnten sich, wenn die Sache schlimm ausfiel, an einem Zwischenorte finden und sprechen. Sobald die eine der anderen ihre Einwilligung angemerkt hatte, wandte sich das Paar zu der Dame mit dem Danke, der ein Anerbieten ergreift. Von ihrer Seite erneuerten sich Höflichkeiten und Versprechungen; der Brief an Monsignore sollte im Augenblick geschrieben sein. Die Frauen entfernten sich, und Don Ferrante setzte den Brief auf; denn da er sich mit Gelehrsamkeit befaßte, war er bei wichtigen Angelegenheiten der Kanzleischreiber seiner Ehehälfte. So setzte er denn auch hier seinen Geistesfähigkeiten angestrengt zu, übergab ihr den Aufsatz zur Abschrift und legte ihr dabei mit glühendem Eifer die Rechtschreibung ans Herz; diese war eins von den vielen Dingen, die er erlernt hatte, und eins von den wenigen, die seinem Gebote im Hause gehorchten. Die Abschrift geschah mit sorgfältigster Gewissenhaftigkeit und ward sodann zum Schneider hinübergeschickt, damit ihn die Frauen dem Kardinal überreichen könnten. Dies begab sich zwei oder drei Tage, ehe dieser die Sänfte sandte, welche das Paar nach dem heimatlichen Hause zurückbrachte. Als sie anlangten, hatte sich Borromeo noch nicht zur Kirche begeben. Sie stiegen vor dem Pfarrhause ab; der Kapellan, welcher den Befehl hatte, sie augenblicklich einzuführen, sah sie zuerst und tat, wie ihm geboten war. Der Kardinal unterhielt sich eben mit Don Abbondio über Angelegenheiten des Kirchsprengels; so konnte dieser nicht, wie er es gewünscht hatte, die Frauen in die Schule nehmen. Nur als er hinausging und sie hereintraten, gab er ihnen im Vorüberstreifen durch einen Augenwink zu verstehen, wie zufrieden er mit ihnen wäre und wie gut sie täten, im Stillschweigen so wacker fortzufahren. Nach höflichem Empfang von der einen und vielen Verneigungen von der andern Seite zog Agnese den Brief hervor und übergab ihn mit den Worten: »Er ist von der gnädigen Frau Prassede; sie sagt, sie kenne Eure erlauchte Gnaden, Monsignore, sehr wohl; wie natürlich die hohen Herrschaften immer miteinander Bekanntschaft halten. Wenn Sie gelesen haben, werden Sie sehen.« »Gut,« sagte der Kardinal, nachdem er gelesen und aus Don Ferrantes rhetorischen Blumen den Saft gesogen hatte. Er kannte das Haus und war überzeugt, daß Lucia, in guter Absicht eingeladen, vor der List und der Gewalttätigkeit ihres Verfolgers daselbst sicher sein würde. »Nehmt auch diese Trennung und diese neue Ungewißheit in Frieden hin,« sprach er darauf; »seid überzeugt, sie wird nicht lange währen; das Ziel, welches Gott euch bestimmt, wird er euch erreichen lassen; sein Wille aber, glaubet fest, ist auch der beste.« Lucien gab er insbesondere manche liebevolle Erinnerung auf den Weg, tröstete dann beide, segnete und entließ sie. Beim Hinausgehen gerieten sie in einen Schwarm von Freunden und Freundinnen, in die ganze Gemeinde, kann man sagen, welche sie erwartete und wie im Siegeszuge nach ihrem Hause geleitete. Die Frauen alle wetteiferten im Glückwünschen, im Bedauern und Fragen; jede gab laut ihr Mißbehagen zu erkennen, als sie hörte, daß Lucia morgen schon wieder abreisen würde. Die Männer machten einander im Anerbieten ihrer Dienste den Vorrang streitig; jeder wollte die Nacht über als Wache vor dem Hause stehen. Bei dieser Gelegenheit rückt unser Autor mit einem Sprichwort hervor: Sollen sich viele Arme zu eurem Beistand erheben, so dürft ihr bloß keinen nötig haben. So viele Liebesbezeugungen verwirrten Lucien und brachten sie schier außer Fassung; genau genommen indessen taten sie ihr wohl und zogen sie ein wenig von den Gedanken und den Erinnerungen ab, welche mitten in dem Getümmel bei dieser Türe ihres Hauses, in diesen Zimmern, beim Anblick eines jeden Gegenstandes nur allzu ängstlich ihr aufs Herz fielen. Mit dem Geläute der Glocke, welche den Beginn des Gottesdienstes verkündigte, setzte sich alles nach der Kirche in Bewegung, und die Heimgekehrten erlebten einen zweiten Siegeszug. Nach Beendigung des Gottesdienstes kam Don Abbondio heimgelaufen, um nachzusehen, ob auch Perpetua zur Mittagsmahlzeit alles gehörig eingerichtet habe, hörte aber, daß der Kardinal ihn zu sprechen verlange. Sogleich eilte er nach dem Zimmer des hohen Gastes; dieser ließ ihn näher treten und sagte: »Herr Pfarrer« – der Ton dieser Anrede verriet den Beginn eines langen und ernstlichen Gespräches – »Herr Pfarrer, warum habt Ihr diese Lucia und ihren versprochenen Bräutigam nicht durch den ehelichen Segen verbunden?« Die haben heut früh den Sack ausgebeutelt! dachte Don Abbondio und erwiderte mit Worten, die halb in der Kehle steckenblieben: »Sie werden wohl, erlauchter Monsignore, von den Verwirrungen, die in dieser Sache sich ereignet, sprechen gehört haben; das Ganze ist eine solche Verwicklung, daß man auch zu dieser Stunde noch keinen klaren Blick hineintun kann; wie Eure erlauchte Gnaden schon daraus ersehen können, daß das Mädchen, nach so vielen Ereignissen, gleichsam durch ein Wunder hier ist und vom Aufenthalt des jungen Mannes gar nichts bekannt geworden.« »Habt Ihr, frage ich, vor allen diesen Ereignissen an dem besprochenen Tage, als Ihr darum gebeten wurdet, Euch geweigert, die Trauung zu vollziehen? Und warum habt Ihr Euch geweigert?« »Freilich wohl – wenn Eure erlauchte Gnaden wüßten, was für Vorschriften, was für drohende Ermahnungen ich bekommen habe, mir kein Wörtchen entwischen zu lassen ...« Ohne zu enden, stockte er mit einer Gebärde, welche ehrfurchtsvoll zu verstehen gab, daß nur Unbescheidenheit mehr zu wissen verlangen könne. »Aber,« sagte der Kardinal mit ungewöhnlichem Ernste in Ton und Miene, »Euer Bischof ist's, der um seiner Pflicht und Eurer Rechtfertigung willen von Euch zu erfahren verlangt, warum Ihr nicht getan habt, was unter gewöhnlichen Umständen die Schuldigkeit erforderte.« »Monsignore,« erwiderte Don Abbondio, indem er sich demütig gleichsam verkürzte, »ich habe ja nicht damit sagen wollen ... Weil es aber verwickelte, alte Geschichten ohne Heilmittel sind, so schien's mir unnütz, sie wieder aufzurühren. Jedoch, sag' ich – ich weiß, Eure erlauchte Gnaden wollen Ihren armen Pfarrer nicht dem Verderben preisgeben. Denn Sie sehen wohl, Monsignore, Eure erlauchte Gnaden kann nicht allerorten sein, und ich bleibe hier im Feuer sitzen ... Inzwischen, wenn Sie es so befehlen, will ich, will ich alles heraussagen.« »Redet; ich will nichts weiter, als Euch ohne Schuld finden.« Nun machte sich Don Abbondio an die Erzählung seiner Leidensgeschichte. Doch unterdrückte er den vorzüglichsten Namen, sprach bloß von einem »großen Herrn«, und folgte, so gut sich's in diesem Gedränge tun ließ, den Winken der Vorsicht. »Und habt Ihr keinen andern Beweggrund gehabt?« fragte der Kardinal, nachdem er alles ruhig angehört hatte. »Ich hab' mich vielleicht nicht deutlich genug ausgedrückt,« antwortete der Pfarrer, »bei Lebensstrafe haben sie mir verboten, das Paar zu trauen.« »Und scheint Euch das ein hinreichender Grund, um eine vorgeschriebene Schuldigkeit umgehen zu dürfen?« »Meiner Schuldigkeit hab' ich immer Genüge zu leisten gesucht, auch wenn's mir herzlich sauer wurde; aber wenn das Leben auf dem Spiel steht ...« »Und als Ihr Euch der Kirche vorgestellt habt,« sagte Borromeo mit noch ernsterem Tone, »um dieses Amt zu erhalten, hat sie Euch Bürgschaft für Euer Leben geleistet? Hat sie Euch gesagt, daß bei allen Pflichten Eures Amtes sich durchaus kein Hindernis, durchaus keine Gefahr finde? Oder daß die Pflicht etwa aufhöre, wo die Gefahr beginnt? Hat sie Euch nicht vielmehr das Gegenteil verkündet? Daß sie Euch wie ein Lamm unter die Wölfe schickt? Wußtet Ihr nicht, daß es gewalttätige Bösewichter gibt, denen mißfallen könnte, was Euch gerade geboten worden? Er, dessen Lehre und Beispiel uns leitet, nach dessen Vorbild wir uns Hirten nennen, hat er etwa, da er zur Erde herniederstieg, um sein Amt zu verwalten, die Sicherheit des Lebens zu seiner Bedingung gemacht? Setzte er die heilige Salbung, das Auflegen der Hände, die Vorzüge des Priestertums fest, um auf Kosten der Menschenliebe und der Pflicht dieses irdische Leben auf einige Tage zu fristen? Schon das weltliche Leben gewährt diese Tugend, lehrt diese Lehre. Was sage ich? O Schande! Die Welt selbst belegt Euch mit Schmach. Auch die Welt hat ihre Gesetze, die das Gute wie das Böse bestimmen, hat gleichfalls ihr Evangelium, darin Stolz und Haß bezeichnet stehn; auch sie erkennt in der Liebe zum Leben keinen Beweggrund, um ihre Gebote zu überschreiten. Sie will es nicht und findet Gehorsam. Und wir, wir Söhne und Prediger der Verheißung! Wie stände es um die Kirche, wenn Euer Geschwätz da die Sprache aller Eurer Amtsgefährten wäre? Wo stände sie, wenn sie mit solchen Lehren auf Erden aufgetreten wäre?« Don Abbondio hielt sein Haupt gesenkt; sein Geist schwebte unter den Beweisgründen des Bischofs wie ein Hühnchen in den Klauen des Geiers, welcher es in eine unbekannte Gegend, in eine nie geatmete Luft mit emporgerissen. Etwas, sah er wohl, mußte geantwortet werden; er äußerte daher mit einer unentschlossenen Ergebung: »Monsignore, ich habe unrecht. Wenn das Leben in keine Rechnung dabei kommt, so weiß ich nicht, was ich sagen soll. Wenn man aber mit gewissen Leuten zu tun hat, mit Mächtigen, die von keinen Gegengründen wissen wollen, so seh' ich nicht ein, was man damit gewinnen könnte, auch wenn sich einer entschlösse, den Helden zu spielen. Der Edelherr ist von der Art, daß sich weder an Kampf noch an Übereinkunft mit ihm denken läßt.« »Wißt Ihr denn nicht, daß im Leiden um der Gerechtigkeit willen unser Sieg besteht? Wißt Ihr nicht, was Ihr selbst predigt? Was lehrt Ihr denn? Welches ist denn die gute Kunde, die Ihr den Armen verheißt? Wer verlangt von Euch, daß Ihr Gewalt mit Gewalt zurücktreibt? Wahrlich, man wird Euch eines Tages nicht fragen, ob Ihr die Mächtigen zur Rechenschaft zu zwingen verstanden habt; dazu ward Euch weder Auftrag noch Mittel gegeben. Wohl aber wird man Euch fragen, ob Ihr die Mittel angewandt und der Vorschrift Genüge zu leisten versucht habt, auch wenn jene verwegen genug gewesen, es Euch zu untersagen.« Was sind doch diese Heiligen wunderlich! dachte Don Abbondio: wenn man's bei Licht besieht, liegt ihnen die Liebschaft eines jungen Paares ernstlicher am Herzen als das Leben eines armen Priesters. – Seinerseits hätte er sich vollkommen beruhigt, wenn das Gespräch hiermit zu Ende gewesen wäre; er sah aber den Kardinal, sooft er ein wenig einhielt, eine Antwort erwarten, ein Geständnis, eine Selbstverteidigung, kurz, irgendeinen Laut aus dem Munde des Gegners. »Ich wiederhole, Monsignore,« erwiderte er endlich, »ich habe unrecht. Den Mut, den kann sich keiner geben.« »Warum habt Ihr Euch also, könnte ich fragen, zu einem Amte verpflichtet, welches Euch gebietet, den Leidenschaften der weltlichen Menge gerüstet entgegenzutreten? Fällt Euch aber nicht ein, daß, wenn zu diesem Amte der nötige Mut Euch gebricht, der Herr ihn unfehlbar Euch verleihen wird, sobald Ihr deshalb mit brünstigem Gebet Euch an ihn wendet? Glaubt Ihr, daß alle die Tausende von Märtyrern mit angeborenem Mute gewaffnet waren? Daß sie von selbst immer das Leben geringachteten? So viele Jünglinge, die soeben es zu genießen angefangen, so viele bejahrte Männer, die über das nahende Ende desselben sich zu beklagen pflegten, so viele Mädchen, so viele Mütter? Alle besaßen Mut; denn Mut war nötig, sie aber waren stark im Glauben. Da Ihr Eure Schwäche und Eure Pflichten kanntet, habt Ihr daran gedacht, Euch für die schweren Schritte, die eintreten konnten und wirklich eingetreten sind, vorzubereiten? Wenn Ihr während der vielen Jahre Eures Hirtenamtes Eure Herde geliebt, wenn sie Euer Herz erfüllt hat, Eure Sorge und Eure Lust gewesen ist, o, so durfte Euch der Mut im Falle der Not nicht fehlen; die Liebe ist unerschrocken. Wenn Ihr sie also liebtet, die Eurer geistlichen Sorgfalt anvertraut waren, die Ihr selbst Eure Kinder nennet, und sahet zwei unter ihnen mit Euch zugleich bedroht, wahrlich, wie die Schwäche des Fleisches um Euretwillen Euch in Schrecken setzte, hätte Euch die Liebe um ihretwillen zittern gemacht. Ihr hättet Euch wegen jener ersten Furcht gedemütigt, weil sie eine Wirkung Eures Elends war; Ihr hättet um die Kraft gefleht, sie zu besiegen und zu verscheuchen, weil sie eine Versuchung war; die heilige, edle Liebe zum Nächsten aber, zu Euren Kindern, sie hättet Ihr angehört, sie hätte Euch keine Ruhe gelassen, hätte Euch gespornt und gezwungen, nachzudenken und Euer möglichstes zu tun, um die Gefahr, welche ihnen drohte, abzuwenden ... Was hat Euch nun die Furcht, die Liebe eingegeben? Was habt Ihr für sie getan? Was habt Ihr ersonnen?« Er schwieg und wartete auf Antwort. Siebentes Kapitel. Don Abbondio hatte sich nur gefaßt gemacht, auf allgemeine Vorstellungen zu antworten; nach einer solchen Frage saß er daher sprachlos da. »Ihr antwortet nicht?« fragte Borromeo. »O, wenn Ihr Eurerseits getan hättet, was Mitleid und Pflicht geboten, so wäret Ihr, wie es auch immer ausgefallen, um keine Antwort verlegen. Ihr seht also selbst, was Ihr getan habt. Ihr habt der Ungerechtigkeit Gehorsam geleistet und die Vorschriften der Pflicht unbeachtet gelassen. Nun frage ich Euch, ob Ihr nicht mehr getan habt? Ihr werdet mir sagen, ob Ihr für Eure Weigerung, um den wahren Grund nicht enthüllen zu müssen, einen Vorwand aus der Luft gegriffen habt.« Auch das haben ihm die Klatschmäuler gestochen! dachte der Pfarrer. Kein Laut aber verriet, daß er eine Antwort zu geben wisse, und so fuhr der Kardinal fort: »Wenn Ihr also die armen Leute, um sie in der Unwissenheit, in dem Dunkel zu erhalten, darin der Frevler sie wünschte, mit nicht vorhandenen Schwierigkeiten zurückgeschreckt habt ... Ich muß es also glauben; es bleibt mir also nichts übrig, als mit Euch zu erröten und zu hoffen, Ihr werdet mit mir darüber weinen.« So pflegt's zu gehen, dachte Don Abbondio. Mit dem Satanas – er meinte den Ungenannten – küßt er und herzt er sich; mir, weil ich eine halbe Lüge gesagt, bloß um meiner Haut mich zu wehren, setzt er die Hölle in den Kopf. Ein Vorgesetzter aber hat immer recht. Es bringt's einmal mein Stern so mit sich, daß mir alle zu Leibe gehen; sogar die Heiligen. – Laut sagte er dann: »Ich habe gefehlt, ich seh' es ein; was hätt' ich aber in solch einer Klemme anstellen sollen?« »Ihr fragt noch? Hab' ich's Euch nicht schon gesagt? Mußt' ich's Euch erst sagen? Lieben, Freund, lieben und beten. Dann hättet Ihr empfunden, daß die Ungerechtigkeit wohl Drohungen hat, um zu erschrecken, und Streiche, um sich zu rächen, nimmer aber befehlen kann; Ihr hättet nach dem Gesetze des Herrn vereinigt, was der Mensch trennen wollte; Ihr hättet der unglücklichen Unschuld den Dienst geleistet, welchen sie mit Recht von Euch begehrte; über die Folgen hätte Gott als Bürge gewacht, denn nach seinem Gebot wäre gehandelt worden; einem andern Gebot gehorchend, habt Ihr Euch selbst zum Bürgen gemacht – die Folgen, und welche Folgen! sind Euer Werk. Wolltet Ihr Euch aber umsehen, nachdenken, suchen, würde es denn an allen menschlichen Hilfsmitteln gefehlt haben, hätte sich kein einziger Weg der Rettung aufgetan? Jetzt könnt Ihr wissen, daß diese Armen nach ihrer Vermählung auf die Flucht gedacht, daß sie bereit gewesen, sich aus dem Angesicht des Mächtigen zu entfernen, und den Ort ihrer Zuflucht bereits festgesetzt hatten. Aber auch ohne dies, fiel Euch nicht ein, daß Ihr einen Vorgesetzten hattet? Mit welcher Stirn dürfte er Euch um die Versäumung Eurer Pflicht Verweise geben, wenn er nicht verbunden wäre, bei der Beobachtung derselben Euch hilfreiche Hand zu leisten? Warum gabt Ihr Eurem Bischof von dem Hindernis, welches Euch eine verruchte Gewalttätigkeit bei der Ausübung Eures Amtes in den Weg stellte, nicht die mindeste Nachricht?« Perpetuas Vorschlag! dachte Don Abbondio ärgerlich und sah nicht, wie diese Begegnung seiner Haushälterin und des Kardinals, in Betracht dessen, was er hätte tun können und müssen, bedeutungsvoll gegen ihn zeugte. »Ihr aber,« nahm der Kardinal wieder das Wort, »habt nichts gesehen, nichts sehen wollen als Eure zeitliche Gefahr; wie riesenhaft und wunderbar mußte sie Euch doch vor Augen stehen, daß Ihr alles andre darüber in keine Erwägung zogt!« »'s ist bloß, weil ich die entsetzlichen Gesichter gesehen habe,« lautete die Antwort, welche dem Pfarrer entwischte, »weil ich dergleichen Worte mit eigenen Ohren gehört habe. Eure erlauchte Gnaden sprechen vortrefflich; Sie müßten sich aber einmal an der Stelle eines armen Pfarrers befinden und so vorm Schuß stehen.« Kaum hatte er die Worte hervorgebracht, so biß er sich auf die Zunge; er fühlte, daß er auf den Wogen des Ärgers zu weit mit fortgeschwommen war, und sagte sich: Nun kommt der Hagelschlag! – Indem er aber zweifelvoll den Blick erhob, sah er mit Erstaunen den Mann, welchen er niemals erriet oder begriff, vom strafenden Ernste des Übergewichts zur stillen gedankenvollen Zerknirschung übergehen. »Nur allzu wahr!« sagte Borromeo, »so bringt es unsre elende und schreckliche Lage mit sich. Wir sind gezwungen, von andern streng zu erheischen, was wir vielleicht zu gewähren nicht bereit sind; wir müssen richten, bessern und tadeln, und Gott weiß, was wir im nämlichen Falle tun würden, in ähnlichen Fällen getan haben. Gut also, mein Sohn und Bruder; da die Irrtümer der Vorgesetzten den andern oft besser bekannt sind als ihnen selbst, so sagt mir's freimütig, führt mir's zu Gemüte, wenn Ihr wißt, daß ich aus Kleinherzigkeit, aus irgendeiner Rücksicht meine Schuldigkeit hintangesetzt habe; wo ich als Muster mich vergessen, soll das Geständnis wenigstens nicht ausbleiben.« O, was für'n heiliger Mann! dachte Don Abbondio. – Das heißt aber sich quälen! Auch über sich selber! Wenn er nur herumstöbern, aufwühlen, prüfen, erforschen kann, betraf's auch ihn selber. – Darauf sagte er laut: »O Monsignore, Sie scherzen! Wer kennt nicht Eurer erlauchten Gnaden starkes Gemüt und unerschütterlichen Eifer?« – Im Herzen fügte er hinzu: Nur zu sehr! – »Ich heischte kein Lob von Euch, vor welchem ich erzittere,« sagte Borromeo; »Gott kennt meine Gebrechen; und was ich selbst davon empfinde, reicht hin, um mich zu Boden zu schlagen. Ich wollte aber, daß wir uns vor ihm miteinander demütigten, um miteinander im Glauben zu erstarken. Zu Eurem Heile wollt' ich, daß Ihr empfändet, wie Euer Betragen gewesen, wie Eure Sprache dem Gesetze, das Ihr predigt und nach dem Ihr gerichtet werden sollt, zuwider geklungen.« »Alles wälzt sich auf mich!« rief Don Abbondio. »Aber diese Leute, die über mich Beschwerde geführt, haben Ihnen nicht gesagt, daß sie verräterischerweise in mein Haus eingebrochen sind, um mich zu überraschen und eine Trauung gegen die Regel zu erzwingen.« »Sie haben es gesagt, Freund. Aber das betrübt mich, das bestürzt mich eben, daß Ihr Euch noch zu entschuldigen wünschet, durch Anklagen Euch zu entschuldigen denkt, daß Ihr andern zur Last leget, was ein Teil Eures Geständnisses sein sollte. Wer hat sie in die Notwendigkeit, in die Versuchung wenigstens gebracht, zu tun, was sie getan? Hätten sie diesen unerlaubten Weg gesucht, wenn der gesetzmäßige ihnen nicht verschlossen gewesen? Hätten sie daran gedacht, den Hirten zu hintergehen, wenn er sie mit offenen Armen empfangen, mit Rat und Tat unterstützt hätte? Würden Sie ihn überrascht haben, wenn er nicht listig sich versteckt hätte? Und ihnen gebt Ihr die Schuld? Es kränkt Euch, daß sie nach so vielem Elend, mitten im Elend, mit einem Worte gegen ihren und Euren Hirten sich Luft gemacht? Die Klage des Unterdrückten, der Wehruf des Betrübten möge der Welt verhaßt sein, es ist einmal so; aber wir! Was hätt' es Euch gefrommt, wenn sie geschwiegen? Ständ' es besser um Euch, wenn ihre Sache ganz und gar vor Gottes Richterstuhl gelangt wäre? Habt Ihr nicht, neben so vielen andern, eine neue Ursache, diese Leute zu lieben, da sie Euch Gelegenheit verschafft haben, die aufrichtige Stimme Eures Hirten zu hören, da sie Euch Mittel gewährt haben, die große Schuld, durch welche Ihr ihnen verpflichtet seid, besser zu erkennen und zum Teil abzutragen? Wenn sie Euch gereizt, beleidigt, gequält hätten, würde ich Euch sagen – und müßt' ich es erst Euch sagen? – Ihr sollt sie eben deswegen lieben. Liebet sie, weil sie gelitten haben, weil sie leiden, weil sie die Eurigen und schwache Hilflose sind, weil Ihr einer Verzeihung bedürfet, die Ihr am besten durch die Fürbitte dieser Leute erlangen könnet.« Don Abbondio schwieg, aber nicht mehr unwillig und unüberzeugt; sein Schweigen verriet, daß er mehr zu denken als zu sagen hatte. Die Worte, die er vernahm, bestanden in unerwarteten Folgerungen und neuer Anwendung; die Lehre aber, die ihnen zugrunde lag, war alt und auch in seinem Geiste niemals bestritten. Das Unglück seiner Mitmenschen, von dessen Erwägung ihn immer die Furcht vor seinem eigenen abgezogen, machte jetzt einen ganz neuen Eindruck auf ihn. Und wenn er auch nicht all die Reue empfand, welche die Predigt in ihm erwecken sollte – denn die Furcht spielte, noch immer gegenwärtig, den heimlichen Sachwalter –, so empfand er doch Reue; er mißfiel sich selbst, er bemitleidete die andern und sah sich von zärtlichen Gefühlen und Verwirrung überrascht. Er glich, wenn man das Bild gelten läßt, dem feuchten ausgedrückten Docht eines Lichtes, welcher, an die Flamme einer großen Fackel gehalten, anfangs dampft, knistert, spritzt und nicht fangen will, endlich aber sich entzündet und, gut oder schlecht, brennt. Ohne den Gedanken an Don Rodrigo hätte er laut sich angeklagt und geweint; dennoch verriet er Rührung genug, daß der Kardinal keine gänzliche Wirkungslosigkeit seiner Worte zu befürchten hatte. Somit stand er auf, und Don Abbondio folgte ihm. – Nun müssen wir melden, wie am folgenden Morgen Dame Prassede erschien, um der Verabredung gemäß Lucien zu holen und dem Kardinal ihre Hochachtung zu bezeugen. Dieser lobte das Mädchen und empfahl es ihr mit Wärme. Lucia riß sich weinend von der Mutter los, ging zu ihrem Häuschen hinaus und sagte zum zweiten Male ihrem Dorfe Lebewohl. Sie empfand den doppelt bitteren Schmerz, einen Ort zu verlassen, welcher ihr einzig teuer gewesen und es nicht mehr sein konnte. Aber dieser Abschied von der Mutter war nicht der letzte; Dame Prassede versicherte, sie werde noch einige Tage auf ihrem Landsitze verweilen, und da dieser so nah, versprach Agnese hinzukommen, um in einer schmerzlicheren Trennung von der Tochter zu scheiden. Auch der Kardinal stand im Begriff, nach einem andern Kirchsprengel aufzubrechen; da langte der Pfarrer des Dorfes an, welches zum Schlosse des Ungenannten gehörte, und wünschte ihn zu sprechen. Nachdem er eingelassen worden, zeigte er ein Päckchen und ein Schreiben von jenem Herrn, worin der Kardinal ersucht ward, Luciens Mutter zur Annahme des Päckchens mit hundert Goldscudi zu bewegen; sie sollten zur Mitgift für die Tochter dienen oder sonst nach Gutdünken der beiden Frauen verbraucht werden; zugleich bat er ihn, ihnen zu sagen, wenn sie jemals der Meinung wären, er könne ihnen irgendeinen Dienst erweisen, so wisse das arme Mädchen nur allzu wohl, wo er wohne; ihm aber solle das ein höchst erwünschtes Ereignis sein. – Der Kardinal ließ sogleich Agnesen rufen und setzte sie von dem Auftrag in Kenntnis. Sie vernahm ihn mit ebenso großer Verwunderung wie Freude und ließ sich ohne weitläufige Umstände die Goldrolle in die Hände drücken. – »Gott lohne es dem Herrn!« sagte sie, »und Eure erlauchte Gnaden mögen ihm tausend Dank dafür abstatten. Sagen Sie aber niemandem was; denn das ist ein Dorf hier ... Nehmen Sie mir's nicht übel; sehen Sie, ich weiß wohl, daß ein Herr wie Sie sich auf dergleichen Geplauder nicht einläßt; aber – Sie verstehen mich.« So ging sie ruhigen Herzens nach Hause, schloß sich in eine Kammer ein, wickelte die Rolle auf, und obgleich vorbereitet, betrachtete sie doch mit Erstaunen solch einen Haufen Goldstücke, von welchen sie vielleicht nie mehr als eins auf einmal, und auch das nur selten, gesehen hatte. Und diese Goldstücke waren die ihrigen. Sie zählte sie und gab sich dann Mühe, sie wieder zusammenzutun und nebeneinanderzureihen; denn bei jeder Bewegung liefen sie auseinander und glitten ihr unter den Fingern weg; endlich indessen brachte sie eine leidliche Rolle zustande, tat sie in einen Lappen, machte ein Päckchen daraus; band es ringsherum wohl zehnfach mit einem Bindfaden und steckte es in einen Winkel ihres Strohsackes. Den übrigen Teil des Tages hindurch tat sie weiter nichts als grübeln, Pläne für die Zukunft machen und sich nach dem nächsten Morgen sehnen. Im Bett blieb sie lange Zeit wach, mit den hundert Goldstücken beschäftigt, welche sie unter sich hatte, und als sie eingeschlafen, waren sie das Hauptbild ihres Traumes. Mit der Morgenröte aber stand sie auf und machte sich rasch auf den Weg nach dem Landgute, wo ihre Tochter sich befand. Bei dieser hatte sich die heftige Abneigung, von ihrem Gelübde zu sprechen, zwar nicht im mindesten verringert; dennoch war sie entschlossen, sich Gewalt anzutun und es der Mutter zu eröffnen, und zwar in der folgenden Unterredung, die für lange Zeit die letzte sein sollte. Kaum konnten sie allein sein, so sprach Agnese mit lebhaftem Gesichte, aber leisem Tone, als wäre jemand zugegen, der nichts davon erfahren sollte: »Ich habe dir was sehr Wichtiges zu sagen.« – Und somit erzählte sie das unerwartete Glück. »Gott segne den Herrn!« sagte Lucia; »so könnt Ihr recht gemächlich leben und allenfalls auch andern noch Gutes tun.« »Wie?« rief Agnese. »Siehst du denn nicht, was wir alles mit so vielem Gelde anfangen können? Höre! Ich habe niemanden auf der Welt als dich, als euch beide, kann ich sagen; denn seit Renzo mit dir ernstlich zu reden angefangen, hab' ich ihn immer als meinen Sohn angesehen. Es kommt nur darauf an, daß ihm kein Unglück begegnet ist, da er kein Lebenszeichen von sich gibt. Aber muß denn alles unglücklich gehen? Wir wollen hoffen, daß es nicht so ist. Ich für mein Teil hätte gern mein Grab in unserm Dorfe gefunden; jetzt aber, da du um des Schurken willen nicht hierbleiben kannst, nicht einmal in seiner Nähe Atem holen magst, so ist mir gleichfalls mein Dorf verleidet worden, und so bleib' ich bei euch, gleichviel wo. Ich bin imstande, euch bis ans Ende der Welt nachzufolgen, hab' auch den Vorsatz schon gehabt – aber ohne Geld, was läßt sich da anfangen? Verstehst du nun? Die paar Groschen, die der arme Junge mit so vieler Anstrengung und Sparsamkeit beiseitegelegt, hat die Gerechtigkeit genommen; zum Ersatz aber hat uns der Herr da einen Segen geschickt. Sobald er also ein Mittel gefunden hat, uns wissen zu lassen, ob er lebt, wo er ist und was er anzufangen gedenkt, so komm' ich nach Mailand und hol' dich ab, ich hol' dich ab. Vor Zeiten hätt' ich mich dabei besonnen, das Unglück aber macht gelenkig und gibt Erfahrung; bin bis nach Monza gekommen und weiß, was Reisen heißt. Ich nehm' einen passenden Menschen mit mir, 'nen Verwandten, zum Beispiel Alessio aus Maggianico; denn im Dorf selbst ist, genau genommen, keiner, der dazu taugte. Mit dem komm' ich, an Reisegeldern fehlt's nicht, und ... verstehst du?« Aber statt Lucien ermutigt zu sehen, fand sie sie betrübt, nur eine Zärtlichkeit ohne Trost verratend. Sie brach ihre Rede ab und sagte: »Aber was hast du? Bist du denn nicht auch meiner Meinung?« »Arme Mutter!« rief Lucia und schlang ihren Arm um Agnesens Hals, während sie an ihren Busen das tränenfeuchte Angesicht drückte. »Was geht denn vor?« fragte die Mutter ängstlich von neuem. »Ich hätt' es Euch schon längst sagen sollen,« sprach Lucia, erhob ihr Gesicht und suchte mit gefaßter Miene zu erscheinen. »Ich hab' aber das Herz nicht gehabt; habt Mitleid mit mir!« »Geschwind also! Was ist's?« »Ich kann nicht mehr die Frau des armen Jungen werden.« »Wie? Was?« Lucia entdeckte ihr Gelübde. Ihr Haupt war gesenkt, ihre Brust keuchte, und ohne daß ihr Auge Tränen vergoß, sprach sie mit der Stimme einer Weinenden; wie wenn das Erzählte zwar ein Unglück enthält, dieses aber sich nicht mehr ändern läßt. Darauf faltete sie die Hände und bat die Mutter aufs neue wegen des Stillschweigens um Verzeihung; sie beschwor sie, mit keinem lebenden Wesen davon zu sprechen, ihr ihre Hilfe zu leihen und zur Erfüllung des Gelübdes ihr den Weg zu erleichtern. Staunend und bestürzt stand Agnese da. Sie wollte über die Verheimlichung in Unwillen geraten; unter der erdrückenden Last des Gedankens aber kam der Ärger nicht auf. Sie wollte den Schritt tadeln; es war ihr aber, als träte sie dabei feindlich gegen den Himmel auf. Überdies schilderte Lucia noch einmal, lebhafter als je, die entsetzliche Nacht, die finstere Trostlosigkeit und die unerwartete Rettung, während welcher das Versprechen, so ausdrücklich, so feierlich, geleistet worden. Dabei fiel der Zuhörerin so manches Beispiel ein, das sie oft erzählen gehört, das sie selbst der Tochter oft erzählt hatte, wie die Verletzung eines Gelübdes mit seltsamen und schrecklichen Heimsuchungen bestraft worden. Nachdem sie eine Zeitlang sprachlos dagestanden, fragte sie: »Und jetzt, was denkst du zu tun?« »Jetzt,« sagte Lucia, »wird der Herr für uns Sorge tragen, der Herr und die Jungfrau. In ihre Hände hab' ich mich gegeben; sie haben mich bis heut' nicht verlassen, sie werden mich auch jetzt nicht verlassen, da ... die Gnade, die ich vom Herrn für mich erflehe, die einzige Gnade, nach dem Heil meiner Seele, ist, daß er mich mit Euch zurückkehren lasse; er wird sie mir gewähren, gewiß, er wird sie mir gewähren. An dem Tage, in der Kutsche, heilige Jungfrau! unter den Menschen ...! Wer hätte mir sagen können, daß sie mich zu einem Manne brachten, der tags darauf mich in Eure Arme führen sollte?« »Aber nicht auf der Stelle mit deiner Mutter davon zu sprechen!« sagte Agnese mit einem Anflug von Ärger, welcher zwischen Bitterkeit und Mitleid unentschieden schwebte. »Bedauert mich; ich hatte das Herz nicht. Und was hätt' es genutzt, Euch ein paar Tage früher zu betrüben?« »Und Renzo?« fragte Agnese, den Kopf schüttelnd. »Weh mir!« schrie Lucia und zuckte plötzlich zusammen. »Ich darf nicht mehr an den Armen denken. Gott hat es nicht haben wollen. Seht, wie's doch so deutlich daliegt, daß unsre Trennung sein Wille gewesen. Und wer weiß ...? Aber nein, nein; der Herr wird ihn vor Gefahren geschützt haben und wird ihm, ohne mich, ein besseres Glück bescheren.« »Indessen aber,« nahm Agnese das Wort, »wenn du dich nicht für immer gebunden hättest, so wüßte ich mit dem Gelde hier, wofern dem armen Jungen nichts Schlimmes zugestoßen, für alles übrige die beste Auskunft.« »Wäre denn aber das Geld in unsre Hände gekommen,« fragte Lucia, »wenn ich die Nacht da nicht erlebt hätte? Der Herr ist's, der alles so gefügt hat; sein Wille geschehe!« – Und unter Tränen erstickten ihre Worte. Bei diesem unerwarteten Beweisgrunde verlor sich Agnese in Nachdenken. Nach einigen Minuten unterdrückte Lucia ihr Schluchzen und erklärte: »Jetzt, da die Sache geschehen, müssen wir uns mit willigem Herzen drein fügen; Ihr, gute Mutter, könnt mir Beistand dazu leisten, erstlich, indem Ihr zum Himmel für Eure arme Tochter betet, und dann ... der arme Junge wird es doch erfahren müssen. Denkt daran, Mutter; tut mir auch diese Liebe. Sobald Ihr wißt, wo er sich aufhält, so laßt ihm schreiben, sucht einen Mann ... eben Euer Vetter Alessio, 's ist ein vernünftiger, mitleidsvoller Mann, hat uns immer wohlgewollt und wird's nicht unter die Leute bringen; laßt ihn die Sache berichten, wie sie ist, wo ich mich befunden, was ich gelitten; Gott habe es also gewollt, er möge sich zufriedengeben, ich könne niemandem, niemandem jemals angehören. Lasset ihm die Sache mit Geschick begreiflich machen, ihm erklären, daß ich ein Versprechen, daß ich ganz eigentlich ein Gelübde getan. Weiß er, daß ich's der Jungfrau verheißen ... er hat immer fromm gedacht. Und sobald Ihr nur von ihm Nachricht habt, lasset mir's schreiben, lasset mich wissen, daß er gesund ist; und dann ... dann lasset mich weiter nichts wissen.« Agnese, von Rührung bis in die tiefste Seele ergriffen, versicherte ihr, es solle jedwedes nach ihrem Wunsche geschehen. »Ich möchte Euch noch etwas sagen,« fuhr die Tochter fort. »Hätte der Arme nicht das Unglück gehabt, an mich zu denken, so wär' ihm nimmer dergleichen zugestoßen. Er läuft in der Welt umher; mit seinem Fortkommen ist's einstweilen vorbei; sie haben ihm das Seinige genommen. Der Arme, sein erspartes Gut, das er, Ihr wißt wozu, bestimmt hatte ... Und wir haben so viel Geld! O Mutter! da uns der Himmel so reichlich gesegnet, und der Arme – Ihr betrachtet ihn doch immer noch als den Euren, ja, als Euren Sohn – laßt das Geld zur Hälfte gehen; gewiß, Gott wird uns nicht verlassen. Sucht einen treuen Menschen auf und schickt es ihm; Gott weiß, wie nötig er's haben mag!« »Was glaubst du?« antwortete Agnese. »Ich werd' es tun, wahrhaftig. Armer Junge! Warum, meinst du denn, hatt' ich an dem Gelde solch 'ne Freude? Aber ... freilich, ich bin ganz zufrieden hierhergekommen. Genug, ich will's ihm schicken, dem armen Jungen. Aber auch er ... ich weiß, was ich sage. Gewiß, das Geld ist 'ne schöne Sache, wenn man's braucht, ihn aber wird's nicht selig machen.« Lucia dankte der Mutter für diese bereitwillige, freigebige Gewährung; ihre fruchtlos unterdrückte Bewegung hätte dem Beobachter gezeigt, daß ihr Herz noch immer an Renzo hing, inniger vielleicht, als sie selbst es wähnte. »Und ohne dich, was werd' ich arme Frau machen?« sagte Agnese und vergoß nun auch Tränen. »Und ich ohne Euch, meine arme Mutter? In fremdem Hause, drüben in Mailand! Aber der Herr wird mit uns beiden sein, wird uns zusammen heimkehren lassen. Binnen acht oder neun Monaten werden wir uns hier wiedersehen; bis dahin oder früher noch, hoffe ich, wird er alles, um uns zu trösten, zum Guten gewendet haben. Ihm sei's überlassen. Ich werde die Jungfrau jederzeit um diese Gnade flehen. Hätt' ich etwas andres, ihr zu opfern, ich würd' es ihr darbringen; aber ihr Erbarmen ist so grenzenlos, daß sie diese Gnade zum Geschenk für mich aufbewahren wird.« Nach diesen und ähnlichen, oft wiederholten Worten der Klage und des Trostes, der Betrübnis und der Ergebung, nach erbetenem und beteuertem Verschweigen, nach vielen Tränen und langen Umarmungen schieden die Frauen und versprachen, sich spätestens gegen kommenden Herbst wiederzusehen, als wenn das Worthalten in ihrer Gewalt stünde. Aber so geschieht es gewöhnlich in dergleichen Fällen. Es verstrich indessen eine lange Zeit, ohne daß Agnese von Renzo etwas erfahren konnte. Weder Briefe noch Boten erschienen von ihm, und wen sie fragte, der wußte nicht mehr als sie. Und sie war's nicht allein, welche vergebens Erkundigungen einzuziehen suchte; der Kardinal, der nicht zum Scheine bloß den armen Frauen gesagt, er wolle über den unglücklichen Jüngling Kunde zu erhalten trachten, hatte wirklich sogleich deshalb geschrieben. Sobald er darauf von seiner Berufsreise nach Mailand zurückgekehrt war, erhielt er eine Antwort, worin es hieß, man könne über besagten Menschen keine Auskunft geben; er habe sich allerdings eine Zeit hindurch in dem und dem Dorfe aufgehalten und durchaus keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben; eines Morgens aber sei er unversehens verschwunden; ein Verwandter, der ihn in seinem Hause beherbergt, wisse nicht, was aus ihm geworden, und könne nur gewisse unzuverlässige, einander widersprechende Gerüchte wiederholen, womit sich die Leute trügen: daß der Jüngling nämlich sich für den Kriegsdienst nach der Levante habe anwerben lassen, daß er nach Deutschland gegangen und beim Durchwaten eines Flusses ums Leben gekommen sei. Später verbreiteten sich diese und ähnliche Gerüchte selbst durch das Gebiet von Lecco und kamen folglich auch Agnesen zu Ohren. Die arme Frau tat ihr möglichstes, um die Wahrheit herauszufinden, und suchte auf die Spur zur Quelle zu gelangen; sie kam aber nicht weiter als bis zum ewigen »Man sagt,« welches auch heute noch, so viele Dinge zu bezeugen, herhalten muß. Kaum war ihr eine Geschichte erzählt worden, so stellte sich ein zweiter ein und versicherte, es sei durchaus nichts daran; zum Ersatz ließ er ihr eine andere zurück, die ebenso seltsam, ebenso unstatthaft klang. Eine wie alle leeres Geschwätz; der Hergang der Sache war folgender: Der Statthalter von Mailand, Don Gonzalo Fernandez de Cordova, hatte sich bei dem venezianischen Residenten zu Mailand heftig beschwert, daß ein Taugenichts, ein öffentlicher Räuber, ein Rädelsführer bei Plünderung und Gemetzel, der verrufene Lorenzo Tramaglino, nachdem er in den Händen der Gerechtigkeit selbst einen Aufstand verursacht, um mit Gewalt sich zu befreien, im Bergamaskischen aufgenommen worden und sein Unterkommen gefunden habe. Der Resident hatte geantwortet, er wisse von nichts; doch werde er nach Venedig schreiben, um Ihrer Exzellenz über den Gegenstand befriedigenden Aufschluß zu geben. In Venedig hatte man den Grundsatz, die mailändischen Seidenarbeiter, welche in das Gebiet von Bergamo übersiedelten, zu unterstützen und in Anhänglichkeit zu erhalten. Man gestattete ihnen deshalb viele Vorteile, vorzüglich aber denjenigen, ohne welchen jeder andre nichtig, die Sicherheit. Sobald aber zwei Mächtige in Hader geraten, weiß der Dritte, so unbedeutend der Zwist auch sei, seinen Nutzen daraus zu ziehen; daher erhielt Bortolo im Vertrauen, man weiß nicht von wem, die Weisung, daß Renzo in dem Dorfe dort nicht tauge und klüglich handeln würde, selbst unter Annahme eines fremden Namens, für einige Zeit bei einer andern Fabrik sich anstellen zu lassen. Bortolo merkte den Braten, versuchte keine Gegenwehr, eröffnete die Sache dem Vetter, setzte sich in einen Wagen mit ihm, brachte ihn nach einer andern Spinnmühle, etwa fünfzehn Miglien davon, und stellte ihn dem Herrn, gleichfalls einem Mailänder, seinem alten Bekannten, unter dem Namen Antonio Rivolta vor. So kümmerlich auch die Zeiten waren, ließ sich dennoch der Mann nicht lange bitten, einen Arbeiter aufzunehmen, welcher ihm als ehrlich und geschickt, als ein anständiger Mensch mit Sachkenntnis empfohlen wurde. Renzo bestand die Probe so gut, daß der Mann sich seines Erwerbes zu freuen hatte; nur schien es ihm im Anfange, der junge Mensch müsse von Natur ein wenig gedankenlos sein; denn wenn er ihm zurief: »Antonio!«, so gab er meistens keine Antwort. Einige Zeit darauf ward von Venedig aus, in milden Ausdrücken, dem Hauptmann zu Bergamo befohlen, Nachricht zu suchen und zu geben, ob in seinem Machtgebiete, und namentlich in dem und dem Dorfe, ein Mensch, dessen Beschreibung beigelegt, sich aufhalte. Der Hauptmann nahm seine Maßregeln, wie er sie verlangt merkte; sein Bescheid klang verneinend und gelangte zum Residenten nach Mailand, welcher ihn dem Statthalter mitteilte. Indessen fehlte es nicht an Neugierigen, die von Bortolo wissen wollten, warum der junge Mensch nicht mehr da sei, und wohin er gegangen. Bei der ersten Frage antwortete er: Je, er ist verschwunden! Um aber die Zudringlichen nach Hause zu schicken, ohne sie die Wahrheit argwöhnen zu lassen, speiste er sie verschiedentlich mit den Nachrichten ab, deren wir Erwähnung getan, sagte aber immer, es seien unsichere Gerüchte, er habe sie gleichfalls nur erzählen hören, und an Bestätigung gebräche es ihm ganz und gar. Nachdem jedoch im Auftrag des Kardinals die Frage an ihn gerichtet worden, wobei man diesen nicht nannte, aber in der Sprache der Wichtigkeit und des Geheimnisses zu verstehen gab, daß ein Mann von hohem Stande belehrt sein wolle, verfiel Bortolo immer mehr in bange Besorglichkeit und hielt es für nötig, in seinen Antworten dem angenommenen Leitfaden zu folgen; er teilte daher alle die Nachrichten, die er bei verschiedenen Gelegenheiten erdichtet hatte, auf einmal mit. Achtes Kapitel. Der Statthalter von Mailand indes, Don Gonzalo, der noch immer in dem unglücklichen Lager von Casale lag, hatte zu viele und zu große Dinge im Kopf, um einem armen Seidenspinner zu Leibe zu gehen; er hatte in der Tat die Angelegenheit bald vollständig vergessen. Renzo aber mußte aus den wenigen Winken, die er erhalten, etwas ganz anderes vermuten, als so bald wieder glücklich vergessen zu werden; eine lange Zeit hindurch war Verborgenheit sein einziger Gedanke und in der Tat sein einziges Streben. Wie sehnlich wünschte er, den Frauen Nachricht zu senden und von ihnen zu erhalten. Zwei harte Schwierigkeiten aber stellten sich ihm entgegen. Erstlich mußte auch er sich einem Schreiber anvertrauen; denn der arme Junge wußte die Feder nicht zu führen und, im vollständigen Sinne des Wortes, nicht einmal zu lesen; wenn er darüber, wie man sich erinnert, vom Doktor Knotenhauer befragt, mit Ja geantwortet hatte, so war das keine prahlerische Aufschneiderei, sondern weil er Gedrucktes, wenn er sich ein wenig Zeit dazu nahm, allerdings lesen konnte; mit Geschriebenem aber war's eine andere Sache. Es war also nötig, einen Dritten in sein Geheimnis zu ziehen, in ein so kitzliges Geheimnis; ein Mann, der mit der Feder Bescheid wußte und vertrauenswürdig war, fand sich damals so leicht nicht; noch dazu in einem Lande, wo man keine alte Bekanntschaft hatte. Die zweite Schwierigkeit betraf den Boten, einen Menschen, der gerade nach jener Gegend ging, sich mit dem Brief befassen wollte und wirklich die Absicht hatte, ihn in die rechten Hände zu schaffen – gleichfalls Dinge, die sich nicht leicht bei einem einzigen Menschen zusammen fanden. Nach vielem Suchen und Umherschleichen fand er endlich einen Schreiber. Da er aber nicht wußte, ob die Frauen sich noch zu Monza, oder wo sonst, befanden, hielt er es für das klügste, den Brief an Agnesen in ein andres Blatt zu schließen, und dieses mit der Aufschrift an Pater Cristoforo, der gleichfalls einige Zeilen erhielt, zu bezeichnen. Der Schreiber übernahm zugleich die Verpflichtung, den Brief zu befördern; er übergab ihn einem Manne, welcher nicht weit von Pescarenico vorüberreisen mußte; dieser hinterließ ihn, mit vielen Empfehlungen, in einem Gasthof an der Straße, wo sie dem Kloster am nächsten; was aber hernach aus ihm geworden, hat man nie erfahren. Renzo sah keine Antwort erscheinen, ließ einen ähnlichen Brief abgehen und schloß ihn in einen andern an einen Freund oder Verwandten zu Lecco ein. Es fand sich auch ein zweiter Überbringer, und diesmal gelangte der Brief an Ort und Stelle. Agnese lief nach Maggianico, ließ sich den Brief von ihrem Vetter Alessio lesen und erklären, verabredete eine Antwort mit ihm und erhielt sie zu Papier; darauf fand sie Mittel, sie dem Antonio Rivolta nach seinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zuzuschicken; doch alles das so rasch nicht, wie unsere Erzählung angibt. Renzo erhielt den Brief und sandte mit der Zeit eine Gegenantwort. Kurz, es bildete sich zwischen beiden Teilen ein Briefwechsel, der zwar nicht schnell und regelmäßig, aber doch selbst unter Absätzen und Zwischenräumen fortgeführt wurde. Um aber einen Begriff von diesem Briefwechsel zu haben, muß man ein wenig wissen, wie es damals mit dergleichen Dingen ging und auch wohl noch geht; denn hierin, glauben wir, hat sich wenig oder nichts geändert. Ein Landmann, der nicht schreiben kann und in der Notwendigkeit, zu schreiben, sich befindet, wendet sich an einen federfertigen Mann und wählt ihn, wo möglich, unter seinesgleichen; denn an einen andern wagt er sich nicht oder hat kein Zutrauen zu ihm. Er unterrichtet ihn mit mehr oder weniger Ordnung und Deutlichkeit von den vorhergegangenen Ereignissen und teilt ihm ebenso die Gedanken mit, die auf dem Papier ihren Platz finden sollen. Der Schreibverständige begreift teils, teils kommt er mit eigenen Schlüssen zu Hilfe; er gibt seinen Rat, schlägt eine Veränderung vor, spricht: »Laßt mich machen,« greift zur Feder, überträgt den vorgesagten Gedanken in Buchstaben, verändert ihn nach seiner Weise, verbessert ihn, nimmt die Feder hier voll, verstümmelt und läßt dort weg, wie's ihm der Sache zu frommen scheint; denn es hilft nichts, wer mehr als andre weiß, der mag nicht ein willenloses Werkzeug in ihren Händen sein, und befaßt er sich mit den Angelegenheiten eines andern, so will er auch den Ton angeben. Auf diese Weise drückt der Schreiber nicht immer dasjenige aus, was verlangt wird; bisweilen kommt etwas ganz anderes heraus, wie es denn auch uns wohl ergeht, die wir für den Druck schreiben. Gelangt der also abgefaßte Brief in die Hände des Empfängers, der ebensowenig mit dem Alphabete aufgewachsen, so trägt ihn dieser zu einem Gelehrten von demselben Schlage. Hier wird er gelesen und erklärt. Man streitet über die Auffassung des Sinnes; denn der Empfänger stützt sich auf die Kenntnis der vorhergegangenen Ereignisse und behauptet, sehr wohl einzusehen, was dieses oder jenes Wort sagen will; der Vorleser verläßt sich auf die Übung, die er durch's Aufsetzen erhalten hat, und besteht darauf, daß etwas ganz anderes damit gemeint sei. Der Unwissende muß sich also am Ende dem Sachkundigen ergeben und ihm das Geschäft der Beantwortung überlassen; diese, ganz wie der erste Brief entstanden, erfährt hernach eine ähnliche Auslegung. Ist noch dazu der Gegenstand des Briefwechsels ein wenig verfänglich, hat man dabei mit Geheimnissen zu tun, in welche kein Dritter, falls der Brief in unrechte Hände käme, Einsicht erlangen soll; war es aus dieser Ursache Vorsatz, den Sinn nicht in seiner ganzen Deutlichkeit auszudrücken, so verstehen sich am Ende nach einigem Hin- und Herschreiben die beiden Parteien wie zwei Scholastiker, die vier Stunden hindurch über die inwohnende Kraft der Dinge oder ähnliche Spitzfindigkeiten gestritten haben. Unsre beiden Parteien befanden sich nun gerade in diesem Falle. Renzos erster Brief enthielt vielfache Punkte. Zuerst eine Erzählung der Flucht, kürzer, aber fast noch übler behandelt, als sie aus unsern Händen gekommen; dann eine Darstellung seiner gegenwärtigen Verhältnisse. Daraus entnahm weder Agnese noch ihr Dolmetscher eine klare oder vollständige Einsicht – heimliche Weisung, Annahme eines fremden Namens, sicher sein, aber im Verborgenen leben, das waren Dinge, mit welchen ihr Verstand schon an sich selbst nicht sehr vertraut war; die rätselhafte Bezeichnung im Briefe machte sie vollends unverständlich. Dann betrübte, leidenschaftliche Nachfragen über Luciens Schicksale, nebst dunklen, schmerzenvollen Winken über die Gerüchte, welche in dieser Hinsicht auch zu seinen Ohren gelangt waren. Zuletzt kamen Ungewisse und entfernte Hoffnungen, hingeworfene Pläne für die Zukunft, Versprechungen und Bitten, in der gelobten Treue nicht zu wanken, Geduld und Mut nicht zu verlieren und es nur einige Zeit noch mit anzusehen. Nach einigem Zwischenraum fand Agnese ein sicheres Mittel, ihm eine Antwort mit den fünfzig Scudi, welche Lucia für ihn bestimmt hatte, zukommen zu lassen. Bei dem Anblick so vielen Goldes wußte er nicht, was er denken sollte; die Seele wie von einem Wunder erfüllt, in einer Ungeduld, die sich durchaus nicht fügen mochte, suchte er spornstreichs seinen Schreiber auf, um den Brief sich erklären zu lassen und zum Schlüssel eines so seltsamen Geheimnisses zu gelangen. In dem Briefe hatte Agnesens Schreiber, nachdem er über die geringe Deutlichkeit ihres Vortrags bittere Klagen erhoben, in einem ebenso kläglichen Tone die entsetzliche Geschichte jener Person – so hieß es in dem Schreiben – erzählt; dann gab er Auskunft über die fünfzig Scudi; endlich kam er auf das Gelübde zu sprechen, ging aber dabei mit Umschreibungen zu Werke und teilte nur am Schlusse in einfachen deutlichen Ausdrücken den Rat mit, Renzo möchte sich zufriedengeben und an das Mädchen nicht weiter denken. Wenig fehlte, so wäre der Jüngling seinem dolmetschenden Leser zu Leibe gegangen; er zitterte, er entsetzte sich und geriet über das, was er verstanden, wie über das, was er nicht verstanden, in besinnungslose Wut. Drei- oder viermal ließ er sich das Schmerzensblatt von neuem vorlesen; dadurch begriff er manches besser, manches, was ihm anfangs klar geschienen, stand nun erst in finsterer Verwirrung da. Und in dieser Fieberhitze der Leidenschaft verlangte er, der Schreiber sollte augenblicklich sich niedersetzen und antworten. Nach den ungestümsten Ausdrücken des Mitleids und des Schreckens um Luciens Schicksale willen, sagte er diktierend: »Schreibt, daß ich mich nicht zufrieden geben will und nimmermehr geben werde; daß das kein Rat ist, den man einem Menschen wie mir erteilt; daß ich das Geld mit keinem Finger anrühren werde; daß ich's beiseitelege und es bewahre zur Mitgift für's Mädchen; daß sie mein werden muß; daß ich von keinem Versprechen was weiß; daß ich immer habe sagen hören, die Jungfrau tritt herzu, um Geängstigten zu helfen und dafür Dank zu erhalten, daß sie aber rät, jemandem Schimpf anzutun und sein Wort zu brechen, hätt' ich niemals gehört; daß es so nicht bleiben kann; wenn ich jetzt in der Klemme stecke, so ist's ein Sturm, der bald verbraust sein wird.« – Und dergleichen mehr. Agnese empfing diesen Brief und ließ antworten; so ward der Briefwechsel, in der angegebenen Weise, fortgesetzt. Sobald Lucia von der Mutter erfahren, daß Renzo am Leben und in Sicherheit sei, auch Nachricht erhalten habe, fühlte sie eine große Erleichterung und wünschte nur, er möchte sie vergessen, oder um es gewissenhafter auszudrücken, er möchte sich bemühen, sie zu vergessen. Ihrerseits faßte sie wohl hundertmal täglich einen ähnlichen Entschluß und wandte auch jedes Mittel an, um ihm Wirksamkeit zu verschaffen. Unermüdlich fesselte sie sich an die Arbeit und suchte ihre ganze Seele dabei zu beschäftigen; trat Renzos Bild ihr vor die Augen, so sagte sie oder sang im Geiste fromme Gebete her. Aber dieses Bild tauchte, gerade als wenn Bosheit es leitete, gewöhnlich nicht offen empor; es schlich sich verstohlen hinter andern ein, und nur nach einiger Zeit erst gewahrte die Seele den Gast. Lucias Gedanken – und wie hätten sie nicht sollen? – weilten oft bei der Mutter; der Renzo ihrer Einbildungskraft trat dann leise als der dritte hinzu, wie der wirkliche so oft getan. So stellte sich mit allen Personen, an allen Orten, bei allen Erinnerungen aus der Vergangenheit der Jüngling zugleich mit ein. Und wenn die Arme sich bisweilen mit spinnender Einbildungskraft in das Dunkel ihrer Zukunft verirrte, erschien er auch dort, um wenigstens zu sagen: Ich werde auf keinen Fall zugegen sein. Nicht an ihn zu denken, war ein verzweifeltes Beginnen; indessen dachte Lucia doch seltener an ihn, seltener als ihr Herz wollte, und so gelang ihr ihre Absicht bis zu einem gewissen Punkte. – Bis zum Herbste des folgenden Jahres blieben alle, einige aus freien Stücken, andere notgedrungen, ziemlich in derselben Lage, darin wir sie gelassen; keinem begegnete etwas, keiner tat etwas, was des Erzählens wert gewesen. Da rückte der Herbst heran, mit welchem Agnese und Lucia sich beisammenzufinden gerechnet hatten; aber ein großes öffentliches Ereignis betrog sie um ihre Hoffnung. Dieses Ereignis war so allgemeiner, so heftiger, so außerordentlicher Art, daß es auch zu ihnen, nach der Stufenfolge in dieser Welt bis zum letzten unter ihnen gelangte: wie ein Wirbelwind, welcher weit hinzieht und plötzlich daherstürmt, Bäume entwurzelt, die Ziegel von den Dächern schleudert, von den Türmen die Gipfel herabstürzt und Scherbenhaufen fortträgt, zugleich aber auch die Hälmchen, die im Grase versteckt sind, ausreißt, in den Winkeln die welken leichten Blätter, die ein schwächerer Wind daselbst zusammengeweht hat, aufsucht und sie mit seinem Raube fortgewälzt emporträgt. Neuntes Kapitel. Der Mantuanische Erbfolgestreit war noch immer nicht beendet, noch immer ging der Krieg um die Nachfolge in den Staaten des Herzogs Vincenzo Gonzaga des Zweiten. Nach dem Tode jenes Herzogs hatte der nächstverwandte Erbe, Carlo Gonzaga, das Haupt eines jüngeren, nach Frankreich übergesiedelten Zweiges, wo derselbe die Herzogtümer Nevers und Retel besaß, die Herrschaft von Mantua und auch von Monferrato übernommen. Die spanische Regierung, welche unter allen Umständen den neuen Fürsten von beiden Lehen ausschließen wollte und deshalb eines Beweggrundes bedurfte – denn ohne diesen wäre ein Krieg eine entsetzlich ungerechte Sache – hatte sich wegen Mantua für Ferrante, Herzog von Guastalla, einen andern Gonzagen, wegen Monferrato für Karl Emanuel I., Herzog von Savoyen, und Margaretha Gonzaga, verwitwete Herzogin von Lothringen, erklärt. Don Gonzalo, der spanische Statthalter in Mailand, war schon in Flandern als Befehlshaber im Kriege aufgetreten, wünschte über alle Maßen dieselbe Rolle auch in Italien zu spielen und mochte wohl derjenige sein, welcher die Flammen am eifrigsten dabei schürte; während er also die Absichten der Regierung sich erklärte und ihren Befehlen vorauslief, hatte er mit dem Herzog von Savoyen ein Angriffs- und Teilungsbündnis wegen Monferrato geschlossen; vom Grafen Herzog erhielt er bald die Bestätigung, denn er spiegelte ihm den Erwerb von Casale, welches in der dem Könige von Spanien bestimmten Hälfte der festeste Punkt war, als eine leichte Sache vor. Doch erklärte er im Namen desselben, das Land nur als ein anvertrautes Gut zu besetzen und den Ausspruch des Kaisers abzuwarten, welcher teils auf Verwendung anderer, teils aus eigenen Beweggründen dem neuen Herzog die Belehnung versagt und ihm geboten hatte, die strittigen Lande seiner eigenen Zwischenverwaltung zu überlassen; er würde die Parteien vernehmen und den Besitz demjenigen zusprechen, auf dessen Seite das Recht wäre. Dazu wollte sich Carlo Gonzaga nicht bequemen. Indessen hatte auch er gewichtige Freunde, den Kardinal Richelieu, den Senat von Venedig und den Papst. Der Kardinal aber, damals in die Belagerung von Rochelle und in einen Krieg mit England verwickelt, dabei von der Partei der Königin Mutter, Maria von Medici, welche aus gewissen Ursachen dem Hause Nevers entgegen war, gehemmt, konnte nur mit Hoffnungen beipflichten. So konnten die beiden zum Angriff Verbündeten desto sicherer die verabredete Unternehmung beginnen. Karl Emanuel war in Monferrato eingedrungen, Don Gonzalo hatte kriegslustig die Belagerung von Casale angefangen. Doch fand er dabei nicht ganz die Befriedigung, die er sich versprochen hatte. Niemand schreitet im Kriege immer auf Rosen. Mit der Belagerung ging es kläglich; sie zog sich in die Länge und kam bisweilen zurück; die Besatzung war stark, benahm sich klug und entschlossen, während er nur wenig Leute hatte und manchen verkehrten Schritt tat. Nun hatte Kardinal Richelieu nach der Einnahme von Rochelle mit dem König von England, so gut es ging, Frieden geschlossen und durch sein gewichtiges Wort im französischen Staatsrat bewirkt, daß man tätig zur Unterstützung des Herzogs von Nevers eilte; den König hatte er beredet, den Feldzug in eigener Person zu tun. Während man die Zurüstungen traf, bedeutete der Graf von Nassau als Beauftragter des Kaisers dem neuen Herzoge in Mantua, er möchte seine Staaten in Ferdinands Hände geben, wo nicht, so würde dieser durch ein Heer sie besetzen lassen. Der Herzog, welcher in weit verzweifelteren Umständen sich gegen eine so harte und schlechtbegründete Zumutung gewehrt hatte, sträubte sich jetzt, da Frankreichs Unterstützung so nahe war, um so lebhafter; aber die Weigerung lag in umständliche Ausdrücke gehüllt, und seine Gegenvorschläge klangen nach Unterwürfigkeit. Der Graf reiste ab und versicherte gewaltsame Maßregeln. Im März aber rückte der Kardinal Richelieu mit dem Könige an der Spitze eines Heeres wirklich herbei; er verlangte vom Herzog von Savoyen den Durchweg; man unterhandelte, kam aber nicht zum Schluß; nach einem Gefechte jedoch, bei welchem der Vorteil auf seiten der Franzosen war, näherte man sich von neuem und kam überein: Don Gonzalo solle die Belagerung von Casale aufheben; weigerte sich derselbe, so wollte der Herzog, mit den Franzosen vereint, einen Angriff auf Mailand machen. Don Gonzalo erhaschte die Gelegenheit, wohlfeil davonzukommen, brach sein Lager ab, und augenblicklich rückte zur Verstärkung der Garnison ein französischer Heereshaufe in Casale ein. Dringendere Angelegenheiten forderten indessen den König von Frankreich und Kardinal Richelieu in Frankreich; sie kehrten daher mit dem Hauptheer zurück. Während dieses Heer hinwegzog, näherte sich von der andern Seite das kaiserliche unter Anführung des Grafen Colalto; es war in das Grigionigebiet und die Valtellina eingerückt und machte sich bereit, ins Mailändische herabzusteigen. Außer all den Schrecken, welche die Kunde dieses Durchzugs erweckte, lief auch das traurige Gerücht, ja, man hatte bestimmte Nachrichten, daß in diesem Heer die Pest schleiche, von welcher damals in den deutschen Kriegeshaufen immer einige Funken zu glimmen pflegten. Alessandro Tadino , ein Arzt vom Gesundheitsausschuß, erhielt vom Gerichtshofe den Auftrag, dem Statthalter die grauenvolle Gefahr für das Land vorzustellen, wenn diesem Kriegsvolke der Durchzug nach Mantua gestattet würde. Aus Don Gonzales ganzem Benehmen ergibt sich das sehnsüchtige Streben, sich in der Geschichte einen Namen zu machen, und dieser ließ sich durch seine Handlungen allerdings erlangen; aber er kannte, wie es oft der Fall, oder er beachtete seine denkwürdigste Handlung nicht, die Antwort nämlich, welche er bei dieser Gelegenheit dem Arzte gegeben. Er wisse nicht, sagte er, was zu tun sei; Vorteil und Ehre hätten das Heer in Bewegung gesetzt und seien zwei Gründe, die schwerer als die vorgestellte Gefahr ins Gewicht fielen; dennoch sollte aufs beste dagegen gewirkt und auf den Schirm der Vorsehung gehofft werden. Um also aufs beste dagegen zu wirken, machten zwei Ärzte im Gerichtshofe den Vorschlag, man solle bei den härtesten Strafen verbieten, irgend etwas von den durchkommenden Soldaten zu kaufen; die Zweckmäßigkeit einer solchen Verordnung aber wollte dem Vorsitzer nicht einleuchten; »es war ein herzensguter Mann;« sagt Tadino, »welcher indessen nicht einsehen wollte, wie der Verkehr mit jenen Leuten und ihren Sachen so vielen Tausenden von Menschen Gefahr bringen könnte.« Wir führen diese Stelle an, weil sie gleichsam jener Zeit eigentümlich angehört; seit es Gesundheitsausschüsse gibt, hat wahrscheinlich kein anderer Vorsitzer eine solche Folgerung, wenn es eine ist, zum besten gegeben. Was Don Gonzalo betrifft, so war jene Antwort eine seiner letzten Handlungen; denn die unrühmlichen Erfolge des Krieges, der größtenteils von ihm erregt und geführt worden, trachten ihn diesen Sommer noch um seine Stelle. An seinen Platz trat der Markgraf Ambrogio Spinola , dessen Name bereits in den flandrischen Kriegen die Herrlichkeit erlangt hatte, die ihn noch heutigestags umschimmert. Währenddessen hatte das deutsche Heer entscheidenden Befehl erhalten, sich zum Feldzug gegen Mantua auf den Weg zu machen; im September betrat es die Grenzen des mailändischen Herzogtums. Die Kriegsheere bestanden damals noch großenteils aus Abenteurern, welche im Auftrag dieses oder jenes Fürsten von gemieteten Hauptleuten, die ein Handwerk daraus machten, sich anwerben ließen; bisweilen taten es diese auch auf eigene Rechnung und verkauften sich sodann samt ihren Soldaten. Mehr als vom Solde ließen sich diese Menschen von der Hoffnung zu plündern und vom Reiz der Zügellosigkeit zu solch einem Handwerk verlocken. Feste, allgemeine Manneszucht gab es in keinem Heere; auch hätte sie neben dem unabhängigen Ansehen der verschiedenen Mietshauptleute nicht wohl zu bestehen vermocht. Auch sahen die Fürsten, indem sie solche Scharen in Sold nahmen, mehr auf die Menge der Krieger, um sich ihrer Unternehmungen zu versichern, als auf ein Verhältnis der Soldatenmasse zu ihrer Zahlfähigkeit, die freilich meist nur geringe war; daher traf die Berichtigung des Soldes größtenteils spät in kleinen Posten oder mit Abzügen ein, und die Plünderung der Ortschaften, wo Truppen standen oder durchzogen, ward ein Beitrag, über welchen man stillschweigend sich verständigt hatte. Wenig unbekannter als Wallensteins Name wurde sein Ausspruch: Es ist leichter, ein Heer von hunderttausend, als eins von zehntausend Mann zu unterhalten. Das Heer aber, von welchem wir sprechen, bestand größtenteils aus Leuten, die unter Wallenstein im berühmten Dreißigjährigen Kriege, dessen elftes Jahr soeben ablief, Deutschland verwüsteten. Auch befand sich dabei, von einem seiner Unterfeldherrn angeführt, sein eigenes Regiment; die übrigen Hauptleute hätten meist unter ihm befehligt, und mehr als einer war zu finden, der vier Jahre später sein bekanntes trauriges Ende herbeiführen half. Es waren zwanzigtausend Mann Fußvolk und siebentausend Reiter. Aus der Valtellina herabsteigend, mußten sie, um nach Mantua zu gelangen, ziemlich dem Laufe der Adda folgen, bis sie mit dem Po sich vereinigt, und hatten dann noch eine ganze Strecke diesen zu begleiten. Acht Tagemärsche kamen auf das Herzogtum Mailand. Ein großer Teil der Einwohner zog sich nach dem Gebirge zurück, brachte sein kostbarstes Besitztum dorthin und verbarg sich daselbst mit seinen Herden; andere blieben, um Kranke zu bewachen, um das Haus vor Feuersbrunst zu bewahren oder kostbare vergrabene Kleinode im Auge zu behalten; einige, weil sie nichts zu verlieren hatten; endlich auch Schurken, die Beute zu machen suchten. Sobald der Vortrab am Orte des Nachtlagers ankam, verbreitete er sich sogleich umher und nahm geradeswegs eine Plünderung vor; was sich erhaschen und fortschleppen ließ, verschwand; wieviel aber wurde überdies zerstört, wie viele Landgüter verwüstet, Häuser verbrannt, Schläge ausgeteilt, Wunden beigebracht und Mädchen entehrt! Alle Erfindungen, alle Schutzmittel, um sein Eigentum zu retten, wurden oft unnütz und gereichten bisweilen zum Verderben. Die Soldaten, auch in diesem Kriege sich auf die schlauesten Kunstgriffe verstehend, stöberten alle Löcher der Häuser durch, brachen Wände ab und hoben Decken auf; gar leicht entdeckten sie die frisch umgegrabene Erde in den Gärten; sie erstiegen die Gipfel der Berge, um die Herden zu entführen, und drangen, wo ein Schurke sich zum Wegweiser erbot, in die Klüfte der Höhlen, um einen Reichen, welcher daselbst sich verkrochen, aufzusuchen; sodann plünderten sie ihn, schleppten ihn nach seinem Hause und zwangen ihn mit Drohungen und Schlägen, den verborgenen Schatz anzuzeigen. Endlich zogen sie ab, man hörte den Klang der Trommeln und Trompeten in weiter Ferne verhallen; es stellten sich einige Stunden ängstlicher Ruhe ein. Dann wirbelten die Trommeln von neuem, von neuem dröhnte die verwünschte Glocke, die eine andere Schar anmeldete. Diese fand keine Beute mehr zu machen; mit desto größerer Wut zersplitterte und zertrümmerte sie, was sich noch antreffen ließ; Geräte, Türen, Balken, Fässer, Weinkufen, auch wohl Häuser wurden in Brand gesteckt; ergrimmter noch mißhandelten sie die Menschen und schleppten sie im Übermute ganze Strecken mit sich fort. So ging es zwanzig Tage hindurch, mit jedem Tage schlimmer; denn in zwanzig Haufen war das Heer geteilt. Colico war das erste Gebiet des Herzogtums, welches diese Unholde überfielen; dann warfen sie sich auf Bellano, ergossen sich nachher in die Valsassina und betraten endlich die Gegend von Lecco. Zehntes Kapitel. Hier treffen wir unter den Kindern des Schreckens Leute von unserer Bekanntschaft. Wer an dem Tage, da sich mit einem Mal die Nachrichten vom heranziehenden Heere und seinem Betragen verbreiteten, unsern Don Abbondio nicht gesehen, der hat von Angst und Schrecken noch keine Vorstellung. – »Sie kommen an; 's sind dreißig-, vierzig-, fünfzigtausend; Teufel sind's, Arianer, bare Antichristen; Cortenuovo haben sie geplündert; Primaluna ist in Feuer aufgegangen; sie wirtschaften Introbbio zu schanden; sie haben sich in Balabbio gezeigt; morgen haben wir sie hier.« – Angstwinke dieser Art gingen von Mund zu Munde; dabei lief man hin und her, stand wechselweise still, ging Hals über Kopf miteinander zu Rate, schwankte zwischen Fliehen und Bleiben und fuhr mit den Händen in die Haare. Don Abbondio hatte früher und stürmischer als jeder andere zu fliehen beschlossen; aber in jeder Art der Flucht, in jedem Schlupfwinkel sah er unübersteigliche Hindernisse und entsetzliche Gefahren. – »Was läßt sich da anfangen?« schrie er. »Wohin gehen?« – Die Berge waren, auch wenn man die Schwierigkeiten des Fortkommens übersah, nicht einmal sicher; man hatte schon Kunde, daß auch dort die Landsknechte wie Katzen herumkletterten, sobald nur ein Zeichen oder eine Hoffnung auf Beute vorhanden war. Der See ging hoch; der Wind blies heftig; auch hatten sich die meisten Schiffer, aus Furcht, man möchte sie zwingen, Soldaten oder Gepäck weiterzuschaffen, mit ihren Barken nach dem andern Ufer begeben; die wenigen Fahrzeuge, die geblieben, mußten nachher eine übermäßige Menschenmenge aufnehmen und gingen jeden Augenblick, von der Last und vom Sturm überwältigt, der äußersten Gefahr entgegen. Um sich von der Straße des Heeres zu entfernen, war kein Weg, kein Pferd, noch sonst ein Reisebedarf aufzutreiben; zu Fuß hätte der arme Pfarrer keinen großen Weg zurückgelegt und mußte eingeholt zu werden fürchten. Die bergamaskischen Grenzen waren so entlegen nicht, daß ihn seine Beine nicht in einem Gang hinübergeschafft hätten; aber schon ging die Rede, man habe von Bergamo aus eiligst eine Reiterschar ausgeschickt, um an der Grenze zu schwärmen; das aber waren eingefleischte Teufel, trieben's ebenso bunt wie die Deutschen und ließen es auch ihrerseits an Unheil nicht fehlen. Wie sinnlos lief der arme Mann mit verdrehten Augen durchs Haus und schlich hinter Perpetuen her, um einen Entschluß mit ihr zu besprechen; die Haushälterin aber, die Geschäftigkeit selbst, um die besten Wirtschaftsgeräte zusammenzuraffen und in die Dachwinkel des Söllers zu pfropfen, strich in Eile, bekümmert und den Kopf ebenso voll wie Hände und Arme, an ihm vorüber und sagte: »Die Sachen sind Gott sei Dank bald in Sicherheit gebracht, und dann machen auch wir's, wie's die andern machen.« – Don Abbondio wollte sie zurückhalten und die verschiedenen Rettungswege mit ihr durchgehen; sie aber geriet bei ihrer Geschäftigkeit, bei ihrer Eile und Angst über die Zitterhaftigkeit des Herrn in Wut, und so war unter solchen Umständen noch weniger als sonst mit ihr anzufangen. – »Die andern schaffen Rat, wir werden ihn auch schaffen. Mit Erlaubnis, aber 's ist nicht gut, daß Sie mir immer in den Weg kommen. Glauben Sie, daß die andern nicht auch für 'ne Haut zu sorgen haben? Daß die Soldaten gerade Ihnen mit dem Krieg über den Hals kommen? Sie könnten auch bei solcher Gelegenheit 'ne Hand anlegen, statt einem mit Geschrei und Geweine vor den Füßen zu trampeln.« – Mit solchen Antworten schaffte sie ihn sich vom Leibe; denn bei ihr war's Vorsatz, nach Beendigung ihres tummelvollen Geschäftes ihn wie einen Knaben beim Arm zu nehmen und hinauf nach einem Gebirge mit ihm abzuziehen. Auf diese Weise allein gelassen, stellte er sich an das Fenster, guckte hinab und spitzte das Ohr; sah er einen vorübergehen, so rief er halb mit weinerlicher, halb mit heruntermachender Stimme ihm zu: »Habt doch mit Eurem Pfarrer so viel Erbarmen, ihm ein Pferd zu schaffen, ein Maultier, 'nen Esel! Ist's möglich, daß keiner mir zu helfen Lust hat! Was für Leute! Wartet wenigstens, daß auch ich mit Euch gehe; bleibt noch, bis ihrer fünfzehn oder zwanzig beisammen sind, um mich mitzunehmen, ich bin ja sonst von aller Welt verlassen. Wollt Ihr mich in den Händen der Hunde zurücklassen? Wißt Ihr nicht, daß es fast lauter Lutheraner sind, die sich den Himmel aufzutun glauben, wenn sie einen Priester abschlachten? Wollt Ihr mich hier dem Märtyrertod preisgeben? Was für Leute! Was für Leute!« Aber an wen waren diese Reden gerichtet? An Leute, welche gebeugt durch die Last ihres geringen Gutes und durch den Gedanken an dasjenige, das sie zu Hause der Plünderung ausgesetzt zurückließen, vorüberkeuchten; der eine, indem er seine Kuh vor sich hertrieb, der andere, indem er seine Söhne, gleichfalls so schwer wie möglich belastet, hinter sich hatte und von seinem Weibe die Unmündigen, die selbst nicht gehen konnten, sich nachtragen ließ. Einige eilten fort, ohne zu antworten oder hinaufzusehen; ein zweiter sprach: »Eh, Herr! Machen Sie's auch, wie Sie können; glücklicher Mann, haben weder an Weib noch an Kind zu denken! Helfen Sie sich, Ihnen kann die Rettung nicht sauer werden.« »Ich Armer!« schrie Don Abbondio. »O, was für Leute! Was für Herzen! Das Mitleid ist ausgestorben; jeder denkt nur an sich, und um mich will sich keiner kümmern.« – Und nun suchte er Perpetuen auf. »Kommen gerade zur rechten Zeit,« sprach diese. »Wie ist's mit dem Gelde?« »Was ist da zu machen?« »Geben Sie's mir, ich will's hinten im Garten mit dem Tischzeug zusammen unter die Erde bringen.« »Aber« . . . wollte Don Abbondio in zitternder Ängstlichkeit einwerfen. »Aber, aber – geben Sie her. Halten Sie ein paar Groschen zurück; man kann nicht wissen, wie man sie braucht, und fürs übrige lassen Sie mich sorgen.« Don Abbondio gehorchte, schlich nach dem Koffer, nahm seinen Schatz heraus und vertraute ihn in Perpetuas Hand. Diese sagte: »Ich geh' und scharr', es im Garten ein, dicht am Fuß des Feigenbaums.« – Und so ging sie. Bald erschien sie mit einem Korbe wieder, in welchem sich Mundvorrat befand, und trug eine kleine, leere Butte. In diese legte sie geschwind ein wenig Wäsche, für sich und ihren Herrn, und sagte dabei: »Das Gebetbuch aber, das müssen sie wenigstens tragen.« »Aber wohin soll's gehen?« »Wohin gehen all die andern? Fürs erste auf die Straße, und da werden wir hören und sehen, was sich anfangen läßt.« Agnese war gleichfalls entschlossen, Gäste dieser Art im Hause allein nicht zu erwarten; dabei dachte sie an das Gold vom Ungenannten und sann über die Wahl eines Zufluchtsortes nach. Die vielen Scudi, die ihr inzwischen treffliche Dienste geleistet hatten, wurden die vorzüglichste Ursache ihrer Bekümmernis und Unentschlossenheit; sie hatte gehört, wie in den bereits überschwemmten Ortschaften die Leute, die Geld hatten, übler als jeder andere dran waren, der Gewalttätigkeit der Fremden und den Nachstellungen ihrer Dorfgenossen zugleich ausgesetzt. Freilich hatte sie von dem Segen, der ihr so glücklich gleichsam in den Schoß geflossen, niemandem, mit Ausnahme Don Abbondios, ein Wörtchen vertraut; bei diesem hatte sie einen Scudi nach dem andern in kleine Münze umgesetzt und ihm jedesmal eine Kleinigkeit, für einen ärmeren Unglücklichen, zurückgelassen. Verborgenes Geld aber hält den Besitzer, zumal wenn er nicht gewöhnt ist, damit umzugehen, in beständigem Verdacht vor dem Verdacht der Nachbarn. Während also auch sie jetzt, was sie nicht mit sich nehmen konnte, aufs beste unterzubringen suchte und um die Scudi besorgt war, die sie im Schnürleibe eingenäht trug, erinnerte sie sich, daß der Ungenannte zugleich mit denselben die bereitwilligsten Anerbietungen seines Beistandes geschickt hatte; von der sicheren Lage seiner Felsenburg hatte sie erzählen hören: wider Willen des Herrn könnten nur die Vögel hinaufkommen, und so beschloß sie, dort um einen Zufluchtsort zu bitten. Nun sann sie auf die Art, wie sie jenem Herrn sich zu erkennen geben müßte, und da fiel ihr Don Abbondio ein. Dieser hatte ihr, nach jenem Gespräch mit dem Erzbischof, immer ein ganz besonderes Wohlwollen gezeigt, und das um so herzlicher, da er es tun konnte, ohne daß er sich jemanden auf den Hals zog; die beiden jungen Leute waren fort, es ließ sich also keine Nachfrage befürchten, welche dieses Wohlwollen auf eine verfängliche Probe gestellt hatte. Bei diesem Getümmel, nahm sie an, müsse der arme Mann noch tiefer als sie in Verlegenheit und Angst stecken; ihr Rettungsmittel würde also auch ihm höchst gelegen kommen, und so ging sie denn, ihm den Vorschlag zu machen. Sie fand ihn neben Perpetua und brachte die Sache vor. »Was meinst du dazu, Perpetua?« fragte Don Abbondio. »Ich sage, der Himmel hat's ihr eingegeben; man muß keine Zeit verlieren und die Füße in die Hand nehmen.« »Und dann . . .« »Und dann, und dann, wenn wir da sein werden, werden wir uns wohl fühlen. Von dem Herrn dort ist's jetzt bekannt, daß er nichts lieber tut, als seinem Nächsten einen Dienst leisten; er wird sich 'ne Freude daraus machen, uns aufzunehmen. Dort, an der Grenze, und so hoch in der Luft, kommen wahrhaftig keine Soldaten hin. Und zu essen wird's dort auch geben; denn ging's nach den Bergen hinauf und das bißchen hier wäre verzehrt« – bei den Worten legte sie den Mundvorrat auf der Wäsche zurecht –, »so sah's schlimm mit uns aus.« »Bekehrt, bekehrt ist er wirklich, nicht?« fragte Don Abbondio. »Wie läßt sich daran noch zweifeln nach allem, was man gehört hat, nach allem, was Sie selber mit eigenen Augen gesehen?« »Und wenn wir in einen Käfig hineingehen?« »Was Käfig? Mit Ihrer Rederei da, nehmen Sie mir's nicht übel, kämen wir nimmermehr zu einem Entschluß. Prächtige Agnese! Habt da einen allerliebsten Gedanken aufgefaßt.« – Somit setzte sie die Butte auf ein Tischchen, glitt mit den Armen durch die Tragriemen und nahm sie auf die Schulter. »Ließe sich denn nicht ein Mensch finden,« sagte Don Abbondio, »der mit uns kommt und seinen Pfarrer begleitet? Wenn wir auf irgendeinen Schurken stoßen, es treiben sich ja solche Kerle herum, auf was für Hilfe hab' ich von euch beiden zu rechnen?« »Wieder 'ne Grille, um Zeit zu verlieren!« rief Perpetua. »Jetzt 'nen Menschen aufsuchen, wo jeder mit sich selber alle Hände voll zu tun hat! Rasch, nehmen Sie Gebetbuch und Hut und kommen Sie.« Don Abbondio ging und kam bald, das Gebetbuch unterm Arm, den Hut auf dem Kopfe und einen Knüttel in der Hand, zurück. So gingen alle drei zu einem Türchen hinaus, welches nach der Sakristei führte. Perpetua verschloß sie und steckte den Schlüssel in die Tasche, mehr um eine gewohnte Handlung nicht zu unterlassen, als weil sie auf die Sicherheit eines Türblattes und eines Schlosses rechnete. Don Abbondio blickte, indem sie vorüberschritten, nach der Kirche hin und murmelte zwischen den Zähnen: »Der Gemeinde kommt's zu, sie zu bewachen, für die Gemeinde ist sie da. Wenn ihr ihre Kirche ein bißchen am Herzen liegt, so wird sie daran denken; fragt sie nichts danach, so kann ich ihr nicht helfen.« Sie nahmen schweigend ihren Weg durch die Felder; jeder überlegte sein eigenes Schicksal und schaute sorglich umher, ob irgendeine verdächtige Gestalt, irgendeine unheimliche Erscheinung sich sehen ließe. Man begegnete niemandem; denn die Leute waren entweder in ihren Häusern, bewachten sie, machten Bündel und schafften beiseite, oder wanderten auf den Straßen, die geradeswegs zu den Höhen führten. Nach vielen Seufzern und manchem Ausruf fing Don Abbondio in einem Zuge zu murren an. Er überwarf sich mit dem Herzog von Nevers, weil er in Frankreich es sich ruhig hätte können wohl sein lassen, und dagegen mit Gewalt Herzog von Mantua sein wollte; mit dem Kaiser, weil er bei der Narrheit eines andern hätte ein Einsehen haben sollen, er konnte das Wasser herunterlaufen lassen und brauchte sich gar nicht so empfindlich zu zeigen; am Ende wär' er doch immer Kaiser geblieben, es mochte in Mantua Titus oder Sempronius Herzog sein. Vor allem aber hatte er's gegen den Statthalter; der hätte jede Vorkehrung treffen müssen, um die Geißel vom Lande fernzuhalten, und war gerade derjenige, der sie herbeizog; alles um der närrischen Kriegslust willen. – »Die Herren sollten nur einmal hier sein,« sagte er, »und versuchen, wie's schmeckt. Haben eine schwere Rechenschaft abzulegen! Und unterdessen kostet es unschuldigen Leuten Kopf und Kragen!« »Lassen Sie immer diese Herren zufrieden,« sagte Perpetua. »Die kommen Ihnen doch mit keiner Hand zu Hilfe. Das ist aber einmal, mit Verlaub, Ihr gewöhnliches Geschwätz, und damit läßt sich nichts durchsetzen. Was mir eher im Kopf herumgeht ...« »Nun, was ist das?« Perpetua hatte während des Weges mit Muße die eilfertige Unterbringung der Gerätschaften durchgemustert und entdeckte nun mit Schmerzen, daß sie dieses vergessen, jenes an sehr unpassender Stelle versteckt; hier hatte sie eine Spur gelassen, die einem Räuber den Weg angeben konnte, dort... »Schön!« sagte Don Abbondio, welcher sich jetzt über sein Leben sicher genug fühlte, um über seine Gerätschaften sich gehörig ängstigen zu können. »Schön! So hast du's gemacht? Wo hattest du denn den Kopf?« »Was?« rief Perpetua, blieb einen Augenblick stehen und stemmte die Fäuste in die Seiten, so gut die Butte es gestattete. »Was? Sie wollen mir jetzt solche Vorwürfe auftischen, nachdem Sie's gewesen, der mir den Kopf verdrehte, statt mir zu helfen und mir Mut einzusprechen? Ich habe vielleicht mehr an die Sachen des Hauses als an meine eigenen gedacht; nicht eine Seele, um mir hilfreiche Hand zu leisten; hab' wie Marthe und Magdalene mich abarbeiten müssen. Wenn was schlimm ausfällt, so läßt sich nichts sagen; ich aber hab' über meine Schuldigkeit getan.« Agnese unterbrach diese Untersuchungen, indem sie gleichfalls von ihrem Mißgeschick zu sprechen anfing; sie beklagte sich nicht sowohl über Mühseligkeit und Schaden, als weil sie die Hoffnung, ihre Lucia bald umarmen zu können, verschwunden sah. Denn für den nämlichen Herbst hatte sie gerade Abrede genommen; es ließ sich aber nicht denken, daß Dame Prassede unter solchen Umständen ihr Landgut hier beziehen würde; hätte sie sich daselbst aufgehalten, so würde sie es vielmehr wie die übrigen Gutsbesitzer verlassen haben. Der Anblick der Gegend verlieh Agnesens Gedanken noch größeren Nachdruck und ihrer Sehnsucht noch mehr Bitterkeit. Nachdem sie die Feldpfade verlassen, hatten sie die offene Landstraße betreten, dieselbe, auf welcher die arme Frau vor so kurzer Zeit erst die Tochter aus dem Hause des Schneiders heimgeführt hatte. Und schon ließ sich das Dorf unterscheiden. »Wir wollen den guten Leuten unsern Gruß abstatten,« sagte Agnese. »Gut,« meinte Perpetua, »und ein wenig ausruhen. Denn die Butte fängt an, mir garstig zuzusetzen. Können allenfalls uns auch einen Bissen schmecken lassen.« »Unter der Bedingung, daß wir keine Zeit verlieren,« bemerkte Don Abbondio. »Denn wir sind wahrhaftig nicht zur Kurzweil auf Reisen.« Sie erinnerten an eine wohltätige Handlung, und so wurden sie mit offenen Armen empfangen, mit großer Freude gern gesehen. Erzeigt so vielen Menschen wie möglich Gutes, sagt unser Autor, so werdet ihr um so öfter Gesichtern begegnen, die euch mit Fröhlichkeit überraschen. Nachdem man gemeinschaftlich Mahl gehalten und Neuigkeiten und Erinnerungen mit der freundlichen Familie ausgetauscht hatte, besorgte der Schneider einen Karren, auf dem die Flüchtlinge desto bequemer mit ihrem Reisegepäck zur Felsenburg hinaufkämen. Über den Ungenannten hatte der Schneider bereits dem Pfarrer bestätigt, daß er mit seinen zurückgebliebenen Söldnern von Grund auf seine Lebensweise geändert habe. Vom Tage an, da wir ihn verlassen, hatte er immer zu leben fortgefahren, wie er es sich damals vorgenommen, suchte Schaden gutzumachen, förderte den Frieden, kam den Armen zu Hilfe und benutzte jede Gelegenheit zu heilsamen Handlungen. Den Mut, welchen er sonst, wenn er beleidigte oder sich zur Wehr setzte, darzutun pflegte, zeigte er jetzt in der Unterlassung des einen wie des andern. Er hatte jede Waffe abgelegt und ging immer allein, bereit, den möglichen Folgen so vieler begangener Gewalttätigkeiten zu begegnen, und in der Meinung, daß es eine neue begehen hieße, wenn er zur Beschirmung eines Hauptes, auf welchem so vielfache Schuld lastete, Gewalt gebrauchte. Dessenungeachtet erfuhr er so wenig ein Leid, wie da er zu seiner Sicherheit nebst seinem eigenen so viele andere Arme bewaffnet hielt. Der Groll, sonst durch seinen verachtenden Stolz und anderer Furcht erregt, löste sich jetzt vor dieser neuen Demut auf; über alle Erwartung und ohne Gefahr hatten die Gemißhandelten eine Genugtuung erhalten, die sie selbst von der gelungensten Rache sich nicht versprechen gekonnt: die Genugtuung, einen solchen Mann, ihrem Unwillen sich gesellend, über seine Missetaten Schmerz empfinden zu sehen. Mehr als einer, dessen bitterste und heftigste Kränkung viele Jahre hindurch darin bestanden, daß er keine Wahrscheinlichkeit fand, als der Stärkere jemals eine Bosheit vergelten zu können, traf ihn jetzt oft allein, waffenlos, ohne Versuch zum Widerstand, und dennoch fühlte er sich zu nichts anderem bewogen, als ihm seine Ehrfurcht zu bezeugen. Mit dieser freiwilligen Erniedrigung hatten seine Persönlichkeit und sein Benehmen, ohne daß er es gewahr ward, einen hohen Adel erlangt; denn noch deutlicher als vorher verkündigte sich die Furchtlosigkeit darin. Auch der roheste, hartnäckigste Haß fühlte sich durch die allgemeine Verehrung des reuigen, wohltätigen Mannes wie gebunden und zur Achtung getrieben. Die Verehrung aber war so groß, daß er oft, durch die Ehrenbezeugungen in Verlegenheit geratend, sich ihrer erwehren und nur Sorge tragen mußte, in Gesicht und Gebärden das innere Gefühl der Zerknirschung nicht auffallend erscheinen zu lassen, um nicht bei zu tiefer Erniedrigung zu hoch erhoben zu werden. In der Kirche hatte er sich die letzte Stelle erwählt, und jedermann hütete sich, sie vor seinem Erscheinen einzunehmen; man hätte sich eine Ehrenstelle beigemessen. Den Mann aber zu beleidigen oder ihn unehrerbietig zu behandeln, galt weniger für ein Vergehen und eine Pöbelhaftigkeit, als für eine Glaubensschändung, und selbst diejenigen, welchen diese Empfindung der andern bloß zum Zügel diente, teilten sie am Ende mehr oder weniger. Diese und andere Ursachen wandten auch die entferntere Ahndung der öffentlichen Gewalt von ihm ab und gewährten ihm selbst von dieser Seite die Sicherheit, um welche er kaum sich kümmerte. Sein Rang und seine Verwandtschaft, die jederzeit ihm zu einiger Verteidigung gedient, waren jetzt von desto kräftigerer Wirkung, da zu diesem allgekannten berüchtigten Namen die persönliche Empfindung, der Ruhm der Bekehrung sich gesellte. Obrigkeit und Vornehme hatten sich öffentlich wie das Volk darüber gefreut, und unsinnig wäre es gewesen, gegen einen Mann, welcher der Gegenstand so vieler Glückwünsche geworden, feindselig verfahren zu wollen. Überdies konnte die öffentliche Gewalt, mit einem fortwährenden, oft unglücklichen Kampfe gegen regsame und immer wieder erwachende Empörungen beschäftigt, hinlänglich zufrieden sein, eine Empörung, die noch schwerer und noch lästiger zu bändigen war, nicht bekämpfen zu müssen; um so mehr, da mit dieser Bekehrung so mancher Ersatz verbunden, welchen die öffentliche Gewalt nicht zu erzwingen pflegte und noch weniger heischte. So wurde dieser Mann, auf welchen, wenn er gefallen wäre, Große und Kleine sich um die Wette gestürzt hätten, um ihn am Boden zu erdrücken, jetzt, da er sich freiwillig hingestreckt, von allen verschont und von vielen mit Ehrfurcht behandelt. Als bei dem Niedersteigen der deutschen Kriegsscharen einige Flüchtlinge aus den überschwemmten oder bedrohten Ortschaften nach der Felsenburg kamen und um Aufnahme baten, freute sich der Ungenannte, daß die Hilflosen seine Mauern als einen Zufluchtsort aufsuchten, nachdem sie dieselben seit so langer Zeit nur von fern als ein furchtbares Höllengebäude betrachtet hatten; der Ausdruck seines Empfanges war eher Dankbarkeit als höfliche Güte; dabei ließ er umher melden, daß sein Haus einem jeden, der um Unterkommen verlegen, offen stände. Auch war er sogleich darauf bedacht, Schloß und Tal in Verteidigungsstand zu setzen, falls Landsknechte oder Reiter sich's einfallen ließen, auch hier ihr Wesen treiben zu wollen. Er versammelte die zurückgebliebenen Diener, gering an Zahl, aber tüchtig und wacker. Er ließ aus einer Söllerkammer die Feuergewehre herabholen, die Schwerter und Spieße, die seit einiger Zeit dort zusammengeworfen lagen; er verteilte sie unter die Söldlinge und ließ seinen Bauern wie den Pächtern im Tale sagen, wer Lust hätte, möchte bewaffnet nach dem Schlosse kommen; wer keine Waffen hatte, dem reichte er welche. Er selbst blieb an der Spitze dieser Schloßbesatzung jederzeit unbewaffnet. Zugleich hatte er andere, Diener oder sonst abhängige Leute, in Tätigkeit gesetzt, um im Schlosse für so viele Menschen wie möglich Wohnungen einzurichten; Betten mußten aufgeschlagen werden; in Zimmern und Sälen, die er zu Schlafgemächern bestimmte, kamen Strohlager, Decken und Säcke zu liegen. Auch war's sein Befehl, daß Nahrungsmittel im Überfluß herbeigeschafft wurden; die Gäste, die Gott ihm zusenden würde, die auch in der Tat schon immer zahlreicher sich einzufinden anfingen, sollten nicht von eigenem Gelde zehren. Währenddessen legte er die Hände nicht in den Schoß; man sah ihn drinnen im Schlosse und draußen, oben auf dem Berge und unten in der Tiefe, an allen Punkten des Tales; er bestimmte die Posten, verstärkte und untersuchte sie, er sah nach, ließ sich sehen und hielt durch Worte, Blicke und Gegenwart alles in Ordnung. Im Schlosse wie auf der Straße empfing er freundlich alle Ankömmlinge, denen er begegnete; alle, sie mochten den Mann schon gesehen haben oder zum erstenmal ihn erblicken, betrachteten ihn mit freudigem Staunen, vergaßen einen Augenblick das Elend und die Furcht, welche sie hergetrieben, und wandten sich noch einmal hin, ihn anzuschauen, wenn er, sich von ihnen entfernend, seinen Weg fortsetzte. Elftes Kapitel. Obgleich der größere Zusammenfluß nicht von der Seite her stattfand, von welcher unsere drei Flüchtlinge dem Tale sich näherten, sondern am entgegengesetzten Eingange, so fanden sie doch auf dieser zweiten Hälfte ihres Weges Gefährten der Reise und des Unglücks, welche von Nebenwegen her auf die Hauptstraße getreten waren und noch immer traten. Bei solchen Gelegenheiten sind alle, die einander begegnen, Bekannte. Sooft der Karren einige Leute eingeholt, ließ man sich auf einen Wechsel von Fragen und Antworten ein. Der eine hatte sich, wie unsere Leute, ohne die Ankunft der Soldaten abzuwarten, auf die Beine gemacht; der andere hatte schon die Trommeln und die Pauken gehört; ein dritter wollte die Raubgesellen schon gesehen haben und schilderte sie mit den Farben des Entsetzens. »Wir sind noch glücklich dran,« sagten die beiden Frauen, »wir wollen dem Himmel danken. Mögen unsere Sachen zum Teufel gehen, wir sind doch wenigstens bei ganzem Leibe heraus.« Don Abbondio aber wollte gar nicht begreifen, was darin für ein Beruf zur Freude läge; das Zusammenströmen, zumal das gedrängtere auf der andern Seite, wovon er sprechen hörte, fing an, ihm seinen Himmel mit Wolken zu behängen. – »O, was für 'ne Geschichte!« brummte er den Frauen in einem Augenblicke zu, da niemand neben ihnen schritt, »was für 'ne Geschichte! Begreift ihr denn nicht, daß dies Zusammenlaufen von so vielem Volke nach einem Ort die Soldaten mit Gewalt dorthin ziehen heißt? Alle verkriechen sich, alle schleppen fort; in den Häusern bleibt nichts; sie werden also sich einreden, daß dort oben Schätze vorhanden sind. Sie kommen ganz gewiß hin. Weh mir Armen! In was für ein schlimmes Spiel hab' ich mich eingelassen!« »Was werden sie dort oben hinkommen?« fragte Perpetua. »Sie haben auch ihre Straße zu gehen. Und übrigens hab' ich immer sagen hören, bei Gefahren sei's am besten, mit recht vielen zusammenzuhalten.« »Mit recht vielen?« rief Don Abbondio. »Armes Frauenzimmer! Weißt du nicht, daß jeder Landsknecht hundert solche Leute verschluckt? Und dann, wenn sie Lust haben, dumme Streiche zu machen, so wär's eine artige Geschichte, mitten im Totschlag drin zu stecken, heh? Ich armer Mann! Auf die Berge flüchten wäre nicht so schlimm. Nun drängt sich alles in ein Loch zusammen! – Lauter Quälgeister!« murmelte er darauf für sich, »in einem fort, in einem fort, wie das vernunftlose Vieh!« »Auf die Art,« meinte Agnese, »könnten jene von uns das nämliche sagen.« »Still, still,« sagte der Pfarrer, »mit dem Geschwätz ist nichts mehr anzufangen. Was geschehen ist, ist geschehen; wir stecken einmal drin, und so müssen wir geduldig zappeln. Wie's der Vorsehung beliebt, so wird's gehen; der Himmel lasse es gut für uns ausfallen.« Als sie das Felsental durchfahren hatten und – nun zu Fuß – den Weg zur Burg hinaufnahmen, sahen sie den Ungenannten schon herabkommen. Dieser hatte den Pfarrer nicht sobald bemerkt und erkannt, als er schon herbeieilte, ihm seine Freude zu bezeugen. »Herr Pfarrer,« begann er, als er nahe war, »ich möchte Ihnen mein Haus bei einer fröhlicheren Gelegenheit anbieten; auf jeden Fall aber macht es mir das größte Vergnügen, Ihnen in einem Stücke dienen zu können.« »Mich auf die große Güte Euer erlauchten Gnaden verlassend,« antwortete Don Abbondio, »bin ich in dieser traurigen Lage so frei gewesen, herzukommen und Ihnen beschwerlich zu fallen, und wie Eure erlauchte Gnaden sehen, hab' ich mir sogar herausgenommen, noch Gesellschaft mitzubringen. Dies hier ist meine Haushälterin ...« »Willkommen!« sagte der Ungenannte. »Und dies ist eine Frau, welcher Eure Gnaden schon Gutes erwiesen haben; die Mutter jenes ... jenes Mäd ...« »Luciens Mutter!« sagte Agnese. »Luciens!« rief der Ungenannte und wandte sich mit gesenkter Stirn zu Agnesen. »Gutes, ich? Ewiger Gott! Ihr erweiset mir Gutes, daß Ihr hierher kommt, zu mir, in dieses Haus! Seid willkommen! Ihr bringt den Segen des Himmels mit Euch!« »Das wär' gerade!« sagte Agnese, »beschwerlich werde ich Ihnen fallen. Noch dazu,« fuhr sie, seinem Ohre sich nähernd, fort, »hab' ich Ihnen schon einen Dank abzustatten ...« Der Ungenannte unterbrach diese Worte, indem er eifrig um Nachricht über Lucien bat; als er sie vernommen, wandte er sich, die neuen Gäste nach dem Schlosse zu begleiten. »Sind sie schon in ihrem Kirchsprengel angekommen?« fragte der Ungenannte. »Noch nicht, Herr,« war des Pfarrers Antwort, »ich habe aber die Teufel nicht abwarten mögen. Weiß der Himmel, ob ich lebend aus ihren Händen gekommen wäre, um Eurer erlauchten Gnaden beschwerlich zu fallen.« »Gut; nur beherzt!« ermahnte jener, »jetzt sind Sie vollkommen in Sicherheit. Hier herauf kommen sie nicht; und wenn sie den Versuch machen wollten, so stehen wir schlagfertig da, sie zu empfangen.« »Wir wollen hoffen, daß sie nicht kommen,« äußerte der Pfarrer. »Und ich höre,« fuhr er fort, indem er mit dem Finger nach den Bergen zeigte, welche gegenüber das Tal schlössen, »ich höre, daß auch auf der Seite dort ein anderer Schwarm von Kerlen sich herumtreibt; aber ...« »Es ist wahr, aber sorgen Sie nicht, wir sind auch auf ihre Ankunft gefaßt.« Zwischen zwei Feuern, dachte Don Abbondio, genau zwischen zwei Feuern! Wohin hab' ich mich hineinziehen lassen! Und von zwei solchen Schwatzmäulern! Und der hier sieht gerade aus, als wenn er mit Seelenlust dazwischen steckte. O, was für Leute gibt's doch in dieser Welt! – Vierundzwanzig Tage verweilten unsre Flüchtlinge im Schlosse, mitten unter beständiger Bewegung, in zahlreicher Gesellschaft, die anfangs außerordentlich stieg. Kein Abenteuer von Bedeutung aber fiel vor. Zwar verging kein Tag, daß man nicht auf das Gerücht von einer anrückenden Landsknechtschar zu den Waffen gegriffen hätte, aber ein Angriff auf die Felsenburg wurde nicht versucht. Manchmal machte sich der Ungenannte an der Spitze seiner Leute auf, um plündernde Nachzügler der abgezogenen Truppen zu vertreiben, die auch Dörfer außerhalb der Marschroute auszuräubern versuchten; aber weitere Begebenheiten trugen sich nicht zu. Dafür hörte man täglich von den schrecklichen Durchzügen der Landsknechte, und täglich gab es neue Unglücksgeschichten. Einige Neuigkeitskrämer von Handwerk faßten sorgfältig alle die Gerüchte auf, bearbeiteten sie und teilten diese Zubereitung den übrigen mit. Man stritt miteinander, welches die raubsüchtigsten Banden seien, ob das Fußvolk oder die Reiter sich, schurkischer benähmen; man wiederholte sich, so gut man konnte, die Namen der Feldherrn, erzählte sich frühere Gewalttaten, verständigte sich über Rastorte und Märsche; an diesem Tage verbreitete sich dieses Regiment über die und die Dorfschaften, morgen würde es sich auf die und die stürzen, in welchen währenddessen schon ein andres teufelmäßig hauste. Vorzüglich erkundigte man sich und berechnete die Regimenter, die nach und nach über die Brücke von Lecco gingen; denn diese konnte man als fortgegangen betrachten, und das Land war sie los. Jetzt ziehen Wallensteins Reiter hinüber, jetzt das Fußvolk des Marradas, jetzt die anhaltischen Truppen, dann die brandenburgischen Scharen, dann Montecuccolis und Ferraris Schwadronen; nun kommt Altringer, Fürstenberg, Colloredo; jetzt Torquato Conti, hernach andre und wieder andre; so Gott will, ist auch Galasso schon durch, und das ist der letzte. Allmählich zogen sich auch die fliegenden Reiterschwärme der Venezianer zurück, und das ganze Land zur Rechten und Linken war geräumt. Schon entfernten sich vom Schlosse die Flüchtlinge aus den Ortschaften, welche zuerst überfallen und befreit worden; tagtäglich reisten Leute ab, wie man nach einem herbstlichen Ungewitter von den belaubten Ästen eines großen Baumes die Vögel, die sich hinaufgeflüchtet haben, nach allen Seiten wieder fortfliegen sieht. Wir glauben, unser Dreiblatt blieb am längsten; Don Abbondio fürchtete, wenn er so schnell heimkehrte, auf umherschwärmende Nachzügler zu stoßen. Perpetua mochte sagen und wieder sagen, je länger man zögere, desto bessere Gelegenheit gäbe man den Schelmen im Dorfe, das Haus zu erbrechen und auch die Überbleibsel noch fortzuschaffen, es half nicht; wenn es darauf ankam, sich seiner Haut zu wehren, so war's immer der Pfarrer, der recht gegen ihre Zunge behielt; es müßte denn die dringende Nähe der Gefahr ihm den Degen aus der Hand gewunden haben. Am Tage, der für die Abreise festgesetzt war, ließ der Ungenannte bei der »bösen Nacht« eine Reisekutsche halten. In dieser lag für Agnesen eine ganze Ausstattung an Wäsche. Er zog sie beiseite und brachte sie zur Annahme einer zweiten Goldrolle, um einigermaßen über die Verwüstung, die sie daheim finden würde, sich hinwegsetzen zu können. Sie dankte mit der Hand auf dem Herzen, versicherte aber des öfteren, daß sie von dem vorigen noch eine ziemliche Anzahl liegen habe. »Wenn Ihr Eure arme gute Lucia wiederseht,« sprach er zuletzt, »ich bin gewiß, sie betet für mich, obwohl ich ihr so viel Böses getan habe; sagt ihr also, daß ich ihr dafür danke und in Gott vertraue, ihr Gebet werde auf ihr eigenes Haupt den Segen des Himmels herabrufen.« Darauf wollte er die drei Gäste bis zur Kutsche begleiten; Die demütigen und alleruntertänigsten Dankreden des Pfarrers wie die Höflichkeit der Haushälterin möge sich der Leser denken. So reisten sie ab. Aber nach einer kurzen Strecke Weges schon erblickten unsre Reisenden mit ihren eigenen Augen Dinge, welche sie bis jetzt nur beschreiben gehört hatten; die Weinberge waren geplündert, aber nicht wie nach der Lese, sondern als wenn Hagel und Regensturm zusammen sie zerwühlt hätten; die Reben lagen an der Erde, hin- und hergezerrt und zertreten; die Pfähle waren fortgerissen, die Erde zerstampft, mit Splittern, Blättern und Schößlingen bedeckt, die Bäume zerspalten und geköpft, die Hecken durchbrochen, die Gitter weggeschleppt. Auf den Äckern nichts als zerhackte Türen, zerhauene Bretter, Stroh, Lumpen und Scherben, hügelweis beisammenliegend oder die Wege entlang zerstreut; eine widrige Luft, während ein stinkender Rauch aus dem Innern der Häuser emporqualmte. Die Bauern klaubten teils schmutzige Habseligkeiten hervor, teils setzten sie die Türen wieder ein und standen auch wohl in Haufen beisammen; um ihr Elend miteinander zu bejammern. Während die Kutsche vorüberrollte, wurden von beiden Seiten Hände zum Schlage emporgestreckt und wollten mit Almosen gefüllt sein. Diese Bilder vor ihren Augen, langte unsre Gesellschaft in der Erwartung, daheim dasselbe zu finden, in ihrem Dorfe an. Ihre Erwartung bestätigte sich. Agnese ließ in einen Winkel des kleinen Vorhofes, welcher noch die reinste Stelle im Hause geblieben war, die Bündel niederlegen. Dann ward der Besen genommen und die wenige Habe, welche ihr gelassen worden, wieder an Ort und Stelle gesetzt; Zimmermann und Schmied mußten die Türen zurechtmachen. Nachdem alles so ziemlich wieder in Ordnung war, packte sie die geschenkte Wäsche aus, zählte heimlich die neuen Goldstücke und rief: »Ich bin gefallen, stehe aber wieder aufrecht; Gott dem Herrn und der Jungfrau sei gedankt, dem vortrefflichen Manne desgleichen; ich kann wirklich sagen, ich hab' 'nen glücklichen Fall getan.« Der Pfarrer und seine Wirtschafterin traten ohne Hilfe der Schlüssel in ihr Haus. Bei jedem Schritte, den sie taten, empfanden sie immer mehr einen dumpfigen Geruch, eine Krankenluft, einen Gifthauch, vor dem sie zurückschauderten; mit zugehaltener Nase gehen sie nach der Küchentüre, treten auf den Zehenspitzen und wissen nicht, wohin sie die Füße setzen sollen, um die schmutzigsten Stellen des widrigen Gestreus, welches den Boden bedeckt, zu vermeiden. Nicht ein sauberer Punkt; Trümmer und Bruchstücke aber von Dingen, die früher sich im Hause befunden, überall; Flaumen und Federn, welche unlängst Perpetuas Hühnern gehörten, zerrissene Fetzen von Wäsche, Blätter aus Don Abbondios Kalendern, Scherben, in welche das Küchengeschirr zerschmettert worden – alles beisammen oder umhergeschleppt. Die Mauern hatten die Plünderer mit Fratzenbildern bekritzelt, indem sie durch viereckige Mützen und geschorene Köpfe oder durch große Vollmondsgesichter Priester zu konterfeien meinten und sich's recht angelegen sein ließen, diese Gestalten ebenso schrecklich wie lächerlich herauszubringen; und diese Absicht konnte solchen Künstlern in der Tat nicht fehlschlagen. »Ah, die Schweine!« schrie Perpetua. – »Die Taugenichtse!« rief Don Abbondio. Und als suchten sie zu entfliehen, liefen sie zu einer andern Türe, die nach dem Garten führte, hinaus. Hier schöpften sie Atem und gingen dann schnell auf den Feigenbaum los; aber ehe sie noch dort waren, sahen sie die Erde aufgewühlt und stießen zusammen ein Geschrei aus. Sie standen endlich bei dem Baum und fanden in der Tat statt des verscharrten Schatzes das offne Loch. Hier fiel etwas nicht ganz Anständiges vor: Don Abbondio band geifernd mit seiner Haushälterin an, weil sie den Mammon schlecht untergebracht; diese ließ es natürlich an Gegenschlüssen nicht fehlen; nachdem beide sich satt geschrien, kehrten sie, mit ausgestreckter Hand noch immer auf das Loch hindeutend, zurück und maulten. Fast überall fanden sie denselben Zustand der Dinge. Es gehörte etwas dazu, das Haus zu reinigen und sämtlichen Unrat wieder fortzuschaffen; die Sache war um so schwieriger, da in diesen Tagen sich kaum eine dienstleistende Hand finden ließ. So mußten sie, wer weiß wie lange, gleichsam in einem Lager hausen, mußten, so gut es ging, sich einrichten, Türen, Geräte, Geschirr allmählich wieder anschaffen und das Geld dazu von Agnesen sich vorschießen lassen. Diesem Unglück folgte für einige Zeit eine Nachlese von andern höchst widerwärtigen Umständen. Perpetua ließ es nicht am Umherspüren fehlen, sie schielte nach allem, stöberte überall umher und brachte zuletzt als gewiß heraus, daß verschiedenes Hausgerät ihres Herrn, welches man von den Soldaten geplündert und fortgeschleppt wähnte, statt dessen wohlbehalten sich im Hause mehrerer Bauern befand. Sie lag daher ihrem Herrn an, er möchte sich sehen lassen und das Seinige zurückfordern. Eine schlimmere Saite konnte für Don Abbondio nicht angeschlagen werden; mit den Schurken, in deren Händen sich sein Eigentum befand, mochte er weit lieber in Frieden leben, als in unabsehbare Händel sich einlassen. »Aber wenn ich nun einmal nichts davon wissen will!« sagte er. »Was weg ist, ist weg, wie oft soll ich dir das wiederholen? Das Haus ist mir ausgeplündert worden, und ich soll mich noch obendrein ans Kreuz nageln lassen?« »So wahr der Herr lebt,« antwortete Perpetua, »Sie lassen sich noch die Augen aus dem Kopfe herausfressen. Bei andern Leuten ist Stehlen 'ne Sünde; bei Ihnen aber ist's 'ne Sünde, wenn's einer nicht tut.« »Begreif nur einmal, wie unsinnig du sprichst,« entgegnete der Pfarrer, »willst du endlich schweigen?« Die Haushälterin schwieg, doch nicht so schnell; nachher war alles für sie ein Vorwand, um wieder loszulegen. Dadurch war am Ende der arme Mann so weit gebracht, daß er nicht mehr einen einzigen Klagelaut sich entwischen ließ, wenn ein Gerät im Augenblick, da er es nötig hatte, vermißt wurde; denn mehr als einmal hatte er hören müssen: »Gehen Sie hin und suchen Sie es: bei dem und dem; der hat's, und er würde es nicht heute noch haben, wenn er nicht mit solch 'nem Lamm von Mann zu tun hätte.« Eine andre lebhaftere Unruhe weckte im Pfarrer die Nachricht, daß täglich, wie er ganz recht vermutet hatte, einzelne Streifsoldaten durchs Land zogen; er zitterte also fortwährend, einem Haufen davon vor der Türe zu begegnen. Schon darum hatte er vor allem andern diese in höchster Eile wieder zurechtmachen lassen und hielt sie sorgfältig mit Riegel und Balken verschlossen. Zum Glück fiel indessen nichts dergleichen vor. Und doch waren diese Schrecken kaum beschwichtigt, als ein neuer sich einstellte. Wir verlassen hier jedoch den armen Mann. Wir haben etwas, weit Wichtigeres als die Furcht eines einzelnen, als die Zerstörung einiger Äcker und ein vorübergehendes Ungemach zu erzählen. Zwölftes Kapitel. Die Pest, deren Eintritt ins Mailändische mit den deutschen Scharen der Gesundheitsausschuß gefürchtet hatte, war wirklich eingetreten; sie beschränkte sich nicht nur auf das Herzogtum, sondern entkräftete und überfiel einen bedeutenden Teil von Italien. Indem wir uns vom Faden unserer Geschichte leiten lassen, werden wir jetzt die vorzüglichsten Ereignisse dieses Unglücks in Mailand darstellen; denn die Denkschriften aus jener Zeit handeln, wie es fast immer und überall der Fall, aus guten oder schlechten Beweggründen ausschließlich: von der Hauptstadt. Durch den ganzen Landstrich, welchen die Kriegsscharen durchzogen, hatten sich in Häusern und auf Straßen Leichname, gefunden. Bald verrieten sich an diesem oder jenem Orte Krankheiten; einzelne wie ganze Familien starben an gewaltsamen, außerordentlichen Übeln, deren Zeichen dem größten Teile des lebenden Geschlechtes unbekannt waren. Nur einige gab es, welche vor Zeiten einmal sie gesehen; sie erinnerten sich der Pest, die dreiundfünfzig Jahre vorher einen großen Teil von Italien, vorzüglich aber das Mailändische verwüstet hatte und die Pest des heiligen Carlo genannt ward, nach jenem einzigen Manne, der als Führer, Helfer, Muster und freiwilliges Opfer im Gedenken der Menschen fortlebte. Der oberste Arzt Ludovico Settala, welcher diese Pest nicht nur gesehen hatte, sondern schön damals ein tätiger, unerschrockener, und wiewohl noch sehr jung, doch schon ein hochberühmter Heilkünstler gewesen war, zog aufmerksam, da er bereits Verdacht schöpfte, Erkundigungen ein und berichtete am zwanzigsten Oktober, daß in der Gegend von Chiuso, dem äußersten Dorfe des Gebietes um Lecco an der bergamaskischen Grenze, unbezweiflich eine Ansteckung ausgebrochen sei. Darauf kam es im Gesundheitsausschusse zu keinem Entschluß. Aber ähnliche Nachrichten langten aus Lecco und Bellano an. Man begnügte sich, einen Beauftragten abzuschicken, der unterwegs zu Como einen Arzt mitnehmen und mit ihm die angegebenen Ortschaften besuchen sollte. Beide, erzählt der Arzt Tadino, der einen Bericht über diese größte Pest des Jahrhunderts erscheinen ließ (1648), ließen sich zu Bellano von einem alten, unwissenden Barbier überreden, daß diese Art des Übels keine Pest sei; an manchen Orten entstünde es, wie gewöhnlich, durch die herbstlichen Ausdünstungen der Sümpfe, an den übrigen durch das Elend und die Mühseligkeiten, die der Durchzug der Deutschen mit sich gebracht hätte. Solch eine Versicherung ward dem Ausschuß zugetragen, und dieser schien sich damit zu beruhigen. Da jedoch unaufhörlich andre Todesnachrichten von verschiedenen Seiten anlangten, wurden zwei Abgeordnete, darunter der genannte Tadino, hinausgeschickt, um sich zu überzeugen und Vorkehrungen zu treffen. Bei der Ankunft derselben hatte sich das Unheil schon dermaßen verbreitet, daß die Beweise, ohne sie suchen zu müssen, sich von selbst darboten. Sie durchreisten das Gebiet von Lecco, die Valsassina, die Gestade des Comosees, den Monte di Brianza und die Gera d' Adda; überall fanden sie gesperrte Wohnsitze und verlassene Dörfer, während die geflohenen Einwohner auf den Feldern sich gelagert oder zerstreut hatten. Sie sahen wie wilde Geschöpfe aus, sagt Tadino, und hatten Münzkraut, Raute, Rosmarin oder Essigflaschen in den Händen. Man erkundigte sich nach der Zahl der Gestorbenen; sie war entsetzlich. Man untersuchte Kranke und Leichname und fand überall die mißfarbigen, schrecklichen Zeichen der Pest. Briefe gaben die grauenvolle Kunde dem Ausschuß. Dieser fertigte Zettel nach allen Toren ab, um den Menschen, welche aus den Gegenden der Ansteckung kämen, den Eintritt in die Stadt zu untersagen. Während diese Zettel geschrieben wurden, erhielten die Zollbedienten die vorläufige Anweisung; die eigentliche Verordnung aber ward erst einen vollen Monat später erlassen. Aber schon hatte die Pest in Mailand sich eingeschlichen. Ein unglücklicher Soldat war der Bringer des Unglücks; er trat mit einem großen Bündel von Kleidungsstücken, welche er von deutschen Soldaten gekauft oder gestohlen hatte, in die Stadt, ging in der Vorstadt des Tores gegen Morgen nach dem Hause eines Verwandten, dicht bei dem Kapuzinerkloster, und ward bald nach seiner Ankunft krank. Man brachte ihn nach dem Hospital. Eine Beule, welche in der Achselhöhle sich binnen kurzem an ihm verriet, erregte bei seinem Arzte den Verdacht des Übels, das in der Tat sich dadurch verkündigte. Am vierten Tage darauf starb der Kranke. Der Gesundheitsausschuß untersagte seiner Familie, das Haus zu verlassen. Seine Kleider und das Bett, worin er im Krankenhause gelegen, wurden verbrannt. Zwei Krankenwärter, die ihn daselbst gepflegt, und ein Mönch, der ihm Beistand geleistet, wurden alle drei nach wenigen Tagen gleichfalls pestkrank. Die Bedenklichkeit, welche man gleich anfangs in dem Hospital gehegt, und die Vorsichtsmaßregeln, die man aus diesem Grunde angewandt hatte, wirkten so glücklich, daß dort die Ansteckung nicht weiter um sich griff. Aber der Soldat hatte außerhalb einen Keim hinterlassen, der gar bald sich zu entwickeln begann. Der erste, an welchem er zum Vorschein kam, war der Herr des Hauses, worin der verderbliche Gast gewohnt hatte, Carlo Colonna, ein Lautenspieler. Darauf wurden alle Bewohner jenes Hauses, nach Verordnung des Ausschusses, in das Lazarett geschafft; fast alle legten sich hier nieder, einige starben bald: ihre Krankheit war förmliche Pest. Die Unheilstoffe verbreiteten sich indessen durch den Umgang dieser Leute in der Stadt. Doch nur verdeckt und langsam schlich den übrigen Teil des Jahres hindurch und während der ersten Monate des nächsten das gefährliche Übel unter der Bevölkerung umher. Von Zeit zu Zeit ergriff es bald in diesem, bald in jenem Stadtviertel einen Menschen und führte manches Opfer zum Grabe; aber die Seltenheit der Erscheinung entfernte noch immer den Verdacht einer Pest und bestätigte die Einwohner sämtlich in dem blödsinnigen, mörderischen Wahne, daß keine vorhanden oder daß sie nur auf einen Augenblick dagewesen sei. Viele Ärzte sprachen nach, was die Stimme des Volkes – war sie auch hier die Stimme Gottes? – versicherte; sie verspotteten die schwarzen Prophezeiungen, die drohenden Winke, die einige wenige nicht unterdrücken mochten, und hatten Namen von gewöhnlichen Krankheiten bei der Hand, um jedes Pestübel, zu dessen Heilung sie herbeigerufen wurden, zu bezeichnen; alle Symptome, alle sprechenden Erscheinungen waren nicht mächtig genug, ihrem Eigensinn die Augen zu öffnen. Gegen das Ende des Märzes aber vervielfältigten sich, anfangs in der Vorstadt des Tores gegen Morgen, dann in allen Vierteln der Stadt Krankheiten und Todesfälle, von seltsamen Erscheinungen, von Krämpfen, vom Zucken aller Glieder, vom Starrschlafe, von Irrereden begleitet; dabei mißfarbige Flecken und Beulen; meistens ein schnelles gewaltsames Hinsterben, nicht selten auch plötzlich, ohne eine vorhergehende Anzeige von Krankheit. Die Ärzte, welche sich bisher gegen alle Ansteckung erklärt hatten, mochten jetzt nicht gestehen, was sie früher verspottet; da sie aber für das neue Übel, das bereits zu allgemein und zu weltkundig geworden, um unbezeichnet zu bleiben, einen eigenen Namen ausfindig machen mußten, sprachen sie von bösen pestartigen Fiebern; ein jämmerliches Ausweichungsmittel, ein Gaunerspiel mit Worten, welches bei alledem viel Unheil stiftete; denn indem sie die Wahrheit zu erkennen scheinen wollten, entkräfteten sie die Behauptung, welche Glauben hätte finden müssen, und verheimlichten die Erfahrung, daß das Übel auf dem Wege der Ansteckung sich fortpflanzte. Die Obrigkeit erwachte wie aus einem tiefen Schlafe; sie fing an, den Aufforderungen und Vorschlägen des Ausschusses ein geneigteres Ohr zu leihen, auf ihre Verordnungen nachdrücklicher zu bestehen, die Schließung der Häuser und die befohlene Absonderung verdächtiger Gegenstände gewissenhafter beobachten zu lassen. Der Ausschuß verlangte Geld, um die täglichen Ausgaben im Hospital und bei andern Dienstleistungen bestreiten zu können, und während entschieden ward, ob diese Kosten der Stadt oder der Königlichen Schatzkammer zur Last fallen müßten, verlangte er sie von den Dekurionen. Bei diesen kam auch auf Befehl des Statthalters, welcher die Belagerung des armen Casale von neuem unternommen hatte, der Großkanzler und der Senat ein, daß sie darauf denken möchten, die Stadt mit Lebensmitteln aller Art zu versehen, ehe sie nach fortgeschrittener Ausbreitung der Pest um allen Verkehr mit andern Ländern gebracht wäre; zugleich möchten sie Mittel ersinnen, um einen großen Teil der Bevölkerung, welchem es an Arbeit fehlte, zu unterhalten. Die Dekurionen suchten durch Anleihen und Auflagen Geld herbeizuschaffen; von der Summe, die sie dadurch zusammengebracht, gaben sie einen Teil dem Gesundheitsausschusse, einen Teil den Armen, auch kauften sie Getreide an und sorgten so etwas für das Bedürfnis. Die Tage des großen Drangsals waren aber noch nicht erschienen. Im Krankenhause, wo die Menschenzahl, obgleich täglich hinwegsterbend, dennoch täglich zunahm, entstand eine andre Schwierigkeit. Man mußte den Dienst und den Gehorsam sichern, auf die Beobachtung der vorgeschriebenen Absonderungen wachen und das Verfahren, welches der Ausschuß verlangte, in Anwendung bringen; denn von den ersten Augenblicken an hatte dort durch die Zügellosigkeit vieler Eingeschlossenen, durch das sorglose Nachgeben der Beamten in jeder Rücksicht eine empörende Verwirrung geherrscht. Der Ausschuß und die Dekurionen wußten nicht, wo sie anfangen sollten; sie wandten sich daher an die Kapuziner und ersuchten den Pater Kommissar, der an die Stelle des unlängst gestorbenen Provinzials getreten, er möchte ihnen einen gewandten Mann schicken, um jenes Reich der Trostlosigkeit zu regieren. Dazu empfahl ihnen der Kommissar vorzüglich einen Pater Felice Casati, einen bejahrten Mann, welcher im Rufe großer Menschenliebe und Tätigkeit stand; er war sanfter Sitte und zugleich festen Sinnes. Seinen Ruf bestätigte nachher der Erfolg. Ihm ward als Gefährte und Diener Michele Pozzobonelli gesellt, ein junger Mönch, aber ernst und streng an Gesinnungen wie an Ansehen. Beide wurden bereitwillig aufgenommen und traten am 30. März ins Krankenhaus. Der Vorsitzer im Gesundheitsausschusse führte sie umher, gleichsam als sollten sie es in Besitz nehmen; er rief die Wärter und die übrigen Beamten herbei und erklärte in ihrem Beisein den Pater Felice als den Vorsteher des Hauses mit unumschränkter Gewalt. Je zahlreicher die bejammernswürdige Menge sich vermehrte, desto mehr Kapuziner kamen herbei und wurden nach Bedarf Aufseher, Beichtväter, Verwalter, Krankenwärter, Köche, Kleiderwächter und Wäscher. Jederzeit bemüht und bekümmert, wanderte Pater Felice bei Tag und Nacht durch die Hallen, durch die Zimmer, durch den Hofraum umher, bisweilen mit einer kurzen Lanze bewaffnet, bisweilen bloß im härenen Gewande; er ermutigte und ordnete den Dienst, beschwichtigte jeden Lärm, hörte auf Klagen, drohte, bestrafte, gab Verweise, tröstete, trocknete und vergoß Tränen. Es ergriff ihn anfangs die Pest; doch genas er und übte bald in neuer Tätigkeit die frühere Sorgfalt. Seine Mitbrüder ließen größtenteils, aber alle mit freudiger Ergebung, das Leben daselbst. Begreiflicherweise verlor sich allmählich auch im Volke der Eigensinn, die Pest leugnen zu wollen; das Übel griff um sich, griff vor aller Welt Augen durch Berührung und Umgang um sich. Es hatte sich eine Zeitlang auf die Armen beschränkt, überfiel bald aber auch bekannte Personen. Da die Menge aber so lange und so entschlossen die Pest in ihrer Mitte bestritten hatte, wollte sie jetzt sie nicht dem natürlichen Laufe zuschreiben, um nicht durch ein einziges Geständnis sich zu Selbsttäuschung und großer Schuld zu bekennen; um so williger war sie gelaunt, eine andre Ursache aufzusuchen und eine jede, die ein erfinderischer Kopf aufstellen würde, gutzuheißen. Unglücklicherweise lag eine solche in den Vorstellungen und in den damals gangbaren Überlieferungen bereit, die nicht bloß hier, sondern in jedem Himmelsstrich Europas spukten: G iftmischerhandwerk, teuflische Künste, Verschwörungen, um die Pest durch ansteckende Stoffe und Hexereien zu verbreiten. Schon waren ähnliche Dinge in mancher andern Pest vermutet und geglaubt worden; zu Mailand vorzüglich während der Pest in der Mitte des vorhergegangenen Jahrhunderts. Dazu kam, daß im Jahre zuvor ein Schreiben, von König Philipp IV. unterzeichnet, an den Statthalter gelangt war, worin ihm Nachricht gegeben worden war, es seien aus Madrid vier Franzosen entwischt, welche man vergebens zu ergreifen gesucht habe, weil sie im Verdacht standen, giftige, pestbringende Salben zu verbreiten; er möchte auf seiner Hut sein, falls sie jemals nach Mailand kämen. Der Statthalter hatte dieses Schreiben dem Senat und dem Gesundheitsausschusse mitgeteilt; für damals aber hatte man sich nicht weiter darum gekümmert. Jetzt hingegen, nachdem die Pest ausgebrochen und erkannt war, erinnerte man sich des Schreibens wieder; es konnte den Verdacht eines heimlichen Frevels bestätigen oder auch die erste Gelegenheit zu seiner Entstehung geben. Zwei Handlungen aber, die eine von blinder zuchtloser Furcht, die andre von seltsamer Ruchlosigkeit geleitet, verwandelten endlich diesen unbestimmten Verdacht, daß ein Verbrechen gegen das Volk möglich sei, in einen bestimmten und bei vielen sogar in Gewißheit; der Versuch sei gemacht worden, glaubten sie, und eine wirkliche Verschwörung vorhanden. Es wollten einige am Abend des 17. Mai Leute im Dom gesehen haben, wo sie die Bretterwand, welche die Plätze für beide Geschlechter schied, mit Salben bestrichen; dieselben sollten auch in der Nacht die Bretterwand und eine Anzahl von Bänken, die daran standen, aus der Kirche geschafft haben. Der Vorsitzer im Gesundheitsausschusse eilte nebst vier Mitgliedern desselben zur Kirche, untersuchte die Bretterwand, die Bänke, den Pfeiler des Weihwassers und fand nicht die mindeste Spur, welche den geargwöhnten Vergiftungsfrevel bestätigte; um indessen den Grillen des großen Haufens zu willfahren, »mehr um in der Vorsicht zu weit zu gehen, als weil es nötig wäre,« tat er den Ausspruch, es sei genug, wenn die Bretterwand gewaschen würde. Doch diese aufgeschichteten Holzgeräte der Kirche brachten in der Menge, welcher jedes Ding so leicht zum Beweismittel dient, einen mächtigen Schrecken hervor. Man sagte und glaubte allgemein, es seien im Dome die Bänke, die Wände, alles, selbst die Stränge der Glocken, bestrichen worden. Und man sagte es nicht bloß einige Tage hindurch; alle Denkschriften der Zeitgenossen, unter denen einige erst nach vielen Jahren geschrieben wurden, beteuerten es mit gleichem Ernste. Am folgenden Morgen bestürzte die Augen und die Sinne der Bürger ein neues seltsameres, weit mehr verkündendes Schauspiel. In jedem Teile der Stadt waren Häuser zu sehen, deren Türen und Mauern in breiten Flecken mit schmutzigen Anstrichen, blaßgelb oder weißlich, als wären sie mit einem Schwamm aufgetragen worden, besudelt waren. Sei es nun, daß ein schurkenhafter Übermut den Schrecken lärmender und allgemeiner zu sehen gewünscht, oder daß ein frevelhafterer Plan die öffentliche Bestürzung erhöhen wollte: die Sache ist durch Zeugnisse bestätigt. Ripamonti, welcher die Leichtgläubigkeit der Menge bei solchen Dingen belächelt und öfter noch bedauert, versichert hier, die aufgestrichenen Flecke gesehen zu haben, und beschreibt sie. Auch erzählt der Ausschuß die Sache mit den nämlichen Worten; er spricht von Untersuchungen, berichtet, wie man mit dieser Materie an Hunden, ohne daß es ihnen geschadet, Versuche gemacht habe, und schließt, er glaube, »der Streich sei eher dem Übermute als einem verbrecherischen Anschlag zuzuschreiben.« War die Stadt schon in Bewegung, so geriet sie jetzt in lärmendes Gewühl. Die Eigentümer der Häuser fuhren mit angezündetem Stroh über die bestrichenen Stillen hin; die Vorübergehenden blieben stehen, betrachteten, schauderten, knirschten mit den Zähnen. Die Fremden, deshalb allein in Verdacht fallend und an ihrer Kleidung damals leicht zu erkennen, wurden in den Straßen vom Volk ergriffen und nach den Gefängnissen geschleppt. Man befragte die Ergriffenen und die Ergreifer, man hörte Zeugnisse und Berichte an; keiner aber ward für schuldig befunden; die Köpfe waren noch besonnen genug, um zu zweifeln, zu erwägen und Einsicht zu haben. Bald aber wollte man von neuem Mauern, Türen der öffentlichen Gebäude, Häuserschwellen und Klopfhammer bestrichen gefunden haben. Die Nachrichten solcher Entdeckung flogen von Mund zu Mund, und wie immer, wenn die Gemüter vom Argwohn bereits eingenommen sind, hatte das Hören die Wirkung des Sehens. Immer betrübter durch die Gegenwart der Übel und von der drängenden Gefahr geängstigt, ergriff man um so begieriger solchen Wahn; der Zorn will strafen und mag das Unglück lieber einer menschlichen Bosheit zuschreiben, gegen welche die martersüchtige Geschäftigkeit sich auslassen kann, als eine Ursache anerkennen, in die man sich nur ruhig ergeben muß. Ein ausgesuchtes Gift von plötzlicher, höchst durchdringender Wirkung war ein Gedanke, welcher die Gewaltsamkeit der Krankheit, ihre dunklen und auffallenden Zufälle vortrefflich zu erklären schien. Man sagte, dieses Gift sei aus Kröten und Schlangen bereitet worden, aus dem Eiter und Speichel der Pestkranken, aus allem, was eine wilde verkehrte Einbildungskraft nur Abscheuliches und Widernatürliches ersinnen kann. Daneben nahm man zu den Hexereien seine Zuflucht, mittelst welcher jede Wirkung möglich würde; alle Einwürfe wurden entkräftet, alle Schwierigkeiten gelöst. Wenn jener ersten Giftsalbung die Wirkungen nicht unmittelbar gefolgt waren, wollte man die Ursachen sehr gründlich einsehen; es war ein mangelhafter Versuch von Neulingen im Handwerk gewesen; jetzt wäre die Kunst vervollkommnet, der Wille bei dem höllischen Beginnen ergrimmter. Wer nun die Sache noch für einen Possenstreich ausgegeben oder das Dasein eines Anschlags geleugnet hätte, wäre ein Blinder, ein eigensinniger Querkopf genannt worden; man hätte vielleicht einen Menschen in ihm vermutet, dessen Vorteil es heischte, die Aufmerksamkeit des Volkes von der Wahrheit abzulenken, einen Mitschuldigen, einen Giftsalber, und dieses Wort ward bald gang und gäbe, anerkannt, furchtbar. Bei der Überzeugung, daß Giftsalber vorhanden, mußte man sie fast unfehlbar entdecken; die Augen aller blickten aufmerksam umher; jeder Schritt konnte den Argwohn aufstören. Der Argwohn aber ward leicht zur Gewißheit, die Gewißheit zur Wut. Zwei Beispiele teilt Ripamonti mit, welche er unter den übrigen erwählt, nicht weil sie die ergreifendsten, sondern weil er beide als Augenzeuge erlebt hat. In der Kirche des heiligen Antonius hatte ein mehr als achtzigjähriger Greis auf den Knien sein Gebet verrichtet und staubte, ehe er sich setzte, mit dem Mantel die Bank ab. – »Der Alte salbt die Bänke!« schrien verschiedene Frauen, die es sahen, zugleich. Das Volk in der Kirche stürzt auf den Greis los, sie zausen ihn bei den weißen Haaren, schlagen ihn mit Fäusten, stoßen ihn mit den Füßen und schleppen ihn halbtot hinaus, um ihn zum Richter, ins Gefängnis, zur Untersuchung zu schaffen. Der andre Fall, tags darauf, war ebenso seltsam, aber nicht ebenso trübselig. Drei junge Franzosen, ein Gelehrter, ein Maler und ein Mechanikus, die nach Italien gekommen waren, um es kennenzulernen, sich mit den Altertümern bekanntzumachen und sich nach Verdienst umzusehen, hatten sich außen an den Dom hingestellt und standen in aufmerksamer Betrachtung da. Bald blieb ein oder der andre Vorübergehende stehen; man tritt zusammen, tut, als wenn man gleichfalls betrachte, und merkt sich die drei, welche Kleidung, Haartracht und Reisetasche als Ausländer, und was das schlimmste, als Franzosen zu erkennen gaben. Um sich zu überzeugen, ob die Wand von Marmor sei, streckten die Fremden die Hand aus und berührten das Gebäude. Augenblicklich wurden sie umringt, ergriffen, übel behandelt und mit wütenden Schlägen nach den Gefängnissen getrieben. Zum Glück ist der Gerichtspalast wenig vom Dome entfernt, und zu weit größerem Glücke wurden sie als unschuldig befunden und freigelassen. Inzwischen waren die Dekurionen mit ihrem Vorschlage beim Kardinal Borromeo durchgedrungen – er hatte sich anfänglich geweigert –, einen feierlichen Umzug zu veranstalten, in dem der Leichnam des heiligen Carlo durch die pestverseuchte Stadt getragen werden sollte. Diese Maßnahme indes steigerte nur das Übel, statt es zu verbannen. Die großen Menschenansammlungen, die zahllose Gelegenheiten zu zufälligen Berührungen gaben, waren ein prächtiger Ansteckungsherd. Daher ist es nicht verwunderlich, daß von diesem Tage an die Wut der Ansteckung in einem fort wuchs; binnen kurzem gab es kaum mehr ein unberührtes Haus. Die Bevölkerung des Hospitals stieg von zweitausend auf zwölftausend, und endlich, wie alle versichern, auf sechzehntausend. Im Anfang des Juli starben täglich mehr als fünfhundert Personen. Mit der Zahl von zwölf- bis sechzehnhundert hatte das Verderben seine äußerste Höhe erreicht, und hier stand es still; doch spricht Tadino auch von mehr als dreitausend, die an einigen Tagen hinweggerafft worden waren. Man denke sich nun die Drangsale der Dekurionen, welche für die öffentlichen Bedürfnisse Sorge tragen und, was bei einem solchen Unglück sich abwenden ließ, abwenden sollten. Sie mußten die öffentlichen Wärter ersetzen und ihre Zahl vermehren; Monatti – ein altes Wort in Mailand, von dunklem Ursprunge – hießen die Leute, welche, für die mühseligsten und gefährlichsten Dienstleistungen bei der Pest bestimmt, aus den Häusern, aus dem Hospital und von den Straßen die Leichname holten, sie nach den Gruben fuhren und verscharrten, die Kranken nach dem Hospital trugen oder führten und sie hier bedienten, während sie zugleich die verdächtigen oder angesteckten Kleidungsstücke reinigen oder verbrennen mußten. Apparitori waren Männer, deren besonderes Amt darin bestand, vor den Leichenwagen herzugehen und mit einer Klingel den Vorübergehenden anzudeuten, sie möchten sich zurückziehen; die Kommissare hatten diese wie jene unter ihren Befehlen und gehorchten unmittelbar dem Gesundheitsausschusse. Das Krankenhaus mußte mit Ärzten mit Wundärzten, mit Arzneien, mit Lebensmitteln, mit allen Gerätschaften einer Krankenanstalt, versehen sein. Aus dieser Ursache ließ man in Eile Hütten von Holz und Stroh im inneren Hofraume erbauen; ein zweites Holzgebäude faßte an viertausend Menschen. Zwei andre wurden beschlossen, aber unterblieben; es fehlte an allen, Mitteln, und während das Bedürfnis stieg, nahmen Mut und Menschenzahl ab. Bald war eine große, aber einzige Grube, welche in der Nähe des Krankenhauses gemacht worden war, voll von Leichnamen; die neuen, deren es täglich in größerer Anzahl gab, blieben überall unbeerdigt liegen. So war die Obrigkeit nachdem sie sich für die traurige Arbeit vergebens nach Armen umgesehen, endlich zum Geständnisse gezwungen, daß sie nicht mehr wisse, zu welchem Mittel sie ihre Zuflucht nehmen sollte. Ohne eine außerordentliche Hilfe ließ sich nicht einsehen, was für einen Ausgang die Sache nehmen solle. Der Vorsitzer im Gesundheitsausschusse fragte deshalb voller Verzweiflung, mit Tränen in den Augen bei jenen beiden wackeren Mönchen an, welche noch immer in der Leitung des Hospitals fortfuhren; da verpflichtete sich Pater Michele der jüngere, binnen vier Tagen sämtliche Leichname zur Stadt hinausgeschafft zu haben; acht Tage aber seien hinreichend, nicht bloß für das gegenwärtige Bedürfnis zu sorgen, sondern auch der schwärzesten Aussicht in die Zukunft zu begegnen. Mit einem Mönche und einigen Beamten, welche der Vorsitzer ihm dazu bewilligte, ging der Pater zur Stadt hinaus und suchte Bauern auf; teils durch das Ansehen des Ausschusses, teils durch sein Ordenskleid und seine Redekunst brachte er, wirklich an zweihundert zusammen und verteilte sie an drei verschiedene Orte, um Gruben zu höhlen; dann schickte er vom Krankenhause aus Monatti, um die Toten zu sammeln, und zeigte am versprochenen Tage seine Verheißung erfüllt. Einmal stand das Hospital ohne Ärzte da; nur durch reiche Anerbietungen an Bezahlungen und Ehren konnte man diesem Mangel mit Mühe wieder abhelfen; Oft gebrach es auch an Lebensmitteln ganz und gar, und viele Menschen kamen vor Hunger um; mehr als einmal, während man jeden Weg versuchte, um Eßwaren oder Geld herbeizuschaffen und kaum damit zustande zu kommen hoffte, langten zur rechten Zeit Vorräte in Überfluß an, von der Barmherzigkeit einzelner Leute unerwartet hingeschickt. Denn mitten in der allgemeinen Starrsucht, in der empfindungslosen Gleichgültigkeit gegen andre, welche durch die beständige Furcht für sich selbst an der Tagesordnung war, gab es immer noch menschenfreundliche Gemüter, gab es manchen, in welchem bei dem Aufhören jeder irdischen Fröhlichkeit das Mitleid sich einstellte, und während viele, denen Aufsicht und Vorsorge übertragen waren, flohen oder erlagen, hielten einige bei unangefochtenem Körper aus und verwalteten mutig ihr Amt; endlich fanden sich auch Menschen, die, von der Frömmigkeit begeistert, Geschäfte, zu denen kein Aufruf sie gefordert, furchtlos übernahmen und verwalteten. So bemerkt man im allgemeinen Elend, in langen Unterbrechungen der gewöhnlichen Ordnung immer ein Höhersteigen, ein Aufblühen der Tugend; leider erhebt sich ihr zur Seite auch die Schlechtigkeit nur allzuoft. Hier war dies in hohem Maße der Fall. Die Schurken, welche die Pest verschonte oder nicht niederbeugte, fanden in der allgemeinen Verwirrung, im Stillstande aller öffentlichen Gewalt eine neue Gelegenheit zur Tätigkeit und sahen sich vor Strafe gesichert. Ja, der Gebrauch der öffentlichen Gewalt selbst befand sich großenteils in den Händen der Verworfensten unter ihnen. Zum Amte eines Monatto oder Apparitore verwandte man meistens nur Menschen, über welche der Reiz des Raubes und der Schrankenlosigkeit mehr als der Schrecken vor Ansteckung, als Entsetzen und Ekel vermochte. Freilich hatte man ihnen die genauesten Vorschriften gegeben, die schärfsten Strafen vor Augen gestellt, ihre Wirkungskreise bezeichnet und Kommissare zu ihren Vorgesetzten bestellt; über diese wie jene wachten auserlesene Obrigkeiten und Edelleute in jedem Stadtviertel, ermächtigt, für jedes Ereignis Anstalten zu treffen. Eine solche Einrichtung hatte aber ihren wirksamen Fortgang nur bis zu einer gewissen Zeit; denn mit dem Steigen der Todesfälle, als die Überlebenden eine starre Bestürzung ergriffen hatte, waren jene aller Oberaufsicht wie entbunden, und hauptsächlich waren es die Monatti, die mit zügelloser Willkür schalteten. Sie traten zu ihren ehemaligen Herren oder zu ihren Feinden in die Häuser, ließen kein Wort von einer Brandschatzung hören, legten aber ihre frevelhaften angesteckten Hände, durch welche so viele Opfer des Elends wandern mußten, an den Körper der Gesunden, an Kinder und Verwandte, an Weiber und Ehemänner und drohten, wenn sie mit Geld sich nicht loskauften, sie nach dem Hospital zu schleppen. Bisweilen hielten sie auch ihre Dienstleistungen feil und wollten die schon faulenden Leichname nicht anders fortschaffen, als wenn ihnen eine gewisse Anzahl Scudi gezahlt würde. Man glaubte – bei der Leichtgläubigkeit des einen und der Bosheit des andern Teils ist hier glauben und nicht glauben gleich unsicher – man glaubte, daß Monatti und Apparitori mit Fleiß von ihrem Karren angesteckte Kleider fallen ließen, um dadurch die Pest, die bereits ein Einkommen, ein Reich, ein Fest für sie geworden, zu erweitern und zu unterhalten. Verschiedene Verruchte gaben sich für Apparitori aus, trugen Schellen an die Füße gebunden, wie es diesen vorgeschrieben war, drangen in die Häuser und erlaubten sich daselbst jede willkürliche Handlung. In einige, die offen und menschenleer dastanden oder nur von einem Lechzenden, einem Verscheidenden bewohnt wurden, schlichen sich ungehindert Diebe und machten Beute; andere wurden von Häschern überfallen, welche Räubereien und Ausschweifungen aller Art darin verübten. Mit der Frevelhaftigkeit hielt der Wahnsinn gleichen Schritt. Jeder bereits mehr oder weniger herrschende Irrtum erhielt durch die Unruhe oder die Stumpfsinnigkeit der Geister eine ungeheure Gewalt und fand eine ausgedehntere, ungestümere Anwendung. Zur Vergrößerung und Verstärkung all solcher Irrtümer diente der besondere Wahnsinn, welcher den Gedanken an Giftmischerei festhielt und in seinen Wirkungen und Ausbrüchen oft zur zweiten Frevelwut wurde. Das Bild dieser angenommenen Gefahr umklammerte und marterte die Gemüter heftiger als die wirkliche und gegenwärtige. »Und während die Leichname,« sagt Ripamonti, »einzeln oder in Haufen, überall vor den Augen oder den Füßen der Vorübergehenden, die ganze Stadt zu einem einzigen Gottesacker machten, lag ein weit traurigerer Umstand noch, eine größere allgemeine Abscheulichkeit in dem wechselseitigen Grimm, in der Zügellosigkeit, in dem allgemeinen Argwohn. Man scheute sich nicht bloß vor dem Nachbar, dem Freunde, dem Gaste; auch die Benennungen Mann und Weib, Vater und Sohn, Bruder und Bruder, diese Bande des menschlichen Mitgefühls, flößten Schrecken ein; den häuslichen Tisch – kaum wagt es die Feder niederzuschreiben –, das eheliche; Bett fürchtete man wie einen Hinterhalt, wie einen Schlupfwinkel der Giftmischersucht!« Der ungeheuerliche Wahn, die Seltsamkeit der eingebildeten Umtriebe, verwirrten jede Urteilskraft, stürzten alle Verhältnisse des wechselseitigen Vertrauens um. Außer dem Übermut und der Lüsternheit, welche man anfangs für den Beweggrund der Giftmischerei gehalten, träumte man und sprach am Ende glaubenvoll von einer teuflischen Wollust, welche die Vergifter beherrschen und ihren Willen unwiderstehlich leiten sollte. Die Fieberreden der Kranken, die sich selbst des Frevels beschuldigten, den sie von andern gefürchtet, galten für Offenbarungen und wurden überall geglaubt. Schlagender noch als Worte wirkten handelnde Äußerungen, wenn irre Pestkranke bisweilen die nämlichen Bewegungen machten, welche sie an den Giftmischern sich eingebildet hatten. Auf ähnliche Weise hatte während der langen traurigen Zeit, da man über die Zauberer gerichtliche Untersuchungen anstellte, manches nicht immer erquälte Geständnis der Beschuldigten gar sehr dazu beigetragen, die Meinung, welche darüber im Schwange war, zu unterhalten; denn hat einmal ein Wahn weit um sich gegriffen, so drückt er sich auf alle Weise aus, versucht jeden Weg und wandert durch alle Stufen der Überzeugung; soll solch ein Glaube sich lange halten, so müssen Prediger auftreten, die ihm durch ihre Trugworte immer wieder neues Leben erteilen. Dreizehntes Kapitel. Gegen Ende des Augusts, gerade als die Pest ihre furchtbarste Ernte hielt, kehrte in Mailand Don Rodrigo nach seinem Hause zurück. Ihn begleitete der treue Graue, einer von den dreien oder vieren, welche unter der ganzen Dienerschaft am Leben geblieben waren. Er kam aus einer Gesellschaft von Freunden, die sich gewöhnlich zu schwelgerischem Schmause versammelten, um durch die finstere Betrübnis der Zeit hindurchzugleiten; jedesmal stellten sich neue Freunde ein, jedesmal vermißte man alte. Diesen Abend war er einer der fröhlichsten gewesen und hatte unter anderm durch eine Art von lobpreisender Leichenrede auf den Grafen Attilio, welcher zwei Tage vorher von der Pest weggerafft worden war, die Versammlung weidlich lachen gemacht. Während er aber vorwärtsschritt, empfand er ein unfreundliches Mißbehagen, eine Niedergeschlagenheit, eine Schwäche in den Beinen, eine Beschwerde beim Atemholen, eine innere Hitze, die er gern ganz und gar auf Rechnung des Weines, der durchwachten Nacht oder der Jahreszeit setzen wollte. Er sprach den ganzen Weg entlang nicht ein einziges Wort; erst als sie nach Hause gekommen waren, gab er einen Laut von sich, indem er dem Grauen befahl, ihm im Zimmer Licht anzuzünden. Nachdem dieses, geschehen, betrachtete der Bravo das Gesicht seines Herrn: es war verzerrt, entflammt, die Augen hervorgetreten und glänzend. Und so hielt er sich fern; denn in solchen Tagen hatte der gemeinste Knecht sich bereits das Auge eines Arztes angewöhnt. »Ich bin gesund, geh!« sagte Don Rodrigo, da er in der Gebärde des Grauen den Gedanken las, welcher ihm durch den Kopf flog. »Ich bin ganz gesund; ich hab' aber getrunken, hab' vielleicht ein wenig zu viel getrunken, 's war so ein süßer Wein. Mit einem tüchtigen Schlaf ist alles abgemacht. Er liegt mir in den Gliedern. Bring mir das Licht aus den Augen, es blendet mich, ich kann's nicht leiden!« »Das sind die Streiche des süßen Weins!« sagte der Graue, während er sich dessenungeachtet immer außer dem Schuß hielt. »Legen Sie sich aber rasch nieder; Bett und Schlaf werden Ihnen gut tun.« »Hast recht – wenn ich schlafen kann. Übrigens . . . bin ich wohl. Stell' auf alle Fälle die Klingel auf den Tisch; es kann doch sein, daß ich die Nacht was nötig habe, und sei bei der Hand, verstehst du mich? sobald du schellen hörst. Ich werde aber nichts nötig haben. Schaff mir im Augenblick das verdammte Licht fort!« rief er, während der Bravo seinem Gebote Gehorsam leistete und so wenig wie möglich in seine Nähe kam. »Weiß der Teufel, warum's mir so zuwider ist!« Der Graue nahm das Licht, wünschte seinem Herrn gute Nacht und ging, während dieser sich die Kissen unter dem Kopf ordnete, eilig hinaus. Aber das Kissen dünkte ihn ein Gebirge. Er warf es weg und krümmte sich zusammen, um einzuschlafen; denn er kam vor Schlafsucht fast um. – Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, so wachte er ungestüm auf, als wenn ein Mensch in heftigem Ärger ihn geschüttelt hätte; er fühlte die Hitze steigen, die innere Unruhe vermehrte sich. Mit dem, Gedanken an den August, an den süßen Wein, an den wild durchstürmten Abend warf er sich umher; es war sein Wunsch, alle Schuld ihnen allein geben zu können; immer aber stellte sich von selbst der Gedanke dabei ein, welcher damals sich jedem andern gesellte, durch alle Sinne gleichsam Eingang fand und in alle Gespräche der Schlemmergesellschaft sich gemischt hatte, daß es immer noch leichter war, ihn von der lustigen Seite zu nehmen, als ihn abzubrechen oder auszuschließen: die Pest nämlich. Nach langem Kampfe schlief er endlich ein; den Schlaf bevölkerten die schwärzesten, verwirrtesten Träume. Von einem zum andern schien er sich in einer großen Kirche zu befinden, vorwärts und immer vorwärts getrieben, mitten im Gedränge des Volkes; er war in dem Gebäude und wußte nicht, was ihn hineingezogen hatte, wie ihm, zumal bei solcher Zeit, der Gedanke angekommen war, und darüber marterte er sich im eigenen Geiste ab. Er blickte auf die Umherstehenden; nichts als verbleichte Gesichter, wie aus den Gräbern hervorgeschlüpft, mit starren, blindschauenden Augen und hängenden Lippen; lauter Leute mit Kleidern, die in Fetzen auseinanderfielen, und durch die Risse blickten Flecke und Pestbeulen. »Fort, Gesindel!« hörte er sich schreien. Dabei blickte er nach der fernen, fernen Pforte und begleitete das Geschrei mit einer drohenden Miene, ohne jedoch eine Bewegung zu machen. Aber keiner dieser Unholde schien sich zu bewegen, noch weniger ihn verstanden zu haben; sie drängten sich nur dichter an ihn, und vorzüglich war's, als wenn einer unter ihnen mit den Ellenbogen oder irgendeinem Werkzeuge ihn gegen die linke Seite, zwischen Herz und Achsel, wo er einen stechenden, niederziehenden Schmerz empfand, unablässig drückte. Er zuckte, keuchte und wollte noch lauter schreien; da wandten sich alle diese Gesichter nach einer Seite hin. Er machte dieselbe Wendung, ward eine Kanzel gewahr und sah aus ihrem Hintergrunde ein gewölbtes, glattes, glänzendes Wesen sich erheben; bald stellte sich eine kahle Glatze dar, zwei lebhafte Augen, ein ausdrucksvolles Gesicht, ein langer weißer Bart, endlich ein aufrechtstehender Mönch, bis zum Gürtel sichtbar – Bruder Cristoforo war's. Der Mönch ließ einen blitzenden Blick durch die ganze Versammlung wandern, heftete ihn auf sein Gesicht, erhob die Hände und nahm genau die Stellung an, in welcher er einst im Saale seines Palastes, die furchtbaren Anfangsworte der Verkündigung auf den Lippen, vor ihm gestanden hatte. Darauf hob er wütend die Hand und nahm einen Ansatz, als wollte er sich zum Ergreifen jenes ausgestreckten Armes hinanschleudern; eine Stimme, die ihm dumpf in der Kehle brüllte, brach als ein furchtbares Geheul hervor, und so erwachte er. Er ließ den Arm, den er wirklich erhoben hatte, sinken; er strengte sich an, um wieder gänzlich zu sich selbst zu kommen und die Augen zu öffnen; denn das Licht des Tages, das hell bereits zu den Fenstern hereindrang, war ihm nicht weniger lästig als der Glanz der Kerze; er erkannte sein Bett, sein Zimmer; er begriff, daß alles ein Traum gewesen; die Kirche, das Volk, der Mönch, alles war verschwunden – nur eins nicht, der Schmerz an der linken Seite. Zugleich empfand er im Herzen einen beschleunigten, ängstlichen Schlag, in den Ohren ein summendes Geräusch, ein inneres Feuer, eine Schwere in allen Gliedern, schlimmer als da er zu Bette gegangen. Er zauderte einige Sekunden, ehe er nach der schmerzenden Stelle sah; endlich entdeckte er sie deutlicher mit den Fingern, blickte hin und schauderte – er ward eine Beule von mißfarbigem Violett gewahr. Er sah sich verloren. Der Schrecken des Todes ergriff ihn, und vielleicht noch gewaltsamer der Schrecken, die Beute der Monatti zu werden, fortgeschleppt und ins Krankenhaus geworfen zu werden. Während er über die Mittel nachdachte, dieses entsetzliche Los zu vermeiden, empfand er, wie seine Gedanken sich verwirrten und dämmernd zu erlöschen schienen, wie der Augenblick heranrückte, welcher ihm nur so viel Gewissen ließ, wie zur Verzweiflung hinreichte. Er faßte die Klingel und rüttelte sie gewaltsam. Der Graue hatte fertig dagestanden und erschien. Er blieb in einer gewissen Entfernung vom Bette stehen, betrachtete den Herrn aufmerksam und fand seine Vermutung vom vorigen Abend bestätigt. »Grauer,« sagte Don Rodrigo und brachte sich mit Anstrengung zum Sitzen, »du bist jederzeit mein Getreuer gewesen.« »Jawohl, Herr!« »Ich hab' dir immer Gutes getan!« »Ihre Gnade war groß.« »Auf dich kann ich mich verlassen.« »Teufel, das will ich meinen!« »Es steht schlimm mit mir, Grauer.« »Ich hatt' es gemerkt.« »Wenn ich davonkomme, so sollst du es noch weit besser haben, als du es jemals bei mir gehabt hast.« Der Graue antwortete nichts und stand in Erwartung da, wohin diese Vorrede leiten würde. »Ich will mich keinem andern als dir anvertrauen,« nahm Don Rodrigo das Wort, »tu mir einen Gefallen, Grauer!« »Befehlen Sie,« sagte dieser, mit der gewöhnlichen Redensart auf jene ungewöhnliche antwortend. »Weißt du, wo der Wundarzt Chiodo wohnt?« »Sehr wohl.« »'s ist ein wackerer Mann,« sprach Don Rodrigo; »wenn man ihn gut bezahlt, macht er aus den Kranken ein Geheimnis. Such' ihn auf. Sag' ihm, ich will ihm vier, sechs Scudi für jeden Besuch geben, und mehr noch, wenn er's verlangt; er soll im Augenblick kommen. Richt' es aber klug ein, damit niemand was merkt.« »Gut!« sagte der Graue; »ich geh' und bin gleich wieder hier.« »Höre, Grauer! reich' mir erst 'nen Trunk frisches Wasser. Ich fühl' ein brennend Feuer, daß ich's nicht länger aushalten kann.« »Nein, Herr!« antwortete jener, »nichts ohne die Meinung des Doktors. Das sind Übel, die eine ganz besondere Behandlung verlangen; auch ist keine Zeit zu verlieren. In einem Nu bin ich mit dem Wundarzt hier.« So sprach er, ging hinaus und schlug die Türe hinter sich zu. Zusammengekauert begleitete ihn Don Rodrigo im Geiste nach dem Hause des Arztes, zählte seine Schritte und berechnete die Zeit. Hin und wieder wandte er sich, um nach seiner linken Seite zu sehen; aber mit schauderndem Widerwillen drehte er sogleich das Gesicht wieder weg. Nach einiger Zeit fing er an zu horchen, ob der Arzt schon käme; die Anstrengung dieser Aufmerksamkeit unterbrach das Gefühl des Leidens ein wenig und brachte seine Gedanken für einen Augenblick wieder ins Geleise. Plötzlich hörte er eine ferne Glocke; sie scheint ihm aber aus den Zimmern, nicht von der Straße her zu tönen. Er spitzt die Ohren noch aufmerksamer; er hört es stärker, wiederholter, zugleich aber rasche vielfache Fußtritte, und ein schrecklicher Verdacht läuft ihm durch den Kopf, läßt das Blut in seinen glühenden Adern plötzlich zu Eise gerinnen. Er richtet sich auf und gibt ängstlicher acht; er vernimmt ein dumpfes Geräusch im nächsten Zimmer, wie wenn eine Last behutsam niedergesetzt wird; da schwingt er die Beine aus dem Bette, als wollte er aufstehen, blickt nach der Türe und sieht sie aufgehen, sieht zwei zerrissene, schmutzige Rotmäntel erscheinen und sich nähern, zwei abscheuliche Gesichter, kurz, zwei Monatti; zugleich zeigt sich zur Hälfte das Gesicht des Grauen, der hinter einem angelehnten Türflügel verborgen, lauschend dasteht. »Ah, der niederträchtige Verräter! – Fort, Lumpengesindel! Biondino! Carlotto! Hilfe! Ich werd' überfallen!« schreit Don Rodrigo, fährt mit der einen Hand unter das Kopfkissen; um eine Pistole zu suchen, ergreift sie und reißt sie hervor. Aber auf sein erstes Geschrei sind die Monatti schon nach dem Bette hingestürzt, der schnellere fällt über ihn her, bevor er noch etwas anderes beginnen kann, ringt ihm die Pistole aus der Hand, schleudert sie fort, drückt ihn nieder und hält ihn mit einem Zetergebrüll von Wut und Verachtung zugleich am Boden. – »Ah, Schurke! Gegen die Monatti! Gegen die Diener des Ausschusses! Gegen die Leute, die dies Werk der Barmherzigkeit verrichten!« »Halt' ihn fest, bis wir ihn fortschaffen,« sagte der Gefährte und ging nach einem Kasten hin. In diesem Augenblick trat der Graue ein und half ihm das Schloß desselben erbrechen. »Niederträchtiger!« heulte Don Rodrigo, indem er unter den Händen des Monatto, der ihn hielt, hervorblickte und aus den nervigen Armen sich zu reißen suchte. »Laßt mich den Höllenschurken dort kalt machen,« sagte er darauf zu den Monatti, »und hernach stellt an, was ihr wollt.« Dann rief er wieder mit lauter Stimme seine anderen Diener, aber umsonst; ehe der Graue sich zu den Monatti begeben hatte, um ihnen den Vorschlag zur Teilung des Raubes zu machen, hatte der Abscheuliche alle seine Dienstgefährten durch erdichtete Befehle des Herrn weit fortgeschickt. »Sei ruhig, sei ruhig!« rief dem Unglücklichen der Jammervogt zu, der ihn fest ans Bett gedrückt hielt. Dann wandte er das Gesicht nach den beiden Beutemachern und sagte: »Ich hoffe, ihr geht wie ehrliche Leute zu Werk!« »Du! Du!« brüllte Don Rodrigo, da er den Grauen in voller Geschäftigkeit zersprengen, Geld und Geräte herausholen und teilen sah. »Du, nachdem ... Teufel aus dem Höllenschlunde! Ich kann noch wieder davonkommen, wieder gesund werden!« – Der Graue ließ keinen Laut hören und wandte sich nicht im geringsten nach der Seite hin, von wo diese Worte ihm zugerufen wurden. »Halt ihn gehörig fest!« sagte der andere Monatto, »er ist toll.« Der Elende ward es in der Tat. Nachdem er zum letztenmal, so gewaltsam er vermochte, zu schreien und sich zu wenden versucht hatte, sank er plötzlich ohnmächtig und betäubt zusammen. Doch blickte er noch immer, wie bezaubert, mit starren Augen nach dem Grauen machte hin und wieder eine Bewegung und ließ hin und wieder ein Gewimmer des Schmerzes hören. Endlich packten ihn die Monatti, der eine beim Fuß, der andere bei den Schultern, und legten ihn auf eine Bahre, die sie im nächsten Zimmer gelassen hatten. Dann kam der eine zurück und holte die Beute; zuletzt hoben sie die elende Last in die Höhe und schleppten sie fort. Der Graue blieb und tat eilig zusammen, was für ihn am besten paßte; dann machte er ein Bündel daraus und entwischte. Er hatte sich wohl gehütet, die Monatti zu berühren oder von ihnen berührt zu werden; bei dem letzten Zusammenraffen jedoch hatte er vom Bette die Kleider des Herrn gerissen und sie, ohne sich etwas dabei zu denken, geschüttelt, um zu sehen, ob Geld darin steckte. Am andern Tage aber ward er daran erinnert. Er zechte in einer Schenke, fühlte einen plötzlichen Schauder, vor den Augen stiegen ihm Wolken auf, seine Kräfte schwanden, und so fiel er nieder. Von seinen Gefährten verlassen, geriet er in die Hände der Monatti; sie nahmen ihm ab, was er Brauchbares bei sich hatte, und warfen ihn auf einen Karren. Auf diesem hauchte er, bevor er das Krankenhaus erreicht hatte, wohin sein Herr gebracht worden war, seine verruchte Seele aus. – Wir lassen aber Don Rodrigo jetzt im Aufenthalte des Elends und müssen einen andern aufsuchen, dessen Geschichte mit der seinigen niemals mehr zusammengeflossen wäre, wenn er nicht selbst mit unaufhaltsamen Schritten darauf losging; Renzo suchen wir auf, welchen wir in der neuen Spinnmühle unter dem Namen Antonio Rivolta verlassen haben. Fünf oder sechs Monate hatte er sich daselbst aufgehalten, als die Feindschaft zwischen dem Freistaat und dem Könige von Spanien zur öffentlichen Erklärung kam. Somit durfte er aller Furcht vor schlimmen Diensten und vor Verpflichtungen von venezianischer Seite entsagen; Bortolo kam voll Eifer herbei, ihn zu holen, und nahm ihn mit sich. Denn er liebte ihn von Herzen; auch war Renzo, von Natur verständig und im Fache handfertig, in der Fabrik eine große Unterstützung für das Faktotum, wie sich Bortolo nannte. Als darauf im mailändischen Herzogtum und gerade, wie wir gesagt, an der bergamaskischen Grenze die Pest ausgebrochen war, währte es nicht lange, daß man sie auch hier empfand, und ... nein, guter Leser, erschrecke nicht, ich hänge dir kein zweites Pestgemälde vor die Augen! Renzo ward gleichfalls von der Pest ergriffen und ward wieder gesund, obwohl er nichts dazu tat; er sah die Leichengrube schon für sich geöffnet, aber sein jugendlich rüstiger Körper überwand die Gewalt des Übels; in wenigen Tagen befand er sich außer Gefahr. Mit der Rückkehr des Lebens stellten sich zahlreicher und schmerzlicher als je die Sorgen des Lebens wieder ein, die Wünsche, die Hoffnungen, die Erinnerungen, die Pläne; inniger als je, heißt das, dachte er an Lucien. – In welchem Zustande lebt sie, wenn sie noch auf Erden ist in einer Zeit, wo der Tod die Herrschaft führt? Und in so geringer Entfernung nichts von ihr erfahren zu können! In einer solchen Ungewißheit, Gott weiß wie lange, auszuhalten! – Und als auch diese Ungewißheit gehoben, als jede Gefahr sich entfernt hatte und er seine Lucia am Leben wußte, blieb doch immer der andere Knoten, das dunkle Rätsel des Gelübdes. – »Ich geh', geh' und verschaff mir auf einmal Gewißheit,« sagte er sich, und sagte es, ehe er noch auf den Füßen wieder stehen konnte. »Nur daß sie am Leben ist! Nur Leben! Sie finden, das werd' ich; ich will doch endlich einmal von ihr rund heraus hören, was das für 'ne Geschichte mit dem Versprechen ist; ich werd' ihr begreiflich machen, daß es dabei nicht kann stehen bleiben; dann nehm' ich sie mit mir, sie und die arme Agnese, wenn die auch noch am Leben ist. Einziehung? Eh, die am Leben geblieben sind, haben jetzt ganz andere Dinge im Kopf. Es gehen jetzt hier auch Kerle sicher herum, denen die Acht fingerdick auf dem Schädel liegt, 's ist sicher kein Schutzbrief mehr für die Schurken vonnöten. Und in Mailand, sagen ja alle, geht's noch weit bunter zu. Wenn ich mich um 'ne so gute Gelegenheit bringen lasse –« Die Pest eine gute Gelegenheit! Wie doch der liebe Naturtrieb, alles auf uns selbst zu beziehen und uns alles zu unterwerfen, zu seltsamer Anwendung der Worte führt! – »lacht mir keine ähnliche wieder zu!« – Hoffen hilft, mein lieber Renzo. Kaum konnte er sich ein wenig von der Stelle schleppen, so suchte er seinen Vetter auf, welcher bis jetzt die Pest glücklich vermieden hatte und sich von allem Umgang entfernt hielt, und teilte ihm seinen Entschluß mit. Als er nach einigen Tagen wieder einigermaßen sich bei Kräften fühlte, machte er sich auf den Weg und nahm die Straße nach Lecco; denn ehe er sich nach Mailand hineinwagte, beschloß er, durch sein Dorf zu gehen, und hoffte, dort Agnesen am Leben zu finden; durch sie wollte er sich einige von den vielen Fragen, welche so peinlich ihn quälten, beantworten lassen. Die wenigen, die von der Pest genesen, waren mitten unter der andern Bevölkerung gleichsam ein bevorrechteter Stand. Ein großer Teil der übrigen krankte oder starb; wer bis dahin von dem Übel noch unergriffen geblieben, trug sich mit fortwährendem Verdacht und schritt, bedenklich um sich blickend, mit abgemessenem Schritte, mit argwöhnischem Gesichte, eilend und zögernd zugleich; alles konnte gegen ihn eine Waffe zu tödlicher Wunde sein. Die andern dagegen, über ihr Schicksal beruhigt – denn zweimal von der Pest befallen zu werden, galt nicht sowohl für eine Seltenheit, als für ein Wunder – zogen frei und entschlossen mitten durchs Verderben; wie die Ritter des Mittelalters, welche, ganz und gar in stählerne Rüstung gehüllt und auf erzbekleideten Gäulen sitzend, unter einer armseligen Menge von Bürgern und Bauern, welche die Streiche eines Gegners nur mit Lumpen auffangen konnten, auf Abenteuer herumschwärmten. Mit einer solchen Sicherheit, welche jedoch durch eigene Bekümmernisse wie durch das vielgestaltige Schauspiel des allgemeinen Elends bedeutend herabgestimmt ward, wanderte Renzo seiner Heimat zu. Über ihm wölbte sich ein heiterer Himmel, um ihn her lag eine freundliche Landschaft; aber wenn etwas die traurige Einsamkeit seiner Wanderung unterbrach, so war's eher ein umherschweifender Schatten als ein lebendiger Mensch, war's eine Leiche, welche ohne die letzten Ehren, ohne klagende Grabgesänge zum Gottesacker getragen ward. Nachdem er die Hälfte der Tagereise ungefähr zurückgelegt hatte, hielt er in einem niedrigen Gesträuche an, um etwas Brot und Zukost, die er mitgenommen, zu verzehren. Obst hatte er die ganze Straße entlang nach seinem Belieben, mehr als er brauchte: Feigen, Pfirsiche, Pflaumen und Äpfel; er durfte nur in einen Garten hineintreten und die Hände ausstrecken, um von den Zweigen zu pflücken oder die reifsten von der Erde, die damit bedeckt war, auflesen; denn das Jahr war an Obst aller Art außerordentlich fruchtbar, und kaum kümmerten sich die Menschen darum; die Trauben lauschten unter den breiten Blättern und blieben dem ersten besten, der sich darüber hermachen wollte, überlassen. Gegen Abend entdeckte er sein Dorf. So vorbereitet er auch auf den Anblick gewesen war, so griff's ihm doch mit wunderbarer Macht ans Herz; ein Schwarm von schmerzlichen Erinnerungen und Vorgefühlen überwältigte ihn; es war, als wenn die traurigen Glockentöne, welche bei seiner Flucht ihn begleitet und verfolgt hatten, wieder auflebend ihm ins Ohr dröhnten, und doch empfand er zugleich bänger als je die Totenstille, die rings auf den Feldern sich gelagert hatte. Eine noch heftigere Bestürzung überfiel ihn, als er auf den Kirchhof trat, und gewaltsameren Empfindungen ging er entgegen; denn das Ziel seiner Tagereise, sein nächster Aufenthalt sollte das Haus sein, welches er einst Luciens Haus zu nennen pflegte. Jetzt konnte es höchstens Agnesens Haus heißen, und die einzige Gnade, um welche er zum Himmel flehte, war, sie bei Leben und Gesundheit zu finden. Nur in diesem Hause durfte er ein Unterkommen für die Nacht zu erhalten hoffen; das seinige, ahnte er wohl, konnte nur noch eine Wohnung der Ratten und Marder sein. Er schritt vorwärts und blickte umher. Es graute ihm, jemandem zu begegnen. Aber nach wenigen Schritten schon sah er einen Mann im Hemde auf der Erde sitzen, mit dem Rücken an eine Jasminhecke gelehnt, in seinem ganzen Wesen den Ausdruck des Wahnsinns. An diesem wie an den Gesichtszügen erkannte Renzo bald den armen Gervaso, der bei jenem unseligen Besuch als zweiter Zeuge mitgekommen war. Als er aber nähergetreten war, überzeugte er sich, daß es Gervasos Bruder, der muntere, geweckte Tonio war, welcher jenen damals mitgenommen hatte. Die Krankheit hatte ihn um alle Kraft des Körpers und des Geistes gebracht und dadurch die geringe Ähnlichkeit, die er in Gesicht und Gebärde mit dem blödsinnigen Bruder hatte, schauerlich hervortreten lassen. »O Tonio!« rief der Jüngling und stand vor ihm still, »bist du's?« Tonio sah starr zu ihm empor, ohne den Kopf zu bewegen. »Tonio! Kennst du mich nicht?« »Wen's trifft, wen's trifft!« antwortete der Arme und blieb darauf mit offenem Munde sitzen. »Hat's dich erwischt? Armer Tonio! Aber kennst du mich denn gar nicht mehr?« »Wen's trifft, wen's trifft!« wiederholte jener mit stumpfsinnigem Lachen. Renzo begriff wohl, daß er nichts weiter aus ihm herausbringen würde, und setzte seinen Weg noch betrübter fort. Als er an eine Ecke gekommen war, sah er eine schwarze Gestalt hervortreten und erkannte bald Don Abbondio in ihr. Dieser schlich Schritt für Schritt daher und führte den Wanderstab wie ein Mensch, der ihn zur Unterstützung braucht; je näher er kam, ließ sich immer deutlicher aus dem trübseligen, abgemagerten Gesichte, aus der ganzen äußeren Erscheinung entnehmen, daß auch der arme Pfarrer seinen Sturm habe aushalten müssen. Er blickte gleichfalls her und stutzte; er merkte an der Kleidung etwas Fremdes, etwas Ausländisches, das sich vollkommen Bergamaskisch machte. Er ist's beim Himmel! sagte er sich selbst. Dabei hob er die Arme in die Höhe, seine Bewegung verkündigte eine mißvergnügte Verwunderung, und der Stock, den die rechte Faust umschloß, blieb in der Luft schweben; die abgezehrten Arme schlotterten in den Ärmeln, in denen sie vor Zeiten nur einen beschränkten Spielraum gehabt hatten. Renzo eilte ihm entgegen und verneigte sich; denn wenn er auch nicht im besten Einvernehmen von ihm Abschied genommen hatte, so war er doch immer sein Pfarrer. »Ihr seid hier, Ihr?« rief dieser. »Das bin ich, wie Sie sehen. Weiß man nichts von Lucien?« »Was soll man von ihr wissen? Nichts weiß man. Sie ist in Mailand, wofern sie noch auf Erden ist. Aber Ihr ...« »Und Agnese? Ist die am Leben?« »Vielleicht,« sagte Don Abbondio. »Doch wie wollt Ihr das von mir wissen? Sie ist nicht hier. Aber ...« »Wo ist sie?« »Sie hat sich nach der Valsássina aufgemacht, lebt dort bei ihren Verwandten, zu Pasturo, Ihr wißt wohl; dort haust die Pest, sagen sie, nicht so schlimm wie hier. Aber Ihr, sag' ich ...« »Das tut mir sehr leid,« sagte Renzo. »Und der Pater Cristoforo ...?« »Ist schon längst weg. Aber ...« »Das weiß ich, sie haben's mir schreiben lassen. Ich wollte fragen, ob er schon wieder zurückgekommen ist.« »Man hat nichts davon sprechen gehört. Ihr aber ...« »Das geht mir ebenso nah,« klagte Renzo. »Aber Ihr, sagt mir nur um des Himmels willen, was wollt Ihr hier anfangen? Wißt Ihr denn gar nicht, was für ein hübscher Verhaftsbefehl ...« »Hat nichts zu sagen. Sie haben an andere Dinge zu denken. Ich hab' auch einmal mit eigenen Augen nach meiner Sache sehen wollen. Und man weiß also eigentlich gar nicht ...?« »Was wollt Ihr sehen? 's ist keine Seele hier. Und bei dem Preis auf dem Kopf hierherkommen, gerade ins Dorf herein, dem Wolf in den Rachen, heißt das bei Sinnen sein? Folgt einem alten Mann, der vernünftiger sein mußt wie Ihr, der aus barer Liebe zu Euch spricht; schnallt Euch die Schuhe fest, und ehe Euch einer noch zu sehen kriegt, geht wieder hin, wo Ihr hergekommen seid.« »Aber wenn ich Ihnen sage, daß ich mich darum nicht kümmere. Und der da, lebt er auch noch? Ist er hier?« »Keine Seele, sag' ich Euch, ist hier. Laßt Euch nicht in den Kopf kommen, was hier vorgeht; ich sag' Euch ...« »Ich frage, ob er hier ist, er?« »Heiliger Himmel!« rief Don Abbondio. »Sprecht vernünftiger. Ist's möglich, daß Ihr nach so vielen Geschichten noch all das Feuer im Leibe habt?« »Ist er hier oder nicht?« »Nicht hier. Aber die Pest, Freund, und die Pest? Welcher Mensch treibt sich bei solchen Zeiten herum?« »Wenn's nichts weiter als die Pest auf Erden gäbe, für mich, mein' ich, ich hab' sie gehabt und bin frei.« »Also eben. Ist das nicht ein Fingerzeig vom Himmel? Wenn einer aus solch 'ner Hölle heraus ist, so mein' ich, sollt' er dem lieben Herrgott danken, und ...« »Das tu ich auch,« sagte Renzo. »Und nicht anderes Unheil sich auf den Hals ziehen gehen, sag' ich. Tut, wie ich Euch rate ...« »Sie haben sie auch gehabt, Herr Pfarrer, wenn ich nicht falsch sehe.« »Ob ich sie gehabt habe! Eine nichtswürdige verdammte Plage; 's ist ein Wunder, daß ich hier bin; ich brauch' Euch nur zu sagen, daß sie mich so zugerichtet hat, wie Ihr seht. Jetzt tut mir eben ein bißchen Ruhe not, damit ich wieder zu mir selber komme; was wollt Ihr hier machen? Geht zurück ...« »Immer haben Sie's mit dem Zurückgehen, Sie. Um zurückzugehen, braucht« ich mich bloß nicht von der Stelle zu rücken. Warum ich komme? fragen Sie. Warum ich komme? Wetter, ich will auch einmal mein Haus sehen ...« »Euer Haus ...« »Sagen Sie mir, sind hier viele Leute gestorben?« »Eh,« rief Don Abbondio, und indem er mit seiner Perpetua den Anfang machte, zählte er eine vollständige Reihe von einzelnen Menschen und ganzen Familien auf. Renzo hatte dergleichen nur allzusehr erwartet; da er aber so viele Namen von Bekannten, Freunden und Verwandten hörte, stand er voll Schmerz mit gesenktem Kopf da und rief hin und wieder: »Der Arme! Die Unglücklichen!« Darauf wandte er sich an den Pfarrer und sagte: »Ich hoffe übrigens, Sie werden niemandem sagen, daß Sie mich gesehen haben. Sie sind Priester und ich ihr Lamm; Sie werden mich nicht verraten wollen.« »Versteh!« sagte jener und seufzte ärgerlich. »Versteh! Ihr wollt mich und Euch zuschanden machen. Habt an dem, was Ihr selber ausgestanden, noch nicht genug und meint, ich hätte auch noch nicht genug ausgestanden. Versteh, versteh!« – Indem er die letzten Worte zwischen den Zähnen murmelte, machte er sich auf seinen Weg. Renzo blieb mißvergnügt stehen und dachte betrübt an ein Nachtlager. In der Sterbeliste, welche Don Abbondio ihm mitgeteilt hatte, war eine ganze Bauernfamilie mit Ausnahme eines Jünglings von der Ansteckung hinweggerafft vorgekommen. Der Jüngling war beinahe von Renzos Alter und sein Spielgenosse von Kindheit auf gewesen; das Haus lag außerhalb des Dorfes, doch nur in geringer Entfernung. Dort wollte Renzo um gastliche Aufnahme sich bemühen. Er kam in die Nähe seines Weingartens und konnte schon von außen sich vorstellen, wie es drinnen aussah. Nicht ein Wipfelchen, nicht das Blatt eines Baumes, das er daselbst verlassen, blickte über die Mauer her; wenn etwas sich sehen ließ, war's in seiner Abwesenheit hervorgeschossen. Er trat an die Öffnung, denn vom Gitter ließ sich auch nicht eine Spur bemerken; er blickte umher – armer Weingarten! Zwei Winter hindurch hatten sich die Leute im Dorfe »aus dem Garten des armen Jungen,« wie sie sagten, Holz geholt. Reben, Maulbeerbäume, Obstpflanzungen aller Art waren unbarmherzig gespalten oder unten an der Wurzel weggehauen. Indessen verrieten sich noch Erinnerungen an die alte Sorgfalt; junge Rebschosse in unterbrochener Reihe, aber die Spur des zerstörten Gewächszuges noch immer bezeichnend; hin und wieder Nachwüchse und Schößlinge von Maulbeeren, Feigen, Pfirsichen, Kirschen und Pflaumen; aber auch diese zerrauft, niedergetreten, mitten unter einem neuen ordnungslosen Aufkeim, der ohne menschliches Zutun hervorgekommen und herangewachsen war. Da war ein Wildwachs von Nesseln und Farnkraut, von Trespen und Quecken, von taubem Hafer und grünem Tausendschön, von kleinem Wegwart und Ampferstauden, von wilder Hirse und andern ähnlichen Pflanzen, aus welchen der Bauer jedes Landes seine besonderen Gattungen macht und sie mit »Unkraut« bezeichnet. In einem solchen Weingarten hineinzutreten, lag Renzo nicht am Herzen, und ebensowenig lud ihn sein Haus zum Verweilen ein, aus dessen Schutt und Schmutz er nur Mäuse und Ratten aufscheuchte. So machte er sich auch von dort hinweg. Er schlug zur Linken eine Straße ein, die nach den Feldern führte, und ohne eine lebendige Seele zu sehen oder zu hören, langte er bei dem Häuschen an, wo er sich eine gastliche Aufnahme versprach. Schon war es Abend geworden. Der junge Freund saß auf einer hölzernen Bank draußen vor der Türe; er hatte die Arme über die Brust gekreuzt und blickte mit unbeweglichen Augen zum Himmel empor, wie ein Mensch, der durch die Gewalt des Unglücks die Besinnung verloren und durch die Einsamkeit ein verwildertes Aussehen erhalten hat. Da er Fußtritte hörte, wandte er sich und sah nach, wer da herkäme. Als er darauf, zwischen Laub und Zweigen, im Halbdunkel etwas zu erblicken glaubte, richtete er sich in die Höhe, streckte beide Arme aus und sagte: »Gibt's keinen andern als mich? Hab' ich nicht gestern schon genug ausgehalten? Laßt mich einen Augenblick in Ruhe, das ist auch ein mitleidiges Werk.« Renzo wußte nicht, was das heißen sollte, und erwiderte seinen Worten, indem er ihn beim Namen rief. »Renzo?« rief der andre mit fragendem Tone. »Der bin ich!« antwortete unser Jüngling, und beide liefen aufeinander zu, »Du bist's wirklich,« sagte der Freund, als sie sich näher betrachten konnten. »O, was hab' ich für eine Freude, daß ich dich sehe! Wer hätte das gedacht? Ich hatte dich für den Totengräber Paolin gehalten, der immer herkommt, um mich zu quälen, damit ich gehen soll und sie unter die Erde bringen. Weißt du, daß ich allein auf Erden geblieben bin? Allein, allein, wie ein Einsiedler!« »Ich weiß es nur zu wohl,« sagte Renzo. Darauf wiederholten sie ihre Freudenäußerungen und traten miteinander ins Haus, wo Fragen und Antworten gedrängt sich folgten. Ohne das Gespräch zu unterbrechen, bemühte sich der Freund, seinem Gaste die Ehre anzutun, die bei solcher Zeit und so unerwartet möglich war. Wasser wurde zum Feuer gesetzt und türkischer Weizen zum Brei bereitet. Keiner konnte gewißlich bei Renzo Agnesens Stelle vertreten oder ihn über ihre Abwesenheit trösten; nicht bloß weil ihn eine alte besondere Anhänglichkeit zu der Frau hinzog, sondern auch, weil unter den Rätseln, die er so gern erklärt haben wollte, eins sich befand, zu welchem sie allein den Schlüssel besaß. So stand er einen Augenblick zweifelhaft da, ob er nicht erst, da die Entfernung im Grunde doch unbedeutend war, sie aufsuchen sollte; da er indessen bedachte, daß sie über Luciens Gesundheit schwerlich etwas Bestimmtes wissen möchte, blieb er bei seinem ersten Vorsatze, geradeswegs zu dieser sich zu begeben, sich klar mit ihr zu verständigen, jeder unheimlichen Bedenklichkeit zu trotzen und dann der Mutter von allem Nachricht zu geben. Am nächsten Morgen machte Renzo sich reisefertig. Er trug seine Geldkatze mit den 50 Goldscudi unter dem Wamse versteckt und das große Messer in der Seitentasche; übrigens war er wanderleicht gekleidet; auch ließ er sein Bündel mit Kleidungsstücken bei seinem Wirte zurück. – »Wenn sie's noch aufrichtig mit mir meint,« sagte er, »wenn ich sie am Leben finde, wenn ... genug, so komm ich wieder hierher. Wenn mir aber das Unglück von Gott bestimmt ist, daß sie nichts von mir wissen will, dann ... weiß ich nicht, was ich zu tun habe, noch wo ich meine Richtung hin nehmen werde; in der Gegend hier aber seht Ihr mich sicherlich nicht mehr wieder.« – So sprach er in der Türe, die nach dem Felde hinausführte, lenkte den Blick umher und betrachtete mit Rührung und Betrübnis die Morgenröte seiner Heimat, an welcher seit so langer Zeit sein Auge sich zu laben vergebens gewünscht hatte. Der Freund tröstete ihn mit guten Hoffnungen und drang noch in ihn, sich für den Tag etwas Mundvorrat mitzunehmen; dann begleitete er ihn eine Strecke Weges und ließ ihn endlich unter neuen Segenswünschen seine Straße wandern. Vierzehntes Kapitel. Am nächsten Tage kam Renzo noch früh am Tage in Mailand an. Nachdem er auf einen kleinen Platz gelangt war, spähte er umher und bemerkte einen Bürger, der gerade auf ihn zukam. – Endlich doch einmal eine christliche Seele! dachte er – denn bisher hatte er die Vorortsstraßen ganz menschenleer gefunden –, trat sogleich in die Straße hinein und war willens, bei dem Manne anzufragen, wo Dame Prassede und Don Ferrante, eben die adelige Familie, bei der Lucia sich aufhielt, wohnen möchten. Der Mann sah den heranschreitenden Fremdling mit scharfen Blicken an und maß ihn von fern mit bedenklicher Scheu; um so mehr, da er erkannte, daß Renzo nicht seinen Weg für sich ging, sondern auf ihn zukam. Als unser Jüngling nicht mehr weit von ihm war, zog er den Hut mit der Ehrfurcht eines Gebirgsmenschen, die ihm eigen blieb, und schritt geradeswegs auf den Unbekannten los. Dieser verdrehte die Augen, tat einen Schritt zurück, hob einen knotenreichen Stock und rief: »Weg, weg!« – »O, o!« rief auch Renzo und setzte den Hut wieder auf. Er mochte in diesem Augenblicke, wie er nachher erzählte, um alles in der Welt keinen Zank anfangen; er kehrte daher dem ungeschliffenen Menschen den Rücken und schritt in der nämlichen Straße weiter. Der Bürger setzte gleichfalls seinen Weg fort, brummte und sah sich mehrmals um. Als er nach Hause gekommen war, berichtete er, wie ihm ein Giftsalber mit demütiger Schmeichelmiene auf den Hals geschlichen sei; indessen sei ihm auf der Stirn das niederträchtige Betrügerhandwerk zu lesen gewesen. – »Wenn er mir noch einen Schritt nähergekommen wäre,« fügte er hinzu, »so hätte ich ihn geradeswegs, eh' er mir noch an den Leib schleichen konnte, an meinen Stock anlaufen lassen, den Schurken! Es war nur schlimm, daß ich ihn gerade auf einem so abgelegenen Platze traf; denn wär's mitten in der Stadt geschehen, so hätt' ich Leute herbeigerufen, und der Kerl wär' beim Kragen gepackt worden. Jetzt steckt er sicher mitten in Mailand drinnen; weiß der Himmel, was für Unheil er schon angestellt haben mag!« – Solange er lebte – und er wurde ziemlich alt –, wiederholte der Mann, sooft von Giftmischern die Rede war, sein Abenteuer und sagte jedesmal dabei: »Die Leute, die noch immer behaupten, daß nichts daran war, sollen's wohl bleiben lassen, ihre Dummheit gegen mich zu verfechten; denn dergleichen Dinge muß man mit eigenen Augen gesehen haben, dann kann einer mitreden.« Renzo, weit von der Ahnung entfernt, aus welch einem üblen Handel er entwischt war, und mehr von Ärger als von Furcht bewegt, überdachte, während er weiterschritt, diesen Empfang und konnte sich am Ende ungefähr vorstellen, was für eine Meinung der Bürger von ihm gefaßt haben mochte; indessen schien ihm die Sache mit der Vernunft so wenig verträglich, daß er endlich zu dem Schlusse kam, es müsse bei dem Manne nicht richtig unter dem Schädel zugehen. So kam er an eine Brücke und bog, ohne sich zu besinnen, zur Linken in die Straße San Marco ein. Diese schien ihn nach der Mitte der Stadt führen zu müssen. Indem er fortwanderte, sah er beständig nach einem menschlichen Wesen umher; er gewahrte aber nichts als einen entstellten Leichnam in der kleinen Grube, welche zwischen den wenigen Häusern und der Straße eine Strecke lang sich hinzieht. Nachdem er diese Strecke hinter sich hatte, vernahm er ein Geschrei, als gälte ihm der Ruf; er wandte das Gesicht nach der Seite des Schalles hin und entdeckte auf dem Balkon eines wenig entfernten, einsam dastehenden Hauses eine arme Frau, von einem Haufen Kinder umgeben; sie rief noch immer fort und winkte mit der Hand, er möchte nähertreten. Renzo lief hinzu, und als er unten vor ihr stand, sagte sie: »Lieber junger Mann, ich beschwöre Euch bei den teuren Verwandten, die Euch selber gestorben sind, tut mir den Gefallen, geht hin zum Kommissar und sagt ihm, daß man uns hier vergessen hat. Sie haben uns als verdächtig im Hause eingeschlossen, weil mein armer Mann gestorben ist; haben die Türe vernagelt, wie Ihr seht, und seit gestern morgen hat uns kein Mensch was zu essen gebracht; so viele Stunden hindurch, wie ich hier stehe, hab' ich keine Christenseele finden können, die mir die Liebe angetan hätte, und die armen unschuldigen Würmchen hier kommen vor Hunger um.« »Vor Hunger!« schrie Renzo und fuhr mit den Händen in die Taschen; »hier, hier,« sagte er darauf, indem er zwei Brote hervorholte, »laßt was herab, damit ihr sie hinaufkriegt.« »Gott vergelt' es Euch tausendmal,« sagte die Frau. »Wartet einen Augenblick.« Darauf suchte sie ein Körbchen und band einen Strick daran fest. Renzo erinnerte sich währenddessen der Brote, welche er bei seinem vorigen Eintritt in Mailand an der Kreuzsäule des heiligen Dionysius aufgenommen hatte. – Das ist die Bezahlung, dachte er, und vielleicht besser, als wenn ich damals den wirklichen Eigentümer gefunden hätte; denn hier ist, meiner Seele, ein Werk der Erbarmung an seiner Stelle. »Was den Kommissar betrifft, liebe Frau,« sprach er alsdann, indem er die Brote in den Korb legte, »so kann ich Euch nicht dienen; denn die Wahrheit zu sagen, bin ich ein Fremder und weiß in der Stadt nicht im mindesten Bescheid. Indessen wenn ich auf einen Menschen stoßen sollte, der ein bißchen manierlich und zahm aussieht, daß sich mit ihm reden läßt, so will ich's ihm sagen.« Die Frau bat ihn darum und gab ihm den Namen der Straße an, damit er darüber Bescheid erteilen könnte. »Ich glaube aber, auch Ihr, liebe Frau,« nahm Renzo das Wort, »könnt mir 'nen großen Gefallen tun, 'ne wahre Menschenliebe, ohne daß es Euch 'ne Mühe kostet. Ein vornehmes Haus, ein Haus von hohen adligen Leuten hier in Mailand, die Familie ***, könntet Ihr mir wohl sagen, wo die wohnt?« »Ich weiß wohl, daß es so 'ne Familie gibt,« antwortete die Frau; »wo sie aber zu suchen, weiß ich nicht. Wenn Ihr weiter hineingeht, nach der Seite hin, sollt' ich meinen, wird sich schon einer finden, der Euch darüber Auskunft gibt. Vergeßt aber nicht, auch von mir mit ihm zu sprechen.« »Habt keine Bange,« erwiderte Renzo und ging weiter. Bei jedem Schritte hörte er ein Geräusch, welches er schon, während er im Gespräche mit der Frau stillstand, vernommen hatte, steigen und näherkommen; rollende Räder, Pferdegetrapp, schellende Glöckchen, hin und wieder knallende Peitschen und ferntosendes Geschrei. Er sah von der Kirche her einen Mann kommen, der eine kleine Glocke schüttelte. Es war ein Apparitore. Hinter ihm zwei Pferde, die, den Hals lang ausstreckend und die Hufe schwer aufsetzend, mit Mühe daherkamen; von ihnen gezogen ein Totenkarren, nach diesem ein zweiter, dann ein andrer und wieder ein andrer; hier und dort Monatti, welche den Pferden zur Seite schritten und sie mit Peitschen, mit Stäben oder Flüchen anspornten. Die Leichname waren meistens nackt, einige in zerlumpte Bettücher geschlagen, ordnungslos aufgeschichtet und durcheinander geworfen; bei jedem Stoß, bei jedem Schwanken des Wagens gerieten diese traurigen Haufen in Bewegung und kamen in verkehrte Lage; Köpfe schwebten über die Seitenbretter in der Luft, jungfräuliche Haare flossen verwildert hernieder, Arme schlugen um und fielen auf die Räder hinab. Unser Jüngling hatte sich seitwärts gehalten und betete für diese gestorbenen Unbekannten. Aber ein entsetzlicher Gedanke schoß ihm gleich einem versehrenden Blitze niederschmetternd durch die Seele: Da drunter vielleicht ... O, Herr im Himmel! Laß es nicht wahr sein! Laß mich nicht weiter daran denken! Nachdem der leidvolle Zug vorüber war, setzte sich Renzo wieder in Bewegung. Da er noch immer hinsah, um einen Menschen anzutreffen, bei welchem er Erkundigungen einziehen konnte, sah er an der andern Seite der Straße einen Priester im Wams, mit einem kleinen Stabe in der Hand. Er stand vor einer angelehnten Türe und hielt das Ohr an die Öffnung hingeneigt; bald darauf erhob er die Hand und teilte den Segen aus. Renzo vermutete die Wahrheit: es habe jemand drinnen soeben seine letzte Beichte geschlossen. – Der ist mein Mann, sagte er zu sich selbst. Wenn ein Priester, mitten in priesterlichen Geschäften, nicht ein bißchen Menschenliebe im Leibe hat, ein bißchen freundliche Gefälligkeit, so muß man auf den Gedanken kommen, daß es auf dieser Welt keine mehr gibt. Währenddessen entfernte sich der Priester von der Türe und kam auf Renzo zu. Als unser Wanderer sich nur noch vier oder fünf Schritte von ihm sah, zog er den Hut und gab ihm zu erkennen, daß er ihn anzureden wünsche. Zugleich blieb er stehen und erklärte dadurch, er sei willens, ihm nicht allzu unbescheiden auf den Hals zu kommen. Der Priester blieb gleichfalls stehen, zeigte sich bereit, ihn anzuhören, pflanzte aber seinen Stab vor sich hin auf den Boden und sicherte sich auf diese Weise gleichsam durch ein Bollwerk. Renzo tat seine Frage. Darauf gab ihm der Priester nicht bloß den Namen der Straße an, in welcher die Familie zu finden sei, sondern beschrieb ihm auch genauestens den Weg. »Gott erhalte Sie bei Gesundheit,« sagte Renzo, »für diese schlimme Zeit und für jede künftige!« Während darauf jener im Begriff war, wegzugehen, rief der Jüngling: »Eine andre Gefälligkeit noch!« Und nun gab er ihm von der armen vergessenen Frau Nachricht. Der wackere Priester dankte, dieweil er zu einer so dringenden Hilfeleistung ihm Gelegenheit verschaffte, sagte, er werde es auf der Stelle gehörigen Ortes melden, und entfernte sich. Nun wiederholte sich Renzo die gegebene Anweisung zu seiner Wanderschaft; er wollte sich so wenig wie möglich zu einer zweiten Nachfrage genötigt sehen. Der Leser hat aber schwerlich einen Begriff davon, wie sauer ihm diese Arbeit wurde; nicht sowohl, weil es ihm schwer fiel, die aufgezählten Zeichen alle zu behalten, als weil ein neuer Gedankensturm sich in seiner Seele erhob. Der Name der Straße, dieser Zug des Weges, sie waren es, was ihn mit so heftiger Erschütterung bestürmte. Es war die Kunde, die er gewünscht und begehrt hatte, ohne welche er nichts anzufangen vermochte; auch hatte er mit ihr zugleich nichts vernommen, was irgend die Ahnung eines Unglücks in ihm erwecken konnte. Und dennoch! Der Gedanke, einem verhängnisvollen Ziele sich so nahe zu fühlen, dem Augenblick zu begegnen, der einen großen schweren Zweifel ihm lösen sollte – sie lebt, konnte es heißen; es konnte heißen: sie ist tot! – Dieser Gedanke hatte so allgewaltig ihn ergriffen, daß er fast es vorzog, sich noch mitten im Nebel der Ungewißheit zu befinden und erst am Beginne des Weges zu stehen, dessen Ende jetzt so nah vor ihm dalag. Indessen sammelte er seinen Mut. – Ei, sagte er, wenn ich jetzt anfangen will, mich kindisch zu gebärden, wie soll die Sache gehen? – So gewann er seine Geistesgegenwart ziemlich wieder, setzte seinen Weg fort und gelangte tiefer in die Stadt hinein. – In welche Stadt! Welch grauenvoller Schrecken allerorten! Renzo war eben im Begriff, durch eine der entstelltesten, am meisten verwüsteten Gegenden zu wandern; durch eine Kreuzscheide vieler Straßen, welche damals der Carrobio des neuen Tores hieß. Hier herum war die Wut der Ansteckung und der verderbliche Einfluß der umhergeworfenen Leichname so ungeheuer gewesen, daß die wenigen, welche am Leben geblieben waren, sich genötigt sahen, ihre Wohnungen zu verlassen. Während daher der Blick des Wanderers durch die öde Einsamkeit grauenvoll überrascht ward, wurden Auge und Nase durch die Zeichen und die Überbleibsel der neuen leblosen Bevölkerung ebenso ekelhaft wie schmerzlich beleidigt. Renzo schritt aus dieser Ursache eiligst zu; es gereichte ihm zu einigem Troste, daß sein Ziel noch nicht so nahe sein konnte; er hoffte, ehe er dahin gelangte, einen etwas erbaulicheren Anblick der Stadt zu treffen. Und in der Tat, nicht weit davon erreichte er eine Gegend, welche sich eine Stadt von lebenden Menschen nennen ließ; aber bei alledem was für eine Stadt, was für lebende Menschen! Aus Argwohn und Schrecken waren alle Türen nach der Straße zu geschlossen, und offen standen nur diejenigen, die zu keinem bewohnten Zimmer führten oder von der Gewalt erbrochen worden waren; einige von außen vernagelt oder versiegelt, weil drinnen Leute an der Pest gestorben waren oder krank danieder lagen; andre durch Kohle mit einem Kreuz bezeichnet, zur Nachricht für die Monatti, daß Leichen dort abzuholen seien; überall aber ließ sich ordnungslose Willkür erkennen, je nachdem hier oder dort sich ein Gesundheitsbeamter gefunden, welcher gesonnen war, die Befehle auszuführen oder aus Eigennutz und Raubgier bloß die Leute zu quälen. Wo der Blick hinfiel, lagen Fetzen, begeiferte Binden, zermalmtes Stroh; Kleider oder Bettücher, voller Eiter zu den Fenstern hinausgeworfen; bisweilen Leichname, plötzlich mitten in der Straße verschieden oder daselbst liegen gelassen, bis ein Karren käme, um sie fortzuschaffen; einige mochten von den Karren selbst herabgeglitten sein oder waren aus den Fenstern geworfen worden – so furchtbar hatten Drangsal und die Steigerung des Elends die Gemüter verwildert und sie von jeder Sorgfalt des Mitleids, von jeder geselligen Rücksicht der Scheu entwöhnt! Ringsumher hatte jedes Geräusch der Werkstätten, jedes Gerassel der Wagen, jedes Geschrei der Verkäufer, jedes Gespräch der Vorübergehenden aufgehört; nur selten wurde diese Kirchhofstille von etwas andrem belebt als dem Knarren der Leichenwagen, dem Gewimmer der Bettler, dem Wehklagen der Kranken, dem Geheul der Wahnsinnigen und dem wechselseitigen Zuruf der Monatti. Mit der Morgenröte, um Mittag und bei der Abenddämmerung gab vom Dom eine Glocke das Zeichen, verschiedene Gebete herzusagen, welche der Erzbischof vorgeschrieben hatte; dieser dröhnenden Mahnstimme antworteten die Glocken der übrigen Kirchen. Dann traten Leute an die Fenster, um gemeinschaftlich zu beten; ein Geflüster von Stimmen und Seufzer ließ sich vernehmen, und in ihm verkündigte sich eine Traurigkeit, die ein matter Trost zu mildern schien. Es waren um diese Zeit vielleicht zwei Drittel der Bevölkerung gestorben. Von den übrigen hatten viele das Verderben glücklich überstanden oder kränkelten; was von außen herbeigetrömt war, hatte fast alles den Tod gefunden. Unter den wenigen, welche umhergingen, war kaum einer zu finden, an welchem nicht etwas Seltsames auffiel und die traurige Verwandlung der Dinge sich deutlich genug enthüllte. Man sah Leute von Stande ohne Mantel und Kragen, damals die beiden Haupterfordernisse einer anständigen Kleidung; Priester ohne den langen Überrock, Mönche ohne die Kutte. Die meisten Wanderer hatten einen Stock in der Hand, auch wohl eine Pistole, um jeden, der etwa allzusehr sich ihnen zu nähern gesonnen, drohend zurückscheuchen zu können; in der andern wohlriechende Teigscheiben, durchlöcherte Kugeln von Metall oder Holz, und in diesen essiggetränkte Schwämme; hin und wieder hielten sie diese Schutzmittel an die Nase oder trugen sie in einem fort vor dem Munde. Einige führten am Halse eine kleine Flasche mit etwas Quecksilber; sie waren der Meinung, dieses Metall sauge jeden pestartigen Ausfluß ein oder wehre ihn ab; von Zeit zu Zeit ward der Inhalt des Fläschchens erneuert. Vornehme Leute gingen durch die Straßen nicht bloß ohne die gewöhnliche Begleitung, man sah sie auch mit einem Korbe am Arm, um dem Mangel an Lebensmitteln abzuhelfen. Freunde, wofern noch ein Paar sich lebend auf der Straße begegnete, begrüßten sich von weitem mit wortkarger, eilfertiger Höflichkeit. Ein jeder war hinlänglich beschäftigt, die widrigen oder gefährlichen Hindernisse zu vermeiden, mit welchen der Boden bestreut, hin und wieder auch im eigentlichen Sinne des Wortes beladen war; aus Furcht, ekelhaften Gegenständen zu nahe zu kommen oder eine traurige Last von den Fenstern aus auf den Kopf zu empfangen, hielt sich jeder in der Mitte der Straße; auch graute ihm vor den Giftpulvern, welche die Bösewichter, wie die Rede ging, auf die Vorübergehenden herabstäuben ließen; man scheute die Wände, die mit Pestsalben bestrichen sein konnten. Mitten durch diese Verwüstung hatte Renzo bereits eine ziemliche Strecke seines Weges zurückgelegt, als er, noch viele Schritte von einer Straße entfernt, welche er betreten mußte, einen vielstimmigen Lärm aus ihr hervorbrausen hörte und dazwischen das gewöhnliche grauenhafte Klingelgeschelle unterschied. Bei dem Eintritt in diese Straße, eine der breitesten, bemerkte er vier haltende Karren, und wie man auf einem Getreidemarkte Leute kommen und gehen, Säcke aufladen und umstürzen sieht, wimmelte dort ein vielköpfiges Gedränge; Monatti, welche in die Häuser liefen, Monatti, die mit einer Last auf den Schultern herauskamen und sie auf den einen oder den andern Wagen legten; einige in ihrer roten Tracht, andre ohne diese unterscheidende Livree; viele in noch gehässigerer Kleidung, mit Mänteln und Federbüschen von mancherlei Farbe, welche sonst die unglücklichen Erblaßten getragen – als verherrlichten sie, mitten in so großer Volkstrauer, einen fröhlichen Festtag. Aus den Fenstern ließ sich hin und wieder eine unerfreuliche Stimme hören: »Hier, Monatti!« Und mit noch unheimlicherem Ton scholl aus dem trübseligen Gewimmel die Antwort: »Gleich, gleich!« Nachbarn jammerten oder baten um schnelle Beförderung ihrer Toten; die Monatti sahen mit herzlosen Mienen umher und antworteten mit Flüchen. Renzo eilte vorwärts und mochte auf die Gegenstände, die hindernd sich in der Straße befanden, nicht weiter sehen, als notwendig war, um sie zu vermeiden; da traf sein Blick auf einen Gegenstand besonderen Mitleidens, eines Mitleidens, welches das Gemüt zur Betrachtung fesselte. So blieb er wider Willen stehen und sah näher hin. Aus der Türe eines Hauses bewegte sich nach den Karren hin eine Frau, deren äußere Erscheinung eine vorgerückte, aber noch nicht vorübergegangene Jugend verkündigte; hindurch schimmerte gleichsam eine verhüllte Schönheit, durch langen Schmerz und tödliche Verschmachtung verdunkelt, aber nicht verwüstet, die weiche und doch zugleich majestätische Schönheit, die ein Erbteil des lombardischen Blutes ist. Mühsam schritt sie hin, doch ohne zu straucheln; keine Träne vergoß ihr Auge, schien aber viele vergossen zu haben; es lag in ihrem Schmerz etwas Sanftes und Tiefes, eine Seele verkündigend, welche mit vollem Bewußtsein, mit allen Kräften der Empfindung ihr Leiden fühlte. Aber ihr Anblick war es nicht allein, was unter so vielfachem Elend sie dem Erbarmen so auffallend empfahl und die Herzen, welche bereits so zerrissen und abgestumpft waren, plötzlich aufs neue mit ergreifender Wehmut erfüllte. Sie hielt ein totes, etwa neunjähriges Mädchen in den Armen; aber der Leichnam erschien im vollen Schmucke, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in weißem reinlichen Kleide, als wenn die Hände, die ihn trugen, ihn zu einem lange versprochenen Feste geschmückt hatten, das zur Belohnung dem Kinde zugestanden war. Und nicht in liegender Stellung hielt ihn die Frau, sondern aufgerichtet, auf den einen Arm gesetzt, die Brust an ihre eigene Brust gelehnt, als wär's ein lebendes Kind; ein weißes wachsähnliches Händchen hing mit lebloser Schwere auf einer Seite herab, und auf der Schulter der Mutter ruhte der Kopf, wie in tiefem Schlafe sich hingebend – auf der Schulter der Mutter; denn wenn auch die Ähnlichkeit der Gesichter nicht dafür gebürgt hätte, so hätten es die Züge der Frau deutlich genug verkündet, in welchen noch eine einzige Empfindung zu wohnen schien. Ein ekelhafter Monatto ging auf die Frau zu und machte Anstalt, die schmerzliche Last aus ihren Armen zu nehmen; zugleich aber verkündigte sich eine ungewöhnliche Ehrfurcht in ihm, ein unwillkürliches Zögern. Die Frau zog sich ein wenig zurück, während in ihrer Gebärde weder Unwillen noch Verachtung lag. »Nein,« sprach sie, »berührt sie jetzt nicht; ich will sie auf den Wagen legen. Nehmt!« – Mit diesen Worten öffnete sie eine Hand, zeigte eine Geldbörse und ließ sie in die ausgestreckte Hand des Monatto fallen. Dann fuhr sie fort: »Versprecht mir, ihr nicht einen Faden vom Leibe zu nehmen, auch sie von keinem andern berühren zu lassen und sie so, wie sie ist, unter die Erde zu bringen.« Der Monatto legte die Hand auf die Brust. Mit eilfertigem Gehorsam, mehr durch die neue Empfindung, die ihn überschlich, als des ungehofften Lohnes wegen, machte er geschäftig für den kleinen Leichnam auf dem Wagen etwas Platz. Die Frau gab dem Kinde einen Kuß auf die Stirn, legte es, wie auf ein Bett, in den leeren Raum, brachte die Glieder in Ordnung, breitete ein glänzend weißes Linnentuch darüber und sagte dann: »Leb' wohl, Cecilia! Ruh' in Frieden! Diesen Abend kommen auch wir, und dann werden wir immer beisammen bleiben. Bete währenddessen für uns; ich werde für dich und für die andern beten.« – Darauf wandte sie sich noch einmal zu dem Monatto mit den Worten: »Wenn Ihr gegen Abend wieder vorbeikommt, so kommt herauf; Ihr werdet auch mich holen, und nicht mich allein.« Nachdem sie so gesprochen hatte, trat sie ins Haus zurück und erschien einen Augenblick später am Fenster oben. Auf ihren Armen hielt sie eine andre kleinere Tochter, noch lebend, aber schon die Zeichen des Todes in den zarten Kinderzügen. Sie stand und betrachtete das unwürdige Leichenbegängnis der älteren Tochter; ehe der Karren sich in Bewegung setzte, rückte sie keinen Fuß; dann aber verschwand sie. Was hatte die Jammervolle anderes zu tun, als das einzige Geliebte, welches ihr blieb, aufs Bett zu legen und sich daneben hinzustrecken, um mit der Sterbenden zu sterben? Wenn die Sichel über die die Wiese hinsaust und die Kräuter alle niedermäht, sinkt die stolze Blume am Stamme zugleich mit dem Blümchen, das schlummernd noch halb im Kelche lauscht, entwurzelt zu Boden. »O Gott im Himmel!« schrie Renzo. »Erhöre sie; nimm sie zu dir, sie und das kleine Geschöpf da; sie haben genug gelitten, beim Heiland, haben genug gelitten!« Betrübt und gerührt durch solchen Auftritt, ergriff unsern Wanderer eine Bekümmernis, die ihn näher traf und seine Füße lähmte. Das Haus konnte nicht mehr fern sein, und wer konnte ihm sagen, ob unter diesen bejammernswerten Opfern ... In quälendem Zweifel wandte er sich an einen Monatto und fragte ihn nach der Straße, in welcher Don Ferrantes Haus zu finden sei. – »Scher« dich zum Teufel, Bauernlümmel!« lautete die Antwort. Renzo hütete sich, etwas darauf zu erwidern; da er aber gleich daneben einen Kommissar bemerkte, welcher ein etwas christenmäßigeres Aussehen hatte, richtete er an ihn die nämliche Frage. Dieser deutete mit seinem Stocke nach der Gegend, woher er selbst kam, und sagte dann: »Die erste Straße zur Rechten, und dann links das letzte vornehme Haus.« Mit einem neuen heftigeren Sturm im Herzen ging unser Jüngling darauf zu. Er ist in die Straße getreten; er unterscheidet sogleich das Haus von den niedrigen Nachbarn, die bei weitem nicht in so glänzendem Zustande sind; er nähert sich der geschlossenen Türe, er will die Hand an den Klopfhammer legen und hält sie schwebend in die Höhe, als griff er in einen Lostopf, worin ein Zettel über sein Leben oder seinen Tod entscheiden sollte. Endlich hebt er den Hammer und läßt entschlossen ihn zurückfallen. Nach einigen Sekunden tat sich ein Fenster ein wenig auf; ein Frauenzimmer erschien geduckt; auf ihrem furchtsamen Gesichte ließen sich die Fragen lesen: Monatti? Diebe? Kommissare? Giftsalber? Teufel? »Geehrte Frau,« rief Renzo mit nicht allzu sicherer Stimme hinauf, »dient hier nicht ein junges Mädchen von außerhalb, das Lucia heißt?« »Die ist nicht mehr hier; geht!« antwortete das Frauenzimmer und machte Miene, das Fenster wieder zu schließen. »Einen Augenblick! Habt Erbarmen! Sie ist nicht mehr hier? Wo ist sie?« »Im Lazarett!« und das Fenster sollte von neuem geschlossen werden. »Einen Augenblick, um aller Heiligen willen! Pestkrank?« »Versteht sich, als wenn das was Neues wäre! Geht!« »Wartet, eh! War sie schwer dran krank? Wie lang' ist's her ...?« Das Fenster ward geschlossen. »Liebe Frau! Liebe Frau! Ein Wörtchen, bei den Gebeinen Eurer Eltern! Ich verlange ja nichts weiter von Euch!« – Es war aber, als wenn er zur tauben Mauer sprach. Von der Nachricht bestürzt und über die Behandlung entrüstet, ergriff Renzo den Hammer noch einmal, drehte ihn, gegen die Türe sich stemmend, in der Hand, hob ihn, um zum zweitenmal mit verzweifelter Gewalt zu pochen, ließ ihn aber bald regungslos in der Hand schweben. In dieser Gemütsbewegung wandte er sich, ob vielleicht ein Nachbar sich sehen ließe, von welchem eine menschenfreundlichere Nachricht, ein Licht, ein Fingerzeig zu erlangen wäre. Die erste und einzige Person aber, die er gewahr wurde, war ein anderes Frauenzimmer, welches etwa zwanzig Schritte davon stand; mit einem Gesichte, worin Schrecken und Haß, Ungeduld und Bosheit nebeneinander hausten. Mit verdrehten Augen öffnete sie den Mund, als wollte sie aus vollem Halse schreien, hielt aber zugleich den Atem an sich, hob zwei magere Arme empor, streckte die beiden runzligen Hände mit langen Nägeln aus und ballte sie wieder zusammen, als zöge sie etwas nach sich, und schien Leute herbeirufen zu wollen, ohne daß es jemand gewahr werden sollte. Da Renzos Blick dem ihrigen begegnete, gebärdete sie sich noch feindseliger und fuhr wie eine überraschte Verbrecherin empor. »Was, zum Henker ...?« fing Renzo an und hob die Arme gegen sie auf. Jene aber, als hätte sie die Hoffnung verloren, ihn unversehens von den Händen anderer ergreifen zu lassen, brach in das Geschrei aus, welches sie bis dahin unterdrückt hatte. »Ein Giftsalber! packt ihn! packt ihn! packt den Giftsalber!« »Wer? Ich?« schrie Renzo. »Die lügenhafte Hexe! Halt' das Maul!« – Mit diesen Worten sprang er auf sie zu, um ihr Furcht einzujagen und sie zum Schweigen zu bringen. Indessen besann er sich, daß es in solcher Lage gescheiter sei, an sich selbst zu denken. Auf das Geschrei des Frauenzimmers liefen von beiden Seiten Leute herbei, nicht ein Schwarm, wie er bei einer ähnlichen Gelegenheit drei Monate früher hervorgestürzt wäre; aber doch immer noch eine größere Zahl, als hinreichend war, einen Menschen fortzujagen. Mit Blitzesschnelle überlegte Renzo, daß es rätlicher sei, sich hier aus dem Staube zu machen, als dazubleiben und seine Rechtfertigung zu versuchen; er wandte das Auge nach beiden Seiten, um zu sehen, auf welcher der schwächste Zusammenlauf sei; nach dieser setzte er sich in Lauf. Mit einem tüchtigen Stoß drückte er einen, der ihm die Straße versperren wollte, zurück; acht oder zehn Schritte weiter brachte er einen andern, der ihm entgegenlief, durch einen kräftigen Faustschlag gegen die Brust zum Weichen; dann ging's atemlos fort, die Faust emporgehoben, gewandt und drohend. Die Straße vor ihm war bald frei; im Rücken aber hörte er immer unbändiger das ergrimmte Zetergeschrei: »Packt ihn! packt ihn! 's ist ein Giftsalber!« Bald merkte er auch, wie die Tritte der Schnellfüßigsten, die ihm nachsetzten, sich näherten. Sein Zorn verwandelte sich in Wut, seine Angst stieg zur Verzweiflung; es war, als wenn ein schwarzer Schleier ihm vor die Augen niedersank; er greift nach seinem Messer, zieht es heraus, steht still, dreht sich um und zeigt seinen Verfolgern ein wilderes, wutschnaubendes Gesicht, als jemals einer an ihm gesehen; so schwingt er mit ausgestrecktem Arme die blitzende Klinge in der Luft und schreit: »Wer Herz hat, der komme her, ihr Schufte! Ich werd' ihn damit in allem Ernste salben!« Aber mit Verwunderung und Trostgefühl sah er, wie seine Verfolger schon in einiger Entfernung stehen geblieben waren. Sie zögerten, schrien aber noch immer und winkten gleich Besessenen mit ausgestreckten Händen den Leuten weit hinter ihm zu. Er drehte sich also wieder um, entdeckte vor sich und gar nicht weit mehr – denn in der großen Bestürzung war er früher nichts davon gewahr geworden – einen daherfahrenden Karren, bald sogar eine ganze Reihe, gewöhnliche Leichenkarren mit der gewöhnlichen Begleitung; jenseits einen andern Menschenschwarm, welcher ebenso gern dem Giftsalber zu Leibe gehen und ihn in die Mitte nehmen wollte, jedoch durch dasselbe Hindernis zurückgehalten wurde. Da Renzo sich so zwischen zwei Feuern sah, fiel ihm ein, daß der Schrecken, welcher die andern lähmte, sich für ihn als ein Mittel zur Rettung benutzen ließe; er sah, daß es keine Zeit war, den Bedenklichen zu spielen, steckte das Messer wieder zu sich, lief längs den Häusern hin, drehte sich dann auf die Karren zu, kam vor dem ersten vorüber und bemerkte auf dem zweiten einen leeren Raum. Schnell tat er einen Sprung und schleuderte sich hinauf. »Bravo! bravo!« schrien die Monatti zugleich, von welchen die meisten zu Fuß dem Zuge folgten, andere auf den Karren sich befanden und einige, um das Entsetzliche zu sagen, wie es war, auf den Leichnamen saßen und aus einer großen Flasche die Reihe herum einander zutranken. – »Bravo! 'n hübscher Streich!« »Bist heraufgesprungen, dich in den Schutz der Monatti zu begeben,« sagte einer von den beiden, die auf demselben Karren saßen, »verlaß dich drauf, sollst sicher sein wie in der Kirche.« Während der Zug sich näherte, hatten die meisten Feinde den Rücken gekehrt und schlichen zurück, indem sie jedoch noch immer: »Packt ihn! packt ihn! Ein Giftsalber!« schrien. Einer unter ihnen machte sich langsamer fort, stand hin und wieder still und drehte sich mit gefletschten Zähnen, mit den drohenden Gebärden des Grimmes nach Renzo hin. Dieser antwortete ihm von seinem Karren herab und ließ seine geballten Fäuste in der Luft spielen. »Laß mich machen,« sagte einer der Monatti. Mit diesen Worten riß er einem Leichnam einen schmutzigen Fetzen vom Leibe, band ihn eilig zusammen, faßte ihn bei einem Zipfel, schwang ihn wie eine Schleuder gegen die hartnäckigen Gegner empor, machte Miene, das Bündel ihnen an den Kopf zu werfen und schrie: »Wart, Rackerzeug!« Bei diesem Gebärdenspiel ergriffen alle schaudernd die Flucht; Renzo sah nur den Rücken seiner Feinde noch, nur Fersen, die hastig in die Luft geschwungen wurden, wie die Balken einer Walkmühle. Unter den Monatti erhob sich ein Siegesjubel, ein stürmisch gellendes Gelächter; mit einem langgezogenen »Uh!« begleiteten sie die Flucht der Erschrockenen. »Aha! Siehst du nun, ob wir ehrliche Leute in Schutz zu nehmen verstehen?« sagte derselbe Monatto, »einer von uns und hundert solche Hasenfüße!« »Gewiß, ich kann sagen, ich verdank' euch mein Leben,« erwiderte Renzo, »und von ganzem Herzen bin ich euch verpflichtet.« »Nichts, nichts,« sprach jener, »verdienst es, man sieht's dir an, daß du ein wackerer junger Kerl bist. Hast ganz recht, wenn du die Lumpenbrut anschmierst; salb' sie, rotte sie aus, sie sind doch nicht eher was wert, als bis sie kalt sind. Um des Handwerks willen, das wir treiben, wünschen sie uns den Teufel ins Nest, und wenn die Pestilenz aufgehört hat, so wollen sie uns alle, sagen sie, an den Galgen schaffen. Mit ihnen aber soll's eher vorbei sein als mit der Pestilenz; die Monatti werden allein übrigbleiben, um ihre Siegeslieder zu singen und in Mailand ein lustiges Zecherleben zu führen.« »Die Pest soll leben und das Schuftenvolk zugrunde gehen!« rief der andere. Mit diesem Trinkspruch eines erhabenen Zartgefühls setzte er die Flasche an den Mund, hielt sie beim Schwanken des Karrens mit beiden Händen umklammert, tat einen herzhaften Zug und reichte sie unserm Jüngling mit den Worten hin: »Da, Bursch, trink' auf unsere Gesundheit!« »Die wünsch' ich euch von ganzem Herzen,« sagte Renzo; »hab' aber keinen Durst und könnte für den Augenblick nicht 'nen Tropfen hinunterbringen.« »Gib her,« sprach einer von den übrigen, die neben dem Karren zu Fuße gingen, »her die Flasche. Der Teufel, mit dem du deinen Kontrakt abgeschlossen hast, muß noch ein sehr kleinmütiger Grünschnabel sein; denn wären wir dir nicht zu Hilfe gekommen, er hätt' dich nimmermehr aus dem flammenden Ofen gezogen.« – Ein Gelächter krönte seinen Witz, und nun hängte er die Flasche an den Mund. »Und wir? He! Und wir?« schrie es vom vordersten Karren in mehreren Stimmen herab. Der ungeschlachte Witzbold übergab, nachdem er sich zur Genüge gütlich getan, die große Flasche mit beiden Händen seinen Brüdern dort vorn. Hier wanderte sie von Hand zu Hand und gelangte endlich an einen, welcher den letzten Zug tat, sodann sie beim Hals faßte, ein paarmal durch die Luft schwang und sie mit dem Rufe: »Die Pestilenz soll leben!« aufs Pflaster nieder in viele Stücke zerschmetterte. Nach diesen Worten stimmte er einen rohen Gesang an, und seinem Gebrüll gesellten sich die meisten Kehlen des widrig-trübseligen Chors. Das teuflische Lied, mit dem Geklingel der Glöckchen, dem Knarren der Wagen und dem Hufschlag der Pferde zusammentönend, scholl durch die schweigende Öde der Gassen und ergriff, in den Häusern widerhallend, mit schmerzlicher Bangigkeit die Herzen der wenigen, die noch darin wohnten. Aber was kann dem Menschen bisweilen nicht gelegen kommen? Was kann in manchen Fällen nicht heilsam erscheinen? – Das Angstgedränge eines Augenblicks hatte unserm Renzo die Gesellschaft dieser Toten und dieser Lebenden mehr als erträglich gemacht. Noch halb außer sich vor Angst und Verwirrung dankte er dem Himmel im Herzen, daß er, ohne ein Unglück anzustellen oder zu erfahren, aus der Drangsal entwischt war, und betete, daß er auch jetzt aus der Mitte seiner Befreier befreit würde. Indem der Zug um eine Ecke bog, glaubte er die Gegend wiederzuerkennen; er blickte aufmerksamer hin und erkannte sie in der Tat an verschiedenen Zeichen. Es war die große Straße vom Tor gegen Morgen her, die Straße, durch welche wir etwa zwanzig Monate früher unsern Jüngling langsam in Mailand herein- und in flüchtiger Eile wieder hinausbegleitet haben. Er erinnerte sich sogleich, daß es von dort aus gerade nach dem Krankenhause ging. In dem Augenblicke kam dem Karrenzuge ein Kommissar entgegen und schrie den Monatti zu, sie sollten stillhalten. Es geschah, und der Gesang verwandelte sich in einen lärmenden Wortwechsel. Einer der Monatti auf Renzos Wagen war hinabgesprungen; der Jüngling sagte zu dem andern: »Ich dank' Euch für Euern Beistand, der Himmel vergelt' ihn Euch.« – Mit diesen Worten entwischte er auf der andern Seite hinab. »So geh, geh, armes Giftmischerchen!« entgegnete jener, »du wirst eben in Mailand keine große Verwüstung anstellen.« Zum Glücke stand niemand so nah, daß er diese Worte gehört hätte. Der Zug hielt auf der linken Seite der Straße; Renzo begab sich eilig nach der andern, hielt sich an die Mauer, lief der Brücke zu, ging hinüber, folgte der bekannten Straße zur Vorstadt, erkannte das Kloster der Kapuziner, kam ans Tor, sah die hervorstehende Ecke des Krankenhauses und schritt durch das Gitter des Tores. Es enthüllte sich seinen Augen der Anblick jenseits der Einfassung, ein Anzeichen kaum, eine Probe, und doch schon eine weite, mannigfaltige, unbeschreibliche Szene. An den beiden Seiten des Gebäudes wimmelte es von Menschen; es war ein Zusammenströmen, ein Durcheinandergleiten, ein stockendes Gedränge. Kranke, die in Haufen sich nach dem Hospital bewegten, während einige am Rande der beiden Gräben, welche sich längs der Straße hinziehen, saßen oder lagen; denn ihre Kräfte hatten nicht hingereicht, sich bis ins Haus hineinzuschleppen. Andre Kranke irrten zerstreut umher, wie blödsinnig, mancher in der Tat außer sich. Dieser stand mit glühendem Gesicht da und teilte die Erscheinungen seiner fieberhaften Einbildungskraft einem Elenden mit, welcher, von der Krankheit zu Boden geworfen, dalag und ihn nicht anhörte; jener tobte, ein Dritter lachte, als bewegte sich ein fröhliches Schauspiel vor seinen Augen. Aber die seltsamste, lärmendste Erscheinung solch einer trübseligen Fröhlichkeit war ein lauter ununterbrochener Gesang, der die Stimmen des übrigen Jammers übertönte; ein lustiges Volkslied, wie die scherzende Liebe es hören läßt; und folgte der Blick dem Tone, um zu entdecken, wo hier die Fröhlichkeit ihr Fest feiern konnte, unterschied man einen Unglückseligen, der, still im Grunde des Grabens sitzend, aus voller Kehle sang und das wahnsinnige Antlitz zum Himmel gewandt hielt. So kam unser Jüngling, vom Schauspiel des Jammers bestürzt und ermüdet, an das Tor eines Gebäudes, in welchem alles, was er bisher an so vielen Orten einzeln gesehen, zusammengedrängt seinen Blicken sich darstellen sollte. Er trat unter die Wölbung der Pforte und blieb einen Augenblick mitten in der Halle unbeweglich stehen. Fünfzehntes Kapitel. Der Leser denke sich den inneren Raum des Krankenhauses von sechzehntausend Pestkranken bevölkert, der Hofraum voll von Holzbuden und Zelten, von Karren und Menschen; die beiden endlosen Zimmerreihen der Halle, zur Rechten und Linken, bedeckt und vollgepfropft mit Verschmachtenden oder mit Leichnamen, die auf Streu oder Decken hingestreckt liegen; durch das ganze unermeßliche Jammerbett ein Gewimmel, eine tobende Bewegung, als wogte ein stürmisch flutendes Meer; überall ein Kommen und Gehen, ein Stillstehen und Laufen, während Genesende, Wahnsinnige oder Hilfeleistende sich niederbücken oder aufspringen. – Das war das Schauspiel, welches plötzlich Renzos Blicke überraschte und ihn an die Stelle fesselte, wo er stand. Um jedoch nicht fortgeschickt zu werden, drängte er sich, sobald er sich aus seiner Erstarrung gelöst hatte, in eine Straße hinein, die zwischen den Holzbuden hindurchführte. Er sah in jede Hütte hinein, blickte draußen auf jedes Lager hin, beobachtete Gesichter, welche, vom Leiden um allen Ausdruck des Lebens gebracht, vom Krampfe zusammengezogen, kaum kenntlich waren oder unbeweglich die Ruhe des Todes zeigten – er suchte von dem Gesichte sich zu überzeugen, welches er zu finden so entsetzenvoll fürchtete. Schon aber hatte er eine bedeutende Strecke Weges zurückgelegt und die schmerzliche Untersuchung vielmals wiederholt, ohne noch ein weibliches Gesicht angetroffen zu haben; er schloß daher, die Frauen müßten sich in einem abgesonderten Raume befinden. Zu diesem wollte er seinen Weg nehmen – wie aber die Richtung finden? Kein Fingerzeig ließ sich ergreifen, aus keinem Merkmal ein Wegweiser machen. Hin und wieder traf er Beamte, an Anblick, Benehmen und Kleidung so verschieden wie die Beweggründe, welche ihnen eine gleiche Kraft verliehen, in solchen Geschäften ihre Tage zu verleben; in diesen verriet sich die Vertilgung jedes menschlich mitleidigen Gefühls, in jenen ein außerordentlich frommes Mitleid. Aber weder bei diesen noch bei jenen mochte Renzo eine Frage versuchen; er nahm sich also vor, ohne alle Zurechtweisung weiter und weiter zu gehen, bis er von selbst zu weiblichen Kranken gelangen würde. Während dieses Fortschreitens ließ er es an spähender Aufmerksamkeit nicht fehlen; oft aber mußte er den verzagenden Blick wegwenden, von so vielen Wunden gleichsam schmerzlich geblendet. Luft und Himmel selbst steigerten den Schrecken dieser Auftritte, wenn ihn etwas noch zu steigern vermochte. Ein dichter Nebel hatte sich allmählich in Wolken gesammelt, welche, immer schwärzer geworden, mit einer schauerlichen Sturmesdämmerung die Erde bedeckten; nur am finstern, tief schwebenden Himmel schimmerte wie hinter einer dichten Schleierdecke die bleiche Sonnenscheibe, verbreitete eine schwache, dunstige Halbhelle um sich her und strömte gleichsam eine tote, lästige Hitze hernieder. Auf den Feldern umher sah man nicht einen einzigen Zweig sich regen; kein Vogel flog hinauf, um auszuruhen, kein Vogel schwirrte hervor; nur die Schwalbe ließ sich flüchtig auf dem Dache des Ringgebäudes sehen und flatterte mit ausgebreiteten Flügeln herab, um auf der Ebene des Feldes hinzustreichen; aber durch das lärmende Getümmel erschreckt, schwang sie sich pfeilschnell wieder in die Höhe und verschwand. Es war ein Wetter, wo in einer Schar von Wandrern keiner das Stillschweigen mit einem Worte zu beleben pflegt; gedankenvoll und düster schleicht der Jäger, die Augen an den Boden geheftet, hin; die Bäuerin, die auf dem Acker den Knost führt, läßt, ohne es selbst gewahr zu werden, ihren Gesang verstummen; ein Wetter, welches schwül und beklemmend einem Sturme vorangeht, wenn die Natur, unbeweglich in ihren äußern Erscheinungen, von einem innern Kampfgewühl aber beunruhigt, alle lebendigen Geschöpfe zu unterdrücken scheint und auf jede Beschäftigung, auf die Muße, auf das Dasein selbst mit lästiger Schwere sich wirft. An diesem Aufenthalt des Jammers dagegen, wo der Mensch von selbst schon zum Leiden und Vergehen bestimmt war, schien er im Kampfe mit seinem Elend dem neuen Ungemache des Himmels zu erliegen; Hunderte sah man plötzlich in einen schlimmeren Zustand verfallen; dieses letzte Ringen war leidenschwerer, die Seufzer klangen beim Steigen der Schmerzen erstickter, und vielleicht war über das Haus noch nie eine so herbe Schreckensstunde hingezogen. Schon war unser Jüngling eine beträchtliche Zeit umhergewandert und hatte fruchtlos durch die vielfachen Irrwege zwischen den aufgeschlagenen Hütten sich durchgewunden, als er unter den mannigfaltigen Klagen und dem verworrenen Getöne ein seltsames Gemisch von Gewimmer und Wehgeheul vernahm. Bald darauf gelangte er an eine gesplitterte, halb eingeschlagene Bretterwand, hinter welcher die ungewöhnlichen Töne hervorklangen. Er legte das Auge an eine ziemlich weite Öffnung zwischen zwei Balken, sah einen eingeschlossenen Raum, der hier und dort von Buden besetzt war, und in diesen, wie im engen Räume zwischen ihnen, eine Menge von Kindern, die auf Kissen lagen, auf Decken, auf ausgebreiteten Bettüchern und Tuchlappen; Ammen und andre Frauen in voller Geschäftigkeit; was aber mehr als alles andre ihn überraschte, waren Ziegen, welche neben den Frauen standen und die Pflichten ihres Amtes mit ihnen teilten – ein Hospital unschuldiger Kinder, wie Ort und Zeit es gestatteten. Ein eigenes Schauspiel war's, diese sanften Tiere zu betrachten, wie sie über diesem oder jenem Säugling aufrecht und ruhig standen und ihm das Euter überließen; wie einige, gleichsam durch ein mütterliches Gefühl geleitet, auf ein Gewimmer herbeiliefen, vor dem rufenden Kleinen stillstanden und ihre Stellung nach seiner Bequemlichkeit nahmen, oder wenn diese Bemühung fruchtlos war, laut meckerten, um für sich wie für den Säugling die nachhelfende Hand einer Wärterin herbeizurufen. Hier und dort saßen Ammen mit Kindern an den Brüsten; während sie mit diesem Liebesdienst beschäftigt waren, konnte bei einigen der Beobachter zweifeln, ob der Reiz der Belohnung oder die freiwillige Menschenliebe, welche Not und Schmerzen aufsucht, sie hergezogen hatten. Eine unter ihnen nahm mit betrübter Miene einen weinenden Säugling von ihrem erschöpften Busen und suchte traurig nach einem Tier umher, welches ihre Stelle vertreten konnte. Eine andre betrachtete mit dem Auge zärtlicher Rührung das Kind, welches an ihrer Brust eingeschlafen war, küßte es mit sanfter Behutsamkeit und trug es sodann in eine der Hütten, wo sie es auf ein Kissen niederlegte. Eine Dritte hatte dem unbekannten Säugling ihre Brust überlassen und saß, nicht sorglos, aber in übermannende Gedanken versunken, zum Himmel emporblickend da; woran dachte sie in dieser Stellung, mit diesem Blicke? An ihr eigenes Kind, das vor wenigen Stunden vielleicht an ihrer Brust sich noch gelabt und vor dieser Quelle seiner Nahrung das Leben geendet hatte. Andre, mehr ältliche Frauen leisteten andre Dienste. Die eine lief auf das Geschrei eines hungernden Kleinen hinzu, nahm ihn auf und trug ihn zu einer Ziege, die auf einem Haufen von frischem Grase weidete; sie näherte das Kind den Eutern des Tieres und schmeichelte dem unerfahrenen Geschöpfe mit Worten und Händen, damit es geduldig zu dem neuen Amte sich hergäbe. Hier trug eine Frau ihr Kind umher, wiegte es in ihren Armen, suchte bald durch Gesang es einzuschläfern, bald es mit süßen Worten zu beruhigen und rief es bei einem Namen, welchen sie selbst ihm gegeben. In demselben Augenblick kam ein Kapuziner mit langem schneeweißem Bart daher und brachte zwei kleine schreiende Knaben, von welchen er den einen am Arme hielt; er hatte sie von der Seite der gestorbenen Mutter geholt; eine Frau lief und nahm sie in Empfang; dann sah sie sich unter dem Weiberhaufen und der Ziegenherde um und suchte so schnell wie möglich eine andre Mutter für sie zu finden. Mehr als einmal hatte Renzo, von seinem Vorsatze gespornt, die Öffnung in der Bretterwand verlassen und sich wieder auf den Weg machen wollen; immer aber hatte er das Auge wieder hinangelegt und war beobachtend stehen geblieben. Endlich riß er sich los, ging die Wand entlang, bis ein Haufe von Hütten, die an jene Wand sich lehnten, ihn zu einer Wendung nötigten. Jetzt strich er durch die Hütten, hatte aber immer die Bretterwand im Auge, um hernach um die Ecke derselben zu biegen und auf einen andern Platz zu gelangen. Während er hier mit den Blicken umherirrte, überraschte ihn eine plötzliche, vorüberfliegende Erscheinung, und es war, als kehrte sich ihm das Herz im Innersten dabei um. Etwa hundert Schritte vor sich sah er zwischen den Zelten einen Kapuziner schlüpfen, einen Kapuziner, der auch von fern, so schnell er floh, ganz den Gang, das Wesen und die Gestalt des Paters Cristoforo hatte. Mit sinnlosem Ungestüm stürzte unser Jüngling nach jener Seite hin; alles andre vergessend, eilte er dem Mönche nach, strich umher suchte in den Hütten und auf dem Platze, vorn und hinten, an Ecken und in Gängen – freudig erblickte er die Gestalt wieder und erkannte denselben Mönch; bald sah er ihn in der Nähe, wie er, von einem großen Kessel sich entfernend, mit einer Schüssel in der Hand auf eine Hütte zuging; er sah ihn auf die Schwelle der Hütte sich niedersetzen, über der Schüssel, die er vor sich hielt, das Zeichen des Kreuzes machen und zu essen beginnen. Renzo flog auf ihn zu, er sah ihm deutlich ins Gesicht – es war wirklich Pater Cristoforo. Was mit dem guten Mönche, seit wir ihn aus dem Auge verloren, bis auf den gegenwärtigen Augenblick sich ereignet hatte, soll in zwei Worten berichtet sein. Nicht eher hatte er Rimini verlassen, nicht eher an eine Entfernung gedacht, als bis die Pest, welche in Mailand ausgebrochen war, ihm eine Gelegenheit zu dem Amte gezeigt, nach welchem er seit vielen Jahren sehnsüchtig verlangt hatte, zu dem Amte der Selbstaufopferung für seine leidenden Mitmenschen. Mit dringendem Gesuch bat er, zurückgerufen zu werden, um die Kranken zu pflegen und ihnen den Beistand seines Eifers widmen zu dürfen. Graf Attilios Oheim war tot; der Drang der Umstände ließ einen größeren Wert auf einen rüstigen Krankenpfleger als auf die Rücksichten der staatsklugen Hinterlist legen, und so wurde er ohne Schwierigkeit erhört. Schnell erschien er in Mailand, begab sich ins Krankenhaus und hatte hier schon drei Monate hindurch den Eifer seiner rastlosen Menschenliebe unbemerkt geübt. Aber die tröstliche Befriedigung, welche Renzo bei dem Wiederfinden seines trefflichen Mönches empfand, war nicht ohne verbitternde Beimischung; mit der Gewißheit, daß sein Cristoforo es war, bemerkte er zugleich schmerzlich, in welch einer Verwandlung der Freund vor ihm stand. Seine Haltung niedergebeugt und Schmerzen verkündigend; das Gesicht abgemagert und welk; in der ganzen Gestalt sprach sich eine erschöpfte Natur aus, ein gebrochener, hinsinkender Körper, welcher sich jeden Augenblick durch die Anstrengung der ringenden Seele aufzuhelfen und zu kräftigen suchte. Auch Bruder Cristoforo sah mit gefesseltem Blicke dem Jüngling, der auf ihn zukam, ins Gesicht. Renzo, welcher anfangs, sich mit der Stimme nicht hervorwagend, durch Gebärden sich ihm kenntlich zu machen trachtete, rief endlich, da er nahe genug war: »O Vater Cristoforo!« »Du hier!« sagte der Mönch, indem er die Schüssel an die Erde setzte und sich von der Schwelle des Zeltes erhob. »Wie geht es, Pater? Wie leben Sie?« »Besser als die vielen Unglücklichen, die du hier siehst,« antwortete jener. Der Klang seiner Stimme hörte sich schwach und düster an, wie alles andere an ihm verwandelt. Nur das Auge war noch das alte, es glänzte in der früheren Kraft, blitzte vielleicht noch lebhafter; es war, als wenn die lautere Frömmigkeit, am Ende ihrer tatenreichen Bahn noch geläuterter, frohlockend, sich ihrem Urquell bereits so nahe zu sehen, dieses Auge mit einem glutreicheren und reineren Feuer beseelte, als dasjenige, welches die Gebrechlichkeit des Körpers allmählich darin ersterben zu lassen drohte. »Aber du,« fuhr er fort, »wie kommst du hierher an diesen Ort? Warum trotzt du so mutwillig der Pest?« »Ich hab' sie gehabt, Dank dem Himmel! Ich komme ... Lucien aufzusuchen.« »Lucien? Ist Lucia hier?« »Das ist sie; wenigstens hoffe ich zu Gott, sie hier noch am Leben zu treffen.« »Ist sie deine Frau?« »O guter Pater! Sie ist nicht meine Frau. Sie wissen von all dem, was vorgefallen, nichts?« »Nein, mein Sohn. Seit Gott mich von euch fortgenommen, hab' ich nichts weiter erfahren. Jetzt aber, da er dich mir zusendet, jetzt wünschte ich was zu hören. Aber ... und die Achtserklärung?« »Sie wissen also, was man mit mir armem Jungen angestellt hat?« »Aber du, was hattest du angestellt?« »Hören Sie,« sagte Renzo. »Wenn ich behaupten wollte, daß ich an jenem Tage hier in Mailand meinen Verstand beisammen gehabt habe, so tät' ich mich einer Lüge schuldig machen; schlechte Streiche aber, die hab' ich nicht gemacht.« »Ich glaub's dir, hab's auch schon früher immer geglaubt.« »Jetzt also kann ich Ihnen alles sagen, Pater,« begann der Jüngling. »Warte,« sagte Bruder Cristoforo. »Wir wollen beide da in das Zelt treten. Aber,« fügte er schnell hinzu, indem er stillstand, »du scheinst mir sehr abgemattet und brauchst gewiß was für den Hunger.« »Das ist wohl wahr,« gab Renzo zur Antwort, »jetzt, wo Sie mich daran erinnern, fällt mir's erst ein, daß ich noch ganz nüchtern bin.« »Warte,« sagte Bruder Cristoforo. Mit diesem Worte nahm er eine zweite Schüssel und füllte sie aus dem Kessel. Dann kehrte er zurück und reichte sie nebst einem Löffel dem Gaste hin. Renzo mußte sich auf einen Sack setzen, der hier seinem Freunde zum Bette diente. Dieser ging darauf zu einem seitwärts stehenden Fasse, holte einen Becher Wein, setzte ihn auf einem kleinen Tischchen dem Jüngling vor, griff dann wieder zu seiner Schüssel und ließ sich ihm zur Seite nieder. »O Pater Cristoforo!« sagte Renzo. »Sollen dergleichen Geschäfte Ihr Amt sein? Aber Sie sind immer noch derselbe. Ich danke Ihnen von Herzen.« »Danke nicht mir,« sagte der Mönch. »Es sind Lebensmittel für die armen Unglücklichen; aber du bist auch ein armer Unglücklicher in diesem Augenblick. Nun sage mir, was ich nicht weiß, sage mir etwas von unsrem armen Mädchen. Die Zeit ist mir karg abgemessen, es gibt viel zu tun, wie du siehst.« Renzo fing, zwischen einem Löffel und dem anderen, die Erzählung von Luciens Erlebnissen an; wie sie im Kloster von Monza ein Unterkommen gefunden, wie sie entführt, wie sie gerettet worden. Dann berichtete er in gedrängter Eile von seinen eigenen Erlebnissen, und wie er endlich in Mailand erfahren habe, daß Lucia sich im Lazarett befände. – »Und nun bin ich hier,« schloß er, »bin hier, um sie zu suchen, zu sehen, ob sie lebt; und wenn sie dann mir noch ... denn manchmal ...« »Aber durch welche Anleitung bist du hierhergekommen?« fragte Bruder Cristoforo. »Hast du irgendeinen Wink erhalten, auf welcher Seite man sie untergebracht hat und wann sie ungefähr hergekommen ist?« »Nichts, lieber Pater, nichts, als daß sie hier ist ... wenn sie noch hier ist, was der gnädige Gott im Himmel gebe.« »Armer Junge! Was für Mühe aber hast du dir bisher gegeben?« »Ich bin herumgelaufen und herumgelaufen, hab' aber fast lauter Männer angetroffen. Ich dachte mir wohl, daß die Frauen an einem Ort für sich liegen, hab' aber immer noch nicht dahin kommen können. Wenn's sich so verhält, so müssen Sie mir doch darüber Nachricht zu geben wissen.« »Weißt du nicht, guter Junge, daß dort kein Mann hineintreten darf, wenn er nicht ausdrücklich dort zu tun hat?« »Meinetwegen; was kann mir aber geschehen?« »Die Vorschrift, mein Sohn, ist gerecht und heilig. Wenn die Menge und die Gewaltsamkeit des Elends schuld sind, daß sich nicht mit ganzer Strenge ihr nachleben läßt, ist das eine Ursache für einen rechtlichen Menschen, sie zu übertreten?« »Aber, Pater Cristoforo,« sagte Renzo, »Lucia sollte mein Weib sein. Sie wissen, wie wir voneinandergerissen worden sind; 's sind zwanzig Monate, daß ich leide und mich in Geduld füge; nun bin ich hergekommen, hab' so viele Gefahren überstanden, eine immer schlimmer als die andre, und jetzt ...« »Ich weiß nicht, was ich dagegen sagen soll,« äußerte der Mönch, indem er mehr seine eigenen Gedanken, als die Worte des Jünglings beantwortete; »du gehst in guter Absicht, und gebe der Vater im Himmel, daß alle die Menschen, welche freien Zutritt in dieses Gebäude haben, sich so betragen mögen, wie ich's von dir mit Zuversicht mir versprechen kann. Der Ewige, der gewiß der Beharrlichkeit in deiner ehrsamen Neigung seinen Segen verleiht, deine Treue im Lieben und Aufsuchen des Mädchens, welches er dir bestimmt hat, belohnen wird, Gott, der strenger als die Menschen, aber erbarmungsvoller Nachsicht mit unsren Gebrechen hegt, wird auf die Unregelmäßigkeit, welche hier bei deiner Weise aufzusuchen vielleicht stattfindet, sein zürnendes Auge nicht richten. Und nun komm.« Bei diesen Worten stand er auf, und Renzo mit ihm. Dieser lieh ihm aufmerksam sein Ohr und faßte dann stillschweigend den Entschluß, Luciens Gelübde, wovon er vor wenigen Minuten zu sprechen willens gewesen, mit keinem Worte zu erwähnen. – Wenn er auch davon erfährt, dachte er, so macht mir der gute Mann sicherlich noch andre Schwierigkeiten. Entweder ich finde sie, und dann ist's immer noch Zeit genug, das Gespräch darauf zu bringen, oder ... und dann, was tät's mir alsdann helfen? Sobald Bruder Cristoforo seinen Gast nach der Öffnung des Zeltes geführt hatte, sprach er: »Höre! Unser Pater Felice, der hier im Krankenhause der Vorsteher ist, führt heute die wenigen Geheilten, die sich finden lassen, nach einem andern Orte hin, damit sie dort in der vorschriftsmäßigen Absonderung noch mehrere Tage hindurch leben. Du siehst das Kirchlein da in der Mitte ...« er hob die abgemagerte zitternde Hand und zeigte in der trüben Luft die Kuppel der Kapelle, die über die ärmlichen Hütten turmähnlich sich erhob – »dort herum versammeln sie sich jetzt und sollen dann in geordnetem Zuge zu dem Tor hinausgehen, durch welches du wahrscheinlich hereingekommen bist. Auch mußt du einige Glockenschläge gehört haben.« »Einen hab' ich gehört.« »Das war der zweite. Beim dritten werden sie sämtlich sich zusammengefunden haben. Pater Felice wird sie mit ein paar Worten anreden und dann sich mit ihnen auf den Weg machen. Bei dem Zeichen kannst du dich dorthin begeben. Sieh zu, daß du dich dicht hinter die Versammlung an den Rand der Straße stellst; da kannst du, ohne jemandem beschwerlich zu fallen und ohne Aufsehen zu erregen, sie vorüberziehen sehen, und dann merk' auf, ob sie darunter ist. Wenn es Gottes Wille nicht ist, daß sie zur Zahl der Genesenen gehört, so siehst du da die Seite des Gebäudes gerade gegenüber und einen Teil des Platzes, welcher sich davor ausbreitet; dort ist der Aufenthaltsort, der den Frauen angewiesen ist. Du wirst eine Einzäunung bemerken, die diesen Platz von dem andern Viertel trennt; indessen hat sie weite Lücken und steht an vielen Stellen offen; du wirst also gar keiner Schwierigkeit begegnen, um hineinzukommen. Wenn du drinnen bist und nichts tust, was irgendeinem andern auffallen kann oder beschwerlich ist, so wird dich vermutlich auch niemand mit einer Frage angehen; sollte dir aber wer ein Hindernis in den Weg legen, so sag' nur, daß Pater Cristoforo dich kennt und Bürgschaft für dich leisten wird. Dort suche deine Lucia, suche sie mit Vertrauen, und wenn's nicht anders ist, mit Ergebung. Dann rufe dir ins Gedächtnis zurück, daß es ein ganz außerordentliches Glück ist, was du hier zu finden gedachtest; du wolltest eine Freundin bei solcher Zeit lebend im Krankenhause finden. Weißt du, wie oft ich mein armes Volk hier sich erneuern gesehen, wie viele verschiedene Geschlechter von Kranken ich erlebt habe? Wie viele ich wegtragen sah, wie wenige hinausgehen! Geh, lieber Junge, und sei auf Verlust und Opfer vorbereitet.« »Ach, ich sehe das ein,« stotterte Renzo, den Blick wegwendend und im frischen Jugendangesicht erbleichend, »ich seh' es ein. Aber frisch, ich gehe, werde umherschauen und suchen, hier und dort, von oben bis unten, das ganze Krankenhaus hindurch, und wenn ich sie nicht finde ...!« »Nun, Freund, wenn du sie nicht findest?« fragte Bruder Cristoforo mit ernster, erwartungsvoller Miene, während in seinem Blicke eine strenge Mahnung lag. Renzo sah mit verdüstertem Auge vor sich hin, und keine Rücksicht schien ihn mehr zu fesseln. »Wenn ich sie nicht finde,« rief er, »so will ich einen andern schon besser zu finden wissen. Hier in Mailand, in seinem sündenvollen Palaste, am Ende der Welt oder im Hause des Teufels selber, wo er auch stecken mag, ich will ihn erwischen, den Satanas, der uns voneinander gerissen hat; wäre er nicht auf Erden gewesen, so wäre Lucia schon seit zwanzig Monaten mein Weib; und hätte der Himmel unsern Tod bestimmt gehabt, so wären wir wenigstens beide zusammen gestorben. Wo er noch auf Erden herumschleicht, will ich ihn schon fassen!« »Renzo!« sagte der Mönch, faßte ihn beim Arme und sah ihn mit noch strengerem Blicke an »Und wenn ich ihn ertappe,« fuhr jener, vom Zorn wie seiner Sinne beraubt, fort, »wenn die Pest das Amt der Gerechtigkeit noch nicht verwaltet hat ... Jetzt ist die Zeit vorüber, wo so ein vornehmer Schurke, mit seinem Waffengesindel um sich her, die Leute in Verzweiflung setzen und hernach sich noch ins Fäustchen lachen darf; die Zeit ist gekommen, wo die Menschen, Gesicht gegen Gesicht, voreinander hintreten, und ... ich will den Büttel der Gerechtigkeit spielen.« »Bösewicht!« schrie Bruder Cristoforo, und seine Stimme schien den alten vollen Klang in ihrem ganzen Umfange wieder erhalten zu haben, – »Bösewicht!« – Sein Haupt, welches die letzten Jahre zur Brust niedergebeugt hatten, hatte sich emporgerichtet, die Wangen färbten sich mit der alten Lebensfülle wieder, und das Feuer seiner Augen fing an, mit schreckender Heftigkeit zu leuchten. »Sieh, Bösewicht!« Dabei faßte er mit der einen Hand Renzos Arm und schüttelte ihn ungestüm; mit der andern beschrieb er einen Halbkreis und deutete auf die schmerzenreiche Bühne hin, welche von allen Seiten sie umgab. »Wer ist derjenige, in dessen Hand die Rute der Strafe schwebt? Der Richter, der nicht gerichtet wird? Der die Geißel schwingt und Verzeihung gewährt? Elender Wurm der Erde, dein ohnmächtiger Arm soll der Arm der züchtigenden Gerechtigkeit sein? Geh, Unseliger, hebe dich fort! Ich hoffte, ja, ich habe der Hoffnung gelebt, vor meinem Tode werde der gütige Allvater mir noch den Trost gewähren, daß ich höre, meine arme Lucia sei am Leben; daß ich sie vielleicht mit eigenen Augen erblicke und aus ihrem Munde das Versprechen empfange, sie werde sich in ihrem Gebete hierher nach der Grube wenden, in welcher meine müden Gebeine schlummern sollen. Geh, du hast mich um meine labende Hoffnung gebracht. Gott hat sie nicht für dich auf der Erde gelassen, und du, wahrlich, du hast die Kühnheit nicht, dich der Tröstung für würdig zu halten, die Gott in seiner Barmherzigkeit dir dennoch vielleicht zugedacht. Er wird an sie gedacht haben; denn sie ist eine von den edlen Seelen, für welche die ewigen Quellen des Trostes droben am Fuße des göttlichen Thrones rinnen. Geh, ich habe keine Zeit mehr, einem Menschen wie dir mein Ohr zu leihen.« Indem er dies letzte Wort sprach, schleuderte er Renzos Arm von sich und war im Begriff, sich nach einer Krankenhütte zu begeben. »Vater Cristoforo!« sprach Renzo mit flehender Stimme und schlich zerknirscht hinter ihm her, »wollen Sie mich auf solche Weise fortschicken?« »Wie?« fragte jener, ohne seine Stimme zu mildern. »Wagst du zu verlangen, ich soll diesen unglücklichen Betrübten, die aus meinem Munde die Versicherung der göttlichen Gnade zu hören sich sehnen, die Zeit entwenden, um die frevelhaften Ausbrüche deiner Wut, die Entwürfe deiner verblendeten Rachsucht anzuhören? Geh! Ich habe hier keinen Gekränkten sterben gesehen, der seinem Beleidiger nicht verziehen hätte; Gewalttätige sah ich: sie seufzten, dieweil sie vor den Opfern ihres Übermutes nicht reumütig sich erniedrigen konnten; mit diesen wie mit jenen hab' ich geweint – mit dir aber, was soll ich mit dir tun?« »Ich verzeih' ihm,« rief der Jüngling, »bei Gott, ich verzeih' ihm, verzeih' ihm für alle Tage dieses Lebens und für alle Ewigkeiten des andern.« »Renzo!« sprach Bruder Cristoforo, und friedlicher klang die Strenge seines Ernstes. »Überlege selbst und frage dich, wie oft du schon versprochen hast, ihm zu verzeihen.« Nachdem er einige Sekunden gewartet, ohne Antwort zu erhalten, neigte er plötzlich das Haupt und fragte mit gedämpfter Stimme: »Weißt du, warum ich dieses Kleid hier trage?« Renzo zögerte mit der Antwort. »Du weißt es!« rief der Mönch. »Ja, ehrwürdiger Pater!« »Ich habe auch gehaßt; ich, der ich dich um einen Gedanken, um eines Wortes willen ungestüm getadelt, ich habe den Mann, den ich haßte, den ich von ganzer Seele lange Jahre hindurch haßte, ermordet hab' ich ihn!« »Ja, aber es war ein gewalttätiger Mensch, einer von denen ...« »Schweig!« gebot der Mönch. »Glaubst du, wenn sich irgendeine Entschuldigung dafür auffinden ließe, ich hätte sie während der dreißig Jahre nicht gefunden? Weh mir! Wenn ich jetzt in deinen Busen das Gefühl flößen könnte, welches ich für den einst so gehaßten Menschen seit jenem Tage immer empfunden und jetzt noch so beklemmend empfinde! Wenn ich's könnte! Ich? Nein; aber Gott kann es, er wolle es! ... Höre, Renzo! Weil du ein Unglücklicher, weil du ein Beleidigter bist, meinst du, er werde einen Menschen, den er nach seinem Ebenbilde geschaffen, nicht gegen dich verteidigen? Glaubst du, er werde dich ungehindert nach deinem gewissenlosen Willen walten lassen? Nein! Weißt du aber, was du tun kannst? Du kannst hassen und dich ins Verderben stürzen, kannst durch deine sinnlose Rachbegier allen himmlischen Segen von dir verscheuchen. Denn wie es auch immer kommt, welch ein Schicksal du auch erfährst, sei überzeugt, alles ist eine Strafe, bis du nicht verziehen hast, bis du nicht so verziehen hast, daß du immer mehr sagen kannst: Ich verzeihe ihm.« »Ja, ja,« rief Renzo erschüttert und verwirrt, »ich fühl's, daß ich ihm nie wahrhaft verziehen habe; ich fühl's, daß ich wie ein vernunftloses Geschöpf, nicht wie ein Christ gesprochen habe; jetzt aber, durch die Gnade des Herrn, verzeih' ich ihm von Herzen.« »Und wenn du ihn zu sehen bekämest?« »Würd' ich zum Vater bitten, daß er mir ruhige Geduld verleihe und ihm den bösen Willen aus dem Herzen nehme.« »Du würdest dich erinnern, daß der Herr uns nicht geboten hat, unsern Feinden zu verzeihen, er hat gesagt, wir sollen sie lieben. Du würdest dich erinnern, daß sein großer Sohn für die Feinde, die ihn verspottet und gemartert haben, am Kreuze gelitten und gestorben.« »Gewiß, Vater!« beteuerte Renzo. »Wohlan! Komm, wir werden ihn sehen. Du hast gesagt, du würdest ihn finden – du wirst ihn finden. Komm und überzeuge dich, gegen wen du deinen Haß im Herzen bewahrtest, wem du Böses wünschen konntest, Böses tun wolltest, mit wessen Leben du meuchlerisch zu schalten gesonnen warst.« Er faßte Renzos Hand, drückte sie mit jugendlicher Heftigkeit und setzte sich in Bewegung. Renzo wagte keine Frage zu tun und folgte ihm. Nach einem kurzen Wege stand Bruder Cristoforo am Eingang einer Hütte still, sah dem Jüngling noch einmal mit einem langen Blick des Ernstes und der Rührung ins Gesicht und zog ihn dann mit hinein. Renzo ließ den unruhigen Blick über den Inhalt der Hütte hingleiten, bemerkte drei oder vier Kranke, und besonders einen zur Seite, auf einem Unterbette, in eine Decke gehüllt, einen stattlichen Mantel darüber gebreitet; er sah ihn an und erkannte Don Rodrigo. Der Mönch aber ließ ihn indessen von neuem ungestüm die Hand empfinden, an welcher er ihn hielt, zog ihn nach dem Lager hin, streckte die andere Hand danach aus und deutete mit dem Finger auf den Menschen, der vor ihren Füßen lag. Der Unglückliche regte sich nicht; weit aufgerissen, aber ohne Blick starrten seine Augen; das Gesicht schien der Tod schon gestempelt zu haben, es war mit schwarzen Flecken übersät; schwarz und aufgedunsen die Lippen – man hätt' es für das Gesicht eines Leichnams gehalten, wenn ein gewaltsames Zucken nicht die Regung des letzten, schwer sich lösenden Lebens darin verkündigt hätte. Unter angestrengtem Luftholen hob und senkte sich die Brust von Zeit zu Zeit; die rechte Hand, aus dem Mantel hervorkommend, umklammerte ihn in der Gegend des Herzens mit zusammengepreßten Fingern, und diese sahen fahl und mißfarbig aus, an den äußersten Enden dunkel gefleckt. »Jetzt siehst du!« sagte der Mönch mit leiser feierlicher Stimme. »Es kann Strafe, es kann Erbarmung sein. Welche Empfindung wirst du nun für diesen Menschen hegen, der dich beleidigt hat? Dieselbe Empfindung, Renzo, wird an jenem großen Tage Gott, den du beleidigt hast, für dich hegen. Segne ihn, und du wirst gesegnet werden. Seit vier Tagen ist er hier, und wie du siehst, ohne Zeichen des Bewußtseins. Vielleicht gewährt ihm der Herr einen lichten Augenblick, um seine Sünden reuig zu erkennen; aber du sollst darum beten; vielleicht will der Herr, daß du mit der unschuldigen Lucia darum betest; vielleicht verspart er die Gnade auf deine Bitte allein, auf die Bitte eines gekränkten, aber ergebungsvollen Herzens. Vielleicht hängt dieses Menschen und deine eigene Rettung von dir allein ab, von einem Gefühl der Verzeihung, des Mitleids, der ... Liebe in deinem Herzen!« – Hier schwieg er, faltete die Hände und senkte das Haupt wie zum Gebet nieder. So tat auch Renzo. Einige Sekunden hatten sie in dieser Stellung verharrt, als der dritte Schlag der Glocke sich hören ließ. Als hätten sie es verabredet, setzten sich beide rasch in Bewegung und gingen hinaus. Bruder Cristoforo tat keine Frage. Der Jüngling ließ keine Beteuerung weiter hören; in ihrer Miene lag ihr Gespräch. »Geh jetzt,« sagte endlich der Mönch, »geh, zu einer Aufopferung vorbereitet und dem Vater im Himmel sein Lob zu zollen, welches auch immer der Erfolg deines Suchens sei. Und wie es ausfallen mag, komme, mir Nachricht zu bringen.« Hier trennten sie sich ohne fernere Äußerung. Der eine kehrte nach der Gegend zurück, woher er gekommen; der andere nahm seinen Weg nach dem Kirchlein, welches kaum mehr als in der Weite eines Steinwurfs vor ihm lag. Sechzehntes Kapitel. Wer möchte es unserm Renzo eine Stunde früher gesagt haben, daß mitten in seinem umhersuchenden Verlangen, bei dem Beginn der zweifelvollsten, entscheidendsten Augenblicke, seines Herzens Empfindungen zwischen Lucien und Don Rodrigo geteilt sein würden? – Und doch war es so. Jene Gestalt mischte sich unter die lieblichen oder die schrecklichen Bilder, welche Hoffnung oder Furcht ihm abwechselnd an den Augen vorüberführten; die Worte, die er zu Füßen jenes Krankenlagers vernommen, drängten sich zwischen die Zuversicht und die Verzweiflung, indem beide um seine Seele miteinander rangen; er konnte für den glücklichen Ausgang der gegenwärtigen verhängnisschweren Stunde kein Gebet zum Himmel emporsenden, ohne die Flehensstimme dreintönen zu lassen, die er dort begonnen und die der Schlag der Glocke abgebrochen hatte. Renzo hatte sich kaum auf den Weg begeben, als er den Pater Felice in der Kapellentür erscheinen und nach dem Mittelbogen der Seite, die der Stadt zugewendet war, hingehen sah. Hier hatte sich, unterhalb der Stufen, im freien Gange die Schar aufgestellt; aus der Gebärde des Mönches ließ sich sogleich entnehmen, daß er die Predigt bereits angefangen hatte. Renzo hörte den letzten Teil der feierlichen Rede, die alle Zuhörer in diesem Augenblicke erschütterte, mit an und stellte sich dann an die Seite einer Hütte, um den Zug der Genesenen an sich vorüberzulassen. Er stand halb verborgen, den Körper zurückgezogen, den Kopf nach vorn gestreckt, die Augen zur Beobachtung geschärft. In stürmischen Schlägen pochte sein Herz, und doch beruhigte ihn ein neues, ganz eigentümliches Vertrauen. Barfuß, mit dem Strick um den Hals, ein langes schweres Kreuz emporhebend, kam Pater Felice daher; sein Gesicht bleich und fleischarm, Zerknirschung und Mut zugleich aussprechend. Langsam, aber entschlossen waren seine Schritte, indem er die Schwäche seiner Begleiter zu schonen suchte; es schien, als liehen ihm diese überflüssigen Beschwerlichkeiten die Kraft, die notwendigen Lasten, welche von seinem Amte unzertrennlich waren, desto unverdrossener zu ertragen. Unmittelbar hinter ihm gingen die etwas herangewachsenen Kinder, größtenteils mit nackten Füßen, wenige vollständig bekleidet, manches wirklich im Hemde. Dann kamen die Frauen, fast alle einem der kleinen Mädchen die Hand reichend und abwechselnd das Miserere singend. Der matte Klang dieser Stimmen und die lebensarme Blässe dieser Gesichter hätten auch einem Zuschauer, der in neugieriger Gleichgültigkeit dagestanden, das Herz mit frommem Mitleid erfüllen können. Renzo aber beobachtete, prüfte von Reihe zu Reihe, von Gesicht zu Gesicht, und nicht ein einziges entging ihm; denn das langsame Fortschreiten des Zuges verstattete ihm allen Gebrauch der Sorgfalt. Vorüber geht's und vorüber, er späht und späht, er mustert und mustert; umsonst. Er wirft halbe Blicke auf die Schar, die noch zurück war und mit jedem Schritte abnahm; schon sind es nur wenige Reihen noch, die letzte schreitet vorbei, alle wenden ihm schon den Rücken zu – lauter unbekannte Gesichter! Mit hängenden Armen, den Kopf auf die eine Schulter niedergesenkt, läßt der Arme, während die Männer vor ihm hinschreiten, dem fortschleichenden Zuge seine Blicke nachfolgen. Eine andere Aufmerksamkeit beschäftigte ihn. Denn eine neue Hoffnung steigt in ihm auf, da er hinter diesen Männern einige Karren entdeckte, auf welchen die Genesenen saßen, die auf ihren Füßen noch nicht sicher genug waren. Auf diesen kamen die letzten Frauen. Und auch hier konnte Renzo so sorgfältig alle Gesichter und Gestalten mustern, daß keine einzige ihm entging. Aber ach! Er untersucht den ersten, den zweiten, den dritten, und irrt immer mit dem nämlichen Erfolge bis zum letzten hin, hinter welchem nichts als ein zweiter Kapuziner folgte, mit ernstem Anblick und einem Stabe in der Hand, um den Zug in Ordnung zu erhalten. Es war Pater Michele, welcher dem einstweiligen Vorsteher des Krankenhauses, wie wir erzählt haben, vom Gesundheitsausschuß zum Gehilfen gegeben worden war. So verschwand ganz und gar jene wohltuende Hoffnung, und indem sie entschwand, nahm sie nicht bloß den Trost, welchen sie verliehen, mit sich hinweg, sie ließ unsern Jüngling auch, wie es gewöhnlich der Fall, in einer weit freudloseren Lage zurück. Die glücklichste Möglichkeit war nun, Lucien krank darniederliegend zu finden. Da aber die Inbrunst dieser neuen Hoffnung, so düster sie winkte, schnell auf die übermannende Furcht sich einstellte, hängte sich der Arme mit aller Kraft des Gemütes an diesen trübseligen schwachen Faden; er trat zur Straße hinaus und begab sich dahin, woher der Zug gekommen war. Als er an den Fuß der Kapelle gelangt war, senkte er das Knie auf die unterste Stufe und richtete an den Vater im Himmel ein Gebet oder vielmehr ein Gewühl von verworrenen Worten und unterbrochenen Reden, von Ausrufungen und Bitten, von Klagen und Versprechen – Worte, wie man sie an keinen Sterblichen richtet, da es ihm an Scharfsinn gebricht, um sie zu verstehen, oder an Geduld, um sie anzuhören. Ein wenig ermutigt stand er auf, ging um die Kapelle und befand sich in dem andern leeren Gange, welchen er noch nicht betreten hatte. Dieser endigte der Pforte gegenüber. Nach wenigen Schritten sah er zu beiden Seiten die Einzäunung, von welcher Bruder Cristoforo ihm gesprochen hatte; sie war, wie der Mönch gesagt hatte, voller Zwischenräume und Lücken. Durch eine von diesen trat Renzo hinein und befand sich im Aufenthalte der weiblichen Kranken. Bei dem ersten Schritte schon gewahrte er an der Erde eine kleine Glocke, wie sie die Apparitori an den Füßen trugen; vollständig, mit ihrem Schlingbande lag sie da. Renzo geriet auf den glücklichen Einfall, diese Glocke könnte ihm bei seinem Eintritt hier als ein Freibrief dienen; er nahm sie auf, sah sich um, ob keiner herblickte, und band sie sich an. Nun machte er sich augenblicklich an das Aufsuchen. Ohne Erfolg und ohne Ereignisse war Renzo schon weit hineingeschritten, als er hinter sich einen Ruf hörte, ein »O!«, welches ihn erreichen zu sollen schien. Er wandte sich und sah in einiger Entfernung einen Kommissar, der mit erhobenen Händen ihm zuwinkte. – »Dort in den Zimmern,« schrie der Mann, »da ist Hilfe nötig; hier ist eben erst aufgeräumt worden.« Renzo begriff augenblicklich, für wen man ihn hielt. Die Schelle war die Ursache des Mißverständnisses. Er schalt sich einen Unklugen, daß er nur an die Unannehmlichkeiten gedacht hatte, die dieses Zeichen ihm ersparen konnte, und nicht an alle diejenigen, die er sich damit auf den Hals zog; zugleich aber sann er nach, wie er sich so schnell wie möglich aus dieser Verlegenheit befreien könnte. Er nickte daher dem Kommissar mehrmals mit dem Kopfe zu, als habe er verstanden und sei willens, Gehorsam zu leisten; darauf suchte er dem Manne aus den Augen zu kommen und drückte sich seitwärts zwischen die Buden hinein. Als er sich in hinlänglicher Entfernung glaubte, suchte er auch die Ursache der ärgerlichen Verwechslung sich vom Leibe zu schaffen, und um dies unbemerkt bewerkstelligen zu können, schlüpfte er in eine Enge zwischen zwei kleinen Hütten, welche mit der Rückseite gegeneinander gewandt waren. Er bückt sich, um die Schlingbänder zu lösen, und während er so, den Kopf gegen die Strohwand der einen Hütte gestemmt, dasteht, dringt ihm aus dieser eine Stimme ins Ohr ... »O Himmel! Ist es möglich?« – Seine ganze Seele tritt ihm ins Ohr, keinen Atemzug vermag seine Brust zu tun ... ja, ja! Es ist ihre Stimme! – »Warum Furcht?« sprach diese sanfte Engelstimme, »wir haben wohl etwas anderes schon als ein Sturmwetter überstanden. Wer uns bis jetzt geschirmt hat, wird uns auch künftig schirmen.« Wenn Renzo nicht laut aufschrie, so geschah's nicht aus Furcht, daß er bemerkt würde, sondern weil es ihm an Atem gebrach. Wie marklos schlotterten seine Knie, seine Augen umnebelte plötzliche Dämmerung – aber nur im ersten Augenblick; im zweiten war er schon auf den Beinen, lebhafter und kräftiger als vorher; in drei Sprüngen fliegt er um die Hütte, steht an der Schwelle, sieht mit seinen Augen sie, die er sprechen gehört, sieht sie ... auf ihren Füßen sieht er sie stehen, über ein Bett sich hinneigend. Sie wendet sich bei dem Geräusch, sie sieht ihn, glaubt falsch zu sehen, zu träumen; dann aber schaut sie ihm deutlicher ins Auge und schreit: »Großer Gott!« »Lucia! Ich hab' dich gefunden! Du stehst vor mir! Du bist es, ja! Bist am Leben!« So schrie Renzo und stürzte, an allen Gliedern zitternd, auf sie zu. »Großer Gott!« wiederholte sie, noch heftiger zitternd, »du? Was ist das? Wie war's möglich? Warum? – Die Pest!« »Ich hab' sie gehabt. Und du?« »Ach, auch ich! Und von meiner Mutter ...?« »Ich hab' sie nicht gesehen. Sie ist zu Pasturo; doch glaub' ich, sie befindet sich wohl. Aber du? Wie bist du noch so matt! Wie siehst du noch so schwach aus! Aber doch geheilt, nicht wahr, geheilt?« »Der Herr hat mich noch hier unten lassen wollen. Ach, Renzo, warum bist du hier?« »Warum?« sagte Renzo, näher zu ihr hintretend. »Du fragst mich noch, warum? Was mich hier hat herziehen können? Ist es nötig, daß ich es erst dir erkläre? An was hab' ich zu denken? Heiß' ich nicht noch Renzo, bist du nicht noch Lucia?« »Weh mir, was sagst du? Hat dir meine Mutter nicht schreiben lassen ...?« »Wohl, nur zu wohl hat sie mir schreiben lassen. Eine schöne Nachricht, um sie einem armen unglücklichen Jungen in einem Brief zu überschicken, einem gemarterten Flüchtling, einem ehrlichen Jungen, der wenigstens keinen schlimmen Streich jemals begangen hat!« »Aber Renzo! Renzo! Da du wußtest ... warum kommst du her? Warum, Renzo?« »Warum ich komme? O, Lucia, warum ich komme, fragst du? Nach so vielen Versprechen! Sind wir nicht mehr wir selber? Erinnerst du dich nicht mehr? Was fehlt denn noch?« »O Herr!« rief Lucia schmerzlich, indem sie die Hände faltete und die Augen zum Himmel emporhob, »warum hast du mir nicht die Gnade erzeigt, mich hinauf zu dir zu nehmen? Renzo! Was hast du mir getan! Sieh, ich fing schon an zu hoffen, mit der Zeit würde ich ... würd' ich vergessen ...« »Eine schöne Hoffnung!« erwiderte Renzo nicht ohne Entrüstung. »Weh mir, was hast du getan! Und an diesem Orte! In diesem Aufenthalte des Jammers! Bei solchen Schauspielen! Hier, wo Sterben die einzige Handlung, konntest du ...« »Für die Sterbenden müssen wir zu Gott beten und hoffen, daß sie an einen seligen Ort gelangen; daß aber die Lebendigen ihre Tage in Verzweiflung zubringen sollen, ist darum noch nicht recht.« »Aber Renzo! Du bedenkst nicht, was du redest! Ein Versprechen, der Mutter Gottes getan, ein Gelübde ...« »Und ich sage dir, daß solch ein Versprechen nichts bedeutet.« »O Herr! Welch eine Rede! Wo bist du während dieser Zeit gewesen? Mit was für Menschen bist du umgegangen? Wie sprichst du?« »Ich spreche wie ein echter Christ,« antwortete der Jüngling, »und von der Jungfrau denk' ich besser als du. Ich denke mir, daß sie kein Versprechen zum Schaden eines Mitmenschen verlangt. Wenn die heilige Jungfrau gesprochen hätte, ja dann! Was ist's aber gewesen? Eine Einbildung, deine eigene Einbildung. Weißt du, was du der Jungfrau zu versprechen hast? Versprich ihr, daß die erste Tochter, die uns Gott schenkt, Maria heißen soll; zu dem Versprechen will auch ich hier auf der Stelle Amen sagen; das sind Gedanken, die der Mutter Gottes größere Ehre machen; das ist 'ne Frömmigkeit, in welcher mehr Vernunft liegt und kein Mitmensch sein Verderben findet.« »Nein, nein, sprich nicht so; du weißt nicht, was du sagst. Du weißt nicht, was das heißt, ein Gelübde tun; du hast die Drangsal nicht erlebt, hast so etwas nicht erfahren. Laß mich, um aller Heiligen willen, laß mich!« Mit diesen Worten wandte sie sich ungestüm von ihm ab und kehrte nach dem Bette zurück. »Lucia!« rief Renzo, ohne sich zu regen, »sage mir wenigstens, sage mir, wenn diese Ursache nicht wäre, wärst du nicht anders gegen mich gesinnt?« »Mensch ohne Herz!« antwortete Lucia, indem sie sich umwandte und mit Mühe ihre Tränen unterdrückte. »Wenn du mich hättest unnütze Worte sprechen lassen, Worte, die mir weh täten, die vielleicht 'ne Sünde wären, gäbest du dich dann zufrieden? Geh, o geh, vergiß mich; wir waren nicht füreinander bestimmt. Dort oben werden wir uns wiedersehen, und das Leben hienieden ist so kurz! Geh, laß meine Mutter wissen, daß ich geheilt bin, daß Gott mir auch hier seinen Beistand immer offenbart hat, daß ich eine gute Seele gefunden habe, die wackere Frau da, die Mutterstelle bei mir vertritt; sag' ihr, ich hoffe, daß wir uns wiedersehen werden, wenn Gott will ... und wie er will. Geh, um des Himmels willen, und denk' nicht mehr an Lucien, oder nur, wenn du betest, denk' an mich, Renzo!« Und wie jemand, der nichts weiter zu sagen hat noch etwas andres anzuhören gesonnen ist, einer Gefahr sich entziehen will, zog sie sich schnell nach dem Bett zurück, auf dem die Frau lag, von welcher sie gesprochen hatte. »Höre, Lucia, höre!« rief Renzo, ohne sich jedoch ihr zu nähern. »Nein, nein, geh, ich beschwöre dich!« »Höre, Vater Cristoforo ...« »Was?« fiel ihm Lucia hastig ins Wort. »Ist hier.« »Hier? Wo? Wie weißt du das?« »Ich hab' ihn eben gesprochen, bin eine ganze Zeit mit ihm zusammen gewesen. Ein Geistlicher, wie der Mann, sollt' ich glauben ...« »Er ist hier? Gewiß, um den armen Kranken beizustehen! Aber er? Hat er an der Pest krank gelegen?« »Ach, Lucia! Ich fürchte, nur allzusehr hab' ich Furcht ...« und während Renzo mit dem Aussprechen des schmerzlichen Winkes zögerte, hatte sich Lucia aufs neue vom Bett losgerissen und eilte auf ihn zu – »ich fürchte, sie liegt ihm jetzt in den Gliedern!« »Armer, heiliger Mann! Aber was arm? Arm sind wir, verwaist, wenn er stirbt. Wie ist's mit ihm? Liegt er zu Bett? Hat er Unterstützung, Hilfe?« »Er ist auf den Beinen, er geht umher und steht den andern bei; wenn du ihn aber sähest, wie er aussieht, wie er sich mit Not fortschleppt! Ich hab' so viele gesehen, so viele, und täusche mich leider nur zu wenig!« »O Gott!« rief Lucia, »und er ist hier!« »Hier, und gar nicht weit. Wenig weiter, als von deinem Hause zu meinem herüber – wenn du dich noch erinnerst.« »O heilige Jungfrau!« »Gut, wenig weiter. Du kannst dir denken, daß wir von dir gesprochen haben. Er hat mir Dinge gesagt ... Und wenn du wüßtest, was er mich hat sehen lassen! Du wirst's erfahren; jetzt aber will ich dir zu hören geben, was er mir, mit seinem eigenen Munde, gesagt hat. Er hat mir gesagt, ich soll fleißig nach dir suchen; der Herr habe seinen Gefallen daran, wenn ein junger Mensch so handelt, und würde mir zu deiner Begegnung verhelfen; wie's auch wirklich geschehen ist. Und er ist ein Heiliger. Siehst du also?« »Wenn er so gesprochen hat, so geschah's, weil er nicht weiß ...« »Was soll er von Dingen wissen, die du, ohne eines andern Meinung zu hören, getan hast? Einem wackeren Mann, einem Mann von Vernunft wie ihm, dem kann so was nicht einfallen. Was er mich aber hat sehen lassen ...« Und nun erzählte er den Besuch in jener Hütte. Obgleich Luciens Geist und Sinne sich in diesem Aufenthalte notwendigermaßen an die stärksten Eindrücke gewöhnt hatten, stand sie dennoch von Schauder und Mitleid tief ergriffen da. »Und auch dort,« fuhr Renzo fort, »hat er wie ein Heiliger gesprochen; hat gesagt, daß der Herr diesem Armen – ich kann ihn jetzt nicht anders nennen – vielleicht Gnade zugedacht hat und ihn aus dem Buche der Frevler streichen will; aber wir müßten deswegen zusammen für ihn beten – zusammen, hörst du wohl?« »Ja, ja,« rief Lucia, »wir wollen beten, jeder, wo wir leben werden; Gott weiß die Gebete vereinigt zu erhören.« »Aber wenn ich dir seine eigenen Worte sage ...« »Er weiß ja nicht, Renzo ...« fiel ihm Lucia in die Rede. »Wenn ein Heiliger spricht, so ist's Gott, der ihn reden läßt. Er hätte nicht so gesprochen, wenn's nicht gerade so sein müßte.« »Nein, Renzo, nein; Gott will nicht, um seine Barmherzigkeit zu üben, daß wir unrecht handeln; laß ihn walten; unsre Pflicht ist das Gebet.« »Aber deine Mutter, die arme Agnese, die mir immer so wohlgewollt, die so sorgsam uns als Mann und Weib zu sehen trachtete, hat sie dir nicht auch gesagt, daß du dich von einem verkehrten Gedanken regieren läßt? Wie sie dich auch schon in andern Dingen zurechtgewiesen hat, denn in vielen Stücken denkt sie verständiger als du ...« »Meine Mutter! Soll meine Mutter mir zur Verletzung eines Gelübdes raten? Renzo, du bist nicht bei Sinnen!« »Nun, ich will dir etwas sagen,« sprach Renzo. »Ihr Mädchen könnt dergleichen Dinge nicht begreifen. Pater Cristoforo hat mir gesagt, ich soll zurückkommen und ihm Bescheid bringen, ob ich dich gefunden habe. Ich gehe. Wir wollen ihn hören, und was er sagen wird ...« »Ja, geh zu dem heiligen Mann; sag' ihm, daß ich für ihn bete, er möge auch für mich beten, ich hab's so nötig! Aber um des Himmels willen, beim Heil unsrer Seelen bitt' ich dich, komme nicht wieder her, mir weh zu tun und mich ... zu versuchen. Vater Cristoforo wird dir die Sache auseinanderzusetzen wissen und dich zur Vernunft bringen; dann wirst du dich zufrieden geben.« »Zufrieden geben? O, den Gedanken reiß' dir aus der Seele. Hast mir das garstige Wort schon einmal schreiben lassen; ich weiß, was ich darüber hab' ausgestanden. Und jetzt bist du hartherzig genug, mir's noch zu sagen. Ich aber versichere dir klar und rund, daß ich mich nimmermehr zufrieden geben werde. Du willst mich vergessen – ich dich nicht. Dich vergessen! Woran soll ich das ganze Jahr hindurch denken? Nach so vieler Hoffnung, so vielen Versprechen? Was tat ich dir, seit wir uns verlassen haben? Weil ich gelitten habe, behandelst du mich so? Warum hab' ich Elend ausgestanden? Warum die lange Zeit, weit von Hause, von euch weg, traurig verlebt? Warum bin ich beim ersten Augenblick, da ich nur gekonnt habe, hierher gekommen, dich aufzusuchen?« Als Lucia vor Tränen zu Worte kommen konnte, faltete sie die Hände aufs neue und erhob die schwimmenden Augen zum Himmel. »Hilf du mir, heilige Jungfrau! Du weißt, daß ich seit jener Nacht keinen Augenblick wie diesen erlebt habe. Du hast mir bisher deinen Beistand geliehen, leihe mir ihn auch jetzt.« »Ja, Lucia,« sagte Renzo, »du hast recht, wenn du die Mutter Gottes anrufst; warum willst du dir aber einreden, daß diese Mutter der Barmherzigkeit, die so gut ist, an unsern Leiden, an meinen wenigstens, ein Wohlgefallen habe, weil dir ein Wort in einem Augenblick entwischt ist, wo du in Ängsten nicht wußtest, was du sprachst? Meinst du, sie habe dir damals geholfen, um dich hernach in Jammer verwickelt zu halten? Wenn aber das bloß 'ne Ausrede ist, wenn ich dir verhaßt geworden bin, so sag's mir, sprich mit klaren Worten.« »Um aller Heiligen willen, hör' auf, Renzo, du bringst mich um. So endet's nicht gut. Geh zum Vater Cristoforo, empfiehl mich ihm und kehre nicht wieder zurück, kehr' nicht wieder zurück!« »Ich gehe. Aber ich kehre wieder zurück, wär's auch vom Ende der Welt!« – Mit dieser Beteuerung eilte er hinweg. Lucia setzte sich neben dem Bett nieder, oder sank vielmehr zur Erde; sie legte den Kopf auf die Seitenlehne des Bettes und ließ ihren Tränen freien Lauf. – Renzo flog indessen nach der andern Seite des Gebäudes. Erst nach eifrigem Suchen, nicht ohne verlorene Schritte fand er sich nach der Gegend wieder hin. Er sah die Hütte, aber Pater Cristoforo war nicht darin. Nun schwärmte er ringsumher, spähte nach allen Seiten und entdeckte ihn endlich in einem Zelte, wo er, gebeugt und mit dem Munde fast am Boden, einen Kranken tröstete. Renzo blieb stehen und wartete schweigend. Bald sah er, wie sein Cristoforo dem armen Unglücklichen die Augen zudrückte, darauf sich aufs Knie warf, einige Sekunden betete und dann aufstand. Endlich kam er hervor und schritt auf den Jüngling zu. »Ei,« sagte der Mönch, als er ihn erblickte. »Nun?« »Sie ist hier, ich hab' sie gefunden.« »In was für 'nem Zustande?« »Geheilt,« sagte Renzo. »Der Herr sei gelobt!« »Aber,« begann der Jüngling, als er nahe genug war, um es ihm zuflüstern zu können, »'s ist ein andrer übler Umstand vorhanden!« »Was willst du damit sagen?« »Ich will sagen ... Sie wissen wohl, lieber Pater, wie das gute Mädchen ist; sie spinnt sich manchmal in ihre eigenen Gedanken ein. Nach so vielen Versprechen, nach all dem, was Sie wissen, sagt sie mir jetzt, daß sie mich nicht heiraten kann; denn, sagt sie, was weiß ich? in jener Nacht der Furcht war ihr der Kopf heiß, und da hat sie sich sozusagen der Mutter Gottes geweiht. Eine unvernünftige Sache, nicht wahr? 'ne Sache, die wohl einer tun kann, der die Einsicht dazu hat und ein Mensch von Kenntnissen ist; für uns gewöhnliche Leute aber sind das Dinge, womit man sich nicht einlassen soll – hab' ich recht?« »Wohnt sie weit weg von hier?« fragte Bruder Cristoforo. »O nein, ein paar Schritte jenseits der Kirche.« »Warte hier einen Augenblick auf mich, und hernach wollen wir miteinander gehen, Renzo.« »Nicht wahr, Pater, Sie wollen ihr begreiflich machen ...?« »Noch weiß ich's nicht, mein Sohn; ich muß erst hören, was sie mir sagen wird.« »Versteh,« sagte Renzo. Die Augen zur Erde gesenkt und die Arme über die Brust geschlagen, stand er da, seine nicht gehobene Ungewißheit zu bezwingen. Der Mönch begab sich in die Hütte, kam mit einem Korbe am Arme wieder hervor, kehrte zu dem Harrenden zurück und sagte: »Wir wollen gehen!« Das Wetter war währenddessen immer stürmischer geworden, und deutlicher verkündigte sich ein nahes Ungewitter. Zuckende Blitze schossen durch die steigende Finsternis, ihr augenblickliches Flammenlicht umglänzte die langen Dächer, die Schwibbögen der Halle, die Kuppel der Kirche und die niedrigen Giebel der Hütten; der Donner brach mit plötzlichem Krachen hernieder und lief rollend von einem Ende des Himmels zum andern. Aufmerksam auf den Weg, die Seele voll der unruhigsten Erwartung, schritt Renzo vorwärts und zügelte mit Gewalt seine Schritte, um sie den Kräften seines Begleiters anzupassen; dieser, erschöpft durch die mühseligen Anstrengungen des Tages, von körperlichen Beschwerden niedergedrückt und durch die schwüle Hitze beängstigt, wanderte mit Anstrengung und hob wiederholt das kränkelnde Gesicht gen Himmel, als suchte er freier Atem zu schöpfen. Nachdem sie zur Hütte gelangt waren, blieb Renzo stehen, wandte sich zum Mönch und sagte mit zitternder Stimme: »Dort drin ist sie!« Sie treten ein. Lucia dreht sich um, springt ungestüm auf, fliegt auf den Greis zu und schreit: »Pater Cristoforo!« »Aus wie großer Angst hat Euch der Herr erlöst, Lucia!« rief dieser. »Ein mächtiger Trost für Euch, daß Ihr Eure Hoffnung jederzeit auf ihn gesetzt habt.« »Ja! Aber Sie, Vater? – Ich Arme, wie er ein ganz anderer Mann geworden ist! – Wie geht es? sagen Sie, wie geht es?« »Wie Gott will und wie, mit seiner Gnade, auch ich will!« erwiderte der Mönch mit heiterem Antlitz. Darauf zog er sie seitwärts. »Hört, ich kann nur wenige Augenblicke hier sein. Habt Ihr noch vollkommenes Zutrauen zu mir, wie vor Zeiten?« »O, sind Sie nicht noch immer mein Vater?« »Also, Tochter, was ist das für ein Gelübde, von dem Renzo mir gesprochen hat?« »Ein Gelübde, das ich der Madonna getan, mich nicht zu verheiraten.« »Habt Ihr aber damals bedacht, daß Ihr durch ein Versprechen gebunden wart?« »Da es den Herrn und die Mutter Gottes betraf ... nein, hab' ich nicht daran gedacht.« »Dem Herrn, Kind, sind Opfer und Anerbietungen wohlgefällig, wenn wir sie aus unseren eigenen Kräften ihm darbringen. Das Herz will er, den Willen; Ihr aber konntet ihm nicht den Willen eines andern zum Opfer bringen, dem Ihr Euch verpflichtet hattet.« »Hab' ich unrecht daran gehandelt?« fragte Lucia. »Nein, armes Mädchen, das denkt nicht; ich glaube selbst, die heilige Jungfrau hat die Absicht Eures betrübten Herzens wohlgefällig aufgenommen und sie dem ewigen Vater für Euch dargeboten. Sagt mir aber, habt Ihr Euch mit niemandem jemals darüber beraten?« »Ich habe nie geglaubt, daß es etwas Unrechtes sei, um es zu beichten; und das wenige Gute, das wir Menschen auf Erden tun können, das dürfen wir nicht zählen.« »Habt Ihr keinen andern Beweggrund, der Euch etwa zurückhält, das Wort, das Ihr dem Jüngling gegeben, wahrzumachen?« »Was ihn betrifft ... für mich – was für 'nen Beweggrund sonst? Ich wüßte nicht zu sagen ... sonst keinen.« – Die zögernde Antwort aber verkündigte etwas ganz anderes als eine Ungewißheit des Gedankens, und ihr Gesicht, noch von der Krankheit entfärbt, blühte plötzlich in der lebhaftesten Röte auf. »Glaubt Ihr,« nahm der greise Mönch, den Blick senkend, das Wort, »daß Gott seiner Kirche die Gewalt gegeben hat, die Schuldigkeiten und die Verpflichtungen, zu welchen sich die Menschen gegen ihn verbunden haben, aufzulösen und unwirksam zu machen, sobald ein größeres Heil daraus erwachsen kann?« »Gewiß,« sagte das Mädchen, »das glaub' ich.« »So wisset, wir Diener Gottes, die wir mit der Pflege der Seelen hier auf Erden beauftragt sind, wir haben für alle diejenigen, die ihre Zuflucht zu uns nehmen, die weiteste Befugnis der Kirche. Ich kann also, wenn Ihr es verlangt, von jeder Verpflichtung, wie sie auch immer laute, Euch lossprechen und das Band dieses Gelübdes trennen.« »Ist's aber nicht eine Sünde, wenn man zurücktritt und ein Versprechen bereut, das man der heiligen Jungfrau gegeben hat? Ich hab' es damals von ganzem Herzen ausgesprochen ...« Von einer so unerwarteten Hoffnung ergriffen, war Luciens Gemüt aufs heftigste bewegt; sie fühlte einen Zweifel aufsteigen und hatte geglaubt, durch alle die Gedanken, welche seit so langer Zeit die vorzüglichste Beschäftigung ihres brütenden Geistes gewesen, es unerschütterlich befestigt zu haben. »Eine Sünde, Kind?« sagte Bruder Cristoforo. »Sünde, zur Kirche seine Zuflucht zu nehmen, ihren Diener zu ersuchen, daß er Gebrauch mache von der heiligen Gewalt, die er von ihr und sie von Gott erhalten hat? Ich bin Zeuge gewesen, wie Ihr beide zur Vereinigung geschritten seid, und beim Himmel, wenn ich jemals geglaubt habe, daß ein Paar von Gott zueinander geleitet worden, so wart Ihr dieses Paar; jetzt seh' ich nicht, warum derselbe Gott Eure Trennung wollte. Ich muß ihn preisen, daß er mir, unwürdig wie ich bin, die Kraft verliehen hat, in seinem Namen zu sprechen und Euch von Eurem Wort zu lösen. Wenn Ihr mich ersucht, ich soll Euch Eures Gelübdes entbunden erklären, werd' ich keinen Augenblick mich bedenken, es zu tun, und ich wünsche, daß Ihr mich darum ersuchet.« »Dann, dann ...« sagte Lucia mit einer Miene, welche nur die Scham verwirrte, »ja, dann ersuche ich Sie darum!« Der Mönch rief den Jüngling durch einen Wink herbei. Dieser stand im entferntesten Winkel und sah mit aufmerksamen Blicken nach ihnen hin. Nachdem er hingetreten, sprach Bruder Cristoforo mit lauter feierlicher Stimme zu Lucien: »Kraft der heiligen Gewalt, welche die Kirche mir anvertraut hat, erkläre ich Euch hiermit gelöst vom Gelübde der Jungfräulichkeit, erkläre alles, was Ihr darin unbesonnenerweise gelobt, für nichtig und entbinde Euch jeder Verpflichtung, welche Ihr dabei auf Euch genommen habt.« Welche paradiesischen Töne des Entzückens für Renzo! Er dankte mit funkelnden, feuchten Augen dem Redner und suchte dann, obschon vergebens, Luciens Augen zu begegnen. »Kehret mit der Sicherheit des Friedens zu Euren früheren Gedanken zurück,« fuhr der Kapuziner fort, »liebet Euch wie Gefährten auf der Reise; es begleite Euch der Gedanke, daß Ihr einst zur bestimmten Stunde Euch verlassen müsset, und der Glaube, daß Ihr für immer Euch wiederfindet. Stattet dem Himmel Euren Dank ab, daß er Euch nicht durch rauschende verhallende Fröhlichkeit zu diesem Ziele geleitet hat; durch Ungemach und Elend hat er es Euch erreichen lassen, um Euch einer ruhigen besonnenen Fröhlichkeit fähig zu machen. Wenn Gott Euch Kinder schenkt, so trachtet, sie für ihn zu erziehen, ihnen die Liebe zu ihm wie zu den Mitmenschen einzuflößen, und gebt ihnen in allem andern eine tugendhafte Anleitung. Lucia! Hat Euch Euer Bräutigam gesagt, wen er hier gefunden hat?« »Ja, ehrwürdiger Vater, er hat es mir gesagt.« »Ihr werdet für ihn beten und des Gebetes nicht müde werden. Und auch für mich werdet Ihr beten. Kinder! Ich möchte gar gern, daß Ihr ein Andenken an Euern armen Mönch habet.« – Mit diesen Worten nahm er aus seinem Korbe eine Schachtel von schlechtem Holze, die aber mit der Geschicklichkeit, welche den Kapuzinern eigen, gedrechselt und geglättet war. – »Hier drin ist das Überbleibsel jenes Brotes, des ersten, um welches ich aus Menschenliebe gefleht, des Brotes, von dem Ihr sprechen gehört habt. Ich hinterlasse es Euch, behaltet es, zeigt es Euren Kindern. Sie werden in eine traurige Welt treten, in ein schmerzenreiches Zeitalter, mitten unter stolze Menschen und freche Versucher; sagt ihnen, sie sollen immer Verzeihung üben, immer und für alles, sollen beten für den armen Mönch!« So gab er Lucien die Schachtel. Diese empfing sie mit großer Ehrfurcht, wie eine heilige Reliquie. – »Jetzt sagt mir,« sprach er darauf mit ruhigerem Tone, »was habt Ihr hier in Mailand für Unterstützung? Wo denkt Ihr Euch niederzulassen, wenn Ihr aus der Stadt hier fortgeht? Und wer wird Euch zu Eurer Mutter führen, die Gott bei Gesundheit erhalten möge?« »Diese gute Frau, die mit mir unsere Hütte teilt,« sagte Lucia, »hat so lange Mutterstelle bei mir vertreten. Wir werden zusammen das Haus hier verlassen, und dann wird sie auf alles bedacht sein.« »Gott segne sie!« sagte Bruder Cristoforo und trat zum Bette, in dem die Frau lag. »Ich danke Ihnen auch,« sprach diese, eine Frau von etwa dreißig Jahren, die durch die Pest Witwe geworden war und in wenigen Tagen ihre ganze Familie hatte hinscheiden sehen, »Sie haben die beiden armen Geschöpfe hier so gottselig getröstet, wenn ich mir auch Rechnung gemacht hatte, die liebe gute Lucia auf immer bei mir zu behalten. Einstweilen aber lass' ich sie nicht fort; ich werde sie nach ihrem Dorf begleiten und sie in ihrer Mutter Hand geben; ich werde,« fügte sie leise hinzu, »werde sie ausstatten. Ich hab' mehr liegen, als ich verbrauchen kann, und es lebt keine Seele mehr, für die ich's sonst aufbewahren sollte.« »So können Sie,« sagte der Mönch, »eine schöne Tat vor Gott tun und dem Nächsten eine Wohltat erzeigen. Ich empfehle Ihnen das arme junge Mädchen nicht weiter; ich seh' schon, wie sie ganz die Ihrige geworden ist. Nur Gott ist zu loben, der auch in seinen Plagen sich wie ein Vater zeigt; er hat Sie beide sich finden lassen und dadurch beiden ein Zeichen seiner Liebe offenbart. Nun auf!« rief er, indem er Renzos Hand faßte, »wir beide haben hier nichts mehr zu tun und sind schon allzulange hier gewesen. Wir wollen gehen.« »O Vater!« rief Lucia. »Werd' ich Sie noch wiedersehen? Ich bin geheilt, ich, die ich nichts Gutes in dieser Welt verrichte, und Sie ...« »Schon seit langer Zeit,« war des Kapuziners ernste, aber sanfte Antwort, »fleh' ich zum Herrn um die Gnade, mich hinwegzunehmen mitten im tätigen Liebeseifer für meinen Nächsten. Wenn er jetzt sie mir gewähren will, so müssen alle, die Liebe für mich empfinden, in mein Dankgebet einstimmen. Fort, gebt dem Jüngling Eure Aufträge an Eure Mutter.« »Sag' ihr, was du gesehen hast,« sagte Lucia zu ihrem Verlobten; »daß ich eine zweite Mutter hier gefunden habe, daß ich mit dieser redlichen Frau sobald wie möglich hinkommen werde und sie gesund zu finden hoffe.« »Wenn du Geld brauchst,« sprach Renzo, »ich hab' hier alles bei mir, was du mir geschickt hast, und ...« »Nein, nein,« unterbrach ihn die Witwe, »ich habe mehr als nötig.« »So komm,« rief Bruder Cristoforo. »Auf Wiedersehen, Lucia!« sagte Renzo. »Und auch Sie, vortreffliche Frau!« – Was er aber in diesem Augenblick empfand, konnte er durch keine Worte bezeichnen. »Wer weiß,« rief Lucia betrübt, »ob uns der Herr die Gnade erzeigt, daß wir uns alle, wie wir hier stehen, noch wiederfinden!« »Genug,« sprach der Mönch, »er sei immer mit euch und verleihe euch seinen Segen!« – Das war sein letztes Wort in der Hütte. Der Abend war nicht mehr weit, und das Unwetter drohte loszubrechen. Der Kapuziner machte dem Jüngling noch einmal das Anerbieten, für diese Nacht in seiner dürftigen Behausung neben ihm zu bleiben. »Gesellschaft kann ich dir nicht leisten,« fügte er hinzu, »aber du wirst wenigstens unter Dach und Fach sein.« Dessenungeachtet drängte es unsern Jüngling, sich auf den Weg zu machen. Was Stunde und Wetter betraf, so bestimmten sie ihn nicht; Nacht und Tag, Sonne und Regen, Westwind und Nordsturm galten ihm in diesem Augenblicke vollkommen gleich. Er dankte also dem Freunde und eröffnete seine Absicht, so schnell wie möglich Agnesen aufzusuchen. Als sie in dem Gange schritten, drückte ihm Bruder Cristoforo die Hand. »Wenn du sie findest, was Gott gebe, so grüße sie auch in meinem Namen; ihr und allen, die sich noch an Bruder Cristoforo dort erinnern, sage, sie möchten freundlich für ihn beten. Gott begleite dich und segne dich immerdar!« »O teurer, teurer Pater! Werden wir uns wiedersehen?« »Dort oben!« Mit diesen Worten riß er sich von Renzo los. Dieser blieb stehen und blickte ihm nach, bis er ihn verschwinden sah. Dann eilte er nach dem Tore hin und warf zur Rechten und Linken die letzten Blicke des Mitleids auf dieses Gefilde des Jammers. Alles umher war in außerordentlicher Bewegung; Karren wurden gezogen, Monatti liefen hin und her, geschäftige Hände brachten die Zelte in Ordnung, Kranke schleppten sich schwankend nach den Hallen, Ohnmächtige krochen an der Erde hin, alles suchte Schutz vor dem drohenden Ungewitter. Siebzehntes Kapitel. Wirklich war Renzo kaum über die Schwelle des Krankenhauses geschritten, so rauschte es wie ein Hagel in großen Tropfen hernieder. Sie fielen auf die weiße, dürre Straße schallend herab, und ein leiser Staub stieg auf. Bald aber strömten sie in rauschendem Regen hernieder, und ehe unser Wandrer den Seitenpfad noch erreicht hatte, goß es wie aus Eimern. Aber dieses Wetter war ihm keineswegs zuwider; er schlich geduckt darunter fort, freute sich der labenden Erfrischung, des Rauschens, des Gesauses von Gräsern und Blättern, welche sich schwankend bewegten. Voll und weit atmete er auf, und in dieser Wiedergeburt der schmachtenden Natur schien er die Wiedergeburt seines eigenen Schicksals freier und lebhafter zu fühlen. Aber wie weit ungetrübter und voller wäre diese Empfindung unsres Renzo gewesen, wenn er hätte erraten können, was wenige Tage nachher sich zeigte: daß dieses Wasser die Ansteckungsplage mit fortnahm, gleichsam mit sich hinwegspülte; daß von diesem Tage an das Krankenhaus keine leidenden Gäste mehr aufzunehmen brauchte, wenn es auch nicht alle Lebenden, die es enthielt den Lebenden wiederschenkte; daß nach einer Woche schon Türen und Läden wieder offen standen und nur von Absonderungen noch gesprochen ward; daß von der Pest nur hier und dort noch einige Fußtapfen blieben, die Verwüstung, die eine jede für einige Zeit hinter sich läßt. Renzo wanderte mit rascher Unverdrossenheit vorwärts. Er hatte für ein nächtliches Unterkommen durchaus keinen Plan entworfen; es lag ihm einzig und allein daran, weiter zu gelangen, schnell nach dem Dorfe zu kommen, jemanden dort zu finden, mit dem er sprechen, dem er erzählen konnte, und dann vor allen Dingen sich eiligst auf den Weg nach Pasturo zu machen, um Agnesen aufzusuchen. Während er dahinschritt, stürmte es in seiner Seele von den Begebenheiten des Tages; aber aus den Bildern des Elends, der Schrecken und der Gefahren tauchte beständig ein einziger Gedanke auf: Ich habe sie gefunden! Sie ist geheilt! Sie ist mein! – Dann sprang er im Jauchzen seines Herzens hoch, daß es um ihn her aufspritzte, wie wenn ein Pudel, aus dem Wasser ans Land tretend, sich schüttelt; manchmal begnügte er sich damit, die Hände zu reiben, und dann ging's wieder vorwärts, wanderungslustiger als vorher. Mit der Dämmerung langte er zu Sesto an; der Regen machte keine Miene nachzulassen. Da er aber in den Beinen eine rüstigere Kraft fühlte als je, da ihn die Schwierigkeiten eines Unterkommens zurückschreckten, so dachte er an kein Unterkommen; auch mochte er, durchnäßt wie er war, nicht lange rasten. Das einzige Bedürfnis, welches sich bemerkbar machte, war ein tüchtiger Hunger. Er sah sich daher nach einem Bäckerladen um, traf einen und versah sich mit zwei Broten; er fuhr mit dem einen in die Tasche, mit dem andern zwischen die Zähne, und dann vorwärts. Als die Nacht um war, stand er am Ufer der Adda. Noch hatte es nicht aufgehört zu regnen; aber aus dem Wolkenbruch war anfangs ein Regen geworden und dieser sodann in ein feines, ruhiges, gleichförmiges Rieseln übergegangen; die hohen dünnen Wolken breiteten sich wie ein ununterbrochener, aber leichter und durchsichtiger Schleier über den Himmel aus; der Schimmer der Morgendämmerung enthüllte dem Wandrer die Gegend umher. Da lag sein Dorf mitten in der bekannten Flur; es war, als wären diese Berge, der nahe Resegone, das Gebiet von Lecco, alles umher sein Eigentum geworden. Zugleich warf er einen Blick auf sich selbst und kam sich allerdings ein wenig seltsam vor – anders, als er sich fühlte, als er auszusehen wähnte: alles, was er am Leibe hatte, war verdorben und in Unordnung geraten; vom Scheitel bis zu den Hüften alles durchweicht, eine rinnende Traufe; von der Hüfte bis zur Sohle Schlamm und Lehm. Und hätte er sich ganz und gar in einem Spiegel gesehen, mit den schlaffen niederhängenden Krempen am Hute, mit den Haaren, die verwirrt und festgeklebt über das Gesicht herabhingen, so hätte er zu seinem Aussehen noch ein ganz anderes Gesicht geschnitten. Was die Müdigkeit betraf, so mochte sie wohl vorhanden sein, er ward indessen nichts davon gewahr; die Frische des Morgens, die zu der nächtlichen hinzutrat und die Wirkung des Regenbades notwendig erhöhen mußte, spornte seinen Eifer nur noch mehr und erhitzte sozusagen noch stärker die Glut unter seinen Füßen. Endlich hat er Pescate erreicht. Er durchmißt die letzte Strecke längs der Adda und wirft einen trüben Blick auf Pescarenico hin. Er fliegt über die Brücke, er streift durch Wege und Felder und langt bald vor dem Hause seines wirtlichen Freundes an. Dieser war kaum aufgestanden und sah auf der Schwelle soeben nach dem Wetter; er bemerkte die gebadete, mit Kot bedeckte Gestalt, die dennoch munter und regsam daherhüpft, und hatte in seinem Leben keinen so übel zugerichteten und doch so fröhlichen Menschen gesehen. »Oho!« sagte er, »schon zurück und in solchem Wetter! Wie ist's abgelaufen?« »Sie lebt,« rief Renzo, »sie lebt, sie lebt!« »Gesund?« »Geheilt, das will mehr sagen. Ich hab', solang ich lebe, Gott dem Herrn und der heiligen Jungfrau zu danken. Aber große Geschichten, verwetterte Dinge! Ich will dir nachher alles erzählen.« Ein Feuer wurde angezündet, an dem Renzo sich wärmen konnte; das Kleiderbündel, das er bei seinem Freunde gelassen hatte, enthielt die notwendigen trockenen Kleider zum Wechseln, und eine tüchtige Polenta gab ihm neue Kräfte. Auf die Erzählung der ganzen Begebnisse ging richtig der ganze Tag hin. Da es überdies in einem fort regnete, brachte ihn Renzo unter Dach zu, indem er teils seinem Wirte zur Seite saß, teils ihm Zober und Fässer zurechtmachen half. Auch konnte er nicht umhin, einen Sprung nach Agnesens Hause zu machen, um ein gewisses Fenster daran wiederzusehen und vor demselben gleichfalls die Hände hoffnungslustig zu reiben. Dann legte er sich beizeiten zu Bette. Am andern Morgen aber stand er früh auf, sah, daß der Regen nachgelassen hatte, obschon der Himmel noch nicht wieder heiter war, und so machte er sich rasch auf die Reise nach Pasturo. Er kam noch bei Tage daselbst an; denn an Eile und Unverdrossenheit fehlte es ihm heute ebensowenig wie gestern. Er fragte nach Agnesen und bekam zu hören, daß sie gesund und munter sei. Man zeigte ihm ein einsam stehendes Häuschen; dort, hieß es, wohne die fremde Frau. Renzo eilte hin und rief sie von der Straße aus beim Namen. Auf diesen Ruf stürzte sie zum Fenster herbei, und während sie mit weitgeöffnetem Munde dastand, um Gott weiß welches Wort oder welchen Laut von sich zu geben, kam ihr Renzo zuvor und sagte: »Lucia ist geheilt und wohlauf; ich hab' sie vorgestern gesehen; sie läßt Euch grüßen und wird nächstens selber kommen. Und außerdem hab' ich Euch lustige Dinge zu erzählen.« In der Überraschung durch solchen Besuch, in der Freude über die Nachrichten und in der Sehnsucht, mehr zu erfahren, befangen, ließ Agnese bald einen Ausruf hören, bald eine Frage, mit der sie nie zu Ende kam; dann vergaß sie alle Vorsicht, welche sie seit langer Zeit sich angewöhnt hatte, und rief: »Ich komme und mach' Euch auf.« »Wartet, und die Pest?« fragte Renzo. »Ihr habt sie nicht gehabt, scheint mir.« »Ich nicht. Und Ihr?« »Ich wohl. Ihr solltet also hübsch behutsam sein. Ich komme von Mailand, und Ihr werdet hören, ich hab' in der Ansteckung ordentlich bis an den Hals gewatet. Freilich hab' ich mich von Kopf bis zu Fuß frisch gekleidet; es zieht einer dort aber das höllische Übel mit jedem Härchen auf seinem Leibe an. Und da der Herr Euch bis zu dieser Stunde bewahrt hat, so solltet Ihr's Euch angelegen sein lassen, gut achtzuhaben, bis die Plage vorüber ist; denn Ihr seid unsre herzliebste Frau Mutter und sollt eine ganze Zeitlang in Jubel und Freuden mit uns zubringen; nach der Drangsal, die wir ausgestanden haben, ist's nur billig.« »Aber ...« begann Agnese. »Eh,« unterbrach sie Renzo, »es hält kein Aber mehr Stich. Weiß, was Ihr sagen wollt; laßt Euch jedoch melden, daß es mit der ganzen Aberschaft vorbei ist. Wir machen uns nach irgend 'nem Ort frei auf die Reise und können dort ganz gemächlich ohne alle Gefahr leben.« Agnese zeigte ihn nach einem Garten hinter dem Hause; dort solle er hineingehen und auf eine von den beiden Bänken, die er gerade gegenüber finden würde, sich setzen; sie käme gleich hinaus und wollte dann auf der andern Platz nehmen. So geschah es. Die Schlußentscheidung ihres langen Gespräches, das immer wieder von neuen Fragen, neuen Erklärungen, neuen Ausrufen der Freude und des Staunens unterbrochen wurde, bestand darin: daß man zusammen ins Gebiet von Bergamo übersiedeln wolle, in das nämliche Dorf, wo Renzos Geschäftsglück bereits so günstig sich angelassen hatte; über die Zeit indessen ließ sich noch nichts entscheiden; sie hing von der Pest und verschiedenen andern Umständen ab. Wenn die Gefahr vorüber sei, sollte Agnese nach Hause gehen und dort Lucien oder diese sie erwarten; indessen würde Renzo zuweilen einen Gang nach Pasturo hin machen, seine Mutter zu besuchen und ihr von allem, was etwa vorfiele, Nachricht zu bringen. Um den Trost reicher, eine so teure Frau gesund und munter angetroffen zu haben, kehrte Renzo zurück. Den übrigen Tag und die Nacht brachte er im Hause seines Freundes zu; am folgenden ging es wieder auf die Reise, aber nach einer andern Seite, in das neuerwählte Vaterland hinüber. Hier traf er Bortolo in vollkommener Gesundheit an; die Furcht, sie zu verlieren, war ziemlich verschwunden; denn auch dort hatte während der wenigen Tage mit unglaublicher Schnelligkeit alles die glücklichste Wendung genommen. Die Krankheiten waren nicht mehr dieselben, das Erkranken höchst selten; man begegnete der tödlichen Mißfarbigkeit wie den gewaltsamen Zeichen des Übels nicht mehr; es bestand in einem leichten Fieber, welches größtenteils aussetzte; und zeigte sich eine kleine verfängliche Beule, so ließ sie sich wie ein gewöhnliches Blutgeschwür heilen. Auch der Anblick des Landes selbst erschien verwandelt, die Überlebenden fingen an, wieder ans Licht des Tages hervorzutreten; man stattete einander seine Beileidsbezeugungen, seine Glückwünsche ab. Schon sprach man vom Wiederbeginn der gewohnten Geschäfte; die Herren dachten daran, Arbeiter zu suchen und anzuwerben; vorzüglich in solchen Fächern wie in der Seidenspinnerei, in welchen auch vor der Landesplage schon die geschickten Hände nicht allzu häufig gewesen waren. Renzo versprach ohne lange Ziererei dem Vetter, wieder ins Geschäft einzutreten, wenn ihm und den Seinigen gestattet würde, sich im Lande niederzulassen. Indessen gab er seine Aufträge zu den nötigen Vorbereitungen; er verschaffte sich eine geräumige Wohnung, was jetzt sehr leicht und durchaus nicht kostspielig geworden, versah sie mit Gerätschaften und Hausbedarf und griff diesmal seinen Schatz an, ohne jedoch eine große Lücke hineinzureißen. Denn alles war im Überfluß vorhanden und desto wohlfeileren Preises, je furchtbarer die Pest die Bevölkerung gelichtet hatte. Endlich kehrte Renzo nach dem heimatlichen Dorfe zurück; auch dieses fand er glücklich verwandelt. Rasch ging's dann nach Pasturo, wo er Agnesen in entschlossener Stimmung fand, ihm, wann es wäre, nach Hause zu folgen. So nahm er sie gleich mit. Ihre Empfindungen, ihre Worte, da sie die teure Gegend wieder sahen, mögen unsrer Feder erlassen bleiben. Agnese traf übrigens all das ihrige im alten Zustande an und sagte, da es sich um eine arme Witwe und um ein armes Mädchen handelte, hätten die Engel des Himmels vor der Türe Wache gehalten. Und nun beeilte sie sich, ihr armes Häuschen für Lucien und jene Witwe, die sie begleiten und ausstatten wollte, so anständig wie möglich einzurichten; dann suchte sie sich Seide zum Spulen zu verschaffen und täuschte mit ihrer Haspel sich über die Zeit der Erwartung hinweg. Auch Renzo legte während dieser Tage, deren Stunden für ihn freilich weit mehr als sechzig Minuten hatten, die Hände nicht in den Schoß; er verstand zum Glück zweierlei Handwerk und fing wieder an, die Geschäfte eines Landmannes zu betreiben. Teils ging er arbeitsam seinem jungen Freunde zur Hand; teils bearbeitete er den Garten seiner Schwiegermutter, welcher während ihrer Abwesenheit sehr zurückgekommen war, und brachte ihn wieder zu Ehren. Um sein eigenes Besitztum kümmerte er sich gar nicht; das sei, sagte er, eine zu jämmerlich zerzauste Perücke, und es gehörten mehr als zwei Arme dazu, um sie wieder aufzustutzen. Auch nicht einmal einen Fuß setzte er in seinen Garten, noch weniger in sein Haus; es hätte ihm weh getan, die Verwüstung dort bei hellem Tage zu sehen; auch war er schon mit sich übereingekommen, alles zu verkaufen und den Erlös im neuen Vaterlande zu gebrauchen. Wenn die Menschen, welche am Leben geblieben waren, einander wie Wiederauferstandene vorkamen, so war dies bei Renzo im Auge seiner Dorf genossen doppelt der Fall; jeder kam ihm mit freudiger Aufnahme und Glückwünschen entgegen, jeder wollte die seltsame Geschichte seiner Leiden aus seinem Munde, aus der bewährtesten Quelle, hören. Die Leser aber, welche weniger als ein Verfasser zu tun, dagegen mehr zu fragen haben, stutzen hier vielleicht: Wie ging's mit der Achtserklärung? – Ganz vortrefflich. Renzo hatte den Gedanken daran beinahe ganz und gar verabschiedet; er war der Meinung, die Leute, denen die Ausführung derselben oblag, würden ebensowenig mehr daran denken, und hier schoß er nicht fehl. Daran war aber nicht bloß die Pest schuld, mittels welcher so viele andre Dinge in Rauch aufgegangen und unterblieben waren; es war, wie aus unsrer Geschichte bereits vielfach zu ersehen, in jenen Zeiten etwas sehr Gewöhnliches, daß die Verordnungen, sie mochten etwas Allgemeines oder einen einzelnen betreffen, wofern nicht die besondere Leidenschaftlichkeit eines Mächtigen, welcher sie am Leben erhielt und geltend machte, dazu trat, großenteils ohne Wirkung blieben, sobald sie dieselbe nicht im ersten Augenblick ihrer Erlassung erhalten. Es war dies eine notwendige Folge der großen Leichtigkeit, mit welcher man damals Verordnungen nach allen Seiten umherfliegen ließ. Die Tätigkeit des Menschen hat ihre Grenzen; was im Gebieten zuviel getan ward, mußte im Ausführen zu wenig geschehen. Wer in Reitstiefeln geht, kann keine Tanzschuhe an den Füßen haben. Es gibt aber noch andre Fragen, und Erzähler müssen auf eine jede gefaßt sein. Wie verhielt sich Renzo in dieser Zeit der Erwartung gegen seinen Pfarrer? Sie blieben einer vom andern in ziemlich weiter Entfernung; Don Abbondio, weil er fürchtete, etwas von einer Vermählung zu hören, und bei dem bloßen Gedanken schon in seiner Einbildung Don Rodrigo mit den furchtbaren Söldlingen auf der einen Seite, auf der andern den Kardinal mit seinen Gegengründen emporsteigen sah; Renzo, weil er entschlossen war, vor dem Augenblick der Vollziehung durchaus nicht mit dem Manne davon zu sprechen; er mochte es nicht darauf ankommen lassen, daß er mit wer weiß was für Schwierigkeiten wieder angestiegen käme und mit seinem unnützen Geschwätz die Sache aufs Neue in Verwicklung brächte. Er plauderte lieber mit Agnesen. – »Glaubt Ihr, daß sie bald kommen wird?« – »Ich hoffe, ja!« – Und wer diese Antwort gegeben, tat oft eine Stunde später jene Frage. Mit diesen und ähnlichen Täuschungsversuchen der Ungeduld bemühten sie sich, die Schwingen der Zeit in lebhaftere Bewegung zu setzen; aber diese Zeit schien an Vorgrund immer zuzunehmen, je mehr ihnen bereits hinterm Rücken lag. Der Leser ist weit besser daran. Er erlebt diese langen, langen Tage in einer einzigen Sekunde und erfährt mit wenigen Worten von uns, daß, einige Tage nach Renzos Besuch im Hospital, Lucia mit der guten Witwe es verließ. Eine allgemeine Absonderung war geboten worden; das Paar machte sie mitsammen durch und hielt sich im Hause der Witwe in Mailand verschlossen. Die Zeit verging großenteils, indem man Luciens Ausstattung besorgte, und die Braut selbst mußte Hand und Fingerhut mit anlegen. Nachdem die Tage der Absonderung vorüber waren, ging's an die Zurüstungen zur Reise. Wir geben unserm Berichte Flügel; sie reisten ab, kamen an, und so weiter – aber halt! Mit so gutherziger Bereitwilligkeit wir uns auch der Ungeduld des Lesers bequemen, so sind doch drei hierher gehörige Dinge vorhanden, welche wir bei dieser Eilfertigkeit nicht dürfen untergehen lassen; zwei derselben von der Art, daß uns selbst der Ungeduldigste ihre Übergehung mit bitterem Vorwurf verweisen möchte. Zuerst, daß Lucia, als sie mit der Witwe über ihre Abenteuer ausführlicher und ordnungsvoller, als es ihre Gemütsbewegung bei der ersten Eröffnung gestattete, wieder zu sprechen angefangen und dabei umständlicher der Edelnonne erwähnt hatte, welche im Kloster zu Monza sie unter ihren Schutz genommen, von der Witwe Nachrichten erhielt, die ihr zu vielen Geheimnissen den Schlüssel gaben und ihre Seele mit schmerzlichem, furchtvollem Erstaunen bestürzten. Die unglückliche Fürstentochter war in Verdacht gefallen, abscheuliche Taten begangen zu haben, und mußte auf Befehl des Kardinals nach einem Kloster zu Mailand gebracht werden; hier war sie nach vielem Wüten und Kämpfen in sich gegangen und klagte selbst sich an. Ihr gegenwärtiges Leben war gleichsam eine selbstauferlegte Strafe, und niemand hätte eine herbere für sie auffinden können. Wer aber über diese traurige Geschichte etwas Näheres zu erfahren wünscht, der findet sie im Buche des Ripamonti, dessen wir schon oft Erwähnung getan haben. Das zweite war, daß unsre Lucia, da sie bei allen Kapuzinern, welche sie im Hospital nur antreffen konnte, sich nach Pater Cristoforo erkundigte, mit mehr Schmerz als Verwunderung die Antwort erhielt, er sei an der Pest verschieden. Nun das dritte. Ehe sie abreiste, wollte sie gern über ihre vorige Schutzherrschaft etwas erfahren und, wie sie sagte, eine Handlung der Schuldigkeit tun, falls einer derselben noch am Leben sei. Die Witwe begleitete sie nach dem Hause, und hier erfuhren sie, daß beide Eheleute hingegangen, wohin so viele gegangen waren. Die Dame Prassede war einfach gestorben; Don Ferrante war, mit den Sternen hadernd, verschieden. Achtzehntes Kapitel. An einem schönen Abend hörte Agnese vor ihrer Türe ein Fuhrwerk stillhalten. – »Sie ist's! Kein andrer!« – Sie war's wirklich, die gute Witwe an ihrer Seite; Empfang und Grüße überlassen wir auch hier der Einbildungskraft unserer Leser. Am folgenden Morgen stellte sich Renzo, ohne von der Ankunft etwas zu ahnen, beizeiten ein und hatte keine andre Absicht, als sich über Luciens langes Ausbleiben mit einigen tüchtigen Floskeln der ärgerlichen Ungeduld gegen Agnesen auszulassen. Die Luftsprünge, die er machte, da er die Angekommene plötzlich vor sich sah, die Worte, die er sprach oder sprechen wollte, finden in diesem Kapitel gleichfalls keinen Raum. Luciens Äußerungen gegen ihn aber können in wenigen Worten mitgeteilt werden. – »Sei gegrüßt; wie geht's?« fragte sie mit gesenkten Blicken, ohne ihre Stellung zu verändern. – Glaube man nicht, daß Renzo diese Art der Begegnung zu trocken und sich dadurch etwa beleidigt fand. Er nahm die Sache ganz vernünftig, wie sie genommen werden mußte; und wie in den gebildeten Ständen die Menschen von allen Höflichkeiten den gehörigen Abzug zu machen verstehen, sah er sehr wohl ein, welch ein Nebenbegriff sich aus diesen Worten entnehmen ließ. Übrigens konnte er sehr leicht merken, daß seine Lucia zwei Regeln des Benehmens vor Augen hatte, die eine für den Bräutigam, die andre für alle Leute, mit welchen sie sonst in Bekanntschaft stand. »Mir geht's gut, wenn ich dich sehe,« antwortete der Jüngling mit einer Redensart, die nach gedruckten Büchern schmeckte, die er selbst aber in diesem Augenblick erfunden haben würde. »Unser armer Pater Cristoforo!« sagte Lucia, »bete für seine Seele, Renzo; obgleich wir so gut wie sicher sein können, daß er in diesem Augenblick schon für uns dort oben betet.« »Ich hab's gefürchtet,« sagte Renzo, »nur zu sehr hab' ich's gefürchtet.« – Und das war nicht die einzige Saite, welche in diesem Gespräch mit traurigem Tone sich hören ließ. Indessen, welchen Gegenstand es auch immer betraf, so war dennoch das Gespräch eine Lust, ein Balsam für seine harrende Ungeduld. Wie die ungebärdigen Rosse, welche, den Kopf zurückdrehend und sich aufschwingend, bald den einen, bald den andern Fuß in die Höhe heben und auf dieselbe Stelle wieder aufsetzen, tausend Bewegungen machen, ehe sie einen Schritt tun, dann aber mit einem Zug in Galopp geraten und vom Winde gleichsam getragen werden, so machte es die Zeit mit unsrem Renzo; früher dünkten ihn die Minuten Stunden, jetzt wurden die Stunden zu Minuten. Die Witwe machte nicht bloß in dem geselligen Kreise keine Störung, sie paßte sogar ganz vortrefflich hinein. Als Renzo sie im Hospital auf dem Bette liegen sah, hätte er nimmermehr erraten, daß sie eine so umgängliche und fröhliche Laune besaß. Aber ein Hospital und eine Spazierfahrt, der Tod und eine Hochzeit sind freilich ganz verschiedene Dinge. Mit Agnesen ging sie im Augenblick Freundschaft ein; sie mit Lucien zu sehen, war eine Freude; zärtlich und scherzhaft zugleich hechelte sie das Mädchen lustig durch, übertrieb aber ihre Stichelreden nicht und ließ den freundschaftlichen Spott bloß ihre Bewegungen und ihre Worte beleben. Renzo sagte endlich, er gehe zu Don Abbondio, um mit ihm sich über die Vermählung zu verabreden. Er tat's auch sogleich. – »Herr Pfarrer,« sagte er mit der Miene scherzender Ehrerbietung, »hat sich wohl endlich der Kopfschmerz, um dessentwillen Sie uns nicht trauen konnten, bei Ihnen verloren? Jetzt ist's Zeit, die Braut ist da, und ich stehe hier vor Ihnen, um zu hören, wann's Ihnen gelegen ist; aber diesmal möcht' ich Sie denn doch bitten, die Sache ein bißchen rasch abzumachen.« Don Abbondio ließ es sich nicht gerade merken, daß er nicht wollte; indessen fing er an zu zaudern, brachte verschiedene Entschuldigungen zum Vorschein und suchte sich aus dem Handel zu ziehen. Er sehe nicht ein, gab er zu verstehen, warum Renzo sich so vor die Scheibe hinstelle und bei der Acht auf dem Kopfe seinen Namen mit Gewalt auf neuen Verordnungen lesen wolle; die Sache könnte ebensogut wo anders geschehen; kurz, einem Don Abbondio fehlte es in Sachen der Furcht an Ausflüchten nicht so leicht. »Versteh,« sagte Renzo. »'s ist noch immer was von dem Kopfschmerz bei Ihnen zurückgeblieben. Aber hören Sie, Herr Pfarrer.« – Und nun beschrieb er ihm den Zustand, in welchem er den armen Don Rodrigo gesehen. – »Seine Stunde,« schloß er, »hat in diesem Augenblick sicherlich schon geschlagen; wir wollen hoffen, daß der Herr in seiner Barmherzigkeit ihn gnädig zu sich genommen hat, Herr Pfarrer.« »Das hat hiermit nichts zu schaffen,« erwiderte Don Abbondio. »Hab' ich's Euch denn etwa abgeschlagen? Ich sage nicht nein; ich spreche ... ich spreche aus guten Gründen. Übrigens bedenkt, solange der Mensch noch einen Atemzug tut ... Seht mich an, ich bin ein hinfälliger alter Mann, bin auch schon mehr jenseits als hier auf Erden gewesen, und jetzo steh' ich aufrecht, und ... wenn mir dergleichen schlimme Geschichten nicht auf den Hals kommen, genug, so kann ich hoffen, noch ein paar Jahre mich bei warmem Blute zu erhalten. Nun stellt Euch gewisse starke Naturen vor ... Aber, wie gesagt, das hat hiermit nicht das geringste zu schaffen.« Nach einem weiteren Gespräche, welches weder mehr noch weniger entschied, machte Renzo seinen höflichen Kratzfuß, ging zu seiner Gesellschaft zurück und stattete Bericht ab. – »Ich bin weggegangen,« sagte er, »weil ich das Herz voll hatte, und mocht' es nicht darauf ankommen lassen, die Geduld zu verlieren und in ein böses Wort auszubrechen. Bei manchen Worten sah er ganz wie der alte aus; ganz dieselbe Hasenfüßigkeit, dieselben ungewaschenen Ausreden; ich bin gewiß, wenn's noch etliche Minuten länger gedauert hätte, wär' er mir wieder mit ein paar lateinischen Brocken gekommen. Ich merk', daß die Sache sich noch einmal in die Länge ziehen will; besser, wir machen's geradeswegs, wie ich gesagt habe, gehen hin und lassen uns da trauen, wo wir zu leben und zu wohnen gedenken.« »Wißt ihr, was wir tun wollen?« sprach die Witwe. »Wir Frauen wollen hingehen und auch einmal die Probe machen; vielleicht wissen wir ihn bei der rechten Schleife zu fassen. So hab' ich zugleich das Vergnügen, den Mann kennenzulernen, und kann mich überzeugen, ob er so ein jämmerlicher Kauz ist, wie Ihr sagt. Nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Weg und lassen ihn so geschwind nicht wieder aus dem Garn.« – Und so geschah es. Da sind sie! sagte Don Abbondio zu sich selbst. Indessen griff er zu einem freundlichen Gesichte; freute sich über die Maßen mit Lucien, begrüßte Agnesen und stattete der Fremden seine Artigkeiten ab. Nachdem er ihnen Stühle angeboten, vertiefte er sich in ein breites Gespräch über die Pest. Von Lucien ließ er sich sagen, wie sie unter all dem Elend dort sie überstanden habe. Nachher verbreitete sich Don Abbondio, wie billig, auch über seine Stürme; zugleich erlabte er sich höchst freundschaftlich an Agnesens Anblick, welche die schlimme Zeit unangegriffen durchgemacht hatte. Die Sache zog sich in die Länge. Schon vom ersten Augenblick an hatten die beiden älteren Frauen eine Gelegenheit erspäht, auf die Hauptsache zu kommen; endlich brach eine von beiden die Gelegenheit vom Zaun. Aber was half's? Auf dem Ohr hörte Don Abbondio nicht. Er hütete sich wohl, ein Nein zum Vorschein zu bringen; aber ehe man sich's versah, hatte er wieder seine Ausflüchte, seine abspringenden Wendungen bei der Hand. »Man müßte ihm diese Acht vom Halse schaffen können,« sagte er. »Sie, liebe Frau, sind aus Mailand, werden mehr oder weniger den Faden der Dinge kennen, werden gute Fürsprache haben, irgendeinen Edelmann von Gewicht; damit heilt sich jede Wunde. Und wenn man den kürzesten Weg wählen wollte, ohne sich in so viele Geschichten einzulassen, da die jungen Leute und unsre Agnese hier die Absicht haben, aus der Heimat auszuwandern – und das Vaterland ist freilich da, wo's einem gut geht –, so sollte ich meinen, es ließe sich dort alles weit besser abmachen; dort hat keine Acht was zu sagen. Ich sehe wahrhaftig die Stunde noch nicht, wo sich diese Verheiratung bewerkstelligen läßt, und doch wollt' ich gern, daß sie abgemacht würde, aber in Ruh' und Frieden. Ich will die Wahrheit gestehen; hier, da die Achtserklärung noch in vollkommener Gültigkeit ist, den Namen Lorenzo Tramaglino vorm Altar aussprechen, ich könnt's nicht mit ruhigem Herzen. Ich wünsch' ihm alles Gute, aber ich müßte fürchten, ihm einen schlimmen Dienst damit zu tun. Sehen Sie, seht ihr, Kinder?« Agnese und die Witwe machten sich nun mit Eifer an die Bekämpfung dieser Gründe. Don Abbondio stellte sie unter einer andern Gestalt wieder ins Feld; man blieb immer beim Anfang. Plötzlich aber trat Renzo ein, schritt rasch vorwärts und hatte eine Nachricht im Gesichte. – »Der Herr Marchese*** ist angekommen!« sagte er. »Was soll das heißen?« fragte Don Abbondio und stand auf. »Angekommen, wo?« »In seinem Schlosse, das sonst dem Don Rodrigo gehörte. Denn dieser Herr Marchese ist sein Erbe, wie sie sagen. So läßt sich also nicht mehr zweifeln. Ich, für mein Teil, es sollte mir lieb sein, wenn ich erfahren tät', daß der arme Mann noch wie ein guter Christ gestorben ist. Auf jeden Fall hab' ich bis jetzt Paternoster für ihn gebetet und will's an De profundis nicht fehlen lassen. Dieser Herr Marchese soll ein wackerer Mann sein, hab' ich mir sagen lassen.« »Gewiß,« sagte Don Abbondio, »ich hab' ihn verschiedentlich als einen sehr rechtschaffenen Herrn, als einen Mann von altem Schrot und Korn rühmen hören. Aber ob's wirklich wahr sein sollte ...« »Gauben Sie's dem Küster?« »Warum?« »Der hat ihn mit eigenen Augen gesehen.« »Wir wollen ihn hören,« sagte Don Abbondio. Renzo rief den Küster, den er gleich mitgebracht hatte. Dieser bestätigte die Nachricht in allen Punkten, fügte noch einige besondere Umstände hinzu, löste alle Zweifel und trat dann ab. »Ach! er ist also tot! rein tot!« rief Don Abbondio. »Ihr seht, Kinder, wie die Vorsehung am Ende gewisse Menschen faßt, 's ist 'ne große Sache, müßt ihr wissen, 'ne große Erleichterung für das arme Land hier! Denn mit dem ließ sich gar nicht auskommen. Die Pest ist 'ne große Plage gewesen, sie war aber auch ein mächtiger Kehrbesen; hat Menschen weggefegt, denen es sonst gar nicht eingefallen wäre. Wir werden ihn nicht mehr mit den Fleischerhunden hinter sich herumstreichen sehen, mit dem Eigendünkel, mit der hochgetragenen Nase, als hätt' er eine Stange im Leibe getragen, mit dem verächtlichen Blick auf die Leute, als wenn alle auf Erden nur zu seinem Gebote da wären. Und jetzt ist er nicht mehr, und wir stehen hier. Nun wird er rechtschaffenen Leuten nicht mehr dergleichen Gesandtschaften zuschicken. Er hat uns allen, seht ihr, verdrießlich zu schaffen gemacht; jetzt darf's einer ja sagen.« »Und ich hab' ihm von Herzen vergeben,« sagte Renzo. »Hast recht, 's war deine Schuldigkeit,« entgegnete Don Abbondio. »Man kann aber auch dem Himmel danken, daß er uns die böse Nachbarschaft vom Halse genommen hat. Jetzt, um wieder auf euch zu kommen, tut, was ihr für gut haltet. Wollt ihr, daß ich euch traue, hier bin ich; deucht's euch anderwärts bequemer, wie ihr meint. Was die Acht anlangt, im Grunde genommen ist keiner mehr vorhanden, der Euch im Auge hat und Euch was anhaben will, das seh' ich jetzt auch ein; man braucht sich's also nicht sehr zu Herzen gehen zu lassen; zumal da in der Zwischenzeit das gnädige Dekret, wegen der Geburt der allerdurchlauchtigsten Infanten, herausgekommen ist. Und hernach die Pest! Die hat gar großen Dingen Flügel gegeben! Wenn Ihr also wollt, heute ist Donnerstag, Sonntag werd' ich Euch in der Kirche aufbieten; und indessen, wißt Ihr, was mir indessen als das Beste einfällt? Indessen wollen wir um Erlassung für die beiden andern Male einkommen. Sie müssen da unten in der Kurie alle Hände voll mit Erlassungsscheinen zu tun haben, wenn's allerorten so zugeht wie hier. Für Sonntag hab' ich schon übrigens einen, zwei, drei, ohne Euch mitzurechnen, und 's kann noch ein anderer dazu kommen. Einer nach dem andern, werdet Ihr sehen, 's geht rasch wie ein Wetter, jeder Bräutigam soll seine Braut angetraut kriegen. Hat einen dummen Streich gemacht, Perpetua, gerade jetzt zu sterben; heut ist der Markt, wo sich auch für sie ein Käufer fände, Und in Mailand, werte Frau, denk' ich mir, geht's ebenso zu.« »Ganz ebenso,« antwortete die Witwe. »Stellen Sie sich vor, Herr Pfarrer, in meinem Kirchspiel allein vergangenen Sonntag fünfzig Paare!« »Wie ich sage; die Welt hat keine Lust auszusterben. Und Ihnen, liebe Frau, ist Ihnen nicht auch so ein Buttervogel um die Nase geflattert?« »Nein, nein, ich denk' nicht dran, will nicht dran denken.« »Ei ja,« sagte Don Abbondio, »Sie werden die einzige sein wollen! Auch Agnese, sehen Sie, auch Agnese ...« »Hu,« rief diese, »Sie haben Lust zu scherzen.« »Freilich hab' ich Lust zu scherzen, und ich denke, es ist endlich einmal Zeit dazu. Haben wir nicht verdammte Geschichten auszuhalten gehabt, ihr jungen Leute? Ganz abscheuliche; die paar Tage also, die wir noch hier zu leben haben, werden sich, wollen wir hoffen, weniger traurig machen. Aber ihr seid glücklich dran; tritt kein neues Unglück ein, so habt ihr 'ne hübsche Strecke Zeit vor euch, um von vergangenen Trübsalen zu reden. Ich armer alter Mann ... die Schurken können sterben, von der Pest kann einer wieder gesund werden; gegen die Jahre aber gibt's kein Mittel; wie's Sprichwort sagt: senectus ipsa est morbus .« »Jetzt,« sagte Renzo, »können Sie so viel Latein sprechen, wie Sie wollen; 's kann mir nicht mehr schaden.« »Du kannst noch immer das Latein nicht verdauen! Wart', ich will dich schon kriegen! Wenn du mit der da vor mich hertreten wirst, um gerade gewisse lateinische Worte zu hören, werd' ich zu dir sprechen: Latein magst du nicht, geh mit Gott! – He?« »Ei, ich weiß schon, was ich sage,« rief Renzo. »Das Latein dort macht mir keine Furcht; das ist ein aufrichtiges heiliges Latein, wie's in der Messe vorkommt; Sie müssen 's ja dort auch lesen, wie 's im Buch geschrieben steht. Ich mein' aber das verwünschte Latein außerhalb der Kirche, das in ein rechtschaffenes Gespräch wie ein Spitzbube sich hineinschleicht; zum Beispiel – wir sind ja doch hier ganz guter Dinge, und aller Spuk ist vorbei – das Latein, mit dem Sie angestiegen kamen, just hier, in der Ecke, um mir zu bedeuten, Sie könnten nicht, es gehörten andre Dinge dazu, und was weiß ich – sagen Sie mir's jetzt einmal in verständlicher Sprache.« »Schweig, Narr, schweig, und rühr' nicht daran. Wenn wir jetzt die Rechnung ziehen wollten, so weiß ich nicht, wer schlimm dabei wegkäme. Ich hab' alles verziehen; wir wollen weiter nicht davon reden. Streiche habt ihr gemacht. Von dir nimmt's mich gar nicht wunder, du bist der Spitzbube; das stille Wasser aber hier, die kleine Heilige, wer hätte geglaubt, daß man sich auch vor der in acht nehmen muß? Ich kenn' sie aber, ich hab' sie unterrichtet, ich kenn' sie, die kleine Heilige!« Indem er so sprach, richtete er den Zeigefinger, womit er erst auf Lucien gedeutet hatte, auf Agnesen; die fröhliche Miene aber, die launige Gemütlichkeit, mit welcher er diese Vorwürfe losließ, mußte man sehen. Jene Nachricht hatte ihn gleichsam vom Starrfrost der Furcht gelöst und seinen Mund zu einer Redseligkeit erschlossen, die man seit mehreren Jahren nicht an ihm gewohnt war. Am folgenden Tage erhielt er einen ebenso angenehmen wie unerwarteten Besuch – der Marchese, von welchem die Rede gewesen. Es war ein Herr zwischen den Mannesjahren und dem Greisenalter, seine Gestalt gleichsam der Stempel des Rufes, in welchem er stand; offen, wohlwollend, gefällig, herablassend, würdevoll, dabei ein Anflug von ergebungsvoller Trauer. »Ich komme,« sagte er, »Sie vom Kardinal Erzbischof zu grüßen.« »O, welche Herablassung von beiden!« »Als ich Abschied von diesem unvergleichlichen Manne nahm, der mich mit seiner Freundschaft beehrt, sprach er mir von zwei Verlobten aus hiesigem Kirchsprengel, die von dem unglücklichen Don Rodrigo zu leiden gehabt haben. Monsignore wünscht Auskunft über das Paar. Sind sie am Leben? Sind ihre Umstände wieder in der alten Ordnung?« »Alles in Ordnung,« antwortete der Pfarrer. »Ich habe sogar schon an Ihre Eminenz schreiben wollen; jetzt indessen, da mir die Ehre zuteil wird ...« »Befinden sich die jungen Leutchen denn hier?« »Hier, und sobald es nur angeht, sollen sie Mann und Weib sein.« »Ich bitte Sie, Herr Pfarrer, lassen Sie mich's wissen, wenn man ihnen was Gutes tun kann, und wie sich's am schicklichsten anfangen läßt. Bei der Landesplage hab' ich die beiden einzigen Söhne, die ich hatte, verloren, und ihre Mutter dazu. Ich habe drei beträchtliche Erbschaften gemacht und bin schon vorher mehr als hinlänglich vom Himmel gesegnet worden. Sie sehen also, wenn Sie mir eine Gelegenheit verschaffen, mein Hab und Gut anzuwenden, zumal eine Gelegenheit wie diese, so tun Sie mir in der Tat einen Gefallen.« »Der Himmel schenke Ihnen seinen Segen. Denn die Herren sehen nicht alle Ihnen ähnlich. Genug, auch ich danke Ihnen für diese meine Kinder. Und sintemal Eure erlauchte Gnaden mich also ermutigen, so kann ich Ihnen, Herr, allerdings ein Mittel an die Hand geben, das Ihnen nicht mißfallen wird. Die guten Leute sind entschlossen, anderswo ihre Hütte aufzuschlagen, und wollen das bißchen Acker, das sie hier haben, verkaufen; der junge Mann hat einen Weingarten von etwa neun bis zehn Ruten, freilich ganz vernachlässigt und verwildert; man muß auf den Raum dabei sehen, auf weiter nichts; dabei ein Häuschen, desgleichen die Braut, zwei Rattenlöcher, sehen Sie. Ein Herr wie Eure Gnaden weiß nicht, wie schlimm arme Leute dran sind, wenn sie das Ihrige verkaufen wollen. Das Ende vom Lied ist immer, daß irgendein Schuft es in den Rachen bekommt, der, wenn's der Zufall so fügt, lange Zeit hindurch ein Auge auf so ein Landgütchen hat, und wenn er weiß, daß der andre verkaufen muß, zieht er sich zurück, tut, als wenn er sich anders besonnen habe; zuletzt muß der arme Verkäufer hinter ihm herlaufen und es ihm für ein Stück Brot an den Hals hängen, zumal unter Umständen wie diesen. Der Herr Marchese haben wohl schon gemerkt, wo meine Rede hinauswill. Die lohnendste Menschenliebe, die Eure erlauchte Gnaden gegen diese guten Leute bezeugen können, besteht darin, daß Sie dieselben aus dieser Verlegenheit glücklich herausziehen und das bißchen liegenden Grund kaufen.« Der Marchese gab dem Vorschlag seinen vollkommenen Beifall und bat Don Abbondio, als Schiedsrichter den Preis zu bestimmen und diesen tüchtig in die Höhe zu schrauben. Das hatte der Pfarrer erwartet; schier versteinert aber stand er, als jener vorschlug, mit ihm zusammen sofort nach dem Hause der Braut zu gehen, wo vermutlich auch der Bräutigam zu finden sei. Unterwegs machte dem Pfarrer sein Herz, das von Freude überströmte, wirklich zu schaffen; in diesem Jubel verfiel er auf einen andern Gedanken und hatte kein Bedenken, ihn mitzuteilen. – »Da Eure erlauchte Gnaden so geneigt sind, den Leuten da einen guten Tag zu machen, so wüßt' ich wohl noch eine andre Wohltat, die hier vortrefflich angebracht wäre. Der junge Verlobte hat eine Acht auf sich sitzen, eine Art von Landesverweisung, weil er in Mailand vor zwei Jahren an einem garstigen Spektakeltage sich zu laut aufgeführt hat; ein Jungenstreich, der unbesonnene Ausbruch eines Guckindiewelts; einen bösen Schritt zu tun, ist er nicht imstande, nimmermehr; ich kann's sagen, ich hab' ihn getauft, ich, und ihn heranwachsen sehen, und wenn Eure Gnaden sich die Zeit dazu nehmen wollen, so können Sie sich die Geschichte erzählen lassen und werden's dann selbst erfahren. Jetzt, da sich's um eine so alte Sache handelt, setzt ihm keiner zu, und wie ich gesagt habe, er gedenkt außer Landes zu gehen; aber mit der Zeit, wenn er einmal morgen oder übermorgen wieder zurückkommt – 's ist doch immer besser, wenn's klar und rein mit einem steht. Der Herr Marchese gelten was in Mailand, wie billig, und da Sie ein Edelmann von solcher Bedeutung, ein so ausgezeichneter Herr ... Nein, nein, lassen Sie mich reden; die Wahrheit soll zur rechten Zeit über die Lippen. Eine Empfehlung, ein Wort von Ihresgleichen ist mehr als genügend, alles glatt zu machen.« »Gibt's keine schwerere Beschuldigungen gegen den jungen Mann?« fragte der Marchese. »Ei, ich sollte nicht meinen. Sie haben ihm gleich glühende Kohlen unters Kopfkissen gelegt; jetzt aber glaub' ich, ist bloß noch die gesetzliche Formalität vorhanden.« »Wenn es sich so verhält, so soll bei der Sache sich keine Schwierigkeit finden, und ich befasse mich von Herzen gern damit.« »Und dabei wollen Eure Gnaden dennoch nicht, daß man Sie einen ausgezeichneten Herrn nennt. Ich sag' es und will es sagen; Ihnen zum Trotz nenn' ich Sie so. Und wenn ich auch schweigen wollte, so war' die Sache deswegen um nichts anders; denn es sind alle der nämlichen Meinung, und vox populi, vox Dei .« Sie fanden die beiden Witwen mit den Verlobten zusammen. Überraschung und Unbegreiflichkeit verwandelten das Zimmer plötzlich in eine Künstlerwerkstatt; vier bewegungslose Steinbilder standen da, die nackten, rauhen Wände selbst, die Vorhänge, die Tische und die Tischtücher konnten vor Erstaunen nicht zu sich kommen, da sie einen so außerordentlichen Gast über die Schwelle treten sahen. Dieser aber brachte das Gespräch in Gang, indem er mit offener Herzlichkeit und feinem Zartsinne zugleich des Kardinals und der übrigen Gegenstände Erwähnung tat. Bald kam er auf den Vorschlag. Don Abbondio wurde nochmals von ihm ersucht, den Preis zu bestimmen, und machte sich mit vielsagender Schiedsrichtermiene an den Ausspruch; nach einigem Sträuben und Ausweichen, er verstehe nicht solch Mehl zu mahlen, er könne bei solchen Dingen nur tappend sich zurechtfinden, spräche aus Gehorsam und bescheide sich der besseren Meinung eines Sachkundigen, rückte er endlich mit einer nach seinem Dafürhalten unvernünftigen Summe heraus. Der Käufer versicherte, seinerseits vollkommen zufrieden zu sein, und wiederholte, als wenn er den Pfarrer unrecht verstanden hätte, einen doppelten Preis. Er mochte durchaus von keiner Berichtigung seines Mißverständnisses hören und bog jedem Anlauf dieser Art aus, indem er die Gesellschaft auf den Tag nach der Hochzeit zu einem Mittagsmahl in seinem Palaste einlud. Dort sollte der Kauf in aller Form abgemacht werden. Ei, dachte nachher Don Abbondio in seinem Hause, wenn die Pest immer auf solche Weise zu Werke ginge, so war's meiner Seele eine Sünde, ihr ein böses Wort nachzureden. Es kam der Erlassungszettel und der Losspruch, es kam endlich der gesegnete Tag. Die beiden Verlobten gingen mit siegreicher Sicherheit nach der Kirche und wurden dort durch Don Abbondios Mund zu ewigem Bunde vermählt. Ein zweiter, weit eigentümlicherer Siegeszug war am andern Tage der Gang nach dem Palaste; dem Leser bleibt es überlassen, sich zu denken, was für Dinge den guten Leuten, da sie jene Anhöhe hinaufstiegen und durch jene Pforte gingen, durch den Kopf ziehen mußten; was sie, jeder nach seiner Sinnesweise, zu sich und ihren Begleitern sagten. Mitten in der Fröhlichkeit aber konnte sich bald dieser, bald jener der Bemerkung nicht enthalten, daß, um das Fest zu krönen, der arme Pater Cristoforo fehle. – »Er aber,« sagten sie dann, »ist gewiß noch seliger dran als wir.« Der edle Hausherr bewirtete sie aufs freigebigste. Nach der Mittagsmahlzeit wurde der Kaufvertrag von der Hand eines Rechtsgelehrten aufgesetzt. Dieser war Doktor Knotenhauer – nicht. Denn der Doktor, seine sterblichen Überreste nämlich, befanden sich bereits, wo sie sich noch heutigestags befinden, zu Canterelli. Das ist ein kleines Landgut, etwa fünfhundert Schritte oberhalb Lecco. Seitwärts sieht man eine Anhöhe, wie einen künstlich aufgeworfenen Hügel, mit einem Kreuze auf dem Gipfel. Dieser Hügel ist nichts andres als ein großer Haufe von Toten, welche jene Pest hinweggerafft hat. Die Sage spricht freilich bloß von Leuten, die an der Pest gestorben sind; sie muß aber durchaus nur diese Pest meinen, die letzte und mörderischste, deren sich unser Land erinnert. Nun ging's an ein Bündelschnüren, und alles machte sich reisefertig, das Haus Tramaglino nach dem neuen Vaterlande, die Witwe nach Mailand. Tränen, Danksagungen und Versprechen, sich zu besuchen. Nicht weniger zärtlich trennten sich Renzo und sein gastlicher Freund, und auch mit Don Abbondio ging es nicht lau ab. Die drei Leutchen hatten jederzeit an ihrem Pfarrer ehrerbietig gehangen, und auch dieser im Grunde ihnen wohlgewollt. Die verwetterten Geschichten nur hatten die gegenseitigen Empfindungen gekreuzt. Ging es den Auswanderern auch schmerzlich zu Herzen, ihre heimische Flur, ihre Berge zu verlassen? Gewiß; einen Schmerz gibt's bei solcher Trennung immer. Er muß indessen doch nicht allzu heftig gewesen sein; denn jetzt, da die beiden großen Hindernisse, Don Rodrigo und die Achtserklärung, behoben waren, hätten sie ja recht gut im Vaterlande bleiben und sich diesen Schmerz ersparen können. Doch hatten sich seit einiger Zeit alle drei schon daran gewöhnt, das Land, dahin sie gingen, als das ihrige zu betrachten. Renzo lieferte den Frauen einladende Schilderungen davon, sprach von den Vorteilen, deren sich die Arbeiter daselbst zu erfreuen hätten, und pries das gute Leben, das man drüben führte. Auch hatten sie sämtlich in dem Lande, welchem sie jetzt den Rücken zuwandten, herbe Augenblicke empfunden, und traurige Erinnerungen können uns die Gegend, an die sie mahnen, mit der Zeit entzaubern und verleiden. Und ist diese Gegend zugleich das Geburtsland, so liegt in solchen Erinnerungen vielleicht noch etwas Bittreres und Schmerzlicheres. Auch das Kind, sagt unser Manuskript, ruht gern am Busen der Amme, es sucht mit Begierde und Vertrauen die Brust, welche bisher so sorgsam ihm Nahrung gereicht; aber wenn die Amme, um es zu entwöhnen, sie mit Wermut bestreicht, zieht es die Lippe zurück, versucht wohl noch einmal, flieht aber endlich davor – es weint, doch es flieht. Was wird nun der Leser sagen, wenn er erfährt, daß Renzo, gleich nachdem sie im Bergamaskischen angekommen und in ihrer Wohnung sich eingerichtet hatten, Verdrießlichkeiten antraf? Kleinigkeiten, aber genug, um in einem glücklichen Zustande sieh empfindlich bemerkbar zu machen. Hier ist in wenigen Worten die Geschichte: Man hatte in jener Gegend lange vor ihrer Ankunft schon von Lucien gesprochen; man wußte, daß Renzo mehrere Jahre hindurch, immer treu, immer standhaft, sich um sie bemüht hatte; ein Wörtchen, das ein parteiischer Freund geäußert, mochte die Neugier geweckt haben, die junge Frau zu sehen, und so versprach man sich von ihrer Schönheit etwas ganz Außergewöhnliches. Nun weiß man, wie die Erwartung ist; leichtgläubig, an Hirngespinsten erfinderisch und zuversichtlich; bei der Erfüllung hernach mäkelsüchtig und spröde, und fast nie wird sie zufriedengestellt. Als Lucia erschien, fingen viele, die sich vielleicht eingeredet hatten, sie müsse im strengsten Sinne des Wortes goldene Locken, rosige Wangen und ein Aug' immer schöner als das andre haben, diese Leutchen fingen an, die Achseln zu zucken und die Nasen zu rümpfen. – »Das ist sie?« hieß es. »Nach so langer Zeit, nach so vielem Gerede versprach man sich ganz was andres. Und was kommt am Ende heraus? Eine Bauernfrau wie so viele andre. Solche Weiber, und wohl schönere, gibt's überall.« – Dann ließ man sich auf einzelne Bemerkungen ein; der eine entdeckte dieses, der andre jenes Gebrechen, und am Ende fehlte es auch nicht an Kennern, welche die Fremde aus Lecco durchaus häßlich finden wollten. Indessen sagte keiner dergleichen Dinge unsrem Renzo ins Gesicht; bis so weit war also kein großes Unglück dabei. Wer die Sache schlimm und den Riß weiter machte, das waren die guten Freunde, die es ihm hinterbrachten, und den jungen Ehemann wurmte es. Er fing an, mit sich darüber zu Rate zu gehen, und spann den schlimmen Faden immer weiter aus. Hin und wieder machte er sich auch wohl in einem Wörtchen Luft. – »Was geht's euch an? Wer hat euch ein Wunder erwarten geheißen? Hab' ich hier je von ihr gesprochen? Euch gesagt, daß sie schön ist? Und wenn ihr davon schwatztet, hab' ich nicht jedesmal zu verstehen gegeben, daß sie ein gutes Mädchen ist? 'ne Bauernfrau! Hab' ich je gesagt, daß ich euch 'ne Prinzessin herführen werde? Sie gefällt euch nicht? Seht sie nicht an. Ihr habt hübschere Weiber hier? Guckt nach diesen.« Man sehe aber einmal, wie eine Kinderposse bisweilen das ganze Leben eines Menschen zu entscheiden vermag. Wenn Renzo immer in dem neuen Vaterlande hätte bleiben sollen, würde es nicht gut gegangen sein. Wie man es ihm verleidet hatte, verleidete er andern seinen Umgang. Er wurde gegen jeden unhöflich, weil jeder ein Kunstrichter an seiner Lucia werden konnte. Freilich lief er nicht mit der Faust auf die Leute los; aber man weiß, wie viel ein Mensch tun kann, ohne eigentlich die Regeln der guten Höflichkeit zu beleidigen. Renzo verriet bald bei jedem Schritte eine bittere Spottlust, an einem jeden fand auch er was zu tadeln; es kam so weit, daß er, wenn es zwei Tage hintereinander schlechtes Wetter war, verdrießlich sagte: »Ein garstiges Land das!« So war er allmählich auch mit einer Anzahl von Leuten, die ihm früher wohlgewollt, auf schlimmen Fuß geraten. Mit der Zeit hätte er sich, ohne selbst einmal die erste Ursache eigentlich angeben oder die Wurzel eines so großen Übels auffinden zu können, gegen die ganze Bevölkerung vielleicht in feindseliger Verfassung befunden. Es war aber, als hätte die Pest die Verpflichtung auf sich genommen, jedes Ungemach, welches unsern Renzo traf, zu heben. Sie hatte dem Herrn einer andern Spinnerei, dicht vorm Tore von Bergamo, das Leben gekostet; der Erbe, ein junger Brausewind, dem es in dem Hause durchaus nicht behagen wollte, war entschlossen, selbst zu halbem Preise es zu verkaufen; er wünschte es, aber er verlangte, das Geld auf den Tisch hingezählt zu bekommen, damit er es sogleich nach seinem Gefallen vertun konnte. Bortolo erfuhr es und lief, sich persönlich zu überzeugen. Er unterhandelte, und ein fetterer Schnitt ließ sich nicht denken. Nur die Bedingung, auf der Stelle das Geld zu zahlen, verdarb alles; denn sein Vermögen, durch langsame Ersparungen entstanden, war dazu nicht beträchtlich genug. Er hielt also den jungen Mann hin, kehrte eilig zurück, teilte die Sache seinem Vetter mit und forderte ihn zur Gemeinschaft auf. Renzo trug kein Bedenken, er entschloß sich und sagte ja. Man ging, und der Handel ward abgemacht. Als nun die neuen Gefährten in ihrem eigenen Hause beisammen wohnten, war Lucia, welche hier nicht erwartet worden war, keinen Beurteilungen ausgesetzt und mißfiel durchaus nicht. Renzo vernahm sogar, daß mehr als einer sich hatte verlauten lassen: »Habt Ihr die schöne Frau gesehen, die hier angekommen ist?« Die Verdrießlichkeiten im vorigen Wohnorte gereichten ihm selbst zur guten Lehre. Früher war er in seinen Meinungen ziemlich vorlaut gewesen und mochte gern die Frauen andrer, oder was sie sonst besaßen, tadeln. Jetzt begriff er, daß die Worte im Munde ganz anders als im Ohre schmecken, und hörte daher seine Rede, ehe er sie vorbrachte, immer erst ein wenig ab. Die Geschäfte gingen ganz vortrefflich. Anfangs gab's einige Verlegenheit; es fanden sich wenig Arbeiter, und diese wenigen machten manchmal unbillige Forderungen. Bald erschienen indessen Verordnungen, welche den Lohn der Arbeiter festsetzten; dadurch kam alles ins alte Geleise, wie es am Ende immer der Fall sein muß. Auch erschien von Venedig ein neues Gebot: die eingewanderten Ausländer sollten auf zehn Jahre von allen Steuern und persönlichen Pflichten befreit bleiben. – Für unsre Leutchen ein neues Glückslos. Bevor noch das erste Jahr der Ehe zu Ende ging, kam ein holdes Geschöpfchen zur Welt, und als hätt' es ausdrücklich sich so gefügt, um Renzos Versprechen zu erfüllen, war's ein Mädchen. Es erhielt also den Namen Maria. Dem ersten folgten mehrere; Agnese hatte alle Hände voll zu tun, sie herumzutragen, Taugenichtse zu heißen und ihnen manchen derben Schmatz aufzudrücken, der lange Zeit eine weiße Spur hinterließ. Die Kinder hatten alle einen guten Hang; Renzo bestand ernstlich darauf, daß sie lesen und schreiben lernten; »denn da doch einmal die Schurkerei,« sagte er, »just hierin besteht, sollen sie auch damit umzugehen wissen.« Eine Lust war's, ihn seine Abenteuer erzählen zu hören. »Ich habe gelernt,« schloß er gewöhnlich, »mich in keine Händel einzulassen, keine Predigt auf offenem Platz mehr zu halten, nicht mehr als nötig zu trinken und nicht mit dem Klopfer in der Hand an der Türe zu stehen, wenn Hitzköpfe in der Nähe sind; ich werde mich künftig hüten, mir eine Klingel an die Füße zu binden, ohne vorher zu bedenken, was daraus entstehen kann.« – Und hundert andre Dinge der Art. Lucia dagegen fand diese Lehren nicht gerade an sich falsch, war aber damit nicht befriedigt; es schien ihr etwas daran zu fehlen. Da sie nun dasselbe Lied oft singen hörte und jedesmal darüber nachdachte, sagte sie einst zu ihrem ehelichen Sittenprediger: »Und ich, was hab' ich gelernt? Ich habe die Leiden nicht aufgesucht, sie haben mich gefunden; wenn du nicht etwa sagen willst,« fügte sie lächelnd hinzu, »mein Mißgriff habe darin bestanden, daß ich dir wohlwollte und mich dir versprochen habe.« Renzo wußte mit der Sache nicht ins reine zu kommen. Nach langem Suchen und Reden verständigten sich endlich beide darüber, daß das Unglück oft sich einstellt, weil der Mensch ihm die Gelegenheit gibt; daß aber auch das vorsichtigste und unschuldigste Benehmen nicht immer gegen dasselbe schützt; die Leiden mögen indessen mit oder ohne eigene Schuld daherziehen, das Vertrauen in Gott mildert sie und macht sie zu einem besseren Leben brauchbar. Diese Folgerung, wenn auch nur von ungebildeten Leuten herausgebracht, dünkte uns so passend, daß wir sogleich darauf bedacht waren, sie als die Quintessenz unserer ganzen Geschichte hierherzusetzen. Hat diese Geschichte euch leidlich gemundet, ihr Leser, so meint es mit dem Anonymus und zugleich ein wenig mit seinem Nacherzähler gut. Sollte sie euch aber gelangweilt haben, so seid überzeugt, daß es gegen unsre Absicht geschehen ist. Ende. Nachwort des Herausgebers Der vorliegenden Neuausgabe von Manzonis »Die Verlobten« liegt die erste deutsche Übersetzung des Werkes zugrunde, die kurz nach dem Erscheinen des Originals (vgl. die Einleitung, S. 6, Anmerkung) 1827 erschien. Sie stammt aus der Feder von Daniel Lessmann (1794 –1831), der, Historiker und Dichter, auch sonst in der deutschen Literatur als kenntnisreicher, talentvoller Schriftsteller bekannt ist. Wir haben mit Bedacht diese älteste Übersetzung neueren deutschen vorgezogen. Sie scheint uns in ihrer Sprache dem Stil des Originals am nächsten zu kommen, was kaum wundernehmen kann, da sie ja fast in der gleichen Zeit wie dieses entstanden ist. Schon in dieser Gleichzeitigkeit liegt ein hoher Reiz, der noch dadurch erhöht wird, daß der Stil der Übersetzung von klassischem Gepräge ist. Es ist die Sprache der Zeit des alten Goethe, der den Roman so eingehend gelesen und so sehr bewundert hat (vgl. Einleitung, S. 8). Mag diese Sprache zunächst etwas breit und langatmig erscheinen, man wird sich bald darin eingelesen haben und ihre Schönheiten empfinden. Wir haben uns daher nicht für befugt gehalten, in ihr inneres Gefüge durch zu viele Modernisierungen störend einzugreifen. Dagegen schien es uns nötig, die manchmal allzu weit auseinandergezogene Handlung etwas zu straffen, maßvoll zu kürzen, ohne dem Ganzen des Kunstwerkes Wesentliches zu nehmen. Von größeren Episoden sind z. B. gestrichen worden die Beschreibung der Hungersnot in Mailand, die der Pest vorangeht, die nähere Beleuchtung von Don Ferrantes und Dame Prassedes Charakteren, eine Lebensbeschreibung des Kardinals Federigo Borromeo und manche Einzelzüge aus der historischen Beschreibung der Pest (im Kapitel 12 des zweiten Teiles), zu deren Kürzung schon Goethe geraten hat. Im übrigen sind nur nebensächliche Züge gekürzt worden. Wir hoffen, daß dieses Verfahren Billigung bei allen findet, die das prachtvolle Werk einem modernen Leserkreis, und zwar dem deutschen, wieder nahebringen möchten. Dr. H. T.