Friedrich Wilhelm Nietzsche Wir Philologen Gedanken und Entwürfe zu der Unzeitgemäßen Betrachtung   Aus dem Nachlaß (1874/75) I. Erste Gedanken. (Herbst 1874.)   Die Muschel ist inwendig krumm, außen rauh; wenn sie beim Blasen brummt, dann erst bekommt man die rechte Achtung vor ihr. (Ind. Sprüche ed. Böhtlingk I. 335.) Ein häßlich anzusehendes Blasinstrument: es muß erst geblasen werden.   100. Wie wenig Vernunft, wie sehr der Zufall unter den Menschen herrscht, zeigt das fast regelmäßige Mißverhältniß zwischen dem sogenannten Lebensberufe und dem ersichtlichen Nichtberufensein: die glücklichen Fälle sind Ausnahmen wie die glücklichen Ehen, und auch diese werden nicht durch Vernunft herbeigeführt. Der Mensch wählt den Beruf, wo er noch nicht fähig zum Wählen ist; er kennt die verschiedenen Berufe nicht, er kennt sich selbst nicht; er verbringt seine thätigsten Jahre dann in diesem Berufe, verwendet all sein Nachdenken darauf, wird erfahrener; erreicht er die Höhe seiner Einsicht, dann ist es gewöhnlich zu spät, um etwas Neues zu beginnen, und die Weisheit hat auf Erden fast immer etwas Altersschwaches und Mangel an Muskelkraft an sich gehabt. Die Aufgabe ist meistens die, wieder gut zu machen, ungefähr zurechtzulegen, was in der Anlage verfehlt war; Viele werden erkennen, daß der spätere Theil des Lebens eine Absichtlichkeit zeigt, die aus ursprünglicher Disharmonie entstanden ist; es lebt sich schwer. Am Ende des Lebens ist man's aber doch gewohnt – dann kann man sich über sein Leben irren und seine Dummheit loben: bene navigavi cum naufragium feci , und gar ein Preislied auf die »Vorsehung« anstimmen. 101. Ich frage nun nach der Entstehung des Philologen und behaupte der junge Mensch kann gar nicht wissen, wer Griechen und Römer sind, er weiß nicht, ob er zu ihrer Erforschung sich eignet, und erst recht nicht, inwiefern er sich mit diesem Wissen zum Lehrer eignet. Das was ihn also bestimmt, ist nicht Einsicht in sich und seine Wissenschaft, sondern a) Nachahmung, b) Bequemlichkeit, dadurch, daß er forttreibt, was er auf der Schule trieb, c) allmählich auch die Absicht auf Broterwerb. Ich meine, 99 von 100 Philologen sollten keine sein. 102. Strengere Religionen fordern, daß der Mensch seine Thätigkeit nur als ein Mittel eines metaphysischen Planes verstehe: eine mißlungene Wahl des Berufes läßt sich dann als Prüfung des Individuums zurechtlegen. Religionen nehmen nur das Heil des Individuums in's Auge: ob der nun Sklave oder Freier, Kaufmann oder Gelehrter ist, sein Lebensziel liegt nicht in seinem Berufe, und deshalb ist eine falsche Wahl kein großes Unglück. Dies diene dazu, die Philologen zu trösten: aber nackte Einsicht für die echten Philologen: was wird aus einer Wissenschaft, die von solchen 99 betrieben wird? Diese eigentlich ungeeignete Majorität legt sich die Wissenschaft zurecht und stellt an sich die Forderung nach den Fähigkeiten und Neigungen der Majorität: sie tyrannisirt damit den eigentlichen Befähigten, jenen Hundertsten. Hat sie die Erziehung in den Händen, so erzieht sie bewußt oder unbewußt nach dem eignen Vorbild: was wird da aus der Classicität der Griechen und Römer? Zu beweisen: Das Mißverhältniß zwischen Philologen und den Alten. Die Unfähigkeit der Philologen, mit Hülfe der Alten zu erziehen . Die Fälschung der Wissenschaft durch die (Unfähigkeit der) Majoritäten, die falschen Anforderungen, Verleugnung der eigentlichen Ziele dieser Wissenschaft 103. Dies betrifft Alles die Genesis des jetzigen Philologen : skeptisch melancholische Stellung. Aber wie sind sonst Philologen entstanden? Nachahmung des Alterthums: ob nicht ein endlich widerlegtes Princip? Flucht aus der Wirklichkeit zu den Alten: ob dadurch nicht die Auffassung des Alterthums gefälscht ist? 104. Eine Art der Betrachtung ist noch zurück: zu begreifen , wie die größten Erzeugnisse des Geistes einen schrecklichen und bösen Hintergrund haben; die skeptische Betrachtung: als schönstes Beispiel des Lebens wird das Griechenthum geprüft. So wie der Mensch zu seinem Lebensberufe steht, skeptisch-melancholisch, so sollen wir uns zu dem höchsten Lebensberufe eines Volkes stellen: um zu begreifen , was Leben ist. 105. Mein Trost gilt besonders auch den tyrannisirten Einzelnen: diese mögen einfach alle jene Majoritäten wie ihre Hülfsarbeiter behandeln, und ebenso mögen sie sich das Vorurtheil, das noch zu Gunsten des classischen Unterrichts verbreitet ist, zu Nutze machen; sie brauchen viele Arbeiter. Sie haben aber unbedingte Einsicht in ihre Ziele nöthig. 106. Die Philologie als Wissenschaft um das Alterthum hat natürlich keine ewige Dauer, ihr Stoff ist zu erschöpfen. Nicht zu erschöpfen ist die immer neue Accommodation jeder Zeit an das Alterthum, das sich daran Messen. Stellt man dem Philologen die Aufgabe, seine Zeit vermittelst des Alterthums besser zu verstehen, so ist seine Aufgabe eine ewige. – Dies ist die Antinomie der Philologie: man hat das Alterthum thatsächlich immer nur aus der Gegenwart verstanden – und soll nun die Gegenwart aus dem Alterthum verstehen? Richtiger: aus dem Erlebten hat man sich das Alterthum erklärt, und aus dem so gewonnenen Alterthum hat man sich das Erlebte taxirt , abgeschätzt. So ist freilich das Erlebniß die unbedingte Voraussetzung für einen Philologen – das heißt doch: erst Mensch sein, dann wird man erst als Philolog fruchtbar sein. Daraus folgt, daß ältere Männer sich zu Philologen eignen, wenn sie in der erlebnißreichsten Zeit ihres Lebens nicht Philologen waren. Überhaupt aber: nur durch Erkenntniß des Gegenwärtigen kann man den Trieb zum classischen Alterthum bekommen. Ohne diese Erkenntniß – wo sollte da der Trieb herkommen? Wenn man zusieht, wie wenige Philologen es außer denen, die davon leben, giebt, kann man schließen, wie es im Grunde mit diesem Triebe zum Alterthum steht, er existirt fast nicht , denn es giebt keine uneigennützigen Philologen. So ist die Aufgabe zu stellen: der Philologie ihre allgemein erziehende Wirkung zu erobern! Mittel : Beschränkung des Philologenstandes, zweifelhaft, ob die Jugend damit bekannt zu machen. Kritik des Philologen. Die Würde des Alterthums: sie sinkt mit euch: wie tief müßt ihr gesunken sein, da es diese Würde jetzt so wenig hat! 107. Ein großer Vortheil für einen Philologen ist, daß seine Wissenschaft soviel vorgearbeitet hat, um sich in den Besitz der Erbschaft setzen zu können, wenn er es vermag – nämlich die Abschätzung der ganzen hellenischen Denkart vorzunehmen. So lange man im Einzelnen herumarbeitete, leitete eine Verkennung der Griechen; die Stufen dieser Verkennung sind zu bezeichnen: Sophisten des zweiten Jahrhunderts, die Philologen-Poeten der Renaissance, der Philologe als Schullehrer der höheren Stände (Goethe-Schiller). Urtheilen ist am schwierigsten. Wie ist wohl einer am geeignetsten zu dieser Schätzung ? – Jedenfalls nicht dann, wenn er zum Philologen abgerichtet wird wie jetzt. Zu sagen, in wiefern die Mittel hier den letzten Zweck unmöglich machen. – Also der Philolog selbst ist nicht das Ziel der Philologie. – 108. Die meisten Menschen halten sich offenbar für gar keine Individuen ; das zeigt ihr Leben. Die christliche Forderung, daß Jeder seine Seligkeit und diese allein im Auge habe, hat als Gegensatz das allgemeine menschliche Leben, wo Jeder nur als ein Punkt zwischen Punkten lebt, nicht nur ganz und gar Resultat früherer Geschlechter, sondern auch nur im Hinblick auf kommende lebend. Nur bei drei Existenzformen bleibt der Mensch Individuum: als Philosoph, als Heiliger und Künstler. Man sehe nur, womit ein wissenschaftlicher Mensch sein Leben todtschlägt: was hat die griechische Partikellehre mit dem Sinn des Lebens zu thun? – So sehen wir auch hier, wie zahllose Menschen eigentlich nur als Vorbereitung eines wirklichen Menschen leben: zum Beispiel die Philologen als Vorbereitung des Philosophen, der ihre Ameisenarbeit zu nutzen versteht, um über den Werth des Lebens eine Aussage zu machen. Freilich ist, wenn es keine Leitung giebt, der größte Theil jener Ameisenarbeit einfach Unsinn und überflüssig. 109. Außer der großen Zahl unbefähigter Philologen giebt es nun umgekehrt eine Zahl von geborenen Philologen, welche durch irgendwelche Umstände verhindert sind, welche zu werden. Das wichtigste Hinderniß aber, welches diese geborenen Philologen abhält, ist schlechte Repräsentation der Philologie durch die unberufenen Philologen. Leopardi ist das moderne Ideal eines Philologen, die deutschen Philologen können Nichts machen. (Voß ist zu studiren dazu!) 110. Man denke sich, wie anders eine Wissenschaft sich fortpflanzt, wie anders eine specielle Begabung in einer Familie. Eine leibliche Fortpflanzung der einzelnen Wissenschaft ist etwas ganz Seltenes. Ob die Söhne von Philologen wohl leicht Philologen werden? Dubito . So entsteht keine Accumulation philologischer Fähigkeiten, wie etwa in Beethoven's Familie von musikalischen Fähigkeiten. Die meisten fangen von vorn an: und zwar durch Bücher vermittelt, nicht durch Reisen u. s. w. Wohl aber Erziehung. 111. Die meisten Menschen sind offenbar zufällig auf der Welt: es zeigt sich keine Notwendigkeit höherer Art in ihnen. Sie treiben dies und das, ihre Begabung ist mittelmäßig. Wie sonderbar! Die Art, wie sie nun leben, zeigt, daß sie selbst Nichts von sich halten, sie geben sich preis, indem sie sich an Lumpereien wegwerfen (seien das nun kleinliche Passionen oder Quisquilien des Berufs). In den sogenannten »Lebensberufen«, welche Jedermann wählen soll, liegt eine rührende Bescheidenheit der Menschen: sie sagen damit, wir sind berufen unseresgleichen zu nützen und zu dienen; und der Nachbar ebenfalls und dessen Nachbar auch; und so dient Jeder dem Andern, Keiner hat seinen Beruf, seiner selbst wegen dazusein, sondern immer wieder Anderer wegen; so haben wir eine Schildkröte, die auf einer andern ruht und diese wieder auf einer und so fort. Wenn Jeder seinen Zweck in einem Andern hat, so haben Alle keinen Zweck in sich, zu existiren ; und dies » für einander existiren « ist die komischste Komödie. 112. Die Eitelkeit ist die unwillkürliche Neigung, sich als Individuum zu geben, während man keines ist; das heißt: als unabhängig, während man abhängt. Die Weisheit ist das Umgekehrte: sie giebt sich als abhängig, während sie unabhängig ist. 113. Die Hadesschatten des Homer – welcher Art von Existenz sind sie eigentlich nachgemalt? Ich glaube, es ist die Beschreibung des Philologen ; es ist besser Tagelöhner sein, als so eine blutlose Erinnerung an Vergangnes –. 114. Die Stellung des Philologen zum Alterthum ist entschuldigend oder auch von der Absicht eingegeben, das was unsre Zeit hochschätzt, im Alterthum nachzuweisen. Der richtige Ausgangspunkt ist der umgekehrte: nämlich von der Einsicht in die moderne Verkehrtheit auszugehn und zurückzusehn – vieles sehr Anstößige im Alterthum erscheint dann als tiefsinnige Notwendigkeit. Man muß sich klar machen, daß wir uns ganz absurd ausnehmen, wenn wir das Alterthum vertheidigen und beschönigen: was sind wir! 115. Es ist eine falsche Auffassung zu sagen: immer gab es eine Kaste, welche die Bildung eines Volkes verwaltete: folglich sind die Gelehrten nöthig. Denn die Gelehrten haben eben nur das Wissen um die Bildung (selbst dies nur besten Falls). Es wird wohl auch unter uns gebildetere Menschen geben, schwerlich eine Kaste; aber diese können sehr Wenige sein. 116. Ein großer Werth des Alterthums liegt darin, daß seine Schriften die einzigen sind, welche moderne Menschen noch genau lesen . Überspannung des Gedächtnisses – sehr gewöhnlich bei Philologen, geringere Entwicklung des Urtheils. 117. Die Beschäftigung mit vergangnen Cultur-Epochen Dankbarkeit? Um sich die gegenwärtigen Culturzustände zu erklären, sehe man rückwärts: zu panegyrisch gegen unsere Zustände wird man gewiß nicht, vielleicht muß man es aber thun, um nicht zu hart gegen uns selbst zu sein. 118. Wer keinen Sinn für das Symbolische hat, hat keinen für das Alterthum: diesen Satz wende man auf die nüchternen Philologen an. 119. Mein Ziel ist: volle Feindschaft zwischen unserer jetzigen »Cultur« und dem Alterthume zu erzeugen. Wer der Ersten dienen will, muß das Letztere hassen . 120. Ein sehr genaues Zurückdenken führt zu der Einsicht, daß wir eine Multiplikation vieler Vergangenheiten sind: wie könnten wir nun auch letzter Zweck sein? Aber warum nicht? Meistens aber wollen wir's gar nicht sein, stellen uns gleich wieder in die Reihe, arbeiten an einem Eckchen und hoffen, es werde für die Kommenden nicht ganz verloren sein. Aber das ist wirklich das Faß der Danaiden: es hilft Nichts, wir müssen Alles wieder für uns und nur für uns thun und zum Beispiel die Wissenschaft an uns messen, mit der Frage: was ist uns die Wissenschaft? Nicht aber: was sind wir der Wissenschaft? Man macht sich wirklich das Leben zu leicht, wenn man sich so einfach historisch nimmt und in den Dienst stellt. »Das Heil deiner selbst geht über Alles« soll man sich sagen: und es giebt keine Institution, welche du höher zu achten hättest als deine eigene Seele. – Nun aber lernt sich der Mensch kennen: findet sich erbärmlich, verachtet sich, freut sich, außer sich etwas Achtungswürdiges zu finden. Und so wirft er sich fort, indem er sich irgendwo einordnet, streng seine Pflicht thut und seine Existenz abbüßt. Er weiß, daß er nicht seiner selbst wegen arbeitet; er wird Denen helfen wollen, welche es wagen, ihrer selbst wegen da zu sein; wie Sokrates. Wie ein Haufen Gummiblasen hängen die meisten Menschen in der Luft, jeder Windhauch rührt sie. – Consequenz: der Gelehrte muß es aus Selbsterkenntniß, also aus Selbstverachtung sein, d. h. er muß sich als Diener eines Höheren wissen, der nach ihm kommt. Sonst ist er ein Schaf. 121. Es ist die Sache des freien Mannes , seiner selbst wegen und nicht in Hinsicht auf Andre zu leben. Deshalb hielten die Griechen das Handwerk für unanständig. Das griechische Alterthum ist als Ganzes noch nicht taxirt: ich bin überzeugt, hätte es nicht diese traditionelle Verklärung um sich, die gegenwärtigen Menschen würden es mit Abscheu von sich stoßen: die Verklärung also ist unecht, von Goldpapier. 122. Die unwahre Begeisterung für das Alterthum, in der viele Philologen leben. Eigentlich überfällt uns das Alterthum, wenn wir jung sind, mit einer Fülle von Trivialitäten, besonders glauben wir über die Ethik hinaus zu sein. Und Homer und Walther Scott – wer erlangt wohl den Preis? Wenn man ehrlich ist! Wäre die Begeisterung groß, so würde man schwerlich seinen Lebensberuf darin suchen. Ich meine: erst spät beginnt es zu dämmern, was wir an den Griechen haben können: erst wenn wir viel erlebt, viel durchdacht haben. 123. Man glaubt, es sei zu Ende mit der Philologie – und ich glaube, sie hat noch nicht angefangen. Die größten Ereignisse, welche die Philologie getroffen haben, sind das Erscheinen Goethe's Schopenhauer's und Wagner's : man kann damit einen Blick thun, der weiter reicht. Das fünfte und sechste Jahrhundert sind jetzt zu entdecken. 124. Wo zeigt sich die Wirkung des Alterthums? Nicht einmal in der Sprache, nicht in der Nachahmung von irgend Etwas, nicht einmal in einer Verkehrtheit, wie die Franzosen sie gezeigt haben. Unsere Museen füllen sich; ich empfinde immer Ekel, wenn ich reine nackte Figuren griechischen Stils sehe: vor dieser gedankenlosen Philisterei, die Alles auffressen will. II. Plan und Gedanken zur buchmäßigen Ausführung. (1875.) 1. Plan. 125. Cap. 1. Philologie von allen Wissenschaften bis jetzt die begünstigste; größte Zahl, seit Jahrhunderten, bei allen Völkern gefördert, die Obhut der edlern Jugend und somit den schönsten Anlaß sich fortzupflanzen und Achtung vor sich zu erwecken. Wodurch hat sie diese Macht erlangt? Aufzählung der verschiedenen Vorurtheile zu ihren Gunsten. Wie nun, wenn diese als Vorurtheile erkannt würden? Bliebe wohl Philologie noch übrig, wenn man das Interesse eines Standes, eines Broterwerbes abrechnete? Wenn man über das Alterthum und seine Befähigung, für die Gegenwart zu erziehen, die Wahrheit sagte? Cap. 2. Um auf die obigen Fragen zu antworten, sehe man die Erziehung zum Philologen, seine Genesis an: er entsteht gar nicht mehr, wenn jenes Interesse wegfällt. Cap. 3. Wenn unsere öffentliche Welt dahinterkäme, was das Alterthum eigentlich für ein unzeitgemäßes Ding ist, so würden die Philologen nicht mehr zu Erziehern bestellt. Wirkung auf Nicht-Philologen gleich Null. Würden sie imperativisch und verneinend, oh wie würden sie angefeindet! Aber sie ducken sich. Cap. 4. Nur das Bündniß zwischen den Philologen, die das Alterthum nicht verstehen wollen oder nicht können , und der öffentlichen Meinung, die von Vorurtheilen über dasselbe geleitet ist, gibt der Philologie jetzt noch ihre Kraft. Die Griechen wirklich und ihre Abschwächung durch die Philologen. Cap. 5. Der zukünftige Philologe als Skeptiker über unsre ganze Cultur und damit auch als Vernichter des Philologen-Standes. 2. Die Bevorzugung des Altertums. 126. Daß es Gelehrte gibt, welche sich ausschließlich mit der Erforschung des griechischen und des römischen Alterthums beschäftigen, wird jeder billig, ja lobenswürdig und vor Allem begreiflich finden, falls er überhaupt die Erforschung des Vergangenen billigt: daß dieselben Gelehrten aber zugleich die Erzieher der edlern Jugend der reichen Stände sind, ist nicht ebenso leicht verständlich: hier liegt ein Problem. Warum sie gerade? Das versteht sich doch nicht so von selbst, wie das, wenn der Gelehrte der Heilkunst auch heilt und Arzt ist. Denn stünde es gleich, so müßte Beschäftigung mit dem griechischen und römischen Alterthum gleich sein mit »Wissenschaft der Erziehung«. Kurz: das Verhältniß von der Theorie und Praxis im Philologen ist nicht so schnell einzusehen. Wie kommt er zu dem Anspruch, der Lehrer im höheren Sinne zu sein und nicht nur alle wissenschaftlichen Menschen, sondern überhaupt alle Gebildeten zu erziehn? – Diese erziehende Kraft müßte also der Philologe doch dem Alterthume entnehmen; da fragt man denn erstaunt: wie kommen wir dazu, einer fernen Vergangenheit den Werth beizulegen, daß wir nur mit Hülfe ihrer Erkenntniß gebildet werden können? – Eigentlich fragt man nicht so oder selten so: vielmehr besteht die Herrschaft der Philologie über das Erziehungswesen fast unbezweifelt, und das Alterthum hat jene Geltung. Insofern ist die Lage des Philologen günstiger als die jedes andern Jüngers der Wissenschaft: er hat zwar noch nicht die größte Masse von Menschen, die seiner bedürfen; der Arzt zum Beispiel hat noch viel Mehrere. Aber er hat ausgesuchte Menschen und zwar Jünglinge, in der Zeit, wo Alles knospet; solche, die Zeit und Geld auf eine höhere Entwicklung verwenden können. So weit sich jetzt die europäische Bildung erstreckt, hat man die Gymnasien auf lateinisch-griechischer Grundlage angenommen, als erstes und oberstes Mittel. Damit hat die Philologie die rechte und beste Gelegenheit gefunden, sich fortzupflanzen und Achtung vor sich zu erwecken: hierin steht keine andre Wissenschaft so günstig. Im Ganzen halten auch alle Die, welche durch solche Anstalten hindurchgegangen sind, an der Vortrefflichkeit der Einrichtung fest; sie sind unbewußte Verschworene zu Gunsten der Philologie; erschallt einmal ein Wort dagegen, von Solchen, die nicht auf diesem Wege gegangen sind, so erfolgt die Ablehnung so einmüthig und so still, als ob klassische Bildung eine Art von Zauberei sei, beglückend und durch diese Beglückung sich jedem Einzelnen beweisend; man polemisirt gar nicht, »man hat's ja erlebt«. Nun giebt es viele Dinge, an welche der Mensch sich so gewöhnt hat, daß er sie für zweckmäßig hält; denn die Gewohnheit mischt allen Dingen Süßigkeit bei, und nach der Lust schätzen die Menschen meistens das Recht einer Sache. Die Lust am classischen Alterthum , wie sie jetzt empfunden wird, soll nun einmal darauf hin geprüft und zerlegt werden, wie viel daran jene Lust der Gewohnheit, wie viel Lust der Ungewohnheit ist: ich meine jene innere, thätige, neue und junge Lust, wie sie eine fruchtbare Überzeugung von Tage zu Tage erweckt, die Lust mit einem höheren Ziele, die auch die Mittel dazu will: wobei man Schritt für Schritt weiter kommt, aus einem Ungewohnten in's andere Ungewohnte: wie ein Alpensteiger. Auf welchem Grunde beruht die große Schätzung des Alterthums in der Gegenwart, daß man darauf die ganze moderne Bildung aufbaut? Wo ist der Ursprung dieser Lust? Dieser Bevorzugung des Alterthums? Bei dieser Untersuchung glaube ich erkannt zu haben, daß auf demselben Grund, auf dem das Ansehen des Altersthums als wichtigen Erziehungsmittels ruht, auch die ganze Philologie, ich meine ihre ganze jetzige Existenz und Kraft ruht. Das Philologenthum als Lehrerthum ist der genaue Ausdruck einer herrschenden Ansicht über den Werth des Alterthums und über die beste Methode der Erziehung. Zwei Sätze sind in diesem Gedanken eingeschlossen; erstens: alle höhere Erziehung muß eine historische sein , zweitens: mit der griechischen und römischen Historie steht es anders als mit allen andern, nämlich classisch . So wird der Kenner dieser Historie zum Lehrer. Hier untersuchen wir den ersten Satz nicht, ob eine höhere Erziehung historisch sein müsse, sondern den zweiten: in wiefern classisch ? Darüber sind einige Vorurtheile sehr verbreitet. Erstens das Vorurtheil, welches im synonymen Begriff » Humanitätsstudien « liegt: das Alterthum ist classisch, weil es die Schule des Humanen ist. Zweitens : »Das Alterthum ist classisch, weil es aufgeklärt ist« – – 127. Es ist das Werk aller Erziehung, bewußte Thätigkeiten in mehr oder weniger unbewußte umzubilden: und die Geschichte der Menschheit ist in diesem Sinne ihre Erziehung. Der Philologe nun übt eine Menge Thätigkeiten so unbewußt: das will ich einmal untersuchen, wie seine Kraft, das heißt sein instinktives Handeln, das Resultat von ehemals bewußten Tätigkeiten ist, die er allmählich als solche kaum mehr fühlt: aber jenes Bewußtsein bestand in Vorurtheilen. Seine jetzige Kraft beruht auf jenen Vorurtheilen , z. B. die Schätzung der ratio wie bei Bentley, Hermann. Die Vorurtheile sind, wie Lichtenberg sagt, die Kunsttriebe des Menschen . 128. Es ist schwer, die Bevorzugung zu rechtfertigen, in der das Alterthum steht: denn sie ist aus Vorurtheilen entstanden. Aus Unwissenheit des sonstigen Alterthums. Aus einer falschen Idealisirung zur Humanitäts-Menschheit überhaupt, während Inder und Chinesen jedenfalls humaner sind. Aus Schulmeister-Dünkel. Aus der traditionellen Bewunderung, die vom Alterthum selbst ausgegangen ist. Aus Widerspruch gegen die christliche Kirche oder zur Stütze. Aus dem Eindruck, den die Jahrhunderte lange Arbeit der Philologen gemacht hat, und die Art ihrer Arbeit: es muß sich doch um Goldbergwerke handeln, meint der Zuschauer. Fertigkeiten und Wissen von dorther gelernt. Vorschule der Wissenschaft. In Summa: theils aus Ignoranz, falschen Urtheilen und trügerischen Schlüssen , auch durch das Interesse eines Standes , der Philologen. Bevorzugung des Alterthums sodann durch die Künstler, die das erkannte Maaß und die Sophrosyne unwillkürlich zu einer Eigenschaft des gesammten Alterthums machen. Die reine Form. Ebenso durch die Schriftsteller. Bevorzugung des Alterthums als einer Abbreviatur der Geschichte der Menschheit, als ob hier ein autochthones Gebilde sei, an dem alles Werdende zu studiren sei. Thatsächlich ist nun allmählich Grund für Grund dieser Bevorzugung beseitigt , und wenn es die Philologen nicht merken sollten, so merkt man es sonst außer ihren Kreisen so stark wie möglich. Die Historie hat gewirkt; sodann hat die Sprachwissenschaft die größte Diversion, ja Fahnenflucht unter den Philologen selbst hervorgebracht. Nur die Schule haben sie noch: doch auf wie lange! In der bisherigen Form ist die Philologie am Aussterben: ihr Boden ist ihr entzogen. Ob überhaupt ein Stand von Philologen sich erhalten wird, ist sehr zweifelhaft: jedenfalls wäre es eine aussterbende Rasse. 129. [Eigenthümlich bedeutende Stellung der Philologen: ein ganzer Stand, dem die Jugend anvertraut ist, und der ein specielles Alterthum zu erforschen hat. Offenbar legt man den höchsten Werth auf dies Alterthum. Wenn man das Alterthum aber falsch abgeschätzt hätte, so fehlte plötzlich das Fundament für die erhabene Stellung der Philologen. Jedenfalls hat man das Alterthum sehr verschieden abgeschätzt: und darnach hat sich jedesmal die Würdigung der Philologen gerichtet. Dieser Stand hat seine Kraft aus starken Vorurtheilen zu Gunsten des Alterthums geschöpft. – Dies ist zu schildern. –] Jetzt fühlt er, daß wenn endlich diesen Vorurtheilen gründlich widersprochen würde, und das Alterthum rein geschildert würde, sofort jenes günstige Vorurtheil für die Philologen schwände. Es ist also ein Standesinteresse, reinere Einsichten über das Alterthum nicht aufkommen zu lassen: zumal die Einsicht, daß das Alterthum im tiefsten Sinne unzeitgemäß macht . Es ist zweitens ein Standesinteresse der Philologen, keine höhere Anschauung über den Lehrerberuf aufkommen zu lassen, als die, welcher sie entsprechen können . 130. Hoffentlich giebt es Einige, die es als Problem empfinden, warum gerade die Philologen die Erzieher der edleren Jugend sein sollen. Es wird vielleicht nicht immer so sein. – An sich wäre es ja viel natürlicher, daß man ökonomische, gesellige Grundsätze beibrächte, daß man sie allmählich zur Betrachtung des Lebens führte und endlich, spät, die merkwürdigsten Vergangenheiten vorführte. So, daß Kenntniß des Alterthums zum Letzten gehörte, was Einer erwürbe; ist diese Stellung des Alterthums in der Erziehung die für das Alterthum ehrenvollere oder die gewöhnliche? – Jetzt wird es als Propädeutik benutzt, für Denken, Sprechen, Schreiben; es gab eine Zeit, wo es der Inbegriff der weltlichen Kenntnisse war, und man eben das durch seine Erlernung erreichen wollte, was man jetzt durch eben jenen beschriebenen Studienplan erreichen würde (der sich eben den vorgerückten Kenntnissen der Zeit entsprechend verwandelt hat) . Also hat sich die innere Absicht im philologischen Lehrerthum ganz umgeändert, einst war dies die materielle Belehrung, jetzt nur noch die formale . 131. Wäre die Aufgabe des Philologen, formal zu erziehen , so müßte er gehen, tanzen, sprechen, singen, sich gebahren, sich unterreden lehren: und das lernte man auch ungefähr bei den formalen Erziehern des zweiten und dritten Jahrhunderts. Aber so denkt man immer nur an die Erziehung des wissenschaftlichen Menschen, und da heißt »formal«: denken und schreiben, kaum reden. 132. Wenn das Gymnasium zur Wissenschaft erziehn soll, so sagt man jetzt: es kann die Vorbereitung zu keiner Wissenschaft mehr geben, so umfassend sind die Wissenschaften geworden. Folglich muß man allgemein, das heißt für alle Wissenschaften, das heißt für die Wissenschaftlichkeit vorbereiten – und dazu dienen die classischen Studien! – Wunderlicher Sprung! Eine sehr verzweifelte Rechtfertigung! Das Bestehende soll Recht behalten, auch nachdem klar eingesehen ist, daß das bisherige Recht, auf dem es ruhte, zum Unrecht geworden ist. 133. Fertigkeiten erwartet man von der Beschäftigung mit den Alten: früher z. B. Schreiben und Sprechen können. Aber welche erwartet man jetzt! – Denken und Schließen: aber das lernt man nicht von den Alten, sondern höchstens an den Alten, vermittelst der Wissenschaft. Zudem ist aber alles historische Schließen sehr bedingt und unsicher; man sollte das naturwissenschaftliche vorziehen. 134. In Betreff der Einfachheit des Alterthums steht es wie bei der Einfachheit des Stils; es ist das Höchste was man erkennt und nachzuahmen hat, aber auch das Letzte. Man denke, daß die classische Prosa der Griechen auch ein spätes Resultat ist. 135. Was liegt für ein Hohn auf die » Humanitäts «-Studien darin, daß man sie auch belles lettres (bellas litteras) nannte! 136. Wolf's Gründe, weshalb man Ägypter, Hebräer, Perser und andere Nationen des Orients nicht auf einer Linie mit Griechen und Römern aufstellen darf: »Jene erhoben sich gar nicht oder nur wenige Stufen über die Art von Bildung, welche man bürgerliche Policirung oder Civilisation , im Gegensatz höherer eigentlicher Geistescultur , nennen sollte«. Er erklärt sie gleich darauf als die geistige und die litterarische : »bei einem glücklich organisirten Volke kann diese schon früher anfangen als Ordnung und Ruhe des äußeren Lebens (»Civilisation«). Er stellt dann den fernsten Osten von Asien (»ähnlich solchen Individuen, die es nicht an Reinlichkeit, Schicklichkeit und Bequemlichkeit von Wohnungen, Kleidungen und allen Umgebungen fehlen lassen, aber niemals das Bedürfniß höherer Aufklärung empfinden«) den Griechen gegenüber (»bei den Griechen, auch bei den gebildetsten Attikern, trat oft das Gegentheil bis zur Verwunderung ein und man vernachlässigte das als unbedeutend, was wir vermöge unserer Ordnungsliebe insgemein als Grundlage der geistigen Veredlung selbst anzusehen pflegen«). 137. Schon unsere Terminologie zeigt, wie sehr wir geneigt sind, die Alten falsch zu messen; der übertriebene Sinn der Litteratur zum Beispiel, oder wie Wolf von der »innern Geschichte der antiken Erudition« redet, er nennt es auch »die Geschichte der gelehrten Aufklärung «. 138. Die Alten sind nach Goethe »die Verzweiflung der Nacheifernden«. Voltaire hat gesagt: »wenn die Bewunderer Homer's aufrichtig wären, so würden sie die Langeweile eingestehen, die ihnen ihr Liebling so oft verursacht«. 139. Unsre Stellung zum classischen Alterthum ist im Grunde die tiefe Ursache der Unproduktivität der modernen Cultur: denn diesen ganzen modernen Culturbegriff haben wir von den hellenisirten Römern. Wir müssen im Alterthum selbst scheiden: indem wir seine einzig produktive Zeit kennen lernen, verurtheilen wir auch die ganze alexandrinisch-romanische Cultur. Aber zugleich verurtheilen wir unsre ganze Stellung zum Alterthum und unsre Philologie zugleich. 140. Es giebt einen alten Kampf der Deutschen gegen das Alterthum, das heißt, gegen die alte Cultur: es ist gewiß, daß gerade das Beste und Tiefste am Deutschen sich mit sträubt. Aber der Hauptpunkt ist doch der: jenes Sträuben ist nur im Recht, wenn man die romanisirte Cultur meint; diese ist aber bereits der Abfall einer viel tieferen und edleren. Gegen diese sträubt sich der Deutsche mit Unrecht. 141. Das Humanistische ist von Karl dem Großen mächtig angepflanzt worden, während er gegen das Heidnische mit den härtesten Zwangsmitteln vorgieng. Die antike Mythologie wurde verbreitet, die deutsche wie ein Verbrechen behandelt. Ich glaube, hier lag das Gefühl zu Grunde, daß das Christenthum eben schon fertig geworden sei mit der antiken Religion: man fürchtete sie nicht, aber benutzte die auf ihr ruhende Cultur des Alterthums. Die deutsche Götterwelt fürchtete man. – Eine große Äußerlichkeit in der Auffassung des Alterthums, fast nur die Schätzung seiner formalen Fertigkeiten und seiner Kenntnisse, muß hier gepflanzt worden sein. Es sind die Mächte zu nennen, die einer Vertiefung der Einsicht in's Alterthum im Weg gestanden haben. Zunächst wird die alterthümliche Cultur als Reizmittel zur Annahme des Christenthums benutzt: es ist gleichsam das Draufgeld für die Bekehrung. Die Versüßung beim Einschlürfen jenes Giftes. Dann war man der Hülfsmittel der antiken Cultur benöthigt, als Waffen zum geistigen Schutz des Christentums. Selbst die Reformation konnte die classischen Studien in diesem Sinne nicht entbehren. Dagegen beginnt nun die Renaissance mit reinerem Sinn die classischen Studien, aber durchaus auch im christenfeindlichen; sie zeigt ein Erwachen der Ehrlichkeit im Süden, wie die Reformation im Norden. Vertragen konnten sie sich freilich nicht, denn ernstliche Neigung zum Alterthum macht unchristlich. Es ist der Kirche im Ganzen gelungen, den classischen Studien eine unschädliche Wendung zu geben: der Philologe wurde erfunden , als Gelehrter, der im übrigen Priester, oder sonst so Etwas ist. Und auch im Bereiche der Reformation gelang es, den Gelehrten ebenfalls zu castriren. Deshalb ist Friedrich August Wolf merkwürdig, weil er den Stand von der Zucht der Theologie befreite : aber seine That wurde nicht völlig verstanden, denn ein angreifendes, aktives Element, wie es den Poeten-Philologen der Renaissance anhaftet, wurde nicht entwickelt. Die Befreiung kam der Wissenschaft, nicht den Menschen zu gute. 142. Es ist wahr, der Humanismus und die Aufklärung haben das Alterthum als Bundesgenossen in's Feld geführt: und so ist es natürlich, daß die Gegner des Humanismus das Alterthum anfeinden. Nur war das Alterthum des Humanismus ein schlecht erkanntes und ganz gefälschtes; reiner gesehn ist es ein Beweis gegen den Humanismus, gegen die grundgütige Menschennatur u. s. w. Die Bekämpfer des Humanismus sind im Irrthum, wenn sie das Alterthum mit bekämpfen: sie haben da einen starken Bundesgenossen. 143. Es ist so schwer, nur Etwas aus dem Alterthume nachzuempfinden, man muß warten können, bis wir Etwas zu hören bekommen. Das Menschliche , das uns das Alterthum zeigt, ist nicht zu verwechseln mit dem Humanen . Dieser Gegensatz ist sehr stark hervorzuheben: die Philologie krankt daran, daß sie das Humane unterschieben möchte; nur deshalb führt man junge Leute hinzu, damit sie human werden. Ich glaube, um das zu erreichen, genügt viel Historie: das Brutal-Selbstbewußte wird dadurch abgebrochen, wenn man Dinge und Schätzungen so wechseln sieht. – Das Menschliche der Hellenen liegt in einer gewissen Naivetät, in der bei ihnen der Mensch sich zeigt, Staat, Kunst, Societät, Kriegs- und Völkerrecht, Geschlechtsverkehr, Erziehung, Partei; es ist genau das Menschliche, das sich überall bei allen Völkern zeigt, aber bei ihnen in einer Unmaskirtheit und Inhumanität, daß es zur Belehrung nicht zu entbehren ist. Dazu haben sie die größte Menge von Individuen geschaffen – darin sind sie über den Menschen so belehrend; ein griechischer Koch ist mehr Koch als ein andrer. 144. Ich beklage eine Erziehung , bei der es nicht erreicht ist, Wagner zu verstehen, bei der Schopenhauer rauh und mißtönend klingt; diese Erziehung ist verfehlt. 145. Letzte Niederschrift des Anfangs. Il faut dire la vérité et s'immoler. (Voltaire.) Nehmen wir einmal an, es gäbe freiere und überlegenere Geister, welche mit der Bildung, die jetzt im Schwange geht, unzufrieden wären und sie vor ihren Gerichtshof führten: wie würde die Angeklagte zu ihnen reden? Vor Allem so: »ob ihr ein Recht habt anzuklagen oder nicht, jedenfalls haltet euch nicht an mich, sondern an meine Bildner; diese haben die Pflicht mich zu vertheidigen, und ich habe ein Recht zu schweigen: bin ich doch nichts als ihr Gebilde.« Nun würde man die Bildner vorführen: und unter ihnen wäre auch ein ganzer Stand zu erblicken, der der Philologen . Dieser Stand besteht einmal aus solchen Menschen, welche ihre Kenntniß des griechischen und römischen Alterthums benutzen, um mit ihr Jünglinge von 13-20 Jahren zu erziehen, und sodann aus solchen, welche die Aufgabe haben, derartige Lehrer immer von Neuem heranzubilden, also Erzieher der Erzieher zu sein; die Philologen der ersten Gattung sind Lehrer an Gymnasien, die der zweiten Professoren an den Universitäten. Den Ersteren übergiebt man ausgewählte Jünglinge, solche an denen Begabung und ein edlerer Sinn bei Zeiten sichtbar werden, und auf deren Erziehung die Eltern reichlich Zeit und Geld verwenden können; übergiebt man ihnen noch Andre, welche diesen drei Bedingungen nicht entsprechen, so steht es in der Hand der Lehrer sie abzuweisen. Die zweite Gattung, aus den Philologen der Universität bestehend, empfängt die jungen Männer, welche sich zum höchsten und anspruchsvollsten Berufe, dem der Lehrer und Bildner des Menschengeschlechts, geweiht fühlen; wiederum steht es in ihrer Hand, die falschen Eindringlinge zu beseitigen. Wird nun die Bildung einer Zeit verurtheilt, so sind jedenfalls die Philologen schwer angegriffen: entweder nämlich wollen sie, in der Verkehrtheit ihres Sinnes, gerade jene schlechte Bildung, weil sie dieselbe für etwas Gutes halten, oder sie wollen sie nicht, sind aber zu schwach, das Bessere, das sie erkennen, durchzusetzen. Entweder liegt also ihre Schuld in der Mangelhaftigkeit ihrer Einsicht oder in der Ohnmacht ihres Willens. Im ersten Falle würden sie sagen, sie wüßten es nicht besser, im zweiten, sie könnten es nicht besser. Da aber die Philologen vornehmlich mit Hülfe des griechischen und römischen Alterthums erziehen, so könnte die im ersten Falle angenommene Mangelhaftigkeit ihrer Einsicht einmal darin sich zeigen, daß sie das Alterthum nicht verstehen ; zweitens aber darin, daß das Alterthum von ihnen mit Unrecht in die Gegenwart hineingestellt wird, angeblich als das wichtigste Hülfsmittel der Erziehung, weil es überhaupt nicht oder jetzt nicht mehr erzieht. Macht man ihnen dagegen die Ohnmacht ihres Willens zum Vorwurf, so hätten sie zwar darin volles Recht, wenn sie dem Alterthum jene erzieherische Bedeutung und Kraft zuschreiben, aber sie wären nicht die geeigneten Werkzeuge, vermittelst deren das Alterthum diese Kraft äußern könnte, das heißt: sie wären mit Unrecht Lehrer und lebten in einer falschen Stellung: aber wie kamen sie dann in diese hinein? Durch eine Täuschung über sich und ihre Bestimmung. Um also den Philologen ihren Antheil an der gegenwärtigen schlechten Bildung zuzuerkennen, könnte man die verschiedenen Möglichkeiten ihrer Schuld und Unschuld in diesen Satz zusammenfassen: Drei Dinge muß der Philologe, wenn er seine Unschuld beweisen will, verstehen, das Alterthum, die Gegenwart, sich selbst: seine Schuld liegt darin, daß er entweder das Alterthum nicht oder die Gegenwart nicht oder sich selbst nicht versteht . 3. Die Philologen. 146. Daß man nur durch das Alterthum Bildung gewinnen könne, ist nicht wahr. Aber man kann von dort aus welche gewinnen, doch die Bildung, welche man jetzt so nennt, nicht. Nur auf einem ganz castrirten und verlogenen Studium des Alterthums erbaut sich unsere Bildung. Um nun zu sehn, wie wirkungslos dies Studium ist, sehe man nur die Philologen an: die müßten ja am besten durch das Alterthum erzogen sein. 147. Entstehung des Philologen . Dem großen Kunstwerk wird sich beim Erscheinen desselben immer ein Betrachter gegenüberstellen, der seine Wirkung nicht nur empfindet, sondern sie auch verewigen möchte. So auch dem großen Staate, kurz Allem, was den Menschen erhebt. So wollen die Philologen die Wirkung des Alterthums verewigen: das können sie nur als nachschaffende Künstler . Nicht als nachlebende Menschen? 148. Der Untergang der Philologen-Poeten liegt zu gutem Theile in ihrer persönlichen Verderbnis; ihre Art wächst später weiter, wie zum Beispiel Goethe und Leopardi solche Erscheinungen sind. Hinter ihnen pflügen die reinen Philologen-Gelehrten nach. Die ganze Art hebt an mit der Sophistik des zweiten Jahrhunderts. 149. Ach es ist eine Jammergeschichte, die Geschichte der Philologie! Die ekelhafteste Gelehrsamkeit, faules unthätiges Beiseitesitzen, ängstliches Unterwerfen. – Wer hat denn etwas Freies gehabt? 150. Beim Durchmustern der Geschichte der Philologie fällt auf, wie wenig wirklich begabte Menschen dabei betheiligt gewesen sind. Unter den berühmtesten sind Einige, die sich ihren Verstand durch Vielwisserei zerstört haben, und unter den Verständigsten darunter Solche, die mit ihrem Verstande nichts anzufangen wußten als Mücken zu seihen. Es ist eine traurige Geschichte, ich glaube, keine Wissenschaft ist so arm an Talenten. Es sind die Lahmen im Geiste, die in der Wortklauberei ihr Steckenpferd gefunden haben. Ich ziehe vor, Etwas zu schreiben, was so gelesen zu werden verdient, wie die Philologen ihre Schriftsteller lesen, als über einem Autor zu hocken. Und überhaupt – auch das geringste Schaffen steht höher als das Reden über Geschaffenes. 151. Der Lese - und Schreiblehrer und der Correktor sind die ersten Typen des Philologen. 152. Friedrich August Wolf erinnert einmal daran, wie furchtsam und schwächlich die ersten Schritte waren, die unsere Ahnherrn zur Gestaltung der Wissenschaft thaten, wie sogar lateinische Classiker gleich verdächtiger Waare unter Vorwänden auf dem Markt der Universitäten eingeschwärzt werden mußten; im Göttinger Lektions-Katalog von 1737 kündigt J. M. Gesner Horatii Odas an » ut imprimis, quid prodesse in severioribus studiis possint, ostendat «. 153. Ich freue mich von Bentley zu lesen » non tam grande pretium emendatiunculis meis statuere soleo, ut singularem aliquam gratiam inde sperem aut exigam «. Newton wunderte sich, daß Männer wie Bentley und Hare sich über ein Komödiantenbuch herumschlügen (weil sie beide theologische Würdenträger waren). 154. Horaz ist durch Bentley vor einen Richterstuhl gestellt, den er abweisen müßte. Die Bewunderung, die ein scharfsinniger Mann als Philologe erntet, steht im Verhältnis zur Rarität des Scharfsinns bei Philologen. – Das Verfahren bei Horaz hat etwas Schulmeisterliches, nur daß nicht Horaz selbst censirt werden soll, sondern seine Überlieferer; in Wahrheit und im Ganzen trifft es aber Horaz. Mir steht nun einmal fest, daß eine einzige Zeile geschrieben zu haben, welche es verdient, von Gelehrten späterer Zeit commentirt zu werden, das Verdienst des größten Kritikers aufwiegt. Es liegt eine tiefe Bescheidenheit im Philologen. Texte verbessern ist eine unterhaltende Arbeit für Gelehrte, es ist ein Rebusrathen; aber man sollte es für keine zu wichtige Sache ansehn. Schlimm, wenn das Alterthum weniger deutlich zu uns redete, weil eine Million Worte im Wege stünden! 155. Ein Schullehrer sagte zu Bentley: »Master, ich werde Euren Enkel zu einem ebenso großen Gelehrten machen als Ihr seid«. »Wie so?« sagte Bentley. »Wenn ich nun mehr vergessen hätte, als du je wußtest?« 156. Die ausgezeichnete Tochter Joanna bedauerte Bentley, daß er soviel Zeit und Talent auf die Kritik fremder Werke verwandt habe, anstatt auf selbständige Compositionen. Bentley schwieg eine Zeit lang wie in sich gekehrt; endlich sagte er, ihre Bemerkung sei ganz richtig; er fühle selbst, daß er seine Naturgaben vielleicht noch anders hätte anwenden sollen: indessen habe er früher Etwas zur Ehre Gottes und zum Besten seiner Mitmenschen gethan (er meint seine Confutation of Atheism ); nachher aber habe ihn der Genius der alten Heiden an sich gelockt, und in der Verzweiflung, sich auf einem andern Wege zu ihrer Höhe zu erheben , sei er ihnen auf die Schultern gestiegen, um so über ihre Köpfe hinwegzusehn. 157. Bentley, sagt Wolf, ist als Litterator wie als Mensch den größten Theil seines Lebens hindurch verkannt und verfolgt, oder doch mit Malignität gelobt worden. »Gegen Ende des Lebens befiel Markland, wie so Viele seinesgleichen früher, ein Widerwillen gegen allen gelehrten Ruhm, dermaßen, daß er mehrere lange gepflegte Arbeiten theils zerstreute, theils verbrannte.« Wolf sagt »überall ist es ja meist Weniges, was aus wohlverdauter Gelehrsamkeit gewonnen wird für geistigen Nahrungssaft«. In der Jugendzeit Winckelmann's gab es eigentlich kein philologisches Studium als in dem gemeinen Dienste von broterwerbenden Disciplinen – man las und erklärte damals die Alten, um sich besser zur Auslegung der Bibel und des Corpus Juris vorzubereiten. 158. Wolf nennt es die Blume aller geschichtlichen Forschung, sich zu den großen und allgemeinen Ansichten des Ganzen zu erheben und zu der tiefsinnig aufgefaßten Unterscheidung der Fortgänge in der Kunst und der verschiedenen Stile. Aber Wolf giebt zu, Winckelmann fehlte jenes gemeinere Talent, die philologische Kritik, oder es kam nicht recht zur Thätigkeit: »eine seltne Mischung von Geisteskälte und kleinlicher unruhiger Sorge um hundert an sich geringfügige Dinge mit einem Alles beseelenden, das Einzelne verschlingenden Feuer und einer Gabe der Divination, die dem Uneingeweihten ein Ärgerniß ist«. 159. Wolf macht darauf aufmerksam, daß das Alterthum nur Theorien der Rede und Dichtkunst kannte, welche die Produktion erleichtern, τέχναι und artes , die wirkliche Redner und Dichter bildeten: »da wir heut zu Tage bald Theorien haben werden, wonach sich ebenso wenig eine Rede oder ein Gedicht machen läßt, als ein Gewitter nach einer Brontologie«. 160. Merkwürdig ist Wolf's Urtheil über die Liebhaber philologischer Kenntnisse: »Fanden sie sich von der Natur mit Anlagen ausgestattet, die dem Geiste der Alten verwandt oder einer leichten Versetzung in fremde Denkarten und Lagen des Lebens empfänglich waren, so erlangten sie allerdings durch solche halbe Bekanntschaften mit den besten Schriftstellern mehr von dem Reichthum jener kraftvollen Naturen und großen Muster im Denken und Handeln, als die meisten von Denen, die ihnen sich lebenslang zu Dolmetschern anboten«. 161. »Am Ende dürften nur die Wenigen zu echter vollendeter Kennerschaft gelangen, die mit künstlerischem Talent geboren und mit Gelehrsamkeit ausgerüstet, die besten Gelegenheiten benutzen, die nöthigen technischen Kenntnisse sich praktisch und theoretisch zu erwerben.« Wolf. Wahr! 162. Ich empfehle an Stelle des Lateinischen den griechischen Stil auszubilden, besonders an Demosthenes: Einfachheit! Auf Leopardi zu verweisen, der vielleicht der größte Stilist des Jahrhunderts ist. 163. »Classische Bildung!« Was sieht man denn! Ein Ding, das Nichts wirkt außer Befreiung vom Militärdienst und Doktortitel! 164. Wenn ich sehe, wie alle Staaten jetzt die classische Bildung fördern, so sage ich: »wie unschädlich muß sie sein!« und dann: »wie nützlich muß sie sein!« Sie erwirbt diesen Staaten den Ruhm, die »freie Bildung« zu fördern. Nun sehe man die Philologen an, um diese »Freiheit« richtig zu taxiren. 165. Classische Bildung! Ja wenn es nur wenigstens soviel Heidenthum wäre, wieviel Goethe an Winckelmann fand und verherrlichte – es war nicht gar zu viel. Aber nun das ganze unwahre Christenthum unserer Zeiten mit dazu oder mitten darunter – das ist mir zu viel und ich muß mir helfen, indem ich meinen Ekel einmal darüber auslasse. – Man glaubt förmlich an Zauberei in Betreff dieser »classischen Bildung«. Aber natürlich müßten doch Die, welche das Alterthum noch am meisten haben, auch diese Bildung am meisten haben, die Philologen; aber was ist an ihnen classisch? 166. Classische Philologie ist der Herd der flachsten Aufklärung; immer unehrlich verwendet, allmählich ganz wirkungslos geworden. Ihre Wirkung ist eine Illusion mehr am modernen Menschen. Eigentlich handelt es sich nur um einen Erzieher-Stand, der nicht aus Pfaffen besteht: hier hat der Staat sein Interesse daran. Ihr Nutzen ist vollständig aufgebraucht; während z. B. Geschichte des Christenthums noch ihre Kraft zeigt. 167. Philologen , die von ihrer Wissenschaft reden, rühren nie an die Wurzeln , sie stellen nie die Philologie als Problem hin. Schlechtes Gewissen? oder Gedankenlosigkeit? 168. Aus den Reden über Philologie, wenn sie von Philologen kommen, erfährt man Nichts, es ist die reinste Schwätzerei; zum Beispiel Jahn's »Bedeutung und Stellung der Alterthumsstudien in Deutschland«. Gar kein Gefühl, was zu vertheidigen, was zu schützen ist: so reden Leute, die noch gar nicht darüber nachgedacht haben, daß man sie angreifen könnte. 169. Philologen sind Menschen, welche das dumpfe Gefühl des modernen Menschen über eignes Ungenügen benutzen, um daraufhin Geld und Brot zu verdienen. Ich kenne sie, ich bin selbst Einer. 170. Unsre Philologen verhalten sich zu wirklichen Erziehern wie die Medizinmänner der Wilden zu wirklichen Ärzten. Welche Verwunderung wird eine ferne Zeit haben! 171. Es fehlt ihnen die eigentliche Lust an den starken und kräftigen Zügen des Alterthums. Sie werden Lobredner und werden dadurch lächerlich. 172. Sie haben verlernt zu andern Menschen zu reden, und weil sie nicht zu älteren Leuten reden können, können sie es auch nicht zu jungen. 173. Wir behandeln unsre Jünglinge, als seien sie unterrichtete gereifte Männer, wenn wir ihnen die Griechen vorführen. Was eignet sich denn vom griechischen Wesen überhaupt für die Jugend? Zuletzt bleibt's gar beim Formalen, Einzelnes vorzuführen. Sind das Betrachtungen für junge Leute? Die beste und höchste Gesammtvorstellung von den Alten bringen wir doch den jungen Leuten entgegen. Oder nicht? Das Lesen der Alten wird so betont. Ich glaube, die Beschäftigung mit dem Alterthum ist in eine falsche Stufe des Lebens verlegt. Ende der Zwanziger fängt es an zu dämmern. 174. Wie man die jungen Leute mit den Alten bekannt macht, hat etwas Respektwidriges: noch schlimmer, es ist unpädagogisch; denn was soll die Bekanntschaft mit Dingen, die der Jüngling unmöglich mit Bewußtsein verehren kann! Vielleicht soll er lernen zu glauben , und deshalb wünsche ich es nicht. 175. Es giebt Dinge, über die das Alterthum belehrt, über welche ich nicht leicht mich öffentlich aussprechen möchte. 176. Alle Schwierigkeiten des historischen Studiums einmal durch das größte Beispiel zu verdeutlichen . Inwiefern unsere Jünglinge nicht zu den Griechen passen. Folgen der Philologie: hochmüthige Anticipation, Bildungsphilisterei, Ungründlichkeit, Überschätzung von Lesen und Schreiben, Entfremdung von Volk und Volks-Noth. Die Philologen selbst, Historiker, Philosophen und Juristen, Alles durchräuchert vom Dunste. Es sind wirkliche Wissenschaften der Jugend beizubringen. Ebenso wirkliche Kunst . So wird auch, in höherem Leben, Verlangen nach wirklicher Historie dasein. 177. Die Inhumanität : selbst aus der Antigone, selbst aus der Goethischen Iphigenie. Der Mangel an Aufklärung . Das Politische ist nicht für Jünglinge verständlich. Das Dichterische: eine schlimme Anticipation. 178. Kennen die Philologen die Gegenwart? Ihre Urtheile über dieselbe als perikleische, ihre Verirrungen des Urtheils, wenn sie von einem Homer congenialen Geiste Freytags reden u. s. w.; ihr Nachlaufen wenn die Litteraten voranlaufen. Ihr Verzichtleisten auf den heidnischen Sinn, den gerade Goethe als den alterthümlichen an Winckelmann entdeckt hatte. 179. Wie es mit den Philologen steht, zeigt ihre Gleichgültigkeit beim Erscheinen Wagner's. Sie hätten noch mehr lernen können als durch Goethe, und sie haben noch keinen Blick hingeworfen. Das zeigt: es führt sie kein starkes Bedürfniß: sonst hätten sie ein Gefühl, wo ihre Nahrung zu finden ist. 180. Wagner ehrt seine Kunst viel zu hoch, um sich in einen Winkel zu stecken wie Schumann. Entweder unterwirft er sich dem Publikum (Rienzi) oder er unterwirft es sich. Er züchtet es heran. Auch die Kleinen wollen ein Publikum, aber sie suchen es durch unkünstlerische Mittel, etwa Presse, Hanslick u. s. w. 181. Wagner bildet die innere Phantasie des Menschen aus; spätere Generationen werden Zeugen von Bildwerken sein. Die Poesie muß der bildenden Kunst vorangehn. 182. An den Philologen bemerke ich: Mangel an Respekt vor dem Alterthum. Weichlichkeit und Schönrednerei, vielleicht gar Apologie. Einfaches Historisiren. Einbildung über sich selbst. Unterschätzung der begabten Philologen 183. Ich sehe in den Philologen eine verschworene Gesellschaft , welche die Jugend an der antiken Cultur erziehn will; ich würde es verstehen, wenn man diese Gesellschaft und ihre Absichten von allen Seiten kritisirte. Da käme nun viel darauf an, zu wissen, was diese Philologen unter antiker Cultur verstehen . – Sehe ich zum Beispiel, daß sie gegen die deutsche Philosophie und Musik erzögen, so würde ich sie bekämpfen oder auch die antike Cultur bekämpfen, Ersteres vielleicht, indem ich zeigte, daß die Philologen die antike Cultur nicht verstanden haben. Nun sehe ich: großen Wechsel in der Schätzung der antiken Cultur bei den Philologen, etwas tief Unantikes in ihnen selbst, Unfreies, Unklarheit darüber, welche antike Cultur sie meinen, in den Mitteln vieles Verkehrte, zum Beispiel Gelehrsamkeit, Verquickung mit Christenthum. 184. Nun wird es nicht mehr verwundern, daß die Bildung der Zeit, bei solchen Lehrern, Nichts taugt. Ich entziehe mich nie, eine Schilderung von dieser Unbildung zu machen. Und zwar gerade in Beziehung auf die Dinge, wo man vom Alterthum lernen müßte, wenn man es überhaupt könnte z. B. Schreiben, Sprechen u. s. w. 185. Übertragung der Bewegung ist Vererbung: das sage man sich bei der Wirkung der Griechen auf Philologen. 186. Aufklärung und alexandrinische Bildung ist es besten Falls, was Philologen wollen. Nicht Hellenenthum. 187. Mit Arbeitsamkeit läßt sich nicht viel erzwingen, wenn der Kopf stumpf ist. Über Homer herfallende Philologen glauben, man könne es erzwingen . Das Alterthum redet mit uns, wann es Lust hat, nicht wann wir. 188. Die ererbte Abrichtung der jetzigen Philologen: eine gewisse Unfruchtbarkeit der Grundeinsichten hat sich ergeben; denn sie bringen die Wissenschaft, aber nicht die Philologen vorwärts. 189. Es giebt eine Art sich philologisch zu beschäftigen, und sie ist häufig: man wirft sich besinnungslos auf irgend ein Gebiet oder wird geworfen: von da aus sieht man rechts und links, findet manches Gute und Neue – aber in einer unbewachten Stunde sagt man sich doch: »was Teufel geht mich gerade das Alles an?« Inzwischen ist man alt geworden, hat sich gewöhnt und läuft so weiter, so wie in der Ehe. 190. Bei der Erziehung des jetzigen Philologen ist der Einfluß der Sprachwissenschaft zu erwähnen und zu beurtheilen; für einen Philologen ziemlich abzulehnen: die Fragen nach den Uranfängen der Griechen und Römer sollen ihn Nichts angehen: wie kann man sich auch sein Thema so verderben. 191. Bei der oft so tief sich aufdrängenden Unsicherheit der Divination macht sich von Zeit zu Zeit eine krankhafte Sucht geltend, um jeden Preis zu glauben und sicher sein zu wollen: z. B. Aristoteles gegenüber, oder im Auffinden von Zahlennothwendigkeiten – bei Lachmann fast eine Krankheit. 192. Die Consequenz , die man am Gelehrten schätzt, ist den Griechen gegenüber Pedanterie. 193. Griechen und Philologen. Die Griechen:       Die Philologen sind : huldigen der Schönheit,     Schwätzer und Tändler, entwickeln den Leib,     häßliche Geschöpfe, sprechen gut,     Stammler, sind religiöse Verklärer des Alltäglichen,     schmutzige Pedanten, sind Hörer und Schauer,     Wortklauber und Nachteulen, sind für das Symbolische,     unfähig zur Symbolik, besitzen freie Männlichkeit,     Staatssklaven mit Inbrunst, besitzen reinen Blick in die Welt,     verzwickte Christen, sind Pessimisten des Gedankens.     Philister. 194. Bergk's Litteraturgeschichte: nicht ein Fünkchen griechischen Feuers und griechischen Sinnes . 195. Man vergleicht wirklich unsre Zeit mit der perikleischen in Schulprogrammen, man gratulirt sich zum Wiedererwachen des Nationalgefühls, und ich erinnere mich einer Parodie auf die Leichenrede des Perikles, von G. Freytag, wo dieser mit steifen Hosen geborene Dichter das Glück schildert, das jetzt die 60jährigen Männer empfinden. – Alles reine Carrikatur ! So die Wirkung! Tiefe Trauer und Hohn und Zurückgezogenheit bleibt dem übrig, der mehr davon gesehn hat. 4. Andeutungen über die Griechen. 196. Mit einer Veränderung eines Wortes von Baco von Verulam kann man sagen: infimarum Graecorum virtutum apud philologos laus est, mediarum admiratio, supremarum sensus nullus . 197. Wie man nur ein ganzes Volk verherrlichen und preisen kann! Die Einzelnen sind es, auch bei den Griechen. 198. Es ist sehr viel Carrikatur , auch bei den Griechen, zum Beispiel die Sorge um's eigne Glück bei den Cynikern. 199. Mich interessirt allein das Verhältniß des Volkes zur Erziehung des Einzelnen: und da ist allerdings bei den Griechen Einiges sehr günstig für die Entwicklung des Einzelnen, doch nicht aus Güte des Volkes, sondern aus dem Kampf der bösen Triebe. Man kann durch glückliche Erfindungen das große Individuum noch ganz anders und höher erziehen, als es bis jetzt durch die Zufälle erzogen wurde . Da liegen noch Hoffnungen: Züchtung der bedeutenden Menschen. 200. Die Griechen sind interessant und ganz toll wichtig, weil sie eine solche Menge von großen Einzelnen haben. Wie war das möglich? Das muß man studiren. 201. Die griechische Geschichte ist immer bisher optimistisch geschrieben worden. 202. Ausgewählte Punkte aus dem Alterthum: zum Beispiel die Macht, das Feuer und der Schwung der antiken Musikempfindung (durch die erste pythische Ode), die Reinheit in der historischen Empfindung, die Dankbarkeit für die Segnungen der Kultur, Feuer-Feste, Getreide-Feste. Die Veredelung der Eifersucht, die Griechen das eifersüchtigste Volk. Der Selbstmord, Haß gegen das Alter, gegen die Armuth. Empedokles über die Geschlechtsliebe. 203. Gesunder gewandter Körper, reiner und tiefer Sinn in der Betrachtung des Allernächsten, freie Männlichkeit, Glauben an gute Rasse und gute Erziehung, kriegerische Tüchtigkeit, Eifersucht im ἀϱιστεύειν, Lust an den Künsten, Ehre der freien Muße, Sinn für freie Individuen, für das Symbolische. 204. Die geistige Cultur Griechenlands eine Aberration des ungeheuren politischen Triebes nach ἀϱιστεύειν. Die πόλις höchst ablehnend gegen neue Bildung. Trotzdem existirte die Cultur. 205. Wenn ich sage, die Griechen waren in Summa doch sittlicher als die modernen Menschen: was heißt das? Die ganze Sichtbarkeit der Seele im Handeln zeigt schon, daß sie ohne Scham waren, sie hatten kein schlechtes Gewissen. Sie waren offener, leidenschaftlicher, wie Künstler sind, eine Art von Kinder-Naivetät begleitet sie; so haben sie bei allem Schlimmen einen Zug von Reinheit an sich, etwas dem Heiligen Nahes. Merkwürdig viel Individuum: sollte darin nicht eine höhere Sittlichkeit liegen? Denkt man sich den Charakter langsam entstanden, was ist es doch, was zuletzt so viel Individualität erzeugt? Vielleicht Eitelkeit unter einander, Wetteifer? Möglich. Wenig Lust am Conventionellen. 206. Die Griechen das Genie unter den Völkern. Kindes-Natur, leichtgläubig. Leidenschaftlich. Unbewußt leben sie der Erzeugung des Genius. Feinde der Befangenheit und Dumpfheit. Schmerz. Unverständiges Handeln. Ihre Art von intuitiver Einsicht in das Elend, bei goldenem genial-frohem Temperament. Tiefsinn im Erfassen und Verherrlichen des Nächsten (Feuer, Ackerbau). Lügnerisch, unhistorisch. Die Culturbedeutung der Polis instinktiv erkannt; Centrum und Peripherie für die großen Menschen günstig (die Übersichtlichkeit einer Stadtgemeinde, auch die Möglichkeit, sie als Ganzes anzureden). Das Individuum zur höchsten Kraft durch die Polis gesteigert. Neid, Eifersucht wie bei genialen Leuten. 207. Es fehlt den Griechen die Nüchternheit. Übergroße Sensibilität, abnorm erhöhtes Nerven- und Cerebralleben, Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit des Willens. 208. »Im Einzelnen stets das Allgemeine zu sehen ist gerade der Grundzug des Genies« Schopenhauer. Man denke an Pindar u. s. w. Die »Besonnenheit«, nach Schopenhauer, hat zunächst ihre Wurzel in der Deutlichkeit , mit welcher die Griechen der Welt und ihrer selbst inne werden und dadurch zur Besinnung darüber kommen. Das » weite Auseinandertreten des Willens und des Intellekts « bezeichnet die Genies und auch die Griechen. »Die dem Genie beigegebene Melancholie beruht darauf, daß der Wille zum Leben, von je hellerem Intellekte er sich beleuchtet findet , desto deutlicher das Elend seines Zustandes wahrnimmt .« Schopenhauer. Cf . die Griechen! 209. Die Mäßigkeit der Griechen in ihrem sinnlichen Aufwand, Essen und Trinken und ihre Lust daran: die olympischen Spiele und ihre Vergötterung – das zeigt was sie waren. Beim Genie wird »der Intellekt die Fehler zeigen, die bei jedem Werkzeuge, welches zu dem, wozu es nicht gemacht ist, gebraucht wird, nicht auszubleiben pflegen.« »Es läßt den Willen oft sehr zur Unzeit im Stich: so wird das Genie für das Leben mehr oder weniger unbrauchbar, ja erinnert in seinem Betragen mitunter an den Wahnsinn.« 210. Wie stechen die Römer durch ihren trockenen Ernst gegen die genialen Griechen ab! Schopenhauer: »der feste praktische Lebensernst, welchen die Römer als gravitas bezeichneten, setzt voraus, daß der Intellekt nicht den Dienst des Willens verlasse, um hinauszuschweifen zu dem, was diesen nicht angeht.« 211. Es wäre viel glücklicher noch gewesen, daß die Perser , als daß gerade die Römer über die Griechen Herr wurden. 212. Die Eigenschaften des Genialen ohne Genialität treffen wir bei dem Durchschnittshellenen, im Grunde alle die gefährlichsten Eigenschaften des Gemüths und des Charakters. 213. Das Genie macht alle Halbbegabten tributpflichtig: so schickten Perser selbst ihre Gesandtschaften an die griechischen Orakel. 214. Das glücklichste Loos, welches dem Genie werden kann, ist Entbindung vom Thun und Lassen und freie Muße: und so wußten die Griechen zu schätzen. Segen der Arbeit! Nugari nannten die Römer alles Tichten und Trachten der Hellenen. Es hat keinen glücklichen Lebenslauf, es steht im Widerspruch und Kampf mit seiner Zeit. So die Griechen: sie bemühten sich ungeheuer, instinktiv, sich ein sicheres Gehäuse (in der Polis) zu schaffen. Endlich gieng Alles in der Politik zu Grunde. Sie waren gezwungen nach außen hin Stand zu halten: das wurde immer schwieriger, endlich unmöglich. 215. Die griechische Cultur ruht auf dem Herrschafts-Verhältniß einer wenig zahlreichen Klasse gegen vier bis neunmal so viel Unfreie. Der Masse nach war Griechenland ein von Barbaren bewohntes Land. Wie kann man die Alten nur human finden! Gegensatz des Genies gegen den Broderwerber, das halbe Zug- und Lastthier. Die Griechen glaubten an eine Verschiedenheit der Rasse. Schopenhauer wundert sich, daß es der Natur nicht beliebt habe, zwei getrennte Species zu erfinden. Zum Griechen verhält sich der Barbar wie »zum freibeweglichen, ja geflügelten Thiere die an ihren Felsen gekittete Muschel, welche abwarten muß, was der Zufall ihr zuführt«. Schopenhauer'sches Bild. 216. Die Griechen als das einzig geniale Volk der Weltgeschichte; auch als Lernende sind sie dies, sie verstehn dies am besten und wissen nicht bloß zu schmücken und zu putzen mit dem Entlehnten: wie es die Römer thun. Die Constitution der Polis ist eine phönizische Erfindung: selbst dies haben die Hellenen nachgemacht. Sie haben lange Zeit wie freudige Dilettanten an Allem herumgelernt; wie auch die Aphrodite phönizisch ist. Sie leugnen auch gar nicht das Eingewanderte und Nicht-Ursprüngliche ab. 217. Die glücklichste und behaglichste Gestaltung der politisch-socialen Lage ist am wenigsten bei den Griechen zu finden; jenes Ziel schwebt unsern Zukunftsträumern vor. Schrecklich! Denn man muß es nach dem Maaßstabe beurtheilen: je mehr Geist, desto mehr Leid (wie die Griechen beweisen). Also auch: je mehr Dummheit, desto mehr Behagen. Der Bildungsphilister ist das behaglichste Geschöpf, welches je die Sonne gesehn hat, er wird eine gehörige Dummheit haben. 218. Aus der gegenseitigen Todfeindschaft erwächst die griechische Polis und das ἰὲν ἀϱιστεύειν. Hellenisch und philanthropisch waren Gegensätze, obschon die Alten genug sich geschmeichelt haben. Homer in der Welt der hellenischen Zwietracht der panhellenische Grieche. Der Wettkampf der Griechen zeigt sich auch im Symposion, in der Form des geistreichen Gesprächs. 219. »Die frevelhafte gegenseitige Zernichtung unvermeidlich, so lange noch eine einzige πόλις leben wollte, ihr Neid gegen alles Höhere, ihre Habsucht, die Zerrüttung ihrer Sitte, die Sklavenstellung für die Frau, die Gewissenlosigkeit im Eidschwur, in Mord und Todtschlag.« Ungeheure Kraft der Selbstüberwindung, zum Beispiel im Bürger, in Sokrates, der zu allem Bösen fähig war. 220. Der herrliche Sinn für Ordnung und Gliederung hat den Staat der Athener unsterblich gemacht. – Die zehn Strategen in Athen! Toll! Gar zur sehr ein Opfer auf dem Altar der Eifersucht. 221. Die Erholungen der Spartaner bestanden in Festen, Jagden und Krieg: ihr alltägliches Leben war zu hart. Im Ganzen ist ihr Staat doch eine Carrikatur der Polis und ein Verderben von Hellas. Die Erzeugung des vollkommnen Spartaners – aber was ist er Großes, daß seine Erzeugung einen so brutalen Staat brauchte! 222. Das politische Unterliegen Griechenlands ist der größte Mißerfolg der Cultur: denn es hat die gräßliche Theorie aufgebracht, daß man die Cultur nur pflegen könne, wenn man zugleich bis an die Zähne bewaffnet und mit Fausthandschuhen angethan sei. Das Aufkommen des Christentums war der zweite große Mißerfolg: die rohe Macht dort, der dumpfe Intellekt hier kamen zum Siege über das aristokratische Genie unter den Völkern. Philhellene sein heißt: Feind der rohen Macht und der dumpfen Intellekte sein. Insofern war Sparta das Verderben von Hellas, insofern es Athen zwang, bundesstaatlich zu wirken und sich ganz auf Politik zu werfen. 223. Es giebt Gebiete, wo die ratio nur Unfug anrichten wird, und der Philolog, der nichts weiter hat, damit verloren ist und nie die Wahrheit sehen kann; zum Beispiel bei Betrachtung der griechischen Mythologie. Natürlich hat ein Phantast auch noch keinen Anspruch: man muß griechische Phantasie und etwas von griechischer Frömmigkeit haben. Selbst der Dichter braucht in sich nicht consequent zu sein, und überhaupt ist Consequenz das Letzte, wozu sich die Griechen verstehen würden. 224. Fast alle griechischen Gottheiten sind angesammelte; eine Schicht wieder über der andern, bald verwachsen, bald nothdürftig verkittet. Dies wissenschaftlich auseinanderzuklauben scheint mir kaum möglich: denn dafür kann es keine gute Methode geben: der elende Schluß der Analogie ist hier schon ein sehr guter Schluß. 225. Wie fern muß man den Griechen sein, um ihnen eine solche bornirte Autochthonie zuzutrauen wie Ottfried Müller! Wie christlich, um mit Welcker die Griechen für ursprüngliche Monotheisten zu halten! Wie quälen sich die Philologen mit der Frage, ob Homer geschrieben habe, ohne den viel höheren Satz zu begreifen, daß die griechische Kunst eine lange innere Feindseligkeit gegen Schriftwesen hatte und nicht gelesen werden wollte. 226. Im religiösen Cultus ist ein frührer Culturgrad festgehalten, es sind »Überlebsel«. Die Zeiten, welche ihn feiern, sind nicht die, welche ihn erfinden. Der Gegensatz ist oft sehr bunt. Der griechische Cultus führt uns in eine vorhomerische Gesinnung und Gesittung zurück, ist fast das Älteste, was wir von den Griechen wissen, älter als die Mythologie, welche die Dichter wesentlich umgebildet haben, so wie wir sie kennen. – Kann man diesen Cult griechisch nennen? Ich zweifle: sie sind Vollender, nicht Erfinder. Sie conserviren durch diese schöne Vollendung. 227. Es bleibt ein großer Zweifel übrig, ob man aus den Sprachen auf Nationalität und auf Verwandtschaft mit andern Nationen schließen darf; eine siegreiche Sprache ist Nichts als ein häufiges (nicht einmal regelmäßiges) Zeichen einer gelungenen Überwältigung. Wo hätte es je autochthone Völker gegeben! Es ist ein ganz unklarer Begriff, von Griechen zu reden, die noch nicht in Griechenland lebten. Das Eigenthümlich-Griechische ist viel weniger das Resultat der Anlage als der adaptirten Institutionen, und auch der angenommenen Sprache. 228. Auf Bergen zu wohnen, viel reisen, schnell von der Stelle zu kommen – darin kann man sich jetzt schon den griechischen Göttern gleichsetzen. Wir wissen auch das Vergangene und beinah das Zukünftige. Was ein Grieche sagen würde, wenn er uns sähe! 229. Die Götter machen den Menschen noch böser ; so ist Menschennatur. Wen wir nicht mögen, von dem wünschen wir, daß er schlechter werde, und freuen uns dann. Es gehört dies in die düstere Philosophie des Hasses, die noch nicht geschrieben ist, weil sie überall das pudendum ist, das Jeder fühlt. 230. Der Panhellene Homer hat seine Lust an der Leichtfertigkeit der Götter; aber erstaunlich ist, wie er ihnen wieder Würde geben kann. Dieses ungeheure Sich-Aufschwingen ist aber griechisch. 231. Woher stammt nun der Neid der Götter ? man glaubt nicht an ein ruhend stilles Glück, sondern nur an ein übermüthiges. Es muß den Griechen schlecht zu Muthe gewesen sein, allzu leicht verwundet war ihre Seele; es verbittert sie, den Glücklichen zu sehen. Das ist griechisch . Wo es ein ausgezeichnetes Talent gab, da mag die Schaar der Eifersüchtigen ungeheuer groß gewesen sein. Traf Jenen ein Unglück, so sagte man »aha! der war auch zu übermüthig«. Und Jeder hätte ebenso sich benommen, wenn er das Talent gehabt hätte, übermüthig; und Jeder hätte gern eben den Gott gespielt, der das Unglück schickt. 232. Die griechischen Götter verlangten keine Sinnesänderung und waren überhaupt nicht so lästig und zudringlich: da war es auch möglich, sie ernst zu nehmen und zu glauben. Zu Homer's Zeiten war das griechische Wesen übrigens fertig: Leichtfertigkeit der Bilder und der Phantasie ist nöthig, um das übermäßig leidenschaftliche Gemüth etwas zu beschwichtigen und zu befreien. 233. Jede Religion hat für ihre höchsten Bilder ein Analogon in einem Seelenzustande. Der Gott Mahomet 's: die Einsamkeit der Wüste, fernes Gebrüll des Löwen, Vision eines schrecklichen Kämpfers. Der Gott der Christen : Alles was sich Männer und Weiber bei dem Worte »Liebe« denken. Der Gott der Griechen : eine schöne Traumgestalt. 234. Zu einem griechischen Polytheismus gehört viel Geist; es ist freilich sparsamer mit dem Geist umgegangen, wenn man nur einen Gott hat. 235. Die griechische Moral beruht nicht auf der Religion, sondern auf der Polis. Es gab nur Priester einzelner Götter, nicht Vertreter der ganzen Religion: also keinen Stand . Ebenfalls keine heilige Urkunde. 236. Die »leichtlebenden« Götter: das ist die höchste Verschönerung, die der Welt zu Theil geworden ist; im Gefühl, wie schwer es sich lebt. 237. Spricht bei ihnen der Verstand, wie herbe und grausam erscheint ihnen das Leben! Sie täuschen sich nicht. Aber sie umspielen das Leben mit Lügen: Simonides räth, das Leben wie ein Spiel zu nehmen: der Ernst war ihnen als Schmerz zu bekannt. Das Elend der Menschen ist den Göttern ein Genuß, wenn ihnen davon gesungen wird. Das wußten die Griechen, daß einzig durch die Kunst selbst das Elend zum Genusse werden kann, vide tragoediam . 238. Es ist gar nicht wahr, daß die Griechen nur auf dieses Leben ihre Blicke gerichtet hatten. Sie litten auch an der Todes- und Höllenangst. Aber keine Reue und Zerknirschung. 239. Das leibhafte Erscheinen von Göttern, wie bei Sappho's Anrufung der Aphrodite, ist nicht als poetische Licenz zu verstehen, es sind häufige Halluzinationen. Vieles, wie auch den Wunsch zu sterben , fassen wir zu flach auf, als rhetorisch. 240. Der »Dulder« ist hellenisch: Prometheus, Herakles. Der Heroenmythus ist panhellenisch geworden; dazu gehörte freilich ein Dichter. 241. Wie wirklich die Griechen selbst in reinen Erfindungen waren, wie sie an der Wirklichkeit fortdichteten, nicht sich aus ihr hinaussehnten. Das Steigern des Gegenwärtigen in's Ungeheure und Ewige z. B. bei Pindar. 242. Welchen Zustand nehmen nur die Griechen als Vorbild für ihr Leben im Hades? Blutlos, traumhaft, schwach: es ist die nochmalige Steigerung des Greisenalters , wo das Gedächtniß noch mehr schwindet und der Leib auch noch mehr. Das Greisenalter des Greisenalters – so leben wir in den Augen der Hellenen. 243. Der kindliche Charakter der Griechen von den Ägyptern empfunden. 244. Das eigentlich wissenschaftliche Volk, das Volk der Litteratur, sind die Ägypter und nicht die Griechen. Was wie Wissenschaft bei den Griechen aussieht, stammt daher und später kehrt es nach Ägypten zurück, um sich mit dem alten Strome wieder zu vereinigen. Alexandrinische Cultur ist eine Verquickung von Hellenisch und Ägyptisch: und wenn die neue Welt an die Cultur der Alexandriner anknüpft, dann hat sie ... 245. Die Ägypter sind viel mehr ein litterarisches Volk als die Griechen. Dies gegen Wolf. Das erste Korn in Eleusis, die erste Rebe in Theben, der erste Ölbaum, Feigenbaum. Ägypten hatte seinen Mythus wesentlich verloren. 246. Die unmathematische Schwingung der Säule in Pästum ist ein Analogon zur Modifikation des Tempos: Belebtheit an Stelle eines maschinenhaften Bewegtseins. 247. Der Wunsch, irgend etwas Sicheres in der Ästhetik zu haben, verführte zur Anbetung des Aristoteles; ich glaube, es läßt sich allmählich beweisen, daß er Nichts von der Kunst versteht, und daß nur die klugen Gespräche der Athener es sind, deren Widerhall wir so bei ihm bewundern. 248. In Sokrates haben wir einen Vorgang des Bewußtseins gleichsam vor uns offen liegen, aus dem später die Instinkte des theoretischen Menschen entstanden sind: daß Jemand lieber sterben will, als alt und schwach im Geiste werden. 249. Am Ausgange des Alterthums stehen noch ganz unchristliche Gestalten, die schöner, reiner und harmonischer sind, als alle christlichen; zum Beispiel Proklos. Die Mystik, sein Synkretismus sind Dinge, die ihm gerade das Christenthum nicht vorwerfen darf. Jedenfalls wäre es mein Wunsch, mit Denen zusammenzuleben. Denen gegenüber erscheint das Christentum nur wie die roheste Vergröberung, für den Haufen und die Ruchlosen hergerichtet. Proklos , der den aufgehenden Mond in feierlicher Weise anbetet. 250. Mit dem Christenthum erlangte eine Religion das Übergewicht, welche einem vorgriechischen Zustand des Menschen entsprach: Glaube an Zaubervorgänge in Allem und Jedem, blutige Opfer, abergläubische Angst vor dämonischen Strafgerichten, Verzagen an sich selbst, ekstatisches Brüten und Halluziniren, der Mensch sich selber zum Tummelplatz guter und böser Geister und ihrer Kämpfe geworden. 5. Der Philologe der Zukunft. 251. Alle Richtungen der Historie haben am Alterthum sich versucht; die kritische Betrachtung ist allein noch übrig. Nur muß man darunter nicht Conjektural- und litterarhistorische Kritik verstehen. 252. Alle Arten die Geschichte zu behandeln sind schon am Alterthum versucht. Vor Allem aber hat man genug erfahren, um nun die Geschichte des Alterthums sich zu nutze zu machen – ohne am Alterthum zu Grunde zu gehen. 253. Wir sehen auf eine ziemliche Zeit Menschheit zurück; wie wird eine Menschheit einmal aussehen, welche auf uns ebenso fernher hinsieht? Welche uns noch ganz ertränkt findet in den Überbleibseln der alten Cultur! Welche nur im »Hülfreich- und Gutsein« ihren Trost findet und alle andern Tröstungen abweist! – Wächst auch die Schönheit aus der alten Cultur heraus? Ich glaube, unsre Häßlichkeit hängt von unsern metaphysischen Überbleibseln ab; unsere Verworrenheit der Sitte, unsre Schlechtigkeit der Ehen u. s. w. ist die Ursache. Der schöne Mensch, der gesunde und mäßige und unternehmende Mensch formt um sich dann auch zum Schönen, zu seinem Abbild. 254. Alle Geschichte ist bis jetzt vom Standpunkt des Erfolgs und zwar mit der Annahme einer Vernunft im Erfolge geschrieben. Auch die griechische Geschichte: wir besitzen noch keine. Aber so steht es überhaupt: wo sind Historiker, die nicht von allgemeinen Flausen beherrscht die Dinge ansehn? Ich sehe nur Einen, Burckhardt. Überall der breite Optimismus in der Wissenschaft. Die Frage: »was wäre geschehn, wenn Das und Das nicht eingetreten wäre« wird fast einstimmig abgelehnt, und doch ist sie gerade die kardinale Frage, wodurch Alles zu einem ironischen Dinge wird. Man sehe nur sein Leben an. Wenn man nach Plan in der Geschichte sucht, so sehe man ihn in den Absichten eines gewaltigen Menschen, vielleicht in denen eines Geschlechts, einer Partei. Alles Übrige ist ein Wirrsal. – Auch in der Naturwissenschaft ist diese Vergötterung des Nothwendigen . – Deutschland ist die Brutstätte des historischen Optimismus geworden: daran mag Hegel mit schuld sein. Aber durch Nichts hat die deutsche Cultur verhängnißvoller gewirkt. Alles durch den Erfolg Unterdrückte bäumt sich allmählich auf; die Geschichte als der Hohn der Sieger; servile Gesinnung und Devotion vor dem Faktum – »Sinn für den Staat« nennt man's jetzt! Als ob der noch hätte gepflanzt werden müssen! Wer nicht begreift, wie brutal und sinnlos die Geschichte ist, der wird auch den Antrieb gar nicht verstehn die Geschichte sinnvoll zu machen. Nun sehe man, wie selten eine solche sinnvolle Erkenntniß des eigenen Lebens ist wie die Goethe's: was soll nun aus allen diesen verschleierten und blinden Existenzen Vernünftiges geschehn, wenn sie mit und gegen einander chaotisch wirken. Besonders naiv ist es nun, wenn Hellwald, der Verfasser einer Culturgeschichte, von allen »Idealen« abwinkt, weil die Geschichte immer Eins nach dem Andern abgethan habe. 255. Die Unvernunft in den menschlichen Dingen an's Licht zu bringen , ohne jede Verschämtheit, das ist das Ziel unserer Brüder und Genossen . Dann wird man zu unterscheiden haben, was davon fundamental und unverbesserlich ist, was noch verbessert werden kann. Aber jede »Vorsehung« ist fernzuhalten: denn das ist ein Begriff, wodurch man es sich zu leicht macht. Den Athem dieser Absicht wünsche ich der Wissenschaft einzuflößen. Die Kenntniß des Menschen vorwärts zu bringen! Das Gute und Vernünftige im Menschen ist zufällig oder scheinbar oder die Gegenseite von etwas sehr Unvernünftigem. Es wird irgendwann einmal gar keinen Gedanken geben als Erziehung . 256. Ergebung in die Nothwendigkeit lehre ich nicht – denn man müßte sie erst als nothwendig kennen . Vielleicht giebt es vielfache Notwendigkeiten; aber so im Allgemeinen ist es doch auch ein Faulbett. 257. Geschichte kennen heißt jetzt: zu erkennen , wie es alle Menschen sich zu leicht gemacht haben, welche an eine Vorsehung glauben. Es giebt keine. Wenn die menschlichen Dinge wild und unordentlich gehen, so glaube nicht, daß ein Gott damit etwas bezweckt, oder daß er sie zuläßt. Wir können ungefähr übersehn, daß die Geschichte des Christenthums auf Erden einer der schrecklichsten Theile der Geschichte ist, und daß es damit einmal vorbei sein muß. Freilich ragte im Christenthum gerade auch das Alterthum in unsre Zeit hinein; und wenn es schwindet, schwindet das Verständniß des Alterthums noch mehr. Jetzt ist die beste Zeit, es zu erkennen; uns leitet kein Vorurtheil zu Gunsten des Christenthums mehr, aber wir verstehn es noch und in ihm auch noch das Alterthum, soweit es auf einer Linie steht. 258. Es müssen philosophische Köpfe darüber kommen und einmal die Gesammtabrechnung des Alterthums vorlegen. Sobald diese vorliegt, so wird es überwunden sein. Man ist viel zu stark mit allem Fehlerhaften, das uns quält, vom Alterthum abhängig, als daß man es noch lange milde behandeln wird. Die ungeheuerste Frevelthat der Menschheit, daß das Christenthum möglich werden konnte, so wie es möglich wurde, ist die Schuld des Alterthums. Mit dem Christenthum wird auch das Alterthum abgeräumt werden. – Jetzt ist es sehr nahe hinter uns, und gerecht zu sein gewiß nicht möglich. Es ist in der scheußlichsten Weise zur Unterdrückung benutzt worden und hat die religiöse Unterdrückung unterstützt, dadurch, daß es sie mit »Bildung« maskirte. Der Hauptwitz war: »das Alterthum ist durch das Christenthum überwunden worden!« Dies war eine historische Thatsache, und so wurde die Beschäftigung mit ihm unschädlich. Ja es ist so plausibel, die christliche Ethik »tiefer« zu finden als Sokrates! Mit Plato konnte man es schon aufnehmen! Es ist eine nochmalige Wiederkäuung desselben Kampfes, der sich in den ersten Jahrhunderten schon abspielte. Nur daß jetzt ein ganz blasses Gespenst an Stelle des damals recht sichtbaren Alterthums getreten ist, und freilich auch das Christenthum recht gespenstisch geworden ist. Es ist ein Kampf nach der Entscheidungsschlacht, ein Nachzittern. Zuletzt sind alle die Mächte, aus denen das Alterthum besteht, im Christenthum in der rohesten Gestalt zu Tage getreten, es ist nichts Neues, nur quantitativ extraordinär. 259. Auf immer trennt uns von der alten Cultur , daß ihre Grundlage durch und durch für uns hinfällig geworden ist. Eine Kritik der Griechen ist insofern zugleich eine Kritik des Christentums, denn die Grundlage im Geisterglauben, im religiösen Cultus, in der Naturverzauberung ist dieselbe. – Es giebt jetzt noch zahlreiche rückständige Stufen, aber sie sind schon im Begriff zu verfallen . Dies wäre eine Aufgabe, das Griechenthum als unwiederbringlich zu kennzeichnen und damit auch das Christenthum und die bisherigen Fundamente unsrer Societät und Politik . 260. Das Christenthum hat das Alterthum überwunden – ja das ist leicht gesagt. Erstens ist es selbst ein Stück Alterthum, zweitens hat es das Alterthum conservirt, drittens ist es mit den reinen Zeiten des Alterthums gar nicht im Kampf gewesen. Vielmehr: damit das Christenthum erhalten blieb, mußte es sich vom Geiste des Alterthums überwinden lassen, zum Beispiel von der Imperium-Vorstellung, der Gemeinde u. s. w. Wir leiden an der ungemeinen Unreinlichkeit und Unklarheit des Menschlichen , an der witzigen Verlogenheit , die das Christenthum über die Menschen gebracht hat. 261. Es ist fast lächerlich zu sehen, wie fast alle Wissenschaften und Künste in der neueren Zeit wieder aus dem Samen aufwachsen, der aus dem Alterthum zugeweht wird, und wie das Christenthum hier nur als ein böser Frost einer langen Nacht erscheint, bei dem man glauben sollte, es sei für alle Zeit mit der Vernunft und der Ehrlichkeit der Menschen vorbei. Der Kampf gegen den natürlichen Menschen hat den unnatürlichen Menschen gemacht. 262. Mit dem Verschwinden des Christentums ist auch ein guter Theil des Alterthums unverständlicher geworden, zumal die ganze religiöse Basis des Lebens. Schon deshalb ist eine Nachahmung des Alterthums eine falsche Tendenz; Betrüger oder Betrogene sind die Philologen, welche noch daran denken. Wir leben in der Periode, wo verschiedene Lebensauffassungen nebeneinander stehen: deshalb ist die Zeit so lehrreich, wie selten eine, deshalb so krank, weil sie an den Übeln aller Richtungen zugleich leidet. Zukunftsmensch: der europäische Mensch. 263. Die deutsche Reformation entfernte uns vom Alterthum: mußte sie das? Sie entdeckte den alten Widerspruch »Heidenthum – Christenthum« von Neuem; sie war zugleich ein Protest gegen die dekorative Cultur der Renaissance; es war ein Sieg über dieselbe Cultur, die beim Beginn des Christenthums besiegt wurde. Das Christenthum hat in Betreff der »weltlichen Dinge« gerade die gröberen Ansichten der Alten conservirt. Alles Edlere in Ehe, Sklaverei, Staat ist unchristlich. Es brauchte die entstellenden Züge der Weltlichkeit, um sich zu beweisen. 264. Die Verbindung von Humanismus und religiösem Rationalismus ist als sächsisch gut von Köchly hervorgehoben: der Typus dieser Philologen ist Gottfried Hermann . 265. Religionen verstehe ich als Narkosen : aber werden sie solchen Völkern gegeben wie den Germanen, so sind es reine Gifte. 266. Alle Religionen beruhen zuletzt doch auf gewissen physikalischen Annahmen, die vorher da sind und sich die Religionen anpassen; zum Beispiel im Christenthum Gegensatz von Leib und Seele, unbedingte Wichtigkeit der Erde als der »Welt«, wunderhaftes Geschehen in der Natur. Sind erst die entgegengesetzten Anschauungen zur Herrschaft gekommen, zum Beispiel strenges Naturgesetz, Hülflosigkeit und Überflüssigkeit aller Götter, engste Auffassung des Seelischen als eines leiblichen Processes – so ist es vorbei. Nun ruht das ganze Griechenthum auf solchen Anschauungen . 267. Wenn man von der Gesinnung und Gesittung des katholischen Mittelalters aus nach den Griechen hinschaut, da strahlen sie freilich im Glanze der höheren Humanität : denn Alles, was man ihnen vorwerfen wird, muß man in viel höherem Maaße dem Mittelalter selber vorwerfen. So ist die Verehrung der Alten in der Renaissance-Zeit ganz ehrlich und recht. Nun haben wir in Einigem es noch weiter gebracht, gerade auf Grund jenes erwachenden Lichtstrahles. Wir haben in der Aufhellung der Welt die Griechen überholt, durch Natur- und Menschengeschichte, und unsere Kenntnisse sind viel größer, unsere Urtheile mäßiger und gerechter. Auch eine mildere Menschlichkeit ist verbreitet, dank der Aufklärungszeit, welche den Menschen geschwächt hat – aber diese Schwäche nimmt sich, in's Moralische umgewandelt, sehr gut aus und ehrt uns. Der Mensch hat jetzt sehr viel Freiheit, es ist seine Sache, daß er sie so wenig gebraucht; der Fanatismus des Meinens ist sehr gemildert. Daß wir zuletzt doch lieber in dieser als in einer andern Zeit leben wollen, ist wesentlich das Verdienst der Wissenschaft, und gewiß gab es für kein Geschlecht eine solche Summe von edlen Freuden, wie für unseres – wenn auch unser Geschlecht gerade nicht den Magen und Gaumen hat, viel Freude empfinden zu können. – Nun lebt es sich bei aller dieser »Freiheit« nur gut, wenn man eben nur begreifen, nicht mitmachen will – das ist der moderne Haken. Die Mitmachenden erscheinen weniger reizvoll als je; wie dumm müssen sie sein! So entsteht die Gefahr, daß das Wissen sich an uns räche, wie sich das Nichtwissen während des Mittelalters an uns gerächt hat. Mit den Religionen, welche an Götter, an Vorsehungen, an vernünftige Neuordnungen, an Wunder und Sakramente glauben, ist es vorbei, auch bestimmte Arten von heiligem Leben, von Askese sind vorbei, weil wir leicht auf ein verletztes Gehirn und auf Krankheit schließen. Es ist kein Zweifel, der Gegensatz von einer reinen unkörperlichen Seele und einem Leibe ist fast beseitigt. Wer glaubt noch an eine Unsterblichkeit der Seele! Alles Segensvolle und Verhängnißvolle, was somit auf gewissen irrthümlichen physiologischen Annahmen beruhte, ist hinfällig geworden, sobald diese Annahmen als Irrthümer erkannt sind. Das was nun jetzt die wissenschaftlichen Annahmen sind, läßt ebensowohl eine Deutung und Benutzung in's Verdummend-Philisterhafte, ja in's Bestialische zu, als eine Deutung in's Segensreiche und Beseelende. Unser Fundament ist neu gegen alle früheren Zeiten, deshalb kann man vom Menschengeschlecht noch Etwas erleben. In Betreff der Cultur heißt dies: wir kannten bisher nur eine vollkommene Form, das ist die Stadtcultur der Griechen, auf ihren mythischen und socialen Fundamenten ruhend, und eine unvollkommne, die römische, als Dekoration des Lebens, entlehnend von der griechischen! Jetzt haben sich nun alle Fundamente, die mythischen und die politisch-socialen verändert; unsre angebliche Cultur hat keinen Bestand, weil sie sich auf unhaltbare, fast schon verschwundene Zustände und Meinungen aufbaut. – Die griechische Cultur vollständig begreifend sehen wir also ein, daß es vorbei ist. So ist der Philologe der große Skeptiker in unsern Zuständen der Bildung und Erziehung: das ist seine Mission. – Glücklich, wenn er wie Wagner und Schopenhauer, die verheißungsvollen Kräfte ahnt, in denen eine neue Cultur sich regt. 268. Denen, welche sagen: »aber immer bleibt doch noch das Alterthum übrig als Objekt reiner Wissenschaft, wenn auch alle seine erziehenden Absichten geleugnet werden«, ist zu antworten: was ist hier reine Wissenschaft! Es sollen Handlungen und Eigenschaften beurtheilt werden, und der Urtheilende muß darüberstehen: also hättet ihr erst dafür zu sorgen, das Alterthum zu überwinden . Bevor ihr das nicht thut, ist eure Wissenschaft nicht rein, sondern unrein und beschränkt: wie es zu spüren ist. 269. Das Griechenthum durch die That zu überwinden wäre die Aufgabe. Aber dazu müßte man es erst kennen! – Es giebt eine Gründlichkeit, welche nur der Vorwand der Thatenlosigkeit ist. Man denke, was Goethe vom Alterthum verstand; gewiß nicht so viel als ein Philologe und doch genug, um fruchtbar mit ihm zu ringen. Man sollte sogar nicht mehr von einer Sache wissen, als man auch schaffen könnte. Überdies ist es selbst das einzige Mittel Etwas wahrhaft zu erkennen , wenn man versucht es zu machen . Man versuche, alterthümlich zu leben – man kommt sofort hundert Meilen den Alten näher als mit aller Gelehrsamkeit. – Unsre Philologen zeigen nicht, daß sie irgendwie dem Alterthum nacheifern – deshalb ist ihr Alterthum ohne Wirkung auf die Schule. Studium des Wetteifers (Renaissance, Goethe) und Studium der Verzweiflung . Das Unvolksthümliche der neuen Renaissance-Cultur: eine furchtbare Thatsache! 270. Die Verehrung des classischen Alterthums, wie sie die Italiäner zeigten, das heißt also: die einzig ernsthafte uneigennützige hingebende Verehrung, welche das Alterthum bis jetzt gefunden hat, ist ein großartiges Beispiel der Don Quixoterie: und so Etwas ist also Philologie besten Falls. So schon bei den alexandrinischen Gelehrten, so bei allen den Sophisten des ersten und zweiten Jahrhunderts, bei den Atticisten u. s. w. Man ahmt etwas rein Chimärisches nach, und läuft einer Wunderwelt hinterdrein, die nie existirt hat. Es geht ein solcher Zug schon durch das Alterthum: die Art, wie man die homerischen Helden copirte, der ganze Verkehr mit dem Mythus hat Etwas davon. Allmählich ist das ganze Griechenthum selber zu einem Objekte des Don Quixote geworden. Man kann unsre moderne Welt nicht verstehn, wenn man nicht den ungeheuren Einfluß des rein Phantastischen einsieht. Dem steht nun entgegen: es kann keine Nachahmung geben. Aber Nachahmen ist nur ein künstlerisches Phänomen, also auf den Schein gerichtet; etwas Lebendiges kann Manieren Gedanken u. s. w. annehmen durch Nachahmung, aber sie kann nichts erzeugen . Eine Cultur, welche der griechischen nachläuft, kann Nichts erzeugen . Wohl kann der Schaffende überall her entlehnen und sich nähren. Und so werden wir auch nur als Schaffende Etwas von den Griechen haben können. Worin aber wären die Philologen Schaffende! Es muß einige unreinliche Gewerbe geben, Abdecker; auch Correktoren: sollten die Philologen etwa so ein unreinliches Gewerbe vorstellen? 271. Was ist nun jetzt noch das Alterthum, gegenüber moderner Kunst, Wissenschaft und Philosophie? Nicht mehr die Schatzkammer aller Kenntnisse, in Natur- und Geschichtskenntniß ist es überwunden. Die Unterdrückung durch die Kirche ist gebrochen. Es ist jetzt eine reinere Kenntniß des Alterthums möglich, aber auch wohl eine wirkungslosere , schwächere? – Das ist richtig: wenn man die Wirkung nur als Massenwirkung kennt; aber für die Erzeugung der größten Geister ist das Alterthum mehr wie je kräftig. Goethe als deutscher Poet-Philolog, Wagner als noch höhere Stufe: Hellblick für die einzig würdige Stellung der Kunst; nie hat ein antikes Werk so mächtig gewirkt wie die Oresteia auf Wagner. Der objektiv-castrirte Philolog , der im übrigen Bildungsphilister und Culturkämpfer ist und daneben reine Wissenschaft treibt, ist freilich eine traurige Erscheinung. 272. Zwischen unsrer höchsten Kunst und Philosophie und zwischen dem wahrhaft erkannten ältern Alterthum ist kein Widerspruch: sie stützen und tragen sich. Hier liegen meine Hoffnungen. 273. Hauptgesichtspunkte in Hinsicht auf spätere Geltung des Alterthums. Es ist Nichts für junge Leute: denn es zeigt den Menschen mit einer Freiheit von Scham. Es ist Nichts zur direkten Nachahmung, belehrt aber, auf welchem Wege bisher die höchste Ausbildung der Kunst erreicht wurde. Es ist nur für Wenige zugänglich, und es sollte eine Polizei der Sitte da sein, wie sie gegen schlechte Pianisten da sein sollte, die Beethoven spielen. Diese Wenigen messen daran unsre Gegenwart, als Kritiker derselben, und sie messen das Alterthum an ihren Idealen und sind so Kritiker des Alterthums. Der Contrast zwischen Hellenisch und Römisch und wieder zwischen Althellenisch und Späthellenisch zu studiren – Aufklärung über die verschiedenen Arten von Cultur. 274. Die Förderung einer Wissenschaft auf Unkosten der Menschen ist die schädlichste Sache von der Welt. Der verkümmerte Mensch ist ein Rückschritt der Menschheit, er wirft in alle Zeit hinaus seinen Schatten . Es entartet die Gesinnung, die natürliche Absicht der einzelnen Wissenschaft: sie selber geht daran endlich zu Grunde: sie steht gefördert da, wirkt aber nicht oder unmoralisch auf das Leben. 275. Menschen nicht als Sache benutzen! Von der sehr unvollkommenen Philologie und Kenntniß des Alterthums gieng ein Strom von Freiheit aus, unsere hochentwickelte knechtet und dient dem Staatsgötzen. 276. Die Wissenschaften werden vielleicht einmal von den Frauen betrieben: die Männer sollen geistig schaffen , Staaten, Gesetze, Kunstwerke u. s. w. Man soll das vorbildliche Alterthum nur studiren, wie man einen vorbildlichen Menschen studirt: also so viel man begreift, nachahmend, und wenn das Vorbild sehr fern ist, über die Wege und Vorbereitungen sinnend und Mittelstadien erfindend . 277. Das Maaß des Studiums liegt darin: nur was zur Nachahmung reizt, was mit Liebe ergriffen wird und fortzuzeugen verlangt, soll studirt werden. Da wäre das Richtigste: ein fortschreitender Kanon des Vorbildlichen , angepaßt für jüngere, junge und ältere Menschen. 278. In der Art hat Goethe das Alterthum ergriffen: immer mit wetteifernder Seele. Aber wer sonst? Man sieht Nichts von einer durchdachten Pädagogik dieser Art: wer weiß, daß es Erkenntnisse des Alterthums giebt, die Jünglingen unmittheilbar sind! Der knabenhafte Charakter der Philologie: für Schüler von Lehrern erdacht. 279. Immer allgemeinere Gestalt des Vorbildlichen : erst Menschen, dann Institutionen, endlich Richtungen, Absichten oder deren Mangel. Höchste Gestalt: Überwindung des Vorbildes mit dem Rückgange von Tendenzen zu Institutionen, von Institutionen zu Menschen. 280. Ich will einmal sagen, was ich Alles nicht mehr glaube – auch was ich glaube. In dem großen Strudel von Kräften steht der Mensch und bildet sich ein, jener Strudel sei vernünftig und habe einen vernünftigen Zweck: Irrthum! Das einzig Vernünftige, was wir kennen, ist das bischen Vernunft des Menschen: er muß es sehr anstrengen, und es läuft immer zu seinem Verderben aus, wenn er sich etwa »der Vorsehung« überlassen wollte. Das einzige Glück liegt in der Vernunft, die ganze übrige Welt ist triste. Die höchste Vernunft sehe ich aber in dem Werk des Künstlers, und er kann sie als Solche empfinden; es mag Etwas geben, das, wenn es mit Bewußtsein hervorgebracht werden könnte, ein noch größeres Gefühl von Vernunft und Glück ergäbe: zum Beispiel der Lauf des Sonnensystems, die Erzeugung und Bildung eines Menschen. Glück liegt in der Geschwindigkeit des Fühlens und Denkens: alle übrige Welt ist langsam, allmählich und dumm. Wer den Lauf des Lichtstrahls fühlen könnte, würde sehr beglückt sein, denn er ist sehr geschwind. An sich denken giebt wenig Glück. Wenn man aber viel Glück dabei hat, liegt es daran, daß man im Grunde nicht an sich, sondern an sein Ideal denkt. Dies ist ferne, und nur der Geschwinde erreicht es und freut sich. Eine Verbindung eines großen Centrums von Menschen zur Erzeugung von besseren Menschen ist die Aufgabe der Zukunft. Der Einzelne muß an solche Ansprüche gewöhnt werden, daß, indem er sich selbst bejaht, er den Willen jenes Centrums bejaht, zum Beispiel in Bezug auf die Wahl, die er unter den Weibern trifft, über die Art, wie er sein Kind erzieht. Bis jetzt war kein Individuum oder nur die seltensten frei, sie wurden durch solche Vorstellungen auch bestimmt, aber auch durch schlechte und widerspruchsvolle Organisation der individuellen Absichten. 281. Erziehung ist erst Lehre vom Nothwendigen , dann vom Wechselnden und Veränderlichen . Man führt den Jüngling in die Natur, zeigt ihm überall das Walten von Gesetzen; dann die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft. Hier wird schon die Frage rege: mußte das so sein? Allmählich braucht er Geschichte, um zu hören, wie das so geworden ist. Aber damit lernt er, daß es auch anders werden kann. Wie viel Macht über die Dinge hat der Mensch? Das ist die Frage bei aller Erziehung. Um nun zu zeigen, wie ganz anders es sein kann, zeige man zum Beispiel die Griechen. Die Römer braucht man, um zu zeigen, wie es so wurde . 282. Wenn nun die Römer die griechische Cultur verschmäht hätten: sie wäre vielleicht radikal zu Grunde gegangen. Wann hätte sie wieder erwachen sollen? Christenthum und Römer und Barbaren – das wäre ein Ansturm gewesen: völlig verwischt. Wir sehen die Gefahr, unter der das Genie lebt. Cicero ist so schon einer der größten Wohlthäter der Menschheit. – Es giebt für das Genie keine Vorsehung: nur für die gewöhnlichen massenhaften Menschen und ihre Nöthe giebt es so Etwas: sie finden ihre Befriedigung, später ihre Rechtfertigung. 283. Aufgabe: der Tod der alten Cultur unvermeidlich: die griechische ist als Urbild zu kennzeichnen und zu zeigen, wie alle Cultur auf Vorstellungen ruht, die hinfällig sind. Gefährliche Bedeutung der Kunst : als Bewahrerin und Galvanisirung abgestorbener und absterbender Vorstellungen; der Historie , insofern sie uns in überwundene Gefühle zurückversetzen will. »Historisch« empfinden, »gerecht sein« gegen Vergangenes ist nur möglich, wenn wir zugleich darüber hinaus sind. Aber die Gefahr bei der hier geforderten Anempfindung ist groß: lassen wir doch die Todten ihre Todten begraben: so nehmen wir nicht selber Leichengeruch an. Der Tod der alten Cultur. Bisherige Bedeutung der Alterthumsstudien, unklar, lügnerisch. Sobald sie ihr Ziel erkennen, verurtheilen sie sich zum Tode: denn ihr Ziel ist, die alte Cultur selbst als eine zu vernichtende zu beschreiben. Sammlung aller der Vorstellungen, aus denen die hellenische Cultur herausgewachsen ist. Kritik der Religion, Kunst, der Gesellschaft, des Staates, der Sitte. Die christliche ist mit verneint. Kunst und Historie – gefährlich. Ersetzung der Alterthumsstudien, die für die Jugenderziehung hinfällig geworden sind. So ist die Aufgabe der Wissenschaft der Geschichte gelöst, und sie selber ist überflüssig geworden: wenn der ganze innerlich zusammenhängende Kreis vergangner Bestrebungen verurtheilt worden ist. An ihre Stelle muß die Wissenschaft um die Zukunft treten. 284. Zeichen und Wunder werden nicht geglaubt; nur eine »Vorsehung« braucht so Etwas. Es giebt keine Hülfe, weder im Gebet, noch in der Askese, noch in der Vision. Wenn dies Alles Religion ist, so giebt es keine Religion mehr für mich. Meine Religion, wenn ich irgend Etwas noch so nennen darf, liegt in der Arbeit für die Erzeugung des Genius; Erziehung ist alles zu Hoffende, alles Tröstende heißt Kunst. Erziehung ist Liebe zum Erzeugten , ein Überschuß von Liebe über die Selbstliebe hinaus. Religion ist » Liebe über uns hinaus «. Das Kunstwerk ist das Abbild einer solchen Liebe über sich hinaus, und ein vollkommnes . 285. Die Dummheit des Willens ist der größte Gedanke Schopenhauer's, wenn man Gedanken nach der Macht beurtheilt. Man kann an Hartmann sehen, wie er sofort diesen Gedanken wieder eskamotirt. Etwas Dummes wird Niemand Gott nennen. 286. Also das ist das Neue alles zukünftigen Welttreibens: man darf die Menschen nicht wieder mit religiösen Vorstellungen beherrschen . Ob sie sich schlechter zeigen werden? Ich finde nicht, daß sie sich unter dem Joche der Religionen gut und sittlich ausnehmen; ich stehe nicht auf Seite von Demopheles. Die Furcht vor dem Jenseits und dann überhaupt die religiöse Furcht vor göttlichen Strafen werden die Menschen schwerlich besser gemacht haben. 287. Wo etwas Großes erscheint, mit etwas längerer Dauer, da können wir vorher eine sorgfältige Züchtung wahrnehmen, zum Beispiel bei den Griechen. Wie erlangten so viele Menschen bei ihnen Freiheit? Erzieher erziehn ! Aber die ersten müssen sich selbst erziehn ! Und für diese schreibe ich. 288. Die Verneinung des Lebens ist nicht mehr so leicht zu erreichen: man mag Einsiedler oder Mönch sein – was ist da verneint! Dieser Begriff wird jetzt tiefer: es ist vor Allem erkennende Verneinung, gerecht sein wollende Verneinung, nicht mehr in Bausch und Bogen . 289. Der Seher muß liebevoll sein, sonst hat er kein Vertrauen bei den Menschen: Kassandra. 290. Wer heute gut und heilig sein wollte, hätte es schwerer: er dürfte, um gut zu sein, nicht so ungerecht gegen das Wissen sein, wie es die frühern Heiligen waren. Es müßte ein Wissender-Heiliger sein: Liebe und Weisheit verbindend; und mit einem Glauben an Götter oder Halbgötter oder Vorsehungen dürfte er Nichts mehr zu schaffen haben; wie damit auch die indischen Heiligen Nichts zu thun hatten. Auch müßte er gesund sein und sich gesund erhalten; sonst würde er gegen sich mißtrauisch werden müssen. Und vielleicht würde er gar nicht einem asketischen Heiligen ähnlich sehen, vielleicht gar einem Lebemanne. 291. Je besser der Staat eingerichtet ist, desto matter die Menschheit. Das Individuum unbehaglich zu machen ist meine Aufgabe! Reiz der Befreiung des Einzelnen im Kampfe! Die geistige Höhe hat ihre Zeit in der Geschichte, vererbte Energie gehört dazu. Im idealen Staat ist es damit vorbei. 292. Höchstes Urtheil über das Leben nur aus der höchsten Energie des Lebens. Der Geist muß am weitesten von der Mattheit entfernt sein. In der mittleren Weltgeschichte wird das Urtheil am richtigsten sein, weil da die größten Genien existiren. Erzeugung des Genius als des Einzigen, der das Leben wahrhaft schätzen und verneinen kann. Rettet euren Genius ! soll den Leuten zugerufen werden, befreit ihn! Thut Alles, um ihn zu entfesseln. Die Matten, geistig Armen dürfen über das Leben nicht urtheilen. 293. Ich träume eine Genossenschaft von Menschen, welche unbedingt sind, keine Schonung kennen und »Vernichter« heißen wollen: sie halten an Alles den Maaßstab ihrer Kritik und opfern sich der Wahrheit. Das Schlimme und Falsche soll an's Licht! Wir wollen nicht vorzeitig bauen, wir wissen nicht, ob wir je bauen können, und ob es nicht das Beste ist, nicht zu bauen. Es giebt faule Pessimisten, Resignisten – zu Denen wollen wir nicht gehören !