August von Platen Prosatexte Rosensohn Märchen 1813 Erstes Kapitel Das Königreich Talmyris beherrschte einmal ein gar weiser und trefflicher König, Pherias mit Namen, welcher sich bald nach seiner Thronbesteigung mit dem schönsten Fräulein im Lande vermählte. Aber die schöne Gyrmantis, so hieß die Königin, verlor allzufrüh ihren Gemahl und ihr neugeborenes Söhnlein. Sie übergab daher die Regierung des Landes ihrem Bruder und entzog sich allen Freuden der Welt, indem sie sich auf ein einsames Schloß begab, das in einem dichten Walde lag, um dort ihren Gatten würdig zu betrauern. Sie war noch nicht lang auf dieser Burg angelangt, als sie eines Abends an ihrer Thüre klopfen hörte, und als sie »herein« rief, da kam ein Zwerglein auf sie zu, im blauen Gewand, und machte ihr gar freundlich seinen Knicks. Es bat sie, nicht vor ihm zu erschrecken und ihm ein Nachtlager in ihrem Hause zu vergönnen, da es sich verspätet hätte und nicht mehr zu seiner Hütte gelangen könnte. Gyrmantis gewährte es ihm gern, und des andern Morgens zog das Zwerglein wieder weiter, nachdem es der Königin seinen Dank in gar zierlichen Worten gesagt hatte. Nach dieser Zeit kam der Zwerg öfters wieder und brachte ihr manchmal Blumen, manchmal schöne Erdbeeren mit, die er im Walde gesammelt hatte. Zuweilen sang er ihr ein Lied aus der alten Zeit, und mit Vergnügen hing sie an seinen Lippen. Sie erfreute sich auch, jemand gefunden zu haben, mit dem sie von ihrem Gemahl reden konnte, denn das Zwerglein hörte ihr aufmerksam zu und ward gerührt von ihrer Treue gegen den König, den es seiner Aussage nach wohl gekannt hatte. »Ach,« sagte die Königin öfters, »wie gerne wollt' ich es verschmerzen, wenn mein Gemahl in meinen Armen gestorben wäre; aber so ist er plötzlich verschwunden und niemand weiß, wohin? Aber da er nie wiederkam, wird ihn wohl ein Unfall betroffen haben.« Das Zwerglein sprach ihr Trost ein und meinte, ihr Gemahl könnte doch vielleicht noch am Leben sein und wieder zu ihr zurückkehren. Gyrmantis malte sich diese Hoffnung in einsamen Stunden weit aus; das Zwerglein aber gewann sie täglich lieber, so häßlich es auch war, weil es ihre Lieblingsträume zu unterhalten wußte. So oft es wegging, gab sie ihm ihre Hand, die es gar zierlich an seinen Mund führte und dann mit einem Knicks davon trippelte. So setzte es sich bald in ihrer Gunst fest. Zweites Kapitel. Einstmals hatte die Königin den ganzen Tag vergebens auf ihren kleinen Gesellschafter gewartet, als er spät abends plötzlich hereinstürzte, eine Rosenknospe in der Hand, die er trotz seiner Eile sehr sorgfältig zu tragen schien. »Hier nehmt, schöne Frau,« sagte er, indem er ihr die Knospe überreichte, »wahrt sie gut, gebt ihr täglich zweimal frisches Wasser; sie wird der Trost Eures Alters sein. Lebt wohl! Meine Feinde verfolgen mich. Laßt Euch ja die Rose nicht abnehmen! Wenn sie verwelkt ist, aber nicht eher, öffnet diesen Brief, den ich Euch hier gebe. Lebt wohl!« Darauf stürzte er eilig fort und ließ die Königin ganz erstaunt in ihrem Gemache zurück. Sie hielt die Knospe noch betrachtend in der Hand, als eine ganze Schar von Zwergen hereinkam, wovon einer fragte: »Habt Ihr nicht einen mißgestalteten Zwerg hier gesehen, der seit lange schon in diesem Walde herumspukt?« – »Jetzt seh ich ihrer wohl zwanzig!« erwiderte die Fürstin, ganz entrüstet über die dreisten Figuren. »Ei, seht doch,« sagte ein anderer, »da hält sie ja die Rosenknospe in der Hand, um derentwillen wir ausgeschickt sind. Gebt sie her, schöne Frau, es soll Euch kein Leid geschehen; es ist für unsre mächtige Gebieterin.« – »Diese Rose ist aus meinem eigenen Garten,« antwortete Gyrmantis, »und ihr sollt sie nimmermehr erhalten. Was aber eure Gebieterin betrifft, so will ich nichts mit ihr zu schaffen haben.« Da drangen denn die Zwerge auf sie ein, um ihr mit Gewalt wegzunehmen, was sie nicht gutwillig lassen wollte; sie aber nahm ihren Fächer und schlug sie damit so derb auf die Köpfe, daß einer nach dem andern sich ganz höflich zur Thüre hinaus begab. Die Königin war hoch erfreut, sie los zu sein. Am Brünnlein aber schöpfte sie Wasser in einem Krystallbecher und setzte die Knospe hinein, die nach und nach sich zu entfalten anfing. Da trat eines Abends eine Alte herein, grüßte, und da sie das halbgeöffnete Röslein sah, sagte sie: »O, gebt mir doch das züchtige Röslein dort im Winkel; meine Enkelin hält morgen Hochzeit, und da muß ich ihr doch eine Rose in den Kranz flechten. Sie sind in allen Gärten schon abgeblüht; diese ist die einzige, die noch übrig ist. Wollt Ihr sie mir geben? Seht, diesen Beutel eitel Gold sollt Ihr dafür bekommen.« Die Königin aber ließ sie kaum gewähren und erwiderte: »Ihr macht es gar zu plump, Alte, als daß Ihr etwas erhalten solltet. Geht nur wieder, woher Ihr gekommen seid. Wenn aber Eure Enkelin ohne Rose nicht Hochzeit machen kann, so soll sie warten bis zum nächsten Frühling, wo sie einen ganzen Kranz von Rosen flechten mag.« Aus den Augen der Alten aber funkelte der Zorn, und heftig drohend und scheltend verließ sie die Stube. Drittes Kapitel. Gyrmantis sah täglich die Rose sich mehr entfalten; als sie aber eines Morgens aufstand, war sie ganz offen, und wie sie näher hinzutrat, siehe, da lag ein holdseliges Knäblein in der Mitte. Wie sie es aber herausnahm und auf ihren Armen wiegte, da war es fast schon größer als ein neugeborenes Kind. Die Blätter aber der Rose fielen schnell ab, und nur der Stengel blieb im Wasser stehen. Da gedachte sie des Briefes, den ihr der Zwerg gegeben hatte; sie legte den Knaben aufs Bett und las: »Den Knaben, der aus dieser Rose entstehen wird, den ziehet groß und wahret ihn wohl. Wenn er aber achtzehn Jahre zurückgelegt hat, dann laßt ihn die Rüstung anziehn, die in Eurem Garten unter der großen Linde vergraben ist; sie wird ihn durch ihre Wunderkraft zu einem tapfern Ritter machen. Dann laßt ihn ausziehn, um sich die Braut zu suchen, die ihm bestimmt ist. Damit er aber erkenne, welche ihm bestimmt sei, so höret, was Ihr zu thun habt. Wenn Ihr ihn wegziehn heißt aus Eurer Wohnung, so gebt ihm den abgedorrten Stengel der Rose mit, aus der er entsprossen ist. Er soll ihn wohl bewahren, denn er wird ihm behilflich sein in allerlei Notfall. So er aber diejenige nun sieht, die er lieb hat und die ihm ihre holdselige Hand will geben, so mög' er ihr den Stengel übereichen. Wenn sie ihn berührt hat und es sproßt eine Rose aus ihm hervor, so ist es die Jungfrau, die er ehlichen soll. Geht aber damit keine Veränderung vor sich, so soll er fliehen und niemals wiedersehn die Geliebte seines Herzens. Diesen Knaben aber möget Ihr Rosensohn nennen, denn dieser Name ziemt ihm mit Recht. Lebet wohl, schöne Frau, und gedenket meiner, den Ihr vielleicht nie mehr sehen werdet.« – Gyrmantis aber erstaunte nicht wenig, als sie diesen Brief gelesen hatte. Das Zwerglein kam nicht mehr zu ihr, wie es gesagt. Den Knaben aber zog sie mit Sorgfalt groß, und er ward ein schöner Jüngling mit blonden Locken und blauen Augen, gar stattlich und schlank, wie die Zeder des Waldes. Und als er nun achtzehn Jahre alt war, da gab sie ihm den Brief, und er grub sich die Rüstung aus und that sie an. Da glaubte Gyrmantis ihren Gemahl wiederzusehen, so stattlich war er. Und er nahm gar zärtlichen Abschied von ihr und ging mutig seiner Bestimmung entgegen. Viertes Kapitel. Nach einer Stunde kam er endlich an das Ende des Waldes, in welchem das Schloß der Gyrmantis gelegen war. Da sah er einen hohen Turm, der ihm der Aufenthalt von Gefangenen zu sein schien. Bald hörte er auch die Stimme eines Mannes, die ein Klaglied anhub in gar schmerzlichen Tönen. Da blieb er stehen und rief: »Wer bist du? Wie lange wohnst du in diesem Kerker?« – »Ich bin unglücklich,« hörte er erwidern, »und schon achtzehn Jahre harre ich auf meinen Erlöser!« – »Kann ich dich befreien?« fragte Rosensohn. – »Nein«, sagte die Stimme, »ein Zauber hält mich hier fest. Aber wer bist du denn, junger Fremdling, der sich meiner so gütig annimmt?« – »Rosensohn nannte mich die Pflegerin meiner Jugend!« – »O sei nur dreimal gesegnet!« erhielt er zur Antwort; »du bist aus fürstlichem Geblüte, eine Königin hat dich geboren!« – »Ja, die Königin der Blumen!« erwiderte der Zögling der Gyrmantis: »eine Rose ist meine Mutter und ein geheimnisvoller Brief mein ganzes Erbteil. Er befiehlt mir, eine Braut zu suchen; aber ich bin einsam im Walde erzogen und kenne niemand. Möchtest du mir nicht ein edles Fräulein nennen, das holdselig ist und auch gut, zu deren Vater ich gehn kann und werben und erproben, ob sie mir bestimmt sei?« Ohne sich zu besinnen, antwortete der Gefangene: »Wohl kann ich dir ein edles Fräulein nennen; das holdselig ist und auch gut und um das du werben kannst und sehen, ob es dir bestimmt ist. Wandle nur geraden Weges weiter, bis du kommen wirst an die Grenze der Kereolen. Dort laß dir aber den Weg nach der Hauptstadt zeigen; denn der König hat eine Tochter, Lilla genannt, die die schönste ist von allen Prinzessinnen der Erde.« Rosensohn dankte dem Unbekannten und ging munter vorwärts. Da hörte er noch den Gesang tönen aus dem Turme: »O freudenlose Zaubergewalt! O Sohn der Rose, O kehre bald! Doch wahre den Stengel, Des Glücks Symbol; Erlösender Engel, O lebe wohl!« Fünftes Kapitel. Da ging er denn weiter geraden Weges, und noch in der Ferne hörte er die Worte: »O Sohn der Rose, O kehre bald!« Und als er an die Grenze der Kereolen kam, erfragte er den Weg nach der Hauptstadt. Den ganzen Tag ging er fort, und des Nachts schlief er unter einem Olivenbaum. Im Traum aber sah er die Prinzessin Lilla, gar schön anzuschauen, herrlich und voll Liebreiz. Durch ihre Locken war eine Krone geflochten, der Schleier war zurückgeschlagen. Ihre Hand hielt einen Kranz, und ihr Mund lächelte mit unaussprechlicher Anmut. Da raffte sich Rosensohn vom Schlaf auf, voll Sehnsucht, und in der siebenten Stunde des Morgens stand er vor dem Thore der Stadt. Als er aber einen großen Zusammenlauf von Leuten sah, fragte er nach der Ursache. Und einer erzählte ihm denn, daß eine Menge Prinzen und Ritter versammelt wären, um den Besitz der Prinzessin Lilla zu streiten. Da trieb ihn der Mut, auch hinzugehen, und wie er auf den Kampfplatz kam, saß die Prinzessin Lilla auf einem Balkone, gar schön anzuschauen und voll Liebreiz. Durch ihre Locken war eine Krone geflochten, der Schleier war zurückgeschlagen. Ihre Hand hielt einen Kranz, und ihr Mund lächelte mit unaussprechlicher Anmut. Sie war ganz so, wie er sie im Traume gesehen. Bescheidentlich trat er denn auch in die Schranken und besiegte alle Prinzen und Ritter, und das Auge der Prinzessin ruhte gar züchtiglich auf seiner Gestalt. Und der König sagte zu ihm: »Ihr habt meine Tochter als Ritter erkämpft, – ich kann sie Euch nicht verweigern; aber geht erst hinauf zu ihr und fragt sie um ihre Beistimmung!« Da ging er denn mit klopfendem Herzen hinauf, und als er in den Saal trat, kam ihm die Prinzessin Lilla entgegen und setzte ihm den Kranz auf. Er aber warf sich zu ihren Füßen und faßte ihre holdselige Lilienhand, die er inbrünstig mit seinen Lippen berührte. Sie hob ihn huldreich auf, und nachdem sie ihre Frauen hatte abtreten lassen, so begann sie mit gar verschämtem Angesicht folgendermaßen: »Durch die rauhen Waffen des Krieges habt Ihr meine Hand gewonnen, und – warum soll ich's verleugnen? – durch die zarten Waffen der Liebe mein Herz. Dennoch darf ich Euch noch nicht als Bräutigam begrüßen. Höret, was es damit für eine Bewandtnis hat. Meine Pate ist eine mächtige Fee, die Freundin meiner Mutter. Sie gab mir zum Angebinde eine Stecknadel, die untere Hälfte von Stahl, die obere von Silber, der Knopf aber eitel Gold. Diese Nadel, sagte sie, sei ein kostbarer Talisman, der Wunderkräfte in sich schließe. Meine Mutter bewahrte sie mir auf; als sie aber eine heftige Krankheit überfiel und sie ihren Tod herannahen sah, da ließ sie mich vor ihr Bett kommen und sagte: ›Hier übergebe ich dir das Kleinod, auf welches die gütige Fee einen so großen Wert legte. Trag es immer bei dir, aber wahre es wohl und laß es dir nicht entreißen! An deinem Hochzeitstage stecke die Nadel an dein Brautkleid! Das,‹ sagte die Fee, ›wird die beste Ehe bewirken. Daher verspreche mir, meine Tochter, nicht Hochzeit zu machen, ohne die Nadel an dein stattliches Brautkleid zu heften!‹ Ich versprach es, und sie starb. »Ihr seht nun, mein Prinz, wie unmöglich mir es ist, Euch meine Hand zu reichen, denn daß ich die Nadel verloren, wird Euch der Verfolg meiner Geschichte lehren. Ich meinesteils bildete mir nicht wenig auf das Kleinod ein, von dessen Gebrauch ich noch keinen Begriff hatte. Ich ließ es nie von mir und zeigte es jedermann, gar hochmütig, daß ich es von einer Fee bekommen hatte. – Einstmal geschah es, daß ich im Garten meines Vaters spazieren ging, da kam eine alte Frau auf mich zu, häßlichen Gesichtes. Und da sie mich lange angesehen hatte und die Nadel bemerkte, rief sie aus: ›Ei, schönes Fräulein, was muß denn das für eine Nadel sein, die Ihr da anhabt? Je nun, laßt sie mich doch einmal recht betrachten und meine Augen ergötzen an dem holden Schein!‹ Ich gab sie ihr mit einem hingeworfenen Blicke, gleichsam als wenn so eine Nadel etwas Kleines für mich wäre, und als wenn ich deren mehrere hätte. Sie aber nahm sie in die Hand, schüttelte den Kopf voll Verwunderung hin und her, indem sie sagte: ›Ei, ei, ei, welch eine schmucke Nadel ist das: unten Stahl, oben Silber und der Knopf eitel Gold, gar glänzend anzusehen! Nun, ich danke Euch, schönes Fräulein, für das köstliche Kleinod, das Ihr mir verehrt habt.‹ – ›Nein,‹ fiel ich ihr rasch ins Wort, ›so war's nicht gemeint; gebe Sie mir die Nadel nur wieder; es hat damit eine ganz andere Bewandtnis.‹ – ›Es hat die Bewandtnis, daß Ihr sie mir geschenkt habt,‹ erwiderte die Alte ganz keck und stemmte die Arme in die Seiten; ›ich will sehen, wer sie mir wieder abnimmt.‹ Hiermit kehrte sie mir den Rücken und hinkte fort. Ich aber, ganz entrüstet und in Verzweiflung, meine Nadel verloren zu haben, lief ihr nach, um sie festzuhalten; wie ich aber auf sie zu kam, verschwand sie plötzlich und ließ mich im traurigsten Zustande zurück.« Sechstes Kapitel. »Ich hatte mich eben auf eine Gartenbank niedergelassen,« fuhr die schöne Lilla in ihrer etwas weitschweifigen Erzählung fort, »um mir über meine Unvorsichtigkeit nutzlose Vorwürfe zu machen, als ein Bedienter kam und mir meldete, daß mein Vater mich zu sehen wünschte. Ich hielt mich jetzt zu einer Unterredung völlig unfähig und sagte dem Boten, er möchte mich beim König entschuldigen, indem ich unpäßlich wäre. ›Das wird nicht wohl angehen,‹ erwiderte er mir, indem die Fee Pflasterhold (so hieß nämlich meine Pate) angekommen wäre und mich recht sehnlich zu sehen wünschte. Ich war mehr tot als lebendig, da er diese Worte sprach, und der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Nach einer Pause, die ziemlich lange gedauert haben mag, antwortete ich endlich, ich würde erscheinen; man möchte mir noch einige Zeit vergönnen, mich umzukleiden. Der Bediente ging und überließ mich einer grenzenlosen Angst. ›Ach,‹ rief ich aus, ›mußte denn meine Pate schon heut eintreffen, oder vielmehr erst heute? sie hätte uns ja gestern mit ihrem Besuche beehren können. Ach, wie wird es mir ergehen, wenn sie erfährt, was ich ihr doch nicht verbergen kann! O, wenn doch nur die Alte noch da wäre! Ich wollte ihr die Nadel gern morgen überlassen, wenn sie sie mir nur für diesen Abend noch borgen wollte! Aber nun ist sie fort, und Pflasterhold verlangt mich recht sehnlich zu sprechen. So geht es den Hochmütigen. Hätt' ich die Nadel versteckt bescheidentlich in eine Falte meines Gewandes, so hätt' ich alles Unheil verhüten können.‹ Auf diese Weise zankte ich noch lange mit mir selbst, bis es mir endlich einfiel, daß es Zeit sein möchte, mich anzuziehen. Ich ging daher auf mein Zimmer und ließ mich ankleiden, wo ich der Kammerfrau dies Geschäft unendlich erschwerte und in die Länge zog. Endlich mußte ich mich denn doch fortbegeben. Die Zimmer, die ich zu durchgehen hatte, um zu meinem Vater zu gelangen, durchwandelte ich in abgemessenen Schritten und betrachtete jedes Gemälde gar aufmerksam, bis ich endlich doch vor die rechte Thüre gelangte. Meine Furcht vor der Fee Pflasterhold war unüberwindlich, weil mir meine Mutter so viel von ihrer Strenge erzählt hatte. Ich getraute mir daher nicht, das Schloß zu öffnen; ich blieb unbeweglich vor der Thüre stehen und betrachtete lange jede ihrer kleinsten Verzierungen. Aber plötzlich, ohne daß ich das Geringste vermutet hatte, riß mein Vater die Thüre auf, wahrscheinlich um selbst nach meinem Zimmer zu gehen, da ich so lange auf mich warten ließ. ›Ach,‹ sagte er, ›da ist sie ja!‹ Ich aber stieß einen lauten Schrei aus, und es fehlte nicht viel, daß ich zu Boden gefallen wäre.« Siebentes Kapitel. »Als mich aber die Fee ansichtig wurde, stund sie gar sittsam auf, indem sie mir einen tiefen und langsamen Knicks machte. Ich machte ihr den meinigen ebenso tief und langsam; aber mein Herz pochte desto schneller. Hierauf ging ich auf sie zu und küßte ihr mit demütiger Miene die Hand. ›Ei, siehe da!‹ hub sie an, indem sie mich auf die Wangen klopfte; ›wie sie demütig geworden ist, das arme Kind! Sie hat das muntere Wesen ihrer früheren Jahre ganz abgelegt.‹ – ›Ich wüßte nicht,‹ sagte mein Vater, ›sie scheint mir nur erschrocken.‹ – ›Das arme Kind!‹ wiederholte die Fee, indem sie mich mitleidig ansah. Ich aber hatte mich sittsamlich auf einen Stuhl begeben oder vielmehr auf den Rand eines Stuhles, wo ich von einem Eck auf das andere rückte und jeden Augenblick das Wort erwartete, das mich zerschmettern sollte. Sie redete aber viel mit meinem Vater, und nach und nach war mir alle Furcht verschwunden, als sie auf einmal anfing: ›Daß ich's nicht vergesse, schönes Kind, zeigt mir doch das Nädelchen, so ich Euch geschenkt habe zum Angebinde! Es ist gar köstlich anzuschauen: unten Stahl, oben Silber und eitel Gold der Knopf. Möchtet Ihr mir's doch herbringen, es ist zu mancherlei Dingen nütz.‹ »Ohne zu wissen, was ich that, ging ich hinaus. Aber jetzt fragte sich's, was ich thun sollte? Plötzlich kam mir in den Sinn, daß die Alte, die mir die Nadel abgenommen, wohl die Fee Pflasterhold selber müsse gewesen sein, die diese Gestalt angenommen hätte, um meine Sorgfalt in Versuchung zu führen. In diesem Gedanken immer mehr bestärkt, trat ich ganz schüchtern hinein, warf mich der Pflasterhold zu Füßen und begann fast weinerlich: ›O beste Pate, verzeiht mir meinen Fehltritt, für den ich allbereits bestraft bin! Möchtet Ihr mir wiedergeben, was Ihr mir genommen habt! Die Reue, die ich fühle, ist innerlich; möchtet Ihr gnädig mit mir verfahren! ‹ Aus ihren erstaunten Mienen sah ich aber wohl, daß sie von nichts unterrichtet sei. Ich erzählte ihr daher alles. Da ich aber zu Ende war, stand sie ganz zornmütig auf und sagte: ›Ungehorsames Kind! Ich will Euch nicht mehr strafen, als Ihr durch den Verlust Eures Kleinods gestraft seid, das ich Euch nicht mehr ersetzen kann. Jedoch die, die es Euch genommen hat, muß eine Fee gewesen sein, da sie die geheimen Kräfte der Dinge erkannte. Möchtet Ihr aber wissen, was Ihr verloren habt!‹« Achtes Kapitel. »Hierauf erzählte sie mir,« fuhr die Prinzessin etwas beschämt fort, »von den Wunderkräften, welche diese Nadel in sich geschlossen hätte. Sie hat die Kraft, denjenigen, der sie bei sich trägt, auf sein Verlangen unsichtbar zu machen, was die alte Diebin wohl benutzt hat. Wenn man einen andern mit dem Kopf dieser Nadel berührt, so bleibt er so lange unbeweglich auf der Stelle stehen, bis man ihm mit der Berührung der Spitze wieder Leben gegeben hat. ferner sprengt sie durch bloße Berührung alle Schlösser und Riegel und verleiht Wohlsein und Glück im Ehstande. Nachdem die Fee mir dies umständlich vorgehalten, reiste sie unverzüglich wieder ab, ohne daß sie mir verziehen hatte. »Als ich das Alter erreichte, wo mein Vater wünschte, daß ich mir einen Ehgemahl auswählen sollte, da schickte er zur Fee Pflasterhold und ließ sie um Rat fragen. Die Fee aber sandte mir einen Brief zurück, in dem geschrieben stand: ›Kommt einst ein Mann, der zweimal ward geboren, Der seine Eltern kennt, die ihm doch unbekannt, Der Euch die Nadel bringt, die Ihr verloren, So gebt als Gattin ihm die Hand!‹ »Mein Vater war sehr verdrießlich über diese geheimnisvollen Worte und beschloß, sich gar nicht daran zu kehren. Er ließ daher das Kampfspiel anordnen, von dem Ihr wißt und in dem Ihr den Sieg davontrugt. Wenn Ihr mich nun zu besitzen wünscht, so möget Ihr ausziehen, das Kleinod zu erobern, das ich verloren gehen ließ. An dem widersprechenden Sinn der Pflasterholdischen Weissagung stoßt Euch aber nicht; denn wenn Ihr auch nicht zweimal geboren worden seid und Eure Eltern kennt und nicht kennt, so erfüllt nur eine dritte Bedingung und erbeutet die Nadel; denn sie allein bringt ja Glück im Ehstande. Aber nun saget auch etwas von Eurer Abkunft und Leben, von Eurem Glück und Unstern; denn mit den Gestirnen ist der Sterblichen Schicksal verknüpft.« Da erzählte er ihr denn alles, und sie lächelte holdselig als er ihr sagte, wie er geboren ward. Kaum hatte er geendigt, so ertönte das Glöcklein zur Tafel. Sie sagte ihm noch, indem sie gingen: »Möchtet Ihr ein bequemeres Kleid anziehen und uns in den Saal folgen, wo getafelt wird. Da warf er denn ein leichteres Kleid um und folgte ihr. Aber jedermann erstaunte, als er eintrat, über die blonden Locken und die schlanke Gestalt. Oft wurde auf die Gesundheit des Brautpaars getrunken. Mit dem Frühsten aber zog er fort. Als er schon sehr weit vom Schloß war, da wandte er sich noch einmal um, und Lilla stand auf dem Balkon und grüßte ihn noch mit der Lilienhand; da neigte er sich demütig mit dem Kopfe, und wehmütig ward es ihm und wohl. Neuntes Kapitel. Als er aber nachdachte, was er zu thun hätte, wurde überaus traurig; denn wo sollte er hingehen, um die Nadel zu finden? Zwei Tage streifte er fruchtlos umher und kam endlich an den Wald, wo er erzogen worden. Als er hinein trat, dachte er der Gyrmantis und konnte nicht widerstehen, die schönlockige Pflegerin seiner Jugend zu sehen. Er suchte das Haus, wo sie wohnte. Als er aber herankam, sah sie ihn von der Ferne und trat ihm entgegen, gar freudig in ihrem Herzen. »Lieber,« sagte sie, »hast du gefunden, was du suchtest?« – »Ach nein, ich finde sie nicht, ich suche vergebens!« gab er zur Antwort. – »Wie?« entgegnete sie, »Du hättest kein Fräulein gefunden, das holdselig wäre und gut, um das du werben könntest und erproben, ob sie dir bestimmt sei?« – »Ach,« sagte er, »das Fräulein hab' ich gefund aber ihr Glück hängt an einer Stecknadel, wie mein Glück ihr.« Und nun erzählte er alles der schönlockigen Pfleger seiner Jugend, und dann Da sprach er also: »Nun, da Ihr alles gehört habt, könntet Ihr mir nicht sagen, wo die Hexe sich hier aufhält, die meine Prinzessin bestohlen hat?« Da begann Gyrmantis zu sprechen und sagte: »Nach allem, was du erzählt hast von dieser Alten, möchte ich fast glauben, es sei dieselbe, die mich einst besucht hat. Damals kannte ich sie noch nicht; nun aber weiß ich, daß sie eine Fee ist, Pfefferlüsch genannt, gar bös und zornmütig, ohne allen Liebreiz. Mögest du denn bei ihr dein Glück versuchen! Sie wohnt in diesem Walde in einer strohbedeckten Hütte.« Und die Königin zeigte ihrem Pflegesohn den Weg nach der Hütte und nahm gar rührend Abschied, indem sie versprach, zu seiner Hochzeit zu kommen. Bald kam Rosensohn vor die Wohnung der Alten und klopfte an. »Herein!« erscholl eine krächzende Stimme. Er trat hinein und sah die Fee Pfefferlüsch bei einer Flasche Wein; an ihrem Halstüchlein aber erblickte er die Nadel, unten von Stahl, oben von Silber, der Knopf aber von eitel Gold. »Nun, was wollt Ihr denn, schöner Herr?« sagte sie. »Womit kann ich dienen?« Aber Rosensohn gegenredete ganz kurzbündig: »Hier ist von keinen Diensten die Rede, bei denen es auf Euer Wollen ankommt. Die Nadel sollt Ihr wieder herausgeben, die Ihr der schönen Lilla genommen habt.« – »Gut, daß Ihr kommt,« sagte sie, »da mögt Ihr sie hinnehmen.« Hiermit zog sie sie aus dem Tüchlein. Aber Rosensohn merkte ihre Absicht, daß sie ihn damit berühren und festbannen wollte am Boden. Da kam er ihr schnell zuvor und schlug sie so derb auf die Finger, daß sie die Nadel fallen ließ, die er rasch aufhob. Aber kaum war dies geschehen, so drehte sie einen kostbaren Zauberring, den sie an der Hand hatte, und unter seinen Füßen that sich der Boden auf, und er versank in eine finstre Kluft, in welche kein Tageslicht hineinschien. Zehntes Kapitel. Lange saß er in sprachloser Betäubung auf der feuchten Erde seines Kerkers, so sehr hatte es ihn ergriffen, von der Höhe seines Glücks in diesen Aufenthalt herabgestürzt zu sein. Aber sobald er wieder zur Besinnung gekommen war, dachte er an die Wunderkräfte der Nadel, die er in Händen hielt, und daß alle Schlösser und Riegel bei ihrer Berührung aufsprängen. Da suchte er denn rings an den Wänden die Thür auf, und als er sie gefunden, berührte er das Schloß mit der Wundernadel, und siehe da, es sprang auf, und er stand plötzlich im Freien. Kaum aber war er einige hundert Schritte gegangen, da kam eine Krämerin auf ihn zu mit einer Schachtel voll allerlei Raritäten. »Wollt Ihr nichts kaufen, schöner Ritter?« sagte sie; »wenn Ihr eine Braut habt, hier ist manches, was sie ergötzen mag: Spangen, Ohrgehänge, Ringe, Nähkissen, Spindeln und Nadelbüchslein.« – »Ihr kommt wie gerufen,« sagte Rosensohn, in seiner Freude nichts Arges denkend; »ein Nadelbüchslein mögt Ihr mir geben; ich habe hier eine Nadel, die ich immer in Händen tragen muß, da ich sie nirgend anheften kann.« Und sie gab ihm ein Büchslein; er steckte die Wundernadel hinein. Aber da schien's ihm, als wäre das Büchslein schon voll, und wie er es in der Hand umstürzte, da sah er bei tausend Nadeln, und immer mehr und mehr, je mehr er schüttelte. Aber alle waren wie seine, unten von Stahl, oben von Silber und von eitel Gold der Knopf. »Nun mögt Ihr herausfinden, was Euer ist!« sagte die Krämerin höhnisch, und er erkannte, daß es Pfefferlüsch sei. Sie wollte mit dieser neuen List abermals Zeit gewinnen, um ihn desto gewisser zu berücken. Rosensohn wandelte traurig fort, ohne Rat, was er thun sollte. Er würde in Jahren nicht geendet haben, hätte er alle jene Nadeln erproben wollen, die sich immer vermehrten. Bald gelangte er zum Turm am Ende des Waldes. »Der Sohn der Rose ist da,« rief er, »aber noch kann er Euch nicht helfen.« Und er erzählte dem Gefangenen die List der Fee. Jener aber antwortete: »Habt Ihr den Rosenstengel noch, den Ihr bewahren solltet?« – »Wohl,« sagte der Ritter, »ich hab' ihn.« – »Nun denn,« erwiderte die Stimme aus dem Turme, »so öffnet Euer Büchslein und greift hinein mit dem Rosenstengel; da wird die Nadel daran hängen bleiben, die der schönen Lilla gehört.« Und Rosensohn öffnete das Büchslein, senkte den Stengel hinein, und als er ihn wieder herauszog, siehe, da hing die Nadel daran. »O, möchte es die rechte sein!« rief er aus. Er nahm sie und berührte die Thüre des Turms. Und sie sprang auf, und ein Zwerglein trat heraus, häßlichen, aber nicht widrigen Angesichtes. »Ich kenne Euch,« sprach der Ritter, »Ihr habt die Rose zu der schönlockigen Pflegerin meiner Jugend gebracht. Sie hat mir Euch oft beschrieben. Oder ist's nicht so?« – »Ich bin's,« gegenredete der Zwerg; »aber nun verlieret keine Zeit und sucht die Krämerin einzuholen, sie mit gleicher List zu verderben! Eilet! Ich meinesteils werde Euch in der Ferne nachfolgen.« Kaum war aber der Pflegesohn der Gyrmantis einige Schritte gegangen, so begegnete ihm schon die hämische Pfefferlüsch und sagte ganz spöttisch: »Nun, ist Eure Wahl schon getroffen, schöner Herr?« Rosensohn aber nahm eine traurige Miene an und sagte: »Ach, Mütterchen, ich bin in Verzweiflung. Da möget Ihr alle Nadeln wiedernehmen und selber suchen, welches die beste sei; ich kann nicht damit fertig werden.« Hierauf übergab er ihr das Büchslein mit den übrigen Nadeln, durch die sie ihn zu täuschen gesucht hatte. Die Alte aber feierte schon einen stillen Triumph, indem sie das wundersame Kleinod auch in der Büchse wähnte. Da sie sich aber wendete, ihre Wege zu gehen, berührte sie Rosensohn mit dem Nadelknopf, und plötzlich stand sie unbeweglich an den Boden gewurzelt. Elftes Kapitel. Indem trat auch das Zwerglein hinter einem Gebüsche hervor, und da dieser den kostbaren Zauberring noch an der Hand der Pfefferlüsch bemerkte, nahm er ihn ihr ab und steckte ihn an seinen eigenen Finger. Aber wie erstaunte Rosensohn, als er auf einmal statt des leidigen Zwerges einen schönen Mann von mittlerem Alter vor sich stehen sah, der ihn umarmte, indem er ausrief: »Sieh in mir deinen Vater! Aber jetzt verlange keinen weiteren Aufschluß; geh deiner schönen Bestimmung entgegen! An deinem Hochzeitstage soll dir alles erklärt werden.« Hiermit verließ er ihn, und Rosensohn stand lange, eh er sich von seiner Verwunderung erholen konnte. Doch der Gedanke an Lilla brachte ihn bald von jedem andern Gedanken ab, und er setzte seinen Weg unter gar süßen Hoffnungen fort. Am frühen Morgen des andern Tags langte er in der Hauptstadt der Kereolen an. Wie erstaunte Lilla, da sie ihn so plötzlich zurückkommen sah! Er sank zu ihren Füßen und übergab ihr die Wundernadel, die sie gar sorgfältig in eine Falte ihres Kleides verbarg. Als sie ihn aber von der Erde aufhob, überreichte er ihr zitternd den Stengel der verblühten Blume. Sie, die wohl mit der Bedeutung dieses Geschenkes bekannt war, empfing es mit klopfendem Herzen. Aber kaum hatte sie es berührt, so entfaltete sich die schönste, die vollste Rose aus dem abgedorrten Stengel. Der König aber bestimmte den folgenden Tag für den Hochzeitstag. Noch am Abend vorher traf die Fee Pflasterhold ein. Sie war versöhnt und freute sich des holden Brautpaars. Des andern Morgens früh meldete ein Läufer die Ankunft des Königs von Talmyris mit seiner Gemahlin, welche der Hochzeit beizuwohnen gedächten. Als aber die Saalthüren aufgingen, da sah Rosensohn denselben Mann, den er aus dem Turme befreit hatte, welcher sich seinen Vater nannte; ihm zur Seite aber erblickte er die Pflegerin seiner Jugend, die schönlockige Gyrmantis. Letztere ging auf ihn zu und sagte, ihn umarmend: »Erkenne nun in der, die dich erzog, deine wirkliche Mutter und in diesem meinen Gemahl, den ich so lange betrauerte! Es ist Pherias, dein Vater.« Rosensohn stand freudig erstaunt, ohne das Wort dieses Rätsels zu finden. Aber die holdselige Lilla lächelte überaus freundlich und sagte: »Möget Ihr mir nun das glückliche Wunder begreiflich machen, das mich zu Eurer Tochter macht, wenn Ihr anders Eurem Sohne meine Hand nicht abratet!« Da ergriff der König von Talmyris das Wort und sagte: »Das sei fern von uns, daß wir ihn abhalten sollten von einem Schritte, der sein Glück gründen wird, von einer Braut, die überaus holdselig ist und gut und die ihm das Schicksal bestimmt hat. Das sei fern von uns! Aber nun mögt Ihr zuhören und meine Geschichte vernehmen, auf daß Euch nichts mehr dunkel bleibe, was Ihr zu wissen wünschet.« Zwölftes Kapitel. »Mein Vater,« so fing der König seine Erzählung an, »raubte einstmals der Fee Pfefferlüsch, die wir alle zur Genüge kennen und die ihm manchen Streich gespielt hatte, einen Zauberring von wunderbaren Kräften, den nämlichen, den ihr hier an meinem Finger seht. Sie aber trachtete auf alle Weise, diesen Ring, in dem ihre ganze Zauberkraft gelegen war, wieder zu erbeuten. Aber mein Vater verwahrte ihn so gut, daß jede List an seiner Sorgfalt scheiterte. Als mein Vater starb, erbte ich sein Reich mit diesem Ringe. Nun ließ sie mir feierlichst ihre Hand anbieten, wenn ich ihr den geraubten Ring als Bräutigam verehren wollte. Ihr mögt leicht denken, daß ich diesen Antrag verwarf. Bald darauf vermählte ich mich mit dieser meiner schönen Gyrmantis. Lange Zeit wandte Pfefferlüsch alles vergebens an, mich zu täuschen. Als aber die Königin von einem Knäblein entbunden ward, da bot sie sich als Amme an, ohne daß ich noch sonst jemand vom Hofgesinde sie gekannt hätte. Es war damals gerade Sommer, und wir wohnten auf einem Lustschlosse, nicht weit von jenem Walde gelegen, in welchem meine Gemahlin nachher so lange gelebt hat. Als sich nun Pfefferlüsch eines Tages mit dem jungen Prinzen auf dem Arm unbemerkt glaubte, entsprang sie durch eine Hintertreppe in die Gärten, um von da aus ihren Raub nach ihrer Waldhütte zu tragen. Ich aber sah sie vom Fenster aus, ahnte Verrat, und als wenn ich Flügel gehabt hätte, stand ich im Garten und eilte ihr nach. Aber leider war sie schon zu weit voraus; sie erreichte die Hütte und schloß hinter sich zu. Ich merkte nun, daß es Pfefferlüsch sei, und geriet in Verzweiflung. Da rief sie mir heraus und sagte: ›Euern Knaben mögt Ihr gleich wieder haben, wenn Ihr mir den bewußten Ring gebt.‹ Froh, einen Preis gefunden zu haben, um den ich mein Kind erkaufen konnte, schob ich ihr den Ring durch eine Spalte. Sie nahm ihn, ohne herauszukommen und mir meinen Sohn zurückzugeben. Ich wartete bis abends, indem ich ihr ununterbrochen zurief. Sie aber hörte nicht. Da übermannte mich der Zorn, und ich dachte nicht mehr an die Macht, die ihr durch den Ring verliehen war. Ich trat an ein Fenster, und da ein Rosenstock davor stand, so nahm ich ihn und durchwarf damit die Scheiben, um in die Stube zu gelangen. Die Rosen wurden alle zerknickt; ein einziges Knöspchen blieb unversehrt. Und indem ich mir durchs Fenster Platz machte, rief sie: ›Wenn Euch der Tod Eures Kindes nicht lieber ist, als daß ich es Euch zurückgebe, so steigt wieder hinunter!‹ Ich aber, der ich mich ganz in ihrer Gewalt sah, gehorchte dem Befehle. Darauf sagte sie: ›Erst laßt mich diesen Schaden wieder gut machen!‹ Hiermit hob sie den Rosenstock auf, löste die zerknickten Rosen davon ab, nahm einen Scherben mit Erde und pflanzte die Wurzel mit dem Stengel hinein, auf dem noch das Knösplein übrig war. Nachdem sie dies gethan, drehte sie ihren Ring herum und sprach unter mancherlei Gebärden: Möge diese Knospe sich öffnen und dies Knäblein in sich verschließen!‹ Was sie wünschte, geschah in einer flüchtigen Sekunde. Ich stand lange betäubt über das Wunder, das ich sah, ohne es zu begreifen. Endlich aber faßte mich die Verzweiflung. Ich stieß mit dem Fuß gegen die Hüttenthüre, daß sie aufsprang. Da drehte sie abermals den Ring herum, und ich sah mich in der Zwergengestalt, in der mich meine Gemahlin erblickt hat. ›Wollt Ihr,‹ begann die Alte, ›daß ich dieser Rose schone und Euch die Freiheit lasse, so versprecht mir, nie die Grenzen dieses Waldes zu überschreiten, so lang Ihr in dieser Gestalt lebt, nie zu entdecken, wer Ihr seid, und diese Knospe hier nie abzupflücken!‹ Ich mußte es versprechen, um das Leben meines Kindes zu behüten. Aber da ich es selbst nicht durfte, so beredete ich ein Zwerglein aus dem Gefolge der Fee, mir jene Knospe brechen, und es gelang mir, meinen Sohn der Pflege seiner Mutter zu übergeben. Als jedoch Pfefferlüsch den Raub wahrnahm, ließ sie mich durch ihre Zwerge einholen und sperrte mich in jenen Turm, aus dem mich die Kraft der Zaubernadel befreit hat.« Hier endigte Pherias seine Erzählung, und die Fee Pflasterhold nahm das Wort und sprach: »Nun seht, schöne Lilla, daß ich recht hatte! Euer Bräutigam ward zweimal an das Licht der Welt geboren, und er kannte seine Eltern, die ihm doch völlig unbekannt waren.« Die holde Lilla aber küßte stillschweigend die Hand der gütigen Fee, und das Hochzeitsfest ward begangen mit großem Pompe und Frohsinn. Die Mädchen sangen zur Harfe die Geschichte des Sohns der Rose und der reizenden Lilla. Die Nadel aber bewirkte Glück im Ehstande, und Lilla gebar ihrem Gemahl einen Sohn, der später beide Königreiche beherrschte und seinen Ruhm darin suchte, seine Völker zu beglücken. Aber noch heutigen Tags steht die Fee Pfefferlüsch unbeweglich am Wege, und die Wanderer fürchten sich noch jetzt und weichen ihr aus, wenn ihre Straße sie vorbeiführt. Das Theater als ein National-Institut betrachtet. 1825. Jedes Volk besitzt ein vierfaches Dasein, in religiöser, politischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung. Ihr höchster Ausdruck ist das lebendige Wort, wodurch diese Beziehungen allein gedeihen können. Wer wird leugnen wollen, daß das griechische Volksleben in allen am vollendetsten erscheint, teils weil seine Organisation wirklich glücklicher als die der übrigen Nationen gewesen sein mag, teils auch, weil wir es durch unsre ideale Anschauung verherrlichen? Aber als Muster den übrigen Völkern vorgestellt zu werden, reicht es gleichwohl nicht hin; denn auf der einen Seite ist die neuere Weltansicht weit größer und umfassender, als die der Griechen sein konnte, und auf der andern ist jedes Volk sich selbst eine eigentümliche Entwicklung aus sich selbst schuldig, so daß der Einfluß des Fremdartigen nur beiläufig in Anschlag kommt. Deshalb ist Nachahmung der Griechen weder in poetischer noch anderweitiger Hinsicht besonders ratsam, wiewohl dadurch honetten Schulexercitien das Handwerk nicht gelegt werden soll. Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich bei einem Aufsatze, wie dieser ist, vom Ei der Leda anfange und erst nach einer kurzen Uebersicht der übrigen öffentlichen Volksverhältnisse das Theater selbst berühre. Indem ich aber hierin der Notwendigkeit, die sich mir aufdringt, nachgebe, bin ich weit entfernt, sie für eine Befugnis zu halten, über Dinge, denen ich nicht unmittelbar gewachsen bin, ein anderes als flüchtiges Urteil fällen zu wollen. In Bezug auf die religiösen Verhältnisse der modernen Völker scheint mir durch das Luthertum ein großer Schritt vorwärts gethan worden zu sein. Um nicht gehässig zu werden, untersuche ich nicht, inwiefern der Katholizismus das lebendige Wort bewahrt oder aufgegeben hat; genug, daß es bei den Protestanten als das Höchste geachtet und beständig ausgeübt wird. Wobei gleichgültig bleibt, ob die Kanzelberedsamkeit in unserer Zeit gerade ihre höchste Periode hat oder nicht, und ob nicht hie und da das Sprichwort eintritt, daß ein Komödiant der Lehrmeister eines Pfarrers werden könne. Ich glaube wenigstens nicht, daß es dem Volke verargt werden kann, wenn es ein gutes Schauspiel einer langweiligen Predigt vorzieht. Und so hat das Theater zuweilen Repressalien gegen diejenigen ausgeübt, die es als ein gotteslästerliches Institut brandmarken zu wollen den vergeblichen Versuch wagten. Man hat mit Recht die Franzosen und Engländer als Muster in der politischen Kunst betrachtet, insoweit diese als lebendige Rede sich selbst den höchsten Ausdruck zu verleihen sucht. Ohne sie nachzuäffen, hat man in Deutschland die landständischen Einrichtungen nicht eingeführt, sondern vielmehr nur wieder erweckt, da man sie als eine echt germanische Sitte schon der ältesten Zeiten anerkannte. So ging es, und zwar zur selben Zeit mit der Wiederbelebung unsrer volkstümlichen Beredsamkeit wie mit der Wiederbelebung unsrer großen epischen Dichter, deren Sprache und kunstreiche Formen bis jetzt nur wenige verstehen und deren hohe Bedeutung noch von wenigen völlig erkannt wird. Ich stehe nicht dafür, ob es nicht jetzt noch Lehrstühle gibt, wo man aus eine höchst komische und für die Nation herabwürdigende Weise die Geschichte der deutschen Poesie mit Opitz und dem von Besser beginnt, wie es lange genug Sitte gewesen ist. Gleichwohl sind wir schon so weit vorgerückt, daß die Nibelungen häufiger gelesen werden als die Messiade und ähnliche nach den Regeln entworfene. aber in einer Zeit entstandene Verfertigungen, die keinen Tropfen episches Blut in sich hatten. Das; übrigens die Messiade und andre Arbeiten desselben Meisters, dem die deutsche Sprache mehr verdankt als die deutsche Poesie, schon zu ihrer Zeit (einige der Oden abgerechnet) sehr wenig im Umlauf waren, beweist folgendes gleichzeitige Epigramm von Lessing : »Wer wird nicht unsern Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Nein! Wir wollen weniger erhoben Und fleißiger gelesen sein.« Was lebendigen Vortrag der Wissenschaft anlangt, so dürfen vielleicht die deutschen Universitäten, wenigstens der Idee nach, den übrigen europäischen Nationen als Muster gelten. Großen Dank sind wir auch hierin den Brüdern Schlegel schuldig, welche mehrere ihrer Werke zuerst als Vorlesungen bekannt machten und ihnen dadurch von vornherein den Reiz des lebendigen Wortes verliehen, den sie durch den Druck nicht wieder verlieren konnten. Allen wissenschaftlichen Werken würde ein ähnliches Verfahren zum größten Vorteil gereichen, besonders aber den historischen. Es wird so häufig über den schleppenden Stil und die langweilige Darstellung der neuern Geschichtswerke in Vergleich mit den alten geklagt; der öffentliche Vortrag vor Bekanntmachung des Buchs durch den Druck würde dem Historiker zum Maßstabe seiner Darstellungsgabe dienen können und hat wohl auch manchem dazu gedient. Nach diesen kurzen Bemerkungen, die bloß als Parallele des Folgenden einen Wert haben können, gehen wir zur Poesie als dem Gipfel der Kunst über. Es wird nötig sein, das Allgemeinste voranzuschicken, etwas über Epos und Lyrik zu sagen, um endlich zum Drama selbst zu gelangen als zu dem schönsten Ausdruck des lebendigen Wortes im Volk. Da ich nicht die mindeste Anlage zum Philosophen oder Theoretiker besitze, so habe ich alles, was ich weiß, auf praktischem und historischem Wege gelernt; der erstere gehört nicht hierher, der letztere wird mir zum Leitfaden meiner Darstellung dienen. Bei allen Nationen erscheint die Poesie in einer dreifachen Gestaltung, als Epos, Lyrik und Drama, nur daß bei dem einen und andern das eine mehr, das andere weniger zur vollkommenen Entwicklung gediehen ist. Bei einigen, z. B. bei den Franzosen, ist das Epos, wenigstens im Vergleich mit andern Völkern, nur in einer verkümmerten Erscheinung ans Licht getreten; Wiewohl ich mir ein näheres Urteil der französischen Trouveurs, als der eigentlichen französischen Epiker, auf eine nähere und gründlichere Bekanntschaft mit denselben verspare. andern scheint das lyrische Talent nur spärlich zugemessen worden zu sein, wie z. B. den Engländern; wieder andre, wie die Araber und Perser, haben es nie bis zum Drama gebracht. Bei andern ist das Drama, wenn auch entstanden, doch zu keiner vollkommenen Ausbildung gelangt. Die Portugiesen gehören in diese Klasse. Die Griechen dürfen sich rühmen, eine vollständige poetische Litteratur zu besitzen, unter den neueren Völkern die Spanier, wenn man, wie billig ist, die Zusammenstellung ihrer alten Romanzen Nichts bestätigt mehr die Wolfische Ansicht über den Homer, als die Zusammenstellung der spanischen Romanzen. als etwas dem Epos Ebenbürtiges betrachten will. Im Lyrischen und Dramatischen ist ihr Reichtum bekannt. Sie haben diese nationelle Entwicklung nicht bloß dem abgesonderten Dasein aus ihrer Halbinsel zu danken, – ein Vorteil, den die Engländer in höherem Grade genossen, – als vielmehr der gänzlichen Abgeneigtheit, die Alten nachzuahmen, wodurch die Litteratur anderer Nationen so oft auf das bunteste verwirrt worden ist. Was die Deutschen und Italiener betrifft, so wird ihnen niemand das epische und lyrische Element der Poesie absprechen können. Ob diese beiden Völker auch ein Drama, das heißt eine selbständige und reichhaltige dramatische Litteratur besitzen werden, wird die Zeit lehren. Man ist so weit gegangen, zu behaupten, bei den neuern Völkern finde gar keine naturgemäße Entwicklung der drei Grundformen der Poesie statt. Als Beweis hat man unter anderm das gänzliche Unbekanntwerden der Nibelungen, die man aus dem Staube der Bibliotheken erst wieder hervorsuchen müssen, sowie den gänzlichen Verfall der deutschen Poesie nach dem dreizehnten Jahrhundert angeführt, welche Periode mit unsrer heutigen Litteratur in gar keinem Zusammenhang stünde. Dies sei bei den Griechen nicht der Fall gewesen. Gesetzt auch, daß die griechische Entwicklung weit glücklicher gewesen, was ich nicht in Abrede stellen will, so stund doch keineswegs das homerische Zeitalter mit dem des Perikles in einem unmittelbaren Zusammenhange. Vielmehr trat auch bei den Griechen nach dem Erlöschen des epischen Zeitalters eine höchst prosaische Nichtigkeit und Mittelmäßigkeit ein, aus welcher Periode Hesiodus und andere uns noch übrig geblieben sind. Ihn für einen Zeitgenossen des Homer zu halten, ist ungereimt, und ebenso ungereimt ist es, zu glauben, daß in der Zeit, da die hesiodische Poesie blühte, die homerische sich wirklich noch eines lebendigen Verkehrs erfreut haben könnte. Folglich mußte auch Homer wieder hervorgesucht werden, als die neue Poesieperiode anfing und die Nation wieder empfänglich für ihn geworden war. Wenn wir nun den Gang der Natur beobachten, ohne auf willkürliche Machwerke Rücksicht zu nehmen, so zeigt sich, daß überall das Epos vorangeht und durch die Lyrik der Uebergang zum Drama gegeben ist, wodurch der Cyklus der Poesie als vollkommen abgeschlossen erscheint. Denn der dramatische Dichter, durch das lyrische Element hindurchgegangen, konzentriert in sich als Individuum die Poesie, deren Stoff er durch Epos und Historie vom Volk empfangen hat und die er nun vom Theater herab dem Volke wieder zurückgibt. So ist also, um mich eines bildlichen Ausdrucks zu bedienen, das Drama nichts anderes als das wiedergewonnene Paradies der Dichtkunst, welches der Nation durch das Absterben des epischen Zeitalters verloren gegangen war, dessen Erinnerung jedoch wie eine heilige Glut in einzelnen noch fortglimmte, bis es dem dramatischen Dichter gelingt, die verirrten Strahlen wieder in einen Brennpunkt zu sammeln. Er ist berufen, ein vollendetes, geschlossenes, abgerundetes Ganzes in einem Sinne zu bilden, wie es den epischen Dichtern noch nicht möglich war, Das Lied der Nibelungen erscheint hierin wundervoll, indem es schon als Epos ein dramatisches Ganzes im höchsten Sinne bildet. Es hat mich auf den Gedanken gebracht, daß die Dichtkunst, so wie sie bei einzelnen Völkern den Gang vom Epos zum Drama geht, so auch in Bezug auf ihre allgemeine Weltentwicklung denselben Weg verfolgt, so daß zwar die Nibelungen, zur deutschen Poesie gerechnet, als Epos anzusehen sind, hingegen, mit dem Homer verglichen und weltgeschichtlich betrachtet, eher als Drama gelten müssen. Doch ist dies vielleicht ein bloßer Einfall. und die Poesie mit dem Leben zu versöhnen. Denn nicht bloß durch die lebendige Darstellung auf der Bühne fließt das Leben mit dem Drama zusammen, sondern auch in einem höheren Sinne. Denn das Leben selbst ist nicht Erzählung, nicht Gesang; es ist Rede, Handlung, Drama. Aus dem Jüngstgesagten erhellt, daß die Lyrik eine doppelte Gestalt annehmen wird: sie wird auf der einen Seite sich, der Zeit nach, dem Epos anschließen, wie dies bei den Homerischen Hymnen und im Deutschen bei den Minnesängern der Fall ist, auf der andern Seite wird sie dem Drama vorangehen. Beim griechischen Drama zeigt sich der lyrische Ursprung noch deutlich im Chor, bei den Deutschen ist dieser Uebergang durch Goethe gesetzt. Es klingt paradox, aber es ist wahr: Goethe ist der deutsche Chorus. In seinen Werken ist häufig eine vollkommen lyrische Tendenz mit der dramatischen Form vereinigt. Nach ihm kommt Schiller , der erste eigentliche dramatische Dichter der Deutschen, der mich schon von früheren als mir der Schöpfer des deutschen Theaters genannt worden. Man hat ihm häufig unrecht gethan, indem man von seinen Werken jenen zarten lyrischen Grundton forderte, der in den Goetheschen herrscht und der ihm weder eigen sein konnte noch durfte. So wenig war die Nation noch an ein eigentliches Drama gewöhnt. Man verdachte Schillern , daß seine Stücke nicht für das Kabinett, sondern für die Bühne bestimmt seien. Versöhnen wir die Manen des großen Mannes, der für die Kunst gestorben ist! Hüten wir uns, ihn zu lesen; aber stellen wir ihn dar, so oft wir können, und wir dürfen versichert sein, daß er uns immer gefallen wird! Goethe hat der Lyrik eine Tiefe und einen Umfang gegeben, wie nie vor ihm ein Dichter. Weil man sich aber in den Kopf setzte, seine Werke, wovon viele die dramatische Form haben, durchaus als Dramen zu vindizieren, während sie doch auf dem Theater keine bedeutende Wirkung hervorbrachten, so ist man so weit gegangen, einen Unterschied zwischen dramatisch und theatralisch zu statuieren, der von Gutmeinenden nachgebetet worden ist. Dieser Unterschied, welcher höchstens in Bezug auf unsere schlechten Theatereinrichtungen eine gewisse Bedeutung haben kann, findet keineswegs statt. Ein Volk, das kein Theater hat, hat auch kein Drama, und es kann höchstens allenfalls den Alten nachgeäffte Schulexercitien hervorbringen. Wie es denn möglich wäre, daß schon zur Zeit der Nibelungen, also in einer gänzlich undramatischen Periode, von irgend einem Mönch ein terenzianisierendes Lustspiel in lateinischen Versen ausgeheckt worden wäre. Die Nachwelt weiß aber so wenig davon, als sie von den sogenannten Epopöen unsrer Tage etwas wissen wird; denn nur das Zeitgemäße dauert. So ist es klar, daß zu einer vollkommen lebendigen Darstellung in unserer Zeit von den verschiedenen Formen der Poesie nur das Drama gelangen kann. Nur der dramatische Dichter redet noch öffentlich zur Nation. Die alten Rhapsoden, welche die melodischen Strophen der Nibelungen recitierten, sind nicht mehr, und auch der lyrische Dichter, der nicht mehr eine Person mit dem Musiker ist, bedarf des gefälligen Tonsetzers, um in den Mund des Volks zu kommen. Sei mir aber hierüber noch eine Abschweifung erlaubt! Es muß das Bestreben jeder Nation sein, auch die erloschenen und halb erloschenen Formen seiner Poesie noch, soweit es möglich ist, im lebendigen Verkehr zu erhalten, wie es die Griechen auch immer gethan haben. Für unsere Lieder ist mehr oder weniger durch zahlreiche Komponisten gesorgt; nur vernachlässigen aber fast ganz das epische Element, das eigentlich den Deklamatoren und Deklamationsübungen der Jugend übertragen sein sollte, welche aber meist eine ganz verkehrte Richtung genommen haben. Sie recitieren entweder lyrische Stücke, die dem Gesang angehören, oder dramatische Bruchstücke, die, aus dem Zusammenhange gerissen, ihre beste Wirkung verfehlen. Das Epische hingegen ist nicht nur die reinste Schule der Deklamation, sondern auch ihr geeignetster Stoff. Man hört ein Lied lieber singen und ein Drama lieber darstellen; wenn aber ein einzelner vor uns tritt, uns etwas vorzusagen, so wünschen wir am liebsten, daß es etwas Erzählendes sein möchte. Dies ist die Kunst der italienischen Tagdiebe und Improvisatoren, welche uns Stellen aus dem Tasso zu recitieren pflegen. Tasso ist kein ursprünglich epischer Dichter, und seine Poesie ist gleichsam nur aus der zweiten Hand; allein die Nation hat ihn, um mich so auszudrücken, vollkommen episiert. Wiewohl das gemeine Volk in Italien meistens sehr falsch deklamiert, so scheint mir doch der Tasso durch ihren feurigen, lebhaften Vortrag unendlich zu gewinnen, und er ist mir nie so trefflich erschienen als aus dem Mund dieses Gesindels. Wir, die wir das Epos nur vom Blatt weg lesen, haben kaum einen Begriff, wie herrlich es durch den lebendigen Vortrag wird. Leider ist die Sprache der Nibelungen bei uns noch zu wenig gang und gäbe, um sie zu deklamatorischen Vorträgen zu wählen. Allein man könnte Stellen aus dem Vossischen Homer, aus dem Griechischen Tasso, aus Hermann und Dorothea und ähnlichen Werken aussuchen, wenn es ähnliche gibt. Die herrlichste Wirkung würde jedoch die Heldengröße der Nibelungen, wenn sie auf eine lebendige Art rentiert würden, hervorbringen. Man sollte unsre Jugend so früh als möglich mit den Formen der altdeutschen Sprache, die für einen Deutschen so leicht sind, bekannt machen und lieber ein oder das andere lateinische Pensum vernachlässigen. Ich wüßte nicht, was gegen die Heroen des Cornelius Nepos einzuwenden wäre, und ob seine Darstellung die Jugend anzieht, will ich nicht entscheiden; aber wer wollte leugnen, daß der herrliche Siegfried, der finstere Hagen, der tapfere Volker, der milde Rüdiger unendlich größere Bilder sind? Die Helden im Homer sind bloße Kinder dagegen. Kommt, ihr Knaben, schüttelt den Schulstaub von euch und lernt statt römischer Vokabeln das Gedicht eurer Väter auswendig! Auch wir wollen lauschen jenen herrlichen Thaten, denen das Ohr unsrer Väter lauschte! Laßt uns hören, wie Siegfried stirbt, wie Chriemhilde klagt, wie Volker mit seiner Geige die müden Burgunden einschläfert! Laßt uns hören den mächtigen Dankwart, der gegen Tausende kämpft, den grimmigen Hagen, der des ermordeten Kindes Haupt in den Schoß der Mutter schleudert, den edelen Dietrich, der um seine gefallenen Helden weint! Laßt uns hören die große Frau, die am Eingange des Gedichtes als zarteste Jungfrau steht, wie sie, durchs Leben gereift, durch Schmerz und Rache gehärtet, ihres verratenen Gatten Schwert aus der Scheide zieht und das Haupt ihres Feindes abschlägt! Laßt uns hören endlich die Klagen des König Etzels, daß der größte Held von eines Weibes Händen fiel! Man verzeihe mir diesen kurzen Hymnus und verzeihe mir auch, wenn ich noch etwas über die äußere Form der Nibelungen hinzufüge, da diese bei dem öffentlichen Vortrage wesentlich ist, Der nun folgende Teil dieser Abhandlung bis S. 113 Anmerkung bildet in den bisherigen Ausgaben einen Teil der folgenden Abteilung; er ist hier aus der Hempelschen Ausgabe nach dem Tagebuch des Dichters mitgeteilt. (Anm. des H.) Sie wird von denen, die sie nicht kennen, für roh und ungebildet ausgeschrieen, ungefähr so, wie einer die Form des Homer für ungebildet ausgeben würde, der den Hexameter nicht zu lesen verstünde, oder der das Griechische nach den Accenten läse, wie man jetzt auch auf Schulen eingeführt findet. Nicht die Form der Nibelungen ist roh, sondern unsere Metrik ist es, da wir, an das einförmige Ticktack der Jamben und Trochäen gewöhnt, für kunstvollere Maße gar keinen Sinn mehr zu haben scheinen. Hiedurch ist es so weit gekommen, daß wir, was den Reim betrifft, alle unsere spondäischen und antibacchischen Reime, die in den Nibelungen oft von der schönsten Wirkung sind, d. h. fast ein Drittel unseres Sprachschatzes, vom Reim selbst ausgeschlossen haben und daß wir, was die Prosodie anlangt, für unsere anapästischen, daktylischen, spondäischen und antibacchischen Worte und Wortzusammensetzungen beinahe gar keinen Platz mehr haben, da sich unsre ganze Metrik in einem beständigen Lang-kurz oder Kurz-lang auf das eintönigste fortbewegt. Hier findet sich in den bisherigen Ausgaben noch folgende Stelle: »Alles, was wir aus der Fremde entlehnt haben, der Hexameter, die Stanze, die Terzine, mag als vortrefflich für kleinere, dem Idyllischen oder Lyrischen sich nähernde Gedichte anerkannt werden, für umfangreiche sind sie vollkommen untauglich. Die italienischen Maße, wie auch der französische Alexandriner, erfreuen sich einer großen Mannigfaltigkeit in der Ursprache; vermöge unserer Prosodie hingegen werden sie eintönig und matt, wie es auch unser fünffüßiger Jambus ist, ein barbarischer und armseliger Vers, der hoffentlich bald aus der Sprache verschwinden wird. Wenn der Verfasser es für ratsam hielt, in seinen dramatischen Werken den Trimeter statt des fünffüßigen Jambus anzuwenden, so kann er auf Treue und Glauben versichern, daß er es nicht den Griechen zuliebe gethan, sondern daß ihn gerade das Studium des Nibelungenverses darauf geführt hat. Denn dieser sowohl als der Hexameter, die überhaupt verwandt sind, lösen sich rhetorisch in den Trimeter auf.« (Anm. d. H.) Von dieser Monotonie, die im Epos vollends unerträglich sein würde, weiß das Lied der Nibelungen freilich nichts, wiewohl es eine große Regelmäßigkeit mit einer höchstmöglichen Varietät vereinigt, was die höchste Aufgabe eines epischen Versmaßes ist und auch von dem Hexameter gelöst wird. Was den deutschen Hexameter betrifft, so scheint mir in Bezug auf Uebersetzungen aus den Alten der Vossische meisterhaft und nachahmungswürdig, in Bezug auf eigentlich deutsche Werke der Klopstockische und Goethesche Hexameter der vorzüglichere zu sein. Wir wollen ja kein griechisches, sondern ein deutsches Versmaß, dem der Trochäus, wie ich glaube, keineswegs zur Unzier gereichen kann. Denn da wir so viele Wortzusammensetzungen in der Sprache besitzen, wie z. B. Vaterland, Aberglauben, seelenvoll und taufend andre, bei denen der Trochäus unausweichlich ist, so würde es auf eine Künstelei hinauslaufen, wenn wir alle diese Worte vom Hexameter ausschließen wollten. Das Gesetz des Nibelungenmaßes ist folgendes: Ein sechsfach betonter Vers wird durch die Cäsur in zwei Hälften zerschnitten, so daß drei Betonungen auf die erste, drei Betonungen auf die zweite Hälfte fallen. Zwischen diesen sechs betonten Silben können aber willkürlich eine beliebige Anzahl unbetonter Silben eingereiht werden, insoweit es nämlich Sprache und Harmonie des Versbaus erlauben. Das Ganze zerfällt in Strophen, jede Strophe in vier Zeilen. Hiebei ist noch zu bemerken, daß die letzte Hälfte des letzten Verses sich zuweilen in vier Betonungen ausbreitet, welches zwar häufig eine sehr schöne Wirkung thut, doch wohl aber erst durch spätere Ueberarbeiter des Gedichts hinzugefügt worden ist. Hiedurch entsteht nun eine reiche Mannigfaltigkeit und für den, der den Vers zu lesen versteht, die größte Harmonie. [Anmerkung des Herausgebers an dieser Stelle aus technischen Gründen gelöscht. Re] Oft gewinnt er daher, wenn es der Gegenstand mit sich bringt, einen sanften, hüpfenden Gang, wie folgender: Do entswebete er an den betten viel manegen sorgenden man. Zuweilen wird, anders geordnet, dieser daktylische Sprung auch ernsten Gegenständen angepaßt, wie z. B. der letzte Vers des dreiunddreißigsten Gesangs: Diu swert von handen legeten die chunen recken gemeit. Eine prachtvolle, aber auch schauerliche Wirkung entsteht, wenn im Gegenteile die unbetonten Silben fast ganz herausfallen, wie z. B. im letzten Halbvers folgender Zeilen, die zugleich als Muster dienen können, wie schön die antibacchischen Reime sich ausnehmen: Wie gerne ich dir wäre gut mit meinem schilde, torst' ich dir'n bieten vor Chriemhilde! Diese Versart wird auch zuweilen gebraucht, um eine malerische Wirkung hervorzubringen, z. B. Gegen Mutaren die Tunowe nieder. Reine Jamben und Trochäen sind nicht selten; doch hat der Dichter Sorge getragen, daß sie eine ganze Stanze ausfüllen. So sind z. B. in folgender Strophe die ersten Halbverse der ersten und zweiten Zeile jambisch, die sich ihnen anschließenden trochäisch, bis der Jambus, der sich nicht abweisen läßt, das Uebergewicht gewinnt und die beiden Verse ganz jambisch gebildet sind: Do sucht er nach dem vergen er horte wazzer giezen, in einem schönen brunnen diu wolden sich da chulen wider unde dan, losen er began: daz taten wisiu wip, und badeten ir lip. Zum Schluß erlaube man mir noch eine besonders kunstvoll gebildete Stanze mit ihrer metrischen Einteilung anzuführen, da sie fast alle Tonarten des Liedes in sich vereinigt: Do rief der herre Gieselher »owe, daz ich so grimmen edel ritter chüne, ich wil'z helfen enden, Wolfharten an: vient ie gewan! nu wendet gegen in: ez en-mag nicht lenger gesin.« Um den Nibelungenvers immer richtig zu lesen, gehört allerdings auch eine nähere Kenntnis der alten Sprache, die, wie die homerische, sich noch in manchen schwankenden Formen bewegt. Hieher sind besonders die Eigennamen zu zählen, deren Prosodie meist schwankend ist. So wird z. B. Gunther — U und — — accentuiert, Rüdiger — U U und — U —. Hieher gehört auch das Participium Präsentis, das bei uns schon immer daktylisch ist, bei den Alten aber noch häufig antibacchisch, z. B. Allez howende die Guntheres man. — U — — U  |  U —  — U  — Man verzeihe diese Abschweifung einem Dichter, der vermöge seines eigentlichen Berufs wohl nie mehr Muße und Gelegenheit finden wird, sich über diese Dinge, die ihm doch, als der deutschen Nation angehörig, am Herzen liegen, öffentlich zu äußern. Er würde sich sogar aus dieser kleinen Schrift einen Vorwurf machen, wenn eine ununterbrochene poetische Wirksamkeit möglich wäre, und wenn dieser Aufsatz nicht in einer eigentümlichen Lage entstanden wäre, indem der Verfasser desselben in einer Art von Gefangenschaft einer vollkommenen Einsamkeit wider seinen Willen genießt und sich daher aufgefordert sieht, seine Thätigkeit zu vervielfältigen, um die Länge des Tages immer auf eine würdige Weise auszufüllen. Bei Gelegenheit seiner ersten Reise nach Oberitalien hatte der Dichter seinen Urlaub überschritten und mußte dieses Beruhen mit einem mehrwöchentlichen engen Arreste in Nürnberg abbüßen. Indem wir zum Drama zurückkehren und auf dem historischen Wege bei den Griechen beginnen, zeigt sich, daß dieses Volk die Aufgabe, das Theater als ein Nationalinstitut zu behandeln, auf das vollkommenste gelöst habe. Wie wenig uns Neuern dieses aber zur unmittelbaren Nachahmung frommen kann, haben die Franzosen gezeigt, indem alles, was bei den Griechen Natur war, bei ihnen zur Grimasse geworden ist. Sie haben den Stoff, statt ihn aus sich selbst zu schöpfen, von den Griechen entlehnt; aber sie haben nicht bedacht, daß er bei den Griechen eine tiefe religiöse Bedeutung hatte, die er bei ihnen nie gewinnen konnte. Sie haben die sogenannten Einheiten nachgeahmt; aber sie haben nicht bedacht, daß diese eine ganz natürliche Bedingung des griechischen Chors und sonstiger Theatereinrichtungen waren, während sie bei ihnen selbst zu einer lächerlichen Beschränkung ausgeartet sind. Wehe der Nation, deren Dichter von den Kritikern am Gängelbande geführt werden! Weit eher und leichter hätten die äußerlichen Bedingungen der griechischen Bühne nachgeahmt werden können. Die Wettstreite der Dramatiker, die öffentlichen Richter, der vor dem Volke zuerkannte Ehrenpreis: lauter musterhafte, echt nationelle Bestimmungen, um Talente zu wecken, zu befeuern, aufs höchste zu steigern. Es gehört nicht zu meiner Absicht, über die einzelnen griechischen Dichter zu sprechen, über die schon hinlänglich gesprochen worden ist. Ich gehe zu den Römern über, und wir sehen, daß sich kein eigentliches Nationaltheater bei ihnen gebildet hat. Virgil , der größte römische Dichter, lebte in einer Zeit, die dem Epos entwachsen war und für das Drama hätte fruchtbar sein können; seine eigenen Talente, sein Pathos, seine Präcision, lauter unepische Eigenschaften, bestimmten ihn zum Dramatiker. Er aber wollte ein Homer und kein Aeschylus werden, wodurch er keines von beiden geworden ist. Sein Gedanke war groß, sein Geist umfassend, er wollte die Mythen seiner Nation auf das herrlichste ausbilden; allein er verfehlte die Form. Daß er dies am Ende seines Lebens selbst fühlte, daß er ein Gedicht wie die Aeneis, in dessen prachtvollen Versen sich die Größe des damaligen Roms abspiegelt, vernichten wollte, dies sichert ihm das ewige Staunen der Nachwelt. Wenige Dichter sind fähig, einen so großen Irrtum so groß zu begehen, als Virgil gethan hat. Gleichwohl konnte er das Ursprüngliche seines Geistes nicht ganz unterdrücken. Sein Epos verfällt in einzelne Tragödien, denen bloß die dramatische Form fehlt. Dies ist besonders auffallend im zweiten, neunten, zwölften Buche. Das vierte Buch könnte man beinahe ein vollendetes Drama nennen. Man hat es ihm für sklavische Nachahmung angerechnet, daß er einzelne Verse aus dem Homer wörtlich übersetzt hat. Mit nichten! Es war die Mode seiner Zeit, der sich alle Dichter bequemten; man that sich etwas darauf zu gute, solche Verse aus dem Griechischen umzusetzen; keineswegs ward es als ein Fehler betrachtet. Es schmeichelte dem Ohr der Römer, die mit der griechischen Litteratur früher als mit ihrer eigenen vertraut waren, und es ist die Pflicht des Dichters, dem Ohre seiner Nation zu schmeicheln. Ebenso haben späterhin Tasso und Camoens Verse aus dem Virgil nachgebildet; aber keineswegs aus Armut, von der ihr Geist nichts wußte. Ueberhaupt sollte man einmal den abgedroschenen Zank über Originalität aufgeben. Das Talent ist immer original, der mittelmäßige Kopf niemals. Große Vorgänger gehabt zu haben, ist kein Vorteil für einen Dichter, wie Unwissende glauben, sondern der größte Nachteil. Es führt ihn gewöhnlich auf Irrwege, denen er erst entgeht, wenn er zum Bewußtsein seines eigenen Talents kommt. Das Genie ist bekanntlich eine Sache, die kein Mensch dem andern ablernen kann, und das übrige ist von wenig Belang, wenn das erstere fehlt. Wenn z. B. Voltaire nie eine Tragödie von Racine zu Gesicht bekommen hätte, so würde er selbst etwas weit Größeres geleistet haben; denn sein Geist war nicht für die Ketten aus dem vergoldeten Zeitalter Ludwigs XIV. Ovid , dem Virgil nicht an die Seite zu setzen, war gleichwohl durch und durch Poet. Wunderbar genug hat auch er sich fast immer im Epischen herumgetrieben; lyrisches Talent war ihm wenig verliehen; seine Elegieen stehen denen der andern Elegiker weit nach. Er hat nach Quinctilian eine Medea geschrieben, die von diesem Kritiker sehr gerühmt wird. Gewiß war sie nicht nur das beste seiner Werke, sondern auch die Blüte der römischen Tragödie überhaupt; denn er hatte eine große Beweglichkeit des Geistes und die höchste Meisterschaft über die starre Unbehilflichkeit seiner Muttersprache, die selbst im Virgil noch oft wie versteinert scheint. Wenn ich bei diesen beiden kaum hierher gehörenden Dichtern länger verweilte, so geschah es, weil ich das Verkannte nicht gerne verkannt sehe. Unter den Neuern hat Shakespeare das nationellste Drama hervorgebracht. Es wäre überflüssig, etwas zu seinem Lobe sagen zu wollen. Seinem Lustspiele hat er romantische Novellen oder Märchen zu Grund gelegt, weil sie seinem Genie den weitesten Spielraum verschafften. Ohne in die Pedanterie Molières verfallen zu sein, der mit unpoetischer Absichtlichkeit einzelne Charaktere ausmalt, steht gleichwohl seine Charakteristik unendlich über der Molièreschen oder irgend einer andern. Auch für die Tragödie wählte er immer den würdigsten Stoff, meist aus der Geschichte seiner eigenen Nation, Gleichwohl würde neuern Dramatikern bei der Wahl historischer Stoffe bloß die Alternative bleiben, entweder halbepische, weitschweifige Dramen zu bilden, die nicht einmal für die jetzige Bühne taugten, oder vollkommene Trauerspiele zu schreiben, aber die Geschichte zu verdrehen oder nach ihren Zwecken zuzustutzen, wie so viele gethan haben. Shakespeare ist in den erstgenannten Fehler verfallen, da ihm die Geschichte heilig war; seine deutschen Nachahmer jedoch in alle beide. Sie tischen historische Lügen in der ungeschicktesten Form auf. zum Teil auch, wie im Hamlet, aus den tiefsinnigen Sagen anderer Völker, denen er das ganze Feuer seines unsterblichen Geistes einhauchte. Er war unbekannt mit der rhetorischen Manier, deren sich die Franzosen auf der Bühne bedienen; vielmehr ist er durch und durch anschaulich, das heißt durch und durch Künstler. Die Franzosen haben ihm viele Fehler vorgeworfen, von denen aber nur diejenigen gegründet sind, die sich auf die Einzelheiten des Stils beziehen, während hingegen das französische Theater in seiner Ganzheit auf einem eingehenderen Fehler beruht. Was das Bedeutende des Gegenstandes, das Kunstvolle des Plans, die Schärfe der Umrisse, den Reichtum der Darstellung anlangt, ist er unerreicht geblieben. An Umfang und Tiefe des Geistes übertrifft er die Griechen weit, in der Form konnte er sie nicht erreichen; denn er gehörte einer Nation an, die keine bildende Kunst besitzt. Man hat ihn für gänzlich unbesorgt um seinen Nachruhm gehalten, weil er seine Stücke nicht selbst herausgegeben. Viele sind jedoch, während er noch lebte, gedruckt worden. Er selbst ist, wie es scheint, plötzlich gestorben, und es kommt darauf an, ob er seine Schauspiele nicht gänzlich an die Theater verkauft hat, oder vielmehr den Druck als Nebensache geachtet und die Bühne, wie billig, als die eigentliche Fortpflanzerin eines dramatischen Kunstwerks. Die dem Theater feindlichen Religionsunruhen, die bald nach seinem Tode ausbrachen, konnte er nicht voraussehen. Es versteht sich von selbst, daß in seinen Schauspielen nicht von seinem Nachruhm die Rede ist; in seinen lyrischen Gedichten verspricht er sich wiederholt die Unsterblichkeit. Statt vieler Stellen nur eine, Sonnet CVII : Now with the drops of this most balmy time, My love looks fresh, and Death to me subscribes, Since spite of him I'll live in this poor rhyme, While he insults o'er dull and speechless tribes, And thou in this shalt find thy monument, When tyrants' crests and tombs of brass are spent. Da er und seine Zeitgenossen durch das Drama die Poesieperiode abschlossen, so mußte man, wenn man noch etwas leisten wollte, wieder ab ovo anfangen, was freilich schwer war. Gleichwohl kam unmittelbar nach ihm der epische Milton , dessen Gedicht aber trotz außerordentlicher Vorzüge nicht als ursprünglich betrachtet werden kann. Ich gehe zu einer andern Nation über, der vorigen fast ganz entgegengesetzt. Die französische Sprache, für den geschichtlichen Stil geeignet, für die Konversation und Rednerbühne unübertrefflich, ist beschränkt und nüchtern in Bezug auf das Poetische. Schon aus dem Ebengesagten geht hervor, daß das, was von epischer Anlage im Volk lag, höchstens in einer Zeit gedeihen konnte, in welcher die Sprache noch eine ganz andere Gestalt hatte, und daß auch die Lyrik nie einen hohen Schwung nehmen konnte. Weit mehr Anlage war zum Drama in der Sprache vorhanden. Leider bildete sich die Bühne bloß als ein Hoftheater Ludwigs des Vierzehnten aus. Die Nation und ihre Könige auf die Bühne zu bringen, würde als Majestätsverbrechen gegolten haben; ja, man dachte nicht einmal daran, wiewohl die französische Geschichte sehr dramatisch ist. Die griechische Mythologie war von den poetischen Schneidermeistern der Zeit zum allgemeinen Verbrauch ziemlich zugeschnitten. Die Kritiker wiesen mit Macht daraus hin. Boileau bedauert denjenigen, der sich einen Chilperik zum Helden wählen könne, da der Name Agamemnon doch weit wohllautender sei. Corneilles besserer Geist sträubte sich lange; Racine , der die Sache schon eingeleitet vorfand, wußte sich in das vorgeschriebene System zu finden. Späterhin konnte sich Voltaire von der alten Manier nicht völlig losmachen, weil er zu eitel war, um auch nur auf kurze Zeit von der Nation oder vielmehr von den Kritikern verkannt werden zu wollen. Die Griechen, die man längst übertroffen zu haben glaubte, wurden gleichwohl als Muster aufgestellt. Die Nachahmung ging aber einigermaßen ungeschickt von statten. Den Chor, die Grundlage des griechischen Dramas, setzte man ab, wie billig; denn man hätte auch nicht lyrisches Talent genug besessen, um ihn beizubehalten. An seine Stelle traten die Vertrauten. In der That bleibt es unbegreiflich, wie eine geistreiche Nation diese nichtssagenden Figuren, denen die Langeweile angeboren ist, auf den Brettern ertragen konnte. Eine neue Grille kam durch den Machtspruch eines Ministers hinzu, die drei Einheiten. Es ist viel dagegen geschrieben worden, das Treffendste von Goethe in seinem Jugendaufsatz über Shakespeare. Viele, welche die Einheit der Zeit und des Orts verwarfen, glaubten, durch ein Mißverständnis, wenigstens die Einheit der Handlung statuieren zu müssen. Mit nichten! Eine taugt so wenig als die andere. Es gibt nur eine Einheit (wie es das Wort schon mit sich bringt): die Einheit des Charakters, d. h. die Einheit des ganzen Dramas mit sich selbst. In Shakespeares Macbeth kommen eine Menge von Handlungen vor: Dunkans Ermordung, die Flucht der Prinzen, Macbeths Thronbesteigung, Banquos Tod, das Treiben der Zauberschwestern, bis herunter zu den letzten Schicksalen des Helden selbst; allein sie sind alle so meisterhaft zu einem Ganzen verflochten, daß nur der beschränkteste Kritiker dieser Tragödie die dramatische Einheit absprechen könnte. Indem nun die Franzosen den andern Nationen vorwarfen, daß ihr Drama auf einer bloßen Grille ( caprice ) beruhe, sind wir genötigt, ihnen diesen Vorwurf im vollsten Sinn des Worts zurückzugeben. Das französische Theater ist es, das auf der Grille der sogenannten difficulté vaincue beruht, die nicht den mindesten poetischen Wert hat. Auch von den Franzosen wird angenommen, daß Racines Athalie das vorzüglichste Trauerspiel sei, das sie besitzen. Sie ist es nicht bloß durch das charakteristische Element, das darin vorwaltet, sondern auch dadurch, daß der Gegenstand, aus der Bibel genommen, dem Volke weit näher liegt, als die Andromache oder eine anderweitige Witwe dieser Art. Aber die Athalie und ihre Entstehung ist zugleich das beißendste Pasquill auf das französische Theater selbst. Racine schrieb dieses Stück, als er sich aus Gewissensskrupeln von dem Theater ganz zurückgezogen hatte, und so verdanken die Franzosen ihre beste Tragödie einer poetischen Verirrung des Dichters. Auch hierin ist die Athalie musterhaft, daß das lyrische Element wieder in sie aufgenommen ist, das Racine früherhin aus Liebe zu einer toten Regelmäßigkeit verwarf, wiewohl es im Corneille noch hie und da vorkommt. Bewunderungswürdig sind die Franzosen in der konsequenten Durchführung ihres einseitigen Systems; Wiewohl auch hierin viel Wunderliches mit unterläuft. Denn wenn man sich z. B., um die Einheit des Orts aufrecht zu erhalten, erlaubt, bei einer Verschwörung die Verschworenen ihre Zusammenkünfte in der Wohnung desjenigen halten zu lassen, gegen den man sich verschwört, so hat man die Sache sich ebenso leicht gemacht, als dem Publikum lächerlich. Bei allen Gelegenheiten kommt das Kindische und Fratzenhafte der drei Einheiten, dem modernen Theater fremd, zum Vorschein. die Form ist äußerst eintönig, aber meisterhaft, wenn man sie nur aus sich selbst beurteilt. So große Fehler nun aber auch das französische Theater haben mag, so ist es doch gegenwärtig das einzige Nationaltheater in Europa; weniger durch sich selbst, als durch den Willen oder, wenn man will, durch die Eitelkeit der Nation. Selbst die Engländer führen nur wenige Stücke von Shakespeare auf, zum Teil wegen Veraltung der Sprache und Veränderung des Theaterwesens, zum Teil vielleicht auch, weil sie kleiner als Shakespeare sind. Ganz das Gegenteil bei den Franzosen, die ihren Dichtern überlegen erscheinen. Aber eben deswegen ist der Umsturz des bisherigen Systems unvermeidlich, und die Kritiker sträuben sich umsonst dagegen. Sie verhindern dadurch jüngere Talente, eine kräftigere Richtung zu nehmen, weil diese fürchten müssen, zum Lohn ihrer Mühe ausgepfiffen zu werden. Zu bedauern sind diejenigen, die dem alten System noch einzelne Kunststücke nachliefern, wodurch sie selbst als bloße Lückenbüßer erscheinen und einem augenblicklichen Beifall ihren Nachruhm aufopfern. Wie sollte es einer Nation, wie sollte es einem einzelnen Dichter schädlich sein, sich ewig zu verjüngen? Der Racinische Achill kann den Besiegern Europas nicht mehr imponieren. Ja, die Unzufriedenheit mit sich selbst geht bei den Franzosen so weit, daß einige die Poesie bloß noch als einen Luxusartikel betrachten, Wie die meisten der deutschen Theaterintendanten. was nicht mehr der Fall sein würde, wenn man nationelle Gegenstände aus die Bühne brächte. Dann würde der Dichter dem Helden und dem Staatsmann ebenbürtig sein, welche letztere das Theater, ohne sich herabzustimmen, besuchen könnten. Auch würde die alte Kunst durch eine neue nicht vernichtet werden, wiewohl jene vom Theater selbst verschwinden müßte. In Italien , oder vielmehr in Venedig , haben Goldoni und Gozzi die nationellen Sitten im Lustspiel dargestellt, der erste auf eine sehr gewöhnliche Weise; Gozzi , der den Beifall des Publikums ganz auf seiner Seite hatte, indem er sie mit phantastischen Märchen zusammenstellte, die er ebenfalls aus dem Munde des Volks schöpfte. Er verschmolz die verschiedenartigsten Elemente mit Glück und sicherte ihnen dadurch wechselseitig einen Gehalt zu. In der Sprache wäre ihm eine schönere Ausbildung zu wünschen. Dem Volke würde er wohl noch ebensosehr gefallen wie ehemals, wenn er dargestellt würde. Die gebildeten Venetianer jedoch schämen sich dieses großen Dichters, weil man ihnen von Mailand aus, dem Sitz der klassischen Pedanterie, in den Kopf gesetzt hat, das Märchen könne kein Stoff für das Lustspiel sein. Uebrigens werden auch Goldonische Stücke äußerst selten gegeben. Außer Venedig ist kaum ein nationelles Theater in Italien entstanden. Erst einige Jahre später lernte der Verfasser das wahrhaft nationelle Theater San Carlino in Neapel kennen, das er als solches schätzte. Von Poesie und Litteratur kann dabei freilich nicht die Rede sein. Metastasio hat die Heroen des Altertums karrikiert und läßt sie singen wie die Rotkehlchen, was ihm nicht einmal die Tonsetzer besonders Dank gewußt haben. Ueber Alfieri mögen diejenigen sprechen, die ihn besser kennen und besser zu schätzen wissen als ich. In Spanien existierte gegen Ende des sechzehnten und im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts ein reichhaltiges, echt nationelles Theater, welches den Spaniern noch immer teuer sein würde, wenn sie, von der französischen Kritik und den mehr oder weniger veränderten Religionsbegriffen absehend, die Kunst als Kunst zu schätzen wüßten. Die Stücke von Cervantes sind nicht mehr aufführbar, und Lope de Vega erinnert zuweilen noch sehr an die erste Kindheit des Theaters. In Calderon erscheint eine vollkommene Herrschaft über die Sprache sowohl als über das angenommene System. Wie bei den Griechen zeigt sich meist eine nationell religiöse Grundlage, wie bei den Griechen ist die Form durchaus vollendet, aber auch wie bei den Griechen ist das Charakteristische nie bis zu einer Shakespeareschen Meisterschaft gesteigert, wiewohl Calderon auch hierin viel vermochte, wenn es ihm darum zu thun war. Auch an dramatischer Fruchtbarkeit sind die Spanier den attischen Dramatikern an die Seite zu setzen. So sind sie denn den Griechen am nächsten gekommen, während sie nichts von ihnen wußten, während sie, was Stoff und Schreibart betrifft, sich am meisten von ihnen entfernten und nur ihrer eigenen Entwicklung nachgingen. Aber weder uns, noch den Franzosen, noch den nordischen Völkern können sie zum Muster dienen, da wir auf das Charakteristische angewiesen sind und bloß durch das Charakteristische befriedigt werden können. Es bleibt uns wenig mehr zu betrachten übrig. Mehrere Nationen haben noch kein eigentliches Theater bei sich ausgebildet. Die Dänen besitzen zwei bedeutende Schriftsteller dieser Gattung. Von Holberg spreche ich nicht, da ich ihn zu wenig kenne und nie im Original gelesen habe; Oehlenschläger ist ein eigentliches dramatisches Talent, fast immer glücklich in der Wahl des Stoffs, einfach, gedrängt, fruchtbar, der Muttersprache vollkommen Meister, der deutschen sogar in einem hohen Grade, so daß er die Armut unserer Bühne mit mehreren seiner Stücke zwar nur bereichern wollte, denn soviel ich weiß, sind sie bis jetzt wenig aufs Theater gekommen. Hans Sachs und seine Zeitgenossen sind von keinem Belang mehr für unsere jetzige Bühne. Bei dem Wiederaufwachen der Poesie sind mehrere Dramen entstanden, die größtenteils die Bretter nie betreten haben. Klopstocks Hermannsschlacht, in Bezug auf das Theater betrachtet, erinnert an die Worte eines römischen Geschichtschreibers über den edlen, von den Poeten so oft mißbrauchten Arminius: Caniturque adhuc barbaras apud gentes. Der große, nie genug zu schätzende Lessing war kein Schulmeister. Er kannte das Theater und schrieb für das Theater, und so haben sich auch einige seiner Stücke auf dem Theater erhalten, und andere wären der Erneuerung wert statt des charakterlosen Plunders, der uns gegenwärtig für Lustspiel gilt. Er versuchte, was Kritik und Geschmack in der Kunst vermöchten. Sie vermochten viel; aber ein eigentliches Drama im höhern Stil vermochten sie doch nicht. Er ist hierin den Franzosen ähnlich, daß seine Werke dem Geschmack mehr als dem Genie verdanken. Nathan ist sein bestes Drama, dadurch bewundernswürdig, daß eine solche Klarheit des Bewußtseins mit so viel darstellender Kraft verbunden sein konnte. Goethe ist kein dramatischer Dichter seines ursprünglichen Berufs nach. Seine Schauspiele, wenn man sie als Dichtungen betrachtet, erscheinen großenteils meisterhaft; allein aus allen zusammen geht kein dramatischer Charakter hervor. Er selbst hat auf das gründlichste im Wilhelm Meister, im Prolog zum Faust, in den Wanderjahren und anderwärts einmal über das andere am Theater verzweifelt. Goethe hat sich, wenn ich so sagen darf, niemals ganz in den fremden Stoff hineingeworfen: vielmehr sehen wir ihn mit einem gewissen Bewußtsein, von einem lyrischen Mittelpunkte aus sich nach allen Seiten ausbreiten und auch der dramatischen Form sich bequemen, mehr, wie es scheint, aus Wahl, als aus einem notwendigen Impuls seiner innersten Natur. Deshalb sind auch seine weiblichen Charaktere, wie sich aus seinen eigenen vielfachen Verhältnissen zu den Frauen erwarten läßt, von der größten Mannigfaltigkeit und Meisterschaft; er übertrifft hierin alle seine Vorgänger weit, und ich zweifle, ob das weibliche Geschlecht sich jemals eines größeren Darstellers zu erfreuen haben wird. Aber was die männlichen Charaktere betrifft, so hat er hierin häufig sich selbst gehuldigt, und daraus geht abermals seine lyrische Natur hervor. Man hat mit Recht seine Objektivität gerühmt; aber die lyrische Poesie ist so wenig subjektiv, als es überhaupt die Kunst sein kann; im Gegenteil, der lyrische Dichter steigert das Objektive zu einem so hohen Grade, daß er sich selbst als Objekt zu betrachten imstande ist. Wenn die lyrische Poesie subjektiv wäre, so müßte jeder Mensch von Gefühl auch Dichter sein. Nicht das bloß hat Goethe gethan, sondern er sammelt die Welt um seine Persönlichkeit herum, und so hat er der Lyrik den höchsten Grad von Ausbildung gegeben, an das dramatische Gebiet gestreift, es betreten, aber niemals ausgefüllt. Und bedarf es hierüber noch eines entschiedeneren Beweises, als seinen eigenen Ausspruch: man solle seine Werke als Bruchstücke einer großen Konfession betrachten? Ich frage, ob jemals Schiller oder Shakespeare oder irgend ein dramatischer Dichter so was von sich sagen wird, er müßte denn, wie der ewige Jude, durch alle Zeiten persönlich geschritten sein. Goethes Verdienst ist so groß, daß man wohl die Wahrheit über ihn aussprechen darf. Auch fühlt jeder Einsichtige, daß diese Darstellung Goethes nicht dazu abzweckt, sein Verdienst zu verkleinern, sondern es bloß in sein eigentliches Licht zu setzen. Aber man hat ganze Bände preciöser Faseleien über ihn geschrieben, ohne auf das einfache Resultat zu kommen, das jedem Unbefangenen in die Augen springen muß. Götz von Berlichingen und Iphigenia sind unter seinen Dramen am meisten dramatisch. Zu dem ersten scheint ihn Shakespeare, zu dem letzten die Alten begeistert zu haben. Shakespearen hat er nicht erreicht, auch ist der Götz nicht einmal für die Bühne bestimmt, die Alten hat er insoweit übertroffen, als er vermöge seiner lyrischen Grundanlage der Iphigenia eine so seelenvolle Tiefe einzuhauchen wußte, wie sie dem Altertum überhaupt ganz fremd war. Egmont scheint sich diesen Werken am meisten anzuschließen. Aber der Schluß des Dramas und das Verhältnis Egmonts zu Klärchen verraten den Lyriker; denn das Lyrische liegt nicht in einzelnen eingestreuten Partieen, die im Gegenteil dem Drama zu wünschen sind, sondern in der Anlage selbst muß sich offenbaren, ob das Drama sich zum Lyrischen neigt oder nicht. Die Liebe zu Klärchen ist so meisterhaft dargestellt, als irgend etwas von Goethe Dargestelltes; aber es ist der Geschichte zuwider, und Egmont würde mehr Haltung gewonnen haben, wenn er als Gatte und Vater dastünde. Das eheliche Verhältnis ist unpoetisch und unbrauchbar für den lyrischen Dichter, für den dramatischen keineswegs. Der dramatische Dichter stellt alle Lebensverhältnisse dar und erfreut sich an der Darstellung aller. Faust und Tasso scheinen mir am wenigsten für das Theater geeignet, wiewohl ich deswegen den letzteren keineswegs davon entfernen möchte. Aber es ist ein gewagter Versuch, einen Dichter zum Helden eines Dramas zu machen, da seine Größe allzusehr innerlich ist. Ein Maler taugt nicht viel besser dazu, wiewohl Oehlenschlägers Correggio ein so schöner Irrtum ist, daß man ihn um alles nicht unbegangen wünschte. Auch besitzt diese Sage einen dramatischen Gehalt, der aber doch sehr ans Lyrische und Symbolische grenzt. Diese beiden herrlichen Schauspiele haben aber eine Unzahl von Nachahmungen hervorgebracht, und jeder Meßkatalog bringt wieder ein paar arme Maler oder Dichter, die von dramatischen Stümpern gerädert werden. Der Faust hatte ursprünglich, indem seine erste Entstehung in die Zeit des Götz von Berlichingen fällt, einen raschen dramatischen Gang, der aber immer mehr gehemmt wurde. Was das Theater betrifft, so ist die frühere Ausgabe als Tragödie, die spätere als Fragment zu bestimmen, wiewohl diese Bestimmungen vom Dichter verwechselt worden. Der Schluß des sogenannten Fragments, welches mit Gretchens Ohnmacht in der Kirche endigt, könnte zwar auf den ersten Anblick als unbefriedigend erscheinen; allein er ist wenigstens klar, und die Wirkung dieser Szene würde so furchtbar sein, daß das Publikum das Theater mit einem Gemisch von Schauer und Bewunderung verlassen würde. Der Schluß der sogenannten Tragödie ist nicht klar genug, um auf dem Theater zu befriedigen, und die Brockenszene fällt aus dem Ton und satirisiert die deutsche Litteratur, die freilich, als Masse betrachtet, dein Blocksberg ähnlich sehen mag. Die natürliche Tochter und Pandora sind wegen ihrer Kunstvollendung bewundernswert, und besonders die erste ist ein Werk, dessen Lektüre mich immer von neuem erfreut; allein als Muster für ein deutsches Drama kann ich sie nicht betrachten. Gerade das Individuelle und Sinnvolle, das sie auszeichnet, diese moralische Allgemeinheit der Charaktere, die bis zur Durchsichtigkeit gesteigert ist, dieses sich leidend Verhalten der durch Verhältnisse eingezwängten Persönlichkeiten hat nur geringe Wirkung auf dem Theater. Man will entschiedene Charaktere, einen sichtbaren Fortschritt der Handlung und einen raschen schlagenden Dialog. Noch einmal, die Goetheschen Dramen haben keine eigentliche Tendenz zum Theater; allein sie haben so viel Inhalt, daß wir sie immer auf dem Theater wünschen müssen. Es gibt Menschen, die sich in den Kopf gesetzt haben, Goethe zum einzigen deutschen Dichter zu machen, wodurch sie den Deutschen und ihm selbst ein schlechtes Kompliment gemacht haben. Denn was müßte das für eine Nation sein, die nur einen Dichter aufzuweisen hätte, und wie kümmerlich müßte dieser Dichter ausfallen! Einige haben die Sache so gedreht: Weil Goethe kein dramatischer Dichter sei, so habe die Nation kein dramatisches Talent. Dieser Beweis ist unvergleichlich. Eine Nation, die sich einer ebenso reichhaltigen epischen als lyrischen Litteratur zu rühmen hat, darf kein dramatisches Talent besitzen, darf kein Drama aus sich entwickeln. Es ist gut, daß die Kritiker und Philosophen nicht um Rat gefragt werden, was eine Nation darf und nicht darf. Es ist nichts so leicht, aber es rächt sich auch nichts so sehr, als etwas a priori zu vernichten. So hat man früherhin den Deutschen den Humor abgesprochen, und nun besitzen sie schon lange einen humoristischen Schriftsteller, der alle andern überbietet. Diejenigen, die sich auf das Drama verstehen, wissen wohl, daß Schiller ein dramatischer Dichter im eigentlichen Sinne des Worts ist; und die es nicht wissen, kommen einem ebenso vor, wie z. B. Frau von Staël , wo sie mit der größten Unbefangenheit ihre Landsleute versichert, die Deutschen hätten ebensowenig ein eigentliches Nationalepos als die Franzosen. Ich habe schon früher erwähnt, daß man an die Schillerschen Dramen die ungereimte Forderung machte, es solle sich in ihnen ein lyrischer Grundgedanke auffinden lassen, und da sich dieser nicht fand, so hat nicht viel gefehlt, daß man den äußerst geistvollen Mann für gedankenlos ausgegeben hätte. Gleichsam als hätte Schiller z. B. im Wallenstein etwas andres darstellen wollen, als eben den Wallenstein selbst, und als wäre die Geschichte nicht der hinlängliche und größte Stoff für den dramatischen Dichter. Ein ähnlicher Kritikus, oder derselbe, sucht die Schillerschen Tragödien auch dadurch herabzuwürdigen, daß er in ihnen ein revolutionäres Princip, ein beständiges Auflehnen gegen alles Bestehende aufschnoppert. Dieser Spürhund würde wahrscheinlich den großen Mann, wenn er noch lebte, als Demagogen denunziert haben. Allerdings hat Schiller immer die bewegtesten Momente, wie sich von selbst versteht, aufgegriffen. Wehe der kleinen nüchternen Seele, die in den großen Epochen der Geschichte nichts als ein Auflehnen gegen das Bestehende zu erblicken weiß, und wehe allen denen, die, der neuen Zeit uneingedenk, auf den Trümmern der alten faulen! Nach Schiller trat eine große Ebbe ein, oder vielmehr eine Flut von Armseligkeiten, aus der nur wenig Treffliches auftauchte. Mehrere gute Dramen, z. B. die Renata von Heyden , hat man, soviel ich weiß, niemals aufgeführt. Ebensowenig die zum Teil theatralischen Komödien von Tieck . Hie und da befand man sich mit der Mittelmäßigkeit au niveau und verabscheute das Ueberlegene. Dramatischer Stoff ist hinlänglich in der Nation vorhanden, gesetzt auch, wir wollten uns ganz auf das Nationelle in Sage und Geschichte beschränken. Was die Sage betrifft, so ist von vielen behauptet worden, daß die modernen Mythen in Vergleich mit den antiken überaus viel Ungereimtes und Absurdes enthielten, ja die ganze moderne Poesie wäre gleichsam eine Mischung des Absurden und Erhabenen. Ich muß gestehen, daß ich mich nicht in diese Behauptung zu finden weiß. Gesetzt auch, die Alten hätten uns in der Behandlung weit übertroffen, so kann doch nicht geleugnet werden, daß ihre Mythen unbeschreiblich viel Gräßliches und poetisch Abgeschmacktes enthalten, ja daß sie uns hierin überlegen sind. Ich glaube, daß der deutsche Dramatiker noch manchen Schatz in den uns zum Teil von epischen Dichtern mitgeteilten als auch anderweitig aufbewahrten Mythen zu heben hat. Die bisherigen Ausgaben haben hier noch folgende Einschaltung: »Die Kunst bedarf einer gewissen Beschränkung, wenn sie sich wahrhaft konzentrieren soll, worauf zuletzt alles ankommt. Auch im Drama müßte poetische Form als wesentlich festgesetzt werden. Es kann dem Genie kein größerer Dienst erzeigt werden, als es zur höchsten Vollendung anzureizen. Die höchste Vollendung der Form ist Schönheit selbst und fällt mit der Seele der Kunst in eins zusammen.« (Anm. d. H.) Trotzdem daß sich unser Theater noch in seinen Anfängen befindet, so könnte doch schon jetzt aller Plunder von den Brettern ausgeschlossen und das Publikum an das Poetische und Charakteristische mehr und mehr gewöhnt werden. Wenn man, wie man hie und da ohnedem thut, Uebersetzungen aus dem Englischen, Spanischen, Französischen, Dänischen zu Hilfe nähme, so ließe sich ein reichhaltiges Repertoire herstellen, ohne seine Zuflucht zu Kotzebues Trivialitäten zu nehmen oder vollends zu seinen Nachahmern, die noch viel schlechter sind als er, da er doch wenigstens das Mechanische in seiner Gewalt hatte und ein Drama so zuzuschneiden wußte, daß es Anfang, Mitte und Ende hatte, während man jetzt Dinge auf dem Theater sieht, die weder Hand noch Fuß haben. Von Kotzebues Stücken würde ich seine eigentlichen Possen in Schutz nehmen. Hier paßt das Kostüm zum Ganzen. In komischen Situationen war er sehr erfinderisch, und Charakter wird niemand von solchen Produktionen verlangen. Stücke wie den Wirrwarr und die Pagenstreiche wird man von Zeit zu Zeit immer mit Vergnügen sehen. Einigen neueren Dichtern hat die Natur bei sonstigen Vorzügen das eigentlich schöpferische und charakteristische Talent gänzlich versagt. Sie haben sich daher, wie Kotzebue, auf die Situationen geworfen und, um den Mangel an Charakter zu verstecken, eine Menge der unnatürlichsten Greuel auf das Haupt ihrer Helden gehäuft, den Tierkreis und die mathematischen Polarbegriffe zu Motiven herbeigerufen und sogar bei Frauen den gemeinen sinnlichen Trieb als charakteristisch eingeführt, was doch höchstens bei einem faunischen Stallknecht in Anwendung gebracht werden könnte. Dadurch mußte natürlich ein Effekt entstehen, der ihnen um so mehr zu gönnen ist, da er wegen seiner zweideutigen Natur kaum auf die Nachwelt übergehen wird. Da man die vielen Nachahmungen, die Werners Vierundzwanzigster Februar nach sich gezogen hat, so häufig auf unsern Bühnen sieht, so steht zu verwundern, daß dieses Stück selbst so selten dargestellt wird, da es weit entfernt ist, die Fehler der erwähnten Nachahmungen an sich zu tragen. Denn Werner , so barbarisch und mystisch er sein mag, ist keineswegs charakterlos und verdiente, mehr für die Bühne benutzt zu werden. Ich spreche nicht insbesondere von ihm, da ich nur wenige seiner Stücke kenne. Dasselbe ist auch bei den neueren Dramen überhaupt der Fall. Denn es war nicht meine Absicht, eine dramatische Litterärgeschichte zu geben, wozu ich mich überhaupt nicht befähigt fühle, da ich in dieser Art wenig mehr lese, wiewohl ich in früheren Jahren viel verschlungen habe, wie man aus dem Vorhergegangenen ersehen kann. Denn da ich von frühster Jugend auf eine große Neigung zur dramatischen Poesie in mir verspürte, und auch meine ersten Kinderversuche alle dramatisch waren, bis ich später, durch Liebe und leidenschaftliche Freundschaft, vielleicht auch durch das Studium des Orients angeregt, mich auch im Lyrischen umzuthun Gelegenheit nahm (was ich keineswegs bereue), so fühlte ich frühe den Trieb, mich mit den dramatischen Dichtern bekannt zu machen, wovon ich nicht weiß, ob es gut für mich oder schlimm war. Einem ähnlichen Impuls verdanke ich diese kleine Schrift, von der ich ebensowenig zu sagen vermag, ob sie gut oder schlimm sei. Ich bin aber weit entfernt, ihr einen absoluten Wert beizulegen. Die Gelegenheit, bei der sie entstanden ist, habe ich schon früher erwähnt. Ich mache sie bekannt, weil ich glaube, daß sie von einigem Nutzen sein kann. Unsre Jugend, die sich so gern mit Theorieen beschäftigt, wird sie vielleicht daran erinnern, daß man das, worüber man theoretisiert, erst erfahren haben muß und daß dann die Dinge von selbst in ihr gehöriges Licht treten. Denjenigen, die mit den Gegenständen, die sie berührt, vertraut sind, wird sie keine Langeweile machen. Betrachte man sie übrigens als fragmentarische Mitteilungen eines jungen Mannes, dem zwar einzelne mit ziemlich kecker Stirn geradezu den Geist abzusprechen für gut fanden, dem aber nicht sonderlich davor bange ist, daß die Nation und die Besten der Nation diesem Urteile beizutreten jemals Gelegenheit finden werden. Ohne frevelhaften Hochmut, aber auch ohne kriechende Bescheidenheit tritt er da, wo ihn Talent und Schicksal hinstellten, auf, im Bewußtsein mancher vergangenen und ohne Zweifel mancher noch bestehenden Irrtümer, aber auch im Bewußtsein, das Edle zu wollen und das Schöne zu können. Schlußbemerkungen zu dem Epos »Die Hohenstaufen«. In der bisherigen Ausgabe unter dem Titel: »Ueber verschiedene Gegenstände der Dichtkunst und Sprache«. Fragment. 1829. Epos. Die Vorzüge der homerischen Dichtung sind nicht die Vorzüge unserer Zeit, dafür aber andere, von denen sich Homer nichts hat träumen lassen. Da schon dem Virgil das größte Unrecht geschieht, wenn man ihm den homerischen Maßstab anpaßt, um wie viel mehr einem neueren Dichter! Die größten und vollendetsten Dichter der neueren Zeit, Dante und Ariost, haben den Virgil gekannt und geliebt, sind aber nicht in die mindeste Versuchung geraten, ihre eigentümlichen epischen Schöpfungen seiner Musterhaftigkeit aufzuopfern. Ein Aehnliches gilt von Milton, wiewohl die urzeitliche Einfachheit seines Gegenstandes ihn den Alten annäherte. Wenn Tasso zu schwach war, um auf eigenen Füßen zu stehen, wenn selbst Camoens, der das Größte wollte, sich virgilianische Ketten anlegte, so ist es desto schlimmer für sie. Drama. Vor allen Dingen werden die Shakespearianer fragen, warum der Verfasser die Geschichte der Hohenstaufen nicht lieber dramatisch behandelt habe? Er hat es nicht gethan, weil ihm bloß die Alternative geblieben wäre, entweder verfehlte, halbepische, weitschweifige Dramen daraus zu bilden, die nicht einmal für die jetzige Bühne taugen würden, oder zwar vollkommene Trauerspiele zu schreiben, aber die Geschichte zu verdrehen und nach seinen Zwecken zuzustutzen, wie so viele gethan haben. Zu keiner von beiden Hantierungen hat er Lust gehabt. Shakespeare ist höchstens in den erstgenannten Fehler verfallen, da ihm die Geschichte heilig war; seine deutschen Nachahmer jedoch in alle beide, und zwar auf das allerplumpste. Sie tischen historische Lügen in der ungeschicktesten Form auf. Rechtschreibung. Unsere Altvordern erfreuten sich einer richtigen und der deutschen Aussprache vollkommen angemessenen Rechtschreibung. Wir haben uns in barbarischen Jahrhunderten eine Last von Verkehrtheiten aufgebürdet, die sich freilich nicht mit einemmale abschütteln lassen, wenn dem Auge nicht zu viel Gewalt angethan werden soll. Der Verfasser des vorliegenden Gedichts, der es nun einmal auf seine Schultern genommen, der deutschen Sprache und Dichtkunst Reformator zu sein, glaubt sich wenigstens befugt, vollkommenen Unsinn auszumerzen. Wir schreiben todt , als ob das o kurz und wie das a in Stadt ausgesprochen würde: es ist aber im Gegenteile gedehnt und reimt auf bot u. s. w. Es muß also tot wie im Altdeutschen geschrieben werden. Wie das p in das Wort Haupt gekommen, ist auch nicht abzusehen, da es in der alten Sprache Houbet heißt und auch in allen verwandten Dialekten, wie in Hoved, Hafoad und dergleichen keine Spur von einem p ist. Der Verfasser schreibt also Haubt und reimt es auf raubt, belaubt u. s. w. Das y ist kein eigentümlicher deutscher Buchstabe und kann bloß in den griechischen Worten gebraucht werden. Es könnte höchstens als verlängertes i, als kalligraphischer Schnörkel am Ende der Wörter gelten. Man könnte allenfalls frey, sey u. s. w. schreiben; aber zu beyde, Freyer u. s. w. ist nicht der geringste etymologische Grund vorhanden. Ich komme nun zu einem Buchstaben, der so oft und fast immer vergeblich in der Mitte der Worte vorkommt, unsern Druck entstellt und für das Auge so häßlich macht, zum h. Natürlich ist nicht von den Füllen die Rede, wo das h ausgesprochen wird, oder doch als etymologisches Ueberbleibsel dasteht. Aber es soll, sagen die Grammatiker, zum Dehnungszeichen dienen. Dann müßte es aber wenigstens mit Konsequenz gebraucht werden. Das o in schonen ist ebensolang als in wohnen , warum muß gerade in wohnen ein h stehen? Vermöge des Grundgesetzes der deutschen Aussprache ist nicht die geringste Besorgnis vorhanden, daß jemand wonen wie Wonnen ausspräche, wenn es auch wirklich ohne h geschrieben würde. Um nicht durch Neuerung aufzufallen, hat man das Dehnungs-h stehen lassen; wo es aber nicht einmal als Dehnungszeichen gelten kann und wie in dem Worte Roth ganz ohne Not steht, ist es weggeblieben, und der Verfasser fürchtet nicht, daß man es deswegen so geschärft wie Gott aussprechen möchte, obwohl es die Pfuscher mitsamt dem h auf unsern Herrgott reimen. So hatten auch die Alten recht, wenn sie hastu, bistu u. s. w. schrieben, weil es wirklich so ausgesprochen wird, sobald das du nicht besonders betont ist. Denn was für eine Zunge gehörte dazu, um ein st und d in der schnellsten Folge hintereinander herauszuquirlen! Lizenzen. Alle gebildete Sprachen, vorzüglich die griechische und italienische, haben ihren Dichtern von jeher zum Behufe des Metrums oder des Reims gewisse Freiheiten erlaubt, vermöge deren sie eine oder die andere Schreib- und Sprachform zu ihrem jedesmaligen Zwecke wählen konnten. Unser Dichter hat in bekannten Fällen, wo ein Wort zwei Formen hat, bald diese, bald jene nach seinem Bedürfnisse des Reims gewählt. Der nationelle Vorzug des Nibelungenverses zeigt sich auch darin, daß es fast keine Worte gibt, die nicht in demselben gereimt werden können, da selbst spondäische Reime, wenn beide Silben betont sind, sogar eine schöne Wirkung hervorbringen und noch eine schönere diejenigen, die aus einem Spondäus und einer kurzen Silbe bestehen, wie auftreten , Worte, die in keinem der monotonen jambischen oder trochäischen Versmaße für den Reim gebraucht werden können. Man wird dem Dichter eine Freiheit, die er mäßig gebraucht, um so mehr gestatten, wenn er in seinen Werken immer die strengste Reinheit des Reims beobachtet, weshalb es auch künftig kein wirklicher Dichter mehr wagen wird, die verschiedensten Töne, ä auf ö, i auf ü u. dgl. zu reimen, eine Barbarei, wovon in den alten Helden- und Minneliedern keine Spur ist und die wir den Meistersängern und dem in den ästhetischen Handbüchern an die Spitze unserer Litteratur erhobenen Opitz, der sich wahrscheinlich einer korrupten schlesischen Aussprache befliß, zu danken haben. Da schon früher durch Rückert in seinen lyrischen Werken Formen behandelt wurden, die einen kunstvollen, vielfachen Reim erfordern, so fällt die bekannte Ausrede von der Reimarmut der deutschen Sprache ohnedem, wenigstens was den Reim betrifft, weg, und bloß die Armut bleibt als Prädikat für ungeschickte Dichter übrig. Der Verfasser lebt, nebenher gesagt, der Ueberzeugung, daß es für den wahren Künstler keine Kleinigkeiten gibt, daß ein falscher Vers seiner Natur so widrig sein wird als ein falscher Gedanke: und er überläßt es unsern jungen genialen Geistern, sich alles zu erlauben, um ja recht bald von allen vergessen zu werden. Schluß. Liebe deutsche Nation! Laß dir von deinen falschen Propheten nicht so entsetzlich viel weismachen! Willst du dir Rat erholen über eine Sache, so frage nicht diejenigen, die davon träumen, sondern diejenigen, die sie gelernt haben und die dir in wenigen Worten mehr Wahrheit sagen können, als die Unwissenden oder Talentlosen in tausend Bänden! Vertrau auf die Schöpferkraft der Natur, halte geistvolle poetische Versuche nicht für vollendete Kunstwerke und glaube nicht, daß die Zeiten erfüllt sind, du möchtest sonst allzufrüh die Hände in den Schoß legen! Ursprung der Carraresen und ihrer Herrschaft in Padua. Historisches Fragment. Nach dem Untergang der schwäbischen Kaiser und dem Sturz Ezzelins von Romano bekam auch in Padua, wie überhaupt in Italien, die welfische Partei das Uebergewicht, und die Stadt regierte sich über ein halbes Jahrhundert lang als glücklicher Freistaat, reich an Pferden und Waffen, wie uns ein Zeitgenosse berichtet, mit Türmen wohl versehen, durch edlere Bauwerke ausgeschmückt. Dieser friedliche Zustand aber wechselte schnell, als Kaiser Heinrich von Luxemburg diesseits der Alpen erschien, um seinen Römerzug anzutreten. Geldmangel war der charakteristische Begleiter der Römerzüge. Heinrich war geneigt, den Paduanern Vicenza zu verhandeln, die Paduaner jedoch verschmähten, eine Stadt zu kaufen, die sie bereits seit geraumer Zeit in Besitz hatten. Hierauf sandte Heinrich den Can Grande della Scala , den er zu seinem Statthalter in Verona ernannt hatte, gegen sie ab, und Vicenza ward eingenommen. Auf den Rat des Bischofs von Genf unterhandelten nun die Paduaner mit dem Kaiser und erkauften ihre Freiheit mit hunderttausend Gulden, indem sie noch einen jährlichen Tribut von zwanzigtausend als Versprechen hinzufügten. Thörichterweise aber, und ehe sie noch einen Vorteil davon gezogen, brachen sie diesen Vertrag, bei vorherrschendem Einflüsse der erhitzten welfischen Jugend, welche der geringen Macht des Kaisers spottete. Auch starb dieser bald; aber der Friedensbruch hatte nichtsdestoweniger einen mehrjährigen Krieg mit Can Grande zur Folge, welcher fortwährend zum Vorteil des letzten ausschlug. Vergebens vermittelten die Venetianer. Unter den damaligen vornehmen Häusern von Padua waren die Carraresen die angesehensten, oder doch den angesehensten gleich. Verschiedenes wird über ihren Ursprung berichtet. Nach einigen sollen sie aus Frankreich eingewandert, nach andern eine lombardische Familie gewesen sein. Aus einem Stammbaume wird ihr Geschlecht bis in die Zeit Karls des Großen zurückgeführt, und bald waren sie als Grafen von Anguillara bereits mächtig in der Lombardei. Bei einer Belagerung gingen jedoch die wichtigsten Dokumente dieses Hauses verloren, da einige Frauen, welche sie bei sich führten, in dem See, über den sie sich zu flüchten dachten, ertranken. So viel scheint gewiß, daß die Familie von Kaiser Heinrich IV. mit Carrara , einem sieben Miglien von Padua entlegenen Städtchen, belehnt wurde; daher Namen und Wappen. Was von Ferrara nach Padua fährt, sieht Carrara rechts, unweit des Fleckens Battaglia . Anguillara liegt an der Etsch, einige Meilen von der Mündung. Der obenerwähnte See heißt noch heutzutage Lago delle Donne. Aus ihm fließt der sogenannte Kanal del Cuori aus, der sich in die Lagunen von Brondolo ergießt. Friedrich Rotbart bekräftigte die Schenkung, wichtiger Dienste dieses Geschlechts eingedenk. So mochten sie sich lange Zeit als Giebelingen behauptet haben, bis ein heftiger Zank, den ein Anguillara in Gegenwart Friedrichs II. mit Ezzelin führte, die Spaltung hervorbrachte, wodurch die Carraresen zur welfischen Partei übertraten, oder sich wenigstens in der Mitte hielten und um die Volksgunst bewarben. Dies erhellt wenigstens daraus, daß sie in Padua Reichtum und Ansehen zu einer Zeit genossen, in welcher die Giebelingen aus der Stadt verbannt waren. Im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts stand Jakob von Carrara ausgezeichnet unter den Mitgliedern seines Hauses. Sein Charakter erinnerte an Cosmus von Medicis , wiewohl er diesem letztern an Freigebigkeit nicht wohl gleichkommen konnte. Doch that er, so viel in seinen Kräften stand, um sich das allgemeine Wohlwollen zu erwerben. Als einmal ein dem Adel abgeneigter Bürger vor Gericht seine Stimme heftig gegen ihn erhob, flüsterte er demselben die Drohung ins Ohr, ihm die Zunge abschneiden zu wollen; worauf er ihm einen Wagen voll Getreide und ein darauf gebundenes Schwein ins Haus schickte. Sein Widersacher ließ sich hiedurch augenblicklich beschwichtigen. Mit dieser übrigens leicht zu erwerbenden Menschenkenntnis verband Jakob von Carrara entschiedene kriegerische Talente, und wir lesen auf seiner Grabschrift: Vir fuit hic magnus membris, et corpore fortis, Doctus et armatae disponere facta cohortis. Im Jahre 1314 jedoch geriet er in die Gefangenschaft des Scaligers, und dieser sandte ihn nach Padua zurück, um den Frieden zu unterhandeln, den er auch wirklich zustande brachte, wiewohl sich namentlich Maccaruffo Maccaruffi , ein angesehener Paduaner und mit dem Markgrafen von Este verschwägert, widersetzte. Auch konnte Padua nicht lange den Verlust von Vicenza verschmerzen, und nach drei Jahren brachen abermalige Feindseligkeiten aus. Die Paduaner wollten Vicenza überrumpeln, wurden aber zurückgeworfen, und Can Grande eroberte in kurzer Zeit Monfelice und ein paar andre in der Nähe gelegene Ortschaften und bedrängte Padua selbst. Hierauf ließ er abermals Friedensbedingungen vorschlagen. Das eroberte Land sollte er zeitlebens behalten, und die vertriebenen Giebelingen sollten nach Padua zurückkehren dürfen. Maccaruffo widersetzte sich wiederum, da er den Verlust der Freiheit unter diesen Bedingungen als unvermeidlich ansah. Jakob von Carrara jedoch, der fortwährend für den Frieden stimmte, drang durch, und vergebens erregte Maccaruffo einen Aufstand, um den Volksbeschluß zu hintertreiben. Was er voraussah, traf ein. Die Giebelingen kamen nicht als Bürger, sondern als Rächer in die Stadt; viele Welfen wurden erschlagen, ihre Häuser niedergerissen. Die Maccaruffi , nebst vielen Familien, waren bereits vor dem Einzug jener Gäste nach Ferrara zu dem Estenser entflohen. Sobald ein Staat von zwei Parteien zerrissen wird, die sich gleich stark gegenüberstehn, wird Einzelherrschaft unvermeidlich. Von den italienischen Republiken haben bloß die Venetianer die Freiheit auf die Dauer genossen und gekannt, weil sie keiner fremdartigen Idee Zugang verstatteten und nur die Größe ihres Vaterlands im Auge behielten. Alle Städte des festen Landes wurden, freilich nicht durch ihre eigene Schuld, in den Streit zwischen Reich und Kirche gewaltsam hineingerissen, mit dem sie eigentlich nichts zu schaffen hatten. Aber es war unmöglich, ihn zu vermeiden. Die Kaiser kamen, die Päpste wüteten, und Italien bezahlte die Zeche. Ein regsames, ganz für Freiheit und Selbständigkeit, mehr als irgend ein anderes, geborenes Volk mußte sich in Jahrhunderte langen Kämpfen verbluten, bis es zuletzt völlig gelähmt wurde. Von einem richtigen Instinkt geleitet, wählten sich die meisten der einzelnen Freistaaten einheimische Oberherrn, um wenigstens einen Teil ihrer Eigentümlichkeit zu retten. So erging es auch im Jahr 1318 den Paduanern. Schon der Scaliger hatte, als Jakob von Carrara sich bei ihm als Gefangener befand, darauf hingedeutet. Jakob war der Liebling des Volks, und die Giebelingen verdankten ihm ihre Rückkehr. Er wurde am 24. Juli zum Herrn von Padua gewählt, wiewohl er eine Zeitlang gezögert hatte, diese Würde anzunehmen. Nachgebend wurde er nach dem Rathause geführt, man übergab ihm den Gonfalon des Volkes, welcher weiß, mit einem roten Kreuz in der Mitte, geziert war, und sodann das Gesetzbuch, auf welches er den herkömmlichen Eid ablegte. Dies Ereignis zu feiern, ward ein Wettrennen veranstaltet, das alljährlich wiederholt wurde. Um sich auch die Neigung der Venetianer zu erhalten, ernannte der neue Herrscher einen Gradenigo zum Podesta, aus welcher Familie auch seine Gemahlin, eine Tochter jenes berühmten Dogen Peter Gradenigo , stammte. Mit Can Grande hatte er einige Monate später eine Zusammenkunft in Monte Galda , einer Villa am Bacchilione . Bei dieser Gelegenheit wird erzählt, daß beide an einem engen Durchgange anlangten, und keiner vorausgehen wollte. Ein gegenwärtiger Schalksnarr rief: »Der Dümmste soll den Vorrang haben!« worauf der Carrarese aus Bescheidenheit zuerst über die Schwelle trat. In seinen Unterhandlungen mit Can Grande zeigte er sich aber keineswegs des obigen Beiworts würdig; denn er vermied mit Klugheit die Falle, welche ihm der Scaliger zu legen suchte. Dieser betrachtete die Herrschaft der Carraresen bloß als eine Staffel seines eignen Throns in Padua , dessen Bewohner er zuerst durch den Geist der Unterwürfigkeit kirre zu machen suchte. Vor allem verlangte er, daß Jakob die Welfen, welche die Stadt freiwillig verlassen, als verbannt und ihrer Güter verlustig erklären solle, was Jakob standhaft verweigerte. Denn er fühlte wohl, daß der Scaliger ihn auch mit den Welfen zu verfeinden strebe, da die Giebelingen ohnedem von Can Grandes Partei waren. Um den Frieden noch mehr zu befestigen, stiftete er ein Verlöbnis zwischen seiner eignen noch unmündigen Tochter Taddea und dem Neffen des Scaligers Mastino : ein Bündnis, das zehn Jahre später, nach Jakobs Tod, wirklich zustande kam. Merkwürdig ist der Stammbaum, den man im siebzehnten Jahrhundert (zu Ehren der carraresischen Familie Pappafeya ) von dieser Taddea entworfen und woraus auf historischem Wege hervorgeht, daß alle damaligen gekrönten Häupter Europas von ihr abstammen, Türken und Moskowiten, wie sich von selbst versteht, ausgenommen. Die Sache wird begreiflich, wenn man erwägt, daß Beatrix , Taddeas Tochter, ihrem Gemahl, dem Bernabo Visconte , zwölf Töchter gebar, welche sämtlich in fürstliche Häuser vermählt wurden. Eine derselben war die Großmutter Friedrichs III., die Gemahlin des bei Sempach gebliebenen Leopolds . Der Scaliger, der Paduas auf alle Weise sich bemächtigen wollte, haschte nach Vorwänden zum Krieg. Er wußte die beiden Markgrafen von Este, Obizzo und Rinaldo , zu gewinnen und mit ihnen den Maccaruffo , der neidisch auf die Carraresen hinblickte. Hierauf verlangte er, Jakob solle die entflohenen Welfen wieder aufnehmen. Jakob , der wenig dabei zu verlieren hatte, erwiderte, sie möchten kommen, da sie niemand verbannt habe. Can Grande , der sich betrogen fand, warf nun die Maske ab. Er wolle, hieß es, die Volksfreiheit von Padua wieder herstellen. Jakob rief nun die Stadt zur Verteidigung auf, da die von einem Giebelingen angebotene Freiheit niemanden täuschte. Can Grande belagerte Padua von allen Seiten, schnitt der Stadt das Wasser ab und erbaute in der Nähe derselben bei Lassanello ein kleines Kastell, Isola della Scala . – – – Lebensregeln August 1817.   An honest man's the noblest work of God. Pope   1. Lies die Vorschriften, welche hier folgen, oft; präge sie dir genau ein und laß den Vorsatz, ihnen treulich nachzuleben, immer fester, lebendiger und laß ihn unverbrüchlicher in dir werden, als ein Schwur ist.   2. Deine Religion sei die der Vernünftigen. Sie bestehe im Glauben an die große, alles durchdringende Seele, deren Körper wir die Welt nennen; im Glauben an eine Vorsehung, deren lenkende Gegenwart alle Vorfülle deines Lebens dir unverkennbar bewiesen.   3. Laß keine Zweifel, keine Zweifler dich irre machen. Es ist weder möglich, noch denkbar, daß du mit menschlichem Verstände die Gottheit und die ursprüngliche Erschaffung der Dinge begreifen könnest, da du nur einen so kleinen Teil des Universums übersiehst und selbst diesen nur sinnlich und von außenher erkennst. Ins Innere der Natur, sagt uns Haller mit Recht, dringt kein erschaffner Geist.   4. Denke aber deshalb nicht, verpflichtet zu sein, dasjenige als wahr anzunehmen, was dir von den Menschen überliefert worden. Sobald du einmal die Vernunft unterdrücken mußt, so hat dein Glaube weder bestimmtes Ziel, noch Grenze. Du möchtest dann das Schicksal jenes englischen Bischofs haben, dem die Mysterien des Christentums nicht genügten und der es in der guten Meinung, sich im Glauben zu üben, so weit brachte, daß er auch die Feenmärchen für wahrhaftige Dinge hielt.   5. Die Vorsehung zu glauben, die du niemals körperlich erkennen kannst, ist der Beschränktheit deiner menschlichen Natur angemessen; aber denke nicht, Gott könne fordern, daß du Dinge anerkennst, die dem gesunden Verstände widersprechen, den er dir gab, durch den du ihm angehörst.   6. Teile nur denen deine Grundsätze mit, die von gleichen oder ähnlichen beseelt sind. Laß die herrschende Religion unangefochten. Niemand, der sich nicht selbst überzeugt, wird von dir überzeugt werden. Die Weltverbesserung geht einen sehr langsamen Weg. Laß die Zeit gewähren. Alle Anschläge einer plötzlichen Aufklärung mißlangen.   7. Sogenannte Religionsstreite führe niemals und breche das Gespräch ab, sobald man dir Gelegenheit dazu geben möchte.   8. Ehre im Christentum die Reinheit seiner Moral und alles, was geehrt zu werden verdient. Ehre in seinem Stifter, was dir bei einem Platon oder Mark-Aurel Bewunderung ablockt, und noch mehr als dies. Er fühlte mehr, was das schwache Menschengeschlecht zumeist bedürfe – feste Bestimmung seiner schwankenden Meinungen, untrügliche Aussichten. Er glaubte sich berechtigt und berufen, dasjenige im Namen der Gottheit selbst zu verkündigen als gewiß und unfehlbar, was er in seiner großen Seele für wahr und unumstößlich hielt; nämlich daß alles Gute gute, alles Böse aber endlich böse Früchte erzeugen müsse. Gewiß wurden viele jener Dogmata, die späterhin seine Jünger und deren Nachfolger ausbreiteten, niemals von ihm beabsichtigt.   9. Die Idee der Gottheit wird dich unausweichlich zu dem Glauben einer Fortdauer der Geister führen, ohne welche das Leben ohne Sinn wäre. Nicht der Geist verläßt den Körper, wie man gewöhnlich sagt, sondern der Körper, welcher der Abnahme und dem Tode vermöge seiner Materie unterworfen ist, verläßt notgedrungen den Geist, und obgleich dieser fortbesteht, so muß uns doch die Sichtbarkeit seiner Wirkungen verborgen bleiben, sobald der Körper die Werkzeuge versagt hat. Die Stockung der Lebenssäfte, die Verengung der Blutgefäße, oder eine Bleikugel, eine Giftpflanze, die für den Leib zerstörend sind, stehen zu wenig in Relation mit unserer Denkkraft und sind zu wenig homogen mit ihr, um ihr den mindesten Schaden bringen zu können.   10. Deine Vernunft, gleichsam ein Ausfluß des Weltgeistes, würde nicht irren können, wenn sie nicht auf eine unbegreifliche Weise mit dem Körper vereinigt und von ihm beschränkt wäre. Je mehr also jene von körperlichen Motiven und Einwirkungen beherrscht wird, desto mehr mißtraue ihr.   11. Versäume den Körper nicht, von dem dein ganzes Erdensein abhängt. Unterrichte dich, was ihm frommt und was ihm verderblich ist. Verachte ihn nicht; aber auf der andern Seite bedenke, wie sehr er eine träge, unbrauchbare und verwesende Masse sei, sobald er des Lebens, das ihn beseelte, ermangelt.   12. Quäle dich nicht mit Mutmaßungen über ein künftiges Sein. Sobald du die Zwecke deines jetzigen immer vor Augen hattest, so ist dein Leben vollendet, wenn dich auch der Tod mitten unter deinen Hoffnungen und Plänen hinwegnimmt.   13. Der Zweck deines Lebens sei Vervollkommnung im Guten. Gut ist alles, was zur Gesundheit deines eignen Körpers und Geistes wie jener anderer Menschen beiträgt.   14. Aufrichtiges Wollen genügt, um das Gute rein zu erkennen. Aber nur Nachdenken und Aufmerksamkeit auf uns selbst führen zu jenem schnellen Scharfblick und jener Feinheit der Unterscheidungskraft, die bei den mannigfachen und verwickelten Ereignissen unsers Lebens so nötig sind.   15. Verliere nie jenen Lebenszweck aus den Augen, auch bei Kleinigkeiten niemals. Glaube, daß keine Handlung so geringfügig sei, um nicht irgend eine Tugend durch sie zu fördern. Bei körperlichen Schmerzen und unangenehmen Geschäften übe mindestens die Geduld, deren der Mensch so sehr und so oft bedarf, und welche die beste Schützerin ist gegen die üble Laune.   16. Der Gute trägt nicht allein durch ausdrückliche That und Belehrung zum Wohl anderer bei. Sein Leben gleicht vielmehr einem fruchttragenden Schattenbaume, bei dem jeder Vorübergehende Labung und Schutz findet, der uneigennützig und selbst unwillkürlich auf das umgebende Erdreich glückliche Keime ausstreut, wodurch er Gleiches, ihm selbst Aehnliches hervorbringt.   17. Was du thust, vertraue auf die Vorsehung und vertraue auf dich selbst. Eines von diesen ohne das andere wird dir selten frommen; aber beide vereinigt retten dich aus jeder Lage, ermutigen dich in jedem Unternehmen.   18. Droht ein Unfall dich in die tiefe Schwermut der Verzweiflung hinabzustoßen, ermanne dich an deiner göttlichen Natur. Was könnte den zu Boden schlagen, dessen Wille frei ist und Keinem unterworfen?   19. Wende alle Mühe an, wie der weise Seneca sagt, daß du dich durch irgend eine Gabe bemerkenswert machest.   20. Aber wende dich nicht bloß nach einer Seite. Strebe nach deutlichen Begriffen über alles. Gib keine Wissenschaft ganz auf; denn die Wissenschaft ist nur eine.   21. Befolge auch Garves Rat: die Kunst und Klugheit, den ganzen Menschen wenigstens erträglich zu zeigen, wenn er gleich nur durch eine Seite seinen wahren Ruf in der Welt erhält: dies ist es, was dem vernünftigen Manne zu erreichen obliegt.   22. Beständige Thätigkeit und tägliche Betrachtung deiner selbst und der Wege der Gottheit seien dir Losungsworte. Sie werden jeden Fehltritt von dir abwenden.   23. Gönne dir übrigens so viele Erholung dir nötig ist, aber auch nicht mehr, wenn nicht ein unangenehmes Gefühl dein Lohn sein soll.   24. Zwinge dich zur bösen Stunde zu keiner Arbeit, die dir nicht ausdrücklich Pflicht ist. Hasse aber auf der anderen Seite den Aufschub, den Young mit Recht den Dieb der Zeit nennt. Diese Regeln haben ihre Ausnahmen, die sich nicht mißkennen lassen.   25. Bringe Abwechslung in deine Studien und Lektüren. Wer nur wenig auf einmal liest, behält dies Wenige desto besser.   26. Hüte dich vor allzuvielem und schnellem Lesen. Lies vielmehr mit Bedacht, lege öfters das Buch beiseite, präge dir das Gelesene ein und sinne darüber nach.   27. Excerpiere aus den Schriften, die du liesest, doch nur die wahrhaft bedeutenden Stellen, nicht allein solche, die dir gefallen und deiner unwillkürlichen Stimmung zusagen. Durchgehe aber auch von Zeit zu Zeit deine Auszüge.   28. Erwäge jeden Schritt, den du vorhast, sobald deine Leidenschaften mit im Spiele sind. Wie oft gewinnen die Dinge ein ganz anderes Aussehen, sobald sie bedacht werden.   29. Sei dagegen rasch entschlossen in allem, was du als unzweifelhaft, tadelfrei und pflichtgemäß erkennst und wobei du auf keine Weise zu fürchten hast, bloßgestellt zu werden.   30. Bewahre die Unbescholtenheit deines Namens und bringe ihn rein und makellos auf die Nachwelt. Laß dich durch keinen guten Zweck zu zweideutigen Mitteln hinreißen.   31. Bei allen Dingen liebe die Mäßigung, eine Tugend, die schwerer ist, als sie scheint, aber notwendiger als eine. Glaube aber nicht, daß das Schlimme durch Mäßigung könne geadelt werden.   32. Fliehe die Wollust, die nicht allein den Körper, sondern auch den Geist schwächt. Beweise, daß du Herr deiner selbst bist. Halte alle sinnliche Liebe, sobald sie von der geistigen gesondert ist, für unerlaubt, des Menschen unwürdig. Suche deine geistige und sinnliche Natur so viel möglich in Harmonie zu bringen. Veredle deine Sinnlichkeit.   33. Schränke deine Bedürfnisse ein, so viel es dir möglich ist, um so viel möglich deine Freiheit zu bewahren. Mancher, sagt Horaz, dient lieber in Ewigkeit, eh er lernt, mit wenigem zu leben.   34. Ueberlaß dein Boot auf dem Meere des Schicksals nicht den Wellen, sondern rudere selbst; aber rudere nicht ungeschickt. Noch einmal, überlege.   35. Sei auf das Schlimmste gefaßt. Laß dich nie vom Schmerz hinreißen, verbirg ihn immer. Die Dinge, welche am meisten gewünscht werden, sagt La Bruyère, geschehen nicht, oder wenn sie geschehen, so ist dies nicht zu der Zeit oder in den Umständen, wo sie ein äußerstes Vergnügen würden verursacht haben.   36. Sei immer wahr und offen und hasse jede Art von Gezwungenheit und Verstellung. Scheue dich nicht, deine Unwissenheit, deine Ungeschicklichkeit zu gestehen. Deine Thorheiten und Fehler vertraue nur wenigen.   37. Bemerke, höre, schweige. Urteile wenig, frage viel.   38. Scheue den bösen Schein nicht bei guten Absichten. Sei nicht zu stolz, ihn, wenn er auf dir ruht, zu zerstreuen, sobald es dir möglich ist. Wo nicht, hülle dich in deine Tugend, wie Horaz sagt.   39. Sei gern allein bei übler Laune. Bei andern sei so viel möglich aufgeräumt. Es ist unglaublich, wie sehr kummervolles, mürrisches Wesen entstellen kann; wie sehr Heiterkeit für sich einnimmt.   40. Wenn du verdrießlich bist, so frage dich ernstlich selbst: Was ist die Ursache meiner Verdrießlichkeit? Läßt sie sich nicht heben? Was soll ich thun? Meistens wird sie zu heben sein.   41. Sei pünktlich. Laß nie Unordnung in deinen Habseligkeiten und Papieren einreißen. Mustere von Zeit zu Zeit deine Papiere, vernichte die unnützen.   42. Scheine lieber zu freigebig als zu sparsam; aber verschwende nichts. Spare in Kleinigkeiten. Lerne entbehren.   43. Wenn du zwischen Wahrheit und Lüge in die Enge kömmst, entscheide dich ohne Nachsinnen für die Wahrheit. Sie ist immer die bessere, gesagt zu werden.   44. Sei auf deiner Hut vor Aufwallungen des Zorns. Laß deinen Unmut niemals Leute fühlen, die dir nichts darauf erwidern dürfen oder mögen.   45. Compesce mentem . Bezwinge den Eigenwillen. Es wird dir nicht an Gelegenheit fehlen, deine Festigkeit zu zeigen. Den Trotz aber verbanne von da, wo er nicht hingehört.   46. Deine Reue sei lebendiger Wille, fester Vorsatz. Klage und Trauer über begangene Fehler sind zu nichts nütze.   47. Wenn du des Morgens erwachst, übersinne den Tag. Suche ihm seine günstige Seite abzugewinnen, wenn dir auch unangenehme Geschäfte bevorstehen.   48. Fahre fort, wie bisher ein Tagebuch zu führen. Der Nutzen ist mannigfach und auch das Vergnügen. Aber mache dir strenge Aufrichtigkeit zur Pflicht. Es sei dir nicht bloß Erinnerung, es sei dir Mittel, dich selber kennen zu lernen.   49. Was die Poesie betrifft, schreibe wenig; verspare es so viel möglich auf eine andere Zeit, wo dein Geschmack mehr geläutert, deine Beschäftigungen geringer sind. Versäume ihretwegen nicht bessere, vorgenommene Arbeiten, da Unruhe die Strafe dafür sein würde. Fühlst du aber unwiderstehlich den Drang der Stunde, so laß dich auch durch keine Nebenidee irre machen. Jede Arbeit behalte lange für dich und spare keine Feile, sie zu vervollkommnen. Befolge hierüber die Regeln, die Horaz gibt.   50. Lege deine Schriften Leuten vor, die aufrichtig darüber urteilen können und wollen. Urteilen sie, daß du invita Minerva , schreibst, so entschwöre dich für immer den Musen, und mit Ernst.   51. Bewahre in allen Angelegenheiten die Klarheit des Geistes. Hüte dich vor den Thorheiten der Liebe. Glaube zwar, daß die ersten Eindrücke von Bedeutung seien; aber laß dich nicht von ihnen hinreißen. Studiere die Physiognomik bei gleichgültigen Personen, aber nicht bei solchen, für welche du anfängst Leidenschaft zu fühlen, weil sie dich bei dieser sicher wird irre führen. Fliehe allen Selbstbetrug. Gewöhne dich, nur innern, anerkannten Wert zu lieben und das Aeußere mehr als eine Klippe deiner Vernunftfreiheit zu betrachten. Täusche dich nicht durch tönende Worte, durch selbstgeschaffene Götzenbilder! Sobald du dem Wahne nicht nachgibst, wird er nie um sich greifen. Wolle nur vergessen, und du kannst. Fliehe deshalb die Personen nicht, die dir gefährlich werden könnten. Suche sie eher näher kennen zu lernen: dies wird dich am ersten heilen, oder du liebst mit Recht. Nimm dir fest vor, die Schüchternheit zu überwinden, welche dir ihre Gegenwart einflößt, und du wirst viel gewonnen haben. Vor allem, denke nicht an die Abwesenden.   52. Vorzüglich wird hiezu erfordert, daß du Herr deiner Gedanken bist. So schwer es auch sein mag, seinen Lieblingsideen nicht nachzuhängen, nimm es gleichwohl über dich, sie zu bekämpfen. Glaubst du, auf Spaziergängen nicht davor sicher zu sein, nimm ein Buch mit dir und lies aufmerksam. Aber lies, was deiner Seelenstimmung entgegenstrebt, nicht etwa den Petrarca oder pastor fido , der dieselbe noch verschlimmern würde.   53. Lebe den Pflichten und Beschäftigungen nach, die dein Stand dir auflegt; aber bedenke immer, daß du vorzüglich für deine Ausbildung als Mensch zu sorgen hast.   54. Unter allen Ländern bist du doch immer dem Vaterlande am meisten schuldig. So lange aber, wie es in monarchischen Staaten der Fall ist, unter dem Worte Vaterland nur der Dienst des Fürsten gemeint ist, so sind deine Pflichten gegen dasselbe niemals absolut und sehr den Verhältnissen unterworfen.   55. Wenn es dir jemals erlaubt ist, in einem kleinen Zirkel befreundeter Menschen zu leben, so kannst du unter ihnen das Wohl der Menschheit mehr befördern, als wenn du ewig einem Fürsten dientest.   56. Sobald du Partei nehmen mußt, wähle nach eigener Ueberzeugung die gerechte. Biete nicht Volksaufständen die Hand. Durch sie wird nicht das Reich der Vernunft gegründet.   57. Fliehe Verschwörungen und geheime Gesellschaften. Bei ihnen geht der gute Ruf und die Unverletztheit des Gewissens verloren. Sie verkündigen Freiheit, während man Sklaverei bei ihnen findet. Sie sind ärger als Inquisitionen. Sie lösen die edlern Bande des Bluts, der Wahl, der Freundschaft. So viel auch die Tugend bei ihnen genannt wurde, ihre Tugend heißt doch immer der Zweck.   58. Nur in tyrannischen Staaten können geheime Verbindungen löblich sein. Bis jetzt dürfen sich die Gleichgesinnten noch öffentlich die Hand reichen, und wir wollen hoffen, die Gutgesinnten machen einen Teil der Nation aus, der nicht so gering ist, um sich verstecken zu müssen. Zur Zeit, als der französische Kaiser in Deutschland herrschte, war eine geheime Verbindung allerdings etwas Löbliches. Alles aber, was man Orden nennt, was mit Verkappungen, mit heimlichen Zeremonien u. dgl. verbunden ist, meide ohne Unterschied.   59. Nimm mit Wohlwollen an allem teil, was die Menschheit. ihre Fortschritte und was auch die einzelnen Individuen betrifft. Sei erkenntlich für alles.   60. Das Urteil der Menge mache dich immer nachdenkend, aber niemals verzagt.   61. Gehe zu niemanden und laß niemand von dir, sagt Herr von Knigge, ohne ihm etwas Verbindliches oder Belehrendes gesagt oder auf den Weg mitgegeben zu haben.   62. Verlasse jede Gesellschaft, jeden Menschen, jedes Haus dergestalt, daß du nie scheuen darfst, dieselben wieder zu treffen, dasselbe wieder zu besuchen.   63. Alle gleichgültigen und nicht näher bekannten Menschen, die dich «bordieren, empfange mit Artigkeit und gutem Willen. Spiele aber nicht den Zuvorkommenden. Bleibe zurückhaltend und trocken, bis du Ursache hast, dich näher an sie anzuschließen.   64. Ein Gleiches gilt von neuen Bekanntschaften. Sei niemals Enthusiast für sie, wenn sie dir auch gefallen. Schenke ihnen niemals dein Vertrauen. Rede nicht von dir selbst mit ihnen (wie du denn überhaupt so wenig als möglich von dir selbst reden sollst) und usurpiere nicht das Amt der Zeit. Sicher wirst du sie näher kennen lernen, wenn sie dir wirklich ähnlich sind.   65. Glaube nicht, daß alle Personen, die deine Sympathie auf den ersten Anblick in Anspruch nehmen, für dich geschaffen wären; denn die Erfahrung widerlegt es.   66. Desto vertrauender sei gegen deine Freunde. Thue alles für sie, was in deiner Macht steht! Denn, sagt Pope mit Recht, wenn du abziehst, was andre fühlen, was andre denken, so erkranken die Freuden, und aller Ruhm sinkt. Laß dich durch keine Drohung, durch kein Schicksal von deinen Freunden abschrecken.   67. Vertraue ihnen; denn ohne Vertrauen kommen nie zwei Menschen sich wahrhaft nahe. Bewahre aber nicht allein alles Anvertraute, sondern ebenso heilig alles Gesagte, was nicht für jedermann ist.   68. Lies niemals fremde Papiere, Briefe, Tagebücher ec., die du zufällig liegen siehst.   69. Sieh deine Freunde weder zu oft, noch zu selten.   70. Versprich wenig, besonders nicht in Kleinigkeiten, halte aber, trotz aller Hindernisse, das Versprochene. Stütze dich nicht auf Versprechungen derer, die du nicht näher kennst.   71. Traue lieber zu sehr, als daß du mißtrauest. Glaube nicht mit La Rochefoucault und seinen Nachfolgern, daß alle Menschen und alle ihre Worte und Thaten bloß von ihrem Vorteile regiert werden, wenn du dir anders selbst uninteressierte Handlungen zutraust.   72. Briefwechsel ist so angenehm als nützlich. Ueberhäufe ihn aber nicht. Unterhalte so viel möglich keine Korrespondenzen aus Höflichkeit.   73. Von gemeinen Menschen, von Leuten ohne Erziehung halte dich in kalter, obgleich nicht stolzer Entfernung. Denn, wie ein morgenländischer Spruch sagt, Kälte nur bändigt den Schlamm, damit er den Fuß nicht beschmutze.   74. Gegen Geringere sei höflicher als gegen Höhere.   75. Befolge die Maxime Mark-Aurels, jeden, auch den unbedeutendsten Schwätzer, aufmerksam und genau anzuhören. Du gewinnst dadurch, teils in der Neigung des Menschen, teils auch durch das, was er sagt, doch immer mehr, als wenn du zerstreut bist.   76. So wenig du versäumen sollst, abwechselnd die Einsamkeit zu suchen, so wenig fliehe die Gesellschaft. Du lebst, um unter Menschen zu sein.   77. Suche in jeder Gesellschaft gut gelitten zu werden; aber suche nicht zu glänzen.   78. Fade Assembleen, Spielgesellschaften besuche so selten du kannst, oder ziehe dich bald daraus zurück. Mit Höflichkeitsbesuchen sei sparsam.   79. Trinkgelagen weiche aus. Ziehe dich wenigstens nach der ersten halben Stunde zurück, wenn du sie nicht versagen kannst.   80. Meide die Karten so viel als möglich. Es wird dir niemals zur Schande gereichen, wenn du nicht spielst.   81. Im Umgang mit den Weibern lasse dich nie wie ein Geck zu ihnen herab; suche sie vielmehr zu dir emporzuziehen. Enthalte dich abgeschmackter Schmeicheleien; aber habe gewisse unbedeutende Aufmerksamkeiten für sie, die man bei Männern vernachlässigt. Scheine nie eine einzelne vorzuziehen.   82. Manches mag im gewöhnlichen Zeremoniell, in den gangbaren Höflichkeitsbezeugungen vorkommen, was unter deiner Würde ist. Thue hier lieber zu wenig, als zu viel. Rede niemals, wenn du nicht den Drang fühlst. Erkläre dich an den Orten, die du besuchst, frei, wie du es hältst. Man wird sich an deine Weise gewöhnen.   83. Vermeide den Handkuß, so viel es nur immer möglich ist. Auch reiche nicht gleich jedem die Hand.   84. Lege alles vorlaute, alles ausgelassene Wesen für immer ab. Sprich nie ein tadelndes Urteil oder eine Spötterei über irgend einen in Gegenwart von Menschen, die nicht deine Vertraute sind. Selbst wenn sie mit einstimmen, bist du niemals sicher, daß sie es nicht hinterbringen, besonders in leidenschaftlichen Augenblicken.   85. Schone die Thörichten und Boshaften, so lange es die Redlichkeit und deine eigene Würde erlaubt.   86. Sei niemals schüchtern und befangen ohne Ursache. Alle, mit denen du zu thun haben kannst, sind Menschen wie du, haben ihre Thorheiten und Schwächen. Die besseren und weiseren unter ihnen hast du ohnedies nicht zu scheuen. Sobald du dir vertraust, sagt Goethe, sobald weißt du zu leben.   87. Lerne zu reden; aber lerne auch zuzuhören. Rede deine Sprache rein von Provinzialismen und Fehlern gegen die Sprachlehre. Es ist der niedrigste Grad von Bildung.   88. Suche die Muttersprache auszubreiten. Rede mit Deutschen keine fremde, es wäre denn nötiger Uebung wegen. Was eine andere Sprache vor der deinigen voraus hat, was nicht in der deinigen liegt, glaube, daß dies auch nicht im Charakter der Nation liege.   89. Fürchte nicht für die Mangelhaftigkeit dieser Gesetze. Alle Fälle lassen sich nicht erwähnen. Dir bleibt dein Nachdenken, dein freier Wille, diese Vorschriften. Du wirst ein leidlicher Mensch werden, wenn du sie treu befolgst.