Jean Racine Athalia (1690.) Aus dem Französischen von Adolf Laun     Leipzig Verlag des Bibliographischen Instituts. (ca. 1890)   ══════════════   Personen.         Joas , König von Juda, Sohn des Ahasja. Athalia , Wittwe Jorams, Großmutter des Joas. Joad , Hoherpriester. Josabeth , seine Gattin, Schwester des Ahasja. Zacharias , Sohn des Joad und der Josabeth. Salomith , Schwester des Zacharias. Abner , einer der vornehmsten Heerführer der judäischen Könige. Azarias , Ismael und die drei anderen Führer der Priester und Leviten. Mathan , abtrünniger Priester, Opferer Baals. Nabal , Vertrauter Mathans. Agar , ein Weib im Gefolge Athaliens. Eine Schaar von Priestern und Leviten. Athaliens Gefolge. Die Amme des Joas. Chor junger Mädchen aus dem Stamme Levi. Die Handlung geht vor sich im Tempel zu Jerusalem, in einer Vorhalle des Theils, wo der Hohepriester wohnt.     Erster Aufzug. Erster Auftritt. Joad . Abner . Abner . Ich komme betend zu des Ew'gen Tempel, Nach altehrwürdigem Gebrauch mit dir Den Tag zu feiern, wo auf Sinai Uns, Joad, das Gesetz gegeben ward. Wie anders ist die Zeit! – Drommetenschall Gab sonst die Wiederkehr des Tages kund; Rings in der kranzumwobnen Säulenhalle Stand dichtgedrängt des heil'gen Volkes Schaar Und ward in Reihen zum Altar geführt, Wohin es trug des Jahres erste Früchte, Dem Gott des Weltalls dankbar sie zu weihn; Der Priester Zahl genügte kaum dem Opfer. Doch eines Weibes frecher Sinn hat jetzt Das Volk verdrängt und jene heitren Tage In nachtumhüllte Tage umgewandelt; Kaum wagt noch eine kleine, fromme Schaar, Das Bild der ersten Zeiten zu erneuern, Die Andern all' vergaßen ihren Gott Und drängen schon sich hin zum Tempel Baals, Eingehend in die schändlichen Mysterien Des Götzen und dabei den Namen lästernd Des Gottes, den die Väter angefleht. 242 Ich fürcht', um offen gegen dich zu sein, Athalia wird, der Ehrfurcht letztes Band Zerreißend, vom Altare dich entfernen Und so an dir den Durst der Rache kühlen. Joad . Woher kommt heut dir diese düstre Ahnung? Abner . Glaubst du denn ungestraft gerecht und heilig Zu sein? In dir haßt sie seit lange schon Die seltne Festigkeit, mit welcher du Der Priesterbinde heil'gen Glanz erhöhst; In deinem frommen Eifer sieht sie Nichts Als Widerspenstigkeit und Priesterhochmuth. Vor Allem aber fällt ihr neid'scher Haß Auf deine treue Gattin Josabeth. Wenn Aarons hohes Priesteramt dich ehrt, Ist sie die Schwester unsres letzten Königs, Doch Mathan, jener gottvergeßne Priester, Ist schlimmer als Athalia selber. Mathan, Dem jede Tugend, die er sieht, verhaßt ist, Liegt stündlich mit Verfolgung ihr im Ohre; Er, ein Levit, weiht seinen Dienst dem Baal, Und ihm ist's nicht genug, daß er die Stirn Mit einer fremden Binde schmückt. Der Tempel Ist ihm hier schon zur Last, er möcht' auch gern Den Gott, den er verlassen hat, vernichten, Und sinnt auf Mittel stets, wie's ihm gelinge; Bald rühmt er dich und bald beklagt er dich, Er nimmt der Freundschaft Heuchelmiene an Und weiß, des Hasses Schwärze übertünchend, Dich bald als furchtbar ihr zu zeigen, bald – Denn ihre Goldgier ist ihm wohlbekannt – Ihr zu erzählen, wie an einem Ort, Den du nur kennst, du Davids Schatz verbirgst. Kurz, seit zwei Tagen scheint Athalia In düstre Schwermuth eingehüllt zu sein; 243 Noch gestern, als ich sie betrachtete, Sah ich nach diesem heil'gen Orte sie Mit wilden Blicken schaun; es war, als ob Sie glaubte, Gott hielt' einen Rächer hier In dieses Tempels Schooß für sie bereit. Gewiß, je mehr ich sinne, um so klarer Wird mir's, daß ihres Zornes Wuth sich bald Auf dich entladen wird; ich zweifle nicht, Daß sie, die blut'ge Tochter Jesabels, Gott bald in seinem Heiligthum verfolgt. Joad . Er, der die Wuth empörter Wogen zäumt, Kann auch der Bösen Rath zu nichte machen. In Ehrfurcht seinem Willen unterthan Fürcht' ich, mein Abner, Gott – und ihn allein. Doch dank' ich deinem Eifer, deiner Freundschaft, Die Allem nachforscht, was mir schaden kann; Ich sehe, wie das Unrecht dich empört, Wie du ein israelitisch Herz bewahrtest; Ich danke Gott dafür, doch frag' ich: Ist's Genug an stillem Zorn, an müß'ger Tugend? Acht Jahr' schon sind's, daß unverschämt die Fremde Sich Davids Herrscherrecht und Scepter anmaßt, In unsrer Kön'ge Blut sich straflos badet, Des eignen Sohnes Kind erwürgt und selbst Die Hand im Frevel gegen Gott erhebt. Und du, der Stützen eine dieses Staates, Im Lager Josaphats, des heil'gen Königs, Emporgewachsen, du, der unter Joram Als Feldherr unsre Heere hat geführt, Der unsre Städte hat allein beschützt, Als des Ahasja unverhoffter Tod Sein Heer zerstreute beim Erscheinen Jehus, Du sagst: Ich fürchte Gott und seine Wahrheit; Er aber spricht zu dir durch meinen Mund: Was nützt es, daß du dich mit Eifer brüstest 244 Für mein Gesetz? Meinst du mit eitelen Gelübden mich zu ehren? Welche Frucht Wird mir aus deinen Opfern denn zu Theil? Brauch' ich das Blut der Böcke und der Färsen? Nach Rache schreiet deiner Kön'ge Blut, Doch dafür bist du taub! Zerreiß', zerreiße Jedwedes Bündniß mit der Frevlerschaar, Vertilg' inmitten meines Volks die Frevler, Und dann erst komm' und bring' mir deine Opfer. Abner . Ach, was vermag ich beim erschlafften Volke? Kraftlos ist Benjamin und muthlos Juda! An jenem Tag, wo ihrer Kön'ge Stamm Erlosch, wich auch der Muth von ihnen, Gott selbst, so sagten sie, verläßt uns ja; Er, einst so stolz auf seines Volkes Größe, Sieht theilnahmlos auf unsren Sturz herab Und wurde des Erbarmens überdrüssig. Wir sehen nicht mehr seine mächt'ge Hand Mit Wundern sonder Zahl die Menschen schrecken; Verstummt ist unsre Bundeslad' und giebt In Sprüchen nicht mehr seinen Willen kund. Joad . War jemals eine Zeit an Wundern reicher? Wann hat er stärker seine Macht gezeigt? Hast du nur Augen, um es nicht zu sehn, O undankbares Volk? Stets größre Wunder Geschehn, und du bist nicht gerührt davon? Muß ich, o Abner, dich aufs Neu' erinnern An alles Große, was die Zeit erlebte? Das Unglück der Tyrannen Israels, Des Himmels Drohung, durch die That bewährt, Der Untergang des wilden Frevlers Ahab, Das Feld, mit seinem Blut getränkt, das er Durch Mord sich angeeignet; nah dem Feld, Dem unheilsvollen, Jesabels Ermordung, 245 Sie selber, von der Rosse Huf zertreten, Die Hunde leckend ihr unmenschlich Blut Und ihres Leibes wüstzerfleischte Glieder, Der falschen Priester schreckerfüllte Schaar, Des Himmels Feuer auf den Altar fallend, Elias zu den Elementen sprechend, Der Himmel, der durch ihn zu Erz erstarrte, Die Erde ohne Thau und Regenguß Drei Jahre bleibend, und die Todten auf Elisa's Rufen aus dem Grabe steigend! Aus solchen Zeichen mögest du erkennen, Daß Gott noch heut ist, was er immer war. Wenn's ihm beliebt, enthüllt er seine Macht, Und seines Volkes ist er stets gedenk. Abner . Wo aber sind die Ehren, welche David Und Salomo so oft verheißen sind? Wir hofften, ach! es würde ihrem Stamme Entsprießen eine lange Herrscherreihe, Und Einer würde über jeden Stamm Und jedes Volk die Königsmacht verbreiten, Er würde Krieg und Zwietracht rings beenden Und alle Kön'ge sich zu Füßen sehn. Joad . Warum verzichtest du auf die Verheißung? Abner . Wo sollen wir den König, Davids Sproß, Denn finden? Kann der Himmel selbst den Baum, Der bis zur Wurzel ausgedorret ist, Aufs Neu' beleben, daß er wieder grünt? Athalia hat ja in der Wiege schon Das Kind erwürgt. Erstehn acht Jahr' nachher Die Todten aus der Gruft? Ja, hätte sie In ihrem blinden Wüthen sich getäuscht, Und wär' ein Tropfen nur vom Blute Davids Gerettet! 246 Joad .               Nun, was thätest du alsdann? Abner . O sel'ger Tag für mich! Mit welchem Eifer Erkennt' ich ihn als meinen König an! Und zweifelst du, daß alle Stämme ihm Zu Füßen fielen? Doch warum bethör' Ich mich mit eitler Hoffnung? Nur Ahasja Blieb als der unglücksel'ge Erbe jener Mir Ruhm gekrönten Könige allein Zurück mit seinen Kindern. Sah ich nicht Durch Jehus Pfeil den Vater sterben, du Die Mutter ihre eignen Söhne morden? Joad . Noch, Abner, offenbar' ich Nichts, doch wenn Das Tagsgestirn ein Drittel seines Laufs Vollendet, wenn die Stunde zum Gebet Uns ruft, dann komm zurück mit gleichem Eifer Zum Tempel! Gott vermag durch große Wohlthat Zu zeigen, daß sein Wort beständig ist Und niemals trügt. Jetzt geh', damit ich mich Zu diesem großen Tage vorbereite; Schon strahlt im Morgenlicht des Tempels Kuppel. Abner . Was wär' die Wohlthat, die ich nicht begreife? Jedoch ich sehe Josabeth sich nahn, Drum will ich an die fromme Schaar mich schließen, Die festlich dieser Tag zusammenruft.   Zweiter Auftritt. Josabeth . Joad . Joad . Die Zeiten, Fürstin, sind erfüllt; jetzt gilt's Zu reden. Den glücksel'gen Raub darfst du 247 Nicht mehr verhehlen, denn der Frevelmuth Der Feinde Gottes nimmt sein tiefes Schweigen Zum Vorwand gegen ihn und klagt ihn an, Daß sein Versprechen Nichts als eitler Trug; Ja, da ihr der Erfolg zu lächeln scheint, Sinnt jenes freche Weib darauf, wie sie Dem Baal auf unserem Altare opfre. Drum laß den jungen König uns, den du Gerettet hast, der unter Gottes Flügel Im Tempel aufwuchs, seinem Volke zeigen! Der Ahnen hoher Muth wird ihn beleben, Sein Geist flog seinem Alter schon voraus. Doch eh' ich ihm sein Schicksal offenbare, Bring' ich dem Gott ihn dar, durch den die Kön'ge Auf Erden herrschen, und versammle dann Die Priester und Leviten, daß ich ihnen Den Erben ihrer Kön'ge offenbare. Josabeth . So weiß er seinen Namen schon und sein Erhabnes Loos? Joad .                           Noch nicht! Eliazim, meint Er, sei sein Nam' und er ein armes Kind, Das seine Mutter ausgestoßen, welchem Ich aus Barmherzigkeit ein Vater wäre. Josabeth . Aus welcher Fährniß hab' ich ihn gerettet, O Gott! und welch ein Unglück droht ihm jetzt! Joad . Wie, schon so bald ist dein Vertraun erschüttert? Josabeth . In deinen weisen Rath ergeb' ich mich; Seit ich dies Kind dem Tod entrissen, Vertraut' ich deiner Hand sein Schicksal an. Mir meiner Zärtlichkeit für ihn bewußt, Vermeid' ich seine Gegenwart, damit 248 Ich durch Verwirrung nicht und Thränen mein Geheimniß offenbare; doch vor Allem Schien mir es eine Pflicht zu sein, daß ich Drei Tage und drei Nächte lang mich ganz Den Thränen und Gebeten widmete. Darf ich dich fragen: Welche Freunde sind Bereit, in deinem Plan dir beizustehn? Wird uns der biedre Abner Schutz verleihn? Schwur er, zu seinem Könige zu halten? Joad . Darf man auch seiner Treue ganz vertraun, So hab' ich doch bis jetzt ihm nicht entdeckt, Daß uns ein König lebt. Josabeth .                                 Doch wem hast du Des Joas Obhut anvertraut? Ist Obed, Ist Ammon zu der Ehre auserwählt? Mit mancher Wohlthat hat mein Vater sie . . . . Joad . Sie haben sich Athalien verkauft. Josabeth . Wen stellst du ihrer Söldnerschaar entgegen? Joad . Wen anders, als die Priester und Leviten? Josabeth . Du hast, ich weiß, sie insgeheim versammelt Und für Verdopplung ihrer Zahl gesorgt; Sie lieben dich und hassen jenes Weib, Ein feierlicher Eidschwur bindet sie An Davids Sohn, der sich enthüllen soll. Doch ob ihr Herz von edler Glut entbrenne, Vermögen sie die Sache ihres Königs Allein zu führen, reicht zu solchem Werk Ihr Eifer hin? Und glaubst du nicht, Athalia, Wenn sie vernimmt, es sei ein Sohn Ahasjas Im Tempel hier verborgen, werde gleich, 249 Versammelnd ihre fremde Söldnerschaar, Zum Sturm sie führen gegen seine Thore? Genügen da des Herrn geweihte Diener, Die, ihre reine Hand zu ihm erhebend, Nur um Vergebung unsrer Sünden flehn, Die niemals andres Blut vergossen haben, Als das der Opferthiere? Joas findet Vielleicht in ihren Armen selbst den Tod. Joad . Gilt dir der Gott für Nichts, der für uns kämpft, Und der die Unschuld unsrer Waisen schirmt? Der seine Stärke an den Schwachen zeigt, Und, der Tyrannen Schrecken, Israel Den Sturz Ahabs und Jesabels versprach, Der Joram schlug, den Gatten ihrer Tochter, Und ihr Geschlecht bis auf den Sohn verfolgte, – Gott , dessen Rächerarm, wenn er auch zögert, Ob dem verruchten Stamm sich dräuend hebt? Josabeth . Und grade die Gerechtigkeit, mit der Er diese Könige bestraft, ist das, Was für den Sohn ich meines Bruders fürchte. Wer weiß, ob dieses Kind, in ihr Verbrechen Verwickelt, nicht bei der Geburt mit ihnen Schon war verdammt, ob Gott um Davids willen Es vom verworfnen Stamme trennt und schont? Ach! jeden Augenblick tritt mir aufs Neue Der grauenvolle Zustand vor die Seele, In dem der Himmel mich ihn finden ließ. Voll war von Fürstensöhnen rings die Halle, Die hingemordet lagen. Unerbittlich Stand dort Athalia, einen Dolch in Händen, Sie spornte ihre Söldner stets aufs Neue Zum Morden an und folgte mit dem Blick Dem Fortschritt ihres grauenvollen Werks. Da lenkte plötzlich Joas, welcher dort 250 Für todt gelassen, meinen Blick auf sich; Ich sehe noch, wie außer sich die Amme Den Henkern sich umsonst zu Füßen warf Und ihn an ihrer Brust umfangen hielt. Ich hob den Blutenden empor, und Thränen, Die auf ihn fielen, weckten ihn zum Leben. Da, sei es Angst, sei's Zärtlichkeit, umschlang Er mich mit unschuldsvollen Armen. O Gott, daß meine Liebe ihm nur nicht Verderblich wird! Er ist der letzte Sproß Vom Stamm des treuen David. Auferzogen In deinem Hause und in deiner Furcht, Kennt er nur Einen Vater, der bist du! Wenn ich im Kampfe mit der Mörderin Beim Anblick der Gefahr im Glauben wanke, Das Fleisch in mir erbangt und meine Thränen Zu sehr die Zeugen meiner Schwäche sind, O dann bewahr' den Erben heiliger Verheißung und bestrafe mich allein. Joad . Die Thränen, die du weinst, sind kein Verbrechen. Gott aber will, daß wir auf ihn vertraun, Er sucht im blinden Zorn nicht an dem Sohn Die Missethaten seines Vaters heim. Es werden Alle vom Hebräervolk, Die treu ihm blieben, sich alsbald versammeln, Um hier ihr heiliges Gelübd' ihm zu Erneuen; denn so hoch, wie Davids Stamm Geachtet ist, so tief verabscheun sie Die Tochter Jesabels. Die edle Reinheit Des Joas wird sie rühren und vor ihnen Entfalten seiner Abkunft hohen Glanz, Und Gott wird selber, durch sein heilig Wort Uns unterstützend, ihre Seel' entflammen. Zwei ungetreue Fürsten haben schon Ihm Trotz geboten; darum ist es Zeit, 251 Daß Davids Thron ein Königssohn besteige, Der sich dereinst erinnert, wie ihn Gott Durch seiner Priester Hände wiederum Zu seiner Ahnen hohem Rang erhoben, Wie er ihn aus des Grabes Nacht gerettet Und Davids Fackel neu entzündet hat. – Zwar, großer Gott, siehst du voraus, daß er, Unwürdig seines Namens, Davids Spur, Des großen Ahnherrn, einst verläßt, dann sei Er gleich der Frucht, die im Entstehen schon Ein giftig heißer Windhauch hat verdorrt; Doch wenn dies Kind, gehorsam deiner Lehre, In deiner Hand ein starkes Werkzeug ist, Erstatte dann das Scepter seiner Ahnen Zurück dem wahren Erben Davids, gieb Die mächt'gen Feind' in meine schwache Hand! Verwirr' die Königin in ihrem Rathe Und gieße, o mein Gott, auf sie und Mathan Den Geist des Irrthums und der Blindheit aus, Die vor dem Fall der Kön'ge pflegt voraus Zu gehn! Die Stunde ruft, leb' wohl! Schon nahn Die Töchter unsrer heiligsten Geschlechter Von deinem Sohn geführt und seiner Schwester.   Dritter Auftritt. Josabeth . Zacharias . Salomith . Der Chor . Josabeth . Geh', säume nicht, begleite deinen Vater! Doch du, o treue Schaar der Töchter Levis, Die schon mit heil'ger Glut der Herr entflammte, Die ihr mein Seufzen und mein Weinen theilt, Ihr Kinder, meine Lust in langen Leiden, Einst ziemten eurer Hand die Kranzgewinde 252 Und eurem Haar der Blumenschmuck, als wir Mit frohem Sinn das hohe Fest begingen; Doch weh', in dieser Zeit der Noth und Schmach Sind Thränen nur das Opfer, das sich ziemt. Schon hör' ich der Drommete heil'gen Ruf; Bald wird sich euch des Tempels Thor erschließen. Dieweil ich mich zum Gange vorbereite, Lobsinget Gott, den ihr zu suchen kamt.   Vierter Auftritt. Der Chor . Der ganze Chor (singt) . Die Welt ist voll von Gottes Herrlichkeit, O ruft ihn an mit gläubigem Gemüthe, Sein ewig Reich war älter als die Zeit,         O singt, o feiert seine Güte! Eine Stimme (allein) . Sein Name steht auf festem Grund, Wie auch der Hohn der Frevler wüthe, Dem Tag erzählt der Tag von Gottes Macht,         Die Welt ist voll von seiner Pracht,         O singt, o feiert seine Güte! Der ganze Chor (wiederholt) .         Die Welt ist voll von Gottes Pracht,         O singt, o feiert seine Güte! Eine Stimme (allein) . Er läßt die Blumen blühn im Reiz der Farben,         Die Früchte reifen in der Au, Er giebt im gleichen Maß, daß nie sie darben,         Den Feldern Tagesglut und nächt'gen Thau, Und für die Gabe danken volle Garben. 253 Eine andre Stimme . Die Sonne ließ er die Natur beleben,         Er gab der Welt des Lichtes Schein, Jedoch das Höchste, was er uns gegeben,         Ist sein Gesetz, so heilig und so rein. Eine dritte Stimme . Berg Sinai, o preis' ihn immer wieder, Den hohen Tag, den ew'ger Glanz umschwebt!         Dort stieg, wo sich dein Gipfel hebt,         Der Herr, von Wolken dicht umwebt,         In seiner Glorie zu dir nieder. Warum, o sag', der Dämpfe Sprühn, Der Donner Roll'n, der Blitze Glühn         Und der Drommeten Schmettern?         Kam zu zerstören bis zum Grund         Der Erde weites Rund         Gott selbst herab in Wettern? Eine vierte Stimme . Er kam, um seine Lehre rein und klar Den Kindern der Hebräer zu entfalten, Und hieß an ihn die hochbeglückte Schaar         Sich fest in ew'ger Liebe halten. Der ganze Chor . O ewige Gerechtigkeit, O unerschöpflich reiche Güte! Wohl jedem, der mit gläubigem Gemüthe Der Liebe Gottes seine Tage weiht! Eine Stimme . Er hat der Väter hartes Joch geendet, Hat in der Wüste köstlich Brod gespendet, Er bietet sein Gesetz, sich selbst uns dar Und fordert Nichts als Liebe treu und wahr. 254 Der Chor . O ewige Gerechtigkeit, O unerschöpflich reiche Güte! Wohl jedem, der mit gläubigem Gemüthe Der Liebe Gottes seine Tage weiht! Dieselbe Stimme . Er öffnete für sie den Schooß der Wellen, Er ließ aus dürren Felsen Brunnen quellen, Er bietet sein Gesetz, sich selbst uns dar Und fordert Nichts als Liebe treu und wahr. Der Chor . O ewige Gerechtigkeit, O unerschöpflich reiche Güte! Wohl jedem, der mit gläubigem Gemüthe Der Liebe Gottes seine Tage weiht! Eine andre Stimme . Des Sklaven Furcht kennt ihr allein; Ist euer Herz denn ungerührt geblieben, Ist es so schwer, dem Güt'gen sich zu weihn, So peinlich, ihn zu lieben? Der Sklav' bebt vor dem Herrn, der ihn bezwingt, Die Lieb' ist's, die das Kind zum Vater bringt. Es träuft auf euch hernieder Gottes Segen, Doch ihr, bringt ihr ihm Lieb' entgegen? Der ganze Chor . O ewige Gerechtigkeit, O unerschöpflich reiche Güte! Wohl jedem, der mit gläubigem Gemüthe Der Liebe Gottes seine Tage weiht! 255   Zweiter Aufzug. Erster Auftritt. Josabeth . Salomith . Der Chor . Josabeth . Genug, laßt die Gesänge ruhn, ihr Mädchen. Denn Zeit ist's, Theil zu nehmen am Gebet Des Volks. Auf, rüstet euch! die Stunde drängt: Laßt festlich uns den großen Tag begehn Und vor des Höchsten Angesicht erscheinen!   Zweiter Auftritt. Zacharias . Josabeth . Salomith . Der Chor . Josabeth . Was seh' ich! Du, mein Sohn? Was führt dich her? Warum so schreckensbleich und athemlos? Zacharias . O Mutter! Josabeth .                     Gott, was giebt's? Zacharias .                                                 Entweihet ist Der Tempel. Josabeth .             Wie? Zacharias .                     Des Herrn Altar verödet. 256 Josabeth . Ich zittre. Eile, gieb mir's schleunig kund! Zacharias . Mein Vater hatte dem Gesetz gemäß Dem Gott, der allen Menschen Nahrung giebt, Der neuen Ernte erstes Brod geopfert Und brachte ihm mit blutbespritzten Händen Der Friedensopfer rauchend Eingeweide. Eliazim, welcher ihm zur Seite stand Im langen, linnenen Gewand, versah Mit mir den Dienst, dieweil Altar und Volk Die Priester mit der Opferthiere Blut Bespritzten: da mit einem Mal ertönt Verworrner Lärm und Aller Augen wenden Sich nach dem Ort, woher er kommt. Ein Weib – Kann man sie ohne Lästrung nennen? – Ein Weib, Athalia war es selbst. Josabeth .                                             O Gott! Zacharias . Im Vorhof, der nur Männern offen steht, Erscheint die Freche mit erhobner Stirn; Sie will der Halle Schwelle schon betreten, Die der Levit allein betreten darf. Nach allen Seiten flieht erschreckt das Volk, Mein Vater – wie erglüht sein Blick vor Zorn! Dem Pharao schien Moses kaum so furchtbar, – Sprach: Königin, entferne dich von hier, Von diesem ernsterhabnen Ort, von dem Dich dein Geschlecht und dein gottloser Sinn Verbannt! Bist du hierher gekommen, um Der Hoheit des lebend'gen Gott's zu trotzen? Da blickt mit wildem Aug' die Königin Ihn an und öffnet, wohl zum Lästern, schon Den Mund. – Ich weiß nicht, ob des Höchsten Engel Sich ihr enthüllte und sein Flammenschwert 257 Ihr zeigte, aber plötzlich war die Zung' Im Mund erstarrt und ihre Kühnheit war Nun ganz dahin; ihr Auge, wie gebannt, Sah starr auf Eliazim hin, der mehr Als alles Andre sie in Staunen setzte. Josabeth . Eliazim? Er ist ihrem Aug' erschienen? Zacharias . Wir Beide sahn die graus'ge Fürstin an, Und gleicher Schreck erfüllte unser Herz, Doch bald umringte uns die Priesterschaar Und sandt' uns fort. Was drauf geschehen ist, Ich weiß es nicht. Ich eilt' hierher, um dir Das traurige Verwirrniß zu erzählen. Josabeth . Weh'! Sonder Zweifel will sie unsrem Arm Das Kind entreißen, sucht in ihrer Wuth Es selber am Altar, – vielleicht ist er, Der Gegenstand so vieler Thränen, schon . . . . O Gott, der meine Qualen sieht, gedenke Des David! Salomith .           Wer denn ist's, um den du weinst? Zacharias . Eliazims Leben, wär's durch sie bedroht? Salomith . Hätt' er der Kön'gin Zorn auf sich gelenkt? Zacharias . Was fürchtet man von einem Kinde denn, Das ohne Schutz und ohne Vater ist? Josabeth . Sie kommt. Ach, laß uns ihren Anblick fliehn! 258   Dritter Auftritt. Athalia . Agar . Abner . Athaliens Gefolge . Agar . Gebieterin, warum verweilst du hier, Wo Alles dich erbittert und verletzt? Den Tempel laß den Priestern, die drin wohnen, Entflieh' dem Lärm und suche im Palast Die Ruhe für die aufgeregten Sinne. Athalia . Ich kann's nicht. Nein, du siehst es ja, wie schwach Und wie verwirrt ich bin. Geh', rufe eilig Den Mathan mir herbei. Wie wär' ich glücklich, Fänd' ich den Frieden, den ich such' und der Mich immer flieht, mit seiner Hülse wieder!         (Sie setzt sich.)   Vierter Auftritt. Athalia . Abner . Athaliens Gefolge . Abner . Verzeih', wenn ich ihn zu vertheid'gen wage, Des Joad Eifer darf dich nicht verwundern. Der Gott, den wir verehren, gab uns selbst Dies unumstößliche Gesetz. Er hat Den Tempel und Altar für uns bezeichnet, Die Opfer übertrug er ganz allein Den Kindern Aarons, den Leviten wies Wie ihren Platz auch ihre Pflicht er an. Vor Allem streng verbot er ihren Kindern Gemeinschaft mit jedwedem andern Gott. Du, Gattin, Mutter unsrer Könige, Bist du bei uns so fremd darin? Sind dir, O Fürstin, die Gesetze unbekannt? Muß heut . . . . doch Mathan kommt, ich lasse dich. 259 Athalia . Nein, deiner Gegenwart bedarf es hier. Was schiert mich Joads trotz'ger Uebermuth Und all der eitle Prunk des Aberglaubens, Der andren Völkern euren Tempel schließt? Viel wicht'ger ist, was mir den Geist beschäftigt. Ich weiß, daß Abner seit der Kindheit Tagen Im Feld und unter Waffen groß geworden, Daß bieder sein Gemüth, und er die Pflichten Für Gott und König treu erfüllt: drum bleibe.   Fünfter Auftritt. Mathan . Athalia . Abner . Athaliens Gefolge . Mathan . Ist dies, o große Königin, dein Platz? Was quält dein Herz und was erschreckt dich so, Was suchst du hier inmitten deiner Feinde? Wagst du's zu nahn hier dem unheil'gen Tempel, Hast du schon abgelegt den glüh'nden Haß? Athalia . Leiht Beide mir ein aufmerksames Ohr! Ich will hier des Vergangnen nicht gedenken, Noch Rechenschaft euch geben ob des Bluts, Das ich vergoß. Was ich gethan, das glaubte Ich, Abner, thun zu müssen. Nimmermehr Nehm' ich dies übermüth'ge Volk zum Richter, Wie's sein Geschrei auch gegen mich erhebt; Vom Himmel selber hab' ich dies mein Recht, Und meine Macht, auf glänzende Erfolge Gestützt, dehnt über zweier Meere Strand Sich aus. Durch mich genießt Jerusalem Des tiefsten Friedens; nicht mehr sieht der Jordan Den schweifenden Araber und den stolzen 260 Philister wie zu eurer Kön'ge Zeit Sein Ufer ewig plündern und verheeren; Der Syrer nennt mich Schwester, Königin, Und selbst der stolze Jehu, der Verräther, Der Unterdrücker meines Stammes, der In seiner Wildheit mich sogar bekämpfte, Er zittert vor mir in Samaria; Durch mächt'ge Nachbarn, die ich gegen ihn Zu hetzen wußte, überall bedrängt, Läßt er mich hier im Land als Herrin walten. Bis jetzt genoß ich ungestört die Frucht Von meiner Klugheit; doch seit ein'ger Zeit Belastet ein geheimes Bangen mir Das Herz und stört die Ruhe meiner Tage. Ein Traum, um den ich mich nicht kümmern sollte, Hält meine Sorge immer nagend wach. Ich suche überall ihr zu entfliehn, Sie aber folgt stets meinen Tritten nach. – Es war im Dunkel einer tiefen Nacht, Da tauchte meiner Mutter Bild vor mir Empor, gehüllt wie einst am Todestage In prächt'gen Schmuck. Ihr Unglück hatte nicht Den edlen Stolz gebeugt, sie trug sogar Noch den entlehnten Glanz, womit sie sich Das Angesicht zu schmücken pflegte, um Des hohen Alters Spuren zu verwischen. »Erzittre«, sprach sie, »meiner würd'ge Tochter! Der Juden strenger Gott bezwingt auch dich. Ach! wie beklag' ich dich, geliebtes Kind, Daß du in seine Hände fällst.« Kaum war Das grause Wort gesprochen, da schien plötzlich Das Schattenbild sich über meinen Pfühl Zu neigen; ich, sie zu umfassen, streckte Die Arme aus, doch fand ich dort, o Gott! Nichts als ein scheußliches Gemisch von Knochen Und Fleisch, zerhackt und durch den Koth 261 Geschleift, von blut'gen Fetzen und Gebeinen, Um die der Hunde Meute gierig kämpfte. Abner . O großer Gott! Athalia .                         Bei diesem Schreckniß zeigte Ein Knab' in strahlendem Gewand sich mir, Wie man's bei der Hebräer Priestern sieht; Sein Anblick weckte den erstarrten Geist, Doch hatt' ich kaum mich von dem Schreck erholt Und das bescheidne, holde Kind bewundert, Da fühl' ich einen mörderischen Stahl, Den in die Brust mir der Verräther tauchte. Dir mag dies unbegreifliche Gemisch So vieler Ding' ein Werk des Zufalls scheinen, Ich habe selber, meiner Furcht mich schämend, Es für ein Wahngebilde angesehn; Doch zweimal kam im Traume die Erscheinung Zurück, und zweimal sah ich jenes Kind, Wie's Miene macht', das Herz mir zu durchbohren. Von all dem Schrecken ganz erschöpft, lenkt' ich, Indem ich Ruhe suchte am Altar, Mein Flehn zum Baal, er möge mich bewahren, Denn Angst vermag ja viel ob unsrem Geist. – Ein dunkler Drang trieb mich in diesen Tempel, Den Gott der Juden dacht' ich zu versöhnen; Ich glaubt', es würde dieser Gott, wer er Auch sei, durch Gaben sich besänft'gen lassen – Du, Priester Baals, verzeih' mir diese Schwäche! – Ich tret' hinein, das Volk entflieht, man stellt Die Opfer ein, und wüthend tritt zu mir Der Hohepriester. Als der zu mir spricht, O staunenswerthes Wunder, seh' ich wieder Denselben Knaben mich bedrohn, wie er Im Traume dort sich meinem Geist gezeigt: Dieselbe Miene war's, dasselbe Kleid, 262 Der Blick, der Gang, die Züge ganz dieselben. Er war's, und neben ihm der Hohepriester; Doch meinem Blick entzog man ihn sogleich. Das ist es, was mit Sorge mich erfüllt' Und hierher trieb, warum ich euch befrage. Was, meint ihr, kündet dies unglaubliche Ereigniß? Mathan, sprich dich drüber aus. Mathan . Der Traum und die Erzählung, Alles scheint Mir unheilvoll. Athalia .                     Sahst du nicht auch, o Abner, Dies Unglückskind? Wer ist's, aus welchem Blut Und Stamm? Abner .                   Zwei Knaben dienten am Altare, Der ein' ist Joads Sohn und Josabeths, Der andere mir unbekannt. Mathan .                                       Weshalb Noch, Fürstin, lange überlegen? Beider Muß man sich vergewissern. Dir ist ja Bekannt, wie ich auf Joad Rücksicht nehme, Und die Beleid'gung nicht zu rächen suche, Wie Billigkeit mein Thun allein bestimmt. Doch glaubst du, daß er selbst, und wär's sein Sohn, Die Schuldigen nur einen Augenblick Am Leben ließe? Abner .                         Doch was kann ein Kind Verbrochen haben? Mathan .                           Hat der Himmel nicht Ihn uns gezeigt, mit einem Dolch bewehrt? Der Himmel, so gerecht wie weise, thut Nichts ohne Zweck, was willst du denn noch mehr? 263 Abner . Wie, soll man denn auf einen bloßen Traum hin Mit eines Kindes Blut die Hand beflecken? Weißt du doch nicht einmal, von welchem Vater Er stammt. Mathan .             Man fürchtet ihn, und das genügt. Erlauchten Eltern dankt er sein Entstehn, Und so muß seiner Abkunft Glanz bei ihm Den Untergang beschleunigen; doch wenn Er in der Niedrigkeit geboren wäre, Was läge dran, wenn sein gemeines Blut Vergossen würde? Darf die Königsmacht Auf Richtersprüche warten? Oft beruht Bei ihr die Sicherheit auf schneller Strafe; Durch kein Bedenken dürfen wir sie hemmen, Denn wer verdächtig, ist nicht schuldlos mehr. Abner . Wie, Mathan, ist das eines Priesters Sprache – Ich, groß geworden unter'm Schlachtengreu'l, Ein strenger Diener königlicher Rache, Ich bin's, der hier sein Wort der Unschuld leiht, – Und du, des Friedens Priester in der Zeit Des Zorns, der väterlich sich des Bedrängten Erbarmen sollte, du hüllst in den Schein Des frommen Eifers deine Rachbegier, Dir fließt der Unschuld Blut nicht schnell genug! Du, Fürstin, wünschest, daß ich offen rede: Worauf beruht denn deine Angst und Furcht? Ein Traum, ein schwaches Kind, das du vielleicht Befangnen Auges zu erkennen meinst! Athalia . Nun wohl, es sei, ich habe mich geirrt. Vielleicht war's nur ein nicht'ger Traum, der mir Den Sinn befing, so will ich denn noch Einmal Den Knaben sehn und mir sein Angesicht 264 Beschaun in beßrer Muße, Beide sollen Vor mir erscheinen. Abner .                               Doch ich fürchte . . . . Athalia .                                                                   Wie, Sollt's etwa gar an Eifer für mich fehlen? Wo wär' ein Grund, mir solches zu verweigern? Das könnte mir Verdacht erregen. Gleich Soll Joad oder Josabeth sie her Mir führen. Wenn ich wollte, könnt' ich leicht Als Kön'gin reden. Eure Priester, Abner, Daß ich es dir gestehe, haben Grund, Ob meiner Langmuth sich zu freun, denn sieh, Ich weiß es nur zu gut, mit welcher Frechheit Sie sich in Reden über mich ergehn Und selbst sich gegen meine Macht empören! Sie leben noch, noch steht ihr Tempel da, Doch meine Langmuth ist zu Ende bald. Drum mäß'ge Joad seine Leidenschaft, Und wage nicht zum zweiten Male durch Beleidigungen mich zu reizen. Geh'!   Sechster Auftritt. Athalia . Mathan . Athaliens Gefolge . Mathan . Nun kann ich endlich offen reden, kann Die ganze, volle Wahrheit dir enthüllen! O Königin, in diesem Tempel taucht Ein Ungeheuer drohend dir empor; Drum harr' nicht, bis die Wolke sich entlade. Denn Abner war schon vor Beginn des Tages Beim Hohenpriester. Seine große Liebe Für seiner Kön'ge Blut ist dir bekannt: 265 Wer weiß, ob Joad nicht an ihre Stelle Das Kind zu setzen denkt, mit dem der Himmel Dir droht, sei's nun sein eignes oder sei Es eines Andern Kind. Athalia .                                 Ja, ja, du öffnest Die Augen mir, des Himmels Warnung wird Mir klar, des Zweifels will ich ledig sein. Ein Kind ist nicht geschickt, sich zu verstellen, Ein einzig Wort enthüllt oft große Pläne. Laß, theurer Mathan, mich ihn sehn und ihn Erforschen. Geh' und ohne Aufsehn bringe An meine Tyrier den Befehl, daß sie Sich rüsten und bereit zum Angriff seien.   Siebenter Auftritt. Joas . Josabeth . Athalia . Zacharias . Abner . Salomith . Zwei Leviten . Der Chor . Athaliens Gefolge . Josabeth . Ihr Diener Gottes, habt ein sorgsam Auge Auf diese theuren Kinder! Abner .                                         Fürstin, sorge Nur nicht, ich nehme sie in meine Hut. Athalia . O Gott! Je mehr ich ihn betracht' und forsche, – Gewiß, er ist's. Noch sind die Sinne mir Vom Schreck betäubt. Hör', Joads Gattin, sprich,         (auf Joas zeigend) Ist Jener dort dein Sohn? Josabeth .                                   Wen meinst du, Fürstin? Athalia . Den da! 266 Josabeth .             Ich bin nicht seine Mutter; dieser, Das ist mein Sohn! Athalia (zu Joas) .           Und du, wer ist dein Vater? Antworte, Kind. Josabeth .                   Der Himmel hat bis heute . . . . Athalia (sie unterbrechend) . Warum denn redest du so schnell statt seiner? Laß ihn doch selber sagen, was er weiß. Josabeth . Wie kann ein Knabe von so zartem Alter Dir Auskunft geben? Athalia .                               Unschuldsvoll ist noch Dies Alter, seine Unbefangenheit Wird nicht die Wahrheit zu entstellen suchen. So laß ihn das, was ihn betrifft, erzählen. Josabeth (leise bei Seite) . Leg' deine Weisheit, großer Gott, ihm in Den Mund! Athalia .               So sprich, mein Kind, wie nennst du dich? Joas . Ich heiße Eliazim. Athalia .                           Wer dein Vater? Joas . Ich bin, wie man mir sagte, eine Waise, Seit der Geburt in Gottes Arm gelegt, Und habe meine Eltern nie gekannt. Athalia . So bist du elternlos? 267 Joas .                                         Ich bin verlassen. Athalia . Erzähle: wie geschah das, und seit wann? Joas . Seit ich geboren war. Athalia .                                 So weiß man doch, Aus welchem Land du bist? Joas .                                               Der Tempel hier Ist meine Heimat, anders kenn' ich keine. Athalia . Was sagt man, wo bist du gefunden worden? Joas . Bei Wölfen, die bereit, mich zu zerreißen. Athalia . Wer hat in diesen Tempel dich gebracht? Joas . Ein unbekanntes Weib, das sich nicht nannte Und bald auf immerdar verschwand. Athalia . Wer sorgte in der ersten Zeit für dich? Joas . Ließ je der Herr die Seinen in der Noth? Er giebt den jungen Vögeln ihre Speise, Und rings die Welt erfreut sich seiner Güte. Ich bete jeden Tag zu ihm, und er Ernährt mich mit den Gaben des Altars. Athalia . Was ist's, das mich so wunderbar ergreift? Der Stimme Laut, die holde Kindlichkeit Besänft'gen unwillkürlich meinen Haß; Des Mitleids, glaub' ich, bin ich fast schon fähig. Abner . Ist das der Feind, den du gefürchtet hast? 268 Nun zeigt sich, Fürstin, deiner Träume Trug, Es müßte denn das Mitleid, welches dich Zu rühren scheint, nichts Andres als der Streich Des Todes sein, der dich im Traum erschreckte. Athalia Ihr geht? Josabeth .             Du hast sein Schicksal jetzt vernommen, Durch längres Weilen könnt' er lästig werden. Athalia . Nein, bleibet noch. (Zu Joas) Was ist dein Tagewerk? Joas . Ich bete zu dem Höchsten, und man legt Mir sein Gesetz aus, täglich lehrt man mich Im heil'gen Buche lesen, schon beginn' ich, Mit eigner Hand es aufzuschreiben. Athalia .                                                       Was Lernst du aus dem Gesetz? Joas .                                             Daß Gott verlangt, Man soll' ihn lieben, und, sei's früh, sei's spät, Die Lästrer seines heil'gen Namens straft; Daß er ein Hort der Waisen ist, den Hochmuth Der Stolzen niederschlägt und Mörder züchtigt. Athalia . Schon gut; doch sprich, womit beschäftigt sich Das Volk im Tempel hier? Joas .                                           Es lobpreist Gott. Athalia . Verlangt er, daß man jede Stunde sich Zu ihm mit Beten und Betrachtung wende? Joas . Unheil'ges ist verbannt aus seinem Tempel. 269 Athalia . Worin bestehn denn deine Freuden? sprich. Joas . Manchmal reich' ich den Weihrauch und das Salz Dem Hohenpriester am Altar, ich höre In Psalmen Gottes ew'ge Größe feiern Und staune ob der Feste heil'ger Pracht. Athalia . Und das ist all dein Zeitvertreib? O wie Beklag' ich solch ein Kind wie du! Komm mit in meine Königsburg und sieh Dort meine Herrlichkeit dir an! Joas .                                                     Vielleicht Vergäß' ich dort, an Gott zu denken. Athalia .                                                       Nein, Ihn zu vergessen werd' ich dich nicht zwingen. Joas . Du aber betest nicht zu ihm. Athalia .                                           Du magst Es thun. Joas .             Dort aber müßt' ich sehn, wie man Zu andren Göttern betet. Athalia .                                     Ich verehre Den meinen, du magst deinem dienen, – groß Und mächtig sind sie alle Beide. Joas .                                                       Kön'gin, Den meinen nur allein darf man verehren, Der deinige ist Nichts. Athalia .                                 Komm nur, du sollst Bei mir gar mancherlei Vergnügen finden. 270 Joas . Der Bösen Lust verrinnt wie Flut der Bäche. Athalia . Wer sind die Bösen? Josabeth .                                   Königin, verzeih', Ein Kind . . . . Athalia .                   Es ist mir lieb zu sehn, wie ihr Ihn unterrichtet. Du, Eliazim, hast Mir wohlgefallen; ganz gewiß, du bist Ein ungewöhnlich Kind! Du siehst, ich bin Die Königin und habe keine Erben, – Leg' die gemeinen Kleider ab, verlaß Den niedren Dienst, du sollst an meinem Reichthum Theil haben! Komm, versuch' es nur mit mir. Beim Mahl und sonst mir stets zur Seite wird Man dich behandeln wie mein eignes Kind. Joas . Wie deinen eignen Sohn? Athalia .                                       Gewiß . . . du schweigst? Joas . Welch einen Vater müßt' ich da verlassen Für welche . . . . Athalia .                       Nun, du stockst? Joas .                                                         Für welche Mutter! Athalia (zu Josabeth) . Er hat ein gut Gedächtniß; überall Erkenn' ich deinen Geist und den des Joad. Also benutzt ihr eure Ruh', die ich Euch ließ, den Geist der Jugend zu vergiften? Ihr zieht mit Haß und Groll sie groß und nennt Nur mit Verwünschung ihnen meinen Namen. 271 Josabeth . Kann man die Kunde unsrer Leiden denn Verschweigen, die das ganze Weltall kennt, Und deren du dich selbst zu rühmen pflegst? Athalia . Ja, mein gerechter Haß – mit Stolz bekenn' ich's! – Hat an den Enkeln meiner Eltern Blut Gerächt. Ich sollte sehn, wie man den Vater, Den Bruder würgt' und von des Schlosses Zinne Die Mutter stürzt' und das an Einem Tage! O welch ein Schauspiel, achtzig Königssöhne Mit Einem Mal ermordet! Und wozu? Um einiger Propheten Tod zu rächen, Die sie um ihre Raserei gezüchtigt! Ich sollte, eine Kön'gin ohne Herz Und eine Tochter ohne Liebe, blind Von falschem Mitgefühl beherrscht, Beleid'gung Nicht mit Beleidigung, nicht Mord mit Mord Vergelten? Davids Enkel nicht behandeln, Wie man verfuhr mit Ahabs Unglückskindern? Wo wär' ich, hätt' ich meine Schwäche nicht, Nicht meine Mutterzärtlichkeit erstickt, Nicht Ströme meines Bluts mit eigner Hand Vergossen, und den Plan, den ihr gesponnen, Mit dieser kühnen That durchkreuzt? So ist Jedwedes Bündniß unsrer beiden Häuser Unmöglich. Tief ist David mir verhaßt, Und seine Enkel, ob auch meinem Blut Entsprossen, werden immer fremd mir sein. Josabeth . Bis jetzt gelang dir Alles, aber Gott Mag zwischen uns entscheiden. Athalia .                                               Dieser Gott, Der eure einz'ge Zuflucht ist? Was ward Aus Allem, was er euch verheißen hat? – 272 So geb' er euch den oft versprochnen König, Den Sprößling Davids, den so lang erhofften! – Doch nun lebt wohl, wir sehen bald uns wieder; Ich geh' befriedigt fort, denn was ich sehn Gewollt, ich hab' es nun gesehn. Abner (zu Josabeth) .                             Ich hielt, Was ich versprach, und deinen Händen jetzt Geb' ich das hohe, mir vertraute Pfand zurück.   Achter Auftritt. Joad . Josabeth . Joas . Zacharias . Abner . Salomith . Leviten . Der Chor . Josabeth (zu Joas) . Hast du das Wort der stolzen Königin Gehört? Joad .             Ja wohl, und deine Qual bedauert, Und schon war ich bereit, mit den Leviten Dir beizustehn, und wenn es galt, mit euch Zu sterben.         (Zu Joas, den er umarmt.)                   Gott behüte dich, mein Kind! Dein edler Freimuth hat für ihn gezeugt. Dir, Abner, dank' ich für den wicht'gen Dienst; Erinnre dich der Stunde, wo dich Joad Erwartet. Wir, die jenes frevelhafte, Gottlose Weib im Beten störte, wollen Von Neuem nun das Heiligthum betreten, Und eines Opferlammes reines Blut Wasch' ab den Marmor, den ihr Fuß befleckte. 273   Neunter Auftritt. Der Chor . Eine der Jungfrauen . Welch heller Stern erglänzt vor unsren Blicken! Welch Loos ist diesem Kinde zugedacht! Ihn rührt nicht Größe, rührt nicht Pracht, Und seine Seele zu bestricken, Gelinget keiner Lockung Macht. Eine zweite Stimme . Dieweil an den Altären Athaliens man Opfer weiht, Wagt er sich muthig zu erklären Für ihn, den Gott der Ewigkeit. Einst trat auch so mit festem Sinn Vor Jesabel Elias hin. Eine andre Stimme . Wie wird das Dunkel uns erschlossen, Bist du Prophetenblut entsprossen? Eine andre Stimme . So wuchs empor der holde Samuel, Umschattet von dem Tabernakel, Des Volkes Hoffnung und Orakel. O kämst auch du, zu trösten Israel! Eine andre Stimme . Wohl muß ich dreimal selig preisen Das Kind, das so der Ew'ge liebt, Dem er schon früh sich zu erkennen giebt, Und das er gnädig selbst will unterweisen. Fern von der Welt, mit allen Gaben Des Himmels ward er reich bedacht, Und seine Unschuld, wenn sie nahten, haben Die Bösen nie zu Fall gebracht. Der ganze Chor . O dreimal, dreimal glücklich preist Das Kind, das Gott beschützt und unterweist! 274 Die nämliche Stimme (allein) . So blüht, wo sanft ein Bach sich windet Durch stiller Thäler blum'ge Flur, Wo sie kein rauher Nordwind findet, Die Lilie, der Liebling der Natur. Fern von der Welt, mit allen Gaben Des Himmels ward er reich bedacht, Und seine Unschuld, wenn sie nahten, haben Die Bösen nie zu Fall gebracht. Der ganze Chor . Dem Kinde werde Lob und Preis gebracht, Das Gott der heil'gen Lehre folgsam macht. Eine Stimme . Mein Gott, wer unschuldsvoll geboren, Wie wankt sein Tritt inmitten der Gefahr! Wie stellen ihm, der dich zum Ziel erkoren. Sich ringsum Hindernisse dar! Wie suchen Feinde ihn zu schrecken! Wohin soll fliehn der Heil'gen Schaar, Da Sünder rings die Welt bedecken? Eine andre Stimme . O Wohnung Davids, o geliebte Stadt, O heil'ger Berg, wo Gott gewandelt hat, Auf dich lenkt Gottes Zorn sich hin! Wie, theures Zion, muß es dich verletzen, Siehst du die fremde Frevlerin Auf deiner Kön'ge Thron sich setzen! Der Chor . Wie, theures Zion, muß es dich verletzen, Siehst du die fremde Frevlerin Auf deiner Kön'ge Thron sich setzen! Dieselbe Stimme (fährt fort) . Da, wo einst Davids Psalter klang, Der Gott den Herrn und Vater sang Begeistrungsvoll mit frommem Sinn, 275 Da mußt du, heil'ges Zion, jetzt ertragen, Daß sie den Gott der Frevlerin Zu deines Gottes Schmach zu feiern wagen! Eine Stimme (allein) . Wie lang, o Herr, wie lange wird es dauern, Daß sich der Frevel gegen dich empört? Der Hohn dringt bis in deines Tempels Mauern, Und deine Frommen nennen sie bethört. Wie lang, o Herr, wie lange wird es dauern, Daß sich der Frevel gegen dich empört? Eine andre Stimme . Warum, so sagen sie, in Buße leben, Wo Freud' und Lust die Welt euch schenkt? Warum euch nicht der Lust ergeben, Da euer Gott nicht an euch denkt? Eine andre Stimme . Auf, singt und lacht, so spricht der freche Chor, Von Lust zu Lust im kurzen Leben! Laßt uns auf Bienenflügeln schweben, Der Jahre Flucht ist eilig wie der Wind. Wir wollen heut uns dem Genuß ergeben, Wer weiß, ob wir noch morgen sind! Der ganze Chor . Laß sie denn jammern, Gott, in Angst und Graun, Die Unglücksel'gen werden niemals schaun Den Glanz der ewig heil'gen Stadt. Wir sind's, für welche sich die Klarheit Des ew'gen Lichts entfaltet hat, Wir singen deine Größ' und deine Wahrheit. Eine Stimme (allein) . All' jene Lust, die maßlos wilde, Was ist sie als ein Traumgebilde, Das, wenn, o Graun! der Tag beginnt, In eitles Nichts zerrinnt! 276 Wenn deß der Arme sich im Frieden Erfreut was deine Tafel ihm beschieden. Wird ihre Lippe, o Entsetzen! Die Schale voll von Graun benetzen, Die du der schuldbeladnen Schaar Am Tag der Rache bietest dar. Der ganze Chor . O Schrecken, wenn der Tag beginnt! O Traum, der bald in Nichts zerrinnt! O Irrthum voll Gefahr! 277   Dritter Aufzug. Erster Auftritt. Mathan . Nabal . Der Chor . Mathan . Ihr Mädchen, geht und saget Josabeth, Daß Mathan insgeheim sie sprechen will. Eines der Mädchen des Chors . Mathan! Allmächtiger, mach' ihn zu Schanden! Nabal . Wie, Alles flieht und Niemand giebt dir Antwort? Mathan . So laß uns näher gehn.   Zweiter Auftritt. Zacharias . Mathan . Nabal . Zacharias . Wohin, Verwegner? Nicht über diese Schwelle! Dies hier ist Das heil'ge Haus geweihter Gottesdiener, Das kein Unheiliger betreten darf. Wen sucht ihr hier? An diesem hehren Tag Bebt vor der Götzendiener sünd'gem Anblick Mein Vater scheu zurück, und meine Mutter, Die im Gebete vor dem Ew'gen kniet, Will nicht in dieser heil'gen Pflicht gestört sein. 278 Mathan . Beruh'ge dich, mein Sohn, wir werden warten. Die edle Mutter ist's, mit der zu reden Ich hier bin auf der Königin Befehl.   Dritter Auftritt. Nabal . Mathan . Nabal . Die Kinder sind schon trotzig wie sie selbst. Was aber führt Athalia im Sinn, Woher bei ihr die schwankenden Entschlüsse? Heut morgen war sie durch des Joad Hochmuth Verletzt, im Traume hatte sie ein Kind Bedroht, sie wollt' im Zorn den Joad opfern, Und Baal und dich in diesen Tempel setzen; Du gabst mir deine Freude drüber kund, Und ich versprach mir Antheil an der Beute. Warum denn schwankt sie plötzlich im Entschluß? Mathan . Freund, seit zwei Tagen kenn' ich sie nicht wieder. Sie ist die stolze, klare Königin Erhaben über ihr Geschlecht nicht mehr, Die die erstaunten Feinde niederwarf Und ganz den Werth des Augenblicks erkannte. Jetzt trübt Gewissensangst die große Seele, Sie schwankt und zagt, und kurz, sie ist ein Weib. Ich hatte eben noch mit Haß und Groll Ihr Herz erfüllt, das von des Himmels Drohung Schon tief erschüttert war, sie selbst, indem sie Die Sorg' um ihre Rache mir vertraute, Rieth mir, die Wachen eilig zu versammeln. Doch sei's, daß die Erscheinung jenes Kindes, Das von den Eltern ausgestoßen ward, Das Schrecken jenes Traums verminderte, 279 Sei's, daß besondrer Reiz sie fesselte. Ich sah, wie nach und nach ihr Zorn sich legte, Wie sie die Rach' auf morgen schon verschob, Und alle ihre Plän' in Nichts zerrannen. Ich aber sprach: Vom Schicksal dieses Kindes Ließ ich mich unterrichten. Schon beginnt Man seiner Ahnen hohen Glanz zu rühmen, Schon zeigt ihn Joad der Rebellenschaar Von Zeit zu Zeit und stellt den Juden ihn Wie einen zweiten Moses hin. Er stützt Dabei sich auf Orakeltrug. Dies Wort Rief plötzlich Zornesglut auf ihre Stirn; Noch nie hat eine gut erfundne Lüge So rasch gewirkt, denn plötzlich rief sie aus: Soll ich in Ungewißheit mich verzehren? Nein, nein, ich will der Zweifel mich entled'gen, Du selbst verkünde Josabeth dies Urtheil. Die Glut ist schon entfacht, das Schwert bereit! Erhalt' ich nicht zum Pfande jenes Kind, So wird ihr Tempel bald vernichtet sein. Nabal . Sie werden doch um eines Knaben willen, Den sie nicht kennen, den der Zufall ihnen Entgegenbrachte, ihren Tempel nicht Zu Grunde richten lassen? Mathan . Ach, erkenne Nur erst den stolzesten der Sterblichen. Eh' Joad dieses Kind mir überläßt, Das er für seinen Gott bestimmt hat, sähest Du ihn die schlimmste Todesqual erleiden. Und dann ist ihre Liebe zu dem Kinde Ja augenscheinlich. Hab' ich die Erzählung Der Kön'gin recht verstanden, nun so weiß Das Kind mehr, als es sagt, von seiner Abkunft. Wer er auch sei, verderblich wird er ihnen. 280 Was dann geschehen wird, ist meine Sache. Bald wird, so hoff' ich, Schwert und Feuer mich Befrein vom Anblick des verhaßten Tempels. Nabal . Wer füllt dein Herz mit Haß so mächtig an? Reißt so der Eifer um den Baal dich hin? Ich, wie du weißt, aus Ismaels Stamm entsprossen, Dien' Baal nicht, noch dem Gotte Israels. Mathan . Freund, wähnst du, daß ich mich in blindem Eifer Verblende für ein eiteles Idol, Für ein zerbrechlich Holz, an dem die Würmer Trotz meiner Sorge nagen Tag für Tag? Geborner Diener jenes Gottes, den In diesem Tempel man verehrt, würd' ich, Wie einst ich that, ihm heut vielleicht noch dienen, Wenn Sinn für Größ' und Macht, die Lust zu herrschen Sich mit so enger Pflichten Joch vertrüge. Brauch' ich dich an den weltberühmten Zwist, Den ich mit Joad hatte, zu erinnern, Als ich das Weihrauchfaß ihm streitig machte, An alle meine Ränke, meine Kämpfe, Und an die Thränen der Verzweifelung? Von ihm besiegt wählt' ich ein andres Loos Und wandte meinen Sinn dem Hofe zu. Der Kön'ge Ohr gewann ich nach und nach, Und bald ward meine Meinung zum Orakel. Ihr Herz erforschend, ihren Launen schmeichelnd, Bestreute ich des Abgrunds Rand mit Blumen. Galt's die Befried'gung ihrer Leidenschaft, Dann war mir Nichts mehr heilig; wie sie's wünschten, Gab ich jedwedem Ding Gewicht und Maß. Wenn Joads unbeugsame, rauhe Sprache Das weichliche, verwöhnte Ohr verletzte, Entzückt' ich sie durch mein geschmeidig Wesen. Die ernste Wahrheit ihrem Blick verbergend 281 Verlieh ich ihren Lastern hell're Farben Und war vor Allem niemals sparsam mit Dem Blut des unterdrückten, niedren Volkes. Da ward dem neuen Gott, den sie einführte, Ein Tempel von Athaliens Hand gebaut. Ob der Entweihung war Jerusalem In Thränen, Levis Kinder, schreckerfüllt, Erhoben lautes Wehgeschrei zum Himmel. Ich ganz allein gab den verschüchterten Hebräern eines kühnen Muthes Beispiel. Abtrünnig, wie ich war, lobt' ich die That, Und so gewann ich mir die Priesterschaft Des Baal und wurde meinem Nebenbuhler Ein Dorn im Aug'; ich schlang um meine Stirn Das heil'ge Diadem und schritt einher Als seines Gleichen. Doch, ich muß gestehn, Bei diesem hohen Glanz, der mich umgiebt, Wirft die Erinnrung an den Gott, den ich Verließ, oft Schatten in mein banges Herz. Das aber nährt und steigert meinen Haß. O könnt' ich Rach' an seinem Tempel üben, Ihm zeigen, wie sein Haß ohnmächtig ist, Und unter Trümmern, Leichen, Raub und Plündrung Gewaltsam des Gewissens Stimm' ersticken! Doch sieh, es nahet sich uns Josabeth.   Vierter Auftritt. Josabeth . Mathan . Nabal . Mathan . Die Ruhe herzustellen und den Haß Zu mildern, sandte mich die Königin. O Fürstin, die der Himmel sanft geschaffen, Sei nicht erstaunt, daß ich an dich mich wende. 282 Bedenklich stimmet ein Gerücht mir scheint's Erlogen zu des Himmels Warnung, die Im Traum ihr ward, und lockte schon auf Joad, Den man geheimer, schlimmer Pläne zeiht, Die ganze Ladung ihres Zorns herab. Nicht meine Dienste will ich hier dir rühmen, Nur kenn' ich Joads Ungerechtigkeit; Doch Böses muß man ja mit Gutem lohnen. Kurz, ich erscheine hier mit Friedensworten. Lebt, feiert unbelästigt eure Feste, Ein Pfand jedoch will sie von eurer Treue. Umsonst bemüht' ich mich, ihr's auszureden: Ihr sollt das elternlose Kind, das sie, Wie sie mir sagt', hier sah, ihr überliefern. Josabeth . Eliazim? Mathan . Ihretwegen bin ich fast Beschämt. Wie konnt' ein eitler, leerer Traum Sie so erschüttern? Ihr macht sie jedoch Zu eurer ärgsten Feindin, wenn ihr nicht Alsbald das Kind ihr übergebt. Sie harrt Mit Ungeduld auf das, was ihr beschließt. Josabeth . Ist das die Friedensbotschaft, die du bringst? Mathan . Und wie, du zauderst noch, sie anzunehmen? Erkauft ihr durch so unbedeutende Gefälligkeit den Frieden euch zu theuer? Josabeth . Schon war ich ganz erstaunt, daß Mathan, frei Von Hinterlist, sein ungerechtes Herz Bekämpft' und er, der schon so viel Des Bösen that, ein wenig Gutes nun Zu thun gedachte. 283 Mathan . Weß beklagst du dich? Kommt man, dein Kind, den Zacharias, dir Aus deinen Armen zu entreißen? Wer Ist aber jener Knabe, der euch Allen So theuer scheint, den ihr so sorgsam pflegt? Mich wundert deine Zärtlichkeit für ihn. Ist er euch ein so werther, seltner Schatz, Ist's ein Erlöser gar, den euch der Himmel Bereit hält? Merkt es euch, wenn ihr ihn mir Verweigert, könnt' ich dem Gerüchte glauben, Das man im Stillen auszustreun beginnt. Josabeth . Welch ein Gerücht? Mathan . Daß er von edler Abkunft, Daß dein Gemahl zu Großem ihn bestimmt. Josabeth . Und dies Gerücht, das seinem Hasse dient, Weiß Mathan zu benutzen! Mathan . Fürstin, dir Liegt's ob, mich von dem Irrthum zu befrein. Ich weiß, daß Lügen dir ein Greu'l, du würdest Dein Leben lieber opfern, als die Wahrheit Nur durch ein einzig falsches Wort entstellen. Sprich, hat man denn vom Schicksal dieses Kindes Nicht die geringste Spur? Umhüllt ein Dunkel, Das undurchdringlich, sein Geschlecht? Du selbst Weißt nicht, wer seine Eltern sind, von wem Es Joad hat bekommen? Sprich, ich höre Und bin bereit, zu glauben. Gieb dem Gott, An den du glaubst, die Ehre. Josabeth . Ziemt es dir, Verworfener, von einem Gott zu reden, 284 Den Andre du zu schmähen lehrst? Kannst du Ein Zeugniß jener Wahrheit geben, du, Der auf dem Stuhle sitzt, den rings die Pest Umhaucht, wo Lüge thronet und ihr Gift Verbreitet, du Elender, der du groß Geworden in Verrätherei und Trug?   Fünfter Auftritt. Joad . Josabeth . Mathan . Nabal . Joad . Wo bin ich? Seh' ich nicht den Priester Baals? Du, Davids Tochter, sprichst mit dem Verräther? Du duldest, daß er zu dir spricht, und fürchtest Nicht, daß der Erde Schlund vor dir sich aufthut Und plötzlich Flammen aus dem Abgrund steigen, Daß auf ihn stürzend diese Mauern dich Zugleich mit ihm zermalmen? Was begehrt er, Wie kann der freche Gottesfeind es wagen, Die Luft, die man hier athmet, zu vergiften? Mathan . An dieser Leidenschaft erkennt man gleich Den Joad; doch er thäte wahrlich besser, Vorsichtiger zu sein, die Königin Zu achten und den Träger ihrer Botschaft Nicht zu beleid'gen. Joad . Nun, was ist's so Schlimmes, Das sie uns zu entbieten hat, und was Befiehlt sie uns durch einen solchen Diener? Mathan . Ich habe Josabeth es schon verkündet. Joad . Fort aus den Augen mir, du Ungeheuer Der Gottvergessenheit! Geh', mach' es voll, 285 Das Maß all' deiner Greuel! Gott wird bald Dich zugesellen den Meineid'gen: Abiram, Dathan, Doeg, Ahitophel! Die Hunde, denen er einst Jesabel Zur Beute gab, sie warten nur, bis sich Sein heil'ger Zorn auf dich ergießt, sie sind Schon an der Thür und harren ihres Fraßes. Mathan . Noch vor des Tages Ende wird man sehn, Wer von uns Beiden . . . doch komm, Nabal, gehn wir. Nabal . Wohin verirrst du dich? Wie hat Bestürzung Auf einmal deiner Sinne sich bemächtigt? Hierhin geht unser Weg . . . .   Sechster Auftritt. Joad . Josabeth . Josabeth . Der Sturm bricht los, Athalia fordert wüthend den Eliazim. Man dringt schon ins Geheimniß deiner Pläne Und seiner Abkunft; wenig fehlte noch, Daß Mathan mir schon seinen Vater nannte. Joad . Wer hätt' es dem Verräther denn entdeckt? Hat deine Angst ihm nicht zu viel enthüllt? Josabeth . Mein Möglichstes hab' ich gethan, sie zu Bemeistern; aber glaube mir, schon drohn Uns rings Gefahren, laß für beßre Zeiten Das Kind in Sicherheit uns bringen. Laß, Dieweil die Bösen Pläne schmieden, mich Zum zweiten Mal ihn bergen, eh' man ihn Umringt und uns entreißt. Die Thore stehn 286 Noch offen, und die Wege sind noch frei. Soll ich ihn in die schlimmste Wüste bringen? Ich bin bereit, ich kenne einen Ausgang, Auf dem ich unbemerkt den Bach des Kidron Durchschreitend ihn dorthin geleiten kann, Wo David, Rettung suchend in der Flucht, Sich der Verfolgung seines Sohns entzog, Der gegen ihn im Aufstand war; um ihn Würd' ich die Bären nicht und Löwen fürchten. Jedoch warum verschmähn wir Jehus Hülfe? Vielleicht ist dies ein guter Wink für dich, Laß Jehu dieses Schatzes Hüter sein! Man könnte ihn in seine Staaten führen; Der Weg dahin ist nicht so weit, und Jehu Hat keineswegs ein unerbittlich Herz, Der Name Davids hat ihm guten Klang. Ach, giebt es einen König, der so hart Und grausam wär', es müßte Jesabel Denn seine Mutter sein, daß ihn das Schicksal Solch eines Hülfeflehenden nicht rührte? Ist seine Sache nicht die aller Fürsten? Joad . So zahmen Rath wagst du mir zu ertheilen, Auf Jehus Schutz und Hülfe willst du baun? Josabeth . Verbietet Gott denn jede Sorg' und Vorsicht, Muß zu viel Selbstvertraun ihn nicht verletzen? Bedient er nicht zu seinen hohen Plänen Sich oft der Sterblichen, und hat er nicht Die Waffen selbst in Jehus Hand gelegt? Joad . Jehu, den seine tiefe Weisheit sich Ersah, auf den sich deine Hoffnung gründet, Vergaß mit Undank seine Wohlthat schon. Jehu läßt Ahabs grauenvolle Tochter 287 In Ruh' und folgt dem Beispiel, welches frevelnd Die Fürsten Israels ihm gaben. Schont Er doch die Tempel des Aegypter Götzen! Jehu, der auf des Berges Höhen Weihrauch, Den Gott nicht dulden kann, zu opfern wagte, Hat nicht den festen Muth, die reine Hand, Um Gottes Sache zu vertheid'gen Und Unbill, die ihm widerfährt, zu rächen. Nein, an den Höchsten selber müssen wir Uns halten! Laß Eliazim jetzt uns zeigen Und, statt ihn ängstlich zu verbergen, laß Sein Haupt uns mit der Königsbinde schmücken! Ich will sogar die anberaumte Stunde Beschleunigen, damit der Plan, den Mathan Ersinnt, uns nicht bedroh' und überrasche.   Siebenter Auftritt. Joad . Josabeth . Azarias , begleitet vom Chor und mehreren Leviten. Joad . Azarias, ist der Tempel nun verschlossen? Azarias . Ja, jeden Zugang ließ ich schließen. Joad . Also Bliebst du nur übrig und die heil'ge Schaar? Azarias . Zu zweien Malen macht' ich in dem Vorhof Des Tempels meine Runde. Alles floh, Und Niemand ist zurückgekehrt. Die Furcht Hat diese jämmerliche Schaar verjagt, Und nur noch vom geweihten Stamm wird Gott Bedient. Seit dieses Volk vor Pharao floh, 288 Ward es noch nie von solchem Schreck befallen. Feig sind sie in der That, geboren nur Zur Sklaverei und kühn nur gegen Gott. Doch wer hält noch die Kinder hier zurück? Eine der Jungfrauen des Chors . Wie könnten wir, o Herr, von dir uns trennen, Sind wir denn fremd im Tempel unsres Gottes? Sind doch bei dir die Väter und die Brüder! Eine Andere . Ach, können wir auch nicht wie Jahel einst Der Gottesfeinde freches Haupt durchbohren, Die tiefe Schande Israels zu rächen, So dürfen wir doch Gott das Leben weihn. Wenn euer Arm für unsren Tempel kämpft, Steigt unser heißes Flehn zu ihm empor. Joad . Sieh, solche Rächer waffnen sich für dich. Nur Priester, Kinder sind's, o ew'ge Weisheit! Doch wenn du hilfst, wer kann sie dann erschüttern? Du rufst uns, wenn du willst, selbst aus der Gruft, Du schlägst und heilst, du tödtest und erweckest. Nicht auf die eigene Gerechtigkeit, Wir baun auf deinen oft gerufnen Namen Und auf die Eide, welche du geschworen Dem edelsten von unsren Königen, Auf diesen Tempel, den du selber dir Zur Wohnung auserkoren, der noch länger Als selbst das Licht der Sonne dauern wird. Doch welch ein heil'ger Schauer füllt urplötzlich Die Seele mir! Ist's Gottes Geist, der mich Ergreift? Er ist es, ja, er glüht in mir, Er spricht, es öffnen meine Augen sich Und schauen kommende Jahrhunderte. Leviten, leiht mir eures Wohllauts Klänge Und tragt auf euren Rhythmen mich empor. 289 Der Chor (singt zum Klang aller Instrumente) . O heil'ger Gott, laß deine Stimm' erschallen, Sie dringe tief in unsre Herzen ein, Thautropfen gleich, die auf die Gräser fallen, Gleich Lenzeswehn beim Morgenschein. Joad . Ihr Himmel, hört mich! Erde, leih' dein Ohr! Jakob, nicht sag', es schlafe Gottes Macht. Zurück, ihr Frevler, denn der Herr erwacht Und mächtig reißt er mich empor. (Die Symphonie beginnt aufs Neue und Joad spricht sogleich wieder.) Wie ist das reine Gold zu Blei geworden, Wer konnt' am heil'gen Ort den Priester morden? Wein', o Jerusalem, du Unglücksstadt, Die Gottes Seherschaar vernichtet hat! Gott kehrt sich ab, sein Herz ist nicht mehr dein, Der Weihrauch, den du bringst, ist ihm nicht rein. Wo führt ihr jene Kinder hin und Fraun? Die Königin der Städte ist vernichtet, Priester gefesselt, Könige gerichtet, Auf Opfer und Gebet hat Gott verzichtet! Umhülle dich mit Nacht und Graun, Du heil'ger Tempel, stürz' zusammen; Ihr Cedern, sprühet Flammen! Jerusalem, die ich beklage, Wie wurdest du an Einem Tage Der Reize, die dich schmücken, baar! Die Augen mögen immerdar Zum Quell der Thränen sich vereinen, Dich, Hohe, zu beweinen, Die einst so groß, so herrlich war. Azarias . O heil'ger Tempel! Josabeth . David! 290 Der Chor . Sieh hernieder, Gott Zions, sei uns mild und freundlich wieder. Joad . Jerusalem, du steigest neu empor, Hell aus der Wüste hebst du dich hervor, Und deine Stirn trägt hochgeweiht, Das Zeichen der Unsterblichkeit. Ihr Völker alle, singt im Chor! Woher, die nicht dein Schooß gebar, Der Kinder ungezählte Schaar? Erhebe stolz dein Haupt, dich grüßen Der Völker Kön'ge, die dein Glanz erschreckt, Und küssen, auf den Knien dahingestreckt, Den Staub von deinen Füßen. Sieh, wie die Völker dir entgegen wallen! Glückselig, wessen Herz entbrannt In heil'ger Glut zu dir sich hat gewandt. Laß, Himmel, deinen Thau herniederfallen, Und der zum Heiland ward ersehn, Laß Erde ihn aus deinem Schooß entstehn! Josabeth . Woher, ach, kann uns dieser Segen kommen, Da doch die Könige, aus deren Stamm . . . . Joad . Bereite Josabeth, die heil'ge Binde, Die Davids hochgeweihte Stirne schmückte. Ihr aber folget mir, euch zu bewaffnen, Zum Orte, der, unheil'gen Blicken fern, Von Lanzen und von Schwertern starrt, Die einst in der Philister Blut sich tauchten, Die David, reich an Ruhm und Jahren einst, Dem Gott geweiht hat, der ihm Schutz gewährte. Giebt's einen edleren Gebrauch für sie? Kommt, ich will selbst sie unter euch vertheilen. 291   Achter Auftritt. Salomith . Der Chor . Salomith . O Schwestern, welche Angst und Pein! Allmächtiger, sind das die Gaben, Die Opfer und die Spezerein, Die wir dir heut zu bringen haben? Ein Mädchen aus dem Chor . O Unheil, das uns widerfährt, Wie kann so Schreckliches geschehn, Daß wir im Haus des Friedens blitzen sehn Des Krieges Werkzeug: Lanz' und Schwert? Ein andres Mädchen . Wie kommt's, daß, wo Gefahr sich zeigt, Jerusalem gleichgültig schweigt, Warum, ihr theuren Schwestern, spricht Zu unsrem Schutz der brave Abner nicht? Salomith . Weh' uns, an einem Hofe, wo nur thronen Gewaltsamkeit und Macht, Wo hohe Würden, Glanz und Pracht Der Schmeichler Kriecherei belohnen! Wer wagt' es wohl und liehe dort Der Unschuld, die erliegt, ein kühnes Wort? Ein drittes Mädchen . Für wen in schwerbedrängter Zeit Hält man das heil'ge Diadem bereit? Salomith . Gesprochen hat des Höchsten Mund, Doch nur dem Seher hat er sich enthüllt, Und ihm allein nur wird die Zukunft kund, Die unser Herz mit Angst erfüllt. Bewaffnet sich der Herr, um uns zu retten, Oder bedroht uns Tod, bedrohn uns Ketten? 292 Der ganze Chor . Verheißung, Drohung, dunkles Loos, Liegt Gutes, Böses in der Zukunft Schooß? Wie eint der Liebe unerschöpfter Born Sich mit der Rache, mit dem Zorn? Eine Stimme . Zion vergeht! In Glut und Flammen Stürzt seine Herrlichkeit zusammen! Eine andre Stimme e. Zion besteht! Und seiner Allmacht Wort Ist ihrer Zukunft Schutz und Hort. Die erste . Verschwinden seh' ich Zions Glanz und Pracht. Die zweite . Ich seh' sie strahlen durch die fernste Ferne. Die erste . Sie sank hinab in eines Abgrunds Nacht. Die zweite . Hell leuchtet ihre Stirn im Kranz der Sterne. Die erste . O tiefer Fall! Die zweite . O Glanz, o Ruhm,. o Schöne! Die erste . Welch Wehgeschrei! Die zweite . Horch, welche Siegestöne! Eine dritte Stimme . Laßt ab von Furcht, was Gott umhüllt mit Nacht, Wir werden's einst im Lichte schauen. Alle drei . Wir woll'n uns beugen vor der ew'gen Macht Und fest auf ihre Liebe bauen. 293 Eine andre Stimme . Das Herz. das hin zu dir sich neigt, Wer kann's in seinem Frieden stören, Wenn's dir allein will angehören, Und jegliche Begierde schweigt! Es kann im Himmel und auf Erden Nicht Glück noch Ruh' gefunden werden, Als wo das Herz zu dir sich neigt. 294   Vierter Aufzug. Erster Auftritt. Joas . Josabeth Zacharias Salomith . Ein Levit . Der Chor . Salomith . Mit feierlichem Schritte, meiner Mutter Zur Seite, naht sich Eliazim uns, Was tragen Beid' in jener Schleier Hüllen? Was soll das bloße Schwert in ihren Händen? Josabeth Leg' ehrfurchtsvoll, o Sohn, auf diesen Tisch Das Buch, das unser heiliges Gesetz Enthält, und du, mein holder Eliazim, Füg' dies erhabne Stirnband noch hinzu, Und du, Levit, so ist des Joad Wille, Leg' hier zu seiner Krone Davids Schwert. Joas . Wie soll ich dieses neue Schauspiel deuten, Warum das Buch, das Schwert, die Bind', o Fürstin? Seit ich im Tempel aufgenommen bin, Hab' ich ein solch Gepränge nicht gesehn. Josabeth Bald wird, mein Sohn, sich jeder Zweifel lösen. Joas . Du willst an meinem Haupt die Bind' erproben? Entweihe nicht, o Fürstin, ihren Glanz, Hab' Ehrfurcht vor des Königs Angedenken! 295 Wie kann ein Unglückskind, das einst den Bären Zum Fraß gegeben war . . . . Josabeth . Laß nur, mein Kind, Ich thue das, was mir befohlen ward. Joas . Doch heben Seufzer sich aus deiner Brust, Du weinst? Was rührt dich so zum Mitleid, Fürstin, Soll ich wie Jephthas Tochter einst den Zorn Des Herrn durch meinen Tod besänft'gen? Ein Sohn besitzt ja Nichts, was nicht zugleich Dem Vater angehörte. Josabeth . Sieh, da kommt er, Der Gottes Willen dir verkünden wird. Sei ohne Furcht. Ihr Andren laßt uns gehn. Joas Mein Vater! Joad . Nun, mein Sohn . . . . Joas . Was wird, o sage, Hier vorbereitet? Joad . Mir gebeut die Pflicht, Dir's zu erklären: du vor Allem mußt Den großen Plan erfahren, den der Höchste Auf dich und auf sein Volk gegründet hat. Mit Muth und neuer Glaubenskraft Mußt du dich deshalb waffnen. Es ist Zeit, Daß du den Muth und jenen Eifer zeigst, Den ich bemüht war, dir ins Herz zu gießen, 296 Daß Gott du zahlst, was du ihm schuldig bist. Fühlst du in dir dies hohe, edle Feuer? Joas . Ich bin bereit, mein Leben ihm, wenn er's Verlangt, zu opfern. Joad . Man hat dir die Geschichte uns'rer Kön'ge Schon oft erzählt; gedenkst du wohl, mein Sohn, Durch welch ein streng Gesetz der Fürst gebunden, Der einer Königskrone werth sein will? Joas . Ein wahrer König, Gott sprach selbst es aus, Sucht nie auf goldne Schätze sich zu stützen, Er fürchtet Gott, den Herrn, und hat vor Augen Stets seine Lehre, sein Gesetz, sein strenges Urtheil, Er drückt die Brüder nie mit harten Lasten. Joad . Doch solltest einen du zum Vorbild nehmen, Sag' mir, mein Sohn, wem wünschtest du zu gleichen? Joas . David, der treu den Herrn geliebt, scheint mir Das Muster aller Könige zu sein. Joad . Du würdest also nicht in ihrem Frevel Dem ungetreuen Joram und Ahasja, Den Gottvergessnen, folgen? Joas . O mein Vater! Joad . Vollende, sprich, wie denkst du über sie? Joas . Verderben Jedem, welcher ihnen gleicht. In welcher Stellung seh' ich dich, mein Vater? Joad . Ich leiste meinem König schuld'ge Pflicht. Sei, Joas, deines Urahns David würdig. 297 Joas . Ich wäre Joas? Joad (sich erhebend) . So erfahre denn, Wie Gottes wunderbare Gnade, als Der Mordstahl schon auf deinen Busen zuckte, Der wüth'gen Mutter Plan vereitelte, Dich wählt' und aus dem Blutbad' rettete. Noch bist du sicher nicht vor ihrer Wuth, Denn mit demselben Grimm, mit dem sie einst Des Sohnes letztes Kind in dir verfolgte, Strebt grausam sie, dich jetzo zu verderben, Und spürt dir unter falschem Namen nach, Der dich verbirgt; doch unter deinen Fahnen Wußt' ich ein Volk, gehorsam und zur Rache Bereit, schon zu versammeln. Tretet ein, Ihr Häupter unsrer heiligen Geschlechter, Die ihr der Reihe nach das Priesteramt Verwaltet habt.   Dritter Auftritt. Joad . Joas . Azarias . Ismael . Drei andere Führer der Leviten . Joad . Sieh diese hier, sie sind's, Die dich an deinen Feinden rächen werden. Ihr Priester, dies ist der verheißne König. Azarias . Eliazim ist's! Ismael . Wie, dieses holde Kind? Joad . Er ist der wahre Erbe unsrer Kön'ge, Der letzte Sproß des traurigen Ahasja, Der, wie ihr wißt, den Namen Joas führte. Ganz Juda, das wie ihr um diese holde, So früh dahingeraffte Blüthe klagte, 298 Glaubt' ihn getroffen von der Brüder Loos, Doch Gott hat abgewehrt den Todesstreich; Er wahrt' in seiner Brust die Lebenswärme, Bevor sie ihn verließ, und gab es zu, Daß Josabeth, den Blick der Henker täuschend, Am Busen den noch Lebenden davontrug. Ich war als Zeug' allein dabei zugegen, Wie sie im Tempel Amm' und Kind verbarg. Joas . Ach, Vater, kann ich jemals so viel Liebe Und so viel Güte dir vergelten? Joad . Spare Auf beßre Zeiten deinen Dank. Ihr seht Hier euren König, eure einz'ge Hoffnung, Für euch hab' ich ihn sorgsam aufbewahrt. Jetzt, Diener Gottes, führt das Werk zum Ziele. Bald wird die blut'ge Tochter Jesabels, Wenn sie erfährt, daß Joas lebt, ihn wieder Versenken wollen in des Grabes Nacht. Sie sinnet schon, bevor sie ihn erkannte, Auf seinen Tod. Ihr habt die heil'ge Pflicht, Dem Ausbruch ihrer Wuth zuvorzukommen. Ihr müsset von der Knechtschaft schmähl'gem Joch Juda befrein, den Tod der Kön'ge rächen, Müßt unser heiliges Gesetz aufs Neu' Zur Geltung bringen und von beiden Stämmen, Juda und Benjamin, die Anerkennung Dem neuen Könige verschaffen. Freilich Ist schwer und voll Gefahr, was wir beginnen. Ich greife eine stolze Königin Auf ihrem Throne an, die mächt'ge Reihen Von trotz'gen Fremden, ungetreuen Juden Sich unter ihren Fahnen sammeln sieht; Doch meine Kraft beruht auf Gott, für den Allein ich kämpfe. Wißt: Auf diesem Kind 299 Beruht ganz Israel, Gott hat bereits Der Kön'gin Sinn verwirrt und schon gelang mir's, In ihrem Argwohn sie zu täuschen, hier Euch zu versammeln, meint sie doch, wir sei'n Hier ohne Wehr und Schutz. Drum laßt uns Joas Sofort zum König krönen und erklären Und dann, des neuen Fürsten muth'ge Krieger, Anrufend den gewalt'gen Schlachtenlenker, Zum Kampfe ziehn, laßt uns aufs Neu' die Glut, Die schon erlosch, im Herzen wecken. Auf, Den Feind zu suchen in der Königsburg! Wer, ob in feigen Schlummer auch versunken, Wird, wenn er uns in heil'ger Rüstung sieht, Nicht gern und eifrig unsrem Beispiel folgen! Ein König, den Gott selbst in seinem Tempel Erzog, ein Erbe Aarons, rings umgeben Von seinen Priestern, der die Kinder Levis Zum Streite führt und in verehrter Hand Des David gottgeweihte Waffen trägt! Gott sendet selbst den Schreck in seine Feinde. Auf, scheut euch nicht und badet euch Im Blut der Ungetreuen, schlagt die Tyrier Die Israeliten selber nieder! Stammt Ihr denn nicht ab von jenen hochberühmten Leviten, die, als in der Wüste einst Das wankelmüth'ge Israel den Gott des Nils Anbetete, mit heil'ger Mörderhand Der eig'nen Brüder treulos Blut vergossen? Erwarben sie euch nicht durch diese That Das Vorrecht, Gottes Altar zu bedienen? So schwöret denn auf dieses heil'ge Buch Dem König, den uns heut' der Himmel schenkt, Daß ihr ihm leben, kämpfen, sterben wollt. Azarias (am Ende der Tafel die Hand auf das heilige Buch legend) . Wir schwören hier für uns und unsre Brüder, 300 Den Joas auf der Väter Thron zu setzen, Nicht eh'r das Schwert aus unsrer Hand zu legen, Als bis wir ihn an seinen Feinden rächten! Wenn ein Verräther diesen Eidschwur bricht, Dann laß, o Gott, ihn deine Rache treffen, Es sei'n von deinem Erbe seine Kinder Mit ihm auf ewig ausgeschlossen und Den Todten zugezählt, die du nicht mehr Erkennst! Joad . Und du, o König, schwörst auch du nicht Der ew'gen Richtschnur, dem Gesetz, die Treue? Joas . Wie könnt' ich dem Gesetz mich je entziehn? Joad . Mein Sohn, noch geb' ich diesen Namen dir, Erzogen fern vom Thron, kennst du noch nicht Den gift'gen Reiz verhängnißvoller Ehre, Noch nicht den Rausch der unbeschränkten Macht, Noch nicht die Zauberstimme feiger Schmeichler, Die bald dir sagen werden, die Gesetze Sei'n zwar die Herrn des Volks, doch sie gehorchten Dem Könige, der keinen andren Zügel Als seinen eignen Willen kennt, der Alles Dem Glanz der Herrscherwürde opfern darf, Dieweil das Volk, zur Arbeit und zu Thränen Verdammt, mit ehrnem Scepter will beherrscht sein Und nicht gedrückt, bald selber drücken wird. So werden sie von Schling' zu Schlinge dich Von einem Abgrund zu dem andern führen, Verderbend deiner Sitten holde Reinheit, Sie werden dich die Wahrheit hassen lehren Und selbst die Tugend dir als häßlich malen. Ach, haben sie denn nicht den weisesten Der Könige verlockt? Gelob', o Sohn, Auf dieses Buch, vor diesen Zeugen hier, 301 Daß deine erste Sorge Gott stets sein wird, Daß, streng den Bösen und der Guten Zuflucht, Du ihn zum Richter zwischen dir und zwischen Dem niedren Volke machen willst, bedenkend, Daß du, so lang dies Kleid dich barg, so arm Wie sie und eine Waise warst. Joas (in der Mitte der Tafel die Hand auf das heilige Buch legend) . Ich werde, Was das Gesetz gebietet, streng erfüllen; Bestrafe mich, mein Gott, so ich dich lasse! Joad . Komm, salben will ich dich mit heil'gem Oel, Und du, o Josabeth, magst jetzt erscheinen.   Vierter Auftritt. Joas Joad . Josabeth . Zacharias . Salomith . Azarias . Ismael . Drei andre Häupter der Leviten . Der Chor . Josabeth (Joas umarmend) . O König, Davids Sproß! Joas . O theure Mutter, Umarme, Zacharias, deinen Bruder. Josabeth . Vor deinem König beuge dich aufs Knie. (Zacharias wirft sich dem Joas zu Füßen) Joad (während sie einander umarmen) . O bliebt ihr immer so vereint, ihr Kinder! Josabeth . Du weißt es jetzt, wer dir das Leben gab. Joas . Und wer mir's ohne euch genommen hätte. Josabeth . So darf ich dich mit deinem Namen nennen? 302 Joas . Joas wird nie aufhören, dich zu lieben. Der Chor . Wie, der ist? Josabeth . Joas! Joad . Aber hören wir, Was der Levit uns mitzutheilen hat.   Fünfter Auftritt. Joas Josabeth . Joad . Zacharias . Salomith . Azarias . Ismael . Ein Levit . Drei andre Levitenführer . Der Chor . Ein Levit . Ich weiß nicht, was man gegen unsren Gott Im Schilde führt, doch blitzet überall Das droh'nde Erz, und zwischen den Standarten Sieht man's wie Feuer glühn. Athalia scheint Ihr Heergefolge ringsher zu versammeln, Schon schloß der Hülfe jeder Zugang sich. Der heil'ge Berg, auf dem der Tempel steht, Ist von den frechen Tyriern besetzt, Und lästernd gab uns Einer zu verstehn, Daß Abner schon in Ketten lieg' und nicht Im Stande sei, uns zu vertheidigen. Josabeth (zu Joas) . O theures Kind, das, ach! der Himmel uns Umsonst zurückgegeben, was ich konnte, Hab' ich gethan, um dich zu retten, Doch Gott gedenkt nicht Davids, deines Vaters. Joad (zu Josabeth) . Wie, fürchtest du denn nicht, auf dich und auf Den König, welcher dir so theuer ist, Den Zorn des Herrn herabzuziehn, und wenn Er, ihn auf immer dir entreißend, wollte, 303 Daß Davids Stamm erlöschen soll, stehst du Nicht auf dem heil'gen Berg, allwo der Vater Der Juden gegen sein unschuldig Kind, Gehorsam ohne Murren wider Gott, Die Hand erhob und seines Alters Frucht Auf einen Holzstoß legte, ihn zu opfern, Indem er Gott es überließ, wie er Erfüllen würde die Verheißung, wo Den lieben Sohn, in dem die ganze Hoffnung Des Stamms enthalten war, er hin ihm gab? Ihr Freunde, theilet euch! Ismael mag Die ganze Seite überwachen, die Zum Stern des Bären neigt, und ihr den Mittag. Ihr zieht gen Abend; aber keiner soll, Ob Priester, ob Levit, durch Uebereilung Den Plan enthüllen, den ich ausgedacht, Und vor der Zeit des Tempels Raum verlassen. Ein Jeglicher, vom gleichen Geist beseelt, Bewahre sterbend noch den Platz, den ich Ihm angezeigt. In seiner Blindheit Wuth Betrachtet uns der Feind wie eine Horde, Nur gut, daß man sie niedermetzele, Und wähnt, er fände nur Verwirrung hier Und Furcht. Azarias soll dem Könige Zur Seite stehn (Zu Joas) O komm, du theurer Sproß Des mächt'gen Stamms, erfüll' mit neuem Muthe Sie Alle, die zum Schutz sich um dich reihn! Setz' dir das Diadem vor ihren Augen Aufs Haupt, und mußt du untergehn, so falle Als König. Folg' ihm, Josabeth, (zu einem Leviten) und du, Gieb mir die Waffen. (Zum Chor) Kinder, bringet Gott Als Opfer eurer Unschuld Thränen dar. 304   Sechster Auftritt. Salomith . Der Chor . Der Chor . Ihr Kinder Aarons, seid zum Kampf bereit Und ziehet aus, den blut'gen Strauß zu wagen. Es wurde nie in unsrer Väter Zeit Gekämpft in einem beßren Streit. Drum, Kinder Aarons, seid zum Kampf bereit, Zur Ehre Gottes wird die Schlacht geschlagen. Eine Stimme (allein) . Wo sind die Pfeile, die du einst gesandt, Mein Gott, für die gerechte Sache, Bist du nicht eifrig mehr, nicht zornentbrannt, Bist du nicht mehr der Gott der Rache? Eine andre Stimme . Wo ist, Gott Jakobs, deine alte Huld Bei unsres Kummers bittren Zähren, Vernimmst du nur die Stimme unsrer Schuld. Darfst du Vergebung nicht gewähren? Der Chor . Wo ist, Gott Jakobs, deine alte Huld? Eine Stimme (allein) . Der Pfeil der Frevler ist auf dich gerichtet, Sie ziehen gegen dich zum Streit Und sprechen höhnend: Auf! vernichtet Auf immer seine Herrlichkeit! Auf! werft zu Boden den Altar. Erdrosselt seiner Heil'gen Schaar! Wir woll'n die Welt von seinem Joch befrein, Sein Name, seiner Hoheit Pracht, Versunken in des Grabes Nacht, Soll'n immerdar vergessen sein, Daß nimmermehr er ob uns schalte, Als Herr nie sein Gesalbter walte! 305 Der Chor . Wo sind die Pfeile, die du einst gesandt, Mein Gott, für die gerechte Sache? Bist du nicht eifrig mehr, nicht zornentbrannt, Bist du nicht mehr der Gott der Rache? Eine Stimme . O, unglücksel'ger Königssohn, Der du der Erbe bist von Davids Thron, Vom edlen Stamme, den wir lieben! Zuckt schon der wilden Mutter Stahl Auf deine Brust zum zweiten Mal, Daß sie dem Todesstoß erliege? O, sag' uns, ob an deiner Wiege Ein Engel dich geschirmt vor grausem Mord, Ob Gott durch seiner Allmacht Wort, Zurück dich rufend aus des Grabes Nacht, Aufs Neue deine Asche hat entfacht? Eine andre Stimme . Willst du, Allmächt'ger, die Verbrechen Der Väter an den Kindern rächen, Daß sie in Angst und Kummer sich verzehren? Der Chor . Gott Jakobs, wo ist deine alte Huld, Darfst du Vergebung nicht gewähren? Gedenkst du stets noch der vergangnen Schuld? Eine Stimme (ohne zu singen) . Ihr Schwestern, horcht, ertönt nicht schon Der wilden Tyrier Trompetenton? Salomith . Ich hör' und zittere dabei Der Söldner wüthendes Geschrei. O, laßt zurück uns ziehn In jene stille, sichre Zelle, Die Schutz uns beut auf heil'ger Schwelle, O, laßt uns eilen, laßt uns fliehn! 306   Fünfter Aufzug. Erster Auftritt. Zacharias . Salomith . Der Chor . Salomith . Nun, lieber Zacharias, sag', was bringst du? Zacharias . Verdoppelt euer heißes Flehn zum Herrn! Bald schlägt vielleicht für uns die letzte Stunde, Schon, Schwester, gab man den Befehl zum Kampf. Salomith . Und Joas? Zacharias . Joas wurde jetzt gekrönt, Der Hohepriester hat sein Haupt gesalbt. O Himmel, welche Freud' in jedem Auge Beim Anblick des vom Tod erstandnen Königs, Der noch die Spur der Todeswunde trägt! Auch zeigte die getreue Amme sich, Die in des weiten Baus geheimstem Winkel, Von Gott und meiner Mutter nur gesehn, Sich barg und dieses theure Pfand bewahrte. Vor Freud' und Rührung weinten die Leviten Und mischten lauten Jubelruf darein; Er aber blieb bei solchem Wonnetaumel Leutselig, frei von Stolz, gab hier die Hand Und grüßte dort mit sanftem Blick. Er that 307 Den Schwur, nach ihrer Weisheit Rath zu handeln Und nannte seine Väter, Brüder sie. Salomith . Drang dies Geheimniß schon nach außen hin? Zacharias . Noch ist es auf des Tempels Raum beschränkt. Die Kinder Levis, in zwei Reihn getheilt, Stehn schweigend an den Thoren aufgestellt, Sie brechen all' auf Einmal dann hervor Und rufen laut: Es lebe König Joas! Doch darf der König nicht sich in Gefahr Begeben; ihm zur Seite bleibt, so will's Mein Vater, Azarias. Unterdessen Verhöhnt, den Dolch in ihrer Hand, Athalia Das schwache Bollwerk unsrer ehrnen Thore, Sie denkt mit Sturmmaschinen sie zu brechen Und sinnt nur auf Zerstörung, Mord und Brand. Zwar schlugen ein'ge Priester vor, man sollte Ins unterirdische Gewölbe, das Einst unsrer Väter Hand gebaut, in Eile Die heil'ge Bundeslade bringen, doch Mein Vater sprach: Schämt ihr euch nicht der Angst, Die so unwürdig wie verletzend ist? Die heil'ge Lade hat manch stolzen Thurm Zu Fall gebracht, sie trieb des Jordans Lauf Zurück, sie siegte über fremde Götter Und soll vor einem frechen Weibe fliehn? Die Mutter weilt indeß beim Könige Und blickt verwirrt bald zum Altar und bald Auf ihn, sie könnt' in ihrer Angst und Qual Die Feinde selbst zum tiefsten Mitleid zwingen. Joas umarmt sie dann von Zeit zu Zeit Und sucht mit sanften Worten sie zu trösten. Kommt, theure Schwestern, folget mir, und soll Noch heute unser König untergehn, So mög' ein gleiches Loos mit ihm uns einen. 308 Salomith . Welch fremde Hand klopft an des Tempels Thor, Was rennen die Leviten so bestürzt? Warum verbergen sie voll Angst die Waffen? Brach man schon in den Tempel ein? Zacharias . Seid ruhig, Gott sendet hier uns Abner.   Zweiter Auftritt. Abner Joad . Josabeth . Zacharias . Salomith . Ismael . Zwei Leviten . Der Chor . Joad . Theurer Freund, Darf ich den Augen traun? Auf welchem Pfad Kamst du durch's Feindeslager bis zu uns? Man sagte, die verruchte Tochter Ahabs, Sie hätt', um ihre Pläne auszuführen, Mit Ketten schmachvoll dich belasten lassen. Abner . Ja, Herr, ihr bangt vor meinem Muth und Eifer, Doch hatte sie noch Schlimmres mit mir vor. Auf ihr Geheiß in Kerkers Nacht geworfen, War nach des Tempels Brand ich drauf gefaßt, Daß sie, noch satt nicht vom vergoßnen Blut, Mich von der Tage Last befreien würde. O, hätte sie der Kummer, meinen König Zu überleben, längst doch schon gekürzt! Joad . Durch welch ein Wunder wurdest du begnadigt? Abner . Gott weiß, was in ihr vorgeht, aber plötzlich Ließ sie mich rufen und sie sprach zu mir Verstörten Angesichts: Du siehst, wie dieser Tempel 309 Von meinen Söldnern schon umzingelt wurde, Die Wuth des Feuers wird ihn bald zerstören, Und selbst dein Gott wird ihn nicht schützen können; Doch können eure Priester (nur bedarf's Der Eile) auf Bedingung los sich kaufen: Eliazim liefre man in meine Hände Und bringe mir den Schatz, von dem, ich weiß, Sie Kunde haben, und den David einst Dem Hohenpriester anvertraute! Geh' Und melde, daß um diesen Preis ihr Leben Gesichert ist. Joad . Was räthst du, Abner? Meinst du, Mau müss' ihr Folge leisten? Abner . Alles Gold, Wenn's wahr ist, daß ihr einen Schatz von David Bewahrt, und Alles, was ihr sonst an reichen Und seltnen Dingen ihrer Gier entzogt, Gebt es ihr hin, so rath' ich euch. Wollt ihr, Daß rohe Mörderhand euch den Altar Zertrümmre und die Cherubim verbrenne, Und Hand an unsre Bundeslade legend Das Heiligthum mit eurem Blut beflecke? Joad . Doch, Abner, würd' es edlen Herzen ziemen, Ein hilflos Kind dem Tode preis zu geben, Ein Kind, das Gott mir selber anvertraute, Um uns mit seinem Leben frei zu kaufen? Abner . Gott sieht mein Herz. Ach, gäbe Gott, Athalia Vergäße dies unschuld'ge Kind und wäre Mit meinem Blut zufrieden, in der Hoffnung, Dadurch den Himmel, der mit Angst sie quält, Zu sühnen! Aber sprich, was kann dem Joas Dein Mühn und Sorgen nützen? Wird er dadurch, 310 Daß ihr verloren seid, gerettet werden? Will Gott von euch Unmögliches? Am Nil Ward Moses, kaum geboren, von der Mutter Dem Tode preis gegeben zur Erfüllung Tyrannischen Gebotes; aber Gott Erhielt den Säugling wunderbar und schickt' es, Daß der Tyrann ihn selber auferzog. Wer weiß, was eurem Zögling er beschieden, Und ob, ein ähnlich Schicksal ihm bereitend, Er unsrer Kön'ge wilde Mörderin Für's Mitleid nicht empfänglich schon gemacht? Ich sah und so auch Josabeth, wie sie Bei seinem Anblick plötzlich Rührung zeigte Und sich des Zornes Heftigkeit verlor. (Zu Josabeth) Du schweigst in dieser dringenden Gefahr, Dem fremden Kind zu Liebe duldest du, Daß nutzlos du, dein Sohn, das ganze Volk Ermordet werde, und des Feuers Glut Den einz'gen Ort zerstöre, wo Gott will, Daß ihm gehuldigt werde. Was vermöchtest Du mehr zu thun, wenn dieses Kind ein theures Vermächtniß eures Königshauses wäre? Josabeth Du siehst, wie er an seinen Kön'gen hängt, Warum denn sprichst du nicht? Joad Noch ist's nicht Zeit. Abner . Die Zeit drängt mehr, als du wohl glaubst. Dieweil Du hier mit deiner Antwort zögerst, fordert Mathan wuthschäumend von Athalien schon, Daß sie sogleich des Mordes Zeichen gebe. Muß ich dich anflehn auf den Knien? Muß ich (Er wirft sich vor ihm nieder) 311 Bei diesem heil'gen Orte dich beschwören, Wo Gott in seiner ew'gen Hoheit thront? Wie streng auch das Verbot sei, welches man Dir gab, such' abzulenken diesen Streich! Gestatte mir nur Zeit, daß ich mich fasse; Schon morgen, ja heut Abend schon, such' ich Nach Mitteln zu des Tempels Schutz und Rache Für jede Unbill, die ihm widerfährt. Jedoch ich seh', daß ich mit Wort und Thränen Umsonst dich zu bereden strebe, denn Die Strenge deiner Tugend giebt nicht nach. Nun wohl, so gieb mir Waffen, gieb ein Schwert, Damit ich an des Tempels Thoren, wo Die Feinde auf mich warten, kämpf' und falle. Joad . Ich weiche dir, du zeigst den Ausweg, den Ich wählen darf. Noch läßt das Unheil, das Uns droht, sich von uns lenken. Abner, ja, Uns blieb ein Schatz von David, und die Obhut Desselben ward mir anvertraut; es war Die letzte Hoffnung des Hebräervolks, Die sorgsam ich verborgen hielt. Da ich Ihn nun der Königin enthüllen soll, So werden sich sogleich die Thore öffnen. Mit ihres Heeres Führern mag sie kommen, Doch halte sie der Söldner rohe Schaar Von unsren heiligen Altären fern. Spart mir den Anblick einer Tempelschändung! Sie braucht ja Kinder, Priester nicht zu fürchten, Sie möge sich mit dir darum verständ'gen, Wie zahlreich ihr Gefolge sein soll; Doch was das Kind betrifft, um das sie sich So viele Sorge macht, so weiß ich, Abner, Wie billig du gesinnt; ich will vor ihr Dir die Erklärung seiner Abkunft geben. Dann wirst du selber sehen, ob ich ihr 312 Es überliefern darf, und zwischen ihm Und ihr sprich dann dein Urtheil aus. Abner . Schon nehm' ich's unter meinen Schutz, drum sei Nur unbesorgt, ich eile zu ihr hin.   Dritter Auftritt. Joad . Josabeth . Zacharias . Salomith . Ismael . Zwei Leviten . Der Chor . Joad . Allmächt'ger, deine Stunde naht, das Opfer Wird dir gebracht. Ismael, horch! (Er flüstert ihm etwas zu.) Josabeth . O Herr, Umhüll' ihr Auge mit derselben Binde, Als damals, wo du des Verbrechens Frucht Ihr nahmst, an meiner Brust das zarte Opfer Verbargst. Joad . Ismael, geh', beeile dich Und thu' genau mein wichtiges Gebot; Vor Allem sorge, daß beim Ein- und Austritt Ihr rings der Ruhe Bild entgegentrete. Ihr Kinder, macht den Thron bereit für Joas, Er komme selbst mit heil'gem Kriegsgefolge, Doch auch die treue Amme soll erscheinen. (Zu Josabeth) Du aber, Fürstin, trockne deine Thränen. (Zu einem Leviten) Sorg' du dafür, daß, wenn von Stolz geblendet, Die Königin des Tempels Thor durchschritt, Der Weg zur Rückkehr ihr verschlossen sei, Dann soll sogleich die krieg'rische Drommete In unsrer Feinde Lager Schreck verbreiten! 313 Ruf' überall das Volk herbei zur Hülfe Des Königs, laß die wunderbare Kunde Von Joas' Rettung in sein Ohr erklingen. Er kommt.   Vierter Auftritt. Joad . Joas . Josabeth . Zacharias . Salomith . Azarias . Priester und Levitenschaaren . Der Chor . Joad . Leviten, Priester unsres Gottes, Umzingelt diesen Ort nach allen Seiten, Doch zeigt euch nicht und zügelt euren Eifer, Indem ihr meines Winks gewärtig seid. (Alle verbergen sich.) O König, fest steht meine Ueberzeugung, Daß deine Hoffnung sich erfüllen wird; Komm nur und sieh, wie deine Freunde dir Zu Füßen sinken. Sie, die einst voll Wuth Als zarten Säugling dich verfolgte, naht Jetzt diesem Ort, aufs Neu' dich zu verderben. Doch fürchte Nichts, bedenke, daß zugleich Mit uns der Rache Engel bei dir steht. Besteige deinen Thron . . . . Doch horch, das Thor Wird schon geöffnet; möge diese Hülle Für einen Augenblick dem Lichte dich verbergen. (Er zieht einen Vorhang vor.) Wie, Fürstin, du erbleichst? Josabeth . Soll ohne Zittern Ich sehn, wie sich des Tempels Raum mit Mördern Anfüllt? Siehst du nicht dort die wilden Schaaren? Joad . Ich seh', daß man des Tempels Thore schließt, Und Alles ist in Sicherheit. 314   Fünfter Auftritt. Athalia . Joas (hinter dem Vorhang verborgen) Joad . Josabeth . Abner . Athaliens Gefolge . Athalia (zu Joad) . Bist du's, Verführer, der Vernichtung, Aufruhr stiftet Und seine Hoffnung auf den Umsturz baut? Du ew'ger Feind erhab'ner Königsmacht, Du hattest dich auf deinen Gott gestützt. Ist noch die eitle Hoffnung nicht enttäuscht? Er läßt in meiner Macht hier diesen Tempel Und so dein Leben. Wahrlich, am Altar, Auf dem du opferst, sollt' ich dich . . . . Jedoch Der Preis, den ihr mir bietet, soll genügen. Erfülle denn, was du versprochen hast; Wo ist der Schatz und wo das Kind, das man Mir geben soll? Joad . Du wirst sogleich befriedigt, Mit einem Mal will ich dir beide zeigen. (Der Vorhang wird weggezogen, man sieht Joas auf dem Throne, seine Amme kniet ihm zur Rechten, Azarias mit gezogenem Schwerte steht ihm zur Linken, neben ihm knieen Zacharias und Salomith an den Stufen des Throns, Leviten mit Schwertern stehen an den Seiten.) Erscheine, theures Kind, du würd'ger Sproß Der Könige, die unsre Ahnen sind. Erkennst du, Fürstin, sprich, den Erben jetzt Des heiligsten der Kön'ge? Sieh das Maal Der Wunde nun, wie es dein Dolch gebohrt. Dein König ist's, dein Sohn, Ahasjas Sohn! Ihr Völker alle, und auch Abner du, Erkennet Joas! Abner . Gott! Athalia (zu Joad) . Verräther! 315 Joad . Siehst du Die treue Jüdin, die ihm Amme war? Durch Josabeth vor deiner Wuth gerettet, Nahm dieser Tempel hier ihn auf, und Gott Hat ihn beschützt: das ist es, was allein Von Davids Schätzen mir geblieben ist. Athalia . Dein Trug wird diesem Kind Verderben bringen. Auf, schafft das Wahngebild aus meinen Augen! Joad . Ihr Krieger des lebend'gen Gottes, schaart Euch um den König und beschützet ihn. (Hier öffnet sich der Hintergrund des Theaters, man blickt ins Innere des Tempels, und bewaffnete Leviten besetzen auf allen Seiten die Bühne.) Athalia . Wo bin ich? Ha, Verrath! Ich Unglücksel'ge! Ringsum bedroht von Waffen und von Feinden! Joad . Vergeblich forscht dein Blick umher. Entrinnen Kannst du nicht mehr. Gott hält dich überall Umzingelt. Er, dem du zu trotzen wagtest, Hat uns dich überliefert. Gieb vom Blut, In dem du dich berauschtest, Rechenschaft. Athalia . Betäubt mein feiges Kriegsvolk bange Furcht? (Zu Abner) Elender, locktest du mich in die Falle? Abner . Gott ist mein Zeuge, Königin . . . . Athalia . Bleib' mir Mit deinem Gotte fort und räche mich! Abner (indem er sich Joas zu Füßen wirft) . An Joas, meinem König? 316 Athalia . Joas, er, Dein König er? Bedenkt es, ihr Verruchten, Daß meine Truppen ringsum euch belagern. Ich hör' es, wie mein Heer laut nach mir ruft. Man eilt, man kommt. Erzittert, ihr Verräther.   Sechster Auftritt. Ismael Joas . Joad . Athalia . Die Vorigen . Ismael (zu Joad) . Frei ist der Tempel, Herr! Die Feinde flohn, Das Volk der Juden hat sich unterworfen, Und nirgends mehr ein Feind. Wie Windeshauch Den Rauch zerstreut, hat des Allmächt'gen Wort Das Heer verjagt, und die Leviten haben Vom heil'gen Vorhof aus dem Volke schon Ahasjas Sohn verkündet, haben ihm Erzählt, wie er dem Dolch entrissen ward Und Ahabs Tochter in die Schlinge fiel! Zu gleicher Zeit ertönten überall Die heiligen Drommeten. Dieser Klang Und ihr Geschrei verbreiteten im Lager Denselben Schreck, dieselbe Angst, womit Einst Gideon den Mideaniter traf. Die Syrer, Schild und Speere von sich werfend, Entflohn zuerst nach allen Seiten hin Und so auch ein'ge Israeliten, doch Die Andren, Gottes weisen Rathschluß preisend, Erklärten sich mit lautem Ruf für Joas. Derselbe Geist beherrscht das ganze Volk, Und Weiber, Greise, Kinder fallen sich Vor Freuden in die Arme, Gott und den, Den er gesandt, lobpreisend. Alle singen 317 Des David auferstandnem Sohn. Ein Greuel Ist Baal der heil'gen Stadt, und schon zerbrochen Sind seines frevelvollen Tempels Thore, Mathan erwürgt. Athalia . O du, der Juden Gott, Du siegst! Ja, Joas ist's, vergebens such' ich Mich drob zu täuschen, ja, ich seh' die Stelle, Wo ihn der Dolchstich traf, ich seh' Ahasjas Gebärde und Gestalt; ja, Alles ruft Mir des verhaßten Blutes Sproß zurück. David! David! du siegst, nur Ahab ist Der Einz'ge, der vernichtet wurde. Du hast, Fühlloser Gott, es selber so gelenkt, Mit Träumen leichter Rache mich bethört, Mich mit mir selber zwanzigmal am Tage In Streit gebracht, bald mir um jenes Kind Gewissensangst erregt und bald mir Lust Erweckt nach jenen Schätzen, die ich nicht Zu rauben wagte! Möge dieser Sohn, Dein Werk und deine Sorge, herrschen, mög' er Mir, um die Herrschaft würdig anzutreten, Ins Herz das Eisen stoßen! Dieses wünscht Im Sterben seine Mutter ihm, doch mehr Als bloßer Wunsch ist es, ich hoff' es sicher Daß unerträglich ihm dein Joch und lästig Ihm dein Gesetz wird, daß dem Blute Ahabs Das er von mir empfangen treu, dem Urahn Und Vater ähnlich, der verhaßte Erbe Des Königs David einst dir jede Würde Und Ehre raubet, den Altar entweiht Und so mich rächt und Jesabel und Ahab! (Athalia geht mit dem Leviten fort, der sie begleitet.) Joad . Sogleich führ' man sie aus dem Tempel fort, Daß sie die heil'ge Stätte nicht entweihe! 318 Geht, edle Rächer der erschlagnen Kön'ge, Und sühnt mit ihrem Blute das Verbrechen; Und tritt voll Frechheit Einer für sie ein, Dann gebt mit ihr zugleich dem Schwert ihn preis.   Siebenter Auftritt. Joas . Joad . Abner . Die Vorigen . Joas (vom Thron herabsteigend) . Gott, der du mich in Sorg' und Kummer siehst, Den Fluch Athaliens wende von mir ab Und duld' es nicht, daß er sich je erfülle! Laß Joas sterben, eh' er dein vergißt! Joad (zu den Leviten) Ruft alles Volk und zeigt ihm seinen König! Es komm' und mög' in seine Hand den Eid Der Treu' erneun. Auf, König, Priester, Volk, Laßt uns mit heißem Dankgefühl den Bund Jakobs mit Gott bestät'gen und voll Reu' Um das, was wir gefehlt, aufs Neu' uns ihm Mit einem Eid verpflichten. Abner, nimm Jetzt deinen Platz an deines Königs Seite!   Letzter Auftritt. Ein Levit . Joas . Joad . Die Vorigen . Joad . Nun rede, ward die Frevlerin bestraft? Ein Levit . Das Schwert hat ihres Lebens Greu'l gesühnt. Jerusalem, zu lang des Frevels Beute, 319 Ist endlich vom verhaßten Joch erlöst Und sieht mit Freuden sie in Blut getaucht. Joad . Dies Schreckensende ihrer bösen Thaten Lehrt dich, der Juden König: Nie vergiß es, Daß dort im Himmel ein gestrenger Richter Der Fürsten harrt, daß Unschuld einen Rächer Und daß die Waisen einen Vater haben!